
Der Deutschen Jugend
gewidmet















Erstes Kapitel.
Elternhaus und Kindheit










Die Vaterstadt. Ich im Herbst 1853 in Riga, Livland, geboren. Riga gehörte damals zum Russischen Reich, in welchem der alte Julianische Kalender herrschte, den die griechisch-katholische Kirche trotz seines heidnischen Ursprunges dem christlichen Gregorianischen vorgezogen hat und vorzieht, weil der richtige von »Schismatikern« eingeführt wurde. Nach jener Rechnung fiel mein Geburtstag auf den 21. August, nach der neuen fällt er auf den 2. September. Ich war der zweite Sohn meiner Eltern; ein Bruder Eugen ging mir vorauf, ein anderer Bruder Gottfried folgte mir, beide in einem Abstande von zwei Jahren. Eine Schwester habe ich nicht gehabt.
Riga war damals im wesentlichen eine deutsche Stadt, in Bauart und Verfassung ähnlich ihrer Mutterstadt Lübeck, von der aus sie vor etwa 1000 Jahren gegründet worden war. Die ganze obere und mittlere Schicht, Adel, Großgrundbesitz, Studierte (sie wurden »Literaten« genannt), Kaufleute und Handwerker sprachen deutsch als Muttersprache und lebte ihr geistiges Leben durchaus auf dem Boden der deutschen Kultur. Waren doch beispielsweise seinerzeit die ersten Auflagen von Kants Kritik der reinen Vernunft bei dem Verleger J.F. Hartknoch in Riga erschienen. Die[1]  Landbevölkerung bestand aus eingeborenen Letten, die am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts durch die Betätigung der livländischen Großgrundbesitzer lange vor der russischen Bauernbefreiung aus der früheren Hörigkeit entlassen und mit leidlichem Landbesitz ausgestattet waren. Sie wohnten in Einzelhöfen, die sich nicht zu Dörfern zusammengeschlossen hatten. Von dort ergoß sich ein stetiger Strom überschüssigen Nachwuchses in die Städte, vor allem in die Hauptstadt Riga, wo sie als Dienstboten, Lehrlinge usw. bereitwillig aufgenommen und im zweiten Geschlecht von der Hauptbevölkerung eingedeutscht wurden. Doch galten sie immerhin als eine geringere Schicht.
Die Russen waren durch eine Anzahl Regierungsbeamte und Militärs vertreten; eine kleine Zahl fand sich im Handel, Handwerk und als Gärtner vor. Sie galten als kulturell und gesellschaftlich minderwertig und wurden meist als unvermeidliches Übel mit kühler Höflichkeit behandelt. Eine kleine Zahl unter ihnen, die sich als Männer von europäischer Bildung auswiesen, fand wegen persönlicher Vorzüge gesellschaftliches Entgegenkommen, doch nicht ohne den Nebengedanken, daß sie doch im Grunde Fremde seien.
Rußland. Diese Einstellung der baltischen Deutschen gegenüber Rußland war sehr wohlbegründet. Was der Zar Peter seinerzeit getan hatte, um Rußland aus der vollen Barbarei der europäischen Kultur zuzuführen, war sehr äußerlich geblieben, da Peter selbst nie aus der Barbarei herausgekommen war. Die eigentliche Kulturarbeit wurde erst von Alexander II. begonnen, welcher erkannt hatte, daß sie nur auf Hebung der breiten Masse des Volkes begründet werden konnte und die entsprechenden Maßnahmen traf. Solche Arbeit ist allerdings wie die Pflanzung eines Waldes: der Gärtner erlebt günstigsten Falles nur die ersten Anfänge und er muß[2]  der Zukunft vertrauen, welche nicht nur die Zeit bringen muß, die zu dem natürlichen langsamen Wachstum notwendig ist, sondern auch günstige Entwicklungsbedingungen während dieser ganzen Zeit. Weil Peter seinem rohen Naturell gemäß Früchte ernten wollte, nachdem er kaum den Samen ausgestreut hatte, konnte er unter allen Umständen nicht mehr erzielen, als äußerliche Scheinkultur, deren Erzeugnisse hernach durch einen vaterlandsliebenden Russen mit den Worten gekennzeichnet wurden: Unreif und schon angefault. Die ungeheuren Umwälzungen, welche Rußland seit zwei Jahrzehnten erschüttern und welche heute noch keineswegs abgeschlossen sind, müssen als die antiperistaltischen Bewegungen verstanden werden, durch welche sich das russische Volk der unverdauten weil unverdaulichen »Reformen« Peters zu entledigen sucht. Erst nach ihrem Abschluß wird es an einen organischen Aufbau seiner eigenen Kultur gehen können.
Die Heimat. Im Gegensatz zu dem unstetigen und unorganischen Schicksal, welches die kulturelle Entwicklung des russischen Volkes um Jahrhunderte aufgehalten hatte, war die Entwicklung der deutschen Bevölkerung der baltischen Provinzen völlig stetig erfolgt, dank dem ununterbrochenen Zusammenhang dieser Kolonie mit ihrem deutschen Mutterlande. Wer unter den Balten es irgend ermöglichen konnte, studierte in Deutschland oder beendete wenigstens dort seine Ausbildung. An jeder größeren Universität, vor allem in Jena und Göttingen waren seit Jahrhunderten Kurländer und Livländer wohlbekannt und bildeten einen deutlich gekennzeichnten Bestandteil der Studentenschaft.
Im Sinne dieser deutschen Kultur hatte man sich auch bemüht, die heimischen Verhältnisse zu gestalten. Die Bauernbefreiung war, wie erwähnt, freiwillig etwa ein halbes Jahrhundert früher als in Rußland durchgeführt[3]  worden. Überall waren auf dem Lande Volksschulen gegründet worden, die im engen Zusammenhange mit der Kirche gepflegt wurden. Die lettische Sprache war von den Geistlichen erforscht und bearbeitet worden, da sie den einzigen Weg zu den Seelen der Landbevölkerung bahnte. So lag die kulturelle Grenze zwischen Europa und Asien nicht an der politischen Grenze des Russischen Reichs, sondern ging durch dieses nördlich und östlich von den baltischen Provinzen durch.
Die Voreltern. Mein Großvater väterlicherseits – weiter gehen die Familienerinnerungen nicht zurück – war Böttchermeister in Riga gewesen. Er war seinerzeit aus Deutschland, und zwar aus Berlin, nach Riga eingewandert, hatte es aber in seinem Beruf nicht weiter gebracht, als daß er seinen fünf Kindern – es waren vier Söhne und eine Tochter – soviel Unterricht und Ausbildung verschaffte, daß sie sich im Leben weiter helfen konnten. Meine Onkel blieben noch alle in dem engen Kreise des kleinen Handwerks haften, konnten aber ihren Söhnen etwas höhere Berufe zugänglich machen. Ich erinnere mich meines Großvaters Ostwald nur als eines hinfälligen Greises, der tagaus tagein fast unbeweglich mit einer langen Pfeife in seinem Lehnstuhl saß. Seine Frau, meine Großmutter war dagegen überaus rüstig. Sie hielt das Hauswesen und den Betrieb der Böttcherei aufrecht, solange ihre Söhne, die im Beruf des Vaters arbeiteten, noch nicht ihren eigenen Hausstand gegründet hatten. Sie ist lange hernach als hohe Achtzigerin gestorben, als ich, ihr Lieblingsenkel, eben im Begriff stand, meinerseits eine Familie zu gründen. Sie war glücklich, meiner Braut, die gerne zuhörte, allerlei Geschichten aus meinen Kinderjahren zu erzählen. Als dann ihre letzte Krankheit sie ans Bett fesselte, blieb ihr heiterer Mut ungebrochen. Nachdem sie Gewißheit über ihren baldigen Tod erhalten hatte, bestellte sie ihr Haus bis[4]  auf das letzte und ordnete jede Einzelheit für ihre Beerdigung an. Der zuständige Geistliche war ein unbedachter Eiferer, der sie durch Drohungen mit möglichen Höllenstrafen auf ihren Tod »vorbereiten« wollte. Sie hörte ihn geduldig, doch mit geringer Andacht an. Als er sich endlich verabschiedete, zog sie mit einem unbeschreiblichen Ausdruck überlegener Ironie ihre Haube an einem der Bindebänder vom Kopf und warf sie ihm nach an die Tür, die er eben hinter sich geschlossen hatte. Sie war ihr Lebtag eine gläubige Christin und auch eine Verehrerin ihres alten Pastors Dietrich gewesen; in den Worten jenes unreifen Zeloten fand sie aber ihr Christentum nicht wieder. Bald darauf schloß sie ihre munteren Augen zur ewigen Ruhe.

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Der Vater. Mein Vater war zur Zeit meiner Geburt ein ganz armer aber geschickter und unternehmungslustiger Handwerker, der nach langen Wanderjahren als Böttchergeselle im inneren Rußland sich in seiner Vaterstadt als Meister niedergelassen und eine ebenso arme Bäckerstochter geheiratet hatte. Das erste erarbeitete Geld verwendete er zum Ankauf eines eigenen Häuschens. Es langte nur zu einem sehr dürftigen Heim in der billigsten Gegend, nämlich am äußersten Rande der Moskauer Vorstadt in den »Sandbergen«, einem breiten unfruchtbaren Dünenzug, der die Stadt nach Osten begrenzte. Dies mein Geburtshaus ist bald hernach unter dem Bahndamm des Riga-Dünaburger Schienenweges begraben worden, so daß ich es selbst niemals bewußt gesehen habe.
Unter seinen Brüdern war mein Vater der begabteste. Ich habe dies aus dem Munde seines Lehrers H. Fromm, bei dem ich selbst dreißig Jahre später meine ersten Schulkenntnisse erwarb. Da dieser fast hundert Jahre alt wurde, hätte er auch noch an meinem ältesten Sohne die gleiche Arbeit tun können, wenn ich damals nicht[5]  gerade Riga verlassen hätte. Eine besondere Fertigkeit bewies mein Vater in der Zeichenstunde. Sie war so ausgeprägt, daß sie mich beinahe meine Existenz gekostet hätte. Dies ging so zu: Damals regierte in Rußland der Kaiser Nikolaus I. als kräftiger und rücksichtsloser Herrscher. Um der Kaiserlichen Akademie der Künste in Petersburg einen guten heimischen Nachwuchs zu verschaffen, an dem es anscheinend damals besonders mangelte, hatte er an alle Schulverwaltungen des ungeheuren Reiches den Befehl ergehen lassen, die für bildende Künste begabtesten Schüler auszuwählen und namhaft zu machen. Eine gewisse Anzahl von ihnen – ich glaube ein Hundert – sollten dann als kaiserliche Stipendiaten nach Petersburg geschickt und dort ausgebildet werden. Mein Vater befand sich unter denen, die von Riga aus genannt werden sollten. Doch kam die Sache meinem Großvater zu bedenklich vor; er machte seine väterlichen Rechte geltend und verhinderte die Nennung. Wäre dies nicht geschehen, so wäre mein Vater nach Petersburg übergesiedelt, hätte dort eine ganz andere Frau gefunden und die besondere Kombination väterlichen und mütterlichen Erbgutes, auf der die besondere Beschaffenheit meiner Person beruht, wäre nicht zustande gekommen.
Durch den väterlichen Machtspruch wurde aber jene mögliche künstlerische Laufbahn alsbald abgeschnitten und durch die Lehrlingszeit in der Werkstatt ersetzt. Als Erinnerung hingen in meinem Elternhause zwei von meinem Vater mit spitzester Kreide höchst sorgfältig ausgeführte Zeichnungen unter Glas und Rahmen an der Zimmerwand, die mir ein Gegenstand steter Bewunderung während meiner Kinderjahre waren. Eine war eine Kopie eines der Raffaelischen Engel vom Dresdener Madonnenbilde, die andere war ein Frauenkopf in orientalischer Tracht, dessen Original mir unbekannt geblieben ist. Später hat mein Vater die Kunst nie mehr ausgeübt;[6]  seine Hand sei, sagte er, durch die Arbeit in der Werkstatt zu schwer geworden.
Nach beendeter Lehrzeit wanderte mein Vater als Handwerksbursch in das innere Rußland, wo er sehr mannigfaltige Schicksale erlebt hat. Außer mehrfacher äußerer Gefahr, in Winter, Schnee und Einsamkeit umzukommen, hat er manche innere Gefahren glücklich bestanden, die den jungen, frischen und energischen Burschen aus seiner Laufbahn herauszuwerfen drohten. So ist er unter anderem einige Zeit Hauslehrer in der Familie eines Grafen Tolstoi gewesen. Ob der nachmals so berühmt gewordene Graf Leo Tolstoi zu seinen Schülern gehört hat, habe ich nicht ermitteln können. Der Zeit nach könnte es stimmen, denn Leo Tolstoi ist 1828 geboren und die Wanderjahre meines Vaters fallen in die erste Hälfte der Vierziger. Doch war die Familie Tolstoi mehrfach verzweigt und bestimmte Anhaltspunkte bezüglich jener Vermutung sind nicht vorhanden.
Ich habe meinen Vater gefragt, wie er als Böttchergeselle zu einer solchen Tätigkeit gekommen war. Die Einzelheiten sind mir nicht mehr gegenwärtig; der zufällig Dazukommende scheint durch entschlossenes Eingreifen den alten Grafen aus einer unwillkommenen Lage befreit zu haben. Das hatte diesem alsbald ein solches Vertrauen eingeflößt, daß er seinen Helfer dauernd festhalten wollte.
Damals wurde in Rußland jeder Deutsche ungefähr als Gelehrter angesehen und die Ansprüche waren nicht allzu hoch. Indem er die halben Nächte damit zubrachte, sich das erst selbst anzueignen, was er am folgenden Tage zu lehren hatte, konnte mein Vater die übernommenen Pflichten erfüllen und sich in seiner Stellung befestigen. Bei einem Spaziergange mit seinen auffallend hübschen Zöglingen wurde er einmal auch vom Kaiser Nikolaus angeredet; er erzählte uns Kindern gern von[7]  dem starken Eindruck, den der scharfe Blick des Kaisers aus stählernen blauen Augen auf ihn gemacht hatte.
Dieses Verhältnis nahm dann ein schnelles Ende durch den Umstand, daß eine erwachsene schöne Schwester der Zöglinge aus der Pension ins Haus zurückkehrte. Sie wurde natürlich alsbald der Gegenstand einer stillen aber glühenden Anbetung des Hauslehrers und scheint auch für dessen Huldigung nicht unempfindlich geblieben zu sein. Jedenfalls hielt es die Familie für ratsam, künftigen Schwierigkeiten durch Verabschiedung des Lehrers zuvorzukommen und ein schildpattenes, zierlich mit Perlmutter eingelegtes Nadelbüchschen, das mein Vater noch lange unter seinen wenigen Kostbarkeiten aufbewahrt hat, läßt vermuten, daß der Abschied nicht ohne Tränen aus schönen Augen und ein Pfand der Erinnerung verlaufen ist.


Diese Episode hatte den jungen Böttcher aber nur vorübergehend aus seinem Beruf herausgeworfen. Er fand bald Unterkunft in der Faßbauerei einer großen Brauerei in Petersburg, wo er sich schnell zu leitender Stellung emporarbeitete. Aber auch hier war seines Bleibens nicht sehr lange, da die Besitzerin, eine reiche Witwe in mittleren Jahren, ihm zu verstehen gab, daß sie ihn gern zu noch höherer Stellung promovieren wollte. Er nahm seinen Abschied und kehrte nach Riga zurück, um seine Meisterprüfung abzulegen und seinen Hausstand zu begründen.
Die mütterlichen Großeltern. Meine Mutter war auch rein deutschen Stammes. Sie ist in Moskau geboren, wo ihr Vater, der aus dem Hessischen eingewandert war, das Bäckergewerbe betrieb. Ich weiß nicht, was ihn dann veranlaßt hat, Moskau zu verlassen, um sich in Riga anzusiedeln. Die Reise war damals ein schwieriges Unternehmen. Man vereinbarte mit einem Fuhrmann den Transport, der 30–40 Tage dauerte und nur im Winter[8]  ausführbar war, wo Frost und Schnee die Wege fahrbar gemacht hatten; im Sommer waren sie es nicht. Nahrungsmittel und Schlafausrüstung mußten mitgenommen werden, denn Unterkunft war unterwegs nur ausnahmsweise zu finden. So ist meine Mutter als halbwüchsiges Mädchen in die Stadt eingezogen, in der sie hernach ihr ganzes Leben verbringen sollte. Zur Familie gehörten außer der Mutter noch zwei Schwestern und zwei Brüder.
Meines mütterlichen Großvaters Heinrich Leukel erinnere ich mich noch gut. Er hatte in seinen späteren Lebensjahren das Bäckergewerbe aufgegeben und war Einnehmer an der langen Floßbrücke geworden, welche damals allein die Verbindung der auf beiden Ufern der Düna liegenden Stadtteile herstellte. Die Brücke und die anliegenden Bollwerke des Dünaufers waren die Landestellen der zahlreichen Handelsschiffe, welche den Hafen belebten. Dadurch war ein seemännischer Zug in die Kleidung und Sprache des früheren Bäckermeisters gekommen, der auf mich einen großen Eindruck machte, welcher durch gelegentliche Geschenke von Schiffszwieback und anderem Seeproviant noch gesteigert wurde. Im übrigen war der Großvater ein herzensguter Mann, der den Enkeln die Freude nicht verbarg, welche er an ihnen hatte. Er starb, als ich noch sehr jung war.
Die Großmutter war eine runde, tätige Frau, die durch ein organisches Leiden im Hause festgehalten wurde. Sie ist mir durch den trockenen Humor, mit dem sie den Wechselfällen des Lebens gegenübertrat, am deutlichsten in der Erinnerung geblieben.
Mit großer Liebe betrieb sie das Gewerbe ihres Mannes im häuslichen Maßstabe weiter und beglückte uns Kinder bei jeder festlichen Gelegenheit, deren sie zahlreiche zu schaffen wußte, mit selbstgebackenen »Saftpiroggen«, einem mit eingekochten Preißelbeeren gefüllten flachen Gebäck von der Gestalt einer Schuhsohle, aber bedeutend[9]  größer. Den Tod des Großvaters hat sie nicht lange überlebt.
Wie man sieht, waren es überall kleinbürgerliche Zustände, in denen ich aufwuchs. Notleidend im schweren Sinne war niemand, aber jedermann mußte sich kräftig dazu halten, um durch den Tag und das Jahr zu kommen, und für Entbehrliches waren im allgemeinen keine Mittel übrig. Meine Mutter erzählte uns oft, wie sie in den ersten Jahren ihrer Ehe gegen Abend in der Werkstatt des Vaters die Späne zusammengekehrt hat, die bei der Arbeit abgefallen waren, um mit ihnen das Abendessen zu kochen.
Doch ging es bald aufwärts. Zu derselben Zeit, wo ich das Licht der Welt erblickte, gelang dem Vater der erste größere Gewinn in seinem Beruf, und von da ab steigerten sich die Erfolge. Das Hüttchen in den Sandbergen wurde gegen ein besser gelegenes Haus vertauscht, dessen geräumiger Hof eine zweckmäßige Entwicklung der Böttcherei ermöglichte. Der Hof grenzte an einen Bach, genannt der Speckgraben, an dessen Lauf sich verschiedene Betriebe, insbesondere Gerbereien angesiedelt hatten. Sie hatten die Fische fast vertrieben und neben Wasserkäfern sind mir die zahlreichen Blutegel im Gedächtnis, welche die trüben Gewässer des Speckgrabens erfüllten.
An diese Örtlichkeit knüpfen sich meine ersten bewußten Erinnerungen. Ich sehe mich bemüht, mit einer ins Wasser gehaltenen Rute Blutegel zu fangen. Einer von Vaters Böttchergesellen versuchte mich damit zu erschrecken, daß die Blutegel mich an der Rute ins Wasser ziehen und dort auffressen würden; ich überlegte mir aber, daß ich doch im schlimmsten Falle die Rute loslassen könnte. Dann sehe ich mich mit meinen Brüdern und den Lehrlingen beim ersten Schnee auf runden Brettchen unter großem Jubel vom niedrigen Scheunendach herunter rodeln.[10]
Im Sommer diente das Gewässer zu Bootfahrten, die verboten waren und schmerzhafte Folgen nach sich zogen, wenn sie entdeckt wurden; im Winter bot es gute Bahn für den Schlittschuhlauf. So haftet in meiner Erinnerung noch deutlich das Bild eines Knaben in schwarzsammten Pumphosen, roter Jacke und gelber Kappe, der an einem sonnigen Wintermorgen ruhevoll auf seinen Schlittschuhen am jenseitigen Ufer vorüber glitt, während ich diesseits mich im Schweiße meines Angesichts um die Anfangsgründe der Kunst abmühte.
Zwischen meinen Brüdern, welche den hohen Wuchs und die robuste Kraft des Vaters geerbt hatten, erschien ich, der ich mehr nach der Mutter gebildet war, ein wenig als der Schwächling; auch zog ich oft eine stille Beschäftigung für mich allein den lauten Spielen der andern vor.
Häusliche Umwelt. Im Vordergrunde steht um diese Zeit für mich meine Mutter, deren Liebling ich war. Der Vater hatte vom Morgen bis zum Abend in seinem Beruf zu tun, der ihn oft von den gemeinsamen Mahlzeiten fern hielt. Er war, wie erwähnt, hochgewachsen und stark. Als ich später den großen Chemiker R. Bunsen kennen lernte, erinnerte mich dessen Gesicht an ihn. Von Temperament war er heftig und rasch zum Zorn, so daß wir Kinder eine nicht geringe Scheu vor ihm hatten, zumal wir ihn nicht viel sahen. Denn die Zeit, welche sein Beruf nicht beanspruchte, widmete er der einzigen starken Leidenschaft, die er hatte, der Jagd, und diese hielt ihn gleichfalls von Hause entfernt. Während des Sommers pflegte er regelmäßig am Sonnabend Nachmittag auf seinem kleinen Wagen nach dem etwa 15 km entlegenen Babitsee zu fahren, einem verschilften, flachen Gewässer, das zahllose, wilde Enten beherbergte. Diese wurden von einem kleinen, schmalen Boot aus geschossen, das von einem ortskundigen Bauern mit einer Stange durch das Schilf geschoben wurde. Spät am Sonntag Abend kehrte[11]  er dann mit seiner Beute, oft 30–40 Enten, Wasserhühner und anderes Wildgeflügel, heim. Am Montage mußten wir Knaben dann den größten Teil davon zu Freunden und Verwandten bringen, die in regelmäßigem Kreislauf mit diesem Wild beschenkt wurden. Der Rest wurde zu Hause verzehrt und meine Mutter hatte es bald zu einer hervorragenden Geschicklichkeit in der schmackhaften Zubereitung gebracht.

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Im Winter gab es Treibjagden auf Hasen, Rehe und Füchse, im Frühling Schnepfenstrich und Birkhahnbalze, so daß nur geringe Pausen dazwischen lagen, in denen der Vater zuhause blieb und sich der Familie widmete.
Von der Jagdleidenschaft meines Vaters habe ich nicht das Geringste geerbt. Vielmehr befand ich mich früh in bewußtem Gegensatz zu ihr. Es fing damit an, daß mir das Austragen der Geschenke von Wildpret an die Freunde des Hauses unleidlich wurde. Dazu kamen wohl tierfreundliche Beeinflussungen aus volkstümlichnaturwissenschaftlichen Schriften, die mir zufällig in die Hand gekommen waren. Dann langweilten mich die endlosen Jagdgeschichten, die ich am häuslichen Tische anzuhören hatte, da mein älterer Bruder die Jagdneigung des Vaters teilte und von ihm frühzeitig mitgenommen wurde. Wenn wir Schulbuben an freien Nachmittagen Spaziergänge ins Freie machten, pflegten sich die meisten mit Blaseröhren zu bewaffnen, um Vögel zu schießen. Ich aber ging voraus und bemühte mich, die voraussichtlichen Opfer jugendlicher Mordlust, die übrigens selten genug erlegt wurden, zu vertreiben, ehe die Jäger in Schußnähe waren. Da diese sich das nicht gefallen lassen wollten, hatte ich nicht selten für meine Tierfreundlichkeit selbst zu leiden, doch bestärkte das mich, wie natürlich, nur in meinen Gedanken und Taten.
Meine Mutter war zufolge Begabung und Erziehung eine vorzügliche Hausfrau. Der schnell anwachsende[12]  Werkstattbetrieb vermehrte in hohem Maße ihre Pflichten, da nach der damals üblichen Ordnung die Gesellen und Lehrlinge von der Meisterin beköstigt wurden. So waren täglich außer der Familie 6–12 Kostgänger zu versorgen, denen gegenüber sie ihren Ruf als Hausfrau aufrecht zu erhalten hatte, wenn jene mit dem durch stramme Arbeit geschärften Hunger sich an den Tisch setzten. Auch wurden zunächst die Arbeiter abgefüttert; erst nach ihrem Fortgange wurde für die Familie gedeckt; für alle zusammen hätte die Stube nicht gereicht.

Ich staune noch immer, wie die Mutter es fertigbrachte, das große Hauswesen mit geringer Hilfe in tadelloser Ordnung zu erhalten und dabei noch Zeit fand, um Bücher und Zeitschriften zu lesen und einen bestimmten, gar nicht eng gezogenen Kreis geistiger Betätigung in sich lebendig zu halten. Schon früh, als die Mittel es eben erlaubten, hatte mein Vater ihr einen regelmäßigen Sitz im Stadttheater beschafft und sie folgte mit leidenschaftlicher Teilnahme den Darbietungen der gut geleiteten Bühne, auf der zahlreiche ausgezeichnete Künstler zu sehen und zu hören waren, die auf Gastspielreisen nach Petersburg gern in der kunstsinnigen und gastlichen Dünastadt die lange und ermüdende Fahrt unterbrachen.

Auf meine persönliche Entwicklung hat diese lebendige Teilnahme meiner Mutter an der Kunst einen großen Einfluß ausgeübt. Ich wurde frühzeitig auf die starke Bereicherung des Innenlebens hingeleitet, welche solchen Quellen entnommen werden kann und es entstand eine stille Interessengemeinschaft, die uns beide ein wenig von den anderen Familienmitgliedern absonderte, bei denen solche Neigungen sich nicht so stark äußerten. Wie das in solchen Fällen geht, wuchs ich bald über den Kreis hinaus, auf den meine Mutter unter der Last der täglichen Arbeit an Haus und Kindern sich beschränken[13]  mußte und ging als omnivorer Leser alles irgend erreichbaren Gedruckten meine eigenen Wege, auf denen sie mich liebevoll wenn auch kopfschüttelnd laufen ließ.

Förderung durch den Vater. Als stärksten Eindruck hatte mein Vater aus seinen Wanderjahren die Überzeugung von dem unersetzlichen Wert der Bildung heimgebracht. So hatte er es sich zum unverbrüchlichen Gesetz gemacht, seinen Söhnen jede Möglichkeit persönlicher Ausbildung zu erschließen.

Ich weiß nicht, ob er sich von vornherein die Opfer klar gemacht hat, welche er hierbei außer den pekuniären zu bringen hatte. Ich meine das Bewußtsein, daß ihm die Kinder über kurz oder lang geistig über den Kopf wachsen mußten, und daß durch ihr Aufrücken in den »höheren« Stand für ihn gesellschaftliche Schwierigkeiten entstehen konnten, die bei der damals herrschenden scharfen Kastentrennung in der Rigaschen Bevölkerung ihn gelegentlich empfindlich treffen mochten. Wie dem auch sei: er hat alle diese Opfer ohne Zögern gebracht und niemals auch nur die leiseste Neigung gezeigt, aus solchen Gründen die Möglichkeiten einzuschränken, die er uns aufgetan hatte

Die erste Schule. So besuchten wir Kinder zunächst die Elementarschule des Lehrers Fromm, in die ich vor erreichtem sechsten Jahr aufgenommen wurde. Denn ich war ein frühzeitiges Kind und hatte lesen gelernt durch das, was ich ohne besondere Aufmerksamkeit vom Unterricht meines älteren Bruders angehört hatte. In der Schule war ich fleißig ohne Zwang und machte meinem Lehrer namentlich in den Rechenstunden Freude. Weniger zufrieden war er mit meinen Leistungen im Schreiben. Man pflegt zu sagen, daß die Sünden der Jugend im Alter abzubüßen sind. Das scheint hier zuzutreffen, denn ich bin sicherlich von all meinen Geschwistern und Mitschülern[14]  später am meisten mit der Notwendigkeit zu schreiben behaftet gewesen. Ich habe es aber immer gern getan.
Vorausgeworfene Schatten. Die Frommsche Volksschule war eine sogenannte Kronsschule, d.h. sie wurde von der Regierung unterhalten und verwaltet. Daneben gab es Stadtschulen, die von der Gemeinde unterhalten wurden und als die besseren, sowohl in unterrichtlicher wie gesellschaftlicher Beziehung galten.

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Die Kronsschule wurde vorwiegend von den Kindern der kleinen Leute besucht, insbesondere fanden sich dort die Söhne aus aufsteigenden lettischen und russischen Familien ein. So hatten wir stets eine kleine Anzahl Letten unter uns, die meist nur sehr unvollkommen deutsch sprachen, an Reinlichkeit und Anstand sehr zu wünschen übrig ließen und nicht recht in die Gesamtheit hineinpaßten. Waren sie begabt, so lernten sie bald, sich unserem Treiben und Denken anzuschließen. Daneben gab es aber meist einige, die nur den zähen Willen mitbrachten, um jeden Preis aufzusteigen, ohne die erforderliche Begabung zu besitzen. Sie arbeiteten sich bald in eine feindselige Gesinnung gegen die Kameraden und den Lehrer hinein, da sie ihr mangelhaftes Fortkommen dem Übelwollen der Schule zuschrieben. Das ergab häufige Reibungen, die nach Jungenart bald mit den Fäusten ausgetragen wurden. So ist mir bildhaft gegenwärtig die Endszene eines solchen Zusammentreffens. Der lettische Junge war, nachdem er mit Nägeln und Zähnen gekämpft hatte, schließlich überwunden worden und saß nun als Besiegter geduckt da, mit zerzausten Haaren und Kleidern, blutigem Schaum vor dem Mund, Wut und Haß im Gesicht und unter gesenkter Stirn seinen Gegner mit tückischen Blicken streifend. Die Letten sind kein schöner Volksstamm und dieser lettische Junge wäre auf einer Stufenleiter der Schönheit auch unter seinen Landsleuten ziemlich weit nach unten eingestellt worden. Obwohl einem Knaben[15]  solches sonst nicht aufzufallen pflegt, faßte mich ein Schreck bei diesem Anblick tierischer Wut in einer kaum mehr menschlichen Gestalt.
Der Eindruck trat in den Hintergrund, da jener Junge bald aus der Schule verschwand. Er war aber so stark gewesen, daß er sich dauernd meinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Als dann sechzig Jahre später, gegen Ende des Weltkrieges die lettischen Nationalisten die Oberhand in Liv- und Kurland gewannen und an ihren deutschen Landesgenossen die gröbsten Grausamkeiten verübten, kam mir jenes Erinnerungsbild wieder in das Bewußtsein.



 Zweites Kapitel.
Knabenjahre.










[16] Das Realgymnasium. Die Frage unseres weiteren Unterrichts wurde von meinem Vater mit größter Gewissenhaftigkeit bearbeitet. Es bestand aus der Zeit des Kaisers Alexander I., der sich der kulturellen Entwicklung der Ostseeprovinzen seines Reichs mit Eifer und Erfolg angenommen hatte, ein von der Petersburger Regierung verwaltetes Lateingymnasium nach deutschem Muster, wie sie durch den unheilvollen Einfluß Wilhelm von Humboldts sich seit dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland entwickelt hatten. Diese Anstalt war die »selbstverständliche« Vorbereitungsstelle für die gelehrten Berufe und die Landesuniversität Dorpat verschloß bis auf eine kurze Zeit in den siebziger Jahren grundsätzlich ihre Pforten allen, die nicht durch das Joch der Abiturientenprüfung des Lateingymnasiums gegangen waren. Auch dies war dem deutschen Vorbilde entnommen. Bekanntlich besteht bis auf den heutigen Tag bei uns in Deutschland der absurde Zustand, daß die Universität nicht darüber entscheidet, wen sie zulassen und wen sie ausschließen will, sondern diese lebenswichtige Angelegenheit grundsätzlich den Prüfungsausschüssen der Mittelschulen überläßt.
Als zweite entsprechende Anstalt, aber in städtischer Verwaltung bestand in Riga die alte Domschule, die[17]  schon vor der Reformation als Klerikerschule gegründet war; sie ist nach dieser von der Stadt als höhere Stadtschule übernommen und ausgebildet worden. Mit welchem Verständnis die Behörden der Rigaschen Selbstverwaltung, Rat und Gilden, von jeher die Schulfrage bearbeitet haben, geht u.a. aus der Tatsache hervor, daß sie den genialen Johann Gottfried Herder als ganz jungen Mann zur Leitung der Domschule berufen und dem zwanzigjährigen Jüngling für seine reformatorische Tätigkeit an der Anstalt völlig freie Hand gegeben hatten. Die Erfolge waren hervorragend gut und Herder hat wohl in Riga, wo sich die Hauptgedanken seiner so einflußreichen Betätigung entwickelten, die glücklichsten Jahre seines Lebens zugebracht. Er schied 1769 nach fünfjähriger Tätigkeit, um ein weiteres Feld für seine Arbeit zu suchen. Im folgenden Jahre traf er dann mit Goethe in Straßburg zusammen.
Die fortschrittfreundliche, lebensnahe Einstellung der Rigaischen Schulverwaltung hatte sich inzwischen in der Gründung einer polytechnischen Anstalt betätigt, welche die dem Lande noch fehlende leistungsfähige Industrie zu entwickeln bestimmt war. Um für die neue Anstalt ein geeignetes Schülermaterial zu beschaffen, wurde die Umwandlung der Domschule in ein Realgymnasium beschlossen und trotz der von den philologischen Monopolisten erhobenen Schwierigkeiten durchgesetzt, wenn auch nicht ohne erhebliche Zugeständnisse an diese. So war insbesondere zum Direktor der neuen Anstalt ein eingeschworener Philologe Haffner ernannt worden, von dem hernach einiges zu erzählen sein wird.
Mein Vater war so glücklich beraten, daß er sich entschloß, seine Söhne dieser neuen Anstalt anzuvertrauen. Dies ist für meine ganze Entwicklung von entscheidender Bedeutung geworden, denn es besteht kein Zweifel, daß meine naturwissenschaftlichen und organisatorischen Anlagen[18]  auf dem Lateingymnasium wenn nicht unterdrückt, so doch arg verkümmert wären. Das Rigasche Realgymnasium war eine glücklich aufgebaute Anstalt. Für die Aufnahme war der Besuch der Volkschule ausreichend, wie sich aus den Ergebnissen der Eintrittsprüfung ergab. Die Unterrichtsdauer war auf fünf Jahre festgesetzt, so daß die Anstalt demgemäß in fünf Klassen geteilt war. Der Stoff war so geordnet, daß er in dieser Zeit nur bei besonders hohen Graden von Begabung und Fleiß bewältigt werden konnte; in der einen oder anderen Klasse pflegte auch ein guter Schüler »sitzen zu bleiben«, d.h. den Kurs zu wiederholen. An Fremdsprachen gab es in der Quinta neben dem obligaten Russisch nur Französisch, in der Quarta fing Latein an, um in der Sekunda aufzuhören, wo es durch Englisch ersetzt wurde. Physik gab es von Quarta ab, Chemie in Prima. Mathematik wurde bis zur analytischen Geometrie geführt, Differentialrechnung war nicht aufgenommen. Die Ausbildung wurde durch eine Austrittsprüfung abgeschlossen, die anfangs nur zum Eintritt in das Polytechnikum, nicht in die Universität berechtigte. Kurz vor meinem Abgang wurde die Zulassung zum Studium der Mathematik und Naturwissenschaften an der Universität erwirkt. Sie war lange angestrebt worden und in der Hoffnung auf sie hatte mein Vater seinen Entschluß gefaßt. Nicht lange hernach wurde sie auf Betreiben der Philologen wieder aufgehoben.
Mein bester Lehrer. An die sieben Jahre auf dem Realgymnasium denke ich gern zurück. Nicht daß die Schule als solche mir besonders viel gegeben hätte. Aber sie hat durch die Kameradschaft mit einer recht mannigfaltig zusammengesetzten großen Schülerschar den engen Kreis, auf den mich die häuslichen Verhältnisse beschränkt hatten, in mannigfaltigster Weise erweitert. Und dann befand sich unter den Lehrern wenigstens einer, dem ich eine[19]  sehr bedeutende Förderung verdanke. Er hieß Gotthold Schweder, hatte Astronomie studiert und lehrte auf der Schule Mathematik, Physik und Naturgeschichte.

Schweder war ein hochgewachsener Mann mit breiter Brust und kräftigen Schultern, dem der Ruf eines der ersten Fechter auf der Universität noch lange nachging. Der kurze krause Vollbart und das reiche blonde Haar ließ ihn im Verein mit den blauen Augen als Urbild des Deutschen erscheinen. Sein Wesen war heiter und wohlwollend; kein Wunder daher, daß wir Jungen ohne Ausnahme bereit waren, für ihn durchs Feuer zu gehen und uns durch ein Wort und einen Wink von ihm leiten zu lassen. Dieser Einfluß begann bei den Kleinsten und verminderte sich nicht bei den Größten. Er ist hernach noch lange Jahre Direktor der Anstalt zu ihrem größten Segen gewesen.

Beginn der geistigen Selbständigkeit. In den ersten Jahren bin ich der fleißige und bereitwillige Schüler geblieben, der ich in der Volksschule gewesen war. Dann aber machte sich ein Umstand geltend, der zwar mehr zufällig war, aber doch den größten Einfluß auf meine Entwicklung ausübte. Es war dies die neue Möglichkeit, von meinen Kameraden Bücher verschiedener Art zu erlangen.

Bücher waren in meinem Kreise einigermaßen selten und kostbar. Das freie Lesebedürfnis wurde aus Leihbibliotheken befriedigt, deren Bestand sich auf schöne Literatur, vor allem zeitgenössische Romane beschränkte. Daneben erschien im Hause einmal wöchentlich eine Nummer der »Gartenlaube«, deren Jahrgänge, gut gebunden, den Hauptbestandteil der häuslichen Bücherei ausmachten und durch eine ganze Reihe von Jahren den Hauptanteil meiner geistigen Nahrung lieferten. Beim Rückblick kann ich aussprechen, daß diese Nahrung[20]  ausgiebig und gesund war. Die Zeit – Anfang der sechziger Jahre – war die des großen Aufschwunges der Naturwissenschaften und des Beginnes der gegenwärtigen Technik und Industrie in Deutschland. Hier hatte der Herausgeber der »Gartenlaube« mit glücklicher Hand zugegriffen, indem er mannigfaltige Aufsätze aus beiden Gebieten brachte, denen ich vielfältige Belehrung und Anregung verdanke. Auch die kräftige Vaterlandsliebe, die stets zutage trat, hat mein Elternhaus und mich darin befestigt, uns frag- und zweifellos als Deutsche zu fühlen.
Unser Deutschtum. Die politischen Verhältnisse meiner Heimat lagen so, daß eben ihr friedliches Sonderdasein, in welchem eine reiche und fruchtbare Kultur gedieh, durch die Seuche des angriffswütigen Nationalismus der slawischen Welt gestört zu werden begann. Wir fühlten uns ohne Stolz aber auch ohne Wunsch und Absicht einer Änderung politisch als Angehörige des Russischen Reichs, geistig als Angehörige der deutschen Kultur. Irgendeine Betätigung im Sinne eines politischen Anschlusses an Deutschland konnte schon deshalb nicht entstehen, weil es noch kein Deutsches Reich gab. Die russischen Herrscher hatten die Sonderstellung der baltischen Provinzen bisher stets anerkannt und gepflegt, da sie von daher den größeren Teil der führenden Männer im Heer, in der Verwaltung und in den höheren Berufen entnahmen, die aus national-russischen Quellen nicht so brauchbar zu erhalten waren. So war ein nicht unerhebliches Maß von Dankbarkeit und Anhänglichkeit in den baltischen Landen entstanden, das sich aber nicht auf das Reich, sondern auf die Person des jeweiligen Herrschers bezog; selbst die Dynastie als solche stand uns fern.
Russifizierung. Der beginnenden panslavistischen Bewegung war diese Sonderstellung ein Dorn im Auge. Sie hatte bereits in meinen Knabenjahren soviel Einfluß[21]  gewonnen, daß sie eine zunehmende Berücksichtigung der russischen Sprache im Schulunterricht durchzusetzen vermochte, der im übrigen ausschließlich in deutscher Sprache erteilt wurde. Wir verachteten das Russische als einer niederen Schicht zugehörig und übten passiven Widerstand gegen die zunehmende Belastung mit russischen Unterrichtsstunden. Als Mittel, russisches Denken und Fühlen zu begründen und zu befestigen, war von den Theoretikern des Panslavismus eine starke Berücksichtigung der russischen Geschichte beim Unterricht gefordert und durchgesetzt worden. Auf den geistig regsameren Teil der Schülerschaft wirkte die Kenntnis der russischen Vergangenheit, die noch ein sehr erhebliches Stück blutrünstiger ist, als die Geschichte der westlichen Völker, im entgegengesetzten Sinne, indem sie der zunächst rein instinktiven Abneigung gegen russisches Wesen eine geschichtliche Begründung gab.
Der russische Unterricht lag in den Händen eines deutschen Renegaten, namens Haller, dessen politisch-sittliche Anbrüchigkeit von uns Kindern mit dem bekannten sicheren Instinkt der Jugend empfunden wurde, so daß wir ihm das Leben recht sauer machten. Die unbeherrschte Heftigkeit, mit der er von Zeit zu Zeit strafend dareinfuhr, machte die Sache nicht besser und es galt beinahe als ein Ehrenpunkt, für seine Stunden tunlichst wenig zu arbeiten. Dazu kommt, daß das Russische eine sehr primitive Sprache von übermäßigem Formenreichtum und geringer Gesetzlichkeit, und somit sehr schwer zu erlernen ist. Auch waren die Versuche der russischen Grammatiker, diese Mannigfaltigkeit durch Regeln zu erfassen, nicht sehr glücklich gewesen. Andererseits bemühte sich die Regierung, durch strenge Vorschriften die Kenntnis der Reichssprache zu erzwingen. Dies ergab einen dauernden Widerspruch, dessen Klippen mein Lebensschifflein noch mehrfach zu unerwünschten Wendungen nötigen sollten.
[22]  Gesetz und Schönheit. Einstweilen kümmerten mich diese Dinge gar nicht. Der anregende Unterricht Schweders löste die bei mir latent vorhandene wissenschaftliche Liebe zur Natur aus, die sich zunächst wie üblich im Sammeln von Pflanzen, Schmetterlingen und Käfern äußerte. Wir hatten dem Lehrer im Sommer eine gewisse Anzahl Blätter abzuliefern, auf denen von uns gesammelte Kräuter nach den Regeln der Kunst getrocknet und aufgeklebt wurden. Ich erinnere mich, wie ich die Aufgabe empfand, Stengel, Blätter und Blüten so zu ordnen, daß ein übersichtliches Bild herauskam, und wie mit der Lösung dieser Aufgabe sich ungerufen ein so wohlgefälliges Aussehn einstellte, daß meine Blätter hierfür ein besonderes Lob erhielten. Das waren die ersten Keime einer Erkenntnis, die erst an meinem Lebensabend zur Reife gelangen sollte.
Ein ähnliches Erlebnis, dessen Zusammenhang mit jenem ich allerdings erst sehr spät begriffen habe, hatte ich um dieselbe Zeit in der Zeichenstunde. Uns war aufgegeben, die Herstellung paralleler Linien durch Gleiten eines Dreiecks längs einem Lineal darzustellen, wobei wir die verschiedenen Linienarten – stark, schwach, eng, weit, ganz, gepunktet, gestrichelt usw. anzubringen hatten. Ich empfand den Wunsch, die Gruppe nicht einfach hinzuzeichnen, sondern ihr irgendeinen Sinn oder Zusammenhang zu geben. Zu diesem Zweck benutzte ich eine Zierleiste, durch welche die Wand des Zimmers nach oben begrenzt war, und deren Eindruck durch die Wahl und Verteilung der Linien wiedergegeben wurde. Dieses Blatt brachte mir ein besonderes Lob des Zeichenlehrers, der sonst mit mir nicht sehr zufrieden war und veranlaßte mich zum Nachdenken, worauf die Wirkung beruhe, allerdings ohne Ergebnis.
Die Anfänge der Chemie. In der untersten Klasse des Realgymnasiums war ich ein Musterschüler, der den[23]  dargebotenen Lernstoff ohne Unterscheidung willig aufnahm und geschwind beherrschen lernte. So wurde ich denn nach Jahresfrist ohne Schwierigkeit in die nächste Klasse versetzt. Dann aber begann meine persönliche Entwicklung. Bei dem lebhaften Bücheraustausch zwischen den Schulkameraden gelang es mir, ein Buch über die Feuerwerkerei zu erhalten, die mir schon lange im Sinne gelegen hatte. Der Verfasser hieß Websky und hatte seinen Gegenstand sehr ordentlich und methodisch behandelt. Er begann sachgemäß mit der Beschreibung der verschiedenen erforderlichen Stoffe und hatte neben die Gebrauchs- und Fachnamen auch die chemischen Formeln gesetzt. Sie sagten mir zunächst nichts, da mich die Anleitung zur Anfertigung der verschiedenen Feuerwerkkörper leidenschaftlich fesselte. Für die Zukunft sollten sie sich aber als höchst wichtig erweisen.
Es war zunächst garnicht leicht, diese Anweisungen auszuführen. Denn ich hatte niemanden, der dem elfjährigen Jungen persönliche Anweisung hätte geben können. Dazu kam, daß die Erlangung der erforderlichen Stoffe und Geräte durchaus keine einfache Sache war. Schließlich fand sich ein freundlicher Drogist, bei dem ich meine kleinen Einkäufe an Salpeter, Schwefel, Spießglanz usw. machte und der mir einiges zeigte.
In der Hauptsache mußte ich mich an die gedruckten Anweisungen halten und es ist entscheidend für mein Leben geworden, daß ich bei dieser frühen Gelegenheit die Erfahrung machen konnte, daß alle Kunst und Wissenschaft der Menschheit im gedruckten Wort aufbewahrt ist und von einem eifrigen und hingebungsvollen Leser jederzeit wieder zu tätigem Leben erweckt werden kann. Daß ihr Dasein im Wort nur ein unvollständiges ist und daß der Leser um so mehr aus ihm gewinnt, je mehr er aus Eigenem dazu zu bringen vermag, habe ich damals zwar praktisch erlebt, da sich unter meinen Kameraden[24]  keiner befand, der mit mir wetteifern wollte, so gern sie sich auch beim Abbrennen der Erzeugnisse beteiligten, ich habe es mir aber natürlich damals nicht zum Bewußtsein bringen können. So hatte die Spielerei mit dem Feuer mir tatsächlich das Tor zur Welt und all ihren Herrlichkeiten aufgetan, denn unter Herrlichkeit verstand ich die Möglichkeit, all die merkwürdigen Dinge selbst zu machen und zu erleben, an denen sich meine jugendliche Begeisterung entflammte.

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Meinen Eltern bin ich zu wärmstem Dank dafür verpflichtet, daß sie mich gewähren ließen, obwohl meine Liebhaberei bei den großen Vorräten an Holz und leicht brennbaren Spänen, die mit der Berufstätigkeit meines Vaters verbunden waren, nicht ungefährlich war. Meine Mutter half mir mit allerlei Küchengerät, Mörser, Sieb, Schüsseln aus. Und selbst als einmal ein ganzer Stoß Leuchtkugeln, die ich zum Trocknen in den Backofen gestellt hatte, zum schreienden Entsetzen des Küchenmädchens aufbrannte, wurde mir mein Treiben nicht verboten, sondern die Eltern räumten mir eine Bodenkammer ein, wo ich meine Zauberkünste treiben durfte. Auch hat sie ihr Vertrauen nicht getäuscht: ich habe niemals einen Brand verursacht; wohl aber hat mir meine gute Bekanntschaft mit dem Feuer es ermöglicht, gelegentlich in einen beginnenden Brand in der Werkstatt, wo der schuldige Arbeiter den Kopf verloren hatte, wirksam einzugreifen und ihn unterdrücken zu helfen.
Bei diesen Arbeiten erlebte ich zum erstenmal das Glück, welches mit der Verwirklichung von Dingen verbunden ist, die man bis dahin nur in Gedanken und Vorstellungen hat erleben dürfen. Es ist dasselbe Gefühl, das den Forscher und Entdecker zu seinen Anstrengungen treibt; die Jugend begnügt sich ja zunächst gern mit viel weniger. Und ziehe ich heute die Summe aller meiner Erlebnisse nach der Seite des Gefühls, so muß ich feststellen,[25]  daß diese Quelle in unverminderter Frische während meiner ganzen Lebensdauer geflossen ist, was die subjektive Seite anlangt. Noch heute empfinde ich die Erregung des Erwartens beim entscheidenden Versuch und die an Schmerz grenzende Fülle des Glücks beim Gelingen ebenso lebendig, wie in meinen Knabenjahren, wenn ich auch vielleicht weniger bereitwillig bin, das Erforderliche zur Herstellung eines solchen Erlebnisses zu tun. In diesem Falle stehen also nicht, wie in den meisten derartigen Fällen, Stärke und Dauer des Gefühls im umgekehrten Verhältnis; das Glück des Forschers ist gleichzeitig eines der stärksten und dauerhaftesten.
Arbeitsstil. Obwohl um diese Zeit der Wohlstand des Hauses schnell zunahm, blieb der allgemeine Lebenszuschnitt der alte, überall auf Sparsamkeit eingestellte. Es standen auch mir für meine Experimente nur sehr geringe Mittel zu Gebote: das spärliche Taschengeld, vermehrt durch gelegentliche kleine Zuschüsse der Mutter, die aber nur in besonders dringlichen Fällen gewährt wurden. So war ich darauf angewiesen, alles selbst zu machen, was irgendwie im Bereich der Handfertigkeit eines Knaben liegen mochte, was ich übrigens sehr gern tat. Es ist mir daraus für das ganze Leben ein bestimmter Stil in allen meinen Arbeiten verblieben: die Gewohnheit, mit kleinen Mengen und einfachen Mitteln auszulangen, und die erforderlichen Behelfe tunlichst selbst herzustellen.
Auch zu Zeiten, wo mir wirtschaftliche Beschränkungen nicht entgegenstanden, bin ich in diesem Rahmen geblieben und ich habe durchschnittlich ebensoviel Zeit und Nachdenken auf die technische Vereinfachung bei der Ausführung meiner Forschungspläne angewendet, wie auf ihre begriffliche Klärung und Vertiefung. Dieser Stil hat mir unter anderem später den Entschluß sehr erleichtert, in verhältnismäßig frühem Alter mit meiner Lehrstellung[26]  die Verfügung über ein großes Laboratorium und seine Hilfsmittel aufzugeben, da ich mir zutraute, etwaige spätere Forschungswünsche aus eigener Tasche befriedigen zu können. Es hat sich auch so erwiesen.
Ein weiterer Punkt, in dem sich damals mein Arbeitsstil festsetzte, ist durch den Mangel an Scheu vor eintönigen Wiederholungsarbeiten gekennzeichnet. Für meine Feuerwerke waren gelegentlich hunderte von Papierhülsen zu kleben und zu füllen und ähnliche Arbeiten in vielfacher Wiederholung zu leisten. Ich habe derartiges nie als abstoßend langweilig empfunden. Vielmehr entstand aus der Aufgabe, viele gleichartige Stücke herzustellen, alsbald das Problem, wie man dies am zweckmäßigsten und förderlichsten gestaltet, und dessen Lösung gab der Arbeit einen neuen und starken Reiz. Dazu kam das Wohlgefühl der immer zweckmäßigeren und freieren Ausführung entsprechend der zunehmenden Handgeschicklichkeit. Und endlich muß ich bekennen, daß ich die Vermehrung und Anhäufung meiner Erzeugnisse unmittelbar als Genuß empfand, vielleicht wie der Geizige in der Anhäufung seiner Schätze die Freude seines Lebens findet. Zweifellos hat sich hierbei elterliches Erbgut und Beispiel ausgewirkt. War doch meine Mutter unermüdlich im Hauswesen tätig. Und als er längst ein wohlhabender Mann geworden war, pflegte mein Vater, nachdem er vormittags seine auswärtigen Geschäfte erledigt hatte, nach Tisch seine Arbeitskleider anzuziehen, um in der Werkstatt solche Arbeiten mit eigenen Händen auszuführen, die besondere Gewissenhaftigkeit und Geschicklichkeit erforderten. Aber es kam doch noch auch etwas Persönliches dazu, das bei mir sich stärker entwickelte, als etwa bei meinen Brüdern.
So gestaltete sich ein immer mannigfaltigerer Umkreis von Arbeiten und Interessen. Um die runden Stäbe selbst herstellen zu können, um welche die Papierhülsen[27]  für die Feuerwerkerei gewickelt werden, hätte ich gern eine Drechselbank gehabt, die es leider in der Werkstatt meines Vaters nicht gab. So faßte ich den Entschluß, selbst eine zu erbauen, und brachte es auch so weit, daß ich auf ihr einfache Gegenstände erzeugen konnte. Als sie fertig war, was eine geraume Zeit beansprucht hatte, waren freilich meine Interessen schon andere Wege gegangen; ich habe sie hernach nicht viel benutzt und habe sie bald verfallen lassen. Ich darf mir nicht verhehlen, daß auch dies für meine spätere Lebensführung typisch genannt werden kann.
Malen. Neben der Feuerwerkerei beschäftigte mich das Sammeln von Käfern und Schmetterlingen sowie Zeichnen und Malen. Für das letztere war eine benachbarte Familie Schwendowski von großem Einfluß. Der Vater war ein kleiner Beamter am Rat der Stadt Riga, dessen gutes Zeichentalent dort für die Herstellung von Diplomen und sonstigen kalligraphischen Kunstwerken verwendet wurde. Unter seinen zahlreichen Kindern, die zum Teil erheblich älter waren als ich, gab es einen Berufsmaler, in dessen Skizzenbüchern zu blättern, wenn er es einmal erlaubte, mich unbeschreiblich beglückte. Es waren flott ausgeführte Blätter in Wasserfarbe von ausgesprochenem Farbenreiz; einige von ihnen stehen noch heute mit ihren Einzelheiten vor meinem geistigen Auge.
Ich sehnte mich unbeschreiblich, ähnliches zu können, versuchte es aber vergeblich mit dem geringen und ungeeigneten Material, das mir zur Verfügung stand. Was war also auch hier anderes zu tun, als sich die gewünschten Farben selbst herzustellen! Fleißiges Umfragen bei den Schulkameraden förderte denn auch irgend ein Buch zutage, in welchem ich die Beschreibung von Reibstein und Läufer und die Anweisungen fand, nach denen der richtige Zusatz von arabischem Gummi als Bindemittel[28]  zu bemessen ist. Die Einkäufe wurden beim freundlichen Drogisten getätigt und die Anfertigung unternommen. Es stellte sich jedoch heraus, daß die Farben allein noch nicht den Künstler machen, denn die Ergebnisse meiner neuen Malereien waren nicht ansehnlicher als die früheren. Denn ich fand niemanden, von dem ich das Malen hätte lernen können. Jener Künstler Schwendowski lebte auswärts und kam nur gelegentlich auf einige Tage nach Hause; sonst aber gab es keinen Malkundigen in meinem Kreise. Einmal schenkte er mir einige Reste Ölfarbe. Sie reichten nicht weit, aber doch weit genug, um mich erkennen zu lassen, daß ich mit diesem Material erheblich besseres leisten würde, als mit der schwierigen Wasserfarbe. So begann ich alsbald mit dem Reiben von Ölfarben, die ich nach alter Weise in Beuteln von Schweinsblase aufhob. Denn die Zinntube war noch nicht an meinen Rigaschen Horizont gekommen.
Die bunten Wasserfarben hatte ich benutzt, um schwarze Bilderbogen anzumalen, die ich um ein Geringes in einem Papierladen kaufen konnte. Es war ein großer Vorrat von lithographierten Bogen vorhanden, den ich stundenlang besehen durfte, um mir ein oder zwei Blätter auszusuchen, für welche meine Barschaft reichte. Die Ergebnisse dieser Bemühungen waren aber selbst für mich unbefriedigend. Vorlagen, an denen ich mich bilden konnte, waren nicht erreichbar, denn das einzige, was ich derart zu sehen bekam, war dann und wann ein Ölgemälde im Schaufenster eines Vergolders, das er zum Einrahmen bekommen hatte und auf einige Tage ausstellen durfte. Von der Bilderflut, die den heutigen Menschen zu ersäufen droht, war noch nicht das geringste Vorzeichen sichtbar. Für die Wiedergabe von Kunstwerken gab es nur die Lithographie und den eben wieder entstehenden Holzschnitt; der Farbendruck war eine seltene Kunst und sehr teuer und von den photomechanischen[29]  Verfahren der Wiedergabe keimten die ersten Versuche erst in den Werkstätten der Erfinder. So war ich bezüglich der Vorbilder auf die seltenen Zufälle angewiesen, die ein Kunstwerk in den Bereich meiner hungrigen Augen bringen mochten; die sehr starken Eindrücke davon versuchte ich dann mit meinen dürftigen Mitteln wiederzugeben. Immerhin habe ich mir von Anfang an in der Farbe viel mehr zugetraut, als in der Form; während ich mir ganz wohl die Farbwirkung vorstellen konnte, welche ich beim Antuschen eines Bilderbogens zu erreichen mich bestrebte, habe ich mich an das selbständige Entwerfen eines Bildes während meiner Jugendjahre nicht gewagt.
Zusammenhang mit späteren Arbeiten. Ich erwähnte diese kindlichen und kindischen Bemühungen, weil sie mir in der Folge sehr wichtig geworden sind. Ich betone schon hier, daß ich die Schaffung der messenden Farbenlehre für die höchste Leistung halte, die mir zu vollbringen gegönnt gewesen ist. Nun habe ich aber keinen Zweifel, daß ich diese Arbeit, an der die besten Köpfe von Goethe bis Hering sich ohne den gesuchten Erfolg bemüht haben, nicht hätte leisten können, wenn ich nicht von Jugend auf mit den Erzeugern der Farbe, den Farbstoffen mich vertraut gemacht hätte und dadurch den wichtigsten Problemen der Farbenlehre, die sich auf die Körperfarben beziehen, stets nahe geblieben wäre. Insbesondere kann man bei Helmholtz deutlich erkennen, wie er durch die ihm einzig geläufige Technik des Physikers mit Prismen und Linsen auf einen Weg geführt wurde, der das grundwichtige Gebiet der Körperfarben überhaupt nicht berührte.
Überhaupt komme ich beim Überblick über den Inhalt meines Arbeitslebens zu dem Ergebnis, daß jede der recht mannigfaltigen Betätigungen und Liebhabereien meiner jungen Jahre, so unnütz sie auch meinen Eltern[30]  und Lehrern erscheinen mußten, sich in der Folge als nutzbringend, oft sogar als grundlegend für spätere Leistungen erwiesen hat, die von meinen Zeitgenossen als brauchbar, ja wertvoll anerkannt worden sind. Durch die Ansammlung sachlicher Anschauungen und Beziehungen in dem so unbegrenzt willigen Gedächtnis der jungen Jahre wird ein Denkmaterial beschafft, aus welchem künftig die konkreten Bausteine für die gedankliche Arbeit des Forschers entnommen werden. Denn dieser hat ja Dinge zu gestalten, die es noch nicht gibt, wobei er doch nicht ins Blaue bauen darf, wo kein Halt für seine gedanklichen Gebilde besteht. Hierbei hat er keine andere Führung, als sein Erinnerungsgut aus früheren sachlichen Erfahrungen, und so nimmt der geistige Bau notwendig die Struktur an, welche durch dies Erinnerungsgut gegeben ist. Es liegt also nicht das Walten einer geheimnisvollen Macht vor, die mir während der Kindheit gütig gerade solche Dinge zugeführt hat, die ich später benutzen konnte. Sondern der Stil und auch weitgehend der Inhalt meiner späteren Arbeit ist maßgebend durch das bestimmt worden, was In- und Umwelt meiner jungen Jahre in den Bereich meiner Hände und Sinne gebracht haben.
Was hier an dem persönlichen Beispiel geschildert worden ist, hat zweifellos allgemeine Bedeutung. Hebt doch auch Goethe hervor, daß die Konzeption der Hauptgestalten und -geschehnisse seiner dichterischen Erzeugnisse in sehr früher Jugend erfolgt ist, und daß sein ganzes langes Leben mit der Ausgestaltung dieser frühen Gebilde beschäftigt gewesen ist. Hier tritt noch viel deutlicher hervor, wie das Werk des Mannes durch das Material bestimmt wird, das er in der Jugend sich zu eigen gemacht hat.
Ausblick. Verfolgt man diesen Gedanken, so wird man weit geführt. Goethes instinktiver Widerwille gegen[31]  die Newtonsche Farbenlehre hat seine Ursache (die Goethen nicht klar bewußt wurde) darin, daß sie zwar von den »physischen«, d.h. bei der Lichtbrechung entstehenden Farben Auskunft gab, dagegen keine über die Farben der Körper, insbesondere der Farbstoffe. Newtons Erklärung der Körperfarben als auf den Farben dünner Blättchen beruhend, ist Goethen anscheinend unbekannt geblieben; jedenfalls hat er nirgend darauf Bezug genommen. Auch hat sie zu keiner wissenschaftlichen Aufklärung geführt, da sie ein Irrtum ist. Goethe seinerseits war von seinen persönlichen Bemühungen um den Erwerb der Zeichen- und Malkunst her mit den Farbstoffen und Körperfarben wohl vertraut und hatte das sichere Gefühl, daß sie etwas ganz anderes sind, als die Spektralfarben. Seine Mahnung »Freunde, flieht die dunkle Kammer« hat sicherlich zu einem guten Teil ihre Ursache darin, daß er sich in diesem Gebiete fremd fühlte und daher das Bedürfnis empfand, aus der Not eine Tugend zu machen. Daneben war aber auch das richtige Gefühl wirksam, das er freilich nicht physikalisch begründen konnte, daß wirklich die unmittelbare Übertragung der dort gefundenen Ergebnisse auf die Farberscheinungen der Umwelt nicht berechtigt war, während sie doch von den Physikern als selbstverständlich, d.h. als eine Sache, über die man nicht weiter nachdenkt, geübt wurde.
Betrachten wir unter gleichem Gesichtspunkt das Werk des großen Physikers Helmholtz, so erkennen wir deutlich, wie fern ihm bei seinem Mangel an maltechnischen und chemischen Erfahrungen über Farbstoffe die hier auftretenden Probleme lagen. In seiner großen, dreibändigen Physiologischen Optik findet sich im Index das Wort Körperfarbe überhaupt nicht, und auf der Seite, die zum Wort Farbstoff angegeben ist, sucht man vergeblich etwas hierüber. Dagegen hat[32]  er in seiner aufschlußreichen Rede zum siebenzigsten Geburtstag mitgeteilt, daß er schon als Schüler in den Lateinstunden, die ihn höchlichst langweilten, sich mit der Berechnung des Strahlenganges in optischen Instrumenten beschäftigt hat. Über Mal- und Zeichenversuche gibt er nichts an. Die Richtung seines Geistes ist also stets die gleiche geblieben.
Technisch-wirtschaftliche Versuche. Die erworbene Zeichen- und Malfertigkeit, so gering sie war, erwies sich als ein wesentliches Hilfsmittel zur Befriedigung meiner mannigfaltigen Interessen, die durch die Beschränktheit meines Taschengeldes beständig Not litten. Meine Eltern hielten mich absichtlich sehr kurz, teils aus Sparsamkeit, hauptsächlich aber, weil sie mit Recht besorgten, daß mich diese Allotria in der Erfüllung meiner Schulpflichten stören würden. Es galt also, die erforderlichen »Kopeken«, wie die kleinste Münze hieß, auf irgend eine andere Weise zu beschaffen.


Nun waren damals eben die Abziehbilder aufgetreten, die man durch feuchtes Aufdrücken, Benetzen und Abziehen des papierenen Trägers auf beliebige Unterlagen übertragen kann. Oft waren sie auf der sichtbaren Rückseite bronziert, so daß man ihren Inhalt erst sah, nachdem die Übertragung erfolgt war. All dies war für uns Jungen von großem Reiz. Entsprechend meiner treibenden Leidenschaft, alles mögliche selbst machen zu wollen, hatte ich eine Menge Nachdenken und Experimentieren daran gesetzt, solche Abziehbilder selbst zu erzeugen. Mittel, das zarte Häutchen herzustellen, auf dem diese Bilder sich befinden, besaß ich nicht. Wohl aber wußte ich, daß durch Tränken von Seidenpapier mit Öl oder besser Terpentinlack sich glasartig durchsichtige Blätter herstellen lassen. Ich zeichnete und malte daher Bildchen auf Seidenpapier, machte sie durchsichtig, schnitt sie aus, klebte sie auf ein gewöhnliches[33]  Schreibpapier und versah ihre Vorderseite mit einer starken Schicht von arabischem Gummi. So entstanden Bilder, die sich ebenso abziehen ließen, wie die käuflichen, aber den Vorzug hatten, daß sie Gegenstände darstellen konnten, die für uns damals von besonderem Interesse waren. Meine Schulkameraden gaben gern einige Kopeken her, um in den Besitz meiner Bilder zu gelangen und ich konnte mir Reibschalen, Glasröhren und andere notwendige Kostbarkeiten anschaffen, nach deren Besitz ich mich lange vergeblich gesehnt hatte. Die Freude dauerte aber nicht lange, denn auf irgendeine Weise hatte ein Lehrer davon erfahren, der den Handel auf das strengste verbot. Der stets zwischen Jungen blühende Tauschverkehr wurde geduldet – gab es doch überhaupt kein Mittel, ihn zu verhindern –, sobald aber bares Geld, wenn auch im kleinsten Ausmaß, dazwischen kam, wurde er als ein arges, ja ehrenrühriges Vergehen angesehen. Wie gerne hätte ich jene Dinge ertauscht, statt sie zu kaufen, wenn nur jemand dagewesen wäre, von dem ich sie hätte ertauschen können.
Tonkunst. Die Erinnerungen an die eigenen Kinderjahre haben eine Beschaffenheit, die sich am besten mit der Einfahrt in die finnischen oder schwedischen Schären vergleichen läßt. Zunächst tauchen ganz vereinzelte Inseln des Bewußtseins aus dem unbestimmten Meer des Daseins auf, die ganz klein sind und nur wenige Pflänzchen anschaulicher Erlebtheit tragen. Dann werden sie zahlreicher, größer und mannigfaltiger mit Einzelheiten bewachsen, bis sie sich endlich zu dem festen Lande des dauernden Bewußtseins zusammenschließen. Auch hier erheben sich deutlich einzelne höhere Gipfel aus dem Felde des Erlebens, sie werden aber im Zusammenhange mit dem Tage empfunden und nicht mehr als vereinzelte Inseln. Solch eine Insel ist die Erinnerung an den ersten[34]  starken Musikeindruck, den ich erlebt habe. Es war das erste Mal, daß ich größere Musik hörte. Die Eltern hatten mich in die Kirche mitgenommen, wo ein Weihnachts- oder Oster-Oratorium aufgeführt wurde; sie waren der Ansicht, daß dies der beste Weg zur Tonkunst sei. Tatsächlich entsprach er ja dem biogenetischen Grundgesetz Haeckels, das damals noch nicht ausgesprochen war, nach welchem jedes Einzelwesen in seiner Entwicklung einen Abriß der Entwicklungsgeschichte seiner Gattung durchläuft, denn die ernste Tonkunst hat sich im Dienst der Kirche entwickelt, und die Anfangsstufen der heiteren waren uns Kindern als Lieder geläufig. Ich weiß nicht mehr, welches Werk ich angehört habe. Wohl aber ist mir der Himmelsklang der Geigen aus der Höhe des Orgelchors an einer zarten Stelle und die Gewalt des Vollklangs von Orgel, Orchester und Chor, der darauf einsetzte, in unvergeßlicher Erinnerung. Ich konnte von meinem Platz aus zufällig den Kapellmeister gut sehen und die Gewalt, die er mit seinem dünnen Stäbchen über all die tönenden Massen ausübte, erschien mir als eine wunderbare Gipfelhöhe menschlichen Könnens, höher als alles andere, wovon ich Kenntnis hatte oder was ich mir vorstellen konnte. Von den mancherlei Idealen, die bei solchen Gelegenheiten in mir erwachten und deren Erreichung mich im späteren Leben beglückt hat, ist dies eines der wenigen, dem dauernd die Erfüllung versagt blieb. Ich habe sie freilich auch, eingedenk meiner Grenzen, niemals ernstlich angestrebt.
Zu gegebener Zeit brachten uns die Eltern auch in das Theater. Uns heißt: meinen älteren Bruder und mich. Da ich ein frühzeitiges Kind war, während meine beiden Brüder sich etwas langsamer entwickelten, machte es sich von selbst, daß ich zu all den Fortschritten, die meinem älteren Bruder seinen Jahren gemäß zukamen,[35]  der Gesellschaft wegen mitgenommen wurde. Dadurch ist mir viel Zeit erspart worden.
Der erste Besuch des Theaters galt der Oper: die Zauberflöte. Die Unverständlichkeit des Textbuches beeinträchtigte natürlich uns Kindern den Genuß nicht im geringsten.
Die Schlange gleich am Anfang, hernach die lustigen Papagenen und der böse Mohr gingen uns unmittelbar ans Herz, während wir Tamino und Pamina achtungsvoll aber ohne besondere Teilnahme gelten ließen, die sich nur etwas steigerte, als sie durch die wunderbaren Künste von Feuer und Wasser wandeln mußten, die der Theatermann uns zur Begeisterung hergerichtet hatte. Hier sind überall die optischen Erinnerungen viel stärker, als die akustischen, entsprechend meiner allgemeinen Veranlagung. Und auch wenn ich an jene Oratoriumsaufführung denke, so verbindet sich mit der klanglichen Erinnerung die Anschauung des erleuchteten Chors und des dunklen Kirchenschiffs.
Die Tonkunst wurde von meinen Eltern als ein wesentlicher Teil der allgemeinen Bildung angesehen. So erhielt mein älterer Bruder schon frühzeitig mit gutem Erfolg Unterricht im Klavierspiel. Der Lehrer hieß Askenfeld und war ein sonderbares kleines Männchen, in einem uralten verblichenen Mantel und mit einem weißen Schifferbart um das pockennarbige, braunrote Gesicht, doch ein tüchtiger Musiker. Als Erfrischung für die Plackerei der Unterrichtsstunde pflegte er sich zunächst die erste Fuge in C-dur aus dem wohltemperierten Klavier vorzuspielen. Ich habe lange nicht gewußt, was das für ein seltsames Klavierstück war, bis ich bei eigener Kenntnisnahme jenes Werkes die Klänge aus den Jugendjahren wiedererkannte. Für mich wurde als Instrument die Geige gewählt, die ich bei einem Mitglied des Theaterorchesters Scholz erlernen sollte. Er[36]  war sicherlich kein guter Lehrer, mußte auch nach einigen Jahren wegen Trunkfälligkeit entlassen werden. Aber wenn ich zeitlebens nicht ordentlich geigen gelernt habe, so kann ich die Ursache dafür nur zum kleineren Teil jenem ungeeigneten Lehrer zuschieben. Mir fehlte für die Handhabung des Instruments vor allem die Schärfe des Gehörs, auf der die Sicherheit der Griffe und der Wohlklang der Bogenführung beruht. So habe ich die spärliche Fertigkeit, die ich mir damals erworben hatte, später auf die Bratsche übertragen, welche etwas geringere Anforderungen stellt und mir dadurch den Zugang zu den unerschöpflichen Schätzen unserer Kammermusik geöffnet. Häusliche Streichquartette beglückten mich von meiner späteren Schulzeit ab ununterbrochen durch die Studenten- und Professorenjahre. Ihnen verdanke ich neben den unmittelbaren Kunstgenüssen mancherlei Einsichten in den Wundergarten der thematischen Arbeit, die mir von größter Bedeutung für die Entwicklung einer eigenen Kunstlehre werden sollten.
Da es mit der Geige nicht recht gehen wollte, erbat ich mir Unterricht im Klavierspiel und der Harmonielehre und ich habe jahrelang bei Askenfeld Übungen im reinen Satz nach dem Lehrbuch von Richter geschrieben.
Daß ich frühzeitig nach der wissenschaftlichen Seite der Tonkunst Verlangen trug und diesen Drang auch durch die Fürsorge meiner Eltern befriedigen konnte, ist für meine innere Entwicklung wichtig genug gewesen, wenngleich sich die praktisch – wissenschaftliche Auswirkung dieser frühen Bemühungen erst am Abend meines Lebens betätigen sollten.
Durch den oben beschriebenen Bücher-Leihverkehr mit den Schulkameraden fielen mir einige Bruchstücke des Kater Murr von A. Hoffmann in die Hände, die mich so fesselten, daß ich nicht ruhte, bis ich mir auch[37]  andere Schriften von ihm verschafft hatte. Von Hoffmann habe ich dann gelernt, die seelische Seite der Musik zu verstehen. Es war mir ein großes und entscheidendes Erlebnis, eine Aufführung des Don Juan anzuhören, nachdem ich seine meisterhafte Analyse dieses tiefgründigsten Kunstwerkes gelesen hatte. Die tiefe Verehrung Mozarts, welche ich mir damals aneignete, hat unvermindert durch mein ganzes Leben bis heute angehalten.
Schöne Literatur. Da das Lesebedürfnis meiner Mutter durch die zwei Familienzeitschriften nicht gestillt war, deren Hefte allwöchentlich gebracht wurden, hatte sie stets noch einige Bände aus einer nahegelegenen Leihbücherei an der Hand. Frühzeitig erbat und erhielt ich die Erlaubnis, sie auch meinerseits lesen zu dürfen und es wurde bald mein Amt, den Austausch der Bände zu besorgen, wobei ich für die Auswahl auch meine Wünsche geltend machen konnte. Da ich immer viel früher fertig wurde, als meine Mutter in den wenigen Viertelstunden, welche das Hauswesen ihr übrig ließ, fand eine Teilung statt, indem sie mir großmütig die Mehrzahl der Bände zum beliebigen Umtausch überließ.
So habe ich das, was ich vom Leben in der Welt außerhalb des engen Kreises von Haus und Schule erfuhr, aus den unzulänglichen und einseitigen Schilderungen der Romanliteratur der fünfziger und sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts lernen müssen. Der herrschende Ton war etwa der von F. Spielhagen angegebene, dessen »Problematische Naturen« mich in den letzten Schülerjahren sehr beschäftigten. Der Naturalismus begann erst am Horizonte aufzusteigen und hatte die Herrschaft der neueren Romantik noch nicht angetastet. Bald darauf erfaßte mich die Wissenschaft mit gewaltiger Hand und ließ das Interesse an menschlichtäglichen Verhältnissen ganz zurücktreten. Die Folge[38]  war, daß ich in der Beurteilung des Denkens und Handelns der Menschen, mit denen mich das Leben hernach in Berührung brachte, immer wieder die größten Fehler gemacht habe. Denn die Wissenschaft hat mich seitdem nicht losgelassen und es ist mir bis heute immer nur ein unzulänglicher Anteil meiner Energien für die sachgemäße Bearbeitung meiner persönlichen Verhältnisse übrig geblieben. Vermutlich hätte ich die mancherlei wissenschaftlichen Fortschritte, für die ich hernach einzutreten mich verpflichtet fühlte, viel leichter und schneller durchgesetzt, wenn ich in meinen jungen Jahren einen größeren Betrag an praktischer Lebens- und Menschenkunde zu erwerben Gelegenheit und Lust gehabt hätte.
Menschenbehandlung. Insbesondere ist es mir, ich weiß nicht mehr durch welchen Einfluß, stets unedel, ja unanständig erschienen, andere Menschen ohne ihre bewußte Gutheißung meiner Gründe zu irgendwelchen Handlungen oder Unterlassungen zu beeinflussen, die mir wünschenswert waren. Ich rede hier nicht von persönlichem Nutzen, sondern von meinen wissenschaftlichen Bestrebungen, bei denen ich mir nie klar gemacht hatte, daß die äußeren Erfolge fast immer durch Personen maßgebend bestimmt wurden, welche durch meinen ungestümen Reformeifer sich zunächst verletzt fühlen mußten. Denn jeder Fortschritt kann ja den bisherigen Fachmännern und Führern gegenüber die Frage auslösen, warum sie selbst ihn nicht bewirkt haben. Er bringt somit die Möglichkeit eines Vorwurfs mit sich und veranlaßt sie unwillkürlich zu einer ablehnenden Einstellung.
Die leidenschaftliche Freude an dem Fortschritt selbst, welche mich beseelte und meine Handlungen bestimmte, setzte ich ohne Prüfung auch bei anderen voraus. Ich hatte mich darin zwar nicht immer getäuscht, aber[39]  doch in der großen Mehrzahl der Fälle, ohne daß ich aus meinen Erfahrungen zu lernen verstand.
In der »Selbstschau« von H. Zschokke, die ich jüngst in Händen hatte, erzählt er, wie er zur Verwirklichung seiner Bestrebungen um die Hebung der Volksbildung in seiner schweizerischen Wahlheimat sich zuerst die Frage vorgelegt und beantwortet hat, in welcher Gestalt er die neuen Gedanken und Kenntnisse dem Volk nahebringen müsse, um nicht alsbald einen allgemeinen Widerstand zu erwecken. Denn »niemand bildet sich mehr auf sein Wissen ein, als der Unwissende und niemand glaubt alles besser zu verstehen, als der Unverständige«. Dies wußte Zschokke schon als Sechsundzwanzigjähriger. Ich hatte es noch nicht mit siebzig Jahren gelernt.
Der beginnende Schriftsteller. Was meine eigenen Leistungen in der Wortkunst anlangt, so habe ich schon bald auf der Schule das Lob meiner Lehrer mir durch meine deutschen Aufsätze erwerben können. Über diese Forderungen der Schule hinaus hat sich die Neigung zu schriftlicher Gestaltung meiner Gedanken und Gefühle frühzeitig betätigt. Schöne Literatur war mir ja von allem Gedruckten am reichlichsten zugänglich. So konnte es nicht ausbleiben, daß ich meine allgemeine Neigung, alles selbst machen zu wollen, auch hier betätigte.
Zwar blieb ein Roman, den ich schreiben wollte, bereits nach den ersten Seiten stecken, da der Kreis der persönlichen Erlebnisse, aus denen ich hätte schöpfen können, sich als gar zu klein erwies. Etwas besser gelang es mit einer Zeitschrift, die ich unter dem Titel »Humor« handschriftlich herstellte und meinen Freunden zu lesen gab. Sie hat vielleicht ein halbes Dutzend Hefte erreicht. Als ich aber mir einfallen ließ, Rezensionen über unsere Leistungen beim Lesen klassischer Dramen mit verteilten[40]  Rollen, das wir damals betrieben, schreiben zu wollen, erregte ich stürmischen Widerspruch und mußte die weitere Fortsetzung aufgeben. Denn ich hatte den Anfangsbuchstaben dieses Frevels mit der Zeichnung einer kritischen Riesenscheere versehen, die eben ein bedauernswertes Opfer mitten durchschnitt. Schon vorher hatte ich mir das ernste Mißfallen meiner Leser zugezogen, als ich im Stil Amadeus Hoffmanns bekannte Schlittschuhbahnerlebnisse mit Altersgenossinnen zu tragisch-leidenschaftlichen Geschichten verarbeitet hatte, die im Augenblick der höchsten Spannung in eine Schnurre umschlugen. Meine Leser waren zwar völlig bereit, sich von mir in tiefe Rührung versetzen zu lassen, wollten aber im Genuß dieser Rührung keine Störung ertragen.
Schulschwierigkeiten. Es ist leicht verständlich, daß diese mannigfaltigen Interessen bald genug mit den Forderungen der Schule in Widerstreit gerieten. Bereits in der zweiten Klasse, der Quarta, erwiesen sich meine Leistungen nach Jahresfrist als ungenügend für die Versetzung und ich mußte ein halbes Jahr nachlernen. In der folgenden Tertia, wo ich außerdem noch der Chemie anheimgefallen war, wie alsbald erzählt werden soll, mußte ich ein ganzes Jahr repetieren. Dann ging es wieder aufwärts: Sekunda drei Semester, Prima zwei. Nicht daß ich in den oberen Klassen einen größeren Schulfleiß entwickelt hätte; dieser war eher noch geringer geworden. Aber ich hatte das Wohlwollen einiger Lehrer gewonnen, welche meine allgemeinen geistigen Fortschritte teilweise als Äquivalent für die Schulforderungen gelten ließen und mir die Zügel erheblich lockerten.

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Besonderen Dank schulde ich dem schon genannten hervorragend guten Lehrer Schweder, der in den Lehrerberatungen erfolgreich für mich einzutreten pflegte[41]  und mir große Energievergeudungen erspart hat, denen ich bei strengem Einhalten der Vorschriften unrettbar verfallen wäre.
In der Mathematik hatte ich immer gute Leistungen aufzuweisen. Besonders gute aber in der Physik, die in Tertia begann, während die Chemie der Prima vorbehalten war. Schweders vorzüglich anregender Physikunterricht hatte bei mir wieder den Erfolg gehabt, daß ich darauf brannte, die schönen Versuche, die er uns zeigte, selbst nachzumachen. Er lieh mir das praktische Lehrbuch von Fricke, dessen frühere Auflagen vorzüglich geeignet waren, zur Herstellung brauchbarer Geräte mit einfachsten Mitteln anzuleiten. Hier erinnere ich mich, wie sehr mich die Entdeckung aufregte, daß es für eine Sammellinse zwei Stellen zwischen Gegenstand und Bildfläche gibt, an denen ein scharfes Bild erzeugt wird, und daß hierbei die Abstände gleich groß bleiben und nur vertauscht sind. Hernach erfuhr ich freilich, daß dies längst bekannt war. Aber die Wonne der selbständigen Entdeckung hatte ich doch geschmeckt und sie hinterließ eine stets neu werdende Sehnsucht nach mehr.
Bald durfte ich dem verehrten Lehrer bei den Versuchen an die Hand gehen und hatte Gelegenheit, kleine technische Neuheiten und Verbesserungen vorzuschlagen und auszuführen. So versah ich beispielsweise Kreisscheiben aus Buntpapier für den Farbkreisel mit einem radialen Schlitz, damit man zwei oder mehr ineinander stecken und nach beliebig großen Sektoren zur Mischung bringen konnte. Auch in dieser Sache war mir ein Anderer zuvorgekommen, wie ich nach vielen Jahren feststellen konnte, nämlich J.C. Maxwell, der große Physiker.
Einmal gelang es mir sogar, meinen verehrten Lehrer auf einem physikalischen Irrtum festzulegen. Es kennzeichnet ihn, daß er mich seitdem noch freundlicher[42]  behandelte und meine Interessen in den Lehrerbesprechungen noch nachdrücklicher vertrat.
Die Chemie. Über die Physik hinaus wurde aber bald die beherrschende Leidenschaft meiner jungen Tage die Chemie. Angefangen hatte sie mit der Feuerwerkerei. In dem oben erwähnten Buche von Websky waren zu den Namen der Stoffe die chemischen Formeln gesetzt worden, die mich zunächst wie ebensoviele Rätsel ansahen. Allmählich kriegte ich heraus, daß überall, wo im Namen das Wort Schwefel vorkam, in dem Zeichen ein S zu finden war; aus der Lateinstunde wußte ich, daß Schwefel sulphur heißt. Andere Buchstaben konnte ich nicht deuten. Eine Frage an den Lehrer brachte den kurzen Bescheid: das sind chemische Formeln, die wirst du in Prima lernen. Bis Prima aber wollte ich keinenfalls warten, zumal gerade damals meine Aussichten überhaupt in diese Klasse zu gelangen, in ganz unbestimmte Weiten hinausgeschoben schienen.
Also hieß es wieder, jene spärlich aber mannigfaltig fließende Quelle: die zufälligen Büchervorräte der Kameraden, in Anspruch nehmen. Das Glück wollte mir diesmal besonders wohl, denn ich erlangte ein Exemplar der »Schule der Chemie« von Stöckhardt, dem verdienten Ackerbauchemiker. Es war sehr zerlesen und bestand fast nur aus den auseinandergefallenen Blättern. Ich lernte es aber bald als den größten Schatz hegen und pflegen, der mir bis dahin in die Hand gefallen war.
Denn diese Schule der Chemie erwies sich als ein unterrichtliches Meisterwerk. Natürlich konnte ich diese Eigenschaft des Buches nur subjektiv empfinden, nicht objektiv beurteilen. Aber noch ungleich mehr als Frickes Praktische Physik kam der Stöckhardt meiner Sehnsucht entgegen, alle die schönen Dinge, von denen ich las, selbst zu machen. Denn er stellt an[43]  die Hilfsmittel und die Geschicklichkeit des Schülers zunächst die allergeringsten Anforderungen, um ihn dann in wohlbedachter Stufenfolge zu schwierigeren Dingen emporzuführen. So waren mir die angegebenen chemischen Versuche viel zugänglicher, als die physikalischen, und ich säumte nicht, aus dieser erquickenden Quelle in vollen Zügen zu trinken.
Natürlich war wieder die Geringfügigkeit meiner Mittel ein arges Hindernis. Mein Vater war weniger als je gestimmt, meine Bummelei bezüglich der Schule noch zu unterstützen und was meine Mutter im Zwiespalt zwischen ihrer Herzensgüte gegenüber dem Lieblingssohn und dem Pflichtbewußtsein gegenüber ihrem Eheherrn sich abrang, um es mir zuzustecken, wollte bei weitem nicht ausreichen. So sah ich zu, wo ich durch besondere Dienste das so dringend gewünschte Geld erwerben mochte. Um mir eine Retorte kaufen zu können, die ich notwendig brauchte, um konzentrierte Salpetersäure zu machen, die mir zur Herstellung von Schießbaumwolle dienen sollte, habe ich einmal den ganzen Hof ausgeeist, was zweieinhalb Tage angestrengter Arbeit in den Osterferien beanspruchte.
Meine chemischen Experimente, soweit ich sie nach Stöckhardts Anleitungen ausführen konnte, hatten für mich zunächst den Zweck, die Erscheinungen kennen zu lernen. Wer jemals gesehen hat, welcher Versenkung ein Kind gegenüber einer neuen Erscheinung fähig ist, die es gleichsam mit allen Poren aufnimmt und unverwischbar seinem Gedächtnis einverleibt, kann sich eine Vorstellung von der Hingabe machen, mit welcher ich mich dieser ganz neuartigen Dinge bemächtigte und mit welchem Eifer ich nachdachte, um mir den Weg zu Versuchen zu bahnen, die mir wegen irgendeines Mangels an Hilfsmitteln zurzeit unzugänglich waren. Natürlich zeigte ich meinen Kameraden, so viel sie sehen wollten,[44]  und so kam es, daß auch die Lehrer davon erfuhren. Auf eine freundliche Aussprache mit Schweder, in der er mir das Versprechen abnahm, doch auch die Schulfächer zu bearbeiten, was mir ja nicht schwer falle, und den Stand meiner dermaligen chemischen Kenntnisse untersuchte, lieh er mir andere Lehrbücher, von denen mir das wichtigste die von Strecker besorgte deutsche Ausgabe des Regnault war. Hierdurch wurde ich in eine mehr rein wissenschaftliche Auffassung meines Lieblingsfaches hineingeführt und so gut vorbereitet, daß mir später das verbummelte erste Studentenjahr keine wesentliche Lücke machte.
Photographieren. Durch die Sonderstellung, die ich vermöge dieser Beschäftigungen unter meinen Schulgenossen einnahm, war mir der Kamm mächtig geschwollen und ich war nicht schüchtern, mich der vielen und großen Dinge zu berühmen, die ich hernach leisten wollte. Dies erregte natürlich Widerspruch und Hohn; ein Wort gab das andere, und ich behauptete, daß ich zum Beweise meiner Kunst und Wissenschaft nach bestimmter Zeit einen der anwesenden Kameraden mit selbst gefertigten Mitteln photographieren würde. Ich hatte weder eine Kamera, noch das übrige Gerät, und alles, was ich vom Photographieren wußte, beschränkte sich auf die kurze Kennzeichnung der chemischen Grundlagen in den Lehrbüchern. Auch befand sich kein Photograph unter meinen Bekannten; ich hatte als Objekt einiger photographischer Aufnahmen von der Technik der Aufnahme soviel gesehen, als der Aufzunehmende eben zu sehen bekommt. Zu jener Zeit, den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, diente als lichtempfindlicher Empfänger die nasse Kollodiumplatte. Eine sorgsam geputzte Glasplatte wurde mit Kollodium übergossen, in welchem Jodammonium und Jodkadmium gelöst waren und das erst einen bestimmten Zustand[45]  der »Reife« erreicht haben mußte, ehe es brauchbar war. Im rechten Augenblicke, wo die Schicht zwar erstarrt, aber noch feucht war, wurde die Platte in das Silberbad getaucht, das gleichfalls einer sehr genauen Zurichtung (schwach sauer, mit Silberjodid gesättigt) bedurfte. Nachdem sich das Jodsilber gebildet hatte, mußte die Platte abtropfen und kam feucht in die Kassette, wo sie sich fünf bis zehn Minuten lang brauchbar erhielt; man konnte also nur in der Nähe der Dunkelkammer photographieren. Diese Einzelheiten entnahm ich einem Lehrbuch der Photographie von Monkhoven, das ich mir hatte verschaffen können.
Ich will die mancherlei Schwierigkeiten nicht eingehender schildern, die zu überwinden waren. Aus dem Material der leeren Zigarrenkisten des Vaters wurde die Kamera gebaut. Das Opernglas der Mutter gab das Objektiv her. Dies war verhältnismäßig leicht erledigt. Für das Silberbad erbettelte ich mir einen zerbrochenen Teelöffel, der sich leider als recht kupferreich erwies und umständliche Bearbeitung erforderte, bis ich reines Silbernitrat erhielt. Die Schalen wurden aus lackierter Pappe gefertigt, zerbrochene Fensterscheiben wurden zu passenden Platten beschnitten. Endlich war alles bereit und mit atemloser Spannung verfolgte ich die Entstehung des Negativs meiner ersten Aufnahme, der Ansicht vor meinem Fenster. Das Glücksgefühl war nicht geringer als seinerzeit beim Steigen der ersten selbstgefertigten Rakete. Einige weitere Versuche ergaben mir die nötigen Erfahrungen und zu der vorgesehenen Zeit brachte ich tatsächlich die photographische Aufnahme des Kameraden zustande, die ich dann auf selbstgefertigtem Eiweißpapier abzog. Er hatte den ganzen Hohn, mit dem er meine Bemühungen als aussichtslos bis zum letzten Augenblick verspottet hatte, in seinem sehr beweglichen Gesicht zum Ausdruck gebracht und diesen Ausdruck[46]  auch während der halben Minute, welche die Aufnahme erforderte, getreulich festgehalten. So entstand ein ungemein lebendiges Bildnis und es tut mir leid, daß ich es nicht mehr besitze.

Bei der Durchführung dieser Wette habe ich sehr viel gelernt. Die erforderlichen Chemikalien waren in Riga nicht käuflich und ich mußte sie aus den zugänglichen Grundstoffen herstellen. Schon die Schießwolle für das Kollodium befand sich auf dieser Wunschliste und jene Geschichte von der Retorte für das Auseisen des Hofes gehört in diese Odyssee, denn um jene herzustellen, brauchte ich die konzentrierte Salpetersäure. Jodammonium und Jodkadmium mußten gleichfalls gemacht werden; das zweite erfreute mich durch den hohen Glanz seiner Kristalle. Auch Äther habe ich damals fabriziert. Und ebenso galt es mancherlei kleine mechanische und physikalische Erfindung zu machen, um das genaue Anpassen der Kassette zur Mattscheibe zu sichern, die beste Stelle für die Blende zu finden usw.

Die Erfahrung, welche ich seinerzeit bei meiner Feuerwerkerei gemacht hatte, daß nämlich in Büchern genügende Auskunft zu finden ist, um gewünschte Dinge ausführen zu lernen, bewährte sich auch hier und ist maßgebend für meine weitere Entwicklung geworden. Sie machte mich unabhängig von der Notwendigkeit, durch persönlichen Unterricht vorwärts gebracht zu werden. Nicht daß ich solcher persönlichen Förderung nicht teilhaftig geworden wäre; vielmehr werde ich weiterhin mit Dank über solche zu berichten haben. Sie war aber keine unumgängliche Notwendigkeit für mich und tatsächlich verdanke ich meinen Büchern sehr viel mehr, als meinen Lehrern.

Das moralische Schwungrad. Ferner erlebte ich an dieser Sache zum ersten Male das Verfahren des »moralischen[47]  Schwungrades«. Bekanntlich dient bei Arbeitsmaschinen das Schwungrad dazu, eine gewisse Menge Energie aufzuspeichern. Es wirkt vermöge seines Energieinhaltes in solchem Sinne, daß es die positiven und negativen »Spitzen« der Arbeitsleistung aufnimmt und trotz schwankender Betätigung und Belastung eine annähernd gleiche Geschwindigkeit des Betriebes bewirkt. Wird insbesondere aus der Maschine vorübergehend eine übermittlere Arbeit entnommen, so würde sie stehen bleiben, wenn nicht das Schwungrad aus seinem Vorrat das Übermaß der Beanspruchung deckte. So hatte ich mich – damals unbewußt, später bewußt – zu einer überdurchschnittlichen Leistung verpflichtet und den Ehrgeiz, die scheinbar unmögliche Wette zu gewinnen, als ergänzende Energie in den Dienst meines Wunsches gestellt, das Gebiet der Lichtbildkunst zu erobern, in welchem sich meine Bildinteressen so nahe mit den chemischen verbanden. Das Gelingen jenes ersten Versuches und eines zweiten, der gelegentlich des Abschlusses meiner Studienzeit zu erzählen sein wird, hat mich veranlaßt, das Verfahren hernach häufig anzuwenden, vielleicht häufiger als richtig war, wobei denn auch Fehlschläge nicht ausgeblieben sind. In den meisten Fällen hat es sich aber sehr gut bewährt.
Andere Betätigungen. Diese mannigfaltigen Zimmerbeschäftigungen verhinderten mich nicht, einen großen Teil meiner Zeit unter freiem Himmel zu verbringen. Der Beruf meines Vaters brachte es mit sich, daß mit unserer Wohnung stets ein großer Holzplatz verbunden war. Nach dem Hause am Speckgraben, das auch bald von der Riga-Dünaburger Eisenbahn bedeckt wurde, wohnten wir in der Romanowka-Straße, gleichfalls in der Moskauer Vorstadt. Riga besaß außerhalb der früheren Festungswälle, von denen ich in meinen ersten Kinderjahren noch Teile gesehen habe, die später durch hübsche[48]  Anlagen ersetzt wurden, drei Vorstädte, die Petersburger, Moskauer und Mitauer. Von diesen war die erste die vornehmste. In der Moskauer Vorstadt wohnten hauptsächlich die Undeutschen, Russen und Letten, und die Mitauer Vorstadt, die auf dem anderen Ufer des dreiviertel Kilometer breiten Dünaflusses lag, war eine Welt für sich, die im Frühling und Herbst zur Zeit des Eisganges wochenlang von der anderen Stadt abgeschlossen war. Im Sommer wurde der Verkehr durch eine Floßbrücke und einige kleine Dampfboote vermittelt, im Winter baute das Eis breite Verkehrsbahnen. Daher wurden die »Überdünschen« ein wenig als Fremdlinge angesehen und man traute ihnen Dinge zu, die einem richtigen »Rigenser« nicht anstanden.
So empfand die ganze Familie es als eine wesentliche Stufe unseres sozialen Aufstiegs, als es meinem Vater etwa um 1860 gelang, ein Hausgrundstück in der Petersburger Vorstadt, und zwar an deren Hauptstraße, der großen Alexanderstraße, zu erwerben. Daß es dazu die Hausnummer 100 trug, steigerte meine Hochachtung noch ganz bedeutend. Es lag zwar ein wenig am Rande der Vorstadt, aber noch innerhalb des geschlossenen Anbaugebietes, das mit der »Großen Pumpe«, einem öffentlichen Brunnen auf einem von Pappeln eingerahmten Platz einige hundert Schritt weiter endete. Darüber hinaus fanden sich zerstreute Sommerhäuser, Landsiedelungen, Windmühlen und Fabriken und dann begann der endlose Kiefernwald, der abwechselnd mit ausgedehnten Hochmooren und schöngerandeten Landseen die Umgebung von Riga bildete. In derselben Weise war die Mitauer Vorstadt durch Wald und Moor begrenzt, während am Rand der Moskauer sich der bereits erwähnte Dünenzug der »Sandberge« erstreckte, den man durchqueren mußte, um in den Wald zu gelangen.[49]
Dies war der ausgedehnte Tummelplatz der Wanderungen, den wir, mein älterer Bruder und ich und zwei oder drei Schulfreunde in immer weiterem Umfange durchstrichen und nach Knabenweise genau kennen lernten. Unterwegs wurden Käfer und Schmetterlinge gesammelt und ein mit prachtvollen Kammolchen bevölkerter Tümpel gab uns Anlaß, einige besonders schöne Exemplare zu Hause zu halten und mit Regenwürmern zu füttern. Dabei bereitete es uns einen ungeheuren Spaß, wenn zwei Molche gleichzeitig denselben Regenwurm an den Enden ergriffen hatten und beim langsamen Verschlucken in der Mitte zusammentrafen. Denn dann begann eine Art Ringkampf, bei welchem der Stärkere seinem Gegner die bereits verschluckte Hälfte unbarmherzig wieder herauszog. Und dann litt ich wieder wochenlang an den schwersten Gewissensbissen, als ich einmal einen Molch, der aus seinem Glase auf den Fußboden entwichen war, ohne daß ich es bemerkt hatte, versehentlich halb zertreten hatte und nun, da es ihm nicht gelang, die schwere Verletzung zu heilen, sein langsames Sterben ansehen mußte. Hernach habe ich die anderen Molche wieder in den heimischen Tümpel zurückgebracht.

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Der Herr Direktor. So habe ich insgesamt eine sehr glückliche Jugend gehabt. Die Schulpflichten waren nicht eben drückend und wurden, wie berichtet, nicht allzu ernst genommen. Während meiner sieben Jahre im Realgymnasium wurde dieses vom Direktor Haffner regiert, einem alten Stockphilologen, der vorher als von der Regierung ernannter Rektor der Universität Dorpat angestellt gewesen war. Dort wurden auf seine Kosten zahlreiche Geschichten erzählt, die ihn als formalistischen Bürokraten kennzeichneten. So hatte er einmal seinen nächsten Vorgesetzten, den Kurator, der verreist war, zu vertreten und als solcher entdeckte er irgendeine[50]  kleine Vorschriftswidrigkeit, die er sich als Rektor hatte zuschulden kommen lassen. Er schickte alsbald als stellvertretender Kurator an sich selbst als Rektor eine geharnischte Rüge ab, und wurde am nächsten Tage in Tränen vor seinem eigenen Reskript gefunden.
Da er aber im Grunde ein wohlwollender Mann war und sich vielleicht auch gegenüber dem Hauptteil des Unterrichts, den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern als nicht zuständig fühlte, so hatten wir von seiner Philologie nicht viel zu leiden. Vielmehr gab es in der Quarta am Anfange jedes Semesters einen großen Festtag für uns, da er eine Stunde darauf verwendete, uns vorzumachen, wie ein guter Schüler sich auf seine bevorstehende Lateinstunde präpariert. Er hatte ein großes, rasiertes Gesicht, in welchem zwischen Nase und Mund sich ein ungewöhnlich weitläufiges Gefilde erstreckte und stellte darin die verschiedenen Stufen des Nachdenkens, der beginnenden und der vollendeten Erkenntnis beim Übersetzen so drastisch dar, daß wir Buben nicht wußten, wie wir unseren Lachreiz unterdrücken sollten.
Er war im übrigen ein gewissenhafter Direktor, der am Sonnabend durch alle Klassen die Runde machte, um die Klassentagebücher nachzusehen, in denen jeder Lehrer seine Unterrichtsstunde zu bestätigen hatte, und in welches die größeren Verbrechen mit dem Namen des Übeltäters eingetragen wurden. Dieser wurden dann vom Direktor mit einer kräftigen Standrede bedacht und ich kann ihm das Zeugnis geben, daß er gewissenhaft auf jeden Fall einging und die unvermeidliche Eintönigkeit seiner Strafpredigten erfolgreich durch persönliche Wendungen von Fall zu Fall zu beleben wußte.
Die Lehrer. Jeder Schüler mußte beim Eintritt in die Anstalt einen der Lehrer wählen, der sich besonders um ihn zu bekümmern und ihn in schwierigen Fällen[51]  zu beraten hatte. Mich hatte mein Herz alsbald zu Schweder hingezogen, doch als ich ihm meine Bitte vortrug, war die vorgeschriebene Höchstzahl bei ihm längst erreicht und ich mußte einen anderen suchen. Ich nahm den, welchen mein älterer Bruder seinerzeit gewählt hatte. Er hieß Dr. Groß; sein Fach war Deutsch. Er war ein kurzer, etwas dicker Herr mit weißem, rundem Gesicht, einer Glatze und einem schwarzen kurzen Vollbart. Kennzeichnend für ihn war seine Schweigsamkeit und ein dauernder Ausdruck von Unzufriedenheit. Ich habe ihn nie lächeln gesehen. Er gehörte zu den durch den Einfluß des wissenschaftlichen Universitätsstudiums ihrem unterrichtlichem Beruf rettungslos entfremdeten Lehrern, die sich wie Pegasus im Joche vorkommen und auf ihre tägliche Arbeit mit Verachtung und Verdruß herabsehen. Vermutlich dichtete er an einigen Tragödien, von denen übrigens keine ans Tageslicht gekommen ist. Er hätte einen großen Einfluß auf mich ausüben können, da er die deutschen Aufsätze zu leiten und zu prüfen hatte, in denen ich einen Teil meiner Bestrebungen zum Ausdruck zu bringen versuchte. Aber er lehnte deutlichst jedes Eingehen auf diese Gärungen meines Denkens ab und blieb bei jenen unsinnigen Aufsatzthemen: über das menschliche Leben, von einem Turme aus betrachtet; die Schuld Wallensteins oder den Monolog Tells, durch welche damals und noch lange hernach die Schüler an das Hervorbringen gedankenloser Phrasen gewöhnt wurden. Einmal, als das Thema lautete: »Was wären wir ohne Hoffnung?« ärgerte mich die blöde Frage so, daß ich ihm zum Hohn die oberflächlichen Redensarten, die er von uns erwartete, im Knittelversmaß der Jobsiade herunterleierte, die ich damals eben mit Entzücken gelesen hatte. Er reagierte damit, daß er sämtliche Fehler gegen Grammatik, Versmaß und Reim, welche ich der gewählten Form zuliebe[52]  begangen hatte, mit roter Tinte anstrich und dies blutige Dokument mit einer entsprechenden Zensur vom untersten Ende unserer Stufenleiter versah. Aber der Umstand, daß er meiner Frechheit keine weiteren Folgen gab, ließ mich doch erkennen, daß er sie nicht ganz ohne Vergnügen gelesen und in jener formalen Zensur den Ausweg gefunden hatte, um mir Schlimmeres zu ersparen. Denn viele Jahre später, als er längst gestorben war, hörte ich zu meinem größten Erstaunen von einem seiner Freunde, daß ich einer seiner liebsten Schüler gewesen sei, und daß er in den Lehrerkonferenzen immer zu meinen Gunsten gesprochen und gestimmt habe. Vor mir hat er dies völlig zu verbergen gewußt.
Auch die anderen Sprachlehrer haben mich nicht wesentlich beeinflußt. Französisch lernten wir zunächst bei einem alten, ganz kleinen Herrn mit ledernem Gesicht, das stets glatt rasiert war. Er hielt sich äußerst nett und sauber in seiner Kleidung, benutzte seidene Taschentücher und Duftstoffe, trug in der Westentasche ein Riechfläschchen aus rubinrotem Glase mit goldenen Arabesken und hieß (oder nannte sich) Sire. Bald nach meinem Eintritt starb er und wurde durch einen lebhaften jungen Westschweizer namens Dubois ersetzt, der außer seinem Französisch so wenig Kenntnisse hatte, daß es selbst uns Tertianern auffiel. Er zeigte mir ein deutliches Wohlwollen, sprach aber immer wieder seinen Ärger darüber aus, daß ich mich um sein Fach, das er für äußerst wichtig hielt, so gar nicht recht kümmern wollte.
Englisch lernten wir bei einem langen mageren Lehrer mittleren Alters namens Riecke. Dieser war ein begabter und vielseitig gebildeter Mann, ein tüchtiger Mathematiker und mit einem lebhaften Gefühl für die Schönheiten der Dichtung ausgestattet, das er in den älteren Schülern zu erwecken bemüht war. Aber er gehörte[53]  zu jenen Unglücklichen, die ganz unfähig sind, eine Rotte lebhafter Buben in Ordnung zu halten. In den unteren Klassen mußte er den Schönschreibe-Unterricht erteilen, und es ist nicht auszusagen, welchen Lärm wir in seinen Stunden machten und welche Unarten wir uns ihm gegenüber erlaubten. Wenn wir dann in Sekunda oder Prima das schwere Unrecht entdeckten, welches wir an dem feinfühligen und wohlwollenden Manne verübt hatten, kostete es uns soviel Mühe, die entsprechende achtungsvolle Einstellung gegenüber dem früheren wehrlosen Opfer unserer Frechheiten zu gewinnen, daß es nicht mehr zu dem herzlichen und freundschaftlichen Verhältnis kam, das er uns zu gönnen so gerne bereit war. Es war mir, als ich hernach schon in Amt und Würden war, ein Trost und eine Freude, ihm zufällig zu begegnen und zu erfahren, daß er schon lange in den Ruhestand getreten war und in Süddeutschland ein behagliches Heim und einen teilnehmenden Freundeskreis gefunden hatte.
Den Lehrer der russischen Sprache, Haller, habe ich schon früher beschrieben. Wenn er einen Einfluß auf mich geübt hat, so ist es nur ein negativer gewesen. Da meine Fortschritte im Russischen gar zu ungenügend waren, nahm ich als Sekundaner bei ihm private Nachhilfstunden, die auch den angestrebten Zweck erreichten, seinen Widerstand gegen meine Versetzung zu beseitigen. Gelernt habe ich dabei nichts.
Wie so oft war auch bei uns der Lehrer der Geschichte schuld daran, daß wir das Fach nur als zwecklose Belästigung empfanden. In den unteren Klassen bestand der Unterricht im Auswendiglernen von Namen und Zahlen und war nur selten ein wenig belebt durch Anekdoten, die uns der Lehrer Matschewski erzählte. Er war ein älterer Mann mit vollständig kahlem Kopf. Nur im Nacken war ein dünner Haarkranz stehen geblieben,[54]  dessen langsames Wachstum wir mit dem Interesse des Naturforschers verfolgten, bis einer plötzlich mit Triumpfgeschrei verkünden konnte: »Matschewski hat sich die Haare schneiden lassen!« Wie der Name vermuten läßt, war er polnischer Abstammung. Ursprünglich gut gebildet, war er in seiner Familie, deren Zustand durch das Kennwort: polnische Wirtschaft ausreichend beschrieben wird, herabgekommen, so daß die Unsauberkeit seiner Wäsche und Kleidung sogar uns Jungen auffiel. Er verstand es nicht, seine Schüler im Zaum zu halten und sah uns beliebige Unregelmäßigkeiten nach, wenn wir nur nicht zu viel Lärm während der Unterrichtsstunden machten. In seinen jungen Jahren hatte er der Geschichte der französischen Revolution eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet und besaß darüber alte Hefte, die im Lauf der Jahre in einen äußerst schmutzigen und zerfallenen Zustand gelangt waren. Aus ihnen trug er uns in der Sekunda die Einzelheiten jenes Ereignisses mit größter Ausführlichkeit und Hingabe vor. Die starke Vorliebe, die er dabei für französisches Wesen offenbarte, behagte uns gar nicht, da wir durchaus deutsch gesinnt waren. Sehr deutlich wurde dieser Gegensatz, als 1870 der deutsch-französische Krieg ausbrach, dessen Beginn er mit haßerfüllten Prophezeiungen auf die völlige Niederlage der Deutschen begleitete. Es bereitete uns eine dauernde Freude, ihm täglich die deutschen Siegesnachrichten mitzuteilen, die er zunächst zornig für lauter Lügen erklärte und als das nicht mehr möglich war, mit verbissenen Drohungen erwiderte.
Der Kirchenglaube. Den Religionsunterricht erteilte durch alle Klassen der Oberlehrer John Helmsing. Er war ein stiller, mittelgroßer, graublonder Mann mit länglichem Gesicht, Bartkoteletten und melancholischem Ausdruck. Entsprechend seinem Vornamen, den er[55]  immer vollständig auszuschreiben pflegte, legte er Wert darauf, wie ein Engländer auszusehen und lispelte auch ein wenig wie ein solcher; vermutlich befand sich englisches Blut in seiner Familie. Bei seinem Unterricht verstand er ohne große Anstrengung gute Ordnung zu halten. Dies wurde ihm allerdings dadurch erleichtert, daß in der Rigaschen Gesellschaft die Geistlichkeit eine maßgebende Rolle spielte, so daß der Respekt vor dem geistlichen Amt seiner Schultätigkeit zugute kam.
Einen wesentlichen Einfluß hat Helmsing weder auf mich noch auf die anderen Schüler ausgeübt. Meine Eltern hingen der ererbten Religion an, ohne daß dies im häuslichen Leben in den Vordergrund trat. Die Kirche wurde von meinem Vater nur selten, von meiner Mutter zuerst etwas häufiger besucht; später hielten die zunehmenden Pflichten sie im Hause. Wir Kinder wurden anfangs eifrig, später weniger pünktlich zum Kirchenbesuch angehalten, wie denn überhaupt der geistliche Einfluß bei uns mehr und mehr zurücktrat. Ich selbst bemühte mich lange mit voller Hingabe, den in den Kinderjahren aufgenommenen Christenglauben mir zu erhalten. Mein erster Lehrer Fromm war seinem Namen gemäß gesinnt und bestärkte mich darin.
Aber der Glaube wollte nicht vorhalten. Einmal war ich, beunruhigt durch irgendeine »Sünde«, deren Beschaffenheit ich nicht mehr weiß, in einen dunklen Winkel gegangen und hatte kniend mit aller Inbrunst lange zu Gott gebetet, daß er mir verzeihen und mich von der Sünde befreien möge. Ich erhielt keine Antwort, weder von außen noch von innen, alles blieb stumm und leer. Das erschütterte mich sehr und nahm mir das frühere unbedingte Vertrauen. Doch verfiel ich nicht in religiöse Schwermut, wie zuweilen einer meiner Altersgenossen in gleicher Lage. Ich sah mich auf mich selbst angewiesen, um mit jenen Sorgen fertig zu werden und[56]  gemäß der heiteren und tatfreudigen Natur, die ich von meinen Eltern geerbt hatte, fiel mir das nicht allzu schwer.
Mit diesen Erfahrungen war ich in das Realgymnasium gekommen; mein Lehrer konnte mich daher nicht auf den unter inneren Kämpfen verlassenen Weg zurückbringen. Bei den Schulkameraden herrschte Gleichgültigkeit und Spott vor; einige Fromme erwiesen sich im übrigen so arm am Geiste, daß ich keinen Zug zu ihnen verspürte. Ich verteidigte zwar jenen Spöttern gegenüber soviel ich konnte meinen früheren Standpunkt, mußte ihn aber doch zunehmend aufgeben. Die Konfirmation erfolgte durch einen alten, gutmütigen Pastor, der beim Unterricht die Reste Energie, die er noch hatte, auf die Masse der ungehobelten Jungen und Mädchen niederen Standes verwenden mußte und uns Gymnasiasten nur selten ansprach. Ein wenig war ich noch durch die unheimlichen Drohungen beunruhigt, mit denen die Kirchenlehre diejenigen bedenkt, welche unwürdig Leib und Blut des Herrn genießen. Aber diese Drohungen standen so im Widerspruch mit all dem, was ich mir inzwischen an geistigen Gütern in Wissenschaft und Kunst erworben hatte, daß ich es auf den Versuch ankommen ließ. Und als nun hernach gar nichts besonderes geschah, sah ich mich ohne irgendeinen fühlbaren Ruck oder Riß außerhalb des überkommenen Glaubens.
Wie mir erging es anderen, so daß wir alle den Religionsunterricht wie eine gleichgültige Schulpflicht behandelten, die man nicht abwerfen konnte und für die man daher nur das unbedingt Notwendige übrig hatte. Diese unheilbare Ergebnislosigkeit seiner ganzen Berufstätigkeit scheint schwer auf Helmsing gelastet zu haben. Er wurde immer scheuer und stiller, und nachdem ich die Schule verlassen hatte, hörte ich später einmal, daß er wegen religiöser Schwermut einer Nervenheilanstalt hat übergeben werden müssen.



 Drittes Kapitel.
Der werdende Jüngling.










[57] Tanzstunde. So war die Zeit herangekommen, wo der künftige Mann Kinn und Oberlippe sorglich auf etwa keimende Härchen prüft und den Mädchen gegenüber ein Gemisch von Grausen und Wonne zu empfinden beginnt. Bei mir überwog zunächst bei weitem das Grausen, denn da ich nur Brüder hatte, war ich nicht durch Schwestern an diese Gattung menschlicher Wesen gewöhnt.
Mein Vater hatte eine hohe Meinung von dem Wert guter Manieren für das Fortkommen und bedachte, wie er uns auf diesem Gebiet über den Punkt hinauf bringen könnte, der ihm zu erreichen gegönnt war. Da er sich bereits über seinen Kreis erhoben hatte, war unter den Anverwandten und Bekannten keine geeignete Stelle zu finden. So blieb nichts übrig, als Tanzstunde bei einem Tanzlehrer.
Der Mann hieß Krickmeyer, war ein gescheiterter Mime von langer, schlenkriger Gestalt und großer Beweglichkeit und hatte sich für das Zurechtlecken von jungen Bären meiner Art in den Kreisen, wo sie vorkamen, einen gewissen Ruf erworben. So wurden wir beiden Brüder ihm zugeführt und hatten mit etwa einem Dutzend Genossen gleichen Schicksals die Elemente der Tanzkunst zu erlernen.[58]
Mir wurde die Tanzstunde, die ich anfangs nur unter Protest über mich ergehen ließ, bald interessanter, da der Lehrer seine Sache ganz wissenschaftlich betrieb und uns an großen Tafeln die verschiedenen Stellungen der Glieder und hernach die Bahnlinien der Kontratänze anschaulich vorwies. Auch war zunächst von den gefürchteten Mädchen nichts zu sehen, da diese für sich allein wie die Jungen die Anfangsgründe der Gliederbeherrschung durchmachen sollten, ehe wir aufeinander losgelassen wurden.
Leider glaubte ich, nachdem ich jene Diagramme wohl begriffen hatte, damit das Wesentliche der Tanzkunst erlernt zu haben und versäumte es, deren Ausführung durch geeignete Körperbewegungen die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Das Glück, ohne Gefühl der Schwere im rhythmisch bewegten Schwunge dahin zu fliegen, habe ich daher nur selten und vorübergehend erlebt. Es ergriff mich auch nicht stark genug, um mich zu besonderen Anstrengungen für seine Wiedergewinnung zu veranlassen.
Zu gegebener Zeit begannen die gemeinsamen Tanzübungen mit den Mädchen. Sie stammten aus den gleichen Kreisen wie wir und betrugen sich äußerst zurückhaltend und gesittet, wie das strenge Regel war. Da Herr Krickmeyer uns auch wissenschaftlich vorbereitet hatte, wie wir mit diesen fremdartigen Wesen umzugehen hatten, fand ich die Durchführung des neuen Experiments nicht so schwierig, wie ich ursprünglich gefürchtet hatte. In der Pause trennten sich beide Gruppen augenblicklich wieder. Während wir Jünglinge in kurzen, vielbedeutenden Worten unsere Eindrücke austauschten, klang aus dem Mädchenzimmer ein aufgeregtes Gezwitscher vieler gleichzeitiger Stimmen herüber.
Natürlich hatte nach einiger Zeit jeder seine Flamme, die er anbetete und der er schüchterne Huldigungen[59]  darbrachte. Die meine hieß Eveline, hatte hellblonde lange Locken, eine gebogene Nase und ein stolzes Gesicht; sie verhielt sich meist schweigsam. Ich versuchte ihr Wohlgefallen dadurch zu gewinnen, daß ich ihr erzählte, sie hätte große Ähnlichkeit mit einer meiner Kusinen, die ich sehr gern hätte, und war sehr verblüfft, als sie diese Mitteilung mit unzweideutigster Kälte entgegennahm. Erst viel später habe ich gelernt, daß man nicht sicherer die Unzufriedenheit einer Frau hervorrufen kann, als indem man sie mit einer anderen vergleicht, wenn man nicht alsbald hinzufügt, daß jene andere überhaupt nicht verdiene, mit ihr verglichen zu werden.
Die Tanzstunden nahmen mit dem scheidenden Winter ihr Ende. Als ich in dem darauf folgenden Frühling einmal mit meinen Freunden auf einer mehrtägigen Wanderung am nächtlichen Lagerfeuer saß, holte ich die kleinen Erinnerungszeichen an Eveline hervor und gedachte sie in feierlicher Rührung zu verbrennen, da ich sie seitdem nicht wieder gesprochen hatte. Aber die Rührung wollte nicht recht vorhalten und mitten in der Feierlichkeit mußte ich laut lachen.
Der Jugendfreund. Der Betrag an gesellschaftlicher Politur, welche der brave Krickmeyer auf meinem rauhen Fell erzeugt hatte, war nicht groß. So ergriffen meine Eltern gern eine Gelegenheit, die sich mir bot und von der sie viel mehr erwarten durften. Es war ein häuslicher Tanzkursus, den die Mutter meines Freundes Fritz Seeck für ihren Sohn, ihre beiden Töchter und zwei Nichten veranstaltete und zu dem mein Freund mir eine Einladung überbrachte, trotz der Bedenken, welche seine Mutter geäußert hatte, die mich von gelegentlichen Besuchen bei ihrem Sohn als ungeleckten Bären kannte.
Fritz Seeck, der von allen meinen Schulkameraden mir am nächsten gestanden hat, war gleichfalls der Sohn eines durch persönliche Tüchtigkeit emporgekommenen[60]  Mannes. Dieser war Schlosser oder Maschinenbauer gewesen und hatte ein Gerät erfunden, welches das Verpacken des Flachses besonders erleichterte. Da Flachs ein Hauptartikel des aufblühenden Rigaschen Handels war, so wurde die Seecksche Schraube in großen und steigenden Mengen benutzt und der Erfinder und Hersteller wurde schnell ein reicher Mann, der zum Unterschied von seinen Brüdern, die andere Gewerbe trieben, der Schraubenseeck genannt wurde. Er heiratete eine junge Lehrerin, die ihm vier Kinder, zwei Söhne und dann zwei Töchter schenkte. Ich habe ihn nicht kennen gelernt, denn er war früh gestorben und hatte seiner Witwe neben einem reichlichen Vermögen die Aufgabe hinterlassen, die hochbegabten Kinder gut zu erziehen, wozu sie wegen ihres früheren Berufes besonders geeignet war.

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Fritz war der zweite Sohn. Der erste hieß Otto und war vier oder fünf Jahre älter als Fritz. Er studierte in Dorpat Geschichte, wurde in Berlin ein Lieblingsschüler Mommsens und hat als Professor der Geschichte in Münster und Greifswald sich einen angesehenen Namen gemacht, der weit über die Fachkreise hinausgedrungen ist. Ich habe ihn damals nur selten gesehen, wenn er zu den Ferien nach Hause kam. Als später auch mich mein Beruf nach Deutschland gebracht hatte, habe ich ihn näher kennen und sehr schätzen gelernt. Er ist vor einigen Jahren gestorben.
Fritz war noch begabter, als sein Bruder. Er war in meinem Alter, hatte gleich mir eine besondere Neigung zu den Naturwissenschaften und das brachte uns näher zusammen. Frau Seeck wußte in ihrem Hause ein reges geistiges Leben zu entwickeln; sie besaß eine gute Bücherei und sorgte dafür, daß ihre Kinder bald mit den Schätzen der Literatur bekannt wurden. Diese Anregungen und Förderungen gab Fritz an mich weiter, nebst den Büchern dazu, und so danke ich der gütigen aber gestrengen Frau[61]  Seeck, deren Weise noch deutlich an ihren früheren Beruf erinnerte, zunächst eine einigermaßen geregelte und umfassende Einführung in den Reichtum der Dichtkunst im weitesten Sinne. Ebenso wurde ich in der Musik geleitet und gefördert. Sie hatte oft genug Gelegenheit, Ungeschliffenheiten und Rücksichtslosigkeiten an mir zu rügen und tat es in einer Weise, daß ich weder den Respekt noch das Vertrauen verlor. Da ich oft, wenn ich um die Zeit bei meinem Freunde war, mich mit ihm und seinen Schwestern an den Familienkaffeetisch setzen durfte, hatte ich Gelegenheit, ein wenig die Scheu und Ungeschicklichkeit abzulegen, die mir wegen Mangels an Übung den Verkehr mit gleichaltrigen Mädchen so sehr erschwerte.
Von den Schwestern stand die ältere, Helene, ihrem Bruder wie an Alter so an Anlagen und Interessen am nächsten, so daß sich hier auch für mich Anknüpfungspunkte ergaben. Sie war wohlgebildet und erschien meinem jugendlich begeisterten Auge als eine vollkommene Schönheit, für die ich bald eine tiefe Zuneigung empfand, die ich natürlich ängstlich zu verbergen mich bemühte. Ich glaube aber nicht, daß mir das auch nur einem Mitgliede des kleinen Kreises gegenüber gelang. Man sah die Sache mit humoristischem Wohlwollen an und Frau Seeck hat sie wohl auch gelegentlich als Hilfsmittel für ihre freiwillige Erziehungsarbeit an mir benutzt. Ich hatte keinen weiteren Wunsch, als mein Ideal von fern anbeten zu dürfen. Sie selbst ließ dies wohl nicht ungern gelten und beglückte mich gelegentlich durch kleine Zeichen persönlicher Teilnahme an meinen Interessen, die den ihrigen parallel gingen. Denn sie las viel und mancherlei. Auch ihr älterer Bruder Otto kümmerte sich um ihre Ausbildung und gab ihr geschichtliche Literatur bis zu ziemlich gelehrter Beschaffenheit. Dem Treiben ihrer lebenslustigen Altersgenossinnen[62]  brachte sie geringe Teilnahme entgegen. Nach dieser Seite neigte sich viel mehr die jüngere Schwester, die natürlich mein ausschließliches Interesse für die andere dumm fand und mich links liegen ließ, was mir eine gewisse Erleichterung gewährte.
So kann man sich denken, wie glücklich ich war, als einmal in der Schule Freund Fritz mich fragte, ob ich an dem erwähnten Tanzabend teilnehmen wollte. Ich sagte begeistert zu und wußte sogar meine Eltern zur Anschaffung eines geeigneten Anzugs für diesen Zweck zu bewegen. Diese Anwandlung setzte sie einigermaßen in Erstaunen, da ich bis dahin keinen besonderen Wert auf meine äußere Erscheinung gelegt hatte.
Nachdem die ersten schweren Abende mit den vielen fremden Damen und Töchtern und zwischen Genossen überwunden waren, die alle aus wohlhabenden Häusern stammten, und mir an Sicherheit des Benehmens weit überlegen waren, begannen glückliche Zeiten für mich. Die Lebhaftigkeit und Seltsamkeit meiner Äußerungen erwarb mir bald eine Sonderstellung, die bei vorwiegendem Spott doch auch ein wenig Achtung bedang. Ich aber schwamm unbekümmert um Widerspruch und Anerkennung in Seligkeit, wenn ich »ihr« beim Tanz oder Tisch Gesellschaft leisten durfte. Natürlich hatten sich auch zwischen den anderen Teilnehmern zarte Beziehungen entwickelt und es war eine so fröhliche Harmonie in dem ganzen Kreise entstanden, daß wir alle ungern den Tag kommen sahen, an welchem sich unsere kleine Gesellschaft wieder auflösen sollte.
Zu unserer Ausbildung in der Tanzkunst war die beste Lehrerin angestellt worden, die in Riga zu finden war. Sie hieß Frau Weller und war die Gattin eines angesehenen Primgeigers in der Theaterkapelle. Sie war eine magere, bewegliche Person mit lauter Stimme, die ihre Lämmlein und Böcke energisch zu regieren wußte[63]  und kräftig zugriff, wenn es galt, einen Langsamen oder Ungeschickten in Trab zu bringen.
Mit mir war sie dauernd unzufrieden. Zuerst hatte ich das meiste umzulernen, was ich aus dem früheren Unterricht mitgebracht hatte, dann aber war bei mir Kopf und Herz zunehmend stärker in Anspruch genommen, so daß die Beine darüber zu kurz kamen. Frau Weller faßte gegen Ende des Kursus ihr Urteil über mich in die niederschmetternden Worte zusammen, die sie mir über den Saal hinweg zurief: Herr Ostwald, aus Ihnen wird überhaupt nie etwas werden. Dies hatte mir den Mut so völlig genommen, daß ich seitdem dem Tanz entsagt habe; so hat sie durchaus Recht behalten.


Der Dichter des Tanzabends. Als nun der letzte gemeinsame Tanzabend in sichtbare Nähe gerückt war, berieten wir, wie die Sache würdig abzuschließen sei. Mir als dem Schreibgewandtesten und an schnurrigen Einfällen Reichsten, wie man mich noch von meiner weiland Zeitschrift her kannte, wurde der Auftrag zuteil, für einen dramatischen Schlußeffekt zu sorgen. Ich suchte nach einer Form, in der die mannigfaltigen kleinen Ereignisse unserer Zusammenkünfte, wo sich die verschiedenen Persönlichkeiten, jede in ihrer Art offenbart hatten, uns scherzhaft wieder in die Erinnerung gerufen werden konnten. Das gab einen gegenständlichen Inhalt und enthob mich der Qual allgemeiner Redensarten. Es wurden also zwei stimmkräftige und genügend intelligente Jünglinge ausgewählt, die sich als ein altes Ehepaar ausstaffieren und vor den Zuhörern darüber beraten sollten, ob sie ihren Kindern die Teilnahme an einem Tanzstundenzirkel gestatten könnten. Beide hatten die größten Bedenken gegen die gefährliche Unternehmung und begründeten diese gegenseitig durch böse Erfahrungen, die man bei solchen Zusammenkünften gemacht habe, wofür sie abwechselnd allerlei Beispiele anführten. Diese[64]  Beispiele waren unseren eigenen Erlebnissen entnommen und ich hatte Sorge getragen, daß jedes Mitglied unseres Kreises leicht erkennbar durchgehechelt wurde, die Jünglinge vom Papa und die Mädchen von der Mama. Besondere Heiterkeit entstand, als beide auch auf sich selbst die zugehörigen Scherzverse aufsagen mußten. Große Sorge bereitete mir die Notwendigkeit auch meiner Verehrten ihren Anteil an Spott zukommen zu lassen; ich half mir, indem ich auf die für eine junge Dame ungewöhnliche Wahl ihres Lesegutes hinwies: »ihre Gelehrsamkeit ist auch arg, sie erstreckt sich sogar bis auf den Plutarch«. Wie man erkennt, hatte mir wieder die unsterbliche Jobsiade mit ihren Knittelversen als Muster für die poetische Form gedient. Die Aufführung fand statt, indem die beiden Sprecher sich während des Abendessens unbemerkt entfernten, im Kostüm ihrer Rollen wiederkamen und über den Tisch hinweg ihr Gespräch durchführten. Jede neue Anspielung wurde mit Jubel begrüßt, die noch nicht Vorgenommenen warteten mit Spannung, die Erledigten mit Schadenfreude auf das Kommende und das Ganze endete in allgemeinem Gelächter.
Schulschluß. Darüber kam die Zeit heran, wo ich fast achtzehn Jahre alt mich auf die Abgangsprüfung vorzubereiten hatte. Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, deutsche Sprache und Literatur machten mir nicht die mindeste Sorge, Englisch und Französisch glaubte ich leidlich erledigen zu können, mit der Geschichte und dem Russischen sah es dagegen bedenklich aus. Da mein Gedächtnis indessen willig genug war, verschaffte ich mir mehrere verschiedene Lehrbücher der »Weltgeschichte« und las in ihnen vergleichend die einzelnen Abschnitte nach. Dadurch, daß ich denselben Tatbestand in mehreren verschiedenen Darstellungen kennen lernte, wurde es mir ziemlich leicht, mir das Sachliche einzuprägen. So konnte ich auch über dieses Fach[65]  einigermaßen beruhigt sein. Der Stein des Anstoßes war das Russische. Von meinen Schicksalsgenossen wurde mir angedeutet, daß es Mittel gebe, diese Klippe zu umschiffen; ich war jedoch zu stolz, um darauf einzugehen. Die Folge war demgemäß auch, daß ich in allen andern Fächern gut bestand, im Russischen dagegen nicht die amtlich erforderte Eins erhielt und daher durchgefallen war. Denn es war, als erste Stufe der Russifizierung, ein Reskript von Petersburg ergangen, daß bei nicht erstklassiger Leistung im Russischen das Abgangszeugnis unbedingt zu versagen sei. So mußte ich meine Sehnsucht, an der Landesuniversität Dorpat Chemie zu studieren, um ein halbes Jahr zurückstellen.
Die russische Prüfung. Den gut gemeinten Vorschlag des Direktors Haffner, auf die gesamte Prüfung zu verzichten und sie beim nächsten Termin mit noch besseren Ergebnissen zu wiederholen, lehnte ich dankend ab, da ich das Recht auf eine Ergänzungsprüfung im Russischen allein hatte. Bei der Fülle meiner Interessen war mir die bevorstehende freie Zeit äußerst willkommen; sie wurde auch weidlich ausgenutzt. Durch den Schaden belehrt, sorgte ich diesmal dafür, daß sich auch mir jener zwar krumme aber sicher zum Ziel führende Weg auftat, um die russische Prüfung zu bestehen. Er war echt russisch.
Im Prüfungsausschuß befand sich auch ein russischer Priester namens Sokolow, der den Religionsunterricht der nicht zahlreichen Angehörigen des griechisch-katholischen Ritus zu besorgen hatte. Bei diesem pflegten zwei Primaner, die vor dem Abschluß standen, gegen ein recht hohes Honorar russischen Unterricht zu nehmen. Der Aufwand wurde von sämtlichen Beteiligten an diesem Geschäft bestritten. Für dieses Mal wurde mir nebst einem anderen noch aktiven Primaner der Auftrag zuteil. Der Unterricht wurde sehr willkürlich besucht und meistens geschwänzt. Doch nahm es der Priester übel, wenn wir[66]  nicht wenigstens von Zeit zu Zeit bei ihm antraten. Er bewirtete uns dann mit Tee und plauderte uns in seiner Sprache allerlei vor, was sich meist gut anhörte, denn er war ein dicker, sehr gemütlicher Herr mit schönem Bart und langfallendem Lockenhaar, der sich gar nicht priesterlich gab. Zuweilen nahm er einen besonderen Aufschwung und trug uns russische Geschichte vor, wie er sie auffaßte. So schilderte er uns die Einführung des Christentums in Rußland, wie der Zar Wladimir, der dafür hernach den Namen des heiligen erhielt, Priester aller erreichbaren Religionen zusammenberufen hatte, um zu ermitteln, welche von diesen er seinen Untertanen vorschreiben sollte. Die Juden wurden zunächst von der Liste abgesetzt, da sie unter dem Zorn ihres Gottes standen, der sich offenbar noch nicht beruhigt hatte, da sie noch immer in der Verbannung lebten. Auch der katholische Priester hatte keinen Erfolg, da seine Lehre zu unverständlich war. Am liebsten wäre Wladimir Muhamedaner geworden, wegen des schönen Paradieses und weil der Prophet den Gläubigen so viele Frauen gestattete, als sie haben wollten. Aber ein absolutes Hindernis war ihm das Weinverbot. Denn »was wäre der Russe ohne Schnaps!« schaltete Sokolow nachdenklich ein. Der griechisch-katholische Vertreter hatte ein großes Gemälde mitgebracht, auf welchem die Hölle dargestellt war, in welcher die Ungläubigen auf die mannigfaltigste Weise um ihres Unglaubens willen gefoltert wurden. Dies Bild machte auf Wladimir einen so unwiderstehlichen Eindruck, daß er die Religion dieser Priester wählte, aus Furcht, hernach in Ewigkeit ebenso übel behandelt zu werden. Die nicht leichte Aufgabe, hernach sein ganzes Volk in kürzester Frist zum Christentum zu bekehren, löste er durch einen genialen, technischen Kunstgriff. Die Leute wurden zu Tausenden durch einen seichten Bach getrieben: dann waren sie getauft und somit Christen.[67]
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Diese heiteren Geschichten waren indessen nicht der Zweck der Unternehmung. Als Mitglied der Prüfungskommission hatte Sokolow Kenntnis von allen Examenaufgaben, somit auch vom deutschen Text zur schriftlichen Übersetzung ins Russische, welche für die Prüfung den Ausschlag gab. Einige Tage vor dem Prüfungstermin verlor er zufällig aus seiner Tasche, als er sich auf einen Augenblick aus der Privatstunde entfernte, ein beschriebenes Papier, das wir ebenso zufällig aufhoben und an uns nahmen. Bei seiner Rückkehr warf er einen Blick auf die Stelle, wo es gelegen hatte, und nickte bebefriedigt, da es verschwunden war. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Dank und fanden hernach auf dem Zettel genaue Angaben über jenen Text – es war etwas von Schiller – die sich in der Folge als ganz richtig erwiesen. Wir konnten alle eine gute Übersetzung zum Examen mitnehmen und abliefern.
Dieser Handel wurde ganz unbefangen betrieben, ohne daß wir ein Gefühl des Unrechts dabei gehabt hätten. Denn es war uns längst geläufig geworden, daß beim Verkehr mit russischen Beamten durch ein angemessenes Trinkgeld alles möglich gemacht werden konnte. Daß auch die deutsche Lehrerschaft den gleichen Standpunkt als selbstverständlich anerkannte, zeigte sich diesmal besonders deutlich. Jener Zettel hatte zwar die Angabe der Stelle enthalten, wo der Text stand, nebst den Anfangsworten. Dagegen fehlte eine Nachricht über den Schluß, so daß wir alle der Sicherheit wegen ein viel längeres Stück in russischer Übersetzung mitgenommen hatten. Diese mußte also so weit abgeschrieben werden, als der uns bei der Prüfung diktierte Text reichte. Einem Schicksalsgenossen, der es an Frechheit uns allen zuvortat, war dies zu umständlich. Er strich einfach das Überschüssige aus und lieferte das Blatt in diesem Zustande ab. Obwohl das ein unmittelbarer Beweis der Durchstecherei war,[68]  hat doch kein Lehrer diesen Schluß ausgesprochen, denn ohne den Nebenweg hätte das Gymnasium überhaupt keine Abiturienten abliefern können, weil niemand in der Schule soviel Russisch lernen konnte, wie der Regierungserlaß beanspruchte.
Anfänge der Lehrtätigkeit. Um während des halben Jahres, das ich noch in Riga zubringen mußte, regelmäßige Beschäftigung zu haben, übernahm ich den Unterricht einiger Kinder, welche zum Eintritt in eine Schule vorbereitet werden sollten. Es war dies mein erster unterrichtlicher Versuch. Die Arbeit machte mir das größte Vergnügen und ich glaube auch, daß meine kleinen Schüler und Schülerinnen mich nicht ungern kommen sahen, obwohl die Umwelt – eine wohlhabende und betitelte deutschrussische Familie aus dem Reich mit ziemlich russischen Anschauungen – nichts weniger als günstig für mich war, der ich von ihren Lebensformen sehr wenig besaß. Am meisten aber setzte mich in Erstaunen, daß man mich für das Vergnügen, das ich beim Unterrichten hatte, außerdem noch bezahlte. Objektiv vermutlich dürftig genug, subjektiv dagegen sehr reichlich, denn ich hatte bisher noch nie soviel bares Geld besessen. Ich benutzte einen Teil, um meiner Mutter eine Nähmaschine zu kaufen. Dies Arbeitsmittel war soeben erst bis nach Riga vorgedrungen und die Freude, welche meine gute Mutter daran hatte, rührt mich noch jetzt.
Aus der Verwunderung, daß man mir meine Freuden noch besonders bezahlte, bin ich dann fast durch mein ganzes Leben nicht herausgekommen, denn das Forschen, Unterrichten und Bücherschreiben, womit ich in der Folge für mich und meine Familie die Mittel für den Lebensunterhalt und die Kulturbedürfnisse und -wünsche uneingeschränkt beschaffen konnte, bildeten damals wie jetzt die reichste und reinste Quelle meiner mannigfaltigen Lebensfreuden.
[69]  Die Gestaltung der Zukunft. Über die Wahl meines Studiums habe ich nie den geringsten Zweifel gehabt. Mein Vater hatte sehr gewünscht, aus mir einen Werkwalt (Ingenieur) zu machen und mir deshalb zugeredet, das Rigasche Polytechnikum zu besuchen. Aber darauf wollte ich mich nicht einlassen. Nicht, daß mir dieser Beruf unerwünscht erschien; ich hatte ja von Kindheit auf starke technische Neigungen gehabt und betätigt und wäre gegebenenfalls wohl auch ein überdurchschnittlich tüchtiger Werkwalt geworden. Aber die freie Forschung im unbegrenzten Meer des noch Unbekannten kam mir dagegen so zauberhaft schön vor, daß das Bedenken, daß die künftigen wirtschaftlichen Aussichten für den wissenschaftlichen Chemiker sehr ungünstig lägen, da eine nennenswerte chemische Industrie in meiner Heimat noch nicht vorhanden war, bei mir nur ein unbekümmertes Lächeln hervorrief. An solche wirtschaftliche Dinge dachte ich überhaupt nicht und in meinen kühnsten Zukunftsträumen sah ich mich höchstens als Assistent des Dorpater Chemieprofessors. Denn daß man mit wenig Geld nicht nur sich zufrieden und heiter durchschlagen, sondern ein innerlich reiches Leben führen kann, hatte ich ja zuhause genügend erfahren. Und irgend welche Wünsche nach prächtiger Wohnung, gewählter Kleidung, Tafelgenüssen und dergleichen lagen mir ganz fern, wenn ich auch den Gegensatz zwischen der bescheidenen Lebensweise meiner Eltern und der üppigen Umgebung einiger meiner Schulkameraden kennen gelernt und empfunden hatte.
Ebenso wie das Studium war für mich auch der studentische Kreis gegeben, in den ich eintreten wollte.

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Etwa die Hälfte der Dorpater Studentenschaft war in große Korporationen von je rund 100 Mitgliedern organisiert, die landsmannschaftlich gekennzeichnet waren, aber eine burschenschaftliche Verfassung nach dem Muster[70]  der Jenaer Burschenschaft vom Anfange des neunzehnten Jahrhunderts besaßen. Nach den drei Ostseeprovinzen hießen sie Kuronia, Livonia und Estonia. Außerdem hatte meine Vaterstadt als bei weitem die größte des ganzen Landes eine selbständige Korporation, die Fraternitas Rigensis gebildet. Diese Gründungen hatten in den ersten Jahrzehnten des laufenden Jahrhunderts stattgefunden, so daß die Korporationen um die Zeit meiner Studentenjahre eine nach der anderen ihr halbhundertjähriges Bestehen feiern konnten. Ihre Verfassung war im Wesentlichen unverändert geblieben. Sie übten ein erhebliches Maß von Selbstverwaltung und Verwaltung der ganzen Studentenschaft aus. Dem »Burschengericht«, das über ehrenhaftes Verhalten und studentischen Anstand wachte, unterwarfen sich nicht nur die inkorporierten Studenten, sondern auch alle »Wilden«, denn die höchste Strafe, über die es gegen Widerspenstige verfügte, der »Verschiß« (Verruf), machte dem Betroffenen das Leben an der Universität so unmöglich, daß niemand wagte, sich ihn durch Mißachtung der Entscheidungen des Burschengerichts zuzuziehen. Die Gerichtsverhandlungen waren öffentlich und die korporellen »Füchse« waren verpflichtet, sie zu besuchen, um so an tatsächlichen Fällen aus dem studentischen Leben die Weise zu erlernen, nach der sie ihr eigenes Leben einzustellen hatten. Die Burschenrichter wurden von den Korporationen aus ihrer Mitte gewählt und ich darf ihnen das Zeugnis geben, daß sie sich ehrlich bemühten, zu gerechten und unbefangenen Urteilen zu gelangen. Zwischen den Studenten herrschte im Verkehr allgemein das brüderliche Du. Wäre durch meine Abstammung aus Riga nicht von vornherein die Wahl unter den Korporationen entschieden gewesen, so hätte ein anderer Umstand im gleichen Sinne entschieden. Mein nächster Freund Fritz Seeck, der mit mir zugleich das Abgangsexamen[71]  gemacht, aber die russische Klippe glücklich umschifft hatte, an der ich gescheitert war, hatte des halb die Universität ein Semester früher bezogen, war bei den Rigensern eingetreten und bereits im ersten Semester in den engeren Verband aufgenommen worden, womit erst das Recht verbunden war, bunte Mütze und Farbenband zu tragen. Ihm und mir war es selbstverständlich, daß ich bei den Rigensern eintreten mußte.



 Viertes Kapitel.
Studentenjahre.










[72] Als Fuchs nach Dorpat. So fuhr ich im Januar 1872 im Alter von 181/2 Jahren unter Führung des »Fuchsoldermanns« mit einem Trupp anderer Rigascher Abiturienten nach Dorpat ab. Eine Eisenbahn dahin gab es nicht; man reiste mit Postpferden in sehr einfachen offenen Schlitten, durch Strohbündel notdürftig gegen Kälte geschützt, die man von innen durch reichliche Gaben Alkohol bekämpfte. Alle 20 Werst (oder Kilometer) gab es eine Poststation, wo Schlitten, Pferde und Kutscher gewechselt wurden. Bei guter Schlittenbahn nahm die Reise etwa 30 Stunden in Anspruch; bei schlechten Wegen konnte man bis zu drei Tagen unterwegs sein.
Schon die Hinreise entwickelte mir ein deutliches Bild von dem Studentenleben, das mich erwartete. Es stand ganz vorwiegend unter dem Zeichen des Alkohols. Sich zu betrinken, war keine Schande, sondern etwas Normales, fast eine Pflicht. Der »Oldermann« ging uns mit seinem Beispiel voran und seine Herde von Mulen (Mulus war man zwischen Abgangsexamen und Immatrikulation) bemühte sich, ihm nachzukommen. Stundenlang lag der Eine oder der Andere bewußtlos zwischen den Koffern im Schlitten und es war zum Erstaunen, daß dabei keine ernstlichen Unfälle geschahen. Ich war[73]  durch meinen kräftigen Körper einigermaßen gegen die Vergiftung geschützt, so daß ich meine fünf Sinne zusammen behielt.
Durch meinen Freund war ich auf diese Lebensweise vorbereitet; Bier und stärkere Getränke hatte ich schon in meinen letzten Schülerjahren kennen gelernt. So sah ich es als eine natürliche Aufgabe an, mich diesem studentischen Leben anzupassen. In Dorpat angelangt, bezog ich mit einem Mediziner Hermann Meyer, einem guten aber nicht besonders begabten Jungen eine Studentenwohnung mit recht primitiver Einrichtung, was uns beide nicht weiter bekümmerte. Da die strenge Vorschrift bestand, die Kneipen um 10 Uhr zu schließen, pflegten die Kommilitonen das abendliche Gelage im »Fuchsquartier«, d.h. in der Wohnung eines der Füchse fortzusetzen, der dazu Bier und Tabak beschaffen mußte. Am ersten Abend schon ging es zu Meyer und mir. Die Gesellschaft war sehr groß und sehr angeregt, da eben der Abschied eines alten und beliebten Landsmannes nach bestandenem Examen gefeiert worden war. Mit erstaunten Augen sah ich das wüste Treiben und die ungeheuren Biermengen an, die vertilgt wurden. Gegen drei Uhr morgens wurde der Gefeierte bewußtlos, er »fiel ab«, wie der Fachausdruck lautete. Er wurde kurzerhand in mein Bett gelegt, die Gesellschaft zerstreute sich und mein unerwarteter Gast erleichterte seinen überfüllten Magen durch Ströme erbrochenen Biers.
Da draußen eine Kälte von –20° herrschte, konnte ich nur kurz lüften. Ich richtete mich auf dem Sofa, das in keiner Studentenbude fehlte, notdürftig zum Schlafen ein. Beim ersten Morgengrauen erwachte ich gleichzeitig mit dem Gast, mit dem ich am Abend vorher nicht bekannt geworden war. Ich beobachtete, wie er sehr verstört aufstand und ziemlich lange Zeit brauchte, bis er wußte, wer und wo er war. Dann spuckte er zornig[74]  in die Bescherung hinein, die er im Bett und daneben angerichtet hatte, suchte Mantel und Mütze und ging davon, ohne ein Wort zu sagen. Ich habe ihn später kennen gelernt und wir sind recht gute Freunde geworden.
Ich war darüber wieder eingeschlafen. Als ich von neuem erwachte und zögernd die Augen öffnete, da ich wenig Lust hatte, die Wüstenei wieder anzusehen, war ich erstaunt, nichts davon vorzufinden. Inzwischen war die Aufwärterin, eine kräftige ältere Estin, die mit der Wohnung zusammen gemietet worden war, dagewesen, hatte die Spuren des nächtlichen Gelages beseitigt, das Bett frisch bezogen, das Zimmer gesäubert und die Kaffeemaschine aus Weißblech, die in keinem studentischen Haushalt fehlte, in Betrieb gesetzt, so daß der frische Duft des Kaffees den abgestandenen Tabaksgestank, der an allen Gegenständen haftete, wohltätig überdeckte. So brachte auch ich mich wieder in Ordnung und erfrischte meine brennenden Augen in dem eiskalten Wasser der Waschschüssel. Mittlerweile war auch Freund Meyer aufgewacht und bald saßen wir am Frühstückstisch und besprachen aufgeregt die Ereignisse des vergangenen Abends.
Ich muß bekennen, daß ich ziemlich erschrocken über diese erste Probe meines bevorstehenden Lebens war und mich darüber alsbald mit meinem erfahrenen Freunde Seeck aussprach. Er beruhigte mich, daß dies ein besonderer Fall gewesen sei, da nicht alle Tage ein alter Landsmann verabschiedet würde. Zu Mittag fand das feierliche Komitat statt, wo der scheidende Frater, umgeben von den »Chargierten« mit Schärpe und Hieber, vor sich die Korporationsfahne, hinter sich die ganze Korporation unter dem gemeinsamen Gesange: Bemooster Bursche zieh ich aus, Behüt dich Gott, Philisterhaus, Zur alten Heimat geh ich ein, Muß selber nun[75]  Philister sein usw. durch die Stadt bis zur Post zog, um in letzter Rede und Gegenrede den Burschenjahren Valet zu sagen. Mein leicht bewegliches Gemüt wurde durch die Poesie dieses Vorgangs lebhaft ergriffen und machte mich gern willig, das am vorigen Abend Erlebte als einen zwar unangenehmen, aber notwendigen Teil des mannigfaltigen Burschenlebens anzusehen.
An einem der nächsten Tage fand die Immatrikulation der neuen Studenten statt, durch welche wir endgültig in diesen Stand aufgenommen wurden. Rektor war damals der Ophthalmologe Georg von Öttingen, einer der drei Brüder Öttingen (der andere war Theolog, der dritte Physiker), die damals an der Universität eine ausschlaggebende Rolle spielten. Während früher der Rektor von der Regierung ernannt worden war – der letzte »Kronsrektor« war mein Schuldirektor Haffner gewesen, dem von diesem Amte her der Titel Exzellenz anhaftete – war vom Kaiser Alexander II. der Universität das Recht der Rektorwahl verliehen worden, was dann unmittelbar zu einer erheblichen wissenschaftlichen Blüte der Universität geführt hat. Denn auch die Berufungen waren in die Hand der Professorenversammlung gelegt worden und die Regierung hatte sich nur das Recht der Bestätigung vorbehalten, die selten versagt wurde. G. von Öttingen war einer der ersten Wahlrektoren gewesen. Er führte ein strammes Regiment und dämmte allzu explosive Äußerungen der überschäumenden Jugendlust durch Karzerstrafen. Eines seiner Opfer hatte rachedurstig an die Wand seiner Zelle das Zitat aus H. Heines Harzreise über Göttingen geschrieben: »G. Öttingen sieht man am besten mit dem Rücken an.« Der Rektor fand den Scherz gut und ließ die Inschrift bestehen; sie wurde viele Jahre lang den freiwilligen wie unfreiwilligen Besuchern des Karzers vorgewiesen.
[76]  Korporationsleben. Inzwischen hatte auch unsere Einführung in das studentische und korporative Leben durch den Fuchsoldermann stattgefunden. Die Satzungen der Fraternitas wurden uns vorgelesen, soweit sie für den weiteren Kreis der schwarzen Mützen in Betracht kamen und unser tägliches Leben wurde geregelt. Darnach hatten wir um 10 Uhr vormittags in der Kneipe anzutreten und blieben dort bis Mittag gegen 1 Uhr. Der Nachmittag war frei, wenn nicht eine kleinere Gesellschaft sich im Fuchsquartier zu einer Nachmittagsbowie ansagte. Um 7 Uhr war Fuchstee, eine besonders hübsche Einrichtung. Auch die älteren Studenten pflegten mit einem oder zwei Freunden die Wohnung zu teilen. Da zudem meist mehrere selbständige Studentenwohnungen sich unter dem gleichen Dach befanden, so vereinigten sich oft etwas größere Gruppen zu gemeinsamen Mahlzeiten am Abend. Hier nun war es die Regel, daß für einen Fuchs oder für einige, je nach der Größe der Gruppe, ein Platz und Gedeck offen gehalten wurde. Von dieser Pflicht waren nur solche ältere Studenten befreit, welche wegen bevorstehenden Examens ihre Zeit zurate halten mußten.
Wir Füchse hatten das Recht, kurz vor Sieben in solchen »Burgen«, wo es Fuchstee gab, vorzusprechen und anzufragen, ob noch ein freier Platz vorhanden war. Traf dies zu, so war man ohne weiteres Gast, anderenfalls fragte man in der nächsten Burg an. Da die Zahl der Plätze die der Füchse reichlich übertraf, fand man in der Regel bald Unterkunft.
Da bei diesen Zusammenkünften ausnahmsweise kein Bier getrunken wurde, sondern Tee, so hatten sie auch einen wesentlich anderen Charakter. Es war dies die Gelegenheit, wo allgemeine Interessen, Poesie, Musik, Kunst im allgemeinen, Weltanschauung, Philosophie und zuweilen auch Wissenschaft besprochen wurde.[77]  Hier lernten die älteren Studenten die feinere Seite der Füchse kennen und hatten ihrerseits Gelegenheit, in solchem Sinne auf diese einzuwirken. Durch den Zufall des täglichen Rundganges kam im Laufe des Semesters jeder mit jedem mehrfach in Berührung und das genauere gegenseitige Kennenlernen, das die Voraussetzung für das gedeihliche Zusammenleben der Korporation war, konnte hier ohne den Nebel der alkoholischen Vergiftung vonstatten gehen. Tatsächlich habe ich beim Fuchstee bei weitem die angenehmsten Stunden meines ersten Jahres in Dorpat erlebt und das Material für das Wenige an Menschenkenntnis gesammelt, mit der ich hernach auskommen mußte.
Vom Fuchstee ging es wieder in die Kneipe und von dort um 10 Uhr ins Fuchsquartier. Auch hier wurde ein ziemlich regelmäßiger Umlauf eingehalten, so daß die Belastung einigermaßen gleichförmig sich verteilte.
Wie man sieht, war die Organisation unseres Burschenstaats ziemlich kommunistisch, was die Schätze anlangt, welche die Motten und der Rost fressen; persönlich herrschte dagegen eine strenge Rangordnung. Die den Füchsen obliegenden Lieferungen von Bier und Tabak für die nächtlichen Gelage bedingten einen Aufwand, der in fast allen Fällen den Semesterwechsel des Einzelnen weit überstieg. Die Kaufleute gewährten aber ohne Schwierigkeit Kredit, so daß der Korporationsstudent bereits im ersten Semester die Grundlage der Schuldenlast zu beschaffen pflegte, mit deren Abtragung er hernach oft lange Zeit zu tun hatte.
Der soziale Aufbau war einerseits nach dem Studienalter, andererseits nach der Zugehörigkeit zum engeren oder weiteren Kreis geregelt. Nach unseren Satzungen waren die einzigen Vorbedingungen zum Eintritt die, daß der Bewerber »Christ und immatrikuliert« sei. Eine akademisch gebildete Judenschaft gab es in Riga kaum;[78]  auch wurde der erste Punkt nicht streng inne gehalten. Von einem methodischen Antisemitismus war überhaupt zu jener Zeit noch nichts vorhanden. Der eingetretene Fuchs war »Fechtbodist«, nahm an allen geselligen Zusammenkünften teil, war aber vom Konvent des engeren Kreises, der gesetzgebenden Versammlung, ausgeschlossen. Ein Abzeichen seines Anschlusses an den Verband trug er nicht. Nach einer Prüfzeit, die mindestens ein Semester dauerte, konnte er zur »Aufnahme« vorgeschlagen werden; zum Beschluß gehörte eine Zweidrittelmehrheit. Den Vorschlag pflegte ein älterer »Landsmann« zu machen, der dem Kandidaten besonders nahe stand und blieb. Als Mitglied des engeren Kreises erhielt der zum Landsmann Aufgenommene mit der bunten Mütze und dem Farbenbande Zutritt zu den Konventen und wurde für die Ämter wahlfähig, soweit sein Burschenalter dies erlaubte.
Das Burschenalter beherrschte den geselligen Verkehr. Zum Biertrinken gehörten immer zwei. Der Ältere füllte das Glas, das nur etwa ein Fünftel Liter faßte und sagte dem ausgewählten Jüngeren, mit dem er trinken wollte: »Ich steige dir vor«, trank das Glas zur Hälfte leer und reichte es dann dem Anderen, der es mit einem »Prosit« vollends leerte. Nur bei vertrautem persönlichen Verhältnis konnte die Reihenfolge umgekehrt werden. Hatte einer etwas gesagt oder getan, was Mißbilligung hervorrief, so verurteilte ihn ein Älterer zur Leerung eines ganzen Glases. Dies wurde aber alsbald eine soziale Angelegenheit, denn der Verhängende mußte mit lauter Stimme den zugehörigen Strafgesang anstimmen, der wieder genau nach dem Burschenalter abgestuft war. Bei den Füchsen hieß es: Der Fuchs, der hat Verschiß gemacht, drum wird er billig ausgelacht. Die höheren Jahresklassen hießen: junges Haus, altes und bemoostes Haus; und der Gesang lautete: z.B. »Unserem alten[79]  Hause, unserem alten Hause ist ein scheußlich Pech widerfahren. Zieh, Schimmel zieh.« Der Jüngere hatte dem Älteren gegenüber keine Strafgewalt, er mußte sich gegebenenfalls durch das Wort seiner Haut wehren. War der Fall darnach, so griff wohl auch ein noch Älterer ein und verurteilte seinerseits den unbillig Angreifenden zu einem »Pech«. Auf solche Weise gelang es ganz gut, den Auswüchsen der Streitlust, die sich so leicht unter jungen, oft berauschten und höchst selbstbewußten Menschen betätigt, im Entstehen vorzubeugen.
Einen Mensurzwang gab es nicht, wohl aber einen regelmäßigen Besuch des Fechtbodens, auf dem mit stumpfen Rappieren gefochten wurde. Scharfe Mensuren waren auf den Ernstfall beschränkt. Sie kamen ziemlich selten vor und durften nur nach eingehenden Verhandlungen vor einem mit den angesehensten und vertrauenswürdigsten Burschen besetzten Ehrengericht unter dessen Zustimmung ausgefochten werden.
Die Erklärung eines Teils, daß er grundsätzlicher Gegner des Duells sei, war ausschlaggebend für das Vorschreiben einer mündlichen Genugtuung seitens des Beleidigers. Pistolenduelle kamen kaum je vor und wurden dann meist außerhalb Dorpats erledigt.
Die Wissenschaft. Was das Studieren anlangt, so wurde uns Füchsen immer wieder erklärt, daß das Einleben in den Geist und das Wesen der Fraternitas für uns das Allerwichtigste sei. Man müsse sich dieser Aufgabe ungeteilt widmen und so sei der Besuch der Vorlesungen als schädliche Ablenkung hiervon eher zu vermeiden. Studieren könnten wir hernach, nachdem wir uns in der »goldenen Burschenzeit« einen Schatz von schönen Erinnerungen für unser späteres Philisterleben gesammelt hätten. Obwohl mir diese Lehre nicht recht einleuchten wollte, da ich dachte, daß jede Lebenszeit ihre eigenen Freuden bringen müsse, für welche schöne Erinnerungen[80]  nur ein unzulängliches Surrogat wären, und obwohl mich andererseits darnach verlangte, die vielgeliebte Wissenschaft nun aus erster Quelle zu genießen, ließ ich mich doch zunächst durch das einstimmige Urteil meiner Umgebung leiten. Denn da ich im engen häuslichen Kreise aufgewachsen war, fast ohne Zutritt zu irgendwelcher weiter reichenden Geselligkeit zu haben, imponierte mir der große selbstbewußte Kreis gewaltig, in den ich mich so plötzlich versetzt sah.

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Die Söhne der ersten Familien der Stadt, des regierenden Bürgermeisters, der Ratsgeschlechter, der höchsten Würdenträger der Landeskirche saßen hier auf derselben Bierbank mit den Kindern von Kaufleuten; Handwerkern und anderen namenlosen Leuten, ohne daß ihnen ihre günstigere Abstammung zu besonderem Vorteil gereichte. Hier wurde der Träger eines der ersten Namen der Stadt unbarmherzig gehänselt, weil er bei einer Rede im Konvent plötzlich den Faden verloren hatte und sich beschämt setzen mußte, dort beherrschte der Sohn eines kleinen Branntweinhändlers überlegen seine Umgebung, die er an Witz und Willenskraft überragte. Denn so genau sich die regierende Oberschicht meiner Vaterstadt gesellschaftlich von den anderen Ständen absonderte: der Student, wenn er in den engeren Kreis aufgenommen war, galt überall als gesellschaftlich gleichberechtigt. Und gab sich eine besondere Begabung auf der Universität zu erkennen, so sorgte jene Schicht dafür, sie aufzunehmen, um die besten Köpfe stets im eigenen Lager zu haben und frisches Blut in den alten Körper zu leiten.
Persönliche Einstellung. Obwohl das Realgymnasium, aus dem ich stammte, von den im beschränktesten Philologenhochmut erzogenen Angehörigen des »Kronsgymnasiums«, welche die überwältigende Mehrheit bildeten, durchaus als minderwertig angesehen wurde,[81]  kam man mir von den meisten Seiten freundlich entgegen und ließ die hitzige Verteidigung meiner Mutteranstalt gelten. Es wird wohl auch allerlei Nachricht über meine mannigfaltigen Betätigungen und Interessen in diesen Kreis gelangt sein, für dessen ältere Mitglieder die Frage nach der Beschaffenheit des Nachwuchses eine ernste Angelegenheit war. Ich ließ mich denn auch frei und unbefangen gehen und nahm die demokratische Gleichheit aller Kommilitonen durchaus ernst. Für die vielfältigen und oft höchst absurden Blasen meines überkochenden Denkens fand ich belustigte, manchmal auch teilnehmende Hörer, wobei ich freilich bald merken mußte, daß ich für meine Wissenschaft nicht auf einen so freundlichen Wiederhall rechnen durfte wie für meine Witze. Unter meinen rund hundert Genossen gab es damals nur zwei Chemiker; der eine stand kurz vor dem Abschluß, so daß ich ihn kaum kennen lernte, und der andere war nur etwas älter als ich und hatte die Chemie als Brotstudium ergriffen. Gleiche Begeisterung, für die Naturwissenschaft, wie ich sie empfand, entdeckte ich erst später bei einem einzigen Frater, dem Mineralogen Lagorio, mit dem mich seitdem eine dauernde Freundschaft verbunden hat. Auch dieser Umstand hat wohl dazu beigetragen, daß mir über dem vielen Neuen, das ich erlebte, die alte Liebe zur Chemie in den Hintergrund trat. Tatsächlich erinnere ich mich nicht einmal, ob ich im ersten Semester überhaupt eine Vorlesung gehört habe. Vermutlich habe ich einige Male das Kolleg besucht; einen tiefen und dauernden Eindruck habe ich jedenfalls nicht davongetragen.
Die Aufnahme. So näherte sich mein erstes Studentensemester seinem Ende. In Dorpat bestand die auch in den skandinavischen Ländern übliche Semesterteilung, die mit der Jahresordnung zusammenfällt und die Ferien einerseits um Weihnacht, andererseits in den Hochsommer[82]  legt. Sie ist viel vernünftiger als die deutsche, welche die Osterferien viel zu früh im Jahr hat und die Herbstferien zu lange in eine Zeit ausdehnt, wo man schon lieber im Zimmer sitzt und arbeitet, ganz abgesehen von den Datumschwankungen des Ostertermins. Die Folge ist die bekannte Ungleichheit der Dauer und Wirksamkeit von Winter- und Sommersemester; das erste ist zudem noch in unwillkommener Weise durch die Pause von Weihnacht bis Neujahr unterbrochen. Nach dem Weltkriege war gute Gelegenheit, den alten Fehler zu verbessern, doch niemand hat sie benutzt.
Wieder fiel in den knospenden Frühling des Jahres 1872 die aufgeregte Zeit, wo, wie die älteren, erfahrenen Fechtbodisten uns mitteilten, auf unserem Konvent die Beratungen über die Aufnahme neuer Landsleute stattfanden, die sehr ernst genommen wurden und gewöhnlich mehrere Sitzungen beanspruchten. Nachfragen nach den Aussichten der Einzelnen galten als grobe Taktlosigkeit, die dem Betreffenden eine vorhandene Aussicht zerstören konnte, es wurde also alles zu erwähnen vermieden, was damit irgendwie zusammenhing. Nachdem die Entscheidung gefallen war (wovon wir nichts wußten), wurde das Ergebnis den Beglückten keineswegs gleich verkündigt, sondern es begann ein Spiel mit Andeutungen, verfänglichen Fragen, halben Erklärungen, welche die Hoffenden auf eine arge Folter spannten. Da ich alle diese Dinge zum ersten Male erlebte, war ich natürlich viel unbefangener, als meine älteren Schicksalsgenossen, die schon eine oder einige Enttäuschungen durchgemacht hatten. Dazu kam, daß sich zu mir ein alter, kurz vor dem Abgang stehender Landsmann gesellt hatte, der erst gegen Ende des Semesters in Dorpat erschienen war. Ich hatte ihn um so weniger kennen gelernt, als er mir gar nicht gefiel, da er sich als ziemlich rüder Geselle ohne höhere Interessen[83]  gab. Ich nahm seine anzüglichen Neckereien sehr kalt auf, da ich sie für einen Ausfluß seines unangenehmen Naturells hielt und dachte an nichts weniger als an ein näheres Verhältnis zu ihm. Daher war meine Verblüffung unbeschreiblich, als er mir schließlich die schwarze Mütze vom Kopf nahm und dafür seine bunte aufsetzte, als Zeichen der erfolgten Aufnahme in den engeren Kreis. Erst als mir mein Freund Seeck mit Lachen und Glückwünschen um den Hals fiel, fing ich an, das Geschehene zu begreifen. Es stellte sich heraus, daß von den 14 Füchsen meines »Coetus« ich der einzige würdig Befundene war, obwohl später fast alle aufgenommen worden sind. Bei dem darauf folgenden Festgelage tranken mir meine neuen Brüder alle vor, so daß ich mit Bier angefüllt wie noch nie auf das Lager sank.

Der junge Landsmann. Dies war mein erster öffentlicher Erfolg und ich lernte zum ersten Male die Freude kennen, als einziger unter vielen ausgezeichnet zu werden. In den nächsten Tagen erfolgte die feierliche Aufnahme vor versammeltem Festkonvent, die Einführung in den engeren Kreis und meine Verpflichtung, Ehre und Wohl der Fraternitas stets zu wahren. Bald darauf ging es nach Hause in die Ferien. Mit ganz anderen Gefühlen als vor fünf Monaten durch die farblose Landschaft endloser Schneefelder und schwarzer Kiefernwälder fuhr ich in der ersten Pracht des jungen Sommers durch die ganz veränderte Welt der alten Heimat zu. Mit zärtlichem Stolz bewillkommnete mich die gute Mutter; der strenge Vater heiterte seine ernste Miene auf und ließ sich von mir zu seinen geselligen Zusammenkünften mit den Jagdfreunden begleiten.

Ich darf nicht verhehlen, daß ich mich lächerlich genug benommen haben mag, als ich mich in meiner jungen Würde meinen Tanzstundenflammen zeigte und[84]  von einigen meiner älteren Fratres in ihre Familien eingeführt wurde. Mir lag nicht eben viel daran, welche Eindrücke ich hier hinterlassen mochte, da ganz andere Dinge mein Gemüt erfüllten. Ich gab mich rückhaltlos dem »goldenen Burschenleben« hin und hatte meine helle Freude an seinen Ereignissen.
In Riga wurde von jeher das Johannisfest mit besonderem Nachdruck gefeiert. Bei den Letten lebte es als altheidnisches Frühlingsfest fort und die Kirche hatte es, da es sich als unausrottbar erwies, in ihrer Art auf den heiligen Johannes umgetauft. Am Vorabend des Festes war der »Krautabend«, ein großer Markt, zu dem die Bauern Majoran, Thymian und andere Kräuter brachten, dazu aus Binsenmark und Hauslauch nach uralten Mustern gefertigte Körbchen und Kronen, die den Kindern geschenkt und wohl auch an der Decke im Vorzimmer aufgehängt wurden. Gruppen von bekränzten lettischen Frauen und Mädchen zogen von Haus zu Haus, sangen ein altes Lied mit dem Kehrvers Lihgo Jahni, tanzten dazu und erwarteten ein kleines Geschenk. Am späten Nachmittag zog ganz Riga an die Düna, um sich in geschmückten Booten auf dem breiten, ruhigen Strom zu tummeln. Die zahlreichen Gesang- und anderen Vereine schifften sich mit Musik auf großen Fähren ein, die in phantastischer Weise hergerichtet waren und ließen abwechselnd ihre Weisen über das Wasser klingen. Auch wir Studenten von der Fraternitas Rigensis hatten unsere Fähre, sangen unsere Studentenlieder dazwischen und schauten vergnügt nach den hübschen hellgekleideten Mädchen in den Einzelbooten aus, die besonders zahlreich unser Floß umschwärmten. Dann kam die Pracht des Sonnenunterganges, der das weite Wasser vergoldete, die bunten Laternen wurden angezündet und nur langsam klang der schöne Krautabend aus.[85]
Während des Sommers ging jeder Rigenser, der es sich einigermaßen leisten konnte, an den »Strand«, die flache, von schönstem Sand gebildete Küste des Rigaschen Meerbusens. Viele wohlhabende Rigenser besaßen dort eigene Sommerhäuser, die anderen wohnten zur Miete in einfachen, einstöckigen Holzhäusern, die von den Fischerbauern für diesen Zweck errichtet wurden. In der Nähe des Ausflusses der Düna ins Meer fingen die Strandorte an und setzten sich dann in viele Kilometer langer Reihe in dem Maße nach Süden fort, als die Zahl der Bewohner von Riga und ihr Wohlstand zunahm.
Dies Strandleben war ungemein behaglich. Die sonst sehr strengen Formen der gesellschaftlichen Etikette wurden gelockert, der Verkehr der jungen Leute beider Geschlechter war freier und unbefangener und vor allem waren wir Studenten in den bunten Mützen als die Hoffnung des Landes überall gern gesehen. Wenn zufällig ein älterer Herr einen Studenten kennen gelernt hatte, lud er ihn kurzerhand ein oder nahm ihn gleich mit, um ihn über Nacht zu beherbergen, wenn die Sitzung bis über die Abfahrt des letzten Dampfers nach Riga gedauert hatte. Denn die von den Rigensern mit Hingabe und Erfolg geübte Geselligkeit vollzog sich ganz im Hause. Öffentliche Tanzbelustigungen gab es kaum, es fehlte sogar in mehreren großen Badeorten überhaupt an Gasthäusern, zu deren Besuch eine Dame sich auch in Herrenbegleitung nicht leicht entschloß.
Landsmannschaftliches Einleben. So vergingen die Sommerferien im Fluge. Die Herbstfahrt nach Dorpat zeigte wieder eine andere Landschaft und der Leimgeruch der ausgedehnten Flachsrösten prägte sich als das Kennzeichen dieser Jahreszeit ein. Mir stand nun als nächste Aufgabe ein tieferes Eindringen in das Wesen und den Zweck der Fraternitas bevor. Ich machte mich aus dem damals ganz ungeordneten Archiv der Korporation[86]  mit der Geschichte unserer Verbindung bekannt und kam der Aufgabe, mit möglichst vielen Landsleuten in ein näheres Verhältnis zu treten, mit Eifer nach. Auch stand für den Januar 1873 die fünfzigjährige Jubelfeier unseres Bundes bevor. Dazu wurde eine große Zahl älterer Bundesbrüder aus Riga, vom Lande und aus dem Reich erwartet, da das Bekenntnis zur Rigensis als Widerspruch gegen die einsetzenden Russifizierungsmaßnahmen gerade von unseren älteren Angehörigen als eine politisch-patriotische Pflicht angesehen wurde.
Es wurde zum Fest ein riesiger Saalbau gemietet, der vor vielen Jahren von einem phantastischen Spekulanten errichtet war. Er hatte lange unbenutzt gestanden, war sehr verfallen und sollte nun festlich geschmückt werden. Ein älterer Landsmann namens Poelchau, der als Zeichenlehrer und Künstler in Riga lebte, übernahm die Oberleitung und fragte nach künstlerischen Kräften unter den aktiven Landsleuten. Es erwies sich, daß nur Lagorio und ich Zeichenstift und Pinsel zu handhaben verstanden. Wir komponierten und malten einige riesengroße Transparente, monumental gedachte Studenten in ausgezeichneten Augenblicken ihres akademischen Lebens und wichtige Orte in Landschaftsbildern darstellend. Als wir fertig waren, mußte ich feststellen, daß Lagorios Landschaften künstlerisch weit besser waren, als meine Studentengestalten. Da aber der große Ernst, mit dem ich meine Aufgabe ausgeführt hatte, sich wohl auch unwillkürlich in meinen steifen Figuren ausgedrückt hatte, erhielten sie gleichfalls anerkennendes Lob vom Meister Poelchau und wurden von den Kommilitonen, die nichts davon verstanden, teils angestaunt, teils kritisiert.
Die Winterferien waren mit Vorbereitungen zum Jubelfest, das auf den 23. Januar fiel, vollauf erfüllt, so daß ich nur zum Schlafen nach Hause kam und die[87]  Eltern wenig sah. Ich merkte doch, daß mein Treiben dem Vater zunehmend Bedenken machte. Ich hatte ihm nicht verhehlt, daß ich für das Studium unter dem Korporationsleben wenig Zeit übrig behielt und hatte ihm die vielfältigen Pflichten eines »aufgenommenen« Fuchses geschildert. Der Erfolg, den meine Aufnahme in die sehr angesehene Landsmannschaft bedeutete, hatte ihn vorübergehend beruhigt und er hoffte, daß mit Abschluß des Fuchsenjahrs der Ernst beginnen würde. Nun sah er mich wieder mit allerlei Dingen eifrigst beschäftigt, die mit Chemie nichts zu tun hatten und ich bemühte mich, ihm die große Wichtigkeit der bevorstehenden Feier zu Gemüt zu führen. Kopfschüttelnd ließ er es gelten, sprach aber seine Erwartung aus, daß ich nach Abschluß der Festtage endlich ernstlich an das Studium denken würde.
Das Fest verlief so glänzend, wie erwartet war. Zu Hunderten waren die altert Landsleute nach Dorpat gekommen, obwohl die Wege in schlechtem Zustande und die Posten überfüllt waren. In Dorpat waren jeder »Burg« nach ihrem Umfang einige Ehrengäste zugeteilt, und auch die »Carusburg«, die ich mit zwei anderen jungen Landsleuten bewohnte, die gleich mir soeben den Sprung vom Fuchs zum »jungen Hause« gemacht hatten und damit selbständige Persönlichkeiten in unserer Burschenwelt darstellten, hatte gleichfalls einige alte Herren zu beherbergen. Für die Festtage war das allgemeine Du eingeführt und die rückhaltlose Herzlichkeit, mit der die alten Herren, die vielfach ausgezeichnete Stellungen im öffentlichen Leben einnahmen, uns jungen Kerlen begegneten, machte auf mich den größten Eindruck und gehört noch heute zu meinen besten Erinnerungen. Mehrfach schenkten uns unsere neuen Bekannten das brüderliche Du über die Festtage hinaus für den Rest ihres Lebens.[88]


Die Wogen der allgemeinen Begeisterung gingen besonders hoch, da wir wußten, daß uns Ostseedeutschen schwere Tage durch die von Moskau aus immer wilder geforderte Russifizierung bevorstanden. Neben einem guten Anteil an engem Provinzpartikularismus empfanden wir unsern Widerstand dagegen als Kulturpflicht, denn was an die Stelle der zu verdrängenden deutschen Kultur gesetzt werden konnte, war in jeder Richtung minderwertig.
So stand hinter dem üblichen Festüberschwang doch auch viel ernstes und wahres Gefühl. Die eben erfolgte Gründung des Deutschen Reichs aber hatte auf die Moskauer Panslavisten so aufreizend gewirkt, daß sie unverzüglich Maßregeln zur Unterdrückung des deutschen Wesens in den Ostseeprovinzen forderten und auch so schnell durchsetzten, als die schwerfällige Maschinerie des russischen Beamtentums es erlauben wollte.
Das Studium. Der Abbau des Festes erforderte neue Arbeit, wobei mir als einem der wenigen Kunstkundigen ein guter Anteil zufiel. Doch wirkte die Mahnung meines Vaters soweit auf mich ein, daß ich begann, Vorlesungen zu hören und, da diese mir wenig Freude machten, Lehrbücher der zunächst zu bearbeitenden Fächer anzuschaffen und durchzusehen. Denn bei den Vorlesungen störte mich, daß das Zeitmaß meiner Gedanken durch den Vortragenden bestimmt wurde und nicht durch mein Bedürfnis, hier länger zu verweilen und dort schneller voranzukommen. Das Buch dagegen ist geduldig; es wartet, bis man fertig gedacht hat, und erlaubt wieder jede Geschwindigkeit. Da ich eine Vorliebe und Dankbarkeit für das Buch aus meinen früheren Erlebnissen mitbrachte, ist es dabei geblieben, und ich habe während meiner ganzen Studienzeit kaum eine Vorlesung regelmäßig gehört.[89]
In Dorpat bestand ein ziemlich entwickeltes System akademischer Grade. Das eigentliche Studium schloß nach den Prüfungen mit einer wissenschaftlichen Arbeit ab, die aber nicht veröffentlicht zu werden brauchte. Wer dies geleistet hatte, war Kandidat. Mit dieser Stufe begnügten sich die Meisten, namentlich, wenn sie in die praktischen Berufe des Lehrers, Advokaten, Richters usw. übergingen. Wer eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollte, arbeitete einige Semester an einer Dissertation, welche höheren wissenschaftlichen Ansprüchen genügen mußte. War sie von der Fakultät angenommen, so wurde sie gedruckt und mußte öffentlich in der Aula verteidigt werden, ebenso die angehängten Thesen. Dies ergab den Grad eines Magisters, der zur Habilitation an der Universität berechtigte. Eine weitere, noch anspruchsvoller beurteilte Dissertation nebst öffentlicher Disputation ergab den Doktorgrad, der die Voraussetzung für die Bekleidung einer ordentlichen Professur war. Es waren wohl alte aus Deutschland herübergenommene Formen, sagt doch Faust: Heiße Magister, heiße Doktor gar. Nur bei den Medizinern war bereits die erste Stufe mit dem Doktortitel verbunden; demgemäß wurde der Dr. med. erheblich niedriger eingeschätzt, als der recht seltene Doktor in einer der anderen Fakultäten.
Für mich handelte es sich zunächst nur um die Kandidatenprüfung. Diese erstreckte sich über rund 15 Fächer und wurde in drei Teilen von je 5 Fächern abgelegt, die in beliebigen Zwischenräumen erledigt werden konnten. Die Wahl der Fächer war frei mit einigen Einschränkungen bezüglich der Reihenfolge; zum ersten Drittel in der Chemie gehörten gebräuchlicherweise die mathematischen Fächer (ohne höhere Mathematik), Experimentalchemie, Physik, Mineralogie, Kristallographie, Dinge, die mir zum Teil ganz neu waren. Ich[90]  hatte in aller Gemächlichkeit angefangen zu studieren; da aber wieder der betörend plötzliche und schöne nordische Frühling einbrach, so ging ich häufiger »auf die Länder« als an den Studiertisch. Bald war wieder die Zeit zur Heimfahrt da.
Zuhause fragte mich mein Vater, wie weit ich mit meinen Arbeiten gekommen sei. Ich antwortete aus der eben gekennzeichneten Stimmung heraus, fand dafür aber durchaus kein Entgegenkommen. Es wurde mir vorgehalten, daß drei Jahre die amtlich vorgeschriebene Studienzeit seien, und daß davon schon die volle Hälfte verstrichen war, ohne daß ich überhaupt Ernst mit dem Studium gemacht hätte. Vergeblich wendete ich ein, daß tatsächlich niemand nach sechs Semestern fertig würde und daß acht und mehr die Regel seien. Das kommt eben von der unsinnigen Zeitvergeudung, sagte mein Vater. So gab ein Wort das andere, bis ich schließlich hochstieg und erklärte, wenn ihm soviel daran läge, würde ich das erste Drittel der Prüfung zu Beginn des nächsten Semesters machen. Denn die Termine wurden am Anfang und Ende jedes Semesters abgehalten. Der Vater nahm mich beim Wort, und ich hatte wieder einmal das moralische Schwungrad in Bewegung gesetzt.
Die Sommerferien waren erfreulich lang, fast zwei Monate, und ich konnte ohne Hast an die Ausführung der so plötzlich übernommenen Verpflichtung gehen. Zum Hause in der Alexanderstraße gehörte ein großer Garten mit einem netten Gartenhäuschen und schattiger Veranda. Dort habe ich unter Blumenduft und Vogelgezwitscher die nötigen Fächer durcheinander studiert, indem ich mich an einem anderen erholte, wenn ich durch das eine ermüdet war. Auch fand ich, daß die Schwierigkeiten der analytischen Geometrie sich am besten überwinden ließen, wenn ich nur solange arbeitete, bis die ersten Bewegungen des jedem Examenarbeiter[91]  wohlbekannten Mühlrades im Kopfe spürbar wurden. Dann verbummelte ich einen Tag oder einige mit den Kommilitonen, womöglich am Strande, und wenn ich dann zu meinen Büchern zurückkehrte, fand ich in meinem Kopfe alle die Dinge wohlgeordnet und übersichtlich vor, die ich vor zwei Tagen als Chaos sich selbst überlassen hatte. Es lohnt also nicht, die Aufnahme der Kenntnisse erzwingen zu wollen. Das kostet unzweckmäßig viel Energie und wirkt erschöpfend, was man alles vermeidet, wenn man dem Kopf seine normale Verdauungszeit läßt. Denn damit kommt man doch am weitesten. Es ist wie der langsame Schritt, mit dem der erfahrene Bergsteiger seine Wanderung beginnt und der dem Anfänger so lächerlich erscheint; man behält dann genug Atem für die steileren Stellen übrig. Diese praktische Philosophie hat sich in dem Schweizer Gruß: Zeit lossn ihren Ausdruck geschaffen.
Die bestandene Prüfung. Ich machte mich in aller Zuversicht im Herbst auf den Weg nach Dorpat, vom Vater mit zweifelndem Kopfschütteln verabschiedet, weil er doch nicht den Eindruck gehabt hatte, als hätte ich wirklich ernsthaft gearbeitet. Ich meldete mich heiter zum Examen und bestand es durch das entgegenkommende Wohlwollen einiger meiner Professoren, welche mich die Lückenhaftigkeit der schnell erworbenen Kenntnisse merken ließen, ohne mir daraus einen Fallstrick zu drehen. Die Beschämung darüber veranlaßte mich, trotz des bestandenen Examens meine Bücher wieder vorzunehmen, um noch soviel nachzulernen, als ich hätte wissen müssen.
Dies wurde mir leicht, denn nun tat sich mir das wissenschaftliche Paradies auf, um dessen willen ich nach Dorpat gegangen war, und dessen Tor ich mir durch eigene Schuld so lange selbst zugesperrt hatte. Dies Paradies war das chemische Laboratorium. Es gehörte dort zu[92]  den sehr vernünftigen Ordnungen des Chemiestudiums, daß man zu den praktischen Arbeiten nicht früher zugelassen wurde, als nachdem man die Prüfung in anorganischer Chemie bestanden hatte. Nun hatte ich diese Bedingung erfüllt und nichts hinderte mich mehr, anzufangen. So stellte ich mich mit den wenigen anderen werdenden Chemikern im Laboratorium zur gegebenen Stunde eines Vormittags ein, um richtig chemisch zu arbeiten.
Das chemische Laboratorium befand sich in einem Flügel des Universitätsgebäudes und bestand aus dem Hörsaal, drei größeren Räumen, welche die Dampfbäder, die Wagen und den Arbeitstisch für den Anfänger enthielten und drei kleinen Zimmern, dem des Professors, der Bücherei und einem Raum für Fortgeschrittene. Im Arbeitszimmer hatten etwa zwölf Anfänger Platz; auch die beiden Assistenten waren dort untergebracht. Vier bis sechs Vorgeschrittene teilten sich in die übrigen Zimmer.
Verglichen mit den heutigen Riesenlaboratorien waren es also äußerst bescheidene und beschränkte Räume. Ebenso war die Ausstattung beschaffen. Gas gab es in Dorpat noch nicht; es wurde erst nach meiner Studienzeit eingeführt. Unsere Erhitzungen und Glühungen mußten wir mit Spirituslampen, einfachen und solchen nach Berzelius machen. Organische Verbrennungen geschahen, wie seinerzeit in Liebigs Laboratorium, mit Holzkohle. Für hohe Temperaturen bis Weißglut diente ein Gebläse nach Deville mit Terpentinöl als Brennstoff, das ein solches Getöse machte, daß man es nicht benutzen durfte, wenn im Hörsaal Vorlesung war. Ein einziger Diener, ein schweigsamer und finsterer Este, genügte reichlich, um die mit Lochplatten bedeckten Kessel zu heizen, die als gemeinsame Dampfbäder dienten, die Reagentien nachzufüllen, die Lampen[93]  zu putzen, den Hörsaal in Ordnung zu halten und im Winter die Heizung der Räume durch große Kachelöfen und ihre Beleuchtung durch Öllampen zu besorgen.

Trotz der Dürftigkeit der Mittel war der Unterricht vortrefflich. Dies war das Verdienst sowohl des Professors als des Assistenten.

Karl Schmidt. Gedenke ich meines Chemielehrers Karl Schmidt, so beseelt mich warme Dankbarkeit, denn als Mensch wie als Gelehrter hat er mir sehr viel gegeben. Karl Schmidt war 1827 in Kurland geboren. Zuerst zum Apotheker bestimmt, zeichnete er sich so bald aus, daß man ihm zu höherem Studium verhalf, indem er die Mittel erhielt, sich in Berlin, Gießen und Göttingen unter Justus Liebigs, Friedrich Wöhlers und H. Roses Führung auszubilden. Auch hier ragte er bald unter seinen Arbeitsgenossen hervor. Wöhler schreibt am 17. Dezember 1844 an Liebig: Dr. Karl Schmidt hat jetzt eine physiologisch-chemische Arbeit: »Zur Charakteristik der wirbellosen Tiere« beendigt ... er ist in der Tat ein ganz ausgezeichneter geistvoller Kerl, der beste Kopf der Art, den wir hier haben.« Und Liebig antwortete am 14. März 1845: »Sage dem Dr. Schmidt, daß ich seine Arbeit vortrefflich finde, daß sie aber im Werte nichts verloren hätte, wenn er die hohen Flüge auf der letzten Seite nicht gemacht hätte ... Er ist sehr tüchtig und wenn er ein paar Jahre älter sein wird, so wird ihm manches in anderem Lichte erscheinen. Wie wir jung waren, haben wir auch diese Dinge im Kopf gehabt.«

Die erwähnte Arbeit bezieht sich auf die chemische Zusammensetzung der Gerüstsubstanz bei niederen Lebewesen. Karl Schmidt entdeckte bei diesen Untersuchungen, daß bei den Salpen, einer verhältnismäßig hoch organisierten Tierklasse, das Gerüst aus Zellulose[94]  besteht, dem Zellstoff der Pflanzen, der sonst nirgends im Tierreich vorkommt.
Auf Grund dieser Arbeiten und der warmen Empfehlung seines Lehrers Wöhler, der unter anderem geschrieben hatte: »In der Genauigkeit und Sicherheit der Analyse ist er uns allen überlegen«, wurde Schmidt in Dorpat zuerst zum außerordentlichen und bald darauf zum ordentlichen Professor ernannt. Er setzte dort seine physiologisch-chemischen Forschungen mit größtem Eifer fort und veröffentlichte in schneller Folge mehrere Schriften aus diesem Gebiet, von denen jede einen wichtigen Fortschritt enthält.
So begründete er unter anderem die mikroskopische Analyse, die erst in unseren Tagen die ihr zukommende Entwicklung gefunden hat. In einer mit dem Mediziner Bidder zusammen herausgegebenen Arbeit »Zur physiologischen Chemie des Stoffwechsels« hat er als erster durch genaue Analysen die einzelnen Vorgänge der Verdauung bei den höheren Tieren und dem Menschen verfolgt und die fundamentale Entdeckung des Vorhandenseins freier Salzsäure im Magensaft gemacht. So war eine ungeheure Menge Arbeit in wenigen Jahren zustande gekommen, die um so imposanter ist, als die analytischen Methoden jener Zeit noch sehr unvollkommen und zeitraubend waren. Tatsächlich hat Schmidt, um dem täglichen Stoffwechsel seiner Versuchstiere analytisch nachzukommen, monatelang täglich 18 bis 20 Stunden am Experimentiertisch zugebracht und die spärliche Nachtruhe, um keine Zeit zu verlieren, auf einer Matratze im Laboratorium gehalten.
Der Professor. Als ich zu Karl Schmidt in das Laboratorium kam, war er fünfzig und einige Jahre alt. Die physiologischen Forschungen hatte er längst aufgegeben. Als Lebensarbeit seiner zweiten Periode hatte er unternommen, die Mineralbestandteile aller Gewässer[95]  der Erde nach einheitlichem Verfahren festzustellen. Wie er früher den Stoffwechsel der Tiere untersucht hatte, so gedachte er nun gleichsam den Stoffwechsel der Erdrinde zu ermitteln. Das Regenwasser laugt langsam den Boden aus, auf den es fällt und befördert gleichzeitig den chemischen Zerfall der Gesteine, wodurch immer von neuem lösliche Stoffe erzeugt und aufgenommen werden. In den Bächen und Flüssen laufen diese wässerigen Auszüge zusammen und mischen sich zu Mittelwerten. Die Weltmeere nehmen ihrerseits diese Stoffe auf und konzentrieren sie, da sie nur reines Wasser als Dampf dem Luftmeere abgeben.
Die entsprechende experimentelle Arbeit war sehr eintönig, da es sich immer um dieselben einfachen Handgriffe an denselben Stoffen handelte, doch war Schmidt unermüdlich tätig, der erste im Laboratorium am Morgen, der letzte am Abend. Und als ich später in seinem Hause bekannt geworden war, klagte mir seine Frau, daß sein Fleiß mit zunehmendem Alter immer schlimmer geworden sei.

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Karl Schmidt war ein langer, magerer Mann mit schmalem Kopf, starker Nase, eisgrauem Haar und dünnem Bart. Er bewegte seine langen Glieder mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Geschicklichkeit. Seine Sprache war laut und sehr schnell; die Studenten sagten, er könne »Limonade gazeuse« in einer Silbe aussprechen. Um in der Vorlesung seine Hörer nicht durch den Strom seiner Worte zu überwältigen, hatte er sich gewöhnt, kurze Sätze schnell hervorzustoßen und dann ebensolange Pausen zu machen. Im persönlichen Verkehr war er lauter Güte und Höflichkeit gegen jedermann. Ich habe gesehen, wie ihm einmal sein jüngstes etwa zehnjähriges Töchterchen mit einem Trupp Schulkameradinnen auf der Straße entgegenkam. Er schwenkte vor den Mädeln mit weiter Armbewegung seinen Hut, rief ihnen[96]  einen heitern Gruß zu und sprang vom Fußsteig in den Schnee, um ihnen Platz zu machen. Für seine Schüler war er jederzeit zu sprechen, von größtem Entgegenkommen und wo er wissenschaftliche Interessen fand, zu jedem Opfer bereit. Ich werde mehrfach von seiner Güte zu berichten haben.
Der Assistent. Wir Anfänger hatten natürlich zunächst nicht persönlich mit ihm zu tun, obwohl wir ihn beständig vor Augen hatten. Denn unser Arbeitszimmer lag unmittelbar neben dem seinen und die Tür wurde nur ausnahmsweise geschlossen, etwa wenn der Professor Besuch hatte. Den regelmäßigen Unterricht erhielten wir von Johann Lemberg, dem ersten Assistenten, einem in jeder Beziehung bemerkenswerten Mann, dem ich für meine wissenschaftliche Erziehung mehr Dank schulde, als irgendeinem anderen meiner Lehrer.
Lemberg war von armer und dunkler Herkunft. Es wurde erzählt, daß er seine alte Mutter unterhalte; da er aber gar keinen häuslichen Verkehr hatte, so hatte niemand sie je zu Gesicht bekommen. Seine Lebensweise und Kleidung war die denkbar anspruchloseste; doch hielt er sein Äußeres in Ordnung, wenn auch sein Mantel verblichen und seine Mütze außer aller Form war. Er war eher klein als groß gewachsen, hielt sich gebückt und sah neben seinem Professor eher wie ein Diener als wie ein Mitarbeiter aus. Sein Gesicht erinnerte mit den starken Backenknochen und der breiten Nase an den Typus des dortigen Landvolkes. Von seinem sandblonden Haupthaar hatte er, als ich ihn kennen lernte, schon den größeren Teil verloren; die von den Schläfen ausgehenden kahlen Dreiecke hatten sich auf dem Scheitel zu vereinigen begonnen, so daß sich von der Stirn zum Hinterhaupt ein schmaler Streifen aufrecht stehender Haare zog, der an einen Hahnenkamm erinnerte. Das Kinn trug einen Demokratenbart.
[97]  Lembergs wissenschaftliche Entwicklung hatte, soviel ich weiß, sich ausschließlich in Dorpat unter Karl Schmidts Einfluß vollzogen und seine Arbeiten, denen er kaum weniger fleißig oblag, wie sein Lehrer, bezogen sich gleichfalls auf die chemischen Vorgänge in der anorganischen Welt der Erdoberfläche. Während aber Schmidt sich mit den Endergebnissen des Abbaus in der wässerigen Bodenlauge beschäftigte, untersuchte Lemberg die mannigfaltigen chemischen Vorgänge, die sich in den Mineralien selbst während dieses Abbaus vollziehen. Führer und Vorbild war ihm der deutsche Forscher Gustav Bischoff (1792–1870), seiner Zeit Professor in Bonn, der Begründer der chemischen Geologie, dessen grundlegendes Werk Lembergs wissenschaftliche Bibel war. Die experimentelle Seite seiner Arbeit bestand gleichfalls in unzähligen Analysen, teils natürlicher Mineralien von Gebieten, wo sich Umwandlungen zeigten, teils künstlicher, die er durch langandauernde Einwirkung verschiedener Lösungen auf wohlgekennzeichnete Ausgangsstoffe hergestellt hatte. Seine Ergebnisse standen an Genauigkeit und Zuverlässigkeit denen seines Lehrers nicht nach. Sein Arbeitsplatz sah aber ganz anders aus. Während bei Schmidt alle Gläser blitzsauber und kristallklar sein mußten, hatte Lemberg den Grundsatz, daß sie nur im Inneren, wo sie mit seinen Stoffen in Berührung standen, tadellos rein zu sein brauchten, während sie außen den grauen Beschlag behalten mochten, den alles Glas bald in der Laboratoriumsluft annimmt.
Der Unterricht. Der Laboratoriumsunterricht, den Lemberg erteilte, war ungewöhnlich gut. Da wir nur etwa ein halbes Dutzend Anfänger waren, hatte jeder sehr viel von ihm. Sein Arbeitsplatz war in demselben Zimmer, wie die unsrigen, nur an einem anderen Tisch, und so konnten wir ihn in jedem Augenblick um Rat bitten, wenn wir nicht weiter wußten, wie auch er sofort[98]  jeden Fehler gegen die Regeln der Kunst bemerkte und verbesserte, den wir begehen mochten. Von seinem Vorbild Bischoff hatte er für die Deutung seiner Arbeitsergebnisse die Begriffe des chemischen Gleichgewichts, der Massenwirkung und der Reaktionsgeschwindigkeit übernommen, welche damals und noch lange im Bewußtsein des durchschnittlichen Chemikers überhaupt nicht vorhanden waren. Er prägte uns von vornherein ein, daß es keine absolut unlöslichen Stoffe, keine absolut vollständigen Reaktionen, überhaupt nichts Absolutes in der Natur gebe. So legte er von vornherein in mir den Grund zu der chemischen Denkweise, die mich hernach zu jenen Arbeiten befähigte, in denen ich das Maß des Einflusses auf die Entwicklung meiner Wissenschaft betätigt habe, das mir zugeteilt war.
Da ich im Gegensatz zu den Arbeitsgenossen, die aus dem Lateingymnasium kamen und ebensowenig chemische Kenntnisse wie Neigung und Anlage zu Handfertigkeiten mitbrachten, bereits ein wenig Bescheid wußte, war ich so glücklich, Lembergs besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Die Fülle der Begeisterung, die ich für die Wissenschaft zeigte, veranlaßte auch ihn, etwas mehr aus sich herauszugehen, denn uns grünen Jungen gegenüber war er wortkarg und erschien dem Unvertrauten sogar brummig.
Fortschritte. Unter seiner anregenden Leitung analysierte ich die 120 Nummern des qualitativen Kursus im Fluge; ebenso erledigte ich die Sonderaufgaben, die er mir zum Schluß stellte und ehe das Semester zu Ende gegangen war, durfte ich den Tisch der chemischen Säuglinge verlassen und bekam an einem Fenster der Bücherei meinen Sonderplatz als quantitativer Analytiker angewiesen. Ich durfte die für diese Zwecke bereitstehende chemische Wage benutzen. Obwohl sie schier dreißig Jahre alt war und sichtlich manchen Sturm erlebt hatte,[99]  betrachtete und behandelte ich sie mit Ehrfurcht, denn ich empfand den Übergang in das neue Reich des Messens als eine Beförderung von höchster Bedeutung für mich. Mit Entzücken erlernte ich die kleinen sinnreichen Handgriffe, welche die Genauigkeit des Ergebnisses sichern und auch hier konnte ich die üblichen Stufen in einem nicht üblichen Tempo erklimmen. Daß mein Arbeitsstand sich in der Bücherei befand, war wieder ein besonderer Glücksfall, wenn es nicht eine beabsichtigte Wohltat war, die der gute Professor stillschweigend dem eifrigen Schüler erwies. Die Bücher waren der Sorgfalt und Ehrlichkeit der Laboratoriumsgenossen anvertraut; sie durften über Nacht nach Hause genommen werden, mußten aber am nächsten Morgen wieder an ihren Ort gestellt werden. Ein Empfangszettel wurde nicht verlangt; überhaupt gab es keinen Bibliothekar. Nur wenn man ausnahmsweise einen Band für Sonderstudien auf längere Zeit brauchte, mußte man sich mit dem Assistenten verständigen, ehe man ihn mitnahm, und wenn man ihn wiederbrachte. Trotzdem weiß ich von keinem Buch, das während meines vieljährigen Verkehrs im Laboratorium abhanden gekommen wäre.
Bücherstudium. Durch diesen freien Zugang zu dem Bücherwesen meiner Wissenschaft wurde mir eine neue Welt aufgetan, in welche ich mich alsbald mit voller Hingabe vertiefte. Ich war schon als Schüler ein gewaltiger Leser gewesen, der beispielsweise einen dreibändigen Roman an einem Sonntagnachmittag verschlang, ohne davon geistige Verdauungsbeschwerden zu bekommen. Hier sah ich das Paradies meiner Wünsche frei aufgetan und durfte es betreten, wo und wie ich wollte. Mit bebenden Händen griff ich in den Reichtum, von Lemberg mit knappen aber maßgebenden Andeutungen geleitet. Wie hatte ich mich anfangs anzustrengen, um schrittweise in diese neue Welt vorzudringen! Denn überall fehlten[100]  mir noch die nötigen Kenntnisse. Aber die zwei Wandschränke, welche unsere Bücherei enthielten – es war im Jahre 1873, wo die chemische Literatur nur einen kleinen Bruchteil der heutigen ausmachte – bargen ja in ihrem Schoße das Mittel dagegen und allmählich fand ich heraus, in welcher Reihenfolge ich am zweckmäßigsten vorwärts zu kommen vermochte.
Schon früher hatte ich die Erfahrung gemacht, daß es beim Studium nicht so notwendig ist, wie es von schulmeisterlich gesinnten Lehrern dargestellt wird, das Neue streng nur auf völlig Verstandenes zu bauen und keinen Schritt weiter zu gehen, ehe man das Bisherige ganz begriffen hat. Denn erstens ist die Durchführung unmöglich; man hat einen gegebenen Inhalt an Naturwissen nie vollständig verstanden, weil er seiner Art nach unerschöpflich ist. Sodann aber dienen die Folgerungen so erfolgreich zum Verständnis der Voraussetzungen, daß es höchst unzweckmäßig wäre, auf diese wesentliche Erleichterung der Arbeit zu verzichten.
Die Abweichung von der überkommenen Regel geschah anfangs mit schlechtem Gewissen, denn die erlebte Erleichterung erschien wie zu Unrecht erschlichen. Damals stand die Unterrichtskunst noch vielfach unter einem ähnlichen Dogma, wie früher die Heilkunst; je schlechter die Medizin schmeckt, um so gesunder sei sie. So meinte man, je unangenehmer etwas dem Schüler ist, um so heilsamer sei es ihm. Erst sehr viel später habe ich mir innerlich mein Verfahren rechtfertigen können, nachdem mein Gewissen längst beruhigt, wenn auch nicht befriedigt war: es war die erste praktische Vorahnung des Energetischen Imperativs: vergeude keine Energie, veredle sie!
Anfänge der Verwandtschaftslehre. Mit dem Auf steigen meiner chemischen Aufgaben nahm die Tiefe und Eindringlichkeit der Lehren zu, die ich von Lemberg erhielt.[101]  Seine Studien zur chemischen Geologie hatten ihn zwangsläufig zu Anschauungen über chemische Gleichgewichte geführt, die den heute gültigen ganz ähnlich waren, wenn auch deren Festlegung in einfacher mathematischer Form noch unabsehbar weit entfernt schien. Denn die Silikate, mit denen er sich im Sinne seiner Hauptaufgabe fast ausschließlich beschäftigen mußte, sind für deren Entdeckung ungefähr das ungeeignetste Material, das sich finden läßt, wegen der Verwicklung ihrer Verbindungen, der Langsamkeit ihrer Umwandlungen, der Häufigkeit kolloider Zustände. So mußte er selbst darauf verzichten, zu diesen Gesetzen vorzudringen, benutzte aber gern die Gelegenheit, diese Aufgabe, deren Größe und Bedeutung er durchaus begriff, in jüngere Hände zu legen. Da von seinen Schülern ich der einzige war, dem er die Arbeit zutraute, so tat er gern ein übriges, um sie mir nahe zu bringen und ihre Lösung zu erleichtern. Seine hohe Lehrbegabung zeigte sich alsbald darin, daß er mir die Einzelheiten der quantitativen Analyse durch Betrachtungen unter jenen allgemeinen Gesichtspunkten interessant machte. Den Analytikern jener (und auch einer viel späteren) Zeit galt beispielsweise Bariumsulfat als »absolut unlöslich«. Ihm als Geologen war die Erscheinungsweise des Schwerspats geläufig, die ein Kristallisieren aus wässeriger Lösung unwiderleglich aufzeigt, und so lehrte er auch uns diesen Stoff als löslich ansehen und erläuterte seine Ansicht durch überzeugende Versuche. Um uns das Denken in solchem Sinne geläufig zu machen, hielt er mit uns regelmäßige Besprechungen ab, bei denen ich so bereitwillig antwortete, daß er mich ersuchte, auch die anderen zum Wort kommen zu lassen, das diese mir allzu willig überließen.
In einem weiteren Semester hatte ich auch den analytischen Kursus erledigt und war zu den Präparaten befördert worden. Ein chemisches Kochbuch, wie es[102]  jetzt deren eine ganze Anzahl hierfür gibt, existierte nicht und Karl Schmidt beauftragte mich, die Abhandlungen von O.L. Erdmann über die Oxydationsprodukte des Indigos durchzulesen und danach die entsprechenden Präparate herzustellen.
Die organische Chemie. Dieser Ausflug in die organische Chemie war im Dorpater Laboratorium etwas Ungewöhnliches. Zwar waren vor langer Zeit, im Zusammenhange mit Schmidts physiologischen Arbeiten, auch einige wenige Arbeiten aus der organischen Chemie von seinen Schülern gemacht worden. Sie hatten aber längst aufgehört und Schmidt schaute ebenso wie seine verehrten Lehrer und Vorbilder Liebig und Wöhler mit geringer Achtung, ja mit Mißmut auf die schnell steigende Flut organisch präparativer Arbeiten hin, wie sie durch Kekulés Lehre vom vierwertigen Kohlenstoff und insbesondere vom Benzolsechseck in unabsehbarer Fülle angeregt waren. Schmidt wie Lemberg waren sich bewußt, mit ihren Forschungen große und weitreichende Aufgaben zu bearbeiten und fühlten sich um so mehr zum Festhalten an ihrer Richtung verpflichtet, als sie ihre anorganischen Arbeitsgenossen in kurzer Frist von den deutschen chemischen Lehrstühlen verdrängt sahen, die bald ausschließlich mit Organikern besetzt wurden. Für analytische und anorganische Forscher schienen Extraordinariate gut genug.
Natürlich teilte sich diese Einstellung den Schülern mit. Als zufällig aus Deutschland ein älterer Chemiker nach Dorpat gekommen war, der aus irgend welchen Gründen seine halbfertig mitgebrachte Doktorarbeit dort beenden wollte oder mußte, sahen wir Einheimischen seinen Bemühungen um die Trennung der isomeren Chlordinitrobenzole mit nicht geringem Hohn zu und kamen uns mit unserer altmodischen analytischen Geschicklichkeit bei weitem als die besseren Chemiker vor.[103]
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Übrigens vernachlässigte Schmidt in der Vorlesung keineswegs die neue Entwicklung der organischen Chemie und gab uns pflichtgemäß ein klares und tunlichst vollständiges Bild dieses schnell sich entwickelnden Gebietes. Uns machte die ganz ungewohnte Denkweise der modernen Forscher nicht geringe Schwierigkeit und ich pflegte in die meist sehr langweiligen Burschengerichtsverhandlungen, die ich anhören mußte, das chemische Lehrbuch mitzunehmen, um »Formeln zu büffeln«.
Mich beeindruckte immerhin der neue methodische Gedanke, daß die Anzahl möglicher isomerer Stoffe sich nach den Gesetzen der Kombinatorik voraus berechnen lasse, sehr stark. Viel später habe ich der Anwendung des Gedankens auf verschiedene Gebiete der allgemeinen Chemie mancherlei gute Erfolge zu danken gehabt.
Und die Farbenlehre, das letzte Erzeugnis meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, beruht zu einem sehr großen Teil auf entschlossener Durchführung kombinatorischer Gedanken.
Indigo. So konnte ich mir auch nicht versagen, für die von mir nach Erdmann hergestellten Präparate der Isatinreihe Strukturformeln zu ersinnen, von denen aus ich auf eine Synthese des Indigos hoffte, ein Problem, das damals die chemischen Gemüter sehr lebhaft erregte. Ich schrieb meine sehr unreifen Gedanken an A.v. Beyer, der eben seine bedeutenden Forschungen in dem gleichen Gebiet beendet hatte. Er war freundlich genug, mir ausführlich zu antworten und mir darzulegen, welche Tatsachen sich mit meiner Auffassung nicht vereinen lassen. Ich hatte in meiner Art ausschweifende Hoffnungen auf jenen Einfall gesetzt und davon meinen Kommilitonen Mitteilung gemacht. Als sich dann herausstellte, daß sie zu Wasser geworden waren, brauchte ich nicht für allseitigen Spott zu sorgen, da man es von vornherein als grobe Anmaßung angesehen hatte, daß ein Anfänger[104]  wie ich überhaupt etwas von Belang entdecken wollte. Denn die geistige Einstellung meiner Landsleute war derart, daß zwar die Aufnahme aller wissenschaftlichen und künstlerischen Fortschritte mit Hingabe und Erfolg betrieben wurde, daß aber die Erzeugung neuer und selbständiger Werte als etwas so Hohes und Schweres angesehen wurde, daß ein gewöhnlicher Sterblicher überhaupt nicht die Gedanken so weit erheben dürfe. Meinem Denken dagegen war aus dem täglichen Verkehr mit den Großen der Wissenschaft, durch das Studium ihrer Abhandlungen, das wissenschaftliche Schaffen so natürlich geworden, daß ich mit Sicherheit annahm, mich selbst zu gegebener Zeit daran beteiligen zu können. Dies lag mir um so näher, als ich täglich Zeuge war, mit welcher ruhigen Selbstverständlichkeit Lemberg seinen Forschungen nachging, über deren ausgezeichneten Wert mir namentlich mein Freund Lagorio aus seinen geologischen Kreisen Mitteilungen machte.
Für mich war die unmittelbare Folge jenes ersten verunglückten Versuchs, daß am Biertisch die Gegenredner, wenn sie irgend eine meiner meist sehr weitgehenden Behauptungen widerlegen wollten, mir nur das Wort Indigo zuriefen und damit die Sache als endgültig abgetan ansahen, unter Zustimmung aller Umsitzenden.
Biologie des Forschers. Bei dem Studium der Zeitschriften fiel es mir einmal ein, in den Namenregistern nachzusehen, was und wieviel mein verehrter Professor veröffentlicht hatte. Es stellte sich heraus, daß nach jener physiologischen Zeit, wo er in kürzester Frist Unabsehbares geleistet hatte, eine lange, lange Pause eingetreten war, nur selten unterbrochen durch kleine, wenig belangreiche Veröffentlichungen. Auf diese folgten dann die oben erwähnten Wasseranalysen in langer, regelmäßiger Reihe, untermischt mit Bodenanalysen und dergleichen. Auch kamen mir Bemerkungen zu Ohren, die sich auf[105]  das plötzliche Aufhören der kurzen schöpferischen Periode bei Karl Schmidt bezogen. Diese Dinge machten mich äußerst nachdenklich und bildeten den Ausgangspunkt meiner späteren Arbeiten über die Biologie des Genies, insbesondere des wissenschaftlichen.
Erste wissenschaftliche Arbeit. Das zweite Drittel des Kandidatenexamens hatte ich auf den Schluß meines sechsten Semesters (Ende 1874) gelegt, womit mein Vater äußerst zufrieden war, da er erwarten konnte, daß ich hernach nur noch ein Jahr oder etwas mehr brauchen würde, um mein Studium mit dem letzten Drittel zum Abschluß zu bringen. Im Laboratorium war nach Beendigung der präparativen Übungen noch gute Zeit übrig geblieben. Ich brannte darauf, die Anregungen über chemische Verwandtschaft, welche Lemberg mir gegeben hatte, durch die Untersuchung irgendeines besser zugänglichen Sonderfalls, als seine Mineralien boten, in die Tat umzusetzen und kam beim Betrachten der vorhandenen Möglichkeiten auf die teilweise Zerlegung des Wismutschlorids durch Wasser in gefälltes Oxychlorid und gelöste freie Salzsäure. Dies war mein erster selbständiger Arbeitsplan. Ich fragte meinen Professor, ob eine derartige Untersuchung seiner Zeit als Kandidatenarbeit angenommen werden könnte. Er sagte etwas verwundert, daß die Frage für mich noch nichts weniger als dringlich sei, da ich ja erst ein Drittel der Prüfung bestanden hatte; im übrigen würde eine solche Arbeit, gut durchgeführt, wohl als ausreichend befunden werden. So stellte ich alsbald mit großer Sorgfalt chemisch reines Wismutchlorid her, verteilte es in eine Reihe Flaschen, die zunehmende Wassermengen enthielten und stellte die ganze Sammlung in einem dunklen Schrank auf, damit sich das chemische Gleichgewicht herstellte. Wieviel Zeit dazu nötig war, wußte ich nicht und Lemberg machte mich aus seinen Erfahrungen mit den überaus[106]  langsamen Vorgängen an den Silikaten mißtrauisch. So analysierte ich einige Proben nach einigen Tagen, um alle anderen über die bevorstehenden Weihnachtsferien sich selbst zu überlassen.
Die zweite Prüfung. Inzwischen näherte sich der Prüfungstermin. Da ich ein vortreffliches Gedächtnis besaß und im Laufe des Semesters von den schwierigeren Gegenständen schriftliche Auszüge aus den Lehrbüchern gefertigt hatte – ein vorzügliches Mittel, um sich der Sache zu bemächtigen – so konnte ich mich beim Durchsehen der Fächer bald davon überzeugen, daß ich bei der Prüfung genügende Auskunft würde geben können.
In lebhafter Erinnerung waren mir die Nervenzerrüttungen und Zusammenbrüche, die ich schon in Riga gelegentlich der Abgangsprüfung bei solchen beobachtet hatte, die bis zum letzten Augenblick unter Opferung von Schlaf und Erholung gebüffelt hatten. Eine Kusine, die ich besonders gern hatte, war unmittelbar nach ihrem Lehrerinnenexamen in eine schwere Krankheit gefallen, nach der ich das vorher runde, kräftige Mädchen schmal und schwach zum Erbarmen wiedersehen mußte.
Diese Erfahrungen schützten mich gegen gleiche Torheiten und ich beschloß, zwei Wochen vor dem Examen, nun keine Bücher dafür mehr anzusehen. Ein großes Hallo, halb Verwunderung, halb Entrüstung begrüßte diesen Entschluß, als ich ihn in der Kneipe verkündete und wohlmeinende ältere Freunde warnten mich unter vier Augen väterlich vor solchem Leichtsinn. Denn wie sehr auch sonst der Leichtsinn als »burschikos« geschätzt wurde, vor dem Examen pflegten gerade die kraftstolzesten Urburschen wie Kinder zu zittern.
Zu gegebener Zeit bestand ich die Prüfung wie erwartet. Da rein wissenschaftliches Streben unter den Dorpater Studenten nicht allzu häufig war, wurde jeder[107]  einzelne Fall unter den Professoren bald bekannt, und erzeugte bei ihnen eine wohlwollende Neugier, welche die Prüfung sehr erleichterte, ja fast zu einer gemütlichen Plauderei machte. Sie schloß mit einer schriftlichen Klausurarbeit, und ich schrieb mit meiner schnellen Schrift viele Seiten voll mit einem Bericht über die thermochemischen Untersuchungen von Julius Thomsen in Kopenhagen, die vor kurzem erschienen waren und ein beträchtliches Aufsehen erregt hatten. Die Wahl des Themas läßt erkennen, wie entgegenkommend man auf meinen chemischen Interessenkreis einging, der den Begriff der chemischen Verwandtschaft zum Mittelpunkt hatte. Dem überwachenden Dekan aber wurde die Zeit zu lang. Nachdem die Kollegen alle zu Mittag gegangen waren, ging er auch und beauftragte mich gemütlich, mein Manuskript auf sein Pult zu legen, wenn ich fertig sei. Die Prüfung war gut bestanden, wie mir am folgenden Tage berichtet wurde.
Das moralische Schwungrad. Der günstige Ausfall des Examens mußte natürlich im Freundeskreise durch eine »Schmore«, d.h. ein Gelage gefeiert werden. Die Stimmung ging hoch, da der Erfolg auch einigermaßen als eine Auszeichnung für die Korporation empfunden wurde, in der man auf gute Examina Gewicht legte. Wie immer waren auch einige Mißgünstige dabei, die von Zufall, Parteilichkeit und dergleichen sprachen. Unter dem doppelten Einfluß des Erfolges und des Alkohols redete ich große Töne und erklärte schließlich, es käme mir nicht darauf an, das letzte Examendrittel zum nächsten Termin, d.h. nach einem Monat, zu Beginn des kommenden Semesters zu machen. Da nur die kurzen Weihnachtsferien von vier Wochen dazwischenlagen, antwortete mir ein allseitiges Hohngelächter. Ich bestand auf meinem Satz und um mich zu strafen, schlug mir mein Hauptgegner, der es noch nicht zu einem Examen[108]  gebracht hatte, eine große Wette auf einen Korb Champagner vor, die ich unverweilt annahm und die von den anderen bestätigt wurde.
Als ich am nächsten Morgen mit etwas schwerem Kopf infolge der Alkoholvergiftung verbunden mit Tabakrauch erwachte, und mich auf die Wette besann, wurde mir sehr unternehmungslustig zu Mut. Ich überlegte, daß ich ohnehin zwei Fächer, die schon bearbeitet waren, hatte zurückstellen müssen, um die vorgeschriebene Anzahl nicht zu überschreiten, daß in den übrigen Fächern nichts abschreckend Schwieriges drohte, daß also der verrückte, aus dem Rausch geborene Einfall schließlich gar nicht so übel sei. Denn wenn die Sache gelang, war ich sicher, von meinem Vater die Mittel zu erhalten, um noch zwei oder drei Semester, auf die er sich schon gefaßt gemacht hatte, an der Universität bleiben zu dürfen. Dann war ich völlig frei von Examenvorbereitungen wie von korporativen Verpflichtungen und konnte mit ganzer Kraft in das freie Meer der wissenschaftlichen Forschung hinaussteuern. Also beschloß ich, mit der Sache, die niemand hatte ernst nehmen wollen, meinerseits Ernst zu machen und das Erforderliche zu tun.
Ich packte die nötigen Bücher ein und fuhr nach Hause, um die Glückwünsche meiner erfreuten Eltern zum bestandenen zweiten Drittel entgegenzunehmen. Außerdem stand für die Weihnachtszeit die Hochzeit meines älteren Bruders bevor, für die ich als Hauspoet das Karmen anzufertigen hatte; das machte die Zeit etwas knapp, denn ich hatte natürlich auch den Rigaschen Freunden wegen des guten Examens Bescheid zu tun. Indessen gelang es doch, die Vorbereitungen durchzuführen. Die Professoren waren zwar etwas verblüfft, als ich mich schon wieder zur Prüfung meldete, hatten aber im Hinblick auf meine eben nachgewiesenen Kenntnisse in den früheren Fächern gutes Zutrauen und so[109]  konnte ich im Januar 1875 nach vollendeter Kandidatenprüfung mich exmatrikulieren lassen. Ich war sechs Semester Student gewesen und hatte, da ich die drei ersten verbummelt hatte, eigentlich nur drei Semester studiert. Daß sie ausgereicht hatten, scheint den Schluß zu gestatten, daß die anderthalbjährige Brache, die ich dem bereits beackerten Felde meines Geistes hatte zukommen lassen, eine ungewöhnliche Fruchtbarkeit bewirkt hat.
Den gewonnenen Korb Champagner aber habe ich nie bekommen, denn mein Wettgegner hielt mein Verhalten für unanständig. Ich habe auch nicht viel danach gefragt.
Nun erwies sich auch die Vorsorge als zweckmäßig, die ich wegen meiner Kandidatenschrift getroffen hatte. Ich analysierte die Vergleichsproben, fand, daß das Gleichgewicht sich nicht geändert hatte, also nach jener kurzen Frist schon erreicht war, führte dann die übrigen Bestimmungen durch und schrieb das Ganze zu einer kleinen Abhandlung zusammen, die gutgeheißen und zu den Akten in die Universitätskanzlei genommen wurde. Ein kurzer Auszug befindet sich im 120. Bande des Journals für praktische Chemie von 1875 unter dem Titel: Über die chemische Massenwirkung des Wassers. Dies ist die erste der zahlreichen Schriften, die ich der Öffentlichkeit mitgeteilt habe.



 Fünftes Kapitel.
Der Eintritt in die wissenschaftliche Laufbahn.










[110] Physikalische Studien. Von meinem freudig überraschten Vater erhielt ich gern die erhoffte Erlaubnis, noch einige Semester in Dorpat bleiben zu dürfen. Mir war dies vor allen Dingen deshalb wertvoll, weil ich in der letzten Zeit mehrfach gespürt hatte, daß meine Kenntnisse in der Physik, wenn auch ausreichend für das Examen, doch nicht ausreichend für die Forschungsarbeiten waren, welche ich plante. Ich erbat daher vom Professor der Physik Arthur von Öttingen die Erlaubnis, in seiner Anstalt arbeiten zu dürfen. Sie wurde gern gewährt, und da außer dem Assistenten Grönberg niemand sonst die Räume benutzte, welche oberhalb des chemischen Instituts im ersten Stock lagen und die gleiche Ausdehnung hatten, so wurde mir gleich ein ganzes Zimmer gegeben.
Arthur von Öttingen war der jüngste der drei Dorpater Professoren-Brüder, welche oben erwähnt worden sind. Er war nach erledigten Dorpater Studien ins Ausland gereist und hatte zunächst einige Semester in Berlin zugebracht, wo er in den Kreis der damals eben gegründeten Physikalischen Gesellschaft aufgenommen wurde und in nahe Beziehungen zu Magnus, Kirchhoff, Helmholtz, Wiedemann, Poggendorf, Kundt usw. trat.[111]  Dort gelang ihm die Entdeckung der negativen Rückstände bei den Entladungen der Leidner Flasche, die für den Beweis der damals noch umstrittenen Schwingungen im elektrischen Funken von ausschlaggebender Bedeutung war. Später ging er nach Paris, wo er bei Regnault arbeitete. Hier hat er für sein ganzes Leben eine Vorliebe für französisches Wesen angenommen. Er hielt sein Äußeres so, daß man ihn für einen französischen Marquis nehmen konnte, denn er war von kleiner, zierlicher Gestalt.
Ein ausgelassenes Studentenleben hatte ihm ein lebenslängliches Magenleiden und noch andere Übel zugezogen, welche zwar seine körperliche Leistungsfähigkeit minderten, seinen lebhaften und reichen Geist aber nicht merklich beeinträchtigten. Der Kreis seiner Interessen ging weit über die Grenzen seines Faches hinaus. Er war ein ausgebildeter, Musiker und hatte, angeregt durch Helmholtz' eben erschienenes Werk: Die Lehre von den Tonempfindungen grundlegende Entdeckungen zur Theorie der musikalischen Harmonie gemacht, über die er ein Buch veröffentlicht hatte, das zwar geistreich, aber dabei so abstrus geschrieben ist, daß vermutlich kein Sterblicher außer seinem Setzer und ihm selbst es ganz durchgelesen hat. Auch ich habe trotz verschiedener Ansätze und trotz meines lebhaften Interesses für den Gegenstand es nicht fertig bringen können.
Ich teilte nun meine Zeit zwischen weiteren chemischen Arbeiten und physikalischen Übungen unter Öttingens Leitung. Auch nahm ich an dem physikalischen Kolloquium Teil, das er nach Magnus' Vorbilde in Dorpat eingerichtet hatte. Die Teilnehmer mußten der Reihe nach über ältere und neuere physikalische Forschungsarbeiten nach den Abhandlungen in den wissenschaftlichen Zeitschriften berichten; dann fand eine Aussprache darüber statt, zu der freilich der Professor den Hauptanteil liefern mußte. Mir wurden diese Zusammenkünfte sehr nützlich,[112]  namentlich da mir bei ihnen die großen Lücken in meinem Wissen und Können klar wurden, über die ich wegen meiner jungen Erfolge hinwegzusehen nur zu geneigt war. Einige grobe Rechenfehler, die ich öffentlich beging, veranlaßten mich, mein ganzes mathematisches Rüstzeug einer gründlichen Durchsicht und Ergänzung zu unterziehen.
Mathematische Studien. Dabei stellte sich heraus, daß ich ohne Kenntnis der Infinitesimalrechnung, die sich nicht in der Prüfungsordnung für Chemiker vorfand, nicht weit kommen würde. Da das Anhören einer Vorlesung mir zu zeitraubend erschien, beschaffte ich mir meiner Gewohnheit gemäß ein Buch, und war so glücklich, das vorzügliche Werk des Jenaer Mathematikers Karl Snell in die Hand zu bekommen. Dieses war kein gewöhnliches dürres Lehrbuch, sondern ging ausführlich auf erkenntnistheoretische und methodische Fragen ein, die sich ja bei der Lehre vom Unendlichkleinen unaufhaltsam aufdrängen und dringend Beantwortung fordern. Es waren glückliche Stunden, die ich mit diesem geistvollen Buch zubrachte, dem ich nicht nur den Hauptteil meiner mäßigen mathematischen Kenntnisse verdanke, sondern auch die erste Anregung zum philosophischen Denken.
Assistentenstelle. Ich war kaum im physikalischen Institut heimisch geworden, als sich ein Ereignis vollzog, das für mein weiteres Leben entscheidend werden sollte. Der bisherige Assistent Öttingens, Grönberg, hatte eine Berufung als Physikprofessor an das Rigasche Polytechnikum erhalten und angenommen. Es war nötig, daß er sofort nach Riga übersiedelte, und so war plötzlich die Assistentenstelle (es gab nur die eine) am physikalischen Institut frei geworden. Die Hoffnung, daß ich sie etwa erhalten könne, empfand ich als toll, doch wagte ich immerhin die Bewerbung. Öttingen war schwankend, denn[113]  eben war ein älterer Dorpater Chemiker, Wilhelm Schröder, aus Deutschland zurückgekehrt, wo er einige Zeit studiert hatte. Dieser gehörte wie Öttingen der Korporation der Livländer an, welche damals unter Führung des später als Kirchenhistoriker und Organisator in Berlin so berühmt gewordenen Adolf Harnack eine entschlossene Wendung nach der wissenschaftlichen Seite gemacht hatte. Schröder hatte die Tradition Karl Schmidts aufgenommen und sich der physiologischen Chemie zugewandt, während mir die physikalische Chemie als Ideal vorschwebte. Dies und der Umstand, daß ich meine Studien formal abgeschlossen und bereits eine Arbeit veröffentlicht hatte, gab den Ausschlag, obwohl Öttingen, wie er mir nicht vorenthielt, persönlich lieber Schröder genommen hätte. Beim Mittagessen in seinem Hause, zu dem er mich gütig eingeladen hatte, machte er mir die beglückende Eröffnung. Mir zitterten die Hände vor freudiger Erregung, so daß ich mich mit dem Tischmesser schnitt und schamrot das Blut unter dem Tisch mit dem Taschentuch zu stillen mich bemühte. Die Bärenhaut, mit der ich seiner Zeit nach Dorpat gezogen war, hatte durch die drei Jahre studentischen Lebens an Rauhigkeit nicht eingebüßt, eher zugenommen.
Ich aber konnte die Fülle des Glücks immer noch nicht fassen. Daß ich, etwas über 21 Jahre alt, wirtschaftlich selbständig geworden war, denn das Gehalt war zwar sehr mäßig, reichte aber in dem wohlfeilen Dorpat aus, war das geringste, wie ich bekennen muß. Denn ich durfte ja den Lebensunterhalt vorläufig noch von meinem Vater erwarten, dem es unter den günstigen Verhältnissen, in denen er sich befand, kein erhebliches Opfer gewesen wäre, zumal er die größte Freude an dem schnellen Aufstieg seines Jungen hatte.
Das Entscheidende war, daß ich nun endgültig in die Laufbahn als Forscher und Lehrer eingetreten war,[114]  daß der Druck eines eintönigen technischen Berufs mir nicht mehr drohte, daß ich so früh ich wollte, ins Laboratorium gehen und so spät ich wollte, es verlassen konnte, kurz, daß ich als reiner Forscher ungehemmt mein ganzes Dasein in die herrlichen Aufgaben der Wissenschaft ausströmen konnte, dies war es, was mich bis zur Besinnungslosigkeit glücklich machte. Nicht wenig fiel dabei ins Gewicht, daß mir für Jahre hinaus der tägliche Verkehr mit Öttingen in Aussicht stand, von dem ich schon genug erfahren hatte, um zu spüren, in welchem Maße er meinen Blick ausweitete und mein Denken vertiefte.

Die amtliche Beanspruchung war gering; sie beschränkte sich auf die Vorbereitung der Vorlesungsversuche. Ich empfand sie durchaus nicht als Last, weil die Experimente mich persönlich interessierten, so daß ich mancherlei Verbesserungen versuchte. Sehr tief empfand ich gelegentliche Unfälle, an denen ich meist durch Übereilung schuld war, wenn auch Öttingen sie vornehm übersah. In einem der »Prologe«, mit denen die studentischen Theateraufführungen eröffnet zu werden pflegten, sang ein zeitgenössischer Dichter:

An seines Ruhmes künft'ger Größe
Arbeitet Ostwald spät und früh.
Zerschlägt er auch manch Thermometer,
Hält man's zugute dem Genie.

Anfänge selbständigen Lebens. So ging eine überaus glückliche und fruchtbare Zeit für mich an. Die Zusammenkünfte und Gelage mit den Landsleuten, die meist erheblich älter waren, als der neugebackene »Philister« (wie die genannt wurden, welche die Studentenjahre hinter sich hatten), wurden immer seltener, da ich dort zu wenig Teilnahme für das fand, was mein Leben ausfüllte und sie mir außerdem die Zeit für das raubten, was mir die meiste Freude machte. Nur ein gewisses Pflichtgefühl gegen die[115]  Korporation, die mich so bald aufgenommen und der ich doch nur so kurze Zeit angehört hatte, führte mich von Zeit zu Zeit in diese Kreise zurück. Gleichzeitig entwickelte sich eine persönliche Kritik an den studentischen Idealen, die dort vertreten wurden, und die ich als gläubiger, aus kleinen Verhältnissen stammender Neuling seinerzeit unbesehen angenommen hatte. Ich sah einzelne, die ich als unbestrittene Größen unseres Kreises hatte bewundern helfen, durch den Alkohol geistig wie körperlich zugrunde gehen, ich konnte das hochmütige Selbstbewußtsein vieler in der Kneipe und auf dem Fechtboden mit der kindischen Angst vergleichen, die sie vor dem Examen zeigten. Ich kam sogar zu der ketzerischen Ansicht, daß es für mich vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich bei den Livländern eingetreten wäre, statt bei den Rigensern. Denn jene erwiesen sich den unter ihnen auftauchenden Begabungen gegenüber als weit entgegenkommender und förderlicher, als meine Landsleute, welche nur Spott für die wissenschaftliche Einstellung einer ganzen Korporation hatten, die sie als unburschikos verurteilten. Hatten doch die livländischen Philister gelegentlich ihrer Fünfzigjahrfeier, die kurz vor unserer stattgefunden hatte, ein beträchtliches Kapital gestiftet, von dessen Zinsen besonders begabte Landsleute Reisestipendien zu ihrer weiteren Ausbildung erhielten, während bei uns der ungeheure Aufwand an Spirituosen ein schweres »Jubeldefizit« bewirkt hatte, dessen Deckung alles aufzehrte, was an freiwilligen Leistungen von den Philistern einging.
Heimat und Wissenschaft. Dazu kam, daß meine auf die reine Wissenschaft gerichteten Bestrebungen gerade bei den einflußreichsten und politisch nachdenklichsten Mitgliedern unseres Kreises keineswegs restlos gebilligt wurden. Im Gespräch mit einem derselben, der mir freundschaftlich nahe stand, entwickelte er als die von ihm geteilte Ansicht jenes kleinen Kreises, der ohne[116]  viel äußerliches Hervortreten die Geschicke meiner Vaterstadt leitete, daß es meine Pflicht sei, meine besonderen Kräfte so zu entwickeln, daß sie sich im unmittelbaren Dienst der Heimat betätigen könnten; reine Forschungsarbeit, die der ganzen Welt zugute komme, sei ein reiner Verlust für die Vaterstadt. Mich überzeugte das nicht und ich war viel zu sehr erfüllt vom Glück freier wissenschaftlicher Arbeit, als daß ich um irgendeinen Preis mich zum Verzicht auf sie hätte entschließen können. Denn diese wollte gerade beginnen, Blüten und Früchte zu tragen.
Neue Wege. Beim Nachsinnen über das Problem der chemischen Verwandtschaft während einsamer Wanderungen in den ausgedehnten Parkanlagen des Dorpater »Doms« hatte ich nach Mitteln gesucht, sie messend zu erfassen. Am weitesten war bisher J. Thomsen durch Anwendung des thermochemischen Verfahrens gekommen, durch welches er die Teilung einer Base zwischen zwei Säuren in einzelnen Fällen hatte messen können. Den gleichen Weg weiter zu verfolgen, war für mich aussichtslos, da in Dorpat die nötigen Geräte nicht zu erlangen waren.
Nun hatte ich in jener überlangen Klausurarbeit sachgemäß den Gedanken entwickelt, daß Thomsens Wärmemessungen keineswegs unmittelbar die Werte der chemischen Verwandtschaft ergeben hatten, sondern nur als Hilfsmittel dienten, um den chemischen Zustand in einer verdünnten wässerigen Lösung festzustellen, der der gewöhnlichen Analyse unzugänglich war. Blitzartig kam mir der Gedanke, daß an Stelle der Wärmeentwicklung jede andere Eigenschaft dienen kann, die man an der Lösung messend feststellt, falls sie nur durch den chemischen Vorgang ausreichend beeinflußt wird. Warum also nicht die nächstliegende nehmen, zu deren Messung ich die Mittel hatte und die am leichtesten und genauesten zu bestimmen war, die Dichte?[117]
Gedacht, getan. Ich hatte soviel Glasblasen gelernt, daß ich mir Pyknometer zur Dichtemessung nach Sprengel selbst herstellen konnte und nicht wochenlang auf bestellte zu warten brauchte. Um die Anwendbarkeit des Verfahrens zu prüfen, beschloß ich, die mehrfach erwähnten Versuche von Thomsen nach meiner Methode zu wiederholen. Da hierzu nur leicht zugängliche Chemikalien erforderlich waren, die mir Karl Schmidt bereitwilligst zur Verfügung stellte, war auch dieser Notwendigkeit ohne Zeitverlust zu genügen. So brauchte ich nur drei Tage, um die eigentlichen Versuche anzustellen, die zum erwarteten Ergebnis führten. Schmidt und Öttingen, denen ich meine Ergebnisse mitteilte, waren höchst erfreut und rieten mir dringend, meine Untersuchung zu veröffentlichen. Das Niederschreiben der Arbeit nahm bedeutend mehr Zeit in Anspruch, als ihre Ausführung, denn offen gesagt schämte ich mich ein bißchen, daß eine so kurze und so wenig mühevolle Untersuchung der unausdenkbaren Ehre der Veröffentlichung in der führenden physikalischen Zeitschrift Deutschlands teilhaftig werden sollte. Ich schickte auf Öttingens Rat zagend die Abhandlung an Poggendorff für die Annalen der Physik. Sie wurde angenommen und nach einiger Zeit, die mir unendlich lang vorkam, wirklich veröffentlicht.
Damit hatte mein Leben einen vollen Inhalt erhalten. Die Anwendung der neuen Methode auf einen möglichst ausgedehnten Kreis geeigneter Stoffe, die folgeweise Bearbeitung der vielen Einzelaufgaben aus der Verwandtschaftslehre, die nun möglich geworden war, die Entwicklung paralleler Methoden an anderen Eigenschaften – alles das gab so endlose Arbeitsmöglichkeiten, daß ich einen Acker vor mir sah, der nicht kleiner war, als der, den der verehrte Lemberg vor meinen Augen so geduldig wie erfolgreich bearbeitete. So sah ich auch mich bis an mein Lebensende täglich ins Laboratorium pilgern –[118]  die Einbeziehung des Sonntags in die Arbeitswoche hatte ich ihm längst nachgemacht – um dort die immer neuen Freuden der Forschung zu genießen, wie er sie unvermindert durch mehr als ein Jahrzehnt genossen hatte, ohne müde zu werden.
Freunde. Mein Jugendfreund Fritz Seeck war inzwischen aus meinem Kreise verschwunden. Er war nicht von fester Gesundheit und ging mit seinem Körper sehr rücksichtslos um. So lange er im Elternhause lebte, sorgte seine Mutter dafür, daß er nicht zu schlimm auf seine Gesundheit losstürmte. Die Familie war aber vorübergehend nach Deutschland übergesiedelt und Fritz war in Riga in einer Junggesellenwohnung der Aufsicht seiner Verwandten überlassen, von denen er sich nichts sagen ließ. Als er mich einmal im Winter besuchte – es war gerade Schneeschmelze – stellte meine Mutter mit Entsetzen fest, daß die Sohlen seiner Stiefel klafften und seine Füße ganz naß vom Schneewasser waren. Er aber erklärte, er sei das gewöhnt und mache sich nichts daraus. So entwickelten sich die Anlagen einer Lungenschwindsucht, die er unbeachtet ließ.
In Dorpat als Student ging er noch rücksichtsloser mit seiner Gesundheit um; er war der Dauerhafteste bei den Gelagen und der Unternehmungslustigste bei »Spritzfahrten«. Dabei sprühte er von Geist und Witz und war ein hinreißender Gesellschafter. Eine schwere Lungenentzündung, die ihn traf, überstand er, aber die Ärzte erklärten, daß ein weiteres Verbleiben in den Dorpater Verhältnissen seinen Tod bedeute. So reiste er zunächst nach Süddeutschland, später nach Italien und ist bald danach einsam in Rom gestorben.
Falsche Einstellung. Solche Mißachtung der elementaren Gesundheitsregeln galt als burschikos, ihre Berücksichtigung dagegen als kleinlich und philisterhaft, ja fast feig. Es war dies eine praktische Folge der ganz vorwiegend[119]  »geisteswissenschaftlichen« Erziehung der baltischen Jugend. Das Rigaer Realgymnasium war durch viele Jahre das einzige seiner Art; sonst gab es nur Lateingymnasien, in denen die Naturwissenschaften eine geringe und verachtete Stellung einnahmen. In den unteren Klassen wurde wegen der Unterrichtsvorschriften etwas Naturgeschichte gelehrt, um die sich niemand kümmerte. Chemie gab es gar nicht, Physik mit zwei Stunden in den obersten Klassen. Sie pflegte dem Mathematiker übertragen zu sein, der die Experimente entweder verdarb oder ganz sein ließ. So herrschte bei der gebildeten Jugend die gröbste Unwissenheit über alle physischen und physiologischen Verhältnisse. Rechnet man dazu die Verachtung aller Handgeschicklichkeit als banausisch, wie sie durch die sogenannte »ideale« Einstellung der maßgebenden Männer gemäß dem verderblichen Einfluß der Platonischen Weltanschauung als vornehm galt, so versteht man, wie eine derart selbstmörderische Lebensführung nicht nur bei einzelnen entstehen konnte, sondern allgemein in den akademischen Kreisen verbreitet war.
Denn Fritz Seeck war nicht der einzige gewesen, den ich so untergehen sah. Unter den älteren Landsleuten ragte durch Geist und Kenntnisse hervor der Sohn einer sehr angesehenen Rigaer Patrizierfamilie, Wilhelm Schwartz, genannt Bitze. Er war nicht nur ein scharfsinniger Jurist und hinreißender Redner, sondern besaß ein über das gewöhnliche hinausgehendes poetisches Talent, von dem er unter anderem gelegentlich der oben geschilderten Fünfzigjahrfeier glänzende Proben gegeben hatte. Dieser reiche Geist hauste in einem kleinen, gebrechlichen Körper, der etwas verwachsen war. Sein Gesicht war beherrscht von großen, glänzenden, braunen Augen. Auch er war lungenleidend und ein häufiger Husten mahnte ihn schon zu der Zeit, wo ich ihn als Fuchs zuerst kennen lernte, zur Vorsicht. Dennoch war er bei den[120]  Zechgelagen einer der Fröhlichsten und Ausdauerndsten, der sich nicht die geringste Schonung angedeihen ließ. Nach wenigen Semestern mußte er von Dorpat fernbleiben und bald darauf war er gestorben.
Andere Freunde. Nach Seecks Fortgang schloß ich mich zunächst an einen Mediziner Arved Faehlmann aus Reval, einen stillen, liebenswürdigen Menschen von ruhigem aber eindringlichem Geist. Auch diesen verlor ich bald, nicht infolge alkoholischer Ausschweifungen denen er feind war, sondern an einem ererbten organischen Leiden, das ihn noch während der Studentenjahre zum Tode führte. Dann trat mir ein etwas älterer Landsmann Karl Henko näher. Er war klein aber schön gewachsen, hatte ein entzückend hübsches Gesicht, das jedes Mädchen zu küssen begehrte, blondes gelocktes Haar und ein hinreißendes Schnurrbärtchen. Dabei war er durch diese Vorzüge, die er wohl schätzte, nicht eitel geworden, sondern ganz und gar ein guter Junge geblieben. Das Band zwischen uns wurde durch die Musik befestigt, die wir beide leidenschaftlich liebten. In Riga hatte er mich in seine Familie eingeführt, die außer den Eltern noch drei Geschwister enthielt, zwei Söhne und eine Tochter. Er war der älteste. Der Vater war Kaufmann.
Sämtliche Familienglieder liebten und übten die Musik. Karl war ein vorzüglicher Klavierspieler, ebenso seine Schwester. Der jüngere Bruder spielte Geige, der jüngste Cello. Den Geschwistern Henko verdanke ich das Erlebnis Beethoven. Ich hatte natürlich manche seiner Klaviersonaten gespielt, so gut ich es vermochte, und einige hatte ich mir schon als Schüler abgeschrieben, da ich sie nicht kaufen konnte und doch dauernd besitzen wollte. Auch hatte ich einiges in Konzerten gehört, wo unter anderem die Coriolan-Ouvertüre mir einen starken Eindruck hinterlassen hatte. Aber als die vier Geschwister wir eines Sonntags die fünfte Symphonie, eingerichtet[121]  für vierhändiges Klavier, Geige und Cello mit voller Entwicklung ihrer Schönheiten vorführten, erlebte ich zum erstenmal jenes unwiderstehliche Ergriffensein des ganzen Gemüts, das ich mit solcher Gewalt an keinem anderen Tondichter erfahren habe.
Auch diesen Freund verlor ich bald, und hier war wieder der Alkohol der Teufel, der ihn holte. Er hatte sich in Dorpat dem »flotten Burschenleben« so hingegeben, daß er kein Examen zu bestehen vermochte. Schließlich nahm ihn die Familie nach Riga zurück und dort versuchte er in einer Beamtenstellung sich an ein regelmäßiges Leben zu gewöhnen.
Es gelang nicht mehr; er wurde zunehmend weniger wählerisch in seinem Umgang und seinen Getränken. Noch bevor ich wieder nach Riga zurückgekehrt war, traf mich in Dorpat die Nachricht von seinem Tode.
Der einzige Jugendfreund, den ich nicht in frühen Jahren verloren habe, ist der bereits erwähnte Mineralog Alexander Lagorio. Er war ein Jahr vor mir nach Dorpat gekommen. Sein Vater, der als Landschaftsmaler in Südrußland gelebt hatte, war früh gestorben; seine Mutter hatte sich dann mit einem evangelischen Pastor in Kischenew verheiratet, der aus Riga stammte; so war er nach Dorpat und in die Fraternitas gelangt, wo er bald in den engeren Kreis aufgenommen wurde.
Sowohl durch den Anteil fremden Blutes wie durch seine ganz ausgeprägten naturwissenschaftlichen Interessen war Lagorio ähnlich wie später ich in eine gewisse Kampfstellung gegen die vorherrschende Geistesrichtung in der Korporation geraten. Sie entlud sich ohne ernstliche Reibung in unaufhörlichen Neckereien, die er sich mit großer Gutmütigkeit gefallen ließ, ebenso wie den Spitznamen Steppenhengst, den man ihm wegen seines Geburtslandes angehängt hatte. Mit einer eingehenden Untersuchung baltischer Gesteine nach der[122]  eben von Zirkel in Leipzig ausgebildeten Methode der mikroskopischen Dünnschliffe hatte er sich einen akademischen Preis erworben. Der schon erwähnte Prologdichter besang dies Ereignis mit den Versen:


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Lagorio hat große Pläne;
Er liebt es zügellos1 zu schweifen.
Das Livland ist ihm nicht genug,
Das ganze Rußland will er schleifen.

Er wurde etwa um dieselbe Zeit wie ich Assistent, und zwar am mineralogischen Institut und wir bezogen eine gemeinsame Wohnung zum Ausdruck unserer Freundschaft auf dem dauerhaften Boden gemeinsamer Interessen und Bestrebungen.
Der Prologdichter hat sich dann in der Folge als Prophet bewährt. Lagorio erhielt bald eine Berufung als ordentlicher Professor nach Warschau, wo er sich wissenschaftlich wie organisatorisch so auszeichnete, daß er nach Petersburg befördert wurde. Dort hat er sich sehr erhebliche Verdienste um den technischen und kunstgewerblichen Unterricht im ganzen russischen Reich erworben. Die Revolution von 1917 traf ihn in leitender Stelle als »Ministergehilfe«, etwa unserem Staatssekretär entsprechend. Um nicht mit den anderen ermordet zu werden, mußte er fliehen und alles im Stich lassen.
In Finnland fand er mit den Seinen unter drückendsten Verhältnissen Unterkunft. Von dort glückte endlich eine Übersiedlung nach Deutschland, wo er seine Kräfte der Entwicklung der Farbenlehre widmete und ihr erhebliche Dienste geleistet hat. Obwohl er älter ist als ich, hat er angesichts seiner Rüstigkeit alle Aussicht, mich zu überleben.
Die Musik. Durch meine ganze Dorpater Zeit hat sich als wirksames Gegengewicht gegen das alkoholnikotinische[123]  Burschenwesen die Tonkunst erwiesen. Schon in meinem ersten Semester entdeckte ich in einem Winkel der Korporationsbücherei vier schwere, dauerhaft in Leder gebundene Bände Noten, die sich zu meinem Entzücken als die Stimmen der 83 Streichquartette Meister Haydns erwiesen. Ich nahm sie nach Hause und schrieb einige in Partitur, um mich an der thematischen Arbeit dieser feinen Musik zu erbauen. Hierbei überraschte mich gelegentlich der Korporations-Singmeister (Magister cantandi). Als ich ihm auf seine erstaunte Frage, was ich da treibe, meine Beschäftigung erklärt hatte, verurteilte er mich hernach in der Kneipe dafür zu einem großen Straftrunk, weil er es als bloße Rennomage ansah. Doch hatte diese öffentliche Verurteilung das Gute, daß andere Musikfreunde aus unserem Kreise sich mit mir in Verbindung setzten. Da ich mich als der Bratsche kundig erwies, wurde mir gesagt, daß als Korporationseigentum ein solches Instrument vorhanden sei. Es stellte sich heraus, daß eine wirklich recht brauchbare Bratsche ein vergessenes Dasein führte, die offenbar nur durch den ungemein festen Kasten, in den sie eingebettet war, der gelegentlichen Zerstörung durch trunkene Brüder widerstanden hatte. Zwei Geiger und ein Cellist hatten sich bald gefunden und an den Abenden, wo »nichts los war«, kamen wir zusammen, um Streichquartette bisweilen bis zum hellen Morgen zu spielen.
Man ließ uns zunächst nicht ohne Bedenken gewähren, da jede Absonderung und Gruppenbildung innerhalb der Bruderschaft verpönt war. Da wir uns aber bereit erklärten, auf Wunsch beim »Fuchstheater«, der in jedem Semester aufgeführten allgemeinen Kunstbetätigung mitzuwirken, konnten die Streichquartettabende als Vorbereitung darauf gelten und wurden nicht weiter beanstandet. Uns aber wurden sie eine Quelle warmer Freuden. Der Gegensatz, den die wunderzarten[124]  Klänge eines Haydnschen Adagios mit dem rauhen Studentenleben bildeten, ließ uns jene besonders tief empfinden und bewahrte uns vor dem restlosen Aufgehen in diesem Treiben, dem wir so viele Landsleute völlig verfallen sahen.
So habe ich durch alle zehn Jahre, die ich als Student, Assistent und Privatdozent in Dorpat zugebracht habe, immer mein Streichquartett gehabt. Die anderen Stimmen wechselten jedesmal, wenn ihre Träger Dorpat verließen. Doch fand sich immer unter den nachkommenden Geschlechtern Ersatz, so daß ich, obwohl bald Mozart, Beethoven und andere Meister beschafft und gespielt wurden, schließlich alle 83 Quartette Haydns kennen gelernt hatte. Mich fesselte dabei die Beobachtung, daß dieser unerschöpfliche Meister in seinen Quartetten sich mehr harmonische und andere Neu- und Kühnheiten gestattet hat, als in allen anderen Werken, die ich von ihm hörte oder las.
Wissenschaftliche Entwicklung. Die freundliche Aufnahme, welche meine wissenschaftliche Arbeit gefunden hat, war mitbedingt durch den Umstand, daß ich der neuen Sache auch einen neuen Namen gegeben hatte. Volumchemische Studien hatte ich die Abhandlung betitelt, in bewußter Anlehnung an das Wort thermochemisch, das durch Thomsen in Aufnahme gebracht worden war. Ich hatte mich dabei durch philologische Bedenken, die mir ausgesprochen wurden, nicht stören lassen. Auch in späteren Abhandlungen benutzte ich das neue Wort, ohne von fachlicher Seite Widerspruch zu erfahren. Dies günstige Ergebnis hat mir Mut gemacht, auch späterhin wenn die Umstände es wünschenswert machten, zahlreiche neue Wörter zu schaffen und sie ohne weiteres in Gebrauch zu nehmen. Sie sind so gut wie alle ohne Widerstand angenommen worden, der nicht ausgeblieben wäre, wenn ich Fragen oder Zweifel ausgesprochen[125]  oder gar den Allgemeinen deutschen Sprachverein um Beratung gebeten hätte.
In den Fliegenden Blättern, denen ich überhaupt eine Menge praktischer Lebensweisheit verdanke, habe ich dann später die Theorie hierzu in folgender Geschichte gefunden. Eine Gruppe Reisender hatte ein Kloster besichtigt und war nach Betrachtung der zahlreichen Merkwürdigkeiten endlich im Klosterbräustübel gelandet, um sich zu erfrischen. Einer fragt den diensttuenden Frater, ob man hier auch rauchen dürfe. »Noi, rauche derf ma net,« war die Antwort. »Aber von wem sind denn die vielen Zigarettenenden, die hier herumliegen,« fragte der Rauchlustige weiter. »Von die net g'fragt ham,« antwortete der Frater.
Also.
Die viele freie Zeit, welche mir mein Amt ließ, habe ich angewendet, um das in jener Anfangsarbeit aufgetane Gebiet in regelmäßige Arbeitspflege zu nehmen. Zunächst war begriffliche Arbeit zu tun, da die Berechnung meiner Messungen mittels der Zahlen für die Dichten, mit denen ich allgemeinem Gebrauch gemäß, gerechnet hatte, kein ganz klares Bild ergab. Ob es eine Frucht von Lembergs Schule war oder eigenes Bedürfnis, kann ich nicht mehr entscheiden; jedenfalls ließ mich diese kleine Trübung nicht ruhen, bis ich sie restlos aufgelöst hatte. Dies geschah durch die Einführung der Räume an Stelle der Dichten. In dem oben angegebenen Titel, Volum-chemische Studien hatte ich dies Ergebnis vorausgenommen.
Neben der begrifflichen steigerte ich auch die physikalische Genauigkeit, so daß meine Fehlergrenze über die fünfte Dezimale hinausrückte. Ein jüngerer Professor der mathematischen Physik, der mich mit siebenstelligen Logarithmen hantieren sah, wollte mich wegen unwissenschaftlicher Dezimalensucht auslachen, gemäß dem Wort [126]  Bessels, daß man den Mangel an mathematischer Bildung an nichts sicherer erkenne, als an dem übermäßigen Gebrauch von Dezimalen. Ich antwortete, daß ich auch lieber eine sechsstellige Tafel benutzen würde, wenn ich eine hätte; die fünfstellige ergäbe aber eine willkürliche Verminderung der tatsächlich erreichten Genauigkeit. Dies war schon eine Frucht der Erziehung durch meinen Vorgesetzten Öttingen, der uns mit großer Sorgfalt die Fehlerkritik unserer Messungen beigebracht hatte. Ich habe übrigens in meiner ganzen späteren Laufbahn nie wieder mit so vielen geltenden Dezimalen zu tun gehabt.
Sodann erweiterte ich den Kreis der Säuren und Basen, die untersucht wurden und führte ein breit angelegtes Programm mit sehr zahlreichen Messungen durch, die mehrere Monate angestrengter Arbeit kosteten. Obwohl der technische Anteil daran durch die beständige Wiederholung gleichartiger Messungen eintönig erschien, habe ich doch nie Langeweile deshalb empfunden. Denn mit jedem neuen Stoff erschienen neue Fragen, deren Beantwortung mit Spannung erwartet und mit Genugtuung aufgezeichnet wurde. So hatte sich das Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Ergebnis, dessen Einseitigkeit mich bei der ersten Mitteilung so unruhig gemacht hatte, hier auf seinen richtigen Wert eingestellt und ich unterzog mich mit Behagen der weit auslangenden täglichen Arbeit.
Der Arbeitsstil. Es hatte sich hier schon die Art herausgebildet, in welcher die große Mehrzahl meiner späteren Experimentalarbeiten durchgeführt worden sind, und deren durchgängige Betätigung in meinem Lebenswerk mein großer Arbeitsgenosse und Freund J.H. van't Hoff in seiner feinsinnigen Weise bemerkt und hervorgehoben hat. Sie besteht darin, daß zunächst für eine umfassende Fragestellung ein geeignetes Verfahren, zur Antwort[127]  zu gelangen, aufgesucht und erprobt wird. Ist dies erreicht, so wird das Verfahren gleichartig auf eine möglichst große Anzahl Einzelfälle angewendet, um einen tunlichst weit reichenden Überblick über die ganze Angelegenheit an vergleichbarem Material zu gewinnen. Dadurch habe ich von allen meinen Fachgenossen vielleicht am meisten wohlgemessene Zahlenwerte veröffentlicht, ausgenommen meinen Schüler und Freund P. Walden, der mich in dieser Beziehung weit überholt hat. Und wo diese später geprüft worden sind, haben sie sich als frei von erheblichen Fehlern erwiesen. Dies danke ich meinen Lehrern Schmidt, Lemberg und Öttingen.
Fortschritte. Durch eine anschließende Untersuchung über die Wärmeausdehnung der untersuchten Lösungen konnte ich die Messung der Gleichgewichtszustände auf andere Temperaturen erweitern und gewann so ein breiteres Bild über die Betätigung der chemischen Verwandtschaft. Es hatte sich heraus gestellt, daß Salzsäure und Salpetersäure gleich stark sind, unabhängig von der Basis, auf die sie wirken. Mit größter Spannung hatte ich nun die Beobachtungen für die Frage angestellt und gesammelt, ob diese Gleichheit auch bei anderen Temperaturen von 0° bis 60° bestehen bleibt. Die Antwort konnte ich erst erhalten, nachdem ich wochenlang die Einzelmessungen ausgeführt hatte. An einem Nachmittag war die letzte Messung gemacht und ich konnte die Rechnungen anstellen. Mir war zu Mute, wie es Newton gewesen sein mochte, als er seine Theorie der Schwere an den neuen französischen Gradmessungen prüfen konnte. Bekanntlich ergriff ihn die Bedeutsamkeit des Augenblicks so stark, daß er außerstande war, die Rechnung zu vollenden und einen Freund bitten mußte, dies für ihn zu tun. Ich war noch jung und kräftig genug, die Erregung soweit zu bändigen, daß ich selbst[128]  weiterrechnen konnte; auch war ein hilfreicher Freund nicht zur Stelle und wäre nicht leicht zu beschaffen gewesen. So traten schließlich aus den vielen Logarithmen die entscheidenden Endwerte hervor, die innerhalb der Versuchsfehler gleich sein mußten, wenn die vorgeahnte Entdeckung sich als zutreffend erwies. Sie waren gleich. Mein Herz schlug bis zum Halse, und ich kostete zum erstenmale das Schöpferglück des Entdeckers. Denn diesmal war es keine Nachbildung eines anderweit vorhandenen Gedankenganges in anderem, wenn auch eigenem Material, sondern eine neue, selbständige Frage, an deren Beantwortung sich, wenn sie im erwarteten Sinne ausfiel, erhebliche weitere Schlüsse knüpfen ließen. Der Vorstoß in das unbekannte Land hatte mit einem Sieg geendet. Damit fühlte ich mich für alle Zukunft der reinen Forschung geweiht und empfand das Ereignis als meine wissenschaftliche Mündigkeitserklärung.
Die Magisterpromotion. Es war natürlich, daß ich nun daran dachte, auch die äußeren Bedingungen für eine wissenschaftliche Laufbahn zu erfüllen. Die beschriebenen Arbeiten waren ausreichend, um den von der Fakultät sorgfältig hochgehaltenen Ansprüchen an eine Magisterdissertation zu genügen, wie mir Schmidt und Öttingen auf meine Anfrage eröffneten. So stellte ich die Ergebnisse zu einer geschlossenen Abhandlung zusammen, die ich liebevoll ausfeilte und tat die amtlichen Schritte, um meine Promotion in die Wege zu leiten. Dies geschah 1876, etwa zwei Jahre nach der Erwerbung des Kandidatengrades, in meinem 23. Lebensjahre.


Zur Promotion gehörte eine mündliche Prüfung, die sich aber nur auf einige Hauptfächer erstreckte und den Zweck hatte, den Betrag wissenschaftlicher Reife und Selbständigkeit festzustellen, über die der Kandidat verfügte. Sie vollzog sich in der Gestalt eines gemütlichen Gespräches. Karl Schmidt hatte als Vertreter des[129]  Hauptfaches zuerst das Wort und fragte mich: »Wenn Sie ein Lehrbuch der Chemie schreiben wollten – was ich nicht hoffe – wie würden Sie es beginnen?« Der Gute! Er ahnte vielleicht schon dunkel, wie übermäßig ich die von ihm ausgesprochene negative Hoffnung täuschen würde. Mir aber war die Frage eine blitzartige Aufklärung, daß auch das Lehrbuchschreiben in der Richtung meines Lebensweges lag und daß ich daher auch solche Aufgaben ins Auge fassen mußte.
Der letzte Teil der Promotion bestand in der öffentlichen Verteidigung der Dissertation, welcher vorschriftsmäßig noch mindestens fünf Thesen aus anderen Teilen der Wissenschaft beizufügen waren. In der Aula war ein großes doppeltes Katheder aufgebaut, in dessen oberem Stockwerk der Dekan thronte, während unten der Kandidat schwitzte. Nach den drei amtlich eingeladenen Opponenten, die aus den Professoren vom Kandidaten gewählt waren und eine ernsthafte und tunlichst inhaltreiche Zwiesprache zu bewirken pflegten, konnte jedermann aus dem Zuhörerkreise sich an der Verhandlung beteiligen. Da solche Promotionen in meiner Fakultät recht selten vorkamen, waren sie noch nicht zu einer leeren Form entartet, sondern wurden von allen Beteiligten als eine allgemeine Angelegenheit von nicht geringer Bedeutung für die Universität angesehen. Meine Promotion dauerte zwei Stunden, statt der üblichen einen. Die Einzelheiten sind meinem Gedächtnis entschwunden; meine allgemeine Erinnerung ist eine angenehme, so daß ich annehmen darf, mich damals noch in der behaglichen Zeit allgemeinen Wohlwollens befunden zu haben, wo jeder sich freut, das Seine zur Förderung des hoffnungsvollen jungen Menschen beizutragen und die nie fehlende Mißgunst sich noch im Hintergrunde hält. Es sollte nicht immer so bleiben.
Der Privatdozent. Vorläufig hing mein Himmel noch voller Geigen. Durch die Erwerbung des Magistergrades[130]  hatte ich die Rechte eines Privatdozenten erlangt. Dies bedeutete zweierlei. Erstens hatte ich für das kommende Semester eine Vorlesung anzuzeigen und auszuarbeiten. Zweitens wurde ich von nun an regelmäßig als Gast zu den Dozentenabenden eingeladen, welche einen großen fördernden Einfluß auf meine wissenschaftliche Entwicklung ausübten.
Die Dozentenabende fanden in den Wohnungen der älteren Mitglieder statt, die über eine geeignete Häuslichkeit verfügten. Es waren Angehörige der physikomathematischen und der medizinischen Fakultät, die sich vereinigt hatten, um die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten einem sachkundigen Kreise vorlegen zu können. Man kam einmal monatlich zusammen, nahm zunächst den Vortrag entgegen, besprach ihn und setzte sich dann zu einem einfachen Essen nieder, dessen Speisen und Getränke ein für allemal so bestimmt waren, daß auch die nicht wohlhabenden Mitglieder sie ohne Beschwerde bestreiten konnten. Nach dem Essen blieb man bei einem leichten Getränk noch einige Zeit zusammen. Das Gespräch nahm freiere Bahnen und hier schlossen sich gleichgestimmte Geister näher aneinander. Der Ton war bemerkenswert frei von offizieller Steifheit. Denn da die akademischen Titel und Würden – was in Deutschland Geheimer Regierungsrat, in Österreich Hofrat hieß, war dort Wirklicher Staatsrat und Exzellenz – von der Petersburger Regierung erteilt wurden, verachtete man sie aufrichtig, benutzte sie nicht im Verkehr und überließ ihre Anwendung den Pedellen und anderen unteren Universitätsbeamten. Auch die Studenten wurden angehalten, sich auf die Anrede: Herr Professor zu beschränken.
Auf diesen Dozentenabenden habe ich meine Forschungsergebnisse zuerst einzeln mitgeteilt in dem Maße, wie ich sie erlangte. Der jeweilige Gastgeber pflegte mich bald mit der Anrede zu begrüßen: Was bringen sie uns[131]  heute Neues? Und bei der Aussprache hernach habe ich sehr viel gelernt.
Mich haben diese Zusammenkünfte sehr glücklich gemacht. Vor wenigen Jahren noch waren meine persönlichen Beziehungen auf den engen Kreis der Familie beschränkt gewesen, der durch die Familien meiner Schulfreunde, in die ich gelegentlich gelangte, nur wenig erweitert wurde. Die Studentenjahre brachten den Sprung in die viel grössere Gesellschaft der Korporation unter gelegentlicher, aber seltener Berührung mit der weiteren Studentenschaft. Nun war ich aber als Gleicher unter Gleichen in den Kreis der ersten wissenschaftlichen Häupter des Landes aufgenommen, von denen mehrere europäischen Ruf besaßen. So lehrte damals in Dorpat der Chirurg Ernst von Bergmann, der seine Wissenschaft hernach in Berlin so glänzend vertreten hat. Als Physiologe wirkte Alexander Schmidt, zum Unterschied von seinem chemischen Namensvetter und zum Gedächtnis an seine grundlegenden Forschungen über die Gerinnung des Blutes, der »Blutschmidt« genannt. Karl Schmidt und Öttingen sind hier gleichfalls zu nennen.
Von den vielen Zusammenkünften, an denen ich etwa sechs Jahre habe teilnehmen dürfen, ist mir eine besonders in Erinnerung geblieben, wenn auch nicht wegen ihres wissenschaftlichen Inhaltes. Wir waren bei dem jungen Astronomen Backlund versammelt, der sich hernach auf der Sternwarte in Pulkowa einen angesehenen Namen erworben hat und der Kreis war daher vorwiegend mathematisch. Diese Wissenschaft war in Dorpat durch zwei Ordinarien von sehr verschiedener Eigenart vertreten, die Professoren Helmling und Minding, beide in vorgeschrittenem Alter. Helmling war ein guter Lehrer, kam aber wissenschaftlich nicht sehr in Betracht, während Minding ein bedeutender Mathematiker von großem Scharfsinn war. Im übrigen war Helmling ein stets[132]  lächelnder, beleibter Mann mittlerer Größe mit rundem, kahlen Schädel, runden Backen und Augen, runden Brillengläsern, dabei ein wenig was man in Studentenkreisen ein Sumpfhuhn nennt: dem Alkohol mehr als billig ergeben und sehr anspruchslos in geistiger Beziehung, wenn er am Zechtisch saß. Auf den offiziellen Kommersen, mit denen die Korporationen das Semester begannen oder schlossen, war er ein nie fehlender Gast, der die Sitzung regelmäßig auf folgende Weise eröffnete. Er nahm den Begrüßungsschnaps feierlich entgegen, trank ihn wie üblich mit einem Schwunge aus und sagte befriedigt: »Man wird doch gleich ein anderer Mensch, wenn man einen Schnaps getrunken hat.« Und dann fügte er nach einigen Augenblicken hinzu: »Warum soll der Andere nicht auch einen kriegen?« und ließ sich einen zweiten Schnaps einschenken. Dies vollzog sich mit der Regelmäßigkeit einer Sonnenfinsternis, so daß sich jedesmal die neuen Füchse um ihn zu scharen pflegten, um den berühmten Vorgang auch ihrerseits zu erleben.
Minding war ein ganz anderer Mensch. Klein und mager, mit ziegelrotem Gesicht und schneeweißen Haaren, der Kopf eingefaßt von zwei weit herausstehenden »Vatermördern«, die ebenso spitz waren wie seine Nase, sehr zurückhaltend in seinem Benehmen und nur mit seiner Wissenschaft beschäftigt, erschien er ebenso abstrakt wie diese. Dabei war er im Grunde eine gütige und hilfsbereite Natur, die nur schwer aus sich herauskam.
Nun hatte Backlund, der aus Schweden stammte, sich für den Abend mit einem reichlichen Vorrat seines heimischen Punschs versehen, der aus Neugier bereits vor der Zeit der Geselligkeit gekostet wurde und den alten Herren vorzüglich schmeckte. Bei der Nachsitzung war Helmling in der Stimmung, in der man nicht davor zurückschrickt, auch die ältesten Geschichten zu erzählen, während der alte Minding von dem ungewohnten[133]  Getränk in einen leichten Schlummer gefallen war. So rief Helmling aus: »Jetzt kommt aber etwas mathematisches dran.« Minding hatte bei diesem Wort die Augen geöffnet, da er aber sah, daß Helmling sprach, fielen sie ihm gleich wieder zu. Helmling fuhr fort: »Es war ein Schiff, das war fünfundachtzig Fuß lang und einundzwanzig Fuß breit: wie alt war somit der Kapitän?« Die jüngeren Dozenten lachten höflich zu diesem uralten Witz und Minding wachte plötzlich auf mit dem dunklen Gefühl, daß er nun auch eine Geschichte erzählen müsse. »Also,« sagte er, »da muß ich Ihnen doch auch etwas vortragen. Es war ein Schiff, das war fünfundachtzig Fuß lang und einundzwanzig Fuß breit: wie alt war dann der Kapitän?« Es brach alsbald ein donnerndes Gelächter los und der alte Herr schaute ganz hilflos um sich, denn auf einen derartigen Erfolg des gewohnten Scherzes war er nicht gefaßt gewesen.
Das duale Harmoniesystem. Die Hingabe an die wissenschaftliche Forschung hinderte mich nicht, die geliebte Musik weiter zu pflegen. Zwar war es eigentlich eine unglückliche Liebe, wie sie im Buche steht: ich liebte sie, aber sie liebte mich nicht. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich im Quartett zwar der sicherste Theoretiker, aber der unsicherste Streicher war, und daß dies sich im Lauf der Zeit nur wenig besserte, selbst wenn ich mich von Zeit zu Zeit aufraffte und täglich nach den Vorschriften einer Bratschenschule übte. Denn die Schärfe des Gehörs fehlte mir, die dem Geiger so nötig ist.
Zunächst fand der Theoretiker in mir ein reiches Feld der Betätigung. Ich habe schon erzählt, daß Öttingen in jungen Jahren ein Buch: Das duale System der Harmonie geschrieben hatte, in welchem er grundlegende Entdeckungen mehr versteckt als veröffentlicht hatte. Nachdem ich als Assistent mit ihm in täglichen Verkehr getreten war, er fuhr er bald von meiner Musikfreude, gab[134]  mir sein Buch zu lesen und erläuterte mir, was ich nicht recht verstand. Ich fand in seinen Gedanken eine Betätigung jener reinen, klar in sich geschlossenen Wissenschaft, die mir als halb unbewußtes Ideal vorschwebte und vertiefte mich mit Begeisterung in das Studium seiner Harmonielehre, die mir als ein großer Fortschritt gegenüber der gebräuchlichen erschien. Denn diese war nicht viel mehr als eine Sammlung teils erfahrungsmäßiger, teils willkürlicher Regeln, mit deren wissenschaftlicher Begründung es sehr dürftig aussah.
Öttingens Lehre zeigte dagegen, wie die tatsächlich maßgebenden Regeln sich als Anwendungsfälle einiger einfacher und einleuchtender Grundsätze ergaben.
Diese lebendige Teilnahme, welche er bisher nur sehr spärlich erfahren hatte, regte Öttingen seinerseits zu neuer Betätigung an. Ich hatte ihm nicht verhehlt, welche Schwierigkeiten sein Buch dem Leser machte. Er selbst sah, nachdem anderthalb Jahrzehnte über die erste Fassung seiner Gedanken vergangen waren, viel klarer in die Zusammenhänge. So beschloß er, über seine Lehre eine öffentliche Vorlesung zu halten, zu der sich bei der sehr verbreiteten Freude an der Musik in Dorpat, zahlreiche Hörer, vorwiegend Damen einfanden. Mich beauftragte er, eine Anzahl Anschauungstafeln für die wichtigsten Verhältnisse herzustellen. Es war dies einer der seltenen Fälle, wo er die Hilfstätigkeit, zu der ich amtlich verpflichtet war, außerhalb der gewöhnlichen Fachvorlesung in Anspruch nahm. Ich habe die Blätter noch viele Jahre später, als uns das Schicksal in Leipzig wieder zusammengeführt hatte, in seinem Besitz gesehen.
Der Orchesterverein. Auch nach der praktischen Seite betätigte sich die musikalische Periode, in die Öttingen eingetreten war. Er gründete einen Akademischen Orchesterverein, der am Sonntag nachmittag sich in der Aula versammelte und Musik machte. Den Grundstock bildete[135]  die kleine Stadtkapelle, die sich in Dorpat hielt, um bei offiziellen Gelegenheiten, namentlich Beerdigungen, mitzuwirken. Ergänzt wurde sie durch eine ziemlich große Anzahl musikbeflissener Professoren und Studenten, welche die Reihen auffüllten. Öttingen war ein guter Kapellmeister und wußte mit den mäßigen Mitteln recht erfreuliche Wirkungen zu erzielen. So brachte er unter anderem eine wirksame Aufführung der dritten Symphonie von Beethoven zustande; nur die schwierigen Hornstellen im Trio des Scherzo wollten nicht immer glücken.

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Da kein Vertreter des Fagott vorhanden war, beschaffte er das Instrument und eine Schule dafür, und beauftragte mich kurzerhand, es ohne Lehrer zu erlernen. Ich war höchst bereitwillig und nahm die Übungen am Nachmittag vor, wo außer mir keine lebende Seele im Institut war; im chemischen Laboratorium unterhalb, wo Schmidt und Lemberg ihr geräuschloses Wesen trieben, war gleichfalls niemand sonst anwesend. Bald darauf fragte mich Schmidt, ob ich meine bisherigen Arbeiten verlassen und mich akustischen Studien hingegeben hätte, da er tagaus, tagein von oben die sonderbarsten Heultöne vernahm. Ich klärte ihn auf, er aber schüttelte den Kopf und meinte, ich möchte doch lieber bei meinen bisherigen Arbeiten bleiben.
Immerhin bewältigte ich die Anfangsgründe des seltsamen und schwierigen Instruments so weit, daß Öttingen mich im Orchester mitblasen ließ. Als ich aber einmal die schönen Bläserakkorde in der Egmontouvertüre unmittelbar vor dem Allegro con brio durch einen verunglückten Einsatz verdorben hatte, pflegte er mir in Fällen wo es darauf ankam zu sagen: »Lassen Sie doch lieber Ihre Stimme vom Cello spielen.«
Die Anfänge des Lehrbuchs. Mit der Erwerbung des Magistergrades war wie erwähnt, die Berechtigung verbunden, an der Universität Vorlesungen zu halten. Ich[136]  kündigte ein zweistündiges Kolleg über physikalische Chemie an und begann mich darauf vorzubereiten.
Der Name für dies Fach war bereits vorhanden und bekannt; er ist wohl durch den Titel Lehrbuch der Physikalischen und Theoretischen Chemie geschaffen worden, den das älteste Werk dieses Faches, der 1857 von Buff, Kopp und Zamminer geschriebene Einleitungsband von Ottos deutscher Ausgabe des Lehrbuchs der Chemie von Graham erhalten hatte. Allerdings stellt der Teil, dem der erste Name zugeteilt ist, nur ein für den Bedarf des Chemikers angepaßtes Lehrbuch der Physik und Krystallographie dar, während der von Hermann Kopp geschriebene Teil, welcher der heutigen Physikalischen Chemie entspricht, Theoretische Chemie genannt wird. Er ist 287 Seiten lang und behandelt beide Gebiete, die man heute als Stöchiometrie und Verwandtschaftslehre bezeichnet, dazu aber noch die Fragen nach der chemischen Konstitution, die man hernach als das Hauptproblem der organischen Chemie ansah.
Außer diesem gediegen und klar geschriebenen Buche, das aber damals schon 20 Jahre alt und somit veraltet war, gab es kein zusammenfassendes Werk, denn der erste, von A. Naumann verfaßte Band des Handbuches von Gmelin-Kraut, welcher die allgemeine und physikalische Chemie behandelt, erschien erst kurz hernach, im Jahre 1877.
Es galt also, selbst das Material für die Vorlesungen zusammenzutragen und ich entschied mich kurz, die ganze mir zugängliche Bücherwelt daraufhin durchzuarbeiten. Dies war mir dadurch möglich, daß ich in den beiden Instituten, wo ich heimisch war, dem chemischen und dem physikalischen, vollständige Reihen der in Betracht kommenden Zeitschriften zu beliebigem Studium vorfand. Ich sah die Inhaltsverzeichnisse auf alle Abhandlungen durch, die in Betracht kommen konnten,[137]  schrieb deren Titel auf kleine Zettel und hatte nach einigen Monaten unausgesetzter Arbeit eine Kartei in Händen, die sich nach Gegenständen ordnen ließ und mir ein einigermaßen geregeltes Studium des Schriftwesens in meinem Fache möglich machte.

Natürlich begann ich, wie jeder werdende Dozent, die Vorlesung in der Form, wie ich sie zu halten gedachte, schriftlich auszuarbeiten. Aber ich hörte bald damit auf, weil mir das zu langsam ging und ich mir zutraute, unter dem Sprechen die Form für das, was ich zu sagen hatte, leicht zu finden. Viel wichtiger und auch interessanter schien es mir, zunächst mir einmal einen vollen Überblick über das zu verschaffen, was in dem Gebiete überhaupt vorhanden war. So legte ich nach meinen Zetteln Papierstreifen in die Bände, welche die zu lesenden Abhandlungen leicht finden ließen und las nun frisch darauf los, wie der Zufall es ergab. Ich durfte meinem ganz vorzüglichen Gedächtnis zutrauen, daß ich alles Wesentliche behalten würde. Und jene wohltätige Einrichtung im wissenschaftlichen Gehirn, durch welche selbsttätig Ähnliches sich an Ähnliches schließt, bewirkte, daß das, was ich wie Kraut und Rüben durcheinander aufgenommen hatte, nach einiger Zeit zu großen gut übersehbaren Massen zusammengeronnen war. So begann ich in der ersten Vorlesung, die ich halten durfte, jene Arbeit der Ordnung und des organischen Aufbaus, welche andere wie ich als den wichtigsten Anteil betrachten, den für meine Wissenschaft beizutragen mir gegeben war.

Ein halbes Dutzend Zuhörer, die bis zum Schlusse aushielten, stellten den äußeren Erfolg meiner Lehrtätigkeit dar. Der innere war die Sicherheit, daß ich nun das Gesamtgebiet meiner Wissenschaft überschauen und mich mit Ruhe der Vertiefung in die Einzelgebiete hingeben konnte.
[138]  Die Doktorpromotion. Da nun kein Zweifel mehr daran bestand, daß ich meine Zukunft im akademischen Lehramt zu suchen hatte, war die nächste Aufgabe, auch die letzte Voraussetzung dazu zu erfüllen: die Erwerbung des Doktorgrades. Die Fortführung meiner volumchemischen Arbeiten und eine entsprechende Untersuchung auf Grund der Lichtbrechungsverhältnisse meiner Lösungen gab mir das Material dazu. Entsprechend der höheren Stufe, die ich anstrebte, hatte die eingereichte Abhandlung mehr zu leisten, als die Magisterschrift. Sie brachte über 600 genaue Messungen von Dichten und Brechungswerten und als Hauptergebnis eine Tabelle über die Verwandtschaftsgrößen, die sich auf alle Säuren erstreckte, die mir und meinem Verfahren zugänglich waren; es waren zwölf. Da sie die erste zahlenmäßige Tabelle dieser Art war, aus der sich bereits einige von den Gesetzen erkennen ließen, denen diese Werte unterworfen sind, hat sie ein gewisses geschichtliches Interesse. Zu Ende des Jahres 1878, ein Jahr nach der Magisterpromotion fand die zweite öffentliche Disputation und darauf die feierliche Promotion zum Doktor der Chemie statt. Mit einem gewissen Bedauern sah ich für immer die Gelegenheit schwinden, ein Examen zu machen. Denn seit meiner Abgangsprüfung von der Schule hatten mir diese von den meisten gefürchteten Vorgänge zunehmend mehr Vergnügen gemacht. Daß sich mir nun alle Möglichkeiten für die äußere Gestaltung meiner Schicksale aufgetan hatten, war mir inzwischen wichtiger geworden, als ich noch vor kurzem gedacht hatte. Allerdings lag diese Wichtigkeit nicht gerade in der Linie meiner wissenschaftlichen Entwicklung.
Analyse von Kunstwerken. Öttingens Vorträge über sein Harmoniesystem hatten in weiteren Kreisen Interesse erregt und er wurde gebeten, Sonderkurse für solche zu halten, die sich genauer mit ihr bekannt machen[139]  wollten. Ich hatte alsbald das gewohnte Verfahren der organisierten Massenarbeit auch auf diesen Fall angewendet und unter anderem die harmonische Analyse aller Klaviersonaten Beethovens durchgeführt. Zweifelhafte Fälle legte ich meinem Lehrer vor und wir haben oft hitzig über ihre Deutung gestritten, zuweilen sogar ohne uns einigen zu können, wenn auch im allgemeinen die unabhängig ausgeführten Analysen gut übereinstimmten. Ich verdanke dieser Arbeit eine so genaue Bekanntschaft mit diesen herrlichen Schätzen, wie ich sie auf keine andere Weise hätte erreichen können.
Ein anderer folgenreicher Einfluß dieser Arbeiten war die Einsicht, daß von dem Werke des Künstlers, auch des höchsten und leidenschaftlichsten schon jetzt ein viel größerer Anteil der wissenschaftlichen Analyse zugänglich ist, als gewöhnlich geglaubt wird. Von den bisherigen Vertretern der Kunstwissenschaft (oder vielmehr dessen, was in Ermangelung eines besseren einstweilen so genannt wird) pflegt ja in allen möglichen Wendungen die Behauptung wiederholt zu werden, daß das Kunstwerk dem rechnenden Verstande unzugänglich sei und durch das Eingreifen der Wissenschaft nur beeinträchtigt werden könne. Dies trifft zweifellos für die bisherige Kunstwissenschaft zu, die fast ganz in dem primitiven Zustande der Kunstgeschichte verblieben ist. Ein Blick auf Baukunst und Kunstgewerbe in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrem Zirkus der »historischen« Stile erläutert das Gesagte. Aber die Tatsache, daß diese Schädigung sich auf die genannten Kunstzweige beschränkt hat, während die Tonkunst durchaus nichts derartiges aufweist, läßt die Ursache dieser Verhältnisse erkennen. Die Tonkunst ist nämlich in wissenschaftlicher Beziehung viel weiter vorgeschritten, als die Bild- und Formkunst. Gegenüber dem großen sachlichen Inhalt der Tonkunstwissenschaft[140]  in Harmonie- und Formenlehre, Kontrapunkt, Akustik usw. ist die Geschichte dieser Kunst naturgemäß stark in den Hintergrund getreten und kann daher durchaus nicht die gleichen üblen Wirkungen ausüben, wie in jenen Gebieten. Es bietet sich hier der Vergleich mit den Naturwissenschaften an, wo gleichfalls die Geschichte des Gebiets gegenüber den sachlichen Aufgaben nur eine ganz geringe Rolle spielt. Man pflegt diese Einstellung der Naturforscher als bedenklichen Mangel an Idealismus oder Bildung zu tadeln, doch mit Unrecht. Bedenkt man die großen Beträge von praktischem Idealismus, der sich bei ihnen in der Mißachtung körperlicher und geistiger Mühen, ja Gefahren äußert, wenn es gilt, wissenschaftlich belangreiche Ergebnisse zu gewinnen, so darf man nicht daran zweifeln, daß sie sich auch der nicht eben außerordentlich großen Mühe geschichtlicher Forschungen bereitwilligst unterziehen würden, wenn dabei nur etwas herauskäme, was der Mühe wert wäre. In dem Maße, als die wissenschaftliche Bewältigung des Gebiets geringer ist, nimmt die Wertschätzung der Geschichte desselben zu. Sie erreicht deshalb besonders hohe Werte in der Politik, welche die Vertiefung durch wissenschaftliches Denken ganz besonders schwer vermissen läßt.
So muß ich es als ein persönliches Glück ansehen, daß ich durch Öttingens Einfluß wieder in nahe Berührung mit der wissenschaftlichen Seite der Tonkunst, dieser wissenschaftlichsten aller Künste gebracht wurde. Es ist schon erzählt worden, daß ich Harmonielehre und Kontrapunkt schon vor meinen Studentenjahren getrieben hatte; einige von mir damals vertonte Lieder bezeugen, daß mir auch die Anwendung des Gelernten nicht fremd geblieben war. Auch hatte ich während meiner Studentenjahre eine Sinfonia erotica über ein bekanntes Studentenlied höchst leichtsinnigen Inhaltes geschrieben, die unter großem Jubel aufgeführt wurde. Aber erst[141]  nachdem mich Öttingen mit den noch nicht oder erst unvollkommen gelösten Problemen des Gebietes bekannt gemacht hatte, konnte ich den großen Schritt von der schülermäßigen Aufnahme überkommener Regeln zum verstandesgemäßen Begreifen ihrer Gründe vollziehen, und damit die gewaltige Bedeutung der Wissenschaft für die Kunst ahnend erfassen.
Es ist schon bei früherem Anlaß erwähnt worden, daß alle Allotria, mit denen ich erhebliche Anteile meiner jungen Jahre scheinbar zwecklos ausgefüllt hatte, sich später als wertvolle Bestandteile für die geistigen Baulichkeiten haben verwenden lassen, deren Errichtung ich als die große Aufgabe meines Lebens bezeichnen darf. Daß aber diese instinktmäßig zusammengetragenen, lustigen Bruchsteine sich nachher als solid genug für so ernsthafte Zwecke erweisen konnten, lag wohl daran, daß ich sie schon damals nicht als Spiel behandelt, sondern so ernst, d.h. so wissenschaftlich genommen hatte, als ich es seiner Zeit ermöglichen konnte.
1 Als Steppenhengst.




 Sechstes Kapitel.
Lehr- und Ehestand.










[142] Kunstunterricht und seine Folgen. Öttingens Zeit genügte bald nicht mehr, um den vielfachen Anforderungen zu genügen, die an ihn um genauere Kenntnisnahme seiner Lehre gestellt wurden. Er veranlaßte mich deshalb, einige Unterrichtsgänge zu übernehmen, die von ihm gewünscht wurden.
Die Wissensdurstigen waren meist Damen, sowohl ältere wie jüngere, die sich zu kleinen Kreisen zusammenschlossen und mit großer Hingabe die neuen Studien betrieben. Hierdurch wurde ich in einigen Häusern bekannt, in denen das rege geistige Leben sich nicht auf Musik beschränkte, wenn diese auch meist im Vordergrunde stand. Ich lernte den Reiz anmutiger und heiterer Geselligkeit schätzen und empfand diese zeitweilige Ablenkung von der immer intensiver werdenden wissenschaftlichen Arbeit als eine entschiedene Wohltat.
Am meisten verkehrte ich im Hause des Dr. Gustav Reyher. Er war zwar an der Universität habilitiert, übte aber im Hauptberuf eine ausgedehnte ärztliche Praxis aus, zu der er als gut aussehender Mann mit rosigem Gesicht, schwarzem Vollbart, lockigem Haupthaar und gewinnend freundlichem Wesen besonders geeignet war. Seine Frau sah im Gegensatz dazu grotesk häßlich aus; klein, kurzbeinig, mit einem Gesicht wie die weiland [143]  Julia Pastrana (ohne die Behaarung) verblüffte sie jeden Fremden durch ihren Anblick. Jedoch verschwand dieser erste Eindruck schnell, denn sie war nicht nur unbegrenzt gutherzig und hilfsbereit, sondern vielseitig gebildet und stets willig, auf jedes Interesse einzugehen, auf das sie bei ihrem Gegenüber stieß. In Musik und Poesie war sie mit dem Vorhandenen weitgehend vertraut und verfolgte mit Eifer das Neue, wie es der Tag brachte. Von den zahlreichen durchreisenden Künstlern, die auf dem Wege nach Petersburg gern in der freundlichen und begeisterungsfähigen Musenstadt am Embach Halt machten und einige Konzerte gaben, wurden viele in diesem gastfreien Hause beherbergt und belebten die etwas eintönige provinziale Geselligkeit durch einen Luftzug aus der großen Welt draußen, mit der man sich übrigens geistig durchaus in Zusammenhang fühlte.
Da auf solche Weise im Reyherschen Hause die Musik vorherrschte, waren es auch stets musikalisch gebildete Studenten, welche den näheren Kreis der »Hauskinder« (die eigenen Kinder waren noch minderjährig) ausmachten. Es wurde demgemäß mancherlei Hausmusik getrieben, bei der ich mich mit der Bratsche als nutzbar erwies. Als ich aber einmal versuchte, an einem dazu umgeschriebenen Notturno von Chopin (op. 9 Nr. 2 in Es) meine eben erworbene Kunst auf dem Fagott mit Klavierbegleitung vorzuführen, kam ich nicht über die ersten Takte hinaus, so unwiderstehlich wirkte der ungewohnte Klang auf die leicht angeregten Lachmuskeln der Zuhörer.
Mir war diese Art der Gegenwirkung auf das, was ich sagte oder tat, ganz gewohnt. Denn ich fühlte mich meinem Kreise überlegen und es hatte mir von jeher ein besonderes Vergnügen gemacht, meine vielfachen Widersprüche gegen das »Selbstverständliche«, über welches man nicht erst nachdenkt, so auffallend wie möglich zum Ausdruck zu bringen. Natürlich war Gelächter[144]  die Form der Erwiderung auf meine Absurditäten, das ich als eine Bestätigung dafür entgegennahm, daß ich den Zweck erreicht hatte, meinen Widerspruch fühlbar zu machen.
In diesem Falle war ich empfindlich gegen das Gelächter. Es war nicht nur das Gefühl, daß ich zu dem gewohnten Überlegenheitsbewußtsein auf dem Gebiet der Musik nicht berechtigt war und die Ablehnung ohne Gegenwehr hinzunehmen hatte. Sondern der Hauptgrund war, daß jemand anwesend war, in dessen Augen ich durchaus nicht lächerlich erscheinen mochte.
Die Lebensgefährtin. Im Reyherschen Hause befand sich nämlich seit einigen Monaten eine Nichte gleichen Namens, Helene v. Reyher. Sie stammte aus Riga gleich mir und war die Schwester eines etwas älteren Landsmannes, Carl v. Reyher, der sich trotz seiner jungen Jahre bereits einen klingenden Namen als Chirurg erworben hatte. Er war ein Lieblingsschüler Ernst v. Bergmanns und ist später in Petersburg zu einer glänzenden Stellung als einer der Ersten in seinem Beruf aufgestiegen. Leider wurde seine so erfolgreich begonnene Laufbahn durch einen frühen Tod kurz abgeschnitten. Musikalische Interessen hatten uns näher zusammengeführt. Zu den Lernlustigen bezüglich der Öttingenschen Harmonielehre gehörte auch die Frau Dr. Reyher und sie brachte bald einen kleinen Kreis zusammen, dessen Unterricht mir übertragen wurde. So sah ich Tante und Nichte häufig gleichzeitig und konnte nicht umhin, den Kontrast in ihrer äußeren Erscheinung lebhaft zu empfinden. Zuweilen war die Tante durch eine ihrer zahllosen anderweiten Verpflichtungen verhindert, am Unterricht teilzunehmen. Das war mir eigentlich noch lieber und ich war dem Schicksal und der Tante dankbar, daß sich diese Zufälle im Lauf der Zeit vermehrten. Wie von allen Seiten vorausgesehen[145]  wurde – von mir selbst vielleicht zuletzt – wurde Ende April 1879 eine Verlobung daraus und auch ich durfte jenen Frühlingssturm der Gefühle erleben, durch den der Menschheit ihr Dauerbestand gesichert ist.
Hausstandsorgen. Die Eltern meiner Braut – der Vater war Beamter bei der Ritterschaft – gaben auf den Bericht der Dorpater Vettern über mich gern ihre Zustimmung. Nun entstand aber die Frage nach der wirtschaftlichen Sicherung des künftigen Hausstandes. Mein Gehalt als Assistent reichte nur eben, um meine geringen Bedürfnisse zu bestreiten, aber nicht für eine Familie. Als nächste Möglichkeit besserer Einnahmen winkte die Hoffnung auf eine honorierte Dozentur. An der Universität bestand die Einrichtung, daß von der Regierung für etwa ein Dutzend Dozentenstellen die Gehälter ausgeworfen waren, mit der Maßgabe, daß sie nach Bedarf von Fall zu Fall durch das Conseil, die Gesamtheit der ordentlichen Professoren verliehen wurden. Es war nun vor kurzem eine derartige Stelle frei geworden, die ich zu bekommen hoffte. Doch mußte ich die Enttäuschung erleben, daß sie anderweit vergeben wurde. Ich hätte sie vielleicht erhalten, wenn sich Öttingen ebenso lebhaft wie Carl Schmidt für mich verwendet hätte. Er sah aber, wie er mich alsbald wissen ließ, meine Verlobung als einen argen Fehler an, durch den ich mutwillig meine ganze wissenschaftliche Zukunft zerstört habe und es war daher in meinem Interesse, wie er es auffaßte, daß er die Möglichkeit einer baldigen Heirat nicht seinerseits befördern wollte.

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Auch nach einer anderen Richtung erlebte ich eine Enttäuschung. Es befand sich bei der Universität ein beträchtliches Kapital, die Heimbürger-Stiftung, aus deren Erträgnissen alljährlich Preise für hervorragende wissenschaftliche Leistungen und Reisestipendien für die weitere Ausbildung verliehen wurde.[146]
Da die Anzahl der Altersgenossen nicht groß war, die hierfür in Frage kamen, hegte ich insbesondere die Hoffnung, das Reisestipendium zu erhalten, um auf ein Jahr »nach Europa« gehen zu können, wie Karl Schmidt sich ausdrückte und dort eine andere wissenschaftliche Luft zu atmen als die des heimischen Dorpat. Der einzige, der neben mir in Frage kam, war der hochbegabte Physiologe Gustav Bunge. Er war zwar als der ältere der Nähere dazu. Da er aber bereits das Livländer-Stipendium erhalten und zu einem längeren Studium in Deutschland benutzt hatte, hoffte ich, für den keine derartige landsmännische Hilfe vorhanden war, zum Ausgleich das Heimbürger-Stipendium zu erhalten. Doch wurde auch dieses Bunge zugewendet.
Von meinen Freunden wurde dies als eine große Ungerechtigkeit empfunden, während es mir, wie ich bekennen muß, nicht besonders nahe ging. Hatte ich doch bei meinen Arbeiten so reichlich ungelöste Fragen angetroffen, die nur der Bearbeitung harrten, daß mir der Einstrom neuer und fremder Aufgaben, der zweifellos mit einer Arbeitsperiode in Deutschland – ein anderes Land kam überhaupt nicht in Frage – verbunden sein würde, mehr als Störung denn als Förderung erscheinen wollte.
Später habe ich noch milder über jene Entscheidung urteilen gelernt. Die physiologische Chemie hatte durch jene großartigen Jugendarbeiten Karl Schmidts und die späteren unabhängigen Forschungen seines Namensvetters Alexander, des »Blutschmidt« einen solchen örtlichen Glanz gewonnen, daß sie für die fernerstehenden Kollegen, unter denen nicht sehr viele selbständige Forschungen trieben, als eine Art Höhepunkt aller Naturwissenschaften empfunden wurde. Die physikalische Chemie, in der ich arbeitete, genoß aber weder in der Heimat noch im Auslande ein besonderes Ansehen. Die[147]  einzige ordentliche Professur dafür, die es gab, war die von Gustav Wiedemann in Leipzig bekleidete, und der Ruf dieses tüchtigen Forschers lag ganz im Gebiete der Physik, zu der er auch später zurückkehrte. Und Lemberg, der zudem wesentlich Geologe war, stand wegen seiner bekannten radikalen Gesinnung in keinem besonders freundlichen Ansehen, so daß sein nahes Verhältnis zu mir meiner Einschätzung seitens des weiteren akademischen Kreises, der über diese Dinge zu entscheiden hatte, zum mindesten nicht zuträglich war. Auch wurde ich selbst nach dieser Richtung keineswegs als zuverlässig und stubenrein angesehen.
So sprach für die Professoren so viel dafür, sich dem irgendwoher aus dem Nichts hereingeschneiten Neuling gegenüber zunächst abwartend zu verhalten, daß ich ihnen die Entscheidung nicht ernstlich verübeln durfte.
Überlege ich nachträglich im Lichte der zwischenliegenden fünfzig Jahre Lebenserfahrung den Einfluß dieser Geschehnisse auf mein persönliches Schicksal und den Anteil, den ich an der Entwicklung der Wissenschaft habe nehmen dürfen, so glaube ich, sie nachträglich als einen besonderen Glücksfall ansehen zu müssen, so wenig ich auch damals einer solchen Auffassung zugänglich sein mochte. Bei der großen Eindrucksfähigkeit, die ich als absoluter Neuling im deutschen Wissensbetriebe mitgebracht hätte, wäre ich vermutlich ganz und gar unter den Einfluß einer der damaligen chemischen Größen, z. B. Baeyers geraten. Da diese ohne Ausnahme sich restlos der organischen Chemie ergeben hatten, die sich damals, am Anfange der achtziger Jahre, in blendender Entwicklung befand, wäre ich selbst auch unfehlbar ein Organiker geworden, der den jugendlichen Ausflug in das wilde Gebiet der Verwandtschaftslehre bald als eine Verirrung angesehen hätte, die so schnell als möglich der Vergessenheit zu überantworten war. War es doch[148]  unter anderen Baeyer so gegangen, der als junger Bunsenschüler eine (nicht sehr gute) Arbeit über die idiochemische Induktion geschrieben hatte, um alsbald dies Gebiet für immer zu verlassen. Und dies obwohl er wie er mir selbst erzählt hat, zunächst viel mehr Interesse für mathematisch-physikalische Fragen gehabt hatte, als für chemische. Sein Fall war nicht der einzige dieser Art, so stark war damals die Anziehungskraft der organischen Chemie, und ich wäre ihr zweifellos verfallen, wenn ich damals nach Deutschland gelangt wäre. Zwar traue ich mir zu, daß ich auch in diesem Fache Arbeiten hervorgebracht hätte, die oberhalb des Durchschnittes geraten wären. Aber ich wäre doch nur einer unter vielen geworden, ohne meiner Wissenschaft zu einer neuen Arbeitsrichtung zu verhelfen. Nehme ich hierzu, daß die ausgezeichneten Mitarbeiter, welche ich später auf diesem Wege angetroffen habe, bei genialer wissenschaftlicher Begabung doch alle keine besondere Neigung zu organisatorischer Betätigung offenbart haben, so komme ich zu dem sonderbaren Schluß, daß jenes Versagen der Kuratoren des Reisestipendiums meinen Wünschen gegenüber für die Entwicklung der Wissenschaft bessere und weiterreichende Folgen gehabt hat, als sie und ich uns damals träumen ließen. Und auch persönlich glaube ich nachträglich ganz zufrieden sein zu können.
Wünsche und Hoffnungen. Doch diese Dinge lagen noch tief in den Nebeln der Zukunft verborgen. Für mich bestand als nächstliegende Aufgabe die Beschaffung genügender Einnahmen zur Begründung des Hausstandes, da ich weder mich noch meine Braut der Plage einer unbestimmt langen Verlobungszeit aussetzen mochte.
Privatunterricht hatte ich bereits mehrfach mit gutem Erfolge erteilt, doch war dies eine zu unsichere Einnahme. Die liebevollen Bemühungen meines Lehrers Karl Schmidt um ein hinreichend gut bezahltes Nebenamt[149]  mit genügend freier Zeit schlugen fehl. Da bot mir der damalige Professor der Agrikulturchemie und Vorstand des öffentlichen chemischen Untersuchungslaboratoriums am Polytechnikum in Riga eine Assistentenstelle an seiner Anstalt an.


Das Gehalt war ausreichend, um damit einen bescheidenen Haushalt durchzuführen, aber meine Zeit wäre durch die ewig wiederholte Tagesarbeit, die Lohnanalysen der Untersuchungsanstalt, voll in Anspruch genommen worden. Dazu kam, daß der Vorstand sich wissenschaftliche Blößen gegeben hatte, die für ein Arbeiten unter seiner Leitung keine gute Aussicht boten. Um die Meinung zu kennzeichnen, welche man in Fachkreisen von ihm hatte, kann folgende Geschichte dienen, die nicht wahr zu sein braucht. Es war der Anstalt eine Flasche zur Untersuchung des Inhalts eingereicht worden, auf deren Zettel der Vorstand (er hatte damals eben keinen Assistenten) das Wort Wein las. Sein Gutachten lautete: »Spezifisches Gewicht: 1. 02, Weingeistgehalt: unter 1 Prozent, Zucker 0.5 Prozent, Säuregehalt: Spur, Geschmack: fade und unangenehm; es ist zu verwundern, daß ein solches Gebräu, das überhaupt nicht nach Wein schmeckt, als Wein angeboten werden kann.« Der erstaunte Einsender schrieb zurück, daß der geehrte Vorstand den Zettel auf der Flasche anscheinend nur flüchtig angesehen habe. Denn die beiden ersten Buchstaben, welche er als We gelesen hatte, hießen nicht so, sondern Ur.
Es fiel mir nicht schwer, meine Braut zu überzeugen, daß um diesen Preis das ersehnte Heim zu teuer erkauft sein würde, denn ihr war an meiner wissenschaftlichen Zukunft nicht weniger gelegen als mir. So hieß es, die Fahne der Hoffnung weiter tragen und auf das Eintreten besserer Möglichkeiten warten.
Auf solche Möglichkeiten zu hoffen, fühlte ich mich berechtigt. In dem kleinen Kreise der Forscher, welche[150]  sich damals um solche Fragen kümmerten, hatten meine Arbeiten Aufmerksamkeit erregt. Dieser Kreis war international, denn da im eigenen Lande immer nur ganz wenige anzutreffen waren, welche Verständnis und Teilnahme für diese abseits liegenden Dinge zeigten, war man unwillkürlich darauf angewiesen, sich mit den Arbeitsgenossen in anderen Ländern in Verbindung zu setzen. Dies gilt insbesondere für England und Amerika. Da in Frankreich das Dogma von jeher gelehrt und geglaubt wurde, die Chemie sei eine französische Wissenschaft, so kümmerte man sich dort hergebrachter Weise überhaupt nicht darum, was außerhalb Frankreichs, oder was praktisch dasselbe ist, was außerhalb Paris gemacht wurde. So war es unter anderem geschehen, daß erst zehn Jahre nach der großen Entdeckung Julius Robert Mayers von der Erhaltung der Energie, nachdem längst in Deutschland und England die Sonderforschung durch Helmholtz, Clausius und W. Thomson eingesetzt hatte, dieser Gedanke in die französischen wissenschaftlichen Zeitschriften einzudringen begann. Und mit der Entwicklung der physikalischen Chemie ist es hernach ganz ebenso gegangen.
Ein Lichtstrahl. An der alten englischen Universität Cambridge wirkte als Fellow des Cajus und Gonville College M.M. Pattison Muir, einer jener einsamen Forscher, welche sich an das Problem der chemischen Verwandtschaft heranwagten, das nach dem mißglückten Anlauf zu seiner Eroberung durch Bergmann den Schweden und Berthollet den Franzosen um die Wende des 18. Jahrhunderts zum 19., in einen Dornröschenschlaf gesunken war.
Er las meine Arbeiten und die der Bahnbrecher Guldberg und Waage, schrieb über beide einen ausgezeichnet klaren Bericht und veröffentlichte diesen in der führenden wissenschaftlichen Zeitschrift Englands,[151]  dem Philosophical Magazine (September 1879, S. 181 bis 203). In der Einleitung hob er hervor, daß seit 1803 (wo Berthollets Werk erschienen war) die genannten Arbeiten die ersten seien, die einen Fortschritt von Belang darüber hinaus brachten. Der letzte, zusammenfassende Satz des Berichtes lautet: »Ostwald hat der Chemie ein neues Verfahren geschenkt, einige ihrer schwierigsten Probleme zu lösen; und Guldberg und Waage sind führend in der Anwendung mathematischen Schließens auf die Tatsachen der chemischen Wissenschaft vorangegangen.«
Ich habe über diese Dinge so ausführlich berichtet, um einigermaßen den gewaltigen Eindruck wiederzugeben, den die Veröffentlichung und ein gleichzeitiger Brief P. Muirs auf mich machte. Der Sprung vom Laboranten des Chemischen Instituts der Dorpater Universität (ich hatte inzwischen die Assistentenstelle am physikalischen Institut mit einer gleichen Stelle am chemischen vertauscht), der außer diesem Laboratorium überhaupt kein anderes gesehen und seine Arbeiten stillvergnügt in diesem engen Kreise ausgeführt hatte, zu einem international anerkannten Forscher von Bedeutung war so groß, daß ich zunächst ganz außer Stande war, seine Weite zu ermessen. Meine Lehrer K. Schmidt, Öttingen und Lemberg waren besser dazu fähig und gönnten dem stets bevorzugten Schüler mit Freuden das Glück. Meine Alters- und Studiengenossen waren weit weniger einverstanden.
Der Schullehrer. Die Hoffnung auf Erlangung einer Anstellung mit soviel Gehalt, daß er die Begründung eines Hausstandes ermöglichte, erfüllte sich im Winter 1879/80. An der Dorpater Kreisschule war die Stelle eines Lehrers der Mathematik und Naturwissenschaften frei geworden und die maßgebenden Personen, insbesondere der Bürgermeister zeigten sich geneigt, mir das Amt zu übertragen. Zwar hätte die kleine Besoldung allein nicht[152]  genügt; aber Professor Karl Schmidt hatte in seiner Güte nichts dawider, daß ich die Assistentenstelle bei ihm beibehielt, da ich sonst keine Möglichkeit gehabt hätte, meine wissenschaftlichen Arbeiten fortzusetzen, worauf er großes Gewicht legte. Meine Bewerbung wurde angenommen und daraufhin der Zeitpunkt der Hochzeit auf die nächsten Osterferien festgelegt.
Diese Wendung zum praktischen Lehrberuf muß ich als einen der vielen glücklichen Zufälle anerkennen, an denen sich mein Leben günstig hat entwickeln können. Sie hat mir die erste Gelegenheit gegeben, die besondere Lehrbegabung zu entfalten, welche für große Gebiete meiner späteren Betätigung von maßgebender Bedeutung geworden ist und welche bei ausschließlich akademischer Betätigung zweifellos erheblich enger und einseitiger geblieben wäre.

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Denn die Unterrichtsarbeit, die ich nun unternahm, stellte höhere Anforderungen, als ein durchschnittlicher Schulunterricht. Das Unterrichtswesen meiner Heimat lag in zwei ganz verschiedenen Händen; eine Gruppe der Schulen wurde von der Staatsregierung unterhalten und verwaltet, die andere von den städtischen und provinzialen Körperschaften. Obwohl die Universität und die Gymnasien in den drei Landeshauptstädten Riga, Mitau und Reval »Kronsanstalten« waren, neben zahlreichen Mittel- und Volksschulen, galten doch diese letzteren als minderwertig gegenüber den städtischen und Landesschulen. Wohl mit Recht, denn der allgemeine Schlendrian der russischen Verwaltung machte sich auch hier geltend. Wenn nicht zufällig der Direktor aus eigenem Antrieb seine Anstalt auf eine höhere Stufe hob, nahm sie bald die Beschaffenheit der anderen Schulen im weiten Russischen Reich an.
In einem solchen Zustande befand sich auch die Dorpater Kreisschule, eine Mittelschule etwa von der Art[153]  unserer Realschulen, mit der Aufgabe, die Schüler für die bürgerlichen Berufe heranzubilden. Sie stand in gar keiner Beziehung zu der Universität, war in einem alten, ziemlich baufälligen Hause untergebracht und verfügte nur über geringe Mittel. Der Direktor war ein älterer gutmütiger Mann mit einer großen Familie, der Mühe genug hatte, sich und die Seinen durchzubringen und sich begnügen mußte, die Verwaltung vorschriftsmäßig zu führen. Meine neuen Kollegen, die Anstaltslehrer, waren meist anspruchslose, im eintönigen Beruf ergraute Männer, die den fremdartigen Neuling mit einiger Verwunderung aber doch voll guten Willens empfingen. Sie haben mir, soviel sie konnten, meine Arbeit erleichtert und ich bin ihnen herzlichen Dank schuldig. Meine Aufgabe war, in den oberen Klassen Physik, Chemie und einige mathematische Sonderfächer, namentlich darstellende Geometrie zu lehren. Für die erstgenannten Fächer waren nur kümmerliche Reste eines altertümlichen Apparats vorhanden, den mein Vorgänger nie angerührt oder ergänzt hatte. Von der darstellenden Geometrie wußte ich noch nichts; da ich aber im Zusammenhange mit meinen Versuchen im Zeichnen und Malen mich eingehend mit Perspektive beschäftigt hatte, so getraute ich mir, die nötigen Kenntnisse rechtzeitig mir aus Büchern anzueignen, wie ich denn alsbald das Grundwerk von Monge mit Freude zu studieren begann. Die fehlenden Geräte für den Unterricht in Chemie und Physik waren auch kein unübersteigliches Hindernis zufolge meiner Beziehungen zu den Universitätsanstalten.
So begann ich denn mit dem Jahre 1880 meine Tätigkeit als Schullehrer. Die Schüler waren große Jungen von 14 bis 18 Jahren, ziemlich roh und ungeschlacht in ihrer persönlichen Beschaffenheit. Doch habe ich so gut wie keine Schwierigkeiten mit der Disziplin gehabt, denn bei der großen eigenen Begeisterung für den Inhalt[154]  meines Unterrichts gelang es mir ohne Mühe, ja fast ohne Absicht auch die Schüler zu lebhafter innerer Anteilnahme anzuregen. Der Mangel an Unterrichtsgeräten zwang mich, um so anschaulicher in den mündlichen Darlegungen zu sein und die Erlaubnis, am Sonntag vormittag die beschriebenen Versuche im physikalischen Institut zu sehen, wo ich sie mit Öttingens Zustimmung vorführen konnte, wurde bereitwillig benutzt, obwohl sie die Freistunden verkürzte.
Durch diese Unterrichtstätigkeit habe ich viel gewonnen. Die sehr beschränkten Voraussetzungen, die ich bei den neuen Schülern machen mußte, zwangen mich zu einer viel einfacheren, ganz auf das Grundlegende gerichteten Darstellung, als ich sie bei den Universitätsvorlesungen einzuhalten hatte und wirkten dadurch auf diese vertiefend zurück. Wenn man meinen späteren Lehrbüchern Einfachheit und Klarheit freundlich zuerkannt hat, so hat meine Tätigkeit als Schullehrer sicherlich dazu erheblich beigetragen, daß ich auf diese Eigenschaften besondere Aufmerksamkeit verwendet habe.
Der neue Hausstand. Die experimentellen Forschungsarbeiten zur Lehre von der chemischen Verwandtschaft wurden inzwischen stetig fortgesetzt und erweitert; am Dozentenabend konnte ich darüber in kurzen Abständen berichten. Auch für eine andere, besonders wichtige Seite meines künftigen Berufes als akademischer Lehrer konnte ich durch Karl Schmidts Güte die ersten Erfahrungen sammeln. Er wies mir einen und den anderen seiner Schüler zu, die von mir gestellte wissenschaftliche Aufgaben unter meiner Anleitung zu bearbeiten hatten, um die Ergebnisse für ihre Abschlußleistungen zu verwerten. Auch diese Dinge ließen sich zur Befriedigung der Beteiligten erledigen. So fand ich mich in mannigfaltiger Tätigkeit, die überall von fruchtbringender Beschaffenheit war und nirgend das Gefühl eintöniger Wiederholung[155]  aufkommen ließ. Schmidt und Öttingen machten mich wiederholt aufmerksam, daß das Leben, das ich führte, eigentlich ganz ideal für einen Menschen mit meinen Neigungen und Anlagen sei. »So gut werden Sie es nie wieder haben,« pflegte Öttingen mich zu versichern, »ich beneide Sie um Ihren Zustand, der so völlig frei ist von nebensächlichen Beanspruchungen.« Ich lächelte etwas ungläubig dazu, denn die Tätigkeit als ordentlicher Professor kam mir doch noch wirksamer und schwungvoller vor, namentlich wegen der Verbreiterung des Kreises, auf den man wirken konnte. Auch hat die Zukunft ihm nur halb Recht gegeben, denn auch meine spätere Tätigkeit als Professor und Laboratoriumsvorstand hat sich von unwillkommener und zerstreuender Nebenbeanspruchung bemerkenswert frei halten lassen.
Neben der neuen Arbeit an der Schule ging so die alte an der Universität ungestört ihren Gang. Daneben mußte aber noch die Wohnung für den neuen Haushalt eingerichtet werden. Entsprechend den geringen Mitteln, über die ich verfügte, war diese von bescheidenster Beschaffenheit; eine frühere Studentenwohnung in der Nähe der Kreisschule, bestehend aus zwei Wohnzimmern, Schlafzimmer und Küche wurde leidlich hergerichtet. Die Trauung fand während der Osterferien in Riga statt; eine dreißigstündige Postfahrt von Riga nach Dorpat auf vielfach sehr schlechten Wegen mußte die Hochzeitsreise ersetzen und so begann im Frühling 1880 unser gemeinschaftliches Leben, das nunmehr durch bald fünfzig Jahre unter mannigfaltigen Schicksalswendungen uns zusammengehalten hat.
In anderem Zusammenhange (in der Einleitung meines Buches: Die Forderung des Tages) habe ich den damaligen Zustand schon geschildert, und ich kann nichts besseres tun, als jene 1910 geschriebene Darstellung hier wiederholen.[156]
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»Als wir jungen Leute, meine Frau und ich, unser gemeinsames Leben in der Dorpater Studentenbude, die notdürftig genug zur Familienwohnung eingerichtet worden war, in Gang gebracht hatten, erstaunte sie über die Summe von mannigfaltiger Arbeit, die ich im Laufe des Tages herunterzuspinnen hatte. Morgens einige Stunden Unterricht an einer Realschule, den ich übernommen hatte, um unser selbständiges Leben zu ermöglichen. Dann bis Mittag und am Nachmittag Assistententätigkeit bei meinem verehrten Lehrer Karl Schmidt, die nach seiner mir deutlich erteilten Anweisung darin zu bestehen hatte, daß ich ohne Rücksicht auf offizielle Anforderungen möglichst viele und gute Experimentalarbeiten ausführen sollte. Am Abend endlich Schreibarbeit an meinem ersten Buche, dem »Lehrbuch der Allgemeinen Chemie«, dessen erster Band allerdings erst einige Jahre später in Riga fertig werden sollte. Dazwischen noch gelegentlicher Privatunterricht und natürlich die Vorlesungen, die ich als Privatdozent an der Universität zu halten hatte, und die auch mancherlei Vorbereitungen, experimentelle wie theoretische erforderten. Dies stand in einigem Gegensatz zu der unbefangenen Weise, mit der man sich in unserer gemeinsamen Vaterstadt Riga damals mit der Tagesarbeit abzufinden wußte, um genügend Zeit für die in allen Formen geübte häusliche Geselligkeit übrig zu behalten. Wie es in der Stimmung des Ehefrühlings liegt, wünschte sie auch ihrerseits, sich meinem Stil anzupassen, und da sie zufolge guter mütterlicher Schulung sehr geschwind mit dem bischen Hauswesen fertig wurde, die unsere zweiundeinhalb Zimmer beanspruchten, so kränkte es sie, daß sie so wenig zu tun hatte. Insbesondere wünschte sie angesichts der sehr weit ausschauenden Pläne, die ich für die künftige Gestaltung meines wissenschaftlichen Arbeitslebens der teilnahmsvoll, ja begeistert lauschenden Zuhörerin entwickelte, auch ihrerseits etwas Großes zu unternehmen.[157]  Nun begannen aber die ersten Vorzeichen ihrer künftigen sehr anspruchsvollen Pflichten (sie hat inzwischen fünf Kinder großgezogen) am Horizonte unseres Lebens zu erscheinen; somit hieß es für sie, auf anderweitige Arbeitspläne zu verzichten und sich auf das kommende Ereignis vorbereiten. In den wechselnden Stimmungen hierbei hat ihr nun nichts so lebendigen Trost, ja Erfrischung gebracht, als die Worte, die gleich am Anfang von Goethes Maximen und Reflexionen stehen. Sie lauten: »Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche deine Pflicht zu tun, und du weißt sogleich, was an dir ist.«
»Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages«. Es war ein folgenreiches Erlebnis für mich, zu beobachten, wie durch dies Wort die unklar drängenden Wünsche und Bestrebungen alsbald in ein ruhiges Bett geleitet wurden, indem sie sich in ganz bestimmter Richtung betätigten und vielfältigen Segen gebracht haben. Auf mich selbst den Spruch anzuwenden, fühlte ich kaum ein Bedürfnis, denn die Forderung des Tages stimmte damals so weitgehend mit meinen innersten Neigungen und Wünschen überein, daß ich eigentlich nur vor mich hin zu leben brauchte, um beide zu befriedigen. Auch der Schulunterricht, den ich anfangs nur aus äußeren Gründen übernommen hatte, war mir interessant und befriedigend, da ich die Arbeit innerhalb eines ziemlich unbestimmten Rahmens weitgehend nach meinen eigenen Gedanken und Bedürfnissen gestalten konnte. Denn meine unmittelbaren Vorgesetzten ließen mich angesichts meines beginnenden wissenschaftlichen Ansehens (das in Dorpat einigermaßen eine Rarität und deshalb allen bekannt war) überall in dankenswerter Weise freie Hand. Aus den damals erworbenen Erfahrungen leite ich denn auch für mich ein Recht her, in den Fragen der Mittelschulreform als Fachmann und nicht als der bloße Dilettant mitzusprechen,[158]  für den mich die sich angegriffen fühlenden Oberlehrer so gern ausgeben möchten.«
Das Lehrbuch der Allgemeinen Chemie. Das wichtigste Ereignis, welches ich aus diesen Jahren zu verzeichnen habe, ist der Beginn meiner Arbeit an dem Lehrbuch der Allgemeinen Chemie, der eben erwähnt worden ist. Das zum Zweck der Vorlesungen durchgearbeitete Material drängte unwiderstehlich auf eine geordnete Darstellung hin. Die sprachliche Gestaltung in den Vorlesungen machte mir keine Schwierigkeit und brachte mir gelegentliche Anerkennung seitens der Hörer, so daß trotz des übergroßen Respekts, der in meiner baltischen Umgebung vor der Druckerpresse bestand, mich der Gedanke, ein dickes Buch zu schreiben, nicht nur nicht schreckte, sondern anzog. Auf Karl Schmidts Rat wandte ich mich an Prof. H. Kolbe in Leipzig, den Herausgeber des Journal für praktische Chemie, in welchem meine erste Arbeit erschienen war, mit der Bitte um den Nachweis eines geeigneten und willigen Verlegers, und dieser machte den seinem Hause befreundeten Astronomen Dr. Rudolf Engelmann, den Besitzer des sehr angesehenen wissenschaftlichen Verlags Wilhelm Engelmann willig, den Druck des zu schreibenden Werks zu übernehmen. So begann ich 1880 die Vorarbeiten, aus denen sich in einigen Jahren das Lehrbuch entwickeln sollte.
Zunächst begnügte ich mich mit der Aussicht, einen Verleger zu haben, wenn ich das Werk schreiben würde. Wann ich mit der endgültigen Redaktion beginnen würde, konnte ich noch nicht absehen, da das Sammeln und namentlich das Ordnen des Materials noch sehr viele Arbeit erforderte, deren Dauer und Erfolg sich nicht beurteilen ließ. Tatsächlich verging noch eine geraume Zeit, bis ich die endgültige Redaktion begann.



 Siebentes Kapitel.
Die erste Berufung.










[159] Aussicht nach Riga. Eine schwere Erkrankung meiner Frau gelegentlich des ersten Wochenbetts hatte im Winter 1880/81 hart auf uns gelastet. Mit dem Sommer kam nicht nur die Genesung, sondern auch die Hoffnung auf einen großen Fortschritt unserer äußeren Verhältnisse. Am Polytechnikum zu Riga war die Professur der Chemie durch den Tod ihres Inhabers frei geworden und ich hegte trotz meines nichts weniger als ehrwürdigen Alters die Hoffnung, dies Amt mir anvertraut zu sehen, da die Anzahl der zunächst in Betracht kommenden heimischen Kandidaten nicht groß war. Zunächst gelangte eine Berufung an Johann Lemberg. Dieser lehnte sie aber ab, da er von seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit nichts der anspruchsvollen Lehrtätigkeit als Professor opfern wollte, die zudem seiner Richtung auf die chemische Geologie fern lag. Dann fiel die Wahl auf Gustav Bunge; auch dieser verzichtete aus ähnlichen Gründen, denn für die von ihm gepflegte physiologische Chemie war am Polytechnikum überhaupt kein Platz. Zuletzt wurde Professor Karl Schmidt gebeten, seinerseits einen geeigneten Bewerber zu bezeichnen. Er benutzte den Anlaß, um in wärmsten Worten für mich einzutreten. Er schrieb an den Direktor des Polytechnikums:[160]
Dorpat, den 8./20, November 1881.

»Hochgeehrter Herr Kollege!

Das warme Interesse, mit dem nicht nur ich, sondern sämtliche Fachgenossen den hervorragenden Arbeiten unseres jüngsten hiesigen Kollegen, Herrn Dr. Ostwald folgen, berechtigt den Wunsch, ihn angemessen plaziert zu sehen. Hätten wir ein vakantes Katheder der Chemie zu besetzen, so würde ich keinen Augenblick zögern, diese in jeder Beziehung ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeitskraft durch die wärmste Anerkennung und Befürwortung uns zu erhalten. Zu meinem größten Bedauern stehen uns keine Mittel zur Disposition, Ostwald entsprechend zu fixieren. Wir haben nur je ein Katheder der Chemie und Physik, keinerlei Extraordinariate oder Honorar-Professuren, wie unsere Deutschen Schwester-Universitäten. Die Dozenturen sind besetzt und die Spezialmittel der Universität doppelt und dreifach so belastet, daß beim besten Willen keine Extrastellung geschaffen werden kann. Webers Tod ändert die Sachlage. Unter den jüngeren Lehrkräften kenne ich keine, weder des In- noch des Auslandes, die ich mit so voller Überzeugung eventuell zu meinem eigenen Nachfolger, gleicherweise zu jeder analogen Vakanz empfehlen würde. Letztere liegt bei Ihnen vor!

»Ostwald ist ein ›Rigisch Kind‹, auf das seine Vaterstadt schon jetzt nach seinen wissenschaftlichen Erfolgen stolz sein kann, der zu den kühnsten Erwartungen berechtigt, wenn ihm ein entsprechender Wirkungskreis eröffnet wird. Sie kennen seine Arbeiten. Die gespannte Aufmerksamkeit, mit der dieselben von kompetenten Spezialisten, wie Guldberg und Waage in Christiania und anderen bei ihrem Erscheinen begrüßt werden, erspart mir jede eingehende Charakteristik. Ostwald ist aus der C-H-N-O-S-P-Kombination geschaffen, der die Bunsen, Helmholtz,[161]  Kirchhoff entstammen – setzen Sie ihn in das richtige Fahrwasser, und der Erfolg wird eminent sein. Ich zweifle keinen Augenblick an Ihrer Zustimmung – wollen Sie dem Verwaltungsrate gegenüber von diesen Zeilen Gebrauch machen, so bitte ich, ohne weiteres darüber zu disponieren.

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»Falls Sie diese Zeilen bei der Präsentation benutzen wollen, so bitte ich ausdrücklich zu betonen, daß Ihr Korrespondent in keinerlei verwandtschaftlichen oder sonstigen persönlichen Beziehungen zu Ostwald steht. Ostwald ist mein mehrjähriger Assistent, vorher der des physikalischen Instituts; er wird ein Stern erster Größe auf dem Grenzgebiete zwischen Chemie und Physik, dessen Bearbeitung beiderseits gleich gründliche Durchbildung zur unerläßlichen Vorbildung tüchtiger Erfolge macht.
»Ostwald ist außerdem ein sehr geschickter und gewandter Experimentator, Mechaniker, Glasbläser usw., der sich seine Apparate in ingeniösester Weise trotz dem besten Mechanikus zusammenbläst und arrangiert, eine unermüdliche Arbeitskraft, besitzt eine treffliche mündliche wie schriftliche Darstellungsgabe, klar, konzis, streng logisch, auch für weitere Kreise geeignet. Wir haben oft die Freude, ihn in unserem aus allen fünf Fakultäten zusammengesetzten Dozenten- und Naturforscher-Abend als ›Sprecher‹ zu begrüßen.«
Was hier mein gütiger Lehrer aus der Fülle seines liebevollen Herzens geschrieben hatte, legte mir die Pflicht auf, seine Worte zu bewahrheiten. Neben der starken Freude, sich von verehrter Seite in solch strahlendem Lichte dargestellt zu sehen, gewann ich aus diesem Schreiben (das Schmidt mir hernach zugänglich gemacht hat) genaue Angaben über die Punkte meiner Beanlagung, auf welche er das größte Gewicht legte und deren Entwicklung daher meine erste Sorge sein mußte. Dies klar und zwingend aufgestellte Programm ist wohl der stärkste und folgenreichste[162]  Einfluß, den ich von ihm als Lehrer empfangen habe.
Die Berufung. Das Schreiben Karl Schmidts beseitigte endlich die Bedenken, welche gegen meine Wahl bestanden. Die Berufung erfolgte und mit dem Beginn des Jahres 1882 siedelten wir nach Riga über. Bekanntlich ist der Entwicklungsgang des deutschen Professors wie der eines Schmetterlings durch mehrfache Metamorphosen in scharf voneinander getrennte Abschnitte geteilt. Die Raupe des Privatdozenten verpuppt sich zum außerordentlichen Professor, und aus dieser Chrysalide steigt, wenn die Zeit erfüllt ist, der Falter des Ordinarius unter Sprengung der engen Hülle glanzvoll hervor. Bei meiner Entwicklung wurde der mittlere Zustand übersprungen: vom Dorpater Privatdozenten ging ich unmittelbar in den Rigaer Ordentlichen Professor über. Ich war eben 28 Jahre alt geworden.
Versuche ich, mich der Gefühle, Gedanken und Handlungen aus jenen Berufungstagen zu erinnern, so muß ich bekennen, daß ich sie keineswegs mit der Ruhe und Gelassenheit durchlebt habe, welche wünschenswert gewesen wäre. Es stand für mich sehr viel auf dem Spiele.
In Dorpat war ich mit Einrechnung meiner Studentenzeit fast zehn Jahre gewesen, davon fünf als Privatdozent. Daß dort für mich keine Aussicht auf eine höhere Stellung bestand, brauchte mir nicht erst durch Schmidts Schreiben bestätigt zu werden. Ebenso gleich Null war meine Aussicht auf eine wissenschaftliche Berufung nach Deutschland, wo gar kein Bedürfnis nach einem Vertreter der physikalischen Chemie vorhanden war; zudem hatte ich keinerlei persönliche Beziehung zu den dortigen Gelehrten, da ich niemals nach Deutschland gekommen war. An eine russische Universität zu gehen, war für mich gleichfalls ausgeschlossen, selbst wenn ein Ruf erfolgen sollte, was ganz und gar unwahrscheinlich war. Denn gelegentliche Besucher aus dem innern Rußland hatten mich darüber unterrichtet, wie gering die wissenschaftlichen Bestrebungen[163]  auf den Provinzuniversitäten waren; dazu war die Sprache ein hoffnungsloses Hindernis. So gab es für mich gar keine andere Möglichkeit des Aufstieges, als die Professur in Riga. Ich fürchte sehr, daß entsprechende Darlegungen in meinen Gesprächen mit Lemberg, dem ich inzwischen freundschaftlich hatte näher treten dürfen, ihn mit zu seiner bedingungslosen Ablehnung veranlaßt hatten. Dazu kam vielleicht noch eine deutliche Zuneigung, die er in seiner eckigen Weise meiner Frau gezeigt hatte, indem er ihr etwa ein Holzscheit als Schemel brachte, wenn sie mich aus dem Laboratorium abholte und einige Zeit auf die Beendigung meiner Arbeit warten mußte. Doch habe ich mich später überzeugen können, daß er sich in Riga sicher nicht glücklich gefühlt hätte, so daß sein Verzicht keinen Verlust für ihn bedeutete. Die Geldfrage war für ihn überhaupt kein Gegenstand der Erwägung.


In meiner letzten Dorpater Zeit hatte ich mich ferner mit dem Observator an der Sternwarte, Dr. Lindstedt befreundet, der gleich mir jung verheiratet war. Auch die Frauen hatten sich bald gefunden. Frau Lindstedt hatte es als Schwedin schwer, im fremden Lande sich im Hauswesen zurechtzufinden, und meine Frau war bereitwillig, ihr das zu erleichtern. So pflegten wir allwöchentlich abwechselnd in beiden Häusern zusammenzukommen. Lindstedt und ich studierten Kirchhoffs Mechanik, während die Frauen plauderten oder lasen; ein einfaches Abendessen vereinigte uns dann. Als die Berufung anlangte, waren wir gerade im Begriff, zu Lindstedts zu gehen. Wir nahmen das gewichtige Schreiben mit und kauften unterwegs Kuchen und Wein ein, um das große Ereignis bei den Freunden zu feiern, die es mit herzlichster Anteilnahme begrüßten. Dreißig Jahre später haben wir vier uns in Stockholm wiedergesehen, wo Lindstedt inzwischen durch hervorragende Leistungen auf sozialpolitischem Gebiet eine sehr angesehene Stellung gewonnen[164]  hatte, während ich in Begleitung meiner Frau zum Empfang des Nobelpreises gekommen war. Die Erinnerung an die Jugendtage in Dorpat war bei ihnen ebenso heiter lebendig geblieben, wie bei uns.
Abrechnung. Versuche ich mir Rechenschaft zu geben über die Leistungen, mit welchen ich meine Ansprüche auf die Lehrstelle in Riga begründen konnte, so finde ich zu meinen Gunsten folgende Posten: Ich hatte die große Aufgabe meines damaligen wissenschaftlichen Lebens, die Gesetze der chemischen Verwandtschaft, mit Erfolg zu bearbeiten begonnen, indem ich zunächst für die homogenen Gleichgewichte zwei Methoden ausgearbeitet hatte, um sie ohne Eingriff in den Zustand zu messen. Durch die Anwendung dieser Methoden auf so viele Stoffe (Säuren) als mir damals zugänglich waren, hatte ich Zahlenwerte für deren chemische Verwandtschaft festgestellt, welche sich als Produkte zweier Faktoren erwiesen, die von den beiden Stoffen abhängen, welche im Gleichgewicht stehen.
Sodann hatte ich heterogene Gleichgewichte (um eine erst viel später eingeführte Bezeichnungsweise anzuwenden) zu untersuchen begonnen und für diese zunächst klargestellt, daß sie von den relativen und absoluten Mengen der anwesenden Phasen nicht abhängig sind, was in vollem Widerspruch mit damals allgemein angenommenen Vorstellungen stand. In einer besonderen Untersuchung hatte ich außerdem nachgewiesen, daß der vorhandene Zustand der festen Phase (Kristallform, Wassergehalt) unabhängig von ihrer Menge das Gleichgewicht maßgebend beeinflußt. Für diese Gleichgewichte fand ich dieselben Verwandtschaftsfaktoren wieder, welche sich bei den homogenen Gleichgewichten ergeben hatten. Damit war das Bestehen spezifischer Verwandtschaftsgrößen nachgewiesen, die von der chemischen Natur der Stoffe bestimmt sind und die Gleichgewichte regeln, ähnlich wie die Atomgewichte die Zusammensetzungsverhältnisse regeln.[165]
Alle diese Dinge waren damals völlig neu und lagen in einem Gebiet, von dem sich die zeitgenössische Forschung, die in der Bearbeitung der Kohlenstoffverbindungen ihre Hauptaufgabe sah, weit entfernt hatte. Die wenigen Forscher, welche sich mit den Aufgaben der chemischen Verwandtschaft beschäftigen, mühten sich um die Aufklärung einzelner Fälle, vor deren Bewältigung die Entwicklung allgemeiner Begriffe nicht ausführbar war. Die Einzigen, die gleich mir solche allgemeine Probleme verfolgten, J.H. van't Hoff in Amsterdam und S. Arrhenius in Stockholm, hatten ihre Arbeiten noch nicht begonnen oder noch nicht veröffentlicht, so daß die Welt und ich nichts davon wußten.

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Das neue Amt. Von den besonderen Schwierigkeiten, welche die Professur in Riga mit sich bringen würde, hatte ich mir vorher gar keine Vorstellung zu machen versucht. Ich vergaß, daß ich von der ganzen Welt noch nichts gesehen hatte, als meine engere Heimat Liv-, Est- und Kurland; nicht einmal das verhältnismäßig nahe Petersburg hatte ich aufgesucht. Ich vergaß, daß die Dorpater Universität die einzige Hochschule war, deren Betrieb ich etwas genauer kannte – von ihrer inneren Verwaltung wußte ich aber nur sehr wenig – und daß mir die Verhältnisse am Rigaer Polytechnikum noch viel fremder waren. Zwar war ich mit einigen Professoren gelegentlich zusammengetroffen und einen von ihnen, meinen Dorpater Amtsvorgänger Grönberg kannte ich etwas näher. Aber es war doch ein ganz neuartiger Kreis von Personen und Aufgaben, in den ich hier einzutreten hatte, als bei weitem der Jüngste dem Lebensalter und der Amtsdauer nach.
Über die bevorstehende Aussicht auf eine ausgedehnte selbständige Lehrtätigkeit übersah ich völlig diese Bedenken und stürzte mich mit jugendlicher Begeisterung in den neuen Beruf. Mein Amtsvorgänger hatte, zuletzt durch langwierige Krankheit gehemmt, die chemische[166]  Abteilung verfallen lassen, so daß ich fast vom ersten Tage ab genötigt war, überall Neues zu schaffen. Ich muß meinen damaligen Vorgesetzten und Kollegen dankbar das Zeugnis geben, daß sie dem jugendlichen Dränger und Stürmer keine Hindernisse in den Weg legten. Insbesondere wurden mir die Mittel zur Neubeschaffung von Lehrmitteln und Laboratoriumseinrichtungen ohne Schwierigkeit bewilligt, so daß ich in kurzer Frist die Ausbildung der Rigaer Chemiker nach dem Dorpater Vorbild – dem einzigen, das ich kannte – umgestalten konnte.
Der Direktor. Maßgebend war hierfür die Einstellung des Direktors der Anstalt. Diesem waren durch deren Organisation außerordentliche Befugnisse zugeteilt.
Das Polytechnikum war eine gemeinsame Unternehmung der Stadt Riga und der Provinz Livland; seine äußeren Geschäfte wurden durch einen Verwaltungsrat geleitet, der aus Vertretern der beitragenden Körperschaften bestand. Für die innere Verwaltung waren Abteilungsvorstände im einzelnen und die Versammlung der Professoren im allgemeinen zuständig. Nur der Direktor, der aus den Professoren vom Verwaltungsrat gewählt wurde, gehörte beiden Körperschaften an; er war also maßgebend für das Schicksal der Anträge, welche die Professorenversammlung beim Verwaltungsrat stellte und bei etwaigen Konflikten zwischen dem Direktor und den Professoren hatten diese beim Verwaltungsrat überhaupt keine Vertretung.
Bei meinem Antritt amtete als Direktor ein älterer Mathematiker namens Kieseritzky, der seit vielen Jahren bei den vorgeschriebenen Neuwahlen immer wieder ernannt worden war. Er war Rigascher Frater und wir hatten von der Jubelfeier im Jahre 1873 her, wo wir uns kennen gelernt hatten, auf seine Veranlassung das damals für die Festtage eingeführte brüderliche Du beibehalten. Er hatte bei der Berufung die größte Vorsicht walten lassen,[167]  um sich nicht dem Vorwurf einer einseitigen Bevorzugung des Landsmanns auszusetzen, und kam mir nun, nachdem sich alles geregelt hatte, mit aufrichtigem Wohlwollen entgegen. Ich muß dies um so mehr hervorheben, als zwischen uns die größte Verschiedenheit nicht nur des Alters sondern noch viel mehr des Temperaments und der allgemeinen Lebensauffassung bestand. Er war ein vortrefflicher Lehrer seines Faches, über dessen Grenzen sein Gesichtskreis aber kaum hinausreichte. Wissenschaftliche Arbeit hatte er nie getrieben. Da dies auch für die meisten anderen Professoren zutraf (der ausgezeichnete Physiker Toepler, der einige Zeit in Riga als Professor der Chemie(!) tätig gewesen war, hatte die Anstalt längst verlassen), so hatte das Polytechnikum eine ziemlich schulmäßige Beschaffenheit angenommen, die übrigens für die damaligen Verhältnisse die zweckmäßigere sein mochte.



 Achtes Kapitel.
Die Professur in Riga.










[168] Arbeitsverhältnisse. In diese ruhigen Verhältnisse sprang ich nun als völlig neuer Mensch mit ganz anderen Zielen und Formen hinein, unbekümmert in der Weise der Jugend, ob und wie ich damit Anstoß und Unzufriedenheit erregte.
Ich darf es wohl dem Ansehen zuschreiben, das ich bereits als wissenschaftlicher Forscher gewonnen hatte, daß man mich ohne Widerstand gewähren ließ und keinerlei verletzte Empfindlichkeit zur Geltung brachte.
Die Studenten hatte ich bald ganz gewonnen. Mir wurde folgendes Gespräch zwischen zwei polnischen Studenten (die ziemlich zahlreich vertreten waren) berichtet: A.: »Hast du schonn gehörrt neuen Professor? B.: Nein, was ist? A.: Du mußt hörren ihn, da geht Chemie in Kopf wie mit Schaufel.«
So wurde weder von den Kollegen noch von den Studenten ein Widerspruch dagegen erhoben, daß ich alsbald die Anforderungen für den Abschluß der Ausbildung wesentlich erhöhte. Bis dahin galt die Analyse eines willkürlich zusammengesetzten Salzgemisches als abschließende Leistung für die Erlangung des Diploms; ich konnte bald die Forderung einer wissenschaftlichen Arbeit durchsetzen.
Da die Anzahl der Chemiestudierenden, die bei der wenig anregenden Tätigkeit meines Vorgängers nicht groß[169]  war, sich nun schnell vermehrte, so bedeutete diese Forderung eine schnell zunehmende Belastung des leitenden Professors. Zunächst um die Beschaffung der angemessenen Aufgaben. Sie mußten ein wissenschaftliches Problem, womöglich mit technischen Zusammenhängen enthalten und durften doch nicht schwierig sein. Denn da die wissenschaftliche Atmosphäre, welche so ungemein wirksam die Unterrichtsarbeit am Einzelnen unterstützt, erst zu schaffen war, so hatten die ersten Kandidaten es besonders schwer, zumal die Hauptzeit ihrer Ausbildung noch vor mir gelegen war. Indes ließen sich diese Schwierigkeiten gut überwinden; insbesondere hatte ich seitens der Studenten nie über Mangel an gutem Willen zu klagen.
Dies mochte damit zusammenhängen, daß ich meinerseits sie zu entlasten bestrebt war, wo ich unzweckmäßige Belastung fand. So waren für die obligatorischen Fächer Zwischenprüfungen vorgeschrieben, durch welche der erfolgreiche Besuch der Vorlesungen gesichert wurde; sie fanden je nach deren Dauer semesterlich oder jährlich in den letzten Tagen des Semesters statt. Hierdurch entstand für Hörer wie Lehrer eine kaum zu ertragende Belastung, deren Nachteile ganz bei den Studenten lagen. Sie mußten gleichzeitig auf eine ganze Anzahl Fächer sich vorbereiten und die Lehrer wurden durch die wochenlange Prüferei unwirsch und leicht ungerecht. Ich überzeugte die Kollegen, daß es ja nur darauf ankam, daß die Studenten einmal ihre Kenntnisse erwarben und nachwiesen, nicht aber, wann letzteres stattfand, und auf meinen Antrag wurde es ihnen freigestellt, sich zu solcher Prüfung zu beliebiger Zeit zu melden, wenn sie sich genügend vorbereitet fühlten; der Professor bestimmte dann Stunde und Tag nach seiner Bequemlichkeit. Da die Aufnahme höherer Vorlesungen vielfach an die Ableistung der Zwischenprüfung in den Vorfächern geknüpft war, so bestand keine Gefahr einer Verschleppung. Die Einrichtung wurde von[170]  Lehrern wie Schülern gern aufgenommen und ist auch nach meinem Ausscheiden in Kraft geblieben.
Die Assistenten. Bei der Unterrichtsarbeit hatte ich gute Hilfe durch meine Assistenten. Zwei von ihnen hatten gleich mir in Dorpat studiert und sich wie ich der Fraternitas Rigensis angeschlossen; beide waren an Jahren älter als ich und einer von ihnen war mein Schulkamerad im Realgymnasium gewesen. Als ich in Riga eingetroffen war, traten sie am nächsten Sonntag im feierlichen Frack bei mir an. Als ich sie darum auslachte, sagten sie mit einiger Verlegenheit, daß sie doch nicht hätten wissen können, ob ich die alten kameradschaftlichen Beziehungen in das neue Verhältnis des Vorgesetzten zum Untergebenen herübernehmen würde. Ich ließ sie nicht in Zweifel, daß jenes ältere Verhältnis auch unter den neuen Bedingungen maßgebend bleiben würde. Meine neuen Kollegen schüttelten den Kopf dazu, daß der Professor mit seinen Assistenten auf Du und Du auch in Gegenwart der Studenten verkehrte. Ich habe keinerlei Nachteile davon erlebt und glaube im Gegenteil dadurch eine viel größere Bereitwilligkeit zur Mitarbeit bei erheblich gesteigerten Ansprüchen in ihnen erweckt zu haben. Auch hatte ich die Genugtuung, daß sie sich ohne direkte Aufforderung von meiner Seite bald eifrig an meinen wissenschaftlichen Arbeiten beteiligten, nachdem sie unter dem früheren Regiment jahraus jahrein keinerlei Bedürfnis darnach empfunden hatten.
Außer diesen beiden Unterrichtsgehilfen hatte ich als Vorlesungsassistenten einen Polen überkommen, der sich als geschickt und zuverlässig erwies. Er hatte seine Ausbildung am Polytechnikum erhalten und leistete mir wertvolle Dienste als Verbindungsglied mit der Studentenschaft, in der die Deutschen kaum die Hälfte ausmachten. Natürlich versuchte er bald nach Art seines Stammes, mich für dessen nationale Bestrebungen zu gewinnen, fand aber dafür bei mir gar keinen Widerhall, da mir[171]  politische Interessen damals fern lagen und ich in solcher Richtung nähere Sorgen um mein eigenes Land und Volk hatte, dem die Russifizierung drohend näher rückte.
Wissenschaftliche Arbeit. Die experimentellen Arbeiten erfuhren trotz der vielfältigen Beanspruchung in Riga alsbald wesentliche Erweiterungen. Meine letzte Untersuchung in Dorpat hatte sich auf ein thermochemisches Verfahren bezogen, wechselseitige Umsetzungen von Salzen nach dem Zusammenschmelzen und plötzlichen Abkühlen zu messen. Es ist dies beiläufig meine einzige Arbeit aus dem Gebiet der Thermochemie. Sie brachte mir später eine lehrreiche Erfahrung. Lange Zeit gab es nur zwei namhafte Forscher, die sich dieses Hilfsmittels bedienten, den Dänen Julius Thomsen und den Franzosen Marcellin Berthelot. Der zweite hatte den Ehrgeiz, als der maßgebende Thermochemiker der Welt dazustehen, was er seinen eigenen Landsleuten gegenüber leicht erreichte. Da die von mir eingeführte Anwendung etwas Neues war, so fühlte er anscheinend das Bedürfnis, auch hierauf seine Hand zu legen. Er wiederholte meine Versuche, erweiterte sie durch die Einbeziehung anderer Salze, die nach gleichem Verfahren bearbeitet wurden und veröffentlichte diese Arbeit als eine Frucht eigener Geistestätigkeit. Um sich gegen den verdienten Vorwurf des Plagiats zu schützen, beobachtete er die Vorsicht, meinen Namen in einer Fußnote zu erwähnen, aber so, daß niemand vermuten konnte, daß der Grundgedanke von mir herrührte.

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Ich brauchte einige Zeit, um die niedrige Beschaffenheit dieser Taktik zu verstehen. Denn Berthelot befand sich damals auf der Höhe seines Ruhms und hätte es wahrlich nicht nötig gehabt, einem jungen, wenig bekannten Forscher sein einziges thermochemisches Federchen zu entwenden, um sich selbst damit zu schmücken. Aber ich hatte bei dem Studium der zugehörigen Literatur nicht übersehen können, mit welcher Ungerechtigkeit er[172]  seinen älteren Konkurrenten Thomsen zu behandeln pflegte, um sich einen von diesem zuerst ausgesprochenen Satz (der zudem falsch war) anzueignen und war daher auf ein ähnliches Verhalten mir gegenüber vorbereitet.
Auf eine öffentliche Reklamation verzichtete ich indessen, da ich durch mein neues Amt nach ganz anderer Richtung in Anspruch genommen war. Für das Verständnis der wissenschaftlich-persönlichen Verhältnisse und Gewohnheiten in Paris, wie sie seit Jahrhunderten bestanden haben und wohl noch heute bestehen, war mir das kleine Erlebnis sehr aufklärend.
Der Thermostat. Einen wesentlichen Fortschritt machten meine experimentellen Arbeiten in Riga durch die Einbeziehung der Geschwindigkeit chemischer Vorgänge. Bis dahin hatte ich nur Gleichgewichtszustände untersucht; nunmehr wendete ich mich dem Studium des Verlaufes chemischer Vorgänge zu. Hier hatte ich noch weniger Vorgänger, als in jenem Gebiete. Denn um hier messende Bestimmungen zu machen, mußte man die Temperatur lange Zeit unverändert halten. Das war damals eine schwere Aufgabe, denn brauchbare Thermostaten, die durch Wochen und Monate betätigt werden konnten, gab es nicht.
Ich hatte sehr bald nach meinem Eintreffen in Riga begonnen, mich mit der Frage des Thermostaten zu beschäftigen. Die Durchsicht der bisher versuchten Lösungen ließ zunächst erkennen, daß jene, die auf der Regelung des Heizgases durch Wärmeausdehnung beruhten, die entwicklungsfähigsten waren; außerdem sprachen sie mich durch ihre grundsätzliche Sparsamkeit an, da sie nicht mehr Gas durchgehen ließen, als unbedingt notwendig für die Deckung der Strahlungsverluste war.
Dann ergab sich bei einer methodischen Untersuchung der Bedingungen der Empfindlichkeit, daß man diese durch die damals übliche Anwendung von schräg abgeschnittenen[173]  oder geschlitzten Zuführungsrohren ganz unnötig stark vermindert hatte. Nach einigen Wochen methodischer Arbeit, wobei mir meine Glasblasekunst, so unvollkommen sie war, entscheidende Dienste leistete, war der mit Chlorkalziumlösung gefüllte Regulator erfunden, der unter sehr geringen Wandlungen (Ersatz der Füllflüssigkeit durch Toluol, worauf ich erst in Leipzig kam) durch ein Menschenalter seine Dienste in der ganzen Welt geleistet hat und noch leistet, soweit nicht die Gasheizung durch elektrische verdrängt ist, welche einige Abänderungen erfordert, mit denen ich mich nicht beschäftigt habe.
Auch die durch die warme Luft eines Flämmchens getriebene Windmühle zu Rührzwecken entstand damals. Als Modell diente ein Weihnachtsspielzeug aus meinen Kinderjahren. Es bestand aus einem Zylinder aus Pappe, in dessen Wand allerlei Gespensterfiguren ausgeschnitten waren. Der obere Boden war zu Mühlflügeln ausgearbeitet und das Ganze schwebte leicht drehbar auf einem Halter aus Draht. Wurde eine brennende Kerze unter den Zylinder gestellt, so setzte er sich in Bewegung und die Gespenstergestalten huschten als Lichtflecken über die dunklen Wände.
Zuerst wurde das Gerät während der Stunden in Gang gehalten, die ich im Laboratorium verbrachte. Dann wagte ich es über Mittag während meiner Abwesenheit gehen zu lassen. Erst nachdem ich mich überzeugt hatte, daß keinerlei Unregelmäßigkeiten eintraten, faßte ich den Entschluß, es über Nacht brennen zu lassen, nicht ohne den Hausmann zu ermahnen, diesmal besonders gut aufzupassen.
Während ich sonst einen ausgezeichneten Schlaf hatte, bin ich in jener Nacht wohl ein Dutzendmal aufgestanden und habe nach der Richtung des Polytechnikums geschaut und gehorcht, ob Feuerschein oder -lärm erkennbar wären. So früh als möglich war ich am nächsten Morgen da und[174]  ein Stein fiel mir vom Herzen, als ich alles in Ordnung und die Temperatur nicht um einen Zehntelgrad verändert fand.
In der Folge habe ich weder in Riga noch in Leipzig irgendeinen Unfall durch Versagen meines Thermostaten erlebt und auch aus anderen Laboratorien ist mir nichts derartiges bekannt geworden.
Ich habe diese Dinge so ausführlich geschildert, weil tatsächlich die ganze inzwischen erfolgte Entwicklung der chemischen Kinetik und Mechanik ohne einen handlichen und zuverlässigen Thermostaten nicht möglich gewesen wäre.
Chemische Kinetik. Mir selbst war hiermit die Möglichkeit gegeben, eine Reihe von »Studien zur chemischen Dynamik« auszuführen und zu veröffentlichen, durch welche weitere Gebiete der Verwandtschaftslehre erschlossen wurden. Sie haben später die Grundlage meiner begrifflichen und experimentellen Forschungen über Katalyse gebildet, die eine Art Höhepunkt meiner chemischen Arbeiten darstellen.
Für diese Arbeiten war von großem Vorteil die Verpflichtung meines Amtes, die ganze Chemie, also auch die organische vorzutragen. Es ist schon erzählt worden, wie stark die letztere in Dorpat in den Hintergrund gedrängt war.


Meine bisherigen Forschungsarbeiten hatten sich vorwiegend auf anorganischem Gebiet bewegt, wenn auch der Wunsch, möglichst viele Säuren bezüglich ihrer Verwandtschaft kennen zu lernen, mir auch organisches Material in die Hand gezwungen hatte. Nun waren damals so gut wie keine langsam verlaufenden und somit der Messung zugänglichen Vorgänge im anorganischen Gebiet bekannt, während sie im organischen die Regel bilden. Während ich im Hinblick auf die bevorstehenden Vorlesungen mich in dies vorher wenig betretene Gebiet einarbeitete, meiner Gewohnheit nach durch massenhaftes Lesen von Originalabhandlungen,[175]  hielt ich fleißig Umschau nach Reaktionen, an denen ich die Gesetze der chemischen Kinetik studieren konnte.

Von wesentlicher Bedeutung war andererseits, daß ich schon während meiner Studentenjahre mich mit den Grundlagen der Infinitesimalrechnung bekannt gemacht hatte. Es war damals aus allgemeinem Wissensdrang geschehen und meine späteren mehr physikalisch gerichteten Studien hatten mich überzeugt, wie notwendig diese Kenntnisse waren. Doch habe ich es auch später niemals weit in der höheren Mathematik gebracht und wiederholte Anläufe haben mich belehrt, daß hier meine Grenzen ziemlich eng gezogen waren. Aber soweit war ich doch zu Hause, daß ich die zunächst noch sehr einfachen Aufgaben, welche die chemische Kinetik stellte, frei bearbeiten konnte, ohne durch begriffliche oder technische Schwierigkeiten gehemmt zu werden.

Die erste Reaktion, die ich auf solche Weise untersuchte, war die Verseifung des Acetamids durch Säuren. Es folgte die von mir entdeckte katalytische Hydrolyse der Ester (ich benutzte Methylazetat) durch verdünnte Säuren. Dieser Vorgang, der sich so bequem durch Titrieren verfolgen läßt, hat hernach vielfache Anwendung gefunden. Dann studierte ich den klassischen Vorgang der Zuckerinversion. Alle diese Vorgänge erwiesen sich als von derselben Eigenschaft der Säuren abhängig, da ihre Geschwindigkeitskonstanten für gleiche Säuren stets in gleichem Verhältnis standen. Die Reihenfolge stimmte überein mit der durch Gleichgewichtsmessung gefundenen. Es war somit zum erstenmal die Existenz allgemeiner Affinitätswerte bei den Säuren nachgewiesen, welche für deren Reaktionen in weitem Umfange maßgebend sind, wobei es sich freilich immer um Vorgänge in verdünnter, wässeriger Lösung handelte.[176]
Diese Beziehungen stellten das erste Eindringen der Forschung in das Gebiet der Verwandtschaftslehre dar, welches zu einfachen, quantitativen Gesetzen geführt hatte. Nachdem Berthollet zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts seine Überzeugung ausgesprochen hatte, daß nunmehr auch in der Chemie die Grundgesetze der Mechanik anwendbar sein würden, wie in der Astronomie und in der Physik, und daß diese Anwendung unmittelbar ebenso zu einer Blüte jener Wissenschaft führen würde, wie es mit diesen geschehen war, mußte man zugestehen, daß diese Hoffnung weitgehend verfrüht war. Die Chemie entwickelte sich nach einer ganz anderen Seite, als Berthollet sie in seiner »Statique chimique« vorausgesagt hatte. Gegenwärtig begreifen wir die innere Logik dieser Entwicklung. Zuerst mußte das chemische Material, die Mannigfaltigkeit der individuellen Stoffe, es mußten mit anderen Worten die Kapazitätsfaktoren der chemischen Energie wissenschaftlich bewältigt sein, ehe die Gesetze ihrer Umwandlungen nach Zeit und Menge der Forschung zugänglich wurden. So mußte fast ein ganzes Jahrhundert vergehen, ehe die von Berthollet angestrebte aber nicht erreichte chemische Statik Wirklichkeit wurde. Und als dies geschah, waren die Fachgenossen noch so tief in jene älteren Aufgaben versenkt, daß nur sehr wenige die Richtung ihrer Arbeiten auf die neuen Ziele wenden mochten.
Chemische Thermodynamik. Einen sehr wesentlichen Anteil an der endlich eintretenden Entwicklung muß der seit der grundlegenden Entdeckung des mechanischen Wärmeäquivalents durch J.R. Mayer 1842 erst langsam, dann aber schnell und schneller aufblühenden Thermodynamik oder besser Energetik zugeschrieben werden. Es verging allerdings eine ziemlich lange Zeit, bis die Erforscher dieses Gebiets sich der Chemie zuwendeten. Zufolge des mathematischen Gerüstes, das für die Errichtung[177]  dieses großartigen Gebäudes notwendig war, waren die ersten methodischen Arbeiter auf dem Gelände Mathematiker und Physiker, denen chemisches Denken ganz fern lag. So behandelt Helmholtz in seiner grundlegenden Abhandlung über die Erhaltung der Kraft nach einander die verschiedenen Gebiete der Physik, Mechanik, Wärme, Elektrizität, Galvanismus, Magnetismus und Elektromagnetismus und bemerkt zum Schluß: »Es bleiben uns von den bekannten Naturprozessen nur die der organischen Wesen übrig.« Und obwohl er alsbald sachgemäß betont, daß diese wesentlich chemischer Natur sind, wird er nicht gewahr, daß er eine Theorie der chemischen Vorgänge von seinem neu gewonnenen Standpunkte aus gar nicht entwickelt hatte. Nur in der Lehre vom Galvanismus, wo elektrische Vorgänge sich mit chemischen berühren, hat er diese kurz erwähnt und auch für die chemischen Quellen der Wärme und Elektrizität das Erhaltungsgesetz gefordert.
Ganz ähnlich war die Einstellung der nächsten großen Forscher in diesem Gebiet, R. Clausius und William Thomson, welche den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik aufgestellt (Clausius) und entwickelt (Thomson) haben. Clausius wählte als Anwendungsgebiet zur Erläuterung seiner Entdeckungen die Theorie der Dampfmaschine und Thomson, dessen beweglicher Geist mit den neuen Einsichten die verschiedensten Probleme der Physik befruchtete, hat auf seinen Flügen die Blumen der Chemie trotz ihrer Fruchtbarkeit nie besucht. Offenbar hat ihn ihr Duft nicht angezogen.

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Viel später erst haben zwei Forscher unabhängig von einander gezeigt, welches große Anwendungsgebiet der zweite Hauptsatz in der Chemie findet. Horstmann in Deutschland und zehn Jahre später, aber unabhängig von ihm Willard Gibbs in Amerika. Horstmanns Arbeit war in den »Annalen der Chemie« erschienen,[178]  deren Leser nicht an Differential- und Integralzeichen gewöhnt waren und die Abhandlung daher überschlugen. Und Gibbs gar hatte seine tiefgreifenden und weitumfassenden Forschungen in den unzugänglichen Schriften einer provinzialen Akademie so erfolgreich versteckt, daß es besonderer Anstrengungen bedurfte (an denen ich mich später beteiligte), um sie an das Licht der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu ziehen.
Dank der Anregungen Öttingens (dem ich auch den ersten Hinweis auf Gibbs verdanke), war ich mit dem Gedankenkreise der Thermodynamik schon früh in Berührung gekommen. Hatte doch Öttingen selbst sich wiederholt um begriffliche Klärung dieser damals wie Dornröschen mit mathematischen Hecken von stacheliger Beschaffenheit umgebenen Gedanken bemüht. So lag es nahe genug, daß ich zu der Überzeugung kam, daß die Probleme, die mich zwackten, mit Hilfe dieser gewaltigen Denkmittel wohl gelöst werden könnten. Die erste Voraussetzung dafür war, daß ich das neue Werkzeug handhaben lernte, und dies war für mich eine schwierige Aufgabe. Wie oft habe ich damals lange einsame Wanderungen unternommen, um ungestört über den zweiten Hauptsatz nachdenken zu können1.
»Mir sind noch immer die inneren Anstrengungen gegenwärtig, welche ich empfand, als ich mir den Inhalt der damaligen Thermodynamik, der gegenwärtigen Energetik begreiflich machen wollte. Wollte, weil ich mußte. Denn um mit gutem Gewissen lehren zu können, was an übertragbaren Schlußergebnissen durch die Anwendung dieses Gesetzes gefunden und in den regelmäßigen Bestand der Wissenschaft übergegangen war, mußte ich mir notwendig den Weg völlig klar und anschaulich machen, der aus den gemachten Voraussetzungen[179]  zu anscheinend so weit von ihnen entfernten Ergebnissen geführt hatte. Es war damals überaus schwierig, sich zu vergegenwärtigen, was Clausius' Gesetz von der Zunahme der Entropie oder William Thomsons Gesetz von der Dissipation der Energie etwa mit der Ableitung der Verdampfungswärme aus dem Temperaturkoeffizienten des Dampfdrucks zu tun hatte. Während aber die erstgenannten großen Verallgemeinerungen, die in ihrer nicht unbedenklichen Anwendung auf das ganze Weltall alsbald ein anschauliches Verständnis finden konnten und gefunden hatten, sich leicht, etwa durch das Bild des herabfließenden Stroms, der nie zum Rückwärtsfließen den Berg hinan veranlaßt werden kann, dem täglichen Denken einprägen ließen, machten die bescheideneren, aber an der Erfahrung prüfbaren und durch diese bestätigten Schlüsse, durch welche ganz verschiedenartig erscheinende physikalische Größen miteinander in Verbindung gesetzt wurden, bedeutend mehr Kopfzerbrechen ... So blieb mir nichts übrig, als meinen Weg geradlinig durch das Dickicht der analytischen Formulierung des zweiten Hauptsatzes zu suchen und ein Verständnis dafür zu erstreben, warum bei zweimaligem Differenzieren nach inzwischen erfolgter Unabhängigkeitserklärung der Veränderlichen, die zweiten Differenziale sich alle bereitwilligst gegenseitig aus der Schlußformel herauskomplimentieren, um eine einfache, der physikalischen Anschauung gut zugängliche Beziehung erster Ordnung zu hinterlassen.«
Diese begriffsanalytischen Arbeiten ergaben damals keinen abfiltrierbaren Niederschlag in Gestalt von wissenschaftlichen Abhandlungen. Sie bereiteten aber den Boden vor für die spätere Entwicklung der Energetik.
Zwischenspiel. In die ersten Jahre meiner Rigaer Tätigkeit fiel auch ein mehr literarisches Hervortreten neben den gewohnten Berichten über meine experimentellen[180]  Arbeiten. Unter dem Einflusse des von dem angesehenen Leipziger Chemiker H. Kolbe geführten Krieges gegen die damals aufblühende Strukturchemie hatte sich ein junger Autor A. Rau aufgetan, der die Berechtigung von Kolbes Standpunkt durch eine weit hergeholte philosophische Begründung nachweisen wollte. Dabei war ihm ein spaßhafter Mißgriff passiert. Er vertrat nach Kolbes Vorgang die allgemeine These, daß den Jüngern der Strukturchemie die Fähigkeit logischen Denkens abgehe und belegte diesen allgemeinen Satz durch die Anführung einer Formulierung des Gesetzes der multiplen Proportionen aus jenem Lager. Nach längeren Ergüssen über deren Unzulänglichkeit ging er zum Gegenbeispiel über und führte als Muster logischer Genauigkeit die Formulierung Kolbes an. Er hatte inzwischen die erste offenbar vergessen, denn beide Formulierungen waren überhaupt nicht verschieden.
Mich erinnerte dies an die Geschichte aus F. Reuters »Ut mine Stromtid«, wo das Mining sein Zwillingsschwesterlein Lining verbessert. Diese hatte Großvaters Perücke »Pück« genannt, wurde aber zurechtgewiesen: sie müsse »Pück« sagen, denn beide konnten das R nicht aussprechen. Obwohl mich der Kampf gegen die moderne Chemie eigentlich nichts anging, stach mich doch der Hafer, daß ich jenen drolligen Mißgriff auch den Fachgenossen zur Ergötzung aufweisen wollte. So schrieb ich eine Streitschrift gegen Rau: In Sachen der modernen Chemie, die ich in Riga drucken ließ. Ich glaube nicht, daß sie irgend welche Verbreitung gefunden hat. Der Angegriffene schrieb eine Gegenschrift, die er dem Herausgeber E. von Meyer zur Veröffentlichung im Journal für praktische Chemie zuschickte. Sie war aber so bodenlos grob ausgefallen, wie dieser mir gelegentlich mitteilte, daß er den Abdruck verweigern mußte. Die einzige Folge war, daß H. Kolbe auf mich aufmerksam wurde.[181]  Wie sich dies auswirkte, zeigte sich bei meiner ersten persönlichen Begegnung mit ihm, über die ich bald zu berichten habe.
Laboratoriumsnöte. Die geringe Rolle, welche das Chemiestudium bisher am Rigaschen Polytechnikum gespielt hatte, ließ sich daran erkennen, daß die Laboratorien im Kellergeschoß untergebracht waren, wo es natürlich an Licht und Luft mangelte, die für die chemische Arbeit so besonders notwendig sind. Als nun nach wenigen Semestern die Anzahl der Studierenden sich vervielfachte, mußte ich den Verwaltungsrat mit dem Gedanken vertraut machen, daß nur durch einen Neubau dem alten Notstande abgeholfen werden könne, der durch den hinzugetretenen Raummangel besonders erschwert worden war.
Die Energie und Großzügigkeit, mit welcher die vaterländische Unternehmung des Polytechnikums geleitet wurde, machte sich alsbald wieder geltend. Der Neubau wurde trotz seiner großen Ansprüche an die Kasse grundsätzlich bewilligt und ich wurde beauftragt, gemeinsam mit dem Anstaltsarchitekten die Pläne zu entwerfen. Vorher aber wurde mir aufgegeben, eine Rundreise durch Deutschland zum Besuch der wichtigsten Laboratorien zu machen. Denn ich hatte nicht verhehlt, daß ich aus eigener Anschauung nur das uralte Dorpater Laboratorium kannte und von der großen Entwicklung, welche diese Anstalten in Deutschland, insbesondere nach 1870–71 erfahren hatte, nur eine papierene Kenntnis besaß. Ehe also die angewiesenen Gelder verbraucht wurden, sollte das Mögliche geschehen, um sie so zweckmäßig wie möglich anzuwenden.
Für mich persönlich war dieser Beschluß von größter Bedeutung. Denn er bot mir die erste Gelegenheit, meinen Anschauungskreis sowohl was allgemeine Verhältnisse wie die meiner Sonderwissenschaft betraf, über den engen[182]  Umkreis meiner Heimat hinaus zu erweitern. Mir waren die Namen der führenden Deutschen Chemiker aus der Literatur längst geläufig; auch hatte ich versucht, mir aus ihren Schriften ein Bild von den zugehörigen Persönlichkeiten zu machen, wozu namentlich die Art und Weise Anhaltspunkte gab, wie jeder seine gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten mit den Fachgenossen austrug. Aber die unmittelbare, persönliche Fühlungsnahme, wie sie mir bevorstand, da ich sie auch bezüglich ihrer Organisation des Unterrichts auszufragen hatte, bedeutete doch eine sehr erhebliche Vertiefung dieser Kenntnisse.
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 Die nachfolgenden Sätze sind der »Einleitenden Übersicht«, S. 1 meiner Philosophie der Werte (1913) entnommen.




 Neuntes Kapitel.
Deutschland.










[183] Erster Besuch in Deutschland. Damit der regelmäßige Unterricht nicht gestört wurde, entschloß ich mich, die Winterferien 1882/83 für diese Laboratoriumsreise zu opfern. Dadurch, daß ich die Eisenbahnfahrten vielfach nachts ausführte, um die Tagesstunden für die Besuche frei zu halten, konnte ich es möglich machen, alle bedeutenderen Anstalten in Deutschland und in der Schweiz an den Universitäten wie an den technischen Hochschulen in Augenschein zu nehmen. Anregungen der mannigfaltigsten Art ergaben sich aus den Gesprächen mit deren Leitern und mancherlei freundschaftliche Beziehungen konnten dabei angeknüpft werden.
Mein Weg führte mich über Königsberg nach Berlin, Dresden, Leipzig, Halle, Braunschweig, Hannover, Aachen, Bonn, Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Tübingen, Zürich und München und von dort über Berlin nach Hause.
Mit sehr regen Gefühlen setzte ich mich kurz vor den russischen Weihnachten (12 Tage nach den Europäischen) in die Eisenbahn, um die endlosen öden Strecken bis zum Grenzort Wirballen zu durchfahren; dazu hatte der Zug Verspätung. Der Gegensatz des verwahrlosten Dorfes auf russischer Seite mit dem nüchtern-ordentlichen Eydtkuhnen[184]  auf preußischer machte einen starken Eindruck auf mich. Dann gab es noch eine lange Fahrt bis zur ersten deutschen Universität, die auf meinem Wege lag, Königsberg. Dort traf ich am Neujahrstag ein, den ich vorübergehen lassen mußte, bevor ich das Handwerk und den dortigen Kollegen begrüßen konnte. Es war W. Lossen, der Entdecker des Hydroxylamins und der merkwürdigen Isomerien seiner organischen Abkömmlinge. Ich fand einen älteren, kränklichen Herrn, der aber meinen Wünschen um Mitteilung seiner chemischen Erziehungsmethoden bereitwillig entgegenkam. Das Laboratorium war alt und bot nichts bemerkenswertes. Die Stadt, die ich durchwandert hatte, erinnerte mich mit ihren engen und krummen Gassen vielfach an Riga, so daß mir das Reisen in Deutschland, von dem ich mir bisher keine Vorstellung hatte machen können, gar nicht so schwierig vorkam, wie ich befürchtet hatte.
Trotzdem fuhr ich nach langer Tagereise mit etwas klopfendem Herzen in Berlin ein, wo ich im Zentralhotel, dem damals größten Gasthof Wohnung nahm und den großstädtischen Betrieb bestaunte. Wegen der Neujahrstage hatte ich Zeit, zuerst die Museen und andere Merkwürdigkeiten zu besuchen. Von Fachgenossen lernte ich zunächst Hans Landolt kennen, der eine Professur an der landwirtschaftlichen Hochschule bekleidete. Er nahm mich mit großer Freundlichkeit auf und zeigte mir sein Laboratorium. Ich konnte von ihm sehr viel Nutzbares für den Unterricht lernen. Es war dies der Anfang einer Freundschaft, die durch ein Menschenalter bis zu seinem Tode immer herzlicher geworden ist, und auch in schwierigen Verhältnissen niemals eine Trübung erfahren hat.
Um zu erkunden, wann ich den regierenden Oberchemiker A.W. von Hofmann sprechen könne, suchte ich seine im Laboratoriumsgebäude wohnenden Assistenten[185]  W. Will und C. Schotten auf. Wir waren gleichaltrig und fanden an einander Gefallen, so daß sie mit mir den Nachmittag und Abend zubrachten. Auch hieraus hat sich ein dauerndes Verhältnis entwickelt, welches mich mit Will zusammenhielt, der in einer wichtigen Wendung meines Lebens fördernd tätig gewesen ist, wie seinerzeit erzählt werden wird. Will war einer der liebenswürdigsten und zuverlässigsten Menschen, die ich kennen gelernt habe. Schotten, der mit Will eng befreundet war, ist früh gestorben.
Am nächsten Tage hörte ich bei A.W. von Hofmann eine seiner berühmten Vorlesungen. Sie war zweistündig, und zwar füllte er die 90 Minuten, die nach Abzug der beiden akademischen Viertel von 2 Stunden übrig blieben, durch einen ununterbrochenen Vortrag aus: jedenfalls ein starker Anspruch an sich selbst und an seine Zuhörer. Das ganze war sehr dramatisch, ja theatralisch zugespitzt und wenn die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu sinken drohte, wurde sie durch einen Spaß, meist auf Kosten des Vorlesungsassistenten wiederbelebt. Immerhin mußte ich die Leistung bewundern.
Nach der Vorlesung begrüßte ich den Professor persönlich und brachte mein Anliegen vor. Doch fand er nicht die Zeit, selbst Auskunft zu geben, sondern wies mich an seine Assistenten und den Laboratoriumsvorstand Tiemann. Dieser forderte mich auf, am nächsten Montag die Sitzung der chemischen Gesellschaft zu besuchen und dort eine Mitteilung über meine Forschungen zu machen, was ich bereitwilligst annahm. Die Zeit bis dahin füllte ich mit weiteren Besuchen bei Fachgenossen und dem Studium der Schönheiten und Merkwürdigkeiten der Großstadt aus, die überall meine größte Bewunderung erregten und mir unabsehbare Belehrung und Erweiterung meines Gesichtskreises brachten. Zu gegebener Zeit hielt ich in der chemischen Gesellschaft den gewünschten[186]  Vortrag. Da ich mich überzeugt hatte, daß die meisten meiner Berliner Fachgenossen von meinen Arbeiten nichts wußten, Hofmann eingeschlossen, so trug ich den Inhalt meiner ältesten volumchemischen Arbeit in elementarster Form, mit erläuternden Zeichnungen vor.
Hofmann, der mich nicht ohne Mißtrauen an das Vortragspult hatte gehen sehen, rief erfreut aus: »das kann ja der jüngste Student verstehen«, womit er ausdrücken wollte, daß auch er gegen seine Erwartung mich verstanden hatte. Aber das Mißtrauen blieb. Ich habe hernach wiederholt aus seinem Verhalten und dem seines Kreises die entschiedene Einstellung entnehmen können: die janze Richtung paßt uns nicht!
Ich hatte natürlich nicht die Gelegenheit versäumen wollen, auch bei Helmholtz, dem größten Physiker Deutschlands eine Vorlesung zu hören. Ziemlich spät erschien ein mittelgroßer, stämmig gebauter Herr mit kahler Stirn und ergrauendem Schnurrbart. Mit seinem seltsam gebauten Riesenschädel, den langsamen, abgemessenen Bewegungen und den abstrakten Augen wirkte er statuenhaft, fast monumental.
Der Vortrag war sprachlich ein Meisterstück an Knappheit und Genauigkeit; er hätte unmittelbar gedruckt werden können. Aber man sah dem Vortragenden die ungeheure Langeweile an, die ihm das elementare Kolleg machte und war für ihn froh, als die Glocke schlug.
Dann war ich in eine Sitzung der physikalischen Gesellschaft geführt worden, die er als Vorsitzender leitete. Ich bat nach Erledigung der Tagesordnung um Gehör, das mir nach einigem Zögern gewährt wurde und gab einen kurzen Überblick über die Ergebnisse meiner eben durchgeführten ersten Arbeit zur chemischen Dynamik. Ich hatte nicht den Eindruck, als hätte ich irgendwie die Aufmerksamkeit des Vorsitzenden gewonnen, der mir in seiner kurzen, zurückhaltenden Weise die[187]  üblichen Höflichkeiten sagte. Doch hatte er mich im Gedächtnis behalten, wie sich später herausstellte, als ich von Leipzig aus mit ihm wieder zusammentraf.
Aus dem Sitzungsbericht (5. Jan. 1883) entnehme ich, daß vor mir Helmholtz' größter Schüler Heinrich Hertz gesprochen hatte. Von seiner künftigen Größe ahnte damals niemand etwas, vielleicht mit Ausnahme seines Lehrers. Auch ist mir sein Vortrag nicht in der Erinnerung geblieben, denn er war eine mathematische Untersuchung über gewisse Erscheinungen bei Flut und Ebbe, an die sich weitere Ergebnisse nicht geknüpft haben.

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Voll von den starken und mannigfaltigen Eindrücken der Berliner Tage, reiste ich zunächst nach Dresden, wo Schmitt, ein Schüler Kolbes und Erfinder des technischen Verfahrens zur Gewinnung der Salizylsäure Professor an der technischen Hochschule war. Er empfing mich auf das freundlichste und gab auf meine Fragen ausgiebig Bescheid. Als Physiker war in Dresden mein mittelbarer Amtsvorgänger in Riga, A. Töpler tätig, ein genialer Experimentator, der mich gleichfalls freundlichst aufnahm und von dem ich vieles lernen konnte. Endlich gab es noch einen dritten wertvollen Kollegen, nämlich den ausgezeichneten Gasanalytiker Walter Hempel, der als junger Mann (er war nur zwei Jahre älter als ich) mit Erfolg gewagt hatte, die klassischen Methoden R. Bunsens durch ganz andere, viel einfachere und schnellere zu ersetzen. Seine Arbeiten haben den Ausgangspunkt für die Entwicklung der technischen Gasanalyse gebildet, die seitdem eine so große Bedeutung gewonnen hat. Wir fanden uns auf dem Boden gemeinsamer Interessen schnell zusammen und ihm war es eine Freude zu hören, daß die persönliche Anschauung seiner Methoden einen Hauptpunkt in meinem Reiseprogramm gebildet hatte. Auch diese Bekanntschaft hat in der Folge[188]  zu einem herzlichen Verhältnis geführt, das nie eine Trübung erfahren hat.
Als Assistent war bei R. Schmitt damals Dr. Willibald Hentschel tätig, der sich mir anschloß und mir liebenswürdige Gastfreundschaft erwies. Er stellte sich als ein höchst originell denkender Chemiker und Mensch heraus, dem ich eine bedeutendere Zukunft vorausgesagt hätte, als er sie hernach erlebt hat. Unsere Wege führten uns etwa ein Jahrfünft später wieder in Leipzig zusammen und dann auseinander.
Auf dem damaligen Böhmischen Bahnhof nahe dem Polytechnikum, wo jetzt der Hauptbahnhof steht, pflegten die Professoren der technischen Hochschule abends auf ein Stündchen zusammenzutreffen, soweit sie frei waren. Hier habe ich noch eine ganze Anzahl anderer Kollegen flüchtig kennen gelernt. Ich habe sie einzeln nicht mehr im Gedächtnis, wohl aber ist mir die Erinnerung an den heiteren und offenen Verkehr dabei lebendig geblieben.
Die Dresdener Museen zu besehen versäumte ich natürlich nicht. Mit den allergrößten Erwartungen ging ich beim Besuch der Gemäldegalerie nach dem Plan ohne mich umzusehen in den Eckraum, wo die Sixtinische Madonna aufgestellt ist. Ich erwartete einen tiefgreifenden Eindruck und war erschrocken, daß er ausblieb. Alle Versuche, ein inneres Verhältnis zu dem Bilde zu gewinnen, blieben erfolglos. Ich glaubte mich schämen zu müssen, daß mir dies versagt war und wußte nicht, daß ich den ersten Anstoß zur sachgemäßen Bewertung einer unglaublich überschätzten Kunstepoche erlebt hatte.
Von Dresden ging es nach Leipzig, dem einzigen Ort Deutschlands, zu welchem ich persönliche Beziehungen hatte. Dort wohnten die Herausgeber der Zeitschriften, in denen ich meine Arbeiten veröffentlicht hatte, nämlich Hermann Kolbe und Ernst von Meyer vom Journal für praktische Chemie, und Gustav Wiedemann[189]  von den Annalen der Physik, ferner mein Verleger Dr. R. Engelmann. Der Empfang war noch herzlicher als in Dresden, so daß ich mich schon bei dem ersten Besuch der Stadt, in der ich hernach die 19 arbeitsvollsten Jahre meines Lebens zubringen sollte, einigermaßen zuhause fühlen durfte.
Hermann Kolbe war damals nach seinem eigenen Bewußtsein die maßgebende Persönlichkeit in chemischen Angelegenheiten nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt. Demgemäß gab er sich würdevoll und gemessen. Seine Gestalt war untersetzt, sein großes, glattrasiertes, volles Gesicht mit breiten Würdefalten konnte etwa das eines Senators in Hamburg oder Bremen sein.
Durch den frühen Erfolg seiner hervorragenden Experimentalarbeiten war er so unbedingt von der Richtigkeit seiner theoretischen Ansichten überzeugt, die auf eine Fortsetzung der Radikaltheorie im Sinne von Berzelius herauskamen, daß er die damals aufblühende Kekulésche Strukturchemie für eine arge Verirrung hielt. Dadurch war er in einen entschiedensten Gegensatz zu der in Berlin gepflegten Chemie und ihrem Führer geraten, beschränkte aber seinen Widerspruch keineswegs auf Berlin allein, sondern fand ungefähr überall etwas zu tadeln. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift hatte er eine stehende Rubrik eingerichtet, um seinen Ansichten und Gefühlen Ausdruck zu geben, wobei er sich nicht scheute, die gröbsten Register seiner Polemik zu ziehen. Da seine absprechenden Urteile, die anfangs zum Teil begründet waren, mehr und mehr der sachlichen Grundlage entbehrten, war sein Einfluß sehr gesunken. Vielleicht war es ein unterbewußtes Gefühl hiervon, was ihn veranlaßte, einen besonderen Wert auf meine Beiträge zu seiner Zeitschrift zu legen, zumal sie weitab von der ihm besonders verhaßten Strukturchemie lagen.[190]
Jedenfalls nahm er und sein Schwiegersohn E.v. Meyer mich mit größter Freundlichkeit auf. Nachdem ich den Abend bei diesem am Familientisch verbracht hatte, der mit musikalischen Darbietungen (Violine und Klavier) von ihm und seiner anmutigen Gattin, Kolbes Tochter ausklang, hatte ich am folgenden Nachmittag ein feierliches Essen bei Kolbe selbst mitzumachen. Er hatte mich veranlaßt, ihn eine Stunde früher zu einer ungestörten Aussprache zu besuchen, die sich sehr interessant gestaltete. Ich zeigte ihm den spaßhaften Mißgriff A. Raus, an den er anfangs nicht glauben wollte, und er entwickelte mir den Plan seines kleinen Lehrbuches der organischen Chemie, das er unter der Feder hatte. Dafür hatte er eben die Rosanilin-Untersuchungen von O. und E. Fischer durchgesehen und sprach sein ehrliches Erstaunen darüber aus, daß sie sich als eine tüchtige und solide Arbeit herausgestellt hätten, trotzdem die Verfasser hoffnungslos der Strukturchemie verfallen waren. Man müsse sie nur erst ins Chemische übersetzen, fügte er hinzu.
Inzwischen war die Essenstunde herangekommen und ich wurde einem ganzen Kreise Leipziger Professoren vorgestellt, die ich mit Ehrfurcht betrachtete. Kolbe wies mir den Platz neben sich an. Auf seiner anderen Seite saß der berühmte Mineralog F. Zirkel, der eben eine Berufung nach München abgelehnt hatte und daher mit besonderer Herzlichkeit begrüßt wurde. Mitten im lebhaften Gespräch schlug Kolbe an sein Glas und hielt eine Ansprache chemischer Färbung. Er sehe an seinem Tisch zwei Körper von flüchtiger Beschaffenheit, nämlich Zirkel und mich. Doch sei es gelungen, den ersten zu fixieren und er wolle seine Hoffnung aussprechen, daß dies auch an mir mit Erfolg ausgeführt und ich wie Zirkel in Leipzig festgehalten werden könne. Ich war im höchsten Maße erstaunt, ja verblüfft, denn daß Kolbes freundliche[191]  Gesinnung so weit gehen würde, hatte ich mir nicht träumen lassen. Die Tischgenossen nahmen indessen diesen Vorstoß nicht übel auf und das Mahl verlief unter unzähligen weiteren Trinksprüchen in angeregtester Munterkeit.


Außer Kolbe war noch Gustav Wiedemann für mich von besonderem Interesse, da er die einzige Professur für physikalische Chemie nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt bekleidete. Seine Ausbildung hatte er bei Gustav Magnus in Berlin erhalten, der ein ebenso guter Physiker wie Chemiker war. Während seine Doktorarbeit noch chemischen Inhaltes war, hatte sich Wiedemann später mehr der Physik zugewendet und war daher in erster Linie berufen, die physikalische Chemie zu vertreten, als die Verhältnisse in Leipzig 1871 zur Gründung der entsprechenden Professur geführt hatten.
Da zwischen Kolbe und Wiedemann keine guten persönlichen Beziehungen bestanden, hatte ich beide Kreise einzeln aufzusuchen.
Wiedemann erwies sich als ein leichtgebauter Mann unter Mittelgröße, der sich etwas gebückt hielt, mit schwachem blonden Haar und glattrasiertem beweglichem Gesicht. Er sah so aus, wie man sich einen französischen Weltgeistlichen vorstellt, der in vielen Salons heimisch ist und gern seine Hand in mancherlei Verhältnissen und Beziehungen hat. Neben ihm wirkte seine Gattin, eine Tochter Eilhard Mitscherlichs, imponierend durch ihre Gestalt und ihr Wesen. Ein Sohn, nach seinem Großvater geheißen, war im gleichen Fach als Assistent des Vaters tätig und hatte sich bereits durch einige tüchtige Arbeiten vorteilhaft bekannt gemacht.
Die Familie war vor einiger Zeit von einer Ferienreise nach Ägypten zurückgekehrt, bei welcher der andere Sohn, Ägyptolog, den Führer gemacht hatte. Da ein solcher Ausflug damals eine Seltenheit war, legten alle[192]  Beteiligten einiges Gewicht darauf, diese Tatsache in allerlei Einzelheiten der persönlichen und häuslichen Ausstattung zur Geltung zu bringen. Auch von diesem Kreise wurde ich freundlich aufgenommen und brachte einen Abend im Hause zu. Doch kam es nicht zu der herzlichen Stimmung, wie in der Kolbeschen Familie.
Die Besprechung mit dem Verleger Dr. Engelmann verlief befriedigend. Er gab mir Auskunft über mancherlei Technisches beim Büchermachen und riet mir dringend, ihm baldmöglichst druckfertiges Manuskript zu schicken, was ich auch zusagte und hernach pünktlich ausführte.
So waren bei meinem Leipziger Aufenthalt, den ich mit dem Besuch einer ausgezeichneten Tannhäuser-Aufführung abschloß, eine ganze Anzahl Fäden angesponnen, die später im Gewebe meines Lebens bestimmend mitwirkten. Voll von Eindrücken, Hoffnungen und Plänen verließ ich die gastliche Stadt.
Am folgenden Morgen fuhr ich nach Halle, wo ich den himmellangen Kollegen J. Volhard fand, der mir die Tragödie seines Laboratoriumsbaus schilderte. Alle paar Jahre eine kleine Bewilligung, so daß er nicht absehen konnte, wann er überhaupt in Ordnung kommen würde. Am Vorhandenen sei nichts zu sehen. Der trübe Tag machte die rauchige Stadt noch düsterer, so daß ich damals ein sehr ungünstiges Bild von Halle mitnahm. Bei späteren Gelegenheiten haben sich diese Eindrücke sehr zum besseren gewendet.
Ganz anders wirkte die nächste Haltestelle Braunschweig. Die lustige Altstadt mit den geschnitzten Balken an den Fachwerkhäusern und die hübschen neuen Anlagen, die sie umgeben, standen in so freundlichem Gegensatz, daß sich mein Gemüt daran erquickte. Dazu kam die ungekünstelte Herzlichkeit, mit der mich Kollege Robert Otto begrüßte. Sein Name ist in der Verbindung Graham-Otto als Herausgeber des damals ausführlichsten[193]  deutschen Lehrbuches der Chemie mehreren Generationen von Chemikern geläufig gewesen. Er war ein kleiner beweglicher Mann in mittleren Jahren, der durch eine fürchterliche Narbe an einer Stirnseite auffiel, in die man einen Finger legen konnte. Sie rührte von einem Überfall durch einen irrsinnig gewordenen Laboratoriumsdiener her, der ihn eines Abends niedergeschlagen und für tot liegen gelassen hatte. Wäre nicht zufällig sein Assistent Beckurts (den ich gleichzeitig kennen lernte; er wurde Ottos Amtsnachfolger) ganz gegen seine Gewohnheit noch spät ins Laboratorium gegangen, um etwas Vergessenes zu holen, wobei er Ottos Stöhnen gehört hat, so wäre dieser rettungslos verblutet. Dies unheimliche Erlebnis hatte indessen die fröhliche Laune des Kollegen nicht zerstören können, der alles tat, um den angenehmen Eindruck zu verstärken und zu vertiefen, den die Stadt auf mich gemacht hatte. Auch der Besuch des uralten Collegium Carolinum, in dem ein Teil der Hochschule untergebracht war, trug zur Befestigung dieses Eindrucks bei.
Wesentlich anders wirkte die nächste Stadt Hannover auf mich ein. Damals blühte dort die wiederbelebte Gothik, die von einem seinerzeit berühmten Architekturprofessor auf den Profanbau übertragen war und ich erinnere mich noch heute der unbequemen Treppen und unbehaglichen Räume in meinem Gasthof, der nach diesen Grundsätzen erbaut war.
Professor der Chemie war Karl Kraut, dessen Name gleichfalls am besten literarisch in der Verbindung Gmelin-Kraut bekannt ist. Ich lernte ihn als einen langen, schmalen Mann mit kurzem Vollbart und einer Brille vor den kurzsichtigen Augen kennen, der einen besonderen Eifer an den Tag legte, mich genauer kennen zu lernen. Nachdem dies zur Genüge geschehen war, ließ er durchblicken, daß er das Seine dafür tun wolle,[194]  mir eine Berufung für analytische und physikalische Chemie an seine Hochschule zu verschaffen. Ich sagte ihm auf Befragen, daß ich nicht für immer an Riga gebunden sei. Es ist aber hernach nichts daraus geworden.
Im Gespräch war ich unbescheiden genug, ihn zu fragen, weshalb das von ihm herausgegebene Gmelinsche Handbuch der Chemie so überaus langsam erscheine. Er machte ein Gesicht, als hätte er unversehens ein Pfefferkorn aufgebissen und sagte mit einiger Selbstironie: »Ich werde mich hüten, bei Lebzeiten mit dem Buch fertig zu werden. So fragt doch von Zeit zu Zeit jemand nach mir, wie Sie eben. Ist es aber fertig, so kümmert sich überhaupt keine Katze mehr um mich.« Er hat es tatsächlich nicht fertig gemacht.
Sein Laboratorium war im Erdgeschoß des alten Welfenschlosses untergebracht und enthielt nichts Sehenswertes.
Nach Hannover kam Aachen, wo ich das von Landolt bald nach dem Kriege mit unbegrenzten Mitteln erbaute Laboratorium der technischen Hochschule besah. An jedem Arbeitsplatz war eine besondere Abzugskapelle angebracht, dazu sieben Hähne für Gas, Wasser, mäßiges und hohes Vakuum, Druckluft, Dampf. Man hatte Sorge, wo man vor lauter Hilfsmitteln überhaupt arbeiten sollte. Ich nahm mir vor, dies jedenfalls nicht nachzuahmen.
Mit ganz anderem Interesse besah ich dagegen Alexander Classens Einrichtungen zur Elektroanalyse, die erste, bahnbrechende Anlage dieser Art. Ihr Schöpfer sieht noch heute als hoher Achtziger das Licht der Tage und die große Entwicklung des Gedankens.
Physik lehrte in Aachen Adolf Wüllner, der Verfasser eines damals allgemein gebrauchten vierbändigen Lehrbuches der Physik, wegen seiner stattlichen Erscheinung – blasses, wohlgeschnittenes Gesicht, dunkelblonder Vollbart, stramme Haltung – der schöne Adolf[195]  genannt. Mir war seine persönliche Bekanntschaft erwünscht. Denn ich hatte seine Messungen über die Dampfdruckverminderung in wässerigen Lösungen verschiedener Salze für mein Lehrbuch nachgerechnet und gefunden, daß äquivalente Lösungen gleichgebildeter Salze gleich große Verminderung bewirken. Es war dies die Vorentdeckung eines großen Teils der Beziehungen, welche später von Raoult für die Dampfdruckverminderung der Lösungen gefunden wurden, die seitdem ihm allein zugeschrieben werden. Dies ist eine fast unvermeidliche Folge, wenn man neue Entdeckungen nur im Rahmen eines größeren Werkes veröffentlicht. Die wissenschaftliche Gemeinde ist so gewöhnt, Neues nur in einer darüber besonders geschriebenen Abhandlung sich vorgetragen zu sehen, daß sie unwillkürlich voraussetzt, alle Dinge, die sich in einem Lehrbuch finden, seien nicht neu. Es ist dies nicht die einzige Erfahrung solcher Art, die ich gemacht habe.

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Als ich Wüllner die Entdeckung vortrug, die ich an seinen Beobachtungen gemacht hatte, fand ich wenig Gegenliebe. Ich hatte geglaubt, ihm damit eine besondere Freude zu machen, mußte aber mich überzeugen, daß das Mißgefühl, nicht selbst der Entdecker an seinen eigenen Messungen zu sein, bei weitem die Freude daran überwog, daß die Wissenschaft eine Förderung erfahren hatte. Und es hat lange gedauert, bis ich diese naheliegende und fast unfehlbar eintretende psychologische Reaktion zu berücksichtigen gelernt habe.
Die folgende Station war Bonn, wo ich Hoffnung hatte, Kekulé zu sehen, den großen Umgestalter der organischen Chemie. Wegen meiner amtlichen Wünsche nach Einrichtung und Betrieb des Laboratoriums wurde, ich zunächst an seinen Assistenten Otto Wallach gewiesen, damals ein blonder schmächtiger Jungmann, heute ein verehrter Greis in schneeweißem Haar nach[196]  ruhmvoller Laufbahn auf Wöhlers Lehrstuhl in Göttingen.
Kekulé hatte sich, verdüstert durch persönliche Schicksale von niederdrückender Beschaffenheit, fast ganz vom täglichen Verkehr und von der wissenschaftlichen Arbeit zurückgezogen, wenigstens veröffentlichte er nur ausnahmsweise etwas von seinen Ergebnissen. An jenem Tage hat ihn vielleicht ein verlorener Sonnenstrahl erfrischt; er gesellte sich zu uns, geriet ins Plaudern und hielt mir einen entzückenden, humordurchtränkten Vortrag über die vielfältigen Tugenden seines Vorlesungstisches. Er war damals 54 Jahre alt, eine gute Gestalt mit auffallend schönem, vollbärtigem Kopf. Max Klinger hat ihn als Modell für seinen Zeus auf dem großen Bilde: Christus im Olymp benutzt. Zuletzt ging das Gespräch auf meine Arbeiten über und er drückte mir seine Anerkennung über den Mut aus, so etwas zu unternehmen. »Aber, mein lieber junger Freund,« sagte er schließlich und legte mir seinen Arm herzlich um die Schultern, »ich kann Ihnen nur raten, geben Sie die Sache auf. Ich habe vor Jahren dreimal vierundzwanzig Stunden ununterbrochen darüber nachgedacht und mich überzeugt, daß da nichts zu machen ist.«
Von Bonn ging ich nach Darmstadt, wo ich den Professor Städel kennen lernte, der mir merkwürdige vielfarbige Isomere zeigte und weiter nach Heidelberg, das ich klopfenden Herzens betrat, denn dort wirkte noch als Siebziger mein wissenschaftliches Ideal Robert Bunsen. Die Fahrt durch die Bergstraße machte trotz des Winters einen über aus wohltuenden Eindruck auf mich; auch in Heidelberg versäumte ich nicht, auf den Schloßberg zu steigen und mich der herrlichen Landschaft zu erfreuen. Zuerst suchte ich August Horstmann, den Begründer der chemischen Thermodynamik auf, mit dem ich seit einiger Zeit in brieflichem Verkehr[197]  stand. Ich fand einen hageren, etwas gebückten blonden Mann mit blassem Gesicht, gebogener Nase und schütterem Vollbart, der leider fast blind war. Mit dem einen Auge sah er überhaupt nicht und das andere war so kurzsichtig, daß er das Buch, in dem er lesen wollte, bis auf einige Zentimeter heranbringen mußte. Er hatte in den Versuchen über die gleichzeitige Verbrennung von Wasserstoff und Kohlenoxyd mit unzureichenden Mengen Sauerstoff, durch welche Bunsen bei stetiger Änderung der Mengenverhältnisse eine sprungweise Wirkung nach stöchiometrischen Verhältnissen zu erkennen geglaubt hatte, einen wesentlichen Fehler (Anwesenheit von Wasserdampf) erkannt und nachgewiesen. Deshalb war er bei den unbedingten Bunsenverehrern, die in Heidelberg natürlich das Übergewicht hatten, in Ungnade gefallen, so daß sie ihm das Leben und Lehren unerfreulich erschwerten; glücklicherweise war er wirtschaftlich unabhängig. Wir hatten einander sehr viel zu fragen und zu sagen und wurden gute Freunde an dem häuslichen Abend, den er mir in seiner Familie gönnte, und der zu meinen angenehmsten Erinnerungen an diese Reise gehört. Auch Horstmann sprach von der Möglichkeit meiner baldigen Berufung nach Deutschland, da er selbst wegen seines Augenleidens nicht in Frage kam.
Am folgenden Morgen ging ich in Bunsens Laboratorium. Ich wandte mich zunächst an den Assistenten, der mir alle Einrichtungen zeigte. Ich lernte vieles kennen, was nie beschrieben worden war und sah auch den Altmeister, eine kräftige, etwas gebückte Gestalt, das Gesicht von blühender Farbe, umrahmt von einem kurzen Schifferbart, die Oberlippe rasiert, das Haar fast weiß. Ich wurde gewarnt, ihn anzureden; er sei bei der Arbeit, da stelle er sich taub, um nicht gestört zu werden. Am nächsten Morgen hörte ich seine Vorlesung, an die ich keine Erinnerung mehr habe, und stellte mich ihm hernach vor.[198]  Er war sehr freundlich und verzichtete ganz auf seine Taubheit. Beim Mittagessen im Badischen Hof, zu dem ich mich auf kundigen Rat eingefunden hatte, begrüßte er mich wie einen alten Bekannten und ließ sich sehr gutmütig über die Vorgeschichte der Spektralanalyse ausfragen, von der er mir lehrreiche Einzelheiten erzählte.
Kopp, den ich gleichfalls sehr gern kennen gelernt hätte, fand ich leider nicht zu Hause.
Von dort ging es nach Karlsruhe, wo ich Engler und Bunte kennen lernte; bestimmte Erinnerungen haben sich hierüber nicht erhalten. Auch von Stuttgart, meiner nächsten Station, erinnere ich mich nur meines Besuches bei dem kuriosen Schweizer Urech. Dieser hatte gleichfalls begonnen, die Frage des Verlaufs chemischer Vorgänge messend zu bearbeiten und dazu die Inversion des Zuckers durch Säuren gewählt, jenes seit Wilhelmy klassische Beispiel, da man hier den Zustand ausnahmsweise ohne Eingriff durch die Messung der optischen Drehung feststellen kann.
Ich fand ihn in einem kleinen Zimmer, welches neben den Flaschen mit den angesetzten Lösungen und dem Polarimeter einen Regulierofen und ein Bett enthielt. Der unglückliche Forscher verließ dies Gefängnis Tag und Nacht nicht außer auf wenige Minuten, weil er immerfort das Thermometer ablesen und die Stellschraube seines Ofens entsprechend bewegen mußte, um die Temperatur einigermaßen konstant zu halten. Er hatte also sein ganzes Zimmer zu einem Thermostaten gemacht. Ich sagte ihm voraus, daß er für die Inversionsgeschwindigkeiten dieselbe Reihe finden werde, wie ich sie für die Teilung einer Base zwischen zwei Säuren gefunden hatte, was sich später durchgängig bestätigt hat.
In Tübingen, meiner nächsten Station, war Lothar Meyer tätig, dessen wissenschaftliche Richtung einigermaßen der meinen parallel ging; er war reichlich 20 Jahre[199]  älter als ich. Als ich mich am späten Nachmittag bei ihm melden ließ, wo ich ihn bei irgendeiner Arbeit störte, empfing er mich mit ziemlich unwirschem Gesicht und abweisendem Gebahren. Er fragte nach meinem Namen, den der Diener offenbar nicht verstanden hatte und musterte mich nicht ohne Mißtrauen, denn ich sah nach der langen und eiligen Reise wohl nicht ganz so aus, wie ein ordentlicher Professor aussehen sollte. Als er aber meinen Namen gehört und sich durch eine schnelle Frage meiner Identität vergewissert hatte, ging es in seinem Gesicht wie Sonne auf, so daß mir bei der Erinnerung noch heute das Herz warm wird. Er nahm mich alsbald in seine Wohnung hinauf, stellte mich seiner Frau, der vielberühmten »Lotharia« vor, und ich durfte mit beiden einen der vielen heiteren und angenehmen Abende meiner Reise verleben.

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Eine zweite sehr angenehme Erinnerung aus Tübingen ist die an den physiologischen Chemiker Otto Hüfner. Er war ein Schüler R. Bunsens und hatte seine physiologischen Aufgaben mehrfach nach sinnreichen physikalischen Methoden zu lösen gewußt. So suchte ich ihn in seinem Laboratorium auf, das damals noch in dem alten Schloß mit seinen meterstarken Mauern belegen war. Ich fand einen nicht großen Mann vom typischen Aussehen des deutschen Professors: rotblondes, kurzes Haar, gleichfarbiger Vollbart, Brille, etwas nachlässig in Haltung und Kleidung. Er war sehr erfreut, meine persönliche Bekanntschaft zu machen. Wir hatten uns viel zu sagen, so daß wir zusammen zu Mittag gingen – er war Junggesell – und duftigen Rheinwein auf dauernde Verbindung tranken; sie hat sich auch bis zu seinem zu frühen Tode bewährt.
Von Tübingen wendete ich mich nach Zürich, der vorletzten Station meiner Pilgerfahrt. Dort winkte mir die Bekanntschaft mit dem genialen Victor Meyer,[200]  der eben seine aufsehenerregenden Untersuchungen über die Dampfdichten der Halogene bei den höchsten erreichbaren Temperaturen im Gange hatte. Tatsächlich fand ich ihn vor seinem weißglühenden Ofen in Hut und Mantel, da die Fenster weit offen sein mußten, um den Aufenthalt erträglich zu machen. Er war ein schlanker Mann mit dunklem Haar und Bart, das Gesicht vom typischen Schnitt seines Stammes, aber sehr gut anzusehen und belebt durch zwei strahlende blaue Augen. Er erwies sich als bekannt mit meinen Arbeiten und gewährte mir ein interessantes Plauderstündchen, wobei freilich die Nervosität oft zutage trat, die er sich durch allzu leidenschaftliches Arbeiten zugezogen hatte, das zuweilen zu sehr auf dramatische Wirkung zugespitzt war und ihn daher nicht selten zu Selbstüberbürdungen verleitete.
Eine ganz entgegengesetzte Natur war der Physiker Friedrich Weber, den ich gleichfalls dort kennen lernte. Der Geselligkeit abhold, nur auf seine Arbeiten eingestellt, so daß er darüber, wie mir später seine Gattin klagte, auch Frau und Kinder vernachlässigte, hager und schweigsam war er mir entgegengetreten. Meine Nachfrage nach einigen Punkten aus seinen letzten Untersuchungen ließ ihn auftauen. Er freute sich sichtlich, jemanden kennen zu lernen, der sie so eingehend studiert hatte, zeigte mir sein Laboratorium, das viel Originales enthielt und nahm mich sogar zu Tisch nach Hause, was seine Gattin in Verwunderung setzte, aber angenehme, wie sie versicherte.
Die letzte Stadt, in der ich mich aufhielt, war München, wohin ich von Zürich ging. Obwohl ich von der allzuraschen Reise ziemlich erschöpft war, ließ ich doch die Kunstschätze der schönen Stadt nicht ungenossen. An der technischen Hochschule lernte ich Erlenmeyer, an der Universität A. von Baeyer kennen. Aus dem Gespräch mit diesem erinnere ich mich seiner lebhaften[201]  Warnung, über meine Arbeiten vor ihrer Veröffentlichung etwas verlauten zu lassen. »Keiner von meinen Assistenten und Doktoranden darf erfahren, was der andere tut.« Ich muß bekennen, daß diese Mahnung mich nur in meinem gegenteiligen Verhalten bestärkt hat.
Beim Besuch des Baeyerschen Laboratoriums hatte ich keinen der Assistenten und jüngeren Professoren gefunden, weil ich dort zu früh erschienen und es außerdem Sonnabend war; doch hatte man mir gesagt, daß sie Mittag im Kunstgewerbehaus äßen. Ich ging dort hin und hatte eben meine Mahlzeit angefangen, als ich an einem ziemlich lärmigen Nachbartisch eine laute Stimme fragen hörte: »Haben's den Ostwald schon g'sehen?« »Was für einen Ostwald?« war die Gegenfrage. »Nun, den von der Volumchemie,« antwortete der erste. Ich gab mich zu erkennen und fand mich alsbald in einem lustigen Kreise aufstrebender Altersgenossen, mit denen sich der Nachmittag bis tief in den Abend verlängerte. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wer alles zugegen war; v. Pechmann, Knorr, Bamberger mögen darunter gewesen sein.
Von München reiste ich endlich geradlinig nach Hause, wo ich vier Wochen nach meiner Abreise wieder eintraf. Mit der Federkraft der Jugend hatte ich die Ermüdung der Hetzreise mit ihren unzähligen Eindrücken bald überwunden und es blieben als dauernder Gewinn die vielen angenehmen persönlichen Beziehungen übrig, die ich hatte anknüpfen dürfen, und die mannigfaltigen wissenschaftlichen Anregungen in Einzelfragen, die ich dabei gewonnen hatte. Jene hatten zweifellos einen starken Einfluß auf die äußere Gestaltung meines Lebensganges, da ohne persönliche Bekanntschaft von einer Berufung nach Deutschland schwerlich die Rede sein konnte.
Eine irgendwie entscheidende Wendung in meinem inneren Entwicklungsgange kann ich indessen nicht als Folge dieses ersten Besuches »in Europa« (wie Karl[202]  Schmidt seine Fahrten nach Deutschland zu bezeichnen pflegte) erkennen. Ich war etwa dreißig Jahre alt, hatte bald zehn Jahre lang den selbstgewählten Weg stetig verfolgt, der mich zweifellos aufwärts und dem Ziele merklich näher geführt hatte und war deshalb viel mehr darauf aus, neue Arbeits- und Denkmittel zur besseren Lösung der gleichen Aufgaben zu finden, als meine Problemstellung durch fremde Einflüsse grundsätzlich verschieben zu lassen. So faßte ich die Reise mehr als eine willkommene Gelegenheit auf, für mein eigenes Arbeitsfeld die Teilnahme der Fachgenossen zu erwecken, die sich bis dahin nur bei sehr vereinzelten Forschern gefunden hatte.



 Zehntes Kapitel.
Wieder in Riga.










[203] Der Laboratoriumsbau. Nachdem ich so gut wie alle in Betracht kommenden Laboratorien gesehen hatte, nahm ich etwas ermüdet aber durch die Fülle neuer Beziehungen und Erlebnisse höchst angeregt meine Unterrichtstätigkeit wieder auf und arbeitete an den Plänen für das neue Laboratorium mit. Es wurde für 150 Studenten entworfen, da damals die Anzahl der Praktikanten 120 betrug und die maßgebenden Männer im Verwaltungsrat der Ansicht waren, daß die nach meinem Amtseintritt erfolgte schnelle Zunahme der Chemiestudenten nun ihren Höhepunkt erreicht habe. Als aber im Herbst 1885 das neue Gebäude bezogen wurde, mußten 193 Studenten untergebracht werden, die sich im folgenden Jahr auf 210 vermehrten. So war trotz des Neubaues die Raumnot nicht behoben und in der Einteilung der Säle waren alsbald wesentliche Änderungen notwendig, welche den ursprünglichen Entwurf zum Nachteil des Ganzen abzuändern zwangen.
Das Lehrbuch. Die zweite große Aufgabe, welche mir die Reise brachte, war die Abfassung des Lehrbuches der Allgemeinen Chemie.
Obwohl ich in der selten günstigen Lage war, einen Verleger zu haben, bevor ich das geplante Lehrbuch[204]  überhaupt geschrieben hatte, zögerte ich aus leicht begreiflichen Gründen lange mit der Ausführung. Die Materialien hatte ich allerdings schon in Dorpat zu sammeln begonnen und zum größeren Teil auch zusammengebracht. Auch hatte ich für meine Vorlesungen schon große Teile schriftlich festgelegt. Auf Veranlassung des Verlegers hatte ich ferner einige Probeseiten des Manuskripts zur Feststellung der Druckausstattung nach Leipzig geschickt, dann die Satzproben mit der Andacht und Begeisterung beschaut, die der werdende Schriftsteller seinem ersten Werk zuwendet und sie meinen Freunden gezeigt. Aber ich zögerte immer noch mit der Drucklegung, da ich mir noch den Kopf wegen der rationellen Anordnung des Stoffes zerbrechen mußte. Ich versuchte mir Klarheit aus Wilhelm Wundts Logik der exakten Wissenschaften zu verschaffen und entdeckte bei dieser Gelegenheit, daß dieser weitschauende Denker die Entwicklung der chemischen Kinetik vorausgesagt hatte, mit deren experimenteller Durchführung ich eben beschäftigt war. Dies gab mir den Mut, mich brieflich an ihn zu wenden, ihm meine letzte Arbeit zu schicken zum Zeugnis für die Richtigkeit seiner Prognose, und ihm meine ordnungswissenschaftlichen Sorgen um die Anordnung des Stoffes der Allgemeinen Chemie zu eröffnen. Er antwortete sehr freundlich und eingehend, und wenn ich seine Anregungen auch nicht unmittelbar benutzen konnte, so halfen sie mir doch in hohem Maße dazu, auf eigenem Wege zur Klarheit zu kommen.
Einiges zur Verzögerung meiner Entschlüsse hatte auch die Einstellung meiner Lehrer Karl Schmidt und Lemberg zur Sache beigetragen. Beide verachteten das Bücherschreiben und sahen das Heil der Wissenschaft nur in experimentellen Arbeiten, über die so kurz und nüchtern wie möglich zu berichten sei. Beide verkannten die Bedeutung der ordnungswissenschaftlichen Arbeit[205]  für den Fortschritt der Wissenschaft, obwohl deren Geschichte zahlreiche Beispiele dafür bringt, daß erst mit dem Erscheinen eines Lehrbuches, das die bisherigen vereinzelten Erkenntnisse methodisch zusammenfaßt, die regelmäßige und fruchtbare Entwicklung des betreffenden Zweiges einzusetzen pflegt. Diese Einsicht dämmerte bei mir auf und der Erfolg meines Lehrbuches sollte bald ein neues Beispiel für die eben erwähnte Regel geben.
Immerhin bedurfte es noch des entscheidenden Anstoßes durch die persönliche Begegnung mit dem Verleger Dr. Engelmann, um diese verschiedenen Widerstände zu überwinden. Ich machte mich bald nach meiner Heimkehr daran, die endgültige Ordnung des Stoffes durchzuführen und stellte die Handschrift stückweise fertig, so daß Satz und Druck des ersten Teils (erste Hälfte des ersten Bandes) im Laufe des Jahres 1883 beendet werden konnten. Nach Buchhändlerweise trug er die Zahl des folgenden Jahres 1884.
Von da ab erschien Jahr für Jahr ein ähnlicher Teil von je 20 bis 30 Bogen, so daß Ende 1886 das ganze zweibändige Werk fertig vorlag; es trug die Jahreszahl 1887. Auch hier bewährte sich das Prinzip des moralischen Schwungrades: der Wunsch, die regelmäßigen Termine einzuhalten, brachte mich über manche Ermüdungen hinweg, die sonst vielleicht nicht so bald überwunden wären.

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Die Ansprüche, welche das Werk an mich stellte, waren nicht gering. Einige Jahre vorher war als erster Band einer neuen Auflage des altberühmten Handbuches von Gmelin eine »Allgemeine und Physikalische Chemie« von A. Naumann erschienen, die mich sehr enttäuscht hatte, denn sie bestand zu einem guten Teil in einer bloßen Zusammenstellung der Referate, die der Verfasser während einer Reihe von Jahren für den Jahresbericht der Chemie aus diesem Gebiete geliefert hatte und ermangelte der[206]  großen und zusammenfassenden Gesichtspunkte, die mir als das Wesentliche eines solchen Werkes erschienen. So fühlte ich mich veranlaßt, noch mehr als ich vielleicht sonst getan hätte, solche allgemeine Gedanken zu entwickeln und die Einzelforschungen vieler Forscher und Jahre als Beiträge zur Lösung derselben großen Aufgaben darzustellen. Dazu mußten viele von den Ergebnissen neu berechnet oder sonst bearbeitet werden und das Zusammenarbeiten dieser meist ohne wechselseitige Bezugnahme durchgeführten Forschungen zu einem einheitlichen Gebilde erforderte häufig tiefgreifende Umstellungen und Neugestaltungen des bereits Geschriebenen. Immerhin habe ich nur angenehme Erinnerungen an jene lange und mühevolle Arbeit, die mich durch die immer deutlicher werdende Einheitlichkeit der letzten Ergebnisse in beständiger glücklicher Erregung hielt. Ich bin sicher, daß der gewinnende Eindruck, den die erste Auflage des Werkes nach dem Zeugnis Vieler ausgeübt hat, als Widerschein jenes persönlichen Glücksgefühls bei der Abfassung gedeutet werden darf und muß. Denn eine stets wiederholte Erfahrung hat mich belehrt, daß die Stimmung des Verfassers selbst bei so nüchternen Schriften wie ein chemisches Lehrbuch in einem fast unbegreiflich hohen Grade sich auf den Leser überträgt. So glaube ich, daß die meisten meiner Bücher deshalb von vielen gern und mit Genuß gelesen werden, weil ich sie alle gern und mit Genuß geschrieben habe. Die Übertragung meiner Gedanken in lesbare Sätze hat mir nie Mühe gemacht, und so stand mir stets überschüssige Energie zu Gebote, welche ich auf möglichste Steigerung der Klarheit im Aufbau des ganzen wie des einzelnen verwenden konnte. Umgekehrt habe ich Gelegenheit gehabt, wissenschaftliche Autoren ersten Ranges zu beobachten, die sich jeden Satz mit unsäglichen Mühen herausquälen mußten und sich trotzdem nie Genüge taten. Ihre Bücher sind unerschöpfliche[207]  Quellen der Belehrung, die man immer wieder zu Rate ziehen kann und muß, wenn man in dem Gebiete arbeitet. Aber lesen kann man sie nicht; man kann sie nur nachschlagen.
Eine Versuchung. Meine häuslichen Verhältnisse hatten sich inzwischen durch die Ankunft zweier Kinder erweitert; ein drittes wurde erwartet. Das Gehalt als Professor war uns zwar im Vergleich mit den Dorpater Verhältnissen riesengroß erschienen; gegenüber den Anforderungen des vergrößerten Haushaltes begann es aber knapp zu werden, da das Leben in der reichen Handelsstadt erheblich teurer war, als im bescheidenen Dorpat. Der Zuschuß durch das Honorar für das Lehrbuch fiel nicht sehr ins Gewicht und so hatte ich mich nach Ergänzungen meiner Einnahmen umzusehen. Um diese Zeit wurde mir eine wohldotierte Stelle als Leiter einer blühenden Medizinalwasserfabrik in Riga angeboten. Ich war bereit, sie neben meiner Professur anzunehmen, wie andere unter meinen Kollegen am Polytechnikum Maschinenfabriken und andere technische Unternehmungen verwalteten, doch wurde der Verzicht auf das Lehramt zur Bedingung gemacht. Für meine Frau und mich bestand wiederum nicht der geringste Zweifel darüber, daß dies nicht in Frage kam, und so ließen wir ohne Kummer diese Gelegenheit fahren, in der Hoffnung, rechtzeitig die wünschenswerte Verbesserung unserer äußeren Verhältnisse auf einem Wege zu finden, der keinen Verzicht auf das erforderte, was ich als das Wertvollste in meinen Anlagen und Fähigkeiten empfand. Vorläufig ergänzte ich meine Einnahmen durch populäre Vorlesungen, für die ich in Riga zahlreiche und dankbare Hörer versammeln konnte.
Reibungen. Auch nach anderer Richtung trat mir der Gedanke an einen Wechsel meiner Verhältnisse nahe. Der sehr große Unterschied im Alter und Temperament[208]  zwischen dem Direktor des Polytechnikums und mir hatte sich anfangs durch das aufrichtige Wohlwollen, das er mir entgegenbrachte, gut überbrücken lassen. Weniger wohlwollend aber stellte sich zu mir der erste Beamte in der Kanzlei des Direktors, der sich von einem subalternen Schreiber ganz allmählich zum Vertrauensmann und zur rechten Hand des Direktors emporgewurmt hatte. Vermutlich vermißte er an mir die besondere Berücksichtigung, auf die er vermöge seines Einflusses Anspruch erhob, und benutzte diesen, um den Direktor gegen mich zu verstimmen, In dessen Kanzlei liefen die Rechnungen über die von den Abteilungsleitern bestellten Geräte und Materialien zusammen. Ich mußte, um das Laboratorium für die neuen Anforderungen in Stand zu setzen, ziemlich erhebliche Anschaffungen machen; hatte ich doch u.a. nicht einmal eine Destillierblase zur Herstellung von reinem Wasser vorgefunden. Hierfür waren die entsprechenden Summen ausgesetzt, über die ich, wie es mein Recht war, ohne Rücksprache mit dem Direktor verfügte, der als Mathematiker nichts davon verstand. Das gab eine Verstimmung, die von jener subalternen Seite genährt wurde und die Rechnungen wurden genau daraufhin angesehen, ob nicht irgendwelche Unregelmäßigkeiten vorhanden seien. Triumphierend wurde bald dem Direktor ein schwerer Übergriff nachgewiesen: zwischen Bunsenbrennern, Dreifüßen und Stativen waren etwas wie 28 Mark für einen »Salonstuhl« ausgeschrieben. Siedendheiß kam der Direktor nach unten in das Laboratorium und hielt mir vor versammeltem Volk eine Rede darüber, daß die Mittel der Anstalt mir nur zur Ausstattung des Laboratoriums, nicht aber zu der meiner Privatwohnung angewiesen seien. Vergeblich versuchte ich ihn zu unterbrechen; er steigerte sich bis zu einem niederschmetternden Schluß, indem er mir jenen Posten in der Rechnung vorwies.[209]  Ich war natürlich sehr neugierig geworden, was eigentlich vorlag, und mußte laut herauslachen, als ich endlich den Zettel zu Gesicht bekam. Es war nicht ein Salonstuhl bestellt worden, wie man in der Kanzlei gelesen hatte, sondern ein Ballonstuhl, ein Gerät, um die großen, unhandlichen Säureballons darauf zu setzen, zu befestigen und zum Ausgießen zu kippen. Ich ließ dem erzürnten Schulmonarchen den Apparat vorführen und er deckte seinen Rückzug mit der wiederholten Mahnung, mich streng an die Vorschriften zu halten. Die Schuld an der für ihn so peinlich abgelaufenen Szene schrieb er natürlich mir zu.


Um die nötige Literatur für die Arbeit am Lehrbuch zu finden, hatte ich mir von unserem Bibliothekar unter Zustimmung des Direktors einen Schlüssel zu der ziemlich guten Bücherei des Polytechnikums geben lassen, von dem ich namentlich am Sonntag Vormittag Gebrauch machte, wo ich dort ganz allein war. So saß ich auch einmal zwischen den Bücherständen da, als die Tür aufgeschlossen wurde. Ein Seitenblick belehrte mich, daß es jener Kanzleibeamte war, der im Anstaltsgebäude wohnte und in einem nicht für fremde Augen bestimmten Morgengewande seine Frühpromenade unternommen hatte. Aus gewissen Tönen entnahm ich, daß er sich völlig zu Hause fühlte und ich konnte ihm seinen Schreck und seine Entrüstung nachempfinden, als er unverhofft meine Anwesenheit bemerkte, auf die er ganz und gar nicht gefaßt gewesen war.
Ich war im Begriff, diese scherzhafte Episode zu vergessen, als ich durch einen Erlaß des Direktors überrascht wurde, der mir den Bibliothekschlüssel wieder entzog mit der Begründung, daß ich mir ja doch die Bücher, die ich brauche, nach Hause nehmen könne. Vergeblich machte ich geltend, daß ich meine Literatur meist von Buch zu Buch aufsuchen müsse; jener Mann[210]  besaß das Ohr des Direktors in solchem Maße, daß er mit Erfolg das Feld seiner Sonntagsmorgenspaziergänge gegen fremde Eindringlinge verteidigen zu können schien. Es bedurfte meinerseits einer persönlichen Vorstellung beim Vorsitzenden des Verwaltungsrates, dem regierenden Bürgermeister, wo ich mit Nachdruck auf die empfindliche Behinderung wissenschaftlicher Arbeit, die am Polytechnikum nur von wenigen geleistet wurde, hinweisen mußte, um endlich wieder den freien Zutritt zur Bücherei zu erlangen.
Immerhin hatte dies burleske Erlebnis das Gute; daß der rücksichtslose Ernst meiner wissenschaftlichen Bestrebungen an maßgebender Stelle empfunden und begrüßt wurde. Ich fand dort ein noch größeres Entgegenkommen als bisher, das sich unter anderem in bereitwillig gewährten Unterstützungen zu wissenschaftlichen Reisen nach Deutschland betätigte, über welche bald zu berichten sein wird.
Die Bewirtschaftung des Geistes. So gingen unter mancherlei kleinen und großen Ereignissen die Tage schnell dahin. Die überfließenden Energiequellen der Jugend waren bei mir nicht, wie bei vielen Landsleuten, durch die alkoholischen Exzesse der Studentenjahre aufgebraucht worden. Nicht zufolge besserer Einsicht meinerseits; diese habe ich erst viel später gewonnen. Sondern ganz automatisch; die Leidenschaft für die wissenschaftliche Arbeit, die mich schon oft in Dorpat aus dem Kreise der Studenten plötzlich in das Laboratorium oder an den Studiertisch gescheucht hatte, war durch die sich steigernden Erfolge immer stärker geworden, und hatte mir den Geschmack an den Freuden des Zechtisches mehr und mehr genommen. Dazu kam das Gefühl auf der anderen Seite, daß ich an die unbedingte Herrlichkeit der »goldnen Burschenzeit«, die man tunlichst weit in das Philisterleben verlängern müsse, immer weniger glaubte,[211]  was natürlich die »Gemütlichkeit« empfindlich störte. So fand hier eine rasche Trennung statt, ehe die gegenseitige Abstoßung bedenkliche Formen annahm.
Erholung fand ich vorwiegend im Wechsel der Arbeit. Forschung, Unterricht und Schreibtischarbeit, die drei Bestandteile des wissenschaftlichen Lebens, stellten alle ihre täglichen Anforderungen an mich und schufen mir dreifache Freuden, jedesmal wenn die beiden anderen erlaubten, daß ich mich der dritten hingeben durfte.
Für die häusliche Geselligkeit, wie sie mit Hingabe und Erfolg in meiner Vaterstadt gepflegt wurde, war allerdings keine Zeit übrig, und ich erregte den Unwillen meines seelenguten Schwiegervaters, als ich ihm erklären mußte, daß ich an seinen Freitagabenden trotz der netten Leute, die zu ihm kamen, nicht weiter teilnehmen würde. Ich konnte ihn nur dadurch milder stimmen, daß ich mich hinter die Rauchvergiftung zurückzog, der ich dabei ausgesetzt war, und die mir Unwohlsein und verminderte Arbeitsfähigkeit am nächsten Tage verursachte.
Mein Vater war ein starker Raucher. Trotzdem oder vielleicht deshalb hatte ich eine Abneigung gegen den Tabak und ließ mich auch in den späteren Knabenjahren, als die meisten meiner Kameraden rauchen lernten, nicht dazu verführen.

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Die Studentenjahre mußte ich in einer dichten Wolke von Tabakrauch verleben, die ich oft genug verfluchte. Wohlmeinende Genossen sagten mir dann, daß man sich gar nicht belästigt fühle, wenn man selbst rauche; doch war mir der Gewinn um diesen Preis zu teuer. Und wenn ich dann beobachtete, wie unglücklich sich die Zecher fühlten, wenn in spätester Stunde der Tabak früher ausgegangen war als das Bier, so sah ich mich in meiner Abneigung gegen den übelriechenden Tabakteufel nur bestärkt. Auf diesem Standpunkt bin ich bis jetzt geblieben und es besteht nur geringe Wahrscheinlichkeit, daß ich[212]  ihn in den wenigen Jahren verlassen werde, die mir noch bevorstehen. Das Gefühl, einer wirklichen Lebensfreude durch die Enthaltung von Tabak verlustig zu gehen, habe ich nie gehabt.
Dagegen bin ich der Meinung, daß mir das Nichtrauchen erhebliche Gewinne gebracht hat. Ich rede nicht von der Ersparnis an Geld, denn da ich nie in Geldnot gewesen bin, so hätten mich die Ausgaben für Tabak nie bedenklich belastet. Was ich meine, wird an folgendem Beispiele deutlich. Es kommen im Leben, namentlich durch die notwendigen Beziehungen zu anderen Personen, zahllose leere Viertel- und halbe Stunden vor. Der Raucher zündet sich eine Zigarette an und verdampft sie auf solche Weise; ich sah mich genötigt, einen Inhalt für sie zu finden. War ich zuhause oder im Laboratorium, so griff ich aufs Geratewohl in die Bücherei; waren Bücher nicht zur Hand, so war es gewiß in meinem Kopfe irgendein wissenschaftliches Problem, mit dem ich mich eben herumschlug. Ich kann die Summe von unverhofften Funden nicht zusammenrechnen, welche ich solchen Viertelstunden verdanke; sie ist wirklich sehr groß.
Für die nötige physiologische Erholung sorgten die langen Sommerferien. In Riga bestand wie überall im Norden die Einteilung des Studienjahres in Herbst- und Frühlingssemester, so daß die Ferien auf Weihnacht und in den Hochsommer fielen. Das ist sehr viel vernünftiger als die in Deutschland gebräuchliche Einteilung mit den Oster- und Herbstferien und dem Winter- und Sommersemester, wo die Ferien in Jahreszeiten fallen, die zum Arbeiten viel besser geeignet sind und umgekehrt, ganz abgesehen von der unsinnigen Veränderlichkeit des Osterdatums. So wurden am Polytechnikum die Vorlesungen und Prüfungen Mitte Juni geschlossen. Die heißen Monate verbrachte wer es nur irgend konnte »am Strande«, d.h. am Ufer der Ostsee, die etwa 10 Kilometer von der Stadt[213]  entfernt war. Hier zogen sich zwischen den Dünen des Meeresufers und den dahinter liegenden Wäldern und Mooren die Sommerhäuser der wohlhabenden Rigenser hin, untermischt mit Miethäusern, die von den Strandbauern errichtet waren. In den mittleren Gebieten hatten sich die Anspruchsvolleren angesiedelt; gegen die Enden zu wurden die Häuser kleiner, einfacher und wohlfeiler, so daß für alle Verhältnisse gesorgt war. Da ich in meiner Stadtwohnung nur ein ganz kleines Gärtchen hatte, so brachte ich Frau und Kinder so bald es das Wetter gestattete, am Strande unter. Einige Wochen mußte ich dann noch allein in der Stadt bleiben, bis der Semesterschluß mir gestattete, ganz überzusiedeln.
In diesen Sommerwochen war der Tag mit Baden, Essen, Plaudern, Spazierengehen ganz und behaglich ausgefüllt. Ich hatte es mir zum Gesetz gemacht, in den Ferien den Kindern jede Frage zu beantworten; sie hatten dies bald gemerkt und nutzten es bis auf das letzte aus. So sehe ich mich noch in meinem häufigsten Zustande: zwischen zwei Kiefern (andere Bäume wuchsen im Dünensande nicht) schaukelte die Hängematte, in der ich ausgestreckt lag, während auf meinem Bauche die Kinder saßen und unablässig fragten, bis wir von der Hitze des Tages überwältigt beiderseits einschliefen.
Ich hatte mir anfangs etwas Gewissensbisse um diese Art gemacht, die Zeit zu verbringen. Aber einerseits war ich es doch den Kindern schuldig (und sie haben es mir hernach herzlich gedankt), andererseits machte ich folgende beruhigende Beobachtung. Nachdem etwa vier Wochen solchen animalischen Daseins vergangen waren, ohne daß irgendein Bedürfnis nach wissenschaftlicher Arbeit empfunden wurde, begannen allmählich Überlegungen aus den bevorstehenden Forschungsgebieten aufzutreten, die sich vermehrten und schließlich eine lebhafte Ungeduld erzeugten, die neu entstandenen Gedanken[214]  experimentell zu erproben. Wenn dann der kurze nordische Sommer vorüber war und ich einige Zeit vor dem amtlichen Semesterbeginn in das Laboratorium einzog, gestalteten sich jene lang erwogenen Gedanken in so kurzer Zeit zu einer abschließbaren Experimentaluntersuchung aus, daß ich die verbummelten Sommertage eher als Gewinn denn als Verlust buchen durfte. Sie ermöglichten mir nicht nur, in jenen Jahren angespanntester Arbeit das physiologische Gleichgewicht zwischen Ausgabe und Einnahme zu wahren, sondern steigerten meine Leistungsfähigkeit durch das Einsammeln überschüssiger Energievorräte während der Ferienzeit und unmittelbar hernach erheblich über das durchschnittliche Maß hinaus. Da nun der Wert solcher Leistungen viel schneller zunimmt, als der erforderliche Energieaufwand, wegen der Seltenheit solcher günstigen Zustände und der entsprechenden Spitzenleistungen, so kommt schließlich ein bedeutender Überschuß an erzielten Werten heraus.

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Leider habe ich diese Theorie der Ferien erst lange nachher mir völlig klar gemacht und habe deshalb versäumt, mein Leben auch später, als noch höhere Anforderungen zu befriedigen waren, grundsätzlich darnach einzustellen.



 Elftes Kapitel.
Der Arbeitsgenosse.










[215] Arrhenius. Während ich in meinem besonderen Arbeitsgebiete bisher so gut wie allein tätig gewesen war, trat nun der Zeitpunkt ein, wo sich andere Forscher einfanden, die auf ihren besonderen Wegen auf das gleiche Feld gelangt waren, das ja durch seine Einsamkeit unabhängige Köpfe ganz besonders anziehen mußte. Der erste unter diesen war Svante Arrhenius.
Ich werde in meinem ganzen Leben den Tag nicht vergessen, an welchem ich zum ersten Male den Namen Svante Arrhenius kennen lernte. Ich hatte damals – es war im Juni 1884 – an jenem einen Tage gleichzeitig ein böses Zahngeschwür, ein niedliches Töchterchen und eine Abhandlung von Svante Arrhenius mit dem Titel »Études sur la conductibilité des électrolytes« bekommen. Das war zu viel, um auf einmal damit fertig zu werden und ich hatte eine fieberhafte Nacht mit schlechten Träumen davon.
Das Zahngeschwür wurde ich bald los und das Töchterchen bewirkte keine großen Schwierigkeiten, da es leicht zur Welt gekommen war und die Mutter sich erstaunlich schnell erholte; meine Rolle als Vater brauchte ja erst in späteren Entwicklungsstadien ernsthaft zu werden. Aber die Abhandlung machte mir Kopfschmerzen und mehr als eine unruhige Nacht, was bei mir damals[216]  eine große Seltenheit war. Was darin stand, war so abweichend vom Gewohnten und Bekannten, daß ich zunächst geneigt war, das ganze für Unsinn zu halten. Dann aber entdeckte ich einige Berechnungen des offenbar noch sehr jungen Verfassers, welche ihm bezüglich der Affinitätsgrößen der Säuren zu Ergebnissen führten, die gut mit den Zahlen übereinstimmten, zu denen ich auf ganz anderem Wege gelangt war. Und schließlich konnte ich mich nach eingehendem Studium überzeugen, daß durch diesen jungen Mann das große Problem der Verwandtschaft zwischen Säuren und Basen, dem ich ungefähr mein ganzes Leben zu widmen gedachte, und von dem ich bisher in angestrengter Arbeit erst einige Punkte aufgeklärt hatte – der wesentlichste war das Vorhandensein einer von der Art des Vorganges unabhängigen Verwandtschaftsgröße – in viel umfassenderer Weise als von mir angegriffen und auch teilweise schon gelöst war.
Man wird sich leicht vorstellen können, welch ein Durcheinander von Gefühlen eine solche Erkenntnis in einem jungen Forscher erwecken muß, der seine Zukunft erst zu machen hat und sich plötzlich auf dem Felde, das er sich so recht einsam und abseits ausgesucht hatte, einem höchst energischen Mitarbeiter gegenüber sieht. Dazu kam, daß das Werk offenbare Schwächen enthielt (die hernach auch von anderen Kritikern in übertriebener Weise hervorgehoben wurden), so daß ich noch mit der Möglichkeit rechnen mußte, jene richtigen Ergebnisse seien nur zufällig so ausgefallen.
Einige Tage lang stritten, wie in Bürgers Ballade der schwarze und der weiße Begleiter um meine Seele. Es war sicher nicht schwer, diesen plötzlichen Konkurrenten durch Totschweigen im Hintergrund zu halten, da zurzeit nur wenige Fachgenossen sich überhaupt um solche Fragen kümmerten. Dann konnte man wegen der vorhandenen Fehler das Ganze verurteilen und außerdem war durch[217]  die Veröffentlichung in den Schriften der Schwedischen Akademie der Wissenschaften ohnehin ein Hindernis für die Verbreitung gegeben, da diese den Chemikern kaum in die Hände kamen. Ich brauchte also nur die Schrift unbeachtet zu lassen, um mir den Mitbewerber wenn nicht für immer, so doch für die nächste Zeit vom Halse zu halten.
Ich darf mir selbst das Zeugnis geben, daß diese Überlegungen bei weitem nicht mit der Klarheit und Bestimmtheit auftraten, wie ich sie hier entwickelt habe. Es waren vielmehr nur Wellen eines dahinge richteten Gefühls, die vorübergehend etwas über die Schwelle des Bewußtseins traten.
Die Einzelheiten der Technik, wie man unwillkommene Mitarbeiter und Mitbewerber bekämpft, habe ich erst später kennen gelernt. Zunächst aus persönlichen Erfahrungen mit den Fachgenossen, bei denen ich das Objekt war, sodann nachdem ich aufmerksam geworden war, aus dem Studium der Literatur meiner Wissenschaft. Auf der anderen Seite betätigte sich der wissenschaftliche Idealismus, den ich als selbstverständliche Voraussetzung aller Arbeit in diesem höchsten Gebiete menschlichen Fortschritts von meinen Lehrern Karl Schmidt, Johann Lemberg und Arthur von Öttingen überkommen hatte. Das selbstlos-herzliche Schreiben Karl Schmidts an den Direktor des Polytechnikums, das für meine Berufung wohl den Ausschlag gegeben hatte, kam mir in den Sinn. Dazu machte sich das freudige Gefühl geltend, mit einem neuen Arbeitsgenossen Schulter an Schulter einen jungfräulichen Boden beackern zu können, der zweifellos noch für Scharen weiterer Mitarbeiter Raum bot, zumal ich jenen mit geistigen Arbeitsmitteln ausgestattet fand, die von mir bisher nicht angewendet waren und die im Verein mit den mirvertrauten ein um so wirksameres Vorschreiten sicherten.
[218]  Die elektrische Leitfähigkeit der Säuren. So war ich nach wenigen Tagen klar darüber geworden, welche Richtung ich einzuschlagen hatte. Ich setzte mich mit dem Verfasser, der sich in Upsala befand, in brieflichen Verkehr und ging inzwischen daran, mir eine unmittelbare Anschauung über einen Hauptpunkt zu verschaffen. Dieser betraf die Beziehung zwischen der elektrischen Leitfähigkeit und den von mir gefundenen spezifischen Verwandtschaftszahlen der Säuren.
Schon in Dorpat war mir aufgefallen, daß bei den wenigen Säuren, die F. Kohlrausch, der Erfinder der Widerstandsmessung an Elektrolyten mit Wechselströmen, untersucht hatte, die Reihenfolge der äquivalenten Leitfähigkeiten mit der der Verwandtschaftszahlen übereinstimmte. Aber ich konnte keinen sachlichen Zusammenhang beider Größen entdecken und Leitfähigkeiten an den anderen von mir untersuchten Säuren zu messen, war durch die große Umständlichkeit ausgeschlossen, mit der damals das Verfahren behaftet war.

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Nun hatte aber Arrhenius in seiner Abhandlung Betrachtungen angestellt, welche einen durchgehenden Parallelismus beider Größen nicht nur erklärten, sondern forderten. Inzwischen war auch das Verfahren der Leitfähigkeitsmessung von Kohlrausch bedeutend vereinfacht worden, so daß es meinen experimentellen Hilfsmitteln zugänglich er schien.
Zwar hatte ich in Riga noch keinerlei elektrische Meßinstrumente beschafft. Aber hier kam mir meine aus den Knabenjahren herüber genommene Freude am Basteln zu Hilfe. Ich hatte am Polytechnikum einen alten, geschickten Mechaniker entdeckt, der dort ein vergessenes Dasein führte, weil seit langem niemand seine Dienste in Anspruch nahm und hatte sofort von ihm Unterricht an der Drehbank und am Schraubstock genommen, was beiläufig meine älteren Kollegen in kopfschüttelndes[219]  Erstaunen setzte. So konnte ich, indem ich die nötigen Geräte meinen Möglichkeiten anpaßte, und den vom Telegraphenamt auf einige Tage (länger war er nicht entbehrlich) geliehenen Widerstandskasten kopierte, nach kurzer Zeit die gewünschten Widerstandsmessungen mit reichlich genügender Genauigkeit ausführen. Ich maß alsbald meine ganze Sammlung von Säuren durch, die ich von den anderen Untersuchungen her vorrätig hatte. Unter immer stärkerem Herzklopfen fand ich eine Zahl nach der anderen der Voraussage und Erwartung entsprechend. Da jede Bestimmung in einigen Minuten erledigt werden konnte und die Lösungen vorrätig waren, so drängten sich Bestätigungen über Bestätigungen in eine so kurze Zeit zusammen, wie ich es sonst kaum je erlebt habe. Das Gesamtergebnis war, daß hier ein Weg eröffnet war, auf welchem die von mir bisher nach mühsamen Verfahren gesuchten Affinitätszahlen fast in ebensoviel Minuten gefunden werden konnten, als ich früher Tage auf ihre Messung verwenden mußte. Ich berichtete alsbald in einer kurzen Abhandlung über diese weitgehende Bestätigung der von Arrhenius aufgestellten Beziehung und schickte sie an die Schriftleitung des Journal für praktische Chemie. Durch einen glücklichen Zufall konnte sie sofort gedruckt werden. Sie enthielt den Ausdruck meiner Überzeugung, daß die Arbeit von Arrhenius zu dem Bedeutendsten gehöre, was in neuerer Zeit im Gebiet der Verwandtschaftslehre veröffentlicht war.
Die zweite Reise. Auf der ersten Reise nach Deutschland, welche ich wegen des Laboratoriumsbaus gemacht hatte, war ich notwendig überall sehr eilig gewesen, so daß ich von den überwältigend reichen Schätzen in Kunst und Wissenschaft, die ich dort vorfand, nur einen kleinen Teil flüchtig hatte kennen lernen können. Dadurch war der Wunsch entstanden, die Fahrt mit mehr Muße zu wiederholen. Dazu kam, daß für die fortschreitenden Arbeiten[220]  am Lehrbuch die Bücherei des Polytechnikums sich als unzureichend erwies, so daß der Besuch anderer, vollständigerer Sammlungen wünschenswert, ja notwendig erschien. So hatte ich beim Verwaltungsrat um Zuwendung eines der Reisestipendien nachgesucht, die er für die Dozenten des Polytechnikums ausgeworfen hatte und es für die Sommerferien 1884 erhalten. Nachdem inzwischen die eben geschilderten Ereignisse eingetreten waren, beschloß ich alsbald, der brieflichen Bekanntschaft mit dem merkwürdigen Schweden die persönliche folgen zu lassen und über Schweden nach Deutschland zu reisen. Da zwischen Riga und Stockholm ein direkter Dampferverkehr bestand, war die Sache leicht ausführbar.
Besuch in Upsala. Nachdem ich in Stockholm die Museen betrachtet und mich an den landschaftlichen Reizen erfreut hatte, die es zu einer der schönsten Städte Europas machen, fuhr ich nach Upsala weiter, wo Arrhenius mich erwartete.
Um unser gegenseitiges Erkennen zu ermöglichen, hatte Arrhenius den Sonderdruck meiner eben erwähnten Schrift, den ich ihm geschickt hatte, wie eine Fahne in die Hand genommen und ging damit dem ankommenden Zug entgegen.
Die persönliche Begegnung ergab alsbald eine starke gegenseitige Anziehung. Sie begründete eine Freundschaft, die unerschüttert bis auf den heutigen Tag gedauert hat.
Natürlich hatten wir uns sehr viel zu sagen. Ich mußte bei ihm wohnen und wir schmiedeten weit ausgreifende Pläne zur gemeinsamen Bearbeitung der ausgedehnten Gebiete, die uns offen standen.
Den ersten Abend verbrachten wir in einem Biergarten; als die Sonne untergegangen war, brachte uns der Kellner Filzdecken zum Einhüllen gegen den kalten Abendnebel. Von Zeit zu Zeit war Arrhenius von einzelnen jüngeren Leuten zur Seite gewinkt und unter[221]  lebhaftem Händeschütteln begrüßt worden. Es waren, wie er mir später sagte, seine Studiengenossen, welche ihm zu der ungewöhnlichen Auszeichnung Glück wünschten, daß ein ausländischer ordentlicher Professor, der einen wissenschaftlichen Namen hatte, seinetwegen nach Upsala gekommen war und mit ihm auf gleich und gleich verkehrte. Denn er hatte auf Grund derselben Arbeit, die mich hingeführt hatte, eine Bewerbung um die Habilitierung als Privatdozent eingereicht, hatte aber Schwierigkeiten wegen des Inhalts der Schrift gefunden. Schon früher war er mit dem Physiker Thalén zusammengestoßen, dessen finstere und unfreundliche Gemütsart ich später persönlich erlebte. Dieser war übrigens der einzige Schwede von solcher Beschaffenheit, den ich kennen gelernt habe; im übrigen muß ich als Summe meiner Erfahrungen die Schweden als die liebenswürdigste von den mancherlei Nationen bezeichnen, mit denen ich in Berührung gekommen bin. Thalén hatte Arrhenius das Arbeiten im physikalischen Institut nicht gestattet oder so unangenehm gemacht, daß er darauf verzichtete und nach Stockholm zu dem Akademiker Edlund ging, der dort in denselben Räumen tätig war, in denen seinerzeit Berzelius das letzte Jahrzehnt seines Lebens zugebracht hatte. Ich besuchte ihn später dort mit Arrhenius und fand einen kleinen buckligen Sonderling, dem die Herzensgüte aus den Augen leuchtete. Er zeigte mir die Überreste von Berzelius' Präparaten und Geräten, die ziemlich unordentlich in einigen Schränken zusammengedrängt waren. Mit besonderer Andacht besah ich Berzelius' Wage, mit der er so einzig genaue Bestimmungen gemacht hatte und fand zu meinem Erstaunen ein sehr primitives Ding, das man schon damals kaum einem Anfänger hätte zumuten dürfen. Mir wurde unvergeßlich klar, wie wenig es auf das Gerät ankommt, und wie viel auf den Mann, der daran sitzt. Meine aus den knappen[222]  Kinderjahren mitgenommene Neigung, mich mit einfachsten Hilfsmitteln zu begnügen, erfuhr durch dies Erlebnis eine bedeutende Verstärkung.


Bei Edlund hatte Arrhenius dann den experimentellen Teil seiner Untersuchung gemacht, durch welche er für eine Anzahl nicht von Kohlrausch untersuchter Elektrolyte die Leitfähigkeiten bestimmte. Doch war das benutzte Verfahren, zu dessen Wahl Edlund ihn veranlaßt hatte, schwerfällig und wenig förderlich. Er hatte den Apparat dazu mitgenommen, als er mich später in Riga besuchte, um bei mir zu arbeiten. Als er aber das Verfahren von Kohlrausch in der bequemen Form kennen lernte, die es dort angenommen hatte, ließ er seinen Apparat stehen und nahm bei der Abreise die Kiste wieder mit, ohne sie geöffnet zu haben.
Natürlich machte ich in Upsala bei den Kollegen die üblichen Besuche. Besonders freundlich wurde ich von dem angesehenen Chemiker Cleve aufgenommen, der mir seine Verwunderung nicht verhehlte, daß ich so viel Gewicht auf die sonderbaren Ideen von Arrhenius legte. Doch zeigte er sich willig, meine Gründe anzuhören. Die Theorie der elektrolytischen Dissoziation war damals noch nicht ausdrücklich ausgesprochen, dies geschah erst etwa zwei Jahre später. Aber mit unausweichlicher Logik zog Cleve einen Schluß nach dem anderen aus Arrhenius' Grundannahmen und fragte mich schließlich: Also Sie glauben, daß dort im Becherglas mit Chlornatriumlösung die Natriumatome so einzeln herumschwimmen? Ich bejahte, und er warf einen schnellen Seitenblick auf mich, der einen aufrichtigen Zweifel an meiner chemischen Vernunft zum Ausdruck brachte. Das störte aber keineswegs sein liebenswürdiges Verhalten und wir wurden mit einer Einladung zum Mittagessen auf nächsten Sonntag verabschiedet, der wir gern Folge leisteten. Wir kamen etwas, zu spät, denn beim Antun des festlichen Gewandes war[223]  meinem Freunde unter dem Bücken die Hose geplatzt und der Verband der Wunde hatte einige Zeit gebraucht. Statt aber wie üblich, zu Tische zu gehen, mußten wir uns Teller vom schön geordneten Tisch und in den Tellern die Suppe und die anderen Speisen von der Hausfrau holen. Mit der Beute brachte man sich so gut es ging unter, um sie zu verzehren. Man erklärte mir später, es sei dies eine altschwedische Sitte, die von den völkisch Gesinnten wieder zu Ehren gebracht würde. Ich hoffe und glaube, daß dieser Versuch inzwischen aufgegeben worden ist. Auch habe ich alle die vielen heiteren und interessanten Mittag- und Abendessen, die ich hernach in Schweden einnehmen durfte, stets bequem sitzend wie im übrigen Europa erledigen können.
Aus jenen Tagen erinnere ich mich noch einer Fahrt nach Skokloster, einem Ausflugsort mit geschichtlichen Erinnerungen. Mehr als die alten Waffen und Möbel aus vergangenen Tagen beschäftigten uns Pläne für die Zukunft. Wir kamen überein, daß Arrhenius so bald als möglich nach Riga kommen solle, damit wir mit vereinten Kräften an der weiteren Aufklärung der gemeinsamen Probleme arbeiten könnten. Dazu war die Erledigung der Habilitation und die Erlangung eines Reisestipendiums von der Akademie der Wissenschaften erforderlich. Die vorhandenen Schwierigkeiten waren durch mein persönliches Erscheinen in Upsala sehr vermindert und konnten bald überwunden werden. Aber später schrieb mir Arrhenius doch: Ohne deinen damaligen Besuch wäre es nicht gegangen.
Über diesen mir zunächst am Herzen liegenden Dingen hatte ich nicht vergessen, für welchen Zweck ich meinerseits die Reiseunterstützung vom Verwaltungsrat erhalten hatte. Ich wandte mich wegen der gewünschten Werke an die dortige Universitätsbibliothek, wobei sich herausstellte, daß die Angelegenheit durch den Professor Thalén[224]  gehen mußte. Dies war die oben erwähnte Gelegenheit, wo ich den Ausnahmefall eines unfreundlichen Schweden kennen gelernt habe. Doch war dies wohl mehr eine rauhe Schale, denn meine Wünsche wurden mir erfüllt. Wir reisten dann gemeinsam nach Stockholm, wo der oben geschilderte Besuch bei Edlund stattfand.
Außerdem lernte ich eine Anzahl schwedischer Fachgenossen kennen, mit denen ich in dauernden Beziehungen blieb.
Vor allen Oskar Petterson, eine kleine sehnige Gestalt mit viereckigem Schädel und kurzem, hellen Schnurrbart, das Gesicht gebräunt und dunkler als das Haar, der sich etwas wie ein Seemann trug und sich als ein leidenschaftlicher Segler herausstellte. Seine Freunde sagten von ihm, daß er den Sommer als verloren ansehe, wo er nicht mindestens einmal Schiffbruch gelitten habe, aus dem er immer unverletzt herauszukommen verstand. Er hatte eben bemerkenswerte Arbeiten aus der physikalischen Chemie veröffentlicht und ich erfreute mich der Selbständigkeit seiner Gedanken. Er brachte mich zu seinem Freunde Nilsson, der in seiner reizenden Amtswohnung vor der Stadt als Professor für Landwirtschaft ohne erhebliche Lehrverpflichtung mit wissenschaftlicher Arbeit nach eigener Wahl beschäftigt, außerdem mit einer schönen und liebenswürdigen Frau gesegnet, das Haus voll Kinder, ein Dasein führte, das ich mir idealer überhaupt nicht vorstellen konnte. Die unmittelbare Anschauung, daß dies möglich und wirklich war, erweckte in mir den festen Entschluß, einen gleichen Zustand auch meinerseits anzustreben. So mannigfaltig sich hernach auch mein Dasein gestaltete, so habe ich doch dies Ziel stets vor Augen gehabt, bis ich es auf meinem Landhause »Energie« verwirklichen konnte.
Von Stockholm fuhr ich nach Göteborg, in dessen Nachbarschaft ich die Schönheit des Aspensees bewunderte[225]  und in einigen Aquarellen festzuhalten suchte. Ich hatte schon in Stockholm mir Farbkasten und Zeichenblock beschafft und einige von den zahllosen schönen Bildern festzuhalten gesucht, die sich dort auf Schritt und Tritt darboten. Doch waren die Ergebnisse wenig befriedigend und ich überzeugte mich, daß diese Technik für meine Zwecke ganz ungeeignet war. Als ich dann später in Norwegen von den großartigsten Ansichten tatenlos scheiden mußte, weil in der feuchten Luft die angelegten Farben nicht trocknen wollten, sah ich ein, daß nur eine sachgemäß angepaßte Öltechnik brauchbar war. Nach meiner Heimkehr führte ich den Gedanken aus und habe dann viele Jahre lang ungezählte Freuden mit dem Malkasten auf den Knieen erlebt.


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Von Göteborg ging ich zu Schiff durch die Schären nach Kristiania. Dort winkte mir eine ganz besondere Freude, nämlich die persönliche Bekanntschaft mit Guldberg und Waage.

Kristiania. Es war ein trüber Nebelmorgen, als ich in den Kristianiafjord einfuhr. Anfangs durch glatte Klippen ohne jeden Pflanzenwuchs, an denen die Wogen brandeten. Dann kamen größere Inselchen mit einzelnen wetterzerfetzten Kiefern. Immer mehr siegte das Grün und damit begannen auch die ersten Zeichen der Kultur, Fischerhütten und Landhäuser. Von Zeit zu Zeit waren auch die begrünten Ufer sichtbar. Plötzlich brach durch die Wolken ein Sonnenstrahl, welcher die im Winkel des Fjords sich aufbauende, bisher nicht sichtbare Stadt in silbernem Licht erglänzen ließ. Dann deckte ein Wolken- und Nebelzug alles wieder zu. Es war wie der wohlgefügte Satz einer Symphonie. An dies Erlebnis haben sich später meine Gedanken über die Zeitlichtkunst gehängt.

In der Stadt angelangt suchte ich alsbald jene beiden Fachgenossen auf, deren grundlegende Arbeit mir den[226]  ersten Eintritt in mein Arbeitsgebiet geebnet hatte. Aus dem Adreßbuch hatte ich festgestellt, daß Waage Chemiker, Guldberg aber Mathematiker war; also ging ich zuerst zu Waage. Ich traf einen älteren Mann mit wildem Haar- und Bartwuchs, der sich weit in das Gesicht hineinerstreckte, von untersetzter Gestalt, ähnlicher einem Bauern als einem Professor. Er sah mich mißtrauisch an, als ich ihn anredete. Als er endlich verstanden hatte, wer ihn begrüßte, wußte er sich vor Freude nicht zu lassen. Er tanzte um mich herum und rief unaufhörlich: »So jung! Nein, so jung!« Er hatte sich vorgestellt, daß ich ein älterer würdiger Herr sein müsse, wie er und sein Mitarbeiter und Schwager Guldberg und hatte die größte Mühe, sich von der Wirklichkeit zu überzeugen.
Waage behielt mich gleich da, um mich zu Mittag nach Hause mitzunehmen, wohin er auch Guldberg einladen ließ. Er besaß eine ganze Schar Kinder, erwachsene und jüngere, meist Töchter. Außerdem waren mehrere ältere Damen da, wie man sie in der Umgebung tätiger Pastoren sieht. Es stellte sich heraus, daß er eine ausgedehnte Tätigkeit für Jünglingsvereine, Diakonissenhäuser, Abstinenzgesellschaften usw. sämtlich mit stark christlichem Einschlag ausübte. Das hinderte ihn aber nicht, außerdem eifriger Jäger und Bergsteiger zu sein; den Hauptbestandteil der Mahlzeit bildeten Schneehühner, die er selbst geschossen hatte, wozu er die näheren Umstände mit einer Ausführlichkeit schilderte, die mich an die Jagdberichte meines Vaters erinnerte.
Inzwischen war auch Guldberg erschienen. Er war äußerlich das Gegenteil seines Schwagers. Hochgewachsen und schlank, ein aristokratisch-geistiges Gesicht mit stark vorspringender Nase, kurz gehaltenem weißen Haar und Bart, sah er eher wie ein höherer Militär in Zivil als wie ein Professor aus. Auch erwies sich, daß er der eigentliche Vater der gemeinsamen Arbeiten mit Waage war;[227]  dieser hatte wohl nicht viel mehr, als die chemischen Analysen dazu geliefert. In bezug auf Jagen und Bergsteigen war er aber mit seinem Schwager völlig gleicher Gesinnung und bestand energischst darauf, daß ich morgen seine Schneehühner bei ihm versuchen müsse. Diese werden nämlich nach dem Erlegen hoch in den Bergen alsbald gebraten, eng in einen Topf gepackt und mit geschmolzener Butter übergossen. So sind sie keimsicher eingemacht und man kann sie für das ganze Jahr aufheben.

Meinen norwegischen Freunden lag daran, daß ich einiges von den Schönheiten ihres Landes kennen lernte, obwohl die Jahreszeit schon vorgeschritten war. Da sie durch die Vorlesungen zurückgehalten waren, arbeiteten sie einen Reiseweg mit dem Umkehrungspunkt Hönefos aus, aus Eisenbahn, Wagenfahrt und Fußwanderung zusammengesetzt, den ich in den nächsten Tagen zurücklegte. Auf mich, der ich im Flachlande aufgewachsen war, machte die wilde und großartige Norwegische Natur den allerstärksten Eindruck und ich erlebte Erschütterungen, an deren Möglichkeit ich vorher gar nicht gedacht hatte.

Obwohl das Wetter fast immer trüb und oft regnerisch war, so daß die weiteren Aussichten zugedeckt wurden, haben mir doch die drei Tage einsamer Wanderung durch diese Fülle großartiger Bilder unvergeßliche Erinnerungen hinterlassen. Es war das erste derartige Erleben und ich habe später kein stärkeres gehabt. Vor allen Dingen wirkte es auf mich, daß mir hier das Wasser nicht als ruhende Fläche, sondern als belebte, abstürzende Masse, oft von gewaltigen Abmessungen entgegentrat. Bei Högsund umfaßte ich mit einem Blick drei große Wasserfälle. Erschüttert und durchnäßt kam ich nach Kristiania zurück.

Von dort reiste ich zu Schiff nach Kopenhagen, um Julius Thomsen, den Thermochemiker zu besuchen, dessen Arbeiten mir als Vorbild gedient hatten und dem[228]  ich dafür meinen Respekt bezeigen wollte. Die schwedischen und norwegischen Kollegen hatten mich vorbereitet, daß ich einen überaus selbstbewußten und unzugänglichen Kollegen vorfinden würde. Doch hatte er sich vor einiger Zeit öffentlich so anerkennend über meine Arbeiten geäußert, daß ich keine besondere Sorge hatte. Ich fand in der Tat einen sehr würdevollen Herrn mit glattrasiertem Gesicht und einem auffallenden Gewächs in der linken Schläfengegend, jeder Zentimeter ein Geheimrat. Doch ergab sich bald ein ausgiebiges und fruchtbares Gespräch. Als ich nach einer Stunde aufbrach, erwärmte er seine Objektivität soweit ins Persönliche, daß er mir den Rat gab, am Abend das Tivoli zu besuchen, wo ein Gartenfest stattfinde. Ich ging hin und fand es sehr hübsch.

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Einen starken Eindruck empfing ich im Thorwaldsen-Museum, wo ich zum ersten und fast zum einzigen Male künstlerische Erhebung durch Werke der Plastik erlebte; die Frauenkirche mit den Werken seiner frommen Spätzeit blieb dagegen wirkungslos.
Eine Dampferfahrt brachte mich nach Lübeck, das ich mit vieler Freude besah, da Lübecker Kaufleute meine Vaterstadt Riga gegründet hatten und die Stadt wirklich sehr hübsch ist. Von dort fuhr ich nach Leipzig, um mit meinem Verleger über den Erfolg des ersten Teils meines Buches zu sprechen und die dortigen Bekannten zu begrüßen. Auch sollte ich dort Arrhenius antreffen. Der Verleger konnte mir noch nicht viel sagen, war aber entgegenkommend und hoffnungsvoll. Kolbe und v. Meyer traf ich an und wurde von ihnen wieder gastlich begrüßt, ebenso wie Arrhenius, den ich ihnen zuführte. Aber meine Hoffnung, daß der vor einem Jahre so energisch angeregte Berufungsplan inzwischen Fortschritte gemacht hätte, wurde ganz und gar enttäuscht, denn Kolbe schwieg sich nachdrücklich aus. Die anderen Leipziger Bekannten waren wegen der Ferienzeit verreist. Im Laboratorium[229]  zeigte mir Kolbe die Anfänge einer Arbeit über Indigo. Er hatte seinem Gegner v. Baeyer, der diesen Gegenstand nach bedeutenden Fortschritten zeitweilig aufgegeben hatte, den Handschuh hingeworfen und sich verbindlich gemacht, binnen Jahr und Tag das Problem endgültig zu lösen. Er hatte nicht voraussehen können, daß ein baldiger Tod ihn dieser Verpflichtung entheben würde. Denn etwa ein Jahr später hatte er bei voller Gesundheit eine Versammlung mitgemacht, in welcher Beschlüsse über die Zukunft einer Gesellschaft gefaßt werden sollten, der er lange angehört hatte und in der er eine maßgebende Stellung beanspruchte. Die Mehrheit stimmte gegen ihn und dies erregte ihn so, daß er auf dem Heimwege einen Schlagfluß erlitt, den er nicht überlebte.
Zu gegebener Zeit trafen Arrhenius und ich dann in Magdeburg ein, um die Naturforscherversammlung mitzumachen, zu der ich einen Vortrag angemeldet hatte. Es war für uns die erste Versammlung dieser Art. Wir wurden als Gäste in der Familie eines jungen Kaufmanns untergebracht, wo wir sehr freundlich aufgenommen wurden und ich lernte zum ersten Male das heitere Treiben dieser wissenschaftlichen Feste kennen. Von den Fachgenossen konnte ich eine gute Anzahl als Bekannte begrüßen, die ich vor anderthalb Jahren auf meiner ersten Reise kennen gelernt hatte. Auch fehlte es wieder nicht an Andeutungen über mögliche Berufungen, die ich aber angesichts der jüngsten Leipziger Erfahrungen mit höflichen Zweifeln entgegennahm. Insbesondere schien man in Göttingen sich mit der Frage beschäftigt zu haben. Ob ich mit meinem Vortrage irgend einen Erfolg hatte, weiß ich nicht mehr. Ich schließe daraus, daß ich keinen hatte, da im anderen Falle vermutlich mein Gedächtnis besser vorgehalten hätte. Von dort ging es nach Hause, wohin mich eine starke Sehnsucht zog. Auch näherten sich meine Ferien ihrem Ende.[230]
Sonst ist mir hauptsächlich in Erinnerung geblieben, daß uns bei den vielen Festreden immer wieder Otto von Guericke, Magdeburgs luftpumpenberühmter Bürgermeister in allen möglichen und denkbaren Zubereitungen, vorgesetzt wurde, um den Zusammenhang der gastlichen Stadt mit den Naturforschern herzustellen.



 Zwölftes Kapitel.
Fortschritte.










[231] Leitfähigkeitsarbeiten. Ich kehrte nach Riga zurück, den Kopf zum Überlaufen gefüllt mit Arbeitsplänen. Zunächst war der Umzug in das neue Laboratorium und die Durchführung seiner Ausstattung mit mancherlei neuen Geräten zu erledigen. Die Aufgabe war dadurch erschwert, daß sich, wie erwähnt, die Zuwachsschätzungen seitens der Autoritäten als viel zu niedrig erwiesen, so daß ich die neue Unterkunft von vornherein im überfüllten Zustande eröffnen mußte, der während meiner ganzen Amtsdauer bestehen blieb.
Da ich einen neuen Assistenten brauchte und unter meinen Rigaer Schülern keinen geeigneten gefunden hatte, wandte ich mich an Lothar Meyer um einen brauchbaren Kandidaten und berief auf seine Empfehlung den Schweizer Dr. Ulrich Schoop. Er hat viele Jahre später seinen Namen durch das von ihm erfundene Metallspritzverfahren rühmlich bekannt gemacht. In die Rigaschen Verhältnisse hatte er sich damals nicht recht zu finden gewußt.
Meine experimentellen Arbeiten bezogen sich natürlich zunächst auf die Entwicklung der elektrochemischen Probleme, insbesondere der Leitfähigkeit der Elektrolyte, die durch Arrhenius eine so große Bedeutung erlangt hatte. Zunächst war das Verfahren von Kohlrausch den besonderen Aufgaben anzupassen, die hier vorlagen.[232]  Gut geeignete Telephone hatte ich in Stockholm gefunden, wo der damals eben beginnende Telephonverkehr eine besonders schnelle Entwicklung erfahren hatte. Die Brückenwalze und der besonders zur Erzeugung von angenäherten Sinusschwingungen erbaute Induktionsapparat wurden vorteilhaft durch den über einen Meterstab gespannten Brückendraht und das kleinste, spielzeugartige Induktorium ersetzt, das im Handel vorkam. Das Widerstandsgefäß wurde nach einem von Arrhenius angegebenen Modell erbaut und der schon früher entwickelte Thermostat erwies sich bei der großen Temperaturempfindlichkeit der Leitfähigkeit als eine unentbehrliche Ergänzung. So nahm dies Gerät die Form an, in welcher es mir und unzähligen Nachfolgern gedient hat, um viele Tausend Messungen auszuführen.
Ehe ich aber die derart erzielten Ergebnisse zu weiteren Schlüssen anwenden konnte, mußte ich einen Einwand erledigen, der mir von autoritativer Seite, nämlich von G. Wiedemann in Leipzig gemacht worden war. Er bezweifelte, daß der Einfluß der Polarisation wirklich, wie Kohlrausch angenommen hatte, völlig durch die Anwendung der Wechselströme beseitigt war, und veranlaßte mich dadurch zu einer besonderen Experimentaluntersuchung. Das Ergebnis fiel völlig zugunsten von Kohlrausch aus; das Verfahren ist ohne Bedenken allgemein anwendbar und hat sich bis heute so bewährt.
So begab ich mich dann an die Arbeit und stellte in einer Reihe von Einzeluntersuchungen die allgemeinen Verhältnisse der Leitfähigkeit der Säuren fest. Am größten und gleichzeitig am mannigfaltigsten erwies sich der Einfluß der Verdünnung. Während die (auf ein Äquivalent oder Mol bezogene) Leitfähigkeit bei den starken, gut leitenden Säuren sich mit der Verdünnung nur wenig ändert, ist deren Einfluß sehr groß bei den schwachen. Kohlrausch hatte schon bei der Essigsäure, der einzigen[233]  schwachen, die er untersucht hat, gefunden, daß die Leitfähigkeit etwa mit der Quadratwurzel aus der Verdünnung zunimmt.
Es erwies sich, daß diese beiden Gruppen als die Endglieder einer und derselben Reihe aufgefaßt werden können, so daß es für alle einbasischen Säuren nur eine einzige Verdünnungsfunktion gibt. Sie unterscheiden sich nur durch die Stelle, welche sie, gleiche Verdünnung vorausgesetzt, auf dieser gemeinsamen Kurve einnehmen, behalten aber bei Änderung derselben den gleichen Abstand. Dies war die erste Stufe zur Entdeckung des »Verdünnungsgesetzes«, welches die Fachgenossen hernach mit meinem Namen zu verbinden so freundlich waren.
Natürlich suchte ich nach der mathematischen Form dieses Gesetzes, die später durch Anwendung der Dissoziationstheorie von Arrhenius gefunden wurde. Auch erinnere ich mich, daß ich diese Form an meinem Zahlenmaterial geprüft hatte, da sie durch die Bemerkung Kohlrauschs über die Quadratwurzel aus der Verdünnung nahe gelegt war. Sie paßte einigermaßen, aber doch nicht genügend, um sie als erfahrungsmäßig begründet aufzustellen. Besser paßte eine andere Formel (ein Tangentenausdruck), bei der aber wieder eine rationelle Begründung nicht abzusehen war. Später hat sich herausgestellt, daß meine Zahlen durch einen gemeinsamen Fehler etwas entstellt waren, der von dem Ammoniakgehalt des Rigaschen Wassers herrührte. Dieser war zwar sehr gering und nur unter Schwierigkeiten nachweisbar, machte sich aber in den überaus kleinen Mengen Säure, die man auf ihre Leitfähigkeit noch untersuchen kann, deutlich geltend. Alle die späteren Entdeckungen über den Einfluß kleinster Stoffmengen auf die elektrolytische Leitfähigkeit waren damals erst zu machen.
Gemeinsame Arbeit. Unterdessen war die Zeit gekommen, wo Arrhenius nach Erledigung seiner häuslichen[234]  Pflichten wie verabredet nach Riga kommen konnte. Er traf zu Anfang des Jahres 1886 ein und wir durften das Glück gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Denkens in vollen Zügen genießen. Wir fanden es am zweckmäßigsten, den praktischen Grundsatz der Arbeitsteilung zur Anwendung zu bringen. Ihm waren die von mir ausgebildeten Methoden physikalisch-chemischer Messungen noch ungeläufig und so führte er eine Anzahl Untersuchungen aus, in denen er einzelne Probleme erforschte, auf welche sich jene Methoden anwenden ließen. Reaktionsgeschwindigkeit, Leitfähigkeit, innere Reibung wurden bearbeitet. Ich war meinerseits in der Elektrochemie von den Leitfähigkeiten zu den elektromotorischen Kräften vorgeschritten, zu deren absoluter Messung ich das von Helmholtz angegebene Verfahren der tropfenden Quecksilberelektroden entwickelte. Schon in Dorpat hatte ich die grundlegende Arbeit G. Lippmanns über den Zusammenhang zwischen der Oberflächenspannung des Quecksilbers und dem Potentialsprung an dieser Oberfläche studiert und nicht ohne Mühe ein richtig gehendes Kapillar-Elektrometer zustande gebracht. Die Früchte dieser Vorarbeiten sind allerdings erst viel später zutage getreten.
J.H. van't Hoff. Winter, Frühling und Sommer vergingen so in ununterbrochener Arbeit, die noch durch die Ausarbeitung des letzten Teils meines Lehrbuchs vermehrt war, welcher der schwierigste von allen war, denn er sollte den Bericht über den Stand der Lehre von der chemischen Verwandtschaft enthalten. Kurz vorher war mir ein Werk zu Händen gekommen, das mir noch mehr Kopfzerbrechen machte, als seinerzeit die Schrift von Arrhenius. Es hieß: »Études de dynamique chimique« und war von einem ganz unbekannten Forscher verfaßt, dessen Namen laut Titelblatt J.H. van't Hoff war. Es brachte Untersuchungen über die Gesetze des Zeitverlaufs chemischer Vorgänge,[235]  Experimente wie Theorien, wobei auf Vorgänger und gleichzeitige Forscher keine Rücksicht genommen war, und zum Schluß einige kurze und schwer verständliche Paragraphen, aus denen hervorging, daß der Autor in der Anwendung der Thermodynamik auf chemische Probleme erheblich weiter gekommen war als Horstmann, der als Erster vorangegangen war, also auch weiter als ich.

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Dritte Reise. Als die Sommerferien herannahten, wurde meine Umgebung aufmerksam, daß ich den Eindruck eines Erschöpften und Erholungsbedürftigen machte. Ich beschloß daher, mit Arrhenius zusammen nach Deutschland zu reisen. Er ging nach Würzburg und Graz, während ich zunächst einige Wochen auf der Insel Rügen zubringen wollte. Später stand eine ungewöhnlich glänzende Naturforscherversammlung in Berlin bevor, auf der wir nochmals zusammenzutreffen gedachten.
Auf Rügen habe ich dann in Saßnitz, Göhren und Binz äußerst angenehme Tage verbracht.
In Göhren machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Vaihinger, der schon damals Professor in Halle war. Ich erinnere mich gern der gemeinsamen Spaziergänge und Gespräche und fürchte nur, daß ich mit meinem unbedingten Naturalismus und meiner geringen Achtung vor philologischer Kleinarbeit dem Kollegen manchen Anlaß zum Mißfallen gegeben habe. Vom »als ob« war, soweit ich mich erinnern kann, nicht die Rede.
Die Hauptsache war aber diesmal das Malen nach der Natur. Ich hatte schon vor einigen Jahren schüchtern angefangen, nach der Natur Landschaftsbilder zu malen. Anfangs in Wasserfarben, später, als ich auf der schwedischen Reise einsah, daß dies Verfahren gerade im Freien leicht versagt, in Öl. Da ich keinen ordentlichen Lehrer dafür in Riga hatte, und sehr wenig Vorbilder, die der Nachahmung wert waren, hatte ich mir meinen Weg selbst zu suchen. Von meiner Wissenschaft her war ich gewohnt,[236]  Gerät und Verfahren für jeden vorliegenden Zweck zu gestalten, nötigenfalls zu erfinden, und so hatte ich mir für diese Reise einen sehr leichten und praktischen Malkasten gebaut, den ich ohne merkliche Belastung auf meinen Wanderungen mitführen konnte, da er eine Staffelei entbehrlich machte. Er war schon der dritte oder vierte seines Geschlechts, da ich frühere Entwicklungsstufen in den Ferien am Rigaschen Strande erprobt und durch bessere ersetzt hatte. Die neuartige Landschaft, die ich auf Rügen in unvorhergesehener Mannigfaltigkeit antraf, wirkte in hohem Maße anregend auf mich, so daß ich mich mehr und mehr zu einer gewissen Freiheit in der Auffassung und Darstellung durcharbeitete. Wesentlich war hierbei, daß ich zufolge einer Anregung, die ich meinem Zeichenlehrer auf der Schule Clark verdankte, nicht auf Leinwand, sondern auf starkem, mit Leimwasser genügend ölfest gemachtem Papier malte. Dies machte mir möglich, mehrere nasse Blätter ohne gegenseitige Schädigung im Deckel des Malkastens unterzubringen, so daß ich meiner Neigung, auf jedes Blatt nicht mehr als eine bis zwei Stunden zu verwenden, keinen Zwang anzutun brauchte.
Auf dieser Rügenreise erlebte ich zum ersten Male die segensreiche Wirkung, die das einsame Malen vor der Natur auf mein übermüdetes Gehirn ausübte. Viel später hat mein Leipziger Kollege Flechsig, der berühmte Erforscher des menschlichen Gehirns, mir die Theorie dazu gegeben. Jede Art Gehirntätigkeit ist an eine bestimmte Gruppe von Zellen gebunden. Ist eine solche Gruppe durch übermäßige Beanspruchung überreizt, so spricht sie auch ohne den zugehörigen Reiz auf jede zufällige Regung an und kommt nicht zur Ruhe und zur Genesung. Wird dagegen eine ganz unabhängige Gruppe lebhaft beansprucht, so schafft der Blutumlauf die Energievorräte dorthin, wohin die neuen Reize sie rufen; die erschöpften Zellen bleiben links liegen, werden entlastet und können sich[237]  wieder ins Gleichgewicht setzen. Da ich ein, wenn auch nicht großes, doch gut ausgesprochenes Talent für die malerische Betätigung besaß, namentlich bezüglich der Farbe, so war der Reiz stark genug, um die beschriebene heilsame Wirkung auszuüben. Ich habe in der Folge immer wieder von diesem Heilmittel Gebrauch gemacht, das mir nicht nur die gefährdete Gesundheit und Arbeitsfrische zurückbrachte, sondern mir unmittelbar ungezählte sehr glückliche Stunden verschaffte.
Von nicht geringer Bedeutung war dabei, daß ich bei der Durchführung solcher Malkuren völlig unabhängig von meiner augenblicklichen Umgebung wurde und mich auch im einsamsten Winkel nicht vor Langeweile zu fürchten brauchte. Ich hatte also nicht nötig, mir Feriengesellschaft zu sichern oder zu suchen, wo die Fernhaltung wissenschaftlicher Denktätigkeit kaum durchführbar war, sondern konnte die Orte frei wählen, die mir für meinen Zweck am geeignetsten und bequemsten waren.
Das eben Dargelegte hat allgemeine Bedeutung. Jeder stark beanspruchte Geistesarbeiter bedarf einer solchen mit Liebe betriebenen Nebenbeschäftigung, und je ferner sie dem Hauptberuf liegt, um so geeigneter ist sie.
Die Berliner Naturforscherversammlung. Tatsächlich war ich völlig hergestellt, als ich dann nach Berlin ging, so daß ich die nicht geringen Anstrengungen der gelehrten Festlichkeiten bei regster Teilnahme ohne Nachteil überstehen konnte.
In Berlin gab es mancherlei Belangreiches. Zunächst sah ich die meisten Kollegen wieder, die ich 1883 auf der Laboratoriumsreise flüchtig kennen gelernt hatte, und konnte jetzt etwas ausgiebiger mit ihnen bekannt werden. An den freundlichen Gesichtern, denen ich mich gegenüber sah, konnte ich entnehmen, daß dies den meisten willkommen war. Auf den Sitzungen trug ich einige von den Ergebnissen meiner Arbeiten vor und konnte dabei ein[238]  interessantes taktisches Manöver beobachten. Während nämlich die Fachgenossen, deren Arbeiten den meinen näher standen, sich mir mit freundlichem Entgegenkommen genähert hatten, ließ sich eine Gruppe »reiner« Organiker erkennen, denen es unwillkommen war, daß sich in der Chemie neben ihren Sachen überhaupt etwas ganz davon Unabhängiges betätigen wollte. Und obwohl dies Neue auf ganz wenige Hände und Köpfe beschränkt war, äußerte sich die vielleicht vielfach noch unterbewußte Eifersucht auf die beginnende Konkurrenz bei manchen Gelegenheiten.
So war ich in einer der Sektionssitzungen eben beschäftigt, die ersten Ergebnisse meiner Leitfähigkeitsmessungen an organischen Säuren darzulegen und hatte das Interesse der Hörer soweit gewonnen, daß es jenen bedenklich zu erscheinen begann. Wir sollten nach zehn Minuten eine Fahrt nach den Rüdersdorfer Kalkwerken antreten und ich hatte meine Rede demgemäß eingestellt. Mitten im Vortrag und viel zu früh schrie plötzlich der Professor Tiemann, einer der Führer jener Gruppe, in die Versammlung hinein: Wir müssen aufbrechen, und erreichte so, daß die Mitteilung nicht zu Ende gehört wurde. Ich war damals harmlos genug, das Manöver als einen Zufall aufzufassen und mußte erst von Anderen über dessen Zweck aufgeklärt werden.
Auf der Rüdersdorfer Fahrt erlebte ich ein anderes allzumenschliches Stücklein, das die Berliner Luft kennzeichnete. Wir waren in Rüdersdorf sehr reichlich bewirtet worden und wurden von dort nach dem nahen Erkner geleitet, wo eine chemische Fabrik zu betrachten war. Als wir uns dem Orte näherten, glänzten uns lange Reihen gedeckter Kaffeetische entgegen, die dem wohlgefüllten Magen neue Anstrengungen zumuteten. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich die in der Front wandernden Fachgenossen immer schneller sich bewegen, und diese[239]  Beschleunigung auch die Folgenden erfassen sah, bis ein förmlicher Wettlauf, und kein lachender, nach den Kaffeetischen eingetreten war. Was trieb diese gesättigten Menschen an, die doch alle auf Bildung Anspruch erhoben, und ließ sie alle Selbstbeherrschung vergessen? Es war eine unwillkürliche Äußerung des Konkurrenzkampfes und -neids, der die tägliche Lebensluft jener Stadt erfüllte.


Die Zeitschriftfrage. Die Berliner Versammlung gab mir Gelegenheit, eine neue Unternehmung zu besprechen, welche mich und meinen Verleger Engelmann seit einiger Zeit beschäftigte. Nachdem der vierte und letzte Halbband meines Lehrbuches erschienen war und das Werk guten Absatz gefunden hatte, traten wir naturgemäß der Frage näher, ob es ratsam und tunlich wäre, einen Sammelpunkt für die neu entstehenden Arbeiten aus der allgemeinen Chemie zu schaffen, nachdem die Sammlung des Alten und Bisherigen glücklich vollendet war. Der Verleger war voll guten Willens und erklärte sich bereit, eine von mir zu begründende und zu leitende Zeitschrift herauszugeben. Obwohl mein Selbstvertrauen durch die bisherige schnelle und glückliche Entwicklung meiner inneren wie äußeren Stellung eine nicht geringe Höhe erreicht hatte, empfand ich doch einige Schüchternheit, nun gleichsam die amtliche Führung der Bewegung gegenüber der gesamten Wissenschaft nicht nur Deutschlands, sondern der Welt in die Hand zu nehmen. Denn ich war noch nicht ganz 33 Jahre alt und war nur wenige Male mit den Fachgenossen in kurze persönliche Berührung gekommen.
So hatte ich dem Verleger geschrieben, daß ich zwar persönlich die größte Lust zur Unternehmung hätte, aber doch lieber zuerst die Meinung der Fachgenossen erfahren möchte, wozu die Berliner Versammlung reichlich Gelegenheit bot.[240]
Die Ergebnisse meiner Befragungen waren völlig negativ. Der eine sagte, daß überhaupt schon zu viel Zeitschriften da seien und eine neue ganz und gar keine Abnehmer finden würde. Der andere meinte, daß, da schon physikalisch-chemische Arbeiten in den vorhandenen Zeitschriften kaum gelesen würden, sie in einer besonderen Zeitschrift überhaupt niemandem mehr zu Gesicht kommen würden; wir müßten also im eigenen Interesse darauf verzichten. Selbst Männer, deren persönliches und sachliches Wohlwollen außer Zweifel stand, wie Landolt und Lothar Meyer rieten von der Unternehmung ab, da sie zu gewagt und in ihrem Erfolge zu unsicher sei.
Ich merkte mir zwar diese Urteile und teilte sie auch dem Verleger mit, aber wir gaben den Plan darum keineswegs auf, sondern bereiteten gemächlich seine Ausführung vor.
Kunst. Neben den wissenschaftlichen Erlebnissen brachte der Besuch Berlins eine große Zahl künstlerischer. Von der Königlichen Oper wurde eine prachtvolle Aufführung der Walküre für die Naturforscher veranstaltet und auf dem Ausstellungsplatz am Lehrter Bahnhof fand ein glänzendes Künstlerfest statt. Persönlich erlebte ich zum ersten Male den Eindruck einer modernen Riesen-Gemäldeausstellung, denn die damalige enthielt bereits rund 3000 Bilder. Nachdem ich eben meinen ersten Vorstoß als selbständiger Maler versucht hatte, betrachtete ich mit brennendem Interesse die vielfältigen Äußerungen der zeitgenössischen Kunst, aus denen ich bei der Hilflosigkeit meiner damaligen Technik so ungemein viel lernen konnte. So hatte ich mehrfach bei der Wahl zwischen Wissenschaft und Kunst dieser den Vorzug gegeben, und lange Stunden auf der Ausstellung zugebracht.
Heimkehr. Erfrischt und vielfach angeregt kehrte ich nach Riga zurück, fest entschlossen, die Fahrt nach Europa sobald wie möglich zu wiederholen. Denn von[241]  mancher Seite waren wieder mehr oder weniger deutlich Äußerungen gefallen, aus denen ich entnehmen konnte, daß man ernstlich mit dem Gedanken zu rechnen begann, daß ich in absehbarer Zeit einen Lehrstuhl an einer Universität Deutschlands einnehmen würde. Das Wann und Wo war freilich noch ganz unbestimmt. Aber nachdem sich die Allgemeine oder Physikalische Chemie in meinem Lehrbuch als eine wohlgeordnete und reiche Wissenschaft mit deutlichen Zielen zu erkennen gegeben hatte, entstand durch eine naheliegende Gedankenverbindung selbsttätig die Vorstellung, daß dieser Wissenschaft auch eine geregelte Vertretung an den Hochschulen gebühre.
Mir war der Gedanke, an einer Hochschule Deutschlands lehren zu dürfen, in hohem Grade willkommen, denn die Verhältnisse in Riga waren zunehmend weniger erfreulich geworden. Der langjährige Direktor Kieseritzky war zurückgetreten, nachdem ihm der Pulsschlag am Polytechnikum, wohl nicht ohne meine Schuld, allzu lebhaft geworden war. Unter seinem ziemlich jungen Nachfolger entwickelte sich auch in Riga der Gegensatz zwischen den baltischen und den reichsdeutschen Professoren, der in Dorpat schon meine letzten Jahre beschattet hatte. Er beruhte wesentlich auf dem grundsätzlichen Unterschiede bezüglich der Politik gegenüber der Petersburger Regierung. Während die Ausländer zum Gehorsam bezüglich der beginnenden Russifizierung bereit waren, da sie vor allem ihre Stellung nicht gefährden wollten, vertraten die Balten den Standpunkt des Widerstandes gegen diese Maßnahmen mit allen Mitteln, auch auf die Gefahr der Entlassung hin.
Zunächst war dieser Gegensatz noch latent, da die befürchteten Maßregeln verzögert wurden. In jenen Zeiten der Erwartung hatte ich einen Kreis der mir näherstehenden Kollegen zu einem geselligen Abend in meinem Hause versammelt und das Gespräch wendete sich naturgemäß[242]  auf die aus Petersburg drohenden Maßnahmen, die noch nicht so nahe erschienen, daß wir die Hoffnung verloren hatten. So entstand, da wir vorwiegend junge Leute waren, ein gewisser Galgenhumor und einer schlug vor, nachzusehen wie wir uns durchschlagen könnten, wenn wir alle miteinander an die Luft gesetzt würden. Ich hatte meine Gäste mit allerlei chemischen Zauberstückchen unterhalten und so wurden wir einig, als wandernde Marktkünstler aufzutreten. Jeder mußte zeigen, was er in solcher Richtung leisten konnte. Einer vermochte Messer zu schlucken. Der Zweite legte ein Zeitungsblatt auf das Klavierpult und sang den Text der Anzeigen in hoch dramatischen Melodien nach Wagner herunter. Ein Dritter verstand rücklings vom Stuhle zu fallen, ohne sich Schaden zu tun. Nur der vor kurzem gewählte Direktor erwies sich als gänzlich unbrauchbar und wurde verurteilt, an der Kasse zu sitzen, da sein Fach die Nationalökonomie war.
Trübungen. Dieser heitere Abend war ungefähr das letzte Aufflackern der alten Harmlosigkeit. Die nicht recht geglaubten Maßregeln wurden nur zu bald Wirklichkeit und damit brachen die Konflikte jener beiden Gruppen aus. Obwohl Balte, genoß ich das persönliche Vertrauen der auslanddeutschen Kollegen und konnte zunächst die drohenden Ausbrüche vermitteln. Doch durfte sich niemand darüber täuschen, daß die Gegensätze nicht zu beseitigen waren und jederzeit wieder zum Ausbruch gelangen konnten, ja mußten. Dies blieb auch nicht aus und verbitterte den ohnehin trüben Zustand noch mehr. Dazu kam der unerhörte Vorfall, daß ein reichsdeutsches Mitglied des Kollegiums wegen Wechselfälschung den Gerichten verfiel.
Andererseits hatte der Aufstieg meiner wissenschaftlichen Betätigung – das eben vollendete Lehrbuch hatte schon begonnen, einen erkennbaren Einfluß auf[243]  die Entwicklungslinie der chemischen Wissenschaft auszuüben – mir ein Mißverhältnis zum Bewußtsein gebracht, das gleichfalls grundsätzliche Beschaffenheit hatte. Die Anzahl der Chemiestudierenden hatte zwar in meiner kurzen Amtszeit sich mehr als verdoppelt, ihre Beschaffenheit hatte sich aber nicht verändert. Und diese Beschaffenheit stand erheblich unter der der Universitätsstudenten. Nur ein Bruchteil stammte aus den deutsch-baltischen Kreisen, in denen eine Kultur erreicht und gepflegt wurde, die der im Deutschen Reich nicht nachstand. Hier gingen aber die Jünglinge wenn irgend möglich auf die Universität und für das Polytechnikum blieben nur die Minderbegabten übrig. Ein großer Anteil der Schüler setzte sich aus Polen und Juden zusammen, die aus den verschiedensten Teilen des großen Reiches stammten und eine sehr verschiedene, meist aber unzulängliche Bildung mitbrachten. Dazu kam eine Anzahl Letten und Esten, die fast alle von ihren nationalen Bewegungen erfaßt waren und sich die deutsche Kultur nur aneigneten, um ihre Träger hernach um so wirksamer zu bekämpfen. Alle hatten kein anderes Ziel, als die Prüfungen so bald wie möglich zu bestehen, um einen praktischen Beruf zu ergreifen, wozu die überall in Rußland aufblühende Industrie reiche und bequeme Gelegenheit bot.

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Nur ein einziger Schüler des Polytechnikums aus meiner Zeit ist zu wissenschaftlichem Ansehn gelangt und hat hier eine hohe Stufe erstiegen: Es ist Paul Walden, gegenwärtig Professor in Rostock, nachdem er vor dem Weltkriege eine sehr hohe wissenschaftliche Stellung in Riga und Petersburg erreicht hatte. Aber Walden war damals bereits Assistent (am physikalischen Institut) und hat sich zwar in meiner wissenschaftlichen Richtung, aber im wesentlichen selbständig ausgebildet.
Es ist schon erzählt worden, daß ich das zu erreichende Studienziel durch Einbeziehung einer wissenschaftlichen[244]  Arbeit zu heben mich bemüht hatte. Ich mußte mich aber sehr bald überzeugen, daß die Aufgaben, wenn sie überhaupt gelöst werden sollten, sehr bescheiden bemessen werden mußten. Es war nicht leicht, alljährlich drei bis vier Dutzend solcher Aufgaben zu finden und ihre Ausführung zu überwachen, für welche nur einige Monate zu Gebote standen. Ich unterzog mich aber gern der Arbeit, denn da die künftige Tätigkeit meine Chemiker sehr oft in unerforschte Gebiete führte, so war für sie eine wenn auch beschränkte Erfahrung, wie man sich dem Unbekannten gegenüber zu verhalten hat, von lebenswichtiger Bedeutung.
Die Zeitschrift für physikalische Chemie. Das Mißverhältnis zwischen meiner amtlichen und außeramtlichen Tätigkeit wurde noch größer, als die Frage der eigenen Zeitschrift für physikalische Chemie, welche bei meinen Berliner Besprechungen eine so ungünstige Beurteilung erfahren hatte, durch Eingreifen von dritter Seite akut wurde. Jene Besprechungen hatten ihre Wellen fortgepflanzt und hatten bei einem unternehmungslustigen Hamburger Verleger Resonanz erzeugt. Er wandte sich Ende 1886 an mich mit der Anfrage, wie ich mich zu einem solchen Unternehmen stelle. Ich schrieb ihm, welche Bedenken ich angetroffen hatte und teilte gleichzeitig meinem Leipziger Verleger mit, daß unser Plan auch von anderer Seite aufgenommen würde. Von Hamburg erhielt ich sehr zuversichtliche Nachricht und ein vorläufig abgesetztes Titelblatt der geplanten Zeitschrift. Es stellte sich heraus, daß als Schriftleiter ein junger Berliner Fachgenosse in Aussicht genommen war, vermutlich der Übermittler der Nachricht, der keine irgendwie hervorragenden Leistungen aufzuweisen hatte, weder auf experimentellem noch auf literarischem Gebiet. Mir war der Posten eines Referenten über anderweit erscheinende Arbeiten zugedacht.[245]
Wenn als führender Mann einer der älteren Kollegen, die oben genannt wurden, aufgetreten wäre, hätte ich mich ohne Zögern angeschlossen und untergeordnet. Da aber vom Hamburger Verleger jener Mann als möglicher Herausgeber angesehen wurde, dem ich mich ohne alle Gefahr, der Überhebung beschuldigt zu werden, allseitig überlegen fühlen durfte, so verschwanden auch bei mir die Bescheidenheitsbedenken. Ich setzte Dr. Engelmann in Leipzig von der Sachlage in Kenntnis und schrieb nach Hamburg, daß ich längst den Plan einer solchen Zeitschrift ausgearbeitet hätte und bei der dortigen nur als Herausgeber mittun würde, da ich nicht wünsche, im eigenen Hause zur Miete zu wohnen. Es entstand ein lebhafter Briefwechsel. Dr. Engelmann bat mich, alsbald der Gründung der Zeitschrift unter meiner Leitung und in seinem Verlag vorzugehen, während der Hamburger Verleger mich zu überzeugen versuchte, daß die mir von ihm zugedachte Rolle eigentlich beneidenswert wäre. Ich richtete an die mir großenteils persönlich bekannten Fachgenossen, auf deren Beiträge ich hoffte, die Bitte, sich an einer von mir herauszugebenden Zeitschrift zu beteiligen.
Am Weihnachtsabend traf ein Telegramm aus Hamburg ein: »Wollen Sie unter unseren Bedingungen teilnehmen oder nicht?« Der Depeschenbote konnte gleich meine Antwort mitnehmen: »Nein.«
Da die meisten künftigen Mitarbeiter, an die ich mich gewendet hatte, zustimmend antworteten, so konnte alsbald an die Organisation der Zeitschrift im Verlage von Engelmann, gegangen werden. Die Mitarbeiterliste auf dem Titelblatt des ersten Jahrganges enthält die Namen: M. Berthelot, J.W. Brühl, Th. Carnelley, H.L. Chatelier, C.M. Guldberg, A. Horstmann, H. Landolt, O. Lehmann, D. Mendelejew, N. Menschutkin, Loth. Meyer, Viktor Meyer, L.F. Nilson, O. Pettersson,[246]  L. Pfaundler, W. Ramsay, F.M. Raoult, R. Schiff, W. Spring, J. Thomsen, F.E. Thorpe, P. Waage. Wie man sieht, finden sich auch die glänzendsten Namen des Auslandes vor. Alle diese Männer, zum Teil von Weltruf, hatten der Einladung des vor wenig Jahren noch ganz unbekannten jungen Gelehrten Folge geleistet. Es darf wohl angenommen werden, daß das Ansehen der Verlagshandlung einen guten Teil zu diesem überraschenden Erfolge beigetragen hat.
Von großer Wichtigkeit war, den schnell berühmt gewordenen Holländer J.H. van't Hoff mit dem neuen Unternehmen zu verbinden. Er hatte nach der anderen Seite schon eine halbe Zusage gegeben, unter Vorbehalt einer endgültigen Entschließung. Auf meine briefliche Einladung antwortete er entgegenkommend, stellte aber die Bedingung, gleichfalls als Herausgeber auf dem Titelblatt genannt zu werden. Er fügte hinzu, daß er keineswegs in die Schriftleitung eingreifen, sondern sich mit der formalen Rolle begnügen wolle. In der Folge hat er sich unverbrüchlich hieran gehalten, so oft ich ihn hernach auch gebeten habe, aus dieser Reserve herauszutreten. Er fühlte keinen Beruf zu solcher Tätigkeit. Wohl aber lieferte er sofort einige Beiträge aus seinem Amsterdamer Laboratorium, die dem neuen Unternehmen zur Zierde gereichten. Mir erschien die Möglichkeit, die Zeitschrift so unmittelbar mit dem Namen des genialen Forschers zu verbinden, so wichtig, daß ich ohne weiteres auf seine Bedingungen einging. Ich habe es nie zu bereuen gehabt; vielmehr bin ich überzeugt, daß hierdurch der schnelle Erfolg der Zeitschrift zu einem guten Teil mit bedingt war.
Am 15. Februar 1887 wurde das erste Heft ausgegeben. Die weiteren Hefte folgten in Abständen von je einem Monat; das letzte (Doppel-) Heft des Jahrganges trägt das Datum des 27. Dezember 1887 und schließt mit der Seitenzahl 678.[247]
Die Sorge, daß die Leitung der in Leipzig gedruckten Zeitschrift vom fernen Riga aus Schwierigkeiten machen würde, erwies sich als nicht begründet, da das Erscheinen der Hefte nicht an bestimmte Termine gebunden war. Nur als ich im Juni an den Strand übersiedelte, mußte ich gelegentlich weite Spaziergänge machen, da das Postamt für den Empfang und die Aufgabe der Einschreibesendungen fünf Werst (oder Kilometer) entfernt war.
Die eigentlichen Redaktionsarbeiten, nämlich die Prüfung der einlaufenden Abhandlungen auf Eignung zum Abdruck, machten keine große Mühe, da die Entscheidung in den meisten Fällen unmittelbar mit ja oder nein gefällt werden konnte. Zwischenformen, die eine eingehende Prüfung erfordern, sind recht selten. Dazu hatte ich aber einige weitere Arbeiten freiwillig übernommen, die mich stärker beanspruchten. Ziemlich leicht erledigten sich die Übersetzungen der in fremden Sprachen eingelaufenen Arbeiten, die ich in den ersten Jahren alle selbst ausführte. Sprachliches Gestalten hat mir nie Schwierigkeiten gemacht, wohl aber angenehme Gefühle erweckt, etwa wie Schlittschuhlaufen oder andere Tätigkeiten, welche unmittelbar glatte Ergebnisse liefern. Denn ich brauchte nie mühsam nach passenden Worten zu suchen, sondern konnte das Sprachgut frei in dem Maße gestalten, als ich meine Sätze niederschrieb. Größere Ansprüche stellten die »Referate«, die auszüglichen Bearbeitungen der anderweit erscheinenden Facharbeiten. Aber auch diese Tätigkeit war mir geläufig und daher leicht und angenehm geworden durch die Abfassung des Lehrbuches, das ja durchweg auf solcher Arbeit beruht. Da für das Lehrbuch eine sorgfältige Kritik der Mitteilungen nötig und mit großer Hingabe durchgeführt worden war, so brauchte ich nur die gewohnte Tätigkeit fortzusetzen, um auch diesen Teil der Zeitschrift zu entwickeln, durch den ich einen vielfach nützlichen[248]  Einfluß auch auf die fernerstehenden Fachgenossen gewann.

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Das gleiche gilt von der »Bücherschau«, die ich gleichfalls durch eine längere Reihe von Jahren allein bearbeitete. Sie ist das Mittel gewesen, durch welches ich verhältnismäßig schnell erreichte, daß die neuen Gedanken, welche auf dem unerschöpften Felde bald in reicher Fülle aufsproßten, schneller den Eingang in die angrenzenden Gebiete fanden, als es ohne die geduldig wiederholten Erinnerungen des Berichterstatters über die neuen Bücher an solche Notwendigkeiten der Fall gewesen wäre. Die lebhafte Sprache, die mir natürlich war und die ich deshalb auch hier benutzte, verschaffte diesen Berichten zahlreiche Leser und gab dadurch meinen Forderungen einen stärkeren Nachdruck, dem selbst ausgesprochene Gegner auf die Dauer nicht widerstanden.
Arbeitsweise. Obwohl diese neue Arbeitslast neue Ansprüche an mich stellte, die natürlich am Anfange besonders groß waren, glaube ich mir das Zeugnis geben zu können, daß ich darum meine Berufspflichten nicht vernachlässigt habe.
Die Ausführung so vieler Dinge nebeneinander gelang vielmehr durch die große Reaktionsgeschwindigkeit, deren sich mein Gehirn damals erfreute. Während ich im Sprechzimmer mit den Kollegen plauderte, blätterte ich z.B. die ausgelegten Zeitschriften durch, merkte mir an, was zu referieren war und konnte hernach den Auszug glatt niederschreiben. Gerade diese, aus getrennten Stücken bestehende Arbeit ließ sich überall in vereinzelte Zeitlücken einfügen; das Umstellen des Gehirns auf den betreffenden Gedankenkreis vollzog sich ohne jede Anstrengung. Den Verlust dieser letzten Eigenschaft habe ich hernach als den leidigsten Nachteil des Alters empfunden.
Alle diese schriftliche Arbeit geschah eigenhändig mit der Feder. Ich habe niemals einem Sekretär oder[249]  Stenographen diktieren mögen, da die Abhängigkeit von einem anderen Menschen mir unerträglich war. Die Schreibmaschine war damals selbst in Deutschland außerhalb der kaufmännischen Kreise eine Seltenheit und Tagesschreiber kokettierten mit der Mitteilung, daß sie ihre Erzeugnisse »tippten«. Wilhelm Wundt war unter den Gelehrten fast der einzige, der sich der Maschine bediente, seiner schwachen Augen wegen, wie seine Freunde entschuldigend hinzufügten. Schon der hohe Preis verbot den meisten den Gedanken. So war ich auf Feder und Tinte angewiesen, denn der trockene Tintenstift war noch lange nicht erfunden.
Das Bedürfnis, alle Arbeit möglichst reibungslos zu erledigen – die instinktive Vorausnahme des späteren energetischen Imperativs – hatte mich schon während der Dorpater Jahre veranlaßt, vergleichende Untersuchungen über Federn, Papier und Tinte anzustellen, um jene Zusammenstellung zu finden, welche das beste Schreiben ergab. Ich erfand allerlei Vorrichtungen, um die beim Eintunken gefaßte Tintenmenge möglichst groß zu machen, wählte Federn mit breiter oder gerundeter Spitze, ersetzte die Eisentinte, welche die Feder anätzt, durch neutrale Farbstofflösungen, verhinderte Krustenbildung durch Glyzerinzusatz, benutzte starkes, glattes Papier und gestaltete dadurch das Schreiben zu einem so reibungsfrei verlaufenden Vorgang, daß es mir unmittelbar Vergnügen machte.



 Dreizehntes Kapitel.
Die Berufung nach Leipzig.










[250] Loslösung. Wenn ich auch die Herausgebertätigkeit nicht unmittelbar meine amtlichen Pflichten beeinträchtigen ließ, so konnte ich doch nicht verhindern, daß sie im Verein mit der anderen rein wissenschaftlichen Arbeit zunehmend mein inneres Verhältnis zu dem Amte in Riga lockerten. Die Aussicht auf wirksame Mitarbeit durch die Schüler, die es mir zuführte, war allzu gering. Zwar meine Assistenten hatten sich von meinem Arbeitsdrang ergreifen lassen und begannen ganz wackere Beiträge zu liefern. Aber Privatdozenten gab es nicht an der Anstalt und die kaum herangebildeten Leute gingen nach abgelegtem Examen in die Praxis über. Nur einer von ihnen, J. Spohr, wohlhabender Eltern Sohn und nicht zum Broterwerb genötigt, hat längere Zeit sich als freiwilliger Mitarbeiter an meinen Untersuchungen beteiligt und eine ganze Anzahl fördersamer Arbeiten geliefert.
Aber mehr und mehr machte sich doch die Einsicht geltend, daß das Polytechnikum meiner Vaterstadt nicht der richtige Boden für die Ausführung der Aufgaben war, die mir, ohne daß ich einen vorbedachten Plan verfolgt hatte, selbsttätig in die Hand gewachsen waren. Es war nicht daran zu denken, diesen Boden am Polytechnikum neu zu schaffen, am wenigsten in einer Zeit, wo der ganzen Anstalt aus politischen Gründen ein schwerer Existenzkampf[251]  bevorstand, aus dem sie nicht ohne Wunden hervor gehen konnte.
So richtete ich meine Augen mit zunehmender Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit, ein neues Arbeitsfeld an einer Hochschule des Deutschen Reiches zu finden. An Andeutungen und Anregungen von mancherlei Art hatte es nicht gefehlt, zu faßbaren Möglichkeiten war es aber nirgend gekommen. Mit dem Jahre 1887 erhob sich aber an meinem Horizont eine Aussicht von so blendendem Glanze, daß ich meine Augen nur verstohlen auf sie zu richten wagte und ihre Verwirklichung zwar von ganzem Herzen wünschen, vernünftigerweise aber nicht erhoffen konnte.
Die Leipziger Verhältnisse. In Leipzig war der Physikprofessor Hankel in hohen Jahren von seinem Amt zurückgetreten und durch G. Wiedemann ersetzt worden. Damit war die einzige Professur für physikalische Chemie frei geworden, die es damals in Deutschland gab und natürlich hatte ich mein Auge auf die Möglichkeit gerichtet, die sich mir hier auftat. Anfangs ganz ohne Hoffnung, denn in Landolt und Lothar Meyer waren zwei Vertreter dieser Forschungsrichtung vorhanden, welche jedenfalls zunächst in Betracht kamen. Beide bekleideten normale Ordinariate, in denen sie die ganze Chemie lehren mußten und ich konnte mir wohl denken, daß sie gern die Gelegenheit ergreifen würden, sich ausschließlich ihrer persönlichen Arbeitsrichtung widmen zu können. Beide wurden tatsächlich auch zunächst in Betracht gezogen und waren nicht abgeneigt, eine Berufung anzunehmen; eine nähere Einsicht in die Verhältnisse aber, welche sie in Leipzig erwarteten, bewirkte eine Ablehnung.
Gleichzeitig mit Hankel war nämlich der Ackerbauchemiker W. Knop vom Amt zurückgetreten, wodurch eine verwickelte Drehung eintrat. Der auf gleichem Gebiet tätige Honorarprofessor F. Stohmann hatte[252]  sich schon lange über die ungenügende Unterkunft beklagt, mit der er sich auf dem der Landwirtschaft übergebenen »Kuhturm« vor den Toren Leipzigs begnügen mußte. Er hatte seit einigen Jahren mit gutem Erfolg thermo-chemische Arbeiten betrieben – damals als Einziger in Deutschland – und dabei als sehr genauer Arbeiter dem hochangesehenen Veteran der Thermochemie, Julius Thomsen in Kopenhagen, einen folgenreichen methodischen Fehler nachgewiesen, der einen großen Teil seiner Messungen entwerten mußte. Um für diese belangreichen Untersuchungen eine angemessene Unterkunft zu schaffen, erschien das bisher von Wiedemann betriebene physikalisch-chemische Laboratorium als besonders geeignet. Es war von O.L. Erdmann erbaut worden und hatte seinerzeit als eines der schönsten Laboratorien Deutschlands gegolten.
Um den zu berufenden Physikochemiker, der dadurch heimatlos geworden war, unterzubringen, griff man auf das bisher W. Knop zugewiesene Laboratorium zurück, welches sich im Erdgeschoß des landwirtschaftlichen Instituts befand, das unter Verwaltung des Professors für Landwirtschaft stand. Es lag in der Nähe der anderen naturwissenschaftlichen und medizinischen Anstalten. Dies war aber auch sein einziger Vorzug, da die Einrichtung veraltet war und ein Umbau wegen der Zweckbestimmung des ganzen Gebäudes nicht in Frage kam. Ferner hatte der Inhaber des chemischen Lehrstuhls J. Wislicenus die Gelegenheit benutzt, sich in seinem überfüllten Institut dadurch Luft zu schaffen, daß er die pharmazeutische Abteilung, die er bisher neben der rein chemischen zu leiten hatte, der neu zu schaffenden Anstalt überweisen ließ, welche den Namen des Zweiten chemischen Instituts erhalten sollte.
Unter diesen Voraussetzungen wollte weder Landolt noch L. Meyer, noch Cl. Winkler von der Freiberger[253]  Bergakademie die Professur übernehmen. Damit war die Möglichkeit für mich, sie zu erhalten, tatsächlich fast Wahrscheinlichkeit geworden, denn es kam außer mir nur noch van't Hoff in Frage. Dieser hatte allerdings einen großen Vorsprung, denn der maßgebende Kollege in Leipzig, J. Wislicenus, hatte sich schon vor Jahren energisch für seine Lehre von den chemischen Formeln im Raum und vom tetraedrischen Kohlenstoffatom eingesetzt, und hatte eben eine aufsehenerregende Untersuchung veröffentlicht, die ganz auf diesen Gedanken beruhte und für sie eine Reihe experimenteller Anwendungen und Bestätigungen erbrachte.
Ich stand damals mit van't Hoff als meinem Mitherausgeber in regem brieflichem Verkehr, und hatte ihn gefragt, ob er den zweifellos an ihn gelangenden Ruf annehmen würde. Er war damals schon ordentlicher Professor an der Universität in Amsterdam, so daß es sich nicht eigentlich um ein Aufsteigen handelte. Er hatte mir ausweichend geantwortet, woraus ich entnahm, daß er den Ruf annehmen würde; meine Hoffnungen hatte ich demgemäß begraben.
Die Säurenfahrt. Dies war die Sachlage, als ich im Sommer 1887 meine vierte Reise antrat. Ich hatte eine besondere Veranlassung dazu durch den Fortgang meiner wissenschaftlichen Arbeiten erhalten. Die auffallenden und interessanten Beziehungen zwischen der Konstitution und der elektrischen Leitfähigkeit organischer Säuren, die mir entgegengetreten waren, erregten den Wunsch, diese Forschungen möglichst weit auszudehnen. Im Handel waren die Tausende von Säuren nicht zu haben, die sich in der Literatur beschrieben finden und sie selbst herzustellen hätte mich viele Jahre präparativer Arbeit gekostet. Die einzige Möglichkeit war, von den Entdeckern selbst mir die kleinen Mengen zu erbitten, die zu meinen Messungen ausreichten. Sie betrugen weniger,[254]  als man damals zu einer Elementaranalyse brauchte. Und aus den Sammlungen der Universitätsinstitute konnten gleichfalls, wenn der Professor gebelustig war, mancherlei aufschlußreiche Proben entnommen werden. So begab ich mich während der Sommerferien auf die Säurebettelfahrt, die ich zunächst nach Österreich richtete, das ich noch nicht kannte.
Die Reise nach Wien über Warschau lehrte mich zunächst den ungeheuren Schmutz in Polen kennen. In meinen Studentenjahren hatte ich zuweilen den Kanon mitgesungen


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Der Pole meint, der Russe sei
Von Ungeziefer auch nicht frei,

worauf die Gegenstrophe lautet:

Der Russe meint, der Pole sei
Von Ungeziefer auch nicht frei.

und so weiter in infinitum. Hier aber überzeugte ich mich von der zweifellosen Überlegenheit der Polen nach dieser Richtung.
In Wien wurde ich von den Fachgenossen mit größter Freundlichkeit aufgenommen. Ich lernte die Physiker Stefan und Victor v. Lang, den Chemiker Barth, den Botaniker Wiesner, den Physiologen Fleischl und andere namhafte Professoren kennen, dazu eine große Anzahl Altersgenossen: Goldschmied, Zeisel, Wegscheider, Weidel, Exner, Herzig, mit denen ich hauptsächlich zusammen war. Die damals geknüpften Beziehungen haben mehrfach über das ganze Leben gedauert.
Meinen Reisezweck erreichte ich alsbald in wünschenswerter Weise; was ich von den vorhandenen Präparaten haben wollte, wurde mir rückhaltlos mitgeteilt und alle sprachen mir ihre Freude aus, mir bei meinen Arbeiten helfen zu können, von denen sie alle etwas wußten, wie sie auch das Lehrbuch und die Zeitschrift kannten. Abgestoßen[255]  fühlte ich mich nur von dem Physiker F. Exner, bei dem ich die wissenschaftliche Unbefangenheit vermissen zu müssen glaubte, welche mir als die einzig haltbare Grundlage aller Forschung erschien. Auch bin ich bald darauf mit ihm in einen Konflikt geraten, dessen Nachwirkungen noch jetzt nicht vergessen scheinen, obwohl ich seitdem jedem Anlaß dazu ausgewichen bin.
Wien erschien mir als die Stadt der Widersprüche. Die neuerbaute Universität prangte in übertriebenem Luxus; nicht weit davon war das physikalische Institut in einem Miethause übler untergebracht, als in Dorpat oder Riga und es bestand keine Aussicht auf bessere Verhältnisse. Ebenso sah das Gebäude des Polytechnikums höchst anspruchsvoll aus, die Einrichtung der Laboratorien darin war aber mangelhaft bis zum Unglaublichen. Die Dotationen der Institute waren überall ganz unzulänglich, während für das äußere Ansehen der Gebäude Millionen verausgabt waren. Es lastete deshalb auf allen Kollegen ein gewisser Druck, der eine freudige wissenschaftliche Arbeitsstimmung nicht recht aufkommen ließ. Trotzdem nahm ich einen kollegialen Hinweis, daß nach vier Jahren der Professor Loschmidt pensioniert werden und man dann meine Berufung betreiben würde, gern und willig auf. Denn die Stadt hatte es mir, wie so vielen Nordländern, durch die Heiterkeit und Anmut des Lebens angetan. Schon am ersten Abend war mir aufgefallen, daß fast jeder Droschkenkutscher hinter dem Ohr oder zwischen den Zähnen eine Nelke oder andere Blume von lebhafter Farbe trug. Und ein Abend im Wurstelprater hatte durch die harmlose Lustigkeit der Besucher mir den gewaltigen Unterschied gegen die Berliner zugunsten der Wiener lebhaft anschaulich gemacht.
Graz und Innsbruck. Von Wien ging ich nach Graz, wo ich Arrhenius vorfand, der dort im physikalischen Institut arbeitete. Physikprofessor war L. Boltzmann,[256]  einer der genialsten aber auch originellsten Forscher seiner Zeit, der mich sehr freundlich aufnahm. Wir hatten alsbald ein langes Gespräch und sahen uns noch mehrmals. Es begann damit ein Verhältnis gegenseitiger Neigung und freien Vertrauens, das uns noch vielfach zusammenführte und erst mit Boltzmanns tragischem Tode endete.
Chemiker war in Graz der hervorragende Forscher H.Z. Skraup, zu dem ich mich gleichfalls alsbald hingezogen fühlte. Er teilte mir reichlich Säuren aus seinen Vorräten mit und erwies mir mit seiner liebenswürdigen und lebhaften Frau freundschaftlichste Gastlichkeit. Auch diese Bekanntschaft ist der Anfang eines dauernden guten Verhältnisses geworden, dem der frühe Tod Skraups ein allzu schnelles Ende bereitet hat.
Eine andere folgenreiche Bekanntschaft vermittelte Arrhenius, der sich mit Dr. Walter Nernst als Alters- und Fachgenossen angefreundet und ihn in unseren Gedankenkreis eingeführt hatte. Auf die Schilderung unserer gemeinsamen Arbeit in Riga war in Nernst der Wunsch entstanden, gleichfalls bei mir zu arbeiten; ich stimmte natürlich gern zu und wir verabredeten den Zeitpunkt für den kommenden Herbst. Er hatte bisher magnetelektrische Arbeiten bei dem Physiker der technischen Hochschule v. Ettingshausen gemacht. Dieser erwies sich als feiner und interessanter Kollege, der sich seinerzeit nahe mit meinem Lehrer v. Öttingen befreundet und von ihm recht günstige Urteile über mich erfahren hatte, was natürlich der Entwicklung unserer Beziehungen sehr förderlich war.
Während ich in Graz vortreffliche Verhältnisse der Institute angetroffen hatte – das von Pebal erbaute chemische galt mit Recht als das beste in Österreich und eines der besten überhaupt – fand ich in Innsbruck, wohin ich mich von dort gewendet hatte, unglaubliche Zustände. Chemie und Physik waren in einem dunklen[257]  und unsauberen Bau, einem alten Jesuitenkollegium untergebracht und entbehrten aller Hilfsmittel.
Die Physik war durch Leopold Pfaundler vertreten, einen ganz namhaften Forscher, für den ich wegen der Selbständigkeit und Feinheit seiner Arbeiten eine ganz besondere Hochachtung empfand. Ich fand ihn niedergedrückt, da ihm fast alle Mittel fehlten, sie fortzuführen. Der chemische Kollege interessierte sich mehr für die Gemsjagd als für den Betrieb seines Laboratoriums und war mit seinen Verhältnissen daher nicht unzufrieden.
Neben der wissenschaftlichen Gipfelwelt, in der ich mich während dieser schönen Reise bewegen durfte, genoß ich mit empfänglichster Seele die prachtvollen Landschaftsbilder, an denen mich die Fahrt vorbeiführte und verwendete manche Tage auf den Besuch besonders schöner Punkte. Den Malkasten hatte ich mitgenommen, kam aber nicht viel dazu, ihn zu benutzen, da ich nirgend einen längeren Aufenthalt machen konnte. Die Jahreszeit konnte nicht schöner sein – Ende Juni und Anfang Juli – und mein Gemüt war höchst empfänglich für diese Eindrücke, da die unbehaglichen Erinnerungen an Riga durch die vielen angenehmen Berührungen mit den Fachgenossen ganz zugedeckt waren. Auch der Gedanke an Leipzig beunruhigte mich nicht, da ich keine ernstlichen Hoffnungen hegte.
Immer näher. Von Innsbruck ging ich zunächst nach München, wo ich mit A.v. Baeyer die Bekanntschaft erneuerte. Er befand sich damals auf der Höhe seines Wirkens, empfing mich sehr freundlich und lud mich zum Abend ein.


Von den Physikern interessierte mich besonders Sohncke, (technische Hochschule) wegen seiner Arbeiten über Kristallstruktur. Er war seinerseits erfreut, bei einem Chemiker ein so lebhaftes Interesse für seine viel zu wenig beachteten Forschungen anzutreffen. Ich verbrachte[258]  mit ihm einige sehr lehrreiche Stunden. Weiter lernte ich den führenden Kristallographen P. Groth kennen, der mich gleichfalls zu einem langen Gespräch festhielt und mir bis heute eine freundliche Neigung bewahrt hat.
Von München fuhr ich über den Bodensee nach Zürich. Ich hatte wie oft die Nacht zur Fahrt benutzt, so daß ich mich bei Sonnenaufgang auf dem See befand und die Schneegipfel der Schweizer Alpen in den ersten Strahlen sich entzünden sah – ein unvergeßliches Erlebnis.
In Zürich fand ich Victor Meyer nicht mehr, den ich auf meiner ersten Reise dort kennen gelernt hatte; er war inzwischen nach Göttingen berufen worden. An seine Stelle war A. Hantzsch getreten, der soeben als ganz junger Forscher von Leipzig, wo er Assistent von G. Wiedemann gewesen war, durch den berühmten Schulrat Kappeler dorthin berufen war und den ich schon früher gesehen hatte. Auch von ihm wurde ich freundlich empfangen und mit reichlichen Säureproben beschenkt. Er war strahlend glücklich im Besitz der namhaften Stellung und seiner schönen Gattin. Sie war eine Tochter des Dresdener Bildhauers J. Schilling, der das Nationaldenkmal am Niederwald geschaffen hatte; sie hatte als Vorbild für die Germania gedient. Nach fast einem Menschenalter fanden wir uns in Leipzig wieder; seine Frau wurde ihm leider durch einen frühen Tod entrissen.
Von Zürich ging es nach Basel, wo mir Nietzky eine Anzahl sehr interessanter Präparate gab. Dort sah ich meinen Dorpater Landsmann Gustav Bunge als Professor der physiologischen Chemie wieder. Er hatte inzwischen seine soziale Lebensaufgabe, den Kampf wider den Alkohol gefunden und bemühte sich, seine neuen Einsichten auf mich zu übertragen. Ich muß bekennen, daß ich dazu noch nicht reif war, denn ich hatte eben in[259]  München im gegenteiligen Sinne gehandelt und meine kräftige Natur hatte die Vergiftung ohne erkennbare Spuren überstanden. Immerhin machte der große Ernst, mit dem Bunge das Problem behandelte, einen starken Eindruck auf mich und hat auf die Dauer seine Wirkung nicht verfehlt.
Auf Basel folgte das nahe Straßburg. Als Physiker war dort A. Kundt tätig, dessen ausgezeichnete Arbeiten vielfach die physikalische Chemie berührt hatten und auf dessen persönliche Bekanntschaft ich daher gespannt war. Als ich am Morgen nach dem physikalischen Palast ging – die Universität war, seit sie zu Deutschland gehörte, mit größtem architektonischen Aufwand wiederhergestellt worden – wurde ich von mehreren Studenten sehr höflich gegrüßt, was mich in Erstaunen setzte, da ich bei allem Selbstbewußtsein mich nicht für so berühmt hielt, daß die Straßburger Studenten mich persönlich kannten. Kundt war in der Vorlesung und ich wartete deren Ende in den hübschen Anlagen beim Institut ab. Wieder kamen ergebene Grüße von Studenten. Als ich dann Kundt nach Vorlesungsschluß sah, begriff ich die Studentengrüße: wir waren an Wuchs und Haltung ähnlich, hatten beide einen roten Bart (nur war Kundts Bart viel röter als meiner) und trugen auch das Haar übereinstimmend; so hatten die Studenten mich für ihren Professor gehalten.
Kundt erwies sich als ein lebhafter, freundlicher Kollege von entgegenkommendem Verhalten, der mir gern sein Institut zeigte und sich auch für meine Arbeiten interessierte. Die Ähnlichkeit zwischen uns amüsierte ihn sehr. Als ich seiner Einladung zum Abendessen gefolgt war, nahm er mich unter den Arm, stellte uns beide vor seine Frau und fragte: wer bin nun ich?
Von den jüngeren Physikern, die ich dort sah, ist mir besonders E. Cohn im Gedächtnis geblieben. Ein[260]  feiner Kopf, aber schüchtern und zurückhaltend in allen Betätigungen, hat er sich auch mit seinen wissenschaftlichen Leistungen mehr im Hintergrunde gehalten, als seine Begabung und sein Scharfsinn erwarten ließen.
Die Chemie vertrat in Straßburg Fittig. Er war ein älterer, hagerer und ernsthafter Mann, der sich zunächst sehr zugeknöpft verhielt und für mein Ansuchen um Säuren, deren er gemäß seinen Arbeiten eine große Zahl besitzen mußte, kein Entgegenkommen zeigte. Er mußte bald zur Vorlesung und bestellte mich auf den Nachmittag, wo er auftaute, so daß wir zuletzt als gute Freunde schieden. Aber Proben seiner Säuren hat er mir doch nicht gegeben.
Während des Gesprächs fragte er mich, wohin ich von Straßburg reisen wollte. Ich nannte Tübingen, Würzburg und Leipzig. Er zog ein seltsames Gesicht und sagte: »Leipzig würde ich an Ihrer Stelle lieber nicht berühren.« »Warum nicht?« fragte ich erstaunt, »ich muß dahin, um Reisegeld von meinem Verleger zu bekommen.« »Ja, wissen Sie denn nicht, daß eben Ihre Berufung dorthin in Frage steht?« war seine Antwort. Nähere Auskunft, um die ich bat, konnte er mir nicht geben, meinte aber, daß ich sie voraussichtlich in Würzburg von F. Kohlrausch erhalten würde, der mit Wislicenus befreundet war, durch dessen Hände die Berufungsangelegenheit ging.
Schon in München hatte ich Nachricht von Hause erhalten, daß dort ein Brief von van't Hoff eingelaufen sei mit einer Andeutung, daß er nun kein Hindernis mehr für meine Berufung nach Leipzig sei. Ich hatte kein besonderes Gewicht darauf gelegt, da ich mir inzwischen den Gedanken so ziemlich abgewöhnt hatte.
Die Bemerkung Fittigs war etwas wie ein neuer Weckruf, der aber nicht stark genug wirkte, um mich zu einer Änderung meiner Reiselinie zu veranlassen.[261]
Diese führte mich nach Tübingen, wo ich Lothar Meyer und Hüfner mit großer Freude wiedersah; der letztere hatte inzwischen das altertümliche Schloßlaboratorium verlassen und war in einem schmucken Neubau sehr gut untergebracht.
In hohem Maße interessierte mich der damalige Tübinger Botaniker Wilhelm Pfeffer. Die merkwürdige und folgenreiche Anwendung, welche kurz vorher van't Hoff von dessen Entdeckung des osmotischen Druckes auf chemische Probleme gemacht hatte, legte mir nahe, Pfeffer um genauere Nachricht von der geschichtlichen Entwicklung seiner Arbeiten zu bitten, die damals schon etwa ein Jahrzehnt zurücklagen. Er erzählte mir, daß er die Arbeiten in Bonn als Privatdozent in seiner Stube ausgeführt hatte, da ihm ein Laboratorium nicht zur Verfügung stand. Er war sich bewußt gewesen, daß die Sache eine große allgemeine Bedeutung hatte, konnte sie aber nach der chemischen Seite nicht verfolgen, weil er sich an seine botanischen Probleme halten mußte. So hatte er R. Clausius, den sehr bedeutenden Physikprofessor in Bonn, eingeladen, seine Versuche zu sehen. Dieser war auch gekommen und hatte am Manometer den überraschend hohen Druck abgelesen, der durch eine dünne Zuckerlösung erzeugt worden war. Dann aber hatte er schweigend den Kopf geschüttelt und war fortgegangen, ohne ein Wort zu sagen. Auch hatte Pfeffer, als er nach Tübingen gekommen war, wiederholt Lothar Meyer eingeladen, mit ihm diese Dinge zu bearbeiten; dieser aber hatte auch keine Seite gesehen, von der aus dem Problem beizukommen war.

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Als Physiker war in Tübingen F. Braun tätig, mit dem mich auch gemeinsame Interessen zusammenführten. Ich hatte an einer seiner Arbeiten einen gewissen Schluß in meinem Lehrbuche beanstandet und er hatte meinen Einwand sehr gut aufgenommen. Persönlich sagte er mir:[262]  »Das einzige von Belang, was gegen meine Arbeit vorgebracht worden ist, haben Sie gesagt, und Sie haben Recht.« Da man derartiges nur sehr selten erlebt, ist mir das kleine Ereignis im Gedächtnis geblieben. Ein Vierteljahrhundert später sahen wir uns in Stockholm wieder, wo uns beiden der Nobelpreis verliehen wurde; ihm der physikalische für drahtlose Telegraphie, mir der chemische für Katalyse.
Über die Leipziger Angelegenheit erfuhr ich in Tübingen nichts. Man war einig darüber, daß ich der geeignetste Kandidat sei. L. Meyer erzählte, daß nach Berichten eines Leipziger Freundes Wiedemann gegen seine Berufung gearbeitet habe, und als er den Freund fragte: »warum nehmt ihr nicht Ost wald?« war die Antwort: »Der ist Wiedemann noch viel unbequemer.«
Die große Nachricht. Von Tübingen reiste ich nach Würzburg, wo ich endlich Genaueres über die Leipziger Frage erfahren konnte. Mir war die persönliche Bekanntschaft mit Kohlrausch abgesehen von der schwebenden Angelegenheit besonders wertvoll, weil er der Schöpfer des Verfahrens zur Leitfähigkeitsmessung und der beste Kenner des ganzen Gebietes war. Er hatte mich brieflich dringend ersucht, meine Messungen, die ich bislang in willkürlichen Einheiten ausgedrückt hatte, methodisch auf absolute Einheiten zu beziehen und ich habe seine Anregung mit Dank ausgeführt.
Ich fand einen langen, mageren Herrn mit graublondem Bart, der kühl und zurückhaltend war, wenig sprach und entschlossen schien, alles von sich fern zu halten, was man nicht beweisen kann.
Nach Erledigung der wissenschaftlichen Angelegenheiten kam das Gespräch auf Leipzig. Ich erwähnte Fittigs Bemerkung; er sagte mir, daß Wislicenus sich günstig über mich ausgesprochen habe, mehr wisse er mir nicht zu sagen. Er nahm mich zum Kaffee nach Hause und lud mich zum akademischen Kegelabend ein, der eben[263]  fällig war. Dieser verging im Kreise der Würzburger Kollegen sehr fröhlich; auch Kohlrausch taute auf und erbot sich, am nächsten Morgen Wislicenus zu telegraphieren; die Antwort würde dann zum Mittag eintreffen, wo ich bei ihm essen sollte. Dies fand denn auch richtig statt; das Telegramm brachte aber keine Lösung, denn es lautete etwa: »Wohin reist Ostwald? ich wünsche und hoffe seine Berufung.« So drahtete Kohlrausch nochmals und fragte, ob mein Kommen nach Leipzig erwünscht sei. Er hatte sich inzwischen so für meine Sache und Person erwärmt, daß er sich beider mit einer Liebe annahm, für die ich mich ihm zu dauerndem Dank verpflichtet fühlte. Auch habe ich das Glück gehabt, mir sein Wohlwollen ungetrübt zu erhalten, obwohl bei den vielfachen Berührungen unserer Arbeiten und der vollkommenen Gegensätzlichkeit unserer Temperamente – er war reiner Klassiker, ich bin Romantiker – Meinungsverschiedenheiten nicht ausblieben. Sie konnten immer durch freundschaftliche Verständigung ausgeglichen werden. Gegen Abend traf von Wislicenus die Nachricht ein, daß eine persönliche Aussprache erwünscht sei; ich machte mich sofort auf den Weg.
Die Leipziger Vorgänge. In Leipzig hatte sich inzwischen folgendes zugetragen. Nachdem die Berufungen deutscher Professoren alle fehlgeschlagen waren, wurde auf Wislicenus' Anregung van't Hoff auf die Liste gesetzt. Doch war dem Ruf die Bedingung beigefügt worden, daß er ohne alle weiteren Verhandlungen mit einem runden Ja oder Nein beantwortet werden müsse. Van't Hoff war darauf stillschweigend nach Leipzig gereist, hatte sich die Verhältnisse angesehen, sie ungenügend befunden und in der Antwort seine Änderungswünsche ausgesprochen. Darauf mußte ihm Wislicenus mitteilen, daß durch die Nichtberücksichtigung jener Bedingung die Angelegenheit im negativen Sinne erledigt sei.[264]
Die philosophische Fakultät in Leipzig mochte sich nach dieser Kette von Mißerfolgen nicht weiter mit Berufungen befassen; Wislicenus wollte aber keinenfalls auf die Besetzung der zweiten Professur für Chemie verzichten und brachte persönlich bei dem Sächsischen Kultusminister Gerber, dessen Vertrauensmann er war, als letzte Möglichkeit mich in Vorschlag.
Die Fakultät konnte ihre Bedenken wegen meiner Jugend und wegen meines draufgängerischen Wesens nicht verschweigen; doch wurde anerkannt, daß andere Kandidaten nicht genannt werden könnten. So ging ein ministerielles Berufungsschreiben nach Norden ab, während ich mich ahnungslos im Süden herumtrieb.
Nach durchfahrener Nacht traf ich in den Morgenstunden in Leipzig ein, versah mich beim Verleger mit Reisegeld und ging so früh als zulässig war zu Wislicenus. Es war ein eigentümliches Gefühl, ihn in demselben Zimmer häuslich eingerichtet zu finden, in welchem ich vor Jahr und Tag auf meinen früheren Deutschlandreisen gleichsam zu Kolbes Füßen gesessen hatte und von ihm mit völlig unerwarteter und daher fast überwältigender Freundlichkeit empfangen worden war. Sogar Kolbes alter und vertrauter Laboratoriumsdiener Schumann war noch im Amt. Wislicenus trat mir entgegen, eine imponierende Gestalt, groß, mit breiter Brust, fast weißem, gewelltem Haar und starkem Bart: ein Zeuskopf. Doch war er sehr herzlich und behielt mich alsbald zu einer langen Aussprache da. Er berichtete mir, daß der erste Kandidat Landolt gewesen sei, der damals in Berlin Professor an der landwirtschaftlichen Hochschule war. Doch seien seine Ansprüche (Neubau usw.) unerfüllbar gewesen. Ebenso habe mit Winkler in Freiberg keine Einigung erzielt werden können. Auf die Episode van't Hoff ging Wislicenus nicht ein. Dann sei mein Name genannt worden; Wiedemann habe aber dagegen gesprochen mit[265]  der Begründung, daß ich zu viel und zu schnell publiziere und Gesetze aufstelle, ohne sie genügend zu beweisen. Wislicenus habe das teilweise zugegeben, aber hervorgehoben, daß das an meiner Jugend läge und sich ändern würde; ich sei doch andererseits ideenreicher, als die anderen Kandidaten. Sehr energisch für mich eingetreten sei W. Wundt.

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Um aus diesen Gegensätzen herauszukommen, erzählte Wislicenus weiter, habe die Fakultät Clausius und Kohlrausch um ein Urteil ersucht. Beide hätten sich sehr günstig über mich geäußert. Sie hätten beide in sachlicher und fast wörtlicher Übereinstimmung gesagt, daß ich zwar etwas kühn im Schließen sei, daß aber meine Experimentalarbeiten völlig solid seien und sie mich daher nur dringend empfehlen könnten. Diese Briefe hatte Wislicenus dem Minister vorgelegt und da die Fakultät zu keinem Entschluß kam, persönlich meine Berufung befürwortet, zu der der Minister auch ohne Fakultätsbeschluß berechtigt war; er glaube, daß darnach auch verfahren sei, so daß vermutlich das Berufungsschreiben schon nach Riga abgeschickt sei.
Er gab mir dann einen Überblick über meine künftige Tätigkeit und die zu erwartenden Einnahmen. Die Zahlen ergaben eine vielfache Steigerung gegenüber Riga. Unter dem Sprechen wurde er wärmer und wärmer, und als wir schieden, war er herzlich wie ein alter Freund.
Die Berufung. Wenige Stunden später erschien er unerwartet in meinem Gasthof, als ich eben meinen Koffer packte. »Da sind Sie ja – nun ist alles gut, Sie sind Leipziger Professor!« Er hatte alsbald nach Dresden telegraphiert und umgehend aus dem Ministerium die Nachricht erhalten, ich möchte sofort nach Dresden kommen; das Berufungsschreiben sei in Riga. Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Daß dies Ziel, um welches in den letzten Tagen meine Gedanken gekreist waren, wie um eine ferne[266]  Sonne, nun schon erreicht sei, wollte mir nicht in den Sinn. Wislicenus war womöglich noch froher. Er bekannte mir, daß er mit dem Gefühl eines großen Wagnisses meine Kandidatur vertreten habe. Die persönliche Bekanntschaft heute früh habe ihn aber völlig beruhigt. Er sei überzeugt, daß ich die Erwartungen erfüllen und beim Einarbeiten in die neuen Verhältnisse bald das abstreifen würde, was die Kollegen allenfalls an mir aussetzen könnten.
Wislicenus legte großes Gewicht darauf, daß ich alsbald mich mit Wiedemann persönlich in Verbindung setze und brachte mich zu ihm, worauf er sich in Amtsgeschäften entfernen mußte. Wiedemann ließ es mir gegenüber nicht an Versicherungen fehlen, welche schönen Erfolge er für die Wissenschaft aus unserer gemeinsamen Tätigkeit erhoffe. Ich wußte damals nicht, daß er gewünscht hatte, seinen Sohn in der Stellung zu sehen, die mir zugefallen war.
Als ich Wiedemann verlassen wollte, begegnete uns ein alter, ziemlich kleiner Herr mit scharfgeschnittenem, bartlosem Gesicht, einer rötlichen anliegenden Perrücke und unbeschreiblich gescheuten Augen. Ich wurde ihm vorgestellt: es war Carl Ludwig, der größte und genialste Physiologe seiner Zeit. Er sprach seine Freude aus, mich als Kollegen begrüßen zu können und fügte hinzu: »Aus Ihrem Buche habe ich viel gelernt.« Ich wußte nichts zu erwidern, denn von allen Glückserlebnissen dieses reichen Tages war dies das intensivste.
Am Abend reiste ich nach Dresden, um mich am nächsten Tage im Ministerium vorzustellen. Ich wurde von dem vortragenden Rat in Universitätssachen, Petzold, einem feinen und liebenswürdigen Beamten empfangen und nach einigen freundlichen Worten, trotz meiner Reisekleidung zum Kultusminister Gerber, einem früheren Leipziger Professor aus der Juristenfakultät geführt. Er teilte mir mit, daß das Berufungsschreiben vor zehn Tagen[267]  nach Riga abgegangen sei und ersuchte mich um meine formelle Erklärung, ob ich die Berufung annehme. Ich antwortete: »es ist, als ob Sie einen Unteroffizier fragen, ob er General werden will. Ja.«
So war ich Leipziger Professor geworden, bevor ich mein 34. Lebensjahr erreicht hatte, und sah einen Wirkungskreis vor mir, der über die ganze Kulturwelt reichen konnte, wenn ich ihn auszufüllen fähig war.



Erstes Kapitel.
Lösung von der Heimat










Rückkehr. Die zwei Tage unmittelbar nach meiner Berufung auf den Leipziger Lehrstuhl, welche die Heimreise nach Riga und an den Strand kostete, wo meine Familie lebte, waren schwer zu ertragen. Das überschwengliche Glücksgefühl, welches mit der plötzlichen Beförderung vom Lehrer an dem unbedeutenden Polytechnikum zum ordentlichen Professor an einer der ersten Universitäten Deutschlands und der Welt verbunden war, fand keine Möglichkeit, sich durch Mitteilung zu entladen und mußte schweigend bewältigt werden. Erst auf der Eisenbahn zwischen Riga und dem Strande traf ich mit meinem Kollegen Grönberg zusammen und konnte mich ein wenig aussprechen. Er hatte schon von der Sache gehört, sie aber ebensowenig geglaubt wie die anderen und stellte nun durch Kreuz- und Querfragen fest, daß es sich wirklich um ein selbständiges Ordinariat handelte und nicht eine Honorarprofessur, welche die Kundigen für die einzige Möglichkeit erklärt hatten.
Die Nachricht von der Berufung hatte nämlich meine Familie am Strande getroffen, wo sie mit meinen Schwiegereltern Sommerfrische hielt. Zufällig machte mein Schwiegervater einem Bekannten in der Nachbarschaft davon Mitteilung, in dessen Hause sich ein aus Leipzig gekommener Verwandter befand. Tags darauf[1]  erschien bei meiner Frau eine liebenswürdige alte Dame, die sie unter vielen Entschuldigungen dringend bat, die Nachricht nicht weiter verbreiten zu lassen. Denn jener Leipziger, dem die Kreise der dortigen Universität bekannt seien – er war Jurist – hätte sie darüber aufgeklärt, daß eine Berufung meiner Person zu einem Leipziger Ordinariat absolut ausgeschlossen sei; solche Sprünge in eine derart hohe Stellung gebe es nicht. Allerhöchstens könne es sich um eine Titularprofessur als Ersatz für den vor einigen Jahren verstorbenen Extraordinarius Carstanjen handeln. Es müsse irgendein Mißverständnis oder eine Mystifikation vorliegen, und in ihrem und meinem Interesse sollte meine Frau vermeiden, jene unmögliche Nachricht, ich sei Geheimrat Wiedemanns Nachfolger geworden, zu verbreiten. Obwohl meine Frau erwidern konnte, daß es sich tatsächlich um jene Professur handelte, da sie im Berufungsschreiben als die bisher von Wiedemann bekleidete bezeichnet war, fühlte sie sich doch naturgemäß beunruhigt und erwartete mein Kommen mit verstärkter Ungeduld. Die hochentwickelte Akustik am Rigaschen Strande aber hatte die Nachricht und ihre Deutung alsbald bis zu den Kollegen vom Polytechnikum gelangen lassen, so daß Grönbergs Zweifel und Fragen ihre Erklärung fanden.
Der Nachfolger. Um meine umgehende Entlassung zu betreiben, hatte ich mich an den ersten Vorsitzenden des Verwaltungsrates, den Landmarschall von Öttingen zu wenden. Dieser war ein vierter Bruder der drei Dorpater Professoren gleichen Namens und übte als hervorragender Politiker einen großen Einfluß auf die Geschicke des Baltenlandes aus. Er empfing mich mit den Worten: »Sie kommen, um mir eine unwillkommene Nachricht zu bringen,« widersetzte sich aber nicht meiner Bitte, von dem formalen Kündigungstermin abzusehen. Denn er meinte mit Recht, daß ich doch nur ein halbes Herz[2]  für meine Unterrichtsarbeit aufbringen würde, wenn ich auch noch ein Semester in Riga bliebe, und verlangte nur, daß ich ihm rechtzeitig einen Ersatzmann beschaffen solle. Ich wandte mich alsbald an Wislicenus, der seinen Schüler und Assistenten C. Bischoff so warm empfahl, daß er alsbald gewählt wurde. Dies war meinem Leipziger Gönner und Kollegen Wislicenus besonders willkommen, denn trotz der ungewöhnlich großen Schülerzahl, die er jahraus jahrein ausbildete, brachte er nur ganz wenige so weit, daß sie in akademische Lehrstellen einrückten. Ich wußte das damals freilich nicht, sondern entdeckte diese seltsame Tatsache erst viel später, als ich allgemeine Untersuchungen über die Bedingungen anstellte, welche zur Entwicklung der Forschungsfähigkeit notwendig sind.
Da Professor Bischoff wegen der Leipziger Ferien sofort abkömmlich war, siedelte er alsbald nach Riga über, so daß ich ihn noch kennen lernen und ihm das Institut übergeben konnte. Er erwies sich in jeder Beziehung als ein anderer Mann. Wissenschaftlich war er im engen Kreise der damaligen organischen Chemie erzogen worden und die Ordnung der Atome im Raum bei organischen Verbindungen war ihm das höchste aller denkbaren Probleme. So wird er wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als er in Riga nichts von der ihm gewohnten präparativ-organischen Arbeit vorfand. Von der physikalischen Chemie hingegen wußte er nichts und mag sie wohl mit der Mehrzahl der gleichgerichteten Fachgenossen für etwas gehalten haben, was eigentlich gar keine Chemie ist.
Ich hatte mir während meiner Amtstätigkeit oft genug die Frage vorgelegt, ob ich nicht wenigstens eine Abteilung für organische Arbeiten, wie sie damals fast die einzige Beschäftigung der Chemiker bildeten, einrichten sollte; eine Abteilungsprofessur dafür wäre wohl[3]  bewilligt worden. Aber ich sagte mir, daß eine Industrie organischer Stoffe, welche die in solcher Richtung ausgebildeten Chemiker hätte aufnehmen können, weder in den Ostseeprovinzen, noch im übrigen Rußland vorhanden war, und daß ein Versuch, mit der deutschen Industrie den Wettbewerb auf solchem Gebiete, namentlich dem der Farbstoffe aufzunehmen, ganz aussichtslos sein würde. Dagegen gab es eine sich stetig entwickelnde anorganische Industrie im Lande, und diese brauchte in erster Linie gute Analytiker. Die Kenntnis der Grundbegriffe der Verwandtschaftslehre war aber gerade für diese Gebiete von großer Wichtigkeit und gab den in Riga ausgebildeten Chemikern sogar einen großen Vorzug vor den anderen. So hatte ich bewußt und überlegt darauf verzichtet, jene andere Richtung in Riga heimisch zu machen. Meinem Nachfolger aber lagen solche Gedanken fern.

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Ebenso wie die wissenschaftliche Einstellung war auch seine gesellschaftliche gegensätzlich. Er war ein schöner Mann mit wohlklingender Stimme, der Wagners: »Seid mir gegrüßt in diesem edlen Kreise« ausdrucksvoll und gewinnend zu singen verstand und damit die Herzen der Damen im Fluge eroberte.
So kam es, daß das Steuer des Rigaer Laboratoriums unmittelbar nach meinem Fortgang auf eine ganz andere Richtung umgelegt wurde. Es wären von meiner dortigen Tätigkeit bald alle Spuren verwischt gewesen, wenn nicht in Paul Walden ein vollwertiger Vertreter der neuen Wissenschaft zurückgeblieben wäre, der in stiller und zäher Arbeit deren Werte festhielt und ausbaute. In dem Maße, als durch die in Leipzig einsetzende Entwicklung der Lehre ihre öffentliche Anerkennung zunahm, gelang es ihm auch in Riga, die alte Richtung wieder zur Geltung zu bringen. Walden erhielt einen Urlaub, um im Leipziger Laboratorium arbeiten zu können, und einen Lehrauftrag für physikalische Chemie, der sich in gegebener[4]  Zeit zu einer ordentlichen Professur entwickelte. Durch den großen Einfluß, den er weiterhin persönlich am Rigaschen Polytechnikum und in der Petersburger Akademie der Wissenschaften gewann, hat er dann endlich die vielgeliebte Wissenschaft an dem Orte, wo gleichsam ihr Körper, nämlich das Lehrbuch und die Zeitschrift entstanden war, wieder zu allen Ehren gebracht und sie durch eigene, sehr bemerkenswerte Arbeiten in großem Umfange bereichert.
Abschied. Wegen des Abstandes der Semesteranfänge in Deutschland und Rußland hatte ich einige Monate Ferien, bevor ich nach Leipzig übersiedeln mußte. Sie vergingen wie im Fluge infolge der mannigfaltigen Geschäfte, welche das Abbrechen der Zelte in Riga und die Vorbereitung der Unterkunft in Leipzig mit sich brachten. Denn die beschriebenen Ereignisse hatten sich Anfang August abgespielt, während das neue Semester in Leipzig erst Mitte Oktober begann.
Der Abschied von Riga ging mir nicht besonders zu Herzen. Während der fünfeinhalb Jahre, die ich dort als Professor am Polytechnikum zugebracht hatte, war es mir nicht gegeben gewesen, in der Gesellschaft meiner Vaterstadt mir eine bestimmte Stellung zu schaffen. Die Entfaltung einer ausgedehnten häuslichen Gastfreundschaft wie sie in Riga üblich war, war durch die Knappheit des Gehaltes behindert, da das gesellige Leben unter dem Einfluß einer wohlhabenden Kaufmannschaft sich in erheblich üppigeren Formen vollzog, als im akademisch-demokratischen Dorpat. Auch beanspruchte die schnell anwachsende Familie meine Frau als Mutter so stark, daß für andere Dinge nicht viel Zeit und Energie zu erübrigen war. Die Hauptursache lag aber unzweifelhaft in meiner persönlichen Einstellung. Die mannigfaltige wissenschaftliche Arbeit in Gestalt von Forschung, Unterricht und Schriftstellerei ließ mir weder Zeit noch Neigung[5]  für die Art der Geselligkeit übrig, welche in meiner Vaterstadt gebräuchlich war. Für mich kamen damals andere Interessen als die rein wissenschaftlichen überhaupt kaum in Betracht. Diese fanden im Boden der Heimat keine Nahrung, wohl aber reichliche in Deutschland, wohin die Wurzeln meines Wesens anfangs unterbewußt später bewußt immer gestrebt hatten. Nun war mir durch das Lehrbuch und die Zeitschrift in Leipzig, dem Orte der Herstellung und des Verlags schon seit einigen Jahren eine Art geistiger Heimat entstanden, in der alles vorhanden war, was meine Vaterstadt mir nicht bieten konnte. Da ich aus diesen Verhältnissen meiner Art nach durchaus kein Hehl machte, erweckte ich ohne es zu wollen – aber leider auch ohne mich darum zu kümmern – eine gegensätzliche Stimmung unter meinen Altersgenossen von der Universität, welche ihrerseits den regelmäßigen Aufstieg in den maßgebenden Kreisen angetreten hatten. Hätte ich statt in der Chemie mich in irgendeinem Gebiete der »Geisteswissenschaften«, etwa in der Philologie oder gar der Theologie ausgezeichnet, so hätte mir eine bereitwillige und respektvolle Anerkennung nicht gefehlt. Auf die Wertschätzung von Sonderleistungen in einem so fernliegenden Gebiet, wie die physikalische Chemie, war niemand eingestellt.
Weiter unten sollen die allgemeinen Ursachen der inneren Trennung noch eingehender erläutert werden.
Der Abschied von den Kollegen am Polytechnikum vollzog sich gleichfalls ohne Kummer, doch in herzlicher Freundschaft. Sie standen meiner Wissenschaft nahe genug, um ein Verständnis für die erlangten Ergebnisse, sowohl im Unterricht wie in der Forschung zu haben, und fern genug, um von Eifersucht oder Neid frei zu bleiben vielleicht mit einer oder zwei Ausnahmen. Sie nahmen mir nicht übel, daß ich ihren Kreis ohne Zögern zu verlassen bereit war und sahen gleich mir den Sprung[6]  an die Leipziger Universität als einen außerordentlichen Glücksfall an.
Störungen. Die letzten Jahre in Riga waren zudem noch besonders durch einen schwarzen Schatten getrübt, der auf meine Eltern gefallen war. Nachdem er sich ein für seine Verhältnisse ganz stattliches Vermögen erworben und das sechzigste Lebensjahr überschritten hatte, hielt mein Vater es an der Zeit, sich von dem Betrieb seiner Werkstatt frei zu machen, um mehr Freiheit für seine gemeinnützige Tätigkeit in der Stadt und der Zunft zu gewinnen. Um wirtschaftlich nicht ganz untätig zu sein, gewährte er einem nahen Verwandten die Mittel, einen Holzhandel zu errichten und trat dem Geschäft als Teilnehmer bei. Dies war ein Jahr lang gut gegangen, so daß der Vater dem anderen die Geschäftsleitung mehr und mehr überließ. Dieser aber war von dem Ehrgeiz geplagt, durch einen großen Schlag einen Riesengewinn zu erzielen, ließ sich von den Holzjuden, ohne welche kein Abschluß durchführbar war, zu gewagten Geschäften verleiten und verlor nicht nur das ganze vorhandene Vermögen, sondern erheblich mehr.


Dies traf meine Eltern so schwer, daß es fast untragbar schien. Sein ganzes Leben lang hatte mein Vater darauf geachtet, keinen Pfennig auszugeben, für den nicht Deckung vorhanden war. So hätte er den Verlust seines Vermögens verschmerzt, wenn auch nicht leicht, denn es hing ein Menschenleben voll Arbeit daran. Aber sich mit Schulden behaftet zu fühlen, von denen er nicht absehen konnte, wie er sie bezahlen würde, ging fast über seine Kraft.
Meine kleinen Ersparnisse waren nur ein Tropfen; ebensowenig kam das Wenige in Betracht, was mein Bruder Eugen besaß und die Wechsel mußten eingelöst werden. Da trat mein Schwiegervater mit einem Darlehen in die Bresche, das mein Vater mit dem festen Entschluß annahm, nicht zu ruhen, bis es abgetragen war.[7]
Ich kann nicht im einzelnen erzählen, wie mein Vater mit einer Biegsamkeit des Geistes und Intensität der Arbeit, wie sie uns sonst nur aus Amerika geschildert wird, trotz seiner hohen Jahre es durchsetzte, seine Schulden zu verzinsen und zu bezahlen. Letzteres ist ihm in erstaunlich kurzer Zeit gelungen und er hat sich darüber hinaus zum zweiten Male ein Vermögen erworben, das zwar geringer war, als das frühere, ihm aber doch die Möglichkeit gab, das letzte Jahrzehnt seines Lebens in Ruhe und unter Verhältnissen zu verbringen, die sein lebenslänglicher Wunsch gewesen waren. Er erwarb sich einen kleinen Landbesitz, der anmutig zwischen See und Wald lag und erfreute sich, auf langen Spaziergängen im geliebten Walde die Hasen, Rehe, Füchse und anderen Waldbewohner, die er früher geschossen hatte, nun friedlich in ihrem Treiben und Tun zu beobachten. Dort besuchte ich die rüstigen Eltern von Leipzig aus mit meiner Familie gelegentlich ihrer goldenen Hochzeit, und dort ist er als hoher Achtziger gestorben. Meine Mutter hat ihn noch lange überlebt.
Auch diese Ereignisse waren nicht dazu angetan, mir das Einleben in die gesellschaftlichen Verhältnisse Rigas zu erleichtern.
Die Studenten. Am stärksten empfand ich die Trennung von meinen Studenten. Ich hatte ihnen viel größere Anforderungen zugemutet, als mein Amtsvorgänger, hatte aber eine Bereitwilligkeit gefunden, ihnen zu genügen, die mich mit Freude, fast mit Rührung erfüllte.
Aber auch hier mußte ich mir sagen, daß der Abschied notwendig war. Ich habe schon früher (I, 244) dargelegt, daß durch die Natur der vorhandenen Verhältnisse die Ausbildung eines wissenschaftlichen Nachwuchses in meinem Sondergebiet ganz ausgeschlossen war. Ich mußte vielmehr im Interesse ihrer späteren Unterkunft in der heimischen Industrie vermeiden, sie zu tief in meine[8]  persönliche Forschungsrichtung einzuführen und kam dadurch in einen dauernden Widerspruch mit meinen eigenen und zuweilen auch sogar mit ihren Neigungen. Und daß ich etwa vom Auslande her einen Kreis persönlicher Schüler außerhalb des normalen Unterrichtsganges um mich sammeln könnte, mußte als äußerst schwierig ja kaum möglich beurteilt werden. Schon die äußerliche Raumfrage war ein Hindernis. Wegen der Überfüllung war jeder verfügbare Winkel mit den regelmäßigen Praktikanten besetzt, und es durfte nicht daran gedacht werden, sie zugunsten Fremder einzuschränken. War doch Arrhenius' Mitarbeit nur dadurch möglich geworden, daß ich ihm den Arbeitsplatz in meinem eigenen Zimmer anwies. Dies war gleichzeitig Laboratorium, Sprech- und Verwaltungszimmer, da mir weitere Räume nicht zur Verfügung standen.
Landesüblich. Zur Ausreise aus Rußland gehörten mancherlei Papiere, die von der Polizei auszustellen waren und auf die man meist ungebührlich lange warten mußte, wenn man nicht das in Rußland übliche Schmiermittel in Gestalt eines Zehnrubelscheines zur Anwendung brachte. In meinem Falle lehnte der »Quartaloffizier«, durch dessen Hand die Angelegenheit ging, das Geld ab, ohne indessen ein Zeichen des Gekränktseins erkennen zu lassen. »Herr Professor, sagte er, ich bin ein ehrlicher Mann. Ich kann Ihnen die Sache nicht besorgen. Vor einer Woche hätte ich es gekonnt, und nach ein paar Wochen wird es wieder gehen. Aber vorgestern ist der neue Polizeimeister gekommen, und der läßt es noch nicht zu. Es wird nicht lange dauern, dann wird alles wie früher gehen, aber jetzt geht es nicht. Ich kann das Geld nicht nehmen; ich bin ein ehrlicher Mann.« Ich mußte also den vorgeschriebenen Weg einhalten, doch wurden die Papiere noch rechtzeitig ausgefertigt.
Dies war der letzte Eindruck, unter dem ich das Russische Reich verließ. Von Leipzig aus betrieb ich[9]  alsbald meine Entlassung aus dem Russischen Untertanenverband, die ich umgehend erhielt und schloß mich als Deutscher dem Deutschen Reich an.
Die Ausreise der Familie. Im September 1887 machte ich mich mit meiner Familie auf den Weg von Riga nach Leipzig. Neben meiner Frau waren vier Kinder vorhanden, zwei Söhne Wolfgang und Walter und zwei Töchter, Margarete und Elsbeth. Margarete war die Älteste und mit ihren fünf Jahren schon ein ganz verständiges Mädchen, Walter der Jüngste und eben im Begriff, das Gehen zu erlernen. Zur Hilfe hatten wir ein Kindermädchen mitgenommen, eine Waise, die meine Frau in ganz verwahrlosten Verhältnissen gefunden und aus Mitleid ins Haus genommen hatte. Sie bewährte sich gut. Die Reise verlief ohne Unfall.
Bei der Wahl der Vornamen der Söhne hatte es mir gefallen, daß sie beide ebenso wie der meinige mit einem W begannen. Ich hatte dabei die Möglichkeit nicht bedacht, daß sie vielleicht ebenso wie ich her nach ihren Namen als Schriftsteller bekannt machen würden, wobei dann drei verschiedene W. Ostwald vorhanden wären, zwischen denen Verwechselungen nicht vermieden werden könnten. Erst als nichts mehr zu bessern möglich war, kam ich dahinter, da diese Möglichkeit Wirklichkeit wurde, und zwar früher als ich dachte. Am nachteiligsten war dies natürlich für meine Söhne. Sie haben sich aber bald dadurch geholfen, daß sie dem gemeinsamen Konsonanten W noch ihren persönlichen Vokal hinzufügten, so daß Wolfgang als Wo. Ostwald, Walter als Wa. Ostwald sich ihren Platz in der wissenschaftlichen und technischen Literatur erarbeitet haben. Mir wurde die kurze Form W. Ostwald überlassen. Doch kann ich feststellen, daß in dem Maße, wie sie häufiger genannt werden, seitens Dritter meine Person durch die Abkürzung [10]  Wi. Ostwald gekennzeichnet wird, damit ich nicht mit ihnen verwechselt werde.

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Abrechnung. Versuche ich mir Rechenschaft über das wissenschaftliche Kapital zu geben, mit welchem ich von Riga nach Leipzig übersiedelte, so kann ich folgende Aktiva buchen:
1. Durch die Neuorganisation des chemischen Unterrichts in Riga, der ganz verfallen war, mit dem Erfolg einer sehr starken Steigerung der Studentenzahl hatte ich meine Fähigkeit kennen gelernt und erwiesen, neues wissenschaftliches Leben aufzubauen, auch wo der Boden bisher keinen Ertrag gegeben hatte.
2. In die Rigaer Zeit fallen zwei bedeutende wissenschaftliche Fortschritte in meinen experimentellen Arbeiten. Zunächst die Entwicklung der chemischen Kinetik und des dazu notwendigen Thermostaten, wobei sich dieselben Verwandtschaftszahlen der Säuren herausstellten wie aus statischen Messungen. Sodann die ersten Schritte in die Elektrochemie. Erstens die methodische Untersuchung der Leitfähigkeit. Hier begegneten sich meine Arbeiten mit denen von Arrhenius, welcher die Proportionalität zwischen Leitfähigkeit und Reaktionsfähigkeit postuliert hatte. Zweitens die ersten Vorstöße in das Problem der elektromotorischen Kräfte; die weitere Arbeit daran erfolgte allerdings erst nach mehreren Jahren.
3. Durch die Abfassung des Lehrbuches hatte ich das ganze Gebiet der allgemeinen Chemie methodisch durchgearbeitet und in übersichtliche Ordnung gebracht. Es war nunmehr leicht geworden, an jeder Stelle mit neuer Arbeit einzugreifen, da der Boden geebnet und das bisher Geleistete in Zusammenhang gebracht war.
4. Die Begründung der Zeitschrift sicherte das Dasein der Allgemeinen Chemie als einer selbständigen Wissenschaft, indem sie die zeitgenössischen Mitarbeiter vereinigte und ihnen die Möglichkeit gab, sich der[11]  Öffentlichkeit im eigenen Hause darzustellen und nicht wie bisher als geduldete Gäste in nicht immer wohlwollender Umgebung.
5. Dadurch, daß ich trotz ungewöhnlich starker Belastung mit Unterrichtsarbeit – wenige Jahre nach meinem Fortgang wurde der Inhalt meines Lehramts auf drei ordentliche Professuren verteilt – noch reichlich freie wissenschaftliche Forschungsarbeit hervorgebracht und daneben eine ausgedehnte literarische Tätigkeit entfaltet hatte, war eine Gewähr dafür gegeben, daß meine Kräfte auch größeren Aufgaben gewachsen sein würden.
Dies waren die positiven Posten, die ich meinem Konto gutbringen konnte; wie stand es um die negativen?
Als solchen konnte ich bei sorgfältiger Selbstschau nur einen verbuchen: daß ich weder unter meinen Kollegen noch in den maßgebenden Kreisen meiner Vaterstadt eine nennenswerte gesellschaftliche Stellung gewonnen hatte.
Zwar fehlte es mir nicht an Vertrauen seitens der Kollegen, noch an Achtung seitens meiner Mitbürger; es war aber in den Jahren meiner Tätigkeit kein näheres Verhältnis zustande gekommen.
Als der langjährige Direktor Kieseritzky zurückgetreten und mein nationalökonomischer Kollege Lieventhal zu seinem Nachfolger gewählt war, sprach er sich mir gegenüber dahin aus, daß wegen meines wissenschaftlichen Ansehens die Stelle eigentlich mir gebühre. Die Herren im Verwaltungsrat hätten dies auch ohne weiteres anerkannt, seien aber der Meinung gewesen, es wäre schade, mich durch die notwendige tägliche Verwaltungsarbeit um Zeit und Kraft für meine wissenschaftliche Tätigkeit zu bringen. In solcher Richtung sei ich schon durch das große Laboratorium belastet genug gegenüber den Professoren, die wie er nur Vorlesungen hätten. Ich gab ihm ganz und gar Recht; ich hätte tatsächlich[12]  das Amt nicht übernehmen können, teils aus dem angegebenen guten Grunde, teils weil ich persönlich ganz ungeeignet dazu war. Durch die wissenschaftliche Arbeit war ich dermaßen an abstraktes Denken gewöhnt, daß mir einzelmenschliche Tagesangelegenheiten ein viel zu geringes Interesse abgewannen.
Ähnliche Ursachen hatten meine gesellschaftliche Stellung bestimmt.
Wenn ich mich nachträglich frage, wie es kam, daß die Ablösung von der Vaterstadt so leicht und ohne das Gefühl eines Verlustes erfolgte, so liegen mir heute die Gründe deutlicher vor Augen als damals. Zunächst war meine Familie keine alt-Rigische, sondern vor zwei Generationen eingewandert. Schon dies bedingte, daß ich als nicht zum engeren Kreise gehörig mit einem vielfach unterbewußten aber doch über allwirksamen Gefühl des Abstandes betrachtet und behandelt wurde. Ich konnte dies an der Familie meiner Frau beobachten, die zu den bodenständigen gehörte und deren Angehörige einen weitverzweigten Zusammenhang über Riga hinaus nach Stadt und Land in Livland und Kurland besaßen und pflegten. Bei aller Freundlichkeit des Entgegenkommens war doch der Unterton einer willigen Herablassung dem Emporkömmling gegenüber nicht zu verkennen. Nur mein Schwiegervater hatte ein lebendiges Verständnis für meine wissenschaftlichen Bestrebungen; auch waren ihm an seinem ältesten Sohn Karl (I, 145) die sprunghaften Möglichkeiten der wissenschaftlichen Laufbahn bekannt geworden. Da ich sonst niemand unter ihnen fand, der im Zusammenhang mit den Aufgaben stand, die mich erfüllten, ließ ich es meinerseits an jedem Eifer fehlen, mich jenem Kreise einzugliedern, was dort als ungehöriger Hochmut empfunden wurde. So waren beide Teile zufrieden, die gegenseitigen Berührungen auf das Notwendige zu beschränken. Meine Frau war durch die schnell angewachsenen[13]  Mutterpflichten, die sie überaus ernst nahm und mit bestem Erfolge erfüllte, zwar sehr stark in Anspruch genommen, doch empfand sie natürlich diese Vorgänge schmerzlich, so sehr sie ihre Notwendigkeit einsah.

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Auch nach einer anderen maßgebenden Seite isolierte mich meine wissenschaftliche Einstellung. Ich habe schon erwähnt, daß man in den politisch führenden Kreisen meiner Vaterstadt es als einen Raub ansah, daß ich meine Arbeit und meine Begabung, deren Vorhandensein anerkannt wurde, nicht in den unmittelbaren Dienst der Heimat stellte, wie dies sonst fast ausnahmslos von jedem geschah, der sich geistig über den guten Durchschnitt erhob. Zu verschiedenen Malen war ich mit den führenden Männern, denen ich ohnedies durch meine Zugehörigkeit zum engeren Kreise der Fraternitas Rigensis näher stand, in Berührung gebracht und von ihnen in ernste Gespräche gezogen worden. Ich erwies mich aber so erfüllt von meinen wissenschaftlichen Aufgaben, daß für die der engeren Heimat kein Raum zu finden war.
Ich kann mir wohl denken, daß dies von jener Seite als ernster Mangel, fast als Verrat am Vaterlande empfunden wurde. Denn die zerstörende Welle des Panslavismus hatte schon, wie erzählt, begonnen ihren Druck auszuüben und täglich mußte man neue Bedrückungen erwarten. Es handelte sich dabei nicht nur darum, daß uns ein fremdes Volk seine Sprache und Sitte aufdrängen wollte, sondern, was noch viel ernster war, daß eine unstreitig viel niedrigere Kultur die bei uns erreichten höheren Werte zu verschlingen drohte, wie dies ja auch in der Folge geschehen ist, wenn auch von anderer Seite. So erschien ich ihnen als einer, der sich dem Notruf: Alle Mann an Bord wegen persönlicher Interessen weigerte.
Auf meiner Seite hatte aber das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Geschicke der engeren Heimat sich nicht entwickeln können. Den kleinen Bürgern, zu denen[14]  meine Eltern gehörten, war kein Teil an der Verwaltung der Gemeinde eingeräumt gewesen. Mein Vater hatte in seinem Kreise, der kommunalpolitisch der der »kleinen Gilde« war – der Rat und die beiden Gilden bildeten das Stadtregiment – die Stellung eines Ältermanns erreicht, aber nur, um zu erkennen, wie gering der Einfluß war, den er mit seinen Genossen von dort aus besaß. Dann war vor wenigen Jahren von Petersburg her eine neue Stadtverfassung mit Wahlen auf Grund eines Vermögenszensus eingeführt worden, und mein Vater war Stadtverordneter geworden. Aber praktisch blieb doch das Regiment in den alten Händen, auf welche die Erfahrungen der politischen Technik beschränkt waren, so daß es zunächst nicht schwer war, die Wahlen zu lenken. Allerdings nur so lange, als jene Erfahrungen nicht auf die anderen Kreise übergegangen waren.
So hatte ich auch von Hause keine Zusammenhänge mit den regierenden Kreisen Rigas und keine Sympathie für ihre Erhaltung überkommen. Die wirksamste Pflegstelle für diese aber, das Leben in der Fraternitas mit der Vorbereitung durch die dort bekleideten Ämter zu den größeren Aufgaben der heimatlichen Verwaltung hatte ich selbst kurz abgeschnitten durch die sehr frühzeitige Beendigung meiner Studentenjahre, welche mich nicht einmal das nötige Burschenalter für deren Erlangung erreichen ließ. Und zwar war es auch hier die Wissenschaft gewesen, welche jene Entwicklungsmöglichkeit durchkreuzt hatte.
Folglich wurde darauf verzichtet, mich in jene führenden Kreise aufzunehmen. Die Beziehungen zu den Studiengenossen, die inzwischen neben mir in Amt und Beruf tätig geworden waren, lockerten sich schnell und gelegentliche Berührungen belehrten mich, daß man sich zu gewöhnen begann, mich als Fremden anzusehen. Da dies mit der Zunahme meines wissenschaftlichen Ansehens und Einflusses zusammenfiel, empfand ich es nicht als Verlust.



 Zweites Kapitel.
Das neue Arbeitsfeld und die ersten Früchte.










[15] Erste Tage in Leipzig. In meiner Ungeduld, sobald als möglich in die neuen Verhältnisse zu gelangen, war ich viel früher, als nötig nach Leipzig gereist und hatte meine Familie gleich mitgenommen. In demselben Gebäude, wo sich mein künftiges Institut befand, war auch eine Amtswohnung vorgesehen, in der sich vorher Professor Knop befunden hatte. Sie wurde nach dessen Auszug neu hergerichtet und ich fand bei meiner Ankunft noch die Handwerker tätig, so daß wir zunächst in einem Gasthof Unterkunft nehmen mußten. Wegen der Ferien waren auch nur wenige meiner neuen Kollegen anwesend, doch war glücklicherweise Wislicenus da, der mir die sehr nötigen Hinweise gab, wie ich meinen Anschluß an die große und berühmte Körperschaft der Leipziger Universität zu suchen hatte.
Die Schwierigkeiten hierbei waren nicht gering. Da ich nie, weder als Student, noch als Privatdozent einer deutschen Universität angehört hatte, so waren mir die hier üblichen Verhältnisse ganz unbekannt geblieben und ich lief beständig Gefahr, die entsprechenden Dorpater Sitten und Gewohnheiten ohne weiteres als auch für Leipzig geltend vorauszusetzen. Ich bin sicher, hierdurch vielfältig[16]  Verwunderung, Anstoß und Unzufriedenheit verursacht zu haben. Da in solchen Fällen, so eifrig diese Dinge auch in den Universitätskreisen besprochen werden mögen, gerade derjenige nichts zu erfahren pflegt, dem eine Kenntnis besonders nützlich wäre, um eine bessere Anpassung zu erzielen, so glaube ich hierin einen der Gründe dafür suchen zu sollen, daß es mir später auch in Leipzig nicht gelingen wollte, mich ganz in die Verhältnisse einzuleben.
Die Unterrichtstätigkeit. Die von Wiedemann geleitete Anstalt hatte Physikalisch-chemisches Institut geheißen. In der Form, welche die mir zu übergebende Anstalt unter dem maßgebenden Einfluß von Professor Wislicenus angenommen hatte, erhielt sie den Namen Zweites chemisches Laboratorium. Dadurch war zum Ausdruck gebracht, daß sie, obwohl unter einem selbständigen Leiter, doch wesentlich als Ergänzung des von Wislicenus geleiteten Ersten Laboratoriums geplant war. Dies ist wohl auch der Hauptgrund gewesen, welcher die früher eingeladenen Kollegen zur Ablehnung veranlaßt hatte. Ich hatte diese Unterordnung in meiner Unkenntnis der Beweglichkeit der Deutschen Universitätsverhältnisse überhaupt nicht bemerkt. Denn meine bisherigen Erfahrungen in Dorpat hatten mich nur mit längst festgelegten und fast unbeweglich gewordenen Unterrichtsordnungen bekannt gemacht und ich nahm die Dinge hin, als müßten sie so sein. Auch bekenne ich gern, daß ich auch bei klarer Einsicht in die Verhältnisse die Berufung ohne weiteres angenommen hätte, so groß war der Abstand, sowohl beider Ämter wie auch der, den ich zwischen Wislicenus und mir empfand. Er war fast zwanzig Jahre älter als ich, hatte längst einen berühmten Namen gewonnen und galt als einer der ersten Vertreter seiner Wissenschaft. Sein ebenso würdiges wie wohlwollendes Auftreten hatte ihm eine Art väterlicher Autorität erworben[17]  und so kostete es mich gar keine Anstrengung, mich in der von ihm gewollten Weise unterzuordnen.
Dies ergab folgende Verhältnisse. Damit in jedem Semester die neu eintretenden Studenten alsbald die grundlegende Vorlesung über anorganische Chemie hören konnten, wechselte ich mit ihm darin ab. Im anderen Semester sollte ich regelmäßig physikalische Chemie lesen. Mir war dies durchaus recht und ich habe diese Ordnung bis zur Berufung eines dritten Ordinarius für Chemie eingehalten, die sich sieben Jahre später als nötig erwies und von mir eifrig befürwortet wurde.
Der Laboratoriumsunterricht umfaßte zunächst die physikalische Chemie. Diesen hatte ich von Grund auf nach eigenen Plänen zu organisieren. Ferner war eine Abteilung für den chemischen Anfangsunterricht, analytische und präparative Chemie vorgesehen, der auf gleichem Fuße wie im Ersten Laboratorium einzurichten war, um die Gleichförmigkeit der Vorbildung zu sichern. Auch dies war willkommen; solcher Unterricht war auch im Wiedemannschen Laboratorium erteilt worden. Drittens aber sollte ich auch den Laboratoriumsunterricht der Pharmazeuten übernehmen. Dieser hatte zwar mit der physikalischen Chemie keinen Zusammenhang. Aber die Räume des Ersten Laboratoriums waren von Chemiestudenten und Doktoranden so überfüllt, daß Wislicenus um Platz zu schaffen, diese Abteilung jedenfalls abstoßen wollte.
Ich wandte vergeblich ein, daß ich von der Pharmazie nichts verstehe. Wislicenus sagte, daß er mir gleichzeitig als Assistenten seinen bisherigen Leiter dieser Abteilung, Dr. Beckmann abtreten wolle, und dieser sei selbst Pharmazeut gewesen und zudem so tüchtig und zuverlässig, daß ich mich nur formal um die Abteilung zu kümmern brauche.
Ich traute Wislicenus zu, daß er die vorhandenen Bedürfnisse und Möglichkeiten besser beurteilen konnte,[18]  als ich, und ließ mich auf die organisatorische Seltsamkeit ohne Widerstand ein. Wieder habe ich bei diesem Spiel Glück gehabt, denn die Beziehung, in welche ich hierdurch zu Ernst Beckmann gelangte, hat uns beiden reichlich Freude und Gewinn gebracht.
Im übrigen, insbesondere was die Prüfungen der Mediziner, Pharmazeuten und Lehrer nebst den zugehörigen Einnahmen betraf, waren Rechte und Pflichten zwischen Wislicenus und mir gleichförmig geteilt.
Über die Assistenten ist mancherlei zu erzählen, was alsbald geschehen soll. Zunächst muß aber über den allgemeinen Stand der wissenschaftlichen Aufgaben berichtet werden, die der neuen Anstalt zu lösen gegeben waren.

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Ein Wendepunkt der Wissenschaft. Es ist schon von anderen bemerkt worden, daß für die physikalische Chemie das Jahr 1887 ein kritisches Jahr erster Ordnung war, und zwar im Sinne einer ungewöhnlichen Fruchtbarkeit. Zunächst kann man den Abschluß des »Lehrbuchs der Allgemeinen Chemie« hierher rechnen, denn das Titelblatt trägt diese Jahreszahl, obwohl wie die Vorrede ausweist, das Werk schon 1886 fertig geschrieben war. Ferner begann mit diesem Jahr die »Zeitschrift für physikalische Chemie« zu erscheinen. Überlegt man, daß überhaupt das Bestehen einer objektiven Wissenschaft unabhängig von ihrem Vorhandensein in den Köpfen einzelner Forscher und Kenner durchaus und notwendig auf dem Vorhandensein eines entsprechenden Schrifttums beruht, so wird man bereitwillig sein, beiden Ereignissen eine erhebliche Bedeutung für den endgültigen Eintritt der physikalischen Chemie in den Kreis der Schwesterwissenschaften zuzuschreiben, deren Entwicklung von da ab stetig und immer schneller erfolgte. Während die vorher von Wiedemann und nun von mir bekleidete Leipziger Professur damals der einzige Lehrstuhl dieses Faches in der ganzen Welt[19]  war, gibt es heute nach einem Menschenalter wahrscheinlich keine Hochschule in der ganzen Welt, an welcher es nicht vertreten wäre. Auch die Spaltung in Sonderfächer hat bereits begonnen, zum Zeichen, daß heute schon die neue Wissenschaft zu groß geworden ist, als daß sie in eines Menschen Kopf gedeihliche und fruchtbare Unterkunft finden könnte.
Ferner war in einem mittleren Heft des ersten Jahrganges der Zeitschrift ein Aufsatz des Mitherausgebers J.H. van't Hoff erschienen mit dem damals seltsam klingenden Titel: Die Rolle des osmotischen Drucks in der Analogie der Lösungen mit den Gasen, deren Inhalt sich als unabsehbar folgenreich für die Entwicklung des Faches ausweisen sollte, das auf Grund der hier mitgeteilten Einsichten tatsächlich in gewissen ausgedehnten Gebieten eine neue Wissenschaft wurde. Neben jenem schöpferischen Gedanken van't Hoffs war im gleichen Jahr 1887 der nicht minder schöpferische Gedanke der elektrolytischen Spaltung (Dissoziation) von Arrhenius an das Licht getreten. Auch von diesem Punkte aus entwickelte sich schnell ein großes und neues Gebiet der Wissenschaft.
Die Organisation der physikalischen Chemie. Es ist in der Wissenschaftsgeschichte dieser Zeit üblich geworden, mit den Namen van't Hoff und Arrhenius auch den Namen Wilhelm Ostwald zu verbinden, obwohl er nicht durch eine gleichwertige Entdeckung um dieselbe Zeit hervorgehoben wurde. Dies liegt daran, daß in meiner Person sich der organisatorische Faktor verkörperte, ohne welchen eine derart schnelle und weitreichende Gestaltung eines neuen Wissensgebietes nicht stattfinden kann.
Denn die neue Wissenschaft gewann durch meine Berufung nach Leipzig einen geographischen und schulebildenden Mittelpunkt. Wäre damals noch Wiedemann[20]  Inhaber des Lehrstuhls und Laboratoriums gewesen, so wären jene 1887 veröffentlichten großen Entdeckungen längere Zeit unwirksam geblieben. Wiedemann nahm nämlich alsbald eine gegnerische Stellung zu den neuen Fortschritten ein. Entsprechend seinem Naturell, das jedem entschiedenen Ausdruck einer bestimmten Meinung abgeneigt war, betätigte er diese Einstellung zwar nicht durch öffentliche Äußerungen, wohl aber nach vielen Seiten in seinem sehr ausgedehnten privaten Verkehr, natürlich stets unter Wahrung der freundlichsten Formen in seinem persönlichen Verhalten zu mir. Und als die Zeit gekommen schien, trat auch sein Sohn Eilhard, der mit ihm in der Beurteilung der neuen Lehre übereinstimmte, öffentlich gegen sie auf, wie seinerzeit berichtet werden soll.
Damit wäre also Deutschland für uns verschlossen gewesen, denn ein anderer Lehrstuhl war hier nicht vorhanden und auch der sonst uns nahe stehende Lothar Meyer befand sich unter den Gegnern speziell der Lehre van't Hoffs. Zwar war dieser selbst in Amsterdam Professor und Leiter eines eigenen Laboratoriums. Aber er fühlte sich nicht zum Lehrer und Führer einer tätigen Bewegung berufen und war zudem durch zeitraubende Amtsarbeiten von nichtwissenschaftlicher Beschaffenheit in seiner Tätigkeit sehr eingeschränkt. Und Arrhenius befand sich noch in den Wanderjahren, denn es verging längere Zeit, bis er in seinem Vaterlande eine Lehrstellung erlangen konnte.
Dagegen war ich völlig bereit und willig, die mir zur Verfügung stehenden Mittel rückhaltlos in den Dienst der neuen Lehre zu stellen. Von unerschöpflicher Freude am Lehren beseelt und auch der sonst erforderten Voraussetzungen erfolgreicher Lehrtätigkeit nicht ermangelnd, konnte ich die Leipziger Anstalt leicht zum Vorort der nun eintretenden Arbeiten und auch Kämpfe machen.[21]  Die neue Zeitschrift bot den Raum für die Veröffentlichung unserer Ergebnisse und so darf man sagen, daß nur selten ein neuer Sproß an dem Riesenbaum der Wissenschaft alsbald so günstige Bedingungen des Gedeihens gefunden hat, wie die junge physikalische Chemie.
Der in dem gleichen ersten Jahrgang 1887 der Zeitschrift erschienene Aufsatz von S. Arrhenius über die Dissoziation der in Wasser gelösten Salze, der neben jener Abhandlung von van't Hoff die zweite Grundlage für die alsbald einsetzende Entwicklung der neuen Wissenschaft ergab, ergänzte nämlich jenen ersten auf das fruchtbarste und der Ausbau der gemeinsamen Folgerungen bildet den Hauptinhalt der Entdeckungen, die sich bald in ungewohnter Fülle und Mannigfaltigkeit aus diesen Quellen ergießen sollten.


Der osmotische Druck. Der Fortschritt, den van't Hoff in der oben erwähnten Arbeit bewirkt hatte, läßt sich folgendermaßen kennzeichnen. Für die chemische Mechanik, die Lehre vom Gleichgewicht der Stoffe und der Geschwindigkeit der Vorgänge zwischen ihnen, waren auf Grund der sichersten Wissenschaft, die es hierfür gab, der Thermodynamik, die entsprechenden Gesetze in erster Linie durch Horstmann (I, 197) entdeckt und aufgestellt worden. Sie waren aber praktisch von geringer Bedeutung, da sie sich auf die Verhältnisse zwischen Gasen beschränken mußten, und nur wenige Fälle chemischer Gleichgewichte und Vorgänge zwischen Gasen untersucht werden können. Die große Menge liegt hier im Gebiet der flüssigen, insbesondere der gelösten Stoffe.
Nun hatten zwar einzelne Forscher, insbesondere J. Thomsen (I, 228) eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Gasen und verdünnten Lösungen erkannt und ausgesprochen. Aber man wußte nicht, wie weit diese geht, und worin sie eigentlich besteht.[22]
Hier griff der Gedanke vant' Hoffs ein, welcher diese Fragen genau beantwortete, mit dem Ergebnis, daß die bekannten Gasgesetze auch für Lösungen gelten, daß also auch jene thermodynamische Theorie der chemischen Mechanik nunmehr auf alle verdünnten Lösungen sich anwenden ließ. Damit war plötzlich der Weg geöffnet, um zahllose Aufgaben zu lösen, denen man sich bisher nicht zu nähern gewußt hatte.
Und der Schlüssel zu diesem neuen Lande war eben der osmotische Druck.
Der Name rührt aus der Botanik her. Osmose heißt die selbsttätige Wanderung der in den Zellen gelösten Stoffe durch die Zellhäute in solchem Sinne, daß sie sich überall gleichförmig in den Zellflüssigkeiten aus breiten, ebenso wie ein Gas nicht eher zur Ruhe kommt, bis es seinen Raum gleichförmig ausgefüllt hat. Die Zellwände hindern aber oft die Ausbreitung und diese betätigt sich dann mit einer gewissen Gewalt, welche zuweilen die hindernden Wände sprengt. Dies sind Tatsachen, welche den Botanikern längst geläufig waren.
W. Pfeffer (I, 262) unternahm, die hier wirksamen Kräfte genauer zu untersuchen. Er stellte künstliche Zellen her, deren Häute er durch einen sinnreichen Kunstgriff so gestaltete, daß sie viele gelöste Stoffe nicht durchließen, während sie für Wasser frei durchgängig waren, und daß sie gleichzeitig fähig waren, auch stärkeren Drucken zu widerstehen. Er füllte sie mit Lösungen von solchen Stoffen, die nicht durch die Wände gehen konnten und setzte sie in reines Wasser, nachdem er sie verschlossen hatte. Das Ergebnis war, daß im Inneren der künstlichen Zelle ein starker Druck entstand, derselbe Druck, der zuweilen die Pflanzenzellen sprengte. Durch einen angebrachten Druckmesser bestimmte er die entstehenden Druckgrößen, die ganz überraschend hoch waren, und stellte ihre Gesetze fest. Damit hatte er die physikalische[23]  Unterlage für seine pflanzenphysiologischen Arbeiten gewonnen. Für die physikalische Deutung seiner Beobachtungen hatte er vergeblich einen so hervorragenden Forscher wie Clausius zu gewinnen versucht (I, 262).
Hier griff nun van't Hoff ein. Er zeigte, daß der osmotische Druck, den ein gelöster Stoff ausübt, ganz und gar denselben Gesetzen folgt, wie der gewöhnliche Druck, den ein Gas ausübt. Dies geht so weit, daß sogar die Zahlenwerte beider Drucke unter gleichen Umständen gleich groß sind.
Nun werden die chemischen Vorgänge und Gleichgewichte bei den Gasen in erster Linie durch ihre Drucke bestimmt und jene thermodynamischen Gesetze beziehen sich auf diese, wie sie vom Raum und von der Temperatur abhängen. Man brauchte also nur die Druckgröße in den Formeln als osmotische Drucke zu deuten, um die Gesetze der chemischen Mechanik für gelöste Stoffe vor sich zu haben.
Verglich man diese Formeln mit denen, welche sich experimentell aus den wenigen Untersuchungen hatten ableiten lassen, die über diese Fragen mit Lösungen angestellt waren, so erwiesen sie sich grundsätzlich übereinstimmend. Nur gingen sie viel mehr ins einzelne, enthielten also weitergehende Antworten auf die allgemeinen Fragen.
Persönliche Einstellung. Man kann sich leicht vorstellen, welchen gewaltigen Eindruck diese Offenbarung auf mich machte. Ich hatte vor kurzem für den letzten Teil meines Lehrbuches alle Arbeiten über chemische Gleichgewichte und Vorgänge zusammen gesucht und vergleichend bearbeitet, und dabei festgestellt, daß alle diese Einzelforschungen zu den gleichen Gesetzen führten. Meine experimentellen Arbeiten hatten keinen anderen Gegenstand gehabt, als die gleichen Fragen. Und hier erschienen alle diese Einzelheiten als Sonderfälle einer ganz allgemeinen Gesetzlichkeit. Die chemische Mechanik[24]  trat damit auf die gleiche Stufe der wissenschaftlichen Entwicklung, wie sie etwa die Mechanik des Himmels erreicht hatte. Die durchgreifende und maßgebende Tendenz meines gesamten wissenschaftlichen Denkens, das Herausarbeiten möglichst allgemeiner und dabei möglichst inhaltreicher Gesichtspunkte und Gesetzlichkeiten fand hier eine ungewöhnlich reiche Befriedigung.
Zeitlich war der Fortschritt freilich für mich in eine höchst unbequeme Zeit gefallen. Die Abhandlung wurde in einem der letzten Hefte der Zeitschrift gedruckt, die ich noch von Riga aus bearbeitet hatte und die Arbeiten und Sorgen des Umzuges von dort nach Leipzig und der Eingewöhnung in die neuen Verhältnisse legten sich dazwischen und verzögerten ihre Assimilation. Sobald aber diese Hindernisse überwunden waren, erwies sich der neue Gedanke auch befruchtend für meine laufenden Arbeiten.
Die elektrolytische Dissoziation. Die geniale Theorie van't Hoffs hatte zwar das Licht erblickt. Sie war aber mit einem Geburtsfehler zur Welt gekommen, der sich als nahezu lebensgefährdend erwies. Während sie nämlich auf eine gewisse große Gruppe von Stoffen, die sogenannten indifferenten, restlos Anwendung fand, ließ sie für die anderen, welche bei weitem die wichtigeren waren, nämlich die Salze mit Einschluß der Säuren und Basen, diesen Anschluß vermissen. Um ihn zu erzielen, mußte van't Hoff in die Gleichungen einen rätselhaften Faktor i einführen, der größer als eins war und seinerseits bestimmten Gesetzen zu gehorchen schien, für den aber eine rationelle Deutung zurzeit nicht zu finden war.

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Dies war die Sachlage, als mir, schon in Leipzig, das andere Manuskript für die Zeitschrift zuging. Es rührte von Freund Arrhenius her und trug den Titel: Über die Dissoziation der in Wasser gelösten Stoffe.
Dissoziation heißt Spaltung oder Zerfall. Mit diesem Namen hatte man in der Chemie eine Gruppe von Vorgängen[25]  bezeichnet, bei denen zusammengesetzte Stoffe in einfachere zerfallen, meist unter dem Einfluß der Wärme. Sind unter den erzeugten Stoffen gasförmige, so folgen die Vorgänge bestimmten einfachen Gesetzen, die ich gleichfalls im Lehrbuch zusammengefaßt, bearbeitet und dargestellt hatte.
Die Untersuchungen über die Leitfähigkeit der Elektrolyte, d.h. der Salze, Säuren und Basen, mit denen Arrhenius seine wissenschaftliche Laufbahn eröffnete (I, 216), hatten ihn zu der Erkenntnis geführt, daß die Leitung nur von einem Teil der Elektrolyte bewirkt wird, welcher den Elektrizitätsmengen gleichsam die Schiffe liefert, mit denen sie den Strom entlang fahren, die positiven abwärts, die negativen aufwärts. Der andere Teil ist dagegen unwirksam. Worauf die Verschiedenheit beruht, hatte er damals vergeblich zu ergründen versucht; die in Betracht gezogenen Möglichkeiten konnten das Rätsel nicht lösen. Auch während unserer gemeinsamen Arbeit in Riga 1886 war kein Fortschritt erzielt worden. Ein solcher gelang ihm aber im Jahre des allgemeinen Heils 1887 durch den radikalen Gedanken, daß die leitenden Teile der Elektrolyte vollständig in ihre Bestandteile, die Ionen, zerfallen seien, während die unveränderten Teile nicht leiten.
Den Namen Ionen hatte bereits Faraday eingeführt, der gefunden hatte, daß in den Elektrolyten die Bewegung der Elektrizität stets nur gleichzeitig mit deren Teilstücken stattfindet, die er Ionen nannte. Er hatte aber geglaubt, und ebenso seine Nachfolger, daß erst der eingeleitete Strom die Spaltung bewirkte. Dagegen hatte allerdings Clausius schwerwiegende Bedenken erhoben und wenigstens für einen ganz kleinen Bruchteil des Elektrolyts angenommen, daß er sich schon ohne den Strom in seine Ionen spaltet und daß diese die Elektrizität transportieren.
[26]  Arrhenius dagegen zeigte, daß es mit einem kleinen Bruchteil nicht getan ist. Vielmehr muß man bei den meisten Salzen, den starken Säuren und Basen annehmen, daß sie in ihren elektrolytisch leitenden Lösungen zum größten Teil gespalten sind, so daß diese nicht sowohl Lösungen der Salze sind, sondern vielmehr Lösungen der Ionen, die durch ihren Zerfall entstehen, neben etwas unzersetztem Salz.
Für diese revolutionäre Ansicht führte er eine ganze Reihe guter, ja unwiderleglicher Gründe an. Für uns ist der wichtigste der, daß der rätselhafte Faktor i, welcher die Lehre vom osmotischen Druck verunstaltete, sich im Licht dieser Betrachtung als die Anzahl der Ionen erweist, in welche das gelöste Salz zerfällt. Diese läßt sich einerseits aus der chemischen Formel entnehmen, andererseits aus gewissen Eigenschaften der Lösungen, insbesondere ihren Gefrierpunkten, welche die Berechnung des i nach anderen Formeln van't Hoffs ermöglichen. Hierüber lag ein ausgedehntes Material vor, das der französische Forscher F.M. Raoult eben beschafft hatte, und Arrhenius konnte zeigen, daß die beiderseits bestimmten i-Werte durchaus die von seiner Theorie geforderte Übereinstimmung zeigten.
Das ist eine Entwicklung, wie sie für ein klug erfundenes Drama nicht wirksamer erdacht werden könnte: aus dem Stein des Anstoßes wird eine ragende Triumphsäule. Ich zweifle nicht, daß von denen, die durch die steigende Wichtigkeit der Angelegenheit angezogen, ihren Weg in der Stille beobachteten, viele stark beeindruckt, vielleicht schon überzeugt wurden. Nach außen wurde zunächst hiervon nichts sichtbar. Vielmehr wirkte die Neuheit von Arrhenius' Gedanken so verblüffend, daß er zunächst vielfach instinktive Abwehrbewegungen auslöste.
Eigene Mitarbeit. Ich selbst zweifelte keinen Augenblick. Mir war die Grundidee schon aus früheren privaten[27]  Mitteilungen geläufig gewesen; sie traf mit eigenen Gedankengängen zusammen, die ich schon ein Jahrzehnt früher begonnen, aber nicht zu Ende geführt hatte. In meiner Magisterdissertation von 1877 lautet die dritte der beigefügten Thesen: Das Wasser zersetzt alle Salze.
Dieser kurze Satz war der Niederschlag eines langen und immer wieder auf einsamen Wanderungen aufgenommenen Nachdenkens über das, was zwischen einem Salz und dem Wasser vor sich geht, wenn beide zu einer Lösung vereinigt sind. Alle Zeichen eines chemischen Vorganges lassen sich dabei erkennen: Wärmewirkungen, Raumänderungen, Beeinflussungen aller meßbaren Eigenschaften, die mit steigender Verdünnung relativ zunehmen. Und doch wird in den meisten Fällen das Salz durch einfaches Verdunsten des Wassers unverändert wiederhergestellt. Es mußte also eine besondere Art chemischer Vorgänge sein. Welche Art, konnte ich aber nicht herausbringen. So legte ich das Problem in jenen Thesen nieder, die dazu bestimmt waren, Problematisches zu enthalten.
Nun war die Antwort auf jene alte Frage gegeben. Damit entstand auch für mich ein Anlaß, in die Angelegenheit einzugreifen und die Synthese oder Symbiose beider Lehren, die sich zunächst nur in der Aufklärung des irrationalen Faktors i offenbart hatte, noch inniger und vollständiger zu vollziehen. Dies geschah im unmittelbaren Anschluß an die in Riga begonnenen und durch die Übersiedelung unterbrochenen Untersuchungen über die elektrische Leitfähigkeit der organischen Säuren.
Das Verdünnungsgesetz. In dem von W. Knop verlassenen Laboratorium fand ich nur eine sehr geringe Ausstattung vor, da er keine Schüler gehabt und in den letzten Jahren nur wenig experimentiert hatte. Ich mußte also, was mir sehr willkommen war, die Geräte neu besorgen, wozu mir das Ministerium ausreichende Mittel bewilligt hatte.[28]
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Da zunächst die Praktikanten mich nur wenig beanspruchten, behielt ich Zeit genug, um meine unterbrochenen Forschungen wieder aufzunehmen. Eine Werkstatt mit Drehbank wurde eingerichtet und in meinem Arbeitszimmer ein Thermostat aufgebaut. Das Gerät zur Messung elektrischer Leitfähigkeiten wurde hergestellt, zunächst mit einem vom benachbarten physikalischen Institut geborgten Widerstandskasten. Beim Durchmessen einiger schon in Riga untersuchter Säuren stellte sich heraus, daß das Leipziger Wasser viel besser war, als das Rigasche, so daß ich bei höheren Verdünnungen erheblich zuverlässigere Werte fand. Diese kleine Verbesserung hatte große Folgen.
In meinem Geist hatte nämlich die oben beschriebene gegenseitige Hilfe beider Lehren alsbald den nahliegenden Schluß bewirkt, daß nunmehr die Gasgesetze auch zur Aufklärung der Gleichgewichte zwischen den Ionen angewendet werden können, ebenso, wie Horstmann sie seinerzeit auf die Gleichgewichte zwischen Gasen (I, 197) angewendet hatte. Solche Gleichgewichte liegen insbesondere bei den schwachen, d.h. nur teilweise zerfallenen Säuren vor, als deren Typus die Essigsäure gelten konnte. Ich unterwarf alsbald meine neuen, unter besseren Bedingungen als in Riga ausgeführten Messungen einer entsprechenden Berechnung und erhielt eine vollkommene Bestätigung der erwarteten Verhältnisse. In einer kurzen Nachricht, datiert Januar 1888 teilte ich diesen Befund der wissenschaftlichen Welt mit und hob hervor, daß insbesondere die Gesetze, die ich für die Beziehung zwischen Leitfähigkeit und Verdünnung gefunden hatte, sich restlos aus jenen Voraussetzungen ableiten lassen. Damit war das »Ostwaldsche Verdünnungsgesetz« aufgestellt, an welches sich seitdem eine ganze Thermodynamik der Ionen geknüpft hat. Denn die gleiche Grundannahme gestattet natürlich noch eine[29]  große Anzahl weiterer Anwendungen, die auch bald teils von meinen Mitarbeitern, teils von mir ausgeführt wurden. Für den Begriff der »freien Ionen« war aber der Nachweis erbracht, daß sie sich tatsächlich wie individuelle Stoffe verhalten, deren einzige Abhängigkeit darin besteht, daß wegen ihrer großen elektrischen Ladungen die Summe der positiven und die der negativen Ionen (nach Ladungseinheiten gerechnet) stets gleich groß sein muß.
Widerstände und Hilfen. Die Theorie der elektrolytischen Spaltung von Arrhenius erregte in den Fachkreisen die allergrößten Bedenken und ich wurde mehrfach gewarnt, nicht so vorbehaltlos für sie einzutreten. Meine Gegenbitte, die Einwände genau auszusprechen, wurde meist abgelehnt; nur G. Wiedemanns Sohn Eilhard, der inzwischen Professor der Physik in Erlangen geworden war, entschloß sich endlich dies zu tun und mir einen entsprechenden Aufsatz für die »Zeitschrift« mitzuteilen. Dies geschah im März 1888 und ich beeilte mich, ihn zu veröffentlichen. Die Einwendungen ließen sich alle ohne Schwierigkeit widerlegen; auch M. Planck griff ein und zeigte, daß ein Haupteinwand auf einem Irrtum beruhte. E. Wiedemann verzichtete auf eine Antwort und auch die in Aussicht gestellte ausführliche Diskussion »über die Sicherheit mancher physikalisch-chemischer Schlußfolgerungen überhaupt« wurde nicht veröffentlicht.
Eine unerwartete Hilfe gewannen wir durch die unabhängigen Forschungen des ausgezeichneten mathematischen Physikers Max Planck. Dieser hatte von einem eigenen Standpunkt aus die allgemeinen Gesetze des chemischen Gleichgewichts entwickelt, wobei er wesentlich zu den gleichen Ergebnissen gelangt war, wie die früheren Forscher, doch auch in wichtigen Punkten darüber hinaus. Auch die Gefrierpunkterniedrigungen der Salzlösungen hatte er mit den Forderungen der Theorie verglichen und dabei festgestellt, daß in diesen Lösungen[30]  mehr Molekeln enthalten sein müssen, als den üblichen Formeln entsprechen, doch hatte er sich enthalten, über die Art der Vermehrung sich zu äußern. Er ergriff zu dieser Diskussion gleichfalls das Wort und wies nach, daß E. Wiedemanns Erklärungsversuch durch Polymerisierung des Wassers das nötige nicht leistet. Denn die Molekulargröße des Wassers hebt sich aus der Gleichung heraus und kommt gar nicht in Betracht.
Dies war und blieb zwar der einzige öffentliche Angriff aus dem Lager der Gegner, doch waren diese keineswegs für die Lehre gewonnen, sondern sie setzten ihre Angriffe in privaten Äußerungen und Beeinflussungen der Studentenschaft fort. Zweifellos wurden hierdurch viele abgeschreckt. Doch hatte dies das Gute, daß die große Menge von Mittelgut, die sich sonst auf ein hoffnungsvolles Feld zu stürzen pflegt, sich von unserer Arbeit fern hielt und unsere Zeit nicht in Anspruch nahm. Es blieben nur selbständig denkende Köpfe übrig, die sich den neuen Gedanken zuwendeten und naturgemäß die einzige Stelle aufsuchten, an welcher diese gelehrt und zur Entdeckung neuer wissenschaftlicher Wahrheiten durch das von der Theorie geleitete Experiment angewendet wurden.



 Drittes Kapitel.
Das Laboratorium.










[31] Überblick. Die eben beschriebenen Ereignisse hatten sich vollzogen, ohne daß meine Lehrtätigkeit im neuen Amt hierbei in Frage kam. Ich hatte alsbald im Wintersemester 1887/88 anorganische, im folgenden Sommer physikalische Chemie gelesen, war stufenweise in meine anderen Pflichten als Examinator und Fakultätsmitglied eingetreten, hatte begonnen, die endlose Runde der Begrüßungsbesuche bei meinen neuen Kollegen zu machen und so mit allerbestem Willen mich bemüht, als gleichartiges Glied in den großen Organismus der Leipziger Universität einzutreten.
Dies war um jene Zeit bereits eine sehr umständliche ja schwierige Sache. Das ursprüngliche Universitätsgebäude lag am Rande der Altstadt, die den Raum bedeckte, der früher von den Stadtmauern umschlossen war. An deren Stellen waren längst Anlagen von breiten, baumbeschatteten Straßen getreten, jenseits deren die Vorstädte lagen, welche langsam und unwiderstehlich in die weitere Umgebung diffundierten und die dort aus den früheren Dörfern entstandenen abgetrennten Gruppen mit der Gesamtstadt vereinigten. Die verfügbaren Räume der alten Universität waren für ihre Bedürfnisse längst zu klein geworden. Statt nun, wie es vernünftig gewesen wäre, ein für das nächste Jahrhundert und vielleicht[32]  länger reichendes zusammenhängendes Gelände am Rande der Vorstädte zur Aufnahme der Gesamtuniversität herzurichten, konnte man sich aus »historischer« Sentimentalität nicht entschließen, die alten »ehrwürdigen« Räume aufzugeben, sondern begnügte sich, von Fall zu Fall für die nötig werdenden Neubauten der medizinischen und naturwissenschaftlichen Anstalten im Südosten der Stadt einzelne Grundstücke anzukaufen und zu bebauen. In dem alten Universitätsgebäude hatten die »Geisteswissenschaften« ihre Räume.
Dadurch kam es, daß nur die zu dieser Gruppe gehörigen Professoren und Privatdozenten in den großen »Professorenzimmern«, die inmitten der Auditorien lagen, während der freien Viertelstunden in häufige persönliche Berührung kamen. Die draußen untergebrachten Mediziner und Naturforscher aber hatten jeder seinen eigenen Hörsaal und es gab überhaupt keinen Ort für sie, an dem sie ungerufen zusammentreffen konnten.
Zusammen mit meiner geringen Neigung zu dem gewöhnlichen geselligen Verkehr haben diese Umstände bewirkt, daß ich mich in Leipzig ebensowenig wie in Riga restlos in die vorhandenen Verhältnisse habe einleben können.
Das alte Laboratorium. Für die Zwecke des Zweiten chemischen Laboratoriums waren mir, wie erwähnt, die Räume zugewiesen worden, welche der Agrikulturchemiker Wilhelm Knop vor mir inne gehabt hatte. Er war ein Schüler Wöhlers gewesen und hatte sich dessen besonderes Wohlwollen als »sinniger« Forscher erworben. Durch die Einführung der Wasserkulturen für die Untersuchung des Nahrungsbedarfs der Pflanzen hat er eine dauernde Bedeutung für sein Arbeitsgebiet gewonnen.
Als ich ihn kennen lernte, war er ein alter, sonderbarer Junggeselle geworden, der mit einer ähnlichen Schwester in der weitläufigen Amtswohnung, die ihm[33]  angewiesen war, nur einige Zimmer benutzte. Er war auch von den Gedanken über die geometrischen Formen der Atome angesteckt worden, welche durch van't Hoffs Kohlenstofftetraeder angeregt, soeben sich in Wislicenus' Händen als sehr fruchtbar erwiesen hatten. Nur hatte er die tetraedrische Gestalt dem Wasserstoff zugeteilt und dem Kohlenstoff eine oktaedrische.
Als ich ihn besuchte, fand ich ein kleines Männchen mit eulenartigem Gesicht und drolligem Benehmen, das teils bewußt, teils unterbewußt war. Sein Schädel war kahl und zeigte nur geringe Reste eines roten Haarwuchses; das Gesicht war bartlos. Er war sehr freundlich zu mir, legte mir seinen langjährigen Laboratoriumsdiener Naumann dringend an das Herz, der sich in der Folge auch ausgezeichnet bewährt hat, und beschenkte mich mit einer Abhandlung über seine Theorie nebst einer Sammlung Bilder, für die er sich nebst seiner Theorie hatte photographieren lassen. Er hatte Modelle aller Art auf dem Vorlesungstisch – demselben, den ich übernommen hatte – aufbauen lassen und die Tafel dahinter mit Erläuterungen vollgeschrieben. Auf einem der Bilder war das Modell des Benzols sichtbar, daneben er selbst, mit einem Stock darauf hinweisend, wozu er ein höchst ausdrucksvolles Gesicht gemacht hatte, und auf der Tafel stand zu lesen:

So, siehst Du wohl,
So konstruiert man das Benzol!
Sechs Tetraeder Wasserstoff,
Sechs Oktaeder Kohlenstoff.

Als ich ihn später einmal bei einer geselligen Zusammenkunft traf, hatte er eben die Zigarrenkiste ergriffen, hielt sie an seinen kahlen Schädel und fragte: was ist das? Natürlich wußte es niemand. »Mondschein an der Küste von Havanna« war die Auflösung. Es[34]  war ein großer Teil Selbstironie bei diesen Wunderlichkeiten. Man kann sich denken, daß das Laboratorium, das ich von ihm erbte, keine hervorragende Beschaffenheit besaß. Das Haus war, wie erwähnt, für die Landwirtschaft erbaut, deren damaliger Vertreter namens Blomeyer kein hervorragender Fachmann oder Lehrer war. So hatte der Architekt ein und dieselbe schematische Raumeinteilung im Erdgeschoß für das Laboratorium, im oberen für die Sammlungen, im obersten für die Wohnungen und zu unterst für die Kellerräume durchgeführt. Es war ein Eckhaus und bestand aus zwei gleich großen Flügeln, die symmetrisch an ein mittleres Treppenhaus gesetzt waren. Die Teilung zwischen uns beiden wurde zu gleichen Hälften durchgeführt: je ein Stockwerk für die Anstalt und ein halbes für die Wohnung, doch sollten die Rechte des Hausherrn dem Landwirt zukommen. Es war, wie man sieht, eine durchaus unorganische Sache und die unvermeidlichen Schwierigkeiten blieben nicht aus, trotz meiner Bereitwilligkeit, mich dem viel älteren Kollegen unterzuordnen. Sie wurden noch viel größer, als nach einigen Jahren Blomeyer starb und sein Nachfolger, der die eingeschlafene landwirtschaftliche Abteilung zu heben gedachte, sich in dem Hause, das das landwirtschaftliche Institut hieß, überall durch die ausdehnungsbedürftige physikalische Chemie beengt und gestört fand. Im Ministerium erkannte man auch ziemlich bald die Unhaltbarkeit der Verhältnisse, doch gelang es meinem landwirtschaftlichen Kollegen, die Bedürfnisse seines Faches als die dringenderen zur Geltung zu bringen, die dann durch einen geräumigen Neubau erfüllt wurden. Ein solcher wurde auch mir in Aussicht gestellt. Die Mittel dazu konnten aber erst flüssig gemacht werden, nachdem jener Bau erledigt war, so daß ich den größeren Teil meiner Leipziger Unterrichtstätigkeit in ganz unzulänglichen Räumen durchführen mußte.
[35]  Die Assistenten. Für jede der drei Abteilungen des Laboratoriums: die physikalisch-chemische, die analytische und die pharmazeutische war, wie berichtet, je ein Assistent vorgesehen worden. Die beiden letzten Stellen wurden durch dieselben Herren besetzt, welche bei Wiedemann und Wislicenus die entsprechenden Abteilungen geleitet hatten. Für die physikalisch-chemische Abteilung war kein Kandidat vorhanden. Da erinnerte ich mich des Dr. Walter Nernst, den ich eben in Graz kennen gelernt und über dessen Begabung und Kenntnisse Arrhenius ein sehr günstiges Urteil gefällt hatte. Da er ohnehin die Absicht gehabt hatte, in Riga bei mir zu arbeiten, so trug ich ihm die Stelle in Leipzig an, die er unverweilt annahm. Da die physikalische Abteilung mit nur zwei Praktikanten begann, so hatte Nernst reichlich Zeit, sich mit den besonderen Methoden vertraut zu machen, welche sich hier auszubilden begonnen hatten. Denn da er bisher nur als Physiker gearbeitet hatte, so waren ihm die Handgriffe der chemischen Praxis noch nicht geläufig. Er machte sie sich schnell zu eigen und schon im zweiten Band der Zeitschrift für physikalische Chemie konnte ein erstes Ergebnis veröffentlicht werden. Es war von Helmholtz einige Jahre vorher die thermodynamische Theorie der Voltaschen Ketten entwickelt worden, welche die Reaktionswärme des chemischen Vorganges mit der elektromotorischen Kraft und ihrer Temperaturveränderlichkeit in Beziehung setzt. Bei der Prüfung der Formel durch Czapski hatten sich neben einigen guten Übereinstimmungen sehr starke Abweichungen gefunden, die er nicht aufklären konnte. Sie traten ausschließlich in Ketten mit Quecksilber auf, dessen thermochemische Werte durch J. Thomsen bestimmt waren, die ebenso zweifellos erschienen, wie seine zahlreichen anderen, vielfach bestätigten Bestimmungen. Mir waren schon in Riga Zweifel an der Richtigkeit von [36]  Thomsens Messungen am Quecksilber gekommen und ich hatte deren Kontrolle durch ein anderes, einwandfreies Verfahren einem besonders geschickten Chemiker als Diplomarbeit aufgegeben. Seine Zahlen waren von denen Thomsens erheblich verschieden und ergaben gute Übereinstimmung mit Helmholtz' Formel. Da aber diese Arbeiten in das Ende meiner Rigaer Zeit gefallen waren, hatte ich sie nicht so eingehend kontrollieren können, wie es die Bedeutung der Sache erforderte und eine Veröffentlichung unterlassen. Es war mir daher sehr willkommen, die Angelegenheit nochmals prüfen zu können. Nernsts Ergebnisse stimmten mit den Rigaschen überein und bewiesen somit gleichzeitig die Richtigkeit der thermodynamischen Theorie von Helmholtz und die Unrichtigkeit von Thomsens Messung. Ich schrieb dies an Thomsen mit der Bitte, zu der Sache Stellung zu nehmen, da ich nicht wünschte, den verdienten Forscher in eine zweite Polemik zu verwickeln, nachdem die erste mit Stohmann sehr unerfreuliche Formen angenommen hatte. Er stellte sofort einige Versuche an, welche die fraglichen Zahlen auf einem dritten, unabhängigen Wege kontrollierten; es ergab sich eine Bestätigung der von Nernst erhaltenen Werte. Ich veröffentlichte seine Mitteilung gleichzeitig mit der von Nernst, wodurch die ganze Angelegenheit in das Gebiet des Zweifellosen erhoben und jeder Streit vermieden wurde.

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Sehr bald aber fand Nernst den Gedankenkreis, in welchem sich seine hohe Sonderbegabung glänzend entwickeln sollte.
Die Theorie der elektromotorischen Kräfte. In dem kleinen Kreise der Laboratoriumsgenossen war natürlich unaufhörlich von den Theorien die Rede, welche van't Hoff und Arrhenius geschaffen hatten, und deren Fruchtbarkeit erst vollständig zutage trat, als sie miteinander vereinigt wurden. Es ging den meisten schwer[37]  ein, daß wirklich die gelösten Stoffe und entstandenen Ionen sich wie Gase in den Räumen ihrer Lösungen verhalten und insbesondere die starken Drucke ausüben sollten, die nach der Rechnung vorhanden sein sollten. Die Versuche von Pfeffer, welche den Druck unmittelbar bewiesen und messen ließen, hatte noch keiner von uns gesehen; später hat Pfeffer eine osmotische Zelle zu unserer Erbauung aufgebaut und uns das Manometer ablesen lassen. Warum fliegen die Molekeln nicht aus der Lösung heraus, wenn sie von innen gegen die Oberfläche stoßen? Darauf hatte der Wiener Physiker Stephan die Antwort gegeben, die uns geläufig war: beim Verlassen der Oberfläche entstehen sofort zurücktreibende Kräfte von vielen Atmosphären. Aber wenn man diese Kräfte dadurch aufhebt, daß man reines Lösungsmittel darüber schichtet, dann müßten sich die Molekeln sofort dahinein stürzen, sagte Nernst. Das tun sie ja auch, antwortete ich; die Diffusion setzt ja gleich ein. Aber bei einem Gase wäre der leere Raum in wenigen Augenblicken erfüllt, und die Diffusion dauert Wochen und Monate, lautete der Einwand. Der leere Raum bietet kein Bewegungshindernis, sagte ich; das flüssige Lösungsmittel aber einen sehr großen Reibungswiderstand, der die Bewegung entsprechend verlangsamt.
Ich ließ es dabei bewenden; in Nernsts Geiste aber gestaltete sich der Vorgang zu einem anschaulichen Bilde, das er mit den Mitteln der Analyse weiter verfolgte, bis es ihn zu seiner Entdeckung von der elektromotorischen Wirkung der Ionen führte1. Nach einigen Monaten[38]  legte er in einer Abhandlung die Gesichtspunkte dar, deren weitere Entwicklung bald seine Theorie der Voltaschen Ketten ergab.
Ernst Beckmann. Von nicht minderer Bedeutung wie die Tätigkeit des physikochemischen Assistenten erwies sich die des pharmazeutischen. Ich habe schon erzählt, wie ich genötigt war, den Fremdkörper jener Abteilung zu übernehmen, und daß die Unbequemlichkeit mehr als ausgeglichen wurde durch die Persönlichkeit des Assistenten, der gleichzeitig bei mir eintrat. Tatsächlich entwickelte sich Ernst Beckmann zu einem meiner besten und erfolgreichsten Mitarbeiter, dessen freundschaftlich-dankbare Gesinnung mir gegenüber niemals auch nur die geringste Schwankung und Störung erfahren hat. Von allen Arbeitsgenossen, die ich damals gefunden habe, darf ich ihn wohl den treuesten nennen, und ich weiß, daß ich ihm, wenn er noch lebte, kein lieberes Wort sagen könnte.
Ich selbst muß mir dagegen den Vorwurf machen, daß ich, als später unsere Wege uns auseinander führten – er war zuletzt nach Berlin gelangt als Leiter eines der Kaiser Wilhelm-Institute – seine stets bewiesene Freundschaft durch Nachlässigkeit von meiner Seite hart auf die Probe gestellt habe. Nicht aus üblem Willen oder schwankender Gesinnung, sondern weil ich so viel anderes zu tun hatte und mein Interesse für die von ihm fortdauernd erfolgreich gepflegte Chemie mehr und mehr verlor. Er aber hat jede Gelegenheit benutzt, mich von der Unveränderlichkeit seiner guten Gesinnung zu überzeugen.
Beckmanns Forschungen. Zunächst fanden wir außerhalb der amtlichen Beziehung keinen gemeinsamen Boden. Er hatte längst angefangen wissenschaftlich zu arbeiten und hatte, wie damals fast alle Chemiker, seine Aufmerksamkeit und sein großes experimentelles Geschick[39]  der organischen Chemie zugewandt, wo er von mir nichts lernen konnte, da er davon viel mehr verstand als ich. Bei seinen Forschungen war er auf sehr merkwürdige Fälle von Isomerie gestoßen, für deren Aufklärung es wichtig war, zu wissen, ob die Isomeren gleiche Molekulargröße hatten oder nicht. Da die Stoffe nicht flüchtig waren, so schien die Frage keine experimentelle Antwort zuzulassen. Im Gespräch darüber wies ich auf die Beziehungen zwischen Molekulargröße und Gefrierpunktserniedrigung der Lösungen hin, welche F.M. Raoult vor kurzem entdeckt hatte. Die Möglichkeit, die bisher nur bei flüchtigen Stoffen aus der Dampfdichte bestimmbaren Molekulargewichte, welche für die Deutung und Ordnung der chemischen Vorgänge von größter Bedeutung sind, nunmehr an allen löslichen Stoffen bestimmen zu können, d.h. bei allen, die es gibt, hatte mehrfache Aufmerksamkeit erregt und von mehreren Seiten wurden gleichzeitig entsprechende Versuche angestellt. Ich selbst hatte, veranlaßt durch Leitfähigkeitsmessungen Waldens an wässerigen Lösungen von Chromsäure durch Gefrierpunktserniedrigung nachgewiesen, daß sie nicht Chromsäure, sondern Dichromsäure enthalten. Dr. W. Hentschel (I, 189), der inzwischen von Dresden nach Leipzig übergesiedelt und bei Wislicenus Assistent war, hatte auf meine Einladung seine erhebliche experimentelle Geschicklichkeit auf die Ausbildung des Verfahrens gewendet und damit Verhältnisse aufgedeckt, die dem damaligen Chemiker wunderbar erscheinen mußten. Dem Physikochemiker erschienen sie freilich natürlich und notwendig und ich sah mich verpflichtet, dies näher darzulegen. Dies verstimmte ihn so, daß er das freundliche Verhältnis abbrach, ohne daß ich herausbringen konnte, was eigentlich ihn verletzt hatte. Er verließ nach einiger Zeit Leipzig, um sich ganz anderen[40]  Aufgaben zu widmen und ist mir seitdem aus den Augen gekommen.
Auch Beckmann ging in gleicher Richtung vor und es ist ein glänzendes Zeugnis für seine mit einem sicheren Sinn für das Praktische verbundene experimentelle Geschicklichkeit, daß der von ihm 1888 beschriebene Apparat ohne wesentliche Änderung noch heute, nach bald 40 Jahren in Gebrauch steht. Insbesondere enthält schon seine erste Mitteilung die Beschreibung des »Beckmann-Thermometers« mit veränderlicher Füllung, das man in jedem beliebigen Temperaturgebiet gebrauchen kann.
Am Ende seiner Arbeit erwähnt Beckmann, daß er inzwischen auf meine Veranlassung auch das andere Verfahren nach Raoult zur Messung von Molekulargewichten aufgenommen hätte, nämlich die Bestimmung der Verminderung des Dampfdruckes von Lösungen. Mir war dieses besonders interessant, weil ich einen Teil dieser Beziehungen schon an dem von A. Wüllner gemessenen Material gefunden hatte (I, 195) und deshalb die Zweifel an der Richtigkeit von Raoults Ergebnissen nicht teilte, die damals geäußert wurden. Beckmann war sofort bereit, die Sache experimentell zu bearbeiten und wir besprachen die vorhandenen zwei Möglichkeiten: Messung des Dampfdrucks oder Messung des Siedepunkts.
Aus Öttingens Unterricht war mir geläufig, daß man die Temperatur innerhalb einer siedenden Lösung nur sehr ungenau messen kann, wegen der kleinen Siedeverzüge, die man als unvermeidlich ansah. Und im Dampf findet man nicht die Siedetemperatur der Lösung, sondern die des reinen Lösungsmittels, das sich alsbald aus dem Dampf auf dem Thermometer niederschlägt und die Temperatur nicht steigen läßt. Ich empfahl also das »statische« Verfahren, die Messung des Dampfdrucks.


Beckmann bemühte sich alsbald um die Ausführung, fand aber, daß hier wegen der äußerst geringen[41]  Flüssigkeitsmenge, die als Dampf anwesend war, die Fehlerquellen noch größer sind. Statt den Gedanken ganz aufzugeben und sich auf die von ihm schon durchgearbeiteten Molekulargewichtsbestimmung durch Gefrierpunktserniedrigung zu beschränken, war er zäh und vorurteilsfrei genug, trotz meiner Warnung es mit den Siedepunkten zu versuchen, indem er die verschiedenen Mittel zur Vermeidung von Siedeverzügen erfand und erprobte, durch welche er im Laufe der Zeit das Verfahren zu einem hochgradig genauen entwickelt hat.
Auf diese Weise vollzog sich die Wendung seiner Arbeiten zur physikalischen Chemie. Seine Apparate und Methoden zur Bestimmung von Molekulargrößen an Lösungen haben sich über die ganze Welt verbreitet und es gibt wohl kein chemisches Laboratorium, in welchem sie nicht Anwendung finden.
Beckmann war in demselben Jahr geboren, wie ich; da er aber aus äußeren Gründen erst verhältnismäßig spät zur wissenschaftlichen Laufbahn gelangt war, so kam es, daß er sich noch in jener untergeordneten Stellung befand, als wir in Leipzig unter einem Dach unsere Arbeiten machten, obwohl er sich bereits einen geachteten Namen durch seine organischen Arbeiten erworben hatte. Der Aufstieg ließ aber nicht lange auf sich warten; er wurde nach einigen Jahren nach Erlangen berufen. Und wieder einige Jahre später kam er nach Leipzig zurück, um dort als Ordinarius für angewandte Chemie mein Kollege im engeren Sinne zu werden.
J. Wagner. Am wenigsten habe ich von dem dritten Assistenten (eigentlich dem zweiten) Dr. Julius Wagner zu erzählen. Er war bei Wiedemann ausgebildet worden und ließ sich nur langsam und unvollständig von der Flut neuer Gedanken und Forschungen hinreißen, in der die anderen aktiv wie passiv schwammen und steuerten. Seiner Pflicht, die Anfänger zu unterweisen und zu erziehen[42]  kam er mit unverbrüchlicher Treue nach. Auch hat er einige wissenschaftliche Arbeiten ausgeführt, die zum Teil mit seinem Unterrichtsgebiet im Zusammenhang standen. Mit seiner Hilfe beseitigte ich den Übelstand, daß die künftigen Schullehrer mit den übrigen Chemikern im gewöhnlichen Unterrichtsgang vorwiegend zu Analytikern ausgebildet wurden, was für ihre Unterrichtstätigkeit keinen vernünftigen Zweck hat. Ich veranlaßte ihn deshalb, einen besonderen Unterricht in der sicheren und zweckmäßigen Ausführung von Schulversuchen zu organisieren. Die Aufgabe lag ihm gut und er hat durch lange Jahre diese Tätigkeit geübt, die dann der heranwachsenden Jugend zugute gekommen ist. Später erhielt er einen besonderen Lehrauftrag hierfür.
Von meinen Assistenten ist er der dauerhafteste gewesen, denn er war der Anstalt treu, bis die weichende Gesundheit ihn zur Ruhe zwang.
Der Aufstieg. Mit großer Spannung sahen ich und meine näheren und ferneren Kollegen der Entwicklung des physikochemischen Praktikums zu, denn dies war die Stelle, an welcher sich ausweisen mußte, ob und wie gut ich der übernommenen Aufgabe gerecht werden konnte. Im ersten Semester hatten zwei Studenten sich hierfür gemeldet; da einer von ihnen unverhofft Leipzig verlassen mußte und der nächste Termin keinen Zuwachs brachte, so enthielt im zweiten Semester das Laboratorium nur einen einzigen Praktikanten.
Das war ungefähr der Zustand, in welchem sich dies Studium auch zu der Zeit Wiedemanns befunden hatte, der keine große Anziehungskraft auf die Studenten ausübte und ich empfand mit Kummer, daß die Hoffnung auf einen großen Wirkungskreis, mit der ich nach Leipzig gekommen war, sich nicht verwirklichen zu wollen schien.
Doch das dritte Semester brachte acht Praktikanten, die sich in dem folgenden fast verdoppelten. Die ziemlich[43]  engen Räume, welche die Belegung mit dem analytischen und dem pharmazeutischen Praktikum übrig gelassen hatte, waren bald vollständig in Anspruch genommen und es begann auch in Leipzig der Zustand einzutreten, unter dem ich in Riga während des größeren Teils meiner Amtszeit zu leiden gehabt hatte, daß nämlich die vorhandenen Räume durchaus unzulänglich waren für die Anzahl der Studenten, die sich meiner Führung anvertrauen wollten. So mußte ich auch hier nach wenigen Jahren der vorgesetzten Behörde eröffnen, daß größere Räume, und insbesondere solche mit zweckmäßigerer Einrichtung immer dringender notwendig wurden.
Für diesen schnellen Aufstieg war entscheidend, daß die neue Anstalt in Leipzig sich alsbald, wie beschrieben, mit einer grundwichtigen Angelegenheit verbinden konnte und dadurch der natürliche Mittelpunkt der wissenschaftlichen Ernte wurde, die sich in größter Fülle aus diesen Wurzeln ergab. Da außerdem im nächsten Jahre 1888 Arrhenius selbst nach Leipzig kam und während einiger Semester, zuerst als freier Mitarbeiter, später, nachdem Nernst vorübergehend seiner Gesundheit wegen nach Heidelberg gegangen war, als Assistent im Laboratorium tätig war, entstand eine neue kräftige Anziehung auf die strebsame Jungmannschaft. Damals standen keine Lehrstühle für Physikochemiker in Aussicht und wurden keine Examina in dem Fach abgehalten; es kamen daher nur solche Mitarbeiter nach Leipzig, welche unmittelbar durch die Größe und Fruchtbarkeit des neuen Forschungsgebietes angezogen wurden. So mag wohl selten ein akademischer Lehrer eine derart erlesene Schar junger Arbeitsgenossen sich anvertraut gesehen haben, wie sie damals in den alten, unzweckmäßigen Räumen in der Brüderstraße 34 versammelt waren. Unsere Arbeiten waren gemeinsam; die Besprechungen des Professors mit dem einzelnen Praktikanten fanden unter reger Teilnahme der[44]  anderen statt und jeder Erfolg eines von uns spornte die anderen zu um so eifrigerer Arbeit an, die dann auch fast immer bald einen ähnlichen Lohn ergab.
Schreibtischarbeit dazwischen. Mir waren die mannigfaltigen Zweifel und Mißverständnisse bezüglich der neuen Lehre ein Anlaß, in einem besonderen Aufsatze über die Dissoziationstheorie der Elektrolyte die chemischen und anderen Folgerungen einzeln zu entwickeln, welche sich unmittelbar aus der Theorie ergaben. Insbesondere zeigte ich, daß die von mir seit Jahren namentlich an Säuren nachgewiesene Existenz besonderer Verwandtschaftszahlen, die bei den verschiedenartigsten Vorgängen angetroffen wurden, durch jene Theorie eine vollständige Erklärung fanden: die Reaktionen wurden jedesmal durch die Menge der anwesenden Wasserstoffionen bestimmt und mußten daher übereinstimmende Größen zeigen, wenn diese Menge durch die Natur und Verdünnung der Säure festgelegt war. Diese Erklärung ist so einfach und einleuchtend, daß man heute nur sie im Auge hat, ohne zu wissen oder sich zu erinnern, welche lange und mühselige Arbeit vorangegangen sein mußte, um auf chemischem Wege das Vorhandensein solcher allgemeiner Verwandtschaftsgrößen nachzuweisen, denen die Leitfähigkeiten sich proportional zeigten. Denn die Leitfähigkeiten sagen ja nichts an sich über chemische Verhältnisse aus; erst die Erkenntnis, daß sie wichtige chemische Verhältnisse abbilden, die unabhängig von ihnen entdeckt und gemessen werden mußten, gibt ihnen ihre allgemeine Bedeutung.
In diesem Aufsatz ging ich näher auf die Mißverständnisse und falschen Deutungen der Theorie von Arrhenius ein, die mir im Gespräch mit den Fachgenossen und den Schülern entgegengetreten waren und wies nach, daß bei konsequenter Durchführung die neue Lehre nicht nur von solchen Einwendungen nicht getroffen wird, sondern[45]  umgekehrt erst ermöglicht, experimentelle Tatsachen, die bisher ohne Zusammenhang dastanden, unter einen einheitlichen Gesichtspunkt zu bringen und somit zu erklären. Ferner gab ich einige Beispiele für das Verdünnungsgesetz, aus denen hervorging, daß es sich über so weite Bereiche gültig erwies, wie niemals eine rein chemische Dissoziation hat untersucht werden können. Ich darf es wohl dieser Abhandlung zuschreiben, daß sich seitdem kein grundsätzlicher Widerspruch von fachkundiger Seite mehr gegen die Lehre erhoben hat und diese als legitimer Bestandteil der Wissenschaft anerkannt wurde.

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Leitfähigkeit organischer Säuren. Neben diesen Arbeiten hatte ich noch eine übernommene Pflicht zu erledigen, nämlich die vielen Säuren auf ihre elektrische Leitfähigkeit zu untersuchen, welche ich im Sommer 1887 auf meiner Bettelfahrt erhalten hatte. Dazu kam noch eine Anzahl Präparate aus der alten Sammlung von O.L. Erdmann, die inzwischen dem von Wiedemann geleiteten physikalisch-chemischen Institut angehört hatten und von dort an das meine übergegangen waren, alles in allem rund 150 Stoffe. Es machte mir wieder ein ausgesprochenes Vergnügen, diese vielen gleichartigen Messungen durchzuführen, wozu ich hauptsächlich die Abende benutzte, wo es im Laboratorium schön still war. Die mannigfaltigen und lehrreichen Beziehungen zur chemischen Konstitution, die sich dabei herausstellten, hielten den Eifer warm. So waren es behaglich-glückliche Stunden, die ich bei dieser Arbeit zubrachte. Sie ergab außerdem unzählige Bestätigungen der Richtigkeit des Verdünnungsgesetzes.
Ehe ich aber an die Veröffentlichung all dieser Zahlen ging, wartete ich ein Mitteilung von van't Hoff ab, wie dessen Prüfung des Gesetzes ausgefallen war, denn ich hatte gehört, daß er damit beschäftigt war. Von einem Amsterdamer Laboratoriumsgenossen wurde mir später[46]  geschildert, wie van't Hoff seinem Assistenten Reicher aufgetragen hatte, ganz reine Essigsäure herzustellen. Nachdem dieser mit aller Gewissenhaftigkeit das seine getan hatte, war van't Hoff nicht zufrieden gewesen und hat ihn zu immer wiederholter und gesteigerter Reinigungsarbeit veranlaßt, dabei aber kein Wort darüber gesagt, wozu er das Präparat brauchte. Ebenso ging es mit einigen anderen Säuren. Das Ergebnis war, wie er dann in einer kurzen Abhandlung berichtete, eine vollständige Bestätigung des Verdünnungsgesetzes. »Kein einziger Fall von gewöhnlicher Dissoziation ist innerhalb so weiter Grenzen geprüft worden.« Dem vielgeprüften Assistenten aber gewährte er die Belohnung, daß er ihn auch auf dem Titel nannte, obwohl der Professor die entscheidenden Gedanken und Messungen allein gemacht hatte.
Unter den gemessenen Säuren befand sich auch ein exotischer Gast aus Japan, eine »Shikimisäure«, die eben von Prof. Eykman in Tokio entdeckt worden war. Der fremdartige Ursprung hat sie nicht verhindert, sich gleichfalls genau dem in Europa aufgestellten Gesetz gemäß zu betragen.
Hiernach schritt ich endlich zur Mitteilung meiner vielen Messungen, durch welche die Grundzüge eines Kapitels der Wissenschaft festgestellt wurden, das allerdings hernach keine so allgemeine Pflege erfahren hat, als die Sache verdient hätte. Mein Interesse an den Konstitutionsfragen, welche das Verfahren zu lösen oder doch bestimmter zu formulieren gestattete, war nicht groß genug, auch drängten andere Probleme. Doch blieb darum dies Kindlein nicht verwaist, denn Professor Wegscheider in Wien hat sich seiner liebevoll und erfolgreich angenommen, so daß er die Angelegenheit um ein sehr Erhebliches gefördert hat.
Um die zugehörigen Rechnungen auszuführen, war die Kenntnis gewisser Konstanten (der Wanderungsgeschwindigkeiten[47]  der Anionen) nötig; auch hierfür wurden die Wege gefunden und ausgearbeitet, wobei sich wiederum eine Anzahl Gesetzlichkeiten ergaben. Das Arbeiten in diesem neuen und dankbaren Gebiet war wie ein Spaziergang in einem Garten, wo eben das Obst reif geworden ist: man brauchte den in Gesichtshöhe hängenden Apfel nur anzurühren, so blieb er einem reif und süß in der Hand. So ging es nicht nur mir, sondern allen meinen Mitarbeitern. Die ersten Bände der Zeitschrift für physikalische Chemie, welche die damals von uns getätigten Arbeiten enthalten, sind ganz erfüllt von Aufsätzen, welche die Anfangspunkte erheblicher wissenschaftlicher Entwicklungen darstellen. Man wird den Unterschied besonders deutlich gewahr, wenn man sie mit den daneben veröffentlichten Arbeiten aus anderen Laboratorien vergleicht, in denen die so grenzenlos fruchtbaren Gedanken von van't Hoff und Arrhenius noch nicht Wurzel gefaßt hatten.
Kein Chemiker. Durch die Untersuchung der elektrischen Leitfähigkeit so vieler organischer Säuren konnten mancherlei Fragen der chemischen Konstitution erläutert werden, so daß eine Beziehung des neuen Arbeitsgebietes zur »eigentlichen« Chemie, als welche von der Mehrzahl der Fachgenossen die Herstellung neuer Stoffe und die Bestimmung ihrer Konstitution angesehen wurde, zweifellos hergestellt war. Trotzdem wurde auch später nicht selten die Behauptung ausgesprochen, ich sei überhaupt kein Chemiker, weil ich nie einen neuen Stoff hergestellt habe.
In solchem Sinne bin ich sogar ein negativer Chemiker zu nennen, denn ich habe die Liste der organischen Verbindungen nicht nur nicht vermehrt, sondern vermindert, allerdings leider nur um ein Glied. Dies ging so zu:
Im Jahre 1863 hatte H. Kämmerer aus einem alten photographischen Silberbad eine Säure erhalten, die er als verschieden von allen bekannten ansah. Bei der Elementaranalyse[48]  fand er Zahlen, die denen der Apfelsäure nahe kamen; da die Säure aber von dieser bestimmt verschieden war, sah er sie als isomer an und nannte sie deshalb Isomalsäure. Er kam in mehreren Veröffentlichungen auf seine Säure zurück, konnte sie aber auf keine Weise wiedererhalten. Immerhin führte sie ein unbestrittenes Dasein und wurde u.a. in den ersten Auflagen des fundamentalen Handbuches von Beilstein angeführt.
In der Präparatensammlung des alten Instituts fand ich nun ein Glasröhrchen mit einer sehr kleinen Probe dieser merkwürdigen Säure, die vom Entdecker selbst signiert war; sie war offenbar von ihm Erdmann geschenkt worden. Es war viel zu wenig für eine Elementaranalyse, wie sie damals gehandhabt wurde, zehnmal mehr als genug aber für eine Untersuchung auf die elektrische Leitfähigkeit in verdünnter Lösung. Die Messung wurde an der freien Säure und ihrem Natriumsalz ausgeführt mit dem Ergebnis, daß die Isomalsäure nichts als Zitronensäure war. Ich wandte mich an Kämmerer selbst um eine kleine Probe seiner Säure; er besaß noch welche und teilte mir davon mit; sie erwies sich als völlig übereinstimmend mit dem Leipziger Präparat. Er hatte unter seinen Versuchsbedingungen die Zitronensäure in wasserfreien Kristallen erhalten, die sonst mit Kristallwasser anschießt und war anscheinend dadurch verhindert worden, sie zu erkennen. Das Ergebnis veröffentlichte ich in den Berichten der Deutschen chemischen Gesellschaft und in den folgenden Auflagen des »Beilstein« war die Isomalsäure nicht mehr zu finden.
Obwohl damals kein anderes Verfahren bekannt war, welches mit so geringen Stoffmengen derartig vollkommen eindeutige Feststellungen auszuführen gestattete, kann ich mich doch nicht erinnern, jemals eine Anerkennung für diese Austreibung eines Gespenstes irgendwo[49]  gefunden zu haben. Freilich auch keinen Widerspruch; selbst der Entdecker gab sich zufrieden.
Deutsche und ausländische Schüler. Nachdem die in bezug auf die Frequenz mageren Semester vergangen waren, mehrte sich die Anzahl der Mitarbeiter schnell. Neben den Deutschen kamen ziemlich bald Ausländer, vor allem Amerikaner und Engländer. Beide blieben auch in der Folgezeit überwiegend, obwohl so gut wie alle Kulturvölker früher oder später im Leipziger Laboratorium vertreten waren.
Einer meiner ersten auswärtigen Schüler war der Schotte James Walker, der in England bald hernach eine erfolgreiche Lehrtätigkeit entwickelt und sehr viel für Einführung der Lehre in jenem Lande getan hat. Er bekleidet heute an der Universität Edinburgh eine der einflußreichsten Lehrstellen. Unter den Amerikanern ist A.A. Noyes zuerst zu nennen, der alsbald in Boston an der dortigen technischen Hochschule einen Mittelpunkt für die physikalische Chemie geschaffen hat. Später haben ihn Gesundheitsrücksichten gezwungen, ein südliches Klima aufzusuchen und seine erfolgreiche Tätigkeit einzuschränken. Beide sind nicht nur als Forscher und Lehrer ausgezeichnet, sondern gehören auch als Menschen zu den besten Exemplaren dieses mannigfaltigen Geschlechts.
Was meine Deutschen Schüler anlangt, so setzten sie sich aus zwei ganz verschiedenen Gruppen zusammen. Erstens einige wenige, welche durch das neue wissenschaftliche Leben angezogen wurden, das sich bei uns entwickelte und an den Arbeiten aus Freude an der Sache teilnahmen, ohne viel nach künftigen Aussichten zu fragen. Bekanntlich ist deren Anzahl überhaupt niemals groß gewesen, und sie war besonders klein zufolge der stillen Gegnerschaft gegen die neue Richtung, welche natürlich sehr stark auf die studentische Jugend einwirkte.[50]
Außerdem kam zu Beginn jedes Semesters eine Gruppe zufälliger Praktikanten in das Anfängerlaboratorium, welche sich hier anmeldeten, teils weil in dem anderen die Plätze bereits alle besetzt waren, teils durch Kameradschaft oder andere sekundäre Gründe veranlaßt. Das waren meist durchschnittliche Köpfe, wie sie hernach von der hochentwickelten chemischen Industrie in großer Zahl mit gutem Nutzen gebraucht werden. Wenn sie die vorbereitenden Übungen durchgemacht hatten, meldeten sie sich wie üblich zur Doktorarbeit, da sie in anderen Laboratorien nicht eben sehr entgegenkommend behandelt worden wären.
Es ist mir in der Erinnerung ein gutes und freudiges Gefühl, daß auch diese Studenten mit sehr wenigen Ausnahmen von dem Schwung unserer Forscher- und Entdeckerfreude sich zu Leistungen hinreißen ließen, die merklich über das hinausgingen, was ich zunächst von ihnen erwarten zu dürfen glaubte. Und vergleiche ich das, was sie später im Kampf um das Dasein erreicht haben, mit den durchschnittlichen Erfolgen ihrer Fachgenossen, so kann ich eine deutliche Überlegenheit erkennen.
Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Eigentümlichkeit der Deutschen kennen, die ich bei meinen baltischen Landesgenossen nicht beobachtet hatte. Es ist dies die Fähigkeit, bei geringer Entwicklung allgemeiner Interessen und der entsprechenden allgemeinen Bildung auf einem einmal gewählten Sondergebiete nicht nur mäßige, sondern hervorragend gute Leistungen hervorzubringen. Die Vorschrift Schillers: so sammle still und unerschlafft im kleinsten Punkt die größte Kraft, wird von diesen unscheinbar-tüchtigen Köpfen streng befolgt, und oft genug konnte ich beobachten, wie der im Sondergebiet erreichte höhere Standpunkt hernach auch erhebend auf den ganzen geistigen Zustand zurückwirkte.[51]
Dies bezieht sich aber nur auf jene zufälligen Mitläufer. In dem Maße, als sich die Erfolge der neuen Arbeitsrichtung auswirkten, vermehrte sich auch die Anzahl der Schüler, die aus innerem Beruf sich uns anschlossen und ich habe eine ganze Reihe feiner Köpfe und guter Menschen unter ihnen kennen lernen können. Ihre Anzahl war stets so groß, daß ich nicht nur meine Assistentenstellen, die sich bald vermehrten, immer mit Deutschen habe besetzen können (sie sind hernach alle ohne Ausnahme Professoren geworden), sondern auch zu ähnlichen Tätigkeiten eine gute Zahl nach auswärts abgeben konnte.
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 Ich bin natürlich nicht berechtigt, zu behaupten, daß durch dieses Gespräch im Eckzimmer des alten Instituts, das mir noch mit dem Anschauungsbilde des Zimmers gegenwärtig ist, der erste Keim für jene Gedankenreihe entstand. Doch hatte ich damals den Eindruck, als handele es sich für Nernst um Vorstellungen, denen er sich nicht ohne einen inneren Widerstand hingeben wollte.




 Viertes Kapitel.
Am Schreibtisch.










[52] Der Grundriß. Die Vorlesung über physikalische Chemie, welche ich im Sommersemester 1888 gemäß der festgelegten Ordnung hielt, folgte unmittelbar auf die Zeit, wo sich die Fruchtbarkeit der Synthese der Lehren von van't Hoff und Arrhenius durch die Entdeckung des Verdünnungsgesetzes herausgestellt hatte. Ich arbeitete daher die neuen Gedanken mit stets wachsender Freude an dem Erfolg in den Organismus der Wissenschaft hinein und konnte an den glänzenden Augen meiner Zuhörer erkennen, daß auch sie mit gleicher Freude in die neue Welt aufklärender Einsichten hineinschauten, die sich vor ihnen auftat. Da sich unter den Hörern viele befanden, welche andere Gebiete der Chemie, organische und physiologische zum Hauptfach erwählt hatten, fragten sie mich um ein Buch, in dem sie das dauernd vorfinden konnten, was die Vorlesung im Vorüberziehen brachte.
In mir selbst hatte sich schon eine Art von künstlerischem Schaffensdrang geltend gemacht, den so reich und schön ergänzten Stoff zu einem eindrucksvollen Gesamtbilde aufzubauen. Hierdurch konnte gleichzeitig der dringende Wunsch befriedigt werden, die Gemeinde der »Ionier«, wie wir von den anderen wegen des massenhaften Gebrauches bezeichnet wurden, den wir von dem[53]  Worte Ionen machten, über den Kreis hinaus zu erweitern, den das gesprochene Wort erreichte. Zwar war das »Lehrbuch« vorhanden. Es konnte aber noch nicht jene neuen und weitreichenden Gedanken enthalten, die das Jahr 1887 gebracht hatte, da es 1886 abgeschlossen wurde, und war auch für jenen weiteren Kreis zu umfangreich und eingehend.
So entschloß ich mich leicht und gern zur Abfassung eines kurzen Lehrbuches, welches den gedanklichen Inhalt der physikalischen Chemie ohne umständliches Eingehen auf technische Einzelheiten bringen und diesen daher allen Chemikern zugänglich machen sollte. In kurzer Zeit und mit wahrer Bildnerfreude schrieb ich den »Grundriß der Allgemeinen Chemie« im Jahre 1888; er erschien mit dem Buchhändlerdatum 1889.
Das Buch hatte einen unmittelbaren Erfolg. Eine zweite, verstärkte Auflage mußte schon im folgenden Jahre ausgegeben werden; eine dritte folgte 1899. Dann fehlte das Werk längere Zeit im Buchhandel, weil ich es umarbeiten wollte und nicht dazu kam; 1909 erschien eine vierte und später noch eine fünfte Auflage. Insgesamt mögen etwa 12000 Exemplare der deutschen Ausgabe verbreitet worden sein. Es wären viel mehr geworden, wenn ich mich auch in späterer Zeit des Werkes so pfleglich angenommen hätte, wie es einem so wohl geratenen Kinde gegenüber am Platze gewesen wäre.
Denn außer den Deutschen brachte das Buch die Nachricht von der neuen Wissenschaft auch anderen Völkern. Eine englische Übersetzung von J. Walker erschien sehr bald (1890). Es folgten eine russische, französische, japanische, spanische, ungarische usw., so daß der »Grundriß« sich als eines der wirksamsten Mittel der Verbreitung der neuen Lehre erwies. Auch konnte ich feststellen, daß in den öffentlichen Büchereien, wo ich meine Werke vertreten fand, der Einband des »Grundriß«[54]  immer mehr abgegriffen aussah, als der der anderen Werke.
Die Klassiker. In dem gleichen Jahre begann ich mit der Ausgabe der »Klassiker der exakten Wissenschaften«. Bei meinen Vorarbeiten für das Lehrbuch war mir aufgefallen, wie groß das Mißverhältnis zwischen dem Gesamtumfang der Zeitschriftliteratur und dem Anteil darin war, welchem eine dauernde Bedeutung zukam. Dafür, daß unter den veröffentlichten Abhandlungen der Anteil der ganz zwecklosen verschwindend klein war und ist, hatte ja im allgemeinen die Sorgfalt der jeweiligen Herausgeber gesorgt. Doch hatte ich immerhin feststellen können, daß z.B. Poggendorf, der die »Annalen der Physik« zu so ruhmvoller Höhe entwickelt hatte, in den letzten Jahren seines Lebens den kritischen Blick verloren und einzelne Aufsätze angenommen hatte, deren Abdruck ohne Verlust für die Wissenschaft hätte unterbleiben können. Aber auch von den für ihre Zeit guten und zweckmäßigen Arbeiten hat der allergrößte Teil seinen Beruf erfüllt, nachdem der tatsächliche Inhalt in die Lehrbücher übergegangen ist. Dazwischen ragen einzelne Meisterwerke wie Berggipfel empor, deren Inhalt auf solche Weise durchaus nicht erschöpft wurde und deren fördernde und den Blick erweiternde Wirkung daher auch für die neuen Geschlechter zugänglich gemacht werden sollte, welche jene alten Zeitschriftenbände nur ausnahmsweise in die Hand bekommen. Sie können aus ihnen lernen, wie solche die Zeiten überdauernde Beiträge zur Wissenschaft aussehen und zustande kommen. Außerdem finden sich in ihnen zahlreiche Keime förderlicher Gedanken, die noch nicht aufgesproßt sind und Frucht getragen haben und nur auf die pflegsame Hand warten, um reiche Ernten zu ergeben.
Mein Verleger, Dr. Engelmann, fand sich alsbald willig, die Sache zu unternehmen. Eine Anzahl ausgezeichneter[55]  Kollegen erklärte sich bereit, uns beratend beizustehen für jene großen Gebiete der exakten Wissenschaften von der Mathematik bis zur Physiologie, in welchen ich selbst nicht fachkundig war. Die »Klassiker« haben dann eine schöne Entwicklung erlebt; über zweihundert Bände sind im Laufe der Zeit herausgegeben worden, und von diesen haben nicht wenige mehrfache Auflagen in Tausenden von Exemplaren erfahren. Sie wurden später von meinem Lehrer A. von Oettingen herausgegeben; nach dessen Tode leitet sie mein ältester Sohn Wolfgang Ostwald. Sie erscheinen gegenwärtig bei der Akademischen Verlagsgesellschaft, Leipzig.
Die Anregung, welche die »Klassiker« dahin gaben, daß die Meisterwerke der Wissenschaft in Einzeldrucken der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden, ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Nicht nur sind in Deutschland ähnliche Sammlungen für einzelne Sonderfächer erschienen, auch im englischen und französischen Sprachgebiet ist das deutsche Vorbild nachgeahmt worden. Für mich lag hier der Keim für die viel späteren Gedanken über die technische Organisation der Wissenschaft, die in der Gründung der »Brücke« und anderer Unternehmungen ihren Ausdruck suchten. Doch dies sind Dinge, die erst im dritten und letzten Bande dieses Werkes erzählt werden können.
Kritik der Geschichte. Die Herausgabe der »Klassiker« hatte für mich neben den eben gekennzeichneten praktischen Zwecken, die übrigens ganz im Vordergrunde standen, noch eine mehr gefühlsmäßige Nebenbedeutung. Von Karl Schmidt war ich seinerzeit stark zur Hochschätzung der Geschichte der Wissenschaft beeinflußt worden; seine zweistündige Vorlesung über die Geschichte der Chemie ist meines Erinnerns das einzige Kolleg gewesen, daß ich als Student regelmäßig gehört habe. Dazu kam die praktische Arbeit in gleicher Richtung durch[56]  das massenhafte Studium älterer Schriften über Chemie und Physik. Ich hatte es nicht nur betrieben, um mir Kenntnisse über das ganze Gebiet der physikalischen Chemie aus den Quellen zu erwerben, sondern empfand dabei ein unmittelbares Wohlgefallen an der intimen Berührung mit den Großen und Kleinen der Wissenschaft. Zu dieser Liebhaberfreude an historischer Kleinarbeit gesellte sich die überkommene Ehrfurcht vor allem Geschichtlichen, welches durch die philologisch-scholastische Grundrichtung des höheren Schulwesens bei uns zum Kennzeichen der »Kultur« erhoben worden ist. Ich stak damals widerspruchslos in dieser Anschauung, die ich als selbstverständlich angenommen hatte, d.h. als etwas, worüber man nicht nachdenkt.
Es gereicht mir nachträglich zur Freude an mir selbst, daß ich in der Ankündigung das neue Unternehmen durchaus nur durch die oben angegebenen praktischen Gesichtspunkte begründet und mich der üblichen Redensarten über die »ideale« Beschaffenheit aller historischen Arbeit nicht schuldig gemacht habe. Dies zeigt, daß mir schon damals jene Redensarten bedenklich vorkamen. Bei gelegentlichem Zusammentreffen mit Otto Seeck, dem Historiker, dem älteren Bruder meines Freundes Fritz, während meiner Rigaer Professorenzeit hatte ich mit ihm lange Gespräche über seine Wissenschaft geführt. Er verteidigte mit Geist und Feuer den üblichen Standpunkt, daß die Wissenschaft »um ihrer selbst willen« getrieben werden müsse, und daß jede geschichtlich nachweisbare Tatsache deshalb wichtig sei, weil man nie voraus wissen könne, welchen Zusammenhang sie einmal aufhellen könne. War es doch eine besonders glänzende Seite seiner eigenen Arbeitsweise, nebensächliche Bemerkungen der Quellen zu überraschenden und weitreichenden Ausblicken zu verwerten. Mir wollte jene Ansicht wegen ihrer Grenzenlosigkeit nicht einleuchten[57]  und ich rief aus: Was ist das für eine Wissenschaft, in welche jeder Schafskopf, der aus Unkenntnis ein unersetzliches Manuskript verbrennt, ein niemals auszufüllendes Loch machen kann!
Ich erinnere mich nicht mehr, wie unser damaliges Gespräch auslief. Bei mir blieb ein unterbewußtes Mißtrauen gegen die Überschätzung der Geschichte als Wissenschaft mit einem äußerlichen Festhalten an der üblichen Verehrung verbunden. Erst nachdem ich selbst 1895 ein größeres geschichtliches Werk (Die Elektrochemie, ihre Geschichte und Lehre) geschrieben hatte, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß es eine Geschichte als Wissenschaft überhaupt nicht gibt, sondern nur eine Geschichte als Methode oder Hilfsmittel, um zu wissenschaftlichen Aufschlüssen über gegebene Fragen zu gelangen. So gibt es eine Geschichte der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Verhältnisse, eine Geschichte der Mathematik, der Chemie, überhaupt jeder einzelnen Wissenschaft, eine Geschichte der Erde im geologischen Sinne usw., aber keine Geschichte an sich.
Ferner mußte ich feststellen, daß die geschichtliche Behandlung irgendeiner Angelegenheit nicht etwa, wie uns noch heute glauben zu machen versucht wird, die höchste Stufe der wissenschaftlichen Behandlung ist, sondern vielmehr die niedrigste oder primitivste. Dies wurde mir klar, als ich in der Fakultät erlebte, wie der dringend notwendige, aber von den um ihr Monopol besorgten Philologen immer wieder hintertriebene Lehrstuhl der Unterrichtslehre schließlich geschaffen und besetzt wurde. Der aus bestimmten Gründen Gewählte verstand nicht allzuviel davon und half sich dadurch, daß er Geschichte der Pädagogik las. Mich überraschte dies zuerst, bis mir klar wurde, daß hierzu wirklich weniger positives Wissen nötig war, als zum Vortrag irgendeines bestimmten Teils der wissenschaftlichen Unterrichtslehre.

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[58]  Das Lehrbuch. Kaum waren der »Grundriß« und die »Klassiker« in Gang gebracht, so machte mir der Verleger die erfreuliche Mitteilung, daß die beiden Bände meines ausführlichen Lehrbuches demnächst vergriffen sein würden und ich für eine neue Auflage Sorge tragen müsse. Dies war mir sehr recht, denn die wenigen Jahre nach dem Abschluß hatten so große Fortschritte gebracht, sowohl äußere an Tatsachen und Begriffen, wie innere für mich an weiterer und tieferer Auffassung der Probleme, daß ich eine erneute Bearbeitung und Darstellung des ganzen Gebietes als eine Notwendigkeit empfand. So machte ich mich frisch ans Werk. Es stellte sich heraus, daß ich fast das ganze Buch neu schreiben mußte, so erheblich war das Wachstum der neuen Wissenschaft in den wenigen Jahren gewesen. Dabei vermehrte sich der Umfang gewaltig. Der erste Band, die Stöchiometrie, die in der ersten Auflage auf etwa 500 Seiten untergekommen war, beanspruchte nun nicht weniger als 1163 Seiten. Die Arbeit wurde 1889 begonnen und war 1890 beendet. Sie gab mir Gelegenheit, die neue Theorie der Lösungen in geschlossenem Aufbau nach ihrer geschichtlichen und inhaltlichen Entwicklung darzustellen. Dieser Teil wurde bald darauf ins Englische übersetzt und hat in Britannien und noch mehr in Amerika der neuen Lehre viele neue Anhänger zugeführt.
Der zweite Teil der »Allgemeinen Chemie«, die Verwandtschaftslehre, war noch sehr viel stärker angewachsen als die Stöchiometrie. Ein erster starker Band von 1104 Seiten erschien 1893, ein zweiter von 1188 Seiten 1896–1902. Damit war aber das vorhandene Material, das mir unter der Hand immer schneller nachwuchs, – brachte doch allein die »Zeitschrift« jährlich vier starke Bände heraus – keineswegs erschöpft. Wohl aber war es meine Fähigkeit, es zu bewältigen. So ist die zweite Auflage des Lehrbuches unvollendet geblieben.[59]  Von einer dritten konnte natürlich keine Rede sein, als der Vorrat und auch ein wörtlicher Nachdruck verbraucht war.
Mein Lehrbuch hat in dieser Beziehung dasselbe Schicksal erfahren, wie einige andere Werke ähnlichen Zweckes und Erfolges. So war mir bei meinen literarischen Ausgrabungen in Dorpat aufgefallen, daß das Lehrbuch der organischen Chemie von Kekulé, auf welchem die ganze damalige Entwicklung der organischen Chemie fußte, mitten im wichtigsten Gebiet abgebrochen war und nicht gebunden werden konnte, weil man noch immer auf die Fortsetzung hoffte. Ein ähnliches Schicksal hatte das gleichfalls bahnbrechende Lehrbuch von Erlenmeyer erfahren. Das Examenfach der analytischen Chemie hatte ich seinerzeit vom zweiten Termin auf den dritten verschoben, um den Abschluß des damals klassischen Werkes von Fresenius zu erwarten. Dieser Abschluß kam aber nicht; er kam erst, nachdem ich längst Professor geworden war.
Die Ursache – oder eine der wirkenden Ursachen – ist in Goethes Ballade vom Zauberlehrling gekennzeichnet: Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los. Die plötzliche Belebung der Teilnahme vieler Fachgenossen, die durch ein gelungenes und originales Lehrbuch hervorgebracht wird, wirkt sich alsbald in einer plötzlichen Vermehrung der experimentellen und theoretischen Forschung auf dem neu erschlossenen Gebiet aus. Es ist nun verhältnismäßig leicht geworden, die Schubfächer auszufüllen, deren Ordnung und Zugang durch die Bildung angemessener allgemeiner Begriffe aufgetan worden ist, und so entsteht eine Sturmflut von neuem Material, das bearbeitet und dargestellt sein will. Dies trifft mit der Erschöpfung zusammen, welche eine derartige schöpferische Arbeit notwendig beim Verfasser bewirkt, und so wirken beide Ursachen dahin, die Fortführung solcher Arbeit schwer oder unmöglich zu machen.[60]
In meinem Falle war ein anderer Umstand hinzugekommen, der jene einschränkenden Ursachen noch ganz unverhältnismäßig verstärken sollte, nämlich die Entstehung einer neuen wissenschaftlichen Weltanschauung der Energetik. Hierüber kann aber erst später berichtet werden, denn die Beschreibung der ersten Entwicklungsstufe der neuen Lehre ist noch nicht zu Ende.
J. Willard Gibbs. Das nächste Buch, welches ich bei meinem noch immer unternehmungsfreudigen Verleger Engelmann erscheinen ließ, war kein eigenes Erzeugnis, sondern eine Übersetzung. Schon in Dorpat hatte mir Oettingen gelegentlich von den Arbeiten des Amerikaners J. Willard Gibbs zur Thermodynamik gesprochen, als offenbar bedeutungsvollen aber schwer zugänglichen Forschungen. Um mir mehr und mehr Klarheit über dieses wichtigste aller Hilfsmittel zur Entwicklung der Verwandtschaftslehre zu verschaffen, begann ich die Abhandlungen zu studieren, nachdem ich sie nicht ohne Mühe aufgetrieben hatte. Es ging mir wie seiner Zeit Oettingen. Ich fand sie schwer zugänglich, erkannte aber zweifellos ihre sehr große Bedeutung. Soweit waren nicht viele gekommen; vor mir die Physiker Maxwell und Lorenz, die aber beide ihn nur gelegentlich erwähnt und benutzt hatten.
Zum besseren Eindringen fand ich nun kein wirksameres Mittel, als die Arbeiten Wort für Wort zu übersetzen. Denn Auszüge aus ihnen konnten nicht hergestellt werden, weil sie so konzentriert geschrieben waren, daß eine weitere Verkürzung nicht möglich war. Auch gedachte ich durch die deutsche Ausgabe das meine dafür zu tun, daß diese lang übersehenen Schätze endlich gehoben und in die laufende Münze der Einzelforschung umgewertet werden konnten.
Diese Arbeit war von größtem Einfluß auf meine eigene Entwicklung. Denn, obwohl er es nicht besonders[61]  hervorhebt, arbeitet Gibbs ausschließlich mit Energiegrößen und ihren Faktoren und hält sich vollkommen frei von allen kinetischen Hypothesen. Dadurch erlangte er für seine Schlüsse eine Sicherheit und Dauerhaftigkeit, welche sie an die oberste Grenze des menschlich Erreichbaren stellen. Tatsächlich ist bisher noch kein einziger Fehler, weder in seinen Formeln noch in seinen Schlüssen, noch, was das schwierigste ist, in seinen Voraussetzungen entdeckt worden. Denn in den wissenschaftlichen Schriften finden sich nicht wenige, deren Logik und Mathematik zwar unanfechtbar ist, und die dennoch wertlos sind, da die benutzten Annahmen und Voraussetzungen nicht der Wirklichkeit entsprechen. In dieser Beziehung steht Gibbs gleichfalls tadelfrei da.
Die in englischer Sprache veröffentlichten Arbeiten des genialen Physikers wurden von mir unter dem Titel Thermodynamische Studien 1892 herausgegeben. Es war dies lange Zeit die einzige Form, in welcher diese hochbedeutenden Arbeiten der wissenschaftlichen Welt zugänglich waren, da ihr Verfasser sie nur in den Schriften der Gesellschaft der Wissenschaften von Connecticut veröffentlicht hatte, wo niemand sie suchte; auch war das Heft längst vergriffen. So mußten auch die Engländer und Amerikaner sie in deutscher Sprache studieren, obwohl sie in ihrer eigenen Sprache geschrieben waren, bis endlich nach Gibbs' Tode eine Neuausgabe in der Ursprache das längst dringend gewordene Bedürfnis erfüllt hat.
Willard Gibbs war ein übermäßig bescheidener und zurückhaltender Gelehrter, der sein ganzes Leben bis auf einige auswärtige Studienjahre in seiner Vaterstadt New Haven, Connecticut, Amerika, zugebracht hat, wo schon sein Vater Professor gewesen war. Von seiner Größe – er ist zweifellos der größte wissenschaftliche Genius, den die Vereinigten Staaten hervorgebracht[62]  haben – wußte man weder in seiner Vaterstadt noch in seinem Vaterlande etwas. Er mußte erst in Europa entdeckt werden, was in Holland durch den Physiker Lorenz geschah, in Deutschland durch mich, den wieder Oettingen auf ihn aufmerksam gemacht hatte. In Holland ist eine ganze Schule von Forschern, beginnend mit Lorenz' Schüler Bakhuis Roozeboom entstanden, deren Arbeiten in der Entwicklung und Anwendung eines einzigen der zahlreichen Gesetze bestehen, welche Willard Gibbs entdeckt und in jenen Schriften niedergelegt hat, nämlich des Phasengesetzes, das gewöhnlich sinnwidrig die Phasenregel genannt wird.
Durch dieses Eingreifen kam die wissenschaftliche Welt allmählich dahinter, daß hier ein Kopf tätig gewesen war, der an Tiefgründigkeit und Fruchtbarkeit sich den großen Thermodynamikern Helmholtz, Clausius und W. Thomson an die Seite stellen durfte. So wenig war er aber in seiner Heimat bekannt, das dort eine wunderliche Geschichte passierte. Es war die Nachricht hinübergelangt, daß Gibbs in Europa als großer Genius erkannt und anerkannt worden sei. Nun lebte gleichzeitig ein Namensvetter von ihm, ein Chemiker Wolcott Gibbs, der einige ganz tüchtige Leistungen vollbracht hat, aber sicher kein großer Genius war. Doch war sein Name in Amerika weitaus bekannter. Er wurde selbstverständlich, d.h. ohne weitere Nachfrage für den neuentdeckten Stern gehalten und mußte sich große Ovationen seitens seiner begeisterten Landsleute gefallen lassen, über die vermutlich niemand mehr verwundert war, als er selbst. Erst hernach ist das Mißverständnis an das Licht gekommen, Willard Gibbs aber hat erfolgreich jedem Versuch widerstanden, ihn zu einer populären Größe zu machen.
Die eingehende Beschäftigung mit jenen Arbeiten durch die Übersetzung war für mich von erheblichen[63]  Folgen. Obwohl ich in seine Mathematik nur unvollkommen eindringen konnte, empfing ich doch ein großes Stück denkerischer Erziehung durch die geradlinige Sachlichkeit, mit welcher er die einzelnen Probleme angriff und durch die erschöpfende Umsicht, mit der er aus den angesetzten Gleichungen auch die fernstliegenden Folgen entwickelte. Auch konnte ich nicht umhin zu bemerken, daß die 200 Gleichungen, welche die Hauptarbeit brachte und behandelte, fast ausnahmslos Gleichungen zwischen Energiegrößen waren. Diese zunächst nur formale Bemerkung wurde für mich von größter Wichtigkeit, denn sie ergab, daß jene grundlegende Arbeit als eine chemische Energetik gekennzeichnet werden kann.


Das Hand- und Hilfsbuch. Da in der ersten Zeit die Teilnehmer im physikochemischen Laboratorium ausgebildete Chemiker waren, deren Zweck die praktische Einführung in den neuen Arbeitskreis war, so hatte ich sie unmittelbar an die besondere Forschungsarbeit gesetzt, die ihren Wünschen entsprach und gleichzeitig wichtig genug erschien, um bearbeitet zu werden. Es wurde mir bald klar, daß sie auf solche Weise eine zu einseitige Ausbildung fanden, eingehend in dem Gebiet ihrer Untersuchung, unzulänglich nach allen anderen Richtungen. So beschloß ich nach einigen Semestern, vor den Beginn der Sonderarbeit, die nun in den meisten Fällen als Doktordissertation verwendet wurde, einen Übungskurs zu legen, in welchem der Zögling mit den wichtigsten Methoden praktisch bekannt gemacht wurde; gleichzeitig war dies eine Übung in der Handhabung der Rechenmethoden, die natürlich etwas verwickelter, ausfallen mußten, als die einfachen Exempel aus der Regel de tri, mit der bisher der Chemiker fast überall sein Auslangen fand.
Die Maßregel rief merkwürdigerweise den Unwillen einer Gruppe meiner Schüler hervor, die im Begriffe[64]  standen, die allgemeinen analytischen und präparativen Übungen zu beenden, wie sie übereinstimmend in allen Laboratorien abgehalten werden, und die gedacht hatten, nun unmittelbar ihre Doktorarbeit beginnen zu können. Unter dem Hinweis, daß es in den anderen Laboratorien solche Dinge nicht gebe, ließen sie mir durch den Assistenten sagen, daß sie das Laboratorium verlassen würden, wenn ich die Bestimmung auf sie anwenden würde. Für mich bestand kein Zweifel darüber, was zu geschehen hatte; ich ließ ihnen Glück für ihre fernere Laufbahn wünschen und vermehrte das Programm der Übungen, die auf sechs bis acht Wochen angelegt waren, um einige inzwischen wichtig gewordene Methoden. Etwa acht bis zehn Studenten verließen dann tatsächlich das Laboratorium. Doch hat, soviel mir bekannt wurde, keiner von ihnen sich hernach ausgezeichnet, so daß ich den Verlust verschmerzen konnte. Doch muß ich es mir zum Vorwurf machen, daß ich einer eingewurzelten Abneigung nachgebend, nicht auf einer persönlichen Aussprache bestand.
Wohl aber begriff ich die Notwendigkeit, mir und dem Assistenten die stets wiederholte Arbeit der allgemeinen Einübung organisatorisch tunlichst zu erleichtern und fand hierfür kein wirksameres Mittel, als wieder ein Buch zu schreiben. Ich nannte es: Hand- und Hilfsbuch zur Ausführung physikochemischer Messungen und arbeitete mit Liebe alle die vielen kleinen Handgriffe, Hilfsmittel und Vorteile hinein, die während meiner nun bald zwanzigjährigen Beschäftigung mit den Problemen dieses Gebietes entstanden waren. Denn ich strebte an, bei meinen Schülern die gleiche Liebe für die Handarbeit, die gleiche Freude am Basteln zu erzeugen, welche mir die viele mechanische Arbeit bei dieser Art Forschungen nicht nur erträglich, sondern genußreich gemacht hatte.
Das Buch erschien 1893 und ist auch mehrfach übersetzt worden. Die folgenden Auflagen sind zunächst[65]  unter Teilnahme, hernach unter alleiniger Verantwortung von Mitarbeitern herausgegeben worden. Denn als ich später den Hauptteil meiner Arbeit und Hingabe ganz anderen Problemen zugewandt hatte, traute ich mir nicht mehr eine hinreichend eingehende Kenntnis der täglichen Bedürfnisse der Laboratoriumsarbeit zu, um hier noch als Lehrer auftreten zu können.
Kleinarbeit. Um die Anwendung der neuen Untersuchungsmittel, sowohl der technischen wie der begrifflichen zu erleichtern, verfaßte ich 1888 und 89 einige sozusagen populäre Aufsätze für die Zeitschrift, in welchen ich die Einzelheiten der Leitfähigkeitsmessung so beschrieb, wie sie seitdem über die ganze Welt angewendet wurden, und andererseits die wichtigsten chemischen Vorgänge an Säuren, Basen und Salzen im Sinne der Dissoziationslehre im einzelnen klarlegte, wie sie seitdem allgemein angenommen wurden. In beiden Fällen waren die Gedanken von anderen geschaffen worden: von Kohlrausch das Verfahren, von Arrhenius die Begriffe, wie ich auch mit allem Nachdruck hervorhob. Nur die Form der Anwendung und der Darstellung gehörte mir; sie hat sehr viel dazu beigetragen, daß die Fachgenossen die anfängliche Scheu vor den neuen Dingen verloren haben.
Insbesondere ergab sich, daß die ganze Thermochemie der Salzbildung, von der durch Heß 1841 aufgestellten »Thermoneutralität« bis zu den letzten Forschungen Thomsens und Berthelots durch die Dissoziationslehre übersichtlich und verständlich wurde. Ferner unterzog ich die analytisch benutzten Reaktionen einer Durchsicht unter dem neuen Gesichtspunkt und konnte auch hier nachweisen, wie eine große Anzahl von Tatsachen, die man bisher ohne Zusammenhang registrieren und auswendig lernen mußte, nunmehr sich als einfache Folgen der vorhandenen Dissoziationszustände verstehen[66]  ließen. Insbesondere die Lehre von den normalen und anormalen Reaktionen war plötzlich klar und übersichtlich geworden.
Analytische Reaktionen. Der Begriff der freien Ionen ergab bei der Beziehung auf physikalische und chemische Verhältnisse zahllose Anwendungen, die von seinem Schöpfer Arrhenius hauptsächlich nach der allgemeinen und physikalischen Seite verfolgt und entwickelt wurden. Durch die berufliche Notwendigkeit, anorganische Chemie in der Vorlesung und analytische im Laboratorium zu lehren, wurde ich veranlaßt, ja gezwungen, das neue Denkmittel auf alle Einzelheiten der beiden Gebiete anzuwenden und fand alsbald auch hier wichtige und weitreichende Ergebnisse.
Schon in seiner ersten Veröffentlichung hatte Arrhenius hervorgehoben, daß die Unabhängigkeit der Ionen der Salze voneinander (bis auf die notwendige Gleichheit, der positiven und negativen Ladungen) sich auf alle ihre Eigenschaften erstrecken muß. Die Eigenschaften der Salzlösungen müssen sich somit einfach als Summen der Eigenschaften darstellen lassen, die den Ionen einzeln zukommen; sie müssen nach einem von mir eingeführten Ausdruck additiv sein. An einer Reihe von Beispielen zeigte er, daß solche additive Eigenschaften schon von früheren Forschern festgestellt waren, die sie allerdings nicht auf jene Ursache hatten zurückführen können.
Für die analytische Chemie ergab sich aus der Freiheit der Ionen der Schluß, daß die analytischen Eigenschaften der Salzlösungen nichts anderes sind, als die analytischen Eigenschaften ihrer Ionen. Heute ist das eine Binsenwahrheit; damals war es eine Entdeckung. Sie warf plötzlich das Licht der Wissenschaft in ein Gebiet, das bis dahin nur empirisch bearbeitet war und dem zusammenfassende Gedanken fehlten. Dies machte sich unwillkürlich in der allgemeinen Auffassung geltend,[67]  daß diejenigen Chemiker, welche die analytische Chemie zum Beruf erwählt hatten, einem geistig etwas niedrigeren Geschlecht zugerechnet wurden, als die anderen, die außerdem noch organische Synthesen und strukturchemische Betrachtungen auszuführen verstanden.
Wilhelm Hittorf. Eine wesentliche Vertiefung erhielten meine Betrachtungen durch das eingehende Studium von Wilhelm Hittorfs klassischen Untersuchungen über die Wanderung der Ionen, welche ich damals zum Wiederabdruck in den »Klassikern« ausgewählt und bearbeitet hatte. Hittorf hatte dort einen großen Teil der Lehre von den freien Ionen vorausgenommen, nur war ihm der letzte radikale Endpunkt dieser Gedankenreihe noch unzugänglich geblieben. Doch war schon das, was er als unabweisliches Ergebnis wohlbekannter Tatsachen und der von ihm beigebrachten Messungen entwickelt hatte, den damals maßgebenden Elektrochemikern, namentlich Magnus und Wiedemann so ketzerisch erschienen, daß sie eine heftige Polemik gegen ihn eröffnet und damit auch erreicht hatten, daß seine Forschungen trotz ihrer grundlegenden Bedeutung nicht beachtet wurden. Hierzu trug sehr viel bei, daß in Wiedemanns zusammenfassendem Handbuch des Galvanismus, in welchem sonst jede, auch die unbedeutendste Veröffentlichung erwähnt und erörtert war, die Forschungen Hittorfs nur ganz kurz und ablehnend behandelt waren.
Mir erschien es als eine unabweisbare Pflicht, dem so lange verkannten und ungerecht beurteilten Forscher durch die Aufnahme in die »Klassiker« die längst verdiente Anerkennung endlich zuteil werden zu lassen, zumal er noch lebte und als Professor in Münster tätig war. Ich hatte mich mit ihm brieflich in Verbindung gesetzt und ihn um die Erlaubnis zum Abdruck gebeten. Sie wurde mit einem rührenden Ausdruck des Dankes für die späte Anerkennung gewährt. Um mir aber die[68]  persönliche Unbequemlichkeit zu ersparen, die mit dem Wiederabdruck seiner Verteidigung gegen Wiedemanns nicht gut begründete Verurteilung verbunden war, bat er mich, alle polemischen Stücke seiner Schriften im Abdruck zu streichen und diesen auf die Mitteilung des tatsächlichen Materials und seine Deutung zu beschränken.
Dies geschah denn auch, und erst nach dem Tode beider Gegner benutzte ich die Gelegenheit einer Neuauflage, um jene Schriften nun unverkürzt zu bringen. Denn es schien mir doch wichtig, den Lesern nicht nur eine Kenntnis des wertvollen sachlichen Inhalts, sondern auch der persönlichen Schwierigkeiten zu vermitteln, die fast immer bei der Durchsetzung wichtiger neuer Gedanken gemacht werden, namentlich wenn sie einfach sind.
Für mich war hierbei besonders wichtig die klare Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen einfachen und komplexen Ionen. Wenn ein Metall als Ion vorhanden ist, so trägt es eine positive Ladung und wandert mit dem elektrischen Strome. Bildet es aber einen nicht abgespaltenen Bestandteil eines zusammengesetzten oder komplexen negativen Ions, so wandert es gegen den Strom. Dies hatte Hittorf an einigen Beispielen klar aufgewiesen. Solche komplexe Ionen zeigen aber auch nicht die gewöhnlichen analytischen Kennzeichen der in ihnen vorhandenen Metalle, eben weil diese nicht einfache Ionen gebildet haben. Dies ergab, wie ein schneller Überblick mich alsbald belehrte, eine vollständige Theorie der sogenannten anomalen Reaktionen, die man zwar gut kannte, aber nie zu deuten vermocht und versucht hatte.

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Die wissenschaftlichen Grundlagen der analytischen Chemie. Diese Gedanken entwickelten sich im Jahr 1893, doch war meine Zeit und Kraft so vielfältig in Anspruch genommen, daß ich nicht dazu kam, sie zu Papier zu bringen. Ich nahm sie unterbewußt in die Osterferien mit, die ich an der Riviera verbrachte. Als ich dann auf der Heimreise[69]  wegen Überfüllung des Zuges auf unbequemem Platz die zehnstündige Nachtfahrt von München nach Leipzig machen mußte, benutzte ich die schlaflose Zeit, um in meinem Kopfe den vollständigen Plan zu einem neuen Buch auszuarbeiten, das den Titel: Die wissenschaftlichen Grundlagen der analytischen Chemie erhalten sollte. Mir sind noch die mathetischen oder ordnungswissenschaftlichen Schwierigkeiten gegenwärtig, die es dabei zu überwinden gab. Doch gelang dies so vollständig, daß ich hernach das Buch nur so gerade herunterschreiben konnte, ohne am Plan und Aufbau etwas ändern zu müssen.
Zufällig besuchte mich um jene Zeit mein älterer Kollege Lothar Meyer, der mir trotz einiger wissenschaftlicher Reibungen ein gütiges Wohlwollen bewahrt hatte. Ich erwähnte im Gespräch, daß ich eben ein Werk über analytische Chemie unter der Feder hatte. Er brach in ein helles Lachen aus und rief: Auch das noch! Sie haben doch nie auf diesem Gebiete eine Untersuchung veröffentlicht! Ich sagte ihm, daß es sich um einen großen und grundsätzlichen Fortschritt handele, durch den dieses Gebiet erst wissenschaftliche Beschaffenheit annehmen würde. Dies steigerte aber nur seine Heiterkeit, und er erklärte mir, das nicht eher glauben zu können, als bis er mein Buch gelesen haben würde, wobei er sich offenbar vorbehielt, es auch dann nicht zu glauben.
Das Buch wurde Johannes Wislicenus gewidmet. Es war dies zunächst ein Ausdruck des Dankes für das väterlich-freundliche Entgegenkommen, das er mir und den Meinen erwiesen hatte. Gleichzeitig war es ein Versuch, die leise beginnende Spaltung aufzuheben, deren Vorhandensein ich nicht verkennen konnte. Die väterliche Gesinnung schloß die »selbstverständliche« Voraussetzung ein, daß ich mich in allen chemischen Angelegenheiten, auch solchen, die in erster Linie mich und meine Unterrichtsarbeit angingen, nach ihm richten und nichts[70]  anordnen oder ausführen sollte, was ihm nicht vorher vorgelegt und von ihm gebilligt war. Sogar bezüglich meiner wissenschaftlichen Ansichten erwartete er eine solche Verständigung. Diesen Erwartungen entsprach ich nicht, zumal ich mich überzeugt hatte, daß er von der physikalischen Chemie soviel verstand, wie damals jeder Organiker, was nicht sehr weit ging. Es war dies teils Unbedachtheit, da es mir zuerst gar nicht zum Bewußtsein gekommen war, das solche Ansprüche vorhanden waren. Zum anderen Teil aber hatte ich so viel gegen Mißverstand, Trägheit und Überhebung nach vielen Seiten zu kämpfen, daß es mir wie eine Pflicht erschien, die eben errungenen wissenschaftlichen Fortschritte unter allen Umständen kräftig zu vertreten; ich wagte daher zuweilen in aller Aufrichtigkeit bei gelegentlichen Erörterungen in unserer Leipziger chemischen Gesellschaft, den so viel älteren, würdigen Kollegen öffentlich über diese Fortschritte zu belehren, wenn ich ihre Kenntnis nicht voraussetzen konnte.
So war es mir ganz besonders willkommen, die aufrichtige Beschaffenheit meiner Gefühle durch jene Widmung zum Ausdruck zu bringen.
Wie das in der Natur solcher elementarer Verhältnisse liegt, hat die Widmung den unaufhaltbaren Vorgang zwar verzögert und von offenkundiger Gegnerschaft frei zu halten geholfen, hat ihn aber nicht verhindern können. Diese mit naturgesetzlicher Notwendigkeit sich vollziehende Scheidung gehört zu meinen schmerzlichsten persönlichen Erfahrungen während der Leipziger Lehrtätigkeit.
Der Erfolg. Was die Wirkung des Buches auf die Zeitgenossen anlangt, so war sie zwiespältig. Von einzelnen wurde seine Bedeutung sofort anerkannt, was sich darin ausdrückte, daß bald Übersetzungen erschienen, welche die neuen Gedanken schnell über die ganze Kulturwelt[71]  ausbreiteten. Im Laufe einer ziemlich kurzen Zeit wurden acht bis zehn fremdsprachige Ausgaben veranstaltet.
Eine Beeinflussung der deutschen Lehrbücher, welche der analytischen Chemie ganz oder zum Teil gewidmet waren, ließ sich dagegen zunächst gar nicht erkennen. Als nach einigen Jahren eine verstärkte zweite Auflage herausgegeben wurde, mußte ich in der Vorrede diese Unwirksamkeit meines Werkes hervorheben. Ich ermüdete aber nicht, in der »Bücherschau« der Zeitschrift für physikalische Chemie in jedem einzelnen Fall auf den Mangel hinzuweisen und Abhilfe zu verlangen. Etwa fünf Jahre nach dem Erscheinen begann dann die neue Auffassung ihren Einzug in die Lehrbücher zu halten, und nachdem einmal das Eis gebrochen war, wollte man sich nicht gern dem Vorwurf der Rückständigkeit aussetzen. Natürlich reichte es, namentlich in der ersten Zeit, bei manchem nicht weiter als zu einem äußerlichen Firnis. Aber auch diese Kinderkrankheiten wurden überstanden. Heute sind, soweit meine Kenntnis reicht, die damals gewonnenen Einsichten allgemein verbreitet und werden ihrerseits als selbstverständlich angesehen, d.h. als etwas, worüber keine Meinungsverschiedenheit mehr besteht.
Die Elektrochemie. Das nächste größere Buch, das ich schrieb, hieß: Die Elektrochemie, ihre Geschichte und Lehre. Die Vorstudien und ersten Niederschriften fallen in das Jahr 1893. Da das Werk einen großen Umfang voraussehen ließ, wurde es in Lieferungen herausgegeben, deren erste Anfang 1894 erschien und deren Herstellung sich über 20 Monate bis gegen Ende 1895 erstreckte; das Buch trägt daher das Buchhändlerdatum 1896.
Die Anregung zu dieser ausgedehnten Arbeit – sie ist 1151 Druckseiten stark – war durch das Bedürfnis gegeben, die Neugestaltung der Elektrochemie, die sich[72]  soeben vollzog, so eng wie möglich mit dem früheren Bestand dieser Wissenschaft zu verbinden. Das vollkommenste Mittel hierfür war die Herausarbeitung der geschichtlichen Zusammenhänge im Licht dieser neuen Entwicklung. Zwar gab es in Wiedemanns Lehre vom Galvanismus (später von der Elektrizität) auch einen Band, der die Elektrochemie behandelte, doch waren sowohl die führenden Gesichtspunkte wie die Art der Behandlung verschieden. Ich vermißte die großen Entwicklungslinien, deren Vorhandensein mir schon aus der unvollständigen Kenntnis ersichtlich wurde, die ich in dem Gebiete vor der eingehenden Untersuchung erworben hatte.
Dieses Buch ist das erste, in welchem ich die bisher geübte Beschränkung auf die unmittelbaren Fragen der behandelten Wissensgebiete aufgegeben und auch die menschlich-persönlichen Seiten der beteiligten Forscher zur Geltung gebracht habe. Damit war eine neue Saite angeschlagen, die mir seitens geistig höher stehender Leser manche warme Anerkennung, seitens des gewohnten Kreises aber befremdete Zurückhaltung eingetragen hat. Dies Werk, das ich für eines meiner besten halte und neben die Geschichten der Mechanik von Mach und von Dührung stellen zu dürfen glaube, hat keine zweite Auflage und keine Übersetzung erlebt und nimmt auch in solcher Hinsicht eine Sonderstellung unter meinen älteren Werken ein.
Andere Schriften. Zwischen und neben der Abfassung jener größeren Werke lief ununterbrochen der Strom der Berichte über neue Abhandlungen und Bücher, welche ich für die Zeitschrift schrieb. Ich pflegte mir alles, was in solchem Sinne der Bearbeitung harrte, an einer bestimmten Stelle meines Schreibtisches aufzuschichten, so daß der entstehende Turm, dessen Standfestigkeit mit steigender Höhe schnell abnahm, mich beständig mahnte,[73]  die Arbeit nicht aufzuschieben. Da diese Tätigkeit besonders geeignet war, in der früher (I, 249) beschriebenen Weise Viertelstunden auszufüllen, die sonst verloren gegangen wären, so gelang es mir eine lange Zeit hindurch das Gleichgewicht zwischen Zu- und Abfluß zu erhalten und den nie abreißenden Einlauf schnell zu erledigen.
Ich konnte bald feststellen, wie nützlich, ja notwendig diese Arbeit für die Entwicklung der Sache war. In den inzwischen ausgestalteten Begriffen und Beziehungen hatte ich einen Maßstab, um den Fortschritt jedes einzelnen Werkes zu messen. Ich wurde nicht müde, die Verfasser immer wieder zu mahnen, ihre Arbeit in Zusammenhang mit jenen neuen Forschungen zu bringen und konnte oft genug auf Punkte hinweisen, die von ihnen ungeklärt gelassen waren und durch die neuen Lehren ein weittragendes Licht erhielten. Ich bin mir bewußt, hierbei stets streng sachlich vorgegangen zu sein und die persönliche Beschaffenheit der Verfasser niemals auch nur andeutungsweise berührt zu haben; in den meisten Fällen war sie mir ja auch ganz unbekannt. Trotzdem haben mir hauptsächlich diese Berichte den Ruf einer maßlosen Kampflust oder Streitsucht zugezogen. Diese Art der Reaktion ist so tief in elementaren Eigenschaften der menschlichen Natur begründet, daß es unvernünftig gewesen wäre, sie sich zu Herzen zu nehmen. Und wenn ich auch kaum jemals ein offenes Zugeständnis erzielt habe, daß meine Einwände und Forderungen begründet waren, so konnte ich doch in der Art, wie Fortsetzungen begonnener Arbeiten oder neue Auflagen von Büchern, die ich rezensiert hatte, umgestaltet erschienen, mancherlei tatsächliche Erfolge meiner Tätigkeit erkennen.
So hatte ich im Jahre 1889 über ein Buch von Tiemann und Gärtner über Wasseranalyse zu berichten und erwähnte darin, daß die Verfasser, wie alle Analytiker[74]  vorher, bei der Gruppierung der Analysenergebnisse zu Salzen Schwierigkeiten gefunden hätten, wie man die Säuren und die Basen zueinander zu ordnen habe, da keine Anhaltspunkte dafür vorhanden sind. Ich schrieb dazu: »Auf den Gedanken, daß man Dinge, die man nicht weiß, auch nicht zum Ausdruck bringen soll, ist man indessen, wie es scheint, noch nicht verfallen. Es ist offenbar am rationellsten, die Mengen der positiven und negativen Teilmolekeln (Na, K, NH4 usw., Cl, NO3, SO4 usw. einzeln anzugeben, wodurch man alles ausdrückt, was die Analyse ergeben hat und was zu wissen nötig ist.«

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Die hier im Vorübergehen gemachte Andeutung war eine der Quellen, aus welchen hernach meine Bearbeitung der analytischen Chemie erflossen ist. Andererseits machte der ungarische Chemiker C. von Thann sachgemäß geltend, daß er schon früher den gleichen Vorschlag getan hatte. Das Endergebnis war, daß sich die Berechnungsweise auf Ionen als die wissenschaftlich allein berechtigte weitgehend durchgesetzt hat. So sind beispielsweise die zahllosen Analysen deutscher Heilquellen in dem vom Reichsgesundheitsamt unter Leitung von Th. Paul (der lange als mein Assistent tätig gewesen war) herausgegebenen vorbildlichen »Bäderbuch« nach diesen Grundsätzen berechnet worden.
Kämpfe. Außer den Streitigkeiten, die ich als Führer der neuen Lehre mit den konservativen Vertretern der alten auszukämpfen hatte, mußte ich mich auch auf einem davon unabhängigen Arbeitsfelde meiner Haut wehren. Schon in Riga hatte ich begonnen, im Anschluß an Vorarbeiten von Lippmann über den Zusammenhang zwischen Oberflächenspannung und Polarisation des Quecksilbers und von Helmholtz über die Eigenschaften einer tropfenden Quecksilberelektrode mich mit der Frage zu beschäftigen, wie die einzelnen elektrischen Spannungsunterschiede zwischen Metall und Elektrolyt zu messen[75]  seien. Ich hatte das Verfahren der Tropfelektroden für diesen Zweck ausgebildet und darüber Mitte 1886 in einem Briefe an den englischen Physiker O. Lodge Auskunft gegeben, der diesen Brief alsbald zum Abdruck brachte. Als ich ein Jahr später, im Sommer 1887 in Wien war (I, 255), fand ich dort den Physiker Franz Exner mit Quecksilber-Tropfelektroden beschäftigt; sie waren aber, wie ich auf Grund meiner inzwischen durchgeführten eingehenden Untersuchungen alsbald erkennen konnte, ganz unzweckmäßig, nämlich mit viel zu schwachem Druck eingestellt. Ich wies den Kollegen darauf hin. Als er dann zu beweisen unternahm, daß sie richtig sein müßten, weil gewisse Summen von Spannungen stimmten, zeigte ich ihm, daß jede beliebige Elektrode, welche Beschaffenheit sie auch hatte, die gleiche Übereinstimmung geben würde. Es gelang mir nicht, ihm meinen Beweis einleuchtend zu machen und ich schied von ihm in der Erkenntnis, daß bei ihm, mit Schopenhauer zu reden, der Wille stärker sei als die Forderungen des Intellekts.
Einige Zeit nach dieser Begegnung, nach dem ich meine Arbeit im ersten Bande der »Zeitschrift« veröffentlicht hatte, erschien ein Aufsatz, von ihm und einem seiner Schüler gezeichnet, welcher einen heftigen Angriff auf meine Arbeit brachte. Ich erwiderte in der Zeitschrift, indem ich die gegnerischen Behauptungen durch Versuche widerlegte und einige Irrtümer zurecht stellte. Hierauf erschien eine Antwort von allergröbster Beschaffenheit, in welcher dort, wo eine sachliche Widerlegung keine Aussicht bot, meine wissenschaftliche Ehrlichkeit in Frage gestellt wurde. Ich wies in einer zweiten Antwort nach, wie unbegründet die Angriffe waren; bezüglich des letzterwähnten Punktes schloß ich mit den Worten: »Die wissenschaftliche Moralität des Gegners zu polemischen Zwecken anzutasten, wie es die Herren wiederholt tun,[76]  fühle ich mich außerstande; ich werde mich nach wie vor begnügen, die Ursache der Fehler, welche sie machen, nicht in der Beschaffenheit ihrer Moral, sondern in der ihres Intellekts zu suchen.«
Dieser Wink hat sich dann anscheinend als wirksam erwiesen. In einer dritten Schrift verzichteten meine Gegner zwar nicht auf ihre Argumente, trotz des Nachweises ihrer Unhaltbarkeit, unterließen aber die persönlichen Angriffe. Ich ließ sie auf sich beruhen, wie sie denn für die Beurteilung der Angelegenheit seitens der wissenschaftlichen Kreise keine Folgen gehabt hat.
Mein väterlicher Freund Ludwig aber sagte mir: »Solche Sachen müssen Sie nicht schreiben, denn Sie haben besseres zu tun« und setzte mir auseinander, wie unzweckmäßig es ist, sich auf einen Streit mit einem Gegner einzulassen, der nicht überzeugt sein will. Die Entwicklung der Wissenschaft setzt solche Differenzen auch ohne unser Zutun zurecht, oft schon in kurzer Zeit, und man spart sich und den Lesern unangenehme Eindrücke, wenn man von vornherein auf eine Polemik verzichtet.
Ich habe mir diese Mahnung des weisen Freundes alsbald zu Herzen genommen und seitdem findet sich in allen späteren Bänden der Zeitschrift keine einzige Streitschrift mehr. Vielmehr schrieb ich, als meine Arbeit über Tropfelektroden bald darauf einer nicht gerechten Kritik durch F. Paschen, den jetzigen Präsidenten der physikalisch-technischen Reichsanstalt unterzogen wurde, der aber dazu gute experimentelle Arbeit geliefert hatte, in dem entsprechenden Bericht: »Zum Schluß möchte der Referent mit der Anerkennung nicht zurückhalten, daß die vom Verfasser angegebene Modifikation der Tropfelektroden eine glückliche ist und die bisher vorhandenen Fehler derselben wie es scheint in recht vollständiger Weise beseitigt. Der Freude des Verfassers über den erlangten Fortschritt mag auch die nicht überall gerechte[77]  Beurteilung, welche die dieser Untersuchung zugrunde liegende ältere Arbeit des Referenten erfährt, zugute gehalten werden.«
Doch hat auch dies nicht verhindert, daß ich in den Ruf eines überaus streitbaren Menschen gekommen bin. Wie wenig dieser Ruf berechtigt war, konnte ich in einem Sonderfalle nachweisen. Lothar Meyer, der mir dauernd ein gütiges Wohlwollen bewahrte, obwohl manches an unserer Bewegung ihm nicht recht war, sagte mir einmal so recht väterlich: »Es wäre alles viel besser, wenn Sie nicht so viel polemisieren wollten.« Da ist z.B. Ihr Streit mit dem Professor L. (einem seiner früheren Schüler); können Sie denn durchaus nicht Frieden geben? Ich wies ihm nach, daß mein Gegner mich zu Unrecht angegriffen hatte, indem er eine Angabe von mir in Zweifel zog, ohne eigene Versuche zur Sache anzustellen, und daß zur Abweisung des Zweifels ich mich mit vier Zeilen der Abwehr begnügt hatte, worauf L. drei oder vier ausgedehnte Streitschriften gegen mich veröffentlicht hatte, ohne daß von mir überhaupt nur ein weiteres Wort gegen ihn geschrieben war. Meyer mußte dies auf meinen Nachweis zugeben, aber ich fürchte, er schied von mir mit einer weiteren Steigerung seines Eindrucks von meiner Rechthaberei und Unverträglichkeit.
Technisches. Das starke Anwachsen der Schreibtätigkeit mahnte mich ernstlich an eine Verminderung des erforderlichen Energieaufwandes. Zwar mein Gehirn arbeitete immer noch so bereitwillig, daß ich beispielsweise unter dem Schreiben an meinen Büchern und Abhandlungen Zettel bereit halten mußte, um Zwischeneinfälle aufzuschreiben, welche zwar aus den vorliegenden Gedanken entsprossen waren, aber nicht in die Linie des eben unter der Feder befindlichen Gedankenzuges hineingehörten, und dabei doch der Aufbewahrung zum Behuf späterer Entwicklung wert waren. Denn ich hatte gelegentlich[78]  vergeblich in meinem Gedächtnis nach dem Inhalt solcher Seitensprossen gesucht, wo ich mich doch erinnerte, daß ich welche gesehen hatte. Um so mehr hatte ich Ursache, die technische Seite der Schreibarbeit zu erleichtern.
Es wurde schon früher erwähnt, daß mir die Bindung an eine andere Person unerträglich war; also war Diktieren ausgeschlossen. Auch lagen bei dem Durcheinander von Schreibtisch-, Laboratoriums- und Unterrichtsarbeit, ungerechnet die Allotria, die immer noch dazwischen betrieben wurden, die Stunden der Schriftstellerei so unregelmäßig verteilt, daß ich keinem Menschen zumuten konnte, mir immer dann zu Diensten zu sein, wenn solche Stunden oder Viertelstunden eintraten.
So blieb zunächst nichts übrig, als die Schreibmaschine. Kollege Wundt gab mir in liebenswürdigster Weise Auskunft über seine entsprechenden Erfahrungen, wobei sich herausstellte, daß er diese Technik mit Liebe betrieb und sich lebhaft um die Fortschritte des Schreibmaschinenbaus bekümmerte. Mir ging es bald ebenso. Denn die anfänglichen Schwierigkeiten ließen sich schnell überwinden und ich konnte eine Beschleunigung des Schreibwerks etwa im Verhältnis von 1:3 feststellen, obwohl ich schon mit der Hand eine überdurchschnittliche Geschwindigkeit erreicht hatte. Beispielsweise erinnere ich mich, die ganze Übersetzung von S. Carnots Bemerkungen über die bewegende Kraft des Feuers, die ich für die »Klassiker« herstellte, an einem ungestörten Sonntag niedergeschrieben zu haben. Es gab 67 Druckseiten im engen Satz der Klassiker. Allerdings war es nur eine Übersetzung gewesen. Ich spürte noch einige Tage hernach die Ermüdung meines Handgelenks und habe später solche übermäßige Arbeit vermieden.
Mit der Schreibmaschine habe ich dann viele Jahre hindurch meine ausgedehnte Schreibarbeit bewältigt, bis sie durch die Diktiermaschine abgelöst wurde.



 Fünftes Kapitel.
Der Leipziger Kreis.










[79] Allgemeines. Der Eintritt in den Kreis der neuen Kollegen in Leipzig war für mich und die Meinen mit Schwierigkeiten verbunden. Wir hatten bisher in wesentlich anderen gesellschaftlichen Sitten und Gewohnheiten gelebt und waren weder durch Verwandtschaft noch durch Freundschaft mit reichsdeutschen Kreisen, insbesondere nicht mit denen der Universitäten in Verbindung gekommen. Die Bekanntschaften, welche ich mir auf meinen Reisen erwerben konnte, hatten nur schnell vorübergehende persönliche Berührungen bewirkt. So waren wir in vielen Beziehungen Fremdlinge, als wir in Leipzig einzogen und sind es auch einigermaßen während der neunzehn Jahre geblieben, die wir dort zugebracht haben.
Hierzu trug nicht wenig der Umstand bei, daß die Anzahl der neuen Kollegen viel zu groß war, als daß ein näheres Verhältnis zu allen oder auch nur der Mehrzahl möglich war. Ich hatte anfangs mit allem Eifer zu Semesterbeginn mich auf die übliche Rundreise der Antrittsbesuche gemacht. In dem Maße, als sich das Gebiet meiner Arbeiten im neuen Amt auftat, ließ der Eifer nach und ich bin meinen nach dieser Richtung liegenden Pflichten niemals vollständig gerecht geworden.
Auch innerhalb des engeren Kreises der Fakultät bestanden ähnliche Hindernisse. In Dorpat gab es fünf[80]  Fakultäten, indem die auf den deutschen Universitäten meist noch verbundenen höchst gegensätzlichen Gruppen der philosophischen Fakultät sachgemäß in eine historisch-philologische und eine physiko-mathematische Fakultät geschieden waren. In Leipzig waren beide noch verbunden, obwohl die Trennungsfrage gelegentlich schon aufgetaucht war, und es bestand auf der philologischen Seite die Sorge, wie die bisherige Vorherrschaft aufrecht erhalten werden konnte.
So wirkten objektive wie subjektive Gründe zusammen, daß aus meinem bald reich und mannigfaltig genug gewordenen engeren Kreis des Laboratoriums und dem etwas weiteren der im Mediziner- und Naturforscherviertel angesiedelten Fachgenossen sich nur wenige und schwache Fäden in die Gesamtuniversität hinaus gesponnen haben. Meine Abneigung dagegen, die kostbare und reichgefüllte Zeit mir durch die wenig erfreuliche Art der Geselligkeit rauben zu lassen, die ich in Leipzig antraf, war nicht geeignet, die Schwierigkeiten des Anschlusses zu vermindern.
Die Formen der Geselligkeit. Der gesellige Verkehr fand ganz vorwiegend in Gestalt von »Abfütterungen« statt, wie sie von den Beteiligten allgemein genannt wurden. Ein- oder zweimal im Semester wurden die Opfer in so großer Anzahl eingeladen, als sich in die vorhandenen Räume hineinpressen ließen. Nach einigem Herumstehen, das meist durch Teetassen behindert wurde, die man in die Hand bekam, suchte man die Dame auf, deren Namen man beim Eintritt erfahren hatte und führte sie zu Tisch. Die Speisen, Weine und Lohndiener waren meist dieselben, ebenso wie die Tischdamen. Da man nicht recht wußte, was man hernach anfangen sollte, blieb man möglichst lange sitzen, obwohl es auch da nicht schön war. Hernach wurde der Kaffee gereicht, wobei sich die Geschlechter mehr oder weniger vollständig trennten und man begann aufzupassen,[81]  wann der angesehenste Geheimrat das Zeichen zum Aufbruch geben würde. Alles atmete auf, wenn das geschah, was glücklicherweise meist ziemlich bald erfolgte, weil auch er zu Bett verlangte. Manchmal war er aber in einen Vortrag über eine Lieblingsangelegenheit geraten, und da hierfür zufolge der langjährigen Kolleggewöhnung drei Viertelstunden nötig waren, verzögerte sich der Abschied entsprechend.
Ich will meinen damaligen Kollegen nicht das Unrecht antun, zu behaupten, daß alle geselligen Abende derart verliefen. Es gab auch solche mit einer kleinen, gut zusammenpassenden Gesellschaft, die heiter und erquicklich waren. Sie waren aber selten, da der große Umfang der gesellschaftlichen Verpflichtungen kaum anders als durch Massenarbeit zu bewältigen war.
Wir, meine Frau und ich, haben nur während weniger Jahre versucht, diesen Verkehr mitzumachen. Wir gaben ihn dann als eine hoffnungslose Sisyphusarbeit auf und beschränkten unsere Beziehungen auf einige wenige befreundete Familien. An einigen zweckmäßigeren Formen der Geselligkeit, wie gemeinsamen Spaziergängen, Kegelabenden und ähnlichem habe ich mich dagegen dauernd und regelmäßig beteiligt und ich verdanke den Begegnungen dabei manche Anregung von weitreichender und fruchtbarer Beschaffenheit.
Karl Ludwig. Eine der allerwertvollsten Beziehungen, die mir die Berufung nach Leipzig verschafft hat, ist die zu dem großen Physiologen Karl Ludwig gewesen. Ich habe schon (I, 267) von meiner ersten Begegnung mit ihm und von der Güte erzählt, mit der er mir damals gegenübertrat. Die gleiche Güte erwies er mir und den Meinen während der ganzen Zeit unseres Zusammenlebens in Leipzig bis zu seinem 1895 erfolgten Tode.
Ludwig war 1816 geboren, stand also im 71. Lebensjahre, als ich ihm in Leipzig näher treten durfte. Er[82]  hatte schon bald nach meiner Übersiedelung mich aufgefordert, ihn wenn ich Zeit hatte, in seinem Laboratorium zu besuchen. Von diesem Vorrecht habe ich reichlich Gebrauch gemacht und ich verdanke ihm viel. Er ist bekanntlich einer der erfolgreichsten Lehrer der Physiologie gewesen, der namentlich durch den internationalen Schülerkreis, den er folgeweise in Marburg, Zürich, Wien und zuletzt Leipzig um sich zu versammeln wußte, die durch Johannes Müller begründete führende Stellung der deutschen Physiologie entwickelt und gesteigert hat. Soll doch gelegentlich ein Russischer Physiologe, auch ein Schüler Ludwigs, nach berühmtem Muster die Physiologie für eine Russische Wissenschaft erklärt und als Begründung angegeben haben: in Ludwigs Laboratorium seien mehr Russische Praktikanten gewesen als von irgendeiner anderen Nation.
Nach Leipzig war Ludwig 1865 berufen worden. Im folgenden Jahre fand der Preußisch-Österreichische Krieg statt, an welchem Sachsen sich auf der falschen Seite beteiligt hatte. Durch Bismarcks Weisheit war es ohne Gebietsverlust davongekommen. Um den moralischen Verlust einzubringen, hatte der damalige sächsische König Johann beschlossen, ähnlich wie Preußen nach seiner Niederlage von 1806, auf dem Gebiete der Wissenschaft das einzuholen, was auf dem der Politik verloren gegangen war. Die Leipziger Universität führte damals ein ziemlich verborgenes Dasein; hier griff der ausgezeichnete Minister v. Falkenstein ein und verstand innerhalb eines Jahrzehnts durch glückliche Berufungen ein blühendes wissenschaftliches Leben in Leipzig zu entwickeln. In diesem Zusammenhange hatte u.a. 1871 die Gründung des einzigen Lehrstuhls für physikalische Chemie in der ganzen Welt und seine Besetzung durch G. Wiedemann stattgefunden. Als Berater für Medizin und Naturwissenschaften diente dem Minister Karl[83]  Ludwig, dessen vornehme Gesinnung und ebenso scharfes wie objektives Urteil er bald erkannt hatte. So wurde Leipzig in erstaunlich kurzer Zeit von einer Provinzuniversität zu einer Weltuniversität umgeschaffen, deren Studentenzahl bald die aller anderen deutschen Schwesteranstalten mit Ausnahme von Berlin übertraf.
König Johann von Sachsen hat diese Schöpfung, an der er sich mit Recht einen erheblichen Anteil zuschreiben durfte, stets mit besonderer Freude betrachtet. Er liebte es, gelegentlich ohne jede Ansage und Begleitung in schlichtem Gewande in den Vorlesungen einzelner Professoren zu erscheinen, die ihn interessierten, und diese waren ein für allemal ersucht worden, von seiner Anwesenheit keine sichtbare Notiz zu nehmen. Er setzte sich dann zu den Studenten auf eine Bank, wo er gerade Platz fand. Man kann sich leicht vorstellen, welchen starken Einfluß zum Guten dies auf die Professoren hatte, da die üblichen Auszeichnungen nicht selten erkennbar durch die Beobachtungen beeinflußt wurden, welche der König bei solchen Gelegenheiten anstellen konnte.
Zu der Zeit, als ich nach Leipzig kam, gehörten diese Dinge längst der Vergangenheit an. König Johann war 1873 gestorben. Sein Nachfolger Albert ließ sich zwar gleichfalls die Universität angelegen sein, die er alljählich auf mehrere Tage besuchte, um die neu angestellten Professoren zu hören. Aber das waren feierliche, vorbereitete Empfänge; das unmittelbare Interesse an der Wissenschaft, von dem der gelehrte Johann beseelt war, fehlte dem Nachfolger, der mehr Militär und Staatsmann war. Dann starb auch Falkenstein und unter dem Minister Gerber, der vorher juristischer Professor in Leipzig gewesen war, ging jene bewußte Pflege der Universität im Sinne höchster wissenschaftlicher Leistungen zurück. Ludwigs segensreicher Einfluß war nicht mehr wirksam. Er wurde methodisch vernachlässigt, so daß es dem König[84]  selbst auffiel und er eine persönliche Einladung Ludwigs nach Dresden anordnete. Dort empfing er ihn mit den herzlich gemeinten Worten: »Willkommen, lieber Herr Geheimer Rat; wir haben uns so lange nicht gesehen.« Ludwig antwortete trocken: »Majestät hätten nur zu befehlen gebraucht.«
Als Lehrer war Ludwig die Aufopferung selbst. Er lieferte seinen Schülern nicht nur die Gedanken, sondern half ihnen auch bei allen Schwierigkeiten der Ausführung persönlich. Ich erlebte es oft, daß er gemäß seiner Anordnung aus dem Gespräch von dem treuen Laboratoriumsmechaniker Salvenmoser abgeholt wurde, um ein wichtiges Experiment beim kritischen Punkt zu überwachen, damit er gegebenenfalls mit eigenen Händen eingreifen konnte.
Selbst bis zur Abfassung der Arbeit seitens des Schülers erstreckt sich seine Fürsorge. Er ließ die von ihm angeregten und überwachten Arbeiten stets nur unter dem Namen des Schülers veröffentlichen, ohne den seinen hinzuzufügen, wie dies meist geschieht. Da unter diesen viele Ausländer waren, half er ihnen so weitgehend bei der Redaktion, daß er in einzelnen Fällen den größeren Teil des Textes selbst schrieb. So konnte die Geschichte erzählt werden, daß einmal einer seiner Russischen Schüler zu einem Landsmann gesagt haben soll: Eben habe ich Ihre Arbeit in den »Sitzungsberichten« gesehen; haben Sie sie schon gelesen?
Es ist kein Wunder, daß ein solcher Lehrer, der zudem ein Forscher und Denker ersten Ranges war, von Schülern überlaufen wurde. Während seiner ersten Leipziger Zeit, wo dies seinen Höhepunkt erreichte, mußte er sich einige Tage in der Woche vollkommen unzugänglich machen, um die ungeheure Arbeit der anderen Tage ohne Selbstzerstörung leisten zu können.
Auch diese Zustände hatten aufgehört, als ich ihn 1887 kennen lernte. Im Laboratorium für selbständige[85]  Arbeiten – die vorbereitenden Kurse wurden von Hilfskräften besorgt – waren damals etwa ein halbes Dutzend Schüler tätig, und deren Anzahl verminderte sich mit jedem Semester. Ich vermag nicht anzugeben, was die Ursache davon war; auf meine Frage an fachkundiger Stelle wurde mir angedeutet, daß inzwischen die Physiologie andere Richtungen eingeschlagen habe, wodurch sich das Interesse für Ludwigs Arbeitsgebiete und -methoden vermindert habe.
Bei meinen Besuchen in Ludwigs Laboratorium ging das Gespräch über weite Horizonte und seine Bemerkungen waren immer höchst originell und zum Nachdenken anregend. Sie wurden durch einen zunehmenden Pessimismus, namentlich in der Beurteilung menschlicher Verhältnisse gekennzeichnet, der indessen nie eine Wendung ins Persönliche nahm, außer wenn es sich um die Erläuterung eines allgemeinen Satzes handelte, wobei der Mensch wie ein Präparat hergenommen und vorgewiesen wurde: also doch eigentlich wieder unpersönlich.

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So traf ich bei ihm einmal zu Semesterbeginn eine besonders scharf saure Reaktion an. Er sagte unter anderem »Wenn ich bedenke, daß die Menschheit nun schon einige Jahrtausende lang zwei Bücher, wie den Homer und die Bibel ausgehalten hat, ohne in Grund und Boden verdorben zu sein, so muß ich eigentlich an einen unverwüstlichen guten Kern in der menschlichen Natur glauben.« Und darauf folgten noch eine Anzahl ähnlicher Bissigkeiten. Dazwischen war er wieder nachdenklich und weichmütig. Ich hatte ihn nie so gesehen und fragte hernach beunruhigt den Assistenten, was mit ihm geschehen sei. »Wissen Sie es noch nicht?« war die Antwort, »in diesem Semester hat sich kein einziger Praktikant für sein Laboratorium gemeldet. Wenn er hierbei an frühere Zeiten denkt, so ist es kein Wunder, daß ihm die Bitterkeit hoch steigt.«[86]
Auf mich machte dies Erlebnis einen erschütternden Eindruck. Bei dem, was hier geschehen war, konnte niemandem irgendwelche Schuld zugeschrieben werden. Es war ein ganz natürlicher Vorgang, und darin lag seine tiefe Tragik. Ich aber, der ich mir das Verhalten Ludwigs zu seinen Schülern in fast allen Punkten zum Vorbild genommen hatte (nur für die Abfassung ihrer Arbeiten mußten sie selbst sorgen, nötigenfalls hatte ein Assistent einzugreifen), gab mir das Wort, daß ich es mit mir keinenfalls so weit kommen lassen wollte. Und als einziges Mittel, es zu vermeiden, erkannte ich die Notwendigkeit, rechtzeitig mich von der Tätigkeit als Laboratoriumslehrer zurückzuziehen.
In der medizinischen Fakultät, die ja zum größeren Teil aus Praktikern besteht, fühlte Ludwig sich nicht recht zu Hause, da er ganz auf die Idee der reinen Wissenschaft eingestellt war, die ich, beiläufig gesagt, trotz meiner Verehrung für ihn nicht übernommen habe. »Wenn so ein Praktiker«, sagte er einmal, »am Vormittag seine zwei Dutzend oder mehr Patienten abgefertigt hat und er sieht, wie ich mich wochenlang mit einem einzigen Frosch abmühe, so muß er entweder sich für einen Narren halten oder mich. Und da er für den ersten Fall keinen Grund einsieht, so entscheidet er sich für den zweiten.«
Dagegen fühlte er sich zu den naturwissenschaftlichen Angehörigen der philosophischen Fakultät hingezogen, deren Institute dem physiologischen benachbart waren. Als er 1890 fünfundsiebzig Jahre alt geworden war, wurde sein Geburtstag durch einen glänzenden Fackelzug der ganzen Studentenschaft gefeiert und die philosophische Fakultät ernannte ihn in dankbarer Anerkennung dessen, daß er sie seinerzeit eigentlich im Sinne der Weltuniversität aufgebaut hatte – der Höhepunkt war freilich schon überschritten – zum Ehrendoktor. Dies freute Ludwig ganz besonders. Er sprach wiederholt aus, daß er Naturforscher[87]  und nicht Mediziner sei und daher unter uns die eigentliche Heimat seines Geistes finde.
Wenige Jahre später rief ihn der Tod aus der Arbeit ab, in der er bis zuletzt den Inhalt und das Glück seines Lebens gesucht und gefunden hatte. Wie es immer sein Wunsch gewesen war, hatte er nicht die Qual eines unfähigen Greisenalters zu ertragen, sondern starb nach ganz kurzer Krankheit.
Von seinen vielen Schülern hat inzwischen kein einziger den schuldigen Dank an den großen Meister durch eine ausführliche Biographie abgetragen. Jetzt werden die meisten von ihnen auch schon dahingegangen sein. Doch finden vielleicht diese Zeilen eine Stelle, wo die Mahnung Wurzel fassen und Frucht treiben kann.
Wilhelm Wundt. Es ist schon erzählt worden (I, 205), daß meine Beziehungen zu dem großen Begründer der physiologischen Psychologie und Erneuerer der Philosophie zu den frühesten gehört, deren Fäden sich nach Leipzig hinübergesponnen hatten. Die Kenntnis, welche er durch meine Mitteilungen und Anfragen über meine Bestrebungen gewonnen hatte, veranlaßten ihn, für meine Berufung zu gegebener Zeit einzutreten und mir später, als ich sein Kollege geworden war, mit besonderem Wohlwollen entgegen zu kommen.
Wundt hatte in gewisser Beziehung ähnliche Schicksale durchgemacht, wie sie mir in Leipzig begegnen sollten. Seine Berufung nach Leipzig war zu dem Zweck geschehen, für die bereits erkennbare Wendung der Philosophie nach dem neuen Denkmaterial, welches die aufblühenden Naturwissenschaften in täglich reicherer Fülle herbeibrachten, einen Vertreter zu gewinnen. Doch wurde die Angelegenheit damals als so wenig wichtig angesehen, daß ein Kollege, den er zufällig von früher her gut kannte, ihn bei einem gelegentlichen Zusammentreffen fragte: »Wie kommen Sie mitten im Semester hierher?«[88]
(Wundt war vorher Professor in Zürich gewesen) und sehr überrascht war, ihn als Kollegen begrüßen zu können. Und als seine persönlichen Papiere vorgelegt wurden, erwies sich, daß er die notwendige Voraussetzung des Doktorgrades nicht erfüllte, da er nicht in der philosophischen Fakultät promoviert hatte, sondern in der medizinischen. Man half sich damals, daß man ihn zum philosophischen Doktor ehrenhalber ernannte. Daher war man aber ebensowenig auf die schnelle Steigerung der Erfolge vorbereitet gewesen, wie in meinem Falle. Als ich Wundt kennen lernte, war diese erste Stufe längst erstiegen; die physiologische Psychologie war eine anerkannte Wissenschaft geworden, für welche eine Universität nach der anderen einen Lehrstuhl schuf, der dann so gut wie immer mit einem Schüler Wundts besetzt wurde. Hierbei hatte Amerika bald die Führung genommen. Wundt selbst aber wendete sich von der anfänglichen Experimentalforschung an einzelnen Aufgaben zunehmend allgemeineren Problemen zu und gestaltete das Gedankengut aus, welches er alsdann zum Ausbau seiner persönlichen Philosophie und seiner monumentalen Völkerpsychologie verwertete.
Da Wundts Institut sich innerhalb der alten Universität befand, so bewirkte die räumliche Entfernung, daß wir uns anfangs nicht oft sahen. Als ich ihn aber einigemal aufsuchte, um mir seinen Rat in einzelnen wissenschaftlichen und persönlichen Angelegenheiten zu erbitten, erfuhr ich von ihm ein so liebevolles Eingehen auf meine Anliegen und eine so förderliche Beratung, daß ich unwillkürlich jedesmal mich wieder an ihn wandte, wenn mich Zweifel bedrückten, und ihn nie verließ, ohne um ein Erhebliches gefördert zu sein.
Auch kleineres war ihm nicht zu gering; er half mir u.a. gern beim Aufsuchen zweckmäßiger Namen für neue Begriffe. So rührt von ihm die sehr angemessene Bezeichnung[89]  kolligativ für jene Eigenschaften her, welche für molekulare Mengen gleiche Beträge haben.
Selbst als später unsere philosophischen Wege sich mehr und mehr voneinander entfernten – er wurde zunehmend »idealistischer«, wenn ich eine verwickelte Sache mit einem so schematischen Ausdruck bezeichnen darf, während ich mich zunehmend naturwissenschaftlichpraktisch einstellte – hatte dies nicht den geringsten Einfluß auf unser persönliches Verhältnis. Mit gutmütiger Ironie scherzte er gelegentlich über meinen Radikalismus, während ich seine Wendung als das Zutagetreten alter, unbefriedigt gebliebener theologisch-philologischer Neigungen auffassen wollte. In einem kleinen, zwanglosen Kreise, der sich später gebildet hatte und viele Jahre hindurch wöchentlich einmal nach dem Abendessen ein Stündchen im Theaterkaffee zusammenkam, sah ich ihn dann öfter. Er war dort einer der regelmäßigsten Teilnehmer, dessen ruhevoll ausgleichendes Wesen, das aber gelegentliche sehr bestimmte Stellungnahmen nicht ausschloß, unseren Gesprächen die Hauptfärbung gab. Als ich dann selbst Vorlesungen über Naturphilosophie hielt, wurde mir von einigen Zuhörern mitgeteilt, daß Wundt in seinen Vorlesungen vor deren Besuch gewarnt hatte. Doch war ich der Aufrichtigkeit seiner Stellungnahme so sicher, daß ich nicht einmal ein Unbehagen bei der Nachricht empfand und unser persönliches Verhältnis nicht im mindesten berührt oder gar getrübt wurde.
Seine sanfte und feine Gattin wurde meiner Frau gleichfalls eine liebevolle Beraterin, so daß das Wundtsche Heim eines der wenigen in Leipzig war, wo wir uns wirklich heimisch fühlen konnten.
Als ich Wundt kennen lernte, war er 55 Jahre alt. Er war von magerem und anscheinend schwächlichem Körperbau, hatte ein stubenblasses Gesicht mit dunklem Bart und Haar und trug große dunkle Brillengläser.[90]
Durch allzu rücksichtslose Experimente über Nachbilder bei starker Reizung der Augen hatte er sich eine ernstliche Erkrankung dieser wichtigen Organe zugezogen, so daß er nur unvollkommen sah und zunehmend größere Vorsicht beim Bewegen auf der Straße üben mußte. Dem gegenwärtigen Straßenverkehr wäre er nicht gewachsen gewesen. Er führte ein genau geregeltes Leben, das ihm gestattete, ein hohes Alter in Gesundheit zu erreichen. Vermöge seiner Gewohnheit, tagaus tagein nach Tische einen Gang durch die Promenaden um die Altstadt zu machen, war seine etwas gebückte Gestalt unter dem breitkrämpigen schwarzen Hute etwas wie ein Wahrzeichen Leipzigs geworden, auf das die Stadt stolz sein konnte. Als ich schon längst Leipzig verlassen und mein Heim in dem Dorfe Groß-Bothen gegründet hatte, wollte ein freundlicher Zufall, daß er sich dort gleichfalls ansiedelte um seine letzten Lebensjahre zu verbringen. So habe ich noch das Glück regen persönlichen Verkehrs mit ihm gehabt, bis ihn der Tod ohne lange Krankheit 88jährig im Jahre 1920 fortnahm. Er hatte bis zuletzt die geliebte Arbeit an seinen Büchern fortsetzen können und erwartete, nachdem er die letzten Auflagen bearbeitet und korrigiert hatte, seinen Tod als ein natürliches Ereignis, über das man sich nicht besonders aufregt, eben weil es natürlich ist.
Wilhelm Pfeffer. Durch mehr als eine Ursache bin ich mit dem ausgezeichneten Botaniker W. Pfeffer in ein näheres Verhältnis gelangt. Es wurde schon erzählt, in welch engem Zusammenhange seine grundlegende Arbeit über den osmotischen Druck durch van' Hoff mit der physikalischen Chemie gebracht worden ist; sie muß deshalb als eine der wichtigsten Quellen dieses großen Stroms angesehen werden.
Als ich W. Pfeffer im Sommer 1887 in Tübingen besucht hatte (I, 262), erzählte er mir unter anderem,[91]  daß er eine Berufung nach Leipzig angenommen habe, der er im bevorstehenden Herbstsemester folgen wollte. Damals hatte ich alle Hoffnung aufgegeben, meinerseits dahin zu kommen und so gab ich nicht besonders Acht auf die Nachricht. Hernach besann ich mich auf sie und freute mich auf den hervorragenden Kollegen.
Pfeffer war verheiratet und hatte einen einzigen Sohn, der im Alter zu meinen Kindern paßte. So stand ein freundliches Verhältnis der beiderseitigen Familien in Aussicht, das sich auch ausgebildet hat. Später wurden wir nach dem Neubau des physikalisch-chemischen Instituts unmittelbare Nachbarn, wodurch der inzwischen entwickelte Verkehr noch mehr erleichtert wurde. Wir haben uns ziemlich regelmäßig alle 8 oder 14 Tage gesehen und gesprochen, indem wir uns abwechselnd am Sonntag Nachmittag besuchten und haben uns dabei vorwiegend über unsere wissenschaftlichen Unternehmungen unterhalten, wobei ich ihm vielerlei Anregung und Belehrung aus seinem Fach verdanke. Auch glaube ich ihm Ähnliches geleistet zu haben, denn als ich meine bald zu schildernden energetischen Gedanken entwickelte, die ich ausführlich mit ihm besprach, schrieb er eine Abhandlung über die Energetik der Pflanze, in welcher er den Einfluß dieser Gedankenbildung auf biologische Grundfragen in selbständiger Weise darlegte.


Dies nahe Verhältnis dauerte so lange, wie meine Zugehörigkeit zum aktiven Lehrkörper der Leipziger Universität. Bei meinem Konflikt mit der Fakultät, welcher, wie später berichtet werden wird, zu meinem Ausscheiden führte, hat er sich auf die Seite der Fakultät gestellt und mir seine Mißbilligung meines Standpunkts ohne sich auf Erörterungen einzulassen, so rücksichtslos ausgesprochen, daß damit unser persönliches Verhältnis leider ein unerwünschtes Ende fand. Zufolge meiner Übersiedlung nach Groß-Bothen hörte auch die Gelegenheit[92]  zu persönlicher Annäherung auf, die sonst vielleicht zu einem Ausgleich geführt hätte.
Pfeffer war etwa zehn Jahre älter als ich. Er war lang und mager, hatte ein blasses Gesicht mit schwarzem Bart und bedeckte seinen fast haarlosen Schädel mit einer schlichten Perrücke. Sein wissenschaftlicher Typus war der klassische. Er war äußerst sorgsam in seinen Arbeiten und Büchern und man konnte aus seinem Unterricht sehr viel lernen, wenn man Eifer und Begabung mitbrachte. Ein anregender Lehrer im Sinne eines Liebig oder Ludwig war er nicht, wohl aber in hohem Grade ein gewissenhafter und kritischer, so daß er eine Anzahl sehr tüchtiger Schüler, aber keine Schule im Sinne einer zusammenhängenden wissenschaftlichen Gemeinde gebildet hat.
Da er seine Ansichten und Urteile erst nach sorgfältiger Erwägung festlegte, so gab er im Gespräch nicht leicht zu, daß sie nach irgendeiner Richtung abzuändern sein könnten. Doch war er für sachlich begründete Einwendungen in der Art zugänglich, daß er sich die Sache hernach in Ruhe besah und dann nötigenfalls seinen Standpunkt stillschweigend entsprechend verschob. Ich gab es deshalb bald auf, ihn während des Gespräches zu überzeugen, wenn ich etwa in einer Sache anders urteilte, denn ich konnte darauf rechnen, daß das bei ihm nicht verloren ging, was ich Haltbares beigebracht hatte.
Für mein Einleben in Leipzig gab mir Pfeffer manchen guten Rat. Ihm waren die Verhältnisse der deutschen Universitäten völlig geläufig, an denen er seine ganze Entwicklung, insbesondere die Wartejahre des Privatdozenten durchgemacht hatte. Ich verdanke ihm brauchbare Winke, wo ich besonders arge Fehler machen wollte, doch hinderte ihn seine vorsichtige, fast ängstliche Einstellung auf die gesellschaftlichen Erfordernisse daran, aus sich weiter herauszugehen, als unbedenklich[93]  erschien. So waren wir über derartige Dinge meist verschiedener Meinung und beschränkten uns deshalb zunehmend auf die Besprechung unpersönlicher Angelegenheiten, was uns beiden überhaupt besser zusagte, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Heinrich Bruns. Einige hundert Schritt vom Laboratorium entfernt befand sich die Universitäts-Sternwarte, die vom Professor H. Bruns verwaltet wurde. Er war mir nicht unbekannt, als ich nach Leipzig kam, denn wir waren einige Zeit in Dorpat zusammengewesen, wo er als Observator an der Sternwarte tätig war. Doch wurde er fortberufen, ehe ein näheres Verhältnis entstanden war. Zudem war er fünf Jahre älter als ich, was in jenen jungen Jahren einen bedeutenden Abstand ausmachte.
Bruns war von mittlerer Größe und kräftig gebaut. Das gesundfarbige Gesicht mit braunem Haar und Bart ließ nicht voraussehen, daß er seine Lebensjahre nicht hoch bringen würde. Von Temperament war er schweigsam und ungesellig, so daß er im Professorenkreise gesellschaftlichen Anschluß wenig suchte und fand. Wissenschaftlich war er ein Klassiker, ein scharfer Denker von hervorragend kritischer Begabung, von dem ich viel Klärung und Förderung in meinen Gedanken erhalten habe, obwohl er für mein Arbeitsgebiet keine besondere Teilnahme zeigte. Desto bereitwilliger war er, auf allgemeine Fragen einzugehen, wo seine scharfsinnige Kritik mich immer wieder zu bestimmterer Fassung der Gedanken zwang, die mir anfangs nur in nebelhaften Umrissen vorschwebten.
Wir pflegten solche Dinge auf langen Spaziergängen zu besprechen, die wir zu zweien unternahmen. Er war ein rüstiger und bereitwilliger Wanderer, immer willig mitzukommen, wenn ich an einem Sonntag nachmittag an seine Tür klopfte.[94]
Ein anderes Gebiet gegenseitigen Austausches war das beiderseitige Interesse an technischen Fragen. Er unterhielt an der Sternwarte eine gut eingerichtete Werkstatt mit einem tüchtigen Mechaniker, dessen Arbeiten er auf das eingehendste beaufsichtigte. Er hat mir manche nützliche Winke für die Konstruktion meiner Apparate gegeben, insbesondere durch seine Forderung, jedesmal das Grundsätzliche der zu lösenden Aufgabe herauszuarbeiten.
So war es im wesentlichen eine intellektuelle Freundschaft, die mich mit diesem tüchtigen Manne verbunden hat. Nachdem durch meine Übersiedlung nach Groß-Bothen die Möglichkeit regelmäßigen Verkehrs aufgehört hatte, trennten sich unsere Wege unmerklich. Denn keiner von uns beiden hatte Zeit und Lust, lange Briefe ohne bestimmten Zweck nur um des Verkehrs willen zu schreiben.
Friedrich Ratzel. Unter der großen Zahl anderer erfreulicher Männer, mit denen mich der gemeinsame Beruf zusammengebracht hat, sollen noch einige erwähnt werden, um das Bild der Leipziger Verhältnisse zu vervollständigen.
Einer der besten unter ihnen war der Geograph Friedrich Ratzel. Eine hohe kräftige Gestalt in anschließender Tracht, deren stramme Haltung mehr an den Turner als an den Militär erinnerte, vereinigte sich gut mit einem heiter-gütigen Ausdruck des wohlgeformten Gesichts, das durch einen fliegenden Vollbart abgeschlossen wurde. Am einprägsamsten waren seine hellblauen Augen mit dem Fernblick des Seemanns oder Bergsteigers. Ratzel hatte etwas im besten Sinne Kindliches in seinem Wesen. Er schilderte gern, wie er aus kleinen ländlichen Verhältnissen beinahe unversehens in die wissenschaftliche Laufbahn geraten war, in der er durch die Selbständigkeit und Fruchtbarkeit seiner Gedanken bald zu einer führenden[95]  Stellung anstieg. Nichts in seinem Wesen und Gebahren aber mahnte an diese Stellung. Der unterirdische Betrieb, der mit der Kehrseite des Professorenwesens verknüpft ist, war ihm in innerster Seele verhaßt. Er hat es immer bereut, seine frühere Tätigkeit an der technischen Hochschule in München mit der äußerlich viel glänzenderen Leipziger Stellung vertauscht zu haben, da er hier von jener Kehrseite mehr zu spüren bekam, als ihm lieb war. So hat er denn auch die erste Möglichkeit benutzt, sich in den Ruhestand versetzen zu lassen und hat sich an einem der bayrischen Seen ein ländliches Heim eingerichtet, nach dem seine Sehnsucht schon lange gestanden hatte Leider durfte er sich dieses Glückes nur kurze Zeit erfreuen, denn ein plötzlicher Tod fällte ihn dort auf einem Spaziergange. Wir hatten uns bald gefunden und aneinander geschlossen, so daß mir die Trennung von ihm ein großer Verlust war.
G. Th. Fechner. Als besonderen Glücksfall sehe ich es an, daß ich Gustav Theodor Fechner, den Begründer der messenden Psychologie, noch persönlich kennen lernen konnte. Ich hatte viel von ihm gelesen und mir war die seltene Persönlichkeit schon lange verehrungswürdig gewesen. So benutzte ich gern den äußeren Anlaß der Antrittsbesuchsverpflichtung, um mich ihm vorzustellen. Schon der Eintritt in seine Wohnung mutete mich heimatlich an, denn der Fußboden des Vorraums war mit weißem Sand bestreut, wie ich es von meiner Heimat her kannte. Ich wurde dann zu einem gütigen Greise geführt, dessen fast blinde Augen in das Unendliche gerichtet waren. Trotz seines hohen Alters war er aber lebhaft wie ein Jüngling. Er hatte von mir gehört, vermutlich durch Wundt, und fragte mich sogleich, ob unter meinen vielen Messungen solche vorhanden seien, bei denen eine und dieselbe Größe wiederholt gemessen war. Ihn beschäftigten eben die Probleme der Kollektivmaßlehre[96]  und er suchte nach möglichst verschiedenartigem Zahlenmaterial solcher Art. Leider konnte ich ihm gerade solche Zahlen nicht geben, sonst hätte ich mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, mit ihm in wiederholte Berührung zu kommen. Er verwickelte mich alsbald in ein lebhaftes Gespräch, das ich nur ungern abbrach, als es Zeit war, mich zu verabschieden.
Ich habe ihn nicht wiedergesehen, denn wenige Wochen später starb er, sechsundachtzig Jahre alt.
Alte Professoren. Auch an einen anderen unter den berühmten alten Herren der Universität denke ich gern, den Nationalökonomen W. Roscher. Während meiner Privatdozentenjahre hatte ich mich auch einige Zeit mit Volkswirtschaftslehre beschäftigt, sie aber aufgegeben, weil ich darin nichts Faßbares entdecken konnte. Auch Roschers dickleibige Bände hatte ich gelesen, fand aber, daß seine historische Darstellung mir nicht mehr Klarheit verschaffte, als die theoretische der anderen Schriftsteller. Doch war ich damals bereit, die Schuld in erster Linie bei mir selbst zu suchen.
Als ich Roscher in Leipzig kennen lernte, war er 70 Jahre alt. Ein kleines weißhaariges Männchen mit rosigem, stets lächelnden Gesicht, machte er den Eindruck unzerstörbaren Wohlwollens und Wohlbefindens. Im Gedächtnis geblieben ist er mir durch seine Betätigung praktischer Lebensweisheit bei der Regelung seines Verhältnisses zur Universität. Er erschien einmal in der Fakultätssitzung und legte folgendes dar: Bei seinem Alter empfinde er die Verpflichtung, für die große Vorlesung sich über alle Fortschritte seiner Wissenschaft genau zu unterrichten, um sie richtig darstellen zu können, als eine zu schwere Last, zumal er einige wissenschaftliche Arbeiten unter der Feder habe, denen er seine Kräfte widmen wolle. Andererseits sei ihm ein Zustand außerhalb der Universität und Fakultät, der er vierzig Jahre[97]  angehört hatte, undenkbar. Er schlug deshalb vor, einen neuen Ordinarius für Nationalökonomie zu beantragen, dem er die Hauptvorlesung und das Seminar mit den entsprechenden Einnahmen abtreten würde, ihn selbst aber formal in seiner Stellung zu belassen, der er weiterhin durch seine Arbeiten zu genügen hoffe. Die Fakultät beschloß demgemäß, das Ministerium trat dem Vorschlage bei und ich hatte noch durch eine Reihe von Jahren, wenn ich Roscher zufällig sah, den erquicklichen Anblick eines Mannes, der völlig mit seinem Schicksal zufrieden war. Ich beschloß, mir an ihm ein Beispiel zu nehmen.
Über das Persönliche hinaus aber erschien mir diese Lösung des Problems des »alten Professors« vorbildlich. Sie läßt sich leicht organisatorisch verallgemeinern und ich habe später entsprechende Vorschläge veröffentlicht. Sie sind aber nicht beachtet worden.
Auch in dem Kreise der Fakultät blieb das Beispiel ohne viel Nachfolge. Ich mußte später mehrfach Fälle des Klebens am Lehrstuhl auch über die geistige und physiologische Grenze hinaus erleben und konnte dabei die schädlichen Wirkungen beobachten, die nicht nur für die Universität, sondern auch für die betreffenden Professoren selbst entstanden, die in enger Selbstigkeit verknöcherten.
Mineralog und Zoolog. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnte der Mineralog Zirkel und der Zoolog Leuckart, beide vorgeschrittenen Alters. Zirkel war unverheiratet und lebte in einem Kreise gleichgesinnter Altersgenossen. Wissenschaftliche Beziehungen stellten sich zwischen uns nicht her, da er der beschreibenden Richtung seines Faches angehörte, in der er eine hervorragende Stellung einnahm. So kam es zu keinem näheren Verhältnis.
Leuckart war verheiratet und hatte einen Sohn meines Alters, der Chemiker und in Göttingen habilitiert[98]  war, dazu einige Töchter. Er war ein kleiner äußerst beweglicher und lebhafter Herr, der täglich einige Male in Zorn geriet. Wir hörten dann seine sehr tragfähige Stimme über die Höfe hallen, welche unsere Häuser trennten. Seine Wissenschaft betrieb er mit weiten Ausblicken und originalen Gedanken. Seine sanfte, etwas gedrückte Frau nahm sich der meinigen mütterlich an und wußte Vertrauen und Liebe bei unseren Kindern zu erwecken.

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Als mein ältester Sohn in die Jahre des Käfersammelns gekommen war, betätigte er sich so eifrig auf zoologischem Gebiete, daß meine Frau es für ihre Pflicht hielt, diesen schweifenden Bestrebungen eine wissenschaftliche Richtung geben zu lassen. Sie ging einmal – ich war auf einer Ferienreise – zum alten Geheimrat hinüber und bat um Rat. Dieser sagte: Schicken Sie mir den Jungen. Er prüfte ihn, fand ihn kenntnisreicher, als er erwartet hatte und betätigte alsbald seine pädagogische Weisheit. Statt ihm Bücher zu geben, überlieferte er ihn dem Konservator des zoologischen Museums mit dem Auftrage, ihn mit Knochenputzen, Skelettaufbauen und anderen praktischen Dingen zu beschäftigen. Denn die unermeßliche Mannigfaltigkeit der Formen kann man nur in jungen Jahren dem Gedächtnis einverleiben, sagte er, und mit Recht. Das hat den Jungen keineswegs verhindert, eigene Wege zu gehen. Die Kinder waren von jeher gewohnt, das Laboratorium als ein vergrößertes Daheim zu betrachten, liefen dort aus und ein und wurden von den Praktikanten und Assistenten verhätschelt. So war ihm der Begriff der wissenschaftlichen Untersuchung unvermerkt geläufig geworden, da er täglich derartiges bei seinen Freunden im Laboratorium sah. Er hatte sich halb spielend auch eine Untersuchung ausgedacht: über die Fähigkeit der Köcherjungferlarven, anderes Material als die gewohnten Pflanzenreste zum Aufbau ihrer Wohnköcher zu verwenden. Dies ergab eine reguläre wissenschaftliche[99]  Abhandlung, die Leuckart vorgelegt und von ihm nicht nur gebilligt, sondern für veröffentlichungswert erklärt wurde. Der Verfasser war damals 15 Jahre alt Ich aber wunderte mich, wie die im Geschlecht der Ostwalde bei mir zum ersten Male aufgetretene Eigenschaft der wissenschaftlichen Schriftstellerei sich alsbald so vollkommen auf den nächsten Abkömmling übertragen hatte und betrachtete Weismanns Bestreitung der Vererbung erworbener Eigenschaften damit als widerlegt. Nur konnte ich damals nicht herausbekommen, wie diese Eigenschaft bei mir so plötzlich hatte auftauchen können. Die von de Vries später aufgestellte Lehre von den Mutationen, den plötzlichen Änderungen von vererblicher Beschaffenheit, rückte aber auch dies Problem dem Verständnis näher, was in mir eine besondere Bereitwilligkeit erweckte, diese vielbestrittene Lehre als zutreffend anzusehen.
Mathematiker. Unter den Mathematikern stand mir am nächsten Adolf Mayer. Er war der Sohn einer reichen Leipziger Familie. Auf Grund seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit hatte er eine ihm angebotene ordentliche Professur abgelehnt und sich mit der Honorarprofessur begnügt, damit für das freie Gehalt ein Anderer berufen werden konnte; so gelang es, den berühmten norwegischen Mathematiker Sophus Lie für Leipzig zu gewinnen.
Mir war Mayer außerdem durch den weiten Kreis seiner Interessen lieb geworden. Er war mager, ziemlich klein, mit spärlichem schwarzem Haarwuchs und schwarzgelblicher Gesichtsfarbe, so daß er ein wenig wie ein Japaner aussah. In seinem Verhalten war er überaus liebenswürdig und von unbegrenzter Gefälligkeit. Mit seiner gleichgearteten Gattin übte er eine ausgedehnte Gastfreundschaft, und da beide es verstanden, kleine und passende Gruppen zusammenzubringen, so war sein[100]  Haus eines der wenigen, für das man eine Einladung gern annahm.
Wissenschaftlich hatte sich Mayer mit Problemen beschäftigt, die mich besonders interessierten, so daß auch nach dieser Richtung der Verkehr ersprießlich war. In den späteren stürmischen Tagen hat er sich als ein treuer Freund erwiesen, dessen ich gern und dankbar gedenke.
Der eben erwähnte Norweger Sophus Lie war eine merkwürdige Persönlichkeit. Er war erst verhältnismäßig spät zur Mathematik gekommen, hatte dann aber eine solche Genialität und Selbständigkeit entwickelt, daß er schnell zu einem der ersten Mathematiker seiner Zeit aufstieg. Als ich ihn in Leipzig kennen lernte, war er als Meister seines Faches allgemein anerkannt und war unausgesetzt tätig, die von ihm erschlossenen neuen Gebiete zu bebauen und zu erweitern. Äußerlich sah er nicht wie ein Gelehrter aus. Von breiter massiver Gestalt, schwerem Gliederbau und entsprechender Gesichtsbildung hatte er etwas Urweltliches, wie man sich ein Mammuth vorstellt. Auch in seinem Charakter schien etwas Ungebändigt-Nordisches im Hintergrunde zu liegen. Den Angelegenheiten des täglichen Lebens stand er fremd gegenüber, denn seine Wissenschaft, für die er eine leidenschaftliche Verehrung und Hingabe empfand, erfüllte ihn so vollständig, das für anderes wenig Raum blieb. Seine Frau war sanft und liebenswürdig. Wir, d.h. die beiden Ehepaare fühlten uns zueinander hingezogen, da wir sämtlich Kinder des Nordens waren und Schwierigkeiten empfanden, in Leipzig heimisch zu werden. So haben gegenseitige häusliche Besuche im engsten Kreise ziemlich lange zwischen uns stattgefunden, die von Behagen erfüllt waren, nicht am wenigsten durch ihren Kontrast zu den üblichen Abfütterungen, die wir übereinstimmend als unausstehlich empfanden.[101]
Allmählich machte sich aber auch bei Lie die spezifische Mathematikerkrankheit geltend. Ihr sind die am meisten ausgesetzt, welche die höchsten und abstraktesten Gebiete bearbeiten, wo die Art des Denkens am meisten von der gewohnten abweicht. Sie scheint dadurch begünstigt zu werden, daß bei der mathematischen Forschung jede Erholung durch notwendige mechanische Bestandteile der Arbeit fehlt, denn das bißchen Formelschreiben kommt nicht in Betracht. Der Chemiker und Physiker ist in solcher Beziehung viel besser daran, da die Beanspruchung jener höchsten und verletzlichsten Organe des Gehirns beim Forschen wohltätig mit Handarbeit abwechselt, die von niederen Zentren kontrolliert wird und jenen die notwendige Ruhe gewährt. Kommt bei dem Mathematiker noch dazu, daß die besondere Fruchtbarkeit eines neuerschlossenen Gebietes ihn verführt, die Ermüdungsgefühle zu mißachten, welche an die Schonung des Organs mahnen, so zerstört er leicht die segensreichen Hemmungs- und Schutzeinrichtungen ganz und ein entsprechendes Hirnleiden ist die unausbleibliche Folge. Glücklicherweise pflegen solche Erkrankungen einigermaßen heilbar zu sein, da sie nicht auf inneren Veränderungen des Organs beruhen, sondern auf Übermüdung.
Auch bei Lie traten im Lauf der Zeit solche Erscheinungen auf, die ihn zu einer längeren Unterbrechung seiner Tätigkeit durch eine entsprechende Kur zwangen und ihn mißtrauisch und reizbar zurückkommen ließen. Das hatte natürlich auch seine Rückwirkung auf unser Verhältnis.
Später befiel ihn jene unheimliche Krankheit, die in einer unaufhaltsamen Verminderung der roten Blutkörperchen besteht. Man weiß kein Mittel dagegen, und so sieht sich der Kranke bei klaren Sinnen unaufhaltsam dem Abgrund der ewigen Nacht zugleiten. Nach dem Vorhergegangenen muß dies finstere Schicksal besonders schwer auf ihm gelastet haben.
[102]  Karl Lamprecht. Als ich nach Leipzig kam, war W. Maurenbrecher Professor der neueren Geschichte. Er war ein großer, schwerer Mann mit einer starken Stimme, der zu erzählen liebte, wie er als Professor in Bonn dem damaligen Kronprinzen Wilhelm Vorträge aus seinem Fach zu halten hatte. Hierbei war es ihm nicht schwer gewesen, seine glühende Verehrung Bismarcks auf seinen Schüler zu übertragen, so daß sie einmal gemeinsam eine Bismarckeiche, ich weiß nicht mehr an welchen Ort, pflanzten.
Nach Maurenbrechers frühem Tode wurde Lamprecht berufen, der bereits seine Persönlichkeit stark zur Geltung gebracht hatte. Da er im Gegensatz zur klassischen Schule seiner Kollegen auf die Entdeckung von Entwicklungsgesetzen in der Geschichte aus war, so fühlte ich mich von vornherein zu ihm hingezogen, zumal auch er bald genug in eine gegensätzliche Stellung zu einigen Leipziger Kollegen geriet, deren Art und Betätigung auch mir nicht gefallen hatte. Er schloß sich bald dem erwähnten (II, 90) Kaffeekränzchen an, in welchem Wundt, er und ich das beständigste Element bildeten.
Lamprecht war 1856 geboren, also einige Jahre jünger als ich. Er war von mittlerer Größe, mit dunkelbraunen Haaren und Augen, die durch die Brille glänzten; auch der kurze Vollbart hatte die gleiche Farbe. Sein Wesen war frisch und beweglich; das Gesicht verzog sich leicht zum Lächeln und Lachen. Übereinstimmend an uns beiden war die Fähigkeit, in kurzer Zeit umfassende Arbeiten auszuführen. Die 19 Bände seiner Deutschen Geschichte hat er in 11 Jahren in Leipzig geschrieben, während er gleichzeitig unaufhörlich Streitschriften gegen seine zahlreichen Gegner verfaßte und umfangreiche organisatorische Arbeiten größten Stils für den Ausbau seiner Wissenschaft an der Universität durchführte. Er tat dies auf Kosten seiner Gesundheit; meine durch persönliche[103]  Erlebnisse unterstützten Warnungen schlug er in den Wind, auch als deutliche Vorboten des bevorstehenden Zusammenbruchs ihn zu Unterbrechungen seiner fieberhaften Tätigkeit zwangen. Als Geisteswissenschafter verkannte er die Unerbittlichkeit naturgesetzlicher Bindungen und glaubte durch Willenskraft seinem Körper unbegrenzte Energiemengen entnehmen zu können. So ist er inmitten der Arbeit 1915 gestorben, erst 59 Jahre alt.
Im Unterschiede von mir besaß Lamprecht die Kunst der Menschenbehandlung in bemerkenswertem Maße. Er verstand es gut, die maßgebenden Personen für seine organisatorischen Gedanken willig zu machen und erwarb sich trotz seiner unaufhörlichen literarischen Kämpfe auch einen erheblichen Einfluß auf seine Leipziger Kollegen. So gelang es ihm, sein historisches Seminar zu einem riesigen Gebilde mit zahlreichen Unterabteilungen auszugestalten, welche er alle mit dem Geiste seiner mannigfaltigen, wenn auch nicht immer tiefgreifenden Interessen und Beziehungen zu beleben wußte. Es war eine höchst persönliche Schöpfung, deren Leben, wie immer, an das ihres Schöpfers gebunden war.
Wie oft wir uns auch sahen, wir waren niemals gleicher Ansicht und gerieten sofort in Streit. Doch führte dieser niemals zu persönlicher Verstimmung, sondern machte uns beiden ein großes Vergnügen. Er sah von der traditionellen Höhe seiner »Geisteswissenschaft« ein wenig auf den Naturforscher herab und ich hielt mit dem Spott nicht zurück, wenn er mir methodische Entdeckungen für seine Wissenschaft darlegte und rühmte, die wir uns schon an den Schuhen abgelaufen hatten. Der Hauptteil unserer Meinungsverschiedenheiten bezog sich auf die grundsätzliche Stellung der Geschichte im Gesamtbau der Wissenschaften. So willkommen mir seine Einstellung gegenüber dem reaktionären Flügel seiner Fachgenossen[104]  war ich konnte nicht verschweigen, daß ich eine Geschichtswissenschaft als inhaltliche Wissenschaft nicht anerkennen kann. Ich wies ihn auf sein eigenes Werk hin, dessen Inhalt sachlich so ganz verschieden war von dem anderer Werke über deutsche Geschichte und kam zu dem Ergebnis, daß die Geschichte nur die Technik ist, wie man irgendwelche vergangene Verhältnisse, die man wissen möchte, aus den Überresten erschließt. Um den Inhalt dieser Verhältnisse zu beurteilen, sind aber Sonderkenntnisse des betreffenden Faches erforderlich, die der Historiker nicht hat und nicht haben kann. Zur Erläuterung meines Standpunktes forderte ich ihn auf, etwa eine Geschichte der Physik im neueren Deutschland zu schreiben.
Lamprecht pflegte dagegen geltend zu machen, daß der Historiker unentbehrlich sei, um die vielen Einzelgeschichten zu einer allgemeinen zusammenzufassen. Die Frage lief dann darauf hinaus, was eher als Hilfswissenschaft erworben werden kann: historische Technik oder Fachkenntnisse und blieb dort unentschieden.

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Da wir beide an dem vordersten Rande unserer Wissenschaften tätig waren, konnten wir uns gegenseitig mancherlei Nutzbares sagen und diese fördernden Bestandteile unserer Aussprachen veranlaßten uns immer wieder sie zu erneuern. Auch konnte ich ihm gelegentlich fachliche Auskunft geben und irgendwo in einer Vorrede hat Lamprecht dessen freundlich gedacht. Als er mir aber einmal die Handschrift eines ganzen Bandes zu kritischer Durchsicht auf naturwissenschaftliche Beanstandungen anvertraute, mußte ich sie ihm unverrichteter Sache zurückgeben. Er hatte das ganze Werk mit eigener Hand geschrieben. Zwar enthielt es ähnlich wie meine Manuskripte nur wenig Verbesserungen, die Buchstaben waren aber so spinnebeinig dünn und eng, daß ich außerstande war, sie sicher zu entziffern, und noch weniger sie fließend zu lesen.[105]
Insgesamt war mein Verhältnis zu Karl Lamprecht eine wertvolle Bereicherung meines Lebens und seinen frühen Tod habe ich als ernsten Verlust empfunden.
Wissenschaft und Scholastik. Als ich nach Leipzig kam, war ich gern bereit, die sogenannten Geisteswissenschaften als solche anzuerkennen und ihnen den Vorantritt einzuräumen, den sie als die älteren beanspruchten. Nicht bereit war ich, meine Wissenschaft mit den anderen Naturwissenschaften als etwas Minderwertiges einschätzen zu lassen, was keinen Anspruch auf eigentliche Wissenschaftlichkeit erheben konnte. Ich hatte damals eben die Bemerkung Dührings gelesen, daß der einzige erkennbare Zweck der klassischen Philologen auf der Universität sei, Lehrer auszubilden, die ihrerseits wieder das Material zu neuen Lehrern liefern, und so im ewigen Kreislauf weiter, ohne daß es jemals zu einer tätig fördernden Mitwirkung an den Aufgaben des Lebens käme. Die angezüchtete Ehrfurcht vor der Philologie wehrte sich in mir gegen diese Kennzeichnung, gegen die ich doch sachlich nichts einzuwenden wußte.
Gelegentlich war mir schon in Dorpat die Zwecklosigkeit der philologischen Arbeit aufgefallen. Als Druckschrift der Universität wurde mir dort in meinen Privatdozentenjahren eine Abhandlung zugestellt, die von einem angesehenen Vertreter jenes Faches geschrieben war, der später als Bonner Professor in seinen Kreisen berühmt wurde. Er hatte in irgendeinem Atlas alter Kunstwerke ein Relief gefunden, mit dessen Bezeichnung durch den Herausgeber er nicht einverstanden war. Er bewies dann, daß es notwendig eine Szene aus einem Drama Thyestes darstellen mußte. Es war bekannt, daß es zwei Dramen dieses Namens gegeben hatte; von dem einen wußte man einiges, von dem anderen gar nichts. Und nun wurde mit »philologischem Scharfsinn« nicht nur bewiesen, daß das Relief eine Stelle aus diesem zweiten, unbekannten[106]  Drama vorstellen müsse, sondern auch noch Akt und Szene bestimmt, auf welche sich die Darstellung bezog. Der schon damals in mir unterbewußt wirksame energetische Imperativ empörte sich heftig gegen solche »Arbeit«, die ich kindisch fand.
Als ich später einmal dies Erlebnis nebst meiner Beurteilung einem jüngeren Philologen mitteilte, bemerkte dieser errötend: »Wir halten diese Arbeit für die genialste Leistung unseres hochgeschätzten Kollegen.«
An diese Geschichte wurde ich in Leipzig erinnert, als ich bei irgendeiner Universitätsfeier eine Rede des Philologen Lipsius anhören mußte. Es war eben ein Kodex entdeckt worden, der für eine schlecht überlieferte antike Schrift gleichgültigen Inhaltes einen zuverlässigeren Text enthielt. Lipsius hob mit größtem Stolz hervor, daß beim Vergleich dieses Textes mit den Ergebnissen der von den Philologen bewirkten vermutungsmäßigen Verbesserungen der alten Texte sich in fast der Hälfte der Fälle ergeben habe, daß die Vermutungen zutrafen; in der anderen Hälfte war allerdings das Richtige nicht gefunden worden. Ich sagte mir, daß jene 50 v.H. guten Fälle notwendig die leichtesten gewesen waren, daß also das wirkliche Güteverhältnis der Arbeit nicht 50 v.H., sondern höchstens 25 oder 20 v.H. war. Und nun war diese ganze Arbeit überhaupt unnütz geworden. Unter erheblichem Schütteln des Kopfes ging ich an meine eigene Arbeit, deren Güteverhältnis ich erheblich höher einschätzen zu dürfen glaubte.
So war ich unwiderstehlich auf eine kritische Einstellung gegen den maßgebenden Einfluß gelangt, welche die dieser Gruppe zugehörigen Kollegen in der Fakultät beanspruchten. Da ich solche Zweifel durch offene Aussprache mit ihnen zu lösen suchte, wurde ich bald als unsicher und verdächtig angesehen, nicht die nötige Begeisterung für die »höchsten Güter« zu besitzen.[107]
Die klassische Philologie vertraten damals die Professoren O. Ribbeck, J. Lipsius und R. Wachsmuth. Während Lipsius den üblichen Oberlehrerstandpunkt einnahm (er war lange Zeit im Schulamt tätig gewesen), erwies sich Wachsmuth als ein Mann von weiterem Gesichtskreis und feinerer Geistesbeschaffenheit. Ich fand die Erklärung dafür später, nachdem ich mich zu ihm hingezogen gefühlt und ihm jene Sorgen anvertraut hatte: er hatte in seiner Jugend zuerst Naturwissenschaften studiert und war erst später zur Philologie übergegangen.
Die Heidelberger Erklärung. Aber auch unmittelbare Gegensätze, die mich in offenen Widerspruch mit den vorherrschenden Einstellungen der Mehrheit meiner Kollegen brachten, traten nur zu bald in die Erscheinung. Zur Zeit meines Eintritts amtete als Rektor der Altphilologe Otto Ribbeck. Er übte bei Lebzeiten einen erheblichen Einfluß auf seine Fachgenossen aus und war eifrig bemüht, die Gefahren abzuwenden, welche seitens der Naturwissenschaften dem Fortbestehen der philologischen Vorherrschaft drohten. Nach Art solcher Priesterschaften, deren Gewalt nicht auf der Natur der Sache beruht, sondern auf Usurpation und Tradition, war es ihm nicht Frage einer größeren oder geringeren Zweckmäßigkeit, über welche man in guten Treuen verschieden urteilen kann, je nach den Erfahrungen, die man persönlich gemacht oder von anderen überkommen hat, sondern Frage der »Überzeugung«, d.h. einer gefühlsmäßigen Einstellung, an der festzuhalten »Pflicht« war. Eine Pflicht der Prüfung wurde dagegen überhaupt nicht in Erwägung gezogen, da eine solche schon so gut wie Verrat war. Daher wurde die Bekämpfung der Gegner gleichfalls als Pflicht angesehen, wobei man, wieder nach Art der Priesterschaften, in den Mitteln nicht wählerisch war.
Nun war eben um jene Zeit von der Universität Heidelberg eine Erklärung in Umlauf gesetzt worden, nach[108]  der das Lateingymnasium die einzige taugliche Vorbereitungsstelle für alle Universitätsstudien sein sollte. Als ich mich einmal durch einen ziemlich dunklen Korridor in den medizinischen Prüfungssaal begab, trat mir der Oberpedell mit einer Mappe entgegen, die er öffnete und mir mit den Worten überreichte: »Seine Magnifizenz der Rektor bitten, dies zu unterschreiben.« Ich war vorsichtig oder neugierig genug, mir zuerst anzusehen, was ich unterschreiben sollte und fand jene Heidelberger Erklärung; ich lehnte also ab. Wurde dies schon als eine bei einem so jungen Menschen unleidliche Auflehnung gegen die offizielle Meinung aufgenommen, so häufte ich durch mein weiteres Verhalten noch ärgere Schuld auf mein Haupt.
Bei den Medizinerprüfungen pflegte ich mit Carl Ludwig zusammenzutreffen, der um dieselbe Stunde examinierte, und wir legten oft den gemeinsamen Heimweg im Gespräch zurück. Das auszeichnende Wohlwollen, das er mir bei unserer ersten Begegnung erwiesen hatte, ließ er mir, wie erzählt, auch weiterhin zuteilwerden; er war der einzige unter den Kollegen, der mich gelegentlich väterlich auf Mißgriffe und Ungeschicklichkeiten hinwies, die ich mir in meiner neuen Stellung zuschulden kommen ließ. Ich erzählte ihm das Erlebnis, da ich seine Einstellung zur Sache kannte. Denn ich hatte ihn zuweilen die jungen Mediziner nach der Prüfung so anreden gehört: »Sie haben wieder einmal so gut wie nichts ordentlich gewußt. Aber ich muß anerkennen, daß die Schuld daran nur zum Teil bei Ihnen liegt. Solange Sie neun Jahre Ihres jungen Lebens in einer so ungeeigneten Anstalt, wie das Lateingymnasium zubringen müssen, darf ich es Ihnen nicht übel nehmen, wenn Sie sich nur sehr unvollkommen in wissenschaftliches Denken hineinfinden können.«
Ludwig war der Ansicht, daß wir die öffentliche Meinung nicht durch die Heidelberger Erklärung in die[109]  Irre führen lassen dürften. Da ich mich ihm alsbald zur Verfügung stellte, beauftragte er mich, zunächst mit einigen Kollegen gleicher Gesinnung zu sprechen. So kam ein kleiner Arbeitsausschuß zustande, welchem außer uns beiden noch der Astronom Heinrich Bruns und der Mediziner Albin Hoffman angehörte. Wir redigierten unsererseits eine Erklärung, daß für das Studium der Medizin und der Naturwissenschaften die realistischen Lehranstalten eine geeignetere Vorbildung vermitteln und verschickten sie an alle Fachkollegen mit der Bitte um Rücksendung auch im Falle der gegensätzlichen Meinung mit einer entsprechenden Mitteilung. Ich als Jüngster hatte den geschäftlichen Teil zu besorgen, was ich sehr gern tat. Das Ergebnis war eine Mehrheit zustimmender Erklärungen, bezogen auf die Gesamtzahl der Befragten. Wir versäumten nicht, der Öffentlichkeit hiervon Mitteilung zu machen, und da ich als Schriftführer ein wenig in den Vordergrund treten mußte, so wendete sich die Unzufriedenheit der Kollegen und der Zorn der philologischen Priesterschaft hauptsächlich gegen mich.
Hierdurch wurde die Beleuchtung bestimmt, in welcher ich fortan in der Fakultät gesehen wurde. Die schnell wachsenden Erfolge meiner Lehrtätigkeit vertieften den Gegensatz, da damit die Gefährlichkeit des unsicheren Kollegen zunahm. Da die Gegner die geschickte Taktik beobachteten, alles was gegen ihre traditionelle Vorherrschaft ging, als »unkollegial« zu brandmarken, so wurde auch ich mit dieser Kennzeichnung behaftet und bin nie in einen der engeren Kreise aufgenommen worden, die in Leipzig wie an jeder Universität bestanden. Mir war es recht, da ich ohnehin nicht gern Zeit verlor. Daß aber eine solche Summe von Zorn sich gegen mich ansammeln würde, wie ich sie beim Abschluß meiner Leipziger Tätigkeit feststellen konnte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.



 Sechstes Kapitel.
Die Ausbreitung der Lehre in Deutschland.










[110] Heidelberg. Einen Überblick über das Maß, in welchem unsere Bestrebungen Anklang gefunden hatten, konnte ich auf der Naturforscherversammlung in Heidelberg gewinnen, die im Herbst 1889, also zwei Jahre nach meinem Einzug in Leipzig stattfand. Ich war von A. Horstmann eingeladen worden, bei ihm zu wohnen und wir feierten mit lebhaften Gefühlen das Wiedersehen nach der ersten Begegnung vor sechs Jahren (I, 197). Wie erstaunlich viel hatte sich inzwischen geändert! Freilich nur, was unsere gemeinsame Sache und meine Person betraf; seine Verhältnisse waren die gleichen geblieben und der Zustand seiner Augen hatte ihm die tätige Teilnahme an den neuen Arbeiten versagt.
Die ersten Eindrücke waren nicht vielversprechend. Ich geriet in einen Schwarm von Organikern, der sich um Emil Fischer geschart hatte, in dem man schon den künftigen Führer unserer Wissenschaft sah, denn was nicht organische Chemie war, wurde überhaupt nicht als Chemie anerkannt. Auf eine abschätzige Bemerkung seinerseits über die neue Richtung erwiderte ich, daß die Organiker uns doch schon jetzt zu Dank verpflichtet seien für die Möglichkeit, Molekulargewichte an nichtflüchtigen Stoffen zu bestimmen. Das war bis dahin[111]  unmöglich gewesen, durch unsere Arbeiten aber eine leichte Sache geworden, namentlich nachdem Beckmann das Verfahren technisch zur Vollkommenheit entwickelt hatte. Fischer antwortete: »Das war ganz unnötig; ich sehe jedem neuen Stoff ohne weiteres an, welches Molekulargewicht er hat, und brauche Ihre Methoden nicht.«
Ich nahm die Sache, wie sie gemeint war: als eine Redensart, um sich einen guten Abgang zu schaffen und hoffte auf die versöhnende Wirkung der Zeit und Gewohnheit. Diese ist aber nicht eingetreten, denn ich habe seitdem immer wieder Zeugnisse über die Unveränderlichkeit jener unbedingt verneinenden Einstellung erhalten, die sich allerdings weit mehr gegen meine Person, als gegen die Verwendung unserer Fortschritte geltend machte.
Selbst jetzt (1926) nach einem Menschenalter sind die Verhältnisse nicht anders geworden. Während in der Technik Kenntnisse aus der physikalischen Chemie sich täglich nützlicher, ja notwendiger erweisen, bringen die nach alter Weise »organisch« geschulten Chemiker von diesen so wenig mit, daß bei einem ungeheuren Überangebot an Organikern Mangel an Physikochemikern besteht.
In starkem und edlem Gegensatz zu dieser unsachlichen Gegenwirkung stand die Art, wie sich Victor Meyer äußerte. Er war eben im Begriff, Göttingen zu verlassen, um Nachfolger seines Lehrers Bunsen in Heidelberg zu werden, eine Stellung, die er als Krönung seiner glänzenden Laufbahn empfand. Freilich mußte er als kranker, nervös weitgehend verbrauchter Mann dorthin kommen, der die Tage glänzender Betätigung mit schweren Erschöpfungen zu bezahlen hatte. Aber niemand sah ihm dies an, als er einen der großen Vorträge vor der ganzen Versammlung hielt, die immer als deren Glanzpunkte gestaltet und empfunden wurden. Der zweite Vortrag wurde damals von Heinrich Hertz gehalten und erzielte einen noch viel weiter reichenden Nachhall.[112]
In seinem Vortrage über »Chemische Probleme der Gegenwart« entwickelte V. Meyer den Unterschied zwischen der durch das Gefühl und die Phantasie geleiteten Forschertätigkeit des Organikers, und der durch strenge Verstandesoperationen gekennzeichneten des Physikochemikers und machte kein Hehl daraus, daß sein Herz ihn ganz und gar zu jener zog, der er ehrlich genug eine mehr kindliche und künstlerische als nüchtern wissenschaftliche Natur zuschrieb. Aber er verschloß sich durchaus nicht der großen Wichtigkeit, welche jener neuen Richtung zukommt, der er folgerichtig das Jünglingsalter der Chemie zuzuerkennen hatte und trat warm für sie ein. Hierdurch hat er bei dem großen Einfluß, den er auf seine Fachgenossen ausübte, für die zunehmende Anerkennung der physikalischen Chemie auch in seinen Kreisen sehr Erhebliches getan.
Auch bei einigen anderen Gelegenheiten, die uns zusammenführten, hatte ich Ursache, für die großzügige, von Konkurrenzsorgen ganz freie Art seines Verhaltens dankbar zu sein. Insbesondere gilt dies für die Münchener Besprechungen über das Staatsexamen der Chemiker, von denen bald berichtet werden wird. Dort sah ich ihn zum letzten Male, wenige Wochen vor seinem plötzlichen Tode.
Andere Erlebnisse. Auch abgesehen von diesen für mich besonders wichtigen Dingen war die Heidelberger Versammlung sehr interessant. Die große und höchst eindrucksvolle Rede von Heinrich Hertz, in der er über die bis ins einzelne gehende Übereinstimmung der von ihm erforschten schnellen elektrischen Schwingungen mit dem Licht berichtete, habe ich schon erwähnt. Diese Arbeiten sind inzwischen nach mehr als einer Richtung grundlegend geworden.

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Außerdem wurde zum erstenmal öffentlich der vor kurzem von Edison erfundene Phonograph in Gegenwart[113]  des Erfinders vorgeführt. Edison erwies sich als eine massive Gestalt mit einem Cäsarenkopf von eiserner Unbeweglichkeit, der wie ein Standbild neben seinem Werk aufragte. Er sprach nicht deutsch und auch sein heimisches Englisch konnte nur brockenweise dem Gehege seiner Zähne entrissen werden. Er hatte einen deutsch-amerikanischen Sekretär mit, der für ihn sprach und vortrug und dies Geschäft mit der ganzen Überheblichkeit verrichtete, von der ein untergeordneter Kopf erfüllt zu sein pflegt, wenn er sich als Vertreter eines großen Mannes betätigen darf.
Für diesen Vortrag, die Vorführung des Phonographen, hatte sich der badische Großherzog angesagt, der an den wissenschaftlichen Angelegenheiten der drei Hochschulen seines Landes den lebhaftesten Anteil nahm. Durch irgendeinen unvorhergesehenen Zufall verzögerte sich sein Eintreffen um mehr als eine Stunde und der Vorstand hatte die Aufgabe zu lösen, die sehr große und sehr vollgedrängte Versammlung über diese Zeit hinzuhalten. Die Aufgabe wurde von Rudolf Virchow übernommen, der damals im Vorstande eine maßgebende Rolle spielte und vielleicht auch durch seine eifrige politische Tätigkeit am ehesten darin geübt war, zu reden ohne etwas zu sagen. Er schätzte uns auch nicht höher als eine Volksversammlung ein und ich muß gestehen, daß ich selten ein so peinliches Gefühl gehabt habe, wie bei diesem ziellosen Daherreden eines bedeutenden Mannes. Wir atmeten alle erlöst auf, als endlich der Großherzog eintraf und Virchow kurzweg Schluß machte. Freilich waren dann die Gefühle zwar anders, aber nicht schöner, als jener Sekretär seine Aufgabe sehr unvollkommen nach der technisch-rednerischen Seite löste und es für angemessen hielt, die Lachlust seiner Hörer durch Ausfälle auf die Professoren anregen zu wollen, die den Hauptanteil der Hörerschaft bildeten.
[114]  Helmholtz und Kopp. Unter den Teilnehmern befand sich auch Helmholtz, der gern die schöne Stadt wieder besuchte, in der er einen großen Teil seiner wichtigen Forschungen in einem geistig hochstehenden und lebensfrohen Kreise ausgeführt hatte. Er hielt einen Vortrag über stehende Wellen im Luftmeer, auf deren Vorhandensein er durch die Untersuchungen an den Differentialgleichungen der großen Luftbewegungen gelangt war, und wies darauf hin, daß die auffallend regelmäßige Anordnung, die man so oft an den Schäfchenwolken beobachtet, eine Folge dieser Art Wellen sei. Mir war diese Aufklärung eine Befreiung. Denn ich hatte oft beim Malen solche Regelmäßigkeiten absichtlich unterdrückt und durch freiere Formen ersetzt, weil ich noch mit dem Aberglauben behaftet war, Unregelmäßigkeit sei Freiheit und somit künstlerisch, was ein zweifacher Fehler war. Seitdem gab ich solche gesetzliche Formen, wenn sie sich beim Malen darboten, mit Liebe wieder, sehr zum Vorteil meiner Erzeugnisse.
Auch Hermann Kopp, den Schöpfer der Stöchiometrie und unübertroffenen Geschichtsschreiber der Chemie, den ich bei meinem ersten Besuch in Heidelberg nicht angetroffen hatte, lernte ich persönlich kennen, nachdem wir schon schriftlich wegen der Herausgabe einer Arbeit J. Liebigs in den »Klassikern« verkehrt hatten. Er lud mich zu einem großen Essen ein, das er an einem der nächsten Tage gab.
Als ich zur gegebenen Stunde im feierlichen Frack antrat und den Herrn und die Frau des Hauses begrüßte, hatte ich einen Anfall unpassender Heiterkeit zu überwinden. Kopp war ein auffallend kleines Männchen mit dünnen Gliedern, zu denen das spitze Bäuchlein ganz unwahrscheinlich aussah. Den Ausdruck hatte sein langjähriger Freund Wöhler mit überraschender Treffsicherheit beschrieben: er machte ein Gesicht, als sei[115]  in seinem Unterleibe etwas nicht ganz in Ordnung. Die Frau Geheimrat neben ihm war um die Hälfte größer und schätzungsweise um das drei- bis vierfache schwerer als er und übertraf ihn auch entsprechend an Kraft der Stimme und des Wesens.
Als ich eben von der Begrüßung zurücktrat, erschien mein Leipziger Kollege Wiedemann, der besonders warm begrüßt wurde. »Sie müssen leider vorlieb nehmen«, sagte die Frau Geheimrat, »wir haben die ersten Leute eingeladen, Helmholtz und Hertz, aber sie hatten alle schon anderweit zugesagt.« Etwas verschnupft, aber mit ungestörter Höflichkeit antwortete Wiedemann: »Nun, es sind ja noch einige leidlich berühmte Leute hier.« Jetzt wußte auch ich, wie ich zu der auszeichnenden Einladung gekommen war.
Das Gespräch mit Hermann Kopp ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben. Er beklagte die Beschwerden des Alters, insbesondere die Vereinsamung, die es bringt. »Sehen Sie hier«, sagte er – wir standen an seinem Schreibtisch – »das ist wie ein Kirchhof. Das Tintenfaß habe ich von Liebig, die Feder ist aus dem ersten technisch dargestellten Aluminium und ist mir von Deville geschickt worden; dort die Medaille habe ich von Berzelius, sie ist aus Selen, das er entdeckt hat – alle sind tot.«


Wenige Jahre darauf hat auch Kopp sich zu den dahingegangenen Freunden gesellt.
Bremen und Halle. Als im nächsten Jahr 1890 die Naturforscherversammlung in Bremen tagte, erlebte bereits die physikalische Chemie die Auszeichnung, sich in einer der allgemeinen Versammlungen in einem ihr besonders gewidmeten Vortrage vorstellen zu dürfen, statt sich wie vor einem Jahre mit einer freundlichen gelegentlichen Erwähnung begnügen zu müssen. Als der sozusagen amtliche Vertreter der neuen Wissenschaft[116]  ward ich dazu eingeladen und ich entledigte mich dieser Aufgabe mit Freude und Stolz.
Die Einleitungsworte des Vortrages kennzeichnen die damalige Sachlage so deutlich, daß ich nichts Besseres tun kann, als sie hier zu wiederholen.
»Wer kennt nicht die köstliche Empfindung des Bergwanderers, der nach frischfröhlich begonnener Kletterarbeit in der Morgenfrühe die erste Rast hält! Zwar ist das Ziel noch nicht erreicht; noch türmen sich scheinbar unzugänglich Fels und Eis vor ihm auf. Aber er hat seine Kräfte erprobt und darf ihnen vertrauen. Doppelt genießt er, was ihm versagt war, solange er sich zu mühen und das Auge auf das Nächste zu richten hatte, was er zu überwinden hatte. Frei schweift sein Blick vorwärts und zurück. Im Nebel liegt tief unter ihm der Ausgangspunkt seiner Wanderung; mit heiterem Auge verfolgt er den durchmessenen Weg und erfreut sich der überwundenen Schwierigkeiten und erreichten Ausblicke. Zwar manchen Umweg hätte er, wie er nun sieht, kürzen und manchen mühsam erklommenen Fels umgehen können. Aber die gehabte Mühe reut ihn nicht, denn er hat die Freude der Arbeit gehabt und die nun gewonnene Erkenntnis kommt ihm für seinen weiteren Weg zugute. Diesen prüft er mit ruhigem Blick; wachsen auch die Schwierigkeiten, je höher er führt, so wächst doch in gleichem Maße die Weite des Ausblicks und die Großartigkeit der Umgebung: die Mühe und ihr Lohn liegen immer näher beieinander.«
»Aus einer solchen Empfindung heraus darf ich heute reden. Denn ich stehe nicht für mich hier und nicht, um über meinen bescheidenen Anteil an den Fortschritten zu berichten. Vielmehr war ich keinen Augenblick im Zweifel, daß das Wort nicht meiner Person gegeben war, sondern der wissenschaftlichen Richtung, welcher ich angehöre, der physikalischen Chemie. Die Sage von einer unerwarteten Umwälzung großer Gebiete der chemischen[117]  Anschauung, einer Umwälzung, die freilich in kleinerem Umfange nicht weniger radikal ist, als der Übergang von der Phlogistontheorie zur Sauerstofftheorie, ist aus den Laboratorien und Studierstuben herausgedrungen. Von den vielen, in deren Arbeitsgebiet die Chemie eingreift, fragt sich vielleicht dieser und jener besorgt, was denn von dem brauchbar bleibe, was er bisher als richtig angenommen hat, während andere entrüstet und mißmutig jedes Rütteln an dem zurückweist, was sie bisher als die unzweifelhaftesten Grundlagen der Wissenschaft ansahen. Angesichts dieses sind wir vor das größte Forum deutscher Naturkundiger geladen worden, um Rechenschaft zu geben von dem, was wir erreicht zu haben glauben, und was wir erstreben. Wir aber, die Arbeitsgenossen, in deren Namen ich hier reden darf, sind freudig diesem Ruf gefolgt. Ist er doch ein Zeichen dafür, daß unser Streben uns in ehrlicher Arbeit weit genug gefördert hat, um auch in denen, die andere Wege gehen, den Eindruck zu erwecken, daß unser Pfad nicht in die Irre führt, sondern wirklich in die Höhe.«
Die nun folgenden Darlegungen wurden freundlich aufgenommen und gaben Anlaß zu persönlichen Aussprachen, auf denen ja der Hauptwert dieser Zusammenkünfte beruht. Da ich eben von der Tagung der britischen Vereinigung zurückgekehrt war, über die alsbald berichtet werden soll, wo wir einen harten Kampf erfolgreich durchgeführt hatten, so fühlte ich mich einigermaßen beflügelt, was wohl nicht ohne Eindruck auf die Zweifelnden gewesen ist.
Die physikalische Chemie aber hatte nun schon soviel Boden gewonnen, daß auf der nächsten Jahresversammlung von 1891, die in Halle stattfand, ich über die inzwischen erfolgten Fortschritte vor den vereinigten Abteilungen für Physik und Chemie zu berichten hatte. Der Hauptpunkt meiner Darlegungen war folgender.[118]
Die Lehre von den chemischen Gleichgewichtszuständen im weitesten Sinne, also mit Einschluß von Verdampfen, Lösen und Erstarren war durch W. Gibbs grundsätzlich entwickelt worden; nur enthielten seine Gleichungen gemäß dem damaligen Zustand der Forschung zahlreiche unbekannte Funktionen. Von diesen ist nun durch die Lösungs- und Dissoziationstheorie ein sehr großer Teil bekannt geworden, so daß an die Stelle der bisherigen unbestimmten Gleichungen nun zahlenmäßig bestimmte getreten sind, die eine messende Prüfung gestatten. Und wo solche Messungen ausgeführt werden, was bisher nur in geringem Umfange hat geschehen können, haben sich Bestätigungen der Lehre ergeben. Es stand also ein unabsehbares Feld wissenschaftlicher Ergebnisse erntereif da und harrte nur der Schnitter, welche die Garben schneiden und binden wollten.

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In diesen Jahren hat dann die physikalische Chemie in der Wissenschaft festen Fuß gefaßt, Die Zeitschrift hatte eine breite Entwicklung erfahren, verschiedene Lehrbücher waren erschienen und wurden eifrig gekauft und gelesen, und hie und da fanden sich einzelne Forscher angeregt, auch ohne persönliche Fühlung mit der Leipziger Zentrale sich im neuerschlossenen Gebiet mit eigenen Problemen anzusiedeln.
Auf den Naturforscherversammlungen wurden die neuen Ergebnisse im Rahmen der Abteilungssitzungen vorgetragen. Bald wurden sie so zahlreich, daß sie zu einer besonderen Sitzung zusammengefaßt wurden, zu denen wohl auch die Physiker eingeladen wurden, die meist schneller als die Chemiker ihr Programm erledigen konnten.
Wilhelm Hittorf, der Wiedererstandene. Eine freudige Überraschung erlebte die physiko-chemische Gemeinde auf der Nürnberger Naturforscherversammlung 1894. Es war gebräuchlich, daß zu Beginn der ersten Sitzung die Teilnehmer einer nach dem anderen aufstanden und ihren[119]  Namen nannten. Denn die Namen waren natürlich viel allgemeiner bekannt, als die Gesichter, und so erfuhr man nicht nur, wer anwesend war, sondern wußte auch, an wen man sich zu wenden hatte, wenn eine besondere Angelegenheit zu besprechen war. So wurde denn auch in Nürnberg verfahren und gegen Ende des ziemlich lange dauernden Vorganges, denn die Anzahl der Chemiker war groß, erhob sich ein kleiner, etwas beleibter Herr mit glänzendem haarlosen Schädel und scharfer Brille im glatten Gesicht, der ungefähr wie ein katholischer Pfarrer von der feinen Art aussah, und sagte: Wilhelm Hittorf. Wir fuhren höchst überrascht auf und fragten uns: ist er's wirklich? Denn er war uns, da er wissenschaftlich lange geschwiegen hatte, eine zwar verehrte aber mythische Persönlichkeit geworden, von der Viele überhaupt nicht wußten, ob sie noch unter den Lebenden weilte.
Nun, er war es tatsächlich und erwies sich als ein entzückender alter Herr, der seine spät gekommene Berühmtheit mit unbefangener Freude genoß, wie ein unverhofftes Glas edlen Weines. Uns aber bereitete es ein warmes Wohlgefühl, ihm unsere Verehrung und Dankbarkeit immer wieder zum Ausdruck zu bringen.
Denn er hatte im Leben viel zu leiden gehabt, in erster Linie von seinen Fachgenossen um des Verbrechens willen, daß er vorhandene Unklarheiten und Unrichtigkeiten durch ebenso klare wie folgerichtige eigene Gedanken zu ersetzen, also zu verdrängen versucht hatte. In anderem Zusammenhange (II, 68) wurde schon erzählt, wie ich mich bemüht hatte, durch die Aufnahme seiner Arbeiten in die Klassikersammlung ihm eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Auch hatte ich mit ihm brieflich verkehrt. Aber ich wußte auch, daß er durch die schnöde Verkennung seiner Arbeiten schwer gelitten hatte und sogar zeitweise gemütskrank gewesen war. So[120]  hatte ich unwillkürlich angenommen, daß er als gebrochener Mann in der Verborgenheit lebe und leben wolle, und war auf das glücklichste überrascht, einen frischen Greis von blühender Gesichtsfarbe und heiterem Wesen anzutreffen, der trotz seiner 70 Jahre durchaus nicht verschmähte, auch an den geselligen Zusammenkünften teilzunehmen. Hier schloß er sich besonders an meine Frau an, die mich zur Versammlung begleitet hatte und die nicht wenig stolz auf diesen Ritter war.
In der Folge wirkte dies Erlebnis wie ein Verjüngungsbad auf Hittorf. Der Anblick der arbeitsfrohen Jugend belebte auch seine wissenschaftliche Schöpferkraft von neuem und er veröffentlichte bald darauf in der Zeitschrift seine bemerkenswerten Entdeckungen über das elektrochemische Verhalten des metallischen Chroms.
Wider das Schwungrad. Im mündlichen Verkehr dauerten indessen die Widerstände noch jahrelang fort. So wurde mir unter anderem mitgeteilt, daß der bedeutende Physiker August Kundt (I, 260), der inzwischen von Straßburg nach Berlin berufen war, seinen Schülern und Prüflingen nicht gestattete, von der neuen Lehre als einer wissenschaftlich zulässigen zu reden. Er drohte, sie durchfallen zu lassen, wenn sie von Ionen sprachen. Da unsere Begegnung in Straßburg seinerzeit in freundschaftlich-heiteren Formen verlaufen war und ich auch bei späteren zufälligen Begegnungen keine Änderung hierin empfunden hatte, benutzte ich eine Anwesenheit in Berlin, um ihn gemeinsam mit Dr. Nernst zu besuchen und eine Aussprache über diese Fragen herbeizuführen. Es stellte sich heraus, daß er besonderen Anstoß an meiner Darlegung genommen hatte, daß in einem positiv geladenen Elektrolyt ein Überschuß an positiv geladenen Ionen, z.B. Wasserstoffionen bei einer Säure, vorhanden sei. Er hielt dies für unmöglich und sagte: Wenn Sie mir das experimentell nachweisen, so will ich an Ihre Sache[121]  glauben. Wir kehrten noch in derselben Nacht nach Leipzig zurück, indem wir die Mittel besprachen, den Versuch anschaulich auszuführen. Am nächsten Vormittag konnten wir an Kundt telegraphieren, daß der Versuch gelungen sei. In einem gemeinsam redigierten Aufsatz: Über freie Ionen, beiläufig dem einzigen, den ich mit einem Arbeitsgenossen zusammen veröffentlicht habe, beschrieben wir unter anderem den Versuch und entwickelten die nächsten Schlußfolgerungen daraus.
Kundt aber hat sich auch durch diese schnelle Erfüllung seiner Forderung nicht überzeugen lassen und ist bis zu seinem Ende ein Gegner der neuen Lehre geblieben, wie sie denn überhaupt in der Berliner Luft am wenigsten gedeihen wollte.
Es war also mit dieser Wette ebenso gegangen, wie mit jener Wette wegen des Abschlußexamens (I, 110): ich gewann sie zwar glänzend, aber der Gegner drückte sich darum, den Einsatz zu zahlen. Auch diesmal bestand ich nicht darauf, denn ich wußte, daß ich wieder den Hauptgewinn von der Sache davongetragen hatte.
Selbstverständlich wurde hernach die Sache selbst für wertlos erklärt. Es ist ja einfach eine gewöhnliche Elektrolyse, sagte man, denn es macht keinen Unterschied, ob man dafür statische Elektrizität in Bewegung setzt, oder einen gewöhnlichen Strom anwendet. Hier ist, wie meist in solchen Fällen, der ursprüngliche Gesichtspunkt vom Gegner willkürlich verschoben worden. Es war eben die Frage, ob auch die kleinen Elektrizitätsmengen, welche statisch betätigt werden, nur unter gleichzeitiger Ionenbewegung möglich sind, oder nicht. Bekanntlich hatte Faraday selbst noch angenommen, daß bei den Elektrolyten neben der durch die Ionen erfolgenden Leitung noch ein kleiner Anteil »metallischer« Leitung ohne Ionenbewegung vorhanden sei. Ich hatte die Notwendigkeit, freie Ionen in den Elektrolyten anzunehmen,[122]  durch den folgenden regelrechten Syllogismus begründet:
Die Elektrizität bewegt sich frei in den Elektrolyten.
Die Elektrizität bewegt sich in den Elektrolyten nur mit den Ionen.
Folglich bewegen sich die Ionen frei in den Elektrolyten,

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doch hatten die Gegner die Bündigkeit des Schlusses durch den Hinweis auf die »metallische« Leitung zu stören gesucht. Gegen diesen Einwand war jener Versuch gerichtet, und er wurde endgültig durch ihn widerlegt.
Göttingen. Die erste deutsche Universität nach Leipzig, welche der neuen Wissenschaft ein Heim bereitete, war Göttingen. Um 1890 war mein bisheriger Assistent W. Nernst dorthin übergesiedelt, hatte sich habilitiert und erhielt bald einen Lehrauftrag für physikalische Chemie. Um die Angelegenheit zu fördern, wurde ich eingeladen, sie persönlich an Ort und Stelle zu besprechen, was ich sehr gerne tat. Warnungen von befreundeter Seite, daß ich mir doch nicht selbst eine Konkurrenz bereiten solle, verlachte ich. Mir war die Aussicht, zur Ausbreitung meiner Wissenschaft etwas tun zu können, so wichtig, daß mir andere Erwägungen gar nicht in den Sinn kamen. Auch konnte ich mit den Erfolgen einer Politik des freien und rückhaltlosen Zusammenwirkens, die ich im Falle Arrhenius (I, 217) durchgeführt hatte, so zufrieden sein, daß ich keinen Grund sah, eine andere zu verfolgen.
Die Zusammenkunft verlief nach Wunsch und ergab den Beschluß, ein eigenes Institut für physikalische Chemie unter W. Nernsts Leitung zu errichten. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den vielberufenen Leiter des preußischen Universitätswesens Althoff kennen und gewann eine Anschauung von der Energie und Weitsichtigkeit, mit der er die vielverzweigten Aufgaben seines Amtes verwaltete.[123]  Daß er dabei gegen die Professoren oft rücksichtslos verfuhr, kann für ihn kein Vorwurf sein. Denn seine Tätigkeit ließ gerade die unerfreulichsten Seiten dieses mannigfaltigen Geschlechts: Neid, Engsinn, Habsucht wo sie vorhanden waren gleichsam optisch vergrößert erkennen.
Die weitere Entwicklung der physikalischen Chemie fand in Deutschland weiterhin zunächst einseitig statt, indem ein Teilgebiet, die Elektrochemie, durch das Auftreten starker technisch-wirtschaftlicher Interessen eine bevorzugte Pflege erfuhr. Diese Angelegenheit wird später in einem besonderen Kapitel behandelt werden. Hier sei nur noch bemerkt, daß auch die anderen Universitäten früher oder später sich die neue Wissenschaft angliederten, so daß sie gegenwärtig überall vertreten ist. Am längsten hatte München gezögert, wo A.v. Baeyer keine anderen Götter neben sich duldete.



 Siebentes Kapitel.
Wirkung in die Ferne.










[124] Englische Teilnahme. Durch die gemeinsame Tätigkeit des Holländers van't Hoff und des Schweden Arrhenius mit mir, dem Deutschen, hatte die neue Lehre von vornherein eine internationale Färbung angenommen, welche durch die von vielen Seiten im Leipziger Laboratorium zusammenströmenden ausländischen Studenten erheblich verstärkt wurde. So ließ die Übertragung der Bewegung nach den nichtdeutschen Ländern nicht lange auf sich warten, zumal dort, wo sie ähnlichen heimischen Bestrebungen begegnete.
Dies war vor allem in England der Fall. Dort hatte sich im Jahre 1831 nach dem Vorbilde der deutschen Naturforscherversammlung die »Britische Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften« gebildet, welche viel mehr als die deutsche Muttergesellschaft sich um die Organisation des Fortschrittes der Wissenschaft bemühte, welche in Deutschland in erster Linie als Sache der Universitäten angesehen wurde; in England waren die (alten) Universitäten hierfür nicht eingerichtet. So bestand die Gewohnheit, Fragen, deren Bedeutung für den Fortschritt empfunden wurde, besonders gewählten Ausschüssen in Behandlung zu geben. Diese ernannten einen Fachmann zum Berichterstatter, welcher das Vorhandene zur Sache zusammenzufassen pflegte und womöglich die Richtlinien[125]  anzugeben hatte, in denen der Fortschritt voraussichtlich am nötigsten oder erfolgreichsten sein würde. Gegebenenfalls wurden auch experimentelle Arbeiten gemeinsam ausgeführt, für welche es nicht schwer war, Mittel von der Vereinigung zu erlangen.
Auf dem hergehörigen Gebiete bestanden zwei solche Ausschüsse: einer für Elektrolyse und einer für Lösungen. Der erste arbeitete unter der Leitung des Physikers O. Lodge, der eine rege Tätigkeit entfaltete, indem er sich brieflich an alle Wissenschafter der Welt wendete, von denen er eine Förderung der Sache erwartete. Es waren nicht übermäßig viele. Die Antworten ließ er drucken und sendete die Hefte allen seinen Korrespondenten zu. So war er auch mit mir und Arrhenius in Verbindung getreten und dieser hatte ihm im Herbst 1887 von Deutschland aus seine Gedanken über die elektrolytische Dissoziation geschrieben, deren erste Veröffentlichung in einem der Berichte des »Electrolysis comittee« stattgefunden hat. In den Verhandlungen hatte schon einige Jahre vorher der hervorragende Physiker Lord Rayleigh seine Überzeugung ausgesprochen, daß der nächste große Schritt in der Entwicklung der Chemie und Physik von einer vertieften Einsicht in die Vorgänge der Elektrolyse kommen würde; durch jene Mitteilung wurde diese Prophezeiung wahr gemacht. Auch meine erste Mitteilung über Tropfelektroden war an den gleichen Ausschuß gegangen.
Ein gleicher Ausschuß war für das Problem der Lösungen 1886 gebildet worden, für den sich aber kein so tätiger Vorsitzender hatte finden lassen. So hatte er sich hauptsächlich mit der Sammlung der Literatur beschäftigt. Einige experimentelle Ansätze hatten nicht weit geführt und wurden bald aufgegeben.
Die Lehre von den Knicken. Eine Belebung erfuhr die Frage durch das Eingreifen des berühmten russischen Chemikers D. Mendelejew. Dieser genoß in England[126]  wegen seiner glücklichen Behandlung der Beziehungen zwischen den Eigenschaften der Elemente und den Werten ihrer Verbindungsgewichte ein außerordentlich hohes Ansehen, das um so unangetasteter bestehen blieb, als er kein Englisch verstand und nur sehr wenige Engländer Russisch. Deutsch konnte er, wenn auch ziemlich gebrochen sprechen, wie ich bei gelegentlichen Begegnungen auf englischem Boden feststellte. Bei der großen Bedeutung jener Entdeckung ist übersehen worden daß Mendelejews sonstige Beiträge zur Wissenschaft keinen Vergleich mit ihr aushielten; es ist tatsächlich keine weitere Arbeit von ihm bekannt, welche in den dauernden Bestand der Wissenschaft übergegangen wäre.
Mendelejew war durch den erwähnten Ausschuß angeregt worden, sich gleichfalls mit der Frage der Lösungen zu befassen. Mit den meisten Chemikern seiner Zeit nahm er an, daß zwischen Lösungsmittel und Gelöstem chemische Verbindungen entstehen, zu deren Nachweis er ein Mittel erdacht hatte, das ebenso originell wie falsch war. Während nämlich bisher alle Beobachter darüber einig waren, daß alle Eigenschaften der Lösungen sich stetig ändern, wenn man die Menge des Gelösten stetig ändert, so stellte er die Behauptung auf, daß diese Änderungen im ersten Differentialquotienten unstetig seien. Stellt man diese Eigenschaften in üblicher Weise durch Linien längs der Skala der Zusammensetzungen dar, so sollten diese Linien nicht in stetiger Krümmung verlaufen, wie bisher angenommen, sondern sich aus Teilstücken von verschiedener Neigung zusammensetzen, deren Knickpunkte dort lagen, wo die Mengen der beiden Stoffe in einfachen stöchiometrischen Verhältnissen standen, welche die Zusammensetzung der angenommenen chemischen Verbindungen ausdrückten. Mendelejew hatte einige Abhandlungen über ein solches Verhalten der Dichten von Lösungen nebst den zugehörigen Zeichnungen veröffentlicht,[127]  die in England zunächst mit allem Respekt aufgenommen wurden, den man dem berühmten Entdecker zollte. Als aber seine Angaben geprüft wurden, erwiesen sie sich als falsch; die Knicke konnten nicht nachgewiesen werden und der alte Befund, daß die Linien stetig verlaufen, wurde bestätigt.
Immerhin war aber die Wirkungsdauer dieses Gedankens groß genug gewesen, um in einem englischen Fachgenossen Wurzel zu fassen. Er hieß Sp. U. Pickering und hatte sich zunächst selbst überzeugt, daß die von Mendelejew behaupteten Knicke in den Dichtelinien der Schwefelsäurelösungen nicht vorhanden waren. Der Grundgedanke aber, daß die Lösungen aus bestimmten Verbindungen bestehen, schien ihm zu gut, um ihn darum aufzugeben und so kam er auf die Idee, daß, wenn die Kurve selbst auch stetig ist, doch ihr zweiter Differentialquotient unstetig sein könnte. Wer ernstlich sucht, der findet, und so fand er die gesuchten Unstetigkeiten. Daß selbst, wenn die Annahme richtig ist, daß die Lösungen aus Verbindungen nach stöchiometrischen Verhältnissen bestehen, doch die Gesetze des chemischen Gleichgewichts die Stetigkeit der Kurven und ihrer Differentialquotienten fordern, also die Knicke ausschließen, war ihm nicht bekannt. Und als es ihm gesagt wurde, glaubte er es nicht.
Durch den großen Eifer, den er in der Sache der Knicke entfaltete, war dieser Sp. M. Pickering (wir nannten ihn den Knickering) ein führendes Mitglied im Ausschuß für Lösungen geworden und hatte unter denen, die sich nicht näher mit der Frage befaßten, eine gewisse Anhängerschaft gefunden. Es war derart etwas wie eine Englische Theorie der Lösungen entstanden, deren Anhänger das Erscheinen der neuen Lehre als ein unberechtigtes Eindringen in ein nationales Eigentum empfanden.
Auf der anderen Seite war mein Schüler J. Walker inzwischen Assistent des Professors der Chemie Crum[128]  Brown in Edinburgh geworden und hatte diesen intelligenten und geistig ungewöhnlich beweglichen Gelehrten bald von den großen Vorzügen der neuen Lehre überzeugt. Andererseits war William Ramsay Professor am University College in London und Mitglied des Ausschusses für Lösungen geworden; auch er war von der wissenschaftlichen Bedeutung der neuen Lehre durchdrungen. Durch deren Einfluß wurde von der Britischen Vereinigung beschlossen, van't Hoff, Arrhenius und mich zu der nächsten Versammlung einzuladen, die im September 1890 in Leeds stattfand. Dort sollten wir in einer Aussprache mit den Vertretern der anderen Anschauungen unseren Standpunkt verteidigen. Dabei handelte es sich nicht nur um die Theorie der Lösungen, sondern ganz besonders auch um die Dissoziationslehre von Arrhenius, die den konservativen Engländern ganz besonders anstößig erschien.
Erste Begegnung mit van't Hoff. Ich empfand die Einladung als eine sehr erwünschte und günstige Gelegenheit, das neue Evangelium unter die Heiden zu tragen. Der Boden war schon etwas vorbereitet, da soeben eine englische Übersetzung meines »Grundriss« erschienen war, welche bei der sehr verbreiteten Unkenntnis fremder Sprachen unter den englischen Gelehrten ihnen die erste geschlossene Darstellung der neuen Lehre zugänglich gemacht und einen sehr allgemeinen Widerspruch hervorgerufen hatte. Die Verständigung mit vant' Hoff und Arrhenius (der inzwischen nach Stockholm zurückgekehrt war) ergab, daß nur der erste sich für die Reise frei machen konnte; Arrhenius mußte verzichten. So einigte ich mich mit jenem, daß wir gemeinsam nach Leeds reisen wollten; ich gedachte ihn einige Tage vorher in Amsterdam aufzusuchen, um ihn persönlich kennen zu lernen, was bisher nicht geschehen war.

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Mit lebhaften Gefühlen begrüßte ich den sehr hochgeschätzten Arbeitsgenossen am Bahnhof zu Amsterdam.[129]
Ich fand einen mittelgroßen schlanken jungen Mann (er war fast genau ein Jahr älter als ich) mit dem typischen langgezogenen Gesicht und der graublassen Farbe seiner Landsleute, in dem aber die Augen unter etwas zusammengezogenen Brauen alsbald den Denker erkennen ließen. Da wir uns durch den mehrjährigen lebhaften Briefwechsel schon gut kannten, war auch das persönliche Verhältnis schnell hergestellt. Es hat sich in der Folgezeit auf Grund gegenseitigen Vertrauens zu einer wissenschaftlichen Freundschaft entwickelt, die niemals eine Trübung erfahren hat. So haben wir mehrfach um dieselbe Zeit die gleiche Entdeckung gemacht, ohne darum jemals in einen Streit, ja in eine Mißempfindung zu geraten. Er wußte, daß ich ihn rückhaltlos als den größeren Denker in unserem gemeinsamen Gebiet anerkannte, während ich wußte, daß er mir in organisatorischer und didaktischer Beziehung gern die Führung überließ. So ergänzten wir uns, und da außerdem zwischen Arrhenius und uns beiden die allerbesten Beziehungen bestanden, so bildete sich durch einen uns allen willkommenen natürlichen Vorgang jener Dreibund van't Hoff-Ostwald-Arrhenius (um die Namen nach der Altersfolge zu nennen) aus, der dauernde Spuren der gemeinsamen Tätigkeit in der Wissenschaft hinterlassen hat.
Van't Hoff machte mich mit seiner Frau und Kindern bekannt; damit begann ein freundschaftliches Wechselverhältnis, das hernach beide Familien – er hatte vier Kinder, ich fünf von übereinstimmendem Alter – dauernd zusammenhalten sollte. Nachdem zu folge seiner Übersiedlung nach Berlin ein allseitiges Kennenlernen ermöglicht war, hat es auch über seinen allzu frühen Tod fortgedauert.
Mit großer Neugier betrachtete ich die Stadt und den Hafen; war es doch die erste nichtdeutsche Stadt, die ich kennen lernte. Die wunderlich halbseitig gekleideten Waisenmädchen, von denen ich einen Zug auf der Straße[130]  sah, sind mir im Gedächtnis geblieben, ebenso die Dienstmädchen, welche die Hausfronten von außen abwuschen.
Natürlich wurde das Laboratorium besucht, wobei ich mit Erstaunen hörte, welchen erheblichen Teil seiner Zeit mein Kollege mit amtlichen Kontrollanalysen verschiedener Art vergeuden mußte. Zufolge der vor einigen Jahren erfolgten Leipziger Berufung war ihm ein Neubau bewilligt worden, da das alte Laboratorium ungenügend war. Wir kletterten auf den Mauern des Neubaus herum das eben unter Dach gekommen war, bis ich zu meinem Schreck bemerkte, daß mein Begleiter nicht schwindelfrei war und Schwierigkeiten empfand, mitzuklettern.
Zum Besuch seiner Eltern nahm mich van't Hoff nach Rotterdam mit. Der Vater war ein praktischer Arzt, rüstig und tätig trotz seiner hohen Jahre, klein von Gestalt, ebenso wie die Mutter, die wie aus einem alten holländischen Gemälde gestiegen aussah. Beide nahmen mich mit besonderer Freundlichkeit auf, da ihnen meine Beziehungen zu ihrem Sohn bekannt waren und setzten uns an ihren Mittagstisch. Der Braten wurde auf einem Gestell warm gehalten, unter welchem einige Stückchen Torfkohle glimmten, die mit schneeweißer Asche bedeckt waren.
Auf einem Rundgange durch die Stadt waren mir an einigen Stellen geschnitzte und angemalte Köpfe über der Tür aufgefallen, die ein verzerrtes Gesicht mit herausgestreckter Zunge darstellten. Auf meine Frage nach ihrer Bedeutung erklärte mir van't Hoff, daß dies das altertümliche Zeichen der Apotheken sei. In diesen wurde vormals den Käufern auch medizinischer Rat erteilt, nachdem sie zum Zweck der Diagnose die Zunge vorgewiesen hatten. Um insbesondere dem des Lesens unkundigen Landvolk die Apotheke kenntlich zu machen, wurde der Kopf mit der typischen Gebärde angebracht, ähnlich wie der blaue Engel oder die goldene Sonne auf[131]  den Gasthäusern, und hat sich wie dieses bis auf unsere Tage erhalten.
Leeds. Nach England schifften wir uns unter etwas Herzklopfen ein. Wir waren beiderseits der englischen Sprache nur vom Lesen mächtig und hegten Zweifel, ob das für die Bedürfnisse des Tages ausreichen würde. Doch ging es ganz gut. London berührten wir nicht, da voraussichtlich alle Kollegen nach Leeds unterwegs waren, Als wir unsere Augen eben an der grünen und fruchtbaren Landschaft von Yorkshire erquickt hatten, fuhr der Zug in die schwarze, rauchige Fabrikstadt ein. Wir waren einen Tag zu früh gekommen, so daß wir etwas Mühe hatten, uns zu den Häusern durchzufinden, in denen uns für die Dauer der Versammlung persönliche Gastfreundschaft erwiesen wurde.
Leeds ist eine Fabrikstadt mit großen Textilwerken und Färbereien, die damals Sitz einer Drittel-Universität war. Sie bildete mit Manchester und Liverpool zusammen die Victoria-Universität, welche eine gemeinsame Verwaltung für die drei Anstalten besaß. Doch machten sich schon damals Selbständigkeitsbestrebungen geltend, welche wenn ich mich recht erinnere, ziemlich bald zu einer Trennung geführt haben.
Mein Gastfreund war der dortige Chemieprofessor Arthur Smithells, ein schlanker, gut aussehender junger Mann, etwa in meinen Jahren, der mit seiner schönen und lebhaften Frau eine Villa mit Garten etwas außerhalb der Stadt bewohnte. Nicht ohne Mühe fand ich mich in den vielfach ungewohnten Lebensformen der neuen Umgebung zurecht, zumal mir das Verstehen des gesprochenen Englisch unverhältnismäßig viel schwieriger war, als das des gelesenen, ja auch als das Englischsprechen meinerseits. Doch half mir Ramsay, den ich alsbald auch persönlich kennen lernte, und der ziemlich geläufig deutsch sprach, über die ersten Schwierigkeiten[132]  aufmerksam und liebevoll hinweg. Da er längere Zeit in Deutschland studiert hatte, waren ihm die Unterschiede deutscher und englischer Sitten wohlbekannt und er gab mir schnell und gewandt die erforderlichen Hinweise, wenn ich in Schwierigkeiten geriet.
Dir Britische Vereinigung. Von großem Interesse war mir der Vergleich der englischen Vereinigung mit den deutschen Naturforscherversammlungen. Der Hauptunterschied war und ist das Fehlen der Ärzte, welche bei uns mehr als die Hälfte der Teilnehmer ausmachen. Andererseits war dort die Soziologie als Sektion F, ökonomische Wissenschaften und Statistik, vertreten, welche bei unseren Versammlungen noch keine Stätte gefunden hat.
Die ganze Organisation ist viel straffer und stetiger als bei uns. Die deutsche Gesellschaft verfällt unmittelbar nach der Versammlung gleichsam in einen Winterschlaf, während dessen nur die Organe des Vorstandes von Zeit zu Zeit schwache Lebenszeichen geben, worauf einige Zeit vor der Versammlung die Vorbereitungsarbeit beginnt, die wesentlich auf den Schultern des Ortsausschusses ruht. Dieser wird jedesmal aus den Einheimischen gewählt, es besteht also nur insofern Stetigkeit, als der allgemeine Vorstand durch seine längere Amtsdauer bedingt. Bei der englischen Vereinigung besteht schon durch die zahlreichen Ausschüsse, die unbeschränkt nach Bedarf gebildet werden und die während des ganzen Jahres tätig sind, ein stärkeres Leben auch außerhalb der Zeit der Zusammenkünfte, Auch hat sich für die Versammlungstechnik eine Überlieferung und eine immer wieder benutzte Sammlung von Geräten herausgebildet, die den Ortsvertretern die Arbeit bedeutend erleichtern.
Die Art des Vortrages ist von der unseren ziemlich verschieden. Der Fachausdruck für diesen Vorgang lautet: »er liest ein Papier«, und man muß das ziemlich wörtlich nehmen. Fast immer wird eine schriftliche Aufzeichnung[133]  wörtlich abgelesen, die hernach dem Schriftführer zum Abdruck übergeben wird.
Während man gern die Zweckmäßigkeit dieses Verfahrens zugeben wird, wenn auch nicht seine Schönheit, vermißte ich beide bei dem großen Vortrage des Präsidenten vor der ganzen Versammlung, die zur Hälfte aus Damen bestand. Es war diesmal der hervorragende Chemiker Abel, dessen Arbeitsfeld die Sprengstoffe waren. In mehr als zweistündiger Rede, die er ebenso sorgfältig wie eintönig aus seinem Heft ablas, verbreitete er sich über diesen Gegenstand, für den er sachliche Teilnahme nur bei wenigen erwarten durfte. Das Sonderbarste aber war, daß jeder Zuhörer auf seinem Sitzplatz ein gedrucktes Exemplar derselben Rede vorfand, die ihm eben vorgelesen wurde. Der ganze Vorgang vollzog sich aber mit der selbstverständlichen putzigen Würde, welche diese Nation bei offiziellen Feiern aufzubringen pflegt und keinerlei Unruhe in dem riesengroßen Saale gab Kunde von der ungeheuren Langeweile, die ich bei diesen tausend Menschen annehmen zu müssen glaubte. Anscheinend fühlten sie keine. Für mich war es eine willkommene Gelegenheit, gesprochenes Englisch verstehen zu lernen. Ich hörte aufmerksam zu, und wenn ich ein Wort nicht verstanden hatte, warf ich einen Blick in den gedruckten Text. So kam ich verhältnismäßig schnell in den Klang der Sprache hinein, was von großer Bedeutung für meine Teilnahme an den Verhandlungen war.


Die Verhandlungen. Für die Erörterungen der Fragen über Lösungen und Elektrolyse war reichlich Zeit angesetzt worden. Sie begannen mit einem langen Vortrage des oben erwähnten Herrn Pickering, der die Absicht verfolgte, sich zum Führer der ganzen Verhandlung aufzuschwingen und Lob und Tadel nach seiner Auswertung zu erteilen. Der Vortrag bestand aus zwei Teilen, nämlich erstens der Darlegung seines Verfahrens zum Auffinden[134]  von Hydraten und zweitens der Widerlegung der Theorien von van't Haff und Arrhenius, von denen er, wie sich hierbei herausstellte, nur eine sehr oberflächliche Kenntnis hatte.
Dies füllte die erste Sitzung ganz aus, die an einem Donnerstag stattfand. An den beiden folgenden Tagen kamen auch nur Gegner – es gab ja außer uns fast nur Gegner – zu Wort, so daß mit dem Wochenschluß die kontinentalen Theorien vollständig abgetan schienen. Wir mußten uns darauf beschränken, im persönlichen Verkehr die Irrtümer und Mißverständnisse bei den bedeutenderen Teilnehmern der Versammlung zu beseitigen, soweit sie uns durch die geselligen Veranstaltungen zugänglich wurden. Insbesondere erinnere ich mich des Sonntagnachmittags, zu welchem Smithells eine Anzahl hervorragender Fachgenossen eingeladen hatte. Das Gespräch wurde sehr lebendig, und schließlich gelang es van't Hoff und mir, einige unserer Gegner zu überzeugen. Es waren natürlich die besten Köpfe.
Am Montag aber wendete sich das Blatt. Arrhenius hatte eine große Anzahl von Pickerings eigenen Messungen der Gefrierpunktserniedrigungen in verdünnter Schwefelsäure nach den Formeln der Dissoziationstheorie berechnet und eine erstaunlich gute Übereinstimmung gefunden, zum Beweise, daß Pickerings Messungen unvergleichlich viel besser waren, als seine Theorien. Diese Arbeit hatte er an Walker geschickt, der sie in seiner nüchtern-ruhigen Art vortrug und einen sehr starken Eindruck erzielte. Ferner hatte ich eine Beobachtung mitzuteilen, welche eine sehr anschauliche Erläuterung einer überraschenden Folge aus der Lehre ergab (Abscheidung von metallischem Kupfer durch den Strom an einer halbdurchlässigen Scheidewand). Ich mußte zum ersten Male eine wissenschaftliche Mitteilung in fremder Sprache machen. Nach dem Zeugnis meiner[135]  Freunde hatte ich mich ganz gut damit abgefunden, so daß mir der Mut wuchs, nun auch in die Diskussion einzugreifen, um die großenteils mißverständlichen Einwendungen zu widerlegen, die man uns machte. Auch vant' Hoff hatte eine Mitteilung vorgetragen und sich erfolgreich an den Debatten beteiligt. So verschwand die »Hydrattheorie« unvermerkt gänzlich aus dem Gesichtsfelde und die Erörterungen bezogen sich ausschließlich auf die Frage nach der Durchführbarkeit der neuen Lehre. Von dem hervorragenden Physiker und Mathematiker Professor Fitzgerald war diese ursprünglich als ganz unmöglich angesehen worden, da er sich ganz falsche Vorstellungen von der Lehre gemacht hatte. Da er ein sehr naher Freund Ramsays war, so konnte dieser ihm klar machen, daß es sich hier nicht um einen willkürlichen Unsinn von Leuten ohne physikalische Kenntnisse handelte, sondern um wohlüberlegte und eingehend geprüfte Theorien, gegen die sich vom Standpunkt der thermodynamischen Exaktheit gar nichts einwenden ließ. Dies kam allerdings nicht in den Sitzungen zum Ausdruck, sondern wurde in langausgedehnten persönlichen Aussprachen behandelt.
Kinetik und Energetik. Kennzeichnend für die Natur der geistigen Schwierigkeiten, welche auch wohlwollende Kritiker gegenüber der Lehre vom osmotischen Druck empfanden, war der ständig wiederholte Einwand, daß man sich zwar sehr gut vorstellen kann, wie nach der Lehre der kinetischen Gastheorie der Druck der Gase durch die beständigen Anstöße der schnell dahinfliegenden Molekeln entsteht, dagegen durchaus nicht, wie etwas ähnliches in einer Lösung zustande kommen kann, wo die Molekeln des gelösten Stoffes beständig mit denen des Lösungsmittels zusammenprallen und dadurch an der Ausübung der Stöße gegen die Wand behindert werden. Vergeblich wendete van't Hoff dagegen ein, daß durch die Versuche[136]  von Pfeffer das Vorhandensein des osmotischen Druckes experimentell über jeden Zweifel hinaus nachgewiesen ist. Wenn also Schwierigkeiten bestehen, ihn kinetisch zu erklären, so sind das Schwierigkeiten für die kinetische Theorie, aber keine Gründe gegen die Tatsache. Die Hochachtung vor dieser Theorie, die hauptsächlich auf dem verwickelten mathematischen Apparat beruhte, welcher für ihre Durchführung auf einzelne, experimentell zugängliche Fälle erforderlich war, war so groß, daß man von vornherein mißtrauisch war, wo etwas mit ihr nicht stimmen wollte, mochten es auch Tatsachen sein.
Mir aber waren solche Erörterungen, an denen ich sehr oft teilzunehmen hatte, eine Ursache, meinerseits mißtrauisch gegen die kinetische Theorie zu werden. Dazu gehörte damals eine große Unabhängigkeit von der allgemeinen Meinung. Ich überzeugte mich, daß die bisherige Ausbeute der Lehre an reellen wissenschaftlichen Ergebnissen nicht groß war und sich fast nur darauf beschränkte, daß Gesetze aus diesen Vorstellungen abgeleitet wurden, die man ohnedies schon kannte. Nur wenig Neues, wie z.B. die Unabhängigkeit der inneren Reibung vom Druck, war vermittels der Lehre gefunden worden, und diese neuen Dinge hatten sich ohne erheblichen Einfluß auf die Erweiterung der Wissenschaft erwiesen.
Dieser kritischen Stimmung gab ich erst schüchtern, später immer deutlicher Ausdruck. Als ich dann aber mir Klarheit über die allgemeinen Methoden der Energetik verschafft und mich überzeugt hatte, wie schnell und sicher sie zu ganz bestimmten, zahlenmäßigen Ergebnissen führt, wo die Kinetik seitenlange Rechnungen mit entsprechend vielen Irrtumsmöglichkeiten erfordert, war meine Einstellung entschieden. Ich verlangte von mir und anderen vor allen Dingen zum Verständnis der Erscheinungen die energetische Rechenschaft und mißachtete die Kinetik als unsicher und zu wenig fördersam.[137]
Doch diese Dinge fallen in eine spätere Zeit und sollen alsdann erzählt werden.
Als wir endlich ermüdet aber befriedigt abreisten, konnten wir sagen, daß das Eis der Vorurteile gebrochen war und die Sache sich nun durch ihren eigenen Wert weiter entwickeln konnte. Zwar konnten wir nicht darauf rechnen, Gegner wie Pickering und Prof. Armstrong überzeugt zu haben, wie denn auch beide ihren Kampf später fortsetzten. Aber wir selbst hatten uns überzeugt, daß wir diese Gegner nicht ernst zu nehmen brauchten, denn sie waren Gegner auf Grund ihrer Gefühle und nicht auf Grund ihrer wissenschaftlichen Einsichten, die in beiden Fällen zur Bildung eines sachlichen Urteils nicht ausreichten. Auch verloren sie im eigenen Lande nach dieser Richtung bald den Einfluß, den sie vorher besaßen.
William Ramsay. Durch den ganzen Zeitraum, während dessen die chemischen Aufgaben im Mittelpunkt meiner Arbeit standen, zieht sich eine nahe Freundschaft mit dem ausgezeichneten englischen Chemiker William Ramsay. Wir waren von gleichem Alter und gleicher Geistesrichtung, nicht nur was die Wissenschaft anlangt, und dabei in der Art der Auffassung und des Betriebes unserer Aufgaben verschieden genug, um uns gegenseitig interessant zu finden. So entwickelte sich ein gutes Verhältnis gegenseitigen Vertrauens, das ungetrübt bis zum Weltkriege dauerte. Dieser riß ihn zu so leidenschaftlicher Teilnahme hin, wohl unter starker Beeinflussung seitens seiner Frau, deren Neigung von jeher sich vorwiegend nach Frankreich gewendet hatte, daß er in die Schmähreden gegen alles Deutsche ohne Ausnahme, die einen so erheblichen Anteil der gegnerischen Kriegsführung ausgemacht haben, nicht nur einstimmte, sondern sie durch eigene Beiträge vermehrte. Während des Krieges ist er dann gestorben.[138]
Unsere Beziehungen begannen durch die Zeitschrift. Er hatte um jene Zeit eine ganze Reihe weitreichender Forschungen über die Vorgänge der Verdampfung und Verflüssigung durchgeführt, und mir einiges davon zur Veröffentlichung geschickt. Ich bat ihn, einen Bericht über seine gesamten Arbeiten zu dieser Frage für die Zeitschrift abzufassen, den er gern gab; ebenso besorgte ich die Veröffentlichung weiterer Arbeiten von ihm.
Um jene Zeit bewarb er sich um den Lehrstuhl der Chemie am University College in London, der tätigsten der mehreren Universitäten Londons. In England werden die Kandidaten nicht von der Professorenversammlung aufgestellt und von der Regierung berufen, sondern freie Stellen werden ausgeschrieben und die Kandidaten bewerben sich selbst. Hierbei ist es Gewohnheit, soviel als möglich Zeugnisse, »testimonials« von namhaften Fachgenossen beizubringen, da die berufende Körperschaft kaum je einen Fachmann enthält. So hatte Ramsay auch mich um ein Zeugnis gebeten, und ich war ein wenig stolz darauf, es ihm erteilen zu dürfen.

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Wann wir uns zum ersten Male persönlich kennengelernt haben, weiß ich nicht mehr. Da Ramsay in Deutschland bei Bunsen und Fittig (damals in Tübingen) studiert hatte, kam er häufig herüber und es ist wahrscheinlich, daß er mich gelegentlich in Leipzig besucht hat oder daß wir uns am dritten Orte getroffen haben. Jedenfalls war die Beziehung schon vorhanden, als wir uns während der Woche der Britischen Vereinigung in Leeds beständig sahen. Ramsay half mir überall, mich in den fremden Verhältnissen zurechtzufinden und wir traten uns so nahe, daß er mich einlud, ihn in seine Ferien zu begleiten, die er bei seinen Schwiegereltern an der schottischen Küste zuzubringen gedachte. Er war gebürtiger Schotte und erklärte mir, daß zwischen seinen Landsleuten und den Engländern ein sehr großer Unterschied[139]  bestehe, der sich schon in der Sprache geltend mache; das Schottische Englisch sei dem Deutschen viel ähnlicher, als das Londoner. Ferner seien seine Landsleute für die Wissenschaft viel begabter als die Engländer, wie aus dem Umstande hervorgehe, daß z.B. unter den großen Chemikern seines Landes viel mehr Schotten als Engländer sind. Auch sei die Verfassung der Schottischen Universitäten der der Deutschen ähnlich, im Gegensatz zu der klerikalen Organisation der alten Englischen Cambridge und Oxford.
Ich glaube, daß er in allen diesen Beziehungen Recht gehabt hat.
Ich folgte sehr gern der Einladung. Ramsay zeigte mir einiges von seinem engeren Vaterlande. Zunächst Edinburgh, das eine der schönsten Städte Europas wäre, wenn das trübe Klima nicht störend dazwischen käme. Eine nationale Schwärmerei für Maria Stuart war noch reichlich vorhanden, obwohl oder vielleicht weil der Charakter dieser blendenden Persönlichkeit ganz und gar im Gegensatz zu dem ernsthaften und sachlichen Wesen der Schotten steht, bei denen schöne Gesichter viel seltener vorkommen als anderswo.
Dann besahen wir auf meinen besonderen Wunsch die Forth-Brücke, damals das kühnste Bauwerk dieser Art. Sie machte einen sehr starken Eindruck auf mich; ihre riesige Höhe empfand ich am deutlichsten von dem kleinen Dampfer aus, denn ein darüberfahrender Eisenbahnzug sah wie ein Spielzeug aus. Ich nahm eine Anzahl Photogramme mit, um sie zuhause meinem ältesten Sohn zu zeigen, den ich beeinflussen wollte, Werkwalt (Ingenieur) zu werden. Damit habe ich aber gar keinen Erfolg gehabt, denn da er längst im Laboratorium aus- und eingegangen war und mit den Praktikanten vielfach Freundschaften geschlossen hatte, konnte ihn nichts mehr von dem Schicksal fern halten, auch seinerseits einmal ein Naturforscher zu werden.[140]
In Ramsays Familie verbrachte ich dann eine angenehme Woche. Seine Frau war nach Gestalt und Kopfform der Königin Victoria ähnlich und bestrebte sich ohne großen Erfolg, der zunehmenden Körperfülle Herr zu werden. Sie hatten zwei nette Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, etwa im Alter der meinen. Die Schwiegermutter war eine liebe alte Frau, ganz Güte und Freundlichkeit. Der Schwiegervater war schweigsam und trat in den Hintergrund. Das Leben war ebenso ländlich, wie ich es am heimischen Strande gewohnt war, nur daß man sich viel mehr auf dem Wasser zu bewegen pflegte, woran Ramsay eine besondere Freude hatte. Ich tat sehr gerne mit. Auffallend war mir die stark betonte Kirchlichkeit. Am Sonntag wurde mir der zweimalige Kirchgang, am Vor- und Nachmittag, nicht geschenkt, ebensowenig die täglichen Hausandachten. Ich empfand keine Bedenken, mich der häuslichen Sitte anzubequemen.
Nach Hause. Auf der Heimfahrt machte ich einen flüchtigen Besuch in Glasgow, wo William Thomson (Lord Kelvin) Professor der Physik war. Ich hatte ihn in Leeds gesehen, war ihm auch vorgestellt worden und hatte mich seiner jugendlichen Lebendigkeit trotz des erheblichen Alters von 67 Jahren erfreut. Er hatte mein Herz von ferne dadurch gewonnen, daß er gelegentlich einer wissenschaftlichen Diskussion ohne Zögern erklärt hatte, daß eine vorher von ihm ausgesprochene Meinung irrtümlich gewesen sei, nachdem von einem anderen Redner – ich glaube, es war G. Stokes – ein Einwand erhoben war, den er als begründet anerkannte. Doch war es zu keiner persönlichen Annäherung gekommen. Ramsay, der sein Schüler gewesen war, hatte mich ermutigt, ihn aufzusuchen, doch war er gleichfalls in die Ferien gegangen.
Im übrigen erwies sich Glasgow als eine unbeschreiblich schmutzige Stadt, deren trübe und rauchsgechwängerte[141]  Luft nach dem Aufenthalt am Meeresstrande besonders abstoßend wirkte. Ich fuhr nach Edinburgh zurück und ging von dort zu Schiff nach Deutschland, indem ich mir vorbehielt, die anderen Teile Englands später kennen zu lernen. Denn ich war von der Britischen Vereinigung zum auswärtigen Mitglied gewählt worden und hatte gern das Versprechen gegeben, das man mir abverlangte, die späteren Zusammenkünfte recht oft zu besuchen, was ich hernach auch mehrfach ausgeführt habe.
Edinburgh. Die Versammlung zu Nottingham im folgenden Jahre besuchte ich nicht, wohl aber die nächste, welche 1892 in Edinburgh stattfand und ungewöhnlich glänzend werden sollte.
Zur Reise nach Edinburgh bevorzugte ich wie immer, wenn ich die Wahl hatte, den Wasserweg. Ich ging in Hamburg auf einen Englischen Dampfer, der gerade nach Leith, der Hafenstadt Edinburghs fuhr und auf dem ich einige von den deutschen Teilnehmern an der bevorstehenden Versammlung antraf. Es standen Beschlußfassungen über elektrische Einheiten bevor, für welche seitens unserer physikalisch-technischen Reichsanstalt Sachverständige hingeschickt wurden. Im Gedächtnis geblieben ist mir der unermeßlich lange holländische Physiker du Bois, der als reicher Erbe sein Leben nach Gefallen gestalten konnte und sich ein Privatlaboratorium in Berlin eingerichtet hatte, wo er in regem Verkehr mit den wissenschaftlichen Kreisen magnetischen Forschungen oblag.
Die Fahrt verlief etwas stürmisch, doch ohne Seekrankheit für mich. Der kleine Kreis der Tischgenossen hatte sich mit dem Kapitän gut angefreundet. Als wir in den landschaftlich schönen Hafen einliefen, vollzog sich eben ein ungewöhnlich prachtvoller Sonnenuntergang, den wir von der Kapitänsbrücke aus bewunderten. Im lebhaften Geplauder dabei vergaß der Kapitän, auf den[142]  Kurs zu achten und hätte uns geradlinig auf einen Felsen auflaufen lassen, wenn er nicht im letzten Augenblick aufmerksam gemacht worden wäre. Es gelang noch eben, das Schiff zu wenden und er ersuchte uns kurz, ihn bei seiner Arbeit nicht weiter zu stören. Einem deutschen Schiffsführer wäre derartiges wohl nicht begegnet.
Die Stellung der neuen Lehre. Auf der bevorstehenden Versammlung erwarteten mich ganz andere Verhältnisse, als ich sie vor zwei Jahren in Leeds angetroffen hatte.
Die Beurteilung der neuen Lehren hatte sich in den zwei Jahren seit 1890 von Grund aus geändert. Sie waren sozusagen völlig hoffähig geworden. Von einer grundsätzlichen Ablehnung war überhaupt nicht mehr die Rede; sie galten als anerkannte Bestandteile der Wissenschaft, über deren Tragweite im einzelnen man verschiedener Meinung sein konnte, die man aber als zweifellosen großen Fortschritt anzuerkennen bereit war. Sehr viel hatte zu diesem Erfolg der einflußreiche Professor Crum Brown beigetragen. Er war von einem meiner besten Schüler aus England, James Walker mit der Lehre bekannt gemacht worden, nachdem dieser bei ihm Assistent geworden war und hatte sie alsbald mit eigenen Gedanken zu fördern begonnen. Der diesmaligen Versammlung hatte er mit Walker eine sehr elegante Synthese organischer Säuren durch Elektrolyse mitzuteilen, die auf einem ganz neuen Gebiet die Fruchtbarkeit der Lehre zeigte.
Unter dem Einfluß dieser Stimmung erstattete der Elektrolyse-Ausschuß, in dem sich die glänzendsten Vertreter der Chemie und Physik unter den Englischen Gelehrten befanden, wie Lord Kelvin, Lord Rayleigh, J.J. Thomson, A. Schuster, J.H. Poynting, A. Crum Brown, W. Ramsay, E. Frankland, H.B. Dixon, J. Larmor und viele andere, seinen siebenten und letzten Bericht, in welchem Mitteilungen[143]  über eine tabellarische Sammlung des einschlägigen Materials gemacht wurden, und verzichtete auf weitere Tätigkeit. Maßgebend hierfür war wohl der Umstand, daß nunmehr die Angelegenheit ihren eigenen Weg genommen hatte und einer besonderen Förderung nicht mehr bedurfte. Daneben mag wohl auch die Erwägung mitgewirkt haben, daß der Schwerpunkt der Entwicklung sich zurzeit so vollständig in Deutschland angesiedelt hatte, daß dadurch jene Arbeit in England unverhältnismäßig erschwert wurde. Man durfte sich ohnedies darauf verlassen, daß die Arbeit der Zusammenstellung und Ordnung in Deutschland bestens besorgt werden würde, was denn auch geschah.

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Englische Persönlichkeiten. Die gebräuchliche Gastfreundschaft erfuhr ich diesmal von dem Professor der Chemie an der Universität Edinburgh Alexander Crum Brown. Dieser war ein Mann von ganz ungewöhnlicher Weite des Gesichtskreises. Neben hervorragenden chemischen Untersuchungen beschäftigten ihn geometrischmathematische und sinnesphysiologische Probleme; er war einer der gleichzeitigen Entdecker der Funktion, welche die halbkreisförmigen Kanäle im inneren Ohr des Menschen für den Gleichgewichtssinn haben. Persönlich war er ein lebhafter Mann von mittlerer Größe und kräftiger Gestalt, mit weißem Haar und kurzem Bart, aber lebhaften dunklen Augen; in seinem Verhalten mehr den Weltmann als den Gelehrten zeigend. Er bewohnte ein großes, prächtig eingerichtetes Haus, in welchem er Raum genug hatte, neben mir noch einige andere Besucher der Versammlung zu beherbergen. Auf diese Weise kam ich in wiederholte Berührung mit Sir George Stokes, dem hervorragenden mathematischen Physiker, an dem die seltene Verbindung von persönlicher Milde und wissenschaftlicher Strenge mich besonders fesselte. Er sah ungefähr wie ein ins Englische übersetzter Kohlrausch[144]  aus, war aber bedeutend älter als dieser. Er fragte mich, ob die Dissoziationstheorie eine Erklärung für den von ihm vor langer Zeit beobachteten merkwürdigen Einfluß von Chloriden auf die Fluoreszenz von Chininsalzen liefern könne. Ich mußte bekennen, daß mir die Tatsache unbekannt war und versprach, die Sache näher ins Auge zu fassen. Auch habe ich in der Folge eine eingehendere Untersuchung durch einen Landsmann des Entdeckers ausführen lassen; doch ist er nicht viel weiter gekommen. Die gänzlich veränderte Stellung der neuen Wissenschaft wurde bei der ersten festlichen Sitzung der Versammlung deutlichst zum Ausdruck gebracht. Wie erwähnt standen wichtige Entscheidungen über elektrische Normen bevor und zu ihrer Vertretung waren nicht nur einige Beamte der physikalisch-technischen Reichsanstalt entsendet worden, sondern ihr Präsident Helmholtz hatte sich in eigener Person nach Edinburgh begeben, wo er neben seinem alten Freunde Lord Kelvin bei dessen Freund und Mitarbeiter P. Tait untergebracht war. Als auf der Plattform sich die Beamten der Versammlung, der allgemeine Präsident, der Ortsausschuß und die Sektionspräsidenten eingefunden hatten, wurden Helmholtz und Lord Kelvin eingeladen, als Ehrengäste neben ihnen Platz zu nehmen. Eine gleiche Einladung erging an mich und ich kam mir wirklich wie eine Maus zwischen zwei Löwen vor, als ich der Aufforderung zögernd gefolgt war. Denn beide waren Vertreter der mathematischen Physik, die sie als freie Meister schöpferisch handhabten, während ich gerade nach dieser Richtung frühzeitig hatte erkennen müssen, wie eng mir die Grenzen gezogen waren.
Erquickend, fast rührend war die Freundschaft, welche jene beiden Großen gegeneinander betätigten. Es konnte kaum ein gegensätzlicheres Paar geben. Helmholtz kurz, stämmig gebaut, graublond, mit ruhigen[145]  und sparsamen Bewegungen und fast unbeweglichem Gesicht; Lord Kelvin lang, mager, mit schlenkrigen Gliedern, die er ebenso lebhaft bewegte wie die Muskeln seines höchst ausdrucksvollen Gesichts. Jener ein Klassiker, dieser ein Romantiker, beide in schärfster Ausprägung. Sie hatten oft gleiche oder naheliegende Aufgaben bearbeitet, waren aber niemals in Streitigkeiten dabei geraten. Beim Fortgehen aus der Versammlung führte der stämmige Helmholtz vorsichtig seinen langen Freund, der infolge eines Unfalles ein lahmes Bein hatte und beim Gehen stark hinkte.
Mein Gastfreund Crum Brown hatte mir bei einem kleineren Festessen in seinem Hause den Platz neben Lord Kelvin angewiesen und ich konnte ein lebhaft angeregtes Plauderstündchen mit ihm genießen. Er machte mich in freundlichster Form auf einen Fehler aufmerksam, der mir beim Bericht über eine seiner Arbeiten in meinem Lehrbuch passiert war und den ich in der nächsten Auflage verbessert habe. Dafür hatte ich in einem Vortrag in der physikalischen Sektion einen Fall beigebracht, wo die von ihm vertretene Theorie von der vollständigen Umwandlung der chemischen Reaktionswärme in elektrische Energie in galvanischen Elementen sicher als fehlerhaft, weil mit dem zweiten Hauptsatz im Widerspruch erwiesen wurde.
Lord Kelvin holte, um mir als Tischnachbar eine Freude zu machen, seine deutschen Erinnerungen hervor, wußte längere Stellen aus dem Faust wortgetreu, wenn auch in wunderlicher Aussprache aufzusagen und erwies sich in jeder Beziehung als ein entzückender Tischgenosse von stürmischer Lebhaftigkeit.
Diese betätigte er auch während der Verhandlungen. Eine Edinburgher Tageszeitung brachte scherzhafte Zeichnungen der hervorragendsten Teilnehmer, unter denen Lord Kelvin als Springteufelchen Jack in the box dargestellt[146]  wurde, das bei jeder Gelegenheit hervorschnellt, sobald man nur auf den Knopf drückt.
Abschluß. Ich verließ Edinburgh mit der Sicherheit, daß für die weitere Entwicklung unserer Sache in England weiter nichts besonderes zu tun nötig sei. Zwar polemisierte H. Armstrong noch lange hernach von Zeit zu Zeit dagegen; er wurde aber nicht sehr ernst genommen und man konnte, was er sagte, auf sich beruhen lassen. Dagegen bildete J. Walker, ein geborener Lehrer, der bald in selbständige Stellungen gelangte – er ist jetzt Crum Browns Nachfolger in Edinburgh – eine Schar überzeugter Ionier aus und im Leipziger Laboratorium waren die Engländer immer in mehreren Teilnehmern vertreten, unter denen sich eine größere Anzahl besonderer Begabungen befanden, die später in ihrem Lande eine starke Wirkung von bedeutenden Lehrstühlen aus entfaltet und die Lehre völlig heimisch gemacht haben.
Nach der Versammlung begleitete ich Ramsay auf einige Tage in seine Sommerfrische, die er auf der schottischen Insel Arran in einem Fischerhäuschen abhielt, das noch primitiver war, als die Sommerhäuser am Rigaschen Strande. Ein gleichaltriger Verwandter betätigte sich als Seemann auf einem kleinen halbgedeckten Segelschiff, auf dem wir den größten Teil des Tages zubrachten, häufig gestört durch Regengüsse und Windstöße, denn das Wetter war vorwiegend trüb und oft stürmisch. Wenn frisches Gemüse für die Küche nötig war, mußte eine Segelfahrt nach einer benachbarten Insel unternommen werden; wir konnten von einer Höhe der unseren das Gärtchen zwischen hohen aus Steinen geschichteten Wänden erkennen, innerhalb deren die Kräuter zum Gedeihen gebracht wurden. Im Freien wuchs nur ein dürftiges hartes Strandgras und ein niedriger Dornbusch, der undurchdringliche Massen bildete, zwischen denen spärlich schmale Wege ausgehackt waren. Einen Acker, den selbst[147]  zu düngen man nicht als Raub ansehen sollte, gab es nicht; hierfür waren etwas größere Flecken im Busch freigemacht. Nach dem vielen Essen und Trinken im Menschengedränge wirkte dies primitive Leben höchst erquicklich und ich nahm erfrischt und dankbar von meinem Freunde und seiner Familie Abschied, um geradeswegs heimzukehren.
Nach England bin ich später noch oft gereist, hauptsächlich um Promotionen zum Ehrendoktor an mir vollziehen zu lassen, durch die ich in diesem Lande häufiger ausgezeichnet worden bin, als in einem anderen. Doch fallen diese Fahrten in spätere Zeiten, über welche jetzt noch nicht berichtet werden kann, da andere, wichtigere Ereignisse der Erzählung harren.



 Achtes Kapitel.
Die Energetik.










[148] Die Anfänge der Energetik. Mit dem Begriff der Energie hatte Öttingen mich schon während meiner Assistentenzeit bekannt gemacht. Die erste, erregende Entwicklung der Thermodynamik war erfolgt, als er in Berlin die empfänglichen Zeiten der wissenschaftlichen Wanderjahre erlebte, und er hatte lebhaft an ihr teilgenommen. Seine Vorlesungen, die ich als Assistent anzuhören hatte, waren vielfach auf die Herausarbeitung des ersten Hauptsatzes, des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, gerichtet und die gedanklichen Schwierigkeiten des zweiten beschäftigten ihn auf das lebhafteste. Ich hatte diese Anregungen mit empfänglichem Gemüt aufgenommen und habe schon erzählt, wie lebhaft ihre Entwicklung mich aus Anlaß meiner erweiterten Lehrtätigkeit als Professor in Riga beschäftigt hatte.
Als ich nach Leipzig kam, war diese Gedankenarbeit schon so stark in den Vordergrund getreten, daß ich zum Thema meiner Antrittsvorlesung, die vor versammelter Fakultät und Studentenschaft in der Universitätsaula gehalten wurde, gewählt hatte: Die Energie und ihre Wandlungen.
Der Vortrag begann mit wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtungen in optimistischem Sinne, indem auf die zunehmende Annäherung der bisher vereinzelten[149]  Wissenschaften hingewiesen wurde. Die physikalische Chemie gibt hierfür ein gutes Beispiel. Einige Bewegung verursachte der folgende Vergleich. »Man kann sich die Ausbildung des menschlichen Wissens ganz anschaulich unter dem Bilde vergegenwärtigen, welches wir uns von der Entstehung eines Kontinents aus dem Weltmeer durch allmähliche Erhebung des Meeresgrundes oder allmähliches Zurücktreten des Wassers machen. Zuerst ragen nur hier und da einzelne höchste Gipfel als Inseln hervor, die miteinander keinen Zusammenhang zu haben scheinen: hier die Geisteswissenschaften (die ich lieber Willenswissenschaften nennen möchte), dort die Naturwissenschaften und dazwischen das tiefe Meer der Unwissenheit, auf welchem sich jugendmutig die Segel philosophischer Systeme tummeln. Meist entfliehen sie in das Unbegrenzte oder scheitern am harten Fels der gesicherten Erkenntnis; nur wenige haben Neigung und Fähigkeit, daselbst zuverlässigen Ankergrund zu suchen und zu finden.«
»Allmählich gesellen sich zu den wenigen Hauptgipfeln die Nebeninseln, die sich später zum Teil vereinigen in dem Maße, als die Wasser sich verlaufen, während immer neue erscheinen. Wenn noch so zahlreiche Inseln und Inselchen nebeneinander auftauchen: wir wissen doch, daß alle unterhalb zusammenhängen, daß alle Punkte eines und desselben Gebiets sind, wenn auch zurzeit ihr Zusammenhang noch nicht sichtbar ist. Und gerade wenn recht viele einzelne Inseln erscheinen, sind wir sicher, daß auch der unterste Grund, der sie alle zusammenhält, dem Erscheinen näher und näher kommt.«
Später pflegte mich Wilhelm Wundt mit dem Ausdruck »Meer der Unwissenheit« zu necken und mir den scherzhaften Vorwurf zu machen, daß ich auch seine und seiner Schüler wissenschaftliche Arbeiten, die er unter dem Gesamttitel »Philosophische Studien« herausgab,[150]  zu den Seglern auf diesem Meer rechne. Er wußte wohl, daß sie auch nach meiner Überzeugung zu denen gehörten, welche zuverlässigen Ankergrund gefunden hatten.
Bezüglich der Energie wurde folgende Beziehung zur Materie festgestellt. Die Elemente waren ursprünglich nicht Stoffe, sondern Eigenschaften. Die des Aristoteles, nämlich Erde, Wasser, Luft und Feuer stellen die Eigenschaften fest, flüssig und gasförmig dar, während das Feuer die Wärme, oder vielleicht noch allgemeiner die Energie darstellt. Auch die Elemente der Alchimisten: Quecksilber, Schwefel, Salz sind Vertreter von Eigenschaften, nämlich der metallischen, brennbaren und löslichen Stoffe und diese »philosophischen« Elemente durften durchaus nicht mit den gewöhnlichen Stoffen gleichen Namens verwechselt werden. Im Verlauf der Entwicklung werden diese abstrakten Elemente immer konkreter, bis sie in unserer Zeit als die letzten wägbaren Bestandteile aller wägbaren Stoffe definiert wurden.
Die verschiedenen Energiearten wurden dagegen zuerst durchaus stofflich aufgefaßt; im achtzehnten Jahrhundert ist beständig von der Feuermaterie, den elektrischen Flüssigkeiten usw. die Rede. Diese Materien verflüchtigten sich im Laufe der Entwicklung begrifflich mehr und mehr und wurden als Kräfte bezeichnet. Beachtet man aber, daß gemäß dem Gesetz von der Erhaltung der Energie die verschiedenen »Kräfte« oder vielmehr Energien ebenso der Menge nach unzerstörbar und nur der Form nach verwandelbar sind, wie die Stoffe, so erkennt man, daß beide in solchem Sinne durchaus vergleichbar sind.
»Fragt man nach einem Kennzeichen, welches den realen Objekten und nur solchen eigen sein müsse, so läßt sich kein anderes finden, als daß alle menschliche und natürliche Macht außerstande ist, sie willkürlich zu[151]  vernichten oder zu erzeugen. Ich will an dieser Stelle darauf verzichten zu erörtern, ob dies als Kriterium absoluter objektiver Realität betrachtet werden kann und ob es überhaupt ein solches gibt; hier kann es genügen festzustellen, daß realere Objekte nicht denkbar sind, als solche, deren Existenz vom menschlichen Willen ganz unabhängig ist.«
»Solcher Objekte sind aber bisher nur zwei Arten bekannt: die wägbare Materie und die Energie. Nur ihnen, aber ihnen beiden kommt der Name Substanz zu als dessen, was unter allen Umständen bestehen bleibt. Es läßt sich mit Sicherheit erwarten, daß nach fünfzig Jahren die Realität und Substanzialität der Energie dem gebildeten Menschen ebenso zum Bewußtsein gelangt sein wird, wie gegenwärtig die Realität der wägbaren Materie. Sache der Wissenschaft ist es aber, schon jetzt die entsprechenden Folgerungen zu ziehen, denn sie hat dem Allgemeinbewußtsein vorauszugehen und es zu bestimmen, nicht dem vorhandenen nachzugehen.«
Dem Kenner der Entwicklungsgeschichte der Energetik wird es nicht entgehen, daß es sich hier um denselben Grundgedanken handelt, mit welchem der Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie seinen Zeitgenossen fast ein halbes Jahrhundert früher seine revolutionäre Einsicht klar zu machen sich bestrebte. Und sie wissen auch, daß damals dieser Gedanke völlig verloren gegangen war, so daß ich selbst und noch viel mehr meine Zuhörer es als eine große Kühnheit empfanden, Materie und Energie dergestalt als etwas Vergleichbares anzusehen. Denn durch die vorwiegend mathematische Entwicklung der Thermodynamik hatte man sich ganz allgemein gewöhnt, die Energie lediglich als eine mathematische Funktion zu betrachten, der die merkwürdige aber rechnerisch äußerst wertvolle Eigenschaft zukam, daß sie in geschlossenen Gebilden stets konstant bleibt. Und als[152]  ich acht Jahre später den weiteren Schritt tat, die Materie der Energie begrifflich unterzuordnen und diese als das allein »Wirkliche« weil allein Wirkende erklärte, war es die gleiche Auffassung, von welcher aus alle Fachgenossen mit verschwindend wenigen Ausnahmen sich in scharfen Gegensatz dazu stellten.
Zunächst ließ ich allerdings diese Gedankenreihe auf sich beruhen, da die unmittelbaren Anwendungen der durch van't Hoff und Arrhenius aufgestellten neuen Beziehungen meine ganze Arbeitskraft sowie die meiner Arbeitsgenossen in Anspruch nahm. Doch läßt sich aus einzelnen Bemerkungen in meinen Abhandlungen und Referaten erkennen, daß sie immer wieder über die Schwelle des Bewußtseins emportauchte und sich gelegentlich betätigte.
Weiterentwicklung. In ganz wesentlicher Art trug zur Klärung meiner energetischen Anschauungen der tägliche eifrige Verkehr mit den Schülern und Arbeitsgenossen im Laboratorium bei. Da diejenigen jungen Leute, welche damals den Mut hatten, einige Semester der physikalischen Chemie zu widmen, notwendig einigermaßen selbständige Denker- und Forschernaturen waren, so gestalteten sich unsere Besprechungen besonders fruchtbar. Denn die Schüler aßen nicht einfach das auf, war der Lehrer ihnen vorsetzte, um es stillschweigend zu verarbeiten, sondern sie reagierten mit kräftigem eigenem Denken. Insbesondere waren sie alle unter dem Einfluß der allgemein verbreiteten Neigung mit kinetischen Vorstellungen behaftet und ließen sich nur zögernd und nie ohne Widerspruch auf meine abstrakte, nach ihrer Meinung unanschauliche Auffassung ein. Die Folge war ein lebhafter Meinungsaustausch herüber und hinüber, der mich zu einer immer sorgfältigeren Reinigung und Klärung meiner eigenen Ansichten zwang. Unter diesen kritischen Einflüssen mußte jener Gedanke vom Parallelismus der[153]  Materie und Energie immer deutlicher seine innere Schwäche offenbaren.
Wenn man einem anderen etwas klar machen will, muß man es zuerst sich selbst klar gemacht haben. Dies ist wohl der allerwertvollste subjektive Gewinn durch den Lehrerberuf, denn die Notwendigkeit solchen Klarmachens ist das sicherste und wirksamste Mittel, um wesentliche Fortschritte im eigenen Denken zu erzielen. So ist mir zwar nicht Tag und Jahr, wohl aber die Umgebung und das zugehörige Gefühl in lebhaftester Erinnerung geblieben, als mir zum ersten Male der radikale Gedanke der reinen Energetik aufging. Ich sehe noch die dunklen und nicht ganz sauberen Räume des alten Laboratoriums in der Brüderstraße vor mir, wo ich unter lebhafter Aussprache von einem Schüler zum anderen zu gehen pflegte, zunächst um mit ihm über seine Sonderarbeit zu sprechen, ihren Stand festzustellen und den Weg ihrer Fortsetzung zu erörtern. Von diesen Sonderfragen ging das Gespräch leicht und oft auf allgemeinere und allgemeinste Gedanken über, denn die Einordnung der Einzelaufgabe in den ganzen Kreis der verwandten Probleme und wieder deren Auffassung als Sonderfälle eines entsprechenden allgemeinen Prinzips ist mir stets als eines der wirksamsten Mittel erschienen, um Ort und Art zu finden, wo und wie die Arbeit am zweckmäßigsten einzusetzen hatte. Es war natürlich, daß nicht nur der einzelne Schüler sich beteiligte, an dessen Arbeitsplatz ich eben stand, sondern auch seine Nachbarn und oft die ganze Belegschaft des Zimmers.
Ich war nach einem solchen Rundgang endlich einmal den Schwarm auf kurze Zeit los geworden und begab mich durch den kleinen Bibliothekraum in mein Schreibzimmer, um einige amtliche Geschäfte zu erledigen, zu denen ich mich immer erst etwas zu zwingen hatte. Auf einmal blieb ich unwillkürlich stehen. In meinem Kopf[154]  war die angeregte Gedankenarbeit unterbewußt weiter gegangen und hatte plötzlich zu einem neuen, bisher nicht betretenen Punkt geführt. Die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit des Dualismus und Parallelismus Materie-Energie hatten sich durch die vorangegangenen Gespräche in solchem Maße in meinem Kopfe gesteigert, daß ich sozusagen geistig nach Luft schnappte und unwillkürlich nach einer anderen Lösung griff. Wie wär's, wenn die Energie allein primäre Existenz hat und die Materie nur ein sekundäres Erzeugnis der Energie, ein durch bestimmte Ursachen zusammengehaltener Komplex verschiedener Energien ist?
Grundsätzliches. Die Fragestellung war meines Erinnerns daraus entstanden, daß man mir eingewendet hatte: wie kann denn die Energie eine Realität sein, wenn eine Masse, die verschiedene Geschwindigkeiten annimmt, damit auch verschiedene Mengen Energie haben kann? Die Geschwindigkeit ist doch nur ein Zahlenverhältnis zwischen Strecke und Zeit, und wie soll ein Zahlenverhältnis plötzlich eine neue Realität in ein Objekt hineinbringen, das eine ganz andere Realität, nämlich Masse besitzt?
Der scharfe Gegensatz, der durch diesen Einwand offenbar geworden war, brachte bei mir die Reaktion nach der entgegengesetzten Richtung hervor. Der Geschwindigkeit und der mit ihr wachsenden und abnehmenden Bewegungsenergie kann und muß Realität zugeschrieben werden, denn jenes Zahlenverhältnis bezieht sich ja nur auf deren Maß, nicht deren andere Eigenschaften, wie z.B. ihre Richtung. Und die Physik lehrt unerbittlich: um der Masse eine Geschwindigkeit zu geben, ist ein Aufwand von Arbeit erforderlich, der auf keine Weise umgangen werden kann. Die erforderliche Arbeit oder Energie läßt sich nicht aus dem Nichts schaffen, sie muß irgendwoher genommen werden, wo sie vorher vorhanden war. Somit steckt in der Geschwindigkeit[155]  unzweifelhaft eine Realität, denn wenn man mit diesem Namen einen Inhalt verbinden will, so kommt er sicherlich einem Wesen zu, das man wie die Energie nicht nur nicht schaffen, sondern auf keine Weise vernichten kann.
Also das abstrakte Zahlenverhältnis aus Strecke und Zeit mag nur ein begriffliches Dasein haben. Die besondere Geschwindigkeit aber, die ein besonderer Körper hat, ist eine Realität, eine einzelne Wirklichkeit, die man nur durch einen Akt der Abstraktion unter den allgemeinen Begriff bringt. Auch bei der Energie ist der gleiche Unterschied zu machen. Jede einzelne Energiemenge, die in einem Stück Steinkohle oder einem geladenen Akkumulator, in dem Planeten, der sich um die Sonne schwingt und in dem elektrischen Funken enthalten ist, der die elektrische Energie der geladenen Leidner Flasche in Wärme umsetzt, ist eine Realität, eine Wirklichkeit. Alle diese Wirklichkeiten kann man unter den Begriff der Energie bringen.
Also die Erkenntnis, wie wir hier wieder einmal von der Sprache in die Irre geführt werden, welche den allgemeinen Begriff und die einzelne Wirklichkeit mit demselben Wort zu bezeichnen pflegt, ohne den sehr bedeutenden sachlichen Unterschied irgendwie zum Ausdruck zu bringen – diese Erkenntnis, daß ein wirkliches Ding darum nicht weniger real ist, weil man es unter einen allgemeinen oder abstrakten Begriff bringen kann, wirkte damals auf mich wie eine blitzartige Erleuchtung. Ich hatte eine beinahe physische Empfindung in meinem Gehirn, vergleichbar mit dem Umklappen eines Regenschirms im Sturm. Aus der früheren relativen Gleichgewichtslage meines Denkens, das sich mit dem Parallelismus von Materie und Energie begnügt hatte, schnappte mein Gesamtbewußtsein auf einmal in eine andere, stabilere Gleichgewichtslage über. Hier wurde der Energie durchaus die führende und maßgebende Stellung eingeräumt; Masse und Gewicht, die Haupteigenschaften der[156]  »Materie« wurden als Faktoren oder Teilgrößen bestimmter Energiearten erkannt.
Der Durchbruch. Ich darf nicht behaupten, daß nunmehr mit dieser neuen Einstellung des Geistes alles, oder auch nur sehr viel getan gewesen wäre. Die nächste Zeit brachte vielmehr eine vorläufige Erschöpfung durch diesen Geburtsakt und daher ein ziemlich unverändertes Fortwursteln in den bisherigen Gedankengängen, allerdings mit dem oft wiederholten Hinweis für mich selbst und für meine Schüler, daß unsere Sachen voraussichtlich besser und förderlicher auf dem neuen Wege vorangehen würden. Das sorgfältige Durchdenken aller Folgen der neuen Auffassung im einzelnen war ebenso notwendig wie schwierig, bevor ich von der neuen Einsicht einen sicheren und regelmäßigen Gebrauch machen konnte. Ein solcher Zustand ist vermutlich für jede erhebliche Entdeckung notwendig. Wissen wir doch beispielsweise von Julius Robert Mayer, daß er sein Energiegesetz zwar als plötzliche Erleuchtung auf der Reede von Surabaya empfing, daß er aber hernach einige Jahre angestrengtester Arbeit gebraucht hatte, um diese erstmalige Eingebung zu einem wirklichen, wissenschaftlich haltbaren und auf beliebige Einzelfälle sicher anwendbaren allgemeinen Gesetz zu entwickeln.

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So ging es auch mir mit diesem Gedanken der reinen Energetik, der soweit meine Kenntnis reicht, vor mir tatsächlich von keinem Denker erfaßt worden war. Der erste war der fortgeschrittenste gewesen und geblieben: J.R. Mayer hatte bereits die Energie als eine Realität neben der Materie angesehen; weiter hatte er sich nicht vorgetraut. Seitdem waren nur Rückschritte geschehen, denn alle späteren Forscher auf dem Gebiete der Thermodynamik setzten die Energie noch weiter ins Mathematisch-Abstrakte zurück, indem sie sie wie eine zweckmäßige mathematische Funktion der Zustandsvariablen[157]  ansahen, etwa vergleichbar der Potentialfunktion. Und selbst ein Arbeits- und Denkgenosse meiner eigenen Zeit, der mir als Energetiker vorangegangen war, der Mathematiker Georg Helm hat auf das bestimmteste abgelehnt, diesen radikalen Schritt mitzumachen und sich mit ausdrücklichen, fast gereizten Worten gegen jeden Versuch ausgesprochen, die Energie als Substanz anzusehen und ihr eine der Materie vergleichbare Wirklichkeit zuzuschreiben. Er war also ausdrücklich noch hinter Mayer zurückgegangen. Für mich dagegen bestand der entstehende Fortschritt darin, daß ich die Materie begrifflich in ihre energetischen Bestandteile auflöste und erkannte, daß alles, was wir sinnfällig erleben, sich auf Energiebeziehungen zwischen unseren Sinnesorganen und der Außenwelt zurückführen läßt. Denn jede derartige Betätigung wird nur durch den Ein- oder Ausgang von Energiebeträgen bewirkt und kein Sinnesorgan bewirkt eine Empfindung, wenn es nicht eine derartige energetische Veränderung erfährt.
Die Ausgießung des Geistes. Die innere Entwicklung und Klärung solcher Gedankengänge brauchte eine nicht unerhebliche Zeit, deren Einzelheiten nicht in meinem Gedächtnis haften geblieben sind. In meiner Erinnerung steht dann mit bildhafter Anschaulichkeit ein Erlebnis da, das vielleicht ein halbes oder ganzes Jahr später anzusetzen ist. Es geschah wahrscheinlich im Frühling 1890, doch bin ich über die Zeit nicht sicher.
Ich hatte bei früherer Gelegenheit den Physiker E. Budde kennen gelernt, der als erster aus den älteren Messungen Regnaults über die Zusammendrückbarkeit des Wasserstoffgases berechnet hatte, daß dessen Gesamtvolum aus zwei Anteilen besteht: einem, der genau dem Boyleschen Gesetz vom umgekehrten Verhältnis zwischen Raum und Druck folgt, und einem zweiten, der vom Druck unabhängig oder unzusammendrückbar ist. In meinem[158]  Lehrbuch hatte ich die Bedeutung dieser Entdeckung, um die man sich bis dahin wenig gekümmert hatte, sachgemäß hervorgehoben, was Budde angenehm empfunden hatte. Da er sich außerdem als vielerfahrener, geistvoller und zu heiterer Lebensauffassung entschlossener Mann erwies – er hat sich auch in solchem Sinne literarisch ausgezeichnet – so war zwischen uns ein näheres Verhältnis entstanden.
Mir war bei jenen Überlegungen zur Energetik klar geworden, daß die ganze Physik, die bisher allgemein als eine Lehre von den Kräften dargestellt worden war, nunmehr als eine Lehre von den Energien dargestellt werden mußte. Einzelne Kapitel, die ich dergestalt auszubauen versucht hatte, gaben sehr gute Resultate, doch konnte ich nicht daran denken, das ganze Gebiet in solchem Sinne zu bearbeiten. Dazu reichte weder die knappe Zeit aus, welche mir die im Gange befindliche Unterrichts- und Forschungsarbeit übrig ließ, noch durfte ich mir die nötige Sicherheit und Leichtigkeit für die mathematische Bearbeitung der ganzen Physik zutrauen.
Nun wußte ich, daß Budde sich nach einer Beschäftigung umsah, welche ihm die nötigen Einnahmen für seinen Haushalt – er war mit einer Türkin verheiratet – beschaffen sollte. Meine Erfahrungen über die wirtschaftlichen Ergebnisse wissenschaftlicher Lehrbücher waren so günstig, daß ich diese Quelle ihm vorschlagen wollte, in dem Sinne, daß er das geplante Lehrbuch der Physik in energetischer Darstellung schreiben sollte, nachdem ich mich mit ihm über die Grundgedanken verständigt haben würde.
Um die Angelegenheit besser zu fördern, war ich nach Berlin gereist, wo er lebte, um sie mit ihm durchzusprechen. Ich fand ihn mit beiden Händen in einer Schüssel, wo er mit Anstrengung eine weißliche Masse knetete. Er sagte mir, es sei ein Isoliermittel von besonders günstigen[159]  Eigenschaften, dessen Herstellung er an die große elektrotechnische Firma Siemens und Halske verkaufen wollte. Als ich ihm mitgeteilt hatte, was mich zu ihm führte, ließ er seinen Teig stehen, reinigte nicht ohne Mühe seine Hände und ging mit mir in den Spatenbräu, wo wir, wie er sagte, später auch andere Berliner Physiker treffen würden, die aus der Physikalischen Gesellschaft kämen.
Für meinen Gedanken zeigte er sich zugänglich, so daß wir schon einen großen Teil durchgesprochen hatten, als die Fachgenossen auftraten; die einzelnen Teilnehmer wüßte ich nicht mehr zu nennen. Ich hielt mit meinen Plänen nicht zurück, die aber den anderen so absurd vorkamen, daß sie sie überhaupt nicht ernst nehmen wollten, sich vielmehr bemühten, mir meine Energetik durch reichlichen Spott zu verleiden. Dies hatte angesichts der eben mit Budde durchgesprochenen Gedanken natürlich nicht den beabsichtigten Erfolg, sondern bestärkte mich in der Überzeugung von der Notwendigkeit eines radikalen Umdenkens in der Physik. Das Gespräch wurde sehr lebhaft, wir trennten uns spät. Ich suchte Nachtquartier im gewohnten Zentralhotel, schlief einige Stunden, wachte dann plötzlich mitten in den gleichen Gedanken auf und konnte keinen Schlaf mehr finden. Die Sonne war schon aufgegangen.
In frühester Morgenstunde bin ich aus dem Gasthof nach dem Tiergarten gegangen und habe dort im Sonnenschein eines wundervollen Frühlingsmorgen ein wahres Pfingsten, eine Ausgießung des Geistes über mich erlebt. Die Vögel zwitscherten und schmetterten von allen Zweigen, goldgrünes Laub glänzte gegen einen lichtblauen Himmel, Schmetterlinge sonnten sich auf den Blumen, indem sie die Flügel öffneten und schlossen und ich selbst wanderte in wunderbar gehobener Stimmung durch diese frühlingshafte Natur. Alles sah mich mit neuen, ungewohnten[160]  Augen an und mir war zumute, als wenn ich zum ersten Male alle diese Wonnen und Herrlichkeiten erlebte. Ich kann die Stimmung, von der ich damals getragen war, nur mit den höchsten Gefühlen meines Liebesfrühlings vergleichen, der damals um ein Jahrzehnt hinter mir lag. Der Denkvorgang für die allseitige Gestaltung der energetischen Weltauffassung vollzog sich in meinem Gehirn ohne jegliche Anstrengung, ja mit positiven Wonnegefühlen. Alle Dinge sahen mich an, als wäre ich eben gemäß dem biblischen Schöpfungsbericht in das Paradies gesetzt worden und gäbe nun jedem seinen wahren Namen.
Das war die eigentliche Geburtsstunde der Energetik. Was vor einem Jahre bei jener ersten plötzlichen Empfindung in meinem Gehirn, der Konzeption des Gedankens, mir noch als einigermaßen fremd, ja nicht ohne einen Zug von unheimlicher Neuheit entgegengetreten war, erwies sich jetzt als zu meinem Innern gehörig, ja als ein lebenswichtiger Teil meines Wesens. Er war so assimiliert, organisch an- und eingeschlossen und halb unterbewußt entwickelt worden, daß wie bei dem plötzlichen Aufbrechen einer Knospe mit einem Male alles da war und mein entzückter Blick nur von einem Orte zum anderen zu schweifen hatte, um die ganze neue Schöpfung in ihrer Vollkommenheit zu erfassen.
Dieser wundervolle Zustand hielt während der Morgenstunden an und ich konnte nicht müde werden, durch den glänzenden Frühling zu gehen und mein inneres Auge über die plötzlich aufgetanen, unbegrenzt herrlichen und unbegrenzt weiten Fernen schweifen zu lassen.
Dann erwachte allmählich der Großstadttag und nahm mich in seinen Lärm und Staub auf. Als dann die Tagesstunde es einigermaßen erlaubte, habe ich den einen und anderen Fachgenossen besucht und mich bemüht, ihnen meine neuen Erkenntnisse darzulegen. Sie haben[161]  mir hernach erzählt, daß ich den Eindruck eines Inspirierten oder Propheten gemacht hatte. Sie seien meinerseits an Ungewöhnlichkeiten gewöhnt gewesen, in einem solchen Zustande aber hätten sie mich sonst nie gesehen. Ich muß wohl hinzufügen, daß ich auch hernach nie wieder einen solchen Zustand erlebt habe. Ein so konzentriertes Glück habe ich nicht nochmals erfahren, wenn auch eine ganze Reihe von erhebenden und wohl auch erschütternden Geburtsstunden neuer und erheblicher Gedanken mir noch hernach beschieden gewesen sind.
Vergebliche Predigt. Die von mir gewünschte Wirkung, einen ähnlichen Eindruck der neuen Gedanken auf die Fachgenossen zu erzielen, blieb vollkommen aus. Daß ich die von mir vertretenen neuen Ideen von van't Hoff und Arrhenius gegen den zunächst allgemeinen Widerspruch nun endgültig durchgesetzt hatte, ließen sie schließlich gelten, da es nicht meine eigenen gewesen waren. Daß ich selbst aber ähnlich revolutionäre Gedanken erzeugen könnte, vermochten sie sich nicht zu denken, da ich ja kein Holländer oder Schwede, sondern nur ein Deutscher war. So ließen sie diese meine neue Erleuchtung zunächst auf sich beruhen, um sie später, als ich sie öffentlich vortrug und vertrat, um so eifriger zu bekämpfen.
Ich kann nicht sagen, daß jene Gleichgültigkeit mich besonders verstimmt hätte; ich faßte sie weder als Stumpfheit, noch als Bosheit auf. Denn die eben erlebte geistige Erhebung war mir als ein so fremdartig-herrliches Ereignis erschienen, daß ich mir leicht klar machen konnte, wie wenig darauf zu rechnen war, bei anderen, die an diesem inneren Pfingsten nicht teilgenommen hatten, durch den bloßen Bericht darüber auch nur annähernd ähnliche Gefühle zu erregen.
Die energetische Physik, wegen deren ich damals nach Berlin gereist war, kam nicht zustande, weil Budde[162]  bald darauf eine leitende Stellung bei Siemens und Halske erhielt, die seine Arbeitskraft und -zeit vollständig in Anspruch nahm.
Gestaltungsarbeit. Mit dieser starken Bereicherung meines inneren Lebens kehrte ich zu meiner Berufsarbeit zurück und befestigte die neuen Gedanken durch die täglichen Besprechungen mit den Laboratoriumsgenossen. Auch hier stieß ich auf passive und aktive Widerstände. Dies veranlaßte mich um so mehr, die energetische Betrachtungsweise überall auf die Probleme anzuwenden, mit deren Erforschung sich das Laboratorium beschäftigte, um die praktische Probe auf die Brauchbarkeit der neuen Gedanken zu machen.
Es muß als ein besonderer Glücksfall angesehen werden, daß die Aufgaben, welche uns damals beschäftigten, so gut wie alle auf einem Neuland lagen, das gedanklich noch nicht in Besitz genommen war. So hatte ich für die Durchführung der reinen Energetik ein unverbildetes, noch völlig plastisches Material vor mir. Dadurch kam ich in die glückliche Lage, solche Einzelarbeit leichter und vollständiger ausführen zu können, als es in älteren Gebieten möglich gewesen wäre, deren Formen bereits durch die Arbeiten früherer Forscher bestimmte Gestalt und damit eine gewisse Unbeweglichkeit angenommen hatten. Denn das Recht des Erstgekommenen gilt in der Wissenschaft vielleicht stärker als irgendwo sonst. Derjenige, der der Menschheit durch seine Arbeit ein neues Gebiet aufgetan hat, gestaltet dies nach der Beschaffenheit seines Denkens in ganz persönlicher und maßgebender Weise. Alle diejenigen, die nach ihm dasselbe Gebiet bearbeiten, sind in irgendeiner Weise immer gezwungen, sich der Form anzupassen, die er der Sache gegeben hat, sei es durch unmittelbare Übernahme, sei es durch die Ablehnung, welche eine gleichsam spiegelbildliche Wiederholung ist. Immer lassen sich an den[163]  späteren Bearbeitungen die persönlichen Marken des ersten Besitzergreifers erkennen.
So hat man, wenn man mit neuen allgemeinen Gedanken an ältere, mehrfach bearbeitete Gebiete geht, immer doppelte Arbeit zu leisten. Zuerst müssen die erstarrten Formen wieder geschmolzen und beweglich gemacht werden. Man muß sich die Denkgewohnheiten, die dort bestehen und als »selbstverständlich« benutzt werden, weil man sich das Nachdenken über sie zu ersparen pflegt, zunächst bewußt abgewöhnen und kann erst dann die Neugestaltung vornehmen. Ist man dagegen so glücklich noch ungeordnete Gebiete vor sich zu haben so fällt jener meist sehr schwierige erste Teil des Aufräumens fort und man kann unverweilt an die Aufbauarbeit gehen.
Die Elektrochemie. In dieser glücklichen Lage fühlte ich mich gegenüber der physikalischen Chemie. Was es hier an Ordnung gab war großenteils von mir selbst erst vor kurzem beigebracht worden und daher noch nicht erstarrt. Zwar gab es für ein Gebiet eine sehr vollständige Zusammenstellung von anderer Hand, die erst vor kurzem wieder überarbeitet und bis nahe an die Gegenwart geführt worden war. Es war dies die Elektrochemie in G. Wiedemanns umfassenden Handbuch der Elektrizität. Aber was hier an Zusammenfassung geschehen war, wurde von dem Englischen Physiker Oliver Lodge, dem Vorsitzenden des damals sehr tätigen Ausschusses für Elektrolyse der Britischen Vereinigung für den Fortschritt der Wissenschaft zwar scharf aber doch zutreffend gekennzeichnet. Professor Wiedemann hat, schrieb er, die Probleme der elektromotorischen Kräfte der elektrochemischen Ketten in drei Fragen formuliert. Wenn ein Engel vom Himmel herabgestiegen käme und vermöge seines übermenschlichen Wissens alle drei Fragen beantwortete – ich glaube, wir würden hernach nicht klüger sein, als wir jetzt sind.
[164]  Wiedemann nahm ihm dies sehr übel und sagte: »Man sieht, daß er in seiner Jugend Grobschmied gewesen ist.« Damit spielte er auf die sehr schlichten Verhältnisse an, aus denen sich O. Lodge zu seiner angesehenen wissenschaftlichen Stellung emporgearbeitet hatte.
Des Lehrbuches zweite Auflage. Eine besondere Gelegenheit bot sich dar, die energetischen Grundlagen meiner Wissenschaft sorgfältig herauszuarbeiten und ausdrücklich zu formulieren. Die erste Auflage meines Lehrbuches war in wenigen Jahren vergriffen und ziemlich bald nach meiner Übersiedelung nach Leipzig eröffnete mir der Verleger, daß ich für eine Neuauflage zu sorgen haben würde. Dies war eine große Arbeit, denn inzwischen war so viel Neues und Grundlegendes hervorgebracht worden, daß große Teile des Buches ganz neu zu schreiben waren. Der erste Teil, die Stöchiometrie, wurde während des Jahres 1890 bearbeitet; sein Umfang war verdoppelt. Er enthält noch keine Hindeutung auf den neuen Standpunkt, den ich um jene Zeit gewann; auch war durch den Inhalt kein Bedürfnis nach entsprechender Umgestaltung gegeben. Wohl aber trat ein solches auf das dringendste für den zweiten Teil, die Verwandtschaftslehre ein.


Dieser Teil war von Ende 1891 bis Ende 1892 bearbeitet worden und ich kann das Jahr 1892 als das Entwicklungsjahr meiner Energetik bezeichnen. Man ersieht dies aus der Vorrede zu diesem Werk, in welcher folgendes berichtet wird.
»Man wird in den Teilen über chemische Energetik und Elektrochemie die Darstellung vielfach von der üblichen abweichend finden. Ich habe geglaubt, diese Abweichungen nicht scheuen zu sollen, da sie gerade aus meinem Nachdenken über die angemessenste und erfolgreichste Art entstanden sind, dem Leser die geistige Herrschaft über diese ebenso wichtigen, wie – wenigstens[165]  in der bisherigen Darstellung – schwierigen Fragen zu vermitteln. Ohnedies drängt die ganze Entwicklung der messenden Naturwissenschaften gegenwärtig unwiderstehlich auf den Grundgedanken hin, welcher den Mittelpunkt des vorliegenden Werkes bildet: daß alles Geschehen in der Welt nur in Änderungen der Energie im Raume und in der Zeit besteht, und daß somit diese drei Größen die allgemeinsten Grundbegriffe sind, auf welche alle meßbaren Dinge zurückzuführen sind.«
»In der Durchführung des Gedankens, wie sie hier vorliegt, hätte ich schon jetzt mancherlei zu ändern und an nicht wenigen Stellen könnte die Darstellung runder und systematischer sein. Dieser Nachteil ergab sich daraus, daß während der Abfassung des Textes und zwar durch dieselbe meine eigenen Vorstellungen in lebhafter Entwicklung begriffen waren. Ich hoffe, daß die vielfachen Spuren meines Ringens mit überkommenen unzulänglichen Anschauungen dem Leser den Faden der Gedankenentwicklung besser in die Hand geben werden, als wenn ich eine möglichst weitgehende Ausreifung der neuen Auffassungsweise abgewartet und den Inhalt zwar abgerundeter und geschlossener, aber eben deshalb unzugänglicher und unlebendiger zutage gefördert hätte. Etwas von den Erregungen der ersten Konzeption der nenen Anschauungsweise klingt an manchen Stellen des Textes durch; was er dadurch an Glätte verlor, hat er hoffentlich an Eindringlichkeit gewonnen.«
»Eine ausgedehnte Probe auf seine Ausgiebigkeit und Brauchbarkeit konnte das als überall anwendbares Hilfsmittel ausgesprochene Prinzip der virtuellen Energieänderungen, welches als wesentlichstes praktisches Ergebnis der Energetik zunächst zu bezeichnen ist, in der Elektrochemie finden. Ich habe hier insbesondere bei der Abfassung des Kapitels über die elektromotorischen Kräfte dank den von Helmholtz, van't Hoff,[166]  Arrhenius und Nernst gegebenen Grundlagen aus dem Vollen schöpfen können, und das nunmehr hundertjährige Problem hat sich dadurch in seiner Einheitlichkeit darstellen lassen, auf welche ich, wie ich gestehen muß, selbst nicht gefaßt war, als ich an die Arbeit ging. Ich habe die lebhafte Empfindung, daß vieles an meiner Darstellung verbesserungsbedürftig ist, aber auch, daß die künftigen vollkommeneren Theorien der Voltaschen Kette die wesentlichen Bestandteile der vorliegenden in sich aufnehmen werden.«
Diese Voraussicht hat sich tatsächlich bewährt. Das Werk brachte die erste zusammenhängende und auf alle Einzelbeobachtungen, die sich in der Literatur fanden, ausgedehnte Theorie der Voltaschen Ketten aller Art, und in dem hernach vergangenen Menschenalter haben sich nur Vertiefungen und Erweiterungen ergeben; eine wesentliche Änderung einer der vielen Sondertheorien, die je nach dem experimentellen Fall entwickelt waren, hat sich nicht als notwendig erwiesen.
Eine besonders scharfe Erprobung entstand dadurch, daß viele neue Experimentaluntersuchungen in meinem Laboratorium durch die neuen Auffassungen alter Beobachtungen angeregt wurden. Denn da jene älteren Forscher nicht wußten, worauf es ankam, hatten sie oft über wesentliche Faktoren keine Auskunft gegeben, deren Bedeutung sie nicht kannten. Hier waren neue Anordnungen zu erdenken und zu erproben, durch welche für die maßgebenden Veränderlichen der neuen Gleichungen Zahlenwerte gewonnen werden konnten. Die Ergebnisse führten überall zu einer Betätigung und Erfüllung der Ansätze mit fruchtbringenden Zahlenwerten.
So darf ich wohl für mich in Anspruch nehmen, vermittels der Energetik auf Grund der oben erwähnten Arbeiten die Organisation und Kodifikation der Elektrochemie in der Gestalt durchgeführt zu haben, die sich seitdem bis heute als dauerhaft erwiesen hat.
[167]  Wesen der Energetik. Fragt man mich, worin ich den Hauptgedanken der Energetik sehe, so muß ich als solchen die Erkenntnis bezeichnen, daß neben und über den allgemeinen Begriffen Ordnung, Zahl, Größe, Zeit und Raum der Begriff der Energie einzuführen ist als der nächstfolgende Allgemeinbegriff. Ob man der Energie Realität (Wirklichkeit) zuzuschreiben hat, ist eine Frage ohne bestimmten Inhalt, wie man alsbald erkennt, wenn man versucht, die weitere Frage zu beantworten, woran man ein reales Ding oder Wesen erkennen kann. Begnügt man sich mit dem Wortzusammenhang, indem man als wirklich das erklärt, was wirkt, so muß man jedenfalls die Energie und nur sie wirklich nennen. Denn sie ist tatsächlich das Einzige, was man ohne Ausnahme in jeder Wirkung nachweisen kann, sowohl als Empfänger, wie als Betätiger jeder Wirkung.
Als das Wirkliche sieht man gewöhnlich die Materie an, und wenn man dies Wort hört, glaubt man ganz genau zu wissen, wovon die Rede ist. Der Bleistift in meiner Hand, das Papier, auf dem ich schreibe, das Haus, in dem ich wohne, der Erdball, auf dem mein Haus ruht: alles das ist doch wäg- und tastbare Materie, Wirklichkeit von derbster Beschaffenheit. Aber eben ist es dunkel geworden und ich knipse das elektrische Licht an: der Wolframfaden erglüht und ich kann wieder lesen und schreiben. Dies Licht ist doch nicht minder wirklich! Ich muß es bezahlen und es würde nicht entstehen, wenn nicht im Elektrizitätswerk die Maschinen durch die Verbrennung von Kohlen getrieben würden. Und sind die Gedanken, welche eben in meinem Gehirn entstehen und durch die Tätigkeit meiner Hand auf das Papier übertragen werden, nicht auch wirklich? Sie würden nicht entstehen, wenn nicht ein bestimmter Mensch bestimmte Erfahrungen früher aufgenommen und innerlich verarbeitet hätte. Aber Materie, wäg- und tastbar[168]  sind sie nicht, ebensowenig wie Licht und Elektrizität, wohl aber sind sie denkbar. Und das Denken ist doch auch eine Wirklichkeit, sogar eine der wichtigsten im Menschenleben.
Also: es gibt außer der Materie eine sehr große Zahl von Wirklichkeiten, und zwar sehr wichtige, die man durchaus nicht in jenem Begriff unterbringen kann. Wohl aber kann man es im Begriff Energie.
Unter dem irreführenden Namen des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft ist das 1842 durch I.R. Mayer entdeckte wichtige Naturgesetz von der Erhaltung der Energie bekannt. Es besagt, daß es bei allem Geschehen ohne jede Ausnahme ein Ding gibt, welches nur seiner Erscheinungsweise, nicht aber seiner Menge nach geändert werden kann. Ebenso, wie man ein Stück Ton in alle möglichen Formen bringen kann, ohne daß seine Menge sich ändert, so kann man es auch mit der Energie. Nun besteht ja auch für das Gewicht und die Masse der Materie ein Erhaltungsgesetz, das schon viel länger bekannt ist. Aber wir haben ja eben gesehen, daß dieser Begriff nur einen Teil der Wirklichkeit deckt. Der Begriff der Energie deckt dagegen die ganze Wirklichkeit, d.h. alles, was wir innerlich und äußerlich erleben. Natürlich mit Einschluß der Materie, denn auch diese kann man energetisch definieren.
Wenn also gefragt wird: welche Eigenschaften hat die Energie? so ist die Antwort: sie ist überall vorhanden, kann vielfältig umgeformt aber auf keine Weise erschaffen und vernichtet werden; im übrigen hat sie alle Eigenschaften, die es gibt. Denn alle Dinge lassen sich als Betätigungen, d.h. Umwandlungen von Energie definieren.
Was wissen wir von der Welt? Nur das, was wir durch unsere Sinne wahrgenommen und was wir daraus durch Denken erkannt haben. Nun wohl: damit eines unserer Sinnesorgane uns eine Nachricht gibt, ist es[169]  notwendig und zureichend, daß es Energie aufnimmt oder abgibt, daß es in Energieverkehr mit der Welt steht. Der Schall, den wir hören, das Licht, das wir sehen, der Druck oder die Wärme, die wir empfinden: alle sind Energien, die den Zustand unserer Organe ändern und deshalb empfunden werden. Und um zu denken, muß unser Gehirn durch zufließendes Blut chemische Energie empfangen, die es beim Denken verbraucht, d.h. in andere Formen umwandelt; in dem Augenblicke, wo der Blutstrom gehemmt wird, hört auch das Denken auf. Der Gedanke, den wir denken, ist nicht Blut, ebensowenig wie der Ton, den wir empfinden, Schwingung der Luft ist. Diese liefern nur die Energie für die geistigen Vorgänge, das Denken und das Empfinden. Da diese aber niemals entstehen, ohne daß Energie betätigt und verbraucht wird, und da Energie weder erzeugt, noch vernichtet, sondern nur umgewandelt werden kann, so muß auch Denken und Empfinden in den Kreis der Energiewandlungen eingerechnet werden, aus denen alles Geschehen in der Welt besteht.
Eingewöhnungshindernisse. Heute sind die eben dargelegten Gedanken zwar noch nicht allgemein angenommen; sie erscheinen aber nicht mehr fremdartig und unsinnig. So erschienen sie aber vor dreißig Jahren, als ich sie zum ersten Male zu denken wagte, und dann das noch viel größere Wagnis unternahm, den anderen Menschen zuzumuten, sie gleichfalls zu denken. Denn die Naturforscher fühlten sich damals unendlich weit von den Philosophen entfernt, die sie in gutmütiger Nachsicht für ebenso unschädliche wie unnütze Wesen ansahen. Noch wirkte sehr deutlich die schwere Niederlage nach, welche die deutsche Wissenschaft am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts durch die Schuld der damaligen Naturphilosophie erlitten hatte und eine Sicherheit gegen eine Wiederholung solcher Schmach schien nur[170]  durch die strenge Enthaltung von aller Philosophie gegeben zu sein. Ein so klarer und kühler Denker wie Ernst Mach wurde als Phantast angesehen, und man begriff nicht, wie ein Mann, der so gute Experimentalarbeiten zu machen verstand, derartige Allotria treiben mochte, die ihn der Philosophie verdächtig erscheinen ließen (wogegen er sich auch sein Lebtag gewehrt hat) und ihm in der Tat den Weg von Prag an andere Universitäten kurz vor seinem Tode verschlossen hatten. So wurden auch mir von allen Seiten, selbst wissenschaftlich sehr nahe stehenden, dringende Warnungen zuteil und man sah in meinen Bemühungen um die Bildung angemessener allgemeiner Begriffe eine Verirrung, die man um so bedauerlicher fand, je bereitwilliger man mir die Fähigkeit zubilligte, geschickte und interessante experimentelle Arbeiten zu liefern.
Allgemeine Energetik. Nachdem ich die Brauchbarkeit der Energetik in dem mir vertrauten Gebiete der allgemeinen Chemie, insbesondere der Elektrochemie erprobt hatte, ging ich naturgemäß daran, die in der Einleitung zu meinem Lehrbuch nur skizzierte allgemeine Energetik zu vertiefen und auszubauen, um dies weitreichende Denkmittel für den unbegrenzten Gebrauch herzurichten.
Hiermit begab ich mich auf einen gefährlichen Boden, der mit Sicherheit eigentlich nur von Forschern betreten werden kann, die frei über die Arbeitsmittel der höheren und höchsten Mathematik verfügen. Ich war mir dessen bewußt, daß dies bei mir keineswegs der Fall war und entschuldigte mich von vornherein bei den Fachgenossen wegen meines Betretens von Feldern, mit denen ich mich nicht vorher durch Einzelarbeiten hatte vertraut machen können. Aber da zurzeit niemand sonst diese Wege gehen wollte, deren Wichtigkeit für den Fortschritt der Wissenschaft ich so kräftig[171]  am eigenen Leibe erfahren hatte, hielt ich es für meine Pflicht, mich soweit vorzutasten, als es gehen wollte, auf die Gefahr hin, von den Zünftigen als Bönhase verklagt und verjagt zu werden.
Ein erster Schritt von erheblicher begrifflicher Bedeutung gelang gut. Von Gauß und Weber war vor langer Zeit gezeigt worden, wie man die mechanischen Kräfte des Magnetismus auf ein von ihnen sogenanntes absolutes Maß zurückführen kann, das nur von den Einheiten für Raum, Zeit und Masse abhängig ist, die man gewählt, d.h. willkürlich festgesetzt hat. Maxwell war später weit über die von den deutschen Forschern sorgsam eingehaltene Beschränkung hinausgegangen und hatte den Satz aufgestellt, daß alle physischen Größen sich auf diese drei Grundeinheiten zurückführen lassen. So hatte er insbesondere eine solche Zurückführung bei den elektrischen und magnetischen Größen angegeben, wobei die Grundeinheiten in sehr wunderlichen »Dimensionen«, nämlich mit gebrochenen Potenzexponenten auftreten mußten, die keine verständliche Deutung zuließen. Trotzdem wurde die Berechtigung jener unbewiesenen Grundbehauptung von Maxwell nicht in Zweifel gezogen. Kurz vor der Zeit meiner energetischen Arbeiten hatte zwischen hervorragenden mathematischen Physikern, insbesondere Clausius und Hertz eine merkwürdige Erörterung stattgefunden, aus der sich ergeben hatte, daß man auf Grund von Maxwells Voraussetzungen nicht nur ein solches System von Dimensionen für die elektrischen und magnetischen Größen ableiten kann, sondern deren vier, die alle voneinander verschieden und alle gleich richtig oder berechtigt sind.
Man half und hilft sich damit, daß man je nach Bedarf und Bequemlichkeit das eine oder andere dieser Systeme benutzt und die Werte durch entsprechende Transformationsformeln ineinander überführt, wenn dies nötig[172]  oder wünschenswert ist. Damit ist der größte Vorzug des absoluten Systems, seine Eindeutigkeit, verloren.
Für mich war diese Vieldeutigkeit ein Beweis, daß die Grundvoraussetzung des Maxwellschen Systems fehlerhaft ist, in solchem Sinne, daß Zeit, Raum und Masse zur Definition der anderen Größen nicht genügend sind. Denn wären sie es, so müßten die elektrischen Dimensionen eindeutig bestimmt werden können, und nicht vierdeutig, wie die Erfahrung lehrt.
Weiter ergibt sich, daß in jeder Gruppe physikalischer Größen solche Größen vorhanden sind, die nur dieser Gruppe angehören, in den anderen aber nie vorkommen. Temperatur gibt es nur in der Wärmelehre, Elektrizitätsmenge, nur in der Elektrik usw. Sie können also unabhängige Einheiten bekommen, ohne daß die eine Feststellung die anderen stört. Auch dies widerspricht der Maxwellschen Voraussetzung.
Das Schlußergebnis war folgendes. Es gibt nur eine Größe, welche allen Gebieten voll gemeinsam ist, und dies ist weder Raum, noch Zeit, noch Masse, sondern die Energie. Wenn die Maßeinheiten so bestimmt sind, daß dem Gesetz von der Erhaltung der Energie genügt ist – was Maxwell stillschweigend getan hatte – so kann und muß man in jeder Gruppe eine spezifische Größe frei bestimmen, wodurch mit Hilfe der Einheiten von Zeit und Raum, soweit sie etwa für die Definition abgeleiteter Größen in Frage kommen, alle anderen Größen des Gebietes eindeutig definiert sind.

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Gegen diese Regelung der grundlegenden Frage der absoluten Maße ist kein Einwand erhoben worden, der mir bekannt geworden wäre. Aber auch eine offene Anerkennung wurde vermieden. Die internationalen Feststellungen, die noch unter dem Einfluß der fehlerhaften Lehre Maxwells getroffen wurden, sind inzwischen nicht wieder grundsätzlich erörtert worden, während man[173]  in den praktischen Anwendungen die Forderungen der Energetik stillschweigend erfüllt hat. So ist sachlich keine Ursache vorhanden, öffentlich den begangenen Fehler zuzugestehen. Nach meinem Tode wird man einmal die Angelegenheit grundsätzlich in Ordnung bringen, wenn sich ein passender Anlaß dazu findet.
Das Gesetz des Geschehens. In einer zweiten Abhandlung bildete die Erweiterung des bisher nur für Vorgänge, an denen die Wärme beteiligt ist, ausgesprochenen zweiten Hauptsatzes den Mittelpunkt. Dieser Satz besagt, daß die Wärme nie von selbst von niederer Temperatur zu höherer ansteigt, und die Erweiterung besagt folgendes: Für jede Art der Energie gibt es eine Größe, die der Temperatur bei der Wärme vergleichbar ist, und die nie von selbst von niederen Werten zu höheren ansteigt. Sie kann die »Intensität« der betreffenden Energie genannt werden. Für die elektrische Energie ist es die Spannung für die Bewegungsenergie die Geschwindigkeit usw. Von besonderem Interesse war für mich die Frage nach der chemischen Intensitätsgröße. Es ergab sich, daß dieser hochwichtige Begriff von W. Gibbs unter dem Namen des chemischen Potentials in seinen grundlegenden Arbeiten entwickelt und fortlaufend benutzt worden war. Die Wahl des Namens, der bis dahin nur für entsprechende Größen der elektrischen und der Schwereenergie gedient hatte, läßt erkennen, daß Gibbs die Gleichartigkeit dieser Begriffe geläufig war, doch scheint er sich darüber nicht besonders ausgesprochen zu haben.
Hierdurch war die Möglichkeit gegeben, die mancherlei Seiten, welche die thermodynamische Forschung am zweiten Hauptsatz, soweit Wärme in Frage kam, aufgedeckt hatte, auf die gesamte Physik, d.h. auf das gesamte Geschehen auszudehnen und die allgemeine Bedingung auszusprechen, die erfüllt sein muß, damit überhaupt etwas geschieht. Es müssen dazu[174]  Intensitätsunterschiede irgendwelcher Energien vorhanden sein.
Die genauere Untersuchung lehrt, daß diese Bedingung zwar notwendig, aber nicht zureichend erscheint. Es gibt (mindestens scheinbare) Ruhezustände, in denen nichts geschieht, obwohl Intensitätsunterschiede vorhanden sind. Beispielsweise ist das chemische Potential des Kohlenstoffs in einem Diamanten, der bekanntlich aus Kohlenstoff besteht, viel höher, als in der ihn umgebenden Luft, mit deren Sauerstoff er sich chemisch verbinden könnte, soweit chemische Voraussetzungen in Frage kommen. Es geschieht nicht bei gewöhnlicher Temperatur wohl aber bei Rotglut, und zwar um so schneller, je höher die Temperatur ist. Hier kommen also Fragen der Zeit zur Geltung und es steht dem nichts entgegen, zu sagen: der Diamant verbrennt tatsächlich auch bei gewöhnlicher Temperatur, nur so überaus langsam, daß ein menschliches Leben bei weitem nicht ausreicht, um meßbare Beträge davon zu beobachten. Nicht einmal geschichtliche Zeiträume von Jahrhunderten und Jahrtausenden würden genügen, abgesehen davon, daß Wagen, um sehr kleine Gewichtsänderungen festzustellen, überhaupt kaum länger als ein Jahrhundert der Menschheit zugänglich geworden sind.
Die beiden Arten des Perpetuum mobile. Als anschaulichste Fassung dieser Gedankenarbeit kann folgende Betrachtung gelten. Den »ersten Hauptsatz« oder das Gesetz von der Erhaltung der Energie kann man in der Form aussprechen: ein Perpetuum mobile ist unmöglich, wenn man darunter eine Maschine versteht, welche Arbeit, oder allgemein Energie aus nichts schaffen soll.
Nun kann man sich aber auch ein Perpetuum mobile, d.h. eine gratis arbeitende Maschine denken, ohne daß die von ihr ausgegebene Energie aus nichts erschaffen wird. Sie könnte z.B. aus der Wärme des Weltmeers[175]  genommen werden, deren Betrag alle Maschinen der Welt betreiben könnte, ohne viel abzunehmen. Warum geht auch das nicht? Weil dabei die Temperatur des Weltmeeres »von selbst« sinken oder Wärme von selbst auf höhere Temperatur steigen müßte, was nach dem zweiten Hauptsatz ausgeschlossen ist. Also gibt es begrifflich außer dem Perpetuum mobile erster Art, das dem ersten Hauptsatz widerspricht, noch ein solches zweiter Art, das dem zweiten Hauptsatz widerspricht, und dieser kann auch in der Form ausgesprochen werden: ein Perpetuum mobile zweiter Art ist unmöglich. Dabei erstreckt sich die Unmöglichkeit nicht auf Wärmemaschinen allein, sondern auf alle überhaupt denkbaren Maschinen.
In der Abhandlung von 1892 sind diese und andere Beziehungen grundsätzlich entwickelt, und gegenwärtig, nach einem Menschenalter, wüßte ich daran nichts wesentliches zu ändern, wenn ich auch manches kürzer und übersichtlicher fassen könnte. Nur ein Abschnitt muß gestrichen werden, nämlich der neunte, der die Ableitung der Intensitätsgröße der Wärme enthält und dessen Rechnungsführung fehlerhaft ist. Ich hebe dies besonders hervor, da sich daran nicht unerhebliche Folgen geknüpft haben.
Erschöpfung. Die Ausgestaltung der energetischen Weltauffassung hatte an mein Gehirn ganz besonders große Anforderungen gestellt. Denn es war zum größten Teil reine Kopfarbeit und die wohltätige Verdünnung durch Handarbeit, wie sie bei meinen früheren vorwiegend experimentellen Untersuchungen stattgefunden hatte, fehlte hier ganz. So machten sich deutliche Erschöpfungserscheinungen während des Semesters geltend. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich »Watte im Kopf«, d.h. das gewohnte selbsttätige Angehen meiner Denkmaschine beim Auftreten einer neuen Aufgabe, die dann fast ohne mein Zutun das Ergebnis herausbrachte, wie ein Automat,[176]  trat nicht mehr so glatt ein, wie ich es gewohnt war. Sondern die Maschine versagte zu Zeiten oder lief leer, ohne etwas herauszubringen und ich mußte warten, bis wieder einmal eine produktive Stunde kommen wollte.
Da ich damals trotz meiner Erfüllung mit energetischem Denken über die energetischen Bedingungen der geistigen Arbeit noch gar nicht im klaren war, nahm ich diese Erscheinungen nicht physiologisch, wie es richtig gewesen wäre, sondern moralisch, indem ich mir selbst Vorwürfe über mangelnde Leistungsfähigkeit machte, was ein schwerer Fehler war. Mein Vater pflegte uns einzuprägen: der Wille macht alles möglich, und mangelnder Wille wurde »selbstverständlich«, d.h. ohne Prüfung als ethischer Mangel angesehen. So hielt ich es für meine Pflicht, mit dem Willen nachzuhelfen, wo das Gehirn physiologisch versagte und das deutliche Erschöpfungsgefühl mich hätte warnen sollen, daß das Organ bis zur Grenze seiner regelmäßigen Leistungsfähigkeit beansprucht war. Auf diese erzwungene Arbeit muß ich es auch zurückführen, daß die sonst genügend wirksame Selbstkritik versagte und jenen §. 9 (S. 176) durchgehen ließ, den ich bei ganz gesundem Denkorgan sicher zum Zweck der Besserung zurückgehalten hätte. Denn es bildet sich bei der wissenschaftlichen Arbeit ein Instinkt aus, welcher mit ziemlich großer Zuverlässigkeit lebensfähige Erzeugnisse des Denkens von solchen unterscheidet, welche noch nicht reif sind.
Wider die Atomistik. Die nun folgende Zeit war mit vielfältiger Tätigkeit ausgefüllt, die mich zeitweilig von der reinen Gedankenarbeit abzog, aber an meine Energien anderweitige Ansprüche stellte. Das Hand- und Hilfsbuch, die analytische Chemie und die Elektrochemie, deren Inhalt und Zweck früher (S. 64 und ff.) beschrieben worden sind, wurden in den Jahren 1892 bis 1895 geschrieben und veröffentlicht; dazu kam die laufende[177]  Arbeit an der Zeitschrift und an der neuen Auflage des Lehrbuches. Eine neue Aufgabe erstand mir in der Gründung und Leitung der Elektrochemischen Gesellschaft, über die alsbald berichtet werden soll.
Alle diese Arbeiten verhinderten mich zwar daran, weitere Abhandlungen zur Energetik zu schreiben, nicht aber, meine nach dieser Seite gerichteten Bestrebungen fortzuführen und zu erweitern. Insbesondere wurde mir klar, wie unverhältnismäßig viel fruchtbarer die Energetik war als die damals fast vollkommen steril gewordene kinetisch-atomistische Lehre, die nach einem kurzen, glänzenden Aufstieg in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhundert in das Dickicht mathematischer Schwierigkeiten geraten war, das ihr die Bewegungsfreiheit genommen und ihre Anhänger von der Verfolgung neuer experimenteller Wege fast ganz zurückgehalten hatte. Die vielfachen neuen Tatsachen, welche in unserer Zeit die Atomistik über das Gebiet der Hypothesen erfolgreich hinausgehoben haben, lagen damals noch ganz unterhalb der wissenschaftlichen Horizonte. Und obwohl sowohl die Lehre vom osmotischen Druck wie die von der elektrolytischen Dissoziation von ihren Urhebern durchaus atomistisch erdacht und dargestellt waren, fand sich in dem ganzen unabsehbaren Felde ihrer Anwendungen zunächst kein Fall ein, wo das einzelne Atom in Frage kam, sondern nur solche, in denen die Atome als ununterschiedene Maße wirkten. Es traten mit anderen Worten noch nirgend die Probleme der Unstetigkeiten im Gebiet der molekularen Abmessungen 10-10 cm, das theoretisch bekannt war, experimentell in die Erscheinung so, daß ein Eingehen darauf wissenschaftlich nicht erfordert, ja kaum berechtigt war. Es sei erinnert, daß die Entdeckung der Röntgenstrahlen, welche die neue Atomistik einleitet, erst 1896 erfolgt ist.[178]
Dagegen war eine oberflächliche Art, tatsächliche wissenschaftliche Aufgaben durch willkürliche Annahmen über Atomstellungen und -schwingungen mehr zuzudecken als zu fördern, sehr verbreitet und gereichte meines Erachtens der Wissenschaft zu großem Schaden. Daraus erwuchs mir alsbald die Pflicht, das meine zur Abstellung dieses Schadens zu tun und ich versäumte keine Gelegenheit, auf die Unersprießlichkeit jener Scheinerklärungen hinzuweisen.
Denn da ich selbst früher überzeugter Angehöriger der kinetischen Atomlehre gewesen war, so lag mir nach Art der Bekehrten sehr viel daran, für meine neue Einsicht Anhänger zu gewinnen. Dies gelang mir aber nur in sehr geringem Maße. Selbst nahestehende wissenschaftliche Freunde, wie W. Ramsay versagten mir ihre Gefolgschaft. Sie gaben zu, daß ich Recht haben könnte, erklärten aber, ihre Probleme ohne die Mitwirkung der anschaulichen Atombilder nicht erfolgreich bearbeiten zu können und fanden meine Auffassung zu abstrakt, wenn sie auch bereit waren, ihre Berechtigung zuzugeben.
Die Lübecker Naturforscherversammlung. Dieses immer stärkere Hin und Wieder drängte zu einer Auseinandersetzung, welche im Herbst 1895 auf der Naturforscherversammlung in Lübeck stattfand. Ich hatte einen allgemeinen Vortrag unter dem Titel: Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus angekündigt. Als Wislicenus, welcher die Versammlung als erster Vorsitzender zu leiten und in solcher Eigenschaft den Vortrag auf die Tagesordnung gesetzt hatte, von mir einiges über den Inhalt erfuhr, fand er sich in seinen wissenschaftlichen Überzeugungen so bedroht, daß er sich alsbald nach ausgiebiger Gegenwirkung umsah. Er versicherte sich nicht ohne Mühe des glänzendsten Gegenredners, der erreichbar war und veranlaßte Victor Meyer zu einem Vortrag, den dieser unter dem Titel: [179]  Probleme der Atomistik mit großem Erfolg hielt, obwohl er schon damals schwer mit Erschöpfungserscheinungen infolge übermäßiger Arbeit zu kämpfen hatte.
Um die Angelegenheit der Energetik ausgiebig zu behandeln, war außer meinem Vortrag noch eine Aussprache in den vereinigten Abteilungen Physik und Chemie mit reichlicher Zeit vorgesehen. Es wäre sachgemäß gewesen, den Vortrag vorangehen zu lassen, da er die Grundlage der Erörterungen bilden sollte. Wislicenus aber hatte entgegen dem Gebrauch, solche Vorträge tunlichst an den Anfang der Zusammenkunft zu verlegen, für ihn einen der letzten Tage bestimmt, zweifellos damit er so wenig Schaden wie möglich anrichten sollte und dadurch eine geordnete Aussprache unmöglich gemacht. Ich zweifle nicht, daß er damit einer wissenschaftlichen Gewissenspflicht zu genügen geglaubt hat.
Bei der Aussprache fand ich mich vor einer geschlossenen Gegnerschaft. Mein einziger Gesinnungs -und Kampfgenosse war G. Helm, Professor an der technischen Hochschule in Dresden, der vor mir eine energetische Auffassung der Wissenschaft angestrebt und in einer Schrift von großer Selbständigkeit des Denkens dargelegt hatte. Von mir trennte ihn aber sein Abscheu vor einer realistischen Auffassung der Energie. So empfand jeder von uns den anderen nur als halben Kampfgenossen, dem gegenüber man Vorsicht walten lassen muß.
Es war das erstemal, daß ich mich persönlich vor einer solchen einmütigen Schar ausgesprochener Gegner befand; später habe ich es noch einige Male erlebt. Gefühle von Bedrückung, Sorge, Angst habe ich bei diesen Besprechungen, die mehrere Zusammenkünfte ausfüllten, niemals gehabt; auch bin ich, soweit meine Erinnerungen reichen, keinem die Antwort schuldig geblieben. Aber[180]  zufolge der verkehrten Anordnung des Hauptvortrages konnte die Aussprache keine eigentliche Förderung der Sache selbst bringen, und wie das meist zu sein pflegt, gingen wir auseinander ohne daß einer den anderen überzeugt hätte. Doch glaube ich, daß bei manchem unter den Teilnehmern einzelne Ideen hängen geblieben sein mögen aus denen später selbständige Gedankenreihen erwachsen sind.
Aus dem Vortrage. Der Grundgedanke jenes Vortrages ist der Nachweis, daß die mechanistische Auffassung der Naturerscheinungen unzulänglich ist und daß sie mit dem Erfolg der Beseitigung der Unzulänglichkeiten durch die energetische ersetzt werden kann.
Den ersten Satz begründete ich auf die Tatsache, daß in allen Gleichungen der Mechanik die Zeit t nur im Quadrat t2 vorkommt, daß sie also richtig bleiben, ob man die Zeit positiv oder negativ einführt, denn (+ t)2 = (– t)2. Das heißt, jeder durch jene Gleichungen beschriebene Vorgang kann ebensogut vorwärts wie rückwärts verlaufen. Da aber die wirklichen Vorgänge zweifellos nicht umkehrbar sind, da nie ein Mann sich in ein Kind oder eine Eiche in eine Eichel verwandelt hat, so genügen sie nicht, um das allgemeinste aller Verhältnisse der wirklichen Welt darzustellen.
Den zweiten Satz begründete ich damit, daß alles, was wir von der Welt wissen, uns durch die Sinnesorgane vermittelt wird. Damit sich ein solches betätigt, ist ein Energieverkehr zwischen ihm und der Außenwelt notwendig und hinreichend. Somit erfahren wir von der Außenwelt unmittelbar nur ihre Energieverhältnisse und alles, was darüber hinausgeht, ist subjektive Zutat. Und diese Zutat, der innere oder geistige Vorgang ist gleichfalls in letztem Gliede nichts als eine Betätigung der im Gehirn umgesetzten Energie, die keineswegs wie die[181]  Mechanistik behauptet, in Bewegungen der Gehirnmolekeln zu bestehen braucht.

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Keiner der früheren Begriffe wie Materie, Bewegung, Kraft hat diese ganz allgemeine und gleichzeitig exakte Beschaffenheit, wie die Energie, die dazu den unvergleichlichen Vorzug hat, hypothesenfrei zu sein und damit ein letztes wissenschaftliches Ideal zu verwirklichen.
Am lebendigsten wird vielleicht mein Standpunkt durch folgende Stelle aus dem Vortrag gekennzeichnet:
»Aber, höre ich hier sagen, wenn uns die Anschauung der bewegten Atome genommen wird, welches Mittel bleibt uns übrig, uns ein Bild von der Wirklichkeit zu machen? Auf solche Frage möchte ich rufen: Du sollst Dir kein Bildnis oder Gleichnis machen! Unsere Aufgabe ist nicht, die Welt in einem mehr oder weniger verkrümmten oder getrübten Spiegel zu sehen, sondern so unmittelbar, als es die Beschaffenheit unseres Geistes nur irgend erlauben will. Realitäten, aufweisbare und meßbare Größen miteinander in Beziehung zu setzen, so daß, wenn die einen gegeben sind, die anderen gefolgert werden können, das ist die Aufgabe der Wissenschaft und sie kann nicht durch die Unterlegung irgendeines hypothetischen Bildes gelöst werden, sondern nur durch den Nachweis gegenseitiger Abhängigkeitsbeziehungen meßbarer Größen.«
Das Innere der Natur. Die beiderseitigen Gesichts, punkte werden am besten durch folgendes klar gemacht. Ich sagte in der Aussprache: Denken Sie sich einen geschlossenen Kasten, aus dem zwei Hebel an verschiedenen Stellen herausragen; wenn man den einen bewegt, so bewegt sich auch der andere mit einer anderen Geschwindigkeit, z.B. dreimal schneller. Dann sagt die Energetik, daß die Kraft, mit der sich der zweite Hebel bewegt, dreimal kleiner sein muß, als die auf den ersten Hebel einwirkt. Als inneren Mechanismus, welcher die[182]  Hebel verbindet, kann man sich unendlich viele verschiedene Einrichtungen denken; das Ergebnis muß wegen des ersten Hauptsatzes der Energetik immer dasselbe sein, falls, wie vorausgesetzt werden soll, keine Energie im Innern des Kastens bleibt. Solange uns aber nur die beiden Hebel zugänglich sind, können wir nichts darüber aussagen, welcher von den tausend möglichen Mechanismen tatsächlich vorhanden ist, und alles Spekulieren darüber ist zwecklos, da wir daraus bezüglich der Hebel nicht mehr erfahren können, als wir schon wissen.
Die Gegner meinten dagegen, es sei auch eine wichtige wissenschaftliche Aufgabe, die verschiedenen Möglichkeiten des inneren Mechanismus sich klar zu machen, denn man könnte doch einmal mehr darüber erfahren.
Ich sagte darauf, daß dies gleichbedeutend mit der Entdeckung anderer Hebel sei, die aus dem »Inneren der Natur« oder des Kastens nach außen reichen und an denen man alsdann experimentieren könne und müsse.
So kam die Sache auf einen Gegensatz dessen heraus, was man die wissenschaftliche Politik nennen kann. Und da die Politik bekanntlich ein Feld ist, auf dem sich die Gefühle des Gegensatzes um so leidenschaftlicher geltend machen, je schwächer ihre rationelle Begründung ist, so ist es kein Wunder, daß auch die Lübecker Verhandlungen von solchen Gefühlen nicht frei waren.
Mein Mitstreiter G. Helm litt so stark unter deren Ausdruck auf der Gegenseite, daß er zum Schluß in großer Erregung einen Protest gegen die Behandlung aussprach, die er erfahren hatte. Er sei zu einer wissenschaftlichen Aussprache erschienen, nicht aber zu einer Abschlachtung, wie sie an ihm vorgenommen sei.
Ich meinerseits empfand kein Bedürfnis nach einem Protest. Es war mir eine so geläufige persönliche Erfahrung, daß ein Gegner sich ganz außer Stande sah, meine Auffassung überhaupt in den Rahmen seines[183]  Denkens einzuschließen, daß mir nun die gleichzeitige Vervielfachung dieser häufigen Einzelerfahrung nicht besonders imponieren konnte. Zudem betrafen die Einwendungen vielfach Fragen, die ich in meinem Hauptvortrage erledigt hatte (oder doch zu haben glaubte), daß ich immer wieder auf diesen zu verweisen hatte. Die ganze Verhandlung wäre viel fruchtbarer ausgefallen, wenn ihre natürliche Folge nicht durch die »taktische« Maßregel des Vorsitzenden auf den Kopf gestellt worden wäre.
Bei mir bewirkten diese Erlebnisse zwar die Erkenntnis einzelner Fehler, die ich bei der Vertretung meiner allgemeinen Auffassung des Geschehens gemacht hatte, sie befestigten aber nur meine Überzeugung (die sich bis heute bei mir erhalten hat), daß ich in der Hauptsache mich auf dem rechten Wege befand und befinde. Und wenn ich die inzwischen erfolgte Entwicklung der Wissenschaft ins Auge fasse, so sehe ich, daß diese in den gleichen Weg eingelenkt ist, wenn auch in einer Weise, die ich nicht vorausgesehen hatte.
Spätere Entwicklungen. Wenige Monate hernach entdeckte nämlich K. W. Röntgen die nach ihm benannten Strahlen, und im Anschluß hieran entwickelte sich ein neues Gebiet der Physik, durch welches später die körnige Struktur der Stoffe, der Grundgedanke der Atomistik, experimentell erwiesen wurde. Dadurch wurde der bisherigen Unfruchtbarkeit dieser Lehre gründlich abgeholfen und eine Fülle neuer Tatsachen ist im Laufe der Jahre an das Licht gekommen. Hierbei wurde die bis dahin hypothetische Beschaffenheit der Atomlehre beseitigt und diese zu einem Zweig der experimentellen Physik und Chemie gemacht. Ich habe, nachdem die Entwicklung eingetreten war, nicht unterlassen, öffentlich zu erklären, daß damit meine früheren Bedenken gegen die Zweckmäßigkeit der Atomlehre beseitigt waren und[184]  ihre wissenschaftliche Berechtigung vermöge ihrer sachlichen Erfolge keinem Zweifel mehr unterliegt.
Die Energetik wird durch diese Vorgänge nicht berührt, denn da sie die allgemeinere Begriffsbildung ist, besteht sie ganz unabhängig davon, ob es Atome gibt oder nicht. Fragt man, ob und wie sie den Kampf ums Dasein, den es auch innerhalb der Wissenschaft für die dort betätigten Begriffe gibt, überstanden hat, so darf man sagen: sehr gut. Während infolge der neuen Physik die anderen Größen, die man bisher als unveränderlich ansah, insbesondere die Masse, diese Beschaffenheit haben aufgeben müssen, ist das unbedingte Erhaltungsgesetz nur für die Energie in Geltung geblieben, d.h. sie hat sich als die letzte Realität erwiesen, auf welche die Entwicklung der Wissenschaft hingeführt hat. Und die neuen Theorien haben ihr auch Masse zuschreiben müssen, jene Eigenschaft, die man von jeher als unbedingtes Kennzeichen der »Materie« angesehen hat. Die Energie hat also die »Materie« begrifflich verdrängt.
Unmittelbare Folgen. Der Lübecker Vortrag erregte ein erhebliches Aufsehen, das weit über die wissenschaftlichen Kreise hinausging, für die er bestimmt war. Wie er auf diese gewirkt hat, bezeugt eine inzwischen veröffentlichte Stelle aus einem Briefe Victor Meyers: »Die Sache war ungemein interessant und ich habe nicht leicht Merkwürdigeres erlebt«. Die Tagespresse war durch den Titel: Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus aufmerksam geworden. Man vermutete eine spiritualistische Wendung und da in weiten Kreisen, von der Orthodoxie durch die Philologie bis weit in die sonst mehr links gerichteten Vertreter der »Geisteswissenschaft« eine große Angst vor der wissenschaftlichen Weltanschauung besteht, hoffte man in mir einen höchst willkommenen Kampfgenossen aus dem feindlichen Lager begrüßen zu können. Aus einzelnen[185]  Andeutungen glaubte ich sogar entnehmen zu können, daß ich Gefahr lief, für diese »Tat« zum Ehrendoktor der Theologie ernannt zu werden. Doch machten rechtzeitig einige gescheutere Angehörige dieser Kreise die Entdeckung, daß ihre Sache durch mein Eingreifen nicht besser gestellt wurde, sondern um ein gutes Stück schlechter. Denn das vom wissenschaftlichen Materialismus ungelöst gelassene Problem des Zusammenhanges von Geist und Körper, das von dem überzeugten Materialisten Du Bois Reymond feierlichst für grundsätzlich unlösbar erklärt und deshalb unter die ewigen Welträtsel versetzt worden war, verlor im Lichte der Energetik diese unzugängliche Beschaffenheit, da Geist und Körper sich beide dem Oberbegriff Energie einordnen lassen und daher natürlich und grundsätzlich miteinander eng verbunden sein müssen.
Schluß. Die Lübecker Naturforscherversammlung kann in mehrfachem Sinne als ein kritischer Tag für mich und die von mir vertretenen Ansichten bezeichnet werden. Zunächst erweckte sie, wie erwähnt, in weiten Kreisen eine lebhafte Teilnahme an den neuen Gedanken, die sich in das tätige Dasein zu gelangen bemühten und kennzeichnet so in gewissem Sinne den Beginn meiner öffentlichen Anerkennung als Philosoph, der Eigenes zu sagen hatte. Hiermit stand in naher Verbindung eine öffentliche Absage an die Energetik, zu der sich die Physiker Boltzmann und Planck gedrungen fühlten, und die sie in den »Annalen der Physik« veröffentlichten, beide allerdings aus verschiedenen Gründen.
Boltzmann war überzeugter Anhänger der kinetischen Wärmelehre, die sich inzwischen wissenschaftlich durchgesetzt und ihre frühere Unfruchtbarkeit gegen die gegenteilige Eigenschaft vertauscht hat. Für ihn galt es also, zu beweisen, daß man mit der Kinetik wissenschaftlich weiter kommt, als mit der Energetik, und der kürzeste Weg hierfür war, der Energetik die Existenzberechtigung[186]  abzusprechen. Er begründete dies auf den Nachweis, daß eine von mir mitgeteilte Rechnung mathematisch fehlerhaft sei, womit der stillschweigende Schluß verbunden war, daß es auch mit den allgemeinen, nicht in ein mathematisches Gewand gekleideten Gedanken ähnlich beschaffen sein möchte.
Einen wesentlich anderen Ausgangspunkt hatte Max Planck. Er war in einer hervorragenden Jugendarbeit der Energetik selbst sehr nahe gekommen, hatte aber den Standpunkt nicht verlassen wollen, von dem aus sie nur als eine mathematische Funktion mit sehr interessanten Eigenschaften betrachtet wurde, durch deren Benutzung man schnell und wirksam zur Beherrschung naturgesetzlicher Beziehungen gelangen kann. Einige Jahre früher hatten wir, nämlich Planck, Boltzmann, Hertz und ich auf der Naturforscherversammlung in Halle eine lebhafte Aussprache gehabt, wo Planck und ich gegen Boltzmann die Ansicht vertraten, daß in der Anwendung auf Sonderfälle – wir hatten die Gesetze des chemischen Gleichgewichts im Auge, an denen wir damals beide arbeiteten – die thermodynamischen Ansätze viel schneller und sicherer zu experimentell prüfbaren Ergebnissen führen, als kinetische Betrachtungen. Wir machten der Kinetik den Vorwurf, daß sie auf diesem Gebiete trotz mehrfacher Bemühungen, auch von seiten Boltzmanns, kein neues Einzelgesetz zutage gefördert habe, während die reine Thermodynamik deren eine ganze Anzahl geliefert hatte. Selbst für die Ableitung bekannter Beziehungen bedürfe die Kinetik eines unverhältnismäßigen mathematischen Aufwandes, wo die Thermodynamik die Sache in einigen Zeilen abtut. Hierfür ließen sich Beispiele aus Boltzmanns eigenen Arbeiten anführen.
Boltzmann erwiderte damals nichts Entscheidendes dagegen, gab sich aber keineswegs geschlagen. Vielmehr unterstrich er seine Überzeugung von der Wahrheit der[187]  Atomistik mit doppeltem Nachdruck und sagte schließlich: »Ich sehe keinen Grund, nicht auch die Energie als atomistisch eingeteilt anzusehen!«
Mir kam diese Bemerkung im ersten Augenblick wie eine bewußt scherzhafte Übertreibung seines Standpunktes vor und ich lachte demgemäß. Aber im Herzen fühlte ich mich getroffen durch die Kühnheit des Gedankens, und dieser Eindruck war so stark, daß ich das Gespräch bis heute nicht vergessen habe.
Wenn ich nämlich sorgfältiger über diesen Einfall Boltzmanns nachgedacht hätte, so hätte ich ihn als eine Vereinigung der Atomistik mit der Energetik warm begrüßen müssen. Mir aber standen damals die Einwände gegen jene so im Vordergrunde des Bewußtseins, daß ich die Möglichkeit der Vereinigung nicht einmal als Wunsch ins Auge fassen wollte. Daß trotzdem der Gedanke bei mir haften blieb, ist ein Zeugnis für das eigene Leben wissenschaftlicher Gedanken, die sich des Geistes des Forschers bemächtigen, um ihre logischen Forderungen dort geltend zu machen, selbst wenn zurzeit der Wille das Gegenteil anstrebt.
Ob und wie M. Planck sich zu dem Gedanken äußerte, ist mir nicht im Gedächtnis geblieben. Aber seine mutige und eigenartige Begriffsbildung der »Quanten«, die er später zur Deutung der Strahlungserscheinungen, also auf einem ganz anderen Boden entwickelt hat, stellt in ihrer Weise gleichfalls eine Verbindung zwischen Energetik und Atomistik her.
So erweist sich die Wissenschaft zuletzt immer und überall als der wahre Friedensbringer. Und die Kämpfe, von denen auch sie durchaus nicht frei ist, lassen sich als die notwendigen Reibungen auffassen, durch welche die unbeständigen Bestandteile der jeweiligen Gedankenbildungen abgestreift werden, um den blanken Kern wahrer, d.h. fruchtbringender Ideen frei zu machen.



 Neuntes Kapitel.
Überlastung, Zusammenbruch und Wiederaufbau.










[188] Ferienfahrten und Kunstsorgen. Das erstemal, daß ich mich durch die Arbeit erschöpft fühlte, war im Spätsommer 1886 in Riga, nachdem ich in den eben vergangenen sieben Monaten den letzten und schwersten Teil meines Lehrbuches geschrieben und daneben den Tag mit angestrengter experimenteller Arbeit im Verein mit Arrhenius neben den Pflichten der Vorlesung und des Laboratoriumsunterrichts ausgefüllt hatte; dazu waren noch häusliche Beanspruchungen gekommen. Ich war 33 Jahre alt.
Ich habe schon erzählt (I, 236), daß sich die Überarbeitungserscheinungen durch drei Wochen einsamen Malens und Badens auf der Insel Rügen vollständig heben ließen, so daß ich die unmittelbar darauf folgende starke Beanspruchung durch die Berliner Naturforscherversammlung und die Gründung der Zeitschrift für physikalische Chemie nicht nur leidlich, sondern gut und mit Behagen vertrug.
Es folgte dann das letzte Jahr meiner Rigaer und das erste meiner Leipziger Tätigkeit. Beide waren bis zum Rande mit Arbeit gefüllt. Das Wohlgefühl aber, im lang ersehnten weiten Wasser frei schwimmen zu können – auf die hier vorhandenen Hindernisse war[189]  ich noch nicht gestoßen – wirkte wie ein starker Katalysator und ließ keine Ermüdungsgefühle aufkommen. So dachte ich mehr an meine Familie als an mich, als ich nach Ablauf des ersten Jahres unter den neuen Verhältnissen die Frage einer Ferienreise erwog. Denn da Leipzig im Sommer schwül und übelriechend ist, so mußte ich darauf bedacht sein, mit Frau und Kindern in die Sommer- oder vielmehr Herbstfrische zu gehen. Die Vorlesungen schlossen in den ersten Augustwochen. Von Riga her war uns das Meer höchst wünschenswert, ja fast notwendig geblieben, und so wählte ich Rügen, das mir von meiner zweiten Reise in so schöner Erinnerung geblieben war. Am geeignetsten erschien mir von den damals besuchten Orten Göhren, einer der wenigen Plätze auf Rügen, wo man den Sonnenuntergang über dem Meere sehen kann. Die Reise mit den vier Kindern nebst Mädchen war nicht ganz einfach, doch ging sie lustig vor sich, da die Kinder sich durchweg nett und heiter betrugen. Tatsächlich erwies sich Göhren als der richtige Ort. Wir fanden in einem Fischerhause mit einem kinderlosen Ehepaar, er ganz alt, sie ganz jung und sehr hübsch, saubere Unterkunft und die Kinder waren selig, den ganzen Tag am Wasser und im Sande spielen zu dürfen. Ich ergab mich mit Überzeugung dem animalischen Dasein, das ich schon in den Rigaer Sommerfrischen geübt hatte, und verschaffte mir durch ziemlich fleißiges Malen die Empfindung, als täte ich etwas. Allerdings kamen unter je zehn Bildern höchstens je zwei oder drei so zustande, daß ich auch später an ihnen Freude hatte. Das Warum konnte ich damals nicht herausbekommen und das ungelöste Problem plagte mich sehr.
Denn ich war damals der Ansicht: wenn ich ein Stück Natur so getreu wie möglich abbilde, so muß es ein Bild geben. Denn die Natur ist immer vollkommen; gelingt es mir also, etwas von ihr zu übertragen,[190]  so habe ich ein Stück Vollkommenheit, also ein Kunstwerk.
Nun war ich freilich sehr klar darüber, wie wenig nur von der unermeßlichen Fülle der Naturerscheinung ich in das Bild zu übertragen imstande war. Aber die Bilder, welche so geraten waren, daß sie mir gefielen, enthielten auch nicht mehr von der Natur, als die anderen und waren doch dem Ideal eines Kunstwerks deutlich näher gekommen. Ja, sie waren sogar meist schlichter, als die anderen. Daß dies eine bestimmte Ursache hatte, war mir außer Zweifel, denn es war schon damals der Grundgedanke meiner Weltanschauung, daß ohne Rest Alles erforschbar ist oder sein wird, wenn auch das meiste voraussichtlich erst nach langer Zeit. Aber ich stak damals so unbedingt in meinen chemischen Arbeiten, daß ich deren Bearbeitung als die Aufgabe meines ganzen Lebens ansah und daher jede ernstlich-wissenschaftliche Vertiefung in außerhalb liegende Aufgaben für einen Raub am eigentlichen Inhalt meines Daseins hielt. So verzichtete ich auf die Verfolgung jener Gedanken, trotzdem sie damals und später immer wieder aufstiegen, und ließ mir nicht träumen, daß solche Probleme für mich einmal ganz in den Vordergrund rücken würden.
Vilm. Noch besser trafen wir es im nächsten Jahr. Auf meiner ersten Rügenfahrt hatte ich von Putbus aus die kleine Insel Vilm besucht, die eine halbe Stunde vor der Stadt liegt, einen prachtvollen Buchenwald und nur einige Häuser trägt, in denen der Förster wohnt, und während des Sommers ein bis zwei Dutzend Badegäste beherbergt. Wegen der wunderschönen Bäume und der mannigfaltigen Ufer hatten sich von jeher dort Maler eingefunden und in den Verkehrston der Gäste einen Zug von künstlerischer Heiterkeit und Freiheit gebracht. Im Speisesaal befand sich ein großes Wandgemälde, das in wohlgetroffenen Umrissen den Förster und seine[191]  sorgsame Gattin sowie eine Anzahl namhafter Badegäste darstellte, die früher oder später dort geweilt hatten.
Da die Universitätsferien so spät im Jahre begannen, ließ ich meine Frau mit sechs Kindern – wir hatten noch zwei Neffen in Pension genommen – ohne mich nach Rügen reisen. Sie gelangten ohne Unfall bis Putbus. Die Überfahrt nach der Insel Vilm, die auf einem Segelboot erfolgen mußte, war aber durch einen eben herrschenden Sturm erschwert. Nur auf die Versicherung, daß der Förster, der das Boot selbst steuerte, weit und breit als der zuverlässigste Segler bekannt war, entschloß sich meine Frau, die Kinder ihm unter diesen Umständen anzuvertrauen und er brachte seine kostbare Ladung unversehrt und in kürzester Frist hinüber.
Die Hausgenossen auf der Insel erwarteten nicht ohne Grauen die Ankunft der neuen Gäste. Dies Gefühl galt weniger dem Sturm, als der Kinderschar, von der man eine arge Störung der Gemütlichkeit befürchtete. Als ich indessen zwei Wochen später selbst auf dem Vilm eintraf, fand ich die ganze Gesellschaft wie eine große Familie. Die Kinder hatten nicht nur jene Befürchtungen zerstreut, sondern sich mit ihrer lustigen Unbefangenheit so gut dem allgemeinen Ton angepaßt, daß sie als Lieblinge von Hand zu Hand gingen und man ihnen ihre gelegentlichen Unarten freundlich nachsah.
Von den damaligen Feriengenossen sind mir der Maler Eschke, der Architekt Hoffmann, der Farbchemiker Lehne in angenehmer Erinnerung geblieben.
Deutsche Fahrt. Als nach zwei Wochen der Schluß der Schulferien die Heimreise nötig gemacht hatte, mußte ich feststellen, daß die Zeit nicht ausreichend war, um mir die Erholung zu schaffen, deren ich bedurfte. Da ich den Wunsch hatte, Deutschland genauer kennen zu lernen, baute ich mit Hilfe des Bädecker mir eine schöne Reise zusammen. Über Bamberg, Nürnberg,[192]  Regensburg, München, Chiemsee ging es nach Berchtesgaden, wo ein längerer Aufenthalt genommen werden sollte. Als Wandergefährte schloß sich mir der Philosoph Oswald Külpe an, der hernach in seinem Fache zu großem Ansehen gekommen ist und als Professor in München starb.
O. Külpe war ein baltischer Landsmann; er stammte aus Kurland. Damals war er noch Assistent bei Wundt und Privatdozent, hatte aber bereits begonnen, seine persönliche Philosophie zu entwickeln, so daß das Verhältnis zu seinem Direktor anfing, schwierig zu werden. In unserem Hause war er ein regelmäßiger Sonntagsgast, der meine Frau und mich durch seinen guten Appetit und sein vorzügliches Klavierspiel erfreute. Er war neun Jahre jünger als ich, von mittlerer Größe, mit dunkelblondem, etwas lockigem Haar und kleinem Schnurrbart, von beständig freundlichem Gesichtsausdruck und etwas femininem Wesen. Die Kinder liebten ihn nicht, denn er hielt aus theoretischen Gründen es für notwendig, sie frühzeitig an unangenehme Eindrücke zu gewöhnen und erzielte diese erfolgreich bei ihnen durch Examinieren aus den letzten Schulaufgaben. Als er gar einmal mit seinem Taschenkamm erst seinen Schnurrbart und dann die Haare der Puppen kämmte, die meine Töchter ihm gezeigt hatten, empfanden diese fürderhin nur noch Zorn und Abscheu gegen ihn.
Mir war er ein sehr angenehmer Reisegefährte, höchst empfänglich für Natureindrücke und niemals eigensinnig bezüglich der Einzelheiten unserer gemeinsamen Fahrt. Ich hatte ihn gewarnt, daß ich ihn durch Sitzenbleiben und Malen langweilen würde. Er hatte als Mittel dagegen einen Vorrat von neuen philosophischen Büchern mitgenommen, die er rezensieren sollte und in denen er bei solchen Gelegenheiten las. Besonders ausgiebig erwies sich dabei ein Buch von Windelband, gegen dessen[193]  Inhalt er so viel einzuwenden hatte, daß er gelegentlich auch mir seinen Widerspruch entwickelte. In dem Frohgefühl der neuen Horizonte, die ich mir eben in meiner Wissenschaft aufgetan hatte, war ich aber sehr ungerecht gegen diese Dinge, die ich für eitel Dunst hielt. Ich sah damals nicht voraus, welchen Raum sie hernach in meinem Kopfe in Anspruch nehmen würden.
Unsere Wanderfahrt war zunächst vom schönsten Wetter gesegnet und in mir sind noch viele von den anmutigen und großartigen Bildern anschaulich-le bendig, die wir damals aufgenommen haben. In Nürnberg gefiel mir besonders gut die Stetigkeit, mit der sich moderne Bauten und Erfordernisse an die alten Reste geschlossen hatten. Dagegen taten mir die Stunden hernach leid, die ich mit dem zwecklosen Betrachten vieler mir fern liegenden Dinge im Germanischen Museum zugebracht hatte. Theoretisch war ich damals von dem Gedanken des Museums ganz überzeugt, so daß ich mich etwas schuldbewußt fühlte, daß die Überzeugung nicht ausreichen wollte, um mir eine innere Teilnahme für die Sammlungen einzuflößen. Heute weiß ich, daß jene Einstellung ganz begründet war, denn es gibt nichts Sinnloseres und Ermüdenderes, als die Betrachtung von Dingen, an die man keine Fragen zu stellen hat.
Die Walhalla in Regensburg sah mit ihren riesigen Treppenanlagen von außen stattlich genug aus. Das Innere machte auf mich architektonisch den Eindruck einer großen Scheune. Die Ursache war, daß die ursprüngliche Holztechnik, von der die griechische Baukunst eine Nachahmung in Marmor ist (Holz war und ist in Griechenland das kostbare und seltene Material, Marmor das billige und gemeine) in diesem Innenraume sich so deutlich zur Geltung bringt, daß die erwähnte Gedankenverbindung sich unwillkürlich aufdrängt.[194]
Dagegen hatte ich in der Stadt ein großes Vergnügen an folgender Wandinschrift:

Ich altes Haus bin wohlbekannt
Bin stolz Zum weißen Lamm genannt.
Ich bin auch wahrlich zu beneiden:
Hier wohnte Mozart, Heine, Haydn.

Mir kam diese volkstümliche Form der Unsterblichkeit viel wünschenswerter vor, als die marmorne da oben in der Walhalla, wo sich schon der Name und die Gestalt des Baues rettungslos widersprechen.
Auf der Fraueninsel im Chiemsee trat man fast mit jedem Schritt auf einen Maler oder eine Malerin. Ich sah die Zunftgenossen mit Hochachtung an und wagte als Bönhase nicht, meinen Malkasten aufzuklappen, so einladend die duftigen Fernblicke über den See ausschauten. Den Besuch der Königsschlösser schenkten wir uns. Der Tod des romantisch-irrsinnigen Bayernkönigs lag nicht weit zurück und auf der Berliner Naturforscherversammlung (I, 238) war ich mit dem Leibarzt Gudden flüchtig bekannt geworden, der dabei sein beklagenswertes Ende fand. Persönlich hatte er allerdings keinen besonders angenehmen Eindruck auf mich gemacht.
In Berchtesgaden fanden wir nette und saubere Unterkunft bei einer sehr schönen Wirtin mit einem zornig-eifersüchtigen Mann. In langen Märschen durchwanderten wir die wunderbare Umgebung und ich empfand schmerzlich meine Unzulänglichkeit bei den Versuchen, sie mit Pinsel und Farbe darzustellen, so daß ich den Malkasten oft zuhause ließ.
Auch nach anderer Richtung erfüllte Berchtesgaden meine Hoffnungen nicht. Ich hatte vor der Abreise zuweilen schlaflose Nächte gehabt und gedachte durch die kräftige körperliche Ausarbeitung um so besser zu schlafen. Doch gelang dies keineswegs und ich habe[195]  mich später überzeugen können, daß der verminderte Luftdruck der Höhenlage daran schuld war. Denn jedesmal, wenn ich später in höheren Orten Erholung suchte, hatte ich mit Schlafschwierigkeiten zu kämpfen, während ich am Meeresufer, also an den tiefsten Stellen des Luftmeeres auch mich am tiefsten Schlaf erquicken konnte. Es hat lange gedauert, bis ich auf diesen Zusammenhang gekommen bin, nur weil ich mich nicht rechtzeitig gewöhnt hatte, die Regeln der wissenschaftlichen Beobachtungskunst auf meine eigenen Zustände anzuwenden. Ich weiß, daß ich in dieser Beziehung den meisten meiner Zeitgenossen noch überlegen war, und erschrecke bei dem Gedanken an die tiefe und fast hoffnungslose Unwissenschaftlichkeit, mit welcher meine Mitmenschen ihre wichtigste Angelegenheit, ihr eigenes Leben behandeln. Die letzte Ursache hierfür liegt in dem unwissenschaftlichen Gegensatz Seele-Leib, den Platon und der Platonismus unseren »Gebildeten«, insbesondere den Juristen, Theologen und Philologen unausrottbar eingepflanzt haben.
Immerhin gelang die gewünschte Erholung dadurch, daß meine Gedanken während der drei Wochen dieser genußreichen Reise ganz und gar von der Chemie abgelenkt blieben.
Von Berchtesgaden fuhren wir nach Rosenheim und Wörgl und bestiegen die Hohe Salve, die mir am Abend wie am nächsten Morgen je ein gutes Bild gab. Die wunderbare Schönheit der klaren Mondnacht zwischen den silbernen Gipfelriesen durfte ich freilich nicht wiederzugeben wagen.
In Innsbruck betrachtete ich mit Freude die eindrucksvollen Bilder, in denen F. Defregger die Ereignisse des Tiroler Aufstandes dargestellt hat. Der Raum enthält nichts, als diese sechs oder acht Gemälde und ist dadurch von so starker, weil einheitlicher Wirkung, wie ich keine andere Bildersammlung kenne.[196]
In dem anschließenden Museum, das die Werke Tiroler Maler enthält, fiel es mir auf, wie wirkungslos die landschaftliche Schönheit ihres Vaterlandes auf deren Schaffen geblieben war; es fanden sich nur aus jüngster Zeit einige Landschaftsbilder. Neun Zehntel waren Heiligenbilder, meist abstoßend anzusehen. Nur ein altes Bild – ich habe keine Ahnung, wer der Maler war – sah ich mit wahrem Vergnügen an. Ähnlich wie man früher zum Nutzen der Pferdebesitzer einen Gaul darzustellen pflegte, an welchem alle Krankheiten ersichtlich gemacht waren, die ein Pferd haben kann, so hatte der Künstler sich bemüht, einen Heiligen darzustellen, an dem sämtliche Martern ausgeübt wurden, von denen die Legenden berichten. Zunächst saß er in einem Kessel mit siedendem Öl und von oben wurde ein rotglühendes eisernes Hemd über ihn gesenkt. An seinen Augen und Ohren waren Henkersknechte beschäftigt, sie auszustechen und abzuschneiden. Beide Arme hatte er ausgebreitet, damit ihm die Fingernägel abgezwickt werden konnten. Ganz im Vordergrunde aber stand ein Mann, der ihm mittels einer Haspel den Darm aus dem Leibe zog und auf die Welle wickelte. Um aber die Erhebung des Heiligen über all diese Beanspruchungen zum Ausdruck zu bringen, hatte ihm der Künstler ein so vergnügtes Gesicht gemalt, das es wirklich unwiderstehlich über allen Graus triumphierte.
Von Innsbruck fuhren wir nach St. Anton, dem höchsten Punkt der Arlbergbahn und wanderten in das wilde Moosbachtal, von wo ich eine kennzeichnende Studie mitbringen konnte. Es war eine prachtvolle Wanderung, ganz einsam. Vor uns wilde Schneefelder, dahinter der dunkelgraue Himmel, von dem sie sich bleich abhoben, tief unten im Tal ein tosender Bach.
Um die langweilige Tunnelfahrt durch den Arlberg zu vermeiden, wanderten wir über den Paß. Der Himmel[197]  war zunächst klar, nur an den Bergspitzen hingen Wolken. Je höher wir aber kamen, um so mehr verschwand das Blau. Erst war es ein Nebel, dann wurde es eine Wolke und dann ein Regen, der aber nicht von oben noch unten fiel, sondern überall entstand. Wir wurden gründlicher naß, als je zuvor; dazu wehte ein schneidend kalter Wind. Im Sturmschritt kamen wir nach Langen, unserem Ziel, wo wir uns mit Glühwein und warmem Essen erfolgreich gegen die Erkältungsfolgen schützten. Bis Bregenz hellte sich das Wetter wieder auf und es gab einen schönen Sonnenuntergang. Am nächsten Morgen bestiegen wir den Pfänder und fuhren dann über den Bodensee nach Ludwigshafen, das damals noch nichts von der weltgeschichtlichen Bedeutung ahnte, die ihm Zeppelins großartige Arbeit bald darauf erwerben sollte.

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Hier trennten sich unsere Wege. Külpe kehrte nach Leipzig zurück und ich ging völlig erfrischt und zu neuer Arbeit fähig und bereit nach Heidelberg auf die Naturforscherversammlung, über die ich bereits in anderem Zusammenhange (II, 111) berichtet habe.
Meran. Die verhältnismäßig leicht wiedergewonnene Arbeitsfrische verleitete mich zu einer starken Energieausgabe, indem ich in sehr kurzer Zeit den »Grundriß der Allgemeinen Chemie« (II, 54) fertig schrieb. Ich mußte mich deshalb wieder in den nächsten Ferien nach Erfrischung umsehen.
Von den vielen Nachteilen unserer törichten Semestereinteilung an den Universitäten ist einer der größten der, daß die Osterferien so früh im Jahr liegen, daß man sie nicht zur Erholung im Freien bei uns benutzen kann. Die vielen Gelehrten, welche der Erfrischung bedürfen, werden dadurch gezwungen, sie im Süden zu suchen. Die meisten sind dadurch in Italien besser bekannt als in Deutschland und unser größter Fehler, die blinde Überschätzung alles Ausländischen,[198]  wird dadurch methodisch in den besten Köpfen befestigt.
Um wenigstens unter Sprach- und Stammgenossen zu bleiben, hatte ich als Ziel der Osterreise Meran gewählt, wo ich mit dem befreundeten Mathematiker Adolf Mayer (II, 100) zusammentreffen wollte, der einige Wochen früher dahin gereist war. Ich fand meine Hoffnungen erfüllt und übertroffen. Die Schönheit der Gegend und die Mannigfaltigkeit der Bilder, die sich meinem Pinsel darboten, überstiegen bei weitem mein sehr begrenztes Können, trugen aber wirksam zu meiner Erfrischung bei. Im Gedächtnis ist mir insbesondere eine lange einsame Wanderung längs einer der offenen Wasserleitungen gewesen, bei der ich mich zuweilen in bezug auf Schwindelfreiheit prüfen konnte.
Eine hübsche Überraschung ward mir auf einem meiner näheren Spaziergänge. Ich hörte hinter mir eine Stimme: »Das ist Ostwald, das muß er sein«, und als ich mich umsah, erblickte ich einen sehr alten Herrn mit zwei ziemlich alten Damen. Ich wurde herzlichst begrüßt und es stellte sich heraus, daß es mein allererster Lehrer Fromm aus Riga mit seinen Töchtern war, der mir die Grundlagen menschlichen Wissens beigebracht hatte. Er war über 80 Jahre alt, aber immer noch heiter und rüstig und übertraf an Lebensfrische durchaus seine Töchter, die unverheiratet geblieben waren. Eine von ihnen hatte mir dreißig Jahre vorher die Anfangsgründe der französischen Sprache beigebracht. Sie war damals blond und rundlich gewesen. Die andere war mir mager und dunkel in der Erinnerung. Wir Buben fürchteten sie, denn sie griff schnell und schmerzhaft zu, wenn sie Anlaß zu haben glaubte, uns in unsere Schranken zurückzuweisen.
Fromm erzählt mir, daß ihm unter dem Druck der Russifizierung die Verhältnisse in Riga unleidlich geworden[199]  waren. Er hatte sich ein kleines Vermögen erspart, das zusammen mit seinem Ruhegehalt ausreichte, ihm und seinen Töchtern ein bescheidenes Leben in Meran zu ermöglichen. Mich machte dies sehr nachdenklich. Wie wäre es mir ergangen, wenn jene Leipziger Berufung nicht gekommen wäre? Und werde ich selbst auch einmal einen solchen heiter-friedlichen Lebensabend nach achtzigjähriger Arbeit feiern können?
Von weiteren Begegnungen sind mir nur einige kurze Gespräche mit dem ausgezeichneten Berliner Mathematiker Kronecker im Gedächtnis geblieben. Er war ein alter, zwerghaft kleiner Herr mit bartlosem, beweglichen Gesicht, der mich mit einer Hochachtung behandelte, die mich in Erstaunen setzte und beschämte. Er muß von irgendeiner Seite, die mir unbekannt geblieben ist, übermäßig günstige Urteile über mich erfahren haben. Er interessierte sich insbesondere für die von mir geschaffenen Klassiker-Ausgaben. Auf die Wiedergewinnung meiner Arbeits- und Lebenslust hatte diese Begegnung einen nicht geringen Einfluß, da sie mir ein Zeichen war, daß ich mich mit meinen vielfältigen Bestrebungen doch im ganzen auf dem richtigen, der Menschheit nutzbringendem Wege befand.
Nach drei Wochen kurgemäßen Lebens in Meran konnte ich erfrischt und gestärkt zu meiner Arbeit zurückkehren, die sich im Laufe des Jahres weiter erheblich vermehrte. Denn im Herbst fand jene bahnbrechende Aussprache mit den englischen Fachgenossen auf der Britischen Naturforscherversammlung in Leeds statt, mit der das persönliche Übergreifen meiner Tätigkeit auf außerdeutsche Länder begann, und an die sich unmittelbar die Deutsche Naturforscherversammlung in Bremen schloß, auf der ich gleichfalls tätig zu sein hatte.
Riva. So gut es mir 1890 in Meran gefallen hatte, so vermißte ich doch den Anblick weiter Wasserflächen, der[200]  sich mir mit dem Begriff der Ferienerholung seit Riga fast untrennbar verbunden hatte. Beim Durchmustern der Landkarte unter dem doppelten Gesichtspunkt des frühen Frühlings und des Wassers bot sich der Gardasee dar, dessen Nordende noch in dem damaligen Österreich lag, das der Italienisch sprechenden Bevölkerung keinerlei Hindernisse im Gebrauch ihrer Muttersprache in den Weg legte. Nachdem 1918 die Südtiroler Gebiete politisch zum italienischen Königreich geschlagen worden sind, haben die Deutschen Bewohner dieses schönen Landes unter der Barbarei der Italienischen Herrschaft im Gegensatz dazu Schwerstes erdulden müssen.
Daß meine Kräfte vermindert waren, wurde mir auf der Reise Ostern 1891 nach Riva erschütternd klar. Meiner Gewohnheit gemäß hatte ich die Fahrzeiten so gewählt, daß ich in einem Zuge die Reise zurücklegen konnte und begann mit einer nächtlichen Fahrt von Leipzig nach München. Im Halbschlaf bei unbequemem Sitz war meine Denktätigkeit zwar wach geblieben, die Hemmungen dagegen waren eingeschlafen. So stürmten alle unerfreulichen Gedanken aus den verschiedensten Gebieten meines Lebens, dem wissenschaftlichen wie dem häuslichen ungehemmt auf mich ein, ohne daß ich mich von ihnen befreien konnte und spielten Fangeball mit meiner Seele. Ich habe mich kaum je unglücklicher gefühlt, als während jener Stunden. Auch der Sonnenaufgang war trübe. Doch klärte sich der Himmel und eine strahlende Sonne, mit der ich in München einfuhr, befreite mich endlich von diesen Dämonen.
In dem kleinen Städtchen Mori, wo die Zweigbahn nach Riva an die Hauptlinie angesetzt ist, übernachtete ich und betrachtete am anderen Morgen die fremdartige südliche Landschaft. Die Fahrt bis Riva bei klarstem Sonnenschein hob mich endgültig aus meinen Nebelgedanken heraus, denn sie gehört zu den eindrucksvollsten,[201]  die ich kenne. Das Bähnchen durchfährt zunächst ein steiniges Gelände, das immer dürrer und wilder wird, bis es schließlich ein Trümmerfeld aus hausgroßen Blöcken grauen Kalksteins von einem riesenhaften Bergrutsch ist. Es geht die Sage, daß seinerzeit Dante sich dort die Anschauungen für seine Beschreibung der Hölle geholt hat. Das eintönige Silbergrau des Kalksteins wird dann durch das reine Blaugrün eines kleinen Sees unterbrochen, der aus dem Grunde dieser Wüstenei emporleuchtet. Nachdem man wieder durch Trümmer und das dürftige Dorf Nago gefahren war, tat sich plötzlich ein weiter blauer Blick über den herrlichen See auf, der in der Nähe wie ein Fjord eng von steilen Felsen eingefaßt ist, während er in der Ferne sich in einer endlosen Ebene verliert.
Mit allen Organen sog ich die Schönheit in mich hinein, die jene finsteren Dämonen vollständig verscheuchte. In großen Kehren senkte sich die Bahn in die fruchtbare Talebene des Sarkaflusses, ging an dem wunderlichen Schloßfelsen von Arco vorbei und endete in dem Städtchen Riva im Nordwinkel des Gardasees. Da wegen des hohen Berges im Westen die Sonne dort schon etwa um 3 Uhr untergeht, brachte ich mich in einem Gasthof unter, der einige Kilometer westlich lag und drei Stunden länger Sonnenschein hatte.
Auch hier bewährte sich das Wandern und Malen als sicheres Heilmittel. Nur hatte ich mich auf soviel Blau nicht gefaßt gemacht, wie ich dort sah und malen durfte. Das mitgenommene Ultramarin reichte nicht aus und ich mußte mir frischen Vorrat nachsenden lassen.
Die Überarbeitung beruhte diesmal darauf, daß ich den ersten Band der zweiten Auflage meines Lehrbuches bearbeitet, d.h. so gut wie völlig neu geschrieben hatte. Nach einer Woche konnte ich melden, daß der Zustand der Erschöpfung, in dem ich angekommen war, in den[202]  vollkommener Gedankenlosigkeit hinübergedämmert war, was ich als ein sicheres Zeichen für das Gelingen der Kur nehmen konnte. Zur Ausfüllung der langen Abende erwies es sich als zweckmäßig, die über Tag aufgenommenen Photogramme eines nach dem anderen zu entwickeln. Mit besonderer Liebe hatte ich Aufnahmen von den dort zahlreich vorkommenden Eseln gemacht, die mich durch das ausdrucksvolle Spiel ihrer Ohren angezogen hatten.
Mit dem Abschluß der zweiten Woche war die Genesung da und ich konnte mich arbeitslustig auf den Heimweg machen. Es kam mir unrecht vor, bloß zu meinem Vergnügen das Nichtstun fortzusetzen, obwohl eben das Wetter schön geworden war und die Bäume sich in junges Grün gekleidet hatten. Aber ebenso hoffnungsvoll sproßten in meinem Geiste die Knospen der Energetik aus, die im Laufe des gleichen Jahres ihre ersten Blätter entfalten sollten und ich war ungeduldig, mich dieser ganz besonders anziehenden Arbeit hinzugeben.
Im Herbst begnügte ich mich deshalb auch mit einer kurzen Erholungsreise durch das Erzgebirge, die ich zum Teil mit meinem Kollegen Bruns (II, 94) zusammen machte. Das regnerische Wetter trieb mich bald nach Hause.
Torbole und Schierke. Den nächsten Frühling verbrachte ich wieder am Gardasee, der es mir angetan hatte; einen genügenden Vorrat Ultramarin hatte ich mitgenommen, ebenso wie meinen ältesten Sohn, der schon groß genug dazu war. Diesmal brachte ich mich in Torbole unter, einem Dörfchen in der nordwestlichen Ecke des Sees, eine Stunde von Riva entfernt. Ich hatte von Riva aus seinerzeit gefunden, daß die malerische Ausbeute dort besonders groß war. Und wenn ich jetzt die Studien betrachte, die ich in jenem Jahre gemalt habe, so kann ich einen deutlichen Fortschritt feststellen. Er beruht[203]  darauf, daß die Dinge, die mir das erstemal ganz neu gewesen waren, sich inzwischen in meinem Unterbewußtsein heimisch gemacht hatten, so daß ich ohne erschwerende Zwischenarbeit an die Darstellung gehen konnte.
Der Herbst 1892 war reichlich mit mannigfaltiger Ablenkung von der Forschungs- und Unterrichtsarbeit erfüllt. Anfang August, unmittelbar nach dem Schluß der Vorlesungen reiste ich nach Edinburgh, um die dortige Versammlung der Britischen Vereinigung mitzumachen (II, 142). Die kurzen Tage mit der Familie Ramsay auf der Insel Arran hatten nicht ausgereicht, meine Kräfte wieder herzustellen; ich ging deshalb nach meiner Rückkehr nach Schierke im Harz, um tunlichst in der Nähe von Leipzig zu bleiben. Es gelang mir dort, trotz der Überfüllung des Orts, mich still zu halten, denn in den ausgedehnten Wäldern verliefen sich die Leute so bald, daß wenige Minuten nach dem Verlassen des Dorfes mich die schönste Einsamkeit umfing. Meine Malversuche ließen mich erkennen, wieviel größere Schwierigkeiten die Bewältigung der deutschen Landschaft dem Künstler bereitet, der sich mit der viel einfacheren italienischen schon gut abzufinden gelernt hat.
Während ich mich in Schierke befand, brach in Deutschland von Hamburg aus die Choleraepidemie los, die letzte, von der wir heimgesucht worden sind; bekanntlich ließ sie sich auch damals schnell eindämmen. Ich rechnete nach und fand, daß ich auf der Rückreise von Edinburgh durch Hamburg an demselben Tag gekommen war, an dem die ersten Cholerafälle beobachtet wurden. Obwohl für Leipzig kaum Gefahr bestand, beendete ich doch meine Kur sobald es ging, um auf alle Fälle bei den Meinen zu sein. Vermutlich waren meine Energievorräte in der kurzen Zeit nicht genügend aufgefüllt worden, denn in der folgenden Zeit ergriff mich das Gefühl der Ermüdung nicht erst am Ende des[204]  Semesters, sondern ich hatte darunter nicht selten während der Arbeitszeit zu leiden.
Boltzmann und Lohengrin. Im Frühling 1893 suchte ich meine malende Erholung in Gargnano, wieder am Gardasee. Der Ort hatte für mich ein gewisses Interesse, weil der Begründer der Elektrochemie, der Naturphilosoph Johann Wilhelm Ritter, mit dessen Arbeiten ich mich eben beschäftigte, den Wünschelrutenmann Campetti, der in seiner letzten Münchener Periode eine besondere Rolle gespielt hat, im Jahre 1807 aus Gargnano abgeholt hatte. Außerdem durfte ich nach Ausweis der Karte eine besonders malerische Gegend erwarten, da dort das Gebirge sich gegen die Ebene abzusetzen beginnt. Und endlich konnte ich auf ungestörte Einsamkeit hoffen, da zufolge Bädecker die Unterkunftsmöglichkeit sich auf einen einzigen Gasthof beschränkte.
Auf dem Wege dorthin machte ich in München eine Fahrpause, um dort Bilder und Kollegen aufzusuchen. Diesmal zog es mich besonders dorthin, weil inzwischen Ludwig Boltzmann, den ich wissenschaftlich wie persönlich sehr hoch schätzte, von Graz an die dortige Universität übergesiedelt war. Ich fand ihn trotz der Ferien zu Hause, und er war sichtlich erfreut, mich zu sehen. Seine Frau erzählte mir später, daß er wiederholt eine besondere Vorliebe für mich geäußert habe. Ich fragte ihn, ob und wo wir den Abend gemeinsam verplaudern könnten, und er antwortete: »Ach, ich habe gerade auf heute zu mir so eine dumme Gesellschaft eingeladen, da kann ich nicht fort.« Im Laufe des Gesprächs kam er wiederholt auf diesen leidigen Zufall zurück, bis endlich die Frau ausrief: »Aber Ludwig, Du kannst doch den Herrn Professor auch zum Abend einladen!« Boltzmann schlug sich vor den Kopf: »Daran habe ich wirklich nicht gedacht, das ist ja ganz einfach so. Also Sie kommen?« Ich sagte lachend zu.[205]
Der Abend verlief sehr angeregt. Ich traf dort den alten Physikprofessor Lommel, den Musiker Kienzl, der später den »Evangelimann« komponiert hat, und einige schweigsame Maler mit ihren Damen. Kienzls Gattin sang Lieder ihres Mannes, die mir sehr gefielen. Mit Lommel sprach ich über den mit Budde auszuführenden Plan eines energetischen Physiklehrbuches. »Das ist eine ungeheure Arbeit«, sagte er, »aber wenn Einer sie machen kann, so sind Sie es.« Das ging mir sehr wohltätig ein. Das lebhafte Gespräch wandte sich auf Richard Wagner und ich äußerte unter anderem Bedenken über die Logik des Lohengrindramas. »Wie konnte Wagner«, meinte ich, »die Frage Elsas zum Knotenpunkt der ganzen Handlung machen, nachdem ihr Retter ihr dies, und nur dies ausdrücklich verboten hatte!« Frau Boltzmann aber bemerkte dazu: »Ich weiß doch nicht, ob Sie Recht haben. Aber das weiß ich: ich hätte auch gefragt.«
Seitdem ist meine Achtung vor Wagner, dem Frauenpsychologen, sehr bedeutend gestiegen.
Die Regenschirme. Als ich am späten Nachmittag in Gargnano ankam, war ich zunächst enttäuscht. Zwar war der Gasthof klein und sauber, der Ort selbst aber erwies sich als ein schmutziges Nest mit engen, elend gepflasterten Gassen, die Straßenwinkel nach Italienischer Art reichlich geschmückt mit den Denkmälern menschlichen Stoffwechsels; auch tote Katzen fehlten nicht. Mir fiel auf, daß diese nationalen Besonderheiten genau hinter der politischen Grenze auftraten; in den zu Österreich gehörenden Nestern auf der anderen Seite hatte ich das nicht gesehen, obwohl sie von ganz demselben Italienisch sprechenden Menschenschlag bewohnt waren.


An dem kleinen Hafen war ich so ungeschickt, meinen Regenschirm ins Wasser fallen zu lassen. Ich versprach eine Lira dem, der ihn mir herausholen würde und veranlaßte[206]  dadurch ein Volksfest. Denn die ganze Jugend des Ortes hatte sich alsbald versammelt und begleitete die Bemühungen einiger Männer um die Rettung des Schirms mit betäubendem Geschrei. Als ich dann den nassen Schirm aufspannte und ihn zur Entfernung des Wassers in schnelle Drehung versetzte, zerbrachen an dem elenden Ding alle Gelenke, mit denen die Stäbe am Stiel befestigt waren. Die Ruine überantwortete ich den Jungen, um zu versuchen, ob sie noch lauter schreien konnten. Sie brachten es sofort fertig.
Diese Schirmgeschichte war nur ein Akt eines längeren Dramas. Als ich Leipzig verließ, hatte mir meine Frau einen billigen Reiseschirm besorgt: »weil Du ihn doch irgendwo stehen lassen wirst«. Sie hatte Recht, denn in München kaufte ich mir zur Abreise den zweiten, da der erste nicht mit mir ausgestiegen war. Dieser zweite setzte die Reise selbständig über Mori hinaus nach Chiasso fort, während ich in Mori ausstieg. Den dritten hatte ich in Riva erstanden, wo ich auf den Dampfer für Gargnano zu warten hatte; er war nun auch den Weg aller Schirme gegangen. Den vierten in Gargnano gekauften aber habe ich wirklich bis nach Leipzig gebracht. Es war aber nicht der Mühe wert.
Diese Geschichte hatte im Herbst ihr Nachspiel zu meinem Geburtstage. Da traten meine Kinder, eines nach dem anderen auf, indem sie sich durch Kleidung und Ausputz als wilde Bewohner ferner Länder auswiesen. Jedes überreichte mir als Bote seines Landes einen Schirm, den ich auf meiner letzten Reise dort stehen gelassen hätte und sprach dazu einige kauderwelsche Verse, welche die Sprache seines Landes darstellen sollten, aber doch hinreichend deutsch klangen, um verstanden zu werden.
Als ich in den nächsten Tagen die Umgebung von Gargnano kennen lernte, änderte ich mein erstes Urteil[207]  von Grund aus. Sowie man aus den Gassen heraus war, traf man malerische Aussichten über Berg und See. Ich habe dort keine andere Gegend kennen gelernt, welche derart aus lauter »Gegend« (im malerischen Sinne) bestand. So ergab ich mich mit Freude und Erfolg der geliebten Malerei und habe nicht weniger Stücke auf meine Weise erlegt, als mein Vater Enten auf seinen Jagdzügen zu erlegen pflegte.
Fraunhofer. Die Herbstreise 1893 war eine der schönsten, deren ich mich erinnere. Ich war sehr spät, Anfang Oktober, über München nach Tölz gefahren und wanderte von dort über Benediktbeuren nach dem Kochelsee. Benediktbeuren war mir merkwürdig als der Ort, an welchem der geniale Optiker Fraunhofer seine grundlegenden Arbeiten gemacht hatte.
In Heinrich Zschokkes »Selbstschau« berichtet dieser aus seinem dritten Besuch in Bayern (er hatte eine Geschichte dieses Landes geschrieben und stand mit dem Minister Montgelas in Verkehr) vom Jahre 1817 folgendes: »Ich fuhr mit Utzschneider nach einer seiner Besitzungen, dem ehemaligen Kloster Benediktbeuren, wo er mir seine Entsumpfungsarbeiten, Pflanzungen, Tabaksfabriken und Glasschmelze zeigte. In der Unterhaltung mit dem Vorsteher der letzteren vergaß ich alles übrige. Erfahrungen und Ideen dieses Mannes über Elastizität der Körper, über Strahlenbrechung, Farbenzerstreung des Lichts usw., meistens neu, setzten mich in nicht geringes Erstaunen, um so mehr, da er meine schüchternen Zweifel immer sogleich mit angestellten Experimenten vernichtete. In München hatte mir niemand von diesem außerordentlichen Geist gesprochen. Man kannte ihn nicht. Es war der Naturforscher Fraunhofer. Ich bat ihn um Bekanntmachung seiner Entdeckungen. Er meinte bescheiden, es wären das nur Hobelspäne, die bei der Arbeit zur Verbesserung optischer[208]  Werkzeuge abgefallen wären. Aber diese Hobelspäne, rief ich, sind für die Wissenschaft so wichtig, vielleicht wichtiger, als Ihre Gläser! Er lächelte und blieb ungläubig. In München sprach ich mit Begeisterung von dem Manne, der eine Zierde jeder Akademie sein würde, und zwar in einer Gesellschaft mehrerer Akademiker. Man lächelte auch da ungläubig. Indessen ward auf des berühmten Sömmering und Schlichtegroll Vorschlag eine Lustreise zu dem Wundermann von Benediktbeuren beschlossen. Als ich hernach Fraunhofers Aufnahme in die Akademie erfuhr, und in den Denkschriften derselben einen seiner Hobelspäne, die Abhandlung über die Bestimmung des Brechungs- und Farbenzerstreuungsvermögens wiederfand, freut' ich mich nicht wenig meines Triumphs über die ungläubigen Lächler.«
Bayrische Berge und Seen. Damals kannte ich diese Sache nicht, wohl aber wußte ich, daß Fraunhofer sich aus dürftigsten Verhältnissen emporgearbeitet hatte und hatte dafür gesorgt, daß jene grundlegende Arbeit in den »Klassikern« allgemein zugänglich gemacht wurde, wobei ich einen großen Respekt von der durchdringenden Klarheit seines Denkens bekommen hatte. Doch begnügte ich mich mit einem Blick im Vorüberwandern auf den Ort seines Wirkens. Denn ich muß bekennen, daß Goethes Spruch: Die Stätte, die ein großer Mann betrat, ist eingeweiht, mir niemals etwas Verständliches gesagt hat, und daß mir, wenn ich aufrichtig reden soll, das Anstaunen solcher Stätten immer etwas primitiv, deutsch gesagt: kindisch vorgekommen ist.
Am Nachmittag kam ich müde und heiß in Kochel an, erlebte dort aber einen so schönen Sonnenuntergang am See, daß ich den Malkasten richtete und seinen Eindruck festzuhalten suchte. Die folgenden Tage, welche ich auf dem Wege zum Walchensee und an ihm verbrachte, gehören zu den schönsten, die ich erlebt habe.[209]  Die etwas melancholische Anmut dieser Landschaft ging mir unmittelbar zu Herzen und ich habe lange Zeit mich mit dem Gedanken getragen, dort mir die Heimat für die Zeit zu gründen, in der ich nicht mehr an die Universität gebunden sein würde. Ich habe den Walchensee seitdem nicht wiedergesehen; er wird durch die inzwischen erfolgte Fassung seiner Wasserkräfte wohl manches von seiner damaligen einsamen Beschaffenheit verloren haben.
Vom Walchensee wanderte ich durch endlose Buchenwälder nach Eschenlohe und fuhr von dort nach Partenkirchen. Der Badersee und der Eibsee stellten mir zahlreiche neue Aufgaben der Darstellung, eine schöner als die andere. Dazu kam ein ziemlich wechselndes Wetter, welches mir hochdramatische Landschaftserlebnisse verschaffte. So saß ich in ziemlich dichtem Nebel malend am Frillensee, einem kleinen Gewässer neben dem Eibsee, hinter dem sich königlich die Zugspitze erhebt, von der ich aber eben nichts sehen konnte. Aus dem Nebel wurde ein Regen, aus diesem ein Gewitter, das mich aber nicht von meinem Malstuhl vertrieb, da ich auf meinen Wettermantel vertrauen konnte und schon in Berchtesgaden gelernt hatte, im Regen zu malen. Ebenso schnell, wie es gekommen war, verzog sich das Gewitter und plötzlich stand im Glanze der Abendsonne die gewaltige Masse der Zugspitze, bedeckt bis unten vom Neuschnee, rosig strahlend auf dem Blauschwarz der abziehenden Wetterwolken da. Ich habe nie auch nur annähernd etwas so Großartiges in Italien gesehen.
Mit diesen Eindrücken im Herzen begann ich in Leipzig die Semesterarbeit und förderte die Hauptgedanken der Energetik zutage.
Die Riviera. Immer dringender wurde die Notwendigkeit einer Ausspannung nach Schluß des langen und anstrengenden Wintersemesters. Meine Wahl fiel diesmal (1894) auf den Badeort Santa Margherita in der[210]  Nähe von Rapallo an der italienischen Riviera, der mir von Leipziger Bekannten als besonders schön empfohlen wurde. Ich fuhr mit meinem ältesten Töchterchen hin, das mit seinen zwölf Jahren schon verständig genug war, um, wenn nötig, für sich sorgen zu können.
Die Verbindung von Meer und Fels bei reichlichem Pflanzenwuchs ergab in der Tat eine große Anzahl schöner Bilder, die meine Künste um so mehr in Anspruch nahmen, als ich im Hinblick auf die neuen Aufgaben das Format meiner Blätter verdoppelt hatte. Ich fand, daß hierdurch eine ziemlich starke Veränderung meiner Technik in bezug auf die Bewältigung der Einzelheiten erfordert wurde, so daß die neuen Aufgaben mich erfreulich beschäftigten. So gelang es, die inneren Nebel zu zerstreuen, welche in unerwünschter Weise den bisher so klaren Horizont meines Geistes zu beschatten anfingen. Auch ein anderes Zeichen der beginnenden Erschöpfung machte sich geltend: ich begann gelegentlich über meinen Zustand mich klagend auszusprechen, während ich ihn bisher wie eine Sache, der man sich schämen muß, für mich behalten hatte.
Von den Einzelheiten jener Tage ist mir im Gedächtnis geblieben, daß täglich ein Jüngling sein weißes Roß mit dramatischer Gebärde die Straße daher tänzeln oder galoppieren ließ. Die Damen sahen ihm mit verhimmelten Augen nach und seufzten. Und da ich lachte, sagten sie: das ist ein herrlicher Dichter, er heißt Gabriele d'Annunzio. Als ich einmal probeweise eines seiner Bücher las, mußte ich über den »Gabrunzio« noch mehr lachen.
Die Nordsee. Die Erholung im Herbst suchte ich diesmal an der Nordsee auf der Insel Amrum, doch mit schlechtem Erfolg. Während die Ostsee stets beruhigend und kräftigend auf mich gewirkt hatte, verspürte ich hier einen gegenteiligen Einfluß. Ich wurde unruhiger und[211]  nervöser und fühlte mich, als ich einmal ein wenig länger gebadet hatte, tagelang darauf sehr elend. Nur der Malkasten brachte mich langsam wieder einigermaßen zurecht. Das neue Semester mußte ich dann mit ungenügend aufgefülltem Energievorrat beginnen, der zudem durch die sehr ausgedehnte Arbeit für meine Geschichte der Elektrochemie stark in Anspruch genommen wurde. Auch machten die Vorbereitungen für den Bau des neuen Laboratoriums viel Arbeit.
Am Langensee. Im Frühling 1895 war ich zur Abwechslung nach Locarno am Nordende des Langensees gegangen, das 30 Jahre später so berühmt geworden ist. Es liegt am Fuße des Hochgebirgs und die Verbindung von Berg, Ebene und See versprach eine große malerische Ausbeute. Tatsächlich fand ich reichlich bildmäßige Punkte und ergab mich der gewohnten Malerei mit dem zunehmenden Erfolg, daß mir die Darstellung des Wesentlichen eines solchen Anblicks immer leichter und selbstverständlicher von der Hand ging. Ich brauchte nicht mehr bewußt nachzudenken: dies und das muß ich machen, um das und jenes zu erzielen, sondern dieser ganze Umsetzungsvorgang vollzog sich unterbewußt und das Bild entstand wie von selbst. Hat man dies erreicht, so ist das Malen ein großer Genuß.
Im übrigen war ich recht erschöpft angekommen und brauchte längere Zeit, bis die zugehörigen Druckgefühle im Kopf verschwanden. Deshalb beschäftigte mich die Frage ernstlich, ob ich nicht am besten täte, die Professur aufzugeben und als Privatgelehrter in erquicklicher Umgebung den Rest meines Lebens mit solchen Arbeiten zu verbringen, bei denen ich nicht von der Mitarbeit, dem Wohl- oder Übelwollen anderer Menschen abhängig sein würde. Ich sah mich um, ob ich nicht am Orte das finden könnte, was mir vorschwebte, denn die Mannigfaltigkeit der Gegend[212]  versprach, auf viele Jahre für meine malerischen Bedürfnisse vorzuhalten.
In solchem Sinne stach mir am meisten in die Augen ein altes Gemäuer nahe am Ufer des Sees, die Casa ferrata genannt nach den dicken Fenstergittern. Bädecker erzählt, daß dort in früheren Jahrhunderten das Rohmaterial für die verschiedenen Schweizergarden im Auslande zur Ausfuhr gesammelt und bereit gehalten worden sei; zur Zeit wohnten nur einige Bauern darin, welche die zugehörigen Weinberge bearbeiteten. Doch gab ich diese Gedanken auf, weil ich mir sagte, daß zwar die politische Ordnung der Schweiz stabil genug sei, um sie als Konstante in die Lebensrechnung aufzunehmen, daß aber ein dauerndes Leben zwischen einer Bevölkerung von anderer Sprache und anderem Wesen doch nicht behaglich sein und werden kann, um so weniger, je älter man wird.
Nachdem ich zwei Wochen lang mich dort satt gemalt hatte, fuhr ich mit dem Dampfschiff nach dem italienischen Teil des Sees und brachte mich in Pallanza unter. Die Landschaft erwies sich als hinreichend verschieden von der eben gehabten, so daß meine Malerei einen neuen Aufschwung nahm. Die Isola bella, die vor meinen Augen lag, mochte ich nicht besuchen, da mir das theatralische Wesen zuwider war. Dagegen besuchte ich die Granitbrüche von Baveno, um dort Feldspatzwillinge zu sammeln, deren Aufbau nach dem »Bavenoer Gesetz« ich mir schon in Dorpat eingeprägt hatte. Ich habe aber keine gefunden. Dagegen interessierte es mich, zu beobachten, wie die Arbeiter mit Hilfe einer Reihe von Meißeln, die methodisch geschlagen werden, den Granit in dünne Bretter zu spalten verstehen, die zur Einfassung der Gärten und Felder verwendet werden. Auch hier ergaben sich zahlreiche Bildstudien.
Vorbereitung auf Lübeck. Der große Vortrag: Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus, den[213]  ich im Herbst auf der Naturforscherversammlung zu halten gedachte, beschäftigte mich bereits sehr. Es handelte sich hierbei für mich um einen Schritt, dessen Tragweite ich mehr fühlte als erkannte: die Wendung von der Einzelwissenschaft zur Philosophie oder Allgemeinwissenschaft. Ich bin ganz sicher, daß diese Wendung sich selbsttätig mit der Unwiderstehlichkeit eines natürlichen Wachstumsvorganges in meinem Geiste vollzog. Ich habe niemals das Gefühl gehabt, als stände ich an einem Scheidewege und müßte mich entschließen, ob ich meine Bahn rechts oder links suchen solle. Sondern ich war über die Richtung meiner Fortbewegung niemals im Zweifel und etwaige Erwägungen bezogen sich höchstens auf die Frage, wie geschwind ich fortschreiten sollte oder konnte.
Die erste Niederschrift für den Vortrag geschah auf der Heimfahrt vom Langensee in München. Ich weiß nicht mehr, an welcher Stelle ich dort hinter einem Tischchen saß und mit fliegender Hand etwa die Hälfte davon niederschrieb. Wohl aber weiß ich, daß dies unter Gefühlen der Erhebung geschah, die zwar nicht so stark waren, wie die der ersten Empfängnis der energetischen Gedanken, aber doch von ähnlicher Beschaffenheit.
Die Erkrankung. Die Vorgänge auf der Lübecker Versammlung habe ich schon erzählt. Sie waren von der Beschaffenheit, daß sie auch einen vollkräftigen Mann umwerfen konnten. Ich hatte seit dem Antritt meines Lehramts in Riga im Januar 1882 ununterbrochen aufbauende und schaffende Arbeit getan, deren Umfang und Mannigfaltigkeit beständig zugenommen hatte und mich bei den auftretenden Erschöpfungserscheinungen damit begnügt, mich gleichsam oberflächlich zu reparieren, bis die sichtbaren Zeichen des Verbrauchs zugedeckt waren. Nun aber waren die Reserven vollständig erschöpft und ich erlitt den unvermeidlichen Zusammenbruch.[214]  Schlaflose Nächte, niedergedrückte Stimmung, die sich nicht überwinden ließ, Unfähigkeit zur Arbeit, Gedankenflucht, kurz die wohlbekannten Erscheinungen der Überbeanspruchung des Gehirns traten Ende 1895 bei mir auf und machten mich sehr unglücklich. Denn ich glaubte, wie jeder Kranke in solchem Zustande, daß nunmehr meine wissenschaftliche Tätigkeit zu Ende gekommen sei und wußte nicht, womit ich künftig mein Leben ausfüllen wollte.
Eine Beratung durch meinen Kollegen Flechsig, den Psychiater, klärte mich über die physiologischen Ursachen dieses Zustandes auf und erweckte Hoffnung auf seine Beseitigung. Nur völlige Ruhe und zunächst die Ausschaltung aller wissenschaftlichen Arbeit sei erforderlich, sagte er. Zustände, wie der meine, seien bei Gelehrten nicht selten und hätten sich meist vollständig beseitigen lassen.
So wandte ich mich an die vorgesetzte Behörde um einen Urlaub für das bevorstehende Sommersemester, der mir bereitwilligst gewährt wurde.
Bordighera. Nachdem ich die Vorlesungen beendet hatte, reiste ich im März zunächst an das Mittelländische Meer, um dort so viel Sonne zu genießen, als möglich war. Ich brachte mich in Bordighera unter, eigentlich aus keinem anderen Grunde, als weil dort die »sieben Palmen am Meeresstrand« stehen, die J.V. Scheffel in einem ausdrucksvollen Gedicht erwähnt. Zur Ausfüllung der bevorstehenden vielen leeren Stunden nahm ich den Malkasten und einen reichlichen Vorrat Farbtuben mit, ebenso mein photographisches Gerät.

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Es fiel mir gar nicht schwer, mich auf das vorgeschriebene Pflanzenleben ohne ernstliche geistige Tätigkeit einzustellen. Denn ich hatte es gut mit dem Wetter getroffen, das mir den ärztlich vorgeschriebenen Sonnenschein nicht vorenthielt und mir lange und erquickliche[215]  Spaziergänge ermöglichte. Das Malen, dem ich mich alsbald mit Behagen hingab, da die zugehörigen Hirngebiete nicht erschöpft waren, füllte einen großen Teil der Tage erfreulich aus. Nachdem die nähere Umgebung erschöpft war oder doch an Interesse verloren hatte, erforderte das Aufsuchen neuer Landschaften immer weitere Wanderungen, was durchaus den Anweisungen entsprach, die ich zwecks Genesung zu befolgen hatte. Meist machte ich von der gemalten Stelle auch eine Lichtbildaufnahme, die mich die Fehler erkennen ließ, welche ich bei der freihändigen Zeichnung begangen hatte. Dadurch erwarb ich mir allmählich eine größere Sicherheit, die räumlichen Verhältnisse der Landschaft richtig aufzufassen und darzustellen, und fand in solcher Beschäftigung einen Ersatz für die verbotene wissenschaftliche Arbeit, nach der ich übrigens kein Gelüst verspürte.
So hatte ich wenig Bedürfnis, mich der vorhandenen Gesellschaft in meinem Gasthof anzuschließen, die großenteils aus Deutschen bestand und einen angenehm ruhigen Eindruck machte. Ich erinnere mich nur einiger Gespräche, in die der Dichter und Schriftsteller R.v. Gottschall, damals schon ein recht alter Herr, mich verwickelte. Doch konnten wir, vermutlich wegen meines entschlossenen Realismus, keinen gemeinsamen Boden finden. Er war ein kleiner, beleibter, aber beweglicher Mann mit gefärbtem Haar oder Perücke, der seinem Schnurr- und Knebelbart sorgfältige Pflege angedeihen ließ, sonst aber sich etwas vernachlässigte, mit großen Säcken unter den Augen, die zuweilen wässerig ins Leere starrten.
Etwas später traf ich mit meinem lieben Kollegen und Institutsnachbar Leuckart zusammen, der seine Frau und seine kranke Tochter nach Bordighera gebracht hatte. Er war trotz seiner hohen Jahre heiter und rüstig, so daß er sich zu weiten Wanderungen mit mir willig[216]  zeigte. Ich mache mir noch jetzt Vorwürfe, daß ich dabei nicht vorsichtig genug war, ihn vor Überanstrengung zu bewahren, die er übrigens schnell überwand. Mit seiner sprudelnden Laune hatte er sich bald eine Anzahl Freunde unter den Tischgenossen gewonnen, mit denen er auszog, um den Asti spumante, einen leichten und wohlfeilen Schaumwein, zu probieren, wie er in verschiedenen Kneipen des Ortes ausgeschenkt wurde. Ich muß bekennen, daß ich mich nicht ausschloß; auch ist es mir nicht schlecht bekommen.
Später traf noch ein anderer Leipziger Kollege, der Geologe Credner mit seiner Familie ein, gleichfalls ein ungewöhnlich lebensfroher Mann, nicht viel älter als ich. Doch waren wir nicht viel zusammen. Er war durch seine Frau der reichste unter den Leipziger Kollegen geworden und lebte entsprechend, obwohl er wie seine Gattin sich persönlich anspruchslos als gute Kameraden gaben. Ich aber gedachte der Ursachen, welche mich nach Bordighera geführt hatten und zog wieder frühzeitig mit dem Malkasten zu einsamen Wanderungen aus.
Freshwater Bay. Früh im Mai beendete ich diese erste Station auf dem Wege meiner Genesung. Mir war inzwischen die italienische Landschaft sehr langweilig geworden, ebenso wie das täglich sich in allen Einzelheiten wiederholende schöne Wetter und es fiel mir immer wieder die alte Schulscherzfrage ein: wer lacht über Italien? mit der Antwort: ein ewig blauer Himmel.
Somit reiste ich heim und stellte mich meinem Berater Flechsig vor, der recht zufrieden war und mir empfahl, den Frühling auf der Insel Wight zu verleben, deren Klima mir ermöglichen würde, weiterhin beständig im Freien zu sein. Ich begab mich nach dem kleinen Badeort Freshwater Bay im Westen der Insel, wo ich in einem Temperenz-Hotel bescheidene, aber ruhige und saubere Unterkunft fand.[217]
Mit diesem Aufenthalt war ich ganz besonders zufrieden. Das Wetter war meist sonnig und warm, aber im Gegensatz zu der ermüdenden Gleichförmigkeit an der Riviera zeigte jeder Tag in Beleuchtung, Wolkenbildung, Sonnenuntergang ein anderes Gesicht. Ebenso war das Meer mit den stark entwickelten Gezeiten unvergleichlich viel mannigfaltiger, als das Mittelmeer mit seinen unveränderlichen Ufern. So gab es beim Malen viel mannigfaltigere und schwierigere Aufgaben zu lösen und ich gab mich mit Freude dieser Arbeit hin.
Pfingsten. Eine sehr erfreuliche und willkommene Unterbrechung fand diese einsame, aber gut erfüllte Zeit durch einen Besuch, den mir W. Ramsay von London aus während der Pfingstfeiertage machte. Er wußte von meiner Erkrankung und war froh überrascht, mich anscheinend in voller Gesundheit vorzufinden. Da er sich an die ärztliche Vorschrift hielt, wissenschaftliche Fragen fern zu halten oder nur flüchtig zu berühren, kam das persönlich Menschliche um so mehr in den Vordergrund und brachte mir einige sehr glückliche Tage und ein dauerndes nahes Verhältnis zu diesem genialen Forscher. Es wurde erst durch den Weltkrieg zerrissen, dessen Erregung Ramsay in einen leidenschaftlichen Haß gegen alles Deutsche hineinriß. Er war eines der vielen Opfer der niederträchtigen Lügenpropaganda, mit welcher unsere Feinde schlimmer als mit Giftgasen gegen uns gewütet haben. Seine geringe Widerstandsfähigkeit gegen jene Verleumdungen, deren Unwahrheit ihm aus der guten und mannigfaltigen Kenntnis deutschen Wesens hätte deutlich sein sollen, die er sich bei seinen vielen Besuchen Deutschlands erworben hatte, beruhte vielleicht schon auf seiner Erkrankung, die ihn bald zum Tode führte.
Beginnende Genesung. Nachdem ich dergestalt ein Vierteljahr lang völlige Enthaltung von wissenschaftlicher[218]  Arbeit geübt hatte, versuchte ich noch in Freshwater Bay vorsichtig, wieder den Betrieb aufzunehmen. Ich ließ mir einige Manuskripte schicken, die zur Aufnahme in die Zeitschrift eingesandt waren und auf Beurteilung und Entscheidung harrten. Das erste rührte von einem meiner Rigaer Assistenten namens Trey her, mit dem ich gleichzeitig das Realgymnasium besucht hatte. Er war damals mit einer ungewöhnlich schlechten Handschrift behaftet und hatte deshalb bei einem wandernden Schönschreibelehrer Unterricht genommen, der sich verpflichtete, jedem Schüler binnen vierzehn Tagen eine gute Handschrift beizubringen. Treys Eltern wendeten das nicht allzu hohe Entgelt daran und der Erfolg war erstaunlich, denn die Handschrift des Patienten wurde wirklich sicher und schön. Und was noch erstaunlicher war: sie blieb so durch Treys ganzes Leben. Leider habe ich ihn nicht nach dem Geheimnis dieses Erfolges gefragt.
Dies gut geschriebene Manuskript nahm ich zunächst vor, weil es am leichtesten zu lesen und somit zu beurteilen war. Es war ein schöner Frühsommernachmittag. Die Flut war vorüber und das zurücktretende Meer hatte eine Schicht sauber gewaschener Feuersteinknollen hinterlassen, die bald von der Sonne getrocknet waren. Hier lagerte ich mich und las, absichtlich langsamer, als ich es gewohnt war, die Arbeit durch. Der gewohnte Gedankenstrom ergoß sich wieder in das lange trocken gelegene Bett und ich fühlte mit Behagen, wie die gewohnten Denkmühlen den Betrieb wieder aufnahmen. Ich konnte nicht nur den Inhalt, der allerdings nicht eben schwierig war, sachgemäß beurteilen, sondern ich sah alsbald, wo die nächste Arbeit einzusetzen hatte, um die Angelegenheit über den erreichten Standpunkt hinaus zu fördern.
Der günstige Erfolg dieser ersten Probe machte mich sehr glücklich. An die unheimliche Möglichkeit, daß ich[219]  auf meine Wissenschaft künftig dauernd verzichten müßte, hatte ich allerdings nie so ganz glauben wollen; ich mußte sie aber doch als denkbar zugeben. Nun sah ich, daß es sich wirklich nur um eine Erschöpfung, nicht um eine Zerstörung der Organe gehandelt hatte, von denen meine Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit bedingt war, und daß sie durch die gehabte Ruhe wieder bis zur regelmäßigen Funktionsbereitschaft gestärkt waren.
Ich hütete mich daher, sofort die anderen Abhandlungen vorzunehmen, sondern verordnete mir zwei Tage Ruhe, die ich wieder mit Wandern und Malen ausfüllte. Dann wurde etwas mehr und schwerere Arbeit vorgenommen, die wieder günstig verlief. So durfte ich nach dieser Richtung der Zukunft beruhigt entgegen sehen.
Um den erzielten Erfolg zu befestigen, besuchte ich in bequemen Zwischenzeiten die anderen Orte der schönen Insel, zuletzt in Gesellschaft meiner Frau, die gekommen war, um mich nach Hause abzuholen. Ich fühlte mich geheilt. Es lagen aber noch die langen Herbstferien vor mir, bevor ich meine Berufsarbeit wieder aufzunehmen hatte. Um so sicherer durfte ich auf eine dauernde Genesung rechnen. Körperlich war ich während der ganzen Zeit vollkommen gesund gewesen.
Nachkur. Als der Aufenthalt auf der Insel Wight beendet war, begannen bald die Schulferien der Kinder. Ich verbrachte sie mit der Familie am Meere in Heykendorf, nahe bei Kiel. Die wissenschaftliche Arbeit wurde bereits ernstlicher betrieben, indem ich von der angesammelten Literatur, über die in der Zeitschrift berichtet werden mußte, einen tüchtigen Vorrat zum Referieren mitnahm. Auch hier konnte ich mich überzeugen, daß nicht nur die Fähigkeit, im Strom der wissenschaftlichen Entwicklung frei mitzuschwimmen, völlig wieder hergestellt war, sondern auch das freiwillige Hervorsprießen neuer Gedanken aus den gegebenen Anregungen wieder[220]  eintrat. Auch das Planen neuer Bücher, die ich schreiben wollte, trat ungerufen auf. Damals entstanden insbesondere die ersten Entwürfe der »Grundlinien der anorganischen Chemie«, die allerdings erst drei Jahre später fertig werden sollten.
Auch nach anderer Richtung wirkte jener Aufenthalt erfrischend auf meinen Zustand ein. An der Kieler Universität war damals Aloys Riehl als Professor der Philosophie tätig. Auf ihn hatte die Energetik einen starken Eindruck gemacht, insbesondere in der Form, wie ich sie vertrat. Bei persönlichen Begegnungen spendete er ihrem Erzeuger ein noch erheblich höheres Maß von Anerkennung, als ich auch bei freigebiger Selbsteinschätzung beanspruchen zu dürfen glaubte. Da zu der eben überwundenen gedrückten Gemütsstimmung die energische Ablehnung dieses wissenschaftlichen Gedankens seitens hochstehender Fachgenossen nicht wenig beigetragen hatte, wirkte diese gegenteilige Beurteilung wie Balsam auf eine schmerzhaft geschundene Stelle. Und wenn auch der hochgeschätzte Kollege später das Maß seiner Anerkennung weitgehend einschränkte, so bin ich ihm doch dauernd zu Dank verpflichtet für die seelische Wohltat, die er mir damals erwiesen hat.
Die Laboratoriumsarbeit. Bei meiner Rückkehr in die amtliche Tätigkeit, Herbst 1896, mußte ich noch wohl oder übel mich mit meinen Mitarbeitern im alten Institut einschachteln. Es waren zuletzt sogar Kellerräume, die bisher dem Hausmann als Wohnung gedient hatten, angepaßt worden. Doch alle faßten sich trotz der vielen Unzulänglichkeiten in Geduld, da der Umzug in die neue Anstalt so bald bevorstand. Mir waren alle diese Beanspruchungen etwas schwer zu ertragen und ich erwog ernstlich, ob nicht der ganze inzwischen errichtete Neubau zu spät gekommen war und seinen Zweck zu einem guten Teil verfehlen würde. Doch haben wir,[221]  meine Mitarbeiter und ich, hernach noch ein Jahrzehnt im neuen Hause gearbeitet und die Ausbeute ist nicht geringer gewesen, als im alten.
Die Frage, ob ich persönlich noch zu experimentellen Arbeiten tauglich war, beschäftigte mich ernstlich. Denn das lange Fernsein vom Laboratorium hatte nicht, wie früher viel kürzere Unterbrechungen in mir eine Sehnsucht nach neuer Handarbeit ausgelöst. Es lag mir aber sehr daran, mich zu überzeugen, ob ich noch oder wieder imstande war, solche Arbeiten auszuführen. Durch den Gegenstand des dritten Bandes des Lehrbuches war ich auf gewisse Fragen über die Eigenschaften der festen Körper geführt worden. Diese waren durch die Lehren vom osmotischen Druck und der elektrolytischen Dissoziation ganz und gar in den Hintergrund gedrängt worden, denn diese Gesetze beziehen sich nur auf flüssige Lösungen. Feste Körper kamen nur ausnahmsweise und im Zusammenhang mit jenen in Betracht. Auch hatte mich die Bearbeitung des Gebietes für die erste Auflage des Lehrbuches schon damals erkennen lassen, wie stiefmütterlich dieser Teil der Wissenschaft bisher behandelt worden war. So führte ich im Winter 1896/97 eine Untersuchung über die Grenze des festen, d.h. kristallinischen Zustandes aus, bei der vielfach neue Fragestellungen und Forschungsmethoden zur Geltung kamen. Als Hauptergebnis stellte sich heraus, daß es der Menge nach eine untere Grenze des festen Zustandes gibt, unterhalb deren die kennzeichnenden Eigenschaften dieses Zustandes, insbesondere die Fähigkeit, in einer übersättigten oder überkalteten Flüssigkeit Kristallisation zu bewirken, nicht mehr nachweisbar sind. Diese Grenze liegt zwischen 10-10 und 10-12 Gramm, welches auch ungefähr die Grenze der mikroskopischen Sichtbarkeit ist. Und zwar gaben ganz verschiedene Methoden nahezu die gleiche Grenze. Außer diesem Ergebnis konnte ich noch eine[222]  Anzahl anderer neuer Tatsachen und Betrachtungen mitteilen. Das Ganze gab eine ziemlich umfangreiche und interessante Arbeit.
Hierdurch konnte ich mich – und das war mir bei weitem das Wichtigste dabei – überzeugen, daß auch mein wissenschaftlich-schöpferisches Können im Laboratorium erhalten geblieben war. Ich durfte also die Sorgen beiseite tun, daß mir die Fähigkeit abhanden gekommen sei, eine Anzahl von lernenden Arbeitsgenossen mit Forschungsaufgaben und -mitteln zu versehen. Den Betrieb des Forschungslaboratoriums aufrecht zu erhalten, war ich somit noch imstande. Insbesondere hatte sich mir ein neues, äußerst fruchtbares Arbeitsgebiet aufgetan, in dem eine beliebig große Anzahl von Mitarbeitern angesiedelt werden konnte. Es war dies die Katalyse, auf welche bald näher eingegangen werden soll.
Der Verlust. Aber auch eine andere Tatsache war mir bei dieser Arbeit klar geworden, die nicht so erfreulich war. Die frühere unbegrenzte Freude an der wissenschaftlichen Handarbeit war nicht mehr vorhanden. Allerdings konnte ich mir sagen, daß dies eine natürliche Begleiterscheinung des Lebensalters sei. Ich war damals 43 Jahre alt und mir war ein Aufsatz im Gedächtnis geblieben, den ich längere Zeit vorher in der »Gartenlaube« gelesen hatte. Er hieß die Vierzig-Jahre-Krankheit und entwickelte den Gedanken, daß gerade besonders tätige Männer um das vierzigste Lebensjahr herum eine erste Enttäuschung oder Verstimmung zu erleben pflegen. Die Tätigkeit, die sie bisher ganz erfüllt und befriedigt hatte, beginnt plötzlich leer und zwecklos zu erscheinen. Die Erfolge, durch welche sie sich beglückt gefühlt hatten, verlieren diesen Gefühlswert und ein allgemeiner grauer Schleier senkt sich über das Dasein und seine Beziehungen. Das sei eine sehr häufige, fast normale Stufe[223]  der persönlichen Entwicklung; sie lasse sich aber glücklicherweise überwinden.
In meinem Falle durfte ich annehmen, daß sich dieser Vorgang mit dem der Erschöpfung durch übermäßige Arbeit verbunden hatte, so daß beide sich nach der negativen Seite bis zu der Depression steigerten, die ich durchgemacht aber überwunden hatte. Auch diese Überlegung lehrte mich, das Erlebnis als ein physiologisches aufzufassen und nicht etwa als ein moralisches, wozu der nicht wissenschaftlich Denkende so leicht geneigt ist.
Historische Beispiele. Dazu brachten die geschichtlichen Forschungen, denen ich mich in Veranlassung meiner Geschichte der Elektrochemie (die eben beendet war) hingegeben hatte, zahlreiche Beispiele für die Tatsache, daß auch den eifrigsten und glücklichsten Forschern mit den Jahren die Lust an der Handarbeit schwindet. Liebig schrieb mit 40 Jahren: »Ich bin durch die Arbeiten am Schreibtisch so sehr der praktischen Seite unseres Handwerks entwöhnt, daß mir nur zu schnell die Geduld ausgeht, wenn ich selbst Hand anlegen muß.« Und selbst die Aussicht auf eine gemeinsame Arbeit mit Wöhler, die er noch vor wenigen Jahren als ein hohes Glück empfunden hatte, vermag zunächst nicht, ihn dauernd am Laboratoriumstisch festzuhalten. Doch haben beide einige Jahre später wieder eine gemeinsame Arbeit gemacht, die freilich die letzte blieb.

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Und Wöhler schrieb mit 46 Jahren an Liebig: »Also auch Du bist so müde, so chemiemüde. Es ist mir dies ein ordentlicher Trost. Du glaubst nicht, wie müde ich bin, wie satt ich die Chemie habe, wie namentlich die organische Chemie mich ordentlich anekelt, mir wenigstens so langweilig ist, daß ich gähnen muß, wenn ich daran denke. Sind wir denn schon so alt, oder was ist es? Diese nervenschwächende Wirkung muß wirklich[224]  der Chemie eigentümlich sein. Ich glaube, die materiellen Influenzen, die Dämpfe, Gerüche und all die Teufelstinkereien haben großen Anteil daran. Besonders ist es das Praktikum, was Einen so herunterbringt.«
Im gleichen Alter schrieb Liebig: »Seitdem ich wieder in Gießen bin, geht es mir wieder recht miserabel. Anderwärts bin ich gesund, ich schlafe und kann essen, was ich Lust habe, und alles dies schwindet, sobald ich das Arbeitszimmer oder das Laboratorium betrete; ich verdaue nicht und wache ganze Nächte durch, selbst wenn ich keine Arbeit vorhabe. Es wäre doch vielleicht besser gewesen, sich in Italien zu langweilen, als hier langsam zugrunde zu gehen. Beinahe möchte ich wünschen, die ganze Maschine stände still und alles wäre gut. Die Beschäftigung mit den jungen Leuten, die sonst meine Freude war, ist mir eine wahre Pein; eine Frage oder Auskunft macht mich ganz elend.«
Wöhler antwortet darauf: »Du schreibst ja ordentlich wie ein Hypochonder. Freilich geht es mir nicht viel besser, und auch ich bin durch das Praktikum oft bis zum Verzweifeln ermüdet. Es ist eben die Jugend, die uns fehlt. Die Maschine nützt sich täglich mehr ab, wie ein altes Uhrwerk.«
Abschied vom Labor. Ähnlich ist es auch mir ergangen. Im Anschluß an die eben erwähnte Arbeit untersuchte ich die Geschwindigkeit, mit der sich die Kristallisation einer überkalteten Schmelze in einer engen Röhre fortpflanzt. Da ich nicht bald zu einfachen und übersichtlichen Ergebnissen gelangte, gab ich die Arbeit auf und habe sie auch später nicht zu Ende geführt. Dies gab Anlaß zu einem Traum, der mich seitdem zuweilen plagt: daß ich irgendeine Arbeit begonnen hatte und sie ergebnislos mit der Empfindung aufgab, daß ich überhaupt zu nichts mehr brauchbar sei. Wenn ich dann aufwachte, konnte ich feststellen, daß irgendeine unangenehme[225]  physische Ursache: verschobene Decke, unbequeme Lage oder dergleichen in die Einkleidung eines moralischen Leides geschlüpft war.
Einen halben Trost gewährte mir eine andere experimentelle Arbeit, die ich 1899 ausführte. W. Hittorf hatte an dem von H. Goldschmidt nach seinem Thermitverfahren hergestellten metallischen Chrom sehr merkwürdige Verhältnisse gefunden und ich benutzte eine kleine geschenkte Probe, um mir selbst eine Anschauung davon zu verschaffen. Hierbei fiel mir auf, daß die Wasserstoffentwicklung beim Auflösen des Metalls in Salzsäure bald ganz aufhörte, bald heftig einsetzte, ohne daß eine äußere Änderung der Verhältnisse stattfand. Eine genauere Beobachtung ergab, daß diese Zustände regelmäßig wechselten und mit der Uhr in der Hand konnte ich feststellen, daß die zeitlichen Abstände gleich waren.
Diese freiwillige Periodizität fesselte meine Aufmerksamkeit, denn die allgemeine Frage, wie aus stetigen Verhältnissen überhaupt ein periodischer Vorgang entstehen kann, war mir schon unter ganz anderen Bedingungen entgegengetreten. Nämlich bei den von R. Liesegang entdeckten periodischen Niederschlägen in Gallerten, den »Liesegangschen Ringen«. Damals hatte ich eine leidliche Erklärung gefunden, die aber nur den Sonderfall erfaßte und die ganz allgemeine Frage war dadurch nur dringender geworden.
Die erste Aufgabe gegenüber der neuen Erscheinung war die Erfindung eines Verfahrens, die erforderlichen Beobachtungen und Messungen mit geringstem Zeitaufwand und doch so umfassend wie möglich auszuführen. Einen Assistenten mit der stumpfsinnigen Aufgabe zu belasten, dabei zu sitzen und die Perioden aufzuschreiben, brachte ich nicht übers Herz. Beim Nachdenken fragte ich mich, ob der Vorgang sich nicht selbst aufschreiben[226]  könne nach den Grundsätzen, welche der verehrte C. Ludwig in die experimentelle Physiologie eingeführt hatte. Die Geräte dazu kannte ich aus meinen Besuchen im physiologischen Institut. Bei geordneter Durchsicht der Möglichkeiten fand ich bald die Lösung in der elastischen Kapsel, deren Bewegungen sich selbst durch einen Schreibhebel auf einen bewegten Papierstreifen aufschreiben. Die nötigen Druckunterschiede ergaben sich, indem ich den Ausfluß des Wasserstoffs durch einen kapillaren Widerstand verzögerte. In kurzer Frist war ein Apparat erdacht und erbaut, welcher mit geringer Mühe sechs Versuche nebeneinander über beliebig lange Zeit auszuführen ermöglichte und die Ergebnisse in zierlichen Kurven ablieferte.
Wieder empfand ich die gewohnte Freude über die geglückte Lösung der technischen Aufgabe. Was die wissenschaftliche Seite anlangt, so wurden zwar zahlreiche beschränkte Gesetzmäßigkeiten aufgedeckt; die vollständige Aufklärung aber mußte unterbleiben. Denn diese besondere Eigenschaft des Chroms fand sich nur bei den ersten Schmelzen; alles spätere Chrom löste sich ohne Schwingungen. H. Goldschmidt hat auf meine Bitte zahlreiche Sonderschmelzungen vorgenommen: es ist aber niemals wieder schwingendes Chrom entstanden. So mußte, als der Vorrat erschöpft war, die weitere Arbeit aufgegeben werden.
Es könnte hier noch von einigen weiteren experimentellen Arbeiten erzählt werden, die ich noch vor meinem Scheiden vom Amt und Institut ausgeführt habe und die wie meine alten Arbeiten vollen Erfolg ergaben. Es waren die Ausläufer einer Tätigkeitsform an Einzelfragen, die mehr und mehr in den Hintergrund treten mußten, weil die allgemeinen Probleme alles in Anspruch nahmen, was ich an freier Energie erübrigen konnte.
[227]  Abrechnung. Zog ich die Summe aus diesen stark einschneidenden Erlebnissen, so mußte ich sagen, daß ich als ein Anderer aus ihnen herausgekommen war. Das Jugendfeuer, mit dem ich jede Art der Arbeit und Beanspruchung auf mich nahm, wenn sie nur im Dienst der vielgeliebten Wissenschaft stand, war ausgebrannt. Ich hatte damit zu rechnen, daß mir von nun ab ein gemessener Betrag Energie für meine Arbeiten zugewiesen war, mit dem ich auskommen mußte und dessen sachgemäße Bewirtschaftung für mich weiterhin eine wichtige Angelegenheit wurde. Zur Hervorbringung wissenschaftlicher Gedanken von wertvoller und selbständiger Beschaffenheit war ich noch geeignet, nicht mehr aber für die Durchführung ausgedehnter und anspruchsvoller experimenteller Arbeiten.
Am wenigsten hatten meine Fähigkeiten als Autor gelitten, obwohl ich in der Schreibtischarbeit weniger Maß gehalten hatte, als nach anderer Richtung. Zwar ganz unverletzt war ich auch hier nicht geblieben, denn für die Versenkung in die Arbeiten anderer Forscher zum Zweck ihrer methodischen Einreihung in den großen Wäscheschrank der Wissenschaft brachte ich nicht mehr die frühere frohe Hingabe mit. In dem Maße, als die Ausdehnung und Wichtigkeit meiner neuen Aufgaben wuchs (wenigstens nach meiner persönlichen Einschätzung), in gleichem Maße wurde ich weniger willig oder geschickt, mich auf fremde Gedanken einzustellen. Mein geistiger Muskelbau hatte vielleicht an gesamter Kraft gewonnen, hatte aber jedenfalls einen guten Teil seiner früheren Geschmeidigkeit eingebüßt. Bei der Begrenztheit menschlicher Energien ist dies vermutlich ein natürlicher und notwendiger Vorgang.
Einen erheblichen Verlust mußte ich aber bezüglich meines Gedächtnisses feststellen. Dies war früher ungewöhnlich gut gewesen. Als ich 1886 mein Lehrbuch[228]  beendet hatte, waren mir nicht nur sämtliche Tatsachen, über die ich berichtet, und sämtliche Gedanken, die ich dazu ausgesprochen hatte, vollständig gegenwärtig, sondern ich konnte noch lange Jahre hernach die »Evidenzhaltung« (wie es in der österreichischen Kanzleisprache heißt) des gesamten Bestandes meiner Wissenschaft durchführen.
Dies war nun nicht mehr der Fall. Die letzte starke Gedächtnisleistung war meine Geschichte der Elektrochemie gewesen, wo ich das früher niemals geordnete und gestaltete massenhafte Material zu einem logisch- harmonischen Ganzen zusammengefaßt hatte, was ohne ein bereitwilliges Gedächtnis nicht ausführbar ist. Und schon hierbei hatte ich mit kleinen technischen Hilfsmitteln nachgeholfen. Nun mußte ich mich überzeugen, daß ich mich auf mein Gedächtnis nicht mehr verlassen konnte. Zuweilen versagte es in der Gestalt, daß ich Dinge nicht mehr wußte, die mir früher geläufig gewesen waren. Zuweilen, glücklicherweise selten, hatten sich sogar falsche Inhalte an die Stelle der richtigen geschoben. Diese unwillkommenen Feststellungen waren der erste Anlaß, daß mich Fragen des Ordnens von Tatsachen und Gedanken zum Zweck, sie jederzeit gebrauchsfertig zur Hand zu haben, zunehmend zu beschäftigen begannen. Denn solange man über seinen gesamten Bestand an Wissen gedächtnismäßig frei verfügt, empfindet man kein Bedürfnis nach Ordnung.
Diese Verhältnisse zeichnen sich deutlich nach außen ab. Solange mein Gedächtnis willig war, lag auf meinem Schreibtisch alles durcheinander, denn ich wußte ihn auswendig und konnte augenblicklich jedes Ding finden, das ich brauchte. Die Frauen, welche in Abwesenheit ihrer Männer deren Schreibtisch »aufräumen«, wissen nicht (und lassen es sich nur langsam klarmachen), daß sie damit die Beziehung zwischen den Gegenständen und ihrem örtlichen Erinnerungsbild im Gedächtnis des Inhabers[229]  zerstören. Sie zwingen ihn, den Schreibtisch von neuem auswendig zu lernen, und dies zu einer Zeit, wo nach der Rückkehr die aufgehäuften Arbeiten besonders starke Ansprüche an den Mann stellen, der über diese zwecklose Mehrbelastung natürlich unwillig wird. Aber ich glaube nicht, daß es Frauen gibt, die nicht diese natürliche Reaktion als eine grobe Undankbarkeit empfinden und glaube auch nicht, daß diese Darlegungen einen großen Einfluß auf das Ordnungsbedürfnis der guten Frauen, die sie etwa lesen, gegenüber dem Schreibtisch des Mannes haben werden.
In dem Maße, als bei mir dies unterbewußte Ortsgedächtnis abnahm, mußte ich selbst mehr und mehr Ordnung auf meinem Schreibtisch und an meinen anderen Arbeitsplätzen einhalten. Und wenn ich jetzt bei einem Blick über diese Gebiete in meinen Arbeitszimmern feststellen muß, daß noch manches an der wünschenswerten Ordnung fehlt, so tröstet mich der Gedanke, daß dies als ein Beweis dafür gelten kann, daß mir von meinem früheren guten Gedächtnis noch einige Reste verblieben sind.
Der Unterricht. Am schwersten fand ich mich mit meinen neuen physiologischen Daseinsbedingungen ab insofern sie das Verhältnis zu meinen Schülern beeinflußten.
Das neue Laboratorium erwies sich bei der Übersiedlung als gut gefüllt und hat auch auf die Dauer die Fülle der Mitarbeiter nur eben beherbergen können, obwohl es geräumig angelegt war. Insbesondere war der Zuzug aus dem Auslande stark gewachsen, so daß zuzeiten in der Abteilung der selbständigen Arbeiten die Deutschen die Minderzahl bildeten. Es waren so gut wie alle Kulturvölker vertreten. Amerikaner und Engländer waren in Mehrzahl vorhanden, daneben Russen, Holländer, Italiener, Franzosen, Japaner usw. Ich habe mich stets bemüht, nicht der bei den deutschen Kollegen so verbreiteten Bevorzugung der Ausländer zu verfallen.[230]
Während ich im ersten Jahrzehnt meiner Leipziger Tätigkeit keine größere Freude gekannt hatte, als täglich von einem Schüler zum anderen zu gehen, um mit jedem seine Arbeit zu besprechen und wohl auch im Anschluß daran weitere Gedanken anzuregen und zu entwickeln, mußte ich nun zu meiner schmerzlichen Überraschung feststellen, das dies deutlich anders geworden war. Bewußt wurde es mir einmal plötzlich durch folgenden scheinbar gleichgültigen Vorfall. Ich pflegte die Besprechungen stehend zu erledigen, indem ich von einem Schüler zum anderen trat. Als mich – es war schon im neuen Institut – ein Schüler um eine etwas schwierigere Auskunft bat, suchte ich unwillkürlich nach einem Sessel, um sitzend die Sache zu behandeln. Das heißt: die Auskunft nahm so viel Energie in Anspruch, daß ich nach allen anderen Richtungen sparen mußte.
Hierdurch aufmerksam gemacht, prüfte ich mich sorgsam bei meinen späteren Rundgängen. Ich mußte mir zugeben, daß diese Tätigkeit, die ja die anspruchsvollste von allen ist, nicht mehr von freudigen Gefühlen begleitet war, sondern zunehmend als Last empfunden wurde. Auch hier überwand ich die schmerzliche Seite dieser Erfahrung durch die Einsicht, daß sie physiologisch und nicht moralisch zu beurteilen war.
Ich half mir praktisch dadurch, daß ich neben den Assistenten, die mir amtlich zugebilligt waren, noch mindestens zwei zur Betreuung der Schüler mit gleichem Gehalt anstellte, die ich aus meiner Tasche bezahlte. Da ich um jene Zeit reichliche Einnahmen hatte, die meisten durch das Bücherschreiben, so fiel mir dies nicht schwer. Ich habe auf solche Weise in den letzten Jahren meiner Lehrtätigkeit mehr als 50000 M. aufgewendet. Dadurch behielt jeder Assistent die Hälfte der Arbeitszeit frei für seine eigenen Forschungen und die Schüler wurden doch völlig ausreichend persönlich gefördert,[231]  ohne daß ich überall einzugreifen hatte. Die Assistenten haben hernach sämtlich selbständige Professuren erlangt, waren also sicherlich fähig, ihres Amtes zu walten.
So hatte ich die Beruhigung gewonnen, daß ich trotz der durchgemachten Erkrankung die wissenschaftliche Arbeit in ihrem ganzen Umfange: Forschen, Schreiben, Unterrichten wieder leisten konnte, wenn auch unter etwas anderen Bedingungen als bisher. Da gleichzeitig die hellen und zweckmäßigen Räume des neuen Instituts ebenso dringend wie freundlich zu neuer Arbeit einluden, sah ich eine neue Blüte meiner wissenschaftlichen Tätigkeit vor mir. Aber schon waren die Fäden gesponnen, die meinen Wegen ganz andere Richtungen geben sollten.



 Zehntes Kapitel.
Die elektrochemische Gesellschaft.










[232] Vorgeschichte. Die Arbeiten an der von A. Wilke und mir gegründeten Elektrochemischen Gesellschaft, heute Bunsengesellschaft, geschahen teils vor, teils nach dem Jahre 1895, welches mit den Lübecker Verhandlungen über die Energetik und meiner nachfolgenden ernsten Erkrankung einen wesentlichen Knick in meiner Lebenslinie bezeichnet. Da aber die wichtigsten Anteile dieser Angelegenheit vor 1895 liegen, so erscheint es zweckmäßig, sie hier zu erzählen, bevor auf die neue Periode eingegangen wird, welche durch die Übersiedlung in das neue Institut und die Eroberung eines neuen Forschungsgebietes, der Katalyse, gekennzeichnet ist.
Die Ende 1892 erfolgte Veröffentlichung der neugeschaffenen wissenschaftlichen Elektrochemie im dritten Teil der zweiten Auflage meines Lehrbuches darf als der Beginn und die Grundlage für die mit Amerikanischer Plötzlichkeit eintretende praktische Entwicklung dieses Gebietes angesehen werden. Der Boden war von technischer Seite gut vorbereitet durch den Aufstieg der Elektrotechnik. Siemens' Erfindung der Dynamomaschine hatte die Möglichkeit auf getan, elektrische Energie in beliebigen Mengen billig herzustellen. Von ihren vielen möglichen Umwandlungen war zunächst die in Licht durch den leuchtenden Kohlefaden der elektrischen[233]  Glühlampe von Swan und Edison technisch entwickelt worden. Siemens selbst verfolgte die Umwandlung in mechanische Energie und baute die erste elektrische Eisenbahn. Der Bleiakkumulator machte es möglich, elektrische Energie auf chemischem Wege zu speichern und die Anwendung der Dynamomaschine auf Galvanoplastik und Elektroplattierung zeigten einen Weg, mit den neuen Mitteln in das riesige Gebiet der Chemie einzudringen.
Da die ganze Entwicklung der Elektrotechnik selbst auf wissenschaftlicher Grundlage stattgefunden hatte, ohne welche sie unmöglich gewesen wäre, so erwies sich auch die Beschaffung sicherer wissenschaftlicher Grundlagen der Elektrochemie als unbedingte Notwendigkeit für ihre technische Entwicklung. In diese Zeit, die günstiger gar nicht sein konnte, fiel nun die neue wissenschaftliche Elektrochemie, die auf einmal in das verworrene Durcheinander, das bisher hier herrschte, Licht brachte und jede einzelne Tatsache an ihren Ort zu stellen ermöglichte. Man konnte nun zur Lösung der technischen Aufgaben hier ebenso sicher und bewußt vorgehen, wie man die technischen Aufgaben der Stromerzeugung und -verteilung gelöst hatte und immer vollkommener zu lösen lernte. So entstand auf der technischen Seite ein lebhaftes Interesse für die junge Elektrochemie.
Die Gründung. Noch bevor dieses Interesse erkennbar war, hatte ich Anfang 1894 begonnen, meine Geschichte der Elektrochemie zu veröffentlichen. Kurz hernach, im Frühling des gleichen Jahres suchte mich der Elektrotechniker Arthur Wilke aus Berlin auf, um mit mir über die Gründung einer elektrochemischen Gesellschaft zu verhandeln. Er hatte einige Jahre vorher führenden Anteil an der Gründung einer elektrotechnischen Gesellschaft genommen und sich von der starken Wirkung überzeugen können, welche eine derartige Zusammenfassung[234]  der lebendigen Kräfte auf das Gedeihen der Sache ausübt. Zwar verstand er von der Elektrochemie im einzelnen nur wenig, aber doch genug im allgemeinen, um die Bedeutung mit Sicherheit vorauszusehen, welche ihr nach der technischen Seite bevorstand.
Ich war zunächst überrascht, als er mir den Vorschlag machte, der ein neues Arbeitsfeld für mich auftat. Doch eine eingehende Besprechung überzeugte mich von dessen Fruchtbarkeit und da er bereitwillig die technischen Vorbereitungen der Gründung übernahm, so wurde alsbald zu dieser geschritten. Da ich hierbei durch ihn von allen Einzelheiten eines solchen Vorganges unterrichtet wurde, habe ich bei dieser Gelegenheit die ersten Grundlagen derartiger organisatorischer Arbeit kennen und anwenden gelernt, was mir später von größtem Nutzen geworden ist.
Es wurde zunächst ein Verzeichnis aller möglicherweise in Betracht kommenden Männer aufgestellt, die wir zu einer Vorbesprechung zum 21. April 1894 nach Kassel einluden. Der Ort wurde als eisenbahnlicher Mittelpunkt von Deutschland gewählt, damit die Beteiligten insgesamt ein Minimum von Reiselänge zurückzulegen hatten. Es hatten 65 Eingeladene zugestimmt und waren etwa 30 Teilnehmer gekommen.
Die Versammlung wählte mich zum Leiter der Gründungsverhandlungen. Wilke hatte einen Satzungsentwurf vorbereitet und nachdem einstimmig die Gründung der neuen Gesellschaft beschlossen war, wurden die Satzungen beraten. Manche wurden abgeändert, aber es stellte sich doch ein so allgemeiner guter Wille heraus, zum Ziele zu kommen, daß die am Nachmittag begonnenen Verhandlungen noch an demselben Tage um Mitternacht mit dem Auftrag an mich beendet werden konnten, am nächsten Morgen die nach den Beschlüssen bearbeiteten Satzungen vorzulegen. Ich führte diese Arbeit noch vor[235]  dem Schlafengehen aus, und sie wurde am nächsten Morgen angenommen.
Die Wahlen hatten mir mit allen gegen zwei Stimmen das Amt des ersten Vorsitzenden übergeben; zweiter Vorsitzender wurde Böttinger, Direktor der Farbenfabriken Bayer, damals in Elberfeld, später in Leverkusen. Unter den Beisitzern ist zu erwähnen Dr. Rathenau, der Sohn des damaligen Leiters der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft in Berlin. Es ist derselbe, dessen Name durch die Organisation der Kriegsgesellschaften während des Weltkrieges, durch politische Tätigkeit und seine Ermordung später so bekannt geworden ist. Er hatte sich allerdings vorher kaum mit unserer Wissenschaft beschäftigt, war aber wohl von seinem Vater beauftragt worden, die Verbindung mit der jungen Gesellschaft herzustellen, da man von der Elektrochemie auch große technisch-wirtschaftliche Erfolge erwartete. An den Gründungsverhandlungen hatte er eifrig teilgenommen und dabei sein Geschick in geschäftlichen und organisatorischen Dingen so deutlich erkennen lassen daß wir ihn trotz seiner Jugend gern in den Vorstand aufnahmen.
Da er sich auch zunächst an den Geschäften des Vorstandes regelmäßig beteiligte, bin ich mehrere Jahre hindurch mit ihm in Berührung gewesen. Auch über die Geschäfte hinaus haben wir wiederholt lange Nachsitzungen abgehalten. Ich war mit ihm ohne viel Sympathie bekannt geworden, da an seiner äußeren Erscheinung der Sohn des Millionärs zu deutlich für meinen Geschmack erkennbar war. Doch stellte sich bald heraus, sehr zu meiner Verwunderung, wie ich gestehen muß, daß er lebhafte philosophische Interessen äußerte, was unvermeidlich zu endlosen Gesprächen führen mußte und führte. Damals erfüllten mich die ersten Denkarbeiten an der Energetik, doch ist mir nicht erinnerlich, daß ich ihn von der Zweckmäßigkeit meiner Auffassung überzeugt hätte.
[236]  Lehrstühle. Inzwischen war G. Böttinger, der Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses war, dort in einer erfolgreichen Rede für die Errichtung von Lehrstühlen der Elektrochemie an den technischen Hochschulen Preußens eingetreten, damit für die unmittelbar bevorstehende technische Entwicklung dieses Gebietes die nötigen wissenschaftlich vorgebildeten Mitarbeiter vorhanden seien. Die Anregung war von dem damaligen Kultusminister Dr. Bosse willig aufgenommen worden, der den Referenten für die technischen Hochschulen Dr. Wehrenpfennig beauftragt hatte, mit Böttinger die erforderlichen Maßnahmen zu besprechen. Dieser zog den Vorstand der elektrochemischen Gesellschaft und den überaus rührigen Dr. Holtz als Vertreter des Vereins Deutscher Chemiker hinzu. Es wurden persönliche Vorstellungen beim Kultus- und Finanzminister erbeten, die in erwünschter Weise verliefen. An der Technischen Hochschule Charlottenburg war inzwischen schon der Lehrauftrag an Dr. v. Knorre, einen baltischen Landsmann erteilt worden, der der neuen Lehre freundlich gesinnt war, wenn er auch nichts von Belang für die Sache selbst getan hat. Für Aachen war in A. Classen längst ein hervorragender Vertreter der Elektrochemie da, dessen Tätigkeit allerdings fast ausschließlich auf deren Verwendung für die Zwecke der Analyse gerichtet war.
Alle diese Schritte hatten die Entwicklung der Sache in Preußen zum Ziel. Denn G. Böttinger war ein eifriger Preuße und hatte neben der allgemeinen Förderung der Sache noch den persönlichen Wunsch, den Schwerpunkt der ganzen Angelegenheit von dem nichtpreußischen Leipzig in sein engeres Vaterland zu verlegen. Er hat diese Bestrebungen während der folgenden Zeit unentwegt fortgeführt und sie schließlich auch in gewissem Sinne durchgesetzt.[237]
Mir als sächsischem Beamten erschien es daher nötig, über die Vorgänge, die sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit vollzogen hatten, ohne die Öffentlichkeit zu beschäftigen, meinem Ministerium Bericht zu erstatten und anheim zu geben, auch an der Dresdener technischen Hochschule entsprechende Maßnahmen zu treffen, damit sie nicht von den anderen Anstalten überholt würde. Denn an der Münchener technischen Hochschule hatte schon längst W. von Miller ein elektrochemisches Laboratorium eingerichtet.

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Der nächste Erfolg dieses Schrittes war einigermaßen unerwartet. Ich erhielt von einem Kollegen jener Anstalt in deren Interesse er getan war im Auftrage der dortigen Professoren ein höflich-bissiges Schreiben etwa des Inhaltes, ich möchte mich gefälligst um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, da die Dresdener Professoren sich durchaus im Stande fühlten, für die ihrigen selbst zu sorgen. Ich ließ diesen Ausfluß verletzter Würde gelten, ohne zu erwidern, daß sie ja gar nicht über die Einzelheiten unterrichtet sein konnten, die mich zu meinem Bericht veranlaßt hatten. Ich konnte dies um so eher tun, als ein sachlicher Erfolg sich bald genug buchen ließ. Seitdem ist die Elektrochemie in Dresden sorgfältig gepflegt und durch hervorragende Fachmänner vertreten worden.
Innere Arbeit. Die ersten Jahre der elektrochemischen Gesellschaft nahmen meine Energie sehr stark in Anspruch. Ich war vorher noch niemals im Vorstand irgendeiner wissenschaftlichen oder sonstigen Gesellschaft gewesen und hatte daher gar keine Erfahrung über die Technik der Leitung. Hier war ich plötzlich erster Vorsitzender geworden, und zwar nicht in einer bestehenden Gesellschaft mit gewohnten Formen und Arbeiten, sondern einer eben zusammengetretenen, die wie der Homunkulus in Goethes Faust erst zum wirksamen Dasein entstehen wollte. Zwar besorgte A. Wilke die äußere Organisation in musterhafter[238]  Weise, aber für die schwierigere innere war ich auf meine eigenen Mittel angewiesen. Guter Wille und Vertrauen meiner Mitarbeiter erleichterten mir die ungewohnte Tätigkeit so sehr, daß es möglich war, mancherlei förderliche Arbeit zu leisten.
Zunächst gab es eine persönliche Schwierigkeit zu überwinden. In den Vorstand war ein Mitglied aufgenommen worden, der Nominalprofessor an der technischen Hochschule zu Charlottenburg war und nach Art vieler eingewanderter Berliner alsbald auf die Leute aus der Provinz von der Höhe seines hauptstädtischen Selbstbewußtseins als auf ein Geschlecht zweiter Ordnung herabsah. Er hatte sich der dortigen Ortsgruppe bemächtigt und begann verschiedene Unternehmungen im Namen der Gesellschaft, ohne mich zu fragen oder zu verständigen; für die entstehenden Kosten nahm er die Vereinskasse in Anspruch. Auf einer bald einberufenen Vorstandsversammlung kennzeichnete ich dies Vorgehen als undurchführbar, begegnete aber der Erklärung des Berliners, daß er sofort austreten würde, wenn ich meinen Standpunkt festhielte. Ich hielt ihn fest und nahm, damit der Punkt erledigt schien, den nächsten Gegenstand der Tagesordnung vor, indem ich erwartete, daß der Ausgetretene die Sitzung verlassen würde. Er tat es nicht, beteiligte sich auch zunächst nicht an den Verhandlungen. Nach geraumer Zeit gab es eine Abstimmung, wobei er mit votierte. Ich machte ihn aufmerksam, daß er sich da in Widerspruch mit seiner vorher abgegebenen Erklärung setzte, er aber tat beleidigt, daß ich seine Äußerung wörtlich genommen hatte und die anderen waren einverstanden, sie als nicht getan zu betrachten. Ich aber sagte ihm, daß ich unseren Kassenwart verpflichten werde, keine Rechnungen zu bezahlen, die ich nicht bestätigt hatte, und so ließ er seine selbständigen Unternehmungen bleiben. Nachträglich bedauerten aber die Vorstandskollegen[239]  ihre Vermittlung, denn seine Zugehörigkeit zum Vorstande war dem Ansehen unserer Gesellschaft nicht nützlich.
Als dann nach Ablauf eines Jahres ein Drittel der Vorstandsmitglieder behufs Neuwahl ausgelost werden sollten, sorgte der zweite Vorsitzende dafür, daß der Umschlag, welcher den Namen jenes unwillkommenen Genossen enthielt, erkennbar war und forderte mich, als mir das Herausziehen der Umschläge übertragen wurde, mit den Augen auf, jenen Umschlag vor allen zu ergreifen. Ich schüttelte den Kopf und vermied ihn zu nehmen. Während er sich bis dahin mir und den Meinen mit vielen Beweisen des Wohlwollens und der Freundschaft genähert hatte (er war bedeutend älter als ich und nahm eine sehr angesehene Stellung ein), mußte ich von nun ab eine sehr deutliche Abkühlung unseres Verhältnisses auf seiner Seite erkennen und traf ihn später stets unter meinen Gegnern an. Er hat es mir offenbar nicht verziehen, daß ich seine »Taktik« nicht mitmachte, nachdem ich seine Absicht verstanden hatte.
Wirkung nach außen. Im Herbst des Gründungsjahres 1894, nach halbjährigem Bestehen, fühlte sich die Elektrochemische Gesellschaft bereits kräftig genug, ihre erste Jahresversammlung abzuhalten, für die aus mehreren Gründen als Ort Berlin gewählt wurde. Die Anzahl der Mitglieder näherte sich dem dritten Hundert und es schien erwünscht, die neuen Bahnen, die wir einschlagen wollten, gemeinsam zu besprechen. Die Versammlung wurde von 85 Teilnehmern besucht und verlief höchst angeregt. Wir wählten alsbald die Veteranen der Elektrochemie Bunsen, Hittorf, Wiedemann und Kohlrausch zu Ehrenmitgliedern; alle vier nahmen mit freundlichen Worten die Ehrung an. Sodann beschlossen wir, einen erheblichen Teil unserer Mittel darauf zu verwenden, daß in den wichtigsten Städten Deutschlands[240]  Vorträge über Elektrochemie gehalten wurden, um die weiteren Kreise der Wissenschaft und Technik über die Fortschritte zu unterrichten, die in jüngster Zeit auf diesem Gebiete gemacht worden waren. Mit der Ausführung wurde in erster Linie Professor A.v. Öttingen betraut, der inzwischen dem Druck der Russifizierung in Dorpat gewichen und nach Leipzig übergesiedelt war, wo er nicht ohne Schwierigkeiten sich eine neue Arbeitsstätte eingerichtet hatte. Ich war ihm dabei nach Kräften behilflich gewesen und hatte mir dadurch wieder den ernsten Unwillen mancher Leipziger Kollegen zugezogen, denen die neue Konkurrenz unerwünscht war, und die es sehr »unkollegial« von mir fanden, daß ich sie ihnen zugezogen hatte.
Da Öttingen ein hervorragendes Talent als Redner besaß und es sachgemäß ausgebildet hatte, so erzielte er für die Elektrochemie große Erfolge und hat viel zur schnellen Entwicklung der Gesellschaft beigetragen.
Es fanden in der Folge alljährlich solche Gesellschaftsversammlungen statt, die immer anregend und lehrreich verliefen; auch der Humor pflegte sowohl während der Verhandlungen wie namentlich bei den abschließenden geselligen Zusammenkünften nicht auszubleiben.
Das chemische Staatsexamen. Von den jährlichen Versammlungen der Elektrochemischen Gesellschaft war besonders folgenreich die vierte, welche im Juni 1897 in München stattfand. Ich hatte inzwischen jene Erkrankung durchgemacht, die mich längere Zeit im Auslande festhielt. In dieser Zeit hatten die schon seit längerer Zeit von einigen Seiten geförderten Bestrebungen, für die in der Industrie tätigen Chemiker ein Staatsexamen nebst entsprechenden Titeln einzuführen, bestimmte Gestalt gewonnen und die Preußische Regierung war willig gemacht worden, in der Angelegenheit führend vorzugehen. Der Hauptvertreter hierfür war Dr. Duisburg,[241]  schon damals neben Böttinger, der nicht minder eifrig für das Staatsexamen eintrat, im Vorstand einer der größten Farbenfabriken Deutschlands.
Die Bewegung hatte ihre sachliche Begründung darin, daß die Führer der chemischen Industrie einen wesentlichen Mangel in der Ausbildung des Nachwuchses, wie er von den Universitäten kam, bemerkt hatten. Es fehlte den jungen Leuten die frühere Sicherheit in der chemischen Analyse und nähere Kenntnis der anorganischen Chemie. Die Ursache war nicht weit zu suchen; sie bestand darin, daß infolge der unbedingten Vorherrschaft der präparativen organischen Chemie die Professoren des Faches selbst nur geringe Kenntnisse und noch geringeres Interesse in jenen Gebieten besaßen und betätigten. So wurde die übliche Vorschulung der jungen Chemiker durch Analyse und Präparate zwar beibehalten, aber oft mit geringer Sorgfalt behandelt und tunlichst abgekürzt. Die Vorlesungen über anorganische Chemie aber wurden überall von den Organikern gehalten, deren Gedankenkreis die dort vorhandenen Aufgaben fern lagen und die deshalb den Hörern keinerlei Anregungen geben konnten. Zu der Zeit, wo diese Klagen auftraten, hatte bereits der Heilungsvorgang begonnen. Die physikalische Chemie hatte eine grundsätzlich neue Wendung gerade in den Begriffen und Vorstellungen der anorganischen Chemie bewirkt und in dieser neue Fragestellungen und damit aussichtsreiche Forschungsaufgaben entstehen lassen. Auch nahm sie die Beispiele zur Aufklärung ihrer allgemeinen Fragen zwar aus beiden Teilen der Chemie, vorwiegend jedoch wegen der einfacheren Verhältnisse aus der anorganischen. Es stand somit dem lange vernachlässigten Gebiet eine neue Blüte unmittelbar bevor, und sie ist auch alsbald eingetreten.
Dies war aber den Führern jener Bewegung nicht zum Bewußtsein gekommen und sie suchten in der schulmeisterlichen[242]  Denkweise, die den Deutschen durch das Lateingymnasium angezüchtet wird, Abhilfe in äußeren Examenvorschriften statt in inneren Entwicklungsförderungen. Diese Gedanken waren vorwiegend im »Verein für die Interessen der chemischen Industrie«, in welchem die führenden Köpfe der Technik verbunden waren, entstanden und entwickelt worden. Dieser sehr einflußreiche Verein hatte den Verein Deutscher Chemiker, der die in der Industrie angestellten Chemiker zusammenfaßt, für den Plan in Bewegung gesetzt und beide hatten bereits die amtlichen Stellen willig gemacht, diese Wünsche zu erfüllen.


Ich hatte der Sache anfangs nur wenig Aufmerksamkeit zugewendet, da ich nicht glaubte, daß man wagen würde, eine so erhebliche Änderung der bestehenden Verhältnisse vorzunehmen. Denn unter deren Herrschaft hatte die chemische Industrie Deutschlands einen märchenhaften Aufschwung genommen und die viel älteren und kapitalkräftigeren Industrien Englands und Frankreichs überflügelt. Deshalb bemühte man sich um eben dieselbe Zeit in beiden Ländern, von den deutschen Einrichtungen das zu übernehmen, was übertragbar erschien und ich konnte mir nicht denken, daß man bei uns zu den primitiveren Methoden zurückkehren wollte, deren Herrschaft in den Nachbarländern zum Zurückbleiben beigetragen hatte.
Die Abwehr. Indessen mußte ich mich überzeugen, daß man wirklich ernsthaft mit solchen Plänen umging und ich hielt es für meine Pflicht, meine Stimme aus Leibeskräften dagegen zu erheben, da ich sehr große Nachteile befürchten mußte. Die Versammlung in München bot dazu eine willkommene Gelegenheit. Unser dortiger Vertreter war Professor Wilhelm von Miller, der an der Münchener technischen Hochschule schon längst ein elektrochemisches Laboratorium eingerichtet[243]  hatte. Er und sein genialer Bruder, der Werkwalt Oskar von Miller, nahmen sich der Vorbereitungen so tätig und erfolgreich an, daß eine ungewöhnlich glänzende Tagung unter Teilnahme der Regierung und des Hofes in Aussicht stand. Ich durfte also auf einen guten Widerhall rechnen, wenn ich meinerseits den Ernst der Sache meinem dortigen Hörerkreis eindringlich genug zum Bewußtsein brachte.
Tatsächlich verlief die Versammlung so glänzend, wie erwartet. Die eigenartige Mischung künstlerisch-heiterer Geselligkeit und gediegener Arbeit, welche die Teilnehmer so wirksam menschlich nahe bringt und einen aufrichtigen praktischen Idealismus fördert, war damals eine auszeichnende Eigenschaft jener schönen und fröhlichen Stadt, die sich auch uns gegenüber reich betätigte. Sie hatte eine große Anzahl von Chemieprofessoren angezogen, welche Wilhelm von Miller in seinem Hause mit einem festlichen Frühstück begrüßte.
Ich benutzte diese günstige Gelegenheit ungezwungenen Zusammenseins, um mir vom Herzen zu sprechen, was mich bedrückte und erfüllte. Zu meinem Erstaunen fand ich, daß die wenigsten Kollegen sich um die Frage gekümmert hatten; sie waren bereit, die Dinge gehen zu lassen, wie die einflußreichen Förderer der Staatsprüfung es wollten.
Es war also offenbar die größte Gefahr im Verzuge, und wenn es nicht gelang, die Sache in der zwölften Stunde aufzuhalten, so mußte das Unheil seinen Gang gehen. Ich überlegte in aller Geschwindigkeit, von welcher Seite ich die Kollegen am wirksamsten aufwecken konnte und legte ihnen von den Überlegungen, die ich für den morgen zu haltenden Vortrag angestellt hatte, die folgende an das Herz.
Die Erfahrungen an dem medizinischen Staatsexamen haben unzweideutig bewiesen, daß gegenüber[244]  der Gesamtprüfung die Dissertation, die »selbständige« wissenschaftliche Arbeit eine verschwindende Rolle spielt; sie ist dort fast zu einer bloßen Formalität herabgesunken. Das gleiche steht uns bei den Chemikern bevor, wenn auch für sie ein Staatsexamen eingeführt wird.
Damit aber würde für uns Professoren der beste und wichtigste Teil unseres Unterrichts verschwinden, der in der Anregung und Leitung der selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten der Doktoranden liegt. Wir würden nicht mehr die umfassenden Forschungen ausführen können, für welche wir in jenen freiwillige und eifrige Mitarbeiter hatten, die neben und nacheinander Teilgebiete durcharbeiteten, die sich gegenseitig kontrollierten und einen großen Stil des wissenschaftlichen Fortschrittes ermöglichten. Auf diesen würden wir künftig ganz und gar verzichten müssen, wenn die Mitarbeiter ausblieben. Daß damit die Quelle der glänzenden Einnahmen versiegen würde, die den Kollegen aus den Laboratoriumsgebühren zuflossen, brauchte ich nicht ausdrücklich zu sagen, das sagte sich jeder schon selbst.
Dies packte die Kollegen. Es wurde sofort als notwendig erkannt, Schritte gegen die drohende Gefahr zu tun und ein kleiner Ausschuß gebildet, bestehend aus v. Baeyer, Viktor Meyer und mir, welcher sich der Sache annehmen sollte.
Es war dies das erste und fast das einzige Mal, daß es mir gelungen ist, meine Kollegen ohne Widerspruch zu meinen Ansichten zu bekehren. Und man wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich vermute, daß es nicht sowohl die Kraft meiner unterrichtlichen und wissenschaftlichen Gründe gewesen ist, denen ich diesen ungewöhnlichen Erfolg zuzuschreiben habe, sondern daß die wirtschaftlichen Nachteile, welche die geplante Einrichtung befürchten ließ, die sonst so geringe Reaktionsgeschwindigkeit meiner kollegialen Beeinflussungsversuche[245]  bis zu diesem hohen Grade katalytisch beschleunigt haben.
Der kritische Tag. Auf der festlichen Hauptversammlung am folgenden Tage, der außer einigen Ministern und höheren Beamten auch die wissenschaftlich lebhaft interessierte Prinzeß Therese, Tochter des Prinzregenten, beiwohnte, konnte ich in längerer Rede »Über wissenschaftliche und technische Bildung« mein Urteil über die geplante Einrichtung von einem höheren Gesichtspunkt aus entwickeln. Der Hauptgedanke war, daß unsere gegenwärtige Ausbildungsweise durch die Doktorarbeit die Chemiker zu einer höheren Leistungsfähigkeit entwickelt, als ein noch so zweckmäßig eingerichtetes Examen ergeben könnte. Denn sie lernen durch jene Arbeit, wie man sich dem Unbekannten gegenüber zu benehmen hat, um es zu erforschen. Das Examen kann sie höchstens dazu bringen, das Bekannte zu beherrschen. Dies letztere genügt aber der deutschen Technik nicht, denn sie braucht in erster Linie Leute, die das Forschen gelernt haben. Solche lieferten die deutschen Universitäten und technischen Hochschulen in einer Güte, wie keine ausländische Anstalt, und diese Quelle unserer Erfolge muß unbedingt erhalten bleiben.
In meiner leidenschaftlich vorgetragenen Rede entwickelte ich diese Gesichtspunkte und beschwor meine Zuhörer mit allen verfügbaren Kräften, den unheilvollen Weg nicht zu gehen.
Ich erinnerte an das Wort Bismarcks vom Sekondeleutnant, der dem deutschen Heere seine Überlegenheit sicherte und den uns die anderen Völker nicht nachmachen könnten und sagte: Solange man uns unseren Dr. phil. nicht nachmachen kann, bleiben wir die Führenden.
Die Rede hatte ersichtlich einen starken Eindruck gemacht. Als geübter Taktiker sprang der zweite Vorsitzende Böttinger, der die Gegenseite vertrat, alsbald[246]  in die Bresche und stellte den Antrag, die weitere Erörterung der Frage aus Rücksicht auf die anwesenden Ehrengäste auf den Nachmittag zu verschieben, und erst die anderen Vorträge anzuhören. Ich hatte nichts dawider; hernach stellte sich heraus, daß jene Maßnahme ganz und gar zum Nachteil der Gegner ausfiel.
Inzwischen hatte nämlich Viktor Meyer mit v. Baeyer gesprochen und auch dieser hatte sich die Folgen des chemischen Staatsexamens klar gemacht. Am Vormittag war er nicht abkömmlich gewesen; zum Nachmittag aber erschien er und griff alsbald persönlich auf das kräftigste in die Verhandlungen ein. Er entwickelte in seiner Weise ungefähr die gleichen Gedanken, die mir wesentlich erschienen waren. Die Beibehaltung der wissenschaftlichen Arbeit war ihm die Hauptsache; diese hielt er aber nicht für vereinbar mit dem Staatsexamen. Auch Viktor Meyer, schon in Reisekleidern, meldete sich zum Wort, um die Wichtigkeit der Dissertation zu betonen. Dr. Holtz erklärte als Vertreter der Industrie, daß die Sache bei der Reichsregierung schon so gut wie fertig sei und wir uns mit der Tatsache abzufinden hätten. Böttinger brachte einen Antrag ein, daß wir uns mit dieser Absicht der Reichsregierung einverstanden erklären sollten, mußte aber feststellen, daß keine Stimmung dafür in der Versammlung vorhanden war. In der weiteren Aussprache wurde er wähnt, daß mit der amtlichen Prüfung auch die Erteilung eines entsprechenden Titels, etwa »Regierungschemiker«, verbunden sein würde, was zur »Hebung des Chemikerstandes« wünschenswert sei. Dies erregte lebhaften Widerspruch. Die Endszene verlief nach der amtlichen Niederschrift, die vor der Drucklegung allen Beteiligten vorgelegt war, wie folgt:
Vorsitzender: Nun muß ich über den Antrag Böttinger abstimmen lassen.
[247]  Böttinger: Ich bin gern bereit, meinen Antrag dahin zu modifizieren, anstatt zu sagen: »die Durchführung eines solchen Staatsexamens herbeizuführen« – »die Prüfung der Frage der Einführung eines solchen Staatsexamens vorzunehmen«, oder »sich mit der Prüfung der Frage zu beschäftigen«.
V.: Das brauchen wir der Reichsregierung nicht weiter vorzuschlagen, das tut sie bereits.

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B.: Es wäre unsererseits zu erstreben, wenn sich die Versammlung der Ansicht anschlösse, daß die Herbeiführung wünschenswert ist.
V.: Das ist ja das Gegenteil.
B.: Doch nicht! Ich würde aber sagen: »Die Deutsche Elektrochemische Gesellschaft spricht sich dahin aus, daß die Einführung eines Staatsexamens in der Chemie wünschenswert ist. Das ist eines. Und dann: und ersucht die Reichsregierung, sich mit der Prüfung der Frage zu beschäftigen.« Das ist kein Widerspruch. Ich nehme also Abstand von der »Durchführung« eines solchen Examens und sage nur: »die Reichsregierung möchte sich mit der Frage eingehender beschäftigen«. Also: »Die Elektrochemische Gesellschaft spricht sich dahin aus, daß die Einführung eines Staatsexamens für Chemiker höchst wünschenswert ist und ersucht die Regierung, die Prüfung der Frage herbeizuführen.«
V.: Das ist also ein Antrag auf Einführung eines Staatsexamens. Wer für den Antrag des Herrn Böttinger ist, den bitte ich, die Hand zu erheben. (Geschieht.)
Die Anzahl der Stimmen ist gering, die Gegenprobe brauche ich wohl nicht zu machen.«
Hiermit war aber die Angelegenheit noch nicht abgeschlossen. Zu dem festlichen Abschiedsessen, an dem der Unterrichtsminister Landmann mit sichtlicher Freude teilnahm, war v. Baeyer als Gast erschienen und[248]  überraschte uns alle durch eine Rede von so rücksichtsloser Offenheit, wie sie niemand erwartet hatte. Ich habe keine schriftliche Aufzeichnung gefunden und kann daher den genauen Inhalt nicht angeben. Sie hinterließ jedenfalls den Eindruck, daß die Frage des chemischen Staatsexamens endgültig in verneinendem Sinne erledigt war. Tatsächlich erklärte die Reichsregierung bald darauf, daß wegen der aufgetretenen grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten eine Entscheidung verfrüht wäre und daß die Angelegenheit weiter geprüft würde. Dabei ist es bis heute verblieben.
Das Verbandsexamen. Wir aber, nämlich v. Baeyer, V. Meyer und ich machten uns klar, daß unsere Betätigung nur dann dauernden Erfolg haben würde, wenn wir die tatsächlich vorhandenen Mängel in der Ausbildung der Chemiker von uns aus beseitigten. Diese Mängel bestanden hauptsächlich in der fehlenden Sicherheit dafür, daß die zur Doktorarbeit von den Professoren zugelassenen Studenten eine genügende allgemein chemische Vorbereitung mitbrachten. Wir konnten nicht leugnen, daß es gewisse Doktorfabriken gab, in denen fast jeder zur Doktorarbeit zugelassen wurde, der sich meldete; die in solchen Laboratorien hergestellten Arbeiten wurden in Fachkreisen mit Recht als minderwertig angesehen. Die Beratungen ergaben folgenden Plan, dessen Grundgedanken vorwiegend von Baeyer beigebracht wurden.
Die leitenden Chemieprofessoren gründen den »Verband der Laboratoriumsvorstände«, der Universitäten und technischen Hochschulen, dessen Mitglieder sich verpflichten, keinen Studenten zur Doktorarbeit zuzulassen, der nicht vorher das »Verbandsexamen« bestanden hatte, in welchem er sich über genügende Kenntnisse in anorganischer, organischer und analytischer Chemie ausweisen muß. Auf besonderen Wunsch konnte er auch noch, wo die betreffenden Fachprofessoren dazu[249]  bereit waren, Prüfungen in physikalischer Chemie, Physik, Mineralogie und anderen verwandten Fächern ablegen und sich die nachgewiesenen Kenntnisse bezeugen lassen.
Der Vorschlag wurde an alle in Frage kommenden Kollegen geschickt. Eine gründende Zusammenkunft fand in Braunschweig zur Naturforscherversammlung statt, wo die Satzungen beraten und angenommen wurden.
In kurzer Frist traten alle Laboratoriumsleiter der deutschen Universitäten dem Verband bei. Die Kollegen von den technischen Hochschulen schlossen sich uns erst an, traten aber nach einiger Zeit wieder aus, durch »taktische« Gründe veranlaßt. Denn damals tobte der Kampf um die Erteilung des Doktorgrades durch die technischen Hochschulen, gegen welche sich eine Anzahl Universitätsprofessoren ausgesprochen hatten.
Der »Verband« hat seitdem den Zweck, für den er gegründet war, gut erfüllt und besteht noch heute, zum Beweis, daß solche Dinge sich sehr gut ohne amtlichen Apparat durchführen lassen. Ich trat aber bald aus dem Vorstande aus, als ich erleben mußte, daß Baeyer die Aufnahme eines seiner Günstlinge durchsetzte, der nach dem klaren Wortlaut und Sinn der Satzung nicht aufnahmefähig war. Außer mir hatte niemand dagegen zu stimmen gewagt.
Ein besonders schmerzlicher Beiklang jener guten und erfolgreichen Sache entstand dadurch, daß unser dritter Mitarbeiter, Viktor Meyer, kurz bevor wir in Braunschweig zusammentraten, seinem Leben ein plötzliches Ende machte. Er war durch Überarbeitung schwer erschöpft und hatte in den letzten Jahren dazu eine Reihe persönlicher Aufregungen durchmachen müssen. Das bewirkte bei ihm häufig wiederkehrende quälende Kopfschmerzen mit entsprechenden Depressionszuständen; dazwischen erschien er heiter und lebendig. In solcher guter[250]  Stimmung hatte er am 7. August 1897 den Seinen Gutenacht gesagt; dann hat ihn anscheinend ein besonders schwerer Anfall ergriffen, und unter dessen Einfluß hatte er sich mit Blausäure vergiftet.
Persönliche Folgen. Ich habe das Bewußtsein, daß ich dem Deutschen Volke und insbesondere der Deutschen Chemie durch meine erfolgreiche Bekämpfung des chemischen Staatsexamens einen sehr großen Dienst erwiesen habe. Irgendeine Anerkennung ist mir hierfür allerdings nie zuteil geworden; auch habe ich keine angestrebt. Wohl aber stellten die maßgebenden Männer der chemischen Industrie, welche das Staatsexamen mit größtem Nachdruck befürwortet und beinahe schon endgültig durchgesetzt hatten, bei dieser Gelegenheit fest, daß ich nicht genügend hellhörig für ihre Wünsche sei und daher in ihren Kreis, dem auch mehrere im Vordergrunde stehende Professoren angehörten, nicht paßte.
Für mein äußeres Leben hat die feindselige Einstellung des sehr einflußreichen Kreises, die sich weiterhin bei all meinen entsprechenden Betätigungen fühlbar machte, mancherlei. Folgen gehabt, und zwar meist ungünstige. Für meinen inneren Menschen aber glaube ich gerade hieraus ein Plus buchen zu dürfen.
Der Abschluß. Der wachsende Druck mannigfaltiger Arbeit und anderer Verpflichtungen verband sich mit abnehmender Teilnahme an der Gesellschaft, um mir den Gedanken des Rücktritts von der Leitung nahe zu legen. Im Schoße der Gesellschaft bemühten sich jüngere ehrgeizige Kräfte, meinen Einfluß zu mindern, um selbst besser in den Vordergrund zu treten. Da mir nichts daran lag, diese äußere Stellung zu verteidigen, so war ich sehr bereitwillig, ihnen das Feld zu überlassen. Ich litt persönlich unter diesen Erfahrungen. Nicht aus gekränktem Ehrgeiz; mein Streben hatte inzwischen eine ganz andere Richtung genommen. Sondern ich schämte[251]  mich für jene, die mit nicht immer ganz reinlichen Mitteln solche Ziele verfolgten und gab freiwillig den Weg frei, um jene Kleinlichkeiten nicht mehr durch mein Dasein hervorzurufen und sie ansehen zu müssen.
Soviel Interesse hatte ich indessen noch für mein zu verlassendes Kind, daß ich ihm einen möglichst guten Führer, wenigstens für die nächsten Jahre zu verschaffen mich bemühte. Lange wollte mir keine geeignete Persönlichkeit einfallen. Doch vertraute ich auf die Gunst der Stunde und kündigte auf der Gesellschaftsversammlung von 1898 in Leipzig meinen Rücktritt an.
Die Versammlung war in mehrfacher Hinsicht ausgezeichnet. Dr. Hans Goldschmidt führte zum ersten Male öffentlich sein inzwischen zu so großer technischer Bedeutung gelangtes Thermit verfahren vor. Dieses gestattet durch Abbrennen geeigneter Mischungen von Aluminiumpulver mit Metalloxyden sehr hohe Temperaturen im kleinsten Raume zu erzeugen, so daß man einerseits schwerschmelzbare Metalle regulinisch herstellen, andererseits Schmiedestücke unmittelbar bis auf Weißglut erhitzen kann. Ich kennzeichnete daher in den Schlußworten, die ich als Vorsitzender zu sagen hatte, das Verfahren als einen Hochofen und ein Schmiedefeuer in der Westentasche.
Eine zweite Überraschung war die Vorführung des kolloiden Goldes und seiner merkwürdigen Verhältnisse durch Dr. Zsigmondy. Zwar waren Arbeiten über Kolloide längst von Zeit zu Zeit erschienen, und schon Th. Graham hatte eine methodische Zusammenfassung des Gebietes angestrebt. Aber von den Arbeiten Zsigmondys darf man die Anregung lebendiger Teilnahme einer größeren Anzahl Fachgenossen an diesen Problemen rechnen, namentlich nachdem der Optiker Siedentopf mit ihm im Ultramikroskop ein neues und weittragendes Werkzeug für diese Forschungen erbaut hatte.[252]
Noch ein dritter Anfang ist von dieser Tagung zu verzeichnen. Ein jüngerer Forscher berichtete über elektrochemische Untersuchungen an organischen Verbindungen, wobei er sehr zahlreiche Ergebnisse mit atemraubender Geschwindigkeit vortrug. Er wurde von einem etwas älteren Fachgenossen heftig und unbegründet angegriffen, so daß ich mich veranlaßt sah, als Vorsitzender für ihn einzutreten. Sein Name war damals kaum bekannt, ist es aber später sehr geworden. Er hieß Fritz Haber.
Ich hatte in der Vorstandssitzung zu Beginn der Tagung mitgeteilt, daß ich eine Wiederwahl zum ersten Vorsitzenden nicht würde annehmen können. Voll Sorgen, wie sich diese Angelegenheit befriedigend würde abwickeln lassen, ging ich zum Sitzungssaal und begrüßte die Bekannten. Unter ihnen befand sich auch van't Hoff und bei seinem Anblick war die Aufgabe gelöst. Er war der gegebene Führer. Zwar hatte er sich nie besonders mit Elektrochemie beschäftigt. Mir erschien dies aber nur als ein Vorteil für die Sache, denn ich war von vornherein der Überzeugung gewesen, daß die Beschränkung der Tätigkeit der Gesellschaft auf die Elektrochemie unzweckmäßig, ja undurchführbar war. Hatte doch die laufende Tagung den Beweis dafür gebracht, daß die interessantesten Mitteilungen nichts mit Elektrochemie zu tun hatten.
Freund Beckmann, der Getreue, hatte mit einer Anzahl Gleichgesinnter eine Art Staatsstreich vorbereitet, um mich zur Beibehaltung des Vorsitzes zu zwingen. Auf diesen Schachzug war er aber nicht gefaßt gewesen und mußte ihn als zweckmäßig anerkennen. So gab er sich darein und van't Hoff hat den Verein eine Reihe von Jahren erfolgreich und glanzvoll geleitet. Mich aber wählte die nächste Tagung zum Ehrenmitgliede.
[253]  Die Bunsen-Gesellschaft. Mein letztes Eingreifen in die Geschicke der Gesellschaft bezog sich auf die eben erwähnte Erweiterung ihrer Aufgaben über das ganze Gebiet der physikalischen Chemie. Nachdem dies grundsätzlich gebilligt war, wurde über den notwendig gewordenen neuen Namen beraten. Robert Bunsen war vor kurzem in hohem Alter gestorben und ich schlug den Namen Bunsen-Gesellschaft vor. Der Name fand viel Zustimmung, aber auch Gegnerschaft, die von der bereits erwähnten Gruppe organisiert wurde, der ich vor einigen Jahren in München das Spiel mit dem chemischen Staatsexamen verdorben hatte. Die Taktik war diesmal, vor der endgültigen Abstimmung einen Beschluß durchzusetzen, daß Satzungsänderungen nur mit Zweidrittelmehrheit ausgeführt werden dürften.
Die entscheidende Tagung fand in Würzburg statt und beide Seiten hatten sich auf heftige Kämpfe gefaßt gemacht. Das gute Glück wollte aber, daß die Verhandlung auf einen Nachmittag gelegt war, nachdem ein von der Stadt gegebenes Frühstück vorangegangen war, auf welchem der köstliche »Bocksbeutel« vom Weinberg des Juliusspitals reichlich ausgeschenkt wurde. Er hatte sichtlich die kriegerische Stimmung zur Sanftmut gewendet. Bei der Verhandlung trat als gefährlichster Gegner der geniale Oskar von Miller auf. Er hatte eigentlich nicht viel mit der Sache zu tun, war aber von der einflußreichen Gegnerschaft veranlaßt worden und hielt eine eindrucksvoll-populäre Rede gegen den Namen. Wäre die Abstimmung gleich erfolgt, so hätte er die Mehrheit für sich gehabt. Ich bat deshalb den Vorsitzenden zunächst auch den anderen Gegnern das Wort zu erteilen, damit ich alle Einwendungen zusammen beantworten konnte.
Es wurde der Bitte gemäß verfahren und nun kamen in absteigender Reihe immer ungeschicktere Vertreter[254]  der Gegnerschaft zu Worte, deren Einwände sich schließlich so offenkundig widersprachen, daß sie sich gegenseitig aufhoben. Ich konnte mich in meiner Antwort darauf beschränken, diese Selbstvernichtung der Gegnerschaft zu unterstreichen. H. Goldschmidt, der Thermitmann, fügte einiges Persönliche hinzu, was zu Herzen ging, und bei der Abstimmung ergab sich nach einigen Hindernissen die nötige Mehrheit.
Obwohl die Sache schließlich nicht von Bedeutung war, und mehr Aufwand gekostet hatte, als sie wert war, freute sie mich doch als technisches Experiment. Aber ich verlor durch sie die Lust, mich weiter in der Gesellschaft zu betätigen, zumal mich meine neuen Aufgaben nach ganz anderer Richtung zogen.
Die Katzenmutter. Es hat nicht an Vorwürfen gegen mich gefehlt, daß ich dergestalt eine Sache, die ich mit voller Hingabe betrieben und der ich einen Teil von meinem eigenen Leben mitgegeben hatte, aufgab und ihrem eigenen Schicksal überließ. Da auch in manchen anderen Fällen das gleiche geschah, so sah ich mich einer Naturgesetzlichkeit gegenüber, deren Ursachen entdeckt werden wollten. Ich fand sie, wenn auch viel später.
In dem Landhause, das ich seit 1906 bewohne, findet mit dem Beginn jedes Winters eine große Einwanderung von Mäusen statt, welche mit dem ersten Schnee vom Felde in das warme und nahrungsreiche Haus übersiedeln und auch in anderen Jahreszeiten Ansiedlungsversuche machen. Als bewährtes Mittel dagegen wurde eine Hauskatze gehalten, welche ihre Pflicht zwar sehr befriedigend erfüllte, aber nur unter der Bedingung, daß sie zweimal im Jahre ihr Wochenbett abhalten durfte. Indem wir jedesmal von den zur Welt gekommenen Kätzchen je zwei am Leben ließen (womit die Mutter einverstanden war), konnten wir einen Dauerzustand herstellen. Zwei wurden jedesmal aufgezogen,[255]  damit jedes einen Spielgefährten hatte, und es gelang immer, sie als tüchtige Mäusejäger zufolge mütterlicher Erziehung in gute Hände abzugeben.
Bekanntlich ist eine Katzenmutter das Urbild der Mutterliebe. Sie geht ohne Zögern den größten Hund an, der ihre Brut bedroht und jagt ihn sicher in die Flucht. Um die Reinlichkeit der Kinder kümmert sie sich bis zum letzten Punkt, und wenn sie größer geworden sind, vergißt sie Alter und Würde, um mit ihnen stundenlang zu spielen. Rechtzeitig trägt sie ihnen lebende Mäuse zu und lehrt sie alle Künste der Jagd.
Wenn es aber so weit ist, ändert sie ihr Verhalten. Sie wird immer weniger zugänglich, überläßt sie zunehmend sich selbst, und nach kurzer Frist werden die Herangewachsenen durch Anfaucher und Ohrfeigen belehrt, daß sie weiterhin nicht mehr auf die Mama rechnen dürfen, da sie für sich selbst sorgen können.
Ich habe diesen Vorgang so ausführlich beschrieben, weil er mir vorbildlich zu sein scheint. Unsere geistigen Kinder gewinnen, wenn sie überhaupt lebensfähig zur Welt kamen, durch die natürliche Entwicklung ihr eigenes Leben, und zwar um so schneller, je erfolgreicher wir sie herangepflegt hatten. Dann tritt immer die Gefahr ein, daß die fortgesetzte Bemutterung in eine Bevormundung übergeht. Ist das Leben des jungen Wesens kräftig, so schüttelt es gemäß dem Gesetz der Notwendigkeit diese Bevormundung ab. Das gibt Hemmungen, Streit und die Mutter wird unglücklich. Oder das Wesen ist nicht kräftig genug: dann siecht das Kind unter dauernder Bevormundung dahin und stirbt jedenfalls, wenn diese aufhört, oft auch schon vorher.
Aus der Geschichte der Chemie war mir das tragische Schicksal bekannt, welches der große Berzelius durch die von ihm organisierte Wissenschaft hatte erleben müssen. Es war ein Fall der ersten Art, wo das Kind sein[256]  eigenes Dasein gewonnen hatte. Das letzte Jahrzehnt seines Lebens hatte Berzelius in einem immer heftiger werdenden Kampfe gegen die inzwischen entstandene neue Chemie zubringen müssen und auf seinem Sterbebette sah er das Gebäude, in dessen Säulen er sein ganzes Leben hineingebaut hatte, in Flammen aufgehen. Was verbrannte, waren freilich nur entbehrliche Gerüste. Aber das wußte er nicht, denn seine Wissenschaft war ihm über den Kopf gewachsen und er konnte sie nicht mehr überschauen.




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Das danke ich der Wissenschaft, daß ich die objektive Notwendigkeit solcher Vorgänge begriff und nie gezögert habe, die Nutzanwendung auf mich zu machen. Wenn man mir Mangel an Treue gegen meine eigenen Schöpfungen vorwarf, so durfte ich mit Recht antworten, daß das rechtzeitige Verlassen der Führerstelle ein höheres Maß von Treue gegen das selbständig gewordene Gebilde bedeutet, als das Festhalten an einer äußeren Beziehung, deren innere Beschaffenheit eine wesentlich andere geworden war.
Was hier in dem Sonderfalle ausführlich dargelegt worden ist, findet sachgemäße Anwendung auf manche andere Inhalte meiner Lebensarbeit. Die Elektrochemische Gesellschaft aber ist als Bunsengesellschaft längst lebenskräftig genug geworden, um bessere oder geringere Führer ohne wesentliche Beeinflussung ihrer Gesundheit zu erleben oder zu ertragen.



 Elftes Kapitel.
Die Katalyse und das neue Institut.










[257] Was ist Katalyse? Seit einem Jahrhundert kennt man Vorgänge, bei denen Stoffe auf andere umwandelnd einwirken, ohne daß sie selbst sich dabei der Art und Menge nach ändern. So hatte Kirchhoff 1811 durch sorgfältige Messungen festgestellt, daß Stärke durch Kochen mit verdünnter Schwefelsäure in Zucker verwandelt wird. Ohne Säure geht es nicht, hernach aber findet man alle Säure wieder, die man angewendet hatte. Nachdem eine Anzahl solcher Vorgänge bekannt geworden waren, hat Berzelius 1836 mit seiner ausgezeichneten Fähigkeit, weit auseinander liegende Tatsachen begrifflich zu verbinden, sie durch den Namen Katalyse zusammengefaßt und gekennzeichnet, ohne eine Erklärung zu versuchen, für die er die Zeit noch nicht gekommen sah.
Mit einer solchen, die aber ganz hypothetisch war und keine Handhabe bot, die Erscheinungen zu erforschen, war dann Liebig aufgetreten. Er befand sich gerade in einer Auseinandersetzung mit Berzelius, die zu dem beklagenswerten Bruch zwischen beiden großen Forschern führte und die letzten Jahre des Altmeisters schwer verbitterte. Liebig vertrat im Hinblick auf die Gärung die Meinung, daß der Katalysator ein in Zersetzung begriffener Stoff sei, der seine eigene molekulare Bewegung[258]  auf den katalysierten Stoff übertrage und diesen gleichfalls zum Zerfall disponiere. Schon sein Freund Wöhler hat ihn von der Undurchführbarkeit dieser Ansicht zu überzeugen versucht, leider vergeblich.
Seitdem galt das Gebiet der Katalyse als verdächtig und wer sich in diese Gegend wagte, tat es auf Kosten seines guten Rufs als Chemiker. Darum machte es dem originellen Schwaben Schönbein, dem Entdecker der Schießbaumwolle, ein besonderes Vergnügen, katalytische Vorgänge aufzusuchen und die zeitgenössischen Chemiker aufmerksam zu machen, wie hilflos ihre Wissenschaft diesen interessanten und mannigfaltigen Tatsachen gegenüber sei. Selbst wußte er freilich auch nichts Aufklärendes dazu zu sagen. Er war durchaus der Meinung, daß der Katalysator die entsprechenden Vorgänge durch seine Anwesenheit hervorruft, daß sie also ohne ihn nicht stattfinden. Andere Möglichkeiten hat er nicht ins Auge gefaßt.
So wurden immer mehr einzelne Tatsachen beobachtet, die in diese Klasse hineingehören. Dabei zog der, welcher sie nach Berzelius ohne Erklärungsanspruch als katalytische bezeichnete, sich sofort eine zurechtweisende Bemerkung zu, das sei ein Wort und keine Erklärung. Und dabei hatte Berzelius den Namen ausdrücklich deshalb eingeführt, weil er keine vorzeitige »Erklärung« aussprechen wollte!
Viel besser erging es der unhaltbaren Hypothese Liebigs. Weil sie »anschaulich« war, wurde sie als wirkliche Erklärung angesehen. Sie nahm die Gestalt an, der Katalysator sei ein Stoff mit ganz besonderen Atomschwingungen, welcher dadurch die Molekeln des Katalyten spalte. Die Vorstellung erwies sich schon dadurch als völlig verfehlt, da durch Katalyse auch Verbindungen, keineswegs nur Spaltungen zuwege gebracht werden. Auch hatte keiner der Erklärer den Versuch[259]  gemacht, solche Schwingungen irgendwie nachzuweisen und zu messen. Trotzdem war diese Scheinerklärung ebenso beliebt, wie in unseren Tagen der Vergleich der spezifischen Katalysatoren mit einem Schlüssel, der nur in ein bestimmtes Schloß paßt. Für das wissenschaftliche Verständnis der Erscheinung sind beide gleich viel wert, nämlich nichts.
Diese Art Erklärungen gemahnen an die Geschichte, welche Wieland von den Abderiten erzählt. Sie hörten einmal auf dem Markt verschiedene Philosophen an, welche die Welt erklären wollten. Die meisten wurden unbeachtet gelassen, nur einer fand einstimmigen Anklang. Er erklärte, die Welt sei wie eine Zwiebel, von der eine Schale nach der anderen abgezogen würde. Die Zuhörer fanden das durchaus ein leuchtend, nicht weil einer nun begriffen hatte, welche Beschaffenheit die Welt hat, sondern weil jeder wußte, wie eine Zwiebel aussieht.
Eigene Anfänge. Mir waren die katalytischen Vorgänge bei meinen Forschungen zur chemischen Dynamik schon früh entgegengetreten. Der Bahnbrecher für die wissenschaftliche Erfassung des zeitlichen Verlaufs chemischer Vorgänge, Wilhelmi (1850), hatte seine Lehre an einer typischen Katalyse, der Umwandlung des Rohrzuckers durch verdünnte Säuren entwickelt und meine erste Arbeit, in welcher ich die Geltung der gleichen Gesetze in einem zweiten, sehr ausgedehnten Falle nachwies, bezog sich gleichfalls auf eine katalytische Spaltung, die des Methylazetats (1883).
Nachdem ich noch bei der katalytischen Spaltung des Zuckers meine wohlbekannten Affinitätswerte wiedergefunden hatte, stellte ich nur die Frage, ob ich dieselben Zahlen auch bei einer ganz anderen Klasse chemischer Vorgänge wiederfinden würde, nämlich den Oxydations- und Reduktionsvorgängen. Ich suchte einen solchen auf, der hinreichend langsam verlief, um bequem meßbar[260]  zu sein (Bromsäure und Jodwasserstoff), und fand richtig auch hier eine katalytische Beeinflussung durch Säuren wieder, welche die gewohnten Werte ergab.
Daneben aber zeigten sich an den gleichen Stoffen Fälle von ganz anderer Art, wo kleine Stoffmengen in wenigen Augenblicken den ganzen Vorgang zum Ablauf brachten. Da hatte ich Katalysatoren von der Art, wie sie Schönbein so mannigfaltig aufgefunden hatte. Durch Verkleinerung der wirkenden Mengen konnte ich den Einfluß beliebig verkleinern, bis er unmerklich wurde und der Vorgang mit seiner gewöhnlichen Langsamkeit verlief.
Somit erwies sich bei der messenden Untersuchung der Katalysator als ein Stoff, der den Vorgang nicht erst hervorruft, sondern nur einen vorhandenen Vorgang beschleunigt. Die Frage, ob man das allgemein behaupten darf, konnte bejaht werden, denn die Vorstellung von chemischen Vorgängen, welche so langsam verlaufen, daß man ihren Fortschritt nicht gewahr wird, war mir geläufig. In Dorpat schon hatte ich Knallgas in Röhren eingeschlossen und sie in mäßiger Wärme monatelang aufbewahrt, um zu sehen, ob nicht eine Wasserbildung erkennbar würde.
Freilich verließ ich zunächst diesen Weg. Wenn man einen umwälzenden Gedanken zum ersten Male bekommt, so ist man erschrocken und scheut sich, so weit zu gehen. Namentlich wenn man noch jung ist und solche Dinge noch nicht oft und bewußt erlebt hat. Erst wenn der Gedanke mehrfach wiederkommt, beginnt man Mut und Zutrauen zu fassen und betrachtet ihn ernstlich auf seine Durchführbarkeit. Es ist ähnlich, wie Johannes Brahms es von seinen musikalischen Gedanken erzählt. Er ließ sie beim ersten Auftreten laufen, ohne sie aufzuschreiben. Denn wenn der Gedanke wirklich gut ist, pflegte er erklärend zu sagen, wird er sicher wiederkommen.[261]  Und kommt er nicht wieder, so war es nicht schade um ihn. Allerdings ist dies Verfahren auf Solche beschränkt, welche genug Gedanken haben, daß es auf einen einzelnen nicht ankommt.
In meinem Falle trat hinzu, daß ich gleichzeitig im Anschluß an die Ideen von Arrhenius das Verdünnungsgesetz der Elektrolyte entdeckt hatte und durch Arbeiten nach dieser Richtung innerlich wie äußerlich stark beansprucht wurde.
Als die Anzahl der Mitarbeiter und der Umfang unserer Arbeiten zunahm, meldeten sich auch jene Aufgaben wieder. Schon 1889 hatte ich zwei meiner Schüler, den Belgier L. Henry und den Finnländer U. Collan an Untersuchungen gesetzt, welche auf jenem katalytischen Grundgedanken beruhten; ausgesprochen wurde er als »selbstverständlich« aber nicht. Es waren dies Untersuchungen über die Frage, ob ein Stoff gegebenenfalls sich selbst katalysieren kann. Der Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig konnte ich im Frühling 1890 über solche »Autokatalysen« berichten.

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Erst 1894 habe ich dann gelegentlich eines Referats über eine fremde Arbeit die seitdem maßgebend gebliebene Definition der Katalyse ausgesprochen als eine Veränderung der Reaktionsgeschwindigkeit durch Stoffe, welche nicht als Bestandteile in den Endprodukten erscheinen.
Man erkennt alsbald den großen Unterschied dieser rein begrifflichen Aufklärung gegenüber den alten »anschaulichen« Hypothesen molekularer Schwingungen. Sie macht nämlich sofort ein unabsehbares Feld für fruchtbare experimentelle Arbeit frei. Welche Stoffe beschleunigen welche Vorgänge? Nach welchen Gesetzen? In welchen Beträgen? Dies sind nur einige von den Fragen, die man alsbald nicht nur stellen, sondern auch durch entsprechende Versuche beantworten kann.
[262]  Zusammenhang mit der Energetik. Die Gesetze der Energetik im allgemeinen und die Sondergesetze vom osmotischen Druck und der elektrolytischen Spaltung im besonderen hatten das Verhalten der chemischen Stoffe in weitem Umfange aufgeklärt, so daß man in diesem Walde weite Wanderungen unternehmen konnte, ohne sich zu verirren. Mit dem Durchbrechen der wichtigsten Wege durch die neu erschlossenen Gebiete hatte ich während eines Jahrzehnts meine Schüler erfolgreich beschäftigt, ihnen zur Freude und der Wissenschaft zum Nutzen. Allmählich aber begann diese Arbeit den Reiz der Neuheit zu verlieren. Je mehr schon geordnet war, um so selbstverständlicher erschienen Mittel und Ergebnisse neuer Forschungen, wenn ihre Ausführung auch notwendig war und auch gelegentlich neuartige, nicht vorgesehene Ausblicke ergab.
Hierdurch entstand naturgemäß bei mir die Frage: Sind nun alle Aufgaben meiner Wissenschaft grundsätzlich erledigt? Natürlich waren noch Tausende von Einzelfällen zu bearbeiten, die man kennen mußte, ebenso wie die Vertreter der organischen Chemie Tausende neuer Stoffe herstellten, die man kennen mußte. Aber gab es noch unbeantwortete grundsätzliche Fragen?
Auf den ersten Blick sollte man geneigt sein, nein zu sagen. Denn jedes einzelne Geschehen fällt ja unter die allgemeinen Gesetze der Energetik, und von diesen pflegt namentlich der zweite Hauptsatz sehr bestimmte Aussagen zu machen.
Aber wenn auch die Energetik die notwendigen Bedingungen für jedes Geschehen kennzeichnet, gibt sie auch die zureichenden? Ist jedes Geschehen bis in den letzten Winkel durch die Energiegesetze bestimmt und beschrieben?
Die Vertreter der mechanischen Naturauffassung sagen hier ja. In seiner theatralisch-eindringlichen Weise [263]  hatte Dubois Reymond diesen Standpunkt durch die Erörterung von Laplaces »Weltformel« dargelegt, in die man nur die zugehörigen Zahlenwerte einzusetzen hätte, um über all und jedes Ding in Vergangenheit und Zukunft erschöpfende Auskunft zu erlangen. Die Energetik hatte mich belehrt, daß dieser Gedanke unzutreffend ist. Ich war also auf die Erfahrung zurückgewiesen. Gibt es in der Chemie Dinge, die durch die Gesetze der Energetik nicht vollständig dargestellt werden?
Die Antwort war durch die Aussprachen mit den Laboratoriumsgenossen längst gefunden: die Energetik ist zwar überall notwendig, nie aber zureichend. Jede Art der Energie hat ihre Sondergesetze, welche die vielen formalen Möglichkeiten auf die einzige Wirklichkeit einschränken. Dazu kommen die spezifischen Einzelwerte zahlloser Eigenschaften, welche die verschiedenen Stoffe kennzeichnen. Hierzu gehören auch die Geschwindigkeiten chemischer Vorgänge. Sie sind energetisch unbestimmt, denn die Gesetze der Energetik gestatten jeden Wert hierfür; katalytische Beschleunigungen widersprechen ihnen also nicht. Nur die Annahme ist unzulässig, daß durch Katalyse Vorgänge bewirkt werden, die an sich aus energetischen Gründen unmöglich sind.
So war ich allseitig darauf vorbereitet, die entscheidenden Gedankenbildungen zu vollziehen, welche dieses Dornröschen aus seinem Zauberschlaf befreite und die Hecken fruchtloser hypothetischer Vorstellungen zu durchbrechen, die inzwischen zu einem undurchdringlichen Wust zusammengewachsen waren. Die Energetik lehrte mich, daß durch katalytsche Vermittler keinenfalls Vorgänge ermöglicht werden können, die nicht den Hauptsätzen entsprechen und für sich nicht möglich sind. Somit konnte die Wirkung der Katalysatoren nur darin bestehen, daß sie an sich mögliche Vorgänge beschleunigen.[264]  Damit war ich aber bei meinen alten Gedankengängen wieder angelangt und ich sah ein unermeßliches neues Arbeitsfeld vor mir. Und für diese neuen Gedanken standen mir jetzt neue Räume zu Gebote, wo ich sie mit meinen Schülern zu Taten werden lassen konnte und wollte.
Der Laboratoriumsbau. Es ist bereits erzählt worden, wie wenig die Räume, in denen das zweite chemische Laboratorium untergebracht wurde, für die Zwecke geeignet waren, denen es in erster Linie dienen sollte. In den ersten Jahren, wo die Zahl der physikochemischen Studenten klein blieb, genügten die vorhandenen Zimmer wenigstens äußerlich zur Unterbringung der Mitarbeiter. Überlegt man aber, daß diese zum größten Teil mit selbständigen wissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigt waren, welche naturgemäß mehr Platz beanspruchen, als einfache Übungen, so kann man sich denken, daß sehr bald die gleiche Raumnot ausbrach, unter der mein Unterricht in Riga gelitten hatte.
Ich versäumte natürlich nicht, rechtzeitig die Behörde über den vorhandenen Notstand zu benachrichtigen und darauf hinzuweisen, daß er mit jedem Semester sich schnell steigern würde. Es war aber damals ein sehr strebsamer Vertreter der Landwirtschaft berufen worden, der mit dem alten Hause sich auch nicht zufrieden geben wollte, selbst wenn ihm das von meinem Institut eingenommene Geschoß dazu übergeben würde. Es gelang ihm, seine Bedürfnisse als die dringenderen geltend zu machen und die Bewilligung der erforderlichen großen Summen für einen Neubau durch das Unterirchtsministerium vom Landtag zu erlangen. Und da ich erklären mußte, daß eine Anpassung des alten Hauses für die Zwecke der physikalischen Chemie nur ungenügende Resultate geben würde, so daß auch hier ein Neubau notwendig war, so wurde die Erfüllung der[265]  Bedürfnisse meines Faches zurückgestellt, obwohl sie als dringend anerkannt wurden. Der mir jederzeit wohlgesinnte Kultusminister v. Seydewitz trieb seine Höflichkeit so weit, daß er meine Billigung der Zurückstellung sich als persönliche Gunst erbat. Ich konnte nur erwidern, daß meine Rolle in der Bewilligungsfrage eine rein passive und die gegenseitige Abwägung der Bedürfnisse der Universität ein Hauptbestandteil seiner Amtstätigkeit sei. Doch konnte ich ihm nicht verschweigen, daß mein Institut durch seine hervorragend ungeeignete Beschaffenheit bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte. Selbst in fremdländischen Zeitschriften war der große Gegensatz zwischen der Qualität der Arbeiten des Laboratoriums und der seiner Räumlichkeiten hervorgehoben worden.
Im Jahre 1894 wurden endlich die Mittel für den Neubau bewilligt, die Pläne bearbeitet und der Bau begonnen. In die Bauzeit fiel meine Erkrankung, zu der die Beanspruchungen für diese Angelegenheit ihren Teil beigetragen hatten. Während meiner Abwesenheit überwachten meine Assistenten die Ausführung der technischen Sonderaufgaben, die hier zu lösen waren, wobei besonders Th. Paul, der Nachfolger Beckmanns, seine ausgezeichnete praktische Begabung bewährte.


Im Herbst 1897 waren Bau und Einrichtung des neuen Instituts beendet und die Übersiedlung konnte erfolgen. Für mich war dieser Abschnitt in mehr als einer Beziehung bedeutungsvoll.
Die Eröffnung. Den Tag, an dem die neue Arbeit in den neuen Räumen beginnen sollte, durfte ich in mehr als einem Sinne als Festtag ansehen. Eine Rückschau über das in den vergangenen zehn Jahren Geleistete verschaffte ich der wissenschaftlichen Welt und mir durch den Abdruck einer Auswahl der wichtigeren Arbeiten aus dieser Zeit, die von mir und meinen Mitarbeitern[266]  geleistet waren: insgesamt vier Bände und rund 2250 Seiten, die von dem immer willigen Verlag W. Engelmann hergestellt wurden. Gewidmet waren sie dem sächsischen Kultusminister v. Seydewitz, der den Bau der neuen Anstalt durchgesetzt hatte.
Gleichzeitig wurde der Name sachgemäß geändert. Nicht mehr als zweites chemisches Laboratorium, also gleichsam ein Anhängsel des ersten von Wislicenus geleiteten durfte es angesehen werden. Die physikalische Chemie, welche vor zehn Jahren nicht mehr als ein Experiment, und zwar ein recht zweifelhaftes gewesen war, stand nun als ein in sich gefestigter Körper voll jugendlicher Kraft da und hatte ihre Reife schon mehrfach dadurch bezeugt, daß sie Tochteranstalten hatte entstehen lassen. So wurde der Name: Physikalischchemisches Institut gewählt. Wäre ich schon damals so aufmerksam wie heute darauf gewesen, entbehrliche Fremdworte zu verdeutschen, so hätte ich Werkstelle statt Institut gesagt. Auch der Fremdkörper, den die alte Anstalt hatte aufnehmen müssen, die pharmazeutische Abteilung war abgetrennt worden, indem auf gemeinsame Anregung von Wislicenus und mir eine dritte selbständige chemische Anstalt, das Institut für angewandte Chemie gegründet war, welchem jene Abteilung sachgemäß übergeben werden konnte. Als Daraufgabe hatte ich mit Freuden auf die Prüfungen der Pharmazeuten und Mediziner verzichtet, die mir längst eine Qual gewesen waren, nicht ohne die kopfschüttelnde Mißbilligung vieler Kollegen, welche nicht begriffen, wie man auf so bedeutende und sichere Einnahmen leichtsinnig verzichten könne, und mein Verhalten wieder unkollegial fanden.
Zum Leiter der neuen Anstalt war Ernst Beckmann berufen worden, den ich mit größter Freude als Kollegen ebendort begrüßen konnte, wo wir unsere gemeinsame[267]  Arbeit als Direktor und Assistent begonnen hatten. Er erwies sich in dem neuen Verhältnis ebenso zuverlässig und treu, wie in dem früheren.
Der Ausbildung der Lehrer hatte ich eine besondere Sorge zugewendet und für sie eine eigene Abteilung gegründet, die von J. Wagner sachgemäß verwaltet und entwickelt wurde.
Um all diese Dinge zum Ausdruck zu bringen, hatte ich eine besondere Eröffnungsfeier vorbereitet, zu welcher der Kultusminister, der Rektor der Universität, der Dekan der Fakultät und eine Anzahl Freunde und Fachgenossen von Nah und Fern sich einzufinden so freundlich waren. Die photographische Aufnahme jener Versammlung ist in verkleinerter Wiedergabe diesem Bande beigefügt. Ich sehe sie mit einem Gemisch von Glück und Wehmut an. Glück darüber, daß ich so vielen ausgezeichneten Männern nahe stehen durfte; Wehmut, weil die meisten bereits geschieden sind. Auf dem Blatt, das dem Bilde beigelegt ist, sind die Namen der Anwesenden verzeichnet, unter denen sich van't Hoff, Arrhenius, Nernst, Beckmann, Wiedemann, Leukardt, Lamprecht, Landolt, O. und W. von Miller, Wislicenus, Bücher, v. Öttingen und viele andere befinden.
Die früheren Schüler hatten aus diesem Anlaß mein Bildnis als Marmorrelief durch den ausgezeichneten Leipziger Künstler K. Seffner herstellen lassen. Vielleicht in unterbewußter Vorausnahme dessen, was in naher Zukunft geschehen würde, hatten sie es nicht zur Aufstellung im Institut bestimmt, sondern mir oder vielmehr meiner Familie zum Eigentum übergeben. Nach dem Zeugnis der mir Nahestehenden ist das Werk sehr wohl gelungen und stellt mein Aussehen in jener Zeit, wo ich Chemiker war, zutreffend dar.
Um mich bei der Sitzung munter zu halten, erzählte mir Seffner das entsprechende Verfahren, welches er[268]  vor kurzem bei der Herstellung einer Büste des bejahrten Königs Albert von Sachsen angewendet hatte. Der alte Herr verfiel dabei oft in einen leichten Schlummer, wobei die eigentümliche Form seines Kopfes, die an den eines Hammels erinnerte, besonders störend zur Geltung kam. Da die geistigen Eigenschaften dieses hervorragenden Monarchen einem solchen Aussehen keineswegs entsprachen, gab es für den gewissenhaften Künstler eine große Schwierigkeit, weil er sich nicht von der Natur entfernen mochte. Er mußte notwendig das Urbild aufwecken und bewerkstelligte dies, indem er mit einem großen Zirkel Messungen am Kopf des Königs ausführte. Dieser kam bald hinter den Zweck der Maßnahme und ließ sie sich lächelnd gefallen; der Künstler aber hatte, was er brauchte.
In dem experimentellen Teil meines Begrüßungsvortrages konnte ich Versuche mit flüssiger Luft vorführen, deren Erzeugung kurz vorher durch K. Linde bewirkt war. Für den theoretischen Teil hatte ich eine Untersuchung über die kennzeichnenden Eigenschaften der Zeit gewählt, die von allgemeinen Betrachtungen geradlinig zu dem Anteil führte, den die Zeit an der Gestaltung der chemischen Verhältnisse hat. Hier sind es die Gesetze der chemischen Kinetik, der Geschwindigkeit chemischer Vorgänge, an denen die Zeit einen maßgebenden Anteil hat. Da die allgemeinen Gesetze dieses Gebietes nach ihrer Grundlegung durch die Deutschen Forscher Wenzel (1777) und Wilhelmi (1850) so vielseitig erforscht waren, daß hier keine Überraschungen mehr zu erwarten waren, wäre auch hier anscheinend nur noch Kärrnerarbeit zu leisten. Aber die katalytischen Erscheinungen, deren Einordnung in die chemische Kinetik durch die vorher geschilderte Begriffsbildung sie erst wissenschaftlich zugänglich gemacht hatte, gewähren ein ebenso wichtiges wie unerforschtes Feld für unabsehbare Arbeiten und Entdeckungen. Einige Jahre später konnte ich sagen:[269]  »Als das Leipziger physikalisch-chemische Institut in sein schönes neues Heim übersiedelte, ging ich nicht ohne Sorge der neuen Periode entgegen. Die eben abgeschlossene war so fruchtbar gewesen. Große Gebiete, wie die chemische Dynamik und die Elektrochemie hatten grundsätzliche Förderungen erfahren und es schien, als sollte für das neue Heim an Stelle der frischfröhlichen Eroberungszüge in das neue Land nur noch die nüchterne Aufgabe der Durcharbeitung des Gewonnenen übrig bleiben. Da sagte ich mir: ein Stückchen Urwald wenigstens müssen wir haben, und das Glück des Vordringens ins möglichst Unbekannte wollen wir um keinen Preis missen. Und von allen Richtungen, die wir zu diesem Zweck einschlagen konnten, schien mir keine dankbarer und hoffnungsreicher, als die Katalyse.«
Die Durchführung. Diese Aufgabe wurde denn auch alsbald auf das kräftigste in Angriff genommen und fast alle meine Assistenten richteten ihre eigenen Arbeiten und die der ihnen zu besonderer Leitung überwiesenen Schüler auf diesen Punkt. Während das erste Jahrzehnt unter dem Zeichen des osmotischen Drucks und der elektrolytischen Spaltung gestanden hatte, stand das zweite unter dem der Katalyse. Die Ergebnisse waren vielleicht noch mannigfaltiger und bedeutungsvoller. Während ich dieses schreibe, liegt vor mir ein zusammenfassender Bericht, der hauptsächlich die technischen Anwendungen der Katalyse zum Gegenstande hat, wie sie an der größten chemischen Fabrik Deutschlands und wohl auch der Welt von einem meiner damaligen Schüler, A. Mittasch entwickelt wurden. Es handelt sich um Millionen-, ja Milliardenwerte. Und dies ist nur eine Seite der Sache, wenn auch eine sehr große. Die andere ist die physiologische, deren allgemeines Ergebnis dahin ausgesprochen werden kann, daß es keinen Lebensvorgang gibt, der nicht katalytisch beeinflußt und geregelt wird.[270]  Und an beiden Stellen betonen die führenden Forscher, daß wir uns erst in den Anfängen von Entwicklungen von unabsehbarer Weite befinden.
Während ich aber der Bearbeitung jener von meinen wissenschaftlichen Freunden geschaffenen Gedanken in dem Jahrzehnt 1887–1897 alle frischen Kräfte einer unverbrauchten Jugend hatte widmen können, war ich für die Durchführung des selbstgeschaffenen Arbeitsgedankens in erster Linie auf die Tätigkeit meiner Mitarbeiter und Assistenten angewiesen. Die Arbeitsfähigkeit hatte sich auf den anderen Gebieten wieder herstellen lassen; auf dem anspruchsvollsten des persönlichen Unterrichts war sie verloren gegangen, wie dies vor mir schon Größeren geschehen war. Es lag etwas tragisches darin, daß ich meinem eigenen Kinde nicht die unmittelbare Pflege angedeihen lassen konnte, die ich so reichlich jenen angenommenen Kindern hatte zukommen lassen. Doch gab ich solchen Gefühlen, wenn sie auftreten wollten, keinen Raum. Denn ich hatte Wichtigeres zu bedenken, als diese persönliche Angelegenheit, und zudem konnte ich mich überzeugen, daß die Arbeit in den besten Händen war. Es war die Zeit, wo G. Bredig seine grundlegenden Forschungen über die katalytischen Wirkungen des kolloiden Platins und anderer Metalle, und M. Bodenstein seine nicht minder wichtigen Arbeiten über die Kinetik der Gasreaktionen ausführte, anderer ähnlicher Arbeiten zu geschweigen.
Die wissenschaftliche Familie. Die neue Anstalt befand sich am äußersten Rande der Stadt, so daß die Studenten ziemlich weite Wege zu machen hatten, wenn sie zu Mittag in die Stadt gingen. Bei der Leidenschaft mit welcher sie sich in der Mehrzahl der Arbeit hingaben, war ihnen diese Unterbrechung sehr unwillkommen. Nachdem ein Versuch, ihnen durch den Hausmann Essen liefern zu lassen, nicht geglückt war, nahm meine Frau die erhebliche[271]  Belastung auf sich, ihnen am frühen Nachmittag Kaffee und Gebäck hinüber zu schicken (zu dem Institut gehörte ein hübsches Haus als Amtswohnung des Leiters), damit sie die Hauptmahlzeit auf den Abend verlegen konnten. Zwischen den Kaffekannen und Brotkörben wurde eine Schale aufgestellt, in welche jeder Gast seinen Groschen warf, der so bemessen war, daß eben nur der Baraufwand für die Nahrungsmittel gedeckt wurde.
Die Einrichtung wurde mit lebhaftestem Dank aufgenommen und durch mehrere Jahre fortgesetzt. Es bebereitete meiner Frau das größte Vergnügen, in dem Treppenraum, wo die Kannen aufgestellt wurden und den sie von unserer Wohnung aus übersehen konnte, die Studenten mit ihren Kaffetassen auf den Stufen hocken zu sehen, wie die Spatzen auf der Dachrinne. Aber wie alle guten Dinge wurde auch dieses zuletzt durch den Einfluß übler Elemente gestört. Unter den Studenten fanden sich einige, aus den Randgebieten der europäischen Kultur stammende, welche sich das wohlberechtigte Vertrauen auf die Ehrlichkeit der Deutschen Studenten zunutze machten und die Zahlung unterließen, da sie nicht kontrolliert wurde. Nach dem Gesetz vom ethischen Minimum, das W. Busch in den nur allzu treffenden Vers gefaßt hat: Der größte Lump sitzt obenauf, mußte die Einrichtung aufgegeben werden, da der Unterschied zwischen Verbrauch und Entgelt nicht beseitigt werden konnte.
Auch in mancher anderen Beziehung konnte ich menschlich-herzliche Verhältnisse mit meinen Studenten pflegen. Mit dem Hause war ein Garten verbunden, der nicht groß war, den ich aber mit reichblühenden Rosenstämmen gut ausgestattet hatte. Wenn im Sommer die Rosen in Blüte standen, pflegte ich die erschlossenen abzuschneiden, um für die Knospen Raum zu schaffen und Körbe mit dieser duftenden Last in das Laboratorium zu schicken.[272]




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Das gab einen anmutig-lustigen Anblick, wenn die Studenten statt ihre Knopflöcher ihre Geräte und Gläser mit den bunten Kindern des Sommers geschmückt hatten, wo diese sich ohne Beeinträchtigung der Arbeit hatten anbringen lassen.
Die vorgeschrittenen Mitarbeiter, welche sich schon bei der Durchführung einer wissenschaftlichen Arbeit zu bewähren begonnen hatten, wurden alle zwei bis drei Wochen auf den Sonntagnachmittag eingeladen, wo sie mit Kaffee und Abendessen bewirtet wurden. Die Zeit wurde ihnen und uns nie lang. Meine drei Jungen pflegten mit den älteren Studenten gut bekannt zu sein, da sie im Laboratorium aus- und eingingen, und auch die beiden Töchter fürchteten sich nicht vor ihnen. Meist wurde von dazu Fähigen musiziert und das häusliche Streichquartett, bei dem ein und der andere Student mitwirken mußte, brachte seine Klänge zu Gehör. Meine älteste Tochter spielte Geige, mein ältester Sohn Cello, ich strich dazu die Bratsche. Mehrfach waren die ausländischen Praktikanten schon im Amt und jung verheiratet; sie durften ihre Frauen mitbringen. Diesen haben die weiblichen Mitglieder meiner Familie nicht selten Hilfe und Pflege angedeihen lassen, wenn die junge Frau in der Fremde in die Lage kam, wo sie sich nach ihrer erfahrenen Mutter sehnt.
Zu Weihnachten wurden umgekehrt das Haus und die Familien der Assistenten in das Laboratorium geladen, um die Studenten-Weihnachtsfeier mitzumachen. Ein großer Weihnachtsbaum, mit Lichtern und chemischen Geräten geschmückt, prangte im größten Arbeitssaal und die Studenten brachten ihrerseits zutage, was sie Festliches leisten konnten. Meist war es eine Scherzzeitung, in welcher über die Laboratoriumsereignisse des letzten Jahres mit großer akademischer Freiheit berichtet wurde. Dann gab es die Verteilung der Geschenke, welche gleichfalls[273]  so anzüglich wie möglich gewählt wurden. So erhielt ich einmal eine schön aus Holz geschnitzte Kuh geschenkt, die beim Bewegen ihres Hauptes ein klägliches Muh hören ließ, weil ich, wenn ich stundenlang um Auskunft und Rat gefragt war und mich schließlich nur halb gewaltsam hatte befreien können, hernach zu sagen pflegte: heute bin ich wieder einmal arg gemolken worden. Und meine gelegentliche Bemerkung, daß ein physikalisch-chemisches Institut eigentlich von Gummi sein müßte, damit man es jeweils für den wechselnden Bedarf ausrecken könne, wurde durch ein aus Gummi gefertigtes Instituts-Modell festgenagelt. Während der ersten Zeit der Gedanken bildung zur Katalyse hatte ich ihr Verständnis für so schwierig erklärt, daß, wenn auch ein Engel vom Himmel käme und uns das Wort des Rätsels sagte, wir ihn vermutlich nicht verstehen würden. Prompt schwebte nächste Weihnacht ein wunderschöner Wachsengel mit Flügeln aus bunter Glasseide nieder, einen geschlossenen Briefumschlag mit der Aufschrift »Katalyse« in der Hand.
Als aber später sich der Kreis meiner Bestrebungen erweiterte und ich mich mit Philosophie, Malerei und verschiedenen technischen Problemen abgab, wurde mir an einem der letzten Weihnachtsabende, die ich mitmachte, ein höchst verwickelt gebautes Gerät überreicht, aus dem zahlreiche Hähne, Hebel und Griffe hervorragten, jedes mit einer Aufschrift versehen. Das Ganze stellte etwa mein Gehirn dar, denn die Aufschriften bezogen sich auf jene verschiedenen Beschäftigungen, und war als Mahnung gemeint, mich nicht so zu zersplittern, sondern lieber in alter Weise ausschließlich den Studenten zu leben. Mir war es ein Zeichen, daß wieder einmal mein Leben sich aus seinem bisherigen Boden loslösen sollte.
Geniale Weihnachtsgeschenke. Meinerseits konnte ich während einer Reihe von Jahren den Arbeitsgenossen ein ganz besonderes Geschenk machen, das den meisten[274]  von ihnen wohl unvergeßlich geblieben ist. Es traf sich zufällig, daß zum ersten Weihnachtsfest im neuen Hause William Ramsay bei mir weilte, um sich von anstrengenden Vorträgen und Festlichkeiten in Berlin zu erholen. Wir, d.h. meine musikübenden Kinder und ich pflegten ihm abends stundenlang Deutsche Musik vorzuspielen, von der er nicht genug bekommen konnte; er erwies sich dafür dankbar, indem er Englische Volkslieder mit großer Geschicklichkeit pfiff und sich dazu selbst auf dem Klavier begleitete. Beim Zuhören streckte er seine langen Glieder in einem Lehnstuhl aus und rieb seinen Kopf behaglich an der Wand dahinter. Da er sein Haar zu ölen pflegte, hatte er schließlich einen handgroßen Fettfleck auf der Tapete entwickelt, den mir meine Frau halb klagend, halb lachend zeigte, als er abgereist war. Ich schenkte ihr einen kleinen vergoldeten Kranz, der darüber gehängt wurde.
Natürlich baten mich die Studenten, ihnen den berühmten Forscher – er hatte schon das Argon und Helium entdeckt – zum Weihnachtsfest zuzuführen und ich konnte ihn leicht bewegen, im Laboratorium einen scherzhaft-ernsten Vortrag zu halten. Er führte dies mit großem Erfolg aus, da er ein ausgezeichneter Lehrer war, der die Förderung der Jugend als eine Herzensangelegenheit empfand.
Der Eindruck war so stark, daß ich seitdem meinen Studenten alljährlich zu Weihnacht einen großen Mann schenkte. So erzählte van't Hoff entzückend, wie ihn Dom Pedro, der damalige Kaiser von Brasilien in Paris aufgesucht und ihn gefragt habe, ob man nicht die Kohlenstoff-Tetraeder, die er der Wissenschaft geschenkt hatte, im Modell den Kindern als Spielzeug in die Hand geben solle, um ihnen die Chemie beizubringen. Und weiter, wie er im Zusammenhang mit diesen Problemen ein ganzes Kilogramm Bibrombernsteinsäure hergestellt hatte, aber damit[275]  die erwartete Reaktion keineswegs bekam. Er war nun traurig vor seinem nutzlosen Vorrat gestanden und hatte sich gefragt, was mit ihm geschehen solle. Da kam ihm in den Sinn, daß die Zersetzung beim Kochen mit Wasser ein langsamer Vorgang ist, den man bequem durch Titrieren messend verfolgen kann. Das geschah, und damit begannen seine Forschungen zur chemischen Kinetik.
Ein anderer solcher Festtag war ein Vortrag meines verehrten väterlichen Freundes Hans Landolt, der über seine Untersuchung berichtete, ob bei chemischen Umwandlungen das Gewicht wirklich innerhalb der Grenzen des Meßbaren unverändert bleibt. Er kam in lustiger Weise wiederholt auf den Ärger zurück, den ihm das Herunterfallen des Reitergewichts, kurz der Reiter genannt, beim Verschieben gemacht hatte. Bei der darauf erfolgenden Geschenkverteilung überreichten ihm die Studenten in geschwinder Erfassung des Augenblicks einen schönen Reiter aus Pfefferkuchen mit der Zusicherung daß er niemals herabfalle.
Ganz so harmlos, wie die Scherze gegenüber den Professoren fielen die gegen die Assistenten und die Arbeitsgenossen nicht aus, doch gaben sie nie Anlaß zu Zerwürfnissen. Vielmehr glaube ich sagen zu dürfen, daß sie manche heilsame erziehliche Wirkung ausübten, die um so stärker war, je besser der Scherz »saß«.
Die Wissenschaft als soziale Angelegenheit. Anlässe zu solchen Scherzen waren immer reichlich vorhanden. Denn ich hatte von vornherein den Grundsatz durchgeführt, daß die Forschungsarbeit der Vorgeschrittenen eine gemeinsame Angelegenheit sei, um ihnen die soziale Grundbeschaffenheit aller Wissenschaft geläufig zu machen. Deshalb pflegte ich am Anfang jedes Semesters die vorzunehmenden Untersuchungen allgemein zu kennzeichnen, damit während der Erledigung der Übungsarbeiten jeder sich das aussuchen konnte, was er am liebsten bearbeiten[276]  wollte. Das gewöhnliche Verfahren, das Thema zu »geben«, lehnte ich ab und verlangte umgekehrt, daß mir der Student seine Arbeitswünsche angeben sollte. Meine Aufgabe war es dann, aus den meist unklar geäußerten Wünschen einen technisch ausführbaren Arbeitsplan herauszuschälen.

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Wenn eine solche Arbeit etwa zur Hälfte gediehen war, mußte der Student vor versammelten Arbeitsgenossen im Hörsaal Aufgabe, Plan und augenblicklichen Zustand der Untersuchung darlegen, und wir berieten gemeinsam, wie sie am fruchtbarsten fortzuführen war. Und wenn sie abgeschlossen werden sollte, mußte sie mit ihren Ergebnissen nochmals vorgelegt werden, wobei sich deutlich zeigte, ob ein abgerundetes Stück Wissen erreicht war.
Es war nicht immer leicht, dies Verfahren durchzuführen. Aber ich schreibe ihm doch einen guten Anteil an den reichen Früchten bei, die bei diesem Betrieb erzielt wurden.
Wenn ich den Arbeitsgenossen aus diesen Zeiten später begegnete, so versicherte jeder einzelne immer wieder, daß seine Leipziger Jahre die glücklichsten seines Lebens gewesen seien. Ich glaubte es ihnen gern, denn für die Jugend gibt es kein stärkeres Glück, als an selbstgewählter Arbeit seine frischen Kräfte erproben. Und kann man dies in einem Kreise gleichstrebender Genossen, in einer Atmosphäre, die gar keine anderen Gedanken aufkommen läßt, so erfährt dieses Glück eine vielfache Steigerung. Auch diese Wirkung kann man eine katalytische nennen.
Das beigeheftete Bild zeigt eine derartige chemisch-physikalische Familie vom Sommersemester 1900 nebst den Assistenten, nämlich die mit selbständigen Arbeiten Beschäftigten. Die Namen sind angegeben, soweit sie sich noch ermitteln ließen.
Dennoch. Es sieht ganz unverständlich aus, daß ich unter solchen glücklichen Verhältnissen mich nicht auch[277]  glücklich und zufrieden fühlen sollte. Aber mir ging es wie dem Krebs, nachdem er seine Schale so recht passend und widerstandsfähig ausgebaut hat. Sie bleibt, wie sie ist, er aber wächst innerhalb der Schale, die sich nicht dehnen läßt. Sie wird immer enger, macht erst kleine Unbequemlichkeiten, dann große, und schließlich solche Schmerzen, daß ihm nichts übrig bleibt, als sie um jeden Preis zu sprengen und abzuwerfen. Und hernach ist er erschöpft und wehrlos, bis er sich eine neue, größere Schale geschaffen hat.
Bei mir erfolgte auch ein solches Wachstum, und zwar gleich nach mehreren Richtungen. Es wurde bald so beträchtlich, daß ich meine alte Schale sprengen mußte, so schön sie meinem früheren Zustande angepaßt war, und mir eine neue bauen. Wie? wird im dritten und letzten Bande erzählt werden.



 Zwölftes Kapitel.
Stickstoff.










[278] Das Problem. Meinem Lehrer Karl Schmidt, dessen Ausbildung unter dem unmittelbaren Einfluß Justus Liebigs stattgefunden hatte, war dessen Begriff des Kreislaufes der Stoffe geläufig. Nach diesem gingen die Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel usw. immer abwechselnd in organische und unorganische Verbindungen über. Die Pflanzen nähren sich von Kohlensäure, Wasser, Ammoniak usw. und verwandeln sich nach ihrem Tode unter dem Einfluß von Fäulnis und Verwesung wieder in diese, so daß auf solche Weise das Leben dauernd möglich ist.
Wodurch diese »Mühle des Lebens«, wie ich diese Gruppe von Vorgängen später genannt habe, in Bewegung gehalten wird, hat sich Liebig zwar gefragt. Die Antwort aber gab erst J. R. Mayer, dessen erste grundlegende Arbeit er in seinen Annalen der Chemie veröffentlichte. Es ist die Energie, und zwar die des Sonnenlichtes.
Während bei den anderen Elementen keine Schwierigkeit besteht, sie in Verbindungen hinein und wieder heraus zu bringen, ist dies allein beim Stickstoff anders. Seine Verbindungen zu zersetzen, ist zwar leicht, aber ob freier Stickstoff, wie er in der Luft massenhaft vorhanden ist, überhaupt wieder gebunden werden kann,[279]  schien damals sehr zweifelhaft. So erinnere ich mich u.a. einer großzügig gedachten Vorlesung meines Fachgenossen Gustav Bunge in Dorpat, welcher bei der Behandlung dieser Fragen zu dem Ergebnis kam, daß die Bindungsmöglichkeiten des Stickstoffs sehr gering seien. Es sei deshalb eine Sache von größter weltwirtschaftlicher Wichtigkeit, mit dem mäßigen Kapital von gebundenem Stickstoff, das auf der Erdoberfläche vorhanden ist, so vorsichtig und pfleglich wie möglich umzugehen und alles zu vermeiden, wodurch es vermindert werden könnte. So verwarf er unter anderem die damals gerade lebhaft erörterte Leichenbestattung durch Feuer, weil dabei der Stickstoffgehalt des Leichnams wegen der hohen Verbrennungstemperatur in elementares Stickstoffgas übergeht, also dem Kreislauf, vermutlich auf immer, entzogen wird.
Auf mich hatten diese Gedanken einen starken Eindruck gemacht, zumal ich nicht zustimmen wollte. Meiner damaligen radikalen Gesinnung (die sich inzwischen nur wenig abgeschwächt hat) gefiel die Leichenverbrennung als reinlicher und praktischer gegenüber der langsamen fauligen Zersetzung in der Erde und ich dachte über die Frage nach. Ich besann mich darauf, daß auch das Holz und die fossilen Kohlen stickstoffhaltig sind und daß hier beim Verbrennen eine ähnliche, nur viel ausgedehntere Beeinträchtigung des Stickstoffkapitals stattfindet, ohne daß dies sich durch eine Verkümmerung der Pflanzendecke der Erde geltend macht. Da die Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff der Luft durch elektrische Entladungen bekannt war, schloß ich, daß aus dieser Quelle (und vielleicht aus anderen, noch unbekannten) die Verluste gedeckt werden, daß also für jene verhältnismäßig kleine Ersparung kein genügender Grund vorhanden sei.
Immerhin hatte sich jene Erörterung wegen des weiten Horizontes, den sie umfaßte, mir so stark eingeprägt,[280]  daß mir die zugehörigen Fragen niemals ganz aus dem Bewußtsein schwanden.
Die Synthese des Ammoniaks. In den Vordergrund des Bewußtseins traten mir die Fragen erst wieder zu Beginn des Jahres 1900, also rund 25 Jahre später. Ich war damals versenkt in die Probleme der Katalyse, deren begriffliche Ordnung mir durch die entschlossene Anwendung der Energetik geglückt war. Es war jene Zeit, in welcher die Erschöpfungserscheinungen durch die vorangegangene übermäßige Arbeit noch nicht ganz überwunden waren. Ich war der Einladung des Kaufmännischen Vereins zu irgendeinem Festessen gefolgt, hatte dort aber eine höchst verstimmte Gesellschaft gefunden, da eben der Zusammenbruch der Leipziger Bank durch sinnlose Spekulationen ihres Direktors erfolgt war, wobei ich Gefahr gelaufen war, mitgezogen zu werden.
Der Zufall brachte mich in die Gesellschaft des damaligen Leipziger Oberbürgermeisters Tröndlin, des Bürgermeisters Dietrich und einiger Bankherren und ich sprach meine Verwunderung darüber aus, daß in Leipzig die chemische Großindustrie so wenig entwickelt war, da doch die Universität eine große Anzahl brauchbarer Chemiker alljährlich ausbildet. Die Antwort war, daß alles vorhandene Kapital anderweit nutzbare Verwendung gefunden habe. Dagegen sagte ich, daß die chemische Industrie zurzeit eine Art Goldland sei, in welchem noch große Funde möglich sind, die unverhältnismäßig hohe Gewinne bringen und führte als Beispiel die Synthese des Ammoniaks an. Der in der Nähe sitzende Professor der Landwirtschaft gab die Auskunft, daß tatsächlich von den drei Pflanzennährmitteln Kalium, Phosphor und Stickstoff dieser das teuerste sei; erst wenn sein Preis auf ein Zehntel herabgesetzt werden könne, würde Gleichgewicht bestehen. Stickstoffverbindungen aus Luft wären aber etwas wie der Stein der Weisen.[281]
Ich aber war der Ausführbarkeit gewiß. Durch Despretz und andere war beobachtet worden, daß Ammoniak beim Leiten über schwach glühendes Eisen fast vollständig in seine Elemente zerlegt wird. Das ist eine katalytische Wirkung, denn ohne das Eisen wird das Ammoniak bei dieser Temperatur nicht meßbar zersetzt. Folglich muß unter gleichen Umständen auch eine Synthese des Ammoniaks aus seinen Elementen stattfinden, denn der Katalysator kann nichts tun, als die Erreichung des Gleichgewichts beschleunigen. Dieses liegt vermutlich so, daß nur wenig Ammoniak neben viel Wasserstoff und Stickstoff vorhanden ist. Da aber bei der Verbindung eine Verminderung des Volums stattfindet, so muß der Anteil Ammoniak mit steigendem Druck nach wohlbekannten Gesetzen zunehmen.
Das Gespräch wandte sich nach anderer Richtung, ich aber brach auf und überlegte mir die Folgen, welche die Durchführung des Gedankens für das Deutsche Volk haben würde. Aus den Aufzeichnungen, die ich bald hernach (April 1900) meiner Frau in die Feder diktiert hatte, entnehme ich die folgenden Sätze:
»Deutschland käme in die Lage, den größeren Teil seines Brotbedarfs selbst zu bauen. Mit der Hebung der Landwirtschaft ist die Erhaltung des Bauernstandes und damit der Wehrfähigkeit Deutschlands auf ein weiteres halbes Jahrhundert gesichert. Auch würde nicht durch einen für Deutschland unglücklichen Seekrieg die Zufuhr des Stickstoffs unterbunden, der zu neun Zehntel als Chilesalpeter eingeführt wird. Ja, selbst die für den Krieg nötige Salpetersäure ließe sich durch Oxydation des synthetischen Ammoniaks mittels Luftsauerstoff unter Benutzung von Katalysatoren erzeugen.« Diese und manche andere Gedanken machten so lebhaften Eindruck auf mich, daß ich mich mit dem Entschluß zur Ruhe legte, am nächsten Tage das Problem experimentell in Angriff zu nehmen.[282]
So lebhaft mich diese Gedanken ergriffen hatten, fühlte ich mich doch außerstande, selbst entsprechende Versuche anzustellen, was mir früher nicht nur leicht, sondern ein Vergnügen gewesen wäre. Ich bat meine Assistenten, zuerst Dr. Bodenstein und später Dr. Brauer, das Gemisch von drei Raumteilen Wasserstoff und einem Stickstoff über mäßig erhitzte Eisendrahtbündel zu leiten und in den austretenden Gasen nach Ammoniak zu suchen. Nach ganz kurzer Zeit wurde es gefunden. Also bestätigte sich die theoretisch wohlbegründete Erwartung.

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Ich hatte vorher sorgfältig die Möglichkeit erwogen, meine Entdeckung einfach zu veröffentlichen und der Industrie ihre Ausführung und Verwertung zu überlassen. Aber dann hätte Deutschland keinen Vorsprung erhalten, den ich meinem Vaterlande in dieser großen volkswirtschaftlichen Sache doch zu erhalten wünschte. Ich sprach mit meinen Mitarbeitern, mit Beckmann, der inzwischen durch die Berufung zum Professor für angewandte Chemie mein nächster Kollege geworden war und zuletzt mit Wilhelm Wundt, dessen freundschaftliche Teilnahme auch in diesem ihm fernliegenden Falle nicht versagte. Es ergab sich, daß die von mir zunächst geplante Übergabe der Sache an die Sächsische Regierung unzweckmäßig sein würde, da ich voraussichtlich keine freie Hand für die von mir als nötig angesehenen Maßnahmen behalten würde und daß die Einreichung einer Patentanmeldung und Verhandlungen mit der deutschen Großindustrie den kürzesten und erfolgreichsten Weg ergeben würden. Dies war insbesondere die Meinung Wundts, der ich mich anschloß.
Denn als Nebenergebnis winkte mir auf diesem Wege auch die Erfüllung eines persönlichen Wunsches, die ich mehr und mehr als Notwendigkeit empfand.
Bei halbwegs angemessener Verwertung konnte mir die längst ersehnte Befreiung von der Last des Lehramtes[283]  ermöglicht werden, ohne daß ich meine und meiner Familie wirtschaftliche Zukunft zu gefährden brauchte.
So entschloß ich mich, nicht ohne Zögern und Scheu, mich auf das stürmische und tückische Meer der wirtschaftlichen Interessen zu wagen, von dem ich eben durch den Krach der Leipziger Bank eine sehr unerfreuliche Anschauung erhalten hatte. Vom eingereichten Patentgesuch hat sich der ursprüngliche Text erhalten, den ich als geschichtliches Dokument hersetze:
»Verfahren zur Herstellung von Ammoniak und Ammoniakverbindungen aus freiem Stickstoff und Wasserstoff.
Es ist bekannt, daß sich freier Stickstoff und Wasserstoff durch gewöhnliche Mittel nicht zu Ammoniak verbinden lassen; erst durch die Anwendung des elektrischen Funkens erzielt man eine sehr langsame und unvollkommene Vereinigung.
Ich habe gefunden, daß die Verbindung von freiem Stickstoff und Wasserstoff durch geeignete Kontaktsubstanzen oder Katalysatoren bereits bei geringer Erhitzung auf 250° bis 300° mit meßbarer Geschwindigkeit bewirkt werden kann. Die Geschwindigkeit nimmt mit steigender Temperatur schnell zu. Als Katalysatoren dienen beispielsweise Metalle, hauptsächlich Eisen und Kupfer, denen man große Oberflächen gibt. Die Verbindung ist nie vollständig, sondern führt zu einem chemischen Gleichgewicht und die gebildete Ammoniakmenge ist daher von dem Mengenverhältnis der Stoffe abhängig. Um die Verbindung vollständig zu machen, muß man das Ammoniak aus dem Reaktionsgemisch entfernen, was durch Aufnahme desselben mit Wasser oder Säuren geschehen kann. Das Gasgemisch kann zu diesem Zweck einen Kreislauf, nötigenfalls unter Abkühlung und Wiedergewinnung der Wärme durchmachen.[284]
Da die verhältnismäßige Menge des Ammoniaks im Gasgemische mit steigendem Druck zunimmt, so ist es zweckmäßig, die Synthese unter vermehrtem Druck auszuführen.
Patentanspruch: Die Gewinnung von Ammoniak und Ammoniakverbindungen durch Vereinigung von freiem Stickstoff und Wasserstoff mittels Kontaktsubstanzen«.
Wie der Fachmann alsbald erkennt, sind hier (März 1900) die Grundgedanken der gegenwärtig zu solcher Wichtigkeit gelangten Synthese des Ammoniaks sämtlich eindeutig und klar ausgesprochen, so daß ich mich wohl den geistigen Vater dieser Industrie nennen darf. Ihr leiblicher Vater bin ich freilich nicht geworden. Denn alle die schwierigen und mannigfaltigen Arbeiten, um aus einem richtigen Gedanken eine technisch und wirtschaftlich lebensfähige Industrie zu schaffen, sind von denen durchgeführt worden, die sich hernach des verlassenen Kindleins angenommen haben.
Die Verhandlungen mit den Vertretern der Großindustrie verliefen unter sehr angenehmen persönlichen Eindrücken. Ich hatte mich gleichzeitig an die drei oder vier führenden Fabriken gewandt, weil ich eine allgemeine deutsche Sache daraus machen wollte. Die ersten Besprechungen fanden mit Direktor Brunck von der Badischen Anilin- und Sodafabrik statt, der auf der Heimreise von Berlin mich in Leipzig besuchte; in seiner Begleitung befand sich Dr. Knietsch. Dann reiste ich, begleitet von meiner Frau, nach Frankfurt a.M., wo sich mein früherer Assistent und späterer Nachfolger im Amt, M. Le Blanc, befand, der damals eine Tätigkeit an den Höchster Farbwerken übernommen hatte. Auch die Vorverhandlungen mit den dort maßgebenden Herren vom Rat, von Brüningk, Laubenheimer, De Rydder verliefen hoffnungsvoll. Ich teilte mit, daß ich noch mit Ludwigshafen und Elberfeld in Verhandlung[285]  stände und sie fanden es möglich, gegebenenfalls die Fabrikation nach einem Schlüssel zu verteilen. Ein Besuch in Ludwigshafen und eine Besprechung mit Dr. Duisberg von Elberfeld in Wiesbaden, wo wir die weitere Entwicklung der Angelegenheit abwarteten, führte nach einigen weiteren Verhandlungen zu einer vorläufigen Übereinkunft, die mir eine mehr als bequeme wirtschaftliche Zukunft in Aussicht stellte. Ich hatte nichts dawider, daß meine Einnahmen günstigstenfalls drei Millionen Mark nicht überschreiten sollten, da ich besorgte, daß schon die Verwaltung dieses Betrages meine Zeit und Kraft mehr als billig in Anspruch nehmen würde.
Inzwischen waren sowohl in Ludwigshafen wie in Höchst die von mir angegebenen Versuche wiederholt worden. Anfangs ohne Erfolg; später wurde jedoch regelmäßig Ammoniak erhalten. Die Mengen waren allerdings gering, während in Leipzig Ausbeuten bis 8 v.H. erhalten waren; freilich dazwischen auch viel kleinere.
Nach Leipzig zurückgekehrt, organisierte ich die tiefere wissenschaftliche Erforschung der Gesetze, nach denen der Vorgang verläuft und die Messung der maßgebenden Konstanten. Einige Zeit verging, bis die nötigen Geräte zugerichtet waren. Am Morgen des Tages, wo die ersten messenden Versuche angestellt werden sollten, lief aus Ludwigshafen ein Bericht ein, nach welchem die dort und in Leipzig gefundenen Ammoniakmengen daher rühren sollten, daß alles technische Eisen Stickstoff gebunden enthält, welches mit dem Wasserstoff des Gemisches Ammoniak bildet, gleichgültig, ob freier Stickstoff zugegen ist oder nicht.
Versuche, die ich daraufhin in Leipzig anstellen ließ und bei denen ich zugegen war, schienen diese Behauptung zu bestätigen. Mir war der Stickstoffgehalt des technischen Eisens nicht bekannt gewesen, doch enthielt die[286]  Literatur allerdings entsprechende Angaben, die jedenfalls berücksichtigt werden mußten. Ferner aber ergab sich aus der Literatur, daß Wasserdampf die katalytische Zerlegung des Ammoniaks stark hemmt, also auch die Verbindung hemmen muß. Ich arbeitete deshalb mit trockenen Gasen und erhielt wieder Ammoniak. Als ich aber als Katalysator Eisenschwamm verwertete, der aus Schwefelkiesabbränden mit Wasserstoff erhalten war, ließ sich kein Ammoniak erkennen.
Aus Höchst waren inzwischen ähnliche Berichte wie aus Ludwigshafen angelangt, die wieder neue Arbeiten erforderten. Ich versuchte, Aufklärung zu gewinnen, fühlte mich aber bald durch das unaufhörliche Auf und Ab so erschöpft, daß ich eine weitere Beschäftigung mit diesen Dingen nicht mehr ertragen konnte. Vergeblich taten meine getreuen Assistenten alles, was sie konnten; ich sah, daß nur eine vollständige Befreiung von dieser aufreibenden Beschäftigung mich vor einem neuen Zusammenbruch meiner Gesundheit bewahren konnte. Ich verzichtete also auf den geschlossenen Vertrag und ließ das Patentgesuch verfallen. Das freundliche Anerbieten des Direktors Brunck von Ludwigshafen, mir die gehabten nicht ganz geringen Kosten zu ersetzen, lehnte ich dankend ab, da die Verhandlungen ja auf meine Anregung stattgefunden hatten. Der Verzicht auf die erhofften Millionen fiel mir zu meiner eigenen Überraschung nicht besonders schwer.


Salpetersäure aus Ammoniak. Im Herbst 1901 kam ich wieder auf die Stickstoffsache zurück. Es war in einem Sonntagnachmittaggespräch mit W. Pfeffer. Dieser war grundsätzlich pessimistisch gestimmt und ergriff jede Gelegenheit, um unerfreulichen Gedanken nachzuhängen, ganz im Gegensatz zu meinem grundsätzlichen Optimismus. Es war um jene Zeit wieder einmal durch eine unbedachte Äußerung des damaligen Kaisers eine Verstimmung[287]  auf englischer Seite gegen uns entstanden und Pfeffer bezog sich auf die hilflose Lage, in welcher sich Deutschland im Falle eines Krieges mit England befinden würde. Wenn durch die englische Flotte die Zufuhr von Chilesalpeter verhindert wird, so müssen wir den Krieg notwendig verlieren, weil wir kein Pulver mehr machen könnten, nachdem das vorhandene aufgebraucht ist. Denn alles Schießpulver, vom uralten Schwarzpulver bis zum modernsten Pikratpulver kann nur mit Hilfe von Salpeter oder Salpetersäure hergestellt werden, und deren einzige Quelle ist der Chilesalpeter.
Ich mußte ihm Recht geben, da ich den gleichen Gedanken schon gelegentlich der versuchten Ammoniaksynthese erwogen hatte. Doch verdroß mich sehr der Sieg seiner pessimistischen Ansicht über meine optimistische. So sagte ich ihm, daß es Pflicht der deutschen Chemiker sei, diesem Mangel abzuhelfen und daß die Aufgabe durchaus lösbar sei.
Bei den Verhandlungen über jene Ammoniaksynthese war mir von Dr. Duisberg entgegengehalten worden, daß die künstliche Herstellung von Ammoniak wenig lohnend sein würde, da man dieses aus den Nebenprodukten der Kokereien, die damals nur zum Teil nutzbar gemacht wurden, in praktisch unbeschränkten Mengen gewinnen könne. Ich nahm dies als gegeben an und beschloß, die Umwandlung des Ammoniaks zu Salpetersäure zu untersuchen. Denn für die Lösung meiner Aufgabe standen zwei Wege offen. Einerseits die unmittelbare Verbindung von Stickstoff mit Sauerstoff, wie sie im elektrischen Flammenbogen vor sich geht. Andererseits die Umwandlung anderer Stickstoffverbindungen in Salpetersäure, wobei nur Ammoniak in Frage kam. Da die Umwandlung gebundenen Stickstoffs in das erwünschte Endprodukt zweifellos die leichtere Aufgabe war, so wendete ich mich dieser zu.[288]
Wieder reichte meine Energie nicht aus, um die einfachen Vorversuche selbst zu machen. Ich übertrug sie zuerst einem meiner Schüler, einem Deutsch-Amerikaner, der aber ihre Ausführung verzögerte. Mir aber erschien die Sache um so wichtiger, je länger ich über sie nachdachte. So entzog ich sie dem Ersten und übergab sie dem bewährten Mitarbeiter Dr. E. Brauer, der mir schon bei der versuchten Ammoniaksynthese treffliche Hilfe geleistet hatte und darauf brannte, jenen Mißerfolg auszugleichen.
Als Ausgangspunkt diente ein wohlbekanntes Vorlesungsexperiment. In ein Kelchglas werden einige Tropfen konzentrierte Ammoniaklösung gegossen. In das Gemisch von Luft und Ammoniakgas, welches im Glase entsteht, hängt man eine glühend gemachte Spirale von Platindraht. Dann glüht der Draht fort und das Glas füllt sich mit roten Nebeln von Stickstoffperoxyd.
Es wurde also ein einfaches Gerät aufgebaut, welches ein möglichst vollständiges Aufsammeln der entstehenden Stickoxyde ermöglichte. Schon der erste Versuch ergab, daß mehr als die Hälfte des verbrannten Ammoniaks in Salpetersäure übergegangen war, wobei der Katalysator aus einem kleinen Streifchen von Platinblech bestand, das mit Platinschwamm bedeckt war.
Für den nächsten Versuch wurde, um die Ausbeute zu steigern, die Strömung verlangsamt, damit der Katalysator länger wirken konnte. Die Ausbeute wurde aber nicht größer, sondern sank auf etwa 30 v.H. Als umgekehrt die Geschwindigkeit gesteigert wurde, stieg die Ausbeute bis auf 85 v.H.
Das sah aus, wie die verkehrte Welt. Ich ging unruhig herum und zerbrach mir den Kopf. Da kam mir plötzlich eine Verallgemeinerung in den Sinn, auf welche ich bei meinen Untersuchungen über die Grenze des festen Zustandes (II, 222) gelangt war. Wenn ein Gebilde[289]  sich in einem Zustande erhöhter freier Energie befindet, von dem aus es sich umwandeln kann (und muß), so geht es nicht alsbald in den Zustand geringster freier Energie über, in dem es fernerhin ruhend verharren muß, sondern es geht in den nächsten Zustand über, bei dem seine freie Energie zwar geringer ist, aber noch nicht so gering, wie im Ruhezustande. Ammoniak und Sauerstoff haben die höchste freie Energie, Stickstoffoxyde und Wasser, die daraus entstehen können, haben die mittlere, freier Stickstoff und Wasser haben die geringste freie Energie. Je länger das Platin einwirkt, um so mehr muß also das Gebilde sich dem letzten Zustande nähern, wo überhaupt keine Salpetersäure mehr gefunden wird. Um in den mittleren Zustand zu gelangen, den ich anstrebte, durfte das Gemisch nur solange mit dem Platin in Berührung sein, daß zwar die Verbrennung vollständig, aber noch keine Bildung von freiem Stickstoff eingetreten war.
Es gibt also eine günstigste Berührungsdauer für den angestrebten Zweck, und sowohl eine kürzere wie eine längere muß schlechtere Ausbeuten ergeben. Natürlich hängt diese Berührungsdauer von der Art und Gestalt des Katalysators ab; es ist aber eine technisch leicht zu lösende Aufgabe, diese günstigste Dauer für einen gegebenen Kontakt zu finden.
Diese Deutung erwies sich als richtig. In wenigen Tagen hatte Dr. Brauer die Versuche durchgeführt, welche sie bestätigten und ich stand nun vor der Aufgabe, diese erhebliche Angelegenheit zweckmäßig fortzuführen.
Das einfachste wäre gewesen, alles Gedachte und Beobachtete als wissenschaftliche Arbeit zu veröffentlichen. Dazu konnte ich mich nicht entschließen. Denn alsdann wäre die Sache in dem Ozean der wissenschaftlichen Mitteilungen im chemischen Gebiet unbeachtet geblieben und die Entwicklung des Laboratoriumsexperiments[290]  zum technischen Großbetriebsverfahren, die erfahrungsgemäß fünf bis zehn Jahre zum mindesten beansprucht, wäre gerade zu der Zeit noch nicht vorhanden gewesen, wo sie im Ernstfalle notwendig gewesen wäre.
Neben diesen allgemeinen Erwägungen machten sich noch persönliche nicht weniger dringend geltend. Es ist schon angedeutet worden, wie sich durch die Änderung der psychophysischen Voraussetzungen auch eine Änderung meiner Lebensgestaltung als wünschenswert, ja notwendig herausstellte. Ich war nach Leipzig gekommen, um die Fülle des Arbeitswillens und der Arbeitsgedanken, die in Riga keine hinreichende Betätigung fanden, an einer aufnahmefähigen und willigen Schülerschaft sich auswirken, ja austoben zu lassen und hatte meine Absichten reichlich verwirklichen können. Nun war die Zeit des drängenden Überschusses vorüber und die Organe für die Anregung der Schüler zu immer neuen Arbeiten, welche so schonungslos in Betrieb genommen waren, erwiesen sich als erschöpft. Und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauernd. Denn wenn auch die anderen Funktionen, die schöpferische Arbeit im Laboratorium und am Schreibtisch sich nach der allgemeinen Genesung als wiederhergestellt und betriebsfähig erwiesen: für die Funktion des Forschungslehrers, die schwierigste von allen, machte sich die allgemeine biologische Tatsache geltend, daß die letzterworbenen Fähigkeiten beim Abbau am ersten schwinden.
Nun hatte sich allerdings gezeigt, daß diese Funktion mit gutem Erfolge von den Assistenten hatte übernommen werden können. Ich erlebte immer wieder mit Freude und Überraschung, in wie hohem Grade diese innerhalb der allgemeinen Arbeitsrichtung Fortschritte durch eigene, unabhängige Beiträge sowohl allgemeiner Gedanken wie experimenteller Verfahren bewirkten. Es[291]  war im Laboratorium eine eigenartige wissenschaftliche Luft entstanden, welche alles Entwicklungsfähige, was dahinein geriet, zu reicher und fröhlicher Entfaltung brachte. Und dies, obwohl meine persönliche Einwirkung bei weitem geringer sein mußte, als früher.

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Ich wußte damals nicht, daß meine Person, auch ohne unmittelbare Einwirkung auf die laufenden Arbeiten, doch in sehr wirksamer Weise als Katalysator für die Aufrechterhaltung der bisherigen Reaktionsgeschwindigkeit tätig war. Und ich war nicht geneigt, hierauf Acht zu geben, da ich durch die stark gewachsenen philosophischen und kulturellen Neigungen nur zu bereitwillig war, mich aus den bisherigen Verhältnissen loszulösen.
Hier bot sich eine Möglichkeit an, die Loslösung zu bewirken, ohne daß ich mich mit wirtschaftlichen Sorgen um die Zukunft meiner Frau und fünf Kinder zu belasten brauchte, falls nämlich mir jene Erfindung genügende Einnahmen sicherte. Die Erfahrungen, welche ich mit meinem Mitarbeiter Brauer schon seit Jahren hatte machen können, wo er sich als Lehrer und Freund meiner Söhne bewährt hatte, gaben mir die Sicherheit, daß in seinen Händen die Einzelausführung der bevorstehenden Arbeiten allerbestens aufgehoben sein würden. Und andererseits waren mir die Summen bekannt (wenigstens der Größenordnung nach), die mit Erfindungen von geringerer Tragweite erzielt worden waren.
Wenn ich beim Rückblick auf die Linien meines Lebens in den meisten Fällen, wo diese einen Knick oder doch eine schnelle Wendung aufweisen, mich nachträglich zweifellos zufrieden mit der damals eingeschlagenen Richtung aussprechen kann, so bin ich doch in diesem Falle unsicher. Denn die Wendung in den Wirbelsturm wirtschaftlichen Wettbewerbs hat mir mehr Unerfreuliches gebracht, als jede andere. Und was den in Geld[292]  abzählbaren Erfolg anlangt, so beträgt er schwerlich mehr, als was mir meine Bücher eingebracht haben, und sicher weniger, als sie mir eingebracht hätten, wenn ich die vorhandenen literarischen Möglichkeiten energisch ausgenutzt hätte. Und bei den Büchern bekam ich noch wissenschaftlichen und literarischen Ruhm in den Kauf.
Die Wage würde also zweifellos zum Nachteil der technisch-wirtschaftlichen Schwenkung ausschlagen, wenn ich nicht im letzten Jahrzehnt eine Erfahrung gemacht hätte, welche die Gewichtsverhältnisse stark verschiebt. Ich hatte angenommen, daß jene Unerfreulichkeiten wegen der Geldfragen entstanden waren, die dabei ins Spiel kamen. Nun habe ich aber bei meinen Bemühungen, die neuen Gedanken der messenden Farbenlehre in Deutschland auszubreiten, wobei die etwaigen wirtschaftlichen Gewinne nur auf Seiten der Empfänger liegen mußten, ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich muß daraus schließen, daß Neid und Trägheit, die beiden großen Gegner jedes Fortschrittes, noch bedeutend stärkere Faktoren sind, als Geld.
Vor allen Dingen ist es der Neid, welcher das Arbeiten nach außen, wobei zahlreiche Menschen beeinflußt werden sollen, so unerfreulich macht. Bismarck, der hierüber sehr ausgedehnte Erfahrungen hatte sammeln können, kennzeichnet die Deutschen dahin, daß bei uns jeder Fortschritt leidenschaftlich durch Leute bekämpft wird, die sich bis zum Erscheinen der ersten Erfolge überhaupt nicht um die Sache bekümmert hatten.
Es besteht kein Zweifel, daß der Neid eine allgemeine Eigenschaft ist, die der Mensch von seinen tierischen Vorfahren ererbt hat. Und zwar scheint sie beim Menschen durch einen Höchstwert zu gehen, denn je näher das Tier dem Menschen steht, um so entwickelter ist der Neid. Die Kuh ist frei davon, der Hund hat ihn im höchsten Maße. Beim primitiven Menschen ist Neid und[293]  Eifersucht selbstverständlich. Und es gehört, wenn ich meine persönlichen Erfahrungen verallgemeinern darf, eine sehr kräftige Selbsterziehung dazu, sich von diesem niederträchtigen Gefühl zu befreien. Sogar in unserer neuesten sozialen Ordnung war der Neid gesetzlich festgelegt, wenn den Arbeitern gleiche Löhne zugeschrieben wurden, ohne Rücksicht auf die niederen oder höheren Leistungen der einzelnen.
Nun ist es durchaus nicht wahrscheinlich, daß diese Eigenschaft bei den Deutschen stärker entwickelt ist, als bei den anderen Völkern. Vielmehr dürfte im allgemeinen der Neid mit steigender Kultur etwas zurückgehen und hat sich demgemäß bei den Franzosen merklich stärker erhalten, als bei uns. Aber bei den anderen Völkern werden die Wirkungen des Neids einigermaßen gut gemacht durch das völkische Gesamtgefühl. Hat ein Franzose oder Italiener usw. jene Hindernisse überwunden und sich durchgesetzt, so wird er als ein Mittel empfunden, Ruhm und Glanz des eigenen Volkes im Wettbewerb der Nationen erfolgreich zu erhöhen und wird demgemäß nunmehr von den Landesgenossen erhoben und gepriesen, meist über die Ansprüche hinaus, die er bei unparteiischer Wertung erheben dürfte.
Bei den Deutschen fehlt diese Ausgleichung, entsprechend ihrem krankhaft schwach gebliebenen Volksbewußtsein. Hier wird der Neid erst recht aktiv, wenn der Landsmann nicht nur die heimatlichen Wettbewerber hinter sich läßt, sondern auch die ausländischen. Wie oft habe ich das beschämende Schauspiel beobachten müssen, daß zur Verkleinerung deutscher Erfolge fremdländische Konkurrenten oder Vorgänger von Deutschen ausgegraben und hervorgezerrt wurden, auch wo solche Ansprüche keineswegs gut begründet waren und daher von den Auswärtigen auch nicht erhoben wurden.[294]
Es war schon erwähnt worden, daß zwischen dem gelungenen Laboratoriumsversuch und dem technischen Großbetrieb ein Abstand besteht, dessen Weite nur der ermessen kann, der ihn auszufüllen unternommen hat. Zunächst ist ein Ort erforderlich, wo eine Versuchsanlage größerer Abmessung erbaut werden kann, und ferner müssen die Mittel dazu aufgebracht werden. Beide sind im wissenschaftlichen Laboratorium nicht vorhanden. Sind sie beschafft, so zeigt sich, daß eine Erfindung keine ist; es sind noch Dutzende weiterer Erfindungen nötig, um alle Schritte vom Rohstoff zum fertigen Erzeugnis zu ermöglichen. Und jeder dieser Schritte ist darauf zu untersuchen ob er nicht durch einen kürzeren, d.h. schnelleren und billigeren ersetzt werden kann. Denn außer den physikalischen und chemischen Notwendigkeiten muß in der Technik vor allem den wirtschaftlichen Genüge geschehen.
Duttenhofer. Bei den Bemühungen, den nötigen Anschluß an die Großindustrie zu finden, hatte ich diesmal zunächst gutes Glück. W. Will, den ich schon bei meiner ersten Anwesenheit in Deutschland kennen gelernt hatte (I, 186), war inzwischen wissenschaftlicher Leiter einer Forschungsanstalt, der »Zentralstelle« in Neu-Babelsberg bei Berlin geworden, welche von einem großen Konzern für Sprengstoffe gegründet war und unterhalten wurde. Er pflegte mich von Zeit zu Zeit zu besuchen, um mit mir besondere Aufgaben zu besprechen, die ihm in seinem Beruf entstanden waren. Ich war, da ich ihn sehr gern hatte, stets mit Hingabe auf seine Fragen eingegangen und hatte ihm wohl auch zuweilen gut verwertbare Auskunft gegeben. Da die Salpetersäure für seine Gesellschaften von besonderer Wichtigkeit war, konnte durch seine Vermittlung bald ein Vertrag geschlossen werden, der die technische Entwicklung des Verfahrens und alsdann seine wirtschaftliche Verwertung betraf.[295]
Die leitende Persönlichkeit des Konzerns war der Geheimrat Duttenhofer. In kleinen Verhältnissen in Schwaben geboren, dann zum Apotheker ausgebildet, hatte er sich durch Scharfsinn, Energie und organisatorische Fähigkeit zum Leiter der Köln-Rottweiler Sprengstoff-Gesellschaft emporgearbeitet und ein großes Vermögen erworben. Er gehörte zu den nicht seltenen Reichen, die um so mehr arbeiten, je größer der Kreis wird, den sie beherrschen. Schon war er in dem Alter, wo die Natur gebieterisch Schonung verlangt. Wenn man ihm aber riet, sich zu entlasten, so antwortete er: »Ich habe das ein paar Male probiert; wissen Sie, was Entlastung ist? Daß man Ihnen alle Sachen fortnimmt, die Ihnen Vergnügen machen und Ihnen nur die unangenehmen übrig läßt.«

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Für die großen volks- und weltwirtschaftlichen Gesichtspunkte, welche meine Freude an diesen Dingen bedingten, hatte er offene Augen und ein offenes Gemüt. So kam er mir in großzügiger Weise entgegen und sorgte so ausgiebig für meine persönlichen Einnahmen, daß sie von dieser Seite bald höher waren, als was mir meine gesamte Unterrichtstätigkeit eintrug. Darum brachte ich ihm auch meinerseits ein volles Vertrauen entgegen und habe das nie zu bereuen gehabt.
Als ich mich einmal einige Minuten vor der angegebenen Stunde im Kaiserhof, Berlin, einfand, um eine Besprechung zu erledigen, traf ich ihn in herzlichster Weise abschiednehmend vor einem weißharigen, lebhaften Mann, der noch etwas kleiner und von weit zierlicherem Körperbau war, als der kurze, untersetzte Duttenhofer. Weißhaarig war eigentlich ein übertriebener Ausdruck, denn die Haare beschränkten sich auf einen dünnen Kranz im Nacken bis zu den Ohren und ein kurzes Schnurrbärtchen; die Bewegungen waren elastisch und die Sprache lebhaft. Beide Herren[296]  schüttelten sich wiederholt auf das lebhafteste die Hand und beendeten offenbar ein Gespräch, das beide stark ergriffen hatte.
»Kannten Sie den Herrn?« fragte Duttenhofer mich hernach. Und als ich verneinte, sagte er: »Das war der arme Graf Zeppelin mit seinem lenkbaren Luftschiff. Er ist wieder einmal ganz abgebrannt. Er selbst hat all sein Vermögen hineingesteckt, seine Frau hat ihm alles gegeben, ich selbst habe ein paarmal reichlich ausgeholfen; er hat aber alles verbraucht. Eben wollte er wieder Geld haben, ich mußte ihm aber sagen, daß ich mich nicht mehr dazu entschließen kann. Er scheint es auch eingesehen zu haben. Aber geheult haben wir dabei beide!«
E. Brauer. Mit der technischen Entwicklung des Verfahrens betraute ich Dr. Eberhard Brauer, der schon die grundlegenden Laboratoriumsversuche gemacht hatte. Seine unermüdliche Sorgfalt und technische Begabung machte es erst möglich, daß sich aus jenen kleinen Anfängen eine große und wichtige Industrie entwickelt hat, welche später im Weltkriege den Zweck erfüllte, für den sie geschaffen war. Wenn während des größten Krieges, den die Menschheit erlebt hatte (möchte es doch der letzte gewesen sein!) Deutschland gegen fast die ganze Welt seinen Boden von Feinden hat frei halten können, so verdanken wir dies in erster Linie der Tapferkeit unserer Krieger und der Umsicht ihrer Führer. Aber beide hätten aus technischen Gründen den Widerstand nicht durchführen können, wenn nicht das in ungeheuren Mengen notwendige Schießpulver nach unserem Verfahren hätte hergestellt werden können.
Zunächst galt es, überhaupt erst die Formen zu finden, welche eine Übertragung des Laboratoriumsversuches in den technischen Maßstab möglich machten. Die Zentralstelle besaß in der Umgebung Berlins ein[297]  großes Gelände für die Anstellung von Schießversuchen und die Herstellung von Sprengstoffen. Hier wurde uns ein Platz eingeräumt, auf dem die ersten Einrichtungen erbaut wurden, zunächst ein wenig ins Blaue oder auf gut Glück, weil die angemessenen Verhältnisse und Geräte erst unter der Arbeit entstehen mußten. Demgemäß entstanden zunächst Formen, die den Kampf ums Dasein nicht bestehen konnten und durch passendere verdrängt wurden. Ich mußte mein Amt in Leipzig versehen und kam nur alle zwei oder drei Wochen nach Berlin; Dr. Brauer nahm zunächst der Arbeitsstelle Wohnung.
Viel langsamer als wir gedacht und gehofft hatten, doch immerhin in angemessener Zeit entwickelte sich das technische Verfahren, so daß die Möglichkeit einer regelmäßigen Fabrikation in absehbarer Nähe erschien. Da wurden unsere Pläne und Hoffnungen durch das schlimmste Unglück durchkreuzt, das uns und unsere Sache treffen konnte, den Tod Duttenhofers. Durch ein schweres Brandunglück war eine wichtige Fabrikanlage der Gesellschaft zerstört worden und Duttenhofer hatte ohne Rücksicht auf seine Kräfte Übermenschliches geleistet, um die zerstörten Betriebe wieder zu organisieren. Er hatte in Erinnerung an seine frühere Unverwüstlichkeit dem weitgehend ausgenutzten Organismus zu viel zugemutet und war der Überanstrengung erlegen.
Dies war nicht nur ein sehr großer persönlicher Verlust für mich, sondern auch einer für die Sache. Denn die Personen, welche nach ihm die Zügel der Gesellschaft in die Hand nahmen, besaßen nicht die Weitsichtigkeit des Verstorbenen und bemühten sich mit Erfolg, die bestehenden Verträge zu lösen. So wurde unser Kind wieder heimatlos.
Nach einiger Zeit fanden wir einen neuen Pfleger. Er gehörte der Kohleindustrie an und schaute als Leiter[298]  großer Kokereien nach einer vorteilhaften Verwertung des Ammoniaks aus, welches dabei als Nebenprodukt erzeugt wurde. Kaum aber war ein Übereinkommen geschlossen, so nahm auch ihn der Tod hinweg. Er hieß Klüssener.
Die Irrfahrten, zu denen wir wieder verurteilt waren, sollen nicht im einzelnen beschrieben werden. Wir landeten schließlich in einen Vertrag mit der Bergwerksgesellschaft Lothringen in Bochum. Für diese baute Dr. Brauer eine Anlage, welche von 1906 ab regelmäßig Salpetersäure und Ammoniumnitrat in technischem Maßstabe und mit gutem Gewinn herstellte.
Die weiteren Schicksale der Angelegenheit gehören in eine spätere Zeit.



 Dreizehntes Kapitel.
Naturphilosophie.










[299] Die Vorlesung. Gleichzeitig mit dem Anfang der praktisch-volkswirtschaftlichen Arbeiten am Problem des Stickstoffs begann ich eine ganz andere Betätigung, die jener vollkommen entgegengesetzt war. Vielleicht ist dabei ein unterbewußter Wunsch wirksam gewesen, für jene Angelegenheit, bei der die Vertretung persönlicher Geldinteressen nicht vermieden werden konnte, einen ethischen Ausgleich durch einen kräftigen Vorstoß in rein gedankliche Sphären zu gewinnen.
Es wurde schon erzählt, daß philosophische Fragen seit jener eindrucksreichen Lübecker Tagung mich zunehmend beschäftigten, so sehr, daß der Eröffnungsvortrag des neuen Laboratoriums bereits im wesentlichen philosophischen Inhaltes war. Da der deutsche Professor vermöge der grundsätzlichen Lehrfreiheit sich des unschätzbaren Vorzuges erfreute, ein in der Gestaltung befindliches wissenschaftliches Gebiet sich erfolgreichst klar zu machen, indem er eine Vorlesung darüber hält, so benutzte auch ich dies Hilfsmittel, als der langsam gesammelte Stoff überzufließen begann. Ich zeigte im Sommer 1900 eine Vorlesung über Naturphilosophie an. Mein Hörsaal, der etwa 100 Personen faßte, erwies sich sogleich viel zu klein, ebenso der etwa doppelt so große des benachbarten Botanischen Instituts, den mir[300]  Kollege Pfeffer freundlich herlieh. Ich mußte in das größte Auditorium der Universität übersiedeln, wo die etwa 400 Zuhörer auch nicht alle Platz fanden, welche Naturphilosophie hören wollten.
Der Name war nichts weniger als einladend. Denn ihm haftete all die Verachtung an, mit dem die exakte Wissenschaft den vor etwa 80 Jahren erfolgten Einbruch einer hemmungslosen Spekulation der durch Kant entfesselten idealistischen Philosophie nach kurzer Herrschaft zurückgewiesen hatte. Diese hatte, nicht ohne Goethes Mitwirkung, sich der aufstrebenden Jugend bemächtigt, welche sich für den Mangel politischer Freiheit an der unbegrenzten Freiheit des Denkens entschädigte und berauschte. An den Folgen waren die schwächeren Köpfe zugrunde gegangen, während die stärkeren den Rausch überwanden und mit Schreck und Ekel an die vergeudete Zeit und Energie zurückdachten.
Somit war es einigermaßen ein Wagnis, unter dieser verrufenen Flagge sich einzuschiffen. Doch bewies der Erfolg, daß man sich dadurch nicht hatte abschrecken, eher anlocken lassen. Daß die Philosophie erfolgreich von Außenseitern bearbeitet werden kann, war gerade in Leipzig durch Wilhelm Wundts weitreichende Tätigkeit ersichtlich geworden. War dieser doch studierter und promovierter Mediziner. Als er nach Leipzig berufen war, wurde die philosophische Fakultät erst nachträglich zu ihrem Schreck gewahr, daß Wundt die amtlich vorgeschriebene Würde eines Dr. phil. überhaupt nicht besaß und mußte ihm diese ehrenhalber verleihen, damit der Vorschrift Genüge geschah. Auch hatte damals die lang verzögerte Wirkung der philosophischen Arbeit des Physikers Ernst Mach eben sich zu entfalten begonnen, so daß die Zeit insgesamt günstig für ein solches Unternehmen war.[301]
Den Vertretern der »Geisteswissenschaften« unter meinen Leipziger Kollegen erschien aber mein Vorgehen als unlauterer Wettbewerb. Leider nicht strafbar wegen der Lehrfreiheit, aber in hohem Maße »unkollegial« und verwerflich. Man hätte es noch hingehen lassen, wenn sich die Sache im engeren Kreise meiner Schüler draußen im naturwissenschaftlichen Viertel abgespielt hätte. Der große Hörsaal lag aber mitten in der alten Universität und die große Anzahl der Hörer bedeutete eine unliebsame Konkurrenz. So wurde manche spitze Bemerkung an mich gerichtet, wenn ich mich vor den Vorträgen im allgemeinen Professorenzimmer einfand.
Das Buch. Für mich war aber die starke Teilnahme meiner Zuhörer eine wirksame Anregung, die meinen Gedankengang beflügelte. Von meiner Wohnung bis zum Hörsaal hatte ich etwa eine halbe Stunde zu gehen. Diese benutzte ich, um mir den Inhalt des bevorstehenden Vortrages zurechtzulegen. In großen Zügen war er ja durch den allgemeinen Gedankengang gegeben. Aber er mußte noch so geordnet und geformt werden, daß innerhalb der Vorlesung ein abgerundetes Stück Denken vor den Hörern aufgebaut werden konnte, dessen Form und Ordnung wegen seiner übersichtlichen Gesetzlichkeit den Eindruck eines Kunstwerkes machte, wenn auch eines bescheidenen. Und außerdem dachte ich mir die »Rosinen« aus, die kleinen überraschenden Gedanken, Wendungen, Witze, welche in den Kuchen hineingebacken wurden, um besonders wichtige Stellen hervorzuheben und die Hörer zu erquicken.
Vom gesprochenen Wort zum geschriebenen war bei mir der Weg nicht weit. Der Verleger der »Elektrochemie« war bereit, auch die »Vorlesungen über Naturphilosophie« herauszubringen, die ich in einigen Monaten fertig schrieb. Sie fanden eine ebenso freundliche Aufnahme, wie die Vorlesungen, mit einer Null mehr. In[302]  zwei oder drei Jahren waren vier Auflagen des Werkes vergriffen. Dann unterbrach ich die Ausgaben, weil ich das Werk neu bearbeiten wollte. So hat es längere Zeit im Buchhandel gefehlt, und als schließlich der erste Band der Bearbeitung unter dem Titel »Moderne Naturphilosophie« erschien, war es ebenso ein neues Buch geworden, wie seinerzeit das Lehrbuch der Allgemeinen Chemie. Auch darin gleichen sich beide Werke, daß die durch den Gegenstand erforderten weiteren Bände der Neubearbeitung ungeschrieben blieben, da die Fülle des Stoffes sich nicht bändigen lassen wollte.
Um eine Anschauung von der Wirkung des Buches zu geben, erlaube ich mir eine (Englisch geschriebene) Postkarte vom Juli 1902 wiederzugeben: »Gestatten Sie einem Fremden, Ihnen das außerordentliche Vergnügen auszudrücken, welches er beim Lesen Ihrer Vorlesungen über Naturphilosophie empfunden hat. Ich habe seinerzeit Band I Ihrer Allgemeinen Chemie gelesen, aber die Weite und »Menschlichkeit« Ihres letzten Satzes1 erfüllt mich mit Bewunderung (und Neid!) gegenüber dem Verfasser. Das Buch wird einen enormen Einfluß haben. Ich denke, die Theorie, wonach das Bewußtsein eine Art Energie ist, muß noch erheblich geklärt werden und ich bin nicht sicher, ob Sie die Energie als eine Art von universalem Wesen ansehen oder nur als einen Sammelnamen für Erscheinungen, die auf eine gewisse Weise gemessen werden, aber in jedem Falle ist Ihr Werk ein[303]  enormer Schritt vorwärts zu einer einfachen Auffassung der Dinge. Dank von William James.«
Der Absender war einer der ersten Philosophen Amerikas, dessen Werk über Psychologie grundlegend ist. Bekannter noch hat ihn später sein Pragmatismus gemacht, eine praktische Philosophie, die im bewußten Gegensatz zu der üblichen scholastischen entwickelt wurde. Wie aus den Eingangsworten hervorgeht, bestand bisher keine Beziehung zwischen uns; auch waren mir seine Arbeiten unbekannt geblieben. Wenige Jahre später konnte ich ihm persönlich näher treten, als ich an der Harvard-Universität, Cambridge Mass. vorübergehend sein Kollege war. Doch dies gehört in den dritten Band, für den ich mir eine nähere Beschreibung dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit aufspare.

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Was die Voraussage James' über den Einfluß des Buches anlangt, so glaube ich sagen zu dürfen, daß er Recht behalten hat. Man kann dies schon äußerlich daran erkennen, daß seit dem Jahre 1901 der Name Naturphilosophie wieder ein anerkanntes Gebiet der Philosophie bezeichnet, über welches regelmäßig Vorlesungen gehalten und Bücher geschrieben werden, was vorher kaum je geschah. Ebenso wird bei Gesamtbearbeitungen der philosophischen Wissenschaft seitdem nicht unterlassen, der Naturphilosophie einen Platz einzuräumen. Der Vorgang hat sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vollzogen, wie etwas, worauf man lange gefaßt gewesen war, ja eigentlich gewartet hatte.
Beispielsweise war ich 1905 eingeladen worden, für eine Festschrift an Kuno Fischer, welche die Philosophie im Beginn des 20. Jahrhunderts darstellen sollte, das Kapitel Naturphilosophie zu schreiben. Ich lehnte ab, um nicht die Stileinheit des Werkes zu stören. Auch fühlte ich durchaus keinen Wunsch, dem Heidelberger Philosophen, dessen Wesen mir von Grund aus zuwider[304]  war (persönlich habe ich ihn nicht kennen gelernt), meinerseits eine Reverenz zu machen. Bei anderen Gelegenheiten habe ich mich für die Abteilung Naturphilosophie beteiligt.
Gegenwärtig ist die Lage so, daß die Naturphilosophie als normaler Bestandteil der Wissenschaft und von den Fachphilosophen als Gegenstand ihrer Bearbeitung angesehen wird, wobei sie meist ängstlich vermeiden, meinen Namen zu nennen. Meist sind auch die Erzeugnisse von solcher Beschaffenheit, daß mir diese Fernhaltung durchaus willkommen ist.
Einiges über die Philosophie. Eine andere Frage ist freilich, wie groß der sachliche Einfluß der dort vorgetragenen Gedanken war und ist. Daß zunächst von den Fachphilosophen Widerspruch erhoben wurde, ist so selbstverständlich, daß es kaum der Erwähnung wert ist. Kennzeichnet sich doch der niedrige Entwicklungsgrad dieser ältesten aller Wissenschaften darin, daß jeder neu auftretende Philosoph das allergrößte Gewicht darauf legt, die Verschiedenheit seiner Ansichten von allen früheren zu betonen, während in den entwickelteren Wissenschaften der Fortschritt in bewußten Zusammenhang mit den bisherigen gesicherten Ergebnissen gebracht wird, so daß er sich als ein Weiterbauen an dem gemeinsamen Gebilde erweist.
Die Ursache dieses Zustandes ist darin zu suchen, daß zu der Philosophie von jeher nur diejenigen Wissenschaften gerechnet wurden, welche es noch nicht zu einem logisch oder vielmehr ordnungswissenschaftlich (mathetisch) zusammenhängenden Inhalt gebracht haben, über den man einig werden kann und geworden ist. Ursprünglich gehörten daher alle Wissenschaften zur Philosophie, wie dies am deutlichsten an den Werken des größten Philosophen des Altertums, Aristoteles, erkennbar ist. Im Laufe der Zeit trennten sich Mathematik, Physik[305]  nebst Astronomie, Chemie, Biologie von der Philosophie ab und wurden selbständig. Bei den Chemikern wurden unsere Fachgenossen allgemein Philosophen genannt, solange sie sich um den Stein der Weisen und das Lebenselixir plagten. Seitdem sie aber nüchtern-sachliche Arbeit zu tun anfingen, in Unterscheidung und Kennzeichnung der Stoffe, Ausbildung chemischer Meßverfahren usw., haben sie diesen ehrwürdigen Namen eingebüßt.
In unseren Tagen ist die Abscheidung der Psychologie von der Philosophie aus ganz demselben Grunde erfolgt und die »eigentlichen« Philosophen legen heute ein großes Gewicht darauf, zwischen beiden einen recht deutlichen Trennungsstrich zu machen. Als ich 1905 an der Harvard-Universität die Eröffnung eines neuen Gebäudes für die Lehrtätigkeit des dortigen Philosophen Münsterberg mitmachte, beschrieb dieser mit Nachdruck, wie das untere Geschoß der Philosophie und das obere der Psychologie gewidmet sei, und daß er es als eine seiner ersten Pflichten ansehe, beide sorgsam getrennt zu halten. Das brachte ihm freilich einige ironische Bemerkungen von einem amerikanischen Kollegen ein, welcher die Hoffnung aussprach, daß er beispielsweise das Gebiet der Logik nicht auf das untere Geschoß beschränken, sondern etwas davon auch den Arbeiten über experimentelle Psychologie zugute kommen lassen würde.
So sind für die gegenwärtige Philosophie als Hauptgebiete übrig geblieben: Logik (nebst Erkenntnistheorie), Ästhetik und Ethik, drei weit verschiedene Gebiete von den äußersten Enden der Gesamtwissenschaft, die man notdürftig durch die äußerliche Bezeichnung als Normwissenschaften in Zusammenhang zu bringen versucht. Aber weder die Normal-Aichungs-Kommission noch der Normen-Ausschuß der Industrie hat jemals daran gedacht, die Normungsarbeiten auf jene Gebiete auszudehnen. Jede Wissenschaft hat ihren normativen Teil,[306]  und dieser ist in Ethik und Ästhetik weniger entwickelt, als in irgendeiner rationellen Wissenschaft.
Dieser Mangel ist ja die Ursache, daß die wissenschaftliche Einordnung beider Gebiete in die Soziologie noch nicht unter allgemeiner Zustimmung hat vollzogen werden können. Über die Unfruchtbarkeit ihres gegenwärtigen Zustandes findet sich bezüglich der Ästhetik ein unverwerfliches Zeugnis in Selbstschilderungen führender Kunstwissenschaftler, die 1925 veröffentlicht worden ist (Verlag Meiner, Leipzig). Mit kennzeichnender Übereinstimmung wird dort von den verschiedenen Verfassern mitgeteilt, daß das Studium der vorhandenen zahlreichen Werke über Ästhetik sich als gänzlich unfruchtbar für ihre persönliche Entwicklung erwiesen hat.
Was aber das dritte Gebiet anlangt, das man zurzeit der Philosophie zuzuschreiben pflegt, die Logik, so ist diese ein Teil der Ordnungswissenschaft, welche die unterste Platte der Pyramide der Wissenschaften bildet und daher allen anderen Wissenschaften zur Grundlage dient. In der oben erwähnten Neubearbeitung der »Vorlesungen über Naturphilosophie« habe ich versucht, die Grundlagen dieses arg vernachlässigten Gebietes darzulegen. Und in meiner Farben- und Formenlehre habe ich später Beispiele für den unbeschreiblichen Nützen gegeben, welchen man durch bewußte Anwendung der Ordnungswissenschaft oder Mathetik bei der Gestaltung neuentdeckter Wissensgebiete, ja bei der Entdeckerarbeit selbst gewinnen kann.
Wie konnte es aber zugehen, daß dies grundlegend wichtige Gebiet methodisch so vernachlässigt blieb, daß jeder Forscher und Organisator einer Wissenschaft sich die erforderliche Mathetik von Fall zu Fall selbst machen mußte? Die Antwort ist: weil unglücklicherweise die Logik des Aristoteles bei der Verschüttung der antiken Kultur durch die Völkerwanderung nicht das[307]  Schicksal der meisten damaligen Werke geteilt hatte und uns erhalten geblieben ist. Da sie für ihre Zeit eine gute, ja ausgezeichnete Arbeit war, so hat sie ihren Einfluß ähnlich wie die Geometrie des Euklid in solchem Sinne auf die späteren Jahrhunderte ausgeübt, daß sie für unübertrefflich galt und allen weiteren Fortschritt verhinderte. Bekanntlich hat an all den großartigen Fortschritten der Mathematik seit dem 16. Jahrhundert die Geometrie gar keinen Anteil genommen; erst mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts begann ihre selbständige Entwicklung mit Steiners synthetischer Geometrie. Ebenso verhält es sich in anderen Gebieten. Die Malerei hat sich selbständig entwickeln können, weil von den Griechischen Bildern fast nichts übrig geblieben war und die später in Pompeji aufgedeckten antiken Überreste glücklicherweise so spät bekannt wurden, daß der hindernde Einfluß, den sie alsbald auszuüben begannen, überwunden werden konnte. Die Werke der Plastik dagegen überdauerten vermöge des derberen Werkstoffes die Zeit und ihre Kenntnis hat große Nachteile bewirkt. Zunächst unterbrach sie völlig die wunderschöne bodenständige Entwicklung der mittelalterlichen Bildhauerei, von der wir u.a. im Naumburger Dom unvergeßliche Zeugnisse haben. Sodann hat sie bis auf den heutigen Tag die Entwicklung einer dem gegenwärtigen Fühlen entsprechenden Kunst verhindert, wiederum weil man die antiken Erzeugnisse für unübertrefflich hielt und hält. Weil aber im Lauf der Zeit zwar die Gestalten der antiken Marmorwerke sich erhalten haben, die Farbe aber abgegangen ist, hat die inzwischen betriebene Plastik sich jene Werke zum Vorbild genommen, nicht wie sie von den Künstlern hergestellt waren, sondern wie sie sich nach dem Ausgraben und Abputzen zeigten. Dieser Irrtum hat die Kunst jahrhundertelang beherrscht und ist auch heute noch wirksam.[308]


Ganz in derselben Weise hat Aristoteles' Logik entwicklungshemmend gewirkt, zumal selbst Kant sie für endgültig abschließend hielt. Darüber war man blind dagegen geworden, daß sie nur ein kleiner Ausschnitt einer umfassenden Wissenschaft ist, deren Gegenstand die allgemeinsten Verhältnisse sind, welche sich bei allen Dingen finden, wovon die Logik nur jene Abteilung behandelt, welche das wechselseitige Ein- und Ausschließen von Gruppen gleichartiger Dinge betreffen.
Die wissenschaftliche Bearbeitung dieser allgemeinen Fragen ist bisher meist von Mathematikern ausgeführt worden, für deren Wissenschaft die Mathetik die nächste Voraussetzung oder Hilfswissenschaft ist. Ein wichtiger Teil hiervon ist die symbolische Logik. Als erfolgreichster zeitgenössischer Forscher sei der Engländer Bertrand Russell genannt.
Steht so für die Logik ihre richtige Einordnung in das System der Wissenschaft bevor, so läßt sich ein Gleiches auch für die beiden anderen Reste voraussehen, die zurzeit noch von der »Philosophie« in Anspruch genommen werden. Die Ästhetik ist ein Gebiet der angewandten Psychologie, insbesondere der der Gefühle. Und die Ethik ist angewandte Soziologie.
Es ist gegenwärtig modern, dem Intellekt alles denkbar Üble nachzusagen, und so werden diese Bemerkungen, die auf die Einordnung dieser Gebiete in die rationelle Wissenschaft zielen, geringe Zustimmung finden. Solange aber die Vertreter dieser Geistesrichtung die Anerkennung, daß ihnen bei ihren eigenen Erzeugnissen die Ausschließung des Intellekts vorzüglich gelungen sei, nicht als ein erstrebenswertes Lob auffassen, sondern als eine Kränkung, darf an der Dauerhaftigkeit dieser Modeströmung gezweifelt werden.
Ernst Mach. Die »Vorlesungen« sind Ernst Mach gewidmet, als dem Denker, der unter den Lebenden mich[309]  damals am stärksten beeinflußt hatte. Er war 1838 in Mähren geboren, also 15 Jahre älter als ich und hatte den größeren Teil seines Lebens als Physikprofessor in Prag zugebracht, wo er eine Anzahl durch Eigenartigkeit der Aufgabenstellung und Ausführung ausgezeichneter Experimentaluntersuchungen ausgeführt hat. Über psychophysische Einzelfragen war er dann zu erkenntnistheoretischen und wissenschaftsmethodischen Forschungen gelangt, die nicht weniger selbständig, ja grundlegend waren. Als einer der ersten hat er die allgemeine Bedeutung der Energiegesetze erkannt und entwickelt; auf eine Energetik aber wollte er sich nicht einlassen.
Mir war seine Denkweise in hohem Maße willkommen, ja vorbildlich durch seine Ablehnung aller Hypothesen, die er nicht nur für entbehrlich, sondern für schädlich hielt. Ich teilte diese Ansicht und habe an früheren Stellen schon von meiner Abneigung gegen die atomistisch-kinetischen Anschauungen erzählt. In den Vorlesungen unterschied ich Hypothesen als willkürliche Annahmen, die man nicht prüfen kann, von Protothesen als vorläufigen Annahmen, die man zum Zweck der Prüfung in einem bisher unbekannten Gebiete macht. Erstere hielt ich für nachteilig, letztere für notwendig.
Mach hatte es zuerst sehr schwer, seine Gedanken zur Geltung zu bringen, denn seine Veröffentlichungen fielen in eine Zeit, wo die Angst vor der überwundenen Naturphilosophie alle philosophischen Bemühungen den Physikern verdächtig machte, zumal damals die Fachphilosophie ihren Bankerott als schöpferische Wissenschaft angesagt und sich auf die Geschichte der Philosophie als einzigen möglichen Forschungsgegenstand zurückgezogen hatte.
Persönlich habe ich Mach 1890 auf der Naturforscherversammlung in Halle kennen gelernt. Er war ein langer, magerer Mann von nachlässiger Haltung und[310]  Kleidung, mit etwas zu langen Gliedern und einem blassen Gesicht, das von braunem Haar und Bart etwas zugewachsen war. Er erzählt selbst irgendwo, wie er nach einer ermüdenden Nachtreise in den Gasthofomnibus gestiegen war; im gleichen Augenblick trat von der entgegengesetzten Seite ein anderer Gast herein und Mach dachte: wo kommt denn dieser verkommene Schulmeister her? Er bemerkte erst einen Augenblick später, daß dort ein Spiegel angebracht war und er sein eigenes Spiegelbild gesehen und beurteilt hatte.
Die Geschichte kennzeichnet diesen eigenartigen Mann. Zuerst, daß er sie selbst erzählt, ohne sich durch persönliche Eitelkeit behindert zu fühlen. Er teilt sie mit, um zu erläutern, daß man gegebenenfalls das begriffliche Durchschnittsbild (Schulmeister) besser im Gedächtnis hat, als das persönliche. Er erwähnt aber nicht, daß er offenbar sich so selten im Spiegel betrachtet hat, daß bei ihm das Erinnerungsbild seiner eigenen Person nur schwach entwickelt war.
Ich glaube fast, daß er dieses Erlebnis bei seiner Ankunft in Halle gehabt hat, denn dort gab es einen solchen Omnibus mit Spiegel und auch die Nachtfahrt kann stimmen. Ich stellte mich ihm vor, hatte aber sehr wenig von ihm, da er die Versammlung sehr bald verließ. Er war wegen einer Unterrichtsfrage gekommen, über welche Beschlüsse gefaßt werden sollten und fand die Kollegen allzu nachgiebig gegen die philologische Scholastik, für die er nichts übrig hatte.
Als G. Wiedemann 1899 gestorben war, wünschte ich sehr, daß Mach als sein Nachfolger berufen würde und wandte mich an ihn mit der Frage, ob er gegebenenfalls den Ruf annehmen würde. Er schrieb mir einen sehr bemerkenswerten Brief, in welchem er sorgfältig und ausführlich alles entwickelte, was gegen die Berufung sprach, der er im übrigen wohl Folge geleistet hätte.[311]  Der Haupteinwand war sein Alter von 61 Jahren, der auch in der Fakultät geltend gemacht wurde und die Berufung nicht zustande kommen ließ.
Mach wurde bald darauf nach Wien als Vertreter der Geschichte und Theorie der exakten Wissenschaften berufen, doch mußte er die Vorlesungen später wegen eines Schlaganfalles aufgeben. Ich versäumte bei keiner Anwesenheit in Wien, ihn in seinem Häuschen weit draußen im Vorort Pötzleinsdorf zu besuchen. Er war an einer Körperseite gelähmt, doch wußte er sich mit dem Gleichmut des Wissenschafters über die großen Behinderungen hinwegzusetzen und war unausgesetzt als Forscher und Denker tätig.
Sein weltanschaulicher Grundsatz war, daß es nicht die Aufgabe des Denkers ist, auf den sehr unvollständigen Grundlagen der gegenwärtigen Wissenschaft sich durch hypothetische oder metaphysische Ergänzungen ein abgerundetes Weltbild zu erbauen, sondern sich mit dem unvollständigen Weltbild zufrieden zu geben, welches die Wissenschaft zurzeit zu formen erlaubt.
Die kurzen Stunden, die ich mit ihm verbringen durfte, waren mir Weihestunden, obwohl ich wußte, daß manche von meinen Anschauungen bei ihm keineswegs Anerkennung fanden. Denn wir waren gegenseitig von der persönlichen Ehrlichkeit unserer Denkarbeit überzeugt und bereitwillig, den subjektiven Anteil gelten zu lassen, der allem menschlichen Tun anhaftet.
Zu Beginn des Weltkrieges verließ E. Mach Wien und siedelte nach Haar bei München über, wo er 1916 starb. Kurz vor seinem Tode hatte ihn noch mein Sohn Walter aufgesucht, um ihm seine Ehrfurcht zu bezeigen, und mir von dem ergreifenden Eindruck berichtet, den der Greis auf ihn gemacht hat.
Die Zeitschrift. Wie ich es an der allgemeinen oder physikalischen Chemie fünfzehn Jahre früher erfahren[312]  hatte, wird das Selbständigwerden eines neuen Wissensgebietes durch das zugehörige Buch zwar ermöglicht, gesichert aber erst durch die entsprechende Zeitschrift. Im vorliegenden Falle hätte ich vielleicht eine der vorhandenen philosophischen Zeitschriften, die fast alle einen etwas schwindsüchtigen Eindruck machten, dafür gewinnen können, die Naturphilosophie besonders zu pflegen. Doch wäre dabei der bisherige Schriftleiter beibehalten worden und ich wäre von ihm abhängig gewesen. Das war mir unerträglich, und so gründete ich frischweg eine eigene Zeitschrift, die Annalen der Naturphilosophie, deren Schriftleiter (ohne Gehalt) ich selbst sein konnte. Das erste Heft erschien Ende 1901; die erste Abhandlung darin war von Ernst Mach mitgeteilt worden.

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Als Arbeitsgebiet der neuen Zeitschrift bezeichnete ich die Pflege der Beziehungen zwischen den einzelnen Wissenschaften und der Philosophie als der Wissenschaft von den gemeinsamen Bestandteilen aller Einzelwissenschaften. »Als ein an treibenden Kräften und Entwicklungsbedürfnis reiches Gebiet läßt sich der mehr oder weniger breite Streifen Land bezeichnen, welcher sich zwischen den seit langer Zeit bestellten Feldern der einzelnen Wissenschaften und dem mehr als zweitausendjährigen Walde der Philosophie hinzieht. Zwar sind jene Felder auch einstmals Teile des Waldes gewesen und fast überall hat nur das praktische Bedürfnis den Anlaß gegeben, daß sie in Ackerpflege genommen worden sind. Aber zwischen ihnen und dem Urwalde hat vielfach der Zusammenhang aufgehört. Undurchdringliches dialektisches Buschwerk von der einen Seite, Halden unbearbeiteter Steinblöcke von der anderen hindern den Verkehr herüber und hinüber und lassen vielfach vergessen, daß derselbe Boden sie trägt und daß dieselbe Sonne ihnen die Energie schenkt, die sie beide in dauernde Formen zu übertragen beschäftigt sind.«[313]
Es sind, wie man sieht, die gleichen auf Verbindung ausschauenden Gedanken, welche in meiner Antrittsvorlesung auf die engere Aufgabe der Verbindung zwischen Physik und Chemie, aber doch mit Ausblicken auf die Gesamtheit der Wissenschaften zur Anwendung gekommen waren. Insofern durfte ich die neu übernommene Arbeit als eine geradlinige Fortsetzung der bisherigen ansehen, und brauchte mir den Vorwurf ziellosen Schwankens in meinen Bestrebungen nicht gefallen zu lassen.
Da ich ein besonderes Gewicht darauf legte, die Mitarbeit hervorragender Vertreter der einzelnen Wissenschaften zu gewinnen, betonte ich die Bedenken, welche bisher solche Mitarbeit verhindert hatten. Ich gab zu, daß der Verdacht bei der alten Naturphilosophie berechtigt war, daß hauptsächlich solche für spekulative Betätigung Neigung gezeigt hätten, denen es mit der exakten Arbeit nicht recht hatte glücken wollen, und daß zurzeit das Mißtrauen gegen allgemeine und umfassende Gedanken selbst in den philosophischen Äußerungen solcher Männer, wie Helmholtz und J.R. Mayer Dinge sah, welche nicht nachzuahmen, höchstens zu verzeihen waren.
Aber es fand damals eben eine Überwindung dieser Einstellung statt, deren Berechtigung zeitlich begrenzt war. An den verschiedensten Stellen berührten sich benachbarte Wissenschaften und erzeugten neue. Dadurch entstand ein Bedürfnis nach Philosophie aus rein technischen Gründen. »Schon durch die nüchterne Notwendigkeit, die massenhaften Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung für den Gebrauch bereit zu halten, ist ihre systematische Ordnung und die Herausarbeitung ihrer gemeinsamen oder allgemeinen Bestandteile ein praktisches Bedürfnis geworden.«
Auch hielt ich es für wichtig, gegen einzelne Bestrebungen anzukämpfen, welche zwischen benachbarten Wissenschaften Grenzen zu errichten trachteten, die nicht[314]  überschritten werden dürften. Sie wurden hauptsächlich von Fachphilosophen ausgesprochen, kamen aber auch gelegentlich bei den Einzelwissenschaften vor. Und wer sich dagegen verging, dem wurde ein Zitat von Kant an den Kopf geworfen.
Dagegen verlangte ich, daß jede Wissenschaft den Anschluß an ihre Nachbarinnen suchen müsse, nicht zu engherziger Abgrenzung des bisherigen Besitzes, sondern zu freundnachbarlicher Aushilfe. Die Philosophie aber müsse ihr Arbeitsgut aus den Fachwissenschaften übernehmen. »Für sich beansprucht sie mehr und mehr nur das Amt einer geistigen Verkehrs- und Austauschzentrale, der es obliegt, die einlaufenden Werte in gegenseitige Beziehung zu setzen und auf einen allgemein annehmbaren Maßstab zurückzuführen.«
Von einzelnen »Philosophen« ist mir die letzte Kennzeichnung als eine Entwürdigung der hohen und heiligen Wissenschaft angerechnet worden. Die Kritiker haben nicht gewußt, daß die hier geforderte organisatorische Arbeit auf höherer Stufe steht, als die Entdeckung neuer Tatsachen.
Der Erfolg der »Annalen« war dem der »Zeitschrift« ähnlich, aber doch deutlich geringer. Es gelang mir alsbald, eine genügende Anzahl Beiträge von hervorragenden Forschern zu erhalten und auch die Verbreitung war ausreichend, um das dauernde Bestehen wirtschaftlich zu ermöglichen. Aber der Kreis der schreibenden wie lesenden Teilnehmer war viel beschränkter, da die internationale Gemeinde fehlte, welcher die damals einzige Zeitschrift für das neue Gebiet nicht entbehren konnte.
Dazu kam, daß der allgemeine Zustand, in welchem ich mich damals dauernd befand, zwar die Durchführung der Arbeiten – Schriftleitung und Bücherschau – noch gestattete, aber nicht eben mehr. Denn während früher mein ganzes Denken und Arbeiten ausschließlich auf die[315]  physikalische Chemie eingestellt gewesen war, hatte ich nun neben der Naturphilosophie noch ein halbes Dutzend anderer großer Dinge im Kopf, welche für die Einzelleistung entsprechend weniger Energie übrig ließen.
Immerhin durfte ich mit der Liste der Mitarbeiter wohl zufrieden sein. Der erste Band bringt Beiträge von Ernst Mach (Physiker), F. Wald (Chemiker), A. Scheye (Mathematiker), A.v. Öttingen (Physiker), E. Sievers (Sprachforscher), P. Volkmann (Physiker), L. Natanson (math. Physiker), Ch. Pflaum, (Psycholog), H. Sim roth (Zoolog), B. Delbrück (Sprachforscher), F. Ratzel (Geograph), G. Helm (Mathematiker), A. Bozi (Jurist), Wo. Ostwald (Zoolog), K. Lamprecht (Historiker), G. Heymans (Philosoph), V.v. Türin (Physiker).
Wie man sieht, wurden die Annalen nach sehr demokratischen Grundsätzen geleitet; neben Namen hohen und höchsten Ranges finden sich ganz unbekannte.
Die Energetik. Neben jenen allgemeinen Arbeiten, denen sich die Annalen mit Erfolg widmeten, lag noch eine Sonderaufgabe vor, nämlich die Einführung der Energetik in das philosophische Denken. Es ist schon erzählt worden, welchen Widerständen die Geltendmachung der Energetik in den nächstliegenden Gebieten der Physik und Chemie begegnete. Man kann sich daher leicht vorstellen, wie unmöglich diese Denkweise in den ferneren Gefilden der Biologie und Psychologie erschien. So entstand das wunderliche Verhältnis, daß die Fachphilosophen sich zwar sofort und bereitwillig des neugeordneten Feldes der Naturphilosophie bemächtigten, daß sie aber nicht dulden wollten, daß der Erschließer dort das wichtige Kraut anpflanzte, für welches er die Rodungsarbeit vorgenommen hatte.
So kamen bald von allen Seiten »Widerlegungen« der Energetik, zu deren Richtigstellung die Bücherschau der Annalen willkommene Gelegenheit bot.[316]
Das Schauspiel, das ich hier erleben mußte, war niederdrückend. Obwohl der erste Hauptsatz von der Erhaltung der Energie wirklich nicht schwer verständlich ist, zeigten meine Kritiker eine so unglaubliche Unfähigkeit zu seiner richtigen Anwendung, daß ich einen großen Schreck bekam. Denn unter denen, welche hier grobe Fehler machten, befanden sich angesehene Professoren der Philosophie neben philosophischen Dilettanten gewöhnlichster Sorte. Ich mußte mir sorgenvoll sagen: wenn die sachlichen Kenntnisse in einem so einfachen Falle, den ich genau beurteilen konnte, so unzuverlässig sind, was muß man daraus für die vielen anderen Gebiete schließen, über welche die gleichen Männer Urteile abzugeben pflegten? Wozu ist dann die ganze Universitätsphilosophie nütze?
Im übrigen ging es mit der Eingewöhnung in energetisches Denken in der Philosophie wie in der Physik und Chemie. Trotz der scheinbar einstimmigen anfänglichen Ablehnung fanden sich die Spuren der neuen Auffassung öfter und öfter, doch stets entweder neben anderweitem Widerspruch oder später ohne Erwähnung ihrer Quelle. Einigermaßen als Abschluß dieses Entwicklungsganges konnte ich neun Jahre nach dem Erscheinen der »Vorlesungen« feststellen, daß der damals einflußreiche idealistische Philosoph, P. Natorp in einem Werk über die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften die Energetik als einen selbstverständlichen Bestandteil der exakten Wissenschaften behandelt, über dessen Zulässigkeit oder Richtigkeit nicht mehr gesprochen zu werden braucht. Sogar der Vorgang, daß sich der erzielte Fortschritt vom Namen seines Erzeugers loslöst, anonym wird und ein selbständiges Dasein führt, ein Prozeß, der sonst ein halbes oder ganzes Jahrhundert braucht, hatte sich hier schon vollständig vollzogen.
[317]  Wirkung auf den Herausgeber. Die Tätigkeit als Schriftleiter der Annalen erwies sich für mich in hohem Maße fruchtbringend. Sie ist bei einer philosophischen Zeitschrift viel schwieriger, als bei einer naturwissenschaftlichen, weil hier Sinn und Unsinn, Reifes und Ungares viel weniger leicht zu unterscheiden ist: gleichfalls ein Zeichen, für den niedrigen Entwicklungsstand des Gebietes. Damit hängt zusammen, daß unter den einlaufenden Arbeiten sich viel mehr unbrauchbare finden, deren Abweisung, wenn sie nach sorgsamer Prüfung erfolgt ist, dem Verfasser stets als ein schweres Unrecht an der Menschheit erscheint. Denn in der Philosophie ist man niemals bereit zuzugeben, daß der andere etwa von der Sache mehr versteht, und daher das Erzeugnis objektiv beurteilen kann.
Werfe ich einen Rückblick auf die 14 Jahrgänge, zu denen es die Annalen gebracht haben (sie sind durch den Weltkrieg auch zum Erliegen gekommen), so darf ich mir das Zeugnis geben, daß ich keinen Beitrag zurückgewiesen habe, der veröffentlicht zu werden verdiente, und daß die Zulassungsgrenze, die ich ziemlich weit zu ziehen mich verpflichtet fühlte, doch noch reichlich diesseits des Wertlosen durchgeführt worden ist. Nachträglich würde ich kaum ein halbes Dutzend der abgedruckten Arbeiten ausschließen. Vergleiche ich dies Ergebnis mit dem Inhalt anderer philosophischer Zeitschriften mit alter Tradition, so darf ich es als günstig bezeichnen.
Noch mehr Arbeit, aber auch entsprechend größeren Nutzen brachte die Bücherschau. Das erste Jahrzehnt der Annalen fiel in eine Zeit, wo die Verleger äußerst bereitwillig waren, zu drucken, was man ihnen brachte. Und fand sich kein Verleger, so war es nicht allzu teuer, das Geisteskind im Selbstverlag ans Tageslicht zu bringen. Wir waren ein reiches Volk und es muß damals eine erstaunlich große Zahl Deutsche gegeben haben, welche bereitwillig auf gut Glück Bücher kauften. Freilich[318]  war auch der ausländische Absatz Deutscher Bücher gut. Die Folge war, daß ein gewaltiger Strom bedruckten Papiers sich durch die Lande ergoß und ein starker Seitenarm davon auf meinem Schreibtisch mündete und beurteilt sein wollte. Denn so entschlossen der freiwillige Philosoph ist, jede gegenteilige Meinung für grundfalsch zu erklären, so begierig ist er doch, die Meinungen anderer über sein Werk kennen zu lernen.
Wenn daher in dem, was ich durchlas, nicht mehr als rund 10 v.H. Körner auf 90 v.H. Spreu zu finden waren, so darf doch der innere Wert dieses Zehntels so hoch eingeschätzt werden, daß das Gesamtergebnis durchaus als lohnend zu bezeichnen war. Ich habe sehr mannigfaltige und fruchtbringende Anregungen aus solchen Büchern empfangen, auch wo ich mich in grundsätzlichem Widerspruch befand. Denn die Notwendigkeit, diesen klar auszusprechen, ergab stets auch eine Klärung der eigenen Gedanken.
Dazu kam schließlich, daß die Annalen Anlaß und Gelegenheit boten, Betrachtungen zu veröffentlichen, die mich lange beschäftigt hatten, ohne einen Ort zu finden, wo ich sie darlegen konnte. Doch die dabei angesponnenen Fäden verlaufen in eine Zeit, die außerhalb der hier zu schildernden liegt.
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 Dieser Satz lautet: So kann der Mensch auf keine Weise besser für sich selbst sorgen, als indem er in möglichst weitem Umfange für andere sorgt. Hier fließen die meist unbewußt empfundenen Quellen der großen Taten, durch welche der Einzelne sich Vielen auf einmal segensreich erweisen kann, und in der hierbei entstehenden gewaltigen Erweiterung des eigenen Selbst liegt die Ursache für das Gefühl höchsten Glückes, das dem leuchtet, dem eine solche Tat zu tun gegeben ward.




 Vierzehntes Kapitel.
Erste Amerikafahrt.










[319] Der Anlaß. Früh im Jahre 1903 erhielt ich einen Brief aus der kleinen Universitätsstadt Berkeley, Kalifornien, bei San Francisco, von dem dortigen Professor der Physiologie Jaques Loeb, der mich im Auftrage seiner Universität einlud, sein neues Laboratorium durch eine Rede einzuweihen. Mir war der Name zwar nicht unbekannt, doch hatte ich im Drange so vieler und mannigfaltiger Arbeiten keinen Anlaß gehabt, mich näher mit seinen Forschungen zu beschäftigen. Kollege Loeb schien dies vorausgesehen zu haben, denn er hatte gleichzeitig eine Anzahl Bücher und Abhandlungen auf den Weg gebracht, um mir ein genaueres Bild seiner Betätigungen und Bestrebungen zu geben. Er erwies sich als ein glühender Bewunderer der neuen physikalischen Chemie, der er den Hauptteil seiner Erfolge verdanken zu müssen erklärte, und wollte durch meine persönliche Anwesenheit bei seinem Einzugsfest das Dankverhältnis zum Ausdruck bringen, das er unserer Wissenschaft gegenüber empfand.
Der Mann. Jacques Loeb war 1859 in Mayen bei Koblenz geboren, hatte in Berlin, München und Straßburg studiert und sich durch eine sehr bemerkenswerte biologische Jugendarbeit bekannt gemacht, in der er nachwies, daß die an Pflanzen wohlbekannten und von dem[320]  genialen Begründer der Pflanzenphysiologie Julius Sachs mathetisch gedeuteten Erscheinungen der Phototropie oder Lichtwendung sich auch bei Tieren nachweisen lassen, wo sie dem gleichen Gesetz folgen. Nämlich jedes Lebewesen, das lichtempfindlich und beweglich ist, stellt sich zum Licht symmetrisch ein, so daß übereinstimmende Körperteile unter gleichem Winkel vom Licht getroffen werden. Ist die Beweglichkeit beschränkt, wie bei Pflanzen, so bewirkt das Licht nur eine entsprechende Einstellung; ist eine Bewegung von Ort zu Ort möglich, wie bei den meisten Tieren, so findet ein scheinbares Suchen oder Fliehen des Lichtes statt, nämlich jedesmal eine Bewegung zum leuchtenden Ort hin oder von ihm fort. Aber diese Bewegungen sind nicht etwa »instinktive« Anziehungen oder Abstoßungen durch das Licht, sondern der grundlegende Vorgang ist die Einstellung des Lebewesens symmetrisch zum Lichtstrom. Je nachdem hierbei der Kopf zum oder vom Licht gewendet wird, erfolgt beim Bewegen eine Annäherung oder Entfernung.
J. Loeb legt bei der Besprechung seiner sinnreichen Versuche das größte Gewicht darauf, daß zu ihrem Zustandekommen weder ein Bewußtsein noch ein Instinkt erfordert ist. Denn das Verhalten der Tiere entspricht genau dem der Pflanzen, bei denen man geistige Funktionen nicht anzunehmen pflegt, und beide lassen sich auf unmittelbare physiologische Wirkungen zurückführen.
Diesen hier mit aller Bestimmtheit eingenommenen Standpunkt, die Erscheinungen des Lebens tunlichst auf physikochemische Ursachen zurückzuführen, hat dann Loeb während seiner ganzen wissenschaftlichen Laufbahn festgehalten und er hat ihm die Gewinnung seiner späteren höchst bemerkenswerten wissenschaftlichen Ergebnisse ermöglicht. Dabei hatten sich die damals noch sehr neuen Begriffe der Dissoziationstheorie[321]  als besonders fruchtbar erwiesen: nicht die zahllosen verschiedenen Salze als solche erwiesen sich als maßgebend für die physiologischen Vorgänge, sondern ihre Ionen, unabhängig von dem besonderen Salz, durch welches diese in die Lösung gebracht worden waren. Dies ergab eine wesentliche Vereinfachung der Arbeit.
Als Loeb jenen Brief an mich richtete, hatten seine Forschungen eben zu einem Gipfelpunkt geführt: die künstliche Parthenogenese, d.h. die Erzeugung lebensfähiger Jungen aus unbefruchteten Eiern von Seeigeln und anderen niederen Tieren durch rein chemische Einwirkung bestimmter Ionen von geeigneter Konzentration. Diese Entdeckung hatte gewaltiges Aufsehen gemacht; Loeb schien dadurch der Lösung des Rätsels vom Leben um einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Unter deren Eindruck hatte sich, wie das in Amerika üblich ist, ein reicher Mann gefunden, der die Mittel für den längst notwendigen Bau eines angemessenen Laboratoriums hergegeben hatte.
Daß Loeb dem Vertreter der physikalischen Chemie eine so hervortretende Stellung bei der Einweihung der neuen Anstalt überwies, war also nicht nur ein Ausdruck des Dankes, sondern auch eine kräftige Hervorhebung seines wissenschaftlichen Grundgedankens, der Aufklärung der Lebenserscheinungen durch physikalisch-chemische Mittel.
Die Fahrt. Ich zögerte nicht, die nach vielen Seiten lockende Einladung anzunehmen, zumal der Besuch in der neuen Welt sich während der Ferien erledigen ließ und daher keine Störung meiner amtlichen Tätigkeit forderte. Ich war jung genug – noch nicht fünfzig Jahre – um den zu erwartenden Anstrengungen entgegen zu sehen, ohne Sorge, ob ich ihnen gewachsen sein würde, und aufnahmefähig genug, um mit Freude die bevorstehenden vielen neuen Eindrücke zu erwarten. Die[322]  anderthalb Wochen Seefahrt zu Beginn und Schluß der Reise gaben mir die Gewähr, daß ich erfrischt in Kalifornien eintreffen und ebenso wieder heimkehren würde. Ich wählte absichtlich nicht die schnellsten Schiffe, um diese heilsame Wirkung tunlichst zu verlängern; auch hatten mir Kundige gesagt, daß die Gesellschaft auf den langsameren Schiffen meist viel netter sei, als die vorwiegend aus Geldprotzen bestehende Bevölkerung der schnellsten.
So machte ich mich anfang August auf den Weg nach Bremen, um von dort zunächst nach New York zu fahren. Dort erwartete mich ein früherer Schüler, Dr. Young, der inzwischen auf der zweiten kalifornischen Universität in Palo Alto Professor geworden war und eben dorthin abzureisen beabsichtigte. Er wollte mir freundlich die technischen Schwierigkeiten der langen Überlandfahrt abnehmen und erwies sich als ein ebenso williger wie geschickter Reisegenosse, der mir von allergrößtem Nutzen gewesen ist, da zufällig gerade bei meiner Fahrt besondere Hindernisse auftauchten, denen ich allein kaum gewachsen gewesen wäre.
Auf der Fahrt nach Bremen traf ich in Magdeburg, wo Mittagaufenthalt war, mit einem Leipziger Kollegen aus der medizinischen Fakultät zusammen, mit dem ich auf angenehmem Fuß verkehrte. Er erkundigte sich nach dem Wohin und auf meine Antwort: nach Kalifornien, wollte er näheres wissen. Ich gab Auskunft und er bemerkte darauf: Da werden Sie aber Triumphe feiern. Ich bekannte, daß ich hieran noch nicht gedacht hatte, da für mich die erste Fahrt über das Weltmeer und dann die Reise quer durch den ganzen transatlantischen Weltteil gänzlich im Vordergrunde meiner Erwartungen standen. Er hat aber Recht behalten, denn ich konnte hernach wie Liebig sagen: Würde man von Ehren fett werden, so müßte ich einen Bauch haben, wie ein Lord Mayor.[323]
Die Reise auf dem Dampfer »Weser« des Norddeutschen Lloyd verlief ganz wie erwartet. Bekanntlich waren vor dem Weltkriege (vielleicht ist es schon wieder so) die deutschen Dampfer die schnellsten, schönsten, saubersten und in jeder Beziehung angenehmsten von allen, die auf sämtlichen Meeren der Erde verkehrten. Das Essen jedes Lobes wert, die Ordnung und Reinlichkeit tadellos, der Verkehrston durch den Einfluß der hochgebildeten Schiffsführer heiter-behaglich. Am Vormittag und zur Hauptmahlzeit gegen Abend machte die Schiffskapelle gute Musik und so kam ein Gefühl der Langeweile durch den beschränkten Raum und Kreis des Schiffs um so weniger auf, als mit dem Fortschritt der Tage die persönlichen Beziehungen der Reisegenossen naturgemäß lebendiger wurden.
Auch die ganze Reihe der Wettermöglichkeiten wurde durchmessen. Die meisten Tage waren sonnig und schön, doch hatten wir auch zwei Tage kräftigen Sturm, die ich ohne seekrank zu werden, überstand.
Der Vortrag. Nur eine Schwierigkeit war zu überwinden. In Berkeley sollte ich einen großen Vortrag über die Beziehungen zwischen physikalischer Chemie und Biologie halten. Unter den vielen Geschäften, die vor der Abreise zu erledigen waren, konnte ich nicht daran denken, ihn auszuarbeiten. Und geschrieben mußte er werden, da er hernach in Berkeley gedruckt werden sollte. Ich hatte mir natürlich gesagt, daß ich auf der langen Dampferfahrt reichlich Zeit haben würde, diese Arbeit auszuführen; ich stellte sie mir als eine sehr angenehme Ausfüllung der vielen freien Stunden auf dem Meere vor. Doch hatte ich, ungeduldig der neuen Aufgabe gegenüber, schon auf der Eisenbahnfahrt mir die Hauptgedanken zurechtgelegt und einen halben Wartetag, den ich in Bremen verbringen mußte, mit dem Beginn der Niederschrift ausgefüllt.[324]
Nachdem der erste Tag der Seereise durch das Kennenlernen der neuen Umgebung und das Anlaufen von Southampton, wobei ich die wohlbekannte Insel Wight wiedersah, Zerstreuung genug gebracht hatten, gedachte ich eines schönen Vormittags an die Arbeit zu gehen. Zu meiner Verwunderung hatte ich große Mühe, meine Gedanken auf die vorliegende Aufgabe zu richten; sie entliefen wie junge Hunde immer wieder der strengen Führung und schwärmten ziellos und lustig umher. So machte die Rede zunächst nur geringe Fortschritte und wurde angesichts der langen Zeit, die noch zur Verfügung stand, auf den nächsten Tag verschoben, was ganz gegen meine sonstige Gewohnheit war.
Am nächsten Tage ging es mir aber nicht viel anders, und bald überzeugte ich mich, daß dieser Zustand behaglicher Faulheit eine unmittelbare Folge des Lebens auf dem Meere war. Woher er rührt, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht sind es die Spuren von Bromnatrium aus dem Meere, welche durch Zerstäubung mittels Wellenwirkung sich der Luft mitteilen, vom Körper durch die Lunge aufgenommen werden und dort ihre nervenberuhigende Wirkung entfalten. Vielleicht ist es auch der relativ hohe Barometerstand, der in der Meereshöhe herrscht, denn ich habe stets gefunden, daß niedriger Luftdruck mich unruhig macht und mir den sonst gesunden Schlaf raubt. Vielleicht war es auch das Abgeschlossensein von den täglichen Zeitungen. Denn die Funkentelegraphie war noch nicht erfunden und man führte auf dem Schiff ein vom Weltlauf völlig abgeschiedenes Dasein. Dazu kam dann noch der rege Appetit, den der dauernde Aufenthalt in der freien Luft bewirkte und dessen Befriedigung hernach die Verdauungsorgane länger als sonst beschäftigte, wodurch der Blutzufluß zum Gehirn vermindert wurde. Wahrscheinlich wirkte[325]  alles zusammen, um jenen ungewohnten, aber angenehmen Zustand herzustellen.
Doch ließ sich die Niederschrift der Rede ohne Anstrengung durchführen, und sogar die Arbeit an der »Schule der Chemie«, die ich mitgenommen hatte, wurde um einige Bogen gefördert.
Nach diesen Erfahrungen kann ich geistig. angestrengten Personen nichts besseres empfehlen, als eine Meerfahrt. Und zwar nicht auf einem Vergnügungsdampfer, wo einem die Mitfahrenden das Behagen nehmen, sondern womöglich auf einem Frachtdampfer, wenn dieser nur einigermaßen die nötigen Bequemlichkeiten bietet.
Reisegesellschaft. Unter den Reisegenossen, befanden sich zwei Hamburger Großhändler, die sich anfangs mit wohlwollender Ironie zu dem Professor einstellten, der ein Fach studierte und lehrte, das es eigentlich gar nicht gab. Allmählich aber wurden sie bereitwilliger, mich und meine Tätigkeit gelten zu lassen. Der ältere von beiden erzählte, es sei seine Idee gewesen, die Verfrachtung des Petroleums nicht wie bisher in Fässern, sondern in eigens erbauten Tankschiffen durchzuführen, und fügte folgendes Erlebnis hinzu: Im Jahre 1890 hatte plötzlich der Verbrauch von Leuchtöl merklich nachgelassen und die Kurve der langsamen jährlichen Zunahme war von diesem niederen Punkt wieder ganz regelmäßig wie vorher angestiegen. Es war für ihn geschäftlich von Belang, die Ursache dieses Ausfalls kennen zu lernen; er konnte aber lange nicht dahinter kommen. Endlich fand er die Ursache. Im gleichen Jahre war die mitteleuropäische Zeit im Deutschen Reich eingeführt worden, nachdem bis dahin überall nach Ortszeiten gerechnet worden war. Die Folge war, daß im Westen die Leute, wenn sie nach der Uhr um die gleiche Stunde wie früher zu Bett gingen, tatsächlich die Lampe um rund eine halbe Stunde früher[326]  auslöschten, als vorher nach der Ortszeit. Im Osten blieben sie dagegen eine halbe Stunde länger auf. Da aber der Westen ungleich dichter bevölkert ist, so betrug der Ausfall dort sehr viel mehr, als das Mehr im Osten, so daß im ganzen der Verbrauch an Leuchtöl geringer war.
Ich machte dem alten Herrn wegen seines Scharfsinnes aufrichtige Komplimente und gestand, daß mir diese Entdeckung schwerlich gelungen wäre.
New York. Die Einfahrt in New York war alles andere als imposant. Denn die Einreisenden mußten sich im Speisesaal versammeln und dort »Schlange sitzen«, um einzeln vor den Zollbeamten genau anzugeben, was sie mitbrachten. Da ich auf diese Operation nicht vorbereitet war, so war ich sehr in den Schwanz der Schlange geraten und hatte so lange zu warten, bis ich daran kam, daß inzwischen das Schiff schon fast bis zur Lände geschleppt worden war.
Auf dem Lande wurden wir alle wie Schafe in eine große Halle mit sehr schmutzigem Fußboden getrieben, welche an den Wänden mit den Buchstaben des ABC geschmückt war. Jeder mußte seinen Platz bei dem Anfangsbuchstaben seines Namens einnehmen, wohin auch das Schiffsgepäck geschafft wurde, das schon vorher mit dem Buchstaben versehen war und seine Sachen wurden nach endlosem Warten sehr eingehend auf Kontrebande untersucht. Dann wurde man endlich freigelassen.
Vor der Tür des Zollamtes – denn es wurde niemand hereingelassen – erwartete mich Dr. Young, dem sich ein anderer amerikanischer Schüler Dr. Heimrod zugesellt hatte. Sie führten mich nach dem Reisebüro im Broadway, wo ich die Fahrkarte nach Berkeley erstand. Es herrschte die bekannte unausstehliche feuchte Hitze, welche New York im Spätsommer fast unbewohnbar macht, so daß alle Türen offen stehen mußten und die Beamten in Hemdärmeln arbeiteten.[327]  Von draußen drang ein so überwältigender Lärm von den Wagen, Trambahnen und Zeitungsjungen herein, daß Young seine Wünsche dem Beamten ins Ohr schreien mußte, denn auch innen war ein halbes Dutzend Schreibmaschinen, Telephonglocken und noch mancherlei anderes in unausgesetzter Tätigkeit. Binnen kurzer Frist hatte ich wüste Kopfschmerzen und atmete auf, als wir zum Essen in eine stillere Nebenstraße flüchten konnten. Die Frage, ob ich mir nicht vor meiner Abreise nach dem Westen New York ansehen wolle, verneinte ich schaudernd in der Hoffnung, dies einmal zu günstigerer Jahreszeit nachholen zu können. Das hat sich denn auch später verwirklichen lassen, als ich einen ganzen Wintermonat dort zubrachte. Ich war vielmehr eilig, aus dieser Hölle des Lärms herauszukommen, und so fuhren wir bereits am Abend ab.
Die Reise. Bei der Gepäckaufgabe nach San Francisco meinte der Träger, daß mein Koffer besser noch durch einen umgeschnallten Riemen verschlossen werden sollte; das koste einen Dollar. Ich hielt dies für überflüssig. Young aber klärte mich auf, daß dies eine Art von heimlicher Reisegepäckversicherung sei, welche die organisierten Kofferträger über die ganzen Vereinigten Staaten eingerichtet hatten. Koffer mit solchen Riemen würden besonders vorsichtig behandelt und nicht gestohlen, so daß sich die Ausgabe wohl lohne. Ich zahlte und in der Tat war hernach mein Koffer gut und richtig angekommen, obwohl die Fahrt unter großen Unregelmäßigkeiten vor sich gegangen war, wie hernach erzählt werden soll.
Die Reise ging zunächst nach Buffalo und an die Niagarafälle. Nicht nur vom landschaftlichen Standpunkt zogen mich diese ungeheuren Massen bewegten Wassers an, sondern auch vom technischen, denn es waren dort vor kurzem die ersten Anlagen fertig geworden,[328]  um einen Teil der riesigen Energiemengen nutzbar zu machen, die sich bisher zwecklos in Wärme verwandelt hatten.
Der Eindruck der Niagarafälle auf mich war sehr groß, denn sie wirken nicht nur durch ihre Breite und Gewalt, sondern auch durch ihre landschaftliche Schönheit. Das Wasser wird aus dem oberen See, wo es sich hat klären können, durch einen zeimlich kurzen Flußlauf herangeführt und ist deshalb klar und durchsichtig; das natürliche Eisblau des reinen Wassers ist nur wenig durch organische Stoffe nach Seegrün verfärbt. Eine Fülle von schönen bildmäßigen Ansichten bot sich dar und ich bedauerte sehr, daß der mitgenommene Malkasten mit dem Hauptgepäck nach Berkeley geschickt war. So nahm ich mir vor, falls ich nochmals nach Amerika kommen sollte, mir jedenfalls einige Tage zum Malen an den Fällen vorzubehalten, und ich habe den Vorsatz auch im nächsten Jahr ausführen können.

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Die technische Anlage erwies sich gleichfalls in hohem Maße lehrreich. Mit Genugtuung stellte ich deutsche Firmen als Hersteller der feineren Maschinen fest. Von besonderem Interesse waren mir die Werke einer Gesellschaft, welche Salpetersäure aus Luft mittels elektrischer Entladungen herstellen wollte, doch war ein Zutritt nicht zu erlangen, denn die Anlage war stillgelegt. Dagegen sah ich die Elektrolyse von geschmolzenem Kochsalz zur Herstellung von Chlor und Natron, was damals ein wichtiger Fortschritt war.
Von Chicago bis Colorado Springs. Die nächste Haltestelle war Chicago, wo wir einen Tag blieben. Der erste Eindruck von New York, daß nämlich Amerika sich vor allen Dingen durch unbeschreiblichen Lärm hervortut, verstärkte sich dort noch erheblich. So schien die »Elevated«, die auf Trägern durch die Straßen geführte elektrische Bahn mit besonderer Rücksicht darauf[329]  erbaut zu sein, soviel Getöse als möglich aus der Anlage zu gewinnen. Die Häuser und Straßen waren schmutzig und das Pflaster sehr schlecht. Da die örtliche Steinkohle jung ist, so gibt sie beim Verbrennen vielen und schwarzen Rauch. Das Profil der Stadt sah von ferne ganz uneuropäisch aus. Bei uns sieht man stets eine Häusermasse von annähernd gleicher Höhe, aus welcher die Spitzen von Kirchtürmen oder Kuppeln von Prachtgebäuden einzeln hervorragen. Eine amerikanische Großstadt sieht von fern wie eine verfallene Mauer oder eine kariöse Zahnreihe aus: es stehen nebeneinander ohne jede Regelmäßigkeit niedrige Häuser von drei oder vier Stockwerken und hohe von zwölf bis fünfzehn, die natürlich alle stumpf enden mit Dächern, die ebenso breit sind, wie die Grundflächen. In Chicago trug jedes höhere Haus eine doppelte Rauchfahne: eine schwarze von der Feuerungsanlage und eine weiße vom Auspuffdampf der Maschinen, welche die reichlich vorgesehenen und beständig betriebenen Fahrstühle betätigten. Elektrische Zentralen waren damals noch nicht vorhanden. Der Gesamteindruck der Stadt war sehr abstoßend.
An der Bevölkerung überraschte die außerordentliche Gleichförmigkeit des Aussehens. Jeder Mann trug den gleichen Strohhut, den gleichen Stehkragen mit umgelegten Ecken, die gleiche Halsbinde, die gleichen Stiefeln. Ebenso bestand die Kleidung der berufstätigen Frauen und Mädchen allgemein aus Strohhut, weißer Bluse und schwarzem Rock.
Von Chicago gedachten wir in dreitägiger Fahrt San Francisco zu erreichen. Da die lange Reise anstrengend genug war, hatten wir ein Sonderabteil (state room) im Schlafwagen genommen, das sich als viel behaglicher und praktischer erwies, als der gewöhnliche Schlafwagenplatz. Diesen hatte ich von New York nach Buffalo erprobt und viel unbequemer gefunden, als die[330]  deutschen Schlafwagenplätze. Denn in Amerika, wo der Schlafwagen erfunden und zuerst eingeführt war, war man noch bei der ursprünglichen Form geblieben, während in Europa, namentlich in Deutschland und Schweden, die Entwicklung sich hatte betätigen können.
Der Weg führte durch endlose Maisfelder, zwischen denen man nur wenige Häuser und fast keine Menschen sah, wohl aber zahllose Geschäftsreklamen längs der Bahnstrecke. Einzelne Baumgruppen waren hier und da sichtbar, nirgends jedoch ein Wald.
Am Abend brach ein Gewitter aus, von einer Heftigkeit, wie ich es in Europa nicht erlebt hatte. Die Blitze folgten sich immer schneller, so daß es zuletzt überhaupt nicht dazwischen dunkel wurde und der Donner ununterbrochen tobte. Da der massenhafte Regen den wenig solid hergestellten Bahnunterbau gefährdete, so wurde sehr langsam gefahren.
Der nächste Morgen brachte als Folge des Gewitters eine angenehme Abkühlung, die um so willkommener war, als wir inzwischen die Prärie erreicht hatten. Es war ein schwachwelliges Land, mit kurzem, dürrem Rasen bedeckt. Überall sah man die Häufchen, welche die Präriehunde, eine Art Kaninchen, beim Bau ihrer Wohnungen errichtet hatten. Meist saß eines der Tiere oben auf, was sehr drollig aussah.
Allmählich kamen die Berge in Sicht, anfangs hellblau, dann von einem ungewohnten reinen Rotveil, Farbton 10 nach meiner Bezeichnung. Das Land wurde welliger und über den Boden waren zahllose häusergroße, seltsam gestaltete Felsblöcke zerstreut. In Denver erwies sich, daß der Zug, der uns nach San Franzisco bringen sollte, längst abgefahren war. Wir reisten daher nur eine kurze Strecke weiter, nach Colorado Springs, um den entsprechenden Zug am nächsten Tage zu erwarten, denn häufiger gingen die Züge nicht.[331]
Colorado Springs liegt bereits ziemlich hoch und wird als Sommeraufenthalt und Genesungsort besucht. In der Nähe befindet sich der »Garten der Götter«, eine besonders auffallende Gruppe jener einzelnen Felsblöcke. Die Gipfel des Felsengebirgs sind ziemlich nahe. Sie bieten aber von dort nicht den malerischen Anblick, wie wir ihn etwa von den Schweizer Alpen gewohnt sind.
Bis San Francisco. Die Abfahrt von Colorado Springs gestaltete sich wieder sehr amerikanisch, denn sie geschah mit eineinhalb Stunden Verspätung, die in der Folge auf sechs Stunden ausgedehnt wurden, so daß wir alle Hoffnung aufgeben mußten, den Schnellzug zu erreichen, für den wir fahrplanmäßig reichliche Anschlußzeit hätten haben sollen. Das bedeutete nicht nur eine viel langsamere Fahrt mit dem nächsten Bummelzuge, sondern viel mehr. Die Bahn war eingleisig; hatte ein Zug einmal Verspätung, so wurde er wie ein Extrazug behandelt, d.h. er mußte an den Ausweichstellen stehen bleiben, um den regulären Zug vorbeizulassen. Das ergab mindestens zwei Tage Zeitverlust. Da aber in jenen Tagen gerade ein großes nationales Fest, eine Zusammenkunft alter Kriegsteilnehmer und ihrer Angehörigen, in San Francisco gefeiert wurde, strömte eine ungeheure Menschenmenge konzentrisch auf unser Reiseziel zu. Nun waren die Verkehrsmittel in Amerika so eingestellt, daß sie für den normalen Bedarf eben nur reichten, und es entstand bei jeder stärkeren Beanspruchung ein großer Wirrwarr, in welchem von eingehaltenen Fahrzeiten überhaupt nicht mehr die Rede war. Jeder sah zu, wie er vorwärts kam. Die Eisenbahnverwaltungen, die drüben Privatunternehmungen sind, hatten im vorliegenden besonderen Falle ihre letzten Wagen und Lokomotiven wieder in den Dienst gestellt und es war kläglich zu sehen und zu erleben, wie die vor Alter asthmatisch gewordenen[332]  vorsintflutlichen Maschinen sich keuchend bemühten, die langen Züge in Bewegung zu setzen.
Anfangs war dies noch nicht so schlimm; es wurde aber immer ärger, je mehr wir uns unserem Ziele näherten.
Bald hinter Colorado Springs gab es einen berühmten Punkt, die Königsklamm (Royal Gorge) genannt. Man fährt fast eine Stunde lang durch ein enges Flußtal zwischen senkrechten, vielfach gespaltenen Felsen. An der engsten Stelle ist für den Bahndamm kein Raum und die Schienen lagern auf Trägern, die von einer oberhalb erbauten Reihe stählerner Bogen herabhängen. Es ging schon auf den Abend, als wir hineinfuhren und bald brach wieder ein Gewitter los, dessen Blitze die wilde Landschaft phantastisch beleuchteten – eine höchst eindrucksvolle Fahrt.
Die Bahn stieg dann schnell auf die Paßhöhe, etwa 3000 m, des Felsengebirges, doch war die Nacht zu finster, um etwas zu sehen. Wegen der vielen Kehren schwankten die Wagen sehr stark, so daß die nächtliche Ruhe einigermaßen schwierig zu gewinnen war.
Am Morgen befanden wir uns in einer Hochebene von unfruchtbarem Aussehen; als Bäume erschienen nur niedrige Wacholder, die sich immer am Rande der Wüsten zeigten. Diese verschwanden bald und nun entwickelte sich das großartigste Bild, das ich auf dieser Reise gesehen habe. Der Boden trug nur noch hier und da die grauen kugelförmigen Büsche eines Wüstengewächses und ringsum türmten sich Gebirge von ungewöhnlicher Größe und Form auf. Es waren nicht Felsengipfel, die durch Erhebung entstanden waren, sondern die Überreste einer ungeheuren Felsplatte, die durch Gletscher und Ströme in mannigfaltigster Weise zerschnitten war. Also eine Bildung, wie sie im Elbsandsteingebirge, der Sächsischen Schweiz vorhanden ist, nur ins Ungeheure vergrößert und ganz ohne Pflanzenleben. Die seltsamsten[333]  Burgen, Mauern und Türme erhoben sich an allen Seiten und ergaben einen stets wechselnden Vordergrund.
Das Ungewohnteste waren aber die Farben. Das Gestein hat eine ziemlich lebhafte gelbrote Farbe, etwa drittes Kreß. Hierüber lagert sich das Luftblau, das sich in der klaren, ganz rauchfreien Höhenluft in niegesehener Reinheit entwickelt. Dies ergibt als vorherrschende Farbe der Landschaft im hellsten Sonnenschein ein leuchtendes Rotveil, Farbton 10, das sich mit zunehmender Ferne bis zum reinen Hellblau, Farbton 15, abstuft. Letzteres war die Farbe eines fernen Gebirges, das sich links über die Hochebene erhob und uns einen halben Tag begleitete, so weit war es entfernt. Die Bahn lief ein Flüßchen entlang, das klares, seegrünes Wasser führte, im Gegensatz zu den Flüssen der Ebene, die wir vorher gesehen hatten. Der Missouri, den wir einige Tage vorher überquert hatten, enthielt ein so schmutziges Wasser, daß ich mich fragte, wo die Fische sich waschen können, wenn sie einmal ein Bedürfnis nach Reinlichkeit spürten.
Am Nachmittag wurde die Gegend ebener, der Wacholder erschien, zum Zeichen, daß wieder der Rand der Wüste erreicht war. Ihm gesellten sich Kiefern zu, die aber nicht wie unsere rote Stämme hatten, sondern dunkle, so daß sie der Landschaft ein finsteres Aussehen gaben.
Am Abend gelangten wir nach Utah, dem Lande der Mormonen. Durch ausgedehnte Wasserleitungen in Gestalt von hölzernen Rinnen, ähnlich wie ich sie in Meran gesehen hatte, waren sie des dürren Klimas Herr geworden. Der Erfolg war großartig; mitten in der Wüste erschienen üppige Obstgärten und Felder, welche die überreichliche Sonnenstrahlung bestens ausnutzten. Auffallend war mir die massenhafte Anpflanzung der italienischen Pappel, welche nicht nur die Straßen säumte,[334]  sondern auch das Land in große quadratische Felder teilte. Wozu sie dienten, habe ich nicht erfahren.
Anfangs erhielten wir noch regelmäßige Verpflegung, denn es wurde morgens ein Speisewagen angehängt. Aber am nächsten Morgen wurde uns mitgeteilt, daß es Frühstück auf einer folgenden Station geben würde. Hier entstand ein Wettlauf nach einem hölzernen Schuppen, wo man an langen Tischen Kaffee, Brot usw. bekam.
Wir gelangten nun in den gottverlassensten Teil Amerikas, die Alkaliwüste, die sich als Hochebene zwischen dem Felsengebirge und der Sierra Nevada erstreckt. Der Name bezieht sich auf den erheblichen Gehalt an Natriumkarbonat im Boden, das durch die Verwitterung des Gesteins entstanden ist und nicht wie anderswo durch den Regen ausgewaschen wird. Ich spürte dies bald sehr an dem unausstehlich beißenden Staub, der durch alle Ritzen und Fugen in den Wagen drang und die Schleimhäute heftig reizte. Das Land sieht weißlich grau aus und zeigt zahllose flache Hügel von Dünengestalt. Tiere sieht man gar nicht, der Pflanzenwuchs beschränkt sich auf vereinzelte Klumpen eines niedrigen ginsterartigen Gewächses, das kaum eine Spur Grün aufweist. Nur längs der Eisenbahn sind Ansiedlungen möglich.
Am nächsten Morgen hatten wir das Frühstück in einer solchen, die meist von Chinesen bewohnt schien. Es sollte um 9 Uhr sein, wir kamen aber erst um 101/2 Uhr an. Ein Wettlauf brachte uns in eine Scheune; die Tische bestanden aus Kisten, über welche rohe Bretter gelegt waren. Zweifelhafter Schinken und unzweifelhaftes Kuhfleisch von höchst widerstandsfähiger Beschaffenheit erwartete uns auf Tellern, die hier ihre letzten Tage zubrachten. Einige wenig reinliche Weiber gingen mit großen Waschkrügen herum und teilten Zichorienbrühe[335]  aus. Butter und Brot, beide ziemlich alt, standen auf dem Tisch. Jeder aß, was er erlangen oder sich aus der angrenzenden Küche holen mochte. Dr. Young sorgte mütterlich für mich, so daß ich meine Nahrungsmittel mit meinem Nachbar teilen konnte; er war ein zitteriger Greis, der wie ein erfolgloser Goldgräber aussah und das Essen mit den Fingern in den Mund beförderte.
Sehr bemerkenswert war, daß alle diese Dinge von den Beteiligten mit Humor und ohne jeden Zank erledigt wurden. Ich habe auch bei vielen anderen Gelegenheiten beobachten können, daß die durchschnittlichen Amerikaner bei aller Unbekümmertheit ihres Verhaltens einander bereitwillig gelten lassen und sich augenblicklich den vorhandenen Verhältnissen so anpassen, daß jeder den ihm zukommenden Anteil leidlich erhält. Wie schon erwähnt, sind Überfüllungen der Verkehrsmittel alltägliche Erscheinungen; selten habe ich, weder damals noch bei meinen späteren Besuchen des Landes Schimpfen und Streiten dabei entstehen gesehen. Ich mußte mir beschämt sagen, daß in dieser Beziehung die Amerikaner uns Deutschen kulturell überlegen sind. Es mag hierbei noch ein Rest aus den Zeiten der ersten Ansiedlungen nachwirken, wo jeder auf das Wohlwollen seiner wenigen und fernen Nachbarn bei den häufigen Schwierigkeiten und Gefahren angewiesen war. In Übung wird diese in gutem Sinne demokratische Einstellung wohl auch dadurch erhalten, daß der Amerikaner viel häufiger in die Lage kommt, sich mit vielen Anderen solchen Sonderzuständen anzupassen. Jedenfalls kann ich nur wünschen, daß unter den vielen Dingen, die bei uns jetzt den Amerikanern abgesehen und nachgeahmt werden, sich auch dieses befinden möchte.
Noch ärger ging es beim »Dinner« her. Der Zug, der inzwischen sehr lang geworden war, hielt zu diesem Zweck an einem grünen Fleck mit dem anheimelnden[336]  Namen Humboldt, bestehend aus einigen Hütten, wo die Ansiedlung durch Erbohrung eines Brunnens für die Bewässerung der Gärten möglich geworden war. Wir hatten den ganzen Tag nichts zu essen bekommen und unser Neger war schon ganz grün geworden, als wir ihm mit einigem Gebäck, das Young vorsichtigerweise in Colorado Springs besorgt hatte, wieder auf die Beine halfen. Ich fand in meiner Reisetasche noch etwas Schokolade aus der Heimat vor, die inzwischen in der Hitze geschmolzen war. Damit hatten wir uns einigermaßen gefristet; viele Mitreisende waren aber ohne Mundvorrat gewesen. So fanden wir die Eßscheune mit einer zahlreichen und ziemlich aufgeregten Menschenmenge gefüllt, die sich hungrig um die Tische drängte, immer aber noch unter Beobachtung einer gewissen Haltung; auch diesmal entstand kein lauter Streit. Nur die Neger hatten alle Selbstbeherrschung verloren und sausten johlend und heulend durch den Raum. Mit Hilfe eines Extradollars erlangte Young für jeden von uns eine eiserne Pfanne, die eben vom Grobschmied gekommen schien, mit einer Apfelpastete darin, dazu Kaffee, der schlecht und Milch, die gut war.
Ziemlich stumpfsinnig von all diesen unerwarteten Erlebnissen war ich am Abend eingeschlafen und bemühte mich am Morgen, den Schlummer tunlichst zu verlängern. Doch stand ich immerhin noch ziemlich früh auf. Ein Blick nach draußen ließ mich glücklich aufatmen. Wir hatten während der Nacht die Sierra überquert und befanden uns bereits in Kalifornien. Die Gegend war sehr hübsch: anmutig bergig, reichlich mit Bäumen und Büschen von lebhaftestem Grün bestanden. Die Farbe wurde durch den Kontrast mit der Bodenfarbe stark gehoben, denn diese war lebhaft rot, fast ohne Rasen.
Statt um 6 Uhr morgens, wie uns mitgeteilt war, kämen wir um 12 Uhr mittags in San Francisko an.[337]  Mit einem Frühstück hatte sich der Zug nicht aufgehalten und wir suchten die letzten Reste unserer Nahrungsmittel zusammen. In San Francisko empfing Professor Loeb mich persönlich auf dem Bahnhof und brachte mich nach Berkeley in sein Haus, nachdem ich mich von Dr. Young mit herzlichem Dank für seine werktätige Hilfe auf dieser abenteuerlichen Fahrt verabschiedet hatte. Denn dieser setzte die Reise nach Palo Alto fort, wo er an der Universität Professor war.
Der Gastfreund. Jacques Loeb erwies sich als ein magerer Mann unter Mittelgröße, mit dichtem schwarzem Haar, bläulichem Schein um Kinn und Backen, dunklen Augen und einem gleichsam spitzen Gesicht: spitze Nase, spitzes Schnurrbärtchen, spitzes Kinn. Sein Wesen war lebhaft, etwas nervös. Die Bewunderung, die er für mich äußerte, erschien mir bei aller offenkundigen Aufrichtigkeit ein wenig pathologisch. Sie war wohl wesentlich bedingt durch sein sehr starkes Gefühl für öffentliche wissenschaftliche Anerkennung. Diese war ihm für seine hervorragende Erstlingsarbeit (II, 321) nicht in dem Maße zuteil geworden, wie er es erwartet und verdient hatte, während er bei mir einen schnellen Aufstieg gewahrte, den er mir persönlich zugute schrieb, ohne die Reihe von günstigen Zufällen in Rechnung zu setzen, die meine Laufbahn erleichtert hatten.


Inzwischen hatten seine Entdeckungen über die chemische Befruchtung von Seeigeleiern, d.h. der Nachweis, daß ein rein chemischer Anstoß genügen kann, um die Entwicklung des ruhenden Eis auszulösen, seinen Namen in Amerika sehr populär gemacht. Nach der Weise der dortigen Tagesschreiber waren die Tatsachen, die schon an sich merkwürdig genug waren, für das große Publikum phantastisch verzerrt worden, so daß er zu jener Zeit täglich eine große Post mit den absurdesten Anfragen und Anliegen erhielt: vorherrschend Bitten kinderloser[338]  Väter oder Mütter, ihnen auf Grund seiner Entdeckungen zur ersehnten Nachkommenschaft zu verhelfen. Auch dies verstimmte ihn, wie er denn überhaupt eine besondere Neigung zeigte, sich unglücklich zu fühlen. Daß er mich ganz gegenteilig organisiert fand, wird wohl seine Freude an unserem Nähertreten erheblich gesteigert haben.
Mit selten so stark gefühltem Behagen bezog ich das kühle, luftige Zimmer mit anliegendem Bad, in dem er mich beherbergte und entledigte mich der Überzüge, welche die lange und heiße Reise auf mir zurückgelassen hatte. Dann wurde ich mit der Familie bekannt gemacht. Frau Professor Loeb war eine hochgewachsene, kräftige Gestalt von heiter-ruhigem Gehaben, also dem Temperament nach das Gegenteil von ihrem Manne, was für diesen zweifellos ein großer Segen war. Zwei halberwachsene muntere Jungen und ein einjähriges Töchterchen ergänzten den Kreis, der sich um den Tisch sammelte.
Die Speisen wurden von einem seltsamen Wesen aufgetragen, von dem ich nicht zu sagen vermochte, welchem Geschlecht es angehörte. Auf meine Frage wurde mir der Bescheid, daß es der Hauschinese sei, der die Küche und Hausarbeit besorgte. Frau Loeb erklärte, daß sie mit ihm sehr zufrieden sei. Er mache alles ordentlich und zuverlässig, nur auf seine eigene Weise, in die er sich nicht hereinreden ließ. Er besorgte aus der Haushaltkasse, die er verwaltete, alle kleinen Einkäufe für die Küche usw. und rechnete täglich mit der Hausfrau ab. Sie war der Meinung, daß er vielleicht ein wenig zu seinen Gunsten rechnete, doch sei dies ein sehr mäßiger Prozentsatz, der durch die zähe Vertretung der Interessen des Hauses gegenüber den Händlern reichlich eingebracht würde. In seinen weißen Kleidern, die Hosen waren so breit, daß sie wie ein Weiberrock aussahen, mit dem um den Kopf geschlungenen Zopf und dem völlig bartlosen alten Gesicht sah er tatsächlich wie ein Neutrum aus.[339]  Frau Loeb dachte mit großem Bedauern daran, daß sie ihn nicht lange würden behalten können. Denn er hatte sich wie die meisten seiner Landsleute vorgesetzt, ein bestimmtes, nicht sehr großes Kapital zu erwerben, um dann in seine Heimat zurückzukehren. Denn in vaterländischer Erde begraben zu werden, war ihm nicht nur ein Wunsch, sondern eine ganz unbedingte Notwendigkeit.
Begrüßungen. Bereits der Abend desselben Tages brachte den Beginn der zahllosen Festlichkeiten, zu deren Gegenstand ich gemacht wurde. Denn die kalifornische Staatsuniversität Berkeley fühlte sich noch etwas jung und ihr Besuch durch einen Professor der altberühmteh Leipziger Universität wurde als eine Art Auszeichnung empfunden. Daß sie durch Loeb bewirkt und ihm zu verdanken war, trug manches zur Verbesserung seiner Stellung bei, wie er mir wiederholt unter Dankesäußerungen aussprach. Ähnliche Gefühle bestanden bei den nicht zahlreichen Angehörigen der Wissenschaft in San Francisco, die natürlich mit der Universität in enger Fühlung standen.
Es war dieser weitere Kreis, in dem ich den ersten Abend verbrachte. Ein erfolgreicher und sehr wohlhabender praktischer Arzt in San Francisco, Dr. Herzfeld, hatte sich von Loeb als besondere Gunst ausgebeten, mich bewirten zu dürfen. Nachdem ich noch einen Tag früher tatsächlich Hunger gelitten, wenn auch nicht eben sehr, hatte ich nun ein Festessen von größerem Luxus zu verzehren, als ich je eines mitgemacht hatte. Der Tisch war unter Bezugnahme auf Loebs Arbeiten mit Muscheln, Korallen Krabben- und Seeigelgehäusen usw. geschmückt, dazwischen herrliche, zum Teil ganz fremdartige Blumen und kleine elektrische Lämpchen, das Ganze ungewöhnlich, aber geschmackvoll. Im Nebenzimmer spielte eine kleine Musik und von Zeit zu Zelt trat ein wohlgenährter Herr im Frack auf, der einiges[340]  vortrug. Wie man mir sagte, war es ein dort berühmter Spaßmacher oder Vortragskünstler. Mein Englisch reichte nicht aus, um ihn zu genießen, denn es ist viel leichter, diese Sprache zu sprechen, als sie zu verstehen, wenn sie von anderen gesprochen wird. Der besonderen Leckerbissen erinnere ich mich nicht mehr, bis auf einen Fisch, der flach wie ein Flunder war, nur viel kleiner, silbern glänzte und als eine ausgezeichnete Kostbarkeit aus den japanischen Gewässern hergebracht war. Das Besondere war, daß jedes einzelne Exemplar in einen Umschlag von Papier gesteckt und so in heißer Butter gar gemacht wurde. Er schmeckte nicht viel anders, als ein heimatlicher Strömling (eine Art Sprotten) und um meinetwillen hätte er die Reise über den Stillen Ozean nicht zu machen gebraucht.
Das Gespräch ging heiter und lebhaft in deutscher und englischer Sprache vor sich. Man machte mich von vornherein aufmerksam, daß die Kalifornier eine ganz andere Nation seien, als die Ostamerikaner Neuenglands, viel mehr auf Kunst, Wissenschaft und Lebensfreude eingestellt, als jene. Man setzte mit Recht voraus, daß mir eine solche Einstellung bei weitem die willkommenere sein würde.
Tatsächlich habe ich dies bei den vielerlei Berührungen mit den Bewohnern jenes schönen Landes reichlich bestätigt gefunden. Der dortige Menschenschlag gehört zu dem schönsten, den ich kennen gelernt habe. Dies gilt ebenso für die Männer, wie die Frauen. Beide sind hochgewachsen, mit gut ausgebildeten Gliedern, entsprechend dem reichlichen Aufenthalt in freier Luft und der eifrigen Pflege sportlicher Körperübungen. Das häufige Vorkommen dunklen Haars mag den Resten spanischen Blutes zugeschrieben werden, das von den früheren Besiedlern jener Gegenden herstammt; der Wuchs und die allgemeine Körperbeschaffenheit rührt aber zweifellos[341]  daher, daß der Hauptteil der jetzigen Bevölkerung die Einwanderer zu Voreltern hat, die aus dem Osten unter Überwindung unbeschreiblicher Schwierigkeiten ins Land gezogen waren. Es war schon eine Auslese der Kühnsten und Unternehmungslustigsten, die sich seinerzeit dazu entschlossen hatten, und von diesen waren nur die Kräftigsten und Mutigsten ans Ziel gelangt und hatten ihrer Nachkommenschaft ein entsprechendes Erbgut übermacht.
Objektiv bestätigen sich diese persönlichen Eindrücke dadurch, daß der größere Teil der amerikanischen Künstler, Schriftsteller und Philosophen aus Kalifornien stammt.
Die Feier. Am nächsten Morgen setzte man mich in einen Wagen, damit ich wohin ich wollte fahren könnte. Doch war das von geringem Ertrag, da ich die Stadt und Umgebung noch nicht kannte und daher keine Ziele anzugeben wußte. Dann gab es Lunch bei dem Präsidenten der Universität Wheeler. Dieser erwies sich als ein wohl aussehender Mann mittlerer Größe von angenehmen Umgangsformen, der mit sichtlicher Genugtuung den feingebildeten Weltmann zur Geltung brachte. Er war vergleichender Sprachforscher und demgemäß nicht frei von den Beschränkungen, die so selten von den Vertretern der »Geisteswissenschaften« überwunden werden. Der Verkehrston war auch hier heiter und frei von zwecklosem Formalismus.
Von dort gingen wir gemeinsam nach dem »Campus«, dem ausgedehnten Gelände der Universität, auf welchem die verschiedenen Gebäude sowohl für den Unterricht wie für die Beherbergung der Mehrzahl der Studenten in zerstreuter Bauart zwischen Bäumen und Wiesenflächen sich befinden. Ich wurde in den schwarzen Talar gesteckt, der für offizielle Gelegenheiten unumgänglich ist und nach der großen Halle geleitet, wo die Eröffnungsfeierlichkeit[342]  vor sich gehen sollte. Ich nahm auf einer Estrade zwischen den Professoren Platz und wir beobachteten den Einzug der Studentenschaft.
Diese ist in Korporationen organisiert, deren Namen meist aus zwei oder drei griechischen Buchstaben gebildet werden und die in ihrer Verfassung den deutschen Corps ähnlich sind, was den engen Zusammenhalt der Mitglieder anlangt, der weit über die Universitätsjahre hinausreicht. Von diesen unterscheiden sie sich vorteilhaft durch die Ablehnung des Trinkens und der Mensuren, an deren Stelle andere Gebräuche treten, die teilweise von den Ureinwohnern des Landes, den Indianern übernommen scheinen, so grausam sind sie. In solchem Sinne hat jede Korporation ihren Kriegsruf. Ich bekam die ganze Sammlung zu hören, denn jede Gruppe marschierte geschlossen in den Saal, stellte sich an ihrem Platze auf und ließ dann den Kriegsruf in scharf rhythmischem Chor erschallen, bevor sie sich setzte.
Die Feierlichkeit wurde mit einem Gebet eröffnet, das von konfessionellen Färbungen sorgfältig frei gehalten war. Es kam dann eine Rede des Präsidenten, mein Vortrag und schließlich einer von Loeb. Ich hatte von vornherein die Bedingung gestellt, daß ich Deutsch sprechen würde, wie es denn auch geschah. Doch hörte ich später oft das Bedauern ausdrücken, daß ich nicht Englisch gesprochen hatte. Denn wenn auch fast alle Kollegen geläufig Deutsch lesen konnten, so empfanden sie doch Schwierigkeiten, einem gesprochenen Vortrag zu folgen. Bei den Studenten war dies natürlich noch viel mehr der Fall. Doch unterließen sie nicht, meinen Vortrag kräftig zu beklatschen, was ich als allgemeinen Dank für mein persönliches Erscheinen auffassen durfte.
Der Tag schloß mit einem festlichen Dinner bei Loeb, wo ich eine Anzahl Reden auf und über mich anhören mußte. Mit der amerikanischen Freude an Superlativen[343]  hatte man mich zum »größten lebenden Chemiker« ernannt und die Reden waren auf diesen Ton gestimmt. In meinen Antworten bemühte ich mich, vom Persönlichen auf das Sachliche überzugehen und stellte mir die Aufgabe, jedesmal, wo ich zum Sprechen genötigt war, etwas Eigenes zu sagen. Dies wurde so freundlich, ja begeistert aufgenommen, daß die, welche mein Deutsch nicht verstanden, ganz gekränkt geltend machten, sie möchten auch etwas davon haben. So versuchte ich zuletzt auch mich Englisch auszudrücken, was mit lärmendem Dank vergolten wurde.
San Francisco. Die geschilderten Vorgänge hatten sich in der kleinen Universitätsstadt Berkeley zugetragen, welche eine halbe Stunde von San Francisco entfernt liegt. Der folgende Tag galt der Hauptstadt und den Vertretern ihres geistigen Lebens. Nach einem Lunch im Universitäts-Club führte man mich zu einem Kollegen von der anderen Seite, nämlich dem Landschaftsmaler Keith, der als der beste dortige Künstler auf diesem Gebiete galt. Ich wurde sehr freundlich empfangen, was wie man mir sagte bei Keith nicht die Regel war und wir hatten eine heitere Aussprache über Kunstfragen. Er beklagte sich, daß er um Geld zu verdienen seinen Auftraggebern ganz bestimmte Gegenden malen mußte, an denen sie ein Interesse nahmen, also gleichsam landschaftliche Porträts. Für die Werke, die er nach seinem Herzen male, fände er keine Käufer. Es waren dies phantastische Natureindrücke, die mit flüchtiger Hand ausdrucksvoll genug hingeworfen waren. Ich vermißte das spezifisch Amerikanische der Landschaft dabei, das sich mir schon deutlichst eingeprägt hatte, so kurz mein Aufenthalt in dem Lande gewesen war. Insbesondere Kalifornien schien mir eine Fülle schönster Landschaften zu bieten. Ihm aber waren das gewohnte Dinge, die ihn nicht fesselten. Sein Ideal war, wie er mir eröffnete, so[344]  zu malen, wie Hobbema seinerzeit gemalt hatte, was ich nicht ohne Widerspruch gelten lassen wollte. Zum Abschied schenkte er mir eine Skizze von seiner Hand, in seinem persönlichen Stil, damit ich hernach gelegentlich an ihn denken sollte. Ich bewahre sie noch auf.
Von Keith ging es in den Zigeunerklub (Bohemian Club), die Künstlergesellschaft San Franciscos. Die Räume waren mit zahlreichen Werken älterer und jüngerer Mitglieder geschmückt, und ich mußte feststellen, daß die Kunst der amerikanischen Maler noch ganz und gar von Europa, hauptsächlich Paris abhängig war. Irgendeine bodenständige amerikanische Schule war nicht erkennbar. Damit stand im Zusammenhange, daß die Leistungen durchweg mittleres Maß nicht überstiegen. Man konnte nicht recht erkennen, wozu die vielen Bilder überhaupt gemalt waren.
Der Reiz, welcher den Werken mangelte, war aber an den Persönlichkeiten vorhanden, wie sich schon bei dem kurzen Beisammensein geltend machte, mit dem ich mich begnügen mußte. Man schilderte mir in lebhaften Farben das alljährliche große Künstlerfest, das in Gestalt eines fantastischen Zigeunerlagers während mehrerer Tage im Walde gefeiert wurde und legte mir nahe, meinen nächsten Besuch so einzurichten, daß ich es mitmachen konnte. Leider ist es dazu nicht gekommen, denn der damalige Besuch in dem schönen Lande, einem der schönsten, das ich kennen gelernt habe und jedenfalls unverhältnismäßig viel schöner, als Italien, ist der einzige geblieben, den mir das Schicksal gegönnt hat. Um so mehr fiel es mir auf, daß sich noch kein einheimischer Landschaftsmaler gefunden hatte, der diese Schönheiten in dauernden Werken auszuwerten vermocht oder auch nur angestrebt hatte. Auch später beim Besuch anderer Teile Amerikas habe ich fleißig[345]  Ausschau nach dem Entdecker der amerikanischen Landschaft gehalten, ohne ihn zu finden.
Am Abend dieses Tages war ein großes Festessen der dortigen chemischen Gesellschaft, an der die näheren Fachgenossen der näheren und ferneren Umgebung teilnahmen, etwa 60 Personen. Eine solche Summe von Lob und Preis hatte sich noch nie über mein Haupt ergossen, wie bei diesem Anlaß. Den Ton gaben einige meiner früheren Schüler an, die inzwischen Professuren an verschiedenen Anstalten erhalten hatten und in denen neben der Erinnerung an die glücklichen Jahre einer reinen und heiteren Arbeitsgemeinschaft mit gleichstrebenden, oft hoch begabten Genossen noch der Dank für die in meinem Hause erfahrene Gastfreundschaft mitwirkte. So wurde auch meiner Frau wiederholt wärmstens gedacht und denen, die nicht den Vorzug gehabt hatten, im Leipziger Institut zu studieren, wurde der Mund nach jenem Paradiese wässrig gemacht.
Da keiner der Redner von mir hernach irgendeinen Vorteil zu erwarten hatte, durfte ich diese Äußerrungen abzüglich der amerikanischen Superlative als Ausdruck einer tatsächlich vorhandenen freundlichen Gesinnung entgegennehmen und mich den entsprechenden glücklichen Empfindungen hingeben. Diese steigerten natürlich erheblich den Schwung der mehrfachen Antworten, zu denen ich mich in meinem Namen und dem meiner Frau verpflichtet sah, und die ich in Rücksicht auf die Landessprache teils Deutsch, teils Englisch, wohl auch beides durcheinander sprach, so daß schließlich eine freundschaftlich-begeisterte Hochstimmung entstand, die mir und vielleicht auch manchem anderen Teilnehmer unvergeßlich geblieben ist.
Umgebung. Der folgende Tag war der Erholung gewidmet. Er begann mit einer Fahrt in den prachtvollen Stadtpark nach dem Klippenhaus am Meer mit den[346]  berühmten Seelöwen. Die Aussicht war leider durch Nebel beengt. Hernach fuhren wir mit einer kleinen Zahnradbahn auf den Tamelpais, einem Aussichtsberg, der einen weiten und schönen Blick, namentlich über die Bai von San Francisco mit ihrer Öffnung nach Westen dem »Goldenen Tor« gewährt. Die Auffahrt ist landschaftlich sehr schön; insbesondere sieht man zahlreiche Gruppen der Kalifornischen Riesenfichte, eines nicht nur gewaltig großen sondern auch schöngebauten Baumes. Der Bahnbau selbst weist nichts besonders Hervorragendes auf, so daß die Unternehmer zunächst Schwierigkeiten gehabt zu haben scheinen, wo und wie sie den unumgänglichen Amerikanischen Superlativ anbringen konnten. Schließlich fanden sie das Gesuchte: sie erklärten ihre Bahn wegen der vielen Kehren für die krummste in der ganzen Welt und verwendeten dieses Kennzeichen ausgiebigst in ihren Plakaten und sonstigen Reklamen.
Zu dieser Ausfahrt hatte sich uns ein junges Ehepaar angeschlossen, mit dem ich bekannt gemacht wurde; der Mann war Kaufmann und beim Gespräch erwies sich, daß er keinerlei besonderes Interesse für meine wissenschaftlichen oder sonstigen Beschäftigungen hatte. Die Frau war eine typische Kalifornierin: hoch und schön gewachsen, ein wunderschönes Gesicht, leichte, elastische Bewegungen. Sie zeigte eine gewisse Verlegenheit und da beide nur Englisch sprachen, gab es nur eine dürftige Unterhaltung. Ich fragte hernach Loeb, wie wir zu der Gesellschaft gekommen wären. Er antwortete, daß ich meine Anerkennung der Schönheit der Kalifornierinnen so deutlich ausgesprochen hätte, daß Dr. Herzfeld aus dem großen Kreis seiner Bekannten und Patienten die schönste Frau ausgewählt und sie bewogen hatte, mit ihrem Mann uns zu begleiten, damit ich mich ihres Anblicks länger und mannigfaltiger erfreuen könne, als bei kurzer gesellschaftlicher Begegnung möglich gewesen wäre.[347]
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Bei der Rückfahrt lernte ich zum ersten, aber nicht zum letzten Male die Kalifornische Freude an halsbrechenden Fahrten kennen. Wir wurden in einem kleinen Waggon ohne Zahnrad und Lokomotive untergebracht; vorn saß ein Führer an der Bremse. Ein Stoß brachte den Wagen auf der abschüssigen Bahn ins Rollen, das bald sehr geschwind wurde. Die Kunst des Fahrers bestand darin, an den zahllosen Kehren die Geschwindigkeit nur so weit zu mäßigen, daß der Wagen eben nicht aus den Schienen sprang. Besonders gelungene Fälle begleitete er mit entsprechenden kräftigen Lautäußerungen, welche das Rollen des Wagens übertönten und ihn selbst immer stärker begeisterten, so daß die wilde Fahrt in erstaunlich kurzer Zeit, aber ohne Unfall durchgeführt wurde.
Die Lick-Sternwarte. Nachdem ich die nähere Umgebung von San Francisco kennen gelernt hatte, wurden einige weitere Ausflüge unternommen. Der erste galt der Lick-Sternwarte mit ihrem berühmten großen Fernrohr auf dem Hamiltonberg. Ich hatte deren Direktor Campbell auf dem Festessen kennen und schätzen gelernt und war von ihm dringend eingeladen worden. Der Berg ist eine Art Rigi, der die ganze Umgebung überragt und beherrscht und da seine Spitze weit oberhalb der Nebelhöhe liegt, so sind die Luftverhältnisse für astronomische Arbeiten besonders günstig.
Bis San José, einem Städtchen am Fuße der Berges ging die Fahrt wie gewöhnlich mit Eisenbahn und Dampfschiff. Den Berg hinauf brachte uns ein Zweispänner mit dreimaligem Pferdewechsel. Der Weg geht oft hart an Abgründen hin und der Fahrer benutzte gern die äußere Kante, die nicht durch Mauern oder Steine gesichert war. In etwa drei Stunden erreichten wir die Sternwarte.
Oben fanden wir ein ganzes Dörfchen, von etwa 50 Personen bewohnt, da alle wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Beamten mit ihren Familien[348]  dort angesiedelt waren; eben hatte man eine gemeinsame Schule für die heranwachsende Jugend eingerichtet. Professor Campbell war mit einer liebenswürdigen Frau verheiratet; sie hatten drei Söhne und wir erörterten mit großem Eifer pädagogische Fragen, wobei die Gegensätze Deutscher und Amerikanischer Anschauungen deutlich zutage traten.
Auf der Sternwarte sah ich viele Dinge, die mich lebhaft fesselten, obwohl mir sonst astronomische Fragen nur mäßige Teilnahme erwecken können. In einer Sammlung wunderschöner Mondfotogramme bemerkte ich eine eigentümliche Rille auf einer sonst glatten Fläche und fragte Campbell nach der Deutung. Er sagte: wir sehen dies als die Spur eines großen Meteoriten an, der den Mond tangential gestreift und wegen der geringen Gravitation wieder verlassen hat.
Natürlich mußte ich auch den großen Refraktor bewundern, in welchem mir Saturn in blendender Helligkeit gezeigt wurde. Der Stifter Lick war ein erfolgreicher Geschäftsmann ohne wissenschaftliche Bildung gewesen. Daß er bei seiner Stiftung die Astronomie bedacht hatte, war durch die himmlische Beschaffenheit ihrer Objekte bewirkt worden. Sie kam ihm dadurch wie eine fromme oder heilige Wissenschaft vor. Diese Einstellung ist sehr verbreitet; für keine andere Wissenschaft werden in Amerika so viele Stiftungen gemacht, wie für diese. Unter dem Sockel des großen Refraktors hat Lick sich begraben lassen und auf den Seiten des Sockels kann der Beschauer in goldenen Buchstaben seinen Namen und Näheres über die Stiftung lesen. Die Sternwarte ist sehr populär und wird viel vom großen Publikum besucht, zum großen Mißbehagen des Direktors, der eigene Beamte hierfür anstellen und den Zutritt auf bestimmte Tage und Stunden beschränken mußte. Offenbar hat sich der alte Herr Lick es als besonders behaglich vorgestellt, wie er für[349]  alle Zukunft hier in seinem Grabe liegen und das Lob des Volkes für seine großartige Stiftung anhören würde, die ihn zudem persönlich eigentlich gar nichts gekostet hatte, da sie erst nach seinem Tode ausgeführt wurde.
Es fand sich noch die Zeit, einige Bilder zu malen. Als Campbell sie sah, sagte er, indem er auf eine Stelle hinwies: ich sehe, Sie haben unsere Golfschlucht (nicht Wolfschlucht) gemalt. Ich fragte und erhielt die Aufklärung, daß die dortige Bevölkerung sich leidenschaftlich dem Golfspiel ergeben habe. Hierbei werden bekanntlich kleine massive Bälle von Guttapercha mit federnden Keulen geschlagen, wobei sie sehr weite Sprünge machen. Das Spiel erfordert also ein weites flaches Gelände, das oben auf dem Berge nicht vorhanden war. Daher kam es beständig vor, daß ein Ball über die Grenze des Feldes in die anliegende Schlucht geschlagen wurde, die unzugänglich war, so daß er dort liegen blieb. Als Chemiker mußte ich bemerken, daß Guttapercha ungewöhnlich beständig gegen Nässe und Kohlensäure ist; es würde sich also im Laufe der Zeit eine geologische Schicht aus diesem dauerhaften Material ansammeln und die künftigen Geologen müßten sich dann hoffnungslos den Kopf darüber zerbrechen, welches vorweltliche Tier diese eigentümlichen Reste hinterlassen habe.
Die Heimfahrt geschah in einem großen vierspännigen Postwagen, der eine Gruppe der von Campbell gehaßten Sonntagsbesucher gebracht hatte. Wieder entwickelte der Kutscher seine Kalifornische Geschicklichkeit, indem er im Galopp abwärts fuhr und die Kehren an der konvexen Seite mit unheimlicher Geschwindigkeit nahm. Der nervöse Loeb litt sichtlich darunter und auch mir wurde es zuweilen unbehaglich. Doch kamen wir ohne Unfall unten an.
Die Leland Stanford-Universität. Vom Hamiltonberg kehrten wir nicht nach Berkeley zurück, sondern wandten[350]  uns nach der zweiten Universität Kaliforniens, der Leland Stanford-Universität in Palo Alto. Während Berkeley eine Staatsuniversität ist, die vom kalifornischen Staate unterhalten wird (was allerdings die bereitwillige Entgegennahme privater Stiftungen nicht ausschließt), ist die in Palo Alto bestehende Anstalt ganz eine private Stiftung. Sie ist zum Andenken an einen früh verstorbenen begabten Jüngling von seinen reichen Eltern, deren einziges Kind er war, auf seinen Namen errichtet worden. Zur Zeit meines Besuches lebte nur noch die Mutter.
Die Anstalt ist wie alle dortigen Universitäten in einem sehr ausgedehnten Park oder Campus errichtet, und zwar in dem dort heimischen altspanischen Missionsstil: niedrige Gebäude mit flachen Dächern, die einige große Höfe umschließen. Bogengänge begleiten alle Fronten und geben Schatten bei dem bereits sehr tropischen Sonnenschein. Palmen und andere Gewächse der heißen Zone sind überall vorhanden.
Der Präsident der Universität hieß Jordan und war von seinem Kollegen in Berkeley sehr verschieden. Hochgewachsen und sportlichen Betätigungen trotz seiner Jahre – zwischen 50 und 60 – eifrig ergeben, kehrte er in erster Linie den Naturmenschen im Gegensatz zum Kulturmenschen Wheeler heraus. Sehr ausgeprägt war sein Kalifornischer und Amerikanischer Stolz; er hielt sich und seine Genossen bei allem Wohlwollen für Andere selbstverständlich für Angehörige einer besseren Rasse und war eifrig bemüht, seinen Zeitgenossen und Studenten die daraus sich ergebenden Rechte aber auch Pflichten einzuprägen. Seinem Beruf nach war er Zoologe und gehörte der älteren beschreibenden Richtung an. Eben arbeitete er über Fische aus den japanischen Gewässern und ich sah mit großem Interesse zu, wie ein japanischer Künstler unter seiner Aufsicht mit subtilem Pinsel Abbildungen der neuen Arten anfertigte.[351]
Die Anstalten waren nicht besonders sehenswert. In der Bücherei zeigte mir der Bibliothekar mit Stolz eine ziemlich lange Reihe von Büchern unter O: eine vollständige Sammlung meiner wissenschaftlichen Werke. Jordan klagte, daß es schwer halte, von Frau Stanford die nötigen Gelder für die Ausgestaltung der wissenschaftlichen Einrichtungen zu erlangen; sie hatte sich die Entscheidungen über die Verwendung der Einkünfte ihrer Stiftung vorbehalten. Für Bauten und Äußerliches wurden die Mittel dagegen bereitwillig angewiesen. So befand sich im ersten Hof ein großes Denkmal aus Bronze, die Stanfords, Vater, Mutter und Sohn überlebensgroß in sehr naturalistischer Darstellung aufweisend; der Studentenwitz nannte es die heilige Dreieinigkeit. Ferner war ein prächtig eingerichtetes Museum da, welches unter anderem in zahlreichen Schränken alle die kostbaren Roben, wie in einem Modengeschäft auf Gestellen ausgebreitet aufwies, welche Frau Stanford bei verschiedenen feierlichen Gelegenheiten getragen hatte.
Präsident Jordan fuhr uns, Loeb und mich, dann persönlich in einem Einspänner durch das sehr ausgedehnte Gelände der Universität, das vielerlei landschaftliche Reize einer südlichen Natur darbot. Auch allerlei fremdartiges Getier ließ sich sehen. Am meisten fiel mir eine riesige Eiche auf, an der eine Anzahl Spechte beschäftigt waren, runde Löcher in die Rinde zu klopfen und in jedes Loch eine genau passende Eichel zu hämmern, so daß sie zur kleineren Hälfte herausragte. Es befanden sich am Baum bereits zahllose solche Pfropfen. Jordan erklärte mir auf Befragen, daß es Vorratskammern der Spechte seien, welche auf diese Weise Nahrung für magere Monate aufbewahrten. Doch konnte er mir nicht sagen, ob jeder Specht sein persönliches Eigentum innerhalb der Gesamtanlage wahrt, und auf welche Weise.
[352]  Am stillen Ozean. Nach all diesen verschiedenen Orten und Menschen war für Loeb und mich eine angenehme, ja notwendige Erholung der Besuch von Pacific Grove, einem kleinen Badeort an der Küste des stillen Ozeans, in welchem die Leland Stanford-Universität ein kleines zoologisches Laboratorium errichtet hatte. Es wurde von dort zur Zeit nicht gebraucht und war Loeb für seine Forschungen eingeräumt worden. Dort hatte er das Material an Seeigeln für seine wichtigen Entdeckungen zur Hand gehabt.
Wir waren in einem bescheidenen aber sauberen Gasthof gut untergebracht und genossen die Stille und Ruhe nach den überreich erfüllten Tagen mit besonderem Behagen. Ein glühroter großartiger Sonnenuntergang über dem Meer war mir wie eine besondere Offenbarung der neuartigen Landschaft, die ich in diesen Tagen erlebt hatte und die mir hier bevorstand.
Mit lebhaftem Interesse nahm ich am nächsten Morgen die Küste des größten Ozeans in Augenschein. Sie ist dort von weißgelbem Dünensand gebildet, wie ich ihn von meiner Heimat kannte, nur sind die Dünen viel höher, entsprechend der ungestörten Windwirkung über Tausende von Kilometern. In der flachen Bucht lagen einzelne große Steine, die zum Teil aus dem Wasser hervorragten und oben mit einem schneeweißen Überzuge bedeckt waren. Als Verfasser erwiesen sich Scharen von Kormoranen, die dort wild wie Möven leben, von den Steinen aus ihre Fischjagd betreiben und auf ihnen die Endergebnisse ihres Stoffwechsels ablagern. Hinter den Dünen erhob sich ein Wald von üppigem aber unregelmäßigem Wuchs, darunter prachtvolle Exemplare der schönen Riesenfichte, deren außerordentliche Größenverhältnisse ich aus nächster Nähe studieren konnte. Ein Spazierengehen im Walde wie bei uns wurde durch das dichte Unterholz verhindert,[353]  so daß man ihn überall nur von den Wegen aus betrachten konnte.
In ruhiger Muße malte ich einige besonders kennzeichnende Stellen, besah dann die schlichten Laboratoriumsräume, die mich sehr ansprachen, da Loebs Arbeitsweise, was das Technische anlangt, in der freiwilligen Beschränkung auf die einfachsten Mittel der meinigen ähnlich war.
In der Umgebung sahen wir einige chinesische und japanische Ansiedelungen: graue, niedrige, eng zusammengedrängte Hütten, die einen fremdartigen Eindruck machten und keineswegs zum näheren Besuch einluden.
Nach einem mit Bewußtsein in schönstem Sonnenwetter verbummelten Tage kehrten wir erfrischt nach Berkeley zurück. Das lange, ununterbrochene Zusammensein hatte weder bei mir, noch soviel ich erkennen konnte bei Loeb jene abstoßende Reaktion erzeugt, die so leicht bei solchem verlängerten Aufeinanderangewiesensein entsteht.
Neue Feste. Nach Berkeley zurückgekehrt fand ich eine Einladung zu einem »Smoker« im Fakultätshause der Universität vor. Dies ist ein zwangloses Beisammensein bei Bier und Butterbrot, von den deutschen Kommersen vorteilhaft durch die Abwesenheit jedes Zeremoniells verschieden; auch bewegt man sich viel mehr durcheinander und ist nicht an einen Platz gefesselt.
Diesmal kam doch allerlei Offizielles zur Sprache. Nachdem man etwas warm geworden war, wurde zunächst eine Rede an mich gehalten, welche in meine Ernennung zum Mitgliede des Faculty-Club ausging. Ich dankte herzlich und dachte: nun gibt es für den Abend Ruhe. Aber bald erhob sich der Präsident Wheeler mit schwererem Geschütz. Er hielt mir eine allerliebste Rede, reich an scherz- und schmeichelhaften Wendungen, in welcher die 4000 Meilen, die ich ihretwegen gereist war, wie schon[354]  früher eine besondere Rolle spielten und überreichte mir schließlich mit einer geschickten Wendung ins Ernsthafte und Feierliche ein Diplom auf Pergament, das meine einstimmige Ernennung zum Ehrenmitgliede der kalifornischen Staatsuniversität zu Berkeley bezeugte. Dies und meine dankbare Antwort wurde mit Jubel aufgenommen und der Abend verlief in hochgestimmter Freude.
Der Professor für chemische Technologie Christy, der als einer der ersten in Amerika die neue Lehre von den Ionen in seine Vorträge und Schriften übernommen und mit dem ich mehrfach brieflich verkehrt hatte, bat mich, seinen Studenten einen besonderen kurzen Vortrag zu halten; als Thema hatte er einen Bericht über meine maltechnischen Arbeiten vorgeschlagen, über die ich in meinen »Malerbriefen« und in einigen Abhandlungen Nachricht gegeben hatte. Ich erfüllte gern seinen Wunsch.
Dann lernte ich eine nachahmenswerte Eigentümlichkeit der dortigen Universitäten kennen. Der Zusammenhang der ganzen Anstalt in sich und mit den Studenten auch lange nach beendeter Studienzeit ist dort viel enger, als bei uns. Der für den Deutschen Studenten so naheliegende Wechsel der Anstalt bildet dort die Ausnahme. Durch die große, oft lebenslängliche Amtsdauer des mit sehr weitgehenden Rechten und Befugnissen ausgestatteten Präsidenten wird auch ein engerer Zusammenhang des Lehrkörpers bewirkt, und die räumliche Geschlossenheit des ganzen universitären Organismus im »Campus« steigert diesen noch bedeutend.
Diesmal war ich eingeladen, eine »Universitätsversammlung« mitzumachen. Eine solche findet etwa allmonatlich statt und dient dazu, inzwischen erfolgte wichtigere Ereignisse des Universitätslebens den Studenten und Professoren bekannt zu geben. Zunächst berichtete der Präsident über eine Anzahl kleinerer Angelegenheiten. Dann nahm der Professor der Geschichte Moses das Wort.[355]  Er war vor drei Jahren beurlaubt worden, um auf den vor kurzem annektierten Philippinen als Gouverneur tätig zu sein und hatte dies Amt aufgegeben, um in seine alte Stellung zurückzukehren. Er berichtete in sehr interessanter Weise über seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er unter das ihm vertraute Licht der geschichtlichen Betrachtung zu stellen bemüht war, wobei mancherlei Bemerkenswertes zutage trat.
Am Abend war ein Ehrenessen zu erledigen, das mir vom Universitäts-Club von San Francisco gegeben wurde. Der Kreis ein ganz anderer: vorwiegend praktische Ärzte, einige Rechtsanwälte, die offenbar aus Neugier gekommen waren und andere Berufstätige mit akademischer Bildung. Wieder wurde der »größte lebende Chemiker« vorgeritten; in meiner Antwort betonte ich die nicht nur internationale sondern übernationale Beschaffenheit der Wissenschaft Dieses Thema wurde in mehreren weiteren Reden fortgesponnen und von verschiedenen Seiten beleuchtet, doch fehlte natürlich das herzliche Familiengefühl, welches den früheren Abend in der chemischen Gesellschaft so warm belebt hatte.
Die Chinesenstadt. Einer der wenigen freien Abende wurde dem Besuch des chinesischen Viertels in San Francisco gewidmet. Führer war Dr. Taylor, ein junger Arzt mit lebhaften wissenschaftlichen Interessen, den ich bei Loeb kennen gelernt und der mir nebst seiner Frau sehr gefallen hatte. Sie waren ein paar typische Kalifornier, hochgewachsene, sportlich durchgearbeitete Gestalten von lebhaftem und unbefangenem Wesen. Als Bezirks- oder Polizeiarzt war Taylor mit den Verhältnissen jenes Asiatischen Winkels gut vertraut, so daß er mich ohne viel Aufenthalt das Bemerkenswerteste sehen lassen konnte.

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Die Straßen waren eng und steil, die Häuser waren noch enger und machten einen sehr schmutzigen Eindruck. Auf den Straßen sah man nur Chinesen in nationaler Kleidung[356]  Dann und wann führte eine Mutter in blauen Hosen ihr mit grünem und hellblauem Seidenkleidchen geschmücktes, auf hohen Stöckelschuhen trippelndes Kind mit sichtlichem Stolz vorbei; die Kleinen sahen seltsam puppenhaft, wie künstlich hergestellt aus. Ich sah eine Totenfeier, die mit gräulichem Geschrei abgehalten wurde und auf den Europäer nicht feierlich wirkte. Dann wurde ich in eine Opiumhöhle geführt, wo die Leute in ganz engen Verschlagen lagen, die wie eine große Kommode aussahen; sehr ekelhaft zu betrachten. Sehr hübsch war dagegen ein Tempel mit einer Fülle schöner Sachen, vermutlich Opfergaben. Überall standen mit Erde gefüllte Gefäße, in welche die Andächtigen glimmende Räucherstöckchen steckten, zum Zeichen ihrer Andacht. Am längsten blieben wir im Theater, wo eines jener Monate lang dauernden Stücke gespielt wurde, an denen die Chinesen ihre Freude haben. Die Schauspieler waren ausschließlich Männer; für die Weiberrollen sind sie entsprechend gekleidet und geschminkt, sprechen ein quäkendes Falsett und bemühen sich, durch Trippeln und Wackeln einen weiblichen Eindruck zu machen. Dekorationen waren nicht vorhanden, Auf- und Abtreten der Personen geschah durch zwei fahnenartige Vorhänge im Hintergrunde.
Die Darstellung wurde von Musik begleitet, die ein kleines Orchester im Hintergrund machte. Das Hauptinstrument war eine Art Geige, die wie ein Cello gehalten und gespielt wurde; sie wiederholte unaufhörlich eine und dieselbe Figur. Dazu einige Mandolinen, die gekratzt wurden und kleine Trommeln. Die Schauspieler nahmen zuweilen jene Tonfigur mit der Singstimme auf, dazwischen wurde gesprochen. Jedesmal wenn eine Person auftrat oder abging, gab es einen besonderen Lärm im Orchester, der anscheinend nach der Bedeutung der Person abgestuft war. Von einer Schauspielkunst nach Art der Europäischen konnte ich nichts bemerken; die Spieler wenden den[357]  Zuhörern oft den Rücken. Beim Sprechen fällt der Ton bei der letzten Silbe der Rede plötzlich um eine Oktave herab, was sehr komisch klang und ein Signal dafür zu sein schien, daß der Andere zu beginnen hat.
Ein besonderes Gewicht wird auf prächtige Kostüme gelegt. Wir wurden in die Vorraträume geführt, um sie zu bewundern. Es war da aber so eng und unsauber und roch so stark, daß es Loeb übel wurde und wir schnell an die Luft gingen und die Chinesenstadt verließen.
Alma mater Hearst. Die Tage von Berkeley schlossen mit einem Besuch bei Frau Hearst, einer sehr reichen Witwe von etwa 60 Jahren, der Alma mater der Universität wie sie in respektvollem Scherz genannt wurde, da sie immer wieder große Geldsummen zur weiteren Entwicklung der Universität hergab. Der Name ist durch den Sohn auch in Europa sehr bekannt geworden, da dieser als Beherrscher der Presse wiederholt eine erhebliche politische Rolle gespielt hat.
Die Einladung war nach der »Hazienda« erfolgt, einem Sommerhaus oder vielmehr -palast, der etwa drei Eisenbahnstunden entfernt von San Francisco in schöner Gegend lag. Zu der Zeit des Jahres, die ich in Kalifornien zubrachte, war überall die Sommerdürre eingetreten; es gibt dann keinen Regen und aller Rasen trocknet aus, so daß der Boden eine gleichförmige gelbbraune Farbe zeigt. Als wir von der Eisenbahnstation, die nur der Hazienda wegen angelegt war, in einigen prächtigen Wagen abgeholt wurden, sahen wir auf den Hügeln den Park der Hazienda grün wie einen Smaragd im Gelbbraun der Umgebung liegen und erblickten gleichzeitig die Quelle dieser Schönheit im Tal, nämlich das Pumpenhaus, von welchem aus die Bewässerung durch eine Dampfmaschinenanlage aus einem Tiefbrunnen besorgt wurde. Wir fuhren in einen paradisischen Garten mit märchenhaft schönen Blumen unter Palmen ein und wurden in einem prächtigen, im Missionsstil[358]  erbauten Hause empfangen. Loeb und ich erhielten als Ehrengäste die Zimmer angewiesen, welche der Sohn Hearst bewohnte, wenn er nach der Hazienda kam. Sie waren voll chinesischer und japanischer Kostbarkeiten, die ich heute mit sehr viel mehr Verständnis und Nutzen betrachten würde, als mir damals gegeben war, und mit verschwenderischer Pracht eingerichtet.
Mit Frack und weißer Binde geschmückt gingen wir zum Dinner, wo ich eine Auswahl meiner neugewonnenen Freunde antraf. Loeb war befragt worden, welche mir besonders gefallen hätten, und diese hatten Einladungen erhalten. Frau Hearst erwies sich als eine gut aussehende Dame von etwas mehr als Mittelgröße, mit freundlichem und gütigem Gesichtsausdruck. Sie fragte mich nach meinen Eindrücken von der Universität und verwickelte mich in ein Gespräch über mögliche Verbesserungen. Das Tafelgedeck und Essen überbot an Pracht alles, was ich bisher erlebt hatte; auch die japanischen Fische in Papier sah und aß ich wieder. Der Verkehr war frei von Steifheit und lebendig. Reden hatte ich glücklicherweise weder zu hören noch zu halten. Der Kaffee wurde in einer reich geschmückten großen Halle genommen, die unter anderem auch eine Orgel enthielt. Frau Hearst zwang mich liebenswürdig, sie zu versuchen, doch habe ich sie und die anderen enttäuscht, die von mir musikalische Leistungen von ähnlicher Beschaffenheit erwarteten, wie meine chemischen Leistungen in ihrer Vorstellung waren.
Am nächsten Morgen, einem Sonntag, waren nach der guten angelsächsischen Sitte die Gäste frei, sich in den ausgedehnten Gartenanlagen zu bewegen und die Pracht der Blumen und Gewächse zu bewundern, die unter sachkundiger Pflege in schönster Fülle gediehen. Der Gegensatz dieses farbenreichen Vordergrundes zu dem eintönigen Gelbbraun der näheren und ferneren Hügel war sehr eindrucksvoll. Da aber diese gleichförmige Farbe der fernen[359]  Landschaft dem Farbton nach – drittes Gelb bis erstes Kress – ziemlich genau die Gegenfarbe des Himmels und des Fernblaus war, das sich in der klaren Luft mit bemerkenswerter Farbreinheit entwickelte, so entstand zwischen beiden eine Farbharmonie, die auf mich einen starken Eindruck machte. Ich wußte damals nicht, warum, denn die Fähigkeit bewußter Farbanalyse habe ich natürlich erst nach der Schöpfung der messenden Farbenlehre in mir entwickeln können. Aber ich hatte doch das Bedürfnis, diesen Eindruck festzuhalten, holte meinen Malkasten und stellte mit fliegender Hand einige Skizzen her. Die anderen schauten interessiert zu, doch schienen Einige, besonders unter den älteren Damen Anstoß daran zu nehmen, daß ich mir erlaubte, den Sonntag um die Kirchgangszeit durch etwas wie Handarbeit zu entheiligen. So gern ich auf die Gefühle meiner Mitmenschen Rücksicht nehme: in diesem Falle wollte ich nicht darauf verzichten, mir so lebendige Erinnerungen an die bemerkenswerten Tage zu verschaffen, wie diese Skizzen waren und sind.
Nach dem Lunch standen uns Wagen und Pferde zu Ausflügen in die Umgebung zur Verfügung. Ich nahm meinen Malkasten mit, kam aber nicht viel zum Malen, da die Genossen mich angesichts meiner bevorstehenden Abreise noch eifrig mit Fragen über Universitätswesen, Wissenschaftspflege und dergleichen beschäftigten. Da die Amerikaner nicht durch Traditionen so schwer beweglich in diesen Dingen gemacht worden sind, wie wir, sind sie viel bereitwilliger, jeden Weg zu versuchen, der Erfolg verspricht. Auch wissen die dortigen Vertreter der Wissenschaft, daß diese im allgemeinen Volksbewußtsein noch bei weitem nicht die Stelle einnimmt, die ihr gebührt – der Einfluß der Kirche ist weit stärker – und sind daher im eigenen Interesse wie in dem ihres Volkes sehr aufmerksam auf alle Mittel und Wege, die Wissenschaft im Allgemeinbewußtsein auf die ihr zukommende Höhe zu[360]  heben. Wie schwierig diese Aufgabe ist, haben mancherlei Ereignisse der letzten Zeit – ich erinnere an den Affenprozeß Mitte 1925 – mit großer Deutlichkeit gezeigt.
Am Abend war wieder Dinner im Frack. Doch ging man früh auseinander, da der Zug, welcher uns am nächsten Morgen fortbringen sollte, schon um 6 Uhr morgens abfuhr.
In Berkeley gab es herzliche und gerührte Verabschiedungen von einigen alten und vielen neuen Freunden. Ich konnte auf eine ganze Reihe von schönen und reichen Tagen zurückblicken, in die kein einziger Mißton gefallen war. Beim Nachsinnen muß ich es als einen Verlust bezeichnen, daß es mir nicht gegeben oder gelungen war, die vielen hier angeknüpften Fäden hernach inniger und mannigfaltiger in das Gewebe meines Lebens zu flechten.
Abschied. So war nun die Stunde des Scheidens von dem gastlichen Kalifornien und den vielen alten und neuen Freunden gekommen, die ich dort wiedergesehen und gefunden hatte. Herzlicher und etwas gerührter Abschied wurde genommen. Beiderseits fühlte man lebhaft, daß die gehobene Stimmung der erlebten Festtage sich zwar auf die Dauer nicht festhalten ließ, daß sie aber doch als erheblicher Gewinn auf der Glücksseite des Lebensbuches einzutragen war.
Gleichzeitig hatte ich, nachdem ich bisher alle meine Amerikanischen Erlebnisse unter freundschaftlicher Obhut hatte durchmachen können, zum ersten Male allein meine weiteren Wege zurückzulegen. Das war freilich nicht besonders schwierig, denn der gewählte Zug, der schnellste, welcher verkehrte, ging in drei Tagen glatt bis Chicago durch und ich hatte mir ein Sonderabteil genommen, um die bevorstehende Anstrengung so günstig wie möglich zu überstehen. In Chicago erwartete mich Professor Alexander Smith, ein besonders nach der unterrichtlichen Seite interessierter[361]  und begabter Fachgenosse, den ich zwar noch nicht persönlich, wohl aber brieflich kennen gelernt hatte. Und von dort konnte ich gegebenenfalls in ununterbrochener Fahrt nach New York gelangen.
Die drei Tage quer durch den Weltteil vergingen ohne jede Störung durch Unregelmäßigkeiten der Anschlüsse, wenn auch nicht ohne einige Verspätung. In den beiden Wüsten war es heiß genug, aber doch nicht mehr so heiß, wie zwei oder drei Wochen vorher. Mir war das Alleinsein mit mir selbst nach dieser menschenerfüllten Zeit sehr willkommen, um meine Erinnerungen zu ordnen und die Summe dessen zu ziehen, was diese sonnigen Tage mir gebracht hatten. Es gab noch einen besonderen, wenn auch nur formalen Anlaß zu einer solchen Selbstabrechnung. Denn als ich bei meiner Abreise das Datum festgestellt hatte, war mir aufgefallen, daß ich meinen fünfzigsten Geburtstag fern von allen bekannten Menschen im Eisenbahnwagen verbringen würde. Beinahe hätte ich indessen vergessen, mich daran zu erinnern, als der Tag wirklich gekommen war.
Es ergab sich, daß neue Gedanken, die mich etwa veranlassen konnten, das Steuer meines Lebensschiffleins umzulegen, sich mir nicht dargeboten hatten. Zwar hatte ich vielerlei Neues und Interessantes gesehen und erlebt. Es war aber nichts darunter gewesen, was die tieferen Gründe meines Wesens berührt hätte. Insbesondere war ich weder ein Amerikaner geworden, noch hatte ich Lust bekommen, einer zu werden. Es hatte nicht an Andeutungen gefehlt, die sich auf die Herstellung eines künftigen engeren Zusammenhanges mit jenen Kreisen bezogen. Ich hatte aber ausweichend geantwortet, nicht aus taktischen Gründen, sondern weil ich durchaus nicht den Eindruck hatte, dort für meine Bestrebungen und Ideale einen besseren Boden zu finden, als er mir in Deutschland zur Verfügung stand. Dabei sehe ich ganz[362]  ab von den Schwierigkeiten, die mit mir zusammenhängende Familie nach den neuen Verhältnissen zu verpflanzen. Es gab in Amerika überall noch so viel zu tun, um die Zustände bis zu dem Punkt zu entwickeln, von wo aus schöpferische Neubildungen möglich waren, auf die es mir doch ankam, daß ich für den Nutzungswert meiner Bemühungen einen viel kleineren Betrag voraussehen konnte, als ich in Deutschland erzielte. Freilich nicht mehr als Universitätsprofessor.
Wieder Chicago. In Chicago empfingen mich der Kollege Smith und der Astronom Hale, der mich persönlich kennen zu lernen und mir sein Observatorium, die Yerkes-Sternwarte in der Nähe von Chicago zu zeigen wünschte. Ich wurde nach ausgiebigem Gedankenaustausch mit Smith von diesem dem Astronomen übergeben und verbrachte mit ihm einen ungemein angeregten und lehrreichen Tag. Hale definierte sich selbst nicht als Astronomen im gebräuchlichen Sinne, sondern als Physiker, mit der Besonderheit, daß er seine Versuchsobjekte, die Sonne und die Sterne, auf optischem Wege in das Laboratorium transportieren müsse.
Hierzu hatte er eine ganze Anzahl geschickter, ja genialer Mittel erdacht und geschaffen. Wie die meisten Sternwarten war auch die seine mit einer feinmechanischen Werkstatt verbunden. Ich hatte verschiedene derartige Anstalten besucht und gefunden, daß der Mann an der ersten Drehbank immer ein Deutscher war. So auch hier. Die Amerikaner haben, wie mir Hale erklärte, nicht die Geduld, sich die nötige Geschicklichkeit und Sicherheit der Hand zu erwerben. Das Verhältnis zwischen Lehrlings- und Meisterzeit hierbei erscheint ihnen zu ungünstig es »zahlt nicht«, während beim Deutschen der Besitz dieser Geschicklichkeit sein Stolz ist, also einen bedeutenden moralischen Wert neben dem wirtschaftlichen darstellt.[363]
Bei Hale fand ich jene seltene Verbindung wissenschaftlichen und technischen Scharfsinns, die mir das Ideal des Naturforschers darstellt, dem ich meinerseits während meines ganzen Lebens nachgestrebt habe. Wir hatten einander daher sehr viel zu sagen, wobei ich mich durchaus als der aufnehmende Teil fühlte. Es hat sich daraus ein freundliches Verhältnis entwickelt, das mir von großem Wert war und ist. Selbst als der Weltkrieg fast alle Beziehungen zu den amerikanischen Mitarbeitern und Freunden zerstört hatte, hauptsächlich infolge eines von Genf aus gegen mich unternommenen Verleumdungsfeldzuges, dessen Lügen drüben ohne Prüfung als Wahrheiten aufgenommen wurden, hat Hale durch dauernde Zusendung der Schriften seiner Anstalt – er hatte inzwischen eine neue Sternwarte in Kalifornien auf dem Wilsonberge nach eigenen, genialen Plänen erbaut – den Zusammenhang aufrecht gehalten, zum Zeichen, daß er das mir damals geschenkte Vertrauen sich nicht hat erschüttern lassen.
Von Chicago reiste ich ohne Aufenthalt nach New York und konnte dort schon am folgenden Tage mit dem schnellsten transatlantischen Dampfer »Kaiser Wilhelm« nach Hause fahren, wohin mich ein allmählich stark angewachsenes Heimweh zog.



 Fünfzehntes Kapitel.
Abschied von der Chemie.










[364] Ein Befreiungsversuch. Ende 1900 hatte ich, erschöpft durch die immer schwieriger werdende Unterrichtsarbeit im Laboratorium an das Unterrichtsministerium ein Schreiben des Inhaltes gerichtet, daß ich mich außerstande fühlte, die mir obliegenden Pflichten fernerhin in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen. Ich beantragte daher, meine Professur anderweit zu besetzen und mich als Honorarprofessor ohne bestimmten Lehrauftrag, doch mit Verfügung über einige Räume und Hilfsmittel für experimentelle Arbeiten an der Universität zu belassen.
Die Antwort war, daß von einem solchen Schritt nicht die Rede sein könne. Ich möge überlegen, welche Erleichterungen eintreten müßten, um mein ferneres Verbleiben als Direktor des Instituts möglich zu machen. Was irgend ausführbar sei, würde geschehen.
Schon einige Jahre früher hatte der Minister von Seydewitz gelegentlich der Institutseinweihung mich auf die Seite genommen und mich dringend ersucht, meine Arbeiten soweit einzuschränken, daß ich sie ohne Erschöpfung, ja ohne Anstrengung dauernd durchführen konnte. Ich durfte nichts bestimmtes versprechen, da der Drang zur Arbeit, wenn sich neue Probleme auftaten, unüberwindlich war. In den vorangegangenen Kapiteln[365]  ist erzählt worden, welche Flut von neuen Aufgaben gerade damals sich über mich ergossen hat.
Auch diesmal kam er mir in jeder Beziehung entgegen. Zur Entlastung wurde mir ein Subdirektor beigegeben, der die geschäftliche Verwaltung des Instituts übernahm. Außerdem wurde mir auf meinen Hinweis, daß die Fortsetzung meiner Tätigkeit trotz der Erleichterung mit einem vollständigen Zusammenbruch enden könne, das Recht zugestanden, mich in den Ruhestand versetzen zu lassen, wenn ich mich später einmal doch außerstande sehen würde, das Institut weiter zu leiten. Um der Regierung für die gebrachten Opfer ein Äquivalent zu sichern, verpflichtete ich mich, das Entlassungsgesuch keinesfalls vor einem gewissen Zeitpunkt einzureichen; außerdem wuchs das Ruhegehalt mit der Dauer meines Bleibens bis zu einer mäßigen Grenze.
Auf diese Bedingungen ging ich ein, da es mir ein Bedürfnis war, den Wünschen des Ministers tunlichst entgegen zu kommen. Doch verhehlte ich weder mir noch ihm, daß ich kein Vertrauen in die Möglichkeit setzte, das Amt auf die Dauer auch unter diesen günstigen Verhältnissen zu halten.
Das Doktorjubiläum. Zunächst ging alles gut. Ich konnte mich überzeugen, daß auch ohne mein unmittelbares Eingreifen die Arbeiten in meinem Sinne und doch hinreichend selbständig weitergeführt wurden, wobei die Beteiligten alle das glückbringende Gefühl eigener schöpferischer Tätigkeit hatten. Das ergab die angenehmen und förderlichen Verhältnisse, welche früher (II, 271) geschildert worden sind.
Dann kam im Herbst 1903 die Reise nach Kalifornien, die mir eine solche Summe von Freude und Ehre, und zwar für meine bisherigen Leistungen in der Chemie gebracht hatte, daß ich unwillkürlich wieder mit freundlicherem[366]  Auge auf die alten Arbeitsgebiete blickte, an denen doch soviel unmittelbares Glück gehangen hatte.
Gleichsam als sollte mir das Paradies, das ich so eigensinnig verlassen wollte, noch einmal von allen Seiten vor Augen und an das Herz gelegt werden, vereinigten sich Ende 1903 Schüler und Freunde, um eine 25-jährige Jubelfeier meiner Doktorpromotion zu veranstalten. Nach schöner Deutscher Gelehrtensitte wurde ein »Jubelband« von Arbeiten zusammengestellt und gedruckt, die von früheren Schülern beigesteuert waren. Er enthielt auf 877 Seiten 34 Abhandlungen, deren Mannigfaltigkeit mir den Umfang der Aufgaben veranschaulichte, die im Laufe der 16 Jahre meiner Leipziger Lehrtätigkeit bearbeitet worden waren. Selbst aus der Rigaer Zeit hatte sich mein damaliger Assistent H. Trey eingestellt.
Die Anzahl der Schüler, die es zu selbständigen wissenschaftlichen Leistungen gebracht hatten, wurde dabei auf 147 ermittelt; unter ihnen waren 34 als Professoren angestellt.
Eingeleitet war der Band durch einen Aufsatz von van't Hoff, der mit liebevoller Hand die Summe des ersten Vierteljahrhunderts meines wissenschaftlichen Daseins zog. Er schied die Tätigkeit als Forscher von der als Organisator. In der ersten fand er einen Aufstieg von der Lösung experimenteller Einzelaufgaben bis zur Bildung einer eigenen Weltanschauung, der energetischen. In der organisatorischen Arbeit unterschied er die Gebiete der literarischen Arbeit und des Unterrichts, also der allgemeinen und der persönlichen Beeinflussung. Zu meiner kritischen Tätigkeit bemerkt er, daß sie mir insbesondere anfangs viel Feinde verschafft haben mochte, »doch hat unzweifelhaft Ostwald durchweg das Richtige, getroffen«. Ein Urteil, das mir, wenn auch spät, eine große Beruhigung brachte, ebenso die Anerkennung, daß ich als Träger und Vorkämpfer neuer Auffassungen mit gleicher[367]  Begeisterung für Andere wie für eigene Errungenschaften eintrat.
Für diese organisatorische Tätigkeit nimmt van't Hoff, vielleicht unter einem Blick auf sein eigenes Naturell, eine ursprüngliche Veranlagung an. »Ostwald wird nicht befriedigt durch das Erringen einer eigenen Ansicht; vielleicht sogar ist es ihm Hauptbedürfnis, den eigenen Gedanken anderen zu übertragen, und zweifelsohne hat wesentlich dadurch die physikalische Chemie die Stelle eingenommen, die sie tatsächlich besitzt.«
Noch viel tiefer hatte sich bei gleicher Gelegenheit mein Landsmann und Mitarbeiter Paul Walden (I, 244) in meine persönliche Tätigkeit versenkt. Frühzeitig hatte er sich von meiner Frau Einzelheiten über mein bisheriges Leben, insbesondere die Jugendjahre erbeten und daraus ein liebenswürdiges Schriftchen gebildet, welches meine Person, allerdings in der rosigen Beleuchtung eines liebevoll-freundschaftlichen Gemüts weiten Kreisen nahe gebracht hat. Von den mancherlei Gaben des Tages war diese sowohl die persönlich wohltuendste für die Gegenwart wie die dauerhaft wirksamste für die Zukunft.
Die Mappe mit dem von meiner Frau gesammelten Material, welche van't Hoff in Verwahrung genommen hatte, ist damals auf rätselhafte Weise aus seinem Zimmer im Gasthof verschwunden und niemals wieder aufgefunden worden.
Der Abend brachte nebst dem üblichen Festessen noch einen lustigen Nachklang in Gestalt einer dramatischen Vorführung, bei welcher persönliche Ereignisse aus dem Leben des Festkindes und seiner Frau in heiterer symbolischer Form dargestellt wurden. Der Plan war von einem Mitgliede des Laboratoriums entworfen, der ihn in dem ihm geläufigen Stil der Bierzeitung ausführte. Dagegen protestierten die Darsteller, und vor allen die Darstellerinnen. Ein anderes »Hauskind«, eine ältere[368]  Medizinerin warf sich ins Mittel und übernahm die Ausführung des gleichen Plans in poetischen Reimen. Hierzu hatte ihr meine Frau ihr eigenes Stübchen eingeräumt, und da sie vom Dichten einen heißen Kopf und kalte Füße bekam, so wurde sie unten in einen großen pelzgefütterten Reisesack gesteckt, während sie oben ihre Verse schmiedete. Es bedurfte aber der ganzen versöhnenden Diplomatie meiner Frau, um den beraubten Dichter mit der Stiefdichterin auszusöhnen.
Als ich am anderen Tage in Ruhe die Skizze van't Hoffs nochmals durchlas, empfand ich zum Schluß einen Stich bei einem Satz, der besonders freundlich gemeint war. Er lautet: »Das erstaunliche bei dieser in immer weitere Kreise sich ausdehnenden Tätigkeit ist aber, daß weder das Interesse für das frühere Arbeitsgebiet noch dessen Beherrschung verloren geht.«
Das mochte nach Außen so aussehen, innerlich war das Gegenteil richtig. Sowohl das Interesse wie die Beherrschung gingen mir täglich mehr verloren. Und ich empfand diesen Vorgang wie ein unaufhaltsames Naturgeschehen, wie eine gewaltige Strömung, die mich in neue Weiten führte. Gegen sie das Boot zu lenken, lag außerhalb alles Wollens; was geschehen konnte, beschränkte sich auf ein achtsames Steuern. Und das Entscheidende war: nur in diesem neuen Strom konnte ich mich glücklich fühlen: das war die Erkenntnis, der ich mich nicht verschließen konnte.
Die Faraday-Vorlesung. Solche Erkenntnisse wirken sich aber nicht von heute auf morgen als umgestaltende Entschlüsse aus. Noch hatte ich Vielerlei aus dem alten Arbeitsgebiet in den Händen, was ich nicht ohne weiteres fallen lassen konnte und wollte. Dazu kamen neue Ereignisse, die sich gleichfalls aus den früheren Arbeiten entwickelten und mich an ihnen festhielten. Denn die Kalifornischen Überschwenglichkeiten waren das Vorspiel[369]  ernsterer (wenn auch nicht so heiterer) Ehrungen, für die ich inzwischen anscheinend reif geworden war.

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Eine der erheblichsten unter ihnen war die Einladung, im Frühling 1904 in London die Faraday-Vorlesung zu halten. Die Einladungen gehen von der Gesellschaft der Wissenschaften (Royal Society) aus und gelten als besonders hohe Bewertung wissenschaftlicher Leistungen. Sie werden an In- wie Ausländer gerichtet, doch haben natürlich die ersten den Vorzug. Unter meinen festländischen Vorgängern finden sich die Namen J. B. Dumas, der Französische Zeitgenosse und Konkurrent J. Liebigs, dieser, der größte Deutsche Chemiker, und H. Helmholtz, der größte Deutsche Physiker. Helmholtz hatte in seiner Faraday-Vorlesung die ersten Mitteilungen über die atomistische Auffassung der Elektrizität gemacht; dort wurde der Begriff des Elektrons (wenn auch nicht der Name) gebildet, dessen Bedeutung erst zwanzig Jahre später erfaßt zu werden begann. Heute ist er auch dem Laien geläufig.
Mein Ehrgeiz war mächtig angeregt, auch meinerseits etwas Belangreiches zu bringen und ich verfolgte deshalb eifrig eine eigenartige Gedankenreihe, die ich schon mehrfach durchzuführen versucht hatte, aber bisher vergeblich. Auf mich hatte schon vor langer Zeit der Gedanke des Schöpfers der chemischen Meßkunde, J.B. Richter vom Ende des 18. Jahrhunderts den größten Eindruck gemacht, daß das Gesetz der beständigen Mengenverhältnisse oder Verbindungsgewichte bei der Verbindung von Säuren und Basen zu Salzen schon daraus mit Notwendigkeit folgt, daß die Neutralsalze bei ihrer Vermischung neutral bleiben, ob Wechselzersetzung erfolgt oder nicht. Es scheint so selbstverständlich, daß neutrale Lösungen beim Vermischen nicht etwa sauer oder basisch werden, daß man zunächst nicht begreifen kann, wie aus dieser »Binsenwahrheit« (auch ein Wort[370]  J.B. Richters) ein so bestimmtes Gesetz soll abgeleitet werden können. Und wenn man sich überzeugt hat, daß es wirklich so ist, so beginnt erst die Unruhe. Es liegt hier offenbar ein besonders wirksames Schlußverfahren vor, das sich muß verallgemeinern lassen, z.B. auf das Vorhandensein der chemischen Verbindungsgewichte überhaupt. Welches ist die allgemeine chemische Tatsache, welche diesen Schluß gestattet, ähnlich wie das Neutralbleiben der Salze jenen engeren Schluß ermöglicht hatte?
Schon das Erarbeiten dieser Fragestellung kostete eine gewaltige Anstrengung, denn es erforderte eine ähnliche Umkremplung des Denkens, wie ich sie bei der Energetik erlebt hatte. Damals war sie freiwillig eingetreten; diesmal mußte ich sie erzwingen, weil ich die Gedanken für jene Vorlesung notwendig brauchte.
Und nachdem diese erste Klärung erreicht war, hatte ich wieder eine Unmenge alter Gedankenrückstände fortzuräumen, bis die klare Antwort gefunden war.
Ein Mitarbeiter. Hierbei war mir behilflich, daß ich einen anderen Alleingänger auf ähnlichen Gebieten in seinen Bemühungen durch die Aufnahme seiner Arbeiten in die »Zeitschrift« und hernach in die »Annalen« tunlichst gefördert hatte. Er hieß Franz Wald und war Chemiker der Eisenwerke Kladno in Mähren. Seine Gedanken waren so fremdartig, daß mir Emil Fischer einmals sagte, nachdem ich seine ersten Schriften aufgenommen hatte: »Wenn Sie noch weiter solches Zeug drucken lassen, werde ich die Zeitschrift für physikalische Chemie abbestellen.« Ich antwortete: »Der Nachteil wird ganz auf Ihrer Seite sein«, und setzte den Abdruck fort.
Wald hatte sich mit ähnlichen Grundfragen der Chemie beschäftigt, insbesondere mit dem Begriff des reinen Stoffes und näherte sich von seiner Seite aus dem gleichen Ziel, ohne es erreichen zu können. Und als es[371]  erreicht war, stellte sich heraus, wie erstaunlich einfach die Sache ist.
Es mag hier gleich zugefügt werden, daß ich Walds Namen in meiner Vorlesung in London unter starker Hervorhebung seiner Verdienste nannte. Zufällig war der österreichische Gesandte anwesend und berichtete seiner Regierung von dieser Auszeichnung eines Landesangehörigen. Bei meiner nächsten Anwesenheit in Wien wurde ich in das Kultusministerium gebeten, um genaueres über den Unbekannten zu sagen. Ich gab wiederholt meine Wertschätzung zu erkennen und sprach auf Befragen wegen einer akademischen Stellung für ihn meine Meinung aus, daß er voraussichtlich als Dozent nur einen kleinen Kreis fesseln würde, daß es aber durchaus angemessen sein würde, ihn zum Professor zu machen, damit er seine Forschungen unbehindert fortsetzen könne. Daß er leidenschaftlicher tschechischer Nationalist war, wußte und erwähnte ich, doch wurde dies nicht als Hindernis angesehen und er erhielt bald eine Berufung an die tschechische technische Hochschule in Prag.
Der Festtag. Zu gegebener Zeit war meine Abhandlung fertig und ich reiste in Begleitung meiner beiden Töchter nach London, wo W. Ramsay uns in seinem Hause gastliche Herberge gewährte; seine zwei Kinder waren in gleichem Alter, wie meine. Ich hatte meine Rede so gut ich konnte ins Englische übersetzt; er hatte sie dann sprachlich in Ordnung gebracht und nun las ich sie ihm vor, um mir von ihm die Fehler der Aussprache berichtigen zu lassen, was er mit liebenswürdiger Geduld tat.
Nicht ohne Herzklopfen nahm ich an dem großen Abend meinen Rednerplatz hinter dem Experimentiertisch in der runden Halle der »Royal Institution« ein. Vor mir sah ich die ersten wissenschaftlichen Männer Englands versammelt, daneben zahlreiche Bestandteile der vornehmen Welt, denn der Vorsitzende führte den[372]  geschichtlich denkwürdigen Namen Lord Rayleigh und war selbst ein weitberühmter Physiker. Und die Stelle, von der ich sprach, war dieselbe, von welcher eines meiner höchsten wissenschaftlichen Vorbilder, Michael Faraday, während eines Menschenalters seine bahnbrechenden Entdeckungen mitgeteilt hatte; sein Vorgänger an gleicher Stelle war Humphry Davy, der Erfinder der Sicherheitslampe für Bergleute gewesen, die Unzähligen das Leben erhalten hat.
Der Gegenstand des Vortrages war der Nachweis, daß eine Ableitung der Gesetze über die Gewichtsverhältnisse der Elemente bei chemischen Verbindungen ohne Zuhilfenahme der Atomtheorie aus dem experimentellen Begriff des reinen Stoffes möglich ist. Meine wissenschaftlichen Zuhörer waren sämtlich überzeugte Atomisten, wenn auch damals von den inzwischen entdeckten experimentellen Nachweisen der Atomstruktur der Stoffe noch fast nichts bekannt war. Zudem war die Atomistik eine nationale Angelegenheit, da sie durch John Dalton von Manchester vor hundert Jahren begründet wurde, und vor kurzem die Jahrhundertfeier des Gedankens in seiner Geburtsstadt feierlich begangen war. Trotzdem wurde mein Vortrag freundlich, ja herzlich aufgenommen und ich sah mich genötigt, auf die Glückwünsche des Vorsitzenden bei Überreichung der Faraday-Denkmünze mit einer Stegreifrede dankend zu antworten.
Der Abend schloß mit einer geselligen Zusammenkunft bei Faradays Nachfolger im dritten oder vierten Gliede, James Dewar, der damals die Professur an der Royal Institution bekleidete. Sein Name ist mit vielen und glänzenden Experimenten mit flüssiger Luft verbunden. Er zwang mich, echten alten schottischen Whisky, auf dessen Besitz er stolz war, zu versuchen, was bei mir einen lebenslänglichen Abscheu vor diesem Gift bewirkt hat.
[373]  Der Ehrendoktor. Die Faraday-Vorlesung und -Denkmünze war nicht die einzige Auszeichnung, die mir bei diesem Englandbesuch zuteil wurde. Etwa eine Woche später war ich nach der Universität Cambridge eingeladen worden, um dort zum Ehrendoktor ernannt zu werden.
Es war dies nicht die erste derartige Einladung. Etwa zwei Jahre früher war eine ähnliche von der Amerikanischen Universität Princeton gekommen, deren Präsident Wilson war, später Präsident der Republik unrühmlichen Andenkens. Die Ernennung konnte aber nur erfolgen, wenn man sich persönlich einfand, um die Promotion an sich vollziehen zu lassen. Da die ernennende Universität keinen besonders hohen Rang unter den vielen ähnlichen Anstalten der Vereinigten Staaten einnahm und auch die mit der Einladung verbundenen Personen keine hinlänglich starke Anziehungskraft auf mich ausübten, fand ich den Preis des Verlustes eines Monats meiner kostbaren Arbeitszeit, den ich auf die Hin- und Rückreise hätte verwenden müssen, zu hoch und verzichtete. Gleichzeitig mit mir war ein philologischer Kollege von der Leipziger Universität eingeladen worden und war hingereist. Ich sah ihn nach seiner Rückkehr wie der und der erschöpfte Zustand, in dem ich ihn antraf – er machte auch geistig einen ganz verstrobelten Eindruck – rechtfertigte meine Zurückhaltung.
Diesmal waren die Verhältnisse wesentlich anders. In Cambridge war noch immer M.M. Pattison Muir tätig, dem ich als meinem Entdecker (I, 151) dankbar war, und die Einladung war auf Anregung eines deutschen Landsmanns, Professor Ruhemann, erfolgt, der dort Chemie lehrte. Obwohl sein Fach die organische Chemie war, hatte er, wie er mir auf Befragen sagte, durch meine Schriften so viele wissenschaftliche Förderung erfahren, daß es ihm eine Freude war, sich dergestalt dankbar zu erweisen. Er nahm uns, meine Töchter und mich, gastlich[374]  auf und wir konnten uns nach soviel Englischen Erfahrungen dankbar an dem Deutschen Heim erfreuen, das seine liebenswürdige Gattin, gleichfalls eine Deutsche, lebendig zu erhalten wußte. Im Hause hingen zahlreiche Gemälde, die sich auf Befragen als Jugendwerke Max Liebermanns erwiesen, der dem Hause Ruhemann nahe verwandt war. Sie sahen ganz anders aus, als seine späteren Bilder, denn sie waren altmeisterlich fein und genau gemalt.


Die Promotion fand an einem Vormittag in feierlichster Form statt, wobei die Tradition der Klerikerschule, aus der die alten Universitäten entstanden waren, überall aufrecht erhalten war. Jeder stak in einer faltigen Kutte (gown); über die Schultern trugen die Doktoren ein merkwürdiges, mit lebhaft buntfarbiger Seide gefüttertes Gebilde, eine Art Kapuze, die in zwei lange, bandartige Lappen auslief, hood genannt. Von geschichtskundiger Seite wurde mir erklärt, daß dies die symbolische Umgestaltung des mönchischen Bettelsacks sei. Der Prinzipal der Universität vollzog vor einem großen Halbkreise von Professoren und anderen Würdenträgern die heilige Handlung, indem er meine zusammengelegten Hände zwischen die seinen nahm und dazu einen Spruch murmelte. Vorher war die Promotionsakte verlesen worden. Sie war lateinisch abgefaßt und wurde mit englischer Aussprache vorgetragen. Ich verstand schon längst kein Latein mehr, so daß die Aussprache weiter kein Hindernis war. Später wurde mir die englische Übersetzung eingehändigt, deren höchst anerkennender Inhalt mich dankbar lächeln ließ. Den stärksten Eindruck in solchem Sinne machte mir das Lob, daß ich in meinen Reden und Schriften Deutschen Tiefsinn mit Französischer Klarheit verbinde.
Als zehn Jahre später während des Weltkrieges die Barbarei unserer Gegner sich unter Französischer Führung[375]  dahin verstieg, den Kampf auch in die reinen Gefilde der Wissenschaft zu zerren (was früher niemals geschehen war), wurden bekanntlich von den meisten wissenschaftlichen Gesellschaften Frankreichs, Englands und Amerikas die Deutschen auswärtigen und Ehrenmitglieder gestrichen. So geschah es auch in zahlreichen Fällen mit mir. Aber in bezug auf das halbe Dutzend Ehrendoktoren, die mir im Laufe der Zeit (hauptsächlich von englischen Universitäten) verliehen worden waren, habe ich niemals ähnliche Nachrichten erhalten. Beim Erinnern an die Promotionsfeierlichkeiten, die ich ganz ähnlich auch an den anderen Stellen erlebte, wurde mir die Ursache klar. Die Doktorpromotion ist eine sakrale Handlung, ähnlich der Priesterweihe und hat gleich dieser den Charakter der Unzerstörbarkeit. Bekanntlich verliert nach katholischem Recht der geweihte Priester auch durch die ärgsten Verbrechen nicht die einmal erhaltene Weihe; so haftet auch der Doktor, nachdem er durch Handauflegung übertragen ist, unabtrennbar an dem Empfänger und erlischt erst mit dessen Tode.
Ein Jubiläum. Zwischen London und Cambridge lag eine Pause von etwa einer Woche, die ich der Erholung widmete. Wir gingen, obwohl es eigentlich zu früh im Jahre war, nach dem kleinen Badeort Penmaenmawr in Wales; den Malkasten hatte ich mitgenommen und konnte ihn dort ausgiebig in Gebrauch setzen.
Während dieser Zeit fand in Manchester eine Feier für Sir Henry Roscoe statt, der als Leiter der dortigen Universität ihr einen ungewöhnlichen Aufschwung gegeben hatte. Roscoe war als Student in Heidelberg Bunsens Schüler gewesen und war von ihm zu den überaus schwierigen Arbeiten seiner photochemischen Untersuchungen herangezogen worden, die Bunsen alsdann unter beider Namen veröffentlichte. Ich hatte diese Arbeiten als ein unerreichtes Vorbild physikochemischer[376]  Forschung in den »Klassikern« abdrucken lassen und ihre Bedeutung sachgemäß hervorgehoben. Obwohl ich dabei in erster Linie Bunsen gemeint hatte, war doch seinem Mitarbeiter natürlich ein Anteil an dem Lorbeer zugefallen. Er war mir sehr dankbar für die Auszeichnung und hatte diese Gesinnung bei unseren Begegnungen gelegentlich der Zusammenkünfte der Britischen Vereinigung, die er immer mitmachte, lebhaft ausgedrückt. So benutzte ich gern die Gelegenheit, um ihm persönlich neben meinen Glückwünschen die der Bunsen-Gesellschaft zu überbringen, mit denen ich mich hatte beauftragen lassen.
Die Feier verlief wieder typisch Englisch. Es hatten zahlreiche Anstalten, Korporationen und Einzelpersonen Glückwünsche in Gestalt schöngeschriebener Adressen abgestattet, die nach sorgfältig ausgerechneter Reihenfolge verlesen und überreicht wurden. Ihr Inhalt war längere Zeit vorher dem Jubilar mitgeteilt worden. Dieser traute sich nicht zu, die erforderlichen Dankesworte jeweils aus dem Stegreif zu sagen und hatte deshalb die Antworten schriftlich entworfen und in großer Maschinenschrift in einem Folioheft zusammenstellen lassen. Mit würdigem Ernst las er nach dem Vortrag jeder Adresse die zugehörige Antwort aus seinem Heft ab, nicht ohne gelegentliches Versprechen und Verbessern, und teilte mit, wie überrascht er durch diese gänzlich unerwarteten Ehrenbezeugungen sei und was man sonst bei solcher Gelegenheit sagt. Niemand unter den Teilnehmern schien den Humor davon zu empfinden.
Die Wendung. Nach diesen Englischen Auszeichnungen erwartete mich im gleichen Jahre 1904 eine Amerikanische: ich hatte die Einladung als einer der Redner auf einem internationalen Kongreß der Künste und Wissenschaften in St. Louis angenommen, der im Herbst stattfinden sollte. Aber als ein Symbol des Umschwunges,[377]  der sich in meiner wissenschaftlichen Arbeit vollzog, konnte ich es auffassen, daß es diesmal sich nicht mehr um die alte, abgetane Arbeit handelte, sondern um die neue, kaum begonnene. Nicht als Vertreter der physikalischen Chemie sollte ich sprechen, sondern als Vertreter der Philosophie hatte ich über die Ordnung der Wissenschaften eben erhaltene Ergebnisse mitzuteilen.
Man kann sich denken, wie ich mich hierdurch in der neuen Richtung bestärkt fühlte.
Meine Erlebnisse bei dieser Versammlung sollen im folgenden Kapitel mitgeteilt werden. Zum Abschluß des gegenwärtigen ist noch mancherlei aus dem alten Gebiet zu erzählen, von dem zahlreiche Zweige noch weit in die nächste Periode hinein reichten.
Mutation. Von allen Gehirngebieten, die ich im ersten Jahrzehnt meiner Leipziger Tätigkeit so unbedacht in Betrieb genommen hatte, war das, welches die schöpferische Schreibarbeit betätigt, am rücksichtslosesten ausgenutzt worden. Hatte doch Freund Walden in seiner Gedenkschrift ausgerechnet, daß im Jahre 1903 der Umfang meines Schreibwerkes etwa 16 Bänden des Konversationslexikons gleichgekommen war. Trotzdem fühlte ich gerade hier am wenigsten eine Erschöpfung, und nach meiner Wiederherstellung ergab sich zu meiner freudigen Verwunderung, daß keinerlei ungünstige Veränderung gegen den früheren Zustand zu bemerken war. Ich brauchte mich selbst nicht an den Schreibtisch zu zwingen, und die Arbeit daran war wie früher mit angenehmen Gefühlen verbunden.
Und wenn ich heute in meinem Alter beobachten muß, wie eine Fähigkeit nach der anderen sich vermindert, um sich zu verabschieden, so darf ich – hoffentlich unter Zustimmung des Lesers – feststellen, daß die Fähigkeit, einen klaren Gedankengang lebendig und anschaulich darzustellen, noch immer vorhanden ist.[378]  Die Verminderung macht sich hauptsächlich in dem Betrag der täglichen Leistung geltend, der stark abgenommen hat, und in der Notwendigkeit, je nach dem Druck, welchen mein Energie-Manometer anzeigt, von Zeit zu Zeit Unterbrechungen eintreten zu lassen, bis sich wieder genug Dampf für einen ordentlichen Betrieb gesammelt hat. Dies ist aber eine allgemeine Erscheinung, die den ganzen Körper erfaßt; die Schreibefähigkeit und -lust kommt dabei verhältnismäßig günstig weg.
Ich muß bekennen, daß es mir noch nicht recht geglückt ist, diese Tatsache biologisch zu deuten. Zunächst möchte man erwarten, daß die Schreibfähigkeit, die im Geschlecht der Ostwalde soviel bekannt, in mir zum ersten Male aufgetreten ist, dem allgemeinen Gesetz hätte unterliegen sollen, daß die zuletzt erworbenen Fähigkeiten zuerst dem Abbau verfallen, sobald dieser begonnen hat. Das ist zweifellos bei mir nicht der Fall gewesen, denn abgebaut wurde bei mir zuerst die Fähigkeit des persönlichen Laboratoriumsunterrichts, in Übereinstimmung mit vielen anderen Erfahrungen, und schreiben werde ich voraussichtlich bis zu meinem Tode.
Ferner muß ich dabei hervorheben, daß sich die in Rede stehende Eigenschaft in deutlichster Weise vererbbar gezeigt hat. Zurzeit ist jeder meiner drei Söhne Schriftleiter einer Zeitschrift seines Faches; zwei von ihnen haben eine Anzahl Bücher in die Welt gesetzt, und wenn dies bei dem dritten nicht zutrifft, so liegt es daran, daß seine nicht geringe Schreibarbeit andere Formen angenommen hat. Und obwohl die folgende Generation noch nicht das Alter literarischer Zeugungsfähigkeit erreicht hat, glaube ich schon jetzt sicher sein zu dürfen, daß auch sie mit der gleichen Familieneigenschaft sich behaftet zeigen wird, auch in der Linie, wo das Erbgut durch eine weibliche Zwischenstufe latent übertragen wurde. Das Ganze sieht aus, wie[379]  ein klares Beispiel der Vererbung einer erworbenen Eigenschaft.
Doch möchte ich die Erscheinung nicht in solchem Sinne deuten. Die Eigenschaft ist nicht etwa willkürlich und bewußt erworben worden, sondern ist unvermittelt bei mir trotz sehr ungünstiger Umgebung mit einer Stärke aufgetreten (von meinen Brüdern hat sie der eine schwach, der andere gar nicht gehabt), wie sie sonst nur an wohlgesichertem Erbgut beobachtet wird, das sich durch viele Geschlechter festgelegt hat und dann an einer Stelle durch die Mitwirkung harmonischer Faktoren zu sehr starker Entwicklung kommt. Eher scheint hier ein Fall jener merkwürdigen Erscheinung vorzuliegen, welche der Botaniker de Vries Mutation genannt hat. Sie ist dadurch gekennzeichnet, daß von normalen Eltern neben normalen Abkömmlingen ein Lebewesen erzeugt wird, das mit wesentlich abweichenden Eigenschaften ausgestattet ist, die sich alsbald vollkommen vererbbar erweisen. So wäre bei mir die Schreibeigenschaft durch Mutation und nicht durch stetige Veränderung erschienen.

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Nun ist allerdings diese ganze Gruppe von Fragen wissenschaftlich noch nicht geklärt und mit der naturgeschichtlichen Einordnung ist die Aufgabe der ursächlichen Erklärung erst gestellt, nicht aber gelöst. Schon bei früherem Anlaß habe ich den Gedanken entwickelt, daß jedes Lebewesen in der Gestalt wie es ähnlich seinen Eltern gebildet ist und sich in seinen Kindern fortpflanzt, einen ausgezeichneten Fall darstellt, der vor allen nahestehenden Abweichungen bevorzugt ist und sich daher unter Rückbildung von zufälligen Abweichungen selbsttätig immer wieder herstellt. Wenn ich die Meisen betrachte, welche eben ihr tägliches Futter an meinem Fenster holen, und die Übereinstimmung feststelle, mit welcher alle gezeichnet und gefärbt sind, so habe ich unwiderstehlich den Eindruck eines dauernden Gleichgewichts,[380]  welches sich immer wieder herstellt, wenn auch die wirksamen Anteile innerhalb der durch die Lebensmöglichkeit gezogenen Grenzen veränderlich sind. Es ist, wie der Lauf eines Flusses durch den ausgezeichneten Fall der tiefsten Linie im Gelände bestimmt ist und bei allem Wasserwechsel beibehalten wird.
Nun gibt es aber, grundsätzlich gesprochen, neben dem zurzeit verwirklichten ausgezeichneten Fall noch andere Möglichkeiten, welche ihrerseits ausgezeichnete Fälle darstellen; neben dem Fluß hat sich etwa im Nachbartal ein Bach gebildet. Für gewöhnlich behält der Fluß seinen Lauf, bei starken Verwerfungen, etwa durch ein Erdbeben, kann er aber in den anderen Weg gedrängt werden und füllt das neue Tal mit der gleichen Ausdauer, wie das frühere. Dies geschieht um so leichter, je niedriger die Höhe ist, welche beide geschieden hat.
So kann man sich denken, daß die Schwelle, welche zwischen zwei benachbarten Lebensformen besteht, unter Umständen so niedrig ist, daß sie ohne Zerstörung überschritten werden kann. Das Lebewesen gelangt dann in ein verändertes fließendes Gleichgewicht, das aber wieder eine beständige, also vererbbare Form darstellt.
Die Frage, warum Mutationen nur an bestimmten Wesen auftreten, läßt sich vielleicht durch den Hinweis beantworten, daß zu einer Mutation auch eine gewisse Unbeständigkeit im Zustande des mutierenden Wesens gehört. Ein Fluß mit tief eingeschnittenem Bett wird auch bei erheblichen Störungen seine Bahn nicht leicht verlassen, während in einem flachen Gelände geringe Einflüsse genügen, um ihm ein neues Bett anzuweisen. Es gehört also eine Verminderung der Beständigkeit eine Annäherung an den labilen Zustand dazu, damit eine solche Erscheinung zustande kommt. Bei Familien kennzeichnet sich dieser Vorgang dadurch, daß die Lebensformen, in denen sich die früheren Geschlechter ohne[381]  wesentliche Änderung erhalten haben, nicht mehr als befriedigend empfunden werden und daß ein Streben beginnt, sie zu verlassen. Bei meinem Vater war es unverkennbar vorhanden gewesen.
Nicht immer führt die Mutation zu lebensfähigen Gebilden, denn der neue ausgezeichnete Fall kann so beschaffen sein, daß die neuen Eigenschaften nicht lebensfördernd sind. De Vries hat eine ganze Anzahl solcher Fälle beobachtet. Auch hier finden sich Ähnlichkeiten bei der Entwicklung der Familien. So hatte der große Physiolog J. Müller einen Bruder, der gleich ihm einen neuen Typus darstellte. Er erwies sich aber als ein haltloser und leichtsinniger Mensch, der den Seinen nur Kummer und Sorge machte; glücklicherweise hinterließ er keine Nachkommen.
Nach allem wird man es verständlich finden, daß ich als Großvater mit einer gewissen wissenschaftlichen Neugier darauf warte, festzustellen, ob es sich in meinem Falle um eine wirkliche Mutation mit unbegrenzter Vererblichkeit handelt.
Chemische Bücher. Naturgemäß zerfallen die Bücher, welche ich in dieser Zeit (nach 1895) schrieb, in zwei natürliche Gruppen: die fachwissenschaftlichen als Ausklang meiner bisherigen Arbeiten und die allgemeinwissenschaftlichen als Beginn der neuen Tätigkeit.
Von der zweiten Gruppe sind bereits die Anfänge in anderem Zusammenhange beschrieben worden. Es waren die »Vorlesungen über Naturphilosophie« und die zugehörige Zeitschrift, die »Annalen der Naturphilosophie«. Sie erweckten alsbald so weitreichende Teilnahme im Leserkreise, daß ich mich in der neuen Richtung sehr bestärkt fühlte.
Die zur ersten Gruppe gehörenden Werke kennzeichnen sich als Abschluß dadurch, daß sie an Stelle der neuerschlossenen Sondergebiete die lange bekannten[382]  allgemeinsten Verhältnisse der Wissenschaft zum Gegenstand haben. Sie stellen die Summe meiner Lehrerfahrungen in der Chemie dar und zeigen, wie sich das Gebäude der Wissenschaft gestaltet, nachdem die inzwischen erarbeiteten Baustoffe sachgemäß eingefügt sind.
In solchem Sinne war schon die 1894 erschienene analytische Chemie (II, 69) geschrieben worden. Doch war dort der vorgefundene wissenschaftliche Anteil so gering gewesen, daß der neue Inhalt das herübergenommene Alte bei weitem überwog. Er hat sich in dem inzwischen vergangenen Dritteljahrhundert als dauerhaft erwiesen, so daß jenes Werk als die Grundlage der ganzen analytischen Literatur bezeichnet werden kann, die inzwischen das Licht der Welt erblickt hat.
Der nächste Schritt in gleicher Richtung war die Darstellung der anorganischen Chemie in dem Umfange der fünf- oder sechsstündigen Universitätsvorlesung unter den neuen Gesichtspunkten. Hier war der zu übernehmende Anteil natürlich sehr viel größer. In gleichem Verhältnis steigerte sich aber auch die Arbeit. Es war gleichsam eine Übersetzung des ganzen bisherigen Textes in die neue Sprache nötig. In der bisherigen Literatur waren allerdings einige Kapitel schon übersetzt worden, wenn im Zusammenhange mit anderen Arbeiten das Gebiet im neuen Licht zu betrachten war und auch eine lehrbuchmäßige Zusammenfassung (Bodländer 1896) war in solchem Sinne versucht worden. Aber die alljährliche wiederholte Gestaltung des Stoffes in der eigenen Vorlesung hatte doch so viel Neues und Klärendes ergeben, daß ich eine eigene Darstellung als Notwendigkeit empfand. Da ich bei Gelegenheit der Umgestaltung der Leipziger Unterrichtsverhältnisse durch Beckmanns Berufung für angewandte Chemie und den Laboratoriumsneubau diese Vorlesung aufgegeben hatte, so hatte ich einen besonderen Anlaß, die Gesamtausbeute der bisherigen[383]  Tätigkeit zusammenzufassen und der Öffentlichkeit mitzuteilen.
Im Jahre 1900 erschienen demgemäß die »Grundlinien der anorganischen Chemie«, nachdem ich mehrere Jahre an dem ausgedehnten Werk (800 Seiten engen Drucks) gearbeitet hatte. Es wurde bald ins Englische, Russische, Französische, Japanische usw. übersetzt und auch die deutsche Ausgabe hat in wiederholten Auflagen eine vieltausendfache Verbreitung gefunden. Ähnlich wie bei der analytischen Chemie hat das hier gegebene Vorbild vielfach als Grundlage für die späteren Lehrbücher gedient. Doch besteht hier naturgemäß eine viel größere Breite für persönliche Unterschiede; dazu kommt, daß der Fortschritt der Wissenschaft gerade hier neue Gedanken zur Geltung gebracht hat, welche wiederum ein Umschmelzen des Materials zum Guß in neue Formen notwendig gemacht haben.
Einige Jahre später sah ich mich einer noch elementareren Aufgabe gegenüber. Unter den vielen Aufforderungen druckwilliger Verleger, die ich ablehnen mußte, war auch eine Einladung des Verlags Vieweg & Sohn angelangt, zu der ich nicht Nein sagen wollte. In diesem Verlage war seinerzeit Stöckhardts Schule der Chemie erschienen, der ich so viel (I, 43) für meine persönliche Entwicklung verdankte. Sie war nach dem Tode des Verfassers (1886) von einem anderen Herausgeber bearbeitet worden; doch hatte dieser das Wesen des Werkes verkannt und es zu seinem Nachteil den gewöhnlichen Schulbüchern dieses Faches angenähert. Mir wurde der Antrag gestellt, eine Schule der Chemie auf Grundlage der gegenwärtigen Wissenschaft, aber im Sinne Stöckhardts als unterrichtliche Sonderleistung zu schreiben.
Die Aufgabe lockte mich in hohem Grade. Denn die Durchdringung der ganzen Wissenschaft, nicht nur[384]  mit osmotischem Druck und elektrolytischer Spaltung, sondern auch mit den begrifflichen und ordnungswissenschaftlichen Gedanken eigenen Gewächses erschien mir wie eine entscheidende Probe auf ihre wissenschaftliche Brauchbarkeit.
Sodann reizte mich die Aufgabe von der literarischen Seite. Ich wollte etwas recht Eindringliches schreiben, was gleicherweise dem Anfänger von 13 Jahren glatt eingeht und dem erfahrenen Wissenschafter ein Lächeln angenehmer Überraschung entlockt. Dazu gibt es ein besonders wirksames Mittel: die poetische Form. Schon in Dorpat hatte ich den »Reaktionär in der Westentasche« des chemischen Dichters Jacobsen kennen gelernt und der Vers

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Kein Schwefelwasserstoff schlägt sie nieder!

hatte über dem Eingangstor meiner analytischen Kenntnisse geglänzt. Doch traute ich mir nicht zu, die Form für ein ganzes Lehrbuch der Chemie, wenn auch ein kleineres, durchführen zu können.
Dagegen war mir von der Herausgebertätigkeit an den Klassikern eine andere Form bekannt geworden, der ich gleichfalls einen hohen Wirkungsgrad zuschreiben durfte. Es ist die des Gespräches. Galileis in mehr als einer Beziehung bahnbrechende »Unterredungen« (Discorsi), welche seine Entdeckungen über die Prinzipien der Mechanik bringen, waren mir besonders nahe bekannt geworden, da mein alter Lehrer v. Öttingen die deutsche Ausgabe besorgt und vielfach mit mir besprochen hatte. Es erschien mir als eine Aufgabe von hohem Reiz, eine ganz elementare Chemie in Gestalt eines Gesprächs zwischen Lehrer und Schüler abzufassen. Ein Versuch, den ich alsbald ausführte, belehrte mich, daß ich hier ein Mittel zur Verfügung hatte, wichtige Dinge viel kürzer und eindringlicher ins Bewußtsein des Lesers zu[385]  hämmern, als durch fortlaufenden Text. So machte ich dem Verlag den Vorschlag, das neue Buch in Gesprächsform herauszubringen, und er willigte ein, wenn auch nicht ganz ohne Bedenken wegen der Ungebräuchlichkeit und veralteten Beschaffenheit dieser Form.
Ich aber ging mit großem Vergnügen an die Ausführung. Der erste Teil erschien im Herbst 1903 und ich hatte, als ich über Bremen nach Amerika reiste, dort das Vergnügen, das Bändchen in dem bekannten Kreß des Verlags Vieweg in den Buchhändlerauslagen der fremden Stadt zu sehen. Unterwegs, sowohl auf der Hin- wie auf der Rückreise schrieb ich weiter daran und konnte langweilige Wartestunden auf den Eisenbahnstationen kurzweilig ausfüllen. Es machte mir ein großes Vergnügen, allerlei Unausgesprochenes in den Text hineinzuarbeiten und ich konnte später feststellen, daß solche Andeutungen mit großer Sicherheit und gleichfalls nicht ohne Vergnügen vom Leser aufgenommen wurden. Das Buch gewann alsbald einen starken Erfolg, ist in großen Auflagen mehrfach neu gedruckt und in fast alle Kultursprachen übersetzt worden. Die englische Übersetzung wurde von der Tochter W. Ramsays besorgt, die ich seinerzeit als kleines Mädel zum Schrecken ihrer Großmutter hoch durch die Luft geschwenkt hatte, und ihr Vater setzte die Schülerredensarten, den »slang«, hinein.
Kehraus. Den endgültigen Abschied von der Chemie bilden drei Bücher, deren Veröffentlichung in eine spätere Zeit fällt; des Zusammenhanges wegen sollen sie aber hier erwähnt werden.
Aus Vorträgen, welche ich 1905–06 in Amerika gehalten habe, entstand ein Büchlein, welches die geschichtliche Entwicklung der chemischen Begriffe zum Gegenstande hat. Die verschiedenen Darstellungen der Geschichte der Chemie seit H. Kopps grundlegendem Werk, das ich schon in Dorpat eifrig studiert hatte, erschienen[386]  mir zunehmend unbefriedigend, weil ich immer deutlicher einsah, daß das Wesen aller Wissenschaft auf der Bildung angemessener Begriffe beruht. Die Geschichte irgend einer Wissenschaft hat somit als Hauptaufgabe die Darstellung der Entwicklung ihrer Begriffe. Mangelnde Einsicht hierein bewirkt aber, daß in den Lehrbüchern die benutzten Begriffe als »selbstverständlich« vorausgesetzt, statt klar ausgesprochen und in ihrer Tragweite erörtert zu werden. Und das hat wieder natürlich die Folge, daß die hochwichtige Entwicklung und Umgestaltung der Begriffe, welche das eigentliche Leben der Wissenschaften ausmacht, keine Bearbeitung und Darstellung findet.
Für die erwähnten Vorlesungen, die in Boston stattfanden, hatte mich mein früherer Schüler und späterer Kollege A.A. Noyes gebeten, die philosophische Seite der Chemie tunlichst in den Vordergrund zu stellen, da unter den Hörern mehr Dozenten als Studenten sein würden. Mir war die Aufgabe sehr willkommen. Die Vorträge wurden nachgeschrieben und in diesem rohen Zustande zunächst englisch veröffentlicht. Später habe ich sie eingehend überarbeitet und deutsch unter dem Titel Leitlinien der Chemie herausgegeben. Da aus dieser Bezeichnung der geschichtliche Inhalt nicht erkannt werden kann, nannte ich die zweite Auflage: Der Werdegang einer Wissenschaft. Das Buch ist ins Englische und Französische übersetzt worden.
Als Zielpunkt dieser Begriffsarbeit war mir von jeher eine »Chemie ohne Stoffe« erschienen, d.h. das System jener allgemeinen Begriffe und Beziehungen (Naturgesetze), welche auf alle Stoffe, unabhängig von deren Natur Anwendung finden. Von diesem Gesichtspunkt aus würden die Eigenschaften der einzelnen Stoffe als Sonderfälle jener allgemeinen Gesetze erscheinen, welche auf Grund gewisser Konstanten durch Einsetzung[387]  ihrer Zahlenwerte in jene Gleichungen abgeleitet werden können. Damals wirkte dieser Gedanke als ziemlich phantastisch, während er heute bereits im Lichte der Möglichkeit zu erscheinen beginnt. Doch da es mir eben gelungen war, die stöchiometrischen Gesetze als notwendige Folgen allgemeinerer Verhältnisse zu erkennen, welche durch den Begriff des »reinen Stoffes« festgelegt sind, also ganz ohne die gebräuchliche Benutzung des atomistischen Gedankens, so lag mir eine solche Arbeit näher als Anderen. Es schien mir vor allem der Mühe wert zu sein, genau festzustellen, wie groß dieser begriffliche Anteil in der Chemie bereits ist, die von den Fernerstehenden (zu denen viele »reine« Chemiker gehören) als eine reine oder bloße Experimentalwissenschaft angesehen wird.
Diese Untersuchung erschien als ein umfangreiches Buch von 540 Seiten unter dem Titel: Prinzipien der Chemie. Es hat soviel Verbreitung gefunden, daß ein Neudruck erforderlich wurde und sogar eine holländische Übersetzung ist trotz meiner Warnung veranstaltet worden. Aber ich habe noch nie beobachten können, daß die dort entwickelten Gedanken irgendwo und -wie Eingang in die chemische Wissenschaft gefunden hätten.
Nur kurz soll erwähnt werden, daß ich 1909 eine »Einführung in die Chemie« als Schullehrbuch geschrieben habe, um der Schwierigkeit zu begegnen, welche die Gesprächsform meiner »Schule der Chemie« der Benutzung für den üblichen Schulunterricht entgegenstellte. Ich hatte mir gedacht, daß ein frischer Lehrer ganz wohl die Zwiesprache mit einem ausgewählten Schüler vor der Klasse durchführen könnte, mußte aber solche extravagante Hoffnungen aufgeben, nachdem ich in einer von einem Gymnasiallehrer herrührenden Rezension ernstlich getadelt worden war, daß ich den Lehrer durch den Schüler mit Du anreden ließ. So schrieb[388]  ich aus Liebe für die deutsche Jugend auch das erwähnte, allseitig verwendbare Buch. Es hat eine ziemlich große Verbreitung gefunden, aber bei weitem nicht die es verdient, denn ich muß es ehrlicherweise als bei weitem das beste chemische Schulbuch für den Anfänger bezeichnen, das es gibt. Wenigstens soweit meine Kenntnis solcher Bücher reicht.



 Sechzehntes Kapitel.
Ein internationaler Kongreß aller Künste und Wissenschaften.










[389] Der Anlaß. Zur Jahrhundertfeier des Ankaufs des Staates Louisiana durch die Vereinigten Staaten von dem früheren Besitzer Frankreich war auf das Jahr 1904 eine Weltausstellung in St. Louis angesetzt worden, an welcher sich auch das deutsche Reich weitgehend beteiligte. Unter den mancherlei Veranstaltungen, welche mit der Weltausstellung verbunden wurden, befand sich ein internationaler Kongreß der Künste und Wissenschaften. Derartige Zusammenkünfte hatten schon bei früheren Weltausstellungen stattgefunden, hatten sich jedoch darauf beschränkt, Inhalt der Vorträge und Wahl der Sprecher der freiwilligen Teilnahme zu überlassen. Hier sollte aber versucht werden, das ganze Gebiet menschlicher Geistesarbeit als wohlgeordnetes Ganzes zur Geltung zu bringen und für jedes Einzelfeld dieses gesamten Gebietes womöglich zwei führende Vertreter aus der Gelehrtenschaft der ganzen Kulturwelt als Redner zu gewinnen. Um die Zusammenkunft unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen dieser Vertreter des menschlichen Denkens und Wissens zu gestalten, war für jeden eingeladenen Sprecher eine Reiseentschädigung von 500 Dollars vorgesehen, welche Summe für den Zweck gut ausreichte.[390]
Der Keim dieses Gedankens wird dem Museumsdirektor F.J.V. Skiff zugeschrieben. Ein Ausschuß, der hauptsächlich aus den Präsidenten der führenden amerikanischen Universitäten zusammengesetzt war, bearbeitete ihn. Herr F.W. Holls von New York gab die wesentliche Anregung, daß die Sprecher honoriert werden sollten und Hugo Münsterberg, Professor der Psychologie an der Harvard-Universität entwickelte in einem Schreiben an Holls das System der Wissenschaften, nach welchem die Vorträge zu ordnen und die Sprecher zu wählen seien. So gewann der allgemeine Gedanke eine bestimmte, ausführbare Gestalt. Zum Präsidenten des Kongresses wurde der Senior der amerikanischen Astronomen S. Newcomb gewählt. Vizepräsidenten wurden die Professoren Hugo Münsterberg und Albion W. Small, Soziolog an der Universität Chicago. Außerdem wurden zu Ehren-Vizepräsidenten als Vertreter der Länder England, Frankreich, Deutschland, Rußland, Italien und Japan James Bryce, Gaston Darboux, Wilhelm Waldeyer, Oskar Backlund, Theodor Escherich, Attilio Brunialti und N. Hozumi gewählt. Die Versammlung fand vom 19. bis zum 25. September 1904 in St. Louis auf dem Ausstellungsgelände statt.
Die Ordnung des Wissens. Der Kongreß von St. Louis sollte eine geordnete Zusammenfassung alles menschlichen Wissens und Könnens bringen. Es lag also hier ein praktischer Fall vor, wo die von jeher versuchten methodischen Ordnungen der Wissenschaften zur Anwendung kommen sollten und man muß fragen, ob und wie jene alte Aufgabe gelöst war.
Die Antwort muß lauten: nicht befriedigend. Es fehlte an der Durchführung eines allgemeinen und umfassenden Gesichtspunktes. Zufälligen Verhältnissen war ein zu großer Einfluß eingeräumt und daher gelang es[391]  nicht, einen eindeutigen Ort für jedes Gebiet festzulegen. Dies wird objektiv dadurch ersichtlich gemacht, daß dieselbe Sache an verschiedenen Stellen erscheint, so die Ästhetik bei der Philosophie und der Kunstgeschichte.
Die Einteilung geschah zunächst nach sieben Gruppen: A. normative, B. geschichtliche, C. physische, D. geistige, E. nützliche Wissenschaften, F. soziale Regelung, G. soziale Kultur. Die Gruppen zerfallen insgesamt in 24 Abteilungen und diese in Sektionen wie folgt:



A. Normative Wissenschaften.
1. Philosophie.
a) Metaphysik, b) Religionsphilosophie, c) Logik, d) Methodologie der Wissenschaften, e) Ethik, f) Ästhetik.
2. Mathematik.
a) Algebra und Analysis, b) Geometrie, c) Angewandte Mathematik.

B. Geschichte.
3. Politische und ökonomische Geschichte.
a) Geschichte von Asien, b) von Griechenland und Rom, c) Mittelalter, d) Neuere Geschichte von Europa, e) Geschichte von Amerika, f) Geschichte der wirtschaftlichen Gebilde.
4. Rechtsgeschichte.
a) Geschichte des römischen Rechts, b) des Gemeinen Rechts, c) Vergleichende Rechtsgeschichte.
5. Sprachgeschichte.
a) Sprachvergleichung, b) Semitische, c) Indo-Iranische Sprachen, d) Griechisch, e) Latein, f) Englisch, g) Romanische, h) Germanische Sprachen.
6. Literaturgeschichte.
a) Indo-Iranische Literatur, b) Klassische, c) Englische, d) Romanische, e) Germanische, f) Slavische, g) Schöne Literatur.[392]
7. Kunstgeschichte.
a) Klassische Kunst, b) Moderne Architektur, c) Moderne Malerei.
8. Religionsgeschichte.
a) Brahminismus und Buddhismus, b) Mohamedanismus, c) Altes Testament, d) Neues Testament, e) Geschichte der christlichen Kirche.

C. Physikalische Wissenschaften.
9. Physik.
a) Physik der Materie, b) des Äthers, c) des Elektrons.
10. Chemie.
a) Anorganische, b) Organische, c) Physikalische, d) Physiologische Chemie.
11. Astronomie.
a) Astrometrie, b) Astrophysik.
12. Die Wissenschaft von der Erde.
a) Geophysik, b) Geologie, c) Paläontologie, d) Petrologie und Mineralogie, e) Physiographie, f) Geographie, g) Ozeanographie, h) Kosmische Physik.
13. Biologie.
a) Phylogenie, b) Morphologie der Pflanzen, c) Physiologie der Pflanzen, d) Pathologie der Pflanzen, e) Ökologie, f) Bakteriologie, g) Morphologie der Tiere, h) Embryologie, i) Vergleichende Anatomie, k) Anatomie des Menschen, l) Physiologie.
14. Anthropologie.
a) Somatologie, b) Archäologie, c) Ethnologie.

D. Geisteswissenschaften.
15. Psychologie.
a) Allgemeine, b) Experimentelle, c) Vergleichende und genetische, d) Anormale Psychologie.
16. Soziologie.
a) Soziale Struktur, b) Soziale Psychologie.

 E. Nützliche Wissenschaften.
[393] 17. Medizin.
a) Öffentliche Gesundheitspflege, b) Hygiene, c) Pathologie, d) Therapeutik und Pharmazie, e) Innere Medizin, f) Neurologie, g) Psychiatrie, h) Chirurgie, i) Gynäkologie, j) Ophthalmologie, k) Otologie und Laryngologie, l) Pädiatrik.
18. Technologie.
a) Hoch- und Tiefbau, b) Mechanische Technologie, c) Elektrotechnik, d) Bergbau, e) Technische Chemie, f) Agrikultur.
19. Ökonomik.
a) Theorie der Ökonomik, b) Transport, c) Handel und Verkehr, d) Geld und Kredit, e) Öffentliche Finanzen, f) Versicherung.

F. Soziale Regelung.
20. Politik.
a) Theorie der Politik, b) Diplomatie, c) Staatsverwaltung, d) Kolonialverwaltung, e) Stadtverwaltung.
21. Rechtswissenschaft.
a) Internationales Recht, b) Staatsrecht, c) Privatrecht.
22. Soziale Wissenschaft.
a) Die Familie, b) Die Landgemeinde, c) Die Stadtgemeinde, d) Die Industrie, e) Die Arbeitnehmer, f) Verbrechen.

G. Soziale Kultur.
23. Erziehung.
a) Theorie, b) Die Schule, c) Das Kolleg, f) Die Universität, e) Die Bücherei.
24. Religion.
a) Allgemeine religiöse Erziehung, b) Erziehung zu religiösen Ämtern, c) Religiöse Faktoren, d) Religiöse Arbeit, e) Religiöser Einfluß, persönlich, f) Derselbe, sozial.

[394]  Kritik. Es ist schon der Mühe wert, diesen praktisch durchgeführten Versuch, das gesamte menschliche Wissen zu organisieren, etwas genauer zu betrachten, wenn er auch viel deutlicher zeigt, wie es nicht gemacht werden soll, als wie es gemacht werden kann.
Zunächst fällt die Unkenntnis oder Mißachtung der einfachsten Gesetze der Ordnungswissenschaft auf. Eine gesunde Einteilung muß nach einem einheitlichen Gedanken erfolgen, so daß die Teilstücke sich gegenseitig zur Vollständigkeit ergänzen. Ein solcher fehlt durchaus. Normative, geschichtliche, physische, geistige Wissenschaften usw. sind nicht Teile desselben Ganzen, denn in der geschichtlichen Abteilung treten die gleichen Wissenschaften auf, die später als eigene Abteilungen erscheinen, zum Zeichen, daß die Geschichte keine selbständige Wissenschaft ist, sondern eine Methode oder Betrachtungsweise, die auf jede Wissenschaft angewendet werden kann.
Besonders zerfetzt erscheint die Soziologie. Zu ihr gehören die Ethik, die unter A 1 steht, die Soziologie unter D 16 und die ganzen Abteilungen F und G, 20 bis 24. Dabei hätte unter B noch eine Geschichte der Soziologie untergebracht werden können oder müssen.
Physiologische Chemie 10 d gehört nicht unter Chemie, sondern unter Physiologie, 13 k, von der die Pflanzenphysiologie 13 c ganz unlogisch abgetrennt ist.
So könnte man noch lange fortfahren. Eine solche Erörterung ist keineswegs unnütz, denn bei dem immer mehr beschleunigten Wachstum des menschlichen Wissens wird die Frage nach einer grundsätzlichen Ordnung immer dringender. Man überlege sich nur, mit welchem primitiven Hilfsmittel man in den Handbüchern des Wissens (Konversations-Lexikon) eben dieses Material ordnet, soweit es für den täglichen Gebrauch dient. Es ist dies die Aufreihung der Stichworte nach dem ABC,[395]  d.h. der vollständige Verzicht auf jede sachliche Ordnung. Selbst innerhalb einzelner Wissenschaften hat man dies rohe Verfahren angewendet; es gibt Handwörterbücher der Chemie, der Physik, der Mathematik usw., wo die Wissenschaft längst ihre innere Ordnung hat oder haben könnte.
Die Einladung. Um die europäischen Gelehrten, die von dem Arbeitsausschuß des Kongresses unter Mitwirkung des ganzen wissenschaftlichen Amerika gewählt waren, zur Teilnahme zu veranlassen, war die Form der persönlichen Werbung gewählt worden. Newcomb hatte die Französischen, Münsterberg die Deutschen, Small die Englischen, Russischen und Italienischen Kandidaten zu bearbeiten übernommen. Demgemäß erschien im Sommer 1903, ein Jahr vor der Versammlung, Professor Münsterberg, den ich bis dahin nicht einmal dem Namen nach gekannt hatte, bei mir und legte mir nach einigem einleitenden Plaudern den Plan vor.
Münsterberg war von ziemlich großer Statur mit einer kleinen Neigung zur Wohlbeleibtheit, rundem Kopf und Gesicht, der Schädel fast völlig kahl, doch ohne Grau im starken Schnurrbart. Die Haltung verriet den Schreibtischarbeiter. Er war in Leipzig wohl zuhause, denn er war Wundts Schüler gewesen. Auch lebte er ganz und gar in der deutschen philosophischen Bewegung mit, wo er sich der süddeutschen idealistischen Gruppe unter Windelbands Führung angeschlossen hatte, die in bewußter und zäher Arbeit die Eroberung womöglich aller philosophischen Lehrstühle Deutschlands anstrebte. Auch hatte ich den Eindruck, daß Münsterbergs Bestreben dahin gerichtet war, wieder nach Deutschland und auf einen möglichst einflußreichen Lehrstuhl, z.B. den Leipziger zu gelangen.
Da seiner Richtung die von mir vertretene empiristische Naturphilosophie durchaus unwillkommen war, so[396]  muß es als ein Opfer von seiner Seite angesehen werden, daß er mir die Einladung zur Teilnahme nicht als dem Vertreter der physikalischen Chemie, sondern als dem Philosophen zu überbringen übernommen hatte. Jene wurde durch van't Hoff und Arthur A. Noyes, einen meiner ältesten und besten Schüler aus Amerika, damals Professor an der Technischen Hochschule in Boston vertreten.
Meine Teilnahme war in der Abteilung 1, Philosophie Sektion d), Methodik der Wissenschaften vorgesehen. Zum zweiten Redner war Benno Erdmann, damals Professor der Philosophie in Bonn, später in Berlin gewählt worden. Ich sollte über die Theorie der Wissenschaften sprechen, Erdmann über den Inhalt und die Geltung des Kausalgesetzes. Die führende Stellung in der internationalen Philosophie, welche mir die Amerikaner dergestalt anwiesen, hat die Deutschen Kollegen nicht wenig verschnupft. Für mich konnte sie eine Rechtfertigung der Wendung sein, welche ich seit fünf oder sechs Jahren meinem wissenschaftlichen Schifflein gegeben hatte. Doch fühlte ich, offen gesagt, kein inneres Bedürfnis nach einer solchen Rechtfertigung. Für meine Kollegen, insbesondere in Leipzig war diese Einladung ein Anlaß mehr, negative Schlüsse auf meine fernere Tauglichkeit für das Lehramt zu ziehen, das ich an der Universität zu versehen hatte.
Reisegenossen. Etwa eine Woche früher als nötig reiste ich von Bremen mit dem Dampfer Kaiser Wilhelm der Große nach New York ab. Ich hatte mir vor genommen die freie Woche größtenteils am Niagarafall zu verbringen und dort soviel als möglich zu malen, wozu ich mich mit dem Nötigen reichlich versehen hatte. Auf dem Schiff traf ich einige Zweckgenossen, die gleich mir nach St. Louis unterwegs waren. Da war der Anatom Wilhelm Waldeyer, die Soziologen F. Tönnies und G. Ratzenhofer, der Kinderarzt Escherich und der Astronom O. Backlund.[397]
Mit dem Wiener Escherich, der meinen Namen kannte und mir freundlich entgegenkam, habe ich mich besonders viel unterhalten. Er erwies sich als ein großzügig denkender Mann von mannigfaltigen Kenntnissen und Gedanken, der sich lebhaft um die Grenzgebiete seines Faches und darüber hinaus bemühte, so daß ich mancherlei von ihm lernen konnte. Hierbei entstanden in meinem Gehirn Gedankenansätze, die sich erst in jüngster Zeit weiter entwickelten und zu dem Begriff der Überheilung gestalteten, den ich 1924 in die Biologie einzuführen versucht habe. Persönlich war er eine höchst gewinnende Erscheinung, eine hohe, schlanke Gestalt mit blassem Gesicht, dunklem Haar und Bart und wohllautender, lebhafter Sprache.

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In dauernder guter Erinnerung ist mir der Soziologe Ferdinand Tönnies geblieben. Äußerlich war er ungefähr das Gegenteil von Escherich. Klein von Gestalt hielt er sich so gebückt, daß er etwas verwachsen aussah. Das Gesicht blaß, die Stirn kahl, still und zurückhaltend im Verkehr ließ er alsbald den einsamen Denker erkennen, dem es viel leichter ist, neue und förderliche Gedanken zu erarbeiten, als sie seinen Mitmenschen zugänglich zu machen. Doch schien er den Verkehr mit mir eher zu suchen, als abzuweisen. Ich mußte ihm bekennen, daß die Soziologie in meinem Denken bisher nur wenig Platz gefunden hatte. Obwohl ich theoretisch völlig überzeugt von ihrer Wichtigkeit war, hatte ich unter dem Vielerlei, womit ich mich beschäftigte, noch kein Buch angetroffen, aus dem mir das Vorhandensein faßbarer wissenschaftlicher Ergebnisse in diesem Gebiet ersichtlich geworden wäre. Als Entschuldigung kann ich anführen, daß es damals noch keinen ordentlichen Lehrstuhl für diese Wissenschaft an einer deutschen Universität gab. Was hier geleistet wurde, stammte von einzelnen Vertretern der Volkswirtschaft her. Die Namensverwandtschaft Soziologie[398]  – Sozialdemokratie machte die ganze Richtung verdächtig, wie denn auch jene Nationalökonomen als »Kathedersozialisten« einigermaßen bedenklich erschienen. Ich aber überließ mich in politischen Dingen damals ganz der geistigen Führung durch Bismarck, der den ungeheuren Schaden, den die Sozialdemokraten dem Deutschen Reich zufügen würden, mit unheimlicher Sicherheit voraussah.
Den Gesprächen mit Ferdinand Tönnies danke ich die Einführung in das soziologische Denken. Denn er ließ sich durch meine Unkenntnis und meinen einseitigen Standpunkt nicht abschrecken und überzeugte mich davon, daß seine Wissenschaft Gedanken und Aufgaben von unabsehbarer Tragweite barg. Wenn ich hernach meinen Zeitgenossen einiges Förderliche über die soziale Seite der Wissenschaft sagen konnte und meinerseits zunehmend lernte, sie als soziale Erscheinung von ganz besonderer Art und Wichtigkeit zu begreifen, so verdanke ich die Anregung dazu jenen Unterhaltungen mit F. Tönnies an Bord des Kaiser Wilhelm.
Viel geringer war die Berührung mit Gustav Ratzenhofer. Dieser war aus kleinen Verhältnissen in der österreichischen Armee durch Energie und Begabung im regelmäßigen Aufstieg bis zum Range eines Feldmarschallleutnants gelangt. Infolge eines Konfliktes in einer grundsätzlichen Frage nahm er in vorgeschrittenen Jahren seinen Abschied, um sich ganz seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen, die er ohne Zusammenhang mit anderen Gelehrten autodidaktisch betrieb. In St. Louis vertrat er in der Abteilung Soziologie die Sektion A. Soziale Struktur, neben F. Tönnies.
Ratzenhofer war 62 Jahre alt, als ich ihn auf dem Schiffe traf; er hatte das typische Aussehen des höheren österreichischen Militärs, der sich in seiner Haar- und Barttracht nach seinem Kaiser richtet. Man sah ihn[399]  wenig, da er von der Seekrankheit zu leiden schien; auch machte er einen schwächlichen Eindruck. Er war von seinem Sohne begleitet. Seinen Vortrag hat er hernach noch in St. Louis gehalten, doch anscheinend mit einem letzten Zusammenraffen seiner Kräfte, denn auf der Rückreise ist er am 4. Oktober 1904 gestorben.
Wie ich aus seinen Schriften später entnommen habe, hatte ihn die Energetik lebhaft beschäftigt. Er hat sich bemüht, sich mit ihr auseinander zu setzen, doch lagen seine Kenntnisse nicht in der Richtung der Physik und Chemie, und so kam er nicht zu einem sachlich gegründeten Urteil. Mir waren sein Name und seine Schriften ganz unbekannt geblieben, was ihn anscheinend in Verwunderung setzte. Daher ist es erklärlich, daß einige Gespräche, die er mit mir anknüpfte, ergebnislos verliefen.
Eine große Freude war es mir, meinen Dorpater Bekannten Oskar Backlund unter den Mitreisenden zu entdecken. Er kannte keinen der Kollegen persönlich und war dankbar, in unseren heiteren Kreis einbezogen zu werden. Von dem Observator an der Dorpater Sternwarte hatte er sich vermöge seiner Tüchtigkeit zum Direktor der Hauptsternwarte des Russischen Reiches in Pulkowa bei Petersburg emporgearbeitet und vertrat als solcher die Russische Wissenschaft auf dem Kongreß. Durch sein stillfreundliches Wesen erwarb er sich alsbald ungeteilte Sympathien in unserer kleinen Gesellschaft.
Außer mit den genannten Kollegen, denen sich noch Sir Felix Semon zugesellte, der ein Bruder vom Autor der »Mneme« und Leibarzt des Königs von England war, sowie der Oxforder Professor W.A. Sorley, verkehrte ich noch mit meinem Tischnachbar Werkwalt Gerdes von der Firma Pintsch, eines der führenden Werke in der Beleuchtungstechnik. Es war dieser eben gelungen, metallisches Tantal in massiven Stücken herzustellen, das wegen seines sehr hohen Schmelzpunktes und seiner[400]  chemischen Beständigkeit große Bedeutung für die Industrie gewinnen konnte und er war nach Amerika unterwegs, um wegen der wirtschaftlichen Verwertung zu verhandeln. Doch haben sich anscheinend später die Hoffnungen nicht erfüllt; den Grund wüßte ich nicht anzugeben.
Da Escherich die Österreichische und Waldeyer die Deutsche Wissenschaft amtlich in St. Louis zu vertreten hatten, stellten wir gewissermaßen einen erheblichen Teil des bevorstehenden Kongresses schon auf dem Schiffe dar. Auch mit Waldeyer ergaben sich trotz des großen Altersunterschiedes sehr angenehme persönliche Beziehungen, so daß uns allen die Reise über den Ozean sehr kurz vorkam. Wir befanden uns allerdings auch auf dem schnellsten Schiff, das zwischen Europa und Amerika verkehrte, denn soeben war das »blaue Band« für diesen Wettbewerb dauernd nach Deutschland gelangt. Dies erfüllte viele Engländer mit Zorn und Bitterkeit gegen uns, wie ich vielfach zu bemerken Gelegenheit hatte, um so mehr, als sie die Schuld nur sich selbst zuzuschreiben hatten.
Abschied vom Schiff. Sehr lehrreich verlief das festliche Abschiedsessen, das Kapitäns-Dinner auf dem Schiff. Ich war von dem Kapitän an einem der ersten Tage mit dem Ausdruck der Freude darüber begrüßt worden, daß er mich persönlich kennen lernen konnte. Als ich verwundert fragte, wie ihm denn mein Name bekannt geworden sei, machte er eine beinahe gekränkte Miene. Er meinte, das dürfte ich ihm schon zutrauen, daß er von mir gehört und gelesen habe. Vermutlich gehörte es zu seinen Pflichten, den Reisenden auf seinem schönen Schiff persönlich angenehme Dinge zu sagen. Von den Mitreisenden war ich dann ersucht worden, die übliche Dankrede auf den Kapitän bei dem Festessen zu halten. Ich unterzog mich gern der Aufgabe, anscheinend zur Zufriedenheit meiner Auftraggeber.[401]
Nach mir hielt ein Amerikaner eine Rede zu dem gleichen Zweck, die vorwiegend aus Kalauern bestand. Der beste von ihnen war eine Anspielung auf das vielbeliebte Schmuggeln zollpflichtiger Sachen, namentlich Pelze und Schmuck, das von seinen Landsmänninnen in größtem Umfange betrieben wurde. Er zitierte die berühmte Botschaft des englischen Admirals Nelson vor der Seeschlacht von Abukir: England erwartet, daß jedermann seine Pflicht tun wird (that everybody will do his duty). Die Parole Amerikas laute ähnlich: Amerika erwartet, that everybody will pay his duty (daß jedermann seinen Zoll = duty bezahlen wird).
Der Kapitän erwiederte, aber zur größten Entrüstung der deutschen Reisenden, in Englischer Sprache. Wir baten alsbald Waldeyer als unseren Senior, dem Kapitän unsere Meinung ernstlichst zu sagen; ich glaube aber, er hat es hernach doch nicht getan. Diese Deutsche Knechtseligkeit wirkte um so abstoßender, als sie vom Führer des Schiffes begangen wurde, das soeben die Überlegenheit des Deutschen Schiffbaus über den Englischen, der bisher als der erste in der Welt galt, glanzvoll bewiesen hatte.
Zum Schluß kam die übliche Bittrede für eine Sammlung zu Gunsten der Seemanns-Witwen und -Waisen. Sie wurde von einer Amerikanerin gehalten, die sich zunächst selbst als diejenige vorstellte, welche von ihren Freunden die gescheiteste Rednerin (the cleverest woman speaker) in Amerika genannt würde. Und dann begann ein Niagara von Geschwätz, das kein Ende nahm, so daß die Leute aufstanden, Knallbonbons losgehen ließen, sich laut unterhielten und andere Zeichen der Ungeduld von sich gaben. Zuletzt ging die Rede in eine richtige Predigt über, und endete unter allgemeiner Unaufmerksamkeit. Bei der noch aus den Kolonialzeiten übrig gebliebenen übertriebenen Wertschätzung der Frau in der amerikanischen[402]  Gesellschaft war mir dieser Vorgang in mancher Beziehung lehrreich.
New York. Die Ankunft in New York ging diesmal glatt vor sich, da die Kongreßleitung uns durch einige Beauftragte empfangen ließ, welche die üblichen Formalitäten erfreulich abkürzten. Ein früherer Schüler, Dr. Morgan, der inzwischen an der Columbia-Universität in New York eine Lehrstelle angetreten hatte, begrüßte mich gleichfalls und machte mich mit meinem dortigen Fachkollegen, Professor Charles. F. Chandler bekannt, der mitgekommen war. Dieser war noch ein Schüler Wöhlers gewesen, an den er mit wärmster Dankbarkeit zurückdachte und bewegte sich trotz seiner 68 Jahre mit jugendlicher Frische. Er war von großer, sehniger Gestalt, mit glattem länglichem, rotem Gesicht und spärlichem Haarwuchs und hatte vor kurzem eine junge Frau geheiratet, nachdem er vor einigen Jahren seine erste Gattin verloren hatte. Als ich ihn später in seinem Heim besuchte, zeigte er mir die verschiedenen Turn- und Boxeinrichtungen, durch deren regelmäßigen Gebrauch er seinen Körper geschmeidig erhielt. So hat er sein Alter bis auf etwa 90 Jahre gebracht, denn ich erhielt erst Ende 1925 die Nachricht von seinem Tode.
Die Freunde brachten mich im Manhattan-Hotel unter, wo ich den Betrieb eines dortigen Riesengasthofs kennen lernte. Das Haus nahm einen guten Teil eines Straßenblocks ein und das Erdgeschoß war eine große Halle, die wie eine Fortsetzung des Fußsteigs der Straße wirkte, so lebhaft war der Verkehr aus und ein. Unter Dr. Morgans Führung lernte ich New York etwas genauer kennen und verbrachte bei gutem, nicht schwülem Wetter einige sehr angenehme Stunden in dem ausgedehnten Central-Park, der bei weitem das Schönste in dieser Stadt ist. Der Verkehr in der Haupt-Geschäftsstraße, dem Broadway war betäubend; die anderen Straßen waren[403]  stiller aber sämtlich viel weniger reinlich, als ich es in Deutschland gewohnt war.
Natürlich mußte ich Chandlers Institut besehen, obwohl ich es gar nicht sehen wollte, doch enthielten seine sehr ausgedehnten Sammlungen mancherlei Merkwürdiges und Spaßhaftes. Auch Morgan zeigte mir seine physikochemische Abteilung und ich konnte beruhigt an das bevorstehende Aufgeben meines Laboratoriums in Leipzig denken, da ich ihn mit allen Mitteln versehen sah, die Forschungen in meiner alten Wissenschaft fortzuführen.
Um dieselbe Zeit wie der Kongreß von St. Louis tagte in den Vereinigten Staaten der Internationale Chemikerkongreß unter dem Vorsitz meines Freundes William Ramsay. Dies bedingte, daß ich schon in New York und später noch mehrmals in anderen Städten der Union mit den internationalen Chemikern zusammentraf, die mich alsbald als einen der Ihren in Anspruch nahmen, wobei Ramsay ihnen voranging. Er war gleichzeitig in New York eingetroffen und suchte mich im Gasthof auf, um sich meiner Person für den Empfang seitens der New Yorker Chemiker zu versichern. Wir freuten uns sehr des Wiedersehens und verabredeten alsbald, womöglich die Heimfahrt auf demselben Dampfer zu machen, was auch geschah.
Am Abend war ein großer Empfang im »Chemical Club«, wozu ich als Gast eingeladen wurde. Dort mußte ich unzählige Bekanntschaften machen, unter anderen die eines Herrn Mallinckrodt aus St. Louis, der sich als ein schwer reicher Fabrikant erwies und um die »Gunst« bat, mich nebst van't Hoff während des Kongresses zu beherbergen. Ich nahm es dankend an, nachdem mich Ramsay über ihn orientiert hatte. Dann gab es eine »reception«. Diese bestand darin, daß etwa 4 oder 5 Personen, zuerst Ramsay, dann ich, ein munterer Millionär[404]  Nichols und noch ein oder zwei andere, die ich vergessen habe, sich nebeneinander aufstellten, worauf die anwesenden Damen und Herren eine Schlange bildeten, die an uns vorüberzog. Einige Festordner besorgten die Vorstellung, es gab ein kräftiges Händeschütteln und dann kam der oder die Nächste daran. Die Arbeit dauerte etwa anderthalb Stunden und war zuletzt sehr ermüdend, so daß ich eine schlechte Nacht davon hatte.
Am anderen Tage gab es die üblichen Führungen und am Abend ein großes chemisches Festessen mit zahllosen neuen Bekanntschaften, Reden usw. Das wurde mir zu viel, so daß ich am nächsten Morgen nach dem Niagarafall abreiste, wo mir eine Reihe von stillen und frohen Tagen bevorstand.
Bei den Niagarafällen. Mit großer Freude erneuerte ich die Bekanntschaft mit den wunderschönen Fällen, die im vorigen Jahre so kurz gewesen war, und fand bei näherer Kenntnis meine Erwartungen allseitig übertroffen. Ich brachte mich in einem kleinen deutschen Gasthof in nächster Nähe der Fälle unter, wo ich die ersten Tage ohne alle Bekannten blieb und zog alsbald zum Malen aus. Dazu brauchte ich mich nur irgendwo hinzusetzen und konnte alsbald losmalen, denn von einem Sitz waren meist durch bloße Drehung auf dem Sessel mehrere bildmäßige Ansichten zu erhalten.
Die Arbeit ging mir besser und schneller von der Hand als jemals zuvor, so daß ich es auf acht bis zehn Bilder täglich brachte, während sonst vier oder fünf die höchste erreichte Anzahl war. Und darunter gab es einen ungewohnt günstigen Prozentsatz gut gelungener Blätter. Was die Arbeit vor der Natur anlangt, habe ich damals meinen künstlerischen Höhepunkt erlebt. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß dies auch mit starken persönlichen Glücksgefühlen verbunden war, zumal ich mich dieser Tätigkeit ohne jede innere Hemmung hingab,[405]  da ich sie als bei weitem die beste Vorbereitung auf die anstrengenden Tage in St. Louis ansah.
Auf meinen einsamen Wanderungen traf ich zuweilen O. Backlund an, der sich ebenso einsam dorthin zurückgezogen hatte, um seinen Vortrag für St. Louis auszuarbeiten. Ich hatte den meinen schon auf dem Schiff niedergeschrieben und er war, wie ich damals nach Hause berichtete, besser geraten, als ich erwartet hatte.
Nachdem ich binnen vier Tagen mehr als dreißig Studien gemalt hatte, verließ ich die Niagarafälle. Es hatten sich ohnehin in den letzten Tagen einige Kongreßkollegen eingefunden, die mir nicht besonders gefielen. Ich erinnere mich mehrere Gespräche mit dem Kunsthistoriker Richard Muther, dessen einseitiges und oberflächliches Eintreten für die Französischen Maler meinen Widerspruch erregte. Auch mit dem Biologen Oskar Hertwig, Berlin, wollte sich kein behagliches Verhältnis herstellen, ganz im Gegensatz zu seinem Münchener Bruder Richard, mit dem ich einige Jahre später ungemein angenehme Wochen auf der Insel Teneriffa zubrachte.
Begrüßung früherer Schüler. Vom Niagara wandte ich mich zunächst nach Toronto, wo an der Universität zwei meiner Schüler Lash Miller und B. Kenrick ein physikochemisches Laboratorium in Gang gebracht hatten. Besichtigungen und angenehme Plauderstunden mit den dortigen Kollegen, namentlich dem physiologischen Chemiker Mac Callum füllten den Tag aus. Einen erheblichen Unterschied dieser Stadt in Kanada von den Amerikanischen Städten konnte ich nicht erkennen.
Ein ähnlicher Grund veranlaßte mich, auf dem Wege nach St. Louis noch in Ann Arbor halt zu machen, wo gleichfalls ein früherer Schüler, namens Bigelow die physikalische Chemie in Vorlesung und Laboratorium lehrte. Die Aufnahme in seinem Hause und in dem Kreise[406]  der Kollegen war die denkbar herzlichste und man wollte mir durchaus das Versprechen abnehmen, später einmal zu einem längeren Besuch wieder zu kommen. Denn die Stadt und Universität lag bereits auf der Grenze nach dem wilden Westen und man legte daher ein besonderes Gewicht auf den persönlichen Zusammenhang mit den Vertretern der östlichen Kultur.
Zur Fahrt nach St. Louis gesellten sich einige Kollegen von dort, darunter der Senior der Universität, Professor Preston, ein alter magerer Herr mit langem weißem Bart, trotz eines lahmen Beins noch hervorragend rüstig, der zusammen mit seiner lieben alten Frau mich väterlich betreute.
Die Eisenbahnstation für Ann Arbor war Detroit, von wo eine elektrische Straßenbahn mich in mehrstündiger Fahrt nach meinem Ziel gebracht hatte. Den umgekehrten Weg machte ich in einem Automobil, das von dem Sohne eines dortigen Kollegen gesteuert wurde. Diese Fahrzeuge waren damals noch selten und die Art der Beförderung gefiel mir sehr. Detroit ist hernach durch die Entwicklung der Automobilherstellung berühmt geworden, denn die Werke des großen Organisators Ford sind dort errichtet.
Ankunft in St. Louis. Die Fahrt nach St. Louis war lang und heiß. Im Schlafwagen hatte ich mich mit einem oberen Bett begnügen müssen, das noch viel unbequemer ist, als das untere. In diesem brachte sich, von trübsten Ahnungen meinerseits begleitet, eine Mutter mit einem etwa einjährigen Kinde unter. Doch kann ich zu beider Ehre und zur Ehre der Amerikanischen Nation berichten, daß ich den kleinen Staatsbürger während der langen Nacht weder gehört, noch gerochen habe.
Mit der üblichen großen Verspätung trafen wir am Vormittag in St. Louis ein. Das Haus meines Gastfreundes war leicht zu erfragen und zu erreichen. Es stellte sich als[407]  ein sehr prächtiger Wohnpalast heraus und meine Unterkunft war von fast fürstlichem Luxus. Herr Mallinckrodt, seine Gattin und sein erwachsener Sohn begrüßten mich auf das entgegenkommendste. Der Vater stammte aus Deutschland und sprach noch geläufig Deutsch. Die Mutter war Amerikanerin mit ausgeprägter Vorliebe für französische Bilder, Bücher und Kleider. Der Sohn legte aber Gewicht auf das Deutsche Blut in seinen Adern und sehnte sich, seine Studien in Deutschland zu beenden.
Beim Frühstück konnte ich van't Hoff begrüßen, der von seiner älteren Tochter Jenny begleitet und im gleichen Hause beherbergt war. Er war von der Reise etwas angegriffen und hatte auch später mit Unwohlsein zu kämpfen.
In meinem Zimmer fand ich die Besuchskarte des deutschen Reichskommissars Geheimrat Lewald, der die Deutsche Abteilung der Ausstellung unter Überwindung zahlreicher und großer Schwierigkeiten organisiert hatte. Von ihm wird noch einiges zu er zählen sein.
Die Weltausstellung. Mit großer Neugier besuchte ich am nächsten Vormittag das sehr ausgedehnte Gelände der Ausstellung. Beim Eingang war ein weiter freier Platz vorgesehen, den man überschreiten mußte. Die Wege waren mit doppelten Reihen von Männern besetzt, welche mit Hilfe eines typisch Amerikanischen Marterinstruments, Megaphon genannt, das sich als ein Sprachrohr von ungeheuren Abmessungen erwies, Reklamen für alle möglichen Dinge brüllten. Lärm aller Art stellte sich immer wieder als das Hauptkennzeichen der Vereinigten Staaten heraus. Darauf beruht der eigentümlich hohe und schrille Sprechklang, der das Amerikanische Englisch so deutlich vom Britischen unterscheidet. Denn nur durch die Mitwirkung starker Obertöne kann der Amerikaner mit seiner Stimme das unaufhörliche Getöse durchdringen, in dem er lebt.[408]
Vor allen Dingen schaute ich natürlich nach den wissenschaftlichen Genossen aus, die gleich mir zum Kongreß gekommen waren. Hierbei stellte sich ein ziemlich großes Maß von Lieblosigkeit oder Verständnismangel der Leitung heraus. Sehr viel wertvoller als der Inhalt der Vorträge, die man ja viel bequemer hernach in dem Gesamtbericht studieren konnte, war die Gelegenheit, daß so viele Köpfe ersten Ranges während einer Woche auf demselben Fleck der Erde versammelt waren und in gegenseitigen Verkehr treten konnten. Es wäre also in erster Linie für eine Halle zu sorgen gewesen, in welcher sich die Teilnehmer aufhalten konnten, wenn sie nicht anderweit in Anspruch genommen waren und wo man daher sicher sein konnte, jederzeit höchst interessante Gesellschaft zu treffen. Was Männer solcher Art sich in einer Viertelstunde zu sagen wissen, kann gute Früchte auf Jahre und Jahrzehnte hinaus tragen. Und jeder Teilnehmer hätte die Erinnerung an reiche Schätze mit sich nehmen können, die ihn mit unwillkürlichem Dank gegen St. Louis und die Ausstellungsleitung erfüllt hätten. Im gleichen Raum wäre Post und Schreibgelegenheit unterzubringen gewesen, so daß selbsttätig jeder Kollege mindestens einmal täglich sich dort eingefunden hätte.
Alles dies war versäumt worden, wie denn den Teilnehmern am Kongreß die Empfindung sich aufdrängte, daß sie von den maßgebenden Personen als Anhängsel und Fremdkörper angesehen wurden. Und diese Ansicht scheint auch in den weitesten Volkskreisen vorherrschend gewesen zu sein. Denn die Statistik des Besuches ergab, daß die Zahl der verkauften Eintrittskarten während der wissenschaftlichen Woche stark hinter der der vorangegangenen und der nachfolgenden zurückgeblieben war. Also nicht einmal die sonst bei den Amerikanern stark entwickelte Neugier war durch die Gelehrten angeregt[409]  worden. Der Gedanke, sich eine Anzahl der besten Köpfe der Zeit wenigstens anzusehen und sie sprechen zu hören, war der großen Masse überhaupt nicht gekommen, die sonst so bereitwillig »vor das Tor geht, um das Rhinozeros zu sehen«.
Ein Gedanke zur Kulturpflege. Den oben angedeuteten Gedanken, einen unformalen persönlichen Verkehr der Denker unserer ganzen Kulturwelt zu ermöglichen, habe ich weiterhin mehrfach der Verwirklichung anzunähern mich bemüht, wenn ich mit reichen und wohldenkenden Menschen zusammentraf, doch bisher vergeblich. Ich regte an, daß in schöner Gegend, am besten am Ufer des Meeres oder eines großen Sees eine unentgeltliche Unterkunft, übrigens schlichter Art, vorgesehen werden sollte, zu der alljährlich hervorragende Männer und Frauen (doch mit Ausschluß der Künstler, für die das nicht geeignet ist) eingeladen werden sollten, um im freien, ungezwungenen Verkehr sich gegenseitig zu fördern. Vielleicht findet heute, wo so viel Zerrissenes in der allgemein menschlichen Kulturarbeit zu heilen ist, dieser Gedanke besseren Widerhall, wenn auch freilich die Anzahl der Menschen, die reich genug sind zu seiner Ausführung, viel kleiner geworden ist, namentlich in Europa. Aber schließlich sind die Kosten eines solchen Unternehmens nicht besonders hoch. Denn rechnet man 10 Mark Pension je Tag und Kopf, so können mit 14000 Mark jährlich je 50 große Männer und Frauen auf vier Wochen im Sommer in ersprießliche und friedenbringende Wechselwirkung gebracht werden. Überlegt man, daß von allen Gebieten der Kultur die Wissenschaft dem Ideal der Vereinigung aller Völker am nächsten gekommen war, bevor die Barbarei der Franzosen während des Weltkrieges auch in dieses Heiligtum der Menschheit zerstörend eingedrungen ist, so erkennt man, daß mit der Ausführung jenes Plans heute ein ganz besonderer Segen verbunden sein könnte.[410]
Einen Vorgeschmack solchen Verkehrs erlebte ich im Garten des »Deutschen Hauses«, wo der Ausschank Münchener Bieres eine Anzahl Kollegen, nicht nur Deutsche, angezogen hatte. Mit großer Freude sah ich J. Loeb wieder, der mir von meinem ältesten Sohn, der eben bei ihm Assistent war, sehr Günstiges erzählen konnte. Trotzdem er grundsätzlich abstinent war, ließ er sich zu einem Krug Bier verführen, da sich an unserem Tische eine ganze Anzahl Kollegen zusammengefunden hatten, zwischen denen alsbald ein lebendiges und höchst anregendes Gespräch aufflammte. Es war eine tiefe Freude, nachdem man mit einem Unbekannten zu plaudern begonnen und sich zu ihm hingezogen gefühlt hatte, seinen Namen zu erfahren, der immer zu den besten der Zeit gehörte.
Die Verteilung der Forscher nach Völkern. Die Anzahl der Einladungen, die an auswärtige Forscher gingen, war 150, von denen 117 angenommen wurden. Von diesen sahen sich weniger als 20 durch unvorhergesehene Ursachen verhindert, so daß am Eröffnungstage 96 Auswärtige anwesend waren; 4 kamen noch während des Kongresses dazu, so daß es gerade 100 wurden.
Der Kongreßbericht enthält keine Anordnung dieser Teilnehmer nach ihrer völkischen Zugehörigkeit. Eine Zählung, die ich vorgenommen habe, ergibt:

Deutschland und Österreich 32 + 10 = 42,
England und Kanada 21 + 3 = 24,
Frankreich 16,
Italien 4,
Japan 4,
Holland 2,
Dänemark 2,
Belgien 2,
Rußland 1,[411]
Schweiz 1,
Schweden 1,
Mexiko 1.



Die Gesamtzahl ist 100, so daß die einzelnen Zahlen unmittelbar Prozente darstellen. Zunächst fällt die ungeheure Überlegenheit der Deutschen Wissenschaft in die Augen, die mit Einrechnung der stamm- und geistesverwandten Österreicher 42 v.H., also fast die Hälfte ausmacht. Dann folgen die Engländer und in weiterem Abstande die Franzosen. Hierbei muß noch bedacht werden, daß den Amerikanischen Wissenschaftern die Englisch schreibenden Gelehrten durchschnittlich besser bekannt sein mußten, als die Deutschen, und ferner, daß in St. Louis aus geschichtlichen und persönlichen Gründen eine starke Vorliebe für die Franzosen bestand, wodurch beide Zahlen eine Steigerung erfahren hatten, die nicht unmittelbar auf wissenschaftlichen Ursachen beruhte.
Die kleinen Zahlen der anderen Völker sind zu sehr dem Zufall unterworfen, als daß sie zu Schlüssen benutzt werden könnten. So haben beispielsweise Holland und Belgien je zwei Redner geliefert, während ihre wissenschaftlichen Leistungen etwa im Verhältnis 100:1 stehen. Die Zahl 4 für Italien entspricht dagegen im Vergleich mit denen für die drei erstgenannten Völker den gegenwärtigen wissenschaftlichen Leistungen aus diesem Lande: sie sind nennenswert, aber doch viel beschränkter, als bei jenen.
Die Vorträge. Natürlich ging ich mit, als van't Hoff seinen Vortrag hatte. Der angewiesene Raum war nicht groß, so daß er überfüllt war. In übersichtlicher Weise legte der Meister dar, daß die physikalische Chemie sich auf zwei Linien entwickelt hat, der atomistisch-anschaulichen an dem Begriff der Materie und der theoretisch-allgemeinen an dem Begriff der Verwandtschaft, und kennzeichnete beide Reihen durch die Namen ihrer bedeutendsten Förderer. So entstand die folgende Tabelle:[412]
I.

Lavoisier, Dalton (1808)
Gay-Lussac, Avogadro (1811)
Dulong, Petit, Mitscherlich (1820)
Faraday (1832)
Bunsen, Kirchhoff (1861)
Periodisches System (1869)
Pasteur (1853), Stereochemie (1874)
Raoult, Arrhenius (1886–87)
Radioaktivität (Becquerel, Curie)

II.

Berthollet, Guldberg, Waage (1867)
Berzelius, Helmholtz (1887)
Mitscherlich, Spring (1904)
Deville, Debray, Berthelot
Thomsen, Berthelot (1865)
Horstmann, Gibbs, Helmholtz

Nach dem Vortrag, der lebhaften Beifall hervorrief, erbat ich mir das Wort und führte folgendes aus:
Wenn man die beiden Gedankenreihen bis in ihre Anfänge zurück verfolgt, so muß als Erster, der das Gesetz der Verbindungs- oder Atomgewichte erkannt hat, J. B. Richter (1792) genannt werden, der somit an den Kopf der ersten Reihe zu stellen ist. Der erste Forscher, der die Affinität zu messen versucht hat, ist K. F. Wenzel (1777) gewesen, mit dem die zweite Reihe zu beginnen hat. Zufällig sind beide Deutsche gewesen; ich hätte aber auch Forscher jeder anderen Nation genannt, wenn die geschichtliche Untersuchung sie zutage gefördert hätte. In unseren Tagen aber sind beide Richtungen in einem Kopf zusammengelaufen, der in beiden Gebieten Bahnbrechendes geleistet hat. Die vervollständigte Tafel bekommt daher das folgende Aussehen:

Richter (1792)

Lavoisier, Dalton (1808)
Gay-Lussac, Avogadro (1811)
Dulong, Petit, Mitscherlich (1820)
Faraday (1832)
Bunsen, Kirchhoff (1861)
Periodisches System (1869)
Pasteur (1853), Stereochemie (1874)
Raoult, Arrhenius (1886–87)
Radioaktivität (Becquerel, Curie)

Wenzel (1777)

Berthollet, Guldberg, Waage (1867)
Berzelius, Helmholtz (1887)
Mitscherlich, Spring (1904)
Deville, Debray, Berthelot
Thomsen, Berthelot (1865)
Horstmann, Gibbs, Helmholtz

J.H. van't Hoff[413]
Diese Stegreifrede wurde mit lebhaftester Zustimmung aufgenommen und führte auch zu erneutem Beifall für den Redner des Tages.
Am Nachmittag des gleichen Tages hatte ich selbst zu reden. Für meinen Vortrag war zwar ein ausreichend großer Raum vorgesehen, doch konnte ich nicht ungestört sprechen, denn mitten in der Rede zog draußen Militär mit einer energisch lärmenden Musikkapelle vorüber. Ich mußte minutenlang schweigen, bevor ich wieder zu meinen friedlichen Erörterungen zurückkehren konnte. Wenn man will, kann man dies als ein Sinnbild späterer Ereignisse ansehen. In dem Kreise meiner Hörer erkannte ich eine ganze Anzahl der ausgezeichneten Kollegen, die zum Kongreß gekommen waren; andere, die ich noch nicht kannte, nannten mir später ihren Namen. Es war eine der wissenschaftlich höchststehenden Versammlungen, zu denen ich gesprochen habe, und ich fühlte dringend den verspäteten Wunsch, daß ich mich mit mehr Ausdauer und Hingebung vorbereitet hätte, als tatsächlich geschehen war.
Meinerseits hörte ich die Vorträge von A. Harnack und H. de Vries. Der erste überraschte mich durch seine Freiheit von engem Dogmatismus, so daß ich ihn mir zur Veröffentlichung in meinen »Annalen der Naturphilosophie« erbat. Doch wollte sich Harnack darauf nicht einlassen. Der Botaniker H. de Vries hatte eben seine aufsehenerregenden Forschungen über die Mutation oder plötzliche Änderung des Typus bei Abkömmlingen veröffentlicht, die mich lebhaftest gefesselt hatten, so daß ich sehr gern die Gelegenheit ergriff, ihn persönlich zu hören. Leider erreichte ich meine Absicht nur unvollkommen. Die Vortragsräume waren unmittelbar vor dem Beginn der Versammlung als unzureichend erkannt worden und so hatte man kurzerhand aus einem Raum zwei gemacht, indem man ihn durch eine einfache[414]  Bretterwand teilte. Es war nicht bedacht worden, daß die Wand wie ein Resonanzboden wirken und alle Töne aus dem Nebenraum wiedergeben mußte. Nun wollte das Unglück, daß gleichzeitig mit de Vries ein ungewöhnlich kehlstarker Geistlicher im Nebenraum redete, so daß die ohnedies schwächliche Stimme des Naturforschers rettungslos von jener gewaltigen Posaune des Herrn übertönt wurde.
Doch entschädigte mich die persönliche Bekanntschaft, die ich bei dieser Gelegenheit mit dem ausgezeichneten holländischen Forscher anknüpfen durfte.
Die Ordnung der Wissenschaften. Da mein Vortrag dieselbe Aufgabe behandelt, welche durch die Einrichtung der Versammlung praktisch gegeben war, so mögen einige Worte über meine Lösung der alten Aufgabe gesagt werden, die seit Bacos mißglücktem Versuch viele Forscher beschäftigt hat. Mir war sie entgegengetreten, als ich 1901 für meine Vorlesungen über Naturphilosophie eine grundsätzliche Ordnung des Stoffes vorzunehmen hatte. Die von mir gefundene Lösung erwies sich hernach ähnlich der von A. Comte 70 Jahre früher gefundenen, die ich damals noch nicht kannte. Doch darf ich für mich einige wichtige Verbesserungen in Anspruch nehmen. Jene annähernde Übereinstimmung aber zeigt, daß die Aufgabe ihrer dauernden Lösung schon recht nahe gekommen ist.
Der Grundgedanke ist, daß die Ordnung der Wissenschaften durch die Ordnung der Begriffe bedingt wird, denn das Verfahren aller Wissenschaften besteht in der Bildung und Verbindung angemessener Begriffe.
Die Begriffe sind durch ihren Inhalt und ihren Umfang gekennzeichnet. Unter Inhalt sind die Teilbegriffe zu verstehen, die durch den fraglichen Begriff zusammengefaßt werden, unter Umfang die Anzahl der Dinge, welche unter den Begriff fallen. Zum Inhalt des Begriffes[415]  Mensch gehört alles, was man seine Eigenschaften nennt; sein Umfang beträgt etwa anderthalbtausend Millionen.
Inhalt und Umfang stehen im verkehrten Verhältnis. Je ärmer der Inhalt, um so größer ist der Umfang und umgekehrt. Nennt man Ding alles, was man von anderen Dingen irgendwie unterscheiden kann, so hat dieser Begriff den kleinsten Inhalt, nämlich nur die Unterscheidbarkeit, aber den größten Umfang, denn er umfaßt alles, was es gibt.
Nun kann man alle Begriffe so ordnen, daß man mit denen größten Umfanges und kleinsten Inhalts beginnt, mit abnehmendem Umfange und reicherem Inhalt fortfährt und mit kleinstem Umfange und reichstem Inhalt schließt. In einer solchen Anordnung muß jeder Begriff seinen Ort finden, sobald sein Inhalt und Umfang genau bestimmt sind. Daran fehlt es bei den Begriffen des täglichen Lebens sehr. Die wissenschaftlichen Begriffe aber sind in solchem Sinne bearbeitet, daß sie tunlichst dieser Bedingung genügen. Beispielsweise sind die Systeme der Zoologie und Botanik Gruppen solcher wohlgeordneter Begriffe, wobei hier wie überall die Vollendung ein nie erreichtes Ideal bleibt.
Führt man diese Aufgabe an der Gesamtheit aller Wissenschaften durch, so gelangt man dazu, diese Gesamtheit in Gestalt einer Pyramide aus einzelnen Schichten darzustellen, deren Breite dem Umfang, deren Höhe dem Inhalt entspricht. Die nachfolgende Figur versinnlicht diese Ordnung in den größten Zügen.[416]



Es erweist sich, daß die Begriffe Ordnung, Energie und Leben die maßgebenden sind.
Wissenschaften von der Ordnung sind nach zunehmendem Inhalt: Mathetik oder spezielle Ordnungswissenschaft, von der die Logik einen kleinen Teil bildet, Mathematik, Geometrie, Kinematik.
Wissenschaften von der Energie sind: Mechanik, Physik, Chemie.
Wissenschaften vom Leben sind: Physiologie, Psychologie, Soziologie. Zu letzterer gehören alle Geisteswissenschaften. Jede dieser Wissenschaften kann als reine und als angewandte Wissenschaft betrieben werden. Die reinen Wissenschaften sind Vorbereitungen zu den angewandten.
Besonders hervorzuheben ist, daß jede allgemeinere Wissenschaft für jede höherstehende mit reicherem Inhalt Voraussetzung ist, ohne welche diese nicht betrieben werden kann. So kann man nicht Physik treiben ohne Mathetik, Mathematik und Geometrie, Mechanik. Das Umgekehrte gilt dagegen nicht; man kann ein ausgezeichneter Chemiker sein ohne eine Kenntnis der soziologischen Wissenschaften. Letztere setzen umgekehrt eine Kenntnis aller allgemeineren Wissenschaften voraus.
Politik ist angewandte Soziologie. Fragt man, ob unsere Politiker etwas von Ordnungswissenschaft, Physik, Chemie, Physiologie verstehen, so erkennt man, wie unbeschreiblich rückständig unsere Zeit in wissenschaftlicher Beziehung noch ist und welche ungeheuren Aufgaben unsere Kinder und Enkel noch zu lösen haben.
Dies ist nur ein kurzer Hinweis auf die große Menge Belehrung, die man aus diesem einfachen Schema schöpfen kann, wenn man es zum Reden zu bringen versteht.
Heimatliche Fäden. Der Reichskommissar Le wald bezeigt ein besonderes Interesse, mich näher kennen zu[417]  lernen. In Berlin waren damals durch den Rücktritt F. Kohrauschs vom Präsidium der Reichsanstalt und den des Professors H. Landolt von der Professur für physikalische Chemie an der Universität zwei wichtige Stellen frei geworden, und es war natürlich, daß auch die Frage auftauchte, ob ich für eine dieser Stellen geeignet sei. Anscheinend war Lewald beauftragt worden, über seine Eindrücke in solcher Beziehung zu berichten, denn er lenkte das Gespräch wiederholt in diese Richtung. Ich war schon damals von starkem Freiheitsdrang erfüllt und sehnte mich nach Unabhängigkeit; andererseits hätte mir von einer jener Stellen aus in der Reichshauptstadt ein noch erheblich weiterer Wirkungskreis offen gestanden. In diesem Zwiespalt, zu dessen innerer Klärung in jenen bewegten Tagen es an Zeit und Stimmung fehlte, ließ ich mich in meinen Äußerungen ohne jede Vorsicht gehen. Ich hob, vielleicht noch stärker als ich sie empfand, meine Abneigung gegen alle formalen und kanzleimäßigen Geschäfte hervor, an denen Helmholtz seinerzeit, ähnlich wie Goethe, ein gewisses Behagen empfunden hatte und betonte, wie sehr mich zurzeit allgemeine philosophische und organisatorische Fragen mehr als die meiner alten Wissenschaft fesselten. Kurz, ich sprach alles, was an Bedenken gesagt werden konnte, auf das deutlichste aus. Und ich glaube auch, daß der Erfolg ein Bericht war (falls ein solcher erstattet wurde), daß erhebliche Bedenken gegen eine solche Verwendung meiner Person ausgesprochen werden müßten.
Tischreden. Im übrigen waren die Tage der Versammlung mit Festessen erfüllt. Das erste war das beste. Der Zug der Chemiker war zu derselben Zeit in St. Louis eingetroffen und Hr. Mallinckrodt hatte seinen Führer allein zu Tisch geladen, so daß wir drei Chemiker van't Hoff, Ramsay und ich neben den Angehörigen[418]  des Hauses eine kleine, erlesene Tafelrunde bildeten, deren wir uns von Herzen erfreuten.
Die anderen Zusammenkünfte waren große Maschinen, meist mit einigen Hundert Teilnehmern. Am angenehmsten ist mir ein Frühstück beim deutschen Kommissar Lewald im Gedächtnis geblieben, das in dem prächtigen »Deutschen Hause« der Ausstellung stattfand. Mit diesem bin ich wiederholt zusammengetroffen und ich bewahre die Verbindung von freundlicher Höflichkeit und zäher Energie in guter Erinnerung, die diesen hervorragenden Beamten auszeichnet.
Ein amerikanisches »Dinner« unterscheidet sich von einem deutschen Festessen in mancherlei Beziehungen, welche ihm im allgemeinen einen Vorzug vor diesem geben. Zunächst durch die besser durchgeführte Funktionsteilung. Von der Überlegung ausgehend, daß der Mund sowohl zum Essen wie zum Reden unentbehrlich ist, erledigt man jedes von beiden zu seiner Zeit. Zunächst wird nur gegessen und allenfalls mit den Nachbarn ein wenig geplaudert, wobei (wenigstens in den Zeiten, als ich drüben war) erfreulich wenig Wein getrunken wird. Wenn das völlig erledigt ist, tritt der Toastmeister in seine Rechte und die zweite und bessere Hälfte des Abends beginnt.
In dem seit bald zehn Geschlechtern demokratischen Lande – ich hatte u.a. am Niagarafall im Gasthof am Nachmittag, wo es nichts zu tun gab, den Besitzer und den Hausknecht, jeder mit seiner Zeitung in seinem Schaukelstuhl nebeneinander auf der Veranda sitzen gesehen – stellt der Toastmeister ein überlebendes Stück absoluter Monarchie dar. Er beginnt den Redeteil des Abends mit einigen begrüßenden Worten, hebt dann in möglichst scharfer Zeichnung einen Grundgedanken hervor, um den sich der Gedankenaustausch ordnen soll und schließt mit der Wendung: »Herr X.Y.Z. wird die[419]  Güte haben, uns mitzuteilen, wie er darüber denkt«. Niemand wird und darf sich einfallen lassen, einer solchen Einladung, die einem Befehl gleich ist, nicht nachzukommen. Ist der Toastmeister besonders rücksichtsvoll, so redet er noch ein wenig weiter, um dem Opfer etwas Zeit zu gönnen, indem er etwa gleich auch den folgenden Redner bezeichnet; anderenfalls muß der Genannte wohl oder übel aufstehen und sein Sprüchlein sagen, wie der Geist es ihm einbläst.

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Aufgabe des Toastmeisters ist es, die Redner so zu wählen und etwa durch kurze Bemerkungen zwischen den Reden den Gedankengang so zu lenken, daß etwas wie eine symphonische Gesamtwirkung herauskommt. Jeder Aufgerufene aber ist bestrebt, meist durch Wendungen nach der humoristischen Seite seine Aufgabe so gut zu lösen, wie er nur kann, wobei er sich gegebenenfalls nicht versagt, dem Toastmeister oder einem Vorredner in guter Form Eins abzugeben. Es ist also eine Art von geistigem Ballspiel, das je nach der Beschaffenheit der Tafelrunde feiner oder gröber, meist aber doch interessant genug gespielt wird. Ich fand einen nicht geringen Reiz darin, obwohl mir als einem Sprachfremden ein großer und vielleicht der feinere Teil davon entgehen mußte.
Wie man erkennt, hat sich die Tischrede in Amerika zu einem wesentlichen Bestandteil des gesellschaftlichen Verkehrs entwickelt. Es ist dies eine natürliche Folge der demokratischen Verfassung. Wenn es bei allen wesentlichen Dingen auf Mehrheiten Zustimmender ankommt, so wird es eine Lebensfrage, wie man solche Mehrheiten gewinnt. Das allgemeine Mittel hierür ist die Überredung und daher ist die Fähigkeit, größere Mengen zu überreden, die Grundlage aller Erfolge, ja beinahe eine Lebensnotwendigkeit. Wie die lebensnotwendigen Betätigungen der Muskeln an den Armen und Beinen durch[420]  den Sport zu besonderer Höhe ausgebildet werden, so ist die Tischrede ein geistiger Sport. Er entwickelt einerseits die geistigen Notwendigkeiten, wie schnelles Denken, Mannigfaltigkeit der Einfälle und Gewandtheit der Gedankenverbindung, andererseits die Kenntnis der geistigen Beschaffenheit der Hörer, um sie von der Seite fassen zu können, wo die größte Bereitwilligkeit zum Mitgehen oder der geringste Widerstand zu erwarten ist.
Da wir in Deutschland gegenwärtig politisch in der gleichen demokratischen Lage sind, haben wir allen Grund, uns nach dieser Seite zu entwickeln und den Redesport methodisch zu betreiben.
Hierzu wäre besonders zweckmäßig ein Verlassen der bisherigen, wohl Französischen Vorbildern entnommenen Gewohnheit, die Tischreden während des Essens steigen zu lassen. Ich brauche nur an die vielfältigen Störungen durch Tellergeklapper, Kaltwerden des Essens, Hemmung des Auftragens usw. des bisherigen Verfahrens zu erinnern, die durch die Amerikanische Trennung von Essen und Reden vollständig vermieden werden. Deren Vorzügen steht nach meinen vielfältigen Beobachtungen kein einziger Nachteil entgegen.
Nachdem ich einmal unter dem Beifall der Tischgenossen an diesem Spiel beteiligt worden war, hielten sich an den folgenden Abenden die Toastmeister für berechtigt, mich immer wieder in Anspruch zu nehmen, so daß ich schließlich ungeduldig wurde und mich zu rächen beschloß. Ich hatte bisher als dankbarer Gast meist eine hübsche Wendung gesucht und gefunden, in der ich den Gastfreunden etwas Freundliches sagte. Ich konnte dabei feststellen, daß der durchschnittliche Amerikaner (bis ziemlich hoch hinauf) unbegrenzte Mengen Lob nicht nur verträgt, sondern bereitwilligst verschluckt. Hernach tut er den Mund auf und wartet auf mehr. Hier gedachte ich einzuhaken.[421]
Ich begann mit einem breit ausgeführten Preise der Amerikanischen Tatfreudigkeit, was große Genugtuung hervorrief. Dann stellte ich mir als Energetiker die Frage, woher der Amerikaner diese überschüssige Energie beziehe. Ich erwog verschiedene Möglichkeiten; insbesondere stellte ich fest, daß er nach den Beobachtungen, die ich in den letzten Tagen besonders reichlich und bequem anstellen konnte, weder mehr, noch konzentriertere Nahrung zu sich nehme, als der Europäer. Nachdem ich so die Neugier auf die Lösung des Problems nach Möglichkeit gesteigert und dargelegt hatte, es müsse notwendig etwas sein, was Europa nicht oder nur in viel schwächerem Maße besitzt, waren alle bereit, eine kopfgroße Schmeichelei zu schlucken.
Ich erklärte nun, daß ich endlich die Energiequelle entdeckt hätte, aus der in diesem Lande jedermann, der Millionär wie der Straßenkehrer nach Belieben schöpfen könne, ja müsse. Es sei dies die Energie der Luftschwingungen aller Art, die hier auf jeden von allen Seiten ununterbrochen einströmt. Unerfahrene Leute nennen sie Lärm und jeder Fremde würde bestätigen, daß man hiervon in diesem Lande unvergleichlich viel mehr zugemessen bekommt, als im alten Europa. Wir Fremden besäßen noch nicht den Transformator, durch welchen anscheinend die Amerikaner diese so reichlich fließende Energiequelle nutzbar zu machen wissen; nachdem wir aber soviel hier gelernt haben, könnten wir vielleicht auch dahinter kommen.
Einen Augenblick waren meine Hörer verdutzt. Dann aber brach ein Getöse aus, Lachen und zorniges Grunzen durcheinander, daß der Toastmeister längere Zeit Mühe hatte, bis er wieder geordnete Verhältnisse herstellen konnte.
Zum Abschluß der Versammlung war ein großes Festessen von fast tausend Personen angesetzt, das wie[422]  alle solche Massenfütterungen wenig angenehm verlief. Es fand in den »Tiroler Alpen« statt, der Nachahmung eines Tiroler Dorfes mit geschickt und eindrucksvoll gemaltem Alpenhintergrund. Das Gespräch mit den Tischgenossen wurde beständig gestört durch eine beleidigend laute Blechmusik, welche sich die Amerikaner für teures Geld aus Paris verschrieben hatten; es war die Kapelle eines dortigen Garderegiments.
Dazwischen wurden die offiziellen Abschiedsreden gehalten, und nach jeder hatte die Kapelle die Nationalhymne des betreffenden Landes zu spielen. Als aber Deutschland an der Reihe war, weigerten sich die französischen Musiker, die »Wacht am Rhein« zu blasen und es bedurfte großer Anstrengungen, um auf irgend eine Weise, ich erinnere mich nicht mehr wie, den peinlichen Zwischenfall zu vertuschen.
Auf mich machte der Vorfall einen starken Eindruck. Während der ganzen Woche war immer wieder von der völkerverbrüdernden Macht der Wissenschaft die Rede gewesen, und die oberhalb nationaler Eifersucht und Gegnerschaft stehende Heiligkeit der kulturellen Gemeinschaft war der Grundgedanke der ganzen Zusammenkunft. Und hier trat nach vierzigjährigem Frieden, nach unaufhörlichem Entgegenkommen unsererseits der nationale Haß der Franzosen wegen der erfolgreichen Zurückweisung des frivolen Angriffs von 1870 so ohne alle Rücksicht auf den Kulturgedanken in die Erscheinung! Die Franzosen zeigten sich damit schon damals als die Barbaren, als die sie sich seit 1914 in ihrem mit allen Mitteln geführten Krieg gegen die Deutsche Wissenschaft bis heute erwiesen haben.
Washington. Nach Abschluß des Kongresses verabschiedeten wir uns dankbar von unseren Gastfreunden und begaben uns mit einem großen Teil der Kollegen nach Washington, wo der damalige Präsident Rooseveldt[423]  die Kongreßteilnehmer zu empfangen bereit war. Van't Hoff und ich blieben auch auf dieser Reise zusammen, um uns die lange Fahrt durch Plaudern zu verkürzen. Am Abend zeigte er mir die Maßregeln, die er für den Fall eines Eisenbahnunglücks getroffen hatte. Zunächst hatte er überlegt, daß er während der Nacht in der Fahrtrichtung, den Kopf voran, liegen müsse. Wenn der Zug durch ein plötzliches Hindernis zum Stehen gebracht wird, so hat der Körper noch eine große Bewegungsenergie, durch die er gegen die Trennungswand geworfen wird, den Kopf voran. Die Hirnschale würde dabei in Anspruch genommen, wie ein Ei, das man gegen den Tisch schlägt, d.h. sie würde zerbrochen werden, wenn der Stoß nicht gedämpft wird. Somit baute er alle Kissen, seinen Mantel und was sonst noch Weiches vorhanden war, als Puffer gegen diesen Stoß auf.
Ferner aber bestanden noch andere Unfallsmöglichkeiten, die zu schweren Verletzungen führen konnten. Für diesen Fall hatte er in der Westentasche ein Röhrchen aus dünnem Glase, in welchem sich etwa ein Gramm chemisch reines Zyannatrium hermetisch eingeschmolzen befand. Eingeschmolzen, damit es sich nicht durch den Luftzutritt verändern konnte, das Natriumsalz statt des üblichen Kaliumsalzes, weil es leichter löslich ist, und das Glasrohr so dünnwandig wie angängig, damit man es leicht mit den Zähnen zerbeißen konnte. Dies gedachte er zu tun, wenn der Unglücksfall von der Beschaffenheit war, daß er als Krüppel übrig bleiben würde, denn das Salz bewirkt einen augenblicklichen Tod.
Glücklicherweise wurde weder die eine noch die andere vorgesehene Möglichkeit Wirklichkeit.
Gegen Morgen hielt der Zug in einer größeren Stadt, wenn ich mich recht erinnere, Indianopolis und der Schaffner sagte, daß er vor einer halben Stunde nicht weiterfahren würde. Da kein Speisewagen im Zuge war,[424]  ging ich in den Speiseraum, wo ich aber nichts bekam. Als ich nach zehn Minuten meinen Zug besteigen wollte, war er abgefahren. Ich mußte bis zum Nachmittag warten, bis ich meine Reise fortsetzen konnte. Inzwischen hatte sich van't Hoff meines Handgepäcks – ich hatte auch den Hut im Zuge gelassen – angenommen und da wir glücklicherweise den Gasthof verabredet hatten, so fand ich am Abend ihn und alles andere wieder.
Die Kongreßmitglieder waren inzwischen beim Präsidenten gewesen. Van't Hoff bedauerte, daß ich nicht zugegen gewesen war, denn Rooseveldt hätte nach mir gefragt. Da ich ihn in Verdacht hatte, er wolle mich nur verulken, ließ ich die Nachricht auf sich beruhen.
In Washington gab es vielerlei zu sehen. Am meisten hat auf mich die Bücherei des Kongresses Eindruck gemacht mit den technisch schön entwickelten mechanischen Einrichtungen, um in wenigen Minuten mittels einer kleinen Eisenbahn den Bestellzettel hinein und das gewünschte Werk heraus zu befördern. Auch in dem riesig ausgedehnten Nationalmuseum gab es Vielerlei zu sehen. Die »historischen« Orte, wie Washingtons Wohnhaus usw. schenkte ich mir, da ich für deren weihevolle Betrachtung nichts übrig habe und die Andacht der Anderen nicht stören wollte. Auch tat mir die Zeit leid.
Dazu kam die Erschöpfung durch den Trubel der Kongreßtage, die ich durch einen mit Schlafen und Nichtstun angefüllten Tag ausgleichen konnte. Schlimmer erging es van't Hoff, der ziemlich ernstlich erkrankte, aber auch nach einigen Tagen hergestellt wurde. So machte ich die verschiedenen Festlichkeiten, die uns in Washington angeboten wurden, nur mit Vorsicht mit, obwohl es mancherlei interessante Menschen zu sehen gab. So erinnere ich mich, einige Worte mit Graham Bell, dem Erfinder des Telephons und mit[425]  dem ausgezeichneten Physiker Michelson gesprochen zu haben. Der erste war ein schöner alter Herr mit schneeweißem Haar und Bart, der andere sah mehr wie ein Militär als wie ein Professor aus.
Baltimore, Cambridge, Middletown. Von Washington ging ich nach Baltimore, wo wieder einer meiner Schüler, H. Jones, eine Professur für physikalische Chemie an der Johns Hopkins Universität bekleidete. Wegen der Ferien waren die meisten Kollegen abwesend, doch hatte ich wieder eine kurze Begegnung mit dem Präsidenten der Universität, Ira Remsen, den ich schon in New York gesehen hatte. Er war gleichfalls Chemiker und bestätigte mir, daß relativ viele frühere Chemiker sich zur Verwaltung von Universitäten geeignet erwiesen haben. Denn ein amerikanischer Präsident bedeutet sehr viel mehr für die Universität, als ein deutscher Rektor. Er wird auf lange, oft auf Lebenszeit gewählt und greift viel tiefer in den Betrieb der ganzen Anstalt ein, als der einjährige Rektor kann. So erhalten oft die dortigen Anstalten ihre besondere Beschaffenheit durch die Persönlichkeit des Rektors. Einer der einflußreichsten Männer in solcher Richtung war der damalige Präsident der Harvard-Universität, Ch. Eliot, der gleichfalls ursprünglich Chemiker gewesen war. Ich habe ihn damals nicht kennen gelernt, wohl aber gelegentlich meiner dritten Reise nach der Union, die mich in unmittelbare Beziehung zu ihm und seiner Anstalt brachte.
Eine Fahrt durch den schönen Stadtpark, ein Blick auf die sehr ausgedehnten Gebäude und Anlagen der Universität, ein kleiner Vortrag an die anwesenden Chemiestudenten und ein Dinner mit den anwesenden Kollegen, das Prof. Jones vorbereitet hatte, füllten den Tag reichlich aus.
Mit der Erledigung des Besuches von Baltimore war das Amerikanische Programm in der Hauptsache[426]  abgespielt. Professor Münsterberg hatte die Europäischen Teilnehmer noch zu sich nach Cambridge, Mass. eingeladen, wo er an der Harvard Universität eine Professur bekleidete, und mir unter der Versicherung, es sei von besonderer Wichtigkeit für mich und meine Bestrebungen, das Versprechen abgenommen, den Abend bei ihm jedenfalls mitzumachen. Andererseits konnte ich, wenn ich auf weitere Reisen verzichtete (wozu ich sehr bereitwillig war), die Heimfahrt über den Ozean zusammen mit William Ramsay machen, was mir besonders willkommen war.
Demgemäß regelte ich die Tage. Von Baltimore fuhr ich nach Boston, wo mein Schüler A.A. Noyes die physikalische Chemie mit besonderem Erfolge an der dortigen technischen Hochschule (Massachusetts Institute of Technology) vertrat, und von dort zum benachbarten Cambridge, um den »Rout« bei Münsterberg mitzumachen. Dieser erwies sich als ein erstickendes Gedränge von viel zu viel Menschen in viel zu engen Räumen. Münsterberg gedachte mich mit dem Präsidenten Ch. Eliot bekannt zu machen, der aus Gründen, die mir damals unbekannt waren, eine persönliche Berührung mit mir wünschte. Leider mußte er aber gerade an jenem Abend unaufschiebbar verreisen und meine bereits getroffenen Abmachungen verhinderten mich, seine Rückkehr zu erwarten. Ich ahnte nicht, daß ich im folgenden Jahre ein ganzes Semester in Harvard zubringen sollte.
Meine Abmachungen bezogen sich auf einen Besuch beim Professor Atwater, der an einer kleinen Universität in Middletown NY als Physiologe tätig war. Er hatte nach Anregung des berühmten Pettenkoferschen Respirationsapparates eine höchst sinnreiche Einrichtung erbaut, um den ganzen Energie- und Stoffwechsel am Menschen messend zu verfolgen und mit ihr bereits[427]  wichtige Ergebnisse gefunden. Ich hatte in meiner Zeitschrift wiederholt auf die Wichtigkeit dieser Arbeiten hingewiesen und wollte Amerika nicht verlassen, ohne den Forscher und seine Einrichtungen persönlich kennen gelernt zu haben.
Ich fand ein kleines, ländliches Städtchen und eine kleine, konfessionelle Universität darin, in welchem jener selbständig und idealistisch denkende Forscher unter Überwindung von tausend Schwierigkeiten durch Betätigung einer ganz außerordentlichen technisch-wissenschaftlichen Begabung seinen Forschungsplan ausgeführt hatte. Seine Ergebnisse haben die verdiente Berühmtheit erreicht. Doch hat, wenn ich mich recht erinnere, der ausgezeichnete Forscher seine ungewöhnlichen Leistungen bald darauf mit einem schweren Zusammenbruch bezahlen müssen.
Heimreise. Zur gegebenen Zeit begab ich mich in New York auf den Englischen Dampfer Baltic, eines der größten Schiffe der Englischen Verkehrsflotte. Der Vergleich mit den Deutschen Schiffen, der sich mir unwillkürlich aufdrängte, fiel ganz ohne Frage nach allen Richtungen zugunsten der Deutschen aus. Die Kabine, in der ich untergebracht wurde, war bei weitem nicht so nett und sauber, wie ich sie auch auf unseren Schiffen zweiter Ordnung gefunden hatte. Sie roch nach Seekrankheit, anscheinend nicht nur von ihrem letzten Bewohner her, denn einen ähnlichen Geruch fand ich auch in den anderen Kabinen, in die ich zufällig gelangte. Das Essen war unschmackhaft und lieblos zubereitet. Während man auf dem deutschen Schiff Gefahr lief, sich den Magen an dem Allzuviel aller guten und wohlschmeckenden Dinge zu verderben, die so einladend auf der Speisekarte verzeichnet waren, verlor man auf der »Baltic« nach wenigen Tagen den Appetit, weil die Kost gar so reizlos und eintönig war.[428]
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Ich fand Ramsay vor, entsprechend unserer Abmachung und wurde von ihm mit den drei oder vier Tischgenossen bekannt gemacht, mit denen uns die Mahlzeiten zusammenführten. Es waren wissenschaftliche Männer ohne besondere Bedeutung, die sich dem Fremden gegenüber in Zurückhaltung verschlossen. Auch die anderen Mitreisenden, mit denen mich Ramsay gelegentlich bekannt machte, zeigten keine Neigung, die Bekanntschaft fortzusetzen. Ich glaube sicher sagen zu dürfen, daß es sich nicht um eine gegen meine Person gerichtete Einstellung handelte. Sondern der Deutsche war ihnen auf dem englischen Schiff nicht recht. Mir war das ein willkommener Grund, mich vom Verkehr fernzuhalten und mich meiner Erholung von den gehabten Anstrengungen zu widmen.
Aus gelegentlichen Gesprächen entnahm ich, wie tief die Engländer sich durch die Überlegenheit der Deutschen Schiffahrt im Passagierdienst im Innersten gekränkt fühlten. Sie unterließen nicht, stets zu betonen, daß ihre Schiffe gerade so seien, wie sie sie haben wollten.
Eine andere Probe der insularen Beschränktheit trat mir in einem Gespräch mit einem Besitzer bedeutender Spinnereien entgegen. Er war Vorsitzender eines Vereins zur Bekämpfung des metrischen Systems, das er durch die Englischen Maße ersetzen wollte. Ich gab ihm zu, daß die Grundzahl des Dezimalsystems nicht glücklich gewählt ist und besser durch die Grundzahl 12 ersetzt werden sollte, da jene nur die Faktoren 2 und 5, diese dagegen die Faktoren 2, 3, 4 und 6 hat. Da aber die Englischen Maße durchaus kein konsequentes Zwölfersystem bilden, obwohl sie oft diesen Faktor enthalten, so wäre ihre Annahme doch nur ein Rückschritt.
Einige Tage vor der Ankunft des Schiffes in Liverpool gab es einen geselligen Nachmittag zu dem Zweck, Geldbeiträge für die Unterstützungskasse der Witwen und[429]  Waisen der Seeleute zu sammeln. Ich hatte auf Ramsays Anregung meine Niagarastudien dafür hergeliehen, die in einem der Gesellschaftsräume zu einer kleinen Ausstellung mit Eintrittsgeld angeordnet wurden. Als aber die Mitreisenden sich dafür zu interessieren anfingen, wurde alsbald in einem anderen Raume das auf eine Stunde später angesetzte Konzert begonnen. Ein Sänger schmetterte fortissimo ein nationales Lied, welches die Leute alsbald in den Musiksaal zog, so daß die Bilder verlassen wurden und die anmutige Dame, welche die Kasse übernommen hatte, nichts mehr zu tun fand.
Ich lege Gewicht darauf, zu bemerken, daß ich ein derartiges unfreundliches Gebahren nur in den nichtwissenschaftlichen Kreisen unserer Nachbarn vorfand. Von meinen Kollegen in England habe ich fortdauernd das freundlichste Entgegenkommen erfahren, das sich unter anderem in wissenschaftlichen Auszeichnungen aussprach, die ich nirgends reichlicher empfangen habe, als von Englischer Seite. Einiges davon ist bereits erzählt worden.
Zu gegebener Zeit trafen wir in Liverpool ein. Obwohl ich dort gute Bekannte hatte, hielt ich mich keine Stunde auf, sondern fuhr über London mit den schnellsten Verbindungen, die ich ausfindig machen konnte, nach Hause, wo ich alle wohl und gesund vorfand.



 Siebzehntes Kapitel.
Frei!










[430] Zur Biologie der Forschertätigkeit. An früherer Stelle (II, 255) habe ich den natürlichen und notwendigen Vorgang beschrieben, durch welchen Mutter und Kind, die anfangs eine Einheit gebildet hatten, sich mehr und mehr trennen, indem das Kind sein eigenes Leben beginnt, so daß sie schließlich einander fremd werden. Der Vorgang ist nicht nur für das Kind nützlich und notwendig, sondern auch für die Mutter, die sonst nicht imstande sein würde, eine neue Brut zur Welt zu bringen und groß zu ziehen.
Es hängt von der Art und Beschaffenheit des Lebewesens ab, welche Zeit für den Ablauf einer solchen regelmäßigen Periode erforderlich ist. Während die Liebe und Sorgfalt einer Katzenmutter nicht über drei Monate anzudauern pflegt, gibt es andere Tiermütter, welche ihren Kindern einige Jahre widmen. Dies hängt im allgemeinen von der Größe ab, mit welcher jene Periode länger oder kürzer wird; daneben auch von der allgemeinen Lebhaftigkeit der Lebensäußerungen in solchem Sinne, daß lebhaftere oder mit größerer Reaktionsgeschwindigkeit begabte Wesen die Erziehungsaufgabe schneller erledigen, als solche von phlegmatischem Naturell. Und zwar ist sowohl das Naturell der Mutter wie das des Kindes maßgebend; da aber beide aus naheliegenden Gründen nur[431]  wenig verschieden zu sein pflegen, kommen sie einzeln nicht besonders zur Geltung, außer in Sonderfällen.
Man kann diese Betrachtungen unmittelbar auf das Verhältnis des wissenschaftlich schöpferischen Menschen zu seinen Erzeugnissen anwenden. Sanguinisch veranlagte Forscher mit großer Reaktionsgeschwindigkeit, wie ich sie als solche von romantischen Typus beschrieben habe, pflegen den Erzeugnissen ihres Geistes keine langdauernde Erziehungssorge zu widmen. Denn einerseits bringen sie sie meist in solcher Gestalt zur Welt, daß sie bald ein selbständiges Dasein gewinnen, indem ihre Bearbeitung mit Für und Wider von anderen übernommen wird. Andererseits tragen sie sich so bald mit neuen Gedanken und Entdeckungen, daß sie notwendig die alten abstoßen müssen, um für die neuen Raum zu schaffen. Die Forscher vom klassischen Typus dagegen tragen ihre Jungen wie die Elephanten lange, ehe sie sie zur Welt bringen, und können sich auch nach Jahr und Tag nicht entschließen, sie sich selbst zu überlassen. Sie wenden ihre Energien lieber dazu an, ihr Erzeugnis immer erneuten Prüfungen, Verbesserungen, Ausgestaltungen zu unterziehen. Helmholtz, der ein ausgeprägter Klassiker war, konnte sich nur schwer entschließen, eine Abhandlung zu beenden und zur Veröffentlichung bereit zu machen. Er gibt ausdrücklich an, daß er kaum eine Schrift abgeschickt hätte, ohne bereits am nächsten Tage einiger Stellen sich zu erinnern, wo er sich genauer oder besser hatte ausdrücken können und sollen.
Während aber die normalen Abkömmlinge der Lebewesen so ähnlich ausfallen, daß jener Vorgang immer annähernd gleiche Zeit kostet, sind die geistigen Erzeugnisse von sehr verschiedener Beschaffenheit und die Pflege, welche sie fordern oder erhalten, kann sich von Tagen und Wochen bis über die ganze Lebenszeit des Erzeugers erstrecken. Letztere ist sogar das häufigere, denn die[432]  Menschen, welche einen einzigen schöpferischen Gedanken durch ihr ganzes Leben hegen, sind verhältnismäßig häufig.
Hierbei macht sich ein Umstand erfreulich geltend, der ausnahmsweise ein gutes Zusammenstimmen dessen, was unvermeidlich oder notwendig ist, mit dem zeigt, was wünschenswert ist. Die Romantiker unter den Forschern, bei denen ein Gedanke den anderen verdrängt, sind meist, namentlich in jüngeren Jahren, wo diese Überproduktion besonders groß ist, hervorragend gute Lehrer. Sie bilden dadurch Mitarbeiter in großer Zahl aus, denen sie ihre Gedanken anvertrauen können, so daß diese dort alsbald sachgemäße Pflege finden. Die Klassiker sind dagegen nur selten gute Lehrer; nicht, weil sie es nicht können, sondern weil sie es nicht wollen. Hier würde es also an Pflegern der erzeugten Gedanken fehlen, wenn die Erzeuger nicht selbst die Pflege übernähmen. So ist alles wohl geordnet.
Belege. Das Gesagte wird durch einige Beispiele deutlicher werden.
In einem Briefe aus seinen späteren Jahren an seinen Schüler und Freund Wöhler erzählt Berzelius von den Schwierigkeiten, eine freigewordene Professur für Chemie an einer schwedischen Universität zu besetzen, weil kein geeigneter Kandidat im Lande vorhanden war. Es stellte sich also die fast unglaubliche Tatsache heraus, daß dasselbe Land, welchem Berzelius durch ein Menschenalter die chemische Hegemonie in der ganzen Welt gesichert hatte, in dem gleichen Fach nicht einmal so viel chemischen Nachwuchs besaß, daß der eigene Bedarf an Lehrern befriedigt werden konnte.
Die Ursache war, daß Berzelius als Forscher zu den Klassikern gehörte, jenen genialen Menschen mit kleiner Reaktionsgeschwindigkeit, die zwar ausgezeichnete Werke reifen lassen, aber die Fähigkeit oder Neigung[433]  nicht besitzen, die gleiche Eigenschaft in anderen zu entwickeln. Zwar hat Berzelius eine Anzahl Schüler gehabt, vorwiegend Deutsche. Diese waren aber alle als entwickelte Chemiker zu ihm gekommen, um sich von ihm in die besonderen Verfahren einführen zu lassen, welche er so erfolgreich bei seinen eigenen Arbeiten angewendet hatte. Die äußere Stellung als Akademiker ohne Lehrverpflichtung gab ihm die Möglichkeit, die ihm nicht willkommene Unterrichtsarbeit zu vermeiden. Hätte er sie angestrebt, so wäre es ihm leicht gewesen, eine Professur zu erlangen oder eine Lehrstelle für sein Fach an der Akademie einzurichten.

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Im Gegensatz zu ihm hatte der Romantiker Liebig außerordentliche Erfolge in der Ausbildung eines Heeres von Schülern erreicht. Nicht nur die Deutschen und Österreichischen Professuren der Chemie wurden vorwiegend mit Liebigschülern besetzt – war doch auch Carl Schmidt im fernen Dorpat ein solcher gewesen – auch weit in das Ausland hinaus erstreckte sich sein Einfluß, namentlich nach England und Amerika. Sogar im französischen Sprachgebiet übten sie einen erheblichen Einfluß aus, wie die Namen Regnault und Gerhardt erkennen lassen.
Eigene Verhältnisse. Es war also eine naturgesetzliche Notwendigkeit, daß es mir als Romantiker auch gegeben war, zahlreiche junge Mitarbeiter in meine Wissenschaft einzuführen. An früherer Stelle (II, 367) wurde die Anzahl der Professoren angegeben, die zwischen 1887 und 1904 aus der Leipziger Anstalt hervorgegangen war. Sie hat sich später insgesamt etwa verdoppelt.
Meine Assistenten regte ich stets an, sich das Recht der Vorlesung durch eine Habilitierung zu erwerben. Sie haben es auch getan und sind hernach alle Professoren, zum Teil recht berühmte geworden. Die Folge war, daß es in Leipzig stets außer meinen allgemeinen Vorlesungen[434]  über physikalische Chemie noch eine Anzahl Sondervorlesungen aus dem gleichen Fach gab, die in erwünschter Weise die Ausbildung der Studenten nach bestimmte Richtungen ergänzten. Während meines Krankenurlaubs war die Hauptvorlesung von einem Stellvertreter abgehalten worden und auch später wurde mir von der Behörde einigemale gestattet, mich für diese vertreten zu lassen.
Ein Zwischenfall. Im Jahre 1904 starb Johannes Wislicenus. Sein Leben, das nach einer schwierigen Jugend erfreulich, ja glanzvoll verlaufen war, ging trüb aus. Seine Frau, die ihm fünf Kinder geboren hatte, war schwer erkrankt und mußte, da sie dauernd trübsinnig und teilnahmlos blieb, in einer Anstalt untergebracht werden. Von den Kindern, die damals schon erwachsen waren und vom Vater die kräftige Gestalt geerbt hatten, ging einige Jahre nachdem ich nach Leipzig gekommen war, ein Sohn freiwillig in den Tod. Bei der zweiten Tochter, die unverheiratet blieb und ihm das Hauswesen führte, machte sich das trübe Erbe der Mutter geltend. Dazu kamen wissenschaftliche Streitigkeiten peinlicher Art, bei welchen er den Kürzeren zog. Auch gesundheitlich hatte er Grund zu klagen. Das Alter machte sich bei ihm vor der Zeit geltend; er war noch nicht 70 Jahre alt und sein mächtiger Körperbau schien ihm einen rüstigen Lebensabend zu sichern. Aber rheumatische und gichtische Schmerzen beeinträchtigten seine Bewegung, während sein schwerer Körper sie wünschenswert, ja notwendig machte. Obwohl er Naturforscher war und sogar gelegentlich einen experimentellen Ausflug in das Gebiet der Physiologie gemacht hatte, lag ihm die Anwendung der physiologischen Gesetze auf seinen eigenen Zustand fern. Von seinem Vater, der freisinniger Geistlicher in Halle gewesen war und unter der klerikalen Regierung des damaligen Preußen nach Amerika hatte flüchten[435]  müssen, um einer Gefängnisstrafe für die Veröffentlichung seiner Ansichten zu entgehen, hatte er anscheinend jene starre, äußerliche Form des Pflichtgefühls geerbt, welche auf naturgegebene Verhältnisse keine Rücksicht nimmt. Statt sich einer angemessenen gründlichen Kur zu unterziehen und so seine Arbeitsfähigkeit dauernd zu erhalten, wenn auch auf Kosten eines dazu verwendeten halben oder ganzen Semesters, lehnte er jedes Ausruhen ab, erschöpfte seinen kranken Körper vollständig und starb plötzlich mitten in seiner Lehrtätigkeit.
Die Erlebnisse seines Vaters, wobei er als junger Mann für die Erhaltung der Familie hatte sorgen müssen, hatten ihn in einen Gegensatz zu dem konfessionellen Kirchentum gebracht. Er bekannte sich als Dissident, betätigte sich aber so wenig nach außen in solchem Sinne, daß er in dem ziemlich klerikal gefärbten Würzburg nicht nur ein großes wissenschaftliches Ansehen genoß, sondern auch eine so hohe persönliche Achtung, daß man ihn zum Jubelrektor für eine Jahrhundertfeier der dortigen Universität wählte, obwohl er schon ein Jahr vorher das Rektorat bekleidet hatte. Auch in Leipzig hielt er sich in dieser Beziehung zurück. Nur hatte er aus dem Hörsaal seiner Anstalt den Bibelspruch entfernen lassen, welchen sein Vorgänger Kolbe angebracht hatte: Gott hat alles nach Maß und Zahl geordnet. Aber dies wurde als große Kühnheit angesehen und von den vielen Anhängern der orthodoxen Lehre als eine »Taktlosigkeit« getadelt.
Denn in der theologischen Fakultät und weit über diese hinaus regierte damals mit schwerer Faust (man sieht ihn so in einer Büste dargestellt, die man im Leipziger Kunstmuseum betrachten kann) der orthodoxe Professor Luthardt. Wie jeder Druck Gegendruck erzeugt, so hielt man sich durch Geschichten schadlos, welche sein Wesen nach anderer Seite kennzeichnen sollten. Unter anderem wurde erzählt, wie er eines Vormittags einen[436]  kleinen und dürren Kandidaten der Theologie empfing, der seinen Abschiedsbesuch machte. Mein lieber Sohn, sagte er ihm zuletzt mit gerührter Stimme, vergessen Sie nie, daß Sie einem schweren und entsagungsreichen Beruf entgegengehen.« Er hatte nicht gesehen, daß gleichzeitig das Stubenmädchen ein Tablett mit seinem gewohnten Frühstück hereingestellt hatte: ein großes Glas Süßwein und vier Kaviarsemmeln.


In Wislicenus, Todesjahr war der Jurist E. Wach Rektor, der persönlich gleichfalls konfessionell gesinnt war. Obwohl sonst der regelmäßige Gebrauch bestand, die verstorbenen Professoren von der Universitätskirche aus zu beerdigen – auch mit dem katholischen Juristen Windscheid war es geschehen, nachdem in aller Stille die protestantische Kirche von einem katholischen Geistlichen nach seinem Ritus umgeweiht war – hielt der Rektor es nicht für möglich, den Sarg des dissidenten Professors in die Universitätskirche hinein zu lassen, der bei Lebzeiten alle Ehren genossen hatte, die ein Professor empfangen kann. Die Aufbahrung erfolgte deshalb im Hörsaal des Ersten chemischen Laboratoriums, wo auch die Trauerfeierlichkeiten stattfanden.
Als nächster wissenschaftlicher Kollege war ich gewählt worden, um dem Forscher und Lehrer den reich verdienten Dank der Kollegen und Schüler nachzurufen. Ich tat es mit all der Wärme, die ich in den ersten Jahren unserer gemeinsamen Tätigkeit ihm gegenüber empfunden hatte. Den ungewöhnlichen Umstand, daß er nicht von der üblichen Stätte aus auf den letzten Weg getragen wurde, sondern von dem Orte seiner Arbeit, pries ich als unwillkürliche Anerkennung seines unerschütterlichen Pflichtgefühls im Berufe, der ihm zur besonderen Auszeichnung gereichte, wenn auch engherziger Glaubenseifer ihm die gebräuchliche feierliche Stelle verschlossen hatte. Da ich es für möglich hielt, daß diese Äußerung Bedenken erregen[437]  würde, hatte ich meine Rede schriftlich aufgesetzt, an der fraglichen Stelle das Blatt vor die Augen genommen und den Wortlaut sichtbar abgelesen. Die Trauergemeinde nahm den Satz mit hörbarer Stille entgegen.
Die nächsten Tage vergingen ohne Zeichen einer Gegenwirkung, obwohl die Sache lebhaft besprochen wurde. Dann aber erschien in einer Tageszeitung ein Bericht über jenen Vorgang, in dem meine Worte gröblich entstellt waren. Als Verfasser erwies sich ein Leipziger Kollege aus der theologischen Fakultät, dem auch sonst die Unsicherheit seines Gedächtnisses Schwierigkeiten bereitet hat. Ich antwortete an derselben Stelle, indem ich den richtigen Wortlaut angab und mir das Recht zusprach, ihn auf den vorliegenden Fall anzuwenden. Unmittelbar nach dem Erscheinen der Antwort ersuchte mich der Rektor um eine Unterredung, in der er den Standpunkt vertrat, daß die konfessionelle Beschaffenheit der Universitätskirche die Zulassung der Leiche eines Dissidenten vollkommen unmöglich gemacht habe. Ich machte dagegen geltend, daß die Leipziger Universität keine konfessionelle Anstalt ist und ihre Einrichtungen daher allen ihren Mitgliedern in gleicher Weise offenstehen müssen. Die Verhandlung vollzog sich in der besten Form. Dann wurde jener theologische Kollege gemeldet und der Rektor nahm uns das Versprechen ab, den öffentlichen Streit nicht fortzusetzen, wozu wir uns auch beide verpflichteten. Trotzdem erschien nach einigen Tagen in der Zeitung eine neue Streitschrift des Theologen Als ihm sein Versprechen vorgehalten wurde, erklärte er, er hätte damals die Schrift schon entworfen gehabt, und hätte das Versprechen »selbstverständlich« nicht auf diesen Entwurf bezogen. Ich aber habe mein Versprechen trotzdem gehalten.
Seitdem ist mir noch mehrfach bei Geistlichen eine ähnliche Unbefangenheit gegenüber den sonst üblichen[438]  moralischen Bindungen aufgefallen. Es scheint, daß nicht ganz selten, wenn auch nicht in der Regel, das Gefühl, die Moral unter persönlicher Verwaltung zu haben, eine unterbewußte Vorstellung auslöst, als seien deren Vorschriften zwar für die anderen bindend, nicht aber für den Verwalter, der sie gleichsam in seiner Gewalt hat. Wie jedem Beruf seine besonderen Krankheiten und Gefahren eigen sind, so dürfte es sich auch hier um eine besondere Berufsgefahr oder Berufskrankheit beim Priester handeln.
Für mich hatten diese Vorgänge die Wirkung, daß die Kluft zwischen mir und den Kollegen aus den »Geisteswissenschaften« sich merklich vergrößerte, unter Wiederholung und Steigerung des Vorwurfes mangelnder »Kollegialität«. Darunter verstanden sie eine sorgsame Rücksichtnahme auf ihre Gefühle und Meinungen. Ein gleiches Verhalten ihrerseits meinen Gefühlen und Meinungen gegenüber wurde nicht in Betracht gezogen, offenbar weil diese von den üblichen abwichen.
Selbstkritik. In den vorangegangenen Kapiteln habe ich einige von den neuen Aufgaben geschildert, sie sich mir organisch aus meiner Arbeit an der physikalischen Chemie entwickelt hatten und nun zunehmend meine Energie in Anspruch nahmen. Auch wenn ich heute unter Berücksichtigung alles inzwischen Erlebten zu beurteilen versuche, ob die Verfolgung dieser neuen Bahnen mich von den allgemeinen und persönlichen Idealen entfernt hat, in denen ich von Jugend her meinen Lebensinhalt gesucht habe, so kann ich nur sagen, daß das nicht der Fall gewesen ist. Mein Leben ist nicht nur viel reicher geblieben, als es beim Festhalten an den alten Aufgaben geworden wäre, sondern auch wirksamer im besten Sinne. Ich darf nicht sagen, daß ich nicht dabei mancherlei Fehler und Dummheiten gemacht habe, die ich nachträglich lieber aus meinem Leben wegdenken dürfen[439]  möchte. Aber ich fürchte, daß dies auch beim Einhalten der alten Bahnen nicht viel anders ausgefallen wäre.

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Es ist übrigens hinzuzufügen, daß ich keineswegs alles erzählt habe, was ich von solchen Sondergedanken und -arbeiten gehabt und getrieben habe, sondern nur das Wichtigste. Manches hiervon wird vielleicht später bei passender Veranlassung Erwähnung finden. Auch dann wird sich zeigen, daß alle diese Allotria in unmittelbarem Zusammenhange mit den leitenden Fäden meiner Gesamtarbeit stehen. Ich finde mit anderen Worten nichts Sprunghaftes in allen diesen Betätigungen und Zufälliges nur insofern, als nicht selten äußere Anlässe Ursache gaben, unter den vielfältigen Problemen, die mich fortwährend beschäftigten und deren mögliche Lösung ich vor mir sah, dies oder jenes zunächst vorzunehmen.
Die Vorlesung. Zu den guten Dingen, an denen ich nach meiner Erkrankung die Freude verloren hatte, gehörte auch die Vorlesung. Daß ich früher recht wirksame Kollegien gelesen hatte, bezeugten mir meine Zuhörer in Riga (I, 169) und die wachsenden Belegzahlen in Leipzig, die zufolge eines ausgiebig benutzten Gewohnheitsrechtes zum »Nassauern« nur einen Bruchteil der vorhandenen Hörer darstellten. Auch hatte mir das Wort dabei niemals Schwierigkeiten gemacht, so daß mich die Vorbereitungen für die Vorlesung nie lange aufhielten. Ich schreibe gerade dem Umstande, daß sich Form und Inhalt meiner Vorträge sichtbar unter den Augen der Zuhörer gestaltete, den größten Teil ihrer Wirkung zu. Denn einen Zeugungsvorgang sich vollziehen zu sehen, regt jeden Zeugen auf und an.
Nur eine Schwierigkeit störte mich zuweilen. Wenn ich längere mathematische Ableitungen an der Tafel zu entwickeln hatte, verlor ich leicht den Faden und konnte mich nur langsam auf den nächsten Schritt besinnen, der zu tun war. Es war dies eine eigentümliche Art von[440]  zeitweiliger geistiger Blindheit, deren Ursache ich nicht habe entdecken können. Daß sie nicht auf mangelndem Verstehen fremder Gedanken beruhte, konnte ich daran erkennen, daß sie auch bei Ableitungen eintrat, die ich selbst entdeckt oder erfunden hatte, die ich also durch und durch kannte. Auch trat sie nicht auf, wenn ich die gleiche Sache im Gespräch einem oder einigen Schülern erklärte, sondern sie war an die Handhabung von Tafel und Kreide gebunden. Am meisten litt ich darunter, wenn ich durch Überanstrengung irgendwelcher Art erschöpft war. Da solche Zustände in der Zeit, von der eben die Rede ist, häufig waren, so wurde mir die Vorlesung, die ich sonst sehr gern abhielt, zunehmend durch solche peinliche Störungen verleidet.
Die Explosion. Während des Wintersemesters 1904/05 hatte ich wiederholt unter den eben beschriebenen Erscheinungen gelitten und hatte deshalb beim Ministerium ein Gesuch eingereicht, mich für das bevorstehende Sommersemester von der Verpflichtung zur Abhaltung der Hauptvorlesung zu entbinden. Eine Lücke im Unterricht war nicht zu befürchten, denn im laufenden Semester wurden nicht weniger als acht Vorlesungen über verschiedene Gebiete der physikalischen Chemie gelesen und für das kommende stand eine gleiche Mannigfaltigkeit des Angebots bevor. Das Ministerium schickte das Gesuch zur Begutachtung an die Fakultät. Ich hatte bisher nie erlebt, daß in solchen Fällen irgendwelche Erörterungen entstanden; man pflegte diese Anfragen als rein formal zu betrachten und zustimmend zu erledigen.
Als indessen in Abwicklung der laufenden Fakultätsgeschäfte die Anfrage des Ministeriums vorgelegt wurde, machte sich ein Widerspruch geltend, der anfangs zurückhaltend vorgebracht, unter zunehmender Beteiligung neuer Sprecher immer heftiger wurde und schließlich zu einer solchen Flut von Vorwürfen und Anklagen gegen[441]  mich anwuchs, daß ich auf das Höchste erstaunt war. Besonders besorgt um das Wohl meiner Schüler, welche sie durch den Ausfall der Vorlesungen auf das schwerste bedroht erachteten, waren die Vertreter der philologischen und historischen Fächer, also jene Kollegen, welche von der Sache selbst wie von dem besonderen Unterrichtsbetrieb meines Faches am wenigsten wußten. Sie schlossen von der Art ihrer eigenen Betätigung, die in der Vorlesung allerdings ihren Schwerpunkt hatte, ohne weiteres auf die der meinigen, ohne zu wissen oder zu beachten, daß in meinem Fache der Schwerpunkt im Laboratorium lag, dem ich mich keineswegs entziehen wollte.
Als psychologisches Motiv all dieser Ergüsse stellte sich allmählich immer deutlicher folgendes heraus. Man fand, daß die Art und der Umfang meiner Tätigkeit nicht in den Rahmen des Universitätsprofessors paßte und wollte sich mit aller Macht dem widersetzen, daß mir eine Sonderstellung unter den Kollegen geschaffen oder zugebilligt wurde. Kurze Zeit vorher hatte ein einflußreiches Mitglied der Fakultät ein Gespräch mit mir gesucht, um mir darzulegen, daß ich nach seiner Ansicht eine Stellung anstrebe, derzufolge die anderen zu Professoren zweiter Klasse herabgedrückt würden. Ich erklärte, daß mir solche Rangbetrachtungen ganz fern lagen; war aber unbedacht genug, hinzuzufügen: »Es gibt ja auch unter uns sogar Professoren dritter Klasse.« Tatsächlich hatte ich nicht den geringsten Ehrgeiz, irgendeine besondere Rolle unter den Leipziger Kollegen zu spielen, denn meine Arbeiten und Bestrebungen hatten mich weit über diesen Kreis hinausgeführt. Und es wird wohl auf der anderen Seite die Empfindung dieser inneren Trennung gewesen sein, welche mir als ungehörige Anmaßung ausgelegt und in dieser persönlich feindseligen Weise vergolten wurde.
Die geringe Festigkeit meines persönlichen Verhältnisses zur Fakultät war weitgehend dadurch bedingt,[442]  daß grundsätzlich alle Angelegenheiten, welche die Institute betrafen, nicht durch die Fakultät gingen, sondern unmittelbar zwischen dem Ministerium und dem Institutsleiter verhandelt wurden. Das Vorlesungswesen im engeren Sinne wurde dagegen als Fakultätssache behandelt. Da in meiner Lehrtätigkeit die Vorlesungen nur einen kleinen und weniger wichtigen Teil ausmachten, während die Ausgestaltung des Laboratoriumsunterrichts aus kleinen Anfängen zu dem umfangreichen Gebilde, welches er zuletzt darstellte, immer neue Anträge und Verhandlungen beim Ministerium erfordert hatte, so entstand ganz selbsttätig bei mir ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber diesem, während sich mangels Wechselwirkung gegenüber der Fakultät ein gleiches nicht hatte ausbilden können.

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Eine große Beruhigung, ja Erhebung gewährte mir die Haltung meiner nächsten Kollegen, der Physiker Wiener und Des Coudres und des Chemikers Beckmann. Sie traten mit allem Nachdruck für mich ein, konnten aber dem allgemeinen Sturm nicht widerstehen. Die Mehrheit der Fakultät beschloß ein Gutachten gegen die Bewilligung des Gesuches. Doch erwies es sich als unwirksam, denn das Ministerium gewährte mir die nachgesuchte Enthebung von der Hauptvorlesung für das kommende Semester.
Die Fakultätssitzung, in welcher diese ungewöhnliche Verhandlung stattgefunden hatte, war und blieb die letzte, welche ich besucht habe. Ich reichte alsbald bei der vorgesetzten Behörde mein Entlassungsgesuch ein und betrachtete mich als ausgeschieden, wenn ich auch natürlich meinen Amtspflichten unverändert nachkam, bis der formelle Abschied erfolgte. Ich sagte mir, daß ich zwar nicht verhindern konnte, daß mir derartiges einmal geschah, wohl aber, daß es mir zum zweitenmal geschehen könne.[443]
Die oben genannten Fachgenossen und Freunde bemühten sich lange und eifrig, meinen Entschluß rückgängig zu machen. Mir bedeutete das Aufgeben der Professur aber keinen Verlust, sondern die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, die durch jenes Ereignis nur beschleunigt worden war. Ich erinnere mich noch lebhaft des unwilligen Erstaunens, als ich ein mal im Kreise der Kollegen erklärte, daß ich durchaus nicht willens sei, mein Leben als Professor zu beschließen; ein Dasein als freier Forscher sei mein praktisches Ideal, das ich früher oder später zu verwirklichen gedenke. »Unsere Gesellschaft ist Ihnen anscheinend nicht gut genug« war die empfindliche Gegenbemerkung und meine Darlegung, daß der von mir angestrebte Zustand mir ja keinerlei andere Gesellschaftskreise auftun würde, machte die Sache nicht besser, eher schlechter.
Auch Wundt und andere von mir hochgeschätzte Kollegen bemühten sich vielfach darum, daß ich bei der Universität bleiben und zu diesem Zwecke meine Bedingungen angeben möchte. Ich machte schließlich das Zugeständnis, das Entlassungsgesuch zurückzuziehen zu wollen, wenn man mich vom Zwang der Vorlesungen in der Gestalt befreien würde, daß es mir freistehe, ob und in welchem Umfange ich welche halten wolle. Allen anderen Lehrverpflichtungen wollte ich nach wie vor genügen. Zu meiner großen Befriedigung ging die Fakultät nicht darauf ein, so daß das Entlassungsgesuch in Kraft blieb.
Diese Ereignisse fanden im Februar und März 1905 statt. Gewissermaßen als Antwort auf die geringe Einschätzung meiner Verdienste um die Leipziger Universität, welche ich in dem mir anvertrauten Fache binnen kurzer Frist zur ersten der Welt gemacht hatte, ging wenige Wochen später durch die Deutsche Tagespresse die Nachricht, daß gelegentlich des soeben von Kaiser Wilhelm II.[444]  begründeten Professorenaustausches zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, als erster Deutscher Gelehrter, welcher unsere Wissenschaft drüben vertreten sollte, Wilhelm Ostwald, Professor der Physikalischen Chemie in Leipzig, gewählt worden war.
Mir erschien dies als eine Bestätigung der Erkenntnis, daß die mir unmittelbar bevorstehenden Aufgaben einen weiteren Rahmen nötig machten, als ihn mir die Leipziger Professur gewährte.



Erstes Kapitel.
Die Lehre vom Glück und ihre Anwendung.










Die Theorie des Glücks. Als ich die tiefgreifende Veränderung kommen fühlte, welche mein Leben innerlich wie äußerlich umgestalten sollte, war es mir eine dringende Sorge, mir wissenschaftlich über Ursache, Inhalt und Zukunft eines solchen Vorganges klar zu werden. Getreu meiner Überzeugung, daß es nichts zwischen Himmel und Erde gibt, was nicht durch wissenschaftliche Behandlung Klärung und nötigenfalls Besserung erfahren kann, fragte ich mich ernstlich, wie jene zunächst gefühlsmäßigen Regungen sich im Lichte des Verstandes, d.h. der Wissenschaft, darstellen. Zu diesem Zwecke mußte ich vor allen Dingen zu dem persönlichen Einzelfall den allgemeineren Begriff (oder eine Stufenolge solcher Begriffe) suchen, dem er unterzuordnen war, um möglichst tief in die naturgesetzliche Beschaffenheit derartiger Geschehnisse einzudringen.
Der allgemeine Tatbestand war, daß ich mich in den vorhandenen Verhältnissen unglücklich fühlte und einen glücklicheren Zustand anstrebte. Ich mußte also die allgemeine Frage stellen: wann oder wodurch fühlt sich der Mensch unglücklich und glücklich? Oder mit anderen Worten: ich mußte die Gesetze des Glücks auf meinen Fall anwenden.[1]
So umfangreich und mannigfaltig auch das Lesegut gewesen war, das ich mir im Verlauf fast eines halben Jahrhunderts einverleibt hatte, so war mir doch bisher nirgend eine derartige Untersuchung aufgestoßen. Beim Nachfragen darüber im Kreise der Freunde und Bekannten fand ich auch keine Auskunft. Nur einer meiner früheren Schüler, Dr. Hellmut von Öttingen, der älteste Sohn meines Dorpater Lehrers brachte mir ein Büchlein, in welchem ein fleißiger Sammler zahlreiche Aussprüche zusammengestellt hatte, welche von den besten Köpfen der Weltliteratur über das Glück getan waren. Dies ergab zwar keine wissenschaftliche Lehre vom Glück, wohl aber schätzbares Rohmaterial dazu. Ich war deshalb genötigt, mir die zugehörige Wissenschaft selbst anzufertigen. Da ich nicht zum ersten Male in solcher Lage war, ging ich alsbald an die Aufgabe, deren Lösung für mich von maßgebender praktischer Bedeutung werden sollte, da sie nicht nur über meine eigene Zukunft entschied, sondern auch im Zusammenhange damit einen starken Einfluß auf das Leben meiner nächsten Angehörigen ausüben mußte. Dies war natürlich ein Grund, hier besonders gewissenhaft vorzugehen.
Soviel war von vornherein klar, daß das wissenschaftliche Gebiet, in welchem ich die Lösung zu suchen hatte, das der Psychologie war. Und zwar nicht der atomistischen Psychologie, welche mein verehrter Freund Wundt auf dem Wege der Psychophysik gepflegt hatte und welche sich mit den Elementen des Seelenlebens beschäftigt, die sie auszusondern und stückweise zu untersuchen bemüht ist, sondern jener anderen Psychologie, welche den Einzelmenschen als ein organisch gewordenes Ganzes nimmt und in dessen Verhalten gesetzliche Zusammenhänge zu erkennen sich bestrebt.
Hierfür hatte ich ein ziemlich reiches Material bei meinen Studien zur Geschichte der Wissenschaft gesammelt[2]  und ich habe schon (I, 105) erzählt, daß gerade das Persönliche der Mitarbeiter an diesem größten Werk der Menschheit meine Aufmerksamkeit schon früh gefesselt hatte. Nun konnte ich erproben, ob diese zunächst aus bloßer Wißbegier unternommenen Arbeiten sich zu jener praktischen Nutzbarkeit entwickeln ließen, in welcher allein ihre soziale, d.h. moralische Rechtfertigung liegt.
So ging ich an die vorliegende Aufgabe mit dem Vertrauen, daß sie lösbar sein mußte. Freilich nicht restlos, denn das ist keine Lösung einer wissenschaftlichen Aufgabe. Am wenigsten durfte ich das hier erwarten, wo es sich um einen ersten Vorstoß in ein höchst mannigfaltiges Neuland handelte. Aber da die gesuchte Entscheidung sich auf ein Ja oder Nein zugespitzt hatte, durfte ich hoffen, daß auch eine primitiv-grobe Wage zeigen würde, welche Seite schwerer ins Gewicht fiel.
Nach einigen Wochen zielbewußten Nachdenkens hatte ich das Material soweit bewältigt, daß ich an die Aufstellung des allgemeinen Ergebnisses gehen konnte. Und es war wie ein Wink des Schicksals, daß der Weg dazu wieder einmal durch die Energetik gebahnt war.
Die Glücksformel. Ich ging von der Tatsache aus, daß alles Leben durch ein fließendes Gleichgewicht gekennzeichnet ist, nämlich durch einen Zustand, in welchem ein beständiger Energiestrom das Gebilde durchfließt. Dieses verliert also stets Energie, der Verlust wird aber in dem Maße (durch Nahrungsaufnahme) gedeckt, als er eintritt. Die durch den Körper fließende Energie wird zur Aufrechterhaltung der mannigfaltigen Betätigungen des Lebewesens verwendet, die auf solchem Energieverbrauch beruhen, wobei die Energie ihre freie Arbeitsfähigkeit (ihr Potential) verliert.
Dies gilt in gleicher Weise für den niedrigsten Einzeller, wie für den höchstentwickelten Menschen. Nur[3]  ist dort der Vorgang nicht von bewußten Gefühlen begleitet, wie bei diesem.
Dieses Bewußtsein betätigt sich nun von Fall zu Fall wesentlich verschieden. Gewisse Vorgänge werden angenehm empfunden und deshalb gern betätigt, bei anderen ist das Gegenteil der Fall. Diese vermeidet der Mensch, soweit er kann. Aber seine Kraft reicht nie aus, sie ganz auszuschalten.
Nun kann das bewußte Erleben allgemein proportional dem gesamten Energiefluß gesetzt werden, der die betreffenden Vorgänge betätigt. Dieser zerfällt somit in einen Anteil – wir nennen ihn A – der die willkommenen oder willensgemäßen Vorgänge bewirkt, und einen anderen W, der mit den unwillkommenen oder willenswidrigen Erlebnissen, den Widerständen verbunden ist. Der erste bedingt das Gefühl des Glücks, der andere das des Unglücks. Je nachdem der Unterschied A – W positiv oder negativ ist, ist das Erlebnis ein glückliches oder unglückliches.
Anfangs dachte ich, daß damit die gesuchte Antwort schon gefunden sei und war wenig zufrieden mit dem dürftigen Ergebnis, daß man, um glücklich zu sein, den Betrag der willkommenen Betätigungen und Erlebnisse so groß, den der unwillkommenen so klein, wie möglich machen müsse. Denn so klug ist man meist schon ohne alle Wissenschaft.
Dann aber überlegte ich mir, daß früher schon die bloße Überwindung von Schwierigkeiten und Hindernissen positive Glücksgefühle erbracht hatte, die allerdings jetzt bei weitem nicht so stark empfunden wurden. Es muß also eine Glücksquelle in der Energiebetätigung selbst liegen, und diese ist gleichfalls in dem gesuchten Gesetz unterzubringen.
Die gesamte Energiebetätigung ist die Summe der willkommenen und unwillkommenen, also A + W. Da[4]  alle Glücksgefühle aufhören, sowohl wenn A – W, wie wenn A + W gleich Null ist, so müssen die beiden Anteile als Faktoren eines Produkts, nicht etwa als die Glieder einer Summe miteinander verbunden werden. Fügt man noch einen Faktor k hinzu, welcher die Umwandlung des energetischen Vorganges in den psychologischen ausdrückt, so hat man die Glücksformel, in der G die Stärke des Glücks bedeutet:

G = k (A – W) (A + W).

Sie heißt in Worten: das Glück ist proportional dem willensgemäßen Überschuß (A – W) und der Gesamtmenge (A + W) der betätigten Energie.
Jetzt ist die Gleichung sehr viel inhaltreicher geworden. In einer Abhandlung, die im 4. Bande der Annalen der Naturphilosophie, S. 459 veröffentlicht wurde (mehrere Jahre nach ihrer Abfassung), habe ich eine ziemlich große Anzahl Einzelfälle erörtert und gezeigt, daß unter anderem so verschiedenartige Dinge, wie Trunksucht und religiöser Glaube durch jene Formel ihre Erklärung finden. An dieser Stelle soll nur der Punkt erörtert werden, welcher für die bevorstehende Entscheidung meines Schicksals am wichtigsten war.
Erläuterung. Damit das Glück einen möglichst hohen Wert annimmt, müssen beide Faktoren A – W und A + W so groß wie möglich sein. Von diesen steht A + W, der gesamte Energiebetrieb, nur insofern in unserer Gewalt, als wir durch ein physiologisch zweckmäßiges Leben unsere Gesundheit bewahren, denn Krankheit bedeutet Energieverminderung. Aber unabhängig von uns ist der Energiestrom beim Jüngling und jungen Mann am stärksten und nimmt unvermeidlich ab mit zunehmendem Alter. Meist beginnt zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr diese Abnahme merklich zu werden, um dann im späteren Alter mehr und mehr in den Vordergrund zu treten.[5]
In der Jugend ist somit A + W groß, und es kann ein starkes Glück erzielt werden, wenn auch der andere Faktor A – W durch merkliche Werte der Widerstände W vermindert ist. Wird einmal A – W negativ, so bewirkt der hohe Wert von A + W ebenso ein hohes negatives Produkt, ein starkes Unglück. Für die Jugend ist also kennzeichnend ein leidenschaftliches Schwanken zwischen starken Glücks- und Unglücksgefühlen.
Nimmt mit zunehmendem Alter die gesamte Energiebetätigung ab, so wird das Produkt notwendig kleiner und um sich ein ausreichendes Glück zu sichern, muß der Mensch nun in erster Linie darauf achten, daß der zweite Faktor (A – W) so groß wie möglich wird, d.h. daß die Widerstände W so klein wie möglich sind.
Somit sind die Arten des Glücks in der Jugend und im Alter ganz verschieden. Der Jugend kommt das Heldenglück zu, die kraftvolle Betätigung der gesamten Energie, mögen dabei auch große Widerstände zu überwinden sein. Das Glück des Alters dagegen liegt in der Vermeidung der Widerstände, im ruhigen Genuß fruchtbarer, willensgemäßer Betätigung. Es ist das Glück in der Hütte, das die stürmische Jugend Philisterglück nennt.

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Beratung durch die Wissenschaft. Nachdem ich diese wissenschaftliche Erkenntnis gewonnen hatte, war ich mir über die Notwendigkeiten meiner Zukunft ganz klar geworden. Ich hatte nach meiner Erkrankung und Genesung meinen Energiebetrieb wesentlich einschränken müssen und befand mich also zweifellos jenseits des Höhepunktes meiner Lebenslinie. Soweit dies von mir selbst abhängig war, hatte ich nun Sorge zu tragen, die Widerstände tunlichst aus meinem Leben auszuschalten, und zwar zunehmend mit zunehmendem Alter. Da es ganz außerhalb meiner Möglichkeiten lag, die Widerstände an der Universität Leipzig zu beseitigen, die sich[6]  ohne mein Wollen und Wissen so hoch gegen mich aufgehäuft hatten, und da ich voraussehen mußte, daß sie im Laufe der Zeit eher zu- als abnehmen würden, war die Entscheidung ganz eindeutig gegeben.
Ich spreche hier mit allem Nachdruck aus, daß die Wissenschaft, der ich seit dem Beginn meines bewußten Daseins mein Leben gewidmet hatte, mich an diesem entscheidenden Wendepunkt nicht im Stiche gelassen hat. Ich verdanke heute (1927) der praktischen Durchführung jenes wissenschaftlichen Ergebnisses mehr als zwei Dezennien eines inhaltreichen und glücklichen Lebens und habe nie, selbst in meinen Träumen nicht bereut, mich auch diesmal der hohen Führerin anvertraut zu haben.
Abrechnung. Die Gefühle, mit denen ich meine Leipziger Professur abschloß, waren demnach einheitlich angenehm. Der einzige etwas unangenehme Teil daran, die bis zum Haß gesteigerte Abneigung einer Anzahl meiner bisherigen Kollegen, beschäftigte mich nur wenig. Denn da ich ihnen niemals bewußt etwas Übles oder auch nur Unfreundliches zugefügt hatte und ich mich deshalb von persönlicher Verantwortlichkeit für das Mißbehagen, das sie so deutlich zum Ausdruck brachten, frei fühlte, so erregten jene Vorgänge bei mir hauptsächlich eine neugierige Verwunderung, wie ein so harmloses Wesen wie ich solche Stürme hatte entfesseln können. Ein erheblicher Verlust nach der Seite des Verstandes oder Gemüts lag für mich auch nicht vor, da mir jene Männer persönlich so fern standen, daß es nicht ins Gewicht fiel, ob ich sie auf der Soll- oder Habenseite meines Hauptbuches einzutragen hatte. Der einzige, dessen gegnerische Einstellung ich schmerzlich fühlte, war der Botaniker Pfeffer. Doch hatte sich das Verhältnis zu ihm bereits vorher gelockert, nachdem die schnell zunehmenden Zeichen internationaler wissenschaftlicher Anerkennung, die sich bei mir sammelten, den früheren großen Abstand[7]  zwischen uns so stark vermindert hatten, daß die Gefahr bestand, er würde sein Vorzeichen wechseln. Dafür aber entschädigte mich reichlich die rückhaltlos freundschaftliche Anteilnahme meiner näheren Kollegen Wiener, Des Coudres und Beckmann.
So war denn der Gegensatz zwischen meiner unbedingten Bereitwilligkeit im Jahre 1887, das mir angebotene Amt anzunehmen und der ebenso unbedingten Bereitwilligkeit, es 1906 aufzugeben, nur scheinbar. Zweifellos hatte ich allen Grund gehabt, die frühzeitige Berufung auf den Leipziger Lehrstuhl seinerzeit als einen unerhörten Glücksfall von unvorstellbar glänzender Beschaffenheit zu empfinden, als die einzige überhaupt vorhandene Möglichkeit, die in mir vorhandenen Kräfte ohne wesentliche Behinderung zu betätigen, ja auszutoben, gemäß der Lehre vom Heldenglück. Die Arbeit im neuen Amt brachte denn auch über Erwarten und Hoffen reiche Erfolge, innere wie äußere. Die inneren bestanden in einer ausgiebigen Klärung, Erweiterung und Vertiefung meiner wissenschaftlichen Kenntnisse und Anschauungen. Dazu kam die Entwicklung eines reichen Blütenflors persönlicher Beziehungen, sowohl zu den hervorragendsten Fachgenossen meiner Zeit (in ziemlich weitem Sinne) wie einem nicht minder ausgezeichneten Kreise von jüngeren Mitarbeitern und Schülern, die sich meiner Führung anvertraut hatten. Äußerlich konnte ich reiche Erfolge als Verfasser zahlreicher Schriften und einen schnell zunehmenden internationalen Ruf als Organisator der neuen Wissenschaft, der physikalischen Chemie, buchen, für welche überall neue Lehrstühle begründet wurden, zu deren Besetzung außer meinen Schülern nicht viel andere Kandidaten vorhanden waren.
So hatte ich das mir erschlossene Feld nach allen Seiten bestellt und von den alsbald in erstaunlicher Fülle[8]  reifenden Früchten war ein unverhältnismäßig großer Teil in meine Scheunen gelangt. Statt der an den Fingern abzuzählenden, räumlich weit zerstreuten Kleinzahl der Arbeitsgenossen zur Zeit meiner Jugendjahre waren jetzt Hunderte von begabten und fleißigen Mitarbeitern in der ganzen Kulturwelt tätig, deren Erzeugnisse nicht nur die von mir gegründete Zeitschrift bis zum Bersten füllten, sondern bereits mehrfach andere Unterkunft in Gestalt gleichgerichteter Zeitschriften gesucht und gefunden hatten. Selbst in meiner eigenen Anstalt hatte ich feststellen können, daß die Arbeit auch ohne mein persönliches Eingreifen sich in meinem Sinne und dabei doch mit selbständigen neuen Gedanken der Mitarbeiter fortsetzen ließ. Kurz, es war überall ein ausgedehnter Betrieb entstanden, der sich nicht nur erhielt, sondern nach Art eines jungen und gesunden Lebewesens selbsttätig an Umfang und Inhalt zunahm.
Dieser Zustand schien somit alle Voraussetzungen zu erfüllen, die mir eine dauernde würdige und angenehme Stellung sicherten, wenn ich ihn nur ohne viel Eingreifen von meiner Seite fortbestehen ließ. Den Konflikt mit der Fakultät brauchte ich nur meinerseits nicht ernst zu nehmen und mich um ihn nicht weiter zu bekümmern, um ihn praktisch unwirksam zu machen. Denn deren Befugnisse endeten an der Tür meines Instituts. Eine formale Befriedigung ihrer Forderungen bezüglich der Vorlesung konnte bei sachlicher Durchsetzung meiner Wünsche sich leicht bewerkstelligen lassen, wenn mir daran gelegen gewesen wäre, die Professur zu behalten; erfahrene Kollegen hatten bei den versuchten Friedensverhandlungen nicht unterlassen, auf solche Möglichkeiten hinzuweisen. Ich brauchte also nur zu wollen, und alles blieb, wie es war.
Der Einzelne und die Wissenschaft. Trotzdem war ich nicht im Zweifel, welchen Weg ich einschlagen sollte.[9]  Ich hatte den Karren der neuen Wissenschaft mit der Kraft und Begeisterung der Jugend den steilen Berg der allgemeinen Anerkennung hinaufgezogen. Zwar nicht allein, sondern entscheidend unterstützt durch Mitarbeiter, die anfangs wenig zahlreich, doch ersten Ranges waren, aber immerhin als der am meisten Beanspruchte. Nun war die Paßhöhe erreicht und überschritten. Obwohl die Last inzwischen sehr gewachsen war, ging es auf dem wagerechten Boden verhältnismäßig leicht weiter. Und schon begann der absteigende Teil des Weges, wo die eigne Schwere den Wagen vorwärts treibt.
Als Spitzengaul konnte ich die nun eintretende beschleunigte Fahrgeschwindigkeit zunächst mit Behagen mitmachen, ohne selbst viel ziehen zu müssen. Aber bald erfuhr ich, daß die Wucht und die Geschwindigkeit der Bewegung gleichzeitig unaufhaltsam zunahmen. Schon wurde es mir zuweilen schwer, mitzuhalten, d.h. nach bisher durchgeführter Gewohnheit überall im neuen Gebiet zu Hause zu sein. Und ich sah die Zeit unmittelbar vor mir, wo die Bewegung immer selbständiger und schneller wurde, ganz unabhängig davon, ob ich mitzog oder nicht.
Die beiden Wege. In solchem Falle hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man versucht weiter an der Spitze zu bleiben und wird dadurch genötigt, seine eigene Geschwindigkeit immer mehr zu steigern, will man nicht unter die Räder geraten. Je wirksamer man in seinen jungen Jahren gearbeitet und Mitarbeiter ausgebildet hat, um so größer wird das Mißverhältnis zwischen der im Alter abnehmenden eigenen Kraft und der lebendigen Kraft der Gesamtbewegung. Und das Ende ist unvermeidlich eine Katastrophe. Nicht für den Wagen, denn dieser geht unerschüttert weiter, sondern für den alten Gaul, über den nun die Räder mitleidlos hinweggehen. Die Entwicklung der Wissenschaft kümmert[10]  sich nicht um das persönliche Schicksal des Einzelnen und sie darf in solchen Fällen durchaus keine Dankbarkeit kennen und üben.
Somit bleibt nur die andere Möglichkeit übrig: man verläßt rechtzeitig die gefahrdrohende Stellung an der Spitze und tritt zur Seite. Um nicht melancholisch zu werden, wenn man das Ding, dem man die besten Kräfte der besten Jahre gewidmet hat, nun unbekümmert seinen eigenen Weg weitergehen sehen muß, ist es dann am besten, persönlich einen neuen Weg einzuschlagen, auf dem solche Gefahren noch nicht drohen.
Dies wird um so leichter, je weniger einseitig man früher gewesen ist. Hat man nichts anderes im Kopfe gehabt, als jene Aufgaben und Arbeiten, so ist man übel daran. Man muß, um ein anderes Bild zu brauchen, folgeweise vom Pferd auf den Esel steigen und zuletzt als kümmerlicher Fußgänger hinterdrein humpeln. Dem Außenstehenden mag es nicht so scheinen, zumal wenn Ruhm und äußere Stellung, wie das die Regel ist, auch in solcher Zeit weiter zunehmen. Aber innerlich erlebt der Alternde doch jenen Abstieg unerbittlich und seine Lage wird nicht schöner, wenn er diesen unvermeid'ichen Vorgang durch zunehmende Betonung des Wertes, den er auf äußere Anerkennung legt, zuzudecken versucht. Oft gelingt dies äußerlich und wir haben nicht wenige alte Größen, die als ihr eigenes Denkmal würdevoll dasitzen und den Weihrauch entgegennehmen. Aber das unabweisbare Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, wenn es auch oft unterbewußt bleibt, macht ein solches Dasein nicht beneidenswert.


Viel besser ist der daran, dem aus seinen zeugungskräftigen Jugendjahren andere Aufgaben übrig geblieben sind, für die er förderliche Gedanken gehabt hat und denen er sich nur deshalb nicht hat widmen können, weil das zuerst ergriffene Problem ihn so mit Früchten[11]  überschüttet hat, daß ihm die Zeit dazu nicht geblieben war. Nun besinnt er sich auf die eine oder andere Jugendliebe, der er bisher nur dann und wann einen Blick hat widmen dürfen; ein näheres Verhältnis zu jener alten Flamme ist jetzt nicht nur erlaubt, sondern geboten.
Es ist dies einer der leider noch seltenen Fälle, wo persönliche und sachliche Bedürfnisse und Zweckmäßigkeiten sich zu gegenseitigem Vorteil verbinden lassen, wobei nicht nur eine Steigerung des persönlichen Glücks, sondern auch eine Steigerung der Erzeugung objektiver Werte erlangt wird.
Neue Aufgaben. Bei mir war eine ganze Schar solcher Jugendlieben vorhanden, denen ich mich bei noch einigermaßen frischen Kräften zu widmen wünschte. Solange ich amtierender Professor für physikalische Chemie mit einem reich besetzten Laboratorium voll arbeitsdurstiger Schüler war, konnte ich mir solche Seitensprünge gewissermaßen nur hinter meinem eigenen Rücken erlauben und hatte dabei immer ein wenig ein schlechtes Gewissen. Das bewirkte, daß auch bei gelegentlicher Hingabe an solche Dinge doch viel weniger herauskam, als ich mir leisten zu können zutrauen durfte, falls ich die Sache unbehindert und störungsfrei durchführen konnte.
Zu solchen früh gefaßten Neigungen, unter denen die mit Farben und Malen zusammenhängenden Betätigungen in erster Linie standen, gesellten sich später entstandene, welche die äußersten Schößlinge meiner an der Hauptarbeit erwachsenen Interessen darstellten. Diese gruppierten sich um den vieldeutigen Begriff der Philosophie.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, wo mir solche Arbeiten in den Vordergrund meines Nachdenkens gelangten, war die Philosophie ganz und gar geschichtlich orientiert. Die meisten Fachmänner waren dem damals[12]  erhobenen Ruf: zurück zu Kant gefolgt und trieben unter dem Namen Erkenntnistheorie eine ziemlich fruchtlose Scholastik, deren Denkmaterial auf den von Kant benutzten Prinzipien Newtons beruhte, welches durchaus nicht geprüft wurde, ob es nach hundert Jahren großartigster Entwicklung der Wissenschaft noch Anspruch auf Geltung erheben konnte; von Verbesserung oder Ergänzung war überhaupt nicht die Rede.
Demgegenüber erkannte ich, daß die inzwischen erfolgte ungeheure Vertiefung und Verbreiterung der Grundlagen der Naturwissenschaften, von der Mathematik bis zur Biologie, ganz unvergleichlich viel bessere und fruchtbringendere Gesichtspunkte für die Lehre von Wissen und Erkennen liefern konnte, als die auf Mechanik und Astronomie beschränkte Lehre Newtons, deren von den besten Mathematikern ihrer Zeit angestrebte Ausdehnung auf die übrigen Gebiete der Physik auf die Dauer nur Fehlschläge ergeben hatte, wenn auch zunächst scheinbare Erfolge eingetreten waren. Namentlich die Lehre von der Energie mit ihren beiden so endlos weitreichenden Hauptsätzen ergab alsbald folgenreiche Anwendungen im philosophischen Gebiet und ließ noch sehr viel weitergehende ahnen.
Hierdurch gewann die Energetik, die ich zunächst wegen der Fruchtbarkeit ihrer Anwendungen in der Chemie und Physik entwickelt hatte, eine noch viel weiter reichende Bedeutung für mein Denken und die hier vorhandenen Möglichkeiten forderten eine Hingabe an die zugehörige Arbeit, die für einen vielbeanspruchten Institutsleiter, Zeitschriftenherausgeber und kolleglesenden Professor gänzlich unerreichbar war.
Biologische Unvermeidlichkeiten. Die Ursache solcher tiefgreifenden Wendungen ist das beginnende Alter. Als ich die ersten Spuren davon erkannte, fühlte ich, wie immer, aber in diesem Falle besonders dringend, das[13]  Bedürfnis, mir wissenschaftliche Klarheit über das Wesen und die Ursachen dieser Vorgänge zu verschaffen. Denn dies ist der einzige Weg, um durch bewußte Anpassung der Lebensweise an die sich neu gestaltenden Verhältnisse das eigene Wesen so fruchtbar und glücklich zu gestalten, wie es die Umstände erlauben wollen. Jenes erschütternde Erlebnis an meinem verehrten Freunde Karl Ludwig, daß er sein Lebenswerk unter seinen eigenen Augen zerfallen sah (II, 86), hatte mir unvergeßlich gezeigt, daß dieser große Lebensforscher offenbar versäumt hatte, die Wissenschaft, die er so vielfach bereichert hatte, auf sein eigenes Leben anzuwenden.
Der Umstand, daß ich selbst nicht Biologe von Fach war, konnte, als ich selbst vor dieser Aufgabe stand, ebenso als ein Vorteil wie als ein Nachteil wirksam sein. Die eingehende und langdauernde Beschäftigung mit einer Wissenschaft ist notwendig mit dem Eindringen in zahllose Einzelheiten verbunden, welches so oft und dauernd eine Nahestellung des geistigen Auges erfordert, daß eine daraus erfolgende geistige Kurzsichtigkeit die nahezu unvermeidliche Folge ist. Je feiner und erfolgreicher der Forscher als Sonderling (Spezialist) seine Arbeit leistet, um so leichter verliert er den Überblick über die großen und allgemeinen Fragen seiner Wissenschaft. Es ist eines der segensreichsten Ergebnisse der an unseren Hochschulen üblichen Verbindung von Lehre und Forschung, daß die Notwendigkeit, für den Unterricht die allgemeinsten Verhältnisse immer wieder zu bedenken, um sie sachgemäß darzustellen, jener geistigen Kurzsichtigkeit entgegenarbeitet.
Solcher Gefahr ist der nicht ausgesetzt, der sich in einer Wissenschaft zurechtzufinden sucht, in der er sich nicht vorher durch Einzelforschungen angesiedelt hatte. Um so größer ist für ihn die andere Gefahr, wenn er sich selbständige Gedanken zu machen bemüht, Wesentliches[14]  zu übersehen, was der Fachmann weiß, aber als »selbstverständlich« oft nicht erst besonders ausspricht und erörtert.
Das beste und erfolgreichste Mittel dagegen ist der Besitz einer umfassenden und weitverzweigten Ordnungswissenschaft und Wissenschaftsordnung. Kann man die Erfordernisse eines Gebietes als Teil einer allgemeinen Ordnung aufweisen, so hat man einen festen Rahmen, in welchen der Inhalt jedenfalls passen muß und wird, wenn man ihn zurzeit auch noch gar nicht kennt. Und die Angemessenheit des Inhalts kann man daraus erschließen, ob und wie er sich in den allgemeinen Rahmen einzufügen vermag.
Der Fall Berzelius. Ich darf nicht behaupten, daß mir diese Gesichtspunkte bereits klar waren, als mir gegen das fünfzigste Lebensjahr das Bedürfnis entgegentrat, unter dem Einfluß des herannahenden Alters meine Lebensverhältnisse entsprechend umzugestalten. Wohl aber waren mir einzelne Beispiele entgegen getreten, teils aus persönlicher Erfahrung, wie an Karl Schmidt und Karl Ludwig, teils aus der Geschichte meiner Wissenschaft, wie ich sie an den unmittelbaren und mittelbaren Zeugnissen entnehmen konnte, die sich im wissenschaftlichen Schrifttum erhalten hatten. Unter den letzten war das Schicksal des großen schwedischen Chemikers Berzelius mir das lehrreichste (II, 256 und 433).
Dieser Mann war als Organisator seiner Wissenschaft für deren Entwicklung noch einflußreicher gewesen, als durch seine experimentellen Forschungen, so außerordentlich diese auch nach Inhalt wie Umfang gewesen waren. Sein Lehrbuch, dessen erste Abfassung er in verhältnismäßig jungen Jahren geleistet und an dessen Verbesserung er bis zu seinem Tode gearbeitet hatte, war zu seiner Zeit das chemische Lehrbuch schlechthin, an welchem unmittelbar oder mittelbar (nach Auszügen[15]  und Nachahmungen) sich alle Mitarbeiter jener Zeit ausbildeten. So war er, obwohl er persönlichen Unterricht nur in sehr beschränktem Umfange erteilte, zum Lehrer der ganzen Welt für seine Wissenschaft geworden. Allerdings konnte dies nicht durch die ursprüngliche Fassung des Werkes in Schwedischer Sprache geschehen, da diese nicht bekannt genug war. Berzelius' Lehrbuch im eigentlichen Sinne, das jene Weltwirkung ausübte, war die Deutsche Ausgabe, die durch die treue Sorgfalt seines Schülers Friedrich Wöhler mustergültig und unter großen persönlichen Opfern besorgt wurde. Bei den späteren Auflagen blieb das Schwedische Original im Zustande der Handschrift und zum Druck gelangte Wöhlers Deutsche Übersetzung.
Nie war eine geistige Herrschaft unbedingter und nie schien sie besser und dauerhafter begründet, als die des selbstlosen und nur von rein wissenschaftlichen Motiven geleiteten chemischen Königs Berzelius. Und dennoch mußte dieser selbst sein Reich in Trümmer gehen sehen und konnte es nicht verhindern, obwohl er bis zum Tode dafür kämpfte. Neue Gebiete der Wissenschaft erschlossen sich, welche neue Ordnungsgrundsätze erforderten. Und da bei deren Durchsetzung, wie immer in solchen Fällen das wenige Neue unverhältnismäßig viel mehr in den Vordergrund trat, als das viele Alte, das nicht zur Sprache kam, weil es unverändert bleiben durfte und mußte, so entstand der Eindruck einer grundstürzenden Revolution, während es sich nur um einen Anbau handelte, dessen Anschluß nicht viel mehr als das Durchbrechen einer Wand nötig machte.

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Persönliche Anwendung. Mich hatte dies wissenschaftsgeschichtliche Trauerspiel schon während meiner Studienjahre zu fesseln begonnen, als ich seine ersten Spuren in den chemischen Zeitschriften bemerkte, die ich damals wahllos durchstudierte. Wurde der Gedankeninhalt[16]  von Berzelius' Lehre doch in Dorpat keineswegs als überwunden angesehen, wenn auch in Deutschland, das damals eben die chemische Führung übernommen hatte, die namentlich von Kekulé entwickelten neuen Ansichten der organischen Chemie die Vorherrschaft besaßen. Im Laufe der Zeit vertiefte sich auf Grund der Veröffentlichung des wissenschaftlichen Briefwechsels der führenden Forscher jener Zeit meine Einsicht in jene Ereignisse durch die Erkenntnis ihrer naturgesetzlichen Notwendigkeit. Wie immer, suchte ich dann von der wissenschaftlichen Erkenntnis den Weg zur praktischen Anwendung, die für mein eigenes Leben von entscheidender Bedeutung werden mußte.
Das Ergebnis war, daß bei mir noch dringendere Gründe zum Verlassen meines bisherigen Amtes und Berufes vorlagen, als seinerzeit bei Berzelius. Während bei diesem die Hingabe an den in der Jugend mit instinktiver Sicherheit gewählten Beruf bis zu seinem Tode nicht nur erhalten blieb, sondern sich im Laufe der Zeit verstärkt und vertieft hatte, waren bei mir andere Gedankenkreise lebendig geworden, welche zwar teilweise von meinen chemischen Arbeiten ausgegangen, dann aber zu selbständigen Problemen geworden waren, zum anderen Teile aber schon früher neben jenen Interessen bestanden hatten. Diese neuen Gebilde begannen den alten Arbeitskreis mehr und mehr zu überwuchern und erleichterten mir nicht nur die Loslösung von ihm, sondern ließen diese zunehmend als eine Pflicht gegen die Wissenschaft, gegen meine Schüler und nicht zum wenigsten gegen mich selbst erscheinen: gegen die beiden ersten, um sie nicht zu schädigen, gegen mich, um neue Seiten meines Wesens entwickeln zu können, die bisher zurückgehalten waren.
Vielseitigkeit. In meine »Burschenbibel«, das persönliche Erinnerungsbuch an die Studentenjahre, hatte ein[17]  älterer Landsmann, der Astronomie studierte und mir daher wissenschaftlich etwas näher stand, die Bemerkung geschrieben: Wenn Du nur nicht so gräßlich vielseitig sein wolltest! Er hatte mir also schon damals bezeugt, daß ich trotz meiner ungehemmten Begeisterung für die Chemie allerlei Dinge daneben trieb, die mit ihr nichts zu tun hatten und in meinem Gehirn mit ihr gleichsam nur durch Personalunion verbunden waren.
Ich darf durchaus nicht behaupten, daß ich hierbei irgendeinen etwa auf persönliche Universalbildung bewußt angelegten Plan verfolgt hätte. Es waren vielmehr reine Instinkthandlungen, die darauf beruhten, daß mir bei allen Dingen, die mir gefielen, alsbald die Finger juckten, sie selbst zu probieren. Es ist dies ein Instinkt, der in so gut wie jedem einigermaßen regen Jungen vorhanden ist. Von dem, was Zufall oder Schicksal in seinen Weg führt, hängt es dann ab, wohin sich dieser Betätigungsdrang richtet. Bei mir war durch die Lesewut meiner Knabenjahre ein besonders weiter Kreis von Wünschen und Strebungen entstanden und die sehr beschränkten Erfüllungsmöglichkeiten, unter denen ich herangewachsen war, hatten deren Stärke nur gesteigert. Sie hatten mir auch schon einige Male das Glück der Erfüllung gewährt. Diese war zwar stets recht knapp geraten und wirkte bald nur als Ausgangspunkt weiterer Strebungen. Aber das ist ja gerade die günstigste Voraussetzung für eine erfolgreiche persönliche Entwicklung: genug Ergebnisse, um die Flamme nicht aus Mangel an Nahrung erlöschen zu lassen, bei weitem nicht genug, um sie durch allzu vollständige Befriedigung zu ersticken.
Handfertigkeit. Als besonders günstig hierfür muß ich den Umstand bezeichnen, daß mir als dem Sohn eines Handwerkers die Geschicklichkeit der Hand stets als etwas höchst Erstrebenswertes erschienen ist, als etwas, was der Persönlichkeit einen besonderen Wert[18]  gibt. Ich habe erzählt (I, 27), wie mein Vater, als schon längst der Schwerpunkt seiner Tätigkeit im kaufmännisch-organisatorischen Gebiet lag, sich doch mit Hingabe als Meister in der Werkstatt betätigt hat, indem er besonders schwierige Arbeiten persönlich auszuführen pflegte, damit er sich auf das Ergebnis verlassen konnte. Durch das Erbgut, welches ich in solchem Sinne von ihm erhielt, haben sich mir zahlreiche Gebiete aufgetan, die denen verschlossen bleiben, welche im Sinne der Platonischen Wertung nur literarische und gedankliche Arbeit als ihrer würdig ansehen und alle Handgeschicklichkeit als banausisch verachten. So zweifle ich beispielsweise nicht, daß Helmholtz ein halbes Jahrhundert vor mir die messende Farbenlehre geschaffen hätte, wenn er mit Tünche und Pinsel ebenso vertraut gewesen wäre, wie mit partiellen Differentialgleichungen. Umgekehrt ist es ein ganz natürlicher, fast unvermeidlicher Entwicklungsgang, daß meine malerischen Betätigungen, die anfangs ganz dilettantisch zu Zwecken der geistigen Erfrischung getrieben wurden, mich zuletzt zu den allgemeinsten Fragen der Kunstlehre mit dem Ziele der Verwissenschaftlichung zunächst der Malerei, sodann der Kunst überhaupt führen mußte.
Verhältnis zur Gegenwart. So finde ich mich, wenn ich nun gegen das Ende meines Lebens um mich schaue, als Widerspiel meiner Zeit vor, für welche die Spezialisierung, die Einschränkung des Sehfeldes und des Arbeitsgebietes kennzeichnend war. Wenn ich die Zeichen der Gegenwart richtig deute, so scheint diese Zeit im Verschwinden zu sein und die Aufgabe der Zusammenfassung (Synthese) in ihrer Bedeutung begriffen zu werden. Zwar nicht zunächst in der »reinen« Wissenschaft, wo im Gegenteil die Spezialisierung noch durchaus vorherrscht. Wohl aber in der angewandten Wissenschaft, der Technik und Wirtschaft.[19]
Auch weiß ich wirklich aus dem ganzen Umkreise meiner Zeitgenossen keinen einzigen zu nennen, der in einem ähnlichem Umfange seine Interessen und Arbeiten ausgeweitet und betrieben hätte. Dabei darf ich mir das Zeugnis geben, daß ich niemals ein neues Gebiet aus dem Grunde betreten habe, um einen neuen Beleg für meine »Vielseitigkeit« zu beschaffen. Viel mehr war mir aus der Beurteilung, welche diese Neigung seit meinen Jugendjahren immer wieder auch von wohlwollendster Seite erfahren hat, etwas wie ein schlechtes Gewissen nachgeblieben, wenn ich mich wieder einmal auf einem neuen Gebiet tätig fand. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß der plötzliche Abschluß meiner Leipziger Professorentätigkeit (II, 441) gar keine andere Ursache hatte, als meine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, mich auf das mir amtlich angewiesene Gebiet der physikalischen Chemie zu beschränken, das wahrlich damals schon groß genug war, um die Arbeitsfähigkeit eines Menschen ganz in Anspruch zu nehmen. Ich muß es also als einen angeborenen und unausschaltbaren Teil meines Wesens ansehen, daß ich, kaum auf fruchtbarem Boden angewurzelt, alsbald Wurzelausläufer von dort weitersenden muß, um neue Wachstumsgebiete anzulegen. Unterscheiden wir doch auch bei unseren Gartengewächsen solche, die dauernd ihren Wachstumsschwerpunkt behaupten und nur die Wurzeln tiefer, die Zweige höher treiben, und solche, die ein ursprünglicher Wachstumsdrang treibt, sich in jedem erreichbaren Neuland anzusiedeln, um von dort aus nach einiger Zeit wiederum suchende Ausläufer zu treiben.
Eine Vorrede. Ein Zeugnis dieser Verhältnisse aus der Zeit der Wendung hat sich in dem Band »Abhandlungen und Vorträge allgemeinen Inhalts« erhalten, der im Frühling 1904 erschien, ein Jahr vor dem Abschluß meiner Leipziger Tätigkeit. Er bringt eine Zusammenstellung[20]  solcher Reden und Aufsätze aus den Jahren 1887 bis 1903, welche sich an weitere Kreise gewendet hatten, insgesamt 27 Stücke, in fünf Gruppen geordnet: Allgemeine und physikalische Chemie, Elektrochemie, Energetik und Philosophie, Technik und Volkswirtschaft, Biographie. Die Vorrede dazu kennzeichnet meinen damaligen Zustand so deutlich, daß ich sie nachstehend mitteile. Sie ist mir selbst ein Beleg dafür, daß ich bei der Rückschau auf jene Ereignisse nicht der naheliegenden Gefahr einer nachträglichen Konstruktion unterlegen bin, sondern sachlich genau berichtet habe.
Das vom Mai 1904 datierte Vorwort lautet:
»Zunächst muß ich bekennen, daß die vorliegende Sammlung meiner Aufsätze und Reden, die sich an einen weiteren Leser- und Hörerkreis wenden, ihre Entstehung nicht wie üblich dem Andringen der Freunde des Verfassers verdankt. Ich habe vielmehr gerade jetzt als zu einer Zeit, wo sich in der Weise meiner Beteiligung an der Entwicklung der Wissenschaft innerlich und vielleicht auch äußerlich eine starke Wendung vollzieht, das Bedürfnis gefühlt, meinen Arbeitsgenossen und mir selbst durch diese Übersicht eine Art Rechenschaft zu geben, und ich will auch nicht verhehlen, daß dies mit einigem Behagen geschehen ist. Darf ich doch die Hauptaufgabe meines Lebens, der allgemeinen oder physikalischen Chemie einen gesicherten Boden innerhalb des regelmäßigen Wissenschaftsbetriebes bereiten zu helfen, als im wesentlichen gelöst ansehen. Natürlich soll damit nicht gesagt sein, daß bereits alle Ansprüche befriedigt und alle Wünsche erfüllt sind; es bleibt vielmehr noch genug im Deutschen Vaterlande wie auswärts zu tun übrig. Wohl aber glaube ich die Stellung der neuen Wissenschaft im Kreise der Schwesterwissenschaften bereits als soweit gesichert ansehen zu dürfen, daß eine stetige Weiterentwicklung leicht und eine Unterdrückung[21]  unmöglich geworden ist; was nunmehr aus ihr wird, hängt nur noch von dem Werte ihrer Leistungen ab, und nicht mehr von den Zufälligkeiten des persönlichen Wohl- oder Übelwollens.

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Gleichzeitig soll diese Sammlung eine Erklärung und damit, wie ich hoffe, auch eine Rechtfertigung der eben erwähnten Wendung geben. Durch die eifrige Mitarbeit an der Erweiterung und Klärung einer speziellen Sachwissenschaft, verbunden mit dem unschätzbaren Gewinn, eine große Zahl hochbegabter und begeisterter jüngerer Fachgenossen bei ihren ersten Schritten in die Arbeit an der Wissenschaft begleiten zu können, habe ich mir eine ziemlich ausgedehnte praktische Erfahrung über die Frage erworben, wovon die Entwicklung einer Wissenschaft abhängt und welches die zweckmäßigen Methoden hierfür sind. Es liegt nahe, die hier erlangten Kenntnisse auf andere Gebiete anzuwenden, und Versuche in dieser Richtung sind es, denen ich die mir gebliebenen Beträge an Arbeitsfähigkeit und Arbeitslust zuwenden möchte. Die Freunde, welche mit Besorgnis mich die Bahnen gewohnter ergiebiger Arbeit verlassen sehen, werden aus der vorliegenden Sammlung erkennen, daß es sich um die Ausführung lange gehegter Gedanken handelt, die nur im Drange der Tagesarbeit bisher haben zurückgestellt werden müssen.
In den abgedruckten Aufsätzen wird man nahezu oder völlig unbekannt gebliebene neben anderen finden, welche, wie die Vorträge über die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus und über Katalyse, eine weite Verbreitung gefunden haben. Eine Vollständigkeit in der Zusammenstellung habe ich nicht angestrebt; insbesondere habe ich viele allgemeine Betrachtungen, die sich mir im Anschlusse an Berichte über Bücher und Abhandlungen anderer Autoren dargeboten hatten, nicht aufgenommen, sondern mich auf[22]  solche Darstellungen beschränkt, die ein abgerundetes Stück Wissenschaft oder Leben behandeln. Der Abdruck ist wortgetreu. In betreff der Anordnung habe ich von einer rein chronologischen Reihenfolge abgesehen, um einen störenden Eindruck auf den Leser infolge des allzu häufigen Wechsels im Thema zu vermeiden. Abgesehen davon, daß die Notwendigkeit einer beständigen Änderung in der Einstellung des geistigen Auges auf scheinbar zusammenhanglose Gegenstände ästhetisch eine unerfreuliche Wirkung hervorruft, scheute ich den Anschein eines eitlen Prahlens mit dieser Mannigfaltigkeit. Ich habe deshalb den Stoff in fünf Hauptabteilungen untergebracht, in welchen jedesmal die fortlaufende Entwicklung meiner Anschauungen deutlicher und bequemer zur Darstellung kommt, während dabei das Gemeinsame, das sich in den verschiedenen Abteilungen vorfindet, nicht mehr die Rolle einer lästigen Wiederholung zu spielen braucht, sondern als willkommenes Zeichen des Zusammenhanges zwischen ihnen empfunden werden mag.
Die beigefügten Anmerkungen sollen einerseits das Verständnis erleichtern, andererseits notwendig gewordene Verbesserungen, Einschränkungen und dergleichen bringen. Auf polemische Auseinandersetzungen mit Gegnern, an denen es bezüglich einzelner Fragen, insbesondere im Anschluß an die Rede über den wissenschaftlichen Materialismus, nicht gefehlt hat, habe ich mich in diesen Anmerkungen nirgends eingelassen. Wenn man, wie ich, während einer bewegten Zeit wissenschaftlicher Entwicklung sich vielfach davon hat überzeugen können, daß die Gewinnung von neuen Freunden und Anhängern aus indifferenten Zuschauern, namentlich aber aus den Kreisen der jugendlicheren Fachgenossen, eine unverhältnismäßig viel dankbarere und wohl auch fruchtbarere Arbeit ist, als alle Bemühungen, ausgesprochene Gegner zu überzeugen, so wird man einem[23]  Vertreter der Energetik es nicht verübeln, wenn er die ihm zur Verfügung stehende Energie, über deren Begrenztheit er sich nicht die geringsten Illusionen macht, dort zu verwenden sich bemüht, wo er von ihrer Anwendung die größte Nutzwirkung zu erzielen hofft. In solchem Sinne bitte ich schließlich auch den Wiederabdruck dieser Aufsätze aufzufassen. Vergeudung von Energie, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Bosheit, ist die schlimmste Sünde, die ein Mensch begehen kann, denn sie kann auf keine Weise wieder gut gemacht werden. Wenn durch dies Buch hier und da eine solche Vergeudung eingeschränkt oder gar noch ungerichtete Energie in eine ersprießliche Richtung gelenkt werden könnte, so würde der von mir angestrebte Zweck erreicht sein.«
Die Wertfrage. Jene wohlmeinenden Prediger der Selbstbeschränkung gingen bei ihren Ermahnungen immer von der »selbstverständlichen« Voraussetzung aus, daß ich jedenfalls Wertvolleres leisten würde, wenn ich mich im alten, wohlbekannten und wohlbeherrschten Gebiet weiter betätigte, als in einem neuen, dessen Denk- und Arbeitsmittel ich mir erst geläufig machen mußte. Sie vergaßen dabei, daß ich auch eben die Arbeiten, die sie lobten und bei denen sie mich halten wollten, als Anfänger, d.h. Bahnbrecher geleistet hatte. Damals war ich mir dessen nicht bewußt, was mir jetzt bei der zusammenfassenden Rückschau deutlich wird, daß gerade solche erstmalige oder Bahnbrecherarbeit das war, was ich deutlich besser leisten konnte, als der Durchschnitt meiner Zeitgenossen. Auf neuen Gebieten, die solcher Bearbeitung noch harrten, wissenschaftlich Inhalt und Ordnung zu schaffen, war meine Sonderbegabung und die persönliche Leidenschaft, der ich mich hingab. Daher war der häufige Wechsel der Gebiete, um dieser Leidenschaft zu frönen, eine unvermeidbare Notwendigkeit, denn ich brauchte ja immer wieder Neuland dazu.[24]
Man könnte hiergegen sagen, daß jedes einzelne wissenschaftliche Problem in letzter Folge mit den allgemeinsten Fragen alles Wissens zusammenhängt, so daß man auch ohne Seitensprünge bei einer immer tiefer geführten Versenkung zu immer schwierigeren und wichtigeren Dingen gelangt. Das ist zweifellos richtig, aber ebenso richtig ist, daß die Wechselbeziehungen aller Dinge sich ebenso nach allen Seiten wie in die Tiefe erstrecken. Es ist also zuletzt Sache des Temperaments, nach welcher Richtung man eine Arbeit führen mag. Der Klassiker wird mehr Befriedigung in der ersten Art finden; dem Romantiker ist die zweite natürlich und angeboren. Und ich bin ein Romantiker.
Wesentlich ist in jedem Falle die Stetigkeit der Arbeit oder der innere Zusammenhang der Probleme. Sie ist im ersten Falle leichter zu wahren und daher für den Beschauer auch leichter zu gewahren. Aber daß auch die Sprünge des Romantikers nicht außerhalb der Stetigkeit liegen, dafür sorgt schon die Unverbrüchlichkeit dieses grundlegenden Naturgesetzes. Und daß auch diese horizontale Mannigfaltigkeit eine höchst nutzbringende Beschaffenheit betätigen kann, glaube ich bezeugen zu dürfen. Denn der Zusammenhang der Dinge besteht eben nicht nur nach unten, sondern nach allen Seiten und jede einzelne Aufgabe kann durch die Kenntnisse der Nachbargebiete in unabsehbarer Weise erleuchtet und erleichtert werden.
Füge ich hierzu noch die Tatsache, daß eben diese Art der Zusammenhänge in der Zeit, als meine Mitarbeit in der Wissenschaft begann, viel mehr vernachlässigt war, als für deren gesunde und harmonische Entwicklung gut gewesen ist, so muß ich das Geschick preisen, welches meine Chromosomen in solcher Beschaffenheit zusammenkommen und sich beeinflußen ließ, daß mir das verbindende Denken Bedürfnis und Glück wurde. Die verhältnismäßige[25]  Einsamkeit, in der ich derartige Arbeit auszuführen hatte, gestattete mir, ja zwang mich, ungewöhnlich reiche Ernten auf dem verlassenen Felde zu sammeln. Sie hat freilich auch den Nachteil gehabt, daß zunächst immer nur Wenige das hier Geleistete als brauchbar empfanden und anerkannten. So sind die Auswirkungen meiner hierher gehörigen Arbeiten noch zu einem großen Teil von der Zukunft zu erwarten, wo ich sie nicht mehr persönlich werde beobachten können. Das ist zweifellos ein Verlust für mich. Prüfe ich mich aber auf die gefühlsmäßige Bewertung dieses Verlustes, so finde ich ihn nicht sehr erheblich. Denn das Glück beim Auffinden und Ausarbeiten derartiger allgemeiner Gedanken ist so groß, daß dagegen der Genuß äußerer Anerkennung, so lebhaft ich ihn gelegentlich empfinden kann, doch in den Hintergrund tritt. Zumal die lieben Mitmenschen nicht versäumen, diesen Trank in jedem Einzelfalle tunlichst zu versalzen.
Nachdem ich dergestalt wissenschaftliche Beruhigung über meine Zukunft gewonnen hatte, konnte ich mich frei den manigfaltigen Aufgaben widmen, die der Übergang erforderte.



 Zweites Kapitel.
Der Austauschprofessor.










[26] Der Gedanke des Professorenaustausches. In seinen vielfältigen und nicht immer glücklichen Bemühungen, ein möglichst nahes Verhältnis zwischen Deutschland und Amerika herzustellen, war Kaiser Wilhelm II. aufmerksam gemacht worden, daß von den verschiedenen Arten des Verkehrs beider Völker der wissenschaftliche besonders stark entwickelt war. Allerdings vorherrschend in der Gestalt, daß die begabteren jungen Amerikaner zur Erlangung der höchsten wissenschaftlichen Weihen eine Deutsche Universität aufsuchten, um sich dort den Doktorgrad zu erwerben. Dies ging so weit, daß die Amerikanischen Universitäten Protest gegen die dort verbreitete Meinung erhoben, eine wissenschaftliche Laufbahn sei nicht möglich, wenn der Kandidat nicht einen Deutschen Doktorgrad besäße. Umgekehrt bestand bei den Deutschen Studenten keine Neigung, Amerikanische Universitäten zu besuchen, vor allem wohl deshalb, weil das dortige Universitätswesen auf ein früheres. Lebensalter zugeschnitten und daher mit viel stärkeren persönlichen Bindungen behaftet ist, als in Deutschland. Gemäß dem Englischen Vorbild, nach welchem sie sich entwickelt hatten, waren jene Anstalten viel mehr auf Unterricht und Erziehung als auf freie Forschung eingestellt. Die Professoren standen deshalb nicht selten[27]  auf dem Standpunkt von Gymnasiallehrern und nahmen bei weitem nicht die gesellschaftliche Stellung ein, die man ihnen in Deutschland willig einräumte. So war der durchschnittliche Zustand des höchsten Gebietes der Universität, der Organisation der freien Forschung, dort niedriger als bei uns und bot keinen Anreiz, die Widerstände der Entfernung und Sprache zu überwinden.
Es war daher ein großes und etwas einseitiges Kompliment, das der Kaiser nach drüben mit dem Vorschlag machte, einen Austausch von Professoren auf gleich und gleich zwischen den beiderseitigen Universitäten als regelmäßige Einrichtung zu bewerkstelligen. Nach den Eindrücken, die ich in dieser Beziehung sammeln konnte, wurde der angestrebte Erfolg auch nur unvollkommen erreicht, denn trotz starker persönlicher Wirkung, die später deutsche Austauschprofessoren drüben hervorriefen, scheint die Einrichtung nie eigentlich populär geworden zu sein. Hierzu mag allerdings auch die geringe gesellschaftliche Rolle beigetragen haben, welche die Professoren drüben überhaupt spielen.
Die Ausführung. Anfang 1905 waren die beiderseitigen Verhandlungen so weit gediehen, daß die ersten Austauschprofessoren ernannt werden konnten. Als Stelle, an welcher der Deutsche Gast wirken sollte, war die Harvard-Universität in Cambridge nahe bei Boston ausersehen worden, welche in dem wohlerworbenen Rufe stand, die wissenschaftlichste von allen zu sein. Sie hatte daher die Wahl des Deutschen Kollegen zu bewirken, während der Amerikaner in Berlin vortragen sollte und daher nominell von der dortigen Universität, tatsächlich vom Kaiser eingeladen wurde.
Die Wahl des Amerikanischen Professors fiel zu allgemeiner Verwunderung auf einen Kirchenhistoriker namens Peabody, der sich keineswegs durch außerordentliche Leistungen berühmt gemacht hatte. Man darf[28]  vermuten, daß dies ein deutlicher Wink nach drüben sein sollte, dort entsprechend den Berliner Kirchenhistoriker zu wählen, dem der Kaiser auf solche Weise eine wohlverdiente Auszeichnung zugewendet hätte. Mehr als eine Vermutung soll aber diese Andeutung nicht sein.
Wie dem auch sein mochte: im Frühling jenes Jahres brachte die Presse die Nachricht, daß die Harvard-Universität den Professor der physikalischen Chemie Wilhelm Ostwald als erwünschten Austauschprofessor bezeichnet hatte. Mir war das eine große Überraschung, denn obwohl ich mehrere Bekannte in Harvard hatte, nämlich den Chemiker Theodore William Richards, den Philosophen William James (II, 303) und den Psychologen Münsterberg (II, 396), so hatte doch weder einer von ihnen, noch der Präsident Charles Eliot sich mit mir in solchem Sinne in Verbindung gesetzt. Indessen war die Zeitungsnachricht den Ereignissen nur wenig vorausgegangen, denn bald darauf kam mir auch die amtliche Nachricht zu, so daß die Sache tatsächlich ihre Richtigkeit hatte.
Ich vermag nicht anzugeben, welche Ursache die Aufmerksamkeit auf meine Person gelenkt und mir das Vertrauen zugewendet hat, daß ich der geeignete Mann für den Zweck sei. Zwar hatte Münsterberg mich im vorigen Jahre veranlaßt, meine Heimreise in Cambridge zu unterbrechen, um Fühlung mit dem Präsidenten Eliot zu gewinnen, doch war dies wie erzählt nicht gelungen. Vermutlich war es die große Zahl Amerikanischer Studenten, die ihre Ausbildung bei mir beendet hatten und vielfach bald in der Heimat Lehrstellen gefunden hatten. Auch in Harvard und in Boston waren mehrere jüngere Chemiker aus der Leipziger Schule im Amt. Indessen war ich in solcher Beziehung keineswegs der einzige, denn jeder einigermaßen bedeutende Deutsche Chemieprofessor hatte eine erhebliche Anzahl von Amerikanern in seinem Laboratorium[29]  ausgebildet, und ähnliches gilt für die Vertreter vieler anderer Fächer. Am wahrscheinlichsten dürfte sich der auffallende Entschluß auf den Einfluß von William James zurückführen lassen, der in seiner impulsiven Weise eine besondere Vorliebe für meine Philosophie und auch vielleicht für meine Person gefaßt und betätigt hatte.
In Deutschland war diese Nachricht nicht willkommen. Dem Kaiser war bis dahin vermutlich mein Name ganz unbekannt geblieben, denn der preußische Orden, mit dem man sich für meine Mitwirkung an der Gründung des physikalisch-chemischen Instituts in Göttingen bedankt hatte, war ohne persönliche Vorstellung erledigt worden. Die Verhandlungen wegen Cambridge wurden durch Althoff geführt, der mir nur wenig zur Sache zu sagen wußte und sich damit half, daß er mich mit Harnack zusammenbrachte, mit dem aber gleichfalls kein fruchtbares Gespräch entstehen wollte. Der Kaiser, der das Unternehmen als seine eigene Angelegenheit eingeleitet hatte und auch als solche später weiterführte, bezeigte nicht den Wunsch, mich persönlich über die Ziele zu unterrichten, die er verfolgte, und so war ich ganz auf mich selbst angewiesen.
Austrittsschwierigkeiten. Noch etwas verwickelter wurde die Angelegenheit durch meine Leipziger Verhältnisse. Das am Schlusse des zweiten Bandes erzählte Zerwürfnis mit der Fakultät hatte eben mit einem Entlassungsgesuch beim Kultusministerium geendet, als die Einladung nach Harvard eintraf. Vermittlungsversuche, die von meinen Leipziger Freunden mit einer Hingabe geführt wurden, die mich zu dauerndem Dank verpflichtet, auf der Grundlage, daß ich von der Pflicht befreit werden sollte, die Hauptvorlesung zu halten, waren am Widerstande der Fakultät gescheitert. Andererseits war es nicht angängig, mich zu einer Zeit in den Ruhestand zu[30]  versetzen, wo ich eine neue Aufgabe übernehmen sollte, welche das Gegenteil von Ruhe mit sich brachte. Eine mündliche Verhandlung mit dem vortragenden Rat im Ministerium Waentig ergab das Übereinkommen, daß die Erledigung meines Gesuches um Pensionierung zurückgestellt wurde, bis ich von Amerika zurückgekehrt und noch ein Semester in Leipzig tätig gewesen sein würde. Es war dies eine große Freundlichkeit des Ministers, denn durch diese Anordnung erhöhte sich mein Ruhegehalt. Ich war damals durch mein Bücherschreiben so wohlhabend geworden, daß ich kein Gewicht darauf legte; als ich aber zufolge der Mißwirtschaft der jungen Deutschen Republik nach dem Krieg mein Vermögen verlor, das in Deutschen Staatspapieren angelegt war, bildete dies Ruhegehalt die Hauptgrundlage meines wirtschaftlichen Daseins. Während also im Ministerium trotz der großen Unbequemlichkeiten, die ich dort in den letzten Jahren verursacht hatte, das Bedürfnis überwog, sich für die Gesamtheit meiner Leistungen an der Universität dankbar zu erweisen, mußte ich andererseits feststellen, daß in der Fakultät und Universität dauernd entgegengesetzte Gefühle überwogen, die sich noch viele Jahre nach diesen Ereignissen wiederholt geltend machten, wo sich dazu Gelegenheit fand, und die noch heute zuweilen zutage treten.
So muß ich insbesondere fürchten, daß die Wahl zum Austauschprofessor, die in so deutlichem Gegensatz zu der Einschätzung meiner Leistungen seitens der Leipziger Fakultät stand und so unmittelbar auf die Geltendmachung dieser Einschätzung folgte, von meinen Gegnern und Feinden als eine neue Betätigung »unkollegialer« Gesinnung aufgefaßt wurde, die sie mir vorwarfen und sie daher in ihrer Einstellung nur bestärkt hat.
Abreise. Meine neuen Pflichten in Cambridge begannen mit dem 1. Oktober. Da das Leipziger Semester[31]  mit dem August endete, hatte ich noch etwa vier Wochen Ferien, die angesichts der starken Beanspruchungen, die ich im Frühling durchgemacht hatte, und der anderen, nicht weniger starken, die mich drüben erwarteten, recht notwendig waren. Sie wurden aber sehr durch die Entwicklung der Salpetersäure-Angelegenheit verkürzt, die durch Dr. Brauers unermüdliche Tätigkeit so weit geführt worden war, daß die Inbetriebsetzung der ersten fabrikmäßigen Anlage unmittelbar bevorstand.
Da meiner Frau nach den eben erlittenen Aufregungen ein halbjähriges Alleinbleiben unter den vielfach unfreundlichen und mißgünstigen Leipziger Kolleginnen unerträglich erschien, nahm ich sie und die beiden eben erwachsenen Töchter nach Amerika mit. Von meinen Söhnen befanden sich die beiden älteren schon in selbständigen Stellungen; der dritte war zuverlässig untergebracht, so daß wir die Reise unbedenklich unternehmen konnten.
Bei der Ermittlung der Reisemöglichkeiten, die durch das Anerbieten der Hamburg-Amerika-Linie an den Kaiser, den Austauschprofessor unentgeltlich zu befördern, auf deren Schiffe beschränkt war, ergab sich, daß erst auf dem kleineren Dampfer Blücher Platz vorhanden war. Denn es war die Jahreszeit, wo die zahlreichen Amerikanischen Europafahrer heimzukehren pflegen, die sich ihre Plätze schon lange gesichert hatten. Die Blücher ging am 21. September von Cuxhaven ab und konnte nicht vor dem 1. Oktober in New York eintreffen, so daß ich meine Vorlesungen in Cambridge mit einem oder zwei Tagen Verspätung beginnen mußte.
So verließen wir am 20. September Leipzig, beschenkt mit Blumen und Zuckerzeug von den treuen Freunden Beckmann, Des Coudres und Wiener und übernachteten in Berlin, von wo ein Sonderzug die Fahrgäste der Blücher unmittelbar an den Hafen führte; ein kleiner Dampfer beförderte uns zum Schiff. Die unübertreffliche Sauberkeit[32]  und Ordnung der Räume, sowie die liebenswürdige Bereitwilligkeit der Bedienung machte den allergrößten Eindruck auf meine Frau, die hier ihr Ideal der Hausverwaltung verwirklicht sah. Der Kapitän war ein älterer Herr mit braunroter Hautfarbe, eisgrauem Haar und Bart und strahlend blauen Augen, die merkwürdig genug in dem verwetterten Gesicht standen.
Auf der Fahrt. Da die Mitreisenden vorwiegend aus Deutsch-Amerikanern bestanden, die ihre Ferientage in Deutschland genossen hatten und in entsprechend heiterer Stimmung heimkehrten, so fanden die Meinen sehr bald Anschluß und mannigfaltige Unterhaltung, durch welche sie gut auf die Verhältnisse vorbereitet wurden, unter denen sie in den nächsten Monaten zu leben hatten. Wir konnten hierbei die ungemein starke Anziehungs- und Einbeziehungskraft feststellen, welche die Vereinigten Staaten auf die Einwanderer ausüben. Namentlich die Deutschen zeigten sich trotz der etwas melancholischen Zärtlichkeit, mit welcher sie der alten Heimat gedachten, nicht nur bereitwillig, Amerikaner zu werden, sondern stolz, es bereits zu sein.
Im übrigen verlief die Reise, wie es mir schon geläufig war. Doch diesmal ganz ohne Stürme und mit wenig Nebel. Wir fuhren ziemlich nahe an einigen schwimmenden Eisbergen vorbei, vor welchen das Schiff durch drahtlose Telegraphie gewarnt worden war, sahen spielende Walfische, zahllose Delphine und mehrere wunderschöne Sonnenuntergänge und verbrachten die Tage in ruhigem Behagen, das ich besonders wohltätig empfand.
Für die Abschlußfestlichkeit, die einen Beitrag zur Unterstützungskasse der Seemannswaisen und -witwen bringen sollte, war ich gebeten worden, einen Vortrag zu halten. Ich hatte mich kurz vorher mit der Frage der allgemeinen Hilfssprache (Weltsprache) zu beschäftigen begonnen, und war ganz erfüllt von der hier möglichen[33]  Betätigung des energetischen Imperativs. In einem späteren Kapitel werde ich die Geschichte dieser Angelegenheit im einzelnen erzählen; hier kann die Angabe genügen, daß ich damals noch die künstliche Sprache Esperanto für die beste vorhandene Lösung der Aufgabe ansah.
Ich schilderte daher in dem Vortrage mit lebhaftesten Farben die gewaltigen Fortschritte, welche die Menschheit durch die Einführung einer solchen Hilfssprache erfahren würde. Sie sollte nicht die nationalen Sprachen verdrängen, sondern als internationales Verkehrsmittel über die Sprachgrenzen hinweg dienen. Sie sollte also für jedermann, der mit Angehörigen anderer Sprachen zu verkehren hatte, die zweite Sprache sein, die er erlernte und beherrschte, und die ihm das Erlernen aller anderen fremden Sprachen erspart, wenn die Kenntnis der Hilfssprache allgemein geworden sein wird.
Da damals solche Gedanken nur den Wenigsten bekannt waren, erregte der Vortrag ein sehr lebhaftes Interesse. Gesteigert wurde die Wirkung noch dadurch, daß meine Tochter Elsbeth, um den Zuhörern den Klang der Sprache vorzuführen, einige Gedichte in Esperanto hersagte, die ganz besonderen Beifall fanden.
New York. Die Ankunft war umständlich wie immer durch die Zollbesichtigung. Meine Tochter Margarete hatte ihre Geige mitgenommen und sollte darauf dem Zollbeamten etwas vorspielen, damit er sich überzeugen konnte, daß sie zum eigenen Gebrauch diente. Es wurde so spät, daß die Fahrt nach Cambridge nicht mehr unternommen werden konnte, wenn wir dort nicht mitten in der Nacht ankommen wollten. So übernachteten wir in New York und ich wurde von einigen meiner dortigen Freunde und Schüler zu einem kleinen Dinner abgeholt, während meine Frau und Tochter mit lebhafter Teilnahme das Leben in dem riesigen Manhattanhotel beobachteten, wo wir uns untergebracht hatten. Mein Assistent[34]  für Cambridge, Dr. Harry Morse, ein früherer Schüler aus den besten Leipziger Jahren, hatte mich in New York bereits beim Ausgang aus der Zollscheune begrüßt und bewies sich alsbald, wie auch immer in den folgenden Monaten als ein ebenso geschickter wie heiterer Gehilfe, dem ich große Erleichterungen in der Durchführung meiner vielfachen Aufgaben verdanke.
Unterkunft in Cambridge. Am 2. Oktober fuhren wir nach Boston ab, wo uns Professor Th. W. Richards empfing und nach Cambridge brachte.
Obwohl diese Stadt gar nicht klein ist, verfügte sie doch damals noch nicht über einen Gasthof, in dem wir hätten wohnen können. Richards hatte nicht ohne Mühe eine Unterkunft (boarding house) ausfindig gemacht, welche von zwei älteren Damen, Mutter und Tochter, geführt wurde. Dort brachten wir uns ziemlich unzulänglich unter, denn wir hatten nur je ein Schlafzimmer für die Eltern und die Töchter, ein Zimmer für alles und einen kleinen Ankleideraum für meine Frau zur Verfügung. Die Zimmer waren, wie fast immer drüben, klein und niedrig, wurden aber sauber gehalten. Als Schlafstätten dienten Divans, die übrigens nicht so unbequem waren. Man machte uns Entschuldigungen, da man nicht darauf vorbereitet gewesen war, daß ich meine Familie mitbringen würde und regte an, ob ich nicht mein Standquartier in dem benachbarten Boston aufschlagen wollte, das mit der Trambahn in etwa 35 Minuten erreichbar war und Gasthöfe aller Art besaß. Doch erklärte ich, daß ich die Unbequemlichkeit der Unterkunft gern auf mich nehmen wollte, um inmitten meiner neuen Kollegen leben zu können. Die Meinen hatten auch nichts dawider; meine Frau fühlte sich in unsere ersten Jahre in der Dorpater Studentenwohnung zurückversetzt.
Ähnlich der Wohnung war auch das Essen. Es wurden reinliche und solide Bestandteile dazu verwendet, aber[35]  von einer Zubereitung mit Liebe war nicht die Rede. So wurde es mit der Zeit immer langweiliger zu essen und auf unserem Tisch sammelten sich zunehmend Flaschen mit Tunken und Würzen verschiedener Art, die den Wohlgeschmack und die Eßlust erhöhen sollten, aber ihren Zweck nur sehr unvollkommen erfüllten. Eines der erquicklichsten Dinge nach der Wiederkehr in die Heimat war uns die Wiederkehr der heimischen Kost, zu deren sachgemäßer Herstellung meine Frau ihre dienstbaren Geister mit fast unfehlbarem Erfolg zu erziehen wußte.
Küche und Haus wurden in unserer Pension durch schwarze Dienerschaft besorgt. Da wir nicht die harte Abgeschlossenheit gegenüber der anderen Rasse betätigten, die in Amerika die Regel ist, sondern unsere Schwarzen menschlich nahmen und behandelten, so entwickelte sich bei ihnen eine große Dankbarkeit und Anhänglichkeit, die bei unserem Abschied von Cambridge zu lebhaftem Ausdruck kam.
Die Vorlesungen. Die Verhandlungen über die Vorlesungen, welche ich in Cambridge halten sollte, ergaben, daß man ebenso auf den Chemiker wie den Philosophen rechnete. Die Hauptvorlesung war vierstündig über Philosophie der Wissenschaft; daneben gab es eine einstündige über Katalyse für vorgeschrittene Chemiker und eine einstündige Elementarvorlesung für Anfänger, zur Veranschaulichung meiner unterrichtlichen Technik. Die Vorlesung über Katalyse hielt ich Deutsch, weil die vorgeschrittenen Chemiker alle die Sprache wenigstens zu lesen verstanden; die anderen Vorlesungen sollten Englisch vorgetragen werden.
Wie man sieht, waren bereits die regelmäßigen Ansprüche, welche an meine Tätigkeit gestellt wurden, recht groß, denn die Arbeit an den Vorträgen war nicht nur durch den neuen Hörerkreis gesteigert, für den sie gehalten wurden, sondern sehr erheblich auch durch die[36]  fremde Sprache. Mein dortiger Assistent Dr. Morse, der in Harvard eine Anstellung als Lehrer gefunden hatte, wurde auch mit der Aufgabe betraut, mir hierbei behilflich zu sein, und er hat sich wieder als ein ausgezeichnet guter und bedachter Gehilfe erwiesen. Wir ordneten die Sache so, daß er vor mir unter den Zuhörern saß und aufmerkte. Wenn mir ein Englisches Wort fehlte, so sagte ich das Deutsche Wort und er gab alsbald die Englische Übersetzung, die ich im Zusammenhang wiederholte. Da das Verfahren unbefangen vor der Öffentlichkeit betrieben wurde, bewirkte es keine Störung, vielmehr gesteigerte Aufmerksamkeit behufs genauer Erfassung der Bedeutung des fraglichen Wortes. Bald begannen einige ältere Hörer, die Deutsch verstanden, auch ihrerseits Übersetzungen anzubieten. Dies ging so etwa vier bis sechs Wochen lang. Dann sagte Dr. Morse einmal zu mir: »Ich habe festgestellt, daß Ihnen in der letzten Woche kein Wort gefehlt hat; Sie brauchen deshalb nicht mehr meine Hilfe.« Ich bat ihn, trotzdem seinen Platz zu behalten, denn das Gefühl der Sicherheit, das er mir vermittelte, hatte die Sprachgestaltung nicht wenig erleichtert.
Die amtliche Einordnung. Die Hauptvorlesung galt amtlich als ein normales Kolleg, welches den Studenten unter ihre Pflichtstunden angerechnet wurde. Bei solchen Vorlesungen war vorgeschrieben, daß etwa um die Mitte die Studenten eine kurze schriftliche Übersicht des bis dahin Gehörten einzureichen hatten, um dem Lehrer eine Anschauung darüber zu geben, welchen Erfolg er in der Übertragung seiner Gedanken auf die Hörer erzielt hätte. So wurden mir auch seinerzeit von Dr. Morse die Hefte übergeben, welche mein halbes Hundert Hörer eingereicht hatten. Ich habe eine Anzahl von ihnen genau durchgelesen und feststellen können, daß wirklich meist das Wesentliche meiner Darlegungen erfaßt und hinreichend klar wiedergegeben war. Die vollständige Durchsicht[37]  und die entsprechende Zensierung besorgte Morse, da ich mir selbst die Fähigkeit nicht zutraute, für die Urteile den Maßstab zu finden, der in Harvard Geltung hatte. Nach seiner Mitteilung waren nur ganz wenig Hefte mit »Ungenügend« zu zensieren gewesen.
Diese Tätigkeit war die einzige, welche amtlichen Charakter trug. Im übrigen wurde ich zu keiner Sitzung oder Beratung zugezogen, welche das innere Leben der Harvard-Universität betraf. So habe ich auch nur einen sehr unvollständigen Einblick in den laufenden Betrieb der Universität erlangt. Was die Amerikanischen Kollegen von mir über Universitätswesen zu erfahren wünschten, wurde in zahlreichen Gesprächen erledigt, die sich bei dem geselligen Verkehr ergaben, in den ich mit meiner Familie bald hineingezogen wurde. Auch hospitierten in meinen Vorlesungen mehrere Professoren; so war insbesondere der Philosoph W. James ein regelmäßiger Zuhörer der Hauptvorlesung, solange er anwesend war. Später verreiste er auf längere Zeit nach Berkeley, Californien, um an der dortigen Universität die etwas eingeschlafene Philosophie aufzuwecken und zu beleben, was ihm zweifellos gelungen ist, denn er war hierfür gerade der rechte Mann. An meinen chemischen Vorlesungen beteiligte sich Professor Theodore W. Richards, den ich gut von Leipzig her kannte, wo er ein Semester meinen Laboratoriumsunterricht und -betrieb studiert hatte. Er war inzwischen in Cambridge Ordinarius geworden und hatte sich einen sehr angesehenen Namen durch seine ausgezeichnet genauen Bestimmungen der Atomgewichte zahlreicher Elemente gemacht.
Neben diesen amtlichen Vorlesungen habe ich während der vier Monate, die ich in den Vereinigten Staaten zubrachte, eine Unzahl von anderen Vorlesungen und Vorträgen gehalten. Die alte Lehre, daß man an den Gliedern gestraft wird, mit denen man gesündigt hat, fand hierbei[38]  gewissermaßen ihre Bestätigung. Hatte ich die Leipziger Professur aufgegeben, weil ich die mäßige Last der regelmäßigen Vorlesung nicht mehr tragen mochte, so hatte ich mir hier eine unverhältnismäßig viel größere Last an unregelmäßigen Vorlesungen zugezogen, die ich außerdem noch in der fremden Sprache halten mußte. Aber ich unterzog mich geduldig dieser Strafe, denn ich wußte, daß es sich nur um eine einmalige Anstrengung handelte, und nicht um eine unbegrenzt wiederkehrende Beanspruchung.
Die neuen Kollegen. Billig fange ich diesen Abschnitt mit dem Präsidenten Charles Eliot an, der nicht nur amtlich, sondern auch geistig an der Spitze der Harvard-Universität stand. Er war im Jahre 1832 geboren, war also 72 Jahre alt, als ich ihn in Cambridge kennen lernte. Ursprünglich hatte er Chemie studiert, widmete aber seit langem seine ungewöhnliche Begabung allgemeinen Kulturarbeiten. Auf die Schicksale der Harvard-Universität war er von größtem Einfluß gewesen, indem er sie mit Erfolg im Sinne höherer wissenschaftlicher Tätigkeit und Freiheit auszugestalten sich bemüht hatte. Unter seinen Amtsgenossen in Amerika nahm er eine anerkannte Führerstellung ein, von der ich mancherlei Beispiele erlebte.
Präsident Eliot war eine hohe, stattliche Erscheinung. Er hielt sich trotz seiner Jahre stramm aufrecht; nach seiner Mitteilung beruhte dies auf täglichen Turnübungen, die er nie versäumte. Das große, längliche Gesicht von mehr Englischem als Amerikanischem Typus war glatt rasiert, bis auf einen schmalen Backenbart. Es war wohlgeformt, aber einseitig durch ein großes Mal auf der linken Gesichtshälfte entstellt. Sein Verhalten war ernst freundlich und mehr würdig als herzlich.
Ähnlich war seine Gattin beschaffen, deren Verhalten an die Würde Englischer Bischofsgemahlinnen gemahnte[39]  doch trat bei näherer Bekanntschaft die ihrem Wesen zugrunde liegende Güte hervor.
Wir lernten uns mit den beiderseitigen Familien bald nach meiner Ankunft etwas näher kennen, nach dem ich ihn alsbald nach meinem Eintreffen in seinem Amtszimmer aufgesucht und begrüßt hatte. Dies geschah im Hause der Mrs. Thayer, der Schwiegermutter des Professors Richards, einer äußerst sympathischen Dame, die seit langem Witwe war. Zugegen war außerdem nur Richards. Der Abend verlief nach der Überwindung der ersten Steifheit lebhaft und angeregt, da unsere Ansichten über Wissenschaft und Unterricht vielfach übereinstimmten, wenn auch Eliot als geübter Menschentechniker sich von meinem Radikalismus fern hielt. Indessen hatte er doch schon vor längerer Zeit durchgesetzt, daß der nach Englischem Muster übernommene Zwang, der sämtliche Studenten zum Erlernen des Latein verpflichtete, abgeschafft wurde. Er hatte Belegfreiheit für alle Fächer durchgeführt und die Studenten veranlaßt, in jedem Falle anzugeben, ob die belegte Vorlesung zur Fachbildung oder zur allgemeinen Bildung dienen sollte. Das Ergebnis war, wie er erzählte, daß kein einziger Student Latein oder Griechisch wegen allgemeiner Bildung belegt hatte. Hier sind uns also die Amerikaner schon seit einem Vierteljahrhundert weit voraus gewesen.

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Ich hatte den Eindruck, daß wir uns an diesem Abend unter gegenseitigem Wohlgefallen trennten und daß wir beiderseits mit Vertrauen auf den guten Ablauf des neuartigen Experiments in die Zukunft schauten.
Auch in der späteren Zeit dauerte dies gute Verhältnis fort. So brachte er uns eines Sonntags nach dem Landhaus eines nahen Verwandten, um uns ein wohlerhaltenes Stück neuenglischer und altamerikanischer Kolonialkultur zu zeigen. Es war ein stattlicher Besitz mit sehr großem, wohlgepflegten Park und einem ausgedehnten[40]  Landhause, dessen Ausstattung sich ziemlich unverändert etwa ein Jahrhundert erhalten hatte: für die dortigen Verhältnisse eine fast unabsehbar lange Zeit. Die Zimmer wirkten tatsächlich sehr einheitlich und angenehm.
Die Fahrt geschah in zwei Einspännern. Den einen lenkte der Präsident selbst, der seine und meine Frau und mich fuhr. Den zweiten mit meinen Töchtern führte seine Enkelin Ruth, ein frisches Mädchen von etwa 16 Jahren, die sich mit meinen Töchtern schnell anfreundete; ihr Großvater erklärte vorher, daß sie eine ebenso zuverlässige Fahrerin sei, wie er selbst.
Da meine Frau im Wagen ängstlich ist, machte sie gelegentlich den Präsidenten auf ein schnell entgegenkommendes Fahrzeug aufmerksam. Das verletzte ihn sichtlich in seiner Fahrerehre und obwohl er es sich weiter nicht merken ließ, mußte ich doch später ein kleines Sinken am Thermometer unserer Beziehungen feststellen.
Gesunder Menschenverstand. Meine ganze Hochachtung erwarb er sich bei einer etwas späteren Gelegenheit. Es hatten im Herbst überall die üblichen Fußballwettspiele zwischen den verschiedenen Universitäten und Colleges stattgefunden, mit dem Ergebnis, daß dabei 17 Studenten getötet wurden. Dies wurde in der Presse stärkstens hervorgehoben und es entstand eine tiefgehende Bewegung, die von entgegengesetzten Gefühlen getragen wurde. Nun bestand über das ganze Land eine Organisation von beruflichen Fachmännern des Fußballs, die bei jenen Wettkämpfen als Trainer, Kampfrichter usw. stark beteiligt waren. Man erzählte mir, daß sogar hervorragende Spieler sich von dem oder jenen Klub mieten ließen, um in das College einzutreten, dem der Klub angehörte, und diesem bessere Aussichten auf den Sieg zu sichern.
Diese Organisation war zufolge der öffentlichen Aufregung um ihren Einfluß und ihr Geschäft besorgt geworden und berief deshalb eine Versammlung aller Universitäts-[41]  und Collegepräsidenten ein, um über die Angelegenheit zu beraten. In einem offenen Brief, der alsbald durch die ganze Presse ging, lehnte Präsident Eliot ab, sich an der Versammlung zu beteiligen. Denn, erklärte er, ich kann mir nicht denken, daß dieselben Leute, unter deren Einfluß das Spiel diese rohe und lebensgefährliche Beschaffenheit erhalten hat, die richtigen Männer sein können, um es in der wünschenswerten und notwendigen Weise umzugestalten. Für die Harvard-Universität aber schaffte er das alljährliche Wettspiel gegen die benachbarte Yale-Universität, New Haven, ab, das sich zu einer ähnlichen nationalen Angelegenheit entwickelt hatte, wie das jährliche Wettrudern zwischen den Englischen Universitäten Oxford und Cambridge. Der während meiner Anwesenheit ausgefochtene Kampf war bis auf weiteres der letzte gewesen.
Jene durchgreifende Bemerkung aber, daß eine nötige Reform nicht sicherer vereitelt werden kann, als indem man die bisherigen Träger der Angelegenheit damit betraut, die Verbesserung vorzuschlagen und durchzuführen, ist eine von den unvergeßlichen Erleuchtungen gewesen, die ich von Zeit zu Zeit erlebt habe. Wenn man sich fragt, weshalb die von so vielen Seiten geforderte Reform des mittleren Schulwesens keine Fortschritte macht, braucht man nur die Zusammensetzung der hierfür eingesetzten Ausschüsse zu betrachten, die fast ausschließlich aus den bisherigen Lehrern und Schulleitern bestanden, um die Erklärung zu finden. Es ist in der Tat zu viel von einem Menschen verlangt, daß er selbst sein Grab gräbt. Ein Fortschritt kann erst angebahnt werden, wenn man jene Männer fragt, welche zunächst die Erzeugnisse unseres Schulbetriebes im praktischen Leben zu verwenden haben.
Das gleiche gilt in noch verstärktem Maße für die politischen Verhältnisse. Niemand zweifelt daran, daß[42]  unser gegenwärtiger (1927) Parlamentarismus schwer krank ist. Es ist aber vollkommen sicher, daß nie ein parlamentarischer Ausschuß das Heilmittel finden wird.
Für die Fußballschlachten war ein riesiges Stadion erbaut worden, das man weit über den Charles-Fluß (an welchem Cambridge liegt) leuchten sah. Wir waren eingeladen, uns das Ereignis anzusehen, kränkten aber unsere Amerikanischen Freunde etwas durch unsere entschiedene Weigerung, da wir an den Vorübungen, die wir gelegentlich in Cambridge zu sehen bekamen, völlig genug hatten. Zufällig hatte ich auf den gleichen Tag eine Einladung nach Boston angenommen (natürlich zum Zweck eines Vortrags, ich glaube im Klub des 20. Jahrhunderts) und mich eine Stunde vorher auf die Trambahn gesetzt, da man mich auf Verzögerungen gefaßt gemacht hatte. Ich begegnete aber einer solchen Völkerwanderung, daß ich statt der normalen 30 Minuten zwei und eine halbe Stunde brauchte, um zu meinem Ziel zu gelangen.
Präsident Eliot hat hernach eine ganze Reihe von Jahren sein tätiges Leben trotz hohen Alters fortgeführt. Die Stellung des aktiven Universitätspräsidenten gab er allerdings nach einiger Zeit auf, aber nur, um kulturpolitische Arbeit von weitgreifender Beschaffenheit zu übernehmen. Insbesondere bemühte er sich um die Sicherung eines dauernden kulturellen Einflusses der Vereinigten Staaten auf China, ein Gedanke, der durch die inzwischen erfolgten Ereignisse wohl seine damalige Tragweite dauernd eingebüßt hat. Während des Weltkrieges stellte er sich Deutschland gegenüber ausgesprochen feindselig ein. Er starb 1925, im 93. Lebensjahre.
William James. Nächst dem Präsidenten hatten die größte Bedeutung für meine Tätigkeit die drei Philosophen von Harvard, William James, Josiah Royce und Hugo Münsterberg.[43]
Die ältesten Beziehungen bestanden zu dem Psychologen William James. Ich habe schon erzählt (II, 303), wie er diese durch eine Postkarte angeknüpft hatte, die er unmittelbar nach dem Durchlesen meiner »Naturphilosophie« an mich richtete. Die persönliche Bekanntschaft mit ihm geschah bei meinem Besuch in Harvard nach dem Kongreß von St. Louis (II, 427), wo wir ein längeres, sehr anregendes Gespräch hatten. Besonders gefiel ihm das Reagens zur Unterscheidung wirklicher wissenschaftlicher Probleme von Scheinproblemen, das ich im Anschluß an E. Machs Herausarbeitung dieses Gegensatzes entwickelt hatte. Man denke sich, sagte ich, die Antwort in einem oder dem anderen Sinne gegeben und untersuche alsdann, was sich in der Welt und unserer Beherrschung derselben dadurch ändern würde. Findet man keine erkennbare Änderung, so ist es ein Scheinproblem. Findet man eine Änderung, so bezeichnet diese den Punkt, wo ein Versuch zur Lösung erfolgreich einsetzen kann. Das Verfahren erinnert an gewisse, sehr fruchtbare mathematische und geometrische Methoden (z.B. die der unbestimmten Koeffizienten), bei denen man die Lösung formal als gegeben annimmt und dadurch die Bedingungen der wirklichen Lösung ausfindig macht. James trug sich schon damals mit den Gedanken, deren Gesamtheit er später als Pragmatismus bezeichnete, und fand sich in ihnen durch das eben Gesagte gefördert.
William James war 1842 in New York als Sohn eines namhaften Schriftstellers geboren, also elf Jahre älter als ich. Als ich ihn kennen lernte, war er ein äußerst lebhafter Mann von Mittelgröße, zierlichem Körperbau und ausdrucksvollem Gesicht. Das braune Haupthaar war stark gelichtet, der gleichfarbige kurze Vollbart mit Grau durchsetzt. Sein Wesen war durch ein Gemisch von Künstlertum und Kindlichkeit – beide stehen sich ja ohnehin nahe – gekennzeichnet. Er war durchaus[44]  offen und man konnte im Gespräch mit ihm deutlich beobachten, wie er einen Gedanken aufnahm, ihn sehr schnell verarbeitete, um dann in lebendig-persönlicher Weise zu antworten.
In Amerika ist es üblich, daß die Ansässigen dem Neugekommenen zuerst ihren Besuch machen, und zwar ist die Besuchszeit zwischen 8 und 10 Uhr abends, nach dem Dinner. James war unter den ersten, die uns aufsuchten. Er bahnte alsbald einen zwanglosen Verkehr von Haus zu Haus an und stellte als heiterer Onkel ein lebendiges Verhältnis zu den Meinen her.
Seine Frau erwies sich als eine sehr liebe Dame von stillfreundlichem Wesen, die das zuweilen etwas stürmische Gehaben ihres Mannes wohltätig dämpfte. Außerdem waren einige erwachsene Söhne und Töchter im Hause, in denen das Erbgut der Eltern sich leicht erkennbar geltend machte.
Am Kamin in James' Studierzimmer habe ich in der Folgezeit wiederholt gesessen und mit ihm und anderen Besuchern interessante und heitere Stunden verplaudert.
Der Hausherr erzählte gern, wie er gleichsam ohne Wissen und Wollen in die akademische Laufbahn geraten war. Er hatte auf Grund privater Studien einige Arbeiten über Psychologie veröffentlicht, ohne Vorlesungen über diese Wissenschaft besucht zu haben und wurde wegen dieser Schriften zum Professor berufen. Meine eigene Antrittsvorlesung, sagte er, war das erste Kolleg, das ich in meinem ganzen Leben über Psychologie gehört habe; Sie können sich denken, wie aufgeregt ich dabei war.
Aus den Vorlesungen an der Harvard-Universität ist dann die grundlegende zweibändige »Psychologie« entstanden, die seinen Namen weit bekannt gemacht hat. Später hat er wiederholt und kräftig in die zeitgenössische Gedankenentwicklung eingegriffen, vor allem durch die[45]  energische Forderung einer praktischen, auf das Leben anwendbaren Philosophie.
Es ist bekannt, wie stark die von ihm angeregte Philosophie des Pragmatismus auf die Zeitgenossen eingewirkt hat. Zunächst auf die Amerikaner, doch wurde bald eine allgemeine Kulturbewegung daraus. Die künstlerische Seite seines Wesens bewirkte, daß diese Bewegung eine deutliche Abwendung von der rein gedanklichen Betätigung aufwies, wie sie sich etwa bei Mach (und wohl auch bei mir) entwickelt hatte und wohlwollend Fühlung mit der Kirche nahm, deren jahrtausendalte praktische Erfahrung er nicht ungenutzt lassen wollte. Nun hat sich in unserer Zeit mehr und mehr bei der Kirche die wichtige Einsicht geltend gemacht, daß der frühere unbedingte Kampf gegen die Wissenschaft der Kirche viel mehr schadet als nützt. Statt dessen ist die heutige Politik vielmehr darauf gerichtet, für den Kampf gegen die Vorherrschaft der Wissenschaft Bundesgenossen in deren eigenem Lager zu suchen. Solche finden sich immer unter den Gegnern, welche bei keinem erheblichen Fortschritt ausbleiben, durch welchen mancherlei ältere Gewohnheiten gestört werden, die den Inhabern als Rechte gelten. Eine andere Gruppe von Bundesgenossen findet sich unter solchen, die mit unzulänglichen Gedanken die Wissenschaft zu beeinflussen versucht haben und die Gründe für die erfahrene Nichtbeachtung oder Zurückweisung nicht bei sich, sondern bei den Vertretern der Wissenschaft suchen. So kann heute jede Wendung, welche auf eine Unzulänglichkeit der Wissenschaft hinweist, alsbald auf stille oder laute, jedenfalls aber tätige und auch oft wirksame Unterstützung jener Kreise rechnen, durch welche oft weitreichende, wenn auch nicht immer dauerhafte populäre Erfolge erreicht werden. Mit diesem Schlüssel wird man nicht wenige Erscheinungen unseres heutigen Geisteslebens verstehen lernen, auch wo[46]  man zunächst gar nicht an solche Zusammenhänge gedacht hat.
Auch der sehr starke populäre Erfolg, den W. James teilweise erzielte, kann auf diese Rechnung gebucht werden. Denn der Einfluß der Kirche war und ist in den Vereinigten Staaten außerordentlich groß, obwohl er nicht, wie vielfach in Europa durch die Organe des Staates unterstützt wird. Die Freiheit von den Fesseln gesellschaftlicher Überlieferung, die schon Goethe beneidenswert gefunden hatte (Amerika, du hast es besser, als unser Kontinent, der alte! Hast keine verfallenen Schlösser), hat dort den führenden Personen der Kirche ein sehr kräftiges Eingreifen in das praktische Leben durch die Anwendung von Mitteln zur Beeinflussung der Menschenseele ermöglicht, die in Europa nicht üblich waren und sind.
Selbstvernichtung. An dieser von ihm entfachten Bewegung ist William James dann nach wenigen Jahren (1910) zugrunde gegangen. Mit tiefem Schreck las ich kurz vor seinem Tode einen Aufsatz von ihm, in welchem er die Entdeckung verkündete, daß der Mensch über unvergleichlich viel größere Kräfte verfüge, als gewöhnlich angenommen wird. Bisher habe man geglaubt, daß die nach der Arbeit eintretende Ermüdung die Grenze der Arbeitsfähigkeit des einzelnen bestimme. Das sei aber ein Irrtum. Man brauche nur durch eine energische Willensbetätigung das Ermüdungsgefühl zu unterdrücken, um anfangs schwer, später leicht noch große Mengen weiterer Arbeit aus sich herausholen zu können; zuletzt verschwinde die Ermüdung ganz, und man könne fast unbegrenzt arbeiten.
Mir waren solche Gedanken nicht unbekannt. Aber ich kannte auch die schwere Gefahr, die mit ihnen verbunden ist. Es handelt sich nämlich darum, daß die als Warnungszeichen vom Lebewesen entwickelten Ermüdungs- und Erschöpfungseinrichtungen vergewaltigt[47]  und zerbrochen werden. Jene Einrichtungen haben sich ausgebildet, um das Lebewesen gegen die schweren und nicht wieder gut zu machenden Schädigungen zu schützen, welche durch die Überanstrengung der Organe bewirkt werden; durch sie bleiben diese tüchtig für dauernden Gebrauch. Wird aber dieser Schutz unwirksam gemacht, so fehlt die Warnung vor solcher Selbstvernichtung; ja, diese verbindet sich durch die gegensätzliche Einstellung mit positiven Glücksgefühlen.
Solche Gefühle brachte James in seinem Aufsatz zum Ausdruck; ich mußte also bei ihm den unvermeidlichen Zusammenbruch erwarten, was mir bei meiner freundschaftlichen Gesinnung für ihn ernstlichen Kummer machte. Es kam noch schlimmer, als ich erwartet hatte: nicht nur ein geistiger Zusammenbruch, sondern auch ein körperlicher, der ihn bald dahinraffte. Und ich mußte mir sagen, daß dieser Ausgang vielleicht doch für ihn das bessere Teil bedeutete, denn ein Dasein erzwungener Tatenlosigkeit zufolge geistigen Zusammenbruches wäre ihm voraussichtlich unerträglich geworden.
Josiah Royce. Vertreter der Philosophie nach der Seite der Metaphysik war Josiah Royce. Er war etwas älter als James und hielt mit ihm gute Freundschaft, was unter Philosophen einigermaßen als Merkwürdigkeit hervorgehoben zu werden verdient. Äußerlich und innerlich stand er in spaßhaftem Gegensatz zu seinem Freunde und Kollegen. Zwar hatten beide etwa gleiche Körperhöhe; Royce war aber beleibt und rund, mit verhältnismäßig dünnen Armen und Beinen, so daß er mit seinen vorstehenden Augen an einen Frosch erinnerte. Das Haar war blond und spärlich, die Augen hell, das glatte Gesicht rosig. In seinem Wesen war er dem Deutschen Professor der Fliegenden Blätter so ähnlich, daß ich diesen Typus für international halten muß, nur daß er in Deutschland offenbar viel häufiger vorkommt, als anderswo.[48]
Die Bedeutung seiner Philosophie wage ich nicht zu beurteilen; sie liegt, soweit vorhanden, nach der entgegengesetzten Seite im Verhältnis zu meinen Bemühungen. Er verdankte sein Ansehen gleichfalls einem zweibändigen Werk, dessen Titel ich nicht mehr genau angeben kann, er hieß etwa: Die Welt und das Individuum. Ich hatte es neben einigen anderen Büchern führender amerikanischer Philosophen mir alsbald aus der Universitätsbücherei beschafft, um einen Einblick in die Gedankenwelt meiner neuen Kollegen zu gewinnen; es war mir aber nicht leicht, mich zurechtzufinden. Einerseits war mir der starke Wirklichkeitssinn willkommen, der mir vielfach entgegentrat und in angenehmem Gegensatz zu der fruchtlosen Scholastik stand, die damals in Deutschland unter den Namen Erkenntnistheorie mit dem vom Fortgang der exakten Wissenschaften längst überholten Gedankengut aus Kants Kritiken getrieben wurde. Andererseits aber mußte ich feststellen, daß die Loslösung der Philosophie von der Theologie, welche die Voraussetzung ihrer freien Entwicklung ist, in Amerika sich noch fast nirgend vollzogen hatte, wiederum im Gegensatz zu den Deutschen Verhältnissen, wobei wir diesmal die Vorgeschrittenen sind. Als äußeres Zeichen dafür mag dienen, daß die erwähnten Werke alle gegen den Schluß längere Kapitel mit der Überschrift God oder ähnlich enthielten, zu dem Zweck, einen Anschluß des übrigen Inhalts an die Theologie herzustellen. In der deutschen philosophischen Literatur findet sich derartiges dagegen nur als Ausnahme.
Professor Royce erinnerte an Sokrates nicht nur durch seine äußere Erscheinung, sondern auch durch seine stete Bereitschaft, philosophische Gespräche auf Markt und Straße zu beginnen; sie konnten nur durch Anwendung von Gewalt von der anderen Seite abgebrochen werden. Nachdem er mich einige Male in solcher Weise eingefangen[49]  und festgehalten hatte, bis ich mich, etwa unter Verlust eines Rockknopfes befreite, vermied ich auf der Straße ihm zu begegnen. Man konnte ihm leicht ausweichen, denn er war meist so tief in Gedanken versunken, daß er nicht um sich sah.
In Anwesenheit Anderer war er natürlich nicht so gefährlich und man konnte sich der restlosen Hingabe und Aufrichtigkeit erfreuen, mit denen er seine Gedanken verfolgte und entwickelte. Auch war er ein guter und anregender Lehrer, wie ich erkennen konnte, als ich einmal das von ihm geleitete philosophische Kolloquium für Studenten mitmachte. Daß ich mich an der Besprechung der von ihm aufgeworfenen Frage lebhaft beteiligte, hat er mir hernach noch besonders herzlich gedankt.
Royce war gleichfalls verheiratet und hatte erwachsene Kinder. Der Gegensatz der Temperamente, der mir beim Ehepaar James aufgefallen war, wiederholte sich bei den Royces, nur umgekehrt. Denn diesmal war die Frau lebhaft und weltkundig; sie hatte dunkle Haare und Augen und ein überaus bewegliches Gesicht, mit dem sie ihre Worte begleitete und erläuterte. Auch hier erfuhren wir herzliche häusliche Gastlichkeit.
Hugo Münsterberg. Wesentlich verschieden von dem Paar James-Royce war der dritte Philosoph in Harward, Hugo Münsterberg. Ich hatte ihn als einen der Organisatoren und Einlader des Kongresses von St. Louis in Leipzig kennen gelernt und in St. Louis und Cambridge wiedergesehen; seine Erscheinung findet sich II, 396 beschrieben. Er stammte aus Deutschland, war Wundts Schüler gewesen, schloß sich aber später der einflußreichen, von Windelband geführten süddeutschen Gruppe an, die sich in scharfem Gegensatz zu Wundts naturwissenschaftlich begründeter Arbeits- und Denkweise gestellt hatte. Diese Gegensätzlichkeit sprach sich auch in seiner Lehrtätigkeit aus: einerseits pflegte[50]  er die experimentelle Psychophysik, wie sie von Wundt begründet war, andererseits vertrat er in Wort und Schrift eine sehr abstrakte Metaphysik des Geistes, in welche einzudringen ich nach einigen vergeblichen Versuchen aufgegeben hatte.
Auch in seinem Wesen unterschied er sich stark von den Kollegen. Er war bedeutend jünger als sie (und auch als ich), denn er war 1863 geboren und während jene offenbar entschlossen waren, ihr Leben unter den vorhandenen zufriedenstellenden Bedingungen friedlich zu Ende zu führen, schaute Münsterberg deutlich erkennbar nach einer glänzenderen Karriere aus, als ihm die Harward-Universität bieten konnte. Ob er sie zunächst in Gestalt einer Deutschen Professur suchte oder ob er andere Amerikanische Möglichkeiten im Auge hatte, weiß ich nicht. Vermutlich hatte er mehr als ein Eisen im Feuer.
Ein herzliches Verhältnis stellte sich weder zwischen uns beiden her, noch auch zwischen unseren Familien, obwohl es nicht an Entgegenkommen fehlte. Der sehr stark ausgeprägte persönliche Ehrgeiz, den ich als den grundlegenden Bestandteil seines Wesens empfand, verhinderte ein Nähertreten, zumal seine wissenschaftliche Betätigung keineswegs anziehend auf mich wirkte. Auch wurde ich später von dortigen Freunden aufmerksam gemacht, daß gewisse Hemmungsversuche, die sich gegen meine Tätigkeit richteten, von dort ihren Ausgang genommen hatten. So endeten unsere Beziehungen mit meiner Abreise von Cambridge.
Th. W. Richards. Auch mit dem Kollegen von der anderen Wissenschaft verbanden mich ältere Beziehungen angenehmer Art. Professor der Chemie war und ist in Harward Theodore William Richards, ein noch junger Forscher, geboren 1868, damals also 36 Jahre alt. Ich habe schon berichtet, daß er einen Teil seiner[51]  wissenschaftlichen Wanderjahre in Leipzig zugebracht hatte, und daß von jener Zeit eine gegenseitige Zuneigung uns das Zusammenarbeiten in Harvard besonders willkommen gemacht hatte. Er war der Sohn eines namhaften Malers und hatte als Erbgut ein Stück künstlerischer Neigung und Gesinnung überkommen, die durch eine sorgfältige und erfolgreiche Erziehung gesteigert und veredelt war. Persönlich stellte er sich als ein hübsch gewachsener Mann von zartem Knochenbau, unter mittlerer Größe mit schmalem, regelmäßigen Gesicht und etwas gelocktem braunen Haar dar. Seine ebenso zierliche wie herzliche Höflichkeit, die der unverstellte Ausdruck einer entsprechenden Gesinnung war, nahm Jedermann alsbald für ihn ein; insofern hatte er gar nichts von dem Amerikaner, wie man sich ihn gewöhnlich vorstellt. Wohl aber erwies er sich als ein Angehöriger jener kulturellen Tradition der alten kolonialen Familien Neuenglands, deren Vertreter man besonders in Boston findet. Man kennt sie mehr von ihrer komischen Seite, die durch das Selbstbewußtsein hervorgerufen wird, mit welchem sie den Abstand zwischen sich und ihren später zugewanderten Landsleuten empfinden und betonen. Doch ist tatsächlich ein sehr achtungswertes Stück von echtem Idealismus in diesen Kreisen vorhanden, der sich unter anderem in der Freigebigkeit betätigt, mit welcher in Boston kulturelle Unternehmungen ausgeführt und unterstützt werden.
Richards war verheiratet und hatte bereits zwei oder drei Kinder, die ungewöhnlich schön waren, aber einen etwas schwächlichen Eindruck machten. Seine Frau erwartete eben ein weiteres, was zurzeit eine häusliche Gastlichkeit ausschloß. Sie war außerdem in hohem Maße nervenleidend; dies war zum großen Teil durch einen schweren Unglücksfall veranlaßt, durch welchen vor ihren Augen mehrere ihr nahestehende Menschen[52]  zugrunde gegangen waren. Seine Schwiegermutter lebte gleichfalls in Cambridge und ich habe schon erzählt, daß in ihrem Hause die erste gesellschaftliche Berührung mit Harvard stattfand.
In wissenschaftlicher Beziehung stand Richards mir nahe; doch war die Richtung seiner Forschungen unabhängig von der sehr bestimmt gezeichneten Linie, welche wir in Leipzig verfolgt hatten. Der Belgische Forscher J.S. Stas hatte im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts durch eine Reihe von Messungen der Atomgewichte, die in ungewöhnlichem Maßstabe unternommen und mit ungewöhnlicher Energie durchgeführt waren, eine Art Hypnose bei den Chemikern hervorgerufen, als sei nun der Höhepunkt solcher Arbeiten erreicht und als könnten diese nur vervollständigt, aber nicht verbessert werden. Dabei war unbeachtet geblieben, daß seine Messungen eigentlich mit einem inneren Widerspruch, einer unaufgelösten Dissonanz geendet hatten.
Allmählich trat dieser Widerspruch zutage, als neue unabhängige Messungen zwar unter sich, nicht aber mit den von Stas angegebenen Zahlen übereinstimmten. Es kostete eine nicht geringe Mühe, jene Hypnose zu überwinden und die Arbeit an den Atomgewichten neu zu beginnen. Dies geschah von mehreren Seiten, am ausgedehntesten und erfolgreichsten von Th. W. Richards, der dabei eigene, selbständige Wege ging.
Richards hatte nicht nur die Fähigkeit, selbst hochgradig genaue und zuverlässige Arbeit zu leisten, sondern auch noch die andere, seltenere, geeignete Schüler zu gleichwertigen Leistungen heranzuziehen und zu entwickeln. Das berührte sich mit Dingen, welche einen großen Teil meines eigenen Lebens als Hauptzweck erfüllt hatten, und ich ließ mich daher von ihm mit besonderer[53]  Freude in sein Laboratorium und seinen Unterrichtsbetrieb einführen.


Alles dies wirkte zusammen, daß mir unter meinen neuen Kollegen Richards am nächsten kam und ich glaube annehmen zu dürfen, daß das Wohlgefallen gegenseitig war. Leider habe ich meiner schlechten Gewohnheit zufolge versäumt, hernach das Verhältnis durch gelegentliche Briefe aufrecht zu erhalten. Auch als er später seinerseits als Austauschprofessor nach Berlin kam, habe ich mich durch das Mißlingen eines Versuches, ihn zu sehen, von weiteren derartigen Versuchen abhalten lassen und ebenso habe ich unterlassen, ihn als Kollegen zu begrüßen, als er den Nobelpreis erhalten hatte, zu dem ich ihn eine Reihe von Jahren vorher wiederholt ohne Erfolg vorgeschlagen hatte. In jungen Jahren geht man mit Freundschaften um, wie mit den Blumen auf der Wiese, bei denen man nicht daran denkt, eine einzelne besonders zu pflegen. Im Alter merkt man zu spät, daß auch diese Güter nicht unbegrenzt vorhanden sind.
Andere Kollegen. Im Laufe des Vierteljahrs, das ich in Cambridge zubrachte, habe ich fast alle dortigen Kollegen kennen gelernt und mit vielen interessante und lehrreiche Gespräche gehabt. Aber die Beziehungen waren zu kurz und selten, als daß sich ein näheres Verhältnis hätte entwickeln können. So habe ich angenehme Erinnerungen an den Physiker Hall, die Mathematiker Huntington und Peirce und manche andere bewahrt, doch sind diese Fäden meist mit meinem Fortgang abgerissen.
Nur eines Mannes möchte ich noch hier gedenken, der damals schon hoch bejahrt, inzwischen längst zur Ruhe eingegangen ist, Charles Norton. Ich hatte ihn in einem Klub kennen gelernt, zu welchem W. James mich wiederholt mitgenommen hatte und der die geistig[54]  regsamsten Männer von Boston und Cambridge alle zwei Wochen zusammenführte; wie er sich nannte, habe ich vergessen. Hierbei geriet ich wiederholt mit einem alten kleinen Herrn in ein Gespräch, das uns beide lebhaft fesselte. Ich hatte seinen Namen nicht verstanden, wie das meist geht, und fragte gelegentlich James darnach. Er nannte ihn mir und beschrieb mir den Mann näher, da mir der Name unbekannt war. Er war früher Professor für Literatur- und Kunstgeschichte in Harvard gewesen und hatte einen sehr starken Einfluß auf die geistige Entwicklung der Universität ausgeübt. Mit Ruskin, dem berühmten englischen Kunstphilosophen, war er befreundet gewesen, ebenso hatte er Emerson und Darwin gut gekannt. Gegenwärtig lebte er im Ruhestande in seinem Hause »Schattenhügel« (shady hill) in Cambridge.
Bei der nächsten Begegnung mit Norton hatten wir uns so viel zu sagen, daß er mich einlud, ihn wann ich wollte abends zu besuchen, da er fast immer zu Hause sei. Ich machte von diesem Vorrecht mehrfach Gebrauch und habe an seinem Kamin Abende verbracht, deren klarer und sanfter Klang noch heute in mir nachhallt. Mit ihm lebten zwei unverheiratete Töchter, beide weit über die Mädchenjahre hinaus, ruhig und schweigsam, aber unseren Gesprächen aufmerksam folgend, von denen namentlich eine in ihren blühenden Jahren ungewöhnlich schön gewesen sein mußte; sie trug den Ausdruck eines schwer überwundenen Schicksals im Gesicht.
Ich wüßte nicht mehr zu berichten, über welche Gegenstände sich unsere Wechselrede bewegt hat, doch weiß ich, daß ich von Norton immer wieder nachdenkliche und anregende Auskunft erhielt. Der Verkehr mit ihm erinnerte mich vielfach an die Jahre, da ich mit Karl Ludwig mich aussprechen durfte, dem er auch körperlich etwas ähnlich war, trotz des tiefgreifenden[55]  Unterschiedes in dem Gedankenkreise und in der Weltanschauung beider Männer. Auch war Norton viel milder in seinem Urteil über Menschen und Dinge. Vielleicht ist es auf Anregungen zurückzuführen, die ich damals empfing, daß ich mich später zunehmend mit kunstwissenschaftlichen (in einem neuen Sinne) und kunstphilosophischen Fragen beschäftigt habe, doch könnte ich keine bewußten Verbindungsfäden aufweisen.
Beziehungen zu Boston. In Boston befand sich das Massachusetts Institute of Technology, eine technische Hochschule von großer Ausdehnung und guter Organisation. Dort wirkten als Professoren der Chemie und Physik zwei frühere Schüler, der Chemiker Arthur A. Noyes (II, 50) und der Physiker H.M. Goodwin. Beide hatten aus ihrer Studienzeit in Leipzig eine warme Anhänglichkeit für mich und die Meinen herübergenommen, die sich in vielfachen Bemühungen äußerten, uns angenehme Eindrücke von ihrem Vaterlande zu verschaffen. Ein Gespräch gelegentlich eines im engsten Kreise verlaufenden Abendessens bei Noyes ist mir in der Erinnerung geblieben. Es war von den Mitteln die Rede, die wissenschaftliche Arbeit in den Vereinigten Staaten höher zu entwickeln und ich wies auf den erstaunlich großen Einfluß der Zeit und die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Tradition zur Hervorbringung reichlicher und dauernder Hochleistungen hin. Als Beispiel konnte ich die Clark-Universität anführen, die vor etwa zehn Jahren mit sehr großen Mitteln und der ausgesprochenen Absicht gegründet worden war, eine Vereinigung der besten Forscher ohne Rücksicht auf die Kosten herzustellen, um eine große wissenschaftliche Produktion zu organisieren. Der Versuch war fehlgeschlagen.
Noyes ließ sich dadurch nicht entmutigen und meinte, daß man hierbei lernen könne, es demnächst besser zu machen, denn die Mittel ließen sich immer[56]  wieder beschaffen und sein Volk habe den festen Willen, auch auf diesem Gebiet das Höchste zu erreichen. »Es wird noch lange dauern, bis Sie dem Standpunkt nahe kommen,« sagte ich, »den Deutschland schon jetzt erreicht hat.« Unter Überwindung einer leichten Verlegenheit, aber mit roten Backen und glänzenden Augen antwortete Noyes: »Wir hoffen, zu gegebener Zeit den geistigen Schwerpunkt der gesamten Menschheit über den Atlantischen Ozean hierher zu verlegen.« Da Noyes stets ein überaus ruhiges, zurückhaltendes Wesen gezeigt hatte, überraschte mich diese innere Glut sehr und machte mich höchst nachdenklich. Ob der wirtschaftlich führenden Stelle, welche die Vereinigten Staaten inzwischen dank der wahnwitzigen Selbstzerfleischung Europas erreicht haben, auch eine geistige folgen wird, kann jetzt noch nicht mit Wahrscheinlichkeit vorausgesehen werden. Beim Nachdenken darüber drängen sich nachstehende Erwägungen auf.
Kulturfernsichten. Bei allen Entwicklungen der Völker zur Kultur ist stets die Reihenfolge eingehalten worden, daß zunächst eine künstlerische und sodann eine wissenschaftliche Höhe erreicht wurde. Dies war schon bei den Griechen so, hat sich dann zu Beginn der Neuzeit bei den Italienern und Franzosen wiederholt. Die Deutschen hatten ihre klassische Literaturperiode im achtzehnten Jahrhundert, ihre wissenschaftliche im neunzehnten erreicht. Bei den slavischen Völkern beobachten wir in unserer Zeit Hochleistungen in den Künsten, aber noch keine in der Wissenschaft.
Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkt die Amerikanische Kultur, so stellen wir fest, daß sie es noch zu keiner Glanzperiode in der Kunst gebracht hat. Einzelne namhafte Persönlichkeiten sind in den verschiedenen Künsten erfolgreich aufgetreten, aber nirgends hat sich eine gleichzeitig neuartige und entwicklungsfähige,[57]  also überpersönliche Kunst gezeigt. In der Wissenschaft stehen die Dinge deutlich günstiger da. Hier ist die Anzahl der Forscher, die Erhebliches geleistet haben, verhältnismäßig viel größer und vor allem macht sich in den Gebieten der Biologie und Psychologie, namentlich der angewandten, ein kräftiges Eigenleben geltend, welches bereits an einzelnen Stellen die Europäische Wissenschaft zu überflügeln beginnt. Dies ist besonders deutlich in solchen Gebieten, wo die wissenschaftsfeindliche Platonische Einstellung unserer sogenannten Geisteswissenschaften die freie und unbefangene Anwendung des exakten wissenschaftlichen Verfahrens behindert. Bei den Amerikanern scheinen solche Hindernisse in geringerem Maße vorhanden zu sein.
Es ist deshalb ganz wohl möglich, daß bei der Amerikanischen Kulturentwicklung die bisherige Reihenfolge von der Kunst zur Wissenschaft nicht eingehalten zu werden braucht. Das Amerikanische Volk ist ja nicht ein durch Jahrtausende bodenständig aus niederster Kultur aufgewachsenes, sondern setzt sich aus Einwanderern vieler Länder zusammen, die im Laufe weniger Jahrhunderte sich auf einem ungeheuren Gebiet voll unverbrauchter Bodenschätze eingestellt und sehr früh zu einer politischen Einheit zusammengefunden haben, wobei ein jeder bereits ein nicht unerhebliches Maß älterer, anderweit entstandener Kultur mitbrachte. Die Aufgabe war also nicht, die Elemente der Kultur erst langsam zu entwickeln oder aufzunehmen, sondern aus den mitgebrachten verschiedenartigen Anteilen etwas Gemeinsames oder Einheitliches zu gestalten. Dies ergab von vornherein eine weitgehende Individualisierung ohne die Notwendigkeit, den sonst dieser vorangehenden Herdenzustand durchzumachen.
Dazu kommt, daß inzwischen ein Vorgang begonnen hat, den man die Verwissenschaftlichung der [58]  Kunst nennen kann. Ton- und Dichtkunst, Malerei und Baukunst beruhen bezüglich ihrer Gemütswirkung auf den Gesetzen der Psychologie und lassen sich in dem Maße rationalisieren oder verwissenschaftlichen, als die Psychologie sich zu einer rationellen Wissenschaft entwickelt. Hier leiden wir Europäer am meisten unter der Platonischen Mystik, welche der »Seele« eine unvermittelte Sonderstellung gegenüber den anderen Naturerscheinungen anweist und ihre wissenschaftliche Erforschung und Handhabung teils als eine lächerliche Unmöglichkeit, teils als eine verwerfliche Überschreitung des Erlaubten erscheinen läßt. Gerade im Gebiet der angewandten Psychologie gewährt die Freiheit von Vorurteilen den Amerikanern eine gar nicht zu verkennende Überlegenheit.
So ist es ganz wohl denkbar, daß auf der anderen Seite des Atlantischen Ozenas erheblich früher als bei uns die Organisation des künstlerischen Schaffens erreicht werden wird. In dem Anzeigenteil einer vielgelesenen Amerikanischen Monatsschrift vom Jahre 1926 bietet sich eine Firma an, ihren Kunden in kurzer Frist die Kunst beizubringen, kurze Geschichten für Zeitungen und Zeitschriften herzustellen und verpflichtet sich sogar zur kostenlosen Vertriebsvermittelung der Erzeugnisse. Auch bei uns sind Anleitungen für den gleichen Zweck bekannt; sie werden aber als Berufsgeheimnisse gehütet, damit die Kreise der Leser nicht dahinter kommen, daß derartiges sozusagen fabrikmäßig hergestellt werden kann. Diesen gegenüber wird vielmehr das Märchen von der Inspiration (an das im Grunde niemand glaubt) aufrecht gehalten, und wer jenes öffentliche Geheimnis verrät, muß sich auf Zorn und Strafverfolgung gefaßt machen, wie sie jeden solchen Verräter bedrohen.
Das größte Hindernis für die Entwicklung einer originalen Amerikanischen Kunst besteht darin, daß dort[59]  das Kunstpublikum so gut wie ausschließlich aus Frauen besteht; den Männern fehlt die Muße zum Kunstgenuß. Wir kennen aber keine große Kunstepoche, die nicht von Männern für Männer bewirkt worden wäre. Allerdings stets unter begeisterter Teilnahme von Frauen, aber niemals unter deren Führung. Ich glaube nicht, daß dieses biologisch begründete Verhältnis sich ändern kann, auch nicht unter den eigenartigen Amerikanischen Bedingungen, wo das Gelderwerben an sich von den Männern als starke Lebensfreude empfunden wird und solchergestalt das Bedürfnis nach Kunst ersetzt. In gleichem Sinne wirken Boxen und Wetten.
Vorträge. Ich habe niemals zu zählen versucht, wie viele Vorträge ich während der vier Monate gehalten habe, die ich damals in Amerika verbrachte. Sie sind unheimlich zahlreich gewesen. Kann ich mich doch erinnern, wie ich eines Abends in Cambridge, als ich totmüde ins Bett gegangen war, mich noch vor dem Einschlafen darauf besann, daß ich in den letzten 24 Stunden drei Vorträge in drei verschiedenen Städten gehalten hatte: am vorigen Abend einen in New York, dann nach einer Nachtfahrt im Schlafwagen am Vormittag einen zweiten in Cambridge und am Nachmittag den dritten in Boston. Ich beschloß geschwind, das nicht wieder zu tun, habe aber doch später in New York durch zwei Wochen täglich je zwei einstündige Vorträge (ohne akademisches Viertel) gehalten, mit nur einer Stunde Erholung dazwischen, dazu in Englischer Sprache. So wird die Gesamtzahl wohl irgendwo zwischen 100 und 200 liegen.
Es traf sich glücklich, daß ich um jene Zeit gerade ein besonderes Bedürfnis hatte, eine bestimmte Angelegenheit möglichst vielen und verschiedenen Menschen an das Herz zu legen, nämlich die internationale Hilfssprache. Ich habe erzählt (III, 33), wie ich schon auf[60]  dem Schiff damit begonnen hatte. Die sichtliche Überraschung, welche damals die vorgetragenen Gedanken hervorriefen, überzeugte mich von der Notwendigkeit, sie zu verbreiten und von der Wirkung, die ich mit ihnen hervorbringen konnte. So benutzte ich die reichlich sich darbietenden Gelegenheiten, darüber zu sprechen und hatte schließlich eine erkennbare Bewegung in dem angestrebten Sinne erzielt, wie später berichtet werden soll.
Wissenschaftliche Vorträge hatte ich außer in Cambridge zunächst in Boston an der technischen Hochschule übernommen. Sie schilderten die Entwicklungsgeschichte der chemischen Begriffe und gaben dergestalt ein Beispiel dafür, was ich als die eigentliche Aufgabe einer wissenschaftlichen Geschichte der Chemie ansehe. Den ersten Vortrag hielt ich Deutsch, wie Noyes mich gebeten hatte, weil er und die anderen früheren Leipziger sich ganz und gar in jene schöne Zeit zurückzuversetzen wünschten. Dann aber teilte er mir mit, das Interesse am Inhalt habe sich bei den Hörern so stark geltend gemacht, daß sie ihn ohne die Schwierigkeiten und Lücken aufzunehmen wünschten, welche die fremde Sprache unvermeidlich verursachte. So hielt ich die übrigen Vorlesungen Englisch. Aus gleichem Grunde wurden sie stenographiert und es wurde eine Englische Ausgabe der Nachschrift ohne viel Durchsicht von meiner Seite veranstaltet. Sie gab später Anregung zu einer neuen, durchdachteren Darstellung des gleichen Gegenstandes in Deutscher Sprache, die unter dem Titel: Leitlinien der Chemie und in zweiter Auflage: Der Werdegang einer Wissenschaft veröffentlicht wurde (II, 386).
Auf weitere Kreise waren zwei oder drei Vorträge für die Lowell-Stiftung berechnet, welche Licht, Farbe und Malerei zum Gegenstande hatten. Hierüber war[61]  von mir soeben (1904) ein Büchlein: Malerbriefe veröffentlicht worden, welches die physikalisch-chemischen Gesetze der Maltechnik zur Darstellung gebracht hatte, die damals fast ganz unbekannt waren. Die Briefe waren zunächst in einer Münchener Tageszeitung erschienen und hatten dort zahlreiche aufmerksame Leser gefunden, wie ich aus späteren Veröffentlichungen erkennen konnte, in denen von den erlangten Fortschritten Gebrauch gemacht wurde. Auch die Buchausgabe war bald vergriffen; da ich damals zu einer Neubearbeitung keine Zeit finden konnte, ist das nützliche Werkchen seitdem eine buchhändlerische Seltenheit geworden.
Die Lowell-Stiftung diente der allgemeinen Bildung. Der Stifter hatte die Zinsen seines beträchtlichen Vermögens folgendermaßen zu verwenden angeordnet: Zunächst wurde davon ein Direktor so ausreichend besoldet, daß er andere Geschäfte aufgeben und sich ganz der Stiftung widmen konnte. Er wurde tunlichst aus der Familie Lowell gewählt, die in Boston ansässig und zahlreich genug war, daß voraussichtlich auf lange Zeit diese Bedingung erfüllt werden konnte. Für jeden Direktor war es somit eine Ehrensache, die Wirkung der Stiftung nach allen Kräften zu steigern, um seine Regierungszeit womöglich mit besonderem Ruhm zu bedecken.
Ein anderer Teil der Einkünfte diente dazu, möglichst hervorragende Redner zu Vorträgen zu gewinnen. Hierzu war das Honorar entsprechend hoch angesetzt. In dem streng puritanischen alten Boston vor hundert Jahren waren Schauspiele und Konzerte als zu weltlicher Sünde verleitend verpönt und Vorträge, meist geistlichen Inhalts, die einzige Form öffentlicher Vergnügungen gewesen. Daher hatte sich ein ganz besonderes Interesse an solchen Veranstaltungen auch in unsere Zeiten hinüber erhalten, wo jene weltlichen Zerstreuungen als zulässig betrachtet und reichlich angeboten wurden.[62]
Der Zutritt zu den Vorträgen war unentgeltlich, aber wie folgt geregelt. Auf rechtzeitiges briefliches Ansuchen unter Beilegung eines Umschlages mit Briefmarke und Anschrift erhielt man die erbetene Anzahl Karten für numerierte Sitze zugeschickt. Die nicht besetzten Plätze konnten kurz vor dem Vortrag von solchen eingenommen werden, die ohne Karte gekommen waren, doch wurden nur soviel Hörer zugelassen, als Plätze vorhanden waren. Fünf Minuten vor Beginn wurden die Türen geschlossen und hernach jeder unerbittlich abgewiesen, so daß jede Störung des Vortrages ausgeschlossen war. Nach den Zeitungsberichten und den hernach an mich gelangenden Anfragen zu schließen, haben auch diese Vorträge aufmerksame und dankbare Hörer gefunden.
Anregung zur Farbenlehre. Eine besonders interessante Bekanntschaft vermittelten sie mir in der Person des Herrn A.H. Munsell. Dieser war Künstler und Lehrer der Malerei und hatte eine für diesen Beruf ungewöhnlich gute wissenschaftliche Ausbildung durch den Physiker Professor Ogden Rood erhalten, den Verfasser eines der besten älteren Werke über Farbenlehre. Hierdurch war Munsell angeregt worden, eine Ordnung und Normung der Farben auszuführen und er hatte sich während einer Reihe von Jahren dieser Aufgabe gewidmet. Er suchte meine Bekanntschaft und zeigte mir sein Material und ein von ihm konstruiertes, allerdings ziemlich unvollkommenes Photometer. Darüber, daß die Gesamtheit der Farben sich nur im dreifaltigen Raum methodisch ordnen läßt, war er klar; als Farbkörper hatte er die von Runge 1802 eingeführte Kugel übernommen. Da er aber auch von seinem Lehrer die drei unzweckmäßigen Veränderlichen nach Helmholtz: Farbton, Reinheit und Helligkeit übernommen hatte, so war sein Unternehmen von vornherein zum Scheitern bestimmt. Ich[63]  war sehr neugierig, von ihm zu erfahren, nach welchen Grundsätzen er den Farbkreis angeordnet und die Reinheitsstufen gemessen hatte (für die Helligkeit diente sein Photometer); er konnte oder wollte mir aber keine bestimmte Auskunft geben und berief sich auf sein Gefühl als Künstler. Für den Farbkreis hatte er die alte falsche Lehre von den drei Grundfarben Gelb, Rot, Blau angewendet und damit wie natürlich eine ganz unrichtige Teilung erhalten. Hier lag sogar ein Rückschritt gegen seinen Lehrer Rood vor, der der richtigen Farbkreisteilung viel näher gekommen war.
Mit bemerkenswerter Energie hatte Munsell seine Lehre trotz ihrer Unvollkommenheit in die Praxis zu übertragen begonnen. Er hatte entsprechende Buntstifte, Farbkästen und vereinfachte Farbkugeln zur Veranschaulichung der Ordnung herstellen lassen und bereits eine ziemlich ausgedehnte Anhängerschaft unter den Lehrern gewonnen.
Auch nach Deutschland hat er später sein System zu übertragen versucht, ohne jedoch hier einen Erfolg zu erzielen. Er ist inzwischen gestorben, hat aber einen Sohn hinterlassen, der sich die Verbreitung der väterlichen Lehre unter Aufwand erheblicher Mittel angelegen sein läßt.
Mich hatte damals diese Sache lebhaft beschäftigt, doch ergaben wiederholte Gespräche, daß das System Munsells der wissenschaftlichen Kritik nicht standhalten konnte. Aber eine Anregung zur eigenen Bearbeitung dieser großen und wichtigen Sache verdanke ich doch jener Begegnung. Es dauerte allerdings noch ein Jahrzehnt, bis sie sich soweit auswirkte, daß ich mich mehr als platonisch, nämlich experimentell mit der Aufgabe zu befassen begann.
Andere Vorträge. Zu diesen methodischen Vorlesungen gesellten sich noch zahlreiche einzelne Vorträge,[64]  die ich an den verschiedensten Stellen und aus den verschiedensten Anlässen hielt. Eine bestimmte Gruppe unter ihnen wurde dadurch veranlaßt, daß wissenschaftliche und gemeinnützige Körperschaften aller Art mich zum Ehrenmitgliede ernannten, worauf ich den schuldigen Dank durch einen Vortrag abzustatten hatte. In solchen Fällen wählte ich meist das Problem der internationalen Hilfssprache zum Gegenstande. Es entsprach meinem damals besonders lebhaften Bestreben, den Gedanken auszubreiten, den ich auch heute noch für einen der wichtigsten im Sinne der Befriedung Europas halte und der Inhalt konnte jedesmal gut dem besonderen Kreise angepaßt werden, in welchem der Vortrag stattfand.
Eine Anzahl anderer Einladungen erhielt ich aus dem Wunsche heraus, mir besondere Eigentümlichkeiten der Kultur der Vereinigten Staaten anschaulich zu machen, in welchen man sich der alten Welt überlegen fühlte. Dies gilt ganz besonders für die wissenschaftliche Erziehung des weiblichen Geschlechts.
Während für die meisten Universitäten und Kollegs in Amerika die Koedukation gilt, so daß sie beiden Geschlechtern gleich zugänglich sind, waren in Harvard weibliche Studenten ausgeschlossen. Präsident Eliot war wohl der Meinung, daß Ernst und Strenge des Studiums sich leichter so erhalten ließ, als wenn der Professor auch auf weibliche Hörer Rücksicht zu nehmen hatte. Dafür war aber parallel zu Harvard das Redcliff-College entwickelt worden, das ausschließlich für Mädchen bestimmt war und an dem die meisten Professoren von Harvard sich gleichfalls als Lehrer betätigten. Ich gewährte meinen Töchtern gern den Wunsch, hier einzutreten und solche Vorlesungen zu hören, an denen sie ein besonderes Interesse nahmen. Dies wurde als eine Art Anerkennung der amerikanischen Methoden empfunden und mit deutlicher Freude aufgenommen.
[65]  Wellesley und Vassar. Außerdem bestanden in der Nähe zwei große Colleges für Mädchen: das Wellesley-College bei Boston und das Vassar-College bei New York. Beide habe ich auf Einladung besucht, um ihre Einrichtungen kennen zu lernen und je einen Vortrag zu halten. In einem habe ich den versammelten Insassinnen, über Tausend an der Zahl, die Entwicklung des philosophischen Denkens vom Altertum bis zur Gegenwart in 45 Minuten vorgeführt, und ich glaube die Aufgabe nicht schlecht gelöst zu haben. Denn ich konnte an keinem der mehr oder weniger hübschen Gesichter eine Neigung zum Einschlafen erkennen und bekam zum Schluß einen betäubend lauten Dank zu hören. Was ich den anderen vorgesetzt habe, weiß ich nicht mehr.
Die Colleges waren so ähnlich angelegt und eingerichtet, daß eine allgemeine Beschreibung genügen wird. Sie befanden sich auf einem ausgedehnten Gelände, dem Campus, in landschaftlich reizvoller Lage, mit Flüßchen und See. Einige Hauptgebäude lagen um einen geräumigen Hof und zahlreiche kleinere Häuser, die verschiedenen Zwecken dienten, waren im Campus zerstreut. Die Einrichtung war durchweg sehr gut, vielfach prächtig; für Licht und Luft war überall reichlichst gesorgt. In den Hauptgebäuden waren die Schlaf- und Wohnräume der Zöglinge untergebracht, denn es waren Internate, im Gegensatz zu dem Redcliff-College in Harvard.
Sternwarte, chemisches, physikalisches, biologisches Laboratorium, Bücherei waren vorhanden und bestens ausgestattet. Für körperliche Übung wurde auf das mannigfaltigste gesorgt, ebenso durch Musiksaal und Theater für Kunst. Kurz, was an technischen Einrichtungen gutes zu beschaffen war, fand sich vor und wurde regelmäßig in Gebrauch genommen.
Nach dem Vorbild der männlichen Colleges war die Studienzeit auch hier auf vier Jahre, etwa von 16 bis 20[66]  oder etwas später angesetzt. Die Eintretenden verpflichteten sich, den ganzen Kurs durchzumachen.
Während in Wellesley das Hauptgewicht auf den wissenschaftlichen Unterricht gelegt wurde, schien in Vassar die gesellschaftliche Ausbildung mehr im Vordergrunde zu stehen.
Was ich an wissenschaftlicher Arbeit in Wellesley sah, hat mir aber nicht imponiert. Ich hatte den Eindruck, daß das meiste nur ziemlich oberflächlich genommen wurde, damit die Mädchen das betreffende Fach »gehabt« hatten. Doch gebe ich dies Urteil mit aller Zurückhaltung ab, da ich bei dem flüchtigen Besuch natürlich die Dinge nicht eingehender habe prüfen können. Aber was meine Töchter mir aus dem Betrieb des Redcliff-College berichteten, war geeignet, jenen Eindruck zu unterstützen.

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Von Wellesley nahm ich einen ungewöhnlich hübschen Eindruck mit. Als ich in die Aula geführt wurde, um dort meinen Vortrag zu halten, mußte ich das in der Mitte angelegte Treppenhaus durchschreiten, das sich vier oder fünf Stockwerke hoch mit hellem Oberlicht erhob und von Gängen mit Gittern in jedem Stockwerk umgeben war. An diesen Gittern waren in der Höhe mehrere Mädchenchöre aufgestellt, die mir anfangs abwechselnd, später gemeinsam den Gruß des Hauses zusangen. Die frischen Stimmen klangen entzückend in dem riesigen Raum.
Was ich insgesamt von dieser Art der Mädchenerziehung kennen gelernt habe, ist mir nicht nachahmungswürdig erschienen. Vor allen Dingen fand ich es unerträglich, daß die Töchter in den Jahren zwischen 16 und 20, wo sie meist am nettesten sind, das Haus auf ganze vier Jahre verlassen sollen. Das ist entweder ein Zeichen, daß es ein Familienleben nicht gibt, in welchem man ihre Abwesenheit empfinden würde, oder es ist ein[67]  Mittel, um dort, wo es ein Familienleben gibt, dies zu zerbröckeln. Was die Mädchen dafür an »allgemeiner Bildung« eintauschen, scheint mir den Verlust nicht wert. Denn um diese handelt es sich in den Colleges, nicht um fachliches Können irgendwelcher Art.
Brooklyn. Um Mitte November erhielt ich von dem Institut für Wissenschaften und Künste in Brooklyn bei New York die Mitteilung der Ernennung zum Ehrenmitgliede und die Einladung, an einem Ehrenfestmahl teilzunehmen, das man mir aus diesem Anlaß geben wollte. Für die Dauer meiner dortigen Anwesenheit hatte Kollege Herter, Professor der Pharmakologie, Gastfreundschaft mir und meiner Frau angeboten. Da auch seitens der Deutschen Gesandtschaft aus Washington ein Vertreter hingesandt worden war – es war dies der erste amtliche Gruß, den ich seitens der Deutschen Regierung erhielt – war eine Ablehnung ausgeschlossen. Warum gerade das Brooklyner Institut mir diese Auszeichnung erwiesen hat, konnte ich nicht ermitteln.
Der Empfang beim Festmahl war überaus herzlich. Es hatten sich etwa 100 Herren aus Brooklyn, New York und Umgebung, Professoren und andere, gefunden, welche Gewicht darauf legten, mit mir dergestalt in persönliche Berührung zu kommen. Einer von ihnen erzählte mir beim Auseinandergehen, daß er vom Lande gekommen und weil er den Zug verpaßt hatte, 40 Meilen mit dem Auto gefahren war – damals eine ungewöhnliche Leistung. Er sei aber von Grund aus zufrieden mit dem Unternehmen. Man hatte mich aufmerksam gemacht, daß meine Gastgeber eine Rede von mir erhofften, und daß sie am liebsten Mitteilungen über meinen persönlichen Entwicklungsgang hören würden. Um mir hierbei nicht selbst lächerlich zu werden, versetzte ich meine Rede mit einem reichlichen Anteil Selbstironie, was ihrer Wirkung auf die Zuhörer offenbar zugute kam.[68]
Am anderen Tage zeigte man mir den Neubau einer großen technischen Lehranstalt, die von opferwilligen Bürgern errichtet wurde und eine Anzahl anderer Merkwürdigkeiten. In einer kostbaren privaten Bildersammlung bemerkte ich neben dem gewöhnlichen Pariser impressionistischen Gemüse von Monet, Manet usw. drei Bilder von Böcklin aus seiner Jugendzeit, wo er italienische Landschaften malte, wohltätig abstechend von jenen in der lebendigen Harmonie ihrer Farben. Der Besitzer schien nicht zu wissen, daß sie etwas besonderes waren.
In Professor Herter lernte ich eine Verbindung von Millionär und Wissenschaftsmann kennen, wie ich sie drüben zu meiner Freude noch mehrfach angetroffen habe. Er hatte von seinem Vater ein großes Vermögen und die Fertigkeit geerbt, es durch erfolgreiche Börsengeschäfte nach Wunsch zu vermehren. Wie er mir erzählte, verbrauchte er für das tägliche Leben – er bewohnte ein großes Haus in vornehmster Gegend – ungefähr die Zinsen seines Vermögens, wobei der Unterricht, den er durch die besten erreichbaren Lehrer seinen vier Kindern zukommen ließ, einen erheblichen Teil ausmachte. Für besondere Ausgaben wendete er sich jenen Geschäften zu, die ihm vom Monat höchstens zwei Tage wegnahmen. Da aber ein chronisches Magenleiden (dem er wenige Jahre später erlegen ist) ihm für seine wissenschaftliche Arbeit nur wenig Energie übrig ließ, gedachte er auch dies aufzugeben. Für seine Forschungen hatte er in seinem Hause ein reichlich ausgestattetes Laboratorium mit zwei Assistenten errichtet.
Washington. Eine andere Vortragseinladung seitens der Nationalen Akadenie der Wissenschaften führte mich nach Washington, wobei ich Gelegenheit hatte, mich dem Präsidenten der Union, Th. Roosevelt, vorzustellen. Während der Deutsche Kaiser den Amerikanischen[69]  Austauschprofessorr mit großen Ehren empfangen und persönlich dessen Antrittsvorlesung angehört hatte, waren seitens der Amerikanischen Regierung keinerlei Schritte zu meiner Begrüßung geschehen. Ich hatte deshalb auch unterlassen, meinerseits Beziehungen dorthin zu suchen. Als ich aber jene Einladung erhalten hatte, die ich nicht ablehnen wollte, glaubte ich Washington nicht besuchen zu können, ohne den Präsidenten zu begrüßen.
Meine dortigen Freunde übernahmen die vorbereitenden Schritte dazu und es wurde mir bei dem täglichen Empfang, für den jeder Amerikanische Bürger das Recht des Zutritts hat, ein bestimmter Zeitpunkt freigehalten. Kleidung: Straßenanzug. Roosevelts Aussehen ist wohl noch so bekannt, daß ich es nicht zu beschreiben brauche. Beim Sprechen zeigte er auffällig die Zähne. Er nahm das Wort zu einer freundlichen Begrüßung, setzte voraus, daß mir Amerika sehr gut gefalle und sprach dann ununterbrochen weiter, meist über Völkerverbrüderung, ohne mir Zeit zu einem Wort zu lassen, bis ich mich verabschiedete.
Im übrigen war die Zeit in Washington völlig ausgefüllt. Ich lernte dort F.W. Clarke von der Geologischen Reichsanstalt kennen, mit dem ich seit langem im Briefwechsel stand. Er hatte, während ich am ersten Bande meines Lehrbuches arbeitete, eine Zusammenstellung und Neuberechnung der bis dahin durchgeführten Arbeiten für die Bestimmung der Atomgewichte der chemischen Elemente herausgegeben. Obwohl die Arbeit keineswegs ersten Ranges war und im Rechnungsverfahren sehr bedenkliche Mängel aufwies, wurde er, da damals die mathematische Bildung der Chemiker nicht ausreichend war, um sie zu einer Beurteilung dieser Seite des Werkes zu befähigen, seitdem ohne Zutun von seiner Seite als eine Autorität in Atomgewichtsfragen angesehen.[70]
Persönlich erwies er sich als ein freundlicher alter Herr, lang und mager, mit länglichem, roten, frischen Gesicht und spärlichem Haarwuchs, der früher auch rot gewesen war. Er erwies mir liebenswürdige Gastfreundschaft und brachte keineswegs die ihm zuteil gewordene etwas zu hohe Einschätzung in seinem Verhalten zur Geltung. Er zeigte mir die Laboratorien seiner Anstalt, in denen ich unter Leitung des Dr. Day, eines Schwiegersohnes von F. Kohlrausch, die Denk- und Forschungsmittel der jungen physikalischen Chemie in förderlichster praktischer Anwendung fand, was damals in Deutschland an den amtlichen Stellen noch keineswegs die Regel war. Ich nahm lebhaften Anteil an diesen Arbeitsgedanken und habe hernach an dieser und jener Stelle nutzbare Folgen der damaligen Gespräche erkennen zu dürfen geglaubt.
Einen ganzen Tag verwendete ich auf den Besuch der Nationalen Anstalt der Normen, eines unserer physikalisch-technischen Reichsanstalt nachgebildeten Laboratoriums für die physikalischen Bedürfnisse der amerikanischen Regierung. Ich sah dort viel Lehrreiches, lernte eine große Anzahl der Mitarbeiter kennen, mit denen ich mich in mancherlei Aussprachen vertiefte, und hatte ein eingehendes Gespräch mit dem Direktor der Anstalt. Am Abend gab es einen »Smoker«, einen zwanglosen Abend bei Bier, Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut und viel Tabak, bei dem ich sehr zahlreiche Gesellschaft antraf. Auf die übliche Aufforderung, eine Rede zu halten, bat ich die Anwesenden, mir lieber ihrerseits Fragen vorzulegen, auf die sie meine Ansicht kennen lernen wollten. Nach einigem Zögern fing einer an, dann kamen mehrere und schließlich gab es ein lebendiges Hin und Wider. Zuletzt kam aber doch die unvermeidliche Lobrede auf mich, bei welcher der Redner hervorhob, daß sich die Amerikaner bei der Austauschsache wieder[71]  einmal als die geschickteren Händler erwiesen hätten, da sie bei weitem das bessere Geschäft gemacht hätten. Diese freundlich-lustige Wendung ist dann anscheinend von Mund zu Mund weiter gegangen, da ich sie in der Folgezeit noch oft zu hören bekam. Andererseits berichtet van't Hoff (II, 129) in seinem Tagebuch unter dem 17. November 1905: M. erzählte mir, daß der Amerikanische Austauschprofessor keine Hörer mehr hat.«
Feierlicher war eine Sitzung der Akademie der Wissenschaften von Washington, die mich zum Ehrenmitglied aufgenommen hatte und der ich einen Vortrag über die Weltsprache hielt. Es waren dazu einige Altphilologen von der nahen Johns-Hopkins-Universität in Baltimore herübergekommen und ich konnte feststellen, daß die Vorurteile auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans sich der gleichen Scheingründe bedienten.
Den deutschen Gesandten Speck von Sternburg fand ich bei meinem Besuch nicht zuhause, doch kam umgehend eine Einladung zum Frühstück am nächsten Tage. Er erwies sich als ein kleiner und magerer Herr von sehr ungesundem Aussehen. Ich traf dort den Leiter der eben mit sehr reichen Mitteln gegründeten Carnegie-Anstalt, Woodward, der sich über einige Fachgenossen Auskunft erbat, die er für seine Zwecke ins Auge gefaßt hatte. Auch die Frage, ob ich gegebenenfalls mitmachen wollte, wurde berührt; es ist aber nichts daraus geworden.
Mit diesen und anderen geselligen Veranstaltungen waren die drei für Washington bestimmten Tage bis zum Rande gefüllt, so daß ich aufatmete, als ich mich endlich am letzten Abend in den Schlafwagen begeben konnte, der mich noch eben rechtzeitig für die Vorlesung am nächsten Morgen nach Cambridge brachte.
Die Unsterblichkeits-Vorlesung. Unter den vielen Stiftungen, welche die Harvard-Universität zu verwalten[72]  hatte, befand sich eine, nach ihrem Stifter die Ingersoll-Vorlesung genannt, aus deren Erträgen alljährlich ein namhafter Redner honoriert werden sollte, der sich zur Frage der Unsterblichkeit der menschlichen Seele zu äußern hatte. Es war ausdrücklich angeordnet worden, daß keineswegs Geistliche oder Theologen hierzu vorwiegend zu berufen seien, sondern es sollte jeder zu Gehör kommen, der Eigenes zur Sache beizubringen hatte, unabhängig davon, ob seine Meinung mit der Kirchenlehre übereinstimmte oder nicht.
Vom Verwaltungsrat der Stiftung, dessen Vorsitzender Präsident Eliot war, wurde mir die Einladung zuteil, den auf das Ende des laufenden Jahres fälligen Vortrag zu übernehmen. Ich machte Eliot aufmerksam, daß meine persönliche Einstellung zu der Frage so abweichend von der landesüblichen sei, daß ich mit ihrer öffentlichen Äußerung Anstoß zu erregen fürchte. Er antwortete, daß es im Sinne der Stiftung liege, möglichst verschiedene Ansichten zu Worte kommen zu lassen, da nur so die Wahrheit (oder vielmehr Wahrscheinlichkeit) gefunden werden konnte, und daß ich unbedenklich die Ansicht entwickeln möchte, zu der ich nach reiflicher Prüfung gelangt sei.
Einige Tage darauf erschien W. James (der einige Jahre vorher eine solche Vorlesung gehalten hatte) in großer Unruhe bei mir. Er hatte aus früheren Gesprächen zu seiner peinlichen Überraschung erfahren, daß ich eine bestimmte Antwort auf solche Fragen keineswegs ablehnte, welcher Agnostizismus damals in den wissenschaftlichen Kreisen des Landes üblich war, sondern daß ich haltbare Gründe nur gegen die Annahme einer Unsterblichkeit der menschlichen »Seele« gefunden hatte, aber keinen einzigen dafür. Er ließ sich diese meine Ansicht wiederholen und meinte erschrocken, daß ich sie doch nicht so bestimmt und ohne Vorbehalt aussprechen[73]  dürfe; das könnte mir ernstlich übel genommen werden. Er beschwor mich, in irgendeiner Form Rücksicht auf die öffentliche Meinung zu nehmen und ihr wenigstens eine Möglichkeit der Unsterblichkeit zuzugestehen. Ich war meinerseits erschrocken, daß der aufrichtig verehrte und liebe Kollege eine solche Zumutung an mich stellen konnte und weigerte mich entschieden. Jede Konzession müßte ich als eine bewußte Täuschung meiner Zuhörer ansehen, welche einen Anspruch darauf hatten, meine wahre Meinung kennen zu lernen. Verzweifelt wandte sich James an meine Töchter, die zufällig im gleichen Zimmer (wir hatten ja nur eines) gesessen und unser Gespräch angehört hatten und fragte in der Hoffnung auf ein Ja, ob sie denn auch nicht an die Unsterblichkeit glaubten. Ohne Besinnen antworteten beide: nein, und James entfernte sich fassungslos.
Die Nachricht von der Beschaffenheit meiner Antwort auf die alte Frage hatte sich schnell verbreitet und am Vortragsabend fand ich den großen Saal, der hierfür hergerichtet war, bis auf den letzten Platz mit einer gespannt aufmerkenden Zuhörerschaft gefüllt, über der eine lautlose Stille lagerte.
Den Wortlaut des Vortrages habe ich im sechsten Bande der Annalen der Naturphilosophie vom Jahre 1907 veröffentlicht (S. 31–57); ich kann mich also hier mit einer kurzen Inhaltsangabe begnügen.
Der Vortrag begann mit dem Hinweis, daß der Begriff der Dauer auf der besonderen Beschaffenheit unseres Geistes beruht, vermöge deren er Erinnerungen hat. Im Felde unseres Bewußtseins ziehen fortwährend neue Erlebnisse vorüber. Die übereinstimmenden werden als »dasselbe« Ding aufgefaßt, welchem demgemäß Dauer zugeschrieben wird. Wir erwarten, daß wir auch künftig gleiches erleben werden, sprechen dem Ding daher auch Dauer in die Zukunft zu, und ewige Dauer, wenn wir[74]  nicht absehen, warum sich die übereinstimmenden Erlebnisse nicht unbegrenzt wiederholen sollten. Nun hat zwar der wissenschaftliche Materialismus die selbständige Existenz einer Seele unabhängig vom Körper und deshalb auch die Unsterblichkeit in Abrede gestellt. Nachdem er durch die Energetik ersetzt wurde, ist eine neue Untersuchung nötig geworden, da nicht mehr das geistige Leben als eine Bewegung der Atome angesehen werden kann, das verschwindet, wenn diese Bewegungen durch die Zerstörung des Gehirns nach dem Tode aufhören. Die Energetik macht solche mechanische Annahmen nicht und gibt Raum für andere Möglichkeiten. Die Untersuchung muß also dahin gerichtet werden, ob die Tatsachen der Natur sich mit dem Gedanken der Unsterblichkeit vereinigen lassen oder nicht, und zwar auf breitester Grundlage.
Diese ergibt sich, wenn man nach den Dingen fragt, die unzerstörbar die Wandlungen der Zeit überdauern. Als solche stellen sich heraus: die chemischen Elemente, die Masse, die Energie. Aber die Elemente haben sich in letzter Zeit dem Wandel unterworfen gezeigt (es war eben von Ramsay die Entstehung von Helium aus Radium nachgewiesen worden), für die Masse sind ähnliche Andeutungen vorhanden, so daß zurzeit nur die Energie sich als dauerhaft erweist.
Diese mehr oder weniger dauerhaften Dinge zeigen die Eigenschaft, daß man sie nicht individualisieren kann. Zwei Massen Wasser, die man vermischt hat, lassen sich nie mehr so trennen, daß die frühere Verteilung der Atome wieder eingetreten ist; sie wahrten ihre Individualität nur so lange, als sie räumlich getrennt waren. Dasselbe gilt für die Energie. Individualität und Unsterblichkeit stehen also in einem ausschließenden Gegensatz, der sich überall zeigt, wo man eine entsprechende Untersuchung anstellt.[75]
Insbesondere besteht das Leben in einer unaufhörlichen Wechselwirkung des Lebewesens mit seiner Umgebung, welche eine beständige Änderung im Zustande und der Beschaffenheit des Wesens bedingt. Änderung und ewiger Bestand sind aber Begriffe, die sich wechselseitig ausschließen. Es bleiben daher nur zwei Möglichkeiten, falls nach dem körperlichen Tode von der Persönlichkeit des Menschen etwas übrig bleibt. Entweder setzt es sich in Beziehungen zu anderen Wesen: dann kann es nicht ewig sein. Oder es besteht absolut beziehungslos weiter: dann kann es ein ewiges Dasein haben, aber es kann keinerlei Zusammenhang, weder mit den Überlebenden noch mit den früher Gestorbenen betätigen, d.h. es ist für alle tot. In beiden Fällen ist eine Unsterblichkeit, wie man sie sich vorzustellen pflegt, ausgeschlossen und wir müssen alle derartigen Ansichten als wissenschaftlich undurchführbar aufgeben. Ein Überleben des einzelnen findet nur insofern statt, als dieser während seines Lebens die Welt und die Mitmenschen beeinflußt hat. Aber solche Einflüsse sind niemals ewig. Sie verlieren im Laufe der Zeit zunehmend ihre individuelle Beschaffenheit und ordnen sich zuletzt ununterscheidbar dem allgemeinen Kulturerbe ein, welches ein Geschlecht der Sterblichen dem anderen übermacht. Das allgemeine Gesetz des zunehmenden Ausgleiches, welches sich in der Diffusion der Materie und der Energie ausdrückt, hat auch für die moralischen und intellektuellen Werte Geltung, die von den einzelnen geschaffen werden.
Sehr nachdrückliche Beifallsäußerungen vor Beginn und nach Schluß des Vortrages ließen mich erkennen, daß unter meinen Zuhörern viele bereit waren, sich diesen Gedankenwegen anzuschließen. Präsident Eliot, der sich zu meinen Töchtern gesetzt hatte, machte ein sehr ernstes Gesicht und Professor Münsterberg trug Sorge, erkennen zu lassen, daß er durchaus nicht einverstanden[76]  war. Die Zuhörer verhielten sich während der ganzen etwa anderthalb stündigen Rede vollkommen still, so daß jedes Wort durch den sehr großen Raum hallte, als ob er leer wäre. Die ganze Stimmung war die eines außerordentlichen Geschehens. Auch der Redner selbst konnte sich diesem Eindruck nicht entziehen und formte seine Sätze feierlicher, als er sonst pflegte.
Kritik. Bei dem sehr großen Einfluß, den die Kirche in den Vereinigten Staaten noch heute hat, und der durch die entschlossene Anteilnahme der Geistlichen an den Fragen des Tages lebendig erhalten wird, erregte dieser Widerspruch gegen die von allen christlichen Kirchen trotz sonstiger Verschiedenheiten gemeinsam festgehaltene Unsterblichkeitslehre ein nicht geringes Aufsehen. Polar entgegengesetzte Urteile kamen mir zu. Auf der einen Seite sprach mir die bejahrte hochgebildete Frau Thayer, Professor Richards Schwiegermutter (III, 40), ihren warmen Dank dafür aus, daß ich ihr durch die Aussicht auf ewige Ruhe das bevorstehende Sterben leicht gemacht hatte. Auf der anderen Seite wurde ich in der konservativen und kirchlichen führenden Zeitung, dem »Boston Transcript« als ein Kind Satans beschrieben und Präsident Eliot mußte sich durch Berufung auf den ausdrücklichen Wortlaut der Ingersoll-Stiftungsurkunde, nach welcher Vertreter aller Anschauungen zu Worte kommen sollten, gegen heftige Vorwürfe von kirchlicher Seite verteidigen, daß er einen solchen Ketzer und Heiden hatte reden lassen.
Der Wortlaut der Vorlesung wurde von einem dortigen Verlag veröffentlicht, der sämtliche früheren Ingersoll-Vorträge in gleichem Format herausgegeben hatte und die ziemlich starke Auflage ist, wie ich aus den Abrechnungen ersehen habe, im Lauf der Jahre vollständig verkauft worden. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, daß Münsterberg, der eine Einladung zu einem solchen[77]  Vortrag nicht erhalten hatte, seine Ansichten über die Unsterblichkeit gleichfalls in einer Abhandlung ähnlichen Umfanges niedergelegt und Sorge getragen hatte, daß sie in der gleichen Ausstattung in den Buchhandel gelangte, wie die wirklichen Ingersoll-Vorlesungen. Die von ihm mitgeteilten Gedanken gestatteten ganz wohl einen Anschluß an die kirchlichen Lehren.
Auch ein Einfluß meines Vortrages auf meine Stellung an der Harvard-Universität ließ sich bald erkennen. Die mir etwas ferner stehenden Kollegen rückten um einen kleinen aber deutlich erkennbaren Schritt von mir ab. Ein öffentlich ausgesprochener Gegensatz zur Kirche wurde dort ähnlich wie in England nicht nur als ein moralischer, sondern noch mehr als ein gesellschaftlicher Verstoß angesehen: eine Einstellung, die als besonders wirksam von der Geistlichkeit mit Eifer und Erfolg gepflegt wird. Nicht nur ich bekam dies zu spüren, sondern auch meine Frau und Töchter.
Weihnacht in der Fremde. Der Herbst 1905, den ich in Cambridge zubrachte, war von ungewöhnlich schönem Wetter begünstigt. Bei der Ordnung der regelmäßigen Vorlesungen war zufällig der Mittwoch ganz frei geblieben und da ich diesen Wochentag auch tunlichst von anderen Beanspruchungen frei hielt, so benutzte ich ihn, um die Umgebung kennen zu lernen, die dank der mannigfaltigen Straßen- und Eisenbahnen in einem ziemlich weiten Umkreis leicht erreichbar war. Meine Töchter begleiteten mich fast immer; meine Frau mußte leider aus Rücksicht auf ihre Gesundheit mehr und mehr verzichten. Die ältere Tochter und ich pflegten den Malkasten mitzunehmen und wir brachten reiche Ausbeute heim, da die vielfach fremdartigen Bilder, die sich uns darboten, die Lust zur Wiedergabe stark anregten. Erst Anfang Dezember fiel über Nacht Schnee, der uns am nächsten Morgen ins Freie lockte. Unterwegs konnten[78]  wir mehrere bekannte Professoren begrüßen, welche mit Schippe und Besen vor ihren Wohnungen den Weg zwischen Straße und Haustür frei machten. Da diese Arbeit nicht zu den Obliegenheiten der Hausangestellten gerechnet wird, macht der Hausherr sie der Kürze wegen selbst. Doch hielt sich der Schnee nicht, und wir hatten zwischen stürmischen und finsteren Regentagen bald wieder Sonnenschein und blauen Himmel.
Als Ausgleich gegenüber den starken gedanklichen Beanspruchungen – die Ingersoll-Vorlesung hatte am 13. Dezember stattgefunden, – richtete ich mir das Gerät her, um zu Hause größere Bilder nach meinen Skizzen zu malen; es ist auch eine Anzahl fertig geworden, die ich alle dort verschenkt habe. In Boston hatte ich die Bekanntschaft eines tüchtigen Landschafters Enneking gemacht, den ich wiederholt über seine Anschauungen und schöpferischen Erlebnisse auspumpte, was er sich übrigens bereitwillig gefallen ließ. Doch gelang es mir nicht, Wesentliches von ihm zu erfahren. Er schien hauptsächlich auf gut Glück loszumalen und übermalte dann den ersten Entwurf behufs Verbesserung so lange, bis er ungefähr das erzielt hatte, was ihm vorschwebte. Dadurch entstanden zuweilen sehr dicke Farbschichten; ein solches Bild von etwa 50 cm Seite, das er mir in die Hand gab, und das die Stimmung eines Spätherbstmorgens im Walde gut zum Ausdruck brachte, wog einige Kilogramm wegen des vielen aufgetragenen Bleiweiß. Ich sah hier weite Möglichkeiten in der bewußten Gestaltung der gewollten Bildwirkung gegenüber der ganz auf die Gunst des Augenblicks angewiesenen unterbewußten Art der Arbeit, die von den Künstlern und Kunstschreibern als die einzig »künstlerische« angesehen und in den Himmel gehoben wird, obwohl sie zweifellos eine primitivere, d.h. niedrigere Entwicklungsstufe gegenüber der bewußten Arbeit darstellt. Mit großer Stärke kam über mich der Wunsch,[79]  bei der nach der Heimkehr bevorstehenden Neugestaltung meines Lebens Maler zu werden. Zwanzig Jahre später habe ich diesen Wunsch als Dreiundsiebzigjähriger verwirklicht; freilich kommt es in diesem Alter nicht mehr viel darauf an, wie man das Restchen Arbeit benennt, die man noch leisten kann.
Eine besondere Freude zum bevorstehenden Weihnachtsfeste für mich und die Meinen war der Besuch meines ältesten Sohnes Wolfgang, der damals Assistent bei J. Loeb (II, 338) in Berkeley, Cal. war. Dieser hatte wiederholt sehr günstige Nachrichten über ihn geschickt und wir hatten alle den Wunsch, zu sehen, wie die vorübergehende Verpflanzung in den fremden Boden auf ihn persönlich gewirkt hatte. Er traf denn auch am Abend vor Weihnacht ein und erwies sich, abgesehen von seiner geistigen Weiterentwicklung, als wesentlich unverändert. Natürlich gerieten Mutter und Schwestern in weibliches Entsetzen, als sie den Zustand seiner Wäsche und anderen Habseligkeiten festgestellt hatten und es gab in der nächsten Zeit ein mannigfaltiges Einkaufen zum Ersatz.
Freundliche Gaben. Zum Weihnachtsabend wurden uns von den Kollegen und anderen Bekannten zahlreiche hübsche Überraschungen geschenkt, in denen sich die mancherlei angenehmen und herzlichen persönlichen Beziehungen aussprachen, die sich während der drei Monate unserer Anwesenheit angesponnen und entwickelt hatten, Das gewichtigste Geschenk an mich war ein fünfbändiges Werk von dem alten Professor der Geologie Shaler, der uns besonders in sein noch immer jugendfrich fühlendes Herz geschlossen hatte. Es war aber keineswegs wie ich vermutet hatte ein wissenschaftliches Opus, sondern enthielt fünf Dramen, welche die Regierungszeit der Königin Elisabeth von England zum Gegenstande hatten und etwa in der Art der Königsdramen Shakespeares gedacht waren.
[80]  Shaler hatte mir erzählt, daß er aus Kentucky gebürtig war, wo seine Eltern als Ansiedler einsam in der Wildnis gelebt hatten. Unterricht gab es lange keinen, bis endlich durch irgendeinen Zufall dort ein Deutscher Student gelandet war, der zufolge der Demokratenverfolgungen aus Deutschland hatte flüchten müssen. Er war ein fanatischer Hegelianer, der alles auf die Triade: Spruch, Widerspruch, Vereinigung zurückführte und dem jungen Hinterwäldler eine höchst wunderliche Vorstellung von der Welt und der Wissenschaft übermittelte. Doch erklärte Shaler, daß er nachträglich an seinen Lehrer nur mit Dank zurückdenken könne, da er trotz dessen wunderlicher Außenseite in ihm die Fähigkeiten scharfen Denkens und genauer Begriffsbildung gut entwickelt habe.
Wie sich Shalers weitere Entwicklung bis zum Professor in Cambridge gestaltet hat, ist mir nicht im Gedächtnis geblieben. Die erwähnten Elisabethdramen verdankten ihre Entstehung der Überlegung, daß alle Kunst auf bestimmten gedanklichen und technischen Mitteln beruht, deren Kenntnis und Beherrschung es möglich machen muß, Kunstwerke sozusagen künstlich, d.h. ohne dichterische Inspiration zu erzeugen. Um experimentell zu ermitteln, was oder wieviel an diesem Gedanken richtig ist, machte er sich alsbald ans Werk, wählte fünf kennzeichnende Ereignisse aus jener Zeit und bewerkstelligte ihre dramatische Gestaltung. Die gewählte Form war der von Shakespeare benutzte Blankvers, die fünffüßigen Jamben. Shaler erzählte mir, daß er während jener Zeit so sehr in den Rhythmus solcher Verse hineingekommen war, daß sein Text ohne weiteres Zutun diese Gestalt annahm; er hatte lange Strecken des Dramas geschrieben, ohne daß seine Verse beim Entstehen überhaupt über die Schwelle des Bewußtseins traten, und hat sie hernach beim bewußten Durchlesen kaum zu verbessern[81]  gebraucht. Es ist mir nicht bekannt, ob die Dramen einen literarischen Erfolg gehabt haben.

Persönlich war Professor Shaler ein lebhafter, weißhaariger alter Herr, mager und schlank mit dunklen Augen und höchst beweglichen Zügen. Er erwies mir und den Meinen mit seiner lieben Frau herzlichstes Entgegenkommen, das rein menschlich gefühlt und gemeint war, denn wissenschaftliche Fragen wurden bei unserem Zusammensein kaum jemals berührt.

Amerikanische Philosophen. Erwähnung verdient noch aus dieser Zeit ein Kongreß der amerikanischen Philosophen, der gegen Neujahr in Cambridge tagte. Es war eben ein neues Universitätsgebäude fertig geworden, welches Emerson Hall genannt wurde und dessen Hauptteil für Münsterbergs Tätigkeit bestimmt war, der neben seiner abstrakten Philosophie ein psychophysisches Laboratorium nach Wundtschem Muster zu leiten hatte. Auch meine philosophische Vorlesung wurde in die neue Anstalt verlegt, in der ich indessen nur noch sehr kurze Zeit vorzutragen hatte. Ich wurde eingeladen, die Versammlungen der Philosophen mitzumachen und einen Vortrag zu halten. Ich sprach über die Beziehung zwischen Geist und Körper im Licht der Energetik und fand freundliche Aufnahme, die sich in lebhaften Kundgebungen des Beifalls äußerte. Ebenso wurde ich zur Beteiligung an den Aussprachen über andere Vorträge veranlaßt. Von den Amerikanischen Philosophen wurde ich durchaus als zum Fach gehörig angesehen und behandelt, was in Deutschland weder damals, noch später geschah. In seinem Schlußwort hatte der Vorsitzende der Tagung die nationalen Besonderheiten der Philosophen dahin gekennzeichnet, daß er den Deutschen die Tiefe des Denkens, den Franzosen die Klarheit der Form und den Amerikanern den gesunden Menschenverstand zusprach.
[82]  Abschied von Cambridge. Um die Mitte des Januar 1906 endeten meine Lehrverpflichtungen an der Harvard-Universität, doch nicht mein Aufenthalt in den Vereinigten Staaten. Denn schon etwa einen Monat vorher hatte ich unter Ablehnung mehrerer an derer Einladungen die Verpflichtung übernommen, zwei Reihen Vorlesungen an der Columbia-Universität in New York zu halten. Auch diesmal handelte es sich sowohl um Chemie wie um Philosophie. Die chemische Vorlesung war eine Wiederholung oder vielmehr Neugestaltung einer in Boston gehaltenen über die geschichtliche Entwicklung der chemischen Begriffe; in der philosophischen sollte ich meine eigene Philosophie, etwa im Sinne meiner Vorlesungen über Naturphilosophie, nur gekürzt, verdichtet und um die inzwischen gemachten Fortschritte erweitert zur Darstellung bringen. Die erste Reihe war durch den dortigen Chemieprofessor Chandler (II, 403) veranlaßt und vermittelt worden, die zweite durch den Psychologen J. McKeen Cattell, einen früheren Schüler Wundts und einflußreichen Organisator des wissenschaftlichen Nachrichtenwesens in Amerika. Dazu kamen noch einige Einzelvorträge in wissenschaftlichen Anstalten und Vereinen. Das Ganze ließ sich in die Zeit von etwas über zwei Wochen zusammendrängen, so daß ich Schiffskarten zur Heimfahrt auf den 6. Februar nahm. Ich hatte mich schon in Cambridge während der letzten Zeit wiederholt erschöpft gefühlt und sah für New York eine noch erheblich gesteigerte Anstrengung voraus, zu der ich mich nur in Hinblick auf die Ruhezeit entschloß, die mir auf dem Schiff bevorstand.
Nun galt es, für die mancherlei Beziehungen, welche sich in Cambridge und Boston entwickelt hatten, einen Abschluß zu gestalten. Dies geschah zunächst durch ein Herren-Abschiedsessen, zu welchem ich die mir näher getretenen Kollegen und anderen Personen, zwischen 30 und 40 Gäste einlud. Dr. Morse bewährte auch[83]  hier seine hilfreiche Assistententätigkeit, indem er mir alles Technische (Saal, Speisefolge usw.) abnahm und es tadellos erledigte. Meine Töchter hatten die Tischkarten mit Malereien und anderem Schmuck versehen und der Direktor Goodale des botanischen Gartens hatte für den Pflanzenschmuck gesorgt. Die Einladungen wurden rechtzeitig versendet und alle dankend angenommen. Nur Präsident Eliot mußte mitteilen, daß es ihm unmöglich sei, eine Verpflichtung aufzuheben, die ihn gerade an jenem Abend zu einer Reise zwang. So mußte das Essen um einige Tage verschoben und den Gästen die entsprechende Nachricht mitgeteilt werden; auch dieser erschwerende Umstand brachte mir keine einzige Absage.
Als der leibliche Teil der Zusammenkunft zur Zufriedenheit erledigt war, begrüßte ich meine Gäste mit einer längeren Ansprache, in welcher ich den Gewinn beschrieb, den mir die Tätigkeit in Cambridge gebracht habe. Ich hob zunächst den Gegensatz zwischen dem Deutschen und dem Amerikanischen Professor bezüglich ihrer äußeren Stellung hervor: der Amerikaner wird auf Zeit berufen und muß gegebenenfalls mit einer Kündigung rechnen, der Deutsche ist auf Lebenszeit im Amt und eine Kündigung kann nur seinerseits geschehen. Der Inhalt seiner Lehre ist nur durch sein Wissen und Gewissen begrenzt und er ist vollkommen frei, die Ergebnisse seines Denkens und Arbeitens den Studenten mitzuteilen. Neben dieser positiven Seite steht aber die negative, daß sein Gesichtskreis nur zu leicht durch die Bücher seines Studierzimmers oder die Flaschen seines Laboratoriums begrenzt sei, während bei seinem Amerikanischen Kollegen die frische Luft des öffentlichen und praktischen Lebens auch in diese Räume hineinwehe. Von dieser frischen Luft sei auch ein Zug erquickend durch meinen Kopf gegangen und hätte mich zu größerer Entschlußfreudigkeit[84]  für die Gestaltung meiner äußeren Verhältnisse gebracht, als ich vorher besaß.
Ein zweites, was ich mit besonderem Dank erlebt habe, ist die bereitwillige Resonanz gewesen, die ich hier auch für Gedanken gefunden habe, die außerhalb der anerkannten Gebiete der Wissenschaft lagen.
So habe ich eine Reihe von Monaten fast ununterbrochenen Sonnenscheins erleben dürfen, sowohl meteorologischen wie moralischen. Die Zeit hat zwar an meine Arbeitsfähigkeit überdurchschnittliche Ansprüche gestellt; sie haben sich aber leicht befriedigen lassen in der Atmosphäre allgemeinen guten Willens, freundschaftlichen Entgegenkommens und liebenswürdiger Nachsicht, von der ich mich umgeben gefühlt habe. Tatsächlich hatte ich kein unangenehmes Erlebnis irgendwelcher Art, das von außen gekommen wäre, zu überwinden gehabt. Es ist fast unglaublich, daß derartiges auf unserer unvollkommenen Erde möglich sein soll; im vorliegenden Falle sei das Unwahrscheinliche Ereignis geworden.
Zum Schluß bat ich meine Gäste, statt des Amerikanischen Gebrauches eines Toastmeisters diesmal sich der Deutschen Sitte zu fügen, daß jeder, den der »Geist treibt«, das Wort ergreift.
Auswertung. Dieser allgemeinen Einladung kam zunächst Präsident Eliot nach. Er bestätigte die von mir hervorgehobene Bereitwilligkeit der Amerikaner, neuen Gedanken vorurteilsfrei nachzugehen und betonte, welch großen Dank die Amerikanische Wissenschaft den Deutschen Universitäten schulde. Im vorliegenden Falle sei der Dank besonders lebhaft, da nicht nur die Studenten, sondern ganz besonders die Professoren wertvolle Anregungen durch den Besuch empfangen hätten. Aber er dürfe hoffen, daß nun auch die Amerikanische Wissenschaft beginne, diesen Dank durch entsprechende Leistungen abzutragen. Der Gedanke des Professorenaustausches[85]  habe durch diesen ersten Versuch eine große Stärkung erfahren.
Es sprachen dann Richards (Chemiker), Goodwin (Philologe), Shaler (Geologe), Wright (Historiker), Franke (Germanist), Hall (Physiker), Noyes (Chemiker), Münsterberg (Philosoph) und Royce (Philosoph). Richards gab an, von mir gelernt zu haben, wie man das Schiff der Wissenschaft sicher an den Klippen unfruchtbarer Hypothesen vorbei zu steuern habe. Goodwin, ein alter Philologe, der sich mit seiner lieben Frau ganz besonders persönlich zu mir und den Meinen hingezogen gefühlt hatte, pries die Gastfreundschaft der Deutschen Universitäten, Shaler betonte den belebenden Einfluß des Gastes auf die jüngeren Mitglieder der Universität, die noch etwas lernen könnten; er selbst sei leider zu alt dazu. Er sei von einem Deutschen und Hegelianer erzogen worden, dessen Philosophie er inzwischen vollkommen vergessen habe. Sie hätte aber einen so großen leeren Raum in seinem Gehirn hinterlassen, daß er eine ganze Menge seiner späteren Wissenschaft habe hineinpacken können. Vertrauen in das eigene Denken sei das beste, was er von den Deutschen gelernt habe. Wright dankte nicht nur mir, sondern auch meiner Familie für ihr Kommen. Franke sagte, daß bekanntlich nichts so schwer sei, als durch eine offene Tür zu gehen. Diese offene Tür sei das allgemeine Gefühl des Dankes, aus dem er keine Einzelheit hervorheben könne, ohne Unzulänglichkeit nach anderer Richtung. Er schloß mit Goethes Versen, die ich mir nicht versagen kann herzusetzen, weil sie das ausdrücken, was ich so gern möchte von mir denken dürfen:


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Weite Welt und breites Leben,
Langer Jahre redlich Streben,
Stets geforscht und stets gegründet,
Nie geschlossen, oft geründet,[86]
Ältestes bewahrt mit Treue,
Freundlich aufgefaßtes Neue,
Heitern Sinn und reine Zwecke:
Nun! man kommt wohl eine Strecke.

Eine sehr hübsche Rede hielt Münsterberg, von dem ich sie nicht erwartet hatte. Er führte aus, daß die Schilderungen der wunderbaren Eigenschaften des Deutschen Professors seitens begeisterter Amerikaner, welche in Deutschland studiert hatten, von den Zuhausegebliebenen meist sehr ungläubig aufgenommen würden. Man vermute in diesen Kreisen allgemein, daß dieser Typus gar nicht wirklich existiert, sondern ein für pädagogische Zwecke erdachtes Phantom sei, ähnlich wie der ärmlich aber reinlich gekleidete artige Knabe in den Jugendschriften. Er betrachtete es als ein Hauptverdienst, daß ich diese Zweifel beseitigt und durch meine unbestreitbare Wirklichkeit bewiesen habe, daß jene Beschreibungen des Deutschen Professors eher zu wenig als zuviel gesagt hätten.
Noyes sagte, daß er mich vor 17 Jahren nur als Lehrer und Forscher kennen gelernt habe, jetzt aber mir habe menschlich näher treten dürfen und diese Seite noch besser gefunden habe, als jene. Besonderes Gewicht legte er außerdem auf die Vielseitigkeit meiner Betätigungen, die ihrer Gründlichkeit nicht Eintrag getan habe.
Royce erzählte, daß vor einigen Jahren in seinem philosophischen Seminar die damals erschienene »Naturphilosophie« Gegenstand ausgedehnter Besprechungen gewesen sei. Als dann vor kurzem in demselben Seminar ich persönlich erschien und mich an den Verhandlungen beteiligte, habe dies auf ihn wie eine wundersame Fortsetzung jener längst vergangenen Sitzungen gewirkt.
Auf die Anregung Eliots, die Reihe der Reden abzuschließen, ließ ich meinen Dank für die viele Freundlichkeit und Liebe, die mir der Abend gebracht hatte, in den überpersönlichen Gedanken von der Völker und Menschen[87]  verbindenden Kraft der Wissenschaft ausklingen, welche auch dies beglückende Ergebnis zustande gebracht hatte. Tatsächlich sei die Wissenschaft ein vollkommen gemeinsames Gut aller Kulturvölker, von denen jedes bestrebt ist, soviel es kann, zu diesem Schatze beizutragen. Das einzige, was hier noch fehlt, ist die gemeinsame Sprache, welche jedem ohne Ausnahme restlos den ganzen Inhalt dieses größten Schatzes der Menschheit zugänglich machen würde.
So schloß der Abend, wie es sich gehört, nicht mit einem Verweilen im Vergangenen, sondern mit einem Ausblick auf die Zukunft; nicht mit der Betrachtung einer einzelnen Person, sondern mit allgemeinmenschlichen Gedanken.
Der Studententee und anderes. In etwas anderer Form nahm ich Abschied von Cambridges Studenten. Ich hatte mancherlei Berührungen über die Vorlesungen hinaus mit ihnen gehabt; als letzte veranstaltete ich einen College-Tee, auf den an einem Sonntagnachmittag jeder eingeladen war, der kommen wollte. Meine Töchter und eine Anzahl ihrer dort gewonnenen Freundinnen boten Tee, Gebäck und Brötchen an und man bewegte sich unter Kommen und Gehen etwa zwei Stunden lang in den für den Zweck besonders geschmückten Räumen. Auch dies wurde mit heiterem Dank aufgenommen.
Mit besonderer Rührung verabschiedeten sich die Hausgenossen, insbesondere das schwarze Personal, von den Meinen.
Ich bin nicht imstande, die vielen einzelnen Diners aufzuzählen, zu denen man mich in Cambridge und Boston in den letzten Wochen eingeladen hat, um mir noch einige freundliche Abschiedsworte zu sagen. Sie brachten mich noch einmal mit der ganzen geistigen Höhenschicht beider Städte zusammen, die ich während der verflossenen Monate kennen gelernt hatte, wenn auch leider meist nur flüchtig, und haben mir den Eindruck kräftigen Strebens und idealer Gesinnung als der Grundzüge dieser Gesellschaft[88]  dauernd hinterlassen. Das ausgeprägte Selbstbewußtsein der Angehörigen dieses östlichen Kulturzentrums, welches die anderen Amerikaner namentlich den Bostonern nachsagen, und das sich dem allgemeinen Amerikanischen Selbstbewußtsein noch überlagert, habe ich nie peinlich zu empfinden gehabt, da die Bostoner besonderen Wert auf gute gesellschaftliche Formen legen.
Immerhin verlangt aber die geschichtliche Genauigkeit die Nachricht, daß das amtliche Abschiedsessen bei dem Präsidenten Eliot, zu dem nur noch die anderen amtlichen Vertreter der Universität geladen waren, ohne besondere Wärme verlief. Ich hatte den Eindruck, daß irgend etwas an meinem Wesen oder Verhalten Eliots Billigung nicht gefunden hatte. Es kam dies weder in Worten noch in Gebärden zum Ausdruck, wohl aber darin, daß die heitere Herzlichkeit, an die man mich gewöhnt hatte, sich diesmal nicht entwickeln wollte. Vermutlich ist hernach manchem bekannt geworden, was die Ursache dieser Einstellung des von mir aufrichtig verehrten Mannes war. Aber in solchen Fällen hat gerade der, den es am nächsten angeht, am wenigsten Aussicht, die Wahrheit zu ergründen; mir ist es auch nicht gelungen.
Nach New York. Bei schönstem Sonnenschein verließen wir am 22. Januar 1906 Cambridge und kamen nach kurzer Reise in New York an, wo wir alsbald von Freunden in Empfang genommen wurden. Professor Herter hatte uns eingeladen, bei ihm zu wohnen; da aber von dort der tägliche Weg nach der Columbia-Universität am Nordende der Stadt zu weit gewesen wäre, zog ich mit meiner Frau in einen nahe gelegenen stillen Gasthof, während meine beiden Töchter, welche die ganze Familie Herter von einem früheren Besuch her liebgewonnen hatte, bei dieser blieben.
Die nicht ganz zwei Wochen in New York waren bei weitem die angestrengteste Zeit, welche ich als Austauschprofessor[89]  durchzumachen hatte. Täglich gab es zwei Stunden Vorlesungen in Englischer Sprache vor 300 bis 500 Zuhörern, soviel, als die Hörsäle fassen konnten.
Beide ohne akademisches Viertel und nur durch eine Stunde Erholungspause getrennt, waren schon an sich eine starke Belastung. Dazu kam aber noch das Bewußtsein, daß es sich hier nicht um gewöhnliche Vorlesungen handelte, sondern darum, den Amerikanischen Hörern und Hörerinnen (denn Frauen waren sehr zahlreich vertreten) einen möglichst starken und guten Eindruck von Deutscher Wissenschaft zu vermitteln. Wegen der gemischten Beschaffenheit der Zuhörerschaft durften es keine nüchternen Fachvorträge sein; die künstlerische Seite der Darbietungen verlangte also besondere Berücksichtigung und jede einzelne Vorlesung mußte die Gestalt eines selbständigen Essay tragen.
Ich glaube berichten zu dürfen, daß mir das gut gelungen ist. Aus Eitelkeit hatte ich eine Anstalt für Zeitungsausschnitte beauftragt, mir die zugehörigen Nachrichten zu schicken. Sie kamen in reichlichster Fülle und die Rechnung dafür wurde viel größer als ich vermutet hatte. Der Inhalt ließ erkennen, daß ich die angestrebte Wirkung erreicht hatte.
Allerdings mußte ich hierzu meine letzten Kräfte hergeben; alle Reserven wurden aufgebraucht. In einer der letzten Stunden hatte ich mitten im Vortrag einen aufsteigenden Ohnmachtsanfall zu bekämpfen, ohne dabei die Rede unterbrechen zu dürfen. Ich habe hernach einige befreundete Zuhörer befragt; sie erklärten aber, nichts besonderes bemerkt zu haben.
Denn neben beiden Reihen gab es noch eine Anzahl Einzelvorträge zu halten, die ich nicht wohl ablehnen konnte oder wollte. Dazu kam fast täglich ein Frühstück oder Abendessen mit Kollegen aus den verschiedenen Gebieten, oft beides an demselben Tage, wobei ich als[90]  »hervorragender Gast« Reden zu halten und hundert Fragen zu beantworten hatte, also mich fortdauernd unter geistigem Hochdruck halten mußte.
Und was das schwerste war: meine Frau war recht ernstlich erkrankt. Schon in Cambridge hatte sie sich zunehmend von den gesellschaftlichen Veranstaltungen zurückziehen müssen, weil sie über ihre Kräfte gingen. Dazu kam, daß sie durch die Verordnung des zu Rate gezogenen Arztes nur kränker geworden war und auch noch diese Benachteiligung zu überwinden hatte. In New York wurde es aber viel schlimmer, so daß sie tagelang das Bett nicht verlassen konnte. Über die Art des Leidens ergab sich bald Klarheit; es war nicht unmittelbar lebensgefährlich, forderte aber größte Schonung.
Glücklicherweise war das Wetter dauernd gut. Die Temperatur war allerdings unter Null gesunken; der Himmel blieb aber klar und die kurzen Tage brachten so viel Licht, als der Kalender gestattete. Die Morgenspaziergänge in den Anlagen am Wasser, wo jeder Zweig im Rauhreif silbern glänzte, waren so erfrischend, daß sie nicht wenig dazu beitrugen, mir das Durchhalten zu ermöglichen.
Heimreise. Am 7. Februar war endlich alles erledigt und wir konnten uns auf das Schiff begeben, wo wir unsere Kabinen mit Blumen, Früchten und Zuckerwerk gefüllt vorfanden, die uns von Freunden als Abschiedsgruß gestiftet waren. Mit dem Gefühl, daß ich derartiges nicht zum zweiten Male würde durchführen können, sah ich das unregelmäßige Profil New Yorks am Horizont verschwinden.
Das Wetter war bei der Abfahrt noch schön, aber die eisbedeckten Schiffe, die uns entgegenkamen, bereiteten uns auf andere Verhältnisse draußen im freien Ozean vor. Tatsächlich fuhren wir in einen zunehmend schwereren Sturm hinein. Die Hälfte der Familie wurde alsbald seekrank; ich und eine Tochter hielten uns noch einen Tag; dann mußten auch wir daran glauben. Auf meinen[91]  früheren Fahrten hatte ich schlimmeres Wetter gut überstanden; der erschöpfte Zustand, mit dem mich Amerika entließ, hatte auch hier meine Widerstandsfähigkeit gebrochen. Das Leiden meiner Frau verschlimmerte sich natürlich unter diesen Umständen und auch als nach zwei Tagen die Seekrankheit bei mir und der kräftigeren Tochter überwunden war, blieb die Stimmung gedrückt und unfroh. Von meinen sechs Fahrten über den Ozean wurde diese die unerfreulichste; doch dauerte sie nur kurze Zeit.
Mit den Gefühlen der Erlösung begrüßten wir bei der Einfahrt in Bremerhaven das vaterländische Ufer. Wir wurden von meinem zweiten Sohn empfangen, der uns die weiteren Reisesorgen abnahm und nach Leipzig begleitete, wo wir das Haus in bester Ordnung antrafen. Wir fühlten uns unbeschreiblich glücklich in den gewohnten Räumen und Verhältnissen und gelobten uns, nicht so bald ähnliche Reisen zu unternehmen. Es ist auch nicht geschehen.
Zu Hause hatte ich zunächst noch zwei Monate Ferien und diente dann das letzte Semester ab, zu dem ich mich verpflichtet hatte. Ich hatte also reichlich Zeit, die Übersiedlung in mein Landhaus Energie vorzubereiten, das ich für den Zweck hatte umbauen lassen. Das Semester verlief in gewohnter Weise, doch ohne den Schwung und die Arbeitsfreude, welche es früher so erfreulich gemacht hatten. Dafür war die technische Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak durch Dr. Brauers unermüdliche Arbeit so weit gediehen, daß der regelmäßige Betrieb begonnen hatte und ohne Hindernisse durchgeführt werden konnte. Damit hatte ich die beruhigende Sicherheit gewonnen, daß Deutschland im Falle eines Krieges nicht nach kurzer Frist durch Mangel an Schießpulver wehrlos werden müßte. Als das Semester zu Ende war, verließ ich die Universität Leipzig, ohne daß sie eine Teilnahme an diesem Vorgang zu erkennen gab.



 Drittes Kapitel.
Landhaus Energie.










[92] Die eigene Scholle. Das Bedürfnis, auf eigenem Grund und Boden zu sitzen, war väterliches Erbgut. Es ist seinerzeit erzählt worden (I, 5), daß mein Vater seine ersten Ersparnisse dazu verwendet hat, sich ein eigenes Häuschen zu erwerben. Auch nach dem unverschuldeten wirtschaftlichen Zusammenbruch, aus dem er sich so tapfer wieder emporgearbeitet hatte, setzte er einen erheblichen Teil seines neu erworbenen Vermögens in Landbesitz um, auf dem er zufrieden starb.
Die nomadische Daseinsform des Deutschen Professors ist ein großes Hindernis für die Betätigung solcher Neigung zur Bodenständigkeit. Gilt doch in diesem Kreise der Aberglaube, daß der Erwerb eines eigenen Hauses ein nahezu sicheres Mittel sei, die Schicksalsmächte zur Bewirkung einer Ortsveränderung zu veranlassen.
In meinem Falle war das freilich nicht zu erwarten. Meine Wanderjahre waren sehr kurz gewesen, da auf Riga alsbald Leipzig gefolgt war. Und »von Leipzig wird man nicht fortberufen«, hörte ich meine Kollegen beständig sagen, »denn Leipzig ist der Professo renhimmel«. Mir war dies zunächst durchaus willkommen, da die Ausbildung des Laboratoriums zur Weltzentrale der physikalischen Chemie eine Arbeit von langer Hand war, die durch eine Ortsveränderung nur gestört worden wäre;[93]  auch konnte ich nirgend günstigere Beziehungen zu der vorgesetzten Behörde erhoffen, als ich sie in Sachsen angetroffen hatte.
Zwar der Minister Gerber, der meine Berufung getätigt hatte, kam für die Pflege des Gebietes nicht viel in Betracht. Karl Ludwig berichtete mir einige Zeit nach meinem Amtsantritt, noch ganz rot vom gehabten Ärger, daß der Minister ihm gesagt habe, er halte nichts von der physikalischen Chemie. Denn dieser verstand als Jurist nichts von der Sache und hatte keine Ahnung von ihren Möglichkeiten; auch dürfen wohl kollegiale Einflüsse seine Einstellung veranlaßt haben. Er starb aber bald hernach, und sein Amtsnachfolger v. Seydewitz nahm, wie berichtet wurde, eine ganz gegensäztliche Stellung ein, indem er amtlich und persönlich alles tat, was in seiner Macht stand, um mir meine Arbeit zu erleichtern. Es war dies eine ganz objektive Haltung, da ich niemals zu ihm in ein persönliches oder gesellschaftliches Verhältnis getreten bin.
Erste Ansätze. Der Wunsch nach eigenem Grundbesitz erwachte durch die zunehmende Schwierigkeit, den heranwachsenden Kindern den nötigen »Auslauf« zu verschaffen. In dem Maße, wie sie schulpflichtig wurden, vergrößerte sich diese Schwierigkeit, da die Schulferien großenteils außerhalb der Universitätsferien lagen und ich meine Familie allein auf die Reise schicken mußte.
Als erste Abhilfe erstand ich einen »Schrebergarten« im Johannistal, einer in unmittelbarer Nachbarschaft des Instituts und meiner Amtswohnung belegenen Gartenkolonie. Diese für den Großstädter so segensreiche Erfindung ist in Leipzig von einem praktischen Arzt Dr. Schreber gemacht worden, dem auch im Johannistal ein bescheidenes Denkmal, eine kaum lebensgroße gußeiserne Büste auf einem niedrigen Sockel, dafür errichtet worden war. Es diente der in den Gärten zahlreich vorhandenen[94]  Jugend als Ziel für mancherlei Wurfgeschosse und sah deshalb immer sehr mitgenommen aus. Doch zweifle ich nicht, daß dies dem Urbild des Denkmals nur Vergnügen gemacht hätte, wenn ihm davon Kenntnis geworden wäre.
Ein günstiger Zufall gab mir einen ganz nahen Garten an die Hand, in den man von den Fenstern der Institutswohnung hineinsehen konnte. So war es möglich, die Kinder ohne Umstände hinüberlaufen zu lassen und sie nötigenfalls durch verabredete Signale ins Haus zu rufen.
Das Gärtchen war zwar nur klein, dafür aber alt und dicht mit Gesträuch bewachsen; ein bejahrtes Gartenhaus mit geheimnisvollem Keller und Boden steigerte seinen Wert für die Kinder in hohem Maße. Sie erforschten es denn auch in allen Ecken und Winkeln, stellten fest, wo die meisten Schnecken zu finden waren, zwischen denen sie Wettrennen veranstalteten und fanden nach Kinderart unerschöpfliche Quellen für die unerwartetsten Betätigungen in dem kleinen Raum.
Auch mir persönlich war das Gärtchen willkommen. Ich bin oft genug mit meinem Schreibgerät hinübergezogen, wenn ich für meine Bücher eine Stunde ungestörten Nachdenkens brauchte, die im Hause nicht so leicht zu beschaffen war. Ich kann mir noch die glücklichen Gefühle unbeschränkter Schaffenslust zurückrufen, die ich dort in den ersten Jahren erlebte. Ebenso sind freilich mit dem gleichen Ort die ersten schmerzlichen Erfahrungen verbunden, wenn das übermäßig beanspruchte Gehirn nicht mehr so bereitwillig die Gedanken bilden wollte, die ich in Umrissen als Ziel der Arbeit vor mir sah und nun dauerhaft und klar gestalten wollte.
Wie es kam. Als 1896 das neuerbaute Institut bezogen wurde, fand sich dort auch Raum für ein Gärtchen. Es war aber noch kleiner, als der Schrebergarten im Johannistal und von der Straße nur durch ein eisernes Gitter[95]  geschieden, lag also den Blicken der Vorübergehenden offen. Für meine Bedürfnisse war durch eine große Veranda gesorgt, auf der ich bei warmem Wetter arbeiten konnte, mit einem Blick auf den Hauptteil des Laboratoriums. Die Kinder aber zogen hierbei den kürzeren und vermißten sehr die heimlichen Winkel des alten Gartens.
Um ihnen etwas Abwechselung zu schaffen, schickte ich meine drei Jungen eines Sonntags im Jahre 1901 auf eine Entdeckungsreise. In der Zeitung war mein Blick zufällig auf eine Anzeige gefallen, in der ein »romantisch« gelegenes Grundstück in Groß-Bothen ausgeboten wurde. Das Eisenbahnbuch belehrte uns, daß Groß-Bothen in der Nähe des Städtchens Grimma lag, das ich gelegentlich mit Malkasten und Klappstuhl besucht und für meine Zwecke recht ausgiebig gefunden hatte. Auch hatten wir einmal Sommerfrische in Grimma abgehalten. Ohne ernstlich an einen Kauf zu denken, fand ich den Anlaß doch hinreichend, um die Kinder zu beauftragen, sich das Grundstück anzusehen und uns darüber zu berichten.
Sie kamen am Abend zurück, ganz erfüllt von dem Geschauten und mit einem Indianergeheul uns anflehend, diese Herrlichkeit zu kaufen. Bei mir handelte es sich um einen alten und starken Wunsch, den zu befriedigen ich schon mehrere Anläufe genommen hatte. Einmal war sogar schon der Kauf eines Grundstückes am Vierwaldstätter See zunächst Brunnen getätigt und ein Rechtsanwalt mit der Durchführung beauftragt worden; doch trat der Besitzer im letzten Augenblick von dem bereits geschlossenen Vertrag zurück und ich mochte mich nicht auf einen Rechtsstreit darüber einlassen. Hier schien sich nun eine Möglichkeit zu bieten, den Gedanken auszuführen.
Da die Eisenbahnfahrt trotz der vielen Haltepunkte unterwegs nur eine Stunde dauerte, entschlossen wir[96]  Eltern uns endlich, den Bitten der Kinder nachzugeben. Wir fanden ein altes Haus, für eine Sommerwohnung geräumig genug, in höchst verwahrlostem Zustande, aber umgeben von einem Gelände, das wirklich reizvoll war. Von Osten nach Westen zog sich ein weites Tal, in welchem früher der Muldefluß geströmt war. Gegenwärtig floß er einige Kilometer weiter nördlich und im Tal war nur ein schmales Bächlein nachgeblieben. An der nördlichen Talwand, also frei nach Süden abfallend, lag das Grundstück, das am oberen Rande das Haus trug. Von diesem senkte sich ein Obstgarten ins Tal hinab, der unten in eine weite Wiese auslief. Daneben war noch Raum für ein Kiefer- und ein Eichenwäldchen; alte Birken beschatteten das Haus. In unmittelbarer Nachbarschaft erhob sich ein Porphyrkegel, wie solche dort zahlreich die Moränenlandschaft durchbrechen. Ein stundenweiter Wald, der bis Grimma reichte, schloß sich nach Westen unmittelbar an das Grundstück.

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Im ganzen war es eine Landschaft, wie ich sie brauchte: anmutig und abwechslungsreich, aber nicht aufregend und anspruchsvoll. Mir leuchtete also die Sache ein. Ich hatte um jene Zeit reichliche Einnahmen aus meiner Bücherschreiberei und konnte den Kauf tätigen, ohne eine ernstliche Lücke in meine Ersparnisse zu reißen.
Meine Frau war entsetzt von der Unordnung und Verwilderung, in der sich Haus und Garten befanden. Das Anwesen war von einer Witwe erbaut worden, die dort viele Jahre ein zurückgezogenes Dasein geführt hatte. Es war nach ihrem Tode durch verschiedene Hände gegangen, die es mehr und mehr verwahrlosen ließen. Ein hochbejahrtes bäuerliches Ehepaar hatte inzwischen das Haus beaufsichtigt und der von ihnen bewohnte Raum trug nicht dazu bei, das Ganze appetitlicher zu machen. So bedurfte es einiger Überredung,[97]  um die Zustimmung meiner Frau zu gewinnen. Denn »auf mich kommt schließlich die Arbeit des Aufräumens und Einrichtens«, sagte sie, und das mit Recht.
So wurde Haus und Garten gekauft und ich durfte mich zum ersten Male als Grundbesitzer fühlen. Die umständlichen Vorgänge beim Eintragen in das Grundbuch und Eintritt in die Dorfgemeinde verstärkten den Eindruck des Besonderen, das mit mir vorgegangen war und bereiteten die Einsicht vor, daß Grundbesitz etwas wesentlich anderes bedeutet, als Geldbesitz oder irgend ein anderes Eigentum. Erst nach vielen Jahren gestalteten sich diese Eindrücke zu den Einsichten aus, die mich zu einem überzeugten Anhänger des Bodenreformgedankens gemacht haben.
Es kamen nämlich noch energetische Betrachtungen hinzu, welche ergeben, daß jeder Mensch ohne Ausnahme gleichsam durch eine Nabelschnur mit einer bestimmten Bodenfläche verbunden ist, welche die chemische Energie sammelt, deren er zu seinem Dasein bedarf. Diese Verbindung kann sehr lang und verwickelt sein, sie ist aber immer notwendig vorhanden, weil kein Mensch ohne jenen Energieverbrauch leben kann. Und ein Volk ist um so gesunder und leistungsfähiger, je unmittelbarer die Verbindung des Einzelnen mit seinem Nährboden ist. Denn mit der Länge der Verbindung nimmt der Verlust durch Transport und Aufbewahrung zu, unter gleichzeitiger Verminderung der Güte der Nahrung.
Landhaus Energie. Um den neuen Besitz von der gröbsten Vernachlässigung zu befreien, schickte ich meinen ältesten Sohn mit seinem Lehrerfreunde Brauer (meinem späteren Mitarbeiter am Stickstoffproblem) während der Ferien hinaus. Sie schlugen ein primitives Lager in einem der Zimmer auf und brachten es nach einigen Wochen so weit, daß die Scheuerkolonnen einrücken konnten, um die Räume bewohnbar zu machen.[98]
Meine Frau leitete die Ansiedlung mit gewohnter Tatkraft; eine genügende Einrichtung mit einfachsten Möbeln wurde beschafft und endlich ging der glückliche Tag auf, wo wir in das eigene Heim übersiedeln konnten.
Am glücklichsten waren die Kinder, die an so ausgedehnte Gebiete für Erforschung und Spiel nicht gewöhnt waren und aus einer Freude in die andere fielen. Der Eindruck war so stark, daß ihnen noch heute die »Energie«, wie ich das Grundstück alsbald benannte, bei jeder neuen Anwesenheit ein erhöhtes und gleichzeitig beruhigtes Lebensgefühl auslöst. Die Wirkung ist mit unveränderter Stärke auch auf die Enkelkinder übergegangen, denen die Begriffe Energie und Paradies ungefähr gleichbedeutend geworden sind. Und ich erquicke mich immer wieder an dem Gedanken, daß es auch den künftigen Geschlechtern aus diesem Stamm ebenso gehen und die »Energie« sich dauernd als Quelle oder Nährboden tüchtiger Leistungen bewähren wird.
Auch an mir hat sich die »Energie« von Anfang an gut bewährt. Ich habe dort zunächst die Niederschrift meiner »Vorlesungen über Naturphilosophie« hergestellt und hege den Glauben, daß etwas von der Frische und Anmut der neuen Umgebung seinen Weg zwischen die Blätter dieses Buches gefunden hat. Vielleicht auch etwas von der Naturwüchsigkeit oder Verwilderung des eben erst erworbenen Besitzes.
Natürlich gab es neben der Schreibarbeit noch sehr reichlich Handarbeit. Den größten Teil der Wege in dem ganz verwilderten Wäldchen habe ich selbst mit Beil, Hacke und Spaten gerodet und geebnet; dazu gab es im Hause mancherlei zu nageln, zu sägen, zu leimen, was ich mit Vergnügen trieb.
Verhältnismäßig am meisten Arbeit und am wenigsten Freude hatte meine Frau von dem neuen Besitz. Bedeutete er doch eine Verdoppelung des Haushaltes[99]  und der Sorge um seine Instandhaltung. Zwar bemühten wir uns alle, durch überzeugte Anspruchslosigkeit der Lebensführung ihr die Arbeit tunlichst zu erleichtern, und die Töchter griffen gern zu, wo es ihnen erlaubt wurde. Aber die Last ruhte doch wesentlich auf ihren Schultern.
Dennoch glaube ich, daß mancher schöne Sommerabend unter Blumenduft und Leuchtkäferschimmer, mancher taufrische Sonnenmorgen mit Finkenschlag und Kuckucksruf aus dem nahen Walde sie erquickt und ihr ein Gefühl von den guten Seiten des neuen Zustandes gegeben hat.
Eingewöhnung. Zunächst diente uns der neue Besitz nur als Sommerfrische. Mit dem Beginn der Schulferien siedelte meine Frau nebst den Kindern nach der Energie über, während mich das Universitätssemester noch in Leipzig zurückhielt und ich nur am Sonnabend bis Montag hinausfuhr. Dann gab es einige Wochen gemeinsamer Ferien, bis der Schulanfang Mutter und Kinder wieder nach Leipzig rief. Meist machte ich dann allein eine Reise. Zuweilen machten wir auch kürzere Besuche im Spätherbst und während der Weihnachtsferien.
Die Verwaltung des Hauses war dem erwähnten alten Ehepaar anvertraut, das Haus, Garten und Wiesen in Ordnung hielt, wie sie es verstanden. Sie waren ehrlich und zuverlässig, es war aber nicht leicht, ihnen abzugewöhnen, unsere Wohnzimmer während unserer Abwesenheit als Abstellräume für Eier, Korn und andere Vorräte zu benutzen. Für die Bewirtschaftung der Wiesen und Äcker wurde ein Esel gekauft, der sich als ein ebenso nützlicher wie angenehmer Hausgenosse erwies.
In seinen zahlreichen Mußestunden beschäftigte sich der Hausmann mit der Herstellung von plastischen Gebilden aus Holz, Leder und Zeugflicken, welche Bauern und Handwerker darstellten. Sie waren vor ihrer Zeit[100]  an das Licht gekommen, denn sie hätten in den letzten Jahren mit den Negerplastiken und den Gemälden von H. Rousseau erfolgreich in Wettbewerb treten können. Er schenkte mir eine Anzahl, doch habe ich sie nicht verwahrt, sondern den Kindern zum Spielen gegeben, die sie dankbar annahmen.
Die mannigfaltigen Wohnversuche auf der Energie stärkten in mir die Überzeugung, daß ein dauerndes Leben dort nach zweckmäßigem Ausbau des Hauses nicht nur möglich, sondern höchst erfreulich sein würde. Bei meiner Frau war das Vertrauen dafür sehr viel geringer.
Einfluß auf die Lebensgestaltung. Bei dem Konflikt mit der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, der zu meinem Ausscheiden führte, wurde mein Verhalten ganz wesentlich durch den Besitz der »Energie« mitbestimmt. Da ich wußte, wo ich mich und die Meinen gegebenenfalls unterbringen konnte, hatte die Trennung vom Amt und der dazugehörigen Amtswohnung keine Schrecken für mich, so hübsch und zweckmäßig diese auch geraten war. Ich empfand sogar eine gewisse Beruhigung dabei. Denn ich hatte es wiederholt ansehen müssen, wie nach dem Tode eines Kollegen, der Amtswohnung hatte, die Familie gezwungen war, die Räume zu verlassen, in denen sie ein Menschenalter hindurch gewohnt hätte. Mir waren solche Notwendigkeiten, die ja unvermeidlich sind, immer als eine Grausamkeit erschienen, da sie auf die Hinterbliebenen zu einer Zeit drückten, wo diese ohnehin in tiefes Leid versenkt war. Da auch bei mir ein früher Tod denkbar war, sorgte ich mich um solche Möglichkeiten für die Zukunft meiner Familie und begrüßte deren Ausschluß mit dem Gefühl einer großen Erleichterung.


Abrundung und Erweiterung. Bald nach dem Ankauf des Grundstückes wurde mir ein unmittelbar angrenzender[101]  Streifen Landes angeboten, dessen Besitzer gleichfalls dort Sommerfrische hatte halten wollen; seine Mittel hatten aber nur zur Erbauung einer Laube aus Stangen gereicht. Ich kaufte es, obwohl der Preis viel zu hoch war, weil es die mehrfach geknickte Grenzlinie meines Grundstückes an einer Stelle angenehm abglich. Die Neigung zur Abrundung, welche sich oft bis zur Leidenschaft steigern kann, wurde auch bei mir wirksam. Ein Grenzstück nach dem andern ging in meinen Besitz über, wobei mich die verkaufenden Bauern meist wacker über das Ohr hauten. Aber wenn ich auf solche Weise meinen Bargeldvorrat vermindert hatte, traf meist bald das Honorar für ein neues Buch oder die neue Auflage eines früheren Werkes ein und stellte das gestörte Gleichgewicht wieder her.
Dies setzte sich durch die Jahre so lange fort, bis meine Grenzen fast überall auf Straßen oder Wege stießen oder weitere Ausdehnung durch den fiskalischen Wald unmöglich gemacht wurde. Selbst während der Kriegszeit fand ich noch Gelegenheit, einige Äcker zu erwerben, die meinen Besitz bis zur Landstraße ausdehnten. Immer bezahlte ich den Erwerb bar, so daß er völlig schuldenfrei blieb. Ich konnte allerdings nicht recht angeben, wozu ich all das Land kaufte und hatte zuweilen ein etwas schlechtes Gewissen dabei, als fröhnte ich einer zwecklosen und kostspieligen Leidenschaft. Da dies aber die einzige derartige war, ließ ich sie gelten.
Der Name. Die Beruhigung meines Gemüts durch den Grundbesitz ist auch mitbestimmend bei der Namengebung gewesen. Wenn ich den neuen Besitz etwa in üblicher Weise nach meiner Frau Helenenruh genannt hätte, so hätte es wie eine böse Ironie geklungen, da er ihr sicherlich wenigstens zunächst vielmehr Unruhe gebracht hatte. Dagegen leuchtete mir der Name Energie, an den ich anfangs nur im Scherz gedacht hatte, immer[102]  mehr ein. Denn ich hatte wenige Jahre vorher erfahren, welche entscheidende Rolle die Energie nicht nur für die Gestaltung der Welt, sondern auch für die meines persönlichen Schicksals gespielt hat und dauernd spielte. Das Landhaus stellte sich mir als ein stets bereites Mittel dar, neue Energien zu sammeln, wenn ich die vorhandenen wieder einmal aufgebraucht hatte, und es konnte eigentlich gar keinen passenderen Namen erhalten, als Energie.
So ließ ich diesen Namen über den Eingang des Hauses schreiben. Einigen Dorfgenossen aber war das Wort unbekannt und sie nannten das Haus gemäß dem landesüblichen Sprachklang »Anarchie«.
Neubau und Übersiedlung. Nachdem mein Fortgang entschieden war, ging ich alsbald daran, das Haus zur Dauerwohnung für meine Familie und mich auszubauen. Es fand sich ein junger Architekt namens Munde, der sich an einigen meiner Schriften erfreut und erbaut hatte und deshalb gern die Aufgabe übernahm, die er auch sachgemäß und gewissenhaft durchgeführt hat. Da aus anderen Gründen (III, 31) reichliche Zeit bis zur endgültigen Übersiedlung vorhanden war, konnte der Bau in aller Ruhe geplant und ausgeführt werden.
Er wurde rechtzeitig fertig und Ende August 1906 beim Abschluß des letzten Semesters als Professor fand die Übersiedlung statt. Bei mir wirkte die Erschöpfung durch die übermäßige Arbeit in Amerika noch nach, da die unerquicklichen Verhältnisse der letzten Leipziger Zeit die Erholung sehr verzögert hatten. So war ich bei der Einordnung des Hausrats in die neuen Räume von geringem Nutzen; Frau und Töchter mußten das meiste hierbei tun und haben sich dabei gut bewährt.
Immerhin gelang die Einpassung ganz befriedigend. Die neue Gesamtheizung bewährte sich gut in den kalten Tagen des folgenden Winters und wir konnten ungestört den mannigfaltigen Arbeiten nachgehen, welche die neue[103]  Umgebung erforderte und anregte. Ich war mit der Ausarbeitung der früher erwähnten Schriften (II, 386) beschäftigt und meine weiblichen Hausgenossen hatten alle Hände voll mit der Einrichtung und Ausgestaltung der Wohnung und der Wirtschaft. Vor der Übersiedlung hatten wir zuweilen davon gesprochen, wie wir wohl in der bevorstehenden ländlichen Einsamkeit die langen Winterabende ausfüllen würden. Als wir endlich wieder einmal davon sprachen, war der Winter vergangen und wir saßen unter den frühlingsgrünen Bäumen unseres Gartens.
Die Morgenwanderung. In den ersten Leipziger Jahren hatte ich gelegentlich abends entdeckt, daß ich unter der nie abreißenden Arbeit bei den Studenten und zuhause den ganzen Tag nicht in die freie Luft gekommen war, da Wohnung und Institut unter dem gleichen Dache lagen. Weil ich dies für sehr schädlich hielt und mir andererseits das täglich wiederkehrende Nachdenken darüber sparen wollte, wann meine Lüftung zu bewerkstelligen wäre, gewöhnte ich mich daran, jeden Tag damit zu beginnen. Die Vorlesung fand morgens von 8 bis 9 Uhr statt; ich ging deshalb eine Viertelstunde vor 8 ins Freie und hatte wegen des akademischen Viertels 30 Minuten zur Verfügung, die ich gleichzeitig benutzte, um mir den Stoff der Vorlesung zurecht zu legen.
Bei dieser Gewohnheit bin ich seitdem verblieben. Auch auf der Energie, wo der ursprüngliche Grund wegfiel, habe ich bisher jeden Tag ohne Unterschied des Wetters mit einer Wanderung durch das Grundstück begonnen. Und auch das Nachdenken über bevorstehende Arbeiten, wenn es auch nicht mehr Vorlesungen waren, hat sich dabei gewohnheitsmäßig vollzogen und mir sind alsdann zahlreiche brauchbare und folgenreiche Gedanken eingefallen. Beides hat sich im Unterbewußtsein so stark verbunden, daß ich unwillkürlich, wenn ich[104]  etwas vor mir habe, was besonderes Nachdenken anregt oder verlangt, mich auf den Weg mache, um mir die angestrebte Klarheit zu erwandern.
In solcher Weise hat sich die »Energie« als ein ganz vorzügliches Arbeitsmittel bewährt. Denn meine Gedanken wurden nie wie so oft in Leipzig durch das ungeregelte Allerlei gestört, welches die Straße unabweisbar dem Wandelnden in das Gesichtsfeld führt. Sondern, was allenfalls sich veränderlich und mannigfaltig zeigte, waren die naturgesetzlich geregelten Erscheinungen des Wachsens und Vergehens, des Wetters und der Jahreszeiten. Unter solchen Verhältnissen ist es viel leichter, als in der unruhigen Stadt, allgemeine Gedanken zu erzeugen und durchzuarbeiten.
Handelte es sich um besonders weitreichende Zusammenhänge, so fand ich in der Umgebung beliebig viele und weite Wege, auf denen mir kaum je ein Mensch begegnete und die mir ermöglichten, die längsten Gedankenreihen auszuspinnen.
Als dann später reichliche Veranlassung zu Reden und Vorträgen aller Art entstand, pflegte ich, namentlich in wichtigeren Fällen, diese Reden auf solchen Wanderungen vorher mir mit lauter Stimme vorzusagen, nachdem ich den allgemeinen Gedankengang festgestellt hatte. Das Verfahren erwies sich als ungemein nützlich. Wie oft ist mir eine zugehörige Gedankengruppe bei der allgemeinen Übersicht als ganz gut und brauchbar erschienen, die sich bei der Sprechprobe als ungeeignet erwies, meist weil sie noch nicht klar genug auf die Notwendigkeiten des Vortrages durchgearbeitet war. Denn Haupt- und Hilfsgedanken verflechten sich stets zu einem mehrfaltig verbundenen Netzwerk, während die einfaltige (eindimensionale) Beschaffenheit der Rede (und auch der Schreibe) die Forderung stellt, jenes Netzwerk zu einem einfaltigen Gedankenfaden durch Auflösen und[105]  Verbinden zu verspinnen. Ob dies geglückt ist, ergibt sich aber bei der Sprechprobe unverhältnismäßig viel deutlicher, als etwa beim Aufschreiben. Letzteres war mir ohnehin meist viel zu umständlich.

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Arbeitspläne. Beim Nachdenken über den bevorstehenden letzten Abschnitt meines Lebens hatte ich mir gegenwärtig gehalten, was Wöhler gelegentlich von sich berichtet: daß er nämlich nur noch solche Arbeiten auszuführen fähig war, die sich in etwa drei Tagen erledigen ließen. Untersuchungen längeren Atems konnte er nicht mehr machen, weil sein Gedächtnis ihm nicht mehr die früheren Ergebnisse hinreichend gegenwärtig hielt. Ich hatte daher auch für diese Zeit eine Tätigkeit vorzusorgen, welche entweder auf ein experimentelles Arbeiten aus der Hand in den Mund hinauskam, etwa wie es Karl Schmidt in seiner zweiten Periode getrieben hatte, oder auf älteren Gedächtnisvorräten beruhte, die im Alter sich bekanntlich oft besonders deutlich zeigen. Am besten war es, beiden Möglichkeiten zu genügen. So sorgte ich beim Planen des Umbaues nicht nur für ein Laboratorium, sondern vor allem für eine Bücherei. Bei der Besprechung mit dem Baumeister wollte ich mich mit Zimmern bescheidenen Umfanges begnügen, wie ich denn Zeit meines Lebens gewohnt war, mich mit Vorhandenem abzufinden. Meine Frau aber forderte energisch große Räume. »Dies baust du doch für dich allein«, sagte sie, und ich gab gerne nach. Auch hat sich die Voraussicht als zutreffend erwiesen; sowohl die Werkstatt wie die Bücherei sind bis zum letzten Winkel angefüllt und ausgenutzt.
Die Bücherei. Bücher hatten sich schon in Leipzig in großer Menge um mich gesammelt. Das Lehrbuch und die anderen Werke machten bei der Bearbeitung ein sehr häufiges Zurückgehen auf die Quellen notwendig, daß ich das Bedürfnis hatte, die wichtigsten unter ihnen[106]  stets zur Hand zu haben. So kaufte ich die ganzen Reihen der Annalen der Physik, verschiedener chemischer Zeitschriften und die wichtigsten fremdsprachigen. Sie waren damals noch verhältnismäßig wohlfeil, da die Amerikanische Nachfrage, welche später die Preise hochgetrieben hat, erst einzusetzen begann.
Dazu kamen zahlreiche Einzelwerke, die ich wegen ihrer geschichtlichen Bedeutung besitzen wollte. Schließlich hatte ich eine Bücherei zusammen, mit deren Hilfe man ganz wohl eindringende geschichtliche Studien treiben konnte.
Zu den gekauften Werken gesellten sich bald in schnell wachsender Anzahl die geschenkten und solche, welche zum Zweck der Berichterstattung in der Zeitschrift und später in den Annalen der Naturphilosophie eingeschickt wurden. Eine andere Quelle waren die dankbar gestifteten schriftstellerischen Erzeugnisse meiner früheren Schüler, die sich gleichfalls schnell vermehrten. Sonderdrucke von Einzeluntersuchungen bildeten die Hauptmenge. Daneben aber konnte ich deutlich feststellen, daß meine eigene unaufhaltsame Schriftstellerei ansteckend auf die Arbeitsgenossen gewirkt hatte. Viele von ihnen versuchten sich in größeren Zusammenfassungen, namentlich wenn sie anderen Sprachgemeinden angehörten, und die methodische Sorgfalt, welche hierbei je nach dem Können des Autors entwickelt wurde, überzeugte mich von dem Eindruck meiner dahin gerichteten Bemühungen.
Das Ergebnis war schließlich ein Ozean von bedrucktem Papier, der sich durch Vermittlung der Post täglich vermehrte, namentlich als die Zeit eintrat, wo die wissenschaftlichen Gesellschaften der verschiedenen Länder mir die Auszeichnung der Aufnahme ehrenhalber erwiesen.
Es waren somit alle Bedingungen für das Dasein gegeben, welches ich als den Inhalt der kommenden[107]  Jahre vermutet hatte. Ich nahm an, daß ich mich in einzelne wissenschaftsgeschichtliche Fragen vertiefen würde, die mit viel mehr Einzelheiten ausgearbeitet werden sollten, als ich es mir in meinem ersten Geschichtswerke über Elektrochemie gestatten durfte.
In solchem Sinne hatte ich zunächst meine »psychographischen Studien« begonnen, deren erste über Humphry Davy im folgenden Sommer in den Annalen der Naturphilosophie erschien.
Weitere Arbeiten ähnlichen Inhalts folgten bald. Dies Material bewirkte allgemeine Zusammenfassungen und praktische Forderungen daraus, und ehe ich mich versah, befand ich mich innerhalb einer lebhaften Bewegung zur Verbesserung des Schulwesens. Hierüber wird später das Nötige erzählt werden.
Ähnlich ging es mir mit anderen Gedanken, die ich zunächst ohne jeden Hinblick auf unmittelbare Betätigung in meinen Schriften, insbesondere den naturphilosophischen ausgesprochen hatte. Entsprechend meiner grundsätzlichen Einstellung, welche mich drängte, die erlangten theoretischen Ergebnisse alsbald auf das tätige Leben anzuwenden, sah ich mich nach verschiedenen Richtungen zu öffentlicher Tätigkeit veranlaßt, die einen großen Teil meiner Zeit und Energie beanspruchte. Über diese Dinge werde ich unten in besonderen Abschnitten berichten.
Das Laboratorium. Neben der Bücherei war ein hinreichend großer, nach Norden gelegener Raum für Laboratoriumszwecke vorgesehen. Ich stattete ihn mit Arbeitstischen und Gestellen aus, in denen ich eine ziemlich reiche Sammlung der wichtigsten chemischen Stoffe unterbrachte, die so mannigfaltig bemessen war, daß ich die meisten Versuche, die mir in den Sinn kamen, alsbald ausführen konnte, ohne erst die nötigen Stoffe bestellen und erwarten zu müssen. Nur erwies sich in der[108]  Folge, daß ich den Maßstab weit überschätzt hatte, da ich ihn unwillkürlich etwas nach den Bedürfnissen der von mir früher geleiteten Unterrichtsanstalten gewählt hatte. So zehre ich jetzt nach mehr als zwanzig Jahren vielfach von den Vorräten, die damals beschafft wurden.
Die Gewohnheit, etwas größere Summen für solche Dinge und für physikalische Geräte auszugeben, die ich brauchte oder zu gebrauchen gedachte, mußte ich mir erst aneignen. Denn bisher hatte mir stets amtlich beschafftes Material zu freier Verfügung gestanden, und es kam mir fast wie Verschwendung vor, wenn ich es nun aus eigener Tasche bezahlte. Größere Posten waren für mich meist ein Anlaß, bisher abgelehnte oder aufgeschobene literarische Arbeiten auszuführen, deren Honorar dann viel mehr betrug, als jene wissenschaftlichen Ausgaben. Da damals die Zukunft meiner Kinder noch ungewiß war, hielt ich mich für verpflichtet, für sie ein möglichst großes Barkapital zu sammeln und entschloß mich nicht gern zu einer Minderung dieser Bestände. Später, als dieses nach dem Weltkrieg verloren gegangen war, erwiesen sich jene Anschaffungen als die dauerhafteren Werte.
So wurde auch das Laboratorium bald in Betrieb genommen. Ich hatte schon in Leipzig begonnen, meine chemischen und physikalischen Kenntnisse auf Fragen der Maltechnik anzuwenden und arbeitete nun, wenn auch ohne besondere Eile, in gleicher Richtung weiter. Auch diese Beschäfigung hatte schließlich viel weitreichendere Folgen, als ich damals voraussehen konnte. Denn sie bahnte mir den Weg zur Entwicklung der messenden Farbenlehre, welche mir noch eine zehnjährige Periode experimenteller Arbeit bringen sollte, die allerdings durchsetzt und getragen war von mannigfaltiger und schwieriger Gedankenarbeit.[109]
Alle diese Dinge sind nur dadurch möglich geworden, daß die abnehmenden Energien meiner späteren Jahre dank der Freiheit von amtlicher Zeitvergeudung restlos solchen allgemeinen Aufgaben gewidmet werden konnten.
Der Garten. Das Garten- und Waldgelände, welches sich an das Haus schloß, lud in hohem Maße zu schönheitlicher Gestaltung ein, namentlich als noch ein alter angrenzender Steinbruch angekauft war, in dem man gleich den zweiten Akt des Freischütz mit Wolfsschlucht und Teufelsbeschwörung hätte aufführen können. Doch muß ich bekennen, daß es mir an Zeit und Sinn hierfür fehlte. Zum Zweck körperlicher Ausarbeitung habe ich ziemlich viel mit Hacke und Spaten an der Anlage der nötigen Wege gearbeitet und zur Befriedigung meines Bedürfnisses nach Wasserflächen ließ ich einige kleine Dämme quer durch ein Tälchen anlegen, welche drei kleine Teiche ergaben. Aber das langsame Zeitmaß der Kräuter, Blumen und Bäume war so ganz und gar verschieden von dem schnellen Ablauf meines inneren Lebens, daß ich beide durchaus nicht in Einklang bringen konnte. So überließ ich die Verwaltung des Gartens meinen Hausgenossen und freute mich nur an den Ergebnissen, wenn sie auf dem Eßtisch oder in den Blumengläsern erschienen, die meine Frau an meine verschiedenen Arbeitsstellen verteilte.

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Erst in den letzten Jahren, seit 1925, hat ein näheres Verhältnis zu meinem Garten begonnen. Freilich ist es zu nächst mehr mittelbar. Meine malkünstlerischen Bemühungen gehen dahin, Naturerscheinungen als Veranlassungen zur rhythmischen Gestaltung in Form und Farbe zu benutzen, durch welche sie erst zum Kunstwerk umgebildet werden. Hierfür bietet die Pflanzenwelt das nächstliegende Material und die hohe Entwicklung der gegenwärtigen Gartenkunst steigert die Mannigfaltigkeit der zur Verfügung stehenden Anregungen in sehr hohem[110]  Maße. Schon empfinde ich, wie sich dadurch auch ein näheres Verhältnis zur Pflanze als Lebewesen anbahnt. Es wird von der Anzahl der Greisenjahre abhängen, die ich noch zu leben habe, wie innig dieses Verhältnis werden wird, wenn es sich von Jahr zu Jahr immer mehr erwärmt. Denn mit zunehmendem Alter wird meine eigene Reaktionsgeschwindigkeit immer kleiner werden, während die der Pflanzen unverändert bleibt. So werden sich beide zunehmend nähern und ich sehe ein zärtliches Verhältnis zu den Blumen auch ohne besondere Zweckbeziehung für meine letzten Lebensjahre voraus.
Arbeitsweise. Während der Vorbereitungen zu diesem freien Leben hatte ich mich zuweilen gefragt, ob und wie ich den Tag auszufüllen wissen werde, und ob es nicht sehr unbequem werden könnte, sich fast jeden Morgen ein neues Programm für die Beschäftigung entwerfen zu müssen, da der gestaltende Rahmen der Amtsstunden fehlte. Doch hatten schon die Erfahrungen aus den Ferienmonaten gezeigt, wie leicht sich auch eine freie Ordnung ohne besonderes Nachdenken einfindet, und meine Erfahrungen aller Jahre seitdem haben es mir bestätigt.
Gewöhnlich hatte ich ein neues Buch zu schreiben, an dem ich eben arbeitete und dem ich vorwiegend die Morgenstunden widmete. Dann kam die erste Post, deren Bearbeitung zuweilen Stunden erforderte. Die reichlich einlaufenden Drucksachen, neuen Bücher usw. gaben oft über Tage und Wochen reichende Beanspruchungen. Arbeiten im Garten und Wanderungen mit dem Malkasten in der Umgebung schenkten mir weitere Abwechslung.
Solche Wanderungen trugen mir oft neue Gedanken ein, die ich bewährter Gewohnheit folgend nie auf einmal abtat, sondern häufig von neuem vornahm. Um mir dies zu erleichtern und weil ich meinem Gedächtnis[111]  nicht mehr trauen konnte, hatte ich auf meinem Schreibtisch ein Heft leeren Papiers bei der Hand, in welches ich fortlaufend alles kurz eintrug, was mir des Aufbewahrens wert erschien, vor allem alle Probleme und Arbeitsmöglichkeiten, die sich mir darboten. War ein Heft gefüllt, so wurde es auf dem Umschlag mit der Jahreszahl und den Daten des ersten und letzten Eintrags versehen und auf den Stoß der bereits früher gefüllten gelegt. Doch habe ich eigentlich diese Arbeit mehr aus Gewissenhaftigkeit als aus Notwendigkeit getrieben, denn ich kann mich nicht erinnern, jemals auf diesen Gedankenvorrat zurückgegriffen zu haben, weil es mir im Augenblick an Aufgaben mangelte. Es war also viel eher ein Überlauf als ein Sammelbecken.
Dadurch, daß ich jede Arbeit dann tat, wenn mich nach ihr verlangte, konnte ich alle Energie sparen, die man bei von außen geregelten Arbeitsstunden darauf wenden muß, die erforderliche Stimmung herzustellen oder innere Widerstände zu überwinden. Dies ist meine Erklärung, wenn man mich fragt, wie ich so viele Arbeit habe fertig bringen können. Ich habe das Güteverhältnis oder den Nutzungsgrad meiner Energie bewußt dem idealen oberen Grenzwert viel mehr annähern können, als es anderen Sterblichen vergönnt ist, die sich nicht der wissenschaftlichen Führung durch die Energetik erfreuen oder sie verschmähen.
Wandervorträge. Diese Beschreibung bezieht sich auf die Tage, welche ich zu Hause zubrachte. Der regelmäßige Gang der täglichen Arbeit wurde nicht selten unterbrochen durch Reisen zu wissenschaftlichen Versammlungen, zur Anknüpfung neuer Beziehungen und vor allem zu öffentlichen Vorträgen. Ich hatte solche zunächst in einigen besonderen Fällen gehalten und die dabei erzielten Erfolge hatten bald zu so mannigfaltigen Einladungen geführt, daß ich nur einen Teil[112]  annahm nämlich solche, durch welche ich eine oder die andere kulturelle Arbeit fördern konnte, mit der ich beschäftigt war. Energetik, Schul- und Universitätswesen, Wissenschaftsmethodik, Organisation, Weltsprache, Internationalismus und Pazifismus waren meist die Gegenstände, über die ich sprach. Die nachfolgenden Kapitel werden erzählen, wie mir diese verschiedenen Aufgaben erstanden. Hierbei ist im Auge zu behalten, daß die mannigfaltigen Erlebnisse und Betätigungen, von denen in den folgenden Kapiteln bis zu dem über den Weltkrieg die Rede ist, alle innerhalb der acht Jahre stattgefunden haben, welche zwischen meiner Übersiedlung (September 1906) und dem Ausbruche des Krieges (August 1914) liegen. Während in der Darstellung jeder Faden für sich abgesponnen wird, sind tatsächlich alle diese Fäden zeitlich neben- und durcheinander gelaufen und das Gewebe meines Lebens sah unmittelbar viel bunter aus, als es in dieser übersichtlich geordneten Erzählung erscheint.



 Viertes Kapitel.
Große Männer und die Schule.










[113] Das Problem. Die erste größere Arbeit, welche ich in meiner neuen Um- und Inwelt unternahm, nachdem ich ältere Buchschulden (II, 386) abgetragen hatte, war die vertiefte Erforschung einer Gedankenreihe, deren erste Erfassung in den Anfang meiner wissenschaftlichen Laufbahn zu Dorpat zurückreicht. Nämlich der Frage, wie die genialen Leistungen der großen Forscher zustande kommen.
Wiederholt habe ich erzählt, mit welcher Neigung ich von jeher das menschliche Verständnis der großen und auch der kleineren Forscher angestrebt hatte, mit deren Arbeiten mich meine Studien in Berührung brachten. Einen großen Fortschritt bewirkte die Anwendung der energetischen Denkweise. Zahllose Einzelheiten des Forscherlebens, welche bis dahin nur eine gefühlsmäßige Teilnahme hatten auslösen können, im übrigen aber als »Schicksal« genommen werden mußten, fanden nun ihre Erklärung in leicht erkennbaren energetischen Verhältnissen. Wenn ich auch von vornherein darüber klar war, daß auf diesem Wege nicht alle Fragen beantwortet werden konnten, so erwies sich doch der Umfang der beantwortbaren so groß, daß mir die Untersuchung dieser Probleme als eine wissenschaftliche und somit auch als eine ethische Notwendigkeit erschien.
[114]  Anfänge. Daß eine solche Anwendung nicht aussichtslos war, wußte ich bereits aus der Begriffsbildung, die bei mir bezüglich der allgemeinen Beschaffenheit großer Forscher entstanden war. Gegen Ende meines letzten Besuches der Vereinigten Staaten, über welchen oben berichtet worden ist, war ich einer Einladung in den Philosophischen Club von New York zu einem Essen gefolgt, welches mit der Mitteilung schloß, daß die versammelten Kollegen ernstlich hofften, alsbald einen Vortrag von mir zu hören. Ich hatte durchaus nicht daran gedacht (obwohl ich es hätte vermuten können), daß es darauf hinauskommen würde und suchte etwas verstört unter meinen geistigen Vorräten nach etwas, was ich meinen freundlichen, aber anspruchsvollen Gastgebern vorsetzen konnte, ohne mir Schande und ihnen Langeweile zu machen. Unter dem Druck des Augenblicks kristallisierte der schon lange vorbereitete Gedanke aus, daß die großen Forscher psychologisch in zwei große, stark gegensätzliche Klassen zerfallen, die langsamen, tiefgründigen, sparsam hervorbringenden Klassiker und die geschwinden, glänzenden, reichlichst hervorbringenden Romantiker. Dies erläuterte ich eingehend durch eine Anzahl von Beispielen aus der Geschichte der exakten Wissenschaften. Ich erlebte die Genugtuung, daß der Gedanke willig entgegengenommen wurde. Einer der Kollegen – leider habe ich mir damals seinen Namen nicht gemerkt; ich erinnere mich aber, daß er ein kleiner, zierlich gebauter jugendlich aussehender Mann mit hübschem, lebhaften Gesicht war, der sich mehr wie ein Künstler als wie ein Philosoph gab – teilte mir mit, daß er auf ganz dieselbe Einteilung gekommen war und den beiden Gruppen sogar dieselben Namen gegeben hatte.
Psychographien. Nun benutzte ich die Arbeitsfreiheit, die ich mir in Groß-Bothen geschaffen hatte, zu[115]  einer Vertiefung dieser Untersuchungen. Als erstes Ergebnis veröffentlichte ich 1907, nach dem ersten Jahre meines neuen Lebens als Anfang einer Reihe derartiger Forschungen eine »Psychographie« des englischen Chemikers Humphry Davy. Die Wahl dieses Mannes hatte keinen anderen Grund, als daß ich biographisches Material über ihn in meiner Bücherei reichlich genug besaß. Die Abhandlung wurde in den Annalen der Naturphilosophie abgedruckt.
Die Vorbemerkungen dazu teile ich hier mit, da sie den Zusammenhang der Untersuchung mit meinen Erlebnissen und Bedürfnissen zum Ausdruck bringen.
»Es waren in erster Linie persönliche Erfahrungen, d.h. Erfahrungen an mir selbst, welche mich zum Nachdenken über den Lebensverlauf einer Forscherexistenz veranlaßten. Ein ganz unerwarteter Wechsel in der Beschaffenheit meiner wissenschaftlichen Neigungen und Betätigungen, insbesondere ein fast plötzliches Verschwinden der Fähigkeit, mich einem ausgedehnten Schülerkreise gegenüber als anregender Lehrer zu betätigen, verursachten mir zunächst ein sehr starkes, geistiges Unbehagen, ja machten mich zu Zeiten, trotz einer optimistischen Lebensauffassung im allgemeinen, ausgeprägt unglücklich. Ich muß es als einen der größten Werte betrachten, die ich als Entgelt für meine Hingabe an die Wissenschaft gewonnen habe, daß ich bald genug aufhörte, diese Erscheinung als mich allein betreffend unter dem Gesichtspunkte von Schuld und Verantwortung zu betrachten. Die angezüchtete Gewohnheit, wissenschaftlich zu verallgemeinern, begann sich alsbald auch hier, zunächst instinktiv, zu betätigen, so daß ich mir bald die Frage vorlegte: handelt es sich hier um einen persönlichen Sonderfall, oder lassen sich Allgemeinheiten über die inneren Schicksale der Wissenschafter angeben? Ein ziemlich reichliches Material, das mir aus[116]  früheren Studien zur Geschichte meiner Sonderwissenschaft, der Chemie, zu Gebote stand, ließ sich alsbald unter diesem Gesichtspunkte einer vorläufigen Untersuchung unterziehen. Das Ergebnis war, daß sich ohne Zweifel sehr bestimmte Gesetzmäßigkeiten erkennen lassen und daß der Lebenslauf großer Männer im Gebiete der Wissenschaft einer weitgehenden psychologischen Analyse zugänglich ist. Insbesondere war der Einfluß wissenschaftlicher Entdeckungen auf das Lebenspotential des Forschers so deutlich, daß mir bald jeder Zweifel an dem Vorhandensein bestimmter Gesetzmäßigkeiten verschwand. Nachdem ich aber meine vorläufigen Ergebnisse der Öffentlichkeit gegenüber zunächst in skizzenhafter Weise mitgeteilt und auf die weitgehenden praktischen Anwendungen hingewiesen habe, welche sich aus ihnen ergeben, fühle ich die Verpflichtung, nach der Methode der exakten Wissenschaft das Studienmaterial, auf welchem jene Resultate beruhen, im einzelnen vorzulegen, damit die Sonderfälle nachgeprüft werden können, auf welchen jene allgemeinen Induktionsschlüsse beruhen. Wie immer in den exakten Wissenschaften, gibt es keine andere Unterlage für solche verallgemeinernden Schlüsse, als die unvollständige Induktion vermöge einfacher Aufzählung; diese Schlüsse sind daher der Verschiebung, Verbesserung, Verdeutlichung, wenn auch nicht der völligen Vernichtung durch spätere Forschungen unterworfen.«
Erste Zusammenfassung. Bald hernach folgte ich einer Einladung des Herausgebers eines Sammelwerkes »Die Gesellschaft«, M. Buber, ein Bändchen von rund 100 Seiten für diese Sammlung beizusteuern. Neben dem inneren Grund, der mir die Aufgabe willkommen machte, lag noch ein äußerer vor. Ich hatte den Schritt in mein neues Dasein mit dem Vertrauen gewagt, daß ich die[117]  Mittel dafür durch freie Arbeit würde erwerben können. Um hierüber ein begründetes Urteil zu gewinnen, hatte ich mir vorgenommen, etwa drei Jahre lang alle Gelegenheiten zum Gelderwerb zu ergreifen, die in der Richtung meiner beabsichtigten Lebensweise als praktischer Idealist lagen. Dann würde ich übersehen können, ob es so ging, oder ob ich mich nach einer regelmäßig bezahlten Tätigkeit umtun müßte.
Besonders dringend war die Erwerbsfrage allerdings nicht. Ich hatte seit der Übersiedlung nach Leipzig durch meine Bücher gute und schnell anwachsende Einnahmen gehabt, die ich nicht auszugeben brauchte, weil die Kolleg- und Laboratoriumsgebühren ausreichten, die Bedürfnisse des Tages zu befriedigen. So hatte ich einige Hunderttausend Mark Vermögen erworben, die einen sehr ausgiebigen Rückhalt auch für den Fall bildeten, daß ich mein Leben nicht mehr aus laufenden Einnahmen bestreiten konnte. Doch stellte sich heraus, daß der freie Erwerb ohne Anstrengung und ohne Verzicht auf die Freiheit meiner Betätigungen reichlich genügte und auch neue Überschüsse ergab.
Es war dies die Zeit, wo die Schreibarbeit mir am schnellsten und glattesten von der Hand ging. Auf der Schreibmaschine hatte ich mir eine so weitgehende Geschicklichkeit erworben, daß ein Druckbogen täglich eine Leistung darstellte, die sich sozusagen im Nebenberuf erledigen ließ. Die Anschläge auf der Maschine folgten sich so schnell, daß sie begannen, sich zu einem gleichmäßig summenden Ton zu verbinden. Da die Arbeit der Formung meiner Sätze – den gedanklichen Inhalt hatte ich vorher auf Spaziergängen gesammelt und geordnet – mit gleicher Geschwindigkeit vor sich ging, so kann man bald ausrechnen, daß ein Büchlein, wie das eben erwähnte, sich leicht in vierzehn Tagen schreiben ließ, die erforderlichen Spaziergänge eingerechnet.[118]
Mir war die Aufgabe auch deshalb willkommen, weil sie mir ähnlich wie eine Vorlesung dem Professor Anlaß gab, das vorhandene Gedankenmaterial übersichtlich zu ordnen. Es erwies sich reicher, als ich gedacht hatte und ich hatte das Behagen, aus »ganzem Holze zu schnitzen«, um mit Goethe zu reden. Das Büchlein ist auch entsprechend frisch geraten; wie groß seine Verbreitung wurde, weiß ich nicht.
Große Männer. Die psychographischen Untersuchungen (der Name wurde von mir damals für den Zweck gebildet) wurden in schneller Folge auf eine Anzahl weiterer großer Männer ausgedehnt. Ein Teil der Arbeiten fand noch in den »Annalen« Aufnahme; es wurde aber bald so viel, zumal sich die Schlüsse und Anwendungen häuften, daß ich die umfassendere Form des Buches wählen mußte, um alles unterzubringen.
So entstand ein starker Band von 420 Seiten, der im Laufe des nächsten Jahres, 1908, fertig gestellt wurde und im Frühling 1909 unter dem Titel Große Männer herauskam. Der Erfolg war unmittelbar; die Auflage von 2000 wurde in einem halben Jahre verkauft und rief zahlreiche Äußerungen in der Presse hervor, welche die ganze Stufenleiter von herzlicher Zustimmung bis zu wilder Gegnerschaft aufwiesen. Auch einige weitere Auflagen fanden schnelle Aufnahme.

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Dieser schnelle und starke Erfolg hatte mehrere Ursachen. Zunächst war die Art, wie hier die Aufgabe des Biographen aufgefaßt war, von der bisher gebräuchlichen wesentlich verschieden. Diese war so gut wie immer auf den Nekrologstil gestellt, demzufolge von dem Geschilderten nur Gutes gesagt werden durfte und das Tadelhafte, wenn es sich nicht verschweigen ließ, möglichst entschuldigt wurde. Sodann machte sich die Beschränktheit des üblichen historischen Standpunktes geltend, für den nur die »geistigen« Bestandteile des Lebens[119]  in Betracht kamen und die allgemeinen oder biologischen Bedingungen als Nebensachen nur eben erwähnt wurden. Kurz, die Enge und Einseitigkeit, zu der sich die Vertreter der »Geisteswissenschaften« selbst verurteilen, wenn sie die Denkmittel der Naturwissenschaften außer acht lassen, pflegte auch dieses Feld unfruchtbar zu machen.
Ferner hatte ich keineswegs meine geschichtlichen Untersuchungen darauf beschränkt, nach der Vorschrift des Hauptes der Historiker Ranke, nur festzustellen, »wie es eigentlich gewesen war«. Dies betrachtete ich allerdings als eine notwendige Vorarbeit, aber nur als eine Vorarbeit. Eingedenk der Ursache dieser Studien hatte ich meine Beobachtungen und Feststellungen dazu benutzt, Naturgesetze des Genius aufzustellen, soweit ich solche hatte ausfindig machen können. Daraus ergeben sich dann mannigfaltige und wichtige Anwendungen auf praktische Fragen des Tages, namentlich im Gebiet der Schule und für das Ausfindigmachen der Knaben oder Jünglinge, aus denen später große Forscher werden konnten.
Deshalb hatte ich auch meine Arbeiten im Untertitel als Studien zur Biologie des Genius bezeichnet und damit hervorgehoben, daß gerade diese bisher vernachlässigte Seite in den Vordergrund gerückt werden sollte. Und zwar hatte ich ja über die damalige Biologie hinaus in der Energetik einen neuen Gesichtspunkt gewonnen, der mannigfaltige und tiefgreifende Anwendungen ermöglichte. In den Äußerungen der Presse über das Werk trat die Überraschung über diese Betrachtungsweise deutlich zutage, wobei sie je nach dem Standpunkt des Berichterstatters dem Verfasser zum Lob oder Tadel gerechnet wurde.
Praktische Anwendungen. Unter diesen biologischen Gesichtspunkten lag die Frage nach der Züchtung des Genius besonders auffällig in den Vordergrund. Durch[120]  die Erzählung eines bestimmten Anlasses, auf welchen ich über die Frage besonders nachzudenken begann, hatte ich dafür gesorgt, sie dem Leser alsbald nahe zu bringen.
Es war nämlich durch einen meiner Japanischen Schüler eine Anfrage seiner heimischen Regierung an mich gerichtet worden, wie ich es mache, um so viele besonders begabte und erfolgreiche Schüler auszubilden. Es seien in Japan erhebliche Summen angewiesen worden, um die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Nation möglichst schnell und hoch zu entwickeln. Die Verwalter dieser Mittel hätten natürlich das Bestreben, sie erfolgreich anzuwenden und ließen um meine Unterstützung hierfür bitten.
Ich mußte zunächst antworten, daß die Dinge sich ohne bewußtes Zutun meinerseits so gestaltet hatten wie sie vorlagen. Ich hatte nur das Bewußtsein, die Wege frei gehalten zu haben, auf denen meine jungen Mitarbeiter aus eigener Kraft vorwärts strebten, und nicht ihnen fremde Wege gewiesen oder gar aufgezwungen zu haben. Die allgemeine Richtung der Arbeiten im Laboratorium war ja durch die umfassenden Leitgedanken unserer Wissenschaft gegeben: osmotischer Druck und elektrolytischer Zerfall in der ersten, Katalyse in der zweiten Hälfte meiner Lehrtätigkeit. Indem jeder neu hinzutretende Arbeitsgenosse bei der Bearbeitung aus den unbegrenzten Feldern das Gebiet übernahm, für welches er besondere Neigung und Eignung empfand, war das Ergebnis fast selbsttätig entstanden.
Immerhin war die Frage ein Anlaß, über diese Dinge eindringlicher nachzudenken, zu welchem Zwecke ich – es war in den letzten Leipziger Jahren – lange, einsame Spaziergänge durch die Pleißenauen ausführte. Es lag der Tatbestand vor, daß unter meinen Augen und Händen sich auffallend viele Sonderbegabungen entwickelten,[121]  daran erkennbar, daß sehr viele von ihnen alsbald Lehrstellen erhielten, von denen aus sie meist schnell zu selbständigen Professuren aufrückten. Verglich ich damit die Verhältnisse in dem Ersten chemischen Laboratorium, dessen Besuch mindestens doppelt so groß war, wie der des meinigen und dessen Leiter von seiten seiner Studenten mit einer hemmungslosen Verehrung, fast Anbetung um geben wurde, die ihm einen unbegrenzten Einfluß auf die Seelen seiner Schüler sicherte, und wo trotzdem nur Durchschnittsware erzeugt wurde, aus der nur selten einer es bis zum Privatdozenten oder höher brachte, so mußte ich immerhin das Vorhandensein eines besonderen Faktors anerkennen, der meine Schüler in günstigem Sinne beeinflußte, und der an der anderen Stelle fehlte.
Schädliche Einflüsse. Damals gelang es mir nur, die positive Seite der Aufgabe zu lösen. Über die negative in dem anderen Laboratorium erhielt ich erst Aufklärung, als nach dem Tode seines Leiters Schilderungen seines Betriebes durch frühere Schüler an das Licht traten, deren Angaben um so vertrauenswürdiger waren, da sie durchaus Dankbarkeit und gute Gesinnung aussprachen.
Danach geschah der entscheidende Teil der Ausbildung, die Wahl und Durchführung der Doktorarbeit in folgender Weise. Der Leitende sammelte Aufgaben, die er beim Lesen oder Nachdenken gefunden hatte, indem er jede auf einen besonderen Zettel schrieb. Meist handelte es sich um Bestätigung einer eigenen oder Widerlegung einer fremden Ansicht; fast in jedem Falle wurde ein bestimmtes Ergebnis erwartet. Demzufolge strebte der Schüler, nachdem er einen solchen Zettel bekommen hatte, auf dieses Ergebnis los und hielt seine Arbeit für verfehlt, wenn etwas anderes herauskam.
Während unserer gleichzeitigen Tätigkeit hatte ich die Dissertationen des Ersten Laboratoriums vorschriftsmäßig[122]  als zweiter Referent zu beurteilen, wie dies auch umgekehrt mit den Arbeiten meiner Schüler geschah. Dabei waren mir gelegentlich gezwungene Deutungen und bedenkliche Schlüsse aufgefallen, auf die ich in der ersten Zeit hinzuweisen versuchte. Die Folge war von seiten des ersten Referenten eine kräftige Zurückweisung auf den Standpunkt, daß der zweite Referent nur formal mitzuwirken habe, und daß eine Kritik der Arbeiten, die der erste gebilligt hatte, nicht zulässig sei. Demgemäß hatte ich mich hernach auch verhalten und die Geltendmachung meiner Ansichten über die zweckmäßigste Leitung der Erziehung zu freier Forschung auf meine eigene Anstalt eingeschränkt.
Organisation der Forscherarbeit. Denn die Leitung der Arbeiten war in meiner Anstalt tatsächlich wesentlich anders. Zunächst wurde Neigung und Begabung des Kandidaten erforscht und berücksichtigt und ihm freie Wahl der Aufgabe nicht nur überlassen, sondern abverlangt. Sodann betonte ich bei den gemeinsamen Besprechungen (II, 276) immer wieder, daß das Erhalten erwarteter Ergebnisse, wenn sie gut gesichert waren, zwar als Erfüllung der Aufgabe angesehen würde, an Wert aber in der untersten Reihe stehe. Unerwartete Dinge sind oft viel wertvoller, denn sie deuten wie die Unebenheiten in der Rinde eines Baumes die Stellen an, wo demnächst eine Knospe hervorbrechen wird, die zu einem neuartigen Zweige der Wissenschaft heranwachsen kann. Denn ich empfand sehr lebhaft die Gefahr, welche durch die außerordentliche Fruchtbarkeit der oben erwähnten Leitgedanken nahe gelegt wurde, daß der Anfänger durch das häufige Eintreffen der durch jene Lehren ermöglichten Voraussagungen blind für Dinge werden könnte, die sich diesen nicht anpassen wollten.
Diese Einstellung war nicht etwa als Gegenstück zu dem anderen Betrieb gedacht (von dessen Einzelheiten[123]  ich damals nichts wußte), sondern ich muß sie als ein Ergebnis meiner geschichtlichen Studien bezeichnen. Diese hatten mich immer wieder über Schädlichkeit vorgefaßter Meinungen belehrt und damit einen Eindruck vertieft, der mir aus dem ersten Laboratoriumssemester in Dorpat in der Erinnerung geblieben war. Bei einer qualitativen Analyse hatte ich meinem Lehrer Lemberg Kieselsäure angegeben. Er sagte: Kieselsäure ist nicht darin. Ich hatte gleich beim ersten Versuch Kieselsäure zu finden geglaubt und in den Ergebnissen der anderen Prüfungen nur Bestätigungen dafür gesehen. Er aber zeigte mir geduldig Punkt für Punkt, wie ich mich selbst getäuscht hatte und ermahnte mich, mein Urteil künftig nicht beim ersten Schritt festzulegen, sondern es bis zum letzten Augenblick offen zu halten und stets willig zu bleiben, es abzuändern, wenn weitere Ergebnisse dies forderten.
Durch solche Überlegungen stellte sich zunächst heraus, daß ich ohne viel Nachsinnen ein Verfahren eingehalten hatte, welches mit großer Sicherheit die vorhandene Begabung des Schülers zu überdurchschnittlicher wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit entwickelte. Es handelte sich nun für mich um die Aufgabe, die Sache aus dem Unterbewußtsein in das Licht bewußter Anschauung emporzuheben. Dies ist ein gefährlicher Vorsang, vergleichbar einer Geburt, bei welcher nur zu leicht das Kind verdrückt, entstellt, ja erstickt werden kann, ähnlich, wie bei der Erzeugung eines Kunstwerkes, die von gleichen Gefahren begleitet ist. Doch ist hier glücklicherweise ein Geradrichten, Verbessern, Neubeleben möglich, wenn der erste Versuch nur eine Mißgeburt zur Welt gebracht hat. So habe auch ich meine Gedanken vielfach hin und her gewendet, umgestellt und entwickelt, bis ich durch beständigen Vergleich mit der Erfahrung ein dauernd lebensfähiges Gebilde erzielte.[124]


Zum Zweck dieses Vergleichs waren eben die einzelnen Forscherbiographien durchgearbeitet worden. Es waren also bestimmte Fragen, mit denen ich an die Tatsachen herantrat. Es ist ganz natürlich, daß unter solchen Umständen scharf beleuchtete Bilder entstehen, die den Leser ungleich mehr fesseln konnten, als die im hergebrachten zerstreuten Licht »historischer« Betrachtung hergestellten Gemälde der Vorgänger.
Forscher und Lehrer. Ein anderer Gesichtspunkt, der sich aus diesen Untersuchungen ergab, bezog sich auf das, was ich die Bewirtschaftung des Genius nennen möchte. Wer mit unserem Hochschulwesen näher vertraut ist, empfindet ein lebhaftes Bedauern darüber, welcher gedankenlose Raubbau nicht selten mit dem Kostbarsten getrieben wird, was ein Volk besitzt, mit der Zeit und Kraft seiner wertvollsten Köpfe. Mir war schon auf meiner ersten Deutschlandreise die zweckwidrige Beanspruchung aufgefallen, welche der größte Physiker des damaligen Deutschland dadurch erlitt, daß man ihm die Abhaltung der fünf- oder sechsstündigen Vorlesung für werdende Mediziner, Chemiker usw. im ersten Semester zumutete. Aus den persönlichen Berichten einer ganzen Anzahl seiner Hörer habe ich hernach entnehmen können, daß er auf diese gar keinen Eindruck machte. Man durfte hier nicht einmal sagen, daß für die künftigen Vertreter der Wissenschaft das beste nur eben gut genug sei. Denn diese Vorlesungen, so gut sie innerlich waren, erfüllten doch nur ganz mangelhaft den Zweck, den jungen Studenten, denen exaktwissenschaftliches Denken auf dem Gymnasium nur in den seltensten Fällen beigebracht worden war, eine elementare Kenntnis der Physik zu vermitteln. Dazu waren sie zu hoch, trotz der Mühe, die sich Helmholtz gab, herabzusteigen. Ihm waren die Denkschwierigkeiten mittlerer Köpfe ganz ungeläufig, da er selbst sie nie erlebt hatte,[125]  und so konnte er sie nicht berücksichtigen und überbrücken. Der Zweck wäre unverhältnismäßig viel besser erfüllt worden, wenn an dieser Stelle ein unterrichtlich gut begabter Lehrer gestanden hätte, wie sie zu hunderten zu finden sind, auch wenn diesem die schöpferische Begabung des Genius ganz und gar gefehlt hätte. Die hier zwecklos vergeudete höchstwertige Energie des großen Forschers aber hätte sich in wissenschaftlichen Werken ausgewirkt und das Kulturgut der Menschheit um weitere Dauerwerte erhöht.
Im Lichte meiner Untersuchungen hätte man ja von vornherein wissen können, daß der ganz zweifellos zum klassischen Typus gehörige Helmholtz niemals ein guter Lehrer sein konnte, am wenigsten für die breite Masse der Anfänger. Jeder Zwang nach solcher Richtung mußte also notwendig jene Leistungen vermindern, die niemand an seiner Stelle hätte ausführen können, nämlich die wissenschaftlichen Entdeckungen. Und wenn man sagt, daß er deren doch genug gemacht habe, so muß geantwortet werden, daß man davon nie genug bekommen kann, zumal da wir ja erst am Anfange der wissenschaftlichen Eroberung unserer Welt stehen. Man denkt gewöhnlich nicht daran, wie jung eigentlich die freie Wissenschaft ist, nicht älter als hundert und einige Jahre. Es ist beispielsweise kaum ein Jahrhundert her, seit einem Kant amtlich verboten wurde, in seinen Schriften etwas über Religion zu veröffentlichen, mit dem Ergebnis, daß er sich diesem Befehl fügte.
Diese Jugend der Wissenschaft hat es mit sich gebracht, daß erst in letzter Zeit überhaupt daran gedacht worden ist, die wissenschaftliche Ernte zu organisieren. An den Universitäten bestand und besteht der Grundsatz, daß der Professor amtlich nur zum Lehren verpflichtet wird, nicht zum Forschen. In schärfstem Widerspruch hierzu geschehen die Berufungen nicht nach den[126]  Erfolgen der Kandidaten als Lehrer, sondern als Forscher; die Lehrbefähigung steht an zweiter Stelle. Ist eine ausgezeichnete Stellung erreicht, so hängt das weitere Forschen allerdings ganz von freiem Willen des Professors ab und er behält sein Amt, wenn er auch das Forschen völlig aufgibt. Dagegen wird mit größter Strenge darauf geachtet, daß die mindere Leistung des Lehrens unverkürzt betätigt wird. Als Beispiel kann ich meinen eigenen Fall anführen. Obwohl ich als Forscher bedeutend mehr leistete, als die Mehrzahl meiner Gegner, benutzten diese doch die in späteren Jahren entstandene Abneigung gegen das Kolleglesen, um mir das Verbleiben in ihrem Kreise unleidlich zu machen.
So besteht das wunderliche Verhältnis, daß die höchste und für die Nation wie die Menschheit wichtigste Leistung zwar von dem Professor verlangt und erwartet, ihm aber nicht vergütet wird. Er muß sie als freies Geschenk darbringen und wird bestraft, wenn er zu ihren Gunsten die Lehrtätigkeit zu kürzen sucht.
Die Untersuchung der psychophysischen Bedingungen der Lehrtätigkeit beim hochbegabten Forscher führt also zu folgenden Ergebnissen. Die Klassiker unter ihnen sind meist von vornherein für den Lehrberuf ungeeignet und sollten deshalb im allgemeinen Interesse damit überhaupt amtlich verschont bleiben. Die Romantiker sind dagegen in ihren jungen Jahren fast immer ausgezeichnet gute Lehrer und man kann ihnen das Feld für solche Betätigung kaum früh genug auftun und kaum groß genug darbieten. Aber gerade durch ihre hemmungslose Hingabe an solche Arbeit, die so ziemlich die anspruchsvollste ist, welche es in der Wissenschaft gibt, erschöpfen sie sich ziemlich schnell und damit schwindet die Liebe und der Erfolg.
Hieraus ergibt sich die Form der Verwertung solcher Menschen. Den Klassiker belaste man tunlichst wenig[127]  und halte ihn vor allen Dingen von elementaren Massenvorlesungen frei. Dem Romantiker gewähre man reichlichste Unterrichtsgelegenheit, solange er jung ist (er pflegt schon in sehr jungen Jahren ein Meisterwerk hervorzubringen), achte aber darauf, ihn zu entlasten, wenn er sich nach dieser Richtung ausgegeben hat.
Dies gilt, wie nochmals ausdrücklich gesagt werden soll, für ungewöhnlich begabte Forscher. Bei solchen minderer, wenn auch noch sehr guter Begabung pflegen die Unterschiede geringer zu sein, so daß eine verhältnismäßig größere Unterrichtsleistung von ihnen beansprucht werden kann und gut vertragen wird. Hier trifft man nicht selten Männer an, bei denen die unterrichtliche Begabung besonders gut entwickelt ist. Solche sind sehr wertvolle Mitglieder des Lehrkörpers; auch stoßen sie kaum je auf Schwierigkeiten bei der Betätigung ihrer Sonderbegabung..
Auslese. Eine andere Anwendung der Untersuchungsergebnisse war die Beantwortung der Frage, woran man den künftigen großen Forscher möglichst frühzeitig erkennen kann. Wie oben erzählt wurde, nahm der ganze Aufgabenkreis von diesem Punkte seinen Ausgang, nachdem von Japanischer Seite das Problem ausgesprochen war. Damals hatte ich eine vorläufige Antwort folgenden Inhaltes gegeben.
Der künftige Genius läßt sich auf der Schule daran erkennen, daß ihm der Inhalt des regelmäßigen Unterrichts nicht genügt; er sucht sich auserhalb desselben Belehrung und zwar meist durch Bücher und in ausgesprochen einseitiger Richtung.
Man begreift leicht die Notwendigkeit dieser Erscheinung, wenn man sich klar macht, daß das regelmäßige Schulpensum nur auf mittlere Begabungen zugeschnitten sein kann, solange man den groben organisatorischen Fehler begeht, Schüler desselben Jahrganges[128]  durch die Klasseneinteilung so aneinander zu koppeln, daß die persönlichen Verschiedenheiten in der Geschwindigkeit und Tiefe des Erfassens methodisch unterdrückt werden. Die Einrichtung der Schulklassen beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß alle Schüler gleich an Begabung, Interesse und Fleiß seien, oder doch gemacht werden können und müssen. Bekanntlich steht keine Tatsache mehr außerhalb jedes Zweifels, als die der persönlichen Verschiedenheit aller Menschen. Unsere Schule kommt also schon dadurch in einen unheilbaren Widerspruch mit der Wirklichkeit Es ist nicht der einzige, denn ein so tiefliegender Fehler bringt zwangläufig einen Rattenkönig weiterer Fehler mit sich. Um ihn zu vermeiden, müßte man von vornherein die Schule so organisieren, daß die begabteren Schüler schneller als die minder begabten durch die Lehre geführt werden. Dies ist organisatorisch sehr wohl durchführbar und auch ausgeführt worden. Weiter unten wird Einiges dazu dargelegt werden.
Wenden wir uns wieder der Hauptfrage zu, so finden wir den künftigen Genius meist in einem sehr nahen Verhältnis zu einem erwachsenen Freunde, der ihm mit Wort und Tat auf dem Wege weiterhilft, den zu suchen ihn der Geist treibt. Zuweilen ist es der Vater. Nicht selten macht sich nämlich der geistige Aufstieg bereits in der vorangegangenen Generation geltend, ohne doch so stark zu sein, daß ungewöhnliche Leistungen zustande kommen. Häufiger aber ist es ein Verwandter oder Freund, zuweilen eine ganz zufällig entstandene Beziehung. Von einem solchen kann man die sicherste Auskunft über die Beschaffenheit des jungen Menschen erhalten, wenn man etwa auf der Suche nach jungen Hochbegabten ist.
Denn die Auskunft seitens des Lehrers, an den man sich in erster Linie zu wenden geneigt sein wird, ist mit großer Vorsicht aufzunehmen. Es gibt (oft unbekannt[129]  bleibende) geniale Lehrer, welche ihren Beruf in idealer Weise auffassen und ausüben; solche werden den Schüler meist richtig beurteilen. Unwillkürlich stellen aber die meisten Lehrer aus sehr nahe liegenden Ursachen ihr Urteil über den Schüler darnach ein, wieviel Mühe er ihnen macht. Nun beansprucht der Hochbegabte allerdings keine Mühe des Lehrers für die Überlieferung des Durchschnittlichen. Wohl aber stellt er zuweilen in Fragen und Einwürfen so hohe Forderungen, daß der Lehrer sich in Verlegenheit gebracht sieht und darum ungeduldig oder zornig wird. Dazu kommt, daß eine Hochbegabung auch immer eine Sonderbegabung ist; die Hingabe des Schülers ist einseitig gerichtet und was abseits liegt, wird vernachlässigt. Alle diese Umstände wirken zusammen, um das Urteil des durchschnittlichen Lehrers in ungünstigem Sinne zu beeinflussen. Meist wird es lauten: als er klein war, erwies er sich als sehr hoffnungsvoll; im späteren Alter hat er der Schule zunehmend Schwierigkeiten und Sorgen gemacht, und jetzt sind wir zweifelhaft, ob aus ihm überhaupt etwas werden wird.

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Denn das Ideal des durchschnittlichen Lehrers ist unwillkürlich nicht der geniale Schüler, sondern der »gute«, nämlich der, welcher dem Lehrer die geringste Mühe macht.
Schulfragen. Mit naturgesetzlicher Notwendigkeit hatten mich somit diese Untersuchungen, die von den Größten ausgingen, in denen der Menschengeist gipfelt, zu den Kleinsten geführt, den Kindern, welche in der Schule die erste Anleitung zu ihrer künftigen Größe empfangen. In Deutschland galt damals der Glaube, daß unser Schulwesen von unübertrefflicher Vollkommenheit sei, und die Versuche Kaiser Wilhelms II., der am eigenen Leibe die großen Fehler des Lateingymnasiums erfahren hatte, diese Fehler zu verbessern, scheiterten an dem einmütigen Widerstande der »Fachleute«.[130]
Mir waren solche Erfahrungen erspart geblieben, da ich meine Erziehung in einem Realgymnasium erhalten hatte. Nun aber drängten sich mir verschiedene Tatsachen auf, welche sämtlich nach der gleichen Richtung wiesen. In dem oben genannten Buch Große Männer nahmen deshalb solche Schulfragen ein eigenes Kapitel ein und die Untersuchung führte eindeutig zu dem Schluß, daß das Lateingymnasium ein längst überlebtes, atavistisches Überbleibsel unserer Kulturentwicklung ist, das behufs Gesunderhaltung des Organismus tunlichst schnell und schmerzlos beseitigt werden muß.
Dies Ergebnis fand mich nicht unvorbereitet.
Die in den Knabenjahren gutgläubig übernommene Verehrung der »humanistischen« Bildung war bei der Berührung mit meinen Erfahrungen Stück für Stück abgebröckelt und hatte sich langsam und unwiderstehlich in ihr Gegenteil verkehrt. Von großem Einfluß war hierbei, daß gerade die menschlichen Eigenschaften der Vertreter des Humanismus, die ich in Dorpat und später in Leipzig kennen lernte, durchaus keine Belege für die Hebung ihrer seelischen Werte durch die Beschäftigung mit der Antike erkennen ließen, was doch zur Begründung des Lateinunterrichts im Gymnasium stets behauptet wird. Ich fand im Gegenteil diese Männer vielfach beschränkt, unfähig die wichtigsten Vorgänge ihrer Zeit zu verstehen und am stärksten mit den üblen Eigenschaften behaftet, die als Kehrseite des Professorenberufes auftreten. Als ich während eines Jahres in Leipzig die Fakultätsgeschäfte als Dekan zu führen hatte, kam u.a. die Neubesetzung eines freigewordenen altphilologischen Lehrstuhls in Frage. Wir Naturforscher waren gewöhnt, in solchen Fällen den besten Mann zu wählen, der erreichbar war, in dem Vertrauen, daß je wirksamer er sich als Lehrer und Forscher erwies, die Universität um so höher dastehen und um so mehr Schüler heranziehen[131]  würde. Bei den Philologen aber war der erste Gesichtspunkt, einen Mann zu finden, der den vorhandenen Fachgenossen durch sein Arbeitsgebiet am wenigsten Konkurrenz machen würde. Das wurde bei den Besprechungen als selbstverständliche Forderung, offenbar behufs Wahrung der »Kollegialität« offen geltend gemacht und darnach wurde auch verfahren.
Dies mußte ich als einen weiteren Experimentalbeweis gegen den Wert der klassischen Philologie erkennen. Offenkundige Geheimnisse aufdecken wird aber in solchen Fällen als die denkbar strafwürdigste Handlung angesehen und entsprechend gepönt, wie ich es ja auch erfahren hatte.
Geschichtliche Nachweise. Von anderer Seite wurde dieser Schluß durch jene Studien über große Männer bestätigt. Auffallend oft, fast regelmäßig hatten diese ihre Knabenjahre in tätigem oder leidendem Widerstande gegen die Lateinschule zugebracht. Liebig hatte sich vor Beendigung des Gymnasiums herausexplodiert, Mayer hatte sich meist unter den Letzten der Klasse aufgehalten, Davy hatte an ihr nichts zu loben, als daß sie ihm Zeit für seine Liebhabereien ließ und der sanfte und gemessene Darwin, dessen hundertjähriger Geburtstag damals gerade gefeiert wurde, hatte in seiner Selbstbiographie mit harten Worten den Haß und die Verachtung ausgesprochen, die er gegen die alte »einfältige Lateinschule« empfand. Als objektiver Forscher konnte ich nur den Schluß ziehen, daß sie zum Heranpflegen großer Männer ganz ungeeignet ist. Und als Naturforscher, der zu einer häufig wiederkehrenden Erscheinung die Ursachen zu suchen verpflichtet ist, sah ich mich verpflichtet zu ermitteln, worauf eigentlich diese Wirkung beruht, die so ganz und gar im Widerspruch steht mit dem was die Mehrheit glaubt, und was auch von den maßgebenden Männern in den Ministerien[132]  und anderen Behörden geglaubt wird, welche für den höheren Unterricht verantwortlich sind. Wenigstens handelten und handeln sie so, als wenn sie es glaubten.
Sie beruht darauf, daß das klassische Ideal grundsätzlich keine Entwicklung anerkennt, welche über das von der Antike Erreichte hinausgehen könnte. Damit hat sich diese Denkweise grundsätzlich selbst zur Unfruchtbarkeit verurteilt, und die Beschaffenheit der Mehrzahl ihrer Träger liefert den experimentellen Nachweis für die geisttötende Wirkung einer solchen Einstellung.
Wider das Schulelend. Durch den starken und mannigfaltigen Widerhall, den meine Anklagen und Forderungen in der Tagespresse hervorgerufen hatten, wurde ich in die Schulreformbewegung hineingezogen, die sich damals entwickelte. Nachdem 1866 das Wort herumgegeben wurde, daß der preußische Schulmeister den damaligen Krieg gewonnen habe, war die oben erwähnte Selbstbewunderung unseres Schulwesens entstanden, wodurch dieses unvermeidlich stehen blieb und den stets neuen Forderungen der wachsenden Kultur nicht mehr gerecht werden konnte. Hiergegen hatten sich einzelne Personen und Gruppen erhoben, welche einen zunächst fast hoffnungslosen Kampf gegen den bedenklich wachsenden pädagogischen Zopf führten. Von diesen wurde ich als willkommener Bundesgenosse begrüßt und nach vielen Seiten zur Teilnahme an Versammlungen und zum Halten von Vorträgen eingeladen. Da ich nicht durch amtliche Bindungen behindert war, nahm ich die meisten Aufforderungen an.
Nach außen entwickelte sich meine Tätigkeit zunächst durch die Teilnahme an den Jahresversammlungen der »Gesellschaft für Deutsche Erziehung«, welche zu schöner Sommerzeit in Weimar stattfanden, und an denen ich mich als Vortragender beteiligte. Die Wirkung war so[133]  günstig, daß eine große Versammlung in Berlin im Frühling 1909 abgehalten wurde. Zu meinem Vortrage hatten sich mehr als 2000 Zuhörer eingefunden, denen ich offenbar ganz aus der Seele sprach, so häufig und zuweilen stürmisch war der Beifall. Unter dem Titel: Wider das Schulelend habe ich den Gedankengang des in freier Rede gehaltenen Vortrages als Sonderheft im Druck erscheinen lassen und dadurch seine Wirkung auf weitere Kreise ermöglicht.
Der Hauptpunkt war der Hinweis, daß die vom Kaiser Wilhelm II. wiederholt versuchte Reform des mittleren Schulwesens mit Notwendigkeit daran scheitern mußte, daß über die Verbesserung die Träger und Inhaber dieses Wesens selbst beraten und entscheiden sollten. Dadurch war von vornherein eine Mehrheit gegen alle tiefgreifende Änderung gegeben, und die Vorschläge konnten nicht anders ausfallen, als daß der bisherige Zustand nach Möglichkeit geschont wurde. Ich erzählte die Geschichte vom Präsidenten Eliot und den Fußballexperten (III, 41), nur daß im vorliegenden Falle niemand da war, der jene vernünftige Betrachtung angestellt hatte.
Daß aber der vorhandene Zustand unerträglich zu werden drohte, wurde in erschreckender Weise der Allgemeinheit ins Gewissen gerufen durch eine Anzahl Schülerselbstmorde, welche gerade damals in schneller Folge sich ereignet hatten.
Zwei Anstalten innerhalb des deutschen Schulwesens hatten dagegen zufolge ihrer inneren Vortrefflichkeit Weltgeltung gewonnen: der Kindergarten und die Universität. Und zwar weil beide im Gegensatz zur amtlich bis ins einzelne reglementierten Mittelschule sich frei haben gestalten können, so daß die erfolgreichsten Methoden sich im Wettbewerb durch natürliche Auslese festsetzen konnten.[134]
In beiden ist der erfolgreiche Betrieb durch die Freude gekennzeichnet, mit der Lehrer wie Schüler an ihm teilnehmen. Die wohlbekannte Freudlosigkeit des gymnasialen Schulbetriebs ist allein schon ein Beweis seiner Untauglichkeit.
Mit besonderer Schärfe wendete ich mich gegen den Anspruch, der philologische Unterricht sei auf die Ideale gerichtet, im Gegensatz zum »banausischen Nützlichkeitsstandpunkt« der Naturwissenschaft. Ein Ideal ist ein an sich unerreichbares Ziel, dem man sich schrittweise annähert. Die Antike kann schon deshalb kein Ideal sein, weil wir uns ihr überhaupt nicht nähern können, sondern uns mit naturgesetzlicher Notwendigkeit von ihr entfernen. Von jenem Gegensatz bleibt nur der Umstand wahr, daß sie tatsächlich nicht nützlich ist, sondern unnütz und schon deshalb schädlich.
Vom Lateingymnasium ist die Überschätzung des Sprachunterrichts auch auf die neueren Schulformen übergegangen, in denen die modernen Sprachen ebensoviel Zeit und Arbeit beanspruchen. Die Rechtfertigung, als sei Sprachenlernen ein Bildungsmittel, ist ganz unhaltbar. Ein Hotelportier beherrscht mehr Sprachen als der gebildetste Oberlehrer, aber dieser wird ihm sicher nicht die Palme der höheren Bildung reichen.
Weiter beklagte ich die viel zu lange Dauer des Gymnasialunterrichts mit seinen neun Jahren, wodurch die begabten Jünglinge, welche um diese Zeit längst fähig sind, ihre Entwicklung in die eigene Hand zu nehmen, in einem Zustand geistiger Gefangenschaft gehalten werden, der in vielen das wichtigste zerstört, nämlich die Ausgestaltung der denkerischen Persönlichkeit. Und wenn die Schule noch etwas übrig gelassen hat, so droht ihm Vernichtung durch den allerbösesten Schaden unseres Schulwesens, die Abiturientenprüfung, die ein Verbrechen an unserer geistigen Jugend genannt werden muß.
[135]  Weitere Reformarbeit. Ich weiß nicht, wieviel Zustimmung ich gegenwärtig für diese Ansichten finden werde. Damals wurden sie als neu empfunden. Ihre unverblümte Aussprache wirkte wie Keulenschläge und ein großes Getöse war die Folge.
Für mich ergab sich eine ausgedehnte Vortragsarbeit über die Schulfrage, da ich die von vielen Seiten eintreffenden Einladungen gerne annahm. So bin ich nach zahlreichen Städten Deutschlands gekommen und habe dabei eine unabsehbare Menge Menschen aus allerlei Berufen kennen gelernt, die gleich mir die Schäden unserer Mittelschulen erfahren hatten, teils an ihren Kindern, teils in ihren Betrieben, und meine Bemühungen um Verbesserung freudig begrüßten. Ich bin außerstande abzuschätzen, wieviel tatsächlicher Fortschritt dabei entstanden sein mag. Eine nüchterne Abrechnung wird vermutlich keinen sehr großen Gewinn buchen können.
Unter diesen Vorträgen war einer der wirksamsten ein in Wien gehaltener. Nach dieser schönen Stadt mit ihren lebhaften und leicht anzuregenden Bewohnern war ich inzwischen mehrfach gekommen, fast immer zu Vertragszwecken in mannigfaltigen Zusammenhängen, und war stets mit besonderer Wärme empfangen worden. In diesem Falle überstieg der Sturm der Zustimmung, die ich während der Rede erfuhr, alles was ich bisher erlebt hatte. Der Eindruck war so stark, daß als Gegenwirkung alsbald ein Verein zur Erhaltung des humanistischen Gymnasiums gegründet wurde, dessen Vorsitz der damalige österreichische Unterrichtsminister Graf Stürgkh übernahm, derselbe, welcher hernach von dem Sozialisten Adler ermordet wurde. Der Verein veranstaltete alsbald eine große Versammlung in der Universität, auf welcher kräftige Beschlüsse gegen meine destruktiven Ansichten gefaßt wurden. Die Neue Freie Presse gewährte[136]  mir aber Gastfreundschaft und brachte meine Verteidigung dagegen zum Abdruck.
Sogar die gute Frau von Ebner-Eschenbach wurde in den Dienst der heiligen Sache gestellt und verfaßte folgendes Sinngedicht:


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Wer Griechisch versteht und auch Latein,
Wird auch des Deutschen Meister bald sein.
Soll unsere Bildung versinken im Pfuhle,
So nehmt die Klassiker fort aus der Schule.

Sie war damals allerdings schon 80 Jahre alt.
Ich aber dachte: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Das Juristendeutsch ist von jeher berüchtigt; seine Erzeuger stammen ohne Ausnahme aus dem Lateingymnasium.
Berthold Otto. Von allen persönlichen Beziehungen, die ich hierbei gewann, schätze ich als die wertvollste die zu dem genialen Erzieher Berthold Otto, dem Fröbel unserer Zeit. Während die meisten Gesinnungsgenossen sich der Bekämpfung des Fehlerhaften widmeten, hatte Otto mit frischem Mut und klarem Blick zugegriffen und die neuen Wege der Erziehung, die er vor sich sah, an einer ihm von einsichtigen Eltern anvertrauten Schülerschar zu begehen begonnen. Er konnte bald auf schönste Erfolge hinweisen.
Ein Hauptgedanke seines Verfahrens war, dem Schüler nicht von außen her fertiges fremdes Wissen »nahezubringen«, sondern ihn von vornherein anzuleiten, wie man sich selbst wünschenswertes Wissen verschafft. Zunächst durch Befragung von Mitschülern, dann des Lehrers, und wenn auch diese Quelle versagte, von Büchern. Solches Wissen muß aber zunächst als wünschenswert empfunden werden, da das Kind sonst ohne Zwang nicht darnach suchen würde. Es waren also Fragen des Tages, Erlebnisse auf dem Schulwege, zu[137]  Hause oder auf der Straße Gehörtes, was die Inhalte der Fragen ergab. Um diesen unterrichtlichen Gedanken auszuführen, diente die Form des »Gesamtunterrichts«, eine zwanglose Unterhaltung unter Führung des Lehrers.
Bei den Besprechungen mit B. Otto ergab sich unter anderem eine sehr lustige Erläuterung zum energetischen Imperativ. Einer der vielen Besucher dieser Stunden, offenbar aus der »alten Schule«, hatte getadelt, daß die Schüler und Schülerinnen in der Stunde keineswegs gleichartig und ordentlich dasaßen, sondern die verschiedensten Körperhaltungen zeigten. Ja, sagte Otto, ich habe auch anfangs versucht, den Kindern eine bestimmte Haltung vorzuschreiben. Aber dann konnte ich nicht Leben und eifrige Teilnahme hervorrufen, d.h. ich verfehlte meinen Zweck. Sobald irgendeine Frage die Kinder fesselte, hatten sie keinen Sinn mehr für die vorgeschriebene Körperhaltung, sondern beteiligten sich mit allen Gliedern an der Erörterung. Es ist nicht möglich, die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf einen geistigen Inhalt und auf die körperliche Stellung zu richten und so wurde auf diese verzichtet, um jenen nicht zu beeinträchtigen.
Ich tat damals, was ich konnte, um dem trefflichen Manne und reinen Idealisten seinen schweren Weg zu erleichtern und ihm praktische Hilfe zuzuführen, wo ich welche finden konnte. Er hat mit unerschütterlicher Treue seinen Weg eingehalten und eine anhängliche Gemeinde um sich gesammelt, doch war es ihm nicht beschieden, seine Gedanken in großem Umfange zu verwirklichen. Doch hege ich den guten Glauben, daß früher oder später seine Zeit kommen wird.
Die Reichsschulkonferenz. Eine Art Abschluß fanden diese Bemühungen, als im Jahre 1920 die neuen Männer eine allgemeine Schulkonferenz nach Berlin einberiefen.[138]  Sie litt unter genau demselben Fehler, wie die Versuche des Kaisers Wilhelm II., denn sie war so gut wie ausschließlich aus Vertretern des bisherigen Schulwesens zusammengesetzt. Von solchen war das vorbereitende Programm aufgestellt worden, und sie kamen auch so gut wie allein in den Sitzungen zu Worte. Ebenso waren sie maßgebend in den zahlreichen Ausschüssen. Wo ich an solchen teilgenommen habe, konnte ich erkennen, daß die Verhandlungen nach einem festgelegten Programm abliefen und jeder Versuch abgelehnt wurde, neue Gedanken zur Geltung zu bringen.
So kam es, daß wirklich Grundsätzliches überhaupt nicht erörtert wurde. Bekanntlich beruht unser gesamtes Schulwesen auf der Voraussetzung, daß alle Schüler eines und desselben Jahrganges gleiche Kenntnisse, Fertigkeiten, Interessen, Begabungen usw. haben und jahraus, jahrein während der ganzen Schulzeit betätigen. Denn die scharf betonte Aufgabe des Lehrers ist, die Klasse möglichst gleichförmig durch das Jahrespensum zu führen. Da nun nichts falscher ist, als jene Voraussetzung, so wird jeder Lehrer gezwungen, den größten Teil seiner Energie darauf zu vergeuden, die zahllosen Hinderungen und Schädigungen auszubessern, welche jener Grundfehler bewirkt. Dabei kommt seine Arbeit nicht in erster Linie den Bestbegabten zugute, bei denen sie den größten Nutzungswert ergeben würde, sondern mit Notwendigkeit den Schwächsten, bei denen das Ergebnis das geringste ist.
Daß dieser Grundfehler unserer Schulorganisation nicht als unverbesserliches Schicksal hingenommen zu werden braucht, ist schon oft nachgewiesen worden. Er beruht auf dem System der Schulklassen und verschwindet, wenn das Klassensystem aufgehoben und durch das der unabhängigen Unterrichtsgänge ersetzt wird. Es ist hier nicht möglich, auf Einzelheiten einzugehen[139]  und ich muß mich begnügen, diesen Punkt als den unvermeidlichen Wendepunkt jeder wirklichen Schulreform mit aller Schärfe zu kennzeichnen und seine Verwirklichung einer einsichtigeren Zukunft zu überlassen. Dies wird einen wahrhaft sozialen Klassenkampf, nämlich einen Kampf gegen die Schulklassen ergeben, im Gegensatz zu dem gründlich unsozialen Gedanken, der gegenwärtig diesen Namen führt.



 Fünftes Kapitel.
Die Weltsprache.










[140] Beginn. Die Vorlesungen über Naturphilosophie im Jahre 1900 hatten mich veranlaßt, so ziemlich alle großen menschlichen Angelegenheiten vom energetischen Standpunkt aus zu betrachten und gegebenenfalls näher zu untersuchen. Bei dieser Gelegenheit war mir die ungeheuerliche Energievergeudung aufgefallen, welche durch die Verschiedenheit der Sprachen bewirkt wird. Sie ist so groß, daß sie zu einer Zeit, in der energetische Betrachtungen überhaupt noch nicht angestellt wurden, doch von nachdenklichen Menschen als eine der Erklärung bedürftige Tatsache empfunden wurde. Dazu wurde dann die Geschichte vom Turmbau zu Babel erfunden, nach welcher als Warnung gegen Empörungsversuche der Menschheit gegenüber den Göttern durch Betätigung eigener, nicht priesterlich gutgeheißener Unternehmungen, über sie die Sprachverwirrung verhängt wurde. Den Erfindern oder Redaktoren jener alten Sage erschien also die Tatsache, daß verschiedene Völker verschiedene Sprachen sprechen, so unsinnig und unvernünftig, daß sie sie nicht anders zu erklären wußten, als im Sinne einer göttlichen Strafe.
Wir wissen heute, daß die Ansicht, ursprünglich hätte die ganze Menschheit eine Sprache geredet, ebenso das Gegenteil der Wahrheit ist, wie die Lehre von dem[141]  goldenen Zeitalter oder dem Paradiese in der Urzeit der Menschen. Das Paradies und das goldene Zeitalter liegt nicht hinter, sondern vor uns und unsere Aufgabe ist, uns im Schweiße unseres Angesichts dahin durchzuarbeiten, wobei jeder einzelne etwas, wenn auch nur sehr wenig dazu tun kann. Ebenso liegt die Zeit, in welcher die ganze Menschheit nur eine Sprache spricht, nicht hinter, sondern vor uns. In den vorgeschichtlichen Zeiten, da die Horde die größte Gruppe war, welche die Menschen zu bilden verstanden, hatte jede dieser Gruppen ihre eigene Sprache. Denn der Verkehr mit den anderen Gruppen beschränkte sich auf gegenseitiges Berauben und Totschlagen, was ohne sprachliche Verständigung ausführbar war. Erst der Güteraustausch, der Handel in seinen primitivsten Formen erforderte Sprachkenntnisse, die über das Verständnis der Muttersprache hinausgingen. Und von da ab begann die Tatsache der Verschiedenheit der Sprachen ihre energieverzehrenden Folgen geltend zu machen, die heute bis ins Ungeheuerliche gewachsen sind.
Unter der andringenden Mannigfaltigkeit neuer Erwägungen, welche die konsequente Anwendung der energetischen Betrachtungsweise ergab, habe ich damals der Sprachenfrage nur einige Sätze gewidmet, die nachstehend wiederholt werden:
»Die Sprache ist also nicht nur die Schatzkammer, in welcher die Kostbarkeiten der richtigen und zweckmäßigen Begriffsbildungen aufbewahrt werden, sondern sie ist gleichzeitig eine Rumpelkammer für abgetane und verbrauchte Begriffe. Denn da ohnedies der Zusammenhang zwischen Wort und Begriff vielfach unsichtbar geworden ist, so wird nicht notwendig ein Widerspruch empfunden, wenn der dem Begriffe zugeordnete Laut zufällig mit einem anderen Begriffe in Zusammenhang stehen sollte, der mit dem vorhandenen nichts mehr[142]  zu tun hat. Daher erfolgt auch nach Verbesserung des Begriffes die Ausmerzung seines fehlerhaften Wortes meist viel später und oft auch gar nicht. So nennen die Chemiker den Sauerstoff noch immer bei diesem Namen, obwohl sie jetzt wissen, daß die sauren Stoffe diese ihre Eigenschaft nicht dem Sauerstoff, sondern dem Wasserstoff verdanken.
Es ist deshalb oft in nachdenklichen Köpfen die Frage entstanden, ob diese Unsicherheit der Sprache, zu der sich noch die jedem gegenwärtigen und früheren Gymnasiasten schmerzlich bekannte Unregelmäßigkeit der Grammatik gesellt, nicht durch eine den Begriffen besser angepaßte künstliche und daher vollkommen regelmäßige Sprache ersetzt werden könnte. Man ist in unserer Zeit meist noch geneigt, solche Gedanken für lächerliche Wahngebilde zu halten, und es finden sich nicht selten entrüstete Deklamationen in dem Sinne, daß man ein organisch gewachsenes Ganzes, wie es eine Sprache ist, nicht künstlich herstellen könne, ebensowenig wie man einen Baum herstellen kann.
Nun, die Sprache ist kein für sich gewachsener und für sich bestehender Organismus, sondern ein Werkzeug, das sich die Menschen zu bestimmten Zwecken hergestellt haben, und das im Laufe langer Zeiten mit der Änderung dieser Zwecke auch seinerseits mancherlei Änderungen erfahren hat. Sie ist vergleichbar einem alten Hause, das von vielen aufeinander folgenden Geschlechtern bewohnt worden ist und an dem jedes neue Geschlecht geändert, abgerissen und zugefügt hat, was ihm nötig schien, um es bewohnbar zu erhalten. Freilich werden wir das alte Haus nicht ganz und gar abreißen und vernichten, dazu steckt eben zu viel von dem Leben unserer Vorfahren darin. Aber können wir uns nicht daneben ein besonderes Haus für besondere Zwecke bauen? Wenn für die neuen Arbeiten, die wir verrichten wollen[143]  und müssen, die alten Räume zu dunkel und winklig, der alte Boden zu uneben ist, so können wir doch für das neue Werk ein neues, bequemes und angemessenes Gebäude daneben errichten! Freud und Leid, Geburt und Tod werden wir im alten Hause nach wie vor erleben, und was unser Gemüt bewegt, wird sich in seinen trauten Wänden abspielen. Aber die Geschäfts- und Arbeitsräume können wir sehr wohl in ein neues Haus verlegen, das nüchtern und zweckmäßig nicht aus knorrigen Balken und aus Felsblöcken, sondern aus glatten Ziegeln und schlanken, aber starken eisernen Trägern erbaut ist. Wir können sehr wohl, um wieder ohne Gleichnis zu sprechen, neben der Muttersprache eine allgemeine, einfache Geschäfts- und Wissenschaftssprache erbauen, die für den Verkehr der Völker untereinander noch unvergleichlich viel nützlicher wirken kann, als Telegraph und Eisenbahn.
In der Tat besitzen wir bereits mehrere derartige Sprachen. Notenschrift wird über die ganze Welt verstanden, wo europäische Musik bekannt ist, und wenn wir aus einem Japanischen Buche auch nichts anderes verstehen, so verstehen wir doch chemische Formeln und mathematische Gleichungen, die darin vorkommen. Ebenso sind geschriebene Ziffern, obwohl sie in verschiedenen Sprachen ganz verschieden ausgesprochen werden, doch allen verständlich, die überhaupt nur eine Sprache lesen können.
Es handelt sich tatsächlich nicht um eine Phantasterei bei der Frage nach der allgemeinen künstlichen Sprache, sondern um eine wissenschaftlich-technische Aufgabe, deren Lösung eine unabsehbare Entlastung der arbeitenden Menschheit von nutzloser Anstrengung mit sich bringen wird«.
Die Delegation. Einige Jahre nach dem Erscheinen der »Vorlesungen über Naturphilosophie« erhielt ich[144]  einen Brief, in welchem auf diese Äußerungen Bezug genommen und ich zur Mitarbeit an der Verwirklichung des Gedankens einer allgemeinen oder Weltsprache eingeladen wurde. Er rührte von dem Professor der Philosophie an der Pariser Universität Louis Couturat her, der sich namentlich durch scharfsinnige Arbeiten über Leibniz einen guten Namen gemacht hatte. Begleitet war der Brief von einigen Drucksachen: einem Bericht über den augenblicklichen Stand der Angelegenheit und einem gewichtigen Buch, das er gemeinsam mit dem Mathematiker Léau geschrieben hatte und das eine höchst gediegene Geschichte aller älteren Bestrebungen zur Herstellung künstlicher Sprachen enthielt.
Mir waren die berichteten Tatsachen so gut wie alle neu. Da die Verfasser sich nicht darauf beschränkt hatten, nur geschichtlich zu berichten, »wie es eigentlich gewesen war«, sondern aus dem Vergleich der vorgeschlagenen Systeme und ihrer Erfolge wichtige und weitreichende allgemeine Schlüsse gezogen hatten, so sah ich mich auf einmal in den Stand gesetzt, von der niederen Stufe platonischer Wünsche auf die höhere praktischer Arbeit zu gelangen.
Die Sachlage war um jene Zeit folgende. In Paris hatte 1900 eine Weltausstellung stattgefunden, bei welcher auch zahlreiche internationale wissenschaftliche Versammlungen getagt hatten. Bei dieser Gelegenheit hatte die Verschiedenheit der Sprachen ganz besonders empfindliche Hindernisse bereitet. Denn die Wissenschaft hatte sich längst unter allen menschlichen Angelegenheiten als die unabhängigste von völkischen Verschiedenheiten betätigt. Auf den Vorschlag der genannten Gelehrten hatte sich ein Ausschuß gebildet, welcher die Schaffung einer internationalen Hilfssprache zu betreiben unternahm. Leiter dieses Ausschusses war Couturat.[145]
Die Tätigkeit dieser »Delegation« war zunächst dahin gerichtet, grundsätzliche Zustimmungen hervorragender Einzelpersonen und geeigneter Körperschaften, wie Touristenvereine, Handelskammern usw. zu veranlassen und zu sammeln. Die Erfolge waren ziemlich ansehnlich, beschränkten sich aber naturgemäß fast völlig auf das Französische Sprachgebiet. Ich trat alsbald der Delegation bei und bemühte mich, in Deutschland den Gedanken zur Geltung zu bringen, doch ohne großen Erfolg. Schuld daran trug hauptsächlich die von Wilhelm von Humboldt herrührende mystische Theorie der Sprache, nach welcher diese ein Lebewesen eigener Art und eigener Gesetzlichkeit sei, das ohne verstandesmäßige Arbeit des Menschen entstehen und in nicht näher zu erklärender Weise die Seele der Völker verkörpern soll. Immer wieder wurde mir vorgehalten, daß man eine Sprache ebensowenig künstlich herstellen könne, wie einen Menschen, und mein Einwand, daß es eine ganze Anzahl künstlicher Sprachen gibt, welche zum Teil überaus fein abgestufte Inhalte ausdrücken können, wie z.B. die musikalische Notenschrift, die mathematischen und die chemischen Formeln, wurde nicht begriffen. Vielmehr kamen sich jene sprachlichen Nihilisten und Reaktionäre ganz und gar als diejenigen vor, die auf einem höheren und richtigeren Standpunkt stehen, als die Anhänger jenes schöpferischen Fortschrittes, den schon einer der stärksten Köpfe des deutschen Volkes vorausgesehen, gefordert und angestrebt hatte, nämlich Gottfried Wilhelm Leibniz.
Volapük. Nun kam mir auch in Erinnerung, daß A.v. Öttingen mich schon vor Jahren auf die künstliche Sprache Volapük aufmerksam gemacht hatte. Mit der ihn kennzeichnenden geistigen Beweglichkeit war er mit ihr so weit vertraut geworden, daß er einen Briefwechsel in Volapük mit einigen ausländischen Anhängern[146]  unterhielt, und er hatte mir damals die Versicherung gegeben, daß die gegenseitige Verständigung völlig befriedigend sei. Ich hatte ihm natürlich jenes landläufige Vorurteil von dem selbständigen Leben der Sprache entgegengehalten, an das ich auch glaubte, und konnte seine gegenteiligen Erfahrungen nicht begreifen.
Es war damals (um 1890) die Zeit, in welcher das Volapük seinen erstaunlich schnellen Aufstieg erlebte. Als erste wirklich durchgeführte Kunstsprache sammelte es alle vorgeschrittenen Geister in der Kulturwelt, welche die Notwendigkeit einer Weltsprache begriffen hatten, zu einer werktätigen Gemeinschaft. In wenigen Jahren hatten sich 283 Vereine über die ganze Welt gebildet, 316 Lehrbücher in 25 Sprachen waren erschienen, 1600 Lehrerdiplome waren erteilt worden und die Gesamtzahl der Anhänger wurde auf eine Million geschätzt. Aber ebenso schnell, wie der Aufstieg, war der Niedergang.
Volapük war die Arbeit eines einzigen Mannes, des Pfarrers Schleyer gewesen, der neben einer Anzahl gesunder Gedanken auch ziemlich viele verunglückte hineingebaut hatte. Um einen Anfang zu machen, hatte jeder zunächst die Sprache empfangen, wie sie war und sie in Gebrauch genommen. Hierbei traten ihre Fehler zutage und heischten Verbesserung, für welche einige Kongresse berufen und eine Akademie gewählt wurde. Zwischen dieser und dem Erfinder brach alsbald ein Streit aus, da dieser ein absolutes Veto gegenüber den Beschlüssen der Akademie beanspruchte, während diese ihm nur ein aufschiebendes Einspruchrecht zugestand. Der Streit endete in einer vollständigen Spaltung; Schleyer blieb bei seinem ursprünglichen Volapük und die Akademie verbesserte es mit solchem Erfolg, daß eine völlig neue Kunstsprache (idiom neutral) entstand, die gar keine Ähnlichkeit mehr mit Volapük hatte (obwohl[147]  die gesunden Gedanken Schleyers beibehalten waren), aber bedeutend besser war. Zufolge dieser Spaltung zerfiel die ganze Bewegung und die künftige Entwicklung des Grundgedankens blieb schwer mit dieser Hypothek belastet.
Doch wirkte sich der Anstoß in solchem Sinne aus, daß eine ganze Anzahl neuer Vorschläge zu künstlichen Sprachen an das Licht traten, durch welche mehr und mehr Klarheit entstand über die Bedingungen, welche hierbei erfüllt sein müssen.
Esperanto. Das Werk von Couturat und Léau beschrieb dann als jüngste und hoffnungsvollste Schöpfung im Gebiet der künstlichen Sprachen das von Dr. L. Zamenhof erfundene Esperanto. Es war in dem inhaltreichen Jahre 1887 veröffentlicht worden, hatte aber gar keine Beachtung gefunden. Etwas später hatte der Franzose de Beaufront eine Kunstsprache erfunden und war mit ihrer Veröffentlichung beschäftigt, als ihm die Schrift Zamenhofs in die Hände fiel. Er fand Esperanto in vielen Beziehungen besser, als seine eigene Sprache und gab ein gerade in diesem Gebiet sehr seltenes Zeugnis selbstloser und sachlicher Gesinnung, indem er sein Projekt aufgab und seine ganze, ungewöhnliche Kraft für die Anerkennung und Verbreitung des Esperanto einsetzte.
Hiermit begann der Aufstieg dieser künstlichen Sprache, die bald eine weite Verbreitung fand. Doch muß dies Wort im geographischen Sinne genommen werden, indem Anhänger in weit auseinanderliegenden Ländern gewonnen wurden; ihre Anzahl blieb immer ziemlich beschränkt, weil die meisten nach einigen Jahren lebhafter Begeisterung die Sache wieder aufgaben.
Die Ursache lag in zwei sehr verschiedenen Umständen. Der erste war, daß sich für das neue Verkehrsmittel keine rechten Verwendungsmöglichkeiten ergaben. Der Reiz, Postkarten über die halbe Erde hinweg mit[148]  Gesinnungsgenossen aus anderen Sprachgebieten zu wechseln, hält nicht lange vor, so stark er bei manchen anfänglich sein mochte. Dies ist ein Nachteil, mit welchem jede Kunstsprache kämpfen muß, so lange sie nicht durch Verwendung für eine wichtige internationale Angelegenheit, z.B. die Wissenschaft, getragen wird.
Der zweite dieser Umstände lag in der Beschaffenheit der Sprache. Unter dem Einfluß seiner polnisch-russischen Umgebung hatte der Erfinder geglaubt, die große Mannigfaltigkeit der slavischen Zischlaute in seine Sprache übernehmen zu sollen. Da die gewöhnlichen Buchstaben hierfür nicht ausreichten, nahm er seine Zuflucht zu Zeichen oberhalb der Buchstaben, wie sie u.a. im Tschechischen üblich sind. Hierdurch aber war die Unmöglichkeit entstanden, die Sprache mit den gewöhnlichen Hilfsmitteln der Schreibmaschine und des Setzerkastens zu schreiben und zu drucken; auch der telegraphischen Übertragung versagte sie sich aus gleichem Grunde.

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Es scheint nun, daß nichts einfacher gewesen wäre, als den Mangel zu beseitigen, nachdem er einmal erkannt worden war. Hier nun wurde ein schwerer organisatorischer Fehler begangen, welcher der Bewegung unendlich geschadet hat. Auf der ersten internationalen Versammlung, welche in Boulogne stattgefunden hatte, war ein hastiger Beschluß zustande gebracht worden, durch welchen das »Fundamento«, ein kurzes Lehrbuch des Esperanto, das die Grammatik und einige Texte als Beispiele enthielt, in den Stand der Heiligkeit erhoben und für »unberührbar« (netuchebla), d.h. unveränderlich erklärt wurde. Hierdurch wurde jede Entwicklung abgeschnitten und damit das Todesurteil über das Esperanto ausgesprochen.
Hieran wird dadurch nichts geändert, daß durch einzelne eifrige und geschickte Anhänger des alten[149]  Esperanto von Zeit zu Zeit eine Wiederbelebung des der Schwindsucht verfallenen Gebildes bewirkt wird. Auch das Volapük hat ein solches vorübergehendes Leben in stärkster Auswirkung gezeigt und ist aus demselben Grunde gestorben, welcher das Esperanto zum Verschwinden bringen wird: weil der Erfinder und seine Erben nicht begreifen wollten, daß sich die Entwicklung nicht unterdrücken läßt, sondern organisiert werden muß.
Esperanto in Amerika. Mit dieser grundsätzlichen Schwierigkeit war ich nicht vertraut, als ich im Herbst 1905 zu längerem Aufenthalt nach Amerika reiste. Mein Amt als Austauschprofessor war ein eindringliches Symbol der übernationalen Natur der Wissenschaft und so empfand ich die Aposteltätigkeit für die Weltsprache als einen organischen Teil meiner Sendung. Ich begann, nachdem die ersten Schwierigkeiten der Eingewöhnung überwunden waren, Anhänger des Weltsprachegedankens zu werben und fand in Dr. H. Morse, meinem Assistenten (III, 35) einen ebenso eifrigen wie geschickten Mitarbeiter.
Zuerst in Cambridge und Boston, dann in vielen anderen Städten der Vereinigten Staaten habe ich dann Werbevorträge von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, je nach dem Kreise, zu dem ich sprach, gehalten. Ich unterschied dabei scharf zwischen dem allgemeinen Gedanken einer künstlichen Hilfssprache, welche die zweite Sprache für jeder mann sein sollte, der über die Grenzen seiner Muttersprache hinaus Verkehr hat, und der besonderen Lösung dieser Aufgabe, wie sie, sicherlich nicht über Verbesserungen erhaben, in Dr. Zamenhofs Esperanto vorlag. Immer, wenn ich vor Körperschaften sprach, stellte ich zum Schluß den Antrag, daß diese ihre Zustimmung zu dem allgemeinen Gedanken aussprechen und sich damit der von Couturat geleiteten Delegation anschließen sollte. Ich fand fast[150]  immer williges Gehör und habe die damals noch etwas magere Liste um eine große Anzahl neuer körperschaftlicher Mitglieder vermehrt.
Dr. Morse entfaltete seinerseits eine rege und erfolgreiche Tätigkeit mit Hilfe der studentischen Korporationen, zu denen er noch aus seinen Burschenjahren rege Beziehungen unterhielt. Nach dem Vorbild des Esperanto-Klubs, den er in Cambridge gründete, entstanden in erstaunlich kurzer Zeit zahlreiche weitere Klubs über das ganze riesige Land bis nach Kalifornien hinüber. Morse organisierte Wettbewerbe für die besten Übersetzungen, für welche ich Preise stiftete, und so habe ich damals mehr für Esperanto getan, als irgendein anderer Anhänger, natürlich mit Ausnahme von Beaufront. Denn die amerikanische Welle rollte bis nach Europa zurück und bewirkte auch dort ein Aufleben der öffentlichen Teilnahme.
Doch ging es hiermit nicht anders, als mit mehreren anderen ähnlichen Wellen: auf den Wellenberg folgte ein Wellental und hernach blieb alles ruhig. Auch die amerikanische Bewegung verlief nach etwa einem Jahr im Sande, in Ermangelung eines bedeutungsvollen Inhaltes für die neue Sprache.
Begriffliche Fortschritte. Auch für mich selbst war die Propagandaarbeit in den Vereinigten Staaten fördernd. Die Notwendigkeit, die gleiche Sache sehr verschiedenartigen Hörern vorzutragen, zwang mich, den Gegenstand von entsprechend verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten und entwickelte bei mir eine zunehmende Klarheit über das Wesen der Aufgabe. So erinnere ich mich insbesondere, wie mir bei der Vorbereitung zu einem solchen Vortrage vor einer Versammlung des allgemeinen Lehrerinnen-Verbandes in Boston plötzlich die Einsicht kam, daß die Sprache grundsätzlich als ein Verkehrsmittel aufzufassen ist, vergleichbar der Post,[151]  der Eisenbahn, dem Markt, der Börse, dem Geld, nur von allen das wichtigste, weil allgemeinste. Denn ihre Aufgabe ist ja, für gemeinsame Angelegenheiten aller Art zwischen mehreren oder vielen Menschen das Binde- und Verständigungsmittel zu sein. Somit sind an sie alle die technischen Forderungen zu stellen, die bei einem Verkehrsmittel erfüllt sein müssen, damit es so gut wie möglich seinen Zweck erfüllt.
Überlegt man, mit welchem mystischen Schwulst und Nebel man seit einem Jahrhundert die Frage nach dem Wesen der Sprache nicht beantwortet, sondern zugedeckt hat, so wird man mir nachfühlen können, wie ich bei dieser inneren Klärung aufatmete. Denn ich hatte unterbewußt schwer an jener Unklarheit gelitten, da sie mich verhindert hatte, meinem Bedürfnis nach gedanklicher Reinlichkeit an den Dingen zu genügen, denen ich meine Arbeit als praktischer Idealist widmete. Von Gegnern und Zweiflern war mir ja im Sinne jener Mystik immer jener Aberglaube vorgehalten worden, daß die Sprache ein Organismus voll eigenen Lebens sei, und daß man sie ebensowenig künstlich herstellen könne, wie einen Homunkulus. Jetzt konnte ich erwidern, daß vor hundert Jahren die künstliche Herstellung organischer Stoffe wie z.B. des Indigo mit dem gleichen Argument für unmöglich erklärt worden ist. Heute wird der künstliche Indigo nach Tausenden von Zentnern hergestellt und er unterscheidet sich von dem natürlichen nur dadurch, daß er besser, d.h. rein von fremden und störenden Beimischungen ist, die den größeren Anteil beim natürlichen ausmachen. Genau so kann die künstliche Sprache von den »natürlichen« Verunreinigungen frei gehalten werden, die ihr von ihrer Entstehungszeit anhaften, wo das Denken der Menschen sehr viel unvollkommener, insbesondere unlogischer war, als das heutige.
[152]  Das experimentum crucis. Ein besonders überzeugendes Beispiel für die absolute Zweckwidrigkeit jener Humboldtischen Sprachenmystik bietet ihr Erzeuger selbst. Humboldt hat sich während seines ganzen Lebens mit sprachlichen Untersuchungen beschäftigt und hat ebenso wie seine Zeitgenossen sich selbst als einen angesehen, der tiefer als andere in das Wesen und Leben der Sprache eingedrungen war. Von einem solchen Mann sollte man doch als Mindestes erwarten, daß er seine eigene Muttersprache besser und vollkommener beherrscht, als seine Zeitgenossen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Seine ausführliche Abhandlung über Goethes Hermann und Dorothea, welche die Summe seiner Kunstgedanken auszusprechen bestimmt war, ist so schlecht und unklar geschrieben, daß weder Goethe noch Schiller, welche mit den denkbar günstigsten Vorurteilen an die Schrift herangetreten waren, sich getrauten, sie zu veröffentlichen. Ferner hatte Humboldt durch viele Jahre die Gewohnheit, Gedanken und Gefühle, welche ihn bewegten, in Gestalt von Sonetten auszudrücken, deren er eine große Anzahl hinterließ. Keiner seiner späteren Herausgeber hat gewagt, sie vollständig zum Abdruck zu bringen, so unglaublich schlecht sind sie in bezug auf Sprache, Rhythmus und Reim.
Hier haben wir also den erfahrungsmäßigen Beweis, daß die Art, wie Wilhelm von Humboldt sich dem Problem der Sprache genähert hatte, ihm trotz vieljähriger Bemühungen nicht einmal soviel Fähigkeit zu deren Handhabung gegeben hatte, als zur Herstellung eines leidlichen Gedichtes erforderlich war, während Hunderte, ja Tausende, die keine Ahnung von seinen Theorien haben, sich ihm nach dieser Richtung weit überlegen erweisen. Wenn es sich so mit dem verhält, der als Schöpfer der Lehre mehr von ihr verstehen muß, als jeder andere Sterbliche, so kann man nur schließen,[153]  daß die Lehre nicht die Eigenschaft hat, die Handhabung der Sprache zu verbessern, sondern nur die, sie zu verschlechtern oder bestenfalls ohne jeden positiven oder negativen Einfluß darauf zu sein. Letzteres im Falle, daß die Herstellung schlechter Verse eine angeborene Eigenschaft W. von Humboldts war.
Ich mache mich darauf gefaßt, daß man hiergegen sagen wird, daß Humboldts tiefsinnige Sprachphilosophie doch nicht den banalen Zweck habe, geschickte Sprachmeister heranzubilden. Dagegen muß ich freilich bekennen, daß ich keinen höheren Zweck irgendeiner Philosophie kenne, als die allseitige Beherrschung des von ihr behandelten Gegenstandes zu ermöglichen. Wenn sie das nicht kann, ist sie nicht Wissenschaft, sondern Scholastik und ihr sozialer Wert ist weniger als Null, denn sie führt zur Energievergeudung.
Abwendung vom Esperanto. Nachdem ich Anfang 1906 nach Deutschland zurückgekehrt war, hatte ich mit dem Abschluß meiner Tätigkeit als Professor und der Übersiedlung nach Groß-Bothen zunächst alle Hände voll zu tun. Immerhin behielt ich die Angelegenheit der Hilfssprache im Auge und benutzte jede sich darbietende Gelegenheit, um für sie tätig zu sein. Doch hatte ich in Deutschland viel geringere Erfolge, als in Amerika.
In jene Zeit fällt ein kleines Erlebnis, welches mir nach einer sehr wichtigen Richtung die Augen öffnete. Durch die anwachsende Teilnahme weiterer Kreise hatten die Deutschen Esperantisten – bis dahin ein kümmerliches Häuflein – den Mut bekommen, eine allgemeine Tagung einzuberufen. Der Ort der Versammlung war Dresden und ich war gebeten worden, den Hauptvortrag zu halten, was ich gern übernahm. Damit der Vortrag gedruckt werden konnte, hatte ich ihn sogar ausnahmsweise vorher schriftlich vollständig ausgearbeitet, was ich sonst nur selten tat. Als ich dann, begleitet von[154]  meiner zweiten Tochter, die gleichfalls Esperanto gelernt hatte, mich in Dresden eingefunden hatte und mich in der Esperantogemeinde umsah, war ich ein wenig erschrocken, mit welchen Schiffsgenossen ich die Reise unternommen hatte. Denn als ich das Gespräch auf die Hindernisse brachte, welche durch die Dachbuchstaben bewirkt werden und die baldige Verbesserung dieses Übelstandes als eine Frage der Zeit und zwar einer kurzen erklärte, stieß ich auf einen verbissenen Widerstand, der deutlichst durch den Höflichkeitsschleier hindurchschien, den man dem neuen, wirksamen Genossen gegenüber noch vorzunehmen für zweckmäßig hielt. Und eine ältere Dame, welche als sehr frühzeitige Anhängerin der Sache eine führende Rolle spielte, führte mich in ein angrenzendes Zimmer, um mir die Einstellung der Esperantisten zu dieser Frage anschaulich zu machen. Dort befand sich an der Wand ein Tisch mit einer feierlichen grünen Sammetdecke (Grün ist die Wappenfarbe des Esperanto); in der Mitte lag darauf ein in grünes Leder gebundenes Prachtexemplar des »Fundamento« mit eigenhändiger Widmung des Meisters und an beiden Seiten standen zwei silberne Leuchter mit brennden Kerzen. Das ganze war ein Altar, geweiht dem Kultus der Unberührbarkeit des Fundamento.
Diese religiöse Verehrung, verknüpft mit dem blinden Fanatismus, der den religiösen Bewegungen so oft anhaftet, ist unter den Anhängern des Esperanto sehr verbreitet. Mir, der ich in der Weltsprache ein Verkehrsmittel, allerdings das wichtigste von allen, sehe, war und ist eine solche Einstellung ganz und gar zuwider und ich kann sie nur als unheilbringend für die Sache bezeichnen. Denn diese ist vor allen Dingen ein technisches Problem. Einen Gegenstand religiöser Verehrung darf man aber nicht mit technischen Augen ansehen, ohne Zorn und Abwehr bei den Verehrern und noch[155]  mehr der Priesterschaft zu bewirken. Und wenn man eine Sache nicht mit technischen Augen ansieht, beraubt man sich der Möglichkeit, den energetischen Imperativ anzuwenden, von welchem jeder mögliche kulturelle Erfolg unmittelbar abhängig ist.
Paris. Über meine Amerikanischen Erfolge hatte ich Couturat von Zeit zu Zeit Nachricht gegeben. Nach meiner Heimkehr regte ich an, nunmehr die Zahl der Zustimmenden als groß genug anzusehen, um zur Ausführung der zweiten Aufgabe zu schreiten, welche in der Satzung der Delegation vorgesehen war.
Diese zweite Aufgabe bestand darin, einen Kreis von Sachkundigen zusammenzurufen, um die Sprache festzustellen, die weiterhin als allgemeine Hilfssprache anerkannt und verbreitet werden sollte.
Nach den nötigen Vorbereitungen fand die Einberufung dieses Arbeitsausschusses im Frühling 1907 nach Paris statt.
Es war erst das zweitemal, daß ich Paris besuchte. Während meiner Leipziger Zeit hatte sich niemals ein Anlaß ergeben, welcher erheblich genug war, um mich zu der Reise zu veranlassen. Denn in scharfem Gegensatz zu der Bereitwilligkeit, mit welcher die Englischen und Amerikanischen Fachgenossen die neuen Lehren der physikalischen Chemie zunächst geprüft und dann angenommen hatten, verhielten sich die Französischen Kollegen völlig gleichgültig. Es betätigte sich nicht einmal eine ausgesprochene Gegnerschaft, sondern man kümmerte sich überhaupt nicht um die neuen Gedanken, weil man nichts von ihnen wußte und sich keine Mühe geben mochte, etwas von ihnen zu erfahren.
Es war dies nicht das erstemal, daß ein großer und grundlegender Fortschritt der Wissenschaft durchgeführt worden war, ohne daß man ihn in Paris beachtete. Als vor der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gleichzeitig[156]  in Deutschland und England die Lehre von der Energie entstand und beide Völker um ihre Entwicklung wetteiferten, ließ man dies in Frankreich geschehen, ohne daß dort jemand vorhanden zu sein schien, der eine Ahnung von der Bedeutung der Sache hatte. Volle zehn Jahre vergingen nach der Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie durch J.R. Mayer, bevor in der führenden Zeitschrift jenes Landes, den Annales de chimie et de physique die Angelegenheit zum erstenmal erwähnt wurde. Und dies geschah in einer Zeit, wo die Forschungen V. Regnaults in großem Maßstabe auf die Ermittlung der Gesetze und Zahlenwerte gerichtet waren, welche für die Arbeitsleistung der Dampfmaschinen maßgebend sind, d.h. auf ein Gebiet, das erst durch die Anwendung der Energielehre in Gestalt der Thermodynamik Klarheit erlangen konnte.
In dem Falle der neuen Chemie war es ganz ebenso gegangen: es brauchte zehn Jahre, bis man in Paris zu der Erkenntnis kam, daß wieder einmal die Wissenschaft nicht darauf gewartet hatte, daß man dort seine Zustimmung zu den neuen Fortschritten gab, wie dies ein halbes Jahrhundert früher meist noch erforderlich war. Sondern man hatte überhaupt nicht darnach gefragt, was man dort zur Sache meinte. Schließlich war dann van't Hoff, der von seiner Studentenzeit her mit Paris Fühlung behalten hatte, zu einem Vortrag vor der dortigen chemischen Gesellschaft eingeladen worden, und man stellte mit Erstaunen fest, daß bereits eine starke internationale Bewegung vorhanden war, die sich auf keine Weise mehr totschweigen ließ. Auch Arrhenius wurde dann um persönliche Mitteilung seiner Lehre gebeten, aber es dauerte noch lange Zeit, bis ein spärlicher Bach wissenschaftlicher Arbeiten von dort aus in den breiten Strom einmündete, welcher sich in den anderen Ländern aus jenen Quellen entwickelt hatte.[157]


Im Jahre 1907 sah ich Paris zum erstenmal. Ich war wegen eines technisch-wissenschaftlichen Gutachtens über das Verfahren der Luftverflüssigung von Claude zu einer Besichtigung seiner Anlagen eingeladen worden und hatte bei dieser Gelegenheit einige von den dortigen Fachgenossen kennen gelernt. In erster Linie A. Haller, der, obwohl Organiker, die neue Entwicklung seiner Wissenschaft aufmerksam verfolgt hatte. Wir empfanden alsbald lebhafte Sympathie füreinander, denn er besaß gleichfalls neben seiner wissenschaftlichen Begabung eine ausgeprägt organisatorische, so daß wir weitgehend übereinstimmende Gedanken und Pläne bei uns feststellen konnten. Auch wird später gelegentlich der Organisation aller Chemiker der Welt über die praktischen Ergebnisse dieser Gemeinsamkeit zu berichten sein. Auch mit meinem nahen Fachgenossen Le Chatelier und dem hervorragenden Mathematiker H. Poincaré ergaben sich freundschaftliche Berührungen.
Pariser Laboratorien. Auf meinen dringenden Wunsch wurde mir das Curiesche Laboratorium gezeigt, in welchem vor kurzem das Radium entdeckt worden war; die Curies selbst waren verreist. Es war ein Mittelding zwischen Pferdestall und Kartoffelkeller, und wenn ich nicht die Arbeitstische mit den chemischen Geräten gesehen hätte, so hätte ich an einen scherzhaften Täuschungsversuch gedacht.
Mir war schon längst klar geworden, daß die Laboratoriumsverhältnisse selbst der ersten Professoren in Paris nicht die besten sein konnten. So pflegte M. Berthelot (den ich übrigens nie persönlich kennen gelernt habe) seine thermochemischen Messungen bei der jeweiligen Temperatur seines Arbeitsraumes anzustellen, während J. Thomsen (I, 223) in seinem Arbeitszimmer eine selbsttätige Heizung eingerichtet hatte, welche die Temperatur dauernd bei 18° hielt, so daß seine Messungen in guter methodischer Ordnung entstanden.[158]
In Berthelots Arbeiten erschienen Temperaturen, die bis 6° oder 7° heruntergingen, so daß ich eine Gänsehaut bei dem Gedanken bekam, daß in solcher Umwelt wissenschaftliche Arbeit ausgeführt wurde. Offenbar wurde doch noch am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Heizung der Laboratorien als ein entbehrlicher Luxus angesehen, wie dies etwa ein Jahrhundert früher der Fall gewesen war, wo J. Liebig und sein Lehrer Gay-Lussac bei ihren Arbeiten dicke Holzpantoffeln an den Füßen zu tragen pflegten. Inzwischen hatten sich also die Verhältnisse nicht wesentlich gebessert und waren in fast unglaublichem Abstande gegen das zurückgeblieben, was in Deutschland an der kleinsten Hochschule selbstverständlich war.
Übrigens erfuhr ich, als ich mein Erstaunen über diesen Zustand äußerte, daß zufolge der großen Entdeckungen den Curies ein neues Laboratorium gebaut werden sollte.
Natürlich hatte Liebig seinerzeit, als er in Gießen sein Laboratorium eröffnete, sich zunächst an das Pariser Muster gehalten. Wir besitzen aus seinem Briefwechsel mit Wöhler Andeutungen darüber, wenn er von der Erkältungsgefahr im ungeheizten Wagezimmer schreibt. Aber der lange und strenge nordische Winter zwingt zur Einrichtung einer ordentlichen Heizung, wenn nicht die Arbeit ernstlich Not leiden soll, und so erklärt sich, daß die Einrichtung behaglicher Arbeitsräume auch für den »unreinlichen Teil der Physik«, wie die Chemie gelegentlich definiert worden ist, in Deutschland weit schnellere Forstschritte gemacht hat, als in Frankreich und England. Einen erheblichen Anteil hieran hat die etwas später erfolgte Einführung des Leucht- und Heizgases an Stelle der unsauberen Holzkohleöfen. Wir wollen nicht vergessen, daß kein Geringerer als Robert Bunsen jahrelang gearbeitet hat, um den rußfreien und heißen Gasbrenner[159]  zu erfinden, der auf der vorangehenden Zumischung eines Teils der Verbrennungsluft zu dem Gase beruht und bis auf den heutigen Tag die Grundlage aller Gasfeuerungen geblieben ist.
Als diese Fortschritte in Deutschland schon längst Allgemeingut geworden waren, blieb Paris und mit ihm das übrige Frankreich noch über ein Menschenalter lang im Rückstande. Es ist dies eines der vielen Beispiele dafür, wie völlig unfähig der durchschnittliche Franzose ist, zu begreifen, daß außerhalb Paris etwas vorhanden sein könne, was besser ist. Dieser Aberglaube reicht bis in sehr hohe Schichten hinauf und wird auch von vielen Nichtfranzosen geteilt. Wir brauchen uns nicht weit nach solchen umzusehen, die mit der gleichen geistigen Krankheit behaftet sind. Sie ist unter den Deutschen außerordentlich verbreitet.
Von dem hinreißenden Eindruck, über welchen die Besucher der Stadt wohl meist unter dem Einfluß des herkömmlichen Geredes zu berichten pflegen, habe ich persönlich nicht eben viel verspürt. Am besten wirkten auf mich die weiträumige Anlage vom Tuileriengarten über die Elysäischen Felder bis zum Triumphbogen, ferner der gothische Bau der Liebfrauenkirche mit dem unerschöpflichen bildnerischen Schmuck und den schönen farbigen Fenstern. Aber im übrigen machte die Stadt einen ausgesprochen altmodischen Eindruck auf mich, wie eine Frau, die einstmals schön und begehrt gewesen ist und immer noch an die Wirksamkeit ihrer alten Künste glaubt. In den Auslagen trat überall die Rücksicht auf den grellen und lauten Geschmack der Amerikanischen Kundschaft zutage. Die Ansichtspostkarten waren abstoßend gewöhnlich; fand man einmal eine gute, so konnte man die Deutsche Herkunft feststellen, wenn man das (meist sehr versteckt angebrachte) Herstellerzeichen aufsuchte.
[160]  Die Delegationssitzungen. So war mir Paris bereits einigermaßen bekannt, als ich kurz hernach zur Versammlung der »Delegation« wieder dorthin reiste, begleitet von meiner älteren Tochter. Die Sitzungen fanden in einem Hörsaal der Universität (Sorbonne) statt, in welchem Couturat während des Semesters seine Vorlesungen hielt. Um keinen allzu weiten Weg dahin zu haben, brachte ich mich am Quai Voltaire in einem alten kleinen Gasthof Hotel Voltaire unter. Später entdeckte ich in Richard Wagners Erinnerungen, daß es dasselbe Haus war, in welchem er seinerzeit den Text zu der Deutschesten seiner Opern, den Meistersingern, geschrieben hat.
Zu den Sitzungen waren zwölf bis fünfzehn Vertreter der verschiedenen Gruppen erschienen, die an der »Delegation« teilgenommen hatten. Der eigentliche Geschäftsführer war Professor Louis Couturat, derselbe, der mit seinem Kollegen, dem Mathematiker Léau die ausgezeichnete Geschichte der künstlichen Sprachen verfaßt hatte, welche die wissenschaftliche Grundlage unserer Beratungen lieferte. Professor Léau erschien in einer der ersten Sitzungen auf kurze Zeit, verschwand dann aber und hat sich später ganz aus der Angelegenheit zurückgezogen.
Couturat war etwas jünger als ich, ziemlich hoch gewachsen und hätte schlank ausgesehen, wenn er nicht die gebückte Haltung des Schreibtischmenschen gehabt hätte. Sein Haar war blond, helle Augen und eine stubenblasse Gesichtsfarbe gaben ihm ein unfranzösisches Aussehen. Er war verheiratet und seine Frau erwies meiner Tochter freundliche Gastfreundschaft bei gelegentlichen Besuchen. Der Haushalt war kleinbürgerlich und meine Tochter erschreckte die Frau Professor zuweilen durch die Unbefangenheit ihrer Ansichten, denn diese schien erst vor kurzem eine klösterliche Erziehungsanstalt verlassen zu haben.[161]
Eine sehr wertvolle Bekanntschaft gewann ich in dem Dänischen Philologen Professor Jespersen. Er war damals fast der einzige »Fachmann«, der die Bedeutung der Aufgaben begriffen hatte, welche die Sprachkunde hier zu lösen hatte; handelt es sich doch für diese um eine neue, die eigentlich wissenschaftliche Epoche, wo die synthetische, schöpferische Arbeit die bisherige, bloß registrierende und ordnende abzulösen hat. In solchem Sinne hatte er, unter starkem Widerspruch seiner Fachgenossen, wie er mir erzählte, bereits seine früheren Arbeiten ausgeführt, die ihn zur Erkennung der Wirksamkeit des energetischen Imperativs bei der freiwilligen Umgestaltung der Sprachen im Laufe der Zeit geführt hatten, die besonders in der Entwicklung des Englischen zutage getreten war. Den Aufgaben der Versammlung widmete er sich mit lebhaftem Eifer und wir verdankten seiner fachkundigen Beratung einen großen Teil unserer Ergebnisse.
Jespersen war von mittlerer Größe, mit frischem Gesicht, rötlichblondem Haar und kurzem spitzem Bart, lebhaft und gewinnend im Verkehr. Seine idealistische Gesinnung trat in seinem Verhalten überall deutlichst hervor. Er erwies sich als bemerkenswert frei von den ethischen Berufskrankheiten der Gelehrten und erwarb sich in der Versammlung alsbald allgemeine Hochachtung und Liebe. Ein zweiter Fachphilologe war der Petersburger Professor Baudouin de Courtenay. Er stellte ein merkwürdiges ethnographisches Gemisch dar, denn er war trotz seines französischen Namens nordischen Geblütes und sah wie ein Abkömmling einer der noch nicht ganz kulturell assimilierten Völkerschaften Rußlands aus. Bei den Verhandlungen traten seine sehr radikalen, politischen und sozialen Ansichten auffallend hervor; heute würden wir sie bolschewistisch nennen. So erschien es ihm eine Verletzung der allgemeinen Menschenrechte,[162]  als wir darüber berieten, durch welche Endung die Bezeichnung der weiblichen Angehörigen irgendeiner Gruppe von der der männlichen abgeleitet werden sollte, wie etwa homo der Mann, homino die Frau. Denn, meinte er, die Frauen hätten in allen Beziehungen Anspruch auf dieselben Rechte wie die Männer und es sei daher unzulässig, sie grammatikalisch als von diesen abgeleitet, also als minderwertig zu behandeln. Doch drang er damit nicht durch.
Mit großer Aufmerksamkeit betrachtete ich Herrn de Beaufront. Es ist oben (III, 148) schon erzählt worden, wie er unter Verzicht auf seine eigene Erfindung das Esperanto des Dr. Zamenhof seinerzeit an das Licht der öffentlichen Teilnahme gebracht und ihm zu seinem ersten Erfolg verholfen hatte. Er erwies sich als eine wohlgepflegte Persönlichkeit mit zarter Gesichtsfarbe, weißem Haar und Bart und von verbindlichem Wesen. Er blieb bald von den Sitzungen fort. Über die besondere Rolle, welche er dennoch bei dieser Versammlung spielte, wird bald eingehender berichtet werden.
Aus den übrigen Teilnehmern ragte noch Gaston Moch hervor, dessen Name in der pazifistischen Bewegung jener Tage viel genannt wurde. Er war Militär gewesen und hatte als Hauptmann der Artillerie seinen Abschied genommen, nachdem seine Überzeugungen mit seinem Beruf in unlösbaren Widerspruch geraten waren. Er war ein magerer und sehniger Mann mit schnellen Bewegungen und höchst geläufiger Zunge. Seine Rede begleitete er mit einem lebhaften, bis ins Groteske gesteigerten Mienenspiel in seinem mageren, schnurrbärtigen Gesicht. Dem weiblichen Geschlecht widmete er eine große Aufmerksamkeit; sein Ideal war die Pariserin, mit deren hemmungslosem Lob und Preis er seine Zuhörer ermüdete und zu innerem Widerspruch reizte. In unseren Verhandlungen erwies er sich als ritterlich[163]  und frei von Fanatismus, was für einen Anhänger des Esperanto, der er war, eine seltene Sache ist. In dieser Beziehung war sein Gegenteil der Rektor der Akademie von Dijon Boirac, der als seine Aufgabe ansah, die Interessen des Esperanto mit allen Mitteln wahrzunehmen. Hierbei unterstützten ihn einige weitere Mitglieder der Versammlung, über welche nichts weiter zu berichten ist.
Eine Persönlichkeit besonderer Art war der italienische Mathematiker Peano. Lang, äußerst mager, nach Haltung und Kleidung ein Stubengelehrter, der für Nebendinge keine Zeit hat, mit gelbbleichem, hohlem Gesicht und tiefschwarzem, spärlichem Haar und Bart, erschien er ebenso abstrakt, wie seine Wissenschaft. Er hatte eigene Vorschläge zu vertreten, nämlich sein »latine sine flexione«, ein tunlichst vereinfachtes Latein, für welches er mit unerschütterlicher Hingabe eintrat, da er als Italiener das Gefühl hatte, im Latein ein uraltes Erbe zu verteidigen.
Die Eröffnung der Verhandlungen geschah durch den Geschäftsführer Couturat, der eine kurze Darstellung ihrer Vorgeschichte gab und dann die Versammlung ersuchte, den Vorstand zu wählen. Das Amt des ersten Vorsitzenden wurde mir zugewiesen, Jespersen wurde zweiter Vorsitzender, Couturat Schriftführer.
Da ich persönlich mit keinem der Teilnehmer vorher bekannt gewesen war, darf ich diese Auszeichnung, die ich lebhaft als solche empfand, ausschließlich dem wissenschaftlichen Namen zuschreiben, den ich mir zunächst in meinem Sonderfach, später als Philosoph erworben hatte. Die Würde brachte aber eine schwere Bürde mit sich. Denn die Verhandlungen wurden Französich geführt, da den Französischen Teilnehmern, welche die Mehrzahl bildeten, keine andere Sprache bekannt war; nur Couturat sprach ein etwas mühsames aber doch hinreichendes Deutsch. Meine Bekanntschaft mit der[164]  Französichen Sprache aber beruhte teils auf den Schulerinnerungen, die nicht sehr eingehend waren (I, 53), teils auf dem Lesen wissenschaftlicher Abhandlungen in dieser Sprache, das sich zufolge vieler Übung allerdings geläufig genug vollzog. Doch hatte ich beim gelegentlichen Lesen schöner Literatur mich überzeugen können, wie überaus einseitig mein Sprachgut hierbei geblieben war. Ein wenig Übung in der täglichen Sprache hatte ich mir bei meinem ersten Besuch in Paris erworben.
Neben dieser äußeren Schwierigkeit kamen große innere. Die versammelten Personen waren aus allen Weltgegenden zusammengeschneit, stammten aus sehr verschiedenen Kreisen, vertraten äußerst verschiedene Standpunkte und waren zum Teil fest entschlossen, ihre Absichten unbedingt durchzusetzen. Es ließ sich also ein harter Kampf der Meinungen voraussehen und ich mußte mir bewußt halten, daß beständig eine große Gefahr bestand, die sachlichen Gegensätze könnten sich in persönliche umwandeln.
Nach dem Zeugnis meiner damaligen Mitarbeiter war es mir gelungen, diese Gefahr abzuwenden, obwohl unsere Sitzungen zwei Wochen lang sich hinzogen und an unerwarteten Zwischenfällen reich waren. Ich hatte alsbald darüber nachgedacht, durch welches Mittel ich eine friedliche Durchführung unserer Arbeiten am besten sichern könne, und war zu dem Ergebnis gekommen, daß ich durchaus vermeiden mußte, Beschlüsse fassen zu lassen, die nur von einer geringen Mehrheit getragen waren, also fast die Hälfte der Teilnehmer unzufrieden zurückließen. Ich sorgte also dafür, daß jeder Streitpunkt so lange erörtert wurde, bis ein Jeder sich völlig ausgesprochen und die Versammlung sich sachlich geeinigt hatte, vielleicht mit Ausnahme von einem oder zwei unverbesserlichen Rechthabern. Dadurch gewann ich bald das Vertrauen der Teilnehmer, und dieses erleichterte[165]  mir sehr die Begleichung großer Schwierigkeiten, die gegen Ende unserer Verhandlungen entstanden.

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Babylon. Die Arbeiten begannen damit, daß wir die Erfinder der in Wettbewerb stehenden Kunstsprachen oder ihre Vertreter die Grundlagen und organisatorischen Gedanken vortragen ließen, auf denen die Sprache beruhte. Hierdurch gewannen wir den nötigen Überblick über die vorhandenen Möglichkeiten. Diese beschränkten sich auf zwei Fälle. Entweder war der Wortschatz nach irgend welchen Regeln frei gebildet, oder er war einer oder mehreren der vorhandenen Sprachen entnommen. In jedem Falle war die Grammatik ziemlich übereinstimmend auf die einfachsten Notwendigkeiten eingeschränkt worden, wenn auch die gewählten Laute der Abwandlungen von Fall zu Fall sehr verschieden ausgefallen waren.
Wir überzeugten uns bald, daß die freie Erfindung der Wortstämme durch die großen und willkürlichen Ansprüche an das Gedächtnis erhebliche Nachteile ergaben, ohne daß ein wesentlicher Gewinn an anderer Stelle nachweisbar war. Die künftige internationale Hilfsprache mußte, wie Jespersen es später aussprach, für möglichst viele möglichst leicht erlernbar sein, und dafür ihr Wörterbuch aus Wortstämmen bilden, welche möglichst international bekannt waren. Es ergaben sich also dieselben Grundsätze, auf denen das Volapük Schleyers wie das Esperanto Zamenhofs beruhte, nur daß sie dort noch nicht folgerichtig durchgeführt waren.
Hierdurch wurde insbesondere die von einem wohlhabenden Amateur namens Bollac erfundene »Blaue Sprache« ausgeschaltet, die uns von diesem persönlich vorgeführt wurde. Bollac hatte vorher sich freiwillig verpflichtet, sich unserer Entscheidung ohne Widerspruch zu fügen, und es ist mir eine Freude, mitteilen[166]  zu dürfen, daß er sein Wort redlich gehalten hat, als die Entscheidung gegen ihn ausgefallen war.
Ido. Nachdem die Verhandlungen so weit gediehen waren, erlebten wir eine Überraschung. Eines Morgens fand jeder Mitarbeiter auf seinem Platz ein autographiertes Heft mit einem vollständigen Plan einer neuen, nach den gefundenen Grundsätzen gebildeten Sprache. Couturat hatte die Hefte hingelegt und teilte mit, daß er den Autor zwar kenne, ihn aber nicht nennen dürfe. Er versicherte ferner, daß weder er selbst, noch einer der Anwesenden der Verfasser des neuen Entwurfs sei, und daß der Autor ihn zu diesem auffallenden Vorgehen veranlaßt habe, da er glaube, daß der innere Wert des Vorschlages unbefangener geprüft werden würde, wenn der Verfasser unbekannt bliebe.
Es stellte sich heraus, daß das Heft die Grundlagen eines verbesserten Esperanto enthielt, in welchem die wesentlichsten Fehler dieser Sprache vermieden waren. Dies entsprach dem Ergebnis, zu welchem die Mehrzahl der Versammlung inzwischen gelangt war. Von allen noch in Betracht kommenden Vorschlägen hatte sich Esperanto als der beste erwiesen, aber einige grobe und leicht zu beseitigende Unzulänglichkeiten verhinderten seine unveränderte Annahme. Hier schien also das Gesuchte fertig vorzuliegen.
Die Esperantisten, geführt von Boirac, versuchten einen Gegenstoß, indem sie den Wortlaut des von der Versammlung übernommenen Auftrags so deuten wollten, daß diese daran gebunden sei, eine von den bereits vorhandenen Sprachen unverändert zu wählen, nicht aber selbst die Ausarbeitung oder Verbesserung in die Hand zu nehmen. Die Versammlung aber beschloß, daß sie bezüglich der Art, wie sie den Auftrag aufzufassen und auszuführen habe, autonom sei, und daß das vorgelegte Projekt geprüft werden solle. Hier drohte das bisher[167]  gut gewahrte Einvernehmen in Stücke zu gehen, weil die eine geschlossene Gruppe bildenden Esperantisten sich diesem Mehrheitsbeschlusse (fast dem einzigen, den wir gefaßt haben, denn sonst gab es meist Einstimmigkeit) nicht fügen wollten. Es bedurfte ernstlicher Bemühungen, bei denen sich G. Moch besondere Verdienste erwarb, bis eine Beruhigung der Geister eintrat und wir an die Einzelberatung des anonymen Vorschlages gehen konnten.
Dieser hatte um seine Abhängigkeit vom Esperanto zum Ausdruck zu bringen, den Namen Ido erhalten. Ido bedeutet nämlich (als Nachsilbe) einen Abkömmling. Die gemeinsame Arbeit, die sich natürlich zuerst auf die allgemeinsten Fragen bezog, ergab die Annahme des internationalen (englischen) ABC ohne alle Akzente und sonstigen Zeichen und den Grundsatz der eindeutigen Wechselbeziehung zwischen Buchstabe und Laut. Leider wurde dieser Grundsatz unter Couturats Führung alsbald verletzt, indem die Doppelbuchstaben sh und ch angenommen wurden, die wie im Englischen ausgesprochen werden, also anders, als sich aus der Aussprache der Einzelbuchstaben ergibt. Vergeblich wies ich darauf hin, daß bei sachgemäßer Ausmerzung von Doppellauten, die einzelnen Buchstaben zugeordnet waren (c = ts, x = ks), alle nötigen einfachen Zischlaute durch Einzelbuchstaben ausgedrückt werden können. Die andere Schreibart wurde angenommen, weil sie eine größere Ähnlichkeit mit den natürlichen Sprachen ergab. Ich sagte voraus, daß an dieser Stelle doch später einmal die Konsequenz siegen und eine Änderung erzwingen werde. Denn alle Erfahrungen bei der Aufstellung von Normen hatten mich schon damals darüber belehrt, daß auf diesem Gebiete jedes Kompromiß mit zeitlichen Erwägungen einen Pfahl im Fleische bedeutet, der immer weh tut und über kurz oder lang, meist unter argen[168]  Schwierigkeiten beseitigt werden muß. So sehe ich auch die Zeit kommen, wo ein internationaler Arbeitsausschuß (vielleicht vom Völkerbunde gewählt) das Problem der allgemeinen Hilfssprache von Grund auf bearbeiten und dabei den Grundsatz ein Buchstabe ein Laut rein durchführen wird.
Abschluß. Nachdem wir durch fast zwei Wochen täglich je zwei mehrstündige Sitzungen abgehalten und die Hauptpunkte der künftigen Hilfssprache festgestellt hatten (unter Vorbehalt späterer Verbesserungen, soweit sie notwendig werden sollten), kamen wir zu der Einsicht, daß wir diese Arbeit nicht in gleicher Weise zu Ende führen konnten. Denn wir waren alle von den gehabten Anstrengungen erschöpft und fanden außerdem, daß zahlreiche Aufgaben nur durch langwierige Einzelarbeit gefördert werden konnten, die wir unter zweckmäßiger Einteilung nur zu Hause machen konnten. Dabei waren wir bereit, den Esperantisten soweit entgegenzukommen, als dies außerhalb jener unbedingten Grundlagen möglich war. Zu diesem Zweck wurde ein Zusammenarbeiten mit ihnen geplant, für welches sie ihrerseits Mitarbeiter bereitstellen sollten. Ihre im Ausschuß vorhandenen Vertreter sprachen hierzu ihre Bereitwilligkeit und die bestimmte Hoffnung aus, daß ihre Organisation diesem Plane gern zustimmen werde. Nur sollten wir ihnen einen Monat Zeit lassen, um alles dies in Ordnung zu setzen und bis dahin unsere Beschlüsse nicht an die Öffentlichkeit bringen. Hiermit waren wir einverstanden und haben uns streng daran gehalten.
Ein Schatten. Als dies alles geordnet war, kehrte ich nach Hause zurück, sehr ermüdet von den Anstrengungen, aber sehr zufrieden mit den Ergebnissen, welche ein gedeihliches Zusammenarbeiten aller Beteiligten sicher zu stellen schienen. Die weiter zu leistenden Arbeiten wurden organisiert, wobei Couturat sich unermüdlich betätigte.[169]
Um einen regelmäßigen Verkehr dabei zu sichern, veranlaßte ich alsbald die Gründung einer Zeitschrift, welche den Titel Progreso (Fortschritt) erhielt und von Couturat vorzüglich geleitet wurde. Nur in einem Punkt verstimmte er mich. Ich hatte eben den Gedanken der Weltformate entwickelt (in dem Kapitel über die Brücke wird darüber berichtet werden), und wollte natürlich auch das Format des Progreso anschließen. Couturat hatte seinerseits schon ein privates Format für seine ausgedehnte wissenschaftliche Kartei festgelegt, das etwa dem gebräuchlichen Briefpapier entsprach. Er ließ alsbald die neue Zeitschrift in seinem Format erscheinen und schrieb mir einen langen Brief, in welchem er den Beweis unternahm, daß auf seine Bogen, die etwas kleiner waren, als die der Weltformate, sich tatsächlich mehr schreiben oder drucken lasse, als auf die größeren des letzteren. Vergeblich machte ich geltend, daß die Weltformate organisch an das metrische System angeschlossen waren und deshalb sich notwendig über kurz oder lang durchsetzen würden. Er zeigte sich unzugänglich für diese Gründe, und da die Formatfrage damals noch in ihren ersten Anfängen stand, so gab ich nach.
Allerdings wirkte dies Erlebnis abkühlend auf das anfangs recht nahe und warme Verhältnis, in welches ich zu ihm getreten war. Es war nicht das erstemal, wo ich zu bemerken glaubte, daß neben den internationalen Bestrebungen, die er so eifrig und erfolgreich betrieb, in seinem Herzen auch kräftige nationale Tendenzen wirksam waren. Er verbarg sie sorgfältig; sie schienen mir aber in zahlreichen Fällen die Richtung seiner Betätigung zu bestimmen. Nicht nur in solchem Sinne, daß er seinem Volke, seiner Sprache usw. einen möglichst starken Einfluß auf allgemeine Angelegenheiten zu sichern sich bemühte: das verstand ich und gönnte es ihm gern. Sondern auch in solchem Sinne, daß er solche allgemeine[170]  Dinge, die nicht von ihm oder den Seinen ausgegangen waren, nicht nur nicht zu fördern, sondern unauffällig zu hindern geneigt war, und dazu den Weg der Intrige wählte, der unseren westlichen Nachbarn nicht ungeläufig zu sein scheint. Die Pariser Tagung hatte mich mancherlei davon kennen gelehrt. Ein solches Verhalten wollte und konnte ich nicht billigen und dies entfernte mich von ihm.
Krieg der Esperantisten. Als die Zeit abgelaufen war, binnen welcher die Esperantisten sich über ihre Mitarbeit entscheiden sollten, hatte ich keine Nachricht erhalten. Ich schrieb nach Paris darum und ließ mich noch längere Zeit hinhalten, ohne bestimmte Auskunft bekommen zu können. Und dann erscholl auf einmal in der Esperantistischen Presse ein ungeheures Getöse, des Inhalts, als hätte man einen verräterischen Angriff auf ihre heiligsten Güter versucht. Es wurde der Schlachtruf ausgegeben: ni restas fidelaj, wir bleiben treu, jede Beziehung zur Delegation wurde als Verrat gebrandmarkt und ein unbedingtes Festhalten am »Fundamento« bis zum letzten Buchstaben als die einzig mögliche Politik ausgerufen. Vergeblich wendete ich mich an die Männer, mit denen die friedlichen Abmachungen getroffen waren; Krieg bis aufs Messer war der Schlachtruf auf der ganzen Linie.
Von Couturat wurde mir später als Erklärung mitgeteilt, daß eine große Pariser Verlagsbuchhandlung, welche fast alle Esperantistischen Schriften hergestellt und vertrieben hatte, diese ganze Gegenbewegung veranlaßt und finanziert habe. Sie besäße sehr große unverkaufte Posten Esperantistischer Literatur, und diese würden entwertet sein, wenn eine Änderung der Sprache sich durchsetzte. Das Verfahren, geschäftliche Interessen in ein moralisches Gewand zu kleiden, ist ja nicht neu und wird um so lieber geübt, je größere Geldbeträge in Frage kommen. So ist die Deutung an sich nicht unwahrscheinlich,[171]  doch habe ich sie nicht selbst prüfen können und muß mich daher auf die Wiedergabe der Mitteilung beschränken.
Zamenhof. Auch eine persönliche Begegnung mit Zamenhof führte nicht zum Frieden. Er war auf meine Bitte so gut, auf einer Heimfahrt von Paris nach Warschau seine Reise in Dresden auf einige Stunden zu unterbrechen. Ich fand mich zu gegebener Zeit auf dem Bahnsteig ein und traf einen äußerst bescheiden auftretenden und gekleideten älteren Herrn an, dem es kein Opfer zu sein schien, die lange Fahrt in der dritten Klasse zurückzulegen. Zamenhof war Jude und die äußeren Eigentümlichkeiten seiner Rasse kennzeichneten auch sein Aussehen. Klein und mager hatte er ein blasses Gesicht mit Brille, graugemischtem Haar und Bart. Sein Wesen war anspruchslos und gewinnend. Aber für Friedensverhandlungen zeigte er sich völlig unzugänglich; ich hatte den Eindruck, daß er in Paris ein bindendes Versprechen gegeben hatte, sich auf nichts einzulassen. Als ich ihn schließlich fragte, nachdem er offenbar von Herzen kommende Friedenswünsche auch seinerseits ausgesprochen hatte, wie er sich die Möglichkeit dazu dachte, meinte er schüchtern, ich sollte eben Ido aufgeben und Esperantist werden. Wird dann der Reformgedanke zugelassen werden? fragte ich. Er schüttelte betrübt den Kopf und wir mußten uns unverrichteter Sache trennen.
Schneeberger. Uns Idisten blieb nichts übrig, als auf die gehoffte gemeinsame Arbeit zu verzichten und unsere Tätigkeit zu organisieren. Es wurde ein Vorstand gewählt, der die allgemeinen Geschäfte zu führen hatte und eine Akademie, welche sich insbesondere mit den sprachlichen Fragen befaßte. Zu den oben genannten gesellten sich bald eine Anzahl früherer Anhänger des Esperanto, welche wie ich dessen Reformbedürftigkeit erkannt hatten und durch den starren Widerstand verstimmt[172]  waren, mit dem sich die Mehrheit dieser Notwendigkeit widersetzte; sie stammten aus den geistig Höherstehenden jener Bewegung. Unter diesen nenne ich in erster Linie den Schweizer Schneeberger, einen äußerst rührigen und gewandten Mann, dem die Idobewegung sehr großen Dank schuldig ist. Leider starb er im Jahre 1925.
Schneeberger war ein kleiner, schwarzbärtiger und -haariger Mann, der im Zivilberuf Pfarrer in einem kleinen Dorf bei Bern war. Als ich auf einer meiner vielen Reisen mit ihm eine Begegnung verabredet hatte, lud er mich dringendst ein, ihn in seinem Heim zu besuchen, was ich sehr gern tat. Denn ich hatte ihn nicht nur wegen seiner unermüdlichen und unbezahlten Tätigkeit für den idealen Zweck schätzen gelernt, sondern widmete ihm eine starke persönliche Zuneigung wegen seines heiteren, von Pfaffentum ganz freien Wesens. In dem Pfarrhause lernte ich wunderlich ungewohnte Verhältnisse kennen. Das Äußere und Innere der Pfarrei unterschied sich nicht wesentlich von einem Bauernhaus und Schneeberger machte kein Hehl daraus, daß seine Einnahmen sehr knapp waren und ihm und den Seinen nur eben das Durchkommen ermöglichten. Seine Frau, die ebenso schlicht auftrat, wie ihre Wohnung, nahm ihn auf die Seite, als wir eingetroffen waren und berichtete ihm klagend etwas. Er kam lachend zu mir und erzählte, daß mir zu Ehren ein Kaninchen aus dem Hausstall geschlachtet und gebraten worden war. Vor einer halben Stunde aber hatte die Katze den ganzen Braten vom Tische gemaust und sich mit ihm aus dem Staube gemacht; wir mußten etwas warten, bis der Ersatz fertig wurde. In kurzer Zeit lud uns die Hausfrau zu Tisch, speiste aber nach altertümlicher Landessitte nicht mit uns, sondern ging zwischen Tisch und Küche ab und zu und achtete darauf, daß wir wacker aßen und an nichts Mangel litten.
[173]  Weitere Arbeiten. Die folgende Zeit war erfüllt von Arbeiten nach zwei Richtungen. Zunächst war die Entwicklung des Ido aus den ersten Anfängen zu bearbeiten. Der ursprüngliche Entwurf wurde sehr weitgehend abgeändert und es wurden einfache und folgerichtige Formen gefunden. Couturats Fachkenntnisse in der formalen Logik und Jespersens Sprachwissenschaft erwiesen sich hierbei von gutem Nutzen und ermöglichten, das Ido auf eine weit höhere Entwicklungsstufe zu heben, als das Esperanto einnahm, dessen Verbesserung durch jenen selbstmörderischen Beschluß der Unveränderlichkeit völlig unterbunden war. In wenigen Jahren war das Nötigste geschehen und die weitergehenden Arbeiten hatten nur noch verhältnismäßig nebensächliche Punkte zu erledigen. Die anfängliche Unbestimmtheit und Veränderlichkeit war so weit überwunden, daß der Einfluß neuer Beschlüsse der Akademie sich kaum merklich mehr geltend machte.

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Um nun die aus technischen Gründen wünschenswerte Unveränderlichkeit der Sprache mit der notwendigen Entwicklungsmöglichkeit zu verbinden, wurde der zweckmäßige Beschluß gefaßt, daß immer über je fünf Jahre die Sprache unverändert bleiben sollte, ohne Rücksicht auf die inzwischen weiter laufenden Arbeiten und Beschlüsse der Akademie. Beim Beginn der neuen Periode sollten dann die aufgesammelten Beschlüsse der Akademie in die Praxis übertragen werden und die verbesserte Sprache wieder über fünf Jahre unverändert bleiben. So waren die beiden scheinbar sich widersprechenden Erfordernisse der Beständigkeit und der Entwicklung auf das beste in Einklang gebracht und der Fortschritt organisiert.
Viel weniger erfreulich war die Durchführung der anderen Aufgabe, der Verbreitung der neuen Sprache. Seitens der Esperantisten wurde alsbald ein heftiger[174]  Kampf gegen Ido eröffnet und ich muß mit Bedauern feststellen, daß die von der Gegenseite benutzten Kampfmittel nicht immer einwandfrei waren.
Verhältnismäßig harmlos war die folgende Geschichte. In Karlsbad war ich bei meinen regelmäßigen Kurwochen mehrfach mit dem hervorragenden Österreichischen sozialistischen Schulmann Glöckel zusammengetroffen, den ich gelegentlich für das Problem der Weltsprache zu erwärmen versuchte. Auf seine Frage nach der besten Lösung hatte ich ihm Ido genannt. Als ich ihn später einmal um seine Stellungnahme befragte, meinte er, Esperanto sei ihm lieber. Denn die Esperantisten hätten ihn darüber aufgeklärt, daß sein eigner Name Glöckel auf Ido Closeto heißen würde, und das sei ihm doch unerwünscht. Tatsächlich heißt Glöckchen auf Ido nicht closeto, sondern closheto; auch werden Eigennamen nicht übersetzt. Man sieht, wie überaus unbefangen das Mittel gewählt wurde, um Stimmung gegen Ido zu machen.
Ido in der Chemie. Als die sprachlichen Aufgaben in der Hauptsache geordnet waren, konnte der Blick wieder auf die allgemeineren Fragen geworfen werden. Da konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß das bloße Sammeln von Anhängern, die Ido erlernten, die Angelegenheit nicht weit bringen würde. Denn der Einzelne hatte neben der Genugtuung, sich an einer guten Sache zu beteiligen, nicht eben viel von seiner Teilnahme. Höchstens konnten sie die Gelegenheit benutzen, mit Verbandsgenossen anderer Sprache über die Länder hinweg Briefe zu wechseln oder bei Reisen ins Ausland die dortigen Idisten zu besuchen. Das reichte nicht aus, um eine kraftvolle Bewegung daraus zu machen.
Ich dachte darüber nach, welche belangreiche praktische Anwendung man von der allgemeinen Hilfssprache machen könne und kam auf folgenden Gedanken.[175]  Schon wiederholt war die große Energievergeudung zur Sprache gebracht worden, welche durch die wissenschaftliche Berichterstattung in der Chemie entstand. Um alles in kürzestem Auszuge zusammenzustellen, was in der Chemie während eines Jahres geleistet wurde, brauchte man schon damals ein- bis zweitausend Seiten engen Druckes. Diese Arbeit wurde in Deutschland nicht nur einmal, sondern etwa fünfmal für verschiedene Zeitschriften und wissenschaftliche Organisationen gemacht. In englischer Sprache wurden die Arbeiten mindestens dreimal referiert: zweimal in England und einmal in Amerika. Dazu kamen noch Französische, Italienische, Russische usw. Berichte, also insgesamt etwa ein Dutzend Bearbeitungen derselben Sache.
Diese Arbeit ließ sich im Verhältnis von 10 oder mehr zu 1 vereinfachen, wenn die Berichte statt in den verschiedenen Landessprachen nur in der allgemeinen Hilfssprache veröffentlicht wurden, und zwar derart, daß jedes Land für die Berichte über die eigenen Arbeiten Sorge trug. Hierdurch wurde nicht nur die Arbeit des Ausziehens ungemein vereinfacht, sondern das Gesamtwerk konnte bei der zehn- bis zwanzigfachen Auflage, welche hierbei Absatz fand, noch viel billiger hergestellt und jedem zugänglich gemacht werden.
Um den Gedanken praktisch zu prüfen, nahm ich das Namenregister eines Lehrbuches der Chemie vor und übersetzte alle chemischen Benennungen in Ido. Es ergaben sich nur ganz unbedeutende Schwierigkeiten; so gut wie alle Namen konnten so in Ido übertragen werden, daß jeder Chemiker sie nach einmaligem Durchlesen verstand.
Ferner bezog ich mich auf den Umstand, daß es schon allgemein üblich geworden war, die Hauptergebnisse jeder Arbeit am Schlusse zusammenzustellen. Ich schlug vor, diese Zusammenfassungen gleichfalls in Ido zu[176]  geben. Dann konnte jeder auch ohne die Sprache der Abhandlung zu kennen, doch deren Inhalt genau genug erfahren, um zu wissen, ob er sie studieren mußte. Zur Probe übersetzte ich einige solche Zusammenfassungen und konnte feststellen, daß auch Neulinge nach kurzer Anweisung sie verstehen konnten. Denn der Wörtervorrat wissenschaftlicher Abhandlungen ist verhältnismäßig klein innerhalb jeder Wissenschaft.
Alle diese einfachen und zweckmäßigen Vorschläge sind bisher unausgeführt geblieben, obwohl sie bereits auf dem Wege zur Verwirklichung waren. Dieser Weg führte über den internationalen Verband aller Chemiker der Welt, an dessen Bildung ich später eine große Arbeit gewendet habe. Er ist, wie so vieles andere, durch den Weltkrieg zerstört worden. An entsprechender Stelle wird über diese Angelegenheit berichtet werden.
Das Weltspracheamt. Einen zweiten Weg, die Weltsprache in ein tätiges Leben zu führen, versuchte ich aus der Erwägung des großen Nachteils, welchen die Angelegenheit durch den Kampf zwischen Ido und Esperanto erfuhr. Ich suchte nach einem Felde, das von diesem Kampfe frei war, indem ich in Bern 1911 eine Bewegung anregte, welche die Förderung des allgemeinen Weltsprachegedankens ohne Festlegung auf eine der vorhandenen Lösungen zum Ziel hatte. Es bestand damals eine starke und mannigfaltige Neigung zu internationaler Organisation technischer und wirtschaftlicher Belange, die bereits große Erfolge erzielt hatte, wie der Postverein, der Eisenbahnverband usw. Als Heimstätten für die Verwaltung solcher Ämter waren zwei Länder in den Vordergrund getreten: die Schweiz und Belgien. Es war nicht schwer, unter dem Antrieb, des Wettbewerbs in Bern die Neigung zu erwecken, das künftige Weltspracheamt zu beherbergen und dafür die Vorarbeiten zu übernehmen. Eine Anzahl tätiger[177]  und einflußreicher Männer traten zusammen; als Schriftführer wirkte der unermüdliche Pfarrer Schneeberger, ich hielt einen reichlich besuchten Vortrag und der Verein zur Gründung eines Weltsprachenamts wurde unter vielseitiger Zustimmung gegründet. Allerdings nicht unter einstimmiger. Denn alsbald traten einige Esperantisten auf und verlangten, daß der Verein von vornherein ihre Sprache als die einzig in Betracht kommende anerkennen solle. Sie fanden aber keinen Anklang und erklärten darauf, daß sie unsere Gesellschaft bekämpfen würden.
Der Plan war, durch ausführlich begründete Eingaben einerseits die Schweizer Regierung zu veranlassen, eine amtliche Aufforderung an die anderen Staaten zur Gründung eines vorbereitenden Studienausschusses für die Hilfssprachenfrage ergehen zu lassen, andererseits an eine Anzahl der anderen Regierungen unmittelbar mit entsprechenden Eingaben zu gehen. Um diese Geschäfte in Gang zu bringen, bedurfte es einiger Geldmittel, die ich persönlich gern stiftete.
Solche Arbeiten gedeihen bekanntlich nur sehr langsam. Auf das Verständnis dieser Fragen waren anscheinend die maßgebenden Geheimräte, denen unsere Eingaben zur Bearbeitung übergeben wurden (soweit sie überhaupt Beachtung fanden), noch weniger vorbereitet als auf andere, noch nicht alltäglich gewordene Kulturfragen; unsere Geduld wurde daher auf sehr harte Proben gestellt und wir konnten bei den Jahresversammlungen jeweils nur sehr geringe Fortschritte verzeichnen. Der Weltkrieg brachte dann unseren Verein, wie so vieles, zum Erliegen.
In jüngster Zeit ist durch den Völkerbund, auf welchem Abgeordnete aus den verschiedensten Sprachgebieten sich verständigen sollen, die Notwendigkeit einer Hebung der Sprachenwirrnis wieder in den Vordergrund[178]  getreten. Aber von den maßgebenden Männern scheint kein einziger eine Ahnung davon zu haben, daß das Problem sachlich bereits gelöst ist. So müssen wir das absurde Schauspiel beobachten, daß gleichsam der Eisenbahnzug dasteht; die Lokomotive ist geheizt, der Fahrer bereit, die Türen der Waggons sind offen, so daß die Leute nur einzusteigen brauchten, um alsbald an das Ziel geführt zu werden.
Aber sie wollen nicht, weil ihnen die Eisenbahn zu neu ist.
Das Trägheitsgesetz. Oft habe ich darüber nachgedacht, woher diese instinktive Feindschaft gegen alles Neue stammt, welche der Förderer der Menschheit bei seiner Arbeit erleben muß und deren Überwindung einen unverhältnismäßig viel größeren Aufwand kostet, als für die Entdeckung oder Erfindung des Fortschrittes selbst nötig gewesen war. Da die Erscheinung mit naturgesetzlicher Regelmäßigkeit auftritt, muß sie allgemein biologisch begründet sein. Schließlich glaube ich folgende Theorie als richtig ansehen zu dürfen.
Der Mensch stammt von niederen Lebewesen ab, die sich alle von ihm durch eine ganz bestimmte Eigenschaft unterscheiden, die beim Menschen allein im Schwinden begriffen ist. Diese Eigenschaft ist die der Beständigkeit. Weit über die geschichtlich zugänglichen Zeiten hinaus reichen die Jahrtausende zurück, während deren der Bär, der Hirsch, der Maikäfer ihre Gestalt, Lebensweise und übriges Gehaben unverändert beibehalten haben und man muß unverhältnismäßig lange Zeiträume Anspruch nehmen, um Veränderungen der Arten festzustellen. Die Beständigkeit ist also ein ganz fundamentales Erbgut auch der Menschen, das sie von ihren Vorfahren überkommen haben.
Bei den Menschen hat sich im Gegensatz dazu als späte Erwerbung die Fähigkeit der Entwicklung eingefunden.[179]  Anfangs hat es sich vermutlich nur um einen kleinen Unterschied gegen andere Arten gehandelt. Aber da diese Eigenschaft mit Selbstbeschleunigung behaftet ist – immer erfolgt der Entwicklungsaufstieg des einzelnen um so schneller, je entwickelter er bei Beginn seines Lebens war, d.h. je höheres Erbgut er von seinen Eltern mitbekommen hat –, so ist dieser Unterschied immer größer geworden. Heute ist die Entwicklung schon so schnell, daß zwischen zwei aufeinander folgenden Generationen derart große Unterschiede entstehen können, daß die eine die andere nicht mehr versteht.
Immerhin bildet das Urerbgut der Beständigkeit noch heute und auf unabsehbare Zeiten hinaus den Untergrund unserer Organisation und schlägt immer wieder durch, trotz des entwicklungsmäßigen Überbaus. Dieser ist bei der Masse, der überwältigenden Mehrzahl der Menschen noch ziemlich flach, während er bei den Förderern der Menschheit die größte Höhe erreicht, welche zurzeit überhaupt möglich ist. Auf jede ungewohnte Erschütterung, wie sie durch die Forderung eines neuen Fortschrittes bewirkt wird, antwortet daher die Masse nicht mit der Betätigung des Strebens nach Entwicklung, sondern mit der der Beständigkeit, und zwar um so kräftiger, je stärker die Erschütterung oder je weiter der Sprung des Fortschrittes ist. Und es liegt in der Natur dieses Vorganges, daß eine solche Betätigung des Urinstinkts mit derselben Schärfe erfolgt, mit welcher jederzeit sich alle Urinstinkte betätigt haben.
Das einzige Mittel, um den Fortschritt durchzusetzen, ist die geduldige und unermüdliche Wiederholung der Forderung. Der neue Gedanke wird dadurch langsam ein alter oder gewohnter und läuft gemäß dem biologischen Grundgesetz der Erinnerung oder Übung um so leichter ab, je häufiger er wiederholt worden ist.[180]
Dies ist eine Arbeit von ganz anderer Art, als die Schaffung des Gedankens selbst. Es ist daher erklärlich, daß sie vom Erfinder selbst oft nicht geleistet werden kann, der seine Kraft an der ersten Aufgabe erschöpft hatte. Aber jeder, der gewahr wird, daß solch ein unvollendeter Fortschritt der Erfüllung harrt, sollte die ethische Forderung fühlen, auch seinerseits sein Teil dazu beizutragen, daß diese Angewöhnungszeit der Menschheit verkürzt wird. Das Rohmaterial, an welchem solche Arbeit getan werden muß, findet ein Jeder in seinem Kreise.
Hat man sich so wissenschaftliche Rechenschaft gegeben von der naturgesetzlichen Notwendigkeit, mit der sich das Trägheitsgesetz auch in der geistigen Welt betätigt, dann lernt man auch den einzelnen Fall milder beurteilen. Ohne die Betätigung dieses Gesetzes würde ja die Menscheit sinn- und haltlos hin- und herschwanken, jedem Tageswind eine Beute. Gewisse Schichten, wie sie sich z.B. in den Großstädten finden, lassen etwas von solcher Beschaffenheit erkennen, nicht zum Gewinn der Kultur und nicht zur Freude ihrer Mitmenschen. Also ein gewisses Maß geistiger Trägheit (im physikalischen Sinne des Beharrungsvermögens) ist durchaus erwünscht und notwendig. Die Frage ist nur: wieviel, und über einfache Mengenunterschiede braucht man sich nicht moralisch zu entrüsten.



 Sechstes Kapitel.
Festliche Tage.










[181] Übergang. Mit einer Geschwindigkeit, als hätten die Dinge nur darauf gewartet, war mir eine Fülle neuer Betätigungen nach meinem Herzen, nämlich freiwillig und gern getane Arbeit am Kulturfortschritt nach dem Verzicht auf das akademische Amt entstanden, deren erste Fäden allerdings zum Teil noch während der Amtszeit angesponnen waren. Aber ich hätte mich keinenfalls an ihnen so weit in die Sachen selbst hineinziehen lassen können, wie das nun durch meine Freiheit ermöglicht war.
Es muß gleich bemerkt werden, daß die in den letzten Kapiteln erzählten Dinge keineswegs die einzigen derartigen waren; von den wichtigsten anderen wird hernach berichtet werden. Jedenfalls fand ich nun in Groß-Bothen meine Tage ebenso reich mit willkommener Arbeit ausgefüllt, wie seinerzeit in Dorpat, Riga und Leipzig.
Aber es war nicht Arbeit allein, was meine Tage füllte. Getreu Goethes »Zauberwort«: saure Wochen, frohe Feste wurde die Arbeit (die mir übrigens in Groß-Bothen nie sauer geworden ist) häufig genug durch Ereignisse festlicher Art unterbrochen, zu welcher jene Betätigungen Anlaß gaben. Da ich mit Goethe in der Vereinigung beider das Geheimnis dauernden Glücks sehe, so darf in einem Bericht über meinen Lebenslauf auch der zweite, kleinere Teil nicht fehlen.
[182]  Theorie der Ehre. Von Orden und Titeln, die im Verlauf meiner wissenschaftlichen Amtsjahre nach Maßgabe des Dienstalters an mich gelangten, gedenke ich nicht zu berichten. Ebensowenig von anderen Orden, die mir wegen außeramtlicher Bemühungen ins Knopfloch oder an den Hals geflogen sind. Denn diese Dinge stehen nicht in unmittelbarem Verhältnis zu den wirklichen Leistungen des Beglückten, wie ich denn selbst durch allzu freiheitliche Betätigung meiner staatsbürgerlichen Rechte als Leipziger Professor mir eine merkliche Verzögerung dieses Glanzes zugezogen hatte. Anders steht es aber mit wissenschaftlichen Ehrungen. Wenn auch hier Zufall und äußere Beziehungen eine gewisse Rolle spielen, so beruhen sie doch in der Hauptsache auf dem unmittelbaren Urteile der sachverständigen Zeitgenossen und stellen einen wirklichen Wert dar.
Es ist vielfach üblich, die Freude an solchen Dingen als Eitelkeit zu verurteilen. Mancher ausgezeichnete Forscher empfindet eine unüberwindliche Abneigung gegen den persönlichen Empfang von öffentlichem Dank und Lob und vermeidet ängstlich solche Gelegenheiten. Es gibt eben eine Lobangst, wie es eine Platzangst gibt. In den meisten Fällen aber erwecken Erlebnisse dieser Art überaus angenehme Gefühle, und ich selbst gehöre zweifellos in diese Mehrheit.
Und wenn man die Frage genauer überlegt, so wird man diese Freude wohlbegründet finden. Es liegt hier ein Fall biologischer Gesetzlichkeit vor, die man nur zu verstehen braucht, um sie anzuerkennen. Alle Lebensnotwendigkeiten müssen sich bei jedem Wesen zum Lebensglück entwickeln, wenn dieses Wesen Bestand haben soll. Ein Tier, das Abscheu vor dem Fressen hat, geht notwendig zugrunde. Und mit den Angelegenheiten der Fortpflanzung haben sich, weil sie andererseits oft schwere Opfer bedingen, ungewöhnlich[183]  starke Glücksgefühle verbinden müssen, um die Dauer der Geschlechter zu sichern.
In diese Gruppe gehört auch das Arbeitsglück, dessen biologische Entstehung unter unseren Augen erfolgt. Im ersten Buche Mosis lautet der Fluch, der über den ungehorsamen Adam ausgesprochen wird, nachdem er aus dem Paradiese des Nichtstuns vertrieben war: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! Hier wird also noch die Arbeit als das schlimmste Übel angesehen, das zur Strafe über die sündige Menschheit verhängt werden kann. Mich selbst und Millionen der Besten mit mir hätte umgekehrt kein härterer Fluch treffen können, als wenn man die Arbeit und ihr Glück aus unserem Leben fortgenommen hätte. Noch heute können wir bei Wilden und Barbaren beobachten, daß sie bezüglich der Arbeit ganz auf dem biblischen Standpunkt stehen. Und auch die unentwickelteren Angehörigen der Europäischen Kultur haben sich über diesen Standpunkt nicht wesentlich erhoben. Aber je höher der Einzelne innerlich und sozial entwickelt ist, um so stärker ist bei ihm die Fähigkeit zum Arbeitsglück vorhanden. Und man kann nicht ganz die Frage unterdrücken, wie die Menschen künftig einmal dies Bedürfnis befriedigen werden, wenn der Fortschritt der Technik die notwendigen Arbeiten zunehmend vermindern wird. Voraussichtlich wird auch hier die Wissenschaft hilfreich eintreten, deren Aufgaben unerschöpflich sind. Und für die Anderen bleibt das Spiel (im weitesten Sinne) übrig.
Zu den Lebensnotwendigkeiten, die als Lebensglück empfunden werden, gehört nun auch die soziale Anerkennung durch den Kreis der Menschen, innerhalb dessen sich das Leben des Einzelnen abspielt oder die Ehre im weitesten Sinne. Wenn man das angestrengte Leben einer Dame der Gesellschaft beobachtet, welche die gesellschaftlichen Verpflichtungen als so imperative[184]  Forderungen empfindet, daß sie ihnen Ruhe und Behagen, große Stücke von Mutter- und Eheglück und noch manches andere ohne Zögern opfert, so muß man fragen, welches wohl die übermäßige Gewalt sein mag, die solche starke und weitverbreitete Wirkungen hervorbringt. Ich habe nichts entdecken können, als das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Auf welchem Felde diese gesucht wird, hängt natürlich von der geistigen und ethischen Höhe des einzelnen Menschen, sehr stark ferner von der Umwelt ab, in der er sich befindet, oder die er aufsucht. Zweifellos aber handelt es sich um einen der stärksten Triebe, von denen die heutige Menschheit bewegt wird.
Daß die soziale Anerkennung oder die Ehre eine Lebensnotwendigkeit ist, braucht nicht im einzelnen dargelegt zu werden. Unser ganzes Dasein ist auf Funktionsteilung aufgebaut und die erste Voraussetzung für Leben und Gedeihen jeder Zelle in dem verwickelten Organismus der Gesellschaft ist, daß sie ihren Lebensraum zwischen den anderen Zellen findet und von ihnen nicht unterdrückt, sondern mindestens auf dem Fuße der Gleichheit womöglich aber besonders gut behandelt wird. So ist es denn auch natürlichp, ja unvermeidlich, daß diese Notwendigkeit sich zum Lebensglück entwickelt, so wunderliche Formen das Streben nach diesem auch annehmen mag. Denn von Wunderlichkeiten sind auch Arbeit, Liebe und Hunger, die anderen großen Elemente der Lebensfreude keineswegs frei. Namentlich die Liebe nicht. Vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt ist das Bedürfnis der Ehre und das Glück darüber in der Dreiheit Hunger, Liebe und Ehre das letzte und daher das oberste Glied. Das erste und niedrigste Bedürfnis und Glück ist die Befriedigung des Hungers, denn sie bezieht sich unmittelbar auf das Einzelwesen. Die Liebe steht eine Stufe höher, denn sie hat bereits das Dasein der Gattung zum Zweck. Zur Entwicklung der Ehre[185]  gehört aber mehr als der Einzelne und seine Nachkommen, denn sie ist ein Erzeugnis der gesellschaftlichen Verbindung einer Anzahl Einzelwesen und Familien. Tatsächlich findet sich das Bedürfnis nach sozialer Auszeichnung alsbald ein, nachdem die Gruppenbildung sich vollzogen hat, so daß sie auch bei primitiven Völkern nicht fehlt.
Was die Arbeit anlangt, so muß sie als ein Seitenzweig der Kultur angesehen werden, der sich dort entwickelt hat, wo nicht wie auf gewissen Tropeninseln die Natur dem Menschen seine Bedürfnisse ohne Arbeit liefert. Demgemäß wächst die Arbeitsnotwendigkeit und daher auch das Arbeitsglück mit der geographischen Breite. Die Tropenbewohner haben am wenigsten davon und selbst in verhältnismäßig kleinen Gebieten ist die nördliche Bevölkerung arbeitslustiger, als die südliche, wie man dies beim Vergleich der Süd- und Norddeutschen, der Süd- und Norditaliener, der Engländer und Schotten beobachten kann.
Und so will ich auch mir selbst die Rückblicksfreude nicht versagen, über Anerkennungen von sachverständiger Seite zu berichten, wie ich das schon früher reichlich getan habe. Vielleicht dient die vorausgegangene theoretische Erläuterung und das nachfolgende Beispiel dazu, bei diesem und jenem Schicksals- und Freudengenossen die inneren Widerstände gegen die Hingabe an solche Glücksgefühle zu beseitigen, falls er sich bisher durch das übliche Falschurteil darüber in ihrem Genusse hat stören lassen.
Natürlich ist eine solche allgemeine und tiefbegründete Sache auch von mannigfaltiger praktischer Bedeutung. Um nur ein Beispiel zu geben: wenn ich unter dem Schreiben dieses dritten Bandes fürchte, bei der Erörterung trockenerer Dinge nüchtern und langweilig zu werden, so blättere ich in der Sammlung freundlicher[186]  Urteile über die beiden ersten Bände, die ich der Sorgfalt meines Verlegers verdanke, und gewinne daraus regelmäßig eine solche Erheiterung, daß deren Schimmer alsbald auf mein Schreibpapier fällt und auch auf den Inhalt ein bischen Sonne gelangen läßt.
Auf Liebigs Spuren. An der neuen Universität in Liverpool war ein neues Institut für physikalische Chemie gegründet und einem meiner früheren Schüler zur Verwaltung anvertraut worden. Zur Eröffnung der Anstalt wurde ich eingeladen, und um mich zur Reise williger zu machen (was kaum nötig war), wurde mitgeteilt, daß die Universität mich bei dieser Gelegenheit zum Ehrendoktor zu promovieren wünsche.
Die Mittel zur Errichtung des Instituts waren von einem reichen Industriellen namens Muspratt hergegeben worden, der mir auch gastfreundliche Aufnahme in seinem Hause anbot. Ich nahm beide Einladungen gern an.
Der Name Muspratt ist in Deutschland wohl bekannt durch ein ausführliches Lehrbuch der technischen Chemie, das um 1854 erschienen war. Es war in Englischer Sprache geschrieben und schilderte fast nur Englische Methoden. Da aber damals die chemische Großindustrie fast allein dort ausgeübt wurde, war es vollständig genug. Deutsch wurde es alsbald von F. Stohmann herausgegeben, der später in Leipzig mein Kollege wurde und von diesem zu einem ausgedehnten Sammelwerk entwickelt, dem die älteren Chemiker ihre technische Bildung verdankten. Muspratt war in Gießen Liebigs Schüler gewesen, gründete dann eine Chemieschule in Liverpool, die er auch leitete und entwickelte gleichzeitig eine erfolgreiche Fabrikation von Schwefelsäure, Soda und Chlorkalk.
Als Liebig daran ging, die Ergebnisse seiner Entdeckungen über die unorganischen Nährstoffe der Pflanzen[187]  wirtschaftlich durch Herstellung eines Mineraldüngers zu verwerten (Kunstmist nannten ihn die Holländer in ihrer drolligen Sprache), zeigte sich Muspratt willig, die Herstellung im Großen zu unternehmen. Liebig hat deshalb wiederholt bei Muspratt gewohnt. Dieser war 1871 gestorben und der Stifter des neuen Instituts war sein Sohn, der in seinem prachtvollen Hause außerhalb der Stadt pietätvoll die Andenken an den großen Freund seines Vaters aufbewahrte. Er zeigte Neigung, sein Verhältnis zu mir ähnlich aufzufassen und kam mir in wärmster Weise entgegen.
Er war ein magerer, etwas kränklich aussehender Mann, dessen Gesicht und Gebahren viel mehr an den Gelehrten gemahnte, als an den Großindustriellen. An seiner Person trieb er keinen Luxus. Er war unausgesetzt tätig, soweit ihm dies seine Kräfte erlaubten: ein weiteres Beispiel für jene erfreulichen Reichen, die es sich sauer werden lassen, reich zu sein. Mit den mir geläufigen Typen des Engländers hatte er keine Ähnlichkeit; am ehesten noch mit W. Ramsay. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen und habe ihn auch bei späterer Anwesenheit in England besucht. Er war vielleicht zehn Jahre älter als ich. Seine Frau war schwer beweglich und machte einen gütig-liebevollen Eindruck.
Die Promotion war auf den Jahrestag der Universität gelegt worden, der festlich begangen wurde; außer mir wurden noch einige Andere promoviert. Die Handlung vollzog sich ganz ähnlich, wie ich sie in Cambridge erfahren hatte. Auch damals waren auf der Galerie des Saals zahlreiche Studenten versammelt; sie hatten sich aber still verhalten. Hier beteiligten sie sich sehr hörbar an der Feier, indem sie die unten vorgenommenen Handlungen mit lauten Zurufen begleiteten. Man erklärte mir, das sei ein altes Studentenrecht und es bestehe ein großer Ehrgeiz, wer die witzigsten Schnödigkeiten zu[188]  sagen wisse. Meine Person war ihnen wohl zu unbekannt für diese Übung; sie begnügten sich, mein Erscheinen vor dem Rektor zu beklatschen.
Von den zahlreichen Bekanntschaften, die ich machte, erinnere ich mich genauer an Colin Roß, den Erforscher der Malaria. Er legte mir dar, daß die blonden nordischen Rassen der Ansteckung viel stärker ausgesetzt seien, als die dunkelhaarigen Südländer und erklärte daraus den Niedergang sowohl der Griechen wie der Römer im Altertum. Die eigentlichen geistigen Führer seien blonde Langköpfe gewesen, die in vorgeschichtlicher Zeit ähnlich den Normannen von Norden her das Land erobert und die dunklen Einwohner unterworfen hätten. Diese Geschlechter seien aber im Laufe der Zeit durch Malaria vermindert und zum Aussterben gebracht worden, und übrig geblieben seien nur die Abkömmlinge der dunklen Ureinwohner sowie spätere dunkle Zugezogene, die weder zur Schaffung noch zur Aufrechterhaltung der Kultur fähig gewesen seien.
Um mir eine Anschauung von der Englischen chemischen Industrie zu geben, wurde ich nach Widnes geführt, einem in der Nähe belegenen Fabrikort, der so schwarz und schmutzig aussah, wie man sich das kaum vorstellen kann; es war außerdem ein trüber Tag voll Nebel. Die Anlagen, in denen Soda nach Leblanc hergestellt wurde, muteten mich merkwürdig vertraut an. Schließlich entdeckte ich, daß es die Bilder waren, die ich aus dem Lehrbuch der Chemie von Roscoe mir schon vor vielen Jahren eingeprägt hatte. Was ich sah, waren die Originale jener Bilder; die Einrichtungen hatten sich in den letzten zwanzig Jahren anscheinend nicht geändert. Auf meine Frage gab man mir die Auskunft, daß tatsächlich die alten Betriebe gegenüber der Solvay-Soda unrentabel geworden seien, doch würden sie aus kaufmännischen Gründen noch aufrecht erhalten. Ich[189]  empfand hier den Gegensatz zwischen dem fortschrittlichen Deutschland und dem konservativen England sehr deutlich.

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Aberdeen. Eine ähnliche Veranlassung führte mich nach der im Norden Schottlands belegenen Universität Aberdeen. Hier fand eine Feier der Begründung der eigentlichen Universität vor 50 Jahren aus den zwei bis dahin unverbunden gewesenen Colleges statt, wobei wieder eine Anzahl Ehrendoktoren kreiert wurden. Mir war zur Abwechslung statt des Doktors der (Natur-) Wissenschaften der juristische zugedacht. Die Schwesteruniversitäten auf dem Kontinent waren reichlich eingeladen worden, und ich hatte meinen Spaß an der kuriosen mittelalterlichen Aufmachung, in welcher die Kollegen von der Sorbonne (Paris) erschienen.
Sehr lehrreich war aus der Geschichte der Universität folgendes Ereignis: Bei der Vereinigung der bisherigen zwei Colleges wurden notwendig eine Anzahl Professoren abgebaut, um Doppelbesetzungen zu vermeiden. Unter denen, welche damals als entbehrlich entfernt wurden, befand sich auch der junge J.C. Maxwell, der bald hernach sich als einer der größten Physiker Englands und seiner Zeit erweisen sollte.
Zur Erhöhung des Glanzes der Feier hatte auch der König Edward VII. sein Erscheinen zugesagt. Zu seinem Empfang war eine Ehrenpforte aufgebaut und die Straße war reich geschmückt. So prangte auch mit Riesenbuchstaben ein Plakat: Willkommen dem König und der Königin. Im letzten Augenblick bemerkte man, daß es auf dem Gitter eines kleinen Kirchhofs angebracht war.
Um das Königspaar zu sehen, wurden die Gäste in einem großen Hof versammelt, der von einer Estrade begrenzt war. Hier erschienen beide Majestäten und ihnen wurde ein vielfach verkrüppelter Mann entgegengetragen.[190]  Er hatte unter Opferung seiner Glieder eine Anzahl Menschen aus Todesgefahr gerettet und der König heftete ihm persönlich die Ehrenmedaille dafür an. Eine Feierlichkeit, die zur Universität in näherer Beziehung stand, wurde nicht vorgenommen, wenigstens wurden wir zu keiner hinzugezogen. Auch hier konnte ich einen starken Gegensatz zu Deutschland erkennen: Wissenschaft stand dort bei den maßgebenden Regierungsmännern sehr niedrig im Kurse, während sie bei uns hoch geehrt wird, wie es recht ist.
Eine Fahrt auf ein schönes Landgut in der Nähe zeigte uns schottisches Leben. Es gab allerlei Erinnerungen an Walter Scott und wir konnten einen nationalen Schwertertanz bewundern, der von einigen Schotten in ihrer alten Tracht zum Dudelsack getanzt wurde. Schon vorher waren wir bei einem Festessen mit diesem Nationalinstrument bekannt gemacht worden und hatten erkennen können, daß es den Erzeugern ausgezeichnet gelungen war, ihm einen so lauten Ton zu geben, daß er auch durch das heftigste Schlachtgetümmel (natürlich in der Zeit vor dem Schießpulver) hörbar bleiben konnte.
Bei dieser Gelegenheit traf ich auch einige Vertreter der Universität Toronto in Kanada. Sie überreichten mir das Doktordiplom ihrer Anstalt und den seidenen Bettelsack (hood) in ihren Farben und teilten mir mit, daß ausnahmsweise mein früherer Besuch (II, 406) als Äquivalentfür den persönlichen Empfang der Promotion angerechnet worden sei. Da es sich wieder in erster Linie um eine Anerkennung für die erfolgreiche Einführung der physikalischen Chemie an jener Universität durch zwei meiner Schüler handelte, so nahm ich die Auszeichnung mit freudigem Dank entgegen.
Genf. Wiederum eine Ehrenpromotion führte mich 1909 nach Genf, wo gleichfalls eine Jahrhundertfeier[191]  (350 Jahre) stattfand. Hier war Freund Ph. A. Guye die treibende Kraft gewesen. Ich hatte die Stadt und den schönen See noch nicht gesehen und ging gern dahin. Ohnedies hatte ich noch eine andere Beziehung, die ich gern aus dem Brieflichen in das Persönliche übersetzen wollte. Bei meinem Studien über die großen Männer war ich auf einen Vorgänger von größter Bedeutung gestoßen, Alphonse de Candolle von Genf. Ich hatte sein Buch darüber ins Deutsche übersetzt und als zweiten Band der Reihe »Große Männer« herausgegeben, die inzwischen um eine Anzahl weiterer Bände vermehrt worden ist. Um die Erlaubnis dazu hatte ich mich an seinen Sohn Casimir de Candolle gewendet, der die Tradition der Familie, die schon zwei sehr hervorragende Botaniker hervorgebracht hatte, fortsetzte und das wissenschaftliche Erbe gewissenhaftest verwaltete. Er war gern einverstanden gewesen und hatte auf jede Entschädigung verzichtet.
Als ich ihn in seiner Wohnung aufsuchte, fand ich einen ziemlich alten, kleinen, mageren Herrn mit blassem Gesicht und Haar, anscheinend von kränklicher Natur, doch lebhaft und überaus freundlich und entgegenkommend. Auch die vierte Generation war durch einen erwachsenen Sohn vertreten, der dem Vater ähnlich sah. Sie wohnten in dem alten Familienhause am Petersplatz und zeigten mir ein Fenster, welches ein Ahne ganz gegen die architektonische Symmetrie hatte anbringen lassen, um rechtzeitig zu erkennen, wann die unruhigen Genfer wieder einmal Revolution machten.
Das ganze Haus war in den Dienst des vom Großvater Augustin-Pyramus de Candolle begründeten Herbariums mit zugehöriger Bücherei gestellt worden und der jedesmalige Besitzer sah es als seine Pflicht an, es als einen Mittelpunkt der beschreibenden Botanik zu erhalten. Es stand jedem Wissenschafter offen, der die vorhandenen[192]  Forschungsmittel für seine Arbeit benutzen wollte. Mit aufrichtigem Denk für reiche Belehrung schied ich von diesem lebendigen Stück Wissenschaftsgeschichte.
Natürlich besuchte ich auch Guye und sah mir sein Laboratorium an, das ganz eigenartig war. Es wurden dort Atomgewichtsbestimmungen mit Hilfe von Gaswägungen gemacht: ein äußerst schwieriges Verfahren, das in diesem Maßstabe sonst nirgend ausgeführt wurde und unter Guyes geschickten Händen sehr gute Resultate gab.
Vom Promotionsakt ist mir nichts im Gedächtnis geblieben. Vermutlich beschränkte er sich auf die feierliche Verkündigung der Ernennungen in der Festsitzung.
An dem schönen Ufer sah ich nahe beieinander die Rousseauinsel, welche dem Andenken jenes hochbegabten aber krankhaften Mannes gewidmet ist, und das pompöse Denkmal des Herzogs von Braunschweig, eines üblen Lumpen, der die seinerzeit durch den Verkauf der Braunschweigischen Untertanen aufgehäuften Millionen der Stadt Genf unter der Bedingung vermacht hatte, daß ihm an schönster Stelle jenes Denkmal errichtet wurde. Die Stadt hat die Bedingung erfüllt und die Millionen geerbt.
Gern benutzte ich die Gelegenheit, den Dank für die erfahrene Ehrung dadurch abzustatten, daß ich in der Universität auf amtlichen Wunsch einen Vortrag hielt. Als Gegenstand diente mir das Problem der großen Männer, und ich durfte ohne Schmeichelei den Genfern allerlei Gutes im Zusammenhange mit dem Thema nachrühmen, da sie den Artikel in verhältnismäßig großer Zahl erzeugt hatten, namentlich in früheren Zeiten, wie ich damals nicht hinzufügte.
Stockholm. Als höchste wissenschaftliche Auszeichnung, die ich erhalten habe, muß ich den Nobelpreis nennen. Er ist wohl auch die höchste überhaupt, da die[193]  Anzahl der Ernennungen in jedem Fache auf jährlich eine beschränkte ist und zuweilen noch darunter bleibt, wenn der Preis nicht erteilt wird, was in letzter Zeit mehrfach geschehen ist.
Bekanntlich beruht die Einrichtung auf einer Stiftung der Erfinders des Dynamits, Alfred Nobel, der sein ganzes sehr bedeutendes Vermögen für Preisverteilungen zur Förderung der physikalischen, chemischen und medizinischen Wissenschaft bestimmt hatte; ein vierter Preis gilt denen, die erfolgreich um die Förderung des Weltfriedens bemüht gewesen waren und ein fünfter bezieht sich auf literarische Werke. Zufolge juristischer Schwierigkeiten konnte die Anordnung nur etwa zur Hälfte ausgeführt werden. Doch war der für die Stiftung verbleibende Anteil immer noch so groß, daß nach Abzug der Kosten für Verwaltung und andere Arbeiten jedem Preisträger eine Summe von rund 140000 Mark zufällt.
Die Preisverteilung wird mit großer Sorgfalt bearbeitet. Die Vorschläge gehen von den früheren Preisträgern, den Mitgliedern der schwedischen Akademien, einer Anzahl hervorragender Institutionen und einzelnen ausgezeichneten Personen aus, die hierzu besonders eingeladen werden. Sie werden durch besondere ständige Ausschüsse bearbeitet, die ihre Ergebnisse der Stockholmer Akademie der Wissenschaften, der Akademie für Literatur und dem Norwegischen Storthing vorlegen, welche die Wahlen zu bewerkstelligen haben. Alljährlich am 10. Dezember, dem Todestage A. Nobels, findet die feierliche Verteilung der Preise durch den König von Schweden statt.
Mir war der Preis im Jahre 1909 für meine Forschungen über Katalyse (II, 258) zuerkannt worden. In einer Besprechung der Bedingungen, von denen die Schnelligkeit und Stärke wissenschaftlicher Erfolge abhängt,[194]  hatte ich auf das große Mißverhältnis hingewiesen, das oft zwischen dem inneren Wert der Leistung und dem Betrag allgemeiner Anerkennung besteht, mit dem sie aufgenommen wird. Zunächst ist es einleuchtend; daß je mehr eine Entdeckung oder Erfindung ihrer Zeit voraus ist, um so länger sie auf Anerkennung warten muß. Denn diese kann ja nicht eher erfolgen, als nachdem die Zeit bis zu jenem vorausgenommenen Punkt nachgerückt ist. Hierbei besteht noch ein weiterer Unterschied darin, ob es sich um ein altes oder ein neues Problem handelt. Liegt der Fortschritt in einem geläufigen Gedankenkreis, so kann er leicht aufgenommen werden, und umgekehrt. Endlich hängt noch sehr viel von der Verfügung über den Lieferanten der öffentlichen Meinung, die Tagespresse, ab. Je nachdem der Entdecker einem Kreise angehört, der diese zu beeinflussen vermag, oder nicht, entstehen die stärksten Verschiedenheiten. Einerseits vermag sie auch ganz abstrakte und unzugängliche Fortschritte durch Anheftung eines Schlagwortes populär zu machen, andererseits kann sie in ärgster Weise hemmend gegen Dinge wirken, die mit Ansichten im Widerspruch stehen, welche zurzeit als »selbstverständlich« betrachtet werden. In Deutschland macht sich außerdem die Knechtseligkeit allem Ausländischem gegenüber geltend, die trotz unserer schweren Erfahrungen eher schlimmer geworden ist, als besser. Die albernsten »wissenschaftlichen« Nachrichten werden vom Ausland bereitwillig übernommen und finden weiteste Verbreitung, während ein regelmäßiger Pressedienst über Deutsche Leistungen anscheinend sich noch immer nicht finanziell lohnt.
Aber auch innerhalb der Wissenschaft kann man Unterschiede beobachten, die mehr gefühlsmäßig als sachlich begründet sind. Ich werde oft an die Verachtung meiner alten Lehrer Schmidt und Lemberg gegen[195]  das Bücherschreiben erinnert, wenn ich beobachte, wie sehr viel schwerer sich eine begriffliche Entdeckung durchsetzt, als die Entdeckung einer konkreten Einzeltatsache. Dies liegt zunächst daran, daß der zweite Fall so sehr viel leichter zu beurteilen ist, als der erste. Ob ein neues Ding neue unerwartete Eigenschaften hat, wie der Entdecker angibt, ist bald geprüft. Sehr schwer ist dagegen zu erkennen, ob ein neuer Begriff neue, wesentliche Leistungen ermöglicht, was sein Anspruch auf Wert und Bedeutung ist. Denn solche Anwendungen sind ja erst zu machen und zu erproben.
Diese Überlegungen drängen sich mir auf, wenn ich an die Schicksale der Katalyse denke, deren begriffliche Erfassung (II, 261) meine selbständigste und folgenreichste chemische Leistung ist. Ich habe schon erwähnt, daß erst auf Grund der Erkenntnis, daß das Wesen der Katalyse in der Beschleunigung eines chemischen Vorganges durch die Anwesenheit eines Stoffes besteht, der nicht als Bestandteil der Produkte des Vorganges erscheint, die wissenschaftliche Beherrschung dieses Gebietes möglich und wirklich geworden ist. Eine Unzahl katalytischer Vorgänge waren bis dahin bekannt gewesen, da man kaum chemisch experimentieren kann, ohne auf solche zu stoßen, sogar ausgedehnte technische Anwendungen hatten sie erfahren, wie die Schwefelsäurebildung durch Stickstoffoxyde bei der gewöhnlichen Herstellung dieser Säure, aber niemand war imstande, sich ihrer bewußt zu bedienen. Die chemischen Vorgänge der Lebewesen werden überall katalytisch (durch Enzyme) geregelt: das war nur ein Geheimnis mehr zu den vielen Geheimnissen des Lebens. Erst nachdem man sie als Beschleunigung an sich möglicher Vorgänge zu betrachten gelernt hatte, wußte man, wo und wie man sie zum Zweck wissenschaftlicher Erforschung anzufassen hatte. Heute arbeitet die technische und physiologische Chemie bewußt mit diesem[196]  Begriff und das Ergebnis ist eine unübersehbar große Erweiterung unseres Wissens und Könnens.
Aber da so wenig Menschen gewohnt sind, mit Begriffen zu arbeiten – sie benutzen an ihrer Stelle Anschauungen – sind so wenige fähig, den praktischen Erfolg einer solchen Begriffsbildung zu sehen, auch wenn er ihnen vor Augen gehalten wird.
So erklärt sich, daß u.a. seitens der Deutschen chemischen Gesellschaft vor wenigen Jahren eine Vortragsreihe über Katalyse veranstaltet wurde, ohne daß man jener begrifflichen Grundlegung überhaupt gedachte.
Man kann sich daher denken, in wie hohem Maße ich erfreut war, als ich im November 1909 aus Stockholm die Nachricht erhielt, mir sei der chemische Nobelpreis für meine Forschungen über Katalyse erteilt worden.
Amtlich wird der Plan festgehalten, daß erst am 10. Dezember die erfolgten Nennungen bekannt gemacht werden dürfen. Da die Preisträger sich auf die Reise nach Stockholm vorbereiten müssen, wird ihnen die Mitteilung etwa vier Wochen früher unter dem Siegel der Verschwiegenheit gemacht, welches wohl auch meist gewahrt wird. Da aber bei dem Vorgang eine ganze Menge Kanzleiarbeit nötig ist, erwies es sich immer als schwierig, das Geheimnis völlig zu wahren. Zu meiner Zeit bemühte man sich noch sehr darum. Die Zeitungen, welche die Nachricht sobald wie möglich zu bringen bestrebt waren, hatten daher nur zweifelhafte Quellen und brachten auch nicht selten irrtümliche Namen. Inzwischen hat es sich wohl als zweckmäßiger herausgestellt, unter der Hand richtige Mitteilungen ausgehen zu lassen, um irrtümlich genannten Personen solche Peinlichkeiten zu ersparen. Denn es handelt sich ja in jedem Falle um hervorragende Menschen. Ich hatte in jenen vier Wochen bis zur Reise nach Stockholm einige Geschicklichkeit nötig, um der Schweigepflicht zu genügen, ohne zu lügen.[197]


Endlich kam der Tag der Abreise; meine Frau begleitete mich. In Stockholm konnte ich zahlreiche Freunde begrüßen, die ich bei meinen wiederholten Besuchen der schönen Stadt seit dem Jahre 1885 kennen gelernt hatte. Gastfreundschaft erwies uns Freund Arrhenius, der als Leiter eines neuerbauten Nobelinstituts für physikalische Chemie die Dauerform seines Daseins gefunden hatte, zumal er glücklich verheiratet war. Die Anstalt war etwas außerhalb der Stadt an landschaftlich reizvoller Stelle gelegen und bestand aus einem wohlgebauten Wohnhaus und damit verbundenem Laboratoriumsbau, wo bequem eine kleine Anzahl freiwilliger Mitarbeiter untergebracht werden konnte. Lehrverpflichtungen oder andere Einschränkungen seiner wissenschaftlichen Freiheit waren mit der Stellung nicht verbunden – kurz, es war alles vorhanden, was ein dauernd glückliches Dasein sicherte. So hat es sich denn auch bis heute bewährt.
Meine Genossen bei der diesjährigen Preisverteilung waren Marconi und F. Braun (I, 262), die den Physikpreis für ihre Arbeiten über drahtlose Telegraphie gemeinsam erhielten. Eben klingt von meinem Lautsprecher gute Musik in mein Schreiben hinein und ich denke daran, daß ich diese Bereicherung meines ländlichen Daseins jenen Männern mitverdanke, welche die wissenschaftlichen und praktischen Grundlagen des Rundfunks geschaffen haben. Je kleiner der Anteil des Tages wird, den mit ernster Arbeit auszufüllen meine Kräfte reichen, um so wertvoller wird mir dieses Mittel, die leeren Stunden ohne Stumpfsinn zu füllen.
Den medizinischen Preis empfing der Schweizer Kocher für seine grundlegenden Untersuchungen über Kropf und Basedowkrankheit. Mir bereitete es eine besondere Freude, aus seinen Darlegungen zu ersehen, daß es sich auch in diesem Falle um das Wechselspiel[198]  entgegengesetzter Katalysatoren handelt, von denen der eine die von der Schilddrüse aus geregelten Vorgänge beschleunigt, der andere verzögert, und durch deren wohlbemessene Gegenwirkung der Organismus die richtige Geschwindigkeit einstellen kann. Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß hier ein ganz allgemeines Prinzip gefunden war, nach welchem der Organismus einen großen Teil seiner physiologischen Angelegenheiten regelt.
Der Literaturpreis war der schwedischen Dichterin Selma Lagerlöf zuerkannt worden. Wie es schon fast die Regel geworden war, erwies sich auch diesmal der Anteil der Deutschen Wissenschaft als der stärkste.
Die Feste begannen mit der feierlichen Überreichung der Urkunden und Denkmünzen an die Preisträger in Gegenwart des Hofes und des ganzen geistigen Stockholm. Über jeden einzelnen wird von einem Mitglied des Nobelausschusses eine Rede gehalten, leider in Schwedischer Sprache, so daß der Gepriesene gleichsam vor dem vollen Glase sitzt und nicht daraus trinken kann. Doch wird ihm wenigstens zum Schluß in seiner Muttersprache ein kurzer Auszug aus der Rede mitgeteilt; dann empfängt er Urkunde und Denkmünze aus den Händen des Königs.
Am Abend geht es zum Festessen, auf welchem wieder jeder Erwählte einzeln gepriesen wird, doch in mehr heiterer Form, worauf er sein Danksprüchlein sagen darf. In den folgenden Tagen haben die Preisträger je einen Vortrag zu halten, welcher sich auf den Gegenstand des Preises bezieht. Dazwischen ist königliche Tafel im Schloß, wonach der König sich mit den Preisträgern unterhält. Die höfischen Vorgänge vollziehen sich ohne Steifheit, da ja das Schwedische Königtum mit mehr als einem Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist.
Insgesamt zählten diese Festtage zu den angenehmsten und heitersten, die ich erlebt habe.
[199]  München. Zu meinen erfreulichen Festen, die regelmäßig in jedem Jahre wiederkehrten, gehörten die Versammlungen des Vorstandes und der Mitglieder des Deutschen Museums in München. Sie brachten mich regelmäßig in Berührung mit den besten unter den schöpferischen und organisatorischen Köpfen Deutschlands, und zwar im Rahmen einer heiteren, künstlerisch gehobenen Geselligkeit, welche die persönliche Annäherung erleichterte und jeden einzelnen veranlaßte, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Da es sich außerdem um eine wichtige Angelegenheit unserer Kultur handelt, so wird eine ausführlichere Darstellung willkommen sein.
Als die elektrochemische Gesellschaft 1897 in München jene folgenreiche Tagung abhielt, von der ich früher (II, 241) erzählt habe, trat ich meinem chemischen Kollegen an der Münchener technischen Hochschule, Wilhelm von Miller, näher, da er mir mit größter Herzlichkeit entgegenkam. Er hatte, wohl beeinflußt durch seinen Bruder Oskar von Miller, einen der Führer der damals aufblühenden Elektrotechnik, sich schon seit Jahren eifrig mit Elektrochemie beschäftigt, wobei er sich durch den chaotischen Zustand dieses Gebietes, den er vorfand, sehr behindert gefühlt hatte. Deshalb war ihm die gute Ordnung, in der ich dank den jüngsten Fortschritten der Wissenschaft die Elektrochemie in der zweiten Auflage meines Lehrbuches darstellen konnte, eine Erlösung und er übertrug die entsprechenden Gefühle auf den Verfasser.
Oskar von Miller. Seinem Einfluß war es zu verdanken, daß auch sein Bruder Oskar sich um die Organisation der Versammlung bemüht und ihr zu ihrem großen Erfolg verholfen hatte. Hierdurch trat ich in ein dauerndes persönliches Verhältnis zu diesem ausgezeichneten Manne, das ich zu den wertvollsten Bestandteilen meines Lebens rechnen darf.[200]
Die Brüder von Miller waren Abkömmlinge eines alten und hervorragenden Münchener Geschlechtes; ihr Vater war der berühmte Erzgießer Ferdinand von Miller gewesen. Oskar hatte, als ich ihn kennen lernte, bereits eine glänzende Laufbahn als Elektrotechniker und Organisator hinter sich und fühlte, wie er mir später erzählte, ein wachsendes Bedürfnis, über den wesentlich von wirtschaftlichen Faktoren bestimmten technischen Beruf hinaus zu einem höheren Lebensinhalt zu gelangen. Daraus entstand in ihm der Plan zu seinem großen Lebenswerk, dem Deutschen Museum. Er sprach darüber mit mir und fand bereitwillige und warme Resonanz, so daß er mich bald in die Arbeiten einführte, durch welche der Gedanke in die Wirklichkeit übersetzt werden sollte.
Mir war der Plan, auf solche Weise das noch vielfach mangelnde technische Denken im Deutschen Volke, vor allem in der Deutschen Jugend zu entwickeln und zu stärken, überaus willkommen. Denn die Leipziger Verhältnisse hatten mich schon erkennen lassen, welch unerwartet großen Anteil die Scholastik, das Wissen um des Wissens willen, ohne Rücksicht auf seinen Wert, an unseren höchsten Lehranstalten einnimmt, und es war nicht schwer, in dieser Scholastik die Quelle vielfacher Übel und Rückständigkeiten in unserem Kulturbetrieb zu erkennen. Andererseits hatten die Erfahrungen an meinen Söhnen mich von der unvergleichlichen erziehlichen Kraft praktischer Wissenschaft überzeugt, soweit ich es noch nicht durch meine eigene Entwicklung war. So nahm ich mit Freude und Hingabe teil an der Entstehung dieser Unternehmung, von der außer dem Urheber wohl niemand vorausgesehen hat, zu welchen riesenhaften Abmessungen es sich ausgestalten würde.
Oskar von Miller war, als ich ihn kennen lernte, etwa 50 Jahre alt (er ist zwei Jahre jünger als ich). Von etwas über mittlerer Größe und kräftigem Körperbau[201]  hatte er ein rotes Gesicht, umgeben von reichlichem, tiefschwarzem etwas krausen Haar- und Bartwuchs, mit dicken schwarzen Augenbrauen und vorstehenden schwarzen Augen. Das Gesicht war etwas aufgetrieben und erweckte die Vorstellung eines beständig unter höchstem Druck stehenden Dampfkessels, wie denn die unbändige Energie, ohne die er sein Werk nicht hätte vollbringen können, in seinem Wesen deutlich zum Ausdruck kam. Doch verhinderte der sehr ausgeprägte Münchener Humor durchaus den Eindruck des Fanatikers, den er sonst vielleicht mit den stark entwickelten roten Adern im Weiß seiner Augen hätte erwecken können. Er gab sich dem Augenblicke restlos hin, mochte es sich um Arbeit oder Freude handeln und spottete gelegentlich über meine Nachdenklichkeit: »wenn Ostwald eine Maß Bier trinken will, so muß er sich erst über die Beziehung dieses Ereignisses zur Weltordnung klar werden«.
Die Jahresversammlungen. Dem Verhältnis zum Deutschen Museum und seinem Schöpfer verdanke ich eine Fülle persönlicher Freude und Förderung. Es findet alljährlich eine Versammlung des Vorstandes, der Mitglieder und Freunde des Museums statt, bei welcher der geschäftliche Teil mit dem geselligen in glücklichster Weise verbunden wird. Der Kreis war in den ersten Jahren noch klein, doch von ausgezeichneter Zusammensetzung, denn neben Miller bildeten Karl Linde, der Erfinder der Luftverflüssigung und der Mathematiker Dyck den Vorstand. Dazu kamen die nahen Beziehungen Millers zum bayrischen Königshause; Prinz Ludwig der Sohn des Prinzregenten Luitpold, war ein regelmäßiger Teilnehmer an den Versammlungen und ein unermüdlicher Förderer des Museums, dessen Bedeutung für München, Bayern und Deutschland er mit Sicherheit voraussah. Auch als er nach dem Tode seines Vaters König wurde, blieb seine Teilnahme unverändert rege.[202]
Mit ungewöhnlich großem organisatorischem Geschick verstand Miller in wenigen Jahren, alles, was es in Deutschland an schöpferisch tätigen Köpfen gab, in den Dienst des Museums zu stellen, so daß es bald als eine besondere Auszeichnung angesehen wurde, zu dem wissenschaftlichen Vortrag auf der Jahresversammlung eingeladen zu werden. Ich selbst mußte mir leider die Ehre entgehen lassen, einen der ersten Vorträge in dieser Reihe zu halten, zu welchem Miller mich aufgefordert hatte, denn der Zeitpunkt fiel mit einer Reise nach Amerika zusammen, und ich mußte den schon übernommenen Auftrag zurückgeben. An meiner Stelle hielt van't Hoff eine Rede, die einigermaßen enttäuschte. Er hatte in seiner Gewissenhaftigkeit die ähnlichen, wenn auch unter engeren Gesichtspunkten organisierten Anstalten in Leiden, London und Paris aufgesucht, und was er dort gesehen hatte, gab ihm wenig Hoffnung auf eine erhebliche Wirksamkeit der Deutschen Unternehmung, was er auch zum Ausdruck brachte. Hierbei hatte er den persönlichen Faktor unterschätzt, der den sehr viel größeren Erfolg des Deutschen Museums bewirkt hat.
Durch die Anwesenheit fast aller führenden Männer des tätigen Lebens unter Ausschluß des scholastischen Ballastes, der sonst auf den Sinn und Gehalt anderer Veranstaltungen zu drücken pflegt, wurden mir die Münchener Jahresversammlungen zu geistigen Festtagen, denen ich mit Verlangen entgegensah und an die ich mit Freude zurückdachte. Denn eine solche Gelegenheit, alle gescheiten Leute Deutschlands anzutreffen und mit ihnen in einer Atmosphäre heiterer Geselligkeit und geistiger Regsamkeit zutraulich und zwanglos zu verkehren, gab es sonst nicht.
Graf Zeppelin. Eine der interessantesten derartigen Begegnungen war die mit dem Grafen Zeppelin, den[203]  ich früher einmal in einer für ihn besonders schweren Zeit gesehen hatte (II, 297). Mit seiner überlegenen Politik hatte Miller es fertig gebracht, die führenden Männer des damaligen Luftschiffwesens, insbesondere Zeppelin und Parseval, zwischen denen etwas gespannte Beziehungen entstanden waren, nicht nur gelegentlich einer Jahresversammlung zusammenzubringen, sondern die zwischen ihnen bestehenden Reibungen soweit zu glätten, daß sie freundlich miteinander verkehrten und sich gemeinschaftlich den Anderen zeigten, die dies mit endlosem Jubel begrüßten. Dann wurden diese Männer stundenlang von jungen Damen um gemeinsame Unterschriften auf Postkarten geplagt, die selig waren, persönlich ein solches Friedenssymbol zu besitzen.
Die Festlichkeiten pflegten mit einem Abendempfang beim Prinzen, nachmals König Ludwig zu schließen; von dort begab sich eine kleine Anzahl in die Künstlerkneipe Allotria, um die Festtage auf gut Münchnerisch beim Bier ausklingen zu lassen. Zufällig fand ich meinen Sitz neben dem Grafen Zeppelin und wandte mich an ihn mit der Bitte, mir zu erzählen, wie er auf den Gedanken gekommen war, seine hohe militärische Stellung mit der dornenvollen eines Deutschen Erfinders zu vertauschen. Es sei erinnert, daß er zu Beginn des Krieges von 1870/71 als junger Reiterleutnant durch sein ebenso geschicktes wie verwegenes Verhalten mit wenigen Leuten das Vordringen der Französischen Vorhut in die Pfalz so lange aufzuhalten gewußt hatte, bis die Deutsche Armee vorgerückt war. Er erhielt die wohlverdiente Auszeichnung, rückte schnell bis zum kommandierenden General auf und nahm dann verhältnismäßig jung plötzlich seinen Abschied. Ich fügte entschuldigend hinzu, daß mich nicht leere Neugier treibe, sondern daß ich mit wissenschaftlichen Untersuchungen über den Werdegang großer Männer beschäftigt sei und deshalb authentisches[204]  Material aus seinem eigenen Munde für mich einen sehr großen Wert habe.
Graf Zeppelin errötete und lehnte durchaus ab, in diese Klasse eingerechnet zu werden. Als ich bat, in dieser Frage meine Einordnung gelten zu lassen, da mir der fragliche Begriff einen ganz bestimmten, methodischen Inhalt darstelle, gab er nach, indem er mich verpflichtete, von seiner Mitteilung vor seinem Tode nichts an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. Diese Bedingung übernahm ich (und habe sie auch streng eingehalten), worauf er mir folgendes erzählte.
Für die Ausbildung und Entwicklung seiner Waffe, der Reiterei, hatte der Graf neuartige Gedanken unter Zustimmung des Generalstabs in dem von ihm kommandierten Teil der Armee eingeführt. In der Durchführung dieser Pläne wurde er mehrfach empfindlich durch das unvorhergesehene Eingreifen des Kaisers bei den großen Manövern gestört, der seine Neigung zu glänzenden Schaustellungen auf Kosten des Manöverplans betätigte. Der Graf sah darin eine so schwere Verkennung des Ernstes seiner Aufgabe, daß er es auf einen Konflikt ankommen ließ, der mit seinem Entlassungsgesuch mitten aus der Arbeit endete.
Er sah sich in voller Manneskraft genötigt, einen neuen Lebensinhalt zu finden, und besann sich auf das Interesse, welches er in seinen jungen Jahren für die Frage eines lenkbaren Luftschiffes gehegt hatte. Auf meine Zwischenfrage, wie er bei der üblichen Erziehung der Deutschen Jugend, bei welcher technische Ideale keine Rolle spielen, zu solchen Gedanken gekommen sei, schaltete er erklärend ein, daß er glücklicherweise niemals Schüler eines Lateingymnasiums gewesen war. Er hatte den größten Teil seines Schulunterrichts zu Hause durch Privatlehrer erhalten und dann nach dem Abiturium an einem Realgymnasium einige Semester auf einer[205]  technischen Hochschule (Stuttgart, wenn ich mich recht erinnere) zugebracht, bevor er die militärische Laufbahn einschlug. Während dieser Studienjahre hatten ihn verschiedene technische Aufgaben lebhaft beschäftigt, am lebhaftesten aber das lenkbare Luftschiff. Und so war es eine alte Jugendliebe, zu der er nun zurückkehrte. Schließlich müsse er dem Kaiser fast dankbar sein, daß er ihn in das neue Arbeitsgebiet gezwungen hatte.
Bekanntlich hatte Graf Zeppelin seinen ersten großen Überlandflug von Friedrichshafen in der Richtung auf Berlin unternommen. Unterwegs waren zahlreiche telegraphische Nachrichten über die ungestörte Erledigung der Reise nach Berlin gelangt und der Kaiser hatte sich mit großem Gefolge auf dem voraussichtlichen Landeplatz eingefunden, um den Grafen zu begrüßen. Dieser aber landete in Bitterfeld, eine oder zwei Stunden vor Berlin und trat von dort aus alsbald die Heimreise an. Die Erklärungen, welche die Tagespresse über die technische Notwendigkeit dieser Landung verbreitete, klangen lahm und befriedigten niemand, doch wurde die Sache unter Stillschweigen begraben.
Zufällig befand ich mich an jenem denkwürdigen Tage in Weimar und saß allein im Freien, mit Gedanken an Goethe beschäftigt. Ein unbekanntes Geräusch in der Höhe ließ mich aufsehen und ich erblickte zum ersten Male in meinem Leben das gelenkte Luftschiff über mir. Goethes unsterbliche Verse kamen mir in den Sinn:


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Doch ist es einem jeden eingeboren,
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, in blauem Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt,
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen
Der Kranich nach der Heimat strebt.[206]
An dieser Stelle hat er resigniert geklagt: Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen, und nun, nach hundert Jahren sah ich mit meinen Augen den Dichtertraum erfüllt. Und nicht der Künstler hatte die Erfüllung gebracht, sondern der Techniker.
Gipfelmenschen. Von den vielen anderen bedeutenden Männern, die ich bei diesen Gelegenheiten kennen lernte, will ich nur noch einige nennen.
Sehr sympathisch war mir Rudolf Diesel, der Erfinder des nach ihm benannten grundwichtigen Motors. Er war von zierlich-eleganter Gestalt unter Mittelgröße, hatte ein lebhaftes, hübsches Gesicht, kleines Schnurrbärtchen und kurzes dunkles Haar; im Verkehr gab er sich zutraulich und heiter. Mir war er dadurch besonders interessant, daß er seine Erfindung völlig bewußt gemacht hatte. Die Anregung hatte er aus seinen Studienjahren an der Technischen Hochschule mitgebracht, wo ihn die Darlegung des zweiten Hauptsatzes gefesselt hatte, aus der er entnahm, daß der Nutzwert eines Motors um so größer wird, je höher die obere Temperatur des Kreislaufs ist. Er hatte sich alsbald vorgenommen, einen Verbrennungsmotor mit möglichst hoher Anfangstemperatur zu gestalten. Als er hernach in die Lage kam, eine Versuchsmaschine nach seinen Plänen zu bauen, mußte er sie lange Zeit durch einen Hilfsmotor drehen, weil die Verbrennung nicht richtig einsetzen und die Maschine keine Arbeit leisten wollte. Nach unsäglichen Mühen und unzähligen Abänderungen, welche Diesels Geduld auf das äußerste in Anspruch nahmen, bemerkte einmal der bedienende Arbeiter, daß der Riemen, welcher beide Maschinen verband, nicht mehr auf der oberen Seite gespannt war, wo er Arbeit von dem Helfer auf den »Diesel« übertrug, sondern auf der Unterseite: der Diesel zog endlich selbst und gab Arbeit aus! Schweigend[207]  nahm er seine Mütze ab und wies dem Erfinder die erste Verwirklichung seines Gedankens. Hernach war die Ausarbeitung eine verhältnismäßig leichtere Angelegenheit.
Diesel war lebhaft an sozialen Fragen interessiert und wir hatten wiederholt Gespräche, die von dort ausgingen und mannigfaltige Wege nahmen. Ich hatte ihn lieb gewonnen und sein rätselhafter Tod im Kanal auf einer Fahrt nach England war mir ein empfindlicher Verlust.
Eine ganz andere Persönlichkeit war Emil von Behring, der Entdecker des Diphterieserums. Er war durch seine Entdeckung über Nacht sehr reich und berühmt geworden und hat es wohl in der ersten Zeit hernach etwas an Selbstbeherrschung in seiner neuen Lage fehlen lassen. Als ich ihn kennen lernte, gab er mir zu erkennen, daß jene Dinge für ihn längst abgetan seien. Ihn beschäftigten neue, grundsätzliche Gedanken zur Biologie und Heilkunde, für die er nach einem sachgemäßen Ausdruck suchte, ohne ihn zu seiner Befriedigung finden zu können. Er schien das Vertrauen zu haben, daß ich ihm dabei behilflich sein könnte, schickte mir seine letzten Schriften und redete mich bei unserem nächsten Zusammentreffen auf ihren Inhalt an. Ich fürchte, daß ich ihm die gewünschte Hilfe nur sehr unvollkommen habe zukommen lassen können, denn es war mir nicht gelungen, den Kern herauszuschälen.
Der persönliche Eindruck war der eines Mannes, der eine ungeheure Anstrengung überstanden hatte und sich nachher noch nicht ganz zusammenfinden kann. Er sprach nervös und aufgeregt, beruhigte sich aber zusehends, wenn man ihn längere Zeit nicht unterbrach.
Eine bemerkenswerte Mischung in seinem geistigen Aufbau zeigte der Generaldirektor der Kontinentalen Gasanstalten (Dessau) W. von Öchelhäuser. Er war einerseits ein sehr erfolgreicher Techniker, Organisator[208]  und Geschäftsmann, andererseits ein feingebildeter Liebhaber der Kunst und Literatur mit ausgeprägt klassischen Neigungen und einer fast lyrischen Empfindungsfähigkeit für ästhetische Werte, die auch in seiner äußeren Erscheinung und seiner Sprache sich auswirkte. Trotz meiner gegensätzlichen Einstellung in dieser Beziehung gefiel er mir gut, da seine Begeisterungen ehrlich und keineswegs oberflächlich waren. Tatsächlich war er einer der sehr wenigen Menschen solcher Geistesrichtung, an denen ich eine ungetrübte Freude empfand und wir haben manche angeregte Stunde gemeinsam oder im kleinsten Kreis zugebracht. Sein hochentwickeltes technisches Denken schützte ihn offenbar gegen das leere Gerede, dem die Anhänger dieser Geistesrichtung so leicht verfallen.
Das letztemal habe ich ihn in Berlin gesehen, wo wir mit dem Leiter der Borsigwerke, Krause, einem typischen Berliner von der guten Sorte gemeinsam zu Mittag aßen. Es war im vierten Kriegsjahr und das Essen war knapp; auch drückte die schwindende Hoffnung eines günstigen Ausganges auf unsere Stimmung. Doch klangen die drei so sehr ungleichen Instrumente dieses Trios, denen nur die Gewohnheit weiter Horizonte gemeinsam war, bald so gut zusammen, daß wir nach zwei heiteren Stunden nur zögernd und ungern uns wieder dem grauen Tag ausliefern mochten.
Mit Georg Hirth, dem Begründer der »Jugend«, hatte ich mehrfache Beziehungen. Er hatte als erster den Gedanken ausgesprochen, daß es neben der erblichen Belastung auch eine vererbbare Steigerung gibt, daß also jeder geistige und körperliche Fortschritt, den der Einzelne an sich entwickelt, seinen Nachkommen den Weg aufwärts erleichtert. Meinem entschlossenen Optimismus war dieser Gedanke höchst willkommen; ich hatte mich in solchem Sinne mit Hirth ausgesprochen und ihm auch öffentlich Anerkennung bezeugt.[209]
Sehr unbequem wurde mir aber das Verhältnis, als er irgendwie auf mein altes Steckenpferd, die Lehre von den freien Ionen geraten war und auf Grund wissenschaftlich unzulänglicher Ansichten diesen ungeheure biologische Kräfte zuschrieb. Er veröffentlichte darüber mehrere Drucksachen, die er mir schickte und wünschte, daß ich ihn in der Verbreitung seiner vermeintlichen Entdeckungen mit meinem Einfluß unterstützen sollte. Es kostete mir nicht geringe Mühe, dies abzulehnen, ohne ihn zu verletzten, was ich jedenfalls vermeiden wollte. Denn ich schätzte ihn aufrichtig wegen des ungeheuren Umfanges seiner Arbeiten zur Geschichte der angewandten Kunst, die ihn nicht, wie die meisten Kunsthistoriker, unfähig gemacht hatte, das gesunde Kunstleben unserer Zeit zu verstehen und zu fördern.
Zur Zeit unserer Bekanntschaft stand er sichtlich schon am Ende seiner Laufbahn. Er hatte ein gutgeschnittenes, etwas breites Gesicht mit reichlichem aufrechtstehendem eisgrauem Haar, vollem wagerechtem Schnurrbart und lebendigen Zügen. Aber sein etwas beleibter Körper war schon ziemlich schwer beweglich geworden und er bedurfte einer Stütze beim Gehen. Auch geistig machte er einen übermüdeten oder erschöpftunruhigen Eindruck. Er ist nach wenigen Jahren gestorben.
Mit dem hervorragenden Architekten Gabriel von Seidl, der die Pläne zum Museum geschaffen hat, war ich oft zusammen. Er war ein richtiges Münchener Kind, voll lebhaften Humors und die heimische Sprechweise nicht verleugnend. Von Wuchs war er klein und mager, mit weißem Haar und Schnurrbart. Wie fast alle Menschen, die mit dem Auge arbeiten, fand er die Worte zum Ausdruck seines Schauens nur schwer. Dieser Gegensatz zu meiner Beanlagung hat ein näheres Verhältnis verhindert, trotz des guten Willens, den wir beiderseits dazu mitbrachten.[210]
Besonders gern gedenke ich der Gelegenheit, welche die Versammlungen mir zum Verkehr mit Karl Linde, dem Erfinder der Luftverflüssigung und Schöpfer der darauf beruhenden sehr ausgedehnten Industrie verschafften. Er erwies sich unter Mittelgröße, mit braunem, schlichten Haar und Bart und von ungemein anspruchslos freundlichem Verhalten im Verkehr, so daß man ihn unversehens lieb gewann. Um die Entwicklung des Museums hat er sich sehr erhebliche Verdienste erworben.
Als dicken und gewichtigen Schlußpunkt dieser Reihe setze ich den damals allmächtigen Prälaten und Zentrumsführer Daller her, neben dem ich einmal zufällig zu sitzen kam. Offenbar kannte er meinen Namen nicht, denn er unterhielt sich würdevoll-zutraulich mit mir. Es war eben für das Museum das riesige Modell eines modernen Walzwerkes gestiftet worden, und der Erklärer hatte auf die Reihen der Walzen hingewiesen, die nacheinander das Formstück bearbeiten, bis es beim Verlassen dieser »Walzenstraße« als wohlgestaltete Schiene ausgestoßen wird. Daller bemerkte dazu: ich verstehe den Mann nicht. Er hat immer wieder Walzenstraße gesagt und es heißt doch Straßenwalze!
Der sechzigste Geburtstag. Es ist freundlich von den Menschen, daß sie in dem Maße, als die Lebenslinie sich zum Nullpunkt senkt, Gelegenheit nehmen, dem Betroffenen den abnehmenden Lebensmut aufzufrischen. Während mein fünfzigster Geburtstag unbemerkt von allen, ja fast von mir selbst im Eisenbahnwagen zwischen San Franzisko und Chicago verlaufen war, wurde aus dem sechzigsten eine große Sache gemacht.
Im Vordergrunde stand dabei der Monistenbund. Noch war der Glanz der Hamburger Tage nicht verblaßt, über welche im folgenden Kapitel berichtet werden wird, und die mancherlei Betätigungen, mit denen ich das[211]  Dasein des Bundes lebendig zu machen mich bemühte, hatten noch nicht einen offenen Widerspruch hervorgerufen. Aber vielleicht bestand doch schon ein halb unterbewußtes Vorgefühl, daß solchen heiteren Zeiten niemals Dauer beschieden ist und daß hier und da schon die Spalten knackten, die sich hernach zu Rissen erweiterten. In solchen Zeiten zeigen sich viele Wohlmeinende besonders beflissen, sich und Andere zu überreden, daß Alles in schönster Ordnung ist und allezeit sein wird.
Ich hatte eingewilligt, mich keiner Operation zu widersetzen, welche meine Familie und meine Freunde mit mir vornehmen würden und so hatten sie freie Hand.
Am Morgen wurde ich durch ein Streichquartett geweckt. Haydns op. 76, Nr. 4, B-dur, der »Sonnenaufgang«, wo die erste Geige gleich anfangs mitten im B-dur-Dreiklang so prachtvoll mit e einsetzt, brachte mir zahllose glückliche Stunden seit meinen Studentenjahren lebendig in das Bewußtsein und leitete den Tag ein, der durchgängig vom schönsten Frühherbstwetter (Anfang September) begünstigt war.
Ich trat meinen gewohnten Morgenspaziergang an, brauchte aber diesmal viel längere Zeit, ihn zurückzulegen. Denn immer wieder waren neben dem Wege Tafeln an den Bäumen befestigt, auf denen die mancherlei Stationen oder vielmehr Wege meines Lebens in Versen dargestellt waren, die von meinem ältesten Sohne herrührten. Weil sie tatsächlich die besten Gefühle und Gedanken ausdrücken, die mich dabei beschäftigt und beglückt hatten, lasse ich sie folgen. Eindringlicher wurden sie gemacht durch mannigfaltige symbolische Zeichnungen von der Hand meiner ältesten Tochter. Wie man bemerken wird, hat Arno Holz bei der Form der Verse Pate gestanden.[212]
1. Feuerwerk.

Lasset die feuhrigen Bomben erschallen!
Laßt die erschröcklichen Böller knallen!
Knattert ihr Frösche, kracht ihr Rakehten,
Zu feuhrigen Sträußen, zu Feuerbeehten!
Sollt wie vor fünfzig (nicht sechzig!) Jahren
Uhngemein stolz in die Lüfte fahren,
Als wärt ihr sälbstgemacht vom Papa!
Biff, baff, bummh, sch-sch-sch-knattrattatah!

2. Liebe.

Helengen hieß das lihbe Mädgen
Das ihn umbspann mit Zauberfädgen.
Wie ist ein Forscher gut geborgen,
Nimbt ihm sein Weib des All-Tags Sorgen.
Und nichts ist für ein Weib so schön,
Als in den Embach für ihn zu gehn.
»Nun lief nicht unsere Lebensbahn
Auch sambft und glücklich, lihber Hahn?«

3. Musik.

Spürst Du einmal in Dihr Disharmonie
Nimmb ein Fagott gleich zwischen Deine Knie!
Du wirst mit seinen schluchzenden – ohhh!!! – Tönen
Dich mit Dir sälbst, Dich mit der Welt versöhnen!
Viel schöner aus dem Götterrohr, als auf der Leier,
Erbebt ein wortlos Lied, späziell von Mendelmeier.

4. Chemie.

O Chymia, edle Wissenschaft,
Dir gab ich meine beste Kraft!
Hab neue Wege für dich gefunden,
Hab dich mit der Physik verbunden.[213]
Half dir, o Physikochemie
Hinauf mit Kunst und Energie!
Du wuchsest empor mit des Wildquells Gewalt,
Ich gab dir in meinem Lehrbuch Gestalt.
Was hab ich dir nicht noch geschenkt!
Für dich gedacht, geschrieben, gelenkt,
Gelehrt, gesprochen, organisiert,
Wie viele Schüler dir zugeführt!
Die Kunde von den freien Ionen
Ich schickte sie in die fernsten Zonen.
Ja, und die Zeitschrift, das Institut!
Wie reich war dies Leben, wie voll, wie gut!

Und dann die große »Elektrochemie«,
Die »Anorganische Chemie«.
»Verbindungen und Elemente«,
»Prinzipien« (wer die kapieren könnte!)
»Die Schule« dann für Jedermann,
Draus beinah ein Schafskopf Chemie lernen kann.
Der »Kleine Ostwald«, der »Werdegang«,
O je, wie ist die Liste lang!
»Grundlagen der Analysis«
Und nicht zuletzt Katalysis,
Et caetera, et caetera –
Ja, Wandrer, stehst verwundert da! –

Und mußte doch Dich lassen stahn,
Mußt meine Wege weitergahn.
Komm, Wandrer, neige dich mit mir
Und mach ein Reveränzgen IHR!

5. Malerei.

Kannst du nicht mehr weiter wandern,
Duht zu weh dihr dein Capet,[214]
Ei, so greifst du zu was anderm,
Courtesier Calliope!
Nimmbst darumb ein Hasenpfötgen
Und ein Bastehll-Dreierbrötgen:
Damit wirst du deine Qualen

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Ganz und gar heruntermalen.

6. Philosophie.

Ich liebte dich, Philosophie,
Und machte dich wieder jung;
Ich schenkte dir die »Energie«,
Gab neue Frische, gab Schwung!
Blies manchen Gipfel übern Hauf,
Doch baute ich auch neue auf.
Drum Wandrer, eile weiter,
Auch du energisch und heiter.

7. Internationalismus.

Ich bin ein Internazionalist.
Du weißt gewiß nicht, Wandrer, was das ist!
Ein Internazi ist ein solcher Mann,
So wo's nicht gibt auf dem Balkan.
Weltsprache, Weltrecht und Weltgeld,
Das ist, was diesem Mann gefällt.
Weltfrieden, Weltformat, Weltformelzeichen,
Auch das sucht solch ein Nazi zu erreichen.
Philatelie, das ist ein Graus vor ihm;
Dafür ist er mit Berta1 sehr intim.

8. Technik.

O Technik und o Industrie,
Mit euch, da gehts man weiß nie wie.
Ihr seid dazwischen stachlig anzufassen[215]
Und Schlaf und Nerven muß man an euch lassen!
Jenun – auch Igel singen zeitweis Liebeslieder
Und auch Kakteen blühen hin und wieder.

9. Monismus.

Monismus, das ist ein Handwerkszeug
Zur Beherrschung der Welt in und um euch. –
Du dachtest wohl, er sei ein Ruhekissen,
Gemacht zu dogmatischen Schlummergenüssen?
Nein, Wandrer, fest sollst du die Pflugschar ergreifen
Und immer von neuem blitz-blank sie schleifen!

10. Die Brücke.

Von Inseln, zueinander fremd und fern gelegen,
Da führen Brücken jetzt in schönen, schlanken Bögen.
Noch immer baust Du Brücken als beschwerte nie
Des Alters Last den Rücken, der so viel schon trug,
Und jede Brücke ist ein Denkmal Deinem Spruch:
»Vergeude keine Energie, verwerte  sie«!
So schenktest Du der Welt Brücken in reicher Lese
Und Deine schönste Kraft, es ist  die der Synthese!

Die rätselhaften letzten Zeilen im Gedicht 2 beziehen sich auf einen alten, aus Dorpat stammenden Familienscherz, der hier nicht erklärt zu werden braucht.
So ergab dieser Morgenspaziergang einen Spaziergang durch mein ganzes bisheriges Leben. Ich war nie ein Erinnerungsmensch gewesen, denn ich hatte täglich so viel Neues vor mir, daß mir zu Rückblicken keine Zeit blieb, am wenigsten zu gefühlvollen. Aber an diesem Tage ließ ich mich doch gern von liebe- und verständnisvoller Hand durch die alten und neuen Wege leiten und konnte mich dabei dessen erfreuen, daß auch in Zukunft, wenn ich nirgend mehr selbst Hand anlegen konnte, die[216]  Arbeit nicht verloren sein, sondern den kommenden Zeiten gemäß fortgesetzt werden würde.
Fünf Kinder, davon drei verheiratet und fünf Enkel sicherten neben der geistigen auch die leibliche Nachfolge. Sie waren alle zu diesem Tage um mich versammelt und erfreuten mich mit einer Fülle von Gaben.
Dann begann der Besuch von auswärts hereinzuströmen. Hauptsächlich aus dem Monistenbunde. Dieser hatte in erster Morgenfrühe einen Erinnerungsbaum pflanzen lassen, als ein lebendiges Zeichen seiner Anhänglichkeit. Er ist einige Jahre später trotz aller Pflege eingegangen.
Die österreichischen Monisten hatten eine Festschrift hergestellt. Ein Jahr vorher hatte ich auf der Durchreise die Wiener Monisten besucht und die Ortsgruppe dem Tode nahe gefunden. Einige durchgreifende Personaländerungen hatten sie dann zu einer unserer tätigsten und erfolgreichsten Gruppen umgewandelt und sie hatte in dieser ausdrucksvollen Weise ihren Dank ausgesprochen. Die Schrift enthielt Beiträge von Rudolf Wegscheider, Ernst Haeckel, Friedrich Jodl, Paul Kammerer, Wilhelm Exner und Rudolf Goldscheid, die sich gegenseitig überboten hatten, das Freundlichste über mich zu sagen, was sich noch einigermaßen mit der Wahrheit vertragen wollte, wobei sie den Eindruck der Aufrichtigkeit durch gelegentliche freundschaftliche Hinweise auf Punkte abweichender Meinung noch bedeutend verstärkten. Wenn ich einer gemütlichen Auffrischung bedarf, so bin ich sicher, sie beim Blättern in diesem liebevollen Büchlein zu finden.
Am Nachmittag vollzog ich durch einen Redeakt die Aufnahme meiner beiden jüngsten Enkel in die monistische Gemeinschaft.
In der Erinnerungsschrift an diesen Tag, welche für die Familie und die nächsten Freunde gedruckt wurde,[217]  findet sich die Nachricht, daß ich bereits angefangen hatte, mich mit der Aufgabe der Messung und Ordnung der Farben zu beschäftigen.
Der siebzigste Geburtstag. Der Herbst 1923 fiel in die Zeit schneller Entwertung der deutschen Mark, welche unsere Ersparnisse zerstörte, das Leben schwierig, die Zukunft bedenklich und die Stimmung trübe machte. Trotzdem wurde der Tag für mich um so mehr zu einem Feste, weil er viel einfacher verlief, als der sechzigste Geburtstag zehn Jahre früher.
Am Abend vorher wurden wir, meine Frau und ich, ersucht, uns ans offene Fenster zu stellen. Ferner Gesang ließ sich hören, der immer näher kam: ein Dutzend kräftige Jungen aus der Leipziger Oberrealschule, die drei meiner Enkel besuchten, sangen unter der Führung ihres Kantors. Der Chor war ausgezeichnet; er steht in erfolgreichem Wettbewerb mit dem altberühmten Thomanerchor. Sie stellten sich singend unter dem Fenster auf, ebenso wie meine Söhne und Töchter. Diese erzählten später, es sei wie ein Bild von Spitzweg gewesen: das alte Paar im hellen Fenster, draußen die dunklen Gestalten und darüber ein klarer Sternhimmel. Ein Lied nach dem anderen erklang; am schönsten war »In stiller Nacht« von Brahms.
Am anderen Morgen, es war Sonntag, ging die Sonne strahlend auf und der ganze Tag blieb schön: große weiße Wolken auf reinblauem Himmel, welche fliegende Schatten über die Landschaft führten. Wir wurden durch einen Gesang des Knabenchors geweckt und als ich den gewohnten Morgenrundgang antreten wollte, wurde meine Frau veranlaßt, sich mir anzuschließen, was sonst nicht geschah. Aus den Büschen vor der Tür grüßte uns wieder Gesang und wie wir langsam weiter gingen, klang uns neuer Gesang von unerwarteten Orten entgegen. Die Jungen waren vorausgelaufen und hatten neue Aufstellungen[218]  genommen. Besonders wirksam klang aus der Halle des alten Steinbruchs, der den Park nach Westen abschließt, Mendelssohns O Täler weit, o Höhen.
Dann besuchten mich die Jungen im Laboratorium und wurden mit Tuschkästen und Buntpapierheften nach der Farbenlehre beschenkt. Den größeren zeigte ich einige von meinen Arbeiten. Sie dankten durch Wiederholung des Brahmsliedes und zogen fröhlich ab, nachdem sie von den Frauensleuten gehörig abgefüttert waren.
Meine fünf Kinder nebst Ehegatten waren sämtlich gekommen, ebenso die auf neun vermehrten Enkelkinder, darunter nur zwei Mädel. Wir, die Großeltern, wurden in die Mitte gesetzt, an den Wänden ordnete sich die zweite Generation und die neun Enkelkinder, in die acht Hauptfarben plus Weiß gekleidet, zogen nacheinander auf, ein Steckenpferd reitend, das durch Aussehen und Ausstattung eines von meinen Arbeitsgebieten darzustellen hatte. Nach einem gemeinsamen Chor führte jedes einzelne sein Steckenpferd vor und sang einen zugehörigen Vers mit klarer Stimme und richtig; sie sind wirklich alle genügend musikalisch. Nur das letzte, das kleine fünfjährige Gretelein mußte erbärmlich weinen. Der Dichter hatte ihr zufolge der gesetzmäßigen Anordnung seines Werks kein Steckenpferd zugeteilt und sie empfand dies als eine ganz unverdiente Zurücksetzung und ließ sich nur langsam trösten.
Inzwischen hatten Briefträger und Boten allerlei Festgrüße und -gaben abgegeben. Auch waren mit der Eisenbahn einige alte Freunde von der Universität und auch Professor Bodenstein von Berlin angekommen, der durch lange Jahre mein Assistent gewesen war. Das ergab eine Anzahl Grüße und Ansprachen: Leipziger Akademie, Bunsen-Gesellschaft, Verein deutscher Chemiker usw. Die früheren Schüler hatten ein Album mit[219]  ihren Bildnissen gestiftet. Besonders hat mir dabei die Bemerkung des Vertreters der Chemischen Gesellschaft gefallen, daß sie sich den Wunsch der würdevollen Altersruhe, otium cum dignitate, für meinen neunzigsten Geburtstag vorbehalte. In meiner Antwort bemühte ich mich, nach angemessener Aussprache meiner dankbaren Gefühle, die Würde dieses Vorganges etwas ins Heitere zu leiten. Ich erzählte, daß heute die erste Gratulantin die Hauskatze Mia gewesen war, die den Tag besonders ausgezeichnet hatte, indem sie nicht weniger als sechs zierliche Kätzchen zur Welt gebracht hatte. Es sollten aber wie immer nur zwei aufgezogen werden.
Nach dem Essen nahmen sich meine Söhne und Töchter der Gäste an, die sich im Garten und Wald ergingen, während wir ein Ruhestündchen hielten. Heitere Gruppen beim Kaffee im Grünen begrüßten uns, um sich bald darauf zu verabschieden. Die Familienangehörigen blieben zurück, um die mannigfaltigen Briefe, Telegramme und Festaufsätze zu lesen. Der Abend schloß stimmungsvoll mit einigen Gesängen für drei Frauenstimmen, die mein ältester Sohn gedichtet und vertont hatte. Sie wurden von seiner Frau, deren Schwester und Nichte gesungen, die sie wiederholen mußten. Denn sie waren im Sinne der neuen Tonkunst geschaffen und mir deshalb nicht unmittelbar zugänglich. So wies auch dieser künstlerische Schluß des schönen Tages sinngemäß in die Zukunft.
Auch in anderem Sinne regte der Tag Zukunftsgedanken an. Meine drei Söhne hatten, jeder in seinem Beruf bis zum Übermaß beschäftigt, sich lange nicht gleichzeitig gesehen und fanden bei dieser Zusammenkunft, daß ihre Arbeiten sich noch enger zusammenordnen ließen, als dies bisher geschehen war. Mir aber wurde klar, daß in diesen Zeiten, wo das bisherige Vertrauen in den Verband des Staates und der Gemeinde[220]  schwer erschüttert war, wir die Familie als den Urzusammenhang, als einen Verband empfanden, innerhalb dessen Jeder sich auf den Anderen unbegrenzt verlassen darf. Wir bildeten zusammen eine Gemeinde von zwanzig Köpfen, darunter mehrere recht gute, und durften darauf rechnen, aneinander Halt zu finden, wenn die größeren Gruppen versagten. Ich hatte eben die sehr günstigen Erfahrungen hinter mir, die ich während einer längeren Zeit durch tägliche Besprechungen mit meinem zweiten Sohn Walter hatte machen können, dem ich mancherlei Arbeitshilfe verdankte, die er mir unter erheblichen Opfern von Zeit und Kraft geleistet hatte.
Amtliche Glückwünsche waren nicht gekommen. Wohl aber war der Oberbürgermeister Dr. Hübschmann von Chemnitz persönlich erschienen, um mir den Dank der dortigen Industrie für die Förderung auszusprechen, die sie durch die Farbenlehre erfahren hatte. Dort war durch den von mir sehr hoch geschätzten führenden Farbchemiker Professor Ristenpart ein Mittelpunkt der Arbeit und Lehre geschaffen worden, der bei weitem am vollständigsten meine Bestrebungen verwirklicht, durch die Anwendung der Wissenschaft zur Erzeugung von Edelgütern mitzuwirken.
Inzwischen hat das Deutsche Volk trotz seiner mangelhaften, durch das unsinnige Prinzip der Listenwahlen im engsten Parteiwesen festgehaltenen Regierung seinen Wiederaufstieg begonnen und darf ein zunehmendes Vertrauen in seine innere Gesundheit beanspruchen.
1 von Suttner.




 Siebentes Kapitel.
Der Monistenbund.










[221] Ernst Haeckel. Um Weihnachten 1910 erhielt ich von Ernst Haeckel einen Brief mit der Bitte, ihn in Leipzig zu besuchen, wo er im Hause seines Schwiegersohns weilte. Ich hatte ihn bisher nicht persönlich kennen gelernt. Wohl hatte ich vor einer Reihe von Jahren versucht, ihn in Jena zu sehen, wo ich mich zufällig befand; ich wurde aber nicht empfangen. Später konnte ich nach dem Datum feststellen, daß es gerade die Zeit war, wo er seine »Welträtsel« schrieb und sich gegen jedermann unbedingt abgesperrt hatte.
Meine innere Einstellung zu Haeckel war etwas zwiespältig. Mit der allgemeinen Richtung seines Denkens war ich einverstanden, mit vielen Einzelheiten aber nicht. Insbesondere fand ich seine Handhabung physikalischer Begriffe und Gesetze vielfach bedenklich, da sie manche Mängel seiner Bildung auf diesem Felde erkennen ließ. In einzelnen Bücherberichten in den »Annalen« hatte ich dies auch zum Ausdruck gebracht. Auf der anderen Seite fühlte ich mich heftig abgestoßen durch die Kampfart, welche seine Gegner gegen ihn benutzten, und zwar nicht nur Geistliche, sondern auch Kollegen, d.h. andere Professoren, und ich war deshalb geneigt, ihm gegebenenfalls zu helfen.
Von seinem persönlichen Wesen hatte ich mir nach seinen Schriften die Vorstellung eines ziemlich wilden[222]  Draufgängers gemacht und erwartete ein entsprechendes Verhalten.
Haeckels Aussehen mit dem vollen weißen Haar und Bart ist aus vielen und weit verbreiteten Bildern wohlbekannt, so daß ich es nicht zu beschreiben brauche. Er hielt seine hohe Gestalt trotz der 75 Jahre noch kräftig aufrecht.
Völlig überrascht war ich durch die im besten Sinne kindlich zu nennende Güte und Freundlichkeit seines Wesens. Von selbstbewußtem Geltendmachen des außerordentlich umfassenden Einflusses, den er auf seine Zeitgenossen ausgeübt hat, war nicht die geringste Spur vorhanden; er gab sich eher schüchtern und bescheiden. Die bekannten Schilderungen der Persönlichkeit Darwins, seines wissenschaftlichen Ideals, passen ebensogut auf Haeckel.
Das Anliegen, welches ihn zu seiner Einladung veranlaßt hatte, war sein Wunsch, ich möchte die Leitung des 1906 von ihm gestifteten Monistenbundes übernehmen. Dieser hatte inzwischen mancherlei Schicksale erfahren und war durch verschiedene Höhen und Tiefen gegangen. Eben befand er sich auf dem Grunde eines Wellentals und Haeckel traute sich, wahrscheinlich mit Recht, nicht die unmittelbare persönliche Wirksamkeit zu, um ihn wieder zu heben. Er war wie Liebig am Schreibtisch ein ganz anderer Mensch, als im persönlichen Verkehr.
Mir erschien die Sache nicht unbedenklich. Aus vielfältiger Erfahrung wußte ich zwar, daß ich fähig war, größere Menschenmassen zu beeindrucken, ja hinzureißen. Aber neben der Eigenschaft der Anziehung besaß ich, wie Goethe dies einmal geschildert hat, außerdem die Eigenschaft der Abstoßung, die sich oft genug nach einiger Zeit geltend machte, ohne daß ich recht wußte, wodurch die eine wie die andere bewirkt wurde.[223]  Auch hatte ich gerade um jene Zeit eine ganze Menge Eisen im Feuer, von denen einige kalt werden konnten, wenn ich noch ein weiteres hineinschob.
Haeckel wußte indessen meine Bedenken zu zerstreuen, indem er es mir einigermaßen zu einer sozialen Pflicht machte, mich hier nicht zu versagen. Er wies darauf hin, daß gerade innerhalb der Professorenkreise eine große Ängstlichkeit herrschte, sich zu kirchenfreien Ansichten zu bekennen, und daß das Eintreten eines anerkannten Forschers hier vielleicht Besserung bringen würde.
Die Ladenburg-Hetze. Hiermit hatte er eine Saite berührt, die bei mir alsbald in kräftige Schwingungen geriet. Im Jahre 1903 hatte der Chemiker Laden burg auf der Naturforscherversammlung zu Kassel einen Vortrag über den Einfluß der Naturwissenschaften auf die Weltanschauung gehalten, in welchem hauptsächlich die damals ganz allgemein verbreitete mechanistische Philosophie, wie sie u.a. Dubois-Reymond in mehreren viel erörterten Vorträgen an gleicher Stelle entwickelt hatte, nochmals dargelegt wurde. Ich hatte ihn mit nachsichtigem Lächeln angehört, weil er mir nicht eben viel Neues zu sagen schien. Aber die Zeiten waren seitdem ganz andere geworden. Es brach ein Sturm der Orthodoxie gegen Ladenburg los, der insbesondere aus den Kreisen um die Kaiserin genährt wurde, die leidenschaftlich gern Kirchen baute und auf strenge Gläubigkeit hielt. Sie pflegte einen Teil des Sommers auf der schönen Wilhelmshöhe bei Kassel mit ihren Kindern zu verbringen und empfand anscheinend die geistliche Verunreinigung dieses Ortes durch den ungläubigen Chemiker und Juden wie eine persönliche Rücksichtslosigkeit und Kränkung.
Ich war damals Vorstandsmitglied der Naturforscher- und Ärztegesellschaft. Als wir im Winter darauf in Breslau zusammentraten, um die nächste Tagung zu beraten,[224]  wurde uns ein Schreiben von irgendeiner hohen Stelle mitgeteilt, in welchem uns nahegelegt wurde, wir möchten uns amtlich von Ladenburg lossagen. Erster Vorsitzender war damals van't Hoff. Bei der Besprechung zeigte sich, daß mehrere einflußreiche Kollegen nicht übel Lust hatten, dem Wink zu gehorchen. Ich trat mit Feuer und Leidenschaft für die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Äußerung auf unseren Versammlungen ein und erzielte auch eine Ablehnung, doch nur mit geringer Mehrheit. Bei nächster Gelegenheit wurde ich aber aus dem Vorstand herausgewählt.
So nahm ich die Einladung Haeckels an. Die nötigen formellen Wahlen wurden alsbald vorgenommen, die geschäftsführenden Vorstandsmitglieder besuchten mich in Groß-Bothen und in kurzer Frist sah ich mich an der Spitze einer Bewegung, von der ich bis dahin nur den Namen und die allgemeine Richtung kannte.
Der Monismus. Haeckel hatte bei der Gründung des Bundes seine leitenden Gedanken in einer Anzahl von Sätzen ausgesprochen, die ich nur zum Teil gutheißen konnte. Die persönliche Aussprache belehrte mich, daß das Hauptbedenken bei solchen Vereinen, die dogmatische Festlegung auf ein ins Einzelne gehendes Programm, hier nicht vorlag. Vielmehr hatten sich im Monistenbunde sehr verschiedene Richtungen zusammengefunden, die in der Abwehr gegen die unter dem Schutz des Kaisers immer anspruchsvoller vordringende Orthodoxie einig waren. Ich hatte inzwischen Comte gelesen und seine Lehre von den drei Stufen der Kulturentwicklung, der theologischen, metaphysischen und positiven (oder wissenschaftlichen) zutreffend gefunden. So konnte ich die Aufgabe des Monistenbundes in die einfache Formel fassen, daß sie negativ in der Abwehr der Versuche bestand, die naturgesetzlich notwendige Kulturentwicklung umzukehren, und positiv in der Herausarbeitung[225]  und Verbreitung der wissenschaftlichen Weltanschauung. Und da mir aus der Geschichte der Wissenschaft bekannt war, wie wandelbar (bei gleicher Grundrichtung) die Formen ausfallen, in denen sich die Wissenschaft einer bestimmten Zeit zu gestalten sucht, so sah ich weiter eine wichtige Aufgabe darin, innerhalb des Bundes eine Festlegung auf irgendwelche zeitbedingte wissenschaftliche Lehren zu verhindern. Eine Gefahr in solchem Sinne ließ sich nicht verkennen, da bei Haeckel selbst diese Betrachtungsweise nicht im Vordergrunde stand. Hatte ich mir doch schon früher klar gemacht, daß ein guter Teil des außerordentlichen Erfolges seiner »Welträtsel« auf deren reichlichem Gehalt an Dogmatismus beruhte, der freilich kein kirchlicher war, sondern ein wissenschaftlicher. Die persönliche Bekanntschaft mit diesem ungewöhnlichen Manne beruhigte mich aber völlig nach dieser Richtung. Ich hatte ihn so frei von Eigensinn in Einzelfragen gefunden, daß ich sicher darauf rechnen durfte, mich mit ihm gegebenenfalls bald zu einigen. Und vor allen Dingen lagen ihm alle kleinlichen und unterirdischen Mittel, seine Gedanken und Absichten durchzudrücken, so weltenfern, daß er überhaupt nicht an sie dachte. Dieser unbedingte ethische Idealismus war es, was ihm jene wundersame Kindlichkeit gab, die ihm mein Vertrauen und mein Herz alsbald gewann.
Die Hamburger Tagung. Die Tragfähigkeit des monistischen Gedankens und die Wirksamkeit meiner Bundesleitung wurde in dem darauf folgenden Sommer auf eine entscheidende Probe gestellt. Nach Hamburg sollte eine allgemeine Monistenzusammenkunft eingeladen werden, die sich nicht auf die Deutschen Mitglieder beschränkte, sondern internationale Betätigung anstrebte. Die Bundesleitung befand sich in München, während in Hamburg eine zahlreiche und eifrige Ortsgruppe tätig[226]  war. Zwischen beiden Stellen war ein merklicher Gegensatz entstanden, weil den an schnelles und bewußtes Eingreifen gewöhnten Hamburgern das Zeitmaß der Münchener Betätigung etwas zu gemütlich war. Beiden war daher die Verlegung der Bundesoberleitung an einen dritten Ort willkommen, da sie den Gegensatz milderte. Den Hamburgern aber entstand ein zusätzlicher Ehrgeiz, bei dieser Versammlung gut abzuschneiden, als »moralisches Schwungrad«.
In Hamburg war nämlich sowohl die Sache wie der Name geläufig gewesen, bevor Haeckel den Monistenbund gegründet hatte. Dort hatte der aus seinen Beziehungen zu Nietzsche bekannte Dr. Rée schon in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts das Schulwesen in wissenschaftlichem Sinne von den Fesseln der Überlieferung zu befreien begonnen und im Winter 1901 war eine Gesellschaft der Freunde freidenkerischer Bestrebungen unter Führung von Kahl entstanden, die anfangs ihr bescheidenes Dasein unter polizeilicher Bewachung führen mußte. Bald (1903) nahm sie den Namen Monistische Gesellschaft an, die also schon drei Jahre bestanden hatte, als Haeckel in Jena den Monistenbund stiftete, und entfaltete eine von zunehmenden Erfolgen begleitete Tätigkeit. Als dann die Gründung des Deutschen Monistenbundes erfolgte, trat sie sofort diesem bei, ohne auf ihre »älteren Rechte« zu pochen: ein bemerkenswertes Zeugnis für die organisatorische Großzügigkeit Hamburgischen Denkens und Handelns.
Tatsächlich brachten die Hamburger bei dieser Gelegenheit eine organisatorische Meisterleistung zustande. Den wissenschaftlichen Teil hatte der berühmte Dermatologe Paul Unna zu ordnen übernommen, während der technische von dem Fabrikanten Jakob Wolff und dem Kaufmann Carl Rieß durchgeführt wurde.
[227]  Unna hatte ein durchdachtes Programm der Vorträge aufgestellt. Svante Arrhenius sollte über das Weltall, J. Loeb über das Leben, ich über die Wissenschaft und der Wiener Philosoph Friedrich Jodl über die Kultur im Zusammenhange mit dem Monismus sprechen. Dazu kamen noch Vorträge vom Rektor Höft über die Trennung der Schule von der Kirche, von Professor Wahrmund über die Trennung von Staat und Kirche. Den Schluß bildete eine Rede von Dr. Ernst Horneffer über Monismus und Freiheit. Diesem wohlbedachten Aufbau, der alle großen Menschheitsfragen berührte (den Mittelpunkt von Jodls Ausführungen bildete das ethische Problem) ist in erster Linie die über alles Erwarten starke Anziehungskraft und Wirkung zuzuschreiben, welche der Hamburger Kongreß ausübte. Mehrere Tage vor Beginn mußten die Listen wegen Überfüllung geschlossen werden.
Ich war einen Tag vorher nach Hamburg gefahren, um bei der letzten Vorbesprechung zugegen zu sein. Es erwies sich, daß auch nach der technischen und wirtschaftlichen Seite die Vorbereitung nichts zu wünschen übrig ließ; die Hamburger Freunde hatten an freiwilligen Beiträgen etwa 40000 Mark aufgebracht.
Am Vorabend hatte ich einen Anfall von Gallenkolik, die mir einige schmerzhafte Stunden brachte, aber meine Arbeitsfähigkeit in den folgenden Tagen nicht beeinträchtigte. Diese wurde allerdings stark in Anspruch genommen, da es sich um das erstemal handelte, wo ich ernstlich meines vor wenigen Monaten übernommenen Amtes zu walten hatte. Denn bisher waren die laufenden Geschäfte in gewohnter Weise von München aus erledigt worden.
Während der Tagung erfuhr ich gütige Gastfreundschaft von Professor Unnas Schwester, Frau de Boor, der namhaften Malerin.[228]
Die Versammlung begann mit einem Begrüßungsabend im Uhlenhorster Fährhaus an der Außenalster. In Ungewißheit über das Gelingen der Veranstaltung gingen wir hin; mit der Gewißheit eines großen Erfolges konnten wir heimkehren.
Schon das Gedränge und Gewoge beim Eintreten in die Festräume ließ die kommende Stimmung voraussehen. Von mancher Seite war befürchtet worden, daß die Einstellung der Vortragsordnung zu »hoch« für die breiteren Massen sei und wir nur auf mageren Besuch würden rechnen dürfen. Das Gegenteil war eingetreten: über 2000 Menschen waren schon ungeduldig zum ersten Abend gekommen, der doch nur Begrüßungen bringen sollte und konnte. Und ohne daß recht erkennbar war, woher sie rührte, war eine freudig erwartungsvolle Stimmung in den Massen vorhanden, noch ehe ein Wort zu ihnen gesprochen wurde.
Begrüßungen erfolgten, nachdem der Vorsitzende der Hamburger Ortsgruppe Carstens das Willkommen gesprochen hatte, von R. Penzig (ethische Kultur), Carus (Amerikanische Monisten), Schmal (Freidenkerbund), Weigt (Freimaurerbund), Helene Stöcker (Mutterschutz), Polako (natürliche Moral, Paris), Bloh (Friedensgesellschaft) und einer Reihe anderer Vertreter verwandter Bestrebungen. Mit immer stärkerem Beifall wurden die unerwartet zahlreichen und vielseitigen Bundesgenossen begrüßt und es entwickelte sich schnell eine beglückt-begeisterte Stimmung, welche den Beteiligten als ein ungewöhnlich starkes Gefühlserlebnis bester und reinster Art unvergeßlich geworden ist. So hatte ich es leicht, zum Schluß warme und herzliche Zustimmung zu gewinnen, als ich folgendes ausführte. Das Wort Moltkes: getrennt marschieren, vereint schlagen ist in Deutschland vielfach so angewendet worden, daß auf das getrennte Marschieren viel mehr Gewicht gelegt[229]  wurde, als auf das vereinte Schlagen. Heute haben wir erlebt, wie beglückend auch das vereinte Marschieren wirken kann, und wir wollen uns das für die Zukunft gegenwärtig halten.

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Haeckel hatte sein Kommen in Aussicht gestellt, war aber ärztlich verhindert worden. Wir hatten deshalb beschlossen, nach dem Kongreß eine gemeinsame Reise nach Jena zu machen, um ihn dort zu begrüßen. Diese Mitteilung setzte dem Jubel die Krone auf, so daß die Leiter der Versammlung Sorge empfanden, ob es möglich sein würde, eine solche Hochstimmung durch die bevorstehenden Tage bis zum Schluß aufrecht zu halten und einen verdrießlichen Abfall zu vermeiden. Der Erfolg hat dann gezeigt, daß es wirklich möglich war. Und daß es gelang, auch ohne die Anwesenheit des verehrten Begründers, war ein Beweis für die über das Persönliche hinausgehobene sachliche Bedeutung der Bewegung.
Der nächste Tag begann mit einer Geschäftssitzung, der ersten, die ich zu leiten hatte. Das wichtigste Ergebnis war, daß für den Ausdruck der Zwecke der Gesellschaft das bisher benutzte Wort: naturwissenschaftlich begründete Weltanschauung als zu eng befunden und durch wissenschaftliche Weltanschauung ersetzt wurde. Dies geschah auf Antrag von F. Jodl, der hernach in seiner großen Rede eine durchgreifende Begründung dafür entwickelte.
Ferner kündigte sich ein persönlicher Vorgang an, der aber einen sachlich bedeutsamen Hintergrund hatte. Der Öffentlichkeit gegenüber hatte der zweite Vorsitzende, Ernst Horneffer dem geistigen Antlitz des Bundes die kennzeichnenden Züge gegeben, da der erste Vorsitzende Unold, der freundlichst zurückgetreten war, um meine Wahl zu ermöglichen, mehr schriftstellerisch als rednerisch wirksam war. Horneffer war dagegen ein zündender Redner, der seine Hörer wesentlich nach[230]  der Gefühlsseite beeinflußte und nicht ohne Mißtrauen gegen die nüchterne Wissenschaft war. Als diese durch jenen Beschluß so scharf in den Vordergrund gerückt wurde, empfand er es als eine Art Verneinung seiner bisherigen Tätigkeit und betonte ausdrücklich, daß kein Gegensatz zwischen ihm und dem Bunde bestände. Der Vorgang rührte an seinen wesentlichen Unterschied zwischen zwei etwa gleich großen Gruppen im Bunde, den Gefühlsmonisten und den Verstandesmonisten und an die sehr großen Schwierigkeiten, beide zum gemeinsamen Marschieren zu bringen. Auch in anderen Gemeinschaften entwickeln sich sehr häufig ähnliche Gegensätze, die oft unüberbrückbar erscheinen. Es ist der alte Unterschied, den schon die griechische Kultur in Plato und Aristoteles verpersönlicht sah.
Am Abend fand die erste öffentliche Sitzung des Kongresses statt. Hierfür war der größte Saal Hamburgs im Curio-Haus gewählt worden, der 2700 Plätze bot. Er wurde nicht nur gefüllt, sondern überfüllt; etwa 3500 Hörer fanden Zutritt. Hunderte über hunderte von Spätergekommenen konnten nicht zugelassen werden. In den Begrüßungsworten betonte ich, daß nachdem das Deutsche Volk seit 1871 einen unerhört schnellen wirtschaftlichen Aufstieg genommen hatte, nun ein allgemeines Bewußtsein entstanden ist, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern nach geistiger Nahrung verlangt, an welcher Gemüt und Verstand wachsen können. In den alten Formen der kirchlichen Überlieferung findet er diese Nahrung nicht mehr, wohl aber darf er sie von der Wissenschaft erhoffen, und hier liegt daher die Aufgabe des Monistenbundes.
Auch bei dieser Gelegenheit gelang es mir, den persönlichen Zusammenhang mit den Hörermassen sehr bald herzustellen, so daß sie die mehreren Anreden, zu denen mich mein Amt veranlaßte, mit gesteigerter Zustimmung,[231]  zuletzt mit Jubel aufnahmen. Es ist ein sehr glückbringendes Erleben, sich solchem hemmungslosen Wohlwollen einer großen Menschenmenge gegenüber zu befinden.
Eine weitere Anzahl Grüße von befreundeten Vereinigungen aus Paris, New York, Chicago, Jassy, Washington, Antwerpen wurden großenteils persönlich durch Abgeordnete überbracht und regten den Gedanken an, diese einmalige Berührung durch Gründung einer internationalen Organisation in einen dauernden Zusammenhang zu verwandeln.
Ernst Haeckel hatte einen Aufsatz: Die Fundamente des Monismus durch seinen Schüler und Freund Heinrich Schmidt übersandt, dessen Verlesung stürmische Zustimmung hervorrief.
Den Hauptinhalt des Abends lieferte S. Arrhenius durch einen weitgedachten und höchst eindrucksvollen Vortrag über das Weltall, in welchem er die für die Weltanschauung wesentlichen Ergebnisse der astrophysischen Forschungen darlegte, an deren Entwicklung er selbst so erfolgreich teilgenommen hatte. Die Hörer waren sichtlich tief ergriffen, so daß ich ihre Gefühle ausdrückte, als ich dem Redner unseren Dank für die monistische Erbauungsstunde abstattete, die er uns gegeben hatte. Ich erinnerte, wie wir vor 25 Jahren gemeinsam unsere wissenschaftliche Arbeit begonnen hatten, wie sich dann unsere Arbeitswege getrennt und uns doch heute wieder zusammengeführt haben. Die Zuhörer wollten mit dem Dank für den Vortrag nicht enden und der heutige Abend stand dem gestrigen nicht nach.
Wieder bewährte sich die überlegene Organisationskunst unserer Hamburger Bundesbrüder. Da für die zweite öffentliche Versammlung am folgenden Tage, der ein Sonntag war, ein noch größerer Zudrang erwartet werden mußte, besorgten sie unter Aufopferung der Nachtruhe einen zweiten Saal, machten Horneffer willig,[232]  einen Vortrag aus dem Stegreif zu halten, ließen Plakate drucken und am nächsten Morgen durch die Straßen tragen und fahren und hatten die Freude, für rund tausend Hörer, die zum Curiosaal keinen Zutritt mehr fanden, einen Ersatz zu schaffen. Horneffer zeigte sich der schwierigen Aufgabe gewachsen und riß seine Zuhörer mit einem Vortrag über den Monismus im Kampfe der Gegenwart zu stürmischem Beifall hin.
Der mittäglichen öffentlichen Versammlung ging eine Ausschußsitzung voran, in welcher die oben erwähnte internationale Organisation des Monismus beschlossen und die Wahl von Vertretern für Nord- und Südamerika, Frankreich, Spanien, Polen und Rußland, Rumänien vollzogen wurde.
Wieder vor überfülltem Hause begann die Tagung mit einem Vortrag von J. Loeb (II, 320), dem genialen Biologen, dessen Entdeckungen über künstliche Befruchtung soeben das größte Aufsehen auch in Laienkreisen hervorgerufen hatten. Mit größter, fast atemloser Aufmerksamkeit wurde sein Vortrag aufgenommen und die mit scharfer Bestimmtheit, ja Härte ausgesprochenen Schlüsse auf eine rein physikochemische Auflösung und Erklärung aller Lebenserscheinungen riefen eine starke Erschütterung hervor, die ich dann in meinen Dankworten zum Ausdruck brachte.
Es folgte nun mein eigener Vortrag über die Wissenschaft. Er begann mit der Schilderung der eigenartigen Erscheinungen selbständigen Lebens, unabhängig von ihren einzelnen Dienern, welches die Wissenschaft erkennen läßt und ging dann zu dem Nachweis über, daß von den drei gern als Schwestern bezeichneten höchsten Kulturgütern: Religion, Kunst und Wissenschaft die letzte zwar die jüngste, aber eben deshalb auch die höchste Schöpfung des Menschengeistes ist. Das Verhältnis zwischen angewandter und reiner Wissenschaft wurde[233]  dann klargelegt, ihre prophetische Natur gekennzeichnet und ihr organischer Aufbau in der Wissenschaftspyramide entwickelt.
Zum Schluß wurde folgende Gedankenreihe dargelegt, die ersichtlich auf die Zuhörer den stärksten Eindruck machte.
Die Menschheit hat von jeher in der Gottesidee das Stärkste, Klügste und zuletzt auch Beste zusammengefaßt, was sie sich als Wunsch und Sehnsucht hatte erdenken können und was sie in der vorhandenen Welt nicht verwirklicht fand. Fragen wir uns heute, in welchem Begriff alle diese Ideale zusammenlaufen, so ist es die Wissenschaft, welche sich als Trägerin des Höchsten erweist, was sich der Mensch erdenken kann. So kommt es, daß jene übermenschlichen Eigenschaften welche von jeher Gott zugeschrieben wurden, sich bei der Wissenschaft vorfinden, nur nicht in der »absoluten« Weise der Tradition. Denn Absolutes gibt es nicht. Diese Eigenschaften sind Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart.
Allmächtig ist die Wissenschaft nicht, denn sie ist an die Naturgesetze gebunden (die man ja auch vielfach für Gott als bindend ansah), aber sie ist doch der Inbegriff der größten Macht, die im ganzen Bereich des Menschenlebens vorkommt. Sie kann Berge versetzen, Ernten vervielfältigen, den Tod abhalten und das Leben verlängern, kurz alles Wünschenswerte in einem Ausmaß gewähren, welches durch die gemeinsame Arbeit der Menschen beständig zunimmt.
Ebenso ist sie allwissend, denn sie umfaßt alles Wissen, welches dem Menschen zugänglich ist, und vermehrt es jeden Tag.
Ebenso ist sie allgegenwärtig, denn jeder Schritt, den wir in irgendeiner Betätigung über das bloß tierische Dasein hinaustun, beruht auf Wissenschaft, ob in einfachster oder höchstentwickelter Form.[234]
Die Wirkung des Vortrags auf die Zuhörer wurde durch den Gegensatz zu dem vorangegangenen sehr verstärkt. Dort war ein pessimistisch eingestellter, bleicher, magerer, schwarzer Mann zu Worte gekommen, der mit harten, unbarmherzigen Hammerschlägen ein unpersönlich-kaltes Gebäude errichtet hatte und dessen Wirkung auf der rücksichtslosen, fast fanatischen Herausstellung des leblosen Anteils am Leben beruhte. Nun sprach ein breiter, behaglicher Blondkopf mit warmen persönlichen Tönen, doch sachlich ebenso nüchternwissenschaftlich. Mußte man dort die Wissenschaft fast fürchten, so durfte man sie hier wieder lieben, denn sie erwies sich als Trägerin des Höchsten und Besten, was der Menschengeist hatte ersinnen können.
So kann man sich erklären, daß der Redner wiederholt durch stürmischen Beifall unterbrochen und unter kräftigen Äußerungen der allgemeinen Zustimmung entlassen wurde.
Der Tag schloß mit einem Festessen, von fast tausend Teilnehmern, auf welchem für die Bundesarbeit ein »Energieschatz« von 17000 M. gezeichnet wurde.
Am dritten Versammlungstage wurden zunächst Wahlen und andere Geschäfte erledigt.
Am Abend sollten die letzten öffentlichen Vorträge stattfinden, und ich war etwas in Sorge, ob der Schluß nicht allzusehr gegen den glänzenden Sonntag abfallen würde. Am Nachmittag fand eine Hafenfahrt in kleinen Dampfern bei schönstem Wetter statt, an der ich mich auch beteiligte, obwohl ich ein wenig die Erschöpfung durch die dauernde Beanspruchung zu spüren begann. Meine Begleiter nahmen freundlich Rücksicht auf diesen Zustand und verschonten mich mit Ansprachen. Dies benutzte eine Anhängerin der Mazdaznanlehre, die zu Propagandazwecken sich uns zugesellt hatte, um einen Bekehrungsfeldzug gegen mich zu eröffnen. Vergeblich[235]  erklärte ich, daß ich kein Bedürfnis darnach empfand; sie wollte sich nicht abweisen lassen und schließlich mußten die Freunde einen lebenden Wall um mich bilden, um mir etwas Ruhe zu verschaffen.
So kam ich am späten Nachmittag ziemlich erschöpft nach Hause und bedachte, wie ich die nötigen nicht geringen Energiemengen auftreiben sollte, um den Forderungen der bevorstehenden Abendversammlung zu genügen. Auf ein Reizmittel wie Kaffee oder Weingeist wollte ich mich nicht verlassen; so bat ich meine gütige Gastfreundin, mir außer aller Zeiteinteilung ein schönes Hamburger Beefsteak zubereiten zu lassen, indem ich diese Zumutung mit pyschophyischen Gründen zu rechtfertigen suchte. In vollem Verständnis der Sachlage gewährte sie mir in freundlichstem Eifer die Bitte und als am Abend der wohlgelungene Abschluß vorüber war, konnte ich den Erfolg mit Recht auf die energetisch-chemische Grundlage zurückführen, welche sie dafür beschafft hatte.
So war der letzte Abend herangekommen, an welchem mit einer dritten öffentlichen Sitzung der Kongreß geschlossen werden sollte. Es schien außerhalb aller Möglichkeit zu liegen, daß die starken Erlebnisse der vorangegangenen Tage noch überboten werden konnten, doch wurde es erreicht.
Das Hauptgewicht dieser Versammlung lag in dem ersten Vortrag von Friedrich Jodl über den Monismus und die Kulturprobleme der Gegenwart. Jodls philosophische Arbeiten, die anfangs der Geschichte seiner Wissenschaft galten, hatten ihren Schwerpunkt in einem ausgezeichneten Werk über Ethik erhalten und diese Studien hatten ihn zu den gleichen Ergebnissen geführt, welches die von den Naturwissenschaften ausgehenden Forscher gefunden hatten, daß nämlich die Ethik ein soziales Gebilde ist und daher von diesem Gesichtspunkt[236]  aus begriffen werden muß und kann. Um diese grundwichtige Tatsache von weitreichender Stelle aus zur Geltung zu bringen, hatte er die Einladung nach Hamburg angenommen, obwohl er kränklich war und diesen Entschluß auch wirklich mit einer nicht leichten Schädigung seiner Gesundheit bezahlen mußte.
Sein Vortrag war denn auch auf diesen Punkt gerichtet, wo Natur- und Geisteswissenschaften, die bisher getrennt, ja oft im Gegensatz zueinander ihre Arbeit getan hatten, sich endlich auf gemeinsamem Boden gefunden hatten. Dem Monistenbund stellte er deshalb die Aufgabe, vor allem dies gemeinsame Gebiet zu bearbeiten, und zwar nicht nur theoretisch, sondern jedenfalls auch praktisch. Ist die Ethik als soziales Gebilde wissenschaftlich ererwiesen, so muß der Monismus als wissenschaftliche Weltanschauung und Weltgestaltung sich sozialen Aufgaben in erster Linie widmen.
Dieser Gedanke wurde von den Monisten alsbald als führend und richtunggebend empfunden und wir hatten wieder einmal das Bewußtsein, daß es sich bei unseren Zusammenkünften nicht um ein schönes Spiel mit Worten und Gedanken, sondern um dringende sachliche Arbeit handelte.
In meinen Dankworten betonte ich, daß mit Professor Jodl zum ersten Male ein bedeutender Vertreter der Geisteswissenschaften den Weg zu uns gefunden hatte, so daß auch in solcher Hinsicht der Monismus die ganze Wissenschaft umfaßt. Dadurch habe er für die Zukunft seine Stellung in der Geschichte des menschlichen Geistes festgelegt.
Die beiden folgenden Reden: Ludwig Wahrmund, Professor in Innsbruck über die Trennung von Staat und Kirche, und Rektor Gustav Höft, Hamburg, über die Trennung von Kirche und Schule waren treffliche Zusammenfassungen der entsprechenden Tatsachen und[237]  Forderungen, enthielten aber naturgemäß keine so neuartigen Gedanken, wie die vorausgegangene. Sie wurden von der großen Versammlung mit völliger Aufmerksamkeit entgegengenommen, ohne daß jener mit Recht gefürchtete akustische Nebel entstand, der sich aus tausend kleinen ungewollten Geräuschen einer ungeduldig werdenden Zuhörerschaft bildet und sich unaufhaltsam verstärkt, wenn er einmal aufgetreten ist.


Als letzter Redner erschien Horneffer, warm begrüßt in der begründeten Erwartung, daß das Gemüt, das zuletzt ein wenig hatte darben müssen, nun reichlich Nahrung finden würde. Er sprach über Monismus und Freiheit, wobei die individualistischen Neigungen deutlich zur Geltung kamen, die mit der Platonischen Denkweise notwendig verknüpft sind. Es war ihm eine Herzenssache und so deckte die Wärme seiner mehr poetischen als wissenschaftlichen Darlegungen den Widerspruch gegen die Gedankenrichtung einigermaßen zu, welche auf dieser Versammlung sich so kraftvoll geltend gemacht hatte.
Hinter dem Rednerpult saß ein hervorragendes Mitglied der Hamburger Ortsgruppe, ein Jurist, den ich als scharfsinnigen Kopf bei unseren geschäftlichen Verhandlungen kennen gelernt hatte. Er hatte einen kahlen Schädel und ein mageres, sehr bewegliches Mephistogesicht. Während der Rede suchte er meine Augen unter höchst ausdrucksvollem Feixen, das sein Vergnügen an der Verlegenheit ausdrückte, in der ich mich bei dem abschließenden Dankspruch befinden würde. Ich nickte ihm vergnügt zu mit dem Ausdruck: wart's ab.
Als nun der Redner unter reichem Beifall geschlossen hatte, sagte ich: Es ist in diesen Tagen meine gern erfüllte Pflicht gewesen, jedem unserer Vortragenden den rauschenden Beifall und Dank der Versammlung in unser geliebtes Deutsch zu übertragen und gleichsam jedem das wohlerworbene Lorbeerreis in das Knopfloch seines[238]  Rednerfracks zu stecken. Diesmal ist es aber nicht ein Lorbeerzweig, nach dem ich greife, sondern einen vollen Rosenkranz möchte ich unserem hochgeschätzten zweiten Vorsitzenden auf das Haupt setzen.
Ich hatte, wie ersichtlich, als Vorsitzender es mir zur Regel gemacht, das Wort an den Redner zum Schluß des Vortrages nicht auf die üblichen formellen Wendungen zu beschränken, sondern mit einigen möglichst bezeichnenden Worten auf den Punkt hinzuweisen, auf den sich unser Dank in erster Linie bezog. So wurden diese Schlußworte, nachdem die Hörer hinter die Sache gekommen waren, mit zunehmender Aufmerksamkeit angehört und besonders begrüßt. Als nun der letzte Redner auf das Ende zusteuerte, dachte ich daran, daß ich nicht nur das zu sagen hatte, was sich auf ihn und seinen Vortrag bezog, sondern den Abschluß der ganzen erfolg- und anregungsreichen Tagung in einem einprägsamen Wort kennzeichnen mußte. In aller Geschwindigkeit überlegte ich mir die Aufgabe und fand, daß ich vor allen Dingen die reichen Hoffnungen auszusprechen hatte, welche wir an die Auswirkung der Tagung knüpfen durften. So rief ich, nachdem der letzte Redner persönlich erledigt war, in den Saal hinein: Hiermit schließe ich den ersten internationalen Monistenkongreß und eröffne das monistische Jahrhundert.
Nie in meinem Leben, weder vor- noch nachher, habe ich einen so starken Widerhall in einer mehrtausendköpfigen Menschenmenge erlebt, wie nach diesem Wort. Immer wieder begann der Jubel von neuem und ich mußte die Verführung, nochmals das Wort zu ergreifen (wodurch ich die ganze starke Wirkung zerstört hätte) auf das ernstlichste in mir bekämpfen. Ich beglückwünsche mich noch heute, daß mir dies gelang. Es war der Höhepunkt der Versammlung und auch der Höhepunkt meiner Wirksamkeit im Bunde.
[239]  Pilgerfahrt nach Jena. Für die schon am Begrüßungsabend angekündigte gemeinsame Reise zu Haeckel hatten sich 250 Teilnehmer gemeldet, die in einem Sonderzug die ziemlich lange Fahrt zurücklegten. Unterwegs wurde das »Weimarer Kartell«, eine Vereinigung der meisten Freidenkender-Gesellschaften, neu organisiert, um bei gegebenen Umständen mit geschlossenen Kräften vorzugehen. Doch fand sich nicht der Führer, der eine solche lockere Gemeinschaft zusammenzufassen vermochte, so daß die Tätigkeit des Kartells gering blieb.
In Jena trafen wir gegen Abend ein. Ich ging, nachdem ich den Reisestaub entfernt hatte, alsbald zu Haeckel, um ihm den Fackelzug anzukündigen, der ihm nach Dunkelwerden gebracht werden sollte und fand ihn froh erregt in Erwartung der Dinge vor. Er nahm auch diese Auszeichnung, die sachgemäß mit den Wanderungen ähnlicher Pilgerzüge nach dem Sachsenwalde zu Bismarcks Ehren verglichen wurde, mit derselben kindlichen Freude entgegen, wie die vielen anderen Dankbezeugungen seiner zahlreichen Jünger, und wenn man dabei von Eitelkeit sprechen will, so war es eine von liebenswürdigster Beschaffenheit.
Zu rechter Zeit erschien der Zug und ich richtete, neben ihm auf dem Balkon stehend, die zugehörige Begrüßung an ihn, indem ich seinen Gedanken des Monistenbundes mit einem der edlen Samenkörner verglich, die lange im Boden ruhen, bis sie plötzlich mit unerhörter Pracht sich entfalten. In seiner Antwort schrieb er diesen Vorgang meinem Eintreten zu, während ich genau wußte, wie groß der Anteil der Hamburger Organisatoren war.
Am Abend fand ein Kommers statt, auf welchem ich hervorhob, wie auffallend gering die Anteilnahme der Professoren und Studenten an unserer Bewegung war, und die Hoffnung aussprach, daß der freie Geist Jenas die vorhandenen Hemmungen am ehesten überwinden[240]  würde. Diese Hoffnung ist aber nicht in Erfüllung gegangen.
Am nächsten Vormittag besuchten wir das Phyletische Museum, Haeckels eigenste Schöpfung. Er führte uns persönlich und mußte fast gezwungen werden, sich für das Festessen zu schonen, für das er sein Erscheinen zugesagt hatte. Auch hier stiegen von vielen Seiten die Reden, darunter eine poetische Huldigung, welche die Dichterin selbst sprach, die das siebenundsiebzigjährige Festkind sichtbar ergriffen. In herzlichster Stimmung nahmen wir Abschied von ihm und voneinander, um einzeln in Ruhe die Summe dieser reichen Tage zu ziehen.
Die Zeitschrift. Als entscheidendes Mittel, um den einigermaßen trägen Kreislauf der Gedanken im Monistenbund zu beleben, hatte die Hamburger Versammlung die Entwicklung der Bundeszeitschrift ins Auge gefaßt. Denn so glänzend und eindrucksvoll die Versammlung verlaufen war: die Erlebnisse dieser wenigen Tage, die ohnedies nur ein Teil der Mitglieder persönlich hatte aufnehmen können, reichte keinenfalls aus, um die Empfindung tätigen Lebens oder lebendiger Tätigkeit bei allen zu erwecken oder zu erhalten. Dies war aber ganz notwendig, wenn unsere Bewegung wirklich dazu beitragen wollte, dem geistigen Leben unseres Vaterlandes jenes Element zuzuführen, das ihm am meisten fehlte: die Überzeugung, daß für jedes Problem des inneren wie äußeren Daseins die Wissenschaft die letzte entscheidende Instanz sein muß.
Zwar verfügte der Bund über eine monatlich erscheinende Zeitschrift, genannt »Der Monismus«. Diese besaß aber keinen Einfluß, denn sie war außer halb des Bundes nicht bekannt und wurde auch von den Mitgliedern anscheinend nicht besonders beachtet. Als Herausgeber war ein Berliner Mitglied von unzweifelhaft[241]  aufrichtiger Gesinnung tätig. Aber er litt an der Vorstellung, daß in ihm ein großer Dichter verborgen sei und wenn ihn die Poesie ergriff, so hielt er die Hingabe an ihren Ruf für seine erste Pflicht, der sich alles andere, auch seine Herausgebertätigkeit, unterzuordnen hatte. Zuerst glaubte ich, mit ihm auskommen zu können, doch wollte es mir nicht gelingen, die Einschätzung der relativen Bedeutung seines inneren und äußeren Berufes in der von mir im Interesse des Bundes geforderten Weise umzustellen.
Die Versuche, einen besseren Ersatz zu finden, machten mancherlei Schwierigkeiten. Es blieb schließlich kein anderer Weg übrig, als daß ich zunächst mich selbst um die Zeitschrift kümmerte. Für die laufende Einzelarbeit fand ich eine gut geeignete Hilfe in W. Blossfeldt, dessen Bekanntschaft mir mein ältester Sohn schon früher vermittelt hatte. Auch nach der finanziellen Seite nahm ich einen Teil der Verantwortung auf mich. Die Geldopfer waren für meine damaligen Verhältnisse nicht sehr erheblich, wohl aber wurde dies später unter Umkehrung des Tatbestandes von meinen Gegnern benutzt, um mir nachzusagen, ich hätte mich an der Zeitschrift bereichert.
Den Inhalt der früheren Zeitschrift hatten vorwiegend Aufsätze allgemeinen und theoretischen Inhaltes gebildet, wie sie so leicht in einem Kreise entstehen, wo jeder Einzelne, oft unter vielerlei Mühen, ältere, nicht mehr brauchbare Vorstellungen abgestreift und sich eine neue Weltanschauung, meist aus zufälligen und einseitigen Quellen gebildet hat. Solche schwer erworbene geistige Güter persönlichster Art hält jeder Eigentümer natürlich besonders wert und ist wenig geneigt, andere Lösungsversuche der gleichen Probleme als ebensogut oder gar besser anzuerkennen. Hier gedachte ich den Gedanken geltend zu machen, daß die Betonung des[242]  Gemeinsamen der mannigfaltigen persönlichen Philosophien viel förderlicher ist, als die Geltendmachung ihrer Verschiedenheiten. Dies Gemeinsame fand sich in der wissenschaftlichen Denkweise, entsprechend den Ergebnissen der Hamburger Tagung, und die uns gegebenen Aufgaben hatte der grundlegende Vortrag Jodls bezeichnet: theoretische und angewandte Ethik in der Gestalt sozialer Arbeit. So richtete ich alsbald eine besondere Abteilung ein, in welcher ich die Vertreter solcher Arbeit nach verschiedenen Richtungen zu Worte kommen ließ. Weiter unten wird einiges hierüber zu erzählen sein.
Metaphysiker. Von den Vielen, denen die Forderung der unbedingten Anerkennung der führenden Stellung der Wissenschaft bedenklich vorkommt – es gehören merkwürdigerweise fast alle berufsmäßigen Wissenschafter oder Professoren dazu – wird immer wieder behauptet, der Mensch habe ein angeborenes metaphysisches Bedürfnis, das ihn zwinge, jene Fragen, auf welche die Wissenschaft noch keine Antwort gefunden hat, vermutungsweise zu beantworten. Da ich an mir selbst dieses Bedürfnis nicht erkennen konnte, durfte ich dessen Allgemeinheit und Notwendigkeit mit Recht bestreiten. Ich erinnerte daran, daß früher Ärzte und Laien der Überzeugung waren, jeder Mensch müsse in den Kinderjahren Masern und Scharlach durchmachen, und fand die Überzeugung vom metaphysischen Bedürfnis nicht besser begründet, als jenen medizinischen Aberglauben. Dies war wohl das einzige Mal, wo sich der verehrte W. Wundt ernstlich über mich geärgert, hat, denn auch er war Vertreter des metaphysischen Bedürfnisses und meinte, ich bilde mir nur ein, davon frei zu sein. Aber wo es bei mir noch wirksam war, hat er mir nicht nachgewiesen.
Das entscheidende Wort hierüber hat Mach gesagt. Er kennzeichnete den wissenschaftlichen Menschen als[243]  einen, der sich mit der Unvollständigkeit seines Weltbildes, wie es durch die Unvollständigkeit der Wissenschaft bedingt ist, zufrieden gibt und die Lücken nicht mit Vermutungen verhängt, deren luftige Beschaffenheit er selbst kennt.
Handelte es sich bei dieser Gruppe wesentlich um Einigungsversuche, die nicht ganz aussichtslos, wenn auch schwierig waren, so waren solche Hoffnungen sehr gering bei einer verwandten, ziemlich zahlreichen Gruppe, welche ich oben die Monisten des Gefühls genannt hatte. Sie empfanden als die wertvollste Seite ihrer Weltanschauung deren poetischen Gehalt, etwa nach dem Vorbilde des Giordano Bruno. Gelegentlich einer Jahresversammlung in Magdeburg machten wir denn auch einen Ausflug nach dem nahen Helmstedt, wo Bruno einige Jahre an der damaligen Universität als Professor gelehrt hatte. Solches war seinerzeit möglich und gebräuchlich, da das Latein als allgemeine Sprache der Wissenschaft ihre Vertreter unabhängig von ihrer eigenen Muttersprache sowie von der Sprache des Landes machte, in welchem die Universität gelegen war. Dieser höchst wünschenswerte Zustand könnte jederzeit wieder hergestellt werden, wenn sich die Wissenschafter auf den Gebrauch der künstlichen Weltsprache einigen wollten. Die Vorbereitungen hierfür sind in der Ido-Sprache schon soweit durchgeführt, daß es nur des Entschlusses bedarf, sich des bereit stehenden Hilfsmittels zu bedienen. Wenn nur das Trägheitsgesetz nicht wäre!
Die poetischen Monisten wurden beeinflußt und geführt durch einige Mitglieder, welche ihre natürliche Redebegabung zu erheblicher Stärke entwickelt hatten und sie im Sinne einer Kunstbetätigung ausübten. Diesen war der Gedanke unerträglich, daß der kalte Verstand als grundsätzlich überlegen dem warmen Gemüt anerkannt werden sollte. Sie stellten sich teils sofort in[244]  einen Gegensatz zu der neuen Führung, teils verzichteten sie auf die weitere Bestellung des Feldes, auf dem die Ernte sich voraussichtlich vermindern würde, und suchten andere, hoffnungsvollere Betätigungsgebiete auf. Jene Gebliebenen aber begannen alsbald ihre Gegenarbeit. Ich wurde sie anfangs nicht gewahr und habe meiner Gewohnheit gemäß mir gar keine Mühe gegeben, sie zu bekämpfen, als ich sie nicht mehr unbeachtet lassen konnte, sondern überließ dies meinen Mitarbeitern. Denn ich war von vornherein nicht geneigt, für das Verhältnis zum Bunde größere Opfer zu bringen, als sie mit der Erfüllung der übernommenen leitenden Arbeit sachlich verbunden war und betrachtete meinen Rücktritt als eine Frage der Zeit, wie ich dies seinerzeit bei der mir viel näher stehenden Bunsengesellschaft schon getan hatte.
Demokraten. Weitere Schwierigkeiten entstanden aus einem Mißverständnis, dessen weite Verbreitung mir erst aus den politischen Vorgängen der letzten Jahre deutlich geworden ist. Der Bund war selbstverständlich durchaus demokratisch organisiert und die höchste Gewalt lag bei der jedesmaligen Jahresversammlung, die auch alle Wahlen vollzog. In der Zwischenzeit hatte der erwählte Vorstand die Geschäfte zu führen. Es fanden sich aber stets unter den Mitgliedern nicht wenige, welche unter demokratischer Organisation die Forderung verstanden, daß das, was sie eben wünschten, nur dem Vorstande mitgeteilt zu werden brauchte, um alsbald ausgeführt zu werden. Sie waren ehrlich entrüstet, wenn sie darauf verwiesen wurden, daß sie erst auf der nächsten Hauptversammlung eine Mehrheit für ihre Vorschläge erzielen müßten, ehe diese verwirklicht werden konnten, und hielten solche Hinweise für undemokratische Ausflüsse anmaßender Herrschaftsgelüste.
Die monistischen Sonntagspredigten. Der persönliche Verkehr mit den neuen Bundesbrüdern hatte mich die[245]  sehr weitgehenden Verschiedenheiten erkennen lassen, welche in der Auffassung des Monismus bestanden. Haeckel selbst war von Rückfällen aus der wissenschaftlichen Entwicklungsstufe in die metaphysische nicht frei und so konnten sich die Angehörigen weit verschiedener Gedankenrichtungen auf den Meister berufen. Ich hegte damals die phantastische Hoffnung, wenn nicht alle, so doch die meisten Genossen unter der Fahne der Wissenschaft vereinigen zu können und war bereit, reichliche Arbeit an diese Aufgabe zu wenden. In der Erinnerung an die guten Ergebnisse bei der Durchführung der neuen Lehren in der physikalischen Chemie hoffte ich hier auf gleiche Erfolge und bedachte nicht, daß die Durchsetzung eines neuen Gedankens in der Wissenschaft unverhältnismäßig viel leichter ist, als die einer neuen Weltanschauung bei Laien. Denn wenn sich auch Gefühlseinflüsse bei der Aufnahme oder Ablehnung wissenschaftlicher Fortschritte wirksam erweisen: maßgebend ist zuletzt doch der rein verstandesmäßige wissenschaftliche Beweis. Weltanschauungen aber, insofern sie hypothetisch ergänzt werden, sind ganz vorwiegend Gefühlssache.

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Als erstes Mittel zu solcher Beeinflussung bot sich die Bundeszeitschrift an. Sie war bis dahin monatlich einmal erschienen; es ließ sich bald zunächst ein zweiwöchentliches, sodann ein wöchentliches Erscheinen durchsetzen und ich hatte trotz des erweiterten Umfanges keine Schwierigkeit, sie mit lebendigem Inhalt zu füllen. Vielmehr kamen die Beiträge so reichlich, daß ich vermeiden mußte, allzuviel Raum für meine eigenen Aufsätze in Anspruch zu nehmen, so viel ich auch zu sagen wünschte.
Deshalb suchte ich nach einer Form, in der ich ohne Benachteiligung des Mitteilungsbedürfnisses der Bundesgenossen meine Gedanken darlegen konnte. Einige Versuche,[246]  die ich für mich anstellte, überzeugten mich bald, daß der Plan, alle zwei Wochen einen Aufsatz von bestimmten Umfang (ein halber Druckbogen) unter dem Titel Monistische Sonntagspredigten der Zeitschrift beizulegen, sich gut ausführen ließ. Ich hatte schon bei mancherlei Gelegenheiten gesehen, daß es mir leicht fiel, eine bestimmte Gedankengruppe so aufzubauen, daß sie genau in einen vorher bestimmten Umfang hineinpaßte, mit einer Schwankung von 3 bis 5 v.H. Ich empfand solche Bindungen nicht als eine Störung, sondern es war mir eher ein Reiz und Genuß, sie einzuhalten, ohne Inhalt und Stil zu benachteiligen, ähnlich wie es den Tonkünstler freut und fördert, die strengen Forderungen des Kontrapunkts zu erfüllen.
Auch nach der technischen Seite brauchte ich die Arbeit nicht zu fürchten. Ich hatte mir etwa um 1910 eine Diktiermaschine angeschafft, welche mir die Mühe der Niederschrift abnahm und meine schriftstellerische Geschwindigkeit auch gegenüber der Schreibmaschine auf das mehrfache erhöhte. Wenn der Gedankengang überlegt und durch einige Stichworte festgehalten war, konnte ein Druckbogen Text in etwa zwei Stunden diktiert werden. Meine Schreibhilfe gewöhnte sich bald an den Klang meiner Stimme von der Walze, so daß die Niederschrift fast fehlerlos ausfiel. Wenn es sich als nötig erwies, den Satz unter dem Diktieren umzugestalten, so wiederholte oder beendigte ich ihn gemäß der neuen Form, indem ich mir vorbehielt, die nötigen Verbesserungen oder Streichungen hernach in der Niederschrift anzubringen. Die Schreiberin hatte ein für allemal den Auftrag erhalten, die Sätze niederzuschreiben, wie sie sie hörte, auch wenn sie falsch klangen. Für die Verbesserungen wurde zwischen den Zeilen reichlich Raum gelassen.
Hierbei machte ich auch meinerseits die Erfahrung, daß eine Rede keine Schreibe ist und daß ich mich hüten[247]  mußte, in den Stil des Redners zu verfallen, wenn ich für den Druck sprach. Der Unterschied besteht hauptsächlich in den Wiederholungen, die der Redner anwenden muß, um einen wichtigen oder schwierigen Gedanken im Gehirn seiner Hörer hinreichend festzunageln. Für den Leser genügte aber ein kleiner Hinweis, der sich sprachlich oder stilistisch anbringen läßt, um ihn, wo es wünschenswert ist, zum Verweilen zu veranlassen und man spart so ihm und sich entbehrliche Wiederholungen.
Um ganz sicher zu gehen, arbeitete ich etwa fünf solche Predigten aus, schrieb ein Dutzend Inhalte für künftige auf und ging dann fröhlichen Muts an die Veröffentlichung.
Die Sonntagspredigten hatten einen unmittelbaren und starken Erfolg, wie aus vielfachen Zuschriften hervorging, in denen mir meine Leser ihren Dank aussprachen, oft mit rührend herzlichen Worten. Als nach einem Jahr 26 Predigten gedruckt waren, ließ ich sie in Buchform erscheinen und mußte eine Auflage nach der anderen herstellen lassen, um der Nachfrage zu genügen.
Die Inhalte der Predigten waren in unregelmäßiger Folge aus allgemeinen Fragen und solchen gewählt, die der Tag brachte. Für die ersten hatte ich mir eine methodische Reihe aufgebaut, in welcher die Hauptfragen der wissenschaftlichen Weltanschauung erörtert werden sollten. Dazwischen kamen Aufsätze ohne besondere Ordnung. Anregungen aus äußeren Ereignissen, aus Briefen und aus dem sehr mannigfaltigen Lesegut das für die »Bücherschau« der Annalen und bald auch des Monistischen Jahrhunderts einlangte, riefen sie hervor. Dieses Gemisch von Ordnung und Zufall machte mir viel Vergnügen und wurde offenbar auch von den Lesern als angenehm empfunden.
Diese Predigten wurden durch etwa drei Jahre geschrieben. Der Krieg brachte auch sie zum Erliegen.
[248]  Anschluß an andere Bestrebungen. Die Aufgabe des Monistenbundes war in erster Linie alle diejenigen zu sammeln, die sich über die religiöse und metaphysische Stufe zur wissenschaftlichen entwickelt hatten, und sie in dieser letzten Denkweise zu befestigen, wenn atavistische Rückfälle die Klarheit des Denkens und Urteilens beeinträchtigten. Zweitens galt es, das Recht dieser Auffassung gegenüber den äußeren Beengungen zu wahren, welche von den Vertretern jener älteren Ansichten damals mit erheblichem Erfolg durchgesetzt wurden. Denn unter der Regierung des Kaisers Wilhelm II. hatte die orthodoxe Reaktion sehr an Macht gewonnen. Obwohl Wilhelm I. sicherlich mehr unmittelbare Frömmigkeit besaß, als sein Enkel, war doch die Achtung der Gedankenfreiheit ihm eine so selbstverständliche Pflicht, daß es ihm fern lag, staatliche Gewaltmittel zur Geltendmachung seiner persönlichen Überzeugungen anzuwenden. In solcher Beziehung waren bei seinem Enkel keine wesentlichen Hemmungen vorhanden, zumal er ähnlich wie sein Großonkel Friedrich Wilhelm IV. (mit dem er eine ganz auffallende Ähnlichkeit des Denkens und Handelns zeigte) für sich ein näheres Verhältnis mit »seinem« Gott in Anspruch nahm, als es anderen Menschen vergönnt war. Von dieser Höhe aus sah er als Recht und Pflicht an, seine »Untertanen« auf den rechten Weg zu führen. Gesteigert wurde diese Neigung durch die orthodoxe Einstellung der Kaiserin und durch seine Vorliebe für die Prachtentfaltung der katholischen Kirche, zu der er eine starke Hinneigung erkennen ließ.
Immerhin schienen mir jene Aufgaben nicht ausreichend, um unsere Betätigung zu begrenzen. Ich war daher sehr bereitwillig, anderen Bewegungen, die ich für sozial wertvoll hielt, die freundschaftliche Mitarbeit des Monistenbundes zuzuführen. Schon die Hamburger[249]  Tagung hatte durch die Teilnahme hervorragender Ausländer die Möglichkeit ergeben, internationale Beziehungen anzuknüpfen. Auf unserer nächsten Jahresversammlung in Magdeburg überzeugte uns unser Mitglied Dr. Juliusburger von der Notwendigkeit, den Verwüstungen der Rauschgifte, insbesondere des Alkohols, entgegenzuarbeiten. Eine Beziehung zur Bodenreformbewegung wurde alsbald hergestellt. Ebenso unterstützten wir die freiheitliche Frauenbewegung, die Bestrebungen zur Justizreform, für welche wir in unserem Mitgliede Dr. Dosenheimer einen wertvollen Vertreter hatten. Weitere Beziehungen verbanden uns mit den Schulreformern, den Sexualreformern und manchen anderen.
Sozialdemokratie. Alle diese Betätigungen lagen politisch links bis zum äußersten Flügel. So ergaben sich naturgemäß nahe Berührungen mit der Sozialdemokratie. Man legte mir von dieser Seite oft genug nahe, mich der Partei anzuschließen. Ich erklärte dies als unmöglich für mich, solange der grobe Widerspruch zwischen den Begriffen Sozialismus und Klassenkampf nicht behoben war. Denn eine Partei, welche einen Klassenkampf betätigt, ist zweifellos in schärfster Weise unsozial.
Dies hat mich indessen nicht gehindert, mit einzelnen Sozialdemokraten, die mir gefielen, in ein näheres Verhältnis zu treten. Hier muß ich in erster Linie Heinrich Peus nennen, der seinerseits weit über die Parteischablone hinaus sich mit mir in meinen anderen Bestrebungen vereinigte, insbesondere bezüglich der Weltsprache und der Bodenreform. Er gehört zu den Ersten, welche die durchgreifende Bedeutung des energetischen Imperativs klar erfaßt hatten. Und ich weiß keinen zu nennen, der ihn mannigfaltiger und erfolgreicher praktisch betätigt hätte. Als Präsident des Anhaltischen Landtags und Leiter zahlreicher sozialer Organisationen hat er erfolgreiche Arbeit geleistet im Gegensatz zu der[250]  Mehrzahl seiner Parteigenossen, welche bei den Versuchen, die Wirtschaft zu sozialisieren, meist völlig versagten.
Kirchenaustritt. Die innere Unwahrhaftigkeit, welche ich bei zahlreichen Betätigungen der Kirche, namentlich ihrer »positiven« Vertreter so oft antreffen mußte, und von welcher ich während meiner Tätigkeit im Monistenbunde häufige Proben erlebte, veranlaßte mich zur tätigen Teilnahme an der Kirchenaustrittsbewegung, welche damals sich mit großem Nachdruck entwickelte. Die Arbeit daran vollzog sich in Vorträgen, welche die Darlegung der unzeitgemäßen Beschaffenheit der gegenwärtigen Kirche bezweckten. Zur Gegenwirkung wurden von kirchlicher Seite gleichfalls Vorträge veranstaltet. Es fanden Rede und Gegenrede innerhalb der gleichen Versammlung statt, wobei nicht selten der Vorsitzende durch »taktische« Maßnahmen die Partei in Vorteil setzte, zu der er sich hingezogen fühlte.
So eifrig ich anfangs mich an dieser Arbeit beteiligte, verlor ich doch sehr bald die Lust daran. Hauptsächlich wegen des geringen Nutzwertes solcher Bemühungen, der mit dem energetischen Imperativ in Widerspruch stand. Sodann glaubte ich bei gelegentlicher Teilnahme an Versammlungen, in denen Berufsredner sprachen, d.h. solche, die von Ort zu Ort in gleichem Sinne Vorträge hielten (es gab solche auf beiden Seiten) eine seltsame Beobachtung zu machen. Die Redner schienen es beiderseits sorgfältig zu vermeiden, den Gegner völlig kampfunfähig zu machen, sondern ließen einige Möglichkeiten weiterer Erörterungen offen. Dies erinnerte mich an die Kampfregeln der Lanzknechte im ausgehenden Mittelalter, welche vor der Schlacht mit den Gegnern ausmachten, wieviel Tote und Verwundete es beiderseits geben sollte. Denn es lag nicht in ihrem Interesse, den Krieg durch einen entscheidenden Sieg zu beenden, da er dann eben aus war und sie arbeitslos wurden. Ich[251]  glaube nicht, daß hier die Beteiligten bewußt so handelten, wohl aber, daß unterbewußte Regungen in solchem Sinne vorhanden waren.
Diese Tätigkeit brachte mich mit dem radikalsten Flügel der Sozialdemokratie und einer Anzahl anderer Personen zusammen, die ihnen nahe standen. Die genauere Bekanntschaft wirkte nicht einladend zu einer Fortsetzung und so gab ich bald diese Sache auf. In gleichem Sinne wirkte es, daß der vom Bunde gewählte Ausschuß zur Herstellung von Schul- und Lehrbüchern der weltlichen Moral trotz einiger Anläufe keine aufweisbaren Ergebnisse zutage brachte.
Die monistische Siedelung. Ich darf nicht unterlassen, über ein Experiment zu berichten, das ich während dieser Zeit anstellte. Wie viele Andere, war ich beunruhigt wegen der überstürzten Umstellung der Deutschen Wirtschaft auf technische Erzeugnisse, die im Ausland Absatz suchen mußten, da die Lebensweise vieler Fabrikarbeiter, namentlich in den Großstädten, die Gefahr einer körperlichen wie sittlichen Verkümmerung der nachwachsenden Geschlechter mit sich brachte. Als sicherstes Mittel dagegen sah (und sehe) ich die unmittelbare Verbindung des Arbeiters mit der Erde an, auf der die Energien gesammelt werden, die er für sein Leben und das seiner Familie notwendig braucht.
In meiner Gewohnheit, die allgemeinwissenschaftlichen Kenntnisse und Erkenntnisse unmittelbar auf das tätige Leben anzuwenden, hatte ich mir klar gemacht, daß jeder Mensch mit einem Stück Erdoberfläche auf Tod und Leben verbunden ist, wie der Embryo mit dem Mutterkuchen. Die Nabelschnur mag noch so lang sein und noch so wunderliche Wege laufen: sie ist immer vorhanden, denn reißt sie, so muß der Mensch untergehen. In letzter Linie bezieht ja jedes Lebewesen seine Betriebsenergie von der Sonne. Diese aber kann ihre[252]  strahlende Energie in die chemische, von der Mensch und Tier leben, nur durch Vermittlung der Erde und der auf ihr wachsenden Pflanzen umwandeln. So gehört zu jedem Menschen ein Stück Erdoberfläche, an der die Sonnenenergie gesammelt wird, die sein Leben ermöglicht. Für ein Volk, das einen erheblichen Teil der Nahrungsmittel von auswärts bezieht, liegen diese Stücke teilweise außerhalb der Landesgrenzen und jene Nabelschnur läuft stets Gefahr, unterbunden zu werden. Eine ähnliche Gefahr besteht innerhalb des Volkes, wenn ein unverhältnismäßig großer Teil des Grundbesitzes in wenigen Händen liegt. Es ist also in jedem Sinne am besten, die Nabelschnur möglichst kurz und sicher zu machen, und dies wird erreicht, wenn jede Familie unvertreibbar auf der eigenen Scholle sitzt. Ist doch hierdurch erst die Wiederentstehung eines wirklichen Familienlebens ermöglicht. Und die äußeren Schwierigkeiten, die bisher eine solche Entwicklung erschwerten, werden täglich vollkommener durch die Fortschritte der Technik in der Überwindung von Raum und Zeit verkleinert. Namentlich die elektrische Energie mit ihrer leichteren Verteilung wird zur Umgestaltung des Lebens im Sinne einer räumlichen Zerstreuung der Siedelungen beitragen.
Solche Erwägungen hatten mich zuerst veranlaßt, einen Anschluß des Bundes an die von Damaschke so wirksam geleitete Bodenreformbewegung durchzuführen und deren Wege und Ziele in der Bundeszeitschrift darzustellen. Dann aber lockte es mich, selbst ein solches Siedelungsexperiment anzustellen. Zwar für meine Person und meine Familie hatte ich die Aufgabe längst durch das Landhaus Energie gelöst. Da aber mein Opfermut nicht so weit ging, mir und den Meinen die Aufnahme Fremder in oder bei unserem Heim zuzumuten, schickte ich meinen damaligen Assistenten, der landwirtschaftliche[253]  und gärtnerische Erfahrungen besaß, auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück. Er fand ein solches nahe bei der Stadt Eisenberg in Sachsen-Altenburg von genügender Ausdehnung, um zehn bis zwanzig Menschen zu ernähren und ich erstand es um einen ziemlich hohen Preis. Es war landschaftlich sehr anmutig an einem Bach gelegen und enthielt neben ausgedehnten Feldern und Wiesen eine Mühle, Wohngebäude, Ställe und was sonst zum Dasein erforderlich war.
Die schwierigste Aufgabe ist in solchen Fällen immer die Wahl der Mitarbeiter, und ich muß bekennen, daß ich ihr in keiner Weise gewachsen war. Wirtschaftlich hatte ich mir die Sache so gedacht, daß ich den Siedlern zunächst freie Benutzung von Haus und Boden zugestehen wollte; für Nahrung, Kleidung usw. sollten die Erträge der Landwirtschaft dienen. Natürlich hatte ich alsbald noch allerlei Baarbeträge für die erste Einrichtung und Instandsetzung bereitzustellen.
Schon dies muß ich jetzt als einen organisatorischen Grundfehler ansehen, da die Siedler dadurch den Eindruck erhielten, daß es auf ein genaues Wirtschaften nicht so sehr ankäme. Die allererste Aufgabe, die Siedlung wirtschaftlich selbständig zu machen, trat dadurch in den Hintergrund, und damit war eigentlich schon der Mißerfolg besiegelt. Als ich nach dem ersten Monat die Abrechnung durchsah, stellte sich heraus, daß die Siedler sich unter anderem Zahnbürsten auf Wirtschaftskonto angeschafft hatten, für jeden eine besonders.

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Dazu kam, daß ich die für die Auswahl der Siedler maßgebenden Grundsätze mir nicht vorher klar gemacht hatte. Ich hatte keineswegs die Absicht, mich persönlich für die Gestaltung der Kolonie einzusetzen. Denn von der Landwirtschaft, welche die Grundlage bilden sollte, verstand ich nichts, und die zu erwartenden kleinen täglichen Schwierigkeiten und Reibungen zu überwinden,[254]  fehlte es mir an Zeit, Lust und Talent. So legte ich die Verwaltung in die Hand meines bisherigen Sekretärs, der sich aus ärmlichen Verhältnissen zu einer achtungswerten Bildung emporgearbeitet hatte, gelernter Gärtner war und in seinen Knabenjahren sich mit der Tierpflege bekannt gemacht hatte und nahm im übrigen ohne viel Prüfung auf, was sich um Aufnahme bewarb, auch wenn keine andere Begründung da war, als eine Notlage. Da die Nachricht von der Unternehmung in der Hauptsache auf die Bundesmitglieder beschränkt blieb, so war das Bekenntnis zur monistischen Gesinnung eigentlich die einzige Voraussetzung. Doch will ich nicht unterlassen, zu erwähnen, daß unter den Siedlern einige wirkliche Idealisten waren, die sich ehrlich und kräftig jeder Arbeit unterzogen, die der Betrieb erforderte.
Der Versuch dauerte etwa anderthalb Jahre. Wie immer in solchen Fällen brachen Zwistigkeiten aus, die ich anfangs persönlich auszugleichen versuchte, was immer nur auf kurze Zeit gelang, so daß ich der vergeblichen Arbeit müde wurde und es ihnen überließ, selbst damit fertig zu werden. Die Folge war eine schnelle Steigerung der Temperatur zwischen den Siedlern, die schließlich ein in sehr bestimmten Ausdrücken gehaltenes Schriftstück an mich ergehen ließen, daß sie allgesamt die Siedlung verlassen würden, wenn ich den Leiter nicht sofort entfernte. Was sie gegen ihn vorbrachten, war im wesentlichen persönlicher Natur. Ich hatte die Unhaltbarkeit der Unternehmung eingesehen und beschloß, sie beim Wort zu nehmen, indem ich jene Eingabe unbeantwortet ließ. Sie sind dann geschlossen nach Leipzig gereist, anscheinend in dem Gedanken, daß die drohende Auflösung der Siedlung mich zum Nachgeben stimmen würde. Mir war dies aber willkommen, da es mir mühsame Verhandlungen mit den Einzelnen ersparte; ich ließ ihnen daher mein Einverständnis mit ihrem Entschluß[255]  mitteilen und konnte mit einigen nachträglichen Geldopfern die Rechnung abschließen.
Es war dies nicht die einzige Erfahrung des Inhaltes, daß ein soziales Gebilde, welches Dauer haben soll, nicht ohne den Einsatz einer ganzen Persönlichkeit zum Leben erweckt werden kann. Im Mittelalter herrschte weitverbreitet der Aberglaube, daß ein Dom, eine Burg oder sonst ein großes Gemäuer nicht Bestand haben könne, wenn nicht zwischen den Steinen ein lebendes Wesen eingemauert wurde. Dies mag als Symbol für alle derartigen Gebilde gelten. Nicht eben ein ganzes Leben, aber mindestens ein Dutzend Lebensjahre verlangt es, bis es soviel eigenes Leben gewonnen hat, um sein Dasein ohne ununterbrochene Pflege fortführen zu können. Der Bunsen-Gesellschaft (II, 233) hatte ich dieses Opfer gebracht, wenn man das ein Opfer nennen darf, was man freiwillig und gern tut, und der Erfolg war nicht ausgeblieben, denn auch der Übergang zum selbständigen Leben war geglückt. Bei der monistischen Siedlung hätte ich mir im Voraus sagen können, wenn ich die inzwischen gemachten Erfahrungen schon besessen hätte, daß mangels der Grundbedingung der Versuch mißglücken würde.
Leider ist die Natur so ungeschickt eingerichtet, daß man die Erfahrungen erst nachher hat, wo man sie meist gar nicht mehr braucht oder brauchen kann, und nicht vorher, wo man sie am nötigsten hätte. So habe ich noch an einer Anzahl anderer Unternehmungen ein Scheitern aus dem gleichen Grunde erleben müssen. Glücklicherweise handelt es sich in solchen Fällen meist nur um eine Einzelform, in welcher ein allgemeiner Gedanke sich ein lebendiges Dasein zu gestalten versucht. Der Mißerfolg trifft dann nur diese einmalige Gestaltung, während der Gedanke selbst am Leben bleibt und auf eine neue Gelegenheit wartet, wo er Fleisch werden und sich praktisch betätigen kann.
[256]  Der Ferienkurs. Eine sehr wirkungsvolle Unternehmung wurde im Frühling 1914 begonnen und wäre fortgesetzt und entwickelt worden, wenn der Weltkrieg es nicht unmöglich gemacht hätte. Es war dies eine Zusammenkunft für wissenschaftliche Vorträge.
Derartige »Ferienkurse« wurden in jenen Jahren vielfältig veranstaltet, meist als Fortbildungskurse für bestimmte Berufe. Der unsrige war geplant, um gewisse wichtige Gebiete, wo sich Wissenschaft und Leben berühren, von berufenen Fachmännern darstellen zu lassen. Als Ort wurde Jena gewählt, das wir als unsere Heimatstadt betrachteten, da ja Ernst Haeckel dort den größten Teil seines Lebens zugebracht hatte. Außerdem bot das von Ernst Abbe gestiftete Volkshaus besonders günstige Unterkunft, da es große wie kleine Hörsäle hatte. Die Zeit war die Pfingstwoche. Vormittags von 8 bis 12 Uhr fanden die Vorlesungen statt. Die Nachmittage waren für die Aussprache, Ausflüge usw. frei gehalten, da wir meinten, mehr als vier Vorträge täglich unseren Teilnehmern nicht aufzwingen zu sollen.
Die Vorträge wurden von Staudinger über Genossenschaftswesen, Bozi über die Grundlagen der Justizreform, Magnus Hirschfeld über Sexualwissenschaft und mir über Organisation gehalten. Sie wurden von einigen hundert Hörern sehr regelmäßig besucht, am meisten die von Hirschfeld. Die nachmittäglichen Aussprachen ließen eine sehr lebendige Teilnahme der Hörer erkennen. Wir trennten uns mit dem Bewußtsein, eine gute Sache angefangen zu haben und mit dem Entschluß, den Versuch jedenfalls zu wiederholen. Wie erwähnt, wurde auch diese gute Absicht durch den Weltkrieg zerstört.
Das Wellental. Nach dem ersten plötzlichen Aufschwung in der Hamburger Tagung erwies sich der Bund[257]  willig, meinen Anregungen zu folgen und meiner Führung zu vertrauen. Allmählich aber fanden sich solche Genossen zusammen, welche sich selbst hierdurch unbillig in den Hintergrund geschoben fühlten und organisierten sich als grundsätzliche Gegnerschaft. Zu ihnen gesellten sich diejenigen, denen der Versuch mißglückt war, mich anzupumpen. Den Erstgekommenen hatte ich das Gewünschte gegeben (ich habe nie einen Pfennig davon wiedergesehen), weil ich mich genierte, nein zu sagen. Als aber die Anzahl größer wurde, faßte ich einen kräftigen Entschluß und überwand meine Scheu. Das wurde mir sehr übel genommen, denn die Vorstellung war sehr verbreitet, ich sei durch die Übernahme des Vorsitzes etwas wie das Privateigentum jedes Mitgliedes geworden, über welches zu verfügen sein gutes Recht war.
So entstand eine Gruppe, welche es sich zur Aufgabe machte, mich tunlichst bald abzubauen. Nach einiger Zeit fühlte sie sich so stark, daß auf der Düsseldorfer Hauptversammlung im Kassenausschuß die Anklage erhoben wurde, ich bereichere mich an der Bundeszeitschrift. Ich lehnte von vornherein ab, mich persönlich zu verantworten und der geschäftsführende Schriftleiter Bloßfeldt, der die Geldangelegenheiten verwaltete, hatte es nicht schwer, das Gegenteil zu beweisen.
Aber wie ich dies schon in der Leipziger philosophischen Fakultät erlebt hatte: es gibt in jeder Gesellschaft eine überraschend große Anzahl Mitglieder, welche es als eine persönliche Beleidigung auffassen, wenn ein Genosse größere Erfolge hat, als sie, und demgemäß nur auf eine Gelegenheit warten, um die Beleidigung zu vergelten. So mußte ich beobachten, wie auch höher stehende Bundesfreunde, mit denen ich auf freundschaftlichem Fuße näher verkehrt hatte, sich abwendeten und eine feindliche Haltung annahmen. In einem Falle,[258]  der mir besonders nahe ging, konnte ich bei sorgsamster Selbstprüfung an mir kein anderes Vergehen entdecken, als folgendes. Wir hatten in München gemeinsam im Hofgarten Kaffee getrunken, und ich hatte mir einen ausführlichen Plan darlegen lassen über eine Angelegenheit, die uns beiden am Herzen lag. Da ich über eine kommende Stunde schon verfügt hatte, brachen wir auf und der Andere begleitete mich zu meinem Gasthof in der Nähe des Hauptbahnhofes, was etwa eine halbe Stunde Weg ausmacht. Ich hatte gegen sein Schema einiges einzuwenden und versuchte dies zum Ausdruck zu bringen; er aber war noch nicht fertig. Wieder und wieder versuchte ich ihn zu unterbrechen, doch es gelang mir nicht. Als wir uns endlich an meiner Tür verabschiedeten, sagte ich ihm mit lachendem Munde: Nun haben Sie mich eine geschlagene halbe Stunde lang nicht zu Worte kommen lassen. Er stutzte, überzeugte sich von der Richtigkeit meiner Bemerkung, vermied in der Folge jedes persönliche Gespräch und trat mir bei öffentlichen Gelegenheiten mit Bitterkeit entgegen.
Abschluß. Der ausbrechende Weltkrieg hat auch über den Monistenbund harte Zeiten gebracht. Innerhalb des Bundes entstand ein schwerer Gegensatz. Im allgemeinen waren wir alle natürlich Anhänger des Weltfriedens und sahen in der Tatsache, daß es bisher immer Kriege gegeben hatte, keinen zureichenden Grund für die so oft ausgesprochene Folgerung, daß es auch in aller Zukunft immer Kriege geben würde. Denn wir fanden in der Tatsache der Entwicklung umgekehrt einen Grund für die Folgerung, daß künftig einmal auch diese Geißel der Menschheit vom Erdboden verschwinden werde, ebenso wie die Pest, der schwarze Tod, die Cholera und andere völkerverheerende Epidemien verschwunden sind, wenigstens in den Kulturländern.[259]
Aber nachdem wir nun von allen Seiten kriegerisch überfallen waren und unser Dasein verteidigen mußten, war ein Teil der Genossen der Meinung, daß die Tatsache, daß hier nun Krieg geführt wurde, uns als Angehörige des Deutschen Volkes verpflichtete, das Mögliche für die Überwindung der Feinde zu tun. Ein anderer Teil war dagegen der Meinung, daß wir gerade jetzt unsere Friedensgesinnung betätigen und uns al er und jeder Teilnahme an allen und jeden Kriegs- oder Verteidigungshandlungen enthalten sollten.
Ich selbst zählte mich zur ersten Gruppe, versagte aber auch natürlich der anderen nicht, sich in der Bundeszeitschrift zu äußern. Dabei stellte sich ein merkwürdiger Gegensatz heraus. Die Kriegsbejaher waren gegenüber den anderen durchaus friedlich gesinnt und bereit, die Frage mit Für und Wider zu erörtern. Die Kriegsverneiner zeigten dagegen eine ausgesprochene Neigung, die Gegner nicht sowohl zu überzeugen als zu bekämpfen.
Unter solchen Umständen hielt ich es für das Richtigste, von meinem Amt zurückzutreten, zumal ich für den Monistenbund keine ersprießliche Tätigkeit voraussehen konnte, weder während des Krieges, noch nach dessen Aufhören, und zwar gleicherweise, ob das Kriegsglück für oder gegen uns entscheiden würde.
Von meinen Freunden wurde ich an das verwegene Wort vom bevorstehenden monistischen Jahrhundert erinnert, mit welchem ich meine Bundesarbeit gleichsam eingeleitet und eingeläutet hatte, und man wollte es mir zur Pflicht machen, meine Hand nicht zurückzuziehen. Ich aber machte den energetischen Imperativ geltend für die Notwendigkeit, die vorhandenen starken Reibungen durch meinen Rücktritt zu vermindern, vielleicht zu beseitigen.
Beschaue ich heute, was das Jahrhundert hernach gebracht hat, so ist der erste Eindruck, daß jene Voraussage,[260]  es werde monistisch sein, ganz weit an der Wahrheit vorbeigeschossen hat. Aber man muß erwägen, daß seitdem nur erst etwa ein Sechstel Jahrhundert vergangen ist; fünf Sechstel stehen uns noch bevor. Und da für mich monistisches Jahrhundert gleichbedeutend ist mit dem wissenschaftlichen, so bekenne ich trotz allem einen starken Glauben an das Eintreffen meiner Hoffnung.



 Achtes Kapitel.
Der internationale Verband der Chemiker.










[261] Eine kleine Internationale. Auf der Naturforscherversammlung in Kassel (III, 224) traf ich mit dem Genfer Kollegen Ph. A. Guye zusammen, den ich schon seit Jahren als selbständigen Mitarbeiter im fruchtbaren Felde der physikalischen Chemie von ferne kennen gelernt hatte. Zur Förderung unserer Wissenschaft im Französischen Sprachgebiet hatte er eine entsprechende Zeitschrift gegründet, die ich seinerzeit mit aufrichtiger Herzlichkeit als Mitarbeiterin am gemeinsamen Bau begrüßte. Guyes persönliche Forschungen zeichneten sich durch Selbständigkeit der Gedanken und Genauigkeit der Ausführung aus und es war mir ein Vergnügen gewesen, auf ihre Bedeutung in der »Zeitschrift« gelegentlich der Berichterstattung hinzuweisen.
Die persönliche Begegnung verstärkte den angenehmen Eindruck. Er war ein langer schlanker, ja magerer Mann mit südlich dunkelbraunem kurzem Haar und Bart, von lebhaftem und gewinnendem Wesen, das den Eindruck größter Aufrichtigkeit machte. Er erzählte mir, wie er zur physikalischen Chemie gekommen war. Seine chemische Erziehung war wie die aller Zeitgenossen eine »organische« gewesen. Damals lehrte in Genf der[262]  vorzügliche Chemiker Graebe, der Mitentdecker der künstlichen Krappfarbstoffe, dessen Assistent Guye wurde. In dieser Eigenschaft entdeckte er beim Aufräumen der Bücher ein etwas verstaubtes und gänzlich unaufgeschnittenes Exemplar von Ostwald, Lehrbuch der Allgemeinen Chemie. Der ungewohnte Titel reizte seine Neugier, er nahm das Werk nach Hause, las es fast in einem Zuge durch und war für sein ganzes Leben der neuen Wissenschaft gewonnen, wie er mir mit herzlichem Ausdruck versicherte.
Gleichzeitig befand sich in Kassel William Ramsay, der zu einem der großen Vorträge eingeladen war. Er kannte Guye schon und hatte sich mit ihm nahe befreundet. So waren wir drei viel beisammen und waren egoistisch genug, uns etwas von der großen Menge abzusondern, um ungestörter plaudern zu können.
Zu uns gesellte sich dann van't Hoff, der etwas später eintraf und von uns freudig begrüßt wurde. Er war von seinen zwei eben erwachsenen Töchtern begleitet, ebenso wie Ramsay von der seinen; leider hatte ich die meinen zu Hause gelassen. Wir verabredeten ein gemeinsames Mittagessen; für die Mädchen waren Blumen da und es entwickelte sich eine jener seltenen Stimmungen absoluten Behagens, fröhlichster Hingabe an den Augenblick, die jedem Teilnehmer dauernd im Gedächtnis bleiben. Ramsay, der nüchterne Schotte, erhob begeistert sein Glas und sagte mit schwingender Stimme und glänzenden Augen: es lebe die Freundschaft!
Als ich später an dies kleine lichte Erlebnis zurückdachte, kam mir in den Sinn, daß es wohl symbolisch genommen werden durfte. Jeder von uns vieren gehörte einem anderen Volke an, und dennoch hatte sich unter den Tausenden der Versammelten schwerlich eine Gruppe gebildet, die sich enger verbunden fühlte, als wir. Der[263]  Zusammenschluß der Chemiker aller Länder schien mir das natürliche und notwendige Ziel zu sein, dem jeder von uns zustrebte. Und da der Weg von der theoretischen Einsicht zum Versuch der praktischen Gestaltung bei mir nicht weit war, hielt ich Ausschau nach entsprechenden Möglichkeiten.
Ein organisatorischer Hauptgedanke. Hierbei kam mir in den Sinn, was mir vor kurzem der bedeutende Belgische Staatsmann A. Beernaert gesagt hatte. Ich hatte ihn in Brüssel auf einem Kongreß der internationalen Verbände kennen gelernt und wir hatten uns trotz der großen Verschiedenheiten des Alters und der Weltanschauung zueinander hingezogen gefühlt. Er war 1829 geboren, also fast ein Vierteljahrhundert älter als ich und hielt sich politisch zur klerikalen Partei. Da aber zurzeit sein Hauptinteresse sich auf Fragen der Organisation richtete – er war Mitglied der Haager Friedenskonferenz und Inhaber des Nobelpreises für seine internationale Betätigung – so war mir sein freundliches Entgegenkommen nach dem Vortrage, den ich auf jener Brüsseler Versammlung gehalten hatte, in hohem Maße erwünscht. Gelegentlich eines Essens in seinem Hause verwickelte er mich in ein längeres Gespräch und erzählte mir unter anderem folgendes. Er hatte schon vor vielen Jahren sich um die Schaffung irgendeiner auf Seeschifffahrt bezüglichen internationalen Einrichtung bemüht, jedoch ohne Erfolg. Nur war späterhin die Anregung dergestalt wirksam geworden, daß sich in den einzelnen Hafenstädten solche Einrichtungen gebildet hatten, die in den entsprechenden Ländern zu nationalen Verbänden zusammengetreten waren. Als er nun unternahm, diese nationalen Verbände international zu organisieren, war es nach kurzer Frist gelungen. Seitdem, fügte er hinzu, habe ich nie mehr versucht, solche Dinge vom internationalen Ende her anzufangen. Der Anfang muß lokal[264]  und dann national entwickelt sein; dann erst kann man an die internationale Zusammenfassung denken.
Auf mich hatte dies kostbare Stück praktischer Organisatorik einen sehr starken Eindruck gemacht und ich hatte mir vorgenommen, es jedenfalls anzuwenden, wenn ich derartige Aufgaben zu lösen haben würde. Eine solche Gelegenheit trat ein, als sich mir jener Gedanke darstellte, eine Gesamtorganisation aller Chemiker der Welt herbeizuführen.
Die chemische Reichsanstalt. Auch diese Aufgabe hatte ich aus begrenzteren Problemen entwickelt. Von Amerika war ich 1906 mit dem Gedanken zurückgekehrt, daß auch für die Chemie eine vom Unterricht ganz befreite Forschungsanstalt notwendig ist, ähnlich wie sie die Physik in der physikalisch-technischen Reichsanstalt schon lange besaß. Diese war 1887 durch Werner Siemens gegründet und mit einem reichlichen Vermögen ausgestattet worden; seinen großen Freund Helmholtz hatte er mit der Organisation betraut und zum ersten Präsidenten ernennen lassen. Ich hatte bereits auf meiner ersten Europareise (I, 187) die junge Reichsanstalt besucht und dort einen Kollegen mit der gleichen Aufgabe beschäftigt gefunden, die ich für meine Zwecke bereits gelöst hatte, nämlich einen Thermostaten zu erbauen. Die schnelle und gute Entwicklung der Anstalt hatte ich mit lebhaftestem Interesse verfolgt, da sie die erste und lange die einzige derartige Einrichtung war. Erst lange hernach wurden die entsprechenden Institute in Amerika und England gegründet, die gleichfalls der Physik gewidmet waren.
Die zusammenfassenden und auf allgemeine Begriffe gerichteten Arbeiten, mit denen ich meine chemische Tätigkeit beendete, zeigten mir eine große Anzahl von Aufgaben, deren Bearbeitung durch zufällige Einzelforscher nicht möglich war, denn sie erforderten die[265]  organisatorische Anordnung vieler Sonderarbeiten nach vergleichbaren Verfahren. So faßte ich den Gedanken der Gründung einer entsprechenden chemischen Forschungsanstalt. Unter den Fachgenossen fand ich bald Zustimmung, aber keine praktische Hilfe. Sie vom Reich zu erbitten, hätte eine Verzögerung auf unabsehbare Zeiten bedeutet, nachdem uns »wohlwollende Prüfung« von dem zuständigen Geheimrat zugesichert worden wäre.
Gelegentlich des internationalen Chemiker-Kongresses in Rom, von dem hernach einiges zu erzählen sein wird, besprach ich die Frage erneut mit den dort anwesenden Vertretern der Deutschen chemischen Wissenschaft und Industrie, und es stellte sich wieder die Geldfrage als das erste Hindernis heraus, das genommen werden mußte. »Gehen Sie doch zum reichen Dr. Mond, Sie kennen ihn ja näher, rief endlich einer, er wohnt hier in Rom.« Das leuchtete mir ein. Ich erfuhr, daß er leidend war und sich nur schwierig sprechen ließ. Doch gab er mir auf meine schriftliche Anfrage eine zustimmende Antwort, hörte mich an und bewilligte nach kurzer Überlegungsfrist eine beträchtliche Summe, ich glaube 200000 M.
Ludwig Mond. Ich kannte diesen Großindustriellen und vielfachen Millionär seit etwa zwanzig Jahren, und da er eine in manchem Sinne bemerkenswerte Persönlichkeit war, so werden einige Nachrichten über ihn willkommen sein.
Meine erste Begegnung mit Mond geschah 1889 auf der Heidelberger Naturforscherversammlung (II, 111). Es hatte sich bei einem Ausflug zu mir ein stark jüdisch aussehender Herr mit schwarzem Haar und Bart an einem eigentümlich schrägen Kopf, von untersetzter, kräftiger Gestalt und entschiedenem Wesen gesellt, der sich mir als Dr. Mond vorstellte. Er war nach Heidelberg[266]  gekommen, weil er dort unter Bunsens Leitung Chemie studiert hatte.
Ich wußte nichts von seinen industriellen Erfolgen und verhielt mich ziemlich kühl gegen ihn. Denn er tat Äußerungen, welche mir eine geringe Achtung vor den Vertretern der Wissenschaft auszudrücken schienen. Ich war in dieser Beziehung eben empfindlich geworden, weil auf derselben Versammlung Edisons Deutsch sprechender Vertreter für die Auszeichnung, in einer Versammlung von Gelehrten reden zu dürfen, durch geschmacklose Witze über diese danken zu sollen glaubte (II, 114).

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So meinte ich, daß Mond in dasselbe Horn stoßen wollte, und verhielt mich danach. Mond klärte mich aber bald darüber auf, welchen unbedingten Wert er auf wirkliche wissenschaftliche Arbeit legte, und machte mir Mitteilungen über seine Versuche, elektrische Energie aus brennbaren Gasen, zunächst Wasserstoff, in industriellem Maßstabe zu gewinnen. Hiermit hatte er alsbald meine lebhafte Teilnahme erweckt und seine großzügige Art, die wirtschaftliche Seite der chemischen Vorgänge zu betrachten, ist von Einfluß auf mein eigenes späteres Denken geworden.
Später bin ich wiederholt mit Mond zusammengetroffen, namentlich durch die Vermittlung William Ramsays, der ihm nahe stand. Mond hatte sehr frühzeitig erkannt, daß der unter seinen Augen entstehenden physikalischen Chemie neben ihrer wissenschaftlichen auch eine sehr erhebliche wirtschaftliche Bedeutung zuzuschreiben war. Er war dazu schon als Schüler Bunsens gut vorbereitet und empfing eine weitere wirksame Anregung durch die anerkennende Stellungnahme Victor Meyers auf jener Heidelberger Versammlung. So erklärt sich das Interesse, das er damals an meiner Person nahm.[267]  Auch lagen die eben von ihm unternommenen Arbeiten auf dem gleichen Gebiete.
Obwohl aus Deutschland (Kassel) gebürtig und in Deutschland erzogen, hatte Mond wie so viele Deutsche Juden bereitwillig die Nationalität des Landes angenommen, in welchem er seine wirtschaftlichen Erfolge gewonnen hatte und war auch mit dem Herzen Engländer geworden. Darum beunruhigte es ihn, daß der Schwerpunkt der Entwicklung der physikalischen Chemie in Deutschland lag, und er sann über die Mittel nach, sie auch in England heimisch zu machen, wo diese Forschungsrichtung vorzeiten durch Davy und Faraday so erfolgreiche Pflege erfahren hatte. In deren Förderung durch die Gründung eines Lehrstuhls an einer englischen Universität hatte er anscheinend kein Vertrauen. Da in England die wichtigsten Entdeckungen von privaten Forschern ausgegangen waren, so kam er auf den Gedanken, eine private Anstalt zur Pflege der physikalischen Chemie zu stiften, die jedem offen stehen sollte, der den Wunsch und die Fähigkeit hatte, derartige Forschungen auszuführen. Für deren Verwaltung hatte er die »Royal Institution of Great Britain« ausersehen, eine private Gesellschaft, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von einigen reichen Männern gegründet war, um sich und den Ihren gediegene wissenschaftliche Unterhaltung zu verschaffen und daneben auch womöglich die Industrie des Landes zu befruchten. Der maßgebende Organisator war der Amerikaner Benjamin Thompson gewesen, der besser unter seinem späteren Namen Graf Rumford bekannt ist. Die Gesellschaft hatte von jeher eine besonders glückliche Hand in der Wahl ihrer wissenschaftlichen Angestellten gehabt, denn der erste war Humphry Davy gewesen, dem nach einem kurzen Interregnum Brande kein geringerer als Michael Faraday gefolgt war. Auch John Tyndall, dessen Name in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts[268]  in Deutschland berühmter war, als in seinem Vaterlande – hatte doch sogar Helmholtz eine Deutsche Ausgabe seines bekannten Buches über die Wärme besorgt – gehörte dieser Reihe an.
So kaufte Mond ein Haus, das unmittelbar neben dem der Royal Institution lag und stattete es mit allen Mitteln zu erfolgreicher physiko-chemischer Forschung aus. Er studierte hierfür die entsprechenden Anstalten in Deutschland, Frankreich und England und beschaffte die besten Geräte, die für Geld zu haben waren.
Bei einem meiner häufigen Besuche in London führte er Ramsay und mich in das Haus, dessen Einrichtung noch nicht ganz vollendet war, und zeigte uns die angeschafften Apparate. Ich konnte mit Genugtuung feststellen, daß drei Viertel des Besten, was Mond in der ganzen Welt hatte ausfindig machen können, aus Deutschland stammte. Der Reichtum der Ausstattung trat mir unter anderem durch den Umstand entgegen, daß die Platten der Arbeitstische aus massivem Mahagoniholz hergestellt waren. Mond erklärte, das sei das Solideste, was dafür vorhanden war, und außerdem seien die Kosten dafür verhältnismäßig gar nicht so hoch. Er nannte die Anstalt das Davy-Faraday-Forschungslaboratorium und hatte das Bedürfnis, sie diesen illustren Paten angemessen auszustatten.
Wie die meisten Häuser im mittleren London war auch dieses ziemlich schmal und dafür vielstöckig in die Höhe gebaut. Um die oberen Zimmer zu besichtigen, bestiegen wir den eben eingerichteten elektrischen Fahrstuhl, den Mond bediente. Infolge irgendeines Fehlers in der Schaltung ging der Motor durch und wir flogen mit erheblicher Geschwindigkeit nach oben mit der Aussicht, zuletzt platt gedrückt zu werden. Ramsay als der längste wäre zunächst daran gekommen, dann ich und zuletzt Mond, der breit aber kurz war. Doch[269]  wurde glücklicherweise unsere Himmelfahrt vor dem Ziel unterbrochen und wir konnten kurz unter dem Dachboden den Eliaswagen verlassen. Keiner von uns dreien hatte irgendwelche Zeichen von Angst erkennen lassen.
Viel später, 1909, als ich Mond kurz vor seinem Tode in Rom sah, wo er seiner schwankenden Gesundheit wegen die kälteren Monate verbrachte, nahm ich Anlaß, ihn zu fragen, wie er mit dem Erfolg seiner großartigen Stiftung zufrieden sei. Mit einer Offenheit und Unbefangenheit, die mir hohe Achtung abnötigte, gab er mir die Erklärung, daß er sie als ein verfehltes Unternehmen ansehen müsse. Es sei nicht gelungen, dort eine wirkliche Schule oder Tradition physikalisch-chemischer Arbeit zu schaffen. Die Ursache war wohl in erster Linie, daß der Leiter der Anstalt trotz persönlicher Tüchtigkeit nicht die Fähigkeit hatte, eine Schule zu organisieren. Dann aber erklärte Mond, er habe sich inzwischen überzeugt, daß er durch die Schaffung der freien Arbeitsgelegenheit für physikalisch-chemische Forschungen keine wirkliche Lücke ausgefüllt habe, denn solche Arbeitsgelegenheiten seien in London schließlich reichlicher vorhanden, als die Nachfrage danach. Seine Anstalt sei zu einem Klub entartet, wo einige unbeschäftigte ältere Herren mit wissenschaftlichen Neigungen zusammenträfen, um eine Pfeife zu rauchen und daneben etwas chemische Spielereien zu treiben.
Ich erkannte in dieser durch persönliche Wünsche und Hoffnungen nicht beirrbaren Fähigkeit zu objektiver Beurteilung tatsächlicher Verhältnisse eine der wesentlichen Eigenschaften, welchen Mond seine ungewöhnlichen industriellen Erfolge verdankt hatte.
Was das Urteil Monds über seine Schöpfung anlangt, so ist es vielleicht zu hart ausgefallen. Er war damals schon recht krank und daher wohl geneigt, die vorhandenen[270]  Schatten dunkler zu sehen und zu beschreiben, als sie einem ganz gesunden Auge erschienen wären.
Am Ende des gleichen Jahres 1909 starb der hervorragende Mann.
Die Kaiser-Wilhelm-Institute. Nachdem die Gründung einer chemischen Reichsanstalt durch Monds Stiftung wenn auch nicht gesichert, so doch sehr erleichtert war, bildete sich in Berlin ein Gründungsausschuß, zu dem ich auch eingeladen war. Er veranstaltete eine entsprechende Versammlung, in welcher ich einen Vortrag zur Sache hielt. Als aber die Organisation des Arbeitsausschusses durchgeführt wurde, fanden sich so viele Berliner, welchen notwendig eine leitende Stellung gegeben werden mußte, daß für mich nur ein subalterner Platz übrig blieb, auf den ich verzichtete.
Zu einer chemischen Reichsanstalt, wie sie damals geplant war, kam es indessen nicht. Der Gedanke diffundierte in die höfischen Gebiete und brachte dort eine neue Kristallisation von wesentlich anderer Art hervor. Nicht nur die Chemie, sondern noch eine Anzahl anderer Wissenschaften sollten mit Forschungsanstalten bedacht werden und so ein ganzer Komplex solcher Gebilde mit gemeinsamer Oberverwaltung aber selbständigen Direktoren entstehen. Kaiser Wilhelm II. nahm den Gedanken persönlich auf und es wurden die »Kaiser-Wilhelm-Institute« gegründet. Die nötigen Gelder gingen in Fülle ein, da der Kaiser gewissermaßen selbst mit dem Klingelbeutel bei der Großindustrie herumging und über die Gaben reichlich mit Orden und Titeln quittierte. Dies ist beiläufig ein überzeugendes Beispiel für den großen Nutzen dieser Einrichtungen, auf welche unsere Republik sehr zu ihrem Nachteil so unbedacht verzichtet hat.
Ich empfand diese Entwicklung ein wenig wie einen »unlauteren Wettbewerb«, weil durch die starke Hand[271]  des Kaisers in Deutschland alle für solche ideal-wissenschaftlichen Zwecke verfügbaren Schenkgelder in diesen einzigen Kanal gelenkt wurden, so daß die Aussicht, für andere soziale Zwecke derartige Mittel flüssig zu machen, so gut wie völlig vernichtet war. Und ich hatte noch eine ganze Anzahl solcher Zwecke im Sinne, die keinenfalls im Rahmen jener Forchungsinstitute verwirklicht werden konnten.


Der internationale Chemikerverband. Zu diesen Dingen gehörten jene organisatorischen Arbeiten im chemischen Felde auf welche oben (III, 263) hingedeutet worden ist. Da es sich hier um Angelegenheiten handelte, welche alle Chemiker der Welt angehen, so lag der Gedanke nahe, diese ganze Chemikerschaft zu einer Einheit zu verbinden und von dort aus an jene Fragen heranzutreten.
Gegenständlich wurde diese Sache für mich bei einem Besuche der schweizerischen Naturforscherversammlung in Basel. Sie hatte mir die Auszeichnung der Ernennung zum Ehrenmitgliede erwiesen und ich versuchte meinen Dank zu bezeigen, indem ich die Gründung einer Professur für Naturphilosophie an der dortigen Universität anregte. Sie wäre die erste ihrer Art gewesen und Basel hätte die Führung dieser Bewegung an sich nehmen können. Doch erschien wohl den nüchternen Schweizern der Gedanke zu phantastisch und sie ließen ihn zu Boden fallen. Inzwischen ist er an anderen Stellen ausgeführt worden.
An jener Versammlung nahm auch der Pariser Chemiker A. Haller teil, mit dem ich längst in briefliche Beziehungen getreten war. Er hatte sich mit Erfolg bemüht, an der Universität Nancy, an der er zunächst wirkte, etwas von dem Deutschen Unterrichtswesen heimisch zu machen, dem er mit Recht die Hauptursache des märchenhaften Aufschwunges der Deutschen chemischen Industrie zuschrieb. Inzwischen war er nach[272]  Paris berufen worden und wirkte dort in gleichem Sinne. Er gehörte zu jenen hervorragenden Elsässern, welche einen großen Teil der Französischen wissenschaftlichen Chemie geliefert haben. Gemeinsame organisatorische Interessen brachten uns bald persönlich nahe und wir heckten zusammen den Plan eines internationalen Chemikerverbandes aus. Eingedenk der Lehre, die ich von dem weisen Beernaert (III, 264) erhalten hatte, fragte ich mich, ob lokale und nationale Gebilde vorhanden waren, die international organisiert werden konnten und fand in den chemischen Gesellschaften der verschiedenen Länder den richtigen Urstoff. Um alle Chemiker zu organisieren, genügte es, die zehn bis zwanzig nationalen chemischen Gesellschaften zu verbinden. Die anfangs unmöglich aussehende Aufgabe gelangte dadurch in das Gebiet des leicht Erreichbaren und ich war in meinem Herzen dem alten Beernaert aufrichtig dankbar für seine wirksame Führung.
Haller schlug mir vor, daß er in der Französischen, ich in der Deutschen chemischen Gesellschaft gleichzeitig den Gedanken des Verbandes anregen sollte, worauf wir uns an alle anderen Schwestergesellschaften wenden wollten. Ich mußte ihm antworten, daß ich in Berlin mit meinem Antrag sicher einstimmig und rettungslos durchfallen würde. Dagegen würde eine von der Französischen Gesellschaft nach Berlin geschickte Einladung ebenso sicher begeistert angenommen werden. Haller schüttelte den Kopf, handelte aber nach meinem Vorschlag; natürlich trat der vorausgesehene Erfolg ein.
Wir verständigten uns noch mit der Englischen Gesellschaft und jede ernannte drei Abgeordnete, die sich im Frühling 1911 in Paris als der einladenden Stadt versammelten, um die Gesamtorganisation zu beraten.
Von Deutscher Seite waren aus Berlin die Kollegen Jacobson und Wichelhaus abgeordnet worden. Mich[273]  hätte man lieber übergangen, doch hatte Haller dafür gesorgt, daß dies nicht angängig war. Jakobson war der Generalsekretär der Deutschen chemischen Gesellschaft, also ihr berufener geschäftlicher Vertreter. Wichelhaus war Mitbegründer der Gesellschaft und schien als solcher bestens geeignet, diese Körperschaft darzustellen. England war durch Ramsay, Frankland und Meldola vertreten (doch war dieser wegen Erkrankung nicht gekommen), Frankreich durch Haller, Hanriot und Béhal. Beim Zusammentreffen mit den Deutschen Kollegen konnte insbesondere Jakobson sein Mißvergnügen über meine Anwesenheit nicht verbergen.
Die Beratungen waren durch einen Ausschuß der Französischen Gesellschaft, dem außer den genannten noch Gautier, Maquenne, Le Chatelier, Lindet, Bertrand, Urbain angehörten, gut vorbereitet worden, denn diese hatten die Grundlinien der künftigen Organisation so festgestellt, wie sie hernach auch angenommen wurden.
Als Arbeitsgebiete ergaben sich: Benennung der Stoffe in der anorganischen wie organischen Chemie. Atomgewichte. Vereinheitlichung der Formelzeichen. Anordnung der Literaturregister. Berichterstattung über die erscheinenden Arbeiten. Allgemeine Sprache. Gleichheit der Formate für die Drucksachen. Vermeidung mehrfacher Veröffentlichungen derselben Arbeit. Vollständiges Verzeichnis der gesamten chemischen Literatur.
Nachdem grundsätzlich die Bildung des Verbandes unter dem Namen: Assoziation der chemischen Gesellschaften beschlossen war, legten die Französischen Kollegen einen Satzungsentwurf vor, der ohne viel Änderungen Annahme fand.
Nationale Wissenschaft. Schwierigkeiten machte nur die Frage, ob als Mitglieder des Verbandes die einzelnen chemischen Gesellschaften eintreten, oder jedes Land,[274]  das mehrere Gesellschaften besaß, diese zusammenfassend einmalig vertreten sollte. Gegen den ersten Vorschlag, den ich für den richtigen hielt, wurde geltend gemacht, daß dann kleine unbedeutende Vereine den gleichen Einfluß haben würden, wie die großen mehrtausendköpfigen chemischen Gesellschaften; dies ließ sich durch die Forderung einer selbständigen Zeitschrift und einer Mindestzahl der Mitglieder verbessern, bei deren Erreichung der Verein erst vertretungsfähig würde. Gegen die nationale Einteilung machte ich geltend, daß der nationale Gesichtspunkt für die Wissenschaft möglichst in den Hintergrund gerückt werden muß, da die Wissenschaft das übernationalste ist, was es gibt. Es sei also widersinnig, umgekehrt die Nation als organisatorische Grundlage anzunehmen. Auch führt es alsbald auf Schwierigkeiten: hat Österreich-Ungarn Anspruch auf einen Vertreter oder zwei? Soll Kanada neben England als selbständiges Land angesehen werden?
Es gelang mir nicht, für meine Auffassung eine Mehrheit zu finden. Die Engländer und Franzosen sprachen es zwar nicht deutlich aus, waren aber erkennbar beeinflußt durch den Gedanken, daß in Deutschland erheblich mehr chemische Vereinigungen bestehen, als in ihren Ländern, so daß bei der Zählung nach Vereinen sie als Nation zu kurz kommen würden. Meinen Deutschen Kollegen wird aber die Erwägung nicht fern geblieben sein, daß bei der Zählung nach Nationen der Berliner Chemischen Gesellschaft die Vertretung aller Vereine zufallen würde, während sie im anderen Falle in die Reihe der anderen zurücktreten müßte. So blieb ich mit meinem Vorschlag allein, ohne von seiner Unzweckmäßigkeit überzeugt zu sein. Ich erwähne die Angelegenheit, weil doch früher oder später wieder eine ähnliche Verbandbildung sich als notwendig erweisen wird.
[275]  Wahlsorgen. Nachdem dergestalt die Konstituierung vollzogen war, wurde der Paragraph betätigt, daß der Vorsitz alljährlich von einer Gesellschaft zur anderen nach dem ABC wechseln sollte. Nach diplomatischem Gebrauch waren die Französischen Ländernamen maßgebend und Deutschland hatte als »Allemagne« den ersten Vorsitzenden zu stellen.
Es konnte mir nicht entgehen, daß mein Berliner Kollege Jakobson meine Wahl keineswegs gern sehen würde; es wurde Stimmung für Wichelhaus gemacht. Die Vorbesprechungen hatten bis zur Mittagspause gedauert. Am Nachmittag sollte die Wahl getätigt werden, und es war nicht ausgeschlossen, daß jene Ernennung erfolgen würde, wenn auch mit knappster Mehrheit, falls auch ich, wie man hoffte, für Wichelhaus stimmen würde, da ich nicht wohl für mich selbst stimmen durfte.
Mit sehr gemischten Gefühlen machte ich vor der Sitzung einen einsamen Spaziergang. Zuerst war ich höchst ärgerlich, daß mir auf diese Weise meine persönliche Arbeit entwendet werden sollte. Doch wollte ich mir solche Gefühle nicht gestatten, da sie zu nahe an den Neid grenzten, den ich als das niederträchtigste und dabei dümmste Laster verabscheute, da der davon Besessene sich selbst das größte Übel damit zufügt. Ich bearbeitete mich also innerlich, bis ich eine gefühlsfreie, objektive Einstellung zur Sache erreicht hatte, was ich daran erkannte, daß ich ohne Erregung die Möglichkeit erwägen konnte, die Wahl würde wie erwartet ausfallen.
Wenn ich aber diese Möglichkeit als wirklich dachte, so sah ich das ganze Werk gefährdet. Denn dann würde voraussichtlich die Sache ohne Initiative äußerlichformell betrieben werden. Die laufenden Geschäfte würden in Berlin erledigt werden, da dort die Mehrheit war und ich würde wie immer von dort ausgeschaltet[276]  und an der Ausführung meiner organisatorischen Pläne verhindert werden. So hatte ich objektiv die Pflicht, dafür zu sorgen, daß ich selbst Vorsitzender wurde.
Mir selbst meine Stimme zu geben, wäre mir allerdings peinlich gewesen, da ich meine Gründe dafür nicht wohl mitteilen konnte. Noch weniger konnte ich mich der Stimme enthalten. Da kam mir ein erlösender Gedanke. Ich brauchte meine Stimme nur Jakobson zu geben, der außerdem schwerlich eine Stimme erhalten würde und die Möglichkeit meiner Wahl war zwar nicht gesichert, wohl aber näher gerückt.

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Unter großer Spannung wurden die Wahlzettel geöffnet und die Stimmen gezählt, Es waren acht Vertreter anwesend, die Mehrheit betrug also fünf Stimmen. Ich hatte fünf Stimmen erhalten, Wichelhaus zwei, Jakobson eine. Meine Sorge war überflüssig gewesen, denn die absolute Mehrheit hatte für mich gestimmt.
Ermüdet, aber befriedigt gingen wir auseinander, nachdem noch die Pariser Chemische Gesellschaft uns ein Festessen gegeben hatte. In einer zusammenfassenden Tischrede kennzeichnete ich das soeben getaufte Kind (es wurde Assoziation der chemischen Gesellschaften genannt) als ein höchst modernes Erzeugnis, insofern es zwei Väter hatte, die nicht einmal aufeinander eifersüchtig waren. Auch die Mutterpflichten seien geteilt. Im Schoße der Französischen Gesellschaft war es geboren, die Deutsche hatte die unmittelbare Pflege überkommen und die Englische stand als bedachtsame Nurse dabei, die zwar nicht recht einsieht, wozu sich die Leute mit Kinderkriegen belasten, aber entschlossen ist, das vorhandene Kind nach bestem Können zu betreuen.
Das internationale Institut für Chemie. In einigen schlaflosen Stunden während der Nacht nach dem Abschluß unserer Beratungen hatte ich darüber nachgedacht, wie ich dem jungen Verbande eine möglichst gedeihliche[277]  Entwicklung sichern könnte. Dabei fielen mir Gespräche ein, die ich mit Ernest Solvay über Organisation der Wissenschaft gehabt hatte und ich beschloß, mich an ihn zwecks Befestigung des Verbandes zu wenden. Eine telegraphische Anfrage, ob mein Besuch willkommen sei, wurde umgehend bejaht und ich fuhr, nicht ohne Herzklopfen, von Paris nach Brüssel in der Absicht, Solvay um tätige Hilfe zu bitten.
Ich hatte mich nicht getäuscht. Er war grundsätzlich bereit, erhebliche Mittel (zunächst eine Viertelmillion) an die Entwicklung des Gedankens zu wenden, vorausgesetzt, daß hierdurch eine etwas engere Verbindung des Verbandes mit Brüssel entstand, etwa indem dort zunächst ein ständiges Büro, später vielleicht auch ein Institut unterhalten wurde. Mir schien dies unbedenklich, da in Brüssel bereits eine Anzahl internationaler Anstalten tätig waren. Internationalismus wurde in Belgien als eine Art dort heimischer Industrie angesehen und gepflegt. In dem bereits bestehenden physiologischen Institut im Park Leopold (III, 322) waren reichlich Räume vorhanden, die sich nach Bedarf vermehren ließen. So war in solcher Beziehung die Zukunft des Verbandes gesichert.
Organisationsarbeit. Die nächste Aufgabe war die Entwicklung des Verbandes zu einer wirklichen Weltorganisation. Es waren ja zunächst nur die drei Gesellschaften zusammengetreten. Die Amerikanische Gesellschaft, die den unseren gleichwertig war, hatten wir nicht eingeladen, weil keine Aussicht bestand, daß von dort drei führende Kollegen die Reise über den Ozean machen würden, solange es sich nur um Pläne handelte.
Ich hatte mich unmittelbar nach den Pariser Beschlüssen auftragsgemäß an die Amerikanische, Italienische und Russische chemische Gesellschaft gewendet; sie hatten sich alle zum Beitritt gemeldet. Ferner hatte[278]  ich allen chemischen Gesellschaften anderer Länder Nachricht von der Gründung des Verbandes geschickt und ihnen anheimgestellt, sich um den Anschluß zu bewerben. Dies geschah von folgen den Ländern: Niederlande, Schweiz, Österreich, Norwegen, Dänemark, Japan, Spanien, die sämtlich aufgenommen wurden. Derart war die große Mehrheit aller Chemiker der Welt im Verbande zusammengeschlossen. Für die wenigen noch ausstehenden Völker konnte man mit Sicherheit den baldigen Anschluß erwarten, denn einige hatten nur gezögert, weil sie noch an dem Zustandekommen des Verbandes zweifelten. So durfte ich mit dem Ergebnis dieses Teils meiner Arbeit zufrieden sein.
Die Berliner Tagung. Damit ging das erste Bundesjahr hin und im Frühling 1912 wurden die Vertreter der angeschlossenen Gesellschaften nach Berlin zur zweiten Hauptversammlung eingeladen. Es kamen rund 20 Kollegen zusammen.
Die Arbeit erledigte sich in sehr glatter Weise; erhebliche Meinungsverschiedenheiten traten nicht auf oder ließen sich durch Erörterung auflösen. Wieder gelang es mir, wie bei der Weltspracheversammlung in Paris, so gut wie alle Beschlüsse einstimmig fassen zu lassen.
Unter den Hauptergebnissen ist die Organisation der Namenfragen zu nennen, eine bei den nach Hunderttausenden zählenden Stoffen ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe. Es wurden für die verschiedenen Sprachen Sonderausschüsse gebildet, welche die Angelegenheit unter beständiger Fühlungnahme zu bearbeiten hatten, so daß eine genügende Gleichförmigkeit der Namen gesichert wurde, soweit die sprachlichen Unterschiede dies erlaubten.
Ein von mir eingebrachter Antrag, für die Zukunft die Vereinigung der ganzen chemischen Literatur durch Benutzung einer künstlichen Weltsprache anzustreben, fand zu meiner großen Freude Zustimmung.[279]
Dasselbe gilt für einen Antrag, übereinstimmende Papierformate anzustreben, zunächst für die Veröffentlichungen der Gesellschaften, sodann aber für alle chemischen Veröffentlichungen überhaupt. Denn eben hatte ich die Grundlagen der Formatnormung durch meine der »Brücke« gewidmeten Arbeiten festgestellt, über welche alsbald berichtet werden soll. Der Verband entschied sich für das »Weltformat« 160 x 223 mm und trat korporativ der »Brücke« bei.
Man wird es verständlich finden, daß ich mit sehr vergnügten Gefühlen zu dem abschließenden Festessen ging, welches den Mitgliedern von der Chemischen Gesellschaft gegeben wurde. Die Berliner Kollegen, welche mich nicht gern an meiner Stelle gesehen hatten, verschwanden hinter der großen Zahl der Auswärtigen, welche mit meiner Geschäftsleitung zufrieden waren. Zwar war die Begrüßungsrede beim Festessen seitens der Berliner etwas auf den Gedanken gestellt, daß A.W.v. Hofmann, falls er noch lebte, sicherlich selbst den Verband gegründet haben würde, daß also das Verdienst daran eigentlich ihm zukäme. Aber das steigerte nur meine Heiterkeit und ich leitete in übermütiger Stimmung meinen Trinkspruch auf die Zukunft des Verbandes mit der Erinnerung an das Arabische Märchen ein, nach welchem der kranke König nur geheilt werden konnte, wenn er mit dem Hemde eines Glücklichen bekleidet wurde. Nach vielem Suchen fand man einen restlos Glücklichen, der aber hatte überhaupt kein Hemd. Heute würde der kranke König geheilt werden können, fuhr ich fort, denn ich sei restlos glücklich und hätte auch ein Hemd, wenn man es auch nicht deutlich sehen konnte (der Westenausschnitt war mit Orden ausgefüllt, die ich zur Feier der Stunde angelegt hatte). Der Spruch wurde so heiter aufgenommen, wie er gemeint war, und ich konnte zufrieden das Amt meinem Freunde Ramsay[280]  übergeben, denn das nächstfolgende Vorsitzland war England.
Ein neuer organisatorischer Gedanke. Die nächste Sitzung im Herbst 1913 fand indessen nicht in London statt, sondern in Brüssel. Die Verhandlungen mit E. Solvay hatten dahin geführt, daß dieser dem Verbande außer der Viertelmillion noch eine ganze Million und eine Unterkunft zur Verfügung stellte, wenn dieser beschloß, womöglich jedes zweite Jahr in Brüssel zu tagen und dort auch seine ständigen Anstalten zu errichten. Denn es lag Solvay sehr viel daran, die wissenschaftliche Arbeit in seinem Vaterlande zu beleben. Dies war sehr nötig. Unter den Schriften der nationalen Akademien der Wissenschaften, welche ein annäherndes Maß für die Leistungen der entsprechenden Völker abgeben, gehören die der Belgischen Akademie zu den allermagersten, sowohl dem Umfange wie dem Inhalte nach.
Ich habe oft darüber nachgedacht, durch welche Ursache zwei unmittelbar benachbarte, unter ganz ähnlichem Klima lebende und auch wenigstens teilweise nahe stammverwandte Völker, wie die Belgier und die Holländer, so ungeheure Unterschiede in ihrer wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit aufweisen. Wählt man beispielsweise die Nobelpreise zum Maßstab, so steht Holland zwar nicht nach der absoluten Zahl an der Spitze, wohl aber, wenn man diese mit der Bevölkerungszahl vergleicht, während Belgien bis vor einigen Jahren überhaupt nicht (wissenschaftlich) vertreten war. Die einzige Erklärung, die ich fand, ist, daß Holland protestantisch, Belgien katholisch ist. Demgemäß hat Holland keine Analphabeten, Belgien einen erheblichen Prozentsatz. Und da sich die Höhe der Spitzenleistungen nach der der Grundfläche richtet, von der sie aufsteigen, so ist es natürlich, daß von der Holländischen Höhenlage aus ein viel größerer Anteil ausgezeichneter Leistungen erreicht[281]  werden kann, als von der Belgischen Tiefenlage. Hiernach müssen in Holland die Schulen auch merklich besser sein, als in Deutschland. Ich kenne das dortige Schulwesen nicht genauer, weiß aber, daß es sich seit einem Menschenalter von der Bedrückung durch die Altphilologen frei gemacht hat und daß daher seine Jugend sich günstiger entwickeln kann, als bei uns. Beispielsweise hat van't Hoff niemals an sich den »Segen der klassischen Bildung« erfahren (was er gelegentlich kräftig betonte), und das trägt einiges zur Erklärung der erstaunlichen Leistungen bei, die er in ganz jungen Jahren vollbracht hat.
Für die Art, in welcher seine Stiftung betätigt werden sollte, hatte Solvay eine höchst liberale Satzung entworfen, welche sachlich die Gestaltung dem Verbande überließ und nur verwaltungstechnisch die Teilnahme Belgischer Vertreter sicherte. Die wichtigste und neuartigste Bestimmung war, daß das Geld jedenfalls nach 28 Jahren verbraucht sein mußte. Denn, sagte er mir später, Wohltäterhilfe ist zwar nötig beim Entstehen von etwas Neuem, aber wenn das Gebilde dauernden Bestand haben soll, so muß es nach angemessener Zeit gelernt haben, auf eigenen Füßen zu stehen. Und um dies zu erzwingen, habe ich bestimmt, daß das Kapital verbraucht werden muß. Die Zeit von 28 Jahren ist für den Zweck sehr reichlich bemessen. Außerdem wird bewirkt, daß von vornherein viel mehr Mittel jährlich verfügbar sind, als wenn der Verband nur auf die Zinsen angewiesen wäre, wie das üblich ist, oder gar noch einen Teil davon zur Vermehrung des Kapitals zurücklegen müßte.

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Auch dieses Stück praktischer Organisatorenweisheit habe ich mir eingeprägt, um es gegebenenfalls als Führer benutzen zu können. Denn als Leipziger Professor hatte ich zuweilen über die Verwendung wohltätiger Stiftungen mit zu bestimmen, welche längst unsinnig geworden waren,[282]  da die Voraussetzungen der Stifter nicht mehr zutrafen. Dies hatte in mir die Frage hervorgerufen, mit welchem Rechte jene längst verstorbenen Menschen über das Verhalten der Nachfahren bis in unbestimmte Zeiten hinaus hatten verfügen dürfen. Das persönliche Anrecht der Erben an geistigen Kapitalien, nämlich Büchern, erlischt nach gutem Recht in 30, in anderen Ländern in 50 Jahren nach dem Tode des Schöpfers. Welchen Vorzug haben denn Kapitalien in Geld gegenüber diesen höchst persönlichen Leistungen ausgezeichneter Menschen, zumal niemand prüft, auf welche Weise das Geld in die Hand des Erblassers gelangt ist!
Es müßten also grundsätzlich alle Stiftungen auf ewige Zeit unmöglich gemacht werden. Vielmehr sollten Stiftungen nur unter der Voraussetzung errichtet werden können, daß alle 30 oder 50 Jahre eine Prüfung erfolgt, ob sie noch fortgesetzt werden sollen oder was sonst mit dem Stiftungsvermögen zu geschehen hat.
Brüssel. Mit großer Befriedigung und noch größeren Hoffnungen ging ich zur folgenden Jahresversammlung nach Brüssel. Ich konnte dort feststellen, daß die verschiedenen Ausschüsse für die chemischen Namen gute und gewissenhafte Arbeit getan hatten und daß der Gedanke, die allgemeinen oder gemeinsamen Aufgaben gemeinsam zu organisieren, erhebliche Fortschritte gemacht hatte. Ich selbst hatte mich eingehend mit den hier entstehenden Aufgaben beschäftigt und insbesondere die Frage bearbeitet, wie man zu einer vollständigen Ausschöpfung und Bereithaltung des sehr ausgedehnten chemischen Schriftwesens gelangen konnte. Nach den Grundgedanken, welche in der »Brücke« entwickelt waren, plante ich eine große chemische Kartei, welche unter methodisch geordneten Stichworten alles enthielt, was über einen bestimmten Stoff, Vorgang, Begriff veröffentlicht war und so das vollständige Handbuch unserer[283]  Wissenschaft darstellte. Durch ein wohlfeiles Vervielfältigungsverfahren sollte jedem Nachsuchenden ein Abdruck jedes gewünschten Bruchteils aus dem Handbuch zugänglich gemacht werden. Neben diesem vollständigen oder großen Handbuch war ein mittleres geplant, das aus dem Material des großen unter Abstoßen der veralteten, zweifelhaften oder sonst entbehrlich erscheinenden Anteile gebildet war. Das dritte oder kleine Handbuch sollte nur die Titel des zweiten, vielleicht mit kurzen Stichworten bezüglich des Inhaltes bringen. Durch die Karteiform war es möglich, den täglichen Einlauf neuer Schriften nach der Bearbeitung dem Werk alsbald einzordnen.
Dies erschien mir zwar als die erste und dringendste Aufgabe, aber nicht als die einzige. Wegen der Sprachverschiedenheiten war auch das fertig gewordene Handbuch den Meisten teilweise verschlossen. Indem zunächst das mittlere Handbuch in die Hilfssprache, z.B. Ido, übersetzt wird, kann man die gesamte Weltliteratur jedem zugänglich machen. Denn das Erlernen der Hilfssprache kostet kaum so viel Zeit, wie die Herstellung eines chemischen Präparates. Schon nach halbstündiger Beschäftigung kann der Anfänger Ido zu lesen wagen, und er wird damit schneller vorankommen, als der Gymnasiast nach fünf Jahren Lernens an einem lateinischen Text. Beschränkt man sich auf das für den Chemiker Notwendige, so kann auch das Wörterbuch sehr klein bleiben.
Dies sind nur einige von den Plänen, die ich für den Verband im Auge hatte. Solvay zeigte ein volles Verständnis für sie, denn er war ja auch Energetiker.
Von größter Wichtigkeit für die Zukunft des zu schaffenden Instituts war die Wahl seines obersten Leiters. Da es in Brüssel beheimatet sein sollte, war die französische Muttersprache für ihn erwünscht. Von allen, die ich kannte, erschien mir keiner geeigneter, als der Genfer Ph. A. Guye. Ich besprach die Sache mit[284]  ihm, doch er sagte nein, weil er Genf nicht verlassen wollte. Noch vor kurzem hatte er von Paris eine Berufung gehabt, an die Stelle des berühmten Moissan, und hatte auch diese abgelehnt, trotzdem seine Frau eine geborene Pariserin war. Es tat mir sehr leid, aber schließlich konnte ich ihm seine Gründe nachfühlen.
Die auf das künftige internationale Institut gerichteten Arbeiten hatten die Durchführung der bereits übernommenen nicht gestört. Insbesondere waren über die Frage der Namen der chemischen Stoffe von allen Seiten sorgfältig und eingehend bearbeitete Berichte eingelaufen, welche bereits die Linien erkennen ließen, nach denen das Gemeinsame entwickelt werden konnte. Der Englische Vorstand hatte insgesamt 18 Beratungspunkte aufgestellt, um die bevorstehenden Verhandlungen übersichtlich zu gestalten. Gemeinsame Sprache und Formate befanden sich darunter und wurden zu weiterer Bearbeitung an Ausschüsse verwiesen, ebenso der Vorschlag eines Weltadreßbuches aller angeschlossenen Chemiker.
Die Verhandlungen vollzogen sich wieder in freundschaftlichster Form; Deutsch, Englisch und Französisch wurde nebeneinander gesprochen. Dabei stellte sich heraus, daß unsere Französischen Genossen die geringste Kenntnis der anderen Sprachen besaßen; nur Haller sprach Deutsch und verstand Englisch.
Daß aber diesem Zustande keine Dauer beschieden sein würde, ging aus der Erklärung der Italienischen Mitglieder hervor, daß sie ihren Zutritt von der grundsätzlichen Zulassung ihrer Sprache abhängig machten. Wir ließen es gelten, denn es erwies sich als praktisch bedeutungslos. Es war aber nur eine Frage der Zeit, wenn auch die Anderen gleiche Ansprüche, jeder für seine Sprache, erheben würden.
Über die Einzelheiten braucht hier nicht berichtet zu werden. Es wurde überall ernsthafte Arbeit gemacht[285]  und wir durften uns sagen, als wir uns trennten, daß der Verband sich schon deutlich als lebensfähiger Organismus erwiesen hatte.
Satzungsgemäß ging die Leitung mit dem Schluß der Versammlung an unsere Französischen Kollegen über. In den Händen Hallers, der natürlich den Vorsitz erhielt, war sie bestens aufgehoben und ich habe unter meinen Papieren noch eine Anzahl Briefe von ihm, die er mir Ende 1913 und Anfang 1914 schrieb, um mich über die Fortschritte, insbesondere des künftigen internationalen Instituts zu unterrichten.
Die nächste Versammlung sollte im Herbst 1914 stattfinden. Als Ort stand Paris natürlich in erster Reihe. Andererseits war aber zu hoffen, daß die Gründung des Instituts inzwischen so weit vorgeschritten sein würde, um unsere persönliche Anwesenheit in Brüssel wünschenswert zu machen. Die Frage Paris oder Brüssel, oder vielleicht Paris und Brüssel blieb also unentschieden und der Vorstand wurde beauftragt, seinerzeit einen geeigneten Beschluß zu fassen.
Das Ende. Zu dem unabsehbar Vielen, was der Weltkrieg zerstört hat, gehört auch diese so erfolgreich begonnene Organisation der Chemiker der ganzen Welt. Bekanntlich bildeten sich unmittelbar nach Beendigung der militärischen Feindseligkeiten Gruppen aller Art, welche den Krieg gegen die Deutschen mit allen anderen Mitteln fortsetzten. Zu diesen gehörte auch eine sogenannte internationale Organisation der Wissenschaften, deren Aufgabe nicht sowohl die Förderung der Wissenschaft war, als vielmehr die Ausschließung und Verfolgung der Deutschen. Deren chemische Abteilung bemächtigte sich der Stiftung Solvays für ihre Zwecke. Die von den Deutschen ausgesprochene Rechtsverwahrung blieb wirkungslos. So endete diese gute und große Sache.



 Neuntes Kapitel.
Die Brücke.










[286] Der Anfang. Als ich im Frühling 1911 aus Paris und Brüssel heimgekehrt war, ganz erfüllt von freudigen Zukunftsgedanken für den soeben gegründeten Verband der chemischen Gesellschaften und beglückt durch Ernest Solvays verständnisvolle Hilfe, dem mich die Verhandlungen um ein großes Stück freundschaftlich näher gebracht hatten, erhielt ich aus München eine Sendung, die mich alsbald lebhaft beschäftigte, obwohl Kopf und Herz voll von dem eben Erlebten waren. Sie enthielt eine Druckschrift von 177 Seiten und einen kurzen Begleitbrief, in welchem die Verfasser um eine persönliche Unterredung baten. Ihre Namen waren K.W. Bührer und Dr. Ad. Saager, beide mir völlig unbekannt. In der Vorrede war bemerkt, daß der Plan von Bührer herrührte, während Saager ihn zu Papier gebracht hatte. Der Titel war »Die Organisierung der geistigen Arbeit durch die Brücke«. Ich las die Schrift durch mit dem Erfolg, daß ich alsbald nach München die Nachricht schrieb, ich würde mich jederzeit freuen, die Herren bei mir zu begrüßen. Denn die entwickelten Gedanken entsprachen so sehr meinen eigenen Plänen und Wünschen und brachten insbesondere an manchen Punkten schon Lösungen, wo ich bisher nur Probleme gesehen hatte, daß ich es nicht glaubte[287]  verantworten zu können, die ausgestreckte Hand zurückzuweisen. Der Besuch traf nach einigen Tagen ein und nach mehrstündiger Besprechung nahmen meine Gäste Abschied, nachdem ich ihnen gern meine Mitarbeit zugesagt hatte.
Ein Widerstreit. Als ich in den nächsten Tagen die neu übernommene Angelegenheit überdachte, konnte ich ein zwiespältiges Gefühl nicht überwinden. Der sachliche Inhalt der Schrift hatte vielfach überzeugend auf mich gewirkt. Es waren hier grundlegende neue Gedanken ausgesprochen, denen ich meine Kräfte gerne widmen wollte. Natürlich gab es einige Punkte, die ich für verbesserungsbedürftig hielt; sie schienen aber nicht von maßgebender Beschaffenheit und dienten eher als Ansatzpunkte zu weiterer fruchtbringender Entwicklung. Auch bestanden meine Gäste durchaus nicht eigensinnig auf ihnen, sondern waren zu entsprechenden Umstellungen bereit, da sie die Schrift nur als einen ersten Lösungsversuch der vorliegenden Aufgaben angesehen wissen wollten.
Mit dieser Beschaffenheit der Gedanken konnte ich aber durchaus nicht die Beschaffenheit ihres Schöpfers in Einklang bringen. Karl Wilhelm Bührer war ein gebürtiger Schweizer aus dem Grenzstrich zwischen dem Deutschen und dem Französischen Sprachgebiet; seine Muttersprache war Deutsch. Etwas über mittelgroß, mager, mit länglichem beweglichem Gesicht, braunem Haar, etwas fahrigen Bewegungen und einer eigentümlich unbestimmten Art in seinem Wesen und seinen Äußerungen glich er keinem der vielen ausgezeichneten Männer, die ich in den verschiedensten Ländern und Lebenslagen kennen gelernt hatte. Alle diese waren mit einem leicht erkennbaren seelischen Schwerpunkt versehen, der ihnen die Beständigkeit und Sicherheit gab, welche nötig ist, um ein Stück der Welt zu meistern.[288]  Von dieser Eigenschaft konnte ich bei Bührer in der Art, wie er sich gab, nichts erkennen.
Die wunderliche Tatsache, daß er seine Gedanken nicht selbst schriftlich darzustellen gewußt hatte, sondern dazu der Hilfe eines »zufälligen Bekannten« (wie er selbst sein Verhältnis zu Saager gekennzeichnet hat) bedurfte, hatte mich gleichfalls stutzig gemacht. Doch hatte ich mich der eigentümlichen Tatsache erinnert, die mir schon früher aufgefallen war, daß nämlich den Deutschen Schweizern in seltsam hohem Grade die Gabe versagt ist, sich bequem der Deutschen Sprache zu bedienen, namentlich der schriftlichen. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß ihre eigentliche Muttersprache das »Schwyzerdütsch« ist, so daß sie das Schriftdeutsch wie eine Fremdsprache lernen müssen. Jedenfalls war mir die Tatsache bekannt, und ich war bereit, sie als Erklärung für jenes ungewöhnliche Verhältnis anzunehmen.
Im Gegensatz zu der Person bezeugte die Schrift in ganz zweifelloser Weise das Vorhandensein weitreichender gesunder Gedanken von sehr hohem organisatorischem Wert, bewies also das Vorhandensein eines Kopfes, der solche Gedanken hervorbringen konnte. Da bei diesem anscheinenden Widerspruch zwischen Person und Sache über den Wert dieser für mich gar kein Zweifel bestand, während die Beurteilung der Person auf sehr unsicheren Schätzungen beruhte, so ließ ich den ersten Umstand maßgebend sein und hielt das persönliche Urteil für irrig.
In der Folge habe ich mich indessen überzeugen müssen, daß auch das zweite Urteil richtig war und daß der klaffende Widerspruch zwischen beiden bestand. Noch heute ist für mich das Rätsel nicht ganz gelöst, doch glaube ich, daß die nachfolgende Erklärung nicht nur möglich, sondern auch richtig ist.[289]
Als unsere gemeinsame Tätigkeit begann, war Bührer rund 50 Jahre oder etwas darüber alt. Aus seinen gelegentlichen Mitteilungen ging hervor, daß er in der Schweiz eine ausgedehnte und vermutlich auch erfolgreiche Tätigkeit als Verleger, Herausgeber und Werbetechniker ausgeübt hatte, daß diese aber anscheinend ein plötzliches und für ihn nicht günstiges Ende genommen hatte, worauf er mit den Resten seiner Betriebe nach München übergesiedelt war. Dort hatte er sich eine Art Kaffeehausansehen in den Kreisen strebender Intellektueller erworben, auf die er als älterer Mann von starkem Selbstbewußtsein einen nicht geringen Eindruck machte, und zwar durch Eigenschaften, die bei mir eher im Gegensinne wirkten. Über die Art jener plötzlichen Wendung äußerte er sich nicht, wich auch unmittelbaren Fragen aus und hob hervor, er sei damals schuldlos arg verleumdet worden. Da er mit dem amtlichen Vertreter der Schweiz in München persönlichen Verkehr unterhielt, so durfte ich voraussetzen, daß es sich nicht um Dinge gehandelt haben konnte, welche ihn rechtlich oder gesellschaftlich blosgestellt hatten.
Vielmehr vermutete ich, daß er ähnlich wie ich durch Überarbeitung sich vorübergehend unfähig gemacht hatte, seine Geschäfte regelmäßig zu versehen. Aus seinem oft aufgeregten und ungleichförmigen Verhalten war weiter zu schließen, daß jener Zusammenbruch recht schwer gewesen war, vielleicht einen längeren Sanatoriumsaufenthalt bedingt hatte, und wegen seiner Schwere nicht vollständig ausgeheilt war. So hatte ich zwar den Mann vor mir, der in jungen Jahren jene schöpferischen Gedanken wirklich selbst hervorgebracht hatte, von dessen ursprünglicher Begabung aber durch den Zusammenbruch der bessere Teil zerstört worden war und der, wie sich später herausstellte, noch unter[290]  periodischen Depressionen litt, in welchen jene Gedanken seltsam einseitige Formen annahmen.
Das Brückenbuch. Die oben erwähnte Schrift besteht aus zwei Teilen: 1. Allgemeine Grundlagen für die Organisierung der geistigen Arbeit und 2. die Mittel dazu. Den Inhalt des ersten Teils wird man mehr dem Mitarbeiter Saager zuschreiben dürfen, während der zweite die Bührer gehörenden Gedanken enthält. Der Gedankengang ist der folgende.
Es wird zunächst nachgewiesen, daß die frühere strenge Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Technik oder zwischen reiner und angewandter Wissenschaft nicht mehr begründet ist, da die Wissenschaft zunehmend technischer, die Technik zunehmend wissenschaftlicher wird und aus inneren oder Entwicklungsgründen notwendig werden muß. Daher verschwinden auch zunehmend die Verschiedenheiten des Denkens und Arbeitens in beiden Gebieten und das Ökonomieprinzip ist, wie schon Ernst Mach gesehen hatte, für die reine Wissenschaft nicht minder maßgebend, wie für die Technik, wenn es auch in beiden Fällen etwas anders gerichtet ist.
Nun wird der Grundsatz der Restlosigkeit aufgestellt, nach welchem jede einzelne Aufgabe der Wissenschaft und Technik bis zur völligen Erschöpfung des Problems bearbeitet werden soll und muß. Es war dies ein Punkt, bei dem ich stutzte und einen starken inneren Widerspruch empfand. Für mich besteht die Restlosigkeit der Wissenschaft darin, daß es nichts in unseren äußeren wie inneren Erlebnissen gibt, das der wissenschaftlichen Erforschung nicht zugänglich wäre. Die Verfasser des Brückenbuches faßten den Begriff aber wesentlich anders auf.
Sie sahen die Restlosigkeit darin, daß kein Ding gering für die Wissenschaft sei, da man niemals vorauswissen[291]  kann, ob es nicht einmal künftig wichtig werden könne. Daraus wurde der praktische Schluß gezogen, daß man eben alles für den möglichen künftigen Gebrauch aufheben und ordnen müsse, und daß es ziemlich gleichviel wert sei, auf welchen Gegenstand man diesen Grundsatz praktisch anwendet. Wie man später sehen wird, war dies die Klippe, an welcher zuletzt das großartige und hoffnungsvolle Unternehmen scheiterte. Es ist deshalb der Mühe wert, die Frage etwas näher zu betrachten.

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Nach meiner Kenntnis des Wissenschaftsbetriebes kann die Wissenschaft überhaupt nicht restlos arbeiten. Nie ist ein Problem so gelöst worden, daß nicht ein Nachfolger etwas hätte hinzufügen können und müssen. Bei meinen eigenen Arbeiten hatte ich umgekehrt besonderen Wert darauf gelegt, die Punkte zu kennzeichnen, an denen spätere Forscher einsetzen konnten. Und jeder, der die Meisterwerke der großen Forscher studiert, kann ihren unerledigten Resten eine Anzahl wertvollster Anregungen zu eigener Arbeit entnehmen.
Der Widerspruch ist keineswegs akademischer Natur, sondern hat sehr weitreichende praktische Folgen. Ist man sich darüber im klaren, daß es sich bei jeder Arbeit immer nur um einen kleinen oder großen Schritt auf einem an sich grenzenlosen Wege handeln kann, so wird man dafür Sorge tragen, zwar den getanen Schritt möglichst zu sichern, nicht aber bei sich und anderen die Vorstellung zu erwecken, als sei nun alles und jedes erledigt. Man wird Sorge tragen, mittels der verfügbaren Arbeitsmenge so viel Fortschritt und Sicherheit zu erzielen, als man kann. Man wird also diese Arbeit vorwiegend auf die wichtigsten Punkte richten und weniger auf Nebensachen. Man wird mit einem Worte das Ökonomieprinzip auch im Einzelnen bei der Durchführung der reinwissenschaftlichen Arbeit zur Anwendung bringen.[292]
In der philologischen Scholastik, welche nur ein beschränktes Material zur Bearbeitung vorfindet und deshalb beständig um einen Inhalt für ihre Betätigung verlegen ist, wird als eine Forderung von höchstem ethischen Wert die der Gründlichkeit angesehen, derzufolge jeder Autor gehalten ist, alles zu kennen, zu erwähnen und zu beurteilen, was alle früheren Autoren, auch die dümmsten, über die Frage geschrieben haben. Es ist ganz erklärlich, daß diese Forderung von den Führern mit Nachdruck vertreten wird, denn sie sichert jeder Leistung, sie sei noch so gering und überflüssig, die Beachtung wenigstens durch den Nachfolger, wenn auch auf Beachtung von irgendwelcher anderen Seite nicht gerechnet werden kann. Aber die Forderung, daß alles Vorhandene grundsätzlich Beachtung finden soll, bedeutet einen Verzicht auf die Bewertung jedes einzelnen Stückes und damit eine Nichtbeachtung des energetischen Imperativs, der jede Vergeudung von Energie verbietet. Das ist es ja eben, was uns so sehr gegen alle Scholastik aufbringt, daß sie vom energetischen Imperativ nichts weiß und ihm beständig entgegenhandelt. Was in der Wissenschaft die Scholastik ist, ist im praktischen Leben der Bürokratismus, dessen Kennzeichen gleichfalls das grobe Mißverhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis, die Unkenntnis des energetischen Imperativs ist.
Da sich hernach erwies, daß das eigentlich Neue des Brückengedankens von diesem Irrtum unabhängig ist, ließ ich die Sache zunächst auf sich beruhen. Ich vermutete, daß Dr. Saager seine Ausbildung wesentlich auf philosophischem und philologischem Gebiet erhalten hatte und deshalb dem eben zurechtgestellten Irrtum besonders ausgesetzt war, während Bührer die rein wissenschaftliche Arbeit kaum vom Hörensagen kannte, und nahm daher an, daß es später nicht schwer sein würde, richtigere Ansichten über diese Fragen bei meinen[293]  künftigen Mitarbeitern zu entwickeln. Leider erwies sich dies als eine optimistische Selbsttäuschung, wie ich mir deren viele und wichtige zugefügt habe.
Grundsätze der Organisatorik. Die Auffassung der gesamten geistigen Arbeit der Menschheit als eines Organismus ergab das Prinzip der Arbeitsteilung als die Grundform des Fortschrittes. Durch zunehmend feiner ausgebildete Sonderorgane wird Umfang und Inhalt der Arbeit erweitert und verfeinert. Alle einzelnen Arbeiten müssen aber zu gegenseitiger Unterstützung miteinander in Zusammenhang gebracht werden. Dies ergibt die zweite Form der Organisation: die Arbeitsverbindung. Beide haben sich schon auszubilden begonnen; sie methodisch nach dem Grundsatz des besten Erfolges zu entwickeln, wird die Hauptaufgabe der »Brücke« sein.
Während nämlich die Arbeitsteilung leicht erfolgt, ist die Verbindung viel schwieriger herzustellen. Es fehlt mit anderen Worten noch an der Organisation der Arbeit. Jede einzelne Gruppe arbeitet für ihren Kreis; es fehlt an Brücken, welche eine Insel der Arbeit mit der anderen, zuletzt jede mit jeder verbinden. Diese zu bauen soll deshalb die Hauptaufgabe der neuen Anstalt sein.
Hierzu ist erforderlich, zunächst das Vorhandene festzustellen. Es sollen somit Verzeichnisse aller solcher Inseln gesammelt und geordnet werden, sowohl der Arbeiter selbst, wie ihrer Erzeugnisse. Dadurch wird die Brücke in den Stand gesetzt, als Vermittelungsstelle für jedes Bedürfnis nach Auskunft und Anschluß tätig zu sein. Um dieser Aufgabe zu genügen, sind organisatorisch-technische Einrichtungen nötig, welche die Arbeitsverbindung erleichtern oder erst ermöglichen, da bei der Entstehung jener Inseln die künftige Verbindung nicht vorgesehen war.[294]
Als Folge der Organisierung ist eine sehr erhebliche Steigerung der Leistungen aller Art vorauszusehen. Bisher muß z.B. jeder einzelne Forscher die Vorgeschichte seines Problems selbst ermitteln, wobei oft die gleiche Arbeit mehrfach ausgeführt wird, weil die Einzelnen nichts voneinander wissen. Künftig wird die Brücke (meist durch ihre Verbindungen, sonst auch unmittelbar) solche Zusammenstellungen vorrätig haben und fertig liefern können, da sie sich aus der Ordnung aller geistigen Erzeugnisse von selbst ergeben und der Forscher kann sich unmittelbar der Entdeckerarbeit widmen. Denn die Brücke wird über ein Verzeichnis aller Stellen verfügen, von denen Auskunft irgendwelcher Art zu erhalten ist und jeden Nachsuchenden an die Stelle verweisen, welche seine Frage beantworten kann. Sie wird die Auskunftstelle der Auskunftstellen sein.
Mit einem Ausblick auf die Bedeutung dieser Arbeit für den künftigen Weltfrieden schließt der erste Teil der Schrift.
Die technische Handhabung der Gedanken. Damit ein Gedanke Bestandteil der menschlichen Kultur wird, muß er mitteilbar sein, d.h. von Raum und Zeit unabhängig werden. Dies geschieht durch Sprache und Schrift. So ist das mit Schrift- und anderen Zeichen versehene Papierblatt die technische Grundform aller Kultur, d.h. des gesamten geistigen Kapitals, wie es aus den Einzelbeiträgen der schöpferischen Menschen aller Völker und Zeiten sich angesammelt hat. Soll somit die geistige Arbeit organisiert werden, so muß man mit der Organisation des Merkzettels beginnen.
Dies ist der Gedanke K.W. Bührers, welchen ich als neu und unabsehbar folgenreich empfand und der für mich eine unwiderstehliche Ursache wurde, ihm alle Hilfe zu leisten, die ich ihm bringen konnte.[295]
Es ist längst üblich, daß alle Zettel, die zu derselben Sache gehören, gleiche Größe haben. Nun sollen aber auch die Zettel verschiedener Sachen zusammengestellt werden können. Sie müssen also alle gleiches Format haben. Zu den Merkzetteln gehören Hefte, Bilder usw. Diese müssen gleichfalls passen. So entsteht durch einfache Anwendung jener Forderung die Notwendigkeit eines allgemeinen Formats für alles Papier.
Tatsächlich war man damals noch sehr weit entfernt von solchen Gedanken. Einzelne internationale Unternehmungen, wie die Weltpost mit der Postkartengröße, das internationale bibliographische Büro in Brüssel, mit ihrer Katalogkarte hatten gewisse Formate festgelegt, doch ohne den Gedanken einer durchgreifenden Normung aller Formate. Bührer hatte während seiner Schweizer Tätigkeit für Werbedrucksachen ein ihm praktisch erscheinendes Format, genannt das Monoformat, vorgeschlagen und innerhalb seiner Unternehmungen durchgeführt. Auch in Amerika hatte man sich mit der Frage beschäftigt. Als Ergebnis einer dahin gerichteten Zusammenstellung wurde im Brückenbuch das Format 11.5 x 16.5 cm vorgeschlagen. Größere Blätter sollten so gefalzt werden können, daß sich diese Größe ergab.
Die Willkür dieser Wahl wurde durch den Hinweis entschuldigt daß alle Maßeinheiten in letzter Linie auf Willkür beruhen. Ich fühlte mich dadurch nicht befriedigt und stellte mir die Aufgabe, eine bessere Grundlage zu finden, was auch nach einigen Wochen gelang. Hierüber wird bald berichtet werden.
Das Monographieprinzip. Ein anderer grundlegender Gedanke Bührers war die Entdeckung, daß der Buchbinder ein arger Feind der Organisation der Wissenschaft ist. Ein Buch wird in 99 unter 100 Fällen nicht wegen seines ganzen Inhalts gebraucht, sondern wegen eines Kapitels, oft nur wegen einer Seite, z.B. einer Tabelle.[296]  Während es so benutzt wird, ist sein ganzer übriger Inhalt für jeden Anderen unzugänglich gemacht. Denkt man sich das Buch in seine Kapitel und Paragraphen zerlegt, so daß jedes einzeln gehandhabt werden kann, so wird der Benutzer nur seinen Teil herausnehmen und alles übrige steht Anderen zur Verfügung.


Bei Neuauflagen werden meist nur einzelne Stücke, Seiten, Worte geändert, während der größere Teil des Buches unverändert bleibt. Der Besitzer der alten Auflage muß aber die neue kaufen, wenn er die Zusätze oder Änderungen braucht. Hernach besitzt er zwecklos das Werk zum größten Teil zweimal. Wäre es, wie erwähnt, geteilt, so brauchte er nur die geänderten Teile zu kaufen und hätte das Geld für andere Bücher frei.
Es muß also grundsätzlich angestrebt werden, die Erzeugnisse der geistigen Arbeit einzeln zu Papier zu bringen und solche Monographien oder Einzeldrucke gesondert herauszugeben. In den wissenschaftlichen Zeitschriften geschieht das erste in den einzelnen Abhandlungen. Hernach kommt aber doch der Buchbinder und bindet alle verschiedenen, nur durch den Jahrgang vereinigten Abhandlungen zu einem Bande zusammen, d.h. er zerstört wieder die Unabhängigkeit der Einzelhefte.
Den Fortschritt, der durch genaue Ausführung des Prinzips der Einzeldrucke erzielt würde, vergleicht Bührer sachgemäß mit der Erfindung Gutenbergs, die so grundlegend für die Entwicklung Europas geworden ist. Schon vorher stellte man Drucksachen her, aber nur indem man die Texte ganzer Seiten in Holzschnitt ausführte und diese abdruckte. Der Fortschritt lag also nicht im Drucken, sondern in der Zerlegung der ganzen Seite in ihre einzelnen Buchstaben. Diese konnte man dann in beliebiger Weise zusammenstellen, d.h. mit einem und demselben Letternvorrat konnte man jeden beliebigen Text drucken. So wird künftig auch jeder[297]  Mensch sein eigenes Buch haben können, indem er sich Sonderdrucke über solche Dinge zusammenstellt, deren Kenntnis er zu Berufszwecken, aus Liebhaberei oder irgendeinem anderen Grunde wünscht. Und in dem Maße, als seine Wünsche wachsen oder sich ändern, wird er neue Hefte zufügen und auch alte entfernen, an deren Inhalt ihm nichts mehr liegt.
Alles dies ist aber erst möglich, nachdem die Einheit der Formate durchgeführt ist.
Beim Durchdenken der anderen organisatorischen Aufgaben werden noch zwei wichtige Erfordernisse sachgemäß erörtert. Erstens die gemeinsame Sprache, die nur eine künstliche von unbegrenzter Bildsamkeit und ohne jede Ausnahme sein kann. Zweitens das System der Ordnung alles menschlichen Wissens. Als solches soll das des Amerikaners Dewey dienen, der durch methodische Zuordnung von Ziffern (Ordnungszahlen) zuerst zu den großen, sodann stufenweise zu immer engeren Abteilungen, zuletzt zur Kennzeichnung sehr eingeschränkter Einzelbegriffe gelangt. Er ordnet so jedem Begriff eine Reihe von Ziffern zu, von denen jede folgende eine Unterteilung der vorangegangenen kennzeichnet, bis die Stufe erreicht ist, in welche der Begriff gehört. Es handelt sich also um die alte Ordnung des Aristoteles nach Art (genus) und Sonderkennzeichen (differentia specifica), nur jedesmal vom allgemeinsten Begriff ab durch alle Stufen hindurchgeführt.
Für diese beiden Fragen werden keine neuen Lösungen vorgeschlagen. Vielmehr wird betont, daß die hierfür vorhandenen Organisationen ohne jeden Eingriff in ihre Tätigkeit der Brücke eingegliedert werden müssen, deren Geschäft nur sein würde, die Ergebnisse entgegenzunehmen und sie an alle Stellen weiter zu befördern, für welche sie in Betracht kommen.[298]
Unter den anderen Aufgaben, denen sich die Brücke später widmen sollte, wurde auch die Ordnung und Normung der Farben erwähnt.
Die Gründung der Brücke. Diese Gedanken erschienen mir in ihrer Gesamtheit so wichtig und folgenreich, daß ich mich alsbald entschloß, mit Bührer und Saager die »Brücke« formell zu begründen und die Geldmittel hierfür herzugeben. Das vor kurzem erhaltene Kapital des Nobelpreises schien mir für solche Zwecke am besten im Sinne des Stifters verwendet werden zu können; es ist auch in der Folge so ziemlich dabei verbraucht worden.
Im Sommer 1911 fand in München die Gründungsversammlung der Brücke statt, bei der ich zum ersten Vorsitzenden, Bührer zum zweiten und Saager zum Schriftführer gewählt wurde. Da den beiden anderen die Gabe der Rede nur in geringem Maße zu Gebote stand, hatte ich den Hauptvortrag zu halten, der sehr günstig aufgenommen wurde. Die Geschäftsstelle wurde in Bührers Münchener Wohnung verlegt und dieser begann alsbald eine sehr erfolgreiche Propaganda, die uns eine große Zahl ausgezeichneter Männer zuführte. Aus der Mitgliederliste seien folgende Namen angeführt: G. Kerschensteiner, München, S. Arrhenius, Stockholm, F. Bajer, Kopenhagen, P. Otlet, Brüssel, W. Exner, Wien, H. Beck, Berlin, P. Beck von Mannagetta, Wien, E. Solvay, Brüssel, K. Sigismund, Berlin, E. Rötlisberger, Bern, A. Schlomann, München, F. Oppenheimer, Berlin, Hj. Schacht, Berlin, P. Langhans, Gotha, K. Schmidt, Hellerau, K. Oppenheimer, Berlin, E. Jäckh, Berlin, St. Bauer, Bern, P. Behrens, Neubabelsberg, E.v. Behring, Marburg, J. Brinckmann, Hamburg, E. Francke, Berlin, A. Gobat, Bern, E. Metschnikoff, Paris, H. Muthesius, Nikolassee, H. Poincaré, Paris.[299]
Für eine »Organisation der Organisatoren«, die wir als Ziel der Brücke aufgestellt hatten, war hiermit ein guter Anfang gemacht worden, denn die Genannten gehören alle in ihrer Weise der Kulturgeschichte an.
Die Weltformate. Für mich entstanden aus den allgemeinen Brückengedanken alsbald mehrere Sonderaufgaben. Mit der Frage der Normung auf Grund der sogenannten absoluten Maße hatte ich mich schon viel früher grundsätzlich beschäftigt und war unter Führung durch die Energetik über den falschen Standpunkt der zeitgenössischen Physik (der aus einem von dem ausgezeichneten Physiker J.C. Maxwell begangenen begrifflichen Fehler beruht) hinausgelangt (II, 172). Dadurch hatte ich ein dauerndes Interesse für diese Fragen gewonnen, zumal eine offene Anerkennung des allgemein verbreiteten Irrtums, als könne man alle physikalischen Größen auf Zeit, Raum und Masse zurückführen, noch heute nicht er folgt ist.
Bei dem vorgeschlagenen Monoformat trat mir alsbald die Forderung entgegen, dieses nicht, wie geschehen, willkürlich, sondern methodisch zu begründen. Hierfür diente der Grundsatz, daß man, wo schon eine Normung vorliegt, keine neue einführen darf. Breite und Höhe der Formate sind Längen; als Längeneinheit dient das Zentimeter; auf dieses war also ohne weitere willkürliche Annahme das Maß zu beziehen.
Zweitens mußte die Normung den Umstand ins Auge fassen, daß es mit einem einzigen Format nicht getan war. Vom Straßenplakat bis zur Briefmarke gab es eine ganze Reihe von Formaten zu ordnen, die schon aus technischen Gründen (um keinen Abfall zu bedingen) durch Hälften oder Verdoppeln auseinander erhalten werden mußten.
Hierbei wechseln aber von einer Stufe zur anderen die Seitenverhältnisse. Geht man z.B. von einem Quadrat[300]  1:1 aus, so hat man nach dem Falzen ein ganz schmales Rechteck 1:1/2 und nach dem zweifen Falzen wieder ein Quadrat 1/2:1/2. Das ist offenbar ein großer Nachteil. Kann man ihn nicht beseitigen?
Die Antwort ist, daß es ein und nur ein Rechteck gibt, das beim Falzen sich immer geometrisch ähnlich bleibt, d.h. das gleiche Seitenverhältnis ergibt. Schon Lichtenberg hatte sich die Frage gestellt und sie richtig beantwortet. Dieses ausgezeichnete Format hat das Seitenverhältnis 1:√2 oder in runder Zahl 10:14 (genauer 14.14). Stellt man ein solches Rechteck her, so wird es als besonders wohlgeformt empfunden. Tatsächlich hat sich später aus vielfältigen Messungen ergeben, daß die nach Gefühl gewählten Formate der Bücher sich um dieses als Mittelwert ordnen.
Damit ist das System der rationellen Formate gegeben. Als Ausgang dient das Zentimeter und das Rechteck 1:1.4 cm ist das Anfangsformat I. Das nächste ist 1.4:2, die folgenden sind 2:2.8, 2.8:4, 4:5.6, 5.6:8, 8:11.3, 11.3:16, 16:22.6 cm usw. (die letzten Zahlen sind aus den genauen durch Abrundung abgeleitet).

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Glücklicherweise lag das von Bührer vorgeschlagene Format 11.5 x 16.5 dem entsprechenden rationellen Wert 11.3:16.0 so nahe, daß Bührer sich sofort einverstanden erklärte, das seine zugunsten des rationellen aufzugeben. Damit war auch der Übelstand beseitigt, daß jenes beim Falzen etwas wechselnde Seitenverhältnisse ergab.
So hatten wir alsbald etwas, womit wir die praktische Arbeit beginnen konnten. Ich schrieb ein kleines Schriftchen über das »Weltformat«, wie wir diese Reihe nannten, das weite Verbreitung fand, berichtete in der Tagespresse darüber und tat das Meine, um den Gedanken zu verbreiten. Eine höchst wirksame Tätigkeit entfaltete in[301]  gleicher Richtung Bührer, dem die praktische Behandlung der Angelegenheit von seinen Schweizer Unternehmungen her geläufig war. Tatsächlich konnten wir bald Erfolge auf sehr weit entlegenen Einzelgebieten erzielen. Wir hielten den Standpunkt fest, daß nur auf freiwilligen Anschluß hinzuarbeiten sei, da wir der Meinung waren, daß die Vorteile durch die Formatnormung nach Überwindung der ersten Trägheitswiderstände sich deutlich genug offenbaren würden, um einen zunehmend beschleunigten Anschluß zu bewirken.
Die Jahresversammlung. Um der Brücke in der öffentlichen Meinung einen Platz zu schaffen, veranlaßte ich Bührer, eines öffentliche Jahresversammlung im Jahre 1912 in München zu veranstalten. Kurz vorher war es noch möglich geworden, das moralische Gewicht der Brücke sehr erheblich dadurch zu verstärken, daß sich Wilhelm Exner auf meine Bitte entschloß, in den Vorstand einzutreten, wo ihm Dr. Saager mit dankenswertem Entgegenkommen Platz gemacht hatte.
Die Münchener Versammlung verlief sehr eindrucksvoll. Eine stattliche Anzahl führender Münchener Persönlichkeiten, in erster Linie König Ludwig, hatte sich zum Festaktus versammelt, zu welchem ich die Rede hielt. Mir war mitgeteilt worden, daß die Zeit mit äußerster Pünktlichkeit eingehalten werden müsse, da unmittelbar hernach der König bei einer anderen Festlichkeit eintreffen wollte. Ich stand also vor der Aufgabe, mein Sprüchlein eindrucksvoll und abgerundet zu sagen und dabei die Zeit von genau 35 Minuten einzuhalten. Ich darf mir das Zeugnis geben, daß es eine der besten Reden wurde, die ich je gehalten habe; sie dauerte 34 Minuten, ohne daß ich inzwischen mein Tempo nach der Uhr geregelt hatte. Ob die drei Kola-Pastillen, die ich vorher eingenommen hatte, einen wesentlichen Anteil zu dem Erfolg beigetragen haben, kann ich nicht[302]  mit Sicherheit sagen; doch bin ich geneigt, es zu glauben, weil ich auch sonst in ähnlichen Fällen gute Wirkung verspürt habe. Ob aber die Wirkung physiologisch oder psychisch, d.h. durch den Glauben daran bewirkt war, suchte ich nicht zu entscheiden, da sie doch jedenfalls vorhanden war.
Übrigens habe ich auch hernach gelegentlich gute Vorträge ohne Kola gehalten; allerdings auch schlechte.
Bei der Abrechnung der Ausgaben und Einnahmen erwies sich allerdings, daß die ersten sehr groß waren. Da ich aber den erheblichen Betrag des Nobelpreises für den Zweck bestimmt hatte, so kam ich Bührers Wünschen nach weiterer Unterstützung bereitwillig entgegen und überließ ihm ganz und gar die Führung der Geschäfte. Hierzu war ich ohnedies genötigt, da um die gleiche Zeit die Leitung des Monistenbundes einen sehr großen Teil meiner Zeit und Energie erforderte. Ich hatte den ersten Abschluß zwar nicht eben klar gefunden, doch schrieb ich dies meiner Unerfahrenheit in solchen Sachen zu, da das Zeugnis eines vereidigten Bücherprüfers vorlag.
Schatten. An dem zunächst ganz sonnigen Himmel der Brücke begannen sich aber nun Wolken zu zeigen. Zuerst trafen Klagen über Bührers Geschäftsführung seitens eines Angestellten ein, dem gekündigt war. Ich hielt dies für einen Racheversuch und ging der Sache nicht nach. Dann kamen Beanstandungen durch Münchener Mitglieder des Verwaltungsrates. Als Vorbild einer organisatorischen Leistung hatte Bührer eine vollständige Sammlung aller Ansichtspostkarten einer Stadt (er hatte Ansbach gewählt) vorbereitet und ich konnte nur durch festes Durchgreifen im letzten Augenblicke die Unternehmung verhindern, von der ich mit Recht annahm, daß sie die »Brücke« nur lächerlich[303]  machen würde. Es war dies eine Auswirkung des Irrgedankens der »Restlosigkeit« (III, 291).
An Stelle der Ansichtspostkarten wählte Bührer nun die damals massenhaft erzeugten und von Kindern leidenschaftlich gesammelten Reklamebildchen, die er sich von allen Seiten beschaffte und auf Karten in Weltformat klebte. Zuerst machte er diese Arbeit allein, dann aber setzte er auch das Personal der Brücke daran, da er sonst das tausendfältige Material nicht bewältigen konnte. Mir kam dies bedenklich vor, als ich es zu spät erfuhr.
Dazwischen konnte ich andererseits vortreffliche Ergebnisse feststellen. Ein freiwilliger Mitarbeiter, eifriger Skifahrer, hatte ganz im Sinne der Brücke die gesamten Deutschen Skivereine dahin organisiert, daß sie ihre Mitteilungen alle in Weltformat herstellen ließen, ihren Verkehr zentralisierten und hierdurch erhebliche Verbilligung, Beschleunigung und Vervollständigung ihrer Arbeit erzielten. Das war so vortrefflich gelungen, daß ich hier das angestrebte organisatorische Vorbild sah.
Dennoch mehrten sich die Klagen. Briefe von Belang blieben wochenlang unerledigt, Lieferungen wurden nicht bezahlt, kurz, die Ordnung der Geschäftsführung, die bei der Brücke vorbildlich sein sollte, schien empfindlich zu mangeln.
Die Klagen nahmen schließlich so an Zahl und Bedeutung zu, daß ich mich entschließen mußte, persönlich nach dem Rechten zu sehen. Da ich mich selbst zur kaufmännischen Überprüfung der Geschäftsführung unfähig fühlte, nahm ich die Hilfe meines Sohnes Walter in Anspruch, der sich der verwickelten und unerfreulichen Angelegenheit mit einem Eifer und einer Hingabe annahm, für die ich ihm großen Dank schulde.
Der Einsturz. Das Ergebnis war, daß die Brücke liquidiert werden mußte. Irgendwelche Unehrlichkeiten[304]  waren zwar durchaus nicht vorgekommen. Wohl aber waren erhebliche Beträge unbedacht und zwecklos nach vielen Seiten verausgabt worden, deren Aufklärung große Schwierigkeiten machte. Wir gewannen den Eindruck, daß die Geschäfte Bührer über den Kopf gewachsen waren und daß er sich zahlreichen Aufgaben gegenübersah, die er nicht sachgemäß zu erledigen vermochte. Es stellte sich eine eigentümliche Unfähigkeit heraus, zwischen wichtigen Dingen und so unwichtigen zu unterscheiden, daß man sie Spielereien nennen mußte. Von Bührer selbst war keine Aufklärung zu erhalten, da er sich wegen Erkrankung persönlich unzugänglich hielt und nur durch einen Vertrauensmann mit uns verkehrte.
Es war mir damals unmöglich, Bührers Verhalten zu verstehen. Es ist erzählt worden, daß seine Schweizer Unternehmungen, die vor der Brückengründung lagen, damals nicht mehr bestanden und daß nach seinen Andeutungen dies durch eine schwere Erkrankung bewirkt war. Ich habe schon an jener Stelle die Vermutung ausgesprochen, daß es sich damals um einen schweren geistigen Zusammenbruch gehandelt hatte und daß dem nur unvollkommen wiederhergestellten Organismus die Last der Arbeit und Verantwortung bei der Verwaltung der Brücke zu groß geworden war. So wirkte sich wohl ein Rückfall in jene Krankheit aus. Dies würde jenen Widerspruch und sein seltsames Verhalten erklären. Er ist wenige Jahre hernach gestorben.
Ich sorgte dafür, daß die Schulden der Brücke bezahlt wurden und übernahm dafür die Bestände, darunter jene zahllosen aufgeklebten Reklamemarken. Bald darauf brach der Weltkrieg aus.
So endete ein hoffnungsvoll begonnenes, in sich gutes Unternehmen. Aber es war nur die äußere Form zerfallen, denn die damals noch wenig verbreiteten[305]  organisatorischen Gedanken sind inzwischen, wenigstens äußerlich, der ganzen Welt bekannt geworden. Auch hat sich bereits vieles von dem entwickelt, was damals angeregt wurde. Hierzu gehört insbesondere das Format des Papiers, die Zerlegung des Buches in die Einzelschriften und die Ordnung der Farben. Über die beiden ersten Punkte soll hier noch kurz berichtet werden; der dritte hat sich zum Inhalt meiner letzten Lebensjahre ausgewachsen.
Ausschußarbeit. Die weiteren Schicksale der Weltformate werden hier im Zusammenhange erzählt, obwohl sie einer erheblich späteren Zeit angehören. Nach dem unglücklichen Ausgange des Weltkrieges begann innerhalb der ganzen Technik ein eifriges Arbeiten im Sinne einer Organisation im allgemeinen, einer Normung im besonderen. Es wurden mit anderen Worten die fast ein Jahrzehnt früher im Programm der Brücke für die geistige Arbeit aufgestellten Grundsätze auf die gesamte technische Arbeit angewendet. Da die Zeit hierfür reif geworden war, entstanden entsprechende Gedanken unabhängig voneinander an vielen Stellen.

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Die Formatfrage war einem Ausschuß übergeben worden, der aus Vertretern des Buchgewerbes in erster Linie bestand; dazu kamen Vertreter der Druckmaschinen, der papiererzeugenden und -verarbeitenden Gewerbe und der zugehörigen Maschinenindustrie, endlich Vertreter der Behörden als eines der größten Papierverbraucher. Die Führung hatte das Leipziger Buchgewerbe übernommen; der Normenausschuß der Industrie war durch Beauftragte vertreten. Ich war zu den Verhandlungen eingeladen. Die Sitzungen fanden in Leipzig statt; sie begannen um 1919.
Es erwies sich zunächst, daß nur die Wenigsten überhaupt über die Formatfrage nachgedacht hatten. Ich mußte auf der ersten Sitzung feststellen, daß ich unter[306]  den Anwesenden der einzige Sachkundige war, insofern ich die Einzelfragen dabei erwogen hatte und stellte alsbald die drei Forderungen auf, die der Normung jedenfalls zugrunde gelegt werden mußten. Nämlich, daß die Formate Reihen von Rechtecken bilden, die durch Halbieren (Falzen) aus dem größten erhalten werden; daß das Seitenverhältnis der Rechtecke gleich 1:√2 sein muß, da nur dann die Formate sich geometrisch ähnlich bleiben; daß die Einheit des Meters oder Zentimeters den Abmessungen zugrunde zu legen ist.
Bei den Verhandlungen mußte ich alsbald erkennen, daß seitens der führenden Männer eine entschiedene persönliche Abneigung gegen mich bestand. Woher sie rührte, habe ich nicht festzustellen versucht; vermutlich waren es Nachwirkungen der Stimmung, unter welcher ich mein Verhältnis zur Leipziger Universität gelöst hatte. Es bestand ein deutliches Bestreben, die Lösung irgendwie außerhalb meiner Forderungen zu finden, wodurch ein Wust zweckloser Arbeit aufwuchs, der in argem Widerspruch zu dem letzten Zweck der Unternehmung stand, nämlich Energievergeudung zu vermeiden. So wurden sehr verschiedenartige Vorschläge gemacht, unter anderen einer, der so zahlreiche »Normen« ergab, daß wie der Vorsitzende zu seiner Empfehlung nachdrücklich hervorhob, bei seiner Annahme eigentlich überhaupt keine Änderung der vorhandenen Zustände nötig sein würde.
Es dauerte einige Jahre, bis sich die Mitglieder des Ausschusses so weit über das Problem klar geworden waren, daß sie auf meine Forderungen zurückkamen. Um aber doch den Schein der Selbständigkeit zu wahren, wurde die metrische Einheit nicht, wie ich in Übereinstimmung mit dem Gebrauch auf allen anderen Gebieten der Normung vorgeschlagen hatte, auf die linearen Abmessungen, d.h. die Seiten der Rechtecke angewendet[307]  sondern auf deren Flächeninhalt, wodurch sehr unübersichtliche Zahlen entstanden. In dieser Gestalt ist dann die Formatnormung der allgemeinen Anwendung übergeben worden und hat begonnen, sich zu verbreiten. Ich bin auf Grund der Erfahrungen bei der Brücke der Meinung, daß die Verbreitung erheblich schneller erfolgt wäre, wenn man die »Weltformate« einfach übernommen hätte.
Die Sammelschrift. Der neuartigste Gedanke unter den Brückenplänen war der, das Buch in seine Bestandteile aufzulösen und die hinderliche Arbeit des Buchbinders rückgängig zu machen. Dies gilt nicht für umfangreiche Kunstwerke, wie Dramen und Erzählungen, denn diese sind als ein Ganzes angelegt und sollen ganz bleiben. Wohl aber gilt es für wissenschaftliche und Nachrichtenwerke aller Art, Zeitschriften u. dgl. Das letzte Ziel ist, daß jeder Mensch in der Lage sein soll, sich sein persönliches Sammelwerk anzulegen, das genau seinen Bedürfnissen entspricht und darüber hinaus nichts überflüssiges enthält und daß er es nach Bedarf aus- und umgestalten kann, wie ihn der Geist treibt.
Ganz neu war der Gedanke für mich nicht, denn ich hatte ihn schon zu Beginn meiner Leipziger Tätigkeit praktisch ausgeführt. Die »Klassiker der exakten Wissenschaften« (II, 55) waren ja aus dem Wunsche entstanden, die Dauerwerte der wissenschaftlichen Literatur, die fast alle als Zeitschriftenabhandlungen ans Licht getreten waren, in unabhängigen Einzelheften der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, und der große Erfolg der Klassiker hat gezeigt, daß dies einem lebhaft empfundenen Bedürfnis entsprach. Habe ich doch selbst namentlich in der letzten Periode meiner Tätigkeit immer häufiger die gesuchte Auskunft in einem Klassikerbändchen gefunden. Aber über den näherstehenden Aufgaben der Fachwissenschaft war mir dieser allgemeine[308]  Gedanke in den Hintergrund getreten. Um so bereitwilliger nahm ich ihn auf, als er mir in viel allgemeinerer Fassung und bereichert durch das wesentliche Mittel der Formatnormung von Bührer wieder entgegengebracht wurde.
Gelegentlich der Organisation des Verbandes der chemischen Gesellschaften (III, 280) schien sich mir in meiner Sonderwissenschaft ein Weg dazu aufzutun. Denn ein wichtiger Programmpunkt für das von Solvay unterstützte internationale Chemieinstitut war die Herstellung des vollständigen Handbuches der gesamten Chemie durch die Sammlung und Ordnung aller unserer Kenntnisse in Gestalt von Einzelschriften über jeden chemischen Stoff und Begriff. Aus diesem hätte dann jeder Chemiker die vollständige Literatur über jede Frage erhalten können und das Gesamtwerk hätte gleichzeitig eine vollständige Geschichte der Wissenschaft enthalten. Leider hat der Weltkrieg auch hier zerstörend gewirkt, voraussichtlich noch auf lange Jahre hinaus.
Als ich dann später das Bedürfnis empfand, meine Arbeiten zur Farbenlehre der Öffentlichkeit mitzuteilen, fiel dies in eine Zeit, wo unsere wissenschaftlichen Zeitschriften einen schweren Kampf um das Dasein durchzumachen hatten und eingesandte Beiträge erst nach Jahr und Tag, wenn überhaupt, veröffentlichen konnten. Ich begründete deshalb selbst ein nach Brückengedanken gestaltetes Schriftwesen neuer Art, dem ich den allgemeinen Namen Sammelschrift gab, und das an die Stelle der bisherigen Zeitschriften treten soll. Wie die Zeitschrift bringt auch die Sammelschrift einzelne Abhandlungen; diese werden aber so gedruckt, daß jede selbständig gehandhabt werden kann. Den bisherigen Heften entspricht eine »Mappe«, welche so viele Abhandlungen enthält, daß ein gewisser durchschnittlicher Umfang entsteht, und die Mappen erscheinen ähnlich den[309]  Heften in regelmäßiger oder zwangloser Folge. Jede Abhandlung hat eigene Seitenzahlen und ist mit einer laufenden Nummer bezeichnet; außerdem trägt sie das Datum und ein Gruppenzeichen, nach welchem die näher zusammengehörenden inhaltlich geordnet werden können. Die drucktechnischen Maßnahmen, welche hier zu treffen waren und gute Fachkenntnisse erforderten, wurden zweckentsprechend durch Dr. Manitz erledigt. Die Sammelschrift erhielt den Namen »Die Farbe«, der sich aber bald als zu eng erwies, da ich auch die Ergebnisse meiner Forschungen zur Formenlehre darin unterzubringen hatte und hat es bis zu rund 40 Nummern gebracht. Auch hat das Beispiel schon mehrfach Nachahmung gefunden, so daß auch dieser Brückengedanke den Untergang der ersten Form überdauert hat.
Die dritte Aufgabe endlich, die Ordnung der Farben, hat dem letzten Teil meines Lebens seit 1914 den Hauptinhalt gegeben. Es hat eine Synthese meiner ordnungswissenschaftlichen, physikalischen, chemischen, physiologischen und psychologischen Kenntnisse und Fertigkeiten hervorgerufen, welche zu dem Ergebnis der messenden Farbenlehre geführt haben, die ich als den Höhepunkt meiner gesamten Leistungen ansehe.
Und die Fruchtbarkeit des neu erschlossenen Feldes, zeigt sich bereits jetzt darin, daß neue Wissenszweige wie die Formenlehre und die Kalik oder allgemeine Lehre vom Schönen darin aufzusprießen beginnen.



 Zehntes Kapitel.
Der energetische Imperativ.










[310] Der kategorische Imperativ. Kant verdankt seinen Ruhm und Einfluß in erster Linie seiner »Kritik der praktischen Vernunft«, einem Büchlein von 169 Seiten in der Ausgabe von Hartenstein, mittels dessen er die Lehre von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit auf äußerst künstliche und scharfsinnige Weise aus der Flut der reinen Vernunft rettete, in der sie sonst rettungslos untergehen mußte. Er tat dies, indem er neben dem Gebiet der reinen Vernunft ein davon unabhängiges der praktischen Vernunft einführte, in welchem jene Dinge unterkommen konnten. Dadurch gewann er neben den Wenigen, die seine logisch-psychologischen Forschungen in jenem Gebiet bewunderten, die Unzähligen, deren »metaphysisches Bedürfnis« er durch diese befriedigte.
Das Grundgesetz der praktischen Vernunft durfte nach seiner Lehre keine sachlichen Gedanken enthalten, sondern nur formale. In solchem Sinne gestaltete er seinen Satz, der unter dem Namen des kategorischen Imperativ so berühmt geworden ist:
Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
Auf den ersten Blick sieht wirklich dieser Satz rein formal aus, da die Forderung der Allgemeingültigkeit[311]  eine rein logische zu sein scheint und auch von Kant so dargestellt wird. Sieht man aber näher zu, so bedeutet hier die Allgemeingültigkeit nicht die logische, sondern die soziale: das Gesetz soll praktisch die menschlichen Verhältnisse regeln und keineswegs mit begrifflicher Allgemeinheit abgetan sein.
Damit aber tritt auch an dieser Stelle, wo man es am wenigsten erwartet, die soziale Natur der Ethik zutage. Dieser versteckte soziale Anteil bedingt dann auch die Fruchtbarkeit des kategorischen Imperativs.
Da ich mich natürlich mit Kants Lehre von der angeborenen Beschaffenheit des inneren moralischen Gesetzes nicht zufrieden geben konnte, fragte ich mich nach der Quelle der ethischen oder sozialen Gesinnung und Betätigung. Hier traf ich einen viel älteren Gedanken an. Ich hatte schon früh, nachdem ich die Bedeutung des zweiten Hauptsatzes für alles Geschehen, also auch das menschliche Handeln, erkannt hatte, den von der theologischen Ethik entwickelten Begriff der Sünde wider den heiligen Geist mit diesem in Zusammenhang gebracht. Sie ist bekanntlich die einzige Sünde, welche nicht vergeben werden kann (obwohl wir nach Lessing so recht nicht wissen, worin sie eigentlich besteht) und hat in solcher Beziehung Ähnlichkeit mit den Vorgängen der Energiezerstreuung, deren Folge, die Energieentwertung, auf keine Weise gut gemacht werden kann. Diese halb spielerische Gedankenreihe wurde aber ernsthaft, als ich einsah, daß alle Kultur darauf hinausgeht, die in der Natur beständig vor sich gehende Energiezerstreuung aufzuhalten, um die freie Energie für menschliche Zwecke anzuwenden. Ungeregelte Energiezerstreuung ist Energievergeudung, und so stellte sich fast selbsttätig dem kategorischen Imperativ der energetische gegenüber: Vergeude keine Energie, verwerte sie.[312]
Die Gedankenreihe, die hier in aller Kürze zusammengefaßt ist, hat in Wirklichkeit 10 bis 15 Jahre zu ihrer Entwicklung gebraucht.
Sie zeigt das Verhältnis des kategorischen Imperativ zum energetischen klar auf. Der kategorische soll seine Quelle in dem angeblich angeborenen Gewissen haben und daher absolut sein. Der energetische hat seine Quelle in unausweichbaren natürlichen Gegebenheiten, in welche der Mensch hineingeboren ist und kennzeichnet sein Verhältnis zur Umwelt und die Stufe der von ihm erreichten Kultur. Die Kultur aber ist ein Erzeugnis der Vergesellschaftung und Kants Imperativ weist sich als eine Antwort auf die Frage aus: welche Bedingung stellt der zweite Hauptsatz für das Gedeihen der Gesellschaft? Die Antwort ist: Gerechtigkeit, weil jede Ungerechtigkeit Widerstand und damit Energievergeudung bewirkt. Und damit stellt sich der kategorische Imperativ als ein Sonderfall des energetischen heraus. Nachfolgend finden diese allzu kurzen Andeutungen ausführlichere Darlegung.
Die Pyramide der Wissenschaften. Der Weg von der physikalischen Chemie zur Kulturwissenschaft (weniger zweckmäßig Soziologie genannt) ging also für mich naturgemäß durch die Energetik. Schon bei der ersten Ordnung der Denkgebiete für meine Vorlesungen über Naturphilosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die natürliche Ordnung der Wissenschaften herausgestellt, durch welche sich die spezifisch menschlichen Probleme als die letzten, daher schwierigsten, aber unmittelbar wichtigsten von allen ergaben. Dann lernte ich Comtes Wissenschaftsordnung kennen, welche diesen Forscher zwangläufig auf den Begriff einer obersten Wissenschaft geführt hatte, die es seinerzeit noch nicht gab und die er unter dem Namen der Soziologie forderte.[313]
Einen erheblichen Fortschritt für mein Denken bedeutet dann die Einsicht, daß jede einfachere oder allgemeinere Wissenschaft als Voraussetzung für alle nachfolgenden spezielleren und höheren Wissenschaften dient, nicht aber umgekehrt. So ist die Chemie eine unentbehrliche Hilfswissenschaft der Physiologie, aber zur Kenntnis der Chemie ist Physiologie durchaus nicht erforderlich. Ich hatte früher gern die Gesamtheit der Wissenschaften mit einem Netz verglichen, wo von jedem Knoten zu jedem anderen Verbindungsfäden nachweisbar sind. Jetzt erkannte ich, daß dieses Bild unzulänglich ist, weil es jenes grundwichtige einseitige Verhältnis nicht veranschaulicht.
Vielmehr erschien mir nun die Wissenschaft wie eine Pyramide, in welcher jede untere Schicht alle oberen trägt, aber nicht umgekehrt. So einfach diese Einsicht aussieht, so folgenreich hat sie sich erwiesen. Denn sie brachte mit einem Male eine bis in die Einzelheiten gehende Übersicht über das Gesamtgebiet des menschlichen Wissens. Ich werde hernach mehrfach Gelegenheit haben, auf einzelne Anwendungen hinzuweisen.
Zum ersten Male kam mir der Gedanke 1903 während meiner ersten Reise nach Amerika (II, 320), als ich auf dem Dampfer die Festrede für J. Loebs neues Laboratorium niederschrieb. Da ich als Chemiker über Biologie etwas sagen sollte, mußte ich mir zunächst das Verhältnis beider Wissenschaften klar machen. Und um hier keine einseitigen Irrtümer zu begehen, brauchte ich Klarheit über das Verhältnis aller Wissenschaften zueinander. So baute ich zum ersten Male die Pyramide der Wissenschaften auf. Gegenüber Comte konnte ich alsbald einen wichtigen Fortschritt machen, indem ich als allgemeinste Wissenschaft nicht die Mathematik, sondern die Ordnungslehre (Mannigfaltigkeitslehre nannte ich sie damals) erkannte. Doch gelangte ich nach oben[314]  angesichts des Sonderzweckes meines Vortrages nur bis zur Psychologie.
Die Anwendung des Energiebegriffes auf die Psychologie hatte ich schon vor einigen Jahren in den Vorlesungen über Naturphilosophie durchgeführt, indem ich alle geistigen Vorgänge als energetische, genauer als Umwandlungsergebnisse der in Gehirn und Nerven verfügbaren chemischen Energie auffaßte. Wie sehr dieser Gedanke von dem damals Gewohnten entfernt war, geht u.a. aus dem Schreiben hervor, mit dem der Psychologe W. James ihn und mich begrüßte (II, 303). Mir war er wichtig dadurch, daß er das berüchtigte, von Dubois-Reymond aufgestellte »Welträtsel« beseitigte, nämlich die Frage, wie aus mechanischen Bewegungen der Gehirnatome der Gedanke entstehen könne. Schon Leibniz hatte auf diese Unmöglichkeit hingewiesen. Statt aber den Schluß zu ziehen, daß daher die Vorgänge im Gehirn nicht als mechanische Bewegungen von Atomen angesehen werden dürfen – ein Gedanke, den der dogmatische Mechanist Dubois-Reymond zu denken ganz unfähig war – verwechselte er die begrenzten Fähigkeiten seines eigenen Gehirns mit den unbegrenzten Möglichkeiten menschlichen Denkens und verklärte seinen Denkfehler zu einem ewigen Welträtsel.
Für die energetische Auffassung der geistigen Vorgänge lag dagegen kein Rätsel vor, denn sie ordneten sich in das Urphänomen der Energiewandlung ein. Besondere Hypothesen über die Einzelheiten dieser Vorgänge zu machen, war noch lange nicht an der Zeit, denn schon unsere Kenntnis der einen Seite, der chemischen Dynamik des Gehirns, ist so wenig entwickelt, daß wir noch nicht einmal in der Lage sind, eine derartige Hypothese experimentell zu prüfen.
Die Einbeziehung der Soziologie in die Pyramide der Wissenschaften geschah erst 1904 bei meinem Vortrage[315]  in St. Louis (II, 415). Inzwischen hatte ich Comte kennen gelernt, als ich mich um die früheren Bearbeitungen des Problems der Ordnung aller Wissenschaften zu kümmern hatte. Als höchste Wissenschaft (sie umfaßt u.a. alle sogenannten Geisteswissenschaften) hat sie alle anderen zu Hilfswissenschaften und zerfällt diesen gemäß in eine ordnungswissenschaftliche, eine energetische und eine physiologisch-psychologische Gruppe mit den Untergruppen, welche durch die Abteilungen jener Wissenschaft gegeben sind. Von besonderem Interesse war mir natürlich die energetische Soziologie.

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Soziologie. Diese war zunächst nur ein leerer Rahmen, der für mich noch kein anschauliches Bild enthielt. Von einem solchen zeigten sich die ersten Züge auf der Fahrt nach St. Louis, wo ich von dem Soziologen F. Tönnies (II, 399) fördernde Anregungen erhielt. So bildete sich langsam eine zusammenhängende Gruppe von Gedanken aus, namentlich nachdem ich die Leipziger Professur aufgegeben und eine unbeschränkte Freiheit für meine Arbeiten gewonnen hatte.
Eine solche Arbeit ergab sich aus dem Antrag des Verlages J.A. Barth, für ein Sammelwerk »Wissen und Können« den ersten Band zu schreiben. Ich sagte zu unter der Voraussetzung, daß der Titel »Die Energie« sein sollte, was gern angenommen wurde. So entstand eine kurze, gemeinverständliche Darlegung von Inhalt und Bedeutung des Energiebegriffes. Sie unterschied sich von allen früheren dadurch, daß sie erstens den Energiegedanken vollkommen frei hielt von den kinetischen Hypothesen, welche man früher von ihm nicht zu trennen pflegte, und daß zweitens die grundlegende und unabsehbar weitreichende Bedeutung des zweiten Hauptsatzes (II, 174) in sachgemäßer Weise hervorgehoben wurde. Das Werkchen wurde viel gelesen, so daß es neu aufgelegt werden mußte; auch ist es in andere[316]  Sprachen übersetzt worden. Es hat merklich dazu beigetragen, auch den durchschnittlichen Leser mit der Gedankenwelt der Energetik bekannt zu machen.
Als letztes Kapitel der Schrift findet sich ein Abschnitt: soziologische Energetik, in welchem ich versuchte, die Grundlinien dieses unabsehbar mannigfaltigen neuen Gebietes zu ziehen.
Juristische Energetik. Unter den neuen Arbeitsfeldern, die nun der Bearbeitung harrten, hatte ich eines schon betreten, nämlich das der Rechtswissenschaft. In den letzten Jahren meiner Leipziger Tätigkeit war die Rückständigkeit der juristischen Begriffsbildung dadurch zutage getreten, daß man für folgenden Tatbestand keinen Grund zur Bestrafung ermitteln konnte. Der Angeklagte hatte heimlich eine fremde elektrische Leitung durch einen Nebenschluß angezapft und mit dem Strom eine Lampe für seinen eigenen Gebrauch betrieben. Diesen offenbaren Diebstahl so zu nennen, weigerte sich der Richter, weil das Corpus juris und nach ihm alle Rechtsbücher den Diebstahl als die widerrechtliche Aneignung einer fremden beweglichen Sache definieren. Hier war »Elektrizität« gestohlen worden, aber da diese nicht faßbar und wägbar ist, so kann sie nicht als Sache bezeichnet werden. Noch schlimmer wurde die Verwirrung dadurch, daß nicht einmal die Elektrizität (im physikalischen Sinne der Elektrizitätsmenge) gestohlen worden war, denn diese war ja unvermindert in den Hauptstromkreis zurückgegangen. Was war also eigentlich gestohlen worden? Denn daß die Benutzung des Stromes zum Betreiben von Lampen, Motoren usw. ohne Erlaubnis des Erzeugers nicht zu den allgemeinen Menschenrechten gehört, konnte auch der scharfsinnigste Jurist nicht in Abrede stellen.
Mir war der Vorfall sehr willkommen. Denn was hier gestohlen war, ist die elektrische Energie, der[317]  eigentliche Wertgegenstand, der im Elektrizitätswerk unter Aufwand von Kohle durch Maschinen erzeugt und den Abnehmern gegen Bezahlung abgegeben wird. Hier erwies sich die Energie, der man nur abstrakte Bedeutung hatte zuschreiben wollen, als so real, daß sie als Ware erzeugt und verkauft und somit auch gestohlen werden konnte.
Ich schrieb für die Deutsche Juristenzeitung einen aufklärenden Aufsatz, der aber in den Augen der Fachleute wenig Gnade fand. Die Erörterungen gingen die wunderlichsten Wege, wobei die Mängel der juristischen Ausbildungsweise gelegentlich kraß zutage traten. Das Ergebnis war schließlich ein neues Gesetz, welches auch die widerrechtliche Enteignung von Energie unter Strafe stellte.
Bei den Besprechungen hierüber mit meinen Leipziger Kollegen von der Juristenfakultät, von denen ich eigentlich nur den feinsinnigen Binding genießbar, ja erfreulich gefunden hatte, hob ich den folgenden Gesichtspunkt besonders hervor. Das Erwachen der Wissenschaften beim Ausgang des Mittelalters ist dadurch gekennzeichnet, daß eine nach der anderen sich aus dem Banne des Vorurteils befreit, als sei das Höchste schon von den Griechen und Römern geleistet worden. So beginnt die moderne Physik mit Galileis Kampf gegen die Aristotelischen Vorurteile in der Mechanik, die Astronomie mit der Verwerfung des antiken Vorurteils, daß die Erde den Mittelpunkt der Welt bilde, usf. Jede moderne Wissenschaft hat dergestalt nicht eine Renaissance, eine Wiedergeburt, sondern eine Neugeburt erleben müssen und hat sich erst entfalten können, nachdem das antike Vorurteil bewußt überwunden war. Dies läßt sich im Einzelnen für jede Wissenschaft nachweisen, mit einziger Ausnahme der Jurisprudenz. Wie die mittelalterlichen Ärzte auf Hippokrates und Galenus, die mittelalterlichen[318]  Mathematiker auf Euklid schwuren und es als einen Frevel ansahen, über ihn hinauszugehen, so schwören noch die Juristen auf das Corpus juris als Inbegriff aller juristischen Weisheit, trotz offenbarer Mißerfolge. Hatte doch der als höchste Verkörperung solcher Weisheit bewunderte Senior der Leipziger Juristen, Windscheid, durch sein energisches Hineinarbeiten jener juristischen Bibel in den ersten Entwurf des Bürgerlichen Gesetzbuches für das Deutsche Reich diesen so völlig unbrauchbar gemacht, daß er ganz und gar umgearbeitet werden mußte.
Es ist vielleicht gut, hier zu betonen, daß vorstehend die Verhältnisse beschrieben worden sind, wie sie vor rund 25 Jahren bestanden. Es ist mir wohlbekannt, daß seitdem jener lebensnotwendige Vorgang der Befreiung vom antiken Vorurteil begonnen hat und fortgeschritten ist. Wie weit, wage ich nicht zu beurteilen.
Ich habe diese Dinge erzählt, weil sie die Folge hatten, daß ich mich dauernd mit diesen Fragen beschäftigte und insbesondere sie als einen Bestandteil der Soziologie erkannte, die mir zunehmend in den Vordergrund trat. Ich wurde Mitglied eines Vereins für Rechtsphilosophie, der von dem Berliner Juristen Josef Kohler gegründet war, von dem ich in der Tagespresse, die er gern und reichlich bediente, mancherlei fortschrittliche Auffassungen kennen gelernt hatte. Auch habe ich in dieser Gesellschaft 1910 auf Einladung jenen Vortrag über Zweck und Wert mit Beziehung auf die Rechtsphilosophie gehalten, der mich zur ersten Aussprache des energetischen Imperativs (s.w.u.) veranlaßt hatte. Doch stieß ich, wie immer in solchen Fällen, alsbald auf den sehr bestimmten Widerspruch der Fachleute. Auch Kohler war nicht geneigt, auf eine Gedankenreihe einzugehen, an der er keinen persönlichen Anteil hatte. Da mir zunehmend der Verein als ein Privatunternehmen[319]  seines Stifters zu dem Zweck erschien, ihm Einfluß und Ansehen zu sichern, so gab ich bald diese Beziehung ganz auf, zumal vielfältige andere Dinge mich in Anspruch nahmen.
Wohl aber richtete sich meine Aufmerksamkeit zunehmend auf die kulturelle Bedeutung des zweiten Hauptsatzes. In jener ersten kurzen Skizze der energetischen Soziologie, mit der ich das Energiebüchlein (III, 316) geschlossen hatte, war ich bereits so weit gekommen, daß ich als allgemeine Aufgabe der gesamten Kultur erkannt hatte, das Güteverhältnis bei der Umwandlung der niederen Energien in höhere so günstig wie möglich zu gestalten. Hiermit war ein Satz gefunden, der nicht nur eine weite Übersicht ermöglichte, sondern sich auf jede einzelne Aufgabe und Arbeit ganz unmittelbar anwenden ließ.
Ein solcher Satz kann je nach der Seite, von der aus man ihn betrachtet, auf sehr verschiedene Weise ausgesprochen werden. Unwillkürlich suchte ich nach einer möglichst kurzen und ausdrucksvollen Fassung und Fand sie in dem energetischen Imperativ.
Der energetische Imperativ. Die Entstehung der energetischen Denkweise bei mir habe ich (II, 149) geschildert. Durch die Zusammenfassung des ersten und zweiten Hauptsatzes der Energetik für den Zweck der praktischen Betätigung wurde ich auf die Formel geführt: Vergeude keine Energie, verwerte sie, die unter dem Namen des energetischen Imperativs oder auch ohne ihn allmählich ein Stück vom täglichen Gedankengut jedes denkenden Arbeiters bis zum höchsten hinauf geworden ist.
Ich habe mich zu besinnen versucht, wann ich den Namen zuerst gebraucht habe, doch nur mit unvollständigem Erfolg. Er zuerst jedenfalls in Gesprächen[320]  entstanden, die ich seit 1908 über die soziale Bedeutung des zweiten Hauptsatzes geführt habe, die mich damals sehr beschäftigte. Die Ergebnisse meines Nachdenkens habe ich in dem 1909 erschienenen Büchlein: Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft niedergelegt, dessen Vorrede April 1909 datiert ist. Doch kommt weder dort noch in dem zwei Jahre später erschienenen Brückenbuch von Bührer und Saager, in welchem entsprechende Äußerungen von mir angeführt sind, der Name und Ausspruch des energetischen Imperativs vor.


Andererseits erinnere ich mich mit Sicherheit, daß ich gelegentlich der Aussprache nach einem Vortrage, den ich 1910 in dem Verein für Rechtsphilosophie über Zweck und Wert gehalten habe, den energetischen Imperativ als die Summe meiner Gedanken bezeichnet und ausgesprochen habe. Zu dieser Zeit hat er also das Licht der Öffentlichkeit, zunächst einer beschränkten, erblickt.
Goethe bemerkt einmal über den geistvollen Physiker Lichtenberg, der eine ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit von volkstümlicher Art betrieb: wo er einen Spaß macht, ist ein Problem verborgen. Ähnliches ist mir nicht selten geschehen: wo ich eine neuartige Gedankenverbindung zunächst nur aussprach, weil sie so putzig neu aussah, fand ich später fruchtbare Zusammenhänge. So habe ich anfangs, um meinen Gegenüber die große Bedeutung des energetischen Handelns anschaulich zu machen, es mit Kants berühmten kategorischen Imperativ auf gleichen Fuß gestellt und vom energetischen Imperativ gesprochen, und habe erst später, beim nachträglichen Überdenken dieser Wendung erkannt, daß er der Kantischen nicht nur gleich steht, sondern ihm überlegen ist. Denn der Kantische Imperativ bezieht sich nur auf die soziale Betätigung des Menschen, der[321]  energetische dagegen auch auf die persönliche, also auf alle und jede Betätigung überhaupt.
Die erste Stelle, die ich finden kann, in der vor einer unbegrenzten Öffentlichkeit der Name des energetischen Imperativs erschienen ist, findet sich in einem Aufsatz, den ich im folgenden Jahr 1911 im Berliner Tageblatt veröffentlicht habe. Im gleichen Jahre erschien ein anderer Aufsatz unter dem ausdrücklichen Titel »Der energetische Imperativ«, in welchem dessen Inhalt und Umfang methodisch dargelegt wurde. Das Wort wurde alsbald populär, so daß ich 1912 eine wohlgeordnete Sammlung verschiedenartiger Aufsätze, die meist in der Tagespresse erschienen waren, unter dem Titel Der energetische Imperativ herausgegeben habe. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß diese rund 50 Aufsätze verschiedensten Sonderinhalts sich ohne Zwang unter diesen Gesichtspunkt bringen ließen. Seitdem darf man die Bezeichnung ohne Anführungszeichen schreiben.
Ernest Solvay. Eine neue Quelle sozialenergetischen Denkens tat sich mir auf, als mir 1907 die Schriften von Ernest Solvay und die des von ihm gegründeten Instituts für Soziologie zugeschickt wurden. Sie ergaben, daß dieser sehr bemerkenswerte Mann schon seit vielen Jahren sich zum energetischen Denken durchgearbeitet und in solcher Richtung höchst selbständige und folgenreiche Gedanken entwickelt hatte. Ich berichtete sehr erfreut darüber in den »Annalen« und das gab den Anlaß zu der Entwicklung persönlicher Beziehungen, die unter den vielen wertvollen und fesselnden Erlebnissen, die mir gegönnt waren, zu den hervorragendsten gehören.
Vor allen Dingen beschäftigte ihn die Anwendung der Energetik auf soziale Fragen, die er in großzügiger Weise durchdacht hatte. Wie meist bei genialen Autodidakten waren seine Ergebnisse ein Gemisch von weitreichenden[322]  richtigen Gedanken und einzelnen primitiven Fehlern. Da bei oberflächlicher Kenntnisnahme die zweiten bei weitem am auffälligsten in den Vordergrund traten, hatte er fast nur höfliche Ablehnung bei seinen Versuchen gefunden, andere Forscher für sie zu interessieren. Um ihnen eine Stätte zu bereiten, wo sie sich in Zukunft entwickeln konnten, hatte er eine eigene Anstalt für sie errichtet und aus den vielen Millionen, die er besaß, reichlich ausgestattet. Und in der für ihn kennzeichnenden Erwägung, daß er nicht nur seine persönlichen Liebhabereien derart pflegen dürfe, hatte er gleichzeitig zwei andere Anstalten unter gleichen Bedingungen gestiftet eine für Physiologie und eine für kaufmännisches Bildungswesen. Jede dieser Stiftungen erhielt ein ausgedehntes Haus mit angemessener, ja prächtiger Einrichtung und einen Stab von wissenschaftlichen Beamten. Die Leiter aller drei Anstalten wurden wirtschaftlich so gestellt, daß sie keinerlei Lohnarbeit daneben nötig hatten, um mit ihren Familien behaglich zu leben. Auch war ihnen vertragsmäßig volle wissenschaftliche Unabhängigkeit gewährleistet, so daß ihr Amt nicht davon abhing, welche Stellung sie zu den Ansichten des Stifters einnahmen.
Neben diesen Stiftungen hatte Solvay eine stets offene Hand für andere Unternehmungen von allgemeinem Wert. In solchem Zusammenhange war er einmal nach Berlin gekommen, um gegebenenfalls ein dort geplantes Institut für Soziologie zu unterstützen. Auch ich war zu dieser Besprechung eingeladen worden. Die Anregung war von einem originalen aber beschränkten Denker namens Pollack ausgegangen, der ein Buch über Organisation unter dem Titel Methodenpolitik geschrieben hatte. Es war der Schriftleitung der »Annalen« zur Berichterstattung eingesandt worden; ich hatte es durchgelesen und vorwiegend günstig beurteilt.[323]
Jene Erörterungen führten nicht zum Ziel. Denn was die anwesenden Vertreter der Soziologie an organisatorischen Gedanken vorbrachten, lief in der Hauptsache darauf hinaus, daß das Institut ihnen die Vorarbeiten für die Einzeluntersuchungen liefern sollte, mit denen sie gerade beschäftigt waren oder sich zu beschäftigen beabsichtigten. Solvay fand diesen Gesichtspunkt offenbar zu beschränkt und zeigte keine Neigung, solche Pläne zu unterstützen. Als die Versammlung sich auflöste, wandte er sich an mich und lud mich ein, mit ihm zu Abend zu essen, damit wir uns über die Fragen der sozialen Energetik aussprechen konnten. Obwohl mein Französich sehr eingerostet war (Solvay verstand gar kein Deutsch), verbrachten wir einen angeregten Abend; beim Essen erwies er sich als ganz ungewöhnlich mäßig. Tabak und Alkohol lehnte er ab.
Dies war der Anfang einer nahen sachlichen wie persönlichen Beziehung; sie näherte sich einer herzlichen, auf gegenseitigem Vertrauen beruhenden Freundschaft. Denn wir waren beide Idealisten und erkannten uns gegenseitig bald in dieser Eigenschaft.
Persönliches. Als ich Ernest Solvay kennen lernte, war er siebzig und einige Jahre alt. Er war etwas unter Mittelgröße, von magerer aber sehniger Gestalt mit graublondem kurzem aber reichlichem Bart und Haar und blauen Augen. Die Stirn trug tiefe Längsfalten vom angestrengten Denken. Seine Jahre sah man ihm nicht an, denn er bewegte sich lebhaft und bestimmt. Dies war das Ergebnis ausgiebiger körperlicher Betätigung, die er trieb, um sich gegenüber den überaus mannigfaltigen geschäftlichen Beanspruchungen seiner weitausgedehnten Unternehmungen im Gleichgewicht zu erhalten. Wie er mir später bei einem meiner Besuche in seinem schönen Landhause bei Brüssel erzählte, war seine beste Erholung, die etwa 15 km bis zu seiner[324]  Stadtwohnung zu Fuß zurückzulegen. »Das sind die einzigen Stunden, sagte er, in denen ich meinen wissenschaftlichen Gedanken nachgehen kann, da ich nur dann sicher bin, nicht jeden Augenblick gestört zu werden.« Und etwas später schickte er mir eine Anzahl photographischer Aufnahmen, die ihn mit seinen Führern bei der Besteigung eines schwierigen Schneegipfels in der Schweiz zeigten. Ich schrieb ihm damals zurück, daß ich bei diesem Anblick Neid empfunden haben würde, wenn ich nicht dieses niederträchtige Gefühl früher bei mir so vollständig wie möglich ausgerottet hätte.
So hat er hernach auch den Weltkrieg überstehen können, der ihn durch die Besetzung Brüssels seitens der Deutschen besonders schwer betroffen hat und ist erst 1922 im Alter von 84 Jahren gestorben.
Da ich gelegentlich der Weltorganisation der Chemiker, von der weiter oben berichtet worden ist, mit ihm in lebhaften Verkehr trat, bin ich wiederholt sowohl in seinem Brüsseler Hause wie auf seinem Landsitz mit ihm tagelang zusammen gewesen. Obwohl beide Wohnungen palastartig erbaut und prächtig eingerichtet waren, hielt er sich persönlich in seinem Wesen und seiner Kleidung völlig schlicht; von Geldprotzerei war er vollkommen frei. Auch er gehörte zu den erfreulicherweise nicht seltenen Reichen, die ihren Besitz vom Standpunkt der Pflicht und nicht von dem des Vergnügens betrachten und handhaben.
Kennzeichnend hierfür war die 1913 abgehaltene Feier seines 75. Geburtstages, seiner goldenen Hochzeit und des 50. Geburtstags seines Sodaverfahrens. Die zahlreichen Solvay-Sodawerke in Belgien, Deutschland, Österreich, Frankreich, England usw. waren durch ihre leitenden Männer vertreten und Solvay hatte sie ersucht, unbedingt von allen persönlichen Geschenken an ihn abzusehen. Vielmehr wünschte er, daß alles für solche[325]  Zwecke bestimmte Geld für Stiftungen zum Besten der Arbeiter in den Solvaywerken verwendet werden sollte. Er hatte die hohe Freude, daß ihm für diese Verwendung mehr als drei Millionen Franken überwiesen wurden.

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Die Feier war im übrigen eine große Staatsaktion, der sich Solvay wohl oder übel unterziehen mußte. Ich war seiner Einladung dazu gern gefolgt, da es mich freute, einen Idealisten in dieser Lage zu sehen. Sie bestand wie üblich in Redeakten, Festessen u. dgl. und endete mit einer theatralischen Vorführung, für welche um teures Geld ein halbes Dutzend Mitglieder der Pariser Comédie Française nach Brüssel engagiert waren. Mir war liebenswürdigerweise ein Sitz in erster Reihe angewiesen worden, so daß ich die Aufführung aus nächster Nähe betrachten konnte.
Ich muß bekennen, daß ich etwas so Kindisches kaum je in meinem Leben gesehen habe. Vielleicht in Rücksicht auf die damals herrschenden Ultramontanen oder auf die Gattin des Jubilars (was vielleicht dasselbe war) waren die vorgeführten Einakter von einer Harmlosigkeit, die an Albernheit grenzte und die schematische Weise, in der die Verse gesprochen wurden, verstärkte diesen Eindruck. Es war wie die Aufführung in einem frommen Mädchenpensionat zur Feier der Entlassung.
Ein Plauderviertelstündchen mit dem Jubilar (die Anzahl der Gäste hatte sich, vielleicht in Kenntnis des Dargebotenen, stark vermindert) entschädigte mich indessen reichlich und ich reiste am nächsten Tage mit dem zufriedenen Gefühl heim, daß hier einmal äußerer Erfolg und innerer Wert bei demselben Manne in gleicher Höhe zusammengetroffen waren.
Energetische Kulturwissenschaft. Es hatte sich allmählich so viel neues Gedankengut angesammelt, daß ich es in der gewohnten Gestalt eines Buches ordnen und aus meinem Gehirn nach außen schaffen mußte. Dies[326]  geschah 1908, und im folgenden Frühling erschienen die »Energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft«. Sie waren Ernest Solvay gewidmet, als dem Begründer der sozialen Energetik.
Der Inhalt des kleinen Buches (184 Seiten) ist durch die Kapitelüberschriften hinreichend gekennzeichnet: die Arbeit; das Güteverhältnis; die rohen Energien; die Lebewesen; der Mensch; die Beherrschung fremder Energien; Überwindung von Raum und Zeit; Vergesellschaftung; die Sprache; Recht und Strafe; Wert und Tausch; der Staat und seine Gewalt; die Wissenschaft.
Wie ich es schon gewohnt war, fanden die neuen Gedanken seitens der Fachgelehrten einen unfreundlichen Empfang. Einige »vernichtende« Kritiken namhafter Soziologen überzeugten mich völlig von der Notwendigkeit meiner Arbeit, so unfähig erwiesen sich die Kritiker, deren Voraussetzungen und Inhalt zu verstehen. Ob das in der inzwischen vergangenen langen Zeit anders und besser geworden ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich die neue Literatur der Soziologie nicht kenne. In der gegenwärtigen Praxis findet man überall zahlreiche Anwendungen der energetischen Gesichtspunkte, wobei nicht angenommen zu werden braucht, daß die Anregungen dazu unmittelbar oder mittelbar aus meinem Buche stammen. Denn das Richtige bleibt schließlich naturgemäß im Kampf ums Dasein übrig, ob es vorher theoretisch ermittelt war oder nicht.
Sehr bald konnte ich indessen die Wirksamkeit meiner Gedanken auf eine gute Probe setzen. Im Sommer 1909 fand in Bern ein internationaler Soziologenkongreß statt, zu dem ich auf Veranlassung des Professors der Philosophie an der dortigen Universität Ludwig Stein eingeladen war. Da sich dies gut mit einer Reise nach den nahen Genf verbinden ließ, wo ich eine Ehrenpromotion entgegen zu nehmen hatte, ging ich gern hin.
[327]  Stein hatte einen sehr ausgedehnten Schülerkreis in Bern, den er, obwohl ursprünglich von der Geschichte der Philosophie ausgegangen, mit den jüngsten Entwicklungen seiner Wissenschaft bekannt zu machen trachtete. So hatte er auch als Erster unter seinen Kollegen, den Professoren der Philosophie, die Energetik wiederholt im Seminar und in Dissertationen bearbeiten lassen. Sein Augenmerk war stets darauf gerichtet, die Verbindungslinien zu verfolgen, die von den ältesten Gedankenbildungen sich stetig bis zu den gegenwärtigen hinziehen und freute es ihn, bei Aristoteles die ersten Keime dieser neuzeitlichen Lehre aufzudecken.
Er hatte mir für die Versammlungstage Gastfreundschaft angeboten, die ich dankbar annahm. Mit großem Privatvermögen ausgestattet, hatte er sich in Bern ein prachtvolles Haus in schöner Lage gekauft, in dem ich glänzende Unterkunft fand. Trotzdem er als Organisator des Kongresses sehr stark in Anspruch genommen war, fand er die Zeit zu eingehenden Aussprachen mit mir, aus denen sich gemeinnützige soziale Unternehmungen weitreichender Natur gestalten sollten. Aus Temperament und wissenschaftlicher Überzeugung Optimist wie ich, vielleicht in noch höherem Grade, gedachte er durch seine großen Mittel und einflußreichen Verbindungen eine energetisch-soziale Kulturbewegung zu organisieren, deren Grundlinien wir gemeinsam ausarbeiteten. Leider wurden diese Pläne zunächst verzögert durch eine längere Arbeitspause, welche ihm die Ärzte wegen Überarbeitung auferlegten, und dann vernichtet durch den Weltkrieg.
Auf dem Kongreß konnte ich mich überzeugen, wie unsicher die Soziologen sich hinsichtlich der Einordnung ihrer Wissenschaft in den Gesamtorganismus fühlten. Daraus erkläre ich mir die große Bereitwilligkeit, mit welcher sie meine Darlegungen über die Pyramide der Wissenschaften und die Einteilung der Soziologie gemäß[328]  den unteren Wissenschaften entgegennahmen. Man ernannte mich zum Mitglied des in Paris beheimateten internationalen Instituts für Soziologie und ich habe wohl auch hernach einige Aufsätze für dessen Veröffentlichungen geschrieben.

Eine große Anzahl interessanter und selbständiger Denker und Forscher lernte ich bei dieser Gelegenheit kennen und schätzen. Da sich indessen daraus kein dauerndes Verhältnis ergeben hat, brauchen die Namen nicht genannt zu werden. Nur mit Ludwig Stein bin ich bis heute in dauernder freundschaftlicher Beziehung geblieben, zumal seine Übersiedlung nach Berlin (1910) uns nachbarlich nahe gebracht hat, und ich danke seiner unermüdlichen Hilfsbereitschaft manche sachliche und persönliche Förderung.

Friedensbewegung. Durch den energetischen Imperativ war ich in den Besitz eines allseitig verwendbaren Maßstabes gelangt, der mir ein Urteil über den Kulturwert der verschiedenen Bewegungen ermöglichte, die sich von Zeit zu Zeit an mich mit der Bitte um tätige Mitwirkung wandten. Beispielsweise konnte ich nicht erkennen, welcher Energievergeudung der Deutsche Sprachverein Einhalt tun wollte und fand deshalb dort kein Betätigungsfeld, obwohl es mir durch mein ganzes Leben eine wichtige Angelegenheit war, die sprachliche Gestaltung meiner Reden und Schriften so deutsch und ausdrucksvoll wie möglich zu bewirken. Auch habe ich unsere Sprache um eine Anzahl neuer Bildungen bereichert, die ohne merklichen Widerspruch in Gebrauch genommen worden sind, weil ich sie ohne Vor- oder Nachrede kurzerhand anwandte, wo sich Gelegenheit dazu gab.

Als eine Energievergeudung allerschwerster Art mußte ich dagegen den Krieg beurteilen, und so versagte ich mich nicht der Aufforderung, an dem öffentlichen Widerstande[329]  gegen ihn teilzunehmen. Als Vermittler diente mir hierbei die ehrwürdige Gestalt Wilhelm Försters.
Ich hatte ihn 1907 in Paris kennen gelernt, wo ich in der Weltsprache-Angelegenheit weilte. Zufällig tagte um dieselbe Zeit der Vorstand des internationalen Amts für Maße und Gewichte, in welchem Förster Deutschland vertrat, und dieser hatte in demselben Gasthof Wohnung genommen, in welchem ich mich befand, so daß ich mit ihm und einigen anderen Delegierten häufig zusammentraf. Er interessierte sich lebhaft für unsere Arbeiten in der Weltsprachsache, erwies sich aber als stark einseitig von einigen Esperantisten beeinflußt.
Wilhelm Förster war ein frischer Greis von kleiner Gestalt ohne Körperfülle, mit vollem weißen Haar und Bart und blauen Augen, aus denen Herzensgüte leuchtete. Er war damals schon 75 Jahre alt, erschien aber von seinen Jahren keineswegs gedrückt und machte durch sein zutraulich offenes Wesen einen herzgewinnenden Eindruck.
Besonders zog mich zu ihm hin die Tatsache, daß er lange vor mir sein Leben in ganz ähnlicher Weise umgestaltet hatte, wie ich es später, ohne von ihm zu wissen, tat. Er hatte eine sehr angesehene wissenschaftliche Stellung als Professor der Astronomie und Leiter der Sternwarte an der Berliner Universität bekleidet und sie dann freiwillig aufgegeben, um sein Leben ganz in den Dienst des praktischen Idealismus zu stellen. Ich habe wiederholt seine Erlaubnis benutzt, ihn in Berlin später zu besuchen und schied von ihm immer mit dem Gefühl, wieder einmal Höhenluft geatmet zu haben, aber keine kalte und strenge, sondern sonnig-heitere.
Der Weg, welche mich zu unmittelbarer Mitarbeit führte, ging bemerkenswerterweise über die Technik. Ich hatte im Winter 1909 in der Neuen Freien Presse, Wien, einen Aufsatz veröffentlicht, in welchem ich darlegte,[330]  daß durch die damals beginnende Eroberung der Luft für den menschlichen Verkehr die dritte Dimension des Raumes wirksam wird, die nicht in Frage kam, solange sich der Mensch auf der zweidimensionalen Erdoberfläche bewegen mußte. Für diese genügten lineare Grenzen, welche die Länder schieden, und diese ließen sich meist (wenn auch nicht immer) bewachen und schließen. Nachdem sich aber der Mensch durch die Luft bewegen kann, müßten die Grenzen flächenhaft werden, etwa in Gestalt von Zäunen oder Gittern, die sich so hoch erheben, daß sie nicht überflogen werden können. Das ist natürlich technisch unmöglich, und so muß diese Entwicklung letzten Endes dahin führen, daß auf den Begriff der politischen und wirtschaftlichen Grenzen (die auch eine große Energievergeudung verursachen) ganz verzichtet wird.

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Der Aufsatz wurde von der Baronin Berta von Suttner gelesen, die mir alsbald brieflich ihren Wunsch ausdrückte, daß ich solche und ähnliche Gedanken der Österreichischen Friedensgesellschaft vortragen möchte, die damals unter ihrem Einflusse eine sehr rege Tätigkeit entfaltete. Ich sagte gern zu, da mich ohnedies nicht selten andere Arbeiten nach Wien führten, und lernte sie dabei persönlich kennen. Der restlose Idealismus, welcher sie erfüllte, machte den Verkehr mit ihr sehr angenehm und ich habe in der Folge nie versäumt, in dem alten Hause in der Zedlitzgasse vorzusprechen, wenn ich wieder nach Wien kam.
Frau von Suttner war damals schon fast 70 Jahre alt, aber bei mäßiger Körperfülle und mittelgroßer Gestalt lebhaft liebenswürdig in ihrem Wesen. Die Wohnung war mit schönem altem Hausrat gefüllt. In der Mitte des Empfangszimmers stand ein Tisch, auf dem unter einer geschliffenen Glasplatte die Urkunde des Nobelpreises lag, den sie für ihre Verdienste um die Sache[331]  des Friedens erhalten hatte und auf den sie mit Recht stolz war.
Um dieselbe Zeit hatte ich eine lange Unterredung mit dem Japanischen Botschafter in Wien (seinen Namen weiß ich nicht mehr), der sich eingehende Auskunft über die Frage der Weltsprache erbeten hatte und mich stundenlang ausfragte. Zum Dank lud er mich auf den Abend ein, wo außer mir noch Frau von Suttner und einige andere Wiener Internationalisten anwesend waren. Später kam noch der Japanische Botschafter für Petersburg hinzu, der sich auf der Durchreise befand, nebst seiner Gattin. Sie war eine zierliche, noch jung aussehende Japanerin, leider aber in Europäischer Tracht, die ich zu Tisch führen durfte. Als Verkehrssprache mußte Französisch dienen, auf welches die Asiatischen Diplomaten am besten eingestellt waren und das Frau von Suttner geläufig sprach, während wir anderen es mehr oder weniger radebrechten. Trotzdem verlief der Abend in heiterer und angeregter Unterhaltung.
Insbesondere hatte ich die Japaner gefragt, ob die beispiellos schnelle Aufnahme der ganz fremdartigen Europäischen Kultur durch das Japanische Volk nicht zu schweren Reaktionserscheinungen, gleichsam Verdauungsbeschwerden führen würde, die sonst in anderen derartigen Fällen nie ausgeblieben waren. Sie meinten, daß ihr Volk schon mehrfach solche Vorgänge gut vollzogen habe, z.B. seinerzeit die Aufnahme der Chinesischen Kultur und rechneten auch dieses Mal auf eine glatte Assimilation. Die bisherigen Tatsachen scheinen ihnen Recht zu geben.
Eine andere Stadt, in welcher die Friedensbewegung guten Boden gefunden hatte, war Frankfurt a.M. Dort hatte die Friedensgesellschaft schon ein Vierteljahrhundert bestanden, als ich 1911 eingeladen wurde, zu dem entsprechenden Fest, das mit einer allgemeinen Versammlung[332]  verbunden war, einen Vortrag zu halten. Ich habe bei dieser Gelegenheit eine Anzahl wertvoller und angenehmer Beziehungen mit den Frankfurter Friedensfreunden und darüber hinaus anknüpfen können, die mir diese tatkräftige Stadt lieb gemacht haben.
Sehr lebendige Erinnerungen sind mir an den internationalen Friedenskongreß geblieben, der 1910 in Stockholm stattfand. Dort lernte ich die internationalen Führer der Bewegung kennen, von denen mir der dänische Nobelpreisträger Bajer, ein zweiter Wilhelm Förster in seinem Wesen, in lieber Erinnerung geblieben ist. Mit Gaston Moch erneuerte ich die in Paris (III, 163) geschlossene Bekanntschaft. Auch hier hatte ich einen Vortrag zu halten, über Kultur und Krieg, der reichlichen Beifall auslöste. Mit besonderer Freundlichkeit kam mir hernach die Schwedische Kulturphilosophin Ellen Key entgegen.
Im übrigen habe ich nie eine buntere Versammlung erlebt, was die Beschaffenheit der Teilnehmer betrifft. Hier fielen einige Pariserinnen durch Kleiderluxus und Schminke auf, dort sah man bäuerliche Gestalten mit langen Haaren, dazwischen Gesichter, deren Ausdruck von verbissenem Fanatismus bis zu engelhafter Güte abgestuft war.
Die Stadt Stockholm hatte den Teilnehmern ein Festessen gestiftet, unter der Bedingung, daß keine alkoholischen Getränke dabei gereicht wurden. Dies wurde bereitwillig angenommen und ausgeführt. Ich habe nie ein Festmahl mitgemacht, bei welchem so viel geredet wurde, und zwar zuweilen ganz vorzüglich. Als wir mit dem Essen und der Fruchtlimonade fertig waren, waren wir es mit den Reden noch lange nicht. Im Garten fand sich eine Art natürlicher Kanzel auf einem Fels und von dort wurden noch einige Stunden lang die Reden fortgesetzt, bis sich schließlich die Zuhörer verloren. Zu mir[333]  hatte sich ein Chinese gesellt, der recht gut Deutsch sprach, und den ich von der Notwendigkeit zu überzeugen suchte, daß sein Volk zum Zweck des Anschlusses an die Weltkultur die Weltsprache lernen müsse.

Bei diesen mancherlei Veranstaltungen hatte ich peinlich empfunden, daß ich mich nicht imstande sah, den bekannten Begründungen für die Notwendigkeit und Möglichkeit des Weltfriedens außer der Bezugnahme auf den energetischen Imperativ wesentlich Neues hinzuzufügen. Ich ergriff daher mit besonderer Freude eine unerwartete Gelegenheit dazu.

Die Französische Monatsschrift »Grande Revue« hatte mich um einen Beitrag ersucht und mir die Wahl des Gegenstandes freigestellt. Ich schrieb zurück, daß ich gern einen Aufsatz schicken würde, aber erwarten müsse, ihn umgehend unter Protest zurückzuerhalten. Die Bitte wurde wiederholt und ich schrieb einen Aufsatz: Der große Schritt, in welchem ich folgende Gedanken entwickelte.

Die geschichtliche Aufgabe Frankreichs im Europäschen Kontinent ist gewesen, neue politische Formen am eigenen Leibe zu gestalten und zu erproben, wie beispielsweise die königliche Zentralgewalt vor einem halben Jahrtausend und die Volksrevolution vor einem Jahrhundert. Das Französische Volk sei zurzeit in der Lage, die denkbar größte Leistung in solchem Sinne zu vollbringen, nämlich den Weltfrieden herbeizurufen. Dazu sei erforderlich, daß es freiwillig abrüste. Von keinem seiner Nachbarn hätte es einen Angriff zu befürchten, insbesondere wünsche in Deutschland niemand einen Krieg, da für einen solchen nirgendwo ein Ziel erkennbar ist, für welches das ganze, arbeitstätige Volk in den Kampf ziehen könnte. Zum Beweis diente, daß es 1905 das in Revolutionskrämpfen liegende wehrlose Rußland nicht[334]  angegriffen hatte, etwa um die Ostseeprovinzen mit ihrer Deutschen Kulturbevölkerung sich einzuverleiben.
Der Aufsatz wurde wirklich gut übersetzt und gedruckt. Er erregte ein starkes Für und Wider, und eine Anzahl Zuschriften aus beiden Lagern wurden in den folgenden Heften mitgeteilt. Wenn damals die Mahnung auf guten Boden gefallen wäre, welch ungeheures Elend hätte das Französiche Volk sich und der Welt erspart!



 Elftes Kapitel.
Weltkrieg und Revolution.










[335] Rom. Die Schatten, welche der Weltkrieg vorausgeworfen hat, konnte ich bei zwei Gelegenheiten deutlich erkennen.
Im Frühling 1909 erhielt ich von der Reichsregierung die amtliche Aufforderung, das Deutsche Reich bei dem in Rom stattfindenden internationalen Chemikerkongreß zu vertreten. Mir kam dies völlig überraschend, denn ich stand weder mit den maßgebenden Stellen des Reiches noch mit dem internationalen Kongreß in einem näheren Verhältnis. Ich hatte vielmehr in früheren Jahren vermieden, mich an diesem zu beteiligen, da er keine eigentlich wissenschaftliche Beschaffenheit besaß. Die chemische Großindustrie hatte sich einen starken Einfluß gesichert und so waren die Versammlungen in erster Linie prunkvolle Festveranstaltungen geworden, bei welchen sich die gastgebenden Länder gegenseitig überboten. Die letzte Versammlung vorher hatte in Berlin stattgefunden und ich hatte mich bewußt von ihr fern gehalten.
Es wäre also am nächstliegendsten gewesen, einen der Berliner, die sich um die vorige Versammlung bemüht hatten, zum Reichskommissar zu ernennen. Das war auch die Ansicht der in Frage kommenden Fachgenossen, denn ich fand diese Gruppe nebst ihrem sehr großen Anhange höchst feindselig gegen mich eingestellt, als[336]  ich in Rom mit ihnen zusammentraf. Sie wußten nicht, wie gern ich die Ehre ihnen überlassen hätte. So hatte ich alle Mühe, nicht über die Steine zu stolpern, die sie mir immer wieder in den Weg schoben. Und wenn der mir unbekannte Wohltäter im Reichsamt des Innern mir ein Gutes hatte erweisen wollen, so war der Erfolg eher gegenteilig gewesen.
Insofern war mir die Einladung nicht unwillkommen, als ich bisher noch nie in Rom gewesen war und es nun kennen lernen konnte. Ich muß bekennen, daß ich tatsächlich niemals einen so starken Wunsch dahin empfunden hatte, um ohne äußeren Anlaß, bloß zur Vermehrung meiner »Bildung« die Romfahrt zu machen, für die ich Zeit und Mittel reichlich besessen hätte.
So reiste ich denn zur gegebenen Zeit nach Rom und benutzte die viele freie Zeit, um mir eine Anschauung von den viel beschriebenen und beschrieenen Schätzen der »ewigen« Stadt zu verschaffen. Denn die eigentlichen Kongreßverhandlungen waren in etwa drei Tagen erledigt; da aber das feierliche Abschiedessen beim König von Italien, der mit seiner Gemahlin sich mehrfach an den Festlichkeiten beteiligte, erst einige Tage hernach erfolgte, so gab es freie Zeit dazwischen.
Der Eindruck, den Rom auf mich machte, war der erwartete. Ich habe bereits erwähnt, daß mir das Organ der Verehrung für Dinge und Orte, von »historischer Bedeutung« völlig mangelt, und daß ich nur sachliche Gegenwartswerte als Werte empfinde. Dadurch fiel bei mir der Gefühlsschleier fort, der dem gewöhnlichen Rombesucher die Wirklichkeit verhüllt und ich mußte feststellen, daß die ewige Stadt mir nur wenig zu sagen hatte.
Dies gilt zunächst für die antiken Reste. Bis auf einige Bildnisköpfe aus der Römerzeit, die ich ausdrucksvoll und ehrlich in ihrer Brutalität fand, konnten die[337]  klassischen Reste nicht den Eindruck feierlicher Langweiligkeit ändern, der mir aus den zahllosen Nachbildungen geläufig war, von denen sich ja niemand frei halten kann. Raffaels Gemälde in den Stanzen sahen in Wirklichkeit noch schlechter aus, als in den wohlbekannten Kupferstichen, denn zu dem theatralischen Aufbau der Zeichnung gesellte sich die vollkommen verunglückte Farbgebung. In der Sixtinischen Kapelle Michel Angelos erfreute ich mich an den prachtvollen Gestalten der sibyllinischen Weiber. Aber ich fand, daß der Künstler sich den Aufbau des jüngsten Gerichts gar zu leicht gemacht hatte: einzelne Gruppen ohne erkennbaren Zusammenhang untereinander waren auf einen mit dem gröbsten Pinsel hingestrichenen blauen Wolkengrund gesetzt und eine künstlerische Gestaltung des Raumes scheint gar nicht angestrebt zu sein.
Es besteht kein Zweifel, daß die Zeitgenossen der Künstler diese Werke als große Leistungen empfunden haben, wenn sie auch von der kunsthistorischen Verhimmelung der späteren Zeiten sehr weit entfernt waren. Aber das, was die Werke jener Zeit Neues gesagt hatten, ist inzwischen längst aufgenommen und eingeordnet worden und das Kunstbedürfnis eines heutigen Menschen kann durch sie ebensowenig befriedigt werden, wie sein wissenschaftliches Bedürfnis durch Euklid und Aristoteles.
Leider hielt ich mit meinem Urteil nicht zurück und habe dadurch vielfach die Gefühle meiner Kollegen verletzt.
Ganz anders wirkte der Umstand auf mich ein, daß ich den berühmten Chemiker Canizzaro, den ich längst als nur noch der Wissenschaftsgeschichte angehörig anzusehen gewohnt war, noch lebend als hohen Achtziger antraf. Er war seit dreißig Jahren Professor in Rom und hielt noch immer Vorlesungen für die jungen Studenten.[338]  Mit einigen gleichgesinnten Kollegen verabredete ich einen gemeinsamen Besuch seiner Vorlesung; der sehr bescheidene Hörsaal hatte wohl nie vorher eine solche Anzahl chemischer Größen enthalten. Nach Vorlesungsschluß gingen wir zu ihm, um ihm persönlich unsere Verehrung auszusprechen, wobei er mir besonders herzlich entgegenkam. Er war ein mageres Greislein mit der ganzen Naivetät und Anspruchslosigkeit des geistig Großen. Ich hatte bei den anwesenden Vorstandsmitgliedern der Bunsengesellschaft angeregt, ihm mit Überschreitung unserer Zuständigkeit die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft anzubieten, doch wollten sie die Verantwortung dafür leider nicht übernehmen. Bald hernach ist er gestorben.

Ich konnte bei dieser Gelegenheit sehen, wie gering die Rolle war, welche die Universität in Rom spielte und wie viel niedriger die gesellschaftliche Stellung des Professors dort eingeschätzt wurde, als in Deutschland


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Bei den offiziellen Empfängen und den anderen höfischen Veranstaltungen bemerkte ich, daß die Englischen und Französischen Vertreter in auffälligster Weise gegenüber denen von Deutschland und Österreich vom Königspaare und den Ministern ausgezeichnet wurden. Da damals Italien mit uns und Österreich im Dreibunde vereinigt war, so war diese Einstellung doppelt unerwartet. Ich unterließ nicht, in dem amtlichen Bericht, den ich über die Tagung an die Reichsregierung abstattete, auf diese Erscheinung mit allem Nachdruck hinzuweisen, da ich ihr eine große politische Vorbedeutung zuschrieb. Ich glaube aber nicht, daß dies Beachtung gefunden hat, wie denn auch damals die Deutschen Politiker zuweilen geneigt waren, mehr das zu glauben, was ihnen erwünscht war, als was sich aus den Tatsachen ergab.

Für mich aber war dies der erste Schatten, den der kommende Weltkrieg vorauswarf.
[339]  Die königliche Gesellschaft von London. Im Frühling 1914 feierte die königliche Gesellschaft der natürlichen Wissenschaften in London ihr vierteltausendjähriges Bestehen als eine der ältesten derartigen Vereinigungen. Die Bezeichnung war 1664 nicht im Sinne der heutigen Naturwissenschaften gemeint gewesen, sondern sollte einen Schutz gegen die damals sehr mögliche Anklage auf den Betrieb übernatürlichen Wissens bilden. Doch entsprach der Inhalt der Verhandlungen wesentlich dem heutigen Begriff, sogar zunächst mit einer Einschränkung auf rein Tatsächliches; erst später fand auch mathematische und theoretische Forschung Unterkunft.
Die »Royal Society«, wie sie kurz genannt wird, war seitdem der Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens in England geworden, der die später in Edinburgh und Dublin entstehenden Schwestergesellschaften nur einen geringen Wettbewerb machten. Sie wurde um so einflußreicher, als die alten Englischen Universitäten Oxford und Cambridge nicht die wissenschaftliche Führung übernahmen, wie die Deutschen Universitäten; eher taten es die Schottischen. Erst seit etwa einem Menschenalter hat sich in England das Verhältnis zugunsten der Universitäten zu verschieben begonnen.
Zu der Feier waren die Schwesteranstalten aller Kulturländer, die Universitäten usw. eingeladen, die alle Vertreter schickten. Einem Leipziger Kollegen, der Gewicht darauf legte, daß ich mich nicht etwa als Vertreter der Leipziger Universität auftat, konnte ich die beruhigende Mitteilung machen, daß ich nicht als Vertreter irgendeiner Gesellschaft erschienen, sondern einer persönlichen Einladung der Royal Society gefolgt war.
Die Zusammenkunft brachte mich wieder mit einer Anzahl von Freunden und guten Bekannten zusammen, die ich früher bei ähnlichen Gelegenheiten kennen gelernt hatte. Ich konnte dabei feststellen, daß es eine ziemlich[340]  scharf begrenzte Gruppe wissenschaftlicher Persönlichkeiten gab, die stillschweigend als international anerkannte Vertreter ihrer Wissenschaft angesehen wurden, und die sich bei solcher Gelegenheit immer wieder zusammenfanden. Wir hatten uns schon daran gewöhnt, uns mit heiterem Lächeln und dem Gedanken: wieder einmal! zu begrüßen. Denn ich durfte mich zu dieser Gruppe rechnen, was mich mit nicht geringem freudigem Stolz erfüllte.
Von den Feierlichkeiten ist mir die kirchliche in der Westminster-Abtei erinnerlich durch den schönen Chorgesang und eine bemerkenswerte Rede eines hervorragenden Bischofs der Hochkirche, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Statt der erwarteten Polemik gegen das Übergreifen des unheiligen Forschergeistes auf die von der Kirche beanspruchten Denkgebiete nahm er kurzerhand die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Fortschritte für den Ruhm Gottes in Anspruch, der für diesen Zweck so eminente Köpfe wie z.B. Darwin vermöge seiner Allmacht geschaffen habe.
Im übrigen verliefen die Festlichkeiten, wie dies bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich ist. Nur in einem Punkt fand eine ungewöhnliche Abweichung statt: es wurden grundsätzlich keine Tisch- und Nachtischreden gestattet. Die Nachfrage nach dem Warum wurde ausweichend beantwortet. Wie ich später einsah, befürchteten die Engländer angesichts der hochgespannten politischen Lage, daß die Französischen Bundesgenossen sich hinreißen lassen und aus der Schule plaudern würden. Denn das Verbot wurde streng durchgeführt.
Doch war der Zustand schon elektrisch. Von einem führenden Englischen Staatsmann – ich weiß nicht mehr, wer es war – wurde ich in ein Gespräch über Internationalismus verwickelt. Damals war eben der erste Flieger über den Kanal gelangt und ich sagte ihm:[341]  England ist nicht mehr eine Insel und muß deshalb seine bisherige jahrhundertalte Politik der Isolierung ändern.
Der Krieg. Im August 1914 brach plötzlich der Weltkrieg los, mir und fast allen Deutschen völlig unerwartet. Ich hatte eben noch eine Einladung der Australischen Regierung abgelehnt, mich an der für die September 1914 in Aussicht genommenen Versammlung der Britischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften (II, 125) in Melbourne zu beteiligen. Nicht weil ich den Krieg kommen sah, sondern weil ich mir nicht zutraute, das monatelange Leben unter lauter Engländern mit Freude durchzumachen, so viele gute Freunde und treffliche Menschen ich unter ihnen kannte. Ein Berliner Kollege, der der Einladung gefolgt war, mußte hernach lange Monate der Heimat fern bleiben. Aber bei uns dachte man so wenig an Krieg, daß der Kaiser sich bei dem Ausbruch auf der Sommerfahrt in den Norwegischen Gewässern befand, und daß für die wichtigsten Kriegsbedürfnisse nicht vorgesorgt war.
Ich habe an früherer Stelle erzählt (II, 287), daß mich die Frage der Beschaffung der Stickstoffverbindungen die für alles Schieß- und Sprengpulver unentbehrlich sind, für den Kriegsfall schon lange beunruhigt hatte, bis die Abhilfe dafür, die katalytische Herstellung von Salpetersäure aus Ammoniak, mit Hilfe von Dr. Brauer nicht nur als Laboratoriumsversuch, sondern in technischem Maßstabe gesichert war. Vergeblich hatte ich früher wiederholt versucht, die maßgebenden Stellen der Heeresverwaltung auf die Sache aufmerksam zu machen. Nun wandten sie sich an den führenden Berliner Chemiker Emil Fischer. Dieser hat selbst der Öffentlichkeit erzählt, wie ratlos er zunächst der Frage des Schießbedarfs gegenüberstand, als durch Englands Kriegserklärung uns das Meer und der Chilesalpeter verschlossen war. Er studierte dann die Gewerbeberichte[342]  des Deutschen Reiches und entdeckte, daß die Gewerkschaft Lothringen bei Bochum seit einer Reihe von Jahren Salpetersäure und Nitrate durch katalytische Oxydation von Ammoniak herstellte. Da war der Weg, und zwar der einzige zur Lösung dieser Lebensfrage im Kampfe der Welt gegen uns gefunden.

Es wurden alsbald mit größter Beschleunigung die Bochumer Anlagen erweitert und nach ihrem Muster eine Anzahl neuer Werke errichtet, welche tatsächlich imstande waren, den nicht vorausgeahnten ungeheuren Bedarf an Salpetersäure zu decken. Ohne diese Hilfe wäre der Krieg für uns schon in einem Vierteljahr verloren gewesen.

Es darf aber nicht verschwiegen werden, daß so wohl der Erfinder wie der technische Ausgestalter dieses Rettungsmittels von der Angelegenheit sorgfältig und dauernd fern gehalten wurden. Ich stand durch mein Alter außerhalb jedes Pflichtdienstes und hatte darum meine Dienste als Freiwilliger zu beliebiger Verwendung angeboten, wurde aber nicht genommen. Dr. Brauer wurde eingezogen, aber für ganz fernliegende Zwecke ohne besondere Wichtigkeit verwendet.

In diesem Zusammenhange schließe ich die Mitteilung an, daß ich während der Kriegszeit niemals irgendwelche chemische oder andere Arbeiten für Kriegszwecke zu machen gehabt habe. Die einzige derartige Beanspruchung war eine Anfrage, ob ich Vorschläge zur Auffindung von Seeminen machen könnte, und hier war ich aus Mangel an jeder Erfahrung außerstande, Auskunft zu geben. Sonst sind weder Anregungen, noch Untersuchungen noch irgendwelche anderen Kriegsarbeiten von mir ausgegangen.

Ich hebe dies hervor, weil während der Kriegszeit ein lange durchgeführter Verleumdungsfeldzug auf feindlicher[343]  Seite gegen mich stattgefunden hat, der vorwiegend von Genf aus geleitet wurde. Es gab ganz ausführliche Beschreibungen, daß ich in meinem Groß-Bothener Laboratorium mich eifrig damit beschäftige, Zündmischungen herzustellen, mit denen man Dörfer schnell und erfolgreich niederbrennen könne, und was des Unsinns mehr war. Ich weiß nicht, wie gerade ich zu der Auszeichnung gekommen bin, zum Gegenstande solcher Lügen gemacht zu werden. Vielleicht weil man im Lager der Feinde die Absurdität fühlte, daß man einen Mann mit meinem von Bemühungen zur gegenseitigen Annäherung der Völker erfüllten Leben als unwürdig hinstellte, Ehren- oder auswärtiges Mitglied ihrer wissenschaftlichen Gesellschaften zu bleiben.
Persönliche Einstellung. Als die unabwendbare Tatsache des Krieges vorlag, hoffte ich auf einen Sieg Deutschlands, wenn auch nach schwerstem Ringen. Von meinem Standpunkt des energetischen Imperativs aus mußte ich ja den Krieg als die ärgste Form der Energievergeudung verurteilen. Aber ich sagte mir, daß von allen Kriegen des letzten Jahrhunderts der Preußisch-Österreichische und der Deutsch-Französische verhältnismäßig die geringsten Energieverluste bewirkt hatten, sowohl wegen ihrer kurzen Dauer wie wegen des Eifers, mit welchem der Sieger zuerst einen billigen Frieden und hernach die Wiederherstellung friedlicher Dauerverhältnisse betrieben hat. Vergleicht man die Tatsache, daß von Deutscher Seite kurz vor dem Fall der Pariser Festung reichliche Mengen Lebensmittel angefahren waren, um sofort nach der Übergabe die Pariser Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen, mit dem entgegengesetzten Verhalten unserer Feinde im Jahr 1918, so erkennt man, auf welcher Seite sich die »Hunnen und Barbaren« befanden. Ich mußte also auch ganz abgesehen von meinen vaterländischen Gefühlen als Deutscher unseren Waffen im Interesse der[344]  Kultur den Sieg wünschen. Tatsächlich hat der kulturwidrige Krieg gegen uns noch immer nicht aufgehört.
Die Einzelheiten der vier schweren Jahre habe ich so bald und vollständig wie möglich zu vergessen mich bemüht, was mir auch in der Hauptsache gelungen ist. Von den Schwierigkeiten der Nahrungsbeschaffung in den letzten Kriegsjahren haben wir, meine Familie und ich, auf dem Lande weniger zu leiden gehabt, als die Städter und da ich ohnedies eine mehr pflanzliche Ernährungsweise von jeher angestrebt hatte, so traf uns auch der Fleischmangel nicht empfindlich. Schlecht war es mit der Heizung bestellt, obwohl der Park Brennholz lieferte. Für die geräumige Wohnung war eine Zentralheizung vorhanden, die wir in den letzten Wintern nicht betreiben konnten. Durch Einschränkung auf wenige Zimmer und Einbau einzelner Öfen vermochten wir uns durchzuschlagen. Allerdings konnte ich meine Laboratoriumsarbeiten nicht anders ausführen, als mit Heißwasserkruken an den Füßen. Doch ging es auch so; nur einige Flaschen mit dünnen Lösungen wurden durch Eisbildung gesprengt.
Meine drei Söhne wurden sämtlich in Anspruch genommen. Der älteste hatte als Freiwilliger gedient und wurde unmittelbar nach der Kriegserklärung eingezogen. Um ihn noch einmal zu sehen, fuhren wir nach Leipzig und fanden ihn in Gohlis auf dem Kasernenhofe in den Vorbereitungen zum Abmarsch am gleichen Abend. Wir, auch seine Frau Pia blieben dort und begleiteten ihn ein Stück Weg. Die Stimmung jener Stunde hat er bald darauf in einem Liede zum Ausdruck gebracht, das eine große Verbreitung und mehrfache Vertonung gefunden hat. Es lautet:



Die wir jetzt in schwerem Schreiten
Durch die dunklen Straßen ziehn,
Frau'n und Kinder an den Seiten,[345]
Frau'n und Kinder mitten drin;
Frau' und Kind auch in der Seele;
Landsturm, Landsturm, bleibe fest!
Würgt's auch brennend in der Kehle,
Wer ist's, der sich gehen läßt?

Männer sind wir, reife Männer,
Die nichts leicht erschüttern kann,
Doch auch wir, wir sind Bekenner:
Daß das Reich mehr als der Mann!
Daß auch unser Leben nichtig,
Wenn das ganze Volk bedroht,
Keine Arbeit also wichtig,
Keine Not, wie Volkes Not.

Wohl, wir haben viel zu tragen
Und wir lassen euch allein,
Und es kann in all den Tagen
Keiner euer Helfer sein.
Du wirst mir ein Kind gebären,
Du vielleicht bringst eins zur Ruh;
Du vielleicht mußt selbst sie lehren
Sie ernähren gar mußt du!

Doch wir wollens gerne tragen,
Alle, alle treu vereint,
Bis wir wieder können sagen,
Daß des Friedens Sonne scheint.
Die wir jetzt mit schweren Schritten
Feldwärts ziehn, wir sind bereit:
Auch von uns sei'st du erstritten,
Deutschlands Ruhm und Herrlichkeit.

Er hatte etwa ein Jahr lang Dienst an der Front im Schützengraben geleistet und wurde später für wissenschaftliche Zwecke abkommandiert.[346]
Der zweite Sohn war wegen mangelhafter Augen zuerst zurückgestellt worden, diente als freiwilliger Kraftfahrer und wurde zuletzt für die Ausarbeitung eines von ihm erfundenen neuen Weges, den Stickstoff der fossilen Kohlen zu erfassen, verwendet. Der dritte konnte seine technischen Kenntnisse beim Fliegerwesen betätigen. Alle drei sind unverwundet heimgekehrt: ein seltenes Glück in jener schweren Zeit.
Heimarbeit. Wie an vielen Orten richteten auch in Groß-Bothen unter Führung des Ortsarztes Dr. Panitz vaterländisch gesinnte Gemeindeglieder aus eigenen Mitteln eine Heilstätte für verwundete und erkrankte Krieger ein, die durchschnittlich 25 Betten enthielt. Ich beteiligte mich mit Geld und nutzbaren Gegenständen an der Einrichtung, durfte aber die persönliche Arbeit dem Arzte und den von ihm angelernten Pflegerinnen überlassen. Meine Frau lieferte über ein halbes Jahr täglich das Essen, bis die Arbeit über ihre Kräfte ging und auch ohne Nachteil für die Kranken in andere Hände abgegeben werden konnte. Die Verwaltung der Wäsche, die vielleicht noch wichtiger ist, führte sie während der ganzen Zeit durch. Meine ältere Tochter, die unverheiratet im Hause geblieben war, diente als Oberschwester, um den Betrieb mit den wenig auf die Pflegearbeit vorbereiteten Pflegerinnen zu organisieren und die mancherlei Störungen auszugleichen, die in solchen Fällen sich nicht vermeiden lassen. Durch ihre unzerstörbare Heiterkeit hat sie im Verein mit dem Arzte einen so sonnigen Zustand trotz der vorhandenen Leiden zu erzeugen gewußt, daß die damals Verpflegten noch heute mit glänzenden Augen an jene Tage zurückdenken.
So hat uns allen die Arbeit über die schweren Kriegs- und die nicht leichteren Nachkriegszeiten fortgeholfen.
Die im letzten Kriegsjahre drohende Hungersnot traf meine Familie und mich weniger hart, als die meisten[347]  meiner früheren Kollegen, die in der Stadt wohnen und alle die Lasten tragen mußten, die mit der Ein- und Austeilung der knappen Lebensmittel verbunden waren. Denn meine Wiesen und Äcker, so wenig ihrer waren halfen uns verhältnismäßig gut durch die schlimmste Zeit, da es gelang, sie gegen Naturallieferungen zu verpachten, die uns vor ernstlichem Mangel schützten. Und vor allem hatten wir nicht stundenlang in der Reihe zu stehen, um unseren kargen Anteil zu erlangen. Die Sicherheit der hauswirtschaftlichen Technik, welche meine Frau sich einst unter den Augen ihrer Mutter erworben und in unseren wechselnden Lebensverhältnissen weiter entwickelt hatte, wußte aus geringem und unzulänglichem Material Wohlschmeckendes und Bekömmliches zu schaffen. Wir magerten zwar alle sehr deutlich ab, namentlich in der bösen Kohlrübenzeit, und die gewohnten Kleider mußten geändert werden, aber dies bekam uns nicht schlecht. Insbesondere konnte ich feststellen, daß die ziemlich starken Ansprüche, die ich damals an mein Gehirn wegen der Entwicklung der Farbenlehre stellen mußte, recht gut erfüllt und vertragen wurden. Es war dies wieder ein Beweis, daß wir im allgemeinen unter normalen Verhältnissen uns daran gewöhnt haben, viel zu viel zu essen.

Revolution. Die Umwälzung von 1918 erlebte ich mit sehr gemischten Gefühlen. Bestürzt war ich über die Widerstandslosigkeit, mit der alle Herrscher in Deutschland vor den häufig nur sehr geringen Mächten der Revolution zurückwichen. Vor hundert Jahren hatte Goethe geschrieben:

Warum denn wie mit einem Besen
Wird so ein König hinausgekehrt?
Wärens Könige gewesen,
Sie ständen Alle noch unversehrt.[348]
Ich war damals durchaus demokratisch gesinnt, hatte also gefühlsmäßig nichts gegen den Vorgang einzuwenden. Aber ich wußte aus der Wissenschaft, daß jede unstetige Wegänderung einen starken Energieverbrauch bedingt, den in solchen Fällen immer das Volk zu tragen hat. Und aus der Geschichte wußte ich, daß niemals eine Revolution unmittelbar zu besseren Zuständen geführt hat, was eben durch den sehr vermehrten Energiebedarf der neuen, mit endlosen Reibungen behafteten Verhältnisse bedingt ist. Auch hier muß ich Goethe anführen:

Und wenn man auch den Tyrannen ersticht,
Ist immer viel zu verlieren.
Sie gönnten Cäsarn das Reich nicht,
Und wußtens nicht zu regieren.

So sind denn auch die folgenden Jahre verlaufen. Die Deutsche Revolution konnte in keinem unglücklicheren Augenblicke ausbrechen, als beim Ende des Krieges. Daß beim Friedensschluß Männer maßgebend wurden, welche vom diplomatischen Handwerk nichts verstanden, hat jenen ungeheuerlichen »Frieden« über uns gebracht, dessen Zweck eine Fortsetzung der Feindseligkeiten gegen das Deutsche Volk mit unblutigen Mitteln ist. Und der wahnwitzige Aufbau des neuen Europa zu dem Zweck, unserem Volk jede Bewegungsmöglichkeit zu nehmen, ist von so kurzsichtigem Rachedurst diktiert, daß es höchster Vorsicht bedürfen wird, um diesen jederzeit mit dem Zusammenbruch drohenden labilen Haufen abzutragen, ohne daß ein Unglück geschieht.

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Frage ich mich nach der Möglichkeit, dieses Abtragen auszuführen, so scheint diese allerdings so gut wie ganz aussichtslos zu sein. Bei weitem das beste wäre, wenn die unmittelbare Berührung zwischen Deutschland und Frankreich aufgehoben werden könnte. Hierzu wäre nötig, das Elsaß, welches sich für Frankreich inzwischen[349]  als unverdaulich erwiesen hat, zu neutralisieren ebenso wie Lothringen. Es würde sich dann zwischen Deutschland und Frankreich ein breites Band neutralen Landes hinziehen, welchem Luxemburg und Belgien einerseits, die Schweiz andererseits sich anschließen würde, um für alle Zukunft einen Deutsch-Französischen Krieg zu verhindern. Diese Gruppe könnte gleichzeitig durch eine Zollvereinigung den Keim für die wirtschaftliche Einheit des Europäischen Kontinents bilden, deren Notwendigkeit gegenüber den Vereinigten Staaten allmählich allgemein anerkannt wird.
Bei uns gingen nach dem »Friedensschluß« die Dinge, wie sie erwartet werden mußten.
Zu der politischen Unerfahrenheit und Kurzsichtigkeit gesellte sich die wirtschaftliche, die zum Zusammenbruch der deutschen Währung führte. Auch meine recht beträchtlichen Ersparnisse, die in Deutschen Staatspapieren angelegt waren, gingen in Rauch auf und ich mußte mein wirtschaftliches Dasein wieder neu zu begründen versuchen. Sehr erleichtert wurde mir dies durch den Besitz der »Energie«, der uns wenigstens das tägliche Brot sicherte. Ich segnete meine frühere Leidenschaft für die Abrundung meines Grundbesitzes. Dem dahingeschwundenen Vermögen habe ich keine Träne nachgeweint, wenn ich auch fand, daß diese praktische Belehrung über die Schattenseiten einer Volksregierung etwas zu teuer zu stehen kam. Und ich will auch nicht verschweigen, daß der Mangel an baren Mitteln mich nicht selten hindert, in meiner gegenwärtigen Arbeit, der Farbenlehre, Pläne auszuführen, deren Verwirklichung der Wissenschaft und dem Deutschen Volke zugute kommen würde.
Neue Arbeit. Wenn man den Blick über die fünf letzten Kapitel schweifen läßt, die den Inhalt meiner Arbeiten in den Jahren 1906 bis 1914 andeuten, so erkennt[350]  man, daß alle diese mühevoll und zum Teil schon mit Erfolg angebauten Felder durch den Krieg sofort überschwemmt und zerrissen wurden. Und ich mußte mir sagen, daß sie auch nach dem Kriege so verschlammt sein würden, daß es vieler Jahre bedürfen würde, bis sie wieder in Pflege genommen werden konnten. Das bedeutete in meinem Alter die Erkenntnis, daß ich die Arbeit, der ich den Rest meines Lebens fast vollständig gewidmet hatte, als abgeschlossen ansehen mußte.
Das war nicht leicht zu überwinden. Aus dem Krieg selbst erwuchs mir keine neue Arbeit, denn wie berichtet wurde von meiner Meldung zu freiwilligem Dienst kein Gebrauch gemacht. Die Erregungen und Lasten der Kriegsjahre untätig zu ertragen hätte mich umgebracht. So gab es keinen Ausweg, als neue Felder zu roden und zur Ernte reif zu machen, und zwar Felder, die durch den Krieg nicht verwüstet werden konnten.
Gab es solche Felder?
Ja, es gab solche: die der reinen Wissenschaft. Zwar hatten die Franzosen ihren Haß so weit getrieben, daß sie den Krieg auch hierhin trugen und ihre Bundesgenossen verleiteten, diese Barbarei mitzumachen. Aber alles, was die Feinde hier tun konnten, beschränkte sich auf die Zerstörung der bereits hoch entwickelten Bildungen zur gemeinsamen Pflege der Wissenschaft. Dem einzelnen Forscher stand nach wie vor das unermeßliche Feld des Geistes frei, um dort den Spaten anzusetzen, wo der Boden noch nicht urbar gemacht war. Zwar erschwerte der Krieg die Beschaffung der Hilfsmittel. Ich aber war von meiner knappen Jugend her gewohnt, mit Wenigem auch in der wissenschaftlichen Arbeit auszukommen und meine späteren Jahre hatten mich gelehrt, einen großen Teil äußerer Hilfsmittel durch vertiefte gedankliche Bearbeitung des Problems entbehrlich[351]  zu machen. Zwar hatte ich bei meiner Übersiedlung nach dem Landhaus Energie gedacht, daß die Zeit experimenteller Arbeit für mich abgeschlossen war, und sie wäre es ohne den Krieg vielleicht auch geblieben. Aber die ungeheuren Forderungen, die er an das ganze Deutsche Volk stellte, konnten nur erfüllt werden, wenn jeder einzelne hergab, was er noch an Energie verfügbar hatte. Und da bei mir der größte Teil der bisherigen Arbeit abgeschnitten war, zögerte ich nicht, den Spaten wieder in die Hand zu nehmen, den ich vor acht Jahren hatte stehen lassen.
Die wissenschaftliche Arbeit, der ich mich widmen wollte, brauchte ich nicht erst zu suchen. Unter den Aufgaben der Brücke befand sich die Ordnung der Farben. Mir war dies Gebiet vertraut und lieb, da ich durch viele Jahre die Erneuerung meiner Kräfte durch die Handhabung von Bleistift und Pinsel gewonnen und dabei so viel gelernt hatte, daß meine Bilder den Freunden, denen ich sie schenkte, besonders durch ihre Farbe gefielen. Eine Anzahl anderer Einflüsse, die hernach erzählt werden sollen, hatte mir die allgemeine Bearbeitung der Farbenlehre immer wünschenswerter gemacht. Schon vor dem Kriege hatte ich in halb spielender Weise angefangen, die hier auftretenden Fragen mir experimentell anschaulich zu machen. So gab ich mich mit allen Kräften diesen Forschungen hin. Wie das immer der Fall ist, wuchsen mir unter der begonnenen Arbeit immer mehr neue Probleme zu, und schließlich stellte sich in diesen Spätlingsfrüchten ein ganzer neuer Lebensinhalt dar, in welchem die frühere Breite meiner Betätigung durch Vertiefung ersetzt werden konnte.



 Zwölftes Kapitel.
Die Farbenlehre.










[352] Anfänge. Wenn ich mir meine frühesten Kindheitserinnerungen zu vergegenwärtigen suche, so habe ich immer bunte Anschauungen vor mir, deren Farben ich so deutlich sehe, daß ich sie malen könnte. Dies bezeugt die starke Bevorzugung, welche das Farbenerlebnis in meinem Gehirn erfährt.
Die knappen Jugendjahre nötigten mich, die Mittel zu der erwünschten Beschäftigung mit Farben selbst herzustellen. So wurde ich mit den Farbstoffen und ihrer Herrichtung zum Malen früh vertraut. Diese nahe Bekanntschaft blieb bestehen, als ich später in dem Malen nach der Natur nicht nur eine reich fließende Quelle von Freuden fand, sondern auch ein höchst wirksames Mittel, für meinen damaligen Lebenszweck, die wissenschaftliche Arbeit in der Chemie, meinen Energiehaushalt im Gleichgewicht zu halten, trotz der großen Ausgaben nach jener Richtung. Es ist natürlich, daß ich meine Wissenschaft gelegentlich auch auf die technische Seite jener Liebhaberei anwandte und dabei mancherlei Brauchbares fand.
So lebhaft mich gelegentlich derartige Fragen erfaßten, hielt ich mich doch lange Zeit nicht für berechtigt, sie zum Gegenstand ernsthafter Forschung zu machen. Erst als ich durch die Wendung zur Naturphilosophie[353]  die Wälle meines bisherigen Arbeitsgebietes durchbrochen hatte, fand ich den Mut, auch die anderen, bisher zurückgedrängten Triebe sich entfalten zu lassen und die Technik des Forschens, die ich an den chemischen Aufgaben erlernt und geübt hatte, auch auf solche Gebiete anzuwenden.
Maltechnisches. Der erste Vorstoß hing natürlich noch eng mit der Chemie zusammen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts traten die üblen Folgen zutage, welche durch die ausschließlich idealistisch-ästhetische Ausbildungsweise der Künstler notwendig hervorgerufen werden mußten. Fast niemand verstand in diesen Kreisen mehr etwas von der chemisch-technischen Seite der Malerei, nicht einmal etwas von der einfach handwerklichen, so daß die ohne jede Kenntnis der Daseinsbedingungen hingestrichenen Ölgemälde rettungslos verfielen, kaum daß sie die Werkstatt des Erzeugers verlassen hatten. Ein sonst so gewissenhafter Künstler wie Menzel untermalte seine Ölbilder mit Florentinerlack, ohne zu wissen, daß dieser ungefähr der niederträchtigste Reißer ist, den es gibt. Oder vielmehr gab, denn man ist jetzt endlich dahinter gekommen und hat ihn aufgegeben. So hatten sich seine früheren Werke schon nach wenigen Jahren mit einem Netz von Sprüngen bedeckt, die sich unaufhaltsam vermehrten. Böcklin experimentierte in ganz alchymistischer Weise ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Vielmehr entnahm er seine Anregungen den unklaren Andeutungen alter Schriftsteller, die er im Besitz übernatürlicher Malerweisheit glaubte. So verfuhren auch die anderen, die damals sich mit solchen Fragen abgaben. Statt die vorhandene chemische Wissenschaft zu Rate zu ziehen, deren Wirksamkeit Pettenkofer gelegentlich erwiesen hatte, zankten sie sich über die Auslegung alter Texte von Autoren, die meist nicht aus eigener Kenntnis, sondern vom Hörensagen berichtet hatten. Die Fabriken aber benutzten gelegentlich die Unwissenheit[354]  der Künstler, um ihnen wertloses Material anzuhängen, wozu die eben entdeckten Teerfarbstoffe reichliche Gelegenheit boten.
Es entstand auch in der damals führenden Kunststadt München ein Verein, der sich die Bekämpfung dieser Übelstände zur Aufgabe setzte. Obwohl ich kein Vertrauen in seine Wirksamkeit hatte, da er größtenteils aus Künstlern bestand, die von der Sache nichts oder nicht viel verstanden, war ich doch willig, mich anzuschließen. Als ich aber die Drucksachen durchsah und Erkundigungen einzog, stellte sich folgendes heraus. Zum Führer des Vereins war der ausgezeichnete Bildnismaler Lenbach gewonnen worden. Dieser benutzte gern Asphalt zum Malen, obwohl er zu den gefährlichsten Farbstoffen gehört, da er nie völlig fest wird. Bei Lenbachs meist sehr dünnem Auftrag konnten üble Folgen nicht so leicht eintreten; in der Hand des Unerfahrenen, also der Mehrzahl aller Künstler, war er selbstmörderisch. Als ich nun die Liste der vom Verein als vollkommen zuverlässig bezeichneten »Normalfarben« durchsah, fand ich zu meinem Erstaunen auch Asphalt darauf. Ich ging der Sache nach und stellte fest, daß Lenbach die Hergabe seines Namens davon abhängig gemacht hatte, daß sein geliebter Asphalt nicht mit dem Makel der Unzuverlässigkeit behaftet werden durfte. Später, als Lenbach gestorben war, wurde der Asphalt ohne Pension abgebaut.
Ich verzichtete also lieber.
Die Malerbriefe. Durch meine Ferienmalerei hatte ich mir ausreichend praktische Erfahrungen gesammelt, um mit Erfolg meine chemisch-physikalischen Kenntnisse hier anwenden zu können. Ich schrieb eine Reihe von Aufsätzen, die zuerst in einer Münchener Zeitung, sodann in Buchform unter dem Titel »Malerbriefe« veröffentlicht wurden (1904). Aus der Tatsache, daß eine[355]  Anzahl neuer Worte, die ich bei dieser Gelegenheit gebildet und ohne Hinweis auf ihre Neuheit benutzt hatte, inzwischen in den allgemeinen Gebrauch aufgenommen worden sind, kann ich erkennen, daß das Büchlein mit Nutzen gelesen worden ist. Es war bald vergriffen und ich verabsäumte leider wieder einmal, rechtzeitig für die Bearbeitung der Neuauflage zu sorgen.

In der Vorrede hatte ich geschrieben, daß ich den bisherigen antiquarisch-»philosophischen« Betrieb der Kunstwissenschaften unbefriedigend fand und an seine Stelle das wissenschaftliche Verfahren gesetzt zu sehen wünschte, nämlich das empirisch-experimentelle. Dadurch hatte ich es für mein ganzes weiteres Leben mit den Kunstschreibern verdorben und habe von dieser Seite alle Bemühungen erfahren, die es gibt, um meine Arbeiten unwirksam zu machen. Nur ganz wenige Ausnahmen habe ich erlebt, und denen ist ihr Mangel an Klassenbewußtsein nicht gut bekommen.

Als Summa meiner Erörterungen sprach ich die Forderung aus: der Künstler schaffe bewußt. Er sei sich unaufhörlich klar über den Zweck, den er eben erreichen will, und über die Mittel, mit denen er ihn erreichen kann. Und nach der Bemerkung, daß eine gleiche Entwicklung auf allen Gebieten menschlicher Arbeit nachweisbar ist, schloß ich: Auch in der Kunst hat die unbewußte Eingebung dem bewußten Können zu weichen.

Mir ist es nach bald einem Vierteljahrhundert eine angenehme Überraschung, daß ich beim Nachsehen jenes alten Büchleins den Grundgedanken schon klar ausgesprochen finde, durch welchen meine ganze spätere Kunstbetätigung bestimmt worden ist. Doch will ich auch nicht die Bemerkung unterdrücken, daß ich damals es als die Aufgabe des Malers ansah, sein Werk so[356]  zu gestalten, daß es beim Betrachten dieselben psychophysischen Empfindungen hervorruft, wie die Natur. Dies ist ein grundsätzlicher Irrtum. Ich hatte ihn von Helmholtz übernommen, der ihn als selbstverständliche Forderung in seinem berühmten Vortrage: Optisches über Malerei ausgesprochen hatte, und er lag dem damals herrschenden Impressionismus zugrunde. Ich habe schon früher (II, 190) auf die unüberwindbaren inneren Schwierigkeiten hingedeutet, in welche ich durch die ungeprüfte Annahme jener Selbstverständlichkeit geriet. Erst durch die Schaffung der messenden Farbenlehre und der auf ihr begründeten gesetzlichen Farbharmonik wurde ich in den Stand gesetzt, mich daraus zu befreien. Und nachträglich kann ich auch einsehen, warum weder Helmholtz noch ich vermocht hatte, damals den Irrtum als solchen zu erkennen. Es war eben der Mangel an Zahl und Maß in der Farbenwelt.
Diese Untersuchungen führten mich weiter zur Entwicklung der Pastelltechnik als der von den Nachteilen der Bindemittel freiesten und gaben mir Anlaß, manche meiner Reiseskizzen zu größeren Bildern auszugestalten, die einen guten Eindruck auf die Beschauer erzeugten, so daß ich viele davon an Freunde und Angehörige verschenkte. Ein lieber Freund freute sich über eine solche Gabe dermaßen, daß er mir sagte: Du, wann i so malen konnt, i tät überhaupt den ganzen Tag nix andres. Damals lachte ich darüber; später habe ich mich immer dringender gefragt, ob er nicht eigentlich Recht hatte. Und nun habe ich mich endgültig entschlossen, nach der Beendigung dieses Buches ganz und gar Maler zu werden, und freue mich schon ganz unbändig darauf, wenngleich ich weiß, daß es wahrscheinlich zu spät sein wird. Vielleicht wird aber ein Teil der Jugend, die dem Künstler mangelt, durch die Jugend der führenden Gedanken ersetzt werden können.
[357]  Das Problem der Farbordnung. Auf den nachfolgenden Seiten gedenke ich die Einzelheiten meiner Arbeiten an der Farbenlehre eingehender zu schildern, als dies bei den früheren Berichten über andere Arbeiten geschehen ist, und zwar aus mehrfachen Gründen. Subjektiv bin ich der Meinung, daß in diesen Arbeiten sich die Besonderheiten am deutlichsten aussprechen, welche mein Gehirn von den anderen gleichen und besseren unterscheiden und daß sie somit den Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Leistungen darstellen. Objektiv darf der Gegenstand eine ganz allgemeine Teilnahme beanspruchen, denn Farben sind es, was wir unmittelbar mit dem Auge, dem bei weitem wichtigsten Sinnesorgan wahrnehmen. Die Formen, Gestalten, Dinge, die wir zu sehen glauben, ergeben sich erst aus der Deutung der Farbflecken, welche das Gesichtsfeld des sehenden Auges erfüllen.
Und was den Leser persönlich betrifft, so braucht er eben deshalb nicht zu fürchten, daß die folgenden Darlegungen ihn in unzugängliche Gebiete abstrakter Wissenschaft drängen werden. Was kann es anschaulicheres geben, als das, was unser Auge beständig erfüllt, die Farbe? Und wenn er weiter gewahr wird, welche unerwarteten kulturellen Folgen von unabsehbarer Auswirkung notwendig aus diesen Untersuchungen entstehen müssen und werden, so würde er mit Recht dem Verfasser Vorwürfe machen können, wenn dieser ihm nicht einen Blick in das Wachsen und Wesen solcher Dinge gegönnt hätte.
Endlich ist es hier möglich, an einem geschlossenen Beispiel aufzuzeigen, wie ein neues wissenschaftliches Feld geordnet und urbar gemacht wird. Da alles aus einer Hand hervorgegangen ist, treten die Zusammenhänge besonders deutlich zutage und man kann das Ganze als eine Anleitung zum Entdecken ansehen. Da es sich hierbei um ganz elementare Verhältnisse handelt,[358]  sind die erforderlichen Gedanken und Begriffe so einfacher Art, daß sie jedermann zugänglich sind. Habe ich doch oft Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie leicht und gern sich Kinder die Grundbegriffe der neuen Farbenlehre aneignen. Nur nicht wenige Künstler behaupten, daß sie sie nicht zu Kopf bringen können.
Auf dem früheren primitiven Standpunkte des Landschaftsmalers wäre ich vielleicht stehen geblieben, wenn nicht von ganz anderer Seite eine neue Anregung eingetreten wäre. In unserem reichen Brückenprogramm befand sich unter anderem auch die Ordnung und Normung der Farben (III, 299). Diese Aufgabe war schon vorher vom Deutschen Werkbund ins Auge gefaßt und zu lösen versucht worden, indem alle bekannten Ansätze dazu einem Ausschuß vorgelegt wurden, meist von den Erfindern oder ihren Beauftragten. Doch wurde kein praktisch brauchbares Ergebnis erzielt. Ich hatte mich etwa im Jahr 1912 dem Werkbund angeschlossen und auch eine Tätigkeit im Ausschuß angenommen, obwohl mir mancherlei an seinem Vorgehen nicht gefiel. Um nun nicht doppelte Arbeit zu machen oder zu veranlassen, schlug ich dem Werkbunde eine gemeinsame Weiterarbeit vor, die auch von diesem auf seiner Kölner Tagung im Unglücksjahr 1914 beschlossen wurde.
Ich hatte mich bis dahin nicht sehr eingehend mit der Frage beschäftigt, obwohl ich seinerzeit eine besondere Anregung dazu empfangen hatte. Während meines Aufenthalts in Cambridge war ich in Boston mit A.H. Munsell zusammengetroffen, der mir seine nach solcher Richtung angestellten Arbeiten zeigte (III, 63). Ich habe schon berichtet, daß und warum ich seine Lösung nicht für zureichend ansehen konnte. Da er aber eine wirkliche, wenn auch unvollkommene Farbordnung erzielt hatte, traute ich mir nun zu, selbst den Weg zu finden, um die Aufgabe befriedigend zu lösen, zumal ich bereits[359]  früher mit der experimentellen Bearbeitung der Angelegenheit begonnen hatte. Zunächst natürlich auf der von Helmholtz gegebenen und von niemand, auch von mir nicht bezweifelten Grundlage, daß Farbton, Reinheit und Helligkeit die drei Elemente sämtlicher Farben seien.
So ist mir noch erinnerlich, wie ich auf der Rückreise von London im Frühling 1914 allein auf dem Kanaldampfer saß und mir den Kopf zerbrach, wie ich mit diesen Veränderlichen den Farbkörper aufbauen sollte. Denn so viel war zweifellos: die verschiedenen reinen Farben haben nicht etwa gleiche Helligkeit, sondern sehr verschiedene. Schon Goethe hat immer wieder hervorgehoben, das Gelb die hellste, dagegen Blau die dunkelste Farbe sei und seitdem waren eine Anzahl Messungen über die Eigenhelligkeit der verschiedenen reinen Farben gemacht worden, die dasselbe ergaben, wenn auch mit abweichenden Zahlenwerten. Munsell hatte dies dadurch auszudrücken versucht, daß er die von Runge gegebene Anordnung aller Farben in einer Kugel übernahm, aber den Kreis der reinen Farben nicht in den Äquator legte, sondern in eine schräge Ekliptiklinie. Das war methodisch unmöglich, da die Linie der reinen Farben überall den größten Abstand von der Achse haben muß. Aber ohne Modell vermochte ich mir nicht vorzustellen, was aus der Kugel bei richtiger Umgestaltung wurde.
Zu Hause setzte ich die Arbeit am Modell fort, fand aber so verwickelte Verhältnisse, daß ich zu der Überzeugung kam, auf diesem Wege nichts erreichen zu können.
Eigene Arbeiten. Grau. Bald darauf brach der Weltkrieg los. Ich habe schon dargelegt, wie alle internationalen Beziehungen, die bisher den größten Teil meiner Beschäftigungen ausgemacht hatten, abgerissen waren. Ich war 61 Jahre alt, war also über jede Möglichkeit aktiver Betätigung hinaus. Mein Angebot freiwilliger[360]  Mitarbeit wurde nicht berücksichtigt. So blieb mir nichts übrig, als eine Vertiefung in die vorliegende wissenschaftliche Arbeit, die um so eher eine ausreichende Beanspruchung in Aussicht stellte, als ich offenbar die vorhandenen Schwierigkeiten sehr unterschätzt hatte.
Da ich kurze Zeit vorher für mein Buch »Moderne Naturphilosophie« die Grundlagen der Ordnungslehre bearbeitet und dargestellt hatte, sah ich hier eine Gelegenheit vor mir, dies gewaltige Arbeitsmittel bewußt anzuwenden. Das erste Ergebnis war, daß die Arbeit geteilt werden mußte. Zunächst war der einfachere Fall der Graureihe mit den Endpunkten Weiß und Schwarz aufzuklären. Wenn man die heutige Darstellung, z.B. in meiner »Farbfibel« liest, so kann man sich nicht vorstellen, welche Denkschwierigkeiten hier zu überwinden waren. Der vorgeschrittenste Farbforscher jener Zeit, E. Hering, wußte nichts vom vollkommenen Weiß. In seiner »Lehre vom Lichtsinn«, der ich sehr viel verdanke, fehlte der schon vor mehr als einem Jahrhundert durch Lambert eingeführte Begriff der Weiße (albedo) ganz, und dadurch war er verhindert, selbst über die einfache Gruppe der »unbunten« Farben klar zu werden. Unter anderem verwechselte er Spiegelung mit Weiße. Wenn ich nicht zufällig in meiner Rigaer Zeit die Schriften des Astrophysikers F. Zöllner gelesen hätte, in denen viel von der Albedo des Mondes die Rede ist, so wäre ich möglicherweise schon in diesem Loch stecken geblieben. So konnte ich es vermeiden, und dadurch ist mir der Spiritismus, dem Zöllner verfallen war, und wegen dessen seine Schriften damals sehr verbreitet waren, von unerwartetem Nutzen gewesen.
Eine andere Frage, auf die ich in der Literatur keine Antwort gefunden hatte, war die: wie sieht reines Grau aus? Daß Mischungen von weißen und schwarzen Farbstoffen bläuliche Graufarben ergeben, war bekannt,[361]  ebenso die Ursache hierfür. Nun zeigt die Theorie verschiedene Möglichkeiten, auf optischem Wege reines Grau erscheinen zu lassen und es mit jenen Mischungen zu vergleichen. Das Ergebnis war zunächst eine Vorschrift, nach welcher man Kreide, Ruß und gelben Ocker mischen muß, damit das Produkt neutral grau aussieht. Mir ist die Überraschung und Freude im Gedächtnis geblieben, mit welcher ein befreundeter sehr erfahrener Mitarbeiter auf dem Farbgebiet die ersten Blätter begrüßte, die mit neutralem Grau angestrichen waren. Dieses war ihm wie allen Anderen bis dahin unbekannt gewesen.
Einführung von Maß und Zahl. Nun entstand die Aufgabe, die verschieden hellen Graustufen zu messen. Zuerst machte ich es wie üblich mit dem Farbkreisel durch Mischung von Weiß und Schwarz mittels Scheiben. Aber da wußte ich, daß jedes Weiß etwas Schwarz enthält, und ebenso jedes Schwarz etwas Weiß; und diese kann man nicht mit dem Kreisel messen. Ich erfand deshalb das Halbschatten-Photometer (Hasch), mit dem ich wenigstens reines Schwarz machen konnte, indem ich das Licht ganz ausschloß. Und die verschiedenen weißen Aufstriche oder Pulver konnte ich damit vergleichsweise auf ihre Weiße messen.
Es ergab sich, daß die untersuchten weißen Pulver alle einer gewissen Grenze nahe, also fast rein weiß waren. Unter ihnen waren einige wenige am weißesten und untereinander gleich; diese durften daher als praktisch rein weiß oder schwarzfrei angesehen werden. Am leichtesten ließ sich von ihnen reines Bariumsulfat herstellen; dies ergab also das reine oder normale Weiß.
Nun hatte ich die Möglichkeit an der Hand, jedes Grau zu messen. Denn mein Hasch erlaubte mir, die Beleuchtung des Normalweiß in gemessener Weise zu vermindern und es so dem vorgelegten Grau gleich aussehend[362]  zu machen. War dies erreicht, so wußte ich, welcher Bruchteil des auffallenden Lichts vom Grau zurückgeworfen wurde, nämlich derselbe Bruchteil, den das Weiß im Hasch empfing. Und damit war das Grau gemessen, denn dieser Bruch bezeichnete es eindeutig. Jede andere graue Farbe, welche den gleichen Bruchteil Weiß enthält, ist jener gleich. Wirft sie mehr Licht zurück, so ist sie heller, im anderen Falle dunkler, als jenes Grau. So war ich in der Lage, beliebige Stufen Grau herzustellen. Ich machte alsbald solche mit ein Zehntel, zwei Zehntel, drei Zehntel, vier Zehntel usw. bis neun Zehntel Schwarz und erwartete eine schöne Stufenreihe.
Sie war es keineswegs. Die ersten Stufen: ein Zehntel, zwei Zehntel, drei Zehntel sahen gar nicht grau aus, sondern weiß; erst bei vier Zehntel oder fünf Zehntel, konnte man von einem deutlichen Grau sprechen. Und gegen Ende, sieben Zehntel, acht Zehntel, neun Zehntel, waren es nicht Stufen, sondern Sprünge. Auch war neun Zehntel noch sehr weit von Schwarz entfernt, unvergleichlich viel weiter, als ein Zehntel von Weiß.
Nun kam mir die Erinnerung an Fechners Elemente der Psychophysik, ein Buch, das ich auch schon in Riga ohne anderen Grund gelesen hatte, als weil mich der Gedanke einer messenden Seelenlehre so stark gefesselt hatte, daß ich wissen mußte, was daran war. Und in Leipzig war ich durch die persönliche Begegnung mit Fechner (II, 96) und hernach durch den Verkehr mit Wundt, der Fechners Gedanken eine weite Entwicklung gegeben hatte, wiederholt zur Beschäftigung mit der Psychophysik veranlaßt worden. Wieder hatte ein solches zielloses Kennenlernen eines fernliegenden Gebietes aus bloßer wissenschaftlicher Neugier sich als eine reichlich zinstragende geistige Kapitalanlage erwiesen.[363]
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Denn ich sah sofort, daß hier das von Weber zuerst ausgesprochene, von Fechner aber erst seiner Bedeutung gemäß entwickelte Gesetz wirksam war, wonach die Reize in geometrischer Reihe oder nach gleichem Verhältnis abnehmen müssen, damit die Empfindungen eine gleichabständige oder arithmetische Reihe bilden. Als Reiz war hier der Anteil Weiß wirksam.
Hiernach stellte ich eine Reihe grauer Farben her, deren Weißanteile eine geometrische Reihe bildeten oder in gleichem Verhältnis abnahmen, und hatte die Genugtuung, die gesuchte gleichstufige Grauleiter vor mir zu sehen. Indem ich zwischen zwei Pappstreifen die abgestuften grauen Sprossen wie bei einer wirklichen Leiter anbrachte, konnte ich die Leiter auf eine beliebige graue Fläche legen und augenblicks die Sprosse erkennen, die dasselbe Grau zeigte, wie die zwischen den Sprossen hervorschauende Unterlage. Auf solche Weise konnte ich also unbekannte graue Farben ebenso leicht und schnell messen, wie man unbekannte Längen mit einem eingeteilten Maßstabe mißt.
So einfach diese Dinge sind, so neu waren sie damals. Hunderte und Tausende von messenden Versuchen über graue Farben waren angestellt worden, seit Maxwell 60 Jahre vorher gezeigt hatte, wie man Farben mittels des Farbkreisels messend vergleichen kann. Aber niemand hatte sich die Frage gestellt und beantwortet, ob man nicht die Messungen auf absolutes Weiß und Schwarz beziehen könne. Das absolute Schwarz war sogar den Physiologen und Psychophysikern bekannt, da man es sieht, wenn man in einen innen schwarz getünchten Kasten eine Öffnung macht. Nur das absolute Weiß mußte noch gefunden und dann die Einteilung gemäß dem Fechnerschen Gesetz durchgeführt werden. Freilich gehörte dazu ein Arbeiter, der sich mittels der Ordnungswissenschaft die hier vorliegenden Aufgaben und die[364]  möglichen Wege zu ihrer Erledigung grundsätzlich klar gemacht hatte. Und solcher gab und gibt es noch nicht viele.
Das Fechnersche Gesetz. Wie man gesehen hat, beruht die Normung der unbunten Farben auf der Anwendung des Fechnerschen Gesetzes. Dieses war schon 1859 auf Grund der noch älteren Arbeiten Webers ausgesprochen worden und hat sich seitdem allseitig als Grundgesetz der Psychophysik erwiesen. Und doch war die Festlegung der Graunormen mit Hilfe dieses Gesetzes meines Wissens der erste Fall, wo es praktisch angewendet wurde. Bis dahin hatten die Physiologen und Psychophysiker es nur benutzt, um darüber zu streiten, kleine Abweichungen davon zu Widerlegungen aufzubauschen, kurz Scholastik damit zu treiben.
Tatsächlich ist dies Gesetz grundlegend für alle Fragen, die etwas mit der Empfindung im weitesten Sinne zu tun haben. Die gegenwärtig in Richterkreisen aufdämmernde Erkenntnis, daß Strafen nach der Beschaffenheit des Verurteilten zu bemessen sind, daß z.B. eine Geldstrafe von 100 M. für einen Armen zerstörend wirken kann, während der Reiche sie kaum empfindet, wäre längst Allgemeingut geworden, wenn man nur das Fechnersche Gesetz anzuwenden gewußt hätte. Und andererseits hätte der Normenausschuß für die Deutsche Industrie sich manchen Mißgriff ersparen können, wenn er sich klar gemacht hätte, daß die Aufgabe, Normstufen gleichabständig festzustellen, durch geometrische Reihen gemäß dem Fechnerschen Gesetz gelöst werden muß, nicht aber durch arithmetische, wie es gewöhnlich geschieht.
Es ist in der Tat nicht auszusagen, wieviel Lebensweisheit man aus diesem Naturgesetz gewinnen kann. Der Ausspruch: alles ist relativ, erlangt in seinem Lichte einen ganz klaren und bestimmten Inhalt und die Selbstgewöhnung, das eigene Leben gemäß diesem[365]  Gesetz zu regeln, beseitigt unzählige Härten und Widersprüche, die nicht in den Dingen liegen, sondern durch die Fehler unserer »absoluten« Denkgewohnheiten hervorgerufen werden.

Die unbunten Normen. Auf solche Weise war das Gebiet der unbunten Farben geregelt. Denn die Frage, welche von den unbegrenzt vielen geometrischen Reihen, nach denen man die Grauleiter abstufen kann, gewählt werden soll, war eindeutig in dem Augenblicke entschieden, in dem sie gestellt wurde. Da die gleichförmig fortschreitende Reihe der Zahlen durch die Bildung von Zehnergruppen geteilt und genormt ist, so muß auch jene geometrische Reihe nach der Zehnerordnung angesetzt werden, denn jede einmal festgelegte Normung muß in allen Anwendungen streng beibehalten werden. So ergibt die erste Zehnerteilung die Reihe Weiß = 1, 1/10, 1/100, 1/1000, usw. Da aber schon ein Schwarz mit 1/100 Weiß nur schwierig herzustellen ist, so sind die Sprünge viel zu weit. Es müssen also zwischen 1 und 1/10 noch 9 Stufen in geometrischer Reihe eingeschaltet werden, und ebenso viele zwischen 1/10 und 1/100. Dann haben wir 20 Stufen in dem ganzen erreichbaren Gebiet zwischen Weiß und Schwarz, und diese erweisen sich durchaus als eng genug. Für die meisten Zwecke sogar zu eng, so daß man nur jede zweite Stufe braucht.

Um diese Stufen kurz zu bezeichnen, wählte ich das gleiche Verfahren, wie die Musik: ich ordnete ihnen die Buchstaben des ABC zu, so daß a Weiß bedeutet, b, c, d usw. helles Grau, das stufenweise dunkler wird. g, h, i sind mittlere Grau, k, l, m sind dunkelgrau bis zur Grenze des Schwarz, n bis t werden schon Schwarz genannt. Auf Papier kommt man meist nicht über p hinaus, das die Farbe guter Druckerschwärze ist. Läßt man, wie erwähnt, jede zweite Stufe aus, so hat man die Graureihe[366]  a, c, e, g, i, l, n, p für die täglich vorkommenden Graunormen.

Dies sind in großen Zügen die Ergebnisse meiner Überlegungen und Versuche über die Frage, wie die Reihe der unbunten Farben zu normen sei. Sie wurden keineswegs mit einem Schritt erreicht, sondern ich hatte einige andere Ordnungen vorher versucht, die mir zufällig näher lagen. Doch besann ich mich rechtzeitig auf die Erfahrung, daß in grundlegenden Dingen kein Fremdkörper geduldet werden darf. Denn er erweist sich ganz sicher auf die Dauer als unerträglich. Und je später er abgestoßen wird, um so schwieriger und kostspieliger wird diese Notwendigkeit, weil so viel mehr, was damit zusammenhängt, umgestellt werden muß. Darum sind beispielsweise die natürlichen Sprachen so unvollkommen, weil sie festgelegt (genormt) wurden zu einer Zeit, wo noch gar keine Klarheit über die logischen und technischen Erfordernisse an eine gute und zweckmäßige Sprache bestand. Und darum schleppen wir uns heute noch mit einem Kalender von grotesker Unsinnigkeit, in welchem die Maßeinheit des Monates von 28 bis zu 31 Tagen schwankt, also um 10 v.H. ihres Wertes, der unveränderlich sein sollte.

Fremdkörper in solchem Sinne aber sind alle willkürlichen Annahmen, wo die Dinge schon durch eine ältere fundamentale Normung (wie hier die Zehnerzählung) festgelegt sind. Erst nachdem alle solche Willkür aus den Normen für die unbunte Reihe ausgeschieden war, konnte ich meine Aufgabe als beendet ansehen. Dafür ist denn auch das Ergebnis von entsprechender Dauerhaftigkeit. Mehr als zehn Jahre sind diese Normen von mir und meinen Mitarbeitern in der mannigfaltigsten Weise benutzt worden, und niemals hat sich eine Notwendigkeit, ja nicht einmal ein Wunsch ergeben, sie zu[367]  ändern. Ebensowenig ist von gegnerischer Seite etwas gegen sie vorgebracht worden.
Die einzige absehbare Verbesserung, welche sie vielleicht in Zukunft erfahren werden, wird eintreten, wenn die Zehnerzählung durch die viel zweckmäßigere Zwölferzählung (zwölf läßt sich durch 2, 3, 4, 6 teilen, 10 nur durch 2 und 5) ersetzt sein wird. Aber bis die Welt so weit organisiert sein wird, werden voraussichtlich noch einige Jahrhunderte vergehen müssen.
Messung der Buntfarben. So war ich schließlich mit den unbunten Farben in Ordnung gekommen. Ich muß bekennen, daß es einige Selbstüberwindung gekostet hatte, mich nicht gleich Hals über Kopf in das reizvolle Gewimmel der Buntfarben zu stürzen. Aber da die unbunten die einfacheren sind, so wäre es grobe Energievergeudung gewesen, vor Lösung der leichteren Aufgabe an die schwerere zu gehen. Und da von meinen Vorgängern keiner versucht hatte, im grauen Gebiet endgültige Ordnung zu schaffen, so war es ganz erklärlich, daß das im bunten erst recht nicht gelingen konnte.
Daß ich dergestalt meine Gefühle durch wissenschaftliche Betrachtungen regelte, hat sich dann in der Folge als im höchsten Maße segensreich erwiesen. Beim Rückblick auf die mühsame Kletterarbeit, die mich auf die inzwischen erreichten Höhen geführt hat, kann ich feststellen, daß jener graue Weg sich tatsächlich als der einzige erwiesen hat, auf dem ein Zugang möglich war. Denn die hier entwickelten Denkmittel waren unentbehrlich zur Lösung der schwierigeren Aufgaben im bunten Gebiet.
Ein hellgraues Papier wird als solches gesehen und beurteilt, ob das Licht; in dem wir es betrachten, stark oder schwach ist, ob das Papier also viel oder wenig Licht zurückschickt. Damit wir aber das Urteil: hellgrau fällen, ist es notwendig, daß wir das Papier innerhalb[368]  einer Umgebung sehen, deren Lichtverhältnisse uns bekannt sind und somit seine Farbe auf die der bekannten Gegenstände beziehen können. Denn schließen wir diese durch ein innen geschwärztes Sehrohr mit engem Gesichtsfelde aus, in welchem man nur das graue Papier sieht, so wird unser Urteil unsicher und unbestimmt. Das gleichförmig erhellte leere Gesichtsfeld eines Mikroskops ohne Gegenstand vor der Linse wird nicht grau, wenn wir etwa durch Schließen der Blende am Beleuchter das Licht vermindern, sondern bleibt unbezogen jenseits von Weiß und Grau.
Diese und viele ähnliche Beobachtungen, zum Teil von sehr auffallender Beschaffenheit hat E. Hering zusammengestellt aber nicht unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt gebracht oder in ihrer Gesetzlichkeit erkannt, die durch die Worte bezogen und unbezogen gedeutet wird. Dies lag in erster Linie daran, daß ihm Lamberts Begriff der Weiße oder Albedo fremdgeblieben war. Er kannte keine weißeste Fläche, sondern glaubte, daß die Weiße unbegrenzt wachsen könne.
Ich hatte hart zu ringen, um mich von diesem Irrtum des aufrichtig verehrten Kollegen (er lebte damals noch und ich stand mit ihm im Briefwechsel) frei zu machen. Dies gelang durch das Studium von Lamberts Photometrie, von der eine gute Bearbeitung in meinen »Klassikern der exakten Wissenschaften« (II, 55) leicht zugänglich war. Es war dies ein Fall und durchaus nicht der einzige, wo ich für die Mühe bei der Begründung der »Klassiker« reichen Lohn gewann, der sich in der Folge noch vergrößerte, wie bald erzählt werden wird. Endlich gelang es, jenen Gesichtspunkt zu gewinnen, von dem aus die große Mannigfaltigkeit jener Erscheinungen sich gesetzlich ordnen und übersehen ließ.
Bezogene und ungezogene Farben. Es handelte sich wieder um eine schöpferische Begriffsbildung, etwa wie[369]  bei der Katalyse, ohne daß es nötig war, hierfür besondere Experimentaluntersuchungen auszuführen. Ich erkannte, daß die Farben in zwei Gruppen zerfallen, die bezogenen und die unbezogenen. Unbezogen sind die Farben, welche allein in einem dunklen Gesichtsfelde erscheinen. Solche Farben sieht man in den optischen Apparaten; das Spektrum ist das bekannteste Beispiel dafür. Sie heißen unbezogen, weil man sie nicht inmitten der allgemeinen Umgebung sieht, sondern für sich allein. Man weiß daher nicht, in welchem Verhältnis sie zu ihrer Lichtquelle stehen. Bei den bezogenen Farben ist alles dies umgekehrt.
Die Folgen hiervon sind merkwürdig und weitreichend. Bei den unbezogenen Farben gibt es kein Grau und Schwarz, sondern nur Weiß und Bunt. Macht man z.B. ein Spektrum durch Lichtverminderung immer dunkler, bis es verschwunden ist, so sieht man nicht Schwarz an seiner Stelle, sondern man sieht die Stelle überhaupt nicht mehr. Das ist ein großer Unterschied. Macht man es immer heller, so erscheint es zuletzt blendend weiß. Mit einem Worte: bei unbezogenen Farben gibt es kein Schwarz, sondern nur Weiß und Bunt. Schwarz und Grau treten nur bei bezogenen Farben auf.
Bezogene Farben sind die Farben der Gegenstände unserer Umgebung. Sie werden durch den Anteil bestimmt, den sie von dem auffallenden Licht zurücksenden. Wird alles zurückgesendet, so ist der Gegenstand weiß, gleichgültig ob die Beleuchtung und damit das zurückgesendete Licht stark oder schwach ist. Wird alles Licht verschluckt, so ist der Gegenstand schwarz. Wird ein Bruchteil des Lichts zurückgesendet, so ist der Gegenstand grau. Dies gilt aber nur für den Fall, daß von allen Lichtarten oder Wellenlängen der gleiche Bruchteil zurückgesendet wird. Ist das nicht der Fall, so ist der[370]  Gegenstand bunt1 (rot oder gelb oder grün usw.) je nach der Lichtart, welche im zurückgesendeten Licht überwiegt. Und zwar ist die Buntfarbe um so reiner, je stärker dies Überwiegen einer bestimmten Lichtart auftritt.
Mit einem Wort: die Farben der Gegenstände unserer Umgebung oder die bezogenen Farben werden durch die Verhältnisse der Lichtzurückwerfung (Remission) der Korperoberflächen bestimmt.
Helmholtz. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, was für ein Licht mir bei dieser Entdeckung aufging. Zunächst sah ich, daß Helmholtz, dessen Werk über physiologische Optik als ein gewaltig hoher Gipfel dieser Wissenschaft mit Recht gewertet wurde, fast nur mit unbezogenen Farben gearbeitet hatte, wie es dem Physiker ja unmittelbar nahe lag. Bei der Frage nach der Ordnung der Farben, der er nur geringe Aufmerksamkeit schenkte, standen nur unbezogene Farben vor seinem geistigen Auge und er entwickelte daher nur eine Übersicht der aus gesättigten Buntfarben und Weiß entstehenden Farben. Freilich wußte er, daß die Gesamtheit der Farben dreifaltig ist, und nicht zweifaltig, wie seine Übersicht. Der fehlenden dritten Dimension widmete er aber nur einen flüchtigen Hinweis, der zwar kurz, aber nicht gut war.
Darum hat weder er, noch irgendeiner seiner Nachfolger, welche sich der von ihm angegebenen Begriffe bedienten, eine Farbordnung schaffen können. Der Amerikanische Forscher O. Rood, Helmholtz's bester Schüler nach dieser Richtung, schrieb nach vieljähriger und oft fruchtbarer Arbeit: Tatsächlich sind weder unsere[371]  Kenntnisse der Farbe noch unsere experimentellen Hilfsmittel zurzeit genügend vorgeschritten, um uns in den Stand zu setzen, einen Plan zu einer wirklich wissenschaftlichen Klassifikation der Farben auch nur vorzuschlagen. Und zwischen dem Vorschlag und der Ausführung würden noch viele mühselige Schritte liegen.
Goethe. Eine andere geschichtliche Aufklärung ergab sich für Goethes Stellung zu Newton und den Physikern seiner Zeit bezüglich der Farbenlehre. Er fühlte einen inneren Abscheu gegen deren Versuche und begann eines seiner Streitgedichte gegen Newton mit der Mahnung: Freunde, flieht die dunkle Kammer! Was er sachlich gegen die physikalischen Experimente einwandte, war nicht von Bedeutung, denn Goethe war alles andere als ein Physiker. Es handelte sich vielmehr um die unterbewußte Tatsache, daß er in der Farbenwelt der Physiker, die nur aus unbezogenen Farben bestand, die unverhältnismäßig viel reichere Farbenwelt, die er täglich mit seinen lichtdurstigen Augen aufnahm, nicht wiederfinden konnte. Daraus entstand ihm die unmittelbare Gewißheit, daß dort die Aufgaben nicht gelöst werden konnten, die seine Seele erfüllten, worin er durchaus Recht hatte. Aber da weder ihm noch seinen Gegnern die Begriffe der bezogenen und unbezogenen Farben bekannt waren, so mußte der Streit ungeschlichtet bleiben, bis er ein Jahrhundert später entschieden wurde.
Die entscheidende Rolle, welche hier vom Schwarz gespielt wird, war der Leitfaden, an welchem ich mich aus dem Helmholtzschen Irrgarten herausfand. Wenn durch die An- oder Abwesenheit von Schwarz zwei durch eine Dimension verschiedene Gruppen von Farben entstehen, von denen jede in sich geschlossen ist, so muß sicherlich Schwarz ein wahres Element der dreifaltigen Gruppe sein. War das so, so war ebenso sicher Weiß ein zweites Element. Und über das dritte war dann kein[372]  Zweifel: es war die reine oder gesättigte Farbe, die ich, weil diese Namen schon mehrfach für etwas verschiedene Begriffe verbraucht waren, Vollfarbe nannte. Damit waren die drei Elemente der Farbe gegeben, durch deren unabhängige Abwandlung alle möglichen Farben entstehen mußten und in welche jede wirkliche Farbe muß aufgelöst werden können.
Als ich so weit war, fand ich beim Rückblick, daß nun alles wirklich in Ordnung war. Sind Vollfarbe, Weiß, Schwarz die Elemente, so liegt folgende Ordnung vor. Die unbunten Farben bestehen aus den Elementen Weiß und Schwarz, die unbezogenen aus Vollfarbe und Weiß, die bezogenen aus Vollfarbe, Weiß und Schwarz. Es bleibt noch die Möglichkeit einer zweifaltigen Farbengruppe aus Vollfarbe und Schwarz, für welche die Erfahrung keine Beispiele liefert, weil bisher ein Anteil Weiß bei allen Farben vorhanden ist. Aber es ist grundsätzlich wahrscheinlich, daß auch diese Gruppe verwirklicht werden wird. Ich gab es aber auf, nach ihr zu suchen, da es viel wichtiger war, vorher die Verhältnisse der bekannten Gruppen zu ermitteln.
Es soll hier alsbald eingeschaltet werden, daß dieselbe Zerlegung schon lange vorher von E. Hering gefunden worden war. Sein Weg war aber ganz verschieden von dem meinen. Er war psychologisch vorgegangen, ich dagegen ordnungswissenschaftlich. Nach dem allgemeinen Naturgesetz, daß man auf das Einfachste immer erst zuletzt kommt, war meine Ableitung viel einfacher und daher auch sicherer, als die von Hering, der sich auf die Empfindung berufen mußte, daß in jeder (bezogenen) Farbe eine gewisse Weißlichkeit und eine gewisse Schwärzlichkeit neben der Vollfarbe gesehen werden kann. Erwägt man, daß es nicht wenige Physiologen und Psychologen gegeben hat, welche im Grün als Bestandteile Blau und Gelb sehen zu können behauptet[373]  haben, so erkennt man, warum Herings Zerlegung so wenig überzeugend gewirkt hatte.
Unter allen Umständen aber war die auf so verschiedenen Wegen erhaltene Übereinstimmung der Ergebnisse eine wertvolle Stütze für ihre Richtigkeit.
Die Zusammensetzung der Körperfarben. Die nächste Frage war, wie sich die so völlig einheitlich aussehenden Farbgemische, die wir in unserer Umgebung sehen, aus diesen Elementen zusammensetzen.
Im Falle der unbunten Farben war die Antwort bekannt. Jedes Grau besteht aus einem Bruchteil Weiß und einem Bruchteil Schwarz, und beide ergänzen sich zu eins. Bezeichnet man beide mit w und s, so gilt die Gleichung w + s = 1, wo w und s beide echte Brüche sind. Je größer w ist, um so heller ist das Grau, je kleiner, um so dunkler. Ideales Weiß enthält kein Schwarz, ist also durch w = 1 gekennzeichnet, ebenso ideales Schwarz durch s = 1, weil der weiße Anteil gleich Null ist.
Hier trat für mich alsbald die sorgenvolle Frage auf: woher kommt diese Eins? Die vielen hundert Gleichungen, welche in der Physik und Chemie durch meine Hände gegangen waren, hatten niemals eine solche absolute Zahl enthalten. Nur in einigen geometrischen Gleichungen war das vorgekommen, wie in der bekannten trigonometrischen Gleichung sin2x + cos2x = 1. Aber auch das ist selten. Unter welchen Bedingungen geschieht es?


Im Falle der Geometrie kann man die Sache begreifen. Eine Linie oder Fläche usw. kann bis ins Unbegrenzte ausgedehnt werden; hier tritt keine bestimmte Zahl auf. Aber ein Winkel kann nicht größer sein als vier Rechte; die Grenze der Winkel ist also endlich und deshalb die natürliche Einheit aller Winkel, die alsdann durch einen echten Bruch gemessen werden.
Dies erinnert aber alsbald an die Verhältnisse bei den grauen Farben. Bekanntlich kann man eine graue[374]  Fläche dadurch herstellen, daß man einen weißen Grund mit kleinen schwarzen Punkten in gleichförmiger Verteilung bedeckt. Je größer der schwarze Anteil ist, um so dunkler ist das Grau. Aber diese Größe hat ein Ende, wenn die Punkte den ganzen Grund decken. Dieser ganze Grund ist also die Einheit, deren Bruchteile Weiß und Schwarz sind, die zusammen niemals mehr oder weniger ausmachen können, als eben diese Einheit.
Daher kam also die Eins in der Gleichung für Grau. Sie war ein Ausdruck für die ordnungswissenschaftliche Gesetzlichkeit, der die Bildung der Mischfarben aus ihren Elementen unterworfen ist. Weil man in eine Fläche nicht beliebig viel Weiß und Schwarz häufen kann, sondern nicht mehr oder weniger, daß beide zusammen die Fläche decken, kann man die Summe w + s nicht beliebig groß oder klein machen, denn sie bleibt von selbst sich immer gleich.
Man darf diese äußerst schlichten Überlegungen nicht für selbstverständlich halten. Ich weiß, was sie an Nachdenken gekostet haben, bis ich sie so schlicht hatte. Ihr eigentlicher Wert wird aber erst sichtbar, wenn man die Gedankenreihe weiter verfolgt, die durch sie aufgetan wird.
Geht man nämlich zu den dreifaltigen Buntfarben über, so erkennt man alsbald, daß die gleichen Überlegungen dazu führen, für diese eine Gleichung von der Gestalt v + w + s = 1 anzusetzen. Das heißt: jede Buntfarbe besteht aus drei Bruchteilen von Vollfarbe, Weiß und Schwarz, und die Summe dieser drei Brüche ist stets gleich Eins.
Man findet auf gleichem Wege die Veranschaulichung hierfür, wie bei den grauen Farben. Denn man braucht sich den weißen Grund nur mit Punkten von Vollfarbe und Schwarz nebeneinander besetzt zu denken, und hat dann vor Augen, warum die drei Anteile notwendig[375]  echte Brüche sein müssen, und zusammen die ganze Fläche ergeben, welche die natürliche Einheit ist.
Während man sagen kann, daß die einfachere Gleichung der unbunten Farben, wenn auch vielleicht nicht klar ausgesprochen, doch vielfach stillschweigend vorausgesetzt worden ist, darf die Gleichung der Buntfarben als völlig neu betrachtet werden. Ihre Entdeckung lag für den ganz nahe, der sich über die Elemente der Farben klar geworden war. Hering aber, der diese Klarheit besaß, konnte von seinem psychologischen Standpunkt aus, ohne die Begriffe des reinen Weiß und der bezogenen Farben nicht nur keine Möglichkeit sehen, diese Bruchteile zu messen, sondern mußte sogar die Messung als unmöglich ansehen. In solchem Sinne schrieb er mir auch, als ich ihm brieflich mitteilte, daß ich eine solche Möglichkeit gefunden hatte und kennzeichnete so auf das bestimmteste den Punkt, wo die frühere, qualitative Farbenlehre in die neue, quantitative umgewandelt wurde. Es war kurz vor seinem Tode.
Die Entdeckung der Messung. Als ich so weit war, sah ich, daß die eigentlichen Schwierigkeiten der Aufgabe erst aufgedeckt, nicht aber überwunden waren. So schön und einfach die Gleichung v + w + s = 1 aussah, sie hatte so lange nur formale Bedeutung, bis die Mittel und Wege gefunden waren, für die Anteile ihre Zahlenwerte in jedem vorgelegten Falle ausfindig zu machen. Tatsächlich habe ich auf keinen Teil meiner Farbforschungen mehr Kopfbrechen verwendet, als auf diesen. Denn ich hatte mir vorgenommen, die hier nötige Entdeckung jedenfalls zu machen, da von ihr alle weiteren Fortschrittsmöglichkeiten abhingen.
Bisher hatte ich die mancherlei neuen Dinge, die ich zu entdecken so glücklich war, gefunden, wie man eine schöne Blume oder einen lieben Menschen findet: ich hatte die Augen offen gehalten und zugegriffen, wenn[376]  etwas im Gesichtsfelde erschien, was der Mühe des Festhaltens wert sein mochte. Nur in einem einzigen Falle, bei meiner Faraday-Vorlesung (II, 370) hatte ich die Entdeckung, die ich mehr als Wunsch denn als Inhalt vor mir sah, nicht einfach gefunden, sondern durch bewußte Anstrengung erobert. Aber ich habe schon berichtet, daß der Energieaufwand hierbei viel größer war, als bei allen anderen Entdeckungen.
Nun war die Lage doch zum besseren verändert. Ich hatte mir eine weitgehende Klarheit über die Technik des Entdeckens und Erfindens und in der bewußten, schon von Leibniz empfohlenen Anwendung der Kombinatorik sowie der allgemeinen Ordnungslehre die dazu erforderlichen Hilfsmittel verschafft. Somit ging ich mit dem Vertrauen an die Arbeit, daß ich zum Ziel kommen würde. Denn unter diesen Gesichtspunkten kann man bei sich selbst eine Entdeckung bestellen, wie man beim Schneider ein Paar Hosen bestellt: man weiß, daß man sie bekommen wird, nur das ist zweifelhaft, wann man sie bekommt.
Um einen Wink zu gewinnen, wie die Aufgabe bei den Buntfarben gelöst werden konnte, vergegenwärtigte ich mir zunächst, wie sie bei den unbunten gelöst war. Hier handelt es sich um die beiden Größen Weiß und Schwarz, die zusammen Eins ausmachten. Man braucht also nur die eine von ihnen zu messen; die andere ist durch den Rest gegeben. Ich brauchte im Hasch nur in meßbarer Weise das Licht zu vermindern, das auf eine rein weiße Fläche fiel, bis diese ebenso aussah, wie die graue, und nachzusehen, welcher Bruchteil des ganzen Lichtes wirksam geblieben war, so kannte ich den Bruchteil Weiß im Grau. Schwarz war der Rest oder die Ergänzung zu Eins.
Gesetzt nun, ich könnte auf irgendeine ähnliche Weise den Weißanteil in der Buntfarbe messen: wäre[377]  damit auch hier die Aufgabe gelöst? Offenbar nicht, denn außerdem war noch Schwarz und Buntfarbe vorhanden, zwischen denen noch alle möglichen Verhältnisse bestehen konnten. Denn in der Gleichung v + w + s = 1 können zwei Größen unabhängig voneinander verändert werden. Mit einer Messung ist also die Sache nicht erledigt; es müssen zwei sein.
Müssen es notwendig zwei sein? Lassen sich nicht Bedingungen finden, unter denen eine von den Größen keinen Einfluß hat? Kann mit anderen Worten nicht auf irgendeine Weise eines der Farbelemente unwirksam gemacht werden?
Es war ein erheblicher Fortschritt, als ich die Frage so weit gebracht hatte. Die Arbeit war um so schwieriger, als ich auf mich allein angewiesen war und niemand erreichen konnte, dem ich zumuten durfte, daß er sich in diese Fragen versenkte. Denn der Krieg wütete und nahm alle verfügbaren Energien in Anspruch.
Die gewonnene Fragestellung hatte aber das Wild, das ich erlegen wollte, auf ein mir schon einigermaßen bekanntes Gebiet gebracht, das der ausgezeichneten Fälle. Bei meinen Arbeiten zur Energetik war mir hier ein wichtiges Denkmittel begegnet, dessen ich mich mehrfach bedient hatte, um schwierige Fragen allgemeiner Natur so in die Enge zu bringen, daß ich sie beantworten konnte. Gelang es, auch für die Messung der Buntfarben den ausgezeichneten Fall zu finden und herzustellen, so war dort, mathematisch gesprochen, eine Veränderliche weniger vorhanden, und die Aufgabe war nicht schwieriger, als die Messung eines Grau.
Was ist ein ausgezeichneter Fall? Um diesen wichtigen Begriff kennen zu lernen, betrachten wir zunächst einige anschauliche Beispiele. Wir zeichnen uns eine nach unten durchgebogene Linie auf, etwa wie eine Kette, die locker an zwei Pfeilern hängt. Diese Linie enthält[378]  unzählig viele Punkte, aber nur einen tiefsten. Deshalb nennen wir ihn den ausgezeichneten Punkt.
In einer Kreisfläche gibt es unzählige Punkte, von denen jeder die Eigenschaft hat, daß seine Abstände von den Punkten der Kreislinie verschieden groß sind. Nur einen Punkt gibt es, den Mittelpunkt, dessen Abstände alle gleich groß sind. Dieser ist daher ein ausgezeichneter Punkt.
Zwischen zwei Punkten kann man unzählige Linien ziehen. Unter ihnen gibt es nur eine, die Gerade, welche kürzer ist, als alle anderen. Sie ist daher eine ausgezeichnete Linie.
Solche Beispiele wird nun jeder leicht vermehren können. Man wird aber fragen: was kommt denn dabei heraus?
Es besteht das überaus wichtige und merkwürdige Gesetz, daß der ausgezeichnete Fall stets einfacher und leichter zu kennzeichnen ist, als alle anderen, benachbarten Fälle.
Bei der Kettenlinie besteht in jedem Punkt eine andere Neigung gegen die Wagerechte und um den Punkt zu kennzeichnen, muß der Neigungswinkel angegeben werden. Im ausgezeichneten Punkt besteht keine Neigung, denn die Berührungslinie, welche sie veranschaulicht, ist selbst wagerecht.
Um einen Punkt in der Kreisfläche zu kennzeichnen, müssen die zwei Abstände von zwei bestimmten Punkten der Kreislinie angegeben werden. Der Mittelpunkt braucht keine solche Kennzeichnung, denn er ist schon durch die Gleichabständigkeit festgelegt.
Um eine beliebige Linie, die zwischen zwei Endpunkten verläuft, zu kennzeichnen, braucht man unbegrenzt viele Angaben über alle ihre Teile. Die Gerade ist schon dadurch unverwechselbar gekennzeichnet, daß sie die kürzeste Linie ist.[379]
Es ist noch zu bemerken, daß es zuweilen mehrere ausgezeichnete Fälle gibt, wenn das Gebilde darnach beschaffen ist. So hat beispielsweise eine Ellipse zwei ausgezeichnete Punkte, die Brennpunkte.
Was hier an geometrischen Beispielen, welche die anschaulichsten sind, gezeigt worden ist, hat weit über die Geometrie hinaus Geltung. Die allgemeinsten Prinzipien der Mechanik und Physik sowie der höheren Wissenschaften lassen sich alle als besondere Ausgestaltung der Lehre vom ausgezeichneten Fall erkennen.
Für die Forschung ergibt sich daraus ein allgemeines Verfahren: Hat man ein verwickeltes Problem zu lösen, so suche man unter den zahllosen Einzelfällen, in denen es sich betätigt, den ausgezeichneten Fall auf, und man darf sicher sein, daß dort die Verwicklung geringer, das Problem also leichter lösbar sein wird.
Der ausgezeichnete Fall bei den Farben. Um diesen Gedanken wirksam zu machen, mußte ich nun den ausgezeichneten Fall (oder die ausgezeichneten Fälle) für die vorliegende Aufgabe ausfindig machen. Ich will nicht die mancherlei vergeblichen Bemühungen beschreiben, die mich quälten; ich habe sie glücklicherweise vergessen. Die erfolgreichen Gedanken waren folgende.
Wodurch ist die Buntfarbe von der grauen verschieden? Durch die Anwesenheit der bunten Vollfarbe. Kann ich diese auf irgendeine Weise unwirksam machen, so wird sie mich bei der Messung nicht mehr behindern.
Kann ich nun der bunten Umwelt ihre Buntheit nehmen? Natürlich nicht unmittelbar, sondern nur in ihrem Aussehen, für mein Auge. Ja, wenn ich sie durch ein rotes oder blaues oder sonst tief gefärbtes Glas betrachte. Durch ein blaues Glas sieht die ganze Welt blau aus, aber nicht gleichförmig, sondern mit Schatten und Licht, wie ein unbuntes Bild. Wenn ich also irgendein buntes Papier durch das blaue Glas an sehe, so wird[380]  es ein bestimmtes Blau zeigen, welches ebenso hell oder dunkel aussieht, wie ein passend gewähltes Grau; ich bin also in ganz ähnlichen Verhältnissen, wie bei der Messung eines grauen Papiers mittels der Grauleiter. Wie das aber zu deuten ist, weiß ich noch nicht.
Hier kommt nun der Satz vom ausgezeichneten Fall zu Hilfe, da in ihm die Verhältnisse einfacher werden. Gegeben sei ein rotes Papier; wo ist hier der ausgezeichnete Fall zu finden? Offenbar, wenn das bunte Glas oder Lichtfilter auch rot ist. Und noch einen ausgezeichneten Fall gibt es: jede bunte Farbe hat ihre Gegenfarbe (Komplementärfarbe), die ihr polar gegenübersteht. Also auch ein seegrünes Lichtfilter wird einen ausgezeichneten Fall ergeben, denn Seegrün ist die Gegenfarbe von Rot.
Wir betrachten zuerst den zweiten Fall; er hat sich als der einfachere herausgestellt. Das seegrüne Filter hat die Eigenschaft, daß es alles rote Licht verschluckt und nur grünes durchläßt. Wäre mein rotes Papier rein rot, so würde es hinter dem seegrünen Filter vollkommen schwarz aussehen. Solche Papiere gibt es nicht; neben der roten Vollfarbe ist immer noch Schwarz und Weiß vorhanden und solches Papier ist hinter dem Filter nicht rein schwarz, sondern heller.
Wovon? Das rote Licht geht nicht durch; der schwarze Anteil gibt kein Licht. Wohl aber der weiße Anteil. Weißes Licht enthält alle Farben vollständig, also auch Seegrün. Soviel Weiß im roten Papier vorhanden ist, soviel Seegrün geht durch das Filter. Dasselbe gilt für den weißen Anteil im Grau der Grauleiter. Sehen beide gleich aus, so enthalten beide also gleich viel Weiß. Da man den Weißgehalt der Grauleiterstufen kennt, so kennt man auch den Weißgehalt des roten Papiers.
Ich war unbeschreiblich froh, als ich so weit gekommen war. Denn dies war eine Entdeckung, die ich[381]  nicht dem Glück verdankte, sondern der methodischen Einkreisung meiner Aufgabe durch angemessene Gedanken, bis die Beute fest in meiner Hand war.
Und es handelte sich hierbei um mehr als den besonderen Fall, so wichtig er auch war. Ich hatte mir selbst bewiesen, daß man wirklich das Entdecken organisieren kann. Das bedeutete einen großen Sieg meines führenden Grundgedankens: daß der Wissenschaft alles zugänglich ist, und daß man daher das Entdecken ebenso lehren und lernen kann wie das Radeln.
Ob ich es damit für andere bewiesen habe, muß ich allerdings bezweifeln.
Denn ich höre die heute so zahlreichen Mystiker und Anhänger der Intuition beim schöpferischen Menschen heftig dagegen protestieren. Sie sagen: Ostwald irrt. Wir geben zu, daß er die Entdeckung gemacht hat, und daß sie bedeutend ist. Aber er irrt, wenn er meint, daß er durch seine sogenannte methodische Arbeit dazu gelangt ist (die wir nicht kennen und daher verachten). Der Kerl ist nämlich einfach ein Genie und macht seine Entdeckungen durch Intuition, wie das einem Genie zukommt. Er bildet sich nur nachträglich ein, daß er das mit seinem dürftigen Verstande selbst gemacht hat, was ein Gnadengeschenk des Weltgeistes ist.
Ich muß bekennen, daß ich dagegen wehrlos bin. Nur kann ich auf keine Weise herausbringen, woher sie das so genau wissen. Denn selbst machen sie keine wertvollen Entdeckungen, trotz ihrer intimen Beziehungen zum Weltgeist.
Wir haben noch den zweiten (eigentlich ersten) ausgezeichneten Fall zu untersuchen, nämlich daß wir das rote Papier durch das rote Filter betrachten. Nun geht alles Rot vom Papier durch, auch aus dem Weiß, und wenn die Farbe des Papiers nur Rot und Weiß enthielte, so würde es ebenso hell aussehen, wie ein weißes Papier.[382]  Der schwarze Anteil aber, wenn er vorhanden ist, wirft kein Licht zurück und läßt das Papier entsprechend dunkler erscheinen. Finde ich also ein Graupapier, das hinter dem roten Filter ebenso hell aussieht, wie das rote, so enthalten beide gleich viel Schwarz.
Damit sind die Zahlenwerte von Weiß und Schwarz bestimmt. Zieht man sie von Eins ab, so erfährt man, wieviel Vollfarbe vorhanden ist und in der Gleichung v + w + s = 1 ist jeder einzelne Wert bekannt. Die Aufgabe einer Messung der Farbelemente ist gelöst. Sie war durch die früheren Forscher nicht einmal gestellt, geschweige denn gelöst worden.
Nachdem der grundlegende Gedanke gewonnen war, ließ sich seine Übersetzung in das Gebiet der praktischen Anwendung verhältnismäßig leicht ausführen. Zwar hatte ich früher kaum je Gelegenheit gehabt, optische Geräte zu entwerfen. Aber was hier nötig war, ließ sich mit so einfachen Hilfsmitteln erledigen, daß ich mir den Farbmesser (das Chrometer) alsbald selbst erbauen konnte und ihn jahrelang täglich benutzt habe, auch als mir hübschere, vom Mechaniker erbaute Ausführungen längst zu Gebote standen.
Das ganz unbekannte Neuland, welches mir derart zugänglich geworden war, gab reichliche Arbeit für mehrere Jahre, bis die Hauptpunkte festgestellt und ihre gegenseitigen Beziehungen ermittelt waren. Dabei wurde beständig Gebrauch von der Gleichung v + w + s = 1 gemacht, für deren Richtigkeit zahlreiche Bestätigungen gefunden wurden.
Das farbtongleiche Dreieck. Es entstand nun die Frage, wie die unabsehbare Menge aller Farben zu ordnen sei, die aus Vollfarbe, Weiß und Schwarz entstehen können, wenn diese in allen denkbaren Verhältnissen gemäß der Gleichung v + w + s = 1 gemischt werden. Mit Rücksicht auf die begrenzte Unterscheidungsfähigkeit[383]  des Auges, die »Schwelle« kann man die Anzahl der unterscheidbaren Farben auf eine bis zehn Millionen, vielleicht noch höher schätzen. Diese ungeheuere Menge galt es so zu ordnen, daß jede einzelne Farbe aus den Millionen ihren ganz bestimmten, unmittelbar auffindbaren Platz erhielt. Wenn die seinerzeit erwähnte Ordnungswissenschaft oder Mathetik etwas wert war, so konnte sie das hier erweisen.
Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit war schon vor mehr als hundert Jahren durch Deutsche Forscher geleistet worden; Tobias Mayer, Johann Lambert, Philipp Runge sind hier zu nennen. Das Hauptergebnis war, daß die Gesamtheit aller Farben sich nicht in einer Linie oder Fläche abbilden läßt, sondern nur in einem räumlichen Gebilde, einer dreiseitigen Pyramide (Lambert) oder Kugel (Runge). Ihre Ergebnisse wurden in den Hintergrund gedrängt durch das sehr anspruchsvoll auftretende System des Franzosen Chevreul, das von mehreren Seiten anzuwenden versucht wurde. Doch endeten alle diese Ansätze in Mißerfolg, weil das System in sich fehlerhaft ist. Da in allen Fällen die Einteilung der Farben in Ermangelung eines objektiven Verfahrens der Messung auf bloßer Schätzung beruhen mußte, so konnte sich keiner dieser Versuche durchsetzen, wenn auch gewisse grundlegende Ordnungen sich dabei herausstellten.
Von den neueren Forschern ist der Lösung der Aufgabe am nächsten gekommen Ewald Hering, der als Nachfolger Karl Ludwigs (II, 82) einige Jahre mein Kollege an der Leipziger Universität war. Ihm verdanken wir den Begriff des farbtongleichen Dreiecks, nämlich der Gesamtheit aller Farben, die von einer gegebenen Vollfarbe dadurch abgeleitet werden können, daß man sie in allen denkbaren Verhältnissen mit Weiß und Schwarz und beiden vermischt. Er erkannte[384]  ganz richtig, daß jeder Körperfarbe neben ihrem bunten Farbton noch eine gewisse Weißlichkeit und eine gewisse Schwärzlichkeit zukommt, die beide stärker oder schwächer vorhanden sein können und so das Aussehen der Farbe bestimmen. Ferner zeigte er, daß man die hier vorhandenen Möglichkeiten erschöpfen kann, wenn man alle derartigen Abkömmlinge einer gegebenen Körperfarbe in einem Dreieck anordnet, in dessen Ecken sich Vollfarbe, Weiß und Schwarz befinden, zwischen denen nach allen Richtungen im Dreieck stetige Übergänge bestehen.
Dies war alles ganz richtig. Leider stellte aber Hering die Möglichkeit in Abrede, in diese Verhältnisse messend einzudringen und verfehlte auf solche Weise die Vollendung seines guten Gedankens. (III, 373.)




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Hier konnte ich seine Arbeit aufnehmen und fortsetzen, nachdem ich die Messung der Farben ermöglicht hatte. Stellt die Linie WS die Gesamtheit der unbunten Farben von Weiß (W) über Grau bis Schwarz (S) dar, so muß eine Vollfarbe, da sie bunt ist, notwendig außerhalb dieser Linie untergebracht werden. Wir setzen sie nach V. Dann liegen auf der Linie VW alle Mischungen aus der Vollfarbe und Weiß, auf VS alle aus der Vollfarbe mit Schwarz. Im Inneren des Dreiecks liegen alle Mischungen, welche neben der Vollfarbe gleichzeitig Weiß und Schwarz enthalten; sie heißen trübe Farben. Längs der Linie VG, welche von der Vollfarbe zu irgendeinem Grau G geht, liegen alle Mischungen der Vollfarbe mit diesem Grau. Da solche Linien zu jedem Punkt der unbunten Reihe WS gezogen werden können, sind die Mischungen mit jedem möglichen Grau vorhanden. Das Dreieck umfaßt also in der Tat alle denkbaren Abkömmlinge der[385]  gewählten Vollfarbe. Da durch die Größe der Abstände die Mischungsverhältnisse zahlenmäßig dargestellt werden, so stellt jeder Punkt des Dreiecks ein ganz bestimmtes Gemisch dar; wir haben hier also eine vollständige zahlenmäßige Abbildung aller Abkömmlinge eines gegebenen Farbtons.

Für mich entstand nun die Aufgabe, solche farbtongleiche Dreiecke für die verschiedenen Farbtöne herzustellen, um eine Anschauung davon zu gewinnen, wie solche Dreiecke überhaupt aussehen. Denn bisher hatte noch keines das Licht des Tages erblickt. Ich erschrak zunächst vor der Größe der Arbeit. Da ich diese aber zunächst auf einige Hauptpunkte beschränken und sie nach Bedarf mehr und mehr in die Einzelheiten führen konnte, so lag die Ausführung doch im Bereich der Möglichkeiten, so sehr diese damals durch den Krieg eingeschränkt waren. Eine unbedingte Voraussetzung war freilich eine gute Kenntnis der Farbstoffe und der Arten ihrer Anwendung. Sie war im vorliegenden Falle erfüllt, was sonst bei den Farbforschern nicht der Fall zu sein pflegt, und dies erklärt, warum dieses Mal ein Erfolg erreicht wurde.

Der Farbtonkreis. Ehe ich indessen an diese Arbeit gehen konnte, war noch eine Frage klarzustellen, welche die bisherige Wissenschaft unbeantwortet gelassen hatte, nämlich die nach der richtigen Anordnung oder Einteilung des Farbtonkreises. Farbton ist der allgemeine Name für jene Eigenschaft der Buntfarben, welche man in den Einzelfällen Gelb, Rot, Blau, Grün nennt. Wir haben eben gesehen, daß es zahllose Farben gleichen Farbtons gibt, nämlich alle, die in demselben Dreieck untergebracht sind. Man muß also die Begriffe Farbe und Farbton genau unterscheiden. Farbe ist die Einzelerscheinung von bestimmtem Farbton, Weiß- und Schwarzgehalt; Farbton[386]  ist der allgemeinere und unbestimmtere Begriff, der von dem unbunten Anteil unabhängig ist.
Von den Farbtönen war längst bekannt, daß sie sich zu einer in sich zurücklaufenden Reihe ordnen lassen, die man am einfachsten in Gestalt eines Kreises darstellt, die der Farbenkreis, genauer der Farbtonkreis heißt. Geht man also von einem bestimmten Farbton aus, so sind die im Kreise benachbarten diesem ähnlich: der Farbtonkreis ist stetig. Je weiter man kommt, um so unähnlicher wird der Farbton dem Ausgangston. Das geht aber nicht unbegrenzt weiter, denn nachdem ein unähnlichster Punkt, der Gegenfarbton erreicht ist, werden die folgenden Farben wieder ähnlicher, bis beim Ausgangspunkt der stetige Anschluß erreicht ist. Es gibt ein Mittel, solche Gegenfarbenpaare genau zu bestimmen: sie ergeben beim Mischen neutrales Grau. Man kann fordern, daß Gegen-Farbtöne sich im Kreise gegenüber liegen sollen. Das ist der erste Schritt zur Festlegung der Farbtöne im Kreise; er ist aber noch nicht genügend.
Im Farbtonkreise sind zwar die Farbtöne nach einer stetigen Folge aufgereiht, über die kein Zweifel besteht. Aber nur die Reihenfolge ist zweifellos, ähnlich wie die von Perlen, die locker auf einem Faden gereiht sind; Ebenso, wie die Perlen sich hier dicht, dort locker folgen können, so können im Farbtonkreise die Farbtöne enger oder weiter angeordnet werden. Ich fand in der vorhandenen Wissenschaft keinen Grundsatz vor, der hier eine Entscheidung fällte. Wiederum konnte ich das Verfahren des ausgezeichneten Falles anwenden und unter den möglichen Anordnungen die mit der Eigenschaft der Einmaligkeit behaftete aufsuchen. Ich legte sie meinem Farbtonkreise zugrunde und kann mitteilen, daß er sich inzwischen zunehmend als der beste durchgesetzt hat.[387]
Bei diesen Arbeiten stieß ich auf einen schweren Block, der lange hart auf meinem Denkgewissen lastete. Bekanntlich zeigt das Spektrum, die Anordnung der Lichter nach ihren Wellenlängen, dieselbe Reihenfolge, wie der Farbtonkreis, nur mit einer Lücke im Purpur, das im Spektrum nicht vorkommt. Das rote Licht hat die längsten Wellen, dann kommt Kreß (Orange), Gelb, Laubgrün, Seegrün, Eisblau, Ublau (Ultramarinblau), Veil (Violett); dieses hat die kürzesten. Nach den Wellenlängen beurteilt, müßten also Rot und Veil die größte Verschiedenheit im Aussehen haben, weil bei ihnen der größte Unterschied der Wellen besteht. Das ist aber keineswegs der Fall, vielmehr stehen sich Rot und Veil im Aussehen sehr nahe, viel näher als etwa Rot und Grün. Während also die Empfindungen der Farbtöne sich zu einem Kreise schließen, verlaufen die Wellenlängen, die mit den Farbtönen eindeutig verknüpft sind, einsinnig von einem größten bis zu einem kleinsten Wert. Wären die Wellenlängen unmittelbar maßgebend für die Empfindung, so müßten die Farbtöne eine Ordnung zeigen, wie die unbunten Farben: eine stetige Reihe, mit dem größten Unterschied an beiden Endpunkten.
Daß über diesen Block noch niemand gestolpert war, kann ich nur dem Umstande zuschreiben, daß solche einfache ordnungswissenschaftliche Betrachtungen selbst Fachleuten, die sonst sehr gute Einzelkenntnisse besitzen, noch ganz ungeläufig sind, so daß sie die Sache nicht einmal verstehen, wenn man sie ihnen begreiflich zu machen versucht. Das ist die Folge der Vernachlässigung dieser Grundlage aller anderen Wissenschaften.
Das Farbenhalb. Einen anderen Block hatte zwar schon Schopenhauer gesehen und gekennzeichnet; da aber niemand ihn zu beseitigen wußte, hat man ihn ein Jahrhundert lang liegen gelassen und umgangen. Er liegt in den folgenden Tatsachen.[388]
Reines, gesättigtes Gelb, z.B. helles Kadmiumgelb, ist fast so hell wie Weiß. Im Spektrum macht Gelb etwa ein Zwanzigstel aus. Wenn die Körperfarben dadurch zustande kämen, wie man in allen Lehrbüchern las, daß nur die betreffenden Lichter zurückgeworfen, alle anderen verschluckt werden, so müßten gelbe Farbstoffe schwarz aussehen, denn schon bei 1/10 Rückwurf beginnt das Schwarz. Ähnlich, wenn auch nicht so auffallend ist es mit den anderen Farben.
Um selbst zu sehen, wie die Sachen liegen, sah ich mir eine rein gelbe Lösung mit dem Spektroskop an; Nebenlicht war ausgeschlossen. Ich sah nicht etwa den gelben Teil des Spektrums allein, wie ich erwartete, sondern sah den ganzen langwelligen Teil, Rot, Kreß, Gelb und Grün so hell, wie wenn gar nichts vor dem Spektroskop wäre. Blau und Veil war verschwunden; die Grenze ging durch das Seegrün. Ich wechselte den Stoff, denn es gibt recht viele gelbe Stoffe. Immer sah ich dasselbe Bild: der größere und hellste Teil des Spektrums ging ungeschwächt durch und die Grenze blieb dieselbe bei reinem Gelb; bei rötlichem verschob sie sich etwas nach den längeren Wellen.
Hunderte, vielleicht Tausende von Physikern, Physiologen, Psychologen, Farbchemikern usw. hatten dies vor mir gesehen und mancher hat sich auch darüber gewundert. Aber keiner hatte sich entschlossen, zuzugeben, daß alle diese roten, kressen, gelben und grünen Lichter notwendig sind, um das Gelb der Körperfarben, das bezogene (III, 369) Gelb zu erzeugen. Solche Gewalt haben die in der Schule aufgenommenen Ansichten über den Erwachsenen, selbst wenn er sonst an wissenschaftliches Denken gewöhnt ist, daß er nicht sehen will, was er vor Augen hat. Die Wichtigkeit der Aufgaben, denen ich mich bei der Schulreformbewegung hingegeben hatte, trat mir hier nochmals eindrucksvoll in das Bewußtsein.[389]
Ich war bei diesen Forschungen entschlossen, keinen solchen Block liegen zu lassen. So sah ich mich genötigt, den Gedanken nicht nur zuzulassen, sondern in den Mittelpunkt der Begriffsbildung zu stellen, daß zur Entstehung der bezogenen Farben auch im reinsten Zustande ein ganzer Fächer von Spektralfarben gehört. In meinen Schriften über Farbenlehre kann man nachlesen, wie die hier vorhandenen Tatsachen zu der Lehre vom Farbenhalb organisiert wurden, welche nicht nur die beiden beschriebenen Blöcke der Widersprüche (auch den wegen der Purpurfarben) beseitigt, sondern außerdem nach vielen Seiten neue Aufklärung gibt. Nur eine allgemeine Betrachtung soll hier mitgeteilt werden.
Entwicklungsgeschichtliches. Goethe schreibt in der Einleitung zu seiner Farbenlehre: »Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu verdanken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor.« Die spätere Entwicklungsgeschichte hat diese Vorausnahme voll bestätigt. Zum Verständnis des Sehens ist es also notwendig, sich die Entwicklung des Auges gegenwärtig zu halten.
Niemals hat ein Lebewesen in der Natur Gelegenheit, Licht zu sehen, das nur aus Wellen gleicher Länge besteht; homogenes Licht nennt es die Physik. Immer und überall wirken auf das Auge nur Gemische benachbarter Wellenlängen über breite Gebiete des Spektrums. Das primitive Auge ist für Unterschiede der Wellen überhaupt nicht empfänglich; es sieht nur unbunt. Bei höherer Entwicklung werden grobe Unterscheidungen zu machen begonnen, aber auch für das feinst entwickelte Auge des Farbenkenners gibt es zahllose verschiedene Lichtgemische, die er nicht unterscheiden kann. Es bestand während der ganzen Entwicklungsreihe vom primitiven Pigmentfleck bis zum Künstlerauge niemals die Möglichkeit der Anpassung an homogene Lichter, weil solche[390]  nie auf das Auge wirkten. Die dem Physiker nahe liegende Annahme, die homogenen Lichter, die ihm das Prisma nebeneinander legt, seien nicht nur die physikalischen, sondern auch die psychophysischen Elemente des Sehens, die von den früheren Farbenforschern als selbstverständlich, d.h. ohne Prüfung gemacht und benutzt wurde, ist ein schwerer Irrtum. Zu einer so weitgehenden Zerlegung ist das Auge bei weitem nicht fähig. Möglicherweise wird eine solche Fähigkeit in fernster Zukunft als Zielpunkt der Entwicklung des Auges erreicht werden. Zurzeit aber sind wir noch um Siriusweiten davon entfernt. Die Lehre vom Farbenhalb stellt nun die Stufe der Entwicklung fest, auf welcher wir uns seit geschichtlicher Zeit befinden. Auch ist kein deutliches Zeichen dafür vorhanden, daß wir uns darüber hinaus zu entwickeln angefangen haben. Eine heutige Farbenlehre hat also diesen Zustand genau zu definieren und seine Verhältnisse zu untersuchen. Das ist es, was ich mir zur Aufgabe gestellt hatte. Es gelang so weit, daß wir uns im Farbtonkreise zu Hause fühlen können.
Als ich so weit gekommen war, stand ich vor der Aufgabe, von jeder beliebigen Farbe, ob klar oder trübe, den Farbton festzustellen. Hierfür wurde wieder ein recht einfaches Gerät erfunden, der Polarisations-Farbenmischer, genannt Pomi. Er gestattet, wenn ein hinreichend eingeteilter Farbtonkreis gegeben ist, für jede vorgelegte Farbe den Punkt zu bestimmen, an den ihr Farbton gehört.
Die Herstellung dieses geteilten Farbtonkreises war wieder eine lange und schwierige Arbeit, für welche zahllose Einzelheiten als Vorarbeit erst noch erforscht werden mußten. Wegen der Zehnerordnung wählte ich eine Teilung des Kreises in hundert Farbtongrade, die schon nahe an der Grenze der Unterscheidbarkeit liegen. Als er fertig war, hatte ich die Aufgabe gelöst, jede vorgelegte Farbe[391]  erschöpfend nach Farbton, Weißgehalt und Schwarzgehalt zu kennzeichnen. Die gesamte Farbenwelt war der Herrschaft von Maß und Zahl unterworfen.
Bedeutung der Farbenmessung. Kultur ist das geistige Kapital der Menschheit. Damit es angesammelt werden kann, muß die Möglichkeit bestehen, was der einzelne erarbeitet hat, über Raum und Zeit den Nachfahren mitzuteilen und zu erhalten. Hierzu dienen Sprache und Schrift; ohne sie gibt es keine Kultur.
Eine Sprache und Schrift für die Farbe gab es bisher nicht. Daher gibt es auch keine Kultur der Farbe. Der Berliner Psychologe v. Alesch hat vieljährige Untersuchungen über diese Frage angestellt und ist erfahrungsmäßig zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Obwohl ich mein ganzes Leben lang beständig mit Farben umgegangen war und ihnen die lebendigste Teilnahme gewidmet hatte, war ich bis vor wenigen Jahren irgendeinem Bilde, einem Ornament, einem garnierten Damenhut gegenüber nicht in der Lage zu sagen: das ist gut in der Farbe, das übel. Denn wenn ich mich selbst befragte, erhielt ich keine Antwort. In den eben erwähnten Untersuchungen hat v. Alesch das gleiche Farbengebilde denselben Menschen zu verschiedenen Zeiten vorgelegt und diese haben sehr verschiedene, nicht selten vollkommen entgegengesetzte Urteile darüber gefällt. Alles, was man bei wohlwollendster Ausdehnung des Begriffes Farbenkultur nennen kann, beschränkt sich auf die Leistungen einzelner Personen. Diese vermögen aber ihr Können nicht auf andere zu übertragen. Das ist nicht der Zustand der Kultur, sondern der, wie er vor Beginn der Kultur bestand.
Warum kann der einzelne sein Farbkönnen nicht weitergeben? Weil er keine Worte dafür hat. Man versuche, ein farbschönes Muster einfachster Art so zu beschreiben, daß ein anderer nach der Beschreibung, ohne das[392]  Muster zu sehen, eine ebenso farbschöne Nachbildung erzeugt. Es ist unmöglich. Und wenn der Schöpfer des Werkes selbst sein Muster wiederholt, ohne es vor Augen zu haben, wird er vielleicht ein ebenso schönes hervorbringen. Aber es werden nicht dieselben Farben sein, weil er seine Farben nicht benennen und sie daher nicht auswendig lernen kann. Deshalb müssen wir einen so übertriebenen Wert auf die Originalwerke unserer Meister legen, weil sie Einzelwesen sind, die vollkommen verschwinden, wenn sie irgendwie zerstört werden, was an Ölgemälden, wie sie heute gemalt werden, unvermeidlich beim bloßen Aufbewahren erfolgt. Was Tonkünstler und Dichter vor Jahrhunderten geschaffen hatten, liegt unzerstörbar in Noten und Büchern gesichert und kann jederzeit zu neuem Leben erweckt werden. Bei Bildern ist es unmöglich, was ihre Farbe anlangt. Und warum? Weil man Farben nicht aufschreiben kann. Oder genauer gesagt, bisher nicht aufschreiben konnte.
Denn jetzt kann man es. Man kann den Farbton und den Gehalt an Weiß und Schwarz messen und gibt man die gefundenen drei Zahlen an, so ist die Farbe genau und für alle Zukunft bezeichnet. Sie kann gesprochen, geschrieben, telegraphiert, durch Rundfunk verbreitet werden. Jenes schöne Muster, von welchem oben die Rede war, kann gemessen und danach jederzeit mit vollkommen gleicher Wirkung wiederhergestellt werden, wenn man in eine Zeichnung die »Kennzahlen« der zugehörigen Farben einschreibt. Diese stellen dasselbe dar, was die Noten bei einem Tonwerke, die Buchstaben bei einem Dichtwerke sind.
Man sollte meinen, daß insbesondere die Vertreter der Kunstgeschichte mit Begierde dieses Mittel ergreifen würden, um ihrer Wissenschaft endlich durch Maß und Zahl Exaktheit und Klarheit zu geben. Als ich aber[393]  im Herbst 1919 in Stuttgart auf einer Werkbundtagung öffentlich Nachricht von diesen meinen Arbeiten gegeben hatte, verfaßten sie eine Schrift, in welcher meine Tätigkeit als im höchsten Grade schädlich beschrieben wurde, sammelten Unterschriften dazu und versandten das Schriftstück an alle Deutschen Unterrichtsministerien mit dem dringenden Ersuchen, insbesondere das Eindringen der messenden Farbenlehre in die Schulen mit allen Mitteln zu verhindern.
Neue Arbeit. Nachdem alles dies erreicht war, sah es einen Augenblick lang so aus, als könnte die Arbeit abgeschlossen werden. Nicht als wäre der Gegenstand erschöpft gewesen – ich habe keineswegs über alle Fragen berichtet, die im Zusammenhange mit jenen Forschungen beantwortet wurden – denn kein wissenschaftliches Problem kann jemals erschöpft werden. Sondern weil der erreichte Standpunkt bereits nach der praktischen wie theoretischen Seite Anderen so viel neue Forschungsarbeit ermöglichte, daß für lange Zeit vorgesorgt war.
Aber es lag noch ein neues Feld von größter praktischer Wichtigkeit vor, das jedenfalls Beackerung verlangte. Im unbunten Gebiet war nicht nur Ordnung und Messung durchgeführt worden, sondern auch Normung. Es war aus der Unendlichkeit der verschiedenen Grauabstufungen eine bestimmte Anzahl gleichabständiger Farben ausgewählt worden, welche als Vertreter ihrer näheren Nachbarn dienen können, so daß man mit 10, oder mit 20 solcher Graunormen so gut wie alles ausrichten kann, was man bisher mit unbestimmt vielen machte. Zudem waren für diese Normen Zeichen in Gestalt von Buchstaben festgesetzt worden, welche ihre Handhabung überaus leicht machen. Wird angegeben, daß ein Damenkleid in Grau g gehalten sein soll, mit Ausputz in e und i, so ist damit eine ganz eindeutige Kennzeichnung der Farbe dieser wichtigen Sache gegeben.[394]
Ebenso, wie die grauen Farben geordnet und genormt waren, wollten die bunten es werden. Da aber die grauen Farben einfaltig sind, die bunten dreifaltig, so war die Aufgabe hier sehr viel verwickelter. Und bei der Lösung war ich nicht mehr ganz frei. Denn die grauen Normen lagen bereits fest und nach dem oben ausgesprochenen Grundsatz mußten die neuen Normen mit den älteren im Einklang stehen, wo sie sich irgendwie berührten.

Das Fechnersche Gesetz bei den Buntfarben. Zunächst fing ich mit dem Einfachsten an, indem ich eine möglichst reine Vollfarbe z.B. Zinnober mit Weiß stufenweise aufhellte. Anfangs hatte ich das Weiß eine gleichabständige (arithmetische) Reihe bilden lassen, 1/10, 2/10, 3/10 usw. Das Ergebnis war ganz ähnlich wie beim Grau (III, 366); die Abstände waren am weißen Ende zu klein, am bunten zu groß. Das Rot des Zinnobers verhielt sich also gegen Weiß ganz ähnlich als wäre es Schwarz. Die Folgerung war gegeben: auch für diese Mischung gilt das Fechnersche Gesetz und wir müssen das Weiß nach einer geometrischen Reihe abstufen.

Aber nach welcher? Die Antwort war schon bereit: es mußten die gleichen Weißanteile genommen werden, wie in der Graureihe cegilnp. (Da a reines Weiß ist, kam es hier nicht in Frage.) Denn was einmal genormt ist, muß so bleiben. Hier gilt es für den Weißanteil.

Beim Schwarz ergaben sich ganz ähnliche Verhältnisse. Auch hier gilt das Fechnersche Gesetz, aber nun übernimmt die Vollfarbe die Rolle des Weiß gegenüber dem Schwarz.

Wie soll nun das Schwarz abgestuft werden? Offenbar wie das Schwarz in der Graureihe acegilnp. Der Versuch zeigt in einem wie dem anderen Falle, daß die so gebildeten Leitern für die Empfindung gleiche Abstände aufweisen.
[395]  Das farbtongleiche Dreieck. Damit sind die Mischungen mit Weiß oder Schwarz allein genormt. Es fehlen aber noch die Mischungen, welche gleichzeitig Weiß und Schwarz enthalten. Die ersten Mischungen nennen wir hellklar und dunkelklar; die mit Grau trübe. Es steht also noch die Normung der trüben Farben aus.
Hier hatte Hering schon vorgearbeitet, indem er nachgewiesen hatte, daß alle Abkömmlinge, die aus einer Vollfarbe durch Zusatz von Weiß und Schwarz entstehen, sich in einem Dreieck unterbringen lassen, in dessen Ecken reine Vollfarbe v, Weiß w und Schwarz s liegen (III 384). Dann liegen in der Seite vw die hellklaren, in vs die dunkelklaren Farben, während ws die altbekannte Graureihe enthält. Im Inneren aber liegen alle trüben Farben, welche gleichzeitig Weiß, Schwarz und Vollfarbe enthalten.




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Untersucht man die Geometrie dieser Anordnung näher, so findet man allerlei höchst lehrreiche Beziehungen, welche die Beschäftigung damit zu einem wahren Vergnügen machen. Hier soll nur über das Endergebnis bezüglich der Normung berichtet werden. Man kann es aus dem beistehenden Bild ablesen.
Jedes Feld bedeutet eine Normfarbe. Von den beiden Buchstaben darin bedeutet der erste den Weißgehalt, der zweite den Schwarzgehalt, wie er in dem gleichnamigen Grau vorhanden ist. Wie man sieht, laufen von links nach rechts schräg nach unten Reihen mit gleichem ersten Buchstaben, d.h. gleichem Weißgehalt, schräg[396]  nach oben Reihen mit gleichem zweiten Buchstaben oder Schwarzgehalt: die Weißgleichen und die Schwarzgleichen. Senkrecht laufen die Schattenreihen.
Eine etwas eingehendere Untersuchung, und noch besser die Anschauung eines ausgeführten Dreiecks zeigt, daß sich um v die reinfarbigen, um w die weißlichen und um s die schwärzlichen Abkömmlinge des Farbtons sammeln; überall grenzen die ähnlichsten Farben aneinander. Wer als mit Farben Vertrauter, also als Maler oder Färber zum ersten Male ein solches Dreieck sieht, erlebt eine beglückende Offenbarung. Ich habe das nicht nur an mir erprobt, sondern an unzähligen Anderen. Denn man fühlt zum ersten Male den strengen, inneren Zusammenhang der ganzen Farbenwelt und erkennt grundlegende Beziehungen, die man geahnt aber nicht gewußt hat. Was sich z.B. als Abkömmling von Gelb auswies, hat seinerzeit in mir einen Sturm freudiger Erregung ausgelöst, wie wenn der Nebel plötzlich von einer Fernsicht fortgeweht wird, die sich alsdann in Glanz und Schönheit entfaltet.
Das Dreieck enthält nämlich alle möglichen Verbindungen der genormten Weiß- und Schwarzmengen mit der Vollfarbe. Diese bilden die Normen aller Buntfarben, welche von derselben Vollfarbe durch Zumischung von Weiß und Schwarz abgeleitet werden können, also die vollständige Normentafel dieser Vollfarbe bis p. Alle darin enthaltenen Farben haben den gleichen Farbton, das Dreieck heißt deshalb auch das farbtongleiche Dreieck.
Meinem denkerischen Gewissen war es eine unbeschreibliche Beruhigung, als ich dieses Dreieck gefunden hatte, in welchem alles so restlos klappte. Denn ich war mir klar über die sehr hohe Verantwortung, welche ich übernahm, als ich diese Normen festsetzte. Ich konnte keinen Ausschuß von Sachverständigen hierüber[397]  anhören, da ich einstweilen der einzige Sachverständige war. Somit fehlte mir die sonst so gern gewährte kollegiale Hilfe bei der Entdeckung etwaiger Fehler ganz und ich mußte mich auf meine eigene Kritik verlassen. Die durchgehende Harmonie oder Gesetzlichkeit der gefundenen Lösung war eine schwerwiegende Gewähr dafür, daß sie wirklich den gesuchten ausgezeichneten Fall darstellt.
Normung des Farbtonkreises. Die Beendigung des Normungsgeschäftes war nun verhältnismäßig leicht geworden. Die Entwicklung eines farbtongleichen Dreiecks brauchte nur gleicherweise für jeden Farbton durchgeführt zu werden. Werden dann alle Dreiecke im Raum so um eine gemeinsame Achse geordnet, daß sie mit ihren grauen Seiten die Achse berühren und mit der Spitze hinausstreben, so entsteht ein räumliches Gebilde, ein Doppelkegel. Seine obere Spitze ist weiß, die untere schwarz, im Äquator liegt der Vollfarbenkreis. Der obere Kegelmantel enthält die hellklaren Farben, der untere die dunkelklaren, das Innere des Doppelkegels wird von trüben Farben erfüllt. In der Achse liegen die unbunten Farben. Alles erwies sich so wohlgeordnet, daß jede Einzeluntersuchung neue gesetzliche Beziehungen zwischen den Farben aufdeckte, zum Zeichen, daß wirklich das Wesen der Sache getroffen und ausgedrückt war.
Nur ein Punkt verlangte noch Erledigung. Ich hatte anfangs den Farbtonkreis in 100 Grade geteilt, um ganz unvoreingenommen das Ergebnis der gesetzlichen Anordnung der Farbtöne auf mich wirken zu lassen. Die Anschauung ergab zunächst die Zweckmäßigkeit von Herings Annahme der vier Urfarben Gelb, Rot, Blau, Grün, ferner aber die Notwendigkeit, überall je eine Zwischenfarbe einzuschalten. Diese eingeschalteten Farben hatten zwischen Gelb, Rot und Blau schon von jeher eigene Namen. Sie hießen früher Orange und Violett, beides Fremdwörter. Ich ersetzte sie durch Kreß, die[398]  Farbe der Kapuzinerkresse und Veil, die Farbe des Veilchens. Dann aber galt es, auch zwischen Blau, Grün und Gelb zwei Farben einzuschalten. Daß man das rötliche Ultramarinblau von seinem grünlichen Nachbar unterscheiden kann oder muß, hatte schon Newton gesehen, als er seinem verunglückten Vergleich mit der Tonleiter zuliebe sieben Farbtöne nötig hatte. Aber ebenso verschieden ist das kalte Seegrün vom warmen Laubgrün, so daß auch das Grün Spaltung gestattet oder verlangt. Dies ergab die Namen Ublau, Eisblau, Seegrün, Laubgrün für die andere Hälfte des Farbtonkreises. Bei der Namengebung habe ich darauf geachtet, daß jeder Name mit einem anderen Buchstaben anfängt, also die einfachste Abkürzung gestattet.
Diese acht Punkte des Farbtonkreises liegen zu weit voneinander, um als Normen auszureichen. Eine entsprechende Untersuchung ergab, daß drei Stufen für jede der acht Hauptfarben notwendig und ausreichend für 99 v.H. aller Anwendungen sind. Das gibt 24 Farbtonnormen mit den Namen erstes, zweites, drittes Gelb, Kreß, Rot usw. Es lassen sich leicht recht genaue anschauliche Erinnerungen mit ihnen verbinden. Man kann mit anderen Worten Farben sehr gut auswendig lernen. Voraussetzung ist nur, daß sie genau definiert sind und einen unverwechselbaren Namen haben, da man sonst nicht weiß, wovon die Rede ist. Das ist wieder ein Beleg für die grundlegende kulturelle Bedeutung des Wortes.
Neben den gesprochenen Namen waren noch kurze Zeichen notwendig. Da die Buchstaben für die Graustufen schon verbraucht waren, blieben hierfür die Ziffern übrig. Am besten wäre gewesen, die Zeichen 0 bis 7 oder 1 bis 8 für die Hauptfarben zu benutzen. Dann aber gab es keine einfachen Bezeichnungen für die Zwischenstufen, welche unendliche Dezimälbrüche wie 1·333 ...[399]  und 1·666 ... hätten erhalten müssen: wieder ein Fall, wo sich die Ungeschicklichkeit unserer Zehnerzählung offenbart. So mußte ich die Zahlen 1 bis 24 zur Bezeichnung der 24 Farbtöne wählen; für die seltenen Fälle, wo eine feinere Teilung nötig wird, sind Dezimalen möglich.
Die Farbzeichen. Wenn auch die Einsicht in die Notwendigkeit genauer Farbbezeichnungen für die Ermöglichung einer Farbkultur ein folgenreicher gedanklicher Fortschritt war, so konnte doch ein solcher nicht beginnen, bevor der Gedanke vollständig Gestalt gewonnen hatte. Ich sah also die praktische Aufgabe vor mir, die Ergebnisse der Messung und Normung in eine so handliche Form zu bringen, daß jedermann, selbst ein Kunsthistoriker sie anwenden konnte.
Zwar waren in den Kennzahlen (III, 391), dem zahlenmäßigen Ausdruck der Farbenzerlegung solche eindeutige Bezeichnungen gegeben. Sie waren aber zu allgemein und ließen insbesondere die Normen nicht hervortreten. Die Verhältnisse lagen hier ähnlich wie in der Musik. Ein Ton ist durch seine Schwingzahl der Höhe nach gekennzeichnet, aber um zu wissen, welches Intervall im musikalischen Sinne zwei Töne mit gegebenen Schwingzahlen bilden, bedarf es einer Rechnung, während die Notenschrift dies unmittelbar erkennen läßt. Ein Musikstück, das in Schwingzahlen niedergeschrieben ist, kann deshalb nicht vom Künstler gespielt werden, da es nicht möglich ist, die Rechnungen schnell genug auszuführen, selbst wenn der Künstler die Art der Berechnung lernen wollte, was wiederum nahezu eine Unmöglichkeit bedeutet. Durch die Notenschrift wird es möglich gemacht.
Nun ist die Welt der Töne viel einfacher, als die der Farben. Denn die Tonhöhe hat nur ein Bestimmungsstück, die Schwingzahl. Eine Farbe hat dagegen deren[400]  drei: Farbton, Weiß- und Schwarzgehalt. Also muß ein Farbzeichen notwendig aus drei Einzelzeichen bestehen, welche diesen drei Dingen zugeordnet sind.
Im Hinblick auf die eben entwickelten Bedürfnisse habe ich die kurzen Zeichen gewählt, die oben angegeben wurden. Durch ihre Zusammensetzung entstehen die Farbzeichen, die den Noten der Musik entsprechen. Zuerst kommt der Farbton, eine der Zahlen 1 bis 24. Dann kommt der Weißgehalt, einer der Buchstaben c e g i l n p (oder weiter, wenn man weißärmere Farben herstellen kann). Zuletzt kommt der Schwarzgehalt, für den gleichfalls die Buchstaben a c e ... dienen. Durch die Stellung (zuerst oder zuzweit) sind Weiß und Schwarz genügend unterschieden, so daß eine Verwechselung der Bedeutung der Buchstaben ausgeschlossen ist. Beim Weiß hat a den größten Wert, c e g ... haben immer kleinere. Bei Schwarz hat a den Wert Null und c e g ... bedeuten ansteigende Schwarzmengen.
So lernt man bald die Farbzeichen lesen: 13 ni bedeutet z.B. ein erstes Ublau mit wenig Weiß und mittelmäßig viel Schwarz, also ein dunkles, etwas trübes Ultramarinblau.
Der Farbatlas. Obwohl mit den von mir ausgebildeten Geräten die Messung einer Farbe sich in wenigen Minuten erledigen läßt (wobei durchschnittlich Frauen sich geeigneter erwiesen, als Männer), machte ich mir doch klar, daß es zahllose Fälle gibt, wo eine solche Messung nicht tunlich ist. Es war deshalb notwendig, wohlgemessene Farbproben in übersichtlicher Ordnung für den allgemeinen Gebrauch in Gestalt von Karten oder einen Atlas der Farbnormen herzustellen.
Nun sind es zwei ganz verschiedene Dinge, eine vorgelegte Farbe zu messen und eine vorgeschriebene Farbe (die Normfarbe) herzustellen. Es ist ungefähr derselbe Unterschied, wie zwischen einer Längenmessung[401]  mit einem Maßstab und der Herstellung eines Maßstabes von genauer Länge. Und da die Farben von drei Elementen abhängen, war die Schwierigkeit hier noch viel größer, als beim Maßstab, der nur eine Veränderliche, die Länge hat.
Tatsächlich befand ich mich einer Aufgabe gegenüber, die bisher noch nie gestellt, also auch nie gelöst war: zahlenmäßig vorher bestimmte Farben herzustellen. Doch war mir dies mehr technische Problem nach der harten Denkarbeit vorher sehr willkommen. Empfand ich doch ausgeprägte Freuden bei der Zusammenstellung der Farbnormen nach ihrer Zusammengehörigkeit. Ich fühlte mich hierbei an die biblische Geschichte von Adam im Paradiese erinnert, wie ihm die verschiedenen Lebewesen vorgeführt wurden und er jedem seinen Namen gab. So war ich immer wieder gespannt, wie diese oder jene durch die Normung geforderte Gruppe von Farben aussehen würde, und fühlte meine Anschauungswelt in glücklichster Weise bereichert, wenn ich z.B. sah, daß die Farben der Gruppe mit dem Weiß- und Schwarzgehalt ge das waren, was die Möbelstoffabrikanten mit couleur Marie Antoinette bezeichneten, nur sehr viel feiner zueinander abgestimmt.
Trotz des schweren Druckes der Kriegszeit gelang es, unter wertvoller Mitarbeit meines Verlegers, Dr. Manitz den ersten gemessenen Farbatlas in etwa zwei Jahren, 1916 und 1917 herzustellen und der Öffentlichkeit zu übergeben. Die Arbeit daran war überaus anstrengend, da bei diesem ersten Vorstoß in die praktische Beherrschung der Farbenwelt natürlich zahllose unvorhergesehene Schwierigkeiten zu überwinden waren und oft Hunderte von gefärbten Blättern verworfen werden mußten. Noch bevor die letzten Tafeln herausgebracht werden konnten, weigerten meine Augen – ich war 64 Jahre alt – den Dienst und ich mußte die letzten Messungen durch einen meiner Söhne machen lassen.[402]  Seitdem habe ich sie nur mit Vorsicht gebrauchen dürfen.
Bei der Planung des Atlas waren zum Teil noch die Zwischenstufen gemäß a b c d e f ... beibehalten worden, so daß die Anzahl der eingestellten Farben sich auf über 2500 belief. Das war gewiß eine große und anstrengende Arbeit gewesen. Ich hatte sie aber gern getan, denn zwischen der maßlosen Energievergeudung des Weltkrieges war es mir ein Trost, ja ein Lebensbedürfnis, wenigstens an meinem Teil so viel aufbauende Arbeit zu tun, als ich konnte. Und ich fand wiederum Grund, das unerschütterliche Glück meines lebenslänglichen nahen Verhältnisses zur Wissenschaft zu preisen.
Später habe ich die Herstellung der Farbnormen auf die abgekürzte Reihe a c e g i l n p beschränkt. An dem Dreieck S 396 kann man abzählen, daß 28 bunte Felder (mit Doppelbuchstaben) darin sind. Da jede der 24 Farbtonnormen je ein farbtongleiches Dreieck ergibt, ist die Gesamtzahl der bunten Farbnormen 28 x 24 = 672. Dazu kommen 8 unbunte Normen; insgesamt sind es also 680.
Außer dem Atlas, der aus Karten im Weltformat (III, 301) V, 40 x 56 mm besteht, sind noch andere Zusammenstellungen der Normen hergestellt worden, welche die Übersicht unter bestimmten Gesichtspunkten erleichtern. Hierbei haben sich niemals Schwierigkeiten oder Widersprüche bei der Betrachtung ergeben, so daß auch diese mannigfaltige praktische Erprobung die vollständige Lösung der seinerzeit übernommenen Aufgabe erwiesen hat.
Summa. Betrachte ich rückschauend die Gesamtheit dieser Arbeiten, so halte ich mich für berechtigt, sie als den Höhepunkt meiner wissenschaftlichen Leistungen zu bezeichnen. Hierfür gibt es zwei unabhängige Bewertungsweisen. Die eine bezieht sich auf die Summe geistiger[403]  Arbeit, welche zur erfolgreichen Lösung der Aufgabe erforderlich ist, unabhängig von der kulturellen Bedeutung der Lösung. Dies ist der abstrakt wissenschaftliche Standpunkt, bei dem es nur auf das Wie, nicht auf das Was ankommt. Die hierher gehörende Bewertung ist in gewissem Sinne absolut, nämlich unabhängig von den zeitlichen Verhältnissen.
Die andere Bewertung bemißt sich nach dem Einfluß der Lösung auf den Zustand der gegenwärtigen Kultur und wächst und fällt mit diesem. Wenn es beispielsweise gelänge, die Oberfläche des Mondes mit einer Genauigkeit sichtbar zu machen, als ob sie 100 Meter von uns entfernt wäre, so würde diese Leistung einen ganz ungewöhnlichen Betrag von Scharfsinn und Geschicklichkeit beweisen. Aber es läßt sich nicht absehen, welche Bedeutung dies für unsere Kultur haben würde.
Indessen kann sich ein solches Urteil natürlich nur auf die Gegenwart beziehen und man kann theoretisch zugeben, daß vielleicht nach 50 Jahren für uns außerordentlich viel davon abhängen könnte. Als Faraday seine Entdeckungen über elektromagnetische Induktion seinem Hörerkreise vortrug, fragte ihn einer seiner »praktisch« denkenden Zuhörer: wozu ist das nütze? Faraday antwortete: wozu ist ein Kind nütze? Heute beruht die ganze Elektrotechnik, die unser Dasein weitgehend umgestaltet hat und noch viel weiter umgestalten wird, darauf, daß dieses Kind inzwischen herangewachsen ist, dem wir nicht nur die technischen Erfolge verdanken, sondern erheblich vertiefte Einsicht in das Wesen des Lichts und das der Stoffe. Also ist die Beurteilung dieses Wertfaktors viel unsicherer; er ist jedenfalls nicht annähernd absolut zu nennen.
Betrachte ich die Gesamtheit meiner Arbeiten für die Farbenlehre unter diesen beiden Gesichtspunkten, so finde ich beiderseits beträchtliche Werte. Was die[404]  denkerisch-wissenschaftliche Seite anlangt, so handelt es sich um ein Problem, welches weder Goethe mit der ungeheuren Kraft seiner Anschauung, noch Helmholtz mit der ungeheuren Kraft seines mathematischen Denkens hatte lösen können. Meine Kräfte stehen nach beiden Richtungen denen jener Heroen weit nach; wie weit, weiß niemand besser als ich. Aber auch ausgezeichnete Köpfe unserer Zeit, die eine Lebensarbeit an das Farbenproblem gewendet hatten, wie Hering (die noch lebenden möchte ich hier nicht nennen) haben versagt. Es handelt sich hier um vielfältige Bedingungen, die gleichzeitig erfüllt sein mußten. Wie eine Kette reißt, wenn nur eines ihrer Glieder schwach ist, wie stark auch die anderen sein mögen, so war zur Lösung dieser Aufgabe ein Zusammentreffen so verschiedenartiger Kenntnisse und Fertigkeiten notwendig, daß schon nach der bloßen Wahrscheinlichkeitsrechnung der günstige Fall nur sehr selten eintreten konnte. Von den vielen Dingen, welche ich in meinem langen Leben ohne bewußten Zusammenhang getrieben hatte, war beinahe jedes nötig, um die Voraussetzungen zu erfüllen, die für das Zustandekommen des Ergebnisses vorhanden sein mußten.
Von solchen Voraussetzungen war die wichtigste die auf angewandter Ordnungswissenschaft (Mathetik) beruhende Kenntnis der Lehre vom Entdecken. Für diese hatte ich nicht nur an eigenen Arbeiten Erfahrungen sammeln können, sondern auch fast ein Menschenalter lang an denen meiner Mitarbeiter und Schüler, unter denen sich Köpfe ersten Ranges befanden. Hierdurch wurde ich in den Stand gesetzt, nicht nur einzelne isolierte Entdeckungen in der Farbenlehre zu machen, sondern eine geschlossene Gruppe aller derer, die nötig waren, um das Endergebnis zu sichern. Während ich dies überdenke, werde ich gewahr, daß sogar der bedenkliche Ausflug in das industrielle Gebiet gelegentlich der Umwandlung[405]  des Ammoniaks in Salpetersäure (II, 292) für mich die Schule war, in welcher ich gelernt hatte, Entdeckungen dann zu machen, wenn sie eben nötig waren, da ohne sie die Sache nicht vorwärts zu bringen war.
Was die zweite Seite, die unmittelbare kulturelle Bedeutung anlangt, so brauche ich nur an die Sehnsucht nach Farbe zu erinnern, welche die gegenwärtigen Menschen erfaßt hat, nachdem sie fast zwei Jahrhunderte lang im Trüben gelebt hatten. Dadurch, daß Maß und Zahl in diesem bisher wilden Gebiet zur Herrschaft gebracht worden ist, darf hier eine Entwicklung erwartet werden, die vergleichbar ist der Entwicklung der Chemie, wie sie am Anfang des 19. Jahrhunderts mittels des gleichen Vorgangs, der Ablösung der qualitativen Chemie durch die quantitative, hervorgebracht worden ist. Alle Gebiete, in denen Farbe vorkommt – und wo kommt sie nicht vor! – werden diesen Einfluß erfahren und ich wage nicht die Möglichkeiten auszudenken, die nun Wirklichkeiten werden können. Denn es handelt sich ja um die Physiologie und Psychologie des Auges, des bei weitem wichtigsten unserer Sinnesorgane.
Und dabei habe ich bisher nur die technisch-wissenschaftliche Seite des Fortschritts in Betracht gezogen. Neben dieser gibt es aber noch eine ästhetische, unmittelbar auf das Gefühl gerichtete Seite des Erlebnisses Farbe. Hier handelt es sich in noch viel tieferem Sinne um eine neue Epoche. Ich halte dies für so wichtig, daß ich dafür ein neues Kapitel anfange.
1 Mit bunt bezeichne ich hier und in der Folge jede nicht graue Farbe, die also Gelb, Rot, Blau oder Grün enthält. Die andere Bedeutung des Wortes bunt, nämlich aus verschiedenen Farben zusammen gesetzt, wird hier niemals gebraucht.




 Dreizehntes Kapitel.
Die Schönheit des Gesetzes.










[406] Technik und Kunst. Es war unvermeidlich, daß mich im Zusammenhange mit den Farben gleichzeitig technische und künstlerische Fragen beschäftigten.
Wie sich die Hingabe an farbige Eindrücke bei mir in Versuchen auslebte, diese mit Hilfe der Malerei zu erfassen, habe ich im Laufe dieser Berichte an vielen Einzelheiten geschildert. Hierdurch wurde ich unausweichlich auf allgemeine Kunstfragen geführt, die mir außerdem, wenn auch nicht so dringend auch aus den anderen Künsten erstanden waren, insbesondere der Ton- und der Wortkunst. Und die zunehmende Erkenntnis, daß der Wissenschaft nichts unzugänglich ist, zwang mich, die Wissenschaft der Kunst ins Auge zu fassen.
Wie alle, die von der praktischen Seite zur Kunst gelangten, fand ich in den zahlreichen Werken über Ästhetik keine irgendwie befriedigende Auskunft. Schon die Notwendigkeit, welche diese Verfasser empfinden, in hohen Tönen von solchen Problemen zu reden und jede nüchterne Untersuchung als »Beckmesserei« zu verdächtigen, war mir ein Beweis, daß sie tatsächlich nicht viel zu sagen wußten, was mit nüchternen Worten ausgesprochen werden kann, d.h. nicht viel Vernünftiges oder Wissenschaftliches.[407]
Man kann nämlich mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß jedesmal, wenn der Schriftsteller eine Sache in gehobenem, feierlichen, rührenden, schwungvollen Ton behandelt, er wahrscheinlich auf Logik und Klarheit verzichtet. Und mit fast ebenso großer Sicherheit läßt sich beobachten, daß gerade solche Stellen (oder ganze Bücher) auf den durchschnittlichen Leser einen stärkeren Eindruck machen und ihm besser im Gedächtnis bleiben, als die scharfsinnigsten und klarsten Darbietungen desselben Verfassers. Was weiß der »Gebildete« von Kant? Den Vergleich des moralischen Gewissens mit dem Sternhimmel und allenfalls die schwungvolle Tirade über die Pflicht. Tatsächlich decken beide bedenkliche logische Lücken im Aufbau von Kants Philosophie.
Ich sah mich daher auf mich selbst zurückverwiesen und habe immer wieder versucht, mir begrifflich Klarheit über Kunst, insbesondere Malerei zu verschaffen. Am meisten half mir in solcher Hinsicht die Musik mit ihrem gut, wenn auch noch unvollständig entwickelten praktisch-wissenschaftlichen Unterbau. Der alten Kompositionslehre von Lobe verdanke ich hier höchst förderliche Belehrung, die mir Goethes Wort bestätigte, daß der Anteil des klar Aussprechbaren und daher Lehr- und Lernbaren in aller Kunst viel größer ist, als man gemeiniglich annimmt.
Eine große Abneigung entwickelte sich gleichzeitig in mir gegen die zahllosen Kunstschreiber, welche ohne zureichende Kenntnis jener erlernbaren Grundlagen unabsehbare Mengen Papier mit gedankenlosen mystischen oder metaphysischen Redensarten über Kunst und Kunstwerke verderben. Fast noch schädlicher, weil in den Mantel scheinbarer Wissenschaftlichkeit gehüllt, sind die Kunsthistoriker, wenn sie über gegenwärtige und künftige Kunst auf Grund ihrer geschichtlichen Kenntnisse ein Urteil beanspruchen. Solche Urteile sind nur in dem[408]  Grade möglich, als das fragliche Gebiet von der Wissenschaft erobert, d.h. in seine naturgesetzlichen Beziehungen aufgelöst ist, denn nur die Wissenschaft in diesem genaueren Sinne ermöglicht auf Grund der erkannten Gesetze die Zukunft vorauszusehen. Aber gerade solche Arbeit vermißt man bei der größten Anzahl der Kunstgelehrten und fruchtbare Ansätze, wie sie von Fechner und Morelli (Lermolieff) geschaffen wurden, sind unentwickelt geblieben.
Immerhin war das Interesse an diesen Fragen nicht lebhaft genug, um ihnen innerhalb meiner mannigfaltigen laufenden Arbeiten und auf deren Kosten einen Platz zu schaffen. Erst als ich durch die Bearbeitung der Farbenlehre einen wissenschaftlichen Boden für die Lichtkunst neu gewonnen hatte, der dem der Tonkunst vergleichbar war, traten jene alten Wünsche und Fragen nach den Grundlagen der Malerei wieder in den Vordergrund. Als mir dann im Verfolg meiner Ordnungsarbeiten zur Farbenlehre unerwartet und ungerufen Schönheit entgegentrat, sah ich mich plötzlich einer solchen Fülle in der Stille gereifter Früchte gegenüber, daß Pflicht und Neigung mich mit gleicher Stärke zur Ernte riefen.
Das erste Licht. Unter den verschiedenen Anordnungen der Farbnormen hatte ich 1917 auch die nach Hauptschnitten durch den Farbkörper anschaulich ausgeführt. Solche bestehen aus zwei farbtongleichen Dreiecken in Gegenfarben, welche sich mit ihren grauen Seiten berühren und insgesamt eine Raute bilden. Wie wunderschön! rief ich aus, als ich sie zuerst sah, und: wie wunderschön! rief jeder aus, dem ich sie zeigte.
Nun gehöre ich, wie das in dieser Erzählung immer wieder zutage getreten ist, zu dem Geschlecht des Jünglings von Sais, zu denen, die nicht Ruhe geben, bis sie der Isis hinter den Schleier geguckt haben. Und die Priester, die uns das verwehren wollen, erscheinen uns[409]  nicht als solche, sondern als Pfaffen, mit all den unschönen Eigenschaften dieser Klasse. Auch hatte ich, wenn ich es wieder einmal getan hatte, mich keineswegs »besinnungslos und bleich« wie jener Jüngling am anderen Morgen vorgefunden, sondern im Gegenteil höchst munter und zu neuen Taten willig.
So ließ ich es mir auch nicht genügen, mich an der Schönheit der Hauptschnitte hingebungsvoll zu erquicken, sondern begann ein heftiges Nachdenken. Ich hatte die Tafeln selbst geklebt, nachdem ich die Farben einzeln nach dem Gesetz der Normen (III, 401) eingestellt hatte, ohne irgendeine Absicht, Schönes zu erzeugen, und es war mir unter den Händen Schönheit entstanden, wie dem Chemiker, in dessen Schale unversehens entzückende Kristalle anschießen. Welche Quelle der Schönheit hatte ich da unbeabsichtigt an den Tag gebracht?
Um die Antwort zu finden, fragte ich mich: was habe ich denn eigentlich gemacht? Ich habe die tongleichen Farben nach dem Fechnerschen Gesetz gleichabständig geordnet, antwortete ich. Dies ergab die Schönheit. Und durch zufällige Verwechslungen beim Aufkleben habe ich mich überzeugt, daß die Schönheit schwindet, sobald das Gesetz nicht streng befolgt wird.
Also ist die Schönheit dadurch bedingt, daß das Gesetz erfüllt wird!
Farben und Töne. Der Schluß erschien ebenso unvermeidlich wie absurd. In tausend Abwandlungen hatte ich immer wieder gehört und gelesen, daß die Kunst und der Künstler frei ist, daß jede Bindung die Kunst zerstört, daß dort, wo die Natur zufällig Regelmäßigkeit zeigt, der Künstler Freiheit, d.h. Unregelmäßigkeit hineinbringen müsse. Ich habe schon (II, 115) erzählt, wie wenig meine eigenen Erfahrungen beim Malen mit diesen gebräuchlichen Ansichten stimmen wollten. Da ich mir zudem die Angst vor dem Absurden allmählich[410]  abgewöhnt, dagegen ein unbegrenztes Zutrauen zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung angewöhnt hatte, so zuckte ich zusammen, wie ein Jagdhund, der eine Rebhühnerspur kreuzt, und schaute nach den neuen Möglichkeiten aus.
Diese gewährten keinen sehr einladenden Anblick. Die Tatsache, daß man in der Tonkunst seit Pythagoras die Gesetze der Harmonie kennt und mit deren Hilfe einen unermeßlichen Schatz von Schönheit anhäufen konnte, hat von jeher die Farbforscher angeregt, auch für die Farben Harmoniegesetze aufzustellen, und es gibt eine ziemlich ausgedehnte Literatur darüber. Keiner dieser Versuche, Goethes Kapitel über die sinnlichsittliche Wirkung der Farben eingeschlossen, hat aber jemals zu einem zuverlässigen »Generalbaß der Farben« geführt, den Goethe forderte und suchte. Es findet sich mit anderen Worten in jener Literatur keine einzige Anweisung, mit deren Hilfe man sicher Farbharmonien erzeugen kann, wie man nach bekannten Vorschriften sicher Tonharmonien bewirkt. Es sah also aus, als liefe ich Gefahr, hier in dasselbe Loch zu fallen, in welchem alle meine Vorgänger stecken geblieben waren.
Doch konnte ich mir andererseits sagen, daß inzwischen die Sachlage sich von Grund aus geändert hatte. Alle Vorgänger ohne Ausnahme hatten als selbstverständlich stillschweigend angenommen, daß ähnlich wie bei Tönen die Schwingzahl, so bei Farben der Farbton für die Harmonie allein maßgebend sei. Daß die Töne eine einfaltige Ordnung haben, die Farben dagegen eine dreifaltige, von der die Farbtöne nur eine Seite festlegen, hatte keiner dieser Theoretiker in Betracht gezogen. Durch den Farbton wird ja nicht eine einzelne Farbe bestimmt, sondern ein ganzes farbtongleiches Dreieck mit den hellsten und dunkelsten, den reinsten und den trübsten Abkömmlingen desselben Farbtons.[411]
Dieses Loch hatten die Vorgänger nicht vermieden, weil sie die Farbordnung nicht kannten, wie sie durch die Messung der Elemente sich ergibt. Ich aber kannte sie und lief nicht Gefahr, den gleichen Fehler zu machen.
Was ist schön? So ging ich frisch daran, die Quellen der Schönheit mit den mir geläufigen Mitteln der Wissenschaft genauer zu untersuchen. Hier lagen unübersehbare Massen ästhetischer Literatur vor. Ich hatte, wie erwähnt, häufig versucht, aus solchen Schriften mir Belehrung zu verschaffen, aber ganz vergeblich. Darin stand ich nicht allein. Denn ich habe niemals in den zahlreichen Künstlerbiographien und -briefen, die ich gelesen habe, die Angabe gefunden, daß einer aus dieser Gemeinde sich in seiner Arbeit durch irgendeines dieser Werke gefördert gesehen hätte. Wohl aber mit großer Regelmäßigkeit die entgegengesetzte Nachricht, daß ihm solche Werke nie das geringste genützt hätten. So mußte ich wieder einmal selbst zu machen versuchen, was ich von anderer Seite nicht bekommen konnte, und die Quellen der Schönheit aufgraben.
Ich fand deren zwei. Die eine besteht in der künstlichen Wiedererweckung früher erlebter willkommener Gefühle durch irgendeine, sinnlich vermittelte Erinnerung. Das Bildnis eines lieben Menschen z.B. erweckt solche Gefühle, gleichgültig ob das Gesicht schön oder unschön ist. In der Poesie ist es die Bedeutung der Wörter und Sätze, welche die willkommenen Gefühle hervorruft.
Die andere Quelle ist eine unmittelbare, zwecklose oder spielerische Betätigung der Muskeln oder Sinnesorgane, wie sie sich am reinsten im Tanz auswirkt, in Harmonie und Rhythmus der Musik, in Versmaß und Reim der Poesie. Diese Betätigung muß rhythmisch sein, d.h. in der Wiederholung gleicher (oder ähnlicher) Teile bestehen, sonst erzeugt sie nicht die willkommenen Gefühle, welche die Schönheit kennzeichnen.[412]
Sieht man genauer zu, so erweist sich nur die eben gegebene allgemeine Auffassungsweise als neu. Sachlich handelt es sich um die altbekannten Bestandteile der Kunstwerke, die meist Inhalt und Form genannt werden. Daß sie sich an verschiedene Gebiete des Geistes wenden, hat Goethe mit ruhiger Genauigkeit bezeichnet in den Versen:


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Der Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.

Der Gehalt wird also dem Gefühl, die Form dem Verstande zugewiesen.
Nun war es nicht mehr schwer, die Frage zu beantworten, was die Gesetzlichkeit mit der Schönheit zu tun hat. Gesetz bedeutet Wiederholung, denn es hat die allgemeine Form: immer, wenn A da ist, findet sich auch B. Wiederholung aber ergibt Rhythmus, und alle künstlerische oder schöne Form beruht auf Rhythmus im allgemeinsten Sinne, d.h. Wiederholung. Das Gerede von der künstlerischen Freiheit ist also nur ein mißverstandenes und mißverständliches Geschwätz. Es ist vielmehr umgekehrt: der Künstler sucht bei der Arbeit mit äußerstem Bemühen jene einzigartige Gestaltung, durch welche sein Werk schön wird, und er weiß, daß er es verdirbt, wenn er statt dessen etwas Willkürliches hinsetzt. Denn es handelt sich hier wieder um den ausgezeichneten Fall (III 378), und dieser duldet keine Willkür.
Zugang zur Farbharmonie. Es ist also der Anteil des Kunstwerks, der durch die Form bestimmt wird, wo sich das Gesetz als Quelle der Schönheit betätigt. Der Gehalt wird dadurch nicht, oder nur mittelbar berührt. Die Formenschönheit aber, und das ist das Gesamtergebnis meiner Untersuchungen, beruht immer und durchaus auf Gesetzlichkeit. Hierbei ist unter Form keineswegs nur[413]  die räumliche Gestalt verstanden, sondern auch die zeitliche und die begriffliche Ordnung.
Nun ist das Kunstwerk als Ganzes durch die gleichzeitige und sich gegenseitig unterstützende Wirkung von Form und Inhalt gekennzeichnet. Hier ist aber nicht eine Lehre vom Kunstwerk beabsichtigt, sondern nur eine Lehre vom Schönen. Für den allgemeinen Begriff des Schönen genügt einer jener beiden Faktoren. Mit der Schönheit des Inhalts haben wir uns hier nicht zu befassen; die Untersuchung soll sich auf die Schönheit der Form beschränken, die wir im weiten Einklang mit dem Sprachgebrauch Harmonie nennen können. Für diese gilt nun allgemein: Gesetzlichkeit bewirkt Harmonie.
Dies war der gesuchte Schlüssel für die Aufklärung der an den Hauptschnitten des Farbkörpers gemachten Beobachtung, daß dort ausgeprägte Schönheit entstanden war, ohne von einem Künstler geschaffen zu sein. Nicht ohne Absicht habe ich oben diesen Vorgang mit dem Entstehen eines Kristalls verglichen. Denn alle Kristalle sind schön, unabhängig von den Stoffen, aus denen sie sich bilden. Auch ihre Schönheit beruht ausschließlich auf der Gesetzlichkeit, nach der sich ihre kleinsten Teilchen zu den Gestalten ordnen, die wir bewundern. Mir waren von meinen mikrochemischen Arbeiten her die Erscheinungen bekannt, welche die Kristallisationen unter dem Mikroskop zeigen und die Fülle mannigfaltigster Schönheit, die sich dort unter den einfacheren Verhältnissen kleinster Mengen freier und übersichtlicher darbietet, als bei den Vorgängen unter gewöhnlichen Bedingungen, hatte mich immer wieder erfreut. Das Harmoniegesetz gab mir Aufklärung über die an sich höchst merkwürdige Tatsache, daß alle Kristalle schön sind.
Auf die Frage nach der Harmonie der Farben gibt das Gesetz die Auskunft: harmonisch werden alle[414]  Farben wirken, zwischen denen ein gesetzlicher Zusammenhang besteht. Also nicht nur der Farbton bedingt die Harmonie, sondern an ihrem Zustandekommen sind alle drei Elemente beteiligt: der Farbton, der Weiß- und der Schwarzgehalt. Erst wenn alle drei gesetzlich geordnet sind, kann von einer Harmonie die Rede sein. Und zwar wird die Harmonie um so verständlicher sein, je einfacher das Gesetz ist, welches die Farben verbindet.
Damit hatte sich mir wieder einmal ein Neuland aufgetan, das eine überaus reiche Welt dem Blick offenbarte, der sich beim Versuch, es zu überschauen, in unabsehbare Fernen verlor.
Graue Harmonien. Eingedenk dessen, daß ich den Zugang zur Zerlegung der Buntfarben nur auf grund der vorangegangenen Erforschung der unbunten hatte finden können, gedachte ich alsbald, das versuchsweise aufgestellte Harmoniegesetz in der einfacheren grauen Welt zu erproben. Dies war um so einladender, als bis dahin von grauen Harmonien überhaupt noch niemand etwas gewußt oder gesagt hatte. Ich begab mich also auf meinen gewohnten Nachdenkeweg, die Landstraße von Groß-Bothen nach Grimma, welche über Höhen geht und weite Fernblicke darbietet, deren Einfluß die Erfassung weiter Gedanken erleichtert.
Nach welchem Gesetz kann man graue Farben ordnen? Da sie nur eine Veränderliche haben, die Helligkeit oder den Weißgehalt, so muß es eine Beziehung an dieser sein. Stelle ich zwei verschiedene graue Farben zusammen, so liegen zwei verschiedene Helligkeiten vor, die in einem bestimmten Verhältnis stehen. Dieses ist eine einzelne Zahl, kann also kein Gesetz darstellen, denn ein Gesetz verbindet zwei Werte (oder noch mehr). Also können graue Harmonien erst zwischen drei grauen Farben auftreten. Das einfachste Gesetz[415]  wäre, daß die erste zur zweiten in demselben Verhältnis steht, wie die zweite zur dritten. Das ist aber die Definition der geometrischen Reihe.
Geometrische Reihe! Nach dieser hatte ich ja die Normen a c e g i l n p geordnet, um gemäß dem Fechnerschen Gesetz gleiche Abstände für die Empfindung zu erhalten. Also was kam heraus? Daß die grauen Normen miteinander verbunden unmittelbar Harmonien ergeben sollten!
Im ersten Augenblick war ich verblüfft. Dann aber kam mir in den Sinn, wie meine Untersuchungen über den ausgezeichneten Fall mich hatten erkennen lassen, daß allgemein ein Fall, der in einer Hinsicht ausgezeichnet ist, es auch in anderen Hinsichten ist. Die Normen waren willkürfrei nach dem einfachsten Gesetz gleicher Abstände gewählt worden, stellten also einen ausgezeichneten Fall dar. Somit konnte man an ihnen auch den ausgezeichneten Fall für die Harmonie erwarten.
Ungeduldig kehrte ich auf meinem Wege um, um alsbald die Sache durch den Versuch zu prüfen. Denn ich hatte ja von der Normung her die eingestellten grauen Tünchen vorrätig. Unterwegs überlegte ich die vorhandenen Möglichkeiten und fand ein ganzes Dutzend grauer Harmonien zwischen je drei unbunten Farben. Man kann sich vorstellen, mit welcher Spannung ich den ersten Versuch anstellte. Es war ein Chinesisches Ornament aus einem Atlas, das ich auf solche Weise in Farbe setzte.
Das Ergebnis fiel ganz zweifellos zugunsten der Theorie aus. Nicht nur ich, sondern auch die Hausgenossen fanden die Zusammenstellung schön. Besonders überzeugend war aber folgende Erfahrung. Ähnliche Bilder, die absichtlich mit Farben ungleichen Abstandes ausgeführt waren, wurden nicht abgelehnt, wenn ich sie zuerst vorzeigte. Denn jedermann ist an den Anblick[416]  der gewöhnlichen Grau-in-Grau-Bilder gewöhnt, welche fast immer unharmonisch sind.
Wenn aber das Auge einige Male den Eindruck der grauen Harmonien erfahren hatte, so fühlte sich der Beschauer von der Disharmonie geradezu abgestoßen, denn jetzt erlebte er den Unterschied zwischen beiden. Seitdem habe ich diese Versuche hundertfältig mit den verschiedenartigsten Menschen durchgeführt, und immer mit dem gleichen Erfolge. Um genau zu sein, muß ich indessen hinzufügen, daß einmal der Versuch versagte. Der Beschauer fand das unharmonische Bild ebenso schön wie die harmonischen. Es war ein Kunstgelehrter.
Die Gesamtheit meiner Erfahrungen kann ich dahin zusammenfassen, daß fast alle Menschen, vor allem die Frauen, fähig und willig sind, die Schönheit der gleichabständigen grauen Harmonien zu empfinden. Wer solche nie vorher gesehen hatte, lernt beim Anschauen einiger solcher Bilder überraschend schnell, sich des wohltuenden Eindrucks bewußt zu werden, der von ihnen ausgeht. Und dann pflegt er auch bald imstande zu sein, Disharmonien zu erkennen. Insbesondere fand ich, daß bunte Harmonien viel weniger schnell und leicht empfunden oder »verstanden« werden, als die einfacheren grauen. Dies ist leicht zu erklären, denn da bisher niemals rein gestimmte Farbharmonien hergestellt werden konnten, so hat niemand Gelegenheit gehabt, sie kennen zu lernen und gegebenenfalls wiederzuerkennen. Das Verhältnis ist ganz dasselbe, wie das eines Chinesen oder Japaners zur Europäischen Musik. Auch der Asiate muß erst lernen, wie die einfachsten Tonharmonien klingen, ehe er sie erkennen und genießen kann. Man wird es mir gern nachfühlen, wie glücklich mich das Ergebnis machte. Die allgemeine Gleichung Harmonie = Gesetz war mir mit dem Anspruch entgegengetreten, ein ganz allgemeines Grundgesetz der Schönheitslehre zu sein. Ich stellte es[417]  alsbald auf eine besonders scharfe Probe, indem ich mit seiner Hilfe Schönheit dort er zeugte (im grauen Gebiet), wo sie niemals vorher vermutet war. Die völlig eindeutige und zweifellose Bestätigung, welche dieses verwegene Experiment ergab, war in der Tat ein Glücksfall. Denn es lag ja noch die Möglichkeit vor, daß die Menschen überhaupt keine Empfänglichkeit für diese Harmonien zeigen würden, da sie nie früher welche hatten erleben können. Daß der Versuch dennoch gelang, muß ich dem Umstande zuschreiben, daß es sich hier um die allereinfachsten Harmonien handelt, die es im Farbgebiet überhaupt gibt, so daß die Aufgabe die Leistungsfähigkeit des durchschnittlichen Europäers wirklich nicht überstieg.
Kalik. Ich bin der Meinung, in dem Satz Harmonie = Gesetz ein Grundgesetz der Schönheitslehre entdeckt und dieser damit die Möglichkeit einer exaktwissenschaftlichen Entwicklung als eines Teils der Psychologie eröffnet zu haben. Wann diese Entwicklung eintreten wird, kann ich nicht voraussagen, doch wird es voraussichtlich noch sehr lange dauern. Denn es handelt sich hier um die bis zum tiefsten Grunde reichende Wendung eines Faches, welches bisher nur historisch, d.h. mittelalterlich-scholastisch betrieben worden ist. Derselbe Haß, welchen Galilei durch seine Widerlegung der Aristotelischen Irrtümer über die Grundsätze der Mechanik bei der christlichen Priesterschaft hervorrief, wird von der Priesterschaft der heutigen Kunstscholastik gegen das Eindringen der Wissenschaft in das bisher von ihnen beherrschte Gebiet betätigt werden, wenn das bisher mit militärischer Pünktlichkeit geübte Totschweigen versagen wird. Mir werden diese Erscheinungen eine Bestätigung dessen sein, daß man auch im »geisteswissenschaftlichen« Gebiet den Ablauf der Vorgänge in der Gruppenseele mit recht erheblicher Sicherheit wenigstens qualitativ voraussagen kann.[418]


Da mir indessen daran liegt, daß meine Bestrebungen genau von denen der bisherigen Ästhetik unterschieden werden, will ich für die von mir geplante Wissenschaft den Namen Kalik benutzen. Das Wort ist aus dem griechischen Kalos (schön) gebildet nach dem Vorbilde von Physik, Optik, Akustik, und ist mit dem Ton auf der ersten Silbe auszusprechen. Es handelt sich, wie man sieht, um die Entwicklung der vor einem halben Jahrhundert vergeblich von Fechner geforderten »Ästhetik von unten«, gemäß der Einsicht jenes genialen Forschers, daß die übliche »Ästhetik von oben« die Sache verkehrt anfängt, wodurch sich die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen erklärt.
Bunte Harmonien. Nun war auch die Erklärung der Schönheit der Hauptschnitte (III, 409) gefunden. Die Farbfelder der Dreiecke waren nicht nur nach den Gesetzen der nächsten Verwandtschaft (Weißgleiche, Schwarzgleiche, Reingleiche) in Reihen parallel den Dreieckseiten geordnet, sondern auch ihre Abstände entsprachen dem einfachsten Gesetz, dem der Gleichheit. Die ganze Erscheinung war allseitig mit einfachster Gesetzlichkeit durchtränkt und dabei doch so neu, daß diese Einfachheit nicht langweilig wirkte.
Wie eben angedeutet, sind in der Ordnung des farbtongleichen Dreiecks drei Arten gesetzlicher Reihung enthalten. Zwischen den Gliedern dieser Reihen kann man offenbar in ganz derselben Weise Dreierharmonien herstellen, wie zwischen den Gliedern der Graureihe. Dies ergibt drei Klassen farbtongleicher Harmonien.
Solche Reihen waren schon seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden durch die Künstler entdeckt und verwendet worden. Zunächst zum Ausdruck der verschieden starken Beleuchtung je nach Lage der Fläche zur Lichtquelle: zum Schattieren. Sodann in der Ornamentik zu Ton-in-Ton-Gebilden. Um sie zu erhalten, wurde einfach der reine[419]  Farbstoff für die tiefsten Schatten benutzt und für die helleren abgestufte Mischungen mit Weiß. Noch heute ist es fast unbekannt, daß auf diese Weise ganz fehlerhafte Schatten erhalten werden, die viel zu reine Farben am dunklen Ende haben. Es ist eine der bedeutendsten Entdeckungen des großen Lionardo da Vinci, diesen Fehler gefunden und den Weg zu einer Abhilfe gezeigt zu haben. Aber ich möchte den Kunsthistoriker kennen lernen, der diese fundamentale Tatsache weiß. Und wie viele Maler wissen davon? Auch ich habe davon nichts gewußt und in meinen früheren Bildern oft genug jenen Fehler gemacht, bis die Herstellung richtiger Schattenreihen auf Grund der messenden Farbenlehre mich aufklärte.
Ich setzte alsbald eines meiner grauen Muster nach den drei gesetzlichen Reihen in Farbe und erhielt Blätter von ungeahnter Schönheit und von grundverschiedenem künstlerischen Charakter, je nachdem Schattenreihen, weiß- und schwarzgleiche Reihen benutzt wurden. Unmittelbar verständlich waren die Harmonien aus den Schattenreihen, mit denen wir ja aus täglicher Erfahrung vertraut sind. Doch wirkte sich ihre Richtigkeit gegenüber der fehlerhaften Schattierung, die man zu malen pflegt, in einer sehr starken Erhöhung ihrer Schönheit aus. Viel neuartiger sahen die weißgleichen Harmonien aus, doch konnte ich sie gleichfalls noch »verstehen«. Am schwierigsten erwiesen sich die schwarzgleichen, für die daher in absehbarer Zeit eine besonders eigenartige Seite in der bewußten Herstellung farbharmonischer Gebilde zu erwarten ist.
Wertgleiche Harmonien. Die nächste Frage war: welche andere einfache gesetzliche Beziehung besteht zwischen den Farben? Die Antwort ergab sich aus der Betrachtung des Farbkörpers.
Geht man von irgendeinem bestimmten Punkt im Farbkörper aus, so kann man durch ihn und durch die Achse eine Ebene legen, welche eine Gruppe der nächsten Verwandten[420]  und damit die harmonischen Farben enthalten wird. Dabei entsteht ein Hauptschnitt, und wir haben gesehen, welche reiche Ernte man dort findet. Aber man kann auch durch denselben Punkt einen Kreis mit dem Mittelpunkt in der Achse des Doppelkegels legen. Dieser kennzeichnet einen Farbenkreis, in welchem jede zugehörige Farbe denselben Gehalt an Weiß und Schwarz hat. Nur der Farbton wechselt. Wir nennen solche Farben wertgleich; der erwähnte Kreis ist also ein wertgleicher Kreis, und die zwischen seinen Farben vorhandenen Gesetzlichkeiten beziehen sich auf Zusammenstellungen verschiedener Farbtöne.
Hier sind wir endlich an der Stelle angelangt, die bisher ausschließlich von den Farbharmonikern untersucht aber nicht aufgeklärt worden ist, und wir erkennen die Ursache ihrer Mißerfolge. Die Frage, ob z.B. Rot und Seegrün harmonisch sind, ist gänzlich unbestimmt und daher unbeantwortbar. Auch wenn man die Farbtöne genau angibt und z.B. Gegenfarben annimmt, wie etwa das erste Rot 7 und das erste Seegrün 19, hat man immer noch 28 an Weiß und Schwarz verschiedene erste Rot (wenn man sich auf die Normen beschränkt; sonst sind es Tausende) und ebensoviele Seegrün, was insgesamt 378 verschiedene Paare ergibt, von denen nur wenige harmonisch sind. Erst nachdem man über Weiß und Schwarz Verfügung getroffen hat, liegt ein bestimmtes Paar vor.
Die einfachste Gesetzmäßigkeit ist hier die Forderung der Wertgleichheit. Wir haben also die Zusammenstellung der Farben aus einem wertgleichen Kreise zu untersuchen und nur hier können wir die ersten bunten Harmonien zu finden hoffen.
Die Ergebnisse sind hier nicht so einfach, wie bei den grauen Harmonien, entsprechend der viel größeren Mannigfaltigkeit. Denn wir haben im Farbkörper 28 verschiedene wertgleiche Kreise, entsprechend den 28 Feldern[421]  des farbtongleichen Dreiecks, und dieselben Farbtonverbindungen wirken sehr verschieden, je nach dem Kreise, aus dem sie genommen wurden. So machen Gegenfarbenpaare aus den reinfarbigen Kreisen pa oder na einen sehr lauten Eindruck, der von manchen schreiend oder brutal genannt wird, während dieselben Paare aus trüben Kreisen wie ge oder li sanft und doch lebendig wirken.
Immerhin kann man allgemein sagen, daß man gute Harmonien bekommt, wenn man den Kreis in eine kleine Zahl, nämlich 2, 3, 4, 6, 8 gleiche Teile zerlegt und die entsprechenden Farben verbindet. Sie haben in unserem 24-teiligen Kreise die Abstände 12, 8, 6, 4 und 3. Am verständlichsten sind die »Gegenfarben« mit dem Abstand 12 der Farbtonzahlen. Dann kommen die von der Drittelung des Kreises herrührenden mit dem Abstand 8. Es sind dies die Triaden, die auch in der sehr ungenauen Einstellung der Maler des 16. Jahrhunderts als sichere Harmonien eine große Rolle gespielt haben. Aber auch die folgenden Abstände 6, 4, 3 ergeben verständliche Harmonien, namentlich wenn nur zwei oder drei Farben verbunden werden, unter Fortlassung der übrigen.
Im übrigen stellte sich heraus, daß man ohne eigentlichen Mißklang jede Farbe eines wertgleichen Kreises mit jeder anderen verbinden kann. Die Gleichheit der unbunten Anteile wirkt also als ausreichende Gesetzlichkeit. Auch hier hat die Praxis der Künstler schon früh die Hauptsache in gewisser Annäherung erreicht, denn die wertgleichen Farben sind das, was sie Farben gleicher »Valör« nennen, allerdings ohne imstande zu sein, sie sicher zu bestimmen. Auch hier mußte das Gefühl aushelfen, das man mitbringen muß, um solche Farben zu finden. Wieder zeigt sich der Fortschritt vom unterbewußten Gefühl des Künstlers zum bewußten Wissen und Können des Wissenschaftlers.
Bunt mit Grau. Ich möchte nicht unterlassen, auf eine weitere Klasse von Harmonien hinzuweisen, die man[422]  bisher nicht als solche kannte, wenn auch einzelne Fälle nicht selten gefühlsmäßig gefunden wurden. Es sind dies die graubunten Harmonien.
In der praktischen Farbharmonik, die im Gebiet der weiblichen Kleidung eine so wichtige Rolle spielt, wird oft der Satz als zutreffend angesehen: Weiß und Schwarz verderben keine Farbe, d.h. sie lassen sich mit allen Buntfarben ohne Dissonanz verbinden. Fragen wir uns, was das Grundgesetz hierzu sagt, so erhalten wir eine ganz andere, sehr bestimmte Auskunft, die uns zu einer sehr großen Gruppe köstlicher Wohlklänge führt.
Es sei irgendeine Buntfarbe gegeben, z.B. 8 ie. Wir analysieren: 8 ist das zweite Rot, etwa Karmin; i ist ein mittlerer Weißgehalt: das Rot ist also halbwegs zwischen blaß und tief; e ist ein merklicher Schwarzgehalt: es ist deutlich trüb. Also insgesamt, was man etwa Weinrot nennt. Kann man ein solches Rot wohl mit schwarzem Samt verbinden? Die Dame von Geschmack wird es nicht tun, weil es darauf fad aussieht. Oder vielleicht mit weißer Seide? Auch nicht, denn es wirkt damit schmutzig. Wohl aber gibt es gewisse Schattierungen von Grau, denen es sich gern und gut gesellt. Kann man dieses Grau genauer bestimmen?
Die Antwort ergibt sich, wenn man fragt, welche grauen Farben mit 8 ie in gesetzlichem Zusammenhange stehen. Es sind i und e, denn i hat ebensoviel Weiß wie 8 ie und e ebensoviel Schwarz. Und bringt man 8 ie mit Grau i oder e, oder mit beiden zusammen, so hat man ruhige, schöne Harmonien. Kein anderes Grau gibt eine gleich gute Wirkung.
Also wieder eine Entdeckung von Neuland mit Hilfe des Grundgesetzes. Nach so viel Bestätigungen darf man es wohl als erwiesen betrachten.
Was hier in aller Kürze angedeutet wurde, um ein Bild von der Art und dem Umfang der neuen farbharmonischen Entdeckungen zu geben, welche auf Grund der Farbmessung[423]  und -ordnung möglich geworden waren, gab in entwickelter Gestalt den Inhalt eines kleinen Buches, das ich 1918 unter dem Titel »Die Harmonie der Farben« veröffentlichte. Es erweckte keinen Widerhall in der ganzen der Kunst gewidmeten Presse, ausgenommen einige möglichst kurz und unauffällig gehaltene Ablehnungen. Trotzdem war die erste, reichlich bemessene Auflage bald vergriffen. Inzwischen hatte ich vielfältige Versuche angestellt, um zu erproben, ob die errechneten Harmonien tatsächlich angenehm auf das Auge wirkten. Dies war durchaus der Fall, und ich konnte mich jahrelang des Gedankens erfreuen, daß meinem beglückten Auge farbige Wohlklänge sich entschleierten, die niemals vor mir ein sterbliches Auge gesehen hatte.
Dieses neue Erfahrungsmaterial nebst einigen begrifflichen Fortschritten von Belang arbeitete ich in eine neue Auflage hinein, von der gleichfalls jährlich rund ein Tausend verkauft wurde. Hieraus kann ich entnehmen, daß das Buch stille aber eifrige Leser gefunden hat, vermutlich vorwiegend in technischen Kreisen. Aus diesen aber erfährt man nicht so leicht, ob und wie der Inhalt in Gebrauch genommen worden ist, denn hat der Färber, der Musterzeichner, der Tapetenfabrikant damit Erfolg gehabt, so schweigt er sich sorgfältig darüber aus, um die liebe Konkurrenz nicht auf die Spur zu leiten.
Immerhin kann ich bei meinen alljährlichen Besuchen Karlsbads sowohl in den Auslagen der Läden wie an dem, was die Damen tragen, eine schnelle Zunahme in der Anwendung berechneter Harmonien feststellen. Etwa um 1925 zählte ich einmal auf einem halbstündigen Spaziergang fünf richtige Triaden wertgleicher Farben, ungerechnet viele kleine Einzelanwendungen. So bin ich darüber beruhigt, daß dies neue Arbeitsmittel sicheren Fuß an der Stelle gefaßt hat, auf die es mir am meisten ankommt, nämlich dem Kunstgewerbe im weitesten Sinne, um der Deutschen[424]  Industrie die Herstellung von Edelwaren zu erleichtern. Ob und wann die Künstler diesen grundlegenden Fortschritt übernehmen werden, ist eine Frage, die mir geringe Sorge macht und die ich diesem eigenwilligen Völkchen zu beantworten überlasse. Nachdem der wüste Subjektivismus der letzten Jahrzehnte seine Rolle ausgespielt hat, ist nach dem Wellengesetz der Geschichte eine wesentlich entgegengesetzte Richtung zu erwarten, welche in der Zeichnung zu genauer Arbeit und betonter Rhythmik, in der Farbe zu klaren Harmonien führen wird. Da diese letzteren nur im Rahmen der Gesetzlichkeit möglich sind, so handelt es sich um die hier angedeuteten Harmonien. Sie vermittels eines reinen Farbgefühls zu finden, ist keineswegs unmöglich, aber eine mühevolle und langsame Arbeit, und das Ergebnis ist notwendig nur angenähert gut. Der Künstler dagegen, der die »Farborgel« zu meistern gelernt hat, verfügt frei über den ganzen Umfang der denkbaren und möglichen Harmonien und kann sein Werk bald zur reinen Höhe bringen. Denn Harmonien kann man nicht schaffen, sondern nur entdecken und anwenden.
Diese Bemerkungen sind nicht nur Zukunftsmusik. Abgesehen von vielen hundert Blättern, die ich selbst hergestellt habe, arbeiten bereits einige namhafte Künstler bewußt mit der neuen Lehre und sie werden nicht müde, mich zu versichern, wie groß die Förderung dabei ist. Von den älteren, namhaften nenne ich den Dresdener Meister Wolfgangmüller. Die jüngeren nenne ich lieber nicht, nachdem ich sie in ihrem eigenen Interesse gebeten habe, die Tatsache lieber geheim zu halten, daß sie sich meiner Lehre bedienen.
Das Problem der Form. Daß Schönheit aus Gesetzlichkeit entsteht, konnte ich sehr bald darauf in einem neuen Gebiet erproben. Um zu prüfen, ob zwei oder mehr Farben harmonisch wirken, hatte ich irgendwie gestaltete Flächen in diesen Farben nebeneinander zu stellen. Ich versuchte[425]  dies und jenes, was sich darbot und konnte bald erkennen, daß der Erfolg der Farbenverbindungen eine starke Abhängigkeit von den benutzten Gestalten aufwies. Hier gab es nun wieder keinen anderen Weg, als den einer wissenschaftlichen Untersuchung.
Daß hier Aufgaben vorhanden waren, deren Lösung mir eine große Freude gemacht hätte, war mir schon während meiner Dorpater Assistentenjahre erkennbar geworden. Unter den mancherlei Dingen, mit sich Öttingen beschäftigte, kam gelegentlich auch Kunstgewerbliches vor. Er hielt allgemeinverständliche Vorträge darüber und benutzte hierfür die auf der Universitätsbücherei vorhandenen Tafelwerke, unter anderen die Grammatik der Ornamente von Owen Jones, deren zahlreiche bunte Tafeln ich mit großer Hingabe betrachtete. Hierbei war mir aufgefallen, daß unter den Ornamenten der primitiven Völker sich eines von dem ungefähren Umriß eines Menschen mit gespreizten Beinen befand, mit der merkwürdigen Eigenschaft, daß die senk- und wagerecht nebeneinander gestellten Gestalten die Ebene restlos ausfüllten. Ich sagte mir, daß diese Eigenschaft (ich habe solche Formen später raumschlüssige genannt) ihre bestimmten geometrischen Ursachen haben mußte. Da diese mir aber bei der Betrachtung des Musters nicht gleich klar werden wollten, ließ ich die Sache auf sich beruhen, doch mit dem stillen Vorbehalt, darauf zurückzukommen, wenn die Zeit erfüllt war.
Nun war sie erfüllt, und zwar in einem Umfange, der jene Einzelfrage weit überstieg. Denn ich sagte mir: ist die Gleichung Gesetz = Harmonie gültig, so müssen ja alle gesetzlichen Gestalten schön sein. Jenes raumschlüssige Muster, das mich so lebhaft und angenehm angesprochen hatte, sollte demnach eben dieser Gesetzlichkeit seine Schönheit verdanken, und wenn ich die geometrischen Bedingungen herausfand, welche solche raumschlüssige[426]  Muster ergeben, so hatte ich damit eine Quelle vielfältiger räumlicher Formenschönheit aufgedeckt.
Ich hatte im Anschluß an meine Farbenstudien mir wieder Tafelwerke verschafft, welche verschiedene Gebiete der bunten Flächenkunst behandelten. Aus Japanischen Farbenholzschnitten lernte ich, wie man Naturformen künstlerisch verwerten kann: nicht durch getreue Nachahmung der Gegenstände, sondern durch eine umgestaltende Anpassung an die Bildfläche, die offenbar bestimmten Gesetzen folgte. Diese mußten sich als Sonderfälle jenes allgemeinen Harmoniegesetzes begreifen lassen. Das ältere Werk von Racinet über bunte Ornamente hatte ich mir schon früher beschafft, andere erhielt ich aus öffentlichen Büchereien. Ich fragte mich, ob alle diese Tausende von Ornamenten sich unter den Begriff der Gesetzlichkeit einordnen lassen und kam zu dem Ergebnis, daß dies ausnahmslos der Fall ist.
Einigermaßen kam mir diese Entdeckung unwillkommen, denn ich war mitten in der Farbharmonielehre darin und empfand den Einbruch dieses neuen Gedankenstroms als störend, fast zerstörend. Doch mußte ich mich darein ergeben, denn es ging ebensowenig an, diesen heftig sprudelnden Quell ungefaßt zu lassen, wie das bei einem eben angebohrten Naftaquell tunlich ist. Außerdem brauchte ich die Ergebnisse für die Farbstudien.
Die Harmonie der Formen. Im Winter 1921/22 gab ich mich völlig der neuen Arbeit hin. Ich beschleunigte die Ausreifung der Grundgesetze durch eine überdurchschnittliche Willensanstrengung, da mir daran lag, recht bald die Sache so weit in Ordnung zu bringen, daß ich gesicherte Unterlagen für meine farbharmonischen Studien hatte. Meine ordnungswissenschaftlichen Vorarbeiten kamen mir hierbei wieder zustatten und ermöglichten eine ziemlich schnelle erste Gesamtübersicht mit genügender Ausarbeitung der Einzelfälle. Der Gedankengang war folgender.[427]
Was ist das allgemeine Kennzeichen des Gesetzes? Antwort: die Wiederholung. Wieder war ich zuerst etwas verblüfft über diese bestimmte Antwort, aber ich konnte mich bald überzeugen, daß sie richtig und erschöpfend ist.
Denn ein jedes Gesetz, ob obrigkeitlich oder natürlich, hat die Form: wenn A vorhanden ist, so ist B die Folge, wo A und B bestimmte Begriffe sind, von größerem oder geringerem Umfang. Ob es sich um Vergehen und Strafe, Erwerb und Steuern, Nahrung und Assimilation, Erwärmung und Verdampfung, Reibung und elektrische Ladung handelt: immer wiederholt sich das Eintreten von B, wenn A irgendwie erscheint.
Also besteht auch die Gesetzlichkeit und somit die Harmonie der Form in der Wiederholung, gleich oder ähnlich. Oder streng genommen: mehr oder weniger ähnlich. Denn genau gleich sind niemals zwei Dinge unserer Welt; zumindest sind sie nach Zeit und Raum verschieden.
Welche Arten der Wiederholung gibt es? Antwort: drei Arten, nämlich Schiebung, Drehung und Spiegelung. Auf diese drei Grundvorgänge lassen sich alle Einzelfälle zurückführen. Hierbei kann man die einzuhaltende Gesetzlichkeit von der strengsten bis zur freiesten abstufen. Geschichtlich erweist sich, daß die strengen Formen, deren Gesetzlichkeit die einfachste ist, zuerst auftreten, und daß die freieren und mannigfaltigeren Formen erscheinen, wenn die einfachen Reize verbraucht sind. Hat die Entwicklung in solchem Sinne eine gewisse Höhe erreicht, so tritt leicht der Irrtum auf, daß die Gesetzlichkeit überhaupt entbehrlich sei und der Künstler nur in unbedingter Freiheit oder Gesetzlosigkeit gedeihen könne. Es ist lehrreich und erheiternd zu beobachten, wie solche Auswüchse eines unwissenschaftlichen Wollens (denn von Denken ist ja hier nicht die Rede) sich alsbald überschlagen und dann von einer Welle abgelöst werden, in welcher die strenge Gesetzlichkeit wieder ganz in den Vordergrund gestellt wird.[428]
Die Lehre von den gesetzlichen oder schönen Formen faßte ich dann in einem kleinen Buche: Die Harmonie der Formen zusammen, welches 1922 erschien. Die große Summe neuer Erkenntnisse, welche es enthielt, wirkte so verblüffend auf die Vertreter der bisherigen »Kunstwissenschaft«, daß soweit meine Kenntnis geht, keiner sich getraut hat, diesem unheimlichen Gebilde näher zu treten. Die sehr wenigen Äußerungen, welche die Fachblätter dazu brachten, waren von der Art, die Goethe kennzeichnet:


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Sie sagen: es spricht nicht mich an,
Und meinen, sie hätten es abgetan.

Persönlich kann ich aber berichten, daß mir selbst diese Arbeit schon bis jetzt, binnen etwa fünf Jahren, von unabsehbarem Nutzen gewesen ist. Zunächst für die Auffassung der vorhandenen Ornamentik und Bildkunst; tatsächlich ist mir seitdem jedes derartige Gebilde in seiner Form so weit verständlich geworden, daß es mir nicht schwer fällt, beliebig viele neue Formen desselben Geschlechts hervorzubringen. Zweitens als Quelle neuer Formengenüsse. Der Vergleich der vorhandenen Ornamente mit den theoretisch möglichen, welche die Ordnungslehre herzustellen lehrt, läßt erkennen, wie klein der Teil ist, den die Künstler aller Zeiten und Völker bisher mit ihrem zufällig-empirischen Verfahren (die Kunstschreiber nennen es Inspiration) entdeckt haben, verglichen mit den unabsehbaren Gebieten, welche die Wissenschaft mit einem Schlage zugänglich gemacht hat.
Ich habe einen Teil dieser neuen Gebiete zeichnerisch bearbeitet und bisher (1927) vier Mappen mit 240 Tafeln herausgegeben. Durch den Umstand, daß zwischen großen Gruppen dieser Zeichnungen Kombinationen von zwei oder mehr Mustern sowie Ableitungen anderer Art möglich sind, nimmt die Anzahl der aufweisbaren Formen ungeheuerliche Werte an, welche in die Hunderttausende gehen. Hierbei hat sich erwiesen, wie sehr auch diese Seite der[429]  Kunst durch die naturalistische Entwicklungsrichtung verkümmert ist, denn die Ornamente, welche die Gegenwart erzeugt, erscheinen im Lichte dieser Übersichten als höchst primitiv und stehen weit hinter denen zurück, welche z.B. die Inder und Araber, insbesondere die Mauren erzeugt hatten. Darum kennt auch der heutige Europäer nicht den Genuß, der aus der Versenkung in die Mannigfaltigkeit eines etwas entwickelteren Ornaments gewonnen werden kann, und der an die Freuden erinnert, die wir der Tonkunst verdanken.
Farbige Ornamente. Eine Welt neuer Schönheit erschließt sich, wenn man die Harmoniegesetze der Farben mit denen der Formen zusammenwirken läßt. Durch die Erfindung und Ausbildung technischer Erleichterungen kann ich mittels der Farborgel mit derselben Freiheit und gleichsam mit derselben Schnelligkeit meine Einfälle zur Anschauung bringen, wie der Tonkünstler seine Fantasien zu Gehör. Muß ich dabei auf die zeitliche aufeinanderfolgende Ausgestaltung der Gedanken verzichten, die dem Tonkünstler zu Gebote steht (ich habe in früheren Jahren viel und zuweilen recht hübsch auf dem Klavier und dem Harmonium fantasiert), denn das Bild, wie es heute ist, steht unveränderlich da, so habe ich doch den Vorteil, daß das einmal geschaffene Gebilde fortbesteht und immer wieder seine Wirkung üben kann.
Die mangelnde Zeitfolge kann dann einigermaßen durch die Bildreihe ersetzt werden. Dies ist ein Kunstmittel, welches in früheren Jahrhunderten reichlich angewendet wurde, insbesondere um biblische Geschichten und Legenden zu erzählen. Auch noch heute übt es seine starke Wirkung aus. Als M. von Schwind unerwartet breite Erfolge mit seinen Märchenbildreihen Die sieben Raben und Die schöne Melusine erzielte, war er gar nicht zufrieden. Denn er steckte in dem Künstleraberglauben, daß nur in Freskobildern auf großen Wänden der Künstler[430]  sein Bestes leisten könne und hielt jene Arbeiten für geringwertiger. Er hatte offenbar die große Vertiefung der Wirkung durch die Reihung sich gar nicht zum Bewußtsein gebracht. Und von dem noch weiteren volkstümlichen Erfolg, den Wilhelm Busch mit seinen Zeichnungen erzielte, sind reichlich dreiviertel dadurch bedingt, daß er keine Einzelbilder gab, sondern Reihen, und oft recht lange.
Die Zeitlichtkunst. Vergleicht man die Wirkungen der besten Werke der Tonkunst und der Malerei, so erweist sich eine gewaltige Überlegenheit der Tonkunst. Diese kann die Gefühle der Menschen in ihrem ganzen Umfange auf das stärkste erregen und sie stundenlang fesseln. Das Bild dagegen kann bestenfalls einen augenblicklichen starken Eindruck bewirken; sehr bald aber verklingt das Gefühl und nach kurzer Frist hört das unmittelbare innige Verhältnis zwischen dem Kunstwerk und seinem Beschauer auf.
Die Ursache ist, daß jedes Gefühlserlebnis in der Zeit abläuft. Es beginnt schwach oder stark, ändert sich in mancherlei Sinn und schließlich klingt es entweder sanft aus oder endet mit einer Explosion. Dieses wesentliche Nacheinander kann ein Bild nicht darstellen (sehr unvollkommen eine Bildreihe) und deshalb kann es auch keinen entsprechenden Gefühlsverlauf im Empfänger durch Zuordnung hervorrufen. Ton- und Dichtkunst können es, denn sie sind Zeitkünste. Daraus ergibt sich die Frage: kann denn die Lichtkunst nicht auch eine Zeitkunst werden?
Die Antwort ist: sie ist eben im Begriff dazu. Das Laufbild verdankt seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausschließlich seiner Eigenschaft, dem Auge einen zeitlichen Ablauf zu bieten. Es ist kennzeichnend für die unfruchtbare Scholastik der gegenwärtigen Kunstwissenschaft, daß sie völlig unfähig gewesen ist, den großen Fortschritt zu begreifen, den die Bildkunst durch das Laufbild erlebte. Weil die Griechen und Römer kein Kino gehabt haben, erschien ihnen diese gänzlich unhistorische Kunst als etwas völlig[431]  Minderwertiges, womit sich ein wissenschaftlicher Mensch überhaupt nicht abgibt. Da unsere Gebildeten sich in eine widerstandslose Hörigkeit von diesen Pfaffen der Kunst begeben haben, ließen sie sich von den neuen Dingen fernhalten, so daß die unteren Schichten der Großstadtbevölkerung die Art der Werke bestimmten, welche beim Laufbild Erfolg hatten. Und wenn endlich mancherlei Gutes und Erfreuliches hier seinen Ausdruck gesucht und gefunden hat, so haftet doch jener Mangel der Kinderstube noch heute dem ganzen Kunstzweig unverkennbar an.

Hier ist es nun, wo ich eine neue Bildkunst kommen sehe. Jene künstlerischen Nachteile des heutigen Laufbildes beruhen darauf, daß es vermöge seiner Entstehung durch Fotografie an die Darstellung gegenständlicher Vorgänge gebunden ist. Man kann sich aber eine Lichtkunst vorstellen, welche ebensowenig naturalistisch ist, wie die Musik, welche also Licht, Farben, Formen in ganz allgemeiner Weise benutzt, um Gefühlsvorgänge zeitlich nachzubilden und dadurch im Beschauer gleich hervorzurufen, ganz ebenso, wie die Musik die Töne in solcher Weise benutzt.

Das dies nicht schon längst geschehen ist, liegt an zwei wesentlichen Hindernissen. Erstens gab es für die Farben und Formen noch nicht die Unterlage formaler Gesetze, wie die Tonkunst sie in der Harmonielehre usw. seit langem besitzt. Zweitens ist die technische Aufgabe noch nicht gelöst, eine Lichterscheinung in jeder Hinsicht, also nach Stärke, Farbe, Form mit vorgeschriebener Geschwindigkeit stetig oder sprunghaft so umzugestalten, daß ein Abbild eines Gefühlsvorganges dadurch hergestellt wird.

Von beiden Hindernissen ist gegenwärtig eines beseitigt. Es gibt eine Harmonielehre der Farben und Formen, und insofern könnte man heute ganz wohl ein Lichtgedicht oder eine Lichtsymphonie ersinnen und sogar aufschreiben,[432]  so daß es jederzeit wiederholt werden könnte, wie man ein Gedicht jederzeit aus dem Buch vorlesen kann.
Was die andere Aufgabe, die optische anlangt, so muß man sich gegenwärtig halten, daß sie wesentlich verschieden ist von der des bisherigen Laufbildes, weil es sich ja nicht um gegenständliche Formen handelt, sondern um allgemeine, meist ornamentale. Es sind also neue optisch-technische Gedanken nötig, welche der neuen Aufgabe angepaßt sind. Auch hier glaube ich sagen zu dürfen, daß ich die Lösung noch erleben werde.
Dies sind, wie man sieht, sehr weite Aussichten. Nimmt man hierzu, daß durch die bisher bereits erzielten Ergebnisse die Hoffnung, den Weg zu einer allgemeinen Schönheitslehre gefunden zu haben, sich bereits in die Forderung zu verwandeln beginnt, diesen Weg nun auch zu beschreiten, so wird man einigermaßen die wunderlichen Gefühle nachempfinden, die mich hier ergreifen. Die Physiologie stellt mir nur noch eine kleine Anzahl von Jahren in Aussicht, die zudem mit einer beständigen Abnahme der freien Energie und somit Arbeitsmöglichkeit behaftet sein werden; ich kann also nicht entfernt daran denken, von dieser Erntefülle einen wesentlichen Anteil in meine Scheuern zu bringen.
Aber auch dies Wenige wird noch dadurch in Frage gestellt, daß ich nicht absehen kann, welche unerwarteten neuen Gebiete sich mir noch bei der Weiterverfolgung dieser unerschöpflich fruchtbaren Gedanken auftun werden. Mir ist zumute, wie es Moses gewesen sein mag, der seine widerborstigen Juden unter stets erneuten Mühen bis an die Grenze des gelobten Landes geführt hatte, das er von der Höhe aus vor sich liegen sah, und von dem er wußte, daß er es selbst nicht betreten würde. Wird man es mir verzeihen, daß ich diesen Zustand durchaus nicht tragisch zu nehmen imstande bin, sondern denke: wie ich das Volk kenne, werden meine Nachfolger es nicht leichter haben!



Vierzehntes Kapitel.

Straßenlärm und Gartenfrieden.



[433] Die zwei Arbeitsfelder. Lasse ich den Blick über die mannigfaltigen Inhalte meines Lebens schweifen, so gewahre ich zwei wesentlich verschiedene Arbeitsfelder, in denen ich abwechselnd tätig gewesen bin, und aus denen mir der größte Teil der Freude und des Glückes zugewachsen ist, die mein Leben erhellt haben. Das ältere ist die wissenschaftliche Arbeit. Sie wurde nicht, wie die gewöhnliche Redensart lautet, um ihrer selbst willen getrieben (denn sie hat ja kein Selbst), sondern weil nichts in der Welt mir ein so tiefes, dauerhaftes und ungetrübtes Glück brachte, wie sie.
Das zweite Feld ist die Beeinflussung anderer Menschen zu dem Zweck, sie des gleichen Glückes wenigstens einigermaßen teilhaft zu machen, das mir so reich aus der Wissenschaft zuströmte. Ich darf nicht behaupten, daß diese altruistische Betätigung aus einem Gefühl der Pflicht, etwa im Kantischen Sinne entsprang. Sie geschah vielmehr instinktiv, ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit. Während aber diese mir restlos Freude bereitete, denn auch das Niederarbeiten von Schwierigkeiten und Widerständen ist hier ein Genuß, waren die Gefühle, welche die andere Betätigung bei mir auslöste, gemischter Art. Denn neben starken Freuden brachte sie mir Ärger, und als ich mir diesen wegen Benachteiligung meiner Verdauung abgewöhnt[434] hatte, doch häufiges Mißbehagen darüber, daß diese Wesen, welche sich zuweilen so dumm, eng und sogar schlecht betrugen, doch auch Menschen, also gewissermaßen meinesgleichen waren.
Frage ich mich, ob ich eines dieser Felder für bedeutsamer halte, als das andere, so finde ich die Antwort darauf nicht ganz ohne Zögern. Grundsätzlich muß ich unter den Verhältnissen der Gegenwart den Organisator für wichtiger halten, als den Entdecker. Denn die Kulturgeschichte ist voll von Beispielen dafür, daß grundwichtige Entdeckungen viele Jahre hindurch ohne jeden anderen Einfluß geblieben sind, als daß sie dem armen Entdecker Mißachtung, Haß und Verfolgungen aller Art zugezogen haben; der übrigen Menschheit blieben sie verschlossen. Erst nach einer Wiederentdeckung, zuweilen erst nach einigen fand sich der Mann, der nicht nur sich, sondern auch seine Zeitgenossen von dem Wert der Sache überzeugen und ihre Anwendung organisieren konnte. Sonach ist die Entdeckung im Sinne des Kulturfortschrittes nur die halbe Arbeit; es ist außerdem noch erforderlich, sie dem blöden Hödur, der großen Menge, in das träge Gehirn hineinzuhämmern. Und diese Arbeit ist natürlich um so schwieriger, je größer der Fortschritt ist, denn mit dessen Weite wächst der Widerstand im Verhältnis des Quadrats des Abstandes.
Also muß ich insgesamt das Feld des Organisators für wichtiger, weil schwieriger halten, als das des Forschers. Auch an meinem eigenen Leben bestätigt sich dies, denn die organisatorische Arbeit hat deutlich später eingesetzt, als die rein wissenschaftliche. Und ebenso hört sie früher auf. Wenn ich auch meine Forschungen fortzusetzen gedenke, solange das Gehirn noch etwas hergibt: unter die organisatorische Arbeit mache ich eben einen kräftigen Strich.
Denn der Organisator baut an der Straße, der Forscher pflegt seinen Garten. Jener muß unter Menschen, weil er sie beeinflussen will, und ist daher gezwungen, all die[435] Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, welche mit Ansammlungen von Menschen verbunden sind. Unvermeidlich muß er diejenigen stören, welche bisher diese Menschenmengen in ihrem Sinne beeinflußt hatten, und wird von ihnen daher immer als Gegner, oft als Feind behandelt. Und wer am Wege baut, hat viele Meister, die ihn be- und verurteilen. Meist wegen Sachen, die er weder gesagt noch getan hat; wenn er dies aber zu erklären versucht, so gibt es einen neuen Grund, ihn zu tadeln, daß er nicht das gesagt und getan hat, was seine Gegner von ihm behaupten. Kurz, er muß sich all den Lärm, Staub und üblen Geruch gefallen lassen, der sich von der Straße nicht trennen läßt. Solange man überschüssige Energie hat, setzt man sich leicht und gern darüber hinweg; vermindert sie sich, so ist es vernünftiger, sich in den stillen Garten der reinen Forschung zurückzuziehen, wo man die Arbeit auf das Maß der noch vorhandenen Leistungsfähigkeit einstellen kann.
Ein Organisator in der Wissenschaft kann aber nur einer sein, der auch Entdecker war, da er sonst keinen Maßstab für das besitzt, was er organisieren will. Das Umgekehrte ist nicht nötig, denn einem großen Teil der Entdecker fehlt die organisatorische Fähigkeit. Hierzu gehören insbesondere viele Klassiker, wenn auch keineswegs alle. Stets pflegt bei diesen die organisatorische Seite sich mehr im Hintergrunde zu halten.
Man findet sehr häufig die Meinung vertreten, daß die reine Entdeckerarbeit etwas Höheres, Feineres, Besseres sei, als die organisatorische. Dabei ist so viel richtig, daß es dort viel leichter ist, gleichsam Hände und Kleider reinlich zu halten, während die Menschenbeeinflussung oft genug grobe, staubige, ja schmutzige Arbeit notwendig macht, je nach dem Menschenmaterial, das bearbeitet werden muß. Aber da die Kultur ein ausgeprägt soziales Gebilde ist, wird die wissenschaftliche Entdeckung erst dann ein wirklicher und wirksamer Bestandteil der Kultur, nachdem sie in[436] das große geistige Gesamtkapital der Menschheit einorganisiert ist.
Die Ursache des reinen Glücks des Forschers liegt nicht darin, daß der Forscher dabei nicht auch mit Trägheit und Unverstand zu tun hätte, denn diese liefert er persönlich mehr oder weniger reichlich dazu. Aber gegen eigene Dummheiten ist man aus naheliegenden Gründen milder gestimmt, als gegen die Anderer. Ich weiß nicht, wie es in dieser Beziehung meinen Kollegen im Forscherberufe ergangen ist oder ergeht; persönlich kann ich berichten, daß ich unter der Arbeit nicht ganz selten mit inniger Überzeugung ausgerufen habe: o du Esel! auch wenn kein anderer zugegen war.
Die Aufnahme der Farbenlehre. Zunächst habe ich noch von der Arbeit an der Straße zu erzählen. Wie erwähnt, hatte ich mich mit dem Deutschen Werkbund verständigt, um ihm die bisher vergeblich angestrebte Ordnung der Farbenwelt zu schaffen. In den nächsten Jahren teilte ich auf den Versammlungen die Stufen meiner Fortschritte mit; auf die Benutzung der für diesen Zweck ausgeworfenen Beträge von einigen tausend Mark hatte ich verzichtet. Meine Berichte wurden zuerst mit Dank aufgenommen, aber wenig verstanden. Als ich mein Meßverfahren darlegte, durch welches man ganz unabhängig wurde von dem Aufbewahren von Mustern oder Typen, wurde mir von angesehener Seite unentwegt entgegengehalten, daß ich vor allen Dingen unveränderliche Muster oder Typen schaffen sollte, etwa in Porzellanfarben.
Im Jahre 1919 fand in Stuttgart wieder eine Jahresversammlung statt, die erste nach dem Kriege. Ich war so weit gekommen, daß Messung, Ordnung und Normung erledigt war und ich die Ergebnisse in Gestalt von Hauptschnitten (II, 409) vorlegen konnte. Aus dem Anblick der Hauptschnitte hatten sich mir die Gesetze der Farbharmonie ergeben. So zerfiel der Vortrag naturgemäß[437] in zwei Teile, einen größeren, der die Ordnungsfrage behandelte und einen kleineren für die der Harmonie.
Das Datum des Vortrages konnte ich meinem Gedächtnis leicht einprägen. Es war der 9. September 1919, also in abgekürzter Schreibweise 9. 9. 1919. Die Versammlung war sehr gut besucht; ich war von der Sache begeistert und konnte auch die Mehrzahl meiner Hörer begeistern, wie sich aus ihrem Beifall ergab. Aber ein gewisser Teil der Hörer stellte sich sofort auf schärfste Gegnerschaft ein. Es waren die anwesenden Kunstgelehrten und auch ein guter Teil der Künstler. Die Hauptfrage, nämlich die Farbordnung wurde theoretisch anerkannt; hier wagte sich kein Kritiker vor, weil sie nichts davon verstanden, und dies auch wußten. Von dem anderen Teil verstand auch niemand etwas, denn es handelte sich ja um etwas ganz Neues. Hier aber glaubten sie, nicht nur etwas, sondern sehr viel von der Sache zu wissen. Da dies in vollem Gegensatz stand nicht sowohl zu dem Inhalt meiner Harmoniegesetze, als zu dem Gedanken, daß es überhaupt solche Gesetze gibt, wurde sofort ein geschlossener Angriff zur Verteidigung der heiligsten Güter, nämlich der Unwissenheit eröffnet. Als »Zerstörer der Farbenunschuld« wurde ich später aus diesem Kreise der Öffentlichkeit zum abscheulichen Exempel vorgewiesen.
Die Angst vor dem drohenden Einbruch der Wissenschaft in die geheiligten Gebiete des mystischen Glaubens wurde so groß, daß unmittelbar nach der Stuttgarter Tagung eine Art Schutzverein dagegen entstand. Die Gefahr wurde in lebhaften wenn auch fehlerhaften Farben beschrieben und es wurden Unterschriften gesammelt, um an alle deutschen Unterrichtsministerien eine dringende Warnung zur Vermeidung des bevorstehenden Unglücks zu schicken. Dies ist denn auch geschehen (III, 393) und soviel ich erkennen kann nicht ohne den angestrebten Erfolg. Denn etwas später ist von dem Preußischen Unterrichtsminister[438] ein Erlaß ergangen, der, wenn auch nicht ganz geradlinig, doch tatsächlich auf ein Verbot der neuen Farbenlehre in den Schulen hinaus lief.

Ebenso wurden die Zeichenlehrer mobil gemacht. Bekanntlich spielt der Zeichenunterricht in den Gymnasien und anderen mittleren Schulen eine Aschenbrödelrolle, da seine Ergebnisse weder für die Versetzungen noch für die Abschlußprüfung irgendwie ins Gewicht fallen. Vergeblich wies ich darauf hin, daß dies an der völlig unsachgemäßen Einstellung dieses Unterrichts auf die Erzielung künstlerischer Leistungen liegt, die immer nur von ganz wenigen erreicht werden können. Wäre das Zeichnen ein wissenschaftliches Fach, so würde es ebenso ins Gewicht fallen, wie Rechnen oder Geographie. Nun ist durch die neue Farben- und Formenlehre endlich die Möglichkeit entstanden, das Zeichnen wissenschaftlich zu betreiben und dem Fach die Würde der anderen zu erringen.

Mit ganz wenigen Ausnahmen, unter denen in erster Linie R. Dorias in Chemnitz zu nennen ist, der diesen Gedanken selbstschöpferisch aufgenommen hat, haben sich die Zeichenlehrer wie ein Mann dagegen erhoben, daß ein Außenseiter es wagte, in ihre Angelegenheiten hineinreden zu wollen. Und ich hätte es auch nicht getan, wenn es ihre Angelegenheit allein gewesen wäre. Aber es ist in erster Linie eine Angelegenheit der Deutschen Jugend, und dieser gegenüber scheinen mir die Standesinteressen der organisierten Zeichenlehrerschaft von geringer Bedeutung.

Ich verzichte auf die Schilderung einer ganzen Anzahl anderer Widerstände, welche die Farbenlehre auf ähnlichen Gebieten erfuhr. Tatsächlich ist mir bei keinem meiner Fortschritte ein derart ausgedehnter und einmütiger Widerstand entgegengetreten, wie in diesem Falle. Ich kann darin nur eine Bestätigung dafür sehen, daß es sich wirklich um einen ungewöhnlich großen Fortschritt handelt.
[439] Die chemische Industrie. Endlich muß ich noch von einem Widerstande von ganz anderer Seite erzählen, der noch unerwarteter und vielleicht auch wirksamer war. Bekanntlich bestand und besteht bei uns ein sehr nahes Verhältnis zwischen Wissenschaft und Industrie, insbesondere in der Chemie. Der gewaltige Aufstieg der Deutschen Teerfarbstoffindustrie beruht in erster Linie darauf, daß deren Schöpfer den Mut hatten, die auf kleine Mengen eingerichtete Technik des wissenschaftlichen Laboratoriums ins Große zu übersetzen und schwierige chemische Synthesen zentnerweise durchzuführen. Während meiner Professorenzeit erhielten die Laboratorien der Universitäten und Hochschulen regelmäßige Besuche seitens der großen chemischen Fabriken, die nachfragten und nachschauten, welche wissenschaftlichen Fortschritte eben im Gange waren, um sie gegebenenfalls umgehend für ihre Zwecke anzuwenden. Und die Professoren hatten ihrerseits der Industrie oft zu danken für unentgeltliche Hilfe, die ihnen für ihre Forschungen von dort geleistet wurde. So waren mir auch auf meine Bitte Farbstoffe geliefert worden, soviel ich für meine Farbforschungen gebraucht hatte.
Als aber die neue Farbenlehre als ein abgerundetes Stück Wissenschaft an die Öffentlichkeit trat, wendete sich das Blatt. Die neuen Ergebnisse fanden nicht nur keine Teilnahme seitens der Industrie, sondern wurden systematisch bekämpft. Mir sind in jener Zeit (um 1922) Rundschreiben von unseren größten Fabriken vorgelegt worden, in denen die Fabrikleitungen ihre Vertreter in den verschiedenen Städten beauftragten, den Kunden die neue Lehre als unrichtig, unwichtig oder sonst bedenklich hinzustellen und hervorzuheben, daß die Teerfarbstoffindustrie jedenfalls nichts mit ihr zu tun habe und haben wolle. Später ist der unmittelbare Kampf durch einen mehr mittelbaren abgelöst worden; von einer Bereitwilligkeit, diesen größten Fortschritt, den die Farbenlehre seit Newton[440] und Lambert gemacht hat, als solchen anzuerkennen und ihn offenkundig zu benutzen, ist noch jetzt (1927) nicht die Rede. Stillschweigend hat er allerdings schon an manchen Stellen seinen Einzug gehalten.

Ich sehe mich außerstande, die Ursache dieses sonderbaren Verhaltens anzugeben, das in so auffallendem Widerspruch steht zu der Bereitwilligkeit, ja Eile, mit der sich sonst gerade diese Industrie die wissenschaftlichen Fortschritte zugute macht. Ein Mißtrauen in den wissenschaftlichen Wert der Sache kann schwerlich die Ursache sein, da sie von demselben Forscher herrührt, welcher der Industrie die Katalyse und die Bindung des Stickstoffs geschenkt hat. Einstweilen sammle ich das zugehörige Material; vielleicht wird es mir später einmal möglich sein, die Lösung des Rätsels mitzuteilen. Das gilt auch für die anderen mannigfaltigen Schicksale der Farbenlehre in der Öffentlichkeit, von der manches Wunderliche, ja Erstaunliche zu erzählen wäre.
Einstweilen ziehe ich vor, meine Leser und mich nicht länger diesen Unbehaglichkeiten auszusetzen. Aus meinen Studien zur chemischen Kinetik weiß ich, daß ein energetisch notwendiger Vorgang keinenfalls verhindert, sondern nur beschleunigt oder verzögert werden kann. Darum kann ich mit Ruhe die notwendige Durchdringung der zugehörigen Wissenschaften und Industrien mit den neuen Gedanken vor sich gehen lassen. Denn die Frage, wie bald dies geschieht, ist für jene viel wichtiger, als für mich.
Im übrigen soll nicht übersehen werden, daß zu den persönlichen Widerständen sich noch allgemeine gesellt haben, welche von der Zeit bedingt sind, in welche sie gefallen sind. Denn diese Zeit ist für den vorliegenden Fortschritt besonders ungünstig gewesen.
Eine geistige Epidemie. Durch nichts erweist es sich so deutlich, daß der Krieg ein völlig unzeitgemäßer Überrest aus barbarischer Vergangenheit ist, als durch den[441] Rückfall der betroffenen Völker in niedrigere geistige Zustände, die man während der Friedenszeit vorher schon als überwunden angesehen hatte. So war bei uns als geistige Epidemie nach den Napoleonischen Kriegen vor hundert und einigen Jahren in der Literatur der romantische Mystizismus, in der Wissenschaft die phrasenhafte Naturphilosophie ausgebrochen und wir haben fast ein halbes Jahrhundert gebraucht, um sie zu überwinden. Daß der Krieg von 1870/71 keine so erkennbare Nachwirkung hinterließ, lag an seiner kurzen Dauer, und daran, daß wir Deutsche zufolge unserer kulturellen Höhe als Sieger alles taten, um nach Erledigung des Kampfes seine Folgen zu beseitigen und friedliche Beziehungen zu dem Gegner herzustellen. War es doch eine der ersten Sorgen des neuen Deutschen Reiches, die kurz vor dem Kriege eingeleiteten Verhandlungen zur Gründung des internationalen Amts für Maße und Gewichte wieder aufzunehmen und den Sitz dieser wichtigen Anstalt nach Paris zu verlegen.
Da umgekehrt nach Beendigung der Kriegshandlungen im Jahre 1918 der sog. Friedensvertrag von Versailles ganz und gar den Zweck verfolgte, den Krieg gegen Deutschland unter vielen anderen Formen festzusetzen – er dauert noch heute, 1927, an – so sind die dadurch bewirkten geistigen Schädigungen unverhältnismäßig viel stärker. In Deutschland leiden wir jetzt wieder an einer wuchernden Mystik, die sich wie damals gegen die Wissenschaft und den Verstand als gegen ihren gefährlichsten Feind wendet.
Nun gibt es immer eine sehr große Anzahl Menschen, welche unterbewußt die Empfindung haben (wenn sie es auch niemals zugestehen), daß sie bei der Austeilung des Verstandes zu kurz gekommen oder in der Qualität benachteiligt sind. Allen diesen ist es äußerst willkommen, wenn dieses Gut in der öffentlichen Wertung recht niedrig steht, und bei ihnen findet eine solche Geistesrichtung[442] bereitwillige, ja leidenschaftliche Unterstützung. Daneben soll nicht vergessen werden, daß es auch eine große Anzahl ehrlicher Gemüter gibt, welche selbst empfinden, daß ihnen die Freuden erfolgreicher Verstandestätigkeit versagt sind, und die auch nicht die Willenskraft aufbringen, die unzureichende Kraft mittels sachgemäßer und geduldiger Übung (durch das Studium der Anfangsgründe irgendeiner exakten Wissenschaft) zu steigern. Auch solchen ist die Möglichkeit starker seelischer Genüsse auf dem Wege mystischer Gefühlserregung hoch willkommen, zumal diese sich ohne besondere geistige Anstrengung erreichen lassen. Denn außer dem Glück, sich führend zu betätigen, gibt es auch ein Glück, sich widerstandslos, hingebungsvoll führen zu lassen, ohne selbst die Augen aufmachen zu müssen. Und ein solches Glück wird in Zeiten wie die gegenwärtigen mit besonderer Begierde angestrebt.
Endlich soll eine noch sehr einflußreiche Denkweise nicht unerwähnt bleiben, welche die gleiche Richtung fördert. Sie entsteht aus dem Umstande, daß die Kulturwissenschaften zwar die wichtigsten insofern sind, als sie sich unmittelbar mit dem Leben der Völker wie der Einzelnen befassen, daß sie aber als die höchsten in der Pyramide der Wissenschaften notwendig die unentwickeltsten sind. Wo aber das Wissen fehlt, tritt der Glaube an seine Stelle. Und während es eine Grundforderung der Wissenschaft ist, stets willig zur Kritik und wenn nötig zur Verbesserung jedes einzelnen ihrer Sätze zu sein, ist es umgekehrt eine Grundforderung des Glaubens, jede Kritik und jeden Versuch einer Abänderung als moralisch verwerfliche Handlung unbedingt abzuweisen. Dies bewirkt, daß die Vertreter solcher unentwickelter Gebiete, in denen künftig die Wissenschaft herrschen wird, die aber zurzeit vom Glauben erfüllt sind, es als ihre zweifellose Pflicht ansehen, der exakten Wissenschaft mit allen Mitteln den Zugang zu den geheiligten Gefilden des Glaubens zu verwehren. Sie[443] begrüßen daher jede Wendung mit Freuden, welche das Ansehen der Wissenschaft zu mindern verspricht.
Nachruhm. Alle diese Umstände wirkten mit unüberwindlich aussehender Stärke zusammen, um sich meinen hier geschilderten Bestrebungen zu widersetzen, und die Zeit (1927) mit ihrer Belastung durch die Kriegsfolgen wirkt in gleichem Sinne. So gebe ich mich, wie erwähnt, dieser Arbeit hin mit dem Bewußtsein, daß sie zunächst keine oder nur sehr dürftige äußere Frucht bringen kann, und daß die Erntezeit dieser Gedankensaat voraussichtlich erst nach meinem Tode anbrechen wird. Aber ich habe schon gesagt, daß diese Verhältnisse die Freude an meiner Arbeit nicht wesentlich mindern. Denn ich weiß ja, warum ich nun mich damit begnügen muß, die Saat auszustreuen und sie den Mächten der Zeit zu überlassen.
Die nachstehende Geschichte von dem Wiener Komiker Nestroy hat einen starken Eindruck auf mich gemacht. Nestroy war ein vorzüglicher Charakterdarsteller, und einer seiner Freunde ermahnte ihn deshalb einmal, nicht seine Begabung an Possen zu verzetteln, sondern ernste Kunst zu üben. Weshalb? fragte Nestroy. Ja, du mußt es doch für die Nachwelt tun! sagte der Freund. So? Was hat denn die Nachwelt für mich getan? fragte Nestroy. Er erhielt keine Antwort, und ich wüßte auch keine zu geben.
Die Griechen hatten einen sehr schwerwiegenden Grund, für ihren Nachruhm zu sorgen, denn sie lebten im Glauben, daß ihr künftiges Dasein in der Unterwelt um so persönlicher und erträglicher oder gar erfreulicher sein würde, je kräftiger die Erinnerung an sie und ihre Taten unter den Lebenden sich betätigte. In dichterischer Verklärung bildet dieser Gedanke den Inhalt von Goethes wunderschöner Elegie Euphrosyne. Heute haben wir einen solchen Glauben nicht, wohl aber handeln viele unserer Besten instinktmäßig so, als hätten sie ihn.[444]
Ich habe mich geprüft, ob ich selbst von diesem Atavismus getrieben werde, wenn ich solche Zukunftsarbeit mache, oft bis der schmerzende Rücken mich zu einer Pause zwingt. Ich habe nichts derartiges entdecken können. Wohl aber besteht bei mir ein sehr starkes Bedürfnis, alle Gegenstände meines geistigen Haushaltes wissenschaftlich in Ordnung zu bringen. Ich kann diesen Trieb nur mit dem Instinkt des Reinemachens bei den guten Hausfrauen vergleichen, wenn ich auch nicht mit Sicherheit angeben kann, aus welchen Erbstücken sich dieser geistige Ordnungsinstinkt bei mir entwickelt haben mag. Vielleicht ist er ein Erzeugnis der bei mir eingetretenen Mutation (II, 380). Daß er stets irgendwo unbefriedigt bleibt wie z.B. bei der eben aufgeworfenen Frage, hat natürlich nur die Folge ihn stets lebendig zu erhalten. Welche Ursache dieser Trieb aber auch haben mag, er hat stets dahin gewirkt, mein Leben inhaltreich und froh bei jedem kleinen Fortschritt zu gestalten.
Von der Straße in den Garten. Aus dem Lärm der Straße in die Stille des Gartens zu flüchten, war von jeher für mich ein Bedürfnis gewesen, wenn der Lärm zu lange gedauert hatte oder zu arg gewesen war. Ich habe (II, 189) ausführlich beschrieben, wie ich die ersehnte Gartenruhe gefunden habe, wenn ich mich mit Zeichenstift und Pinsel in die Aufnahme und Wiedergabe der Natur versenkte. In stark vergrößertem Maßstabe sehe ich nun den gleichen Vorgang vor mir, da ich mein ganzes Leben auf den Gartenfrieden einzulenken beschäftigt bin und das Werk an der Straße zu verlassen gedenke. Natürlich geschieht ein solcher Übergang nicht von heute auf morgen. Jene Ferienerholungen hatten ja den künftigen Zustand schon für kurze Zeiträume vorausgenommen, und ich darf mich der Erkenntnis nicht verschließen, daß ich auch künftig dann und wann werde auf die Straße gehen müssen, auf die Gefahr hin, den Verkehrsschutzmann nicht mehr recht zu verstehen.[445]
So soll dieser Übergang noch ein wenig eingehender beschrieben werden, wie er sich seit meiner Befreiung gestaltet hat.
Teneriffa. Zufolge der sehr starken Beanspruchungen durch Weltsprache, Brücke, Monistenbund usw. fand ich 1913 meinen Energiedruckmesser so niedrig stehend, daß ich mir eine vollständige Ausspannung verordnete. Ich schrieb ein halbes Dutzend monistische Sonntagspredigten in Vorrat und reiste mit meiner älteren Tochter im Spätherbst nach der Insel Teneriffa, um dort zu baden und zu malen. Die Schiffreise dahin und zurück war, schon allein gemäß früheren Erfahrungen eine erhebliche Erfrischung und die vielfach begeisterten Schilderungen der landschaftlichen Schönheiten, die uns dort erwarteten, versprachen eine reiche Ausbeute an gemalten und fotografierten Bildern. Tatsächlich haben sich diese Erwartungen reichlich erfüllt und ich denke mit Freuden an die sechs sonnigen Wochen zurück, die wir dort verlebt haben.
Auf der Hinreise fanden wir uns in Gesellschaft einer Truppensendung nach einer westafrikanischen Kolonie. Trotz meines Pazifismus kam ich in gesellschaftliche Berührung mit dem Oberst, der die Abteilung führte. Ich lernte in ihm einen sehr angenehmen Reisegenossen kennen, der nichts von der Enge des Gesichtskreises erkennen ließ, die man unseren Militärs nachsagte.
Eine andere lustige Überraschung wurde mir durch einen Tischgenossen, mit dem ich flüchtig bekannt geworden war. Ich sah ihn eines Vormittags auf seinem Deckstuhl tief eingeschlafen mit einem offenen Buche auf dem Schoß, das auf den Boden zu gleiten drohte. Es sah mir auffallend bekannt aus, und ich hob es auf, als es tatsächlich heruntergeglitten war. Es erwies sich als das bekannte Buch: Große Männer, von Wilhelm Ostwald.
Zu gegebener Zeit landeten wir in Santa Cruz, wo wir einige Tage blieben, um die neue Welt kennen zu lernen,[446] in die wir eingetreten waren. Als wir in Hamburg abreisten, war leidlich gutes, sonniges Herbstwetter gewesen, das aber doch schon den kommenden Winter anzeigte. Unterwegs waren die Tage immer wärmer und auch länger geworden, und auf Teneriffa war es trotz der erfrischenden Weltmeerluft heiß wie bei uns im Juli. Die Gestalten der Felsen wichen von allem ab, was mir bekannt war, denn die Insel ist rein vulkanisch und besteht aus Laven, die der Pic von Teneriffa ausgeworfen hat. Es fehlt daher ganz die wagerechte Schichtung, die mehr oder weniger, deutlich dem Felsgrüst der mir geläufig gewesenen Landschaft die Grundgestalt gibt. Die Farbe ist ein rostiges Schwarz.
Ebenso abweichend erwies sich die Pflanzenwelt. Kaktus, Agaven und Euphorbien in riesigen Abmessungen schienen die ursprünglichen Gewächse zu sein. Im Anschluß an die Ansiedlungen fanden sich Palmen, Ölbäume, Zypressen und andere südliche Pflanzen. Wo es gelungen war, eine Erdschicht auf den Lavabrocken anzusammeln, welche den größten Teil der Fläche deckten, waren weite Bananenfelder angelegt, welche den Hauptreichtum der Insel bilden.

Das schönste aber war das Meer. In rein eisblauer Farbe und ungetrübt durch organische oder unorganische Kolloide wanderten die Wogen, die sich über tausende von Kilometern ungestört entwickeln konnten, in riesigen Dünungen daher, die so breit waren, daß man die Wellenform kaum erkennen konnte, zum steinigen Strande, wo sie unter donnerndem Getöse sich überschlugen und das Ufer, wo es flach war, weithin mit Schaum bedeckten. An solchen Stellen, wo sie sich zwischen Klippen verfingen, erzeugten sie eine Brandung, wie ich sie großartiger nirgend gesehen hatte.
In seiner vollen Schönheit sahen wir das Meer allerdings erst in Port Orotava, auf der anderen Seite der Insel,[447] wohin wir uns alsdann begaben. Der Weg führt über einen ziemlich hohen Landrücken und dann in ein Gebiet von großer landschaftlicher Schönheit; Alexander von Humboldt rechnet es unter die schönsten, die er gesehen hat. Die Wirkung beruht darauf, daß das Ufer durch eine Anzahl weiter Buchten geteilt ist, zwischen denen die schöngeformten Rücken alter Lavaströme blaue Kulissen bilden. Auch ist diese Seite der Insel reich mit mannigfaltigem Grün ausgestattet.
In einem recht guten Gasthaus, das früher der Wohnpalast eines reichen Mannes gewesen war, fanden wir befriedigende Unterkunft. Wir waren gegen Abend angekommen und strebten nach dem Essen dem Meere zu, das wir trotz der ruhigen Luft unaufhörlich donnern hörten. Es wurde wie immer in den Tropen plötzlich dunkel, doch trat ein fast voller Mond bald leuchtend hinter Wolken hervor und zeigte uns eine ungeheure Brandung silberglänzend zwischen tiefschwarzen hohen Felsen. Es war ein unvergeßlicher Anblick, den ich hernach wiederholt vergeblich im Bilde wiederzugeben versucht habe.
Damit begannen sehr behagliche Wochen, die ohne die gewohnte Arbeit auszufüllen mir nicht die geringste Schwierigkeit machte. Denn jede Wanderung bot unaufhörlich neue, malenswerte Bilder und die Bewältigung der grotesken Formen, welche die Lavafelsen in unabsehbarer Mannigfaltigkeit aufwiesen, stellte mir neue, recht schwierige Aufgaben. Denn an geschichteten Gesteinen läßt sich die Gesetzlichkeit des Aufbaues gut erkennen und darstellen, selbst wenn Gletscher, Wassermassen und Verwitterung die Formen vermannigfaltigt haben. Lava aber kommt mit der Erstarrung der Oberfläche nicht zur Ruhe, sondern diese wird in ungestalte Blöcke zersprengt und von dem langsamen Strome fortgewälzt, bis die Temperatur hinreichend gesunken ist, um ein weiteres Wandern zu verhindern. Dazwischen hat das Regenwasser, das in plötzlichen[448] Massen herabstürzt, tief eingeschnittene Schluchten ausgearbeitet, welche gewöhnlich trocken sind und nur bei neuen Wolkenbrüchen Wasser und Felsbrocken in wildem Gemenge zum Meer führen. Vielleicht haben diese Erfahrungen eine Rolle bei der langsamen Gestaltung meiner Erkenntnis gespielt, daß die Schönheit nur in der Gesetzlichkeit gefunden werden kann. Denn die Willkür in der Form der Lavafelsen erwies sich als ein entschiedenes Hindernis bei ihrer künstlerischen Verwertung und veranlaßte mich, weite Fernblicke zu bevorzugen, bei denen die zufälligen Einzelheiten verschwanden und nur die großen Formen zurückblieben.
Eine sehr angenehme Überraschung ward uns, als der sehr hervorragende Münchener Biologe Richard Hertwig mit Frau und junger Tochter wenige Tage nach uns eintraf. Er hatte eine besonders angestrengte Zeit als Rektor hinter sich und war weise genug, dem drohenden Zusammenbruch durch eine Ruhepause zuvorzukommen. Wir hatten uns vorher nicht gekannt, doch war mir sein Name von den ausgezeichneten Arbeiten her geläufig, die er meist mit seinem Bruder Oskar (II, 406) zusammen ausgeführt hatte. Auch zwischen den beiderseitigen Damen entwickelte sich ein heiteres Verhältnis, so daß auch von dieser Seite die Reise sich als sehr wohl gelungen erwies.
Wiederholt besuchten wir den botanischen Garten bei Orotava, den ich heute mit viel größerem Gewinn betrachten würde, entsprechend meinem näheren Verhältnis zur Pflanzenwelt. Zufällig blühte gerade die Strelitzia, eine der wunderlichsten Blütenformen, die ich gesehen habe. Mein Versuch, sie zu malen, zeigte mir, wieviel ich nach dieser Richtung noch zu lernen hatte. Erst in den letzten Jahren, seit 1926 habe ich begonnen, dieser Mahnung nachzukommen.
Die Hinreise hatten wir auf einem Dampfer der Wöhrmann-Linie gemacht, auf dem wir von dem Obersteward als nicht besonders beachtenswerte Leute eingeschätzt[449] worden waren; wir hatten beide nichts dagegen einzuwenden. Zur Rückreise war um die Zeit ein Schiff der Hamburg-Amerika-Linie fällig, auf dem wir ganz anders aufgenommen wurden. Der Kapitän wies uns die Plätze zu den Mahlzeiten neben sich an und gab sich alle Mühe, uns die Fahrt so angenehm wie möglich zu machen. Dies gelang ihm auch bestens, da er sich als ein liebenswürdiger und nachdenklicher Mann erwies, mit dem ich manches fesselnde Gespräch geführt habe. Ich habe ihn später während des Krieges in Hamburg oder Kiel wiedergesehen. Er kommandierte einen Minensucher und sagte mir, was für ein wunderliches Gefühl das tägliche Bewußtsein bewirkt, daß man jeden Augenblick auf eine Mine geraten und in die Luft gesprengt werden kann. Auch den netten Oberst von der Herreise trafen wir wieder an; er hatte seinen Trupp abgeliefert und kehrte zum Dienst nach Deutschland zurück.
Sehr empfindlich war uns aber der Wechsel des Wetters aus dem sonnigen Süden in den dunklen und nebeligen Dezember der Heimat. Mit jedem Tage wurde es um ein Beträchtliches kälter und trüber. So verließen wir das Schiff schon in Antwerpen, da wir von dort etwa zwei Tage früher mit der Eisenbahn nach Hause gelangen konnten, als über Hamburg. Es war noch Zeit, im Museum die berühmten Rubens-Bilder zu betrachten. Sie machten einen sehr theatralischen Eindruck auf mich. Technisch fielen mir die Flecken von reinem Zinnober auf, die er in die tiefsten Schatten des Fleisches seiner Gestalten gesetzt hatte, und die unverkennbar eine gute Wirkung machten. Erst meine späteren Farbforschungen lehrten mich, daß sie der Ausdruck wohlbeachteter »Binnenfarben« waren.
Salzburg. Als Garteninseln muß ich auch die zweimal acht Tage bezeichnen, welche ich an der Salzburger Sommeruniversität zugebracht habe. Es waren dies freie Zusammenkünfte, zu denen Gelehrte als Professoren eingeladen wurden, die etwas Neuartiges zu sagen hatten.[450] Die Vorträge jedes einzelnen dauerten längstens eine Woche; die Zusammenkunft dauerte zwei, so daß nach einer Woche ein vollständiger Personenwechsel stattfand. Die äußere Ordnung war eine lustige Nachahmung akademischer Verhältnisse; so wurde für jede Woche ein neuer Rektor gewählt. Auch mir wurde die Würde zuteil; es ist das einzige Rektorat, das ich bekleidet habe.
Da für diese Zusammenkünfte vorwiegend Leute lebendigen Geistes eingeladen wurden, so hatte man Gelegenheit genug, angenehme Bekanntschaften zu machen, zumal sehr mannigfaltige Fächer vertreten waren. Auch die Zuhörer waren festlich gestimmt und daher besonders empfänglich. Obwohl die Teilnahme an den Zusammenkünften für mich mit Vortragarbeit verbunden war, habe ich diese Tage doch durchaus als Festtage in meiner Erinnerung, und es wäre gut, ähnliches wieder einzurichten.
Karlsbad. Eine ganze Perlenschnur von Garteninseln habe ich erlebt, seitdem ich alljährlich nach Karlsbad pilgere. Denn dort finde ich jedesmal den nächsten Freund meiner alten Tage vor, dessen erwärmende Nähe entscheidend zu der Erfrischung beiträgt, die ich von dort heimbringe.
Im Jahre 1911 hatte der geniale Organisator des gewerblich-technischen Bildungs- und Versuchswesens in Österreich, Wilhelm Exner, die Einladung zum Museumsvortrag in München angenommen. Ich hatte ihn schon einige Male, in Wien wie auf den Museumsversammlungen in München gesehen und wir waren flüchtig bekannt geworden. Aufmerksam auf ihn hatten mich Berichte über eine seiner schöpferischen organisatorischen Arbeiten gemacht und ich gedachte die Gelegenheit in München zu benutzen, um mit ihm näher bekannt zu werden. Zufällig hatten wir beide im Rheinischen Hof Wohnung bestellt. Als ich das Haus betreten wollte, kam er gerade heraus, ein Heft in der Hand. Er erkannte mich und sagte mir, das Heft vorweisend: da steht Ihr Name darin. Ich machte[451] ein Fragezeichen im Gesicht und er erläuterte: mein Vortrag betrifft die internationalen Organisationen, und da habe ich natürlich Ihrer Arbeiten auf diesem Gebiete gedenken müssen.
Dies war der Anfang einer Freundschaft, die mich seitdem mit diesem großen und guten Manne eng verbunden hat. Obwohl er 14 Jahre älter ist als ich und eben (Frühling 1927) sich anschickt, das 87. Lebensjahr zu vollenden, erfüllt er noch täglich die anspruchsvollen Pflichten eines Leiters und Organisators der Österreichischen technischen Versuchsanstalten und Museen und fügt alljährlich dem reichen Komplex dieser Gebilde das eine und andere neue Glied hinzu, das er mit dem ihm eigenen Leben zu erfüllen weiß.
Wien und Groß-Bothen sind so weit entfernt, daß auch diese Beziehung, so wertvoll sie mir war und ist, wegen Mangels an persönlichem Zusammensein einer langsamen Verflüchtigung in den Nebel der Erinnerung verfallen wäre, wenn wir uns nicht alljährlich anfangs einmal, jetzt zweimal einige Wochen lang in Karlsbad sehen würden.
Ich hatte etwa um mein 60. Lebensjahr an Gallenkoliken zu leiden begonnen, welche sich anfangs nach einigen Stunden zu beruhigen pflegten, sich aber dann häufiger zu schmerzhaften Anfällen entwickelten. Bei einer zufälligen Erwähnung gab mir Exner den dringenden Rat, dagegen eine Karlsbader Trinkkur zu brauchen. Er selbst schrieb seine Frische und Leistungsfähigkeit, die mich wie Alle in Erstaunen setzte, dem Umstande zu, daß er an dreißig Jahre unausgesetzt regelmäßig in Karlsbad gewesen war und es so auch fernerhin zu halten gedenke. Es bedurfte keiner großen Überredung, um mich zu veranlassen, mit ihm im bevorstehenden Herbst in Karlsbad zusammenzutreffen. Rechtzeitig war ich dort, und damit begann eine ununterbrochene Reihe von Begegnungen in der schönen Sprudelstadt, die sich als eine wahre Labung für Geist[452] und Körper erwiesen. Zwar endete der erste Kuraufenthalt bei mir mit einem ziemlich schmerzhaften Anfall des Leidens. Aber ich erfuhr, daß dies eine sehr häufige Erscheinung, bedingt durch den Abgang der vorhandenen Gallensteine war, und tatsächlich haben die Störungen sich, unterbrochen durch einige Rückfälle, vermindert und scheinen nun ganz ausbleiben zu wollen.
In Exners Gesellschaft fand ich in den ersten Jahren den Werkwalt Wilhelm Doderer, einen Miterbauer des Nordostseekanals. Wir drei Wilhelme pflegten die Tage mit Brunnentrinken, Wandern und Essen gemeinsam zu verbringen, wobei Exner unbestritten die Führung hatte. Er zwang uns, täglich eine Wanderung von mindestens 20000 Schritten zu erledigen, die er gewissenhaft an einem Schrittzähler kontrolierte, den er nebst unzähligen anderen Geräten stets mit sich führte und brachte in unser Feriendasein einen strengen Rhythmus, der den Tag wohltätig erfüllte und uns gar kein Bedürfnis nach den üblichen Zerstreuungen empfinden ließ.
Exners Kreis von Freunden und Bekannten war sehr groß, so daß ich durch ihn häufig mit hervorragenden Zeitgenossen, vorwiegend natürlich Österreichern bekannt gemacht wurde. Ich nenne sie nicht einzeln, weil sich keine dauernden Beziehungen daraus ergeben hatten.
Ein Experiment zur Kunstlehre. Die Zeit von zwei bis drei Wochen, die ich in Karlsbad zuzubringen pflege, wird nicht vollständig mit kurgemäßem Nichtstun ausgefüllt. Der Zufall hat es meist gefügt, daß inzwischen die eine oder andere Einladung an mich gelangte, einen Aufsatz für irgendeine Zeitung oder Zeitschrift zu schreiben, der ich fast immer nach gekommen bin. Für solche Arbeiten ist die Abwesenheit der häuslichen Umgebung und der lang ausgedehnte Aufenthalt im Freien besonders förderlich, da man unwillkürlich andere Vergleiche und Bilder anwendet, als sie am gewohnten Schreibtisch kommen. Auch habe ich[453] oft diese Zeiten benutzt, um auf stundenlangen Einzelwanderungen Gedankenreihen durchzuführen, die sich bis dahin mir nur in ihren Anfängen und ungefähren Verhältnissen gezeigt hatten.
So überlegte ich mir einmal die Mittel, deren ich mich etwa noch bedienen könnte, um die Menschen schneller mit meinen Farben- und Harmoniegedanken vertraut zu machen. Ich bedachte dabei die starken und dauerhaften Wirkungen der poetischen Form. Spielen doch Reim und Rhythmus beispielsweise für die kaufmännische Reklame eine durchgreifende Rolle.
Nun hatte ich zwar in meinen ganz jungen Jahren gelegentlich Knittelverse gemacht; zu einem lyrischen Gedicht hatten aber meine Gefühlserregungen niemals ausgereicht. Und in späteren Jahren ist der einzige Vers, den ich gemacht habe, der energetische Imperativ gewesen: vergeude keine Energie, verwerte und veredle sie, der übrigens meist in abgekürzter Form mit nur einem Zeitwort ausgesprochen wurde. Auch behaupteten die Gegner der Energetik, der Vers sei schlecht, was ich meinerseits nicht finden kann.
Da ich durch meine ausgedehnte Schriftstellerei meine guten Anlagen zur Sprachgestaltung mannigfaltig ausgebildet hatte, so sah ich keinen Grund, weshalb ich nicht auch mehr als zweizeilige Gedichte sollte machen können. Von Goethe hatte ich durch die Freude an seinen Dichtungen eine reiche Anschauung der technischen Mittel gewonnen, und da ich mir im Zusammenhang mit den Farben- und Formenforschungen auch eine genügende Klarheit über das Wesen des Kunstwerkes verschafft hatte, so waren meines Erachtens für mich alle Voraussetzungen zur Erzeugung von Poesien gegeben.
Ich begann zunächst ein Lehrgedicht über die Farben anzufertigen, um Erfahrungen darüber zu sammeln, wie sich die allgemeine oder wissenschaftliche Erkenntnis in die Praxis übersetzen läßt. Es ergab sich bald eine Technik[454] ganz ähnlich wie bei der Gestaltung eines Bildes. Nachdem man sich über den Inhalt klar geworden ist, stellt man eine Skizze her, durch welche das Versmaß und die wichtigsten Reime festgelegt werden, zunächst ohne Rücksicht auf die Feingestaltung, welche die spätere Aufgabe ist. Dann wird Zeile auf Zeile in Ordnung gebracht, wobei man sich nicht scheuen darf, auch gut gelungene Zeilen zu verwerfen, wenn sie mit den anderen nicht zusammengehen wollen. Der Zwang der Reime führt oft zu neuen Gedanken und Bildern. Dabei muß man allerdings sorgfältig vermeiden, den Eindruck zu erwecken, als seien diese nur des Reims wegen gebracht worden. Denn die organische Verbindung von Form und Inhalt ist die Hauptarbeit; je besser sie gelingt, um so besser wird das Kunstwerk.
Als ich mir dies klar gemacht hatte, war ich auch klar darüber geworden, daß die großen Kunstperioden weitgehend dadurch gekennzeichnet werden, daß entweder die Form oder der Inhalt in den Vordergrund tritt. Für diesen Gedanken suchte ich dann nach einer poetischen Gestalt und erdachte folgendes Gedicht:

Am Arsch vorbei geht… DIN A4 in Raum und Z… Die Farbenlehre Wilh… Einführung in die Fa… Fifty Shades of Grey… Fortschritt als Ideo… Grundriß der Naturph… Helene Fischer Jan-Peter Domschke: … Restlosigkeit: Weltp… Wilhelm Ostwald. Far… Wilhelm Ostwald: Mon…
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Inhalt! Form! So tobt der Krieg.
Kaum daß Form zur Not gesiegt hat,
Ruft der Inhalt: mein der Sieg!
Prahlt, daß er sie tot gekriegt hat.

Krieg verfliegt, doch Liebe siegt.
Nur wenn Herz zu Herz gesellt
Form sich an den Inhalt schmiegt,
Kommt ein Kunstwerk auf die Welt.

Wer mit der Technik der Dichtung bekannt ist, wird bemerken, daß hier eine ganze Anzahl von Hilfsmitteln höherer Ordnung über Versmaß und Reim hinaus verwendet[455] worden sind, um die Wirkung zu steigern. So ist denn ein wohlklingendes und eindrucksvolles Gedicht zustande gekommen.
Um den Zufall auszuschließen, habe ich mir dann folgende Aufgabe gestellt. Zufällig war mir ein Aufsatz von A. Holz im Gedächtnis geblieben, in welchem der Reim beschuldigt wurde, die Poesie durch den Zwang zu schädigen, den er dem Dichter auferlegt. Mir war bei meinen Experimenten der Reimzwang mehrfach nützlich gewesen, den Inhalt lebendiger zu gestalten und ich hatte es meist ausführbar gefunden, einen klangvollen Reim, den ich anbringen wollte, durch einen glücklichen Gedanken zu rechtfertigen. Nun bemerkte ich, daß die Anzahl der Worte, die sich auf Reim reimen, auffallend klein ist; ich fand nur Keim, Schleim, Honigseim, Heim, Leim. So stellte ich mir die Aufgabe, alle diese Reime zu einem Gedicht zu verbinden. Hierzu war offenbar nötig, einen interessanten Gedankengang zu finden, an dem sich diese sehr verschiedenartigen Begriffe aufreihen ließen. Die Sache sah anfangs sehr verzweifelt aus, als ich um 11 Uhr vormittags zu einer einsamen Denkwanderung längs dem »Faulenzerweg« aufbrach und zunächst nichts im Sinne hatte, als den Satz: Reim ist Schicksal. Ehe ich um 1 Uhr an den Mittagstisch kam, hatte ich indessen schon zwei Drittel der Aufgabe gelöst; nur Leim und Schleim waren nachgeblieben, die ich nicht hatte bewältigen können. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf; hatte doch Goethe es fertig gebracht, in seinem ersten Sonett reimen und leimen zu reimen. Nämlich:

So möcht' ich selbst in künstlichen Sonetten,
In sprachgewandter Meister kühnem Stolze
Das beste, was Gefühl mir gäbe, reimen;
Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten,
Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze,
Und müßte nun doch auch mitunter leimen.
[456]
Also ging ich nach dem Mittagsschläfchen mit frischen Kräften ans Werk und führte es in zwei weiteren Stunden glücklich durch. Nämlich:

»Reim ist Schicksal. Einzuschränken
Zwingt er der Gedanken Lauf.«
Reim ist Keim: zu frischem Denken
Tut er neue Pfade auf.

Reim ist Honigseim den Ohren,
Gibt dem Rhythmus Melodie.
Reim das Heim, drin hat geboren
Neue Schönheit Poesie.

Reim ist Leim: er klebt ergötzlich,
Was sich sonst nicht leicht gesellt.
Reim ist Schleim, auf welchem plötzlich,
Wer nicht achtgibt, rutscht und fällt!

Es war im Herbst 1925 bald nach Beendigung des ersten Bandes der »Lebenslinien«, als ich diese und manche andere ähnliche Experimente ausführte. Sie genügten mir, um mich zu überzeugen, daß meine Kunstlehre richtig war. Doch stand mein Sinn nicht danach, die Lorbeeren eines Dichters zu gewinnen und ich habe seitdem keine Gedichte mehr gemacht. Vielmehr wendete ich mich mit verstärkter Hingabe den Problemen zu, die es in dem neu erschlossenen Gebiete der Lichtkunst zu lösen gab.
Die neue Richtung. Frage ich mich, in welchem Sinne ich mein Lebensschifflein während des Restes meiner Jahre steuern soll, so spricht alles dafür, das stürmische Meer solcher Tätigkeiten zu verlassen, bei denen der Erfolg von der unmittelbaren Beeinflussung anderer Menschen abhängt, und eine Lebensform zu wählen, welche wesentlich auf das Glück der Hütte, die widerstandsfreie Betätigung[457] der Restenergien eingestellt ist. Zunächst habe ich die Erscheinungen des Alterns bei mir zu einem Gegenstande wissenschaftlicher Beobachtungen gemacht, der aus naheliegenden Gründen mein Interesse immer wieder neu anregt, und habe dadurch einen sehr großen Gewinn erzielt. Den meisten Menschen sind sie eine Ursache des Kummers und sie verschärfen die unwillkommenen Seiten dieser naturnotwendigen Erscheinung oft noch, indem sie sie zu verbergen trachten und sich dadurch mancherlei unnötige Belästigung und Schädigung zufügen, weil sie sich dort Anstrengungen zumuten, wo Schonung eine physiologische Notwendigkeit wäre. Ganz anders wirkt die wissenschaftliche Einstellung. Über naturgegebene Verhältnisse regt man sich um so weniger auf, je tiefer man sich durch wissenschaftliche Denkgewöhnung mit dem Weltenrhythmus der Naturgesetzlichkeit durchdrungen hat. Dann findet man sogar in dem Gefühl des eigenen Mitschwingens in diesem universellen Rhythmus eine starke Erhebung und ist ganz einverstanden, sich von der großen Welle seinerzeit auch unter die Schwelle des Bewußtseins tragen zu lassen.
Aber derartige Gedanken und Stimmungen füllen den Tag nicht aus und die lebenslängliche Gewöhnung heischt eine praktische Tätigkeit, die irgendwie gute und erfreuliche Folgen hat. Hier finde ich nun, daß die mannigfaltigen Linien meines Lebens sich so natürlich zu einem Band verflechten, als wäre das ganze Gewebe vorbewußt darauf angelegt worden.
Noch heute habe ich große Mühe, die mehr oder weniger zufällige Beschäftigung des Tages nicht als eine Aufgabe anzusehen, deren Vernachlässigung Schuldgefühle bei mir hervorruft. Ich habe mit anderen Worten bisher das Leben als Pflicht betrieben und die Tatsache, daß deren Erfüllung mich glücklich machte, mehr als einen erfreulichen Nebenerfolg denn als einen Lebenszweck[458] angesehen. Praktisch war es einerlei, wie ich mich dazu stellte; das Glücksgefühl war mir ein Zeichen dafür, daß meine Arbeit mit bestem Güteverhältnis, also gemäß dem energetischen Imperativ vor sich ging. So lag Pflicht und Glück am gleichen Ort.

Nun aber, wo die tägliche Menge wohlgenutzter Energie immer kleiner wurde, besann ich mich darauf, daß das Glück den unmittelbaren Lebenswert und -zweck ausmacht, und die Pflicht nur den mittelbaren, nämlich den Weg dazu. Vermöge eines ganz allgemeinen seelischen Vorganges gestaltet sich immer wieder für das Gefühl das Mittel zum Zweck, und es verbinden sich mit Dingen, die eigentlich nur Mittel zum Glück sind, unmittelbare Glücksgefühle. So ist es insbesondere mit der Arbeit, der ich so viel Glück zu verdanken hatte. Diese muß nun in den Hintergrund treten und ich stehe vor der Frage: welche unmittelbaren Glücksquellen sind mir noch zugänglich?

Der bekannteste und vielleicht auch beste Weg, nämlich möglichst viel einzelne Menschen meiner nächsten Umgebung durch seelische und sachliche Teilnahme glücklicher zu machen, oder ihr Unglück zu lindern, stand mir nicht offen, da mir die Fähigkeit dazu abgeht, und ich mir nicht zutraue, den Mangel jetzt noch ersetzen zu können. Die Menschen sind mir meist nur als Menge wichtig und interessant gewesen, und jeder einzelne fast nur als Vertreter seiner Gattung.

Dagegen gibt es einen anderen Weg, der sich mir eben aufgetan hatte, nämlich die Kunst. Kunst ist die Kunst, auf künstlichem Wege willkommene Gefühle hervorzurufen. Die Entdeckung der Harmoniegesetze für Farben und Formen, aus der sich weittragende Aufklärungen über die Kunst im allgemeinen ergeben hatten, öffnete mir ein Feld, oder besser gesagt einen Garten,[459] in welchem ich Schönheit, also Glück züchten konnte, wie der Gärtner Blumen züchtet. Denn die praktische Anwendung dieser Gesetze zur Herstellung schöner Gebilde war ja noch ganz unbekannt. Sie mußte methodisch nach den Regeln der Ordnungslehre erforscht werden; jede einzelne Anwendung ergab nicht nur wissenschaftliche Aufklärung, sondern unmittelbaren Genuß. Und dieser Genuß war nicht auf mich beschränkt, denn ich konnte ja die Bilder, die ich herstellte, der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dabei konnte ich mich ganz außerhalb des Einflusses von Lob und Tadel fühlen, da diese mich gar nicht als Künstler trafen. Denn ich hatte die Harmonien ja nicht als persönliche Leistung erzeugt, sondern als von der Wissenschaft geforderte Veranschaulichungen sachlicher Naturgesetze. Lob und Tadel bezeichneten vielmehr nur das Maß des Verständnisses, das diese Gesetze bei dem Beschauer gefunden hatten.
Künstler und Forscher. Dies ist eine sehr nachdenkliche Sache. Jeder, der mit wirklichen Künstlern persönlich bekannt ist oder war, weiß, daß diese sich fast andauernd in einem Zustande des Katzenjammers befinden, der nur zuweilen von erhebenden Stunden voller Leistungsfähigkeit unterbrochen wird. Diese vermitteln allerdings so starke Glückserlebnisse, daß der Künstler bei seinem Beruf bleiben will.
Die Ursache dieser Zustände ist, daß der Künstler unterbewußt schafft und schaffen muß. Denn wenn die Bedingungen des Schaffens bewußt sind, handelt es sich nicht mehr um Kunst, sondern um Wissenschaft. Nur wenn die vielen inneren (und auch äußeren) Voraussetzungen erfüllt sind, welche dem Künstler freie Verfügung über sein unterbewußtes Können gewähren, kommt eine Leistung zustande. Zwischen diesen glücklichen Momenten liegen aber lange Niederungen verminderter Energie, die ertragen werden müssen, bis wieder[460] einmal die glückliche Stunde schlägt. Dies trifft namentlich beim jungen Künstler zu. Der alte hat, wenn er wirklich ein Könner ist, so viel von jenen Voraussetzungen in das Gebiet des Geläufigen, wenn auch meist noch nicht klar Bewußten heraufgehoben, daß ihm vieles auch in der Zwischenzeit gelingt und er nicht so sehr von den Niederungen zu leiden hat.
Ist nun aber das Werk hergestellt, so muß sich der Künstler (ich denke in erster Linie an den Maler) sagen, daß es weit entfernt geblieben ist von dem Ideal, das ihm die innere Anschauung gezeigt hatte. Er möchte bessern, aber manche schlimme Erfahrung hat ihn gelehrt, daß der Versuch dazu sein Werk oft nicht besser, sondern schlechter gemacht hat, und daß dann die Wiederherstellung des früheren Zustandes sehr schwierig, ja meist unmöglich ist. Also läßt er es lieber, wie es ist, und hat wieder eine dauernde Ursache zur Unzufriedenheit. Der Dichter und Toner ist hier besser daran, denn er kann sein Werk ändern, ohne den früheren Zustand zu verlieren, und unter mehreren Lösungen die beste aussuchen und beibehalten.
Alles dies fällt bei der wissenschaftlichen Erzeugung eines harmonischen, also schönen Werkes fort. Die Herstellung selbst ist eine dauernde Freude: man sieht die Schönheit immer klarer und eindringlicher aus dem Gerüst zutage treten und erfreut sich um so mehr des reinen, fertigen Werkes. Dessen Schönheit aber übertrifft meist die Vorstellung, die man sich vorher gemacht hat. Die Fantasie des Künstlers kann nur (wenn auch gesteigert) wiederholen, was er erlebt hat. Dem Forscher aber tun sich völlig unbekannte Welten auf, wenn er die an einzelnen Fällen erkannten Gesetze auf alle neuen Fälle anwendet, welche ihm die Ordnungswissenschaft darbietet. Und was er so erzeugt, ist in seiner Art vollkommen und kann nicht übertroffen werden, ebensowenig wie z.B. ein wissenschaftlich[461] genau eingestellter reiner Dreiklang übertroffen werden kann.

Oft genug habe ich harmonische Bilder abends bei Lampenlicht mit Hilfe meiner Farborgel hergestellt und die entstandenen Harmonien nicht besonders schön gefunden. Denn sie waren durch das vorherrschende Rot und Gelb des Lampenlichts verstimmt und deshalb unwirksam. Wenn ich sie dann am nächsten Morgen besah, war ich erstaunt und entzückt über ihre Schönheit. Hat man aber eine Harmonie genauer kennen gelernt, so empfindet man sie auch am Abend trotz der Verstimmung als Harmonie, ganz ebenso, wie man Dreiklänge auf dem Klavier oder Harmonium als solche empfindet, obwohl sie durch die gleichschwebende Temperatur merklich verstimmt sind.

Ein grundsätzlicher Kulturfortschritt. Betrachtet man die eben beschriebenen Verhältnisse vom Standpunkt der allgemeinen Kulturwissenschaft, so zeigt sich folgendes Bild.


Alle Wissenschaften haben als Künste angefangen, d.h. als unterbewußte Fertigkeiten. So hat es eine Schmiedekunst und eine Mühlenbaukunst gegeben, eine Kunst des Schreibens und Rechnens und unzählige andere, die inzwischen Wissenschaften geworden sind. Dies gilt zunächst durchaus für die unteren Stufen in der Pyramide der Wissenschaft. Je höher man aufsteigt, um so unvollständiger ist die Wissenschaft entwickelt und um so größer ist der künstlerische, d.h. unterbewußte Anteil im Können ihrer hervorragendsten Vertreter. So besteht in der Medizin namentlich wegen unzulänglicher Verwissenschaftlichung ihres psychologischen Anteils neben der wissenschaftlichen Grundlage der ärztlichen Tätigkeit ein sehr bedeutender künstlerischer Anteil beim praktischen Arzt. Auch wer einen hervorragenden Chirurgen operieren[462] sieht, kann sich dem Eindruck der künstlerischen Leistung nicht entziehen.
Nun ist das, was man Kunst im engeren Sinne nennt, die willkürliche Erzeugung willkommener Gefühle im Empfänger, ebenso ein Stück angewandter Wissenschaft, wie die Heilkunst. Nur gehört sie nicht in erster Linie zur Physiologie, wie die Medizin, sondern sie ist eine psychologische Technik. Daher steht ihre wissenschaftliche Entwicklung auf viel niedrigerer Stufe, als die der Medizin, und zwar auf einer so niedrigen, daß sie noch durchaus als »Kunst«, d.h. als unterbewußtes Können ausgeübt und angesehen wird.
Es kann aber gar kein Zweifel bestehen, daß früher oder später auch hier der Aufstieg von der Kunst zur Wissenschaft sich vollziehen muß und wird und daß alsdann ein Kunstwerk d.h. ein schönes Gebilde ebenso wissenschaftlich erzeugt werden wird, wie man heute einen an Diphterie erkrankten Menschen durch Einspritzen des Serums heilt. Da ein solcher Vorgang nur langsam und stufenweise erfolgen kann, so wird der künstlerisch-unterbewußte Anteil bei der Erzeugung von Schönheitswerten noch lange stark vorwiegen. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß der andere Anteil sich zunehmend steigern muß.
An der Erstentwicklung dieser neuen Kulturepoche in der Kunst als Entdecker und Forscher mitarbeiten zu können, ist das besondere persönliche Glück, das ich meiner lebenslänglichen Hingabe an die Wissenschaft verdanke. In diesem Glück werde ich nicht gestört sondern bestärkt durch den einstimmigen Widerspruch der Kunstschreiber aller Art, vom Tagschreiber bis zum Professor. Denn gerade die Einhelligkeit des Widerspruches zeigt mir, wie groß und wie umgestaltend der Schritt ist im Verhältnis zum ganzen bisherigen Kunstbetrieb, dem theoretischen wie dem praktischen. Und[463] da niemand mich hindern kann, meine harmonischen Werke unter entsprechenden Glücksempfindungen zu erzeugen, so hat ihr Widerspruch keinen anderen Erfolg, als daß er unzähligen Mitmenschen, die ihnen nie Übles getan haben, eine unerschöpfliche Quelle reinsten Glückes zudeckt und trübt. Lukas 11,52 heißt es: Wehe euch, ihr Schriftgelehrten, denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis versteckt. Ihr kommt nicht hinein und wehret denen, die hinein wollen.
Die nächsten Aufgaben. Anfangs untersuchte ich die farbigen Harmonien, indem ich mit Hilfe meiner Erkenntnisse über die Harmonie der Formen einfache geometrische Muster herstellte und sie mit Farbe ausfüllte. Dies wurde mir bald langweilig, auch als ich verwickeltere Muster wählte. Bei den Japanern (die es von den Chinesen haben) konnte ich sehen, wie man auch naturalistische Anregungen in gesetzlicher Formgestaltung verwerten kann, wobei die Teilnahme des Beschauers nicht nur durch die Erinnerung an die Naturform, sondern auch durch die Freude an ihrer formgesetzlichen Gestaltung erfolgreich belebt wird.
Als nächstliegendes und ausgiebigstes Material hierfür bieten sich die Blumen an, weiter Pflanzen im allgemeinen, und Tiere, insbesondere die niederen. Ich konnte hier einen großen Schritt über die Japaner hinaus tun, indem ich die Farbgebung streng nach den Harmoniegesetzen wählte. Auch die Japaner haben in ihren bunten Holzschnitten manche gute Farbwirkung, die erfahrungsmäßig gefunden und durch Tradition festgehalten worden ist. Aber dazwischen kommen doch auch arge Fehler vor, namentlich seitdem durch die neuen Farbstoffe Wirkungen entstanden, für die es keine Sicherung durch Tradition gab.
Ich habe deshalb eine große Anzahl Blumenbilder gemalt, indem ich die natürliche Erscheinung nur als[464] Anregung nahm und sie sowohl nach Form wie nach Farbe gesetzlich gestaltete. Mir haben die Erzeugnisse sehr wohl gefallen und ebenso vielen, die sie gesehen haben. Häßlich hat sie keiner gefunden, nicht einmal gleichgültig. Daher mußten die Gegner, an denen es nicht fehlte, einen anderen Angriffspunkt suchen. Es kam etwa folgende Kritik heraus: Er will die ganze Malerei revolutionieren und malt Blümchen!
Vor einigen Jahren sah ich ein modernes Gemälde, eine etwa metergroße dunkelgrau grundierte Leinwand. Darauf waren mit grellen, sehr unschönen Farben wolkige, strahlige und rundliche Gebilde von unverständlicher Beschaffenheit gemalt. Im Katalog stand dazu: Kosmisches Geschehen. Das war allerdings unvergleichlich viel großartiger, als meine Blümchen, aber ich glaube nicht, daß es irgendeinem Menschen Freude gemacht hat. Auch seinem Schöpfer nicht.
Außer jenen einfacheren Naturerzeugnissen habe ich begonnen, auch aus größeren Gebilden, nämlich eigenartigen Landschaftbildungen die gesetzlichen Formen- und Farbenharmonien herauszuarbeiten, die, wenn auch in unvollkommener Ausprägung die Ursache unseres Gefallens an ihnen sind. Ich finde diese Aufgaben ganz ähnlich denen bei der Herstellung eines Gedichts (III, 455) und sehe hier Schaffensmöglichkeiten vor mir, die weit über die Jahre reichen, die ich noch auszufüllen habe.
Aber schon meine Blumenbildchen hatten weitere, freundliche Folgen. Zunächst benutzte ich als Vorlagen, was mir Garten und Wiese boten, doch war das nach einiger Zeit erschöpft. Den Garten der »Energie« hatte ich während der Kriegszeit verwildern lassen und hernach hatte ich kein Geld, um ihn wieder in Stand zu setzen. Gelegentliche Besichtigungen anderer Gärten und wiederholte Besuche der Dresdener Gartenbauausstellung 1926 zeigten mir den Reichtum neuer Formen und Farben,[465] welche die hoch entwickelte Gartenkunst unserer Tage erzeugt hat und fortlaufend erzeugt. So begann ich, ein immer stärkeres Interesse an der gärtnerischen Entwicklung des ausgedehnten Geländes zu nehmen, welches zur Energie gehört. Von der Betrachtung des Gartens als einer Vorratstelle für malerische Anregungen fühle ich mich mehr und mehr zu der Aufgabe hingezogen, den Garten selbst als Kunstwerk zu entwickeln, um in der Teilnahme am Gedeihen meiner Blumen einen unmittelbaren Lebensinhalt zu finden.
Auf solche Weise wachsen meine Arbeiten in und außer dem Hause in eins zusammen und gewähren mir doppelte Freuden. Ich brauche nicht die Vergänglichkeit der Blumenschönheit zu betrauern, denn ich kann einen wesentlichen Teil davon, zu reinen Harmonien erhoben, in meinen Bildern festhalten. Und da ich die Gewohnheit habe, die Farbzeichen der im Bilde verwendeten Farben aufzuschreiben, so hinterbleibt von jedem meiner Bilder die Partitur. Sie ermöglicht es, auch wenn die Zeit das Bild verändert hat, die ursprüngliche Harmonie wieder hervorzurufen und sichert dadurch diesen harmlosen aber hübschen Erstlingen eines neuen Kapitels in der Geschichte der Malerei eine gleichsam ewige Dauer. Denn sie sind nun ebenso unvergänglich, wie die größten Kunstwerke der Ton- und Dichtkunst, während die größten Kunstwerke der bisherigen Malerei wegen der Veränderlichkeit des Materials rettungslos dem Untergange ausgeliefert sind.
So fühle ich mich in den Tagen meines Abschieds vom Flügel der Ewigkeit berührt.[466]




Wilhelm Ostwald
Lebenslinien
Eine Selbstbiographie













[Widmung]


Erster Teil

Erstes Kapitel: Elternhaus und Kindheit
Zweites Kapitel: Knabenjahre
Drittes Kapitel: Der werdende Jüngling
Viertes Kapitel: Studentenjahre
Fünftes Kapitel: Der Eintritt in die wissenschaftliche Laufbahn
Sechstes Kapitel: Lehr- und Ehestand
Siebentes Kapitel: Die erste Berufung
Achtes Kapitel: Die Professur in Riga
Neuntes Kapitel: Deutschland
Zehntes Kapitel: Wieder in Riga
Elftes Kapitel: Der Arbeitsgenosse
Zwölftes Kapitel: Fortschritte
Dreizehntes Kapitel: Die Berufung nach Leipzig



Zweiter Teil

Erstes Kapitel: Lösung von der Heimat
Zweites Kapitel: Das neue Arbeitsfeld und die ersten Früchte
Drittes Kapitel: Das Laboratorium
Viertes Kapitel: Am Schreibtisch
Fünftes Kapitel: Der Leipziger Kreis
Sechstes Kapitel: Die Ausbreitung der Lehre in Deutschland
Siebentes Kapitel: Wirkung in die Ferne
Achtes Kapitel: Die Energetik
Neuntes Kapitel: Überlastung, Zusammenbruch und Wiederaufbau
Zehntes Kapitel: Die elektrochemische Gesellschaft
Elftes Kapitel: Die Katalyse und das neue Institut
Zwölftes Kapitel: Stickstoff
Dreizehntes Kapitel: Naturphilosophie
Vierzehntes Kapitel: Erste Amerikafahrt
Fünfzehntes Kapitel: Abschied von der Chemie
Sechzehntes Kapitel: Ein internationaler Kongreß aller Künste
Siebzehntes Kapitel: Frei!



Dritter Teil

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Erstes Kapitel: Die Lehre vom Glück und ihre Anwendung
Zweites Kapitel: Der Austauschprofessor
Drittes Kapitel: Landhaus Energie
Viertes Kapitel: Große Männer und die Schule
Fünftes Kapitel: Die Weltsprache
Sechstes Kapitel: Festliche Tage
Siebentes Kapitel: Der Monistenbund
Achtes Kapitel: Der internationale Verband der Chemiker
Neuntes Kapitel: Die Brücke
Zehntes Kapitel: Der energetische Imperativ
Elftes Kapitel: Weltkrieg und Revolution
Zwölftes Kapitel: Die Farbenlehre
Dreizehntes Kapitel: Die Schönheit des Gesetzes
Vierzehntes Kapitel: Straßenlärm und Gartenfrieden
