 In Schulpforta. 1859?1864.  [59] Die beschränkte Vermögenslage der Eltern war wohl ursprünglich der Grund dafür gewesen, daß man schon vor einigen Jahren um eine der wenigen königlichen Freistellen in Schulpforta ? denn wohl nur solche standen mir als Rheinländer offen ? nachgesucht hatte. Das Gesuch war auf die Zukunft vertröstet worden, und wir hatten schon den Glauben an seine Verwirklichung verloren, auch die Sache nahezu vergessen, als während der Herbstferien 1859 in Oberdreis die überraschende Nachricht eintraf, daß mir eine königliche Freistelle in Pforta zuerkannt worden sei, und daß ich mich dort Ende September zur Aufnahmeprüfung einzufinden habe. Als der Tag der Abreise kam, begleiteten mich alle bis Dierdorf und nahmen Abschied von mir wie von einem, der ins Kloster geht und auf lange Zeit der Welt und ihren Freuden Valet sagt. Mein Vater allein begleitete mich auf der weiteren Reise, welche infolge der damals noch sehr unvollkommenen Reiseverbindung über Neuwied, Mainz, Frankfurt, Marburg und Eisenach nach Kösen und Pforta führen sollte. Man wußte, daß in Pforta die Kenntnis des lutherischen Katechismus verlangt wurde, der mir ganz unbekannt war, da ich mich in Oberdreis mit dem Heidelberger, in Elberfeld mit dem Lampenbuch hatte abquälen müssen. Um diesem Mangel abzuhelfen, kaufte mein Vater unterwegs in Neuwied den kleinen lutherischen Katechismus und übergab ihn mir kurzerhand mit der Aufforderung, diesen[60] Katechismus während der Reise auf Dampfschiff und Eisenbahn auswendig zu lernen. Dies war natürlich unmöglich, und auch mein Vater wirkte nur insoweit darauf hin, als er gelegentlich, wenn er sich ein Glas Wein oder derartiges genehmigte, woran ich nicht teilnehmen sollte, zu mir zu sagen pflegte: »Du erhältst nichts davon mit, weil du deinen Katechismus noch nicht kennst.« In Frankfurt stiegen wir im Hotel Drexel ab und verweilten einige Tage, machten auch einen Besuch bei entfernten Verwandten meines Vaters in Offenbach. Damals, Herbst 1859, lebte in Frankfurt noch der Mann, der späterhin auf mein Denken und Leben einen unermeßlichen Einfluß gewinnen sollte, so daß ich ihn als meinen geistigen Vater ansehen muß. Es war das einzige Mal, daß ich in demselben Dunstkreise mit Arthur Schopenhauer weilte, ohne daß mein Vater auch nur daran dachte, mich diesem größten Genius seiner Zeit zuzuführen, den er vermutlich nicht einmal dem Namen nach kannte. Statt dessen schleppte er mich in Marburg, wo wir wieder einige Tage blieben, zu seinen alten Studienfreunden Münscher, Direktor des dortigen Gymnasiums, und dem alten Justi, der sich im Glanze seiner beiden eben damals als junge Talente aufleuchtenden Söhne zu sonnen pflegte. Ohne Unterbrechung ging es dann weiter, bis Kösen, wo wir im »Mutigen Ritter« abstiegen und mit verschiedenen andern Rezeptionspapas und ihren Söhnen zusammentrafen. Mit den letzteren war sehr bald Bekanntschaft geschlossen, und wir verglichen, wie es ja natürlich war, unsere Kenntnisse und die Aussichten, welche wir bei der auf übermorgen, auf Montag, angesetzten Aufnahmeprüfung an dieselben knüpften. Bei dieser Gelegenheit fragte ich auch darnach, ob wirklich der lutherische Katechismus gefordert werde, und erhielt von einem, der aus der Nähe stammte und mit den Verhältnissen vertraut zu sein schien, die niederschmetternde Antwort: »Ja, wer den lutherischen Katechismus nicht kann, der kann überhaupt nicht aufgenommen werden und wird ohne weiteres abgewiesen.« Meine Bestürzung war grenzenlos. Meinem Vater wagte ich nichts zu sagen. Aber lange stand ich in trübes Sinnen versunken an dem Wasser, welches sich über ein Mühlrad ergoß, und dachte bei mir, daß es vielleicht besser wäre, dort unten in[61] der Tiefe des schäumenden Wassers zu liegen, als eine Beschämung zu erdulden, wie sie mir bevorstand. Der Montag kam, und um acht Uhr morgens waren alle Novizen in der Aula versammelt. Es wurde etwas Deutsches diktiert, welches wir schriftlich ins Lateinische, und anderes, welches wir ins Griechische zu übersetzen hatten. Ich glaubte mich dabei leidlich aus der Sache gezogen zu haben, und ließ mir gern ein um 10 Uhr uns vorgesetztes Frühstück munden. Dann wurden wir wieder hereinberufen, alle im Halbkreis um das Katheder aufgestellt, und in unsere Mitte trat der geistliche Inspektor, Professor Niese, und begann mit den Worten: »Nun wollen wir einmal sehen, wie es mit dem Katechismus steht.« Mir schlotterten die Knie. Zwar die erste Frage an mich betraf einen der drei Artikel des christlichen Glaubens, welche mir natürlich geläufig waren. Als aber wieder die Reihe an mich kam, da sollte ich eines jener fürchterlichen »Was ist das« hersagen, in welchem von Kleidern und Schuhen, von Haus und Hof und allen möglichen Dingen die Rede ist. Ich wußte kein Wort davon, und stammelte nur heraus: »Ich ? ich ? habe den Heidelberger Katechismus gehabt.« ? »So, Sie sind reformiert?« fragte der Geistliche und ging zum folgenden über. Nun zitterte ich davor, daß der Herr mich im Heidelberger prüfen möchte, in dem ich ebenfalls trotz allen Tanten Elisen nicht sehr Bescheid wußte, und meine Angst legte sich erst, als die Katechisation ohne auf mich zurückzukommen zu Ende ging, und nun andere Lehrer mit andern Fächern folgten, denen ich, von einem schweren Druck befreit, in gehobener Stimmung, ja fast übermütig standhielt. Das Resultat der Prüfung war, daß ich, der ich in Elberfeld als einer der Besten nach Untersekunda aufgerückt war, in Pforta als Letzter in der Obertertia meinen Platz zugewiesen erhielt. Pforta war für mich eine neue Welt und eine solche, in die ich mich anfangs schwer finden konnte. Ich war schon zu sehr an ein freies Leben gewöhnt, um die Schulordnung nicht als eine schwere Fessel zu empfinden, und mein harmloses, offenherziges Rheinländergemüt paßte in das zeremonielle und zu strengem Rangesunterschied neigende Wesen des Ostens nicht hinein. Das Ganze kam mir lächerlich vor, und ich versuchte zu Anfang die[62] strenge Schulordnung, die Unterordnung unter Stuben- und Tischältesten humoristisch zu nehmen, kam aber damit schlecht an; mein freies Wesen wurde als »unverschämt« bezeichnet und veranlaßte Bedrückung von oben, Quälereien von den mir nebengeordneten Kameraden. Namentlich erschöpfte man sich darin, immer neue Spitznamen für mich zu erfinden, deren ich wohl mehr getragen habe als irgendein anderer. Da auch Pforta in den letzten vierzig Jahren den Wandel der Zeit an sich erfahren hat, so wird es nicht überflüssig sein, von dem Pforta, wie ich es 1859?1864 gekannt habe, den Nachgeborenen eine kurze Schilderung zu geben. Alle 180, auf die sechs Klassen von Oberprima bis Untertertia verteilten Alumnen erhielten Unterricht und Nahrung, Wohnung und Schlafstelle unter ein und demselben Dache, in einem alten, riesengroßen Klostergebäude. Eine Treppe hoch im Schulhause gelangte man von einem langen zum Spazierengehen benutzten Korridor in die fünfzehn Wohnstuben, gewöhnlich drei, stellenweise zwei oder vier Tische enthaltend, an deren jedem ein Primaner, ein Sekundaner und zwei Tertianer zu sitzen pflegten. Der Primaner hatte den Fensterplatz und einen größeren Schrank, mit Pultklappe, die übrigen hatten ihre Schränke an den Wänden und ihren Sitz am Tische, von dem sie während der Arbeitsstunden nicht aufstehen durften. Zwei Treppen hoch waren unter dem Dach und teilweise mit Mansardenfenstern versehen die sechs großen Schlafsäle eingerichtet, zu welchen man abends um 9 Uhr unter Verlesung der Namen in Gegenwart des wachthabenden Lehrers hinaufstieg, nur mit Pantoffeln und Strümpfen, Hose, Hemd und Rock bekleidet, das Handtuch mit Seife, Glas und Zahnbürste mit hinaufnehmend. Man schlief in eisernen Bettstellen; am Fußende befanden sich Hängevorrichtungen, sowie der Name des Inhabers. Frühmorgens im Winter um 6, im Sommer um 5 Uhr, mischte sich in die letzten süßen Morgenträume das fatale Läuten der Schulglocke, und alsbald ertönte der Ruf des Schlafsaalinspektors: »Steht auf! steht auf! Macht rasch! macht rasch!« Dann mußte man bei Strafe in einer Minute aus dem Bette[63] sein, ergriff Handtuch, Glas und Zahnbürste und eilte damit zwei Treppen hinunter in die Waschstube. In fürchterlicher Enge drängten sich hier die 180 Knaben um die fünfzehn vorhandenen Waschbecken, welche man sich dadurch sicherte, daß man bei dem Inhaber oder seinem letzten Nachfolger »besetzte« und dann, immer in der Angst sich zu verspäten, abwarten mußte, bis man an die Reihe kam. Mitten durch die Waschstube lief eine Rinne, in die das Wasser ausgegossen und über der die Zähne geputzt wurden. Unaufhörlich erschallten von allen Seiten die Rufe: »Bahn! Bahn! Spuckt nicht! spuckt nicht!« Um 61/2 oder 51/2 Uhr mußte alles in der Aula zum Gebet versammelt sein, dann gab es auf den Stuben Brötchen und Milch und von 7 oder 6 bis 12 Uhr waren teils Lektionen, teils Repetierstunden auf den Stuben. Um 12 Uhr zog man unter Aufsicht des Lehrers in den Speisesaal; einer der Inspektoren sprach ein Gebet und dann stimmten alle 180, vor ihren Plätzen stehend, in einen alten lateinischen, die Trinität verherrlichenden Gesang ein, der jedem gewesenen Pförtner solange er lebt, in den Ohren klingen und dröhnen wird. Die Worte lauteten: Amazon.de Widgets Gloria tibi Trinitas Aequalis una deitas Et ante omne saeculum Et nunc et in perpetuum. Weder das schlechte Latein noch die in der freisinnigen Pforta auffallende dogmatische Engherzigkeit dieser Strophen wurden von den auf das Essen gerichteten Gemütern empfunden. Kaum war der Gesang verhallt, so stürzte sich alles auf die Plätze, und das Geklapper der Teller und Löffel mischte sich in die nach längerem Schweigen nunmehr zwanglos fließende Unterhaltung. Das Essen ließ zwar nach der Qualität manches zu wünschen übrig, war aber, namentlich auch die Fleischrationen, reichlich, und als ich von Pforta nach Jahresfrist in die Ferien zurückkehrte, war ich um einen halben Kopf größer geworden. Mittags nach dem Essen war bis 2 Uhr schulgartenfrei: bis 1/22 Uhr durfte sich ohne besondere Gründe niemand auf den Stuben blicken lassen. Im Schulgarten war der südliche, mit Buschwerk bewachsene Abhang in sechs Teile zerlegt und den[64] sechs Klassen als ihre »Plätze« zugewiesen. Das Rauchen war damals allen streng verboten, doch übten es die Primaner, welche nicht mehr unter Aufsicht der Inspektoren, sondern nur unter der der Lehrer standen, auf dem Primanerplatze wie auch auf Spaziergängen und im Wirtshause; und auch auf dem Obersekundanerplatze konnte man täglich duftige blaue Wolken aufsteigen sehen; und die Inspektoren enthielten sich des Eingreifens, indem sie den Brauch gleichwie ein altes Privilegium respektierten. Geregelt, wie der Vormittag, waren auch die weiteren Tagesstunden. Von 2 bis 4 Uhr waren Lektionen, von 4 bis 5 Uhr Lesestunde, d.h. eine Unterrichtsstunde, welche der Primaner den an seinem Tisch ansässigen und ihm unterstellten Tertianern zu geben hatte. Von 5 bis 7 Uhr war wieder Arbeitsstunde, um 7 Uhr Abendbrot und schulhausfrei bis 8 Uhr, von 8 bis 9 Uhr Arbeitsstunde und Gebet, und um 9 Uhr wurden Sekundaner und Tertianer auf die Schlafsäle hinaufgezählt, während die Primaner erst um 10 Uhr nachfolgten. Diese ausgezeichnete Hausordnung unterlag der Aufsicht eines einzigen Lehrers, der jede Woche wechselte, des sogenannten Hebdomadarius, welcher mit Hilfe seines Famulus, »ein Ehrenposten«, zu dem nur die besten Schüler gelangten, von Morgen bis Abend die Ordnung in Speisesaal, Betsaal und Schlafsälen aufrechthielt, auch während der Arbeitsstunden. Als Stubenälteste der 15 Stuben funktionierten die 15 Inspektoren, eine Würde, welche den ältesten Primanern für ein bis zwei Semester zufiel. Sie sorgten für Ruhe und Ordnung in den Stuben, während zwei unter ihnen als Wocheninspektoren auch die Disziplin im Betsaal, vor dem Speisesaal und auf den Schlafsälen in Abwesenheit des Lehrers aufrechtzuhalten hatten. Über die Primaner hatten sie keine Gewalt, aber Sekundaner und Tertianer mußten ihren Ordnungen folgen; die Tertianer waren außerdem noch in Arbeit und Betragen der Aufsicht des an ihrem Tische präsidierenden Primaners als »Obergesellen« unterstellt. Auch strafen durften die Inspektoren. Den Sekundanern erteilten sie Striche, bei deren vieren in einer Woche der Delinquent auf der Inspektionsstube dem Lehrer angezeigt wurde.[65] Tertianer wurden bei kleinen Vergehen von den Inspektoren durch den Ruf Zu mir! veranlaßt, sich abends bei dem Inspektor zu stellen, der dann den Fall näher untersuchte und je nach Umständen den Betreffenden eine Strafarbeit, ein sogenanntes Kapitel auferlegte. Größere Vergehen wie Rauchen, Kochen, Prellen (Verlassen der Anstalt ohne Erlaubnis) usw. wurden vor die Synode, d.h. die jeden Sonnabend tagende Versammlung der Lehrer, gebracht und bei Primanern und Sekundanern je nach Umständen mit zwei bis drei Stunden Karzer bestraft. Eine mildere Strafe, welche ebenfalls nur die Lehrer verhängen konnten, bestand in der »Dispensation« von dem sonntäglichen Spaziergange. Die härteste Strafe, welche jedoch nur selten und auch dann fast ausschließlich in den unteren Klassen verhängt wurde, war das »Karieren«. Der Betreffende erhielt kein Mittagessen und mußte, mit einem Buche in der Hand und allen sichtbar, zusehen, wie die andern speisten. Wer es erst soweit getrieben hatte, der stand in Gefahr, bei der ersten Gelegenheit »geschwenkt«, d.h. fortgeschickt zu werden. Diese Möglichkeit, widerspenstige oder unfähige Schüler zu entlassen, sicherte der Anstalt nicht nur das Vorrecht, nur begabtere Schüler aufzunehmen und zu behalten, sondern übte auch auf das Betragen der Schüler einen starken Druck aus. Es wurde im ganzen sehr wenig, in den oberen Klassen fast gar nicht mehr gestraft, und doch erhielt sich alles im schönsten Gleichgewicht. So hart es auch dem Neuling werden mochte, sich einer so streng geregelten Hausordnung einzufügen, so lag doch eine Art Ersatz darin, daß man von Semester zu Semester neue Privilegien eroberte, welche um so höher im Werte standen, je länger sie vorenthalten blieben. Allen war es erlaubt, am Sonntagnachmittag einundeinehalbe Stunde spazieren zu gehen, den Primanern war wenigstens späterhin täglich bis 2 Uhr Spazierengehen und Besuch bestimmter Wirtshäuser gestattet. Sie pflegten dann eiligst nach dem eine viertel Stunde entfernten Almrich zu streben, wo bei Kaffee, Bier und Billard auch dem verbotenen Rauchen gefrönt wurde. Erschien dann ein Lehrer, so flogen die Stummel unter den Tisch, den man dann wohl bald räumte. Es ist aber zu meiner Zeit vorgekommen, und ich selbst wurde davon mit betroffen, daß die Lehrer oder wie[66] wir zu sagen pflegten »die Kerle« unter den Tisch krochen und aus der Anzahl der gefundenen Stummel auf die Anzahl der Raucher schlossen, welche dementsprechend bestraft wurden. Die Sekundaner, welchen Almrich noch verwehrt war, gingen gewöhnlich nach Kösen in den »Mutigen Ritter«, wo sie bei einiger Wachsamkeit ohne Gefahr rauchen und Karten spielen konnten. Den Tertianern blieb nicht viel mehr übrig als der Kuchenbäcker Hämmerling in Kösen, und es war eine die ganze Woche hindurch tröstende und erwärmende Aussicht, dort unser wöchentlich aus zwei Groschen (25 Pfennig) bestehendes Taschengeld in einer Tasse Kaffee und einem Stückchen Schaumkuchen, wozu es gerade langte, anzulegen. Noch ist in betreff des äußeren Lebens zu bemerken, daß schon während meiner Pförtnerzeit die strenge Schulordnung nach und nach sich etwas milder gestaltete, namentlich nach Fertigstellung des neuen Waschsaales, in welchem jeder sein eigenes Waschbecken haben konnte. Zwar wurde seitdem schon fünf Minuten vor 5 oder 6 Uhr aufgestanden und nach zwanzig Minuten mußte jeder fertig angezogen auf seinem Platze sitzen, worauf dann eine halbstündige Arbeitszeit, die sogenannte Halleweestunde (wohl Halbwegsstunde) und im Anschluß daran Frühstück, Morgenandacht im Betsaal und die erste Lektion folgte. Dafür aber war am Nachmittag von 4 bis 5 Uhr schulgartenfrei, und wir benutzten diese Stunde mit Vorliebe zum Kegeln und zum Turnen. Letzteres betrieb ich mit großem Eifer; schon konnte ich am Reck den halben Riesenschwung ausführen und übte den ganzen ein, welcher darin besteht, daß man wiederholt um das ganze Reck herumschwingt, ohne es anders als mit den beiden Händen zu berühren. Ich saß damals noch in Obertertia. Es war gerade Ausschlafetag (worüber unten) und ich blickte, als die Freistunde um 4 Uhr schlug, auf ein tüchtiges Stück Arbeit zurück, ich hatte an dem einen Tage das ganze zweite Buch von Xenophons Anabasis durchgelesen. Mit etwas benommenem Kopfe eilte ich in den Schulgarten an das große Reck. Die Stange war schlüpfrig, da es eben etwas geregnet hatte, nichtsdestoweniger übte ich den Riesenschwung, glitt aus und stürzte auf den Hinterkopf. Was dann weiter an diesem Tage sich ereignete, davon[67] hatte ich kein Bewußtsein. Nur einzelne Momente, wie man mich halb besinnungslos am Barren lehnend fand, und wie mein Nebengeselle Bendixsohn mir behilflich war, an meinem Schrank das Nötigste für die Krankenstube zusammenzupacken, wie ich dabei die Zahnbürste in die Stiefel stecken wollte und Bendixsohn sich dem widersetzte, ? diese wenigen »lucida intervalla« waren mir in Erinnerung geblieben. Alles andere, wie man mich gefunden, wie ich närrische Reden führte, zur Krankelei (wie die Krankenstube hieß) gebracht wurde, dort Schröpfköpfe am Hinterkopf erhielt, deren Spuren noch heute zu sehen sind, und bewußtlos ins Bett gelegt wurde, das alles konnte ich nur aus den späteren Erzählungen erfahren. Erst am andern Morgen erwache ich zum Bewußtsein, wie aus wirren, wüsten Träumen, finde mich zu meiner Verwunderung mit dick verbundenem Kopfe im Bette des Isolierzimmers der Krankelei. Mehrere Wochen bedurfte ich zu meiner Wiederherstellung und kann noch von Glück sagen, daß der Unfall keine nachteiligen Spuren hinterlassen hat. Ich war in Elberfeld als einer der Besten nach Untersekunda versetzt worden und trat in Pforta als einer der Schlechtesten in Obertertia ein. Im Griechischen, welches wir bei dem jetzigen Schulrat Franke hatten, war ich so schwach, daß ich bei einem Primaner Privatstunde nahm. Auch im Lateinischen bei Heine und später bei Heintze war ich keineswegs hervorragend, und mitunter wandelte mich das ängstliche Gefühl an, am Ende gar in Tertia sitzenzubleiben. Ich wurde allerdings nach Jahresfrist, Herbst 1860, nach Untersekunda versetzt, aber als einer der Schwächeren; wenigstens erinnere ich mich, daß ich meinen Sitz auf der letzten Bank hatte. Ich arbeitete mit der Gewissenhaftigkeit eines normalen Schülers, tat mich aber in keiner Weise hervor, und von Begeisterung für die Alten war noch keine Rede. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich als angehender Untersekundaner mir das Dilemma stellte: Komme ich in den oberen Klassen gut durch, so studiere ich Philologie, wenn nicht, dann Theologie. Ich malte mir als höchstes Zukunftsideal aus, wie ich als Lehrer eines Gymnasiums meine Stunden geben, und dann, verheiratet mit einem lieben Mädchen, etwa mit Marie[68] Dohl, wenn mir Ernst Schnabel bei Marie Stürmer den Rang ablaufen sollte, ein behagliches, gemütliches Dasein zu führen dachte. Aber wenn es wahr ist, daß der Mensch mit seinen größeren Zwecken wächst, so sollte sich an mir zunächst das Gegenteil bewähren, daß nämlich mit dem Wachstum des Menschen auch die Zwecke höher gesteckt werden. Ordinarius in Untersekunda war Corssen, der alles, was er anfaßte, seinen Livius, das Machen lateinischer Verse, die deutsche Geschichte, welche er uns vortrug, mit Schneidigkeit, Feuer und Begeisterung trieb und auch in uns diese Eigenschaften zu wecken wußte. In den Weihnachtsferien 1860?61 durften wir unsern ersten lateinischen Aufsatz über Arminius ma chen. Ich war während der Ferien mit einer nicht beträchtlichen Anzahl in Pforta geblieben; die Schulordnung war weniger streng; eine bescheidene Weihnachtsbescherung und ein kümmerlicher Neujahrsball waren uns beschieden. Als ich von ihm zurückkehrend am 2. Januar mich wieder an den Arminius machte, mischte sich in die Gedanken an ihn die Nachricht, daß König Friedrich Wilhelm IV. in der Nacht vorher verstorben war. Im Herbst 1858 war Nietzsche in Schulpforta eingetreten, und ich traf im Herbst 1859 in Obertertia in derselben Klasse und Ordnung mit ihm zusammen. Es war gerade Zwischenpause, und Nietzsche als damaliger Primus hatte das Ehrenamt, hin und her zu gehen und uns andere am Aufstehen von den Plätzen und an zu lautem Lärmen und Sprechen zu hindern. Ich saß ganz ruhig auf meinem Platze und kaute friedlich an meinem Frühstücksbrote, einem sogenannten Näckchen (vielleicht für »'n Eckchen«). Noch sehe ich Nietzsche, wie er mit dem unsichern Blick des hochgradig Kurzsichtigen über die Reihen irrte, vergeblich bemüht, einen Anlaß zum Einschreiten zu finden. Hierbei kam er vorüber, wo ich saß, beugte sich herab zu mir und sagte: »Sprechen Sie nicht so laut zu Ihrem Näckchen!« Dies waren die ersten Worte, die er je zu mir gesprochen hat. Ich weiß nicht mehr, was uns zuerst näher zusammenführte. Ich glaube, es war die gemeinsame Liebe zu Anakreon, für dessen Gedichte wir beide als Untersekundaner um so eifriger schwärmten, je weniger Schwierigkeiten das leichte Griechisch derselben dem Verständnisse entgegensetzte.[69] Wir rezitierten seine Verschen auf gemeinsamen Spaziergängen, wir schlossen einen Freundschaftsbund, indem wir ? es war auf dem Schlafsaale, wo ich in meinem Koffer unter dem Bette unter andern Heimlichkeiten ein Päckchen Schnupftabak aufbewahrte ? in einer weihevollen Stunde zusammenkamen, das in Pforta auch zwischen den Schülern übliche Sie mit dem nur für engere Freunde vorbehaltenen Du vertauschten und Brüderschaft, wenn auch nicht tranken, so doch schnupften. Ein neues Band zwischen uns knüpfte am Sonntag Lätare des Jahres 1861 die gemeinsame Konfirmation. Als die Konfirmanden paarweise zum Altar traten, um kniend die Weihe zu empfangen, da knieten Nietzsche und ich als nächste Freunde nebeneinander. Sehr wohl erinnere ich mich noch an die heilige, weltentrückende Stimmung, die uns während der Wochen vor und nach der Konfirmation erfüllte. Wir wären ganz bereit gewesen, sogleich abzuscheiden, um bei Christo zu sein, und all unser Denken, Fühlen und Treiben war von einer überirdischen Heiterkeit überstrahlt, welche freilich als ein künstlich gezüchtetes Pflänzlein nicht von Dauer sein konnte und sehr bald unter den alltäglichen Eindrücken des Lernens und Lebens ebenso schnell verflog, wie sie gekommen war. Indessen hielt eine gewisse Gläubigkeit noch bis über das Abiturientenexamen hinaus stand. Untergraben wurde dieselbe unmerklich durch die vorzügliche historisch-kritische Methode, mit welcher in Pforta die Alten traktiert wurden, und die sich dann ganz von selbst auf das biblische Gebiet übertrug, wie denn z.B. Steinhart im Hebräischen in Prima den 45. Psalm durchaus als ein weltliches Hochzeitslied erklärte. Während der ganzen Zeit in Schulpforta blieb die engere Freundschaft mit Nietzsche bestehen, wenn auch nicht ohne vorübergehende Erschütterungen. Noch in Untersekunda bildete sich eine sogenannte forsche Clique, in der man rauchte, trank und Fleißigsein als unehrenhaftes Strebertum verurteilte. Auch wir wurden in ihre Netze gezogen, dadurch den andern näher und voneinander etwas weiter abgebracht. Für die Macht dieser Vorurteile mag ein Beispiel dienen. Wir hatten Sonntagnachmittags von 2 bis 3 Uhr Arbeitsstunde für solche, welche den Nachmittagsgottesdienst nicht besuchen wollten. Ich las gerade im Livius den Übergang[70] Hannibals über die Alpen und war davon so gefesselt, daß ich, als die Freistunde schlug und die andern ins Freie eilten, noch eine Weile zu lesen fortfuhr. Da kommt Nietzsche herein, um mich abzuholen, ertappt mich über dem Livius und hält mir eine strenge Strafpredigt: »Also so treibst du es, und das sind die Mittel und Wege, welche du in Anwendung bringst, um deine Kameraden zu überflügeln und dich bei den Lehrern in Gunst zu setzen! Nun, die andern werden es dir wohl noch deutlicher sagen.« Beschämt gestand ich mein Unrecht ein und war schwach genug, Nietzsche zu bitten, den andern gegenüber das Vorkommnis zu verschweigen, was er versprach und auch gehalten hat. Aus jener Clique ging nach ihrem Zerfall eine Art Dreibund hervor zwischen Nietzsche, mir und einem gewissen Meyer, welcher schön, liebenswürdig und witzig, auch ein vorzüglicher Zeichner von Karikaturen war, aber mit Lehrern und Schulordnung in ewigem Kampfe lag. Noch in Obersekunda mußte er abgehen; Nietzsche und ich geleiteten ihn bis ans Tor und kehrten wehmütig um, nachdem er auf der Kösener Landstraße unsern Blicken entschwunden war. Dieser Meyer also war bis zu seinem Abgange im Jahre 1862 der Dritte in unserm Bunde. Freilich mußte ich mit Schmerz bemerken, daß dasjenige, was ich an Nietzsche suchte und schätzte, sich sehr wenig vertrug mit dem, wozu Meyer ihn herüberzuziehen bestrebt war. Dies ging so weit, daß die beiden eine Zeitlang meiner überdrüssig wurden und, ohne daß etwas Besonderes vorgekommen wäre, mit mir brachen. Hierzu gibt es in Pforta, wo keiner dem andern aus dem Wege gehen kann, das in seiner Art wertvolle und zweckmäßige Mittel des Tollseins. Man erklärt sich mit jemandem für toll, d.h. man betrachtet es als einen Ehrenpunkt, mit ihm nie und nirgends und unter keinen Umständen ein Wort zu sprechen. Wertvoll nannte ich dieses Mittel, weil es Schlimmeres, z.B. Raufereien u. dgl., verhütet. Nietzsche und Meyer waren also toll mit mir. Sechs Wochen lang dauerte diese schwere Zeit, und mit Freuden begrüßte ich die ersten Symptome einer Annäherung von der andern Seite. Ich trieb damals mit dem längst verewigten Melzer Italienisch, was nur dadurch möglich war, daß wir eine Stunde früher als die andern, also statt um 6 schon um 5 Uhr, aufstanden. Dies wurde natürlich als Strebertum vielfach[71] verurteilt und bespöttelt. Meyer machte, wenn ich nicht irre, damals ein Spottgedicht auf mich, in welchem es hieß: Des Morgens früh beim ersten Grauen, Wenn alles noch im Schlaf sich wiegt, Da kann man schon den Spießer schauen, Wie er vom Schlafsall 'runterkriech, usw. »Spießer« (vielleicht verwandt mit Spießbürger) ist in Pforta ein Scheltwort für solche, welche das Arbeiten in tadelnswerter Weise übertreiben. In dieser Zeit saß ich eines Abends kurz vor 8 Uhr auf dem Korridor in der Nähe der Schulglocke und beobachtete die Uhr. Unter den auf und ab spazierenden Gruppen waren auch Nietzsche und Meyer. Plötzlich machen sie vor mir halt und fragen: »Che ora è?« Überrascht antworte ich: »Otto ore, in tre minuti«, und lachend ziehen die beiden weiter, indem sie darüber spotten, daß ich minuti gesagt habe, da doch die Minute weiblichen Geschlechts sei. Natürlich trachtete ich nach Revanche. An einem der nächsten Tage wurde in der Klasse bei Steinhart Virgil erklärt. Nietzsche erhob sich und gab eine jener verwegenen Konjekturen zum besten, welche nicht nur die Überlieferung, sondern auch den Autor selbst zu verbessern bemüht sind. Steinhart widerlegte in längerer lateinischer Rede Nietzsches Einfall und fragte zuletzt, ob noch jemand dazu das Wort wünsche, worauf ich mich erhob und sagte: Nietzschius erravit, neque coniectura probanda est. Steinhart schmunzelte, und die Klasse lachte über diesen improvisierten Hexameter. Nach diesem Vorgeplänkel erfolgte eines Abends die Austragung des Streites. Zufällig trafen die beiden Parteien und einige Unbeteiligte in einer Stube zusammen. Anzügliche Redensarten erfolgten von beiden Seiten, ohne direkt an den Gegner gerichtet zu sein. Vielmehr wurde einer der unbeteiligt und ruhig Dasitzenden mehr und mehr der Mittelsmann, an den beide Teile ihre Beschwerden richteten, gleich als ob er sie dem Gegner überbringen sollte, der doch alles unmittelbar hörte und auch sofort darauf replizierte. »Sagen Sie zu Nietzsche« usw., »Sagen Sie zu Deussen« usw., »Sagen Sie zu Meyer« usw. ? mit diesen Worten begannen die Vorwürfe, die man dem andern[72] zu machen hatte. Immer lebhafter wurde die Wechselrede, bis man endlich die Fiktion, daß man zu dem Mittelsmanne redete, fallen ließ und das Wort direkt an den Gegner richtete, womit der Bann des Tollseins gebrochen war. Es folgte nun von beiden Seiten eine gründliche Aussprache und als Ergebnis derselben die definitive Versöhnung. Nur noch einmal, nach Meyers Abgang, wurde Nietzsche auf kurze Zeit von mir durch eine schöngeisternde Koterie abgezogen, deren innere Hohlheit ihn jedoch nicht auf die Dauer mir zu entfremden vermochte. Er fiel mir wieder zu, um so mehr, als er damals noch ein zurückhaltendes, etwas scheues Wesen hatte, wenig Befriedigung an dem Treiben der Menge fand und daher auch von den meisten wenig gekannt wurde. Man wußte nur von ihm, daß er sehr gute deutsche Aufsätze und hübsche Gedichte machte, in der Mathematik außerordentlich schwach war und meisterhaft auf dem Klavier zu phantasieren verstand. Öfter zogen wir uns beide in ein leerstehendes Auditorium zurück, ich deklamierte mit Pathos ein Gedicht, und Nietzsche begleitete die Deklamation, z.B. von Schillers Glocke, mit den Tönen des Klaviers, wobei er mich immer wieder darüber tadelte, daß mein Vortrag zu laut sei. Durch derartige stille Unterhaltungen und tägliches Spazierengehen zu zweien isolierten wir uns von unsern Kameraden, welche, wie bemerkt, den stillen, in sich gekehrten Knaben wenig kannten und um so öfter verkannten. Seine Gleichgültigkeit gegen die kleinen Interessen der Kameraden, sein Mangel an esprit de corps wurden ihm als Charakterlosigkeit ausgelegt, und ich erinnere mich, wie eines Tages ein gewisser M. auf dem Musengang im Schulgarten in diskreter Weise zum Gaudium der Umstehenden einen Hampelmann produzierte, welcher aus einer Photographie Nietzsches ausgeschnitten und hergestellt war. Zum Glück hat mein Freund nie etwas davon erfahren. Wenn ich jetzt auf die ehrbaren Pastoren, Lehrer, Ärzte, Offiziere, Architekten usw. hinsehe, zu welchen sich unsere damaligen Kameraden fortentwickelt haben, und welche in der Sorge für Amt und Familie den eigentlichen Ernst des Daseins finden, so wird mir begreiflich, daß den meisten schon damals das Organ[73] abging, einen Nietzsche zu verstehen. Was aus mir geworden wäre, wenn ich ihn nicht gehabt hätte, kann ich mir schwer klarmachen. Die Hochschätzung, vielleicht Überschätzung alles Großen und Schönen, und eine entsprechende Verachtung für alles, was nur materiellen Interessen diente, lag wohl von Natur in mir; aber dieser glimmende Funke wurde durch den täglichen Umgang mit Nietzsche zu einer Flamme der einseitigen Begeisterung für alles Ideale entfacht, welche nie wieder erloschen ist, auch nachdem sich meine Wege von denen des Freundes trennten. Damals, in Pforta, verstanden wir uns vollkommen. Auf einsamen Spaziergängen wurden alle möglichen Gegenstände der Religion und Philosophie, der Poesie, bildenden Kunst und Musik besprochen; oft liefen die Gedanken ins Dunkle aus, und wenn dann die Worte versagten, so blickten wir uns in die Augen, und der eine sprach zum andern: »Wir verstehen uns schon.« Diese Redensart wurde zwischen uns zum geflügelten Worte; wir nahmen uns vor, sie als trivial zu meiden, und mußten lachen, wenn sie uns gelegentlich trotzdem entschlüpfte. Alle großen Namen der Geschichte, Literatur und Musik belebten unsere Unterhaltung, und wenn ich mit den Alten mehr vertraut war, so besaß Nietzsche die größere Kenntnis der deutschen Literatur und Vorzeit. In der Regel stand irgendein Gegenstand im Mittelpunkte seines Interesses und reizte ihn zu produktiver Bearbeitung, wie er sich denn eine Zeitlang mit dem Entwurf zu einem Heldengedicht über Hermanrich trug. Es ist merkwürdig, daß Nietzsche, der ein so feines und tiefes Verständnis für alle Poesie hatte, doch niemals ein guter Rezitator gewesen ist. Zurückkehrend zur Konfirmation, bemerke ich noch, daß ich in Oberdreis uniert getauft, in Elberfeld reformiert im Konfirmandenunterricht belehrt und schließlich in Pforta lutherisch konfirmiert worden bin. Übrigens habe ich die Differenzen dieser drei Richtungen von jeher wenig beachtet, auch ehe ich mir den Standpunkt erkämpfte, von welchem aus sie in ihrer vollen Nichtigkeit erschienen. In Pforta schloß sich an die Konfirmation eine Woche später das Abendmahl mit vorhergehender Beichte. Man kniete dabei in einem abgeschlossenen Raum vor dem Geistlichen nieder und las eine gewöhnliche aus dem Gesangbuch abgeschriebene[74] Beichtformel ab, an welche man dann noch anschließen konnte, was man persönlich auf dem Herzen hatte. Ich fühlte kein Bedürfnis, diese Bräuche von Beichte und Abendmahl in den folgenden Jahren zu wiederholen; ein Zwang Bestand nicht, aber später, als ich schon in Prima saß, wurden wir einmal von Lehrern so energisch auf den Gebrauch dieser Gnadenmittel hingewiesen, daß ich mich nicht ganz leichten Herzens bestimmen ließ, nochmals teilzunehmen. Wiederum kniete ich im Beichtstuhle vor dem aufgeklärten, freidenkenden Niese; ich las meine Beichtformel ab, und als er mich fragte, was ich noch auf dem Herzen habe, bekannte ich, daß ich der Gewohnheit des Rauchens frönte und doch nicht die Kraft in mir fühlte, künftig davon abzustehen. Seine Antwort bewegte sich um den Gedanken, daß das Evangelium gekommen sei, um die Werke des Gesetzes aufzulösen, und damit verließ ich den Beichtstuhl, verwirrter als ich hineingetreten war. Übrigens schützte vor einem Erstarren in der Orthodoxie, wie es in Elberfeld vielleicht mein Schicksal gewesen wäre, der freie wissenschaftliche Geist, mit welchem in Pforta alles betrieben wurde, und der auch mich bald mächtig ergriff. Es war nach Ostern 1860, als ich, der ich bis dahin immer unter den Schwächeren gewesen war, plötzlich anfing, in den lateinischen Klausurarbeiten bei Corssen und bald darauf in den griechischen bei Heintze, wie wir sie allwöchentlich unter dem Namen der Dokimastika zu schreiben hatten, eine Eins nach der andern davonzutragen und dadurch die Aufmerksamkeit der Kameraden und Lehrer zu erregen. Während die kürzeren Ferien zu Ostern, Pfingsten und Michaelis nur von den näher Wohnenden zur Heimreise benutzt wurden, so mußten in den großen Ferien im Monat Juli und späterhin auch in den Weihnachtsferien alle nach Hause reisen, wozu unter Umständen aus der Anstaltskasse ein Beitrag gespendet wurde. Die großen Juliferien kündigten sich schon acht Tage vorher durch eine allgemeine Lockerung der Schulordnung an, man zog in den Wald und holte Laub, um die Stuben zu bekränzen. Die Türen wurden ausgehoben, und Spottgedichte nebst Bildern durften angeheftet werden, in denen gelegentlich auch die Lehrer nicht geschont wurden.[75] Dann kam der große Tag heran, und eine große Völkerwanderung erfolgte schon am frühen Morgen zum Bahnhofe in Kösen. Mein Reisegeld war mit zwölf Talern reichlich bemessen; ein Drittel davon konnte bei bescheidener Einrichtung der Reise erspart bleiben und wurde regelmäßig zum Anschaffen von Klassikern benutzt. So erstand ich von den Ferienersparnissen als Untersekundaner in Neuwied Xenophons Memorabilien von Breitenbach und Theokrits Idyllen in der Ausgabe von Fritzsche; als Obersekundaner kaufte ich in Eisenach einen Tacitus und Sallust, und diese Bücher wurden dann während der Ferien zu Hause studiert. Einen höheren Flug konnte ich in Prima nehmen, und hier muß ich mit tiefem Danke eines Mannes gedenken, der als einfacher Bauer doch meine Bedürfnisse erkannte und förderte. Es ist dies der schon früher erwähnte Onkel Wilhelm Heinrich Deussen in Jüchen, der von allen mich besonders ins Herz geschlossen haben mochte; regelmäßig besuchte ich ihn in den Ferien, verbrachte einige Tage in seinem Hause unter lebhaften, für beide Teile anregenden Unterhaltungen. Beim Abschiede schenkte er mir dann regelmäßig fünf, einmal sogar zehn Taler. Wohl nie ist eine Gabe besser angebracht gewesen als diese. Sie, zusammen mit den jedesmaligen Reiseersparnissen, machte es mir möglich, schon in Obersekunda einen dicken Lessing in einem Bande, in Prima den englischen Shakespeare nebst dem Wörterbuch von Delius, sodann Goethes Werke in sechs Bänden und zuletzt auch Schiller in zwei Bänden zu erstehen. Der Besitz dieser Werke regte mich an, sie in den Mußestunden eifrig zu lesen, und so danke ich es meinem Onkel, daß ich in Pforta und in einem Alter, wo das Gemüt die größte Empfänglichkeit besitzt, nicht nur Lessing und Shakespeare, sondern vor allem auch Goethe mit der größten Wonne las; zuletzt auch Schiller, der aber nach Goethe keinen so tiefen Eindruck mehr machen konnte, und daher lebenslänglich bei mir etwas im Hintergrunde geblieben ist. Die Sommerferien 1864 brachten mich in Oberdreis einem Manne näher, der noch später tief in unser Leben eingegriffen hat. Er hieß Friedrich Braitmaier, stammte aus Urach in[76] Schwaben, war im Tübinger Stift erzogen worden und kam als Kandidat der Theologie und völliger Freigeist nach dem Norden, wo er als Hauslehrer bei uns eintrat und die Erziehung meiner beiden jüngsten Brüder Immanuel und Reinhard leitete. Er hatte ein etwas plumpes, ungeschliffenes Wesen, wußte aber diesen Mangel durch einen scharfsinnigen, rastlos bohrenden Verstand und durch ein allseitiges, umfassendes Wissen derart auszugleichen, daß ich bald mit der größten Liebe und Bewunderung an ihm hing. Meine kleinen Brüder mochten wenig an ihm haben; mich hat er während dieser Ferien in hohem Grade angeregt und aufgeklärt, täglich unternahmen wir beide längere Spaziergänge, kehrten im Wirtshause ein, und es gab kaum ein Thema des Wissens und des Lebens, welches nicht berührt und mehr oder weniger eingehend durchgesprochen wurde. Meine Verehrung für den Mann kannte keine Grenzen, und eines Nachmittags beim Kaffee, als er gerade nicht zugegen war, äußerte ich vor aller Ohren: »Wenn ich ein Mädchen wäre, so müßte dieser und kein anderer mein Mann werden.« Meine Mutter erschrak und rief aus: »Oje! Paul!« Von diesem Manne wird noch manches zu berichten sein. Je schöner sich die Ferien in Oberdreis und bei den Verwandten am Niederrhein gestalteten, um so schwerer waren die ersten Tage nach der Rückkehr in Pforta zu ertragen; und noch jetzt fühle ich den Schauder, der mich beim Wiederbetreten der langen, frisch getünchten Hallen und Kreuzgänge überkam, und das Unbehagen, anstatt so vieler zarten Familienverhältnisse, wieder auf die Kameraden und ihr strammes und etwas rohes Wesen angewiesen zu sein. Bald aber war man wieder eingewöhnt, freute sich der von Semester zu Semester eroberten Vorrechte und des täglichen Wachsens in den Wissenschaften, welche namentlich in den oberen Klassen in ganz ausgezeichneter Weise betrieben wurden. Zwar das Französische war unter Koberstein sehr vernachlässigt und auch im Deutschen machte er es sich so bequem wie möglich. Und doch wirkte er tief genug auf uns ein, weniger durch das, was er tat, als durch das, was er war. Denn wir hatten einen solchen Respekt vor seiner anerkannten, wissenschaftlichen Größe, daß seine Beurteilung der Aufsätze wie ein Evangelium[77] hingenommen wurde, und auch sonst manches hingeworfene Wort uns unvergeßlich blieb. Die Geschichte lehrte Corssen, mit Begeisterung und Strenge. Aber der ganze Schwerpunkt lag im Lateinischen und Griechischen, welche beide ausgezeichnet vertreten waren. Das gewählte Latein, in welchem Keil fast die ganze Stunde durch mit uns verkehrte, die flammende Begeisterung, welche Steinhart für Sophokles und Platon bei allen zu entzünden wußte, die es verschmähten, in seinen Stunden Unfug zu treiben, die ruhige Klarheit, mit der ein Peter seinen Tacitus erklärte, dieses und vieles andere erwärmt mich noch heute nach vierzig Jahren, wenn ich daran zurückdenke. Wie ideale Menschentypen stehen diese Männer in meiner Erinnerung da, und haben ohne Frage viel tiefer und segensreicher auf mich gewirkt, als später die Universitätsprofessoren. Der plötzliche Aufschwung, den ich in Untersekunda nahm, dauerte an, und ich war und blieb im Lateinischen und Griechischen einer der Besten, ich darf wohl sagen, der Beste meiner Klasse. Allwöchentlich war ein Tag, der sogenannte Studientag, gewöhnlich Ausschlafetag genannt, von allen Lektionen frei. Dann saßen wir immer unter Aufsicht von 7 bis 9, 10 bis 12, 2 bis 4, 5 bis 7 und 8 bis 9 oder 10 Uhr auf unsern Stuben, fertigten die großen Arbeiten, sowohl deutsche wie lateinische Aufsätze an; ja einmal reichte ich bei Steinhard, bei dem man sich vieles erlauben durfte, einen ausführlichen Kommentar über einen Chor des Sophokles nicht, wie die Vorschrift war, in lateinischer, sondern von Anfang bis zu Ende in griechischer Sprache ein. Steinhard hatte seine Freude daran und erklärte vor der Klasse, es lese sich wie ein gut geschriebener griechischer Scholiast. Den größten Raum nahm in Pforta die Privatlektüre ein. Es war Stil, vielleicht sogar Vorschrift, daß jeder in Untersekunda die ganze Odyssee, in Obersekunda die ganze Ilias auf griechisch durcharbeitete und sich beim Lehrer darüber auswies. In Unterprima habe ich und so haben auch wohl die andern alle den ganzen Sophokles durchgemacht, und neben diesen und andern griechischen Dichtern wurden auch die Prosaiker und die lateinischen Schriftsteller nicht vernachlässigt. Besondere Freude hatten wir auch am Machen lateinischer Verse, und zum Schulfeste, am[78] 21. Mai 1864, war mir die ehrenvolle Aufgabe zuteil geworden, die Erstürmung der Düppler Schanzen in ein paar hundert Distichen zu besingen und öffentlich vorzutragen. Das Gedicht fing an mit den Worten: Amazon.de Widgets »Vicimus! haec hodie sit prima sit ultima nobis, Vicimus! haec iterum, vicimus usque salus!« Es folgten dann verschiedene Heldentaten: Der tapfere clinkus nomen habet, welcher sein Leben opferte, indem er an den Palisaden einen completum pulvere saccum, den damals in aller Mund lebenden Pulversack entzündet hatte, war nicht vergessen, und die Klage über den Tod des Generals von Raven klang in die Worte aus: »major erat nobis talis fortuna diei esseque debetat mixta dolore minor!« Das ist schön! sagte der ernste und nicht leicht lobende Peter, als er diese Worte in meinem Manuskripte las. Mein Vortrag in der Aula wurde mit rauschendem Beifall aufgenommen, die Damen versicherten, sie hätten alles aus den Gesten verstanden, und als ich nach Schluß der Feier den Saal verließ, packte mich Steinhart und drückte mir vor aller Augen einen Kuß auf den Mund. Alljährlich wurde zu Fastnacht von den drei oberen Klassen Theater gespielt, und es genügt, um mein Genre zu bezeichnen, wenn ich erwähne, daß ich in Obersekunda in Körners Nachtwächter den Nachtwächter, in Unterprima in Wallensteins Lager den Kapuziner, und in Oberprima in den Handwerkerszenen des Sommernachtstraums den Weber »Zettel« mit dem Eselskopfe zu spielen hatte. So rückte das letzte Semester heran, in welchem wir nach eigener Wahl von allen schriftlichen Arbeiten entbunden wurden, wofür wir dann eine große lateinische Arbeit von wissenschaftlichem Charakter zu liefern hatten. Ich untersuchte in der meinigen den Einfluß, welchen die religiösen Anschauungen des Herodot auf dessen Geschichtsdarstellung ausgeübt haben und versuchte unter anderm, dabei nachzuweisen, daß Xerxes nicht, wie Herodot erzählt, Fesseln in den Hellespont geworfen habe, und daß die Sage davon in einer mißverstandenen Stelle der Perser des Äschylus ihren Ursprung habe.[79] So kam das Abiturientenexamen heran. Der deutsche Aufsatz über »Vorteile und Gefahren des Reichtums«, der lateinische über den ersten Punischen Krieg, die Übersetzung ins Lateinische, Griechische, Hebräische und Französische, sowie die mathematische Klausur waren glücklich überstanden, und nun wurde für das mündliche Examen auf Tod und Leben Geschichte repetiert, ohne daß ich davon Gebrauch machen konnte, da ich zugleich mit mehreren andern von der mündlichen Prüfung dispensiert wurde. Der so lange heiß ersehnte und doch auch so wehmütige Tag war gekommen, an dem wir von der Mutter Pforta Abschied nehmen sollten. Alles war in der Aula versammelt, das herzbrechende Lied, das wir so oft schon gehört, wurde wieder einmal, und dieses Mal für uns, gesungen. Dann betrat jeder von uns das Katheder und hielt seine Abschiedsrede, während für jeden sein besonderer Freund oder Liebling, solange er sprach, oben auf dem Korridor die Schulglocke läutete. Es klang wie Totengeläut. 
 Gymnasialzeit in Elberfeld. 1857?1859.  [48] In den ersten Tagen des Oktober 1857 brachte unser Vater seine drei Ältesten nach Elberfeld. Werner sollte dort die Gewerbeschule besuchen und fand Aufnahme in Onkel Schnabels Haus; Johannes und ich gingen aufs Gymnasium und wohnten in dem großen Hause der Materialwarenhandlung von Karl und Wilhelm Altgelt in der belebtesten Gegend der Stadt am Wall gegenüber dem Rathause. Eine Tochter dieses Hauses, Jettchen Altgelt, war in Oberdreis Pensionärin, und ihre Schwester Marie sollte eben dahinkommen. So machte es sich von selbst, daß wir beiden Knaben im Austausch gegen die beiden Mädchen für ein Jahr übernommen wurden, und für die folgenden Jahre den mäßigen Pensionspreis von 120 Talern, wie ihn die Mädchen in Oberdreis zahlten, zu geben hatten. Dafür wurden uns zwei kleine Zimmer zwei Treppen hoch nach dem Hofe eingeräumt, und wir nahmen an den Mahlzeiten der Familie teil. Die Verpflegung war nur mäßig, aber von Oberdreis her waren wir nicht verwöhnt; auch wurden wir zu Anfang zu sehr durch die Fülle der neuen Eindrücke in Anspruch genommen, als daß wir auf das Essen besonders geachtet hätten, und später nahmen wir es als eine schon gewohnte Sache hin. Die Frau des Hauses war lebhaft, energisch, aber nicht ohne Schärfe. Ihr Gemahl, Wilhelm Altgelt, dessen höheres Alter nur dann in die Erscheinung trat, wenn man ihn zufällig ohne seine sorgfältig gescheitelte, schwarze Perücke sah, war ein frommer, bibel- und katechismusfester[49] Mann. Er liebte es, auf uns moralisch einzuwirken und dabei den Heidelberger Katechismus als oberste Autorität anzurufen. An einem der ersten Tage nach unserer Ankunft brachte der Vater Johannes und mich zur Aufnahmeprüfung ins Gymnasium. Da wir alles zusammen gelernt hatten, so waren wir in den Kenntnissen gleich weit, doch wurde Johannes mit Rücksicht auf sein um dreieinhalb Jahre höheres Alter in Obertertia angenommen, während man mich der Untertertia einreihte, welcher auch mein halber Cousin und nachmaliger Busenfreund Ernst Schnabel angehörte. Sogleich wurde für uns eine Anzahl neuer Schulbücher beschafft, deren Besitz einen mächtigen Reiz ausübte. Cäsar und Ovids Metamorphosen, Bachs deutsches Lesebuch und der Schulatlas von Lichtenstern und Lange, dazu ein lateinisches Wörterbuch, diese und andere Schätze fielen uns auf einmal zu. Nicht weniger reizvoll war es, zum ersten Male in einer größeren Gesellschaft von Altersgenossen von methodisch gebildeten Lehrern unterrichtet zu werden. Eine Reihe von Fächern, wie Religion, Naturgeschichte usw., waren für Ober- und Untertertia gemeinsam. Dann zog in der Untertertia, welche zugleich als Aula diente und nur teilweise von der Klasse gefüllt wurde, der ganze Schwarm der Obertertianer ein, und es entwickelte sich ein munteres Leben. Zwar in der Religionsstunde, welche von dem strengen und unheimlich düsteren Direktor Bacterwek erteilt wurde, ging es sehr ernst zu. Eine reichliche Ausgabe von Liederversen und längeren Bibelstellen zum Auswendiglernen hielt uns von Stunde zu Stunde in Angst, bis wir dahinterkamen, daß sich auch bei diesem gefürchteten Schulmonarchen hinter dem Rücken des Vordermanns ablesen ließ. Im ganzen wurde durch diese Stunde der Schatz des aus Bibel und Gesangbuch Auswendiggelernten bedeutend bereichert, nie aber fühlten wir unser religiöses Empfinden durch diesen düstern Fanatiker angeregt oder erwärmt. Sehr lustig ging es hingegen in der Naturkunde bei Dr. Völker zu, welcher schon durch sein formloses Auftreten zum Spotte reizte und schlechterdings keine Disziplin zu erhalten wußte, namentlich wenn er der ganzen kombinierten Tertia gegenüberstand. Störende Zwischenrufe und Schelmereien von seiten der Schüler, polternde Strafreden des Lehrers von fürchterlichem[50] Gesichterschneiden begleitet, füllten einen großen Teil der Stunde aus. Gleich in der ersten Stunde trat dies in die Erscheinung. Die neu Zugekommenen, unter ihnen Johannes und ich, saßen auf der vordersten Bank unmittelbar vor dem Lehrer. Kaum war dieser eingetreten, so entwickelten die Veteranen auf den hinteren Bänken den größten Unfug, worüber Johannes in aller Unschuld das Gesicht zum Lächeln verzog und dafür von dem weisen Pädagogen mit einer schallenden Ohrfeige bedacht wurde, während er sich zu den hinteren Bänken vorzudringen gar nicht getraute. Später, als auch wir nach hinten aufrückten, beteiligte ich mich wohl auch selbst an dem Unfug in der Naturgeschichtsstunde. So konnte ich mich eines Tages, als der Kuckuck besprochen wurde, nicht enthalten, den Kuckucksruf hören zu lassen. Eine Untersuchung nach dem Urheber blieb natürlich erfolglos, und die furchtbaren Drohungen des Lehrers, daß er die ganze Klasse bestrafen wolle, wenn der Täter sich nicht meldete, schreckten uns nicht, da sie niemals ausgeführt zu werden pflegten. Ich blieb also unentdeckt, fühlte aber zu Hause angelangt Gewissensbisse weniger über meine Tat, als darüber, daß ich nicht den Mut gehabt hatte, mich zu ihr zu bekennen. Endlich beschloß ich, zu Völker in die Wohnung zu gehen und meine Schuld zu beichten. Unterwegs stellte ich mir vor, wie ihn dies rühren werde, wie er gütig verzeihend die Hand reichend, ja mich vielleicht in seine Arme schließen und für meine Aufrichtigkeit beloben werde. Ich war daher furchtbar enttäuscht, als der Mann, kaum daß er mein Geständnis vernommen, mich mit einer Flut von Schmähreden überhäufte und endlich zwar ungestraft, aber unter den furchtbarsten Drohungen entließ. Amazon.de Widgets Unser Ordinarius war Dr. Petry, ein blonder, wohlgebildeter Mann, der auch Herz für uns hatte. Als ich einstmals in Strafarrest saß und noch weiteres auf dem Kerbholz hatte, da stellte er sich vor mich hin und sagte mit einer Betrübnis, die mir unendlich wohltat: »Du kommst aus dem Arreste ja gar nicht mehr heraus.« Er war ein eifriger und pflichttreuer, leider aber nicht sehr geschickter Lehrer, so daß die Klasse, welche er im Lateinischen und Griechischen unterrichtete, am Ende des Schuljahres nicht eben glänzend dastand. Nicht viel gewandter war auch der[51] Mathematiklehrer, Professor Fischer, der uns sehr scharf anfassen konnte und daher den treffenden Spitznamen Isegrimm erhielt. Eines Tages rief er meinen Vetter Schnabel an die Tafel vor, um einen geometrischen Satz zu beweisen. Schnabel kam nicht damit zustande und erhielt eine Stunde Arrest. Wenn du, fügte Isegrimm hinzu, den Satz in der nächsten Stunde beweisen kannst, so werde ich dir diese Strafe erlassen. Die nächste Stunde kam, Schnabel mußte wieder vortreten, bewies den Satz richtig und kehrte auf seinen Platz zurück, ohne daß der Lehrer sich sei nes Versprechens zu erinnern schien. Auch Schnabel wagte nicht, dem zornmütigen Manne davon zu reden. Hier empörte sich mein Gerechtigkeitsgefühl, und mit der ganzen Naivität der Oberdreiser Naturkinder stand ich auf und sagte: »Sie haben versprochen, wenn Schnabel heute den Satz könnte, ihm die Strafe zu erlassen.« ? »Was willst denn du? Was geht dich das an?« herrschte mich der Grimmige an. ? »Schnabel ist mein Vetter und auch mein Freund«, versetzte ich in großer Aufregung, »und ich kann nicht sehen, daß ihm Unrecht geschieht.« Über diese Offenherzigkeit erhob sich allgemeines Gelächter, ich aber, in meinen tiefsten Gefühlen verletzt, brach in Tränen aus, und da war es schön zu sehen, wie der grimmige Isegrimm, nachdem er endlich den Zusammenhang begriffen, mir gütig das Kinn streichelte und mich in seiner herben westfälischen Mundart tröstete und wegen meines »chuten« Herzens lobte, indem er zugleich die über Schnabel verhängte Strafe aufhob. Da wir durch Petry in den alten Sprachen nicht genügend gefördert worden waren, so erhielten wir nach unserer Versetzung in die Obertertia als Ordinarius den Professor Clausen, einen der ältesten und erfahrensten Lehrer der Schule, welcher in einer fast magischen Weise die Schüler an seine Lehre wie an seine Person zu fesseln wußte. Klein von Gestalt, mit stark ergrautem Haar und Bart, mit lebhaftem, durchdringendem Blicke, so trat er uns entgegen, und alles was er sagte, war Geist und Leben. Wenn er gelegentlich von seinem Xenophon abschweifte und aus dem Hundertsten ins Tausendste kam, so wußte er in uns den Sinn für alles Große und Schöne mächtig zu beleben. Eine Unbotmäßigkeit kam bei ihm so gut wie nie vor, und doch strafte[52] er eigentlich niemals. Ich hatte damals eine Neigung zum Pathos auf Kosten des richtigen Verständnisses. So hatte ich im Deutschen eines Tages die Schillersche Strophe: »Freiheit liebt das Tier der Wüste« usw. zu lesen und führte dies mit Begeisterung, jedoch mit unrichtiger Betonung aus. Die stillschweigende Geringschätzung, welche Clausen meiner rhetorischen Leistung entgegenbrachte, war für mich eine empfindliche, aber heilsame Belehrung. Noch tiefer erschütterte er mich durch einige mir ins Ohr geraunte Worte, welche niemand außer mir zu hören bekam. Wir waren nämlich in unserm Logis doch allzusehr uns selbst überlassen, und so mochte es wohl geschehen, daß ich in Reinhaltung von Gesicht und Händen nicht immer die nötige Sorgfalt beobachtete. Hierauf machte Clausen, indem er zur Durchsicht der Hefte unsere Reihen durchwanderte, durch wenige zugeflüsterte Worte aufmerksam, welche mich vor keinem andern, um so mehr aber vor mir selbst beschämten. Glühend vor Scham kam ich aus den Morgenlektionen nach Hause, begab mich sofort mit Seife und Handtuch zu der im Hofe stehenden Pumpe, und nun ging es an ein Waschen, Reiben und Scheuern, wie es wohl selten vorkommen mag. Derselben Prozedur unterzog ich mich nochmals nach dem Essen, und als ich nachmittags ins Gymnasium trat, da war wohl keiner zu sehen, der sauberer als ich gewesen wäre. Die Wirkung jener wenigen Worte des Lehrers erstreckte sich auf lange Zeit, ja, ich kann sagen, auf mein ganzes Leben. Eine andere charakteristische Erscheinung unter dem Lehrerpersonal der Obertertia war der eben als junger Lehrer und zugleich als Turnlehrer debütierende Gideon Vogt. Weniger durch hervorragende Intelligenz als durch festen, in den Zügen um Kinn und Mund sich kundgebenden Willen bemerkenswert, wußte er sich bei uns sehr bald in Respekt zu setzen. Freilich waren seine Mittel barbarisch. Ich selbst mußte einmal wegen eines geringfügigen Vergehens aus der Weltgeschichte von Pütz den ganzen Karl den Großen dreimal abschreiben, eine Arbeit, an der ich mehrere Tage zu tun hatte. Ernst Schnabel hatte einmal eine ähnliche lange Strafarbeit, und im Vertrauen darauf, daß sie nicht durchgesehen werden würde, fügte er am Schlusse die Bemerkung bei: »Schon die Kinder Israels wurden von den Vögten hart[53] geplagt.« Unglücklicherweise fiel Vogts Blick bei der Abnahme der Strafarbeit gerade auf diese Stelle, und er applizierte meinem Vetter Schnabel vor der ganzen Klasse eine furchtbare Ohrfeige. Anerkennenswerter war es, daß er eines Tages in der Freiviertelstunde meinen übermäßigen Turneifer zügelte. Ich machte, um mich vor einer größeren Korona zu zeigen, die Kniewelle bis zum Schwindligwerden, wohl ein dutzendmal hintereinander, als Vogt herbeistürzte und rief: »Wer ist der Wahnwitzige, der seine Gesundheit so leichtsinnig aufs Spiel setzt!« ? Noch einmal bin ich im späteren Leben als Lehrer in Marburg mit Vogt zusammengetroffen, der Gymnasialdirektor in Kassel war. Er machte auf mich den Eindruck eines warmen und gemütvollen, aber in seinen religiösen Anschauungen doch sehr engen Mannes, und ich begriff nicht, wie ein Mann, dessen kritisches Vermögen an den griechischen und römischen Autoren geschult worden ist, den biblischen Texten gegenüber so sehr alle seine Wissenschaft vergessen konnte. Einen ähnlichen Standpunkt nahm auch Dr. Herbst, später Rektor von Schulpforta, ein, welcher damals mit Ernst und Strenge in der Klasse meines Bruders erfolgreich schaltete. Ich selbst hatte nur eine Berührung mit ihm, bei welcher er mir als rettender Engel erschien. Ein älterer Knabe, an einem Fuße lahm, aber stark, boshaft und gewalttätig, glaubte sich von mir, ich weiß nicht mehr warum, beleidigt. Er packte mich Kleineren und Schwächeren auf dem Schulhofe und warf mich mit solcher Heftigkeit hin, daß er, ehe ich mich erheben konnte, schon wieder herangehinkt war und dasselbe Manöver wieder und wieder ausführte. Schreiend, weinend, ich glaube auch blutend fand ich mich unter den Krallen des Unmenschen, als Herbst herbeieilte, mir Trost einsprach und den andern mitnahm, um ihm, wie er sagte, einen Denkzettel zu geben, den er sobald nicht vergessen solle. In Elberfeld gehörte ich zu den besseren Schülern; mein Platz war stets auf der ersten oder zweiten Bank, aber eigentliche Freude hatte ich am Studium der Alten damals noch nicht, so gern ich auch jeden ersparten Groschen dazu verwendete, um den Antiquar Schmitz zu besuchen, in seinem Laden herumzustöbern und mit irgendeinem Eutropius oder Vellejus Paterculus[54] oder sonstigem billigen Autor nach Hause zu kommen. Dort wurden die Schulaufgaben so ziemlich erledigt, aber der Rest des Tages gehörte Zerstreuungen an. Zunächst war da an dem Pfosten unserer Zimmertür ein kleines Reck angebracht, an welchem ich mich fleißig übte, gelegentlich auch fürchterlich auf die Nase fiel, ohne daß jemand davon erfahren oder sich darum bekümmert hätte. Meine Aufmerksamkeit war dem Bau des menschlichen Körpers zugewendet worden, und ich suchte gelegentlich meine Wißbegier dadurch zu befriedigen, daß ich im Hofe des Hauses unter allgemeinem Gespött die Mäuse sezierte, welche in dem Warenlager oft genug gefangen wurden. Weniger harmlos war es, daß ich schon mit vierzehn Jahren in ein richtiges Bier- und Tabakskollegium hereingezogen wurde. Es brach nämlich im Sommer 1859 zu Elberfeld die Cholera aus, und der Hausarzt, Dr. Hockelmann, nahm auch uns vor und zählte uns alles auf, was wir nicht essen und trinken durften. Naiv fragte ich ihn, ob Rauchen uns gestattet sei, welches er lachend bejahte. Ich hatte schon früher, durch das Beispiel des stark rauchenden Vaters angefeuert, mich im Rauchen versucht. Schon lange vorher hatte ich an einem Karfreitagnachmittag, während alle andern in der Kirche waren, mit Emil Kleff, dem Anstifter so vieler Unarten, eine von dem Vater besonders geschätzte Pfeife mit Luther und der Wartburg darauf zu erlangen gewußt. Wir stopften sie gemeinsam und gingen in die Küche, um eine Kohle daraufzulegen, und hierbei fiel der Kopf auf die steinernen Fliesen und zerbrach. Wir entfernten die Trümmer, und merkwürdigerweise hat Papa diese Lieblingspfeife niemals vermißt. Dergleichen erste Rauchversuche kamen noch öfter vor, aber nicht wenig stolz war ich, als es mir gelang, Ostern 1858 bei der Heimreise auf dem Rheindampfer eine ganze Zigarre zu rauchen und die aufkommende Übelkeit glücklich zu verwinden. Jene Antwort des Dr. Hockelmann im Cholerasommer des Jahres 1859 gab nun der Sache eine gewisse Sanktion. Sofort auf seine Ermahnungen hin eilte ich zum Drechsler und kaufte mir für siebeneinhalb Groschen eine lange Pfeife, die dann Tag für Tag bei der Arbeit fleißig benutzt wurde. Diese Neigungen wurden noch[55] mehr genährt durch einen jungen Mann, welcher Johannes' Klasse besuchte und ebenfalls bei Altgelt ein Zimmer neben uns bewohnte. Er verpflanzte die studentischen Gewohnheiten in unser unschuldiges Schülerleben, Bier wurde getrunken, Lieder gesungen und Tabak dazu geraucht. Bald erschien dieser, bald jener Kamerad. Ja, wir wagten es sogar, der Schlußfeier Michaelis 1859 fernzubleiben in der Erwartung, daß man es nicht bemerken werde. Zufällig aber kam es doch zutage, und wir gingen in die Ferien mit der Aussicht, nach unserer Rückkehr noch bestraft zu werden. Indessen kehrte ich nicht mehr nach Elberfeld zurück, wie nachher zu berichten sein wird. Zuvor aber ist über Elberfeld noch mancherlei nachzutragen. Was uns an Vergnügungen geboten wurde, war sehr wenig. Einige Male unternahm die Familie Altgelt einen Ausflug, und dann wurden auch wir mitgenommen, sei es nach dem Brill, um dort bei den Bauern Milch zu trinken, oder nach Kronenberg, wo ich mir an Schinken und dicken Bohnen den Magen verdarb. An einem andern Sonntage wanderten wir drei Brüder über Vohwinkel und Hahn bis nach Hochdal und kehrten gegen Abend in der vierten Klasse der Eisenbahn seelenvergnügt zurück. In den Sommermonaten war unser Hauptvergnügen natürlich das Baden. Im ersten Jahre scheuten wir nicht die weite Wanderung bis zu Wolf in der Mirke, wo das Abonnement nur drei Mark kostete. Im zweiten Jahre verstiegen wir uns sogar zu einem Abonnement von sechs Mark in dem vornehmeren Teiche von Lellmann. Hier badeten auch die beiden Kommis von Altgelts, und unter ihrer Ägide übte ich die Schwimmstöße, welche sie mir zeigten, solange bis ich mich über Wasser halten konnte und nach und nach aus mir allein das Schwimmen lernte. Am Sonntagnachmittag machten wir eine Zeitlang regelmäßig einen Besuch bei einem Herrn Bartelemy in Barmen, dessen Tochter in Oberdreis in Pension war, und welcher immer sehr interessant über die politischen Ereignisse während der Woche zu erzählen wußte. Er ließ durchblicken, daß er uns seinen Emil gerne besuchsweise in den Herbstferien nach Oberdreis mitgeben wollte. Wir fragten darum zu Hause an, erhielten aber die Antwort, daß es aus Mangel an Platz nicht angehe. Wir hüteten uns daher bei[56] unserm letzten Besuche vor den Ferien im Hause Bartelemy irgend etwas zu äußern, was wie eine Einladung hätte gedeutet werden können, und waren daher nicht wenig erschrocken, als Herr Bartelemy plötzlich ausrief: »Nun, da ihr ihn durchaus mit euch nehmen wollt, so will ich meine Einwilligung dazu geben.« Wir wagten nicht zu widersprechen, und so mußten wir den kleinen pfiffigen, aber schon mit allen Straßenjungenstreichen wohlvertrauten Bengel mit nach Oberdreis nehmen. Amazon.de Widgets Bei dem bigotten Tone, der in Elberfeld herrschte, wurden wir veranlaßt, regelmäßig zur Kirche zu gehen, und die damaligen Prediger, der feurige Künsel, der tiefe und schwerverständliche Ball, der geistvoll plaudernde Kohl stehen mir noch lebhaft vor Augen. Bei Pastor Kohl ging ich auch in die Kinderlehre. In Oberdreis hatten wir den Heidelberger Katechismus, wenn auch nicht gelernt, so doch lernen sollen; in Elberfeld wurde das sogenannte Lampenbuch auswendig gelernt, in welchem zu den schon an sich langen und schweren Fragen des Heidelbergers noch längere und schwerere von einem gewissen Lampe zugefügt waren, welche uns beim Auswendiglernen viel Kopfschmerzen bereiteten, ohne daß wir doch auch nur einen nennenswerten Teil in uns aufgenommen oder verstanden hätten. Um so interessanter waren die Kinderlehrstunden bei Pastor Kohl. Während sich die Teilnehmer nach und nach einfanden, ging er vor uns auf und ab und wußte, an irgendeinen gefälligen Umstand anknüpfend, die interessanteste Plauderei über Gegenstände der Geschichte, der Kunst und des Lebens zu führen, welche sich noch weit in die Stunde hinein fortsetzte und viel anregender war als diese selbst. Im übrigen wurden wir von künstlerischen Eindrücken sehr wenig berührt. Theater und Konzerte galten für weltliches Teufelswerk, und als das Kasino abbrannte, sollte man aus der dortigen Freimaurerloge den leibhaftigen Satan haben entweichen sehen. Gar zu gerne hätte ich einmal ein Theater besucht, und als Papa einstmals uns besuchte, gelang es uns wirklich, von ihm die Erlaubnis zum Besuche eines moralischen Stückes zu erschmeicheln. Als wir aber nach Hause kamen, empfing uns Frau Altgelt mit den Worten: »Sagt nur niemand, wo ihr gewesen seid.« Das moralische Stück hieß: Drei Tage aus dem Leben eines Spielers.[57] Obgleich wir dasselbe nur von den fernen Plätzen des Olymps aus genießen konnten, so erschütterte es mich doch aufs tiefste; ich wußte hinterher so ziemlich das ganze Stück auswendig und habe es am folgenden Tage den weniger engherzigen Tanten Brüning von Anfang bis zu Ende vorgespielt. Dieses Haus Brüning war dann überhaupt für uns ein Zufluchtsort in allen Nöten. Hier fanden wir stets freundliche Aufnahme und mütterliche Fürsorge, welche so weit ging, daß Marie Brüning mir am Sonnabendabend ein warmes Fußbad bereit hielt. Die Sache kam, ich weiß nicht wie, der Frau Altgelt zu Ohren, welche mir darüber Vorhaltungen machte und sie mit ihren giftigsten Katzenblicken begleitete. Nicht weit von Brünings Hause und ebenfalls auf dem Wall wohnte Tante Elise Röhr, welche als Konkurrentin von Brünings ebenfalls ein kleines Bettengeschäft hatte und daneben sich der Pflege ihrer alten Mutter widmete. Diese, eine dicke, schwerfällige und schwerhörige Person, habe ich nie anders gesehen als im Lehnstuhl am Fenster mit der Schnupftabaksdose in der Hand. Daß sie daneben der Flasche zusprach, ebenso wie ihr Sohn Karl, wurde behauptet, aber ich kann es weder bestätigen noch widerlegen. Übrigens starb die Alte bald, und nun nahm Tante Röhr, deren Frömmigkeit mit den Jahren sich noch immer mehr verschärfte, zwei allerliebste Nichten, Marie und Johanna Stürmer, in ihr Haus, um nach dem Tode ihrer Eltern deren weitere Erziehung zu leiten. Beide waren Kusinen von Ernst Schnabel und Halbkusinen von mir, und durch ihren Aufenthalt gewann das früher so düstere Haus für uns beide bald eine große Anziehungskraft. Namentlich am Sonntagnachmittag stellten wir uns ein. Dann fragte mich wohl Tante Elise: »Paul, kannst du auch deinen Katechismus?« ? »Ja, Tante, ich denke, es wird schon gehen.« ? »Nun, dann laß einmal hören.« Natürlich ging es dann nicht, und nun nahm mich Tante Elise sanft bei der Hand und schloß mich für ein halbes Stündchen in ein Zimmer ein, bis ich meine Aufgabe konnte und dann mit Ernst Schnabel und den Mädchen spielen durfte. Diese Spiele, so unschuldig sie waren, trugen doch wesentlich dazu bei, daß das junge Herz Feuer fing. Von besonderem Einflusse war dabei ein Sonntagnachmittag,[58] an welchem Ernst und ich mit den beiden Mädchen allein zu Hause waren und nun ein Pfänderspiel mit reichlichen Küssen in Gang brachten, was wir in Gegenwart der strengen Tante nie gewagt haben würden. Von da ab betrachtete ich Marie Stürmer, obwohl sie 43 Tage älter als ich war, als die auserkorene Königin meines Herzens, und Ernst Schnabel, mit dem ich gelegentlich bei Zigarren und Bier die heiligsten Schwüre ewiger Freundschaft auszutauschen pflegte, wußte die aufkeimende Leidenschaft noch mächtig zu bestärken. Wir schlossen eine Art Bündnis: Ernst Schnabel war verliebt oder bildete sich ein, verliebt zu sein in Marie Altgelt, welche eben aus der Pension in Oberdreis zurückgekehrt im Hause ihrer Eltern mit mir zusammenwohnte. Ich versprach dem Freunde, seine Interessen bei Marie Altgelt zu vertreten, und er überließ mir dafür Marie Stürmer. Aber die Beharrlichkeit, mit der ich mich immer mehr in dieses Mädchen hinein verliebelte, veranlaßte, daß Ernst Schnabel, auf ihren Wert hierdurch aufmerksam gemacht, seine flatterhaften Neigungen von Marie Altgelt auf Marie Stürmer übertrug; und nun gefielen die beiden Knaben sich in der Vorstellung, dasselbe Mädchen zu lieben, die heftigsten Rivalen zu sein, und doch dabei in dem Gefühl ewiger Freundschaft zueinander zu schwelgen. Eines Tages, als wir gerade allein in Tantes Wohnung waren, rissen wir ein Bild der Geliebten von der Wand, ließen davon beim Photographen Liesegang zwei Abdrücke nehmen und wußten das Bild wieder an seine Stelle zu bringen, ohne daß jemand etwas davon gemerkt hatte. Die Abdrücke fielen sehr blaß aus; den einen erhielt Ernst Schnabel, den andern nahm ich mit mir nach Schulpforta, wo er an einer mir und auch andern leicht sichtbaren Stelle befestigt, fünf Jahre hindurch den Gegenstand meiner stillen Verehrung bildete. Unter den Kameraden war die bescheidene Photographie bekannt als das »Nebelbild«. Amazon.de Widgets Die Herbstferien des Jahres 1859 waren gekommen, ich war mit gutem Zeugnisse, ich glaube als Fünfter, nach Untersekunda versetzt worden und zog wohlgemut in die Ferien nach Oberdreis, nicht ahnend, daß ich nicht wieder nach Elberfeld zurückkehren würde. 
 Minden und Marburg. 1869?1872.  [109] Es war in der zweiten Hälfte des April 1869, als ich, vom Mindener Bahnhofe kommend, die lange Weserbrücke überschritt und in das damals noch mit Mauern und Wällen umgürtete und mit einem schönen Glacis umgebene Minden einrückte. Durch die Weserstraße auf den Marktplatz gelangt, hat man zur Rechten eine höher gelegene, in die Nähe des damaligen Gymnasiums führende und zur Linken eine tiefer unten verlaufende ruhige Straße, auf der linken Seite mit zierlichen, villenartigen Häusern geschmückt, deren hintere Gärten bis zu einem Wassergraben und dem jenseits desselben befindlichen Glacis reichten; das anmutigste dieser Häuser gehörte dem Kaufmann Busch, der es mit seinem einzigen, die Tertia besuchenden Sohne Julius bewohnte. Die Frau des Hauses war gestorben, und eine Hausdame, Fräulein Eßmann, führte das Regiment. Hier fand ich eine Treppe hoch ein höchst angenehmes Zimmer, richtete mich mit meinen Büchern und Sachen wohnlich ein und machte dann, von einem Schüler geleitet, meine Antrittsbesuche bei den Kollegen. Minden hatte eine stark besuchte, Gymnasium und Realschule kombinierende Anstalt, an deren Spitze der Direktor Gandtner stand, ein energischer, sehr tätiger Mann, welcher seine umfangreiche Amtstätigkeit in vortrefflicher Weise versah. Ihm galt mein erster Besuch; er empfing mich freundlichst und teilte mir mit, daß ich mit drei andern Probekandidaten, Adolf, Schmidt und Völkers, zusammen als Hilfslehrer mit 1200 Mark jährlich[110] einen Teil des Unterrichtes vornehmlich in den unteren Klassen zu erteilen habe. Ich erhielt das Ordinariat nebst dem lateinischen und deutschen Unterricht in Sexta, dazu in Untertertia alles das, was ein anderer gern von sich abwälzt, den Unterricht im Deutschen, in der Geschichte (zu der ich gar keine Fakultas angemeldet hatte) und in der Religion. Dazu kam vor wenigen Schülern das Hebräische in Sekunda und Prima. Jeder der Hilfslehrer, so sagte mir der Direktor, hat 24 Stunden wöchentlich zu geben, nur Sie sind der Glückliche, welcher ihrer 26 erhalten hat. Ein etwas verdrießliches Gesicht machte der Direktor, als ich ihm von meiner schon über ein Jahr andauernden Heiserkeit erzählte, und er empfahl mir, sofort energische Maßregeln dagegen zu ergreifen. Ich wandte mich zu diesem Behuf an Dr. Cramer, einen zum Kuratorium des Gymnasiums gehörigen, in der Stadt hoch angesehenen, charaktervollen Mann und vortrefflichen Arzt. Sein Sohn, ein lieber, aufgeweckter Junge, besuchte meine Ordinariatsklasse, die Sexta. Dr. Cramer nahm mich sofort in eine energische Kur; jeden zweiten Tag mußte ich bei ihm antreten und er blies mittels eines Röhrchens eine Höllensteinlösung in meine Kehle, von der mir die Augen übergingen. Die erfreuliche Folge war, daß meine Stimme von Monat zu Monat mehr Metall gewann, wenn ich auch jahrelang noch im Sprechen einigermaßen gehemmt war, ja bis auf den heutigen Tag Grund habe, mit meiner Stimme ökonomisch zu verfahren. Der ausgezeichnete Mann hatte immer ein freundliches, ermutigendes Wort für mich, und als ich nach einem halben Jahr mit der Kur aufhören durfte, dankend Abschied nahm und von meinem magern Gehalte eine Reihe von Talern bescheiden auf den Nebentisch legte, da wies der menschenfreundliche Arzt dies mit solcher Entschiedenheit zurück, daß mir nichts übrigblieb, als mein Geld wieder an mich zu nehmen. Inzwischen hatte ich mutig angefangen zu unterrichten, wobei ich meine Unterrichtsmethode meinen Stimmverhältnissen anpaßte. Ich nahm stets einen festen Punkt ein, von dem ich die ganze Klasse, in der Regel 30?40 Schüler, fest im Auge behielt. Ich zerlegte in sorgfältiger Vorbereitung den Lehrstoff in eine Reihe von Fragen; jede derselben richtete sich an die ganze Klasse;[111] dann machte ich eine angemessene Pause, in der ich beobachtete, ob alle mitarbeiteten, und rief schließlich einen Schüler zur Beantwortung auf. Ich sprach deutlich, aber leise, und hierdurch waren auch die Schüler genötigt, genau hinzuhören und sich ruhig zu verhalten. Ich glaube von mir sagen zu dürfen, daß ich ein guter Lehrer war, namentlich in meiner Sexta und in Prima und Sekunda im Hebräischen. Am mühevollsten war der Unterricht in der überdies stark besuchten Untertertia. Es ist dies ja die Durchgangszeit der sogenannten Flegeljahre, in welcher die kindliche Anhänglichkeit der unteren Klassen sich verloren hat, und das Gefühl des Sekundaners, ein gereifter junger Mann zu sein, der auf sich hält, noch nicht erwacht ist. In dieser Flegelklasse sind Fächer wie Lateinisch und Griechisch dem Lehrer sehr willkommen, weil er hier Gelegenheit hat, seine Jungens immer im Trab zu halten. Schwieriger ist dies schon in den mir zugeteilten Fächern der Religion, Geschichte und des Deutschen, wo es sich darum handelt, sogenannte Ideen zu wecken unter einer jugendlichen Schar, bei welcher die Angst das hauptsächlich treibende Motiv ist. Dies letztere galt namentlich für Minden, denn, im Gegensatz zu andern Schulen, herrschte ein ziemlich roher Ton. Bis in die Tertia hinein bestand das üblichste Strafmittel in Ohrfeigen. Dieses System schien mir sehr barbarisch, es widersprach all meinen Ideen von Humanität, und ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ich erfand daher ein künstlich ausgedachtes System von Punkten oder Strichen, welche notiert wurden, und deren vier eine Strafarbeit zur Folge hatten. Daneben suchte ich durch würdige Haltung und besonders dadurch zu wirken, daß ich den Unterricht möglichst interessant gestaltete: in der Religionsstunde den Durchgang durchs Rote Meer mit Begeisterung schilderte, in der Geschichte Kaiser und Papst gegeneinander auftreten und perorieren ließ, und im Deutschen alle möglichen Gegenstände der Welt und des Lebens zur Sprache brachte. Immerhin konnte ich mit meinen milden Mitteln gegen den allgemein herrschenden Usus nicht ankommen und mußte mich wohl odeer übel entschließen, ebenso wie die andern für jede kleine Unart körperlich zu strafen. Das Probekandidatenzeugnis, welches ich am Schluß des ersten[112] Jahres erhielt, besagte denn auch nach Anerkennung meiner Lehr-Erfolge: »Die Disziplin hat ihm in seiner Klasse gar keine, in den mittleren Klassen keine irgend erheblichen Schwierigkeiten bereitet.« Ich war kaum ein viertel Jahr in Minden, als die sechs Wochen langen Sommerferien eintraten. Ich benutzte sie, um nach Marburg zu reisen und dort mein Staatsexamen abzulegen. Zwei Klausurarbeiten, ein Aufsatz über Goethes Stellung zum Griechentum bei Lucae und die Übersetzung eines Cicerobriefes ins Griechische bei Leopold Schmidt, machten den Anfang. Dann folgte das mündliche Examen, welches eine Stelle des Plautus und eine solche des Thucydides zum Übersetzen brachte, woran sich dann eine nicht nur in lateinischer, sondern auch in griechischer Sprache geführte Diskussion knüpfte. Gut verlief auch das Examen im Deutschen, Hebräischen und in der Religion, und mein Zeugnis, welches mir die Lehrfähigkeit für Griechisch, Lateinisch, Deutsch und Hebräisch für die oberen und in der Religion für die mittleren Klassen (nur diese hatte ich nachgesucht) zuerkannte, besteht in einem ausführlichen, viele Seiten füllenden Protokoll über den Verlauf des Examens und schließt mit den Worten: »Nach diesem allen konnte dem Kandidaten, welcher uns in seinen Leistungen überhaupt als ein junger Mann von ausgezeichneten Anlagen, vielseitigen sicheren Kenntnissen, ausgebildetem, selbständigem Urteil und nicht geringer Fähigkeit klarer und lebendiger Darstellung erschienen ist, ein Zeugnis ersten Grades zuerkannt werden mit der Fakultas, 1. das Griechische, Lateinische, Deutsche und Hebräische in allen Klassen, 2. Religion in den mittleren Klassen zu lehren.« Sehr befriedigt und von einer wahren Felsenlast befreit, kehrte ich nach Minden zurück und fing an, zum ersten Male seit langer Zeit, mich wohl und behaglich zu fühlen. Die Schule war mir nicht eben zur Last und ließ für einen fleißigen Menschen Zeit genug für eigene Arbeit über, die sich jetzt dem Studium der Bibel und der Philosophie zuwandte. So kam der Herbst heran und mit ihm zum ersten Male eine wirkliche Ferienzeit; zwölf Tage hatte ich zur Verfügung und 21 Taler von meinem Gehalt erspart. Ich beschloß, beides zu einer Harzreife zu benutzen. Es war dies eigentlich die erste Vergnügungsreise in meinem Leben,[113] von der ich geistig wie körperlich erquickt und gestärkt zurückkehrte, und als ich zum ersten Male wieder vor meine Tertianer trat, da schilderte ich in längerer Ausführung, wie jetzt die Sonne engere und immer engere Kreise am Himmel beschreiben wird, wie bald die Novemberstürme über die kahlen Felder dahinbrausen werden, der Schnee die erstorbene Natur wie mit einem Leichentuch bedecken wird, und wie man in das behagliche Haus zurückgezogen, während der dunkeln Wintertage an dem geistigen Lichte der Poesie und Wissenschaft sich erleuchten und erwärmen werde. Diese Rede machte, wie ich hinterher auf Umwegen erfuhr, tiefen Eindruck, und so trat ich denn frohgemut die Winterkampagne an, förderte nach besten Kräften meine Schüler und benutzte jeden freien Augenblick vorwiegend zum Studium der Bibel. Denn ich glaubte durch meine in schönem Latein geschriebene Platodissertation hinreichende Wurzeln in der klassischen Philologie geschlagen zu haben, um für einige Zeit den Blick von ihr ab- und andern nicht weniger bedeutenden Erscheinungen zu wenden zu dürfen. Indessen sollte der Winter noch eine andere Gelegenheit bringen, meinen Gesichtskreis zu erweitern. Große Freude herrschte unter unserer Tischgesellschaft im Hotel Stadt Düsseldorf in der Weserstraße, als bekannt wurde, daß eine Schauspielergesellschaft eintreffen und in der neu erbauten Tonhalle spielen werde. Hier war Gelegenheit geboten, diesen Kreisen näherzutreten, welche ein jugendlicher Enthusiasmus so gern mit einem idealen Nimbus zu umgeben pflegt. Mehrere Mitglieder der Truppe verkehrten auch in der Stadt Düsseldorf, und allabendlich nach dem Theater saß man mit den Künstlern und Künstlerinnen oft bis um 2 Uhr nachts in der Tonhalle zusammen. Ich war erstaunt zu sehen, wie Primadonna, Liebhaber und Komiker, die auf der Bühne in idealem Glanze erschienen waren, sich im Leben als sehr einfache, ja mitunter armselige Menschen entpuppten, welche gern ihre ganze Bühnenherrlichkeit für eine bescheidene bürgerliche Existenz darangegeben haben würden. Das erste Jahr in Minden war glücklich abgelaufen, und durch das Anerbieten einer ordentlichen Gymnasiallehrerstelle mit 500 Talern und dem Ordinariate von Quinta ließ ich mich für[114] ein zweites Jahr halten, obgleich mir schon damals immer deutlicher wurde, daß weder der Kreis der Kollegen noch die Arbeit mit den Schülern meine Ansprüche an das Leben auf die Dauer zu befriedigen imstande waren. Das neue Sommerhalbjahr 1870 brachte uns einen neuen Probekandidaten und Hilfslehrer und mir einen lieben und sympathischen Kameraden in Gestalt des Dr. Hermann Heinze, gegenwärtig Direktor des Mindener Gymnasiums, der sich bald eng an mich anschloß, wie ich ihn denn auch in den Pfingstferien nach Oberdreis mitgenommen habe. Bald darauf aber umzog sich der politische Horizont mit den düstersten Wolken, und eben waren die Sommerferien eingetreten, als Frankreich an Deutschland den Krieg erklärte. Für die langen Sommerferien war zum Frommen der einheimischen Schüler ein zweistündiges Silentium eingerichtet, in welchem jüngere Lehrer gegen besondere Vergütung die Aufsicht führten. Ich hatte die beiden letzten Wochen übernommen, und so war ich in der ersten Hälfte der Ferien frei. Ich benutzte diese Tage, um noch schnell nach Oberdreis zu fahren, denn wer weiß, wann es wieder geschehen konnte. Zu meiner Verwunderung fand ich auf der Hinreise, daß, trotz des erklärten Krieges, auf der Eisenbahn alles seinen gewöhnlichen geordneten Gang ging. Die Preußen bedurften noch weniger Wochen, um alles in Kriegsbereitschaft zu setzen, während die Franzosen unfertig, wie sie waren, darauflosstürmten und bei Saarbrücken einige billige Lorbeeren ernteten. Zu Hause fand ich alles in begreiflicher Aufregung. Man erwartete nichts anderes, als daß die Franzosen das Rheinland überschwemmen würden, man beriet sich, wie man Silberzeug und andere Wertsachen bergen könnte und machte sich auf das Schlimmste gefaßt. Meiner Militärpflicht hatte ich noch nicht genügt, sondern die Sache in Erwägung eines von mir noch abzulegenden theologischen Examens, durch welches man damals vom Militärdienst befreit blieb, hinausgeschoben. Jetzt, wo man jeden Mann gebrauchen konnte, wollte auch ich nicht zurückbleiben, und so hatte ich mich bereits in Minden gemeldet und stellte mich nochmals bei der Rückreise von Oberdreis in Neuwied zur Verfügung. Von Neuwied fuhr ich nach Köln, um von dort zwei Tage vor der Übernahme meines Silentiums nach Minden[115] zurückzufahren. Inzwischen hatte sich der Verkehr auf der Eisenbahn völlig geändert. Die Preußen waren marschfertig geworden, und nun wurden Tag und Nacht aus allen Teilen der Monarchie lange Züge mit Soldaten nach der Westgrenze des Vaterlandes befördert. Mit Schrecken erfuhr ich auf dem Bahnhofe zu Deutz, daß heute überhaupt kein Zug nach Minden fahre. Vergebens erklärte ich, daß ich Verpflichtungen übernommen habe und befördert werden müsse. »Jedes Wort ist vergebens,« erklärte der Stationsvorsteher, »der nächste Zug, mit dem Personen nach Minden befördert werden können, fährt morgen mittag um 1 Uhr.« Ich mußte mich darein ergeben, noch eine Nacht in Köln zuzubringen und tröstete mich damit, daß ich immer noch morgen abend in Minden eintreffen und übermorgen früh das Silentium der Absprache gemäß rechtzeitig übernehmen könne. Lange vor 1 Uhr war ich am nächsten Tage auf dem Bahnhof; ein endlos langer Zug stand bereit, ein unglaubliches Gewimmel von Reisenden drängte sich, ihn zu füllen. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung, aber auf jeder Station mußte er längere Zeit liegenbleiben, um lange mit Soldaten vollgepfropfte Züge vorüberzulassen; inzwischen stieg man in unserm Zuge ein und aus, ohne Ordnung und Aufsicht; ich habe dergleichen auf deutschen Bahnen nie wieder erlebt. Der Abend kam, die Nacht brach herein, und wir hatten noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. Endlich, um 4 Uhr morgens, langten wir in Minden an. Statt der fahrplanmäßigen sechs Stunden hatten wir nicht weniger als fünfzehn Stunden gebraucht, um die Strecke von Köln nach Minden zurückzulegen. Es war schon heller Tag; durch die noch menschenleeren Straßen wanderte ich zu meiner Wohnung; leise, um nicht zu stören, betrat ich das Haus und gelangte in mein Zimmer. In meinem Bett lag ein Offizier. Bei meinem Eintritt fuhr er in die Höhe. »Entschuldigen Sie,« sagte ich, »dies ist nämlich mein Zimmer. Bleiben Sie ruhig liegen, ich werde mich auf dem Kanapee einrichten.« An Schlafen war nicht mehr zu denken, aber am Morgen um 8 Uhr erschien ich pünktlich im Silentium. Meine Hausleute, oder genauer gesagt, die Hausdame Fräulein Eßmann hatte einen schweren Fehler begangen. Statt für[116] den Offizier unten in einem freistehenden Zimmer ein Bett einzurichten, hatte sie einfach über mein Zimmer verfügt, obgleich sie wissen mußte, daß meine Rückkehr bevorstand. Ich überlegte den Fall mit Freund Heinze und er erklärte, daß ich mir etwas Derartiges nicht bieten lassen dürfe und sogleich ausziehen müsse. An diesem kleinen Vorkommnisse ersehe ich, wie sehr der Mensch sich ändern kann. Jetzt hat mich das Leben realistischer denken gelehrt, und ich würde mir noch schlimmeres gefallen lassen, ehe ich meine schöne Wohnung mit einer schlechteren vertauschte und für fremde Sünden mich selbst strafte. Damals aber siegte der Idealismus der Jugend, ich verließ die reizende Villa des Herrn Busch und zog zu Herrn Dannemann, wo Freund Heinze schon wohnte und ich ein bescheidenes Zimmer zwei Treppen hoch nach dem Hofe heraus bezog. Indessen waren die Ferien verstrichen und der Schulunterricht hatte wieder seinen Gang genommen, während aus dem Westen eine Siegesnachricht nach der andern einlief und eifrig diskutiert wurde. Der Morgenunterricht am 3. September hatte eben begonnen, als wie ein Lauffeuer die Kunde von Mund zu Mund lief, daß Napoleon und seine ganze Armee bei Sedan gefangengenommen sei. Nun war an eine Fortsetzung des Unterrichts nicht zu denken, der Tag wurde freigegeben und wir Lehrer zogen in die Kneipe. Hier saß ich neben Oberlehrer Quapp und erzählte ihm, daß ich mich nach Ausbruch des Krieges zweimal in Minden und in Neuwied gemeldet habe, erregte aber seinen höchsten Unwillen, als ich hinzufügte, daß dies weniger aus Patriotismus als vielmehr in dem Wunsche geschehen sei, meine Lebenserfahrungen zu bereichern. Dieser Wunsch ging freilich nicht in Erfüllung, denn der Krieg ging weiter und zu Ende, ohne daß man mich noch als Rekruten auszubilden für nötig erachtet hätte. Wenn ich im Genuß geistiger Getränke all mein Leben lang mäßig gewesen bin, so kann ich mir es wahrlich nicht zum Verdienst anrechnen, denn die ersten Versuche als Burschenschaftler der Franconia in Bonn, es den andern im Trinken gleichzutun, hatten für mich am nächsten Morgen einen so scheußlichen Kopfschmerz und einen so gänzlich verdorbenen Tag zur Folge gehabt, daß ich sehr bald davon abstand und bei den pflichtmäßigen[117] Trinkgelagen mich durchmogelte, so gut ich konnte. Die Folge war daß ich in bezug auf geistige Getränke auch noch als Lehrer in Minden so ziemlich auf dem Standpunkte der Unschuld stand, und dies benutzten meine Tischgenossen in der »Stadt Düsseldorf«, um mir einen schlimmen Streich zu spielen. An einem Sonntagnachmittag, wo, wie öfter, etwas Gemeinsames unternommen wurde, lud ein junger Mann, der in einem Weingeschäft angestellt war, uns zur Besichtigung seines Weinkellers ein. Es mochte wohl ein halbes Dutzend unter uns sein, welches dieser freundlichen Einladung Folge leistete. Wir gingen von Faß zu Faß und nahmen hier und da die verschiedensten Proben durcheinander. Meine Befürchtung, daß es des Guten zuviel werden könne, begegnete man mit der Versicherung, daß die Weine ohne jede üble Folge sein würden, wenn man zwischendurch gelegentlich einen Kognak trinke. Wie ich an diesem unheilvollen Abend, von einigen Kameraden geleitet, nach Hause und in mein Bett gekommen bin, weiß ich kaum zu sagen. Man versicherte mir später, daß man nie einen liebenswürdigeren Betrunkenen gesehen habe. Am andern Morgen erwachte ich aus schweren Träumen. Ich drehte mich auf die andere Seite und hatte das Gefühl, als wenn alles Getränk mit mir auf diese Seite ströme. Ich sprang aus dem Bett, um mich für die um 8 Uhr beginnende Schule anzukleiden, und bemerkte mit Schrecken, wie der Boden unter mir schwankte. Eine Tasse schwarzen Kaffees sollte mich ernüchtern, aber der Magen versagte die Aufnahme. Mit Aufbietung aller Willenskraft begab ich mich zum Gymnasium, wo sich am Montagmorgen, wie üblich, sämtliche Schüler und die in der ersten Stunde beschäftigten Lehrer zur gemeinsamen Andacht versammelten; die Schüler füllten die Bänke, die Lehrer saßen ihnen auf einem erhöhten Podium gegenüber. Ich habe nie eine qualvollere Viertelstunde erlebt. Jeden Augenblick wollten mir die Augen zufallen, ich fürchtete von meinem Stuhl zu sinken, und nur die entsetzliche Angst vor den möglichen Folgen hielt mich wach und aufrecht. Etwas besser ging es in den Unterrichtsstunden. Ich hatte Religion in Quarta zu geben, wo gerade der Durchgang der Kinder Israels durch das Rote Meer zu besprechen war. Mit feuriger Begeisterung schilderte ich, wie die Wassermauern zur[118] Rechten und Linken sich türmten und dann über Pharao und seinem Heer zusammenrauschten, und so gelang es mir, mich wach zu halten. Ähnlich verfuhr ich in den folgenden Stunden, aber keiner war froher als ich, als es 4 Uhr schlug, ohne daß jemand etwas gemerkt hatte, und ich nach Hause gehen konnte, mich auszuschlafen. Amazon.de Widgets Die Folgen des Sieges von Sedan und der weiteren Ereignisse sollten wir bald mit Augen sehen. Täglich wanderte man nach dem Bahnhofe, wenn endlos lange Züge mit Verwundeten oder Gefangenen durchpassierten. Es war ein gräßlicher Anblick, alle diese jungen, kräftigen Gestalten zu sehen, wie sie mit Wunden an Kopf, Armen und Beinen, mit amputierten Gliedmaßen als Krüppel von den Schlachtfeldern zurückkehrten. Dann kamen lange Züge gefangener Franzosen, von denen 5000 in einem Lager auf dem Felde jenseits des Bahnhofs interniert wurden, während die Offiziere frei in der Stadt sich bewegen durften und willkommene Gelegenheit boten, das Französische mit ihnen zu radebrechen. Täglich wanderte man nun, reichlich mit Tabak und Zigarren versehen, hinaus in das französische Feldlager. Es war eine förmliche Stadt mit Straßen und Plätzen, deren Häuser aus Zelten bestanden; da waren treuherzige Bauerngesichter aus allen Gegenden Frankreichs zu sehen, untermischt mit den afrikanischen Turkos, alle sehr bescheiden und sehr dankbar für die gespendeten Zigarren, denn in bezug auf Rauchutensilien wurden die armen Kerle sehr knapp gehalten. Auf meinen späteren Reisen glaube ich bemerkt zu haben, daß der Südländer noch weit gieriger auf den Tabak erpicht ist, als der Bewohner des Nordens. Es mag das wohl auf den erschlaffenden Einfluß der Hitze zurückzuführen sein, welche ein Reizmittel erwünscht macht, und dieses weit gefahrloser im Nikotin als im Alkohol finden läßt. Während da draußen in der Welt der Kriegslärm tobte und seinen Wellenschlag bis zu uns gelangen ließ, waren es andere, mächtige Kämpfe, welche mein Inneres zu durchleben hatte. Wenn ich auch meine Lehrerpflichten von morgens 8 bis nachmittags um 4 Uhr gewissenhaft und mit Geschick erfüllte, so fing der eigentliche Ernst des Tages doch für mich erst an, wenn die Obliegenheiten der Schule hinter mir lagen. Abgesehen von einem[119] täglich streng durchgeführten Spaziergang durch das Glacis rund um die Stadt herum und von dem unter Leitung des Musikdirektors Drobisch geübten Klavierspiel, gehörte der Rest des Tages oft bis tief in die Nacht hinein der wissenschaftlichen Arbeit. Obgleich meine Erfolge im Doktorexamen und Staatsexamen, welche wesentlich auf dem in Pforta Gelernten beruhten, mir die Fortarbeit in der klassischen Philologie als das Gebiet nahelegten, auf dem es mir nach Anlage und Bildung am leichtesten gelungen wäre, mit bedeutenden Leistungen hervorzutreten, so war mir doch nicht soviel an der Anerkennung der Welt, wie an der Befriedigung der tiefsten Bedürfnisse meines von Kindheit an religiös gestimmten Gemütes gelegen. Die Theologie hatte hier gänzlich versagt und das mit Eifer fortgesetzte Bibelstudium befestigte mich immer mehr in der Überzeugung, auch hier nur eine historische, aus rein menschlichen Motiven hervorgehende Entwicklung zu sehen. So hoffte ich denn mein Heil von der Philosophie und hatte mich, sobald ich durch Erledigung der Examina freie Hand gewonnen hatte, mit Eifer dem Studium Kants zugewendet, denn auf diesen wies die ganze folgende Entwicklung, bis zur Gegenwart hin, als auf ihren gemeinsamen Ausgangspunkt zurück, und so wandte ich mich, gestärkt und ermutigt durch meine platonischen Studien, der Kritik der reinen Vernunft zu, welche ich wie auch die übrigen Werke Kants schon seit meiner Tübinger Zeit in der Ausgabe von Rosenkrantz und Schubert besaß, ohne doch bis dahin tiefer eingedrungen zu sein. Schopenhauers ersten Band hatte ich, wie bereits berichtet, in Oberdreis im Herbst 1868 gelesen und bewundert, aber doch nachher wie einen Traum wieder abzuschütteln versucht. Immerhin war die Erinnerung an ihn stark genug, um jetzt beim Studium der Kantschen Kritik der reinen Vernunft auf Schritt und Tritt innezuwerden, wie die Probleme, in welchen Kant aus dem Schutt der Tradition sich mühsam zum Lichte emporzuringen suchte, von Schopenhauer mit rücksichtsloser, durchgreifender Energie und siegreicher Klarheit der Lösung zugeführt worden waren. So trieb mich das Studium Kants unwiderstehlich zu Schopenhauer hin, und jetzt trat im Winter des Kriegsjahres in Minden eine an Wirkung auf mein ganzes künftiges Denken und Leben[120] unvergleichliche Epoche ein, in welcher das Studium Schopenhauers alle andern Interessen in den Hintergrund drängte. Jetzt fing ich an einzusehen, daß es überhaupt nur zwei Lebensrichtungen gibt, die auf Glückseligkeit abzielende heidnische und die ihr entgegengesetzte christliche, welche den uns von Natur innewohnenden egoistischen Trieb nach Leben, Lust und Glückseligkeit als das Verwerfliche, zu Überwindende erkennt und nirgendwo reiner und schöner zum Ausdrucke kommt, als in der Ethik Schopenhauers. Er wurde mir jetzt zu dem, was er vielen kommenden Zeiten sein wird, zum philosophus christianissimus, und das Studium Schopenhauers, verbunden mit der Lektüre des Neuen Testamentes, gestaltete sich in mir zu einem harmonischen Ganzen, welches die strengsten Anforderungen der Wissenschaft mit den ebenso unabweisbaren Bedürfnissen des religiösen Gemütes in voll befriedigender Weise vereinigte. Der Name Schopenhauer war immer auf meinen Lippen, jeden, dessen ich habhaft werden konnte, plagte ich damit; der ganze Tag, soweit er mir gehörte, war seinen Gedanken gewidmet, und nachts verfolgten sie mich bis in meine Träume hinein. Unter diesen Eindrücken ging der letzte Mindener Winter zu Ende, während sich auch äußerlich Ereignisse vorbereiteten, welche dem Schifflein meines Lebens einen neuen Kurs geben sollten. Während der beiden Jahre meiner Tätigkeit in Minden hatte sich in mir das Gefühl immer lebendiger herausgebildet, daß ich mich nicht in dem meiner Natur angemessenen Fahrwasser befände. So reifte in mir der Entschluß, wenn irgend möglich, mich von der Schule loszumachen und die akademische Laufbahn einzuschlagen. Es war um Weihnachten 1870, als mir zwei Anerbieten vorlagen; das eine war eine Gymnasiallehrerstelle in Duisburg mit 600 Talern Gehalt und dem Religionsunterricht in den oberen Klassen; gleichzeitig aber hatte der Direktor des Gymnasiums in Marburg, wo ich infolge meiner Examina gut angeschrieben war, mir eine Hilfslehrerstelle an seinem Gymnasium mit 400 Talern Gehalt angeboten. Die Entscheidung konnte mir nicht schwer fallen. Wollte ich in der Gymnasialkarriere verharren, so mußte ich Duisburg annehmen, wollte ich der Universität näherkommen, so dürfte ich das Opfer nicht scheuen, im[121] Gehalt auf 400 Taler und im Rang auf eine Anfängerstelle zurückzugehen und für Marburg mich verpflichten. Dies machte ich mir vollständig klar, und auf der Weserbrücke stehend, sagte ich zu mir: Da ich entschlossen bin, zur Universität zu gehen, so werfe ich hier die Duisburger Stelle mit ihren 600 Talern ins Wasser und stecke die Marburger Stelle mit ihren 400 Talern in die Tasche. Der Abschied von Minden wurde mir nicht eben schwer. Während meines zweijährigen Aufenthalts war ich mit allen Kollegen in gutem Einvernehmen geblieben, aber keinem derselben sonderlich nähergetreten, außer etwa dem Dr. Heinze. Nähere Beziehungen unterhielt ich auch zu meinem Klavierlehrer, dem Musikdirektor Drobisch, welcher mir das Geleit gab, als ich auf dem Mindener Bahnhof abreiste. Ich fuhr nach Oberdreis, wo ich einige Tage blieb. Mein Vater, damals 70 Jahre alt, beschloß, mich bei der Abreise zu begleiten. Da ihm das Gehen schon beschwerlich fiel, fuhren wir bis Altenkirchen mit unserm Wagen, und unterwegs sagte mir Papa, daß es Zeit für ihn werde, zu sagen: »Bestelle dein Haus!« Er konnte nicht voraussehen, daß ihm noch volle sechzehn Jahre zu leben beschieden waren, Zeit genug, nicht nur sein Haus zu bestellen, sondern auch das meine bestellt zu sehen. Er starb am 9. Januar 1887, fünf Monate nach meiner Verheiratung. In Marburg angelangt, stiegen wir im »Ritter« ab und begaben uns alsbald auf die Suche nach einer Wohnung. Die Auswahl war nicht groß und unsere Wahl nicht glücklich. In der Nähe des Gymnasiums befindet sich ein freier Platz, die Hofstadt genannt, in einer der unruhigsten Gegenden Marburgs. Hier, in dem Hause, welches durch eine Gedenktafel als die ehemalige Wohnung Jung-Stillings gekennzeichnet ist, wohnten zwei Treppen hoch zwei ältliche Frauen, die Schwestern Stedefeld, bei welchen ich mich für den Sommer einmietete, weil eben nichts anderes zu haben war, obgleich die Wohnung manches zu wünschen übrigließ und für mich eine wahre Quelle der Leiden wurde. Zwar genügte das Wohnzimmer, obgleich durch den vom Platze herauftönenden Kinderlärm unruhig, im übrigen meinen bescheidenen Ansprüchen, schlimm war es aber um das kleine Schlafzimmer bestellt, welches, in einem Vorbau des die Ecke zweier[122] Straßen bildenden Hauses angebracht, gleichsam wie ein Vogelkorb in der Luft schwebte und bei Tag von Morgen bis Abend dem Straßenlärm ausgesetzt war, aber auch bei Nacht keine Ruhe bot, da man bei Neigung zu Schlaflosigkeit, die sich sehr bald infolge des angestrengten Studiums bei mir einstellte, fast jede Stunde die benachbarten Turmuhren schlagen hörte. Mein Vater verließ mich, und ich nahm meine Aufgabe in Angriff, welche für das bevorstehende Sommerhalbjahr 1871 eine doppelte war, einerseits mußte ich mich in die neue Schule einarbeiten, andererseits hatte ich meinen Eltern zugesagt, im Laufe des Sommers das theologische Examen pro licentia concionandi abzulegen, durch welches man damals von allen militärischen Verpflichtungen befreit wurde. Meiner durch die Studien des vorigen Winters schon geschwächten Gesundheit wäre es sicherlich ersprießlicher gewesen, zu dienen, welches mir bei meiner stets bewahrten Vorliebe für das Turnen, der Fähigkeit, mich allen Lebenslagen leicht anzupassen, keine Schwierigkeiten bereitet haben würde. Aber die Eltern fürchteten die Kosten des Einjährig-Freiwilligen-Jahres, hegten auch wohl, namentlich meine Mutter, noch immer die stille Hoffnung, mich dereinst als eine Leuchte der Kirche, etwa als einen Schleiermacher auf der Kanzel zu sehen, und obwohl ich selbst mir andere Ziele gesteckt hatte und jener Hoffnung schon längst entwachsen war, so war ich doch von jeher gewohnt, jede Last auf meine kräftigen Schultern zu nehmen und mit Lust und Eifer zuzugreifen, wo es etwas Neues zu lernen gab. Die Tätigkeit am Gymnasium bereitete mir nach den Erfahrungen in Minden nicht die mindeste Schwierigkeit, war vielmehr für mich ein unterhaltender Sport und angenehmer Zeitvertreib, nur daß ich von meinen Studien wenig Zeit zum Vertreiben übrig hatte. Ich erhielt wieder das Ordinariat von Sexta und in den mittleren Klassen den Ovid und einiges andere. Um hier von vornherein alle Schwierigkeiten abzuschneiden, beschloß ich, die unruhigen Elemente durch ein energisches, wohl gar bärbeißiges Auftreten einzuschüchtern. Sobald die geringste Unordnung sich zeigte, fuhr ich grimmig darauflos, so daß die Schüler in der ersten Zeit gelegentlich behaupteten: »Dieser Deussen ist ja ein wahrer Teufel!« Der Erfolg dieser[123] Schauspielerei war ein vollständiger und dauernder: meine Jungen saßen da wie die Lämmer, und bald konnte ich ihnen sogar gelegentlich den Rücken zuwenden, ohne daß einer es wagte, sich zu regen. Dabei gelang es mir, das Interesse der Schüler durch Klarheit und Lebendigkeit, auch durch einfließende Scherze wachzuhalten, so daß ich mich nach kurzer Zeit einer nicht geringen Beliebtheit erfreute. Auch war in Marburg der Menschenschlag sanfter und ihm entsprechend seine Behandlung eine ungleich mildere als die in Minden. Körperliche Züchtigungen, welche in Minden fast alle Stunden von der Sexta bis hinauf zur Tertia vorkamen, durften in Marburg nur bei offener Auflehnung gegen die Autorität des Lehrers angewendet werden, und auch dann war dem Direktor sofort Anzeige zu erstatten. In den eineinhalb Jahren meines Marburger Aufenthaltes habe ich nur einmal eine Ohrfeige erteilt. Ein großer, wegen seiner Roheit und Körperstärke gefürchteter Schüler hatte einen armen kleinen Kerl mißhandelt. Ich ließ ihn vortreten, hielt ihm sein Unrecht vor und verabfolgte ihm vor der ganzen Klasse, die auf meiner Seite stand, einen kräftigen Backenstreich. Dem Direktor machte ich pflichtmäßig davon Anzeige; er mißbilligte mein Vorgehen nicht, meinte aber, daß auch dieser Fall sich noch ohne körperliche Züchtigung hätte erledigen lassen. Wie die Schüler, so waren auch die Lehrer vom Direktor an bis zum letzten Hilfslehrer gutherzige, harmlose Männer, weniger schneidig als in Minden, aber auch erheblich sympathischer, so daß ich noch jetzt mit angenehmen Empfindungen an alle zurückdenke, was ich von den Mindener Kollegen nicht im gleichen Maße behaupten kann. Übrigens stand während des Sommers 1871 der Verkehr mit Lehrern wie mit Schülern für mich in zweiter Linie, da das herannahende theologische Examen alle Zeit, die ich von der Schule erübrigen konnte, und alle Kraft in Anspruch nahm. Das theologische Examen wurde in Marburg nicht wie in den altpreußischen Provinzen vor dem Konsistorium, sondern vor der theologischen Fakultät abgelegt; wodurch mehr Nachdruck auf den wissenschaftlichen als auf den praktischen Leistungen lag und meine Aufgabe wesentlich erleichtert wurde. Im Bibelstudium war ich schon lange bewandert. An der Hand von de Wettes Einleitung[124] zum Alten und Neuen Testamente hatte ich das griechische Neue Testament ganz, vom hebräischen Alten Testament sämtliche historischen Bücher von der Genesis bis zum zweiten Buch der Könige zweimal durchgelesen, dazu auch den ganzen Jesaias, die wichtigsten Psalmen und vieles andere. Die hebräische Sprache in ihrer edelen Einfachheit war mir sehr lieb geworden und ich sehnte mich danach, jemand zu finden, mit dem ich hebräisch hätte sprechen können. Freilich vergebens! Auch die biblischen Realien hatte ich aus Wieners vortrefflichem biblischen Reallexikon mit großem Interesse studiert. Noch erinnere ich mich an einen Sonntag nachmittag, welchen ich dem Studium der Topographie von Jerusalem gewidmet hatte. Ich empfand dabei die heißeste Sehnsucht, die heiligen Stätten mit eigenen Augen zu sehen und mußte mir doch sagen, daß für mich armen Gymnasiallehrer bei meinem beschränkten Gehalt und knapp bemessenen Ferienurlaub nicht die mindeste Aussicht sei, jemals nach Palästina oder überhaupt nur aus Deutschland herauszukommen. War somit das Bibelstudium in den Grundsprachen für mich mehr ein Genuß als eine Arbeit, so empfand ich die Notwendigkeit, die ganze Kirchengeschichte in so kurzer Zeit dem Gedächtnis einzuprägen, als eine wahre Plage. Ich wählte zum Studium den kleinsten Kurtz, entwarf mir über alle achtzehn Jahrhunderte synchronistische Tabellen mit sieben parallelen Spalten, repetierte nach diesen unermüdlich und eignete mir so in wenigen Monaten eine klare und feste, allerdings nur auf das Wesentlichste beschränkte Übersicht der Tatsachen an, mit welchen ich das Examen zu bestehen hoffen durfte. Weniger Not machte mir die Dogmatik; da der Hutterus redivivus für mich zuviel entbehrliches Detail enthielt, so ging ich das Handbuch von de Wette durch, welches im ersten Teil die biblische Theologie, im zweiten die altlutherische Dogmatik in reichlich exzerpierten Stellen der wichtigsten altlutherischen Dogmatiker, Quenstedt, Calovius usw., behandelt. Aus diesen prägte ich mir die lateinischen Schlagworte und Hauptsätze ein, und sie verbanden sich so glücklich mit der mein Lebenselement bildenden Weltanschauung Schopenhauers, den ich in meiner Eingabe an die Fakultät als den Philosophus christianissimus zu bezeichnen wagte, daß sich daraus ein Philosophie[125] und Christentum vereinigendes organisch zusammenhängendes Ganzes ergab. Um die praktischen Disziplinen mich zu kümmern, hatte ich weder Zeit noch Neigung; und auch während meiner Universitätsjahre hatten sie mir gänzlich ferngestanden. War es doch überhaupt schwierig und gelang es doch nur durch Hereinziehung solcher Publika wie die von Schaarschmidt in Bonn vorgetragene und mir gänzlich dunkel gebliebene »philosophische Lehre von Gott«, das erforderliche theologische Triennium nachzuweisen. An häuslichen Arbeiten wurde nur eine Predigt über das neue Gebot der Liebe (Ev. Joh. 14) und eine Katechese über eine Parabel bei Lukas gefordert, welche beide sich in sechs Wochen bequem herstellen ließen; im übrigen bestand das Examen in einer zweitägigen Klausur und in der mündlichen Prüfung vor der Fakultät. Mit meiner gewohnten Arbeitskraft und Arbeitslust griff ich alle diese Dinge tapfer an; kam ich nachmittags um 4 Uhr aus der Schule nach Haus, so gehörte der übrige Tag bis spät in die Nacht den theologischen Studien, nur daß ich täglich gegen Abend einen einsamen, melancholischen Spaziergang über Ockershausen zur Eisenbahnbrücke machte, wo ich im Gespräch mit dem freundlichen Bahnwärter einige Augenblicke ausruhte, um dann über die Brücke zu gehen und auf der andern Seite der Bahn heimzukehren. Gelegentlich unterbrach ich auch die Arbeit, indem ich etwas Klavier spielte. Ich übte gerade die Pathétique von Beethoven ein, und noch heute, wenn ich das Finale dieser Sonate höre, erwacht in meiner Erinnerung die ganze damalige Situation und wie eine trübe Wolke über einer einförmigen Landschaft lagernde Gemütsstimmung, welche beide zusammen von Tag zu Tag immer drückender bis zur Unerträglichkeit wurden. Die unruhige Lage des Hauses störte meine Arbeit und den von alters her mir sehr schätzenswerten Mittagsschlaf, und nachts wurde ich in meinem luftigen Wolkenkuckucksheim immer wieder durch das Schlagen der Turmuhren aus meinem unruhigen Halbschlafe aufgeschreckt. Aber auch nach den schlechtesten Nächten mußte ich mich tagsüber zur Arbeit zwingen, denn der Examentermin rückte immer näher, und ich konnte keinen Tag mehr entbehren. Eine gelinde Verzweiflung ergriff mich, wenn ich sehen mußte, wie ich von Tag zu Tag[126] meine Gesundheit mehr und mehr untergrub, und schließlich ging ich zum Dekan, Prof. Dietrich, und schlug ihm vor, das Examen lieber noch ein Semester hinauszuschieben. Er riet davon ab; durch ein Tentamen, wie es zum Nutz und Frommen der Kandidaten vom Dekan abgehalten zu werden pflegte, hatte er sich schon vordem vom Stand meines Wissens unterrichtet, und so empfahl er mir jetzt lieber durchzuhalten und dadurch um so eher von der nervösen Spannung, in der ich mich befand, freizuwerden. Ich hielt also durch, aber über die Folgen wird noch weiterhin zu berichten sein. Predigt und Katechese waren abgeliefert, und der Termin für die Klausurarbeiten rückte heran. Wir versammelten uns, etwa ein Dutzend Kandidaten, im Hause des Dekans; er diktierte, jede halbe Stunde eine Frage, welche wir unter seiner Aufsicht ohne andere Hilfsmittel als den hebräischen und griechischen Grundtext schriftlich auszuarbeiten und sogleich abzuliefern hatten. So saßen wir beim Dekan von 2 Uhr nachmittags bis 8 Uhr abends und am nächsten Morgen von 8 bis gegen 1 Uhr, worauf das Zusammensein mit einem solennen Diner im Hause des Dekans beschlossen wurde. Hierbei bestand ein Brauch, auf den man mich vorher aufmerksam gemacht hatte, an den ich aber erst glaubte, als mir Direktor Münscher auf mein Befragen die Sache bestätigte. Jeder Kandidat hatte nach beendigtem Mahle als Entschädigung für den Dekan in seiner Serviette oder unter dem Teller in diskreter Weise einen Taler zu verstecken. Ich weiß nicht, ob dieser seltsame Brauch noch heute besteht. Am 28. Juli 1871 wurde ich zum mündlichen Examen zitiert. Sehr zum Vorteile gereichte es mir, daß das ganze Examen in lateinischer Sprache abgehalten wurde, in welcher es soviel leichter ist, den Mangel an positiven Kenntnissen durch einen Schwall eleganter Worte zu verbergen. Die Interpretation der Texte verlief sehr gut, für die Dogmatik standen mir die lateinischen Schlagworte der altlutherischen Dogmatiker reichlich zur Verfügung und in der Ethik gewann ich den vollen Beifall des Examinators Heppe, als ich im Geiste der Schopenhauerschen Philosophie den Satz aussprach und begründete: Ethica non praescribit sed describit. Schlimmer erging es mir in der Kirchengeschichte. Der alte Henke fragte[127] mich nach Servet. Ich wußte von ihm alles, was in meinem kleinen Kurz stand, aber der Examinator verlangte mehr, die Aufzählung seiner Schriften und ähnliches, womit ich nicht dienen konnte. Ich machte verzweifelte Anstrengungen, die Rede auf ein anderes Thema hinüberzuspielen, aber Henke holte mich von allen Seitensprüngen zu Servet zurück, selbst nachdem ich rundheraus erklärt hatte: »De Serveta nihil amplius scio!« Ich war bei dieser peinlichen Lage der Sündenbock für andere, denn das Examen war öffentlich und dahinten saßen ein paar, welche, wie mir Henke späterhin gleichsam entschuldigend erklärte, sein Kolleg zu schwänzen pflegten, und um ihnen die Hölle heiß zu machen, ließ er mich hineinfallen. Immerhin war der Gesamteindruck des Examens von der Art, daß ich nicht nur bestanden hatte, sondern als Prädikat sogar ein »bene stetit« erhielt. Von einer Zentnerlast befreit zog ich mich erschöpft und zu keiner Kneiperei aufgelegt auf mein Zimmer zurück, wo mich alsbald mein Direktor, der alte, treue Münscher, besuchte, um mir seine Glückwünsche und die seiner Familie zu überbringen. Das theologische Examen war also bestanden und meine Natur hatte tapfer bis zu Ende durchgehalten. Hinterher aber zeigten sich die Folgen der übergroßen Anstrengung, die ich mir den Sommer hindurch zugemutet hatte. Es folgten halb schlaflose Nächte und umflorte Tage. Meinem Dienst an der Schule konnte ich nach wie vor mit Leichtigkeit nachkommen, aber zu wissenschaftlicher Arbeit war ich nicht imstande, und wenn ich meinen Aristoteles aufschlug, so fühlte ich, wie der Kopf sich weigerte, die Gedanken des Philosophen in sich aufzunehmen. Ein Gefühl der Steifheit des Denkorgans und ein Druck an der oberen Stirn, der jetzt noch zuweilen nach größeren geistigen Anstrengungen wiederkehrt, verhinderte mich damals an jeder intensiven Arbeit. Ich war in Verzweiflung, denn die Furcht überkam mich, daß es mit meiner wissenschaftlichen Tätigkeit für immer zu Ende sei. Ich wandte mich an Dr. Hüter, damals Privatdozent und Vater eines meiner Schüler. Er empfahl geistige Ruhe, kalte Waschungen und Körperbewegung, ohne daß ich fürs erste davon einen Erfolg spürte. So lag ich im September 1871 in unruhigem Halbschlummer in meinem Bett, als um 3 Uhr nachts der Briefbote[128] einen Eilbrief an mich brachte, welcher eine der bedeutendsten Wendungen in meinem Leben einleitete. Schopenhauer sagt einmal: »Wir glauben, daß die wichtigsten Ereignisse unseres Lebens sich sofort in ihrer Bedeutung, gleichsam mit Pauken und Trompeten anmelden und finden hinterher, daß sie ganz leise durch die Hintertür sich eingeschlichen haben.« So war es aber nicht, als im September 1871 mitten in der Nacht jener wichtige Brief eintraf, welcher eine völlige Wandlung in meinem Lebensschicksal vorbereitete und mich in große Aufregung versetzte. Der Brief kam von Nietzsche. Er war nach Oberdreis gegangen, wo man meine Ankunft erwartete und den Brief liegen ließ. Da sie sich verzögerte, so öffnete man das Schreiben und fand es wichtig genug, um es mir durch einen Eilboten zuzustellen, welcher es dann um 3 Uhr nachts brachte. Der Inhalt war folgender: Mein lieber Freund, nicht wahr, Du bist noch willens, Dich einmal für Philosophie zu habilitieren? Seitdem ich dies weiß, denke ich immer daran, wie Deine Lage etwas zu erleichtern sei, und heute fällt mir eine Proposition zu, die Dir vielleicht nützen könnte. Man fragt bei mir an, ob ich jemanden wüßte, der sich für 4 Jahre unter folgenden Bedingungen zu einer Erzieherstelle verpflichten würde. Es gilt in einer russischen Familie zu leben, und zwar für den Winter in Florenz. Ein begabter, doch etwas verwöhnter Knabe von 13 Jahren ist zu unterrichten, und zwar in Englisch, Lateinisch und Deutsch. In der Familie wird Französisch gesprochen. Dieses Sprachenaggregat macht ja Dir keine Schwierigkeit. Der Gehalt ist hoch, 3000?4000 francs, also circa 1000 Thaler. Natürlich völlig freie Station. Dadurch würdest Du nun für 4 Jahre der Vorbereitung ein fast freier Mann und könntest fast ganz Deinen philosophischen Vorbereitungen leben. Du könntest fast die ganze Summe Dir, bei Deinen außerordentlich mäßigen Lebensansprüchen ersparen, um Deine Privatdozentenlaufbahn, so kurz sie auch sein wird, als Rentier zu beginnen. Kurz, Du gewinnst Zeit und Geld, nicht zu reden von dem Werte eines Aufenthaltes in Italien, Schweiz usw.[129] Schreibe mir nach kaltblütiger Überlegung, aber so rasch als möglich, eine Antwort. Denn die eine Bedingung wäre, daß Du diesen Winter bereits antrittst. Dazu müßtest Du Deine Schulmannkarriere mit rascher Faust abschließen. Also werter und lieber Freund! Schnell! Ja! oder Nein! Ich selbst habe beschlossen, Dich in diesem Herbst zu sehen. Ich reise nach Norddeutschland und werde etwa am 20. Oktober über Marburg nach Basel zurückkehren. Ich freue mich herzlich, Dich wiederzusehen. ? Richte meine besten Grüße an Deine ausgezeichnete Familie aus. ? Noch 11/2 Wochen bin ich in Basel. Während dieser, ja in den nächsten Tagen muß Deine Antwort da sein. ? Nimm die Sache nur nicht so feierlich. Es soll kein Entschluß, aber ein lustiges Wagnis sein. Si nihil est lusisse videmur. Die Kunde von Deinem theologischen Examen hat mich in Erstaunen gesetzt. Mehr sage ich erst, nachdem ich Dich wiedergesehen habe. Hast Du den »Sokrates« noch einmal gelesen? Auf Wiedersehn lieber, alter Freund und Kamerad! Basel, 12. September 1871. Friedr. Nietzsche. Ich schrieb an Nietzsche, daß ich geneigt sei, auf die Sache einzugehen und bat ihn, seine Antwort mit den näheren Angaben nach Oberdreis zu richten, wohin ich unverzüglich und in großer Aufregung abreiste. Dort traf mich ein weiterer Brief Nietzsches vom 26. September, in welchem er mich aufforderte, an Frau von Kantschin, welche damals im Chateau Copet bei Ouchy wohnte, zu schreiben und ein Rendezvous zu verabreden. Mit vieler Mühe und Sorgfalt brachte ich einen französischen Brief zustande und erhielt darauf die Aufforderung, mich am 21. Oktober, nachmittags 3 Uhr, zu Vevey im Hotel d'Angleterre einzufinden. Ich nahm in Marburg, wo inzwischen der Unterricht wieder begonnen hatte, Urlaub und fuhr mit Frack und allem Nötigen versehen, mit dem Nachtzuge über Frankfurt nach dem Bodensee und direkt nach Vevey. Die Hoffnung, etwas von der Herrlichkeit der Alpen zu sehen, erwies sich als irrig. Ich durchquerte die ganze Schweiz, ohne einen Berg zu sehen, da alles mit Wolken bedeckt war. Erst[130] auf der Höhe von Chexbrex, von wo ich nach Vevey mit dem Omnibus hinunterfuhr, hellte sich das Wetter auf, ein Mitreisender hatte mir das Hotel du Leman als einfach und gut empfohlen. Ich verwechselte dies mit dem Hotel du Lac und geriet so versehentlich in das vornehmste Hotel des Ortes. Am Abend ging ich am See spazieren und knüpfte mit einem Herrn ein Gespräch an, welches sich naturgemäß dem eben beendeten Deutsch-Französischen Krieg zuwendete. »Nous sommes neutres«, sagte der Herr. »Wir sind sächlich«, wie er in deutscher Sprache erklärend hinzusetzte. Am folgenden Tage kleidete ich mich sorgfältig an und erschien in Frack, weißer Binde und weißen Handschuhen um 3 Uhr im Hotel d'Angleterre. Nicht lange hatte ich gewartet, als eine größere Dame in Perücke, schwarzer, etwas nachlässiger Kleidung und ungenierter Haltung eintrat. Es war Madame de Cantchine, meine künftige Gebieterin. Da sie kein Deutsch verstand, so wurde die Unterhaltung französisch geführt, wodurch ich genötigt war, oft um Wiederholung des Gesagten zu bitten. Madame Kantschin schien an meinem mangelhaften Französisch Anstoß zu nehmen, und vielleicht war dies der Grund, daß sie mir schließlich erklärte, der gegenwärtige Erzieher bleibe noch ein Jahr, und dann solle ich an seine Stelle treten. Vorher, während meiner Ferien im Juli 1872, solle ich besuchsweise kommen, um zu probieren, ob ich mit dem Knaben fertig würde. Endlich kam auch die Vergütung für meine gegenwärtige Reise zur Sprache, ich schlug meine Kosten auf 200 Franken an und erhielt die Antwort: »Gut, Sie werden die 200 Franken heute abend in Ihrem Hotel finden.« Damit war die Audienz beendet. Etwas enttäuscht über den Aufschub machte ich, um über die Eindrücke nachzudenken, einen längeren Spaziergang und kehrte in mein Hotel zurück. Der Portier überreichte mir ein Kuvert mit 200 Franken, und ich konnte bemerken, wie man mich von diesem Augenblicke an mit sichtlich größerer Aufmerksamkeit behandelte. Am folgenden Tage trat ich die Rückfahrt von Vevey nach Basel an. Hungrig und müde kam ich gegen 8 Uhr abends dort an, nahm Wohnung im Hotel zum Wilden Mann und eilte ohne Verzug zu Nietzsche, in der Hoffnung, ihn ins Hotel mitzunehmen, dort in seiner Gegenwart behaglich zu speisen und den einzigen[131] Abend, den ich ihm nach sechsjähriger Trennung widmen konnte, in seiner Gesellschaft zu verbringen. Aber es sollte anders kommen, Nietzsche war nicht zu Hause, wohl aber der im selben Hause wohnende Professor Overbeck. Ich begrüßte ihn, er empfing mich freundlichst und nötigte mich zu bleiben; Nietzsche sei bei Burckhardt und könne jeden Augenblick zurückkommen. Ein frugales Abendbrot, bestehend aus Tee und Butterbrot, wurde aufgetragen, und ich mußte teilnehmen. Es war herzlich gut gemeint, aber im stillen sehnte ich mich nach einem substantielleren Diner im Hotel. Eine Stunde nach der andern verging; endlich, nach 11 Uhr, erschien Nietzsche. Er war in höchst animierter Stimmung, erzählte von seinem Gastmahl bei Burckhardt und wie sie nicht versäumt hatten, von dem getrunkenen Weine eine Spende für die Götter auszugießen. Alsbald entschloß er sich, mich in mein Hotel zu bringen, aber ein Wiedersehen nach sechsjähriger Trennung war nicht so kurz zu fassen. Unter mancherlei Gesprächen gingen wir bis 2 Uhr nachts von einem Ende der Stadt zum andern auf und ab. Nietzsche erläuterte mir die intermontane Lage des Kantons Basel, wie er es nannte, und belustigte sich darüber, daß ich keine Ahnung hatte, in welchem Teile der Stadt wir uns jedesmal befanden. Er erschien an jenem Abend lebendiger, feuriger, übermütiger, als ich ihn je gesehen. Immer wieder kam er darauf zurück, daß ich nach Marburg telegraphieren solle, um noch für einen Tag länger Urlaub zu erhalten. Jetzt wird es mir schwer zu begreifen, daß ich auf diesen Wunsch nicht einging. Aber die Ansichten des jungen, so früh in die Fesseln des Gymnasiallehrerdienstes eingeschmiedeten, weltunkundigen Gelehrten waren zu eng, um eine solche Extravaganz zu wagen. Mit Schmerzen nahm ich um 2 Uhr nachts vor meinem Hotel von dem Freunde Abschied, und in trauriger Stimmung dampfte ich am andern Morgen an den blauen Bergen des Schwarzwaldes vorüber auf Marburg zu. Ich hatte zwar keinen Schaden gehabt, meine Reise war mir reichlich vergütet worden, aber die Hoffnung auf Veränderung meiner Lebenslage war in die Ferne gerückt, wer weiß, ob sie sich nun überhaupt verwirklichen werde. Bis zu den nächsten Sommerferien, wo ich mich der Verabredung gemäß wieder bei den Russen einfinden sollte, war noch fast ein Jahr zu durchleben,[132] ein Jahr voll Unruhe und ohne Hoffnung auf Fortschritt, da mich sowohl mein nervöser Zustand wie die Aussicht auf die bevorstehende Veränderung verhinderten, größere wissenschaftliche Arbeiten zu unternehmen. Dazu kam noch etwas anderes, um meine Stimmung zu verdüstern. Wiederholt dachte ich daran, an Nietzsche zu schreiben, konnte mich aber im Gefühle der dem Anscheine nach fehlgeschlagenen Hoffnung immer noch nicht dazu entschließen. Da traf ein Brief von Nietzsche ein, welcher mir im gereizten Tone über mein Schweigen Vorwürfe machte. Ein so verfehltes Wiedersehen wie das unsrige bedürfe doch wohl einiger Entschuldigung; meine Weigerung, noch einen Tag länger zu bleiben, habe ihn sehr verdrossen, den Pflichten gegen die Schule stünden höhere Pflichten gegenüber, die ich gegen den Freund hätte, usw. Dieser Brief ging mir sehr zu Herzen. Ich suchte in meiner Antwort die Sache möglichst ins gleiche zu bringen und war erfreut, als mir Nietzsche gegen Weihnachten hin sein erstes Werk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« sandte. Die großen, wenn auch nicht eben philologisch durchgearbeiteten Gedanken von dem dionysischen und apollinischen Elemente in der griechischen Tragödie beschäftigten mich lebhaft, wenn ich im Winterschnee meinen täglichen einsamen Spaziergang nach Norden zu bis über die Eisenbahnbrücke und zurück machte, an dem Walde vorüber, dessen kahle Wipfel im Winde rauschten, während der Mond sein geisterhaftes Licht über die öde Winterlandschaft ergoß. Ich hatte meine unruhige Wohnung aufgegeben und eine andere bezogen. Im Hotel Ritter, wohin ich meinen bis Herbst 1871 sehr bescheidenen Mittagstisch im Interesse einer ausreichenderen Verpflegung auf Betreiben meiner Mutter verlegt hatte, saß ich neben einigen Universitätsprofessoren, dem Historiker Nissen und dem Juristen Krüger, deren wohlwollendes Entgegenkommen doch etwas zu sehr nach Herablassung schmeckte, als daß ich den Mut gehabt hätte, ihnen näherzutreten. Die Kollegen an der Schule lebten meist in stiller Zurückgezogenheit. Mein Freund Böhr, derselbe, mit dem ich im Juli 1862 eine Tour durch den Thüringer Wald unternommen hatte, war zu meiner freudigen Überraschung in Marburg als Militärarzt aufgetaucht,[133] aber vielbeschäftigt und nur selten zu haben. In dieser Vereinsamung geriet ich, ich weiß nicht wie, in die Gesellschaft einiger junger Leute, teils Examenkandidaten, teils noch halber Studenten, mit denen ich einige Zeit lang nachmittägliche Exkursionen in die Umgegend von Marburg unternahm, ohne daß ich an ihrem etwas wüsten und ziemlich geistlosen Treiben dauernde Befriedigung gefunden hätte. Interessanter waren die Fußtouren, die ich durch Schnee und Eis gelegentlich mit Professor Horstmann machte, um seine auf dem Lande wohnenden Kranken zu besuchen, wobei manches belehrende Wort, mancher wertvolle Eindruck mir zuteil wurde. Wir traten in das Zimmer eines Kranken. Horstmann fragte nach seinem Befinden, sprach ihm Mut ein und verließ ihn mit dem Wunsche baldiger Besserung. »Haben Sie bemerkt,« fragte Horstmann, nachdem wir ins Freie gelangt waren, »wie die Kräfte des Kranken sich unter meinem Zuspruche sichtlich belebten?« ? »Wohl habe ich es bemerkt«, versetzte ich, »und sehe daran einmal wieder, wie groß der seelische Einfluß ist auf die Genesung des Kranken.« ? »Und doch«, sagte Horstmann, »kann dieser Mann keine 24 Stunden mehr leben.« Wir lesen und hören oft von wunderbaren Krankenheilungen, welche nur dem Eindrucke einer mächtigen, das Vertrauen des Patienten besitzenden Persönlichkeit verdankt werden, aber der gegenwärtige Fall machte es mir zweifelhaft, ob derartige Heilungen auch von Dauer gewesen sind. Noch muß ich eines in diesen Winter fallenden Balles gedenken, zu dem Professor Henke unter vielen andern auch mich freundlich eingeladen hatte. Es wurde die ganze Nacht durchgetanzt und ich nahm mit Vergnügen daran teil, wunderte mich aber im stillen, daß man mich ebenso wie alle andern behandelte und nicht mit der Auszeichnung, auf die ich in jugendlicher Selbstüberschätzung Anspruch zu haben glaubte. Ich verließ das Fest mit den übrigen erst um 6 Uhr morgens, um zwei Stunden später vor meinen Schülern zu stehen und den morgendlichen Unterricht in üblicher Weise mit dem Sprechen eines Vaterunsers zu beginnen. Da ich selbst in Oberdreis uniert getauft, in Elberfeld reformiert katechisiert und in Pforta lutherisch konfirmiert worden war und schon lange diese Unterschiede gering zu schätzen, zu perhorreszieren gewohnt war,[134] da ferner meine Schüler halb lutherisch, halb reformiert waren, so suchte ich meiner Geringschätzung dieser konfessionellen Unterschiede dadurch Ausdruck zu geben, daß ich abwechselnd das eine Mal das Gebet mit »Vater unser« und dann wieder mit »Unser Vater« begann, auch die dem so schönen einfachen Gebete des Herrn erst später angefügte inhaltleere Doxologie wegließ, woraus sich in der Stadt das Gerede bildete, ich gehe damit um, eine neue Religion zu stiften. Auch sonst war es mir nicht möglich, bei den engen Anschauungen meiner Marburger Mitbürger jeden Anstoß zu vermeiden. So hatte ich in Quarta den Religionsunterricht zu geben und als Lehrpensum war gerade der Katechismus vorgeschrieben. Aber welcher Katechismus? Da die Klasse halb lutherisch und halb reformiert war, so lernte in derselben Stunde die eine Hälfte den lutherischen, die andere den reformierten Katechismus, und der Lehrer sollte den einen wie den andern nebeneinander in der Stunde erklären. War ich schon hierdurch gereizt, so wurde ich es noch mehr durch die Art, mit der sich ein unbescheidener Herausgeber in der für uns vorgeschriebenen Ausgabe des kleinen lutherischen Katechismus allerlei Änderungen erlaubt hatte. So heißt es bei Luther in der Erklärung des ersten Gebotes: »Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.« Hier war dem Herausgeber nicht entgangen, daß Gott zu den beiden ersten Verben als Akkusativ, zum dritten als Dativ zu fassen ist. Um diese Inkonzinnität zu heben, schob er das Wörtchen »ihm« ein: und um diesem mehr Nachdruck zu geben, setzte er das Wort »allein« hinzu. Diese Fälschung des ehrwürdigen lutherischen Textes erbitterte mich aufs höchste. Ich erklärte vor der Klasse die einzelnen Worte: »Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben,« ? aber was steht hier, rief ich aus: »ihm allein vertrauen!« Sollen wir nicht auch unsern Eltern, unsern Lehrern vertrauen? Die Worte »ihm allein« sind unechter Zusatz und müssen gestrichen werden! ? Dies Vorkommnis muß wohl von den Schülern zu Hause berichtet worden sein; denn wenige Tage darauf besuchte mich der Direktor, um mir in seiner milden Art darüber Vorhaltungen zu machen. Aber Herr Direktor, sagte ich, Sie selbst können doch unmöglich eine solche Verfälschung der Worte Luthers gutheißen. Er stimmte[135] mir zu, betonte aber, daß diese konfessionellen Unterschiede hier im Hessenlande mit Blut erkämpft worden seien, und daher sehr schonend behandelt werden müßten. Das Sommersemester 1872 war gekommen und mit ihm war manches besser geworden. Obgleich ich für das Turnen keine Fakultas hatte, vielmehr nur daran dachte, mir eine solche gelegentlich zu erwerben, so wurde mir doch schon der gesamte Turnunterricht am Gymnasium übertragen. Es waren dafür jährlich 200 Taler ausgesetzt, und da bei dem Mangel einer Turnhalle im Winter nicht geturnt wurde, so verteilte sich diese Summe auf die sechs Sommermonate und bedeutete somit für mich eine Verdoppelung meines bisherigen Einkommens. Freilich brachte mir die Sache viel Arbeit, da ich nicht nur an den beiden Tagen, für welche die Turnstunden angesetzt waren, sondern fast jeden Nachmittag auf dem Turnplatze erschien, die Geräte herausgab, die Übungen überwachte und selbst eifrig mitturnte. Die Krönung der Sache war eine dreitägige Turnfahrt, welche ich von Marburg bis in die Gegend von Kassel hin mit den sechzig Schülern der drei oberen Klassen unternahm, und zwar allein, da eine Beteiligung auch anderer Lehrer zwar sehr erwünscht war, aber aus Bequemlichkeit unterblieb. Bei Tage wurde rüstig gewandert, und für die Nacht wurden meine Jungens auf Strohlager gebettet, während für mich ein Bett reserviert war. Bei dem milden Charakter der hessischen Jugend lief diese Turnfahrt ohne jeden Mißklang ab. Meine Schüler folgten mir gern, weil sie mich liebten, und ich war denn auch immer bereit, ihnen jeden billigen Wunsch zu erfüllen. Dies hatte allerdings mitunter seine Schwierigkeit. Wir kamen nach Fritzlar, wo ein großes Nonnenkloster besteht, und meine Schüler wünschten, dasselbe zu besichtigen. Ich will sehen, was sich tun läßt, sagte ich; stellt euch hier vor der Gartenpforte in Reih' und Glied auf und rührt euch nicht. Ich klingelte; die Pforte wurde geöffnet und eine Nonne trat heraus; sowie sie mich aber an der Spitze meiner Rotte erblickte, fuhr sie zurück, schloß die Pforte, öffnete ein Schiebefensterchen und fragte nach meinem Begehr. Diese meine Schüler, sagte ich, bitten um die Erlaubnis, das Kloster zu besichtigen. ? Das ist leider unmöglich, da Männer bei uns keinen Zutritt haben. ? Ich denke,[136] Sie können mit uns eine Ausnahme machen; diese jungen Leute kommen weither aus der Universitätsstadt Marburg, um das berühmte Kloster zu sehen, und es würde für sie ein wertvoller Eindruck fürs ganze Leben sein. ? Ich kann leider nichts darin tun, aber vielleicht sprechen Sie mit der Oberin. ? Ich willigte ein, sie öffnete die Pforte, ich warf noch einen strengen Blick auf meine Jungens, welche standen wie die Mauern, und trat durch die Pforte, welche sich alsbald hinter mir schloß, in einen weiten Garten. Meine Führerin war auf dem vielfach gewundenen und mit hoher Hecke umfriedigten Wege vorausgeeilt; bei jeder Wendung des Weges wartete sie, so daß ich immer nur den legten Zipfel ihres Gewandes, nie sie selbst erblickte. So gelangte ich in einen geräumigen Saal, der wie alles hier äußerst sauber, aber vollkommen leer war. Ich stand allein in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Plötzlich hörte ich eine sanfte Stimme sagen: Was wünschen Sie? Ich sah mich um; in einem Nebenraum, durch ein Gitter getrennt, saß nicht sichtbar, nur hörbar für mich, die Oberin. Ich trug mein Gesuch vor. Sie bedauerte, es abschlagen zu müssen. Ich wiederholte, daß wir weither kämen aus der Universitätsstadt Marburg, um das berühmte Kloster zu sehen, und daß es für meine Schüler ein wertvoller Eindruck fürs ganze Leben sein werde. Nach einigem Besinnen sagte sie, daß eine Besichtigung des Klosters nach ihren Ordensregeln nicht gestattet werden könne, daß wir aber doch die Kirche sehen könnten. Dankend nahm ich an, kehrte zu meiner Rotte zurück, warf noch einen strengen Blick auf sie und bedeutete sie, mir zu folgen. Pforten und Türen schienen sich von selbst zu öffnen, und die ganze Bande ergoß sich in das schmucke Kirchlein. Es war wirklich eine Sehenswürdigkeit: Altar und Wände waren mit Heiligenbildern geschmückt, der Boden mit zierlichem Mosaik belegt, alles von peinlichster Sauberkeit, blank und neu wie eine Puppenstube. Indem ich mich noch umsehe, bemerke ich, wie meine Buben eine Erhöhung auf der einen Seite erklimmen und hinüberschauen. Ich steige auch hinauf, zu sehen, was es da gibt, und sehe über die Schranke weg in einen weiten Raum, wo sämtliche Nonnen in Betstühlen auf den Knien ihren Gebetsübungen oblagen. Schnell reiße ich meine Kerle herunter und sorge, daß[137] wir das Freie gewinnen. So endigte dieser Besuch des Nonnenklosters zu Fritzlar. Sehr befriedigt, wenn auch von der langen Wanderung ermüdet, brachte ich meine ganze Schar am Abend des dritten Tages wohlbehalten nach Marburg zurück. Amazon.de Widgets Neben der Unterhaltung, welche die Schule und das Turnen boten, nahm auch der gesellige Verkehr in diesem zweiten Marburger Sommer für mich freundlichere Formen an. Außer dem Museum, einer Gesellschaft, welcher so ziemlich jeder, und so auch ich angehörte, ohne daß es mich eben sonderlich dorthin gezogen hätte, bestand noch eine zweite Gesellschaft, der Marburger Alpenklub, welchem hauptsächlich jüngere Leute, Privatdozenten der Universität u. dgl. angehörten. In sie ließ ich mich aufnehmen und schloß mich mit Vergnügen den allwöchentlich am Sonnabendnachmittag stattfindenden Exkursionen an. Vorsitzender war der Professor Extraordinarius der Rechte Felix Plattner, kurzweg Fix genannt, welcher den gemeinsamen Ausflügen als Vorläufer diente und gelegentlich wohl die scherzhafte Entstellung dieses Titels in Verläufer bei der Schwierigkeit so vieler Waldwege wahrmachte. Außer ihm sind mir namentlich noch zwei Privatdozenten, der Mathematiker Heß und der Nationalökonom Maier, als muntere und geistreiche Kameraden in angenehmer Erinnerung. Man zog an schönen Sommernachmittagen hinaus, lagerte sich an einer Stelle im Wald, an welche vorsorglich ein Fäßchen Bier vorausgeschickt worden war, und es entwickelte sich unter den fünf oder sechs Teilnehmern, mehr waren selten vorhanden, unter animierten Gesprächen ein weidliches Zechgelage, von dem wir erst spät am Abend in rosiger Stimmung heimkehrten. Inzwischen rückten die Sommerferien heran, und der Absprache gemäß schrieb ich an Madame Kantschin, daß ich vom 3. bis zum. 24. Juli frei und bereit sei, versuchsweise, wie sie es vorgeschlagen habe, die Leitung ihres Sohnes zu übernehmen. Nicht wenig betroffen war ich, als darauf ein kurzes Billett etwa folgenden Inhaltes eintraf: Cher monsieur, Des circonstances survenus ne me permettent pas de poursuivre mon projet, je dois renoncer à l'espoir de vous engager comme precepteur de mon fils. Aimée de Cantchine.[138] Über diesen Ausgang einer Angelegenheit, die mich ein ganzes Jahr lang beunruhigt und von andern Unternehmungen zurückgehalten hatte, war ich nicht wenig verdrießlich. Vergebens also hatte ich mich darauf gefreut, die schöne Schweiz auch einmal in besserer Beleuchtung zu sehen als im vergangenen Oktober, wo ich sie eilig durchfahren und kaum einen Berg zu sehen bekommen hatte. Nun gerade will ich hingehen, sagte ich zu mir, wechselte mein vom Turnen erspartes Geld, von Laden zu Laden gehend, denn einen Bankier gab es damals in Marburg noch nicht, in ein paar hundert Franken um und saß am Nachmittag des Tages, an dem die Schule geschlossen hatte, auf der Bahn, um nach Frankfurt und von dort die Nacht durch über Stuttgart nach dem Bodensee zu fahren, wo ich in Friedrichshafen am frühen Morgen eintraf, mit Entzücken Hände und Gesicht in den Wassern des Bodensees wusch, und dann aller Sorgen ledig nach Schaffhausen weiterfuhr. Der Rheinfall, wie er seine Wassermassen über ragende Klippen tief unten in den schäumenden Kessel schüttet, das ungeheure Getöse, welches man unterhalb auf einem Vorsprung stehend aus nächster Nähe vernimmt, der Regenbogen, den die Sonnenstrahlen in dem aufspritzenden Wasserschaum bilden, das alles entzückte den noch nicht verwöhnten Reisenden aufs höchste. Das vornehme Hotel, nachdem ich mich über seine Preise orientiert hatte, wurde nur von außen bewundert, indem ich hier wie überall die einfacheren Häuser bevorzugte. In Zürich versah ich mich im Konsumverein mit Brot und Käse, ließ die mir an der Seite hängende, mit dem Schweizerkreuz gezierte Feldflasche mit Wein füllen und wanderte rüstig über die Berge nach Zug, fuhr mit dem Dampfer über den See und begann den Aufstieg zum Rigi. Auf halber Höhe warf ich einen Blick auf die wächsernen Füße und Hände, welche an dem Wallfahrtsorte »Maria im Schnee« für vermeintliche Heilung von gläubigen Seelen gestiftet worden waren, und weiter stieg ich den waldigen Abhang hinauf, bis ich den Bergsattel bei Staffelshöhe erreicht hatte, und nun plötzlich der Vierwaldstätter See und die jenseitigen Berge mit ihrem zauberhaften Blau mir vor Augen traten. Überwältigt warf ich mich ins Gras und weidete mich wohl über eine Stunde an soviel Herrlichkeit. Erst gegen Abend dachte ich daran, für ein[139] Nachtquartier zu sorgen. Ich trat ins Hotel und erhielt auf meine Anfrage die unwillkommene Antwort: »Ein Zimmer können Sie haben, aber nur mit einem andern Herrn zusammen.« »Wo ist der Herr?« fragte ich. »Er ist ausgegangen und wird wohl erst zur Nacht wieder zurückkommen.« So unangenehm diese Aussicht für mich war, so mußte ich doch, bei der Unmöglichkeit, ein anderes Unterkommen zu finden, mich in das Unvermeidliche fügen. Ich ließ mir die gute Laune nicht verderben, speiste vergnügt zu Abend, schwärmte noch mit einigen schnell gewonnenen Bekannten bei Mondschein im Freien umher und suchte erst spät nach 10 Uhr das mir angewiesene Zimmer auf. Richtig! Dort hinten in der andern Ecke des geräumigen Zimmers lag schon einer im Bett. »Guten Abend«, sagte ich. ? »Guten Abend« tönte mir eine sanfte, wohlklingende Stimme entgegen. ? »Erlaube mich vorzustellen: Dr. Deussen aus Marburg.« ? »Sehr angenehm. Ich bin Paul Rée, Doktor der Philosophie.« Ich überlegte, was alles für Fächer bis herab zur Hühnerologie und Mistologie sich unter dem Namen eines Doktors der Philosophie verbergen konnten, und fragte daher nach einer kleinen Pause vorsichtig weiter: »Philosophie im weiteren oder im engeren Sinne?« ? »Philosophie im engsten Sinne«, erwiderte der Unbekannte. Wieder eine kleine Pause, darauf ich: »Haben Sie sich schon an irgendeinen Philosophen näher angeschlossen?« Auf diese Frage erwiderte der Unbekannte nur ein Wort, und dieses einzige Wort bewirkte, daß ich mit einem Satze an seinem Bette war, seine Hand in der meinigen hielt und aus einem gänzlich Fremden zu einem Freunde, einem Bruder geworden war. Dies eine Wort war der Name: »Schopenhauer.« Natürlich saßen wir nun noch länger zusammen, natürlich verbrachten wir den nächsten Morgen miteinander, stiegen in gemeinsamer Wanderung und unter mancherlei Gesprächen, auch über Nietzsche und seinen Kreis, dem Dr. Paul Rée damals noch angehörte, nach Vitznau hinab, und trennten uns hier mit dem festen Vorsatze, uns wieder zu begegnen. Wir sind uns wieder begegnet, freilich erst zwölf Jahre später in Berlin, und davon wird noch die Rede sein. Ich selbst, erquickt durch dieses Zusammensein, setzte meine einsame Wanderung den Vierwaldstätter See hinauf fort, besuchte Brunnen, die Tellkapelle, Flüelen und[140] verbrachte die nächste Nacht im Roten Ochsen zu Altdorf. Weiter wanderte ich das Reußtal hinauf, sah bei Göschenen den eben im Bau begriffenen Tunnel und gelangte in abendlicher Wanderung nach Andermatt. Mein Plan war, hier rechtsum zu schwenken, um über die Furka und den Rhonegletscher ins Berner Oberland zu gelangen. Vorher aber wollte ich doch noch die Paßhöhe des Gotthard sehen und stieg über Hospental bis zum Gotthardhospiz hinauf. Auf der Höhe angelangt, konnte ich mich natürlich nicht enthalten, ein paar hundert Schritte weiterzugehen, um einen Ausblick nach der italienischen Seite zu gewinnen. Mit jedem Schritte wuchs das Verlangen, zu dem noch nie gesehenen Italien hinabzusteigen. Ich kam mir vor wie Hannibal, als er über die Alpen ging und unter Schnee und Eis in die blühenden Täler Italiens hinunterblickte. Und als ich einige Schritte weiter auf eine Sennhütte traf, wo man nur Italienisch verstand, da konnte ich nicht mehr widerstehen. Ich eilte ins Hotel zurück, wo ich mit einem anwesenden Lehrer die Sache besprach. Ich zählte mein Geld, zählte die mir noch übrigen Ferientage, beides wollte für einen Abstecher nach Italien nicht recht reichen, aber ich durfte hoffen, bei sparsamer Einrichtung mit dem Gelde auszukommen, wenigstens bis nach Basel, wo ich ja bei Nietzsche eine Anleihe machen konnte. Und so griff ich meinen Alpenstock, hüpfte auf den kürzesten Fußwegen wie ein Böcklein von Fels zu Fels und langte den Abend in Airolo an. Denselben Tag gelangte ich zu Fuß nach Faido und weiter mit der Post bis Bellinzona. Als ich hier am andern Morgen meine Wanderung antreten wollte, erbot sich ein zurückfahrender Kutscher, mich für zwei Franken nach Lugano zu fahren. Ich nahm es an und fuhr an dem schönsten Sommermorgen, eine Zigarette rauchend, mit Entzücken in die italienische Landschaft hinein. Entgegenkommende Weiber riefen uns etwas zu und deuteten auf den Wagen; ich sah mich um und bemerkte, daß der Kutschenschlag neben mir brannte; ein Funken meiner Zigarette war durch das zerrissene Oberleder in die aus Werg bestehende Füllung gedrungen und hatte diese entzündet. Schnell griff ich zu, um das Feuer zu ersticken, wobei ich mir an dem geschmolzenen Teer die Hände furchtbar verbrannte. In Lugano angelangt, fuhren wir bei einer Apotheke vor, um[141] für die großen Brandblasen an meinen Händen eine schmerzlindernde Salbe zu kaufen. Nachdem ich meinen braven Kutscher durch Verdoppelung des Fahrgeldes und Spendung einer Erfrischung zu seiner vollen Befriedigung abgefertigt hatte, stellten sich sofort zwei andere Kerls ein, welche sich erboten, in einem Retourboot mich für zwei Franken die weite Strecke bis zum östlichen Ende des Sees zu rudern. Nicht ohne Bedenken für meine Sicherheit nahm ich es an, gelangte dann aber glücklich nach genußreicher Fahrt nach Porlezza und von dort in zweistündiger Wanderung durch die abendliche Gegend nach Menaggio. Im weiteren Verlaufe meiner Reise drang ich bis Mailand vor und erfreute mich namentlich an der südländischen Vegetation in den Gärten außerhalb der Stadt. Ich wähnte, in die Tropenwelt versetzt zu sein, von der ich doch noch so weit entfernt war, und deren Zauber sich mir erst 1892, gerade zwanzig Jahre später, erschließen sollte. Nun aber war es für mich die höchste Zeit, meinen Rückweg nach Norden anzutreten, da namentlich der Geldvorrat sich in beängstigender Weise verringert hatte. Ich gelangte nach Pallanza, wo ich für einen Frank etwas Abendbrot und ein Nachtlager als einziger Gast eines Massenquartiers von 30 Betten erlangte, aber schon um 1 Uhr nachts aufbrechen mußte, um auf einem Gelegenheitsfuhrwerk, neben dem Kutscher sitzend und fortwährend mit dem Schlafe kämpfend, nach Domo d'Ossola zu gelangen. Von hier aus unternahm ich über Iselle den Aufstieg zum Simplon, immer neben dem Postwagen her, dessen Insassen ausgestiegen waren und für ihr bezahltes Postgeld nicht schneller und besser als ich hinaufgelangten. Im Simplonhospiz kehrte ich ein und wurde als besserer Gast die Treppe hinaufgeleitet, wo alsbald ein geistlicher Herr erschien, höflich fragte, was er mir anbieten dürfe, und mich, während ich an einem Kalbsbraten mir gütlich tat, in französischer Sprache unterhielt. Ich fragte nach meiner Schuldigkeit, er lehnte jede Bezahlung ab und stellte mir frei, in der Kirche, zu der er den Weg wies, ohne mich zu begleiten, etwas in den Opferstock zu legen. Ich legte den ungefähren Wert des Verzehrten in möglichst kleinen Münzsorten zusammen und freute mich, als das Geld mit Gerassel in der Blechbüchse verschwand. In Basel, wohin ich mit einem Frank[142] in der Tasche gelangte, begab ich mich zu Nietzsche, der den kleinen Stoß, den unsere Freundschaft ein Jahr vorher erlitten hatte, durch doppelte Freundlichkeit wieder gutzumachen wußte. Ich erzählte von meiner schönen Reise und wie sehr ich mich in den letzten Tagen hatte einrichten müssen. »Du kannst mir«, sagte ich, »etwas Geld leihen, ich schicke es dir sogleich von Marburg zurück.« ? »Lieber Freund, wieviel bedarfst du?« sagte er, wie immer gewählt in Worten und Ausdruck. ? »Nun, du kannst mir so etwa vierzig Franken geben.« ? »Lieber Freund, hier sind achtzig, nimm sie für den Fall, daß du noch mehr brauchst, als du voraussiehst.« Ich nahm sie mit Dank und habe sie sogleich nach meiner Ankunft in Marburg zurückgeschickt. Mehrere Tage weilte ich in Basel, sie gehören zu den angenehmsten, deren ich mich erinnern kann. Nietzsche, immer sorgfältig gekleidet und mit einem weißen Zylinderhut geschmückt, holte mich öfter zum Spaziergang in meinem Hotel ab und führte mich in den Kreis seiner Freunde ein, die mir alle sehr herzlich entgegenkamen. Da war der früh verstorbene Professor Brockhaus, da war Romundt, damals Privatdozent in Basel, von dem später noch zu berichten sein wird, da war vor allem Elisabeth, Nietzsches Schwester, der ich meinen Besuch machte, nachdem ich mir ihr zu Ehren ein Paar grüne Glacéhandschuhe gekauft hatte, worüber sie in gutmütigem Spott sich erging. Sehr befriedigt von meinem Baseler Aufenthalt und von meiner ganzen Schweizer Reise kehrte ich nach Marburg zurück, nahm mit Lust meinen Unterricht in der Klasse wie auf dem Turnplatze wieder auf und dachte nicht mehr an das wie eine Fata Morgana erschienene und wieder geschwundene russische Intermezzo, da erhielt ich, unerwarteterweise, wieder einen Brief von Madame Kantschin: Der Lehrer, den man für ihren Sohn bestimmt habe, sei krank geworden, ob ich noch in der Lage und geneigt sei, seine Stelle einzunehmen. Etwas verwundert über diesen Gang der Dinge, schrieb ich, daß die Juliferien vorüber seien, daß ich aber bereit sei, in den Herbstferien während der ersten Hälfte des Oktobers hinüberzukommen, um, ihrem Wunsche gemäß, probeweise die Leitung des Knaben zu übernehmen. Mit Spannung[143] wartete ich nun von Tag zu Tag, von Woche zu Woche auf Madame Kantschins Antwort, aber vergebens. Michaelis 1872 und mit ihm die Herbstferien waren gekommen, und ich war ohne Nachricht. Nun war meine Geduld zu Ende. Ich beschloß, das ganze russische Abenteuer mir aus dem Sinn zu schlagen und mich fürs erste mit meinem gegenwärtigen Berufe zufriedenzugeben. Dies wurde mir um so leichter, als die Aussichten für die Zukunft anfingen, sich freundlicher zu gestalten. Mein Einkommen war zwar immer noch auf 1200 Mark beschränkt, wozu noch 600 Mark für den Turnunterricht kamen, den ich nach Absolvierung eines in Aussicht genommenen Turnlehrerkursus in Berlin definitiv zu übernehmen mich bereit erklärt hatte. Auch der Schulrat Rumpel hatte mich bei einer Revision seines besonderen Wohlwollens versichert, für Neujahr 1873 eine definitive Anstellung und Gehaltserhöhung in si chere Aussicht gestellt, und der greifbarste Beweis dafür, daß man mir wohlwollte, bestand darin, daß man für den kommenden Winter mir jungem Hilfslehrer mit Übergehung älterer Kollegen, die darüber nicht wenig ungehalten waren, den Unterricht des Sophokles in der Prima zugeteilt hatte. Als ich eines Abends um 11 Uhr nach Hause zurückkehrte, trat mir meine Wirtin mit den Worten entgegen: »Herr Toctor, es ist ein Tälechramm für Sie da.« Eilig öffnete ich, das Telegramm kam aus Genf von Madame Kantschin und lautete: Mon mari est ici pour peu de temps; veuillez arriver immédiatement pour arrangements definitifs. Aimée Cantchine. Das Formular für die bezahlte Rückantwort lag bei. Diese erneute Anknüpfung kam mir wenig gelegen. Ich beriet die Sache bei mir und fühlte wenig Lust, ihr näherzutreten. Ich beriet sie am andern Morgen mit einigen mir befreundeten Kollegen, Fürstenau, Rotfuchs u.a., und sie rieten mir alle ab. Diese Russen, sagten sie, seien ein sehr unzuverlässiges Volk, wie ich es ja selbst schon erfahren habe. Ihre Entschlüsse seien sehr wandelbar und am Ende sei sogar die Bezahlung für geleistete Dienste bei ihnen zweifelhaft. Ich entschloß mich zurückzutelegraphieren: Die Ferien seien vorüber, und es sei mir unmöglich, jetzt zu reisen.[144] Nur aus Höflichkeit fügte ich hinzu, daß Monsieur Kantschin mich jederzeit in Marburg sprechen könne. Das Telegramm ging ab, und ich hielt damit die Sache endgültig für erledigt. Wieder ging ich am Abend ins Bierhaus, kaum daß ich noch an die russische Affäre dachte, kehrte abends um 11 Uhr nach Hause zurück und wieder kam mir meine Wirtin an der Tür entgegen mit den Worten: »Herr Toctor, es ist wieder ein Tälechramm für Sie da.« Es lautete: Vous êtes priés d'arriver immédiatement. Si refusez, serons forcés, chercher ailleurs. Ich hatte also die Sache noch einmal in der Hand. Nach einer unruhigen Nacht beschloß ich nochmals den Rat meiner Freunde einzuholen. Vor allen andern würde ich zu Direktor Münscher gegangen sein, wenn er schon von seiner Reise zurückgewesen wäre. Er und seine ganze Familie würden mir sicherlich geraten haben, unbedingt abzulehnen, und da ich selbst sehr schwankte, so würde ein kleiner Anstoß genügt haben, mich zu veranlassen, daß ich ein zweites ablehnendes Telegramm schickte, wodurch dann die Sache für immer erledigt gewesen wäre. Aber Münschers waren noch nicht zurück, und diese kleine Zufälligkeit sollte für viele kommende Jahre, vielleicht für mein ganzes Leben entscheidend werden. In Ermangelung Münschers suchte ich Professor Kollmann, den ältesten Lehrer unseres Gymnasiums, auf. Er war nicht zu Hause. Ich hörte, er sei nach dem Bahnhof gegangen. Dorthin richtete ich meine Schritte und begegnete Kollmann auf der Bahnbrücke. Als ich ihm die Sache von meiner ersten Ablehnung und der abermals und dringend ergangenen telegraphischen Aufforderung vortrug, stutzte der alte, durch widerwärtige Schickungen gebeugte Mann, blickte aufwärts und sprach: »Sollte dies nicht ein Wink von oben sein? ? Ich würde Ihnen raten, zu reisen; den nötigen Urlaub kann ich als Vertreter des Direktors Ihnen geben.« Ich überlegte bei mir, daß ich bei diesem ganzen Abenteuer zunächst nicht sonderlich viel riskieren würde. Die Reisekosten waren nicht hoch, und die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß man sie mir, wie im vorigen Jahre, zurückerstatten werde. Kurz entschlossen nahm ich den angebotenen[145] Urlaub an, telegraphierte nach Genf, daß ich morgen nachmittag eintreffen werde, und dampfte am selben Tage gegen Abend auf Frankfurt zu. Am andern Morgen war ich in Basel und nachmittags um 3 Uhr in Genf. Ich stieg ab im »Hotel de la Poste« und sandte einen Dienstmann zu M. Kantschin, mit der Bitte, eine Zeit zu bestimmen, wann ich meine Aufwartung machen dürfe. Inzwischen wusch ich mich nach der langen Nachtfahrt und war noch nicht damit fertig, als der Dienstmann mit der Nachricht zurückkam: »Monsieur est prié d'arriver immédiatement!« Eiligst machte ich mich fertig und begab mich in die Pension Buscarlet. In einem geräumigen, eleganten Salon empfingen mich Monsieur und Madame Kantschin, letztere auf einen Lehnstuhl hingegossen, anscheinend leidend, wie es solch vornehme Damen in der Regel zu sein pflegen. Mit Anstand schritt ich auf sie zu, küßte ihre Hand und sagte mit einer eigens zu diesem Zwecke einstudierten Redensart: »Bonjour Madame, comment ça va-t-il?« ? »Ah mal Monsieur«, war ihre Antwort. Aber schon hatte Monsieur Kantschin sich meiner bemächtigt und begann einen längeren Vortrag auf Französisch, von dem mir so vieles entging, daß mir angst und bange wurde. Da hauchte Madame Kantschin von ihrem Lehnstuhl aus die erlösenden Worte: »Mon mari parle l'Allemand. Demitri! parle-lui allemand.« Amazon.de Widgets Nun fing Monsieur Kantschin an, in sehr ungehobeltem Deutsch zu entwickeln, daß der bisherige Erzieher seines Sohnes, M. Berthoud, ihn sehr vernachlässigt habe, da er sich mehr für seine Malerei als für seinen Zögling interessiert habe. Daß dieser, obgleich wohlbegabt, bei dem Examen, welches er im Juli zum Jahresabschlusse zusammen mit der Klasse abzulegen hatte, gänzlich durchgefallen sei, und daß es sich nun mehr darum handele, den Fehler wieder gutzumachen und seinen Georges, nachdem er für Untersekunda durchgefallen war, in einem Jahr nach Obersekunda zu bringen. »Nicht einmal die Programme der Schule hatte M. Berthoud in Händen«, sagte der Vater im Tone des Vorwurfs. Ich aber dachte bei mir: »Das will ich mir merken!« Übrigens führte ich meine Rolle mit Geschick durch. Ich spielte mich als der erfahrene Schulmann und Pädagoge auf, der nur gekommen sei, um der Familie seinen Rat nicht zu versagen. Eine[146] sofortige Übernahme der Stelle sei schon darum ausgeschlossen, weil ich an eine sechswöchige Kündigungsfrist gebunden sei. Inzwischen war es 7 Uhr geworden. Jemand trat heran und es entspann sich ein Gespräch halb russisch, halb französisch, von dem ich so gut wie nichts verstand. Jetzt wandte sich M. Kantschin zu mir in seinem urwüchsigen Deutsch mit der Bemerkung: »Es handelt sich nämlich um unser Mittagessen«, und lud mich ein, daran teilzunehmen. Ich nahm dankend an und saß zwischen Monsieur und Georges. Letzterer, ein feiner, aufgeweckter, aber offenbar sehr verwöhnter vierzehnjähriger Junge, knüpfte mit mir eine Unterhaltung darüber an, ob es richtiger sei, Zizero oder Kikero zu sagen, welches ich dann mit Aufbietung von allerlei Gelehrsamkeit beantwortete. Inzwischen wurde ein sehr gutes Mahl aufgetragen, und M. Kantschin bestellte nach seiner Gewohnheit eine Flasche Burgunder und eine Flasche Champagner, welche ich beide mit ihm zu leeren hatte, da die Kinder grundsätzlich keine schweren Weine bekamen und Madame Kantschin immer ihren eigenen Wein trank. Zur schicklichen Zeit empfahl ich mich und versprach, am nächsten Morgen um 10 Uhr wiederzukommen. Schnell verschaffte ich mir am frühen Morgen die Programme der Schule, las sie durch und erschien so aufs beste vorbereitet bei Kantschin. Auch jetzt noch hielt ich an meiner Position fest, daß ich nur gekommen sei, um meinen Rat zu erteilen, und daß ein sofortiges Engagement unmöglich sei. Die Sache wurde hin und her besprochen. Inzwischen wurde ein gutes Frühstück aufgetragen, welches mir ebensosehr zusagte wie das Diner am Abend vorher. Hier ist doch gut sein, dachte ich bei mir und fing an, in meinen Entschlüssen schwankend zu werden. Nun aber fing M. Kantschin an, die Gehaltsfrage zu besprechen. Nietzsche hatte das Jahr vorher geschrieben: »Gehalt hoch, 3000 bis 4000 Franken«, und an mehr hatte ich nie gedacht. Es machte daher auf mich einen tiefen Eindruck, als M. Kantschin von vornherein immer von 5000 Franken redete. Ich ließ mir nichts merken, beschloß aber, ganz sachte einzulenken. Es wäre ja möglich, meinte ich, daß man mich in Marburg sogleich losließe, es käme darauf an, den Versuch zu machen. Allerdings war das Anerbieten Kantschins nicht ganz nach meinem Geschmack. Ich[147] sollte nämlich die Hälfte der 5000 Franken monatweise und die andere Hälfte nur dann erhalten, wenn Georges sein Examen bestanden hätte. »Es kann mißlingen,« meinte ich, »und dann ist das Äquivalent dem Aufgeben einer bescheidenen, aber gesicherten Lebensstellung nicht entsprechend.« ? »Es darf nicht mißlingen,« sagte Kantschin, »mein Sohn ist begabt, und Sie haben in den Programmen genau, was gefordert wird.« ? »Er könnte krank werden,« meinte ich, »und dann würde eine Verzögerung ohne meine Schuld eintreten.« ? »Er wird nicht krank,« sagte Kantschin, »er darf es nicht werden.« So ging das Gespräch hin und her, und wir kamen schließlich überein, daß ich monatlich 300 Franken und den Rest des Geldes, also 1400 Franken, am Ende des Schuljahres, und nur dann erhalten solle, wenn es mir gelänge, Georges über beide Klassen, die verfehlte und die neue hinwegzubringen, alles vorausgesetzt, daß es mir gelänge, in Marburg loszukommen. Die Aussicht hierzu schien in meinen Augen in demselben Maße zu wachsen, wie die Lust zunahm, aus meinen ärmlichen Verhältnissen heraus in ein vornehmes Haus versetzt zu werden, statt meiner 1200 Mark, die kaum zu meinem Unterhalt ausreichten, 5000 Franken zu beziehen und dabei auf Kosten der Familie logé, nourri, chauffé, éclairé, blanchi und amusé zu werden, denn alles, was ich mit dem Knaben unternahm, Theater, Konzerte, Ausflüge, Reisen usw., gingen selbstverständlich auf Kosten der Familie. Sie haben bei uns, sagte Madame Kantschin, keine andern Ausgaben als die für l'habillement et les bottes. Dazu sollte an Stelle des ermüdenden Unterrichts vor einer ganzen Klasse und die zeitraubenden Korrekturen die Beschäftigung mit einem einzigen Knaben treten, welche Hoffnung ließ, auch für wissenschaftliches Arbeiten Zeit übrigzubehalten. Selbstverständlich geschah auch schon die gegenwärtige Reise auf Kosten der Familie, und zu ihrer Bestreitung überreichte mir M. Kantschin 200 Franken in schönen französischen Goldstücken. Sollte es mir gelingen loszukommen, wie ich hoffe, bemerkte ich, so würde, obgleich ich keine Schulden in Marburg habe, doch noch zur glatten Abwicklung ein Vorschuß erwünscht sein. M. Kantschin schritt zu einer Kassette und entnahm ihr noch weitere 200 Franken, die er mir als Vorschuß auf mein Gehalt reichte.[148] Soviel Gold hatte ich noch nie zusammengesehen, geschweige denn besessen. Man lud mich ein, zum Diner zu bleiben, aber ich lehnte dankend ab, unter dem Vorwande, daß ich doch auch in meinem Hotel etwas verzehren müsse, in Wahrheit aber, weil mir das Herz voll war und ich das Bedürfnis empfand, für mich allein zu sein. Ich empfahl mich mit dem Versprechen, am andern Morgen nach Marburg zu fahren, alles zu tun, um dort frei zu werden und dann sofort wiederzukommen. Ich begab mich in ein Gartenrestaurant am Genfer See, und indem ich in einem Briefe an meine Mutter, deren Geburtstag gerade an dem Tage war, das Geschehene berichtete, den herrlichen blauen See, die Kette der Alpen und das reiche Leben um mich her gewahrte, und im Vergleich meine Marburger Existenz danebenstellte, da kannte mein Entzücken über die bevorstehende Veränderung keine Grenzen mehr. Am andern Morgen saß ich auf der Bahn, langte gegen Abend in Basel und nach glücklicher Nachtfahrt in aller Frühe des nächsten Morgens in Frankfurt an. Hier hatte ich einen kurzen Aufenthalt. Ich benutzte ihn, um nach Kassel an den Schulrat zu telegraphieren: »Bitte, mich in einer wichtigen Angelegenheit heute morgen empfangen zu wollen.« Dann bestieg ich meinen Zug, fuhr mit seltsam gemischten Gefühlen an Marburg vorbei, direkt nach Kassel. Der Schulrat war zu Hause. »Sie haben, Herr Schulrat,« begann ich, »mich vor kurzem Ihres besonderen Wohlwollens versichert, jetzt ist eine Gelegenheit, es zu zeigen. Sie besteht darin, daß Sie mich sofort und ohne Einhaltung der sechswöchigen Kündigungsfrist aus meiner Stellung entlassen.« Ich schilderte ihm sodann die Lage der Sache im einzelnen. Er riet mir ab. »Sie wissen,« sagte er, »daß wir es gut mit Ihnen vorhaben. Wir schätzen Sie, wir haben Ihnen schon jetzt den Sophokles in Prima übertragen und Sie sollen zu Neujahr ganz gewiß eine definitive Anstellung mit 600 Talern erhalten.« Das alles konnte mich jetzt nicht reizen. Ich machte geltend, daß meine Absicht auf die Universität gerichtet sei, und daß die russische Erzieherstelle mich am sichersten diesem ersehnten Ziele näherbringen werde. Noch manches wurde hin und her geredet, und als der Schulrat sah, daß mein Entschluß unerschütterlich war, erklärte er: »Nun wohl, Sie können sogleich loskommen,[149] wenn Sie einen Stellvertreter stellen.« Als ich erklärte, daß ich mich bemühen würde, einen solchen zu beschaffen, teilte er mir mit, daß ein solcher vorhanden sei und beauftragte mich, dem Direktor dieses in seinem Namen kundzugeben. Frohen Herzens und mit warmem Dank schied ich vom Schulrat und fuhr mit dem nächsten Zuge nach Marburg zurück. Ich eilte zum Direktor; er war nicht zu Hause, denn am selben Abend sollte ein Abschiedsessen zu Ehren des nach Bonn berufenen Professor Mangold stattfinden, zu dem alle Welt sich im Hotel Pfeiffer versammelte. Ich beschloß, daran teilzunehmen, um dort den Direktor zu sprechen. Ich erwartete ihn am Eingange des Hotels; er begrüßte mich mit großer Herzlichkeit; als ich ihm das Geschehene und meine Bitte um Entlassung mitteilte, prallte er zurück und erklärte, daß er so eine wichtige Angelegenheit doch nicht hier zwischen Tür und Angel so plötzlich erledigen könne. Ich bedauerte, daß die Sache keinen Aufschub erleiden dürfe, da ich versprochen hätte, noch heute abend nach Genf zu telegraphieren. »Sie müssen«, sagte er, »doch vor allem die Einwilligung des Schulrats haben.« ? »Ich habe sie schon«, versetzte ich, und teilte meine Unterredung mit dem Schulrat mit, und daß ich einen Stellvertreter haben müsse, daß ein solcher aber nach Erklärung des Schulrats schon vorhanden sei. »Also, lieber Herr Direktor,« sagte ich, »darf ich telegraphieren?« ? »Tun Sie, was Sie nicht lassen können!« sagte er. Nun eilte ich aufs Telegraphenamt und meldete nach Genf, daß ich die Stelle annähme und in drei Tagen, bis zum 20. Oktober, dort eintreffen werde. Dann kehrte ich in das Hotel zurück und nahm frohen Herzens im Kreise der Kollegen an dem Abschiedessen für Mangold teil, welches sich unerwarteterweise zu einem Abschiedessen auch für mich gestaltet hatte. Alle wunderten sich über das Geschehene und wünschten mir Glück zum neuen Lebenswege. Wieder führte mich der Zug dieselbe Strecke wie vor acht Tagen, über Frankfurt und Basel nach Genf, wo ich am Sonntag, dem 20. Oktober 1872, um 3 Uhr nachmittags, wohlbehalten eintraf. Mein erster Gang war zum Friseur, um mir die etwas ins Kraut geschossenen Haare schneiden und mich zum Empfang in der Familie etwas frisieren zu lassen. In meinem mangelhaften[150] Französisch befahl ich ihm, als er mit Haarschneiden fertig war, mich auch zu frisieren, frisez moi, wie ich dies ausdrückte. Statt der erwarteten kurzen Scheitelung und Glättung der Haare fühle ich ein längeres Zupfen und Zerren unter merklicher Wärmeentwicklung, wage aber nichts mehr zu sagen, und als ich endlich frei werde, bemerke ich mit Entsetzen, daß der Mensch mir die schönsten Locken gebrannt hat, die ersten und letzten, die ich in meinem Leben getragen habe. Zum Glück kannte man mich in der Familie noch nicht genau genug, um es zu bemerken, und nach drei Tagen hatten meine Haare den gewohnten, schlichten Zustand wieder angenommen. Mit meiner Übersiedelung nach Genf im 28. Lebensjahre schließt eine Epoche meines Lebens, auf welcher selbst in der Rückerinnerung, die doch alles in rosigen Farben erscheinen läßt, ein dunkler Schatten lagert. Es war die Sehnsucht nach einem in weiter Ferne liegenden Ziele, welche mich meine Gymnasiallehrerzeit hindurch in Minden wie in Marburg begleitete und mir oft mein Dasein wie das in einem Gefängnisse erscheinen ließ. Jetzt konnte ich freier aufatmen, denn die Hoffnung, das Ziel des akademischen Lehramtes zu erreichen, war nun nicht mehr aussichtslos und sollte sich, wie sich zeigen wird, noch schneller verwirklichen, als ich es bei meiner Ankunft in Genf hoffen durfte. 
 Professor in Kiel. 1889?1919.  [272] Mein Leben in Kiel ist zu vergleichen mit einer Wanderung durch eine fruchtbare, etwas einförmige Ebene, unterbrochen durch Aufstiege zu Berghöhen mit weiter, erquickender Fernsicht. Die Ebene ist Kiel, die Berghöhen sind die alljährlich einmal, gewöhnlich sogar zweimal unternommenen Reisen. In Kiel ging es bald an die Arbeit des Abstattens der Antrittsbesuche, deren nicht weniger als 88 zu erledigen waren, denn damals bestand noch die schöne Sitte, daß man alle Kollegen persönlich besuchte, von ihnen wieder besucht, bald darauf zum Diner oder Abendessen eingeladen wurde und gewissenhaft alle in derselben Weise wieder zu sich einlud; kaum einen oder zwei gab es damals, die sich diesen Verpflichtungen entzogen hätten. Diese schöne Sitte ist mit der Zeit, in dem Maße wie die Universität sich vergrößerte, mehr und mehr abgekommen. Übrigens war unser Verkehr nicht ganz auf die Universitätskreise beschränkt, wie wir denn manchen Abend in dem sehr geselligen Kreise unseres Oberbürgermeisters Fuß verbrachten oder bei Sartori, von dem man vor 2 Uhr nachts nie loskommen konnte, oder bei dem Admiral Knorr, der uns alljährlich zu einem großen Monstreball einlud. Die Universität Kiel zählte, als ich Herbst 1889 in sie eintrat, 500 Studenten, während sie jetzt, vierundzwanzig Jahre später, gegen 2000 hat. Es war daher kein ungünstiger Anfang, als ich meine allgemeine Geschichte der Philosophie in Kiel mit 34[273] Zuhörern eröffnete. Mit der Studentenzahl stieg auch der Besuch des Privatkollegs; in den Jahren 1909?11 waren es regelmäßig über 200, worauf dann die Zahl wieder auf 150 zurückging, teils weil zwei neue Privatdozenten eingetreten waren, teils, weil nach langem Kampfe eine unphilosophische Partei es durchgesetzt hat, daß die Philosophie im Doktorexamen nicht mehr obligatorisch ist. Der erste Winter in Kiel brachte, wie zu erwarten war, zahlreiche Einladungen, welche wir durch zwei große Gesellschaften erwiderten, zur großen Befriedigung meiner Frau, die sich bei den Arrangements sehr geschickt und sachkundig zeigte. In Berlin waren wir in den Weihnachtsferien Gäste meines Schwagers Franz und faßten zurückgekehrt den Plan, die schönen, langen Osterferien zu einer Reise nach Palästina zu verwenden. Da heutzutage die Landessprache dort das Arabische ist, so ging ich mit meiner Frau daran, mit allem Eifer Arabisch zu lernen. Auf unsern täglichen Spaziergängen wurde, während ein schneidender Ostwind vom Hafen herüberwehte, Tag für Tag das Vulgärarabisch nach dem Büchlein von Wied eingeübt, und zu Hause las ich fleißig in der arabischen Bibel solche Texte, deren Inhalt mir schon bekannt war. Am 6. März reisten wir von Kiel nach Berlin, am 7. nach Prag und am 8. nach Wien, alles durch tiefen Schnee. Am 10. früh fuhren wir, während immer noch spärliche Schneeflocken herunterkamen, von Wien nach Budapest, und dann ging es den ganzen Tag scharf nach Süden bis Semlin und über die Save nach Belgrad. Die folgende Nacht fuhren wir in engen serbischen Wagen durch ganz Serbien, ohne irgend etwas davon gesehen zu haben. Es soll ein schönes Land sein, aber niemand kennt es, weil die Hauptzüge beide in der Nacht gehen. Am Morgen des 11. März langten wir in Nisch an; hier war kein Schnee zu bemerken, aber ein schneidender Nordwind wehte, und das Volk am Bahnhof in seinen dünnen türkischen Pluderhosen fror dermaßen, daß es einen selbst frieren konnte. Nun ging es in die Türkei hinein, und der Empfang an der Grenzstation war drollig genug. Ich hatte in bezug auf zollpflichtige Gegenstände ein Gewissen von seltener Reinheit, öffnete meinen Koffer dem türkischen[274] Zollbeamten und ließ ihn ruhig darin herumwühlen. Ich hatte aber eine Anzahl von Baedekern und Meyern für Palästina und Ägypten. Diese Bücher mit ihren Karten und Plänen erschienen dem Beamten als sehr bedenklich; besonders das Reichskursbuch mit seinen Ziffern und Eisenbahnrouten war ihm verdächtig; aufmerksam prüfte er den Inhalt, drehte das Buch herum, das unterste nach oben und prüfte nochmals, und schließlich packte er meine sämtlichen Reisebücher und Kursbücher unter den Arm und schob damit ab, und vielleicht hätte ich nie etwas davon wiedergesehen, wäre ich ihm nicht auf dem Fuße gefolgt bis in das Zimmer eines höheren Beamten, der genug von der außertürkischen Welt kannte, um die Bücher als gänzlich unverdächtig und der Heiligkeit des Islam ungefährlich freizugeben. Weiter ging es immer nach Süden bis Saloniki. Da unser Schiff nach Athen erst am späten Nachmittag fuhr, so hatten wir Zeit, Saloniki zu besehen und die unvermeidlichen Postkarten zu schreiben. Eine derselben war an meinen Kollegen Grafe, damals Professor für Neues Testament, in Kiel gerichtet und lautete: Nach Thessalonich schrieb Paulus der größere zweimal, Wenn auch die böse Kritik dieses wie alles benagt. Aus Thessalonich schreibt Paulus der kleinere heute; Für ein kanonisches Werk kommen wir leider zu spät. Saloniki, zwischen schönen Bergen an einem Fluß gelegen, ist eine sehr interessante Stadt. Von den da mals 60000 Einwohnern waren nicht weniger als 40000 Juden, welche aus Spanien vertrieben sich hier angesiedelt haben. Sie unterhalten eine hebräische Zeitung, d.h. eine mit hebräischen Buchstaben gedruckte; sieht man aber näher zu, so ist sie in einem altmodischen Spanisch verfaßt. Übrigens machen die Verhältnisse in Saloniki den Juden alle Ehre. Man wird nicht wie sonst im Orient angebettelt, die Kinder sind anständig gekleidet und gehen, wie wir es beobachten konnten, in die Schule. Am späteren Nachmittag schifften wir uns auf einem italienischen Dampfer nach dem Piräus ein und kamen erst abends gegen 6 Uhr dort an. Wir fuhren zum Hotel des Etrangers, einem guten Hotel an dem freien schönen Platze, an dem auch das Königsschloß liegt. Am Morgen öffnete ich das Fenster;[275] ein entzückender Frühlingsmorgen begrüßte mich; an Bäumen und Sträuchern schimmerte das erste zarte Grün, die Vögel sangen und erinnerten mich an die Eingangsszene der Elektra des Sophokles. Da wir zwei Tage bis zur Abfahrt nach Ägypten hatten, so benutzte ich sie, um über die Hügel der alten Stadt, wie sie mir von meiner ersten Reise nach Griechenland her noch wohlbekannt waren, zu streifen. Bei dem Rennen und Springen über die felsige, bergige Stätte des alten Athens mag ich des Guten zuviel getan haben, wie sich drei Tage später in Ägypten herausstellte. Nach zweitägigem Aufenthalt schifften wir uns auf dem Khedivedampfer nach Alexandria ein. Gegen Abend konnte ich beobachten, wie einige Türken die vorgeschriebenen Gebetsübungen ausführten. In einer Ecke des Verdecks hatten sie einen Teppich ausgebreitet, ich sah, wie sie die Frage diskutierten, nach welcher Richtung Mekka liege, dann knieten sie nieder, neigten ihre Köpfe bis zur Erde und murmelten ihre Gebete, das Gesicht nach Mekka gewendet. Am nächsten Tage fuhren wir bei schönstem Wetter an der Ostküste von Kreta vorbei und landeten nach zweitägiger Fahrt in Alexandria. Schon beim Ausbooten empfanden wir die glühende Sonne des Südens. In wenigen Tagen waren wir aus dem verschneiten Deutschland in den griechischen Frühling und von dort in Ägypten in den heißen Sommer gekommen. Alles um uns her glänzte in wunderbaren Farben. Ein Knabe, der vor seinem Eselchen kniete und ihm die grünen Pflanzen einzeln in den Mund reichte, war ein Genrebild, bei dem man bedauerte, kein Maler zu sein. Wir strichen fleißig herum, aber mein rechter Fuß schwoll an der Wurzel des großen Zehes von Stunde zu Stunde mehr an, und fing an heftig zu schmerzen. In dem trefflichen französischen Hotel, wo wir abgestiegen waren, meinte einer der zahlreichen als Fremdenführer sich umhertreibenden Dragomane: »Ich glaube, ein Mucken hat Sie gestuchen.« Diese Dragomane sind meistens Juden, sehr anstellig, und sprechen alle auch ein etwas kauderwelsches Judendeutsch. »Wo werden Sie absteigen in Kairo«, fragte mich einer derselben. ? »Ich denke ins Hotel du Nil zu gehn, welches mir meine Freunde empfohlen haben.« ? »Warum wollen Sie nicht gehen ins New-Hotel, ist doch viel vornehmer.« ? »Nun, Samuel, schon im Hotel du Nil[276] kostet der Tag fünfzehn Franken à Person, und das ist mir gerade genug.« ? »Dafür können Sie es auch haben in New-Hotel, soll ich telegraphisch anfragen?« ? Ich willigte ein und die Antwort kam zurück: Molto bene. Herrlich war die Fahrt am andern Tage von Alexandria nach Kairo durch das überaus fruchtbare Nildelta. Überall sah man die Fellachen fleißig bei der Feldarbeit. Der ägyptische Bauer ist das ganze Jahr hindurch mit Bewässern, Säen und Ernten überaus tätig. Wenn er trotzdem sehr arm ist, wie die bienenkorbartigen, elenden Lehmhütten beweisen, so mag das wohl an der Regierung liegen, welche das Volk zu sehr ausbeutet; früher waren es die Türken, jetzt sind es die Engländer. Nach dreistündiger Fahrt, während der ich den Stiefel auszog und den schmerzenden Fuß hochlegte, langten wir in Kairo an und fuhren ins New-Hotel. Das Zimmer, welches man uns für fünfzehn Franken anwies, kostete laut Anschlag achtzehn Franken für die Person. Schon als ich die Treppe heraufhinkte, begegnete mir ein Herr, der mir sehr bekannt vorkam. Nachher sah ich ihn im Speisesaal mit ein paar Damen sitzen, betrachtete ihn genauer, es war der Graf Landberg, den ich von Stockholm und Christiania her kannte. Da ich einige Tage das Zimmer hüten mußte, hat er mich wiederholt besucht, bot uns auch in liebenswürdiger Weise seinen Wagen an, welches ich jedoch dankend ablehnte, da es uns, wegen der Trinkgelder, allzu teuer gekommen sein würde, denn zu einem solchen Wagen gehört nicht nur ein Kutscher, sondern außerdem noch zwei Läufer, welche in den engen volkreichen Gassen vor dem Wagen herlaufen und mit lautem Geschrei das Volk auffordern, nach den Seiten auszuweichen. Das beste Vehikel und auch das billigste ist in Ägypten der Esel. Man braucht auf der Straße nur den Ruf: »Chumar!« hören zu lassen, so kommen sogleich zwei oder drei angetrabt; man besteigt den einen Esel, gibt dem braunen, nur mit einem langen blauen, beim Laufen aufgeschürzten Hemde bekleideten Führer, meist einem Knaben, Schirm, Buch oder was man sonst zu tragen hat, und nun treibt er hinterherlaufend unter fortwährendem Zureden und Schlagen seinen Esel zum Trabe an. Man tut wohl daran, einen jüngeren Knaben zu wählen, da mit dem Alter die Ansprüche wachsen, während die Behendigkeit des Führers[277] abnimmt und auch der Esel diese Eigenschaft seines Herrn zu teilen pflegt. Zunächst freilich mußte ich auf derartige Vergnügungen verzichten. Ich ließ einen deutschen Arzt kommen, der nach einigem Zweifel die Anschwellung meines Fußes für Gicht erklärte, zu meiner Verwunderung, da ich nie vorher dergleichen gekannt hatte. Seitdem hat mich die Gicht zweiundzwanzig Jahre lang als unheimlicher Gast meist auf der Reise im Frühjahr und Herbst heimgesucht. Es war hart für mich in einer so neuen und interessanten Welt, wie sie in Kairo mich umgab, mehrere Tage auf das Zimmer beschränkt zu sein, und begehrlich schaute ich durch das Fenster auf die Straße und ergötzte mich an dem Gewimmel da unten, welches nur noch überboten wurde durch das Schauspiel, das sich einige Jahre später in Bombay uns darbot. Inzwischen hatte ich, um die Zeit auszunutzen, mir einen arabischen Lehrer besorgen lassen, einen jungen Kopten, einen Schreiber im Ministerium, von dem ich so viel Arabisch profitierte, wie es in drei Tagen nur möglich war. Da er sehr gut französisch sprach, so lud ich ihn ein, uns auf unsern Streifzügen in die Umgegend zu begleiten. Der erste ging nach Matarije, dem alten Heliopolis, in der Bibel On genannt, von dessen Herrlichkeit nur noch ein großer Obelisk übrig ist mit einer Inschrift, dessen Züge durch einen in ihnen nistenden Bienenschwarm unkenntlich waren. Eine andere Sehenswürdigkeit ist ein seine Äste und Zweige weit um sich her ausbreitender Sykomorenbaum, unter dessen Schatten die Jungfrau Maria mit dem Christuskindchen bei der Flucht nach Ägypten geruht haben soll. Wegen seiner besonderen Heiligkeit ist das Grundstück, auf dem er steht, mit einem Zaun umgeben. An der Eingangspforte bedeutete man mich, daß ich von meinem Esel absteigen und ihn draußen lassen müsse. Kaum war es geschehen, als ein junger Fant sogar zu Pferde aus dem heiligen Bezirk herausgeritten kam. »Wie,« rief ich aus, »mich zwingt man von meinem Esel abzusteigen, und diesen jungen Burschen hat man sogar mit seinem Pferd hineingelassen!« ? »Ja,« hieß es, »das ist ein Engländer, und den Engländern wagt man in Ägypten schon gar nichts mehr zu sagen.«[278] Ein zweiter Besuch galt den zwei Stunden oberhalb Memphis bei Gizeh stehenden drei großen Pyramiden des Cheops. Wir fuhren zu Wagen auf einer schönen, von Bäumen beschatteten Allee dorthin. In Gizeh angelangt besichtigten wir das Museum mit seinen Mumiensärgen, Papyrosrollen und andern Altertümern und stiegen dann zu der Erhöhung hinan, auf welcher weithin sichtbar die drei großen Pyramiden stehen. Wir lagerten uns am Fuße derselben im Schatten, um das aus dem Hotel mitgebrachte Frühstück zu verzehren. In der Nähe saßen hier und da Araber und lungerten mit begehrlichen Blicken zu uns herüber. Jede Brotkruste, die wir wegwarfen, wurde von ihnen wie von Hunden aufgegriffen und gierig verzehrt. Ich ließ mir das Brot zeigen, welches ihnen als Nahrung dient. Es waren harte, dicke Fladen, ähnlich dem schwedischen Knakebröd, nur aus viel schlechterem Stoff, für den Europäer kaum genießbar. Die Pyramiden sind jetzt ihres Marmormantels beraubt und stellen sich dar als Aufschichtungen von mächtigen, einen Meter hohen Quadersteinen, auf welchen man wie auf Treppenstufen hinaufsteigen kann mit Hilfe zweier Araber, von denen der eine zieht und der andere von hinten schiebt. Ich bestieg ein Kamel, ritt den steilen Abhang zur großen Sphinx herunter, welche aus dem natürlichen Felsen ausgehauen ist und zwischen ihren Riesentatzen einen kleinen Tempel enthält. Von dort ritt ich, meine Frau bei dem Kopten zurücklassend, auf meinem von einem Araber und seinem Knaben geführten Kamel eine halbe Stunde in die Wüste hinein und ließ mich durch ihr immer wieder angestimmtes Geheul um Backschisch nicht im Genusse des erhabenen Naturschauspiels stören. Unter dem wolkenlosen Himmel sah man, so weit das Auge reichte, eine sonnenbeglänzte Landschaft mit schönen Bergen und Tälern, aber alles Stein und Fels, in den Niederungen und Ritzen mit dem vom Winde verwehten Sande gefüllt, ohne jede Spur pflanzlichen oder tierischen Lebens, in schauerlich schöner Einsamkeit. Eine solche Steinwüste würde ganz Ägypten sein, brächte nicht der Nil alljährlich bei der Überschwemmung große Schlammassen aus den südlichen Gebirgen herunter, wodurch sich eine mehrere Kilometer breite Ebene zu beiden Seiten des Flusses gebildet hat, welche, soweit man das Wasser durch[279] selbsttätige Schöpfräder, Rinnen, Pumpen, Leiten oder mit Strohkörben schleudern kann, eine erstaunliche Fruchtbarkeit entwickelt. Eine einzige Furche scheidet das herrlich grünende und blühende Kulturland von der von der Sonne verbrannten, dürren, braungelben Wüste ab. Da gegen Ende März der Wasserstand schon sehr niedrig ist und die Cookdampfer, auf denen für Unterkommen, Beköstigung, Führer, Esel usw. gesorgt ist, nicht mehr fuhren, auch unsere Zeit gemessen war, so verzichteten wir auf die dreiwöchentliche Fahrt bis zum ersten Katarakt hinauf und begnügten uns mit einer eintägigen Tour auf einem kleinen Dampfer nilaufwärts, welche bis zu den Stufenpyramiden von Sakkara und wieder zurück führte. Mehrere Stunden fuhren wir nilaufwärts, sahen uns beim Aussteigen von einer solchen Schar von Eseln mit ihren Treibern umringt und bedrängt, daß die mitfahrenden Dragomane nur mit Stockschlägen uns Luft machen konnten. Endlich hatte jeder seinen Esel, und nun ging es vorüber an armseligen Hütten und durch herrliche hohe Kokoswaldungen, vorüber auch an einer liegenden Kolossalstatue, angeblich des zweiten Ramses, nach Sakkara, während mehrfach am Wege Bauern standen und allerlei Altertümer in den Händen hochhielten und zum Verkauf anboten, ohne daß ich Zeit fand, mich dabei aufzuhalten, vielmehr meine Aufmerksamkeit dem etwas störrischen Esel meiner Frau zuwenden mußte. Nachdem wir die Stufenpyramiden besichtigt hatten und in die unterirdischen Gräber des Ti und der Apisse hinabgestiegen waren, deren Wandmalereien nach viertausend Jahren in so frischen Farben glänzen, als wären sie gestern gemalt, traten wir auf unserm Dampfer die Rückfahrt an. Sehen Sie doch, was ich gekauft habe, sagte ein kleiner jüdischer Dragoman zu mir und zeigte mir das schön erhaltene Gesicht vom Deckel eines Mumiensarges aus Sykomorenholz, auf der Rückseite ganz roh von dem Sarge losgehauen, und wie billig, fuhr er fort, ich habe nur sechs Piaster (60 Pfennig) dafür bezahlt. Der schöne Kopf reizte mich und, um keine abschlägige Antwort zu erleiden, ließ ich durch einen Dritten dem Besitzer zwei Schilling dafür anbieten. Alsbald kam er auf mich zu und sagte auf französisch: Ich würde das kostbare Stück nicht losschlagen, aber[280] weil ich die Ehre habe, mit Ihnen auf demselben Boote zu fahren, will ich es Ihnen für zwei Schilling überlassen. Sähe man nicht auf der Rückseite die Axthiebe, durch welche das schöne Mumiengesicht von dem Holzsarge getrennt worden war, so würde schon die Niedrigkeit des Preises eine genügende Bürgschaft für die Echtheit sein. Ich habe das schöne Stück, sorgsam eingewickelt, durch alle Schwierigkeiten der Zollkontrollen wohlbehalten mit nach Hause gebracht, und noch heute hängt es in meinem Zimmer als schönstes Andenken an meine ägyptische Reise. Manches wäre noch von Kairo zu erzählen, was wir nur kurz erwähnen wollen, von der Zitadelle mit ihrer herrlichen Rundsicht, von den Kalifengräbern, einer Gräberstadt in Ruinen, in welchen kleine Leute sich eingenistet haben und behaglich leben, von der großen monumentalen Brücke über den Nil und von dem Äsbequijegarten mit seiner tropischen Flora und seinem indischen Nygrodahbaume, dem ersten, den ich in meinem Leben sah, und den ich schon aus der Ferne nach der Beschreibung an seinen bis in den Boden wachsenden Zweigen erkannte. Da wir den April für Palästina bestimmt hatten, so nahmen wir in den letzten Märztagen von Kairo Abschied und fuhren mit der Bahn durch das Land Gosen, die häufig vom Wüstensand verschüttete Strecke, nach Ismailija, zwischen Suez und Port Said am Suezkanal gelegen, von wo um 2 Uhr ein kleiner Dampfer nach Port Said fuhr. Dort verbrachten wir die Nacht in einem mittelmäßigen Hotel, besichtigten am andern Tage die geringen Sehenswürdigkeiten des Ortes, den Kanal mit seinem interessanten Treiben, die etwas abseits liegende Araberstadt, wo gerade eine Hochzeit manche Eindrücke bot, und bestiegen gegen Abend den Dampfer, der uns von Port Said nach Jaffa, die Strecke, zu welcher die Kinder Israels vierzig Jahre gebrauchten, in einer Nachtfahrt vom 31. März bis zum 1. April hinüberführen sollte. Am Morgen des 1. April um 6 Uhr warf unser Dampfer Anker vor dem an einem Bergrücken sich hinaufziehenden Jaffa in beträchtlicher Entfernung vom Ufer, da der infolge türkischer Indolenz versandete Hafen eine weitere Annäherung nicht gestattet. Endlich langten wir auf kleinen, von Arabern geruderten[281] Booten glücklich am Ufer an und stiegen durch die steilen Straßen der Stadt bis zu der Höhe hinauf, auf welcher das Hotel Harder liegt. Ein kleiner, intelligenter Araberknabe hatte sich uns angeschlossen und ließ uns nicht eher los, als bis wir ihm erlaubten, nach dem Frühstück uns zu einem Rundgang durch die Stadt abzuholen. Inzwischen ging er vor dem Hotel wie eine Schildwache auf und ab und trieb alle andern Knaben fort, welche auch auf unsere Führung Anspruch machten, denn er hatte uns für sich allein gleichsam gepachtet. Wie die meisten Hotels in Palästina wurde auch das unsere von einem Mitgliede des Guttemplerordens geführt, einer in Palästina verbreiteten Sekte, welche an die Nähe des Tausendjährigen Reiches und die Herabkunft des himmlischen Jerusalems glaubt und sich in Palästina angesiedelt hat, um demselben nahe zu sein. Von dieser Art war Herr Harder, ein frommer Amerikaner, auch literarisch tätig, da er eine kleine Sammlung von Bibelsprüchen in deutscher, englischer und französischer Sprache verfaßt hat unter dem Titel Bibelpillen, Biblepills, Pilulles Bibliques, welches in allen drei Sprachen in jedem Schlafzimmer auflag zum Gebrauche der Gäste, wenn sie das Bedürfnis fühlen sollten, zur Stärkung ihrer geistlichen Gesundheit diese Pillen einzunehmen. Im Laufe des Vormittags wurde ich mit zwei Herren bekannt, welche Pferde nehmen wollten, um nach Jerusalem zu reiten. Der eine war ein amerikanischer Prediger, sah aber mehr nach einem Räuberhauptmann als nach einem Prediger aus, der andere stellte sich als ein Herr Schmidt aus Trier vor, und es war, ohne indiskret zu fragen, nicht dahinterzukommen, was er eigentlich war, bis wir ihn später in Jerusalem bei einem Festzuge der katholischen Geistlichen in dem entsprechenden Ornate unter ihnen entdeckten. Während meine Frau einen Platz in einem Cookschen Wagen belegte, der am Nachmittag bis Ramleh und am andern Tage bis Jerusalem fahren sollte, schloß ich mich den beiden genannten Herren an, nahm gleichfalls ein Pferd, und so ritten wir am Nachmittag zu dreien nach Ramleh. Der Weg führte durch die Ebene Schepelah, zwischen hohen Hecken von Kaktuspflanzen hindurch, während wir vor uns in der Ferne die blauen Berge von Juda sahen, welche von Stunde zu Stunde immer deutlicher[282] hervortraten. So schön dieser Eindruck war, so beschwerlich war doch der Ritt. Ich war noch von Rußland her im Reiten sehr geübt, aber hier hatte ich einen arabischen Sattel aus hartem Holz unter mir, der dazu so breit war, daß ich ihn nicht ohne Beschwerde mit den Beinen umklammern konnte. So war ich denn froh, glücklich in Ramleh anzukommen, dachte aber mit Unbehagen an den folgenden Tag, wo ich auf dem unbequemen Sattel den langen Ritt nach Jerusalem machen sollte. Diese Sorge erwies sich als unnötig. Am andern Morgen war ein greuliches Regenwetter eingetreten, die Wirtsstube füllte sich mit Männern, Weibern und Kindern, die auf Leiterwagen zum Fest nach Jerusalem fahren wollten, alle dem württembergischen Guttemplerorden angehörig in süddeutscher Bauerntracht, lauter treuherzige deutsche Gesichter, man glaubte mitten in Palästina sich in einer schwäbischen Bauernstube zu befinden. Da das Regenwetter nicht nachließ, so war es für mich ein willkommener Vorwand; ich ließ meine beiden Gefährten allein reiten, schickte mein Pferd zurück und nahm einen Platz im Wagen neben meiner Frau. Jerusalem liegt bekanntlich auf zwei Hügeln, dem höhern westlichen mit der Oberstadt und dem etwas niedrigeren östlichen, auf welchem einst der Tempel stand. Umschlossen wird die Stadt im Westen und Osten von zwei tiefen Tälern mit zwei meist wasserlosen Flußrinnen, welche sich südlich von der Stadt vereinigen, dem Hinnomtal im Westen und dem Kidrontal im Osten. Östlich vom Kidron mit seinen uralten Ölbäumen und durch diesen von der Stadt getrennt liegt der Ölberg, von welchem aus man eine prächtige Gesamtübersicht über die Stadt genießt und von dem aus auch schon Jesus mit seinen Jüngern auf Jerusalem herabschaute. Ihm galt einer unserer ersten Besuche, und oft noch haben wir ihn wiederholt. Leider ist der Ölberg durch eine prunkhafte griechische Kirche auf mittlerer Höhe sowie durch einen Aussichtsturm auf seinem Gipfel entstellt, von dem man zwar eine prächtige Rundsicht, namentlich auch nach Osten bis zu dem sechs Stunden entfernten Toten Meere genießt, den man aber an dieser geweihten Stätte doch lieber wegwünschen möchte. Auch der Weg über die Kidronbrücke wird einem durch die zur[283] Osterzeit zahlreich auf ihrer Mauer sitzenden Aussätzigen verleidet, welche bettelnd ihre Armstumpfe dem Wanderer entgegenhalten. Der Aussatz besteht in einem schrittweise zunehmenden Absterben der Extremitäten, der Finger, der Hände, schließlich der Arme. Zwar hat die Wohltätigkeit für diese Unglücklichen auf das beste gesorgt, namentlich hat ein reicher Jude, Sir Moses Montefiore, im Tale südlich von Jerusalem auf dem Wege nach Bethlehem hin große Hospitäler errichtet, in welchen jeder Aussätzige ohne Entgelt lebenslängliche Aufnahme und Verpflegung haben kann, nur unter der einen Bedingung, nicht zu heiraten, da der Aussatz wahrscheinlich nicht durch Berührung ansteckend ist, wie mir ein Arzt in Jerusalem versicherte, um so gewisser aber von den Eltern auf die Kinder forterbt. Diese Bedingung, nicht zu heiraten, ist den Aussätzigen so zuwider, daß viele die Aufnahme in das Hospital verschmähen und lieber an Wegen und Zäunen bettelnd herumlungern. Aber auch sonst ist Jerusalem eine der schmutzigsten und widerwärtigsten Städte, die ich kenne. In der Stadt selbst kann kein Wagen fahren, da die Gassen bergauf und bergab, häufig in Treppenstufen führen und dabei sehr schmal sind. Statt der Läden sieht man links und rechts meist nur Höhlen, in denen allerlei Kram zum Verkaufe aufgestapelt ist, hinter welchem der Verkäufer in orientalischer Weise auf dem Boden kauert. Obgleich die Stadt von einem Ende zum andern in zwanzig Minuten durchschritten werden kann, ist es doch schwer, in dem Labyrinth von Gassen und Gäßchen sich zurechtzufinden. Wenn man vom Ölberge kommt, das Kidrontal mit dem von den Franziskanern in einen Blumengarten umgewandelten Gethsemane hinter sich läßt und auf steilem Wege zur Stadt hinaufsteigt, gelangt man durch das nordöstliche Stephanstor in die Via dolorosa, mit dem Ecce-Homo-Bogen, von welchem aus Pilatus Jesum dem Volke gezeigt haben soll, dem Richthause, wo Petrus seinen Herrn verleugnet haben soll, und weiteren Einzelheiten bis zu der Grabeskirche, welche in ihrem riesigen Umfange angeblich, sehr fraglich ob mit Recht, Golgatha, den Salbungsstein und das Heilige Grab umschließt. Man zeigte uns in Jerusalem alles, was wir wünschen konnten, das Fenster, von welchem aus David die badende Bathseba erblickte, den Saal, in[284] welchem Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl hielt, die Stelle, von welcher aus der Hahn krähte, ja wohl gar den Baum, an dem Judas sich erhängt haben soll. Aber das alles ist später erfunden, und man kann die einzelnen Traditionen, eine Reihe von Jahrhunderten, bis zu ihrem ersten Aufkommen zurückverfolgen. Was an wirklicher Überlieferung überhaupt vorhanden war, ist bald darauf mit der Zerstörung Jerusalems und dem jahrhundertelang bestehenden Verbote für die Juden, die heiligen Stätten zu betreten, erloschen, und die einzigen sicheren Stätten sind der Ölberg, die beiden Flußtäler und der Tempelplatz, während die Grabeskirche, seitdem die heilige Helena ein dort gefundenes Stück Holz für einen Rest vom Kreuz Christi erklärte, für den Ort der Kreuzigung und Grablegung gilt, aber schwerlich mit Recht, da das Ganze zu tief im Innern der Stadt liegt; vielmehr Anspruch darauf dürfte der Hügel des Jeremias im Norden der Stadt vorm Damaskustor haben, wo sich in der Nähe noch alte in die Felsen gehauene Grabkammern befinden, ja auch noch solche mühlsteinartige Steine, um ihre Öffnungen durch Vorrollen zu verschließen und so gegen das Eindringen von Tieren zu schützen. Während wir in den ersten Tagen nach unserer Ankunft fleißig umherstrichen, um diese und andere Merkwürdigkeiten zu besuchen, machte sich ein junger Dragoman viel um uns zu schaffen, öffnete die Tore, erklärte uns dieses und jenes, offenbar in der Absicht, von uns als Führer engagiert zu werden. Er hieß Ibrahim Said, war als junger Araber, wie so viele, von den christlichen Missionaren eingefangen und zu Nazareth gekauft und zum Dragoman herangebildet worden. Aber während die meisten dieser Neophyten auf englisch gedrillt werden und daher reiche Beschäftigung finden, so war unser Ibrahim auf deutsch ausgebildet, hatte daher weniger zu tun und heftete sich an unsere Sohlen. Wir nahmen ihn daher auch zunächst mit uns auf einer Wagenfahrt, die wir nach Bethlehem unternahmen. Man fährt auf einer guten Chaussee von Jerusalem zwei Stunden nach Süden, vorbei an Rahels Grab, bis zu dem auf einer Anhöhe gelegenen Bethlehem. Hier frühstückt man in einem Kloster, besucht sodann die große Kirche und steigt in die unter ihr gelegene geräumige Krypta hinab, wo u.a. die Krippe gezeigt[285] wird, in die das Jesuskindlein gelegt worden sein soll, während drei Schritte davon ein großer silberner Stern mit der Aufschrift: hic de virgine Maria Jesus Christus natus est die Geburtsstätte des Heilands bezeichnet. Weiter südlich von Bethlehem besuchten wir noch die sogenannten Teiche des Salomo, eine schon von den alten Königen angelegte Talsperre, in welcher in drei untereinanderliegenden Teichen, um den Druck zu verteilen, ein herrliches, vom Hebron herkommendes Gebirgswasser gesammelt und in einem verdeckten Kanal nach Jerusalem bis unter den Tempelplatz geleitet wird, so daß die dort Belagerten immer mit frischem Wasser versorgt waren. Wie alles unter den Händen der Türken verkommt, so war auch diese Wasserleitung außer Betrieb, da die Bethlehemleute, denen die Instandhaltung oblag, eine solche verabsäumten, weil die türkische Regierung sie nicht bezahlte. Wenn bei uns jeder gern für die Regierung arbeitet, weil er auf pünktliche Bezahlung rechnen darf, so vermeidet in Palästina jeder, eine Arbeit für die türkische Regierung zu übernehmen, weil er sehr häufig um sein Geld bitten muß, ohne es zu erhalten. Der Zufall wollte es, daß wir in Jerusalem zweimal Ostern feiern mußten, da infolge der Verschiedenheit der Kalender das lateinische Osterfest auf den 6., das griechische auf den 13. April fiel. Der Tempelplatz aber war vor Ablauf beider Osterfeste für Christen nicht betretbar, da dort auch die Mohammedaner Ostern feiern und ein Zusammentreffen mit ihnen leicht zu Reibungen und Konflikten führte; um diese zu vermeiden, war der Zugang bis nach Ablauf des Osterfestes den Christen verboten. Zunächst also hatte am 6. April die römisch-katholische Kirche ihr Osterfest, und Ibrahim Said empfahl angelegentlich, mit ihm die Kirche des Heiligen Grabes zu besuchen, wo am Abende dieses Tages nacheinander und an verschiedenen Orten der geräumigen Kirche in sieben Sprachen gepredigt wurde. Ortskundig wie er war, zerrte er mich in der menschenerfüllten Kirche durch das Gedränge und sorgte dafür, daß mir keine der sieben kurzen Predigten in deutscher, französischer, englischer, italienischer, spanischer, polnischer und lateinischer Sprache entging.[286] Um die Woche zwischen dem lateinischen und griechischen Osterfeste, vor welchem der Tempelplatz nicht besucht werden konnte, nützlich auszufüllen, dachten wir daran, die dreitägige Tour nach dem Toten Meer und dem Jordan zu machen, für welche Cook 25 Franken pro Tag und Person berechnet, worin dann alles einbegriffen ist. Da bat mich Ibrahim, ihm diesen Verdienst zuzuwenden; er wolle für uns eine eigene Karawane mit Verpflegung, Pferden und zweimaligem Logis in Jericho zu demselben Preise wie Cook, also für 150 oder etwa 160 Franken, organisieren. Ich ging darauf ein, und so war am Ostermontag unsere Karawane reisefertig vor dem Hotel. Da war ein Pferd für mich, eins für meine Frau, eins für Ibrahim, eins für den Koch, eins zum Tragen des Proviants, und eins für den Mukari oder Pferdeverleiher. Dazu stellte Ibrahim noch einen Jungen, um das Pferd meiner Frau zu führen, und da er zu faul war, den Weg zu Fuß zu machen, erschien er auf seinem Eselchen. Mit Stolz blickte ich auf meine Karawane, welche aus sechs Pferden, einem Esel und sieben Menschen bestand. Der siebente war der Beduine, welcher zu Fuß uns begleitete, zum Schutze gegen räuberische Überfälle. Zwar würde er trotz seiner langen Flinte gegen mehrere Räuber nicht viel ausrichten können, und doch gewährt sein Geleite vollkommene Sicherheit, da dieser Beduine von dem Scheich des betreffenden Landstriches gestellt wird, welcher dessen Bewohner, und das sind eben die Räuber, dafür verantwortlich machen würde, wenn etwas passieren sollte. Die Bezahlung eines solchen Beduinen ist also eine Art Tribut, den man an den betreffenden Stamm entrichtet. Wollte man ihn ersparen, so würde man auf eigene Gefahr reisen; man könnte von Räubern überfallen werden, welche einem alles wegnehmen, auch die Kleider, da in ihnen oft Geld eingenäht ist; zuweilen sind sie mitleidig genug, dem Geplünderten wenigstens das Hemd zu lassen. Läßt man sich dabei alles gefallen, so läuft die Sache glimpflich ab, wollte man sich aber zur Wehr setzen, so wäre für Leib und Leben das Schlimmste zu befürchten. So zog denn unsere Karawane durch die Via dolorosa, am Stephanstor hinunter, über die Kidronbrücke, in sanfter Steigung um den Ölberg herum, auf dessen anderer Seite Bethanien liegt, mit seinen Hütten,[287] welche in Höhlen von aufgeschichteten Steinen bestehen; und weiter ging es, vorüber an der Stelle, wo die Parabel vom barmherzigen Samariter spielt, denn auch diese hat man lokalisiert, und so weiter den ganzen Tag über Berge und Täler in der glühenden Sonnenhitze, bis wir ganz verdurstet in Jericho ankamen. Ibrahim bereitete unser Diner, angeblich ein solches eines erstklassigen Hotels, mit welchem es allerdings nur eine entfernte Ähnlichkeit hatte. Bekanntlich liegt der See Genezareth 600, das Tote Meer sogar 1200 Fuß unter dem Meeresspiegel, und so hat denn auch schon Jericho, dessen elende Hütten von Gärten mit einer reichen Fülle köstlich duftender Blumen umgeben sind, ein ganz tropisches Klima. Hier schliefen wir von der Reise ermüdet, ohne uns durch das melodische Quaken der Frösche stören zu lassen. Am andern Morgen bestiegen wir unsere Pferde und ritten auf das Tote Meer zu. Es scheint von Jericho ganz nahe zu liegen, erfordert aber immer noch einen Ritt von zwei Stunden, über einen ganz mit Salzkrusten bedeckten Boden, auf welchem nur spärliche Salzdisteln gedeihen und zuletzt gar nichts mehr wächst. Das Tote Meer ist von lieblichen Bergen umgeben, aber weder von Menschen und Tieren noch auch von Pflanzen belebt, nur daß es von einem Wall mächtiger Baumstämme umgeben ist, welche von dem sehr reißenden Jordan losgerissen, dem Toten Meere zugeführt und durch dessen Wellenschlag an das Ufer gespült werden. Hinter diesem natürlichen Walle entkleidete ich mich und nahm ein sehr erquickliches Bad im Toten Meere, dessen Wasser durch Salz und Asphalt so dick ist, daß man ohne Schwimmbewegungen in jeder Lage auf dem Wasser schwimmt. Ein Amerikaner, der gleichfalls dort mit seinem Knaben badete, legte denselben unbekümmert um sein Schreien flach auf das Wasser, ohne daß er untersank. Nur muß man sich hüten, etwas von dem beißenden Naß an die Schleimhaut der Augen zu bekommen, auch kann man beim Heraussteigen sich nicht so schnell abtrocknen, daß nicht eine Salzkruste an den Ohren zurückbliebe. Dafür ist aber Rat durch ein zweites Bad, welches man später am Nachmittag im Jordan nimmt. Um diesen weit oberhalb der Mündung an der sogenannten Taufstelle zu erreichen, ritten wir ein paar Stunden querfeldein über salzigen Boden, bis wir[288] schon aus der Ferne einen herrlich grünenden Waldstreifen sahen, und näher kommend, das tausendstimmige Leben der Vögel vernahmen, welche die Ufer des Jordans bewohnen. Hier breitete Ibrahim an einer schattigen Stelle des Ufers einen Teppich aus und servierte sein Diner, während neben mir ein Amerikaner sich mit Angeln vergnügte und nach ganz kurzer Zeit einen großen Fisch aus dem Wasser zog. Nach dem Essen zogen wir uns von dem menschenbelebten Ufer in das Gebüsch zu einer Siesta zurück, und nachher suchte ich eine entlegene Stelle am Ufer auf, um mein Bad im Jordan zu nehmen. An Schwimmen war hier freilich nicht zu denken; ich wäre von dem reißenden Wasser sofort eine weite Strecke fortgerissen worden, und so mußte ich mich damit begnügen, einen überhängenden Baumzweig zu fassen und dreimal in den heiligen Fluten des Jordans unterzutauchen. Beim Ankleiden hatte sich ein gut gekleideter Araber herangeschlichen, um zu sehen, wie so ein Europäer angezogen ist. Leutselig knüpfte ich mit ihm ein Gespräch auf arabisch an, war aber nicht wenig erstaunt, als er, der offenbar den besseren Ständen angehörte, zum Schluß um ein Backschisch bat dafür, daß er zugesehen hatte, wie ich mich ankleidete. Wohlbehalten kamen wir am Abend in Jericho an. Über die Eliasquelle, wo sich ein lärmender Trupp von Berlinern einer Stangeschen Reisegesellschaft gelagert hatte, kehrten wir am Abend des dritten Tages nach Jerusalem zurück. Als Andenken hatten wir eine Flasche mit Wasser des Toten Meeres und eine zweite mit Jordanwasser mitgebracht, welches letztere in Jerusalem abgekocht wurde und in der Heimat gedient hat, um mehrere Kinder aus unserer Verwandtschaft und zuletzt auch meine beiden eigenen Kinder zu taufen. Gegen Ende der Woche war endlich der Tempelplatz, den wir so oft vom Ölberge aus betrachtet hatten, für den Besuch der Christen freigegeben. Ursprünglich war hier der noch in der Omarmoschee erhaltene Gipfel eines Berges, angeblich desselben, auf welcher Abraham seinen Sohn opfern wollte. An dieser heiligen Stätte hat man durch kolossale Unterbauten eine ebene Fläche, zehn Minuten lang und fünf Minuten breit, geschaffen, auf welcher der Tempel des Salomo gestanden haben[289] muß. Das alles ist, bis auf die Unterbauten, verschwunden, und auf der großen steinernen Fläche erheben sich im Süden die Moschee el Aksa, ursprünglich eine christliche Kirche, und in der Mitte der achteckige Bau der Omarmoschee, deren ganzes Innere ausgefüllt wird durch den ursprünglichen Gipfel des Berges. In der Mitte ist eine kreisrunde Öffnung, durch welche das Licht in einen Hohlraum unter den Berggipfel fällt. In der Mitte dieses kellerartigen Raumes befindet sich eine zweite verschlossene Öffnung, durch welche ein Kanal in die Tiefe führt. Das Ganze diente, wie mir scheint, als Opferplatz, und die beiden Öffnungen führten das Blut nach unten ab, da nicht zu ersehen ist, wie es sonst von der großen, vollkommen ebenen Tempelfläche hätte abfließen können. Wir befinden uns also hier im ehemaligen Vorhofe des Tempels, da, wo dem Jahoe in der Vorzeit Tausende von Widdern und Lämmern geschlachtet worden sind. An diesen Vorhof schloß sich dann der Tempel selbst mit dem Heiligen und dem Allerheiligsten, von welchen beiden nur noch die Fläche vorhanden ist, auf der sie gestanden haben. Der Besuch dieser merkwürdigen Stelle lohnte wohl unsern, bei der Kürze der Zeit über Gebühr verlängerten Aufenthalt in Jerusalem, um so mehr, als ich an demselben Nachmittag, dem Sonnabend vor dem griechischen Osterfeste, noch Zeuge einer seltsamen Feier sein konnte, welche sich an diesem Nachmittage in der Grabeskirche abspielt. Diese Kirche ist nicht ein Dom oder eine Kirche, wie wir sie kennen, sondern vielmehr ein Komplex von vielen Kirchen, in welchem man hinab bis zur Kapelle der heiligen Helena und auf Treppen hinauf bis zu der Stelle steigt, wo das Kreuz gestanden haben soll. Alle diese von Säulen getragenen Kirchenschiffe laufen nach Westen zu aus, in einen von riesiger Kuppel überdeckten runden Dom, in dessen Mitte das Heilige Grab sich befindet, ein kleines Marmortempelchen mit Bank und steinernem Boden, auf welchem die Andächtigen zu knien und den Boden zu küssen pflegen. Unter dieser kolossalen Rotunde spielt sich am Sonnabend vor dem griechischen Osterfeste eine Feier ab von so wüster Art, daß von Andacht keine Rede fein kann. Schon am Abend vorher ziehen Tausende von Männern, Weibern und Kindern mit ihren Betten in die Kirche,[290] schlafen dort, essen dort und sammeln sich am Sonnabendnachmittag in dem großen Raume unter der Rotunde, um das Heilige Grab herum. Der deutsche Konsul hatte mich und etwa zehn andere eingeladen, unter Führung seines Kawassen, eines uniformierten Dieners des Konsuls, dem Schauspiel beizuwohnen. Vor dem Eingange versammelten wir uns und bildeten eine lange Kette. Der Kawasse an unserer Spitze bahnte mit seinem Stock einen Weg durch die dichtgedrängte Menge, uns hinter sich her zerrend. Bald war ein Pförtchen erreicht, durch welches wir auf vielen engen Treppen hoch und höher hinaufgelangten, bis wir endlich in einer Loge hoch über dem Ganzen standen und bequem das Gewühl da unten beobachten konnten. Lauter Lärm aus den dichtgedrängten Massen scholl zu uns herauf; von Zeit zu Zeit wurde ein Spottlied auf die Juden unter Stampfen mit den Füßen abgesungen oder vielmehr abgebrüllt. Es lautete auf arabisch: Amazon.de Widgets El messi attana»Der Messias ist gekommen, Damo ishtaranaSein Blut hat uns losgekauft; Ja jeh-ud, ja jehudO Jude! O Jude! Idkum lierudEuer Fest ist zum Teufel; Idna lil messiUnser Fest gilt dem Messias.« Dazwischen wurde da unten allerlei Kurzweil getrieben. So sah ich, wie ein Kerl an einer Säule emporkletterte, sich auf die dichtgedrängten Köpfe, so lang wie er war, herunterließ und nun von den unter ihm Stehenden hin und her gerollt wurde. Endlich trat eine gewisse Stille ein. Türkische Soldaten bahnten mit Kolbenstößen einen Weg um das Heilige Grab herum und bildeten Spalier für die griechische Geistlichkeit, welche, den Metropoliten oder seinen Vertreter an der Spitze, zwischen den Spalier bildenden Soldaten durchzog und in dem Heiligen Grab verschwand. Hier begibt sich ein Wunder; die Laterne der heiligen Helena entzündet sich von selbst, und bald sieht man, wie aus einer der runden Öffnungen des Grabtempelchens eine Hand sich herausstreckt mit einem Bündel brennender Kerzen. Alle drängen darauf zu, um die Kerzen, welche sie bei sich haben, an diesem heiligen Lichte zu entzünden. Sie werden mit Kolbenstößen zurückgetrieben, da oben hoch sitzt vielleicht eine russische Dame, welche einen[291] Tausendfrankschein gespendet hat, um zuerst das Licht zu erhalten. Läufer mit brennenden Kerzen rennen vom Heiligen Grabe durch den Spaliergang und verschwinden durch eine Seitenöffnung, um die Treppen hinauf nach oben zu eilen, dann erst erhält auch das Volk von dem Lichte. Einer zündet seine Kerze an der des andern an, und bald ist der Raum da unten ein einziges großes Lichtermeer, aus welchem dichter, blauer Rauch bis zu uns heraufdringt und den ganzen Kuppelbau erfüllt. Manche nahmen das heilige Licht in einer Laterne mit sich bis nach Rußland, denn alles wimmelt um diese Zeit in Jerusalem von russischen Bauern, welchen ein frommer Verein es ermöglicht, die ganze Reise hin und zurück für zwanzig Rubel zu machen. Man erzählte mir, gesehen habe ich es nicht, daß manche die Begeisterung so weit treiben, ihr Hemd aufzureißen und mit dem Licht ihre Brust anzubrennen, auch sollen in früheren Zeiten oft große Unglücksfälle sich begeben haben durch Schlägereien zwischen der aufgeregten Menge und den türkischen Soldaten, welche dabei schließlich von ihren Waffen Gebrauch machen mußten. Wer den Wunsch hat, den letzten Rest religiöser Empfindung, der ihm noch geblieben ist, ganz loszuwerden, der braucht nur zu einem Osterfeste nach Jerusalem zu gehen. Unsere Rückfahrt aus Palästina machten wir in einem russischen Schnelldampfer, der uns in drei Tagen nach Konstantinopel führt. Diesmal konnten wir das Schwarze Meer vermeiden und die eben fertig gewordene Eisenbahnlinie Konstantinopel-Wien benutzen; wir fuhren um 7 Uhr abends von Konstantinopel ab, waren am nächsten Morgen in Philippopel, am Nachmittag in Sofia, in der Nacht am Eisernen Tor, den andern Mittag in Budapest, von wo uns dann unser Weg ohne Schwierigkeit über Wien und Berlin rechtzeitig nach Kiel zurückführte. Nach dieser schönen Reise, über welche ich zu Pfingsten meiner Mutter in Hüsten Bericht erstattete, verlief der Sommer 1890 in gewohnter, mit Geselligkeit untermischter Tätigkeit. Inzwischen gestalteten sich die Verhältnisse in unserer Mietswohnung, welche schon von Anfang an die nötige Ruhe hatten vermissen lassen, immer unerquicklicher, und so entschlossen wir uns, das Haus Beseler-Allee 39 zu kaufen.[292] Januar 1891 gab mir Gelegenheit, als Vertreter meines Kollegen Blaß, welchem als Professor eloquentiae die Sache zustand, die Kaisergeburtstagsrede über den kategorischen Imperativ zu halten, in welcher es mir gelang, den Einheitspunkt zu finden, aus dem die mir seit lange zur Überzeugung gewordene Ethik Schopenhauers und die mir nicht weniger teure Ethik Kants entsprungen sind. Wieder einmal kam der März und mit ihm die Osterferienzeit heran, und wieder spannten wir unsere Flügel weit aus, um im März und April 1891 über Land und Meer bis nach dem uns noch unbekannten Sizilien zu fliegen. Die Reise ging vom 11. März an, wie schon so oft über Berlin, Florenz und Rom. Wir fuhren mit einem Nachtdampfer von Neapel nach Palermo. Leider war es der Elettrico, dessen Maschine so stark ist, daß sie auch bei ruhigem Seegang das Schiff fortwährend erzittern macht. Statt um 10 Uhr morgens waren wir denn auch schon um 5 Uhr während der Dämmerung im Hafen von Palermo angelangt und hatten die wegen ihrer Schönheit berühmte Einfahrt versäumt. Einige Tage verblieben wir in Palermo und fuhren dann nach Girgenti, im Altertum Agrigent, eine der größten und glänzendsten Städte, von der Akropolis sich eine halbe Stunde weit hinab bis zum Meere erstreckend, wo noch jetzt mehrere vorzüglich erhaltene Tempel die Südgrenze der Stadt bezeichnen. Heute ist Girgenti zu einem kleinen schmuddligen italienischen Städtchen herabgesunken. Von dort ging es über Castro Giovanni, das alte, hoch auf dem Berge gelegene Enna nach Syrakus, dann führte uns die Bahn nordwärts, vorüber an Leontini, der Heimat des Sophisten Gorgias, meist am Meere entlang, in welchem wir die Felsblöcke sahen, welche der geblendete Zyklop gegen Odysseus geschleudert haben soll, bis nach der kleinen Station Giardini, von wo wir auf breiter, gewundener Heerstraße nach Taormina hinaufstiegen, einem der drei schönsten Punkte, welche ich in meinem Leben besucht habe. Von dem Dorfe, welches sich malerisch an den Felsen anschmiegt, geht nördlich ein Weg zum alten Theater und Berggipfel, während man nach Süden zu dem mit Schnee bedeckten, nur leicht sich kräuselnde Wölkchen ausstoßenden Ätna sieht, der viel höher[293] ist als der Vesuv, aber doch an Schönheit ihm nicht gleichkommt, es müßte denn sein aus einer Nähe, zu der wir nicht gelangt sind. Auf der Straße von Taormina sah ich auch zum ersten Male hin und her gehend spinnende Frauen. Der Wergflock liegt auf der Schulter, von diesem geht der Faden zu der frei in der Luft hängenden Spindel, welche von Zeit zu Zeit immer wieder neu mit der Hand in wirbelnde Bewegung versetzt wird. Beim Herabsteigen auf direktem Fußpfade zur Station gab ich mein Päckchen einem Knaben zum Tragen und schenkte ihm nachher dafür einen Frank; er dankte und entfernte sich, kam aber gleich zurück und behauptete, der Frank sei falsch; er hatte ihn in der Geschwindigkeit mit einem falschen vertauscht. Immer noch gilt von Italien das Goethesche Wort: Geprellt wird der Fremde, stell er sich wie er auch will. Zwischen Mandelplantagen fuhren wir weiter nach dem damals noch blühenden Messina, wo unsere Hauptbeschäftigung war, etwas Mundvorrat für die bevorstehende lange Eisenbahnfahrt zu kaufen. Seltsamerweise konnten wir in Messina keine Apfelsinen auftreiben, so massenhaft sie von dort versandt werden und dann an Ort und Stelle nicht mehr zu haben sind. Auf einem Dampfer setzten wir über den heute kaum noch bemerklichen Strudel der Charybdis nach Reggio di Calabria über, und nun folgte eine lange Fahrt, auf der ich um Mitternacht im halben Schlafe Cotrone als Station ausrufen hörte und des Pythagoras gedachte; der nächste Morgen fand uns in Taranto, der Nachmittag in Foggia und wieder ging es die ganze Nacht durch, bis wir am Morgen in Bologna und am Nachmittag in Venedig ankamen. Wir haben zweimal Venedig besucht, im Herbst 1900 und im Frühjahr 1901, das erstemal bei greulichem Regenwetter, das zweitemal bei so großer Kälte, daß man immer die Sonne aufsuchen mußte, um sich zu wärmen. Wir besuchten den Canale Grande und die hohe über ihn führende Brücke des Rialto, die Glasbläsereien und den Dogenpalast; ehemals ein meerbeherrschendes Zentrum, jetzt, wie es scheint, nur noch dazu da, um für einen Frank fünfzig den Fremden gezeigt zu werden. Madame Kantschin pflegte zu sagen: Pour se plaire à Venise, il faut être malade ou amoureux, und allerdings[294] macht die Stadt, wo es kein Wagengerassel und keine Pferde gibt, bei ihrer erquickenden Ruhe doch einen etwas melancholischen Eindruck. Gibt es denn hier keine Pferde? fragte ich meinen Gondoliere: »Se vuol veder cavalii«, antwortete er, »deve andar al Lido.« Er glaubte, ich habe nach Pferden wie nach einer besonderen Sehenswürdigkeit gefragt. Von Venedig ging es über Undine und den Semmering nach Wien und von dort in beschleunigtem Tempo über Prag und Berlin nach Kiel zurück. Der Juni brachte uns einen Besuch, der mit einer geringen Unterbrechung bis zum 2. September des folgenden Jahres dauerte und sehr willkommen war. Es war Nenna, die älteste Tochter meines Bruders Werner, die ich schon als Kind in der Wiege mit Georges in Schwerte besucht hatte, die dann nach dem Tode ihrer Mutter von Elisabeth teils in Ternitz, teils in Westfalen erzogen worden war, und die nun das einsame Hüsten mit dem geräuschvolleren Kiel nicht ungern vertauschte. Wir nahmen sie mit uns zu unsern Freunden und in Gesellschaften, und sie gefiel außerordentlich. Kleine Orte wie Hüsten und große Städte wie London und Paris lagen ihr weniger, aber Kiel war ein Ort nach ihrem Herzen. Während Nenna meiner Frau Gesellschaft leistete, hatte ich namentlich nach Beginn der Herbstferien die nötige Muße und Ruhe, das eigentliche Hauptwerk meines Lebens zu beginnen, und so schrieb ich vom 12. August bis zum 12. September 1891 die ersten zwölf Paragraphen meiner »Allgemeinen Geschichte der Philosophie« mit einem solchen Eifer, daß ich schließlich anfing, eine starke Ermüdung zu spüren und es geraten fand, mit meinen beiden Weiblein vom 12. September bis zum 20. Oktober auf Reisen zu gehen, die uns über Amsterdam und London nach Paris, Hüsten und zurück nach Kiel führten. Für die Osterferien gaben wir Nenna, jedoch nur leihweise, an ihre Eltern ab und rüsteten uns zu einer Reise, um zum dritten Male zusammen Griechenland zu besuchen. Wir fuhren über Brindisi und Korfu nach Athen und fanden Unterkunft in schöner freier Lage im Tal des Ilissos mit Aussicht rechts auf die Akropolis und links auf die Säulen des Tempels des Zeus Olympios.[295] Nach einer Rundreise traten wir durch die Inseln die Rückreise über Pompeji an, welches wir an einem Sonntage, also ohne Eintrittsgeld und ohne von einem Führer herumgehetzt zu werden, in aller Muße betrachten konnten, aber bei Beschreibung der Hinreise schon hätte ich unserer Wallfahrt nach Loreto am 19. März gedenken sollen, wo wir in den zufällig nicht von Pilgerherden gefüllten Logierhäusern überaus liebevolle Aufnahme fanden und das in der Mitte einer großen Kirche stehende, außen von Marmor mit Bildwerken und Inschriften umkleidete, innerlich den Anblick einer verwitterten und rauh geschwärzten Bauernstube gewährende Heimathaus des Heilandes betrachten konnten, welches bei Eroberung des Heiligen Landes durch die Araber von Engelhänden aus Nazareth emporgehoben und über Land und Meer nach Loreto getragen wurde, wie dies durch kleine für zwei Centesimi käufliche Denkmünzlein dem gläubigen Beschauer anschaulich vor Augen geführt wird. Die wichtigsten Ereignisse des Sommers 1892. für mich waren wohl, daß ich die erste Abteilung meines Lebenswerkes, enthaltend die Einleitung und die Philosophie der Hymnenzeit, bis auf das letzte, die Lehre vom atman behandelnde Kapitel abschloß und daß mein Frauchen mir zusetzte mit den Worten: »Du wolltest immer nach Indien gehn, wenn du es überhaupt willst, so laß uns jetzt gehn.« Und sie gab ihm, und er aß. Ich richtete ein durch die Fakultät befürwortetes Urlaubsgesuch für den Winter an das Ministerium, Althoff stimmte mit Freuden zu. Anfang September fuhr ich mit meiner Frau über Ostende zum Orientalistenkongreß nach London. Ihr werdet Quarantäne halten müssen, prophezeite mein Bruder Werner. Aber von Quarantäne war keine Rede. Die Engländer zwingen eben alles durch eine Sauberkeit, welche allen andern Ländern als Muster dienen könnte. Der Kongreß verlief unter Max Müllers Vorsitz, trotz des von dem unglücklichen, zu Stockholm in seiner Eitelkeit gekränkten Dr. Leitner zu Madrid veranstalteten und jämmerliches Fiasko machenden Gegenkongresses, mit dem besten Erfolge. Am 9. September hielt ich meinen Vortrag, in welchem ich den Plan meines[296] Hauptwerkes darlegte, vom 10. bis 12. September war ich mit meiner Frau Max Müllers Gast in seinem Hause zu Oxford. Er führte mich und einen italienischen principe in das Christchurch College, dessen fellow er war, und ließ uns das vorzügliche Bier kosten, welches dort gebraut wird. »Müssen Sie auch für das Bier bezahlen?« fragte ich. ? »Im Gegenteil, ich bekomme noch Geld heraus,« war die Antwort, »denn jedesmal, wenn ich den Fuß in dieses College setze, habe ich Anspruch auf ein Diner zu 1 Schilling 6 Pence, und diese Summe wird mir jedesmal gutgeschrieben.« Am Montag kehrten wir alle nach London zurück, um durch ein Diner den Schluß des Kongresses zu feiern. Ich saß neben einem jungen Italiener, damals Gymnasiallehrer zu Reggio di Calabria, und diese Tischordnung, über die ich anfangs ein wenig ungehalten war, sollte von großen Folgen sein. Der junge Mann war Carlo Formichi, ich habe ihn, von Indien zurückkehrend, in Neapel besucht, dort und später in Pisa mit ihm und seiner Familie die reizendsten Tage verbracht, länger als ein Jahr (1895?1896) hat er mit mir in Kiel gearbeitet, unter meiner Leitung seine erste Schrift publiziert, und jetzt ist er einer meiner treuesten Freunde und bekleidet zu Rom die angesehenste Sanskritprofessur des Landes. Am 15. Oktober fuhr ein ganz neues Schiff der P. and O. Company, der Himalaja, nach Indien. Wir nahmen unsere sechsmonatlichen Retourbillette, brachten unser größeres Gepäck schon auf den Himalaja, fuhren über Land, von unsern Freunden Abschied nehmend, durch Deutschland und die Schweiz nach Marseille und bestiegen am. 22. Oktober das neue schöne Schiff, welches uns nach Indien führen sollte. Hier würde nun über unsere Reise nach Indien, die schönste und lehrreichste, die wir je gemacht haben, zu berichten sein, hätte ich nicht das alles 1904 in einem besonderen Buche herausgegeben. Dort kann man nachlesen, was über unsere höchst interessante Reise durch den Suezkanal, das Rote Meer und den Indischen Ozean berichtet wird, sowie über unsern Aufenthalt in Bombay, in Baroda als Gäste des Maharadja, in Achmedabad und Jäipur, in Agra, wo Lal Baipinath mich zuerst zu einem Vortrag veranlaßte, in Lahore, wo Stein sich freundlich unser annahm und[297] weiter hinaus über den Indus bis Peschavar und Fort Jamrud, wo wir der Heimat der Luftlinie nach am nächsten, in Wahrheit aber ferner waren als irgendwo. Dann folgte die Rückfahrt, der Aufenthalt in Delhi, mein Vortrag in Matura, der Besuch in Cawnpore und Lucknow, der Abstecher nach Dhayodhya, der dreiwöchentliche Aufenthalt in Lenowes und Besuch der Sanskritvorlesungen, der Abstecher nach Bhuddhagdija, endlich Kalkutta mit seinen reichen Eindrücken und die wundervolle Fahrt auf den Himalaja, zurück dann nach Allahabad, mit dem von großen Ovationen gefolgten Vortrag, weiter auf dem Wege nach Bombay der Abstecher nach Ujjayini, der zweite Aufenthalt in Bombay und der Druck meines Vedantavortrags, weiter nach Poona zu Abde, nach Madras zu Oppert und dem edlen Maharadja Vijayanagaram, weiter südwärts über Madura und Trichinapali bis zur Südspitze Indiens in Taticorin, die gefährliche Fahrt auf dem Boote zum Dampfer, die Ankunft in Colombo, die Gastfreundschaft Freudenbergs, die Auffahrt nach Candy und der Abschied von Indien am 16. März, die Ankunft in Brindisi am 1. April und die Weiterfahrt nach Neapel. Das alles muß in meinen Erinnerungen an Indien nachgelesen werden, an welche ich meine weitere Erzählung anknüpfe. In Neapel besuchte ich Formichi und fand ihn als Mittelpunkt einer reizenden italienischen Familie, mit welcher wir das Osterlamm aßen und zum zweiten Male den Vesuv besuchten, nicht unter den Schwierigkeiten wie im Jahre 1887, sondern indem ein großer gemieteter Wagen uns bis zum Observatorium brachte, wo Mutter Formichi aus den mitgebrachten Vorräten das Mahl bereitete, während wir andern, auch meine Frau, am Arm eines wackeren Führers in zwei Stunden zum Krater hinaufstiegen. Auch Pompeji wurde in Gesellschaft von Formichi und seiner Schwester besucht, wobei wir uns alle als Fremde gaben, vom Führer wie üblich ziemlich unwirsch behandelt wurden, während es in Formichi kochte, bis er plötzlich sein Inkognito brach, den Führer auf gut neapolitanisch abkanzelte. Von Neapel ging es nach Rom, wo sich für das Leben wichtige Verbindungen anknüpften. Dort hatten drei junge Italiener, Costa, Sparagna und Cuboni, in dem Hause einer Dame, die uns als Diotima noch oft begegnen wird, in einem[298] Kränzchen meine »Elemente der Metaphysik« durchgegangen und darüber brieflich einige Fragen an mich gestellt. Von Indien zurückkehrend suchte ich Costa auf; er, Musiker und Philosoph, wurde uns ein trefflicher Führer durch Rom, und er schlug vor, am 11. April eine Familie Mond zu besuchen, die droben auf Castell Gandolfo in der Sommerfrische wohnte. Hier lernte ich Dr. Ludwig Mond, den berühmten Chemiker, seine Frau Frida, die beiden Söhne Robert und Alfred kennen, sowie die mit ihnen zusammenwohnende Henriette Hertz, welche zehn Jahre später als Diotima meine nächst meiner Frau teuerste Freundin im Leben geworden ist, bis mir am 8. April 1913 und am 2. Januar 1914 beide durch den Tod geraubt wurden. Damals, im April 1893, ließ sich die Wichtigkeit dieser Verbindung noch nicht ahnen. Wir verlebten einen reizenden Tag zusammen, frühstückten, bestiegen mit Ludwig Mond den Mons Latiaris und kehrten höchst befriedigt nach Rom zurück, wo uns sehr beunruhigende Nachrichten über den Zustand meiner fast achtzigjährigen Mutter erwarteten. Eilig kehrten wir über Mailand und Mainz nach Hüsten zurück, fanden die Mutter schwer leidend, konnten noch zwei Tage lang von Indien erzählen und sie in eine heitere Stimmung versetzen, bis sie am Morgen des 17. April die Augen, welche achtundvierzig Jahre lang so treu über meinem Leben gewacht hatten, für immer schloß. Wir begruben sie am 19. April und kehrten am 21. zur Sommerarbeit nach Kiel zurück. Ein großes Fest bereitete sich für den Herbst vor, Nennas Hochzeit mit Assessor Adolf Johanssen, welche am 14. September, aber auch schon drei Tage vorher und drei Tage nachher, in Hüsten gefeiert wurde. Der Winter 1893?94 verlief wie so viele frühere. Die Vorlesungen gingen ihren geregelten Gang, nebenher ging das gesellige Leben. Wir luden ein und wurden eingeladen und verbrachten auch diesmal unsere Weihnachtsferien als Gäste meines Schwagers in Charlottenburg. Wichtiger war, daß die von unserer Freundin Miß Duff mit großem Fleiß und unter meiner persönlichen Mitwirkung entstandene englische Übersetzung der »Elemente der Metaphysik« am 15. November 1893 von Macmillan in London in Verlag übernommen wurde, und daß ich[299] am 13. Februar 1894 über den Verlag meiner »Allgemeinen Geschichte der Philosophie« mit Brockhaus den Vertrag unterzeichnete. Die folgenden Monate gingen mit dem Druck der fertiggestellten Vorrede, Einleitung und Hymnenzeit befassenden ersten Abteilung hin, so daß ich am 2. September mit einem fertigen Exemplar die Reise nach Genf antreten konnte, um dasselbe beim Orientalistenkongreß zu überreichen. Gleichzeitig mit diesen literarischen Arbeiten beschäftigten mich die Vorlesungen und das Dekanat der philosophischen Fakultät, welches ich am 23. Juni 1894 übernommen hatte. Am 2. September fuhr ich von Kiel über Frankfurt zum Orientalistenkongreß nach Genf, wo ich im gastlichen Hause meines Freundes und ersten Schülers in der Philosophie und im Sanskrit, des Professors Paul Oltramare, überaus freundliche Aufnahme fand. Am 5. September hielt ich meinen Vortrag über die Philosophie des Veda, indem ich das erste fertige Exemplar der ersten Abteilung meiner Geschichte der Philosophie dem Kongreß überreichte und zugleich Gelegenheit nahm, mich über meine Reise nach Indien und die Eindrücke derselben zu verbreiten, welche zu denen des gleichfalls anwesenden Freundes Garbe in einem mit Wohlwollen und Ironie hervorgehobenen Gegensatz standen. Der Orientalistenkongreß, welcher so glorreich angefangen hatte, erfuhr eine unerwartete Unterbrechung. Am Sonntag, dem 9. September, war ich einer Einladung nach Nyon zu Pastor Ehni, einem früheren Sanskritschüler von mir, gefolgt, kehrte am Abend in vergnügter Stimmung nach Genf in das Haus meiner lieben Wirte zurück, da kamen mir beide, Monsieur und Madame Oltramare, freudig entgegengesprungen mit dem Rufe: »Nous vous félicitons ? félicitons!« und verkündigten mir die große Neuigkeit, daß ein Telegramm aus dem fernen Kiel die heute morgen erfolgte glückliche Geburt einer Tochter gemeldet habe, auch der Name Erika war schon im Telegramm genannt und hinzugefügt, daß alles nach Wunsch verlaufen sei. Nach meinem Abendessen, bei welchem meine Wirte mir zuredeten, ruhig das Ende des Kongresses abzuwarten, da ja alles zu Hause wohl stehe, zog ich mich für eine halbe Stunde auf mein Zimmer zurück und überlegte, was zu tun sei. Gerne wäre ich[300] bis zum Ende des Kongresses geblieben, aber ich wohnte in einer Familie und mußte mir sagen, daß eine solche, trotz gegenteiliger Versicherungen, es doch als Mangel an Familiensinn empfinden würde, wenn ich bei einem solchen Ereignisse fern vom Hause bliebe. Ich kam zu dem Entschluß, daß es das schicklichste sein dürfte, abzureisen, dann aber auch mit éclat, sofort, noch am selbigen Abend. Ein Zug fuhr um Mitternacht. Da am Sonntagabend keine Leute aufzutreiben waren, so halfen mir Monsieur und Madame Oltramare mit eigenen Händen, meine Koffer nach dem Bahnhofe zu schleppen, und ich fuhr in die Nacht hinein, der Heimat zu. Natürlich erregte mein plötzliches Verschwinden auf dem Kongresse Verwunderung, und Jacobi vereinigte am folgenden Tage meine Mitsanskritisten, bei denen ich durch meine Sanskritrede am Freitag vorher in bester Erinnerung war, zu einem Bierabende und verkündigte gleichfalls in einer Sanskritrede die große Neuigkeit, welche den Freund Deussen so plötzlich den Kongreßfreuden entrückt habe. Ich dankte ihm dafür von Kiel aus in einem Sanskritbriefe und versprach, zum Lohne dafür meine Tochter seinem Sohne zur Frau geben zu wollen, und er erwiderte in derselben Sprache, daß er drei Söhne zur Verfügung habe, und daß jeder derselben es sich zur Freude und Ehre gereichen lassen werde, mein Töchterchen zu heiraten, wenn die Zeit dazu gekommen sein werde. Es war um 11 Uhr vormittags am 11. September 1894, als ich zu Hause eintraf und zum ersten Male das Angesicht meiner Tochter sah, während ich, auf die Stunde genau zehn Jahre vorher, am 11. September 1884 um 11 Uhr vormittags, bei einer von Frau Dr. Engel veranstalteten Vergnügungstour nach Potsdam zum ersten Male meine Frau zu sehen bekommen hatte. Jetzt betrachtete ich mit viel Erstaunen mein im Kinderwagen liegendes Töchterchen, wagte nicht ihre zarten Fingerchen zu berühren, aus Furcht, es könnte eines davon abbrechen, und beunruhigte mich sehr, wenn ich es aus vollem Halse schreien hörte, wie das bei kleinen Kindern doch üblich ist und nicht aus Schmerz geschieht, sondern nur um sich Bewegung zu machen und die kleinen Lungen im Einatmen des ungewohnten Elementes zu üben. Natürlich drehte sich alles im Hause um den[301] neuen Ankömmling, meine Frau mit matter Stimme versicherte mir, daß sie Erika ganz entzückend finde, und die von allen Seiten eintreffenden Glückwünsche erhöhten das stolze Gefühl, endlich einmal Vater zu sein. Als Amme hatte man für Erika ein sauberes, nettes Mädchen, namens Sophie aus Gettorf, gewonnen; das Kind ging, wie die tägliche Gewichtszunahme zeigte, einige Monate recht gut voran, dann aber entsprach das Gewicht nicht mehr den Erwartungen, wir beunruhigten uns, und der Arzt konstatierte, daß der Amme die Milch zu knapp wurde. Wir versuchten, ein Fläschchen einzulegen, aber Erika sträubte sich so heftig dagegen, daß mein Vaterherz es nicht mehr er tragen konnte; ich suchte mit Hilfe meiner medizinischen Kollegen Rettung in dieser Not und gelangte so in die Frauenklinik, wo einige dreißig junge Weiber in den Betten lagen, ein jedes mit dem zugehörigen Baby in einem Bettchen am Fußende. Hierhin begleitete ich dreimal täglich mein Töchterchen, wo sie dann bald an dieser, bald an jener sich sättigen konnte. Einmal fuhren wir mit dem Kinde im Halbschlafe vorüber, wo eine militärische Musikbande bereitstand. Der Dirigent hatte schon den Taktstock erhoben, um das Zeichen zum Blasen zu geben, als ich wie ein Löwe auf ihn losstürzte und ihm gebot zu warten, worauf er immer mit dem erhobenen Taktstock wie versteinert stehenblieb, bis wir glücklich vorüber waren. Übrigens bekam meinem Kinde die allzu frische Milch nicht sonderlich, bis es endlich gelang, eine zweite Amme, eine lange, durchtriebene Person aus Fehmarn aufzutreiben, deren Kind dasselbe Alter wie meine Tochter hatte, und bei der sie dann auch körperlich wieder normale Fortschritte machte. Übrigens war Marie, die neue Amme, so unzuverlässig wie möglich; mit jedem begegnenden Soldaten liebäugelte sie, und einmal ließ sie auf dem »Langen Segen« den Kinderwagen mit Erika mitten auf der Straße stehen, um, während dieselbe von schmutzigen Straßenkindern umspielt wurde, in einer benachbarten Kellerwohnung mit einer Freundin sich zu unterhalten. Seitdem ließ ich sie nie mehr allein mit dem Kind ausfahren, habe auf zweimaligem täglichem Spaziergange den Wagen stets selbst begleitet und oft genug, wenn es bergauf ging, ihn selbst geschoben, eine Szene,[302] welche, ohne daß wir es merkten, von mutwilligen Freunden photographiert worden war und bei einer Abendgesellschaft bei Professor Werth zu unserer Überraschung und zum allgemeinen Ergötzen unter andern Lichtbildern in vergrößertem Maßstabe erschien. Eine große Freude war es für uns, Weihnachten 1894 zu sehen, wie die Lichter des Christbaums sich in den Äuglein des erstaunten Kindes spiegelten, eine größere noch, am 31. Dezember seine Taufe zu feiern. Das ganze Haus war mit Erikasträußen dekoriert; Pastor Michaelsen taufte das Töchterchen mit einem Reste des aus Palästina mitgebrachten Jordanwassers; das Kind war schon so entwickelt, daß es den Pastor während seiner salbungsvollen Rede, in der Meinung, er wolle mit ihr spaßen, anlachte, und erst, als er ihr liebliches Gesichtchen mit dem Wasser benetzte, ging es ihr über den Spaß, und sie fing an, ein wenig zu schreien. Nachdem ich am 2. Juni 1895 meine Übersetzung der sechzig Upanishads abgeschlossen und dieselbe am 28. Juli an Brockhaus zum Druck übersandt hatte, beschloß ich, in den Herbstferien zu meiner Erholung in die Schweiz zu reisen, diesmal leider allein, da meine Frau eben erst von einem sechswöchentlichen Aufenthalte im Sanatorium zu Reinbeck zurückgekehrt war und nun bei Erika bleiben wollte. Ich verließ Kiel am 10. August, reiste über Frankfurt, Basel, Neuhausen, Zürich auf den Rigi, verbrachte eine Nacht im Nebel auf Rigikulm und wanderte dann über Brunnen, Andermatt, über die Furka nach Gletsch und Meiringen und von dort nach der großen Scheidegg, um diesmal unter besseren Verhältnissen als vor dreiundzwanzig Jahren daselbst die Nacht zu verbringen. Seit Jahren hegte ich das Verlangen, einmal die Gemmi kennenzulernen. Ich fuhr nach Spiez und wanderte über Frutigen unter immer heftiger werdenden Gichtbeschwerden weiter, bis ich abends im Klösterli, einem einsamen Wirtshaus an der Landstraße, einkehrte. Am andern Morgen saß ich hier, da die Zehe stark angeschwollen war, fest, ohne alles Gepäck, welches ich nach Leukerbad beordert hatte, aber doch wohlgemut, und betrachtete, auf der Terrasse des Wirtshauses sitzend, die Sennen und Sennerinnen, wie sie eben von der Alp mit ihren Herden herunterzogen, um ins Winterquartier zu[303] gehen. Herr Lehmann, der Wirt vom Hotel Blausee, welcher gerade abreisenden Gästen bis zum Klösterli, wo die Wagen warteten, das Geleit gab, gewährte mir dadurch nicht nur das Schauspiel einer abreisenden Gesellschaft, welches ich von der Höhe meines Standpunktes, wie von einem Sitze im ersten Rang des Theaters, beobachten konnte, sondern versorgte mich auch mit ein Paar alten Pantoffeln und einem englischen Buche, »Dr. Jekyll and Mr. Hyde« von Stevenson, welches ich, behaglich im Bette liegend, zweimal hintereinander durchlas. Am Nachmittag war ich so weit hergestellt, daß ich mit einem Retourwagen nach Frutingen fahren, dort ein Paar Filzschuhe mit festen Sohlen kaufen und, nach dem Klösterli zurückgekehrt, ein Pferd für den andern Tag bestellen konnte. Auf diesem ritt ich am nächsten Morgen, begleitet von einem Diener namens Abraham, über Kandersteg und vorbei an einem See, welcher sieben Monate im Jahre gefroren ist, zum Hotel Wildstrudel und sah von dort die 500 Meter hohe Felswand der Gemmi und unten in schwindelnder Tiefe Leukerbad vor mir liegen. Um den grausigen Abstieg auf dem schmalen, teilweise auf Terrassen herabführenden, teilweise in die Felswand geschnittenen Wege nicht allein zu machen, nahm ich Abraham mit herunter, fand in Leukerbad mein Köfferchen, sah die Badenden, wie sie stundenlang im Wasser sitzen, von schwimmenden Brettchen mit Kaffeetassen und Dominospielen umgeben, ließ mir die Geschichte von der abgestürzten schwedischen Gräfin erzählen, auf welche die Inschrift unica spes hindeutet, und genoß an dem wundervollen Abend den Mondschein, wie er erst die Berggipfel versilberte, während wir noch in tiefer Nacht lagen, bis er endlich auch zu uns heruntergelangte. Am nächsten Morgen wanderte ich die vier Stunden über Inden nach Leuk und fuhr dann mit der Bahn über Montreux und Lausanne nach Kiel zurück, wo ich am Geburtstag meines Töchterchens wohlbehalten wieder eintraf, um die Korrektur der Bogen meiner Upanishadübersetzung mit der Wonne vorzunehmen, welche mich jedesmal erfüllt, wenn ich meinen eigenen Gedanken im Drucke wieder begegne. Der Herbst 1895 und der ihm folgende Winter verliefen in gewohnter Weise; Vorlesungen und Gastereien brachten nichts[304] Neues von Bedeutung, Weihnachten erfolgte die schon zur Gewohnheit gewordene Reise nach Charlottenburg, und der April 1896 kam heran, während der Druck meiner umfangreichen Upanishadübersetzung langsam und stetig fortrückte. Am Karfreitag, es war der 3. April, erschien zu meiner Freude Carlo Formichi. Er hatte den Preis von Siena gewonnen, welcher ihm erlaubte, seine Stelle am Gymnasium aufzugeben und sich ganz den Sanskritstudien zu widmen; er blieb mit mir über ein Jahr in Kiel in fortwährendem nahen Verkehr, er besuchte meine Vorlesungen, ging nach denselben mit mir spazieren und übte sich im Deutschen, indem er mir den Inhalt der Vorlesung auf deutsch wiederholte. Als Ort unserer Unterhaltungen wählten wir mit Vorliebe die Ausstellung am Düvelsbeckerweg, welche gleichzeitig mit der großen Berliner Ausstellung tagte und infolge dieser Konkurrenz an den Vormittagen gänzlich unbesucht und der ruhigste Ort in Kiel und Umgebung war. Der 9. September 1896, Erikas zweiter Geburtstag, brachte noch eine besondere Überraschung, nämlich den Besuch des Wiwek Ananda Swami, begleitet von Kapitän und Mrs. Sevier. Diesen Swami hatte man als Probe eines indischen Heiligen zur Ausstellung nach Chikago kommen lassen, von wo aus zwei Freunde Indiens, Miß Müller und Mr. Sturdy, ihn veranlaßt hatten, nach London zu kommen und dort Vorträge über den Vedanta zu halten. Zu seiner Erholung hatten sie ihn dann nach der Schweiz geschickt, von wo aus er nach vorheriger Anfrage, ob ich zu Hause sei, am 9. September mit dem Ehepaar Sevier in Kiel eintraf. Ich zeigte ihnen, was es in Kiel zu sehen gibt, veranlagte sie, einen Tag in Hamburg zu verbringen, worauf ich dann in Bremen wieder mit ihnen zusammentraf zur gemeinschaftlichen Reise nach London. Am 12. September fuhren wir alle vier von Bremen nach Amsterdam. Da meine Reisegesellschaft nach englischer Gewohnheit eine größere Anzahl Gepäckstücke bei sich führte, wurde ein Dienstmann mit denselben beladen, der uns in ein großes Hotel gegenüber dem Bahnhof führte. Ich führte, da die andern weder holländisch noch deutsch sprachen, die Verhandlungen und verlangte zwei einzelne Zimmer und ein gemeinsames für das Ehepaar. Es waren aber nur zwei[305] Zimmer da, jedes mit zwei Betten, und da ein Wechsel des Hotels mit all dem Gepäck nicht wohl ausführbar war, mußte ich mich wohl oder übel entschließen, mit dem braunen Bruder aus dem Osten dasselbe Zimmer zu teilen, nicht ohne Bedenken, da mir von meiner indischen Reise her die Lebensgewohnheiten der Inder noch wohlbekannt waren. Als ich mit dem heiligen Mann mein Zimmer bezogen hatte, um schlafen zu gehen, war sein erstes, daß er seine kurze englische Stummelpfeife ansteckte, und es blieb mir nichts übrig, als Tür und Fenster aufzureißen und ihm eine kleine Vorlesung zu halten über die Schädlichkeit, in einem raucherfüllten Zimmer zu schlafen. Er sprach sehr gut Sanskrit und ebensogut englisch, war von lebhaftem, gewandtem, etwas stürmischem Wesen, ein junger Mann, strotzend von Gesundheit, mit vollen rosigen Wangen, sehr verschieden von dem, wie wir uns einen Heiligen vorstellen. Und allerdings sind diese indischen Heiligen über alle Gebote der Kasten erhaben, essen Fleisch, trinken Wein, und wenn wir am folgenden Tage ein Restaurant besuchten und wir andern bei den enormen Preisen uns mit einer Portion begnügten, so nahm er deren wohl zwei, welches alles, da er als Heiliger kein Geld haben durfte, von dem englischen Ehepaare für ihn bezahl wurde. »Sie sind mir ein schöner Heiliger,« sagte ich einmal zu ihm, »Sie essen gut, trinken gut, rauchen den ganzen Tag und lassen sich nichts abgehen.« Er erwiderte in Sanskrit: »Ich halte mein Gelübde.« ? »Und worin besteht Ihr Gelübde«, fragte ich. ? »Es fordert von mir nur kama ? kancana ? viraha, Verzicht auf Liebe und Gold.« Nun, auf Gold konnte er leicht verzichten, da alles von andern für ihn bezahlt wurde, und was die Liebe betrifft, so traue ich ihm wohl zu, daß er, wie so mancher junge, von Gesundheit strotzende katholische Geistliche ehrlich bestrebt war, den Kampf mit Fleisch und Blut tapfer zu bestehen, wiewohl er bei unserm abendlichen Spaziergang durch die Kälberstraße für die vorüberschwebenden und uns freundlich zulächelnden Sylphen ein etwas beunruhigendes Interesse bekundete. Wir besuchten am andern Tag noch das Reichsmuseum, fuhren nach Hoek van Holland und schifften uns nach England ein. Wir wohnten getrennt, trafen aber alle Tage zusammen[306] und unternahmen vieles gemeinsam. Ich wurde durch Wiwekanada mit seinen beiden Protektoren, Mr. Sturdy und Miß Müller, bekannt, welche beide nicht uninteressant waren. Miß Müller wohnte in Wimbledon, wo wir bei ihr frühstückten. Sie hat sich dadurch berühmt gemacht, daß sie sich weigerte, ihre Steuern zu bezahlen, ehe die Frauen das Stimmrecht erhielten. Sie wurde gepfändet, wiewohl sie sich in ihrem Haus verbarrikadiert hatte. Am andern Tag wurden ihr von unbekannter Hand die gepfändeten Silbersachen wieder zurückgestellt. Dort in Wimbledon war es auch, wo mir Mr. Sturdy seine romantische Lebensgeschichte erzählte. Im Alter von zwanzig Jahren hatte er seinem Vater erklärt, in die weite Welt gehen zu wollen. Dieser gab ihm eine mäßige Summe Geldes, und Sturdy begab sich zunächst nach Neuseeland, wo er seine Mittel dadurch erhöhte, daß er Herden von 3000 Schafen vom Innern der Insel nach der Küste trieb und für jedes Schaf einen Schilling erhielt, wovon er dann einige ihn zu Pferde begleitende Knechte zu besolden hatte. Dann ging er nach Australien, kaufte ein großes bewaldetes Terrain, fällte mit eigener Hand die Riesenbäume und steckte das Ganze in Brand; ein ungeheures Feuer verzehrte das Holz und nun verkaufte er das Terrain an Farmer, welche in der Asche ihr Getreide zogen. Durch dieses wiederholt geübte Verfahren war er zu einem ziemlichen Vermögen gelangt, mit welchem er nach England zurückkehrte, in der Absicht, dort seine Angelegenheiten zu ordnen, um dann nach Indien zu gehen und in den Einöden des Himalaja den Yoga zu üben. Ehe es dazu kam, verfiel er in eine schwere Krankheit, wurde von einer lady nurse gepflegt, ging, nachdem er sie reichlich beschenkt hatte, nach Indien, kehrte nach einiger Zeit zurück, um dann wieder dorthin zu gehen. Als er aber bemerkte, wie das arme Mädchen, früher frisch und blühend, zufolge seiner Absicht, sie wieder allein zu lassen, dahinschwand, wurde er von Mitleid ergriffen und hat sie aus Mitleid, wie er mir selbst erzählte, geheiratet. Sie war frisch und lebenslustig, er selbst ganz der Askese ergeben, und wenn beide uns in ein Restaurant in London einluden, bestellte sie Fisch und Braten und Wein und süße Speisen für uns, während er sich mit einer Portion Gemüse und Mineralwasser begnügte.[307] Sie schenkte ihm zwei Kinder, Mary und Ambros, und starb. Er engagierte zu ihrer Erziehung eine Frau Brüning, die von ihrem Manne verlassen war, und sie erzog ihre beiden Kinder mit den seinen. Ich habe ihn später einmal mit Erika auf seinem schönen Landsitz Burton Bredstock besucht; an dem einen Ende der Tafel speiste Frau Brüning mit ihren beiden Kindern, aß Fleisch und trank Wein, während er an dem andern Ende mit Mary und Ambros streng vegetarisch lebte und sich dabei sehr wohl befand. Ich begleitete ihn auf seinen Spaziergängen und dies war für mich eine höchst willkommene Gelegenheit, in den umliegenden Dörfern das Leben der englischen Bauern, welches ich bis dahin nur aus George Eliots »Adam Bede« gekannt hatte, aus eigener Anschauung kennenzulernen und mit dem mir so wohlbekannten Leben des deutschen Bauernstandes zu vergleichen. Dieser Besuch auf Mr. Sturdys Landgut fällt in eine spätere Zeit, in die Jahre 1907 oder 1908, wo ich mit Frau und Tochter wieder einmal in England weilte. Zurückkehrend zu meinem Aufenthalt in England im Jahre 1896 habe ich noch zu berichten, daß ich hier zum letzten Male im Leben mit dem durch gemeinsame Studien mir so nahestehenden Max Müller zusammentraf. Als er von meiner Anwesenheit in London erfuhr, lud er mich ein, am 30. September 1896 in der Indian and Ceylon Exhibition in London am Nachmittag mit ihm zusammenzutreffen und am Abend bei Reverend Maclure mit ihm zu speisen. Das erstere nahm ich an, das letztere mußte ich ablehnen, da es nach englischer Sitte ebenso unmöglich war, am Tage in der Ausstellung im Frack, wie am Abend zum Diner ohne Frack zu erscheinen, ein Wechsel des Anzugs aber bei der großen Entfernung meiner Wohnung im Norden von London von den beiden Treffpunkten unmöglich war. Um 3 Uhr kam ich zur Ausstellung, wo einige vom Ausstellungskomitee zu Ehren Max Müllers sich in einem bestimmten Zimmer versammelt hatten. Ich wurde sehr freundlich empfangen, und wir besichtigten unter Führung des Komitees die Ausstellung, wobei vieles gezeigt wurde, was gewöhnlichen Besuchern verborgen bleibt, wie z.B. die inneren Einrichtungen und Maschinerien, welche für ein großes Panorama dienten. »Warum wollen Sie heute abend nicht[308] bei uns speisen?« fragte Mr. Maclure. ? »Die Wahrheit zu sagen,« erwiderte ich, »weil ich keine Zeit habe, nach Hause zu fahren und mich in Frack zu werfen.« ? »Oh,« sagte Mr. Maclure, »kommen Sie doch wie Sie sind, wir sind nur fünf Personen und wir wollen alle ohne evening dress speisen.« Dies nahm ich an, besuchte nach der Ausstellung noch einen Five o'clock tea bei Mr. Gupta, einem höheren Richter aus Kalkutta, und fand mich dort mitten in London in einer großen Gesellschaft, vielleicht vierzig Personen, welche aus lauter indischen Herren und Damen bestand. Am meisten interessierte mich Mr. Gupta und seine Familie, bestehend aus seiner netten, frischen Frau Saudamani (der Blitzt) und drei Töchtern im Alter von sechzehn bis neunzehn Jahren, drei frischen Mädels mit brauner Gesichtsfarbe und langen, schwarzen, herabhängenden Haaren, welche mir ihre Namen: Danalata (Waldranke), Carulata (schöne Ranke) und Lalitalata (liebreizende Ranke) eigenhändig auf ein Blättchen schrieben, das ich als Andenken noch lange bewahrt habe. Einige Tage nach dem schönen Zusammensein bei Maclure fuhr ich mit Formichi nach Paris; auch Miß Duff hatte ich eingeladen, uns als mein Gast für eine Woche dorthin zu begleiten. Wir fuhren nach Newhaven, dann, diesmal bei selten schönem Wetter, über Dieppe direkt nach Paris, wo wir einige schöne Tage verbrachten, freilich mit Hindernissen, und dieses Hindernis war der Zar von Rußland. Im Hotel waren die Preise gerade doppelt so hoch wie sonst, wofür wir dann den Genuß hatten, eines Abends eine feenhafte Illumination zu sehen. Öfter fanden wir die Sehenswürdigkeiten geschlossen, weil am nächsten Tage der Besuch des Zaren erwartet wurde, für dessen Sicherheit man nicht vorsichtig genug sein zu können glaubte. So kehrten wir eines Tages vom Grab Napoleons vor der verschlossenen Tür zurück und wanderten am südlichen Ufer der Seine entlang, als plötzlich der Weg vor uns gesperrt war. Man erwartete den Zaren, eine Reihe Soldaten hatte schon Spalier gebildet und ein unternehmender Kopf hatte dicht hinter ihnen durch ein über zwei Bierfässer gelegtes Brett eine Art erhöhter Tribüne gebildet und verkaufte den Stand auf derselben für fünfzig Centimes à Person.[309] Wir nahmen das Anerbieten an, und kaum waren wir hinauf gestiegen, als auch der Zug nahte, den wir aus nächster Nähe bequem übersehen konnten. Voran sprengten Kürassiere mit blitzendem Harnisch, mit hocherhobenen mächtigen Revolvern. Dann folgte der offene Wagen, in welchem der Zar in prächtiger Uniform und neben ihm der Präsident Felix Faure in einfachem schwarzen Gehrock saß. Eine lange Suite von Wagen folgte, und wir konnten, nur durch eine Reihe Soldaten von ihr getrennt, von unserm erhöhten Standorte aus alles aufs bequemste übersehen. Der Winter 1896?87 verlief in gewohnter, mit geselligen Zerstreuungen untermischter Tätigkeit. Im Vordergrunde stand meine Übersetzung der sechzig Upanishads. Am 17. Januar war der mühevolle Index beendet, am 19. Februar wurde das letzte Imprimatur erteilt und am 15. Mai konnte ich das Erscheinen meiner Upanishadübersetzung feiern. Inzwischen war mir eine neue Aufgabe zugefallen und nahm den größten Teil meiner nur eine kurze Erholungsreise nach Hüsten und Heinsberg gestattenden Osterferien in Anspruch. Die Schusterinnungen Deutschlands hatten sich zusammengetan, um für ihren Handwerksgenossen Jakob Böhme im Görlitz ein Denkmal zu stiften, die nötigen Mittel sollten teilweise durch Vorträge in den verschiedenen Städten zusammengebracht werden, und mir wurde durch Schuster Ortmann der ehrenvolle Auftrag zuteilt, einen solchen Vortrag vor den Kieler Handwerkern in der Harmonie zu halten. Ich schaffte mir die siebenbändige Ausgabe der Werke des Philosophen von Schiebler an, arbeitete mich hinein und verfaßte mit vieler Freude an der Sache meine Abhandlung über Jakob Böhme, in welcher ich, getreu den in meiner Geschichte der Philosophie befolgten Grundsätzen, aus dem traditionellen Element das Originelle, aus dem Wuste mißverstandener und halbverstandener Traditionen den bleibenden Kern herauszuschälen suchte; er besteht darin, daß Böhme den Schwerpunkt von Gott weg in die Seele verlegt; Gott ist für ihn nur die in sieben Qualitäten ausgespannte Möglichkeit des Bösen und Guten, die Seele aber wohnt in der vierten mittleren Qualität, von welcher aus sie sich frei schwingt, entweder in das Reich des Grimmes und der Finsternis (Qualität 1?3) oder in das triumphierende[310] Freudenreich Gottes (Qualität 5?7), welche beide in Gott liegen. ? Ich ließ die Schrift drucken und beim Halten des Vortrags verteilen, welcher am Abend des 8. Mai unter reicher Beteiligung von seiten der Handwerker und einer nur sehr mäßigen Teilnahme von seiten der Universitätskollegen verlief. Unter dem Eindruck dieser Arbeit beschloß ich, die Pfingstferien zu einem Besuche in Görlitz zu verwenden. Am 4. Juni fuhr ich mit Frau und Töchterchen nach Berlin, ließ beide im Hause Perels zurück und radelte noch am selben Tage mit Leopold Perels als Reisegefährten bis Glasow, wo wir in dem zum Übernachten einzig vorhandenen Mansardenzimmer des Dorfwirtshauses die Nacht zubrachten und am andern Morgen nach Berichtigung der mit Kreide auf den Tisch geschriebenen Hotelrechnung weiter bis nach Lübben fuhren. Den Morgen des ersten Pfingsttages verbrachten wir zu Lübbenau mitten im Spreewalde und sahen mit Vergnügen, wie in diesem deutschen Venedig alle Welt von den alten Frauen bis zu den kleinen Mädchen herunter in ihren Kähnen die hier die Fahrwege vertretenden Kanäle belebten. Zu Mittag waren wir in Kottbus, am Abend in Spremberg, und der Pfingstmontag führte uns über Muskau nach Görlitz, wo wir im Hotel abstiegen und von Bürgermeister Heyne, einem Mitschüler der Pforta, mit offenen Armen aufgenommen wurden. Der folgende Tag wurde zunächst dem gemeinsamen Besuche des Kirchhofs mit den Gräbern von Jakob Böhme und der 1807 von Goethe geliebten und zuletzt in geistiger Umnachtung gestorbenen Minna Herzlieb gewidmet. Ihr Grab trägt die Inschrift: »Goethes Liebe verklärte dereinst die rosige Jugend, Goetheliebe, sie schmückt jetzt das erlösende Grab.« Weiter wurden das damals noch stehende, jetzt leider abgerissene Wohnhaus Böhmes an der Neiße und die für sein Leben denkwürdigen Stätten des Rathauses und der Landskrone wie auch die Vorstände der Schusterinnung besucht und am 9. Juni nach Berlin zu Perels zurückgekehrt. Der Sommer 1897 verlief in gewohnter Weise. Die Gesundheit meiner Frau hatte sich so erfreulich gekräftigt, daß ich ihr am 22. Juli ein Rad kaufte und mit ihr in der nächsten Zeit[311] mehrere Touren unternahm. Die Herbstferien führten uns am 12. August zunächst nach Hüsten, wo ich mich eine Woche lang mit einem stärkeren Anfall der Gicht abquälte, dann aber als beste Kur am 23. August mit Werner bis nach Siegen radelte. Während er weiter nach Österreich fuhr, kehrte ich allein nach Hüsten zurück. Da Anna sehr elend war, beschlossen wir, sie nach Drieburg ins Bad zu begleiten. Ich fuhr am 25. August mit meiner Frau voraus, um die Sache vorzubereiten, ließ sie schon in Drieburg zurück, kam in der Nacht, mit dem Vorderrade im Dunkeln den Weg tastend, nach Hüsten zurück und brachte am nächsten Morgen früh die ganze Gesellschaft mit Sack und Pack nach Drieburg, von wo aus ich mit meiner Frau einige angenehme Touren zu Rad unternahm. Am 2. September, auf St. Sedan, wie ich zu sagen pflegte, ließen wir die dreijährige Erika mit ihrem Kindermädchen Emma unter Annas Schutz zurück, und ich fuhr mit meiner Frau über Sonnborn?Elberfeld nach Paris zum Orientalistenkongreß, welcher, wie üblich, unter vielen Festlichkeiten verlief. Am 6. September war Empfang beim Kultusminister Rambaud. Die zweihundert Geladenen mußten ihre Mäntel und Hüte durch ein kleines Fenster in eine Portierloge reichen, und als nach einem schönen unterhaltenden Abend alle wie es zu geschehen pflegt, ungefähr gleichzeitig aufbrachen, entstand vor der Portierloge eine heillose Konfusion. Immer wurde irgendein Stück herausgereicht, während der Eigentümer nicht zu finden war, und hundert andere in großer Toilette in den engen Raum zusammengedrängt vergebens nach ihren Sachen verlangten. »Hiernach zu schließen,« bemerkte Kollege Oldenberg sehr gut, »würden wir den nächsten Krieg gewinnen müssen.« Am 9. September hielt ich im großen Saale der Sorbonne den Vortrag über meine Upanishadübersetzung, natürlich auf französisch, welches mir seit der Genfer Zeit all mein Leben sehr geläufig geblieben ist. Der Kongreß zu Paris 1897 hatte mit einem glänzenden Festmahl in den Räumen des Hotels Continental geschlossen. Ich hatte unter den Franzosen viele neue Freunde gefunden, und einer derselben Professor Finot, fuhr zu Rad mit mir und meiner Frau am 12. September nach Versailles, wo wir nicht versäumten,[312] auch das Trianon und den Hamar de Marie Antoinette zu besuchen, wo eine reizende Gruppe von niedlichen kleinen Häusern, einer Kirche, Mühle, Molkerei, Bürgermeisterei usw. an die Schäferspiele erinnerten, zu welchen sich die überfeine Hofgesellschaft vor dem Ausbruche der Französischen Revolution hier in idyllischer Waldeinsamkeit zusammenzufinden pflegte. Wir fuhren nach Brüssel, wo uns Dr. Nyssens empfing. Nyssens, jetzt Dr. med., hatte schon seit vielen Jahren an einer französischen Übersetzung meiner »Elemente der Metaphysik« gearbeitet, sie war endlich fertig geworden und ich beschloß, während meine Frau nach Kiel zum Kinde vorausfuhr, den Monat Oktober in Brüssel zu verbringen und die Übersetzung mit Nyssens durchzugehen. Zur Erholung von der Arbeit besuchten wir gelegentlich die gerade tagende Weltausstellung, welche in einiger Entfernung von Brüssel in Tervüren aufgebaut war; daß eine Straßenbahn dahin führte, war in der Ordnung, aber daß diese Bahn auch innerhalb des Festplatzes rundherum geführt wurde, störte sehr den ruhigen Genuß der links und rechts von ihr ausgestellten Sehenswürdigkeiten und erklärt sich nur aus einem Mangel an Geschmack, den ich, im Gegensatz zu den Franzosen, bei den Belgiern oft bemerkt zu haben glaube. Eine Hauptanziehung bildeten zwei nebeneinander stehende Brutanstalten; in der einen sah man hinter Glas 5000 Hühnereier in Brutwärme und konnte beobachten, wie alle fünf Minuten ein Hühnchen aus dem Ei auskroch, das andere war eine Brutanstalt für Kinder, eine Couveuse d'enfants. Hier wurden zu früh geborene Kinder schon vom sechsten Monat an in einem sorgfältig temperierten und stets mit frischer, reiner Luft versorgten Raume unter Glas gehalten und aufgepäppelt; ob damit der Menschheit und nicht am wenigsten den armen Kinderchen selbst eine Wohltat erwiesen wird, läßt sich billig bezweifeln. Unter den Geselligkeiten des nächsten Winters verdient besondere Erwähnung nur das Fest, welches ich am 28. Februar 1895 zu Schopenhauers 110. Geburtstag in der Seebadeanstalt gab Viele Herren und Damen, im ganzen 110, hatten die Einladung angenommen, und die damals zahlreichen Damen meines Kollegs, meist Professorenfrauen, hatten ein Festspiel gedichtet, jede Dame[313] ihre eigene Rolle, und brachten es an diesem Abend in einer auf meine Veranlassung errichteten Bühne zur Aufführung. Der Titel war: »Erika im Reiche der Philosophie.« Erika, dargestellt durch die reizende Frau Professor Staeckel, im niedlichen Kinderkostüm, befindet sich im Studierzimmer ihres abwesenden Vaters, umstanden von den die verschiedenen Philosophien repräsentierenden Damen in entsprechendem, charakteristischem Kostüm. Um sich die Langeweile zu vertreiben, berührt sie mit Vaters Zauberstab eine der Philosophien nach der andern, die indische Philosophie, vorgestellt durch Frau Professor von Starck, die ägyptische durch Frau Professor Braitmaier, die griechische durch Fräulein Jenny Jensen, die mittelalterliche durch die sehr komisch kostümierte Frau Professor Erdmann und die neuere durch Frau Professor Milchhöfer, wobei dann jede in geschmackvollen Versen dem Kinde Rede und Antwort zu stehen und vorzubringen wußte, was sie im Kolleg verstanden und behalten hatte. An die griechische Philosophie richtet Erika unter anderm die Frage: »Was ist die Liebe?« und erhält zur Antwort: »Dafür bist du noch zu jung!« ? Weiter erschien, angeführt von meinem Schüler im Sanskrit Dr. Walter, eine Deputation in indischem Kostüm, hielt eine Ansprache in Sanskrit und überreichte zum Schluß eine große, von Maler Ölwein ausgeführte, noch jetzt in meinem Treppenhaus hängende Tafel, welche Schopenhauer darstellt, wie er als Asket mit abgezehrten Gliedern in der Waldeinsamkeit sitzt, wie die wilden Tiere ihn umschmeicheln und ihm huldigen und wie die Göttin Sarasvati, auf einem Boote heranfahrend, ihm ihre Offenbarungen mitteilt. Ein an das Festmahl und die Vorstellungen sich anschließender Tanz fesselte die Gäste bis lange nach Mitternacht. Ende August fuhr ich, während meine Frau, ein wichtiges Ereignis erwartend, in Kiel blieb, zu meiner Erholung nach Hüsten, welches freilich diesmal keine sonderliche Erholung sein sollte. Nach Fertigstellung der französischen »Elements de la métaphysique« hatten wir sie dem Hauptverleger philosophischer Werke in Frankreich, Alcan in Paris, zum Verlag angeboten. Seine ablehnende Antwort war sehr charakteristisch. Metaphysik, schrieb er etwa, ist ein Artikel, der heutzutage wenig gangbar[314] ist, und soweit noch Nachfrage darnach besteht, ist der Markt mit metaphysischen Schriften ausreichend versorgt, um den Bedarf zu decken. Auf Brockhaus' Rat wandten wir uns jetzt an Perrin et Co. in Paris, erboten uns 1000 Franken zuzuzahlen, und er übernahm den Verlag. Eben war ich in Hüsten angelangt, als kurz nacheinander wie ein Platzregen sämtliche Korrekturbogen mich überfielen, und nun saß ich bis 1 Uhr nachts auf der Terrasse meines Bruders mit der Umarbeitung beschäftigt. Ich sage Umarbeitung, denn die Lektüre überzeugte mich, daß das Buch dank meiner Mitarbeit des vorigen Jahres in Brüssel zwar dem Sinn nach nichts zu wünschen übrigließ, aber in dieser Form für den französischen Geschmack sehr ungenießbar sein würde. Ohne langes Besinnen ging ich daran, Seite für Seite den Text zu glätten, so daß wenig von der alten Form bestehen blieb. So ist es ein recht lesbares Buch geworden, welches mir weniger in dem halb bigotten, halb freigeistigen Frankreich, um so mehr aber in Italien und Rußland zahlreiche Freunde erworben hat. Über dieser Arbeit verstrichen die Herbstferien des Jahres 1898. Am 28. September fuhr ich mit Anna und Johannes, der uns bis Münster begleitete, von Hüsten ab und langte am 29. September mit Anna in Kiel an, wo sie im Monat Oktober meiner Frau in ihrem Zustande eine willkommene Gesellschaft und Hilfe bot, während ich mich Tag für Tag mit der Korrektur der Druckbogen meiner französischen Elemente herumschlug. So nahte der 21. Oktober 1898 heran; ich hatte gehofft, daß es der 22. sein würde, an dem so viele berühmte Männer geboren sind (Bacon, Lessing, Byron und Zeller am 22. Januar, Schopenhauer 22. Februar, Kaiser Wilhelm I. 22. März, Kant 22. April, Wagner 22. Mai), aber Sache war nicht weiter aufzuhalten. Alles war aufs beste vorgesehen, Wärterin und Frauenarzt waren zugegen, den Nachmittag und Abend unaufhörliches Stöhnen meiner Frau, dann plötzlich alles still, sie war chloroformiert worden, und abends fünf Minuten vor 10 Uhr der laute Schrei eines Kindes, welcher zu mir drang ins Nebenzimmer, und der Ruf des Arztes, den die Wärterin an mich und ich an die unten harrende Schwägerin und eine Freundin weitergab: Ein[315] lebender Junge! Selten habe ich in meinem Leben ein Entzücken empfunden wie in diesem Augenblick. Am nächsten Morgen betrat ich, die vierjährige Erika auf dem Arm, das Wochenzimmer, und da lag, immer noch matt aber glückselig lächelnd, meine Frau, in ihrem Arm Wolfgang und in seinem Arm eine große Storchtüte mit Süßigkeiten, welche er dem Schwesterchen vom Himmel mitgebracht hatte. Ich war gespannt, zu sehen, welchen Eindruck dieser Anblick auf Erika machen würde; sie tat, was, wie ich vermute, alle Naturmenschen im Augenblicke der höchsten Überraschung und des Staunens zu tun pflegen, ? sie lachte. Von nun an konnte sie täglich bei ihrem Mütterchen aus- und eingehen und an dem Brüderchen ihre Freude haben. Schon während der Weihnachtszeit hatte Erika angefangen zu husten; wiederholt konsultierte ich den Arzt, ohne daß er der Sache Bedeutung beimaß. Als ich aber am 27. Januar vom Kaiserdiner zurückkehrte, kam mir das Kindermädchen Emma mit der Vermutung entgegen, daß bei Erika, wie sie glaube, der Keuchhusten im Anzuge sei. Diese Nachricht erfüllte mich mit schwerer Sorge, nicht so sehr für Erika, denn ein vierjähriges Kind überwindet den Keuchhusten leicht, um so mehr aber für den drei Monate alten Wolfgang. Sofort trennte ich beide Kinder, quartierte Erika am nächsten Tage bei meiner Schwester in der Waißstraße ein, aber es war schon zu spät, auch Wolfgang fing an zu husten; in diesem Alter aber bedeutet der Keuchhusten eine Lebensgefahr, da das Kind leicht ersticken kann, auch bei sorgfältigster Überwachung. Diese konnten wir der Amme Christine, einem ungebildeten, übrigens aber treuem Meiereimädchen, nicht anvertrauen. Ich beschloß in Gemeinschaft mit meiner Frau das Kind die Nächte durch selbst zu bewachen, und wir haben dies den ganzen Monat Februar, einen der schwersten meines Lebens, durchgeführt. Bis 2 Uhr nachts hatte ich das Kind in meinem Zimmer, las neben ihm sitzend teils Rigveda, teils den Faust, den ich in dieser Zeit erst recht liebgewann, und wenn ein Hustenanfall kam, ich zählte in der schlimmsten Zeit deren nicht weniger als neunzehn in einer Nacht, sprang ich zu, richtete das Kind auf, klopfte ihm den Rücken und war gerührt durch den dankbaren Blick, den es mir zuwarf.[316] Um 2 Uhr schob ich Wolfgang zu meiner Frau hinüber, weckte sie und übergab ihr die Wache für den Rest der Nacht, während ich selbst schlafen ging. Zum Glück war bei allem Husten das Erbrechen nur mäßig, sonst hätten wir das zarte Kind wohl kaum behalten. Inzwischen hatte Erika den Keuchhusten in seiner ganzen Heftigkeit durchgemacht, ohne daß sie einen dauernden Schaden davongetragen hätte. Zur Erholung fuhr ich im April mit Erika nach Hüsten und ließ sie dort, während ich mit meinem Neffen Willy eine Radfahrt über Heinsberg nach Brüssel machte. Hierbei kamen wir gleich hinter der Grenze nach Exaeten, wo eine Jesuitenkolonie sich angesiedelt hatte, immer bereit, nach Deutschland einzudringen, sobald ein Gesetz ihnen dieses erlauben würde. Von Exaeten pflegte der Jesuitenpater Dahlmann die Vorreden zu seinen Schriften über die indische Philosophie zu datieren, und ich beschloß, ihn dort aufzusuchen, ließ meinen Neffen in einem gegenüberliegenden Wirtshause, wo er mit holländischen Bauern sich mit Hilfe seines rheinländischen Plattdeutsches unter hielt, und ließ mich bei den Jesuiten anmelden. Da Pater Dahlmann nicht anwesend war, sondern sich inkognito in Berlin aufhielt, ließ ich mich beim Rektor melden. Während ich im Empfangszimmer ein großes Bild des Ignatius von Loyola betrachtete, erschien der Rektor, ein altes, verhutzeltes Männchen mit einer Brille auf der Nase, und bot mir ein Glas Wein an. Ich lehnte es ab, in der Hoffnung, daß er es nochmals anbieten werde, denn ich hätte gar zu gern von dem Wein der Jesuiten gekostet, aber er war zu höflich, sein Anerbieten zu wiederholen. Ich sagte ihm von Dahlmann so viel Gutes, wie ich es seinen Arbeiten über die indische Philosophie gegenüber nur irgend verantworten konnte, und empfahl, ihn auf den bevorstehenden Orientalistenkongreß nach Rom zu schicken. Später habe ich ihn in Berlin aufgesucht, wo man ihm im Katholischen Krankenhause ein Zimmer zur ungestörten Benutzung überlassen hatte. Hier saß er, ein zarter, etwas schüchterner junger Mann, umgeben von seiner Sanskritbibliothek, und konnte sich nach Herzenslust seinen Sanskritstudien hingeben. Wenn die Jesuiten einen Mann von Fähigkeit unter sich haben, so pflegen sie seine Bestrebungen in jeder Weise zu unterstützen und zu fördern.[317] Inzwischen waren meine französischen »Elements da la métaphysique« und meine die Upanishadzeit behandelnde zweite Abteilung der Geschichte der Philosophie erschienen, und ich rüstete mich zum Orientalistenkongreß in Rom, um mit einem Vortrage das letztere Werk zu überreichen. Am 22. August verließ ich Kiel und begab mich zunächst nach Frankfurt, um als Gast meines Freundes Reinhardt, damaligen Direktors des Goethegymnasiums, die hundertfünfzigste Wiederkehr von Goethes Geburtstag mitzufeiern. Karl Reinhardt sorgte auf das beste für mich, verschaffte mir einen Platz an der Ehrentafel und tat sein möglichstes, mir von den fast zu reichlich gebotenen Genüssen, dem Festakte, dem Monstrekonzert im Hippodrom, dem Festzuge, dem vom Goethegymnasium aus sich in Bewegung setzenden Fackelzuge und der Illumination, nichts entgehen zu lassen. Mit ihm und Freund Gjellerup, der auf meine Bitten von Dresden herbeigeeilt war, speiste ich Schopenhauer zu Ehren im Englischen Hofe, aber sehr verletzt fühlten wir uns alle drei, zu sehen, daß man den Speisesaal, in welchem der siegreich Vollendete seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte, durch eine Zwischenwand in zwei kleinere, dem gemeinen Dienste des Lebens überantwortete Räume zerlegt hatte und daß das Ölbild des Meisters verschwunden war. Noch einmal habe ich in späteren Jahren mit Amtsgerichtsrat Auerbach und Dr. Pfungst, dem leider so früh Verstorbenen, Schopenhauer zu Ehren in dem neuen Englischen Hofe gespeist, aber es war kaum eine Ehrung zu nennen, da ja von dem durch Schopenhauers Besuch geweihten Hause nichts als der Name übriggeblieben ist. Damals, 1899, führte mich Karl Reinhardt auch in das Atelier, wo der Bildhauer Schierholz die Büste zum Frankfurter Schopenhauerdenkmal in Gips ausführte. Ich äußerte den Wunsch, die von ihm modellierte Kolossalbüste später einmal zu erwerben; sie wurde mir nach dem Tode des Künstlers für ein mäßiges angeboten und jetzt bin ich stolz darauf, in meinem Hause nicht eine Kopie des Frankfurter Denkmals, sondern das Original zu besitzen, von welchem das unter meiner Mitwirkung entstandene Denkmal in den Frankfurter Anlagen eine Kopie ist. Damals, es war noch zu meiner Berliner Zeit, hatte ich Professor Wilhelm[318] Dilthey gebeten, unserm Komitee beizutreten, erhielt aber zur Antwort: »Ich soll einem Komitee zur Errichtung eines Denkmals für Schopenhauer beitreten, für den Mann, der meine Kollegen so schlecht behandelt hat? Nimmermehr!« Ihm war die Kollegialität wichtiger als die Pflicht, dem größten philosophischen Genius seines Zeitalters zu der gebührenden Anerkennung zu verhelfen. Die Frankfurter Goethetage des Jahres 1899 waren verrauscht, und ich fuhr auf einigen Umwegen nach Rom. Hier überreichte ich auf dem Orientalistenkongreß die zweite Abteilung meiner »Geschichte der Philosophie« und sprach dabei über die Bedeutung, welche die Upanishads des Veda nicht nur für ihre Zeit hatten, sondern für alle künftigen Zeiten behalten werden. Aus den Zeitungen hatte Angelo Conti, damals ispettore dei monumenti zu Florenz, von meinem Vortrag gelesen und bat mich, ihn auf der Rückreise zu besuchen. Gern erfüllte ich diesen Wunsch, er führte mich in seine Familie ein, welche auf der Höhe gegenüber Fiesole wohnte, und es hatte für mich einen hohen Reiz, ein italienisches Familienleben kennenzulernen und mit Conti, seiner Frau und seinen Kindern an einem Tische zu speisen, in dessen Mitte eine Riesenflasche mit Chiantiwein in einem Gestell hing, aus welcher jeder durch Neigung der in Angeln ruhenden Flasche den gewünschten Wein in sein Glas laufen ließ. Beneidenswert war auch die Besichtigung der Sammlungen von Florenz unter Contis Führung, welcher die zur Schonung verhängten Gemälde für mich enthüllen ließ und erklärte, zu meiner großen Freude, und doch hätte ich sie lieber dem gegönnt, welcher vielleicht nicht ein besseres Verständnis, aber bessere Augen besaß, um diese Herrlichkeiten würdig zu genießen. Da Conti einen Bericht über meinen Vortrag zu Rom für eine Zeitschrift in Florenz wünschte, so setzte ich mich eines Abends im Hotel hin und schrieb unter dem Klappern der Teller und dem Lärm der Gäste meinen Vortrag italienisch nieder, welchen Conti mit geringen Verbesserungen am nächsten Tage erscheinen ließ. Es war für mich eine willkommene Gelegenheit, auch einmal einen Artikel in italienischer Sprache zu publizieren. Am Abend des 23. Oktober nahm ich von dem schönen Florenz und so manchen lieben Freunden Abschied, traf am[319] nächsten Abend in München und am Morgen darauf im besten Wohlsein in Berlin ein, wo Frau und Tochter mich im Hause meines Schwagers erwarteten. Hier aber zeigten sich die ersten Vorboten des Unheils, des schwersten, welches mich bisher im Leben getroffen hat. Ich lag behaglich auf dem Sofa, hatte meine Brille abgesetzt und griff nach der Zeitung; da entdeckte ich in der Mitte des rechten Auges einen runden, smaragdgrünen Fleck, bestehend in einem ziemlich starken Bluterguß in der Retina. Nach Kiel zurückgekehrt, konsultierte ich sofort den Augenarzt; er empfahl heiße Fußbäder und hoffte, daß der Bluterguß in einigen Monaten aufgesogen sein werde. Das Auge wurde beim Lesen gedeckt gehalten und so mußte das linke Auge die Arbeit allein verrichten. Ich hatte gerade in diesem Winter viel zu lesen, zunächst weil ich zum ersten Male mein Faustkolleg vortrug, dann auch, weil ich die Rezension von Eduard von Hartmanns »Geschichte der Metaphysik« übernommen hatte. Das Rezensieren ist für mich von jeher ein undankbares Geschäft gewesen, denn ich pflegte die Bücher mit einem großen Zeitaufwand wirklich durchzulesen, und dann fiel das Urteil meist nicht sonderlich günstig aus und war nicht geeignet, mir Freunde in der Welt zu gewinnen. Ich habe es denn auch bald darauf ganz aufgegeben. So wurde während des Winters von 1899. auf 1900 das linke Auge, welches allein den Dienst verrichten mußte, über Gebühr angestrengt, und manchmal bei Lampenlicht war es mir, als wenn es ganz voll Feuer wäre. So kamen die Osterferien 1900. heran; ich war froh, die Arbeit des Semesters hinter mir zu haben, und wandte mich mit der größten Lust meinen Sanskritarbeiten zu, immer nur das linke Auge gebrauchend. Eben war ich mitten darin, die Sankhya-Sutras zu studieren und zu exzerpieren, als, es war an dem mir unvergeßlichen 12. April, auch das linke Auge seinen Dienst versagte; es hatte sich eine, wiewohl nur leichte Trübung gerade in der Macula gebildet, und ich mußte die Arbeit unterbrechen. Mit Frau und Kindern fuhr ich am 14. April nach Charlottenburg zu Schwager Franz, und hier bestand meine Schwägerin Jettchen darauf, mich am 24. April zu Hirschberg zu führen. Er untersuchte das Auge und sagte sodann: »Also, Sie möchten den dritten Band Ihrer ?Geschichte der Philosophie?[320] schreiben? Ich kann nur raten, daß Sie sich drei Monate lang alles Lesens und Schreibens enthalten, und dann schreiben Sie Ihren dritten Band.« Also drei Monate, den ganzen Sommer durch, weder lesen noch schreiben! Die Sache war ausführbar, da ich es mir schon längst zur Gewohnheit gemacht hatte, meine Vorlesungen ohne irgendein Manuskript zu halten; aber schwer wurde mir diese Enthaltsamkeit. Wie Tantalus, gequält von Hunger und Durst, ohne doch die Früchte von oben, das Wasser von unten erreichen zu können, so saß ich, umgeben von den herrlichsten Schätzen, welche die Weisheit des Orientes und Okzidentes uns hinterlassen hat, und mußte mich ihrer enthalten. Doch fehlte es nicht ganz an einem Ersatz. Schon 1898 war ein junger Student, Wilhelm Jahn, an mich herangetreten mit einer in Marburg halb fertig gewordenen Dissertation über Schopenhauer. Ich ließ sie mir vorlesen und machte ihm klar, daß sie zur Einreichung sich nicht eigne. Er sah es ein, schloß sich immer enger an mich an, hörte mit großem Eifer meine Vorlesung und begleitete mich nach derselben auf meinem Spaziergang. Ich lenkte ihn auf Epiktet; mit unermüdlichem Fleiße exzerpierte er dessen Schriften, dann aber kamen wir auf den toten Punkt, die Arbeit stockte, mein junger Freund wurde mißmutig und geriet, ich weiß nicht, ob gegen Epiktet oder gegen sich selbst, in immer steigende Erbitterung. Ich überlegte, wie ihm zu helfen sei. Ihn reizte das Ferne, Hohe, Ideale. An reichen Mitteln fehlte es ihm nicht, und so lenkte ich ihn auf das Sanskrit hin. Eines Tages sprach er zu mir: »Nehmen Sie mich als Ihren Schüler im Sanskrit an und zum Dank will ich Ihnen helfen, Ihr Buch zu vollenden.« Gesagt, getan. Ich habe ihn Sanskrit vom ersten Buchstaben an gelehrt, er machte reißende Fortschritte, und so konnten wir 1900?1902 dazu schreiten, an meiner »Geschichte der Philosophie« zu arbeiten. Die ganze Darstellung des Sankhyasystems in meinem dritten Bande habe ich ihm damals in die Feder diktiert. Inzwischen war es mir nicht gut gegangen. Der Fleck im rechten und die Trübung im linken Auge bestanden fort. Bei einer Wasserfahrt mit meinen Studenten am 3. August 1900 wollte ich[321] auch dem oben hochstehenden Steuermann eine Zigarre anbieten, trat beim Herabsteigen fehl und stürzte mit der Zigarrenkiste aufs Verdeck herunter, ohne doch merklichen Schaden zu nehmen. Vielleicht war dies der nächste Anlaß, vielleicht auch nicht; denn erst am 7. September, nach einigen mit meiner Frau unternommenen Spazierfahrten zu Rade, zeigte sich am rechten Auge von unten her, täglich sich vergrößernd, ein dunkler Schatten. Ich hielt es für einen Katarrh, befragte aber doch am 8. September den Arzt, welcher die Sache für sehr ernst hielt und als eine Netzhautablösung erkannte. Zwölf Tage mußte ich zu Bett liegen, ohne merkliche Besserung. Inzwischen hatte Freund Weber über die Sache mit auswärtigen Augenärzten korrespondiert, und so bezog ich am 29. September, begleitet von meiner Frau, die mir alle Zeit durch treuesten Beistand leistete, die Augenklinik von Professor Deutschmann in Hamburg. Ohne meinen akademischen Verpflichtungen irgendwie Abbruch zu tun, habe ich die drei Jahre, von Herbst 1900 bis Herbst 1903, hindurch mit wenigen, sogleich zu besprechenden Ausnahmen alle meine Ferien zu Ostern, Pfingsten, Herbst und teilweise sogar Weihnachten in Deutschmanns Klinik verbracht. Stets, mit Ausnahme des letzten Males, wo sie selbst zu leidend war und eine Nichte ihre Stelle vertrat, hat meine kleine Frau mir getreulich Gesellschaft geleistet, mir vorgelesen, für mich geschrieben und die täglichen Gänge in die Stadt besorgt. Über Deutschmann bin ich in diesen Jahren von nah und fern sehr oft befragt worden und habe stets das nämliche geantwortet. Ich halte ihn für einen sehr gewissenhaften, dabei ungemein geschickten und auch vor kühnen Eingriffen nicht zurückschreckenden Arzt. Mir hat er allerdings, trotz mehr als zehnmal wiederholter Operation, leider nur wenig geholfen, doch könnte es ohne diese Kur mit dem Auge vielleicht noch schlimmer stehen. Ich lag bei Deutschmann in der Klinik, als nach dem am 25. August 1900 erfolgten Tode meines Freundes Nietzsche die Wiener Rundschau in Briefen und Telegrammen mir zusetzte, über Nietzsche etwas zu schreiben. Ich überlegte die Sache und diktierte während drei Tagen meiner Frau rein aus dem Gedächtnis meine »Erinnerungen an Friedrich Nietzsche«, in welchen[322] ich über seine Jugendzeit, unser Zusammenleben in Pforta und Bonn, unsern brieflichen Verkehr, unser Wiedersehen in Basel, Sils-Maria und Naumburg berichtete und mit der Geschichte seiner Erkrankung und der elf Jahre bis zu seinem Tode dauernden geistigen Umnachtung schloß, über seine Lehre, das Wichtigste hinzufügend, welches von Theobald Ziegler in einer Rezension für das Beste erklärt worden ist, was über Nietzsches Lehre gesagt worden sei. Dieses Schriftstück sandte ich an die Wiener Rundschau und mußte erleben, daß sie mit Weglassung alles früheren nur den Bericht über die Erkrankung abdruckte, wodurch der Schein erregt wurde, als wenn ich nur für diese Periode im Leben des Freundes Interesse gehabt hätte. Ja, sie gingen in ihrer Schamlosigkeit so weit, meinen bescheidenen Titel zu streichen und statt dessen zu setzen: »Die Wahrheit über Friedrich Nietzsche.« Ich war über dieses Verfahren äußerst betroffen, fühlte mich vor allen Nietzschefreunden und namentlich vor seiner Schwester kompromittiert, und meine einzige Rechtfertigung war, daß ich die vollständige Schrift mit dem richtigen Titel publizierte, worauf die Firma F.A. Brockhaus bereitwilligst einging. Die Schwester hatte in meiner Darstellung einen Punkt beanstandet und ich ließ zu meiner Rechtfertigung meine Korrespondenz vieler Jahre, denn nie wird ein Brief bei mir vernichtet, nach einem Briefe von Overbeck durchsuchen, und bei dieser Gelegenheit fanden sich zu meiner Überraschung wohl gegen zwanzig Briefe Nietzsches vor, denn nur die sieben interessantesten hatte ich besonders aufgehoben und der Schwester bei einem Besuche in Kiel zum Geschenk gemacht. Alle diese Briefe paßten so vortrefflich in meine aus treuer Erinnerung diktierte Darstellung hinein, daß ich sie sämtlich derselben einreihte, ein Geschäft, bei welchem ich von Freund Jahn und meiner gerade zu Besuch bei uns weilenden Schwägerin Jettchen Volkmar auf das eifrigste und geschickteste unterstützt wurde. Der Schwester schrieb ich, daß ich eine »Anzahl« Briefe gefunden habe und meiner Darstellung einverleiben werde. Sie glaubte, daß es sich dabei nur um einige wenige Briefe handle, gab ihre Einwilligung, und als ich daraufhin den Druck des Werkes, die Faksimilia und das Porträt herstellen ließ und der Schwester gelegentlich die Zahl der Briefe[323] angab, da verlangte sie telegraphisch von mir und Brockhaus, den bereits begonnenen Druck zu sistieren. Brockhaus erklärte, daß er von der Publikation zurücktreten müsse, wenn ich nicht die Zustimmung der Schwester erlangte, und nur mit vieler Mühe und nach längerem Korrespondieren gelang es mir, diese Zustimmung von der mir von jeher wie auch noch jetzt nahe befreundeten Schwester zu erwirken. Die durch meinen so oft wiederholten Aufenthalt in der Augenklinik mir auferlegte unfreiwillige Muße benutzte ich unter anderm dazu, eine wichtige Ergänzung »über das Wesen des Idealismus« den gerade die dritte Auflage erlebenden »Elementen der Metaphysik« als Vorbetrachtung vorauszuschicken, angeregt namentlich durch die Bekämpfung des Idealismus in Reinkes »Welt als Tat«, wie ich denn auch die vorliegenden Lebenserinnerungen vom 22. September 1901 in der Klinik meiner Frau zu diktieren angefangen, diese unterhaltende Arbeit ebendaselbst am 18. Oktober 1903 wieder aufgenommen und damit weiterhin in meinen spärlichen Mußestunden unter vielen Unterbrechungen fortgefahren habe bis auf den heutigen Tag (Juli 1914). Zur Erholung von den Leiden der Klinik gestattete mir der menschenfreundliche Arzt einen zweimaligen Aufenthalt an der See in Wyk auf Föhr, wo ich vom 5. August bis 11. September 1901 und vom 5. August bis 2. September 1902 mit meiner Frau, Erika, Wolfgang und dem Kinderfräulein weilte, wie auch im April 1903 den Besuch des Historikerkongresses zu Rom, welcher, wie sich zeigen wird, für das nächste Jahrzehnt von großen und segensreichen Folgen werden sollte. Reizend war der zweimalige Aufenthalt in Wyk, trotz der Parteien, welche sich in diesem Städtchen gegenseitig befehdeten, während ich mit Freund und Feind im besten Einvernehmen lebte. Ich habe hin und wieder im Leben einen Menschen, mit dem nicht anders fertig zu werden war, ungern fallen lassen müssen, aber im übrigen mir nie den Luxus gestattet, einen Feind zu haben oder Feindschaften zu unterhalten, da ich dies in der Tat für eine Vergeudung der Energie ansehe, wie die Monisten es nennen. Eine wertvolle Bekanntschaft wurde mir beim ersten Wyker Aufenthalt, der in Bielefeld eine Vorbereitungsschule für das[324] Gymnasium unterhaltende Lehrer Mertgen, eine noch wertvollere beim zweiten, die seiner Tochter Emmy Mertgen, eines wackeren Mädchens von seltener Verständigkeit und großer Energie, welche es denn auch, unterstützt durch die besten Kreise Bielefelds, durchgesetzt hat, daß ihr nach dem Tode des Vaters die Leitung der Schule trotz des Widerstrebens eines engherzigen Schulrates verblieb. Auch sonst war der zweimalige Aufenthalt in Wyk von großem Reiz. Wir wohnten natürlich am Strande der hier sehr ruhigen See, von ihr getrennt nur durch einen Promenadeweg und einen breiten Sandstreifen, in welchem die Kinder vom Morgen bis zum Abend vor unsern Augen aus Sand ihre Festungen mit Türen, Wällen und Gräben auszuführen pflegten. Am Abend wurde regelmäßig das Theater besucht, welches, wenn auch sonst nicht eben prima, doch den Vorteil gewährte, eine Reihe der besseren, schon anderweit bewährten Lustspiele für ein sehr mäßiges Eintrittsgeld kennenzulernen und zu genießen. Verschönt wurde der zweite Aufenthalt durch den amerikanischen Professor James Woods und den Inder Vishvanath Prabharam Vaidya, welche beide mich schon früher wiederholt in Kiel besucht hatten und jetzt mit mir den Aufenthalt in Wyk in gemeinsamer Arbeit teilten, woran sich dann der gleichfalls gemeinsame Besuch des Orientalistenkongresses zu Hamburg vom 4. bis 11. September 1902 anschloß. Noch will ich aus dem Jahre 1902 einer in Berlin gefeierten Hochzeit gedenken, nicht, weil sie nach Zahl der Gäste, herrlichem Festmahl, theatralischen Aufführungen und dergleichen das größte und glänzendste Fest dieser Art war, dessen ich mich erinnere, sondern weil das junge Paar zu meinen liebsten Freunden gehört, bei denen ich mich in ihrem schönen Hause in Düsseldorf bei jedem Besuche so wohlfühle, wie nur irgendwo in der Welt. Die Braut war Elsa Volkmar, die Tochter meines Schwagers in Charlottenburg, und ich habe sie von frühester Kindheit an gekannt, Jahr für Jahr heranwachsen sehen und an ihrem intellektuellen, ungewöhnlich klaren und verständigen Wesen stets meine große Freude gehabt, ebenso wie an ihrem Gatten, Albert Herzfeldt, früher Mitbesitzer einer großen Baumwollspinnerei, aber von jeher von Sehnsucht erfüllt, alle seine Kräfte der Malerei widmen[325] zu können. Nach dem Tode des Vaters und dem Verkauf der Fabrik hat er mit unermüdlichem Eifer, großem Ernste und von Jahr zu Jahr steigendem Erfolge seine Kunst betrieben und vor einigen Monaten mich durch ein Brustbild Schopenhauers, von ihm für mich in Lebensgröße gemalt, erfreut. Zu Ostern 1903 war es mir endlich einmal wieder möglich, eine größere Reise zu unternehmen und nach vier Jahren wieder einmal das geliebte Italien zu besuchen, um an dem Historikerkongreß in Rom teilzunehmen. Schon von Kiel aus hatte ich meinem Freunde Costa die bevorstehende Ankunft in Rom gemeldet, und in Pisa, während ich bei Freund Formichi weilte, erreichte mich über Kiel ein von meiner Frau mir nachgesandtes Telegramm, in welchem Costa mir mitteilte, daß Diotima, welche ich zehn Jahre vorher zusammen mit der Familie Mond auf Castell Gandolfo kennengelernt hatte, mich einlade, in ihrem Palazzo Wohnung zu nehmen. Am Morgen des 1. April kam ich in Rom an, bezog in Diotimas Palazzo ein vorzügliches Zimmer, sah zu Mittag und Abend an der reichbesetzten, stets mit Blumen geschmückten Tafel eine Reihe wissenschaftlich und künstlerisch hervorragender Persönlichkeiten, besuchte mit der Freundin den Kongreß und die übrigen Sehenswürdigkeiten in Rom und der Umgegend, freute mich an dem lebendigen Interesse, welches die Freundin meinen wissenschaftlichen Bestrebungen entgegenbrachte und fühlte mich von ihrem engelgleichen Wesen mächtig angezogen. Sie war nur ein Jahr jünger als ich, stammte ursprünglich aus Köln, war, da der gewöhnliche Lebensweg der Frauen ihrer hochstrebenden Natur nicht genügte, unverheiratet geblieben und hatte in dem Hause des berühmten Chemikers Dr. Ludwig Mond, mit dessen Gattin sie von Jugend an und das ganze Leben durch in inniger Freundschaft verbunden war, eine Art zweite Heimat gefunden, indem sie abwechselnd in England als Gast der Familie Mond weilte und dann wieder die Angehörigen dieser Familie während der Winterzeit als Gäste bei sich in Rom sah. Ich nannte meine Freundin Diotima, weil sie in der Tat in ähnlicher Weise anregend und inspirierend auf mich wirkte, wie die weise Frau aus Mantinäa auf den Sokrates. Eigentlich hieß sie Henriette Hertz, also geradeso wie die bekannte Freundin[326] Schleiermachers, ohne daß ich darum wünschen möchte, in Parallele mit Schleiermacher gestellt zu werden, dessen platonische Arbeiten ich zwar nach Gebühr zu schätzen weiß, der aber in der Philosophie das sehr zweifelhafte Verdienst hat, den ganz unhaltbaren Idealrealismus mit seiner Doppelwelt in Kurs gebracht zu haben, und der dann auch in der Theologie über Zweideutigkeiten und Halbheiten nicht hinausgekommen ist. Übrigens besteht auch noch der Unterschied, daß Schleiermachers Henriette Hertz eine Jüdin, die meinige aber sozusagen eine Christin war. Sozusagen, denn obgleich aus einem streng jüdischen Hause entsprungen, hatte sie doch von ihrer katholischen Amme heimlich und ohne Vorwissen der Eltern die Nottaufe erhalten. Ich fragte einmal einen mir befreundeten katholischen Geistlichen, ob ein solches Verfahren wohl Gültigkeit habe, und er erwiderte mit einer sehr charakteristischen Handbewegung: »Wenn es richtig gemacht worden ist, so gilt es auch.« Amazon.de Widgets Die schönen Tage bei Diotima gingen zu Ende. Ein reger Briefwechsel wurde mit ihr die folgenden zehn Jahre hindurch unterhalten; von meinen Schriften mußte ich ihr die einzelnen Bogen, frisch wie sie aus der Druckerei kamen, immer zuschicken; sie ließ sie durch ihren Sekretär sogleich sorgfältig einheften und hat sie, wie ich mich noch oft überzeugen konnte, fleißig gelesen. Am 22. Mai folgte ich der Einladung durch Rektor Muff zum Schulfeste nach Pforta, war Gast in seinem Hause und freute mich, dieselben Räume zu bewohnen, an welchen ich vierzig Jahre vorher so oft mit scheuer Ehrfurcht vorübergeschlichen war. Muff versah sein schweres Amt in jeder Hinsicht vortrefflich, aber die wissenschaftliche Höhe, auf welcher Pforta zu meiner Zeit gestanden hatte, war unter dem Druck des veränderten Zeitgeistes und der von oben eingeführten Reformen merklich gesunken. Wie ich am Schlusse des Jahres 1902 in meinem Kalender notieren konnte, daß ich nunmehr den ersten Teil des Faust von Anfang bis zu Ende einschließlich der Walpurgisnacht und des Walpurgisnachttraumes auswendig wisse, so schloß ich das Jahr 1903 mit dem frohen Bewußtsein, jetzt auch vom zweiten Teile des Faust nebst einer Anzahl anderer Partien den fünften[327] Akt vollständig meinem Gedächtnisse anvertraut zu haben. Das Auswendiglernen, namentlich von Stellen in fremden Sprachen, hat mir von jeher Freude gemacht. Systematisch betrieb ich es erst seit Eintreten des Augenleidens, um mir so einen Schatz zu sichern, der auch beim Versagen der Augen mir stets zu Gebote stünde, lernte neben größeren Partien aus Sophokles, Horaz und andern Klassikern als Hauptübung auf meinen täglichen Spaziergängen vom Megaduta des Kalidasa die größere Hälfte mit vieler Mühe, aber auch mit großem Vorteil auswendig, denn durch nichts dringt man besser in eine Sprache ein, als durch dieses Memorieren, fühlte auch, wie das Gedächtnis in dem Maße, wie ich es übte, auch für andere Dinge sichtbarlich an Schärfe und Kraft zunahm, und so hätte ich am liebsten neben dem ersten auch den ganzen zweiten Teil des Faust auswendig gelernt, hätte ich nicht befürchten müssen, durch allzu große Belastung mein Gedächtnis mehr zu schädigen als zu kräftigen. Das Jahr 1904 verlief seinem ersten Teile nach neben gelegentlichen kleinen Erholungsreisen nach Berlin in fleißiger und erfolgreicher Arbeit. Wie ich die zweite Abteilung meiner Philosophie der Inder erst nach Herstellung der Übersetzung der sechzig Upanishads hatte bauen können, so durfte ich jetzt die den Abschluß der indischen Philosophie bringende dritte Abteilung ins Auge fassen, mußte aber als Vorarbeit zu ihr die im Original allzu schwer übersehbaren philosophischen Haupttexte des Mahabharatam übersetzen, und hierzu bot sich eine willkommene Gelegenheit. Bald nach der Abreise von Freund Jahn im Jahre 1902 hatte sich, mit einer Empfehlung meines Schwagers Volkmar, ein junger Sanskritist eingestellt, mit welchem ich vier Jahre lang, von 1902 bis 1906, zusammen arbeiten konnte. Er hieß Otto Strauß, stammte aus Berlin und war in der Lage, sich ganz dem Luxusstudium des Sanskrit hingeben zu können. Gewissenhaft und pünktlich erschien er jeden Nachmittag, in den Ferien auch wohl am Vormittag, bei mir und wir beschlossen, nach einigen Vorbereitungen die vier philosophischen Texte des Mahabharatam in der Art ins Deutsche zu übersetzen, daß er mir die einzelnen Verse, während ich mit Ohr und Auge folgte, vorlas, welche ich dann mit ihm durchsprach und schließlich eine genaue, möglichst[328] wortgetreue Übersetzung, wie sie bis dahin noch in keiner Sprache bestand, ihm in die Feder diktierte. So entstand bis zum Jahre 1906 ein umfangreiches Werk, auf Grund dessen ich dann weiterhin in der Lage war, meine Philosophie der Inder fort- und bis zu Ende zu führen, wie noch zu berichten sein wird. Erst der August des Jahres 1904 brachte mir als willkommene Erholung vier aufeinanderfolgende Reisen. Die erste ging nach Cambridge, wohin ich einer Einladung der British Association for the Advancement of Science folgte und dabei die Gastfreundschaft meines Freundes, des Sanskritprofessors Bendall, genoß. Von Cambridge eilte ich über Utrecht und Frankfurt nach Badenweiler, um in dem herrlichen Hotel »Römerbad« einige frohe Tage mit Diotima und der Familie Mond zu verbringen und von hier aus den Religionskongreß in Basel zu besuchen, auf welchem ich am 29. August über Brahmanismus, Buddhismus und Christentum in Gegenwart der Freundin einen wohlgelungenen und auch wohlaufgenommenen Vortrag hielt, obgleich meine Mißbilligung des Missionierens unter Völkern, welche denselben religiösen Gedanken wie wir in einer andern, ihnen mehr angemessenen Form besitzen, in dem missionsfrohen Basel etwas anstößig, aber gerade dadurch besonders am Platze sein mochte. Von Badenweiler eilte ich, von der Freundin bis Freiburg begleitet, nach Hamburg, um vom 3. bis 20. September als Gast des Kaisers mit zehn andern Kollegen, unter ihnen Freund Hillebrandt aus Breslau, an einer Meteorfahrt zu den berühmten Badeorten Ostende, Insel Wight, Guernsey, Jersey, San Sebastian, Biarritz, Trouville, Brighton und Helgoland teilzunehmen. Auf diese drei schönen Reisen folgte eine vierte nach Berlin. Bei dieser Gelegenheit machte ich im Straußischen Hause die Bekanntschaft von Miß Ada King, einer gewandten und geistig regsamen Engländerin, welche mich weiterhin auch in Kiel besuchte und meine Erinnerungen an Indien ins Englische übersetzte. Erst nach Jahren sind dieselben bei Nateson in Madras gedruckt worden. Eine größere Reise wurde im April und Mai 1905 durch den Orientalistenkongreß in Algier veranlaßt. Ich holte Freund Jahn[329] in Bremen ab und fuhr mit ihm auf dem Bremer Lloyd nach Cherbourg, von wo aus der jetzt durch einen Damm mit dem Festland verbundene Mont St. Michel auf der Grenze zwischen der Normandie und Bretagne besucht wurde. Dann ging es über Paris nach Marseille und von dort auf einem überfüllten Dampfer der Transatlantickompagnie nach Algier. Der sehr mangelhaft organisierte Kongreß bot nur wenig. An ihn schloß sich eine Gesellschaftsfahrt nach Constantine und von dort in die Wüste nach Batna, der aus dem Sande wieder ausgegrabenen Stadt Timgat, der märchenhaft schönen Oase Biscra und der fast nur von Arabern und Berbern bewohnten Oase Sidi Okba; von hier ging es auf beschwerlicher Fahrt nach Tunis und dem benachbarten Karthago. Mit Befriedigung sahen wir alles, was der Kardinal Lavigerie für die Ausgrabungen des alten Karthago und für die Unterbringung der Funde in wohlgeordneten Museumssälen geschaffen hat, aber mit Unwillen mußten wir bemerken, daß er gerade auf die Byrsa eine große Kirche gepflanzt und dadurch weitere Ausgrabungen sehr erschwert hat. Die Rückfahrt von Tunis nach Marseille auf dem großen, später untergegangenen »Général Chanzy« der Transatlantic war nichts weniger als angenehm. Obgleich ich schon wochenlang vorher brieflich und telegraphisch für uns zwei Kabinenplätze vorausbestellt hatte, wurden wir immer wieder mit unbestimmten Besprechungen abgefertigt, und als ich am Tage der Abreise unter einem Gedränge von Reisenden vor dem Schalter des Bureaus stand und unsere Retourbillette erster Klasse zur Abstempelung präsentierte, wurden sie statt einer Kabinennummer mit der empörenden Bemerkung: S.C. (sans couchette) versehen. So mußte ich denn mich mit einer der Matratzen begnügen, die in hinreichender Anzahl vorhanden waren, versuchte zunächst mich mit ihr, wie vordem auf der Reise nach Indien, auf dem Verdeck zu installieren, mußte aber, da ich jeden Augenblick nahe daran war, mitsamt meiner Matratze umgeblasen zu werden, diesen Kampf mit dem luftigen Elemente aufgeben, und es blieb nichts anderes übrig, als auf einer Hühnerleiter in einen großen, mit einer Stallaterne erleuchteten und wohl ursprünglich für die Aufbewahrung von[330] Waren bestimmten Raum unterzukriechen, und da verbrachte ich als Passagier erster Klasse zwei Nächte, umgeben von dreißig zum Teil seekranken Leidensgefährten. Eine solche Behandlung wäre auf einem deutschen Dampfer unerhört gewesen. Nach Paris zurückgekehrt, hatte ich die Freude, in der Wohnung von Bébé Kantschin, jetzt Madame Pellorce, zusammen mit ihrer Schwester Marianne, jetzt Baronin d^Hoguère, und meiner ehemaligen Herrin, der ehrwürdigen und sehr gealterten Madame Kantschin, zu frühstücken; damals sah ich diese Frau, von der in den vorliegenden Blättern so oft die Rede gewesen ist, zum letzten Male, denn sie ist bald darauf gestorben. Über einige weitere Erlebnisse des Jahres 1905, die Pfingstferien, welche mir eine Kindtaufe in Potsdam, einen Besuch in Pforta und die alljährliche Feier der Goethegesellschaft in Weimar brachten, über einen sehr angenehmen Besuch von Freund Gjellerup und seiner Frau, welche eine Woche durch als Gäste in unserm Hause weilten, endlich über eine Fußtour von Hüsten aus mit vier jungen frischen Mädchen ins Sauerland, bei der wir auch die Bekanntschaft des Professors Kämper, früher Gymnasiallehrer, jetzt Einsiedler auf dem Heydberge, machten und in seiner einsamen Klause fern von aller Kultur einregneten, will ich kurz hinweggehen und nur noch einer interessanten Englandreise vom 29. September bis 21. Oktober gedenken. Zwei junge Engländerinnen, Schwestern und Besucherinnen meiner Vorlesungen, wollten nach England zurückkehren und wählten, da sie mit Gepäck stark beladen waren, der Billigkeit halber einen der kleinen von Hamburg bis direkt in das Herz von London fahrenden Dampfer der Kirstenlinie, auch Shakespearelinie genannt, weil ihre kleinen Schiffe den Namen von Mädchen aus Shakespearedramen tragen; es gibt da eine Portia, Nerissa, Jessika, Desdemona und sogar eine Ophelia trotz des ominösen Namens. Ich schloß mich ihnen an. Unser Schiffchen hieß Viola und sollte in zwei Nächten London erreichen; aber durch Nebel, dann durch Gegenwind, Regen und Unwetter kamen wir so langsam von der Stelle, daß ich nach zwei Nächten auf meine Frage, ob wir nicht bald die englische Küste sehen würden, vom Kapitän die Antwort erhielt: »Vorläufig sehen wir noch die deutsche Küste, es ist ja bei diesem[331] Wetter nicht vorwärtszukommen.« Endlich nach vier Nächten langten wir beim Tower in London an und ich begab mich sofort in ein befreundetes Haus, wo mich ein Telegramm von Diotima erwartete. Sie bewohnte mit der Familie Mond einen für die Sommerzeit gemieteten herrschaftlichen Landsitz, Holmewood-Castle, mit großem Park, eine Stunde von Tunbridge-Wells. Sie bot mir an, mich in London zu besuchen, ich aber kam ihr zuvor, reiste nach Tunbridge-Wells und verbrachte in der herrlichen Landschaft mit ihr einige höchst angenehme Tage. Dann riß ich mich mit dem Versprechen, die Familie später in London wieder zu treffen, los, fuhr nach Chester, um in der Umgegend von Llandodno und Bangor mit Professor Arnold einige Spaziergänge zu machen. Den 10. Oktober benutzte ich, um, von Arnold mit gutem Rate wohlversehen, den Snowdon, diesen höchsten Berg Englands, zu besteigen. In vierstündiger, überaus mühsamer Wanderung durch die ganz menschenleere Gegend auf wenig gebahnten Wegen, vorüber an Abgründen links und rechts, erreichte ich, während unheimliche Nebelgespenster hin und wieder vorüberhuschten, endlich den Gipfel und trat, nachdem ich mich, erschöpft wie ich war, in dem zum Glück noch nicht geschlossenen Hotel durch verschiedene Beefteas und Whiskys erholt hatte, ins Freie, um mich umzusehen, und hier wurde mir ein unvergeßlicher Anblick zuteil: über mir strahlende Sonne und wolkenloser Himmel, in welchem einige Berggipfel wie Inseln emporragten, und unter mir, so weit das Auge reicht, von der Sonne herrlich beglänzt, ein Wolkenmeer, in welchem die Umrisse von Flußtälern, Hügeln und Seen sich deutlich abzeichneten. Zum Glück fuhr an diesem Tage gerade noch zum letzten Male die Bergbahn nach unten und so erreichte ich wohlbehalten meine lieben Arnolds in Bangor und von dort aus London, um noch mehrere Tage als Gast Diotimas und der Familie Mond dort zu weilen. Eine lange gehegte Sehnsucht wurde durch Diotimas Güte erfüllt, indem sie mit mir Stratford-on-Avon, die Geburtsstadt Shakespeares mit der Kirche, die sein Grab einschließt, dem Geburtshause und der Anne-Hathaway-Cottage, besuchte, wobei der Haupteindruck auf mich der der Verwunderung war, wie ein so großer, weltumfassender Genius seine Jugendjahre in einem[332] Städtchen zubringen konnte, welches sich von hundert andern englischen Landstädten in nichts unterscheidet. Nach Kiel zurückgekehrt benutzte ich den Rest des Jahres und den größten Teil des folgenden, um in fleißiger Arbeit mit Strauß die Übersetzung der Mahabharatatexte zu vollenden und in Druck zu geben, worauf mich der Freund nach vierjähriger treuer Mitarbeit verließ, um nach Berlin zu den Seinigen zurückzukehren. Im übrigen brachte mir das Jahr 1906 einen zweimaligen Besuch Italiens und eine Fußwanderung durch Holstein mit den Kindern. Die vier Texte des Mahabharatam waren abgeschlossen, und ich rüstete mich am 12. September zu einer Schweizerreise, um Werner und Anna beim Unterbringen ihrer beiden Töchter Minchen und Gretchen in einer Genfer Pension hilfreiche Hand zu leisten. Wir gelangten am Abend bis Bern, und da der ihm folgende 17. September ein wundervoller Sonnentag war, so setzte ich es durch, daß wir zwei Herbsttage zum Besuche des Berner Oberlandes verwendeten. Von Lauterbrunn und dem Staubbach aus erreichten wir unter mühsamem Aufstieg in glühender Sonnenhitze die Wengernalp, hörten während der Nacht die Lawinen von der nahen Jungfrau gegenüber herunterdonnern, sahen noch auf der kleinen Scheidegg den Zug mit winterlich vermummten Reisenden auf der Jungfraubahn abfahren, und kehrten abends wieder nach Bern zurück, um am nächsten Tage in Genf die Mädchen in der Pension unterzubringen, während ich mit Werner und Anna, der alten Genfer Zeit gedenkend, noch einige Tage in einer Pension am Quai du Mont Blanc verweilte. Am Tage ihrer Abreise stellte sich für mich eine andere liebe Begleitung ein, Albert und Elsa aus Düsseldorf, welche über Genua nach Sizilien fahren wollten. Im übrigen war die Gesellschaft in der Pension Hiller eine, wie man schonend zu sagen pflegt, sehr gemischte, und nur eine junge Frau von stillem, ernstem Wesen unterschied sich merklich von dem lärmenden Troß. Es war Elsa von Bülow, Gemahlin eines Richters vom internationalen Gerichtshofe zu Alexandria in Ägypten; wir fanden uns sehr bald, und groß war meine Freude,[333] als ich entdeckte, daß auch sie eine nahe Freundin von Diotima war. Sie begleitete mich bis Lausanne, um mit demselben Schiff zurückzukehren, während Albert und Elsa, die vorausgereist waren, wieder in Montreux mit mir zusammentrafen zur gemeinsamen Fahrt durch den eben eröffneten und daher stark besuchten, aber im Grunde wenig bietenden Simplontunnel nach Turin und Genua. Nach einigen schönen Fußwanderungen bis Chiavari hin brachte ich in Genua meine Freunde auf ihren Dampfer, blieb noch einige Tage bei Freund Jahn in Sestri Levante und fuhr dann, nach meiner Gewohnheit überall bei Freunden einkehrend, zunächst nach Pisa zu Freund Formichi, nach Genf, wo mich die Familie Oltramare als ihren Gast erwartete. In Kiel bemächtigte sich meiner zunächst während der folgenden Monate ein Gefühl der Ebbe. Strauß, der langgewohnte Mitarbeiter, war abgereist, die wissenschaftliche Arbeit stagnierte, und obgleich dieser Zustand den Vorlesungen zugute kam, so war das Gefühl, Monat für Monat ohne Förderung meiner Lebensarbeit schwinden zu sehen, für mich schwer zu ertragen. Da sandte mir ein gütiges Geschick am 9. Januar 1907 einen neuen Mitarbeiter, welcher mir in der geschicktesten Weise vier Jahre hindurch bei meinen auf die Mithilfe fremder Augen angewiesenen Arbeiten half und auch seitdem in einer durch die veränderten Verhältnisse gebotenen Einschränkung geholfen hat bis auf den heutigen Tag. Es war Alfred Menzel aus Eckernförde, der sich, ursprünglich zum Elementarlehrer bestimmt, durch eigene Begabung und Energie zum Abiturientenexamen emporgearbeitet hatte und während seiner auf die Philosophie gerichteten Universitätsstudien immer mehr in Naturwissenschaften und Sprachen, nicht nur die klassischen und neueren, sondern auch das Arabische und Sanskrit, eingedrungen war, wodurch er eben, von seiner Lehrerin und Freundin, Frau Kapitän Hansen in Eckernförde, auf mein »System des Vedanta« aufmerksam gemacht, sich mir näherte. Ich hielt ihn fest, und bald war er mein täglicher Gehilfe. Zunächst erledigten wir einige kleinere Arbeiten, die am 2. Mai im Druck erschienene »Geheimlehre des Veda«, welche eine Sammlung aller wichtigeren Upanishadtexte für den allgemeinen Gebrauch zusammenfaßt, und am 2. Juni die »Outlines[334] of Indian Philosoph«, in denen ich durch Reproduktion eines im »Indian Antiquary« publizierten Artikels die indische Philosophie skizziert und an ihn einen Neudruck meines 1893 in Bombay gehaltenen Vortrags über den Vedanta angeschlossen hatte, welcher ein Bild der gegenwärtig in Indien herrschenden und tiefe Berührungspunkte mit der Lehre Kants und Schopenhauers bietenden Philosophie lieferte. Gleichsam zum Lohne für soviel Bemühungen wurde ich am 8. Juni 1907 vom Kaiser mit dem Geheimratstitel geschmückt, während inzwischen ungesäumt die dritte Abteilung meiner »Geschichte der Philosophie« in Angriff genommen worden war; die Philosophie der epischen Zeit wurde auf Grund der von mir übersetzten Mahabharatatexte und der ursprüngliche Buddhismus nach den ältesten Quellen bearbeitet. An diese schlossen sich die sechzehn philosophischen Systeme, von denen der Materialisten und Buddhisten als den schlechtesten bis hinauf zum Vedanta des Çankara als dem besten an, wobei mir ein geistvolles indisches Kompendium, der Sarva ? Darcana ? Sangraha des Madava (um 1350 p. Chr.) neben den Haupttexten der einzelnen Systeme als Führer diente. Anhangsweise bearbeitete ich, immer unter Menzels treuer Mithilfe, die Philosophie der Chinesen und Japaner, und so konnte im Sommer 1908 mein dritter Band als Abschluß meiner fünfunddreißig Jahre hindurch der indischen Philosophie gewidmeten Bemühungen erscheinen, gerade zur rechten Zeit, um auf den vier Kongressen dieses Jahres überreicht zu werden. Neben dieser intensiven Arbeit der Jahre 1907 und 1908 mögen die zur Erholung eingelegten Reisen, zu Ostern 1907 eine Fußwanderung mit den Herzfelds und Freund Gotthelf durch das Aartal, zu Pfingsten eine Radfahrt mit Menzel nach Flensburg, Düppel und durch die Insel Alsen und zum Herbst eine Reise nach England, kurze Erwähnung finden. Auf der letzteren hatte ich meine Frau und die dreizehnjährige Erika nach London mitgenommen, hatte mit Erika jenen Abstecher nach Burton-Breadstock zu dem schon obenerwähnten Besuche Sturdys auf seinem Landgute gemacht, hatte dann Frau und Tochter zum Schulanfang nach Deutschland zurückgeschickt und war selbst der Einladung von Diotima und Frau Dr. Mond zu einem[335] neuntägigen Besuche in Harrogate, einem Badeorte im nördlichen England, gefolgt. Trotz der fürstlichen Unterkunft im Hotel Prince of Wales und dem angenehmen Verkehr mit Diotima und der ziemlich vollzählig versammelten Familie Mond konnte es doch zu keiner recht freudigen Stimmung kommen, da der hochverdiente alte Freund Mond schwer leidend war und über die Art der richtigen Behandlung zwischen den beiden edlen Frauen, die sich in seiner Pflege überboten, eine volle Verständigung nicht erreicht werden konnte. Frau Dr. Mond konnte nicht genug Medikamente und Ärzte, deren zwei täglich zweimal den leidenden reichen Mann nur zu gern besuchten, an ihren Gatten heranbringen, Diotima aber rief: »Fort mit den Ärzten, fort mit der Medizin, die Natur wird auch hier Linderung und Heilung bringen.« Tatsache ist, daß der treffliche alte Freund sich im nächsten Jahre noch einmal erholte, um im übernächsten ziemlich schnell und unerwartet am 11. Dezember 1909 seinem Leiden, einer Verkalkung der Adern, wie man hinterher sagte, zu erliegen. Das Jahr 1908 verlief in gewohnter Arbeit, in welche nicht nur der übliche Gesellschaftsverkehr in Kiel, sondern auch einige größere Feste eine angenehme Abwechslung brachten. In den Osterferien besuchte ich meine verwitwete Schwägerin in Marburg, dann meinen Bruder in Hüsten, wo ich zum Besten des Kindervereins einen sehr besuchten Vortrag hielt, und schließlich Frankfurt, um am 21. April die Hochzeit meines Neffen Willy Deussen im Englischen Hofe mit allem Glanze zu feiern. Eine zweite Hochzeit meiner Nichte Toni Volkmar führte mich am 11. Juni nach Berlin und von dort zur Goethefeier nach Weimar, wo ich in vier Vorstellungen zu je drei Stunden beide Teile des Faust genoß, aber, trotz alles Schönen und Neuen, welches sie boten, doch der früher einmal besuchten Aufführung des zweiten Teiles im Deutschen Theater zu Berlin den Vorzug geben möchte. Es ist ja ein Löbliches, den Faust auch für die Bühne zurechtzustutzen, aber den vollen Genuß der Dichtung kann man bei ihrer Eigenart niemals im Theater, sondern stets nur bei einer von den nötigen Erklärungen begleiteten Rezitation des Werkes haben, wie ich sie jedes zweite Jahr an der Universität zu Kiel darzubieten pflege.[336] Der am meisten hervortretende Charakterzug des Jahres 1908 waren die vier schon erwähnten im Herbst aufeinanderfolgenden Kongresse, der Historische zu Berlin, der Orientalische zu Kopenhagen, der Philosophische zu Heidelberg und der Religionskongreß zu Oxford. Da meine eben mit der dritten Abteilung zum Abschluß gebrachte »Philosophie der Inder« zu allen vier Kongressen in nächster Beziehung stand, so beschloß ich, sie alle vier zu besuchen und auf jedem mein Werk in schön gebundenen, vom Verleger liberal zur Verfügung gestellten Exemplaren mit einer Ansprache zu überreichen. In Berlin hob ich die Bedeutung der Philosophie als des Generalbasses der allgemeinen Weltgeschichte, wie Schopenhauer sagt, hervor; in Kopenhagen gab ich in der großen Hauptversammlung in Gegenwart des Königs der Freude darüber Ausdruck, das in seinen Teilen und ergänzenden Zutaten Hand in Hand mit den Kongressen zu London 1892, Genf 1894, Paris 1897 und Rom 1899 emporgewachsene Werk nunmehr vollständig in einem germanischen, stammverwandten Lande überreichen zu können. Verschönt wurde der Aufenthalt in Dänemark durch die Gegenwart Diotimas, welche auf meinen Wunsch von London herbeigeeilt war. Hier machte ich auch zuerst die persönliche Bekanntschaft von Dr. Paul Carus, Herausgeber des Openkoort und des Monist zu Chikago, eine Bekanntschaft, welche sich auf dem dritten Kongreß zu Heidelberg zur Freundschaft entwickelte. Den vierten Kongreß feierte ich mit Frau und Tochter als Gast von Mrs. Max Müller in Oxford, von wo wir uns nach London begaben und, in stetem Zusammenhang mit Diotima, zweimal eine Woche mit dem wiederhergestellten Dr. Ludwig Mond auf dem herrlichen Combe Bank, dem Landsitz seines Sohnes Robert, verlebten. Nach Abschluß meiner dritten Abteilung nahm ich mit einer gewissen Wehmut Abschied von der langjährigen Beschäftigung mit der Philosophie der Inder, fand aber Ersatz in der Rückkehr zu einer alten Jugendliebe, indem ich mich, von den vier Kongressen heimgekehrt, mit Feuereifer und immer durch Menzel aufs glücklichste unterstützt, auf die Ausarbeitung der als vierte Abteilung meiner allgemeinen Philosophiegeschichte vorausbestimmten »Philosophie der Griechen« warf. Ich nahm meine[337] alten Aufzeichnungen wieder vor, und indem ich sie mit der größten Freude an dieser Arbeit redigierte, ergänzte und fortführte, entstand von Oktober 1908 bis März 1911 ein Werk, welches mit ungeteiltem Beifall aufgenommen wurde und mir viele neue Freunde erworben hat. Im April 1911 konnte ich zum Philosophenkongreß zu Bologna die ersten fertigen Exemplare mitbringen. Gegen die Bedeutung des inneren Lebens dieser Jahre traten die äußeren Ereignisse zurück, und ich will nur das Wesentlichste davon kurz erwähnen. Ostern 1909 fand mich mit Erika in Düsseldorf, während Wolfgang durch Regierungsrat Tackmann nachgebracht wurde. Ich ließ ihn in Düsseldorf bei seinen Halbkusinen oder richtiger Halbnichten, fuhr mit Albert, Karl, dem trefflichen Bruder Alberts, und Erika nach Niederlahnstein und von dort weiter nach Wetzlar, um dann das im Fluge durchfahrene Lahntal zurück zu Fuß zu durchwandern, wobei mein mitgenommenes Rad mir und stellenweise auch den andern eine angenehme Abwechslung bereitete. Schloß Braunfels wurde besichtigt und Weilburg erreicht, von wo ich für mich allein nach Biskirchen radelte, um den Karlsprudel kennenzulernen, den ich schon manches Jahr vorher und nachher bis auf den heutigen Tag als Getränk bevorzugt habe. Ich wurde sehr freundlich empfangen und in den tiefliegenden Raum geführt, wo einige Mädchen beschäftigt waren, die an einer Kette ohne Ende herunterkommenden Flaschen unmittelbar aus der sprudelnden Quelle zu füllen und auf demselben Wege gefüllt wieder heraufbefördern zu lassen. Indem ich noch den sinnreichen Mechanismus bewunderte, fühlte ich eine ungewohnte Beklemmung auf der Brust und fürchtete schon, mich beim Radfahren übernommen zu haben. Aber sobald ich die Treppe hinaufstieg, war die Beklemmung verschwunden, und ich merkte nun, daß es nur die im unteren Raume reichlich vorhandene Kohlensäure war, welche mir diese Beschwerden verursacht hatte. Wundern muß ich mich, wie die füllenden Mädchen den stundenlangen Aufenthalt in dieser Atmosphäre ertragen. Von Weilburg ging es über Limburg und Diez vorbei an Fachingen, welches wegen des Karfreitags geschlossen war, nach dem schönen Nassau und von dort am folgenden Tage[338] über Ems nach Niederlahnstein und mit der Bahn nach Düsseldorf zurück. Am ersten Ostertage wurden natürlich die Ostereier gesucht, am zweiten aber nahm ich meine beiden Kinder mit mir, um ihnen Oberdreis, den Geburtsort ihres Vaters, zu zeigen. Die Fahrt ging zunächst nach Kelzenberg, wo die Kinder in den Häusern meines Cousins Heinrich Deussen und seines Sohnes mehrere Tage hindurch an einem wilden Bullen und einem jungen Füllen, am Pumpen des Wassers und Melken der Kühe großes Interesse nahmen. Dann fuhren wir von Jüchen, wo wir einen Blick in das nunmehr in andere Hände übergegangene Haus des Ohm Wilhelm Heinrich mit seinen reichen Jugenderinnerungen warfen, nach Köln, Au, Altenkirchen und von da zu Fuß durch Feld und Wald, bis wir von der Höhe in Abendbeleuchtung Oberdreis vor uns sahen. Da dort kein Unterkommen zu haben ist, wanderten wir, auf der Höhe bleibend, über Steimel nach Puderbach und von dort am nächsten Morgen zurück nach Oberdreis, um den größeren Teil des Tages hier zu verbringen. Wir fanden im Pfarrhause freundliche Aufnahme, besuchten die Kirche, wo gerade eine Trauung war, die Schule, das Haus des längst verstorbenen Juden Anschel, die Ölmühle, die Töpferwerkstatt, und ich konnte mehreren meiner Jugendgespielen, die inzwischen alte Leute geworden waren, mit freudigem Stolz meine beiden Kinder vorstellen. Nach Puderbach zurückgekehrt, konnten wir, jetzt bequemer als vordem, mit der Bahn über Dierdorf und Engers Neuwied erreichen, wo ich aus alter Anhänglichkeit im Nassauer Hof abstieg, einmal und nicht wieder, denn ich mußte bemerken, daß die Welt nicht nur durch Eisenbahnen und ähnliche Verkehrsmittel fortschreitet, sondern auch zurückschreitet, denn das zu meines Vaters Zeiten ganz respektable Hotel war zu einer Fuhrmannskneipe herabgesunken. In den Pfingstferien 1909 fuhr ich mit Menzel und Wolfgang zu Schiff nach Korsör und von da zu Rad nach Kopenhagen, welches dann mit allen Merkwürdigkeiten, Tivoli nicht zu vergessen, besichtigt wurde. Daß wir durch die schöne Gegend immer am Sund entlang auch nach Helsingör radelten und von dort die Hamletterrasse mit ihren Erinnerungen besuchten, bedarf als selbstverständlich wohl kaum der Erwähnung.[339] Seid dem Tode Ludwig Monds schloß sich Diotima, ihres edlen Beschützers und Beraters entbehrend, noch enger an mich an, und es sind seitdem bis zu ihrem Tod am 9. April 1913 keine Osterferien oder Herbstferien verstrichen, in denen ich nicht kürzer oder länger die Freude ihrer anregenden Gesellschaft genossen hätte. So folgte ich zunächst Ostern 1910 ihrer Einladung nach Rom, fuhr am 17. März von Kiel ab und gelangte, fast immer bei Freunden absteigend, über Marburg, Boppard und Mannheim nach Sestri Levante, nach Pisa und schließlich nach Rom, wo ich die beiden edeln Frauen noch im frischen Schmerze über den Tod des Freundes fand und in Diotimas herrlichem Palazzo für einige schöne und inhaltreiche Wochen Wohnung nahm, um Ende April rechtzeitig zu den Vorlesungen nach Kiel zurückzukehren. Jm Laufe des Sommers stellte sich ein junger Inder, Prabhu Datta Shastri, in Kiel ein, um mit mir zu studieren und den Doktorgrad zu erwerben, welches denn auch nach Jahr und Tag, trotz seiner mangelhaften Kenntnis des Deutschen, unter vielen Schwierigkeiten glücklich gelungen ist. Ich nahm mich seiner treulich an, machte mit ihm Ende August eine Tour durch Seeland per Rad nach Kopenhagen, schickte ihn am 6. September nach Berlin voraus, wo ich kurz darauf mit ihm zusammentraf und nach München fuhr. Hier hatte sich eine Sache vorbereitet, welche auch für mich weitreichende Folgen haben sollte. Der Verlag von Piper & Co. hatte den Plan gefaßt, eine neue, absolut korrekte Schopenhauer-Ausgabe zu veranstalten, welche alles enthalten sollte, was außer den schon bei Brockhaus durch Frauenstädt und bei Reclam durch Grisebach gedruckten Werken an handschriftlichem Nachlasse irgend erreichbar war. Ich zögerte mit Rücksicht auf Brockhaus, die Herausgabe zu übernehmen, und unterschrieb den Kontrakt erst, nachdem ich meinem langjährigen Hauptverleger Gelegenheit gegeben hatte, sich zur Sache zu äußern; er begrüßte dieses Konkurrenzunternehmen freundlich und wünschte mir Glück dazu. Es war eine Hauptfreude dieser Reise, sein Antwortschreiben mit Diotima durchzusprechen. Ich hatte sie nach meiner Abreise von München in Wiesbaden besucht, sofort war sie bereit, mit mir eine Wallfahrt nach Frankfurt zu Schopenhauers Grab zu unternehmen, und so fuhren wir denn auch am[340] 5. Oktober in genußreichster Fahrt zusammen nach Boppard, auf einem Rheindampfer nach Honnef in ihre dortige, der Familie der Schwester seit Jahren zur Benutzung überlassene Villa, wo wir denn beide begreiflicherweise mit höchsten Ehren aufgenommen wurden. Doch nicht lange hielt es mich dort, denn eilig mußte ich über Düsseldorf und Kiel, von wo ich Wolfgang mitnahm, nach Berlin zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Universität vom 10. bis 12. Oktober reisen, wozu ich als ehemaliger Privatdozent und Professor der Friedericia-Guilhelma eine Einladung erhalten hatte. Mit großem Interesse nahm ich an dem vorzüglich organisierten Feste mit seinen Sitzungen nebst Domfeier, Fackelzug, Festmahl, Volksbelustigung, Theatervorstellungen und Riesenkommers teil, schickte dann Wolfgang nach Kiel zurück und machte selbst noch einen Besuch in Königsberg, in der Neumark, um sodann über Stettin nach Kiel zur Arbeit zurückzukehren. Ungesäumt nahm ich, unterstützt von einer Reihe jüngerer Kräfte für die neue Ausgabe, die Redaktion der »Welt als Wille und Vorstellung« vor, so daß der erste Band schon Ostern, der zweite im Spätherbste 1911, beide mit textkritischen Anhängen und Zitatenübersetzung in prachtvoller, fast luxuriöser Ausstattung erscheinen konnten. Die neunundzwanzig Manuskriptbücher, welche auf der Königl. Bibliothek in Berlin jedem zugänglich sind, wurden unter Mockrauers Mithilfe, dem ich die Leitung der Berliner Filiale übertrug, fleißig benutzt und eine Abschrift aller dort liegenden Materialien in Angriff genommen. Schwieriger war es, die wegen der handschriftlichen Zusätze Schopenhauers unentbehrlichen, von Frauenstädt nur unzulänglich, von Grisebach, da sie ihm vorenthalten wurden, gar nicht benutzten Handexemplare zu erlangen. Sie waren, im ganzen sechzehn Bände, von Hand zu Hand weiterverkauft worden, und ihr gegenwärtiger Besitzer, ein Referendar G. in Leipzig, war unbekannt, da er der den Kauf vermittelnden Buchhandlung Schweigen auferlegt hatte. Durch zahlreiche Briefe, zuerst anonym und durch Vermittlung des Buchhändlers, dann, als sein Name von Bonn und Berlin aus mir zugeflüstert war, auf direktem Wege, beschwor ich den glücklichen Besitzer, uns seinen Schatz für unsere Ausgabe anzuvertrauen, lange Zeit ohne Erfolg, bis es mir[341] Ostern 1912 gelang, ihn persönlich in Leipzig zu treffen und die sechzehn Bände der Handexemplare leihweise nach Kiel zu erhalten. Über ein Jahr habe ich sie in meinem Hause gehabt und von Anfang bis zu Ende abschreiben lassen, hätte sie auch behufs der Drucklegung gern noch länger behalten, wäre nicht der immer ungeduldiger sich gebärdende Besitzer am 22. Juli 1912. zum allgemeinen Schreck persönlich in meinem Hause erschienen, um mit Ungestüm die letzten, noch in meinen Händen befindlichen Bände zurückzufordern. Ich müßte mir wohl Vorwürfe machen, ihm sein Eigentum durch allerlei Vertröstungen, Listen und Künste so lange vorenthalten zu haben, läge nicht hier ein Fall vor, wo wirklich einmal der Zweck die Mittel heiligte. Mit dem 16. Februar 1911, wo wir, abgesehen von der silbernen Hochzeit, unsere letzte Gesellschaft gaben, geriet der bis dahin mit den Familien der Kollegen und andern nach Möglichkeit unterhaltene gesellige Verkehr ins Stocken. Schon seit einiger Zeit hatte meine Frau, wenn sie, wie gewöhnlich, meine Vorlesung mit mir besuchte, einige Beschwerden beim Atmen, und diese steigerten sich nach einer Gesellschaft bei Lüthje am 28. Februar so sehr, daß sie nicht imstande war, die kleine Steigung von dort zu meiner Wohnung zu überwinden, und ich sie mit einigen Bekannten unterwegs stehenlassen mußte, um einen Wagen zu holen. Ich fand es geraten, sie für zwölf Tage nach dem Krankenhaus Quickborn zur Beobachtung und gründlichen Untersuchung durch Lüthje zu schicken, welcher einen Herzklappenfehler konstatierte und für den Sommer möglichste Ruhe verordnete. Meine Frau blieb denn auch den ganzen Sommer durch oben in ihrem schönen großen Zimmer, war im übrigen in heiterer Stimmung, empfing Besuche und schrieb Briefe, da die bei ihr so häufigen melancholischen Anwandlungen in den Hintergrund getreten waren. Erst mit der silbernen Hochzeit trat eine Wendung zum Schlimmeren ein, von der noch zu berichten sein wird. Inzwischen war ich am 21. März mit Erika von Kiel nach Berlin und von dort am 27. März weiter nach Leipzig gefahren, wo wir mit der Familie Brockhaus einen angenehmen Tag verlebten, die ersten fertigen Exemplare der »Philosophie der Griechen« zur Überreichung auf dem Kongreß zu Bologna mit uns nahmen.[342] In Bologna freuten wir uns des Philosophischen Kongresses und des Wiedersehens mit so vielen Bekannten; ich hielt meinen Vortrag, leitete teilweise die Sitzungen meiner Sektion und wurde denn auch zu dem zu Ehren der Delegierten veranstalteten Festmahl eingeladen. Ich saß zwischen einem Bologneser Ratsherrn und dem mir befreundeten Geheimrat Kohler aus Berlin. Mit letzterem besprach ich eine Angelegenheit, die mich auf Grund von Anregungen von verschiedenen Seiten her schon länger beschäftigt hatte, nämlich die Gründung einer Schopenhauer-Gesellschaft, und er erbot sich, nicht nur mit mir in das Kuratorium einzutreten, sondern auch als Schatzmeister unserer Gesellschaft den ihm bekannten Direktor der Deutschen Bank und Mitglied des Herrenhauses, Arthur v. Gwinner, bei den nahen Beziehungen zwischen dessen Vater und Schopenhauer zu gewinnen. Wir haben denn auch diese Gesellschaft am 30. Oktober 1911 mit dem Sitz in Kiel gegründet; sie ist in kurzer Zeit mächtig emporgeblüht, hat für 1912, 1913 und 1914 drei an Umfang immer wachsende Jahrbücher veröffentlicht und hat auf den drei zu Pfingsten 1912 zu Kiel, 1913 zu Frankfurt und 1914 zu München bisher stattgefundenen Generalversammlungen, nicht zu reden von dem überaus glänzenden Verlaufe derselben, zu einem näheren Zusammenschluß der gegenwärtig 430 Mitglieder geführt und mir in der Nähe und Ferne viele warme Freunde erworben, freilich auch viele Mühe und Arbeit gemacht, da die Last der ganzen Leitung fast ausschließlich auf meinen Schultern ruht. Amazon.de Widgets Am 12. April 1911 fuhr ich mit Erika von Bologna in überfülltem Kupee nach Rom zu Diotima; auch Prabhudatta hatte sich uns angeschlossen und fand für die Tage seines Bleibens in Diotimas Palazzo ein freundliches Unterkommen, während ich, wie gewöhnlich, einige Wochen blieb und meine Freude daran hatte, meiner sechzehnjährigen Tochter die Herrlichkeiten Roms teils selbst zu zeigen, teils durch andere zeigen zu lassen. In Eilmärschen kehrten wir dann gegen Ende April über München, Koblenz und Düsseldorf nach Kiel zurück. Hier konnte ich mich nunmehr von 1911 bis 1913 einer Arbeit widmen, welche eine Kopf und Herz seit meiner Jugendzeit wie keine andere beschäftigende und quälende Frage behandelte und in meiner am[343] 30. September 1913 erschienenen »Philosophie der Bibel« ihre für mich endgültige Lösung fand. In diesem Werke habe ich einerseits, voller vielleicht, als es je vor mir geschehen ist, der historischen und naturwissenschaftlichen Kritik ihr Recht gegeben und es doch möglich gemacht, das Christentum gerade in seinen tiefsten, von der liberalen Theologie oft genug verleugneten Erkenntnissen zu retten, welches auf keinem andern Wege geschehen kann, als durch den von Kant unerschütterlich begründeten und erst von Schopenhauer in seiner vollen Tiefe und Bedeutung für Philosophie und Religion gewürdigten Idealismus. Am 5. August 1911, eben nach Abschluß der Vorlesungen, erschien Diotima in Kiel, um als hochwillkommener Gast am 16. August das große Fest der silbernen Hochzeit mit uns zu feiern. Es war, als wenn dieses Fest mit all seinen schönen Veranstaltungen, der Musik am frühen Morgen, den zahlreichen Besuchen Glückwünschender, den Spenden an Blumen und herrlichen Geschenken, der Aufführung einer Oper, welche von Herrn Stolze und Fräulein Kritzler, die in der Blüte der Jahre kurz darauf starb, gesungen wurde, ? es war, als wenn dieser schöne Tag die Besiegelung unseres fünfundzwanzigjährigen Eheglücks und zugleich dessen Abschluß bilden sollte. Am folgenden Tage fühlte sich meine Frau sehr elend und hat sich trotz aller Sorge durch die Ärzte, trotz einem zehnmonatlichen Aufenthalt in der Nervenklinik und nachfolgender Pflege durch eine besondere Pflegerin nicht wieder erholt, und obgleich ich nicht müde wurde, ihr Mut einzusprechen und auch für mich die Hoffnung auf Genesung immer noch festhielt bis zum Neujahrstage 1914, wo ich sie zum letzten Male lebend sah und auch mich bei ihrem Anblick der Mut verließ, ist sie am 2. Januar 1914, morgens 51/2 Uhr, sanft und ohne Kampf von ihrem Leiden erlöst worden. Ruhig und unter erfreulich fortschreitender Arbeit an der »Philosophie der Bibel« verlief die Zeit bis Ostern 1912, wo ich mich rüstete, über Berlin und Leipzig, München und Innsbruck nach Rom zu fahren und mit Diotima verabredetermaßen den Orientalistenkongreß in Athen zu besuchen. Wir fuhren am 3. April nach Brindisi und von dort zwei Tage später auf einem kleinen griechischen Dampfer über Korfu und vorbei an der damals[344] noch türkischen, im herrlichen Sonnenschein vor uns liegenden Küste von Epirus durch den Golf von Korinth und den für kleinere Schiffe zugänglichen Kanal des Isthmus direkt nach Athen. Vom Kongresse selbst, der wegen des Zusammentreffens mit dem Universitätsjubiläum sehr unordentlich geleitet wurde, habe ich nur wenig gesehen, doch einige wertvolle Bekanntschaften gemacht. Die interessanteste war jedenfalls die des Königs. Er gab im Palaste des Kronprinzen einen Empfang, zu dem auch ich als Delegierter eingeladen war, und hier stand König Georgios zwanglos und von Orientalisten umschwärmt in der Mitte eines großen, doch mehr behaglich als luxuriös ausgestatteten Saales. Mein alter Bekannter, Professor Lambros, zeitiger Rektor der Universität und Präsident des Kongresses, stellte mich dem König vor, und ich hatte mit diesem eine längere, sehr angenehme Unterhaltung. Schon am 12. April, während noch der Kongreß tagte, verließen wir Athen und fuhren mit zusammengestellten Rundreisebilletten, in welchen Eisenbahnen, Dampfschiffe, Wagen, Pferde zum Ritt auf Akrokorinth und Hotels nach Tag und Stunde aufs beste vorgesehen waren, zunächst nach Mykene, wo ich auf der Höhe zwischen der Burg und dem Trümmerfeld der Stadt an passendster Stelle den hier spielenden Eingang der Electra des Sophokles mit Diotima zusammen las. Drei griechische Knaben blickten mir über die Schulter ins Buch, ich ließ sie lesen, welches sie ganz richtig ausführten, und, bei der nahen Verwandtschaft des Neugriechischen mit der alten Sprache, wie ich annehmen darf, auch dem Inhalt nach richtig verstanden haben. Von Mykene ging es nach Argos über Tiryns mit seinen kolossalen Mauern und Gewölben nach Nauplia, von wo wir in langer, ermüdender Wagenfahrt durch teilweise öde Gegenden Epidauros und sein berühmtes Theater erreichten. Wir stiegen zu den höchsten Sitzen hinauf, wo gerade auch einige Engländerinnen herumkletterten, und ich forderte Diotima auf, stehenzubleiben, um die Akustik zu prüfen, während ich zur Bühne hinuntereilte, um dort etwas vorzutragen. Jetzt werden wir wohl »Die Wacht am Rhein« zu hören bekommen, sagten die englischen Gänschen. Ich rezitierte einiges aus Äschylos und Sophokles ohne besondere Anstrengung der Lungen, und es war[345] trotz der kolossalen Entfernung auch auf den obersten Sitzen vollkommen zu hören. Von Nauplia fuhren wir am Sonntag, den 14. April, nach Korinth, wo schon unsere Pferde bereitstanden zum Ritt nach Akrokorinth, wo ich vor so viel Jahren einen so entzückenden Tag verbrachte, daß ich der Aussicht von oben vor allen andern mir bekannten den Preis zuerkennen muß. Für den Aufenthalt in dem sehr primitiven Hotel mit dem volltönenden Namen Phoibos Apollon, in dem kein Spiegel gerade hing und keine Schublade richtig aufging, entschädigten uns die herrlichen Ausgrabungen, der Wagenlenker, die Sphinx u.a. und ein langes Sitzen auf den Marmortrümmern, währenddessen Diotima mir den größten Teil der Electra auf deutsch vorlas. Vielleicht war es das viele Herumklettern oder das lange Sitzen, welches mir einen in seinen Vorboten schon länger drohenden Gichtanfall eintrug, der von allen seit zweiundzwanzig Jahren gehabten der scheußlichste, aber, wie ich hoffe, auch der letzte gewesen ist, da ich infolge desselben auf Lüthjes Rat Fleisch und Alkohol gänzlich verschworen habe und nun schon über zwei Jahre ohne merkliche Beschwerden geblieben bin. Übrigens hatte die Sache damals das Gute, daß Diotima ihre ganze mit Energie gepaarte Engelsgüte entfalten konnte. Von Delphi über Itea nach Patras und von dort über Korfu mit mir in Brindisi angelangt, verzichtete sie auf einen projektierten Aufenthalt in Neapel, fuhr mit mir direkt nach Rom, wo die telegraphisch vorausbestellte Medizin bereitstand, worauf ich nach acht Tagen wieder auf meinen Füßen gehen und stehen konnte wie ein anderer Mensch. Den Sommer 1912 hatte ich noch viel mit der Drucklegung der Parerga zu tun, bis mir am 22. Juli die Handexemplare von ihrem Eigentümer, wie schon oben erzählt, gleichsam mit Gewalt entrissen wurden; zugleich arbeitete ich emsig an der »Philosophie der Bibel«, wobei mir neben andern besonders Freund Talma aus Utrecht den ganzen August durch, wo die meisten Mitarbeiter nicht zu haben waren, die wertvollste Hilfe leistete. Zur Erholung unternahmen wir am 31. August die Fahrt nach Korsör und von da über Sorö zu Rad nach Roeskilde, um nach viertägigem Aufenthalt in Kopenhagen, mit gänzlich verregneter Tour nach[346] Helsingör, nach Kiel zurück und von da zusammen nach Bremen zu fahren. Hier entließ ich Freund Talma mit dem Versprechen, mich eine Woche später in Leyden wieder zu treffen, holte Freund Jahn ab und fuhr mit ihm über Amsterdam zum Religionskongreß nach Leyden. Der Kongreß brachte neben einigen Anregungen auch manche Bekanntschaft, namentlich Miß Marshall und Professor Pestalozzi, welche beide ich im nächsten Jahre in Mailand wieder getroffen habe. Der schönste Tag brachte eine gemeinsame Rundfahrt auf dem Hafen zu Rotterdam und ein ihm folgendes glänzendes Festmahl im Haag. Am 15. September fuhr Freund Jahn ab und gleichzeitig kam Talma an, um das freigewordene Zimmer unter dem meinigen einzunehmen. Ich besuchte mit ihm Rheynsburg mit dem Spinozahäuschen, Nymwegen und Rotterdam und fuhr, von ihm noch ein Stück Wegs geleitet, über Osnabrück nach Berlin, wo Diotima mich erwartete und in dem großen und schönen Hotel Adlon ein Zimmer für mich bereitgestellt hatte. Hier lernte ich in den nächsten Tagen ihren Berliner Bekanntenkreis kennen, unter welchem die vielseitige und geistvolle Frau Professor Lepsius, die vortreffliche Frau Kapitän Hildebrandt und Gretchen Bruch mir in angenehmster Erinnerung sind. Mit größter Lust gab ich mich in den folgenden Monaten der Ausarbeitung meiner »Philosophie der Bibel« hin. Sie war mein letzter Gedanke, wenn ich zu Bett ging, und mein erster, wenn ich morgens erwachte, und oft sprang ich noch im tiefsten Negligé herunter, um einen Gedanken, für den ich gerade eine glückliche Fassung hatte, zu Papier zu bringen. Ende Januar 1913 konnte ich das letzte Manuskript an Brockhaus absenden. Inzwischen waren aus Rom durch den wie immer regen Briefwechsel mit Diotima Nachrichten zu mir gelangt, welche, ohne mich weiter zu beunruhigen, doch nicht ganz erfreulich klangen. Die Freundin, sonst immer von fester, fast robuster Gesundheit und wenig geneigt, krankhaften Regungen bei sich oder bei andern Gewicht beizulegen, fing an zu kränkeln und ging mitten im Winter nach St. Moritz, weniger wohl um des Schneesports willen, als um den Anstrengungen der Geselligkeit in Rom aus dem Wege zu gehen. In ihren Briefen mokierte[347] sie sich über das Tun und Treiben der dort zusammengewürfelten Gesellschaft, hoffte auf ein Wiedersehen mit mir in Rom und nahm dem Arzt das Versprechen ab, sie zum Zwecke desselben schleunigst gesund zu machen. Herzlicher noch als gewöhnlich lud sie mich zum Besuche ein, und so fuhr ich am 18. März zunächst nach Düsseldorf, wo ich in Alberts Atelier ihm und einem talentvollen, das benachbarte Atelier innehabenden Maler scherzweise die Aufgabe stellte, innerhalb einer Stunde zwei Brustbilder von mir in Kreide oder Kohle herzustellen. Es entstanden zwei wohlgelungene Porträts, welche ich als meine Vorläufer an die Freundin in Rom sandte. Erst in Mannheim trafen mich Telegramme und Briefe beunruhigender Art. Ich antwortete, daß ich erst später habe ankommen wollen, aber auch bereit sei, wenn es gewünscht werde, sofort nach Rom zu fahren, und erhielt die telegraphische Mitteilung, daß die Freundin mich möglichst bald zu sehen wünsche. Am Morgen des 2. April traf ich in Rom ein, wo Frau Dr. Mond mir ihre herrlich eingerichteten Privatsalons zur Wohnung anwies, da alle übrigen Zimmer des Palazzo Zuccari von Freunden und Verwandten eingenommen wurden, welche auf die Nachricht von Diotimas Erkrankung herbeigeeilt waren. Sie selbst hatte schon am 22. März ihren Palazzo verlassen und sich in dem kahlen Zimmer einer Klinik, dessen einziger Schmuck die beiden von mir vorausgesandten Bilder waren, am 23. März einer vorläufigen Operation unterwerfen müssen, die ihr wenigstens Linderung verschaffte. Sie empfing mich anscheinend heiter, erzählte, wie viele Freude ihr in den Wochen des Leidens die Lektüre der Druckbogen meiner »Philosophie der Bibel« bereitet hätte, und forderte mich auf, sie täglich zu besuchen. Ich sah sie denn auch noch an den beiden folgenden Tagen, lernte dabei auch ihren Chirurgen, den berühmten Bastianelli, kennen und verzichtete ungern für die nächsten Tage auf einen Besuch, weil die Kranke für die auf Montag, den 7. April, angesetzte Hauptoperation ihre Kräfte sammeln sollte. Die Operation verlief, wie die jeden Augenblick eingeholten telephonischen Nachrichten uns mitteilten, soweit glücklich, in den nächsten Tagen aber stellte sich große Schwäche ein, und so ist die Freundin am Mittwoch, dem 9. April, abends kurz vor 9 Uhr ihrem Leiden[348] erlegen. Ich sah sie in den nächsten Tagen auf blumengeschmückter Bahre, und die alle andern zurückdrängende Empfindung war, daß die Freundin nun doch nicht mehr zu leiden habe. Was ich an ihr verloren hatte, das war mir vom ersten Augenblick an so klar wie es mir noch heute ist. Der Sarg wurde in dem schönen Konzertsaal ihres Palazzos vor der Orgel aufgebahrt, eine unübersehbare Menge von Blumen, Kränzen und Girlanden umgaben ihn, und am Sonnabend, dem 12., nachmittags 3 Uhr fand die Trauerfeier statt, bei welcher ich auf Wunsch der Frau Dr. Mond vor einer illustren Versammlung, in Gegenwart des Fürsten Bülow und seiner Gemahlin, des englischen Gesandten, der Gemahlin des französischen Gesandten und vieler an dern Würdenträger, nach einem Präludium der Orgel die Gedächtnisrede hielt, in der ich, anknüpfend an eine Vedastelle, ihr segensreiches Wirken nach so vielen Seiten, ihre Liebe zu Kunst und Wissenschaft, ihr stets bereites Eingreifen, wo es galt, die Not der Leidenden und Armen zu lindern, gebührend hervorhob. Nach mir sprachen noch der alte, eisgraue Senator Blaserna, Professor Cubone, Exzellenz Harnack (namens der Kaiser-Wilhelm-Stiftung), der Graf Perrone (im Namen ihrer Angestellten) und der Bürgermeister von Rom. In einem langen Zuge von Automobilen geleiteten wir den Sarg nach dem entfernten Krematorium, wo am Montag, dem 14., die Einäscherung sich vollzog, nach deren Beendigung wir uns im engsten Kreise eingefunden hatten, um der Aufnahme der Asche in einer Urne beizuwohnen, welche später auf dem Protestantischen Friedhofe neben der Pyramide des Cestius beigesetzt wurde. Am 19. April trat ich meine Heimreise an, welche mich mit Aufenthalt in Pisa, Mailand, Zürich, Frankfurt und Hamburg nach Kiel zurückführte. Für den Herbst dieses Jahres hatte ich zugesagt, in Salzburg bei den Hochschulferialkursen nebst der mir zustehenden Rektoratsrede sechs Vorträge über Indien zu halten, eine Aufgabe, welche mir viele Freude machte und viele Freunde gewann, unter welchen ich nur Hermann Bahr, mit dem ich wiederholte lange Spaziergänge unternahm, und Regierungsrat Dr. Franz Huemer nennen möchte. Ich fuhr über Linz nach Wien zu, wo ich[349] als Gast meines Freundes Dr. Gotthelf am 3., 4. und 7. Oktober in dem großen Festsaale der Urania drei, von den Versammelten, 500 Personen, mit Begeisterung aufgenommene Vorträge über Kant, Schopenhauer und Nietzsche hielt. In die Wintermonate 1913?14 fiel die Ausarbeitung der »Philosophie des Mittelalters«, aber auch, wie schon berichtet wurde, in der Frühe des 2. Januar das Hinscheiden meiner mir in siebenundzwanzigjähriger glücklicher Ehe verbunden gewesenen Gattin. Am Sonntag, dem 4. Januar, war die Trauerfeier für sie in meinem Hause, am Montag erfolgte in Gegenwart meiner beiden Kinder und der aus Berlin, Bremen, Kiel und Düsseldorf herbeigeeilten Freunde die Einäscherung im Krematorium zu Hamburg. So habe ich innerhalb eines Zeitraumes von weniger als neun Monaten meine beste Freundin und die eigene Gattin durch den Tod verloren, während ihnen so viele andere, die mir im Leben so nahe gestanden hatten, im Tode vorangegangen waren. Aus dem eigenen Familienkreise waren nicht nur, nach einem langen und gesegneten Leben, beide Eltern, sondern auch zwei meiner Brüder, Immanuel und Johannes, hingeschieden. Die beiden nächsten Freunde meiner Jugend, Ernst Schnabel und Friedrich Nietzsche, starben in Jahren, wo für andere der Herbst des Lebens erst dessen beste Früchte zur Reife bringt. Durch eigene Hand fielen der nächste Lehrer und der nächste Schüler, die ich im Leben gehabt habe, mein Lehrer Kretzschmer, der in Pforta mein Tutor und Prinzipal gewesen war, und mein Zögling Georg v. Kantschin. Trotz dieser und so vieler anderer Verluste fühle ich mich im Leben nicht vereinsamt, da mir ein gütiges Geschick viele liebe Freunde in der Nähe und Ferne, in Europa und Amerika, in Indien und Japan, bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Auch die drei Generalversammlungen der von mir im Oktober 1911 gegründeten und geleiteten Schopenhauergesellschaft haben mir viele warme Freunde erworben, und so freue ich mich des stetigen Anwachsens dieser Gesellschaft sowie des rüstigen Fortschreitens meiner großen Schopenhauerausgabe, soviel Sorge und Mühe mir auch beide Unternehmungen bereitet haben und noch künftig bereiten werden. Mehr aber noch als[350] dieses alles liegt mir neben der gedeihlichen Entwicklung meiner beiden Kinder die glückliche Fortführung der alle wissenschaftlichen Bestrebungen meines Lebens zusammenfassenden und abschließenden »Allgemeinen Geschichte der Philosophie« am Herzen, deren fünfte, die biblisch-mittelalterliche Philosophie behandelnde Abteilung, bis zum Jahre 1200 gediehen ist, während die sechste Abteilung die neuere Philosophie bis zur Gegenwart hin behandeln soll. Daß mir Leben, Gesundheit und Arbeitskraft lange genug treu bleiben mögen, um diese, die Summe und das Resultat meines ganzen Lebens in sich fassende Arbeit glücklich zu Ende zu führen, das ist das Höchste, was ich in den Jahren, die mir noch diesseits des Grabes vergönnt sein mögen, ersehne und erhoffe.[351] 
 Hauslehrer. 1872?1880.  [151] Herr Dmitri von Kantschin, der Vater meines Zöglings, stammte aus einer vornehmen und reichen Petersburger Familie. Freilich waren seine Brüder noch viel reicher als er, weil sein Vater ihn aus Mißmut über seine Heirat bei der Erbschaft verkürzt hatte. Cet homme, sagte Mme. Kantschin in ihrer drastischen Sprache, wenn sie das Bild ihres Schwiegervaters zeigte, cet homme a volé à mon mari. Sie selbst war nämlich Tochter eines Kosakenoffiziers und damals, wie sie wohl äußerte, diablement jolie gewesen, daher hatte Dmitri gegen den Willen seiner Familie seine Ljuba oder Aimée, wie sie dies französisch übersetzte, geheiratet. Es war eine richtige Liebesheirat gewesen und war, wie dies bei einer solchen so oft der Fall ist, von einem nicht sehr glücklichen und harmonischen Eheleben gefolgt worden. Beide waren im Grunde treffliche Naturen, aber beide, wie Georges sagte, des caractères entiers, daher sie nicht lange zusammen sein konnten, ohne sich aneinander zu reiben. Zum Glück war dieses Zusammensein auf ein paar Monate im Jahr beschränkt, während der übrigen Zeit lebte Dmitri in Petersburg und ging seinen Geschäften nach, während Madame, angeblich, weil sie das Klima Rußlands nicht vertragen konnte, mit Georges und seinen beiden Schwestern, Marianne und Madeleine, meist in der Schweiz lebte. Ein- bis zweimal im Jahre kam dann Monsieur aus Rußland angereist, welches für die Kinder und auch für mich eine festliche Zeit war, denn Monsieur war nicht[152] nur sehr wohlwollend und gutherzig, sondern er hielt auch sehr auf eine gute Küche und noch mehr auf gute Weine. Wenn Madame Kantschin gelegentlich von ihrem Gatten äußerte: »C'est le plus honnête homme, qui ait jamais existée«, so kann ich dies aus langjähriger Erfahrung völlig unterschreiben. Herr von Kantschin hat mir nie Grund gegeben, zu klagen, und wenn wir einmal uneins waren, so beruhte das seinerseits auf redlicher Überzeugung. Sein Charakter kann als eine eigentümliche Verbindung von Scharfsinn und Borniertheit bezeichnet werden. Er disputierte überaus gern und wußte mit großem Geschick die Gründe für seine Ansichten beizubringen, und doch waren diese Ansichten reine Theorie und wurden daher oft von realen Verhältnissen dementiert. Mit Eigensinn verfolgte er seine Pläne und mußte nur zu oft erleben, daß sie scheiterten. In mir fand er ein gefügiges Organ, sogleich zu Anfang, wenn ich es unternahm, Georges in einem Jahre über zwei Jahre, ein verlorenes und ein neues, wegzubringen. Es gelang, und der Erfolg kam mir reichlich zugute; aber erstaunt war ich, als Madame Kantschin die Bemerkung hinwarf: »C'est la seule chose, qui a jamais réussi à mon mari.« In der Tat muß er als mächtiger Großindustrieller manches unternommen haben, welches ganz oder teilweise mißglückte. Eine ganz andere Natur war Madame Kantschin. Sie muß früher einmal eine Schönheit gewesen sein, hatte aber ein resolutes, etwas rauhes, ja gelegentlich wohl wüstes Wesen; mit dem ihr ausgesetzten Geld für ihre Toilette kam sie nie aus und hatte bei den Pariser Schneiderinnen stets ein starkes Konto zu Buche stehen. »Ich könnte es ja bezahlen,« sagte einst Monsieur zu seinem Sohn, der wieder mir die Sache hinterbrachte, »aber sie würde nur wieder neue Schulden machen, und da ist es besser, daß sie sich mit den alten herumschlägt.« Trotz dieser Ausgaben und trotz der stetig sie begleitenden Kammerfrau erschien Madame Kantschin in der Toilette etwas vernachlässigt. Mit Vorliebe trug sie Schwarz und ihre Haartracht machte ihr wenig Sorge. »On plante une peruque, c'est voilà tout«, sagte sie einmal, und in der Tat erschien sie bald hellblond, bald dunkel, je nach der Perücke, die sie gerade trug. Übrigens war Madame Kantschin[153] im Verkehr lebhaft, exzentrisch, sprach sehr elegant französisch, und war eine der geistreichsten Frauen, die mir im Leben begegnet sind. Sie hatte in jeder Sache ein treffendes Wort bei der Hand und beurteilte die Dinge meist viel richtiger als ihr Gatte. Sie sagte öfter: »L'intelligence est la plus rare monnaie, qui court dans le monde«, war aber auch für Geist, wo sie ihn fand, empfänglich und wußte gelegentlich, wenn wir abends im Salon um sie versammelt waren, ganz reizend zu erzählen. Ihr Leben spielte sich ziemlich gleichmäßig ab. Bis gegen Mittag lag sie in ihrem Bett und las Romane, zum Frühstück erschien sie manchmal gut, manchmal schlimm gelaunt. Das Tischgespräch war lebhaft, und die Kinder sprachen in ihrer Weise mit. Nachmittags unternahm Madame einen längeren Spaziergang, dessen Entfernung sie mit dem Schrittmesser kontrollierte, und zum Diner um 7 Uhr abends hatte sie gewöhnlich einige Gäste, mit denen dann der Abend zugebracht wurde. Waren einmal keine solchen zugegen, so saß sie in ihrem Salon, rauchte Zigaretten und legte für sich Patience, oder erzählte, wenn sie gerade guter Laune war, uns und den Kindern Geschichten. Zigaretten durfte man in ihrer Gegenwart rauchen, aber keine Zigarren. Einmal, während Madame im kleinen Salon saß und ihre Patience legte, war ich mit Monsieur in dem durch eine stets offene Tür damit verbundenen großen Salon beschäftigt, Schach zu spielen. Monsieur ermunterte mich, dazu meine Zigarre anzustecken. Bald aber erscholl aus dem kleinen Salon ein klagender Ruf von Madame: »Je sens ici l'odeur d'un affreux cigare!« Schnell beseitigte ich meine Zigarre und traute mich nun gar nicht mehr zu rauchen, bis Madame am andern Tage voll Güte zu mir sagte: »Allumez votre cigarette, mais pas votre cigare.« Überhaupt war die Behandlung, die man als Erzieher in der Familie genoß, eine sehr gute. An allem nahm man teil und wurde vollkommen von der Familie wie von den Gästen als ebenbürtig behandelt. Am Familientisch wurden alle möglichen Angelegenheiten ohne Scheu in meiner Gegenwart durchgesprochen. Obgleich es mir freistand, an diesen Gesprächen nach Belieben teilzunehmen, so legte ich mir doch in richtiger Beurteilung meiner Lage eine gewisse Zurückhaltung auf und zog es vor, mehr zu beobachten als einzugreifen,[154] mehr zu hören als selbst zu reden. Die Folge dieses Verhaltens war, daß ich mir bald eine sehr genaue Kenntnis meiner Tischgenossen, ihres Charakters, ihrer Neigungen und Interessen erwarb, und es gibt wenig Menschen, die mir so durchsichtig wären, wie Monsieur und Madame Kantschin. Georges war sehr liebenswürdig gegen mich, aber auch sehr verzogen, und ich bin wohl der einzige seiner Lehrer, der durch Liebe und Strenge noch einigermaßen mit ihm fertig werden konnte. Ob ich ihn zu einem tüchtigen Menschen hätte erziehen können, wenn ich freie Hand gehabt hätte, weiß ich nicht, jedenfalls habe ich diese freie Hand schon von vornherein nicht und bis zu Ende nicht gehabt. Denn der Vater legte auf Charaktererziehung keinen Wert, um so höheren darauf, daß der Sohn das Ziel des jedesmaligen Jahres erreichte, und diese Ziele, an deren Erreichung auch ein guter Teil meiner Einnahmen hing, waren so hoch gesteckt, daß man dem Knaben vieles durchgehen lassen mußte, um ihn einigermaßen bei guter Laune für die Arbeit zu erhalten. Die Mutter hatte zuviel, bon sens, um mich nicht prinzipiell zu unterstützen, aber auch nur prinzipiell. Tatsächlich ließ sie mich oft genug im Stich. So war es Regel des Hauses, daß wir bei Tag erscheinen konnten wie wir wollten, zum Diner aber um 7 Uhr abends Toilette machen mußten, wozu eine viertel Stunde vorher geläutet wurde. Dann gab es sehr oft einen kleinen Kampf, bis Georges sich entschloß, sich Hände und Gesicht zu waschen und seinen Anzug zu wechseln. Zuweilen, wenn er dazu gar keine Lust hatte, lief er zu seiner Mutter hinüber, die auf ihrem Diwan lag und einen Roman las, und fragte: »Maman, suis je bien comme ça?« worauf sie dann etwa erwiderte: »Pourquoi pas«, und er, triumphierend über mich, zurückkam. Ein schlimmer Grundsatz des Vaters war, dem Sohne für gute Leistungen Geld, zuviel Geld zu geben, wozu dann oft auch noch mitunter sehr reiche Geschenke von andern kamen. So schenkte ihm ein Bruder seines Vaters, Onkel Paul, bei einem Besuche 500 Franken, allerdings mit der Bedingung, dafür physikalische Apparate anzuschaffen. Nach drei Tagen war das Geld verausgabt und überall standen elektrische Maschinen, Bobinen, Akkumulatoren usw., aber zu einer ernsten Benutzung außer zu Spiel und Mutwillen kam es nicht, bis schließlich ein[155] Stück nach dem andern unbrauchbar wurde und verkam. Ein Umstand, der mir schon in Genf und späterhin mehr und mehr Ungelegenheiten bereitete, war die Vorliebe meines Zöglings für Flinten, Pistolen und Revolver. Georges sprach sehr gut französisch, welches eigentlich seine Muttersprache war, daneben mangelhaft deutsch, englisch und italienisch, und am wenigsten wohl russisch. Sogleich nach meiner Ankunft in Genf am 20. Oktober 1872 wurde er mir anvertraut; die Familie lebte bis zum Ende des Monats noch in der Pension, und da dort kein Platz mehr war, so wohnte ich mit Georges in dem benachbarten »Hotel de la Paix«. Das Leben in der Pension schien mir unverwöhntem Menschen so üppig, daß ich zweifelte, ob es später bei eigener Wirtschaft ebenso gut sein werde, aber sehr beruhigt war, als ich auf meine Frage an Georges, ob er das Leben in der Pension oder in der Villa mit eigener Haushaltung vorziehe, die Versicherung erhielt, daß das letztere bei weitem angenehmer sei. An ein ernstes Arbeiten war in diesem Provisorium noch nicht zu denken. Es wurde als eine Ferienzeit betrachtet, in der ich mit Georges spazierenging, auf dem See ruderte, vielleicht auch schon, wie später öfter, ein wenig ausritt. Endlich kam der 1. November heran, wir bezogen eine gemietete Villa, und jetzt begann ein mehr geordnetes Leben. Wenn man vom linken Ufer der Rhone aus die letzte der herrlichen Brücken, welche beide Teile der Stadt verbinden, den Pont de la Coulouvrenière, überschreitet, so steigt der Weg links an einem Hügel hinauf und erreicht vorüber an der Brasserie Saint Jean in zehn Minuten die Höhe des Plateau Saint Jean. Hier, wo jetzt leider Mietskasernen stehen, lag, umgeben von herrlichen Parkanlagen, mit freiem Blick auf Alpen und Jura und die Stadt links unten in der Tiefe die Villa Grisi; Madame Grisi, damals eine würdige Dame mit grauen Haaren, war früher eine berühmte Tänzerin gewesen, hatte mit einem Russen in einer Art Ehe gelebt und war von ihm mit einem Töchterchen Denise und der Villa Grisi als Abfindung beschenkt worden. In der Mitte des geräumigen Grundstücks befand sich das etwas altmodische, aber noch gut erhaltene Herrenhaus, welches, vollständig möbliert, nebst dem umgebenden Garten an die Familie Kantschin für 12000 Franken[156] jährlich vermietet war. Jetzt begann ein geregeltes Leben. Des Morgens nach einem vorzüglichen café au lait oder Tee mit allerlei Gebäck und einem kurzen Aufenthalt unter den herrlichen Bäumen des Gartens mit Blicken auf Salève, Voirons und Mole nach der einen, auf die sanfter geformte Kette des Jura nach der andern Seite, begab ich mich mit Georges an die Arbeit; um 12 Uhr war ein sehr gutes déjeuner à la fourchette, um 4 Uhr das gouter, bestehend aus Biskuit und Schokolade, gelegentlich auch aus Tee, und um 7 Uhr abends ein opulentes Diner. Unterbrochen wurde die Arbeit am Nachmittag durch einen Spaziergang mit den drei Kindern zu einem Turnsaal, den wir für eine Stunde täglich gemietet hatten. Nach dem Diner wurde in der Regel nicht mehr gearbeitet, im Winter unterhielten wir uns mit Madame Kantschin und Monsieur, wenn er da war, wie auch mit den geladenen Gästen im Salon, im Sommer waren wir mit Vorliebe im Garten. Auch hier hatte ich durch einen Zimmermann nach meinen Angaben die wichtigsten Turngeräte: Reck, Barren, Leiter, Kletterstange und Springvorrichtung herrichten lassen. Sobald wir uns häuslich eingerichtet hatten, ging es mit Eifer an die Arbeit. Das Pensum für das Jahr war klar vorgezeichnet und mußte in Lateinisch, Griechisch, Mathematik und Geschichte durchgegangen werden. Zunächst versuchte ich Georges zu unterrichten, wie ich es bei meiner Klasse in Marburg gewohnt war, sah aber ein, daß man mit einem einzelnen Schüler auf anderm Wege weiter vorankommen kann. Ich gab ihm, beständig danebensitzend, irgendeine Arbeit, eine Übersetzung ins Lateinische oder Griechische, eine mathematische Aufgabe, das Durchlesen eines Kapitels der Geschichte, und, wenn er damit fertig war, so ging ich sie mit ihm durch, besprach die Fehler und übte die Regeln ein, oder ich ließ mir das Geschichtspensum von ihm wiedererzählen und knüpfte daran die nötigen Fragen. Als Geschichtsbuch waren in der Schule bis dahin die kleinen, reizenden Bändchen von Duruy, eingeführt gewesen, wurden aber gerade jetzt durch eine, in einzelnen Bänden verfaßte Übersetzung der zweibändigen Weltgeschichte von Georg Weber ersetzt. Warum, so fragte ich gelegentlich einen Lehrer des collège, warum haben Sie ein vorzügliches französisches Buch durch eine mittelmäßige Übersetzung[157] eines mittelmäßigen deutschen Buches ersetzt? Die Antwort war, daß Duruy zu sehr in französischem Geiste geschrieben sei. In der Tat leben die guten Genfer, von drei Seiten von französischem Gebiet umklammert, in beständiger Angst, einmal über Nacht von Frankreich verschluckt zu werden. Zurück zu Georges. Die Hauptsache waren natürlich die alten Sprachen, und hier fand ich meinen Zögling nicht nur, wie erwartet wurde, um ein Jahr zurück, sondern bis in die ersten Elemente hinein vernachlässigt und unsicher. Dabei faßte er zwar leicht und schnell auf, vergaß aber das Gelernte wieder ebenso schnell. Wollte ich unter diesen Umständen zum Ziele kommen, so mußte ich mich auf das Notwendigste beschränken, dieses aber unermüdlich wieder abfragen und durch Beispiele einüben. Ich verfaßte zu diesem Behuf eine ganz knappe lateinische und griechische Grammatik, welche dann die Grundlage aller unserer Übungen wurde. So wurde bald bei diesem flüchtigen Knaben ein beschränktes, aber sicheres Wissen erreicht. Sehr unbequem beim Unterrichte wie im Verkehr mit der Familie war mir meine mangelhafte Beherrschung des Französischen. In diesem Milieu, sagte ich mir, werde ich mich nie à mon aise fühlen, ehe ich ordentlich Französisch kann. Und entschlossen nahm ich meinen Plötz, die Schulgrammatik mit den schönen Übungsstücken vor, und arbeitete ihn von Anfang bis zu Ende teils mündlich, teils schriftlich durch. Georges selbst war liebenswürdig genug, meine Exerzitien durchzusehen. Um mich beim Sprechen seiner Mitwirkung zu versichern, bestimmte ich, daß ich jedesmal, wenn ich einen Fehler, une faute, oder wie ich zuerst sagte, une coulpe, machte, zwei Centimes in eine Kasse zu legen hatte, und noch jetzt klingt mir in den Ohren der von Georges triumphierend mit liebenswürdigem Spotte stereotyp gebrauchte Ausdruck: »faute, coulpe, deux centimes!« Inzwischen wurden diese und ähnliche Rufe immer seltener, und als ich nach zwei Monaten meinen Plötz zu Ende gebracht hatte, konnte ich mir sagen: »Wenn ich jetzt will und mir die nötige Zeit lasse, kann ich fehlerlos Französisch schreiben und auch sprechen.« So kam Neujahr 1873 heran, und es war eine große Genugtuung, als Georges am Neujahrsmorgen bei mir eintrat, mir unter den üblichen Glückwünschen die goldene Uhrkette[158] überreichte, die ich noch heute nach sechsunddreißig Jahren trage, und dazu in deutscher Sprache mit den Worden: »Hier ist auch Ihr Lohn«, mir 300 Franken in dreißig zierlichen Goldstücken einhändigte. Da ich das früher Vereinnahmte für einen neuen Anzug und die Begleichung kleiner Schulden, wie des noch rückständigen Kollegienhonorars, verwendet hatte, so war es wirklich das erstemal in meinem Leben, daß ich frei über Geld verfügte, und am nächsten Morgen trug ich 200 Franken auf die caisse d'épargne und empfing dafür nach längerem Sitzen unter Kutschern, Kellnern und Dienstmädchen mein livre oder Sparkassenbuch. Im Februar 1873 erfuhr meine erfolgreiche Arbeit mit Georges eine traurige Unterbrechung. Als ich am 6. Februar abends zum Diner herunterkam, lag unter meinem Teller ein Telegramm, ich öffnete und las: Großer Schmerz, Immanuel gestürzt, gleich tot, wir alle beerdigen zu Oberdreis Mittwoch. Ich zog mich nach dem Essen auf mein Zimmer zurück und bald folgte mir Georges, um mich in liebenswürdiger Weise zu trösten. Ich schwankte, ob ich reisen solle. Madame Kantschin stellte es mir frei, aber ich hatte schwere Aufgaben übernommen und eine ganze Woche mußte ausfallen, wenn ich dem Bruder die letzte Ehre erweisen wollte. Endlich entschloß ich mich, und am Montagmorgen begleitete mich Georges bis zum Bahnhof. Ich durchfuhr die Strecke am Genfer See, wo ein milder Winter mich wenig Schnee, wie Zucker ausgestreut, bemerken ließ. Kaum aber war ich über die Höhe bei Chexbres, so änderte sich das Bild. Überall festgefrorener und vereister Boden, durch die Schweiz und das Rheintal hinunter bis nach Neuwied hin, wo ich am Dienstagmorgen eintraf und die so oft gemachte Wanderung durch Schnee und Eis nach Oberdreis unternahm. In Puderbach holten mich die Brüder ab und berichteten den traurigen Fall. Mein Bruder Immanuel, sechs Jahre jünger als ich, war unter uns Brüdern vielleicht der am wenigsten begabte, aber sicher von allen der treueste und gewissenhafteste. Das Lernen fiel ihm schwer, und so entschloß er sich, Gerber zu werden, wovon schon ein Fall in der Familie vorlag, da Onkel Aretz in Wevelinghoven eine gutgehende Gerberei besaß, die jetzt sein Sohn Friedrich innehat.[159] Die übrigen Söhne Julius, Heinrich und Richard sind als Gerber nach Amerika gegangen, haben dort neue Methoden sich angeeignet und sind zum Teil zu großem Reichtum gelangt. Dasselbe hätte meinem Bruder Immanuel blühen können, da man überall, wo er gearbeitet hat, ihn sehr schätzte. Nach Beendigung der Lehre war er auf Wanderschaft gegangen, hatte ein gut Stück Welt in der Schweiz und anderweit gesehen und nahm zur Zeit des Unglücksfalles schon einen höheren Vertrauensposten in einer Gerberei in Barmen ein. Er hatte das Amt des Schließers und wollte an dem dunkeln und kalten Winterabend, liebevoll wie er war, einen Fremden die Treppe hinuntergeleiten, stürzte ab und war sofort tot. Die Brüder hatten ihn von Barmen nach Oberdreis transportiert und ihn in der Kirche aufgebahrt. Auf dem mitten im Dorfe liegenden Kirchhofshügel steht unweit des Kirchturms eine prachtvolle alte Linde; unter ihr hatte man das Grab teils gegraben, teils in die weit sich erstreckenden Wurzeln der Linde hineingesägt. Hier haben wir ihn am Tage nach meiner Ankunft begraben, und drei Tage darauf eilte ich, von den Brüdern geleitet, nach Neuwied, von wo ich nach vierundzwanzigstündiger Fahrt wohlbehalten wieder in Genf eintraf. Der Winter verlief ohne weitere Zwischenfälle unter fleißiger Arbeit. Zu Ostern erschien Monsieur Kantschin und veranlaßte uns, täglich noch ein paar Stunden mehr auf die Arbeit zu verwenden, wodurch meine freie Zeit auf eine Stunde täglich eingeschränkt wurde, die ich zu Spaziergängen zwischen den hohen Mauern benutzte, welche die Gärten außerhalb Genfs umgeben und die Aussicht auf den See und das Gebirge verdecken. Auf Veranlassung des Vaters besuchte ich einige der späteren Lehrer meines Zöglings und bat sie, uns zu besuchen und ein Examen mit Georges abzuhalten, welches zu unser aller Beruhigung ausfiel. Allmählich fing meine vom theologischen Examen zurückgebliebene Nervosität an zu schwinden. Neben der Arbeit an und mit dem Knaben konnte ich jetzt anfangen, auch für mich selbst zu arbeiten. Und so war es mir möglich, Kants Kritik der reinen Vernunft durchzuarbeiten. In der nächsten Zeit wurden die ersten Bücher von Cicero de finibus und Aristoteles' Metaphysik studiert, daneben arbeitete ich emsig, meist im Garten, mit[160] Georges an der Lektüre der Anabasis und einer Chrestomathie aus Cicero, ließ ihn fleißig lateinische, griechische und mathematische Exerzitien schreiben, und als mit dem Ende des Juni das Aufnahmeexamen für Georges heranrückte, hatte ich die Freude, daß er bestand und als Schüler in die erste Klasse des collège aufgenommen wurde. Für diesen Fall hatte der Vater uns eine Reise in Aussicht gestellt, und bis seine Antwort auf die Nachricht vom bestandenen Examen aus Rußland eintraf, unternahm ich mit Georges eine dreitägige Tour nach Chamonix. Inzwischen waren vom Vater Glückwünsche, die Erlaubnis zu reisen und die Bewilligung eines Reisegeldes von 800 Mark eingetroffen. Mich zog es vor allem nach Italien, und in diesem Sinn suchte ich Georges zu inspirieren. Indes hatte der Vater die heiße Jahreszeit nicht für geeignet zu einer italienischen Reise erklärt, und so veranlaßte ich den Knaben, der in diesen Dingen leicht zu lenken war, seine Wünsche auf England zu richten, wozu das Reisegeld allerdings nur unter besonderen Dispositionen ausreichen konnte, welche ich denn auch zu treffen wußte. Am 4. Juli verließen wir Genf, fuhren den Tag durch bis Basel, die Nacht weiter bis Neuwied und trafen am Abend des 5. in Oberdreis ein. Ich führte die Reisekasse, aber Georges hatte von seiner Mutter 100 Franken extra erhalten. Er benutzte sie, um während der Nachtfahrt an jeder badischen, hessischen und preußischen Grenzstation seinen Barvorrat an der Kasse des Billettschalters jedesmal in die Münze des betreffenden Landes unter erheblicher Reduktion seines Besitzes umzusetzen. Vier Tage blieben wir in Oberdreis, dann verwendeten wir eine Woche zu einer Rheinreise über Neuwied und Königswinter nach Köln und von dort zu den Verwandten nach Jüchen und Elberfeld, um ihnen mich als Bärenführer und das große Interesse erregende Wundertier an meiner Leine vorzustellen. Nach Oberdreis zurückgekehrt verbrachten wir dort fünf weitere Tage. Nachdem wir in dieser Weise längere Zeit unser Reisebudget gespart hatten, war es möglich, die Reise nach dem Lande Shakespeares, auf welches meine Sehnsucht gerichtet war, anzutreten. Von Oberdreis ging es am 20. Juli nach Köln, und dort nahmen wir zwei Retourbilletts der Niederländischen Dampfschiffahrt. Freilich ist die Fahrt durch[161] die niederrheinische Ebene nicht allzu interessant, aber die Nacht durch konnte man schlafen, und am Mittag des folgenden Tages langten wir in Rotterdam an, wo wir vierundzwanzig Stunden Zeit hatten, um die Stadt zu besehen. Ein Seedampfer, der Batavier, fuhr dann direkt von Rotterdam bis Blackwallstation in London, wo wir ausstiegen und in einem Wagen zu einem einfachen Hotel in der City fuhren. Wiederholt mußte der Wagen einige Zeit halten, bis das Knäuel von Fußgängern und Wagen vor uns durch die sachkundige Hand des Policeman entwirrt war. Die nächsten drei Tage waren der Besichtigung von Cristal Palace, Saint Pauls Church und British Museum, Zoologischem Garten und den London Docks gewidmet. Georges war immer bei mir, bis auf wenige Stunden, für die ich ihm unter den besten Empfehlungen Urlaub gab, um im Drurylane Theater ein Shakespearestück zu sehen. Unweit desselben hatte ich einen freien Platz zu überschreiten und war eben in seine Mitte gelangt, als eines der umgebenden Häuser anfing zu brennen. Rauch und bald auch Flammen wirbelten aus den Fenstern des dritten Stocks. Aber unglaublich und nur durch besondere Umstände erklärlich war die Schnelligkeit, mit der das Feuer sich nach den unteren Etagen ausbreitete. In wenigen Minuten war das ganze Haus in Flammen. Ich wandte mich, um ins Theater zu gelangen, aber dazu war keine Möglichkeit mehr, denn ich sah mich von einem undurchdringlichen Knäuel von Menschen umgeben und mußte ausharren, bis er sich verlief. So kehrte ich unverrichteter Sache zum Hotel zurück, wo bald darauf auch Georges eintraf. Auch er wußte von einem grausigen Abenteuer zu berichten, wie in einer der abgelegeneren Straßen ein Mensch ihn gepackt habe mit den Worten: »Now boy give me your watch«, wie er aber den stets in der Brusttasche geführten Revolver gezogen habe, worauf der Räuber die Flucht ergriffen haben soll. Die Sache ist möglich, aber doch wenig wahrscheinlich, und so oft sie auch Georges später im Elternhaus erzählt hat, er fand keinen Glauben, denn man kannte zu sehr seine Neigung zum Aufschneiden. Da wir die Wahl hatten, entweder nach drei oder nach zehn Tagen mit unserm Batavier nach Rotterdam zurückzufahren und zum letzteren der Barvorrat nicht recht ausreichen wollte, so wählten wir das[162] erstere, fuhren am Sonnabend, dem 20. Juli, nach Rotterdam und nun den ganzen Sonntag die lange und langweilige Fahrt den Rhein herauf. In der Nacht zum Montag passierten wir bei Emmerich die deutsche Grenze, und während ich schlief oder doch zu schlafen suchte, war Georges ausgestiegen und hatte sich zum Abschied von Holland in echtem Holländer Schnaps einen kleinen Rausch angetrunken mit dem obligaten Kopfweh hinterher. Am 2. August trafen wir wohlbehalten wieder in Genf ein. Noch einige Tage konnten die Kinder die Ferien genießen und bei der glühenden Sonnenhitze im schattigen Garten mit mir und häufig eintreffenden Gästen Krocket spielen, wobei sehr häufig Streit entstand. Dann begann der Unterricht am colleège, denn es war beschlossen worden, daß Georges in dem bevorstehenden Jahre mit den andern am Unterrichte im collège teilnehmen sollte. Ich hatte ihn am frühen Morgen dorthin zu geleiten, gegen Mittag wieder abzuholen, und ebenso nochmals am Nachmittag, um dann abends von 5 bis 7 Uhr unter meiner Aufsicht ihn die Schulaufgaben anfertigen zu lassen. Gab mir dies willkommene Gelegenheit zu täglich viermal wiederholten Spaziergängen über den Pont de la Coulouvrenière bis in die Nähe des Rathauses, wo das collège lag, so war doch die Aufgabe nicht so ganz einfach, denn Georges erlaubte nicht, daß ich bis an das collège kam, um ihn abzuholen, das würde, so behauptete er, seiner Reputation schaden, und so bedurfte es einiger Schlauheit, ihn immer richtig abzufangen. Im übrigen begann für mich eine goldene Zeit der Muße, denn außer diesen Geschäften gehörte der ganze Tag mir; seit meiner Studentenzeit war das nicht mehr dagewesen, es war mir, als wäre es ein glücklicher Traum. Fleißig las und exzerpierte ich Thucydides, Plutarch und manches andere. Auch an Geld fehlte es mir ja nicht, und so subskribierte ich auf den eben erscheinenden Bilderatlas von Brockhaus und hatte an ihm für mich selbst und mit den Kindern meine große Freude. Aber Wichtigeres bereitete sich unerwartet vor. Aus den Programmen für die eben aus der Akademie umgewandelte Universität, die ich schon um der Zukunft meines Zöglings willen studierte, ersah ich ungesucht und gleichsam zufällig, daß zur Habilitation an der neu entstandenen Universität die Einreichung[163] einer guten Doktordissertation genüge. Bald war der kühne Entschluß gefaßt, auf diesem Wege meine Habilitation zu beantragen und so, schneller als ich es vor Jahresfrist noch zu hoffen wagen durfte, das heißersehnte Ziel einer akademischen Lehrtätigkeit verwirklicht zu sehen. Ich reichte meine Dissertation ein und die Habilitation wurde bewilligt, natürlich nach eingeholter Genehmigung meiner Brotherren, in deren Augen ich durch diesen Schritt erheblich stieg. Aber was sollte ich als Vorlesung ankündigen? Natürlich und vor allem Philosophie oder, wie ich es nannte: éléments de la métaphysique. Daneben wählte ich eine Interpretation von Lukrez und beschloß, an der Universität auch das Studium des Sanskrit, welches von niemandem vertreten wurde, zu begründen. Zwar hatte ich es vor Jahren auf der Universität nur mäßig betrieben, auch seitdem so gut wie ganz liegengelassen, aber soviel durfte ich mir zutrauen, vor Anfängern die Anfangsgründe zu lehren und dabei selbst mich wieder einzuarbeiten, ähnlich wie ich vordem mein bestes Hebräisch durch Unterricht in der Prima und Sekunda des Mindener Gymnasiums erworben hatte. Die Vorlesungen wurden eingesandt und erschienen in dem gedruckten Programm. Inzwischen bereitete ich mich fleißig vor und machte die üblichen Antrittsbesuche bei den Professoren. Die freundliche Aufnahme, welche ich bei ihnen fand, ermutigte mich und half mir über das Bedenken, wie es wohl bei freiem Vortrage mit meinem Französisch gehen werde, hinwegzusehen. Am 27. Oktober 1873 war der für mich große Tag, wo die Vorlesungen begannen. In der Philosophie hatten sich zwölf Zuhörer, darunter zwei Damen, eingefunden, im Sanskrit waren sechs, im Lukrez, für den am wenigsten Bedürfnis war, nur drei Zuhörer eingetroffen. Ich ließ ihn fallen und beschränkte mich auf wöchentlich vier Stunden Philosophie und zwei Stunden Sanskrit. Ich hatte die Genugtuung, daß meine Zuhörer mir das ganze Jahr hindurch treu blieben. Einer der eifrigsten war Paul Oltramare, jetzt Professor an der Universität zu Genf. Stundenlang ging ich täglich in meinem Zimmer auf und ab, Madame Kantschins vierbändiges Wörterbuch von Littré auf dem Tische aufgeschlagen, und durchdachte meine philosophische Vorlesung nach dem Inhalt und nach[164] der besten französischen Form, die ich ihr geben konnte. Dann trat ich bestens vorbereitet vor meine Zuhörer und die Sache ging. Nach Erledigung eines Punktes pflegte ich ein kurzes Resumé in die Feder zu diktieren. Nicht weniger Freude machte mir das Sanskrit; ich fing die Sache praktisch an, meine Zuhörer machten große Fortschritte, die größten ich selbst. Ich nahm meine alten Sanskritbücher wieder vor ? es waren ihrer wenig genug: die Sanskritgrammatik von Bopp, Gildemeisters Anthologie, Nala und eine oblonge Cakuntala ? und arbeitete mich mit Feuereifer hinein. Von Tag zu Tag machte mir die Beschäftigung mit dieser vornehmen Sprache und mit der wunderbar farbenreichen Literatur größere Freude. Ich fühlte ein unbeschreibliches Glück in dem Gedanken, mein ganzes Leben dem Sanskrit widmen zu können, und warum nicht? War ich doch auf dem besten Wege, mir ein kleines Vermögen zu ersparen, über 2000 Mark waren schon da und sicher angelegt, und was hinderte mich, mit dem nötigen Fleiße einer der ersten im Sanskrit zu werden, etwa so ein Mann, wie es der alte Lassen in Bonn war, und als Sanskritprofessor an irgendeiner Universität meine Befriedigung zu finden, sowohl an der Freude des ins Unendliche vermehrten Wissens wie auch an dem Glanz, mit welchem das Publikum das Seltene, Fernabliegende, Schwierige zu umgeben pflegt. Dann aber zog mich die eben erst übernommene Pflicht zu meinen philosophischen Vorlesungen hin, und ich empfand wiederum ganz die Süßigkeit der Beschäftigung mit der Philosophie und die Unmöglichkeit, jemals von ihr zu lassen. Wie ehemals in meiner ersten Studentenzeit zwischen Theologie und Philologie, so schwankte ich jetzt zwischen Philosophie und Sanskrit wie zwischen zwei Geliebten hin und her, bis mir auf einmal ? es war am 14. November 1873 ? plötzlich wie durch eine Eingebung von oben der Gedanke kam: Wenn ich nun solche Freude am Sanskrit habe und doch niemals von der Philosophie lassen kann, warum sollte ich nicht die Hütte meines Lebens da bauen, wo beide Linien sich schneiden, und die eben wieder nach zweijähriger Depression neuerwachende Schaffenskraft dem so sehr vernachlässigten und eben darum so lohnenden Studium der indischen Philosophie widmen! Jetzt war ein großer Entschluß[165] gefaßt. Ein Nagel war eingeschlagen, an welchen ich das Seil meines Lebens fortspinnend heften konnte, ich hatte eine Lebensaufgabe gefunden, und wenn das Motto meiner zwanziger Jahre mit ihrem unsicheren Tasten und Suchen gewesen war: Wolle was du kannst, wolle nur das, wozu du Anlagen und ausreichende Kräfte besitzest, so hieß es von nun an umgekehrt: Könne was du willst, raffe alle deine Kräfte zusammen, um der gefundenen großen Lebensaufgabe zu genügen. Nietzsche hatte mir einmal gesagt, daß ich sehr brav fortzuschreiten wisse, wenn ich erst in eine richtige Bahn gebracht worden sei. Die Bahn war da, und der Fortschritt ließ nicht auf sich warten. Kurz vorher hatte ich mir, bemittelt wie ich nunmehr war, die neueste Auflage von Brockhaus' Konversationslexikon angeschafft; eifrig schlug ich den Artikel über indische Philosophie nach, begegnete da zum ersten Male seltsamen Namen wie Kapila, Patanjali u.a. und schrieb an den Rand in Sanskritbuchstaben die Worte: Namani tani, prabhriti nanamani tru, Das sind bloße Namen, aber künftig nicht bloße Namen mehr. Ich schrieb einen Brief an meinen alten Lehrer im Sanskrit, Gildemeister in Bonn, teilte ihm meinen Entschluß mit und fragte um seinen Rat. Sehr bald traf eine ausführliche Antwort des trefflichen Mannes ein, in welcher er meinen Plan billigte, eingehend Auskunft über Mittel und Wege erteilte, auch einen Katalog von Köhler in Leipzig beilegte, welcher die Bibliothek des verstorbenen Roer erworben hatte mit vielem, was für mich brauchbar und teilweise schon schwer zu haben war. Sofort machte ich eine große Bestellung und sah mich bald in Besitz vieler Hefte der Biblioteca indica, enthaltend die Upanischaden, die Vedanta Sutras und viele andere Schätze altindischer Weisheit. Auch den zweiten Band von Dunckers Weltgeschichte ließ ich mir kommen und lernte an seiner Hand die indische Kulturwelt kennen, während ich zugleich unter täglich fortgesetzter Lektüre Bopps Grammatik und Sanskritglossar durchnahm und exzerpierte. Die herrliche Muße, die mir dieser Winter gebracht hatte, blieb nicht ganz ohne äußere Störung. Der republikanische Geist der freien Schweiz mochte es mit sich bringen, daß auf der Schule, welche Georges besuchte, wenig gelernt und viel Unfug getrieben wurde. Nur mit Mühe[166] hielt ich meinen Zögling durch die täglichen Repetitionen auf dem laufenden. In der Schule war er bei seiner natürlichen Lebhaftigkeit schwer zu zügeln. »Votre élève est bien fatigant«, klagte mir einst sein Lehrer Debarris. Sein Livret, durch welches allwöchentlich den Angehörigen Mitteilungen zugingen, wies immer zahlreiche Striche und Rügen auf, bis er es eines Tages vorlegte mit der lakonischen Bemerkung von der Hand seines Klassen-Lehrers: Renvoyé jusqu'à nouvelle ordre. Die Lehrer wußten die Rotte nicht mehr zu bändigen und griffen zu dem einfachen Mittel, daß sie die sieben Schlimmsten bis auf weiteres nach Hause schickten. Da saß ich nun mit meinem Sanskritstudium, meinen Vorbereitungen für die Vorlesungen und hatte auf einmal wieder vom Morgen bis an den Abend meinen Zögling auf dem Halse. Ich erkundigte mich nach dem Grund dieser außerordentlichen Maßregel. Besondere Untaten lagen nicht vor, man hatte nur die sieben, welche am meisten mit kleinen Strafen belastet waren, nach Hause geschickt. Auch Madame Kantschin fand es ungehörig, die Schüler wegen mangelhafter Führung des Unterrichts ganz und gar zu beurlauben, und ich schrieb in diesem Sinne einen Brief an den Erziehungsrat des Kantons. Der Lärm, der von mir und vielleicht auch von andern geschlagen worden war, bewirkte denn auch, daß man nach vierzehn Tagen die Sünder in Gnaden wieder aufnahm und ich Ruhe für meine Studien gewann. Das schlimmste war, daß ich dem alten Kantschin wöchentlich über Georges nach Petersburg zu berichten hatte. Seine Antwort war sehr höflich, aber sehr entschieden. »Wenn Sie es nicht erreichen können,« schrieb er, »daß ich von nun an nichts mehr von Streichen und Rügen zu hören bekomme, so sehe ich mich genötigt, so sehr ich Sie schätze und so leid es mir tut, mich nach einem andern Leiter meines Sohnes umzusehen, denn die Zukunft meines einzigen Sohnes steht hier auf dem Spiele, und so werden Sie meine Unruhe begreifen und entschuldigen.« ? Erschüttert teilte ich diesen Brief Madame Kantschin mit. Sie beruhigte mich und erklärte, daß sie dafür eintreten werde, mich in meiner Stellung zu erhalten. Indessen sah ich doch mit einiger Sorge der Ankunft des alten Herrn entgegen. Er traf am 4. Juni ein, um diesmal mehrere Monate zu bleiben. Der Herbst kam heran, und mit ihm[167] der Schluß des Schuljahres. Das Zeugnis, welches Georges nach Hause brachte, war nichts weniger als glänzend. Immerhin war er in das gymnase versetzt und würde bei regelmäßigen Fortschritten auf ihm in drei Jahren das Reifezeugnis erreicht haben, welches ihm den Besuch der Universität oder des Polytechnikums ermöglicht hätte. Monsieur Kantschin zeigte sich sehr wenig zufrieden mit den Resultaten des Jahres und nicht geneigt, Georges auf dem mühsam erreichten Wege weitergehen zu lassen. »Sehen Sie einmal,« sagte er zu mir, »was in den drei bevorstehenden Jahren hier alles gelernt werden soll an Sprachen, Literaturgeschichte, Geschichte, Religion usw. das hat alles für die Pläne, die ich mit meinem einzigen Sohn habe, keinen Wert.« Er soll ein tüchtiger Ingenieur werden und dazu braucht er Mathematik, Zeichnen und etwas Naturwissenschaft und weiter nichts. Wenn Sie jetzt hier abbrächen und mit meinem Sohne nach Aachen gingen, so könnte er dort durch Privatunterricht in Mathematik und Zeichnen so weit gebracht werden, daß er in einem Jahre anstatt dreier Jahre ins Polytechnikum einrücken kann. Dieser Plan schien mir nicht nur für mich selbst unbequem, nach dem ich in Genf einen so schönen Anfang meiner akademischen Tätigkeit gemacht und schon für das nächste Jahr neue Vorlesungen angekündigt hatte, er erschien mir auch für meinen Zögling und seine Zukunft höchst bedenklich. Ich stellte dem alten Herrn vor, daß man zwar das ganze Pensum der elementaren Mathematik, Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie in einem Jahre bewältigen könne, daß aber nach einem so forcierten Verfahren die Übung in allen diesen Fächern allzu mangelhaft sein werde, um ein gedeihliches Fortschreiten auf dem Polytechnikum zu ermöglichen, daß außerdem Georges dann noch nicht das vorgeschriebene Minimalalter von siebzehn Jahren haben werde, nur als Zuhörer aufgenommen werden könne und bei seiner Jugend nicht die sittliche Reife haben werde, um den Gefahren zu widerstehen, die das freie Studentenleben mit sich bringe. Alle diese Vorstellungen vermochten nicht, den Herrn von seinem Plane abzubringen. »Ich selbst«, sagte er, »würde die Erziehung meines Sohnes in die Hand nehmen, wenn ich dazu die Zeit hätte. Da mich meine Geschäfte daran hindern, so müssen Sie meine Stelle[168] vertreten, aber durchaus in meinem Sinne handeln.« Monsieur Kantschin war nicht umzustimmen, ich besprach die Sache mit Madame, aber diese hatte die Aussicht, wenn ich mit Georges nach Aachen ginge, mit den beiden Mädchen nach Paris zu ziehen, und das war ihr Ideal. Sie hatte öfters gesagt: »Il y a une seule ville au monde, où je peux vivre, c'est Paris!« Also auch bei ihr fand ich keine Hilfe. Ebensowenig bei Georges, wenn ich ihm vorstellte, daß ihm auf diese Weise so viele schöne Bildungselemente verlorengehen würden. Die Aussicht, in ganz neue Verhältnisse einzutreten, entsprach durchaus seinen Wünschen. Warnend rief ich ihm die Worte Molières zu: »Tu l'as voulu, Georges Dandin, tu l'as voulu.« So waren denn alle in Betracht kommenden Faktoren gegen mich gleichsam verbündet, und ich sah ein, daß mir nur die Wahl bleibe, entweder auf die Pläne des Vaters einzugehen oder meinen Abschied zu nehmen. Zu letzterem hatte ich jedoch nicht den Mut. Meine Stelle in Deutschland hatte ich aufgegeben, und so sehr ich auch hoffen durfte, mit der Zeit auch an der Universität Genf ein Lebensstellung zu erringen, so hatte ich doch erst 5000 Franken erspart, und diese Unterlage war noch zu schwach, um auf sie allein hin das Risiko des Privatdozententums zu unternehmen. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als auf die Absichten des Vaters einzugehen, indem ich ihm erklärte, daß ich bereit sei, mit dem besten Willen seine Pläne auszuführen, daß ich aber die Verantwortung für ihr Gelingen ihm selbst überlassen müsse. Soweit waren wir also und besprachen täglich, in welcher Weise die Sache am besten einzuleiten sei. In einem solchen Gespräche saßen wir am Abend des 7. September nach einem guten Diner bei einem Glase Wein und der Zigarette zusammen, während Madame Kantschin sich zurückgezogen hatte und die Kinder im Garten spielten, als plötzlich Monsieur unter vier Augen an mich die Frage richtete, ob ich glaube, für das vergangene Jahr Anspruch auf die 1400 Franken zu haben, die mir außer den 300 Franken monatlich zugesichert waren, falls Georges sein Examen bestünde. Ich erklärte, daß ich allerdings nach den verabredeten Bedingungen ein Anrecht darauf zu haben glaube. »Aber«, sagte Monsieur, »diese Summe ist doch eine Prämie, und für schlechte Resultate zahlt man keine[169] Prämien, um eine solche zu bewilligen, müßten doch wenigstens zwei Drittel vom Maximum erreicht sein.« ? »Für die Zukunft«, sagte ich, »können wir ja einen Vertrag dieser Art schließen, bisher aber war nur Bedingung, daß Georges versetzt würde, wie denn auch im vorigen Jahre auf die bloße Bescheinigung hin, daß er aufgenommen sei, die Summe gezahlt wurde.« Es wurde noch vieles in dieser Weise hin und her geredet, bis schließlich Monsieur Kantschin, als er sah, daß ich bei meiner Forderung beharrte, etwas erregt aufsprang und sagte: »Nun gut, ich werde Ihnen das Geld geben und dann faisons chacun ce qu'il veut.« Damit eilte auf sein Zimmer, während ich bestürzt sitzenblieb, und alsbald kam er zurück mit einer Handvoll jener blaubedruckten französischen Banknoten, zählte sie noch einmal durch und legte sie vor mich hin. »Erlauben Sie einen Augenblick,« sagte ich, »wenn ich nun auf diese Summe verzichte, auf die ich ein Recht zu haben glaube, was bieten Sie mir?« ? »Ich biete Ihnen ein weiteres Engagement für zwei Jahre mit 300 Franken monatlich und 1400 Franken am Ende des Studienjahres, wenn zwei Drittel vom Maximum erreicht sind.« Damit stand er auf, um zu gehen. »Aber bitte,« sagte ich, »wollen Sie das Geld nicht wieder an sich nehmen?« ? »Sie können es ja an sich nehmen und die Sache bei sich überlegen.« Damit ging er hinaus. Ich trug das Geld auf mein Zimmer, schloß es ein und überlegte die Lage der Sache bis tief in die Nacht hinein. Das Anerbieten, noch zwei weitere Jahre meine bevorzugte Stellung zu behalten, war verlockend genug. Auf der andern Seite mußte ich mir sagen, daß die fragliche Summe genüge, um mich ein volles Jahr zu unterhalten, und daß ich es mir nie in meinem Leben verzeihen würde, auf eine Summe zu verzichten, die mir zukam, und die ich durch ehrliche Arbeit verdient hatte. Hätte Monsieur Kantschin das Geld. wieder an sich genommen, ich weiß nicht, zu welchem Entschluß ich gekommen wäre. Nun aber hielt ich den Schatz in Händen, und schließlich mußte ich mir sagen, daß mein Chef, wenn er mich für brauchbar hielt, mich in meiner Stellung belassen werde, auch wenn ich die 1400 Franken behalte. Am andern Morgen, als ich Georges zum gymnase brachte, nahm ich das Geld mit und zahlte es beim Bankier auf mein Konto ein.[170] Zurückgekehrt setzte ich in einem Brief meine Ansicht von der Sache auseinander und übergab diesen Herrn v. Kantschin, als ich Georges am Nachmittag zur Schule begleitete. Noch einmal versuchte der Vater, mich umzustimmen, stand aber davon ab, als er sah, daß ich bei meinem Entschluß beharrte, und war in den folgenden Tagen wie immer höflich, aber doch in ziemlich ungnädiger Stimmung. Einige Tage darauf reiste er ab. Wir alle begleiteten wie gewöhnlich den Vater zum Bahnhof, und der Abschied von mir war etwas weniger freundlich als sonst. Monsieur Kantschin reiste, wie ich später erfuhr, direkt nach Aachen und versuchte wirklich dort seinen Sohn bei einem Professor des Polytechnikum als Pensionär unterzubringen. Es gelang ihm nicht, da die meisten verreist wahren und die übrigen wohl keine Lust hatten, eine solche Last auf sich zu nehmen. Am 16. September erhielt ich von Herrn v. Kantschin aus Aachen einen Brief, in welchem er noch einmal seinen Standpunkt in der Sache wahrte, indem er hinzufügte, daß mir, da ich ja cette bagatelle in Händen habe, aus dieser Verschiedenheit der Meinungen kein Nachteil entspringe, und sich bereit erklärte, mir für weitere zwei Jahre seinen Sohn anzuvertrauen unter Zusicherung freier Station und von 300 Franken monatlich nebst einer Prämie von 1400 Franken, falls Georges am Ende des Schuljahres zwei Drittel vom Maximum des Erfolges erreicht haben werde. »Sind Sie hiermit einverstanden,« so schloß der Brief, »so können Sie ohne Verzug Ihre und meines Sohnes Sachen einpacken und nach Aachen reisen, um dort alles vorzubereiten, bis Georges von seiner Mutter dorthin gebracht werden wird.« Amazon.de Widgets Von diesem Briefe, der am 16. September 1874 eintraf, machte ich Madame Kantschin Mitteilung. Sie war durchaus damit einverstanden und bestimmte ihrerseits, daß ich ohne weiteres mit unserm gemeinsamen Gepäck nach Aachen vorausreisen solle, wohin sie selbst in den ersten Tagen des Oktober mit Georges nachkommen werde. Und so saß ich am Sonntag, dem 20. September, auf der Bahn, nahm Abschied von meinem geliebten Genf und fuhr die Nacht durch nach Aachen. Monsieur Kantschin hatte mir empfohlen, mich in allen Fragen, welche Georges betreffen könnten, an den Direktor des Polytechnikums, Herrn v. Kaven,[171] der als Professor den Eisenbahnbau vertrat, zu wenden und seinen Weisungen jederzeit zu folgen, da v. Kaven ihm zugesichert habe, sich in allen Stücken bereitwillig unser annehmen zu wollen, und so habe ich denn während meines viereinhalbjährigen Aufenthaltes in Aachen das Wohlwollen dieses vortrefflichen Mannes mehr, als es ihm selbst und auch mir angenehm sein mochte, in Anspruch nehmen müssen. Ich hatte mich gleich bei meinem Antrittsbesuche bei v. Kaven über die Frage einer passenden Wohnung zu unterhalten. Er empfahl mir Frau Dr. Lorenz, die Schwiegermutter seines Kollegen Intze, welche Pondstraße 149 ein Haus hielt, in welchem eine Anzahl Polytechniker wohnten und noch viele andere sich mittags zur gemeinsamen Mahlzeit versammelten. Hier mietete ich die drei Zimmer des zweiten Stocks für Georges und mich, machte in den letzten Septembertagen noch einen Besuch in Heinsberg und Elberfeld, kehrte rechtzeitig zurück, um die angekommenen Kisten auszupacken, und konnte Madame Kantschin bei ihrer Ankunft mit Georges in Aachen am 4. Oktober in den fertig eingerichteten Räumen empfangen. Für die Vorbereitung meines Zöglings zum Besuche des Polytechnikums war ein Jahr in Aussicht genommen. Ein Lehrer des Gymnasiums, Dr. Aussen, hatte es übernommen, ihm täglich in unserer Wohnung den nötigen Unterricht in der Elementarmathematik zu geben; daneben nahm er in der Gewerbeschule an dem Unterricht in Physik, Chemie und Zeichnen teil, und der Direktor dieser Schule, Dr. Pützer, war dafür gewonnen worden, ihn alle vierzehn Tage über die gemachten Fortschritte zu prüfen. Dies alles machte nicht geringe Kosten, aber Monsieur Kantschin trug sie gern in der Aussicht, nach Jahresfrist seinen Sohn aufs Polytechnikum bringen zu können, wenn auch vorläufig nur als Zuhörer, da ihm an dem Mindestalter von siebzehn Jahren zur Aufnahme als Studierender auch nach Verlauf eines Jahres noch ein Jahr fehlte. Die Woche durch wurde fleißig gearbeitet. Ich überwachte vom Nebenzimmer aus den regelmäßigen Gang der Mathematikstunden, während ich daneben ungestört meinen Sanskritstudien nachgehen konnte. Das erste Jahr verlief für beide Teile in fleißiger Arbeit.[172] Georges ging mit dem treuen und geduldigen Dr. Aussen seine Arithmetik und Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie so gut es in einem Jahr geschehen konnte, durch, und ich im Zimmer nebenan übte mich fleißig im Sanskrit, las Rigveda und Çakuntala und suchte an der Hand des Vedanta Sara und der Sankya Karika in die indische Philosophie einzudringen. Daneben fehlte es nicht an Erholung. Der Vater hatte bestimmt, daß wir, wenn Georges die Woche durch fleißig gewesen war, am Sonnabend und Sonntag eine kleine Reise machen durften, und so waren wir allsonntäglich entweder in Heinsberg bei Bruder Johannes oder in Schwerte bei Werner. In den Weihnachtsferien 1874 auf 1875 ging Georges nach Paris und ich, sehr ermüdet von der intensiven Sanskritarbeit, nach Oberdreis, wo ich, wie immer, das Predigen und Beerdigen für meinen Vater übernahm und dem alten Manne dadurch ein längeres Stehen in Schnee und Eis am offenen Grabe ersparte. Mit besonderem Vergnügen folgte ich zu Ostern einer Einladung von Madame Kantschin, die Ferien mit Georges in Paris zu verbringen, welches ich so zum ersten Male zu sehen bekam. Ich bewohnte das hochelegant mit weißen Möbeln ausgestattete Zimmer des in Rußland weilenden Herrn von Kantschin, und Georges unternahm es, mir »sein Paris« zu zeigen und namentlich mit mir so ziemlich jeden Abend ins Theater zu gehen. Sehr befriedigt kehrte ich mit Georges am 13. April nach Aachen zur Fortsetzung der Arbeit zurück. Das erste Aachener Jahr ging mit dem Monat Juli zu Ende. Auf die Erklärung der Herren Direktor Pützer und Dr. Aussen hin, daß Georges sich den Stoff der Elementarmathematik hinreichend angeeignet habe, unterwarf ihn Direktor v. Kaven persönlich einem kurzen, mehr formellen Examen, woraufhin ihm ein in aller Form offiziell abgefaßtes Zeugnis ausgefertigt wurde, daß er als Zuhörer, da er die zum Studieren erforderlichen siebzehn Jahre noch nicht besaß, ins Polytechnikum aufgenommen worden sei, ein Zeugnis, welches den Vater sehr glücklich machte. Georges durfte die Ferien bei seiner Familie in Spaa zubringen, und auch ich wurde dorthin eingeladen, aufs herrlichste bewirtet und mit reichen Geldmitteln, unter ihnen auch den mir als Prämie für das erreichte Jahresziel zustehenden[173] 1400 Franken, entlassen. Im übrigen verbrachte ich meine Ferien teils mit Johannes in Heinsberg und Aachen, teils in Oberdreis, immer fleißig am Sanskrit weiter arbeitend und teils meinen Bruder in Heinsberg, teils meinen Vater in Oberdreis im Predigtamt vertretend. Letzteres tat ich sehr gern, denn es war mir eine große Befriedigung meine durch Kant und Schopenhauer gewonnenen philosophischen Anschauungen in die hergebrachten kirchlichen Formen zu kleiden. Der Monat Oktober 1875 brachte den Anfang meiner Vorlesungen und damit eine sehr bedeutsame Änderung meiner Lebenslage mit sich. Von den Vorlesungen, welche ich 1873 bis 1874 an der Universität Genf in französischer Sprache gehalten hatte, ist oben gesprochen worden. Vor meiner Abreise aus Genf hielt ich es für geraten, als Privatdozent der dortigen Universität um Urlaub zu bitten und mir so die Möglichkeit einer Rückkehr in meine Stellung offenzuhalten. Ich wandte mich zu diesem Zweck an den damaligen Rektor der Universität, den durch sein Auftreten im Streite um die Deszendenztheorie bekannten Zoologen Karl Vogt, einen behäbigen Materialisten, welcher unter den Genfer Professoren als Stern erster Größe glänzte. Auf meine Bitte um Urlaub erhielt ich einen Brief, dessen Wortlaut mir noch ungefähr in der Erinnerung ist. Er lautete: Mein lieber Herr Doktor! Wir sind hier noch nicht so verbismarckt und verpreußt, daß wir uns erlauben, Leuten, die wir nicht bezahlen, einen Urlaub zu erteilen. Sie können gehen, so lange und wohin Sie wollen, und können jederzeit Ihre Vorlesungen an unserer Universität wieder aufnehmen. Mit diesem Briefe, welcher mir vielleicht erlaubt, mich noch heute als Angehöriger der Genfer Universität zu betrachten, hatte ich Genf verlassen und während meines ersten Aachener Jahres das Halten von Vorlesungen ungern entbehrt, wäre es auch nur, um in das unausgesetzt betriebene, Kopf und Augen ermüdende Sanskritstudium einige Abwechslung zu bringen. Ich reichte daher im Herbst 1875 meine Dissertation dem Aachener Professorenkollegium ein und erlangte ohne weitere Umstände[174] meine Habilitation als Privatdozent der Technischen Hochschule, wie sie damals zuerst genannt wurde. Ich dachte mir die Sache so, daß ich unter dem Titel »Hauptfragen der Philosophie« vor einem oder einigen Dutzend Zuhörern behaglich und mühelos vortragen würde, was mir so sehr am Herzen lag, und dabei wenigstens für Stunden die häusliche Arbeit am Sanskrit unterbrechen würde. Aber es kam anders. Die erste Vorlesung am 15. Oktober 1875 sah den geräumigen Saal bis auf den letzten Platz gefüllt; ein Referat in der Aachener Zeitung, zu dem ich selbst den Entwurf geliefert hatte, tat das übrige, der größte Saal des Polytechnikums reichte kaum aus; die Zahl der für meine Vorlesung eingeschriebenen Zuhörer betrug, wie der gedruckte Jahresbericht der Schule auswies, 307. Es war wohl so ziemlich das ganze Polytechnikum vertreten, auch mehrere Professoren, unter ihnen namentlich v. Kaven, und dazu eine stattliche Anzahl von Herren und Damen aus der Stadt. Ich verhehlte mir nicht, daß es wesentlich Neugier war, welche diese Scharen um mich versammelte, und sah mit Angst voraus, daß der Strom sehr bald zurückebben würde. Und dann würde es heißen: »Hab ich sie anzuziehen Kraft besessen, so hatt' ich sie zu halten keine Kraft.« Dieses beschämende Resultat mußte verhindert werden, und ich beschloß alle Kräfte anzuspannen, um meine Zuhörer auf die Dauer zu fesseln, und dies gelang. Die bisher so eifrig betriebenen Sanskritstudien mußten fürs erste etwas zurücktreten; denn jeden Mittwoch- und Freitagabend mußte ich in den hellerleuchteten Räumen vor eine glänzende Versammlung treten und ihre hochgespannten Erwartungen zu befriedigen suchen. Dies war nicht anders als in vollkommen freier Rede möglich, nur daß ich jedesmal auf einem kleinen Zettelchen die Punkte notiert hatte, welche ich zu besprechen gedachte. Täglich ging ich stundenlang, in der Regel in dem anmutigen Gehölze des Lußberges, umher und durchdachte mein Thema für den nächsten Vortrag. Wenn ich ein guter akademischer Lehrer geworden bin, so habe ich dies wesentlich der Schulung zu verdanken, welcher ich mich damals freiwillig unterwarf. Nach meiner Gewohnheit in Genf hatte ich die Absicht, auch hier ein Resumé des Vorgetragenen meinen Zuhörern in die Feder zu diktieren. Aber Direktor v. Kaven, der[175] regelmäßig, wie auch andere Professoren, den Vorträgen beiwohnte, sagte zu mir: »Wozu ist denn die Buchdruckerkunst erfunden; lassen Sie Ihr Resumé drucken und verteilen Sie es bogenweise an Ihre Zuhörer.« Bei diesem Vorschlage empfand ich einen gelinden Schauer, ich glaube, es war ein Schauer der Ehrfurcht. Außer meiner Doktordissertation und gelegentlichen Kleinigkeiten hatte ich nie etwas drucken lassen, und nun sollte ich gar die tiefsten Gefühle, welche mein Herz bewegten, zu Papier bringen und durch Druckerschwärze verewigt mir und vielen andern entgegenstarren sehen. Denn der Inhalt konnte ja kein anderer sein, als die selbständig angeeignete und bis in die letzten Tiefen des Gemüts eingedrungene Philosophie des großen Kant und des göttlichen Schopenhauer. Auch die materielle Seite der Frage kam in Betracht. Denn wenn ich auch durch Erhebung von einer Mark und später nochmals von fünfzig Pfennig von meinen Zuhörern eine Deckung meiner Auslagen erlangte, so hatte ich doch zunächst auf eigene Kosten und Gefahr drucken zu lassen, und ich berechnete, daß mir jede Zeile fünfzehn Pfennig, soviel wie ein Glas Bier, kosten würde, und beschloß in Anbetracht meiner damals erst auf 9000 Mark angewachsenen Ersparnisse, mit den Zeilen sparsam zu sein. Nach jeder Vorlesung, und wenn ich von ihrem Inhalte auf das lebendigste erfüllt war, suchte ich die Quintessenz derselben in kürzester und klarster Form abzufassen und sogleich der Druckerei zu übergeben. So entstand im Laufe der nächsten Jahre ein Werk, wie ich es nur einmal im Leben und nicht wieder zu verfassen imstande war, und wie es noch jetzt und bis an mein Ende das eigentliche Programm meiner Lehre wie meines Lebens bildet, so entstanden ? die »Elemente der Metaphysik«. Was ich mit dieser Publikation, welche den Genius Schopenhauers rückhaltlos anerkannte, in meinem Jahrhundert wagte, stand mir von vornherein klar vor Augen. Ich hatte mit ihr die Brücke hinter mir abgebrochen und die Schiffe verbrannt, ein Zurückweichen gab es nicht mehr. Und so war ich völlig darauf gefaßt, einem ähnlichen Schicksale zu verfallen, wie es Schopenhauer erfahren hatte, lebenslänglich gegen den Strom zu schwimmen und äußerlich vielleicht nie über die Stellung eines Privatdozenten hinauszukommen. So kam der Januar 1876 heran, ich[176] war mit 16 Vorlesungen bis zur Metaphysik der Natur gelangt, die ersten Druckbogen waren in den Händen meiner Zuhörer, als mir eine seltsame Überraschung zuteil wurde. In dem ultramontanen »Echo der Gegenwart« erschienen im Laufe des Januar und Februar 1876 zunächst zwölf Artikel, welche in Anrede und Form: »Mein treuer Paul usw.« einen harmlosen Ton anschlugen, der Sache nach aber gegen mein Auftreten und meine Lehre die schärfsten Angriffe richteten. Man behauptete, ich sei vom Ministerium Falk nach Aachen geschickt worden, um den Kulturkampf zu führen, und knüpfte daran eine an jesuitischen Verdrehungen reiche Kritik meiner Lehre. In meiner Unschuld antwortete ich in demselben Blatte einige Male, erklärte, daß mich kein Kaiser und kein König bezahle, und suchte die Mißverständnisse meiner Lehre aufzuklären. Als Motto meines ersten Gegenartikels hatte ich ein Verschen gewählt: Denk an das Stückchen, Von jenem Mückchen, Welches entgegenflog dem Licht. Mücklein! Verbrenn' dir die Flügelchen nicht. Dies hatte die Wirkung, daß mein Gegner sich in den folgenden Artikeln unterzeichnete als »Dein alter Freund Mücklein«, aber zu belehren war er nicht, und so beschworen mich meine Freunde, nachdem ich zwei- oder dreimal geantwortet hatte, mich auf keine weiteren Erörterungen einzulassen, da es meinem Gegner nicht darum zu tun sei, die Wahrheit zu ermitteln, sondern nur seinen ultramontanen Parteistandpunkt zur Geltung zu bringen. Eine zweite Serie von sechs Artikeln erschien seit Ostern 1876 in verändertem Stil und Ton, eine dritte, die giftigste von allen, erschien in zwölf Artikeln im Winter 1878 auf 79. Auf sie werden ich weiter unten zurückkommen. Hier mag es genügen zu sagen, daß ich meinen ersten Zyklus von Vorlesungen vom 15. Oktober 1875 bis zum 14. Juni 1876 glorreich zu Ende führte, und daß auch in den letzten Vorlesungen noch über hundert Personen durch die Hitze des Sommers hindurch treu geblieben waren. Es wird Zeit, daß wir uns wieder nach unserm Georges und seinen Verhältnissen umsehen.[177] Seine Vorbildung hatte zu eilig betrieben werden müssen, als daß er den Vorträgen bei Hattendorff über höhere Mathematik und bei Ritter über Mechanik mit vollem Verständnis und Interesse hätte folgen können; auch fühlte er sich, obgleich minderjährig und erst sechzehn Jahre alt, als Polytechniker und beanspruchte alle Freiheiten im Schwänzen von Vorlesungen und Besuchen von Kneipen, wie sie diesem freistanden. Es wurde alles getan, um ihn einigermaßen in Ordnung zu halten, täglich kam ein älterer Student, um die Vorlesungen mit ihm zu repetieren, und alle vierzehn Tage wurde er von Professor Pinzger einer Prüfung unterworfen, welche anscheinend ein günstiges Ergebnis hatte. Da erfolgte am 10. Januar 1876 die erste offizielle Repetition bei Professor Ritter, welche uns aus allen geträumten Himmeln herausriß, indem der ebenso strenge wie wohlwollende Mann erklärte, daß Georges gar nichts verstehe, daß er überhaupt noch nicht fähig sei, den Vorträgen zu folgen und mir auf mein Befragen hin nur den Rat zu erteilen wußte, den Knaben noch für ein paar Jahre einem Gymnasium oder einer Realschule anzuvertrauen. Man kann sich die Aufregung denken, in welche diese Nachrichten den alten Kantschin versetzten. Von einer Befolgung des Ritterschen Rates wollte er durchaus nichts hören, und so mußte in der begonnenen Weise fortgefahren werden. Noch größer wurde unsere Verlegenheit, als Professor Pinzger, beschämt über die Divergenz des Ritterschen Urteils von dem seinen, statt in unserer Not uns beizustehen, sich völlig von uns zurückzog; wie kleinlich seine Denkungsart war, ist auch daraus ersichtlich, daß er der einzige war, welcher die im Jahre 1877 fertig gewordenen und allen Professoren als Geschenk übersandten »Elemente der Metaphysik« mir zurückschickte, obgleich gerade er wie seine Mutter vordem die eifrigsten Zuhörer meiner Vorlesungen gewesen waren. Es blieb nichts anderes übrig, als mit älteren Polytechnikern zu operieren und uns für die verschiedenen etwa allmonatlich anberaumten Repetitionen möglichst sorgfältig vorzubereiten. So ging das Studienjahr im Juli zu Ende; August und September benutzte ich, um die Elemente im Manuskript zu Ende zu führen. Demnächst sollte Georges, der nun das Minimalalter von siebzehn Jahren hatte und bisher nur Zuhörer gewesen[178] war, als Studierender aufgenommen werden, wozu er ein Examen zu bestehen hatte. Um ihn für dasselbe frisch zu haben, beschloß ich mit ihm die ersten fünf Tage des Oktober eine Reise durch Belgien zu machen. Aus irgendeinem Grunde reiste er voraus und wußte es so einzurichten, daß er jedesmal, wenn ich ankam, schon abgereist war, so daß ich über Lüttich, Brüssel, Antwerpen, Gent und Ostende immerfort seinen Spuren folgte, ohne ihn doch zu treffen. Erst in Aachen fanden wir uns am 5. Oktober wieder. Zugleich erwartete mich die Trauerbotschaft, daß Werners Frau, das so lebensfrohe Minchen, die Mutter von Nenna und Willy, nach der Geburt des letzteren gestorben war. Am 6. Oktober sollte Georges die Aufnahmeprüfung bei Hattendorff bestehen, und dieser ließ ihn, nachdem er ihn, wie Georges berichtete, kaum fünf Minuten gefragt hatte, durchfallen, nachdem ihn v. Kaven schon vor Jahresfrist für reif erklärt hatte. Die Divergenz der Urteile erklärt sich zum Teil aus persönlichen Gründen. V. Kaven wollte mir wohl, protegierte meine Vorlesungen in jeder Weise und ließ es sich geduldig gefallen, wenn ich ihn immer wieder in Angelegenheiten des jungen Kantschin behelligen mußte. Weniger Wohlwollen fand ich bei andern Professoren. Am 3. Februar 1876 war ein großes Studentenfest mit gedruckter Bierzeitung, welche noch in meinen Händen ist, und mehr von dem Eindrucke meiner Vorlesungen als von dem aller andern voll war, welches ja wohl bei manchen ein Gefühl der Eifersucht wachrufen mochte. Tatsache ist, daß Hattendorff, mit dem ich das Auditorium teilte, Klage darüber führte, daß meine zahlreichen Zuhörer Tische und Bänke beschmutzten, mir das neben dem Auditorium liegende Wartezimmer verschloß und es so weit trieb, daß ich nach Ostern meine Vorlesungen ganz aufgeben wollte und sie nur auf vieles Zureden in der großen Aula wieder aufnahm. Nach dem peinlichen Resultate des Examens bei Hattendorff suchte ich diesen auf, und er erklärte, nichts dagegen haben zu wollen, daß Georges noch einmal von einem andern examiniert würde. Hierzu wurde Professor Helmert be stimmt. Inzwischen waren Monsieur und Madame Kantschin mit beiden Töchtern in Aachen angekommen und die ganze Familie war in unserm Salon versammelt, während Georges zu Helmert ins Examen stieg, und mit[179] Spannung erwarteten wir seine Rückkehr. Diesmal nehmen sie ihn aber gehörig vor, sagte Monsieur Kantschin. Endlich kam Georges zurück; auch Helmert, wie ja auch zu erwarten war, hatte ihn durchfallen lassen. Nachdem Georges diese Nachricht überbracht hatte, entstand ein allgemeines tiefes Schweigen. Ich selbst war äußerst beschämt und erwartete nichts anderes als meinen Abschied. Schon vor einem Jahr war durch offizielles, von Direktor v. Kaven unterfertigtes Schreiben seine Reife fürs Polytechnikum anerkannt worden, ich hatte daraufhin meine Jahresprämie eingestrichen, und jetzt, nachdem ein volles Jahr vergangen war, sollte mein Zögling durch zweifaches Verdikt von Hattendorff und Helmert für unreif erklärt werden. Endlich brach Herr v. Kantschin das peinliche Schweigen und richtete an mich die Frage, was nach meiner Meinung jetzt am besten geschähe? Ich erkannte daraus, daß der Vater mit der Drohung, seinen Sohn nach Rußland zu nehmen, nicht Ernst machen wollte, daß er geneigt war, mit meiner Hilfe weiter zu experimentieren. Auf diesen Gedanken eingehend, wies ich darauf hin, daß Georges statutenmäßig zu Weihnachten sich nochmal zum Examen stellen könne, und daß bis dahin bei energischer Arbeit die Aufnahmeprüfung wohl zu bestehen sein werde. Herr v. Kantschin billigte diesen Plan, alles einzelne wurde besprochen und verabredet und er schloß, indem er mich bedeutungsvoll ansah, mit den Worten: »Damit wäre ja denn wohl alles besprochen.« Ich bejahte es. Darin lag von beiden Seiten die für mich so sehr schmerzliche, aber bei den obwaltenden Umständen unvermeidliche Übereinkunft, daß von der üblichen Prämie von 1400 Franken für dieses Jahr keine Rede sein könne. Die Familie reiste ab, ich blieb mit Georges allein in Aachen, dem Schauplatz so vieler Wonnen und so unsäglicher Qualen. Nach ernstlicher Überlegung kam ich zu dem Entschlusse, für die erste Zeit nicht nur die Leitung, sondern auch den Unterricht meines Zöglings in die Hand zu nehmen, mit ihm nochmals die ganze Elementarmathematik durchzugehen, mit ihm die täglichen Repetitionen abzuhalten und, was das Schwerste war, mit ihm die technischen Vorlesungen zu besuchen. Und so saß ich vom nächsten Morgen alle Tage im Polytechnikum und hörte höhere[180] Mathematik bei Hattendorff, Baukonstruktion bei Intze und Mechanik bei Ritter, in demselben Saale, in welchem ich im verflossenen Jahre die größten Triumphe gefeiert hatte. Es war eine der größten aszetischen Leistungen, deren ich mich in meinem Leben rühmen kann. Herr v. Kantschin, dem ich meinen heroischen Entschluß brieflich mitteilte, zeigte sich dadurch gerührt und machte mir folgenden, bedeutsamen Vorschlag. Wir wollen, hieß es in seinem Brief, nicht mehr von jährlich 1400 Franken Prämie reden, sondern, ich schlage vor, daß, wenn Georges von jetzt an in zwei Jahren die Vorprüfung, wie sie auf halbem Wege zum Diplomexamen üblich ist, besteht, Sie eine Gesamtprämie von 5000 Franken erhalten. Ich zögerte nicht, auf dieses Anerbieten einzugehen, denn wenn auch die Aussicht auf die 5000 Franken sehr gering war, so lag doch darin ein festes Engagement für zwei volle Jahre, in einer ganz erträglichen Lebensstellung. Es wurde also mit Eifer weitergearbeitet, und auch Georges schien unter dem Eindrucke der erlittenen Niederlage und meines heldenmütigen Vorgehens lenksamer als je vorher. Die Hauptsache war die Elementarmathematik, Algebra, Planimetrie, Trigonometrie und Stereometrie, und es war für mich nicht ohne Interesse, diese gymnasialen Fächer nochmals durchzugehen. Neujahr 1877 kam heran, und mit ihm erschien Herr Kantschin, um das Resultat der nochmaligen Prüfung abzuwarten und, wenn sie wieder nicht bestanden werden sollte, seinen Sohn irgendwo in Rußland unterzubringen. Ich meldete die Prüfung beim Direktor v. Kaven an, zugleich mit der Bemerkung, daß von ihr das weitere Verbleiben meines Zöglings am Polytechnikum abhängen werde. Hier machte v. Kaven nun den überraschenden Vorschlag, das Risiko einer neuen Prüfung zu umgehen und auf Grund eines bestehenden Statuts meinen Zögling als Ausländer ohne Prüfung unter die Studierenden der Anstalt aufzunehmen. Ich überbrachte diesen Vorschlag dem Vater, und er stimmte zu. Zugleich fragte ich ihn, ob er Wert darauf lege, daß ich noch weiterhin mit Georges die Vorlesungen besuche und die Repetitionen abhalte. Er verneinte es, und ich fühlte mich von einer schweren Last befreit. Von nun an erschien wieder jeden Nachmittag ein Repetent. Die Repetitionen bei den Professoren, über die ich dem Vater jedesmal[181] Mitteilung machte, verliefen mit wechselndem Erfolg, so daß ein Bestehen der Vorprüfung gegen Ende des Jahres 1878 zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber doch nicht außer dem Bereich des Möglichen war. Den Extravaganzen meines Zöglings, wie sie von Zeit zu Zeit nicht ausblieben, suchte ich nach Möglichkeit vorzubeugen. Den regelmäßigen Besuch der Vorlesungen suchte ich dadurch zu sichern, daß ich einen armen Polytechniker als Spion engagierte, der mir für eine Mark täglich brieflich über den Besuch berichten mußte. Die Herbstferien des Jahres 1878 wurde unablässig gearbeitet. Vier junge Leute arbeiteten die verschiedenen Fächer mit Georges durch. Ich versprach jedem aus meiner Tasche hundert Mark, wenn Georges die Vorprüfung bestehen sollte. Daß sie erst am 6. Dezember angesetzt wurde, war Herrn v. Kantschin recht, aber er erklärte, daß mit dem ersten Oktober mein Gehalt aufhören müsse, wogegen, entsprechend unserer Verabredung, nichts einzuwenden war. Der gefürchtete 6. Dezember kam heran. Es war fleißig gearbeitet worden, aber die Professoren bei der Vorprüfung waren streng, und ein großer Teil, wenn nicht der größere, der Prüflinge fiel durch. Am Nachmittage des 6. Dezember saßen, wie mir durch den Pedell berichtet wurde, fünfzehn Professoren zusammen und beschlossen über das Bestehen oder Nichtbestehen der einzelnen Kandidaten mit Stimmenmehrheit. Die Reihe kam an Kantschin. Die erste Abstimmung ergab kein klares Resultat. »Also nochmals, meine Herren,« sagte der Direktor, »wer dagegen ist, daß Kantschin die Vorprüfung bestanden hat, der steht auf, wer dafür ist, bleibt sitzen.« Da geschah es, daß von den fünfzehn Professoren sieben ? es mochten wohl die sein, welche meinen Zögling näher kannten ? aufstanden und acht sitzenblieben. Georges sollte von nun an selbständig leben und nur von einem technischen Repetitor geleitet werden. Als solcher hatte in den letzten Jahren der Polytechniker Starmans gedient, ein unbemittelter, treuer, etwas schwacher und dabei unendlich geduldiger Mann, der, wenn auch ohne tieferen Einfluß auf Georges, doch ihm ein angenehmer Kamerad war. Es war, wie sich später zeigen wird, ein Unglück, daß dieser Mann wegen geringfügiger Gelddifferenzen mit dem alten Herrn v. Kantschin[182] uns verließ und wir uns nach einem andern Mitarbeiter umsehen mußten. Zu einem solchen schien unter allen in Frage kommenden Persönlichkeiten am meisten geeignet Herr Zeidler, ein ernster, stattlicher Mann, der im Alter von zweiunddreißig Jahren noch das Polytechnikum besuchte und meinem Zögling durch seine Haltung zu imponieren wußte. Dieser also wurde mit Zustimmung des Direktors v. Kaven, der nach wie vor unter alles sein Plazet setzen mußte, wenn es dem alten Herrn annehmbar sein sollte, zur Mitarbeit gewonnen. Er bezog mit Georges eine neue Wohnung, während ich in unserer alten Wohnung das hintere Zimmer beibehielt und auf eigene Kosten lebte, nur daß Herr v. Kantschin mir vorschlug, solange ich noch keine neue Stellung hätte, für die er sich selbst zu bemühen versprach, für eine Vergütung von 200 Mark monatlich eine entfernte und möglichst unmerkliche Aufsicht über Georges und seinen neuen Kameraden zu führen. Dieses Verhältnis bestand bis zu meinem definitiven Weggang aus Aachen am 10. Mai 1879. Ehe ich aber von diesem berichte, ist noch manches aus der Aachener Zeit nachzuholen. Ich hatte in den Jahren 1877/78 meine philosophischen Vorlesungen, teilweise auch Übungen wieder aufgenommen und nun erfolgte 1878 in einer Reihe von Artikeln des »Echo der Gegenwart« ein Angriff, welcher an maßlosen Verdächtigungen die beiden früheren Artikelreihen weit übertraf. Unter der Aufschrift: »Ein Kaiserwort und eine königlich preußische Hochschule« erschienen nacheinander zwölf Artikel, welche an jesuitischen Verdrehungen das Unglaublichste leisteten. Der Kaiser, so hieß es, habe gesagt, es solle dem Volke seine Religion erhalten bleiben, und es gäbe eine preußische Hochschule, auf welcher die gräuliche, aller Religion zuwiderlaufende Lehre Schopenhauers vorgetragen werde. Meine Vorlesungen schien der Pasquillant gar nicht besucht zu haben, er hielt sich an meine eben erschienenen »Elemente der Metaphysik«. Dort wird die christliche Rechtfertigungslehre in der Kürze vorgetragen, und dann heißt es weiter (§ 281): »Tiefer, reiner, entwickelter treffen wir denselben Gegensatz auf dem Boden der indischen Theologie an.« Aus diesen Worten folgerte der Jesuit die tollsten Dinge: »So,« sagte er, »also die Inder haben alles besser gewußt als unser Herr Christus, gegen[183] die Inder ist unser Herr Christus nur ein Dummkopf.« Die Verdrehungskunst dieses Ultramontanen war um so schamloser, als ich in Buch und Vorlesungen über das Christentum und seinen Stifter nie anders als in würdigster Weise, stets mit Liebe und Achtung gesprochen hatte. Aber dieser Giftpilz sollte noch weiter wuchern. Das Gezeter im »Echo der Gegenwart« drang bis in das ultramontane Lager der eben tagenden Abgeordneten, und hier war es Herr v. Schorlemer-Alst, welcher unkritisch genug war, die von dem Jesuiten gezogene Folgerung für Tatsache zu nehmen und im preußischen Abgeordnetenhause zu behaupten: »Es gibt eine königlich preußische Hochschule, auf welcher gelehrt wird ? die Zunge sträubt sich das Wort auszusprechen ?, auf welcher ein Schüler Schopenhauers lehrt, Christus sei ein Dummkopf.« Diese im Landtag vorgetragene und durch alle Blätter gehende Äußerung des ultramontanen Abgeordneten kam auch zu Ohren des Bonner Philosophieprofessors Jürgen Bona Meyer, der überall bei der Hand war, wo es etwas zu machen gab, und auch hier, anstatt es dem Angegriffenen zu überlassen, sich zu verteidigen, wenn er wollte, das Wort in der Kölnischen Zeitung nahm und hier die Erklärung abgab: Er wisse zwar nicht, wovon die Rede sei, kenne aber Schopenhauers Werke genugsam, um versichern zu können, daß die Behauptung, Christus sei ein Dummkopf, bei Schopenhauer sich nicht finde. Diese mit voller Namensunterschrift abgegebene Erklärung gab nun den durch mein beharrliches Schweigen erbitterten Echomännern einen willkommenen Anlaß, die angesammelte Galle auszuschütten. Wie eine Meute wütender Hunde stürzten sie sich auf Bona Meyer und verzausten ihm das Fell, wie er es für sein Dareinreden verdient hatte. Dieser Bona Meyer mag es auch verantworten, wenn der gegenwärtige Deutsche Kaiser so wenig Verständnis für Philosophie besitzt. Der Fall ist wert, der Vergessenheit entrissen zu werden. Nach Erscheinen meiner »Elemente der Metaphysik« hatte ich eines der wenigen Luxusexemplare an den damaligen Kronprinzen geschickt, zwei weitere gewöhnliche Exemplare beigelegt und Seiner Königlichen Hoheit anheimgestellt, diese, falls er es für gut fände, seinen beiden, eben ins Jünglingsalter getretenen Söhnen Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich zum Studium zu übergeben; daß[184] der Kronprinz dieses wirklich getan hat, erfuhr ich aus einem Briefe, den Bona Meyer wegen eines andern Anlasses (es handelte sich um die Unterbringung eines jungen Ausländers) an mich schrieb und nach Erledigung des geschäftlichen Teiles wörtlich folgendes mitteilte: »Nach Erledigung dieser Sache habe ich Ihnen noch für die Zusendung Ihrer ?Elemente der Metaphysik? zu danken. Es war mir zugleich lieb, aus Ihrem begleitenden Brief zu sehen, daß Sie sich noch meiner Privatdozentenschaft in Berlin erinnern. Daß mich der Inhalt Ihres Buches wohl interessieren, aber nicht befriedigen konnte, werden Sie wissen. Ich teile Ihren Schopenhauerschen Standpunkt ja durchaus nicht. Von Interesse wird Ihnen die Mitteilung sein, daß der Kronprinz diesen Winter seinem Sohne, dem Prinzen Wilhelm, Ihr Buch zum Studium mitgab, freilich nicht mit Erfolg. Doch hat Prinz Wilhelm mich ein paarmal nach dem Buch gefragt und jetzt die Rezension von Weiß in den Philosophischen Monatsheften gelesen und seinem Vater mitgenommen.« Aus diesen Worten Bona Meyers geht hervor, daß der Kronprinz tatsächlich das Buch für geeignet gehalten hat, um es seinem die Universität Bonn beziehenden Sohne, Prinz Wilhelm, dem gegenwärtigen Deutschen Kaiser, zum Studium, wie Meyer sagt, mitzugeben, daß der Prinz auch ein gewisses Interesse an der Sache genommen hat, da er seinen philosophischen Berater wiederholt »ein paarmal« nach dem Buche gefragt hat, daß aber Bona Meyer das seinige getan hat, um zu verhindern, daß der künftige Beherrscher Deutschlands mit der echten Philosophie bekanntwerden und daß er, um dies noch vollständiger zu erreichen, die Rezension von Weiß in den Philosophischen Monatsheften von 1878 S. 161 bis 169 als bestes Mittel entdeckt hat, um dem Prinzen Wilhelm und seinem Vater das Buch möglichst aus den Augen zu rücken. Nach dieser Abschweifung kehre ich zu der mit skandalöser Leichtfertigkeit im preußischen Abgeordnetenhause von Schorlemer-Alst ausgesprochenen Beschuldigung zurück. Sie konnte nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit des Ministeriums zu erregen, und so kam vom Minister eine Anfrage, was es mit der Sache auf sich habe. Direktor v. Kaven, an den sie gerichtet war, teilte sie mir mit und[185] ersuchte mich, sie zu beantworten. Wer war froher als ich. Jetzt, dachte ich, wo ich die Aufmerksamkeit des Ministeriums auf mich gezogen habe, wird man nicht umhin können, die Bedeutung meiner Bemühungen an maßgebender Stelle zu würdigen. Ich schrieb eine Rechtfertigung, welche Hand und Fuß hatte, vierzehn Seiten lang und legte ihr einen Artikel der Kölnischen Zeitung bei, in welchem ich ohne Nennung meines Namens unter dem Titel »Ultramontane Sünden« das Verfahren dieser Dunkelmänner beleuchtet hatte. ? Wie groß war mein Erstaunen, als nach einiger Zeit aus dem Ministerium des Handels, unter dem wir standen, wahrscheinlich aber nach v. Kavens Vermutung verfaßt von einem Rat im Kultusministerium, etwa dem Herbartianer Wehrenpfennig, eine Antwort einlief, welche die Verleumdung als unbegründet anerkannte, zugleich aber eine Animosität gegen Schopenhauer und seine Lehre atmete, wie man sie an solcher zu objektiver Beurteilung berufenen Stelle wohl nicht erwartet hätte. Man sähe wohl ein, hieß es, und man habe es schon vorausgedacht, daß das Geschrei der Ultramontanen grundlos sei, aber es sei durchaus zu mißbilligen, daß an einer staatlichen Anstalt die Lehre Schopenhauers verbreitet werde, der Seite da und da sich über die Weiber soundso geäußert habe; wollte ich daher als Privatdozent weiterlehren, so müsse ich mich durchaus auf die Geschichte der Philosophie beschränken, und zwar nur von Platon bis Kant, mit Wegfall der indischen und der nachkantischen Philosophie, da diese beiden wieder Anlaß zu einer Glorifizierung Schopenhauers geben könnten. So das Ministerium. Ich erklärte mich bereit, die Geschichte der Philosophie wenn auch nicht von Platon anzufangen, welches unmöglich ist, so doch von Thales, und kündigte für den Februar 1879 eine Vorlesung über die vorsokratische Philosophie an. Natürlich wie immer gratis. Der Zulauf war nach dem Lärm, den die Sache gemacht hatte, ungeheuer. Über vierhundert drängten sich in dem Saale zusammen und mit Begeisterung und Freude trug ich die vorsokratische Philosophie vor. Zu Anfang März beschloß ich meine Vorlesungen, und wenige Tage darauf traten Verhältnisse ein, welche mein Scheiden von Aachen veranlaßten.[186] Durch die Vermittlung Kantschins erhielt ich einen Brief aus Paris vom Fürsten Zscherbatoff, mit der Anfrage, ob ich bereit sei, die Erziehung seiner drei ältesten Söhne Nikolaus, Sergé und Pawel im Alter von elf, neun und acht Jahren zu übernehmen. Sofort antwortete ich und erhielt darauf eine Einladung, nach Paris zu kommen, um mich der Familie vorzustellen, wo ich denn auch am 7. April 1879 am frühen Morgen eintraf. Im Laufe des Vormittags erschien ich in der Familie des Fürsten Zscherbatoff. Fürst und Fürstin mit sechs Kindern, dem Hausarzt, der Erzieherin Olga Alexandrowna, einem russischen Lehrer, zwei englischen Bonnen und anderm Drum-und-Dran bewohnten im Westen eine große Etage. Der Fürst hatte beschlossen, den nächsten Winter mit seiner Familie auf seinem Landgute zu Terny im Gouvernement Charkow zuzubringen, und da der russische Unterlehrer Iwan Wassiliewitsch nicht sonderlich genügte, so hatten alle diese Umstände im Hohen Rat, bestehend aus Fürst, Fürstin und Olga Alexandrowna, den Beschluß herbeigeführt, es mit mir zu versuchen. Ich wurde sehr freundlich, fast herzlich empfangen, frühstückte mit der Familie, ging mit den drei Knaben in Paris spazieren, stellte sie auch meinem Onkel Friedrich vor, und so gefielen wir einander und beschlossen, es mit uns zu versuchen. Der Fürst schlug vor, ich möge nur zuerst als Freund kommen und sehen, ob mir Rußland zusage. Ich entgegnete, daß ich um der Sache willen eine wertvolle Stellung als Privatdozent in Aachen aufgebe und schlug ein Engagement mit vierteljährlicher Kündigung vor. Auch darauf ging der Fürst bereitwillig ein, und als ich fragte, ob ihm die 6000 Franken jährlichen Gehaltes, die ich auf Rat des alten Kantschin gefordert hatte, recht seien, erwiderte er kurz: »Das ist durchaus, was Sie beanspruchen können.« Somit wurde das Engagement abgeschlossen, der Fürst händigte mir einen Tausendfrankschein ein und bemerkte, daß es genüge, wenn ich im Monat Mai in Terny eintreffe. Von der Umgebung des Fürsten interessierte mich am meisten die Erzieherin Olga Kroß oder wie üblich in Rußland mit Vornamen und dem Vornamen des Vaters Olga Alexandrowna genannt, eine anmutige schlanke Blondine, welche mir so gut gefiel, daß ich sie ohne weiteres in das Register meiner sogenannten Flammen aufnahm.[187] Ich sagte mir, daß der einzige Punkt, welcher einem längeren Aufenthalt in Rußland zur Ansammlung eines größeren Vermögens im Wege steht, das begründete Bedenken sei, daß es dann zu einer Heirat zu spät sein werde und ich auf die Belehrungen, welche das Leben in der Ehe gebe, ein für allemal verzichten müsse. Anders würde die Sache liegen, wenn es möglich sein sollte, Olga Alexandrowna zu heiraten und mit ihr zusammen die Stelle in der Familie zu behalten. Dazu ließ sich auch alles an. Olga zeigte sich sehr liebenswürdig, schenkte mir auf Bitten ihr Porträt und so ging ich, das Herz voll Zukunftshoffnungen, gegen Abend zum alten treuen Kantschin. Er war ganz allein und lud mich ein, mit ihm zu speisen. Mit Befriedigung vernahm er mein neues Engagement, lehnte mein Anerbieten, auf die 200 Mark Monatsgehalt, die mir, da wir monatliche Kündigung hatten, noch zukamen, zu verzichten, mit Entschiedenheit ab und übergab mir ebenfalls ein Billett von 1000 Franken, um definitiv unsere Rechnungen und die Aachener Verbindlichkeiten damit zu regeln. Ich zeigte ihm Olgas Porträt und fragte ihn, ob er es für möglich halte, als Erzieher mit ihr als Erzieherin verheiratet zu sein. »Das ist gar nicht unmöglich,« versetzte er, »Sie müssen nur suchen, sich der Familie unentbehrlich zu machen. Dann können Sie alles fordern, und es wird keine Schwierigkeiten machen, in Ihrem Schlafzimmer noch ein zweites Bett aufzustellen.« Dies leuchtete mir ein; ich nahm mir fest vor, mich in Rußland in jeder Weise unentbehrlich zu machen, wir werden sehen, inwieweit mir dies gelungen ist. Am Karfreitagmorgen, dem 11. April, reiste ich von Paris ab und kehrte nach Aachen zurück und beschäftigte mich in dem noch übrigen Monat mit meiner Ausrüstung für Rußland und mit dem Studium des Russischen. Zuerst war mir die Grammatik nach Almdorfs Methode in die Hände gefallen. Sie ist so unmethodisch angelegt und die Beispiele sind so dumm, daß sie vom Studium abschreckt und verdiente, polizeilich verboten zu werden. Besser gefiel mir schon die Grammatik von Bolz, der eine reizende Erzählung von Puschkin zugrunde legt, in jeder Lektion einige Zeilen derselben analysiert und so Deklination, Konjugation und Wortschatz spielend beibringt, auch zahlreiche interessante Parallelen aus dem Sanskrit[188] und den andern verwandten Sprachen anführt. Leider ist sie aber nicht sehr korrekt, und so verfiel ich endlich auf das richtige, indem ich die in jeder Hinsicht vortreffliche Grammatik von Alexejew entdeckte und an ihrer Hand im Laufe des Jahres 1879 mein Russisch gelernt habe. De 11. Mai kam heran und mit ihm mein Abschied von Aachen. Am Bahnhof war Herr Zeidler mit Georges. Meinen Zögling sollte ich nie wiedersehen. Ich ging mit ihm auf dem Perron auf und ab, sprach in herzlichen Ermahnungen auf ihn ein und schenkte ihm einen Rubel, damit er doch etwas Geld habe, welches er nicht sogleich ausgeben könne. Diesen Rubel hat Herr Zeidler, als Georges ihn umsetzen wollte, von ihm eingelöst und nach seinem Tode dem Vater gesandt, der ihn mir zum Andenken schenkte. Ich besitze ihn noch. Der Zug setzte sich in Bewegung und ich las in Herrn Zeidlers Mienen deutlich die Worte: »Wir sind froh, daß wir dich Quälgeist endlich los sind.« Von nun an brauchten sie nicht mehr zu fürchten, ihre Arbeit von mir wie bisher kontrolliert zu sehen. So schloß meine Aachener Zeit, nachdem sie von Oktober 1874 bis Mai 1879 viereinhalb Jahr gedauert und mir viele Not, viel Geld, viele reiche Lebenserfahrungen und viele Freude durch meine Vorlesungen und meine Elemente eingetragen hatte. Um mir eine mögliche Rückkehr an das Polytechnikum offenzuhalten, ersuchte ich durch Direktor v. Kaven um Urlaub auf unbestimmte Zeit. Die Antwort aus dem Ministerium, die mir nach Rußland nachgeschickt wurde, lautete etwa wie folgt: Nachdem der Dr. Deussen in den Dienst eines ausländischen Fürsten getreten ist, so ist nach Paragraph soundso seine Privatdozentenschaft als erledigt anzusehen und er aus dem Album der Hochschule zu löschen. ? Auch hier war man froh, den Quälgeist loszuwerden. Da Fürst Zscherbatoff bei meinem Besuch in Paris erklärt hatte, daß man mich erst Ende Mai in Rußland erwartete, so nahm ich mir für meine Reise Zeit, fuhr zunächst nach Heinsberg, um, wie ich scherzend sagte, Rußland schon ein Stück näherzukommen, dann zu Onkel Wilm Heinrich nach Jüchen und weiter nach Oberdreis. Auch Tübingen berührte ich, wo Marie, die dort mit dem von mir sehr verehrten früheren Hauslehrer meiner[189] jüngeren Brüder, Braitmaier, verheiratet war, mir mit ihrem Erstgeborenen Siegfried entgegenkam und das Knäblein ohne Umstände auf das Bett warf, unbekümmert um sein Schreien, um sich mir zu widmen. Braitmaier holte aus dem Keller einen Krug Wein; alles war damals noch in bester Harmonie. Von Tübingen gelangte ich über Ulm zum erstenmal in meinem Leben nach München, wo ich einen Vormittag lang Aufenthalt hatte. Ich hatte die Wahl, entweder die Glyptothek und Pinakothek oder das Hofbräuhaus zu sehen, entschied mich für das letztere und wurde dafür dadurch bestraft, daß ich im Hofbräuhaus nichts als leere Tische und Bänke sah, denn es war gerade Putztag. Weiter ging die Fahrt über Linz nach Wien und sogleich auf der Südbahn hinauf zu Bruder Werner, der dort als Ingenieur in einem Eisenwerk arbeitete und sich eben mit dem Gedanken trug, seine Kinderchen Nenna und Willy aus der Heimat herüberbringen zu lassen. Da ich nach Rußland mit dem Gefühle ging wie ein Mönch, der ins Kloster geht, so suchte ich mich in der Geschwindigkeit noch dadurch schadlos zu halten, daß ich jedem hübschen Mädchen stark die Kur machte und von Bruder Werner wiederholt deswegen getadelt wurde. In den nächsten Tagen fuhren wir nach Gloggnitz und wanderten von dort den Semmering hinauf, wobei wir die kolossalen Windungen bewundern konnten, welche die Bahn macht, um die Paßhöhe zu ersteigen. Weiter begleitete Werner mich noch nach Wien, wo ich große Umstände hatte wegen hundert Zigarren, die in meinem Koffer sich befanden, bis ich es endlich erreichte, sie als Transitgut nach Volociska, der ersten russischen Station, gehen zu lassen. Da ich auf Kosten des Fürsten reiste und manche unnötige Umwege gemacht hatte, so beschloß ich, den weiteren Weg in der dritten Klasse zurückzulegen, und fuhr nach Abschied von Werner die Nacht durch von Wien nach Krakau. Selten habe ich eine schlechtere Nacht verbracht; der Wagen war ganz gefüllt, die Leute in Essen und Kleidung sehr unappetitlich, die einzige anziehende Erscheinung war eine hübsche Jüdin namens Jetty Hirsch. Den ganzen folgenden Tag fuhr ich durch Galizien, sah im Süden die schneebedeckten Karpathen und war betroffen über den Gegensatz der reichen blühenden Landschaft und der armseligen Bewohner und ihrer Hütten. Spät[190] abends war ich in Lemberg (Lwow) und am Morgen früh an der russischen Grenze, da, wo das österreichische Podwolociska und das russische Wolociska einander gegenüberliegen. Man hatte mir viel erzählt von der Bestechlichkeit der russischen Zollbeamten und empfohlen, einen Rubel obenauf in den Koffer zu legen. Zum Glück habe ich es nicht getan, denn dem würdigen Offizier, der mein Gepäck revidierte, hätte ich unmöglich etwas anbieten können. Ich erklärte, daß ich im Koffer 100 Zigarren, einen silbernen Becher und viele neue Kleider hätte und empfing die ruhige Antwort: »Das können Sie alles haben, ohne einen Zoll zu zahlen.« Weiter ging es auf eingeleisiger Bahn immer tiefer hinein in das heilige Rußland, und hier waren die Verhältnisse auch in der dritten Klasse durchaus erträglich, in auffallendem Gegensatz zu der Fahrt durch das polnische Galizien. Spät am Abend stieg ich in Voroschba aus, und der erste Eindruck war, daß sich zwei Kerle darum prügelten, wer mein Gepäck zu dem Wagen des Fürsten Zscherbatoff tragen sollte, der telegraphisch bestellt war und vor der Station mich erwartete. Ich stieg ein und nun ging es vier Stunden lang durch eine laue Frühlingsnacht, bis ich endlich um 4 Uhr morgens das Schloß des Fürsten erreichte und leise in das für mich bestimmte Zimmer schlich, um zunächst einmal auszuschlafen. Am andern Morgen wurde ich von Fürst und Fürstin, der Erzieherin Olga Alexandrowna, dem russischen Hilfslehrer, dem Hausarzt und den Kindern, welche ich alle schon in Paris kennengelernt hatte, in der liebenswürdigsten Weise begrüßt. Gleich am Nachmittag wurde mit Fürst und Kindern ein längerer Spazierritt unternommen. Jedes der Kinder hatte einen seiner Größe entsprechenden Pony, während ich bei meiner bis dahin geringen Übung im Reiten wohl eine schlechte Figur machte, so daß der Fürst bestimmte, daß ich zunächst bei seinem ungarischen Stallmeister Reitstunde erhielt. Von da an wurde täglich nachmittags nach dem Diner ausgeritten, und ich brachte es in kurzer Zeit so weit, daß der Fürst erklärte, ich müsse jetzt ein besseres Pferd haben; ein junges, munteres Tier wurde mir zugewiesen, welches für mich allein bestimmt war, und mich so gut kannte, daß es auf mich zukam, sobald es mich sah. Auf diesem konnte ich mich bald in jeder Gangart, Trab wie Galopp, vor allen,[191] namentlich auch vor Olga Alexandrowna mit Ehre zeigen. Ein feierlicher Tag war es, an welchem mein Pferdchen die ersten Hufeisen erhielt, und ich dichtete eine Ode in alzäischem Versmaß und in russischer Sprache auf meine Mascha (Mariechen), wie ich, nicht ohne einigen Anstoß bei der frommen Familie zu erregen, mein Tier getauft hatte. In Erinnerung sind mir noch die Zeilen, wo es hieß: Gdje mayei Maschi oni podkovali neschnija noschki, Heute ist der Tag, wo sie behuften meiner zarten Mascha zierliche Füßchen. Am zweiten Pfingsttage 1879, kurze Zeit nach meiner Ankunft, hatte ich das Schauspiel des größten Gewitters, welches ich je erlebte. Am Nachmittag umzogen schwarze Wolken den Himmel, unaufhörlich blitzte und donnerte es von allen Seiten, und von der Höhe, auf welcher das Schloß des Fürsten lag, konnte man nicht weniger als sieben Feuerbrände in den verschiedenen Richtungen beobachten. Auch in einen der Pferdeställe des Fürsten war der Blitz eingeschlagen, und da am Pfingstnachmittag niemand zur Hand war, um die Tiere herauszulassen, so sind alle vierzehn Pferde, die im Stalle eingeschlossen waren, in dem Stalle erstickt. Auch ich war mit den Kindern hingeeilt und hatte so zum ersten Male Gelegenheit, bei den Rettungsversuchen die Bevölkerung, in deren Mitte ich lebte, näher zu beobachten. Amazon.de Widgets Kleinrußland, Malorossia, in welchem unser Terny lag, ist ein ganz eigenes Land. Wir haben auch Berge, sagte man mir, aber sie liegen nach unten. In der Tat war das Terrain ein Hochland, mit tief eingeschnittenen Flußtälern, teils herrliche Waldungen enthaltend, teils Felder von größter Fruchtbarkeit. Alles was Wald hieß, jeder Stock von Holz war Eigentum des Fürsten, ebenso bei weitem das meiste Feld, nur daß man den Bauern nach Aufhebung der Leibeigenschaft kleine Stücke Land zugeteilt hatte, welche hinreichten, die Bevölkerung zu ernähren, da der Boden von höchster Fruchtbarkeit war. Wenn ich gelegentlich mit den Kindern Erdarbeiten machte, so konnte ich mich überzeugen, daß überall einen Meter tief alles schwarzer Humusboden war. Steine gab es überhaupt nicht, und hätte man nicht einige Steine hier und da von auswärts herbeigebracht, man hätte den Kindern in der Schule keinen Begriff davon geben können, was ein Stein ist.[192] Unser Schloß mit dreizehn Fenstern Front stand auf einer Anhöhe, von welcher man über den Park weg zwischen den bewaldeten Teilen hindurch Fernblicke nach den verschiedenen Seiten genoß. Unten im Tale zog sich im Halbkreise über eine Stunde lang ein großes Dorf hin, welches, wie man mir sagte, 10000 Einwohner ohne Weiber und Kinder zählte. Zwei Kirchen, eine halbe Stunde voneinander entfernt, ragten aus dem Meere von kleinen Häusern und Hütten hervor, eine dritte Kirche stand auf unserer Anhöhe in nächster Nähe des Schlosses. Hier war, kurz nach meiner Ankunft, ein Tapezierer mit Ausbesserungen beschäftigt. Ich beauftragte ihn, einen größeren Globus, der den Kindern gehörte und auf der Reise in zwei Stücke gebrochen war, wieder zusammenzuflicken. Er führte diese Arbeit ganz geschickt aus, ich war aber nicht wenig erschrocken, als er für diese Leistung 25 Rubel, etwa 50 Mark, forderte, weit mehr als der Globus neu gekostet hatte. In meiner Verlegenheit wandte ich mich an den Fürsten, und dieser zeigte mir, wie man solche Leute zu behandeln habe. Er ließ den Mann kommen, welcher schon aus der Ferne mit tiefen Verbeugungen herankam und sofort noch ungefragt seine Forderung auf 20 Rubel herabstimmte. Aber der Fürst, ohne ein Wort zu verlieren, zog seine Brieftasche hervor, gab dem Manne einen jener blauen Scheine von 5 Rubeln an Wert und befahl ihm, sich zu trollen. Er entfernte sich dankend unter abermaligen tiefen Verbeugungen. Ein interessanter Tag gewährte mir einen Einblick in das Leben der Bauern. Eine Bäuerin, die früher auf dem Schlosse gedient hatte und jetzt im Dorfe verheiratet war, feierte Kindtaufe. Hierzu wurde am Tag nach dem eigentlichen Feste die ganze fürstliche Familie eingeladen. Fürst und Fürstin lehnten dankend ab, erlaubten aber den drei ältesten Kindern, geleitet von mir und der Erzieherin Olga Alexandrowna, hinzugehen. Wir betraten das kleine Haus, aus Flechtwerk mit Lehm getüncht, bestehend aus einem Vorraume, in welchem einige Weiber auf der Erde um eine Bowle herumhockten, und einem einzigen großen Zimmer, von dem ein Viertel von dem mächtigen Ofen aus Lehm nach Art unserer Backöfen eingenommen wurde. Auf diesem und einer daranschließenden hölzernen Pritsche pflegte die[193] Familie zu schlafen. Auf dieser Holzpritsche lag auch in Decken gehüllt die Wöchnerin mit ihrem Baby. Betten kennen die Bauern dort nicht, sie verschmähen diesen Luxus, auch wo ihre Mittel ihn erlauben würden. Rings um das Zimmer an der Wand entlang lief eine hölzerne Bank in dem ohne Diesen aus festgestampfter Erde bestehenden Fußboden befestigt. An einer Seite war ein Tisch auf vier in den Boden eingerammten Pfählen. Im Gegensatze zu dieser primitiven Einrichtung war der Tisch auf das reichste bedeckt mit allerlei Braten, Kuchen und weinartigem Getränke. Da es Hochsommer war, der dort zuweilen sehr heiß ist, bedurfte es keiner Heizung. In Winter, wo alles mit Schnee bedeckt ist und 10 Grad Kälte die Regel sind, wird, in Ermangelung von Holz und Kohlen der große Ofen, von außen mit Stroh geheizt. Dann kniet, wie ich es oft beobachten konnte, jemand vor dem Ofen und schiebt eine Garbe nach der andern hinein. Eine ungeheure Glut entsteht, und sobald die letzten Flammen verflammt sind, wird der Ofen mit zwei Deckeln verschlossen, worauf er dann zwei Tage lang die Hitze hält und den Raum ausreichend erwärmt, zumal die Wände dicht und die Fenster nur ganz klein sind. Im Winter trägt alles lange Stulpenstiefel, darüber bis zum Knie reichende Röcke, auch die Weiber, welche in dieser Vermummung von den Männern kaum zu unterscheiden sind. Im Sommer gehen die Weiblein durchweg barfuß, die Beine bis zum Knie nackend, was ihnen ein anmutiges Aussehen und einen sehr graziösen Gang gibt. In dem großen Dorfe, welches sich um den Schloßberg in weitem Halbkreise herumzog, gab es auch eine Anzahl besserer Familien von kleinen Gutsbesitzern, welche unter sich zusammenhingen und auch zum Schloß einige Beziehungen unterhielten. Wiederholt waren wir, d.h. ich und der russische Unterlehrer Wasili Iwanowitsch, bei ihnen eingeladen und revanchierten uns, indem wir ihnen in einem geräumigen Saal des Dorfes ein Tanzfest gaben. Wasili Iwanowitsch war der Arrangeur, da er sich auf dergleichen sehr gut verstand. Unter den Geladenen befand sich ein anmutiges Mädchen namens Tatiana Nikolajewna, und als eine Tour an der Reihe war, wo ein Herr mit verbundenen Augen in der Mitte steht, von den Damen im Kranz[194] umgeben wird, dann auf eine zugeht, ihren Namen zu raten sucht und mit ihr tanzt, da fragte ich Wasili Iwanowitsch, ob er es einrichten könne, daß ich Tatiana zu greifen bekäme. Er sagte es zu, und als ich weiter fragte, ob ich es auch wagen dürfe, die Dame zu küssen, erklärte der Filou dieses für einen glücklichen und unter den obwaltenden Verhältnissen wohl ausführbaren Gedanken. Die Reihe kam an mich, mit verbundenen Augen stand ich im Kreise, auf ein gegebenes Zeichen ging ich auf eine Dame zu, faßte sie, und ehe sie sich dessen versah, drückte ich auf ihre zarten Lippen einen Kuß. Nun riß ich die Binde von den Augen, sah aber statt Tatiana, welche beschämt entflohen war, nur einen leeren Raum vor mir. An dem Eindruck, den die Sache auf die Anwesenden machte, konnte ich wohl bemerken, daß ich auch für russische Verhältnisse etwas zu weit gegangen war, aber Wasili Iwanowitsch wußte sogleich die Stimmung wieder herzustellen, indem der Taugenichts den Anwesenden kurzweg erklärte, daß dieses so der Brauch in Deutschland sei. Auch mit den Popen des Dorfes unterhielten wir einige Beziehungen und kamen gelegentlich in ihre Häuser. Die Ausstattung derselben und der Bildungsgrad ihrer Bewohner entsprach weniger dem der deutschen Pastorsfamilien, als vielmehr dem unserer Elementarlehrer auf den Dörfern. Im ganzen kamen wir nur selten in das Dorf. Einmal ging ich mit den Kindern hinunter, um den Jahrmarkt zu sehen. Hier bemerkte ich, wie zwischen den Buden und der sie umdrängenden Bevölkerung eine Reihe von Menschen sich angefaßt hielten, der Folgende immer am Gewand des Vorhergehenden, und so wie eine Schlange sich durchwanden, der vorderste mit hochgehobenen Händen und alle eine klägliche Litanei anstimmend. Verwundert fragte ich nach dem Sinn dieses Aufzuges und wurde bedeutet, daß es die Blinden des Ortes seien, welche in dieser Weise den Jahrmarkt bettelnd durchzogen. Sofort fiel mir die Stelle aus der Kathakauphanischad ein, welche die Menschen mit Blinden vergleicht, die von einem Blinden geleitet werden, sowie das Wort Jesu von den blinden Blindenleitern, und ich möchte annehmen, daß beides auf einem ähnlichen Brauche in Indien und Palästina beruht, wie ich ihn auf jenem Jahrmarkte[195] in Terny und sonst niemals wieder zu beobachten Gelegenheit hatte. Nachdem ich mit den Kindern das Treiben des Jahrmarktes genugsam genossen hatte, kehrte ich, um ihnen einige Ruhe zu gönnen, in ein Wirtshaus ein und bestellte ein Glas Tee. Da ich auf meine Frage, wieviel zu bezahlen sei, nur eine undeutliche Antwort erhielt und nicht noch einmal fragen mochte, gab ich einen grünen Dreirubelschein hin und war erstaunt, aus dem zurückgegebenen Gelde zu ersehen, daß das Glas Tee mit Zucker und Zitrone nur 3 Kopeken (= 6 Pf.) kostete. Auch sonst war alles auf dem Lande in Rußland sehr billig, indem man, wie ich hörte, für eine Kopeke zwei Eier kaufen konnte usw. Interessanter und jedenfalls wichtiger für mich war das Leben auf dem Schlosse und dessen Bewohner. Der Fürst Zscherbatoff, ein durchaus edler Charakter, aber geistig etwas beschränkt, hatte zur Seite eine kluge und welterfahrene Gemahlin, welche in ihrer Weise den Gatten zu lenken wußte. Dies trat so wenig hervor, daß ich mich lange Zeit täuschte und glaubte, daß der Fürst, weil er die Gelder auszahlte, auch der herrschende Teil sei. Er hatte ein gewisses faible für junge anmutige Weiber, wie die Erzieherin der Kinder Olga Alexandrowna und noch mehr für deren besuchsweise längere Zeit auf dem Schlosse weilende Schwester Alexandra Alexandrowna, welche keine andern Vorzüge hatte als ein angenehmes Äußere und ein allzu häufiges Lachen, welches den Fürsten zu faszinieren schien. Mit Hilfe dieser Weiblein wußte die Fürstin ihren Gatten ganz nach ihrem Willen zu lenken. Von den sechs, später sieben Kindern hatte ich nur die drei ältesten unter mir. Sie sollten weder Latein noch Griechisch lernen, so daß ich nur dem ältesten einige Stunden im Deutschen gab, im übrigen aber mich darauf beschränkte, das Ganze zu dirigieren. Ich schlief mit den drei Knaben in einem Zimmer, ging mit ihnen jeden Morgen baden in einem 20 Minuten entfernten Teich, frühstückte mit ihnen und überwachte die von Olga Alexandrowna und dem russischen Unterlehrer gegebenen Stunden. Um 1 Uhr folgte ein opulentes Frühstück, von 2 bis 4 waren Stunden, von 4 bis 5 turnte ich mit den Knaben an den nach meiner Angabe verfertigten Geräten, dann folgte das Diner und nach[196] demselben eine Promenade zu Pferd. So verging der Sommer in einer von Morgen bis Abend anhaltenden und nicht unangenehmen Tätigkeit; was mir an Zeit noch übrigblieb, verwendete ich auf das Russische, in welchem ich bald reißende Fortschritte machte. Mein Plan, mich unentbehrlich zu machen, schien zu gelingen; man lobte mein Turnen, bei dem die Gäste des Hauses meist zugegen waren, lobte mein Russisch und spendete mir in jeder Hinsicht reiche Anerkennung. Im Herbste kam die Großmutter der Fürstin an, um den Winter über zu bleiben. Sie nahm bald im Hause die herrschende Stellung ein. Infolge meines Heiratsprojektes war eine zarte Neigung zu Olga in mir aufgekeimt und steigerte sich bald zu einer mühsam verheimlichten Liebe; sie lieb, wie ich an Blicken und Worten merken konnte, nicht unerwidert, ohne daß es unter den obwaltenden Verhältnissen zu einer Aussprache gekommen wäre oder auch nur hätte kommen können. Im Oktober setzte der Winter ein. Die Erde bedeckte sich mit einer immer höher werdenden Schneehülle, welche, einen Meter hoch, nur da eine Bewegung im Freien gestattete, wo eine Schlittenbahn sich gebildet hatte. Jetzt wurde der Kreis unseres Daseins bedeutend verengt. Das Reiten, Baden und Turnen im Freien hörte auf. Nur Zimmergymnastik mit Hanteln wurde täglich betrieben. Unser beständiger Zuschauer war ein kleiner Papagei, welcher die Bewegungen nachmachte und sich dermaßen in mich verliebte, daß er schon frühmorgens vor dem Schlafzimmer darauf wartete, daß der Diener die Tür öffnete, und dann saß er den ganzen Tag auf meiner Schulter. Zwei Unterhaltungen anspruchslosester Art füllten die langen Winterabende aus, das Lottospiel, bei dem man einige Rubel gewinnen oder verlieren konnte, und das Tanzen, welches mit großem Ernst betrieben wurde. Ein Ball, zu dem die Gutsherren der Nachbarschaft erschienen, wurde im Schlosse gegeben und bildete schon wochenlang vorher fast das einzige Tagesgespräch. Im Tanzen war ich nur mäßig geübt, und die Großmutter schleuderte mir das harte Wort entgegen: »Vous n'avez pas de grâce«, welches mich verdroß und nicht unerwidert blieb. So verlor ich teilweise ihre mir anfänglich in reichem Maße zugewendete Gunst,[197] während sich der russische Unterlehrer, so wenig er auch als Charakter bedeutete, als trefflicher Tänzer und maître de plaisir den Damen empfahl und in jedem Sinne einzuschmeicheln wußte. Die Situation fing an, für mich unbehaglich zu werden. Olga, so nett sie äußerlich war, ließ doch immer deutlicher einen Mangel an innerem Gehalt erkennen; dies kühlte mich ab und meine veränderte Stimmung blieb wohl von der andern Seite nicht unbemerkt. Auch bei der Fürstin stieß ich an, sie liebte nur allzusehr ein Gespräch über religiöse Fragen, und ich war nur allzu bereit, darauf einzugehen. Dann mochte es geschehen, daß sie erregt aufsprang und das Gespräch mit den Worten abbrach: »Mit einem Worte, ich bin eine Christin und Sie sind ein Buddhist.« So zog sich eine Wolke über mir zusammen. Dazu kam, daß unter dem Einfluß der Großmutter der Plan heranreifte, die Kinder einem Kadettenhaus zu übergeben, so daß ich fürchten mußte, daß sie mir entzogen würden, gerade dann, wenn ich ihnen durch meine wissenschaftliche Bildung von Nutzen hätte werden können. Alles dies zusammen mochte wohl im andern Lager den Wunsch zeitigen, mich auf gute Art loszuwerden. Der Fürst war zu Anfang des Jahres 1880 schwer erkrankt, und kaum war er genesen und zum erstenmal wieder abends im Salon erschienen, als sich die folgende Szene abspielte, bei der er offenbar von den Weiberchen seiner Umgebung wie an unsichtbaren Fäden gelenkt wurde. Es war das Fest der Wasserweihe am 7. bis 9. Januar. Ein großes Kreuz aus Eis wurde aus dem Teiche ausgesägt und aufgestellt. Die Kinder wünschten es zu sehen, aber der Schlittenweg zum Teich war 40 Minuten lang, und hätte ich ihn, wie auf dem Hinwege, so auch zurück wieder eingeschlagen, so würde ich die Kinder länger als die dem Spaziergang bestimmte Stunde im Freien bei 10 Grad Kälte aufgehalten haben. Um dies zu vermeiden, beschloß ich, vom Teich nach dem Schloß auf dem Fußweg zurückzukehren, auf welchem der Schnee nicht so sehr wie auf dem Fahrwege niedergetreten war, so daß die Kinder vielleicht einen Zentimeter tief im Schnee gingen. Als am Abend die Familie im Salon versammelt war und der Fürst zum ersten Male wieder unter uns erschien, entbot er mich in sein Privatkabinett. »Sie sind«, sagte er zu mir, »mit den Kindern heute durch den Schnee[198] gegangen, und Sie wissen doch, wie sehr Serioschas Gesundheit in acht genommen werden muß.« Ich wollte mich rechtfertigen, aber der Fürst ging gar nicht darauf ein, sondern erklärte mir, daß wir uns trennen müßten. Er ließ denn auch sogleich den nichtigen Vorwand fallen und sagte: »Wir lieben Sie alle sehr und haben eine schöne Zeit mit Ihnen verlebt, aber wir haben eingesehen, daß es ein Fehler war, einen Gelehrten, wie Sie, zu engagieren, dessen Vorzüge bei unsern Kindern gar nicht zur Geltung kommen. Wir bedürfen für unsere Kinder neben der Erzieherin und dem russischen Lehrer nicht noch einen erstklassigen Erzieher, sondern nur jemanden, der mit ihnen reitet, turnt und spazieren geht, was auch der Gärtner leisten kann.« Bei diesen Worten fiel ich aus den Wolken. Also das hatte ich mit meiner Absicht, mich unentbehrlich zu machen, erreicht, daß man mir jetzt in sanfter Art den Stuhl vor die Tür setzte. Ich war klug genug, auf die Eröffnung des Fürsten nur zu erwidern: »Sie haben sich mir gegenüber ausgesprochen, erlauben Sie, daß ich Ihnen morgen abend die Antwort darauf gebe.« In einer fast schlaflosen Nacht überlegte ich, was zu tun sei. Dem Entschluß der Familie gegenüber fühlte ich mich machtlos, und das einzige, was mir übrigblieb, war, aus der gegenwärtigen Situation möglichst ohne Schaden hervorzugehen. Am folgenden Abend war ich es, der den Fürsten in sein Kabinett bat. »So sehr ich auch bedaure, aus Ihrem vortrefflichen Hause zu scheiden« ? hub ich an. Er unterbrach mich, weil er fürchtete, ich wolle einlenken, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen und wiederholte: »So sehr ich auch bedaure, aus Ihrem trefflichen Haus zu scheiden, so muß ich doch annehmen, daß Sie für Ihren Entschluß triftige Gründe haben, und nehme somit Ihre Kündigung an.« Hier fiel ihm offenbar ein Stein vom Herzen und er war durchaus geneigt, auf alles, was ich billigerweise fordern konnte, einzugehen. Ich fuhr fort: »Ihre Kündigung nehme ich an, aber einer Schuld bin ich mir nicht bewußt, und da wir drei Monate Kündigungsfrist haben, so sehe ich keinen Grund, Sie vorher zu verlassen; wir haben heute den 7. Januar, meine Stelle geht also mit dem 7. April zu Ende.« Nach diesen Worten[199] fürchtete er sichtlich, ich wolle noch drei Monate bleiben, was durchaus gegen meine Wünsche war. Ich fuhr fort: »Wenn Sie Gründe haben, mich früher gehen zu lassen, so füge ich mich dem, muß aber für diese drei Monate, die ich nötig habe, um mir eine neue Stelle zu suchen, mein Gehalt sowie eine Entschädigung für Kost und Logis beanspruchen. Letztere mag 75 Rubel monatlich betragen.« ? »Sagen wir lieber 100 Rubel«, versetzte er entgegenkommend. Ebenso wurde eine Summe für Rücksendung meiner Bibliothek festgesetzt, das Papier hervorgeholt, auf dem der Fürst meine monatlichen Einnahmen, die ich zu acht Prozent Zinsen bei ihm stehen ließ, zu notieren pflegte. Bereitwillig wurden alle meine Forderungen bewilligt und gebucht, und es kam eine so stattliche Summe heraus, daß ich nach achtmonatlichem Aufenthalte vierzehn Tage später das Haus mit einem Wechsel auf Berlin von 4000 Mark und 312 Rubel in barem Gelde verlassen konnte. Die letzten Wochen im Haus Zscherbatoff, wo ich alles so genau kannte und ich mich als abgesägten Ast fühlte, mußten ertragen werden. Wie die andern machte auch ich mir die nötige Körperbewegung, indem ich im Garten eine großen von Tag zu Tag anwachsenden Schneekegel aufschaufelte, welcher mein Andenken, bis er geschmolzen war, noch monatelang perpetuierte. Im übrigen machte ich Reisepläne. Zeit war da und das nötige Geld gleichfalls. Ich dachte an Ägypten, Palästina, Griechenland, aber stärker als alle diese Lockungen war das Verlangen, einmal ordentlich Sanskrit zu arbeiten, und so beschloß ich, alle diese Pläne zurückzustellen und direkt vier Nächte und drei Tage durch nach Berlin zu fahren. Am 13. Februar teilte mir der Fürst mit, daß der Wechsel und das Geld angekommen seien, und so stand meiner Abreise am 14. Februar nachmittags nichts entgegen. Ich nahm von allen Abschied, auch von Olga, welche krank oben in ihrem Zimmer lag, dankte herzlich für alles erwiesene Gute, schied mit Umarmung und Kuß von dem Fürsten und Kindern und bestieg den bereitstehenden Schlitten. Noch einmal blickte ich abfahrend auf das Haus und seine mir nachsehenden Bewohner zurück, sagte mir, daß ich diese Orte, diese Personen, mit denen ich so vertraut war, noch ein letztes Mal und nie wieder sehen sollte; dann machte der Schlitten[200] eine Wendung, und verschwunden war ein Stück meines Lebens, um nur noch in der Erinnerung fortzudauern. Im Terny war ich von einem Kreise wenig bedeutender, aber edler und liebevoller Elemente umgeben gewesen und eigentlich tat es mir leid, von dort zu scheiden. Indessen war es auch für mich so das beste. Ich war fünfunddreißig Jahre alt, und es war höchste Zeit, wissenschaftliche Arbeiten in größerem Umfange zu unternehmen. Mit Befriedigung blickte ich während der vierstündigen Fahrt durch endlose Schneefelder auf mein Gepäck, einen Koffer mit den nötigen Kleidern und zwei Kisten, deren eine vedische Sanskrittexte, deren andere das Petersburger Sanskritwörterbuch enthielt. Mit der Dämmerung war endlich Woroschbar, unsere Bahnstation, erreicht, und mit Entzücken sah ich nach achtmonatlicher Trennung zum erstenmal wieder Eisenbahn und Lokomotive und bestieg den Zug, der mich nach dem Westen bringen sollte. Am andern Morgen langte ich wohlbehalten in Kiew an. Unser Zug hatte den Anschluß versäumt, ich mußte bis zum Abend warten, aber das war mir gar nicht leid. Ich sah die Stadt, ließ mich im Schlitten überall herumfahren und freute mich der wiedergewonnenen Freiheit. Die nächste Nacht brachte mich von Kiew nach Kassiatin, dem Knotenpunkt für Odessa, Wien und Berlin. Und nun ging es durch unendliche Schneefelder von Kassiatin den ganzen Tag vorwärts bis nach Brest-Litowsk. Auf den russischen Bahnen fährt es sich sehr angenehm. Die Wagen sind breiter als die unsern, haben Doppelfenster und gute Heizvorrichtungen, und auf größeren Stationen findet man eine ganze Batterie von Teegläsern, deren Inhalt dem deutschen Biere weit vorzuziehen ist. Die dritte Naht war weniger erquicklich, denn es ging von Brest-Litowsk nach Polen hinein und auf Warschau zu. Das Kupee war ziemlich besetzt und die Reinlichkeit läßt in Polen zu wünschen übrig. Am Morgen sah ich vor mir den mächtigen Weichselstrom und gegenüber Warschau; es erinnerte mich lebhaft an den Blick, den man von Deutz aus über den Rhein auf Köln genießt. Ich übergab mein Gepäck einem Dienstmann und wanderte im Pelz über die Weichselbrücke und in Warschau umher, dessen Mittelpunkt der Saxonski Sad, der sächsische Garten, bildet; auch dieser war wie alles andere noch[201] mit Schnee bedeckt. Um 2 Uhr war ich am Berliner Bahnhof und nahm mein Billett nach Berlin. Unaufhaltsam raste der Zug nach Westen, passierte die Grenzstation Alexandrowo und war gegen Abend auf deutschem Boden in Thorn, wo nun alles wieder heimatlich mich anmutete. Deutsches Geld, deutsches Bier und das übliche Schnitzel mit Bratkartoffeln. Nochmals fauste der Zug die Nacht durch auf Berlin zu. Wenn ich aus dem Halbschlaf erwachend durch das Fenster blickte, sah ich im hellen Mondschein weit ausgedehnt felsige Flächen und Seen. Um 6 Uhr früh wurden die Wagentüren aufgerissen; wir waren in Berlin. Hatte ich schon in Kiew die größte Lust zu bleiben, mich häuslich einzurichten und ruhig zu arbeiten, so war dies alles doch in Berlin leichter zu haben. Hier, sagte ich mir, im Weichbilde dieser Stadt hoffe ich das Wesen zu finden, welches als Gattin an meiner Seite durchs Leben wandeln wird; aber ich sollte noch sechs Jahre auf sie warten, sechs einsame Jahre, denn nirgendwo kann man einsamer leben, als in einer Stadt von mehreren Millionen. 
 Zehn Jahre in Berlin. 1880?1889.  [202] Die nächste Aufgabe war, mich häuslich einzurichten. Ich durchwanderte die Stadt vom Ostbahnhof bis zum Potsdamer Viertel. Nach langer Wanderung kam ich schließlich Körnerstraße 14 an, wo eine Treppe hoch eine Frau Koppe wohnte, welche zwei behagliche Zimmer für dreißig Mark monatlich zu vermieten hatte. Ermüdet wie ich war, bat ich sie, mir eine Tasse Kaffee zu bereiten; der Kaffee war gut, das gab den Ausschlag; ich mietete die Zimmer, und bald war auch ein Schustermeister namens Goethe zur Hand, welcher meine Kisten öffnete, mir beim Einrichten half und die Reinigung von Kleidern und Stiefeln für ein mäßiges Monatsgeld übernahm. Ich war also eingerichtet. Sofort ging ich an die Arbeit. Ungestört durch irgendwelche andern Pflichten oder durch Bekanntschaften konnte ich mich vom Morgen bis zum Abend der Beschäftigung hingeben, alle wichtigeren Upanishads, vor allem also Brihadaranyaka und Chandogya, zu lesen und Auszüge daraus anzufertigen. Im übrigen verbrachte ich die nächsten Monate in einer Eingezogenheit, wie sie nur in einer Millionenstadt möglich ist. So vergingen Wochen, in welchen ich außer den Weisungen an meine Hauswirtin oder den Kellner des Restaurants vom Morgen bis zum Abend kein Wort sprach. Eine Unterbrechung dieser Periode des Schweigens machten nur die Besuche bei Weber, der das Sanskrit, und bei Zeller, der die Philosophie vertrat, sowie bei dem zeitweiligen Dekan, Professor Hübner. Hierbei befolgte ich die Politik, bei[203] Weber das Sanskrit, bei Zeller die Philosophie als meinen Lebenszweck hinzustellen, während ich selbst darüber nicht im klaren war, welche der beiden Karrieren ich am besten zu verfolgen hätte. An Weber hatte ich schon von Rußland aus geschrieben und ihm meine Absicht mitgeteilt, mich in Berlin für Sanskrit zu habilitieren. Den Ort Terny, von wo aus ich den Brief schrieb, hatte ich schlauerweise mit russischen Buchstaben geschrieben, in der richtigen Voraussetzung, daß Weber ihn nicht verstehen würde. Er empfing mich, wie es nicht anders zu erwarten war, mit der Eröffnung, daß eine Habilitation für das Sanskrit in Berlin gar keine Aussicht auf Beförderung biete. Er würde, sagte er, mir dies schon nach Rußland geschrieben haben, wenn er den Ort meines Aufenthaltes aus meinem Brief hätte ersehen können. Durch seine ablehnende Haltung ließ ich mich in meinen Plänen nicht im geringsten beeinflussen. Durch Weber erfuhr ich auch, daß Zeller, dem er von meinen Absichten Mitteilung gemacht hatte, geäußert habe: »Es ist ein Schopenhauerianer, es wäre mir nicht angenehm, wenn er sich hier habilitierte.« Auch durch diese Äußerung ließ ich mich nicht entmutigen, ging zu Zeller hin und machte ihm kurz davon Mitteilung, daß ich mich für die Philosophie zu habilitieren wünsche; dabei bat ich nicht um seinen Rat, der voraussichtlich ebenfalls ein ablehnender gewesen sein würde. Unter diesen Umständen beschloß ich, sehr vorsichtig zu verfahren, meine »Elemente der Metaphysik« nicht als Habilitationsschrift einzureichen und mit der Habilitation zu warten, bis ich in der Lage war, eine gediegene, jedem Parteistandpunkte willkommene Arbeit aufzuweisen. Inzwischen war es April geworden, und das neue Semester begann. Ich belegte und besuchte eine Zeitlang bei Zeller die Logik, bei Weber den Atharvaveda. Ersteres bot mir sehr wenig, da Zeller den größten Teil der Stunde diktierte und der Inhalt nichts wesentlich Neues mitteilte. Um so wertvoller war mir die Interpretation des Atharvaveda bei Weber. Hier handelte es sich oft um desperate Texte, und es war ebenso genußreich wie belehrend zu sehen, wie Weber es angriff, ihnen einen Sinn abzugewinnen. Inzwischen war es Ende Mai geworden, und ich mußte daran denken, ein dem alten Herrn v. Kantschin gegebenes Versprechen einzulösen und an Ort und Stelle die[204] Ursachen zu untersuchen, welche am 19. Juni des vorigen Jahres den Tod seines Sohnes herbeigeführt hatten. Diese traurige Begebenheit habe ich bisher noch nicht erwähnt, um sie hier im Zusammenhang darzustellen. Herr Zeidler, den ich schon früher erwähnte, wurde mit Georges zusammengespannt, und ich hatte während der ersten Monate des Jahres 1879 nur die Aufgabe, über ihre Arbeiten eine Art entfernter Aufsicht zu üben. Es kam dann meine Reise nach Paris, mein Engagement durch den Fürsten Zscherbatoff und am 10. Mai 1879 meine definitive Abreise von Aachen. Kaum einen Monat war ich in meiner neuen Stellung, als ich durch eine furchtbare Nachricht erschreckt wurde. Am 19. Juni erhielt ich nämlich von der Aufwartefrau, der ich anbefohlen hatte, besondere Ereignisse je nach Umständen telegraphisch zu melden, ein Telegramm, welches zwölf Worte Adresse und außer ihr nur die lakonische Mitteilung enthielt: »Herr v. Kantschin erschossen, lebt noch.« Aufs höchste bestürzt, schrieb ich nach verschiedenen Seiten um Auskunft und erhielt wenige Tage darauf vom Vater meines Zöglings die Bestätigung der furchtbaren Nachricht. Daß Georges nie genug Schußwaffen besitzen konnte, daß er auch öfter drohte, sich das Leben zu nehmen, ohne daß irgend jemand dies für ernst nahm, ist wohl schon berichtet worden. Man mußte ihm fest gegenübertreten, dann aber auch wieder durch Güte sein Herz gewinnen, und daran hat es Zeidler, bei aller Achtung vor seinem Charakter, zu sehr fehlen lassen. Ich bin Georges nachgegangen, habe ihn angetrunken aus dem Wirtshaus, habe ihn von den Pariser Rollschuhdämchen geholt und bin ihm, wenn er die Laune hatte nicht arbeiten zu wollen, in und außer dem Hause nicht von der Seite gegangen. Anders Herr Zeidler. Der Weisung des Vaters entsprechend gab er Georges Geld, viel Geld, wenn er arbeitete, und wenn er nicht arbeitete, nichts, ließ ihn aber im übrigen seine Wege laufen, ohne ihm nachzugehen. Dann wurden goldene Uhr und Kette versetzt und später vom Vater wieder eingelöst, dann trieb sich Georges in Wirtshäusern und bedenklicheren Orten herum, ohne daß jemand es ihm wehrte; so sank er immer tiefer und gleichzeitig nahm nach Erschöpfung aller Genüsse die Lebenslust in ihm ab, während[205] sich ein grimmiger Haß gegen Herrn Zeidler in ihm ansammelte. Seinem Verlangen, Herrn Zeidler zu entlassen, wurde nicht Folge gegeben, und so geschah es, daß er in der Nacht vom 18. zum 19. Juni, nachdem er sich auf der Straße, in Wirtshäusern und andern Lokalitäten herumgetrieben hatte, um 2 Uhr nachts nach Hause kam und mit einer Doppelpistole zwei Schüsse in seine Schläfe abgab, worauf er bewußtlos von Blut überströmt am andern Morgen gefunden wurde. Auf dem Tische lag ein Zettel, der folgenden Wortlaut hatte: »Je meurs, parce que je ne peux plus vivre dans les circonstances, dans lesquelles je vis, et que mon père refuse de me séparer de cet homme (Zeidler).« Drei Ärzte waren am Morgen zur Stelle und beschlossen, von dem immer noch schwer Röchelnden die Schädeldecke abzunehmen, da die Schüsse nur Streifschüsse gewesen waren. Nach mehrstündiger Arbeit zeigte sich, daß ein kleines Stückchen Blei, so groß wie ein Hirsekorn, den Weg ins Gehirn gefunden hatte; Georges starb gegen Mittag unter den Händen der Ärzte. Zehn Minuten darauf kam aus Spaa, wo er mit seiner Familie weilte, der alte Herr v. Kantschin an, um seinen Sohn zu besuchen. Als man ihm schon vor dem Hause die furchtbare Nachricht mitteilte, wankte der starke Mann und drohte zusammenzubrechen. Bald waren auch Mutter und Schwestern zur Stelle, und wenige Tage darauf wurde der Leichnam nach Paris übergeführt und beigesetzt. Mit ihm begrub der Vater seine höchste Hoffnung im Leben. Jetzt ruht er mit seinem so heißgeliebten Sohne in demselben Grabe. Inzwischen war gleich nach dem Tode die Vermutung aufgetaucht, daß Georges das Opfer eines amerikanischen Duells geworden sei. Der alte v. Kantschin beauftragte einen Pariser Detektiv, die Sache zu verfolgen, welcher mehr und mehr Geld zu ziehen wußte, im ganzen 10000 Franken, und dann auch glücklich herausbekommen haben will, daß ein junger Mann, namens v. Pohlen, unmittelbar vor seiner Abreise nach Amerika ihm gestanden, daß in jener Nacht Georges das Los gezogen habe, welcher von beiden noch in derselben Nacht aus dem Leben scheiden müsse. Diese Angelegenheit führte mich im Juni 1880 nach Aachen, wo ich die ganzen Vorgänge an der Hand von[206] Zeugenaussagen unterste und darüber in eignem französisch geschriebenen Buche, welches ich dem Herrn v. Kantschin schenkte, ganz ausführlich Bericht erstattete. Nach Berlin zurückgekehrt, verbrachte ich den Monat Juli 1880 in fleißiger Arbeit. Die Herbstferien verbrachte ich im Elternhause. Wieder hörte ich Webers Vorlesungen über den Rigveda, war aber im übrigen vom Morgen bis zum Abend mit Çankara beschäftigt, aus dessen Hauptwerke ich mein System des Vedanta schöpfte. Bis 1/212 Uhr abends saß ich bei der Arbeit, ging dann aus, um vor Mitternacht, wo die Bierhäuser schlossen, zwecks ruhigen Schlafens ein Glas Bier zu trinken, und kehrte dann nach Hause zurück, zum bestirnten Himmel emporblickend und die Erhabenheit des Brahman im Geiste überdenkend und im Herzen empfindend. So verging der Winter, abgesehen von der Berührung mit Kommilitonen wie Seeler, Leumann, Thyssen und andern und gelegentlichen Einladungen bei Weber, in völliger Abgeschiedenheit von der Welt und fleißiger Arbeit, wobei nur eine Beunruhigung wie eine dunkle Wolke am heiteren Himmel meines Bewußtseins schwebte. Meine russischen Freunde, wie vor allen Dingen der alte Herr v. Kantschin, hatten mich nicht vergessen und suchten meiner immerhin prekären Lage abzuhelfen. So verfolgten sie das Projekt, mir eine Stelle als Professor einer russischen Universität zu verschaffen. Russisch hatte ich so gut gelernt, daß ich in dieser Sprache korrekte Briefe zu schreiben, auch in der Konversation mir ganz gut zu helfen verstand. Ich sollte nun noch ein Jahr lang schon als russischer Stipendiat einen Fortbildungskursus in Leipzig durchmachen und dann sofort mit einer ordentlichen Professur an einer russischen Universität betraut werden. Daß aus diesem Plane nichts geworden ist, bedaure ich weniger als die im Jahre 1874 erhoffte Professur in Genf, denn so stark ich auch kosmopolitisch gesinnt bin, würde es mir doch weniger als meine gegenwärtige Stellung zugesagt haben, lebenslänglich als Professor etwa in Kasan oder wohl gar in Sibirien festzusitzen. Die Sache war sehr gut eingefädelt, dem russischen Kultusministerium war ich durch die Fürsprache meiner Freunde und meine als otlitschi (ausgezeichnet) anerkannten Zeugnisse empfohlen. (Noch heute stehen die im russischen[207] Ministerium mit Bleistift am Rande übersetzten Prädikate in meinen Zeugnissen.) Da war es der verhängnisvolle 13. März des Jahres 1881, welcher alle auf Rußland zielenden und so wohlvorbereiteten Zukunftspläne wie ein Kartenhaus umwarf. Es war ein Sonntagnachmittag, und ich war in die Moabiter Brauerei gegangen, um ein Glas Bier zu trinken und die Zeitung zu lesen, als die erschütternde Kunde telegraphisch eintraf, daß der Kaiser Alexander II. einem Attentate zum Opfer gefallen war. Bald erfuhr man auch alle Einzelheiten der traurigen Begebenheit. Der Kaiser war am Sonntagnachmittag ausgefahren, als eine Bombe geworfen wurde und seinen Wagen beschädigte. Der Täter wurde verhaftet und dem Kaiser vorgeführt, der einige ernste Worte an ihn richtete und dann mit seiner Umgebung zu Fuß durch den Schnee weiterging. Plötzlich ein furchtbarer Knall und alle lagen am Boden. Eine andere Bombe war geworfen worden und hatte dem Kaiser beide Beine zerschmettert. Man hob ihn auf und fragte: »Wie fühlen sich Eure Majestät?« Er erwiderte: »Cholodno, cholodno (kalt).« Man trug ihn in ein Haus und verband ihn, aber kurz darauf starb er. Sieben Attentäter, die sich zu diesem Verbrechen verschworen hatten, darunter auch ein Weib, wurden gefangengenommen, zum Tode verurteilt und gleichzeitig, nachdem sie auf dem Richtplatze durch Umarmung und Kuß voneinander Abschied genommen, gehängt. Sie glaubten als Märtyrer für eine Sache zu sterben, welche sie für die gute hielten, wenn sie es auch nicht war. Der Tod des Kaisers hatte den Sturz des Ministeriums zur Folge, die für meine Sache gewonnenen Geheimräte traten zurück, und alle die kunstvoll gesponnenen Fäden waren mit einem Schlage wie Spinnwebe zerrissen. Ich wußte nicht, ob ich diesen Ausgang bedauern oder mit Freude begrüßen sollte. Jedenfalls war dadurch die Situation geklärt und der weitere Weg gewiesen. Ich arbeitete unbeirrt an meinem »System des Vedanta« weiter und hatte es bis auf den letzten Teil, die Lehre von der Seelenwanderung und Erlösung, vollendet, als am 21. Mai 1881 meine Zeugnisse aus Rußland mit dem Ausdrucke des größten Bedauerns zurückkamen, und sofort war mein[208] Entschluß gefaßt. Am selben Morgen packte ich Zeugnisse, Doktordissertation, »Elemente der Metaphysik« und das handschriftliche »System des Vedanta« zusammen und trug sie mit dem nötigen Antrage zum Dekan der philosophischen Fakultät, Professor Zupitza, um in aller Form meine Habilitation an der Berliner Universität für Philosophie im ganzen Umfang und Interpretation indischer und griechischer philosophischer Texte zu beantragen. Ich hielt den Schritt, daß ich meine Habilitation beantragt hatte, vor jedermann geheim, da mir bekannt war, wie sehr die Berliner Fakultäten geneigt sind, Habilitationen bei dem großen Andrang abzulehnen, und wie wenig ich von irgendwelcher Seite auf Protektion rechnen durfte. Aber selbst wenn die Habilitation glückte, durfte ich hoffen, jemals über den Privatdozenten hinauszukommen? Im Mai 1881, nach Beantragung meiner Habilitation, ging ich nach Oberdreis, diesmal ohne Sanskrit, aber um so eifriger mit der Philosophie und namentlich ihrer Geschichte beschäftigt. Der mit Spannung erwartete Brief traf gegen Ende Juni ein; er enthielt die Mitteilung, daß die eingereichten Schriften Gnade gefunden hatten und zugleich die Einladung, mich am 28. Juli zur Probevorlesung nebst nachfolgendem Kolloquium zu stellen. Von den drei Themen, die ich vorschriftsmäßig für die erstere bei meiner Eingabe vorgeschlagen hatte, war, wie ich schon vorausgesehen hatte, dasjenige gewählt worden, welches die Stellung des Cartesius in der Geschichte der Philosophie zum Gegenstand hatte. Ich arbeitete diese Vorlesung mit allem Fleiß aus und steckte sie, als ich am Nachmittag des 28. Juli im Fakultätszimmer der philosophischen Fakultät zu Berlin mich einfand, in die Hintertasche meines Frackes, entschlossen, nur dann zum Manuskript zu greifen, wenn mir der Faden der Rede reißen sollte, ein Fall, der nach meinen Aachener Antezedenzien nicht zu erwarten war und denn auch nicht eintrat. Es war für mich eine feierliche Stunde, als der Dekan mich in das Fakultätszimmer einführte, mir einen Platz anwies, wo ich auf der einen Seite den berühmten Weber, auf der andern den nicht weniger berühmten Zeller hatte, und um mich blickend solche Koryphäen wie Mommsen anwesend sah, da eine sinnige Einrichtung in Berlin nur diejenigen, welche[209] bei einer Habilitation zugegen sind, an deren Emolumenten teilnehmen ließ. Gewöhnlich pflegten sich dann die Herren während der Kandidat sich seiner Aufgabe entledigt, miteinander ein wenig zu unterhalten, und es war kein geringes Kompliment für mich, als der Dekan mir später mitteilte, daß bei meinem Vortrag, von Vorlesung war ja keine Rede, alle aufmerksam zugehört hätten. Erfrischt durch den Gedanken, endlich einmal wieder wie in den Aachener Zeiten vor einer Versammlung, und noch dazu einer solchen von lauter Gelehrten ersten Ranges sprechen zu dürfen, entwickelte ich drei viertel Stunden lang in lebendiger und klarer Rede das gestellte Thema, ein kurzes Kolloquium folgte, bei welchem Zeller einiges über Geulincx und Malebranche zu hören wünschte, worauf Weber die Rede auf sein Lieblingsthema brachte, daß die Upanishads, weil sie Prädestination lehren, unter christlichem Einfluß stehen müßten, sehr bald aber, als ich auseinandersetzte, wie Prädestination überall, wo Theismus und Determinismus herrschen, deren notwendige Folge ist, sich für befriedigt erklärte und von weiteren Fragen abstand. Da auch sonst niemand mehr das Wort ergriff, wurde ich ins Wartezimmer verwiesen und verbrachte ein Viertelstündchen in banger Ungewißheit. Der Dekan trat zu mir ein und fing eine Unterhaltung an, aus der ich nicht entnehmen konnte, ob meine Habilitation geglückt sei, und erst als ich danach fragte, sagte der gute Zupitza, daß er dieses selbstverständlich nicht erwähnt habe. Auf die Probevorlesung und das Kolloquium folgte noch die Antrittsvorlesung vor den Studenten, durch die man erst berechtigt war, den Titel eines Privatdozenten zu führen. Gern hätte ich sie bis zum Wiederanfang des Semesters hinausgeschoben, aber im September war in Berlin der Orientalistenkongreß, und um bei ihm schon als Privatdozent der Berliner Universität auftreten zu können, mußte ich meine Antrittsvorlesung über den Begriff der Metaphysik, abermals nach sehr unruhigen Nächten und Tagen, da alles schon in den Ferien war, vor einer nur spärlichen Zuhörerschaft halten. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mein »System des Vedanta« zu Ende zu führen. Das Manuskript hatte ich mir, um sogleich daran weiterzuarbeiten, am Abend der[210] Probevorlesung vom Dekan zurückerbeten, ein Eifer, welchen dieser so merkwürdig fand, daß er andern davon erzählte, wodurch die Kunde wieder zu meinen Ohren kam. In freudiger Stimmung über den erreichten Erfolg nahm ich im September 1881 am Berliner Orienalistenkongreß als Mitglied des Büros teil, hielt auch über den Vedanta eine mit Begeisterung vorgetragene und ebenso aufgenommene Rede, welche sehr dazu beitrug, in den Kreisen der Sanskritisten mich und mein erst im Manuskript fertiges Buch einzuführen. Die nächste Sorge war, für dasselbe einen Verleger zu finden. Ich knüpfte mit Brockhaus an und war froh, daß er den Verlag übernahm, wenn auch unter wenig günstigen Bedingungen. Mit Verlangen sah ich dem Anfang des Wintersemesters 1881/82 entgegen, wo es mir nach mehr als zweijähriger Unterbrechung vergönnt sein sollte, den Beruf, zu welchem ich mich vor allen andern geeignet fühlte, wiederaufzunehmen und in öffentlichen Vorlesungen mitzuteilen, was mir Kopf und Herz so tief bewegte. Da ich noch nicht im Lektionskatalog stand, konnte ich meine Vorlesung über Metaphysik, wie ich sie nannte, nur am schwarzen Brett ankündigen und erlebte die bittere Enttäuschung, nachdem ich in Aachen im Februar 1879 mit etwa dreihundert Zuhörern geschlossen hatte, hier im Oktober 1881 nur drei zu finden, zu denen sich gegen Weihnachten noch zwei weitere gesellten. Vor diesen fünf, unter denen zwei, Männling in Berlin und Laroche in Golzow, als Prediger wirken und mir noch heute befreundet sind, habe ich mit aller Treue die Vorlesungen durchgehalten und wurde dadurch belohnt, daß im zweiten Semester, wo der zweite Ordinarius fehlte, nicht weniger als achtundvierzig mein vierstündiges Privatkolleg belegten und, wie ich es nicht anders gewohnt bin, auch treu besuchten. Eine bei meinem Arbeitsfleiß harte Aufgabe war es, die pflichtmäßigen Antrittsbesuche zu machen. Man macht Besuch bei allen Ordinarien der Fakultät, bei denjenigen Extraordinarien, welche dem Fache nach nahestehen und bei solchen Privatdozenten, mit denen man zu verkehren wünscht. Unter letzteren sind mir namentlich drei liebe Freunde geworden, der Historiker Koser, der Psychologe Ebbinghaus, mit dem ich mich bei wärmster[211] Freundschaft manch liebes Mal heftig gestritten habe, und der Historiker Delbrück, der trotz seines grimmigen Hasses auf Schopenhauer mir noch heute wie damals sehr nahesteht, auch an meiner Verheiratung, von der später zu berichten sein wird, herzlichen Anteil genommen hat. Durch Ebbinghaus wurde ich auch veranlaßt, mein geringeres Speisehaus zu wechseln und die folgenden fünf Jahre ein treuer Besucher des vorzüglichen und dabei billigen Mittagstisches im Leipziger Garten zu werden. Schwer wurde es mir, die lange Reihe der Ordinarien abzusuchen, während ich für Extraordinarien sehr mit Auswahl verfuhr. Und so stand ich eines Abends um 6 Uhr nach dem mühsamen Herumlaufen des Vormittags und Nachmittags vor dem Hause Hallesche Straße 12 und schwankte, ob ich eintreten oder vorbeigehen sollte. Da oben wohnte ein altes kinderloses Ehepaar, der gute Professor Schott, Extraordinarius des Chinesischen, mit seiner Frau. Nach kurzem Schwanken und Überlegen sagte ich mir, daß China von Indien nur durch den Himalaya getrennt ist, und stieg hinauf. Dieser Entschluß sollte für meine künftige Lebensgestaltung von entscheidender Bedeutung werden, da ich durch Schott mit Dr. Eduard Engel und dessen Gemahlin, durch diese am 11. September 1884 mit Louise und Marie Volkmar bekannt wurde. Natürlich wurde ich auch von vielen andern Professoren zum Diner eingeladen, saß dann zwischen zwei Damen, die ich meistens nie im Leben wiederzusehen bekam, machte meine Verdauungsvisite, und dann pflegte die Sache bis zum nächsten Jahre zu ruhen. Anders war es bei der Familie Schott. Die beiden alten Leute schienen an mir besonderes Wohlgefallen zu finden. Sie luden mich ein und wieder ein, zu Weihnachten, zu Neujahr, und so fort, bald in einem kleinen Kreise, bald unter sich allein; es war das einzige Haus in Berlin, mit dem ich wirklich befreundet war. Im übrigen verlief mein Leben sehr regelmäßig. Des Morgens wanderte ich von Moabit durch den Tiergarten zur Universität, hielt meine Vorlesung, ging dann zu Fuß zurück und an die Arbeit. Um 1 Uhr ging ich wieder durch den Leipziger Garten (Leipziger Straße 120, wenn ich nicht irre), verzehrte dort ein Mittagessen, bestehend aus Suppe, drei Fleischgängen und süßer Speise für 1,25 Mark, meist allein, oft auch zusammen mit[212] Ebbinghaus, zuweilen mit Paulsen, Sonntags oft mit Schott und Gemahlin, fuhr dann nach Hause zurück, trat ein Weilchen bei Frau Henschel ein, bei der ich jetzt wohnte, um mit ihr und ihren drei Töchtern, drei fleißigen Mädchen, welche durch Nähen von Kinderkleidern für ein Geschäft in der Leipziger Straße den Unterhalt für die Familie bestritten, zu plaudern, hielt dann Mittagsruhe und arbeitete bis gegen 9 Uhr, wo Frau Henschel mit dem Tee erschien, zu welchem sie für 30 Pfennig kalten Aufschnitt besorgte, während ich Brot und Butter selbst hielt, so daß mein Abendbrot mir sehr billig zu stehen kam. Dann plauderte ich ein halbes Stündchen mit Frau Henschel, besprach mit ihr das Neueste aus der Zeitung, vertraute ihr alle Herzensgeheimnisse und ging, nachdem ich noch ein Stündchen gearbeitet hatte, oft kurz vor Mitternacht nochmals aus, um in der Nachbarschaft ein Glas Bier zu trinken. Eine angenehme Erholung nach angestrengter Kopfarbeit bildete das täglich zwei bis drei Stunden, meist morgens, wenn ich aus der Vorlesung kam, betriebene Klavierspiel. Als Kind hatte ich, wie jedes Kind, Klavierunterricht erhalten und, wie die meisten, die Sache bald darauf fallen gelassen. In Elberfeld war keine Möglichkeit, in Pforta nahm ich vorübergehend als Sekundaner eine Zeitlang Stunden, bis dieselben aus Mangel an Zeit abgestellt wurden. Auf der Universität waren meine Zimmer stets ohne Klavier. Während der Oberdreiser Zeit spielte ich nur wenig, schon weil mein Vater es nicht gerne hörte; erst in Minden und Marburg, als Gymnasiallehrer, hatte ich in meiner Wohnung ein gemietetes Klavier und nahm regelrechte Stunden, in Minden bei Musikdirektor Drobisch, dem Neffen des Herbartianers, für 1,50 Mark, in Marburg bei dem alten Musikdirektor Deichert, einem Schüler von Spohr, für 75 Pfennig, weil, wie er sagte, die Studenten nicht höher bezahlen wollten und er mir auch nicht mehr abnehmen dürfe. Hier brachte ich es unter Deichert, der schwerhörig, aber ein echter Musiker war, bis zur Pathétique von Beethoven. In Genf fühlte ich mich im Klavierspielen durch die Familie geniert, doch erinnere ich mich, mit dem alten Kantschin das erste Präludium von Bach zu Flöte und Klavier und vielleicht noch[213] anderes geübt zu haben. In Aachen hatten wir ein Klavier, doch kam ich über so vielen andern Interessen wenig dazu. In Rußland genierte mich wieder die Nähe der Familie, aber in Berlin, bald nach der Habilitation, mietete ich von einem Kleinhändler, namens Hintze, ein bescheidenes Klavier, welches ich bald darauf für 200 Mark käuflich erwarb. Als mir dasselbe nicht mehr genügte, beschloß ich, es bei Hintze gegen ein besseres Instrument umzutauschen. Das erste Piano, welches er probeweise in mein Zimmer stellte, hatte den schmetternden Ton einer Trompete, welcher mir nicht zusagte. Ein zweites, welches er geduldig herbeischaffte, hätte genügt, wäre nicht der Diskant zu schwach gewesen. Wieder kam ich zu Herrn Hintze, probierte dies und das, aber es wollte sich nichts Passendes finden. Indem ich mit ihm herumzog, denn die Klaviere standen in verschiedenen Wohnungen, sagte er zu mir: Jetzt will ich Ihnen einmal etwas Schönes zeigen, und führte mich zu Herrn Navuhn, der die Firma von Kaps in Dresden vertrat. Hier standen zahlreiche Flügel; ich versuchte sie und fand unter ihnen ein ganz herrliches Instrument. Aber der Preis war 1500 Mark, und ein Versuch, etwas abzuhandeln, stieß auf festen Widerstand. Jetzt sagte ich resolut zu Hintze: »Entweder Sie schaffen mir dies Instrument für 1200 Mark bar oder Sie nehmen Ihren ganzen Kram zurück, und ich will mit Ihnen weiter nichts zu tun haben. Schaffen Sie es dafür, so erhalten Sie 50 Mark Provision.« Herr Hintze setzte sich mit Kaps als »Kollegen« in Verbindung, welcher unter einem Zuschlag von weiteren 50 Mark für den Transport einwilligte, so daß ich für 1300 Mark einen ausgezeichneten, ganz neuen Flügel erwarb und noch heute besitze. Später habe ich einmal die Fabrik von Kaps in Dresden besucht und mit Interesse gesehen, wie hier die Flügel entstehen, die gröbste Arbeit im Keller, worauf sie dann, von Stockwerk zu Stockwerk steigend, Resonanzboden, Klaviatur, Besaitung und Stimmung erhalten, bis sie auf der obersten Etage zum Versande fertig dastehen. Auf diesem schönen Instrumente übte ich täglich mehrere Stunden und habe nach und nach alle Sonaten Beethovens bis zu Opus 54 durchgespielt, zuweilen bei einem kleinen Meister Stunden nehmend, meist aber ganz auf mich allein angewiesen.[214] Ich spielte jeden Satz immer von Anfang bis zu Ende, zuerst ganz langsam, so daß ich gar kein Bild davon erhielt, dann immer wieder und wieder mit zunehmendem Tempo, wobei die Herrlichkeit der Beethovenschen Sonaten, wie eine Landschaft aus dem Nebel, immer deutlicher hervortrat. War und blieb auch mein Spiel höchst unvollkommen, so genügte es mir doch, um in den Geist der Komposition einzudringen, und ich gestehe, daß ich ein gutes Teil des Glückes jener einsamen Tage meinem dilettantischen Klavierspiel verdanke. Erst mit meiner Verheiratung trat es mehr und mehr zurück; gute Lehrer, wie ich sie später annahm, erklärten das alles für zu schwer und drückten mich auf leichtere Sachen herunter, wodurch aber auch Lust und Eifer stark gedämpft wurden. Einige größere Sonaten wußte ich auswendig und spielte sie täglich, bis das Augenleiden eintrat und ich nach längerem Aufenthalte in der Klinik wahrnehmen mußte, daß das Gelernte zum Teil vergessen war und die Sehkraft fehlte, um es wieder herzustellen. In den letzten Jahren haben die großen Arbeiten für meine »Geschichte der Philosophie«, die Schopenhauer-Ausgabe und die Schopenhauer-Gesellschaft meine Zeit vom Morgen bis zum späten Abend so sehr in Anspruch genommen, daß zu meinem großen Bedauern das einst so sehr geliebte Klavierspiel ganz aufgehört hat, auch fraglich bleibt, ob und in welcher Weise es wieder in Gang gebracht werden kann. Zurückkehrend zu den Jahren 1881?1883, habe ich zu berichten, daß in dieser Zeit alle Kräfte, die mir das Lehramt übrigließ, auf die Fertigstellung und Drucklegung des »Systems des Vedanta« gerichtet waren. Ich ging nochmals die Sutras mit dem Kommentar des Çankara im Original durch, trug nach, besserte, schrieb das Ganze nochmals für den Druck ab, besorgte aufs genaueste die Korrektur der Druckbogen und hatte die Freude, zu Ostern 1883 das fertige Werk in Händen zu halten. Es fand allgemein, namentlich auch bei Althoff, Zeller und Weber, denen ich Exemplare überreichte, großen Anklang. Weber hielt in einer Abendgesellschaft junger Sanskritisten, wie er sie um sich zu versammeln liebte, eine warme Lobrede auf das Werk, welche ich gebührend erwiderte, und sagte kurz darauf zu mir: »Wir haben hier Stipendien für Privatdozenten, jährlich[215] 1500 Mark, vier Jahre hindurch, und wenn Sie darum einkommen, werden wir die Sache befürworten.« Ich erwiderte: »So erwünscht mir eine solche Beihilfe sein würde, so kann ich doch nicht darum einkommen; denn ich müßte sagen, daß ich bedürftig wäre, und das kann ich nicht, denn ich habe außer meinen Vorlesungshonoraren eine feste Einnahme von monatlich 100 Mark als Zinsen der in meiner Russenzeit ersparten 25000 Mark. Wenn daher nicht ein guter Freund für mich eintritt, so kann daraus nichts werden.« Damit ließen wir die Sache fallen und ich habe weiter kaum noch daran gedacht. Es war zu Anfang August 1883, als der Pedell der Universität, während ich fest bei meiner Arbeit saß, mit wuchtigen Schritten in mein Zimmer trat und erklärte. »Ich bringe Geld.« Ich schrak fast zusammen; woher sollte mir Geld kommen? Aber es war wirklich so: man hatte mir, ohne daß ich darum gebeten hatte, als Anerkennung für meinen Vedanta das Stipendium von jährlich 1500 Mark auf vier Jahre verliehen. Meine Freude kannte keine Grenzen, nicht nur wegen des Geldes, welches mir sehr willkommen war, sondern noch mehr, weil ich daraus ersah, daß man es auch für die Zukunft mit mir gut meinte. Wen konnte ich zum Teilnehmer meiner Freude machen? Ich eilte zu Schott. Er war, da die Ferien eingetreten waren, mit seiner Frau ins Seebad nach Misdroy gereist, und ich beschloß kurzerhand, ihm dorthin zu folgen. Ich kam an und fand in Misdroy eine interessante Gesellschaft: da waren Schott und Frau, Professor Sovel aus Paris und Frau, einer Schwester von Frau Schott, und viele andere. Freilich herrscht in Misdroy vom 1. bis 15. August eine furchtbare Mückenplage; alle Welt läuft mit Schleiern rings um den Hals herum und Fächern umher und nachts kann man nicht behutsam genug sein Zimmer verwahren, da ein einziges Mücklein einem die ganze Nachtruhe verderben kann. Mit Hilfe von Frau Schott versah ich mich mit Schleier und Fächer und mietete nahe am Strand eine kleine Hütte. Am Abend folgte ich einer Einladung der Familie Schott und Sovel zum Abendbrot. Der Tisch war im Freien gedeckt; kaum saßen wir, als Scharen von Mücken auf uns hereinstürmten. Es war nur möglich zu essen, wenn man bei jedem Bissen den Schleier hob und schnell wieder senkte. Aber[216] auch unter diesen Umständen war ich froh, drei Wochen mit lieben Freunden zusammen zu sein, von meiner Arbeit auszuruhen und die Seebäder zu genießen. Erfrischt kehrte ich nach Berlin zurück, blieb aber dort nur eine Nacht und fuhr dann nach Wiesbaden, um meinem alten Vater, der dort wie alljährlich seine Badekur gebrauchte, Gesellschaft zu leisten. Er wohnte im Weißen Kreuz und speiste im Hahn, beides in nächster Nähe des Kochbrunnens und der Bäder, und in diesem engen Kreise bewegte sich das Leben des alten, nur mit Mühe sich fortschleppenden Mannes. Im Theater wurde eines Abends der Faust gegeben, für welchen mein Vater von jeher trotz aller pastoralen Würde eine verschämte Zuneigung hatte. Ich beredete ihn, mit mir die Vorstellung zu besuchen, wahrscheinlich eine der wenigen und jedenfalls die letzte, welcher er in seinem Leben beigewohnt hat. Amazon.de Widgets Um während meines dreiwöchentlichen Aufenthaltes in Wiesbaden etwas Abwechslung zu haben, knüpfte ich mit Ludwig Noiré an, welcher als Gymnasialprofessor in dem benachbarten Mainz lebte. Wir besuchten uns gegenseitig und waren bald gute Freunde. Noiré ging gern auf meine philosophischen Gedanken ein, teilte in weitgehender Weise meine Anschauungen und verlangte wieder von mir, daß ich anerkennen solle, er habe das Problem der Sprachentstehung durch seine Theorie von der gemeinsamen Arbeit gelöst, während ich in dieser Theorie zwar einen Beitrag zur Lösung, nicht aber diese selbst anerkennen konnte. Am Tage der Enthüllung des Niederwalddenkmals trafen wir in Mainz zusammen, sahen den Rhein bedeckt mit Schiffen aller Art in festlichem Schmuck und begaben uns dann, teils aus Scheu vor dem Gedränge, teils um eine bessere Übersicht zu haben, auf den Rochusberg, von wo wir auf der andern Seite des Rheines das Niederwalddenkmal, umgeben von unzähligen Festteilnehmern, bequem im ganzen übersehen und an der Hand des Programms die einzelnen Festakte verfolgen konnten. Jetzt ertönte Gesang über den Rhein herüber, gedämpft wie ferner Orgelton, jetzt wurde es ganz stille, offenbar redete der Kaiser. Seine Rede wurde abgebrochen, weil zufällig eine Kanone losging, dies für das allgemeine Signal gehalten wurde und nun von allen Rheinschiffen eine fürchterliche Kanonade ausbrach, welche so ziemlich[217] den ganzen Tag dauerte und durch den zwischen den Bergen eingepreßten Schall eine starke Zumutung für Gehör und Nerven war. Noch einmal habe ich wohl erst in den nächsten Jahren Noiré in Berlin getroffen, wo er sich in ein Sanatorium begeben hatte. In rascher Folge hatte er eine größere Anzahl von Werken veröffentlicht und dabei seine Gesundheit untergraben. Er machte in Berlin einen völlig gebrochenen Eindruck und ist kurze Zeit darauf gestorben. Mit frischer Kraft kehrte ich im Herbst 1883 zu meinen Vorlesungen nach Berlin zurück. Die Anerkennung, welche mir durch Verleihung eines nicht erbetenen Stipendiums zuteil geworden war, ließ mich hoffen, daß man mich, sowenig ich auch bei meinem singulären Wege auf Protektion hoffen konnte, doch nicht von der Möglichkeit voranzukommen ausschließen wollte. Eine Bestätigung dieser Hoffnung zeigte sich darin, daß Zeller und Althoff mir eines Tages folgendes eröffneten. »Es wird«, so sagte Zeller im Sprechzimmer zu mir, »ein Extraordinariat für Philosophie in Berlin neu geschaffen. Wir haben lange geschwankt, ob wir es Ihnen oder dem ein Jahr früher habilitierten Ebbinghaus zuwenden sollten. Wir haben uns für Ebbinghaus entschieden, weil ihn eine Zurücksetzung kränken würde, bitten Sie aber, darin keine Präjustiz gegen sich zu sehen, vielmehr hoffen wir in absehbarer Zeit auch Sie zu einer Professur befördern zu können.« Diese absehbare Zeit ließ allerdings noch lange, noch vier Jahre, bis zum August des Jahres 1887, auf sich warten. Inzwischen ereignete sich noch manches in meinem innern und äußern Leben, wovon zu berichten ist. Mein »System des Vedanta« hatte ich wesentlich auf den Kommentar des Çankara zu den Sutras des Vedanta aufgebaut. Als Bestätigung meiner Anschauungen beschloß ich die große Arbeit, den umfangreichen, noch nicht vorher übersetzten Kommentar des Çankara vollständig ins Deutsche zu übertragen. Wie gewöhnlich war ich von diesem Unternehmen ganz erfüllt und redete davon zu jedem, der es hören wollte. So eines Abends, wo ich mit dem aus Indien zu Besuch in Berlin weilenden Thibaut einer Einladung zu Weber gefolgt war und nachher noch mit Thibaut ein Stündchen allein im Wirtshause saß. Ausführlich legte ich ihm meinen Plan dar,[218] aber nicht mit einem Worte ließ der Duckmäuser verlauten, daß auch er eine Übersetzung des Çankara-Kommentars ins Englische vorbereite. Sie ist einige Jahre, nachdem meine Übersetzung vorlag, erschienen. Aus der Tatsache, daß Thibaut zwar alle Zitatennachweise aus meinem »System des Vedanta«, wo sie in einem Anhang auch für einen des Deutschen Unkundigen geschöpft werden konnten, nicht aber die später gefundenen und in der Übersetzung der Sutras benutzten Zitate verwendet hat, muß ich vermuten, daß seine Übersetzung gar nicht von ihm selbst, sondern in seinem Auftrage von einem des Deutschen unkundigen Pandit verfaßt worden ist. In dreizehn Monaten und dreizehn Tagen war meine Übersetzung fertig geworden. Nachdem die Akademie eine Druckunterstützung von 1000 Mark gewährt hatte, erklärte sich Brockhaus bereit, sie in Verlag zu nehmen, und viele Monate lang stand ich abends bis nach Mitternacht an meinem Pulte, um die Druckbogen zu korrigieren. Erst im August 1887 konnte ich das erste fertige Exemplar Althoff überreichen; inzwischen hatte sich viel in meinem äußeren Leben begeben, wovon ich zu erzählen habe. Eines Abends saß ich in einer Abendgesellschaft bei Schotts und hatte auf der einen Seite den Dr. Eduard Engel, Chef des Stenographenbüros im Reichstag und vielseitigen, gewandten Schriftsteller, und auf der andern Seite seine Gemahlin, eine Spanierin von Geburt, welche alle möglichen Sprachen sprach, aber in keiner einzigen sich ganz korrekt auszudrücken wußte, übrigens eine Dame von Welt und Erfahrung war, deren Hand Dr. Engel ? sie war schon einmal in Amerika verheiratet gewesen ? nur nach vielen Bemühungen erlangt hatte. Dieses gleichfalls kinderlose Ehepaar lernte ich bei Schott kennen, und sie wurden die Brücke zu Marie Volkmar. Ich machte Besuch bei ihnen, wurde eingeladen und saß dann zwischen zwei Schwestern Louise und Marie Volkmar, welche unter dem Schutz des alten Fräulein Presting, Landgrafenstraße 20, mit den Engels auf derselben Etage wohnten. Vorher aber hatte ich die beiden Dämchen schon einmal außerhalb des Hauses kennengelernt. Frau Dr. Engel pflegte mitunter kleine Landpartien zu arrangieren, wozu auch ich hinzugezogen wurde, und so kam ich eines Tages, mich von[219] meiner Arbeit losreißend, am Potsdamer Bahnhof angestürzt, um mit Frau Dr. Engel und einigen andern nach Potsdam zu fahren. Hier sah ich zum erstenmal das Angesicht meiner Frau, am 11. September des Jahres 1884 vormittags 11 Uhr im Eisenbahnkupee, genau auf die Stunde zehn Jahre, ehe ich am 11. September 1894 vormittags 11 Uhr zum ersten Male das Angesicht meiner Tochter Erika sehen sollte. Wie vieles lag für mich noch in diesen zehn Jahren, von denen ich zu berichten haben werde. Die Beziehungen zu den Volkmarmädchen waren zunächst sehr kühler Natur. Louise war die Ältere, und bei dieser spürte ich nichts von Neigung; daß mir die Jüngere einst als Gattin angetraut werden sollte, diese Möglichkeit kam mir gar nicht in den Sinn, zumal sie damals erst einundzwanzig Jahre und fast neunzehn Jahre jünger als ich war. In den nächsten Jahren ließ ich mich ab und zu bei Volkmars sehen, ging wohl einmal mit ihnen ins Theater oder speiste irgendwo mit ihnen, wurde auch einmal eingeladen, aber die Bekanntschaft blieb nur eine entfernte. Inzwischen tauchten andere Erscheinungen auf und nahmen mein Interesse in Anspruch. So erschienen eines Tages bei mir, vielleicht im Jahre 1883, Dr. Paul Rée und Luise v. Salomé, geboren als Tochter eines Offiziers in Petersburg, welche sich durch einen scharfen, klaren Verstand auszeichnete. Als sie konfirmiert werden sollte, erklärte sie, dazu außerstande zu sein, da sie keinen Glauben habe. Die Mutter, schon verwitwet, war darüber in großer Not, ging mit der Tochter auf Reisen und fand schließlich im Holländischen einen Pastor, der Luise auch ohne Glauben konfirmierte. Weiter kamen Mutter und Tochter nach Rom, wo sie mit Malvida v. Meysenbug und dem Nietzscheschen Kreise in Berührung traten. Fräulein v. Meysenbug fand, daß Lou geeignet sei, dem einsamen Nietzsche eine Schülerin, wohl gar Jüngerin zu werden, und führte sie ihm zu. Einige Zeit arbeiteten sie zusammen. Dann kamen sie für immer auseinander und Lou v. Salomé kam mit Dr. Rée als Reisebegleiter nach Berlin. Beide hatten sich das Wort gegeben, nie von Liebe oder Heirat zu reden, sondern nur zusammen zu reisen und wissenschaftlich zu arbeiten. Sie pflegten in einer Pension in der Hedemannstraße[220] zu wohnen und kamen, wie gesagt, eines Nachmittags bei mir an. Es wurde ein philosophisches Kränzchen arrangiert, an welchem außer Lou, Rée und mir auch noch Dr. Romundt und später Heinrich v. Stein, Privatdozent der Universität, teilnahmen. Inzwischen schrieb Lou ihren Roman. »Im Kampf um Gott.« Er erschien im Dezember 1884, und ich war einer der ersten, welchen sie das Buch schenkte. Ich nahm es mit nach Stettin, wo ich wie alljährlich bei Freund Textor das Weihnachtsfest verlebte, las das Buch und muß gestehen, daß über dem Lesen meine Liebe zu Lou in hellen Flammen entbrannte. Dieses Werk, in welchem verschiedene Selbstmorde, Ehebrüche usw. vorkommen, wird verschieden beurteilt. Mein Freund Ebbinghaus behauptete, das seien »Nonnenphantasien«, ich fand in dem Buche viel Geist und in den Geist verliebte ich mich. Das Feuer wurde bald stark gedämpft, als ich im philosophischen Kränzchen bemerkte, daß Lou den etwas verschwommenen Anschauungen Heinrich v. Steins vor den meinigen den Vorzug gab. Indessen blieb die Freundschaft, aber nur als eine solche, bestehen. Es war Februar 1886 geworden und auf der Rousseauinsel eine herrliche Eisbahn, die in diesem Jahre bis kurz vor Kaisers Geburtstag anhielt. Ich knüpfte bei Biermanns an, wo ich Mariechen Biermann und zwei andere junge Damen, Ännchen von Prenzlau und Ännchen von Tharau, wie ich sie zu nennen pflegte, antraf. Es wurde Schlittschuhlaufen verabredet, und bald trafen wir uns allmorgendlich auf der Eisbahn der Rousseauinsel, während sich noch andere Elemente an uns anschlossen. Eines Tages saß ich auf der Bank, meine Schlittschuh anschnallend, und sehe neben mir ein junges Kind in derselben Weise beschäftigt. »Sind Sie es, Fräulein Marie?« fragte ich. Ja wirklich, es war Marie Volkmar. ? »Ich war schon alle diese Tage hier,« sagte sie zu mir, »aber Sie haben mich wohl nicht sehen wollen.« ? »Wie können Sie so etwas denken,« sprach ich, »kommen Sie, wir wollen zusammen laufen.« Und ich führte sie in meinen Kreis ein, der schon anfing, mir ziemlich langweilig zu werden. Nun begab es sich in dieser Zeit, daß ich in einer Nacht träumte, ich wäre in England und da war eine Höhle und Fledermäuse flogen aus und ein. Es wurde, ich weiß nicht mit wem, darüber gesprochen,[221] und da hieß die Fledermaus Pedigree. Ich erwachte und sagte zu mir: »Ich weiß doch bestimmt, daß ich nie gelernt habe, was Fledermaus auf englisch heißt. Sollte sie nun wirklich Pedigree heißen, so wäre das ein Beweis, daß man im Traume weiser ist als im Wachen, und das wäre psychologisch sehr interessant. Ich sprang aus dem Bett, schlage das Wörterbuch auf ? pedigree ? Stammbaum, dann suche ich die Fledermaus und treffe ein mir ganz unbekanntes Wort.« Der Vormittag nach der Vorlesung fand mich, wie gewöhnlich, wieder auf der Eisbahn. Umstanden von dem Rudel meiner Dämchen, erzählte ich die Geschichte. »Nun, meine Damen, ich habe schon gestanden, daß ich selbst nicht gewußt habe, was die Fledermaus auf englisch heißt. Wer von Ihnen weiß es?« Alles schwieg, nur ein Stimmchen aus dem Hintergrunde ließ sich vernehmen: bat ? die Fledermaus. Es war Marie Volkmar. Nun war es nicht etwa so, daß ich gedacht hätte: Sie hat etwas gelernt, die wird geheiratet. Keineswegs, denn an eine solche Möglichkeit dachte ich nicht von ferne, doch aber wurde ich dadurch auf Marie aufmerksam und beschäftigte mich von Tag zu Tag mehr mit ihr. Auch sie neigte sich mir zu; aber das alles hielt ich für kindliche Anhänglichkeit. So kam der 22. März heran, Kaisers Geburtstag, und für mich ein kritischer Tag erster Ordnung. Am Abend vorher war ich bei der Familie Volkmar eingeladen. Es war Louisens Geburtstag. Auch Dr. Engel und Frau waren zugegen. Ich saß zwischen Louise und Marie. Dr. Engel bemerkte: »Eine Perle im Gold!« Ich erwiderte: »Sagen Sie lieber: ein Schwefelhölzchen zwischen zwei Feuern!« Ich würde diesen Scherz nicht gewagt haben, wenn ich das eine oder andere Feuer für gefährlich gehalten hätte. Beim Abschied lud ich Frau Dr. Engel ein, am andern Morgen mit mir zur Kaisergeburtstagsfeier auf die Universität zu kommen. Ich holte sie ab, und da noch Zeit war, saßen wir auf einer Bank im Tiergarten ganz nahe dem Brandenburger Tor. Ich gehe nie an dieser Bank vorbei, ohne an die Eröffnung zu denken, welche Frau Dr. Engel mir hier machte. Sie ließ deutlich durchblicken, daß dasjenige, was ich für kindliche Anhänglichkeit gehalten hatte, wirkliche Liebe sei. Liebe zu mir! Und dazu von einer Seite, mit welcher ein eheliches Bündnis zu schließen ich[222] nicht, wie so oft in früheren Fällen, durch materielle Bedenken abgehalten wurde. Zum ersten Male bot sich eine Aussicht, zu heiraten, ohne dadurch meine akademische Zukunft zu schädigen oder gar zu vernichten. Die Sache versetzte mich in eine nicht geringe Aufregung. Der Kaisergeburtstagsredner hat keinen unaufmerksameren Zuhörer gehabt als mich. Ich beschloß, der Sache mit Vorsicht näherzutreten. Ich arrangierte mit Fräulein Presting, den beiden Mädchen und Frau Dr. Engel ein englisches Lesekränzchen für Shakespearedramen. Ich besuchte mit ihnen einige Male das Theater oder einen Biergarten, wurde eingeladen und lud die Damen wieder ein. Auf einer gemeinsamen Tour nach Potsdam forderte ich sie auf, am Himmelfahrtstage, es war der 3. Juni, bei mir den Kaffee zu nehmen. Ich holte die Damen verabredetermaßen, um Auffallen zu vermeiden, erst am Kanal gegenüber Schloß Bellevue ab und stand lange Zeit, bis ich endlich ein dunkles Gewand und zwei helle Kleider durch das Gebüsch schimmern sah, sie waren es. Ich führte sie in meine Zimmer, es wurde Kaffee und nachher Wein getrunken, die Stimmung war animiert, und ich begleitete die Damen noch ein Stück auf die Pferdebahn. An jenen Himmelfahrtstag schloß sich eine weitere Verabredung. Zu Pfingsten wollten die drei Damen nach Kopenhagen. Zufällig, wie man zu sagen pflegt, wollte auch ich dorthin. Sie wollten im »Kongen of Danmark« absteigen; der Zufall wollte, daß auch ich dieses Hotel zu wählen beabsichtigte. Die Damen waren schon vorausgereist. Am Tag vor meiner Abreife stellte sich Freund Borinsky ein, mit dem ich schon früher von dergleichen gesprochen haben mochte, und erbot sich, mit mir zu fahren. »Gut,« sagte ich, »aber nur, wenn Sie verschwiegen sein können, denn ich gehe auf Brautschau.« Wir fuhren die Nacht vor Pfingsten durch mit dem bekannten Extrazug über Hamburg, Kiel und Korsör nach Kopenhagen, fuhren in gemeinsamem Wagen beim »Kongen« vor. Borinsky mußte auf der dem Hotel entgegengesetzten Seite aussteigen und versprach für die ganze Zeit unseres Aufenthaltes sich nicht blicken zu lassen; nur einmal sah ich ihn aus der Ferne auf der »Langelinie«. Ich betrat das[223] Hotel, nahm ein Zimmer, fand meine Damen, und was war natürlicher, als daß wir unsere Streifzüge gemeinsam unternahmen. Am Pfingstmontag waren wir abends natürlich im Tivoli; ich durfte neben Marie gehen, aber immer voran, während Louise mit Fräulein Presting hinterherfolgten. Am Pfingstdienstag besuchten wir Klampenborg und gingen im Dyrehave spazieren. Ich hatte mir fest vorgenommen, auf dieser ganzen Reise das Mädchen nur näher kennenzulernen, ohne mich zu binden. Auf der andern Seite schien man diese Zurückhaltung für Unentschlossenheit zu nehmen, und in dem Park von Klampenborg überraschte mich Marie mit der Bemerkung, daß sie zum Heiraten noch zu jung sei und nicht daran denke. Diese Erklärung schlug bei mir ein wie der Blitz. Also dahin hatte es mein Zaudern gebracht, daß dieses Mädchen, von der ich wußte, daß sie mich liebe, anfing, der Sache überdrüssig zu werden. In einer schlaflosen Nacht sagte ich zu mir: Entweder ? oder! Entweder ich muß jetzt als Ehrenmann einen entschiedenen Rückzug antreten, oder ich muß mich erklären. Am folgenden Tage fuhren wir zunächst mit dem Dampfer nach Helsingör und hinüber nach Helsingborg. Auf dem Schiff regnete es ein wenig, ich stand mit Marie allein auf dem Verdeck und knüpfte ein gleichgültiges Gespräch über Haushaltungssachen an, nur um herauszufühlen, ob nach der gestrigen Erklärung Marie überhaupt noch für mich zu haben sein möchte, und der Eindruck schien dem nicht zu widersprechen. Wir fuhren über den Sund, um zur Hamletterrasse zu gelangen, wanderten durch das langgestreckte Städtchen, dann zur Kronborg durch die dunkeln Gewölbe, bis wir endlich zur Hamletterrasse mit ihrer herrlichen Aussicht auf den Sund und das jenseits gelegene Helsingborg gelangten. Louise und Fräulein Presting waren etwas zurückgeblieben, auch die Schildwache hatte sich bei drohendem Regen zurückgezogen, ich stand mit Marie allein und sprach: »Fräulein Mariechen, ich frage Sie vor Himmel, Erde und Meer, wollen Sie mein Weib werden?« Sie antwortete: »Ja!« Und ich gab ihr einen Kuß. Die Sage künftiger Zeiten meldet vielleicht, daß es in diesem Augenblicke gewesen wäre, als wenn alle umherstehenden Kanonen freudig Schüsse abgefeuert hätten, als wenn das Meer uns freudig entgegengebraust sei,[224] als wenn sich vom Himmel segnende Gestalten auf die Liebenden herabgelassen hätten. Aber hier sieht man, wie die Mythen sich trotz dem freundlichen Entgegenkommen von so vielen Seiten aus einfachen Naturvorgängen entwickeln; die segnenden Gestalten waren Regentropfen, und meine erste Ritterpflicht war, meiner Braut den Regenmantel anzuziehen. Inzwischen waren auch Louise und die Presting erschienen. Ich sprach: »Meine Damen, ich stelle Ihnen hier meine Braut vor.« ? Und was nun? Rührung? Tränen? Gegenseitige Umarmung? ? Nichts von alledem, sondern eine derbe Strafpredigt von Fräulein Presting: »Nun, Herr Doktor, wenn ich Marie gewesen wäre, ich hätte Sie noch länger zappeln lassen, denn Ihr Zögern und Zaudern verdiente gar nicht, so schnell erhört zu werden.« Wir waren alle wie von kaltem Wasser übergossen. Übrigens schien doch auch die Ostpreußin ihre Taktlosigkeit zu fühlen und durch Liebenswürdigkeit wieder gutmachen zu wollen. Von nun an durfte ich mit Marie Arm in Arm gehen und hinter den beiden andern folgen. Wir unterbrachen die Fahrt in Hellerup und durchwanderten das Schloß. Ich führte Marie, fühlte mich aber sehr geniert. Es war mir, als wenn alle Leute mich zum Ziel ihrer Blicke machten. Von Mittwoch bis Sonnabend blieben wir noch im »Kongen« zusammen. Die Stimmung wurde von Tag zu Tag animierter und freudiger. Am Sonnabend er klärte Fräulein Presting: »Jetzt ist es genug, Marie muß Ruhe haben. Wir fahren heute zu Schiff nach Lübeck, und Sie, Herr Doktor, haben ja Ihr Retourbillett über Kiel und Hamburg.« Ich erwiderte rasch: »Dann lasse ich mein Retourbillett verfallen und fahre mit euch über Lübeck.« Die Presting protestierte. Ich sagte zu meiner Braut: »Wir wollen ihr doch zeigen, wer jetzt etwas zu sagen hat.« Aber sie erwiderte: »Laß es gut sein, Geliebter, und gib nach, denn ich würde es sonst hinterher zu büßen haben.« Ich gab nach, begleitete die Damen zum Schiff, nahm herzlich Abschied bis zum Wiedersehen nach sechs Tagen in Berlin, sah, an einen Pfeiler gelehnt, das Schiff abfahren, immer kleiner werden, bis ich zuletzt nur noch ein Rauchwölkchen von ihm sehen konnte. Ich fuhr, da Kopenhagen für mich keinen Reiz mehr hatte, noch in[225] derselben Nacht über Korsör und Kiel nach Hamburg. Hier mußte ich sechs lange Stunden bis zum Mittag warten. Es war Sonntagmorgen. Ich bestieg die Höhe von Blankenese und ließ mir im Garten des Restaurants ein gutes Frühstück auftischen, mußte aber zu meinem Verdruß sehen, wie die Tische links und rechts am schönen Sonntagmorgen von Liebespärchen besetzt waren, während ich alleine saß. Am Mittag war ich am Berliner Bahnhof. Hier traf ich meinen Kollegen Heinrich v. Stein. Ich teilte ihm mein Erlebnis mit, bestieg mit ihm, da er nicht rauchte, gegen meine Gewohnheit ein Nichtraucherkupee, und als gerufen wurde. Hagenow, drei Minuten, stieg ich aus, um eine Zigarette zu rauchen, hatte aber das Streichholz noch nicht angezündet, als etwas mit raschen Sätzen auf mich zusprang. Es war meine Braut, mit einem großen Blumenstrauß in der Hand. Sie waren von Lübeck nach Hagenow gekommen, hatten auf der Wiese Blumen gepflückt und dachten mich vielleicht im Zug zu sehen. Aber schon rief der Schaffner zum Einsteigen, schnell drückte meine Braut mir den Blumenstrauß in die Hand, fort raste der Zug, und ich hätte das Ganze für eine Vision halten können, hätte ich nicht die Blumen in meiner Hand gehalten. Es ist erstaunlich, wie ein so großes Ding, wie es die Stadt Berlin nun einmal ist, durch ein so kleines Ereignis, wie es meine Verlobung denn doch war, ein so völlig verschiedenes Aussehen gewinnen konnte. Sechs Jahre hatte ich schon in Berlin gelebt und mich trotz meiner Lehrtätigkeit und schriftstellerischen Arbeit immer doch als Fremdling gefühlt, jetzt öffneten sich mir durch die Verwandtschaft meiner Braut ein halbes Dutzend Familien aus den besten Kreisen der Gesellschaft, bei denen wir zwanglos aus- und eingingen und uns gleichsam als Kinder im Hause fühlten, wie ich dies bald innewerden sollte. Kaum hatte ich den Zug auf dem Lehrter Bahnhof verlassen, als ich mich auf dem so oft begangenen Heimwege ganz anders fühlte. Mir war es, als wenn alle Leute nach mir sähen; und den Verlobungsring vollends wagte ich nicht anzustecken, um, wie ich meinte, auf der Straße nicht aufzufallen. Frau Henschel war natürlich die erste, welcher ich die große Neuigkeit mitteilte, und die mich warm und herzlich beglückwünschte,[226] während ihre drei Töchter die Nachricht merkwürdig kühl entgegennahmen. Mit Ungeduld erwartete ich die Rückkehr meiner Braut empfing sie mit einem großen Blumenstrauße am Bahnhofe, und sogleich ging es zu Tante Henriette, deren Tochter Hedwig gerade Geburtstag hatte, und wo ich bei dem festlichen Abendessen schon so ziemlich die ganze Familie kennenlernte. Zahlreiche Einladungen füllten die nächsten Wochen aus, überall kam man mir herzlich entgegen; nur der älteste Bruder Franz zeigte sich anfangs ein wenig verschnupft darüber, daß auch ihm, als dem ältesten Haupte der Familie, durch Mariechens Diskretion ebenso wie allen andern die Sache verheimlicht worden war, aber gerade dieser Bruder Franz ist auf die Dauer mein bester Freund geworden, und in keinem Hause habe ich soviel Liebe und Güte bis auf den heutigen Tag erfahren wie bei ihm, seinem geistig regsamen und dabei unendlich gutmütigen Jettchen und ihren vier Töchtern, Elsa, Käthe, Toni und Alice, welche weiterhin alle vier meine Patenkinder geworden sind und jetzt bis auf eine noch unverheiratete als glückliche Familienmütter in Düsseldorf, Balingen und Bernau leben. Da ich mit meinen einundvierzig Jahren für die Heirat wohl das nötige Alter hatte, auch meine Braut mündig und ganz selbständig war, so beschlossen wir, nicht lange zu warten und setzten unsere Hochzeit auf den 16. August 1886, zwei Monate nach der Verlobung, fest. Natürlich unternahmen wir jetzt alles gemeinsam, durften allein spazierengehen soviel wir wollten, und nur in Restaurants einzukehren war uns durch Fräulein Presting verboten und geschah, wenn es doch einmal vorkam, von seiten meines Bräutchens nur mit etwas schlechtem Gewissen, während ich durch irgendeinen fadenscheinigen Grund, einen eintretenden oder nur drohenden Regenschauer oder sonst etwas, meine und ihre Gewissensbisse zu beschwichtigen wußte. Die einundsechzig Tage zwischen Verlobung und Hochzeit vergingen wie im Rausche. Meine Vorlesungen besorgte ich pünktlich, aber im übrigen wurde nicht viel gearbeitet. Jeden Nachmittag besuchte ich meine Braut, saß mit ihr auf dem Balkon, trank bei ihr Kaffee und ging mit ihr spazieren. Der Einkauf der Möbel[227] und anderer Utensilien nahm uns stark in Anspruch. Eine Hauptsorge war die Wahl einer Wohnung. Wir strichen täglich herum, besahen dieses und das, aber nichts wollte recht passen. Mein Wunsch war, eine halbe Stunde von der Universität entfernt zu wohnen, so daß zwischen mir und der Universität der Tiergarten lag. Dies war bei meiner bisherigen Wohnung, Paulstraße 31, der Fall gewesen, und hier in Moabit hätte ich gerne weitergewohnt, aber nichts fand sich, was allen Anforderungen entsprochen hätte. So kamen wir eines Abends am Kurfürstendamm vorbei und bemerkten in dem Eckhaus an der Korneliusbrücke, damals glaube ich 142, eine leerstehende Wohnung. Mehr aus Neugierde als in ernster Absicht stiegen wir die vier schön gewundenen Treppen hinauf und besichtigten die Räume. Ein schmaler Gang, ein großes und zwei kleinere Zimmer nach vorn, Schlafzimmer mit Badestube, Mädchengelaß und Küche nach hinten, nichts darüber als der Boden, ein prachtvoller Balkon, von dem aus man über alles hinweg bis nach Westend hin sah; das alles sollte nur 1050 Mark kosten. Erst auf dem Heimwege wurden wir inne, daß diese Wohnung gerade das war, was wir suchten und wünschten, und so sehr waren wir von diesem Gefühle beherrscht, daß wir noch an demselbigen Abend wieder zurückkamen und den Mietsvertrag abschlossen. So rückte der ersehnte Tag heran. Täglich sah ich meine Braut auf längere Stunden. Wir fragten uns, ob wir nicht einmal einen Tag überschlagen wollten, um zu sehen, wie uns dann zumute sein würde, fanden aber, daß es doch nur eine unnötige Quälerei sein würde. Es war alles für den 16. August auf das beste vorbereitet, die Reisekleider besorgt, das Reisegepäck fertig. Eine kleine Unbequemlichkeit war es, daß auch meine Schwester Elisabeth ihre Hochzeit zwei Tage vor der meinigen zu Hüsten in Westfalen feierte. Die Folge war, daß von meiner ganzen Familie nur der Bruder Reinhard die Einladung zur Hochzeit angenommen hatte und bei der in meiner Braut Wohnung hergerichteten Hochzeitstafel als einziger Vertreter der Familie Deussen einen besonderen Ehrenplatz erhalten sollte. Wahrscheinlich hatte er sich hinterher umstimmen lassen, denn[228] als am 16. August die Sonne herrlich über meinem Hochzeitsmorgen aufging, brachte der Briefträger eine Postkarte von Reinhard, in welcher er mir Glück wünschte und sein Bedauern aussprach, nun doch nicht kommen zu können. Sofort eilte ich zu einem in meiner Nachbarschaft wohnenden Bekannten, dem Rechtsanwalt Ivers, und bat ihn, meinen Bruder bei der Hochzeit zu vertreten. Also, sprach er, ich soll heute ein Substitut sein, nun, dann werde ich mich bemühen, ein recht liebenswürdiger Substitut zu sein. Froh, einen Ausweg aus der Verlegenheit gefunden zu haben, eilte ich nun zu meinem Freund und Kollegen Ebbinghaus, um ihn als meinen Zeugen zum Standesamt abzuholen. Wir kamen zum Hause meiner Braut, wo Fräulein Presting für die dreiunddreißig Gäste die Hochzeitstafel bereits hergerichtet hatte und in eine nicht geringe Aufregung darüber geriet, daß mein Bruder Reinhard durch einen andern vertreten sein werde, wodurch dann eine Änderung der Tischordnung notwendig wurde. Wir fuhren zum Standesamt, und ich kehrte frohen Herzens durch den sonnigen Tiergarten in meine Wohnung zurück, stieg zum letzten Male die drei Treppen herauf, da schallte mir aus meinem Zimmer Gläserklingen, Lachen und fröhliches Geplauder entgegen und mit Erstaunen sah ich, wie statt des nicht mehr erwarteten Bruders ihrer sogar zwei, Johannes und Reinhard, angekommen waren, um mich in einer Weise, welche mehr für Oberdreis als für Berlin paßte, als Gäste zu meiner Hochzeit zu überraschen. Sie hatten nach der Nachtfahrt sich von meiner Wirtin eine Flasche Wein geben lassen und am frühen Morgen angefangen, in meinem Zimmer fröhlich zu zechen. Daß man zu einem solchen Feste nicht ohne Frack, Zylinder und weißen Handschuhen kommen kann, war ihnen gar nicht zum Bewußtsein gekommen. Zum Glück hatte ich das alles doppelt und konnte somit Johannes ausrüsten, während ich Reinhard antrieb, sich alles zu besorgen und beiden einschärfte, pünktlich um 3 Uhr in der Zwölfapostelkirche zu sein, wo Reinhard als Brautführer Louisens figurieren sollte. Durch einen Boten gab ich Fräulein Presting von der neuen Wendung der Dinge Nachricht, und sie mußte nun noch einmal die ganze Tischordnung umändern. Und Rechtsanwalt Ivers, was sollte aus dem werden? ? Frau[229] Henschel hatte die unglaubliche Naivität gehabt, ihm sagen zu lassen, er sei nun nicht mehr nötig, worüber ich bei einem späteren Wiedersehen guten Grund hatte, mich vielmal zu entschuldigen. Die Brüder waren gegangen und ich übertrug Frau Henschel die Aufgabe, während unserer Hochzeitsreise alle meine Sachen in die neue Wohnung zu schaffen und einzurichten. Um auch von der Hochzeit etwas zu sehen und zu genießen, sollte sie Reisekleider und Gepäck zu Dr. Engel, der mit den Volkmar-Schwestern auf derselben Etage wohnte, bringen und das Festkleid von dort abholen. Der Hochzeitswagen ließ sich auf der Straße hören. Frau Henschel, bei der ich sechs Jahre lang gewohnt hatte, weinte vor Rührung, mir selbst waren die Tränen nahe, aber eisig kalt war der Abschied von den drei Töchtern. Sie blieben an ihren Nähmaschinen sitzen, ich ließ mir nichts merken und reichte jeder zum Abschied die Hand. Ich habe sie nie wiedergesehen, während Frau Henschel uns in der Folgezeit noch öfter besucht hat. Im prächtigen Hochzeitswagen holte ich meine Braut ab, und pünktlich um 3 Uhr fuhren wir bei der Zwölfapostelkirche vor. In der Vorhalle standen schon die sechs Brautführerpaare, aber Louise nicht wie verabredet von Reinhard geführt, sondern am Arm ihres eigenen Bruders. Johannes und Reinhard fehlten, sie hatten die Sache einfach verbummelt. Als wir nach der Trauung zum Hause meiner Braut zurückgefahren waren, füllte sich der Raum mit geputzten Hochzeitsgästen, die ihre Glückwünsche darbrachten. Hier wurden auch Johannes und Reinhard sichtbar. Ich stand gerade zwischen meiner Braut und Louise, als Johannes die letztere wegen ihrer glänzenden Toilette, kurzsichtig wie er war, für die Braut hielt, auf sie zuging und seinen Glückwunsch gerade mit einem Kuß besiegeln wollte, als ich mit den Worten »Um Himmels willen, es ist nicht die Richtige« ihm den Weg vertrat. Übrigens hielt dann im Verlaufe des Festmahls Johannes eine gedankenreiche, gediegene, Reinhard eine sehr nette, humorvolle Rede, welche beide gegen die übrigen Reden ebensosehr abstachen wie das einfache Äußere meiner Brüder gegen die Schar der geputzten Herren und Damen. Der schönste Auftritt beim Festmahle aber war es, als eine Deputation meiner Studenten erschien, eine[230] schöne, künstlerisch ausgeführte Adresse mit den Bildern der Berliner Universität, Kants und Schopenhauers überreichte, in einer Ansprache ihrem Lehrer und seiner Lebensgefährtin Glück wünschte und an dem Schluß des Festmahls, wie auch an dem nachfolgenden Tanzvergnügen regen Anteil nahm. Ich zog mich in die Nebenwohnung zurück, warf mich in Reisekostüm, ließ an der Seite meiner Frau meinen Blick noch einen Augenblick auf der in einer köstlichen Atmosphäre von Wein, Kaffee und Zigarren in fröhlichem Tanz sich bewegenden Gesellschaft ruhen, und dann fiel der Vorhang über dieser anmutigen Szene, wir rollten zum Bahnhof, wo noch einige Freunde erschienen waren, und nachdem wir in einem Kupee allein Platz genommen hatten, führte uns der Zug durch die Nacht in die Ferne hinaus. Wir fuhren in der Nacht bis nach Elberfeld und Aachen und ohne Aufenthalt weiter bis Verviers, von da am folgenden Tage nach Lüttich und Loewen. Da meine Frau, infolge eines noch nicht ganz überwundenen Keuchhustens, sich leidend fühlte, verzichteten wir auf Brüssel und fuhren direkt durch nach Blankenberghe. Die Verpflegung im Gasthaus war so reichlich und üppig, daß wir schließlich froh waren, nach drei Wochen Blankenberghe zu verlassen, um noch ein paar Tage in Ostende zu verweilen. Hier mieteten wir ein Zimmer und führten unsere eigene Wirtschaft, indem wir einkauften, was das Herz begehrte, und so die Mahlzeiten in unserm Zimmer zubereiteten, was für beide Teile einen großen Reiz hatte. Am 9. September fuhren wir von Ostende nach Dover. Von dort ging es mit Aufenthalt in Tunbridge nach London, wo wir in der Pension Dent, Craven Terrace 34, einem schon von früher meiner Frau bekannten und bewährten Hause, einige Wochen verweilten. Von den Zerstreuungen dieser Zeit will ich nur einer gedenken. In Beenham-House bei Altermasten wohnte ein Großgrundbesitzer und Rennpferdezüchter Mr. Waring, mit einer von dessen Töchtern Marie von Berlin her befreundet war. Dorthin fuhren wir über Oxford am 16. September und verbrachten einen sehr interessanten Tag. Während meine Frau bei den Töchtern weilte, ließ Mr. Waring anspannen[231] und fuhr mit mir über seine Besitzungen. Ein großer Landwirtschaftsbetrieb wurde fast durchweg mit Dampfmaschinen besorgt, da waren Maschinen, welche pflügten, Holz sägten usw. Noch interessanter war die Zucht edler Rennpferde, zuletzt wurde the great horse besucht, ein Hengst, welcher seinen eigenen Stall und Stallknecht hatte, und, nachdem wir uns auf einem Balkon in Sicherheit gebracht hatten, losgelassen wurde und die wunderbarsten Sprünge in seinem Stall ausführte. Er hieß »Robert, the devil«; 11000 Pfund waren Mr. Waring schon dafür geboten worden, aber er erklärte, ihn nicht unter 15000 (300000 Mark) verkaufen zu wollen. Sehr befriedigt von diesem Ausflug kehrten wir in unsere Pension zurück. Wir verließen London am 23. September, um über Newhaven, Dieppe und Rouen direkt nach Paris zu fahren. Es hatte einen eigenen Reiz, an demselben Tage die größte und die zweitgrößte Stadt der Welt nebeneinander zu sehen. Einige Wochen in Paris gingen mit Besichtigung der Sehenswürdigkeiten und Besuch der Freunde im Fluge dahin. Onkel Friedrich Ingelbach kam meiner kleinen Frau mit gewinnender Herzlichkeit, mit Kuß und Du entgegen, lud uns in sein Haus und zu der allsonntäglich mit der Familie unternommenen Landpartie in die Forêt de Lennart. Am 4. Oktober ging es nach Aachen, zu Freund Lob, und dann über Heinsberg und Jüchen nach Hüsten, wo Mariechens Geburtstag gefeiert wurde. Am 20. Oktober trafen wir in Berlin ein, wurden am Bahnhof empfangen und in unsere neue Wohnung geführt, wo alles in schönster Ordnung eingeräumt, die Speisekammer gefüllt war, Abendbrot und Tee auf dem Tische fertig stand. Der Winter brachte naturgemäß neben den Vorlesungen und der Arbeit an den »Sutras des Vedanta« viele Einladungen, zwischen welchen das Weihnachtsfest uns nach Hüsten zu den Eltern führte. Ein ungeheurer Schneefall hatte die Eisenbahnlinie dermaßen verweht, daß wir am 22. Dezember von Berlin abfahrend, von Zeit zu Zeit im Schnee steckenblieben und so am Abend nur bis Holzminden und erst am andern Tage nach Hüsten kamen. Mein Vater war schon sehr altersschwach und bettlägerig. Meine Frau begrüßte er mit den Worten: »Ave Maria«, und ich freue mich, daß sie ihn noch lebend gesehen hat, denn[232] am 9. Januar 1887, fünf Tage nach unserer Rückkehr nach Berlin, ist er gestorben und in Oberdreis unter der großen Linde beigesetzt worden. Drei Männer haben für mein Leben eine besondere Bedeutung gehabt: mein Vater, weil er mir das Leben und einen gesunden Leib geschenkt hat, dazu auch den Mut hatte, durch alle materiellen Hindernisse hindurch, nie an der Möglichkeit zu verzweifeln, seinen Kindern den Weg zu höheren Lebensstellungen zu ebnen; der alte Kantschin, weil er mich aus dem Alltagsleben des Gymnasiallehrertums herausriß und in seinem Hause die Grundlage für meine materielle Freiheit legte, ohne welche auch die geistige Freiheit nicht gedeihen kann, und Schopenhauer, welcher mir diese geistige Freiheit schenkte, nicht indem er mich lehrte, auf sein System zu schwören, sondern indem er mich anleitete, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Die Osterferien des Jahres 1887 wurden zu einer Reise nach dem Süden benutzt, um meine beiden Schwestern in Tübingen und in Münster a. Stein zu besuchen und ihre Familien kennenzulernen. In den Pfingstferien zog es uns nach Kopenhagen, um die Erinnerungen des vergangenen Jahres wieder aufzufrischen, mit Dank für die gnädige Fügung, welche über unserm Geschicke gewaltet hatte. Rasch war das Sommersemester dahingegangen, und wir rüsteten uns zu einer größeren Reise. Inzwischen hatte ich nicht aufgehört, meine wissenschaftliche Lebensaufgabe mit emsigem Fleiße zu fördern. Bald nach dem Erscheinen meines »System des Vedanta«, im Frühjahr 1883, hatte ich volle vier Jahre an die Übersetzung der die Grundlage des Systems bildenden Vedantasutras mit dem Kommentar des Çankara verwendet, die Revision dieser Übersetzung am 4. April 1887 beendet und das Ganze bei Brockhaus in Druck gegeben. Anfang August 1887 gelangten mit Beginn der Ferien die ersten gebundenen Exemplare in meine Hände. Ich begab mich aufs Ministerium, um das Buch Althoff zu überreichen. Er empfing mich mit einem Seufzer und mit den Worten, daß er oft an mich gedacht habe, ohne doch bisher etwas tun zu können. Er griff zum amtlichen Verzeichnis und fuhr nach seiner Gewohnheit auf, als er meinen Namen nicht gleich finden konnte.[233] »Wo stehen Sie denn hier eigentlich?« rief er. ? »Hier, Herr Geheimrat, unter den Privatdozenten.« ? »So, Sie sind noch Privatdozent, nun, dem läßt sich ja abhelfen.« ? Ich schied mit froher Hoffnung, aber zugleich mit dem bänglichen Gefühle, daß man mich, wie es damals noch oft geschah, mit einem Extraordinariate ohne Gehalt für abgefunden halten könnte, und schrieb daher an Althoff, daß eine solche Wendung der Sache mich auf die Dauer nicht befriedigen könne. Das Resultat dieser Begegnung sollte mich drei Wochen später in Meran überraschen. Wir beschlossen, am 7. August nach Dresden und von dort nach Aussig zu fahren, wo wir auf dem Schreckenstein die uns befreundete Familie v. Lossow antrafen. Sie fragten, wohin die Reise gehen solle, und wir antworteten frischweg, wir fahren nach Griechenland. Versprechen macht Schulden, und wir beschlossen, die herrliche Ferienzeit zu benutzen, um die ganze Alpenkette von Salzburg bis Genf teils zu Fuß, teils fahrend zu durchziehen, dann Italien bis Brindisi und von dort Griechenland und Konstantinopel zu unserm Reiseziel zu wählen. Gesagt, getan. Über Prag und den Böhmer Wald gelangten wir nach Salzburg, besuchten Berchtesgaden, bestiegen bei Zell am See die Schmittenhöhe und fanden am 24. August in Meran einen Brief vor, welcher meine Ernennung zum Professor brachte. Die Wonne, welche mich überkam, wenn ich daran dachte, das so lange und so heiß erstrebte Ziel endlich erreicht zu haben, wurde bedeutend gedämpft durch die sich einmischende Befürchtung, auf die Dauer als Professor ohne Gehalt nur von unserm mäßigen Vermögen und den zwar von Jahr zu Jahr steigenden, aber doch nicht ausreichenden Kollegieneinnahmen leben zu müssen. Über das Stilfser Joch stiegen wir zum Lago di Como herab und von dort in langen Fußtouren, bei denen meine Frau sich sehr tapfer zeigte, zum Malojapaß hinauf und nach Sils-Maria hinunter, wo Nietzsche uns schon lange erwartete und nur in dem Anblick unseres bereits angekommenen Gepäcks über der Befürchtung, wir könnten ganz ausbleiben, Beruhigung fand. Er war überaus rücksichtsvoll, fast zärtlich für uns besorgt, was ihm früher nicht eigen war, führte mich zu seinen Lieblingsplätzen, zu seiner sehr primitiven Wohnung, »seiner Höhle«, wie er sie nannte, geleitete[234] uns bis Silvaplana, und die Tränen standen ihm in den Augen, als er in seine Einsamkeit zurückkehrte, während wir frohen Mutes über St. Moritz und Pontresina, über den Albulapaß und den Züricher See auf der Gotthardstraße nach Andermatt, über den Furkapaß nach dem Rhonegletscher gelangten, von wo uns ein Retourwagen bis nach Brieg führte und in einigen weiteren Tagen mein altes Genf mit seinen Erinnerungen an so viele Freuden und Leiden der vergangenen Zeit erreicht wurde. In dem Maße, wie wir nach Süden kamen, steigerte sich das Verlangen und befestigte sich der Entschluß, Griechenland, dem ich die frohesten Eindrücke meiner Jugend verdankte, zu besuchen. Aber auch Italien war mir, mit Ausnahme des nördlichsten, bis Mailand reichenden Zipfels, noch unbekannt, und wie in meiner Jugend der Weg vom Lateinischen zum Griechischen gegangen war, so war es für unsere Reise kein Umweg, ganz Italien zu durchfahren und von Brindisi aus über Korfu nach Athen zu gelangen. Ein kleines Bedenken bestand darin, daß in Italien einige Cholerafälle sich ereignet hatten. Ich ging daher, ehe wir unsern Entschluß faßten, an einem der letzten Morgen in Genf zu drei Konsuln, dem deutschen, italienischen und griechischen, und legte allen dreien die Frage vor: Ob, wenn wir über Italien nach Griechenland reisten, nicht eine Quarantäne zu befürchten sei, und erhielt von allen dreien die beruhigende Antwort, daß ihnen von einer Quarantäne nichts bekannt sei, und daß es ihnen doch bekanntgegeben sein würde, wenn eine solche bestünde. Daraufhin fuhren wir fröhlich und getrost am 20. September 1887 von Genf nach Turin, und nachdem wir uns an dieser so regelmäßig und monoton gebauten Stadt bald satt gesehen hatten, weiter nach Genua, der Stadt mit ihren hohen Häusern, schmalen Gäßchen und großen historischen Erinnerungen, unter denen für uns Fiesko obenan stand. Weiter ging es nach Pisa, wo wir in einem kleinen Albergo, nahe am Bahnhof, Unterkunft fanden. Im Hofraum standen ein paar Mägde an einer Waschbütte, in welche sie etwas ausrangen, was ich aus der Ferne für Wäsche hielt, bis ich näher tretend mit Erstaunen bemerkte, daß es Weintrauben waren, welche sie mit den Händen ausdrückten. Das Produkt bleibt, wie sie mir erklärten, einige Wochen stehen, und[235] dann heißt es »Wein«. Hiernach ist es nicht zum Verwundern, daß die italienischen Weine, trotz der südlichen Lage Italiens, hinter den französischen erheblich zurückstehen. Nach einem Besuch in Livorno wandten wir uns nach Florenz und stiegen hier in einem trefflichen Hause ab, in welchem der Wirt mit seinen beiden Kindern, Dante und Beatrice, die Bedienung der Gäste besorgte und wir am andern Morgen beobachten konnten, wie Dante die Stiefel wichste, während Beatrice die Betten machte. Florenz ist das Zentrum für die mittelalterlichen Erinnerungen, wie Rom für die aus dem römischen Altertum, während man in Neapel schon stark an Griechenland erinnert wird. Dorthin zog es uns vor allem, und so verließen wir Florenz nach kurzem Aufenthalt und gelangten nach Rom. Auch hier wurden nur die wichtigsten Punkte, das Forum, der Palatin und der Vatikan besucht, und dann ging es im Fluge nach Neapel. Bei unserer Ankunft herrschte ein solches Regenwetter, daß man nicht einmal des Vesuvs ansichtig werden konnte. »Bei diesem Wetter ist hier nichts zu machen,« sagte ich zu meiner Frau, »wir wollen gleich morgen nach Pompeji, welches bei jedem Wetter genossen werden kann, und dann weiter nach dem Süden fahren.« Am andern Morgen bei unserer Abfahrt erfreuten wir uns des herrlichsten Sonnenscheins und eines wolkenlosen Himmels. So wurde Pompeji bei gutem Wetter und mit dem allergrößten Interesse besichtigt. Auch der Vesuv lag, von überallher sichtbar, in herrlichster Klarheit da, und ein Führer mit Pferden beredete uns, noch am selben Nachmittage von Pompeji aus hinaufzureiten. Jedes Pferd sollte nur sieben Franken kosten. Nach einigem Bedenken entschlossen wir uns dazu, aber kaum hatte ich das Anerbieten angenommen, als ein Kutscher mit seinem Wagen erschien und mir versicherte, daß la salute della signora unbedingt erfordere, die erste Strecke in der Ebene für 2 Lire 50 in seinem Wagen zurückzulegen. Auch dies nahm ich an, hauptsächlich, um die Reitpferde noch zu schonen und für den Aufstieg frischzuhalten, freilich vergebens, denn kaum saßen wir im Wagen, als der Führer sich auf das eine der Pferde schwang und in vollem Galopp zum Fuß des Berges vorauseilte. Wir bestiegen die Pferde, deren Namen an die höchsten Ideale des Neapolitaners[236] erinnerten, denn das eine hieß »Maccaroni« und das andere »Lacrimae Christi« (nach einem am Vesuv wachsenden Weine). Der Aufstieg begann. Der Führer und sein Junge trieben die Pferde von hinten an, und bei besonders steilen Stellen mußte ich sehen, wie der Bube sich noch an den Schwanz des Pferdes meiner Frau hing, um sich ziehen zu lassen. Immer höher kamen wir, immer einsamer wurde die Gegend. Mitunter ließ sich ein donnerähnliches Poltern vernehmen. Ich fragte nach der Ursache und erhielt zur Antwort: »Es ist der Berg, welcher arbeitet.« Endlich gelangten wir an den Fuß des Aschenkegels, wo eine Anzahl Kerle mit Sänften uns einluden, uns in denselben hinauftragen zu lassen. Jede Portantina sollte 25 Lire kosten. Zwar ermäßigten sie den Preis, nachdem ich die Forderung entrüstet zurückgewiesen hatte, sogleich auf 17 Lire, fanden aber auch damit bei uns keine Zustimmung. Meine Frau war über diese Art, uns auszubeuten, so entrüstet, daß sie erklärte, gar nicht auf die Gipfel steigen zu wollen, sie werde auf ihrem »Lacrimae Christi« mit dem Knaben nach Trecase zurückreiten und mich dort erwarten, während ich beschloß, mit meinem Führer den Aufstieg zum Aschenkegel, welcher eine Stunde in Anspruch nimmt, zu Fuß zurückzulegen. Mein Führer beredete mich, wenigstens einen »ajuto« zu nehmen, einen jungen, kräftigen Burschen, mit einem Strick über der Schulter, an welchem ein Querholz befestigt ist, das man mit beiden Händen faßt und so sich hinaufziehen läßt. Das sollte wiederum 3 Lire 50 kosten. Ich lehnte es ab, der Führer versicherte mir, daß ich ohne ajuto nicht hinaufkommen könne, und als ich den Aufstieg allein unternahm, führte er mich einen Weg, auf dem es freilich für jedermann unmöglich gewesen wäre, hinaufzukommen. Wohl oder übel mußte ich den ajuto bewilligen, und nun, meinte der Führer, könne er ja wohl unten bleiben. Diesen Vorschlag, mich allein einem wildfremden Menschen anzuvertrauen, wies ich mit Entschiedenheit zurück und bestand darauf, daß der Führer mitgehen müsse. Nun ging es den Berg hinauf; ich habe kaum je wieder solche Anstrengung ausgestanden. Der Bursche zog mächtig, ich wollte nicht als Schwächling erscheinen, kam stark hinter Atem und gönnte mir doch keine Ruhepause, zumal der Abend schon herannahte. Endlich waren[237] wir oben, ein unvergeßlicher Eindruck erwartete mich. Der Krater bestand damals aus einem tiefen Tal, in dessen Mitte aus einer kleineren Öffnung unaufhörlich eine mächtige Dampfsäule unter ohrenzerreißendem Lärm emporstieg, alle paar Minuten kam eine Feuersäule, welche zahllose kleine Steinchen hoch über unsere Köpfe schleuderte, vor denen man sich nicht genug in acht zu nehmen hatte. Der ajuto stieg hinab, um einige Kupfermünzen in der glühenden Lava abzudrücken, mir aber war es genug, von dem Rande oben zuzusehen, auf der einen Seite den unaufhörlich dampfenden, stampfenden, knatternden, polternden Berg mit seinem Höllenlärm, auf der andern Seite die weite, blühende, in tiefstem Abendfrieden bei untergehender Sonne liegende kampanische Landschaft. Der Gegensatz ist von unbeschreiblicher Wirkung, aber nur wenige Minuten vermag man sie zu ertragen. Es folgte der Abstieg. Führer und ajuto faßten mich an beiden Armen und nun wurde gesprungen in Sätzen von zehn Fuß Höhe, wobei man jedesmal bis an die Knie in die Asche versank. In wenigen Minuten waren wir unten, ich ritt zurück nach Trecase, fand meine Frau, und so kamen wir wohlbehalten im Albergo del Sol an, einem trefflichen Wirtshause, dessen Wände allenthalben von Malereien der hier absteigenden Maler verziert waren, und dessen wackerer, alter Wirt uns in jeder Beziehung freundlich entgegenkam. Ermüdet suchten wir unser Schlafzimmer auf, und während meine Frau zu Bett ging, saß ich noch lange am geöffneten Fenster, rauchte meine Zigarre und sah zu, wie auch der Vesuv sein Pfeifchen qualmte, von Zeit zu Zeit eine helle Feuergarbe in die Höhe steigen ließ und hier aus der Ferne einen höchst friedlichen Anblick gewährte. Der nächste Tag führte uns von Pompeji an den Ufern des Busento herunter nach den aus der Geschichte der Pythagoräer bekannten Orten Metapont und Tarent, durch eine ehemals blühende, jetzt stark vernachlässigte Gegend. Man könnte, sagte man mir, hier unter der herrlichen südlichen Sonne zwei Ernten im Jahre haben und ist so faul, daß man alle zwei Jahre nur eine hat. Dabei ist die Gegend so von Fieber heimgesucht, eine bloße Folge mangelnder Bebauung, daß man sogar an der Eisenbahnlinie überall Eukalyptus pflanzt, um das Fieber zu[238] bekämpfen. Am Sonntag, dem 2. Oktober, nachmittags, fuhren wir von Tarent nach Brindisi. Um 10 Uhr abends stand ich in Brindisi vor dem Schalter, um Billette nach Korfu zu nehmen, und fragte, wie man ja auch wohl eine überflüssige Frage tut, es sei doch keine Quarantäne zu befürchten. Die niederschmetternde Antwort lautete: Si signore, undici giorni. Elf Tage Quarantäne! Lange ging ich mit meinem Frauchen auf und ab und überlegte, ob wir nicht besser täten, unter diesen Umständen auf Griechenland zu verzichten und durch Italien heimzukehren. Aber das wäre eine Niederlage gewesen, auch war die Sehnsucht nach Griechenland übermächtig, und als wir auf der Straße im Halbdunkel mit einem alten Herrn und zwei jungen Personen bekannt wurden, welche ebenfalls in die Quarantäne gehen wollten und versicherten, daß sie es schon öfter durchgemacht hätten, und daß es nicht so schlimm damit sei, war mein Entschluß gefaßt und ich nahm Billette nach Korfu. Stand uns auch eine Gefangenschaft von elf Tagen bevor, so war es doch griechischer Himmel und griechische Luft und griechische Sprache, die uns umgeben sollten, und wir fuhren getrost in die Nacht hin ein, unserm Schicksal entgegen. Vor uns lag gegen Mittag des andern Tages Korfu mit seinen ragenden Gebäuden und seinem städtischen Leben; uns aber führte der Dampfer weiter, zu einem kleinen Inselchen zwischen Korfu und dem Festlande, Vido genannt, welches nicht wie die Insel Gobino eine bloße Beobachtungsstation, sondern die richtige strenge Quarantänestation ist, ein kleines Inselchen, fünf Minuten lang und ebenso breit, ohne Bäume und Pflanzen, mit einem großen Cholerakirchhof als einzige Sehenswürdigkeit und einem weiten, von hohen Mauern umschlossenen Hofraum mit Kasematten an der Innenseite, in welchen die etwa dreißig internierten Leidensgenossen untergebracht wurden. Unsere Hütte, ein stallartiger Raum mit dürftigster Möblierung, lag neben der des alten Herrn mit den beiden jungen Personen, welche sich auf dem Schiff im Halbdunkel der Nacht mit meiner Frau etwas angefreundet hatten, über deren Zweck und Beruf aber uns kein Zweifel mehr bleiben konnte, nachdem wir sie die halbe Nacht auf ihrer Gitarre hatten[239] klimpern hören; es waren zwei Tingeltangeldamen, an denen nichts schön war als ihre Namen, denn sie hießen »Leontis« und »Penelope«; ihren Begleiter pflegte ich im Gespräch mit meiner Frau noch viele Jahre nach dieser denkwürdigen Begebenheit als den »Tingeltangelvater« zu bezeichnen. Zunächst kostete es einige Mühe, die beiden Dämchen von uns abzuschütteln; wir verlangten und erhielten am andern Tage eine eigene Kasematte, fern von ihnen in der Nähe des stets offenen Eingangstores, wie wir denn überhaupt die einzigen waren, welche unsere Beköstigung für 8 Lire die Person aus dem ersten Hotel in Korfu bezogen. In unserer Hütte krochen zuweilen seltsame Tiere, große Schnecken oder dergleichen an den Wänden, der Wind rasselte in den Schindeln des Daches über uns, und es regnete gelegentlich bis in die Betten hinein. Zur Bedienung war uns ein wüster Kerl, halb griechisch, halb italienisch, namens Domenico, angewiesen; wir ließen den Tisch von ihm immer vor unserer Hütte decken, da Domenico einen Geruch an sich hatte, der die ganze Hütte verpestet hätte. Jeden Morgen ging ein langer, schweigsamer Fischer mit einer Angelrute zum Meer, um einen Fisch für uns beide speziell zu fangen, alles übrige kam aus dem Hotel St. Georges, wo man uns in der Regel schickte, was man dort nicht brauchen konnte. Oftmals führte ich Klage in der Küche, welche außerhalb der Quarantäne lag und durch ein Gitter von uns getrennt war. Man vertröstete uns: »Heute bekommen Sie ein gutes Huhn.« »Es wird wohl wieder Haut und Knochen sein«, sagte ich. »O nein,« hieß es, »wollen Sie es sehen?« Man zeigte mir ein lebendes Huhn. »Was,« sage ich, »zwei Stunden vor der Mahlzeit und noch nicht geschlachtet?« »Nein,« erwiderte der Koch, »dieses ist es auch nicht, ich zeigte es Ihnen nur als Beispiel für das andere.« Die ganze Quarantäne war im Grunde nur eine Komödie, aufgeführt aus Furcht vor den Türken, welche gegen Griechenland Quarantäne gemacht haben würden, hätten die Griechen nicht eine solche gegen Italien eingerichtet. Alle Tage kam Herr Kephalas, il capo della sanita, begleitet von seinen Assistenten, ohne daß er irgend etwas getan hätte, und doch wäre sehr viel zu tun gewesen. Die Toiletten waren in einem Zustand, daß man lieber nach außen unter die Felsvorsprünge ging. Wir[240] wurden elf Tage festgehalten, und doch kam nach sieben Tagen immer ein neues Schiff aus Italien, und die Ankommenden wurden ruhig mit uns zusammengesteckt. Eines Tages mußten wir alle unsere Sachen in die Räucherkammer bringen, überzeugten uns aber, als wir sie wiederholten, daß gar nicht geräuchert worden war; hingegen wurde alles Papiergeld wirklich geräuchert und die klingenden Münzen wurden in einer Flüssigkeit desinfiziert. Das Ganze war ein bloßes Possenspiel, welches nicht nur ziemlich viel kostete, sondern auch unsere für Griechenland bestimmte Zeit um elf Tage verkürzte. Doch konnte ich jeden Morgen ein Seebad nehmen, auf die Gefahr hin, von Haifischen angefallen zu werden, auch ließ ich mir täglich aus Korfu eine griechische Zeitung kommen, die einzige auf dem Inselchen, und da unsere Leidensgenossen, meist armselige Schiffbrüchige und anderes geringes Volk, auf Nachrichten begierig waren, so pflegte ich meine Zeitung vor versammeltem Volke vorzulesen, wodurch ich mir sehr schön die neue griechische Aussprache einüben konnte. Nachmittags hatten wir eine Teestunde und luden dazu Herrn Pignatorre ein, den einzigen Gentleman in der ganzen Gesellschaft. Er war griechischer Konsul in Messina und hatte sich vor der Cholera geflüchtet. Daß wir Tee bei uns hatten, verdankte ich dem Rate unseres Freundes Dr. Engel in Berlin, welcher uns empfohlen hatte, nach Griechenland Tee und Insektenpulver mitzunehmen. Mit beidem waren wir, von Berlin kommend, nach Schandau gelangt, wo die österreichischen Zollbeamten an Bord kamen. Die Einführung von Zigarren in Österreich ist mit solchen Schikanen verknüpft, daß man genötigt ist, zu schmuggeln. Ich hatte alle Taschen meines Überziehers mit Zigarren vollgestopft und hielt ihn ruhig über dem Arm, als die Zollbeamten unser Gepäck revidierten. Ich deklarierte meinen Tee und mein Insektenpulver. »Ja,« hieß es, »da müssen Sie mit uns ans Land ins Zollhaus kommen.« Ich ließ meine Frau an Bord und ging mit den Beamten in die Zollbude, immer den Überzieher mit allen Zigarren über dem Arm. Der Tee war sogleich taxiert; aber das Insektenpulver konnten sie in ihren Büchern nicht finden. Während sie danach suchten, pfiff der Dampfer einmal ums andere[241] Mal, und ich war in größter Angst, daß er mit meiner Frau ohne mich abfahren könnte. Endlich war auch das Insektenpulver gefunden, ich hatte nur wenige Kreuzer zu bezahlen, wollte dieselben schnell in deutschem Geld, denn anderes hatte ich nicht, hinwerfen, aber die Beamten bestanden darauf, daß ich in österreichischem Gelde zahlte, obgleich Schandau noch in Deutschland liegt und das Geld an der nächsten Tür leicht von den Beamten hätte eingewechselt werden können. In dieser Not blieb mir nichts anderes übrig, als die paar Kreuzer von einem Mitreisenden zu leihen und sie ihm in deutschem Gelde zurückzugeben. Soviel zur Charakteristik der österreichischen Zollbehörden. In keinem Lande ist die Verzollung so pedantisch wie in Österreich. Vielleicht ist es die Herbartische Philosophie, welche ja jahrzehntelang in Österreich herrschte, die ihren Einfluß bis in die Zollverwaltung hinein erstreckte. Nun zurück zu unserer Quarantäne und noch etwas zur Charakteristik unserer Tingeltangelfreundinnen. Drei Tage vor dem Ende der Quarantäne kamen Waschfrauen von Korfu auf die Insel, und alle Wäsche mußte gewaschen werden, konnte aber nur ungeplättet zurückgeliefert werden, da auf dem Inselchen keine Plätterei war, und nur Leontis und Penelope konnte man öfters vor ihrer Hütte beschäftigt sehen, ihren Plunder zu glätten. Die Wäsche wurde zurückgeliefert, bei der Revision fehlten ein halbes Dutzend Taschentücher, darunter eines, welches meine Frau als Andenken an eine englische Freundin sehr wert hielt und zurückgeliefert haben wollte. Die Waschdamen schwuren bei allen Heiligen, daß sie alles Übergebene zurückerstattet hätten. Ich aber sagte ganz ruhig: »Meine Damen, ehe Sie das Tüchlein bringen, erhalten Sie kein Geld.« Nach einer halben Stunde brachten sie das vermißte Taschentuch herbei, es war auf das sauberste geplättet. Am 14. Oktober gelangten wir nach Korfu, blieben dort noch einen Tag gut verpflegt im Hotel St. Georges und besuchten die eine Stunde weit entfernte Kanone, einen herrlichen Aussichtspunkt, von welchem aus man rechts noch heute den Waldstrom sieht, an welchem Odysseus ans Land geworfen wurde, und links in der Tiefe zwei kleine Inselchen, Pondikonisi, Mauseinseln genannt, angeblich die von Poseidon aus Zorn[242] darüber, daß sie den Odysseus nach Ithaka gebracht hatten, versteinerten beiden Schiffe der Phäaken, jetzt, wie man mir sagte, zwei Klöster beherbergend, eines für Mönche und das andere für Nonnen, welche sich somit aus der Ferne sehen können, ohne doch je zueinander zu gelangen. Am Nachmittag des 15. Oktober bestiegen wir das Schiff, um südwärts zu fahren. Die Nachtfahrt war sehr unruhig. Meine Frau war nicht zu bewegen, die Kajüte aufzusuchen. So saßen wir, eng aneinandergeschmiegt, die ganze Nacht auf dem Verdeck, den Rücken gegen einen Mastbaum, die Füße gegen einen Vorsprung gestemmt, um nicht umgeworfen zu werden, so stark schaukelte das Schiff. Um 1 Uhr nachts zeigte man mir in der Ferne ein Licht, angeblich auf Ithaka. Am Morgen liefen wir in den Golf von Korinth ein, sahen links Messolunghi liegen, konnten beobachten, wie rechts der Erymanthos, links nach und nach Parnaß, Helikon und Kithairon sich den Blicken zeigten und mir die herrlichsten Erinnerungen meiner Jugendzeit belebten, während meine Frau nach der stürmischen Nachtfahrt sich sehr elend fühlte. Am Abend des 16. kamen wir in Korinth an, stiegen in einer elenden Spelunke ab, wo man nur durch das Zimmer des Kellners in unser Schlafzimmer gelangen konnte, und wurden am Morgen des 17., dem Geburtstag meiner Frau, früh um 5 Uhr durch ein kleines Erdbeben geweckt. Nur zwei Erdbeben habe ich bis jetzt erlebt und gerade genug an ihnen; denn nichts ist grauenhafter, als wenn der Boden, der alles trägt, und auf den wir zu vertrauen gewohnt sind, unter den Füßen schwankt. Das erste genoß ich in Aachen am 26. August 1878, gleichfalls am frühen Morgen, als wir noch in den Betten lagen, es war ein Gefühl, als wenn ein Pferd unter uns galoppierte. Ich sprang aus dem Bett, und schon kam mir George, der im Zimmer nebenan schlief, entgegen und fragte: »Que faites vous là?« Er glaubte, daß ich meine allmorgendlichen Waschungen diesmal mit ungewöhnlicher Heftigkeit betriebe. Wir sahen zum Fenster hinaus, welches auf einen Hof führte, da kamen schon aus allen Hintertüren der Nebenhäuser die Leute herausgestürzt. Das Ärgste ist die Angst, daß der schlimmste Stoß noch nachkommen könnte, und ich gestehe, daß ich den ganzen Tag in großer Angst verbrachte,[243] denn damals, wo ich noch so wenig hinter mir und so vieles vor mir hatte, hing ich sehr am Leben. Glimpflicher war das zweite Erdbeben in Korinth, welches diese Abschweifung veranlaßte. Um 10 Uhr morgens nahm ich mit einem Hochgefühl ohnegleichen zwei Billette Korinth-Athen. Ein Gesellschaftswagen mit Bänken in blauem Samt an den Langseiten nahm uns als einzige Insassen auf, und ich fuhr mit einer Freude, wie ich sie selten genossen habe, über die Eisenbahnbrücke des Isthmos, den Saronischen Meerbusen zur Rechten. Durch Pinienhaine klettert der Zug an den Skironischen Klippen, wie sie jetzt wieder heißen, entlang und fährt an Megara vorbei in weitem Bogen um das letzte Vorgebirge herum, und vor mir lag Athen mit der nach allen Seiten weit sichtbaren Akropolis. In einem der beiden Hotels d'Athenes fanden wir billige und gute Unterkunft und freuten uns, leider nur fünf Tage lang, der Akropolis, des Areopag mit seiner durch die Oresteserinnerungen geheiligten und jetzt schmählich verschmutzten Höhle und all des Herrlichen, was Athen an geweihten Stätten bietet. Die Rückkehr in die Heimat von dieser ersten größeren Reise beschlossen wir trotz der Beschränktheit unserer Zeit über Konstantinopel zu nehmen. Dorthin konnte man entweder direkt oder für denselben Preis auf dem Umwege über Smyrna gelangen. Wir wählten das letztere, schifften uns am 22. Oktober auf einem ägyptischen Khedivedampfer ein, bewunderten vom Piräus aus fahrend in der Abendbeleuchtung das purpurne Meer, wie es Homer nennt, in seiner dunkelroten, ins Blau schimmernden Färbung und mußten am andern Morgen, als wir an Chios vorbeifahrend den ganzen Himmel von roten Wölkchen wie übersät sahen, abermals an Homer und seine rosenfingrige Eos denken, und hielten am Nachmittag vor Smyrna. Den vierstündigen Aufenthalt benutzten wir, um die Stadt und die nächste Umgebung zu besichtigen. Vor weiterer Entfernung von der Stadt warnte uns der Führer, da wir leicht von Räubern aufgegriffen werden könnten. Wir sahen das Türkenviertel mit seinen vergitterten Fenstern und tief verschleierten Frauen und gelangten nur um die Ecke biegend ins Judenviertel, wo alles offen war und die Weiber Angesicht, Nacken und Busen neidlos den Blicken[244] darboten. Dann ging es zum Ladeplatz der Kamele. Eine Reihe dieser geduldigen Tiere waren eines immer hinter dem andern durch längere Stricke aneinandergebunden. Der Reihe nach mußten sie niederknien, wurden mit schweren, hochaufgetürmten Lasten bepackt, dann durch einen kräftigen Fußtritt zum Aufstehen veranlaßt und mußten weiter geduldig stehenbleiben, bis die ganze Reihe beladen war. Dann zogen sie auf der weithin sichtbaren Kamelbrücke über den Melks, von dem Homer den Beinamen Melesigenes trägt, fernhin in das Innere Kleinasiens. Eine weitere, ziemlich unruhige Nachtfahrt führte uns durch die Meerenge zwischen Tenedos und der trojanischen Küste hindurch, wo wir einen unerwarteten Aufenthalt von fünf Stunden hatten. Ein türkischer, mit Passagieren wohlbesetzter Dampfer war in der Nacht auf die Klippen von Tenedos aufgefahren und lag dort fest. Zur Hilfeleistung waren wir nicht eigentlich verpflichtet, da Gefahr nicht bestand; die Passagiere waren ausgestiegen, und man sah, wie sie auf den Klippen von Tenedos sich um ein Feuer geschart hatten. Um jedoch die hohe Prämie zu verdienen, beschloß unser Kapitän, den Dampfer loszuziehen. In stundenlanger Arbeit wurde bei unruhigem Seegang das dickste Tau unseres Schiffes an dem türkischen Dampfer befestigt und ein zweites, starkes Tau von diesem auf unser Schiff herübergezogen. Nach vollendeter Arbeit setzte sich die Maschine unseres Dampfers langsam in Bewegung, die bis dahin schlaff hängenden Taue spannten sich an, ein kräftiger Ruck, ein Krach und noch ein Krach, beide Taue waren zerrissen und die fünfstündige Arbeit war vergebens. Inzwischen hatten wir den Vorteil, die berühmte Insel Tenedos und die noch berühmtere trojanische Ebene, letztere allerdings nur aus der Ferne, in Ruhe betrachten zu können. Da, wie bemerkt, keine Lebensgefahr bestand, so überließen wir den türkischen Dampfer seinem Schicksal und der von Konstantinopel zu erwartenden Hilfe, fuhren den Nachmittag durch die Dardanellen hindurch, an Leander gedenkend, der hier vergebens seine Hero zu erreichen suchte, und an Lord Byron, der wirklich hinübergeschwommen ist, durchquerten in der Nacht das sehr unruhige und nicht ungefährliche Marmarameer und gelangten am Montag wohlbehalten nach Konstantinopel. Fünf Tage konnten[245] wir hier noch weilen, nahmen Quartier in einem ungarischen Hotel zu Pera, besuchten das südlich vom Goldenen Horn sich weit ausdehnende Stambul, Skutari mit den heulenden Derwischen, den Hippodrom und das eine Stunde weiter nördlich am Bosporus gelegene Ortakoi. Auf dem Rückwege standen wir ein Weilchen in respektvoller Entfernung vor dem Palast, in welchem der Sultan Murat gefangengehalten wurde, bis ein Wachtposten auf uns zueilte und uns in gröbster Weise aufforderte weiterzugehen. Da wir keine Empfehlungen hatten, so trafen wir somit überall verschlossene Türen und eine grobe Behandlung an. Amazon.de Widgets Da die Eisenbahn Konstantinopel-Wien, die wir drei Jahre später benutzt haben, damals noch nicht fertig war, so mußte ich meinem Frauchen noch eine letzte nächtliche Seefahrt, den Bosporus herunter und über das gefürchtete Schwarze Meer, bis nach Varna, zumuten. Wir überstanden sie bei leidlichem Wetter in der Nacht auf den 30. Oktober, und meine kleine Frau atmete auf, als wir glücklich die Eisenbahn bestiegen hatten, um durch Bulgarien bis Rustschuk, dann mit dem Dampfer über die hier sehr breite Donau nach dem rumänischen Giurgewo und über Bukarest durch das Eiserne Tor nach Wien und weiter nach Berlin zum Anfang der Vorlesungen zurückzukehren. Auf die Abwechselungen dieser großen und schönen Reise folgten im Winter 1887?1888 ruhige Tage, soweit von Ruhe die Rede sein konnte, in Berlin, wo einerseits der Kreis der Verwandten, andererseits der Universitätskreis viele Unterbrechungen durch das gesellschaftliche Leben mit sich brachten. Die Beförderung zur Professur hatte eine merkliche Erhöhung des Vorlesungsbesuches zur Folge, aber es war eine Professur ohne Gehalt, und so blieben wir in bänglicher Ungewißheit darüber, wie diese wichtige Angelegenheit sich weitergestalten würde. Allmorgendlich ging ich vom Kurfürstendamm durch den Tiergarten und Unter den Linden entlang zur Universität; dort pflegte mich meine Frau nach der Vorlesung abzuholen, und wir gingen zusammen durch den Tiergarten nach Hause denselben Weg, auf welchem um diese Zeit der allmächtige Althoff sich ins Ministerium zu begeben pflegte. Wir begegneten ihm daher häufig, fast regelmäßig,[246] wagten aber natürlich nicht, ihn anzusprechen; da war es denn ein großes Ereignis, daß am 13. Januar Althoff bei unserer Begegnung im Tiergarten stehenblieb und zu mir sagte: »Bald komme ich auch zu Ihrer Sache.« Diese Worte erfüllten mich mit frohen Hoffnungen. Ich ersah aus ihnen, daß es doch bei einer Professur ohne Gehalt nicht sein Bewenden haben sollte. Freilich dauerte es noch sieben Monate, bis diese Hoffnungen sich erfüllen sollten. Größere Reisen wurden in dieser Zwischenzeit nicht unternommen; teils war an den Eindrücken der griechischen Reise unsere Reiselust einigermaßen gesättigt, teils hatten wir auch Grund, bei der Ungewißheit unserer Lage unsere Mittel zu schonen. Tiefen Eindruck machte auf mich, wie auf alle, der am 9. März erfolgte Tod des alten Kaisers Wilhelm. Täglich hatte ich ihn, wenn ich morgens zur Vorlesung kam, an dem historischen Eckfenster sitzen sehen, und machte dann wohl den Scherz, daß er aufpasse, ob seine Privatdozenten auch regelmäßig zur Vorlesung kämen. Auch auf einem Subskriptionsball, dem einzigen, den ich meiner Frau zuliebe mitgemacht habe, wo man stundenlang in großer Toilette dichtgedrängt unter geputzten Herren und Damen stehen mußte, hatte ich wenigstens die Genugtuung gehabt, den lieben alten Kaiser in seiner Loge in aller Ruhe beobachten zu können. ? Jetzt war er dahingeschieden, und sein Leichenbegängnis am 16. März war ein ergreifendes Schauspiel. Am Morgen früh brachte ich meine Frau zu Croners, welche damals am Brandenburger Tor wohnten und bei denen sich eine Menge von Bekannten für diesen Tag angesagt hatte. Ich selbst kämpfte mich dann durch die trotz bitterer Kälte angesammelten Menschenmassen bis zur Universität hindurch, wo mir ein Platz auf dem Balkon angewiesen war, ausgezeichnet, um alles aus der Nähe zu sehen, aber bei 10 Grad Kälte, so daß alles um mich her zitterte und bebte, während ich in meinem aus Rußland mitgebrachten Pelze mich ganz behaglich fühlte. Einen großartigen Anblick gewährte die ganz mit schwarz drapierte Straße Unter den Linden von der Universität bis zum Brandenburger Tor, und einen tiefen Eindruck machte es, als die Trompeter in weitschallenden, langgezogenen Tönen, mit Pause zwischen[247] jedem Ton, durch den Choral »Jesus, meine Zuversicht« das Nahen des Trauerzuges verkündigten. Es folgte der prachtvoll dekorierte Sarg, hinter welchem das Leibpferd des Kaisers geführt wurde. Dann schritt, da der Sohn schon schwer krank lag, der Enkel ganz allein einher, gleich hinter ihm folgten in einer Reihe drei Könige und sodann ein endloser Zug höchster und hoher Würdenträger und Vertreter der Zivilbehörden und der Armee. Nachdem der Zug durch das Brandenburger Tor verschwunden war, arbeitete ich mich durch die Menschenmassen hindurch, stieg am Brandenburger Tor zur Cronerschen Wohnung hinauf, welche ganz von Gästen gefüllt war, und hier schlug mir eine köstliche Atmosphäre von Braten und Kuchen, Wein, Kaffee und den besten Zigarren entgegen, wo denn auch ich, wiewohl spät kommend, mich an Speisen und Getränken von den ausgestandenen Anstrengungen weidlich erholen konnte, ehe ich mit meiner Frau nach Hause ging. Zu Beginn der Sommerferien waren wir in Trier, wohin die Nachricht kam, daß der Minister mir, wenn auch kein etatsmäßiges Gehalt, so doch eine jährliche Remuneration von 2000 Mark bewilligt habe. Da kam uns mit den reichlicheren Mitteln der Gedanke, Spanien zu besuchen. Wir waren zwar weder sprachlich noch finanziell für ein solches Abenteuer vorbereitet, aber beidem ließ sich abhelfen. Sofort kaufte ich zwei Exemplare der Grammatik von Avalos, und während wir uns die Elemente der Sprache spielend aneigneten, fuhren wir über Genf nach Lyon, wohin ich das nötige Reisegeld beordert hatte. Es gab damals in Paris und so auch in Lyon Rundreisebillette, welche mit großer Reduktion wohl gar zum halben Preise durch ganz Südfrankreich und Spanien führten. Auf dem ersten Blatt war das Itinerar angegeben, die andern Blätter enthielten leere Fächer, auf denen nur jedesmal am Schalter der Stempel der Station, welche man verließ, aufgedrückt zu werden brauchte. Wir erwarben zwei dieser Billette, jedes kostete 300 bis 400 Franken, führte dafür aber auch durch alle Teile von Südfrankreich, Spanien und Portugal so vollständig, daß wir manche Partien überspringen mußten, weil unsere Zeit nicht ausreichte,[248] sie abzufahren. Von Lyon führte unser Weg die Rhone hinab über Avignon nach Nîmes, wo das römische Amphitheater besucht wurde, und von dort nach Lourdes, einem Städtchen, welches dem Aberglauben ein unerhört schnelles Aufblühen verdankte. Wir langten gegen Abend an, bestellten Abendessen und durchwanderten, während es bereitet wurde, zwanzig Minuten lang eine ganze Stadt von Logierhäusern, Restaurants und Kaufbuden, welche sich von dem eigentlichen Städtchen bis zu der wunderbaren Grotte und der noch wunderbareren Piszine hinzieht. Dort trafen wir noch am vorgerückten Abend ganze Scharen, um nicht zu sagen Herden von Pilgern, welche, von ihrem Geistlichen angeführt (das Wort ist doppelsinnig), ihren Gebetsübungen oblagen. Noch lebhafter war das Treiben schon in aller Frühe am nächsten Morgen. In der durch ein Gitter abgetrennten Grotte waren Geistliche beschäftigt, die hineingereichten Gegenstände zu weihen, vor der Grotte lagen ganze Scharen auf den Knien, an ihrer Spitze, das Angesicht ihnen zugewendet, kniend mit zum Himmel erhobenen Armen und Blicken, als wenn sie ihn offen sähen, Geistliche; zwischen diesen Gruppen und der Grotte wurden auf Krankenwagen liegend Leidende, Schwerkranke, ja wohl solche vorbeigefahren, bei denen man zweifeln konnte, ob sie noch lebten. Weiter stiegen wir zur Piszine hinab, wo ein frisches Gebirgswasser sprudelte. Wir haben beide davon getrunken, und es hat uns nichts geschadet. Bei der Abfahrt am Mittag war das Kupee von Leuten gefüllt, welche sich über die großen Heilerfolge unterhielten, mit einer solchen Begeisterung, daß wir zu bange waren, ein spöttisches, oder auch nur Unglauben verratendes Gesicht zu machen. Am Abend saßen wir am Ufer der Garonne zu Toulouse, einem Ort, welcher, windig und staubig, keinen angenehmen Eindruck hinterließ. Biarritz ist das schönste Seebad, welches ich kenne. Schroffe, steile Felsmassen bilden die Umgebung, gegen welche das Meer hoch aufschäumend anbraust; an manchen Stellen muß man sich hüten, auf einem Spaziergange durch die steigende Flut abgeschnitten zu werden. Biarritz hat drei Badeorte: le nouveau port, wo sich das allgemeine Badeleben am Ufer und im Wasser mit französischer Ungeniertheit abspielt, le vieux port, ein geschlossenes[249] Bassin, mit ganz ruhigem Wasser, wo ich allmorgendlich mein Schwimmbad nahm, und la côte des basques mit solchem Wellenschlag, daß ein gewöhnlicher Mensch dort gar nicht baden kann, während die baskische Landbevölkerung sich Sonntags mit Lust in den wild erregten Wassern umhertummelt. Die Hauptstrecke unseres Billetts lautete auf San Sebastian ? Madrid; aber zweimal führte von dort eine Nebenstrecke nordwärts bis zum Atlantischen Ozean und wieder zurück, die erste von Miranda nach Bilbao, die zweite von Baños nach Santander. Folgsam stiegen wir in Miranda aus und dampften in schlechten, engen, vollbesetzten Wagen einer Sekundärbahn sechs Stunden lang nordwärts nach Bilbao. Unsere nächste Station war Burgos, eine hochgelegene, kühle Stadt mit einigen Sehenswürdigkeiten, die uns nicht lange aufhielten. Mein wichtigstes Geschäft war, mir einen ganz neuen Fahrplan der spanischen Eisenbahn zu kaufen, aus welchem ich meiner Frau klarmachte, daß, wenn wir heute abend Baños erreichten, uns der Nachtschnellzug die weite Strecke bis nach Santander an der Nordküste Spaniens bringen könne, wohin unser Billett führte. Gesagt, getan. Rechtzeitig kamen wir in Baños, einem ganz kleinen Neste, an, mußten aber erfahren, daß kein Nachtzug fuhr, wiewohl er im Fahrplan verzeichnet stand. »El treno es sospeso!« lautete die einfache Erklärung. Also, wenn in Spanien einmal zu wenig Passagiere sind, so wird der Zug suspendiert, mag er im Fahrplan stehen oder nicht. Es blieb nichts anderes übrig, als bis zum andern Morgen um 6 Uhr zu warten. In einer elenden Bretterbude hinter dem Bahnhof verbrachten wir eine durch Lärm und die Furcht uns zu verschlafen verdorbene Nacht, waren aber pünktlich, wenn auch ohne Frühstück, um 6 Uhr auf dem Perron. Eine fröstelnde, von der aufgehenden Sonne beschienene Gesellschaft von zwanzig bis dreißig Personen wartete mit uns auf den Zug, der von hier als Anfangsstation abfahren sollte. Aber kein Zug zeigte sich; vermutlich hatte sich der Zugführer verschlafen. Endlich, nach einer langweiligen Stunde des Wartens, die bei nüchternem Magen stehend auf dem Perron ausgehalten werden mußte, erschien der Zug. Wir fuhren los, waren aber kaum eine Stunde gefahren,[250] als der Zug mitten im freien Felde hielt. »Was ist geschehen?« fragten alle: »La machina es rotta.« Zwei Stunden lagen wir fern von allen Wohnungen fest und mußten es noch als ein Glück ansehen, daß ein menschenfreundlicher Bahnwärter für Geld und gute Worte einige Eier für uns kochte. Endlich ging es weiter auf einer romantischen Strecke über das asturische Gebirge, und am späten Nachmittage waren wir in einem guten Hotel zu Santander untergebracht, einem besuchten Badeorte, wo wir einige Tage verweilten. Jeden Morgen wanderten wir auf der Höhe am Meere entlang zu den Seebädern, und auch am Abend fehlte es nicht an Zerstreuungen. Eine weite Fahrt führte uns von Santander direkt nach Valladolid. Noch nicht vertraut mit den desperaten Eisenbahnverhältnissen Spaniens, hatten wir versäumt, uns mit Proviant zu versehen, und wären unterwegs beinahe verschmachtet, hätte uns nicht ein freundlicher Mitreisender einige Bissen von seinem Mundvorrat und einige Schluck von seinem Wein abgegeben, den man in Spanien nicht in Flaschen, sondern in Schläuchen mit sich führt. Um 2 Uhr nachts langten wir in Valladolid an und mußten einige Tage darauf zur selben Stunde auch abfahren, denn auf vielen Strecken Spaniens gibt es alle vierundzwanzig Stunden nur einen brauchbaren Zug. Die natürliche Folge ist, daß man entweder gar nicht, oder mindestens vierundzwanzig Stunden an einem Orte weilt, und eine weitere Folge besteht darin, daß man, wie im Orient, so auch in Spanien in den Hotels immer die Pension für einen ganzen Tag nimmt, gestehend aus Zimmer mit Bett, frühmorgens Schokolade mit einer großen plumpen Semmel, dem Gabelfrühstück (almuerzo) mit der unfehlbaren tortilla (Omelette) zu Mittag und einem Diner gegen Abend, bei welchem man nie den garbanzos (sehr dicken grünen Erbsen) entgehen kann. Das Fleisch ist oft von sehr zweifelhafter Beschaffenheit; aber noch viel zweifelhafter ist der à discretion zur Verfügung stehende Tischwein. Ich selbst sah mich durch seine Qualität genötigt, ihn mit Wasser zu mischen, was bei mir damals etwas heißen wollte. Für diese ganze Pension nebst Zimmer pflegten zehn Pesetas, damals soviel wie zehn Franken à Person gezahlt zu werden. Viel war für uns auch in Valladolid nicht zu sehen. Nach einem Spaziergang außerhalb[251] der Stadt zu einem vielbesuchten Vergnügungsort mit schöner Aussicht auf das Gebirge bestiegen wir den Nachtzug nach Madrid. Es war gerade Sonntag, und alles in der Stadt war in Bewegung, da am Nachmittag um 3 Uhr ein großes Galastiergefecht stattfinden sollte. Überall wurden Zeitungen angeboten mit Beschreibungen und Abbildungen der acht Stiere, welche heute getötet werden sollten, und der wichtigsten Matadore, welche hierbei aufzutreten bestimmt waren. Obgleich der Zirkus, die amphitheatralisch aufsteigende und nach oben offene Corrida de Toras 12000 Menschen faßt, waren Billette doch nur noch mit Aufgeld zu haben, wobei die Billette al sol erheblich, vielleicht um die Hälfte billiger sind als die al ombra, freilich für einen Nordländer, bei der glühenden Sonne des Südens, gar nicht in Betracht kommen. Am Nachmittag ergoß sich eine wahre Völkerwanderung zu Fuß, zu Wagen, zu Pferde zum Zirkus hin. In der Mitte befand sich die Arena, wohlweislich von einer doppelten Barriere umgeben, denn es kommt öfter vor, daß der Stier die erste Barriere überspringt, dann aber sofort dadurch, daß eine Tür sich schließt und eine andere nach der Arena zu sich öffnet, in diese zurückgetrieben wird. Die auf dem Programm stehenden Stierkämpfe sind acht aufeinanderfolgende Dramen, jedes von zwanzig Minuten, deren Held der Stier ist. Jedes dieser Dramen besteht aus drei Akten, welche durch die Namen Picadores, Banderilleros und Espada bezeichnet werden. Ein Tor öffnet sich und herein galoppiert der Stier, ein Sinnbild unbändiger Lebenslust, aufgeregt durch die mit roten Tüchern ihn umschwärmenden Matadores und die glänzende und lärmende Versammlung auf den Tribünen. Ihm treten zuerst die Picadores entgegen; sie sind zu Pferde, mit langen Lanzen, die Beine durch Schienen geschützt. Die Pferde sind meist alte Klepper, das dem Stier zugewandte Auge ist verbunden. Der Stier erblickt die zwei oder drei glänzenden Reiter zu Pferde und stürzt auf einen derselben los. Dieser hält ihm seine Lanze entgegen, durch deren Stich der Stier eine Wunde im Nacken davonträgt. Wütend stürzt er sich auf das Pferd und bohrt seine Hörner in dessen Bauch ein. Ist die Wunde nicht schlimm, so wird sie mit Stroh[252] verstopft und das Pferd abgeführt, um am nächsten Sonntag nochmals zu dienen. Häufig aber reißt der Stier dem Pferde den ganzen Bauch auf, die Eingeweide schlottern herunter, ein breiter Blutstrom färbt den Sand der Arena, das Pferd macht noch zwei strauchelnde Schritte und bricht zusammen. Eilig sucht der Picador mit Hilfe der herumschwärmenden Gesellen aus dem Sattel zu kommen, ehe der Stier ihn erreicht. Wiederholt habe ich auch gesehen, wie der Stier mit mächtigem Anlauf Roß und Reiter umstürzt, mit großer Gefahr für den letzteren, so sehr man auch bemüht ist, das Tier von ihm abzulenken. Mancher Picador hat dabei sein Leben lassen müssen und konnte dann kein ehrliches Begräbnis haben; neuerdings aber pflegt man einen Geistlichen bei der Hand zu haben, der dem Sterbenden schnell die letzte Ölung erteilt, worauf dann alles in Ordnung ist. Einen Unfall von Menschen habe ich nicht erlebt, aber ein paar Pferde werden in der Regel von jedem Stier getötet und bleiben zunächst in der Arena liegen. Alle alten Pferde in Spanien sterben den Tod im Stiergefecht; es ist nicht gerade ein Heldentod, aber doch noch ein erträglicheres Schicksal, als es bei uns alten Pferden zuteil wird, wenn sie von Stufe zu Stufe heruntergekommen sind und ihnen, die früher glorreiche Zeiten gesehen hatten, bei der Arbeit, die Erde aus einer Baugrube zu schleppen, das letzte Mark aus ihren armen, alten Knochen herausgepeitscht wird. Im zweiten Akte treten die Banderilleros auf, kräftige, gewandte Burschen, so genannt nach den Banderillos, zwei meterlangen Stäben, die sie in Händen halten, mit Bändern und Blumen umwunden und an der Spitze mit scharfen Widerhaken versehen. Ihre Aufgabe ist, dem Stier die Banderillos, womöglich beide gleichzeitig in den Nacken zu stoßen und schnell durch einen Seitensprung sich in Sicherheit zu bringen, während der Stier vergeblich bemüht ist, die durch ihre Widerhaken sich nur noch tiefer einbohrenden Banderillos abzuschütteln. Einige Male sah ich, wie ein Banderillero, indem er die Banderillos dem Stier in den Nacken stieß, nicht zur Seite sprang, sondern, sich auf die eingebohrten Banderillos stützend, zwischen ihnen durch über den Stier in seiner ganzen Länge hinwegsetzte, eine Heldentat, welche von den Tribünen mit frenetischem Jubel begrüßt wird. Inzwischen[253] fängt der Stier an, schon etwas müde zu werden; auf beiden Seiten des Nackens hängen drei bis vier Banderillos herunter. Ein starker Blutstrom rinnt von ihnen herab, und das alles glänzt in der reinen Madrider Luft, als wäre es mit Firnis überzogen. Es folgt der dritte Akt. Ein einzelner Mann, nur mit einem Degen bewaffnet, tritt dem schon ruhiger werdenden Tiere entgegen; alle seine Bewegungen werden von der Tribüne mit höchster Spannung verfolgt. Einige Zeit spielt er mit dem Stier, wirft mit dem Degen einen der herabhängenden Banderillos von der einen Seite auf die andere herüber und dergleichen, immer mit größter Vorsicht den gelegentlichen Wutanfällen des Tieres ausweichend. Endlich nimmt er einen günstigen Augenblick wahr und bohrt mit einem wohlgezielten Stich den Degen durch den Nacken des Stieres bis ins Herz hinein. Mißlingt der Stich einmal, so wird der Kämpfer von allen Seiten beschimpft und verspottet, gelingt er aber, dann quellen die Augen des Stieres heraus, die Zunge tritt hervor, er klappt seine Beine zusammen und liegt tot im Sande. Jetzt kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Unter dröhnendem Applaus werfen die Herren ihre Hüte, die Damen ihre Fächer in die Arena, welche der glückliche Sieger dankend zurückwirft. Zu seinen Füßen liegt der tote Stier und in der Nähe die vorher von ihm getöteten Pferde. Ein Tor öffnet sich; unter Schellengeklingel jagt ein Viergespann von Rossen in die Arena mit einer Schleife hinter sich. An dieser wird ein Pferd nach dem andern befestigt und weggeschleift. Zuletzt auch der Stier, während Diener geschäftig sind, den Sandboden der Arena zu glätten und die Blutspuren zu tilgen; und in demselben Augenblicke, wo der Körper des Stieres von vier Rossen geschleift durch das Tor verschwindet, öffnet sich an der entgegengesetzten Seite ein anderes Tor, ein neuer Stier stürmt herein und dasselbe Drama wiederholt sich. Wegen hereinbrechender Dunkelheit wurden bei unserer Vorstellung von den acht Stieren nur sieben abgetan, meine Frau konnte schon lange nicht mehr hinsehen; ich hielt vier Tötungen aus; dann hatte auch ich genug und wir verließen den Zirkus. Anders die Spanier. Sie verfolgen mit technischem Verständnisse jede Wendung des[254] Kampfes, und am nächsten Tage werden in spaltenlangen Zeitungsartikeln alle Finten des Stieres und seiner Bekämpfer beschrieben und eifrig diskutiert. Die berühmten Matadore stehen etwa auf derselben Stufe wie bei uns die Jockeis und Zirkushelden; man wird keine Neigung spüren, ihnen näherzutreten, vom Volke werden sie vergöttert. ? Madrid hat bei seiner hohen Lage in der Mitte eines größeren Kontinentes eine ganz eigentümliche, sehr reine und sehr trockene Luft; man sieht viel besser in die Ferne als an andern Orten, aber beim Atmen hat man mitunter das Gefühl eines Fisches, der aufs Trockene gebracht ist; man muß zweimal tief aufatmen, um den Ansprüchen der Lungen zu genügen. Im Winter soll das Klima, namentlich für den Nordländer, geradezu gefährlich sein, und ein spanisches Sprichwort sagt: El aire de Madrid es tan sútil que mata a un hombre y no apaga un candil, Die Luft von Madrid ist so fein, daß sie einen Menschen tötet und ein Licht nicht auslöscht. Ich konnte mich von der Wahrheit des Spruches überzeugen, indem ich eine brennende Kerze auf unsern Balkon setzte, welche von dem Luftzug nicht ausgeweht wurde. Nur aus der Ferne haben wir vom Königsschlosse aus in der Tiefe den Manzanares gesehen, häufiger besuchten wir das Museo Real mit seinen herrlichen Bildern von Murillo und Velasquez. Ein besonders interessanter Ausflug führt mit der Bahn über das Lustschloß zu Aranjuez nach Toledo, einer merkwürdige Altertümer einschließenden Stadt, welche auf der Höhe liegt und auf drei Seiten vom Tajo umflossen wird. An den Bauten dieser Stadt hat man oft nebeneinandergebaut, es gibt Häuser und Paläste von altrömischer, westgotischer, arabischer und modern-spanischer Architektur. Eine lange, ermüdende Fahrt führte uns von Madrid direkt nach Lissabon. Ein deutscher Schnellzug würde die Strecke leicht in zwölf Stunden zurückgelegt haben; unser Zug gebrauchte dazu von 9 Uhr morgens, durch zufällige Verzögerungen aufgehalten, den ganzen Tag und die Nacht, so daß wir erst um 6 Uhr früh in Lissabon einliefen. Die durchfahrene Strecke war nur teilweise[255] interessant. Wo die Bewässerung nicht ausreicht, da hat man in Spanien wie auch in andern Ländern des Südens nur felsigen Boden oder dürres Heideland. Gelegentlich hingegen durchfuhren wir unabsehbar sich ausdehnende Waldungen von Ölbäumen. Das spanische Olivenöl steht freilich hinter dem italienischen erheblich zurück, da man in Spanien mehr Wert auf die Quantität als auf die Qualität des Olivenöls legt. In Lissabon fanden wir Unterkunft in dem kleinen, aber behaglichen Hotel Marius. Nachdem wir abgelegt hatten, zog es uns in der herrlichen Morgenfrühe ins Freie, und wir bestiegen eine Pferdebahn, um auf ihr zu einer benachbarten Anhöhe zu gelangen. Ich wollte statt in den portugiesischen Milreis in spanischen Pesetas und Centesimos bezahlen. Dieses wurde vom Schaffner mit Entschiedenheit abgelehnt; und es blieb uns nichts anderes übrig, als wieder abzusteigen. Das portugiesische Geld läßt die spanischen Sovereigns und Half-Sovereigns als vollgültiges, zum festen Kurse angenommenes Zahlungsmittel zu, nicht aber die Münzen des nächsten Bruderlandes, wie denn überhaupt zwischen Spaniern und Portugiesen keine sonderlich freundschaftlichen Beziehungen zu bestehen schienen. Die Sprachen sind so nahe verwandt, daß ich eine portugiesische Zeitung ohne weiteres lesen konnte; aber die Aussprache des Portugiesischen ist nicht so rein und klar wie die spanische, sondern durch Zischlaute und Nasenlaute dermaßen entstellt, daß ich nur wenig davon verstehen konnte. Bei der langen Nachtfahrt war ein alter Herr zu uns eingetreten, mit welchem ich ein Gespräch anknüpfte. Er wollte über Bismarck und ähnliche Themata das Nähere erfahren, da er aber nur portugiesisch sprach und ich nur spanisch, so mußten wir es aufgeben, uns zu verständigen. Ähnlich erging es mir zu Lissabon auf dem Markte, wo ich mich über Früchte von einer nie gesehenen Größe, es werden Kürbisse gewesen sein, unterrichten wollte, aber nur einen Heiterkeitserfolg erreichte, da die bäurischen Verkäuferinnen, denen noch nie ein Mensch vorgekommen sein mochte, der kein Portugiesisch verstand, bei meinen vergeblichen Versuchen, mich verständlich zu machen, jubelnd einander zuriefen: »No entiende!« und sich vor Lachen ausschütten wollten.[256] Unsern kurzen Besuch in Lissabon benutzten wir, um zu der Wasserleitung hinaufzusteigen, von wo man eine herrliche Fernsicht genießt, so ähnlich der Wasserleitung auf der Höhe vor Christiania, daß die Erinnerungen an beide sich bei mir untrennbar verflochten und gegenseitig vermischt haben. Bei der Rückkehr durch die Stadt bemerkte ich eine ehemalige Kirche, welche von dem Erdbeben des Jahres 1755 her noch heute in Trümmern liegt, sei es, um das Andenken an jene Katastrophe zu erhalten, sei es aus Armut oder Nachlässigkeit, an welchen in Portugal trotz seines natürlichen Reichtums kein Mangel ist. Im allgemeinen ist allerdings alles, die Hotels, die Eisenbahnen, das Essen und der Wein und vieles andere, in Portugal merklich besser als in Spanien, dadurch aber um ein gutes Teil weniger charakteristisch und interessant. Der Gegensatz beider Länder scheint ein ähnlicher zu sein, wie der zwischen Japan und China, von denen ich mir allerdings nur eine Vorstellung machen kann nach den Personen aus beiden Ländern, die mir gelegentlich im Leben begegnet sind. Der Zug von Lissabon führte uns über die Universitätsstadt Coimbra, deren Studenten nicht wie bei uns durch Mützen, sondern dadurch kenntlich sind, daß sie ohne Kopfbedeckung gehen, nach der großen und reichen Stadt Porto, welche sich auf beiden Ufern, namentlich dem nördlichen, des tief unten fließenden Duero erstreckt. Eine Eisenbahnbrücke führt im kühnen Bogen über das Flußtal, von welcher aus man unten in der Tiefe Straßen, Wagen und Fußgänger wie ein Ameisengewimmel erblickt. Besonders interessant war es, unter Führung des jungen Otto Burmester, eines dort ansässigen Verwandten meiner Frau, die der Familie gehörigen Lager von Portwein zu besuchen, welcher nicht in Kellern, sondern in Schuppen auf der der Sonne weniger ausgesetzten Südseite von Porto aufgestapelt liegt. Wir stiegen das steile Ufer zum Duro hinab, setzten in einem Kahn über und gelangten auf der andern Seite zu den Portweinschuppen. Unterwegs erfuhren wir, daß der Portwein, um haltbarer zu sein, mit Alkohol versetzt werden muß, daß aber dieser Alkohol durch Destillation von Wein gewonnen wird, da Weintrauben in ungeheurem Überflusse in der Gegend oberhalb Porto wachsen.[257] Unser junger Freund ermahnte uns, beim Probieren der verschiedenen Weinsorten vorsichtig zu sein. »Manch einer,« sagte er, »wenn er nachher wieder ins Freie tritt, ist nicht mehr imstande, den Weg nach Hause zu finden. Nehmen Sie den Wein in den Mund, um seinen Geschmack zu haben, aber schlucken Sie ihn nicht herunter, sondern spucken Sie ihn aus!« Und so führte er uns von Faß zu Faß, zu immer edleren Sorten, solchen mit einem Stern, zwei Sternen, drei Sternen, von denen eine Flasche in Porto selbst schon fünf Franken kostet. »Von diesem«, meinte Otto Burmester, »können Sie schon einmal etwas reichlicher trinken.« In sehr animierter Stimmung kehrten wir in die Stadt zurück. Dieser Otto Burmester, das jüngste Mitglied einer zahlreichen Familie, liebte eine junge Portugiesin, schön, reich und aus einer angesehenen Hidalgofamilie, konnte auch ihre Hand erlangen, aber nur unter der Bedingung, daß er vom Protestantismus, dem die übrige Familie angehörte, zum Katholizismus übertrat. Dieser Fall wurde gerade damals in der Familie lebhaft diskutiert, und Fräulein Elisabeth, Tochter eines Malers in Kassel, die gerade in Porto auf Besuch weilte, fand es empörend, daß ihr Cousin um äußerer Vorteile willen seinen Glauben wechseln wollte. Ich war anderer Meinung. Diese Mitglieder einer kleinen deutschen Kolonie in einem fremden fernen Lande können es nicht vermeiden, mit der portugiesischen Bevölkerung nach und nach zu verwachsen, und wenn sie bei der Wahl einer Gattin auf den eigenen engen Kreis oder auf unzulänglich bekannte Personen aus der deutschen Heimat beschränkt bleiben sollen, so entstehen daraus größere Mißverhältnisse, als durch den Übertritt von einer christlichen Konfession zur andern. Man begegnet häufig der Meinung, daß ein Wechsel der Konfession aus äußeren materiellen Gründen verwerflich, geschieht er aber aus Überzeugung, zu billigen sei. Ich bin gerade der entgegengesetzten Ansicht. Wer aus vermeintlicher Überzeugung seine Religion wechselt, der kann mir leid tun, denn er klebt an der Außenfläche, da nur auf dieser die konfessionellen Unterschiede beruhen. Wenn aber jemand, um wertvolle Erfolge zu erlangen, genötigt ist, die Schale, in welcher der für alle Menschen identische Kern der Religion eingebettet ist, mit einer andern Schale,[258] mag sie nun etwas mehr oder weniger unvollkommen sein ? unvollkommen sind sie alle ?, vertauscht, dem kann ich dies, wie es zum Beispiel der Fall bei Winckelmann war, durchaus nicht verdenken. Ähnlich stand es auch mit Otto Burmester. Er ist übergetreten, hat seine Hidalgotochter geheiratet und ist, soviel ich weiß, mit ihr sehr glücklich geworden. Wir fuhren dann durch Portugal und einen großen Teil Spaniens bis nach Cordoba, dem Geburtsorte des Philosophen Seneca, an welchem noch heute eine der berühmtesten mohammedanischen Moscheen die größte Sehenswürdigkeit bildet. Ein Wald von mehr als hundert Säulen trägt die nicht sehr hohe Decke dieses in schönster islamischer Architektur ausgeführten Gebäudes, das vollständig erhalten ist bis auf den innersten, allerheiligsten Raum, in dem Karl V. gestattet hatte, eine christliche Kirche einzubauen. Als er später sah, was man hier angerichtet hatte, soll er gesagt haben: »Ihr habt hier gebaut, was ihr oder jeder andere hier oder überall hätte bauen können, und ihr habt zerstört, was nie wieder hergestellt werden kann.« In Cordoba versäumten wir auch nicht, die Brücke über den schon hier ansehnlichen Guadalquivir zu besuchen und freuten uns darauf, diesem Hauptflusse des südlichen Spaniens später noch einmal in mächtiger Entfaltung in Sevilla begegnen zu dürfen. Vorher aber führte uns unser Billett nach Granada, das nach Reichtum und Schönheit der Natur den Glanzpunkt der ganzen Reise bildete. Die Stadt selbst ist groß und allem Anschein nach sehr wohlhabend, aber nirgendwo in Spanien ist die Bettelei so entwickelt wie hier; ich erinnere mich, wie wir beim Überschreiten eines größeren Platzes, der zu unserm Hotel führte, nicht weniger als fünfmal unterwegs angebettelt wurden. In diesem Hotel verbrachten wir eine sehr unruhige Nacht, nicht nur, daß man von der Straße her bis tief in die Nacht hinein das Klappern der Kastagnetten anhören mußte, als dieses endlich verstummte, hatte sich eine Gesellschaft von Katzen auf dem Boden über uns zusammengefunden. Ihr greuliches Gemaue hatte den Hausknecht geweckt, der nun über unsern Köpfen polternd und fluchend eine Jagd nach den Katzen unternahm, so daß wir bis gegen Morgen keine Ruhe fanden; und noch oft habe ich an dieses »Nachtlager[259] von Granada« mit Katzenmusik zurückdenken müssen. Um so herrlicher war der Spaziergang, den wir am nächsten Morgen zu der eine halbe Stunde von der Stadt entfernten Alhambra hinauf unternahmen. Hier, wo von den Schneebergen im Süden unaufhörlich Wasser herabrieselt, hat sich eine in üppigster Fülle prangende Vegetation entwickelt. Ich weiß nicht, was ich mehr rühmen soll: die wohlerhaltenen, glänzend weißen, bunt verzierten Bauten mit ihren Türmen und Toren, Bädern, Hallen und Gängen, oder die herrliche Umgebung, auf der einen Seite in der Tiefe die reiche blühende Stadt, auf der andern die Sierra Nevada, die »beschneite Säge«, die mit ihren schneebedeckten Berggipfeln und Hörnern in den dunkelblauen Himmel hinaufragt. Unter den vier schönsten Ansichten, die ich in meinem Leben genossen habe, nimmt neben Akrokorinth, Taormina und Neapel die Aussicht von der Alhambra aus eine ebenbürtige Stelle ein. Am 17. Oktober führte uns der Zug von Granada nach Sevilla. Nach Granada machte es trotz der großen Kathedrale, die übrigens wegen Reparaturen nur wenig zugänglich war, keinen so großen Eindruck, wie ich ihn von der Berühmtheit des Namens erwartet hatte; doch gab es hier manch merkwürdige Dinge zu sehen. Wir versäumten nicht, der großen, durch Carmen weltberühmt gewordenen Zigarettenfabrik unsern Besuch abzustatten. In einem unabsehbar großen Saale, zu dem man durch ein kleines Geschenk leicht Zutritt erhält, saßen Hunderte von jungen Weibern in lustigstem Gespräche mit Zigarettendrehen beschäftigt, während zu ihren Füßen im Tabakstaub die zugehörigen Babys spielten. Von allen Seiten wurden wir beobachtet und angeulkt. So streckte mir ein junges Weib die Hand entgegen, ich aber, statt ein paar Centesimos hineinzulegen, schüttelte ihr die Hand wie zum Gruße, was dann als ein guter Witz aufgenommen und mit schallendem Gelächter belohnt wurde. Die Kehrseite und das notwendige Ergänzungsstück zu dieser großen Zigarettenfabrik bildet la Cuna, das große Findelhaus in der etwas entlegenen Calle de la Cuna. In einer hohen Mauer, welche das Findelhaus von der Straße abschließt, befindet sich eine kleine Nische, in dieser ein drehbares Polsterbettchen, nach der[260] einen Seite offen, nach der andern geschlossen. Ein Weib, welches sein Kindchen loswerden will, braucht nur die offene Seite nach außen zu drehen, den Säugling auf das Polster zu legen und das Ganze so umzudrehen, daß es nach der Straße geschlossen, nach innen offen ist; durch das Gewicht des Kindes wird eine elektrische Klingel in Tätigkeit gesetzt, das Kind wird abgeholt, ohne daß die Mutter befragt oder auch nur gesehen werden kann. Um auch die inneren Einrichtungen zu sehen, begaben wir uns am nächsten Morgen früh in das Findelhaus, wo in einem großen Saale in hängenden Wiegen wohl fünfzig Babys sich befanden. Einige waren eben erwacht, weckten durch ihr Geschrei die übrigen und es gab ein ohrenzerreißendes Konzert. Man führte uns in einen andern Raum, wo man mit Selbstgefühl die schönen Kleider zeigte, die für die heranwachsenden Kinder bestimmt sind; auch von diesen sahen wir eine Anzahl, aber sie sahen nicht sehr glücklich aus. Die Straßen von Sevilla machen trotz der zahlreichen Bevölkerung oft einen öden Eindruck, da die Häuser ähnlich wie im Altertum nach außen, um die Hitze abzuwehren, keine Fenster, sondern nur eine Tür haben, während die Fenster sich nach dem vom Gebäude umschlossenen Hofraume öffnen. Da unsere Zeit gemessen war, so mußten wir die ungeheure Strecke von Sevilla im Südwesten bis Barcelona im Nordwesten Spaniens ohne Unterbrechung zurücklegen. Ein Nachtzug führte uns von dort über die Grenze und weiter nach Norden bis Paris, wo wir am späten Abend ankamen und am andern Morgen sogleich weiter über Aachen und Hüsten nach Berlin fuhren, um rechtzeitig zum Anfange der Vorlesungen des Wintersemesters einzutreffen. Am Morgen nach meiner Ankunft war mein erster Gang nach der Universität, um alles vorzubereiten. Am Brandenburger Tor begegnete mir Freund Althoff. »Nun,« sprach er, »was machen die Vorlesungen?« ? »Sie werden morgen beginnen, Herr Geheimrat.« ? »Donnerwetter, sie sollten am 15. beginnen, und wir haben schon den 30.« ? »Aber alle fangen doch jetzt erst an.« ? »Ja, ja, ich weiß wohl, sie machen es alle so, und ich werde[261] wohl wieder einmal ein Nötchen ergehen lassen müssen.« ? Damit verließ er mich, ich aber dachte bei mir und denke noch heute, daß ein solches Nötchen sich richtiger an die Adresse der Studenten wenden sollte. Solange diesen nicht auferlegt wird, bis zu einem bestimmten Tage zu belegen, kann man nicht erwarten, daß sie lange vor diesem Termin eintreffen. Es ist aber nicht nur für den Dozenten peinlich, sondern auch für die Zuhörer sehr nachteilig, wenn die ersten, oft grundlegenden Vorlesungsstunden vor halb leeren Bänken abgehalten werden müssen. Ebenso bedauerlich und nur aus einer unglaublichen Kopflosigkeit des Ministeriums wie der Dozenten ist es mir erklärlich, daß neuerdings das Abtestieren am Schlusse der Vorlesungen abgeschafft worden ist. Der Geist ist ja willig, aber das Fleisch ist schwach, und vielen Studenten genügt der geringste Anlaß, mag es sich um den Geburtstag der Großmutter oder um die Verlobung einer Kusine handeln, vor dem Schlusse der Vorlesung, in der man noch so manches ans Herz zu legen hätte, zu verschwinden. Das Wintersemester verlief wie sonst. Am 2. März aber erhielt ich aus Kiel einen Brief von Glogau, welcher mir mitteilte, daß ich für die durch Krohns Tod erledigte ordentliche Professur an erster Stelle vorgeschlagen sei. Die Sache freute mich als Zeichen der Anerkennung, aber ich dachte nicht entfernt daran, mein geliebtes Berlin zu verlassen und einem Rufe in die Provinz Folge zu leisten. Ich besprach die Sache mit Zeller und setzte ihm auseinander, wie für meine Sanskritstudien und literarischen Pläne Berlin der weitaus geeignetste Ort sei. Er erklärte, meine Bedenken gegen eine Versetzung vollkommen zu würdigen, fügte aber hinzu, daß die Annahme einer derartigen Proposition, wenn sie sich biete, der beste Weg sei, um in der Karriere weiterzukommen. Bald beschied mich auch Althoff ins Ministerium und machte mir den verlockenden Vorschlag, mit einem Anfangsgehalt von 4200 Mark nach Kiel zu gehen. Nachdem ich ihm meine Gründe, den Ruf abzulehnen, dargelegt hatte, fragte er mich, welchen von den beiden andern Vorgeschlagenen, Rehmke in Greifswald oder Natorp in Marburg, ich für den Geeigneteren halte. Ich erklärte, darüber nicht ausreichend informiert zu sein, versprach aber, die Frage zu studieren und ihm[262] ein schriftliches Gutachten darüber einzureichen. Ich verschaffte mir sogleich Rehmkes Buch mit dem von Schopenhauer erborgten Titel: »Die Welt als Wahrnehmung und Begriff«, sowie Natorps Schrift über Descartes, und verfaßte ein ausführliches Gutachten, in welchem ich erklärte, daß beide für die Stelle geeignet seien. Wir traten unsere Osterreise an, die uns nach Naumburg führte, wo im Hause der Mutter Nietzsche große Trauer herrschte, da zu Anfang des Jahres Nietzsche infolge der unnatürlichen Lebensweise, ver bunden mit übermäßigen geistigen Anstrengungen, in Turin plötzlich geistiger Umnachtung verfallen war. Sein Freund Overbeck hatte ihn dort abgeholt und zunächst nach Naumburg in das Haus der Mutter gebracht. Täglich führte diese ihn an ihrem Arm spazieren; und da meine Ankunft gemeldet war, kam sie mit dem Sohn zum Bahnhof, um mich abzuholen. Während meine Frau mit Frau Pastor Nietzsche ging, faßte ich den Arm des Freundes, und er ließ es sich gefallen. Unterwegs brachte ich das Gespräch auf allerlei Themata, so auf Schopenhauer. Mit heiserer, stockender Stimme sagte er in einem Tone, als wenn er die größte Wahrheit verkündigte: »Arthur Schopenhauer ist in Danzig geboren.« Ich erzählte von unserer spanischen Reise. »Spanien,« rief er, »da war ja auch der Deussen.« ? »Ich bin ja der Deussen«, erwiderte ich. Er sah mich verständnislos an. Er fühlte, daß ein Freund an seinem Arme ging, er hatte auch in abstracto die Erinnerung an seinen Freund Deussen behalten, aber er konnte beides nicht mehr zusammenbringen. Bei einem späteren Besuch war Nietzsche schon der Anstalt von Binswanger in Jena übergeben worden. Auf Wunsch der Mutter reiste ich dorthin, wurde aber nicht zu ihm gelassen, sondern nur von dem behandelnden Arzt empfangen und über seinen Zustand unterrichtet. Noch einmal habe ich ihn am 15. Oktober 1894, an seinem 50. Geburtstag, in Naumburg, wohin er als unheilbar zurückgebracht worden war, besucht. Er saß dort still und teilnahmslos ohne jemanden zu beachten, nur die mitgebrachten Blumen erregten für kurze Zeit sein Interesse, und der ihm vorgelegte Kuchen wurde gierig verzehrt. Der Anfang des Jahres 1889 hatte für die Familie Nietzsche neben der Erkrankung des Sohnes fast gleichzeitig ein zweites[263] Unglück herbeigeführt, indem die Schwester Elisabeth, welche ich schon von Pforta aus als interessantes, lebhaftes, höchst anmutiges Mädchen von siebzehn Jahren kennengelernt hatte, von einem plötzlichen Ruin ihrer Existenz betroffen wurde. Als siebenunddreißigjähriges Mädchen hatte sie den durch seinen exzentrischen Antisemitismus bekannten Dr. Bernhard Förster geheiratet, um als seine Gattin, gefolgt von einer Schar deutscher Kolonisten, der von Förster in Paraguay gegründeten deutschen Kolonie Nueva Germania vorzustehen. Beide kamen bei ihrer Abreise nach Amerika, Ostern 1886 nach Berlin, Förster im strengen Inkognito, da er allerlei Beleidigungen gegen Minister und andere staatliche Würdenträger auf dem Kerbholz hatte. Die Kolonie nahm einen glänzenden Anfang; Eli Förster-Nietzsches Briefe, welche, wenn ich die Mutter in Naumburg besuchte, vorgelesen wurden, wußten nicht genug zu erzählen von der arbeitsreichen, aber hoffnungsvollen Kolonie, von deren Mitgliedern sie und ihr Gatte wie König und Königin verehrt wurden. Ich freute mich dann dieser Nachrichten, mußte aber im stillen diese Kolonie mit einem Pflänzchen vergleichen, welches in einen fremden Boden versetzt wird, und von dem man mit teilnehmender Spannung abwartet, ob es emporblühen oder hinwelken und zugrunde gehen wird. Leider war nach kaum drei Jahren das letztere eingetreten. Dr. Förster, überaus rührig und energisch wie er war, hatte, von einem anstrengenden Ritte erhitzt, ein Bad im Flusse genommen, wobei ein Herzschlag seinem Leben ein Ende machte. Mit getäuschten Hoffnungen, wie eine Schiffbrüchige, kehrte Eli in die Heimat zurück, gerade um die Zeit, wo der Bruder einer unheilbaren Geisteskrankheit verfallen war. Aber ungebrochen durch diese beiden Schicksalsschläge, wußte sie sich eine neue und schöne Lebensaufgabe zu gestalten, indem sie mit der ihr eigenen Energie sich der Herausgabe der Werke und des Nachlasses ihres Bruders widmete, wie auch dessen Leben beschrieb, wovon später noch zu reden sein wird. Von Naumburg hatte Ostern 1889 unsere Reise über Marburg und Frankfurt nach Wiesbaden geführt, wo mein Schwager Franz zur Erholung in einem Sanatorium weilte; dann waren wir zum Besuche von Verwandten und Freunden über Kreuznach[264] und Trier nach Aachen, Heinsberg, Sonnborn und Hüsten gefahren und von dort zu den Vorlesungen wohlbehalten wieder in Berlin eingetroffen. Am Montag, dem 16. Juni, kehrten wir von einer Pfingstreise zur Pariser Weltausstellung nach Berlin zurück, und ich erfuhr mit einem gelinden Schreck, daß Althoff mich schon auf den Tag nach dem Pfingstfeste ins Ministerium beschieden habe. Sofort nach der Vorlesung am folgenden Tage stürzte ich dorthin und entschuldigte mich bei dem Gewaltigen damit, daß ich verreist gewesen sei. Er war, wie gewöhnlich, sehr aufgeregt und geradeheraus, ohne daß es darum eben bösgemeint gewesen wäre. »Sie waren verreist?« sprach er, »hatten Sie denn Urlaub?« ? »Ja, muß man denn Urlaub haben, um zu Pfingsten zu verreisen?« ? »Nun, Sie werden es noch erleben, daß ignorantia legis nocet! Also, warum wollen Sie nicht nach Kiel gehen?« ? Ich setzte ihm meine Gründe nochmals auseinander, aber er polterte heraus: »Alle wollen sie in Berlin bleiben, Paulsen will nicht weg, nun wollen auch Sie nicht weg! Wenn Sie nicht nach Kiel gehen, so werden wir Sie schlecht behandeln, Ihnen Ihre Remuneration entziehen und dergleichen!« ? »Ja, Herr Geheimrat, wenn Sie mich zwingen, so werde ich freilich hingehen müssen.« ? »Wer zwingt Sie!« rief er zornig aus. ? »Nun, Sie sagen ja, Sie wollten mir meine Remuneration entziehen.« ? »Ach was«, sagte er, und machte eine Handbewegung, welche besagen sollte, daß dies nicht ernst gemeint gewesen sei. ? »Wenn Sie denn nicht nach Kiel gehen wollen, welchen von den beiden außer Ihnen Vorgeschlagenen bringen wir dorthin, Rehmke oder Natorp, welcher ist der Geeignetere?« ? »Herr Geheimrat,« versetzte ich, »ich hatte Ihnen ja über beide ein ausführliches schriftliches Gutachten eingereicht.« ? »Ach, was weiß ich noch, was Sie geschrieben haben, also wie beurteilen Sie die Sache?« ? Ich wiederholte kurz mein Urteil, und er entließ mich mit den Worten, daß er zunächst noch einmal Glogau aus Kiel kommen lassen wolle, um diesen zu hören. Einige Tage darauf kam Glogau nach Berlin. Ich empfing ihn am Bahnhof, lud ihn in mein Haus ein und freundete mich mit ihm in jeder Weise an. Die rauhen Seiten seiner[265] ostpreußischen, treuen, aber kratzbürstigen Natur traten damals nicht im Verkehr mit mir, sondern nur gegenüber Althoff hervor, der sich denn auch später einmal bei mir ebensosehr über Glogau beklagte, wie Glogau über ihn. In eingehender Weise schilderte mir Glogau die Verhältnisse der Kieler Universität und stellte sie in so rosigem Lichte dar, daß ich anfing, Lust zu bekommen. Meine Wissenschaft, sagte ich mir, kann ich, da meine Aufgabe nicht in dem Frondienste des Herausgebens unedierter Manuskripte besteht, ebensogut wie in Berlin auch in Kiel betreiben, ja noch besser, da dort alle Ablenkungen der Großstadt wegfallen, die provinzialen Freuden der Geselligkeit und öffentlicher Vergnügungen meinen durch so viele Erlebnisse verwöhnten Geschmack nicht sonderlich reizen werden, und man viel wird arbeiten können, schon, weil man nicht viel mehr als arbeiten kann. Dann muß ich gestehen, daß auch der Eindruck, den der Besuch der Sommervorlesung auf mich machte, mir den schweren Entschluß wesentlich erleichterte. Es ist doch elend, sagte ich mir, all sein bestes Können einzusetzen und dann erleben zu müssen, daß der Vorlesungsbesuch eines einfachen Extraordinarius, der ich war, ohne Berechtigung zum Mitwirken im Staatsexamen und Doktorexamen, merklich zurückgeht, sobald ein neuer Ordinarius von dem Namen eines Harnack in die Universität eintritt. Es ist doch nicht übel, dachte ich, aus der Klasse der Beherrschten in die der Herrschenden überzutreten, sowenig auch das bißchen Herrschaft, welches Fakultäten und Konsistorien sich zu erhalten gewußt haben, in dem Bereiche meiner Prätensionen liegt, welche ihre Befriedigung auf einem ganz andern Gebiete suchen. Der August des Jahres 1889 war gekommen; wir verzichteten auf eine größere Reise, schon weil ich im September den Orientalistenkongreß in Stockholm und Christiania zu besuchen gedachte, und fuhren nach Kiel. Hier stiegen wir für drei Wochen im Hotel Bellevue ab, genossen den angenehmen Umgang mit Professor Glogau sowie mit dem gleichfalls zu Bellevue in der Sommerfrische weilenden Onkel meiner Frau, Kammergerichtsrat Volkmar nebst Familie, und sahen uns nach einer passenden Wohnung um. Wir mieteten den ersten Stock im Hause Hohenbergstraße 11, nachdem der Besitzer mir versprochen hatte, für ruhige[266] Verhältnisse zu sorgen, ein Versprechen, welches so schlecht gehalten wurde, daß ich halb aus Verzweiflung ein Jahr später mich entschloß, ein eigenes Haus zu kaufen. Nachdem wir in Kiel alles für unsere Übersiedelung vorbereitet hatten, kehrten wir auf dem Umwege über Hüsten nach Berlin zurück, und ich rüstete mich zum Besuch des Orientalistenkongresses. Die Orientalistenkongresse, wie sie abwechselnd in Zwischenräumen von zwei und drei Jahren stattzufinden pflegen, habe ich seit jener Zeit in Stockholm und Christiania 1889, in London 1892, Genf 1894, Paris 1897, Rom 1899, Hamburg 1902, Algier 1905, Kopenhagen 1908 und Athen 1912 regelmäßig besucht und habe meine Gründe, sie zu schätzen. Dort werden wichtige wissenschaftliche Unternehmungen angeregt und in die Wege geleitet, dort hat man Gelegenheit, seine neuesten Arbeiten sogleich dem Kreise, für den sie bestimmt sind, bekanntzugeben, und wenn auch die gehaltenen Vorträge nicht alle auf gleicher Höhe stehen, so ist noch wertvoller als sie die persönliche und freundschaftliche Berührung mit den Fachgenossen, welche der in den Schriften unvermeidlichen Polemik ihre Schärfe benimmt, so daß im Lager der Orientalisten, wenigstens in dem der Sanskritisten, ein Ton herrscht, an dem sich andere wissenschaftliche Kreise wohl ein Beispiel nehmen können. So war es auch in Skandinavien. Schon in Kopenhagen traf ich mit Weber und andern alten Freunden zusammen, wir fuhren nach Malmö hinüber und waren, was den Transport und teilweise auch die Verpflegung betrifft, von da an Gäste des schwedisch-norwegischen Staates. Ein bereitstehender Extrazug führte uns in der Nacht und am folgenden Tage von Malmö direkt nach Stockholm, wo wir am Nachmittage eintrafen und Wohnung fanden. Am nächsten Tage eröffnete König Oskar in eigener Person, mit einer vortrefflichen französischen Ansprache, die Sitzungen, wie er denn auch weiterhin nicht selten denselben beiwohnte und bei der Schlußsitzung in Stockholm der Wissenschaft die Huldigung zollte, daß er eine lateinische Ansprache hielt, welche mit einem kräftigen »Dixi!« schloß und mit lauten Beifallsbezeigungen aufgenommen wurde. Am Eröffnungstage folgten wir einer Einladung des Königs nach[267] Drottningholm. Drei Schiffe standen bereit, die Kongreßteilnehmer aufzunehmen und zu dem herrlichen Palaste des Königs zu führen, wo im oberen Stock ein reiches Büfett für Speise und Trank sorgte, während in dem unteren Saale der König, begleitet von dem Grafen Landberg, sich zwanglos unter seinen Orientalistengästen bewegte und für jeden, der sich vorstellen ließ, ein freundliches Wort hatte. An einem Nachmittage nach der Sitzung wurde die ganze Gesellschaft nach Upsala transportiert, wo auf dem Hügel des Odin die ganze Studentenschaft mit ihren weißen Mützen, aus der Ferne aussehend wie ein Feld von weißen Blumen, uns erwartete. Die Studenten gingen mit großen Trinkhörnern umher, aus denen sie den Gästen den Met zum Trunk darboten. Mehrfach konnte ich beobachten, wie die gelehrten Herren, wenn sie den Trunk genommen hatten und das Horn rasch absetzten, im Gesichte von dem zurückspritzenden Met besprengt wurden. Am übelsten erging es dem berühmten, grundgelehrten, aber sehr kurzsichtigen und ungeschickten Assyriologen Jules Oppert aus Paris. Er stand hügelabwärts, als ihm von oben her das Horn geboten wurde, und er benahm sich beim Trinken so unbeholfen, daß Frack und Beinkleider bis auf die Füße begossen wurden und er von seinen Nachbarn dazu beglückwünscht wurde, als Jude nun endlich doch die Taufe empfangen zu haben. Dieser Oppert hatte 1844 sein Doktorexamen in Kiel bestanden, und da ich 1894 gerade das Dekanat verwaltete, so lud ich ihn nach Kiel ein, um sich zum fünfzigjährigen Doktorjubiläum ein wenig feiern zu lassen. An einem Tage hatten wir ein Diner bei Schöne, zwei Tage darauf hatte ich die Herren zum Diner bei mir geladen, unglücklicherweise aber war an dem zwischenliegenden Tage von Geheimrat Heller eine Dampferfahrt mit nachfolgendem Abendessen und Tanz im Hotel Düsternbrook arrangiert worden. Aber was sollte ich mit meinem Professor Oppert anfangen? Ich wußte mir damit zu helfen, daß ich den berühmten Gelehrten am Tage vorher zu Heller brachte und diesen zu meinem Diner einlud, wodurch es sich denn ganz von selbst machte, daß er auch Oppert zu seiner Dampferfahrt einladen mußte. Schon auf dem Schiffe erregte der von mir mitgebrachte alte Gelehrte mit seinem vollen[268] roten Gesichte und seinen langen weißen Haaren die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Als es dann aber nach dem Essen zur Polonaise ging und ich mit Fräulein Niebuhr, einer interessanten jungen Lehrerin, in der Reihe herumschritt, bemerke ich meinen Oppert, wie er müßig an der Seite steht. »Warum tanzen Sie nicht?« rief ich ihm zu. ? »Weil ich keine Dame habe!« versetzte er. ? »Hier, nehmen Sie meine«, sagte ich und trat ihm meine Stelle ab. Aber alsbald reute es mich, so großmütig gewesen zu sein, und um wieder zu meiner Dame zu gelangen, erfaßte ich einen jungen Privatdozenten, es war der noch jetzt unter uns wirkende Professor Wolff, und mich verlassend auf Opperts weltbekannte Kurzsichtigkeit, substituierte ich ihm Wolff als Dame, so daß er mir vorkam wie der Dr. Cajus in den »Lustigen Weibern von Windsor«. Ob er bemerkt hat, daß er nun statt der Dame einen Herrn am Arm hatte, weiß ich nicht zu sagen. Die Stockholmer Tage schlossen mit einem großen Diner, von welchem aufstehend wir uns sofort zum Bahnhofe begaben, um in einem sehr bequemen Extrazuge vom Abend spät bis zum folgenden Nachmittag die weite Strecke nach Christiania zurückzulegen, wo der zweite Teil des Kongresses folgen sollte. Am Abend war Begrüßung mit Konzert in den Freimaurerlogen. Alles war in fröhlicher Stimmung und unterhielt sich um so lebhafter, als man sich von Stockholm her schon kannte. Da sehe ich Max Müller, sonst so sehr umschwärmt, etwas trübselig dasitzen. Ich erkundige mich nach seinem Befinden. »Ach,« sagte er, »mir geht's recht übel. Von den Tagen in Stockholm und der langen Eisenbahnfahrt fühle ich mich ermüdet, soll nun morgen vor 600 Personen die Eröffnungsrede halten und weiß nicht, worüber ich reden soll.« ? »Sprechen Sie doch über Sprachwissenschaft.« ? »Dazu habe ich keine Materialien bei mir.« ? »Sprechen Sie über Ihre Rigvedaausgabe.« ? »Darüber habe ich schon in Stockholm gesprochen, was soll ich nur machen?« ? »Da ist doch der wundervolle Schöpfungshymnus, Rigveda 10, 129, über den Sie sich in ihrer Literaturgeschichte so begeistert äußern, wollen Sie nicht über den sprechen?« ? »Das wäre ein Gedanke, aber ich habe keinen Veda mit, haben Sie einen bei sich?« ? »Das nicht, aber den Hymnus kann ich Ihnen aus dem[269] Gedächtnis aufschreiben; kommen Sie mit, wir machen die Sache sogleich!« Wir setzen uns an einen isolierten Tisch, ich nahm zwei Konzertprogramme zur Hand und schrieb auf die leere Rückseite unter dem dröhnenden Schall der Musik den Hymnus in Sanskrit nieder. Inzwischen hatte sich die Gesellschaft verlaufen, und ich begab mich mit Max Müller auf den Heimweg zum Hotel Viktoria, wo wir beide wohnten. Unterwegs teilte ich ihm alles mit, was ich über Form und philosophische Bedeutung dieses Hymnus in Kopf und Herzen trug und so oft vor meinen Zuhörern entwickelt hatte. Ich bereitete meinen alten Freund auf seine morgige Rede vor und ahnte nicht, daß ich mich selbst vorbereitet hatte. »Ach,« sagte Max Müller, »wenn ich diese Nacht schlecht schlafe, wie das bei der aufregenden Aussicht auf morgen möglich, ja sogar wahrscheinlich ist, so hilft mir das alles doch nicht.« Mutwillig versehe ich: »Seien Sie ganz ruhig, wenn Sie morgen nicht aufgelegt sind, so mache ich die Sache für Sie.« ? Das war nicht sehr ernst gemeint, denn, sagte ich mir, wie würde sich ein Max Müller die Gelegenheit entgehen lassen, in einer feierlichen Sitzung vor allem, was Norwegen an Zelebritäten besaß, zu reden. Wir nahmen Abschied, ich schlief sehr ruhig, wie ich mir denn überhaupt vorgenommen hatte, auf diesem Kongreß gar nicht hervorzutreten, sondern nur meinem Vergnügen zu leben. Aber es kam anders; als ich am andern Morgen an meinem Waschtische stehe, klopft es an und herein tritt Max Müller. »Ich habe mir überlegt,« sagte er, »ich könnte ein paar einleitende Worte reden, einer der Inder könnte den Hymnus in seiner Weise absingen, und dann könnten Sie über die Bedeutung des Hymnus sprechen.« Gesagt, getan, der große Saal war von einer glänzenden Versammlung, über 600 Personen, gefüllt. Max Müller leitete die Sitzung ein, es erfolgte der Singsang des Inders, dann rief mich Max Müller auf, und frisch und freudig, nicht ermüdet durch die aufregenden Stunden der Vorerwartung, im Bewußtsein, wohl nie wieder vor einer so großen und illustren Versammlung reden zu können, entwickelte ich in begeisterten Worten die herrliche Form, den tiefen philosophischen Gehalt des Hymnus, welcher von Vers zu Vers tiefer und tiefer in das Geheimnis der Schöpfung einzudringen sucht,[270] bis er von kaltem Zweifel ergriffen sich fragt, ob er nicht zu weit gegangen, ob überhaupt ein Mensch imstande sei, das Rätsel der Schöpfung zu lösen, und mit den Worden schließt. Amazon.de Widgets Er, der die Schöpfung hat hervorgebracht, Der auf sie schaut vom höchsten Himmelslicht, Der sie gemacht hat oder nicht gemacht, Der weiß es, ? oder weiß auch er es nicht? Im Anschluß an diese letzten Worte verstieg ich mich bis zu der Behauptung, daß das höchste Wesen über alle Persönlichkeit erhaben sei, und schloß mit der Hoffnung, daß die Zeit kommen werde, wo wir uns alle in dem Bekenntnisse vereinigen würden: Ich glaube an einen lebendigen, nicht aber an einen persönlichen Gott! Diesen Worten folgte ein donnernder Applaus, aber auch ein merkliches Kopfschütteln der zahlreich anwesenden norwegischen und deutschen Theologen. Mit einem Schlage war ich aus meinem Inkognito hervorgetreten, allen ein bekannter Mann geworden, dem man während der übrigen Tage des Kongresses überall mit Aufmerksamkeit begegnete, wie denn noch an demselben Abend auf Oskarshal der Graf Landberg mich aufsuchte, um mich dem seinen Vater als Präsident des Kongresses in Christiania vertretenden Prinzen Eugen vorzustellen, dem ich dann meine Befriedigung über die Art, wie in Skandinavien die Wissenschaft von oben her Schutz und Teilnahme findet, auszusprechen nicht unterließ. Nach vielen andern Festlichkeiten, an welchen das ganze Volk uns umdrängte und mit uns feierte, nach einem von der Kanalgesellschaft zu Trollhättan (Schweden) gebotenen glänzenden Frühstück, einer Illumination der Festung Frederikshald beim Vorbeifahren um 2 Uhr nachts, einer Abendbewirtung in Gotenburg und einer schönen Nachfeier in Helsingborg, Helsingör und Kopenhagen zerstreuten sich die Teilnehmer, und ich kehrte höchst befriedigt nach Berlin zu meinem Frauchen zurück, welches während meiner Abwesenheit leidend gewesen und für dieses Mal um eine länger gehegte Hoffnung ärmer geworden war, sich aber unter der liebevollen Pflege ihrer Schwester schon wieder erholt hatte.[271] Die letzten Tage des September brachten mir noch einen angenehmen Besuch. Auf dem Orientalistenkongreß hatte ich mich mit zwei dort anwesenden Indern, Dhruva aus Baroda und Mansuklal Nasar, angefreundet und beide eingeladen, auf der Durchreise durch Berlin mich zu besuchen. Sie waren gekommen, ich hatte sie in meinem Hause bewirtet und ihnen von Berlin gezeigt, was sie zu sehen begehrten. Diese Freundschaft sollte noch sehr wichtige Folgen haben. Wiederholt, während der nächsten Jahre, erfreuten mich beide durch Briefe und Sendungen, welche im Drange der Geschäfte unbeantwortet blieben, bis ich ihnen im Herbst 1892 durch eine einfache Postkarte die Mitteilung machte, daß ich am 7. November in Bombay mit meiner Frau eintreffen werde. Sie waren dort die ersten, uns zu begrüßen, und haben durch Empfehlungen an ihre Kastengenossen in ganz Indien wesentlich dazu beigetragen, unsern Aufenthalt in Indien zu verschönern, wie dies in meinen Erinnerungen an Indien des näheren nachgelesen werden kann. Die letzten Tage in Berlin vergingen mit Abschiedsbesuchen und Einpacken, und der 15. Oktober 1889 war der große Tag, wo wir nicht ohne Schmerzen von dem geliebten Berlin Abschied nahmen und in Kiel als unserer künftigen Heimat anlangten. Es ist eine Eigenheit meines Charakters, daß, wo ich längere oder kürzere Zeit geweilt habe, ich ungern Abschied nehme, und mag wohl als Beweis dafür gelten, daß ich mich überall in der Welt leidlich wohlgefühlt habe. Dies gilt mehr als von irgendeinem andern Orte von meinem zehnjährigen Aufenthalte in Berlin, und könnte ich frei wählen, so wüßte ich keinen Ort innerhalb oder außerhalb Deutschlands zu nennen, dem ich vor Berlin den Vorzug geben könnte. 
 Meine Kindheit am Rhein. 1845?1857.  Am rechten Ufer des Rheines zwischen Lahn und Sieg erhebt sich das waldreiche, zum Teil rauhe Hochland des Westerwaldes. Auf ihm liegt, fünf Stunden vom Rheintale entfernt, und noch ehe dessen mildere Lüfte sich fühlbar machen in weltentrückter Einsamkeit, die erst in den letzten Jahrzehnten durch Erbauung der immer noch über eine Stunde entfernten Westerwaldbahn sich zu beleben beginnt, das kleine und arme Dorf Oberdreis, wo ich am 7. Januar 1845 geboren wurde. Ein Arzt war bei diesem sehr leicht und glücklich verlaufenden Ereignisse nicht zugegen; die Hebamme, welche Beistand leistete, mußte aus dem schon jenseits der Landesgrenze im Herzogtum Nassau gelegenen Dorfe Roßbach geholt werden. Oberdreis als Kirchdorf bildet mit dem nördlich gelegenen sehr armen Dorfe Lautzert und mit den abwärts in dem westlichen Tale schon einer milderen Luft und etwas größeren Wohlstandes sich erfreuenden Dörfern Dendert und Hilgert eine Pfarrgemeinde evangelisch-unierten Bekenntnisses, welcher mein Vater von 1844 bis 1884 vierzig Jahre und fünf Monate als Pastor vorgestanden hat. Wie mein Vater der Seelsorger, ebenso und noch mehr war meine Mutter während dieses langen Zeitraumes eine wahre Seelsorgerin der Gemeinde, immer bereit, den Notleidenden mit Rat, Trost und tätiger Hilfe beizustehen. Inniger noch als mein Vater war sie mit allen Verhältnissen des Kirchspiels vertraut und hat je später um so mehr neben der Sorge für Haus und Familie auch einen großen Teil der Pastoratsgeschäfte mit Umsicht und bestem Erfolge verwaltet.[1] Und doch waren beide Eltern ursprünglich Fremdlinge in der Gegend, in welcher sie den Wirkungskreis ihres Lebens fanden. Denn Oberdreis liegt noch in fränkischem Sprachgebiete ziemlich nahe an dessen nordwestlicher Grenze, da, wo die oberdeutsche Mundart durch das Hereinspielen des Niederdeutschen ein eigentümliches und seltsames Gepräge annimmt. Meine Eltern hingegen stammten beide aus dem Niederlande, jenseits des Rheines, so daß das Deutsche im Pfarrhause anfänglich mit ganz anderm Akzent als im Dorfe gesprochen wurde. Diesem Umstande ist es wohl zuzuschreiben, daß das Deutsch, welches wir Kinder sprachen, sehr bald jede dialektische Färbung verlor. Zum besseren Verständnisse des Weiteren wird es notwendig sein, zunächst einiges über die Herkunft meiner Eltern zu sagen. Weder von väterlicher noch von mütterlicher Seite her ist meine Abkunft eine rein bürgerliche, sofern von der einen Seite bäurisches, von der andern adliges Blut in meinen Adern zusammengeflossen ist. Gehe ich in der Reihe meiner Väter aufwärts, so war noch mein Großvater ein wohlhabender Bauer, und ebenso steht es mit seinen Vorfahren, soweit sie sich auf einem noch vorhandenen Stammbaume etwa zwei Jahrhunderte zurückverfolgen lassen. Gehe ich hinwiederum auf der mütterlichen Seite immer von Mutter zu Mutter aufwärts, so gehörte meine Urgroßmutter zu der in Mühlhofen angesessenen Adelsfamilie derer von Au. Wilhelmine von Au, eine wegen ihrer Vortrefflichkeit hochverehrte und von allen, die sie kannten, geliebte Frau, heiratete den in dem kleinen Landstädtchen Wevelinghoven bei Neuß wirkenden Prediger Trappen und blieb auch nach dessen frühzeitigem Tode mit ihren sieben Kindern in Wevelinghoven wohnhaft. Sein Nachfolger im Amte war mein Großvater, Jakob Weimar Ingelbach, der einzige Sohn eines wohlhabenden Farbwaren- und Drogenhändlers in Düsseldorf. Nur ungern fügten sich die Eltern seinem brennenden Wunsche, zu studieren. Nachdem er zu Duisburg und Göttingen das theologische Studium absolviert hatte, wurde dieser, mein Großvater Ingelbach, im Jahre 1805 der Amtsnachfolger meines Urgroßvaters Trappen zu Wevelinghoven. Zunächst führte ihm die eine und sodann eine zweite Schwester die Wirtschaft, aber auch nachdem sich beide verheiratet[2] hatten, war es den Schwestern und der befreundeten Frau Werner Koch nicht möglich, ihn zu einer Heirat zu bestimmen. Er lebte ganz in seinen theologischen und astronomischen Studien, saß bis tief in die Nacht hinein, um die Sterne zu beobachten und zu berechnen, und oft trieb ihn erst der über den Büchern aufdämmernde Morgen, das Bett aufzusuchen. Eine ganze Reihe vollgeschriebener und schwer zu entziffernder Bände von seiner Hand sind noch erhalten. Daneben war er ein großer Freund der Musik und soll die Sonaten von Haydn, Mozart und Beethoven mit vollendeter Meisterschaft gespielt, wie auch Eigenes komponiert haben. Die Noten kaufte er nicht, sondern entlieh sie und schrieb sie für seinen Gebrauch ab. Da starb im Februar 1810 die Frau seines Amtsvorgängers Trappen. In ihren schweren Leiden hatte sie mein Großvater oft besucht und getröstet, und als er die sieben hilflosen Waisen um ihre Bahre stehen sah, da erfaßte ihn ein Mitleid, welches stärker war als alle Grundsätze des Junggesellenlebens, und rasch entschlossen bat er die älteste, von ihm selbst unterrichtete Tochter, die erst sechzehnjährige Wilhelmine Trappen, um ihre Hand. Sie erschrak und konnte sich nicht entschließen, ihrem so hochverehrten Seelsorger als Gattin zu folgen, und erst als wohlmeinende Freunde ihr vorstellten, daß die jüngeren Geschwister bei den Verwandten verteilt werden müßten, sie selbst aber nur die Wahl habe, entweder bei fremden Kindern oder als Ladenmädchen ihr Brot zu verdienen oder den Pastor zu heiraten, da wählte sie als das kleinste Übel die Heirat, und so geschah es, daß der Großvater die Großmutter nahm. Ihre Ehe war mit neun Kindern gesegnet, von denen sechs am Leben blieben, vielfach mir nähergetreten sind und wohl noch öfter in dieser Geschichte vorkommen werden. Jakobine, meine Mutter, war die Älteste, geboren während der Leipziger Schlacht am 15. Oktober 1813. Dann folgten noch zwei Töchter, Hannchen und Nettchen; erstere heiratete später den Gerber Aretz in Wevelinghoven, letztere reichte nach langer Mädchenschaft dem Buchhändler Falk in Duisburg die Hand. Auf die drei Mädchen folgten drei Knaben: Friedrich, der als Kaufmann in Paris zu großem Reichtum und Ansehen gelangte, August, der als Buchbinder in Wevelinghoven trotz aller Hilfe durch seinen älteren[3] Bruder nie recht auf einen grünen Zweig gekommen ist, und der kurz vor dem Tode des Vaters geborene Gerhardt, der von rastlosem Ehrgeize getrieben nach Paris ging, um es seinem Bruder Friedrich gleichzutun, aber kein Glück hatte, in immer steigende Verbitterung verfiel und schließlich in geistiger Umnachtung endete. Das Leben dieser Familie war infolge der eigentümlichen Grundsätze meines Großvaters bis zu seinem Tode 1830 nach außen hin ein sehr abgeschlossenes. Zwar übte er gewissenhaft vie Pflichten seines Amtes, besuchte als Seelsorger einmal im Jahr jede Familie seiner Gemeinde, wie er denn auch jeden Morgen abwechselnd drei Familien in sein Gebet einschloß und ihre besonderen Bedürfnisse und Nöte in seinem Herzen bewegte. Im übrigen aber verkehrte er mit niemandem und schloß sich und seine Familie gegen die Außenwelt vollständig ab. Abgesehen von den Sonntagnachmittagsbesuchen bei der Tante und ganz seltenen Ausflügen durch Gärten und Felder, waren die Kinder durchaus auf das eigene Haus und den zugehörigen Garten beschränkt, in welchem sie sich kleine Erdhöhlen bauten und nach Lust herumtummeln durften. Hingegen war es ihnen verboten, das nach der Straße führende Hoftor zu öffnen, so daß sie nur durch die Fenster der Wohnung das Leben auf der Straße beobachten konnten. Eine Schule wurde nicht besucht, in allem unterrichtete der geistig überaus regsame Vater seine Kinder selbst. Ja, er gab daneben auch noch fremden Kindern Lektionen, zuerst unentgeltlich, und als die Eltern dies nicht mehr annehmen wollten, rechnete er für die Stunde 21/2 Stüber (10 Pfennig). Der Unterricht war vielseitig und anregend. Nach den Stunden erzählte der Vater seinen Kindern Geschichten, biblische wie weltliche, musizierte mit ihnen und leitete sie zum Zeichnen und Malen an. Meine Mutter bewahrte noch dicke Hefte, in denen sie alle Gegenstände und Personen der Umgebung vielfach unter seiner Leitung gezeichnet und gemalt hatten. Erst abends, wenn die Kinder zu Bett waren, holte der treffliche Mann seine dicken alten Bücher hervor, vertiefte sich in theologische und astronomische Probleme, schrieb und rechnete, und meine Großmutter bedurfte ihrer ganzen Geduld und Sanftmut, wenn er oft nicht zu bewegen war, die Ruhe aufzusuchen. Diese Lebensweise bewahrte[4] die Kinder vor schlechten Einflüssen, hatte aber auch ihre Schattenseiten, und meine Mutter beklagte, daß es ihr infolge der Abschließung in ihrer Jugend all ihr Leben lang an Gewandtheit im Umgange gefehlt habe. Indessen kann ich versichern, daß sie bei einem sehr sichern Taktgefühl in ihrem Berufskreise niemals der erforderlichen Kunst, mit Menschen umzugehen, ermangelt hat. Übrigens sollte sie sehr bald Gelegenheit haben, sich in schwierigeren Lebenslagen zu bilden. Schon 1830 erlag mein Großvater den Anstrengungen, welche ihm die Ausübung seines Amtes im Winter auferlegte, und während die Großmutter mit den übrigen Kindern in Wevelinghoven blieb, wurde meine bereits konfirmierte Mutter nach Elberfeld in das Haus ihres Onkels, des Oberbürgermeisters Brüning, gebracht, zunächst für ein Jahr zu ihrer weiteren Ausbildung. Dann aber wollten beide Teile nicht voneinander lassen, und so blieb meine Mutter noch fünf weitere Jahre in dem Hause des Onkels, indem sie sich der Pflege einer dort lebenden Großmutter widmete. Diese sechs Jahre in Elberfeld waren für sie die Hochschule, in welcher sie die Ausbildung fürs Leben gewann. Dort wurde der von Haus aus aufrichtig fromme Sinn meiner Mutter durch die Einflüsse in Elberfeld zu einem Pietismus zugespitzt, der später in meinem Elternhause in zahlreichen Andachtsübungen zum Ausdrucke kam, aber auch meiner Mutter manchen Kummer brachte, wenn sie ihre Kinder auf freieren Bahnen wandeln sah und erst spät im Leben eine gewisse Toleranz üben lernte. Inzwischen wuchsen in Wevelinghoven die drei Brüder meiner Mutter heran, und es wurde notwendig, für ihre Ausbildung zu sorgen. Um dazu beizutragen, verließ meine Mutter das liebgewordene Elberfeld und nahm eine Stelle als Pflegerin bei der schon erwähnten Frau Koch an, mit hundert Talern jährlich, von denen sie die Hälfte an die Mutter abgab. Ihr Dienst war schwer; Frau Koch litt an einem Krebsleiden, und meine Mutter mußte sie verbinden, pflegen und bedienen. Nach kurzem Aufenthalte in Wiesbaden unterwarf sich die Kranke einer Operation in Düsseldorf; aber ehe die Wunde an der Brust noch geheilt war, brach das Übel aufs neue wieder aus. Jetzt zog sich Frau Koch[5] in ihr großes und schönes Haus nach Wevelinghoven zurück und hier gab es noch einen zweiten Patienten zu pflegen. Frau Kochs einziger Sohn hatte sich durch seinen Reichtum zu einem ausschweifenden Leben verleiten lassen, und nun saß er zu Hause, blind und mit verkrümmten Gliedmaßen zusammengebückt im Lehnstuhl und mußte wie ein Kind gepflegt werden. Geistig war er noch frisch und geneigt, über alles zu spotten, was meiner aus dem Wuppertale zurückkehrenden Mutter heilig war. Sie ertrug alles mit Geduld, und nur einmal, als er ihr zumutete, am Karfreitagmorgen aus dem vor kurzem erschienenen, aber von den Elberfeldern zum untersten Pfuhle der Hölle verdammten Leben Jesu von Strauß vorzulesen, da verweigerte ihm meine Mutter den Gehorsam, und er mußte sich darein fügen. Um diese Zeit hörte der junge Koch, daß sein alter Freund und Schulkamerad, der Kandidat Adam Deussen zu Kelzenberg, aus Westfalen zurückgekehrt und augenblicklich ohne Stellung sei. Sofort schickte er nach ihm und band ihn als Gesellschafter an sein Haus. So trafen in dem Hause des Reichtums und des Unglücks die beiden Personen zusammen, welche dazu bestimmt waren, den Knoten meines Daseins zu schürzen. Adam Deussen war der Sohn eines begüterten Bauern in dem anderthalb Stunden westlich von Wevelinghoven gelegenen Dorfe Kelzenberg. Er war geboren nach der eigenhändigen Aufzeichnung seiner Mutter in ihrer Familienbibel am. 26. November 1801. Hingegen verzeichnen ihn die damals in der Kriegszeit sehr unordentlich geführten offiziellen Listen als geboren am 10. Frimaire des zehnten Jahres der fränkischen Republik, und sonach muß es unentschieden bleiben, ob mein Vater 1801 oder 1803 geboren ist. Außer ihm war noch ein älterer Bruder, Hannes, und drei jüngere Brüder, Wilhelm Heinrich, Neras (Kornelius) und Köbchen (Jakob) da, während ein sechster, mit Namen Werner, als Soldat in Köln starb. Die übrigen sind mir als wohlhabende Bauern des Jülicher Landes noch in guter Erinnerung. Der Schulunterricht in der Dorfschule wurde nur im Winter betrieben, im Sommer wurde die Jugend teils zur Feldarbeit herangezogen, teils sich selbst überlassen. Oft noch erzählte mein Vater, wie er eine Kuh am Strick führen hatte, den[6] Strick sich selbst ums Bein schlang und so auf einen Kirschbaum stieg, eine Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen, welche ihm übel hätte bekommen können. Obgleich in dieser Weise seine Jugend wenig vom Bücherstaube berührt wurde, wie er denn all sein Leben durch kein sonderlicher Freund der Bücherweisheit gewesen ist, so entdeckte man doch in ihm höhere Anlagen und beschloß, ihn studieren zu lassen. Nach anderer Version soll er sich zu den ländlichen Arbeiten so unlustig und ungeschickt erwiesen haben, daß man ihn, um doch etwas Brauchbares aus ihm zu machen, zum Studium, selbstverständlich der Theologie, bestimmte. Dies war unzweifelhaft ein Mißgriff. Mein Vater hätte vermöge seines intuitiven Verstandes, seiner Gewandtheit, Jovialität und eines sicheren Taktgefühls in hundert Fächern Bedeutendes, vielleicht Eminentes leisten können, aber zum Prediger und Seelsorger mochte er sich weniger eignen als manche andere, die an Klarheit der Auffassung, Sicherheit des Urteils und richtigem erfolgreichen Eingreifen weit hinter ihm zurückstanden. Notdürftig wurde er drei Jahre hindurch durch Privatunterricht vorbereitet und wanderte dann zu Fuß mit einem Freunde nach Marburg, wo er zwei Jahre, und hierauf nach Bonn, wo er ein drittes Jahr seine Theologie studierte. Von seinen Lehrern erwähnte er mir gegenüber den Professor der Philosophie Suabedissen in Marburg und den Theologen Nitzsch in Bonn, den er oft rühmte, und der wohl am tiefsten auf ihn eingewirkt hat. Übrigens war er nicht nur ein fleißiger, sondern auch ein lustiger Student, wie er denn auch später nie ein Kopfhänger gewesen ist. Wenn mich eine etwas unsichere Erinnerung nicht täuscht, so gehörte er als Konkneipant dem Korps der Westfalen an. Ich fragte ihn einmal: »Papa, hast du auch ein Duell gehabt.« ? »Es war geplant«, erwiderte er; »ich hatte einen gefordert, aber der Kerl kam nicht, hatte peurs, so unterblieb's.« In Köln wurde 1825 das erste und in Koblenz 1826 das zweite theologische Examen mit Ehren bestanden. Dann aber folgte eine vierzehnjährige Kandidatenschaft, ohne daß eine Stelle sich für ihn eröffnete, so beliebt er auch überall bei den Gemeinden war, in denen er Aushilfedienste geleistet hat. So wandte er sich, nachdem er vier Jahre hindurch an sechs verschiedenen Orten als[7] Hilfsprediger tätig gewesen war, 1831 nach Kamen und vertrat dort sechs Jahre hindurch den altersschwachen Pastor in der sichern Hoffnung, nach dessen Tode in seine Stelle einzurücken. Das Leben verlief dort unter einer schwerfälligen, fast allein materiellen Interessen hingegebenen Bevölkerung ohne alle geistige Anregung, und eine innere Stagnation trat ein, deren Folgen nie ganz überwunden wurden. Mit getäuschter Hoffnung kehrte er 1837 mutlos und gebrochen in die Heimat zurück, und hier war es, wo ihn sein Jugendfreund Koch entdeckte und in sein Haus zog. Das bescheidene, verständige und fromme Mädchen, welches in so aufopfernder Weise seinen schweren Dienst versah, erweckte bald seine Neigung. Sie aber fand an dem um zwölf Jahre älteren und durch ein langes Junggesellenleben etwas verwahrlosten Kandidaten kein sonderliches Wohlgefallen, und erst als Papa eines Tages durch die Küche ging, seine Pfeife am Herdfeuer ansteckte und in die Worte ausbrach: »Mir muß aber auch alles fehlschlagen!« da fühlte sie sich von tiefem Mitleid er faßt, ohne daß es fürs erste zu einer Aussprache gekommen wäre. Aber die kluge Frau Koch sah voraus, was kommen würde, und nahm meiner Mutter das Versprechen ab, bei ihrem Sohne wenigstens so lange auszuhalten, bis Deussen sie als Pfarrersfrau in sein Haus einführen könne. Sie starb im Februar 1838, und einige Monate darauf erfolgte die Verlobung. Nun ging mein Vater zur Aushilfe nach Feldkirch bei Neuwied; aber so beliebt er auch dort in kurzer Zeit geworden war, so scheiterten doch die einmütigen Bitten der Gemeinde, ihn zum Pfarrer zu erhalten, an dem von dem Fürsten zu Wied als Patronatsherrn festgehaltenen Grundsatze, eine so einträgliche Stelle nur einem älteren Geistlichen seines Fürstentums zu verleihen. Endlich eröffnete sich eine bescheidene Aussicht und im März 1840 wurde mein Vater zum zweiten Pfarrer der Gemeinde Dierdorf ernannt, welcher gleichzeitig eine nur von wenigen Schülern besuchte Rektoratsschule zu unterhalten verpflichtet war. Am 19. Juni feierten meine Eltern im Hause der Großmutter in Wevelinghoven ihre Hochzeit, und als beide eine Woche später von Neuwied aus zu Fuß kommend in Dierdorf eintrafen, da wurden sie, nachdem ausgestellte Wachtposten ihr Herannahen gemeldet, vor dem bekränzten Pfarrhause[8] mit dem Gesang der Schulkinder und mit einer herzlichen Ansprache des die erste Stelle verwaltenden Pfarrvikars Reinhardt empfangen. Dieser Reinhardt und seine noch heute im hohen Alter lebende Gattin wurden nach Übernahme der Pfarrei in dem eine Stunde von Oberdreis entfernten Puderbach unsere nächsten Nachbarn und innigsten Freunde. Diese Freundschaft hat sich auch auf die Kinder übertragen, und noch heute wüßte ich kaum einen, der meinem Herzen so nahe stünde, wie der einzige Sohn dieser Familie, Karl Reinhardt, Direktor des Goethegymnasiums zu Frankfurt a.M. In Dierdorf wußten die Eltern unter engen Verhältnissen sich behaglich einzurichten. Dem praktischen Sinn meines Vaters gelang es, aus unbenutzten Räumen durch Umbau eine behagliche Wohnung herzustellen, in welcher sich meine beiden älteren Brüder Johannes am 16. Juni 1841 und Werner am 25. November 1842 als hochwillkommene Insassen einfanden. Ein Legat des um diese Zeit verstorbenen Koch von tausend Talern zusammen mit 500 von seiner Mutter übermachten Talern legte den Grund zum späteren Vermögen der Familie, von dem noch die Rede sein wird. Da die mit der zweiten Pfarrstelle in Dierdorf verbundene Lateinschule meinem Vater bei seiner Vorliebe für ein zwangloses Leben zu einer immer größeren Last wurde, so verzichtete er gerne auf die Vorzüge des Lebens in einer kleinen Stadt, als sich eine Dorfstelle für ihn eröffnete, und so siedelte die kleine Familie im Oktober 1843 nach Oberdreis über. Hier wurde ich als dritter Sohn fünfzehn Monate später geboren, hier verbrachte ich die ersten zwölf Jahre unter den Vorzügen und Nachteilen des ländlichen Lebens. Die frische, etwas rauhe Luft des Westerwaldes bei ausreichender, wenn auch überaus einfacher Ernährung führte zu einer Stählung des Körpers, welche mir das Leben hindurch zugute kam, aber die Einförmigkeit und die Dürftigkeit der äußeren Eindrücke ließ es zu keiner gehobeneren Lebensstimmung kommen. Wie im Dämmerlicht flossen meine Tage dahin, und charakteristisch ist, daß mich die Wonne des Daseins zum erstenmal durchschauerte, als ich zehn Jahre alt in Vaters altem und wenig benutztem griechischen Neuen Testamente das Griechische lesen lernte.[9] Wenn ich im Familienkreise es wagte, die Umgebung von Oberdreis für einförmig, unbedeutend, nichtssagend zu erklären, so konnte dies gelegentlich einen Sturm der Entrüstung veranlassen, und teilweise mochte mein Urteil aus einer mir tief eingepflanzten Neigung entsprungen sein, an jedem gegenwärtigen Zustande die Schattenseiten hervorzuheben, oder, wie man sagt, darauf zu schimpfen, eine Neigung, die ich von meinem Vater geerbt haben mag, und welche bei uns beiden keineswegs den behaglichsten Genuß der Gegenwart ausschloß, vielmehr, wenigstens was mich betrifft, ihre Wurzel in einer geheimen, halb unbewußten Angst hat, durch Zufriedenheit mit dem bestehenden Zustande den Sporn zum weiteren Streben abzustumpfen. Doch, um auf Oberdreis zurückzukommen, so mag ich es wohl oft zu hart beurteilt haben. Einsam war das Dorf und einförmig das Leben in ihm, aber eine gewisse Lieblichkeit läßt sich doch weder den um den Kirchhügel mit Kirchhof und uralter Riesenlinde herumgeworfenen, strohbedachten Häusern absprechen noch auch dem Wiesental und murmelnden Bach da unten und den kornbewachsenen Feldern, welche sich in sanftem Ansteigen bis zu den waldbewachsenen Höhen fortsetzen. Da war im Süden der mit Tannen bewachsene Oberdreiser Berg, den ich meinen Neriton1 zu nennen pflegte, und die nach Osten und Westen sich fortsetzende Hügelkette, bestanden mit prachtvollen Eichen, nur daß eine blödsinnige Verwaltung früherer Zeiten sich hatte einreden lassen, daß die Eichen besser gedeihen würden, wenn man die Spitze der Kronen abschnitte, und nun standen sie da für alle Zukunft verstümmelt und verunstaltet und boten meinem Vater ein unerschöpfliches Thema, wenn er gelegentlich das Bedürfnis fühlte, über den Westerwald, über seine Zurückgebliebenheit, Verkommenheit und Dummheit sich weidlich zu ereifern. Auf der entgegengesetzten Seite des Tales stieg man den Rodenbacher Weg hinauf zu einer auf der Höhe zwischen Wäldern von Lautzert nach Steimel und Puderbach verlaufenden Landstraße. Im Frühling, wenn die Schneemassen der umliegenden Wälder schmolzen, pflegte diese Landstraße stellenweise zu einem undurchdringlichen[10] Morast zu werden, und man mußte sich an der Seite einen Weg durch das Gestrüpp bahnen. Im Sommer hingegen bot diese Landstraße einen beliebten Spaziergang. Auf beiden Seiten wuchsen im Gebüsch unerschöpfliche Mengen von Waldbeeren, und rechts hatte man wiederholt einen Gesamtblick auf die blauen Berge des Siebengebirges. Und nun vollends Steimel, welche Erinnerungen weckt nicht dieser Ort! Hierhin ging Papa, wenn er mit den zu den Ferien eintreffenden Söhnen ein Glas Bier trinken wollte; dann wurde es gewöhnlich später als gut war; der Rückweg nach dem eine halbe Stunde entfernten Oberdreis war im Dunkel des Waldes kaum noch zu finden, und Mama, mit dem Abendessen wartend, empfing den Gatten und die Söhne mit ernstem Gesichte oder wohl gar mit einer Strafpredigt. In Steimel war jeden zweiten Dienstag im Sommer großer Viehmarkt. Schon frühmorgens zogen dorthin in langen Reihen die Bauern der umliegenden Dörfer mit ihren Kühen, Kälbern und Schweinen. Und während dort die als Käufer und Unterhändler geschäftig hin-und herlaufenden Juden mit den Bauern handelten und feilschten, wurden in den weiterhin gelegenen Buden Obst und Kuchen, Spielzeug und mancherlei Bedarfsartikel feilgehalten. »Was kann man auf dem Steimeler Markt kaufen?« fragte ich als sehr kleiner Knabe mein Kindermädchen. »Alles«, war ihre lakonische Antwort, und ich malte mir aus, wie schön es wäre, wenn ich mir auf dem Steimeler Markt eine Königskrone kaufen würde. Eine halbe Stunde hinter Steimel lag Puderbach, wo der schon in Dierdorf mit meinen Eltern befreundete Pastor Reinhardt seinen Wirkungskreis hatte. Oftmals besuchten sich die Familien, und das schönere Haus, der große Garten mit dem Ouittenbaum, vielleicht auch die etwas reichere Lebensführung in Puderbach übten eine mächtige Anziehungskraft. Wiederholt träumte ich als Kind, wie die Eltern auf überspanntem Leiterwagen mit uns nach Puderbach zogen, wie dort bei Tante Reinhardt der Kaffee, der große Kuchen aufgetragen wurde, worauf ich dann gewöhnlich erwachte und beklagte, nicht weitergeträumt zu haben. So war die Umgebung des Orts, an welchem ich am 7. Januar 1845 kurz vor 3 Uhr morgens leicht und glücklich[11] ins Leben trat und am 24. Januar auf die Namen Paul Jakob getauft wurde. Den letzteren Namen erhielt ich, weil ihn meine beiden Großväter geführt hatten; da aber in Oberdreis auch ein Jude namens Jakob wohnte, welcher Kühe schlachtete, und meine Geschwister mich gelegentlich damit neckten, daß sie mich Paul-Jakob-schlacht-die-Küh nannten, so mißfiel mir dieser zweite Name höchlich; ich warf ihn fort und verleugnete ihn, wo immer dieses möglich ist. Den andern Namen erhielt ich namentlich zum Andenken des Apostels Paulus, und meine Mutter ermahnt mich in dem Büchlein, welches vor mir liegt und Aufzeichnungen über meine ersten Kinderjahre enthält, dem großen Apostel nachzueifern. In der Tat fühle ich mich ihm wie wenig andern Erscheinungen verwandt. Seine unermüdliche Geduld und Sanftmut, mit der er alles über sich ergehen ließ, um nur seinen Zweck zu erreichen, die Beharrlichkeit und Zähigkeit, mit der er die vorgesetzte Aufgabe verfolgte, die Unbarmherzigkeit, mit der er den falschen Schein angreift (Galater 2) und die stolze Demut, mit der er von sich selbst redet, das alles sind Züge, welche ich auch in mir zu finden glaube, und schließlich habe auch ich meine Lebensaufgabe darin gefunden, einem großen Verkannten bei den Menschen Eingang zu verschaffen, nicht zu erwähnen, daß so ziemlich alle Lehrsätze im System des Apostels Paulus nur unter verändertem Namen integrierende Teile meiner eigenen philosophischen Weltanschauung geworden sind. Als ominös will ich noch erwähnen, daß bei meiner Taufe das Taufbecken umgestoßen, aber noch glücklich von dem anwesenden Ohm Hannes, dem ältesten Bruder meines Vaters, aufgegriffen wurde, wie er mir noch selbst erzählt hat. Nach den Schilderungen meiner Mutter in dem erwähnten Büchlein war ich ein gesundes und fröhliches, ungewöhnlich sanftmütiges und geduldiges Kind. Dabei aufgeweckt und von großer Lebhaftigkeit. Alles kam bei mir sehr früh; schon mit zehn Tagen soll ich mit Bewußtsein gelacht haben, zur großen Verwunderung meiner Amme, welche dergleichen nie vorher gesehen hatte. Mit sechs Monaten und drei Tagen soll ich zuerst Papa gesagt, mit elf Monaten und acht Tagen mich selbständig aufgerichtet und eine Strecke gelaufen haben usw. Mit drei Jahren, so erzählt[12] meine Mutter, an einem der ersten schönen Frühlingstage habe ich lange bei den Denkmälern auf dem Kirchhofe gestanden und sei dann zur Mutter geeilt mit den Worten. Amazon.de Widgets »Der Winter ist gefangen; Der Frühling kommt gegangen.« In diese Zeit fällt auch meine älteste Erinnerung. Sie ist datierbar, denn sie betrifft meinen dritten Geburtstag am 7. Januar 1848. Noch sehe ich den hohen runden Tisch vor mir, und auf ihm als bescheidene Gaben ein Täßchen aus chinesischem Porzellan und einen Biskuitkuchen. Von letzterem schnitt der Vater uns Kindern von Zeit zu Zeit ein Stück ab, und deutlich erinnere ich mich, wie ich mich im stillen darüber wunderte, daß der Vater den beiden andern ebenso große Stücke gab wie mir, obgleich der Kuchen eigentlich doch mir allein geschenkt war. An Naschhaftigkeit war ich meinen Brüdern entschieden überlegen. Ich erinnere mich, wie uns einst Süßigkeiten geschenkt worden waren. Ich verschlang meinen Anteil sofort, während Bruder Werner den seinigen in einem offenen Raum unter dem mit runder Öffnung versehenen Sitze des Kinderstühlchens aufbewahrte. Länger stand ich im Kampfe mit mir selbst, aber plötzlich übermannte es mich, und ich fuhr zu, um vor Werners Augen ein Stück zu erbeuten. Natürlich wurde meine Absicht unter allgemeiner Entrüstung vereitelt. Das moralische Gesetz predigt sich unter den Menschen ganz von selbst, indem wir uns von Mitmenschen umgeben sehen, an deren Rechten die unsern ihre Grenze finden. Noch eine datierbare Erinnerung aus dieser frühesten Zeit ist die Geburt meiner Schwester Maria am 10. Dezember 1848. Vier Knaben waren ihr vorhergegangen, welche an jenem Morgen in dem engen Schlafzimmer im ersten Stock des alten Hauses ungewöhnlich lange sich selbst überlassen blieben, ohne daß jemand daran dachte, sie zum Aufstehen zu veranlassen. Wir benutzten diesen willkommenen Aufschub, um zu rolzen, wie wir es nannten, d.h. wir türmten in den Betten Kissen und Federbetten über einander, um uns kopfüber von ihrer Höhe in die Betten herabzustürzen und ähnliches mehr. Da erschien Papa mit gerötetem Kopfe und meldete: »Jungens, ihr habt ein Schwesterchen bekommen.« Ein ungeheueres, nicht endenwollendes[13] Freudengeheul war die Antwort, welches mir bis heute noch in den Ohren gellt. Im Sommer 1849 unternahm die Familie eine Reise zu den beiden Großmüttern ins Niederland. Bis Neuwied wurde im Leiterwagen gefahren, und der Weg war so holperig, daß die mitgenommene Milch von selbst zu Butter wurde. Unvergeßlich ist mir die Szene beim Einsteigen ins Dampfboot. Als der schnaubende Koloß an der Landungsbrücke anlegte, stiegen die vier Ältesten, Johannes, Werner, Paul und Friedrich, ohne Schwierigkeit ein, und die erst halbjährige Maria wurde auf Mamas Arm hineingetragen. Von dem Aufenthalte bei den Verwandten in Wevelinghoven und Kelzenberg sind mir nur ganz flüchtige, vereinzelte Erinnerungsbilder geblieben. Sehr lebendig aber steht mir noch die Rückfahrt vor der Seele. Einer unserer Bauernonkel lud die ganze Familie auf einen mit Leinwand überspannten Karren und fuhr uns nach Grimlinghausen am Rhein zum Nachtdampfer. Ein zierliches Hündchen, welches uns geschenkt worden war, wurde in einer Hutschachtel untergebracht. Unterwegs erhob sich ein greuliches Unwetter; die Nacht war hereingebrochen, und der Regen prasselte in Strömen auf das Leinentuch des Karrens. Wir krochen zusammen und schützten uns so gut wir konnten, kamen auch glücklich an, aber das Hündchen war verschwunden, und man hat nie wieder davon gehört. In dunkler Nacht und unter fortwährend strömendem Regen gelangten wir mit Sack und Pack an der steilen Böschung des Ufers hinunter auf den Dampfer, wo wir bald alle vier in der Kajüte einschliefen, während Papa die naßgewordenen Kleidungsstücke um den Dampfkessel zum Trocknen aufhing. Das kleine Schwesterchen war natürlich unser aller Liebling. Eines Morgens, während die Eltern sich ankleideten, war sie, die noch nicht sicher stehen konnte, in einem Gitterbett zwischen Kissen eingebaut worden, und wir wetteiferten, mit ihr zu spielen. Friedrich zeigte sich täppisch, und ich holte aus, um ihm einen Backenstreich zu versetzen, traf aber zu meinem Schreck nicht seine Wange, sondern die des geliebten Schwesterchens. Laut ertönte ihr Wehgeschrei, wütend stürzten die Brüder auf mich los, und so sehr ich auch beteuerte, daß meine Absicht eine andere gewesen, man[14] hätte mich gelyncht, wenn die Eltern nicht dazwischengetreten wären. Im Jahre 1849 war die Aufregung sehr groß, als des Morgens eine Kompagnie Soldaten, dergleichen nie vorher gesehen war, in das Dorf einmarschierte und auf dem Kirchhofe unter der Linde sich gruppierte. Zuerst hatten wir Kinder große Angst, als aber Papa, der den Weg zum Herzen dieser Tapfern wohl kannte, mit einem Kruge voll Schnaps auf sie zuschritt, da wagten wir es, Werner als der Mutigste voran, in bedächtigen Zwischenräumen ihm zu folgen. Bald mischten wir uns dreist unter die Krieger, bewunderten aus der Nähe ihre Helme, Knöpfe und Waffen und wurden für den gespendeten Schnaps mit Backwerk beschenkt. Es waren von den bei uns zu Weihnachten üblichen Hasen und Puppen, so genannt, weil sie mit diesen Dingen eine entfernte Ähnlichkeit haben. Diese Truppendemonstration in dem friedlichsten aller Dörfer stand, wenn ich nicht irre, im Zusammenhang mit dem revolutionären Geiste des Jahres 1848, dessen Wellenschlag sich bis zu unserm entlegenen Gestade fortgepflanzt hatte. Von alters her behaupteten die Oberdreiser und einige Nachbargemeinden ein Anrecht auf den zu ihrer Gemarkung gehörigen Wald zu haben, welchen der Fürst zu Wied, der ehemalige, aber seit 1806 mediatisierte Landesherr, in dunkeln Zeiten durch nicht ganz klare Manipulationen an sich gebracht hatte. Auf dem Wege des Prozesses war bisher nichts zu erreichen gewesen, und um einen solchen wieder in Gang zu bringen, zogen eines Morgens auf Verabredung alle Familienhäupter der drei Gemeinden in den fürstlichen Wald, und ein jeder holte sich dort gleichsam als Zeichen der Besitzergreifung eine kleine Fuhre Holz. Sogleich erhoben sich warnende Stimmen, und die Leute brachten denn auch am folgenden Tage das Holz in den Wald zurück; aber der Frevel war begangen, und noch dazu in einer Zeit, wo es ohnehin den Potentaten etwas warm auf ihren Sitzen wurde; die Bestrafung blieb nicht aus: jeder Familienvater sollte ein halbes Jahr, die weniger belasteten ein viertel Jahr ins Gefängnis wandern. Hier fand nun mein Vater Gelegenheit, seine großen Gaben zum Wohl der Gemeinde zu verwenden. Er reiste[15] nach Berlin, erbat bei Friedrich Wilhelm IV. eine Audienz und stellte ihm vor, daß die Abwesenheit aller Ernährer für ein halbes Jahr den Ruin der ohnehin armen Gemeinden herbeiführen würde. Der König zeigte sich entgegenkommend, erklärte aber, daß nicht er, sondern der Fürst zu Wied der beleidigte Teil sei, und daß ohne diesen nichts geändert werden könne. Der Fürst zu Wied aber verweilte fern von dem Schweiß und der Not seiner ehemaligen Untertanen in Paris. Ohne sich lange zu besinnen, reiste nun mein Vater auch noch nach Paris und erreichte endlich, daß die Strafe nur zur Hälfte und zu gelegener Zeit, wie namentlich im Winter verbüßt wurde. Aber auch nach andern Seiten hin entfaltete mein Vater in seiner Gemeinde eine gesegnete Wirksamkeit, wenn auch nicht gerade in theologischem oder gar pietistischem Sinne. Langjährige Prozesse wußte er durch Vergleich zu schlichten, eine rationellere Bewirtschaftung des Bodens regte er an und ging selbst mit gutem Beispiel voran, den Schlemmereien bei den Hochzeiten, welche einen großen Teil der von den Gästen dem jungen Paare nach Landessitte zur Begründung des Hausstandes dargebrachten Geldgeschenke verschlangen, trat er energisch, wenn auch ohne merklichen Erfolg entgegen, und als die in meinem Geburtsjahre zuerst auftretende Kartoffelkrankheit große Not über die hauptsächlich von Kartoffeln lebende Bevölkerung brachte, da reiste mein Vater kollektierend in der Provinz umher und trug wesentlich zur Linderung der Not bei, indem er irgendwelche Erdarbeiten ausführen ließ und dafür Brote verteilte. Kirche und Pfarrhaus waren, als sie mein Vater übernahm, in kläglichem Zustand. Die Kirche, um 1800 erbaut, war durch die Kriegszeiten nie recht fertig geworden. Von außen fehlte der Anstrich, im Innern die Orgel, durch das Dach regnete es durch und zwischen den halbzerbrochenen Bänken wuchs das Gras. Noch schlimmer stand es mit dem Pfarrhause, in welchem ich die ersten acht Jahre meines Lebens zugebracht habe. Durch die altmodische Haustür gelangte man in eine große rauchige Küche, links war die mit blauen Vöglein austapezierte gute Stube, rechts führten einige Stufen zu der nur durch Übersteigen einer hohen Schwelle erreichbaren Wohnstube, in deren Hintergrunde wieder[16] Stufen zur Gesindestube herabführten. In diesem Hintergrunde stand ich mit vielen geputzten Gästen, als mein Vater die Taufe Marias oder vielleicht die des um zwei Jahre jüngeren Immanuel vollzog. Aufmerksam folgte ich der heiligen Handlung. Als aber der Kopf des Kindleins entblößt und unter feierlichen Sprüchen und Gebärden Wasser mitten in das Gesichtchen geträufelt wurde, da spürte ich eine unbezwingliche Anwandlung zu lachen, und schnell zog ich mich hinter die Röcke der umstehenden Tanten zurück, um meinen Frevel zu verbergen. An einen andern Geniestreich muß ich denken, wenn ich mir die Küche mit dem rußigen, bei Sturmwetter nicht selten durch herabfallende Schornsteintrümmer gefährdeten Küchenherd vergegenwärtige. Einige Bauersleute waren zu Besuch gekommen und hatten mir ein leider noch nicht gekochtes Ei mitgebracht. Ich bat, es mir zu kochen, fand aber für den Augenblick kein Gehör, da alles mit dem Besuch in der Stube beschäftigt war. Ich schlich mit meinem Ei in die Küche, um mir selbst zu helfen, aber das Feuer war erloschen, alles war leergebrannt und kalt. Ich füllte ein Gefäß mit kaltem Wasser, legte das Ei hinein und hoffte meinen Zweck zu erreichen, indem ich ein Streichhölzchen nach dem andern anzündete und in das kalte Wasser tauchte. Erst als die Zahl der weggeworfenen Streichhölzer sich in beängstigender Weise mehrte, ohne daß sich das Wasser merklich erwärmt hätte, erkannte ich die Vergeblichkeit meiner Bemühungen. Aus dieser Küche führte eine gewundene und bei dem Mangel jeder Lehne für uns Kinder gefährliche Treppe nach dem ersten Stock, wo links und rechts die Schlafzimmer und geradeaus der sehr dunkle und etwas unheimliche Söller lag. Man stieg einige Stufen herunter und befand sich in einem sehr langen, schmalen Raum, dessen Decke und eine Seitenwand nur durch das auf dieser Seite sehr tief herunterreichende Strohdach des Hauses gebildet wurde. Hier sollte es angeblich spuken, und die Leute erzählten, wie ein früherer Pastor mit der Bibel hinaufgestiegen sei, um den Teufel zu beschwören. Diese gruselige Geschichte hielt uns nicht ab, von Zeit zu Zeit und bei hellem Tage dem Söller einen Besuch zu machen und irgendwelchen alten Kram zum Spielen zu benutzen. Dieses alte Haus[17] wurde von Jahr zu Jahr baufälliger, und es mußte an ein neues gedacht werden. Da hierzu die Mittel gänzlich fehlten, so beschloß mein Vater, wie er schon früher durch Kollektieren eine Kirchenorgel beschafft und den Notstand der Gemeinde gelindert hatte, so jetzt auf demselben Wege die Mittel für ein neues Pfarrhaus zusammenzubringen. Diese Angelegenheit hielt ihn einen großen Teil der Jahre 1851 und 1852 von Hause fern. Wieder trug er die Angelegenheit zu Koblenz in persönlicher Audienz dem König vor. »Ich habe kein Geld«, erwiderte dieser mit Lachen, spendete aber dann doch 300 Taler; auch wurde die Erlaubnis erteilt, in ganz Rheinland und Westfalen zu sammeln, und als dies geschehen war, dehnte mein Vater seine Kollektenreisen auch noch auf Holland und die Schweiz aus. So waren, zum großen Teile schon im Jahre 1851, zehntausend Mark zusammengebracht. Wenn es irgend möglich war, kam der Vater zum Sonntag nach Hause. Oft erschien er am Sonnabend spät abends, besorgte am Sonntag den Dienst in der Kirche und was sonst vorkommen mochte und ging Montag früh wieder auf Reisen. Schon längst waren die Pläne für das neue Haus entworfen und der Regierung eingesandt worden. Aber am grünen Tisch beeilte man sich nicht mit der Antwort, zog auch durch allerlei Einwände die Sache in die Länge. Indessen wurde der Aufenthalt im alten Hause immer unerträglicher. Da erklärte mein Vater: Morgen wird gebaut, mag die Regierung sagen was sie will. Nun entwickelte sich ein reges Treiben. Alle Mitglieder der Gemeinde taten Hand- und Spanndienste. Der Keller wurde gegraben dicht neben dem alten Hause, welches man stützen mußte, da es anfing zu rutschen. Bald aber erhob sich das Grundgemäuer des neuen Hauses und auf diesem das Zimmerwerk, zu welchem das Holz aus dem Gemeindewalde geliefert wurde. Dies alles und der ganze weitere Ausbau war für uns Kinder ebenso belehrend wie unterhaltend. In jeder freien Stunde kletterten wir auf den Balken herum, und jeder der vier älteren Brüder, mit Ausnahme meiner selbst, hat einen mehr oder weniger schweren Fall getan. Wir konnten die Zeit des Einzuges kaum erwarten. Sobald die Treppen gelegt waren, richteten wir uns schon in den ungetünchten Zimmern wohnlich ein, und am 23. September 1853,[18] es war ein Sonntagmorgen und der Umzug war beendet, setzte sich Mama ans Klavier und spielte mit Rührung: Unsern Eingang segne Gott. Drei Tage darauf schenkte sie meinem Bruder Reinhard das Leben. Er war das siebente Kind, auf welches als achtes und letztes zwei Jahre später noch Elisabeth folgte. So war denn den Eltern nach und nach die stattliche Reihe von sechs Söhnen und zwei Töchtern beschieden worden, deren Erziehung zur Hauptaufgabe ihres Lebens wurde, welcher sie sich denn auch mit aller Treue gewidmet haben. Das Einkommen der Stelle war gering; es bestand in dem Nießbrauch von Pfarrwohnung nebst Stallungen und Scheune, von Wiesen, Gärten und Äckern sowie aus einer jährlichen Lieferung von Holz aus dem Gemeindewalde. Hierzu kam bis zu seiner späteren Ablösung der sogenannte »Zehnte«. Der zehnte Teil alles Feldertrages in der Gemeinde, z.B. beim Korn die zehnte Garbe, wurde ohne Auswählen ausgesondert, und zur Hälfte dem Fürsten zu Wied, zur Hälfte dem Pfarrer überwiesen. Bares Geld war ursprünglich, d.h. bis zur Ablösung des Zehnten, gar nicht mit der Stelle verbunden, es wären denn die Stolgebühren gewesen, bestehend in ganz kleinen Abgaben bei Kindtaufen, Heiraten u. dgl. Eine Wöchnerin wurde beim ersten Kirchgange mittels einer Einschaltung im Kirchengebete »ausgezeichnet«, wofür zwölf Eier entrichtet wurden. Endlich hatte jeder Hausstand in der Gemeinde zu Ostern zwölf Eier zu liefern, deren mühsame Eintreibung sich durch das ganze Jahr hinzog. Wie oft bin ich selbst, wenn man mal Eier brauchte, mit einem Körbchen unter dem Arme und einer Liste der Säumigen in der Hand von Haus zu Haus gegangen und habe die Ausreden und Vertröstungen der Leute anhören müssen. Manche zogen es auch vor, anstatt der zwölf Eier den hierfür feststehenden Satz von neun Kreuzern (25 Pfennig) zu entrichten. Amtlich war die Stelle unter denen verzeichnet, welche einen Ertrag von weniger als vierhundert Talern lieferten. Denn regelmäßig wurden die jährlichen Beiträge zur Witwenkasse zurückgesandt, wie es in diesem Falle gesetzlich vorgeschrieben war. In Wahrheit ließen sich die Erträgnisse der Stelle doch auf sechshundert Taler und wohl noch mehr bringen, wenn Felder und Wiesen nicht verpachtet, sondern vom Inhaber selbst rationell bewirtschaftet[19] wurden. Und hieran ließen es beide Eltern nicht fehlen. Ein Knecht und zwei Mägde wurden gedungen, ein Pferd zur Bestellung der Felder gekauft, ein Dutzend Kühe füllte die Ställe Schafe, Schweine und eine Ziege waren stets vorhanden, und auf dem Hofe wimmelte es von Hühnern, Enten und Tauben. Eine Anzahl Gänse kam erst später als besondere Liebhaberei des Vaters hinzu, während die Mutter ihnen das Zertreten der Wiesen nicht verzeihen konnte und froh war, wenn sie einen dieser Schreihälse als Festtagsbraten auf den Tisch bringen oder lieben Verwandten in Elberfeld zum Geschenk machen durfte. So machte denn unser Pfarrhaus von außen ganz den Eindruck eines besser situierten Bauernhofes oder kleinen Herrenhauses. Die Felder wurden regelrecht bestellt und abgeerntet, das Heumachen, Kornschneiden, Kartoffelgraben usw. wiederholten sich im Kreislaufe des Jahres, und im Winter konnte man schon vom ersten Morgengrauen an das melodische Klipp klapp der Dreschflegel von der Scheune her vernehmen. An manchen Arbeiten durften auch wir Kinder teilnehmen, wie namentlich an dem Wenden des Heues oder an dem Einernten der reichlich vorhandenen Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfel. Weniger angenehm war es, wenn wir von Mama in den großen Gemüsegarten zum Ablesen der Raupen befohlen wurden oder in Stellvertretung Papas in herbstlicher Kühle bei den Kartoffelgräbern stehen mußten, da sonst zu wenig getan wurde. Eine Beihilfe, wenn auch zweifelhafter Art, war es, daß bei den Hauptarbeiten, wie namentlich beim Heumachen, Kornschneiden und Kartoffelgraben, jeder Familienvater der Gemeinde an einem Tage »die Stunde tun«, d.h. dem Pastor bei der Arbeit helfen mußte. Der Vorteil dieser Einrichtung wurde indes durch die im Pfarrhaus nachfolgende Bewirtung stark geschmälert. Immerhin reichte die auf diese Weise bewirtschaftete Pfarrstelle hin, um die zahlreiche Familie zu ernähren, wie auch, um durch den Verkauf von Korn und Vieh, von Butter, Eiern u. dgl. so viel Geld zu lösen, wie nebenbei unbedingt erforderlich war. Bei dieser Lage der Sache, wo die Pfarrstelle fast nur Naturalien eintrug und die Zinsen des kleinen Kapitals, das die Eltern besaßen und das durch den Onkel Wilhelm Heinrich, von[20] dem später noch die Rede sein wird, verwaltet wurde, nicht angetastet werden sollten, eröffnete sich uns zu der Zeit eine dritte Einnahmequelle, welche es ermöglichte, den Überschuß der Wirtschaft an Brot und Fleisch, an Butter, Milch und Eiern vorteilhafter als durch den bloßen Verkauf zu verwerten und nach und nach immer erheblichere Beiträge für unser Fortkommen lieferte. Schon in meinen ersten Lebensjahren war meiner Mutter eine junge Kusine, Elise Brüning aus Elberfeld, zur Ausbildung im Haushaltungswesen für ein Jahr anvertraut worden, und dies hatte sich so gut bewährt, daß ohne jede Bekanntmachung in den Zeitungen nach und nach immer mehr Familien ihre Töchter für ein Jahr nach Oberdreis schickten. Gewöhnlich waren in der späteren Zeit sechs bis zwölf solcher jungen Damen in dem einsamen Oberdreis, trugen durch ihr Kommen und Gehen, durch die Briefe, Sendungen und Besuche ihrer Angehörigen gar sehr zur Belebung des abgelegenen Bergtales bei, und man kann sich denken, mit welchem Interesse wir als heranwachsende Jünglinge bei unserer Heimkehr in den Ferien die Reihen »der lieben Mädchen« (dies war die übliche Bezeichnung) zu mustern pflegten. Sie bezahlten im Jahre einen Pensionspreis von 120, später, wenn ich nicht irre, 180 Talern, wofür sie Wohnung und Tisch, der jetzt an Fleisch, Weißbrot usw. besser bestellt war, sowie Anweisung in den wochenweise abwechselnden Hausarbeiten erhielten. Es gab da eine Stubenwoche, eine Vormittags- und eine Nachmittags-Küchenwoche, eine Bettenwoche usw. Auch Klavierunterricht wurde erteilt, und unzählige Male erklangen »Die Klosterglocken« und stieg das »Gebet der Jungfrau« zum Himmel auf. Kamen wir vom Gymnasium oder der Universität in den Ferien nach Hause, so wurde mancherlei zur Unterhaltung veranstaltet. Gewöhnlich las ich aus Goethe oder Shakespeare vor, oft ein ganzes Drama ohne Unterbrechung in einer Sitzung. Im Herbste 1867 ging ich mit »den lieben Mädchen« die Geschichte der Philosophie nach Schwegler durch, was nur dadurch möglich wurde, daß wir alle täglich eine Stunde früher aufstanden. Mit Fanny Poadt, einer Engländerin, trieb ich Englisch, Deutsch, Lateinisch, und ein andermal habe ich mit zwei oder drei Schülerinnen Shakespeares Macbeth auf englisch durchgearbeitet.[21] Daneben wurden jeden Nachmittag weitere Spaziergänge unternommen, wir besuchten zusammen den Steimeler Markt, die alte Burg Reichenstein, oder wir erklommen den Beulstein, eine Felsmasse mitten im Wald, blickten von dort auf Oberdreis und das idyllische Tal, sahen die Sonne hinter den Bergen untergehen und sangen dazu: »Seht, wie die Sonne dort sinket.« Weniger harmlos war es schon, wenn wir mit »den lieben Mädchen« in ein Wirtshaus einkehrten, um Kaffee, Milch und Bier zu trinken, was eigentlich nur für weitere Touren erlaubt war. Indessen gelang es uns mitunter sogar in Steimel, die »lieben Mädchen« zu einem Glase Bier hereinzunötigen, namentlich wenn ein besonderer Anlaß vorlag, z.B. wenn wir Besuch hatten, was in dem gastlichen Pfarrhause fast immer der Fall war. Übrigens ist alle die Jahre hindurch alles in den Grenzen des strengsten Anstandes geblieben; kein Mädchen ist bei uns zu Schaden gekommen, und sogar die Pfänderspiele wurden ohne Küsse gespielt. Das Stärkste, was vorkam, geschah vielleicht, als ich Weihnachten 1869 aus Minden in die Ferien zurückkam und wie immer eine von den »lieben Mädchen«, gewöhnlich die Schönste, zur Königin meines Herzens erkor und durch stille Aufmerksamkeiten auszeichnete. Der Weihnachtsabend kam heran. Unter dem strahlenden Christbaume wurden zahlreiche Pakete ausgeliefert, und nun ging es an ein Auspacken, Lesen der Briefe, Enthüllen der Geschenke, wobei des Jubels kein Ende war. Unter anderm packte meine Angebetete ein hübsches und für die ganze Familie nützliches Geschenk aus und überreichte es meiner Mutter. Ich stand natürlich daneben. Meine Mutter bewundert das Geschenk, ich bewundere es noch viel mehr und meine Mutter schließt das liebe Kind in ihre Arme und drückt einen Kuß des Dankes auf ihre Stirn. Was war natürlicher, als daß ich auch hierin ihrem Beispiel folgte, und vor aller Augen, ehe man sich dessen versah, einen Kuß von den rosigen Lippen des Mägdeleins geraubt hatte. Die Sache ging im Festgetümmel so hin, kam aber doch am andern Tage, als die Familie unter sich allein war, zur Sprache. Friedrich, der überhaupt immer geneigt war, mir etwas am Zeuge zu flicken, entwickelte mit ungestümer Beredsamkeit, daß durch dergleichen Vorkommnisse der Ruf des Pensionats leiden[22] könne, dessen Erträge doch für den Unterhalt der Familie unentbehrlich seien und nicht am wenigsten auch von mir selbst oft genug in Anspruch genommen würden; er zeigte, immer hitziger werdend, wie ich somit meine eigenen Subsistenzmittel untergrübe und verstieg sich schließlich zu dem klassischen Ausspruche: »Der Paul vertilgt sein eigenes Brot!« Ein allgemeines herzliches Lachen belohnte diese rednerische Leistung und zeigte, daß man für diesmal nicht geneigt war, die Sache allzu tragisch zu nehmen. Die meisten Pensionärinnen blieben nur ein Jahr bei uns. Ausnahmsweise kam es vor, daß ein Mädchen zwei, drei, ja wohl vier Jahre in Oberdreis verweilte. So blieb Klementine W., ein sehr schönes, aber auch sehr schwer zu leitendes Mädchen, ein Schützling und soviel mir bewußt, entfernte Verwandte von Alfred Krupp in Essen, von 1851 bis 1854 in Oberdreis. Sie war, als sie bei uns einzog, schon lange Zeit so heiser, daß sie keinen lauten Ton hervorbringen konnte. Man nahm an, daß sie ihre Stimme für immer verloren habe. Aber die gesunde Bergluft des Westerwaldes wirkte hier ein Wunder. Eines Abends kehrten die Mädchen von einem längeren Spaziergange auf den Oberdreiser Berg zurück, legten sich schlafen, und als am andern Morgen Klementine herunterkam, hatte sie ihre Stimme wieder erlangt und sprach klar und laut wie ein anderer Mensch. In der Folge wußte sie der Langweile des Landlebens dadurch abzuhelfen, daß sie allerlei dumme, zum Teil auch schlechte Streiche verübte. Dabei hatte sie die merkwürdige Eigenschaft, im Schlafe zu sprechen, und so verlogen sie auch sonst sein mochte, wenn meine Mutter sie im Schlafe ansprach, so konnte sie nichts verschweigen und beichtete alles bis ins kleine, ohne beim Erwachen sich daran zu erinnern. Was später aus ihr geworden ist, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls wurde sie ein Segen für die Gegend. Denn als durch Mißwuchs und andere Umstände das Elend unter den Leuten immer größer wurde, da überredete mein Vater mit großer Mühe ein paar Leute, mit einer Empfehlung von ihm nach Essen zu Krupp zu gehen. Sie glaubten auf Nimmerwiedersehen zu scheiden, fanden aber bei Krupp Verwendung und konnten bald reichliche Beträge an die Ihrigen in der Heimat senden. Jetzt fand das Beispiel Nachahmung. Immer mehr Leute[23] verlangten, nach Essen zu gehen, und da Krupp sich bereit erklärte, jeden anzustellen, den mein Vater mit einer Empfehlung ihm senden würde, so bildete sich in Essen nach und nach noch eine ganze Kolonie von Leuten aus Oberdreis und der Umgegend, welche dort viel Geld verdienten und nach Hause sandten oder mit sich zurückbrachten und dadurch sehr dazu beitrugen, den Notstand in der Heimat zu lindern. Eine Hauptursache des Elends war die Leichtfertigkeit, mit welcher meine guten Landsleute Schulden machten, wodurch sie mehr und mehr in die Hände jüdischer und auch christlicher Wucherer gerieten, die es dann verstanden, die Leutchen um all ihr Hab und Gut zu bringen. Um diesem Unheile zu steuern, gründete mein Vater mit einem geringen, ich weiß nicht woher geschenkten, Fonds den Wohltätigkeitsverein in Steimeln, dessen lebenslänglicher Präsident er blieb und dem so ziemlich alle besseren Leute der Gegend sich anschlossen. Dieser Verein lieh Kapitalien zu 5 und verlieh sie gegen Hypothek zu 51/2 Prozent. Jeder Schuldner mußte außerdem noch einen Bürgen stellen. Diese Einrichtung erwies sich als außerordentlich wohltätig und half gar sehr, dem Wucher in der Gegend zu steuern. Haben wir im bisherigen die Verhältnisse geschildert, unter deren Eindrücken meine Jugend gestanden hat, so wäre nun weiter von dem zu reden, was direkt für meine Erziehung und Bildung geschehen ist. Während mein Vater seinen Kirchendienst mit Anstand und Würde verrichtete, ohne doch den Eindruck zu machen, als wenn ihm dergleichen sonderlich tief zu Herzen ging, so war meine Mutter beseelt von einem nicht nur sittlich strengen, sondern auch auf richtig frommen Geiste, welcher mitunter des Guten vielleicht zuviel tat. Allezeit, soweit ich denken kann, wurde täglich vor dem Frühstück ein Morgensegen abgehalten, zu dem Sonntags auch die Dienstboten hereingerufen wurden. Die Mutter setzte sich ans Klavier; einige Verse wurden gesungen; dann wurde von dem Vater und später, wo dieser zum Morgensegen nicht mehr zu erscheinen pflegte, von der Mutter ein Kapitel aus der Bibel gelesen, worauf ein freigesprochenes Gebet, wie es gerade der Augenblick eingab, folgte. War dieser Vorgang im Angesichte[24] des aufgetragenen Frühstücks für Kinder oft eine Geduldsprobe, so gab er doch als feierliche Einweihung des Tages diesem ein gewisses sittliches Gepräge und wirkte ohne Zweifel disziplinierend. Schwerer zu ertragen waren die lange Jahre bestehenden Abendsegen, während man schon mit dem Schlafe kämpfte, ohne doch einschlafen zu dürfen. Sogar ein Mittagsegen wurde, vielleicht unter dem Einflusse pietistischer Amtsbrüder, eine Zeitlang versucht, jedoch bald wieder aufgegeben. An diese Andachtsübungen schlossen sich frühzeitige religiöse Belehrungen durch die Mutter. Eine alte Bilderbibel wurde besonders Sonntagnachmittags hervorgeholt, wobei die Mutter uns die zugehörigen biblischen Geschichten erzählte; keine Dämmerstunde ließ sie gern vorübergehen, ohne ihre Kinder um das Klavier zu versammeln, mit ihnen zu singen und erbauliche Erzählungen und Ermahnungen einzuflechten, und in der Passionszeit, namentlich in der Karwoche, lag es auf dem ganzen Hause wie ein Schatten des Todes. An diesen religiösen Unterricht schloß sich frühzeitig der profane. Mein älterer Bruder Johannes unternahm es, mir das Lesen und zunächst die Buchstaben beizubringen. Infolge seiner nervösen und hastigen Art verfuhr er, selbst erst acht Jahre alt, allerdings sehr unpädagogisch dabei. Er zeigte und erklärte mir eine Anzahl von Buchstaben zusammen, und wenn ich sie dann nicht wieder nennen konnte oder verwechselte, so kniff er mich mit seinen scharfen und nicht immer sauberen Nägeln in den Hals. Er nannte dies »mieken«. Eines Tages betrachteten mich die Eltern, und Mama rief: »Je noch, das Kind hat ja einen ganz wunden Hals! Was hast du gemacht?« ? »Ei, das ist doch vom Mieken«, antwortete ich. ? »Was ist Mieken?« ? »Nun, ich lerne doch jetzt lesen, und dabei wird man gemiekt.« Die Eltern hatten Mühe, den mir so natürlich scheinenden Zusammenhang zwischen Lesenlernen und Mieken zu verstehen und suspendierten das kaum begonnene Studium. Ich weiß nicht, wer sich dann weiter meiner annahm. Tatsache ist, daß ich mit fünf Jahren fließend lesen konnte und daß es nicht mehr lange dauerte, bis mich die Lesewut ergriff und mir das Lesen zeitweilig für eine Woche verboten werden mußte. Einem der nächsten Jahre, ich weiß nicht mehr welchem, gehört das folgende Vorkommnis an. Es war an einem heißen[25] Sommertag nach dem Mittagessen; Mama hatte die kleine Maria schlafen gelegt und beauftragte mich, die Fliegen von ihr abzuwehren, während sie selbst im Nebenzimmer sich ein wenig zur Ruhe legte. Ich versuchte das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, indem ich mit der einen Hand dem Kinde die Fliegen wehrte, während ich aus einem in der andern Hand gehaltenen Buche las. Es waren Grimms Kinder- und Hausmärchen, welche uns Tante Marie Reinhardt kurz vorher geschenkt hatte. Ich weiß nicht, ob das Wedeln über dem Lesen allzu lässig betrieben wurde; Tatsache ist, daß das Schwesterchen erwachte und anfing zu schreien. Mama, aus dem Schlafe aufgeschreckt, eilt herbei, sieht das Märchenbuch und konfisziert es. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß mir dieses liebste aller Bücher für längere Zeit vorenthalten bleiben sollte. Mein Kummer war groß, und ich brachte meine Sehnsucht in einem Gedichte zum Ausdruck, welches anfing: »O Märchenbuch, o Märchenbuch«, welches noch längere Zeit vorhanden war, jetzt aber, wie es scheint, verloren ist. Die Sache sprach sich herum, ich mußte es am andern Morgen beim Frühstück vortragen, und man fand es so rührend, daß Mama mir auf allgemeine Bitte das Buch zurückgab. Wir besuchten nun zunächst die Elementarschule des Orts, welche gegen hundert Kinder verschiedenen Alters aus Oberdreis, Dendert und Hilgert umfaßte. Es war nur eine Schulstube wie auch nur ein Lehrer vorhanden. Die Heizung der Schule wurde in der Art besorgt, daß jedes Kind allmorgendlich im Winter ein Scheit Holz von Hause, oft eine halbe Stunde weit her mitbrachte und beim Eintritt neben den Schulofen warf. Beim Unterricht saßen die Kinder auf Bänken ohne Lehne an langen flachen Tischen, die Knaben auf der einen, die Mädchen auf der andern Seite. Der Unterricht war in manchen Fächern für alle gemeinsam, in andern widmete der Lehrer sich nur einer Abteilung, während er die übrigen still beschäftigte. Am schwersten war für den Lehrer wohl die Schreibstunde. Stahlfedern waren nur dem Hörensagen nach bekannt und galten für einen nicht zu billigenden Luxus. Auch Hefte gab es nicht. Man schrieb auf zusammengefaltete Papierbogen mit Gänsefedern, welche sämtlich der Lehrer schneiden mußte, so daß immer eine Anzahl um[26] ihn herumstand mit der Bitte: »Zepter (Präzeptor), schneid mir die Feder.« Der damalige Lehrer namens Becker war ein kleiner, lebendiger, sehr geschickter und beliebter Mann, und es tut mir noch heute leid, ihn einmal gröblich beleidigt zu haben. Es war in der Dämmerung und wir spielten mit der ganzen Dorfjugend auf der Wiese. Auf einmal hieß es: Stille, der Zepter kommt. Ich hatte gegen den seelenguten Ohm Becker, wie wir Kinder ihn im Pfarrhause nannten, nicht den mindesten Groll, und es war nur die Sucht, mich hervorzutun, vielleicht auch die schon damals in mir liegende Neigung zur Opposition, welche mich verführte, über den auf dem Hohlwege außerhalb des Spielplatzes still und von mir selbst ungesehen Vorübergehenden während des scheuen Stillschweigens der andern einige sehr ungezogene Worte zu sagen, wie sie sonst nur hinter dem Rücken des Lehrers unter den Schülern von Mund zu Mund zu gehen pflegen. Die Sache wurde zu Hause bekannt, ich wurde für einige Stunden eingesperrt, und das Härteste war, daß ich am andern Morgen zum Lehrer gehen und diesen um Verzeihung bitten mußte. Der Unterricht des Lehrers Becker wurde sehr gerühmt, und auch ich erinnere mich noch wohl, wie anregend es war, wenn der kleine Mann auf ein Bänkchen stieg, um mit seinem Stäbchen die Landkarte zu erklären, oder wenn er eine Kugel in der Mitte der Schulstube aufhing, um die jährliche Wanderung der Sonne durch die rings an den Wänden befestigten zwölf Bilder des Tierkreises anschaulich zu machen. Immerhin konnte ein Unterricht in Gemeinschaft mit soviel Kindern verschiedenen Alters auf die Dauer für unsere Zwecke nicht genügen, und da mein Vater selbst zum Lehren ebensowenig Neigung wie Geschick hatte, so entschloß er sich, für uns drei einen besonderen Hauslehrer zu halten, und indem er den Unterricht im Lateinischen sich selbst vorbehielt, konnte er sich mit einem seminaristisch gebildeten Elementarlehrer fürs erste begnügen. Die Wahl fiel auf Heinrich Hoffmann aus Offdillen in Nassau, welcher Herbst 1852 bei uns eintrat und fast zwei Jahre bis Herbst 1854 unsere Erziehung leitete. Er war ein offenherziger, harmloser junger Mann von nicht sonderlich feinen Manieren und hat sich unserer ganz treu angenommen, sowohl im Unterricht[27] als außerhalb desselben. Er war noch nicht lange bei uns, da wurden wir in der Nacht des 9. Januar 1853 durch Feuerlärm geweckt. Es brannte bei der Hanne im Judenviertel, dessen zwei oder drei Häuser ganz nahe dem Pfarrhause und noch näher der Kirche sich an der Kirchhofsmauer hinzogen. Wir standen auf, kleideten uns an und jeder packte seine Habseligkeit an Büchern, Traktätchen und Spielsachen in einen Korb. Unsere Befürchtung, daß die umfliegenden Funken das Strohdach des Pfarrhauses oder das im Rohbau schon fertigstehende neue Haus entzünden möchten, erfüllte sich nicht. Wohl aber hieß es plötzlich zum allgemeinen Schrecken: Die Kirche brennt! In der Tat hatten umherfliegende brennende Massen das morsche Holz eines Dachfensters der Kirche angezündet. Die Gefahr war groß und niemand wußte zu helfen. Denn man mußte mit einem Eimer Wassers unter dem Dach der Kirche über das aus Balken und Flechtwerk hergestellte Gewölbe der Kirche sich im Dunkeln zum brennenden Dachfenster hintasten, und jeder befürchtete, dabei durchzubrechen und in die Kirche herunterzustürzen. Da entschloß sich der wackere Lehrer Becker, gestützt auf seine Lokalkenntnis, das Wagnis zu unternehmen. Es gelang ihm, die Kirche zu retten. Hierbei aber zog er sich in der kalten Winternacht eine Erkältung zu, welche in eine hitzige Krankheit ausartete, die in kurzer Zeit zu seinem Tode führte. Wir durften hin, den Leichnam zu sehen, es war der erste in meinem Leben. In seinem schönen neuen, von ihm selbst gebauten Hause lag er aufgebahrt in schwarzem Sarge, kalt und blaß, die Augen geschlossen, die weiße Zipfelmütze auf dem Kopfe. Wir durften zum Abschied seine Hand ergreifen; die fiel schwer und starr herab, sowie wir sie losließen. So etwas vergißt sich nicht, auch wenn in halbes Jahrhundert uns davon trennt. Der Tag des Begräbnisses war gekommen. Meine Brüder wollten in Tränen zerfließen. Ich aber sprach: »Nur nicht geweint! Der liebe Ohm Becker ist im Himmel. Da ist ihm viel wohler als hier.« Man hat mir dieses Verhalten und ähnliches im späteren Leben als Herzlosigkeit ausgelegt. Aber ich glaube, daß dabei eine Begriffsverwechslung vorliegt. Herzlos ist der, welcher sein Herz vor der Not des andern verschließt, und das habe ich nie getan. Ich habe stets für andere etwas übrig gehabt,[28] wenn auch nicht soviel wie für mich selbst. Wohl aber ist mir von Natur an die Gabe zuteil geworden, fremdes wie eigenes Mißgeschick gelassen hinzunehmen, sobald ich dessen Unabwendbarkeit erkannte. Als Ersatz für Lehrer Becker gewann Oberdreis einen andern nicht weniger trefflichen Mann, den Lehrer Alsdorf aus Wienau. Wir empfingen ihn eine halbe Stunde vor dem Dorfe mit Gesängen, die unser Herr Hoffmann uns mit den Schulkindern zusammen eingeübt hatte. Alsdorf blieb mit Hoffmann befreundet. Unserer Familie aber war und blieb er über dreißig Jahre lang ein lieber Freund und Helfer, der in allen Nöten herbeigerufen wurde, mochte es sich um das Erkennen einer Kinderkrankheit oder den Ankauf eines Pferdes oder das Stimmen des Klaviers handeln. Seine ersten Kinder starben alle in den ersten Lebensjahren, es war herzzerbrechend, ihn an den kleinen Gräbern weinen zu sehen. Später sind ihm vier prächtige Kinder herangeblüht, dem ältesten werden wir noch öfter begegnen. Mit Herrn Hoffmann machten wir öfter weite Touren zu Fuß, die weiteste zu Pastor Müller in Holpe. Mit Butterbrot gemahlenem Kaffee und sonstigem Proviant versehen, legten wir den acht Stunden weiten Weg dorthin an einem Tage zurück. Hochpoetisch war es dabei, daß wir unweit Hamm in einem richtigen Kahn über die Sieg gesetzt wurden. Von Holpe zurückkehrend, hörten wir, daß ein Brief für Herrn Hoffmann auf dessen Zimmer liege. Er eilte hinauf, ich sprang ihm nach. Er riß den Brief auf, blickte hinein und rief, indem er vor Überraschung die Hände zusammenschlug: »Ich bin versetzt!« Ich, der ich nicht wußte, welches Gesicht ich bei dieser Nachricht aufsetzen sollte, lief herunter und teilte den andern die große Neuigkeit mit: »Herr Hoffmann ist versetzt.« Alsbald erhob sich ein allgemeines Gejammer, an welchem ich beim besten Willen nicht teilnehmen konnte. Herr Hoffmann war mir lieb und wert, aber eine Veränderung konnte doch auch sehr hübsch werden und war jedenfalls interessant. Und um meinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können, lief ich hinaus. Draußen im Hofe waren Faßdauben aufgeschichtet, wie sie aus den besseren Stücken des gelieferten Gemeindeholzes ausgehauen und an Rüfer verkauft zu[29] werden pflegten. Zwischen diese Dauben, wo mich niemand sehen konnte, setzte ich mich hinein, und da habe ich nach Herzenslust gelacht. So verschieden waren meine Gefühle von denen meiner Brüder. Zwar hatten wir von den gemeinsamen Eltern denselben Intellekt geerbt, aber die Mischungsverhältnisse waren verschieden. In einem gewissen Sinne kann man sagen, daß bei mir wie auch bei Elisabeth der ruhige, klare, berechnende Intellekt und bei den andern das Gemüt, die Gefühle, der Wille vorherrschte. Herr Hoffmann also schied, und nun unternahm es Papa, uns ins Lateinische einzuführen. Eines Tages erschienen drei schöne neue Exemplare der Elementargrammatik von Kühner, wo sehr zweckmäßig das Präsens der vier Konjugationen zuerst eingeübt wird, so daß man sogleich Sätzchen übersetzt wie rana coaxat oder agricolae arant und daran seine Freude hat. Leider fehlte es dem Vater an Stetigkeit. Immer seltener rief uns Papa zum Unterricht und bei den Subtilitäten der dritten Deklination geriet die Sache ganz ins Stocken. Mit Kummer sah Mama, wie wir Tage und Wochen lang Ferien hatten, da es immer noch nicht gelingen wollte, eines neuen Hauslehrers habhaft zu werden, zumal bei Papas Unlust zum Unterricht der Hauslehrer auch das Latein übernehmen sollte, also doch schon ein Kandidat der Theologie sein mußte. Oft verkündigte Papa: Heute wollen wir Lektion halten. Dann gingen wir aufs Zimmer, aber Papa kam nicht oder ging doch bald wieder weg, und wir blieben uns selbst überlassen. Dann ging es wohl über Papas Bücherschrank her, und es wurde Passendes und Unpassendes durcheinandergelesen. Eines Nachmittags, ich mochte acht oder neun Jahre alt sein, fiel mir ein Bändchen in die Hände, welches den ersten Teil von Goethes Faust enthielt. Ich verstand das wenigste davon, aber Sprache und Reim fesselten mich so sehr, daß ich, auf der Erde neben dem Bücherschrank hockend, nicht aufstand, ehe ich das Büchlein von Anfang bis zu Ende durchgelesen hatte. Ein ganzes Jahr zog sich die lehrerlose, fast in völliger Untätigkeit verbrachte Zeit hin, ehe es gelang, einen Kandidaten der Theologie zu gewinnen, wie sie zwischen dem ersten und zweiten Examen für Hauslehrerstellen leicht, aber immer nur für[30] kurze Zeit zu haben sind. Im Herbste 1855 trat bei uns der nassauische Predigtamtskandidat Wilhelm Christ ein, welcher zum Glück schon nach sechs Wochen wieder abzog. Ich sage zum Glück, denn ein längerer Verkehr mit diesem Menschen würde uns ganz verdorben haben. Seine Sitten waren nicht schlecht, aber burschikos und roh; er machte ganz den Eindruck eines lustigen, wüsten Studenten; sein Hauptvergnügen war, uns zu schlagen, und er betrieb seine Peinigungen ganz systematisch. Beim Übersetzen mußten wir zu zweien links und rechts neben ihm stehen und das für alle gemeinsame Buch der eine mit der linken, der andere mit der rechten Hand vor ihm in der Schwebe halten. Er selbst, zwischen uns sitzend, wiegte sich auf den Hinterbeinen seines Stuhles, indem seine beiden Hände auf unsern Schultern ruhten. Sobald nun etwas falsch gemacht wurde, schlug seine Hand mehr oder weniger hart auf die Wange in ihrer Nähe, und so sollten wir richtig und schön übersetzen, während wir fortwährend in Angst vor einem plötzlichen Schlage schwebten. Alles wurde mit Schlägen bestraft. Jede Kleinigkeit, jedes Vergessen, Zuspätkommen oder Offenlassen der Tür kostete soundso viel Schläge. Diese wurden nicht etwa sofort erteilt, sondern angeschrieben. Es wurde richtig Buch darüber geführt, und am Sonnabend war Zahltag. Dann stellte der Unmensch das eine Bein auf einen Stuhl, nahm einen nach dem andern vor und legte ihn über das hochgestellte Bein und streichelte längere Zeit den sonst zum Sitzen dienenden Körperteil, bis dann unerwartet ein derber Schlag erfolgte, sei es mit der Hand oder einem geeigneten Stück Holz. Diese Exekution hieß das Überlegen. Wir hielten das Wort für den in der Welt dafür üblichen Terminus technicus und ich fand einen Trost darin, daß der verhaßte Brauch schon bei den Römern bestanden haben müsse, denn ich fand im lateinischen Vokabularium »überlegen consultare.« Wieder einmal stand der Sonnabend bevor, und ein langes Sündenregister harrte der Erledigung. In unserer Angst wandten wir uns an die »lieben Mädchen« und baten um ihre Fürsprache. Sie erschienen denn auch in corpore vor dem Tyrannen und baten ihn, uns die Strafe zu erlassen. »Ein Erlassen der Strafe, meine Damen, ist unmöglich,« sprach er, »aber wenn Sie die Schläge auf sich[31] nehmen wollen, so können die Buben ausgehen.« Die guten Mädchen erklärten sich dazu bereit, wohl in der Meinung, daß es nicht so schlimm werden würde. Und wirklich vollzog er an ihnen vor unsern Augen dieselbe Prozedur, die wir so oft erlitten hatten, nur daß die Mädchen nicht aufs Knie gehoben wurden, sondern auf dem Boden stehend sich darüberbeugen mußten, auch die Schläge vorwiegend auf Schultern und Rücken appliziert wurden. Ich hatte den Eindruck, daß er gelinde dabei verfuhr; meine Brüder aber behaupteten, er habe die Mädchen ebenso stark geschlagen wie uns, ausgenommen eine, mit der es eine besondere Bewandtnis hatte. Es war nämlich damals bei uns ein Mädchen, Ottilie M. aus U., welche sich nicht durch besondere Schönheit, aber durch Munterkeit und einen eigentümlichen Liebreiz auszeichnete. Sie war, wenn ich so sagen darf, meine erste Flamme. Denn Emil C. aus Barmen, der eine Reihe von Jahren mit uns erzogen wurde und natürlich mein Busenfreund war, hatte mir, dem achtjährigen Knaben, unter andern Dummheiten die Meinung beigebracht, daß es Zeit sei, uns eine Geliebte anzuschaffen. Dies leuchtete auch mir ein, und wir wählten unter den zehn Jahre älteren Mädchen zwei aus, die wir dann durch allerlei Ritterdienste auszeichneten. Seine Dulzinea hieß Pauline M., die meine war jene Ottilie M. Die Mädchen ließen sich diesen Scherz gefallen und erklärten lachend, daß sie sich ein Brett über den Kopf binden wollten, um nicht weiterzuwachsen, bis wir ihnen an Größe gleich sein und sie heiraten würden. Emil und ich trieben die Albernheit so weit, daß wir Liebesbriefchen verfaßten und sie in der Kirche zwischen das Holzwerk der Pulte steckten, an denen die Mädchen zu sitzen pflegten. Zum Glück hat nie jemand die Sache entdeckt, auch beseitigten wir die Papierchen bald wieder aus Furcht vor der Mutter, welche in allem, was die Religion betraf, keinen Spaß verstand. Diese Liebelei entsprang bei Emil offenbar nur aus dem Wunsche, alle seine Barmer Straßenjungenstreiche auch in unser unschuldiges Oberdreis zu verpflanzen. Bei mir ging die Sache doch etwas tiefer. Noch heute steht das liebliche Mädchen mit dem unbedeutenden, süßen Gesichtchen lebendig vor meinen Augen, und es ist mir so, als wenn alle meine späteren Lieben[32] eine gewisse Familienähnlichkeit mit dieser ersten gehabt hätten. Jedenfalls habe ich durch sie schon die Qualen der Eifersucht durchkosten müssen. Der Kandidat Christ, der sie schon damals weniger als die andern geschlagen haben sollte, fand zu meinem Verdruß ein unverkennbares Wohlgefallen an ihr. Er verließ uns schon nach sechs Wochen, kehrte aber öfter zum Besuche bei uns ein, verlobte sich auf einem solchen mit Ottilie öffentlich und hat sie denn auch später richtig sitzen lassen. Sie ist unverheiratet geblieben bis auf den heutigen Tag. Amazon.de Widgets Nachträglich hätte ich hier noch eines Unfalles zu gedenken, der mich im September 1855 traf und sich, solange ich lebe, wohl immer wieder neu in Erinnerung bringen wird. Wir hatten unter anderm ein Feldbett, welches durch schrägstehende Eisenstangen festgehakt wurde. Hier spielten wir eines Tages. Mein Bruder Werner, mit den Füßen auf der Erde und den Händen auf dem Bette, bot uns seinen Rücken zum Daraufspringen dar, worauf er uns nach der Seite abschüttelte. Hierbei fiel ich mit der linken Seite auf eine der eingehakten Eisenstangen. Der Schmerz war nicht groß und ging in ein paar Tagen vorüber, und es war nur als Scherz gemeint und wurde auch als solcher aufgefaßt, wenn ich am andern Morgen beim Frühstück erklärte: »Ich glaube, ich habe eine Rippe zerbrochen.« Das war etwa am Montag. Am Freitag kehrten die Schmerzen wieder, doch konnte ich noch mit nach Neitzert zu einer Hochzeit gehen und dort auf einen Pflaumenbaum klettern. Am folgenden Tage fand es meine Mutter doch für geraten, mit mir nach dem eineinhalb Stunden entfernten Altenkirchen zum Arzte zu gehen. Als solcher lebte damals in Altenkirchen Doktor Arnoldi, ein außerordentlich sanfter und ruhiger Mann, der sich von unserm Kreisphysikus in Dierdorf sehr vorteilhaft unterschied und mit Recht das allgemeine Vertrauen genoß. Dieser erklärte, daß wirklich eine Rippe zerbrochen und schon eine Herzerweiterung entstanden sei. Er verschrieb Salbe zum Einreiben und Tropfen zum Einnehmen, zur Verwunderung meiner Mutter, der es noch nicht vorgekommen war, daß man einem Kinde Tropfen gab. Wir kamen glücklich nach Hause zurück, aber in der Nacht wurde es sehr schlimm. Ich hatte hohes Fieber und große Schmerzen, welche nur dadurch[33] erträglicher wurden, daß meine Mutter, die bei mir wachte, ihre Hand gegen meine Seite hielt. Mehrere Wochen lag ich, während es erst allmählich besser wurde, von den Brüdern getrennt in einem unteren Zimmer zu Bett. In der Nacht zum 14. Oktober 1855 werde ich durch ein Geräusch geweckt, welches aus dem Nebenzimmer kommt. Ein Kommen und Gehen, mancherlei Stimmen, zuletzt das Geschrei eines Kindes. Ich rufe hinüber, und Papa erscheint und beruhigt mich durch die Erzählung, daß in der stürmischen und regnerischen Nacht fremde Leute mit einem kleinen Kinde angekommen seien und um Nachtquartier gebeten hätten. Das kleine Kind, welches in dieser Nacht angekommen war und den Abschluß der Familie bilden sollte, war meine Schwester Elisabeth. Bald darauf war ich so weit hergestellt, daß meine Brüder sich vor den kleinen Wagen spannten, der zu unsern Spielen diente und mich mit aller Sorgfalt nach Altenkirchen zum Arzt und wieder zurückfuhren. Noch jahrelang fühlte ich Stiche in der Nähe des Herzens, und das Turnen war mir verboten. Später konnte ich mich allen körperlichen Übungen nach Herzenslust hingeben, aber selbst jetzt noch stellen sich zuweilen unbehagliche Gefühle am Herzen ein, man nimmt an, daß sie von einem Nerven herrühren, der unrichtig eingeheilt ist. Nach dem Weggange des Kandidaten Christ entschloß man sich, lieber einen Elementarlehrer anzunehmen, der gerade zu haben war, als daß man abermals längere Zeit ohne Lehrer bliebe, und so trat, wenn auch nur zur Aushilfe und für kurze Zeit, Herr Remy aus Maxsayn bei uns ein. Wir waren geneigt, ihn als Elementarlehrer und wegen seiner kleinen Gestalt nicht für recht voll zu nehmen, fühlten aber sehr bald durch, daß wir an ihm einen methodisch erfahrenen und gewissenhaften Mann gewonnen hatten, dessen Unterrichtsstunden interessant und lehrreich waren und gar sehr gegen das wüste Treiben des Kandidaten Christ abstachen. Leider konnte er nur sechs Wochen bleiben, lud uns aber freundlich ein, ihn in dem fünf Stunden entfernten Maxsayn zu besuchen. Dorthin wanderten wir denn auch in den folgenden Weihnachtsferien und wurden in dem einfachen ländlichen Hause von Herrn Remy, seiner Mutter und sei nen Brüdern freundlich aufgenommen. Eines Abends setzte sich Herr Remy mit[34] einigen Freunden zum Kartenspiel nieder, während wir zusahen. Dies brachte mich in große Gewissensnot. Von der Mutter hatte ich gelernt, daß Kartenspielen Teufelswerk sei, und als ich eines Tages ein mir geschenktes, abgenutztes Kartenspiel nach Hause brachte, hatte ich dieses sogleich ins Feuer werfen müssen. Was sollte ich jetzt tun? Ich ging hinaus und überlegte lange bei mir, ob ich aus Achtung vor dem geliebten Lehrer schweigen oder ob ich der Gesellschaft die Gottlosigkeit ihres Tuns vorhalten sollte. Zum Glück entschied ich mich für das erstere. Herr Remy hatte uns verlassen, und wir waren wieder einmal verwaist. Da erschien eines Nachmittags bei uns ein Mann, der nichts auf der Welt sein eigen nannte, als den Anzug auf seinem Leibe, eine Brille, eine Schnupftabaksdose und sechs große baumwollene Taschentücher. Seine Sprache klang fremdartig und wurde erst nach einiger Gewöhnung verständlich. Er hieß Kaiser und stammte aus Bayern, wo er in einem Kloster zu Donauwörth Mönch gewesen war. Von dort war er, ich weiß es nicht recht warum, entflohen und hatte sich nach Koblenz gewandt, wo man wußte, daß wir einen Lehrer suchten und den von allen Mitteln Entblößten zu uns sandte. Er kam wie gerufen und wurde sogleich als unser Lehrer engagiert. Wir haben diese Wahl nie bereut. Kaiser nahm sich mit aller Treue unserer an. Er konnte gut Latein, und auch das Griechische, welches ich bei ihm begann, war ihm, von den Akzenten abgesehen, hinreichend vertraut. Seine starke Seite aber war die Musik. Er komponierte und transponierte mit Leichtigkeit, spielte ausgezeichnet Violine und Klavier und sang, indem er sich selbst begleitete, mit einer herrlichen Tenorstimme. Unvergeßlich ist mir, wie er das »Groß ist Jehova, der Herr« oder die »Junge Nonne« zu singen pflegte. Aber auch uns wußte er in der Musik heranzubilden. Er gliederte uns zu einer vierstimmigen Kapelle, indem ich den Sopran, Johannes den Alt, Werner den Tenor und Emil Kleff den Baß sang. Mit unermüdlichem Fleiße legte er für jede Stimme ein besonderes Heft an, und bald füllte sich dasselbe mit den lieblichsten Liedern, welche wir unter seiner Leitung einübten und bei jeder Gelegenheit vortrugen. Mochten wir Besuch empfangen oder in der Umgegend abstatten, immer und[35] überall begleiteten uns die geliebten Lieder und erfreuten die Herzen. Eines Tages waren wir unter Kaisers Führung nach dem drei Stunden entfernten Hachenburg gewandert und waren bei der befreundeten Familie Latsch eingekehrt, welche Bäckerei und Schenkwirtschaft hatten. Dort saß als Stammgast Tag für Tag bei seinem Glase Wein mit geröteter Nase und martialischem Schnurrbarte ein alter Haudegen, der Baron v. Runkel. Wir mußten vor ihm einige Lieder vortragen, welche seine Freude zum Entzücken, das Entzücken schließlich zu einem uns beängstigenden Paroxismus standen. Wie in einem Wutanfalle sprang er auf und rief: »Ihr verdammten Buben, hätte ich doch meinen Säbel hier! Ich wollte, hol' mich der Teufel ...« Hierbei fuchtelte er wild mit den Armen in der Luft herum, die hellen Tränen rollten über das weinselige Angesicht in den grauen Bart und zuletzt packte er den Nächststehenden von uns, es war Johannes, und drückte ihm mit seinem zottigen Schnauzbarte einen Kuß auf den Mund, daß uns allen schauderte, während Johannes hinauslief, sich zu waschen und vor einer halben Stunde nicht wiederkam. Schon bei früheren Lehrern hatten wir das Klavierspielen angefangen. Doch legten leider die Eltern hierauf keinen besonderen Wert, und wenn die Fingerübungen uns anfingen langweilig zu werden, so waren sie leicht geneigt, uns der Stunden zu entheben. Ich habe dieses oft bereut, wenn ich im späteren Leben nach Musik lechzte und nun mühsam und unzulänglich nachholte, was damals versäumt war. Eine Zeitlang gab Kaiser mir, den er besonders in sein Herz geschlossen hatte, auch Violinstunde. Als ich dabei die Frage, ob man auf der Violine zwei Töne gleichzeitig spielen könne, in die Worte faßte: »Kann man auch einen Diphtongen geigen?« wollte er sich vor Lachen schütteln, erklärte diese Worte für einen echten Witz und erläuterte an ihnen das Wesen des Witzes, welchen er nicht unrichtig als einen Vergleich nicht zu vergleichender Dinge auffaßte. Während unter Kaiser im Lateinischen bereits die Feldherrn des Cornelius Nepos, ein Miltiades, Themistokles und Alcibiades, ihren Heldenlauf auch vor unsern Augen wiederholten, gab der gefällige Lehrer meiner Bitte nach und lehrte uns auch[36] das Griechische, nachdem ich mir die Buchstaben schon aus Papas griechischem neuen Testamente mit Entzücken angeeignet hatte. Am Karfreitag des Jahres 1856, während ich selbst an den Röteln, der einzigen Kinderkrankheit, welche gehabt zu haben ich mich erinnern kann, schwer daniederlag, vollzog sich in der Oberdreiser Kirche ein wichtiger Akt: In Gegenwart mehrere Geistlichen und einer großen Menge trat Kaiser feierlich zum Protestantismus über. Er verließ uns gegen Ende des Jahres, um sich im Predigerseminar zu Wittenberg auf die Übernahme einer Pfarrstelle vorzubereiten. Noch oft kehrte er in unser Haus, welches ihm zur zweiten Heimat geworden war, zurück und heiratete später die sanfte, aber oft auch launische Emma Kleff, welche früher als Pensionärin, später zur Aushilfe bei meiner Mutter gewesen war. Er zog mit ihr als Pfarrer in ein entlegenes Dorf auf dem Hunsrück. Es folgten im Jahre 1857 noch zwei weitere Hauslehrer, beide Kandidaten der Theologie zwischen dem ersten und zweiten Examen, welche als solche nur je ein halbes Jahr blieben. Der erste, namens Hirsch, Sohn des Oberleutnants Hirsch in Neuwied, war einer der heitersten Menschen, die mir begegnet sind. Jederzeit, in frohen wie in trüben Zeiten, lag etwas wie Sonnenschein auf seinem ganzen Wesen, wodurch wir uns stark zu ihm hingezogen fühlten. Sein Unterricht war anziehend und fördernd, wie er denn auch wissenschaftlich eine gute Grundlage hatte. Er trug sich mit dem Plane einer Übersetzung des Plautus und hatte dazu schon bedeutende Vorarbeiten gemacht. Später, nachdem er uns schon verlassen, verfiel er dem Fanatismus oder wie man zu sagen pflegt, einer geistlichen Erweckung. Er warf seine Plautusarbeiten ins Feuer und beschloß, nur dem Herrn zu leben. Dieser sollte alle seine Schritte leiten, ihm überließ er auch die Auswahl seiner Gattin. Es wird erzählt, daß er in Dierdorf, wo er später als Pastor war, gelobt habe, die erste, welche ihm eines Morgens begegnen würde, als die vom Herrn für ihn bestimmte anzusehen. Es sei ihm dann die bescheidene und liebliche, durch ihre Rehaugen uns allen wohlbekannte Kindergärtnerin begegnet, und Tatsache ist jedenfalls, daß er diese geheiratet hat. Sie schenkte ihm nach und nach sieben Töchter, während er selbst als[37] Gefängnisprediger in Wesel seiner Neigung zu Bußpredigten freiesten Lauf lassen konnte. Ehe ich nun unsere Übersiedelung auf das Gymnasium zu Elberfeld berichte, welche dem jungen Leben eine reichere Fülle von Eindrücken zuführen sollte, will ich noch einiger Anregungen gedenken, in welchen ein reiches, flutendes Leben seinen Wellenschlag bis zu dem entlegenen Gestade meiner Heimat ausbreitete. Die größten Festlichkeiten, welche unser Haus sah, pflegten die Kindtaufen der jüngeren Geschwister zu sein, deren ich mich von Maria an noch sehr wohl erinnere. Dann kam nachmittags eine größere Anzahl von Gästen, namentlich die umwohnenden Pastorsfamilien zu uns; nach der stets im Hause abgehaltenen Taufe versammelte man sich, zwanzig bis dreißig Personen an Zahl, bei Kaffee und Kuchen; und noch spät blieb man bei Wein und Heringssalat zusammen, den meine Mutter vorzüglich zu bereiten und sehr zierlich anzurichten wußte. Regelmäßig wurden auch die Geburtstage gefeiert, an denen man in gehobener Stimmung des Morgens zum gedeckten Geburtstagstisch geführt wurde, wo ein runder Topfkuchen, Rodong (d.h. wohl rotonde) genannt, von kleinen Geschenken umgeben war. Die Zahl der Jahre wurde durch Zuckerstücke, die auf dem Kuchen aufgebaut waren, symbolisch angedeutet. Einem solchen Geburtstagsfeste sah man mit Erwartung entgegen, und ich hatte dann eine erhöhte Furcht, daß ich sterben könnte, ehe mein Geburtstag gewesen sei. Außer den Geburtstagen waren es die Kirchenfeste, welche gebührend gefeiert wurden. Ein kleines Tannenbäumchen an den vier Adventsonntagen kündete durch ein, zwei, drei und zuletzt vier Lichtlein die große Zeit an. Dann strahlte am heiligen Abend der große Christbaum, den wir nach einem alten Privilegium unter den Tannen des Oberdreiser Berges auswählen durften, und dessen Glaskugeln und Flitterwerk jedes Jahr in vermehrter und verschönerter Menge wieder erschien. Die Klingel ertönte, wir stürmten herein, und der Christbaum strahlte uns entgegen. Es wurde gesungen: Gelobet seist du, Jesus Christ. Die ganze Herrlichkeit steht mir noch heute vor Augen, sobald ich an dies Lied denke. Eine kurze Ansprache auf die Bedeutung des Tages hin, dann ging es an die Geschenke. Zuvor aber wurde noch das[38] an der Seite aufgebaute Krippchen bewundert. Eine nach der Seite offene Kiste war der Stall zu Bethlehem mit Maria, Joseph und dem Kinde, den heiligen drei Königen in orientalischen Prachtgewändern und dem Öchslein und Eslein im Hintergrund. Das Ganze war mit duftigem Moos zierlich verkleidet. Über dem Stalle sah man die Hirten auf dem Felde, und über ihnen schwebten an einem Tannenzweige, durch unsichtbare Fäden gehalten, die Engelchen, welche bei jeder Berührung des Zweiges lebhaft hin- und herflogen. Über dem Ganzen hing ein großer vergoldeter Stern. Am ersten Weihnachtsabend wurde der Christbaum in die Kirche gebracht, welche dann zum Erdrücken voll zu sein pflegte. Die Schulkinder sangen Lieder, erzählten die Weihnachtsgeschichte und wurden dann beschert. Die »lieben Mädchen«, welche gewöhnlich hierzu etwas beisteuerten, durften denn auch die Gaben verteilen. Sie standen mit ihren Körben in einer Reihe, an welcher in langem Zuge die Kinder vorbeidefilierten, wobei ein jedes seinen Anteil an Gebäck und Äpfeln, an Traktätlein, Schreibheften usw. erhielt. Auch die jüdischen Kinder nahmen unbefangen an dieser Feier teil. Die übrigen Jahresfeste hatten ebenfalls ihr angenehmes Beiwerk. Zu Neujahr gab es Brezeln; am Karfreitag wurde gewöhnlich das einzige Mal im Jahr Fisch gegessen; es war ein langer harter, durch Wässern und Kochen erweichter Stockfisch. Zu Ostern wurden dann die gefärbten Ostereier im Garten versteckt und gesucht, und zu Pfingsten fehlte es nicht an frischem Grün, das Haus zu schmücken. In anderer Weise ein Fest war es, wenn alljährlich ein Schwein geschlachtet, oder wenn einmal in drei Jahren der große Weiher von Schlamm gereinigt wurde, wobei die Menge der gefangenen Karpfen der Küche des Pastors zugute kam. Weniger ergiebig als dieser in der Pfarrwiese gelegene große Weiher, aber interessanter für uns war der etwas tiefer mitten im Dorf liegende kleine Weiher. Hier wußten wir uns eine Schiffahrt in unserer Weise zu organisieren, indem wir die Waschbütten des Hausen dort zu Schiffen machten und uns mit Stangen von einer Station zur andern hinstießen. Um Einkäufe zu machen, ging man früher meist nach Dierdorf, später fast ausschließlich nach dem etwas näheren und auch[39] leistungsfähigeren Altenkirchen. Der rote Hof, mit der befreundeten Gutsbesitzersfamilie Schmidt, lag so entfernt, daß er nur selten, dann aber auch gleich für mehrere Tage besucht wurde. Besonders interessant waren die Besuche bei der Familie Freudenberg, welche auf der Raubacher Hütte einen Hochofen betrieb. Das Schmelzen der Eisensteine, das Herauszerren der glühenden Schlacken und endlich das Ablassen des flüssigen Eisens waren Anblicke, die für uns einzig dastanden. Auch war dort ein künstlicher Teich mit Badehäuschen, ein Garten mit schönen Laubengängen und ferner fehlte es nicht an einer guten Bewirtung. Von den Söhnen waren drei, Adolf, Philipp und Franz, mit uns ungefähr in gleichem Alter. Wir spielten gern mit ihnen, wenn sich auch von ihrer Seite ein gewisser städtischer Übermut uns gegenüber leise durchfühlen ließ. Einen dieser Spielkameraden, Philipp Freudenberg, habe ich 1893 in Kolombo auf Ceylon als deutschen Konsul und reichen Kokosölfabrikanten wiedergefunden. Ich habe mit meiner Frau in seinem gastlichen Hause einige sehr angenehme Tage verbracht. Wir rechneten aus, daß wir uns seit 1853, also gerade vierzig Jahre, nicht mehr gesehen hatten. Die Charakterzüge des Knaben hatten sich in dem Mann mit merkwürdiger Treue erhalten. Ganz anderer Art waren unsere Beziehungen zur Familie des Gutsbesitzers Schindler in Schöneberg. Unter der Behauptung, mit uns noch entfernt verwandt zu sein, hatte diese Familie einen Verkehr mit uns angeknüpft, und dieser blieb, so wenig wir auch zueinander paßten. Der alte Schindler war ebenso reich wie er geizig war. Mit seinem Vater lebte er infolge von Erbschaftsstreitigkeiten in bitterer Feindschaft. Der Alte hatte sich von ihm getrennt, ein reizendes kleines Häuschen für sich gebaut und auf seine alten Tage ein junges Bauernmädchen aus Oberdreis geheiratet. Anders sah es bei dem hundert Schritt weit davon wohnenden Sohne aus. Er betrieb Landwirtschaft, Viehhandel, Jagd, Fischfang und lieh Gelder auf Zinsen. Überall im Hause trat einem der schmutzigste Geiz entgegen. Die Frau war ein Nonplusultra von Häßlichkeit. Drei Töchter, Ida, Amanda und Sidonia, hatten nichts Schönes außer ihren Namen. Wir nannten sie die drei Grazien. Von Natur und mehr noch durch[40] Erziehung vernachlässigt, klein, unentwickelt und häßlich, waren sie ein ständiger Gegenstand heimlichen Spottes. Alles erschrak, wenn sie eines Sonntagmorgens auf dem Berge sichtbar wurden, um bei uns zur Kirche zu gehen ? mit dem Pastor ihres Orts waren sie zerfallen ? und den Tag mit uns zu verbringen. Oft nahmen wir uns vor, den Verkehr abzubrechen, aber immer wieder verlockte uns ein schöner Tag, den anmutigen Weg nach Schöneberg einzuschlagen. Unterwegs wurden dann regelmäßig den neu kommenden »lieben Mädchen« Wunderdinge von der Schönheit der drei Grazien aufgebunden, und wenn wir dann ihre Enttäuschung sahen, so war aus dem Lachen gar nicht wieder herauszukommen, und wir mußten allerlei erfinden, um nur unsere lachlustige Stimmung zu motivieren. Außer den drei Töchtern war ein jüngerer Sohn vorhanden, aus dem wohl etwas hätte werden können. Ich sage dies nicht, weil er als kleiner Bengel eines Tages in dem am Hause vorbeifließenden Wiedbach einen Krebs fing und denselben vor unsern Augen lebendig mit Haut und Haar herunterfraß, sondern weil er auch in der Schule gute Anlagen bekundete. Ich, damals schon Student, setzte dem Vater hart zu, dem Sohne eine gute Schulbildung zu geben. Aber das mochte der alte Geizhammel an den einzigen Sohn nicht wenden. Nur eine Sprache wollte er ihn lernen lassen, das Hebräische, damit er beim Viehhandel auf dem Steimeler Markt die Juden unbemerkt in ihren Zwiegesprächen belauschen könnte. Dort, in Steimeln, auf dem Markte war der Alte ein selten fehlender Gast. Oben im Honoratiorenstübchen, wo man ein Glas Bier trank, saß er abseits von der gemeinschaftlichen Tafel, und ich setzte mich dann wohl neben den Herrn Vetter, wie wir uns gegenseitig titulierten, und entsetzte mich, wenn er sein Zigarrenetui öffnete, in welchem ein äußerst unappetitliches Assortiment angerauchter Zigarrenstummel sorgfältig aufbewahrt zu werden pflegte. Nur selten kamen wir als Kinder nach dem fünf Stunden entfernten Neuwied. Doch erinnere ich mich, wie eines Tages in Geschäften mit dem Leiterwagen dorthin gefahren, bei Pfennig im Nassauer Hof übernachtet und am andern Tage die Heimreise angetreten wurde. Jeder von uns hatte als Taschengeld 18 Pfennig mit auf die Reise bekommen. Ich bewahrte meine[41] sechs Dreier in einem abgelegten Streichholzdöschen und machte mir über die Verwendung viele Gedanken. In Neuwied war am Morgen nach der Ankunft mein erster Gang nach einer Spielwarenhandlung. Die Verkäuferin zeigte mir mancherlei vor, aber immer waren die Preise unerschwinglich. Besonders stach mir ein Döschen in die Augen, aus welchem man eine glitzernde Schlange hervorziehen und ebenso wieder zurückbringen konnte. Wie entzückend! Aber fünf Groschen! Wo sollten die herkommen? Allerlei wurde noch gezeigt. Immer war es zu teuer. Zuletzt fragte ich verzweifelt: »Haben Sie denn nichts, was achtzehn Pfennig kostet?« Da holte sie einen hölzernen Hampelmann hervor. Diesen kaufte ich, hatte freilich nicht lange Freude daran. Schon auf der Rückfahrt rissen die Fäden, und Arm und Bein hingen schlaff herab. Eine große Aufregung in der Oberdreiser Kinderwelt brach aus, als eines Tages in Oberdreis ein Puppentheater eintraf und beim Gastwirt Born im oberen »Saale« aufgeschlagen wurde. Gedruckte Zettel prangten an Häusern und Ställen, welche noch nie zu solcher Ehre gekommen waren. Heute abend große Vorstellung: Alexander von Pavia. Entree ein Groschen. Alles strömte hin, auch wir erhielten mit Mühe Erlaubnis dazu. Da saßen wir vor dem gemalten Vorhang. Aufmerksam betrachtete ich das Bild auf ihm und glaubte schon, das sei alles, was wir zu sehen bekommen würden, da klingelt es, wie durch Zauberhände rollt sich der Vorhang nach oben zusammen, und wer beschreibt mein Entzücken über das, was ich sah. Das Prunkzimmer eines Königspalastes mit Türen, Fenstern und Hausgerät zeigte sich, und da stand leibhaftig auf dem Boden ein kleiner Mann in kostbarem Gewande und links und rechts zwei andere neben ihm, alle drei von oben an unsichtbaren Fäden gehalten. Es war Alexander von Pavia selbst. Er drehte den Kopf, er hob die Arme, er sprach zu seinen Gefährten und erhielt Antwort, und zuletzt stolzierten ab, indem sie mit großem Anstand die Beine hoben. Und dann erst die Fürstinnen in ihren kostbaren Gewändern und der böse Golo und sein drolliger Diener Bimpel. Die Freude an diesen Personen und ihren Schicksalen wurde noch überboten durch das, was der folgende Tag bot. Es wurde[42] Genovefa gespielt. Das Schloß des ersten Aktes hatte sich unbegreiflicherweise im zweiten Akte in einen dunkeln schauerlichen Wald verwandelt. Hierhin folgten wir der unglücklichen Gräfin, sahen ihre Hirschkuh über die Bühne hinken, sahen im weiteren Verlaufe den Teufel mit Hörnern und Klauen, den Tod als schauerliches Knochengerippe erscheinen und freuten uns, daß zuletzt die Tugend siegte und das Laster seine Strafe fand. ? Leider zog das kleine Theater nach wenigen Tagen wieder weiter, aber noch wochenlang blickte ich von der alten Mauer am großen Birnbaume sehnsüchtig nach dem Fenster hin, wo man vordem die Puppen und ihre Kostüme hatte liegen sehen können. Jetzt ging ich daran, aus einer alten Kiste mit Drähten und Tapetenstreifen selbst ein Theater herzustellen. Wie groß war unsere Freude, als es uns schließlich gelang, auch einen Vorhang zu konstruieren, welcher sich durch Ziehen an einer Schnur mit Leichtigkeit hob und senkte. Jetzt konnte gespielt werden. Die Stücke hatten wir im Kopf, und die Figuren stellten wir aus Bilderbogen durch Aufkleben und Ausschneiden her. Auch ihre Glieder konnten sie leidlich gut bewegen und mußten sich nur hüten, dem Publikum ihre Rückseite zu zeigen. Ich war etwa acht Jahre alt, als Pava uns mit sich auf die Koblenzer Messe nahm. Den ersten Tag marschierten wir nach Neuwied und stiegen bei Pfennig ab. Am andern Morgen um 6 Uhr sollte uns der Dampfer nach Koblenz führen. Im Hotel konnten wir erst spät aufbrechen, weil ein Herr sich noch die Stiefel wichsen ließ, ehe man uns abfertigte. Eiligst ging es nun zum Rhein; da lag schon fauchend und zischend der Dampfer, aber wie wir eben die Landungsbrücke betreten wollten, fuhr er vor unserer Nase ab. Mein Vater war höchst aufgebracht, und sein Zorn war um so größer, als er den Mann mit den geputzten Stiefeln behaglich am Rhein auf und ab spazieren sah. Jetzt mußte die kleine Gesellschaft zwei Stunden weit auf einer langweiligen Chaussee bis Engers marschieren und fuhr dann mit dem Lokaldampfer nach Koblenz. Am Nachmittag strich mein Vater mit uns dreien über die Messe. Da gab es viel zu sehen, und während ich noch dastand, durch irgendeinen Anblick gefesselt, waren Vater und Brüder verschwunden. Vergebens[43] suchte ich nach ihnen, die Angst ergriff mich, und ich wußte nicht, was zu tun war. Da entdeckte mich eine Dame, die meinen Vater und uns im Hotel gesehen hatte, und führte mich wohlbehalten wieder dorthin. Am Abend kam das Beste: Papa nahm uns mit in die Schaubude von Rudolf Knie. Da gab es Seiltänzer, Jongleure und andere Artisten in Fülle. Diese Eindrücke versüßten mir die beschwerliche Wanderung von Valendar über Isenburg, welche uns Papa auf dem Rückwege zumutete, und zu Hause angelangt, versuchte ich in den nächsten Tagen nicht ohne Erfolg, einige der gesehenen Kunststücke nachzumachen. Immer größer wurde mein Wohlgefallen an dergleichen. Schließlich konnte ich nicht länger schweigen, ich nahm unsern Lehrer ? es war noch Herr Hoffmann ? beiseite und vertraute ihm, daß ich jetzt über meinen künftigen Beruf im klaren sei und ein Seiltänzer werden wolle. Der verständige Mann verlachte mich nicht, sondern setzte mir ernsthaft und umständlich auseinander, wie man hierzu schon in frühester Jugend angeleitet werden müsse. »Für dich«, so schloß er seine Rede, »ist es zu spät. Du bist schon acht Jahre alt, und ein Seiltänzer muß mit fünf Jahren anfangen.« Und so stand ich da mit dem wehmütigen Bewußtsein, meinen eigentlichen Beruf in der Welt schon so früh für immer verfehlt zu haben. Unsere erste selbständige Reise unternahmen wir drei Brüder, Johannes, Werner und Paul, im Herbste 1856. Die Großmutter in Wevelinghoven hatte fünf Taler geschickt mit der Bestimmung, daß die drei Enkel sie damit besuchen sollten. So wurden denn drei Ränzel gepackt, und wir machten uns mit Proviant und guten Ratschlägen reichlich versehen auf den Weg. Ich hatte gefürchtet, daß das Reisegeld einem der beiden älteren Brüder eingehändigt und ich dadurch in eine gewisse Abhängigkeit von ihm versetzt werden möchte. Wie groß war daher meine Freude, als Papa beim Abschiede jedem einen Taler und zwanzig Groschen auszahlte. Mit frohem Selbstgefühl wanderten wir drei kleinen Burschen in die unbekannte, lockende Ferne hinaus. Als uns jemand begegnete und fragte: Nun, wollt ihr auf Reise gehen? Da antwortete Johannes: »Ja, und auf eigene Faust.« Und dabei hob er seine kleine Hand und ballte sie zur Faust. Den[44] ersten Tag ging es bis Anhausen, wo wir bei Pastor Bringmann übernachteten. Am andern Tage wanderten wir in herrlicher Morgenfrühe nach dem zwei Stunden weit entfernten Neuwied und von hier trug uns der Dampfer nach Köln, wo wir gegen Mittag wohlbehalten eintrafen. Zunächst wandten wir uns nach dem Neußer Bahnhof, welcher damals eine viertel Stunde von der Stadt entfernt im freien Felde lag. Dort mußten wir erfahren, daß ein Zug erst nach mehreren Stunden fahren würde, keine vierte Klasse haben und es in der dritten bis Neuß dreizehn Groschen für jeden kosten würde. Das war denn doch zuviel für unser kleines Budget. Wir kehrten nach der Stadt zurück und fuhren nachmittags um vier Uhr in einem Omnibus, eingepökelt wie die Heringe, für vier Groschen nach Stommel. Von hier waren noch drei Stunden zu Fuß zurückzulegen, und so trafen wir erst am späten Abend bei der Großmutter ein. In den Häusern der Großmutter und zweier Onkel, von denen der eine Buchbinder, der andere Gerber war, fanden wir gastliche Aufnahme. Besonders interessierte mich die Buchbinderei. Ein alter Phädrus, den ich im Ranzen mit mir führte, wurde vor meinen Augen neu gebunden. Das Heften, Beschneiden und Bekleben hatte ich bald abgesehen und beschloß es zu Hause nachzumachen. In der Tat wurde es weiterhin die Lieblingsbeschäftigung meiner Freistunden, Bücher einzubinden, und ich bewahre noch einen von mir selbst leidlich gebundenen Cornelius Nepos. Fehlte es an ungebundenen Büchern, so wurden alte Einbände abgerissen und das Buch neu gebunden. Mitunter blieb ich auch in der Arbeit stecken, und mein Vater hat es mir bis in die spätesten Zeiten noch vorgeworfen, daß ich sein altes, dickes lateinisches Wörterbuch von Lünemann in einzelne Bogen aufgelöst, aber nicht wieder zusammengebunden habe. Aus der Heimat der Mutter ging es dann in die des Vaters. Unsere Wohnung nahmen wir beim Onkel Wilhelm Heinrich in Jüchen. Hier schliefen wir alle drei in dem großen Bette des Zimmers mit den Goldtapeten und dem Wunderschrank, von welchem der Onkel jeden Morgen beim Wecken drei der schönsten Äpfel zu uns herunterrollen ließ. Von Jüchen aus machten wir unsere Besuche in der Umgegend, vor allem in dem eine Viertelstunde entfernten Kelzenberg, wo die[45] alte Großmutter noch lebte, ebenso wie ihre drei Söhne, die als engherzige Bauern uns nicht nähertraten; nur der Onkel Heinrich machte eine rühmliche Ausnahme. Sein Haus in Jüchen betraten wir stets wie eine zweite Heimat und verließen es nie, ohne von ihm reichlich beschenkt zu werden. So nahm er sich schon bei unserm Besuche 1856 unserer mit großem Interesse an, und es war schon die Rede davon, daß wir durch seine Mithilfe unser Reiseprogramm dahin erweitern sollten, auch noch die Verwandten in Elberfeld zu besuchen. Freilich kam ein unliebsames Ereignis dazwischen. Unser alter Schulkamerad, Christian Schmidt, der in Oberdreis mehrere Jahre hindurch den Unterricht unserer Hauslehrer teilweise mitgenossen hatte, war Elementarlehrer in dem eine Stunde von Jüchen entfernten Schelsen geworden. Onkel Wilhelm Heinrich erlaubte uns, Christian auf einen Nachmittag zu besuchen. Dieser nötigte uns, die Nacht zu bleiben, indem wir alle vier in seinem geräumigen Bette schliefen. Drei lagen parallel und der vierte quer am Fußende. Unser Ausbleiben erfüllte den guten Onkel mit Sorge, und als wir am andern Morgen wieder eintrafen, hielt er uns eine gewaltige Strafpredigt und blieb auch nachher in ziemlich übler Laune. Keiner wagte es unter diesen Umständen noch von der Tour nach Elberfeld zu reden. Wie groß war daher unsere Freude, als der Onkel selbst einige Tage darauf beschloß, uns nach Elberfeld reisen zu lassen. Er begleitete uns selbst bis Düsseldorf, und drückte uns die Billetts nach Elberfeld und dazu noch jedem einen Taler in die Hand und verließ uns erst, nachdem er uns in ein Kupee gesetzt und dem Schutze eines Mitreisenden anempfohlen hatte. So gelangten wir nach Elberfeld, und hier ging uns eine neue, nie gekannte Welt auf. Die hohen glänzenden Häuser und Läden, die breiten verkehrsreichen Straßen, das reichere Leben im Hause der dortigen Verwandten, das alles übte auf unsere unverwöhnten Gemüter einen mächtigen Zauber aus. Unser Besuch galt vor allem den Geschwistern Brüning, einem Onkel und vier Tanten, welche, damals noch sämtlich unverheiratet, ein bedeutendes Betten- und Leinengeschäft betrieben. Auch dieses Haus kann ich als eine wirkliche Heimat betrachten. Die Seele des Ganzen, gleichsam das Ministerium des Äußern und Innern[46] waren Elise und Marie. Während die andern Geschwister teils sich verheirateten, teils frühzeitig verstarben, sind die genannten beiden von bleibendem und wertvollem Einflusse auf meine Entwicklung geblieben. Elise zeichnete sich durch einen klaren, kalten Verstand aus, der mich öfter anleitete, die Konsequenzen zu ziehen, wenn ich ratlos und zaudernd stand. Sie war es, welche mir Herbst 1866, als ich mit der Theologie zerfallen von Tübingen nach Bonn zurückkehrte, den Entschluß einflößte, trotz des entgegenstehenden Wunsches der Eltern mich in der philosophischen Fakultät immatrikulieren zu lassen. Im Gegensatze zu ihr war Marie Brüning ganz Gemüt, ganz Herz, ganz Hausmütterchen und hat es an mir bewiesen von dem Tage an, wo sie mich zu Oberdreis als fünfjährigen Knaben in der Badewanne abseifte, bis zu Zeiten, wo wir dieser und anderer Jugenderinnerungen mit fröhlichem Lachen zu gedenken pflegten. Von Brünings aus machten wir unsern Besuch 1856 bei Onkel und Tante Schnabel. Wir wurden hereingeführt und blieben bescheiden an der Tür stehen. Niemand war im Zimmer außer zwei Knaben, welche in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers spielten. Sie blickten auf, und der eine fragte den andern: »Kennst du die?« ? »Nee«, war die Antwort. ? »Ich auch nich«, sagte der erste wieder, und damit wandten sie sich wieder ihrem Spiele zu, ohne von uns weiter Notiz zu nehmen. Es waren Ernst und Moritz Schnabel, der erste mein Busenfreund bis zu seinem frühen Tode, der andere noch gegenwärtig Chef der von seinem Vater ererbten Vertretungen englischer Häuser. Endlich kam der älteste Sohn Heinrich dazu und vermittelte die Bekanntschaft, da er schon vorher zur Stärkung seiner Gesundheit einige Monate in Oberdreis zugebracht hatte. Er war von den drei Söhnen der am wenigsten begabte und hat es doch am weitesten in der Welt gebracht. Von Elberfeld kehrten wir reich an schönen Erinnerungen auf unser stilles Dorf zurück. Im Laufe des folgenden Jahres stellte sich bei dem ewigen Wechsel der Hauslehrer die Notwendigkeit heraus, uns einem Gymnasium zu übergeben, und so wurde beschlossen, uns drei Ältesten zum Herbste 1857 nach Elberfeld zu schicken. Mit Sehnsucht sah ich der Zeit entgegen, wo ich in dem geliebten Elberfeld meinen dauernden Wohnsitz nehmen sollte.[47] Ich zählte die Wochen, die mich noch von der Abreise trennten. Eine der ödesten Stunden in der ganzen Woche war die Kinderlehre am Sonntag in der Kirche. Hier kratzte ich acht Wochen vor der Abreise auf dem Rücken der Bank, hinter welcher ich saß, mit dem Nagel acht Kreise ein und durchkreuzte an jedem Sonntage einen von ihnen. So rückte der Oktober des Jahres 1857 immer näher, und mit ihm der Tag der Abreise. Am Abend legte uns die gute Mutter noch gar vieles ans Herz. Sie schilderte uns die Gefahren der großen Welt und betete, daß der Herr uns vor ihnen behüten möge. Plötzlich stand sie still auf unserm gemeinsamen Gange durch den Garten und sprach: »Und nun, ihr Kinder, versprecht mir noch eines hier vor Gottes offenem Angesicht: daß ihr niemals eine Konditorei besuchen werdet!« ? Wir sagten es zu und haben es auch gehalten. Wir haben in den zwei Jahren meines Elberfelder Aufenthaltes keine Konditorei betreten, und noch lange im späteren Leben überlief mich ein Schauer, wenn ich an einer Konditorei vorbeiging. Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Berg auf Ithaka. 
 Universitätsjahre in Bonn, Tübingen, Bonn, Berlin und Oberdreis. 1864?1869.  [80] Der 7. September 1864 bildet einen der größten Wendepunkte in meinem Leben. Aus den engen Klostermauern der Pforta trat ich in die weite Welt, auf die strenge Schulordnung und das auf ihr beruhende, geregelte, erfreuliche Fortschreiten folgte nun eine völlige Freiheit, in die ich mich längere Zeit nicht zu finden wußte. Meiner Mutter und ihren engen religiösen Ansichten war ich schon mehr entwachsen, als ich es ihr selbst gestehen mochte, mein Vater hat bei aller Liberalität, Jovialität und treuen Fürsorge doch niemals tiefer in unser geistiges Leben eingegriffen, und so fehlte es mir an jeder Leitung, während Nietzsche, der treue Kamerad, durch seine Gespräche und mehr noch durch sein Vorbild meine Natur nach allen Richtungen ins Unbegrenzte trieb, aber eben dadurch die Verfolgung eines festen Lebensplanes mehr verhinderte als beförderte. Nach einigen in seinem Elternhause zu Naumburg mit ihm verbrachten Wochen zogen wir beide nach dem Westen, zunächst nach Elberfeld, wo sich Ernst Schnabel als Dritter im Bunde anschloß, und dann nach einer übermütigen Reise über Königswinter und den Drachenfels gelangte das aus so verschiedenen Naturen zusammengefügte Dreigespann nach Oberdreis. Am 15. Oktober feierten wir den Geburtstag meiner Mutter und zugleich den Nietzsches und stiegen dann von dem Gebirge des[81] Westerwaldes in das Rheintal nach Neuwied hinab, von wo uns der Dampfer in wenigen Stunden nach Bonn führte. Unsere erste Sorge war um eine Wohnung. Ursprünglich beabsichtigten wir, ein größeres Zimmer gemeinsam zu bewohnen, standen aber davon ab, als sich herausstellte, daß ein solcher Salon teurer als zwei einzelne Zimmer sein würde. Wir hatten aber beide Grund, unsere Mittel zu Rate zu halten. Mir konnten meine Eltern nur zwanzig Taler monatlich geben, während bei Nietzsche, der sein Erbteil von väterlicher Seite zum Studium verwendete, die Hoffnung bestand, daß er monatlich mit fünfundzwanzig Talern auskommen würde. In der Regelt war das wohl nicht möglich, und dann klagte er in Briefen an seine Mutter, daß das Geld immer so leicht weglaufe, wahrscheinlich weil es rund sei. Wir mieteten also zwei einzelne »Buden«, wie der Studentenausdruck ist. Die meine lag in der Hospitalgasse, während die Nietzsches an ihrer Einmündung in die Bonngasse lag. Gegenüber ragte der Turm einer Kirche hervor, und Nietzsche besprach öfter mit mir den Plan, sich oben hoch bei dem Türmer einzumieten, um dem Lärm des Straßenlebens ferner zu sein. In Nietzsches Haus, beim Drechsler Oldag, hatten wir auch unsern Mittagstisch. Eine anmutige Verwandte des Hauses, Fräulein Mariechen, bediente uns und setzte sich öfter zu uns. Sie hatte ein rheinländisch freies, aber darum nicht ungesittetes Wesen, und es ist zu keiner nähern Beziehung zu ihr gekommen. In den nächsten Tagen ließen wir uns immatrikulieren, beide zunächst in der theologischen Fakultät. Aus ihr ging Nietzsche schon nach einem Semester, ich erst nach vier Semestern, zum Verdruß meiner Eltern, in die philosophische Fakultät über. Doch dies hing mit äußeren Verhältnissen zusammen. Unser eigentliches Studium war von vornherein klassische Philologie; Ritschl und Jahn waren die Koryphäen, die uns nach Bonn gezogen hatten. An beide, wie auch an Schaarschmidt, hatten wir von Pforta gemeinsame Empfehlungen. Wir erschienen bei Jahn. Er las den Brief und sagte treuherzig aber kurz: »Wenn ich Ihnen irgend nützlich sein kann, so wenden Sie sich nur an mich.« Wir kamen zu Ritschl, in dessen Haus ein fortwährendes Kommen und Gehen und kurzes Abfertigen[82] der Studenten stattfand. Er riß den Brief eilfertig auf: »Ach, mein alter Freund Niese! Was macht der denn? Geht es ihm gut? Also Deussen ist Ihr Name. Nun, besuchen Sie mich recht bald wieder.« Nietzsche stand betroffen und konnte sich nicht enthalten zu bemerken, daß auch von ihm in dem Briefe die Rede sei. »Ach jawohl,« rief Ritschl, »es sind ja zwei Namen, Deussen und Nietzsche. Freut mich, freut mich. Nun, meine Herren, besuchen Sie mich recht bald wieder.« Diese Aufnahme unserer Empfehlungsbriefe war nicht sehr ermutigend, und da Schaarschmidt nicht zu Hause war, so ließen wir unsern Empfehlungsbrief bei ihm und dachten nicht weiter an die Sache. Aber Schaarschmidt ließ uns besonders zu sich entbieten. Wir fanden in ihm einen bis zur Unruhe lebhaften, beweglichen Mann und sahen uns, als wir von ihm kamen, erstaunt an. Das also ist ein Philosoph? Einen solchen hatten wir uns allerdings ganz anders gedacht. Übrigens war Schaarschmidt der einzige, der sich unser wirklich annahm. Er zog uns in seine Familie, richtete für uns ein Plato-Kränzchen ein und hatte für alle Anliegen stets ein williges Ohr. Wir hörten bei ihm Geschichte der Philosophie und über die platonische Frage, dazu bei Ritschl Miles gloriosus und bei Jahn Symposion, daneben einige Theologika, die wir jedoch als allzu langweilig bald vernachlässigten. Um diese Zeit war das neue Leben Jesu von Strauß erschienen. Nietzsche schaffte es sich an, und ich folgte seinem Beispiele. In unsern Gesprächen konnte ich nicht umhin, meine Zustimmung auszudrücken. Nietzsche erwiderte: »Die Sache hat eine ernste Konsequenz; wenn du Christus aufgibst, wirst du auch Gott aufgeben müssen.« Überwiegend fühlte sich Nietzsche in diesem ersten Studienjahr von den griechischen Lyrikern angezogen. Während ich sehr viel Zeit mit dem Sanskrit vertat, wählte er immer kleine Gegenstände, zeigte sich aber in diesen sogleich produktiv. Ein Lieblingsthema war das Danaelied des Simonides, dessen kritische Behandlung ihn lange beschäftigte. Daneben arbeitete er seinen Theognis für eine Seminararbeit um, interessierte sich schon für Homer, Sokrates, Diogenes Laertius, und während es mein Bestreben damals war, die Dichter und Denker zu genießen und in ihrem Genusse auszuruhen, fand er keine Befriedigung, wo er nicht[83] produktiv sein konnte. Inzwischen waren für uns beide Verhältnisse eingetreten, welche die wissenschaftliche Arbeit fürs erste sehr einschränken sollten. Wir hatten beide keine besondere Neigung gehabt, einer Verbindung beizutreten, aber ansehen wollten wir uns die Sache, und so hatten wir nichts dagegen einzuwenden, als Stöckert, ein ehemaliger Pförtner und jetziger Francone, uns einlud, ihn auf die Franconenkneipe zu begleiten. Hier hatten sich als Gäste außer uns beiden noch fünf weitere Pförtner eingefunden; die Stimmung war sehr animiert, und als einer der Pförtner, ich glaube es war der jetzt in Rudolstadt wirkende Haushalter, unter dem frenetischen Jubel der zirka dreißig Franconen seinen Eintritt erklärte, da folgten bald der zweite und dritte und zuletzt alle sieben Pförtner, mit Einschluß von Nietzsche und mir. Wir gingen nach Hause mit dem dämmernden Bewußtsein, daß wir uns gegen unsere Vorsätze hatten fortreißen lassen und einen Schritt getan hatten, dessen Folgen sich noch nicht übersehen ließen. In der Franconia, der an einem Abende so viele wertvolle Elemente zugefallen waren, herrschte damals ein reges burschikoses Leben, welches bei jeder Gelegenheit in Exzentrizitäten ausartete. Besonderes Wohlgefallen konnte weder Nietzsche noch ich daran finden. Die patriotischen Simpeleien hatten für uns als Kosmopoliten wenig Reiz, das zwangsweise betriebene wüste Trinken an den Kneipabenden widerte uns an. Der pedantische Unterricht, den uns in Kapiteln und Paragraphen der Fuchsmajor über die trivialsten Dinge erteilte, erschien uns lächerlich, und wenn wir fast alle Sonnabende die Vorlesungen, mochten sie auch noch so interessant sein, schwänzen mußten, um in einer abgelegenen Scheune außerhalb der Stadt zuzusehen, wie Franconen und Alemannen sich die Gesichter zerhackten, so konnten wir auch daran kein Wohlgefallen finden. Natürlich wurde der Paukboden eifrig besucht; auch Nietzsche übte sich so gut er konnte, und es gelang ihm denn auch, eine Forderung zum Duell zu erhalten. Die Art, wie er sich dabei benahm, war originell genug. »Ich ging gestern«, so erzählte er mir am folgenden Tage, »nach dem Kneipabend auf dem Markte spazieren. Ein Alemanne gesellte sich zu mir; wir hatten ein sehr animiertes Gespräch über allerlei Gegenstände der Kunst und Literatur, und[84] beim Abschied bat ich ihn dann aufs höflichste, doch mit mir ?hängen? zu wollen. Er sagte zu, und nächstens werden wir miteinander losgehen.« Mit etwas bänglichen Gefühlen sah ich den Tag herannahen, an welchem unser Freund, der nicht nur wie Hamlet durch einen Lesefehler (fat für hot), sondern in Wirklichkeit etwas korpulent und dabei sehr kurzsichtig war, ein seinen Anlagen so wenig angemessenes Abenteuer bestehen sollte. Die Klingen wurden gebunden, und die scharfen Rapiere blitzten um die entblößten Köpfe. Es dauerte auch kaum drei Minuten, und es gelang dem Gegner, Nietzschen eine Tiefquart quer über den Nasenrücken zu applizieren, gerade an der Stelle, wo ein zu stark drückender Kneifer einen roten Eindruck zu hinterlassen pflegt. Das Blut tropfte zur Erde und wurde von den Sachverständigen für eine hinreichende Sühne alles Vergangenen befunden. Ich packte meinen wohlverbundenen Freund in einen Wagen, legte ihn zu Hause ins Bett, kühlte fleißig, verweigerte Besuche und Alkohol, und in zwei bis drei Tagen war unser Held wieder hergestellt bis auf eine kleine Narbe quer über dem Nasenrücken, die er zeitlebens behalten hat, und die ihm nicht übel stand. So ließen wir uns eine Zeitlang das mehr exzentrische als geistreiche Treiben unserer Verbindungsbrüder gefallen. Charakteristisch, mehr für das, was wir galten, als für das, was wir waren, sind die auf uns gemünzten Verse des Nationalliedes der Franconia, welches bei jeder Gelegenheit abgesungen wurde. Nietzsche hieß mit seinem Kneipnamen »Gluck«, mich pflegten sie »Meister« zu nennen. Unsere Verse lauteten: Tragödien und Romanzen, dran er sich sehr ergötzt, Hat Gluck viel komponieret und in Musik gesetzt. Kommt abends er nach Hause, küßt ihn ein roter Mund; Vor lauter Tee und Zuckerwerk kommt er noch auf den Hund. Und mit heirassassa die Franconen sind da, Die Franconen sind lustig, sie rufen hurra! Ponssierend seine Nase sitzt Meister still zu Haus, Ochst siebenundsiebzig Sprachen, raucht siebzehn Pfeifen aus. Wenn er sich mal bekneipt hat, und man redet ihn an, Antwortet er auf griechisch, der grundgelehrte Mann. Und mit heirassassa die Franconen sind da, Die Franconen sind lustig, sie rufen hurra![85] Die Bemerkung über Tee und Zuckerwerk war nicht unrichtig. Nietzsche liebte die Süßigkeiten sehr und ließ sich oft dergleichen geben, während ich meine Zigarre rauchte. Scherzweise pflegten wir darüber zu streiten, welcher von uns bei seiner Weise billiger fortkomme. Was aber das erwähnte Küssen des roten Mundes betrifft, so habe ich nie bemerkt, daß Nietzsche zu dergleichen neigte. Unsere Verbindung mit der Franconia war nicht von Dauer. Ich selbst trat auf dringlichen Wunsch meiner Eltern aus und wurde als beliebter Gesellschafter zum Konkneipanten ernannt, eine Vergünstigung, von der ich sehr wenig Gebrauch gemacht habe. Nietzsche verließ Bonn im August 1865, und zeigte dies der Verbindung erst von Leipzig aus in einem allzu aufrichtigen Briefe an. Er wurde infolgedessen dimittiert und ertrug dieses Schicksal mit der größten Gelassenheit. Ich hörte in den ersten Semestern theologische Ethik bei J.P. Lange, ein Kolleg, aus dem ich jetzt wohl ebensowenig klug werden dürfte, wie ich es damals wurde. Gediegen, aber leblos und zum Sterben langweilig war die Kirchengeschichte bei Krafft, mehr Anziehung übte die Genesis bei Schlodtmann, bis mir auch dieses Kolleg durch die fortwährenden Versuche, die alten schönen Mythen und Sagen mit den Hirngespinsten der modernen Theologie zu vermitteln, zuwider wurde. Und als ich vollends dem Beispiele Nietzsches folgte und mir das eben erschienene neue Leben Jesu von Strauß anschaffte, da beschränkte sich meine Theologie fortan auf das Studium der Bibel in den Grundsprachen, und im übrigen hielt ich mich an philosophische Kollegia. Als Koryphäen wirkten damals Ritschl und Jahn noch nebeneinander, bis im nächsten Sommer der Streit zwischen ihnen ausbrach, der die Übersiedlung Ritschls nach Leipzig zur Folge hatte. Viele Studenten folgten ihm, darunter auch Nietzsche. Ich selbst nahm mir vor, nach einem Semester nachzufolgen. Während der drei Semester meines ersten Bonner Aufenthaltes hörte ich bei Ritschl Plautus, Miles gloriosus, und Einleitung in die lateinische Grammatik, bei Jahn Platons Symposion und Einleitung in die Archäologie, später noch die Elektra des[86] Sophokles. Ich kann nicht sagen, daß diese Kollegia mich sonderlich gefördert oder auch nur angeregt hätten. Ich hoffte, an der Hand dieser Männer in den großen, freien Geist des klassischen Altertums tiefer eingeführt zu werden und empfing statt dessen bei Ritschl Konjekturen und Varianten, bei Jahn Büchertitel und Zitate ohne Zahl. Diese Eindrücke haben wesentlich dazu mitgewirkt, mein Herz nicht dem klassischen Altertum, wohl aber der klassischen Philologie zu entfremden. Nun versuchte ich es mit der Philosophie. Mit Schweglers Geschichte der Philosophie kam ich nicht über den ersten Anlauf hinaus, und auch Schaarschmidts Vorlesungen vermochten nicht, eine dauernde Anziehungskraft zu üben. Nun war da der alte, berühmte Lassen, welcher hinfällig und halb erblindet in seiner Wohnung drei Treppen hoch die Elemente des Sanskrit vor einem kleinen, bald auf wenige Teilnehmer sich beschränkenden Kreise lehrte. Ich ging einige Male hin und blieb dann wieder längere Zeit weg, denn was sollte ich mit einer Sprache anfangen, von der ich keinen einzigen Text besaß und so nicht einmal in der Lage war, mich auch nur im Lesen der Buchstaben zu üben. Nach längeren Wochen stieg ich einmal wieder zu Lassen hinauf und sah in den Händen der Zuhörer ein gelbes Heft, enthaltend die erste Lieferung der eben damals von Gildemeister neu herausgegebenen Lassenschen Anthologie. Der Anblick dieses Buches und die Interpretation eines indischen Märchens, mit der Lassen soeben begonnen hatte, reizten mich aufs höchste; ich verschaffte mir die neu erscheinenden Bogen und Bopps Grammatik, und so lernte ich in diesem ersten Semester wenigstens das Lesen. Immer mehr fesselte mich das Sanskrit; im Sommer 1865 hörte ich bei Gildemeister nochmals Grammatik, im Winter darauf lasen wir bei ihm die leichteren Stücke der Anthologie, während ich bei Lassen als einziger Zuhörer den Nala trieb, mit großem Genuß, da das gebrechliche alte Männchen immer bereit war, schmunzelnd und hüstelnd alle meine Fragen über die indische Welt aus dem unerschöpflichen Schatze seines Wissens zu beantworten. So habe ich die meiste Zeit dieser drei ersten Semester mit Hebräisch und Sanskrit vertan. Letzteres trieb ich mit nicht ganz gutem Gewissen, da ich, wie damals die Dinge lagen, das Sanskrit als ein reines Luxusstudium,[87] als eine völlig brotlose Kunst ansah und ansehen mußte. Im Sommersemester wurde der mit mir von Pforta her bekannte Machenhauer mein Stubennachbar, der, arm wie er war, seinen Unterhalt mit Stundengeben in dem Institut erwarb, welches Mr. Perry in der Poppelsdorfer Allee unterhielt. Auch mich führte er dort ein, und auf die Empfehlung Schaarschmidts hin wurde ich im Sommer 1865 mit der Aufgabe betraut, einem vornehmen, etwa 25jährigen jungen Engländer, der seine Examina für Indien gemacht hatte und im Lateinischen durchgefallen war, lateinische Nachhilfestunden zu geben, für welche ich, da er sehr weit weg bei Poppelsdorf wohnte, fünfzehn Groschen berechnete und erhielt. Mit Freuden wanderte ich dorthin und zitierte vor Machenhauer den Vers: Amazon.de Widgets Now is the winter of our discontent Made glorious summer by this son of York. In der Tat war dieser Lord von York nicht nur ein Edelmann, sondern auch ein wirklicher Gentleman. Obwohl er mehrere Jahre älter als ich war, so empfing er mich immer mit großer Zuvorkommenheit, und als er schließlich nach England zurückging, faßte er meine Hände, wollte sie gar nicht wieder loslassen und ergoß sich in einer Flut von Dankbezeugungen. Öfter gegen Ende der Stunde kam der Prinz von Wales, der jetzige König von England, welcher damals in Bonn studierte, mit seinem großen Hunde herein, um meinen Schüler, der sein Freund war, zum Spaziergang abzuholen. Er warf sich dann in der entgegengesetzten Ecke des geräumigen Salons auf ein Sofa und hörte dem Unterrichte zu. Ein Honorar habe ich von ihm nicht erhoben. Wohl aber pflegte, wenn er zugegen war, Mr. York mich am Schluß der Lektion öfter zu fragen: »Hab' ich meine Sache gut gemacht?« und freute sich dann, wenn ich ihm das wirklich wohlverdiente Lob spendete. Ein anderes Geschäft brachte mich im Sommer 1865 in Verbindung mit dem hohen preußischen Adel. Ein junger Borusse hatte eine Doktordissertation über den deutschen Ritterorden geschrieben, auf deutsch natürlich, und wandte sich, da alle Dissertationen damals lateinisch eingeliefert werden mußten, an den Professor N., und dieser beauftragte mich damit,[88] unter seiner Oberaufsicht die Arbeit zu übersetzen. Zunächst die ersten Seiten als Probe. Dies geschah, der Borusse holte das Spezimen bei mir ab und brachte es zu N., kam aber einige Tage darauf wieder, und mit Verdruß sah ich, wie mein ganz gutes Latein von N. überall korrigiert worden war. Bestürzt eilte ich zu ihm hin, er versicherte mir, daß meine Übersetzung ganz gut gewesen sei, daß sich aber dies und das in seiner Fassung noch besser ausnähme. Er forderte mich auf, ruhig so fortzufahren und hat dann auch im folgenden nicht mehr viel zu korrigieren gefunden. In meiner Unschuld kam ich nicht darauf, daß der reiche Borusse außer den dreißig mir zukommenden Talern doch wohl auch noch die höhere Stelle zu honorieren hatte, an welcher man denn auch dafür etwas geleistet haben wollte. Wenn man bedenkt, daß ich in den ersten drei Semestern zu Bonn meine Zeit zu Anfang durch das Verbindungswesen, dann durch das Schwanken zwischen Theologie und Philologie, durch die Beschäftigung mit dem Hebräischen und Sanskrit und durch die erwähnten Nebenbeschäftigungen zersplitterte, so wird man sich nicht wundern, daß ich diese ersten Semester zwar nicht wie andere verbummelt, aber doch in planloser Tätigkeit verzettelt und in literarischen Feinschmeckereien vernascht hatte, und so hatte ich bis Ostern 1866 weder an Kenntnis noch Charakter sonderlich gewonnen. So kam ich in die Osterferien nach Hause; meine Sachen standen in Bonn gepackt und warteten nur auf meine Weisung, um nach Leipzig zu gehen, wohin ich Nietzsche zu folgen gedachte. In Oberdreis traf ich mit meinem Bruder Johannes zusammen, der in Tübingen Theologie studierte und auch dorthin zurückkehren wollte. Er bot alles auf, auch mich dorthin zu ziehen, um es noch einmal mit der Theologie zu versuchen. Die Eltern waren diesem Plane sehr günstig, die Öde der heutigen philologischen Mikrologie und anderseits die Liebe zu einem freien wissenschaftlichen Studium der Bibel, das alles bestimmte mich schließlich in dem denkwürdigen Sommer 1866 nicht Philologie in Leipzig, sondern Theologie in Tübingen zu studieren. Das in Tübingen verbrachte Sommersemester 1866 bildet in meinem Leben einen geschlossenen Abschnitt für sich, ich könnte sagen eine Oase in der Wüste oder vielleicht richtiger ein[89] Wüstenfleck im fruchtbaren Lande. Hier war ich Theolog und nur dieses. Außer bei Köstlin Shakespeare hörte ich nur Theologika, Ethik, Apostelgeschichte und Epheserbrief bei Beek, Matthäus bei Waidbrecht, schließlich auch nachträglich hinzutretend Kirchengeschichte bei Weizsäcker. Sogar das Sanskrit ruhte vollständig; nicht einmal Roth habe ich gehört, nachdem ich in seiner Religionsgeschichte eine Stunde lang hospitiert und den Eindruck hatte, daß der Vortrag sehr durcheinandergeworfen sei. Die alte Tübinger Schule war so gut wie erloschen und klang nur bei Waidbrecht und Weizsäcker noch einigermaßen nach; die erste Rolle spielte der charaktervolle, aber mystisch angehauchte und im Grunde sehr wenig wissenschaftliche Tobias Beek. Er wußte jeden Widerspruch mit einem gewichtigen »so ischts« zu beseitigen. Zu Beeks Füßen saßen Hunderte verehrungsvoller gläubiger Jünger. Den größten Teil bildeten Norddeutsche. Mein Bruder, ferner der charaktervolle Bleyer, der gutherzige Schwalfenberg, der gemütliche Hörter, diese und andere auf den Gymnasien zu Elberfeld und Gütersloh für die theologische Laufbahn vorgedrillten Jünglinge bildeten meinen nächsten Umgang, und bald kam ich mir vor unter ihnen wie eine Krähe unter den Tauben. Meine Anschauungen waren den ihrigen so sehr entgegen, daß eine Verständigung ganz unmöglich wurde. Ich brauchte nur den Mund zu öffnen, so pickten sie schon auf mich los, und eine Zeitlang hing ich mich an einen Juden namens Stern, der mich jedoch mit seinem krassen Materialismus schließlich noch mehr abstieß, als jene Lämmer aus Beeks theologischem Schafstall. Einige Zeit lang hielt ich Freundschaft mit einem süddeutschen Juristen, Landerer, den ich auf eigentümliche Weise verlor. Der Krieg war ausgebrochen, und er wurde nicht müde, bei unsern häufigen Zusammenkünften die völlige Niederlage Preußens vorauszusagen. Jedesmal hatte er eine Nachricht bei der Hand, daß die Preußen wieder da oder dort geschlagen worden, und das Merkwürdige war nur, daß sie trotz dieser fortwährenden Schlappen immer tiefer in Böhmen einrückten, bis dann der 3. Juli mit Königgrätz keinen Zweifel mehr bestehen ließ. Ob Landerer auch diesen Tag als einen Sieg seiner Partei auszulegen wußte, weiß ich nicht, denn seit jenem[90] Tage mied er mich sichtlich, und wir kamen ganz auseinander. Unsere Lage im feindlichen Lande war in dieser Periode seltsam genug und verdient eine nähere Beleuchtung. Bis Pfingsten ging noch alles ziemlich gut. Überall stießen wir auf einen grimmigen Haß gegen Bismarck, und auch ich hielt ihn für einen waghalsigen und gewalttätigen Abenteurer. Der politische Horizont fing schon an sich zu trüben, aber wir glaubten nicht, daß es sobald ernst werden sollte, und unternahmen während der Pfingstferien mit beschränkten Mitteln, aber fröhlich im Jugendmute eine Fußtour in den Schwarzwald. In Tübingen erwarteten uns schlimme Nachrichten. Der Krieg mit Österreich war in sicherer Aussicht, und wir erhielten von unserm Bezirkskommando in Neuwied die strikte Order, uns an dem und dem Tage in Neuwied zur Musterung zu stellen. Zugleich sandten die Eltern das nötige Reisegeld. Diese Aufforderung zu einer weitern Reise mitten im Semester kam uns höchst ungelegen; und wir wurden bei der Behörde dahin vorstellig, daß es uns gestattet sein möge, statt in Neuwied in dem benachbarten Hechingen uns zu stellen. Dies wurde bewilligt, aber nicht ausgeführt, denn als der Termin herankam, war das benachbarte Hechingen mitsamt der Stammburg der Hohenzollern von den tapferen Württembergern, wenn auch ohne Blutvergießen, so doch übrigens in aller Form, erobert worden. Wir waren also nunmehr in Feindesland, wurden, wenn man uns an der Sprache als Norddeutsche erkannte, beschimpft und mußten Schlimmeres gewärtig sein. Natürlich regte sich in uns denn auch der Patriotismus, wir hatten Zusammenkünfte im Weinheimer Kneiple und zogen dann wohl, geschützt durch die nächtliche Einsamkeit der Straßen, sowie durch unsere große Zahl in Tübingen mit dem Abbrüllen »Ich bin ein Preuße« und ähnlichen schönen Liedern in Tübingen ein, der Verwünschungen lachend, die man uns zurief. Unter diesen Störungen ging das kurze Sommersemester in Tübingen zu Ende, sein Resultat war, daß ich von allen theologischen Gelüsten fürs erste gründlich kuriert war. Dazu hatten Beeks orthodoxer Mystizismus, die engherzige Haltung der Kameraden wie auch die Mahnbriefe Nietzsches gleichmäßig das ihrige beigetragen. Nach Tübingen zurückkehren wollte ich nicht. Nach[91] Leipzig zu grammatischen und textkritischen Studien zog es mich auch nicht, und so beschloß ich, noch für ein Semester nach Bonn zurückzukehren. Dort traf ich mit Tante Elise Brüning zusammen und hatte mit ihr ein ernstes und folgenreiches Zwiegespräch. Klar, bestimmt, energisch wie sie war, hielt sie mir das Charakterlose meines Schwankens zwischen Theologie und Philologie vor, und das Resultat war, daß ich mich nunmehr in der philosophischen Fakultät immatrikulieren ließ. Meine Eltern nahmen diese Nachricht sehr übel auf. Mein Vater schrieb mir einen Brief, in welchem er, an Jesaias 1 anknüpfend, das Thema variierte: »Der ganze Kopf ist wund, der ganze Leib ist krank.« Ich aber ging meinen Weg schon etwas sicherer als in den ersten drei Semestern. Bei Gildemeister, der gar nicht wußte, welches Gesicht er aufsetzen sollte, als ich ihm von meiner Tübinger Irrfahrt erzählte, nahm ich das Sanskrit wieder auf, und wir haben in diesem Semester die ganze Anthologie bis zu Ende durchpräpariert. Das Verfahren war so unpädagogisch wie möglich. Gildemeister verlangte, daß wir zwei Seiten präpariert hatten, und das war bei unserer geringen Vokabelkenntnis eine Fingerarbeit, die mehrere Tage in Anspruch nahm. Zum Auswendiglernen der Vokabeln hatten wir keine Zeit, und so wurden immer wieder dieselben Vokabeln aufgeschlagen und aufgeschrieben. Ein Kolleg bei Jacob Bernays über Lukrez war nur insofern anregend, als es uns das Beispiel eines sorgfältigen und fleißigen Zusammentragens bot, und eine philosophische Vorlesung über Gott bei Schaarschmidt führte mich zu der Überzeugung, daß Philosophie, so sehr das Herz daranhing, doch etwas sei, was in meinen Kopf nicht hineingehe. Mit schmerzlicher Resignation wandte ich mich von ihr ab und klammerte mich an historische Studien an, welche wir damals in einem Seminar bei Schäfer betrieben. Ich unternahm es, als Seminararbeit das Leben des Königs Euagoras von Cypern zu behandeln, und diese Arbeit, in der ich zum ersten Male auf der Universität mich konzentrierte und eine produktive Tätigkeit übte, machte mir viel Freude und brachte mir großen Gewinn. Als älteste Quelle lag mir die Rede des Isokrates vor, welche jedoch bei dessen Neigung zum Panegyrischen nur mit Vorsicht und Kritik zu benutzen war. Sie wurde ergänzt durch die Berichte des[92] Ephorus und Theopomp, welche aus dem Geschichtswerke des Diodor herauszuschälen waren. Auf den ersten, die Quellen durchforschenden Teil folgte dann eine mit frischen Farben ausgeführte Darstellung des Lebens des Euagoras. Diese Arbeit, welche ich später an irgend jemand verliehen und zu meinem großen Leidwesen nicht wiedererhalten habe, erfüllte mich zum ersten Male seit langer Zeit mit Zufriedenheit. Sie wurde im Seminar in der üblichen Weise besprochen, ohne daß ich bei dem Referenten wie auch bei Professor Schäfer ein tieferes Eingehen auf die Sache bemerken konnte. Dies genügte mir nicht, und ich suchte Schäfer in seiner Wohnung auf. Ich sprach: »Es ist mir sehr wichtig, über den Wert der Arbeit aufgeklärt zu werden, da ich große Neigung habe, bei den geschichtlichen Studien zu bleiben, und wissen möchte, ob ich Beruf zu ihnen habe.« Schäfer wußte an der Arbeit nichts auszusetzen, spendete ihr aber nur kühles reserviertes Lob, so daß ich, von ihm hinausgehend, ebenso klug war wie vorher. Die Osterferien 1867 verbrachte ich zu Oberdreis damit, die Annalen des Tacitus von Anfang bis zu Ende durchzulesen. Diese Lektüre fesselte mich mit einer fast dämonischen Gewalt, und doch wurde meine Stimmung dadurch eine so düstere, wie ich sie im Jahre vorher empfand, als ich auf der Pfingstreise längere Tage nichts außer den dunklen Tannen des Schwarzwaldes zu sehen bekam. Ich war froh, als die Osterferien zu Ende gingen, und nun verließ ich das einsame Heimatdorf und bezog mit hochgespannten Hoffnungen im April 1867 die Universität Berlin. Berlin war mir nicht ganz unbekannt; dort hatte ich von Schulpforta aus in den Weihnachtsferien 1861 meinen Bruder Werner, damals Studierenden an der Gewerbeakademie, besucht. Er bewohnte ein Zimmer östlich vom Alexanderplatz zusammen mit einem andern Studierenden namens Seibel, welcher einem extremen Pietismus verfallen war und meinen Bruder ganz in diese Richtung hereinzuziehen suchte. Allmorgendlich wurden Bibellesen und Gebetsübungen eifrig betrieben, bis dann die Geschäfte des Tages uns nach verschiedenen Richtungen auseinanderzogen. Den Morgen verbrachten Werner und ich gewöhnlich in den Museen. Mit dem Katalog in der Hand gingen wir von[93] Statue zu Statue, betrachteten mit Ehrfurcht die Originale des alten Museums und ergänzten ihre Kenntnis durch die reiche Sammlung der Gipsabgüsse, welche das neue Museum enthielt. Kaulbachs Wandgemälde im Treppenhause weckten unsern Sinn für die Kulturgeschichte der Menschheit, und noch erinnere ich mich, wie wir bei den assyrischen Bildwerken mit den Inschriften, deren Entzifferung damals noch nicht gelungen war, die Bekanntschaft eines jungen Gelehrten machten, welcher eifrig an den Keilschriften studierte und in ihnen die semitische Pluralendung rm entdeckt zu haben glaubte. Ein andermal wanderten wir nach Charlottenburg, um die Denkmäler des Mausoleums zu besuchen. Ermüdet und durchkältet kehrten wir in einem Wirtshaus der Berliner Straße ein, tranken ein Glas Punsch und verzehrten eine größere Anzahl der »Berliner Pfannkuchen«, wodurch unser Portemonnaie in dem Maße leichter wurde, in welchem der Magen das behagliche Gefühl der Sättigung empfand. Auch diese Tatsache erzählte ich später in Pforta, natürlich um interessant zu erscheinen, mit der nötigen Übertreibung, wodurch sich dann Freund Guido Meyer, ein vortrefflicher Karikaturenzeichner, veranlaßt sah, unter anderm dieses Abenteuer durch Abbildungen zu verherrlichen nebst erläuternden Versen, deren einer lautete: Pfannkuchen schlang er fleißig Und hatte nicht genug, Bis endlich ihrer dreißig Im Bauch er mit sich trug. Übrigens konnten wir den Verlust verschmerzen, da Mama in liebender Fürsorge zu unserm monatlichen Budget noch fünf Taler gefügt hatte, um in dem Genuß unserer Ferien nicht allzu eingeschränkt zu sein. Wohl nie hat eine bescheidene Summe wie diese bessere Früchte getragen. Allabendlich, soweit es die Kasse erlaubte, besuchten wir die Theater, sahen vom Olymp herab für 50 Pfennig im Königlichen Schauspielhause die Waise von Lowood mit Hendrichs, bewunderten im damaligen Wallnertheater Helmerding in »Berlin, wie es weint und lacht«, und die Krone dieser Genüsse war eine durch den Eintrittspreis von 75 Pfennig und stundenlanges Warten vor der Kasse erkämpfte Vorstellung des[94] Troubadour im Königlichen Opernhause, bei welcher die schon längst berühmte Lucca mit der als 16jähriges Mädchen ihre ersten Triumphe feiernden Adelina Patti zusammen wirkte. So war ich denn kein Fremdling in Berlin, als ich im April 1867 dort eintraf, um meine Studien an der Universität fortzusetzen und, wie ich hoffte, zu beschließen. Zunächst wohnte ich in der Leipziger Straße, wo jetzt das Warenhaus von Wertheim steht, doch wechselte ich bald und bezog ein besseres Zimmer in der Schöneberger Straße 30 zwei Treppen hoch bei der trefflichen Frau Walter. Diese Familie lebte in großer Armut. Der Vater, ein Zimmergeselle, mochte kaum so viel verdienen, um die mit sieben lebendigen Kindern gesegnete Familie zu unterhalten. Sie wohnten alle zusammen in der Küche und einem Hinterraum, und öfter sah ich, von dem Eingang in mein Zimmer in die nur durch einen Bretterverschlag getrennte Küche hineinblickend, wie die Kinder, auf den Stühlen umherliegend, eingeschlafen waren. Das jüngste Kind erkrankte und starb. Am folgenden Tag kam mein Freund Bodenstein, mich zu besuchen, und fragte: »Was ist denn bei Frau Walter los?« Ich hörte die Kinder jubeln: »Der Sarg ist da! Der Sarg ist da!« Die armen Kinder freuten sich, ihr Schwesterchen wenigstens in einen schönen neuen Sarg gebettet zu sehen. In dieser Wohnung blieb ich ein volles Jahr, da ich sie aus den Herbstferien 1867 von Oberdreis zurückkehrend frei fand und wieder bezog. Weihnachten 1867 war gekommen. An eine Christbescherung konnte die arme Familie Walter nicht denken. Da beschloß ich einzuspringen. Einen Taler konnte ich allenfalls entbehren. Ich kaufte am 24. Dezember, wo alles schon billig geworden ist, für 50 Pfennig ein hübsches Christbäumchen, schmückte es für weitere 50 Pfennig mit Hilfe von Bodenstein auf das zierlichste aus und behielt noch Geld genug übrig, um Äpfel, Nüsse, Backwerk und sechs kleine Geschenke zu kaufen und sie auf sechs Tellern um den Christbaum herum zu gruppieren. Die Lichter wurden angezündet, die Kinder hereingerufen; selten habe ich frohere Kindergesichter gesehen, selten ein schöneres Weihnachtsfest verlebt als dieses. Geben ist seliger als Nehmen, wie Epikur, der große Lehrer irdischer Glückseligkeit, und Jesus, der Pfadfinder der Erlösung,[95] in merkwürdiger Übereinstimmung gesagt haben. Außer dem genannten und schon länger verstorbenen Bodenstein war mein nächster Umgang Freund Adolf Textor. Wir drei hatten schon in Pforta als Tertianer zusammengehalten, waren oft zu dem Walde des Knabenberges hinaufgestiegen, um, auf Bodensteins Plaid gelagert, dem verbotenen Genuß des Rauchens zu frönen, und so bildeten wir auch in Berlin einen engeren Kreis, an den sich gelegentlich manche andere anschlossen. Bodenstein, nach seiner äußeren Erscheinung klein, zart und fein gebaut, besaß einen klaren, sarkastisch einschneidenden Verstand, daneben aber eine stark entwickelte Sinnlichkeit, welche seine Gesundheit frühzeitig untergrub und den Fortgang seiner Studien behinderte. Er bestand seine Examina später nur zur Not und hatte dann eine bescheidene Lehrerstelle in Merseburg, seiner Heimat, gefunden, wo ich ihn fünfzehn Jahre später schon leidend und hinfällig kurz vor seinem Tode mit Textor zusammen besuchte. Textor, obgleich auch nicht sehr kräftig, hatte viel Humor und trieb seine Studien mit wirklichem Interesse. Wir haben all unser Leben treu zusammengehalten, sind zusammen gereist, haben uns oft gegenseitig besucht, 1873 in Genf, 1903 in Rom getroffen, immer wirkte der Verkehr mit ihm auf mich anregend und belebend, und so war er denn auch 1867 in Berlin ein treuer Kamerad, wir hörten zusammen dieselben Vorlesungen und verkehrten außerhalb derselben täglich miteinander. Unter den damaligen Vorlesungen an der Berliner Universität übte eine besondere Anziehungskraft die Interpretation der alten Klassiker durch Moriz Haupt. Sein Vortrag war lebendig, mitunter witzig und hatte von Lachmann die kritische Schärfe sowie die Grobheit in der Polemik gegen andere Philologen. Gewöhnlich wählte er sich unter ihnen einen Prügelknaben; im Katull war es »Herr Hertzberg«, im Sophokles »Herr Nauck«, deren Erklärungen und Konjekturen er jämmerlich zu zerfleischen wußte, um dann seine eigenen Auffassungen mit einer Zuversicht zu verkünden, welche oft zu ihrem Werte in keinem richtigen Verhältnis stand. Einige Wochen hindurch fanden wir dieses Verfahren sehr amüsant, bald aber regte sich auch in uns der kritische Geist, und ich erinnere mich, wie ich nach der Vorlesung[96] mit einigen Kameraden im Vorgarten der Universität die Methode Haupts auf seine eigenen Erklärungen und Verbesserungen anwendete und nicht ohne Glück bewies, wie dieselben kaum weniger fragwürdig seien als die seiner Gegner. Neben Haupts Kollegien hörte ich noch bei Rödiger die Psalmen und mußte mich überzeugen, wie auch in ihnen viele Stellen fraglich sind und dunkel bleiben. Bei Weber hatte ich die Sakuntala belegt, war auch so glücklich, ein in indischer Weise oblong und schlecht gedrucktes Exemplar für drei Mark zu erwerben, mußte aber dann doch auf das Hören dieser Vorlesung verzichten, da ich zum Präparieren kein Wörterbuch besaß und auch nicht die Mittel, mir ein solches anzuschaffen. Besonders anregend war auch eine Vorlesung von Werder, er nannte sie »Logik und Metaphysik«, in Wahrheit war sie weder das eine noch das andere, sondern bestand in einer lebendigen, klaren und mit Beredsamkeit vorgetragenen Darstellung der Hauptlehren von Kant, Schopenhauer und Hegel. Diese Vorlesung hatte das Verdienst, mir das in den Bonner Vorlesungen abhanden gekommene Bewußtsein beizubringen, daß Philosophie etwas sei, welches von jedem normalen Kopf und so auch von mir verstanden werden könne. »Es ist von Menschen geschrieben und für Menschen geschrieben und kann auch von solchen verstanden werden«, wie Werder nicht müde wurde zu wiederholen. Mit diesen Eindrücken kehrte ich im August 1867 für die Herbstferien nach Oberdreis zurück. Wie gewöhnlich in den Ferien, wurde auch dieses Mal fleißig gearbeitet. Zunächst hatte ich Shakespeares Richard III. auf englisch genau durchgearbeitet und mich dann dem Platon zugewendet, dessen Protagoras und Gorgias mich so sehr fesselten, daß ich mir vornahm, mich in den Platon hineinzulesen und mit dieser frohen Aussicht in der zweiten Hälfte des Oktobers nach Berlin zurückkehrte. Ich bezog wieder mein Zimmer bei Frau Walter, belegte bei Haupt, Kirchhoff u.a. die üblichen Vorlesungen, benutzte mäßig die Gelegenheit, welche Berlin für die Ausbildung im Verständnis für bildende Künste und Musik bot, und freute mich, den alten Freunden wieder zu begegnen. Bald aber wurden alle diese Interessen durch ein einziges zurückgedrängt,[97] das Studium des Platon. Von Pforta her besaß ich noch die Teubnersche Ausgabe in sechs Bänden, und jetzt fing ich mit dem ersten an, um mich durch sämtliche Werke in der Reihenfolge der Tetralogien des Thrasyllus durchzuarbeiten. Ein wahrer Furor Platonicus ergriff mich; mit einer Begeisterung, wie ich sie nie gekannt, mit einer Beharrlichkeit, wie ich sie nie geübt, las ich vom Morgen bis zum Abend auf dem Sofa liegend, mit einem Lexikon neben mir, den Platon. Mit dem Gedanken an ihn stand ich auf und ging zu Bett, ließ Vorlesung Vorlesung sein, ließ die Sonne aufgehen und untergehen, und las meinen Platon. Im Februar 1867 hatte ich ihn ganz durchgelesen und hätte am liebsten damit gleich wieder von vorne angefangen, aber der Gedanke an das Doktorexamen veranlaßte mich, meine Studien auf einen einzelnen Dialog zu konzentrieren, und dieses sollte nach meiner damaligen Absicht der von Geist und Humor übersprudelnde, aber keinen allzu reichen positiven Inhalt bietende Euthydemus sein. Inzwischen schrieb ich an die Eltern: »Liebe Eltern, ich bin jetzt im schönsten Zuge der Arbeit und hoffe nach einem halben Jahre hier in Berlin mein Doktorexamen abzulegen.« Aber die Antwort lautete: »Lieber Sohn, Du hast jetzt sieben Semester auf drei Universitäten studiert und Geld genug gekostet. Willst Du noch weiter studieren, so komme nach Oberdreis, wir wollen Dir ein Zimmerchen einrichten und Dich gutpflegen. Deine Examina kannst Du dann von hier aus machen.« Was war zu tun, ich mußte wohl oder übel gehorchen. Mit Schmerzen sagte ich dem geliebten Berlin und seinen Kunstschätzen Lebewohl; eben da, als Auge und Ohr für deren Verständnis sich zu öffnen anfingen, verließ ich die Großstadt mit ihrem lärmenden und für mich so anregenden Treiben und siedelte Ostern 1868 mit Sack und Pack in mein einsames Heimatsdorf über, um dort bis Ostern 1868 ein volles Jahr zu verbringen. Dieses Jahr steht vermöge seiner äußeren Vereinsamung und seiner inneren Fruchtbarkeit in meinem Leben fast einzig da. Ich wurde freundlich aufgenommen und gut gepflegt, aber mein an die städtische Kost gewöhnter Magen konnte die ländliche, überwiegend aus Pflanzenkost bestehende Nahrung und das schwerere Landbrot nur schlecht vertragen. Ein Übermaß von[98] Magensäure machte mir das ganze Jahr zu schaffen und wich erst, als ich Ostern 1869 wieder in städtische Verhältnisse trat. Auch die Heiserkeit, die ich mir schon im Jahre vorher durch unsinniges Vorlesen von Dramen zugezogen hatte, bestand das ganze Jahr hindurch und quälte mich um so mehr, je größer all mein Leben lang bei mir das Bedürfnis gewesen ist, mich andern mitzuteilen. Freilich war dazu in dem engen Kreise des Vaterhauses keine besondere Veranlassung. Mein Vater hat sich nie eingehend mit uns befaßt; es schien, als wenn er an seinen Kindern kein besonderes Interesse nähme, obgleich meine Mutter, wenn ich ihr erklärte, daß wir ohne sie nicht soweit gekommen sein würden, dieses bescheiden abzulehnen pflegte und behauptete, daß es immer Papa gewesen sei, welcher den Mut gehabt und ihr eingesprochen habe, die vielen Kinder unter so engen und schwierigen Verhältnissen zu einer anständigen Lebenslage auszubilden. Wieweit dies zutrifft, vermag ich nicht zu beurteilen; Tatsache ist, daß die Mutter für uns immer im Vordergrunde stand, und so war es auch in dem einsamen Studienjahr in Oberdreis. Sie pflegte mich sorgsam, aber der geistige Verkehr wurde dadurch sehr eingeschränkt, daß wir nur zu leicht auf religiöse Themata kamen und uns hier nicht mehr verstanden. Zwar hatte meine Mutter die engen Anschauungen ihrer Elberfelder Mädchenzeit im Verkehr mit den von Schule und Universität zurückkehrenden Söhnen allmählich abgelegt und versuchte zu freieren religiösen Anschauungen durchzudringen, und wenn sie in früheren Zeiten gelegentlich den Ausspruch des alten emeritierten Pastors Neumann, Karl Reinhardts Großvater, zu zitieren pflegte: »Schiller und Goethe in den Ofen!«, so kam es jetzt wohl vor, daß sie sich in einer stillen Abendstunde mit mir an einem Stück von Shakespeare oder Goethe erbaute; aber um so mehr war sie geneigt, auf religiöse Themata das Gespräch zu lenken, und um so deutlicher fühlten wir beide den weiten Abstand, der zwischen unsern Anschauungen bestand, und zogen es schließlich vor, derartigen Gesprächen ganz aus dem Wege zu gehen. Meine Arbeit fesselte mich vom frühen Morgen bis zum späten Abend und wurde nur durch einen längeren Spaziergang mittags nach Tisch unterbrochen. Während des Sommers ging[99] oder vielmehr lief ich eine Zeitlang täglich nach Altenkirchen, wobei ich Hin- und Rückweg durch teilweises Laufen von drei Stunden auf zwei zu reduzieren wußte. Man wunderte sich über die Zähigkeit meiner Natur, mit der ich, auch in der größten Mittagshitze, diesen weiten Weg so schnell zurücklegte und dann sofort wieder bei der Arbeit saß, während mein Vater an den heißen Nachmittagen wiederholt durch mein Arbeitszimmer in das Schlafzimmer ging, um trockene Wäsche anzulegen und sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß die furchtbare Hitze mich und meine Arbeit nicht im mindesten anzufechten schien. Der Herbst kam, und mit ihm kühlere Tage. Täglich beobachtete ich, wie die Sonne einen kleineren Bogen am Himmel beschrieb, wie die Blätter welkten und fielen, die Novemberstürme über das Dorf wegbrausten und schließlich der Schnee die erstorbene Natur wie mit einem weißen Leichentuche überdeckte. Ich beschränkte jetzt meine täglichen Spaziergänge auf das eine halbe Stunde entfernte Steimeln, wo ich einen Tag wie den andern ein Glas abgestandenen Bieres trank, eine Zigarre dazu rauchte und dabei die Neuwieder Zeitung las, in welcher unterm Strich gerade eine der fürchterlichsten Mordgeschichten in täglichen kleinen Rationen verzapft wurde. Die Atmosphäre des Dorfwirtshauses, der Geruch von Bier und Tabak verband sich mit dem Blutgeruch, den die Geschichte ausströmte, zu einem Eindruck, welcher um so tiefer sich einprägte, je regelmäßiger er derselbe war. Amazon.de Widgets Inzwischen schritt die Arbeit an meiner Doktordissertation, ungestört durch äußere Eindrücke, rüstig weiter. Ich hatte, wie schon bemerkt, zunächst den Euthydemos des Platon ins Auge gefaßt, fand aber nach einiger Zeit, daß er doch für eine so intensive Beschäftigung zu wenig Inhalt bot, und ging, als ich meine Kräfte wachsen fühlte, nicht ohne Bedenken, ob ich auch der Aufgabe genügen könne, dazu über, einen der schwierigsten und inhaltreichsten Dialoge des Platon, den Sophista, zum Gegenstand meiner Bemühung zu machen, und noch heute muß ich es zu den glücklichsten Fügungen meines Lebens rechnen, daß ich, wie im Jahre 1880 den Çankara so 1868 den Sophista vornahm, um mich mit aller Kraft meiner Seele ganz in ihn hineinzuleben. Mit Fernhaltung alles dessen, was über den Sophista vor mir[100] geschrieben war, vertiefte ich mich in den griechischen Text, nicht so, daß ich ihn auswendig lernte, sondern mehr als das, so daß ich den ganzen Gang der Gedanken auf das lebendigste mir aneignete und mit jeder einzelnen Wendung derselben genau Bescheid wußte. Und nachdem ich ihn so in mir aufgenommen hatte, brütete ich darüber, saß davor wie vor einem verdunkelten Gemälde, dessen Züge man zu erkennen sucht, ohne daß es mir fürs erste gelingen wollte, den eigentlichen Sinn und Zweck des Ganzen zu erfassen. Dieser stellte sich eines Tages bei einem Spaziergange auf den Oberdreiser Berg, fast plötzlich, wie ein Kristall anschießt, gleichwie eine Eingebung bei mir ein. Mit einem Male war mir alles klar, der Grundgedanke und alle Einzelheiten, welche auf ihn wie Strahlen auf einen gemeinsamen Mittelpunkt hinwiesen, oder vielmehr von ihm ausgingen. Ich erkannte, daß Platon mit Parmenides, dem größten seiner Vorgänger, Abrechnung hält und zeigt, wie das unwandelbare Eine des Parmenides bei genauer Betrachtung sich zur Vielheit der platonischen Ideenwelt entfalten muß. Er zeigt dies aber nicht durch eine abstrakte Beweisführung, sondern, indem er uns einen eleatischen Gastfreund vorführt, welcher, von Sokrates aufgefordert, sich über das Wesen des Sophisten zu äußern, aus einer Verlegenheit in die andere gerät und schließlich damit endet, sich vor unsern Augen aus einem Parmenidäer zu einem Platoniker fortzuentwickeln. Erst nachdem ich diesen Aufschluß durch bloße, hingebende Betrachtung des griechischen Textes gewonnen hatte, nahm ich die Literatur über Platon zur Hand, welche ich mir fast vollständig von Schleiermacher an bis zu Schaarschmidt hin zu verschaffen gewußt hatte, ging mit der Feder in der Hand der Reihe nach durch, was alle jene Vorgänger über meinen Dialog gesagt hatten und machte dabei die niederdrückende Erfahrung, daß sie alle um die Sache herumgingen, bald diese, bald jene Seite an ihr hervorkehrend, und daß keiner bisher den eigentlichen Kernpunkt getroffen hatte. Am nächsten war ihm unerwarteterweise noch Stallbaum gekommen, der unter dem Schwall seines redseligen, ja geschwätzigen Lateins mitunter einen ganz gesunden Sinn verrät. Ich will nicht verbergen, daß diese Eindrücke wesentlich dazu beitrugen, mich zwar nicht von dem klassischen Altertum, dem ich all mein[101] Leben mit größter Liebe zugetan gewesen bin, wohl aber von der klassischen Philologie weg und auf ein Gebiet hinzuführen, wo nicht jede große Erscheinung von einem solchen Kometenschweife modernen Geredes begleitet wird, sondern ein Urwald der Bearbeitung harrt, bei welcher jeder Schritt lohnend ist, ohne daß man die unfruchtbare Arbeit zu leisten hat, die ganze moderne Literatur über den Gegenstand, wenn auch nur zum Schein, zu berücksichtigen. ? Nunmehr schritt ich, es war im Oktober 1868, zur Ausarbeitung meiner Dissertation, welcher ich in ländlicher Abgeschiedenheit so recht con amore mich ganz hingeben konnte. Der Plan meiner ganzen Arbeit stand mir fest, Stück für Stück arbeitete ich ihn aus, indem ich mir bei jedem Abschnitte erst einen genauen Entwurf machte und dann seine Ausführung in sauberstem Latein zu Papier brachte. So entstand diese Erstlingsarbeit, auf die ich noch jetzt nach 40 Jahren mit Befriedigung und Freude zurückblicke. Der 10. Dezember war der große Tag, an welchem ich das meine Dissertation enthaltende Paket in Altenkirchen auf die Post gab, und zwar an die philosophische Fakultät in der damals schon preußischen Universität Marburg. Ich hatte zwar hier nicht studiert, war aber an allen drei Universitäten Bonn, Tübingen und Berlin keinem meiner Lehrer so nahe getreten, daß ich ein Interesse für mich bei ihm hätte voraussetzen können, und so zog ich dem halben Bekanntsein das gänzliche Unbekanntsein vor und wandte mich nach Marburg, zumal auch dort die Promotionsgebühren um einiges geringer waren als an den andern Universitäten. Im folgenden Monate unternahm ich dann die Reise nach Marburg, um bei meinen künftigen Examinatoren, namentlich den klassischen Philologen C. Julius Cäsar und Leopold Schmidt, mich vorzustellen und das Terrain zu rekognoszieren. Man nahm mich als einen Fremden mit vorsichtiger Zurückhaltung, aber nicht unfreundlich auf, und ich kehrte mit gutem Mute nach Oberdreis zu meiner Arbeit zurück. Schon während der Ausarbeitung meiner Dissertation hatte ich die Vorbereitung auf die mündlichen Fächer, Griechisch und Lateinisch, nebst alter Geschichte als Nebenfach, und dazu Philosophie getroffen und freute mich, nach Ablieferung meiner Dissertation einige Monate hindurch[102] meiner allgemeineren Ausbildung und der Ausbreitung meiner Kenntnisse über so viele interessante und wissenswerte Gegenstände widmen zu dürfen. Bei dieser Gelegenheit gelangte unter andern Büchern, die ich aus einer Buchhandlung in Bonn bezog, auch Schopenhauers »Welt als Wille und Vorstellung« in meine Hände. Jeder Blick in die noch ungebundenen beiden Bände brachte mir zum Bewußtsein, welch ein Schatz klarer und bedeutender Gedanken hier liege; eilig ließ ich das Werk in Altenkirchen binden und verschlang dann in kaum mehr als einer Woche den ersten, das ganze System in der Glut und Frische der ursprünglichen Konzeption enthaltenden Band. Von Tag zu Tag stieg meine Bewunderung für den herrlichen Geist, der hier zu uns redet. Bei den erkenntnistheoretischen und naturphilosophischen Betrachtungen war es mir, als wenn ein Schleier weggezogen würde, der mir bis dahin die Dinge verhüllte. Die ästhetischen Anschauungen des dritten Teiles versetzten mich in das höchste Entzücken, und noch ist mir erinnerlich, wie ich am 26. November, dem Geburtstag meines Vaters, meinen üblichen Spaziergang durch die sonnbeglänzte Schneelandschaft nach Steimeln machte und mich prüfte, ob auch ich imstande sei, mich zu jener objektiven, willensfreien Anschauung zu erheben, welche Schopenhauer so wunderbar beschrieben und durch Beispiele erläutert hat. Weniger wollte es mir mit dem vierten, die Ethik behandelnden Teile gelingen, die Verneinung des Willens zum Leben als letztes Ziel stieß mich ab, ich glaubte nur ein trostloses Nichts vor mir zu sehen und war schließlich froh, die ganze düstere Weltanschauung wie einen schweren Traum von mir abzuschütteln und mich den Forderungen des Tages zuzuwenden. So rückte der Termin der mündlichen Prüfung heran. Sie war auf den 29. Januar 1869, nachmittags 5 Uhr, anberaumt worden. Ich traf am Tage vorher gegen Abend in Marburg ein und hielt es für meine Pflicht, sofort meine Ankunft beim damaligen Dekan, dem Professor der Mathematik Stegmann, zu melden. Der Empfang war nicht gerade erfreulich. Der schwerfällige pedantische Mann kam mir mit den Worten entgegen: »Aber Herr Kandidat, wie können Sie noch so spät am Abend bei mir vorkommen.« Ich entschuldigte mich mit der[103] Unmöglichkeit, früher einzutreffen, und der Wichtigkeit, welche die Sache für mich habe, und kehrte in das Hotel zum Ritter zurück, um eine, wenn ich mich recht erinnere, unruhige Nacht zu verbringen. Am andern Morgen besuchte ich meine Examinatoren Cäsar und Schmidt sowie Weißenborn, dem ich erklärte, mich besonders mit den drei Kritiken Kants beschäftigt zu haben, und endlich Wachsmuth, der mich in alter Geschichte als Nebenfach prüfen sollte. »Na, ich werde Sie nicht sehr quälen«, sagte er freundlich, indem er mir die Hand reichte. Schließlich erschien er gar nicht beim Examen, indem er Leopold Schmidt gebeten hatte, mich für ihn mit zu prüfen. Qualvoll waren die letzten Stunden vor dem Examen. Arbeiten wollte ich nicht mehr, Bekannte hatte ich nicht, und so irrte ich stundenlang in der fremden Stadt umher, bestrebt mich zu zerstreuen und doch immer wieder mit meinen Gedanken zu den Gegenständen des Examens zurückkehrend. Endlich schlug die Stunde des Examens, ich wurde in einen geräumigen Saal gewiesen und befand mich hier ganz allein drei oder vier Professoren gegenüber, nur durch einen grünen Tisch von ihnen getrennt. Das Examen im Griechischen und Lateinischen verlief sehr glücklich. Mit Leichtigkeit fand ich mich in den vorgelegten Stellen aus griechischen und lateinischen Schriftstellern zurecht, beantwortete die daran geknüpften Fragen in fließendem Latein und ging, durch den Erfolg immer mutiger geworden, schließlich dazu über, griechisch zu sprechen, wodurch dann auch Leopold Schmidt veranlaßt wurde, sich derselben Sprache zu bedienen. Weniger günstig verlief das Examen in der Philosophie. Weißenborn, ein alter verbohrter Hegelianer, leitete mit einer längeren Auseinandersetzung seine Frage ein, auf die man als Antwort die in seinem Kolleg übliche Formel beizubringen hatte, wodurch ich wiederholt in Verlegenheit geriet und bemerken konnte, wie meine philologischen Examinatoren auf ihren prüfenden Kollegen unwillige Seitenblicke warfen. Zulegt, als ich schon das Bewußtsein hatte, meines Erfolges sicher zu sein, erschien noch unerwartet Brink und legte mir ein Buch vor. »Was gibt es denn hier noch?« äußerte ich in etwas übermütiger Laune. »Nur noch ein bißchen Französisch«, entgegnete der bescheidene Mann und legte mir eine Stelle vor,[104] die ich mit Leichtigkeit übersetzte, auf die darangeknüpften Fragen mutwilligerweise in französischer Sprache antwortete und schließlich, ich weiß nicht wie, ins Englischsprechen geriet, welches alles als ein Opus supererogationis beifällig aufgenommen wurde, so daß das Examen mit Glanz abschloß. Mein Englisch stand damals noch auf schwachen Füßen. Auf der Schule wurde es nicht gelehrt, aber schon in Elberfeld hatte ich ein Büchlein von Bensch, English made easy, antiquarisch erstanden und mich unter gelegentlicher Hilfe von Ernst Schnabel, sowie der Kommis im Altgeldschen Laden privatim hineingearbeitet. Nur geringe Förderung brachte in Schulpforta ein Privatkursus, welchen Volkmann eingerichtet hatte und sehr bald wieder fallen ließ, und erst in Prima kam ich zum Lesen eines englischen Autors, und zwar des Shakespeare, um dessentwillen ich mich zum Englischen hingezogen fühlte. Ich hatte mir von meinen Ersparnissen die sieben Bände der Tauchnitzausgabe und das Lexikon von Delius angeschafft und einige Stücke gelesen. In den Ferien konnte ich dann mit Fanny Poad, einer kleinen, lebhaften Engländerin, welche als Pensionärin in unserm Hause weilte, für den Unterricht, den ich ihr im Lateinischen gab, englische Konversationsübungen eintauschen, wobei sie oft Veranlassung fand, mein »Shakespearean English« zu verbessern. Etwas günstiger stand es bei mir mit dem Französischen. Zwar der Unterricht in Schulpforta war höchst mangelhaft gewesen, da sich Koberstein die Sache allzu bequem machte. Beim Abiturientenexamen sahen wir den Übersetzungen ins Lateinische und Griechische ohne Furcht entgegen, aber keiner von uns fühlte sich imstande, auch nur eine Seite korrekt ins Französische zu übersetzen. Einen Fortschritt brachte mir die Übersetzung von Bevilles Theodor Parker, welche mir 1865 auf Empfehlung meines Onkels Friedrich Ingelbach in Paris vom Verleger Reinwald übertragen worden war, zwölf Freiexemplare und vierzig Taler einbrachte und als erste Veranlassung, mich gedruckt zu sehen, mir viele Freude bereitete. Die ersten Bogen hatte ich mit großer Mühe und Sorgfalt ausgearbeitet, und die durch sie erlangte Übung hatte es möglich gemacht, das ganze übrige Buch in verhältnismäßig kurzer Zeit herzustellen.[105] Schon vor meinem Doktorexamen hatte Julius Cäsar, als ich mich ihm vorstellte, mir mitgeteilt, daß am Gymnasium zu Minden für einen Probekandidaten eine mit 1200 Mark besoldete Stelle offen stehe, und daß man mich nach bestandenem Doktorexamen zu derselben empfehlen wolle; mein Staatsexamen könne ich dann im Laufe des Sommers von Minden aus machen. Mit dieser Nachricht kam ich nach Haus, und die Eltern drängten sehr, die Stelle anzunehmen. Ich hatte Bedenken, einmal weil meine Heiserkeit, die mich immer noch quälte, mir ein Lehren vor ganzen Klassen fast unmöglich erscheinen ließ, dann auch, weil ich vorher schon in Berlin um eine Inspektorstelle im Schindlerschen Waisenhause mich beworben hatte und die Antwort erst abwarten wollte. Aber die Eltern setzten mir stark zu, meine Mutter, indem sie mir vorstellte, daß ich nun endlich auf eigenen Füßen stehen müsse, mein Vater, indem er mir die Trefflichkeit des Westfalenlandes pries, und so sagte ich in Minden zu. Acht Tage später kam ein Anerbieten aus Berlin, welches mein Lebensschifflein in andere Bahnen gelenkt haben würde und jedenfalls meiner Natur besser zusagte. Es war zu spät, und ich mußte es dankend ablehnen. In dieser bewegten Zeit traf von meinem Freund Nietzsche die Nachricht ein, daß er, ohne irgendein Examen gemacht zu haben, auf Ritschls Empfehlung hin zum Professor an der Universität und dem Pädagogium zu Basel ernannt worden sei. Ich beglückwünschte ihn, konnte aber nicht umhin, meine bescheidenen Aussichten mit seinem glänzenden Erfolg in Parallele zu stellen, wobei wohl etwas wie Neid durchgeklungen haben mag. Als Antwort auf meinen Brief traf eine Visitenkarte von Nietzsche ein, die mich auf das tiefste erschütterte. Er schrieb: »Wenn nicht etwa zufällige Störungen des Kopfes Deinen letzten Brief veranlaßt haben, so muß ich bitten, hiermit unsere Beziehungen als abgeschlossen zu betrachten.« Diese Worte brannten in meiner Seele wie höllisches Feuer. Ich war damals, wo mich Schopenhauer noch nicht freigemacht hatte, noch zu sehr befangen in den gewöhnlichen Begriffen von Ehre und dergleichen, um mir nicht sofort zu sagen, daß auf eine so deutliche Absage hin auch meinerseits ein Verzicht auf jeden weiteren Verkehr zu folgen habe.[106] Aber mein Geist konnte sich nicht in den Gedanken finden, einen solchen Freund zu verlieren. Es drängte mich, an Nietzsche zu schreiben und ihn zu fragen, wie er nur meinen Brief so habe mißverstehen können. Als Antwort sandte mir Nietzsche drei Schriftstücke: 1. meinen inkulpierten Brief, 2. einen Kommentar dazu, der ihn für ein Gemisch von Neid, Borniertheit und Bauernstolz erklärte, und endlich, als Beispiel, wie man es machen müsse, einen Brief von Erwin Rohde, der sich nicht genug tun konnte im Entzücken darüber, einen richtigen Professor, und noch dazu einen so jungen und lieben, seinen Freund nennen zu dürfen. Ich kann nicht sagen, daß ich mich über meinen Brief, der jedenfalls ein aufrichtiger Ausdruck meiner Gesinnung war, sonderlich geschämt hätte; ich dankte in meiner Antwort für die versöhnliche Gesinnung, ohne die Sache weiter aufzurühren, und zog daraus eine Lehre für die Zukunft. Ich verstand jetzt die Worte, welche Nietzsche einst an mich schrieb: »Im Ernst, mein Freund, ich muß bitten, wenn Du von mir sprichst, mit etwas mehr Respekt zu reden.« Der Tag der Abreise nach Minden rückte heran. Ich ging meinem Schicksal mit einer gelinden Verzweiflung entgegen, denn ich glaubte vorauszusehen, daß man mich wegen meiner Heiserkeit in der allernächsten Zeit als unbrauchbar zurückschicken würde. Und ich trat meine Reise ziemlich mutlos an. Um mich für die bevorstehende Arbeit noch tunlichst zu kräftigen, beschloß ich den Weg von Oberdreis nach Minden zu Fuß zurückzulegen und habe es wenigstens zur Hälfte, etwa bis Elberfeld hin, ausgeführt. Ich wanderte den schon so oft zurückgelegten Weg von Oberdreis nach Neuwied und sodann das Rheintal hinunter. Es war ein schöner Sonntagmorgen im April, an Bäumen und Sträuchern zeigte sich das erste Grün, nah und fern tönten die Kirchenglocken, das Lied fiel mir ein, welches wir vor 14 Jahren bei unserm Lehrer Kaiser so oft gesungen hatten: Amazon.de Widgets »Des Sonntags in der Morgenstund', Wie wandert sich's so schön Am Rhein, wenn rings in weitem Rund Die Morgenglocken gehn.«[107] Und neuer Lebensmut fing an, sich zu regen. Schließlich gewann ich Steele, wo mein Bruder Werner als Ingenieur in einem Werke angestellt war. Er erwartete auch den vom Predigerseminar zu Wittenberg zurückkehrenden Bruder Johannes, wir gingen am Abend, ihn von der Bahn abzuholen und beschlossen, auf seine Weltabgekehrtheit vertrauend, ihm einen kleinen Schabernack zu spielen. Werner begrüßte den Bruder und stellte mich, der ich im Halbdunkel mit etwas eingedrücktem Hute ihm zur Seite stand, als seinen Freund Herrn Müller vor. »Sehr angenehm, Herr Müller«, versetzte Johannes, reichte mir die Hand, und wir setzten uns zu dreien in Bewegung. Mit etwas verstellter Stimme knüpfte ich ein Gespräch mit Johannes an, leitete die Unterhaltung auf seinen Bruder Paul, und eben war Johannes im Begriff mit einem: »Ja, der will ja ?«, ich weiß nicht was zu sagen, als wir das Lachen nicht mehr zurückhalten konnten. Johannes blieb betroffen stehn, faßte mich scharf ins Auge und erkannte seinen Bruder. Für solche Scherze war er ein dankbares Objekt. Nur einen will ich der Vergessenheit entreißen, der sich auch um diese Jahre herum zugetragen hat. Es war in Oberdreis, ich spazierte mit Johannes auf dem Wege nach Altenkirchen zu, und ich fing an zu rezitieren: Und frische Nahrung, neues Blut, Saug ich aus freier Welt, Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält. »Nicht übel gereimt«, sagte Johannes. »Freilich wohl,« versetzte ich, »das Gedicht ist ja von Goethe.« »Das wirst du mir nicht aufbinden, du hast das Gedicht selbst gemacht.« Schnell entschlossen sprach ich: »Ja, ich will es nur gestehen, ich habe es selbst gemacht, ich halte es für eine meiner besseren Leistungen und möchte gar zu gern dein kritisches Urteil darüber hören.« Johannes sagte zu, wir kehrten nach Hause zurück, ich schrieb das Gedicht säuberlich ab und überreichte es dem Bruder. Am nächsten Tage stellte er es mir zurück, und wer beschreibt meine Freude, als ich sah, wie Johannes es von oben bis unten mit Bleistiftstrichen verziert hatte. Kaum eine Zeile war seiner tadelnden Kritik entgangen.[108] Ein Gedicht, meinte er, könne unmöglich mit dem Worte »und« beginnen. Das Saugen gebe ein unschönes Bild, der Natur könne man keinen Busen zuschreiben, und so ging es weiter. Das zusammenfassende Urteil am Schluß lautete etwa: Der Verfasser ist im Dichten noch wenig geübt, offenbar ein Anfänger, aber doch nicht ganz ohne Talent. Lachend legte ich dem Bruder nun den Goetheband vor und da machte er große Augen. 
