

Geleitsbrief.










Wie früher ein Teil des Adels zur Bourgeoisie überging, so geht jetzt ein Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über und namentlich ein Teil der burgerlichen Ideologen, die zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben.
Kommunistisches Manifest 1847.

* * *

Abschaffung aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung und das Recht der Versammlung und Vereinigung einschränken oder unterdrücken.
Programm der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Erfurt 1891.[3] 



Vorwort.










[5] Wenn man über vierzig Jahre auf literarischem und politischem Gebiet für die Sozialdemokratie gekämpft hat, so darf man sich wohl für berechtigt halten, einige Erinnerungsblätter dem Kreise von Zeitgenossen zu unterbreiten, auf deren Interesse man rechnen kann. Zugleich sollen diese Aufzeichnungen den künftigen Geschichtsschreibern der Sozialdemokratie einiges Material bieten, das als zuverlässig betrachtet werden kann.
Im allgemeinen darf ich wohl für diese meist aus dem Gedächtnis niedergeschriebene Arbeit auf die wohlwollende Beurteilung rechnen, wie sie meinen vor zwei Jahrzehnten erschienenen historischen Werken so vielfach, auch von hervorragenden Geistern, zuteil geworden ist.
Zugleich erinnere ich an ein gutes Wort von Theodor Fontane, welches meine Darstellungsweise begründen mag: »Das Nebensächliche, so viel ist richtig, gilt als nichts, wenn es bloß nebensächlich ist, wenn nichts darin steckt. Steckt aber was darin, dann ist es Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich Menschliche.«
Aber unsere Zeit ist eine hyperkritische geworden. Die Kritik gilt heute vielfach mehr als die positive Leistung selbst und

Ist ein Kritikus noch so klein,
Ein Lessing glaubt er doch zu sein!

Mit solchem Dünkel verbindet sich leicht eine gewisse Bosheit, welche den fehlenden Geist ersetzen soll. Und daraus entstehen alsdann die Mißdeutungen und Entstellungen, wie auch ich sie öfter erfahren habe.
So könnte die Schilderung einzelner Abschnitte meiner Jugend, namentlich des akademischen Lebens, übelwollenden Beurteilern Veranlassung zu der Behauptung geben, ich hätte meine bürgerlichen Vorurteile von damals nicht völlig überwunden. Meine lange Tätigkeit im Dienste der sozialen Revolution im allgemeinen und der Sozialdemokratie im besonderen dürfte eine genügende Widerlegung sein.[5] 
Meine Jugend, meine Handlungen und meine Denkweise von damals habe ich so eingehend beschrieben, weil ich ein – ich möchte sagen künstlerisches Bedürfnis empfand, den Gegensatz von damals und später möglichst hell zu beleuchten und möglichst scharf hervortreten zu lassen. Je größer der Gegensatz, desto mehr tritt auch die Bedeutung des Verständnisses des großen historischen Prozesses hervor, an den die heutige soziale Bewegung sich anknüpft. So wird die Darstellung der durch dies Verständnis bewirkten geistigen Veränderung ein Beitrag zur Psychologie bürgerlichen Ideologentums.
Es mag ungewöhnlich sein, daß von vornhinein eine solche Verwahrung eingelegt wird. Aber sie ist in diesem Falle leider nicht überflüssig.


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Berlin, im März 1914.

Der Verfasser.[6] 




Kindheit und Schule










Dort, wo die blaue Tauber in den grünen Main sich ergießt, liegt meine liebe alte Vaterstadt Wertheim. Die landschaftlichen Schönheiten dieses während meiner Kindheit noch weltfernen Erdenwinkels sind weithin bekannt geworden, seitdem das Dampfroß durch die einst so stillen tiefeingeschnittenen Täler braust. Über Fluß und Tal erheben sich die Ausläufer des Odenwalds und des Spessarts. Wald und Weinberge bedecken diese Höhen, und der dort wachsende weiße Wein, der »Wertheimer«, wird als ein trefflicher Frankenwein gerühmt. Zahlreiche Schiffe und Flöße, für welche die Tauber einen Hafen bildet, beleben die beiden Flüsse. Über dem altertümlichen Städtchen erhebt sich die prächtige Burgruine, die den romantischen Schmuck dieser auserwählten Gegend bildet und dem Heidelberger Schloß nicht viel nachgibt. Wertheim ist eine ächte Frankenstadt und muß geographisch zu Unterfranken gerechnet werden. Ursprünglich gehörte die Stadt, deren Entstehung in den »Erzählungen« von Gottfried und Johanna Kinkel so poetisch geschildert ist, zum Bistum Würzburg und kam im zwölften Jahrhundert in den Besitz der Grafen von Wertheim, denen sie über vierhundert Jahre verblieb. Nach deren Aussterben fiel die Stadt an die Häuser Stolberg und Erbach und von diesen an die Grafen von Löwenstein; daher die Linien Löwenstein-Wertheim-Freudenberg und Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Über diese Namen ist viel gewitzelt worden. Vielleicht hat auch Frau Historia sich ein Witzchen gestattet und die heute bestehende Verbindung von Warenhaus und Aristokratie auf Kosten des allerdings dabei unbeteiligten Hauses Löwenstein scherzhaft im voraus angedeutet.
Als Baden 1806 dem Rheinbund beitrat und von Napoleon zum Großherzogtum gemacht wurde, fiel Wertheim an Baden und der Main wurde auf eine kurze Strecke Grenzfluß zwischen Bayern und Baden. Das gegenüberliegende Kreuzwertheim ist bayrisch.
Aus dem stillen Wertheim ist mancher in die große Welt hinausgegangen, der sich dort einen Namen gemacht hat. Im Grafengeschlecht erscheinen hervorragende Persönlichkeiten, namentlich Graf Georg, der am Bauernkrieg von 1525 auf seite der aufständischen Bauern teilnahm, nachher aber wieder abfiel. Der Begründer der »Vossischen Zeitung« stammte aus der Wertheimer Schifferfamilie Rüdiger. Der preußische Reaktionsminister Eichhorn, nach dem die Eichhornstraße in Berlin benannt ist, war auch aus Wertheim gebürtig. In neuerer Zeit machte sich der Wertheimer Lehrerssohn Hermann Schil ler als[3]  Historiker und als hervorragender Pädagoge bekannt; seine Maßregelung in Gießen erregte großes Aufsehen.1
Auch unter meinen Vorfahren mütterlicherseits befanden sich solche, die sich draußen in der Welt einen Namen gemacht haben. Meine Mutter stammte nämlich aus der in Wertheim alteingesessenen Familie Schmezer. Eine Tradition besagt, daß diese Familie von einem schwedischen Trompeter abstamme. In der Tat erzählt die Wertheimer Chronika, daß die Schweden, als sie im dreißigjährigen Kriege Wertheim zum zweiten Mal besetzten und der Stadt einen Schutzbrief ausstellten, einen Trompeter zurückließen, um über den Schutzbrief zu wachen. Nach zwei Jahren wurde der Trompeter von den Kaiserlichen vertrieben. Er hat jedenfalls Zeit genug gehabt, eine Familie zu stiften. Eine Berliner Bildhauerin, die mich kürzlich modellieren wollte, sagte, ich hätte den Kopf eines schwedischen Reiteroffiziers aus dem dreißigjährigen Kriege. Hm!
Auf dem Markt zu Wertheim, am Eingang der Münzgasse, steht ein turmartiges altes Häuschen, ein originelles Bauwerk. Dort hauste in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts mein Urgroßvater Peter Schmezer, ehrsamer Kaufmann, Knopfmacher und Ratsherr. In dem engen Häuschen tummelte sich eine muntere Kinderschar, Söhne und Töchter. Zwei der Söhne sind draußen in der Welt bekannt geworden und erfreuten die Zeitgenossen mit der musikalischen Begabung, die in der Familie Schmezer reichlich vorhanden war. Der eine war der bekannte Freund Scheffels, Christoph Schmezer, Pfarrer zu Ziegelhausen bei Heidelberg, »Tegulinums Augur«, wie Scheffel ihn nennt,2 sangesfroh und trinkfest. Die populären Melodien zu den Scheffelschen Liedern: »Das war der Herr von Rodenstein« und »Der Enderle von Ketsch« sind sein Werk. Das gastliche Pfarrhaus zu Ziegelhausen am Neckar war Jahrzehnte hindurch ein Wallfahrtsort für fröhliche und »trinkbare« Zeitgenossen.
Der jüngste Sohn, Friedrich Schmezer, besaß eine herrliche Tenorstimme. Er sollte Kaufmann werden. Als eines Tages der damals berühmte Violinist und Komponist Fesca nach Wertheim kam, hörte er den jungen Schmezer im Kirchenchor singen und sagte ihm, wenn er zum Theater ginge, würde er sein Glück machen. Einige Wochen später trat Schmezer bei Fesca in Karlsruhe an und dieser half ihm sich ausbilden. Er war seiner Zeit einer der berühmtesten Tenoristen Deutschlands und wirkte als solcher viele Jahre am Hoftheater in Braunschweig, zuletzt als Regisseur.
Der zweitälteste unter diesen Brüdern war mein Großvater, Johann Wilhelm Schmezer. Dieser widmete sich einer kaufmännischen Laufbahn[4]  bahn zu Frankfurt am Main, wo er lange Zeit ein Tuchgeschäft in der Schnurgasse besaß. Er wurde sehr wohlhabend, verlegte sein Geschäft nach Wertheim und lebte schließlich dort als Privatier. Seine älteste Tochter Wilhelmine war meine Mutter.
Man sagte früher, die meisten hübschen Mädchen in Süddeutschland gebe es zu Darmstadt, zu Karlsruhe und zu Wertheim. Zu den hübschen Wertheimerinnen konnte meine Mutter jedenfalls gerechnet werden. Sie besaß auch eine prächtige Sopranstimme und hat öfters, bei Wohltätigkeitskonzerten und ähnlichen Veranstaltungen, mit vielem Erfolg öffentlich gesungen. Daß sie bald viele Verehrer hatte, ist begreiflich. Die Eltern suchten sie früh zu verheiraten. Um sie, wie man mir später sagte, vor den Nachstellungen einer einflußreichen Persönlichkeit zu bewahren. So wurde sie mit 18 Jahren die Gattin des jungen Arztes Dr. Aloys Blos und zwar im Sturmjahr 1848.
Mein guter Vater stammte aus dem Dörfchen Dörlesberg bei Wertheim. Von streng katholischer Familie, sollte er Theologe werden. Schon war ihm die Tonsur auf seinem Haupte angebracht worden, als er umsattelte und Medizin studierte. Er mußte sich Entbehrungen auferlegen, da seine Familie das Umsatteln sehr übel aufnahm. Er war übrigens ein sehr frommer Mann von streng katholischer Gesinnung, wie aus sei nen hinterlassenen Dichtungen zu ersehen war. Um meine Mutter zur Gattin zu erhalten, mußte er das Zugeständnis machen, die zu erwartenden Kinder protestantisch taufen zu lassen, was auch geschehen ist. Es mag ihm schwer geworden sein.
Am 5. Oktober 1849 erblickte ich zu Wertheim das Licht der Welt.
Das fiel in eine bewegte Zeit. Kurz zuvor war die dritte badische Volkserhebung durch eine Exekutionsarmee von 60,000 Preußen und Reichstruppen niedergeworfen worden. Viele Tausende waren aus dem Lande geflüchtet, in dem nunmehr eine schonungslose Reaktion raste. Die Gefängnisse waren überfüllt; Tausende von Familien in Trauer und Not gebracht. In Mannheim und Rastatt krachten die Standrechtsschüsse und die Kugeln durchbohrten die tapfersten Herzen.3 Die Revolution hatte auch die gute Vaterstadt Wertheim erfaßt gehabt. Die Wertheimer Bürgerwehr zog bewaffnet grimmig aus, kam aber nur einige Stunden weit und kehrte wieder heim, nachdem sie tüchtig auf den Dörfern geschmaust und gezecht. Auch komische Szenen kamen vor; so streifte auf dem Markte ein robustes Fischerweib die Ärmel von ihren muskulösen Armen und rief: »Jetzt gehts den Bratenfressern an den Kragen!« Ein recht wilder Bürgerwehroffizier, ein Friseur, soll vor der Front seiner Kompanie von seiner Frau eine Ohrfeige erhalten haben. Aber in unsere Familie spielte die Revolution ernsthaft hinein. Mein Vater war als strenger Katholik und als Quasi-Leibarzt des Fürsten von Löwenstein den Revolutionären verhaßt; desgleichen mein Großvater, welcher in Geldgeschäften mit dem[5]  fürstlichen Hause zu tun hatte und als behäbig-bürgerliche Erscheinung zu den »Bratenfressern« gezählt wurde. Mein Vater entzog sich der Festnahme als Konterrevolutionär, indem er eine Zeitlang unsichtbar wurde. Mein Großvater blieb und bald erreichte ihn das Schicksal. Ein bewaffneter Volkshaufe umzingelte das Haus, wo er wohnte. Er kam in seinem gestrickten Wams, wie man es damals trug, gerade aus dem Keller und hielt in jeder Hand eine Flasche Wein. »Aha, er verpraßt wieder den Schweiß des Volkes!« schrie es und mein Großvater ward festgenommen. In diesem Moment erschien meine Mutter in höchster Aufregung am Fenster und es waren wohl keine Schmeicheleien, die sie hinabrief. Einige der Bewaffneten – es hieß nachher, sie seien stark »angeraucht« gewesen – schlugen die Gewehre auf die junge Frau an. Es war ihnen wohl nicht ernst damit, aber unter solchen Umständen sind Spässe dieser Art nicht ungefährlich. Hätten sie geschossen, so hätten sie möglicherweise einen der künftigen Geschichtsschreiber ihrer Revolution im Mutterleibe getötet.
Mein Großvater ward nach der »Mehlwage« abgeführt. Auf dem Transport dahin bedrohte ihn, wie mir Professor Schiller als Augenzeuge noch vor mehreren Jahren erzählte, ein Volksschullehrer mit einem Messer. Mein Großvater blieb in Gefangenschaft, bis die Preußen kamen. Der Lehrer wurde eingezogen und prozessiert, wobei es ihm hätte schlecht ergehen können. Aber mein Großvater war edelmütig und sagte aus, er habe von dem Messer nichts gesehen. Der Lehrer wurde zur Auswanderung nach Amerika begnadigt.
Der Schatten, den diese Ereignisse über das Familienleben geworfen, wurde ziemlich verscheucht, als die junge Frau Doktor Blos einen gesunden Jungen zur Welt brachte. Der Großvater freute sich am meisten über den männlichen Nachkommen.
An meiner Wiege standen eine gute und eine böse Fee. Die gute Fee hatte mir alle die äußeren Glücksumstände gebracht, die eine gute Zukunft verheißen konnten. Aber die böse Fee, die leider die Oberhand gewann, vereitelte das alles und zwang mich manchen Dornenpfad zu wandeln. Die böse Fee war auch leider kein bloßer Schemen, denn sie erschien mir später in Menschengestalt, als Wesen von Fleisch und Blut.

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Mein Vater verließ nach einigen Jahren aus Gründen, die ich nur mutmaßen kann, Wertheim und verzog nach Eberbach am Neckar, wo er als Amts-Chirurg angestellt wurde. Er hatte dort eine sehr anstrengende Landpraxis zu versehen und fing bald an zu kränkeln. Auf den rauhen Höhen des Odenwalds, um den Katzenbuckel herum, hatte er sich eine schwere Erkältung zugezogen, die in ein unheilbares Lungenleiden überging. Dazu kam, daß die Ehe keine glückliche war. Die junge lebenslustige Frau veranstaltete trotz des kranken Mannes viele geräuschvolle Festlichkeiten im Hause, bei denen sie von der Hautevolee des Städtchens huldigend umschwärmt wurde.
Mein Vater nahm mich bei milder Witterung oft mit aufs Land in seinem altmodischen Einspänner, den er selbst kutschierte. Die Kutsche[6]  konnte durch ein aus Glasscheiben bestehendes Vordach bei schlechtem Wetter geschlossen werden; eine Scheibe fehlte und durch das Loch ging der Zügel. Mein Vater hing mit unendlicher Liebe an mir. In den hochgelegenen Dörfern des Odenwaldes sah ich dazumal zuerst das menschliche Elend. Es waren schlechte Jahre gewesen und die ärmere Bevölkerung befand sich in schrecklichem Zustande. Ich betrat mit meinem Vater Hütten, wo uns die Eltern halbnackt im Hemde, besser gesagt in Lumpen, und die Kinder so ziemlich ganz nackt entgegenkamen. Als damals zwischen Eberbach und Hirschhorn eine Zündholzfabrik errichtet wurde, erschien dies der Bevölkerung in ihrer Not wie ein Segen des Himmels, da sie Arbeit und kärglichen Verdienst bekam. An die Gefahren der Zündholzindustrie dachte damals niemand; die Nekrose kam aber bald zum Vorschein.
Mein Vater mußte auf den Bauerndörfern das Impfen ausführen, gegen welches bei den Bauern die stärkste Abneigung bestand. Ich sah die Kinder in langen Reihen auf Bänken sitzen, sie heulten und sträubten sich, während die Mütter dabei standen und räsonierten. Übrigens hatte mein Vater selbst starke Zweifel und ließ seine Kinder von einem anderen Arzt impfen, um sein Gewissen gegen etwaige Folgen zu salvieren.
1855 kam ich in Eberbach in die Volksschule; ich hatte schon vorher etwas Lesen und Schreiben gelernt und konnte mit meiner Mutter schon ganz nett Klavier spielen. Zu meinem Bedauern wurde ich musikalisch nicht fortgebildet.
Unter dem freundlichen alten Lehrer Donner kam ich in der Schule gut vorwärts. Hier stieß ich auch zuerst auf die Spuren der Revolution, die sechs Jahre zuvor das Neckartal durchtobt hatte. Von einigen Schulkameraden hieß es, ihre Väter seien in Amerika. Als ich sie fragte, wie dies käme, antwortete einer verlegen: »Hm! Freischärler!« Als ich zu Hause fragte, was Freischärler seien, antwortete die alte Dienstmagd, das seien Leute, die anderen hätten »ihr Sach« stehlen und die Häuser anzünden wollen.
Mein Vater wurde von dem berühmten Kuß maul behandelt, mit dem er befreundet war; ich erinnere mich auch, daß wir einmal in Kußmauls Hause in Heidelberg, gegenüber der Universität, und in seinem Garten waren, wo er uns zu trösten suchte. Er gab sich viele Mühe, aber die tückische Krankheit schritt unaufhaltsam vor. Mein Vater starb im Frühjahr 1856. Als ich ihn mit seinem abgezehrten Antlitz im Sarge liegen sah, überwältigte mich die Empfindung, daß ich von einem unersetzlichen Verlust betroffen worden war. Er hinterließ in der Bevölkerung ein gutes Andenken und noch nach langen Jahren rühmte man ihn als geschickten und gewissenhaften Arzt und als vortrefflichen Menschen.4 Er hatte auch das Unheil, das seinen Kindern drohte, vorhergesehen und ihnen das Wenige, was er ihnen hinterlassen konnte, sicher gestellt.[7] 
Die junge Witwe zog mit den Kindern nach Wertheim, wo sie aber nicht lange blieb. Sie begab sich nach Heidelberg, um sich einen Mann zu suchen. Mich nahm sie nicht mit, die bösen Zungen sagten, weil sie befürchtete, ich langaufgeschossener Bengel möchte bewirken, daß die künftigen Freiwerber ihr Alter höher taxierten, als sie es angab. Die böse Fee lenkte nunmehr meinen Lebensgang.
Ich besuchte die Wertheimer Volksschule und kam »in Kost und Logis« zu dem Lehrer Schiller, dem Vater des schon genannten Historikers. Dieser Schiller und seine Frau waren prächtige Leute und ich fühlte mich recht wohl bei ihnen. Sonntags speiste ich bei meinem Großvater, der mich zärtlich liebte. Die Großmutter war eine Stiefmutter meiner Mutter, eine strenge aber gewissenhafte Frau. Der Großvater starb 1857 im 65. Jahr Eine Sage knüpfte sich an diese markante Persönlichkeit. Er pflegte am Sonntag in seinem Garten vor der Stadt die Blumen zu begießen und seine Erscheinung in dem gestrickten Wams hatte sich dem Sonntag vormittag zur Kirche in der Stadt ziehenden Landvolke so eingeprägt, daß es ihn auch nach seinem Tode noch zu sehen glaubte. Es hieß, der alte Schmezer müsse »umgehen« und als Geist die Blumen begießen, weil er dies zu Lebzeiten sündhafter Weise am Sonntag zur Kirchzeit getan habe. Die Bevölkerung der Umgegend der altprotestantischen Stadt Wertheim war nämlich streng katholisch.
Inzwischen verheiratete sich meine Mutter wieder. Aus Dutzenden von Freiern hatte sie sich gerade den brutalsten und borniertesten herausgesucht. Sie gehörte offenbar zu jenen Frauen, denen die brutalsten Männer am besten gefallen. Der Stiefvater war ein Förster und in Ziegelhausen bei Heidelberg angestellt. 1857 reiste ich mit dem jungen Schiller, der die Universität Heidelberg bezog, dahin ab. Wir fuhren mit dem Maindampfer nach Lohr und von da mit der Bahn nach Frankfurt. Die alte Reichsstadt kam uns damals recht finster vor.
Der Stiefvater empfing mich recht liebenswürdig, ja zärtlich, denn er nahm mich neunjährigen Bengel auf seine Arme und trug mich durch seinen großen Garten ins Försterhaus. Aber das kam bald anders.
In Ziegelhausen ward ich wieder in die Volksschule geschickt und kaufte mir in Heidelberg ein neues Lesebuch. Dieses aufgeschlagen in der Hand haltend passierte ich das Brückentor und aus einem der dort befindlichen zahlreichen Schwalbennester ließ eine stoffwechselnde Schwalbe ihren Abgang auf das Titelblatt des Lesebuchs fallen.
Das war die böse Fee, die sich in ein Schwälbchen verwandelt hatte.
Mit diesem Tage begann eine Leidenszeit, denn als ich nach Hause kam und der Stiefvater das beschmutzte Titelblatt, das ich vergeblich zu reinigen versucht hatte, entdeckte, prügelte er mich fürchterlich. Er war wie[8]  umgewandelt und von da ab wurde ich sehr häufig geprügelt, manchmal auf ganz barbarische Art. Außer den Schulbüchern gestattete mir der Mensch keine Lektüre, ausgenommen eine »Naturgeschichte der Hunde«. Dagegen mußte ich eine Pflanzensammlung anlegen und wurde oft mit auf die Jagd geschleppt. Dabei mußte ich allerlei Jägerburschendienste verrichten. Gegen alles Jagdwesen bekam ich damals einen Widerwillen fürs Leben. An meiner Mutter, die in den brutalen Gatten verliebt war, fand ich nicht den geringsten Rückhalt.
Aus der unerträglichen Atmosphäre des Försterhauses, wo ich nur Schimpfworte zu hören bekam, flüchtete ich mich so oft ich konnte in das heitere Pfarrhaus, wo mein Großoheim, der schon erwähnte Pfarrer Schmezer, mich immer gleich freundlich empfing. Mich zu beschweren wagte ich nicht, das hätte nur vermehrte Prügel zur Folge gehabt. Im Pfarrhause verkehrten damals der Geschichtschreiber Häusser, der Dichter Scheffel, der erst seinen Aufstieg nahm, und andere interessante Menschen. Da wurde gezecht, gesungen, gelacht und gescherzt und ich armer Junge vergaß im Pfarrgarten, wo ich mit den Kindern des Hauses tollte, auf kurze Zeit das Elend daheim. Auf dem Heimwege flennte ich dann manchmal kläglich, beneidete die Kinder des Pfarrhauses um ihre gütigen Eltern und trauerte um meinen Vater.
Von den Unterhaltungen des Pfarrers und seiner Freunde verstand ich natürlich das meiste nicht. Die Erinnerungen an die Revolution von 1849 waren damals sehr lebendig und unzählige Anekdoten aus jener bewegten Zeit wurden aufgetischt. So erzählte mein Onkel, daß er einst, als eine Abteilung der Revolutionsarmee Ziegelhausen besetzt hielt, in Talar und Bäffchen an dem großen Brunnen in der Mitte des Dorfes vorüber kam. Dort schliff ein Volkswehrmann in blauer Bluse und Heckerhut mit roter Feder seinen mächtigen Sarras auf dem Rande des Brunnentrogs. Er hielt dem Pfarrer die funkelnde Klinge hin und rief: »Pfaff, der ist für dich!« Das wurde sehr belacht; der Pfarrer aber sagte: »Es war nicht so böse gemeint!« – Er erzählte auch von Johann Philipp Becker, der mit seinem Stabe im Pfarrhause im Quartier lag.
Von Ziegelhausen wurde mein Stiefvater nach Waldkirch an der Elz, einem freundlichen Schwarzwaldstädtchen am Fuße des Kandels, versetzt. Die Brutalität des Stiefvaters nahm zu und wer weiß, zu welchen Verzweiflungsstreichen sie mich getrieben hätte ohne den guten Humor, den ich von Haus aus besaß und der mir damals wie später über manche Widerwärtigkeiten hinweghalf. Einmal brannte ich aber doch durch und wollte ohne weiteres in die weite Welt hinaus. Ich war schon gegen fünf Stunden marschiert, aber ich befand mich noch im Forstrevier des Haustyrannen und plötzlich stand er vor mir. Mit einer Tracht Prügel wurde ich wieder nach Hause gejagt.
Ich mußte nunmehr sehr häufig mit auf die Jagd. Ost wurden mir die beiden großen Hühnerhunde am Gürtel festgebunden; wenn sie etwas witterten, rissen sie mich zuweilen um und schleiften mich. Ich bekam dann[9]  noch eine Ohrfeige dazu. Auch wenn die Rebhühner zu früh aufflogen und die Schrote fehl gingen, ward ich dafür geprügelt. Kamen wir in ein Bauernhaus und mein Stiefvater sah eines der zahlreichen Heckerbilder, die es damals noch auf dem Schwarzwald gab, so tobte er fürchterlich. Die Bauern versteckten diese Bilder vor ihm, wenn es möglich war. Wurde mir in solch einem Hause eine Erfrischung angeboten, so durfte ich sie nicht annehmen. Zu Hause durfte ich nicht an den Familientisch und mußte in der Küche essen. Als einst Verwandte kamen, waren sie darob höchst empört und machten Vorstellungen, aber ganz vergeblich.5 Außer den Prügeln wurde auch Einsperrung als Strafe verhängt; als Hastlokal diente der finstere Keller, in dem ich manchmal mehrere Tage nacheinander von morgens bis abends eingesperrt war. Diese Strafe wurde durch Hunger verschärft. Dann schlichen sich mitleidige Nachbarsfrauen in den Keller und steckten mir durch den Lattenverschlag, hinter dem ich im Dunkeln kauerte, Obst oder ein Stück Brot mit Speck und dergleichen mehr zu.


Aber die Mutter? Diese ließ alles ohne Einspruch geschehen, vernachlässigte mich in jeder Beziehung und stimmte häufig in die wüsten Beschimpfungen ein, die ihr Mann gegen mich schleuderte. Sie hat dies alles in späteren Jahren hart büßen müssen. Denn als ihr Mann keine Kinder mehr zum Gegenstand seiner Brutalitäten machen konnte, mißhandelte er seine Frau, wofür er einmal gerichtlich verurteilt wurde.
In der Schule kam ich gut fort. Es gab in Baden damals jene erweiterten Volksschulen, in denen Vortreffliches geleistet wurde. Ich hatte das Glück, einen vortrefflichen Lehrer namens Dammert zu bekommen. Da ich leicht lernte und da ihm mein Elend im Elternhause nicht unbekannt war, nahm er sich meiner mit besonderem Eifer an. Diesem edlen Manne verdanke ich viel und habe immer mit inniger Verehrung seiner gedacht. Soweit er konnte, nahm er mich gegen meinen Stiefvater in Schutz. Überhaupt wendeten mir viele gute Menschen, die mich leiden sahen, ihre Sympathie zu.
Unter Dammerts verständiger Anleitung hatte ich mich auf Geographie geworfen und auch Karten zeichnen gelernt. Mein guter Lehrer brachte mir den Auftrag, eine Karte des Großherzogtums Baden, etwa anderthalb Meter hoch, für eine Dorfschule bei Waldkirch anzufertigen. Ich mußte die Arbeit in dem Elternhause eines Schulkameraden ausführen, denn der Stiefvater hätte sicher aus Bosheit die Sache als »unnütz« irgendwie durchkreuzt. Die Karte wurde angenommen und befindet sich vielleicht heute noch in dem Dorfe. Mein Lehrer belobte mich freudestrahlend vor der Klasse und überreichte mir drei funkelnagelneue Guldenstücke als Honorar. Ich kam überglücklich nach Hause, wo die gemütvolle Mama mir alsbald die drei Guldenstücke abnahm, mit der Bemerkung, die kämen gerade recht für eine neue Hofe!
Ich war nun dreizehn Jahre alt geworden und es entstand die Frage, was aus mir werden solle. Ich hätte gern musikalischen Unterricht gehabt.[10]  Es standen zwei Klaviere im Hause, allein man wollte für mich nichts ausgeben und auch eine Violine schlug man mir ab. Von meinem Stiefvater war nur die eine Antwort zu bekommen, wenn es sich um meine Zukunft handelte: »Der Kerl soll Schuster werden.«
Dabei muß betont werden, daß meine Eltern sich in sehr guten Verhältnissen befanden, denn meine Mutter besaß ihr väterliches Vermögen und der Stiefvater erhielt von seiner noch lebenden und sehr wohlhabenden Mutter reichliche Zuschüsse.
1863, am 18. Oktober, flammten die Feuerzeichen von allen Höhen; es waren fünfzig Jahre seit der Schlacht von Leipzig verflossen. Die Bürgerschaft veranstaltete eine große Feier. Damals lebten noch viele alte Soldaten, die bei Leipzig auf seite Napoleons gefochten hatten. Sie schlichen mit gemischten Gefühlen in dem Festgetümmel umher. Einer dieser Soldaten war der alte Wernet, der mit Napoleon in Rußland gewesen war. Er beschäftigte sich viel mit mir und ich klagte ihm einst, daß ich eine tiefe eiternde Wunde am Knie habe und daß meine Mutter sich nicht darum bekümmere. Es war eine skrophulöse Entzündung. »Komm nur«, sagte der alte Wernet, »das muß weg!« Er führte mich zum Baden an die Elz, obwohl es schon Herbst war. Als mich fror, sagte er: »Du hättest mit mir durch die Beresina schwimmen sollen; da war es etwas kälter!« – Aber die Wunde wurde geheilt. Zugleich lehrte mich der alte Wernet trefflich schwimmen.
Die Flammenzeichen auf den Schwarzwaldhöhen verkündeten für mich eine neue Zeit der Freiheit. Denn plötzlich erschien meine Großmutter aus Wertheim in Waldkirch.
Wie eine Freiheitsgöttin sah diese Frau mit ihren steinernen Zügen nun nicht aus. Aber sie hatte meinem Großvater kurz vor dessen Tode das Versprechen geben müssen, sich meiner anzunehmen, wenn ich schlecht behandelt würde. Auf irgendeinem Wege war die Kunde von meinen Leiden zu ihr gedrungen und nun kam sie, ihr Wort einzulösen. Sie war sehr fromm und hätte sich, wenn sie wortbrüchig geworden, vor dem Zusammentreffen mit ihrem Manne im Jenseits gefürchtet.
Die Großmutter liebte ihre Stieftochter nicht und mich auch nicht. Aber sie trat so gebieterisch auf, daß sogar der Haustyrann sich duckte und ihre Vorwürfe schweigend einsteckte. Dann wurde ausgemacht, daß ich zu ihr nach Wertheim kommen und dort das Gymnasium (damals Lyzeum genannt) besuchen sollte. Sie reiste gleich wieder ab und in einigen Wochen folgte ich ihr nach, nur mit dem Allernötigsten versehen. Mit Tränen nahm ich von meinem trefflichen Lehrer Abschied. Ich sah ihn nie wieder.
Sonst wurde mir der Abschied leicht, wenn ich mir auch bewußt war, nun für immer kein Elternhaus zu haben. Überhaupt hatte sich mein lebenskräftiges und widerstandsfähiges Naturell nur äußerlich beugen lassen; ich lebte nun neu auf.
Aber es sollte in Wertheim ganz anders kommen, als ich in meinen Träumen mir ausmalte.[11] 
Von den Quälereien, wie ich sie bisher erlitten, war in Wertheim keine Rede. Meine Großmutter war streng, aber im allgemeinen nicht ungerecht, und für das, was sie an meiner Erziehung nachholte, bin ich ihr immer dankbar geblieben. Ihre Härte verletzte manchmal empfindlich und alle ihre Bußpredigten hatten die Einleitung: »Wenn man nichts hat« – –! Aber sie konnte auch wieder recht gut sein.
Dem Alter nach war ich schon für die Tertia des Lyzeums6 zu spät gekommen. Nun mußte eilends und mit Anspannung aller Kräfte das Versäumte nachgeholt werden. Ich wurde in die Tertia zwar als Extraordinarius aufgenommen, mußte mich aber auf den letzten Platz setzen, was mir schrecklich war. Einer der Klassenlehrer war ein junger Professor, der künftige Schwiegersohn meiner Großmutter, bei der sich noch eine unverheiratete Tochter befand. Dieser Tante kam ich sehr unerwünscht. Sie lebte wohl immer in der Furcht, ihre Mutter könnte mir etwas vermachen.
Der Professor gab mir jeden Abend eine Stunde Latein; dies war das einzige, was nachzuholen war. Es war dies aber keine kleine Aufgabe nach den Unterrichtsstunden, die er am Tage zu geben zu hatte, und eine recht widerwärtige Störung für das Brautpaar. Der Professor war begreiflicherweise meist schlechter Laune. Wenn ich etwas nicht gleich begriff, so stieß er mich mit dem gebogenen Zeigefinger vor die Stirne, so daß mir die Tränen in die Augen traten. Ich besitze noch eine lateinische Grammatik mit Tränenspuren. Auch in der Klasse ließ der gute Onkel manchmal seinen Stock auf den auf dem letzten Platz sitzenden Neffen niedersausen, wenn er sich über die anderen geärgert hatte. Ich begriff, daß es meine Aufgabe sei, mit eisernem Fleiße mein Pensum zu bewältigen, und es geschah. Ich konnte regelrecht zur Quarta emporsteigen und der Privatunterricht hörte auf. Ich mußte dem Onkel dankbar sein, aber er und seine Frau haben mich ihre Mißgunst immer fühlen lassen. Der Onkel ging darin so weit, daß er eines Tages bei Tische die Großmutter aufforderte, mir doch stets die Knochen des Bratens vorzulegen; daran sei das beste Fleisch. Sie legte mir schweigend ein recht großes Stück Braten ohne Knochen vor.
Das Brautpaar heiratete und ich wurde konfirmiert. Bei letzterer Gelegenheit verdarb ich es leider mit meiner Großmutter, wenn auch nicht ganz, so doch zum größten Teil.
In Wertheim bestand die Unsitte, daß die Konfirmanden alle Verwandten besuchen und sie für etwa begangene Kränkungen um Vergebung bitten mußten. Da ich in Wertheim sehr viele Verwandte hatte, so war dies für mich ein saures Stück Arbeit. Die vernünftigen Verwandten sagten: »Ei, du hast uns ja gar nichts getan!« Eine sehr vernünftige Tante setzte mir ein gutes Glas Wein vor. Den anderen Verwandten hatte ich auch nichts getan; aber es befanden sich unter ihnen Philister und Pharisäer beiderlei Geschlechts, die gierig diese Gelegenheit ergriffen, mir unsäglich alberne und abgeschmackte Moralpredigten zu halten. Mir wurde ganz übel und ich kam in einer Art geistiger Depression nach Hause.[12]  Meine Großmutter wollte ich zuletzt um Verzeihung bitten, setzte mich aber in mein Zimmer, um erst noch aufzuatmen, während sie begierig auf mich wartete, denn auch sie war mit einer großartigen Moralpredigt geladen. Als ich nun nicht gleich kam, glaubte sie, ich wollte trotzen, rauschte aufgeregt in mein Zimmer und rief: »So, du undankbarer Mensch, mich allein willst du nicht um Verzeihung bitten, nachdem ich so viel Gutes an dir getan« usw. usw.
Ich holte die Bitte um Verzeihung nach, aber die strenge Frau verzieh mir nur äußerlich. Der liebe Onkel und die liebe Tante waren unermüdlich, die aufkeimende Abneigung bei ihr zu bestärken, und sie beschloß, mich mit guter Art los zu werden, wenn auch nicht sogleich.
Immerhin waren die Jahre, die ich bei der Großmutter zubrachte, glücklich im Vergleich zu jener Zeit, da ich täglich den Roheiten meines Stiefvaters ausgesetzt war. Ich kam auch in der Unter- und Oberquarta gut vorwärts; ich wurde der Zweite; das war schon viel, denn damals wurde anders lociert als heute. Meine Großmutter aber sagte: »So lange du nicht der Erste bist, bin ich nicht mit dir zufrieden!« Und dabei blieb sie, obwohl ich der Erste nicht werden konnte, da derjenige, der diesen Platz einnahm, sich einer unüberwindlichen Protektion erfreute.
Mein Interesse für Geschichte war schon in Waldkirch erwacht und verstärkte sich nun. Indessen bot der Unterricht in neuerer Geschichte sehr wenig, die mich mehr interessierte als die antike. Durch besondere Umstände ward ich darauf hingedrängt, mich mit neuerer Geschichte zu beschäftigen. Neben mir saß in der Klasse häufig der junge Herr von Weltzien, dessen Vater, Major im 31. preußischen Landwehrregiment, 1849 nach der Eroberung von Rastatt Kommandeur dieses Platzes geworden war. Dieser Major, ein sehr frommer Mann, pflegte vom Pferde herab Ansprachen an die gefangenen Revolutionstruppen zu halten, die in den Kasematten zu Rastatt lagen. Als einst ein Gefangener bei einem Fluchtversuch erschossen worden war, wurde sein Leichnam vor der Front der aufgestellten Kasemattenbewohner niedergelegt und Major von Weltzien sagte, wie damals die Zeitungen berichteten, in seiner Ansprache: »Hier liegt der Hund und hier steht der brave Mann, der ihn erlegt hat!« – Ich hörte die Szene übrigens auch von einem Augen- und Ohrenzeugen schildern. Dieser polternde Major war aber, wie Corvin bestätigt, ein sehr gutherziger Mensch, der unter dem Schein äußerlicher Schneidigkeit das harte Los der Gefangenen vielfach gemildert hat. Sein Sohn, mein Nachbar, war ein großer, blonder, blasser, stets etwas melancholischer Jüngling, liebenswürdig und artig, in wohltuendem Gegensatz zu dem damals auch am Wertheimer Lyzeum befindlichen Sohn eines Gefängnisdirektors, der sich durch seine Behandlung der gefangenen Aufständischen bei der Reaktion empfohlen hatte. Der junge Weltzien kam mir sehr nett entgegen und erzählte mir viel von den Taten seines Vaters im badischen Feldzuge. Es war begreiflich, daß er glaubte, das Auftreten der badischen Revolutionsarmee sei nur ein ununterbrochenes feiges Davonlaufen von[13]  der Bergstraße bis zum Bodensee gewesen. Mich aber regten die Unterhaltungen mit Weltzien an, die Geschichte von 1848 im allgemeinen und die der badischen Revolution im besonderen zu studieren. Aber erst ein Vierteljahrhundert später erschien die Frucht dieser Studien in Gestalt meiner Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849.

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Ein preußischer Offizier namens von Weltzien fiel 1870 bei Gravelotte. Ob es mein Schulkamerad war?
Übrigens spielten meine früh erworbenen Geschichtskenntnisse bei einer anderen Gelegenheit eine nicht uninteressante Rolle. In dem Schlosse zu Bronnbach, wo sich die berühmte alte Klosterkirche befindet, anderthalb Stunden von Wertheim, hauste damals der vertriebene König von Portugal, Dom Miguel. Dieser hatte die Prinzessin Adelheid von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg geheiratet und trieb im Bronnbacher Schlosse allerlei »legitimistischen« Hokuspokus. Wenn seine Frau ein Kind gebar, was siebenmal der Fall war, so kamen zur Taufe aus Portugal jedesmal eine Menge meist hochadeliger Anhänger des mit Dom Miguel gestürzten Absolutismus, Junker und Pfaffen. Diese brachten stets einige Wagenladungen portugiesischer Erde mit und mit dieser wurde der Boden der Kirche belegt, in welcher der Taufakt vor sich ging. Damit glaubte Dom Miguel die »legitimen« Ansprüche seiner Kinder auf den portugiesischen Thron bekräftigt zu haben.
Ich sah den Exkönig oft, den kleinen, unansehnlichen weißbärtigen Mann mit einem unstäten Blick.7 Er ging gern auf der Bronnbacher Landstraße spazieren und wenn er einen Bettler traf, so spielte er den heiligen Martinus, oder übertraf diesen noch: er schenkte dem Bettler seinen Rock und ging hemdärmelig nach Hause. Diese abgeschmackte Komödie wurde dann jedesmal von den ultramontanen Blättern gerühmt.
Einige meiner Mitschüler ärgerten sich über dies Treiben und brachten es mir gegenüber zum Ausdruck. Ich sagte, das dumme Spießbürgertum lasse sich von dem Exkönig nur imponieren, weil es seine Vergangenheit nicht kenne. Dann erzählte ich den aufhorchenden Jünglingen von Miguels gefürchteter Mutter Charlotte, von seinen Gewalttaten, seinen Blutgerichten und dem Verrat an seiner Braut Maria da Gloria. »Was«, rief einer, »dieser kleine schwächliche Kerl hat siebenunddreißig Menschen hingerichtet?« – Einige Tage nachher wurde erzählt, am Schlosse in Bronnbach seien mit Kreide die Namen »Villaflor« und »Saldanha«8 angeschrieben gewesen und zwar groß mit Kohle; die Dienerschaft habe sie erregt und mit größter Eile ausgelöscht. Ich war damals zu allerlei Mutwillen leicht zu haben. Wir ließen in der Klasse Sperlinge und Maikäfer fliegen, gaben uns einmal auch falsche Namen, daß der Lehrer ganz irre wurde, und was sonst dergleichen Schülerstreiche sind. Einmal aber bekam mir der Mutwillen schlecht. Wir hatten einen Klassenlehrer, der wegen seines Ganges »der Bock« genannt wurde. Ich wollte ihn einst kurz vor[14]  Beginn des Unterrichts auf die Tafel zeichnen. Die Klasse sah erwartungsvoll zu. Da trat plötzlich der »Bock« vorzeitig herein, ich fuhr zurück, die Tafel fiel um und schlug mir auf den Kopf und zugleich schlug mir der »Bock« hinters Ohr. Die Klasse konnte drei Tage lang das Lachen nicht recht halten.
Ich las damals schon sehr viel. Einmal fiel mir auch die Broschüre: »Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand Lassalles«, von Bernhard Becker, in die Hände. Ich hatte kein Verständnis dafür, konnte auch nicht ahnen, daß ich sieben Jahre nachher mit diesem Becker in einem Zimmer wohnen sollte. Sehr interessierten mich die beiden Dichter, die in Wertheim lebten. Der eine war der Zeichenlehrer Andreas Fries, der sich 1848 und 1849 lebhaft an der Revolution beteiligt hatte, aber auf Verwendung der ihn hochschätzenden Bürgerschaft nicht verfolgt worden war. Seine Gedichte gefielen mir, namentlich die Art, wie er einzelne Mainsagen poetisch behandelt hatte, und mir war es eine hohe Freude, daß er sich mit mir manchmal unterhielt.
Der andere Dichter, Alexander Kaufmann, welcher das großartige Fürstlich-Löwensteinische Archiv zu Wertheim verwaltete, war mit meinem Vater befreundet gewesen. Das kleine schwächliche Männchen hatte zu Bonn in Kinkels Maikäferbund tüchtig getollt, wie ich später erfuhr; in Wertheim lebte er als frommer katholischer Christ sehr eingezogen, ein Bücherwurm. Die von ihm gesammelten Mainsagen gefielen mir sehr; auch unter seinen Gedichten muteten mich viele an. Bedeutender als diese beiden war die Dichterin, die in Wertheim lebte, nämlich die Gattin Kaufmanns. Sie war eine Tochter des Würzburger Bürgermeisters Binder, der seinerzeit den bekannten Aufruf in Sachen des rätselhaften Findlings Kaspar Hauser9 erlassen hat.
Frau Mathilde Kaufmann war, um den Dichter heiraten zu können, als Mädchen zum Katholizismus übergetreten. Sie war eine stolze junonische Erscheinung mit einem schönen ernsten Antlitz und tiefen dunklen Augen. Als Dichterin nannte sie sich Amara George und ihre schwermütigen »Blüten der Nacht« machten wie auf andere, so auch auf mich einen tiefen Eindruck. Ihr Männchen verschwand körperlich und geistig neben ihr.
Aber einmal erlebte sie in Wertheim ein Fiasko, das ihr lange nachging. Sie hatte ein Drama zur Verherrlichung der Grafen von Wertheim geschrieben, das im Gasthaus zum Ochsen von Dilettanten mit den primitivsten Mitteln aufgeführt wurde. Es behandelte eine Sage, nach der in grauer Zeit ein Graf von Wertheim im Zweikampf seinen Gegner überwunden und den Besiegten mit seinen nervigen Armen über die – an einzelnen Stellen sehr schmale – Tauber hinübergeschleudert haben soll.[15]  Das Stück war ein gewöhnlicher Ritterschmarren, die Darstellung kindlich. Der riesenstarke Graf erschien in einer glänzenden Rüstung. Damit war aber auch die »Ausstattung« erschöpft und der Widerpart des Helden trug als »Brünne« eine Art Kochkessel auf dem Rücken, was bewirkte, daß der letzte Akt des Ritterschauspiels in sich immer wiederholenden Lachsalven unterging und der Vorhang vor der Zeit fallen mußte.
In diese Zeit fiel ein Ereignis, das mich tief bewegte. Ich kam oft zu einer Tante, wo ich gut angeschrieben war; sie hatte die Posthalterei und eine damit verbundene vortreffliche und weitbekannte Weinstube. Dort sah ich oft ein Fräulein, Elise R., die mit ihren Eltern bei meiner Tante im zweiten Stock wohnte. Die Familie hatte das Unglück gehabt, daß ein Sohn wegen leichtsinniger Streiche durchgegangen und in die Fremdenlegion geraten war. Der Vater hatte sich vergeblich an den Kaiser Napoleon III. gewendet. Elise war wohl die Schönste unter den Wertheimer Schönen; ich sehe ihre schlanke, biegsame Gestalt, ihr prächtiges blondes Haar, ihr frisches, rosiges, wunderschön geschnittenes Antlitz mit den seelenvollen tiefblauen Augen noch vor mir. Wir hatten sie alle lieb: wir Knaben verehrten sie wie ein höheres Wesen. Plötzlich ward sie unsichtbar und nachdem man kurze Zeit geglaubt, sie sei krank, lief die Hiobspost durch die Stadt, sie sei in die Wochen gekommen. Zugleich brannte ein Schüler der Ober-Sexta namens N. durch. Die Klatscherei in dem Städtchen schwoll an wie das Brausen der Meeresflut und wollte sich monatelang nicht legen. Als Elise sich einmal am Fenster zeigte, gab es einen Straßenauflauf. Sie beschloß dem Spießbürgertum zu trotzen, und erschien eines Tages auf der Straße. Ich sah sie, wie sie stolz erhobenen Hauptes dahinschritt, schöner als je zuvor. Die tiefblauen Augen sprühten Blitze; sie sah gerade aus, weder rechts noch links. Die Straßenjugend lief ihr nach, pfiff, gröhlte und johlte. Gruppen bildeten sich, die lachten, spotteten und mit dem Finger auf sie wiesen; sie mußte förmlich Spießruten laufen. Sie hielt stand und durchschritt langsam mit unbeweglichem Antlitz die Stadt. Sie nahm auch denselben Weg wieder zurück; daheim aber brach sie zusammen und entfloh bei Nacht und Nebel. Der Geliebte verließ sie und sie ging elend unter.
Ich hatte auch Gelegenheit, die kleinstädtische Spießbürgerei zu Hause zu beobachten. Mein Großoheim, der berühmte Tenorist Schmezer vom Braunschweiger Hoftheater, erschien eines Tages in Wertheim, begleitet vom Pfarrer Schmezer und – seiner Freundin. Diese war eine recht nette Choristin vom Hoftheater, die ihm den Haushalt führte, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte. Er war in Schulden geraten; die Freundin hatte durch verständige Wirtschaft seine Verhältnisse wieder geordnet, wofür er ihr lebenslänglich dankbar war. Aber es war eine große Torheit, mit der Freundin nach Wertheim zu kommen und bei meiner Großmutter Quartier zu nehmen. Die arme Choristin wurde wie eine Aussätzige behandelt und die beiden Brüder Schmezer konnten gegen all die schnatternden Tanten und Basen, die neugierig herbeiströmten, nicht aufkommen.[16]  Ich fand einst die arme Henriette – so hieß die Choristin – weinend auf ihrem Zimmer sitzen und tröstete sie, so gut ich konnte. Sie vergaß mir das nicht.
Bei diesen Vorfällen machte ich mir zum ersten Mal Gedanken darüber, warum man, wenn gegen die spießbürgerliche Moral verstoßen wird, fast immer nur das Weib entgelten läßt und warum der Mann meist glatt davonkommt.
Das Lyzeum befand sich in den engen Räumen der ehemaligen Kilianskapelle, eines prächtigen gotischen Baues. Von da schwärmten wir aus, hinauf nach den weitläufigen Ruinen der alten, im 30jährigen Krieg zerstörten Burg, wo ich gerne träumend lag; nach der Heide oberhalb der Stadt; wo wir unsere wilden Knabenspiele trieben, oder nach dem Hofgarten und dem Wald oberhalb der Stadt; die Birken genannt, wo man seinen »Schatz« traf, dem man auch in der Stadt Fensterparade machte. Solch ein unschuldiges »Verhältnis«, das man fast nur vom Sehen kannte, hatte fast jeder Lyzeist vom sechzehnten Jahre ab und ich natürlich auch.
Meine Großmutter quälte mich mit ihrer Frömmigkeit. Der Sonntag wurde mir dadurch verdorben, daß ich außer zum Vormittagsgottesdienst noch in die »Christenlehre« von halb eins bis eins gehen mußte. Die Eltern der anderen Schüler ließen zu, daß diese sich davon drückten. Ich ward dazu gezwungen. Dies trug vielleicht dazu bei, mich allen religiösen Dingen ganz zu entfremden. Ich respektiere alle religiösen Überzeugungen bei anderen. Ich selbst habe aber nie solche gehabt und niemals um derentwillen innere Kämpfe durchgemacht. Als ich später die Schriften von Ludwig Feuerbach las, fand ich in schöner und geistvoller Darstellung ausgeführt und bewiesen, was in mir als ursprüngliche Empfindung unbestimmt teilweise schon vorhanden war.
Ohne daß ich es gleich ahnte, zog sich neues Un heil über meinem Haupte zusammen. Der edle Onkel und die liebe Tante hatten befürchtet; die Großmutter wolle mich auf ihre Kosten studieren lassen, was auch anfänglich ihre Absicht zu sein schien, wenn ich mich der Theologie widmen wollte. Ich als Pfarrer! Aber das mußte verhindert werden. Bei jeder Gelegenheit sprach der Onkel davon, daß es mit dem Studieren nichts sei; die jungen Leute wollten auch gar nicht studieren, sondern nur »Studentches« spielen. Auch daß ich rotwangig und wohlgenährt aussah, chokierte ihn; das ging ja alles von seinem künftigen Erbe ab. Plötzlich erklärte er, er wolle eine Handelsschule gründen. Da könne ich mich in den Handelswissenschaften ausbilden und dann Kaufmann werden. Nur in diesem Erwerbszweig könne ein junger Mann es heutzutage noch zu etwas bringen.
Zum Kaufmann war ich ebenso wenig geeignet, wie zum Pfarrer. Aber mit der Handelsschule ließ sich die Großmutter breit schlagen.
Indessen wurde vorsichtig operiert und ich wurde nicht sogleich abgeschoben. Meine Großmutter bestimmte, ich solle zu meinen Eltern reisen, die sich damals in Pfullendorf im badischen Seekreis befanden. Mit diesen[17]  sollte ich über meine Zukunft verhandeln. Ich mußte meinen Eltern schreiben und meine Ankunft anmelden.
Aber von Pfullendorf kam der Bescheid, daß ich in Wertheim bleiben solle. Dagegen bestand die Großmutter darauf, daß ich dahin abreisen müsse.
Meine Empfindungen brauche ich nicht zu schildern. Ich reiste in den Sommerferien 1865 ab. Zunächst fuhr ich mit dem Postwagen die Nacht durch nach Mosbach, wo damals die Eisenbahn begann. Zwei im Wagen anwesende Odenwälder Bauern rauchten einen so fürchterlichen Knaster, daß ich mich unterwegs in Walldürn übergeben mußte. Die Reise dauerte, da es zu jener Zeit keine Schnellzüge gab und ich von Aulendorf in Oberschwaben wieder mit dem Postwagen fahren mußte, eine Nacht und zwei Tage.
Als ich in Pfullendorf ankam, wurde ich sehr feindlich empfangen. Das Einzige, was der Stiefvater mir zu sagen sich herabließ, war, daß ich für die ganze Zeit meiner Ferien Hausarrest hätte. Das Essen wurde mir auf mein Zimmer gebracht. Nach acht Tagen kam der Onkel Professor an, der eine Schweizerreise gemacht und versprochen hatte, über Pfullendorf zurückzukehren und dort die Sache »in Ordnung zu bringen«. Er befaßte sich kaum mit mir und reiste am andern Tage wieder ab.
Daß ich mir das alles gefallen ließ, kam daher, daß sich auch noch die Krokodilstränen meiner Mutter über mich ergossen. Während sie die Brutalitäten des Stiefvaters geschehen ließ, heulte sie mir immer zu gleich vor, ich müsse mich fügen, sonst müsse sie es entgelten. Und ich guter Junge tats.
Niemand sprach freundlich mit mir, als das Dienstmädchen, das mir mein Essen brachte und das Zimmer zu ordnen hatte, eine robuste Bauernmaid. Sie wurde aber gar zu zärtlich und das blieb nicht unbemerkt, so daß die alte Köchin sie ersetzen mußte.
Nach Ablauf der Ferien wurde ich gezwungen, wieder nach Wertheim abzureisen, ohne daß irgend etwas abgemacht worden war. Als ich bei meiner Großmutter ankam, wollte sie mich nicht wieder aufnehmen. Sie ließ mich hart an und zog sich in ihr Zimmer zurück. Ich war totmüde von der Reise und setzte mich auf die Treppe. Die Tränen kamen mir; es war wirklich zuviel des Ungemachs, das über einen noch nicht sechzehnjährigen, von allen verlassenen und so viel angefeindeten jungen Menschen hereinbrach. Ich übersah mein kurzes Leben und fand, daß ich doch eigentlich nichts getan hatte, was eine solche Behandlung rechtfertigen konnte. Wohl war ich oft mutwillig und ausgelassen gewesen, aber ich war doch auch ein fleißiger Schüler mit guten Zeugnissen. Das Dienstmädchen, das mit einem Schuhmachermeister auf einem Dorfe verlobt war, strich vorbei, streichelte mir die Haare und sagte: »Es wird schon wieder gut werden!« Aber ich dachte in diesem Moment an den Bruder der schönen und unglücklichen Elise R., der zur Fremdenlegion in Algier gegangen war. Dort mußte es schlimm sein, aber schlimmer konnte es nach meiner Meinung doch nicht sein, als hier. Wenn mich eine Kugel der Kabylen traf oder diese edlen Ritter mich singen und mir den Kopf absäbelten – nein, dann konnte[18]  mich niemand mehr plagen. Ich dachte an den Wahlspruch des tapferen Schill:
»Lieber ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende!«
Ich wollte zu meiner guten Tante gehen, welche die Posthalterei besaß, und sie um ein kleines »Zehrgeld« bitten. Damit wollte ich dann, ohne ein bestimmtes Ziel, »in die weite Welt hinaus«.
Da kam die Großmutter. »Zum Essen!« sagte sie hochfahrend. Ich folgte wie im Traum. Sie setzte mir dann auseinander, daß ich die Handelsschule besuchen und dann als Lehrling in ein kaufmännisches Geschäft treten müsse ...
Aus der Handelsschule, von welcher der Onkel so viel schwadroniert hatte, wurde nichts. Der elende Tropf hatte sie nur vorgeschützt, um mich fortzubringen. Ich war ihm Dank schuldig für seinen Einführungsunterricht, aber das gab ihm kein Recht zu seinen Machinationen. Er imponierte mir nicht mehr. Eines Tages äußerte er sich spöttisch über den Schuhmacher, den das Dienstmädchen heiratete. Ich bemerkte:
»Das sind sehr anständige Leute!«
Ich sagte dies mit solcher Betonung, daß sich Großmutter, Onkel und Tante betroffen ansahen.
»Der Kerl hat Mucken im Kopfe«, sagte der Professor. »Es ist Zeit, daß er in die Lehre kommt!«
Und die Professorin nickte verständnisinnig. –
Bis Ostern 1866 besuchte ich die Unter-Quinta. Dann wurde ich aus dieser Laufbahn herausgerissen und mußte nach Mannheim abgehen, um dort als Lehrling in ein Kaffeegeschäft en gros einzutreten. Meine Lehrer, zu denen der Onkel nicht mehr gehörte, bedauerten dies sehr.[19] 
Fußnoten

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1 Es mag hier bemerkt werden, daß das neue Reichstagsgebäude in Berlin größtenteils aus vortrefflichem Wertheimer Sandstein besteht. Sonst sind auch die Wertheimer Bratwürste beliebt, die schon dem Doktor Luther auf seiner Durchreise nach Worms vortrefflich geschmeckt haben. Auch die Wertheimer Backwaren genießen einen großen Ruf und werden täglich in der Morgenfrühe bis nach Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe an dort lebende Wertheimer versandt.

2 Im Pumpus von Perusia.

3 An meinem Geburtstage wurde ein tapferer junger Pionier aus unserer Gegend, Gottfried Bauer aus Gissigheim, zu Rastatt standrechtlich erschossen.

4 Einige Zeit später wurde ich mit einigen Schulkindern in der Gemarkung von Kreuzwertheim von den Bauern beim Naschen im Weinberg ertappt. Nach einer alten Sitte sollten wir durch das Dorf in den Arrest transportiert werden, wobei dem Hauptschuldigen eine alte Geige auf den Rücken gebunden wurde. Was dieser Brauch zu bedeuten hatte, weiß ich nicht. Die Geige war mir zugedacht. Vergebens bat ich, mich loszulassen. Als ich aber meinen Namen sagte, gab man uns sofort frei und erlaubte uns, Trauben nach 
Belieben mitzunehmen. Dem Sohne des »guten Doktors«, hieß es, dürfe nichts geschehen.

5 Es waren die Eltern des bekannten Archäologen Furtwängler.

6 Die Prima war damals die niedrigste, die Sexta die höchste Klasse.

7 Er bot, um einen Witz Bismarcks anzuwenden, keine pupillarische Sicherheit.

8 Die beiden portugiesischen Feldherren, die Miguels Armee schlugen.

9 Der Bruder jenes Hennenhofer, dem man die tödliche Verwundung Kaspar Hausers zuschrieb, war in Eberbach als Physikus, während mein Vater dort praktizierte. Er schien über die Schuld oder Nichtschuld seines Bruders im Zweifel zu sein. Ich glaube, nachdem ich mich eingehend mit der Affaire Kaspar Hauser beschäftigt, nicht mehr an die Prinzenschaft des Findlings. In jener Zeit glaubte fast jedermann daran.




Kaufmännisches Intermezzo










Mannheim mochte damals etwa 40,000 Einwohner zählen. Für mich war es die »große Welt«. Das emsige Leben und Treiben der Handelsstadt und die neuen Beziehungen brachten einen frischen Luftzug in mein verödetes Dasein. Meine Verwandten empfingen mich freundlich, namentlich mein Vetter Adolf Schmidt und dessen Schwester Elise Schmidt, die spätere Begründerin und langjährige Vorsitzende des badischen Lehrerinnenvereins. Dies tat mir wohl. Adolf Schmidt hatte als Offizier des Mannheimer Sensenkorps den Aufstand vom April 1848 mitgemacht und hatte flüchtig gehen müssen. Begnadigt war er aus Amerika zurückgekommen und hatte sich außer seinem Geschäft dem Schützenwesen gewidmet; man hieß ihn darob den Schützenschmidt. Er hatte mir eine Stellung als Lehrling in dem Engrosgeschäft von Andreä & Comp. ausgemacht, das Zucker und Kaffee führte. Dort stellte er mich vor. Seine Schwester Elise hatte mich in ein Pensionat empfohlen, das die verwitwete Frau Breuning besaß. Bei dieser vortrefflichen Frau war ich in jeder Beziehung gut aufgehoben. Es waren noch etwa zwanzig junge Leute, meist Kaufleute, dort.
Als ich im Geschäft ankam, ward mir wieder traurig zu Mute. Der »Alte«, d.h. der Eigentümer, trieb sich nur noch der Form halber im Geschäft umher; der Prokurist, sein Schwiegersohn, war ein grober Mensch, der mich gleich abstieß, wogegen der Sohn des Hauses ein ganz artiger junger Mann war. Die Lehrlinge und Gehilfen vertrugen sich gut mit mir. Mit der »Lehre« ging es sonderbar zu. Ich mußte aus dem Kaffee die schlechten Bohnen auslesen, die zu Boden gefallenen sammeln und aussieben, Kaffee-und Reissäcke schleppen und das Magazin sowie den Hof kehren. Zur Abwechslung durfte ich ab und zu einige Geschäftsbriefe kopieren. Was sollte ich da eigentlich lernen? Drei Jahre sollte ich Lehrling bleiben; dann avancierte ich zum Gehilfen. Die Lehrlinge ersetzten den Hausknecht und – kosteten nichts.
Als ich einst im Arbeitskittel den Hof kehrte, erschien plötzlich meine Großmutter, die in Mannheim zu Besuch war, mit einer anderen alten Dame. »So ists recht; jetzt ist er etwas geworden!« riefen die beiden Gönnerinnen und drückten mir ihr Wohlwollen aus. Ich hätt' es ihnen gerne geschenkt.
Manchmal mußte ich in diesem Geschäft tagelang in einer Kammer sitzen, auf dem Tische vor mir einen Zentner Kaffee, aus dem ich die schlechten Bohnen auslesen sollte. Der Prokurist schalt, daß es »verflucht langsam« ginge. Ich hatte mir Bücher mitgenommen, namentlich »Lichtenstein« von Wilhelm Hauff und »Ivanhoe« von Walter Scott. Die hielten allerdings sehr auf.[23] 
Auch das Färben des Kaffees mit gewissen Erdarten war schrecklich, denn dabei hatte ich, wie »des Färbers Gaul« im Faust, den ganzen Tag einen Apparat zu drehen, und manchmal kam ich mir so dumm und träge vor, wie jener Gaul.
Immerhin gab es auch lustige Episoden in diesem sonst so traurigen Betrieb. Einst hatten wir Kandiszucker ausgepackt, einige Brocken lagen am Boden und die Straßenjungen kamen herein, um sie aufzulesen. Der Prokurist der Firma Andrä & Comp. erschien, jagte die Jungens hinaus und schlug grimmig die Flügel des Hoftores zu. Dieses hatte unten eine Lücke und durch diese rief einer herein: »Der Andreä kann uns – – – – mit seiner ganzen Kompanie!«
Da lachten wir Lehrlinge uns acht Tage über unser trauriges Dasein hinweg.
Aber diese Schattenseiten hatten auch eine Lichtseite gegen sich. In der Familie Breuning befand ich mich sehr wohl; dort gab es geistiges Leben, Literatur und Musik. Und auch eine gütige Fee trat wieder in mein Leben, so daß ich den Zauber weiblicher Zuneigung zum ersten Mal empfand. Ein Fräulein, leider doppelt so alt als ich, schenkte mir ihre innige und reine Freundschaft und half mir mit Rat und Tat in den nun kommenden schwierigen Situationen. Zum ersten Male war ich der Gegenstand kleiner Aufmerksamkeiten. Ich verehrte wie viele Jünglinge den Dichter Kinkel und als ich eines Tages mir sein Epos: »Otto der Schütz« wünschte, lag es am anderen Tage schön in Goldschnitt neben meinem Gedeck. Auch erhielt ich ein schönes großes Bild von Kinkel mit den Worten, die er 1849 in der zweiten preußischen Kammer sprach: »Wir werden den Geist, den Hunger, die Not, den Zorn und das Proletariat des Volkes in den Kampf führen!« – Damals wurde für Freiligrath jene große Sammlung veranstaltet und als ich des genialen Lyrikers Ludwig Bauer an Freiligrath gerichtete Verse gelesen:


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»Sagt dir denn nicht ein jeder Gruß
Des Volks, für das du rangst,
Daß bald der Tag ihm kommen muß,
Von dem du glühend sangst?« –

da gab ich gern mein Scherflein.
Auch gewann ich einen poetischen Freund, den jungen Hub, den Sohn des Dichters Ludwig Hub, welch letzterer ein Bruder des bekannten Dichters Ignaz Hub war. Damals war der Name Hub populär und mein um etliche Jahre älterer Freund, der sehr gute Verse machte, regte meine literarischen Neigungen an. Auch sonst gewann ich manche Beziehungen. Der demokratische Abgeordnete von Feder, der aus Wertheim stammte und ein Freund meines Vaters gewesen war, richtete manchmal einige freundliche Worte an mich und ein liebenswürdiger Student namens Bürck zeigte mir die Gräber von Kotzebue und von Karl Ludwig Sand. Ich bewahrte lange ein Lorbeerblatt von dem Baum,[24]  der auf Sands Grabe stand. Sands Andenken war damals in der Mannheimer Bevölkerung sehr lebendig; man pilgerte zu der mit kleinen Tannen bestandenen Stelle, wo das Schafott des Attentäters errichtet gewesen, und manche, namentlich Frauen, hatten angebliche Haarlocken von Sand.
Ein großer Tag war die Enthüllung des Dalberg-Denkmals vor dem Hoftheater. Viele Tausende von Fremden strömten nach Mannheim. An einem Fenster gegenüber dem Standbild zeigte man mir den ehemaligen König Ludwig I. von Bayern. Der Liebhaber der Lola Montez und Partizipiendichter war 8o Jahre alt; sein Gesicht erschien mir vertrocknet und eingeschrumpft wie das einer Mumie. Die demokratische Presse begrüßte ihn mit allerlei Spöttereien.
Dann kam das weltgeschichtliche Ereignis des Jahres 1866; der Krieg zwischen Preußen und dem Deutschen Bund. Damals verstand ich von Politik noch gar nichts; ich wußte nicht, um was es sich bei diesem Kampfe handelte. Ich war eben antipreußisch wie ganz Mannheim. Die Nachwirkungen von 1849 waren noch sehr stark; man pilgerte in diesen Tagen zu den Gräbern der Standrechtsopfer über der Neckarbrücke; man zeigte sich die Stelle, wo sieben Kugeln den Abgeordneten Trützschler durchbohrt hatten, und man sprach von dem Lehrer Höfer, der als Führer einer Volkswehrabteilung zum Tode verurteilt worden war und gebeten hatte, ihn noch am gleichen Abend zu erschießen, was auch bei Laternenlicht geschah. Man erzählte, wie bei den Standgerichtsverhandlungen »seine Damen« gelacht und die Opfer verhöhnt hatten; auch wie die junge hochschwangere Gattin Höfers, als sie ihren Mann bei dessen letztem Gang noch einmal umarmen wollte, von den Gensdarmen rauh zurückgestoßen worden war, daß sie ohnmächtig hinfiel. Man vergaß, daß die badische Bureaukratie bei diesen Vorfällen weit brutaler aufgetreten war als die Preußen.
Die Stadt war in wilder Aufregung. Erst waren lauter Siegesdepeschen gekommen; die Preußen sollten überall geschlagen sein. Es war wie bei den Franzosen 1870. Die Preußenfresserei ward widerlich. Dann aber kamen die Hiobsposten von der Schlacht von Königgrätz, vom siegreichen Vordringen der preußischen Mainarmee, von der Besetzung von Frankfurt. Die kriegerischen Leistungen des Prinzen Alexan der von Hessen trugen ihm den Titel »Herzog von Großrinderfeld«1 beim Volke ein. Die harte Behandlung, welche Frankfurt von den Preußen erfuhr, ließen für Mannheim Ähnliches befürchten, denn man führte alles auf 1848 zurück. Die badischen Truppen wurden bei Hundheim geschlagen. Vom Main her drang ein preußisches Korps rasch die Bergstraße herauf gegen Mannheim vor, das mit dem Abschlusse eines Waffenstillstandes besetzt wurde.


Ich sah die Preußen über die Neckarbrücke einrücken, über die sie auch 1849 eingerückt waren, wie viele der Zuschauer sich erinnerten. Die Straßenjugend empfing sie mit Hurra, die übrige Bevölkerung verhielt sich[25]  schweigend. Die Mannschaft bestand aus Infanterie, Kavallerie und Artillerie, alles Landwehr. Die Landwehr-Husaren hatten kleine Pferde, die an den Hinterhufen unbeschlagen waren. Diese Husaren kamen aus dem Gefecht von Roßbrunn – nahe bei Wertheim – wo sie ins Feuer der bayerischen Artillerie geraten und übel zugerichtet worden waren; man sah viele verwundete Mannschaft und Pferde bei ihnen.
Die Preußen verhielten sich musterhaft, es fielen keine Exzesse vor. Dagegen wurden sie von der Bevölkerung vielfach provoziert; namentlich die Dienstmänner waren wie toll. Diese Gereiztheit, die ganz gegenstandslos war, schien mir aus unlauteren Quellen zu kommen. Ich sah selbst, wie zwei Dienstmänner einen preußischen Posten aufs äußerste reizten, bis der Preuße eine Patrone in sein Zündnadelgewehr tat, nachdem er erst umsonst mit Gründen sich verteidigt.
Gefährlich wurde die Situation, als die in die Pfalz sich zurückziehenden Bundestruppen Mannheim passierten. Trotz des Waffenstillstandes hätte es beinahe einen bösen Zusammenstoß gegeben. Eines Tages befanden sich am Bahnhof wohl 25,000 Mann, Kur-und Darmhessen, die unter preußischer Eskorte den Rhein passieren sollten. Die Kurhessen, eine schöne Truppe in grauen Mänteln mit roten Aufschlägen, verhielten sich ganz ruhig; die Darmhessen aber erhoben, als sie der Preußen ansichtig wurden, ein wildes Geschrei und drohten mit den Fäusten.
Beim Marsche durch die Stadt drängte sich ein Mensch mit Flugblättern in die Reihen der Hessen. Die Blätter enthielten Spottgedichte auf die Preußen. Die Hessen wurden noch unruhiger als zuvor und die Preußen verhafteten den Flugblattverteiler, dessen Unternehmen jedenfalls sehr töricht war. Da er sich wehrte, erhielt er, wie ich sah, einen Bajonettstich in den Rücken. Als die Hessen das Blut fließen sahen, steckten sie augenblicklich ihre Bajonette auch auf und griffen die preußische Eskorte an; ich sah, wie ein Preuße einen Bajonettstich erhielt und einem anderen die Pickelhaube durch einen Kolbenschlag tief eingetrieben wurde. Mit Mühe gelang es den Offizieren, weiteres Blutvergießen zu verhüten.
Die Rückwirkung des Krieges auf den Handel gab auch den Anlaß, meine kurze kaufmännische Laufbahn alsbald wieder zu schließen. Die Preußen hatten nämlich den Rhein gesperrt und es konnten keine Waren nach Mannheim kommen, die zu Schiff dahin gebracht werden sollten. Mannheim litt sehr darunter. Auch die Firma Andreä & Comp. erwartete ein großes Faß Ceylon-Kaffee und der Prokurist erklärte mehrmals mit bedenklicher Miene: »Wenn das Faß nicht bald kommt; müssen wir zumachen!« Darüber hatte ich mich lustig gemacht, was dem Herrn Prokuristen sehr mißfiel. Er mochte mich überhaupt nicht leiden. Am 5. Mai 1866 sagte jemand im Bureau: »Heute muß irgendein Gedenktag sein, ich weiß nur nicht, was für einer.« Ich sagte: »Heute vor 45 Jahren ist der alte Napoleon gestorben.« – »Halten Sie's Maul«, brüllte nun der Prokurist. »Solch unnötige Sachen weiß der Mensch, aber vom Kaffeehandel versteht er nichts!«[26] 
In gereizter Stimmung wegen des noch immer ausbleibenden Kaffeefasses lauerte dieser Böotier auf eine Gelegenheit, mir an den Kragen zu gehen. Sie kam bald. Eines Tages wurden Zuckerhüte abgeladen. Ich stand im Magazin in einem Verschlag, ein Stockwerk hoch; die Zuckerhüte wurden vom Wagen aus hinausgeworfen und ich hatte sie aufzufangen und aufzustellen. Dies Auffangen war nicht schwer, aber der Reisende des Geschäfts, der die Zuckerhüte herauswarf, trieb einen großen Mutwillen; er warf plötzlich so stark, daß ich den Zuckerhut nicht recht auffangen konnte und er mir mit dem dicken Ende mit großer Gewalt an den Kopf schlug. Ich rief dem Menschen zu, daß ich, wenn er noch einmal so stark werfe, den Zuckerhut einfach fliegen lassen werde. Er wiederholte seinen gefährlichen Unfug, der Zuckerhut flog an die Wand und zerbrach. Ich stieg herab und der Prokurist, der in diesem Moment herankam, holte aus, um mir eine Ohrfeige zu geben. Ich holte auch aus und nun wagte er nicht, zuzuschlagen. Wir standen so einige Augenblicke in Bereitschaft; dann sagte er zähneknirschend: »Gehen Sie hin, wo Sie hergekommen sind!« – Ich verließ sofort das Geschäft.

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Mir war ordentlich leicht, als ich nach Hause kam.
Ich ruhte einige Tage von diesem trübseligen Zwischenspiel aus. Meiner Mutter hatte ich über das jähe Ende meiner kaufmännischen Laufbahn berichtet. Nun kam die Nachricht, daß ich von meinen Eltern nichts mehr bekommen werde; einige Monate war nämlich in der Pension für mich bezahlt worden und außerdem hatte ich die Zinsen meines Vermögens erhalten, das vom verstorbenen Vater sichergestellt war, das aber der Stiefvater als Vormund verwaltete. Dieser wollte mir nun auch die Zinsen vorenthalten, resp. sie selbst einstecken. Meine Mutter tat sehr betrübt; das war aber auch alles, was sie tat. Ich beriet mit meiner Freundin, was zu tun, und wir kamen überein, daß ich zu einem mir bekannten Notar nach Schwetzingen gehen und diesem meine Sache vortragen solle. Er riet mir, mich nach Eberbach an den Gemeinderat zu wenden, denn dort sei ich heimatsberechtigt, weil mein Vater dort gestorben. Ich ging dahin und wurde in die Sitzung des Gemeinderats eingeführt. Es war das erste Mal, daß ich vor einer Versammlung sprach, und ich war sehr verschüchtert; nur mit stockender Stimme konnte ich mein Anliegen vorbringen. Aber ich hatte Erfolg; auch kamen mir die Gemeinderäte, die alle meinen Vater gekannt hatten, wohlwollend entgegen. Nach allerlei Vorschlägen kam man überein, daß ich mich für die Universität vorbereiten solle. Der Gemeinderat wendete sich nun für mich an die Obervormundschaftsbehörde, worauf meinem Stiefvater die Vormundschaft über mich abgenommen und ihm bedeutet wurde, daß er zur Erziehung von Kindern nicht befähigt zu sein scheine. In Geldsachen hatte ich mich künftig an das Amtsgericht Eberbach zu wenden.
Dies war ein großer Erfolg und der Stiefvater mußte die demütigende Zurechtweisung einstecken. Wenn er mich jetzt in seiner Gewalt gehabt hatte! Aber ich war dieser Gewalt nun auf immer entzogen und ich fühlte[27]  mich frei und glücklich. Beunruhigend war der Gedanke, daß mein Vermögen nicht wohl reichen konnte, um die Kosten eines Brotstudiums zu bestreiten; aber darüber setzte ich mich in frischem Jugendmut hinweg. Später, dachte ich, würde ich schon Mittel und Wege zum weiteren Fortkommen finden. Meine fromme Freundin meinte, ich solle auf Gott vertrauen. Ich antwortete, auch Cromwell sei ein . frommer Mann gewesen und habe doch zu seinen »Eisenseiten« gesagt: »Vertraut auf Gott, aber haltet euer Pulver trocken.« – »Du bist aber nicht Cromwell«, sagte sie. »Leider nicht«, gab ich zur Antwort. »aber wenn ich Cromwell wäre, würde ich gewisse Leute hängen lassen.«
Fast hätt' es einen Zank gegeben, aber wir vertrugen uns und meine Freundin brachte mich zu ihrem Bruder, der Pfarrer auf einem Dorfe bei Heidelberg war. Dieser war befreundet mit dem Direktor eines Instituts, wo junge Leute für die Universität und das Polytechnikum vorbereitet wurden. Damals war in Baden noch eine freie Prüfung zulässig, durch welche man, ohne ein Gymnasium besucht zu haben, dahin gelangen konnte. Bei den zünftigen Professoren waren die Anstalten, wo man sich auf die freie Prüfung vorbereiten konnte, nicht beliebt und die Schüler galten im allgemeinen als faule oder verdorbene Schlingel oder »Früchtchen«. Dies war ein ganz und gar unberechtigtes Vorurteil, denn aus jenen Anstalten sind eine Menge tüchtiger und angesehener Männer hervorgegangen. Die Anstalten selbst nannte man »Schnellpressen« oder »Schnellbleichen«, weil man dort schneller für die Maturitätsprüfung vorbereitet wurde, als durch das Gymnasium; auch ich hätte, wenn ich zum Gymnasium zurückgekehrt wäre, dort noch drei und ein halbes Jahr zu verweilen gehabt, während ich auf der »Schnellbleiche« binnen zwei Jahren die zur Maturitätsprüfung erforderlichen Kenntnisse erwerben zu können hoffte.
Im Herbst 1866 ging ich nach dem Institut des Dr. Hillengaß in Breitenbronn ab, wohin mich der Bruder meiner Freundin aufs beste empfohlen hatte.[28] 
Fußnoten

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1 An diesem Orte hatte ein Gefecht stattgefunden.




Die »Schnellbleiche«










Breitenbronn, ein Dorf von etwa 300 Einwohnern, liegt im Neckarhügelland zwischen Mosbach und Aglasterhausen. Ein Bauernsohn von dort, ein heller Kopf und prächtiger Charakter, Dr. Adam Hillengaß, hatte in Heidelberg Philologie studiert und in seinem geräumigen Vaterhaus, das früher ein Herrenhaus gewesen, die »Schnellbleiche« eingerichtet, die rasch in Blüte gekommen war.
Das Lehrsystem, durch welches man rascher vorwärts kam, als auf dem Gymnasium, war sehr einfach. Es wurde alles Überflüssige weggelassen und die Ferien wurden sehr kurz bemessen; dazu wurde sehr intensiv gearbeitet. Religionsunterricht gab es nicht, da angenommen wurde, daß die Schüler schon vorher welchen gehabt; nur wurde das Neue Testament im Urtext gelesen. Der Direktor wurde dabei von einem »Lehramtspraktikanten« unterstützt, welches Amt junge Philologen versahen; das Neue Testament las mit uns der Vikar, der beim Pfarramt des Dorfes angestellt war.
Als ich ankam, waren etwa sechzig junge Leute da, allerdings auch einige, mit denen die Eltern hier den letzten Versuch machten; sie auf die Universität oder das Polytechnikum zu bringen, und bei denen man merkte, daß sie auch hier nicht zum Ziel gelangen würden. Im allgemeinen aber strengten sich die Schüler mit allem Fleiß an, sich die Kenntnisse zu erwerben, mit denen sie bestehen konnten.
Beim »Doktor« – so nannte man kurzweg den Direktor – wohnten so viele Schüler, als er unterbringen konnte; die übrigen wohnten bei den Bauern, die gern an die »Herren Studenten« vermieteten; verschiedene Schüler kamen morgens aus den umliegenden Orten, wo sie ihre Eltern hatten, und kehrten abends dorthin zurück. Ich wohnte erst in einem Bauernhause, dann aber im Hause des Doktors, wo ich mein Zimmer mit einem Sohne von Dr. Röder, dem Professor des Naturrechts zu Heidelberg, teilte. Wir schlossen eine Freundschaft fürs Leben.
Die Verpflegung war gut und reichlich; die Frau des Doktors, eine Bauerntochter, welche den Betrieb der zum Hause gehörigen Landwirtschaft leitete, ließ uns, wie man sagt, nichts abgehen. Fast alle Schüler hatten den Mittag- und Abendtisch beim Doktor, wobei er, mit seinem langen blonden Haupthaar und Bart wie ein Patriarch anzusehen, würdevoll präsidierte. Im allgemeinen ging es da sehr ungezwungen zu. Abends erschienen auf dem Tisch immer mehrere Platten mit vortrefflichen Servelatwürsten. Sie waren so groß, daß eine pro Person genug war. Aber der kräftige Appetit der Jugend überschritt diese Grenze nur zu gern. Es blieben immer ziemlich viel Würste übrig und da bei Tische jeder nur[31]  eine konsumieren sollte, so galt es die übrigen zu eskamotieren, um sie nachher auf den Zimmern zu verteilen. Mein Freund Röder besaß in allerlei Taschenspielerkünsten eine besondere Fertigkeit, die hier sehr wertvoll war; es war ein Genuß, mit anzusehen, wie die Servelatwürste, unbemerkt vom Doktor und der spähenden Doktorin, von der Platte in seine weiten Ärmel hineinhüpften. Er erhielt dafür den Ehrennamen Bosko nach einem seinerzeit sehr berühmten Taschenspieler.
Das gesellige Leben unter den Schülern ließ der Doktor sich ungehindert entwickeln, um sie freudig zum »Ochsen« und »Büffeln« zu erhalten. Die zwei Wirtshäuser am Orte spielten eine große Rolle und es bildeten sich zwei farbentragende Verbindungen, die ganz genau den akademischen Sitten angepaßt waren und einen Bierkomment hatten; nur das Fechten resp. Pauken gab es nicht. Manchmal kamen frühere Breitenbronner Schüler von der Universität und »keilten« für die Korps und für die Burschenschaften.
Ich hatte meiner Freundin versprechen müssen, mich von diesem Treiben, von dem man außerhalb wohl wußte, gewissenhaft fernzuhalten, und tat es anfangs auch. Ich las ungeheuer viel; in jeder freien Stunde hing ich über meinen Büchern oder machte Verse. Dies fiel natürlich den andern auf und sie beschlossen mich in ihren Strudel hineinzuziehen. Als eines Abends ein Heidelberger Burschenschafter, der früher in Breitenbronn gewesen, ankam, überfielen sie den »Kopfhänger«, wie sie mich nannten. Jubelnd schleppten sie mich ins Wirtshaus, wo mir der Burschenschafter die Vorzüge des Kneipens theoretisch und praktisch beibrachte. Ich kam an diesem Abend »sternhagelvoll« nach Hause, aber bald hatte ich das Kneipen los, konnte viel vertragen und avancierte zum Präsidenten der einen Verbindung. Es gab recht kindliche Streitigkeiten mit einem künftigen Theologen, der sich für diesen hohen Posten mehr qualifiziert glaubte, worauf ich zur anderen Verbindung übertrat, eine Anzahl Mitglieder mitnahm und dort auch zum Präsidenten erhoben wurde, in welcher Würde ich mich sehr fühlte.
Mit den Dorfbewohnern vertrugen wir uns gut; nur wenn man den Dorfschönen den Hof machte, wurden die »Burschen« eklig. Wegen einer solchen Affäre wurden wir einmal – wir mochten eben zu einem Dutzend zusammen sein – um Mitternacht, als wir von Aglasterhausen heimkehrten, überfallen. Vor diesem Städtchen – im Volksmund »Alterlasterhausen« genannt – griffen uns plötzlich mit Zaunlatten bewehrte »Burschen«, weit zahlreicher als wir, an. Ich war mit einem Dolch bewaffnet nach romantisch-jugendlichem Brauch, konnte aber mit dieser Waffe nichts ausrichten. Wir erhielten schreckliche Prügel; einer von uns aber entriß einem »Burschen« die Latte und schlug wütend um sich. Er traf einen der Angreifer so hart, daß dieser seine Vorderzähne einbüßte. Darauf verzogen sich die Angreifer. Es wurde gerichtliche Untersuchung eingeleitet, aber man sorgte in beiderseitigem Interesse dafür, daß nichts herauskam. Der Mann mit den eingeschlagenen Zähnen gab an, es hätte ihn ein Pferd geschlagen.[32] 
Wir trieben viel Unfug mit Schießwaffen; die meisten hatten Pistolen; auch Stockflinten waren vorhanden. Mit diesen wurde manchmal gewildert, namentlich in der Reiherkolonie bei Mörtelstein am Neckar. Diese Kolonie hatte im achzehnten Jahrhundert ein badischer Prinz angelegt und die prachtvollen Vögel, die hier zu Hunderten nisteten, versorgten sich aus dem nahen Flusse mit Fischen. Die Bäume, auf denen man die großen Reihernester sah, hatten wenig Laub und waren von dem Kote der Vögel weiß bespritzt; wovon das Laub verdorben war. Einst schoß mein Mitschüler W. mit der Stockflinte einen Reiher aus dem Nest herab. Gleich nach dem Schuß erschien ein Waldhüter und fragte grimmig, wer geschossen habe. Wir stellten uns ganz unschuldig und er mußte uns ziehen lassen, da er keine Schußwaffe entdecken konnte. Heute hält kein Waldhüter eine Stockflinte für einen Spazierstock.
Aber mit der Schießerei wurde es auch einmal ernst. Wir bekamen mit dem Doktor Differenzen und es kam zu einem »Auszug«, bei dem wir drohten, nach dem nahen Waibstadt überzusiedeln, wo eine Konkurrenz-Schnellbleiche sich befand. Der Doktor war außer sich und wollte uns ziehen lassen. Wir zogen zunächst nach Obrigheim an den Neckar, wo einer von uns die Vermittlung seines Oheims, des Pfarrers, anrufen wollte. Die Vermittlung gelang auch und wir zogen abends wieder gen Breitenbronn. Wir hatten alle tüchtig geladen und der Weg durch einen finsteren Wald machte uns viele Beschwerden. Hinter mir ging ein gewisser Schild, ein prächtiger junger Mensch aus dem Taubergrund, schön von Antlitz und Gestalt und mit einer Tenorstimme begabt; die uns alle bezauberte, wenn er zur Gitarre sang. Er war gutmütig und sentimental, aber sehr jähzornig. Ich war damals schon sehr der Spötterei geneigt und ich foppte ihn mit seiner unglücklichen Liebe zu einer Pfarrerstochter. Plötzlich schrie er: »Wenn du noch ein Wort sagst, schieße ich dich über den Haufen!« und im gleichen Moment krachte ein Pistolenschuß. Die Kugel zischte dicht an meinem Kopfe vorbei. Schild, der ein vorzüglicher Schütze war, hätte mich getroffen, wenn nicht ein Freund von mir, Philipp K. aus Karlsruhe, ihm einen Stoß gegeben hätte, als er die Pistole im Mondlicht funkeln sah. Ich lachte krampf haft – nicht etwa aus Übermut, sondern aus einer unbestimmten Empfindung heraus. Dies Lachen war gewiß töricht, aber die Gefahr, in der ich geschwebt; kam mir erst nachher so recht zum Bewußtsein. K. schrie: »Wie kannst du so frevelhaft lachen, da du jetzt schon vor Gottes Thron stehen könntest?« K. wollte nämlich Theologe werden. Er imponierte mir nicht, aber ich war ihm dankbar.1

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Am andern Morgen erschien Schild ganz zerknirscht vor meinem Bette und bat um Verzeihung und Verschwiegenheit. Beides wurde ihm gerne zugesichert. Der Arme erschoß sich später als Student aus mir unbekannten Gründen am Neckarufer zu Heidelberg vor dem Elternhause[33]  meines Freundes Röder. Bevor er den Schuß abgab, sang er in die Nacht hinaus: »Ich habe gelebt und geliebet!« Er traf sich schlecht und mußte lange leiden, bis der Tod ihn erlöste. Ich denke immer an ihn, wenn ich dort am Neckarufer vorüber komme.
Um diese Zeit kam ich auch zum erstenmal in eine politische Versammlung. Es fanden die Wahlen zum Zollparlament statt und in Aglasterhausen wurde eine nationalliberale Versammlung veranstaltet, in welcher Dr. Bluntschli sprechen sollte. Der Doktor führte uns alle dahin. Bluntschli gefiel mir nicht. Der alte Röder in Heidelberg hatte ihn wegen seines Auftretens beim Straußenputsch2 hart getadelt. Von seinem Auftreten gegen den Kommunisten Weitling wußte ich damals nichts. Er sah wie ein alter Holländer aus. Seine Rede war nichtssagend, so viel ich davon verstand.
Im allgemeinen tat mir der Aufenthalt in Breitenbronn recht gut. Die Frische und Fröhlichkeit der Jugend kam nun mehr zum Durchbruch; seitdem ich mich dem brutalen stiefväterlichen Druck entwunden hatte. Ich erweiterte rasch meine Kenntnisse; und eines Tages nahm mich der Doktor in ernster Stimmung im Garten beiseite und schüttete mir sein bekümmertes Herz aus. Er sagte mir, der Unterrichtsminister sehe die freie Maturitätsprüfung nicht mehr gern und es sei beschlossen, recht tüchtig zu »fuchsen«, d.h. die Ansprüche an die Examinanden zu erhöhen. 1867 war es noch leidlich gegangen. Aber vor der Prüfung von 1868 hatte der Doktor Furcht: »Du bist einer von den Wenigen, auf die ich noch Hoffnungen setze; bei weitaus den meisten wirds nicht langen.« Ich war tief bewegt und versprach, mein möglichstes zu tun. Es sollte sich zeigen, daß die Sorgen des Doktors wohl begründet waren. Wir hatten unseren guten Doktor auch oft gefoppt, wie es der jugendliche Mutwillen mit sich bringt. Kurz vor dieser Unterredung hätten wir gerne die letzte Stunde an einem Nachmittag frei gehabt und dies wurde auf meinen Vorschlag mit folgenden Mitteln erreicht. Auf die große Tafel wurde mit sehr viel Naturalismus der Dachdecker von Ulm in der bekannten Situation gezeichnet und zwar auf beide Seiten. Dann wurde der Schwamm weggetan. Alsbald kommt der Doktor herein, stutzt, will das Bild auslöschen, findet keinen Schwamm, dreht die Tafel um und der Dachdecker ist wieder da. Wütend rennt der Doktor hinaus und kommt nicht wieder. Wir haben die Stunde frei. Nachdem mir aber der Doktor sein Herz ausgeschüttet, hielt ich mich von solchem Unfug fern.
Wir machten viele schöne Sonntagsausflüge; öfters kam ich auch nach Eberbach und versäumte nicht, das Grab meines teuren Vaters zu besuchen und zu schmücken. Einstmals befanden wir uns dabei in dem nahen Schlosse Zwingenberg, das einem badischen Prinzen gehört, und ich schrieb in jugendlichem Übermut etwas an eine Wand, was mir übel hätte bekommen können, wenn es entdeckt worden wäre. Nachher wurde ich mir meiner[34]  Torheit bewußt und ging mit einem Freunde wieder hinüber. Dieser mußte die als Führerin dienende Tochter des Kastellans beschäftigen, was er sehr gerne tat, während ich die bedenkliche Inschrift auslöschte. Mit diesem Freunde, Wilhelm Köhler, hatte ich mich erst einmal tüchtig geprügelt, da er – mit guten Gründen – meine Verse verspottete; dann wurden wir Freunde. Köhler lebte als vielbeschäftigter Anwalt in Mannheim und ist vor kurzem gestorben; sein nie versiegender Humor und sein treffender Witz haben ihn weithin bekannt gemacht. Auch mit Friedrich Lother, später Apotheker in Eppingen und dann Privatier in Freiburg, schloß ich eine Freundschaft, die heute noch besteht.
Die angenehmsten Episoden jener Zeit waren natürlich die Ferien. Einmal ging ich nach Wertheim, wo man mich sauersüß empfing. Ich merkte, daß sie alle meinen Durchfall bei der Maturitätsprüfung für sicher hielten und sich schon auf die Moralpredigten vorbereiteten. Der gute Onkel Professor wollte vor der Sippschaft gleich meine Ignoranz bloßstellen. Plötzlich richtete er an mich die Frage:
»Was ist ein Logarithmus?«
»Ein Exponent!« erwiderte ich nach kurzem Besinnen.
Der Angriff war abgeschlagen, was der Professor durch ein verlegenes Knurren bestätigte.
Ich kam manchmal nach Mannheim, wo ich von der guten Frau Breuning immer wie ein Glied der Familie aufgenommen wurde. Auch in das gemütliche Pfarrhaus zu Gaiberg bei Heidelberg kam ich des öfteren. Die Frau des Pfarrers Danquard war eine Schwester meiner Freundin, die ich dort auch traf. Sie hatte mir eine der Pfarrerstöchter als Zukünftige bestimmt, aber diese starb in jungen Jahren. Wir hätten uns später wohl kaum gefunden. Der Pfarrer war 1849 in Boxberg gewesen und hatte während der Revolution den dortigen Zivilkommissär kurze Zeit vertreten. Er war sich der Tragweite dieser Handlung nicht bewußt. Als die Preußen kamen, wurde er verhaftet. Zwar entließ man ihn wieder nach zwei Monaten, aber er verlor Amt und Gehalt und mußte mit seiner Familie darben. Nach zwei Jahren ward er wieder angestellt. In diesem Pfarrhause lernte ich zuerst Herweghs »Gedichte eines Lebendigen« kennen.
Mit meinem Freunde Röder kam ich in den Ferien mehrfach in sein Vaterhaus zu Neuenheim bei Heidelberg, das dicht am Neckar lag und einen prächtigen Garten hatte. Im romantischen Gartenhäuschen hatte ich mein Quartier. Der alte Röder war eine hochinteressante Persönlichkeit und ein Freund von Gervinus, mit dem er zusammen 1848 im Frankfurter Vorparlament gewesen war. Er war ein Schüler des Philosophen Krause. Seine Rechtsphilosophie gefiel den Regierungen nicht und 183o wurden seine Vorlesungen an der Universität Gießen verboten; seit 1842 war, er in Heidelberg außerordentlicher Professor. Er suchte das Gefängniswesen zu reformieren und trat namentlich für die Einzelhaft ein. Auf diesem Gebiete galt er für eine Autorität – außerhalb Deutschlands.[35]  Als Spanien 1873 Republik geworden war, erhielt Röder vom Justizminister Salmeron den Auftrag, für Spanien ein Strafgesetzbuch und eine Strafvollzugsordnung auszuarbeiten. Aber ehe er damit fertig wurde, war Salmeron schon wieder gestürzt und die Republik dazu.
An schönen Sommerabenden war im Röderschen Garten an langer Tafel oftmals eine illustre Gesellschaft zusammen. Da sah man Gervinus mit seiner aristokratischen Haltung und neben ihm seine Frau mit ihrer berühmt schönen Hand; den Chemiker Bunsen mit seinem von weißem Haar umrahmten Antlitz, von dem man damals sagte, er habe das Wunder des heiligen Januarius zu Neapel3 aufgeklärt; den gelehrten Professor Delffs, der mit Bunsen arbeitete, und die gefeiertste Persönlichkeit dieses Kreises, den Dichter Scheffel. Er war übrigens im Umgang nicht so angenehm, wie man aus seinen fidelen Liedern schließen könnte, und benahm sich gern etwas steif. Einmal wurde, wenn ich mich recht erinnere, ein neues Gedicht von Scheffel unter großem Jubel vorgetragen. Wir jungen Leute saßen meist still am unteren Ende der Tafel und staunten zu den großen Geistern empor. Die Stimmung in diesem Kreise war durchweg antipreußisch; auch Scheffel schwärmte für Österreich. Als Gervinus 1871 starb, erschien ein Nachruf, in dem es hieß:



»Es ist so klein das Häuflein der Gerechten;
Der Führer fiel, wer will nun widerstehen
Noch weiter jenen fürchterlichen Mächten;
Die Recht und Freiheit eisern niedermähen?«

Dies gibt die Stimmung mancher damaligen Professorenkreise in Heidelberg trefflich wieder. Dort war zu Anfang der sechziger Jahre Garibaldi weit populärer als nachher Bismarck, und als Garibaldi 1862 am Aspromonte am Fuße verwundet worden war, entwarfen Heidelberger Professoren einen Liegestuhl für ihn, auf dem er das Bein recht bequem ausstrecken konnte. Gervinus und Röder waren Stubengelehrte, die den rauhen Hauch politischer Bewegungen draußen im Volke nicht gut vertrugen. Hörte man sie, so hätte man glauben können, sie sehnten sich nach einer Wiederkehr des Völkerfrühlings von 1848. Aber Gervinus war damals mißmutig aus dem Frankfurter Parlament ausgetreten und hatte dem Vertrauensdusel des Professorentums gegenüber den »fürchterlichen Mächten« in der »Deutschen Zeitung« Ausdruck gegeben. Röder konnte nach zwanzig Jahren sich noch aufregen über die Ereignisse vom 21. Juni 1849. Damals hörte man in Heidelberg den Geschützdonner der Schlacht von Waghäusel, wo die badische Revolutionsarmee nach anfänglichem Siege von den Preußen geschlagen wurde. Heidelberg war an diesem Tage von Johann Philipp Becker mit Volkswehren besetzt. Preußische Truppen erschienen auf dem Heiligenberg über Neuenheim und feuerten in die Stadt hinein. Johann Philipp Becker ließ das Feuer kräftig erwidern und es[36]  flogen Gewehr- und Geschützkugeln von hüben und drüben über das Rödersche Haus. Das war dem alten Röder denn doch zu viel.
Bei uns jungen Leuten saßen auch Sophie Delffs und Lina Röder, die begabten liebenswürdigen Töchter der beiden Professoren, Scheffels Freundinnen, die ihn auf seinem letzten Krankenlager liebevoll pflegten. Sophie Delffs, zu der auch ich bis zu ihrem Tode in freundschaftlichen Beziehungen stand, hat Scheffels »Ekkehard« und Raabes »Schüdderump« ins Englische übertragen.
Von Heidelberg wars nicht weit nach Ziegelhausen ins Pfarrhaus zum Onkel Schmezer. Dort war ich auch 1865 eingekehrt auf meiner traurigen Reise von Pfullendorf nach Wertheim zurück. Der Onkel tröstete mich mit guten Worten, aber es blieb ihm nicht viel Zeit, sich mit mir zu beschäftigen, denn es war Philologentag zu Heidelberg und Scheffel hatte zur Begrüßung der Philologen auf dem Schlosse jenes hübsche Lied gedichtet, in dem das große Faß den gelehrten Häusern eine vortreffliche historische Abhandlung vorträgt, welche die Kulturhöhe der Völker nach der jeweiligen Beschaffenheit ihrer Trinkgefäße und Fässer[37]  bemißt. Mein Onkel trug das Lied nach der Melodie »Beim großen Faß zu Heidelberg« an diesem ehr würdigen Kulturdenkmal mit prächtiger Baritonstimme vor. Dies war der Glanzpunkt des Festes.
Jetzt war ich nicht mehr so niedergedrückt; ich kam als »fahrender Schüler« zu meinem Onkel. Ich träumte damals schon von einer literarischen Zukunft, als ich aber meinen Onkel um Rat fragte, warnte er mich sehr ernst vor dem »Literatenleben«.
Aber sonst ging es lustig zu. Der Braunschweiger Tenoristenonkel war da; ob Scheffel gerade zu dieser Zeit auch da war, weiß ich nicht mehr. Dagegen war der Schwiegersohn des Onkels da, der in Darmstadt und Mannheim als demokratischer Journalist tätig gewesen war. Er geriet mit dem Braunschweiger Onkel, der »preußisch« gesinnt war, zum Ergötzen von uns anderen, oft hart zusammen. Dieser Journalist, Wilk mit Namen, war auch mit Ludwig Büchner und mit Liebknecht befreundet; er hatte Liebknecht bei dessen Hochzeit seinen Frack geliehen. Natalie Liebknecht, damals Fräulein Reh, war auch einmal im Ziegelhäuser Pfarrhause zu Besuch; ich habe sie aber dort nicht gesehen.
Die politischen Debatten konnten das fröhliche Leben im Pfarrhause nicht beeinträchtigen. Damals lag über Heidelberg jener Schmelz und Schimmer Scheffelscher Poesie, wie er in dem Liede: »Alt-Heidelberg, du feine« am besten zum Ausdruck kommt; und er verklärte nächst dem Schlosse wohl am meisten jenes Pfarrhaus am Neckar. Da war man immer sangeslustig und »feuchtfröhlich«, wenn die Gäste kamen, die da wie in einem Taubenschlage aus und ein flogen. Das Lieblingslied meines Onkels war das Mühlersche: »Grad aus dem Wirtshaus komm' ich heraus«, zu dem er zahlreiche Strophen hinzu gedichtet hatte. Es wurde einmal behauptet; sein Humor sei Galgenhumor gewesen. Das ist ganz falsch. Man lebte und webte dort ganz im Geiste der Gesellschaft »Im Engern«; alles war vergoldet vom Scheffelschen Humor.
Wie gerne denke ich an jenes Pfarrhaus zurück! Den Namen meines Onkels werden seine beiden so populären Melodien zum »Herrn von Rodenstein« und zum »Enderle von Ketsch« noch lange erhalten.
»Was macht der jugendliche Greis?« frug immer der Doktor, wenn ich von Ziegelhausen nach Breitenbronn zurück kam.
Der Doktor machte mit sämtlichen Zöglingen eine schöne Fußtour durch das Neckartal nach Heilbronn. Dies Tal bildet von Heilbronn bis Heidelberg mit seinem silbernen Strome, seinen grünen Höhen und den zahlreichen Burgen und Schlössern, meist Ruinen, über den freundlichen Ortschaften einen der schönsten Striche Deutschlands. Das Schwalbennest zu Neckarsteinach, die Minnaburg, die Notburgahöhle, der Hornberg; das Schloß Götzens von Berlichingen – welche Fülle von romantischen Erinnerungen! Andächtig schritten wir über das Schlachtfeld von Wimpfen, wo die vierhundert Pforzheimer den vielbestrittenen Heldentod erlitten haben sollen. In Heilbronn zeigte man mir einen Mann in schwarzem Gewand und eine Papierrolle unterm Arm, finster vor sich niederschauend;[38]  es war der berühmte David Friedrich Strauß. Wir pilgerten hinaus nach Weinsberg ins Kernerhaus. Theobald Kerner, mit dem ich erst ein Vierteljahrhundert später befreundet wurde, empfing uns. Mit welcher Ehrfurcht staunten wir den Geisterturm an und die Totenschädel, die sich im oberen Gelaß befanden! Und die Bilder der Seherin von Prevorst, des tiefsinnigen Lenau, der koketten Krüdener! Eine mystische Atmosphäre umfing uns, die aber oft durch das heitere Lachen von Theobald Kerner zerstreut wurde. Oben auf der Weibertreu klagten die Aeolsharfen geisterhaft; aber vom großen Bauernkrieg, von Jäcklein Rohrbach; von Florian Geyer und der schwarzen Hofmännin wußte ich noch wenig.
Auch zum Lutherfest nach Worms nahm der gute Doktor seine sämtlichen Schüler mit. Das große Lutherdenkmal wurde damals enthüllt. 30,000 Fremde sollen in dem kleinen Worms gewesen sein. Heute wären es sicherlich weit mehr, aber damals reiste man nicht so viel. Ich erinnere mich noch, welches Aufsehen es jedesmal in Wertheim machte, wenn meine Großmutter nach Reichenhall ging. Die Enthüllung des Denkmals zu Worms ging sehr feierlich vor sich in Anwesenheit einer Menge von Potentaten. Von den Reden verstand man nichts und amüsierte sich bald weit mehr an den trefflichen rheinhessischen Weinen. Der Doktor Luther hätte seine Freude daran gehabt; wie seine Mahnung, den Wein zu lieben, befolgt wurde. Da man in der überfüllten Stadt nirgends ausruhen konnte, machten wir, von der Reise ermüdet, ein Mittagsschläfchen auf frischen Ochsenhäuten, die am Bahnhof aufgestapelt waren. Die Verwirrung am Bahnhof war ungeheuer; ein ganzer Zug »voller« Mannheimer fuhr nach Mainz statt nach Hause.
Hier leistete ich meine erste journalistische Arbeit. Ein Neffe meiner Mannheimer Freundin, der in irgendeiner Wildnis Nordamerikas ein Blatt herausgab, hatte mich zu einem Bericht über das Lutherfest aufgefordert. Der Bericht erschien und ich fand ihn später sehr dumm; für die Wildnis aber war er jedenfalls großartig.
In diesen Zeiten kam ich auch öfter nach Heidelberg zu meinem Freund Köhler, der schon 1867 das Maturitäts-Examen in Karlsruhe gemacht hatte. Er war in Heidelberg bei dem Korps Rhenania eingetreten und brachte mich öfter auf dessen Kneipe sowie auf den Paukboden in der berühmten Hirschgasse, wo ich mehrere recht blutige Mensuren mit ansah. Bei der Rhenania machte ich eine Reihe interessanter Bekanntschaften, unter anderen lernte ich den Sohn des bekannten achtundvierziger Demokraten und Abgeordneten Georg Jung kennen. Jung, der Vater, der zu Berlin eine große Rolle gespielt hatte, wurde später nationalliberal; Jung, der Sohn, ein geistreicher und witziger Mensch, mit dem ich köstliche Stunden verlebte, starb in jungen Jahren. Die Heidelberger Rhenania führte um diese Zeit einen sehr gelungenen Streich aus. Eines ihrer »bemoosten Häupter«, Franz Butterweck, hatte nach der Meinung seines gestrengen Herrn Vaters nun genug »studiert« und wurde nach Darmstadt heimgeholt.[39]  Seine Korpsbrüder beschlossen auf ihn zu »fahnden«, und die »Fahndung« wurde ganz genau so ausgeführt; wie in Scheffels Gedicht die »Fahndung« des Herrn von Rodenstein auf seinen Stabstrompeter Hans Schleuning beschrieben ist. Es saß auch gerade Butterweck unter der »Stammgastschar« beim Vespertrünklein mit Dünnbier. Nun stieß es draußen dreimal »grauenhaft« ins Jägerhorn und mit aller Macht erscholl der Chor:


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»Raus da, raus aus dem Haus da!
Raus mit dem Deserteur!«

Der alte Butterweck war so gerührt, daß er seinen Sohn noch auf zwei Semester nach Heidelberg ließ.
Damals gab es in Heidelberg überhaupt interessante Studentenstreiche. Eines Tages erschien auf dem Wochenmarkt ein Zug von sechs Dienstmännern, die ein Bett trugen, und in diesem Bett lag der Studiosus Cohn4 von der Rhenania in Couleur und rauchte vergnüglich seine Pfeife. Der »Stiefelfuchs« der Rhenania schritt gravitätisch voraus und machte Platz im Marktgewühl. Bald stellte sich die Polizei dem Zuge entgegen und drohte mit Anzeige wegen groben Unfugs und Verletzung der Schamhaftigkeit. »Gleich steh' ich auf!« rief Cohn und begann die Bettdecke aufzuheben. Marktwandelnde sittige Jungfrauen wendeten sich errötend und entrüstet ab – ein Student im Hemde auf dem Markte, das war denn doch zu viel! Aber allgemeines Gelächter erscholl, die schamhaften Jungfrauen stimmten, nachdem sie sich wieder gewendet, fröhlich ein und die Polizei zog mit langer Nase ab, denn der Studiosus Cohn lag völlig angekleidet im Bett!
An vielen öffentlichen und privaten Gebäuden stand morgens mit ellenhohen Buchstaben angepinselt: »Kullmann, p. p. Biersch ...!« – Der seltene Fall war eingetreten, daß einer, der sich dauernd gegen die Vorschriften des Bierkomments verfehlt hatte, in den perpetuellen »Versch ...« fuhr. Das mußte nach alter Sitte öffentlich angeschrieben wer den. Der Verfemte selbst mußte sich mit vierzig Schoppen »herauspauken«; er tat es auch von abends 8 bis morgens 4 Uhr. Manchen Schoppen wird er wohl unbemerkt nebenhin gegossen haben. Der akademische Senat nahm die Sache aber sehr ernst. Jung und einige andere, welchen man das An pinseln des Bierurteils nachwies, wurden relegiert auf ein Jahr und das Korps mußte etwa 800 Gulden Entschädigung zahlen.
Damals befand sich ein griechischer Jüngling studierens halber in Heidelberg, dem sein Vater eine holde griechische Maid schickte, um ihn so vor den »Verführungen, Lastern und anderen Gefahren« Heidelbergs zu bewahren. Das homöopathische Experiment glückte aber nicht, denn es ließen sich auch andere von der schönen Griechin vor den Gefahren Heidelbergs schützen.
Viel gelacht wurde damals über ein bemoostes Haupt, welches »der Pandektenlump« hieß. Dieser Musensohn stand im vierzigsten Semester[40]  und »studierte«, d.h. kneipte und pumpte immer noch fröhlich weiter. Bei einer akademischen Festlichkeit brachte er einen Toast auf den berühmten Juristen Vangerow aus und sprach mit vieler Würde: »Sie sind der Pandektenheld; ich bin der Pandektenlump!« – Der Name blieb ihm. Gesehen habe ich dieses Original nicht.
Ich beschloß später auch in ein Korps einzutreten, aber anderwärts. In Heidelberg erschien mir das Korpsleben für meine Verhältnisse zu teuer. Unter den damaligen Heidelberger Professoren interessierte mich vor allen Heinrich von Treitschke, der damals durch eine, wenn ich recht weiß, bei einem Turnfest in Leipzig gehaltene phrasenreiche Rede populär geworden war. In Heidelberg las er über die französische Revolution und dies bewog mich, mehreremals zu ihm zu gehen. Ich war sehr enttäuscht. Er behandelte gerade den 5. und 6. Oktober 1789, den Zug der Frauen von Paris nach Versailles. Fast eine Stunde füllte er durch eine mit Brüllen hervorgestoßene Schimpferei aus, in welcher er die französische Revolution als ein ungeheueres Verbrechen brandmarkte, weil Maria Antoinette mit bloßen Füßen und im Hemde über einen Korridor des Versailler Schlosses springen mußte. Diese Art von Geschichtsauffassung war mir schon damals zuwider. In ähnlicher Art hörte ich ihn später im Reichstage schimpfen, wo es ihm als ein ungeheuerliches Verbrechen erschien, daß in einer Gipsbüste des alten Kaisers Wilhelm verbotene sozialistische Schriften über die Grenze geschmuggelt sein sollten. Dabei hatte man ihn mit dieser Geschichte zum besten gehabt.
Das alles trat nun zurück gegen das nahende Maturitäts-Examen, für uns Schüler, wie für unseren Doktor weitaus das wichtigste Ereignis des Jahres. Es war Sommer 1868.
Der große Akt sollte in Karlsruhe vor sich gehen und zwar in jenem Gebäude auf dem Markte neben dem alten Rathaus mit dem goldenen Engel. An dem Gebäude steht heute angeschrieben, daß der Dichter Peter Hebel dort gewohnt hat. Ich hatte das Grab dieses Dichters, den ich sehr liebte, in Schwetzingen besucht; daß ich nun in seinem Hause geprüft werden sollte, erschien mir wie ein freundliches Vorzeichen. Ein wenig abergläubisch ist man in der Jugend ja immer.
Zweiundzwanzig Examinanden, darunter zwölf Breitenbronner, waren erschienen und manchem mochten nach des alten Homer Worten, »Herz und Knie erzittern«, als die gestrengen Herren Examinatoren eintraten. Die ganze Prodezur dauerte eine Woche. Wir Breitenbronner wohnten im »goldenen Karpfen«, wo wir abends kneipten. Gegen Ende der Woche kam der Doktor an, dem es in Breitenbronn keine Ruhe ließ. Das Resultat übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. Von den zweiundzwanzig Examinanden fielen siebzehn durch und von den zwölf Breitenbronnern bestanden nur zwei, ein gewisser Dänzer von Odenheim, wohl ein Anverwandter des Mitgliedes der Landesversammlung von 1849, und ich. Ich war unter den fünf Glücklichen der Dritte. Ich hatte in Deutsch, Französisch, Latein, Griechisch, Geschichte und Literatur vorzüglich bestanden.[41]  Der Examinator in Literatur, der bekannte Dr. Wendt, hatte mich gefragt, ob ich ein Gedicht von Walther von der Vogelweide kenne; er fügte hinzu, daß dies nicht zur Prüfung gehöre; er wolle nur sehen, wie weit meine Kenntnisse gingen. Zufällig kannte ich aus Scheffels »Aventiure« das Lied: »Ich saß auf einem Steine« etc. Wendt war sehr befriedigt, aber im Grunde hatte ich sein Lob nicht verdient.
Der arme Doktor reiste niedergeschmettert ab. Da er wußte wie einsam ich in der Welt stand, lud er mich ein die Ferien bei ihm zu verbringen. Ich folgte der Einladung. Im nächsten Jahre starb er und sein Institut ging ein.
Alle die lieben Menschen, die sich auf meinen Durchfall mit Moralpredigten vorbereitet hatten, mußten sich diese nun verkneifen. Aber gerade das bewirkte, daß ich von ihnen nun um so mehr angefeindet wurde.
Eine kleine Episode soll nicht vergessen sein. Bei meiner Großmutter hatte ein gewisser H., ein Lyzeist, der Theologe werden wollte, einen Freitisch. Wir beteten sonst nicht bei Tische, aber wenn dieser fromme Jüngling herein kam, faltete er gleich die Hände und so mußte ich mitbeten. Eines Tages hatten wir Bohnen und meine Großmutter fragte, wie Bohne lateinisch heiße. Ich wußte es nicht, aber H., der mir zwei Klassen voraus war, wußte es. Da sagte meine Großmutter: »Wenn du es einmal so weit gebracht hast, wie Herr H., dann will ich mich freuen!« – Dieser H. blieb dann so viel sitzen, daß er mit mir in der Prüfung zu Karlsruhe erschien. In der Literaturprüfung wurde er gefragt: »Was wissen Sie von Lessing?« Er antwortete mit einer Kastratenstimme: »Lessing war der Sohn eines Pfarrers.« – Sonst wußte er von Lessing nichts. Er fiel natürlich durch.
Als ich meiner Großmutter meldete, daß ich bestanden, fügte ich die Nachricht vom Schicksal des H. hinzu und erinnerte an die Bohnengeschichte. Darauf schickte mir die Großmutter fünfzig Gulden.
Ich will nicht leugnen, daß ich mir damals als ein großartiger Kerl vorkam.[42] 
Fußnoten

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1 Er soll in alten Tagen dem Reichsverband gegen die Sozialdemokratie beigetreten sein. Am Ende reut es ihn, daß er einem Sozialdemokraten das Leben gerettet hat.

2 Tumulte wegen der Berufung des bekannten Theologen David Friedrich Strauß nach Zürich.

3 Dreimal im Jahr wird das Blut des heiligen Januarius flüssig; bleibt dies aus, so bedeutet das Unglück.

4 Damals nahmen verschiedene Corps jüdische Studenten auf.




Die Hochschule.










Freiburg im Breisgau mit seinem berühmten Münster und seiner alten Universität war damals ein Städtchen von etwa 25,000 Einwohnern. Die Industrie, die heute sich dort so mächtig entwickelt, lag noch in ihren Anfängen. Man konnte dort gut, billig und fröhlich leben und darum hatte ich diesen Platz gewählt. Ich wollte Philologie studieren. Der berühmte Philologe Baumstark las den kommenden Winter über Tacitus, Mendelssohn-Bartholdy trug alte Geschichte vor. Mit diesen beiden wollte ich beginnen.
Ich mußte nunmehr reiflicher über meine Zukunft nachdenken, als vorher, und ich fand, daß diese Zukunft recht nebelhaft aussah. Zum Arzt taugte ich nicht, zum Theologen auch nicht, die Juristerei stieß mich ab; die Kameralwissenschaften desgleichen. Darum suchte ich mir die Philologie aus. Aber ich war auch überzeugt, daß ich zum Gymnasiallehrer nicht taugte. Es blieb also nur der Privatdozent übrig. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß diese akademische Episode durch irgendeinen Zwischenfall werde beendigt werden.
Was mich wie so viele Studenten in den ersten Semestern mehr anzog als die Studien, das waren die Reize des Studentenlebens. Ich genoß die »akademische Freiheit« in vollen Zügen und stürzte mich mitten in den Strudel des studentischen Treibens hinein. Dabei gab es sich ganz von selbst, daß ich mich einer Korporation anschloß.
In Freiburg gab es damals zwei alte Korps, die »Rhenania« und die »Suevia«; sodann eine Burschenschaft »Teutonia«. Die Korps und die Burschenschaft hatten sich gegenseitig in »Verschiß« (Verruf) gesteckt, d.h. sie verkehrten und »paukten« nicht miteinander. Außerdem gab es noch zwei Landsmannschaften, »Helvetia« und »Brisgovia« – »Schweizer« und »Breisgauer« – die Satisfaktion gaben. Die katholischen Studentenverbindungen begannen damals mit dem Farbentragen; eine solche Verbindung hieß die »Blauen« von der Farbe ihrer Mützen. Die übrigen Studenten hieß man einfach »Bummler«, auch »Wilde« und »Nachtstühle«; die freien akademischen Vereinigungen gab es damals noch nicht und der S. C. war im Studentenleben tonangebend.
Also trat ich in das Korps Rhenania ein, dessen Farben die rheinischen: Blauweißrot waren und das rote Mützen trug. Der Korpsbursch Wilhelm Löffler nahm mich auf und wurde nachher mein Leibbursch.
Alle Mitglieder des Korps waren Badener im Gegensatz zu den Heidelbergs Korps, die entweder in der Mehrzahl oder ganz aus Norddeutschen bestanden.
Das speziell badische Korpsleben war damals ganz anders geartet als das heutige. Seit dem Jahr 1870 sind in dieser Sphäre große Veränderungen[45]  vorgegangen. Diese zu behandeln liegt außerhalb meiner Aufgabe. Ich habe das Korpsleben nur zu schildern, wie es damals war.
Korpshäuser gab es damals nicht mit einer Ausnahme; die Heidelberger Vandalen hatten ein solches an der alten Neckarbrücke zu Heidelberg. Infolgedessen waren die Korpsstudenten nicht so vom Publikum resp. »Bürgertum« und »Volk« abgeschlossen wie heute. Wir hatten dreimal in der Woche offizielle Kneipe in unserm Lokal; sonst saßen wir beim Früh-und Abendschoppen im gewöhnlichen Wirtslokal. Der Bierkomment wurde streng gehandhabt; indessen wurde der Fuchs, wenn er zu stark sich »anzuheitern« sich erlaubt hatte, vom Leibburschen auf Ehrenwort nach Hause geschickt. Wenn er unterwegs doch einkehrte, so konnte er cum infamia exkludiert werden.
Auch die »Paukerei« trug einen anderen Charakter als heute. Es wurde mehr auf kunstgerechtes Fechten, als auf »Renommierschmisse« gesehen. Die Manier a tempo anzuschlagen, welche alle Kunst im Fechten zuschande machen kann; kam erst nach dem Kriege auf.
Von der Politik wurde das Korpsleben damals gar nicht beeinflußt. Es hatten sich in der Rhenania die Söhne ultramontaner Adelsfamilien mit den Sprossen liberalen und demokratischen Bürgertums ganz gut vertragen.

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Unter den »alten Herren« gab es viel interessante Persönlichkeiten. Ich kannte noch den weißlockigen alten Seemann, der 1815 bei den Gründern des Korps gewesen, sowie Courtin aus Mannheim, der es 1856 wieder aufgetan, nachdem es eine Zeitlang »aufgeflogen« gewesen. Der wuselige und vielsprechende Hofrat und Gymnasialprofessor Weißgerber war 1840 aktiv gewesen. 1848 hatte er als Major der Bürgerwehr für die Freiheit geschwärmt und war mit dem Schleppsäbel in die Klasse gekommen. Wenn das heute ein Reserveleutnant täte! 1849 kam er auf kurze Zeit hinter die schwedischen Gardinen. Als Napoleon III. sein Thronerbe Lulu geboren wurde, sandte Weißgerber dem Staatsstreichkaiser ein schwulstiges französisches Huldigungsgedicht, das erst später in die Öffentlichkeit kam. Aber er konnte interessant erzählen.
Es gab unter den alten Herren nicht wenige Demokraten; ich nenne den Bürgermeister Huetlin von Konstanz, der bei dem Rückzuge der Revolutionsarmee in die Schweiz sich so charaktervoll benahm, den alten Gantert in Birkendorf und den Rechtsanwalt Barbo, der während der Revolution von 1849 Zivilkommissär in Freiburg gewesen war. Er mußte dafür im Zuchthaus zu Bruchsal zwei Jahre lang Zigarrenkisten anfertigen. Übrigens war auch der bekannte badische Republikaner und Revolutionär Friedrich Hecker Korpsstudent gewesen; er war bei den Heidelberger Rhenanen.1[46] 
Im Reichstage fand ich die alten Rhenanen Franz von Bodman und Rudolf von Buol-Berenberg vor, die beide zum Zentrum gehörten und dort meine Heimat – Wertheim-Tauberbischofsheim – vertraten. Bodman war Präsident der ersten badischen Kammer, Buol war eine Zeit lang Präsident des Reichstags. Er bemühte sich, unparteiisch zu sein, und da er ein schlechtes Gehör hatte, so hörte er nicht, was er nicht hören wollte.
Auch die beiden badischen Minister Reinhardt und Buchenberger gehörten zu den alten Rhenanen. Buchenberger, ein mit Geist und Kenntnissen hervorragend ausgestatteter Mann, war zu gleicher Zeit wie ich auf dem Gymnasium zu Wertheim gewesen. Er suchte mich vor etwa zehn Jahren im Reichstage auf und wir plauderten von der Jugendzeit; politische Dinge berührten wir nicht.
Auf unserer Kneipe sahen wir auch fast regelmäßig Offiziere, die damals, vor dem Kriege, wenig anderen Anschluß hatten. Unter ihnen befand sich Theodor Leutwein, der spätere Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika.
Literarische Beziehungen, nach denen ich mich sehnte, in Freiburg anzuknüpfen, gab es keine Gelegenheit. Der einzige Schriftsteller von Ruf, der in Freiburg hauste, war Alban Stolz. So klein das Männchen körperlich war, so groß war sein klerikaler Fanatismus. Sonst war als literarisches Element noch der Ritter von Buß vorhanden, aus dem Frankfurter Parlament als klerikaler »Buß-Prediger« bekannt. Diese beiden frommen Eiferer verfinsterten die Freiburger geistige Atmosphäre, die zwanzig Jahre zuvor so freiheitlich hell erstrahlt war.
Aber was kümmerte das uns junge Leute! Wir genossen unsere Jugend, die »akademische Freiheit« und die Annehmlichkeiten der alten behaglichen Stadt Freiburg mit ihrer prächtigen Umgebung. Es wurden viele Ausflüge gemacht, an den Rhein, auf den Schwarzwald und vor allem in das berühmte Höllental. Bei solchen Gelegenheiten war ich viel mit einem sehr lustigen alten Herrn namens Boni zusammen. Er mußte irgend etwas pekziert haben, denn er hatte es nur bis zum Aktuar gebracht. Wahrscheinlich hatte er 1848 oder 1849 dem Trieb zum »Revoluzzen« nicht widerstehen können, denn er erzählte viel von dem Heckerzug von 1848 und von den Barrikadenkämpfen in Freiburg. Aber er kannte auf viele Stunden im Umkreis die Wirtschaften, wo es guten Wein und Forellen gab, und ich habe mit ihm sehr vergnügte Stunden zugebracht. Wir gingen namentlich einem nicht weit von Freiburg wachsenden vortrefflichen Wein nach, dem Glotterthäler, in dem ein Kobold sein Wesen treibt. Dieser böse Geist rührt sich nicht; so lange man beim Glotterthäler sitzt; begibt man sich aber auf den Heimweg, so wird man von dem niederträchtigen Kobold gern in den Straßengraben geworfen.[47] 
Nun – ich kann wohl wie Kinkel sagen:



»Im Freundesreigen stand ich stark
Beim Becher und in Fehde« –

ich konnte nämlich, wie man sagt; »einen guten Stiefel« vertragen und avancierte bald zum »Fuchsmajor«. In diesem »trinkbaren« Amt mußte ich die Füchse manchmal einen Salamander auf Bismarck reiben lassen, nicht seiner Politik wegen, sondern weil er Ehrenmitglied bei unserem Kartellkorps, den Göttinger roten Hannoveranern; gewesen war.
Was das Fechten anbelangt, so war ich auf dem Fechtboden anfangs recht nachlässig. Mein Leibbursch Löffler und mein Freund Bräunig, nachmals Bürgermeister zu Mannheim und Rastatt, gaben sich viele Mühe mit mir, aber zunächst ganz umsonst. Auf drei oder vier Mensuren ward ich bös zugerichtet; ein kleiner Schweizer aus Lausanne schlug mir beide Lippen durch, die schlecht zusammengenäht wurden, so daß ich einen etwas schiefen Mund bekam. Nun erst lernte ich eine flinke Terz und eine recht gefährliche »Durchgerissene« schlagen. Mein späterer Freund Weckherlin von den Schwaben ward von mir »glänzend« abgeführt, indem ich ihm die Nase vollständig durchschlug, und der nationalliberale badische Abgeordnete Pfefferle trägt auf seiner linken Wange eine von mir herrührende ausführliche Inschrift. Auf meiner letzten Mensur mit einem geschickten Gegner wurde keiner von uns geritzt und wir erhielten viel Anerkennung wegen »schönen Fechtens«. Auf diese »Erfolge« bildete ich mir selbstverständlich damals nicht wenig ein.
In den ersten Osterferien zeigte ich mich in Breitenbronn, wo ich den Doktor ganz gebrochen fand. Eine Zeitlang tummelte ich mich in Heidelberg umher, wo der schon erwähnte Jung mich gegen einen Vandalenfuchs G. hetzte, der heute preußischer Oberlandesgerichtsrat ist. In der bekannten Wirtschaft vom »Seppel« tranken wir miteinander »Bierjungen«, bis dem Kampfe auf natürliche Weise ein Ende bereitet wurde. Die zusehenden alten Korpsburschen wollten sich halbtot lachen. Damals schloß ich auch Freundschaft mit John Mürisier aus Genf, der bei den Freiburger Schwaben war und die Ferien mit seiner schönen schwarzlockigen Schwester in Heidelberg verbrachte. Als wir wieder in Freiburg waren, mußten wir »auf Bestimmung« miteinander fechten. Erst waren wir beide bestürzt, dann ließ er mir sagen, ich sollte nur zuschlagen, und ich ließ ihm das gleiche melden. Nachdem ich ihn gleich im ersten Gang mit einer grimmen Doppelterz auf den Kopf getroffen, erwachte in uns beiden die »Bestie« und wir schlugen mit einer Wut auf einander los, daß die Funken stoben und die Klingen sprangen. Beide traten wir blutüberströmt ab.
Die Rhenania hatte oft Korpsbesuch, namentlich von der mit uns im Kartell stehenden Tübinger Frankonia. Da ging es lustig zu und es kam vor, daß wir beim Frühschoppen in der bekannten Weinkneipe von Hummel auf dem Münsterplatz auszogen, in jeder Hand einen Schoppen, und[48]  uns zu den Marktweibern dort begaben. Jeder suchte sich einen »Schatz« aus, präsentierte der Dame seinen Schoppen und nahm neben ihr auf der Bank Platz. Die Bauernweiber und namentlich die Bauernmädchen gingen auf solchen Spaß mit Vergnügen ein; die Stadtfräulein auf dem Markte aber ließen uns ihre ganze Verachtung fühlen.
Mit den Tübinger Freunden fuhren wir eines Tages nach Neubreisach ins Elsaß, das damals noch französisch war. Wir verkehrten oft mit den Straßburger Studenten; wenn diese uns besuchten; so waren sie erstaunt über das viele Bier, das wir tranken, und die Paukereien kamen ihnen unbegreiflich vor. Sie trugen eine Art Jockeymützen, Jacken und enge Hosen; dazu Stiefel, wie sie heute die Bedienten tragen. Diesmal trafen sie in Neubreisach mit uns zusammen und führten uns nach dem Fort Mortier, wo uns die dort liegenden französischen Offiziere erwarteten. Wir wurden galant bewirtet und von Turkos bedient. Die Stimmung ward so schön; daß wir eine große Verbrüderungsakte »im Namen des deutschen und französischen Volkes« verfaßten und sie in einer Flasche in den Rhein warfen. Sie kam nicht mehr zum Vorschein.[49] 
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In Neubreisach wurde mit großer Anstrengung der Kartellbruder Sch. von Tübingen auf den Kutschbock gehoben. Er hatte die merkwürdige Eigenschaft, daß er absolut sicher kutschierte, auch wenn er noch so stark »angeraucht« war. Nur mußte er erst auf den Kutschbock gehoben werden.
Ein Jahr darauf donnerten die badischen Vierundzwanzig-Pfünder gegen das Fort Mortier und schossen es vollständig zusammen.
Im Sommer 1869 machten zwei Korpsbrüder und ich den Tübinger Franken einen Gegenbesuch. Mein erster Gang in Tübingen war nach dem Grabe von Ludwig Uhland und es brachte mich dahin mein Freund Alexander Weiß von Neckargemünd, der mit mir in Breitenbronn gewesen und bei den Tübinger Rhenanen aktiv war. Der arme Mensch war schwindsüchtig und machte doch, um sein Elend zu vergessen, das Korpsleben mit. In Freiburg hatte er auf unsre Waffen mit einem Schwaben gepaukt und ich hatte dabei als »Schleppfuchs« fungiert. Der Schwabe war enorm stark und es war schrecklich anzusehen, wie er auf dem todkranken Gegner »herumtrommelte«. Weiß starb bald nachher.
In Tübingen machte ich die Bekanntschaft von Kurt Mook, der nachher Sozialdemokrat wurde. Er nahm mich von einem »Bierhock« mit nach Hause und las mir die Nacht hindurch seine Gedichte vor. Ich fand die Gedichte mäßig, aber Mook gefiel mir und wir schlossen eine Freundschaft, die nachher für mich allerlei Folgen haben sollte. Bei einem Ausflug auf den Hohenzollern sahen wir die historischen Zeugen des Schwabenstreichs von 1866, zwei Geschütze mit Schlamm überzogen. Als der Hohenzollern während des Krieges »erstürmt« wurde, stürzte die preußische Besatzung die zwei Geschütze in die Zisterne, um sie zu retten. Nun hatte man sie wieder herausgeholt und sie harrten der Säuberung. Über diese Affäre wurde damals viel gelacht und gespottet.
Sonst ging es in Tübingen recht lustig zu und wurde recht viel gekneipt. Eines lustigen Vorfalls muß ich erwähnen. Wir drei Freiburger Rhenanen wohnten im »Ochsen«. Es war Hochsommer und wir konnten eines Nachts vor Hitze nicht schlafen; darum standen wir auf, zündeten unsere Pfeifen an und gingen im Hemde auf den Korridor auf und ab. Es mochte vier Uhr morgens sein. Plötzlich ertönte hinter uns ein Geschrei von weiblichen Stimmen, aus dem man »shocking« heraushören konnte. Wir drehten um und befanden uns einer englischen Familie mit erwachsenen Töchtern gegenüber, die einen Morgenausflug unternehmen wollte. Wir rannten an den »Beefsteaks«, wie bei den Studenten damals die Engländer hießen, vorbei in unsere Zimmer und konnten eben noch schließen, als die gefürchtete Ochsenwirtin, ein veritabler Drache, erschien, einen furchtbaren Skandal machte und die Türen einzutreten suchte. Sie widerstanden indessen.
Damals war man eben in der »Nacktkultur« noch nicht so weit wie heute. Während wir drei abwesend waren, hatte es im Freiburg im Pfauengarten eine fürchterliche Schlägerei zwischen Rhenanen und Burschenschaftern gegeben. Alle Zeitungen waren voll davon. Eine große Paukerei[50]  auf krumme Säbel sollte folgen; sieben Paare waren bestimmt. Ich war bei dem dritten Paar. Als schon das erste Paar im Walde bei Staufen sich in der Paukwichs gegenüberstand, kam die Polizei, die ein um das Rhenanenblut besorgter Herr avisiert hatte. Der Pauksack wurde konfisziert, aber wieder freigegeben.
Ich trieb in jener Zeit schon mannigfache historische Studien. Solche sind zeitlebens meine Lieblingsbeschäftigung gewesen. Damals zog mich ganz besonders das Nibelungenlied an; nachdem ich dessen geistvolle Behandlung in der Literaturgeschichte von Vilmar gelesen. Die Gedichte Ulrichs von Hutten begeisterten mich für jenen fahrenden Ritter. Besonders gefiel mir das Epigramm, das er dem bei der bekannten Affäre von ihm getöteten Franzosen gewidmet; und in dem ich, nach einer erhaltenen Notiz, »edle stolze Männlichkeit und Heldensinn« fand. Ich studierte die historischen Werke von Schlosser, Häusser, Gervinus und anderen und diese eignen Studien zogen mich mehr an, als die historischen Vorlesungen an der Universität, wo wenig mir Zusagendes geboten wurde. Auch das Buch: »Spanisches für die gebildete Welt« von Alban Stolz amüsierte mich sehr wegen der vielen darin enthaltenen treffenden und witzigen Bemerkungen.
In den Herbstferien verbrachte ich einige schöne Tage bei den Eltern meiner Freunde Karl und Wilhelm Köhler – der erstere ist jetzt Oberamtsrichter in Waldshut – im Forsthause zu Badenweiler und beneidete die beiden Freunde um ihre gütigen Eltern. In Oberweiler zeigte man mir den alten Venedey, der dort eine Pension, »Rasthaus« genannt, errichtet hatte. Ich betrachtete ihn mit um so größerem Interesse, als ich damals gerade Heines Spöttereien über ihn gelesen hatte.
Das Korps wählte mich zum dritten Chargierten, aber ich gab das Amt bald wieder ab, denn die schönen Tage meiner Studentenzeit waren nunmehr vorüber.
Wie schon erwähnt, hatte ich mich an das Amtsgericht Eberbach zu wenden, wenn ich Geld brauchte. Mein Vermögen war in den Händen des Stiefvaters geblieben. Das Amtsgericht tat seine Schuldigkeit und wies mir die gewünschten Summen prompt an. Der Stiefvater überwies die Beträge an meine Mutter, um sie mir zu übermitteln. Ich habe nie erfahren können, was da alles vorgegangen; aber die Geldsendungen blieben oft sehr lange aus, so daß ich in Verlegenheit kam. Mit der Zeit wurden diese Verlegenheiten immer größer und ich war in der peinlichen Lage, Schulden machen zu müssen, während ich doch noch im Besitz von Geldmitteln war. Meine Freunde rieten mir, doch einmal mit meiner Mutter über die Sache zu sprechen. Dem widerstrebte ich natürlich und hielt in Freiburg aus, so lang ich konnte. Endlich entschloß ich mich, nach Pfullendorf zu reisen; vor dem Stiefvater fürchtete ich mich nicht im geringsten. Als ich mich von meinem Freunde und Korpsbruder Köhler verabschiedete und von baldigem Wiedersehen sprach, sagte er: »Du wirst so bald nicht wieder kommen!« – Er sollte recht behalten.[51] 
Fußnoten

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1 Sozialdemokratische alte Korpsstudenten – abgesehen von solchen, die sozialdemokratisch gesinnt waren, aber damit nicht hervortraten – gab und gibt es verschiedene. Wilhelm Liebknecht war Marburger Hasso-Nassove und Gießener Rhenane; Wilhelm Eichhoff war Bonner Vandale und Hallenser Altmärker; die Brüder Friedrich und Kurt Mook waren Tübinger und Münchner Franken; Louis Viereck war Marburger Teutone; Bruno Schönlank war Hallenser Borusse; Sigmund von Haller war Erlanger Onolde und Karl Fulda war Gießener Teutone. Dazu kommt noch meine Wenigkeit. Viereck hat sich von der Sozialdemokratie wieder abgewendet.




Zöllner und Sünder










Daß ich die Reise nach Pfullendorf nicht in der angenehmsten Stimmung antrat, brauche ich kaum zu sagen. Auf einigen Stationen, wo ich Freunde oder Bekannte hatte, machte ich halt; um mit diesen noch einige angenehme Stunden zu verbringen. Dies geschah namentlich in Lörrach, wo ich mit dem Korpsbruder Elsässer und mit Birkenmayer von den Freiburger Schwaben, den ich später im Reichstag wieder traf, kneipte, sowie in Waldshut bei unserem alten Herrn, dem Bürgermeister Straubhaar. In Konstanz traf ich noch meinen Freund Robert Reitzel, der nachmals in Nordamerika als Dichter und freireligiöser Redner bekannt geworden ist; da er sich in ähnlicher Lage befand wie ich, sprachen wir uns offen gegeneinander aus. Es war rührend, wie er sich bemühte, alle düsteren Gedanken für den Augenblick von mir zu verscheuchen. Und doch mußte ich gerade in diesem Augenblick erfahren, wie schnell man in der Wertschätzung der Menschen sinkt; wenn man Unglück hat. Ein Einjähriger, der mit mir Fuchs gewesen, hielt mich bereits für »verbummelt« und erteilte mir den nach seiner aristokratischen Anschauung wohlgemeinten Rat: »Werde doch Aktuar!« – Es schmerzte mich am meisten, daß man all mein Mißgeschick meinem »Leichtsinn« zuschrieb, während es doch ganz andere Ursachen hatte.
An einem schönen Wintermorgen fuhr ich über den Bodensee, den ich zum ersten Male sah. Die Alpenhäupter schauten ernst auf mich herab. Ich klammerte mich mit meinen Gedanken an Scheffel und seinen »Ekkehard«, an Annette von Droste-Hülshoff, an die ich erinnert wurde, als ich Meersburg vor mir auftauchen sah, sogar an Johannes Huß und die Hussiten – Reitzel hatte mir den Hussenstein gezeigt – und an Friedrich Hecker, der hier seinen romantischen Putsch begonnen. Aber alle diese Gestalten konnten das Gespenst nicht beschwören, das nunmehr drohte – das Pfullendorfer Forsthaus mit dem Büffel von Stiefvater und der lieblosen Mutter, der verhaßte Ort; an dem ich vor fünf Jahren so lange in Hast gewesen. In Meersburg fand ich lustige Gesellschaft bei einer Metzelsuppe und stärkte mich für so ziemlich meine letzte Barschaft durch ein paar vortreffliche Bratwürste und einen Schoppen guten roten Meersburgers. Dann marschierte ich rüstig darauf los und stieg den Heiligenberg empor, wo ich am Nachmittag ankam. Im dortigen Fürstenbergschen Schlosse wohnten Bekannte, die ich aufsuchte. Es war Dr. Schenk, ein Arzt aus Wertheim, der meinen Vater gekannt hatte; seine Frau war eine Tochter meines Taufpaten, des Rechnungsrats Wachs. Sie empfingen mich sehr liebenswürdig. Gegen abend fuhr ich mit dem Postwagen nach Pfullendorf ab und stieg auf der letzten Station[55]  vor der Stadt aus. Ich hatte nämlich meiner Mutter meine bevorstehende Ankunft gemeldet und sie hatte mich himmelhoch gebeten, bei meiner Ankunft nicht ins Forsthaus zu gehen, um zunächst eine Katastrophe zu vermeiden. Ich sollte vor der Stadt absteigen und »zur Großmutter« gehen, das heißt zu der Mutter meines Stiefvaters.
Die Nacht sank herab und ich wanderte zwischen kahlen Bäumen auf einsamer, schneebedeckter Landstraße dahin. Eine weite, öde Hochebene, so trostlos, wie es in meinem Innern aussah. Denn ich hatte bemerkt; daß die Wertheimer auf dem Heiligenberg bei aller Freundlichkeit doch auch zurückhaltend gewesen waren. So verlassen hatte ich mich noch nie gefühlt. Alle möglichen Projekte schossen mir durch den Kopf, um auch sämtlich verworfen zu werden. Eine Zeitlang lehnte ich mein Haupt an einen Baum und konnte die Tränen kaum zurückhalten. Jetzt aber tauchten die Lichter der ehemaligen Reichsstadt Pfullendorf auf, ich biß die Zähne zusammen und marschierte hochaufgerichtet an dem Wallfahrtsort Maria-Schrei vorüber in die düsteren, kaum beleuchteten Straßen. In diesem Neste hat der Wittelsbacher Otto I., Herzog von Bayern, sterben müssen, derselbe, der an der Veroneser Klause durch seine Kühnheit den Kaiser Friedrich Barbarossa und sein Heer gerettet hat, dachte ich. Mit Mühe fand ich die Wohnung der »anderen« Großmutter, ein mächtiges altes Gebäude und ehemaliges Kloster.
Dort wurde ich erwartet. Meine Mutter war da und warf sich in Tränen zerfließend an meinen Hals. Sie beschwor mich, ein Zusammentreffen mit dem Stiefvater vorläufig zu vermeiden und mich hier verborgen zu halten. Man werde ja dann sehen, was zu machen sei.
Dies ging einem Korpsstudenten, der auf Schläger, Säbel und Pistolen Satisfaktion zu geben jederzeit bereit sein mußte, natürlich sehr gegen den Strich. Ich lehnte trotzig ab. Aber meine Mutter wußte so sehr Verzweiflung zu spielen, daß ich schließlich nachgab mit dem Vorbehalt, aus der klösterlichen Einsamkeit jederzeit heraustreten zu können. Die Verzweiflung war übrigens zu einem guten Teil echt, denn meine Mutter hatte alle Ursache, eine Auseinandersetzung über mein Vermögen zu fürchten.

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Indessen befand ich mich in diesem Kloster vorläufig ganz wohl. Die Großmutter war mir merkwürdigerweise beinahe eben so wohl gesinnt, wie ihr Sohn mich haßte. Sie dachte, anständig genug, einigermaßen wieder gut zu machen, was ihr Sohn an mir gesündigt. Außerdem war sie eine sehr interessante Frau und im weiteren Sinne ein Kind der französischen Revolution, denn sie hatte, aus Enzberg im Württembergischen stammend, einen großen Teil ihrer Jugend im Elsaß zur Zeit des ersten napoleonischen Kaiserreichs zugebracht. Sie hatte den Imperator mehrmals gesehen und schwärmte für ihn. 1814 hatte sie die Belagerung von Straßburg mitgemacht. Sie war noch ganz Empire-Dame und besaß prachtvolle Gewänder aus der napoleonischen Zeit; auch hatte sie das freie Wesen der Damen von damals und liebte sehr die recht pikanten Anekdoten und Witze. Sie mußte blendend schön gewesen sein, wie sich aus ihren Jugendbildnissen[56]  ergab. Ihr Mann, Oberhofgerichtsrat in Mannheim, behauptete, eine Zeitlang Sekretär Schillers gewesen zu sein, weshalb wohl er und einer seiner Söhne sich veranlaßt sahen, schlechte Verse zu machen. Herwegh hat sich in seinen »Über zwanzig Bogen« die Mühe gemacht, diese Verse kritisch zu vernichten. Die Großmutter sang manchmal: »partant pour la Syrie« oder: »vive Henry quatre, vive ce roi vaillant« leise vor sich hin. In den Zimmern hingen mehrfach Bilder des »Joppenfürsten« Ernst von Gotha; sie behauptete; daß ihr Sohn dem Herzog sehr ähnlich sei.1
Ich wurde hier vorzüglich bewirtet und in jeder Weise verhätschelt. Die Unterhaltungen mit der alten Frau waren sehr interessant; auch hatte sie eine gute Bibliothek. Indessen kam ich mir doch wie ein Vogel im Käfig vor und stundenlang blickte ich hinaus auf die weite Hochebene. Das waren die Blachfelder, auf denen Erzherzog Karl, Kray, Moreau und Jourdan ihre Heerscharen zu blutigen Schlachten geführt hatten. Wie gerne hätte ich mich draußen umhergetummelt! Aber die Tränen der Mutter! Ich mußte ja diese Tränen für echt halten.
Tag für Tag berieten wir über meine Zukunft. Die Großmutter war großmütig; sie setzte mir eine ansehnliche Summe pro Monat aus, aber mit der Bedingung, daß ich irgendeine »Stelle« annehmen müsse. Ein befreundeter Notar, der ins Geheimnis gezogen wurde, erbot sich, mir eine »Stelle« als Volontär beim Hauptzollamt in Überlingen am Bodensee auszumachen.
Zollamtsschreiber! Das gab mir einen Stoß! Aber schließlich ging ich doch darauf ein, denn ich betrachtete die ganze Affäre als einen Umweg, der auf die Universität zurückführte. Meine liebenswürdige Mama verabreichte mir viele Küsse für den Entschluß. Bevor ich nach Überlingen, mit reichlich gespicktem Geldbeutel, abging, sprach ich im Forsthause vor. Der Stiefvater wußte von dem neuen Arrangement nichts und kümmerte sich auch nichts darum. Er wollte mir Vorwürfe machen wegen der geringen Beträge, die ich in Freiburg schuldig geblieben; als ich dann hervorhob, daß ich mein Geld nicht bekommen, wußte er weiter nichts zu sagen.
Mein Entschluß, die Zollamtsschreiberei nur als eine Episode anzusehen, stand schon von vornherein fest, und da ich Mittel besaß, beschloß ich weiter, diese Episode möglichst vergnüglich zu gestalten, da sie voraussichtlich nur von sehr kurzer Dauer sein konnte. In diesen Entschlüssen wurde ich sehr bestärkt durch einen Leidensgefährten, den ich unterwegs traf. Dieser war bei den Freiburger Schwaben aktiv gewesen und durch mißliche Umstände in die Zollamtsschreiber-Karriere hineingeraten. Er wies mir nach, daß »wir« es in diesem erhabenen Berufe im günstigsten Falle zum »besseren« Schreiber mit 600 Gulden Gehalt bringen könnten.
In Überlingen mietete ich mich in dem Hause eines reichsstädtischen Adeligen mit verblichener Herrlichkeit ein, dessen Frau ein Putzwarengeschäft betrieb, während er selbst mit seinen Saugnäpfen an einer der verschiedenen reichen Stiftungen hing. Es war das Haus, das dem[57]  Überlinger Bürgermeister Kessenring gehört hatte. Dieser hat sich im Bauernkriege von 1525 bei der Niederwerfung dieses Aufstandes durch Brutalität und Blutdurst hervorgetan. Immerhin regte er mich nunmehr zum Studium der Reformationszeit und des Bauernkrieges an. Das altertümliche Städtchen Überlingen, dicht am See gelegen, mit seinen stattlichen alten Gebäuden und mit den Resten seiner ehemals so gewaltigen Befestigungen, welche seinerzeit den Stürmen der Schweden getrotzt, zog mich sehr an. Wie gerne wandelte ich träumend in den tief in die Felsen geschnittenen ehemaligen Festungsgräben! Und unweit der Stadt befanden sich die berühmten Heidenhöhlen, die Scheffel im »Ekkehard« so anschaulich beschrieben hat. Auch verschiedenen Sagen kam ich auf die Spur; so sollte in dem Berge, an dem die Stadt emporsteigt; sich eine Höhle mit einem uralten Muttergottesbild befinden, und dort sollten noch alle die Schmuckstücke und Kostbarkeiten aufbewahrt sein, welche die Überlinger Frauen geopfert, um den Beistand der Mutter Gottes gegen die Schweden zu erreichen. Man zeigte mir sogar einen verschütteten Eingang, der zu dem Gewölbe führen sollte. Natürlich war der Schatz von einem Drachen bewacht.
In all meine poetischen Träumereien griff nun das Zollamtsbureau ernüchternd und niederschlagend hinein. Der Zollinspektor – ein ehemaliger Grenzaufseher, der sich gerne »Oberinspektor« nennen hörte – nahm mich leidlich auf. Mir kam dieser Mensch, der sich viel auf seine Stellung zugute tat und von den Überlingern »Sabel-Andres« genannt wurde, weil er gerne mit dem Sarras rasselte, sehr komisch vor. Die meisten »besseren« und »minderen« Schreiber kamen mir, mit wenigen Ausnahmen, gleich feindselig entge gen. Die Streberei, die ich hier sah, kam mir unsäglich widerlich vor.
Zunächst bekam ich die Aufgabe, Tabellen über die Gehälter der Zollwächter und Grenzaufseher anzufertigen. Da saß ich nun von vormittags acht bis zwölf und nachmittags von zwei bis sieben Uhr und schaute hinaus auf den blauen See, der von Schiffen und Nachen durchfurcht und von grünen Höhen umrahmt war, deren Hintergrund der Säntis und andere Alpenriesen bildeten. Aus den nahen Weinschenken hörte man zur Zeit des Früh- und des Dämmerschoppens die Lieder fröhlicher Menschen; namentlich blieb damals das Lied bei mir haften:



»Von der Alpe tönt das Horn
Gar so zaubrisch wunderbar,
's ist doch eine eigne Welt,
Nah dem Himmel schon fürwahr!
Andre Blumen, andre Wolken,
Wie in einem Zauberreich!
Nur mein Lieben, nur mein Leiden
Bleibt sich ewig, ewig gleich!«

Denn der Deutsche singt, wenn er fröhlich kneipt, gerne melancholische Lieder.[58] 
Aus dem Walde über dem See ragt die alte Burg eines Minnesängers, an der ich oft in tiefem Sinnen meinen Blick haften ließ. Da kam es denn öfter vor, daß der »Sabel-Andres« plötzlich neben mir stand und mit vorwurfsvoller Stimme fragte: »Nun, wie weit sind Sie?« – Ach, diese Grenzaufseher und Zollwächter mit ihren Gehältern! Ich sah wohl, daß mein Verhalten nicht geeignet war, mir das Wohlwollen meines »Oberinspektors« zu erwerben, aber ich machte mir nichts daraus.
Ganz plötzlich erschien mein Freund Karl Holtz aus Freiburg in Überlingen. Dieser, der viel auf der Rhenanenkneipe verkehrte, war der Sohn eines badischen Offiziers und hatte mit dem Sohn meines Hauswirts in der österreichischen Armee gedient. Beide waren als Leutnants bei Königgrätz von den Preußen gefangen genommen worden und hatten den Abschied erhalten. Als Holtz von mir vernahm, daß sein Waffengefährte daheim sei, kam er herüber. Da ging es toll her; wir exekutierten am hellen Tage einen Salamander auf dem Pflaster des Marktplatzes. Holtz verwundete verschiedene Mädchenherzen in Überlingen schwer, ich aber schwänzte die ganze Zollamtsschreiberei acht Tage lang.
Als Holtz wieder fort war, hatte ich den mir heute unbegreiflichen Mut; mich im Bureau wieder einzufinden, als ob nichts geschehen wäre. Dem »Sabel-Andres« imponierte das so, daß er mich nur fragte: »Sind Sie wieder von den Toten auferstanden?« was ich einfach bejahte. Die »Kollegen« sahen mich von da ab nur noch scheu von der Seite an. Die Großmutter aber schrieb mir, als sie von der Sache hörte: »Es ist ein Unterschied zwischen leichtem Sinn und Leichtsinn!« Da sie Spaß vertragen konnte, so fragte ich sie bei unserem nächsten Zusammensein, ob sie das in der Empire-Zeit auch so genau genommen habe, worauf sie mir lachend mit dem Finger drohte.
Mit der Zöllner-Karriere aber ging es nun rasch zu Ende. Ich hielt noch einige Wochen aus und verließ dann das Bureau unter dem Gebrumm des »Sabel-Andres.«
Am liebsten wäre ich nun wieder nach Freiburg gegangen, aber die Autorisation meiner Großmutter dazu, respektive die Zusicherung eines entsprechenden Wechsels konnte ich nicht erlangen. Ich kam öfter nach Pfullendorf, um mit ihr zu beraten, wobei ich den fünf Stunden langen Weg stets zu Fuß zurücklegte, und verließ das alte Kloster nie ohne gespickten Geldbeutel. Aber zu einem bestimmten Entschluß kam die Großmutter aus Furcht vor ihrem Sohne nicht und so gab es sich von selbst, daß ich eine Zeitlang in Überlingen »privatisierte«.
Ich leugne nicht, daß es ein ausgelassenes wildes Leben war, welches ich damals führte. Man sprach in Überlingen noch längere Zeit von mir. Da fanden sich allerlei Zechkumpane und es ging manchmal etwas wüst her.
In Überlingen gab es damals verschiedene Originale, eine Menschenart, die in unserer nivellierenden Zeit auszusterben droht. Da war der alte Stadtrechner mit einer ungeheuren knallroten Nase, die »Junge« hatte. Ich suchte ihn oft auf in seinem mittelalterlichen Stübchen auf dem[59]  »Pfennigturm« und er ließ dann stets ein Krüglein Seewein holen. Er war unerschöpflich an Anekdoten und Schnurren. Manchmal holte er auch die rote Fahne herbei, welche die Überlinger bei der berühmten Belagerung von den Schweden erbeutet hatten. Sie hatte viele Kugellöcher und eines wurde bei einer lustigen Kneiperei so vergrößert, daß ein Besucher nachher boshaft fragte, ob denn da eine Kanonenkugel hindurch gegangen sei.
Ein Überlinger Honoratiorensohn hatte den nordamerikanischen Bürgerkrieg mitgemacht und »privatisierte« nun auch in seiner Vaterstadt. Wenn dieser Biedermann »angeraucht« war, erfaßte ihn die damals sehr verbreitete Mirza Schaffy-Begeisterung und er deklamierte:

»Laß alle frommen Toren
In Nüchternheit versinken;
Kein Tropfen geht verloren
Von dem, was Weise trinken!«

Darauf antwortete ich:

»Becherrand und Lippen
Sind Korallenklippen,
Wo auch die gescheitern
Schiffer gerne scheitern!«

Darauf wieder er:


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»Sie meinen ob meiner Trunkenheit
Und gänzlichen Versunkenheit,
Ich fände kein Erbarmen ...
O, ewig möcht' ich betrunken sein
Und ewig möcht' ich versunken sein
In ihren weißen Armen!«

Die zuhörenden Philister hielten uns für verrückt. Mein »trinkbarer« Freund versank zwar in den Armen einer hübschen jungen Frau, ward aber dadurch nicht solider.
Ich machte viele Ausflüge, namentlich nach dem Kloster Salem, dessen durstige Mönche Ignaz Hub so schön besungen hat, nach Meersburg an die Gräber von Annette von Droste-Hülshoff und von Mesmer und an den Untersee, als dieser zugefroren war, so daß man eine herrliche Schlittschuhbahn hatte.
Daß die hübschen Überlinger Mädchen mich nicht gleichgültig ließen, versteht sich von selbst. Bald spann sich mit einer der hübschesten eine Tändelei an, aus der Ernst wurde. Sie war ein hochgewachsenes, schlankes, blondes Mädchen, von vortrefflichem Charakter und guten Anlagen. Ihr Vater war ein kleiner Bodenseeschiffer gewesen, der in einem Sturm mit seinem Schiff untergegangen war. Sie war, davon abgesehen, daß ihre Mutter ein kleines Häuschen besaß, ganz arm. Nach meinen Erlebnissen konnte mich dies nicht stören. Wir verlobten uns.[60] 
Das gab ein Aufsehen in Überlingen und die Klatschmäuler hatten vollauf Beschäftigung. Jetzt aber rührte sich der »Sabel-Andres«, der sich ein Aufsichtsrecht über mein »Betragen« zuschrieb und meldete meinen Eltern, daß ich nun auch noch ein »Verhältnis« mit einer habe, »die gar nichts hat«. Daraufhin kam meine Mutter schnaubend nach Überlingen gefahren, um sich über »die Person« zu erkundigen. Ich war gerade abwesend. Sie konnte über »die Person« nichts Nachteiliges erfahren, aber daß sie »nichts hatte«, genügte schon. Als ich die niedrige Denunziation des »Sabel-Andres« erfuhr, schrieb ich ihm einen sackgroben Brief, der ihn ganz aus dem Häuschen brachte. Er wollte eine »Ehrenerklärung«, denn ich hatte mich ziemlich nahe an Götz von Berlichingen gehalten. So erschienen denn eines Morgens früh, als ich noch im Bette lag, ein Zollamtsassistent und zwei bis an die Zähne bewaffnete Grenzaufseher bei mir, um mir eine »Ehrenerklärung« zur Unterschrift vorzulegen. Ich fragte die Herren, ob sie nach zu verzollenden Waren suchten. Sie verneinten verlegen. Ich hieß sie nun, wenn sie mit mir verhandeln wollten, die Waffen hinaustun; andernfalls könnten sie sich zum Teufel scheren. Wenn nicht, würde ich sie wegen Hausfriedensbruchs belangen. Sie wurden sehr kleinlaut, als sie sahen, daß ich mir von der bewaffneten Macht des »Sabel-Andres« nicht imponieren ließ. Die Angelegenheit wurde später friedlich beigelegt. –
Aber diese Episode sollte meinem Leben eine neue Richtung eröffnen. Ich las sehr viel, trieb Geschichte, Literatur und Staatswissenschaften und versuchte mich in politischen Aufsätzen. Aber zunächst ohne Erfolg. Ein Artikel über die Erschießung von Viktor Noir und über Rochefort – die Noir-Affäre hielt damals die ganze Welt in Spannung – wurde mir als »zu republikanisch« zurückgeschickt. Eine Freundschaft, die ich um diese Zeit gewann, brachte mich in Berührung mit der politischen Welt.
Der Rechtsanwalt Adolf Szuhany aus Mannheim hatte 1849 die Revolution mitgemacht und war als Rechtspraktikant von der revolutionären Regierung zum Untersuchungsrichter in Rastatt gemacht worden. Als solcher hatte er den jungen Wilhelm Liebknecht zu verhören, als dieser wegen eines angeblichen Attentats auf Brentano, den unheilstiftenden Chef der revolutionären Regierung, verhaftet und nach Rastatt gebracht worden war. Szuhany hat mir das Verhör sehr ergötzlich geschildert und es machte später Liebknecht viel Spaß, als ich ihm davon erzählte. Nach dem Falle der Festung Rastatt wurde Szuhany zu längerer Gefängnisstrafe verurteilt. Er blieb seinen radikal-demokratischen Anschauungen treu und ging, von Reaktionären und flauen Liberalen gemieden, in trotziger Einsamkeit seinen Weg, da er in Überlingen fast gar keine Gesinnungsgenossen hatte. Er war äußerlich finster, aber, wenn angeregt, von sonniger Heiterkeit und funkelndem Witz. Er hatte die große Niederlage des Bürgertums und deren schlimme Folgen gesehen. Darum sagte er bei jeder Gelegenheit: »Charakter gibts nur noch im Arbeiterstand.« Er machte mich mit seinen demokratischen Anschauungen bekannt, die ich[61]  begierig in mich aufnahm. Mir ging mit einem Male eine ganz neue Welt auf. So sehr mich das an mir verübte Unrecht erbittert hatte, so wenig hatte ich über dessen eigentlichen Ursprung nachgedacht. Ich hatte es auf mich genommen als etwas Unvermeidliches, als eine Fügung des Schicksals, gegen die nun einmal nicht anzukommen sei. Das war die Wirkung meiner Erziehung. Die demokratische Weltanschauung ließ mich erkennen, daß solches Unrecht nur möglich ist durch unsere mangelhaften öffentlichen Einrichtungen. Revolutionäre Empfindungen lebten mit einem Mal glühend in mir auf. Die Zauberworte »Freiheit« und »Recht« wirkten auf mich ein und ich legte mir diese unbestimmten Begriffe nach meinen Gefühlen aus. Mit einem Mal erschlossen sich mir ganz neue Ausblicke und ich fand meine Lebensaufgabe darin, mich dem großen Kampfe gegen das alte, ererbte Unrecht zu widmen. Die anerzogenen Vorurteile und den eingetrichterten Respekt vor allem Bestehenden warf ich wie alte, unbrauchbar gewordene Wäsche weg.
Szuhany gab mir vortreffliche Ratschläge behufs meiner weiteren politischen Ausbildung. Dann riet er mir, mich nicht länger auf die Großmutter zu verlassen. Der Stiefvater müsse doch bald dahinter kommen, woher ich meine Subsistenzmittel beziehe. Dann werde die Großmutter, auch wenn sie mir noch so zugetan sei, die Hand von mir abziehen müssen. Denn von einem so bösartigen Menschen, wie mein Stiefvater, sei zu befürchten, daß er versuchen werde, die alte Frau wegen Verschwendung unter Kuratel stellen zu lassen. So weit dürfe ich es schon aus Dankbarkeit nicht kommen lassen. Zum Beamten, meinte er, tauge ich ja doch nicht. »Aber ich weiß, wozu Sie taugen«, setzte er mit Wärme hinzu. »Werden Sie Journalist!«
Das schlug ein!
Szuhany empfahl mich der Leitung der demokratischen Partei in Konstanz und nach wenigen Wochen ward ich als »Unterredakteur« an das demokratische Blatt, den »Konstanzer Volksfreund« berufen. Dort sollte ich also eine journalistische Lehrzeit durchmachen.
Mit jauchzender Freude stürmte ich in die neue Bahn hinein.[62] 
Fußnoten

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1 Keine Anspielung.




Journalistenfahrt am Bodensee










Zu Konstanz war einer der Führer der national-liberalen Partei, Max Stromeyer, zum Bürgermeister gewählt worden. Er hatte sich in Konstanz eine Art Paschawirtschaft eingerichtet und in seinem Übermut der Bürgerschaft mit einer »saftigen Rute« gedroht. Gegen ihn verbanden sich alle oppositionellen Elemente und so schlossen sich bürgerliche Demokraten und Ultramontane eng zusammen. Dieser Zusammenschluß war damals um so leichter, als Baden seinen »Kulturkampf« für sich hatte und die ultramontane Agitation einen demokratischen Charakter trug.
Der Führer der Konstanzer Demokraten war der Arzt Dr. Stizenberger, ein sehr vermögender und äußerst rühriger Mann, der sich immer »im Zweiunddreißigstelstakt« bewegte. Er kam mir in jeder Beziehung nett entgegen und förderte mich überall, wo es ihm möglich war. Er war der eigentliche »Oberredakteur« des Parteiblattes, übte aber nur eine Art Aufsicht aus und ließ mich allein machen, nachdem ich einmal in die Redaktionsarbeiten eingeführt war. Der Demokratie hatte sich auch der ehemalige badische Minister des Auswärtigen, der Freiherr Ludwig von Edelsheim, angeschlossen. Er suchte für seine antipreußische Gesinnung und Agitation hier einen Stützpunkt, nachdem er 1866 durch die preußischen Siege aus der Regierung verdrängt worden war. In die Demokratie paßte dieser eingefleischte Aristokrat gar nicht hinein. Aber »die Exzellenz« spielte unter den 48er Republikanern eine wichtige Rolle und überwachte sehr sorgsam meine Redaktionsführung, die in verschiedenen Billets bald gelobt, bald getadelt wurde.
Die Konstanzer Demokratie bestand meist aus kleinbürgerlichen Elementen, zu denen auch einige Bourgeois herniederzusteigen pflegten, die aber nur »unter Pfarrerstöchtern« mit der Revolution kokettierten, vor der sie am meisten erschrocken wären, wenn sie leibhaftig erschienen wäre. Von einigen Achtundvierzigern war ich sehr enttäuscht, so von dem Advokaten Welte, den man 1848 wegen seines »wilden Republikanismus« im Volke des Seekreises den Baronenmetzger genannt hatte. Ich fand ein kleines schüchternes Männlein, das sich nicht einmal entschließen konnte, in einem Preßprozeß meine Verteidigung zu übernehmen, um sich bei den Behörden nicht unbeliebt zu machen. Dieser Mann hätte nicht nur keinen Baron, sondern auch kein Huhn »metzgen« können.
Verschiedene Konstanzer Demokraten hatten 1848 den Heckerzug mitgemacht oder 1849 unter den Revolutionsfeldherrn Sigel und Mieroslawski gedient. Man machte mich mit einem Metzger bekannt, von dem es hieß, er habe im Treffen von Kandern den General von Gagern[65]  erschossen; der Mann beteuerte, dies sei nicht, wie so vielfach von reaktionären Schriftstellern behauptet worden, während des Parlamentierens, sondern erst dann geschehen, als Gagern zum Angriff kommandiert und sich mit geschwungenem Säbel auf die Freischaren gestürzt habe. Gerne hörte ich von den Schlachten bei Waghäusel und an der Murg erzählen. »Bei Waghäusel,« sagte mir ein ehemaliger Volkswehrmann namens Hunkel, »sah man nichts wie Himmel und Preußen; sie schienen plötzlich aus dem Boden herauszuwachsen.«
Verleger des »Konstanzer Volksfreund« war der Buchdruckereibesitzer Stadler, ein geborener Nürnberger, der sich in Konstanz zum wohlhabenden und angesehenen Bürger emporgearbeitet hatte und auch eine Zeitlang Bürgermeister gewesen war. In seinem geräumigen Hause erhielt ich eine Gratiswohnung und einen Teil der Beköstigung, so daß ich mit dem geringen Gehalt als »Unterredakteur« leidlich auskommen konnte. Damals war eben alles sehr billig. Ein Schoppen = 1/2 Liter guten Bieres kostete 2 Kreuzer = 6 Pfennig; ein Schoppen Wein 4–6 Kreuzer = 12 bis 18 Pfennig; ein gutes Mittagessen 18 Kreuzer = 54 Pfennig. Mein Gehalt betrug monatlich 25 Gulden. Der Gulden hatte 60 Kreuzer.
Bei Stadlers war ich in ein gutes Haus gekommen; man war so freundlich und gut gegen mich, als ob ich zum Hause gehörte. Die Erfahrungen des alten Stadler wurden mir sehr nützlich. Er hatte 1848 die von dem bekannten Republikaner Fickler redigierten »Seeblätter« herausgegeben, und, wie sich denken läßt, eine Zeit des Sturmes und Dranges mitgemacht. Begierig lauschte ich den Erzählungen der beiden alten Leute. Namentlich die Altbürgermeisterin besaß ein reiches Anekdoten-Schatzkästlein. Sie erzählte viel von dem originellen Auftreten des republikanischen Agitators Fickler. Eines Tages erschien er während der Märzstürme von 1848 in einer großen Volksversammlung und wollte eben das Wort nehmen, als ein Gensdarm herantrat und mit wichtiger Miene meldete, der Herr Oberamtmann sei soeben angekommen. Darauf begann Fickler seine Rede also: »Männer des Volkes! Man meldet mir soeben, daß der Herr Oberamtmann uns die hohe Ehre erwiesen hat, zu unserer Versammlung zu erscheinen. Das ist schön; da kann er mich auch gleich am – – – –!« Das brausende Gelächter der Versammlung scheuchte den Herrn Oberamtmann zum Saal hinaus.
Die Altbürgermeisterin war in ihrer Jugend Kammerfräulein bei der sogenannten Gräfin Mainau gewesen. Diese war eine frühere »Figurantin« am Karlsruher Hoftheater, deren blendende Schönheit den Großherzog Ludwig bewogen hatte, eine »Gewissensehe« mit ihr zu schließen. Sie wurde zur Gräfin von Gondelsheim gemacht; unter ihrem früheren Namen Katharina Werner war sie in der Kaspar Hauser-Affäre genannt worden. Großherzog Ludwig schenkte ihr unter anderen Gütern auch die Insel Mainau, weshalb sie im Volke die Gräfin Mainau genannt wurde. Der Großherzog aber änderte ihren Titel in Erinnerung an die alte Ritterfamilie, der einst die Insel gehört, in[66]  Gräfin Langenstein um.1 Die Geschichte dieser »Figurantin« ist ein nicht uninteressanter Beitrag zur Geschichte der Maitressenwirtschaft in den Kleinstaaten.
Während die spätere Bürgermeisterin von Konstanz auf der Mainau Kammerkätzchen war, ging es in dem ehemaligen Deutschherrenschlosse dort hoch her; ein üppiges Fest jagte das andere. Dies bewirkte, daß sich die begehrlichen Blicke eines in der Nähe hausenden Abenteurers auf die reizende Insel und ihre nicht minder reizende Beherrscherin richteten. Dies war Louis Napoleon Bonaparte, der spätere Kaiser Napoleon III., der zu jener Zeit auf dem Schlosse Arenenberg lebte, das bei Ermatingen am Untersee liegt. Dorthin hatte sich seine Mutter, die galante Hortense, ehemalige Königin von Holland, zurückgezogen. Der Prinz Napoleon wurde im Schlosse Mainau täglicher Gast und vertrauter Freund der Gräfin. Den Weg von Arenenberg nach der Mainau und zurück pflegte er zu Pferde zurückzulegen. Die Gräfin, so erzählte die Altbürgermeisterin, war groß im Geldausgeben. Manchmal saß sie ganz auf dem Trockenen; dann sah man wieder ihre Schubladen »mit Dukaten eben voll gestrichen«. Napoleon ließ es sich wohl sein auf der Insel Mainau; seine Kaiserträume beherrschten ihn dort schon völlig. 1838 wurde er auf Betreiben der französischen Regierung aus dem Kanton Thurgau ausgewiesen, obschon er schweizerischer Bürger und Artilleriehauptmann geworden war. Am Bodensee hatte er sich durch Geldspenden usw. eine gewisse Popularität erworben. Im Thurgau sieht man heute noch häufig sein Bild. Mehrfach trat er auch als Schürzenjäger bei ländlichen Schönheiten mit Erfolg auf, worüber die Altbürgermeisterin ergötzliche Dinge zu erzählen wußte.
Im Stadlerschen Hause fühlte ich mich recht wohl. Abends fand ich immer anregende Gesellschaft in den Lokalen, wo die Opposition sich traf. Auch eine Anzahl angenehmer junger Leute, Künstler, Kaufleute und Beamte lernte ich kennen, unter ihnen den Finanzpraktikanten Friedrich Hug, den ich im Reichstage später wieder traf, wo er dem Zentrum angehörte. Die Opposition war noch voll Grimm über ihre Niederlage bei der Oberbürgermeisterwahl. Sie hatte dem allmächtigen Stromeyer den derzeitigen Ratschreiber gegenübergestellt; diesem war aber kurz vor der Wahl eine der besten Gerichtsnotarstellen des Landes von der Regierung angeboten worden und er war so schwach gewesen, anzunehmen. Vor dem Stadlerschen Hause war eine große Katzenmusik aufgeführt worden. Der Altbürgermeister ging seitdem jeden Abend in die nahe Schweiz nach dem dicht vor Konstanz gelegenen Dorfe Emmishofen, wo er im »Englischen Gruß« eine gleichgestimmte Gesellschaft von Konstanzer Honoratioren alten Schlages traf. Er nahm mich oft mit und ich lauschte gerne den Erzählungen der alten Herren.[67] 
Jeden Sonntag fuhr ich über den See nach Überlingen zu meiner Braut und zu den mir so lieb gewordenen Freunden.
So flossen die Tage fröhlich dahin. Aber


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»Da plötzlich, horch, ein andrer Tanz:
Das Kriegshorn überm Rhein!«

Anläßlich der spanischen Thronkandidatur eines hohenzollernschen Prinzen war am Himmel finsteres Gewölk aufgestiegen, aber es hatte sich wieder zerstreut. Niemand glaubte mehr an Krieg. Aber da kam die »aus einer Chamade in eine Fanfare« verwandelte Emser Depesche Bismarcks, die sehr aufregend wirkte, namentlich bei den Franzosen, und der am 19. Juli 1870 die Kriegserklärung Napoleons III. an Preußen folgte. Wir waren alle ungeheuer entrüstet über den frechen Friedensstörer Napoleon, der bei der Demokratie wegen seines blutigen Staatsstreiches vom 2. Dezember 1851 ganz besonders verhaßt war. Wir wußten damals noch nicht, daß Napoleon durch die diplomatischen Manöver Bismarcks in eine Situation gedrängt worden war, die ihn zum Losschlagen zwang, und zwar in einem Moment, da die französische Armee nicht kriegsbereit war. Aber wir hofften alle, daß es dem verhaßten Napoleon nunmehr an den Kragen gehen werde, und dachten mit Georg Herwegh:

»Von den Thronen ward als Retter
Hochgepriesen der Tyrann –
Endlich zieht das Donnerwetter
Eines Volks auf ihn heran.«

Die süddeutschen Staaten schlossen sich den Preußen an und alles eilte zu den Waffen.
Meinen damaligen Anschauungen entsprechend überlegte ich, ob ich mich nicht als Kriegsfreiwilliger melden solle. 1869 hatte ich mich zur Konskription in Freiburg gestellt, war aber für untauglich zum Militärdienst erklärt worden. Das kam daher, daß mir bei meiner damaligen Magerkeit der sogenannte Adamsknochen am Halse stark hervorstand. Der assistierende preußische Offizier erklärte: »Hier kann keine Krrrawatte sitzen« und man schrieb in mein Zeugnis: »Gänzlich untauglich wegen Kropfs.« In Wirklichkeit war ich durchaus fehlerfrei; es wurde aber vor 1870 mit den Studenten nicht so genau genommen. Ich hatte immer militärische Neigungen gehabt und mich gerne mit Kriegsgeschichte beschäftigt; auf dem Lyzeum zu Wertheim hatte ein Aufsatz von mir über die Feldzüge des Erzherzogs Karl von Österreich 1796 und 1799 die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich gezogen. Aber vor 1870 stand das Offizierkorps nicht in dem Ansehen wie heute. »Ultima spes miles!2 sagte man spöttisch, wenn ein Student zum Militär überging. Der Garnisonsdienst konnte auch nicht reizen. Aber nun war ein großer Krieg da, der mir allerlei Bilder vorzauberte. Wenn ich als Freiwilliger den Krieg mitmachte, dann konnte[68]  ich mit allem Grund hoffen, wenn ich nicht verstümmelt wurde oder blieb, Leutnant zu werden, was auch bei vielen meiner Kameraden geschah; wenn ich dann in ausländische Dienste trat, in der Türkei etwa oder in Südamerika, dann konnte ich »etwas werden«. Ich war trotz der Bitten meiner Braut im Begriff, mich zu melden; indessen bewog mich im letzten Moment eine Mitteilung, die vom Minister von Edelsheim ausging und sich auf die Behandlung der Freiwilligen bezog, davon abzustehen.
Während sich der Aufmarsch der gewaltigen Heeresmassen diesseits und jenseits des Rheins vollzog, erreichte in Deutschland der furor teutonicus den höchsten Grad. Wenn man bedenkt; daß ein so sein empfindender Mann wie der Ästhetiker Vischer damals den Franzosen zurief: »Euch unverschämter Nation sollte man die Hände zusammenschnüren, daß euch das Blut aus den Nägeln spritzt«, so kann man sich vorstellen, wie die wildgewordenen Spießbürger tobten.
Alle Übertreibung ist in solchen Zeiten lächerlich, widerlich und schädlich. So begierig wir alle die Niederlage Napoleons mit seinen Zuaven und Turkos ersehnten, so widerwärtig waren uns die Wirtshauspatrioten, welche die Franzosenfresserei bis zur äußersten Roheit trieben und Tag und Nacht die »Wacht am Rhein« abbrüllten. Dies Lied war schließlich so »zersungen«, daß Friedrich Stoltze in seiner »Latern« Millionen aus dem Herzen sprach, als er meinte:

»Wacht ihr am Rhei, so viel ihr wollt;
In Frankfort loßt mich schlofe!«

Rasch auf einander folgten die furchtbaren Niederlagen Napoleons.
Durch die Verbindungen des Ministers von Edelsheim waren wir in der Lage, manche wichtigen Ereignisse früher als andere Zeitungen bringen zu können, denn der Nachrichtendienst war damals noch nicht so vortrefflich organisiert wie heute. Ich wurde deshalb abends im Wirtshaus mit Spannung erwartet. Am Abend des Tages der Schlachten von Wörth und Spichern kam ich in das Restaurant »Barbarossa« und rief meinen Freunden zu: »Es hat noch eine Schlacht und zwar bei Spichern stattgefunden, in der die Franzosen auch geschlagen worden sind; bei Wörth ist auch eine badische Abteilung mit dabei gewesen!« Der Stammtisch, der von der Schlacht von Spichern noch nichts wußte, antwortete mit Hurra! An einem anderen Tisch antwortete lautes Wehklagen; dort saßen badische Offiziersfrauen mit ihren Kindern. Es war mir schrecklich leid, den armen Frauen solche Aufregung bereitet zu haben.
Es kamen die Schlachten um Metz und wir erhielten die Nachricht vom Siege bei Gravelotte auch früher als andere. Ich sah eine aus dem Hauptquartier Rezonville datierte Depesche an Edelsheim, in welcher gesagt war, daß der General von Steinmetz wegen seines rücksichtslosen Draufgehens mit dem Hauptquartier in Differenzen geraten sei und von den empörten Soldaten »der Steinmetzger« genannt werde, weil er hatte in geschlossener Kolonne angreifen lassen, was bei dem modernen[69]  Schnellfeuer nicht angängig war. Der Mann lebte noch in der napoleonischen Zeit. Er ward gleich darauf nach Posen zurückgeschickt. Hier sei erwähnt; daß dieser General im Norddeutschen Reichstage für den Normalarbeitstag gestimmt, weil seiner militärischen Art die Regelung der Arbeitszeit gefiel.
Dann kam die Schlacht von Sedan und die Gefangennahme Napoleons. Wir glaubten, daß nunmehr der Krieg bald zu Ende sei. Die Demokratie und die Sozialdemokratie erhoben Einspruch gegen die gewaltsame Annektion von Elsaß-Lothringen. Sie wollten eine Volksabstimmung, wie sie von Bismarck den Nordschleswigern im Artikel V des Prager Friedens zugestanden, aber allerdings nicht ausgeführt worden war.
Darauf ergingen verschiedene Verhaftungen. Bracke und Genossen in Braunschweig, Geib in Hamburg und verschiedene andere Sozialdemokraten, Johann Jacoby in Königsberg und einige Führer der Welfen wurden festgenommen. Die Braunschweiger, Geib und Jacoby wurden, meist in Ketten, nach Lötzen an der russischen Grenze gebracht. Wer sich gegen die Annektion und gegen die Verhaftungen auszusprechen wagte, wurde einfach als »Vaterlandsverräter« bezeichnet und angefeindet, wo er ging und stand. Damals kamen die sogenannten Siegeslümmel auf; die jeden in der gröbsten Weise anrempelten, der nicht zugeben wollte, daß die Franzosen eigentlich mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müßten. Liebknechtsund Bebels Reden im Reichstage galten als von den Franzosen bestellt und bezahlt. Den »Siegeslümmeln« widmete ich damals folgende Verse, die ich in meinen alten Papieren wiederfand:



»Geschlagen ist bei Wörth die Schlacht,
Es wurden den Franzosen,
Daß schnell sie sich davon gemacht.
Geklopft die roten Hosen.
Der Telegraph hats hergeblitzt;
Im Wirtshaus herrscht Getümmel,
Hoch oben an dem Stammtisch sitzt
Der große Siegeslümmel.

Er ist bei allem Heldentrieb
Nicht in den Krieg gezogen,
Denn Schlafrock und Pantoffeln blieb
Er gar zu sehr gewogen.
Doch hat die Feinde unser Heer
Im Felde drauß geschlagen,
Dann frißt zu Haus sie nochmals er,
Tut ihr Gebein benagen.

Die Jesuiten frißt er auch,
Dazu die Demokraten,
Die sind für solchen grimmen Gauch
Ein hochwillkommner Braten.[70] 
Er schluckt viel Bier und renommiert,
Daß sich die Balken biegen,
Als hätte Deutschland er geführt
Zu seinen großen Siegen.

Um Mitternacht sitzt er allein
Bezecht und gröhlt im Grimme
Zum letzten Mal die Wacht am Rhein
Mit seiner heisern Stimme.
Da öffnet sich die Türe weit,
Es ist ein Geist erschienen;
Es schweigt des Sängers Höflichkeit,
Angst künden seine Mienen.

Ja, das ist die Hausobrigkeit,
Die Gattin rachetrunken,
Der Held und Sänger lang und breit
Ist untern Tisch gesunken.
»Genug«, spricht die erzürnte Frau,
»Mit Sausen und mit Singen;
Doch helft mir jetzt die alte Sau
Auch mal nach Hause bringen!«

Dies Jugendgedicht – das einzige von mir, das sich erhalten – kursierte in etwas anderer Form damals bei vertrauten Freunden; an die Öffentlichkeit durfte sich so etwas nicht wagen. Dagegen hörte man bald das bekannte Lied: »König Wilhelm saß ganz heiter« etc. in den Wirtshäusern. In diesem Lied wurden die Franzosen allesamt »Lumpenpack« genannt und weiter hieß es:

»Haut sie, daß die Lappen fliegen,
Daß sie all die Kränke kriegen
In das klappernde Gebein« usw.

Unter diesen Umständen gingen wir fast jeden Abend in die Schweiz und trafen uns in Emmishofen im »Englischen Gruß«. Dorthin brachte ich am 4. September abends die Depesche, daß in Frankreich die Republik proklamiert sei und daß sich Gambetta und Rochefort in der Regierung befänden. Diese damals in Deutschland sehr populären Namen riefen eine große Begeisterung hervor, namentlich bei den anwesenden Schweizer Freunden, die auf die Tische sprangen und die Republik hochleben ließen.
Aber der Krieg und die auf denselben folgende übermächtige nationalliberale Strömung entzogen unserem kleinen demokratischen Blatte den Boden. Die Abonnenten fielen ab »wie die Mucken«, wie man in Baden sagt. Wir sahen schon im Oktober ein, daß der »Konstanzer Volksfreund« das Neujahr 1871 nicht überleben werde. Mir war das ungemein schmerzlich, denn ich wäre begreiflicherweise gerne bei den »Seehafen« – so nennt man die Anwohner des Bodensees – geblieben. Auch war ich Mitarbeiter[71]  von Stadlers populärem Kalender »der Wanderer am Bodensee« geworden, für den ich meine ersten Novellen sowie größere historische und politische Aufsätze schrieb. Das verhältnismäßig reichliche Honorar kam mir sehr zu statten.
Im Oktober wurde ich volljährig und mein Stiefvater rechnete prompt mit mir ab. Es war noch ein für meine Verhältnisse nicht unbedeutender Rest meines Vermögens vorhanden. Aber dieser blieb an Händen kleben, aus denen ich ihn durch Hilfe der Justiz nicht herausholen mochte. So verzichtete ich darauf und ließ auch die Philister schwatzen, welche sich arg darüber aufhielten, daß ich auf der Universität etwa 150 Mark Schulden hatte machen müssen.
Um diese Zeit hatte ich meinen ersten Preßprozeß; ich war wegen Beleidigung eines nationalliberalen Redakteurs angeklagt. Dieser hatte die Demokraten als Vaterlandsverräter bezeichnet und ich hatte heftig erwidert, worauf er Strafantrag stellte. Bei der Gerichtsverhandlung sah ich, wie den Nationalliberalen der Kamm geschwollen war. Der klägerische Anwalt stellte den Satz auf: »Die Demokraten sind Vaterlandsverräter« und suchte dies mit einem Schwall geschwollener Phrasen zu »beweisen«. Der Vorsitzende, der mich gut kannte, ließ dies zu. Ich wurde zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt; diese Strafe wurde später durch geschickte Verteidigung eines Konstanzer Anwalts auf 8 Tage reduziert, schließlich aber mit Zustimmung des Klägers mit Geld abgemacht, was damals zulässig war.
Nun hieß es für mich eine andere Stellung finden. Das war damals nicht sehr schwer, denn es fehlte an brauchbaren Journalisten. Meine Freunde waren mir behilflich. Wir entdeckten, daß am »Schwarzwälder Boten« in Oberndorf am Neckar ein Redakteur gesucht wurde. Ich meldete mich und Stadler, Dr. Stizenberger und Dr. Szuhany gaben mir die wärmsten Empfehlungen dazu. Der »Schwarzwälder Bote« galt damals als demokratisches Blatt im Sinne der württembergischen Volkspartei. Ich erhielt von dem Besitzer, Herrn Brandecker, sogleich eine zusagende Antwort und wurde ersucht, in Villingen mit ihm zusammenzutreffen, um den Anstellungskontrakt abzuschließen.
Der »Schwarzwälder Bote« war ein sehr verbreitetes und sehr einträgliches Blatt; sein Besitzer galt als ein schwer reicher Mann. Ich erstaunte daher nicht wenig, als ich in Villingen ein kleines vertrocknetes Männlein, nach Kleidung und Haltung einem Dorfschulmeister aus dem Hinterwald vergleichbar, vorfand, das sich mir als Brandecker zu erkennen gab. Aber es folgte eine sehr angenehme Enttäuschung. Das Männlein entfaltete zwei Bogen größten Kanzleiformats, auf denen ganz oben rechts in der Ecke mit ungelenker Schrift geschrieben stand: »Herr Blos erhält 1000 Gulden Gehalt, dazu Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Wäsche und Frühstück.«
Das war ein Aufstieg! Für jene Zeit und für einen jungen Mann von 21 Jahren war das ein glänzendes Einkommen. Ich unterschrieb mit vor[72]  Freude zitternder Hand und dankte Brandecker, den ich so von seiner besten Seite kennen gelernt. Wir machten aus, daß ich zu Anfang Januar meine Stellung in Oberndorf antreten sollte.
Als ich nach Konstanz zurückfuhr, war ich über alle Maßen glücklich. Frei, selbständig, auf niemanden angewiesen, so kam ich mir vor. Ich dachte nicht daran, daß ich mich einem kapitalistischen Betrieb verpflichtet hatte, dessen Schattenseiten ich erst noch kennen lernen sollte.
Der gute alte Stadler gab mir noch einige Tage frei, die ich natürlich in Überlingen zubrachte. Dort hatte ich noch ein merkwürdiges Erlebnis. An einem Sonntag abend spät ging ich; nachdem ich bei meiner Braut gewesen, in den Gasthof zum Wilden Mann, um mich zur lustigen Tafelrunde des Stadtrechners zu gesellen. Im vorderen Zimmer machte gerade ein »Siegeslümmel«, ein betrunkener Lithograph namens Sulger, einen großen Lärm und schimpfte von einem Stuhl herab über die »verkommene Nation«, die Franzosen. Als ich durch das Zimmer ging, deutete er auf mich und rief: »Das ist auch so ein Franzosenfreund und Vaterlandsverräter!« Ich antwortete ihm nur mit einer verächtlichen Gebärde und achtete weiter nicht auf ihn. Solcher franzosenfressenden Arbeiter gab es damals ungemein viele. Bald darauf wollte Sulger nach Hause, stürzte in seinem Rausche die steile Wirtshaustreppe hinab und war sofort tot; da er das Genick brach. Es gab eine große Aufregung; ich half den Leichnam auf einer Leiter nach der Polizeiwache tragen, wobei ich blutige Flecken auf meine Kleider bekam. Das wurde benützt, um mich zu denunzieren, ich hätte den Sulger die Treppe hinabgeworfen, nachdem ich mit ihm gerauft. Die Denunziation, die von der Geliebten des Sulger ausgegangen sein soll, hatte natürlich keine weitere Wirkung.
Wie weit die Anmaßung von Leuten, die sich als »Patrioten« hervortun wollten, damals manchmal ging, zeigte sich so recht, als ich mit meinem Freunde Szuhany beim Abschiedsschoppen saß. Dazu kam, wenn ich recht weiß, der Bruder eines badischen Offiziers, der 1849 zur Revolutionsarmee übergetreten war, aber beim Heranrücken der Preußen sich zu diesen begeben und dabei die Pferde und die Epauletten Sigels mitgenommen hatte. Der Bruder dieses Überläufers war Kontrolleur oder etwas dergleichen beim Zollamt und kannte mich von dort. Als er mich mit dem verhaßten Demokraten Szuhany zusammen sah, rief er in großväterlichem Tone: »Kehren Sie zur bürgerlichen Gesellschaft zurück; Sie haben noch Zeit, ein ordentlicher Mensch zu werden!« – Erst dachte ich den Menschen zu ohrfeigen, dann aber lachte ich aus vollem Halse, Szuhany lachte mit und wir lachten die Schreiberseele zum Lokal hinaus. Er predigte draußen auf der Straße noch weiter; Szuhany aber meinte, so »kannibalisch wohl« sei ihm schon lange nicht gewesen, wie nach diesem befreienden Lachen.
Ich hatte um diese Zeit alle die Sorgen und Kümmernisse, mit denen man meine Jugend belastet, völlig abgeschüttelt und reckte mich kräftig empor; auch mein Humor, der mich in den schwierigsten Lebenslagen nicht[73]  verlassen hat, kam zur vollen Geltung. Eine neue Bahn war mir eröffnet und ich drang frischen Mutes vor. Aber dennoch war ich tief bewegt, als ich, nachdem ich von meiner Braut und von meinen Freunden Abschied genommen, über den See von dannen fuhr. Man gewöhnt sich leicht an den Bodensee und fühlt sich wie an heimatlichen Gestaden. Darum ward mir der Abschied schwer. Auch fragte ich mich, ob ich überall so treffliche Freunde finden werde.
Vom Bug des Dampfers schaute ich in den stürmisch bewegten See hinein. Zu Hunderten rollten »die Schäf« um das Schiff, als wollten sie mir eine stürmische Zukunft ankündigen.3 Aber ich steuerte ja einem sicheren Port zu.
Als ich ans Land stieg, nahm ich die Mannheimer »Neue Badische Landeszeitung« zur Hand, die damals von dem bekannten Demokraten Dr. Josef Stern redigiert wurde. Dort wurde das Eingehen des »Konstanzer Volksfreund« gemeldet und zum Schlusse hieß es:
»Drei Salven über das Grab des braven Kameraden!«
Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß mir die Tränen in die Augen traten.
Fußnoten

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1 Ihre Tochter heiratete einen Grafen Douglas und von diesem ging die Mainau 1853 in den Besitz des Großherzogs Friedrich von Baden über.

2 Die letzte Hoffnung ist das Militär.

3 Schäf – so viel wie Schafe – werden die weißen Rämme der Wellen von den Anwohnern des Bodensees genannt.




Der Schwarzwälder Bote










[75] Oberndorf am Neckar, ein Oberamtsstädtchen im württembergischen Schwarzwaldkreis, zählt gegen 5000 Einwohner. Das tief eingeschnittene Neckartal ist von teils dicht bewaldeten, teils kahlen Höhen überragt. Das Städtchen zieht sich am Bergesabhang des linken Neckarufers empor. Es hat vor den gewöhnlichen schwäbischen Städtchen zwei Besonderheiten voraus, die ehemals königliche, jetzt Mausersche Gewehrfabrik, die unten am Neckarufer liegt, und den »Schwarzwälder Boten«, dessen Gebäude oben auf der Höhe ragen.
Der Begründer des »Schwarzwälder Boten«, mein nunmehriger Chef, Herr Brandecker, damals ein angehender Sechziger, war ursprünglich Schriftsetzer und hatte, als er von der Wanderschaft heimkam, all seinen Besitz auf einem kleinen Handwägelchen mit sich geführt, wie man mir erzählte. In den dreißiger Jahren gründete der unternehmende junge Mann das Blatt, das bald einen ansehnlichen Leserkreis hatte, da es auf dem Schwarzwald damals fast ohne Konkurrenz war. Brandecker konnte keine Artikel schreiben; dazu fehlten ihm Kenntnisse und Übung; höchstens konnte er eine Lokalnotiz zusammenbringen. In Oberndorf passierte wenig, worüber berichtet werden mußte, und anderwärts hatte Brandecker seine Berichterstatter. Den politischen Teil entnahm er einfach anderen Blättern und seine »journalistische« Tätigkeit bestand darin, unter die ausgeschnittenen Artikel die Quellenangabe »Sch. M.« = »Schwäbischer Merkur« oder »Beob.« = »Beobachter« oder »Frkf. Ztg.« = »Frankfurter Zeitung« – zu setzen. Mit der Post hatte er ein Abkommen getroffen, wonach ihm die ankommenden Blätter sofort ausgehändigt wurden. Wenn z. B. der »Schwäbische Merkur« abends in Oberndorf ankam, so erhielten ihn die Abonnenten erst am andern Morgen; Brandecker aber, der ihn noch am Abend erhielt, entnahm ihm das Neueste und ließ sein Blatt dann noch in der Nacht drucken, so daß es gleichzeitig mit dem »Schwäbischen Merkur« oder dicht hinter ihm zu den Abonnenten kam. Häufig war auch die Quelle der Neuigkeiten im »Schwarzwälder Boten« nicht angegeben. Der »Schwäbische Merkur« und andere Blätter protestierten manchmal entrüstet gegen dieses Ausplünderungssystem, aber einen gesetzlichen Schutz dagegen gab es damals nicht und Brandecker zeigte sich den Protesten gegenüber so gepanzert wie der hürnene Siegfried.
Das Blatt kam hoch und warf bald einen großen Gewinn ab, da ihm Inserate in überreichlicher Fülle zuströmten. 1848 tat Brandecker ein wenig revoluzzen, als er, wenn er sich die Gunst seiner Leser erhalten wollte, nicht anders konnte. Er war aber dabei so vorsichtig, daß er nachher mit einigen Wochen Hast davonkam. Das Blatt behielt seinen gemäßigt[77]  demokratischen, resp. württembergisch-partikularistischen Anstrich; nach 1870 wurde es sukzessive nationalliberal und ist es heute noch, nachdem es ein mit allen modernen Betriebsmitteln ausgestattetes Blatt geworden.
Mit dem Reichtum wuchs auch Brandeckers Selbstgefühl. Er war angehender Millionär und viele Dächer in Oberndorf trugen seine Hypotheken. Der Respekt der Bevölkerung, namentlich der Kleinbürger und Bauern, vor ihm war ungeheuer. Er trug eine Brille, was damals nicht so häufig war, wie heute. Die Spießbürger hielten ihn darum für ein gelehrtes Haus, was er sich gerne gefallen ließ. Er hatte übrigens auch recht gute Eigenschaften; so war er ein trefflicher Familienvater.
Aber es war begreiflich, daß seine Art und die meinige bald hart zusammenstoßen mußten.
Ich ward im Brandeckerschen Hause in einem recht freundlichen Stübchen drei Treppen hoch einquartiert. Alle in meinem Vertrag enthaltenen Bedingungen wurden mit größter Aufmerksamkeit und Pünktlichkeit innegehalten.
Redaktion, Expedition und Druckerei befanden sich in einem gegenüberliegenden Hause; die große Maschine, auf der das Blatt gedruckt wurde, stand ebener Erde im Brandeckerschen Wohnhause, das sie Tag und Nacht erschütterte. Rotationsmaschinen gab es damals in Deutschland noch nicht und die Brandeckersche Maschine, welche die Bogen an vier Ecken auswarf, brauchte von Mitternacht bis gegen Morgen, um die 20,000 Exemplare des »Schwarzwälder Boten« zu drucken.
Als Bureau hatte ich ein gemütliches kleines Zimmer. Auf dem Pult erhob sich ein reich bewachsenes Efeugitter, so daß ich jederzeit im Grünen saß. Neben mir führte ein hölzerner Kanal, der an gewisse heimliche Anstalten erinnerte, in die Druckerei hinab. Brüllte drunten der Faktor in die Röhre hinein: »Manuskript!« oder »Korrektur!«, so konnte ich das Gewünschte hinabgleiten lassen, ohne nur aufzustehen. Ein so bequemes Redaktionsbureau habe ich später nie wieder gehabt.
Ich arbeitete mit wahrem Feuereifer und ertrug leicht die Anstrengungen, die mit dieser Stellung verbunden waren. Um halb sechs Uhr früh mußte ich auf dem Bureau sein, der letzten Korrekturen wegen; der Herr Chef, ein Mann von unermüdlichem, zur Lebensgewohnheit gewordenem Fleiß, erschien um diese Zeit auch in seinem nebenan gelegenen Bureau. Um sieben Uhr wurde mir das Frühstück gebracht, das sehr reichlich war. Dann hieß es arbeiten bis zwölf Uhr. Die Mittagspause dauerte von zwölf bis drei Uhr; von da ab arbeitete ich wieder bis sechs Uhr. Abends um halb neun Uhr fand ich auf meinem Zimmer im Brandeckerschen Hause Korrekturen vor und nachdem ich diese gemacht, stieg ich zum Chef in dessen Wohnung hinab, wo die neu angekommenen Tageszeitungen geplündert wurden. Dies dauerte gewöhnlich bis elf Uhr und der Chef gab das »Manuskript« selbst in die Druckerei.
Wie fast alle jungen Redakteure hatte auch ich das Bedürfnis, möglichst viel Original für das Blatt zu liefern. Ich schrieb fast täglich einen Leitartikel[78]  und täglich eine politische Übersicht. Dem Publikum gefiel dies und ich hörte mehrfach aussprechen, daß sich das Blatt jetzt frischer und lebendiger präsentiere, als bisher. Aber dem Chef gefiel diese Neuerung nicht. Das Gefühl, daß er selbst nicht fähig war, einen Artikel zu schreiben, war ihm drückend; auch mochte er befürchten, daß ich mit meinen demokratischen Anschauungen zu weit gehen könnte.
Einige Wochen zuvor waren die blutigen Schlachten von Villiers und Champigny vor Paris vorgefallen, bei denen die Württemberger so stark engagiert waren. Die langen Verlustlisten trugen Trauer durch das ganze Land. Ich gab dieser Stimmung Ausdruck und stellte zugleich eine Berechnung der Kriegskosten auf. Dies zog uns einen äußerst heftigen Angriff in einem franzosenfressenden schwäbischen Hetzblatte zu. Brandecker, dem das Herz dabei in die Hosen fiel, sprach mir erregt den Wunsch aus, mich seinem erhabenen Beispiel anzupassen und mehr die Schere als die Feder zu handhaben. »Wozue halt i Ihna denn die viele Blättle?« knurrte er. »Schneidet Se doch aus!«

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Auch eine dem Verhältnis des kapitalistischen Unternehmers zum Angestellten entspringende Anmaßung hatte ich gleich in den ersten Tagen zurückzuweisen. Es wurde mir ein Anmeldeschein für die Polizei vorgelegt und Brandecker stand daneben, als ich ihn ausfüllte. Er deutete auf die Rubrik »Beruf« und sagte: Schreibet Se »Redaktionsgehilfe!« Der Blick, mit dem ich ihn maß, muß nicht eben freundlich gewesen sein, denn er trat einen Schritt zurück. Ich schrieb »Redakteur«, ohne ein Wort zu sagen, und der Meister der Redaktionsschere steckte es auch stillschweigend ein, daß ich mich nicht zum »Gehilfen« in seinem Handwerk degradieren ließ.«
Trotz alledem kamen wir gut miteinander aus und Brandecker überließ mir die Redaktion fast ganz allein.
Der Krieg ging nunmehr zu Ende, nachdem die Franzosen in der Nähe der badischen Grenze bei Belfort versucht hatten, über den Rhein vorzubrechen.
In Süddeutschland herrschte große Bestürzung, denn es stand den 150,000 Franzosen unter Bourbaki nur die badische Division unter General von Werder entgegen, die 37,000 Mann stark war und sich nur auf 43,000 Mann verstärken konnte. Sie leistete den tapfersten Widerstand, wäre aber von der gewaltigen Übermacht doch wohl überwältigt worden, wenn die französischen Truppen in bezug auf Ausrüstung und Verpflegung nicht gar so übel dran gewesen wären. Betrügerische Industrielle und Lieferanten hatten die Armee zum guten Teil mit Schuhwerk versehen, das Pappsohlen hatte, und damit sollten die jungen Rekruten im Schnee marschieren. Nachdem sich die badische Division drei Tage lang aufs tapferste verteidigt, zogen sich die Franzosen auf die Nachricht vom Anmarsch einer preußischen Armee unter Manteuffel zurück und wurden in die Schweiz gedrängt. Die Franzosen waren in schrecklichem Zustande, wie ich mich auf einer Reise in die Schweiz überzeugen konnte. Dennoch hatten sie bei einigen mir bekannten Schweizer Jungfrauen und Frauen recht viel Glück.[79] 
Später las ich die Memoiren des ehemaligen württembergischen Kriegsministers von Suckow, in denen er über eine interessante Unterredung mit Moltke berichtet. Man sah den französischen Krieg voraus; Suckow sagte die Bundesgenossenschaft Württembergs zu und fragte an, was geschehen würde, wenn am Oberrhein von den Franzosen ein Angriff unternommen würde. Moltke entgegnete – nach Suckows Bericht – recht brüsk, um Oberrhein und Schwarzwald würde sich die preußische Heeresleitung nichts bekümmern; die linke Flanke der preußischen Armee sei am Thüringer Wald. Alsdann sprach er noch geringschätzig von der Bundesgenossenschaft Württembergs, wo die Demokratie dominiere. Jedenfalls hatte sich Moltke darüber geärgert, daß die schwäbische Volkspartei die Umgestaltung der Armee nach preußischem Muster heftig bekämpft und eine umfassende Agitation für das Milizsystem nach schweizerischem Muster eingeleitet hatte.
Hält man die Mitteilungen des Kriegsministers von Suckow mit den Ereignissen vor Belfort zusammen, so kommt man zu der Anschauung, daß Moltke in der Tat seine Operationen nach den gegen Suckow ausgesprochenen Grundsätzen durchgeführt hat. Ohne den tapferen Widerstand der badischen Division und ohne das Pech der Franzosen würde der von Freycinet ausgedachte Vorstoß der Franzosen gelungen sein, was für Süddeutschland von unberechenbaren Konsequenzen gewesen wäre. Manteuffel kam zu spät und erntete dennoch den Ruhm der Affäre.
Am 28. Januar kapitulierte Paris und damit begann der Waffenstillstand; am 12. Februar trat die französische Nationalversammlung in Bordeaux zusammen. Jetzt regte sich in Brandecker der Drang, sich den weiteren Gang der Weltgeschichte in der Nähe anzusehen. Ein Landsmann und Freund von ihm, namens Schwarz, war als Sekretär oder etwas ähnliches in den Bureaus der französischen Nationalversammlung angestellt – wo in der Kulturwelt gibt es keine Schwaben? – und lud nun Brandecker ein, ihn in Bordeaux zu besuchen und später mit nach Versailles zu gehen. Eine solche Reise war damals mit allerlei Bedenklichkeiten verknüpft, aber Brandecker bedachte sich nicht und unternahm die Reise. Die Redaktion vertraute er mir allein an, worüber in den unterrichteten Kreisen großes Erstaunen herrschte, denn solches Vertrauen hatte er einem andern noch niemals, auch nicht für drei Tage, geschenkt.
Er reiste ab. Die allabendliche Plünderung der Blätter hatte ich von da ab mit der mindestens zweihundertfünfzigpfündigen Gattin Brandeckers auszuführen, die übrigens früher sehr schön gewesen sein mußte, Sie war eine Tochter des Stadtschultheißen Pfäfflin von Horb, eines Achtundvierzigers mit langem weißem Bart, der mit mir kneipte, wenn er kam. Frau Brandecker »redigierte« das Unterhaltungsblatt des »Schwarzwälder Boten«, das heißt, sie las eine Menge Romane, wählte solche für das Blatt aus und strich sie zusammen. Bei den abendlichen Plünderungen war auch manchmal die schon sehr gewichtige jüngste Tochter zugegen.[80] 
Den Mittagstisch, der sehr gut und billig war, hatte ich im Wirtshause; dort traf ich mit einem jungen Assessor zusammen, mit dem ich damals auf sehr freundschaftlichem Fuße stand. Heute, da er einen höheren Richterposten inne hat, kennen wir uns nicht mehr. Abends hatte ich meinen Stammtisch im »Goldenen Engel«, wo die freundliche behäbige Wirtin sich immer über meine manchmal derben Spässe freute. Dort wurde ich befreundet mit dem demokratischen Landtagsabgeordneten für Oberndorf, dem Rechtsanwalt Gutheinz, der mir, so lange er noch lebte, anhänglich geblieben ist. Dieser treffliche Mann hat das meiste dazu beigetragen, mir den Aufenthalt in dem sonst so philiströsen und langweiligen Oberndorf erträglich zu machen. Sonst hörte man am Stammtisch, wenn nichts Neues in der Zeitung kam, so ziemlich jeden Abend das gleiche.
Der Stadtschultheiß pflegte zu sagen:
»D'escht emol sicher, d'schlechtschte Kerle send ehe doch d'Amerikaner.«
»Un i sag nomal, 's ischt net wohr«, erwiderte dann der Oberlehrer, »dr schlechtscht Kerle ischt der Greil.«1
»Ach was!« brauste dann regelmäßig der Reallehrer auf, »der schlechtscht Kerle ischt der Cobentzl!«2
Gutheinz und ich sahen uns dann an und lachten.
Auch ein sogenannter Sozialdemokrat war in der Gesellschaft, ein junger Sägmühlenbesitzer, der manchmal gegen die »Fürschte« republikanische Redewendungen gebrauchte und darum für einen »ganz Roten« galt. Als am Abend des 18. März 1871 aus Paris gemeldet wurde, in Paris sei ein sozialistischer Aufstand ausgebrochen und zwei Generäle seien erschossen worden, ließ ich noch schnell ein Extrablatt drucken und brachte das erste Exemplar an den Stammtisch hinüber. Der Reallehrer riß es mir aus der Hand, schwenkte es grimmig vor der Nase des »sozialdemokratischen« Sägmüllers hin und her und brüllte:
»Do hent Se's jetz mit dene Kommunischte!«
Der Sägmüller sank in seinem »moralischen« Schuldbewußtsein förmlich zusammen ...
Es gab aber auch einen wirklichen Sozialdemokraten in Oberndorf. Dies war der Maschinenmeister Kießling in der Brandeckerschen Druckerei. Er war 1870 als Delegierter auf dem Stuttgarter Kongreß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei gewesen. Das verzieh ihm Brandecker nicht und er hätte ihn gewiß auf die Straße geworfen, wenn der arme Teufel nicht in der Not und wegen seiner Familie versprochen hätte, vom Sozialismus zu lassen. Kießling war schwindsüchtig und mußte nachts die große Maschine dirigieren, aber auch am Tage noch ein gewisses Pensum leisten. Er siechte unverkennbar seinem Ende entgegen. Das Schicksal dieses Mannes regte mich zum Nachdenken an und ließ die in mir schlummernden sozialistischen Empfindungen sich leise regen.[81] 
Eine nicht uninteressante Bekanntschaft waren auch die Gebrüder Mauser, die sich damals noch Büchsenmacher nannten und einen kleinen Laden hatten. Die Woche über beschäftigten sie sich mit der Verbesserung von Mordwerkzeugen, des Sonntags sah man sie als gute Katholiken mit dicken, von Goldschnitt strahlenden Gesangbüchern unterm Arm in die Kirche wandeln. Sie waren übrigens angenehme Gesellschafter und erzählten viel von ihrem neuen Zündnadelgewehr, welches von dem preußischen verdrängt worden war. 1871 kamen die in der Schlacht von Champigny erbeuteten Chassepotgewehre in der Königlichen Gewehrfabrik an und die Gebrüder Mauser konstruierten daraus ein neues Gewehr, welches die Vorzüge des deutschen und französischen Systems besaß. Ich war oft dabei, wenn das Gewehr auf der Wiese über dem Neckar probiert wurde und die Kugeln über die Landstraße und die Spaziergänger hinweg flogen. Das Mausergewehr hatte für die Patronen erst eine Metallhülse; nachdem diese durch eine Papierhülse ersetzt war, wurde das Gewehr für die deutsche Armee angenommen. Der ältere Mauser schien mir der Bedeutendere zu sein; den jüngeren sah ich dreißig Jahre später im Reichstage als Abgeordneten für Oberndorf wieder, aber wir verkehrten nicht mehr miteinander.
Im März 1871 trat der erste deutsche Reichstag zusammen und mit großer Spannung folgte ich der Wahlbewegung. Im Oberndorfer Wahlkreis trat als Kandidat der Stuttgarter Oberstudienrat Frisch auf, der dem Frankfurter Parlament angehört und beim Rumpfparlament bis zur Sprengung ausgehalten hatte. Es heißt von ihm, er sei, als er den Typhus gehabt, von dem Dichter Hauff gepflegt worden, und dieser habe sich dadurch die tödliche Krankheit zugezogen, der er so früh erlag. Jetzt kam Frisch als nationalliberaler Kandidat nach Oberndorf und hielt eine Wählerversammlung, welche vom Oberamtspfleger Frueth, einem Mitgliede des Frankfurter Vorparlaments, geleitet wurde. Aber vom Geiste von 1848 war hier nichts zu verspüren. Man sprach nur von der Einheit. Der nationalliberale Oberamtsrichter Wirth kandidierte gegen seinen Parteigenossen und suchte die Wähler für sich zu gewinnen, indem er von »einer reicheren Gliederung des Ganzen« sprach. Dies war auf den Partikularismus berechnet. Aber Wirth fiel durch.
Er war ein sonderbarer Kauz und hatte eine »teutsche« Orthographie erfunden, die noch schnurriger war, als die Puttkamersche. Auch »Kriegslieder« hatte er gedichtet und ich will hier die erste Strophe eines solchen zitieren, um zu zeigen, bis zu welchem Blödsinn sich die kriegerische Muse damals versteigen konnte. Das Lied begann:



»Voran und rasch hinüber,
Hinüber in die Pfalz!
Dem frechen Unfugüber
Gehören Nasenstüber
Und Hiebe aus dem Salz!
Salzsalz!
Salzsalzeralz salz salz!«[82] 
Es fand sich sogar ein Mensch, der diese Verse mit dem genial erdachten Refrain in Musik setzte.
Als ich diese Verse in einem Artikel im »Stuttgarter Beobachter« kritisierte, wurde ich in einer Gesellschaft dem anwesenden Oberamtsrichter als mutmaßlicher Verfasser denunziert und zwar von einem Menschen, der damit den Verdacht der Verfasserschaft von sich ablenken wollte. Gut, daß ich damals dem Oberamtsrichter nicht in die juristischen Klauen kam.
Sechs Jahre später trafen dieser Wirth und ich uns wieder als Abgeordnete im Reichstage. Er nahm ein schreckliches Ende. Er wurde der falschen Protokollierung überführt, die nationalliberale Fraktion des Reichstages stieß ihn aus und er erhängte sich schließlich im Gefängnis.
Anfangs Sommers 1871 kamen mehrere Tausende württembergischer Soldaten auf dem Rückmarsch aus Frankreich durch Oberndorf. Ich begrüßte sie mit einem Gedicht an der Spitze des Blattes. Als ich aus dem Fenster des Redaktionslokals eine Anzahl Blätter mit dem Gedicht den vorübermarschierenden Truppen hinabwarf, fing ein junger Leutnant eines mit dem Degen auf und rief: »Den haben wir oft gelesen mit Genuß!« Es waren nämlich täglich tausend Exemplare des Schwarzwälder Boten an die württembergische Division gesandt worden.
Bei Brandecker schien ich nach seiner Rückkehr in noch höherer Gunst zu stehen, als zuvor. Ich ward öfter zum Familientisch und namentlich zum Sonntagnachmittagskaffee zugezogen. Stets war die jüngste Tochter zugegen, welche mir mit ihren ziemlich ungelenken Fingern etwas auf dem Klavier vorzuspielen pflegte. Plötzlich verbreitete sich im Orte das Gerücht, ich würde Brandeckers Schwiegersohn werden. Der Wirt, bei dem ich meinen Mittagtisch hatte, gratulierte mir, und als ich sagte, ich wisse von nichts, meinte er überlegen, dort sei ein Journalist als Schwiegersohn willkommen. Ich glaubte nicht an die Sache, bis mir eine gewichtige Persönlichkeit den Rat erteilte, frischweg um die Hand der jungen Dame anzuhalten. Ich erwiderte, daß ich gebunden sei. Die gewichtige Persönlichkeit schüttelte lachend den Kopf und meinte: »Das wird schon noch werden!« Allein es wurde nicht und die gewichtige Persönlichkeit sagte mir lange Zeit nachher noch mit bedauerndem Achselzucken: »Se send halt nit weltklug gwä!«
Schließlich gab es aber doch Differenzen. Ich hatte nämlich auch Sonntag abends Arbeit, namentlich waren Korrekturen zu lesen. So war ich eines Sonntags in Rottweil gewesen, hatte fröhliche Gesellschaft gefunden und war zeitig, aber ungern nach Hause gefahren. Ich hatte tüchtig gezecht. Die Korrekturen machte ich, dann sank mein edles Haupt schwer auf den Tisch und ich schlief ein. Um halb zehn Uhr kam wie gewöhnlich das Dienstmädchen, klopfte und rief draußen: »D'Boscht isch do!« Ich wachte aber nicht auf. Statt nun das Mädchen noch einmal heraufzuschicken, wartete Brandecker drunten, rannte schnaubend hin und her und kam endlich nach einer Stunde »geladen zum Platzen« heraus. Er weckte mich und fuhr mich grimmig an; ich verteidigte mich und sagte, er hätte[83]  doch noch einmal nach mir schicken können; wir wurden immer heftiger und es ärgerte mich, von diesem Manne so behandelt zu werden, der eigentlich nur durch die Hecknatur des Kapitals dazu gelangt war, im Reiche der Protzenschaft etwas zu bedeuten, während ich in jugendlichem Hochgefühl mir einbildete, etwas im Reiche der Geister zu bedeuten. Schließlich überwältigte mich der Zorn, so daß ich an ihn eine Einladung ergehen ließ, von der es im Studentenlied heißt:

»Es sind vier Worte im stolzesten Ton
Und ruhig ziehet der Edle davon!«

Und ich zog in der Tat davon, denn ich wurde sofort entlassen. Vorläufig zog ich in den »Goldenen Engel«, wo ich über Nacht blieb. Viele Gäste sprachen mir ihr Bedauern aus und am andern Tage wurde vermittelt. Brandecker war versöhnlicher als ich erwartet, und schaffte sogar die Sonntagsarbeit ab. Ich sollte bleiben, bis ich eine andere Stelle bekäme. Ich hätte also noch lange bleiben können.
Um diese Zeit hörte ich eines Abends etwa um neun Uhr ein recht gewichtiges Individuum die Treppe herauf keuchen. Ich öffnete die Tür und vor mir stand – mein guter alter Stadler aus Konstanz. Ich sollte ihm einen Beitrag für seinen Kalender »Der Wanderer am Bodensee« liefern; Stadler fürchtete, ich möchte den Termin nicht inne halten und so war er gekommen, um mich zu mahnen oder das Manuskript mitzunehmen. Glückliche Zeit, da noch die Verleger den Schriftstellern nachreisten, um Manuskript zu bekommen! Wenn heute ein Verleger zehn Finger ausstreckt, hat er an jedem Finger zehn Schriftsteller hängen und kann sich vor einer Manuskriptüberflutung gar nicht mehr retten.
Glücklicherweise hatte ich das Manuskript bis auf die letzte Durchsicht fertig. Wir tranken noch eine Flasche Wein; ich erzählte Stadler mein letztes Erlebnis und er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wenn Sie eine passende Stellung erhalten können, ist es besser, Sie gehen«, meinte er.
Am andern Morgen verließ mich der biedere alte Mann und ich sah ihn nicht wieder. Aber ein gutes Andenken habe ich ihm bewahrt.
Der Auftritt zwischen Brandecker und mir war nur die äußerliche Wirkung tiefgehender innerlicher Differenzen.
Einmal war mirs in Oberndorf zu eng und zu langweilig geworden.

»Alle Herzen stolz und heiß
Müssen hier verbluten!«

sprach ich mit Herwegh in jugendlichen Stürmen und Drängen vor mich hin.
Aber dazu kam noch etwas anderes, was weit mehr geeignet war, mich von dannen zu treiben. Zwischen Brandecker und mir hatten sich langsam politische Differenzen gebildet. Es war bei uns beiden eine Wandlung vor sich gegangen.
Brandecker wollte, wie so viele bei der Reichsgründung taten, die demokratischen Erinnerungen und Traditionen völlig und für immer über Bord werfen. Sein Blatt sollte nationalliberal werden.[84] 
Meine geistige Entwickelung aber bewegte sich in entgegengesetzter Richtung. Form und Inhalt des Programms der demokratischen Partei oder, wie sie sich nannte, der deutschen Volkspartei befriedigten mich nicht. Daß ich so viele gute Freunde in dieser Partei hatte, die ich ungern verließ, konnte daran nichts ändern.

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Das Programm, das sich die deutsche Volkspartei auf der Stuttgarter Delegierten-Versammlung von 1868 gegeben hatte, war an sich gewiß ein gut demokratisches. Es verlangte die Grundrechte von 1849, sprach von Freiheit und Gleichheit, erklärte die staatlichen und gesellschaftlichen Fragen für untrennbar und sprach es offen aus, daß die wirtschaftliche Befreiung der arbeitenden Klassen und die Verwirklichung der politischen Freiheit sich gegenseitig bedingen. Ja, die wirtschaftliche Befreiung der Arbeiter! Da lag der Hase im Pfeffer. Das Programm forderte Arbeiterschutz, Fabrikgesetzgebung, 10stündigen Normalarbeitstag und Einigungsämter. Das alles konnte die Lage der arbeitenden Klassen bedeutend verbessern. Aber es fehlte eine Grundlage, ein Angelpunkt, von wo aus die wirtschaftliche Befreiung der arbeitenden Klassen tatsächlich bewirkt werden kann.
Ich fühlte wohl, daß eine solche radikale Umgestaltung sich erst werde in der Zukunft verwirklichen lassen. Aber ich wollte ja gerade für die Herbeiführung einer besseren Zukunft mitwirken.
Solch einem einsamen jungen Menschen stand damals nicht eine so reiche sozialistische Literatur zur Verfügung, wie sie heute existiert.
Auf meinen einsamen Spaziergängen in den tiefen Wäldern um Oberndorf dachte ich viel über solche Dinge nach. Da begegnete mir an einem Sonntag einst der arme Kießling. Wir sprachen von den Zeitfragen und nach den damaligen Verhältnissen war er sehr erfreut; daß »der Herr Redakteur« sich mit ihm unterhielt.
Aber der dahinsterbende Proletarier war in der Lage, den »Herrn Redakteur« zu belehren.
»Sehen Sie«, sagte er, »das demokratische Programm ist ganz schön. Aber wenn es verwirklicht wäre, so hätte der Brandecker immer noch die Macht, mich auf die Straße zu werfen und mich mit meiner Familie verhungern zu lassen.«
Jetzt ging mir eine ganz neue Erkenntnis auf. Dies Gespräch war vielleicht entscheidend für meine weitere Zukunft. Ich stimmte zu.
Kießling sagte: »Sie haben alle Anlagen zum Sozialdemokraten. Aber erzählen Sie, ich bitte Sie dringend, niemanden etwas von diesem Gespräch.«
»Seien Sie unbesorgt.«
»Und nehmen Sie sich selbst in acht!«
»Na, was kommen muß, das kommt!« –
Ich bestellte mir zunächst den »Volksstaat«, der damals von Liebknecht redigiert war. Ich sah in eine mir ganz fremde Welt hinein, in der ich mich nicht ohne weiteres zurecht fand. Ich steckte noch voll von bürgerlichen Vorurteilen, die immer bei denen am stärksten sind, die am[85]  wenigsten Grund dazu haben. Zwei Jahre später sollte ich selbst Redakteur des »Volksstaat« sein!
Zunächst vermochte ich mir nur einige Lassallesche Broschüren zu verschaffen. Ich fraß diese Lektüre, aber sie genügte mir nicht. Mich verlangte weniger nach Theorien, als nach Menschen mit gleichen Idealen, mit gleicher Sehnsucht nach Betätigung im Kampfe für die Befreiung der Unterdrückten.
Ich suchte nach außen Verbindungen anzuknüpfen. Das gelang mir überraschend schnell. Ich hatte ab und zu ein Artikelchen für den »Nürnberger Anzeiger« geschrieben, der damals eines der ersten demokratischen Blätter in Deutschland war. Dadurch war ich mit Anton Memminger in Verbindung gekommen, der erst das »Würzburger Journal« und dann den »Nürnberger Anzeiger« redigiert und durch seine kühne Kritik der öffentlichen Mißstände viel Aufsehen erregt hatte. Er schien sich für mich zu interessieren und da ich nunmehr von Oberndorf so bald als möglich wegkommen wollte, frug ich bei ihm an, ob er nichts für mich wisse. Er lud mich ein, die Redaktion des »Würzburger Journals« zu übernehmen. Ich sagte zu, am 1. Oktober 1871 diese Stellung anzutreten.
Inzwischen war ich noch einmal mit meinem Stiefvater zusammengestoßen. Auf Wunsch meiner Mutter, die irgend etwas mit mir besprechen wollte, war ich nach Staufen bei Freiburg gekommen, wohin mein Stiefvater versetzt worden war. Da meine Mutter mich unfreundlich empfing, so ging ich gleich ins Wirtshaus, wo ich einige in Staufen wohnende Korpsbrüder und Freunde zu treffen hoffte. Ich traf sie auch beim Dämmerschoppen und bemerkte bei mehreren von ihnen eine seltsame Unruhe. Auf dringendes Befragen antworteten sie, wahrscheinlich werde mein Stiefvater kommen und dann müsse man einen Skandal befürchten. Ich bemerkte, daß mehrere, namentlich der Oberamtsarzt, sich vor der Brutalität meines Stiefvaters fürchteten. Gerade darum beschloß ich zu bleiben und es aufs äußerste ankommen zu lassen, denn mich verlangte darnach, diesem Menschen einmal zu zeigen, daß er mir nichts mehr zu befehlen habe. Er kam und setzte sich neben mich. Da er sehr kurzsichtig war, erkannte er mich nicht, und auch meine Stimme war ihm fremd geworden. Wir unterhielten uns einige Zeit über gleichgültige Dinge; endlich aber fragte er: »Mit wem habe ich die Ehre?« – In dem Zimmer war atemloses Schweigen. Ich nannte ruhig meinen Namen. Und siehe da, der Gefürchtete erhob sich und verduftete schweigend. Ich lachte herzlich und schließlich stimmten die anderen sämtlich ein. – –
»Warum haltet Se sotte Blättle? Des mag i net!« hatte Brandecker gesagt, als er die sozialistischen Zeitungen auf meinem Pult liegen gesehen. Von da ab tadelte er öfter. Als ich einmal von »göttlicher Grobheit« schrieb, war er sehr aufgeregt, da er dies für eine Blasphemie hielt. Und als ich einmal vom »dicken Chambord« sprach, meinte er, der dicke Gerichtsnotar könne sich dadurch beleidigt fühlen, während ich wohl wußte, daß es sich da um die dicke Frau Brandecker handelte.[86] 
Ende September schied ich von Oberndorf und man bereitete mir ein glänzendes Abschiedsfest im »Goldenen Engel«.
Als ich mich von Brandecker verabschiedete, waren wir beide gerührt. Ich hatte die Beleidigung, die ich ihm zugefügt, gerne zurückgenommen, und er hätte mich schließlich wohl auch ganz gerne behalten, denn meine radikalen Neigungen hielt er für eine vorübergehende Marotte. Wenn es wirklich seine Absicht war, mich dauernd an sein Haus und Geschäft zu fesseln, so mußte ich jedenfalls anerkennen, daß es von seinem Standpunkt aus sehr gut gemeint war. Aber die Tochter und ich hätten noch weit weniger zusammen gepaßt, wie der Alte und ich. Es war gut, daß das Projekt nicht zustande kam.
Einige meinten, ich hätte zugreifen sollen. Saß ich erst einmal im warmen Nest, so konnte ich mich, wie einer sich ausdrückte, »schadlos halten«. Ich verstand, aber ich konnte einen solchen Hintergedanken nicht als ehrenhaft anerkennen.
Geldheiraten waren nicht meine Sache; ich habe mich später in zwei Fällen nicht zu einer solchen entschließen können. Solche Ehen erschienen mir als eine Degradation beider Teile und als eine Herabwürdigung der Institution der Ehe selbst. Besonders erregte es meinen Widerwillen, daß es viele Leute für selbstverständlich hielten, wenn ich einem armen Mädchen, mit dem ich verlobt war, um einer reichen Heirat willen die Treue gebrochen hätte. Soll das »bürgerliche Moral« sein? fragte ich.
So schied ich denn von Oberndorf. Mit Gutheinz, den ich nach zwanzig Jahren wiedersah, blieb ich in brieflicher Verbindung.
Ich fuhr über Stuttgart und Nördlingen nach Nürnberg, wo ich erst mit Memminger konferieren wollte, ehe ich meine neue Stellung in Würzburg antrat.[87] 
Fußnoten

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1 Damaliger ultramontaner Abgeordneter in der bayerischen Kammer.

2 Osterreichischer Diplomat zur Zeit der französischen Revolution.




Würzburger Tage










Memminger empfing mich sehr nett und wir befreundeten uns rasch. Er war ein Mann von etwa 26 Jahren, von imposanter Erscheinung, gleich gewandt mit der Feder wie mit dem Wort. Er war inzwischen zur Sozialdemokratie übergetreten und hatte das »Fürther demokratische Wochenblatt« gegründet, aus dem mit der Zeit die heutige »Fränkische Tagespost« in Nürnberg geworden ist. Das »Fürther demokratische Wochenblatt« wurde auch vom Fürther Bürgerbund unterstützt, einer Vereinigung radikaler Demokraten, die mit der Volkspartei nicht zufrieden waren. Sozialdemokratie und radikale bürgerliche Demokratie hatten damals noch viele Berührungspunkte; die alten Bamberger Demokraten Titus und Hegar schlossen sich der internationalen Arbeiter-Assoziation an, während unser Parteigenosse Löwenstein dem Fürther Bürgerbund angehörte. Auch ich bewegte mich auf der Grenzlinie zwischen bürgerlicher Demokratie und Sozialdemokratie. Als ich das Protokoll des 1868 in Nürnberg unter Bebels Vorsitz stattgehabten Verbandstages deutscher Arbeitervereine las, fiel mir besonders der Ausspruch des schwäbischen Demokraten Niethammer auf:
»Die Demokratie muß sich zur Sozialdemokratie erheben, wenn sie eine wirkliche Demokratie sein will.«
Aber es dauerte noch eine Weile, bis ich mich definitiv entschied.
Memminger und ich kamen überein, daß ich das »Würzburger Journal« recht radikal redigieren sollte.
Ich fand beim »Würzburger Journal« nicht gerade angenehme Verhältnisse vor. Aber ich fand mich darein und arbeitete mit Feuereifer. Der Verleger und namentlich die maßgebende Verlegerin, denen Memminger mich empfohlen hatte, waren anfänglich mit mir sehr zufrieden.
Die demokratische Partei in Würzburg war durch den Krieg desorganisiert worden. Ich kannte nur wenige Demokraten und wurde mit Karl Köhl befreundet, den ich später auch als Abgeordneten im Reichstage wieder traf. Köhl, ein fester Demokrat, ein Nachkomme des in Würzburg 1525 enthaupteten Bauernhauptmanns Jakob Köhl von Eivelstatt, hat später das »Würzburger Journal« erworben und mit ihm lange Zeit rühmlich für die demokratische Sache gekämpft.
Von literarischen Persönlichkeiten lernte ich damals in Würzburg nur Ignaz Hub kennen, den Alten mit dem weißgelockten Dichterhaupt, von dem mir sein Neffe in Mannheim so viel erzählt. Er hatte mit Freiligrath und Schnezler den Almanach »Rheinisches Odeon« herausgegeben und mußte wie Schnezler mit der Not des Daseins kämpfen. Kindlich[91]  freute er sich darüber, daß ich ihm sein schönes, aber wenig bekanntes Gedicht vom Kloster Salmansweiler1 vordeklamieren konnte, in dem geschildert ist, wie ein durstiger Klosterbruder das Riesenfaß im Klosterkeller, das mit köstlichem Muskateller gefüllt ist, besteigt:

»Bäuchlings streckt er seine Glieder
Auf des Fasses Wölbung nieder,
Wie der Vampyr lechzt nach Blut;
Ihm als Rüssel dient der Heber,
Saugend in die durst'ge Leber,
Blütenhauchumwallte Flut.

Ha, wie saugt er, ha, wie schnaubt er!

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Immer tiefer senkt das Haupt er
In die Würzedüfte schwer.
Selig aus die Arme breitend,
Aber ach! dem Rand entgleitend
Stürzt er in des Fasses Meer!« –

Der Kellermeister verschwiegs, ließ das Opfer des Durstes im Faß liegen und die frommen Brüder tranken schmunzelnd das Faß leer. Erst auf dem Sterbebette gestand er und muß nun so lange als Geist um gehen, bis der ertrunkene Bruder ein geweihtes Grab gefunden.
Auch der arme Schnezler besang den Bodensee und seine Umgebung. In seinem Gedicht: »Zu Konstanz auf dem Dome« heißt es:

»Land meiner Toten, wie bist du so schön,
Sende mir Boten von sternigen Höhn,
Spende mir Frieden und Trost und Belehrung,
Lehre mich lächeln im Schoß der Entbehrung!«

Der Bodensee erschien diesen in proletarischen Verhältnissen lebenden Dichtern als eine Art Zuflucht und sie suchten sich vom Zauber seiner Romantik über die Not des Daseins hinwegtäuschen zu lassen.
Diese Art von Poetentum ist verschwunden aus dem Zeitalter des Industrialismus, von seltenen Ausnahmen abgesehen. Sie sind viel verspottet worden. Ich habe es nie ohne Rührung sehen können, wie sie ihrer Muse zuliebe hungerten und litten.
In Würzburg ging ich viel ins Theater. Sodann fand ich mich für eine kurze Spanne Zeit ins Korpsleben zurück. Das Würzburger Korps Rhenania – auch Pfälzer genannt, weil die meisten Mitglieder aus der bayrischen Pfalz stammten – stand zur Freiburger Rhenania in freundschaftlichen Beziehungen. Als ich auf der Kneipe erschien, ward ich sehr freundlich auf genommen und fand auch Bekannte vor. Zunächst Kurt Mook von den Münchner Franken, der mit seinem Bruder Friedrich zusammen[92]  eine Gedichtsammlung herausgab. Ein Gedicht dieser »Brautschau« betitelten Sammlung, das an eine geliebte Frau gerichtet war, sagte:

»Du weißt, daß ich nach Kennern
Noch niemals etwas frug,
Du kennst ja meine Lieder
Und das ist mir genug.«

Allerdings blieb die Anerkennung, welche diesen Liedern zuteil wurde, so ziemlich auf diese geheimnisvolle Dame beschränkt. Meinen Korpsbruder Wucherer traf ich auch auf der Rhenanenkneipe. Ludwig Munzinger, den späteren Geheimen Regierungsrat in Straßburg, dann den späteren bekannten Homöopathen Dörr in Mainz, den Maler Heuß und viele »feuchtfröhliche« Gesellen lernte ich hier kennen. Auch mein Freund Mürisier von den Freiburger Schwaben, mit dem ich zweimal gepaukt, erschien in Würzburg; er hatte als französischer Militärarzt die Belagerung von Metz mitgemacht und behauptete, daß der Mangel an Lebensmitteln in der belagerten Stadt keineswegs so groß gewesen sei, wie in den Zeitungen behauptet worden; namentlich daß sich die Pferde vor Hunger die Schwänze abgenagt, sei eine lächerliche Erfindung.
Öfter sah ich den Paukereien in der Aumühle zu und es ereignete sich um diese Zeit der seltene Fall, daß ein Student bei einer gewöhnlichen Schlägermensur auf dem Platze getötet wurde. Ein junger Braunschweiger namens R., ein riesenstarker Jüngling, hatte sich als fixer Schläger hervorgetan. Er focht in der Folge mit einem Fuchsen des Korps Mönania. Er schlug Tiefquart an und traf den andern auf die Stirne, so daß ihm ein etwa talergroßes Stück aus dem Schädel gehauen wurde. Es war schrecklich anzusehen. Der Verwundete ward bewußtlos und starb gleich nachher. R. wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hielt sich im elterlichen Hause zu Braunschweig verborgen. Das Kreisgericht Aschaffenburg sprach ihn frei. Gerade in dieser Zeit kam ich nach Braunschweig, nachdem ich die Freisprechung erfahren. Ich teilte sie ihm mit – er wußte in seiner Einsamkeit von nichts – und er war natürlich sehr erfreut. Er wurde später ein sehr angesehener Arzt in Leipzig.


Um diese Zeit lebte in Nürnberg Ludwig Feuerbach, der berühmte Philosoph, in bitterster Not. Er wohnte auf dem Rechenberg in einem ärmlichen Häuschen, wo er im Winter von der Kälte zu leiden hatte, und er ertrug diese Dinge nicht so leicht, wie sein Bruder Friedrich, der vor den Mauern von Nürnberg in einer Hütte hauste. Seine Freunde beschlossen etwas für ihn zu tun und Memminger schrieb einen feurigen Aufruf, den ich im »Würzburger Journal« abdruckte. Es gingen reichliche Spenden ein. Gegen mich wurde Anklage erhoben, weil solche Sammlungen ohne Genehmigung der Regierung in Bayern verboten waren. Ultramontane Finsterlinge mochten zur Erhebung der Anklage getrieben haben. Ein netter junger Jurist namens Jung, der beim Korps Onoldia in Erlangen gewesen war und nun mit den Würzburger Rhenanen[93]  kneipte, erbot sich zur Verteidigung ohne Entgelt, was ich gerne annahm. Der Untersuchungsrichter, späterer Bürgermeister A., sagte bei meiner Vernehmung, er werde an einem bestimmten Tage bei mir Haussuchung halten und die bei mir verwahrten, für Feuerbach bestimmten Gelder konfiszieren lassen. Das war deutlich. Ich gab die bei mir verwahrten Gelder meinem Korpsbruder Wucherer in Verwahrung und die Haussuchung verlief resultatlos. Bei der Verhandlung vor dem Stadtgericht hielt mein Verteidiger eine glänzende Rede und ich wurde – eigentlich gegen den Sinn des Gesetzes – freigesprochen. Ich sah mit Erstaunen, welche Verehrung Ludwig Feuerbach in Kreisen genoß, wo man es gar nicht ahnte.
Mein lieber Freund Jung starb leider schon nach fünf Jahren in Schweinfurt.
Da vor dem Prozesse mein Korpsbruder Wucherer hatte verreisen müssen und sich die Rückgabe des Geldes um eine ganz kurze Zeit verzögerte, so entstand daraus eine alberne Klatscherei, der ich später durch eine öffentliche Erklärung den Garaus machen mußte.
Es gefiel mir gar sehr in dieser behaglichen alten Stadt, die als die eigentliche Hauptstadt meiner fränkischen Heimat gilt. Nach dem nahen Wertheim fuhr ich einmal hinüber. Kaum hatte man es erfahren, so wurde mir auch schon die Weisung überbracht; meine Großmutter wolle mich nicht sehen. Die Kamarilla der Erben war auf der Hut.
Die historischen Erinnerungen und die Kunstwerke zu Würzburg und weiterhin im Frankenland beschäftigten mich sehr. Ich liebte besonders die herrlichen Bildwerke von Tillmann Riemenschneider und stand oft bewundernd vor der Grablegung Christi in der Kirche zu Heidingsfeld; desgleichen bewunderte ich die Gruppe mit demselben Motiv in der Kirche zu Maidbrunn. Gutzkow hat in seinem Roman »Hohenschwangau« ausgeführt, daß auf diesem Bildwerke, das zur Familie Grumbach in Beziehung steht, die linksstehende weinende Frau die Witwe Florian Geyers darstellen solle, die eine geborene Grumbach war. Dies ist kaum denkbar. Florian Geyer wurde im Juni 1525 meuchlings ermordet und zur selben Zeit saß Riemenschneider, der sich an dem großen Aufstand beteiligt, auf dem Würzburger Schlosse gefangen, wo er auf Befehl des bischöflichen Despoten »hart gewogen« und gefoltert wurde. Da die Grablegung in Maidbrunn aus dem Jahre 1525 stammt; muß sie wohl vor dem Bauernkrieg vollendet sein.
Aber so oft ich auch die Marienkirche und ihr großartiges Portal betrachtete – auch ich bemerkte nicht, daß Riemenschneider dem dort befindlichen Petrus mit dem doppelten Kreuze die Züge Luthers verliehen hat. Wenn man den Lutherkopf sieht, denkt man: »Wie konnte nur so etwas übersehen werden?« Die Würzburger sahen es dreihundertfünfzig Jahre nicht und es ist gut, denn sonst hätte gewiß irgendein fanatischer Pfaffe für die Zerstörung des Meisterwerks gesorgt. 1883 machte ein alter Würzburger Demokrat; namens Krämer, im »Würzburger Journal« darauf[94]  aufmerksam und jetzt weiß es jedermann. Gelehrte mögen es gewußt und für sich behalten haben.

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Beiläufig bemerkt, liest man oft, daß Riemenschneider aus Osterode am Harz stamme. Das ist jedenfalls nicht richtig. In alten Werken findet sich als seine Geburtsstadt das thüringische Städtchen Stadtilm angegeben. In der Nähe von Stadtilm liegt ein Dorf, das Osteröde heißt. Hier wäre also Riemenschneiders Heimat zu suchen und die Verwechselung mit Osterode erklärt.
Sehr interessant war mir die alte Weinwirtschaft »zum Stachel«, wohl die älteste Deutschlands, da sie seit 1415 nachweislich besteht. Sie hieß ursprünglich Gressenhof; das Haus war, wie die Verzierungen des Hofes heute noch zeigen, ein Patrizierhaus. Im Bauernkrieg von 1525 hatte hier Florian Geyer sein Hauptquartier und zum Zeichen dessen hing ein Morgenstern oder Stachel zum Fenster heraus. Davon erhielt die Wirtschaft den Namen »zum Stachel«, wie sie heute noch genannt wird.
Aber mein Aufenthalt in Würzburg ging schon nach einem Vierteljahr zu Ende. Das Blatt hatte manchmal ganz leise sozialistische Anklänge enthalten. Sie waren mit dem Inhalt eines radikal-demokratischen Blattes nicht unvereinbar, aber sie entgingen nicht der Aufmerksamkeit der Verlegerin. Erst sagte sie nichts. Aber im Dezember 1871 fand in Paris der Prozeß und die Verurteilung von Louise Michel statt. Ich widmete der mutigen Frau einen sympatischen Artikel. Für »solch ein Frauenzimmer« Partei zu nehmen, tobte die Verlegerin, sei unerhört. Ich merkte, daß etwas im Werke war, und schrieb an Memminger. Dieser antwortete, wenn man mich entlasse, so möchte ich zu ihm nach Nürnberg kommen.
Am Jahresschluß trat die Wendung ein. Am Silvestertag vormittag trat die Verlegerin mit einem jungen Manne in meinem Alter bei mir ein und hielt eine feierliche Ansprache, worin sie betonte, zu Anfang hätte ich das Blatt nach ihren Wünschen redigiert, nun sei ich aber so weit nach links geraten, daß sie mir kündigen müsse. Sie stellte mir auch gleich meinen Nachfolger vor und meinte, es handle sich noch um die Kündigungsfrist; ich aber antwortete, ich sei bereit, sofort zu gehen, und nahm meinen Hut. Mit meinem Nachfolger, der sich hinter meinem Rücken hatte engagieren lassen, wechselte ich kein Wort; ich erinnere mich nur, daß er im Bewußtsein seiner keineswegs erhabenen Rolle mit verlegenem Lächeln dastand.
Mein Nachfolger war Herr Xaverius Lerno, bis vor kurzem Vorsitzender der Zentrumsfraktion des bayerischen Abgeordnetenhauses, welcher seinem Haß gegen die Sozialdemokratie so gerne die Zügel schießen läßt.
Mir konnte es ganz gleichgültig sein, ob mein Nachfolger Lerno oder anders hieß. Als aber später Lerno in die bayerische Kammer gewählt wurde und dort mit meinen Parteigenossen in einen erbitterten Kampf geriet, griffen diese auf meine Entlassung aus der Redaktion des »Würzburger Journals« zurück. Ein eingehender Artikel unseres Nürnberger Parteiblattes spottete darüber, daß der fromme Gottesstreiter und Zentrumsritter[95]  Lerno früher an das radikal-demokratische »Würzburger Journal« aus Straubing Korrespondenzen geschrieben und dann auch die Redaktion des Blattes eine Zeitlang geführt habe, nachdem er mich auf die oben geschilderte Weise verdrängt. Das »Bayerische Vaterland« druckte den Artikel ab und er machte ein gewisses Aufsehen.
Lerno und ich gehörten damals dem Reichstage an. Im Sitzungssaal trat Lerno erregt an mich heran und frug mich, ob ich den in Rede stehenden Artikel veranlaßt habe. Ich verneinte. Darauf frug er, woher die Korrespondenzen gekommen seien. Ich antwortete, sie seien aus Straubing gekommen, was er am besten wissen müsse. Darauf ging er ab.
Ich legte der Sache wenig Bedeutung bei; solche Erscheinungen sind, wie jeder Eingeweihte weiß, im journalistischen Leben keine Seltenheit. Aber Lerno ließ eine lange Erklärung los, in welcher er erzählte, »eine Reihe katholischer Männer« in Würzburg hätten ihn zu seinem Vorgehen bewogen, um das »Würzburger Journal« vor dem Schicksal zu retten, daß es der Sozialdemokratie verfiel. Damit sollte der Anschein erweckt werden, als ob das »Würzburger Journal« unter katholischem, respektive zentrümlichen Einfluß gestanden und Lerno sich damals nicht allzuweit vom Zentrum entfernt habe. Aber das »Würzburger Journal« konnte nur als entschieden demokratisches Blatt bestehen und jene geheimnisvollen »katholischen Männer«, von denen ich nie etwas bemerkt hatte, konnten doch auch kein Interesse daran haben, dem in Würzburg schon bestehenden Zentrumsblatt durch ein zweites eine in solch kleiner Stadt doppelt überflüssige Konkurrenz zu schaffen. Die Erklärung des Abgeordneten Lerno konnte sein Auftreten von damals nicht in günstigerem Lichte erscheinen lassen und ward allgemein als »recht sonderbar« aufgefaßt. Ich hielt es nicht für der Mühe wert, darauf zu antworten.
Noch vier Wochen hielt ich mich zu Würzburg auf und verlebte fröhliche Tage mit der Rhenania, die mir eine recht nette Abschiedsfeier veranstaltete. Damals war viel vom »Bund der Schwarzen und Roten« die Rede; darum machten der Maler Heuß und ich den Ulk, als »schwarzer Jesuit« und »roter Jesuit« auf einander zu toastieren, was mit ungeheurem Jubel aufgenommen wurde.
Die Rhenania von Würzburg machte mir bald darauf einen Besuch in Nürnberg, wobei es sehr lustig zuging und mich ein werdender Staatsanwalt als »Hochverräter und Barrikadenmann« humoristisch anklagte. Er machte seine Sache sehr gut. Schließlich machten wir einen »Bierjungen« aus, wobei er unterlag.
Diese netten jungen Leute hatten nichts von der Geziertheit an sich, die heute so manche Studentenkreise beherrscht. Die meisten von ihnen sind tot; mehrere befinden sich in angesehenen Stellungen. Diese werden sich gleich mir gerne an jene fröhlichen Tage erinnern.[96] 
Fußnoten

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1 Salem am Bodensee.




Die Sozialdemokratie zu Nürnberg
[97]  »Wer mit der Gegenwart zufrieden lebt und anderes nicht begehrt, der ist ein Zeitgenosse jener frühen Halbbarbaren, welche zu seiner Welt den ersten Grund gelegt; er lebt von ihrem Leben die Fortsetzung, genießt zufrieden die Vollendung dessen, was sie gewollt, und das Bessere, was sie nicht umfassen konnten, umfaßt auch er nicht ... Auch wo ich stehe, soll man in fremdem Licht die heilige Flamme brennen sehen, den abergläubigen Knechten der Gegenwart eine schauerliche Mahnung, den Verständigen ein Zeugnis von dem Geiste, der da waltet. Es nahe sich in Liebe und Hoffnung jeder, der wie ich der Zukunft angehört, und durch jegliche Tat und Rede schließe sich enger und erweitere sich das schöne freie Bündnis für die bessere Zeit.«
Schleiermacher, Monologe.











Als ich in Nürnberg ankam – es war Februar 1872 – übertrug mir Memminger sogleich die Redaktion des »Fürther demokratischen Wochenblattes«. Er beschäftigte sich damals mit anderen literarischen Arbeiten, unter anderem gab er eine Schrift über die Freimaurerei heraus. Diese Schrift war mir gewidmet.
Jetzt kam ich zum ersten Mal in Berührung mit sozialdemokratischen Arbeitern, die in der Bewegung selbst tätig waren. Ich lernte schnell sehr viele kennen, die mir nun die Arbeiterklasse ganz anders erscheinen ließen, als ich sie bisher nach meinen bürgerlichen Anschauungen aufgefaßt hatte. Namentlich waren es Karl Grillenberger und Johann Scherm, deren Umgang ich suchte. Zwar hatte mir schon Memminger einen ganz anderen Begriff von der Arbeiterwelt beigebracht; er war indessen mehr bei den Theorien geblieben. Bei Grillenberger und Scherm, die damals beide noch in die Fabrik gingen, ward die in meinen Anschauungen rasch vor sich gehende Wandlung praktisch vervollständigt. Hier konnte ich lernen, denn es tauchten nun eine Menge von theoretischen und praktischen Fragen auf, die mir vollständig fremd geblieben. Das ungeheure Gebiet der Sozialpolitik war mir eine terra incognita. Nun sah ich erst die Einseitigkeit der von mir erworbenen Bildung ein und meine durch eine bürgerliche Erziehung und Umgebung eingewurzelten Vorurteile sanken, soweit sie noch überhaupt vorhanden, rasch in sich zusammen.
Grillenberger war ein groß angelegter Mensch. Er hatte das Glück gehabt, daß sein Vater, ein Lehrer in Zirndorf bei Nürnberg, ihm hatte einen tüchtigen Schulsack mitgeben können. Er leistete bald als Redner, Organisator und Journalist Bedeutendes. Seine eminente Befähigung trat aber erst während seiner parlamentarischen Laufbahn in der bayerischen[99]  Kammer und im Reichstage ganz hervor. Er war in der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages der beste Kenner der sozialpolitischen Gesetzgebung. Seine liebenswürdige Art, sein sonniger Humor und sein treffender Witz zogen mich an und wir schlossen eine Freundschaft fürs Leben. Auch mit Scherm, der so große Verdienste um das Wachstum des heute so mächtig dastehenden Metallarbeiterverbandes hat und zurzeit noch die »Metallarbeiterzeitung« leitet, habe ich freundschaftliche Beziehungen unterhalten bis auf den heutigen Tag.
Häufig suchte ich die beiden in der primitiven Kneipe auf, wo sie ihren Mittagstisch hatten, an dem ich teilnahm, um mich mit ihnen unterhalten zu können. Abends trafen wir uns dann gewöhnlich mit Memminger. Ich besuchte auch die sozialdemokratischen Parteiversammlungen und lernte den Idealismus und den Bildungstrieb der Arbeiter kennen, welche die Träger der sozialen Bewegung waren, die damals noch klein war und die so groß werden sollte. Ich fühlte mich da bald vollkommen heimisch, wenn ich der Partei selbst auch noch nicht beitreten konnte. Ich nahm an den anregenden Diskussionen teil und suchte mir rednerische Fertigkeit zu erwerben.[100] 
Aber das »Demokratische Wochenblatt« konnte mir den Unterhalt nicht garantieren und ich sah mich genötigt, in die Redaktion des »Nürnberger Anzeiger« einzutreten. Derartige Wandlungen wären heute nicht gut möglich, aber damals waren sie nichts Auffallendes, denn radikale bürgerliche Demokratie und Sozialdemokratie standen in sehr freundschaftlichen Beziehungen. Ich hatte mich nach keiner Seite gebunden und wollte erst zur Klarheit gelangen.
Übrigens galt in der Richtung der Sozialdemokratie, die es in Nürnberg gab, das sogenannte Eisenacher Programm von 1869, das auch bürgerliche Demokraten hätten unterschreiben können, auch mehrfach unterschrieben haben, denn der einzige sozialistische Punkt dieses Programmes war die bekannte Forderung Lassalles: Produktivassoziationen mit Staatshilfe. Das Programm war ein Notbehelf.
Um diese Zeit las ich das Kommunistische Manifest. Diese kleine Schrift, eine der glänzendsten literarischen Leistungen aller Zeiten, brachte mir endlich die Klarheit, nach der ich rang. Da war endlich der befreiende Gedanke, der sich aus dem historischen Materialismus mit Naturnotwendigkeit ergab: Die Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit.
Ich dachte an den armen Maschinenmeister in Oberndorf, der gesagt hatte, wenn auch das ganze bürgerlich-demokratische Programm verwirklicht wäre, so könnte ihn sein Arbeitgeber doch auf die Straße werfen und verhungern lassen. Aber hier war ja der Angelpunkt gefunden, von dem aus eine höhere Stufe der Produktionsform erreicht und dem einzelnen Gesellschaftsgliede Brot und Freiheit gesichert werden konnte. Ich war ganz begeistert. Die Verwirklichung dieses leuchtenden Ideals lag in weiter Ferne; das wußte ich. Aber ich beschloß, ihm mein Leben zu widmen.
Die historische Rolle der von den oberen Zehntausend so hochmütig behandelten Arbeiterklasse war mir nun klar. Die historische Schulweisheit, die man mir eingetrichtert hatte, fiel wie Schuppen von meinen Augen. Die Professoren hatten, was bei ihrer rückständigen Auffassung nicht zu verwundern, das moderne Proletariat mit dem antiken verwechselt. Sie hielten auch das moderne Proletariat in ihrer schablonenhaften Art für einen »Pöbel«. der nur »panem et circenses« begehre. Und nun fand ich in einer Schrift von Karl Marx1 den Ausspruch des schweizer Historikers Sismondi zitiert, welcher lautet:

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»Das römische Proletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft, während die moderne Gesellschaft auf Kosten des Proletariats lebt.«
Da begriff ich, daß es sich bei der sozialistischen Bewegung um etwas weit Größeres und Wichtigeres handelt, als um eine Wiederkehr des Jahres 1848, von der man bei der bürgerlichen Demokratie träumte.
Rasch und tief drang ich in die neue Gedankenwelt ein und bald stand klar der gewaltige historische Prozeß vor mir, der über den Feudalismus[101]  hinweg zum Kapitalismus geführt hat. Dieser hat die ganze Welt revolutioniert und bereitet die Gesellschaft auf den Sozialismus vor, der nur mit dem Großbetrieb organisiert werden kann. Der Kapitalismus bildet eine historisch notwendige Epoche, durch die wir hindurch müssen. Er gestaltet den gesellschaftlichen Prozeß zu einem großen Expropriationsprozeß; der »Mittelstand« schmilzt zusammen; das Kapital, respektive die Produktionsmittel konzentrieren sich in wenigen Händen und die Masse des Proletariats schwillt unabsehbar an. Was nun kommt, zeigt uns Marx, der alles durchdringende Forschergeist, mit den bekannten Worten: »Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Konzentration der Kapitalien. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Konzentration oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, und die Ökonomisierung aller Produktionsmittel kombinierter gesellschaftlicher Arbeit. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche die Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbstgeschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Konzentration, die Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.«
So verkündigte Marx in seinem »Kapital«, das 1867 erschienen ist. Und mit Schnellzugsgeschwindigkeit sind wir in der Epoche der Trusts, der Syndikate und der Kartelle dem Punkt der Entwicklung näher gekommen, wo die »kapitalistische Hülle« springen muß. Dann ist der Moment gekommen, wo die Klassenherrschaft schwindet, indem die Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit übergehen.
Bei dieser Wiedergeburt der Gesellschaft entscheidend mitwirken zu können, ist das Ziel der klassenbewußten Arbeiter von heute. Die Organisationen, die sie bilden, und der Klassenkampf, den sie führen, bezwecken sonach nicht die Errichtung einer neuen Klassenherrschaft, sondern einer freien Gesellschaft mit gleichen Rechten und Pflichten für alle ihre Glieder. Aus der Garantie der Existenz des Einzelnen, welche durch die Überführung der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit[102]  und durch freie genossenschaftliche Arbeit ermöglicht wird, ergibt sich eine Unabhängigkeit und Freiheit, die eine bisher nicht gekannte geistige Entwicklung ermöglicht und zur Veredelung des Menschengeschlechts führt. Zugleich sucht das klassenbewußte Proletariat innerhalb der heutigen Gesellschaft den herrschenden Klassen möglichst viele Zugeständnisse abzuringen, sowohl auf politischem, wie auf wirtschaftlichem Gebiet, um sich gegen die kapitalistische Ausbeutung widerstandsfähig zu machen und die politische Macht zu erreichen, die für die Durchführung seiner historischen Rolle erforderlich ist.
Wie der »Zukunftsstaat« im Detail aussehen wird, darum habe ich mich nie bekümmert2 Ihn auszugestalten wird Sache der nachfolgenden Generationen sein, die sich von der heutigen keine Vorschriften machen lassen. Die Gelehrten der Bourgeoisie erfinden einen »Zukunftsstaat« nach dem andern und schieben ihn der Sozialdemokratie unter, um ihn dann kritisch zu vernichten. Es gibt allerdings dumme Leute, die sich dadurch irre führen lassen, aber ihrer werden doch weniger, wenn sie auch nicht alle werden. Nachdem ich einmal zum überzeugenden Verständnis des historischen Prozesses gelangt, mußte ich oft herzlich lachen, wenn Jugendfreunde oder Bekannte aus bürgerlichen Kreisen mir einzureden und mit großem Wortschwall zu »beweisen« suchten, die Sozialdemokratie wolle teilen, die Ehe und Familie zerstören und alles durch gewaltsamen Umsturz »verrungenieren«. Manchmal standen sie dann mit offenem Munde da, wenn ich spöttisch nachwies, wie der Kapitalist sich mit dem Arbeiter in den Ertrag von dessen Arbeit »teilt«, wie der Kapitalismus Ehe und Familie zerstört und wie er »alles verrungeniert«. Nichts hat mich so angewidert, wie die Heuchelei der bürgerlichen Moral. Darum konnten mich alle solchen Einwürfe in meinen neugewonnenen Anschauungen nur bestärken. Das Märchen vom »Teilen«, das seinen Ursprung in den »Fliegenden Blättern« hat,3 wurde namentlich von Leuten verbreitet, die bei einer wirklichen Teilerei nur hätten gewinnen können. Aber auch sonst verständige Leute wollen nicht begreifen, daß Kommunismus nicht eine Zersplitterung, sondern eine Konzentration des Eigentums bedeutet.


Nun bildete sich in mir der feste Entschluß, meinen inneren Menschen mit meinem äußerlichen Leben in Einklang zu bringen. Meine journalistische und literarische Tätigkeit mußte so gestaltet werden, daß sie zugleich eine Förderung der sozialistischen Ideen, ein Kampf für meine Ideale war. Nur dann konnte mich diese Tätigkeit befriedigen. Ich beschloß, bei der ersten Gelegenheit mich offen der Sozialdemokratie anzuschließen und ihr meine Tätigkeit zu widmen. Einstweilen trat ich der [103]  Internationalen Arbeiterassoziation bei. Die ersehnte Gelegenheit kam sehr bald.
Die Tätigkeit am »Nürnberger Anzeiger« war nicht sehr anstrengend; nur mußte ein Redakteur morgens um halb sechs Uhr da sein, um die letzten Depeschen zurecht zu machen. Damit wechselten die drei Redakteure ab. Meine Kollegen waren nicht nach meinem Geschmack; ich verkehrte mit ihnen außerhalb des Redaktionsbureaus nicht. Aber wir kamen leidlich aus. Der damalige Besitzer des »Nürnberger Anzeiger«, der Nürnberger Kaufmann Jean M. Bauer, war mir wohl gewogen; er stellte mir in Aussicht, daß er bei meiner weiteren Karriere in der demokratischen Presse mich unterstützen werde. Später teilte er mir mit; daß er mich bei Sonnemann, dem Besitzer der »Frankfurter Zeitung«, warm empfohlen und daß dieser ihm zugesagt habe, mich zu berücksichtigen, wenn ich mich geeignet erweise.
Im übrigen war das Leben in Nürnberg sehr angenehm; auch billig. Für 9 Kreuzer bekam man einen Kalbsbraten, der völlig ausreichend für ein Mittags-oder Abendbrot war. Dazu gab es gutes, billiges Bier und die Brauereien waren abends meist so voll, daß die Gäste mit den Maßkrügen in der Hand auf den Korridoren standen. Unter den Journalisten und literarischen Persönlichkeiten gab es damals keine so scharfen Unterschiede wie heute; alle Richtungen verkehrten miteinander und auch Künstler kamen dazu. Im sogenannten Verbrecherkeller in einer engen alten Straße fand sich eine äußerst fidele Gesellschaft zusammen; desgleichen am Frühschoppentisch im »Löwen«. Dort verkehrten Stolz, jetzt Chef der »Augsburger Abendzeitung«, Hans Kastner, später Korrespondent der »Frankfurter Zeitung« in München, Dr. Schmidt, ein Sozialdemokrat, sodann Memminger, Scherm, Grillenberger und ich. Es wurde viel Ulk getrieben, namentlich wenn der Nürnberger Lokaldichter Sauter von der Pegnitz4 erschien, der seine eigenen Verse kolportierte. Er verdiente damit so viel, daß er zwei Häuser besaß, erschien aber immer zerlumpt wie ein Bettler. Seine langen grauen Dichterlocken hingen auf die schmutzige Jacke herab. Die Verse waren geeignet; die Gedärme umzudrehen. Wir hingen ihm manchmal papierene Frackflügel an. Er ließ sich allen Ulk gefallen, wenn man ihm seine Gedichte abkaufte. Einmal wurde er aber doch wütend, als er eine neue Gedichtsammlung angekündigt hatte, betitelt: »Die Uraniden«. Wir kündigten sie im »Demokratischen Wochenblatt« auch an und zwar als »Urinaden«. Das verzieh er nicht. Übrigens befand er sich unter den »Bettelpatrioten«, das heißt unter den Deutschen, die Bettelbriefe an Napoleon III. geschrieben hatten.[104] 
Ludwig Feuerbach stand der sozialdemokratischen Partei von jeher nahe; er hatte schon 1849 am Heidelberger Arbeiterkongreß teilgenommen. Jetzt ging er nicht mehr aus und erschien als ein gebrochener Mann, wenn auch seine letzten Lebenstage durch die von uns veranstaltete Sammlung sorglos geworden waren. Um so öfter kam in unsere Gesellschaft sein Freund Dr. Hektor, der Sekretär des Germanischen Museums, der wegen seines gediegenen Durstes den Namen »Dr. Hektoliter« bekam. Auch Karl Scholl, bekannter Achtundvierziger und Sprecher der freien Gemeinde, kam viel mit uns zusammen und viele Nürnberger Sozialisten waren Mitglieder der freien Gemeinde.
Damals ereignete sich auch die heute vergessene Aufseß-Affäre, die ein ungeheures Aufsehen machte. Der Altertumsforscher Hans von Aufseß, der Begründer des Germanischen Museums, wohnte der Eröffnung der neuen Universität zu Straßburg bei. Er kam krank zurück und starb gleich nachher. Es hieß, er sei »infolge eines unglücklichen Mißverständnisses« so verletzt worden, daß er daran gestorben sei. Ein Mißverständnis war es allerdings, denn der Alte war begeisterter deutscher Patriot; sonst wäre er nicht nach Straßburg zu dieser Gelegenheit gereist. Während der Feier pfiff er seinem Diener und einige hitzige Patrioten glaubten, er pfeife die Feier aus. Der alte Aufseß ward durchgeprügelt und als er daran gestorben war, suchte die liberale Presse die Sache zu vertuschen. Da erschien bei uns auf der Redaktion des »Nürnberger Anzeiger« der Sohn des Verstorbenen und überreichte eine Erklärung, in der es hieß, er habe seinen Vater mit den von Schlägen herrührenden blauen Flecken im Gesicht im Sarge liegen sehen. Die Erklärung erschien. Aber von wem rührten die Schläge her? Herwegh veröffentlichte zu dem Ereignis die Verse:


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»Deutsche Kunst und Wissenschaft
Streu'n der Bildung Samen
Über'm Rhein; von deutscher Kraft
Gabt ihr Proben, reckenhaft,
Ihr – doch eure Namen?
Nirgends les' ich euch gedruckt,
Helden, lobebäre,
Die den Alten abgemuckt!
Deutschland, das so viel verschluckt,
Schluckt auch dies, auf Ehre!«

In der Tat wurde die Sache »geschluckt«. Man bezeichnete bestimmte Personen, die es erst eine Weile sich gefallen ließen; dann klagten sie und erzielten Verurteilungen. Damit war die Sache amtlich erledigt; man weiß amtlich nicht, wer die »Helden lobebäre« gewesen sind.
Um diese Zeit wendete sich der öfter genannte Dichter Kurt Mook, der als Sozialdemokrat auftrat, an mich wegen seines Bruders, der eine Stellung suchte. Dieser, der Philosophie und Medizin getrieben hatte,[105]  wollte sich eine literarische oder politische Position machen und schrieb zunächst ein »Leben Jesu«. das konfisziert wurde. Nun hatte Karl Scholl mir gesagt, daß er seinen Posten als Prediger der freien Gemeinde aufgeben wolle. Friedrich Mook schien mir für diesen Posten geeignet und ich empfahl ihn bei Scholl, worauf Mook zu einer »Probepredigt« eingeladen wurde. Sie gefiel und er wurde zum Sprecher der freien Gemeinde gewählt. Damit hatte ich dem Nürnberger Sozialisten aber einen schlechten Dienst erwiesen, denn dieser Mook war ein Intrigant und Krakeeler, wie es keinen schlimmeren geben konnte. Er trat in Nürnberg in die sozialdemokratische Partei ein und von diesem Augenblick an schien die ganze Atmosphäre von widerlichster Stänkerei erfüllt. Die Geschichte dieses Skandals gehört nicht hierher; es sei nur gesagt, daß im Verlaufe desselben sowohl Memminger als Mook zur Partei in unverkennbaren Gegensatz gerieten. Auch ich wurde, wie sich ein Freund ausdrückte, »in die Schmiere« hineingezogen, da mich Mook in einer seiner Skandalbroschüren auf schmutzige Weise verleumdete.
Indessen war ich, als diese Dinge sich abspielten, längst nicht mehr in Nürnberg. Im Juni 1872 erhielt ich einen Brief von dem bekannten Sozialdemokraten Wilhelm Bracke in Braunschweig mit der Aufforderung, in die Redaktion des sozialdemokratischen »Braunschweiger Volksfreund« einzutreten, dessen Redakteure sich im Gefängnis befänden oder dahin gehen müßten. Wahrscheinlich hatte Bracke davon gehört; daß für mich der Anschluß an die Sozialdemokratie nur eine Frage der Zeit sei; auch hatte ich einmal einen Artikel für den »Volksfreund« geschrieben. An sich war der Antrag nicht verlockend, denn wenn ich ihn annahm, so gingen meine Einnahmen auf weniger als die Hälfte herunter. Aber die lang ersehnte Gelegenheit war nun da und ich nahm an. Zugleich trat ich auch in die sozialdemokratische Partei ein.
Die Würfel waren geworfen.
Ich lege Wert darauf, hier zu konstatieren, daß ich; als ich zur Sozialdemokratie übertrat, eine wohldotierte bürgerliche Stellung freiwillig aufgab. Politische Gegner und persönliche Feinde haben hartnäckig verbreitet, ich sei als verbummelter Mensch und als verkrachte Existenz zur Sozialdemokratie gekommen, weil mir keine andere Wahl geblieben. Dies ist eine doppelte Unwahrheit. Die Sozialdemokratie stellt verbummelte Leute nicht auf Ehrenposten und ich war nie verbummelt, sondern habe mein Leben lang, wie ich ohne Überhebung sagen darf, fleißig gearbeitet. Auch als »examenflüchtig« oder als »durchs Examen gefallener Student« ward ich oft in der bürgerlichen Presse bezeichnet. Welch grobe Verleumdung dies war, geht aus diesen meinen Lebenserinnerungen hervor.
Ebenso falsch ist es, wenn »wohlwollende« Menschen, namentlich verschiedene Jugendfreunde, mit Bedauern und weisheitsvoller Miene den Ausspruch tun, ich wäre nie »so weit« gekommen, wenn ich nicht in meiner Jugend eine so harte und ungerechte Behandlung erfahren hätte.[106]  Dies »Wohlwollen« muß ich ablehnen. Leute, die selbst nie Ideale gehabt, können es nicht verstehen, daß ein anderer sein Leben einem Ideal widmet, aus Nachdenken und innerer Überzeugung heraus. Für jene Alltagsmenschen ist reichlicher Broterwerb und das Streben nach Stellung und Reichtum die höchste Lebensaufgabe; mein Stolz ist es, daß bei mir die idealen Bestrebungen stets an erster Stelle gestanden haben. Für das, was ich in der Jugend erduldet, wäre ich durch meine gute Position in der bürgerlichen Presse, soweit es möglich, entschädigt gewesen. Darum brauchte ich nicht zur Sozialdemokratie zu kommen. –
Die Nürnberger Freunde bereiteten mir einen zugleich feierlichen und fröhlichen Abschied. Ich sehe noch den graubärtigen Dr. Schmidt, der einst im Sturme von 1848 gestanden, wie er mir sein Glas zubrachte und seiner Freude Ausdruck gab, daß ich nunmehr da angelangt sei, wo er mich schon so lange zu sehen gewünscht.
Der Weg meines damaligen Freundes Anton Memminger und der meinige sind weit auseinander gegangen. Aber ich werde nie vergessen, daß Memminger in jener Jugendzeit mir ein wirklicher Freund gewesen ist und daß ich ihm sehr viel zu verdanken habe. –
Als das alte Nürnberg bei der Abreise meinen Blicken entschwand, dachte ich an Huttens Wort:


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»Ich habs gewagt mit Sinnen
Und ich trag' deß noch kein Reu!«

Zwar hatte ich nicht so viel gewagt, wie Hutten, aber Reue über meinen Entschluß habe ich auch noch niemals empfunden.[107] 
Fußnoten
1 In der Schrift »Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte.

2 Ein alter Sozialphilosoph sagte mir einmal: »Wenn das Kind nur erst da ist; ein Gesicht wird es schon haben.«

3 Dort hieß es, 1848 sei ein »Kommunist« zu Rothschild gekommen und habe verlangt, daß dieser mit den armen Leuten teile. »Gut«, habe Rothschild gesagt, »von meinem Vermögen kommt; wenn es geteilt wird, auf jeden Deutschen ein Taler. Da haben Sie den Ihren.« Das Spießbürgertum fand dies sehr witzig.

4 Von den poetischen Leistungen Sauter's von der Pegnitz hat sich nur eine erhalten, nämlich eine Parodie des bekannten Spruches:

»Glücklich ist, wer vergißt, – Was einmal nicht zu ändern ist!«

welche lautete:

»Glücklich ist, wer verfrißt, Was nicht zu versaufen ist!«




Im neuen Reich










In Braunschweig sollte nun meine Tätigkeit als politischer Parteimann beginnen. In Konstanz hatte ich eine Art politischer Lehrzeit durchgemacht. In Oberndorf und in Würzburg war für mich kein Parteileben vorhanden und in Nürnberg war ich Angestellter der bürgerlichen Demokratie und Gast der Sozialdemokratie gewesen. Erst in Braunschweig fühlte ich festen Boden unter den Füßen und konnte aus dem Vollen arbeiten.
Das Deutsche Reich bestand damals seit etwa einem Jahre. Lange Jahrhunderte hindurch hatte Deutschland, mit Lassalle zu reden, den »Marterpfahl des Föderalismus« in seinem Fleische gefühlt. Nun war die so lange und so glühend ersehnte Einheit endlich da. Nachdem 1848 und 1849 die Demokratie im Kampfe für ein großes und freies Deutschland unterlegen, hatte nunmehr ein verwegener und vom Glücke begünstigter Junker aus der Mark ein einiges Deutschland nach seiner Art hergestellt. Es war nicht die Einheit, welche 1848 der König von Preußen in der Angst verkündigt hatte mit den Worten: »Preußen geht fortan in Deutschland auf!« – Zwar wurde von den vielen Zeitgenossen, die 1848 und 1849 Demokraten und Republikaner gewesen und nunmehr der neuen Form des Reiches sich anzupassen bestrebt waren, unaufhörlich betont, die Ideale, für die unsere Väter zwei Jahrzehnte zuvor gestritten und gelitten, seien nunmehr »herrlich erfüllt«. Aber nicht wenige Deutsche standen der preußischen Hegemonie unversöhnlich gegenüber; viele konnten den Bruderkrieg von 1866 und den Ausschluß Österreichs nicht vergessen und wieder andere sahen mit Recht in der gewaltsamen Annektion von Elsaß-Lothringen den Keim künftigen Unheils.
Jedoch der Triumph der Bismarckschen Blut- und Eisen-Politik, wie er sie selbst mit einem seiner »geflügelten Worte« bezeichnete, war ein vollständiger und überwältigender. Da Bismarck das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht mitgebracht hatte, galt er bei der ungeheuren Mehrheit des deutschen Bürgertums für einen liberalen Staatsmann. Manche hielten ihn sogar für einen heimlichen Republikaner, in welcher groben Täuschung er sie durch gelegentliche Scherzworte bestärkte. Daß er schon damals das Ziel verfolgte, mit der Reichsgründung die in finanziellen Nöten versinkende Junkerklasse wieder empor zu bringen und sie schließlich zur Herrschaft in einem erweiterten Gebiete zu führen, wird begreiflicherweise von seinen Verehrern und Anhängern bestritten. Aber die Streitigkeiten mit der Junkerschaft, in die er im ersten Jahrzehnt des Reiches verwickelt wurde, scheinen uns nur zu beweisen, daß die Junker den Umweg nicht begriffen, den er machen mußte, um zu eben diesem Ziele zu gelangen.[111] 
Das neue Reich war noch überwiegend Agrarstaat; die Industrie von damals befand sich gegenüber der heutigen noch in den Anfängen. Nun aber stand ihr der Weltmarkt offen und die neue Gesetzgebung brachte nach und nach Gewerbefreiheit. Freizügigkeit, Maß- und Münzeinheit und Schutz des Handels im Auslande. Dazu ergoß sich die goldene Flut der fünf Milliarden über Deutschland, welche Frankreich als Kriegsentschädigung zahlen mußte. Man hatte, wie es scheint, vergessen, daß es für diese Erscheinung eine historische Analogie gab, nämlich die Überschwemmung Spaniens mit Edelmetallen nach der Entdeckung Amerikas. Damals sank der Geldwert und die Preise der notwendigen Lebensmittel schnellten empor, worauf eine schwere wirtschaftliche Krisis folgte. In Deutschland kam es ähnlich. Das massenhaft disponibel werdende Kapital bewirkte erst einen mächtigen Aufschwung in Handel und Industrie, die Spekulation überschlug sich aber und wir gerieten in die Epoche des Gründungsschwindels hinein, der mit einem großen Krach endigte.
Unter diesen Umständen war es selbstverständlich, daß die nationalliberale Partei, deren Abgott Bismarck geworden war, weitaus die stärkste im Reiche bildete. In ihr vereinigte sich die industrielle und kommerzielle Bourgeoisie. Bismarck wußte diese Partei zu benutzen. Er gelangte mit ihr zu einer Verständigung. Auf wirtschaftlichem Gebiete ließ er dieser liberalen Bourgeoisie freie Bahn, um ihr Kapital gewinn reich werben lassen zu können; dagegen versprachen die Nationalliberalen, seine politischen Zirkel nicht zu stören. So gelang es Bismarck, nachdem er die unvermeidlichen Konzessionen gemacht, noch verschiedene aus dem Geist des alten Bundestages geborene Institutionen in das neue Reich herüber zu retten und namentlich für das allgemeine Wahlrecht ein Korrektiv zu schaffen, indem er für den Reichstag keine Diäten zuließ und dem Bundesrat die Befugnis verlieh, positive Beschlüsse des Reichstages zu kassieren.
Den Tatendrang der Nationalliberalen, die es im Reichstag 1871 auf 119 und 1874 auf 155 Mandate brachten, beschäftigte Bismarck mit dem sogenannten Kulturkampf. Es hatte sich damals eine »katholische« Fraktion von 57 Mitgliedern gebildet, die sich das Zentrum nannte. Hier fanden sich auch partikularistische und halbdemokratische Elemente ein; der Führer wurde der welfisch gesinnte Windthorst. Das Zentrum trat in entschiedene Opposition gegen Bismarcks Politik. Als sich auch die von Bismarck stets gehaßten Polen dem Zentrum anschlossen, wurde der »Herkules des Jahrhunderts«, wie nationalliberale Schmeichelei den ersten Reichskanzler nannte, so erbittert, daß er sich entschloß, den Ultramontanismus nebst seinen partikularistischen und polnischen Anhängseln mit Ausnahmegesetzen zu bekämpfen, die sich gegen die katholische Priesterschaft richteten. Der kurzsichtige Liberalismus sah in dieser Polizeiaktion einen wirklichen Freiheitskampf, während tatsächlich umgekehrt der an sich so reaktionäre Ultramontanismus in den Kampf für politische und bürgerliche Freiheit gedrängt wurde. Die ganze Aktion endete mit einem großen[112]  Mißerfolge Bismarcks und das Zentrum gelangte auf diesem Wege zu der Machtstellung im Reiche, die es heute noch inne hat.
Die alte Fortschrittspartei, die in den sechziger Jahren im preußischen Abgeordnetenhause mit Bismarck den großen Konflikt ausgefochten und vergeblich gegen den Militarismus und für eine parlamentarische Regierung in Preußen gekämpft hatte, war auf eine kleine Fraktion zusammengeschmolzen. Von ihren Führern waren viele zu den Nationalliberalen übergegangen, darunter verschiedene Revolutionäre von 1848. Noch schlimmer erging es den Junkern und Junkergenossen, die in der Reaktion der fünfziger Jahre so arg getobt hatten. 1874 gab es im Reichstag 22 Deutsch- und 33 Freikonservative. Die Konservativen hatten damals das Pech, daß einige ihrer Führer, namentlich der »Sozialdemagoge« Hermann Wagener, der einst Bismarcks rechte Hand gewesen, von dem geschwätzigen nationalliberalen Abgeordneten Lasker vernichtend gebrandmarkt wurden, weil sie sich an unsoliden Gründungen beteiligt hatten. Zwar gab es liberale Politiker, die ähnliche und vielleicht auch größere Sünden auf dem Kerbholz hatten. Aber das Geschrei der pilzartig emporgeschossenen und mächtigen liberalen Presse erstickte alle Anklagen von der Gegenseite und das Odium der Gründerzeit blieb vorwiegend an den Konservativen haften. Die Hochgefühle der nationalliberalen Partei schwollen unbegrenzt an und je mehr sie sich selbst vor Bismarck demütigte, desto brutaler trat sie gegen die sogenannten Reichsfeinde auf. Unter Reichsfeinden verstand man damals alle, die nicht mit Bismarcks Politik durch dick und dünn gehen wollten.

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Während die deutsche Bourgeoisie solchergestalt den Sieg über Frankreich »fruktfizierte«, ward auch die Arbeiterklasse durch die Nachwirkungen der großen Katastrophe in neue Strömungen hineingerissen. Die Milliardenflut hatte zwar viel neue Arbeitsgelegenheit geschaffen, aber sie hatte auch die unentbehrlichen Lebensmittel enorm verteuert. Daß die Arbeiter die starke Nachfrage nach Arbeitskräften benutzten, um die Löhne zu steigern, verstand sich von selbst. Eine große Streikbewegung entstand plötzlich im neuen Reich. Einem großen Teil der Arbeiter gelang es, höhere Löhne zu erzielen; ein weit größerer Teil erreichte nur einen besseren Ausgleich zwischen Arbeitslöhnen und Lebensmittelpreisen und der weitaus größte Teil erreichte mit den Streiks nichts oder verschlimmerte seine Lage. Aber die bürgerliche Presse, namentlich die liberale, erfüllte die ganze politische Welt mit ihren Übertreibungen über die enormen Löhne und die üppigen Schlemmereien der Arbeiter. So entstand damals die Legende, nach welcher die Berliner Steinträger den Sekt aus großen Weißbiergläsern zu trinken pflegten. In Wahrheit litt die große Masse der Arbeiter schwer unter Wohnungsnot, hohen Mieten und hohen Lebensmittelpreisen.
Die verunglückten Streiks erweckten bei den Arbeitern den Trieb, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Die Ansätze zu solchen Organisationen wurden von der Unternehmerschaft und der Polizei gleich heftig[113]  verfolgt. Ausgenommen blieben davon die katholischen Arbeitervereine und die von Max Hirsch und Franz Duncker begründeten Gewerkvereine. Beide verwarfen den Klassenkampf. Die Gewerkvereine waren eine sehr verschlechterte Nachahmung der englischen Trades unions und Max Hirsch predigte die Harmonie von Kapital und Arbeit.
Die Gewerkschaften, die sich als Kampforganisationen auftaten, wurden zu politischen Vereinen gestempelt und als sozialdemokratische Vereine von der Polizei und den Gerichten verfolgt, während die Unternehmerschaft ihnen mit Maßregelungen und schwarzen Listen zu Leibe ging. Obschon die Gewerbeordnung ausdrücklich gestattet. Vereinigungen zum Zweck der Erzielung besserer Arbeitsbedingungen zu bilden, wurde doch jeder Streik als ein sozialdemokratischer »Angriff auf die Gesellschaftsordnung« denunziert. Die Sozialdemokratie hat die Streitlust an sich nicht gefördert, aber sie hat jederzeit die Berechtigung des Kampfes um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen nachgewiesen. Sie nahm deshalb nach dem Kriege einen neuen Aufschwung, nachdem die Arbeiter endlich erkannt hatten, daß sie sich auf die bürgerlichen Parteien bei ihren Ausständen und Lohnbewegungen nicht verlassen konnten.
Damals befand sich die sozialdemokratische Bewegung in Deutschland noch in den Anfängen und war doppelt in sich gespalten. Die Masse der sozialdemokratisch gesinnten deutschen Arbeiter stand noch unter dem Eindruck der mächtigen Persönlichkeit Lassalles, der neun Jahre zuvor seine stürmische und kurze Laufbahn als sozialdemokratischer Agitator begonnen hatte. In den sozialistischen Kreisen sprach man noch alle Tage von ihm.1
Wer der »eigentliche« Begründer der Sozialdemokratie in Deutschland gewesen, das ist eine müssige Frage. Vor 1848 begegnete man dem Sozialismus in Deutschland nur auf literarischem Gebiet. Im Auslande entstanden verschiedene von Flüchtlingen gebildete Verbindungen, unter denen der Bund der Gerechten in London unter dem Einflusse von Marx und Engels sich in den Bund der Kommunisten verwandelte. Dieser nahm 1847 das Kommunistische Manifest zur Grundlage seiner Propaganda. Die damaligen Sozialdemokraten nannten sich Kommunisten zum Unterschied von den bürgerlichen, feudalen und utopistischen Spielarten des Sozialismus von damals. Der Spießbürger verwechselte gleich von vornherein den Kommunismus, der die Gemeinsamkeit der Produktionsmittel bedeutet, mit »allgemeiner Teilerei« und hält an diesem Unsinn heute noch hartnäckig fest.
Der Londoner Kommunistenbund war die erste internationale Arbeiterverbindung. Von deren führenden Geistern. Karl Marx und Friedrich Engels, wurde die bürgerliche Revolution von 1848 kräftig[114]  unterstützt, obwohl sie bereits über diese in Deutschland historisch etwas spät gekommene Umwälzung hinaus und die große soziale Bewegung der Zukunft kommen sahen. Die nach Deutschland gekommenen Mitglieder des Kommunistenbundes schlossen sich den demokratischen Vereinigungen an, um dort für ihre Grundsätze Propaganda zu machen und die ganze Bewegung vorwärts zu treiben; Marx und Engels begründeten in Köln die berühmte »Neue Rheinische Zeitung«, das weithin leuchtende Banner der sozialen Demokratie, und eröffneten eine lebhafte Propaganda unter den rheinischen Arbeitern, an der sich auch der junge Lassalle beteiligte. Dieser war damals aber zumeist von der Hatzfeldt-Affäre in Anspruch genommen. Zugleich begründeten der Schriftsetzer Stephan Born, der berühmte Naturforscher Nees von Esenbeck und der Goldarbeiter Bisky, ein Berliner Barrikadenkämpfer vom 18. März 1848, auf dem im Sommer 1848 zusammengetretenen Berliner Arbeiterkongreß eine über ganz Deutschland sich erstreckende sozialdemokratische Organisation, die Arbeiterverbrüderung. Es begann eine lebhafte Agitation und es fanden Arbeiterkongresse in Sachsen, Bayern, Baden,[115]  Thüringen und Hamburg statt. Die Berliner Richtung und die Kölner Richtung sollten auf einem nach Leipzig für den Sommer 1849 anberaumten großen Arbeiterkongreß verschmolzen werden. Inzwischen aber brachen in Deutschland die Aufstände für die Frankfurter Reichsverfassung aus, bei denen die Sozialdemokratie überall mitkämpfte. Die nach der Niederlage eintretende reaktionäre Hochflut verschlang auch die Arbeiterorganisationen, die zudem nachher vom Bundestag noch ausdrücklich verboten wurden. Nachdem 1852 die Verurteilten des großen Kölner Kommunistenprozesses hinter den Kerkermauern verschwunden waren, blieb es in Deutschland beinahe ein Jahrzehnt still, was die Sozialdemokratie betraf. Marx und Engels waren wieder nach England gegangen; Lassalle hatte sich wissenschaftlichen Arbeiten gewidmet, von denen das »System der erworbenen Rechte« und »Heraklit der Dunkle« seinen Namen in der gelehrten Welt berühmt machten.


1862 wurde es unter den deutschen Arbeitern wieder lebendig. Sie hatten durch die Londoner Weltausstellung neue Anregungen bekommen und in Leipzig bildete sich ein Komitee zur Einberufung eines großen Arbeiterkongresses, auf dem über Arbeiterversicherung, Freizügigkeit und Genossenschaftswesen verhandelt werden sollte. Um diese Zeit brach auch in Preußen der Kampf der Fortschrittspartei um die parlamentarische Regierung aus. Die kleinbürgerliche »Selbsthilfe« des zu dieser Partei gehörenden Schulze-Delitzsch genügte den fortgeschrittenen Arbeitern nicht. Das Leipziger Komitee, in dem sich auch Fritzsche, ein Barrikadenkämpfer von Dresden 1849, und Vahlteich, beide überzeugte Sozialdemokraten, befanden, frug zunächst bei der Fortschrittspartei an, wie sich diese zum allgemeinen Wahlrecht stelle. Die Antwort befriedigte das Komitee nicht und es wendete sich an Lassalle, welcher durch seinen vor Berliner Arbeitern gehaltenen glänzenden Vortrag: »Über den Zusammenhang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes« Aufsehen erregt hatte. Zudem hatte Lassalle die Taktik der Fortschrittspartei scharf getadelt. Lassalle richtete an das Komitee sein »Offenes Antwortschreiben«, in welchem er der »Selbsthilfe« von Schulze-Delitzsch zwei Forderungen gegenüberstellte:
Allgemeines Wahlrecht und Staatskredit für Produktivgenossenschaften.
Das sogenannte eherne Lohngesetz sollte die Notwendigkeit des Staatskredits begründen und mit dem allgemeinen Wahlrecht sollte er errungen werden. Das eherne Lohngesetz2 und die Produktiv-Assoziationen mit Staatskredit sind heute kritisch überwunden; die Höhe des Arbeitslohnes wird nicht nach einem »ehernen« Lohngesetz reguliert; sondern ist abhängig von der Stärke der »industriellen Reservearmee«, mittelst welcher bewirkt werden kann, daß das Angebot von Arbeitskräften die Nachfrage erschöpft[116]  oder übersteigt. Aber die geistvolle und hinreißende Art wie Lassalle, der sich übrigens als Schüler von Marx bezeichnete, seine Theorie vortrug, verschaffte ihm viele Anhänger. Er begründete den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein, dessen Präsident er wurde, dessen Mitgliederzahl aber seinen Erwartungen nicht entfernt entsprach. Auch die weiteren Erfolge der Lassalleschen Agitation waren nicht gerade ermutigend. Aber es war eine neue Epoche für die sozialistische Bewegung eingeleitet, die immerhin vorwärts ging. Lassalle forderte vom Staate hundert Millionen Taler für die von den Arbeitern zu gründenden Produktivassoziationen, die den Kristallisationskern für die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zu einer sozialistischen bilden sollten. Die bürgerliche Presse richtete die heftigsten Angriffe gegen Lassalle. Dieser antwortete darauf, indem er die mit dem neuen Ministerium Bismarck in scharfen Konflikt stehende Fortschrittspartei angriff, was zur Folge hatte, daß nun Lassalle als ein Verbündeter der feudal-konservativen Reaktion dargestellt wurde. Dies fand um so mehr Anklang, als Lassalle mit Bismarck in persönlichem Verkehr stand, der auf die künftige Einführung des allgemeinen Wahlrechts nicht ohne Einfluß gewesen ist. Auch rief Lassalle Bismarck um sein Einschreiten gegen ihn bedrängende fortschrittliche Behörden an. Von den Gerichten unaufhörlich mit Kriminalprozessen verfolgt, schien er schließlich bei einem »sozialen Königtum« die Erfüllung seiner Forderungen zu suchen. Er fiel 1864 in einem Duell, das eine Folge seiner Liebesaffäre mit Helene von Dönniges war. Wie ein strahlendes Meteor war er vorübergegangen.
Ungefähr um dieselbe Zeit, da Lassalle starb, wurde in London von einem Komitee von Sozialisten aller Länder die Internationale Arbeiter-Assoziation gegründet, deren leitender Geist Karl Marx war. Er hatte die von der neuen Verbindung beschlossene Inaugural-Adresse sowie die Statuten verfaßt und saß mit Friedrich Engels im Generalrat. Sein berühmtes Hauptwerk, »Das Kapital«, erschien indessen erst 1867. Die Internationale stützte sich zuerst im wesentlichen auf die englischen Arbeiterorganisationen und breitete sich in Europa erst nach und nach aus. In Deutschland hatte sie wenig direkte Mitglieder, aber sie hat den Sozialismus in Deutschland wie in der ganzen Kulturwelt während der kurzen Zeit ihres Bestehens mächtig gefördert. Von der europäischen Polizei wurde die Internationale lächerlicherweise als eine der vielen geheimen Flüchtlingsverschwörungen behandelt, während doch ihre Propaganda eine öffentliche war. Spitzelberichte umgaben die Internationale mit geheimnisvollen Legenden. Man hatte vergessen, daß Marx und Engels schon im Jahre 1856 die bürgerliche Revolution, als eine Wirkung der vorhergegangenen ökonomischen Krise, für beendet und ihre Wiederkehr in der nachfolgenden Zeit der Prosperität für ausgeschlossen erklärt hatten.
Lassalle hatte zu seinem Nachfolger testamentarisch den Schriftsteller Bernhard Becker – ich sollte diese Persönlichkeit nachher in Braunschweig[117]  näher kennen lernen – empfohlen und dieser wurde auch zum Präsidenten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins gewählt. Aber er war seiner Aufgabe nicht gewachsen und die Leitung des Vereins ging nach vielen Zänkereien an den glänzend begabten Frankfurter Advokaten und Schriftsteller Jean Baptist von Schweitzer über. Dieser rief ein täglich erscheinendes Organ ins Leben, den »Sozialdemokrat«. Als Mitarbeiter wurden Marx, Engels, Liebknecht, Herwegh, Rüstow, Wuttke und andere angekündigt. Aber sie traten zurück, als Schweitzer seine Auffassung von der revolutionären Lösung der deutschen Frage kundgab. »Preußische Bajonette oder Arbeiterfäuste – wir sehen kein drittes«, schrieb er. Durch diese Alternative und da die »Arbeiterfäuste« um diese Zeit nicht in der Lage waren, die deutsche Frage zu lösen, geriet Schweitzer in den Verdacht, ein heimlicher Verbündeter der Bismarckschen Politik zu sein. Dieser Verdacht wurde dadurch bestärkt, daß Schweitzer mit den konservativen und feudalen Elementen stark kokettierte, während er die bürgerliche Demokratie angriff.

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Aber der Allgemeine deutsche Arbeiterverein konnte durch Schweitzer nicht vor einer Spaltung bewahrt werden. Die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, Lassalles Freundin, welcher er die Scheidung von einem verächtlichen Manne und die Rückgabe ihres Vermögens erkämpft hatte, wollte das von Lassalle begonnene Werk in ihrer Weise fortsetzen.3 Sie hatte mit der Leiche Lassalles einen abstoßend wirkenden Kultus getrieben.4 Obwohl Schweitzer im Geiste Lassalles zu wirken glaubte, war er der Gräfin nicht »Lassalleaner« genug und diese gründete daher einen besonderen Verein, dem man spottweise den Namen »die weibliche Linie« gab.
Dagegen suchten die Anhänger der Internationalen Arbeiterassoziation in Deutschland die Arbeiter für den Sozialismus in Verbindung mit einer radikal-demokratischen Politik zu gewinnen. Sie verständigten sich mit einigen radikalen Elementen der bürgerlichen Demokratie und trugen die sozialistischen Ideen in den Verband deutscher Arbeitervereine, welche ursprünglich dem Lassalleanismus entgegen wirken sollten. Namentlich Liebknecht und Bebel – der letztere war zuerst ein entschiedener Gegner Lassalles – waren in diesem Sinne tätig. Diese Richtung hatte ein Organ, das von Liebknecht redigierte »Demokratische Wochenblatt« in Leipzig, während der weiblichen Linie der Lassalleaner die »Freie Zeitung« als Organ diente. Die drei Richtungen bekämpften sich heftig untereinander. 1868 schloß sich auf dem Kongreß zu Nürnberg der Verband deutscher Arbeitervereine in seiner überwiegenden Mehrheit der Internationalen Arbeiterassoziation an und dies zog eine abermalige[118]  Spaltung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins nach sich. Eine Anzahl seiner besten Mitglieder traten aus und begründeten 1869 auf dem Eisenacher Kongreß die sozialdemokratische Arbeiterpartei, deren Organ das »Demokratische Wochenblatt« mit dem Titel »Der Volksstaat« wurde. Diese neue Partei betrachtete sich als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation und gab sich im Gegensatze zum Allgemeinen deutschen Arbeiterverein eine demokratische Organisation, aber das Eisenacher Programm machte dem Lassalleanismus die Konzession, daß es als einzige sozialistische Forderung die Produktiv-Assoziationen mit Staatshilfe beibehielt. Der »Volksstaat« war zugleich Organ der »internationalen Gewerksgenossenschaften«, die aber sehr schwach waren, da die Lassalleaner besondere Gewerkschaften gegründet hatten. Die ganze gewerkschaftliche Bewegung litt an traurigster Zersplitterung.
Sonach gab es in Deutschland drei sich bekämpfende sozialistische Richtungen und eine Zeitlang waren es sogar vier, da in Bayern eine Anzahl Mitgliedschaften des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins sich von diesem[119]  trennten und unter der Führung von Tauscher eine selbständige Gruppe bildeten, deren Organ »Der Proletarier« war. Doch schloß sich diese Gruppe bald der in Eisenach gegründeten sozialdemokratischen Arbeiterpartei, gewöhnlich kurz die »Eisenacher« genannt, an.
Die drei Richtungen führten zwar energisch den Kampf gegen den Kapitalismus und die Ausbeutung der Massen, aber sie feindeten sich untereinander auf dem politischen Gebiet auf das heftigste an. Die radikalrepublikanische und auf dem Boden des Kommunistischen Manifestes stehende Eisenacher Richtung mußte mit dem Lassalleanismus, obschon sie ihm wegen der zu ihr übergetretenen ehemaligen Anhänger Lassalles noch zu Eisenach Konzessionen gemacht, hart zusammenstoßen. Namentlich Schweitzer und Liebknecht boten alle Künste einer rücksichtslosen Polemik gegeneinander auf. Von Schweitzer wurden die »Eisenacher« spöttisch als die »Ehrlichen« und als Anhänger oder auch als Söldlinge der radikalen Bourgeoisie bezeichnet. Dagegen wurde Schweitzer im »Volksstaat« als ein Agent der preußischen Regierung und als Polizeispion hingestellt.
Nachdem der Kriegssturm von 1876–71 verrauscht, traten in der sozialistischen Bewegung bedeutsame Veränderungen ein. Die »weibliche Linie« der Lassalleaner löste sich auf und die Mitglieder schlossen sich den anderen Fraktionen an. Herr von Schweitzer, der wegen seines diktatorischen Auftretens das Vertrauen der Mitglieder des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins verloren hatte, legte sein Amt als Präsident nieder und ward bald darauf als preußischer Regierungsagent5 aus dem Verein ausgeschlossen. An seine Stelle trat Wilhelm Hasenclever. Der Allgemeine deutsche Arbeiterverein nahm einen raschen Aufschwung; die »Eisenacher« gewannen langsamer Boden. Dem Norddeutschen Reichstage hatten verschiedene Sozialdemokraten, Schweitzer, Liebknecht, Bebel, Mende, Försterling, Fritzsche, Hasenclever und Reinke angehört; bei den Reichstagswahlen von 1871 wurde nur Bebel in Glauchau-Meerane gewählt. Nunmehr fanden auch die großen Prozesse gegen die sozialdemokratische Arbeiterpartei statt, die durch deren Haltung während des Krieges veranlaßt waren. Der Braunschweiger Ausschuß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei hatte nach der Schlacht von Sedan ein Manifest veröffentlicht, in dem der Friedensschluß verlangt und gegen die gewaltsame Annektion von Elsaß-Lothringen Protest erhoben worden war. Dem Manifest war ein Brief von Karl Marx angefügt, in dem es hieß, ein ehrenvoller Friede mit Frankreich werde den Einfluß des russischen Zarentums schwächen und Deutsch land eine freiheitliche Entwicklung ermöglichen; die Annektion der beiden Provinzen aber werde eine französisch-russische Allianz bringen und die Völker unter das Joch des Militarismus beugen. Die Geschichte der letzten vierzig Jahre hat diesen scharfsinnigen Ausblick von damals vollauf bestätigt. Aber der General Vogel von Falckenstein, der in dem unter dem[120]  Belagerungszustand stehenden Teil von Norddeutschland kommandierte, ließ den Braunschweiger Ausschuß sowie einige andere Sozialdemokraten verhaften und in Ketten nach Lötzen an der russischen Grenze abführen. Auch Dr. Johann Jacoby wurde wegen seines Protestes gegen die Annektion in Lötzen interniert. Nach dem Kriege wurde dem Braunschweiger Ausschuß der Prozeß gemacht. Die Strafe fiel aber in letzter Instanz so gering aus, daß sie einer Freisprechung gleichkam. Vogel von Falckenstein wurde sogar zu einer Entschädigung verurteilt.
Dieser Prozeß machte ein gewaltiges Aufsehen; noch mehr aber lenkte der Leipziger Hochverratsprozeß die Aufmerksamkeit der ganzen politischen Welt auf die Sozialdemokratie. Bebel und Liebknecht wurden nach 16tägiger Verhandlung wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zu je zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Aber diese Affäre gewann der Sozialdemokratie neue Sympathien; zahlreiche Beitrittserklärungen erfolgten, darunter die des berühmten Johann Jacoby zu Königsberg.
Inzwischen hatte sich auch in der Internationalen Arbeiterassoziation eine Krisis abgespielt. Mit der Niederlage der Pariser Kommune war der Internationale ein schwerer Schlag versetzt worden, da viele ihrer Mitglieder bei der Erhebung von Paris mitgewirkt hatten. Nun war ihr das Gebiet Frankreichs verschlossen. Zugleich war unter Leitung Bakunins der Anarchismus in der Internationale so mächtig geworden, daß eine entscheidende Auseinandersetzung unvermeidlich wurde. Auf dem Kongreß im Haag, zu Anfang des Jahres 1872, wurde Bakunin aus der Internationale ausgeschlossen, aber deren Leitung nach Neuyork verlegt. Damit war die Wirksamkeit dieser großen und gefürchteten Verbindung vorläufig zu Ende.
Unter dem Eindruck all dieser Ereignisse begann ich meine Tätigkeit in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei.[121] 
Fußnoten

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1 Seine glänzenden Agitationsschriften hauchten auch mir eine glühende Begeisterung ein. Was seine Persönlichkeit betraf, so zeigte sie neben wahrhaft bewunderungswürdigen Eigenschaften auch manche Schattenseiten, die von allen persönlich mit ihm bekannten Sozialisten, etliche Schwarmgeister ausgenommen, stets betont wurden. Wir mißfiel besonders sein frivoles Wort: »Ich liebe nur verheiratete Frauen.«

2 Das von bürgerlichen Nationalökonomen vorher schon aufgestellte »eherne« Lohngesetz besagt, daß unter der Herrschaft von Angebot von und Nachfrage nach Arbeit der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist.

3 Ihr Sohn Paul, der spätere deutsche Gesandte in London, war in seinen jungen Jahren begeisterter Anhänger der Sozialdemokratie.

4 Zur Mutter Lassalles, die ihr dessen Leichnam streitig machte, sagte sie: »Sie sind eine Gans, die einen Adler ausgebrütet hat.«

5 Ein schlüssiger Beweis dafür, daß Schweitzer Regierungs- oder Polizeiagent gewesen ist nicht erbracht worden.




Braunschweiger Tage










Es war Sommer 1872, als ich zum ersten Mal die hochragenden Türme der guten Stadt Braunschweig erblickte. Da ich aus bürgerlichen Verhältnissen kam, so mußte ich mich in die neue Position erst hineinfinden. Die Begeisterung für die Sache, der ich mich nun gewidmet, machte mir dies leicht.
Als Gehalt waren mir 24 Mark pro Woche ausgesetzt. Damit fand ich mich zurecht so gut es eben ging; übrigens waren die Lebensmittel vor der argrarischen Epoche noch sehr billig. Die zwei winzigen Zimmerchen, in denen sich Redaktion und Expedition befanden, kamen mir, der ich an größere und besser ausgestattete Räumlichkeiten gewöhnt war, erst sehr unbehaglich vor. Aber ich gewöhnte mich rasch daran und schließlich war mir das Lokal lieb geworden.
Auf der Redaktion fand ich den Kollegen Gustav Lyser vor. Lyser war der Sohn jenes so überaus fruchtbaren Malers, Musikers und Schriftstellers Lyser, der ein Freund von Heinrich Heine und Robert Schumann war und trotz vieler glänzenden Leistungen im schrecklichsten Elend untergegangen ist.1
Mein Kollege Lyser stammte aus der Ehe seines Vaters mit Karoline Leonhardt, die seinerzeit als Improvisatorin weit bekannt war und von Friedrich Rückert die deutsche Corinna genannt wurde. Von den künstlerischen Gaben seiner Eltern war viel auf Lyser übergegangen; er sprach und schrieb sehr gewandt und machte vortreffliche volkstümliche und satirische Verse. Sein unüberwindlicher Humor ließ ihn die Schattenseiten des Schriftstellerlebens in der Sozialdemokratie von damals kaum empfinden. Von seiner Leichtlebigkeit erzählte man sich fabelhafte Geschichten. Er war ursprünglich Buchdrucker. Wir mochten uns wohl leiden und suchten uns gegenseitig die Situation so erträglich als möglich zu machen. Später wurden wir durch Parteizwistigkeiten entzweit, was mir heute noch leid tut.
Am gleichen Tage lernte ich auch meinen neuen Chef, den Führer der Braunschweigischen Sozialdemokratie, Wilhelm Bracke jr., kennen. Sein Name war dadurch, daß man ihn mit dem ganzen Braunschweiger Ausschuß 1870 in Ketten nach Lötzen geschleppt hatte, sowie durch den hinterher folgenden Prozeß in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt geworden. Er war ein langaufgeschossener Dreißiger, blaß und mager. Er sah mit seinem schlicht herabhängenden Haar wie ein trockener Gelehrter aus. Aber wenn er öffentlich sprach, dann belebte seine Züge[125]  das Feuer, das ihn beseelte. Ich habe nie einen besseren Volksredner gehört, jedenfalls keinen, der die Massen mehr mitreißen konnte, als Bracke. In Berlin machte er Aufsehen, als er in einem Redeturnier den berühmten Volksredner von 1848, den alten Held, überwand. Es kam vor, daß Bracke in Versammlungen auch seine Gegner so mit sich fortriß, daß sie sich mit ihm einig fühlten und erst nach einiger Zeit sich wieder besannen, daß sie eigentlich einer anderen Richtung angehörten. Dabei behandelte er mit souveräner Leichtigkeit die schwierigsten Stoffe. So konnte er jederzeit unvorbereitet eine erschöpfende Darstellung der Marxschen Werttheorie geben. Seine Tätigkeit war eine ganz außerordentliche. Nachdem sein Vater kränklich geworden, war dem Sohne die Leitung seines umfangreichen Getreide- und Mehlgeschäftes zugefallen. Das Comptoir war den ganzen Tag von Leuten belagert, die Rat und Auskunft haben wollten; dazu kamen viele, denen seine Wohltätigkeit bekannt war. Er schrieb mehrere Werke und viele Artikel für den »Volksfreund« und hielt unablässig Versammlungen im Herzogtum und anderwärts ab. Er wirkte als Stadtverordneter und Reichstagsabgeordneter. Dazu trieb er chemische[126]  und astronomische Studien und hatte in seinem Hause dafür ein Zimmer eingerichtet, das, wie er mir einmal scherzend sagte, Laboratorium und »Sternwarte« zugleich war. Trotzdem fand er noch Zeit genug, sich seiner Familie zu widmen und ein liebreicher Gatte und Vater zu sein.
Bracke war erst Anhänger Lassalles gewesen und hatte sich, da ihm Schweitzers Auftreten nicht gefiel, den »Eisenachern« zugewendet. In Braunschweig dominierte unter der Führung Brackes diese Richtung vollkommen. Lassalleaner gab es nur ganz vereinzelt. Bracke hatte sich vorgenommen, die drei Reichstagswahlkreise des Herzogtums Braunschweig für die Sozialdemokratie zu erobern. Dafür brachte er viele Opfer und setzte er alle seine Kräfte ein. Aber es gelang ihm nicht ein Braunschweiger Mandat zu erringen; er wurde von einem sächsischen Wahlkreis in den Reichstag entsandt. Die Überanstrengungen bei der Agitation haben nicht wenig dazu beigetragen, daß seine Lebenskraft vor der Zeit aufgezehrt wurde. Daß die sozialdemokratische Partei die stärkste im Herzogtum wurde, ist zum guten Teil der Tätigkeit dieses »kühnen und unerschütterlichen Sozialdemokraten«, wie ihn einer seiner Gegner nannte, zuzuschreiben.
Nachdem er sich offen zur Sozialdemokratie bekannt, ward er selbstverständlich von den bürgerlichen Kreisen, in denen die alteingesessene Patrizierfamilie Bracke ein hohes Ansehen genossen, gesellschaftlich und geschäftlich boykottiert. Dies trug er mit Heiterkeit, denn der Sozialismus füllte so sehr sein geistiges Leben aus, daß er seine früheren Beziehungen wenig oder gar nicht vermißte.
Bracke und ich schlossen uns bald enge aneinander an. Es ist mir das eine der liebsten Freundschaften meines Lebens gewesen.
Hier sei bemerkt, daß das Verhältnis zwischen »Chef« und »Angestellten« damals in der sozialdemokratischen Partei keineswegs »Vorgesetzte« und »Untergebene« im allgemeinen Sinne kannte; es beruhte ganz auf gegenseitigem Vertrauen, mochte die Geschäftsleitung nun einem Einzelunternehmer oder einer Preßkommission unterstehen. Entlassungen kamen daher nur höchst selten vor. Ohnehin war die Auswahl von brauchbaren Journalisten damals sehr gering. Ich empfand in meiner neuen Stellung ein wohltuendes Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit. Später war das nicht immer so.
Hier lernte ich auch Bernhard Becker, den schon erwähnten Nachfolger Lassalles kennen; er gehörte gleichfalls der Redaktion des »Volksfreund« an. Er war von gedrungener Gestalt mit glattem runden Antlitz und spärlichem roten Haar. Weil er stets schwarzen Gehrock und Zylinder trug, was er sich in England angewöhnt, hielt man ihn oft für einen Professor; respektive Sprachlehrer, welchem Beruf er sich auch früher gewidmet hatte. Da er zu den historischen Persönlichkeiten der Sozialdemokratie gehört, so mag von ihm auch eine eingehende Charakteristik gegeben werden. Er war der Sohn eines Gutsbesitzers zu Aue bei Meiningen, hatte schon als Schüler sich seinen Lehrern durch sein Wissen[127]  gefürchtet gemacht, alsdann Philosophie und Staatswissenschaft studiert und sich frühzeitig sozialistische Anschauungen zu eigen gemacht. Er war »ein schwer gelehrter Mann«, aber professorenhaft ungewandt und wußte von seinem enormen Wissen nicht den entsprechenden Gebrauch zu machen. Darum ward er auch zeitlebens unterschätzt. 1848 stürzte er sich mit Feuereifer in den Strudel der Revolution, diente im badischen Aufstand von 1849 in der Flüchtlingslegion, später im Mannheimer Arbeiterbataillon und war dabei, als dies Freikorps den Rückzug der bei Waghäusel geschlagenen Revolutionsarmee decken half; er machte auch die Gefechte bei Durlach und vor Rastatt mit. Als nach der letzten Niederlage viele Mannschaften sich in die Festung flüchteten, hielt Becker am Tor eine Ansprache und warnte vor der »Mausefalle«, was etwa tausend Mann bewog, weiter zu ziehen. Im Exil in England hatte er als Privatlehrer eine sehr harte Zeit durchzumachen. Nach zehn Jahren kam er nach Deutschland zurück, mußte eine einjährige Gefängnisstrafe verbüßen und ließ sich in Hildburghausen und sodann in Frankfurt am Main nieder. Er schrieb das geistreiche, nun sehr seltene Werk »Nationalökonomische Raketen«, in dem er namentlich den bekannten Roscher heftig angriff. Seine »Geschichte der deutschen Bewegung von 1848«, die nicht vollendet worden ist, beruhte ganz auf dem historischen Materialismus und erregte darum das Interesse Lassalles. An diesen schloß sich Becker sogleich an und ließ eine Schrift: »Lassalle und seine Verkleinerer« erscheinen. Lassalle ernannte ihn zum Bevollmächtigten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins in Frankfurt am Main. In dem Testament; das Lassalle vor dem verhängnisvollen Duell bei Genf niederschrieb, empfahl er Bernhard Becker zu seinem Nachfolger mit den Worten:
»Er soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum Siege führen.«
Dies bewirkte; daß Becker einstimmig zum Präsidenten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins gewählt wurde. Aber er war der Verwirrung, die nunmehr, namentlich infolge der Intrigen der Gräfin Hatzfeldt, im Verein einriß, nicht gewachsen. Schließlich ward er als »hoffnungslos unheilbarer Idiot« aus dem Verein ausgeschlossen.2 Aus Preußen ausgewiesen, ging er nach Wien und schließlich nach Paris, von wo er 1870 als Deutscher ausgewiesen wurde. 1871 übernahm er in Braunschweig die Redaktion des neugegründeten »Volksfreund«. Gleich der erste Leitartikel »Der Friede und das stehende Heer« wurde konfisziert und Becker selbst wurde körperlich sehr peinlich nach dem Manuskript visitiert, worüber er spöttisch schrieb, er habe keine stehenden Heere am Leibe. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Als ich kam, »saß« er gerade und ich besuchte ihn im Gefängnis.
Als er frei wurde, zogen wir zusammen in zwei nebeneinander liegende Zimmer und gewöhnten uns sehr aneinander. Wir standen früh auf und während ich an meinem Leitartikel schrieb, kochte er Kaffee. Zugleich diente[128]  er mir mit seinem enormen Wissen als Lexikon. Er erzählte hochinteressant aus seinem bewegten Leben, aber er hatte auch viele Eigenheiten. Als er es sich in meiner Gegenwart einmal bequem machte, bemerkte ich, daß er einen langen Strick mit einem eisernen Haken um den Leib gewunden trug. Erstaunt frug ich, was das bedeute. »Man kann nie wissen«, antwortete Becker, »ob es nicht einmal wieder zu einem Barrikadenkampfe kommt. Wenn ich dann im Fall der Niederlage in ein Haus flüchten muß und verfolgt werde, kann ich mich mit diesem Strick aus einem Fenster auf der anderen Seite hinablassen.«
So sehr lebte er in den Erinnerungen an die Revolution von 1848.
Dieser gelehrte Sonderling liebte sehr den Klatsch. Aber er hatte auch viele gute Seiten. Wenn er aus sich herausging, war er ein sehr angenehmer Gesellschafter.
Unter den Führern der Braunschweiger Sozialdemokratie befand sich auch Leonhard von Bonhorst, von Beruf Techniker, der als Sekretär des Braunschweiger Ausschusses mit nach Lötzen geschleppt worden war. Er verlor aber dort seinen Humor nicht, denn er schrieb von Fort Boyen nach Leipzig an Liebknecht:
»Nun, nachdem uns beinahe dreitägiger Kettenschmuck nach einer Reise von ca. 136 Meilen wieder abgenommen, entsende ich Dir den biderben Gruß des »staatsgefangenen Ausschusses« ... Indem wir wünschen, ihr möget vor gleichem oder ähnlichem Schicksal bewahrt bleiben, empfiehlt sich euch bestens die Lötzen-Boyener Kolonie der Braunschweiger Sieben. Dein Bonhorst.«
Dieses Briefchen ward im »Volksstaat« abgedruckt, was den Herrn Festungskommandanten in höchsten Zorn versetzte.
Bonhorst war eine blonde Hünengestalt mit energischen Zügen und mächtiger Stimme; er erinnerte an die alten Germanen. Ein geistvoller, hinreißender Redner, hat er der Sozialdemokratie viele Anhänger zugeführt. Sein feuriges Wesen stand ihm sehr gut an. Als er von Lötzen zurückkehrte, entsagte er der Politik und verlegte sich auf Erfindungen, doch ohne Erfolg.
Becker, Lyser, Bonhorst und ich trafen uns jeden Mittag bei Tische in einem sehr bescheidenen Restaurant. Diese Tischgesellschaft war sehr lustig und anregend. Bei unserem lukullischen Mahle zu 46 Pfennig lasen wir uns die Rodomontaden nationalliberaler Blätter vor, welche eingehend schilderten, wie die Führer und Redakteure der Sozialdemokratie sich »mästeten« und zwar von den »Arbeitergroschen«.3 Auch begrüßten wir[129]  es mit »ungeheurer Heiterkeit«, wenn wir in jenen Blättern als Scheusale dargestellt wurden, die »alles verungenieren«, die Familie zerstören. Weibergemeinschaft einführen, dem guten Bürger sein sauer erworbenes Eigentum rauben und ihm schließlich noch den roten Hahn aufs Dach setzen wollten. Die blonde Martha, die uns bediente, geriet manchmal in Wut ob dieser eben so läppischen als ordinären Verleumdungen, worauf der alte Revolutionär Becker seine würdigste Haltung annahm und die erzürnte Schöne durch zärtliches Streicheln und Tätscheln besänftigte.
Des Abends trafen wir uns gewöhnlich in einer kleineren Bierwirtschaft, wo sich dann immer eine größere Anzahl Parteigenossen einfanden und wo es anregend und lustig war.
Die Gefährten jener Tage sind bis auf ganz wenige abgeschieden. Ich gedenke ihrer stets gerne mit Freude und Rührung. Damals lebte ich mich erst so recht in die Welt des Sozialismus ein und lernte die revolutionären modernen Proletarier auch in ihren menschlichen Beziehungen kennen. Wir verstanden uns schnell. Ich gab ihnen von meinem historischen und literarischen Wissen, was ich geben konnte; sie führten mich erst in die wirklichen modernen Verhältnisse ein; sie erläuterten mir die Wirkung des kapitalistischen Produktionsprozesses auf den physischen und geistigen Menschen und ließen mich erst alle Schwierigkeiten des Kampfes ums Dasein erfassen, die der unterdrückten Klasse bereitet sind. Sie kannten die Bedeutung ihrer Arbeit und würdigten sie nicht etwa nur als den Quell ihres Lebensunterhalts, sondern begriffen recht gut, daß die Arbeit des Gedankens und der Hände es ist; welche allein den Bestand der Gesellschaft zu garantieren vermag. Diese Pioniere der künftigen Gesellschaft waren mir unendlich interessanter, als jene Spießbürger, welche so sehr das Milieu beherrschten, in dem ich aufgewachsen war. Dort legte man dem Geiste spanische Stiefeln an; hier gab es keine Schranken für den zukunftsfrohen Ausblick in eine werdende neue Gesellschaft. Hier trennte ich mich im Geiste und politisch erst völlig von der bürgerlichen Welt. Oftmals, wenn ich mit Bekannten aus früheren Zeiten in Berührung kam, mußte ich lächeln über deren Verwunderung, daß ich mich »dort« wohl fühlen könne. Ach, diese Philister mit ihrem dünkelvollen Pflanzenleben hatten ja gar keine Ahnung von dem Wissensdrang und Bildungshunger des vorgeschrittenen modernen Arbeiters! Sie wußten auch nicht, daß die intelligentesten und bestbezahlten Arbeiter den Kern der Sozialdemokratie bilden, und konnten sich die Sozialdemokraten nur so vorstellen, wie sie diese in den »Fliegenden Blättern« abgebildet fanden.
Dies gilt natürlich nur für gewisse Kreise innerhalb der Gesellschaftsklasse, in der ich mich früher bewegt hatte. Es gab dort auch vorurteilslose Leute genug, die ihre Jugendfreundschaft nicht der spießbürgerlichen Borniertheit zum Opfer brachten; manchen erschien ich als Sozialdemokrat weit interessanter, denn früher; wieder andere rechneten es mir hoch an, daß ich mich entschlossen hatte, offen der verfehmten Partei beizutreten, zu der mich meine Überzeugung trieb. Ich habe immer Beziehungen rein[130]  persönlicher Art zu bürgerlichen Kreisen gehabt und vielfach zu recht angesehenen und interessanten Leuten. Das entschädigte mich reichlich für die Anfeindungen rückständiger Menschen, die mich mit einem Makel behaftet glaubten, weil meine Gesinnung und Weltanschauung nicht nach ihrem Geschmack war. Dabei fand ich, daß die gehässigsten Feinde der Sozialdemokratie sich unter den Leuten finden, die nicht einmal das Programm, geschweige denn die wissenschaftlichen Theorien dieser Partei kennen und sich ihre Auffassung aus verleumderischen Zeitungsartikeln gebildet haben. Wie oft habe ich sonst nicht ungebildete Damen der größeren und kleineren Bourgeoisie sagen hören, die »freie Liebe« stünde im Programm der Sozialdemokratie! Daß der Hauptpunkt dieses Programms das »Teilen« sei, galt als selbstverständlich.
In Braunschweig lebte, wie schon erwähnt, der Bruder meines Großvaters, der damals bekannte Tenorist und nachmalige Regisseur am Hoftheater, Friedrich Schmezer. Als ich bei ihm erschien, nahm er mich sehr gut auf und blieb mir sehr zugetan, wenn er auch natürlich von der Sozialdemokratie sonst nichts wissen wollte. Er war beim alten Herzog Wilhelm sehr beliebt und häufig dessen Gast im Schlosse. Er soll im Jahr 1848, als der Herzog in einen Volksauflauf geriet, dem bedrängten Welfenfürsten dadurch Luft gemacht haben, daß er zu singen begann, womit er die Aufmerksamkeit der Masse von dem Herzog ablenkte. Er erzählte mir, daß die Lötzener Kettenaffäre an der Hoftafel zur Sprache gekommen sei. Der Herzog sei über die Verhaftung von Bracke und Genossen sehr erbittert gewesen. Natürlich nicht aus Sympathie für ihre Persönlichkeiten oder Bestrebungen. Aber daß ein preußischer General auf Grund des über Norddeutschland verhängten Belagerungszustandes braunschweigische »Untertanen« innerhalb der Grenzen des Herzogtums verhaften lassen konnte, empfand der Herzog als einen Eingriff in seine landesherrlichen Rechte. Er rief in seinem Zorn wiederholt: »Die Leute haben ja gar nichts getan!«
Man kann danach annehmen, daß das vom Wolfenbütteler Obergericht gegen den General Vogel von Falckenstein, als den Urheber der Lötzener Kettenaffäre, gefällte Urteil auch die Billigung des Herzogs Wilhelm gefunden hat. Bracke und seine Leidensgefährten beschlossen nämlich, nach Beendigung ihres Prozesses gegen den General eine Klage auf Schadenersatz anzustrengen, und zwar sollte dies jeder der »Braunschweiger Sieben« einzeln für sich tun. Zuerst klagte der alte Buchdrucker Sievers. Dieser stand der Sozialdemokratie ganz fern, aber er hatte das »Manifest« des Braunschweiger Ausschusses der Sozialdemokratie gedruckt und war nur deshalb nach Lötzen geschleppt worden. Das Wolfenbütteler Obergericht verurteilte als letzte Instanz den General zu einer Entschädigung an Sievers. Man kann sich denken, welches Geschrei die nationalliberale und konservative Presse gegen das »welfische« Obergericht erhob. Vogel von Falckenstein wollte nicht zahlen, der Gerichtsvollzieher erschien auf seinem Gute und schließlich wurde die Entschädigung vom alten Kaiser [131]  Wilhelm auf dessen Privatschatulle übernommen und an Sievers ausbezahlt. Vogel von Falckenstein erfuhr damals viel Spott. So hieß es im »Kladderadatsch«, nachdem dort die Taten der preußischen Generäle im Jahr 1870 aufgezählt worden:


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»Vom Falckensteiner aber, dem Helden,
Noch späte Sagen singen und melden:
Er fing durch seine Heldentaten
Jacoby und zwölf Sozialdemokraten.« –

Der Braunschweiger »Volksfreund« erschien damals in kleinem Format und hatte als humoristische Wochenbeilage die »Leuchtkugeln«. Die Partei war noch klein und konnte ein tägliches Blatt nicht halten; wir hatten 1871 im Wahlkreise Braunschweig-Blankenburg, der mich 1912 mit fast 26,000 Stimmen wieder zum Reichstagsabgeordneten gewählt hat, nur 2022 Stimmen gehabt. Das Defizit des Blattes wurde von Bracke gedeckt, der sich damit ein für seine Verhältnisse großes Opfer auferlegte.
Aber noch andere große Opfer erforderten die gerichtlichen Verfolgungen, die über den »Volksfreund« verhängt wurden. Konfiskationen des Blattes und Verurteilungen der Redakteure wechselten in rascher Reihenfolge miteinander ab. Sehr bezeichnend hatte Lyser das Erscheinen der »Leuchtkugeln« mit den Versen angekündigt:

»Morgen werden sie nun kommen,
Drum herbei rasch jung und alt,
Eh' sie in Beschlag genommen
Werden von dem Staatsanwalt!«

Das alte braunschweigische Preßgesetz enthielt gewisse Garantien, die man im Reichspreßgesetz schmerzlich vermißt. Aber wenn der Stadtgerichtspräsident, der in seinem Talar und Barett einem Femrichter sehr ähnlich sah, die Verlesung des Urteils mit dem lapidaren Satze begann: »Es ist erwiesen« – – so konnten wir sicher sein, daß, falls wir einer Gefängnisstrafe entgingen, die »runde Summe«, das heißt die höchste Geldstrafe von 300 Mark über uns verhängt wurde. Übrigens wurden die Geldstrafen und Gefängniskosten durch eine Sammlung »zum bekannten Zweck« nachträglich wieder gedeckt. Die Braunschweiger Parteigenossen haben auf diesem Wege nach und nach gegen 6000 Mark aufgebracht, was damals etwas heißen wollte.
Bracke, Becker und Lyser hatten schon ins Gefängnis wandern müssen; nun kam die Reihe an mich. Der damalige Polizeidirektor Meyer, der spätere Staatsminister, ging besonders schneidig gegen den »Volksfreund« vor. Sobald das Blatt abends zur Ausgabe gelangte, erschien vor dem Lokal ein Trupp Schutzleute, die den Austrägerinnen die Blätter abnahmen. Das ging acht Tage lang so. Da richtete ich im Blatte einen gepfefferten »Offenen Brief« an den Polizeidirektor. Dies bewirkte, daß die Beschlagnahmen nachließen, aber ich wurde wegen »Amtsehrenbeleidigung« des Herrn Polizeidirektors zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.[132] 
Bevor ich die »Staatswohnung« bezog, ereignete sich noch ein interessanter Zwischenfall. Wir hatten unter den braunschweigischen schwarzen Husaren viele Gesinnungsgenossen und der »Volksfreund« ward in der Kaserne eifrig gelesen. Als wir nun einen Arbeitertag für das Herzogtum abhielten, richteten die sozialdemokratischen Husaren an diesen eine Adresse, die von einem Schriftführer verlesen wurde. Der überwachende Polizeikommissär hätte sich gar zu gerne des Schriftstücks bemächtigt, allein es wurde vor seinen Augen verbrannt. Am anderen Tage ließ der Kommandeur der schwarzen Husaren das Regiment antreten und forderte die Absender, respektive die Verfasser der Adresse auf, sich zu nennen. Diese hüteten sich natürlich, sich selbst zu denunzieren, das Regiment verharrte in eisigem Schweigen und die Strafpredigt des Herrn Obersten ging völlig daneben. Wir erhielten sofort Nachricht von diesem Vorgang und gestatteten uns einige Scherze über die Schlauheit des Herrn Obersten, was uns eine Geldstrafe eintrug.
Bemerkt sei noch, daß nicht etwa eine Verschwörung in der Husarenkaserne angestiftet wurde. Der »Volksfreund« hatte lediglich den Beschwerden der Husaren über Verpflegung und Behandlung Ausdruck verliehen, was auch geholfen hatte.
In diese Zeit fiel auch der große Buchdruckerstreik, den die Sozialdemokratie mit allen Kräften materiell und moralisch unterstützte. Die Begeisterung in diesem Kampfe war groß. Ich hörte Bracke in einer Versammlung sagen, daß er den Buchdruckern mit seinen Mitteln zur Verfügung stehe. Es wurde ein großer Sieg erfochten, denn die Buchdrucker bekamen den Tarif von 1873 zugestanden, der jedem von ihnen einen für die damaligen Verhältnisse sehr erfreulichen Minimallohn garantierte.
Nunmehr, im Oktober 1872, mußte ich meine Strafe antreten. Nachdem ich mich in den »Leuchtkugeln« in lustigen Versen von den Lesern verabschiedet, stellte ich mich im ehemaligen Ägydienklöster, das damals zum Gefängnis diente. In den Zellen, wo früher Benediktinermönche gebetet und gebrütet, saßen nun politische und »gemeine« Sträflinge. Es waren Gefangene beider Geschlechter dort untergebracht. Die Gefängnisordnung war ziemlich streng und die Gefängniskost galt als ungenügend. Der Betrag, den der Staat für die Verpflegung der Gefangenen ausgeworfen hatte, war erstaunlich niedrig; es kamen, wenn ich mich recht erinnere, kaum 30 Pfennig auf den Kopf. Dabei ist allerdings in Anschlag zu bringen, daß man damals nicht in einer Lebensmittelteuerung lebte, wie in diesen Tagen.
Damals war jedem, der es bezahlen konnte, ohne weiteres die Selbstbeköstigung gestattet. In diesem Fall wurde das Essen vom Inspektor geliefert und zwar aus seiner eigenen Küche. Es war vorzüglich, aber teuer für jene Zeit; es mußten 100 Mark pro Monat dafür vorausbezahlt werden. Billiger gab es keine Selbstbeköstigung. Später wurde es anders, als Bismarck in seinem Hasse gegen die Journalisten, »die Leute, die ihren Beruf verfehlt haben«, bei den Bundesregierungen eine allgemeine[133]  Verschärfung des Strafvollzuges durchsetzte. Da ward es mit der Selbstbeköstigung eine schwierige Sache. Diese war allerdings eine ungerechte Bevorzugung derjenigen, die sie bezahlen konnten. So aber wars noch schlimmer.
Für widerspenstige Gefangene waren das »schwarze Loch« und die Prügelstrafe vorgesehen. Das »schwarze Loch«, das ich einmal zu sehen Gelegenheit hatte, wird von Bracke folgendermaßen beschrieben:
»Das ist ein finsterer Raum, in dem nichts weiter vorhanden ist, als ein Kübel und eine Holzpritsche; der hiehergebrachte Gefangene bekommt auch für die Nacht weder Strohsack noch Decke und als Nahrung nur Wasser und Brot.« Damit kann man allerdings auch hartgesottene Leute mürbe machen.
Auf dem Bureau der Gefängnisverwaltung ward mir alles, was sich in meinen Taschen befand, abgenommen, nur das Schnupftuch ließ man mir. Ich ward in eine der Mönchszellen gebracht, welche an der Tür die Inschrift aufwies: »Zelle für reinliche Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren.« Diese Abschätzung meiner Persönlichkeit war jedenfalls sehr zart. Als aber hinter mir die Kerkertür zugeschlagen wurde und ich mich von der Außenwelt so gänzlich abgeschlossen sah, erwachte in mir jene Empfindung von Bangigkeit; die jeden befällt, wenn er zum ersten Mal in eine solche Situation gerät. Das verlor sich indessen bald und ich sah, daß mein Gefängnis als solches sich ziemlich freundlich ausnahm. Daß ich hierher gebracht wurde, hatte seinen besonderen Grund. Bernhard Becker hatte nämlich eine andere Zelle bewohnt, eines von jenen engen Gelassen, wo vor hoch oben angebrachten Gitterfensterchen noch ein Brett angenagelt war, so daß der Gefangene wenig Licht erhielt und nur einen ganz kleinen Ausschnitt vom Firmament sehen konnte. Solcher Art eingerichtete Zellen gibt es vielfach auch heute noch. Bernhard Becker hatte sich heftig im »Volksfreund« beschwert und mitgeteilt, daß der Inspektor des Gefängnisses die so verwahrten Zellenfenster seine »Hasengitter« nenne. Diese Dinge machten Aufsehen, denn damals war man im Bürgertum, in Erinnerung an die Reaktionszeit nach 1848, noch gewohnt, zwischen politischen und anderen Gefangenen schärfer als heute zu unterscheiden. So bewirkten Beckers Artikel, daß ich eine Zelle mit sonst üblichen, nur vergitterten Fenstern erhielt; »Hafengitter« gab es da nicht. Dazu trug auch bei, daß ich Selbstbeköstiger war; diese wurden natürlich vom Inspektor, für den dabei etwas abfiel, rücksichtsvoller als andere Gefangene behandelt.
Die eine Treppe hoch liegende Zelle war geräumiger als die anderen und das Fenster ging auf einen Garten, der zu einem Mädchenpensionat gehörte. Die gegenüberliegende Gartenmauer stieß an eine Straße und aus den an der anderen Seite dieser Straße liegenden Häusern konnte man in meine Zelle hineinsehen. Die dortigen Bewohner schienen bald einiges Interesse für den Gefangenen zu empfinden. Der Garten war, da der Winter hereinbrach, schon ziemlich öde; indessen tummelten sich in den Unterrichtspausen des Pensionats allerlei niedliche Backfische dort umher, die, wenn ich an meinem Gitter stand, mich bald schelmisch anlächelten, bald mir eine Nase drehten, bald hochmütig sich abwendeten.[134] 
Diese anscheinende Idylle wurde aber sehr beeinträchtigt durch die besondere Ungunst des Polizeidirektors Meyer. Denn wegen des Verbrechens, diesen beleidigt zu haben, war ich ja hinter die »schwedischen Gardinen« geraten. Er war der Vorgesetzte des Gefängnisinspektors und entzog mir alle die Vergünstigungen, die einem Selbstbeköstiger sonst anstandslos gewährt wurden. Er verbot mir das Rauchen, was mir sehr schmerzlich war; ein eigenes Bett durfte ich nicht mitbringen und nur zweimal in der Woche durfte ich im Hofe oder im Garten mich ergehen. Nur bis 9 Uhr abends durfte ich Licht brennen. Dies war eine sehr kleinliche Rache, aber es wurde alles nicht so streng durchgeführt, wie ich befürchtet.
Nachdem ich mich zur Selbstbeköstigung angemeldet; erschien bei mir Herr Spengler, der Inspektor des Gefängnisses; eine originelle und in Braunschweig sehr bekannte Persönlichkeit. Ich sollte mich über ihn nicht zu beklagen haben.
»Papa Spengler«, wie er in der Stadt allgemein genannt wurde; war schon in den Siebzigen. Er hatte als Braunschweiger Kanonier den Feldzug von 1815 gegen Napoleon in Belgien mitgemacht. Da meine historischen Kenntnisse ausreichten, um mit ihm über diese Sache plaudern zu können, so kam er jeden Tag nach Tische auf eine halbe Stunde; oftmals blieb er auch länger. Da erzählte er, wie er als Kanonier habe einen Zopf tragen müssen und meinte: »Das waren doch höllisch närrische Zeiten!« Ich hörte ihm begierig zu, wenn er von den welthistorischen Ereignissen sprach, deren Zeuge er gewesen; von dem furchtbaren Geschützdonner bei Waterloo, von den wilden Attacken des Marschalls Ney mit den französischen Kürassieren gegen die »roten Mauern« der englischen Karrees und von dem berühmten letzten Aufmarsch der alten Garde Napoleons. Schwärmerisch verehrte er den Herzog Friedrich Wilhelm und tiefe Bewegung ergriff ihn, wenn er erzählte, wie man den tödlich verwundeten Feldherrn bei Quatrebras aus dem Schlachtgetümmel trug.
So gewann Papa Spengler eine gewisse Vorliebe für mich und die Vergünstigungen, die der Herr gestrenge Polizeidirektor mir versagt, traten nun von selbst ein. »Rauchen Sie man zu!« sagte Papa Spengler, als ich mich über das Rauchverbot beschwerte. Ich rauchte nun drauf los. Und wie! Als einmal abends die Runde kam, war die »Zelle für reinliche Mädchen im Alter von 16 bis 20 Jahren« so mit Tabaksdampf gefüllt, daß nichts zu sehen war. »Sind Sie da?« rief die Runde und ich antwortete aus der Tabakswolke: »Jawohl!«, worauf die Runde lachend abzog.


Den Selbstbeköstigern ließ man tagsüber die Zellen offen, so daß sie ungeniert miteinander verkehren konnten. Bei einem Gefangenen, der wegen Bankerotts verurteilt war; wurden mehrmals Kaffeekränzchen abgehalten, wenn seine Töchter zu Besuch waren.
Inzwischen kam mir der Gefängnisgeistliche auf den Hals, um mich zum Besuche des Gefängnisgottesdienstes zu veranlassen. Spengler hatte diese[135]  Sache in mein Belieben gestellt und der Geistliche wendete darum kein anderes Mittel als seine Überredungskunst an. Damit erreichte er bei mir natürlich nichts. Wir unterhielten uns recht gut, aber er kam nicht wieder.
Die Bänke in der Kirche waren mit Bretterverschlägen so eingerichtet, daß die Häftlinge wohl den Prediger, aber sich nicht untereinander sehen konnten.
Zu Weihnachten war es Brauch, daß für die Gefangenen ein Weihnachtsbaum zurecht gemacht wurde. Man erzählte sich, daß unter anderem »Konfekt« auch gesalzene und geräucherte Heringe daran zu hängen pflegten. Um sechs Uhr morgens sollten sich am ersten Weihnachtsfeiertag die sämtlichen Häftlinge um den Baum versammeln, der nach Absingung eines geistlichen Liedes geplündert werden sollte. Davon sollte ich nicht dispensiert werden, wie mir ausdrücklich angekündigt wurde. Aber ich beschloß, alles zu tun, um mich dieser mir äußerst widerwärtig erscheinenden »Zeremonie« zu entziehen. Kurz vor sechs Uhr erschien die Runde und mahnte mich. Ich blieb ruhig liegen. Bald erschien sehr aufgeregt der Herr Assistent des Inspektors mit einem Wärter und hieß mich aufstehen. »Sie wollen wohl Widerstand leisten?« rief er. »Durchaus nicht!«, erwiderte ich, »führen Sie mich hinunter, meinetwegen im Hemde. Da wird Fräulein Spengler sich freuen.« Diese, die Tochter des Inspektors, leitete nämlich die Weihnachtsfeier. So verstrichen unter dem Hin- und Herreden noch einige Minuten und plötzlich erscholl drunten der feierliche Choral: »O heil'ger Geist, kehr' bei uns ein!« oder »Es ist das Heil uns kommen her.« Der Assistent zog grimmig ab und so blieb es mir erspart, diese »Feier« mitzumachen.
Es kamen auch sehr ernste Dinge vor. Es befanden sich viele Frauen im Gefängnis und in einem nicht weit von meiner Zelle befindlichen Saal waren etwa dreißig Prostituierte zusammengesperrt. Die Wärter, welche durch ein Schiebfensterchen den Saal übersehen konnten, erzählten von unglaublichen Dingen, die da drinnen vorgingen. In die Straße, die an dem Garten des Mädchenpensionats vorüberführte, kamen des Nachts manchmal die Zuhälter der gefangenen Prostituierten und unterhielten sich über die Mauer des Gartens herüber mit diesen. Es war keine Blumensprache, in der diese Unterhaltungen geführt wurden, und die Inhaberin des Pensionats beschwerte sich bei Papa Spengler. Dieser erließ ein strenges Verbot; als es aber nicht gehalten wurde, ließ er die Zellenfenster belauschen, aus denen gesprochen wurde. Drei Frauen wurden ermittelt, die an der Unterhaltung teilgenommen; ein Selbstbeköstiger, der schlechte Witze aus seinem Fenster gerufen, erhielt ein »Hafengitter« vor das Fenster genagelt. Die drei Frauen wurden auf Grund der Gefängnisordnung zu je sechzehn Stockschlägen verurteilt.
Diese Strafe konnte nur mit Zustimmung des Polizeidirektors vollstreckt werden. Sie wurde eingeholt und Papa Spengler lud mich ein, der Exekution beizuwohnen. Ich lehnte dies ab und gab mir keine Mühe, meinen Unwillen über die Prügelei zu verbergen. Darüber wurde Spengler[136]  erregt und erklärte, der Gefängnisverwaltung müßten solche Disziplinarmittel zur Verfügung stehen. »Ja«, sagte er, »Becker hat auch im »Volksfreund« gegen die Prügelstrafe losgezogen, aber ich fürchte mich vor keiner Kritik; ich habe das Recht!«
Offenbar um mir zu beweisen, daß er sich wirklich vor keiner Kritik fürchte, ließ Spengler die Exekution vor meiner Tür auf dem Korridor vornehmen. Ich hörte das Jammergeschrei der Frauen, die draußen vorgeführt wurden, und stellte mir vor, wie sie, nachdem man ihnen eine Art dünner Hofe übergezogen, auf den »Bock« geschnallt wurden. Nun hörte ich die Schläge auf dem Körper aufklatschen und ein Gemütsmensch unter den Wärtern meinte nachher, die Streiche seien »auf keinen edlen Teil« verabreicht worden. Zwei der Frauen schrieen furchtbar; die dritte verbiß den Schmerz und sagte den Peinigern Grobheiten, wofür sie nachher ins »schwarze Loch« kam. Es wurde mir nachher der über daumensdicke Haselstock gezeigt, mit dem die Prügelei ausgeführt worden war. Ich brauche kaum zu sagen, daß mein Abscheu vor der Prügelstrafe infolge dieses Erlebnisses den Gipfelpunkt erreichte. Noch ein anderer Vorfall bewegte mich tief. Eines Abends vernahm ich vor meiner Tür Klagen und Weinen von einer weiblichen Stimme. Ich hörte zu. Ein Dienstmädchen war von seiner Herrschaft eines geringfügigen Diebstahls bezichtigt und in Haft genommen worden. Sie erklärte sich für unschuldig und bat so flehentlich, daß es hätte einen Stein erweichen müssen, den Wärter, sie nicht allein in ein finsteres Loch zu sperren. Allein der Wärter mußte seinen Befehl vollziehen und noch lange tönte mir der Schrei des unglücklichen Mädchens in den Ohren, den es ausstieß, als es in die dunkle Zelle geschoben wurde. Der Wärter sagte mir am anderen Morgen, er hätte vor Aufregung nicht schlafen können, aber das arme Kind sei freigelassen, da sich seine Unschuld herausgestellt habe.
Die Neujahrsnacht von 1872 auf 73 verbrachte ich trübselig in meiner Zelle; ein Punsch und eine Zusammenkunft mit den Nachbarn waren abgeschlagen worden. Abends als es zwölf Uhr schlug und ich an meinem Gitterfenster stand, öffnete sich in einem gegenüberliegenden Hause, wo man mich kannte, ein Fenster; eine Frauengestalt trank mir zu und warf mir eine Kußhand herüber. Dergleichen Gefängnisromantik wird man heute nicht so leicht mehr finden.
Ich hatte auch ein Verhör beim Untersuchungsrichter respektive dessen Stellvertreter zu bestehen. Dieser war ein junger Justizreferendar namens Otto, der mich sehr freundlich behandelte. Ich konnte nicht ahnen, daß aus diesem Justizreferendar sich der allgewaltige Staatsminister von Otto entwickeln werde, und er konnte nicht ahnen, daß er siebzehn Jahre lang ein »Joch« tragen werde, das ihm dieser junge Gefangene auferlegen sollte. Bei der Reichstagswahl von 1907 unterlag ich, nachdem ich Braunschweig siebzehn Jahre ununterbrochen im Reichstage vertreten, und der Minister von Otto gab in einem Trinkspruch seiner Freude Ausdruck, daß nunmehr dies »Joch« von ihm genommen sei.[137] 
Während meiner unfreiwilligen Muße studierte ich eifrig die mir zugängliche sozialistische Literatur. Von den Schriften Lassalles waren mir manche noch nicht bekannt; sie wurden nun vorgenommen. Auch den ersten Band des »Kapital« von Karl Marx studierte ich mit aller Aufmerksamkeit; desgleichen die Arbeiterfrage von Lange und noch einige kleinere Werke.
Als meine Strafzeit abgelaufen war, sagte mir Papa Spengler, daß er die Unterhaltungen, die wir jeden Nachmittag gepflogen, ungern vermisse. »Kommen Sie bald wieder!« meinte er lachend.
Ich bin aber nicht wieder zu ihm gekommen.
Die Freude über meine Wiederkehr in die Freiheit wurde mir durch meinen – Schneider beeinträchtigt. Dieser hatte mir einen neuen Anzug ins Klostergefängnis gebracht. Ich hielt darin stolz meinen Auszug. Aber ich wurde dadurch sehr herabgestimmt, daß der Schneider sofort das Geld für den Anzug haben wollte. Vergebens stellte ich ihm vor, daß ich erst meine Verhältnisse wieder ordnen müsse und erst in einigen Tagen das Geld beschaffen könne. Er gab nicht nach und drohte schließlich, ich müsse den Anzug wieder hergeben. Diesem Elend wurde durch Bracke ein Ende gemacht; der bereitwillig für den Anzug Bürgschaft leistete. Dann gings endlich in die Wirtschaft, wo mich meine Freunde erwarteten. Die hübsche Tochter des Wirtes, bei der ich gut angeschrieben war, hatte schon von dem Zwischenfall mit dem Anzug gehört.
»Wie soll man Sie trösten über Ihr Mißgeschick?« sagte die Schöne, indem sie ihre glänzenden braunen Augen tief in die meinen bohrte. »Erst drei Monate sitzen und dann die Freude über die erlangte Freiheit so elend verdorben!«
»Sie können mich leicht trösten«, sagte ich mutwillig, »indem Sie mir einen recht schönen Kuß geben!«
Sie sah mich einen Moment seltsam an; dann sagte sie hastig:
»Diesen Trost sollen Sie haben – aber ruhig abwarten!«
Ich saß im trauten Freundeskreise, von allen Seiten zur wiedererlangten Freiheit beglückwünscht. Eben war der Beifall verklungen, der dem Trinkspruch eines Freundes gefolgt war – da wurde plötzlich das Gas ausgedreht, weiche Arme umschlangen mich in der Dunkelheit und ein feuriger Kuß brannte auf meinen Lippen. Ich war getröstet worden. Bis das Gas wieder brannte, war die Trösterin weit weg von mir und tat gar nicht, als ob etwas Ungewöhnliches geschehen wäre!
In die Redaktion war inzwischen, da Lyser fortging und Becker an einem historischen Werke arbeitete, noch Samuel Kokosky aus Königsberg eingetreten, ein hochbegabter Jurist, in dessen verkrüppeltem Körper ein starker Geist wohnte. Trotz seines Unglücks – er hatte über ein Jahrzehnt im Bette zubringen müssen und war halb gelähmt geblieben – besaß er einen prächtigen Humor, mit dem er in der Folge den Parteitagen manche heitere Stunde bereitete. Er schloß sich unserer Tafelrunde an, deren Gemütlichkeit aber dadurch beeinträchtigt wurde, daß er so leicht keinen anderen zu Worte kommen ließ.[138] 
Um diese Zeit fanden in Braunschweig Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt. Bracke war der Meinung, um einen Erfolg zu erzielen, müsse man sich mit den Resten der bürgerlichen Demokratie verbinden, die es in Braunschweig gab. Er schlug vor, beide Richtungen sollten einen »demokratischen Wahlverein« bilden und gemeinsame Kandidaten aufstellen. Er kam den bürgerlichen Demokraten sehr weit entgegen und schlug vor, aus dem Eisenacher Programm von 1869 den zehnten Punkt zu streichen, die anderen neun Punkte aber zum Programm des demokratischen Wahlvereins zu machen. Diese neun Punkte hatten ursprünglich das sogenannte Chemnitzer Programm gebildet, welches sich die sächsische Volkspartei, die aus radikalen Demokraten und Sozialdemokraten bestand, 1866 zu Chemnitz gegeben hatte. 1869 wurden diese neun Punkte, die eigentlich nur die Forderungen der bürgerlichen Demokratie enthielten, in das Eisenacher Programm aufgenommen und ihnen als zehnter Punkt hinzugefügt:
»Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.«
Dieser Punkt zehn wurde, als der einzige sozialdemokratische des Programms4, von den Mitgliedern der Eisenacher als sehr wichtig betrachtet und es erregte Erstaunen, daß Bracke ihn so leicht preisgab. Ohnedies waren die eigentlichen bürgerlichen Demokraten in Braunschweig gering an Zahl und bildeten keine organisierte Partei. Aber Bracke rechnete darauf, durch die Verbindung mit ihnen die im Bürgertum damals noch zahlreich vorhandenen und »wild« sich herumtreibenden demokratischen Elemente heranzuziehen, von denen man wußte, daß in ihnen die Erinnerungen an 1848 noch lebendig waren. Diese Berechnung traf denn auch zu.

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In der Sozialdemokratie war man damals, bei der Gespaltenheit der Bewegung und der oftmaligen Umbildung der Programme, prinzipiell und taktisch nicht so gefestigt, wie später. Wir ließen uns in der großen Parteiversammlung, wo Bracke seinen Vorschlag begründete, alle von seiner glänzenden Beredsamkeit mitreißen. Der demokratische Wahlverein ward beschlossen, der Punkt zehn des Programms ward ihm geopfert. Die Partei selbst blieb dabei unverändert weiterbestehen.
Der neue Wahlverein, zu dessen Schriftführer ich erkoren wurde, hatte zunächst einen großen Erfolg. Bracke und drei Demokraten wurden zu Stadtverordneten gewählt. Der Jubel in der Arbeiterschaft war groß und die neuen Stadtverordneten leisteten unter des rastlosen Bracke geschickter Führung tüchtige Arbeit.
Aber außerhalb Braunschweigs fand der demokratische Wahlverein entschiedenen Widerspruch in der Partei. Im Leipziger »Volksstaat« griff Bebel in einem längeren Artikel die Sonderorganisation an.[139]  Bracke erwiderte ihm. Indessen erwuchsen aus dieser Angelegenheit weiter keine Zwistigkeiten. Die bald eintretende Wahlbewegung für den Reichstag nahm alle Aufmerksamkeit der Parteigenossen in Anspruch und der demokratische Wahlverein schlummerte sanft ein, um niemals wieder zu erwachen.
Um diese Zeit erreichte der Kampf zwischen den beiden sozialdemokratischen Fraktionen, den Eisenachern und den Lassalleanern, seine größte Heftigkeit und führte zu den gehässigsten persönlichen Angriffen. Es gab auf beiden Seiten viele, die auf eine Einigung hinarbeiteten, aber das war bei dem einmal erwachten Fanatismus gefährlich. Das mußte auch unser Kollege Lyser erfahren, der auf einer Agitationstour mit mehreren Führern der Lassalleaner zusammengekommen war und sich für die Einigung ausgesprochen hatte. Er schrieb nachher an einen jener Lassalleaner einen Brief, in dem er die Gehässigkeit des Kampfes scharf verurteilte. Der Brief kam an die Öffentlichkeit und so wurde Lyser auf dem Eisenacher Kongreß von 1873 aus der Partei ausgeschlossen. Dies ist heute um so weniger begreiflich, als die Vereinigung der beiden Richtungen anderthalb Jahre später erfolgte. Auch Becker, Kokosky und ich stimmten für den Ausschluß. Ich leugne nicht, daß ich bei jenem Bruderzwist viel mitgesündigt habe.
Die journalistischen und anderen Exzesse, die bei dem Kampfe zwischen »Lassalleanern« und »Eisenachern« seinerzeit begangen wurden, gehörten zu den Kinderkrankheiten oder, wenn man lieber will, zu den Jugendtorheiten der Sozialdemokratie. Wie jeder gesunde Junge, so hat auch jede junge und lebenskräftige Partei ihre Flegeljahre. Bei bürgerlichen Parteien sind dergleichen Exzesse auch vorgekommen. Wenn sich Parteien mit mörderischen Waffen auf dem Schlachtfelde bekämpfen, so mögen andere darin eine höhere »Ethik« suchen, als etwa in Versammlungsprügeleien; wir tun da nicht mit. Jedenfalls hat durch den Krieg zwischen Eisenachern und Lassalleanern Deutschland keinen Schaden gelitten.
Die Presse nahm von diesen Dingen wenig Notiz, da die sozialistischen Gruppen damals klein waren. Welch ein Fressen für die Sensationsblätter, wenn dergleichen heute vorkäme! Aber gerade, daß wir so weit davon entfernt sind, beweist die innere Kraft der sozialistischen Bewegung. Wir haben keinen Grund, diese Dinge schamhaft zu verschweigen. Denn wir auf unsere Parteientwicklung zurückschauen. Denn wenn jener Fanatismus auch manchmal abstoßend erschien, so war er innerlich doch ein reiner und stand turmhoch über jenem schmutzigen Fanatismus, mit dem sich Agrarier und Finanzaristokraten um ihre Beute zu streiten pflegen.
Die Parteientwicklung in Braunschweig wurde von den Lassalleanern besonders scharf beobachtet, denn sie hatten hier einen Hauptstützpunkt gehabt, der nun an die Eisenacher verloren gegangen war. Dazu kam, daß sich Bernhard Becker, der einstige Nachfolger Lassalles, bei uns befand, der von den Lassalleanern ganz besonders gehaßt wurde. Er hatte an Lassalle eine[140]  scharfe und manchmal boshafte Kritik geübt. Auch hatte er den Herrn von Hofstetten, einen ehemaligen bayerischen Offizier, den Schweitzer für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein zu gewinnen gewußt, recht boshaft in eine böse Falle gelockt. Hofstetten wurde nach Wien geschickt, um dort eine große Versammlung zu halten und die Wiener Arbeiter für den Allgemeinen deutschen Arbeiterverein zu gewinnen. Es gingen ihm die Geldmittel aus und in seiner Not vertraute er sich dem damals in Wien sich aufhaltenden Bernhard Becker an. Dieser überredete ihn, sich zu dem Grafen Platen, dem Bevollmächtigten des vertriebenen Königs von Hannover, und zu dem Pater Greuter, einem Führer der Ultramontanen, zu begeben und von diesen Unterstützung zu verlangen. Natürlich blitzte Hofstetten bei beiden ab. An demselben Abend, an dem die große Versammlung stattfinden sollte, veröffentlichte Becker in den Abendblättern, daß Hofstetten bei Herrn von Platen und Pater Greuter um Unterstützung nachgesucht habe. Man kann sich denken, wie die Wiener Arbeiter den doppelt geleimten Hofstetten abfahren ließen.
Becker bezeichnete die Führer der Lassalleaner als »weiße Blusen«.5 Der »Neue Sozialdemokrat«, das nunmehrige Organ des deutschen Arbeitervereins, blieb ihm die Antwort nicht schuldig.
Die Lassalleaner versuchten in Braunschweig wieder Boden zu fassen. Zuerst erschien der Lassalleaner Grottkau und versuchte unter den Maurern Anhänger zu werben. Er hatte keinen Erfolg, wurde aber von den Eisenachern durchaus anständig behandelt. Darauf verspottete er in einer öffentlichen Erklärung die Braunschweiger Sozialisten als naive Leute, die nicht den Mut gehabt hätten, ihn zu verhauen. Dies rief eine im Verhältnis zur Sache fürchterliche Erregung hervor. Es wurde verabredet; bei der nächsten Gelegenheit weniger sanft zu sein.
Die Gelegenheit kam recht bald. Ein Lassalleaner Meyer berief eine Volksversammlung ein, zu der sieben der besten Redner des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins nach Braunschweig kamen.
Nachdem Meyer die überfüllte Versammlung eröffnet; wurde ein Bureau gewählt, das ganz aus »Eisenachern« bestand. Ich war Schriftführer. Als Hauptredner hatte Meyer den Lassalleaner Richter aus Wandsbek bestellt, der übrigens nach der Vereinigung der beiden Richtungen als unverbesserlicher Krakeeler ausgeschlossen wurde. Dieser erhielt nun das Wort nicht; sondern Bracke, der in damals gebräuchlicher Weise die Gegensatze zwischen den beiden Richtungen erörterte und Herrn von Schweitzer als einen Agenten der preußischen Regierung und als einen Stipendiaten des Reptilienfonds charakterisierte.
Richter war zweimal zu mir gekommen und hatte an »die Unparteilichkeit des Schriftführers« appelliert, um das Wort zu erhalten; ich konnte ihn nur an den Vorsitzenden verweisen. Aber die Versammlung beschloß auf Antrag Brackes, die Abgesandten Schweitzers überhaupt nicht sprechen zu lassen. Darauf erhob sich ein furchtbarer Tumult und es gab, wie sich[141]  die Blätter ausdrückten, »schlagende Beweise«. Die Lassalleaner mußten für den Übermut Grottkaus schwer büßen.
Man geriet so hart aneinander, daß sich den zum Bureau flüchtenden Lassalleanern eine dichte verworrene Masse auf das Podium nachwälzte, wo wir an unserem Tische saßen. Die Hintersten drängten rücksichtlos nach und die Vordersten wurden so unwiderstehlich gegen uns geschoben, daß das gesamte Bureau mit seinem Tisch über die Rampe in den Saal hinabzufallen drohte. Diesem Schicksal entgingen wir schließlich auch nicht. Unten dicht am Podium standen die Setzer der Brackeschen Druckerei und riefen uns zu, nur getrost hinabzufallen. Sie streckten alle die Arme empor. Wir hatten auch gar keine andere Wahl und purzelten also »getrost« mitsamt dem Tisch in den Saal hinab. Die Setzer singen uns mit kräftigen Armen so geschickt auf, daß keiner die geringste Beschädigung erlitt.
Dieser Vorfall rief natürlich wiederum eine heftige Polemik in den gegenseitigen Parteiblättern hervor. Bei vielen von uns aber, zu denen auch ich gehörte, herrschte nachher eine katzenjämmerliche Stimmung. Eines solchen Sieges konnte man nicht froh werden. Übrigens kam ähnliches in Braunschweig nicht mehr vor.
Im Frühjahr 1873 erhielt ich von dem Ausschuß der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der damals in Hamburg seinen Sitz hatte, die Aufforderung, die Redaktion des »Volksstaat« in Leipzig, des Zentralorgans der Eisenacher Richtung, zu übernehmen, da dessen Redakteur Liebknecht die ihm im Leipziger Hochverratsprozeß zuerkannte zweijährige Festungshaft antreten mußte. Der »Volksstaat« erschien dreimal wöchentlich; finanziell bedeutete dieser Wechsel eine Verschlechterung, denn ich sollte nur 90 Mark monatlich erhalten. Bracke meinte, es sei »ein furchtbar ehrenvoller Posten«, zu dem ich als junger Mann von 23 Jahren da berufen werde. Ich nahm an. Mein Gehalt wurde übrigens bald etwas aufgebessert.
Ich verließ Braunschweig ungern, denn die schöne Kameradschaftlichkeit, die dort unter den Parteigenossen herrschte, hatte mir sehr gefallen.
Von dem damaligen Freundeskreis ist außer mir nur noch Bonhorst am Leben. Bernhard Becker zerfiel abermals mit der Partei. Er hatte immer gesagt, wenn er alt werde, dann erschieße er sich. Dies tat er auch 1882 zu Lützen in seinem 56. Jahre und wußte seinen Freitod in solch ein Geheimnis zu hüllen, daß die Partei erst nach zehn Jahren davon erfuhr. Dieser merkwürdige Mann ist heute völlig vergessen, trotzdem er wertvolle Werke über Lassalle, über 1848–1849 und einiges andere veröffentlicht hat. Bei aller Gelehrsamkeit war er ein Freund des Klatsches und der Intrige; ich erfuhr erst später, daß er während meiner Hast Briefe meiner Braut aufgestöbert und mit dieser hinter meinem Rücken einen Briefwechsel geführt hatte.[142] 
Fußnoten
1 Professor Friedrich Hirth in Wien hat in seinem Buche über Lyser, einer bedeutenden Forscherarbeit, diesen neuerdings gewürdigt.

2 Dieser Beschluß erklärt sich aus den Parteiwirren.

3 Zu diesem Schlagwort, das von reaktionären Demagogen im Kampfe gegen die Sozialdemokratie so oft mißbräuchlich angewendet wird, sei bemerkt, daß alle Groschen Arbeitergroschen sind. Geld ist nicht nur Tauschmittel und Wertmaß der in den Waren vergegenständlichten menschlichen Arbeit, sondern es ist auch selbst Ware und hat mit allen Waren gemeinsam, daß es Produkt menschlicher Arbeit ist. Sonach bestehen die in den Geldschränken der besitzenden Klassen aufgespeicherten Summen auch aus »Arbeitergroschen« und zwar meist aus solchen, die durch arbeitslosen Erwerb in die Hände der Eigentümer gekommen sind. Ich studierte damals im »Kapital« von Marx die Begriffe von »Ware« und »Geld« und dabei amüsierte mich sehr sein lapidarer Witz: »Geld ist Dreck, aber Dreck ist nicht Geld!


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4 Franz Mehring meint, der revolutionäre Sinn der Lassalleschen Produktiv-Assoziationen mit Staatskre 
dit sei in dieser Form verschleiert gewesen.

5 So nannte man zur Zeit Napoleons III. in Paris die als Arbeiter verkleideten Lockspitzel.




Der Volksstaat










Meine Berufung an den »Volksstaat« war hauptsächlich von August Geib und Theodor Yorck, den einflußreichsten Mitgliedern des Ausschusses der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Hamburg, betrieben und durchgesetzt worden. Vor meiner Abreise nach Leipzig erhielt ich von Yorck eine genaue Instruktion in bezug auf meine künftige Tätigkeit.
Der von Hasenclever und Hasselmann redigierte »Neue Sozialdemokrat«, das Organ des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, hatte es zu einer Auflage von 20,000 Exemplaren gebracht, während der »Volksstaat« nur etwa 6000 Abonnenten zählte, unter denen sich viele schlechte und säumige Zahler befanden. An wissenschaftlichem Inhalt war der »Volksstaat«, dem die Federn von Marx und Engels zur Verfügung standen, dem »Neuen Sozialdemokrat« weit überlegen. Der Hamburger Ausschuß meinte nun, der »Neue Sozialdemokrat« verdanke seine größere Verbreitung den populär geschriebenen und agitatorisch äußerst wirksamen Leitartikeln Hasselmanns, während dem »Volksstaat« die Überfülle wissenschaftlicher Abhandlungen, namentlich die langen Besprechungen von den Parteigenossen nie gelesener wissenschaftlicher Werke, den Weg zu der Masse der Arbeiter erschwere. Es mochte etwas daran sein, obwohl in der Hauptsache der »Neue Sozialdemokrat« seine größere Verbreitung der stärkeren und strafferen Organisation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins verdankte, während die demokratische Organisation der Eisenacher sozialdemokratischen Arbeiterpartei naturgemäß eine mehr lockere bleiben mußte. Indessen hatten einige Parteigenossen von meiner Instruktion etwas läuten hören und eine Klatscherei gemacht, die bewirkte, daß ich von Liebknecht aus Hubertusburg einen aufgeregten Brief erhielt, in dem es hieß: »Der »Volksstaat« darf um keinen Preis seinen wissenschaftlichen Charakter verlieren.« – Ich konnte ihn darüber beruhigen, denn es handelte sich nur darum, neben den wissenschaftlichen Artikeln auch populäre zu bringen, wie ich solche öfter im »Braunschweiger Volksfreund« gebracht und damit die Aufmerksamkeit des Hamburger Ausschusses auf mich gelenkt hatte.
Schon kurz vor meiner Abreise nach Leipzig stieß ich auf eine Intrige, denn es kam ein Telegramm, von dem verantwortlichen Redakteur des »Volkstaat« gezeichnet, welcher auch hier für andere verantwortlich war. Das Telegramm besagte einfach: »Blos nicht kommen!« Der Ausschuß, an den ich mich wendete, erteilte sehr ärgerlich mir die gemessene Weisung, meine Stellung in Leipzig anzutreten. Als ich ankam, fand ich, daß einige Leute einen anderen Parteigenossen an meine Stelle bringen wollten. Diesen aber wollte der Ausschuß gerade nicht. Es war mir daher nicht allzu schwer, mich durchzusetzen.[145] 
In der Redaktion fand ich nur einen invaliden Schriftsetzer vor, der das Blatt verantwortlich zeichnete und die einlaufenden Korrespondenzen korrigieren half. Liebknechts Mitredakteur Hepner, den im Leipziger Hochverratsprozeß das Schwurgericht freisprach, war aus Leipzig ausgewiesen worden, weil er sich entgegen dem vom Leipziger Polizeidirektor Rüder ergangenen Verbot am Kongreß der Internationale im Haag beteiligt hatte. Dieser Rüder war einst Demokrat gewesen und hatte mit Robert Blum zusammen die »Sächsischen Vaterlandsblätter« 1848 redigiert. Auf Hepner hatte er es besonders abgesehen, weil dieser ihn persönlich angegriffen hatte. Hepner wollte sich in der Umgebung von Leipzig aufhalten, wurde aber aus den einzelnen Bezirken nacheinander von dem Polizeigewaltigen in Leipzig vertrieben, bis er Sachsen verlassen mußte. In Sachsen konnte nämlich jede bestrafte Person auf ein Jahr von ihrem Wohnsitze ausgewiesen werden und Hepner war wegen Preßvergehens bestraft.
Außer Marx, Engels, dem alten Revolutionär Borkheim,1 dem alten Johann Philipp Becker2 und anderen3 waren meine Hauptmitarbeiter Liebknecht und Bebel, die um diese Zeit zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt, auf Schloß Hubertusburg saßen. Ihre Mitarbeiterschaft wurde auf folgende Weise ermöglicht. Der Direktor der Strafanstalt Hubertusburg hatte den beiden Gefangenen das Zugeständnis gemacht, daß die Briefe, die sie an ihre Frauen schrieben, der sonst üblichen Durchsicht durch die Direktion nicht unterworfen wurden. Die Briefe begannen gewöhnlich mit Familienangelegenheiten und gingen dann in politische Besprechungen über. Diese wurden dann von mir für den »Volksstaat« zurecht gemacht. Liebknecht schrieb wöchentlich drei- bis viermal, Bebel seltener. Da beide sich wenig um Preß- und Strafgesetze kümmerten, mußte ich vielfach Änderungen vornehmen. Aus Liebknechts Artikeln habe ich wohl mehr als hundert Majestätsbeleidigungen herausgestrichen. Diese gehörten zu seinen Lieblingsstücken, aber sie wurden damals gerade mit besonderer Schärfe verfolgt.
So war das tatsächliche Redaktionsverhältnis, was ich ausdrücklich hier feststelle, da einige Unberufene bemüht gewesen sind, es in falschem Licht erscheinen zu lassen.
Ich ging mit Feuereifer an die Arbeit, schrieb zahlreiche Artikel für den »Volksstaat«, führte eine ausgedehnte Korrespondenz und trat häufig als Redner in Versammlungen sowohl in Leipzig selbst als in der Umgegend auf. Dabei fand ich immer noch Zeit, mich geselligen und freundschaftlichen Beziehungen widmen.[146] 
Mehrmals in der Woche mußte ich in den Familien Bebels und Liebknechts vorsprechen, um mir die in die Familienbriefe eingeflochtenen Artikel der beiden gefangenen »Hochverräter« zu holen. In beiden Familien fühlte ich mich bald heimisch. Frau Bebel führte damals das Drechslergeschäft ihres Mannes mit den Gesellen weiter; an Sorgen fehlte es ihr nicht. Aber sie war stets freundlich und liebenswürdig und ihre große Herzensgüte leuchtete aus allem hervor, was sie tat und was sie sprach. Die Trennung von ihrem Manne dauerte zwei Jahre und neun Monate, ein Schicksal, das sie schwer, aber äußerlich ungebeugt trug. Ich hatte das Glück, der vortrefflichen Frau einen Dienst zu leisten. Ihre kleine Tochter rüttelte einst an einem schweren alten Schrank, der sehr wackelig war; der Schrank wäre umgefallen und hätte das Kind erschlagen oder mindestens schwer verletzt; wenn ich, der daneben stand, nicht den Schrank im letzten Moment mit äußerster Kraftanstrengung so lange gehalten hätte, bis die Gesellen herbeikamen. Frau Bebel hat mir das nie vergessen und nachher oft davon gesprochen.
Bei der Familie Liebknecht erschien ich am häufigsten. Frau Liebknecht war eine Tochter des angesehenen Darmstädter Rechtsanwalts Reh, der einst Vizepräsident des Frankfurter Parlaments gewesen. Ich fand hier ein um so freundlicheres Entgegenkommen, als, wie schon erwähnt; Frau Liebknecht mit meinem Onkel Schmezer in Ziegelhausen bekannt und als junges Mädchen im Pfarrhause zu Besuch gewesen war. Sie war eine Frau von Geist und vortrefflicher Bildung und wußte ihren Haushalt gastlich zu führen, obschon auch ihr die Sorgen nicht ferne blieben. Es waren vier Kinder da, zwei Töchter aus Liebknechts erster Ehe und zwei Söhne aus der zweiten, zu denen später noch drei kamen. Die Unterhaltung mit Frau Liebknecht wurde mir ein Genuß und ein Bedürfnis. Ihr war es eine besondere Freude, wenn ich mit den Jungen im Hof oder in dem Gärtchen vor dem Hause spielte und tollte und sie süddeutsche Spiele lehrte, die ihnen unbekannt waren.
Unter den Parteigenossen fand damals durchweg ein freundschaftlicher und herzlicher Verkehr statt, fast wie wenn alle einer großen Familie angehörten. Das war natürlich nur möglich, solange die Partei eine engbegrenzte Gemeine bildete. Als sie nachher in die Hunderttausende ging, konnten sich die einzelnen Mitglieder nicht mehr so nahe stehen wie früher.
Sammelpunkt für die Parteigenossen war der alte Leipziger Arbeiterbildungsverein, den seinerzeit die bürgerlichen Demokraten Roßmäßler,4 Götz und Dolge gegründet hatten. Dieser Verein, dem Bebel seit 1860 angehörte, wurde später für die Sozialdemokratie gewonnen. Auch Liebknecht lehrte dort. Der Verein verfolgte im wesentlichen Unterrichtszwecke. Nach den Unterrichtsstunden fanden sich die Parteigenossen in dem gemütlichen[147]  Lokal des Kastellans, des alten Hadlich, zusammen. Dort habe ich manchen Abend fröhlich mit den aufgeweckten Arbeitern verbracht, welche das Gros des Vereins bildeten.
Zu gleicher Zeit erhielt ich die Aufforderung, dem seinerzeit von Robert Blum gegründeten Schriftstellerverein beizutreten, wo ich gesinnungsverwandte oder nahestehende Elemente finden sollte. Vorsitzender des Vereins war der bekannte Geschichtsprofessor Dr. Heinrich Wuttke, der einst dem Frankfurter Parlament angehört hatte und sich beim Auftreten Lassalles öffentlich für dessen Lehren – in der Theorie – erklärt hatte. Auch führte ihn nachher der Schweitzersche »Sozialdemokrat« unter seinen Mitarbeitern auf. Indessen vertrat Wuttke sonst großdeutsche Ideen, im Gegensatz zur Bismarckschen Politik. Für die Sozialdemokratie hatte er immer noch große Sympathien, denen er aber als königlich sächsischer Universitätsprofessor keinen allzu lauten Ausdruck mehr geben konnte, nachdem er von den Lassalleanern sich abgewendet und mit Liebknecht persönliche Beziehungen angeknüpft hatte. Es hatte ihn aber verstimmt, daß Liebknecht sich für die Pariser Kommune eingesetzt hatte. Auch gegen Lassalle hegte er einen kleinen Groll, weil dieser, wie Wuttke mir erzählte, bei einem Besuche dessen Zigarren nicht für gut genug befunden hatte. Er war insofern das Urbild eines deutschen Professors, als er zu jeder Jahreszeit einen Pelz trug und in seinem Landhause inmitten eines prächtigen Gartens auch am hellen Tage bei geschlossenen Laden und bei der Lampe arbeitete. Der kleine Mann mit den scharfgeschnittenen Zügen und mit dem dichten schwarzen Haar konnte sehr erregt werden, wenn man ihm widersprach; im ganzen war er seelensgut; er hat unter der Hand viele Dürftige unterstützt und mit seinen reichen Mitteln die Ausbildung talentvoller Söhne armer Familien gefördert. Seine Vorlesungen über die französische Revolution wurden viel bewundert. Er erzählte viel und gern vom Frankfurter Parlament und meinte, Herr von Radowitz sei der einzige Redner dort gewesen, der auch gegnerische Elemente mit sich habe fortreißen können.
Im Schriftstellerverein, zu dessen Versammlungen ich mich bald regelmäßig einfand, traf man eine merkwürdig zusammengesetzte Gesellschaft. Da war der alte Cramer, der an den von Robert Blum herausgegebenen »Sächsischen Vaterlandsblättern« gewirkt und an den Blum noch am Morgen vor seiner Hinrichtung einen Brief gerichtet hatte; dann Cramers Sohn Richard, als Dichter unter dem Namen Lavant weithin bekannt. Seine gedankenreichen und formvollendeten Dichtungen sind eine Zierde der sozialistischen Literatur. Hier und in der Familie Liebknecht traf ich mit Louis Cohn zusammen, dem Sprößling einer sehr wohlhabenden Leipziger Kaufmannsfamilie, den sein Idealismus in jungen Jahren zur Sozialdemokratie trieb, welcher er unter wechselnden Schicksalen treu geblieben ist. Unsere Freundschaft besteht bis heute. Er ist zurzeit Direktor des Verlages der »Münchener Post«. Von Parteigenossen fand sich noch der ehemalige Lehrer Haschert, ein[148]  gemütlicher Sachse, ein. Unter den übrigen Persönlichkeiten, die im Schriftstellerverein erschienen, befanden sich recht sonderbare Leute. So kam regelmäßig ein schnurrbärtiger, schneidiger alter preußischer Hauptmann, der schon unter der Tür mit Donnerstimme rief: »Kellner, ein Glas Wasser!« alsdann Zucker und Zitrone aus der Tasche zog und sich eine Limonade machte. Der Oberkellner konnte diesen Gast nicht leiden; noch weniger aber einen jungen Philologen, der stets in einem langen, bis auf die Erde herabfallenden Mantel kam und nie etwas verzehrte. Da er diesen Mantel auch im Hochsommer nicht ablegte, forschte man der Sache nach und es stellte sich heraus, daß der Mann – keine Hosen trug, weil er keine besaß. Wuttke half dem Sanskulotten gutmütig mit einer alten Hofe aus.
Das Lokal erhielten wir von dem Wirt des Schützenhauses gratis, womit das Andenken an Robert Blum geehrt wurde. Der Oberkellner, der zur Zeit des berühmten Volksmanns schon in Leipzig tätig gewesen, trank sich häufig einen kleinen Rausch an und deklamierte dann sehr kräftige Verse aus dem »tollen Jahr«. Ein bei ihm sehr beliebtes Gedicht hieß: »Wer ist der größte Schweinehund?« und hatte den Refrain:

M – – –! tönt's von Mund zu Mund,
Ist Preußens größter Schweinehund!«

welche sinnige Dichtung ihre Wirkung nie verfehlte.
Hier gab es sehr lebhafte und interessante Unterhaltungen. Zugleich aber wurde ich zu einer damals in Sachsen sehr lebhaften Agitation herangezogen; ich hatte gelernt in Versammlungen zu sprechen, während ich früher nie geglaubt hatte, daß dies mir möglich sein würde. Das Versammlungswesen in Leipzig wurde sehr lebendig; wir hatten mit den Lassalleanern zu kämpfen, die immer wieder in Leipzig festen Fuß zu fassen versuchten; auf den Dörfern um die Stadt herum hatten wir uns mit den Sendboten der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine herumzuschlagen. Aber auch die »Harmonie-Apostel«, wie wir sie nannten, konnten dort keinen Boden gewinnen.
Ich wurde in verschiedene Städte als Redner berufen; nach Dresden, Leisnig, Chemnitz usw. Damals ging es noch patriarchalisch zu; als ich einst aus. Rochlitz eine Einladung zu einer Versammlung erhielt, fügte der Einberufer ein Postskriptum bei, des Inhalts: »Der Redner soll mir auch ein Pfund fettes Rindfleisch mitbringen!«
In Zwickau sprach ich zum ersten Mal vor Bergarbeitern, deren unter Tag blaß gewordene Gesichter einen tiefen Eindruck auf mich machten. Die Versammlung wurde von dem Bürgermeister Urban überwacht und die Nationalliberalen hatten dazu folgende Verse im Amtsblatt erscheinen lassen:


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»Ach, wenn wir dich nicht hätten,
Dich, unsern Schutz und Trost,
Sankt Urban – du mußt retten
Vor Bebel uns und Most!«[149] 
So war damals die Stimmung – man hoffte noch die Sozialdemokratie mit der Polizei überwinden zu können. Aber auch Sankt Urban, so eifrig er die Bekämpfung der Sozialdemokratie betrieb, konnte in Zwickau keine dauernden Erfolge erzielen.
Auch nach Braunschweig wurde ich zu einem Vortrage berufen. Die sehr zahlreich besuchte Versammlung wurde von dem Justizassessor Hartwieg aufgelöst, als ein Redner, der jetzige Reichstagsabgeordnete für Offenbach, mein Freund Ulrich, einige scharfe Ausdrücke gebrauchte. Die Arbeiter waren über diese Auflösung so erbittert, daß sie auf die Tische sprangen und eine drohende Haltung einnahmen. Herr Hartwieg ist heute braunschweigischer Staatsminister und wird sich inzwischen überzeugt haben, daß solche Eingriffe bei der sozialdemokratischen Bewegung noch nicht einmal die Wirkung von Mückenstichen haben.
Auch in Riesa an der Elbe wurde mir eine Versammlung vom überwachenden Justizassessor aufgelöst, weil ich gesagt hatte, daß im Reichstage manchmal Komödie gespielt werde. Der Mann hat sicherlich geglaubt, eine historisch bedeutsame Tat verrichtet zu haben.
So hatte ich mich nun vollkommen in die Sozialdemokratie eingelebt und meine Tätigkeit befriedigte mich sehr, nachdem die Harmonie meines äußeren und inneren Lebens hergestellt war. Sehnsucht nach dem Milieu, dem ich früher angehört, empfand ich nicht.
Da schien dem allem ein rasches Ende bereitet werden zu sollen.
Ich hielt einen Vortrag vor einer großen Versammlung in Chemnitz an einem sehr heißen Sommerabend. In dem niedrigen Saal, der gedrängt voll war, herrschte eine Temperatur zum Ersticken. Während meiner Rede zog draußen ein Gewitter auf, das sehr abkühlte. Nur im Saal blieb es heiß und als ich nach Schluß der Versammlung mit gelüfteten Kleidern in den anstoßenden Garten kam, wo mich jemand sprechen wollte, zog ich mir eine bedenkliche Erkältung zu. Schon nach 14 Tagen begann ich Blut auszuwerfen, so heftig war der Lungenkatarrh, der sich aus der Erkältung entwickelte. Das Übel nahm reißend zu und bald zeigten sich Symptome der Schwindsucht. Ich magerte zum Schatten ab und ein starkes allnächtliches Schwitzen verzehrte rasch meine Kräfte. Ich wurde so kurzatmig, daß ich nur mit größter Mühe eine Treppe ersteigen konnte. Die Ärzte, die mich behandelten, gaben mich schließlich auf; auch der berühmte Verfasser des Buchs vom gesunden und kranken Menschen, Dr. Bock, erklärte, daß mit mir nichts mehr zu machen sei. Da mein Vater an der Schwindsucht verstorben war, glaubte ich an eine vererbte Veranlagung zu dieser furchtbaren Krankheit.
Die große sandige und staubige Ebene, auf der Leipzig liegt, mag für Schwindsüchtige besonders nachteilig sein. Ich selbst glaubte auch an keine Besserung mehr.
Um diese Zeit besuchte ich Liebknecht und Bebel zum ersten Mal in ihrer Gefangenschaft. Es war ein heißer Tag und mühsam schleppte ich mich die meist sonnige und recht staubige Landstraße entlang, die von der[150]  Station Dahlen nach Wermsdorf führt, bei welchem Orte das einstige, nunmehr in eine Strafanstalt verwandelte Jagdschloß Hubertusburg liegt. Hier wurde bekanntlich 1763 der Friede geschlossen, der den siebenjährigen Krieg beendigte. Liebknecht und Bebel sahen mich erstaunt an; so hatten sie sich den neuen Redakteur nicht vorgestellt, und Liebknecht sagte mir später, sein erster Gedanke bei meinem Anblick sei gewesen: »Der klappt demnächst zusammen wie ein Taschenmesser!«
Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier ein Charakterbild von einem jeden der beiden bekannten Vorkämpfer der Sozialdemokratie zu geben; Dies wird sich bei der Schilderung unserer langen politischen und parlamentarischen Zusammenarbeit von selbst gestalten. Hier sei nur bemerkt, daß Bebel damals etwa 32 Jahre alt war und blaß und kränklich aussah. Liebknecht mochte etwa 47 Jahre alt sein und stand noch in der Fülle seiner Kraft. Es war ein energisches Wesen an ihm.
Bezüglich der Unterhaltung mit den Gefangenen erinnere ich mich nur, daß wir den geringen Abonnentenstand des »Volksstaat« beklagten. Als wir davon sprachen, daß der »Neue Sozialdemokrat« uns so sehr überflügelt[151]  habe, meinte ich, die Abonnentenzunahme sei bei diesem Blatte eine »ungesunde«. Ich glaubte fest daran, daß der »Neue Sozialdemokrat« ein heimliches Organ der preußischen Regierung sei. Liebknecht und Bebel glaubten dies zwar auch, allein sie meinten doch, sie würden sich verflucht freuen, wenn die Abonnentenzahl des »Volksstaat« auch einmal solch eine »ungesunde« Steigerung erfahren würde.
Mit Manuskripten reich beladen verließ ich Hubertusburg und als ich die schreckliche Landstraße wieder zurück wanderte, dachte ich nicht, daß es mir beschieden sein würde, mit diesen beiden Männern noch Jahrzehnte in den Reihen der Sozialdemokratie zu kämpfen.
Im »Volksstaat« erschienen damals eine Reihe vortrefflicher Arbeiten, darunter ein sehr interessanter Essay über die Hebertisten von Liebknecht, in Anlehnung an das Buch des Mitgliedes der Pariser Kommune, Tridon, der eine historische Rettung dieser vielverleumdeten Partei unternommen hatte. Marx war er zu weit gegangen. Engels schrieb sehr häufig für den »Volksstaat«; nach dem Sturze der spanischen Republik lieferte er mir die vortrefflichen Aufsätze über »Die Bakunisten an der Arbeit«, worin er die schmählichen Umtriebe der spanischen Anarchisten enthüllte, welche lediglich die Verwirrung in jener kritischen Epoche vergrößert hatten.
Wir führten eine sehr scharfe Sprache und da zu jener Zeit auf besonderes Antreiben Bismarcks die Staatsanwälte sehr »schneidig« gegen die sozialistische Presse vorgingen, so schwebten gegen uns immer eine Reihe von Preßprozessen, meist wegen Beleidigung. Auch Bismarck selbst suchte uns bald mit Strafanträgen heim, für welche er lithographierte Formulare besaß und deren er etwa 10,000 gestellt hat, darunter solche gegen die Schwätzereien alter Weiber am Brunnen. Wir erhielten den ersten Strafantrag des »Herkules des Jahrhunderts« anläßlich des Kissinger Attentats des Böttchers Kullmann auf Bismarck. Emanuel Geibel hatte in einem Gedichte geschildert, wie der Erzengel Michael mit einem diamantenen Schilde vor den Kanzler getreten sei und die Kugel aufgefangen habe. Wir bemerkten, dieser »Erzengel« sei wahrscheinlich der mit einem Panzerhemd versehene »gewiegte Kriminalist« Stieber gewesen. Für diesen Scherz mußte unser Verantwortlicher mehrere Monate sitzen. Weniger als zwanzig Anklagen zu gleicher Zeit waren es selten. Engels meinte einmal, es würden noch mehr Anklagen kommen, wenn dem Staatsanwalt nicht die Wahl wehe täte. Unter solchen Umständen zeichneten verschiedene Parteigenossen, die sich vor einer Gefängnisstrafe nicht fürchteten, das Blatt als verantwortlich, damit der Redakteur nicht gleich wieder weggeschnappt werden sollte. Meist zeichnete der in der Redaktion befindliche Schriftsetzer Seiffert.
Geraume Zeit gelang es uns den Staatsanwalt zu foppen. Das sächsische Gerichtsverfahren von damals hatte allerhand Absonderlichkeiten; in erster Instanz hatte man den Einzelrichter, der zugleich Untersuchungsrichter war und sehr an die vormärzliche Zeit erinnerte. Nachdem dieser[152]  die Untersuchung abgeschlossen, lud er nach einigen Tagen den Angeklagten wieder vor und verkündete ihm feierlich, je nach seinem Befund: »Ich habe Sie freigesprochen« oder: »Ich habe Sie zu der und der Strafe verurteilt!« Erst wenn der Angeklagte dagegen Einspruch erhob, kam es in zweiter Instanz zu öffentlicher und mündlicher Verhandlung.
Aber die alte sächsische Gerichtsverfassung hatte auch ihre Vorzüge. So konnte der veranwortliche Redakteur, wenn er den sogenannten Reinigungseid leistete, nur zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Zu diesem Zweck wurde ihm die »Eidesnotul«5 vorgelegt, welche den Reinigungseid enthielt, der dahin ging, daß er den inkriminierten Artikel weder selbst verfaßt noch zum Druck befördert, noch vom Verfasser oder von dem, der den Artikel zum Druck befördert. Kenntnis habe. Diesen Eid konnte der Verantwortliche durchweg mit gutem Gewissen leisten; im andern Fall verweigerte er das Zeugnis und wurde verurteilt. Um dem Verantwortlichen die Sache zu erleichtern, wurde er instruiert, bei der nicht eidlichen Vernehmung auszusagen, die für das Blatt bestimmten Artikel würden in einem Kasten niedergelegt und von dort nach Bedarf entnommen, so daß eigentlich niemand wisse, wer sie zum Druck befördert habe. Dieser Kasten war in der Tat vorhanden und die Untersuchung nach dem Täter scheiterte öfter an dieser Klippe, oder gelangte nicht darüber hinaus. Der Staatsanwalt rief schließlich in einer Verhandlung zornig aus: »Die Artikel fliegen doch nicht aus der Luft in das Blatt hinein!« und griff zu schärferen Mitteln, indem er, wenn aus dem Verantwortlichen nichts herauszubringen war, das sämtliche an dem Blatte beschäftigte Personal, vom Redakteur bis zum Laufburschen, wegen »Mittäterschaft« in Untersuchung zog und zeugeneidlich vernehmen ließ. Das war eine Lauferei zum Gericht, eine Protokolliererei und eine Schwörerei von Tag zu Tag! Die historische Rolle des geheimnisvollen Kastens war damit zu Ende. Aber viele Erfolge brachte das neue Verfahren auch nicht.
Im Mai 1873 erschienen im »Volksstaat« unter dem Titel »Praktische Emanzipationswinke« mehrere Aufsatze, welche die Bedeutung der Gewerkschaften ins rechte Licht rückten. Als ihr Verfasser galt der Schriftsetzer Karl Hillmann; der wirkliche Urheber aber war August Geib in Hamburg und Hillmann hatte nur dessen Gedanken niedergeschrieben. Diese Artikel machten viel Aufsehen und blieben auch nicht ohne Widerspruch. Aber sie haben zur Förderung der damals noch in den Windeln liegenden gewerkschaftlichen Bewegung so viel beigetragen, als Zeitungsartikeln derartiges überhaupt möglich ist.
Die Heftigkeit der Polemik mit dem »Neuen Sozialdemokrat« war wieder so groß geworden, daß es gar keine Rücksichten mehr gab und zwar beiderseits. Darum war uns ein Artikel der »Frankfurter Zeitung« willkommen, welcher das gerichtliche Nachspiel des berüchtigten Frankfurter Bierkrawalls behandelte, bei dem das Militär auf die Krawaller[153]  geschossen hatte. Der Staatsanwalt sprach von »den eigentlichen Schuldigen hinter den Kulissen« und die »Frankfurter Zeitung« knüpfte daran eine von Dr. Braunfels verfaßte längere Betrachtung, die darin gipfelte, daß die Lassalleaner im Auftrage der preußischen Regierung den Krawall angestiftet hätten. Wir druckten den Artikel ab und Liebknecht hängte noch ein Schwänzchen dran, in dem von »Ober- und Untersozialdemagogen« die Rede war. Alsbald verlangte Liebknecht, da ein Strafantrag des preußischen Staatsministeriums gegen den »Volksstaat« gestellt wurde, daß ich mich selbst als denjenigen, der den Artikel zum Druck befördert, dem Untersuchungsrichter nennen sollte. Dann würde der Strafantrag gegen mich gerichtet werden und ich sollte Liebknecht und Bebel als Entlastungszeugen angeben. Dann könne endlich einmal vor Gericht der Beweis geführt werden, daß Schweitzer im Dienste der preußischen Regierung gestanden, was auf seine Nachfolger entsprechend zurückwirken müsse. Ich müsse, meinte Liebknecht, im Interesse der Partei so vorgehen. Auch könne bei dem reichen Beweismaterial die Strafe nur gering ausfallen, wenn nicht überhaupt eine Freisprechung erfolge.
Die Sache erschien mir recht bedenklich. Aber da ich vor den Verurteilten des Leipziger Hochverratsprozesses nicht feige erscheinen wollte, so reichte ich die Selbstdenunziation ein und prompt erfolgte der Strafantrag des preußischen Staatsministeriums gegen mich. Ich beantragte sofort die Vernehmung von Liebknecht und Bebel, die denn auch erfolgte.6 Ihre Aussagen reichten wohl für mich aus, aber nicht für das Gericht. Ohnehin wurde meine bisherige Auffassung von Schweitzer und Genossen durch den Untersuchungs-respektive Einzelrichter etwas erschüttert. Dieser junge Jurist, der durch den häufigen Verkehr ein gewisses Wohlwollen für mich gewonnen hatte, stellte mir die kitzliche Frage: »Glauben Sie wirklich, daß der Staatsanwalt mit seinem Ausdruck: »Die eigentlichen Schuldigen hinter den Kulissen« die preußische Regierung gemeint hat?« – Wir stritten uns in mehreren Verhören über die Sache herum, aber schließlich eröffnete er mir: »Ich habe Sie zu drei Monaten Gefängnis verurteilt!«
Bums! Da hatt' ich's!
In der öffentlichen und mündlichen Verhandlung vor der Appellinstanz ging mirs nicht besser. Das Urteil des Einzelrichters wurde bestätigt.
Leopold Sonnemann, der die »Frankfurter Zeitung« verantwortlich gezeichnet hatte, erhielt für den Artikel nur zwei Monate Gefängnis, da er das von Liebknecht angehängte »Schwänzchen« nicht zu verantworten hatte.
Mein Prozeß zog sich bis ins nächste Jahr hinein und es kamen noch andere Anklagen hinzu.
Während dies alles sich abspielte, kamen verschiedene interessante Besuche nach Leipzig, die eine sehr willkommene Abwechslung waren. Da besuchte uns der »Lohgerber und Philosoph« Josef Dietzgen, der[154]  Vater des heutigen »Dietzgenismus«. Seine hohe Gestalt mit dem kleinen, charakteristisch und sympathisch gebildeten Kopfe steht noch deutlich vor mir. Seine philosophischen Arbeiten waren damals in der sozialistischen Welt noch nicht so bekannt, wie heute; wenn ich mich recht erinnere, stand nur »das Wesen der menschlichen Kopfarbeit« in unserem Schriftenverzeichnis. In Leipzig verbrachten wir angenehme und anregende Stunden mit ihm. Bei Frau Liebknecht lernte ich Louis Büchner, den Verfasser von »Kraft und Stoff« kennen, der sich für die Abschaffung des Erbrechts ins Zeug legte. Ebendahin kam auch der bekannte Romanschriftsteller und Gesinnungsgenosse Robert Schweichel mit seiner trefflichen und liebenswürdigen Gattin. Wir trafen uns noch oft und wie habe ich die Frische und Lebenskraft dieses kernigen Ostpreußen bewundert, der mit 80 Jahren weder seinen Humor noch seine Trinkfestigkeit eingebüßt hatte! Und wie interessant konnte er aus den Zeiten vormärzlicher Reaktion erzählen! So von dem Historiker Drumann, der in Königsberg an der Hochschule deutsche Geschichte vortrug und, als er das Jahr 1815 erledigt hatte, sein Heft zuklappte und sagte: »Über 1815 hinaus zu lesen ist mir verboten!« – Auch der damals sehr bekannte Schriftsteller Gustav Rasch erschien und führte sich auf der Redaktion mit den Worten ein: »Mein Name ist Gustav Rasch; haben Sie ein Klosett hier?« – Rasch besuchte auch die Gefangenen von Hubertusburg, worüber er eine Reihe phantasievoller Aufsätze veröffentlichte. Er war einer der größten Aufschneider unter den Berlinern, die ich kennen gelernt. Gern erzählte er von Berlin im Jahr 1848. Am Tage des Zeughaussturmes war er, mit einem ungeheuren Schleppsäbel bewaffnet, dabei, als man die Torflügel des königlichen Schlosses aushob und in die Spree warf. Später haben seine Artikel vom »verlassenen Bruderstamm« (Schleswig-Holstein) in der »Gartenlaube« viel Aufsehen gemacht. Wegen seines bei Bracke erschienenen Buches »Die Preußen in Elsaß-Lothringen« mußte er ins Ausland flüchten. Er betrachtete den Steuerverweigerungsbeschluß der Berliner Nationalversammlung von 1848 immer noch als zu Recht bestehend und suchte ihn für seine Person durchzuführen, blieb aber im Kampf mit dem Gerichtsvollzieher nicht siegreich. Er ist der Erfinder des geflügelten Wortes »Preußenseuche«. Trotz all seiner Schrullen habe ich in Leipzig recht interessante Abende mit ihm verlebt. – Von bekannten Sozialisten kamen aus dem Ausland Andreas Scheu und Oberwinder aus Wien, die sich bitter bekämpften; Oberwinder ging später zur Reaktion über. Auch der ehemalige Leutnant Pio, damals der Führer der dänischen Sozialdemokratie, erschien bei mir; er hatte lange im Kerker schmachten müssen und nahm einen üblen Ausgang. Auch Hans Blum, den Sohn von Robert Blum, lernte ich damals von einer sehr wenig vorteilhaften Seite kennen. Er war mit unserem Hauswirt befreundet und benutzte dies, um allerlei Bosheiten gegen uns zu verüben.
Erwähnt sei auch, daß im gleichen Hause mit Liebknecht der »Dichter« Müller von der Werra wohnte, welcher einst die Geburt des[155]  kaiserlichen Prinzen Lulu besungen hatte und von dessen Vater Napoleon III. dafür belohnt worden war, nach 1876 aber »lyrischen« Franzosenfraß betrieb und deshalb von Herwegh die Verse gewidmet erhielt:



O Müller von der Werra,
Dir wird das Dichten schwerra,
Drum wird's mich freuen serra,
Wirst du nicht dichten merra!«

Da aber der »Joppenfürst« Ernst von Gotha eines seiner »Lieder« in Musik setzte, verfiel Müller von der Werra in Größenwahn und das wohlbeleibte Männlein suchte auch äußerlich sein »Genie« zur Geltung zu bringen, namentlich durch ein künstlich hochaufgesträubtes Haar. Als jemand ihn sah, wie er seine Frisur vor dem Spiegel zurecht machte, und als jener das Lachen nicht halten konnte, rief Müller ärgerlich: »Das verstehtst du nicht, das ist Genie!«
Mein körperliches Befinden wurde immer schlechter und ich zog mich nach dem südlich von Leipzig gelegenen Dorfe Gaschwitz zurück, wo ich nur von rohen Eiern und frischer Milch lebte. Frau Bebel und Frau Liebknecht, die mich mit ihrer Kinderschar dort besuchten, meinten, der Landaufenthalt bekäme mir sehr gut. Ich verspürte aber nicht viel davon.
Nachdem ich Bebel und Liebknecht auf Hubertusburg noch einige Male besucht, ging ich als Vertreter des »Volksstaat« zum ersten Mal auf den Parteitag, der diesmal im August 1873 zu Eisenach stattfand. Hier traf ich von Freunden und Bekannten Grillenberger, Scherm, Bernhard Becker und Kokosky wieder und lernte auch eine Menge von Sozialisten kennen, die nachher in weiteren Kreisen bekannt geworden sind, wie die späteren Abgeordneten Geib, Fritzsche, Vahlteich und Auer. Mit Grillenberger hatte ich einen kleinen Strauß wegen der Haltung des »Volksstaat« zu den Nürnberger Streitigkeiten auszufechten. Doch tat dies unserer Freundschaft weiter keinen Eintrag. Auf diesem Parteitag wurde Lyser wegen Unterhandlung mit den Lassalleanern einstimmig ausgeschlossen.
Doch die Hauptaufgabe dieses Parteitages war die Vorbereitung der nächsten Reichstagswahlen. Man hoffte auf einen großen Erfolg und es wurden eine Menge Kandidaturen aufgestellt. Der Erfolg sollte denn auch nicht ausbleiben, wenngleich bei diesen Wahlen die beiden sozialdemokratischen Richtungen wieder mit aller Erbitterung gegen einander kämpften. Aber es war das letzte Mal, daß dies geschah. Auf dem Parteitage gebärdete sich freilich mancher, als müsse der Zwist ewig dauern.
Wir machten schöne Ausflüge in die Umgebung von Eisenach und sprachen auch bei Fritz Reuter vor, der damals in seiner bekannten Villa zu Eisenach lebte. Er sah recht verfallen aus. Er hatte als Burschenschafter während der »Festungstid« mit Wilhelm Wolff Freundschaft geschlossen, der dem gleichen Schicksal verfallen war. Dieser rote oder Kasematten-Wolff ist derselbe, dem Karl Marx das »Kapital« gewidmet hat.[156] 
Beim Besuch der Wartburg leistete ich mir einen Eselsritt, um mich zu schonen. Allein ein Parteigenosse, der von meinem Leiden nichts wußte, prügelte den Esel derart, daß der arme Langohr sich schließlich in Galopp setzte und mich beinahe abwarf. Ich warf an diesem Tage schrecklich viel Blut aus. Aber ich beschloß doch, die Wahlagitation ohne Schonung meiner Gesundheit mitzumachen. Denn ich rechnete mit meinem baldigen Ende, was übrigens auch andere Leute taten, und da wollte ich mich zum Schlusse noch recht nützlich erweisen.
Eine Kandidatur; die mir vom 14. sächsischen Wahlkreis (Borna-Pegau) angeboten wurde, mußte ich ablehnen, da ich das 25. Jahr noch nicht vollendet hatte. Dagegen beschloß ich, alle meine Tätigkeit auf den 13. Wahlkreis (Leipzig-Land) zu konzentrieren. Dort konnten wir auf einen Erfolg hoffen, während die Stadt Leipzig von uns nicht zu nehmen war. Wir hatten für den Leipziger Landkreis dem Dr. Johann Jacoby in Königsberg die Kandidatur angetragen und er hatte sie auch angenommen. Ich führte im Auftrage des Wahlkomitees die Korrespondenz mit ihm, Jacoby, der berühmte Verfasser der »Vier Fragen«, hatte sich nach der[157]  Niederlage der Volkserhebung von 1848 immer weiter nach links entwickelt und war nach dem Leipziger Hochverratsprozeß gegen Bebel und Liebknecht der Sozialdemokratie (Eisenacher Richtung) beigetreten.7 Sein Name hatte auch bei den Bürgern und Bauern einen guten Klang; man erinnerte sich, daß er im Jahre 1848 zum König von Preußen in dessen Schlosse gesagt hatte: »Das ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen!« – Wir arbeiteten mit Feuereifer für ihn und ich erinnere mich, daß ich trotz meiner Blutspuckerei in einer stürmischen Regennacht mehrere Stunden zu Fuß zurücklegte, nur um in einer Versammlung für Jacoby eintreten zu können.
Die Wahlerfolge waren für jene Zeit großartig; wir eroberten in Sachsen sechs Mandate, die Lassalleaner anderwärts zwei. Dazu gab es eine Menge Stichwahlen. Auch im Leipziger Landkreis gab es Stichwahl und wir boten alle Kräfte auf, um zu siegen.
Da, einige Tage vor der Wahl, als ich spät nachts im Schriftstellerverein erschien, nahm mich Professor Wuttke auf die Seite und sagte:
»Sie hoffen in der Stichwahl im Landkreise zu siegen.«
»Jawohl!« antwortete ich.
»Nun«, sagte Wuttke, »wenn Jacoby gewählt wird, so wird er die Wahl ablehnen.«
Ich fuhr zurück: »Das ist unmöglich.«
»Sie werden sehen!« sagte Wuttke.
Ich schrieb noch in der Nacht an Jacoby und erhielt von ihm umgehend die Antwort:
»Ich denke nicht daran, meine Kandidatur zurückzuziehen.«
Nun war ich beruhigt.
Wir siegten und der Jubel war ungeheuer.
Aber gerade zehn Minuten vor der großen Versammlung, in welcher das definitive Wahlresultat verkündet und der Sieg gefeiert werden sollte, erhielt ich einen eingeschriebenen Brief von Jacoby, in dem er anzeigte, daß er die Wahl ablehne.
Ich telegraphierte verzweiflungsvoll und es erfolgte die telegraphische Antwort; daß die Ablehnung schon dem Wahlkommissär angezeigt sei. Die Stimmung bei der »Siegesfeier« kann man sich denken.
Man kann sich auch denken, daß ich wie vom Donner gerührt war. Ich junger Dachs war zu unerfahren gewesen, um genau zwischen »Kandidatur« und »Wahl« zu entscheiden. Es war aber auch nicht recht, auf diese Unerfahrenheit zu spekulieren.
Jacoby hatte auch eine Begründung seiner Ablehnung beigelegt. Er sagte darin, er glaube nicht, daß man auf parlamentarischem Wege einen Militärstaat in einen Volksstaat umgestalten könne. Auch beruhe das Reich auf einem Rechtsbruch, der 1866 geschehen sei.[158] 
Wir antworteten, daß die preußischen Staatsstreiche von 1848 und 1849 Jacoby doch auch nicht verhindert hätten, ein Mandat in der zweiten preußischen Kammer auszuüben, und meinten, er hätte sich mit seinen Anschauungen überhaupt nicht als Kandidat aufstellen lassen sollen.
Diese Haltung Jacobys erregte viel Erbitterung und Engels schrieb mir zornig:
»Der Mann ist zu weise!« –
Aber was nun?
Der Kampf mußte trotz alledem wieder aufgenommen werden und wir nahmen ihn auf.
Als Kandidat wurde mein Freund Wilhelm Bracke aus Braunschweig aufgestellt. Diese Kandidatur war keine angenehme. Die Ablehnung des Mandats hatte die Wähler mißtrauisch und teilweise sogar feindselig gemacht. Ich wirkte nach Kräften für Bracke bei dieser mühseligen Wahlarbeit und begleitete ihn auf die Dörfer. Zu einem großen Zusammenstoß kam es in Liebertwolkwitz, wo Bracke, da er erst anderwärts sprach, nicht gleich erscheinen konnte. Ich sollte die Versammlung bis zu seiner Ankunft[159]  beschäftigen. Unsere Gegner führten den Kampf gegen Bracke mit äußerster persönlicher Gehässigkeit und so wurde, als ich eine Pause machte, ein verleumderischer Artikel des »Leipziger Tageblattes« vorgelesen, welcher Bracke geschäftliche Unehrlichkeit vorwarf. Darob erhub sich in der Versammlung ein so furchtbarer Lärm, daß man hätte glauben können, die »blutigen alten Schwadronen« Napoleons, die einst bei Liebertwolkwitz den großen Choc gemacht, seien aus den Gräbern erstanden. Bracke hörte den Lärm schon in weiter Ferne. Er wies die gegen ihn erhobenen Verleumdungen energisch zurück.
Wir unterlagen und statt Johann Jacoby wurde nun vom Leipziger Landkreis in den Reichstag ein liberaler Industrieller gesandt, der sein tiefes Verständnis für den großen Klassenkampf der Zeit in einer Versammlung zu Groß-Zschocher folgendermaßen mir gegenüber kundgetan hatte:
»Ich würde Sie und Ihre Parteigenossen ja gerne mit Beefsteaks bewirten, aber mein Geldbeutel erlaubt es nicht!«
Dieser großartige Sozialphilosoph hieß Dr. Karl Heine. –
Nach diesen Anstrengungen war ich so herunter, daß mein Ende nicht mehr ferne schien. Da erhielt ich die Aufforderung, mich zur Verbüßung der mir zuerkannten Strafe von drei Monaten Gefängnis zu stellen. Ich hatte inzwischen noch vierzehn Tage hinzubekommen wegen einer von mir auf dem Tonberge bei Leipzig gehaltenen Rede, in der ich die Einrichtungen des sächsischen Staates verächtlich gemacht haben sollte.
Im Bezirksgerichtsgefängnis zu Leipzig war mir keine »Zelle für reinliche Mädchen« bereitet; ich wurde in ein finsteres Loch gebracht, das sechs Schritte lang und vier Schritte breit war. Ganz hoch oben befand sich ein kleines, mit schweren Eisenstangen vergittertes Fenster. Das spärliche Licht, das hier hereinfiel, wurde durch ein »Hafengitter« – mit Papa Spengler in Braunschweig zu reden – auf ein Minimum reduziert, so daß in dieser Raubmörderzelle kaum zu lesen war. Ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein Strohsack, der tagsüber an die Wand angeschlossen wurde, damit sich's der Gefangene »nicht allzu bequem« machen konnte, und der unvermeidliche Kübel, die Zierde deutscher Gefängnisse, bildeten das Möblement. Wenn morgens die Zellen geöffnet und die Becken mit Waschwasser hereingereicht wurden, erfüllte ein unerträglicher und unbeschreiblicher Geruch das ganze Haus. Ich hatte vorsichtigerweise Handtücher mitgebracht; die Sträflinge, die keine eigenen hatten, mußten sich mit dem gleichen Handtuch abtrocknen.
Ich erhob als politischer Gefangener sogleich Protest gegen diese Behandlung; auch meldete ich mich zur Selbstbeköstigung an. Zunächst aber ohne Erfolg. Ich erhielt den Bescheid, daß das Gefängnis überfüllt und keine andere Zelle frei sei. Ich ließ den Gefängnisarzt Dr. Sonnenkalb rufen, verwies auf meinen leidenden Zustand und machte ihn auch verantwortlich für den Fall, daß hier eine Verschlimmerung eintreten sollte. Das wirkte und er versprach, daß ich ein helles und lustiges Gelaß[160]  erhalten sollte, das in einigen Tagen frei würde. Immerhin mußte ich einige Tage in dem scheußlichen Loch bleiben. Eines Nachts erwachte ich von einem furchtbaren Lärm. Es war der in der Leipziger Lokalgeschichte »berühmte« Pleißengassen-Krawall, bei dem die öffentlichen Häuser der nebenan befindlichen Pleißengasse gestürmt wurden. Dies Ereignis hatte eine bedeutsame Nachwirkung. Bei ihrer »Revolution« von 1836 hatten die Leipziger außer der Rauchfreiheit auch ertrotzt, daß die Polizeidiener nur mit Stöcken bewaffnet sein durften. Jetzt kam man darauf zurück, sie wieder mit Säbeln zu bewaffnen.
Ich hatte in den Zellen rechts und links weibliche Nachbarschaft, wie ich morgens beim Öffnen der Tür bemerkte. Der einen Nachbarin schien es sehr wichtig, daß »ä Mannsen« nebenan sei, wie sie zum Fenster hinaus verkündete. Nachts begann das in allen Gefängnissen übliche Klopfen an den Wänden, mit dem sich die Gefangenen verständigen und unterhalten. Ich hatte mir schon einige Kentnisse in dieser merkwürdigen Telegraphie erworben, als ich in mein besseres Gelaß abgeholt wurde. Ich war aufs angenehmste überrascht. Das war ein großes lustiges Doppelzimmer mit zwei Betten; im einen Teil stand das Bett hinter einem Vorhang. Die Fenster waren hoch und nur das Gitter mahnte daran, daß hier ein Gefängnis sei. Ich hatte eine sehr schöne Aussicht auf den alten Botanischen Garten. An diesen stieß übrigens ein Bordell und ich machte mir oft in der ersten Morgenfrühe das Vergnügen, zu beobachten, wie die Gäste scheu und mit tief eingedrücktem Hut herausschlichen. Ich glaubte darunter einige prominente Persönlichkeiten der Leipziger Ehrbarkeit zu erkennen, welche mit besonderer Vorliebe behaupteten, die Sozialdemokratie wolle Ehe und Familie zerstören und an deren Stelle die »freie Liebe« einführen.
Man sagte mir, daß mein Zimmer das Ehebrecher-Zimmer genannt würde, weil früher nach altem sächsischen Brauch bei Scheidungsprozessen das im Streit liegende Ehepaar in diesem Raum auf ein paar Wochen untergebracht worden sei, um zu erproben, ob sich die Leute denn gar nicht mehr vertragen könnten.
Der Herr Direktor erschien und war sehr liebenswürdig. Das Essen wurde teils aus der Volksküche, teils aus der Küche des Direktors geliefert. In beiden Fällen war es sehr gut. Ich durfte mich im großen Garten des Direktors ergehen und zwar täglich; auch hatte ich in der Woche zweimal Ausgang, eine Einrichtung, die meines Wissens in dieser Weise heute in keinem Gefängnisse mehr besteht. Ich mußte mich beim Untersuchungsrichter anmelden, der mir dann ohne Anstand die Erlaubnis erteilte. Ich konnte von 1 Uhr mittags bis 8 Uhr abends gehen, wohin ich wollte, aber ein Gerichtsdiener in Zivil sollte mich begleiten. Dieser brave Mann hieß Henker, aber er hatte den Namen nicht mit der Tat. Sobald wir das Gefängnis außer Sicht hatten, verabredeten wir, uns zur bestimmten Zeit wieder zu treffen, und der »Henker« verschwand. Ich traf mich dann mit Freunden und Gesinnungsgenossen und wir kneipten fröhlich oder machten kleine Ausflüge. Wenn ich dann mit[161]  meinem guten »Henker« wieder zusammentraf, belohnte ich ihn mit einem silbernen Händedruck. Einmal begegnete ich ohne »Henker« dem Untersuchungsrichter und er war so liebenswürdig, mich nicht zu sehen.
Die Ruhe des Gefängnisses war sehr vorteilhaft für meinen körperlichen Zustand und das Blutspucken ließ etwas nach.
Um diese Zeit war Liebknecht aus der Festungshaft entlassen worden. Er wollte von der Last der Redaktionsgeschäfte noch eine Zeitlang befreit sein und so verabredeten wir, daß er mich einen um den anderen Tag besuchen, mir Zeitungen bringen und die alten Zeitungen wieder mitnehmen solle. In den letzteren befand sich das Manuskript, welches ich für den »Volksstaat« regelmäßig lieferte. So redigierte ich den »Volksstaat« vom Gefängnis aus, was bei dem Charakter dieses wöchentlich dreimal erscheinenden Blattes, das mit den Tagesblättern nicht zu konkurrieren brauchte, ganz gut möglich war, wobei für Liebknecht ganz wenig zu tun übrig blieb. Liebknecht und ich näherten uns damals sehr und ich wußte seine guten Eigenschaften wohl zu schätzen. Er war ein gewandter Publizist, wenn auch nicht im modernen Sinne; eine besondere Begabung hatte er für das Feuilleton. Er verstand markige Worte zu prägen und in der Polemik manchmal seinen Gegner förmlich niederzuschmettern.
Außer diesen Arbeiten trieb ich fleißig historische und nationalökonomische Studien, schrieb eine Broschüre über die Zustände in der deutschen Presse und bearbeitete in einer anderen die Enthüllungen des Generals Lamarmora über die Entstehung des Krieges von 1866. Zugleich verfaßte ich eine Reihe von Skizzen über die Erhebung der Pariser Kommune8 und begann die Übersetzung einer Biographie des im Barrikadenkampf gefallenen Kommune-Generals Jaroslav Dombrowsky. So verging mir die Zeit rasch.
Einer Episode mag noch gedacht werden. Ich saß an einem Sonntag vormittag über einem philosophischen Werke, betitelt: »Menschheit und Kapital«. In diesem Werke wurde mitgeteilt; daß in Leipzig eine Gesellschaft bestände, die sich Tugendbund nenne, weil zu ihren Orgien nur Jungfrauen zugelassen würden. Ich wurde aufgescheucht durch ein wildes Geschrei und Geheul, das von einer auf dem Platze vor dem Botanischen Garten sich tummelnden Menschenmasse kam. Man deutete auf das Fenster einer Zelle ohne »Hasengitter«. An diesem Fenster stand, wie ich von meinem Gelaß aus sehen konnte, eine Frau im Hemde, hing sich an das Gitter und steckte das eine nackte Bein hindurch, soweit als es möglich war.
Diese Verehrerin der Nacktkultur wurde bald vom Fenster weggeholt. Ein höherer Gefängnisbeamter trat bei mir ein und erging sich in den heftigsten Ausdrücken gegen das verworfene Frauenzimmer. »So was ist in Leipzig noch nicht vorgekommen!« rief er entrüstet. Ich hielt ihm schweigend das Buch hin und zeigte ihm die Geschichte vom »Tugendbund«. Der Mensch sah mich ganz dumm an und ging dann kopfschüttelnd hinaus.[162] 
Am Tage vor meiner Freilassung sagte Liebknecht, er werde mich an der Gefängnispforte erwarten. »Du wirst eine Überraschung vorfinden«, sagte er geheimnisvoll, »eine große Überraschung«. –
In diesem Gefängnis hatte ich mich des öfteren in den Haschischrausch versenkt, der bei dem Genusse Heinescher Lyrik so gern über sentimentale junge Leute kommt. Dabei machte ich die Erfahrung, daß unter den schimmernden Blüten dieser Dichtungen manchmal recht boshaft stechende Dornen verborgen sind. Strenge Kritiker haben dies auch schon bemerkt und haben es getadelt, daß Heinrich Heine einer seiner Geliebten vergiftete Tränen zuschreibt, während er einer andern eine Schlange an das Herz befördert und sie dort fressen läßt. Und dabei kann er seine Schadenfreude über das Elend des armen Liebchens nicht verbergen. Der Streich, den er mir gespielt, war zwar nicht so schlimm, aber doch schlimm genug. Neben dem Gefängnisgebäude befand sich ein Sommergarten, in dem jeden Abend eine Musikkapelle spielte. Auch bei Regenwetter blieb mir dieser musikalische Genuß erhalten, denn in solchem Fall wurde in einem Pavillon gespielt. An jedem Abend wurde, da die Musik fünf Stunden dauerte, etwa siebenmal das Heinesche Lied erledigt:


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»Ich wollt', meine Lieb' ergösse
Sich all in ein einzig Wort« – –

und da ich drei und einen halben Monat zu »brummen« hatte, so stieg das Lied in dieser Zeit etwa siebenhundertmal zu mir empor.
Da erfüllte sich denn buchstäblich die am Schlusse des Liedes ausgesprochene boshafte Drohung des Dichters:

»So soll dich mein Lied verfolgen
Bis in den tiefsten Traum!«

Mit siebenhundert Nägeln war es mir im Ohr und Hirn festgenagelt und verfolgte mich tatsächlich in meine tiefsten Träume. Anfangs fuhr ich jede Nacht aus dem Schlaf empor, da ich rufen gehört:

»Ich wollt', meine Lieb' ergösse« –

und noch nach Jahren hörte man mich im Schlafe sprechen:

»Ein einzig Wort – den tiefsten Traum!« –

O Heinrich Heine, ungezogener Liebling der Grazien! –
Den nächsten Morgen kam die Überraschung. Freudig erregt schritt ich durch die Gefängnispforte. Draußen stand mit einem seiner kleinen Söhne Liebknecht. Und neben ihm stand, eine hübsche junge Dame am Arm, ein großer schlanker Mann in den Fünfzigern, mit langem weißen Bart, nur der Schnurrbart war tief schwarz. Seine Gesichtsfarbe war blühend und man konnte ihn für einen jovialen alten Engländer ansehen. Ich erkannte ihn aber gleich nach dem Bilde – es war Karl Marx. Die junge Dame war seine Tochter Eleanor, auch Thussy genannt.[163] 
Mit gewinnender Freundlichkeit kam er mir entgegen, der in den Augen des Spießbürgertums so geheimnisvolle Mann, den die Polizei als die Verkörperung der internationalen Revolution betrachtete. Es hatte sich damals eine üppige Marx-Legende gebildet und die Angstmeier unter den oberen Zehntausend sahen in ihm einen ungeheuren Maulwurf, der jegliche Gesellschaftsordnung untergrabend in der Tiefe unheimlich dahinkroch. Von seiner eigentlichen Größe wußten sie nichts.
Wie stolz und glücklich war ich, von dem Chef der »Neuen Rheinischen Zeitung«, dem Begründer der Internationalen Arbeiterassoziation, dem Verfasser des Kommunistischen Manifestes und des »Kapital«, bei meinem Wiedereintritt in die Freiheit empfangen zu werden!
Von vielen Zeitgenossen ist Karl Marx als ein finsterer, anmaßender Mensch, von hämischer, galliger Art geschildert worden. Es mag sein, daß er, der so viel und unglaublich verleumdet worden ist, manch albernen Menschen, der ihn geringschätzig behandeln zu können glaubte, derb abgefertigt hat. Uns bezauberte er durch seine außerordentliche Liebenswürdigkeit.
Wir waren bei Liebknechts zu Tische und Frau Natalie gab sich alle Mühe, es ihren Gästen behaglich zu machen, was ihr auch gelang. Beim Kaffee gab es eine sehr angeregte Unterhaltung. Man sprach von der sich immer wiederholenden Absetzung Gottes durch die Freidenker und Marx meinte, der liebe Gott müsse doch einen reichlichen Vorrat von gaité9 haben, um das alles, was in der Welt vorgehe, so ruhig mit anzusehen. Dann kamen wir auf den Dichter Georg Herwegh zu sprechen. Liebknecht konnte diesem nicht verzeihen, daß er zu Paris, auf der Höhe seines Dichterruhmes, seinen Besuchern und Verehrern im Dichtermantel mit der Feierlichkeit und Unnahbarkeit eines Brahminen entgegengetreten war. Dies hatte auch Liebknecht erfahren. Marx meinte, man müsse Herwegh seine Eigenheiten und Schwächen nachsehen, denn er habe in dem allgemeinen großen Freiheitskampfe sich seine unbestreitbaren Verdienste erworben. Marx erzählte, er sei zu seinem Freunde Heinrich Heine gegangen, als dieser den Dichter Herwegh nach dessen verunglückter Posa-Rolle in Preußen so blutig verhöhnt hatte, und habe ihn gebeten, die Person Herweghs mit dem furchtbaren Stachel seines Witzes zu verschonen. Heine habe mit seiner leisen Stimme geantwortet: »Aber ich habe dem Manne doch gar nichts getan!« – Echt Heine!
Nachmittags gingen wir über die Wiesen nach Schleußig. Marx blieb mit mir ein wenig hinter den andern zurück. Es schien ihn ungemein zu freuen, daß er bei mir Interesse und Verständnis für seine historischen Reminiszenzen fand. Er kam sogleich auf Lassalle zu sprechen und teilte mir den Grund seiner Abneigung gegen dessen Persönlichkeit mit.
Er (Marx) und seine Freunde, sagte er, hätten 1848 schon über die bürgerliche Revolution hinaus ihre Blicke auf die kommende große Bewegung[164]  des Proletariats gerichtet. Aber sie hätten sich damals mit großer und ehrlicher Begeisterung in den Kampf mit den reaktionären Mächten gestürzt, um die revolutionären Elemente des Bürgertums möglichst vorwärts zu treiben. Da sei nun Lassalle mit seiner Hatzfeldt gekommen und dadurch seien dessen persönliche Angelegenheiten mit dem Revolutionskampf in höchst widerwärtiger Weise verquickt worden. »Ganz infame Geschichten hat er gemacht«, sagte Marx grimmig, »und wir konnten ihn nicht einmal desavouieren.« Marx spielte dabei auf die Kassettendiebstahl-Affäre im Hatzfeldtschen Ehestreit und auf die sich daran knüpfenden Prozesse an.
Auch über seinen Kampf mit dem Zensor erzählte Marx ein interessantes Stückchen, das sich anfangs der vierziger Jahre abspielte, als er Redakteur der alten »Rheinischen Zeitung« zu Köln war. Der Zensor war diesem Blatte wegen der bekannten Marxschen Artikel über den Provinziallandtag sehr aufsässig und quälte es, wo und wie er nur konnte. Marx ersann endlich ein Mittel, um »diesen Lümmel zahm zu kriegen«.
Die Abzüge für den Zensor mußten abends zu diesem gebracht werden, da das Blatt am Morgen herauskam. Der Rotstift des Zensors verursachte der Druckerei dann oft noch langwierige Arbeit in der Nacht.
Eines abends war der Zensor mit seiner Gattin und seinen heiratsfähigen Töchtern zu einem großen Ball beim Oberpräsidenten geladen. Bevor er dahin ging, mußte er erst noch seine Zensorarbeit erledigen. Aber gerade an diesem Abende kamen die Abzüge nicht zur gewöhnlichen Zeit. Der Zensor wartete und wartete, denn er durfte seine Amtspflicht nicht vernachlässigen und mußte doch auch beim Oberpräsidenten erscheinen, von den Chancen der heiratsfähigen Töchter abgesehen. Es war beinahe zehn Uhr, der Zensor war hochgradig nervös und schickte Frau und Töchter voraus zum Oberpräsidenten, während er seinen Bedienten nach der Druckerei schickte, um die Abzüge zu holen. Der Bediente kam zurück und meldete, die Druckerei sei geschlossen. Nun fuhr der verzweifelnde Zensor in seinem Wagen nach der ziemlich weit entfernten Wohnung von Marx. Es war beinahe elf Uhr.
Nach langem Klingeln steckte Marx den Kopf aus einem Fenster der dritten Etage heraus,
»Die Abzüge!« brüllte der Zensor hinaus.
»Gibts nicht!« rief Marx herunter.
»Aber!!« – –
»Wir lassen morgen kein Blatt erscheinen!«
Damit schlug Marx das Fenster zu. Dem gefoppten Zensor blieben vor Wut die Worte im Halse stecken. – Er ward von da ab artiger.
Marx blieb einige Tage in Leipzig. Wir schlossen Freundschaft und blieben auch später in Verbindung.10 Auch seine Tochter Eleanor kam mir sehr freundlich und liebenswürdig entgegen. Sie liebte damals den Schriftsteller Lissagaray, der als Kommunenflüchtling in London[165]  lebte und an seinem Werke über den Kommune-Aufstand arbeitete. Aber Marx sträubte sich heftig gegen eine Heirat und war mit seiner Tochter nach Deutschland gereist, um sie aus der Nähe von Lissagaray zu bringen. Die Einwände von Marx gegen diese Heirat waren sehr einleuchtend. Bedenkt man aber das traurige Schicksal, dem Eleanor Marx später zum Opfer fiel, so kommt man zu der Überzeugung, daß es besser gewesen wäre, wenn sie die Gattin von Lissagaray geworden wäre.
Eleanor Marx ließ sich später gegen mich einnehmen, als Leute erschienen, die mit Ohrenbläsereien die alten Freundschaften zu zerstören bemüht waren. Indessen habe ich noch einmal einen freundlichen Brief von ihr erhalten.
Marx wollte in Leipzig durchaus den Polizeidirektor Rüder sehen, von dem im »Volksstaat« so viel die Rede gewesen. Liebknecht und ich gingen mit Marx in sein Stammlokal und setzten dem Polizeigewaltigen uns gerade gegenüber. Ob dieser nun Marx erkannte oder sonstwie sich unbehaglich fühlte – er stand plötzlich auf und verließ das Lokal.
Übrigens brachte ein lustiger Setzer aus der Druckerei des »Volksstaat« den Polizeidirektor auch zum Ausreißen aus dem Stammlokal. Pfau – so hieß der Setzer – trat abends an den Polizeidirektor heran und sagte:
»Es brennt auf dem Naschmarkt!«11
»Das ist Sache des Rats!« antwortete Rüder.
Nach einer halben Stunde erschien Pfau wieder und erhielt die gleiche Antwort.
Beim dritten Mal rannte der Polizeidirektor eiligst davon. Es brannte natürlich nicht auf dem Naschmarkt.
So war dieser erst so großspurig auftretende Sozialistentöter zur komischen Figur geworden.
Ich arbeitete mit Liebknecht noch einige Zeit in der Redaktion des »Volksstaat«. Eines Tages kam der Franzose Tissot zu uns, der damals Deutschland bereiste und nachmals ein Buch über Deutschland schrieb, das durch seine Gehässigkeit großes Aufsehen machte. Er behauptete unter anderm, auf der Redaktion des »Volksstaat« habe man ihm gesagt, die kommende deutsche Revolution werde so furchtbar sein, daß die Kommune-Erhebung dagegen als eine Idylle erscheinen werde. Diese alberne Aufschneiderei versetzte die politische Welt von Leipzig in lebhafte Bewegung.
Aus Köln erhielt ich in diesen Tagen die Offerte, dort die Redaktion eines neu herauszugebenden täglichen Blattes zu übernehmen. Der Parteigenosse Schumacher, später Abgeordneter für Solingen, schrieb mir, das Blatt solle, in Erinnerung an die »Rebellin« von 184812, »Neue Rheinische Zeitung« heißen. Ich zitiere, was Engels über diese Sache am 21. September 1874 an Marx schrieb:[166] 
»In Leipzig wirst Du vielleicht Blos gesehen haben, der morgen oder übermorgen frei kommt, jedenfalls aber gehört haben, daß Kölner Arbeiter ein tägliches Blatt herausgeben wollen und Blos sich an mich gewandt hat, ob sie es »Neue Rheinische Zeitung« nennen dürfen. Blos soll es redigieren. Da es im Anfang deines Karlsbader Aufenthaltes und ehe irgend Nachricht von Dir eingetroffen – unmöglich war mit Dir zu konferieren, mußte ich provisorisch entscheiden. In Anbetracht, daß dies das erste Mal ist, daß die Leute sich in angemessener Weise an uns wandten, zweitens, daß wir schwerlich je wieder eine »Neue Rheinische Zeitung« herausgeben werden, schon wegen der provinziellen Lage von Köln, habe ich, was mich betrifft, nichts dagegen gehabt und auch die Vermutung ausgesprochen, daß Du ebenfals einwilligen würdest. Jenny,13 die ich als Deine Repräsentantin konsultierte, war ebenfalls dieser Ansicht. Es hätte bei den rheinischen Arbeitern einen sehr schäbigen Eindruck gemacht, hätten wir refüsiert. Hast Du indes Bedenken, so ist es immer noch Zeit, die Sache rückgängig zu machen.« –14
Wenn ich mich recht erinnere, gab Karl Marx auch seine Zustimmung. Aber die Sache kam nicht zustande, weil die Kölner Parteigenossen die erforderlichen Mittel nicht aufbringen konnten.
Liebknecht meinte, die Mittel des »Volksstaat« reichten für zwei Redakteure nicht aus; auch seien diese nicht hinreichend beschäftigt. Zugleich teilte er mir mit, daß ich die Redaktion der »Süddeutschen Volksstimme« in Mainz haben könne. Mein körperliches Befinden war damals so elend, daß ich mit Freuden die Gelegenheit ergriff, von Leipzig wegzukommen, denn ein Arzt hatte mir gesagt, nur eine Luftveränderung könne noch eine Besserung herbeiführen. Ich nahm deshalb die Stellung in Mainz an. Der Partei-Ausschuß in Hamburg nahm es mir übel, daß ich, ohne mich mit ihm ins Benehmen zu setzen, meine Stellung in Leipzig aufgab. Ich versprach aber dem Ausschusse, ihm jederzeit zur Verfügung zu stehen.
Bevor ich nach Mainz abging, präsidierte ich einem großen Parteischiedsgericht in Apolda und bei dieser Gelegenheit traf ich in Eisenach mit meiner Verlobten aus Überlingen zusammen, die eigens zu einer Aussprache dahin gekommen war. Angesichts meines körperlichen Zustandes kamen wir überein, uns frei zu geben. Sie heiratete gleich darauf einen Handwerksmeister, starb aber nach kurzer und unglücklicher Ehe.[167] 
Fußnoten

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1 Kommandeur der Blusenbatterie im badischen Aufstand von 1849.

2 Kommandeur der Volkswehren im badischen Aufstand von 1849.

3 Georg Herwegh hat zu jener Zeit für den »Volksstaat« das bekannte Gedicht geliefert, das beginnt:

»Achtzehnhundertvierzig und acht,
Ei wie hat es im März gekracht!«

4 Roßmäßler, der bekannte Naturforscher, war Mitglied des Frankfurter Parlaments gewesen; Götz ist der heutige nationalliberale Turnmeister, und Dolge, wegen Teilnahme am Dresdener Maiaufstand zum Tode verurteilt und zu Zuchthaus begnadigt, ward später Großindustrieller in Nordamerika.

5 Notula = kurzer Schriftsatz.

6 Es ist dies dieselbe Affäre, die Gustav Mayer in seiner Biographie Schweitzers behandelt hat.

7 Dieser damals viel Aufsehen erregende Schritt 
wurde und wird noch in den Geschichts- und Nachschlagewerken der herrschenden Klassen meistens verschwiegen.

8 Diese Broschüren sind mit Recht im Dunkel der Vergangenheit verschwunden.

9 Heiterkeit.

10 Siehe den Brief von Marx im Anhang.

11 Der Platz, wo sich das Polizeigebäude befand.

12 So nannte Freiligrath die »Neue Rheinische Zeitung« in dem berühmten Abschiedswort der roten Nummer.

13 Frau Marx.

14 Siehe Briefwechsel zwischen Marx und Engels, Stuttgart 1913, J. H. W. Dietz Nachf.




Sozialistenfahrt am Rhein und Main










Es war Ende September 1874, als ich in Mainz ankam. Der Trupp Parteigenossen, der mich am Bahnhof empfing, sah mich, wie ich mit dem Argwohn des Leidenden bemerkte, ganz erschrocken an und mein Freund Philipp Müller, der zugegen war, verriet mir später, sie hätten damals zueinander gesagt: »Da hat man uns einen Todeskandidaten geschickt!«
Die Luftveränderung schien mir erst nicht zu bekommen. Denn ich war kaum vierzehn Tage in Mainz, als ich einen wahrhaft furchtbaren Blutsturz bekam. Mein Bett war ganz vom Blut überströmt und die alte Witwe, bei der ich wohnte, fing in der Angst zu beten an. Ich sandte zu einem befreundeten Arzt, den ich in Würzburg kennen gelernt und der sich in Mainz niedergelassen hatte. Als er meinen Zustand sah, schüttelte er den Kopf und sagte traurig: »Das einzige, was ich Dir verordnen kann, ist Ruhe!«
Am andern Tage kehrte der Blutsturz wieder und zwar mit verdoppelter Heftigkeit. Ich lernte kennen, was es heißt: im Blute schwimmen, wie so oft von Verwundeten im Kriege gesagt wird. Meine Wirtin, die ganz verzweifelte, sah durch das Fenster des Parterrezimmers eine katholische barmherzige Schwester vorbeigehen und rief diese herein, da sie glaubte, daß ich diesen Blutsturz nicht überleben werde. Die Schwester kam und begann leise zu beten. Ich bat sie, mir Wasser mit Salz oder Zitrone zu geben, was sie auch tat; sie war übrigens ein verständiges Weib und benutzte die Gelegenheit nicht weiter, mich mit religiösen Dingen zu behelligen.
Mir wurde so schwach, daß ich mich kaum mehr rühren konnte. Aber nachdem ich einige stärkende Mittel genommen, fiel ich erst in einen tiefen Schlaf und begann nachher mich dann langsam zu erholen. Die Blutergüsse wiederholten sich nicht. Einen Arzt zog ich nicht zu, da meine Kräfte von Tag zu Tag zunahmen. Offenbar hatte der zweimalige Blutsturz den Giftstoff, der meine Lunge zu zerstören drohte, mit hinweggeschwemmt und die gereinigte Lunge heilte sich nunmehr aus. Ich blieb noch längere Zeit kurzatmig und zog die Schultern in die Höhe, wie es die Lungenkranken tun. Die Hauptsache war, daß ich nach ganz kurzer Zeit meine volle Arbeitskraft wieder besaß.
In der Sozialdemokratie des Rhein- und Maingaues tobte vielleicht stärker als anderwärts der Streit zwischen den beiden Richtungen. In[171]  Mainz dominierten die Eisenacher, in Frankfurt die Lassalleaner, die auch in Hanau die Oberhand hatten. In Offenbach war am stärksten die »Preßpartei«, eine lassalleanische Richtung, die aber von der strengen Zentralisation der Lassalleaner abwich und ein Lokalblatt gründen wollte; daher der Name. Übrigens befand sich in Offenbach auch eine starke Richtung der Eisenacher.
Um die Stärke der damaligen Sozialdemokratie zu zeigen, sei angeführt, daß die Mainzer Mitgliedschaft 90 und die der Vorstadt Gartenfeld 60 eingeschriebene Mitglieder zählte. Die Gewerkschaften waren sehr schwach und litten unter der Fehde der beiden Richtungen. Der »Volksstaat« nannte sich zwar »Organ der internationalen Gewerksgenossenschaften« und es gab in allen größeren Städten auch solche. Aber wirklich international organisiert waren nur die Tabakarbeiter unter Führung von Fritzsche; mit den anderen Branchen sah es kläglich aus. Die Metallarbeiter, deren Verbandsorgan heute 580000 Exemplare zählt, bildeten damals in Leipzig eine Mitgliedschaft von kaum zwanzig Mann. Einer der bedeutendsten Führer der gewerkschaftlichen Bewegung in Theorie und Praxis war damals Theodor Yorck aus Harburg. Dieser hervorragende Geist hatte mit eiserner Energie unter den kümmerlichsten Verhältnissen als Tischlergeselle sich die zu einer großen Rolle in der gewerkschaftlichen Bewegung erforderliche Bildung erworben. Schon 1873 hörte ich ihn die Gewerkschafts-Union – das Zusammenwirken aller Verbände – fordern, ein Ziel, das heute im Gewerkschaftskartell und der Generalkommission erreicht ist. Er starb für seine Sache viel zu früh im Jahre 1875.
Das Blatt, dessen Redaktion ich übernommen; hieß »Süddeutsche Volksstimme«. Unter meinen Vorgängern hatte sich auch der bekannte nachmalige Anarchist Most befunden. Die »Süddeutsche Volksstimme« bildete die Hauptsorge der Mainzer Parteigenossen. Das Blatt konnte nicht auf seine Kosten kommen, da es in Mainz zu wenig sozialistische Arbeiter gab. Dazu kam, daß unter diesen selbst ein Zwiespalt ausbrach. Die öffentliche Agitation wurde von dem Tischler Zirfas, einem sehr begabten Mann, und von dem Schneidermeister Leyendecker besorgt. Nun kam J. M. Hirsch, ein Kaufmann aus Winkel, hinzu, geriet mit den beiden anderen Führern in Streit und gründete eine »Sektion II. Diese wurde aber als statutenwidrig durch einen Beschluß des in Mainz unter Mottelers Vorsitz 1872 tagenden Kongresses der sozialdemokratischen Arbeiterpartei aufgelöst. Aber der Zwiespalt dauerte fort und brachte viel Schaden. Der Sozialismus blieb fast ausschließlich auf die Stadt beschränkt; sogar in Kastel waren wenig Anhänger. Auch Wiesbaden hatte damals nur eine ganz kleine Mitgliedschaft der Eisenacher. Auf dem Lande mußten wir uns vor den fanatischen ultramontanen Bauern sehr in acht nehmen, und in einigen Städten, wie Oberingelheim, war die Bevölkerung noch schlimmer gegen uns verhetzt, wie auf dem Lande.[172] 
Die »Südeutsche Volksstimme« stand, als ich eintrat, gerade sehr schlecht. Zwar hatte das Blatt eine ungewöhnliche Menge von Inseraten, allein diese wurden auf Kredit angenommen und die Gebühren waren nachher schwer einzutreiben.
Philipp Müller, der ehemalige Holzbildhauer, hatte die Expedition übernommen. Wir hatten nur ein winziges Hinterstübchen zur Verfügung, wo wir alle unsere Geschäfte erledigen mußten. Tröstlich war in unserer trübseligen Situation, daß es in der Nähe recht guten und billigen Rheingauer Wein gab.
Das Defizit des Blattes wurde auf eine sehr einfache Weise gedeckt. Die Partei veranstaltete, so oft es anging, eine Abendunterhaltung, für welche Entree erhoben wurde. Die Genüsse, die da geboten wurden, waren manchmal sehr bescheiden. Aber es gab auch sehr hübsche Abende und man war damals nicht so anspruchsvoll wie heute. Wer von den Parteigenossen musikalisch oder deklamatorisch begabt war, hatte hier reiche Gelegenheit, sich hervorzutun. Das Schweitzersche Lustspiel »Der Schlingel«, das gegen den Kapitalismus gerichtet ist, wurde recht gut aufgeführt. Auch sozialistisch gesinnte Theaterleute waren da. Da alle sehr eifrig waren, für das Preßorgan ihr möglichstes zu tun, so waren diese Abendunterhaltungen sehr gut besucht und ihr Ertrag reichte hin, sich mit dem Blatte so eben durchzuschlagen. Aber das konnte auf die Dauer nicht so gehen und ich sann auf Abhilfe. Nach reiflichem Nachdenken tauchte bei mir, in Verbindung mit mir zugegangenen Anregungen, die Idee auf, ein dreiköpfiges Blatt für Mainz, Frankfurt und Offenbach, mit dem Zentrum in Frankfurt, ins Leben zu rufen. Inzwischen hatten sich die beiden, bisher einander feindlichen Richtungen in der sozialistischen Bewegung, die Lassalleaner und die Eisenacher, einander genähert und die bevorstehende Vereinigung warf ihren Schatten voraus. Dies schien mir für mein Projekt sehr günstig zu sein.
Das Jahr 1874 brachte für das Reich ein neues Preßgesetz und hob die alten Preßgesetze der Bundesstaaten auf. Wir hatten Ursache, auch mit dem neuen Gesetze nicht zufrieden zu sein, aber es befreite uns von vielen Scherereien und Plackereien der bundestäglichen Reaktion nach 1848. Konzession, Kaution, Zeitungsstempel und Inseratensteuer fielen von nun an weg. Für die kleine »Süddeutsche Volksstimme«, die dreimal wöchentlich erschien, hatte eine Kaution von 800 Gulden gestellt werden müssen, die nur mit vieler Mühe zusammengebracht worden war. Wir bekamen nichts mehr davon heraus, da alle Strafen und Gerichtskosten, die der »Volksstimme« auferlegt wor den waren, von der Kaution abgezogen wurden. Ich nahm von dieser in einem elegischen Artikel Abschied. Die Aufhebung der Kaution aber führte zu einem merkwürdigen Zwischenfall. Ich sah die behördlichen Quittungen für die Abzüge durch und fand auch die Quittung für eine Geldstrafe, zu welcher der frühere Redakteur Max Kayser in Mainz verurteilt worden war. Einige Tage später las ich, daß Max Kayser in Dresden auf Antrag des Mainzer Staatsanwalts [173]  Schön verhaftet und auf vier Wochen eingesteckt worden sei wegen Nichtbezahlung jener Geldstrafe. Ich eilte mit der Quittung auf das Bureau des Staatsanwalts, der stets als grimmiger Verfolger der Sozialdemokratie sich hervorzutun bestrebt gewesen, und hielt ihm die Quittung vor. Er war sehr bestürzt und man kann sich denken, daß ich einen etwas hohen Ton anschlug. Der Staatsanwalt war so naiv, zu verlangen, ich möchte das Dokument in seinem Besitze lassen, was ich mit Hohn ablehnte. Max Kayser wurde sofort auf telegraphische Weisung freigelassen. Ich veröffentlichte diese Sache. Die Presse nahm keine Notiz davon, aber der Fall wurde der hessischen Regierung unterbreitet, die Kayser auf den Weg der Klage verwies. Leider versäumte Kayser, eine solche anzustrengen.
Die Beseitigung der Kautionen begünstigte auch das neue Zeitungsunternehmen, das ich dreiköpfig gestalten wollte. Die Mainzer Parteigenossen waren Feuer und Flamme dafür. Ich fragte beim Parteiausschuß an, ob er seine Billigung dazu geben wolle. Finanzielle Unterstützung verlangte ich nicht, aber ich mußte die Zustimmung des Ausschusses wegen der sogenannten Preßpartei in Offenbach einholen, ohne deren Beteiligung das Unternehmen nicht denkbar war. Die Preßpartei bestand aus lauter Lassalleanern und mit diesen zu unterhandeln galt noch bei vielen Parteigenossen als »Verrat«. War doch erst im Jahre zuvor Lyser wegen solcher Verhandlungen aus der Partei ausgeschlossen worden! Nun aber stand die Vereinigung der beiden Richtungen in Aussicht und der Ausschuß gab gern seine Zustimmung. Die Unterhandlungen mit den Eisenachern in Frankfurt und Offenbach und mit der Preßpartei nahmen einen so raschen Fortgang, daß das Erscheinen des dreiköpfigen Blattes mit Bestimmtheit auf den 1. Januar 1875 in Aussicht gestellt werden konnte.
Aber schon wieder griff die Justiz nach mir, nachdem ich erst vor einem Vierteljahr das Gefängnis verlassen. Man hatte mir mitgeteilt, verschiedene Offiziere der Mainzer Feuerwehr hätten höhere Dienstjahre, als sie tatsächlich hatten, angegeben, um Ehrenzeichen zu erhalten. Ein Rathausbeamter, der selbst Offizier bei der Feuerwehr war, erbot sich, die Sache als Zeuge zu beschwören. Ich veröffentlichte einen entsprechenden Artikel und sofort kam ein Strafantrag. Der Zeuge versicherte noch am Tage vor der Verhandlung, ich könne mich auf ihn verlassen. Aber kurz vor dem Beginn der Verhandlung ersuchte er mich im Justizgebäude, auf sein Zeugnis zu verzichten. Das konnte ich natürlich nicht. Er sagte dann aber aus, er wisse von nichts. Ich wurde zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Darauf ging ich ans Obergericht und dort beschworen drei Zeugen, daß der Zeuge, der mich im Stich gelassen, wegen des Artikels mit mir verhandelt hätte. Die Strafe wurde auf acht Tage herabgesetzt und der Vorsitzende, der alte Aull, bekannt aus dem Jahre 1848, sagte öffentlich nach Verkündigung des Urteils: »Es tut uns leid, Sie verurteilen zu müssen, aber es geht nicht anders.« Ich war völlig falsch berichtet[174]  worden. Aus einer Bemerkung des Staatsanwalts glaubte ich schließen zu können, er werde gegen jenen merkwürdigen Zeugen vorgehen; es geschah aber nichts.
Richter und Staatsprokurator – so nannte man damals den Staatsanwalt – trugen unter dem damals noch geltenden Code Napoleon Uniform mit Schiffhut und Degen, was bei einigen recht martialisch, bei anderen auch etwas komisch aussah. Man dachte an die Bürgerwehr.
Das Parteileben in Mainz war sehr anziehend, trotz der Streitigkeiten. Das fröhliche Leben am Rhein machte sich auch hier geltend. Wie viele Freundschaften schloß ich damals und wie wenige der alten Freunde sind noch am Leben!
Aber das Leben im »goldenen Mainz« bot auch sonst eine Fülle origineller und interessanter Erscheinungen. In dieser Stadt, wo man an jeder Ecke auf einen Soldaten oder auf einen Pfaffen stieß, spielten damals die »Achtundvierziger« eine große Rolle. Arbeiter waren wenige darunter; ich fand nur etwa ein Dutzend, die in der Pfalz und in Baden 1849 dabei gewesen. Die sich als »Achtundvierziger« aufspielten, waren durchweg Kleinbürger und Handwerksmeister. Viele mochten sich auch nur so geberden; es ging hier wie bei den berühmten Tausend von Marsala, von denen schon fünftausend gestorben und als Mitkämpfer Garibaldis gefeiert worden sind. In Mainz gab es Achtundvierziger-Typen viel mehr als anderswo. Würdevoll schritten sie die Straße einher, eine Schürze vorgebunden, ein Hämmerchen und Zängelchen in der Hand, oder eine Säge oder ein Lattenstück unter dem Arm. Die Arbeit überließen sie meist den Gesellen und Lehrlingen; aber wenn sie zum Früh- oder Dämmerschoppen gingen, so nahmen sie Schürze und Werkzeug mit, um den Glauben zu erwecken, daß sie auswärts arbeiteten. Am runden Tisch im Weinstübchen tranken alle den Wein aus einem Schoppenglas; wer den Rest trank, mußte einen neuen Schoppen bestellen, damit keiner zu früh fort kam. Da ging's los über die »Ferschte«. Dabei tat sich ein alter Zunftmeister ganz besonders hervor. Mit seinem wahrhaft staatsgefährlichen Bart, seinen rollenden Augen, seiner dröhnenden Stimme und seinen krachenden Faustschlägen auf den Tisch mochte er zartbesaiteten Gemütern schon Furcht einjagen.
»Wenn die mit dene rote Hosse widder kumme oder wenn's widder e Johr achteverzich gibt,« so rief er oftmals mit Donnerstimme, »dann derfe die große Herre net mehr ausreiße; mer müsse sie dobehalte; ihr wißt schun, wozu!«
Und wenn die Zuhörer beifällig schmunzelten, erzählte er seine Lieblingsgeschichte:
»Im Johr achteverzich haw ich gsacht, es werd net besser, bis mer uff der Ludwigstroß üwwer lauter Köpf stolpere däht. Des hot der preußisch Kummedant, wo die Stadt hot wolle bombardiere losse, g'hört, un hot g'sacht: den Kerl, wo über Köpf stolpere will, muß mer verhafte. Se[175]  hawwe die ganz Stadt dorchg'sucht, awwer kricht hawwe se mich net; ich war zu gut versteckelt!«
»Damit werden Sie aber dem preußischen Kommandanten nicht imponiert haben,« wagte einmal einer meiner Freunde zu sagen. Wenn Blicke töten könnten ...!
Aber die Geschichte wurde von da ab nicht mehr erzählt.
Bei der Fronleichnamsprozession sah man verschiedene dieser furchtbaren Revolutionäre den Thronhimmel des Bischofs tragen. Alle wählten sie ultramontan. Für mich waren diese Kreise eine nie versiegende Quelle des Ergötzens.
In Mainz waren damals noch sehr starke französische Sympathien. 1793 hatte sich Mainz an die französische Republik angeschlossen und war dafür von Preußen und Oesterreichern hart behandelt worden. Napoleon dagegen hatte der Stadt viele Vorteile zugewendet und die große Straße nach Paris angelegt, die damals für Mainz unschätzbar war. Der Präfekt Jean Bon Saint Andre, einst Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und in Mainz begraben1, hatte das Departement milde und gerecht verwaltet und durch die Vernichtung der Bande des »Schinderhannes« die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt. Das lebte alles noch in den Traditionen der Mainzer. Die Eisenbahnschaffner riefen, wenn der Zug einlief: »Mayence!« Das wurde aber bald verboten.
Im Mainzer Volke war eine erbitterte Feindschaft gegen Preußen zu bemerken, die sich auch auf einzelne Personen übertrug. Das war eine Nachwirkung des blutigen Straßenkampfes, der 1848 zwischen Mainzer Bürgern und preußischen Militär stattgefunden hatte. Übrigens hatte auch Kaiser Wilhelm I. eine besondere Abneigung gegen die Stadt Mainz. Als er 1849 zu der gegen den badischen Aufstand operierenden Armee abging und an Nieder-Ingelheim vorbei kam, fiel aus einem Weinberg ein Schuß, der dem Prinzen galt, aber den Postillon traf. Ein gewisser Schneider wurde angeklagt, den Schuß abgefeuert zu haben. Er wurde vor die Mainzer Geschworenen gestellt, aber freigesprochen2. Dies konnte der Hohenzoller den Mainzern nicht vergessen und betrat die Stadt während seines häufigen Aufenthalts in Wiesbaden niemals.
Dagegen erfreute sich der bekannte Bischof Ketteler in der Stadt einer großen Popularität. Seine imposante Erscheinung mit den markanten Gesichtszügen und der im Duell gespaltenen Nase prägte sich tief ein. Ich hörte ihn einst sprechen, als auf einem Turm des Münsters ein neues Kreuz angebracht wurde. Da ließ er am Fuße des Turmes eine Tribüne auf offener Straße aufschlagen und sprach um die Mittagszeit die vorüberflutende Volksmasse an. Im Nu drängte sie sich mit entblößten Häuptern[176]  und andächtig lauschend um die Tribüne. Er sprach scharf gegen den »Kulturkampf« und deutete zum Kreuze hinauf als zu einem Zeichen des Friedens. Die Masse stimmte ihm begeistert zu.
Die Lassalleaner hielten damals noch viel auf den christlichen Sozialismus Kettelers, weil Lassalle rühmend davon gesprochen hatte – wir konnten uns nicht dafür erwärmen.
Auch die berühmte Gräfin Ida von Hahn-Hahn lebte damals in Mainz im Kloster zum guten Hirten. Nach einem bewegten Leben war sie katholisch geworden und war nach der Revolution von 1848 im Büßergewand kokett unter den Linden in Berlin gewandelt. Jetzt wandelte sie, wie ich oftmals sah, als Siebzigjährige zum Mainzer Dom und war immer noch kokett genug, ihr klösterliches Gewand recht hoch zu heben, so daß man ihre schöngeformten Waden und Knie bewundern konnte. In Mainz kursierten zahlreiche Witze über die Hahn-Hahn und ihren »Gewissensrat« Ketteler, von denen aber keiner hier wiedergegeben werden kann. Welch ein Ausgang für dies Weib, von dem sich so viele Männer bezaubern ließen, das einst Heinrich Simon geliebt und an ihn die zärtlichen Worte gerichtet hatte:


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»Es ist mir noch wie heute
In tiefster Seele nah,
Wie ich einst von der Seite
Dein schönes Antlitz sah – – –
Du kannst mich ja beglücken.
Sieh mich nur einmal an.
Daß sich mein Herz erquicken
An deinem Lächeln kann.«

Sie konnten zusammen nicht kommen. Aber diese Leidenschaft hat dem Herzen der aristokratischen Dichterin das herrliche Lied: »Ach, wenn du wärst mein eigen!« entquellen lassen und dies Lied ist allein unter ihren poetischen Schöpfungen aere perennius.3
Ich siedelte nunmehr nach Frankfurt über und zum 1. Januar 1875 erschien das dreiköpfige Blatt. Die erforderlichen Betriebsmittel wurden vorläufig von der »Preßpartei« in Offenbach und von den Mainzer Parteigenossen aufgebracht. Zugleich wurden die Vorbereitungen zur Errichtung einer Genossenschaftsbuchdruckerei getroffen; bis dahin wurden die drei Blätter in einer Privatdruckerei hergestellt.
Das Frankfurter Blatt hieß »Frankfurter Volksfreund« in Erinnerung an ein zu Lassalles Zeiten in Frankfurt erschienenes demokratisches Blatt; das Mainzer Blatt hieß »Neue Mainzer Zeitung« in Erinnerung an das während der großen französischen Revolution zu Mainz erschienene Organ von Georg Forster; das Offenbacher Blatt hieß »Neue Offenbacher Tages-Zeitung«. Jedes Blatt hatte seinen besonderen lokalen Teil. Wir hausten in zwei kleinen Stübchen.[177]  Von zwei Lokalberichterstattern abgesehen ruhte die ganze Last der Redaktion auf mir und es war gut, daß ich mich von meiner Krankheit nun erholt hatte. Ich sah freilich noch schlecht genug aus.
Der Redakteur eines kleinen Parteiblattes mußte sich damals um alles bekümmern, auch um die finanziellen Angelegenheiten. So kam es leicht, daß man ihn für Dinge verantwortlich machte, die er nicht verantworten konnte, wie mir mehrfach passiert ist.
Es sei erwähnt, daß mir damals ein offiziöses, offenbar mit dem Reptilienfonds in Verbindung stehendes Korrespondenzbureau seine Dienste anbot, das sich offenbar über den Charakter der drei Blätter im Irrtum befand. Ich veröffentlichte diesen »Reptilisierungsversuch« mit recht gepfefferten Bemerkungen.
In Frankfurt fühlte ich mich eher heimisch als anderswo in dieser Gegend, da diese Stadt durch mancherlei Beziehungen mit meiner Vaterstadt Wertheim verbunden und die Art der Bevölkerung beider Städte verwandt war4. Hier hatte mein Großvater sein Geschäft betrieben. Frankfurt hatte sich seit der Eroberung neun Jahre zuvor schon sehr verändert und es entsprach schon einigermaßen der Weissagung von Friedrich Stoltze:

»Unsre engen neuen Hosen
Sind vielleicht den Enkeln recht!«

Aber es lag noch immer ein Hauch der alten Frankfurter Gemütlichkeit über der Stadt und Wirtshaushelden von »Achteverzich« gab es hier auch wie in Mainz. Die Volksstimmung war stark antipreußisch; in Verbindung damit gab es eine bedeutende bürgerlich-demokratische, teilweise republikanische Strömung. Die Ereignisse von 1866 schmerzten noch sehr. Daher hatte die Stadt eine verstärkte Garnison; Polizei und Staatsanwaltschaft traten sehr schneidig auf. Ich richtete mich auf Haussuchungen und andere Zwischenfälle ein und nahm darum bei einem Parteigenossen Quartier.
Die Lassalleaner hatten in Frankfurt bei der Reichstagswahl von 1874 rund 2660 Stimmen erhalten, die Eisenacher nur 66.
Der »Frankfurter Volksfreund« konnte also nur Boden gewinnen, wenn die Lassalleaner sich für ihn erklärten. Sie fragten bei ihrer Parteileitung an und diese hielt an ihrer Zentralisation fest, obwohl die Vereinigung der beiden Richtungen schon in der Luft lag. Es erging an die Frankfurter Lassalleaner die Weisung, den »Volksfreund« zu ignorieren, und dies wurde strikte durchgeführt. Mich überraschte das nicht. Ich hatte meine Hoffnungen auf Mainz und Offenbach gesetzt und hoffte, wenn ich dort Erfolg hatte, das Frankfurter Blatt bis zur Vereinigung der beiden Richtungen durchhalten zu können. Anfangs ging es auch recht gut, namentlich in Offenbach. Die »Preßpartei« war sehr tätig und[178]  schaffte Abonnements und Inserate in Masse herbei. Das Offenbacher Blatt war denn auch das einzige von den dreien, das Bestand hatte.
Selbstverständlich widmete in Frankfurt die Polizei dem neuen Unternehmen ihr besonderes Interesse. Sie hatte in meinem Bureau immer etwas zu schnüffeln; schier allstündlich schaute eine Pickelhaube herein. Bald griff auch die Justiz nach mir. Am Stadtgericht waltete damals der gefürchtete Staatsanwalt Kunitz seines Amtes. Er war ein grimmiger Verfolger der demokratischen und sozialistischen Presse; an Gehässigkeit der Plaidoyers und an Höhe der Strafanträge erreichte ihn so leicht kein öffentlicher Ankläger. Er war es auch, der den berühmten Prozeß gegen die »Frankfurter Zeitung« eingeleitet hatte, als sie einen scharfen Angriff gegen den »Strategen« Manteuffel gebracht. Kunitz erhob Anklage auf Majestätsbeleidigung, weil Manteuffel ein Liebling des alten Kaisers Wilhelm sei. Allerdings blitzte er mit dieser monströsen Anklage bei allen Instanzen ab.
Das dreiköpfige Blatt war kaum 14 Tage erschienen, als sich Kunitz schon mit feurigem Schwert einstellte. Mit Arbeit überhäuft, hatte ich aus dem Wochenblatt »Sozialist«, das damals Eduard Bernstein in Berlin herausgab, einen Artikel über den modernen Kapitalismus abgedruckt. Heute würde in diesem Artikel kein Mensch mehr etwas Strafbares erblicken. Aber damals erfolgten wie Blitz und Schlag Haussuchung nach dem Manuskript und Anklage. Die Haussuchung fand in meiner Abwesenheit statt und war eine ganz überflüssige Schikane, da ja gar kein Manuskript vorhanden war. »Wir werden den Vogel schon kriegen!« meinte der haussuchende Polizeiwachtmeister. Und man kriegte ihn.
Vor der Strafkammer des Stadtgerichts fand die Verhandlung statt. Ich war wegen Verstoßes gegen § 130 (Aufreizung von Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten) angeklagt. Dr. Reinganum, der Sohn des bekannten Achtundvierzigers, verteidigte mich.
Die Rede des Staatsanwalts Kunitz suchte, was ihr an Geist abging, durch Gehässigkeit zu ersetzen. »Der Angeklagte,« sagte er, »ist einer von jenen Leuten, die das Proletariat gewerbsmäßig aufhetzen und dafür bezahlt werden.« Darauf beantragte er neun Monate Gefängnis und sofortige Verhaftung.
Mein Verteidiger schlug in einer glänzenden Rede die Argumente des Staatsanwalts gänzlich nieder und wies dessen Anzüglichkeiten scharf zurück. Das letztere tat auch ich. Dennoch wollte dieser vortreffliche Staatsanwalt, der im Saale blieb, während der Gerichtshof beriet, mit mir »gemütlich« plaudern. Ich ließ ihn aber derb abfahren.
Der Gerichtshof, dessen Präsident der fortschrittliche Landtagsabgeordnete Schrader war, schien mit dem Staatsanwalt nicht sehr einverstanden. Indessen ward ich zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat verurteilt; die beantragte sofortige Verhaftung ward abgelehnt.
»Wir appellieren nicht; beim Obergericht gibt's mehr!« sagte Dr. Reinganum zu mir.[179] 
So hielt ich es auch, denn ich verstand nun das Urteil des Stadtgerichts.
Dieser Kunitz erdreistete sich, in öffentlicher Gerichtssitzung die Tätigkeit der oppositionellen Presse folgendermaßen zu beschimpfen:
»Wenn sich eine Anzahl Menschen zusammentut zu dem Zwecke, das Strafgesetz andauernd zu verletzen, so nennt man das eine Bande, wenigstens in thesi5.« Damit meinte er die Redaktion der »Frankfurter Zeitung«.
Dem Abgeordneten Sonnemann, der damals die »Frankfurter Zeitung« als verantwortlich zeichnete, riß darob die Geduld und er richtete in öffentlicher Gerichtssitzung an die preußische Regierung das Ersuchen, diesen Staatsanwalt anderswohin zu versetzen, »wo er weniger Unheil anrichten kann, als in den Zentren des Verkehrs«.
Dem Ansuchen wurde merkwürdigerweise entsprochen. Kunitz war doch einer von den Staatsanwälten, wie sie Bismarck sich wünschte.
Übrigens gewährte mir Kunitz bereiewilligst einen Strafaufschub.
Eine enge Freundschaft schloß ich damals mit meinem lieben, nun auch verstorbenen Fritz Ellner, einem Typus des radikalen Kleinmeistertums, das in Frankfurt damals nicht selten war. Er hatte aber bald sich an Lassalle und dann an die Eisenacher angeschlossen. Wir verkehrten täglich und ich war in seinem turmartigen Häuschen in der Kannengießergasse wie daheim. Diese architektonische Merkwürdigkeit hatte in jedem Stock nur ein Gemach. Im untersten hatte er seine Werkstatt als Gürtlermeister. In diesem Turm fegte wie ein böser Geist eine alte Tante umher, die mich stets keifend empfing, weil sie meinte, ich wollte ihren Fritz zum Kneipen abholen. Damit mochte sie manchmal nicht unrecht haben. In Ellners Werkstatt; wo er unter anderen Gürtlerarbeiten auch die Ausbesserung von Monstranzen, Abendmahlkelchen und dergleichen Kirchengerätschaften betrieb, konnte ich stundenlang seinen Erzählungen zuhören vom Septemberaufstand von 1848 in Frankfurt, von dem Auftreten Lassalles und von den Sozialisten in Paris, wo er mit dem bekannten Tolain zusammengearbeitet hatte. Auch kannte er das Geheimnis der schwarzen Fahne, die viele Jahre hindurch am Todestage von Robert Blum auf dem Frankfurter Dom aufgesteckt wurde, ohne daß man in Erfahrung bringen konnte, von wem.
Ellner machte mich mit dem Lokalpoeten Friedrich Stoltze bekannt, für dessen »Latern« ich früher schon Beiträge geliefert hatte. Mit diesem prächtigen Menschen verlebten wir angenehme Abende beim »Stoffche«.6
Damals bestand zwischen den bürgerlichen Demokraten und den Sozialdemokraten der Eisenacher Richtung in Frankfurt ein freundschaftliches Verhältnis; war doch Sonnemann noch auf dem Eisenacher Kongreß von 1869 gewesen. Ellner führte mich in einen interessanten Zirkel von Demokraten alten Schlages ein, der sich in der »Bavaria« zu versammeln[180]  pflegte. Dies Restaurant gehörte dem Journalisten Karl Holthof, der später Reichstagsabgeordneter für Frankfurt wurde. Dieser und sein Bruder, der geistvolle, vor zwei Jahren in Stuttgart verstorbene Dr. Ludwig Holthof, waren der Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie waren Söhne des Kölner Rechtsanwalts Holthof, der als Verteidiger bei den Prozessen Lassalles bekannt geworden ist. Hier sah man Dr. Josef Stern, später dessen Schwiegervater Guido Weiß, den Freund von Johann Jacoby, Otto Hörth, Eduard Sack und Theodor Curti. Auch der Schauspieler Ludwig Barnay, der damals in Frankfurt engagiert war, erschien in diesem Kreise, wo er vom späteren Hofrat noch nichts merken ließ. Hier traf ich zuerst Amand Goegg, den einstigen Finanzminister und Diktator der badischen Revolution von 1849, der unserer Partei beigetreten war. Wir sollten uns noch oft sehen. Fritz Ellner erschien immer ungeniert im Aufzug des Handwerksmeisters in der Schirmmütze. Vom »Full dreß jacket« und dergleichen, was manche sogenannte moderne Schriftsteller bei Zusammenkünften für obligat halten, sah man hier nichts. Ellner war hier sehr wohlgelitten, gerade weil er »in der Kapp« erschien. Die Unterhaltungen waren sehr interessant, denn fast alle hatten ein bewegtes Leben hinter sich. Diese alten Demokraten waren frei von den Vorurteilen, welche die heutige bürgerliche Demokratie gegen die Sozialdemokratie hegt, und sahen der großen Arbeiterbewegung als einer notwendigen Zeiterscheinung unbefangen ins Antlitz. Der ältere Holthof war ein sehr witziger Mann, was ihm einst schlecht bekam, als er in Berlin ein Feuilleton über das damals sehr bekannte Bild »Bismarck und die Lucca« schrieb. Der »Herkules des Jahrhunderts« verstand keinen Spaß und die Witze Holthofs erzürnten ihn so sehr, daß er diesen sofort von zwei Gendarmen aufgreifen und über die Grenze des Weichbildes von Berlin bringen ließ.


Der stillschweigende Boykott durch die Frankfurter Lassalleaner zwang den »Volksfreund«, sein Erscheinen einzustellen. Nach dem Vereinigungskongreß von Gotha tat ihn Karl Frohme wieder auf und er lebte bis zum Sozialistengesetz. Inzwischen war die ursprünglich für Mainz geplante Genossenschaftsbuchdruckerei in Offenbach errichtet worden. Dort wurden vom 1. Februar ab die »Neue Offenbacher Tageszeitung« und die »Neue Mainzer Zeitung« weitergedruckt und zwar unter großen Schwierigkeiten. Es fehlte zwar nicht an Geldmitteln, aber die Leute von der »Preßpartei«, welche Druckerei und Zeitungsbetrieb einrichten und leiten sollten, waren weit entfernt, die nötige Geschäftskenntnis und Erfahrung zu besitzen. Ich hielt mich etwa drei Wochen in Offenbach auf.
In diese Zeit fiel ein merkwürdiges Ereignis. Der Schatten des portugiesischen Exkönigs Dom Miguel, der, wie erzählt, sich seinerzeit in Bronnbach bei Wertheim aufgehalten, kreuzte meine Lebensbahn. In Offenbach traf nämlich bei dem Fürsten von Ysenburg-Birstein der Prinz Alfons von Bourbon ein, der jüngere Bruder des spanischen Thronprätendenten Don Karlos. Alfons hatte im Karlistenkrieg unter[181]  seinem Bruder gegen die spanische Republik gefochten. Seine Frau hatte ihn in den Krieg begleitet. Sie war eine Tochter des Dom Miguel und einer Prinzessin von Löwenstein-Heu bach und nannte sich Maria des Neves, man hieß sie aber gewöhnlich Donna Blanca. Ich will hier einfach zitieren, was Wilhelm Lauser in seiner Geschichte Spaniens über Alfons und Donna Blanca sagt:
»Weder Don Karlos, noch sein Bruder, noch dessen Frau, die doch auf deutschem Boden erzogen war, traten der entsetzlichen Übung ihrer Getreuen entgegen, wie im ersten Karlistenkriege Frauen der Liberalen, angeblich als Spioninnen, zu federn. So ergötzte sich am 24. Juli 1874 der Pöbel von Tolosa an dem Schauspiel, daß drei Frauen, nackt auf Esel gesetzt, mit Teer angestrichen und mit Federn bespickt, durch die Straßen der Stadt geführt wurden. Schaudervolles wurde gemeldet über die Massenschlächtereien, welche die Karlisten unter ihren Gefangenen anrichteten.«
In Spanien hatte man hauptsächlich die Tochter des grausamen Despoten Dom Miguel für diese Dinge verantwortlich gemacht. Das war bis zu uns herausgedrungen und es entstand eine schwüle Stimmung, als bekannt wurde, die Prinzessin sei im Ysenburgschen Schlosse zu Offenbach abgestiegen. Ich widmete ihr einen recht kräftigen, sachgemäßen Leitartikel, Friedrich Stoltze sekundierte nachdrücklichst in seiner »Latern« und die Haltung des Volkes wurde so drohend, daß Alfons und Donna Blanca entflohen. Sie gingen nach Graz, von wo sie indessen auch durch einen Volkstumult vertrieben wurden. –
Inzwischen gab es Differenzen zwischen der Offenbacher »Preßpartei« und den Mainzer Parteigenossen. Die Mainzer hatten das Geld, das sie mühsam gesammelt, in die Druckerei gesteckt und wollten nicht alles der »Preßpartei« überlassen. Bei dieser befanden sich einige recht »verdrehte Zwickel«, welche Anhänger des verrückten Gärtners Jakob Kutt waren. Dieser Kutt hatte 1848 unter anderen haarsträubend konfusen Dingen einen europäischen Gesamtstaat vorgeschlagen, an dessen Spitze ein Direktorium, zusammengesetzt aus dem Papst, dem König von Preußen und Friedrich Hecker, stehen sollte. Er kam nachher ins Narrenhaus und starb darin; seine vielen Anhänger aber glaubten nicht an seinen Tod und waren überzeugt, man hielte diesen »Revolutionär« wegen seiner Gefährlichkeit gefangen.
Ich sah bald, daß meines Bleibens in Offenbach nicht war, und kehrte nach Frankfurt zurück. Dort meldete sich nun auch die mich von Leipzig aus noch immer verfolgende sächsische Justiz. Im »Volksstaat« war unter meiner Redaktion ein Artikel über die Amtsführung eines höheren Bureaukraten erschienen, und dieser stellte Strafantrag. Er starb gleich darauf, aber im Interesse seiner modernden Gebeine wurde der Prozeß weiter betrieben. Der verantwortliche Redakteur leistete den »Reinigungseid« und wurde von der Anklage entbunden. Auch ich beschwor, daß ich der Verfasser nicht sei, was ich mit gutem Gewissen tun konnte. Nachdem nun[182]  der Untersuchungsrichter in Frankfurt mir den mich von der Anklage freisprechenden Beschluß des Leipziger Gerichts vorgelesen und ich das Protokoll unterzeichnet hatte, wollte ich gehen. Er sagte aber: »Halt«, schlug das Blatt um und fuhr fort:
»Daß Sie der Verfasser des Artikels nicht sind, haben Sie beschworen. Nun werden Sie als Zeuge vernommen. Sie sollen unter Eid aussagen, ob Sie wissen, wer der Verfasser des Artikels ist.«
Das wußte ich allerdings. Und nun drohte mir der Zeugniszwang. Mit Hast bis zu sechs Monaten konnte ich gefoltert werden, wenn ich die Aussage verweigerte. Und ich mußte sie doch verweigern. Ich wußte auch, daß man mir von der Zwangshaft nicht eine Stunde schenken würde.
Ich besann mich rasch und bat mir eine Bedenkzeit von drei Tagen aus. Sie wurde mir gewährt und ich verlegte meinen Wohnsitz sofort nach Mainz, wo ich der sächsischen und preußischen Justiz zu entrinnen hoffte, denn dort galt noch der Code Napoleon.
Schon nach acht Tagen waren mir die Prozeßakten nach Mainz nachgereist und ich wurde vorgeladen. Der Untersuchungsrichter, Sohn eines Mainzer Klubisten und ein alter Demokrat, empfing mich lachend und meinte:
»Sie sind ein Schlauberger! Aber glauben Sie denn, der Code Napoleon hätte keine Zwangsmittel für obstinate Zeugen?«
»Das weiß ich wohl, daß er solche hat,« antwortete ich. »Aber ich weiß auch, daß man sie hier in Preßangelegenheiten nicht gegen mich anwenden wird.«
»Dies Vertrauen ist sehr ehrenvoll für die hessische Justiz,« meinte er spöttisch. Aber der Eid blieb mir in der Tat erspart. Damit fand der Prozeß wegen der beleidigten Gebeine eines sächsischen Bureaukraten seinen Abschluß.
Jetzt begann auch der Todeskampf der »Neuen Mainzer Zeitung«. Sie ging ein, nachdem sie noch kurze Zeit in Darmstadt gedruckt worden, wohin ich übergesiedelt war. Die »Neue Offenbacher Tageszeitung« erhielt durch die »Preßpartei« eine unmögliche Redaktion, wurde aber von meinem Freunde Karl Ulrich in den Besitz der Eisenacher gebracht. Das Blatt überstand das Sozialistengesetz und präsentiert sich heute als »Offenbacher Abendblatt«, welches das Andenken an das dreiköpfige Blatt von 1875 aufrecht erhält. –
Von März 1875 ab gab ich in Mainz auf eigne Rechnung ein kleines humoristisch-satirisches Blatt heraus, den »Mainzer Eulenspiegel«. Er erschien wöchentlich und machte mir, da er im Oktavformat gehalten war, pro Nummer nur einen Tag Arbeit. Er wurde ohne Abonnement lediglich durch Kolportage verbreitet. Das Blättchen hatte einen überraschenden Erfolg und warf einen für jene Zeit nicht unbeträchtlichen Gewinn ab. Ich hatte aber auch mehrere Preßprozesse zu bestehen. So beschlossen sämtliche Pfandleiher von Mainz, die ich beißend verspottet hatte, jeder einzeln einen Strafantrag gegen mich zu stellen und 3000 Mark[183]  Entschädigung zu verlangen. Sie wollten mich ruinieren. Aber gleich in der ersten Verhandlung lobte der Staatsanwalt meinen Kampf gegen den Wucher und das Gericht ließ den ersten Kläger kostenfällig abblitzen, so daß die anderen ihre Strafanträge zurückzogen.
Ich hatte noch die acht Tage Gefängnis wegen Beleidigung der Feuerwehr auf dem Kerbholz und der Staatsprokurator ließ mich nun, ohne daß ich eine Gestellungsaufforderung bekam, zur Verbüßung der Strafe einziehen. Diese Rücksichtslosigkeit sollte wohl eine Revanche für die Affäre Kayser sein, der, wie erzählt, zu Unrecht eingesteckt und von mir wieder befreit worden war. Mitten in der Nacht, zwischen 2 und 3 Uhr, erschienen zwei Gendarmen vor meiner Wohnung und klopften mit den Flintenkolben an meine Tür. Das ganze Haus geriet in Aufregung ob des nächtlichen Lärms. Die beiden Sbirren nahmen mich fest und brachten mich nach dem Gefängnis des Stadtgerichts. Als ich unterwegs fragte, warum sie mich denn mitten in der Nacht überfallen hätten, antworteten sie, daß sie dafür doppeltes »Fanggeld« – 71/2 Franken – bekämen. Ich ward gegen Morgen in eine Stube gebracht, wo sich etwa ein Dutzend Männer von recht zweifelhaftem Äußeren befanden. Sie waren eben von den Pritschen, die zu je zwei übereinander gestellt waren, aufgestanden, und es herrschte ein unbeschreiblicher Geruch in dem Raum. Die Gefangenen waren beschäftigt, sich mit einem an der Tür angeketteten Messer das Brot zurecht zu schneiden. Als ich eintrat, riefen sie: »Was hast denn du gemacht?« und umringten mich neugierig. Als ich mein »Verbrechen« mitgeteilt, trugen sie mir ihre Fälle vor; sie waren meist wegen leichterer Verstöße gegen das Strafgesetz angeklagt und wollten alle unschuldig sein, einige waren es wohl auch. Sie unterwiesen mich, wie abwechselnd die »Betten« instand zu halten, die Stube zu fegen und die bekannten Kübel zu entleeren seien. Ich muß ein sehr dummes Gesicht gemacht haben ob dieser angenehmen Aussichten; namentlich die letztgenannte Funktion versetzte die ästhetischen Saiten meiner Seele in lebhafte Schwingungen. Indessen erschien bald der Direktor, der sich bei mir entschuldigte und bedauerte, daß man mich in diesen Raum gebracht. »Ich habe die Achtundvierziger hier gehabt,« sagte er, »und sie konnten sich nicht beklagen.« Ich konnte mit ihm in sein Bureau gehen und dort warten, bis die sogenannte Geheimratszelle, die ein Bett mit guter Wäsche enthielt, für mich in Bereitschaft gesetzt war. Aber von der schrecklichen Gefängniskost konnte mich der gute Direktor nicht befreien.
Ich hatte mich gleich in die hochinteressante Geschichte von Mainz versenkt. Auf den Bibliotheken fand ich viel Material über die Zeit der Klubisten. Ich vertiefte mich darein und so entstand mein erstes ernsthaftes historisches Werkchen: »Die Revolution zu Mainz 1792 und 1793«, das längst vergriffen ist. Es wurde gut aufgenommen. Man sagte mir auch, daß auf dem Mainzer Rathause in den Dachkammern noch ganze Stöße von Assignaten aus der Zeit der Besetzung von Mainz durch den General Custine lägen. Ein Gemeinderat verabfolgte mir eine Anzahl[184]  und es wurden solche in meinem Werke über die französische Revolution reproduziert.
Anregung zu diesen historischen Studien empfing ich vielfach von dem damals bekannten Schriftsteller Philipp Wasserburg. Dieser zeigte mir auch auf dem Platze vor dem Dome den aus Pflastersteinen gebildeten Kreis, der die Stelle bezeichnete, wo 1792 der Freiheitsbaum stand. Wasserburg, später als Verfasser ultramontan gefärbter Romane Philipp Laicus genannt, hatte 1852 mit mehreren jungen Leuten einen »Spezial-Kommunistenklub« gegründet, um Gelder für die Gründung eines »neuen Ikarien« in Nordamerika aufzubringen. Die harmlosen »Verschwörer« wurden verhaftet und auf längere Zeit eingekerkert. Wasserburg schloß sich später, von materieller Not gedrängt, den Ultramontanen an. Er gehörte zu den demokratischen Elementen dieser Partei und trat bei Stichwahlen immer offen für uns ein. Der Mainzer Ultramontanismus war während des Kulturkampfes in vielen Dingen weit liberaler als der Nationalliberalismus.
Wasserburg besaß einen guten Humor. Wir erschienen eines Tages zufällig zu gleicher Zeit auf dem Rathause. Der Oberbürgermeister Dumont ging gerade vorüber. Wasserburg faßte mich am Arm, trat mit mir vor das Stadtoberhaupt und rief:
»So, Herr Oberbürgermeister, da können Sie einmal die Verbrüderung der roten und schwarzen Internationale leibhaftig sehen!«
Das Stadtoberhaupt schnitt ein recht einfältiges Gesicht.
Die Parteistreitigkeiten in Mainz, resp. die Zänkereien zwischen Zirfas, Leyendecker und J. M. Hirsch waren nun soweit ausgewachsen, daß ein Schiedsgericht notwendig wurde. Ich präsidierte; Opifizius aus Frankfurt und Orbig aus Gießen waren Beisitzer. Die Verhandlungen dauerten zwölf Stunden. Da aber nur haltlose Klatschereien vorlagen, so konnte das Schiedsgericht zu einer Entscheidung nicht kommen. Die Streitigkeiten dauerten fort und zwar mit vermehrter Heftigkeit.
Inzwischen waren zwischen Lassalleanern und Eisenachern Verhandlungen begonnen worden, die eine Beilegung des alten Zwistes und eine Verschmelzung der beiden Richtungen bezweckten. Wir alle waren hocherfreut darüber, wenn ich mir auch sagen mußte, daß ich, wie so oft in meinem Leben, Pechvogel gewesen war. »Pech haben ist eine Eigenschaft!« sagte der alte Napoleon und die Wahrheit dieses Wortes ist mir oft genug begreiflich gemacht worden. Eben, als die Vereinigungsbestrebungen festen Boden gewonnen hatten, mußte mein dreiköpfiges Zeitungsunternehmen, dem die Vereinigung die Zukunft garantieren sollte, zerfallen!

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Am 22. Mai 1875 wurde in Gotha der Vereinigungskongreß eröffnet. Ich war als Vertreter der Mainzer Mitgliedschaft dahin gesandt worden.
Dem Kongresse lagen die Entwürfe eines neuen Programms und einer neuen Organisation vor. Das Programm war ein Kompromiß zwischen[185]  den bisherigen Programmen der Eisenacher und Lassalleaner. Es wurde von Karl Marx in einem langen Briefe, den er an die Führer der Eisenacher sandte, eingehend kritisiert und für unannehmbar erklärt. Aber Marx verkannte von seiner fernen Warte im englischen Exil aus offenbar die Situation. Der Drang nach Einigung war so mächtig, daß er alle Bedenken überwand. Die äußerlichen Formen traten völlig zurück vor der Wucht der Tatsachen. Darum gelangten die Verhandlungen des Kongresses so rasch zum Ziel. Einmal trat ein dramatischer Moment ein. Es handelte sich darum, ob der Satz, daß der Sozialdemokratie gegenüber alle anderen Parteien nur eine reaktionäre Masse seien, ins Programm aufgenommen werden solle. Marx hatte diesen Satz, der von Lassalle herrührt, mit allen historischen und sozialökonomischen Gründen bekämpft. Nun aber trat Fritzsche auf. Ich sehe noch die imposante Gestalt des alten Dresdener Barrikadenkämpfers mit dem langen grauen Lockenhaar und Bart und höre noch seine feierliche Stimme, wie er sagte, daß sich nun zeigen müsse, wer ein wirklicher Sozialdemokrat sei, denn ein solcher könne nicht gegen einen solchen Satz stimmen. Es wurde namentlich abgestimmt und zwölf[186]  Delegierte – darunter auch ich – stimmten dagegen, wie Vahlteich sagte, »auf die Gefahr hin, auf Fritzsches Index zu kommen«. – Wir wollten uns von Fritzsche nicht zwingen lassen, eine rasch hingeworfene Redewendung Lassalles in das Programm aufzunehmen.
Das Programm und die neue demokratische Organisation wurden rasch angenommen und in fünf Tagen war der alte unselige Zwist aus der Welt geschafft.
Von den Massen der sozialistischen Arbeiter ward dies Resultat mit ungeheurem Jubel begrüßt.
Uns allen fiel ein Alp von der Brust. Nach all den Verhandlungen und Aussprachen sah man auf beiden Seiten ein, daß man durch die Hitze des Kampfes zu bedauerlichen Irrtümern verleitet worden war, wie das bei innerlich verwandten, aber äußerlich verschiedenen Richtungen oftmals geschieht. Nun glaubten die Eisenacher nicht mehr, daß die Lassalleaner im Dienste der preußischen Regierung stünden, und die Lassalleaner glaubten nicht mehr, daß die Eisenacher Söldlinge der liberalen Bourgeoisie und des Königs von Hannover seien. Nur in bezug auf die Persönlichkeit des Herrn von Schweitzer blieben manche bei der alten Auffassung, er sei ein Agent der preußischen Regierung gewesen, stehen.7 Die theoretischen Differenzen, soweit sie noch bestehen blieben, hatten keine Bedeutung mehr, nachdem die Massen sich zu dem neuen Programm bekannt und ineinander verschmolzen hatten. Auch die Gewerkschaften beider Richtungen verschmolzen sich und die sozialistische Bewegung nahm von da ab einen mächtigen Aufschwung.
Nach Mainz zurückgekehrt wurde ich, nachdem ich noch einige kleinere Scharmützel mit der hessischen Justiz bestanden, zur Verbüßung der mir in Frankfurt zuerkannten Gefängnisstrafe von vier Wochen eingezogen. Diesmal hatte ich es besser und bekam Krankenkost. Dafür traf mich anderes Ungemach. Ich wurde in einen recht unangenehmen Prozeß wegen Gotteslästerung durch die Presse verwickelt, an welchem »Verbrechen« ich keinen Anteil hatte.
Bevor ich meine Hast antrat, besuchte ich noch meine Mutter, die in Freiburg im Breisgau ein großes Pensionat hielt. Für die Zeit meiner Abwesenheit übergab ich die Redaktion des »Mainzer Eulenspiegel« einem jungen Mainzer Schriftsteller, der damals mit mir befreundet war und sich zur Vertretung – wohlgemerkt – angeboten hatte. Als ich zurückkam, fand ich den »Eulenspiegel« konfisziert und zwar wegen eines nicht gerade geistreichen Artikels: »Wie der ewige Jude Papst wurde.« Auch war Anklage wegen Gotteslästerung erhoben worden. Es war selbstverständlich, daß meinem Vertreter die Verantwortung zufiel und er hätte auch seinen Namen unter die betreffende Nummer setzen sollen.[187]  Das hatte er zu meinem Erstaunen nicht getan, sondern meinen Namen beibehalten. Als wir uns trafen, bat er mich, die Verantwortung zu übernehmen. Ich lehnte das ab und machte ihm Vorwürfe, weil er meinen Namen ohne meine Zustimmung als verantwortlich auf das Blatt gesetzt. Bei meinen Vorstrafen mußte ich bei einer Verurteilung wegen Gotteslästerung mit einem Strafmaß von mindestens zwei Jahren rechnen. Der andere hatte als Jude allerdings von den ultramontanen Richtern wegen seines Angriffs auf das Christentum – der übrigens auch mir als ganz überflüssig erschien – gleichfalls eine strenge Strafe zu erwarten. Ich bestand darauf, daß er die Verantwortung für seine Redaktionsführung auf sich nehmen müsse, denn man könne mir doch nicht zumuten, Artikel zu verantworten, von denen ich vor der Drucklegung nicht die geringste Kenntnis gehabt. Er schien dies auch einzusehen. Aber als ich abends meine vierwöchentliche Hast antrat, stand er unter dem Gefängnistor und drückte mir einen Zettel in die Hand, auf dem die Worte standen: »Wenn möglich lassen Sie diesen Kelch an mir vorüber gehen.« – Ich steckte den Zettel achselzuckend ein.
Bald begannen die Verhöre wegen der Gotteslästerung. Ob nun der Untersuchungsrichter von mir geschickt ein Geständnis erzwingen wollte oder ob sonst etwas im Werke war – kurz, er sagte mir, die Setzer der Druckerei, wo der »Eulenspiegel« hergestellt wurde, hätten ausgesagt, daß ich das Manuskript des inkriminierten Artikels zum Druck befördert habe. Ich berief mich darauf, daß ich verreist gewesen und meinen Vertreter gehabt und nannte diesen, aber nur als meinen Vertreter und nicht als Verfasser des inkriminierten Artikels. Nun wurden wir konfrontiert und der andere tat, als kenne er mich kaum. Der Untersuchungsrichter sagte mir alsdann, es sei kein Zweifel, daß die Verantwortlichkeit für den Artikel an mir haften bleibe.
Ich kehrte in einem schwer zu beschreibenden Zustande in meine Zelle zurück. Der Ring der Anklage schien um mich geschlossen; zu entrinnen schien nicht möglich. Und wegen eines Artikels, der mir zuwider war! Ich tobte und wetterte und rannte grimmig auf und ab – da fiel mir der Zettel ein, der mir am Gefängnistor in die Hand gedrückt worden war. Wenn der noch vorhanden wäre! Ich suchte und suchte und endlich fand sich das Stückchen Papier. Ich ließ mich sogleich dem Untersuchungsrichter vorführen.
Die Verhandlung fand am Tage meiner Entlassung vor dem Mainzer Stadtgericht statt. Einen Anwalt hatte ich nicht bekommen können. Die Anklage gegen meinen Vertreter lautete auf Gotteslästerung; ich war wegen »Fahrlässigkeit« angeklagt. Der Staatsprokurator Schön meinte, einen solchen Artikel traue er mir nicht zu; ich sei »ein schon zu oft verbranntes Kind«. Das Strafmaß für mich überließ er dem Gerichtshof; gegen den andern beantragte er ein Jahr Gefängnis. Ich verteidigte mich sehr energisch.. Der Gerichtshof verhängte über meinen Vertreter achtzehn Monate Gefängnis; ich wurde freigesprochen und es wurde im[188]  Urteil hervorgehoben, daß der Beweis meiner Schuldlosigkeit sehr schwierig gewesen und nur durch einen Zufall vollständig gelungen sei.
Die Sache kam vor das Mainzer Obergericht und dort wurde die Strafe, die mein Vertreter erhalten, von 18 Monaten auf 6 herabgesetzt. Sein Anwalt behauptete in recht alberner Weise, ich hätte einen »dämonischen Einfluß« auf den jungen Mann ausgeübt. Noch alberner war, daß ein Blatt behauptete, ich hätte die Sache auf mich nehmen müssen; ich hätte nicht korrekt gehandelt. Kein vernünftiger Mensch hat an meinem Verhalten etwas auszusetzen gehabt.
Wenn ich recht berichtet bin, hat der Verurteilte nur die Hälfte der Strafe verbüßt; die andere Hälfte wurde ihm auf ein Gnadengesuch vom Großherzog von Hessen erlassen.
Während der Langeweile der vierwöchentlichen Hast gewährte mir viele Unterhaltung eine Nachbarin; auch in Mainz befanden sich damals im Gefängnis Insassen beiderlei Geschlechts. Gesehen habe ich dies holde Wesen niemals, aber sie war offenbar noch ziemlich jung und konnte sehr hübsch: »Freiheit, die ich meine!« singen. Wir konnten durchs Gitter bequem miteinander sprechen. Sie erzählte mir, sie sei wegen Diebstahls im Rückfalle zu einem Jahr Gefängnis – natürlich unschuldig – verurteilt. Einen Unterrock sollte sie gestohlen haben! So eine Gemeinheit, wo doch ihr Schatz, der Emil, ihr gleich zehn Unterröcke kaufen würde, wenn sie nur den leisesten Wunsch äußerte! Aber sie habe appelliert. »Der Emil kommt und schwört«, sagte sie mit aller Zuversicht, »dann müssen sie mich freisprechen.« Am Morgen des Tages, an dem ihre Appellation verhandelt wurde, klopfte sie mir zeitig und sagte, sie würde mir gleich den Ausgang melden. Ich gab ihr meine besten Wünsche mit, denn ich war der Meinung, wenn sie den Diebstahl wirklich begangen, so sei sie durch die Untersuchungshaft genügend bestraft.
Nach einigen Stunden klopfte es wieder.
»War er da und hat er geschworen?« rief ich hinüber.
»Jawohl, mein Emil läßt mich nicht im Stich.«
»Und Sie sind freigesprochen?«
»Natürlich, sonst müßte doch kein Gott im Himmel sein!«
Sie verabschiedete sich fast zärtlich und ging trällernd an meiner Tür vorüber von dannen. –
In Mainz schloß ich eine enge Freundschaft mit Paul Stumpf, der unlängst im 86. Jahr gestorben ist. Aus einer eingesessenen Mainzer Familie stammend, war er ursprünglich Techniker, tat sich aber nachher als selbständiger Geschäftsmann auf und befand sich bei wechselnden Glücksumständen doch meist in günstiger Situation.
Er hatte sich 1847 im Brüsseler Arbeiterverein mit Marx und Engels befreundet. Dann war er Zeuge der Februarrevolution in Paris gewesen und auf die Nachricht von Deutschlands Erhebung nach Mainz zurückgekommen,[189]  wo er zum Offizier der Bürgerwehr gewählt wurde. Nach dem bekannten blutigen Zusammenstoß zwischen preußischen Truppen und Bürgerwehrmännern zu Mainz drohte der preußische Festungskommandant mit Beschießung der Stadt, wenn die Bürgerwehr die Waffen nicht niederlege. In der Versammlung der Bürgerwehroffiziere waren nur Stumpf und der Demokrat Wittmann gegen die Entwaffnung. »Laßt die Preußen doch schießen!« riefen sie. Sie hofften von einer solchen Gewalttat und der sich daran schließenden Erregung ein Wiederaufflammen der schon erlöschenden revolutionären Bewegung in Deutschland. Aber die Entwaffnung wurde beschlossen und das Frankfurter Parlament leistete den Mainzern keinen wirksamen Beistand.
Stumpf gehörte zu der Mainzer Gemeinde des Kommunistenbundes, die 1848 einen Aufruf an das deutsche Proletariat erließ. 1849 trat er in das rheinhessische Freikorps und kämpfte bei Kirchheimbolanden mit.8 Er stellte sich mit anderen Revolutionären den Mainzer Gerichten und wurde im eisernen Turm eingekerkert, aber freigesprochen.
Stumpf blieb mit der Familie Marx befreundet. Es war im Sommer 1875, als ich von ihm ein Billet erhielt: »Kommen Sie bestimmt heute abend 8 Uhr ins Hotel Landsberg; interessanter und lieber Besuch.« Ich erschien pünktlich im Hotel und fand dort Stumpf mit einer, wie man sagt, distinguiert aussehenden Dame vor, deren Alter ich auf 55 bis 60 Jahre taxierte. Ein scharf geschnittenes, geistvolles und anziehendes Antlitz, eine stolze Haltung und ein außerordentlich liebenswürdiges Wesen – so trat mir Jenny Marx entgegen, die Lebensgefährtin von Karl Marx, deren Großvater, Herr von Westphalen, der geniale bürgerliche Generalstabschef des Prinzen Ferdinand von Braunschweig im siebenjährigen Kriege und deren Bruder der preußische Reaktionsminister von Westphalen war. Sie brachte mir Grüße von ihrem Gatten und ihrer Tochter Eleanor. Die Unterhaltung, während der wir von Stumpf sehr opulent bewirtet wurden, war so anregend, daß wir bis gegen drei Uhr morgens zusammen blieben. Frau Marx amüsierte sich köstlich über die Geschichte von den drei Frankeln, die mir kurz zuvor in Mainz passiert war. Eines Tages war nämlich ein Fremder bei mir erschienen und hatte sich als das bekannte, zum Tode verurteilte Mitglied der Pariser Kommune, Leo Frankel, vorgestellt. Ich sorgte dafür, daß er gut verpflegt und mit Geld versehen wurde, was er verlangt hatte. Anderen Tages verschwand er, nachdem er sich als Schwindler entpuppt. Kurz darauf kam wieder ein falscher Leo Frankel, dem es durch raffinierte Vorspiegelungen gelang, uns abermals zu täuschen. Nun gelobte ich mir aber, jeden künftigen Leo Frankel gleich zur Tür hinaus zu befördern. Und es kam wirklich ein dritter. Nachdem er sich vorgestellt, hieß ich ihn gleich verschwinden, denn es seien schon zwei Betrüger dagewesen, die sich für Leo Frankel ausgegeben. »Aber,« meinte er betreten,[190]  »ich bin ja der wirkliche Leo Frankel.« – »Das haben die zwei anderen auch gesagt,« rief ich wütend und deutete nach der Tür. Da reichte er mir einen Brief von Frau Marx, deren Handschrift mir bekannt war, und damit war er als der rechte Frankel legitimiert.
Übrigens sagte ich nachher zu Frankel:
»Haben Sie wirklich ein Dutzend Pfaffen standrechtlich erschießen und die Tuilerien niederbrennen lassen, wie in dem gegen Sie ergangenen Todesurteil ausgeführt ist? Mir können Sie es ja sagen, wie es wirklich zugegangen ist.«
Es flammte ein wilder Zorn in ihm auf.
»Das sind schändliche Lügen,« rief er. »Ich kämpfte auf einer Barrikade und wurde dort verwundet, während die Dinge geschahen, wegen deren man mich zum Tode verurteilt hat.«
Das wurde bald darauf offiziell bestätigt. Frankel ging nach seiner Heimat Ungarn und wurde alsbald verhaftet, worauf die französische Regierung seine Auslieferung verlangte. Sie wurde zugesagt, wenn die französische Regierung die Akten mit den Beweisen für Frankels angebliche Verbrechen einschicke. Die französische Regierung hatte aber keine Beweise und schickte nur das Urteil ein. Darauf wurde die Auslieferung Frankels abgelehnt.
Wie viele solcher Todesurteile mögen damals ergangen sein!
Um jene Zeit kam ein hessischer Regierungsrat nach Mainz, um im Auftrag der Regierung das Terrain für eine Art »Sozialreform« zu sondieren und bei den Arbeitern dafür Stimmung zu machen. Welch tiefere Bedeutung die Sache hatte, weiß ich nicht. Mit einer Statistik sollte begonnen werden und die Arbeiterorganisationen sollten dabei tätig sein. Aber bei diesen herrschte unüberwindliches Mißtrauen gegen solche Experimente von oben herab. Es fand eine Arbeiterversammlung statt, zu der Zirfas und ich eingeladen wurden. Nachdem der Herr Regierungsrat gesprochen und Zirfas und ich erwidert, verzichtete jener auf die Fortführung seines Unternehmens. Man hörte nichts mehr davon.
Im Herbst 1875 kam August Geib, Mitglied des Reichstags und des Parteivorstandes, nach Mainz und engagierte mich für das eben gegründete »Hamburg-Altonaer Volksblatt«. Ich übergab meinen »Eulenspiegel« einem jungen Mainzer, dem Dr. Lehn, unter dessen Händen das sich gut rentierende Blättchen aber schon nach einer Nummer des Todes verblich.
Die untergegangene »Volksstimme« tauchte nach etwa einem Jahre noch einmal auf. Redakteur war ein gewisser Alexander Swab. Dieser wurde unter den damaligen mißlichen Verhältnissen von den Parteigenossen, wenn es an Geld mangelte, mit Lebensmitteln, Kleidern usw. versehen, was er sich gerne gefallen ließ. Das Blatt ging bald wieder ein. Einige Zeit nach dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes erschien in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« an der Spitze ein grimmiges[191]  Gedicht gegen die Sozialdemokratie, in dem wir als bösartige Kerls bezeichnet wurden,

»die in dem Nichts des Rätsels Lösung suchen.«

Unterzeichnet war das Gedicht: Alexander Swab! Der gute Mann, der sich in seine politische Heimat zurückgefunden, tat uns bitteres Unrecht an, denn für ihn, der uns so gröblich der äußersten Negation beschuldigte, hatte der Sozialismus in Mainz wirklich einen positiven Inhalt in des Wortes voller Bedeutung gehabt.
Meine Gesundheit war in diesem Jahre befriedigend geworden. Schon im Mai hatte ich mich verheiratet und zwar mit der Tochter eines kleinen Handwerkers aus dem Odenwald. Die Erwartungen, die ich von dieser Ehe gehegt, schlugen gänzlich fehl und sie wurde eine sehr unglückliche. Aber sie dauerte zwölf Jahre und dadurch wurde meine literarische Produktivität gerade in meinen besten Jahren wesentlich beeinträchtigt.
Im Dezember 1875 reiste ich nach Hamburg ab und da ich vorläufig allein blieb – meine Frau kam erst im Januar – so feierte ich das Weihnachtsfest bei meinem Freunde Bracke in Braunschweig, in dessen Familie mir der Aufenthalt so behaglich als möglich gestaltet wurde.[192] 
Fußnoten

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1 Auf seinem Grabstein steht: Multis ille bonis flebilis occidit – sein Tod ward von vielen Guten beweint. (Horaz.)

2 Schneider hat in Amerika auf dem Sterbebette versichert, daß er den Schuß nicht abgefeuert habe.

3 Dauernder als Erz. (Horaz.)

4 Auch das Wort »Olwel« heimelte mich an, da es in Wertheim ebenso gebräuchlich wie in Frankfurt. Die Mainzer sagten dafür: »Dumm Schinoos«.

5 Im Prinzip.

6 Der berühmte Frankfurter Apfelwein.

7 Herr von Schweitzer spielte keine politische Rolle mehr. Er starb 1875 bald nach dem Vereinigungskongreß. Der Streit, ob er ein Agent der preußischen Regierung gewesen, ist meines Erachtens durch die inzwischen erfolgten historischen Untersuchungen gegenstandslos geworden.

8 In mehreren Geschichtswerken wurde Stumpf unter den Gefallenen aufgeführt.




Im alten Hamburg










Das alte Hamburg ging zu Ende, als es 1881 auf Drängen Bismarcks die Zollfreiheit für die Schiffahrt auf der Elbe verlor, ein Privilegium, welches der Stadt der Hohenstaufe Friedrich Barbarossa verliehen und welches sie also beinahe siebenhundert Jahre besessen hatte. Aus den Veränderungen, welche diese tief einschneidende Maßregel bewirkte, ging das neue Hamburg hervor.
Ueber das alte Hamburg sei hier nur gesagt, daß es zwar unendlich viele enge und schmutzige Straßen, aber dafür auch große Vorzüge hatte. Denn durch die Zollfreiheit waren die Preise der Lebensmittel so niedrig, daß es heute fast märchenhaft erscheint. Namentlich Fleisch, Fische und Gemüse waren billig. Die Amerikaner schickten massenhaft lebendes Schlachtvieh erster Qualität herüber. Man konnte also mit einem verhältnismäßig geringen Einkommen sich hier eine weit höhere Lebenshaltung ermöglichen wie anderwärts. Auch die politischen Zustände der Hansestadt waren nicht die schlechtesten im Reiche. Zwar bestanden eine Menge überlebter und verrotteter Einrichtungen, und große wie kleine Bourgeoisie hatten um sich einen Wall von Vorrechten errichtet, hinter dem sie eine von der großen Masse des Volkes voll kommen abgeschlossene eigene Welt bildeten. Aber gegenüber der aufstrebenden Arbeiterklasse machte sich hier keine so kleinliche Verfolgungssucht geltend wie anderwärts.
Ich befand mich hier zum erstenmal in einer Weltstadt, wo mir so vieles neu und großartig erschien. Namentlich durch den Weltverkehr Hamburgs empfing ich eine Menge neuer Eindrücke und Anregungen.
Die Arbeiterbewegung erschien hier gleichfalls mächtiger, als ich sie bisher jemals hatte beobachten können. Hier gab es auch stärkere Traditionen als anderwärts. Die Hamburger Arbeiter hatten sich schon 1684, 1693 und 1708 an den politischen Kämpfen beteiligt und das Patriziertum überwunden, dem nur durch das Eingreifen auswärtiger Gewalten seine Vorrechte gerettet werden konnten. 1842, zur Zeit des bekannten großen Brandes, gab es in Hamburg eine auf Weitlings Anschauungen beruhende kommunistische Gemeinde und 1848 wurden einige Kommunisten in die Konstituante gewählt. Lassalle fand hier sofort eine große Anhängerschaft. Es fanden hier wie anderwärts heftige Kämpfe zwischen Lassalleanern und Eisenachern statt; die letzteren blieben indessen eine kleine Gruppe. Die Vereinigung der beiden sozialdemokratischen Richtungen wurde in der Hamburger Arbeiterwelt mit rauschender Begeisterung aufgenommen.[195] 
Als Kuriosum muß erwähnt werden, daß sich in Hamburg unter Führung des Schneiders Bräuer eine besondere kleine Gruppe von »reinen Lassalleanern« gebildet hatte, die durchweg aus trostlosen Wirrköpfen bestand. Nach der Vereinigung der beiden großen Fraktionen in Gotha machte diese Gruppe neue Anstrengungen, um Boden zu gewinnen, aber ohne Erfolg. Später erschien der bekannte Oberwinder, der sich vom radikalen Sozialdemokraten zum Anhänger Stöckers durchgemausert hat, in Hamburg und wollte die Gruppe der reinen Lassalleaner zu einem recht schlau ausgedachten Coup benutzen. Er sandte eine Deputation von reinen Lassalleanern nach Friedrichsruh zu Bismarck hinüber mit dem Vorschlag, das Kapital zu einem großen Blatt herzugeben, welches die verrotteten althamburgischen Einrichtungen bekämpfen sollte. Mit diesem Köder hoffte Oberwinder den Reichskanzler einzufangen, denn er wußte, daß Bismarck die Hamburger »Pfeffersäcke« nicht leiden konnte. Die Deputation wurde von Lothar Bucher empfangen, welcher mit Bedauern ablehnte.
Die Sache war sehr geheim gehalten worden; ich erfuhr sie aber durch eine Frau. Der Züricher »Sozialdemokrat« brachte sie aus Licht.
Unter diesen Verhältnissen wurde im Herbst 1875 das Organ der Hamburgischen Sozialdemokratie gegründet, welches »Hamburg-Altonaer Volksblatt« hieß und gleich mit einer stattlichen Abonnentenzahl ins Leben trat. Als Redakteure waren Wilhelm Hasenclever, der letzte Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, und Karl Hillmann berufen worden.
Die Gegensätze zwischen den beiden Richtungen, die sich in Gotha vereinigt hatten, waren damals zwar bei den Massen vollständig, bei vielen Führern aber noch lange nicht ganz verschwunden. Namentlich Hasenclever war ein glühender Anhänger Lassalles geblieben, den er in Prosa und in Versen verherrlichte. Dagegen gab es bei den Eisenachern Leute, die sich nicht davon abbringen ließen, daß Hasenclever ein Agent der preußischen Regierung sei. Das war barer Unsinn, denn Hasenclever war eine grundehrliche Haut; nur hatte er eine etwas bedenkliche Vorliebe für die Konservativen, von der er aber durch das Sozialistengesetz vollkommen kuriert wurde. Ich wurde von der Parteileitung, wie mir Geib mitteilte, in die Redaktion des hamburgischen Parteiblattes berufen, um ein Gegengewicht gegen Hasenclever zu bilden, so daß er in der Redaktion keine dominierende Stellung erlangen konnte. Von einer solchen befürchtete man neuerwachenden Zwiespalt unter den kaum verschmolzenen Richtungen. Durch mein Gegengewicht – einen eigentlichen Chef gab es nicht, denn jeder war selbständig in seinem Ressort – ward diese Stellung unbefriedigend für Hasenclever, der höher hinaus wollte und nur aus dem Vorstand der neuen Partei geschieden war, weil er glaubte, in der Redaktion des »Volksblatt« an erster Stelle zu stehen. Uebrigens kam es zu keinem Streit, und wenn Hasenclever und ich uns auch erst mißtrauisch begegneten, so verständigten wir uns doch bald. Indessen wurde Hasenclever[196]  nach einiger Zeit an das damalige Zentralorgan nach Leipzig berufen und damit hatte die Parteileitung ihre Sorge los.
In der Redaktion befanden sich noch der Schriftsetzer Karl Hillmann und Jakob Audorf, der Dichter der Arbeitermarseillaise. Hillmann war als Journalist nur mit Vorsicht zu gebrauchen; Audorf lieferte hübsche Feuilletons, Plaudereien und Verse. Später kam noch der Schriftsetzer Oldenburg, jetzt Buchdruckereibesitzer in Lübeck, in die Redaktion.
Audorf war ein prächtiger Mensch und ein vorzüglicher Gesellschafter. Er hatte lange in Paris und in Rußland gelebt und wußte interessant zu erzählen. Als geborener Hamburger kannte er sich in der alten Stadt genau aus und wußte namentlich einige behagliche alte Weinkeller, wo man vortrefflichen Bordeaux und Burgunder zu einem erstaunlich niedrigen Preise – wegen der Zollfreiheit – haben konnte. Da haben wir manche gute Stunde verbracht.
Das Blatt machte nicht übermäßig viel Arbeit, denn es erschien wöchentlich dreimal. Außer den Sonntag hatten wir auch den Donnerstag ganz frei. Die Bezahlung war nicht übermäßig; es gab 195 Mark pro Monat.[197]  Die Abrundung auf 200 Mark war aus mir unbekannten Gründen nicht durchzusetzen. Indessen konnte man bei der Billigkeit der Lebensmittel leidlich auskommen und ich verschaffte mir Nebenarbeiten, so daß ich immerhin besser stand als in Mainz. Ich bin ohnehin immer mit einer einfachen Lebensweise zufrieden gewesen. Schwelgereien, zu denen mich reiche Freunde manchmal einluden, haben für mich nie einen Reiz gehabt; nach Austern, Trüffeln und Sekt habe ich nie Gelüste empfunden und mich darum auch nie dazu hergegeben, für solche Genüsse alberne Gesellschaft zu ertragen. Ich saß gerne bei einem Glas Wein, aber es brauchte weder Johannisberger Kabinet noch Scharzhofberger Auslese zu sein. Ein reiner, leichter und billiger Landwein genügte mir jederzeit, was aber nicht verhindert hat, daß fanatische Abstinenzler im Hochgefühl ihrer Tugendboldenhaftigkeit mich zu einem Säufer stempelten. Sei's drum!
Niemals aber habe ich jene absurde Auffassung vertreten, die mit Hinweis auf die alte Mär vom Rübengericht des Curius Dentatus die Frugalität der Lebensweise als eine demokratische Tugend betrachtet. Leider hat auch Babeuf diese Verirrung neu begangen. Die Pariser Arbeiter von 1789, welche Gleichheit der Rechte und der Genüsse forderten, waren auf dem Wege zu einer besseren Erkenntnis.
In Hamburg hörten die gerichtlichen Verfolgungen auf, denen ich bisher unaufhörlich ausgesetzt gewesen. Dagegen überschüttete uns die gegnerische Presse, welche das schnelle Wachstum des Abonnentenstandes unseres Blattes unangenehm empfand, täglich mit Schmähungen. Die abgedroschene Phrase, wir würden mit »Arbeitergroschen« besoldet, mußte bis zum Ueberdruß herhalten. Man konnte erwidern, daß alle Groschen, auch diejenigen, welche bürgerliche Redakteure als Gehalt empfangen, »Arbeitergroschen«, d.h. durch Arbeit geschaffene Werte sind. Allein Hillmann, welcher den lokalen Teil redigierte, führte die Polemik gegen die bürgerliche Presse sehr ungeschickt.

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In August Geib hatte ich einen Freund gewonnen, wie ich mir ihn trefflicher für meinen Hamburger Aufenthalt nicht wünschen konnte. Ein sangesfroher, poetisch veranlagter, lebenslustiger Pfälzer, war er zugleich von tiefem sittlichen Ernst erfüllt, der auch über seine imposante, gebietende Erscheinung ausgegossen war. Sein schöngeschnittener Kopf mit dem langen schwarzen Bart hatte sich unvergeßlich allen eingeprägt, die ihn auf den Parteikongressen präsidieren sahen. Seine würdevolle Haltung ließ ihn als »geborenen Präsidenten« erscheinen. Von Beruf Kaufmann hatte er sich in einem großen Geschäfte eine schöne Position gemacht; wie beliebt er war, ist daraus zu ersehen, daß er zu gleicher Zeit Vorsitzender von sechzehn Vereinen war. Aus der Pfalz hatte er die demokratischen Anschauungen der Achtundvierziger mitgebracht; daraus zog er die Konsequenzen, die ihn zur Sozialdemokratie führten. Er machte sich selbstständig und errichtete eine kleine Buchhandlung mit Leihbibliothek. Der Partei widmete er eine enorme Tätigkeit und besaß bald ein allgemeines Vertrauen. Er ging von den Lassalleanern zu den Eisenachern über[198]  und präsidierte auf dem stürmischen Eisenacher Kongresse. Nach seiner Rückkehr ward er von einigen fanatischen Lassalleanern, die seine Haltung als »Verrat« betrachteten, schwer mißhandelt; was ein gerichtliches Verfahren mit entsprechenden Strafen nach sich zog.
In Geibs gastlichem Hause habe ich viele genußreiche Stunden verbracht. Dort lernte ich den Gelehrten und Dichter Johannes Wedde kennen, der Lehrer an einer Privatschule war und eine Zeitlang bei den »Hamburger Nachrichten« das Amt des Theaterkritikers versah. Der kleine Mann mit dem interessanten, ausdrucksvollen Kopfe auf einem leider verwachsenen Körper war ein glühender Sozialdemokrat; konnte aber erst später öffentlich als solcher auftreten. Seine mit Geist und Humor gewürzte Konversation war äußerst anziehend. Seine oft sehr hübschen Verse konnten wegen des gelehrten Ballastes, mit dem sie bepackt waren, nicht in die Masse dringen.1[199] 
Weddes liebenswürdige und geistvolle Schwester Theodora, der spätere Abgeordnete Auer, sowie eine Reihe anderer mit Geib befreundeter Persönlichkeiten nahmen an den gesellschaftlichen Vereinigungen in Geibs Hause teil. Auch wurden viele Sonntagsausflüge in die schöne Umgebung gemacht. Im gastfreundlichen Hause des Lehrers Ockelmann gab es gleichfalls gemütliche und anregende Abende. Alles dies, sowie fröhliche Stunden mit Audorf beim Weine ließen mich mein häusliches Elend vergessen, wenigstens auf kurze Zeit.
Auf verschiedenen Agitationstouren, die ich nach Kiel, Rendsburg. Schleswig und anderen Orten in Schleswig-Holstein unternahm, lernte ich Land und Leute kennen. Ein kerniger, widerstandsfähiger Menschenschlag, der ursprünglich dem Sozialismus nicht sehr zugänglich schien. Die industrielle Entwicklung und eine namentlich von Altona ausgehende energische Agitationsarbeit schufen uns bald einen großen Anhang in Schleswig-Holstein.
Die Hamburger Arbeiter bildeten eine Art Phalanx2 der Sozialdemokratie, eine selbst- und klassenbewußte geschlossene Masse; häufige Streitigkeiten konnten die Geschlossenheit nach außen nicht beeinträchtigen. Wie anderwärts stellten auch hier die Tabaks-, Holz- und Metallarbeiter ein beträchtliches Kontingent zu der Bewegung; desgleichen die Schuhmacher und die Schneider. Aber den Kern bildeten die Maurer, die im Norden einer der angesehensten Berufe in der Arbeiterwelt waren, im Gegensatz zu den Maurern in Süddeutschland, wo die »Ungelernten« vorherrschten. Auch viele Hafenarbeiter und Ewerführer3 gehörten der Partei, wie den gewerkschaftlichen Organisationen an. Die Gesamtbewegung wuchs seit dem Vereinigungskongreß in Gotha mit eminenter Schnelligkeit.
Damit wuchs die Partei aber auch nach und nach aus dem Sektenmäßigen heraus, was ihr bis dahin noch vielfach anhaftete. Im Anfang lebte man nur in der Theorie, die man als revolutionäre Gedankenmacht der alten Gesellschaftsordnung und Klassenherrschaft gegenüberstellte; eifrige Propaganda sollte die neue Macht verstärken. Je mehr der Sozialismus an Ausbreitung gewann, desto mehr mußte man sich mit praktischen Dingen beschäftigen. Dies wurde namentlich die Aufgabe der parlamentarischen Vertretung der Sozialdemokratie.
So begann die Arbeiterklasse zu dem Machtfaktor emporzuwachsen, den sie heute innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Sie beeinflußt heute die ganze politische und soziale Zeitentwicklung. Dieser ungeheure positive Erfolg ist ursprünglich das ausschließliche Verdienst der Sozialdemokratie und sie hat wirklich für die Gesamtheit gearbeitet, denn[200]  auch diejenigen Proletarier, die sich noch nicht zum Klassenbewußtsein erhoben, genießen die Vorteile dieser Errungenschaft. Dafür leisten diese Elemente den bürgerlichen Parteien Heeresfolge und machen alle Winkelzüge der Reaktion mit.
Es ist bezeichnend, daß die herrschenden Klassen diese positive Tätigkeit der Sozialdemokratie nicht begreifen und sie einer ausschließlich »negativen und subversiven« Tätigkeit beschuldigen. Es hängt dies mit der bei uns bestehenden Klassenherrschaft zusammen. Zwischen der Geburts- und Geldaristokratie und der großen Masse des Volkes ist eine chinesische Mauer gezogen. Die »Kreuzzeitung« hat dies einmal treffend charakterisiert, indem sie anläßlich des Eintritts des Theologen Göhre in eine Fabrik meinte, wenn bei uns jemand von den oberen Zehntausend das Proletariat kennen lernen wolle, so sei das ein Unternehmen wie eine Reise zu einem afrikanischen Negerstamm. Darum ist bis heute noch die Arbeiterwelt gerade in ihren Eigentümlichkeiten und Besonderheiten den herrschenden Klassen eine terra incognita geblieben. Die von den »Besitzenden und Gebildeten« getragenen Vorurteile strahlen so stark auf die Mittelschichten aus, daß auch diese meist davon erfaßt sind. So bei manchem kleinen »Käsekrämer«, der seine Waren bei den Arbeitern absetzt und diesen den Zuschlag aufbürdet, ohne den ihm sein Zwischenhandel keinen Gewinn bringen kann. Trotzdem hält er sich für »etwas Besseres« gegenüber dem »gewöhnlichen« Arbeiter.
Solche Vorurteile kamen mehr oder minder schroff zum Vorschein, wenn ich mit Freunden und Bekannten aus früheren Zeiten zusammentraf. Ich konnte ihnen noch so eifrig auseinandersetzen, daß es unter aufstrebenden und im harten Kampf der Zeit stehenden Arbeitern mehr interessante Menschen gebe als unter dem nach der großen Niederlage von 1848 verrotteten Spießbürgertum unserer Zeit – sie lächelten überlegen. Wenn ich sie auf den großen historischen und sozialökonomischen Prozeß unserer Zeit aufmerksam machen wollte, so verstanden sie mich nicht. Es gab wohl einige, die sich über die Bedeutung der modernen Arbeiterbewegung völlig klar waren und die innerlich mit mir sympathisierten. Aber sie hielten sich ängstlich von allem zurück, was nur irgendwie mit dem Sozialismus in Verbindung gebracht werden konnte. Sie hatten Furcht vor Unannehmlichkeiten. Verächtlich und lächerlich ist mir immer jenes Philister- und Pharisäertum vorgekommen, das in einer ihm nicht genehmen politischen Gesinnung einen persönlichen Makel erblickt. Solche Elemente sind mir vielfach auf meinem Lebenswege entgegengetreten, auch in persönlichen Beziehungen. Wie ich sie abschätze, ist für sie weit weniger schmeichelhaft, als es für mich ist, wie sie mich abschätzen.
Alles dies empfand ich weiter gar nicht, denn ich hatte mich in die sozialistische Bewegung und Organisation, sowie in die Arbeiterwelt vollkommen eingelebt und eine neue Heimat gefunden. In der bürgerlichpolitischen Welt hatte mich ein öder Stillstand abgestoßen. In dem engen Verkehr mit den Arbeitern, in den zahlreichen Versammlungen, bei Kundgebungen[201]  und Festlichkeiten der Partei und Gewerkschaften, da vernahm ich das Wehen und Rauschen des neuen Geistes, der die Volksmassen vorwärts bewegt. Ich fand bestätigt, was der berühmte und vielverfolgte Nationalökonom Bruno Hildebrand, seinerzeit Professor an deutschen Hochschulen, im Frankfurter Parlament gesagt hat, und zwar am 17. Februar 1849:


»So wie in der Naturwelt alles Große von unten aus der Erde herauswächst, so geht auch in der Geschichte jede große Bewegung, jeder große Fortschritt der Zivilisation von der Masse des Volkes aus. Jene verachteten niederen Schichten der Gesellschaft sind die geheimen Werkstätten des menschlichen Geistes. Hier werden die Genies und großen Reformatoren geboren; hier wird die Weltgeschichte produziert und jede Zivilisation verfault und stirbt ab, die nicht aus dem Boden jener Schichten neue Nahrung empfängt.«
Dies ist das größte Wort, das im Frankfurter Parlament gesprochen worden ist.
Wie viele mögen noch am Leben und wo mögen sie sein, die zahlreichen Arbeiter und Parteigenossen, mit denen ich damals Freundschaft schloß! Und wie vergnügt waren wir auf den Arbeiter- und Parteifesten, die zahlreich aufeinander folgten!
Ueber diese Festlichkeiten sei hier einiges bemerkt. Man kann oftmals in der bürgerlichen Presse lesen, daß es doch ein auffallender Widerspruch sei, wenn in den sozialistischen Blättern von der Not der Massen gesprochen werde, während doch zugleich dort zahlreiche Arbeiterfeste angezeigt seien. Aber die herrschenden Klassen und die Proletarier haben einen verschiedenen Begriff von einem Fest. Die ersteren verbinden damit Wein und Braten, gewöhnlich auch Sekt. Der klassenbewußte Proletarier dagegen findet seinen Hauptgenuß in dem geistigen Inhalt seiner Feiern: die materiellen Genüsse sind bei ihm auf das geringste Maß beschränkt und ein Fest verursacht ihm kaum mehr Ausgaben, als wenn er sonst am Sonntage mit seiner Familie ausgeht.
Mit dem Wachstum der Partei wuchs auch das Unbehagen, welches die bevorrechteten Klassen seit dem Erscheinen dieser neuen Bewegung empfanden. Früher hatte man ihr, solange sie klein und in sich gespalten war, weniger Beachtung geschenkt; man hatte es den Gerichten und der Polizei überlassen, ihre Schriftsteller und Redner zu verfolgen und ihre Vereine zu drangsalieren. Jetzt richtete sich die Aufmerksamkeit der Staatsmänner auf die Sozialdemokratie. Man muß es übrigens Bismarck lassen, daß er die Bewegung von vornherein beobachtete. Er hatte auch Versuche gemacht, sie für sich zu gewinnen, aber diese Versuche, die übrigens auch möglichst ungeschickt unternommen wurden, mißlangen kläglich. Der natürliche Haß gegen die Sozialdemokratie, den Bismarck als Junker, Agrarier und Reaktionär in sich trug, wurde durch diese Abweisung ins Maßlose gesteigert. Bismarck versuchte mehrfach Verschärfungen des Strafgesetzbuches beim Reichstage durchzusetzen, um die Sozialdemokratie[202]  mit schwereren Strafen heimsuchen zu können. Aber diese Absicht scheiterte am Widerstande der liberalen Parteien, welche befürchteten, die verschärften Strafbestimmungen möchten gelegentlich auch gegen sie angewendet wer den. Von da ab lauerte Bismarck auf eine Gelegenheit, der Sozialdemokratie einen vernichtenden Schlag beizubringen. Die Gelegenheit sollte denn auch kommen.
Unterdessen aber kam im Jahre 1876 – im August – der zweite Parteikongreß zu Gotha, welcher beschloß, das Zentralorgan der Partei nach Leipzig zu verlegen und den »Volksstaat« unter dem Namen »Vorwärts« zum Zentralorgan zu erheben. Dies rief noch einmal einen Zwist zwischen Lassalleanern und Eisenachern hervor. Hasselmann sollte in die Redaktion des Zentralorgans eintreten, aber er lehnte ab und gründete ein neues Blatt als Zentrum einer Fronde gegen die Parteileitung. An seiner Stelle trat Hasenclever in das neue Zentralorgan ein. Mit dessen Ausscheiden aus der Redaktion des »Hamburg-Altonaer Volksblatt« ward in dieser erst die Geschlossenheit definitiv.[203] 
Für die bevorstehenden Reichstagswahlen wurden vierzig Wahlkreise als »offiziell« erklärt, das heißt als solche, in denen die Partei Aussicht auf Erfolg hatte. In diesen Kreisen sollte von Partei wegen in den Wahlkampf eingegriffen werden. Die Kandidaten wurden für diese vierzig Kreise vom Kongreß ernannt. Der Kongreß übertrug mir die Kandidatur für Reuß älterer Linie, welcher Kreis für offiziell erklärt worden war, da die Sozialdemokratie dort gute Aussichten hatte. Sie war 1874 erst in der Stichwahl überwunden worden.
Noch im Herbst 1876 trat ich meine erste Wahlreise in dem kleinen, aber mir bis dahin gänzlich unbekannten Fürstentum an. Mein immer für mich tätiger Freund Geib hatte die Wahlreise vorbereitet, indem er gleich nach dem Gothaer Kongreß, auf dem ich nicht anwesend war, eine Volksversammlung in Greiz abgehalten und dort meine Kandidatur proklamiert hatte.
Das Fürstentum Reuß älterer Linie (Reuß-Greiz) bildete einen der kleinsten Reichstagswahlkreise und zählte nur etwa 10000 Wähler. Die damaligen Zustände in diesem »Reiche«, dessen Fürst Heinrich XXII. war, wurden mir einmal von einem Bauern trefflich charakterisiert, der zu mir sagte: »Sie sprechen immer von unserem Staate; das ist aber kein Staat; das ist nur ein großes Rittergut.« – Die Hälfte der großen Waldungen des Landes ist fürstlicher Domanialbesitz. Die sehr starke Textilindustrie, die ihre billigen Arbeitskräfte zum größten Teil vom Lande bezog, hatte ein der Sozialdemokratie sehr zugeneigtes Proletariat geschaffen; auch waren die Bauern vielfach unzufrieden mit der ihnen ungünstigen Ablösung der Feudallasten. Die Revolution von 1848 hatte in den reußischen Fürstentümern ziemlich heftig getobt; einer der reußischen Fürsten, Heinrich LXXII. von Reuß-Lobenstein-Ebersdorf, war von ihr hinweggefegt und sein Gebiet mit Reuß jüngerer Linie vereinigt worden.4 Die Dynastie von Reuß ä. L. war antipreußisch, namentlich die Mutter Heinrichs XXII, die bis 186« für ihn die Vormundschaft führte und bis 1866 zu Oesterreich hielt, die bekannte Karoline, die so oft vom »Kladderadatsch« verhöhnt wurde. Die in Greiz sehr starken Nationalliberalen wurden vom Fürsten als »Bettelpreußen« grimmig gehaßt und hatten es nicht gut; der Redakteur der nationalliberalen »Greizer Zeitung« wurde, weil er beim Abdruck einer fürstlichen Verordnung das Wort »geruhte« in Gänsefüßchen gesetzt, zu einer horrenden Gefängnisstrafe verurteilt. Dafür suchten die Nationalliberalen den Fürsten auf ihre Weise zu ärgern. Von seiner Tafel im Parkschlosse blickte der Fürst durchs Fenster über die Elster hinüber gerade auf die Tür eines Bierkellers. Auf Veranlassung der Nationalliberalen wurde diese Tür schwarz-weiß angestrichen, um dem Monarchen während der Tafel durch den Anblick der verhaßten preußischen Farbe den Appetit zu verderben. Das scheint erreicht worden zu sein, denn alsbald wendete sich die fürstliche Regierung an[204]  den Gemeinderat mit dem Ersuchen, die Tür schwarz anzustreichen; da durch das grelle Weiß die Pferde scheu werden könnten. Der Gemeinderat und später der Landtag, beide in ihrer Mehrheit nationalliberal, lehnten das Ersuchen ab und diese Krisis fand dadurch ihr Ende, daß man eines Morgens die Tür dick mit Teer überschmiert fand.
Die erste Wählerversammlung hielt ich in dem reußischen Dorfe Fraureuth ab, welches an der sächsischen Grenze nahe bei Werdau liegt. Ein Werdauer Parteigenosse begleitete mich, um den Vorsitz zu führen. Die Versammlung war gut besetzt. Die reußische Polizei war drei Mann hoch vorhanden und dabei der Herr Oberwachtmeister von Greiz, eine sich sehr imposant dünkende Persönlichkeit, Mitte der Sechzig, hochgewachsen, mit martialischem Schnurrbart und mit ungeheurem Sarras ausgestattet. Er nahm mich gleich auf die Seite und bedeutete mir, daß ich nichts sagen dürfe, was gegen das Gesetz verstoße. Meine sehr geringschätzige Aufnahme dieser überflüssigen Mahnung muß den Mann gereizt haben, denn während meiner Rede rasselte er öfters mit dem Sarras. Der Vorsitzende gebot Ruhe und da außer dem Oberwachtmeister niemand die Ruhe gestört hatte, so nahm dieser die Sache krumm und erklärte, er werde die Versammlung auflösen, wenn der Vorsitzende weiter amtiere, da dieser ein Ausländer sei. Ich suchte den Oberwachtmeister zu belehren, daß der Vorsitzende als Sachse im Deutschen Reich kein »Ausländer« sein könne. Allein der Gestrenge blieb dabei, daß in Reuß älterer Linie ein Sachse ein Ausländer sei, und wir mußten nachgeben, um die Auflösung der Versammlung zu vermeiden. Ein »Eingeborener« übernahm den Vorsitz. Das Rasseln mit dem Sarras hörte aber auf.
Nach dieser Probe des in den behördlichen Regionen des Fürstentums herrschenden Geistes machte ich mich auf allerlei Schikanen gefaßt, aber es kam nicht so schlimm. Der Oberwachtmeister mußte alle meine Versammlungen überwachen und mir auf alle Dörfer folgen. Für diesen alten Polizeihengst bestand die Politik aus lauter böhmischen Dörfern und erst durch meine populär gehaltenen Wahlreden bekam er einen Begriff davon. Durch das häufige Beisammensein kamen wir einander menschlich näher, namentlich wenn wir auf Eisenbahnstationen oder auf entlegenen Dörfern warten mußten, und ich erwarb mir seine besondere Gewogenheit dadurch, daß ich mir das Opfer auferlegte, seine rührende Geschichte von den zwei unzertrennlichen Papageien, die er oft zum besten gab, immer wieder unverdrossen anzuhören. In Hamburg, wohin er einen Verbrecher verfolgte, hatte er die niedlichen Tierchen gekauft und sie nach Greiz mitgenommen. Hier starb das eine, das andere war traurig und folgte ihm bald nach. Dieser alte Polizeisoldat empfand nie ein Fünkchen Mitleid mit einem Verbrecher und kam nie auf den Gedanken, daß die Verbrechen ihren Ursprung in der Unvollkommenheit und Verkehrtheit gesellschaftlicher Einrichtungen haben. Kam er aber auf die unzertrennlichen Papageien zu sprechen, so verwandelte sich seine Polizeiseele sogleich in eine Butterseele und es fehlte wenig, daß er Tränen vergoß.[205] 
Als meine erste Wahlreise zu Ende ging, bemerkte ich, daß der Alte etwas auf dem Herzen hatte, und richtig, in einem Wirtschaftsgarten zu Cossengrün offenbarte er mir, was ihn bedrückte. Der Bericht an den Herrn Landrat! Das war eine schwierige Sache, der er sich nicht gewachsen fühlte. In seiner Not entdeckte er sich mir, über dessen »umstürzlerische Tätigkeit und staatsgefährliche Umtriebe« er berichten sollte. Er legte mir den Entwurf seines Berichtes vor. Ich machte aus dem Blödsinn etwas Lesbares und verfehlte nicht, mich in das beim Landrat vorteilhafteste Licht zu rücken. Der muß an einem so netten Sozialdemokraten seine helle Freude gehabt haben!
Auf dieser Reise lernte ich zuerst das merkwürdige Völklein der Weber näher kennen. Die mechanische Weberei hatte längst im Fürstentum ihren Einzug gehalten. Die Mehrzahl der Weber »machte mechanisch«, wie man damals zu sagen pflegte; die Löhne waren elend und die Arbeitszeit sehr lang. Lange Kolonnen von bleichen, abgehärmten, übermüdeten und sichtlich abgearbeiteten Menschen strömten abends aus den Fabriken. Aber noch weit schlimmer waren die Handweber daran, die es damals noch in Menge gab. Die »Gartenlaube« hatte eben einen Artikel gebracht: »Fünfzehn Ellen für fünfzig Pfennig!« Das war nicht übertrieben. Und dabei mußte der arme Weber riskieren, daß der »Faktor«, welcher die gefertigte Ware zu prüfen und den Lohn zu berechnen vom Unternehmer beauftragt war, die Ware wegen eines geringen wirklichen, angeblichen oder vermeintlichen Fehlers nicht annahm!
Ich habe viele Hütten und Höhlen der Handweber besucht. In der Mitte des Zimmers – mehr als eines hatten sie fast nie – stand der alte, von den Vorfahren ererbte Webstuhl wie ein gefräßiges Ungeheuer, was er in der Tat war, denn er fraß das Fleisch und sog das Blut der Familie. Den Tag über saß die Frau im Webstuhl, die Nacht hindurch der Mann. Kinder vom zweiten Jahr an spulten am Boden. Die Kleidung von alt und jung war äußerst dürftig. Manche besaßen ein Stückchen Garten- oder Ackerland; damit konnten sie ihre traurige Lage um ein weniges verbessern.
Ich ging einst mit einem Weber von Kleinreinsdorf, der »mechanisch machte«, durch den Wald zu einer Versammlung. Er erzählte mir, daß er alle vierzehn Tage zwölf Mark nach Hause bringe.
»Damit können Sie aber mit Ihrer Familie doch unmöglich bestehen!« sagte ich.
»Nun,« meinte er, »wir haben von unserem kleinen Acker einige Kartoffeln und können ab und zu ein Schweinchen fett machen.«
»Aber das langt doch auch nicht!« sagte ich.
Da sagte er: »Dann muß eben der himmlische Vater weiter helfen.«
Der Mann war der Führer der Sozialdemokraten in seinem Orte. Ich hatte keine Veranlassung, ihm seinen Glauben nehmen zu wollen.
Die Weber sind durchweg Leute, die viel über politische, religiöse und soziale Probleme nachdenken. Vielleicht werden sie heute durch den Fabriklärm[206]  darin gestört, aber die Handweber hatten Gelegenheit dazu, wenn das Schiffchen so einförmig hin und her flog. Heinrich Heine hat wohl schwerlich jemals die Hütte eines Handwebers besucht, aber sein Dichtergeist vermochte sich in die zugleich resignierte und revolutionäre Stimmung dieser »armen, schwitzenden Menschenhäupter« zu versenken. In seinem viel angefeindeten »Weberlied«:


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»Im düstern Auge keine Träne,
Wir sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne« usw.

hat er diese Stimmung drastisch, aber richtig geschildert, was allerdings die empfindlichen Nerven der höheren Gesellschaftskreise nicht vertragen.
In die Parteiorganisation konnte man diese Weber nur schwer bringen, denn sie konnten weder Beiträge leisten, noch auch das Abonnement einer Zeitung bezahlen. Aber unsere Reden und Flugblätter zündeten hier überall. Als die Wahl herannahte, suchten Geistliche, Beamte und reiche Privatleute durch gesteigerte Wohltätigkeit die Weber von der Sozialdemokratie abzubringen. Die Weber nahmen die gespendeten Lebensmittel, die alten Hosen, Röcke, Hemden, Schuhe, Strümpfe usw. an, aber sozialdemokratisch wählten sie doch.
Das Fürstentum Reuß älterer Linie besteht aus drei Teilen, die voneinander räumlich getrennt sind; zwischendurch erstrecken sich Gebietsteile von Reuß jüngerer Linie. Wo die Grenzen über die Chaussee liefen, waren Schlagbäume errichtet, die kein Fuhrwerk passieren konnte, ohne das übliche Chausseegeld erlegt zu haben. Manchmal fielen mir dabei Heines Verse ein:

»Das mahnt an das Mittelalter so schön,
An Edelknechte und Knappen,
Die tief im Herzen trugen die Treu
Und auf dem Hintern ein Wappen.«

Das Land um die beiden Städte Greiz und Zeulenroda herum war vorwiegend industriell; der dritte Teil, der Kreis Burgk, im Volke nur »die Burg« genannt, hatte eine überwiegend bäuerliche Bevölkerung. Dieser weltferne Strich mußte auch von mir bearbeitet werden. Mit zwei Webern von Zeulenroda, die des Weges kundig waren, brach ich nach Schleiz auf und von dort stiegen wir zu »der Burg« empor, die auf den nördlichen Ausläufern des Fichtelgebirges liegt. Die ganze Tour im Gebirge mußte aus Sparsamkeitsrücksichten zu Fuße gemacht werden, was ich gerne tat, um die Reize der oft sehr romantischen Gegend besser genießen zu können. Wir wurden in den Bauerndörfern gut aufgenommen. In einem ganz abgelegenen Nest aber konnten wir kein Quartier kriegen und machten uns bereit, in einer elenden Spelunke auf dem Fußboden zu übernachten. Da fuhr noch spät ein Landauer vor und der Eigentümer erbot sich, als er unsere Not sah und meinen Namen hörte, uns mitzunehmen. Er habe, sagte er, einige Stunden von da einen Gasthof, wo wir[207]  bequem übernachten könnten. Wir nahmen das freundliche Anerbieten mit Freuden an und erreichten in stockfinsterer Nacht ein einsames Haus. Eine Frauenstimme antwortete auf den Peitschenknall des Fuhrherrn aus einer Mansarde; wir wurden eingelassen und konnten uns noch mit schlechtem Bier und Käse vergnügen. Der Wirt flüsterte lange mit seiner Frau, welche verschwand. Bald darauf wurde uns angekündigt, daß wir auf dem Heuboden schlafen müßten. Wir waren zufrieden, wenn auch etwas enttäuscht. Der Wirt gab mir eine Laterne und sagte: »Gehen Sie nur hinauf, aber seien Sie vorsichtig mit dem Licht! Ihr Quartier ist rechts, eine Treppe hoch!« Darauf verschwand er mit sonderbarem Gelächter. Wir sahen uns erstaunt an, erstaunten aber noch mehr, als wir bemerkten, daß die Treppe, die wir hinaufstiegen, äußerst sein und geschmackvoll mit Messing eingelegt und verziert war. Eine Treppe hoch rechts ging eine Flügeltür in einen großen und kostbar möblierten Salon, in dem große Spiegel unsere Gestalten gespenstig zurückstrahlten. Auf der einen Seite war ein Gemach mit zwei Betten, auf der anderen Seite ein kleineres mit einem Bett; hier befand sich sogar eine kleine Schlafzimmer-Bibliothek, in der ich unter anderm auch Wielands »Oberon« sah. Die beiden Weber wußten nicht, was sie sagen sollten. Ich meinte lachend, der »Heuboden« gefiele mir gar nicht übel und wir wollten es uns so bequem wie möglich machen. Nach einiger Zeit kam der eine Weber herein zu mir in das kleine Zimmer, wo ich im Bette las, und meinte, es sei ihm etwas unheimlich zumute; man glaube hier wie in einem verzauberten Schlosse zu sein. Ich beruhigte ihn.5
Am anderen Morgen klärte sich das Rätsel auf. Die Wirtin, eine sehr intelligente Frau, die Tochter eines verarmten Advokaten aus dem nahen Ebersdorf, er zählte uns, ein früherer Fürst Reuß habe seiner Geliebten vor langer Zeit hier ein Heim errichtet; was wir gesehen, seien die Reste früherer Herrlichkeit; man habe mir eine kleine Ueberraschung bereiten wollen. Gegenüber lag auf einer Anhöhe ein prächtiges Reußenschloß, von dem man eine sehr schöne Aussicht auf einen Fluß hatte, der sich in tiefeingeschnittenem Tal um den Berg herum wand. Die Wirtin erzählte uns von 1848 und von Lola Montez, die, bevor sie nach München ging, bei dem »Prinzipienreiter« Heinrich LXXII. als Maitresse war, von diesem aber verabschiedet wurde, als sie mit ihrer Reitpeitsche harmlose Bauernmädchen traktierte. Wir verabschiedeten uns von unseren freundlichen Wirten und besuchten die ehemalige Residenz Ebersdorf, wo ich mir den Schauplatz jener Tragikomödie ansah. Hier empfing ich die Anregung zu dem schon genannten Roman; die Ausführung folgte aber erst zwanzig Jahre später.
Da mein Geburtstag in diese Zeit fiel, so bewirtete ich meine Begleiter mit einer Flasche Wein, wofür sie aber kein Verständnis hatten, denn sie hatten noch niemals in ihrem Leben einen Tropfen Wein gekostet.[208] 
Diese Agitation, bei der ich etwa zwei Dutzend öffentliche Versammlungen hielt, trug auch bei den Gebirgsbauern gute Früchte.
Von 1874 bis 1877 hatte Dr. Oppenheim den Wahlkreis vertreten. 1848 hatte er die Berliner Revolution – als Redner, nicht als Barrikadenkämpfer – mitgemacht und hatte mit Arnold Ruge die republikanische »Berliner Reform« herausgegeben; 1849 hatte er sich als Journalist an der badischen Revolution beteiligt. Später hatte er sich nach dem Vorbild von Ludwig Bamberger allmählich zum Nationalliberalen durchgemausert. Von ihm rührt das Wort »Kathedersozialisten« her.
Ein dritter Kandidat war ein konservativer Landrat.
Es versteht sich von selbst, daß mich die nationalliberalen und die Amtsblätter mit den üblichen Schmähungen überschütteten. Dabei verfielen sie auf allerlei Mätzchen. Ein nationalliberaler Journalist, der sich für geistreich hielt, führte in seinem Blatte ständige Redewendungen wie folgende ein: »Ein Spitzbube expropriierte gestern in einem Hotel ein Paar Stiefel.« Er fühlte natürlich nicht, wie er sich mit diesem fehlerhaften Stil blamierte. Ein anderer Sozialistentöter schrieb, ich sei ein examenflüchtiger Student. Diesem stieg ich aber auf die Bude und zwang ihn, in seinem Blatte die Berichtigung zu bringen, daß ich niemals ein Staatsexamen habe machen wollen, also auch aus keinem habe flüchten können.
Zuletzt nahm der Wahlkampf eine große Heftigkeit an. Meine Parteigenossen hielten sich sehr tapfer; auch wurde ich von den beiden Gebrüdern Treu ter, die einer wohlhabenden Familie angehörten, nachdrücklichst unterstützt.
Am Vorabend der Wahl, die auf den 10. Januar 1877 angesetzt war, fanden in Greiz zwei große Versammlungen statt; in der einen sprach Dr. Oppenheim, in der anderen ich. Als ich zu Ende war, kam eine Botschaft aus der Oppenheim-Versammlung, daß dort eine lebhafte Diskussion stattfinde. Ich wurde dringend aufgefordert, dahin zu kommen. Obschon ich dies nicht gerne tat, ließ ich mich doch überreden. Dr. Oppenheim hatte soeben mit den damals gewöhnlichen Erdichtungen und Uebertreibungen die »Greuel« der Pariser Kommune geschildert und hinzugefügt, so würden es die Sozialdemokraten auch machen, wenn die von ihnen so dringend gewünschte Revolution eintreten sollte. Darauf nahm ich das Wort und stellte kurz die historische Wahrheit bezüglich der Pariser Kommune fest. Dann sagte ich, wir hätten noch keine Revolution gemacht, aber es gäbe in diesem Saale einen Mann, der 1848 die Berliner und 1849 die badische Revolution mitgemacht habe; in Baden habe er sogar das offizielle Organ der revolutionären Regierung redigiert und sei von seinem Posten zurückgetreten, weil ihm die Regierung nicht weit genug gegangen sei. Dieser Mann sei Dr. Oppenheim! Das schlug ein. Diese Tatsachen waren den guten Greizer Bürgern, die hier versammelt waren, sorgfältig verschwiegen worden; man hatte den Dr. Oppenheim für das Muster eines reichstreuen, ordnungsliebenden Untertanen gehalten. Jetzt erwiderte er verlegen, die Revolutionen von 1848 und[209]  1849 seien »etwas anderes« gewesen. Die Versammlung war von dieser Rechtfertigung nicht erbaut; es erschollen einige starke Pfiffe. Jedenfalls wurden dem Dr. Oppenheim an diesem Abend nicht wenige Stimmen entzogen.
An diesem Tage machten sich die Wirkungen der Wahlbewegung auch im fürstlichen Schlosse bemerkbar. Seine Durchlaucht Heinrich XXII. geruhten ihren Hofstaat feierlich zu versammeln und eine Ansprache zu halten.
»Drei Kandidaten haben wir,« sprach der Fürst, »und von diesen ist mir der konservative, der auch die Spezialinteressen unseres Landes vertritt, natürlich der liebste. Der nationalliberale Kandidat will das Land in den Besitz Preußens überführen und ich hoffe, daß ihn niemand wählen wird, der seiner angestammten Dynastie nicht den historischen Rechtsboden unterhöhlen will. Da ist auch noch ein Sozialdemokrat. Ich wünsche dessen Wahl natürlich nicht. Aber wenn ihn jemand wählen will, so werde ich es ihm nicht nachtragen.«
Ein Lakai, der mir seine Stimme gab, hat mir von dieser Szene als Augenzeuge berichtet.
Am Wahltage fuhr ich nach Hamburg zurück. Dort empfing ich anderen Tages die telegraphische Nachricht, daß ich mit 4052 Stimmen im ersten Wahlgang zum Reichstagsabgeordneten für Reuß älterer Linie gewählt worden sei. Die Wahlkosten betrugen etwa 600 Mark.[210] 
Fußnoten

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1 In seiner Gedichtsammlung »Grüße des Werdenden« ist das Gedicht »Korinthiaka« an mich gerichtet und war bestimmt, mich über einen mir sehr widerwärtigen Streit in der Partei zu trösten.

2 Diesen Vergleich mit der bekannten alt-mazedonischen Schlachtordnung gebraucht auch Audorf in seiner Arbeitermarseillaise. Dieses Lied, obwohl formell an einigen Mängeln leidend, erfreute und erfreut sich noch einer großen Popularität, weil es den richtigen Ton getroffen hat. Darum sind alle Versuche, es durch andere Gesänge zu ersetzen, gescheitert. Namentlich die Eisenacher haben sich seinerzeit vergeblich darum bemüht; ihren Führern sagte der lassalleanische Inhalt des Gesanges nicht zu. Aber die Masse hielt daran fest.

3 Ewer heißen die Boote, die den Güterverkehr auf der Elbe vermitteln.

4 Heinrich LXXII hieß »Der Prinzipienreiter«; seinen Sturz habe ich in meinem humoristisch-satirischen Roman »Der Prinzipienreiter« (2. Aufl. Vorwärts-Verlag 1912) behandelt.

5 Er lebt noch und ich sende dem alten Franz Rei 
chelt in Zeulenroda einen Gruß.




Der Reichstag










Die Reichstagswahlen von 1877 hatten der Sozialdemokratie einen für jene Zeit großen Erfolg gebracht. Das war wesentlich, dem nunmehrigen Zusammenwirken der früher sich so heftig bekämpfenden Richtungen zu danken. Wir erhielten im ersten Wahlgang 486800 Stimmen gegen 379500 im Jahre 1874. Dabei muß in Anschlag gebracht werden, daß damals die Wahlbeteiligung nicht entfernt so stark war wie heute. Das allgemeine Wahlrecht begann erst die große Masse der Deutschen zu politischer Betätigung zu erziehen. Hätte Bismarck eine solche Wirkung dieser demokratischen Institution vorausgesehen, so würde er sie schwerlich eingeführt haben.
Infolge der die ländlichen Bezirke begünstigenden Wahlkreiseinteilung waren der Sozialdemokratie bei der Hauptwahl nur neun, bei den Stichwahlen nur drei Mandate zugefallen. Aber die große Zunahme der sozialdemokratischen Stimmen in den Städten erschreckte die herrschenden Klassen. Die liberale Bourgeoisie wurde nervös.
1851 hatte Bismarck im Bundestage die großen Städte als einen Krebsschaden und als Brutstätten revolutionärer Elemente bezeichnet. »Man werde, wenn es nötig würde, die Städte vom Erdboden vertilgen, wünscht unser Diplomat im Bundestage.« So schreibt darüber Alexander von Humboldt an Varnhagen von Ense. Jetzt kamen bei der liberalen Bourgeoisie verwandte Empfindungen zum Vorschein. »Der Landmann,« so hieß es in deren Presse, »hat mit fester Hand die schwankende Wage ins Gleichgewicht gebracht und den rollenden Stein aufgehalten, der die bestehende Ordnung zu zertrümmern drohte.«
Wohl zum Troste für diese liberalen Angstmeier entdeckte in der Folge Herr Schäffle den »antikollektivistischen Bauernschädel«, an dem die sozialistischen Tendenzen abprallen sollen. Er übersah dabei, daß es die Sozialdemokratie gar nicht nötig hat, durch Zusammenstöße die Härte dieses Schädels zu erproben. Denn wir sind in das Zeitalter der Industrie hineingewachsen, die in Verbindung mit Handel und Verkehr heute schon etwa zwei Drittel der Arbeitskräfte unserer Bevölkerung an sich gezogen hat und auch deren Zuwachs zum weitaus größten Teil an sich zieht, während die Landwirtschaft nur ein Drittel der Arbeitskräfte aufnehmen kann und stationär bleibt. In neuerer Zeit hat sich dies Verhältnis durch die immer steigende Abwanderung einheimischer Arbeitskräfte aus dem Osten in die mittel- und westdeutschen Industriebezirke und durch Heranziehung ausländischer Wanderarbeiter noch weiter zuungunsten der Landwirtschaft verändert. Es ist richtig, daß die weitesten bäuerlichen[213]  Kreise für die sozialdemokratische Bewegung lange völlig unzugänglich gewesen sind. Das hat sich aber schon dadurch geändert, daß die Industrie die ländliche »Idylle« zerstörte, indem sie sich billige Arbeitskräfte aus den Familien der Parzellenbauern heranholte. Wo immer auf dem Lande ein Schornstein raucht oder eine Maschine rasselt, wird für die Sozialdemokratie – wenn auch ohne Wissen und Wollen – vorgearbeitet. Dann aber hat die steigende Steuerlast viele bäuerliche Elemente »rebellisch« gemacht, besonders nachdem sie sich überzeugt haben, daß die agrarische Hochschutzzollpolitik nur den Latifundien- und Rittergutsbesitzern, sowie den Großbauern Vorteil bringt, während sie den mittleren Bauern im besten Fall wenig nützt und der ungeheuren Menge der Parzellenbauern eher Schaden zugefügt. Die ländlichen Arbeiter, Taglöhner usw. beginnen sich trotz aller Rechtlosigkeit nunmehr zu organisieren. Gelingt es, diese Organisation zur Größe und Macht auszugestalten, dann werden die reaktionären Elemente auf dem Lande bald matt gesetzt sein. –
Am 22. Februar 1877 wurde die erste Sitzung des neugewählten Parlaments im alten Reichstagsgebäude in der Leipziger Straße abgehalten. Die feierliche Eröffnung mit Thronrede hatte vorher im Schlosse stattgefunden. Von diesem Akt waren, wie üblich, die sozialdemokratischen Abgeordneten ferngeblieben.
Ich befand mich auf einem mir bis dahin völlig fremden Boden und suchte mich nach Möglichkeit zu orientieren.
Die kleine sozialdemokratische Fraktion verschwand in der erdrückenden Masse der Vertreter der bürgerlichen Parteien.
Welch eine Menge von Charakterköpfen unter alltäglichen Erscheinungen! Welche anziehenden und welche abstoßenden Physiognomien!
In diesem Hause dominierte der Liberalismus in seinen verschiedenen Abstufungen. Es gab 127 Nationalliberale, 9 Mitglieder der nationalliberal-schutzzöllnerischen Gruppe Löwe-Berger und 35 Fortschrittsmannen. Reichspartei und Konservative zählten 78, das Zentrum 93 Mitglieder. Polen gab es 14 und Elsässer 10.
Die Nationalliberalen rechneten diese Periode noch zu ihrer »großen Zeit«, obschon die Partei bereits im Niedergange war. Die Masse ihrer Wähler glaubte noch an den »liberalen« Staatsmann Bismarck, der ihnen vorgetäuscht worden war; ihre parlamentarischen Vertreter waren von dieser Illusion so ziemlich kuriert, wenn sie auch vor dem »Herkules des Jahrhunderts« das Weihrauchfaß schwangen und sich von ihm nach seinen Launen mißhandeln ließen. Der famose »Kulturkampf« gegen die Pfaffen ging seinem Ende entgegen, nachdem er einen großen Mißerfolg gebracht und das Zentrum gestärkt hatte. Dennoch traten die Nationalliberalen im Bewußtsein ihrer numerischen Macht mit einem albernen Hochmut auf, der ungemein abstoßend wirkte. Sie übten einen Terrorismus aus, wie nachher niemals eine starke Fraktion sich ihn gestattet hat. Dieser Terrorismus erreichte seinen Höhepunkt in den gedruckten Schlußanträgen, welche der nationalliberale Abgeordnete Valentin dem Präsidenten in beliebiger[214]  Anzahl zur Verfügung stellte, so daß dieser jederzeit die Minoritätsparteien mundtot machen konnte. Valentin, eine ganz unbedeutende Persönlichkeit, verfiel der Lächerlichkeit und verschwand bald aus dem Hause.
Unter den Nationalliberalen gab es solche, die 1848 sehr getobt hatten und nun bemüht waren, diese Vergangenheit auszulöschen durch die niedrigste Liebedienerei gegen den mächtigen Kanzler und durch eine potenzierte Gehässigkeit gegen jegliche Opposition. Diese Überläufer begriffen nicht, wie lächerlich ihr Auftreten erscheinen mußte.
Der entschiedene Liberalismus konzentrierte sich in der Fortschrittspartei, in der sich verschiedene alte Demokraten und bekannte Oppositionsmänner aus der Konfliktszeit befanden. Sie hatte damals einen starken Anhang in Ostpreußen, wo das Junkertum nicht so allmächtig war wie heute. Die Fortschrittspartei leistete der Bismarckschen Politik im allgemeinen einen manchmal recht schwächlichen Widerstand und machte den »Kulturkampf« mit – der Ausdruck rührt von dem Fortschrittsmann Virchow her – aber gerade diese Partei hatte das geringste Verständnis für die sozialen Probleme unserer Zeit und bei ihr befanden sich unsere gehässigsten Gegner.
Die eigentliche bürgerliche Demokratie war nur durch vier Abgeordnete vertreten. Diese waren entschiedene Gegner der preußischen Vorherrschaft in Deutschland und waren zuverlässig im Kampf um die politische Freiheit. Sie stellten auch sozialpolitische Forderungen auf, versagten aber meist, als wir mit bestimmten Anträgen vorgingen. Seitdem sich auf dem Nürnberger Kongresse Demokratie und Sozialdemokratie getrennt, herrschte hier vielfache Mißstimmung, die am besten gekennzeichnet wurde durch das gegen uns gerichtete Wort des schwäbischen Demokraten Julius Haußmann: »Die Kerle verderbet ons älles!«
Daß Fortschrittspartei und bürgerliche Demokratie uns nicht liebten, war selbstverständlich. Sie betrachteten sich als die Erben der Ideen von 1848; aber sie verwalteten diese Erbschaft so schlecht, daß wir sie übernehmen mußten. Als bürgerliche Parteien, die auf dem Boden der kapitallistischen Produktionsform standen, verloren sie den Anhang, den sie unter den Arbeitern gehabt, sobald diese zum Klassenbewußtsein erwacht waren.
Dennoch gab es beim Kampfe gegen die Gewalttätigkeiten des Bismarckschen Regiments Gelegenheiten genug, wo wir uns mit bürgerlicher Demokratie und Fortschrittspartei zusammenfanden. Ebenso mit dem Zentrum, das sich damals noch in schroffer Oppositionsstellung befand; man verspürte noch die »Weißglühhitze« des Kulturkampfes, der das Zentrum zu einer großen Partei gemacht hat, indem er ihm Sympathien verschaffte, die es bis dahin nicht gehabt. Es befanden sich auch viele demokratische Elemente bei dieser Partei und sie trat damals kräftig für die politischen Volksrechte ein, welche vom servilen Nationalliberalismus verleugnet und verraten wurden. Wir vergaßen dabei aber nicht, daß das Zentrum als Ganzes eine reaktionäre, an mittelalterlichen Überlieferungen klebende Partei und seine Opposition nur eine Sache zeitweiliger Taktik war.[215] 
Welch eine Fülle bekannter, historischer und interessanter Persönlichkeiten bewegte sich in diesem Saale!
Meiner Neigung für historische Studien folgend interessierte ich mich zunächst für die vielen »Achtundvierziger« und unter diesen wieder zunächst für die Mitglieder des Frankfurter Parlaments. Da war zunächst Löwe-Calbe, der einstige Präsident des Rumpfparlaments in Stuttgart, dessen Stimme bei der Sprengung dieser Versammlung vom Kalbfell übertäubt wurde. Das unscheinbare Männlein hatte sich für die lebenslängliche Zuchthausstrafe, die ihm vom Berliner Obertribunal zuerkannt worden und vor der er sich nach Amerika geflüchtet, dadurch untertänigst bedankt, daß er schutzzöllnerischer Nationalliberaler geworden war. August Reichensperger1 vom Zentrum. Beseler und Grumbrecht von den Nationalliberalen waren auch in der Paulskirche gewesen und übertrugen das Redegeplätscher, das sie sich dort angewöhnt, in den deutschen Reichstag; sie stellten alle drei richtige parlamentarische Ruinen dar, namentlich Grumbrecht mit seinem Samtkäppchen. H. H. Meier von Bremen war der ungeschlachte Typus des kaufmännischen Protzen und konstatierte dies selbst, als er den Reichstag anhauchte: »Der Norddeutsche Lloyd bin ich!« Hochmütiger kann Ludwig XIV. sein »der Staat bin ich!« auch nicht verkündigt haben. Sympathischer als dieser nationalliberale Großkapitalist waren zwei andere ehemalige Mitglieder des Frankfurter Parlaments von der Linken, Schwarzenberg aus Kassel, ein liebenswürdiger Herr, der seinerzeit mit dem bekannten Hildebrand von Marburg, dem Nationalökonomen, von Hassenpflug hart verfolgt worden, aber seiner Gesinnung treugeblieben war, und Karl Mayer aus Stuttgart2, der bekannte schwäbische Politiker, der gerne aus den stürmischen Tagen in der Paulskirche erzählte.
Auch der letzte Präsident der preußischen National-resp. Vereinbarungsversammlung zu Berlin, Herr von Unruh, war zugegen. Der Erfinder des »passiven Widerstandes« sah immer griesgrämig drein, als fühle er noch seine historische Blamage auf sich lasten. Er war natürlich nationalliberal geworden. Von anderen Mitgliedern der Berliner Nationalversammlung waren noch da Peter Reichensperger, der mehr Geist besaß als sein Bruder August, und Schulze-Delitzsch, der von Lassalle entthronte einstige »König im sozialen Reich«, jetzt ein gebücktes, zusammengeschrumpftes Männlein.
Mit Interesse betrachtete ich auch die Erscheinung von Kleist-Retzow, der 1848 zur berüchtigten Kamarilla am preußischen Hofe gehört und die[216]  Kreuzzeitung mit begründet hatte. Im preußischen Abgeordnetenhaus von 1849 hatte er getobt, er wolle sich eher zerreißen lassen, als der Frankfurter Reichsverfassung zustimmen, und in der Reaktionszeit hatte er als Oberpräsident der Rheinprovinz den Prinzen von Preußen, den späteren Kaiser Wilhelm I., als »zu liberal«, bespitzeln lassen. Sein stets grimmiges Gesicht, von struppigem weißen Haar umrahmt, erinnerte an die märkischen Raubritter, die einst dem Landesherrn Fehde ansagten:

»Joachimken, Joachimken, hüte di,
Kriegen wi di, so hangen wi di!«

Und dieser Junkertrotz brach auch bei ihm hervor, als er einst ausrief, seine Vorfahren hätten in Brandenburgs Forsten schon früher Sauen gejagt als die Hohenzollern. Er war übrigens einer der besten Redner, die ich je gehört. Er schleuderte in seinen Donnerreden bei jeder Gelegenheit wilde Schmähungen gegen uns.
Der Feldmarschall Moltke, dessen scharfe Züge – »raubvogelartig« nannten sie die Franzosen – durch eine vortrefflich gearbeitete Perücke gemildert wurden, erschien dagegen, wenn er uns angriff, als Kavalier im guten Sinne des Wortes. Er bekämpfte uns streng prinzipiell, aber niemals mit Beschimpfungen.3
Stets still und in sich gekehrt, das Haupt mit dem weißen Bart gesenkt, saß bei den Nationalliberalen Friedrich Oetker, der einst so viel gefeierte und von Hassenpflug so viel verfolgte Führer des Liberalismus in Kurhessen. Eine Rede hat er im Reichstag nie gehalten. Still verhielt sich zuletzt auch von Bockum-Dolffs, ein ehemaliger preußischer Landrat, der unter Manteuffel gemaßregelt war, eine stattliche Erscheinung, der wie ein rechter Bureaukrat aussah. Er war indessen entschieden liberal gesinnt. Als er 1863 dem preußischen Abgeordnetenhause präsidierte und der Kriegsminister von Roon sich der Ordnung des Hauses nicht fügen wollte, ließ Bockum-Dolffs sich seinen Hut bringen, bedeckte sich und schloß die Sitzung. Er wurde von Bismarck abermals gemaßregelt. Er hieß von dieser Affäre der »Hutpräsident«. Jetzt war er »wild«, d.h. er gehörte keiner Fraktion an.

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Herr Miquel, die lange schmale Gestalt mit dem dichten weißen Haar und den lebhaften Zügen, bemühte sich als Nationalliberaler sehr, den ehemaligen Kommunisten zu verleugnen, der mit Karl Marx korrespondiert hatte und nach 1848 noch »kleine Bauernaufstände« anstiften wollte.[217]  Er hatte es bald für vorteilhafter erkannt, sich durch Börsenspekulationen ein Vermögen zu machen. Sein Parteigenosse Karl Braun, einst Führer der liberalen Opposition in Nassau, genannt »unser Braun«, besaß viel Humor, den er oft gegen uns spielen ließ. Seine Witze waren aber manchmal sehr gezwungen, weil er aus seiner humoristischen Stimmung dann in Gehässigkeit verfiel. Als Schriftsteller stand er nicht sehr hoch, dagegen besaß er die beste Weinzunge im Hause. Er sah auch mit seiner breiten behäbigen Gestalt und seinem immer fröhlichen Gesicht wie ein rechter Weinschwelg aus. Da er als extremer Freihändler die Schutzzollpolitik Bismarcks bekämpfte, sagte dieser giftig von ihm: »Das Bier macht dumm und demokratisch.« Braun gehörte später zu den Freisinnigen. In der letzten Zeit des Sozialistengesetzes ging bei Braun und Miquel eine Wandlung vor. Beide empfanden die schnöde Ungerechtigkeit dieses Gesetzes und halfen insgeheim dessen Opfer unterstützen.
Die dürre, schlottrige Erscheinung von Ludwig Bamberger mit dem spärlichen roten Haar auf dem kahlen Scheitel war eine Zielscheibe für den Spott der Konservativen. Der Junker Graf Mirbach nannte ihn eine »Siegfriedsgestalt« und lud ihn ein, in den lithauischen Wäldern mit ihm »den Auerhahn anzuspringen«. Bamberger war ein geist-und kenntnisreicher Mann, ein vortrefflicher Redner und Schriftsteller. Aber der tragikomische Held der Pfälzer Erhebung für die Reichsverfassung, der während der Revolution als roter Republikaner auftrat, suchte als Nationalliberaler seine revolutionäre Vergangenheit durch giftige Schmähungen gegen die Sozialdemokratie zu vertuschen. Deshalb gönnten wir ihm den Spott der Junker.4 Der Professor Gneist, 48er Bürgerwehroffizier und im preußischen Landtag einer der heftigsten Gegner Bismarcks, konnte diesen nun nicht genug verherrlichen. Er war »ein schwer gelehrter Mann«, aber die Widersprüche in seiner politischen Laufbahn bewirkten, daß er sehr oft in seichte Schwätzerei verfiel. Man nannte ihn »den Mann, der alles beweisen kann«.
Friedrich Kapp, eine sympathische Erscheinung, hatte 1848 beim Septemberaufstand in Frankfurt als wilder Republikaner furchtbar getobt, war aber, wie Ludwig Feuerbach erzählte, vor dem Barrikadenkampf noch rechtzeitig unsichtbar geworden5. Jetzt war er aus dem nordamerikanischen Exil so gut nationalliberal zurückgekommen, daß Bismarck seine Wahl empfohlen hatte. Auch die nationalliberalen Abgeordneten Hammacher und Lasker hatten eine revolutionäre Jugend hinter sich. Lasker, der jetzt auf der Höhe seiner politischen Erfolge stand, war 1848[218]  bei der akademischen Legion in Wien gewesen. Noch in der Konfliktszeit der sechziger Jahre hatte er energisch gegen Bismarcks Regiment gekämpft; dann hatten ihn dessen Erfolge zum Nationalliberalen umgewandelt. Er hatte damals einige konservative »Gründer«, namentlich den Geheimrat Wagener, politisch vernichtet. Es gab damals mehr liberale als konservative »Gründer«, allein die Konservativen brachten es zu keiner rechten Gegenaktion und revanchierten sich nur mit der berüchtigten »Reichsglocke«, was wenig wirkte. Aber Lasker wurde damals der große Mann seiner Partei. Das kleine, zappelige, schwarzhaarige Männchen redete ungeheuer viel und lang und galt sehr bald beim Volke als der Typus des Parlamentsschwätzers. Im »Neuen Wintermärchen« hieß es von ihm grob, er sei der größte Schwätzer auf Erden und man müsse sein Maul nach dem Tode noch extra totschlagen. Bismarck nahm ihn nicht ernst und als Lasker einst von Volksrechten sprach, meinte Bismarck, das seien »deklamatorische Redensarten«. Übrigens war Lasker ein persönlich liebenswürdiger Mensch und ein ehrenhafter Charakter, von seinen politischen Schwankungen abgesehen.
Herr von Bennigsen war das eigentliche staatsmännische Element der nationalliberalen Partei. Sein Gesicht mit dem großen »Schmiß« auf der linken Wange war nicht gerade anziehend, aber seine Erscheinung war stattlich und er war ein vortrefflicher Redner. Er hatte Bismarck große Dienste geleistet und sich dabei vor 1866 in Hannover mancher Gefahr ausgesetzt. Sein Traum war jedenfalls, Minister oder Staatssekretär zu werden. Aber Bismarck hielt ihm zwanzig Jahre lang ein Portefeuille als Köder hin, um ihn gefügig zu erhalten. Schließlich ging er leer aus. Er war nicht der einzige Nationalliberale, der von Bismarck so belohnt worden ist.
Da war noch Völk, »die Frühlingslerche«, der blonde, polternde Algäuer, der später mit seinem Freunde Schauß eine besondere Gruppe bildete, genannt die »schäußliche Völkerschaft«, der »trinkbare« Marquardsen, der einst mit meinem Onkel Schmezer und Scheffel zu Heidelberg »im Engern« gewesen, der immer schimpfende, gänzlich taube Treitschke: auch Schenk von Stauffenberg, mit dem ich in späterer Zeit näher bekannt wurde und der sich für den von mir neu herausgegebenen »Großen Bauernkrieg« von Zimmermann so interessierte, daß er bei den oberschwäbischen Bauern nach Traditionen aus jener Zeit forschte, doch ohne allen Erfolg. Er kam später zu den Freisinnigen.6
Unser gehässigster Gegner in diesem Reichstag war wohl der Fortschrittsmann Eugen Richter. Er behauptete, seine Abneigung gegen die[219]  Sozialdemokratie aus dem Auftreten Lassalles, dessen Versammlungen er im Rheinland besucht, geschöpft zu haben. Er hielt die Sozialdemokratie für eine indirekte Schöpfung der preußischen Polizei, über welche bornierte Auffassung er zeitlebens nicht hinauskam. Schließlich verzweifelte er an sich selbst, als er seine Partei von der neuen Arbeiterbewegung überflügelt sah. Er war ein vortrefflicher Redner, aber wenn er polemisierte, bekam seine Stimme leicht etwas Keifendes und seine brutalen Gesichtszüge erschienen dann noch unsympathischer. Als gründlicher Kenner des Etats kritisierte er diesen schärfer als irgend jemand unter den bürgerlichen Parteien. Zugleich konnte er den Reichstag gut unterhalten mit Geschichten, wie die vom »ausgestopften Hauptmann«7.
Indem er die »Freisinnige Zeitung« gründete, nahm er seinen Reden die Wirkung, die sie vorher gehabt. Denn diese Zeitung brachte nun alles Interessante vorher.
Zu der Fortschrittspartei war auch Heinrich Bürgers gekommen, der einst dem Kommunistenbund angehört und im Kölnischen Kommunistenprozeß zu einer schweren Strafe verurteilt war. Nun bekämpfte er die Sozialdemokratie mit dem Eifer des Überläufers in der »Rheinischen Zeitung«, an deren Vorläuferin einst Karl Marx gewirkt hatte.
Der fortschrittliche Professor Hänel, der in bezug auf die Strafgesetzgebung so merkwürdig reaktionäre Ansichten hatte, machte mit seinem Pathos und seinen abgezirkelten Hand- und Armbewegungen den Eindruck eines Rede-Automaten. Weit sympathischer als dieser zünftige Professor war der Professor Virchow. Es war interessant, wenn Bismarck mit diesem alten Gegner aus dem Abgeordnetenhause zusammenstieß. Virchow hielt an den Traditionen von 1848 fest und sprach einmal von »guten Revolutionären«, worüber die Junker ein fürchterliches Geschrei erhoben. »Wie plätschert er so behaglich im parlamentarischen Gewässer!« meinte Liebknecht.
Im Gefolge Eugen Richters befand sich auch der unglückselige »Harmonieapostel« Max Hirsch, der mit Franz Duncker zusammen die deutschen Gewerkvereine begründet hatte. Diese waren eine verunglückte Nachahmung der englischen Trades unions. Letztere führten einen großen Klassenkampf, während den Gewerkvereinen in Deutschland »die Harmonie zwischen Arbeit und Kapital« gepredigt wurde. Daß dies Unternehmen mit einem großen Mißerfolg enden würde, war vorauszusehen, und Max Hirsch wurde bald eine komische Figur. Sein stets verdrossenes Gesicht schien zu beweisen, daß er dies selbst empfinde.8[220] 
Franz Duncker, der auch dem Reichstage angehörte, hatte aus dem Umgang mit Lassalle wenig sozialpolitisches Verständnis gewonnen. Er war mit seiner hohen Gestalt und dem langen weißen Bart ein Typus der achtundvierziger Demokratie. Eine tiefe Melancholie lag auf seinem Antlitz, denn der Mann, der einen so angesehenen Verlag besessen und ein so glänzendes Haus gemacht, war gänzlich verarmt. Über die Abenteuer Lassalles aus der Zeit, da er im Dunckerschen Hause verkehrte, machte später die Gräfin Hatzfeldt sehr indiskrete Mitteilungen.
Der Führer des Zentrums war der Hannoveraner Ludwig Windthorst, einer der geschicktesten Parlamentarier aller Zeiten. Äußerlich war er eine possierliche Erscheinung; ein ganz kleines Männchen mit einem feierlichen Ernst auf seinem glatten, runden Gesicht, wodurch seine Witze um so wirksamer wurden. Er war eigentlich ein Welfe, aber er konnte seine staatsmännische Begabung nur bei einer großen Partei zur Geltung bringen und schloß sich darum dem Zentrum an. Mit Recht hat man ihm nachgerühmt, er habe dem Gewaltregiment Bismarcks eine geistige Macht gegenübergestellt; allerdings darf man nicht vergessen, daß diese geistige Macht auch einen starken materiellen Rückhalt hatte. Ein hervorragender Redner war er an sich nicht; wenn er nicht aus dem Hause unterbrochen wurde, konnte er sehr langweilig werden. Aber die Unterbrechungen lockten seinen sprühenden Witz hervor. Das »hohe Haus« unterhielt sich köstlich dabei, wenn er die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung«, die damals dem Guanofabrikanten Ohlendorff gehörte, als »Düngerwagen« bezeichnete, oder wenn er zur Geschäftsordnung sein Bedauern aussprach, daß irgendein nationalliberaler Kulturkampfpauker nicht zu Worte gekommen. Einst kündigte er an, er werde beweisen, daß das Zentrum weit liberaler sei als die Nationalliberalen, und stellte im preußischen Abgeordnetenhause den Antrag auf Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Preußen. Die Nationalliberalen getrauten sich als Schildknappen Bismarcks nicht, dafür zu stimmen, und waren die »blamierten Europäer«. Mit uns stand Windthorst persönlich sehr gut; wir sahen in ihm den Führer einer Partei, die damals in Verteidigung konstitutioneller Rechte viel zuverlässiger war als die Nationalliberalen. Unsere Fraktion gratulierte ihm stets zum Geburtstage und er bedankte sich bei jedem einzelnen. Mit mir plauderte er sehr oft und blieb sehr zutraulich, obwohl wir einmal bei einer Debatte über die Kulturkampfgesetze im Plenum aneinander geraten waren. Eines Tages rief er mir zu, ich möchte mich zu ihm auf eine Bank im Foyer setzen; ich tat es und er sagte: »Herr Most hat mir ein Todesurteil geschickt und angekündigt, ich würde mit einer Bank in die Luft fliegen. Vielleicht liegt unter dieser Bank die Dynamitbombe. Fliegen Sie doch zur Gesellschaft mit auf!« – »Mit Vergnügen,« antwortete ich lachend, »ich habe nämlich auch ein Todesurteil von Most bekommen; da geht es in einem hin!«
Der gute Most hatte, nachdem er Anarchist geworden und die »Propaganda der Tat« begonnen, an alle sozialdemokratischen Abgeordneten und viele andere Mitglieder des Reichstages Todesurteile versandt.[221] 
Durch die Witzblätter war Windthorsts Erscheinung sehr populär geworden. Als er einst im Auftrage des Herzogs von Cumberland im Schlößchen Richmond bei Braunschweig erschien, grüßten einige der gerade dort beschäftigten Maurer: »Guten Tag, Exzellenz! – »Woher kennen Sie mich denn?« fragte er. – »Aus dem Kladderadatsch!« antworteten die Arbeiter.
Ein vortrefflicher Redner des Zentrums war der Freiherr von Schorlemer-Alst; man sah seiner aristokratisch-eleganten Erscheinung den ehemaligen Reiteroffizier an. Freiherr von Franckenstein, ein fränkischer Hüne, machte mehr Eindruck durch seine sieben Fuß Lange als durch seine Reden.
Der berühmte Historiker Jörg war eine bäuerlich-knorrige Erscheinung, der seine Toilette sehr vernachlässigte. Aber er vereinigte viel Geist mit viel Wissen und hat dem »Säkularmenschen« oft hart zugesetzt.
In der kleinen demokratischen Gruppe befand sich Friedrich Payer, der spätere schwäbische Kammerpräsident, dessen parlamentarische Laufbahn jetzt begann, sowie Karl Holthof, der Vertreter von Frankfurt am Main. Holthof stand uns von allen bürgerlichen Abgeordneten am nächsten. Ich hatte ihn, wie schon erwähnt, in Frankfurt am Main kennen gelernt.
Es gab noch eine Reihe charakteristischer Erscheinungen. Da war »Onkel Chlodwig«, der spätere Reichskanzler Hohenlohe; das kleine Männlein fungierte als Vizepräsident. Die beiden Wiggers, denen die Reaktion so übel mitgespielt, Bethusy-Huc9, der bekannt wurde durch sein Wort: »Man muß den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen«; Schröder-Lippstadt, der meinte, es gäbe genügend junge Leute, die so dumm seien, daß sie Minister werden könnten; Schalscha, der bei Berechnung der Kosten eines Reiterregiments die Pferde vergaß; der Münchener Pfarrer Westermayer, von dem der Spruch ging:



»Der Pfarrer von Sankt Peter
Is a lustiger Ma,
Er tuet, was er mueß
Und saust, was er ka!«

Ferner der dicke Däne Krüger-Beftoft, der Danebrogsmann, der unaufhörlich mit Recht daran erinnerte, daß Bismarck im Artikel V des Prager Friedens den Nordschleswigern eine Volksabstimmung, ob sie zu Dänemark oder zu Deutschland gehören wollten, zugesichert, aber dann verhindert habe. Die Nationalliberalen verhöhnten den Mann und wollten mit Lachen gar nicht mehr aufhören, als er bei einer Zolldebatte von »jungfräulichen Hinterländern« sprach. Da war der reaktionäre Hofrat Ackermann aus Dresden, den wir wegen seines Gesichts den »sächsischen Uhu« nannten, sowie der Schwabe Schwarz, der in der württembergischen[222]  Kammer Demokrat und im Reichstag Fortschrittler war, der einer Einladung von Bismarck folgte und damit bestraft wurde, daß man in »Über Land und Meer« ihn an Bismarcks Tafel schmausend abbildete; der badische Oberstaatsanwalt Kiefer, der die Kassation der, Wahl eines badischen Abgeordneten damit verhindern wollte, daß er sagte, dessen Sohn sei auf dem Felde der Ehre gefallen; der spätere württembergische Minister Hölder, der eine besondere Gruppe bildete; der spätere württembergische Minister Schmid, 1848 wegen seines »wütigen« Auftretens die »Hyäne von Munderkingen« genannt, und schließlich Markus Pflüger, der Hirschwirt von Lörrach, der 1848 beim Struveputsch stolz auf seinem Postschimmel vor den Freischaren einherritt, dann aber nationalliberal und später freisinnig wurde. Und noch viele andere, welche aufzuführen zu weit führen würde.
Nicht wenig gespannt war ich natürlich, den Mann der Blut- und Eisenpolitik zu sehen. Fürst Bismarck war damals 62 Jahre alt und sehr rüstig. Das vollständig kahle Haupt glänzte wie eine Billardkugel. Er besaß viel Witz und Humor, der aber fast immer schwarzgallig herauskam. Bismarck wäre einer der besten Redner gewesen, wenn er nicht ein so außerordentlich schwaches Organ gehabt hätte. Daher wurde der unmittelbaren Eindruck seiner Reden sehr beeinträchtigt. Nur wenn er in Zorn geriet, konnte er einzelne kurze Satze sehr laut hervorstoßen. Und er geriet oft in Zorn. Einmal drohte er sogar der Linken wegen eines Zwischenrufs mit der geballten Faust. Er trug dem Reichstag gegenüber eine große Geringschätzung zur Schau, sowohl gegen die Körperschaft als gegen einzelne Personen. Obwohl selbst sehr empfindlich, war er gegen andere sehr grob. »Sie imponieren mir gar nicht,« rief er in den Reichstag hinein, als von einer »imposanten« Mehrheit für einen Diätenantrag gesprochen wurde. Er konnte sich das erlauben, denn es war unglaublich, wie die nationalliberale Mehrheit vor ihm kroch und ihn um so eifriger beweihräucherte, je gröber er war. Auch ehemalige Revolutionäre ließen sich alles von ihm gefallen. Als er den Abgeordneten Bamberger ein »sujet mixte« nannte, wagte dieser, der sich in giftigen Beschimpfungen der Sozialdemokratie gar nicht genug tun konnte, nur ganz schüchtern zu antworten. Von den Grobheiten, mit denen Bismarck seine Umgebung traktierte, wurde geradezu Großartiges erzählt. Er hatte nunmehr dem Bürgertum breite Bahnen zur Großindustrie und zum Welthandel erschlossen und es häufte riesige Kapitalien an; dafür wollte Bismarck aber in seinen weiteren Plänen nicht gestört sein.
Er hatte um diese Zeit die Maske eines halbliberalen und halbmodernen Staatsmannes, mit der er das liberale Bürgertum getäuscht, schon abgeworfen. Der typische Feudaljunker kam wieder zum Vorschein und es wurde auch bald der Hintergedanke offenbar, den er bei der Reichsgründung gehabt, nämlich seiner verkrachenden Kaste wieder empor zu helfen. Bald konnten die Junker ihre agrarischen Beutezüge über das ganze Reich ausdehnen.[223] 
Uns Sozialdemokraten glaubte Bismarck, der doch mit Lassalle verhandelt hatte, nur mit Ironie traktieren zu sollen. Die Macht der Tatsachen sollte ihn bald eines anderen belehren.
Die anderen Minister traten so hinter Bismarck zurück, daß man wenig Interesse für sie empfand; am meisten noch für Delbrück und für den Generalpostmeister Stephan. Auf den Bundesratsbänken interessierte mich zunächst nur Gildemeister von Bremen, der glänzende Übersetzer von Ariost, Shakespeare und Byron, der dort schweigend seine Zeit absaß.
So sahen im ganzen und großen die Vertreter der feudal-bürgerlichen Welt in dieser Versammlung aus, denen unsere kleine Fraktion als einzige Vertretung der proletarischen Welt gegenüberstand. Von dieser Fraktion sind heute nur noch August Kapell und ich am Leben.
Die Fraktion bestand aus Liebknecht, Bebel, Hasenclever, Motteler, Auer, Fritzsche, Most, Demmler, Rittinghausen, Bracke, Kapell und mir. Es herrschte, wie nur in einer kleinen Fraktion möglich, ein freundschaftliches und brüderliches Verhältnis der einzelnen zueinander; die beiden Alten, Rittinghausen und Demmler ausgenommen, standen wir alle auf Du miteinander. Die führenden Persönlichkeiten waren Liebknecht und Bebel; Hasenclever, der frühere Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, glaubte die Führung zu haben, hatte sie aber tatsächlich nicht. Wir alten Eisenacher hingen so sehr an demokratische Formen, daß das Wort »Führer« bei uns verpönt war, weshalb der stets mit realen Tatsachen rechnende Auer spöttisch zu sagen pflegte: »Wir haben keine Führer, aber wir haben Bebel und Liebknecht.« Wir alten Eisenacher spotteten unter uns wieder darüber, daß die Lassalleaner ihre Richtung nach einer Person benannten. Aus diesem radikal-demokratischen Gefühl heraus wäre auch die Bezeichnung »Marxist« und »Marxismus« damals verpönt gewesen, obwohl wir glühende Anhänger der Marxschen Theorien waren; die Bezeichnung »Marxismus« wurde später von den Franzosen oktroyiert. Wir waren also nicht so »autoritär«, wie die Anarchisten uns vorwarfen.10
Eine sehr interessante Persönlichkeit war der alte Hofbaurat Demmler aus Schwerin, der Erbauer des dortigen Schlosses, ein genialer Künstler. Das Äußere des hochaufgeschossenen und jovialen alten Herrn erinnerte an den Marschall Blücher. Wegen seiner Teilnahme an der Bewegung von 1848 wurde er ohne Pension entlassen, beteiligte sich später am Nationalverein und schloß sich dann der deutschen Volkspartei, nach dem Leipziger Hochverratsprozeß der Sozialdemokratie an. Er wurde in demselben Wahlkreise (Leipzig-Land) gewählt, dessen Mandat Johann Jacoby abgelehnt hatte. Demmler, der durch die Tat bewiesen hatte, daß die Zwischenunternehmer bei öffentlichen Bauten überflüssig und die von ihnen sonst eingestrichenen Gewinne den Arbeitern zuzuwenden seien, war ein sehr eifriger und pflichtgetreuer Sozialdemokrat. Da er den persönlichen[224]  Verkehr mit dem 1848 verfassungsfreundlich aufgetretenen Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg nicht aufgab, glaubten die bürgerlichen Parteien seine sozialdemokratische Betätigung nicht ernst nehmen zu sollen. Diese Auffassung war gänzlich unberechtigt, wenn Demmler auch manches tat, was andere Sozialdemokraten nicht getan hätten, was man aber dem 74jährigen Greise nachsah. Ich war viel mit ihm zusammen und er lud mich öfter in seine Wohnung ein, wo er bei einem vortrefflichen Rotspohn vom Jahre 1848 und von seinen Reisen erzählte. Eines Tages schrieb er gerade eine Postanweisung und erzählte mir, daß er schon seit Jahren einen vielverfolgten Parteigenossen in Altona mit nicht unbedeutenden Summen unterstütze. Da mir der Name des »Vielverfolgten« nicht bekannt war, kam mir die Sache verdächtig vor; ich schrieb nach Altona und bekam den Bescheid, daß ein Parteigenosse dieses Namens in Altona nicht existiere. Dem Schwindler wurde die »Pension« natürlich entzogen. Nach den Attentaten im Jahre 1878 warfen nationalliberale Rohlinge in Schwerin dem alten Mann die Fenster ein und verübten noch andere Brutalitäten gegen ihn, die ihm die letzte Zeit seines Lebens verbitterten. Er starb 1886.
Moritz Rittinghausen, ein geborener Westfale, eine interessante patriarchalische Erscheinung mit weißem Bart und Haupthaar, war in jungen Jahren Hauslehrer in einer Familie des belgischen Hochadels; die Tochter verliebte sich in ihn und heiratete ihn trotz des Widerspruchs der Eltern; wodurch er pekuniär unabhängig wurde. Die aus dieser Verbindung hervorgegangene Tochter nahm den hochadeligen Namen der Mutter wieder an, war aber von hoher Verehrung für den Vater und dessen Bestrebungen erfüllt. Rittinghausen war 1848 im Vorparlament zu Frankfurt am Main, wo er das bedeutende Wort sprach: »Die deutschen Regierungen bestehen nicht mehr!« womit er die Mehrheit von Philistern und Angstmeiern in diesem Parlament in fürchterliche Aufregung versetzte. Er gehörte dann in Köln zu dem Kreise, dessen Mittelpunkt Karl Marx und die »Neue Rheinische Zeitung« bildeten, welches Blatt er mit Geldmitteln und Arbeiten unterstützte. Nach der Revolution ging Rittinghausen nach Frankreich und Belgien, wo er seine großes Aufsehen erregenden Abhandlungen über direkte Gesetzgebung durch das Volk schrieb. Er überschätzte indessen diese Einrichtung, denn er sagte einst zu mir, wenn Flankreich die direkte Gesetzgebung gehabt hätte, so hätte Louis Napoleon seinen Staatsstreich nicht machen können, und er wurde sehr aufgeregt, als ich dies bestritt. Er geriet später mit der Partei in Konflikt. 1890 ist er gestorben, 76 Jahre alt.
Sein westfälischer Landsmann Wilhelm Hasenclever war eine »sentimentale Eiche«, wie Heine die Westfalen so treffend charakterisiert hat. Er hatte das Gymnasium zu Arnsberg eine Zeitlang besucht und war dann Lohgerber geworden. Während der Konfliktszeit in Preußen redigierte er ein kleines fortschrittliches Blättchen in Halver; durch das Auftreten Lassalles wurde er für den Allgemeinen Arbeiterverein gewonnen,dessen Präsident er nach dem Rücktritt des Herrn von Schweitzer wurde. Dadurch und durch seine Gabe, echt volkstümlich zu sprechen, wurde er sehr populär. Er blieb immer Lassalleaner, woraus sich manche Gegensatze in der Redaktion des »Vorwärts« zu Leipzig ergaben, die er mit Liebknecht zusammen führte. Obwohl wir uns in Hamburg, wie erwähnt, nicht recht hatten verständigen können, wurden wir in der Zeit des Sozialistengesetzes intime Freunde. Er war ein prächtiger Gesellschafter von goldenem Humor; auch hatte er eine poetische Ader und nahm einige ganz nette lyrische Anläufe. Eine unbefriedigende Ehe schwächte seine Schwungkraft vor der Zeit. Er war bei seinem traurigen Ende kaum 50 Jahre alt.
Friedrich Wilhelm Fritzsche, geboren 1825 zu Leipzig, wurde Zigarrenarbeiter und warf sich als solcher mit Feuereifer in die Bewegung von 1848. Im Mai 1849 kämpfte er auf den Dresdener Barrikaden und wurde von den Preußen gefangen genommen. Wie er hinterher den Fängen der Justiz entging, ist mir nicht bekannt. Er gehörte zu dem Komitee, welches 1863 eine Deputation an Lassalle sandte, und war selbst bei dieser. Erst beim Allgemeinen deutschen Arbeiterverein, den er als Delegierter von Leipzig mit begründen half, schwankte er längere Zeit zwischen Eisenachern und Lassalleanern hin und her. Er gründete 1865 den Deutschen Tabakarbeiterverein, dessen Organ er redigierte, und berief 1868 mit Schweitzer den Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftskongreß. Er wurde 1868 für Lennep-Mettmann in den Norddeutschen Reichstag gewählt; ebenso 1877 und 1878 für Berlin. Wir schlossen uns bald enger aneinander an. Als die Fraktion den großen Arbeiterschutzantrag ausarbeitete, leistete Fritzsche durch seine umfassenden Kenntnisse in dieser Materie treffliche Dienste.
Er besaß ein nicht unbedeutendes poetisches Talent und in seinen »Blutrosen« befinden sich prächtige revolutionäre Gedichte.
Wir gingen viel zusammen aus und es war ihm ein Vergnügen, mir das alte Berlin, namentlich die Schauplätze der Märzrevolution, zu zeigen. Ich erinnere mich einer sehr schönen Jubiläumsfeier in seiner Wohnung, wo er den liebenswürdigsten Wirt machte. Liebknecht taufte ihn damals »den noblen Proletarier«. Er sah mit seiner hohen Gestalt, seinem charakteristischen Antlitz und seinem langen weißen Bart wie ein »uckermärkischer Grande« aus.
Das Sozialistengesetz trieb ihn über den Ozean. Als er durch Bremen kam, wo ich mich damals aufhielt, nahmen wir, zwei Ausgewiesene, bewegt voneinander Abschied. Fritzsche starb vor einigen Jahren in hohem Alter in Philadelphia.
Die Persönlichkeiten von Liebknecht und Bebel brauche ich nicht näher zu schildern, da sie bei den Zeitgenossen noch in frischer Erinnerung sind. Liebknecht war damals 51, Bebel 37 Jahre alt. Sie waren durch den Hochverratsprozeß in der ganzen Welt bekannt geworden, Bebel auch dadurch, daß er eine Zeitlang der einzige Sozialdemokrat im Reichstage war. Den blonden »Urgermanen« Auer brauche ich nicht näher zu[228]  schildern, da er auch bei den Zeitgenossen noch in frischer Erinnerung ist; Meinen Freund Bracke habe ich schon geschildert.
Bracke und ich bewohnten das gleiche Zimmer bei einem Schneider. Dieser und seine Frau waren vollkommene Analphabeten. Der große Korridor war durch einen Vorhang abgeteilt und hinter diesem arbeiteten und schliefen der Meister, seine sechs Gesellen, seine Frau und Kinder; die Zimmer waren vermietet. Die einzige commodité für sämtliche vier Etagen des Hauses befand sich im Hofe. Liebknecht verbrachte manche Nacht als Gast bei uns auf dem Sofa.

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Julius Motteler, der humorvolle Schwabe, der so viel Sorgfalt auf die Pflege seines Schnurrbartes verwendete und nur Kaffee trank, war der nachmalige »rote Postmeister« von Zürich; August Kapell, von Beruf Zimmerer, hatte viel für die Organisation dieser Branche geleistet. Er hat in Hamburg, wo er noch lebt, mit vielem Erfolg das Berliner Weißbier eingeführt.
Auch der spätere Anarchist Johann Most gehörte unserer Fraktion an. Ich habe nicht die gute Meinung von ihm, die bei anderen meiner Gesinnungsgenossen, trotz seiner Extravaganzen, sich erhalten hat. Jedenfalls war er nicht der Idealist, als der er gelten wollte. Das ging aus einer sehr verdächtigen Geschichte hervor, die in Mainz passierte, als bei einer Stichwahl die Ultramontanen Geld für sozialdemokratische Agitation zugunsten ihres Kandidaten gaben. Most war ein begabter Volksredner, aber sein Kampf mit Theodor Mommsen war stellenweise komisch, denn Most wollte den berühmten Forscher, der allerdings in seiner römischen Geschichte oft sehr reaktionäre Ansichten heraussteckt, »widerlegen«, ohne selbst auch nur einigermaßen selbständig in der römischen Geschichte geforscht zu haben. Er machte die von Mommsen erforschten Tatsachen mit einer demokratischen Sauce an und nannte das »Widerlegung«. Es ist nicht zu bestreiten, daß er sich um die Sozialdemokratie, so lange er ihr angehörte, große Verdienste erworben und viel um sie gelitten hat. Das hat er dann durch seine anarchistischen Streiche ausgelöscht. In Berlin war er den Parteigenossen oft unangenehm durch sein unaufhörliches Schwatzen. Abends saß er manchmal im Cafe mitten unter uns und schwatzte, da niemand ihm zuhörte, mit gesenktem Kopf in seine Weste hinein, während wir uns unterhielten, als ob er gar nicht da wäre.
Ich war das jüngste Mitglied des Hauses – ich war erst vor vier Monaten 27 Jahre alt geworden – als dessen »Baby« ich Gegenstand von meist sehr mäßigen Witzen wurde.11[229] 
Unter den parlamentarischen Gestirnen habe ich nicht geglänzt, wenn auch manche meiner Reden intra et extra muros gut aufgenommen worden sind. Beiläufig war ich während der Session stets sehr von Erwerbsarbeit in Anspruch genommen. Was meine Auffassungen von Parlamentarismus selbst betrifft, so habe ich immer betont, man solle ihn nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen. In meiner Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849 habe ich bei der historischen Bewertung der Tätigkeit des Frankfurter Parlaments meinen Standpunkt ausführlich dargelegt.
Das Reichstagsmandat galt als Ehrenamt; wir hatten nur freie Fahrt für das ganze Reich in beliebiger Wagenklasse. Die Diäten, welche die Partei den Abgeordneten zahlen konnte, waren sehr gering und beliefen sich auf etwa drei Mark täglich. Wer nicht in fester Stellung war, der mußte sich mit journalistischen Arbeiten einen weiteren Zuschuß verdienen. Aber auch die festen Stellungen von damals in der Partei waren mit einem so geringen Einkommen verbunden, daß es kaum möglich war, damit eine Haushaltung und einen mehrmonatlichen Aufenthalt in Berlin zu bestreiten. Nur Bracke, Demmler und Rittinghausen waren bemittelt; wir anderen mußten uns behelfen, so gut es eben ging.
Am 22. Februar 1877 wurde das neugewählte Parlament eröffnet. Alterspräsident war der altliberale Herr von Bonin, ein Achtzigjähriger, der 1848 dem liberalen Ministerium Pfuel angehört hatte. Früher war es Brauch gewesen, daß der Alterspräsident die vier jüngsten Abgeordneten als Schriftführer ins Bureau berief. Davon war man schon seit längerer Zeit abgegangen, um nicht einem Sozialdemokraten diese Ehre zuteil werden zu lassen. So blieb auch ich davon ausgeschlossen.
Zum Präsidenten wurde der nunmehr nationalliberale Herr von Forckenbeck gewählt, der, 1848 an der Bewegung beteiligt, noch während der Konfliktszeit einer der heftigsten Gegner Bismarcks gewesen war. Von allen Präsidenten, die ich binnen dreieinhalb Jahrzehnten kennen gelernt,[230]  war dieser sicherlich der rücksichtsloseste. Er konnte schnauzen, schnarren und näseln wie die feudalsten ostelbischen Junker. Die gewerbsmäßige Schlußmacherei Valentins genügte ihm nicht; er verweigerte den sozialdemokratischen Abgeordneten oft geradezu das Wort. Dies geschah namentlich bei Most, der einen fürchterlichen Rededrang hatte. Er meldete sich bei dem Präsidenten mehrfach schon im Präsidialzimmer und erhielt dann das Wort doch nicht. Most hatte nämlich seinen Wählern in einer Proklamation verkündigt, er werde im Reichstag »den Heuchlern die Larven abreißen«. Darum ließ ihn der Präsident seine Macht fühlen. Zum Hohn erteilte er Most das Wort zu den Militärbadeanstalten, wo dieser natürlich keine Heuchler entlarven konnte. Er ward darum viel verspottet, aber damit war die skandalöse Wirtschaft des Präsidenten nicht gerechtfertigt.
Selbstverständlich wurden die Sozialdemokraten zu den Kommissionen nicht zugelassen. Sie mußten ihre ganze Tätigkeit auf Reden und Abstimmen beschränken und man hatte leicht sagen, sie könnten nur »Negation« treiben.
Wir beschlossen zu zeigen, daß wir auch positiv arbeiten könnten. Wir arbeiteten in vielen Sitzungen einen großen umfassenden Arbeiterschutzantrag aus, den ersten, der im Deutschen Reichstage auf die Tagesordnung kam12 und dem in der Tat eine große Bedeutung beizumessen ist, weil er alle wesentlichen Schutzforderungen und damit alle Keime der späteren Entwicklung bereits in sich schließt, wie Schippel in seinem Reichstags-Handbuch sagt.
Das meiste Verdienst um dieses Werk hatte Fritzsche, der schon im Norddeutschen Reichstag mit Schweitzer verschiedene Schutzbestimmungen in die Gewerbeordnung zu bringen versucht hatte. Aber auch wir anderen, die beiden Alten eingeschlossen, arbeiteten tüchtig mit, den einzigen Most ausgenommen, der sich schon im Vorgefühl seiner anarchistischen Zukunft befand. Er störte die Beratungen unaufhörlich, indem er im Zimmer auf und ab rannte und mit seiner zischenden Stimme wiederholte: »Wir müssen ein revolutionäres Gesetz machen!«
»So mache doch eins!« rief ihm Fritzsche zornig zu.
Most zog sich in eine Ecke zurück, schlug die Augen sinnend empor und notierte dann mit der Miene eines Staatsmannes, der einen welterschütternden Gedanken gefunden hat. Wir erwarteten natürlich, es käme ein Antrag auf Einführung der sozialdemokratischen Republik. Statt dessen verlas Most:
»Erster und einziger Artikel: Das Impfgesetz ist abgeschafft.«
Ob dieses »revolutionären Gesetzes« brachen wir in ein solches Gelächter aus, daß Most wütend davon rannte.
Nachdem wir unser Arbeiterschutzgesetz fertig gemacht, fehlten uns noch drei Unterschriften, denn es mußten 15 sein, wenn wir einen selbständigen Antrag einbringen wollten. Es gab Schwierigkeiten. Holthof von[231]  den Demokraten unterschrieb, aber seine drei Parteigenossen weigerten sich. Der schwäbische Demokrat Retter nahm Anstoß an dem Verbot der Zuchthausarbeit und meinte: »Dees kan i net unterschreibe; bei uns machet se im Zuchthaus so schöne Goldleischtle!« Endlich gaben der Zentrumsmann Rußwurm und der Danebrogsmann Krüger ihre Unterschrift.
So kam der Gesetzentwurf zur Beratung. Er wurde viel belobt; namentlich wurde anerkannt, daß etwas Neues geschaffen worden war. In der Tat: heute wäre es leicht, aus dem massenhaft vorhandenen Material einen solchen Gesetzentwurf zusammenzustellen; dies Material fehlte aber damals fast gänzlich. Die bürgerlichen Parteien erklärten das Gesetz indessen für unausführbar und ließen es in den großen Reichspapierkorb fallen.
Über die Bestimmung, daß Schwangere während der letzten drei Wochen vor und Wöchnerinnen während der ersten sechs Wochen nach der Entbindung in gewerblichen Anlagen usw. nicht beschäftigt werden sollten, mokierte sich der geschwätzige Lasker und sprach von »Verstößen gegen die Natur«. So weit war man damals noch zurück.
In dieser Session führte ich den »Goldonkel« Karl Höchberg in die Fraktion ein. Das kam so. Seit längerer Zeit hatte ein anonymer Gönner der Sozialdemokratie an den Parteikassier Geib namhafte Beträge eingesandt und dazu bemerkt, er werde sich demaskieren, wenn er volljährig sei. Diese Zeit war nun gekommen und Geib sandte mir die Adresse des bisher Unbekannten mit dem Auftrag, ihn mit den Abgeordneten bekannt zu machen. Die Fraktion beschloß, ihn zu einer bestimmten Stunde zu erwarten und versammelte sich in ihrem Zimmer, eine Treppe hoch im Reichstagsgebäude, während ich unten im Foyer blieb, wo Höchberg, der in Lichterfelde wohnte, nach mir fragen sollte. Während ich unten wartete, ward ich stutzig ob so viel Feierlichkeit bei dem Empfang eines Mannes, von dem man nichts wußte, als daß er einige größere Geldbeiträge der Partei gespendet und noch weitere in Aussicht gestellt hatte. Nach einiger Zeit erschien ein junger Mann von unverkennbar israelitischem Typus, blaß, schmächtig, nervös und kränklich aussehend, und stellte sich mir als Höchberg vor. Sein Benehmen war außerordentlich liebenswürdig und er gefiel mir sehr. Ich führte ihn sogleich zum Fraktionszimmer. Als ich die Tür öffnete, war ich sehr erstaunt, nicht nur die Fraktionskollegen, sondern auch noch eine Anzahl anderer Parteigenossen – darunter die Leiter einiger Parteigeschäfte, wenn ich mich recht erinnere – vorzufinden. Nachdem ich Höchberg vorgestellt, ward er umringt und zwar mit solchem Eifer, daß ich gar nicht mehr an ihn herankommen konnte. Ich sah ihn erst nach einigen Tagen wieder.
Höchberg hat der Partei sowie einzelnen Personen Geldmittel im Gesamtbetrag von mehreren hunderttausend Mark zugewendet. In einzelnen Fällen schlugen diese Zuwendungen nicht zum Besten der Partei aus, weil kein System darin war.
Höchberg war ein Idealist und seine Zuwendungen geschahen durchaus uneigennützig. Seine Weltanschauung war noch nicht gefestigt; er eiferte[232]  in den Abendgesellschaften bei Geib, wo wir uns öfter trafen, heftig gegen den »Materialismus«. Später, während des Sozialistengesetzes, neigte er zu einem radikalen »Sozialliberalismus«, welche Anschauung von Max Neißer in Bremen in der von Höchberg subventionierten »Sozialpolitischen Korrespondenz« vertreten wurde. »Der Sozialismus war ihm Herzenssache,« bemerkt zutreffend Franz Mehring in seiner Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Die Haltung der wissenschaftlichen Zeitschrift. »Die Zukunft«, welche Höchberg begründete, war manchmal unsicher, während die andere, von F. Wiede in Zürich herausgegebene wissenschaftliche Zeitschrift der Sozialdemokratie deutscher Zunge, die »Neue Gesellschaft«, bürgerliche Sozialpolitiker als Mitarbeiter hatte und zugleich manchmal ins Anarchisteln geriet.
Auf Anregung Geibs trat ich in der »Zukunft« für Reichseisenbahnen ein, was aber auf heftigen Widerspruch stieß.
Nach Schluß des Reichstages berief die Reichstagsfraktion – da die Parteiorganisation in Preußen aufgelöst worden war – den Jahreskongreß für 1877 auf den 27. Mai nach Gotha ein.
Es sollte dies für lange Jahre der letzte Parteikongreß sein, der auf deutschem Boden stattfand. Die Partei zählte in diesem Moment 32000 Mitglieder und hatte nach den Wahlen wieder 54000 Mark in der Kasse. Sie hatte 42 Zeitungen, von denen 13 täglich erschienen. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zählten 50000, nach einer Statistik Geibs.
Es wurde hier beschlossen, den Weltkongreß von Gent zu beschicken, obschon dieser von bakunistischer Seite einberufen war; den Antrag hatte Georg von Vollmar gestellt, der damals Redakteur der »Dresdener Volkszeitung« war. Zugleich beschäftigte sich der Kongreß mit der Kontroverse Engels-Dühring.
Der Berliner Privatdozent Dr. Eugen Dühring, ein Sozialist, aber entschiedener Gegner von Marx und Lassalle, hatte bei der Sozialdemokratie viel Beachtung gefunden, nachdem Bebel in einem Artikel: »Ein neuer Kommunist« auf seine Schriften verwiesen hatte. Daraus entwickelte sich in der Sozialdemokratie eine entschiedene, teilweise fanatische Anhängerschaft Dührings, zu welcher Most, Fritzsche, Ed. Bernstein und anscheinend auch Vahlteich gehörten. Engels griff im »Vorwärts« Dühring als einen »Typus vorlauter Pseudowissenschaft« in glänzend geschriebenen Artikeln13 an. Gegen diese Artikel – während sie erschienen, wurde Dühring von der preußischen Regierung gemaßregelt – erhoben Dührings Anhänger auf dem Gothaer Kongreß Beschwerde und erreichten, daß die Artikel in einer besonderen Beilage fortgeführt werden mußten. Der Dühring-Kultus hörte indessen bald auf.
Während der Verhandlungen des Kongresses erschien der Leipziger Polizeidirektor Rüder, der uns so sehr mit Ausweisungen bedacht hatte, auf der Zuhörertribüne. Da wir keinen Grund hatten, diesen Mann ein[233]  Gastrecht zu gewähren, so beantragte ich, ihn auch einmal auszuweisen und zwar aus dem Kongreßlokal. Er verschwand, als er meinen Antrag verlesen hörte.
Eines Abends ereignete sich ein bis jetzt nicht in die Öffentlichkeit gelangter Zwischenfall. Ein anwesender Russe namens Gurewitsch erklärte die deutschen Sozialdemokraten für Feiglinge. Der alte Barrikadenkämpfer Fritzsche, der dies hörte, versetzte dem Maulhelden eine schallende Ohrfeige, worauf dieser eine Beschwerde beim Kongreß einreichte. Dieser setzte die sogenannte Ohrfeigenkommission zur Untersuchung der Sache ein. Da die Kommission aber dem Russen die Ohrfeige nicht mehr abnehmen konnte und Fritzsche sich auf nichts einließ, so verlief die Sache im Sande.

* * *

Um diese Zeit ward in Berlin die berüchtigte Königsmauer nahe beim Rathause hinter der Königsstraße abgebrochen. Dort hauste die niedrigste Prostitution. Wir wollten uns diese historische Stätte feudaler und kapitalistischer »Kultur« einmal ansehen. Bebel, Auer und ich gingen abends zusammen dahin. Als wir in die unheimliche Straße kamen, hielten wir uns in der Mitte und gingen untergefaßt, denn es trieb sich dort viel gefährliches Gesindel umher, namentlich mit Dolchen und Revolvern bewaffnete Zuhälter, wie man uns sagte. Aber es belästigte uns kein männliches Wesen; die Zuhälter hielten sich wohl in den Häusern. Was ich sah, blieb mir unvergeßlich. Rechts und links standen niedrige, dicht aneinander gebaute Häuser. Vor jedem Häuschen standen zwei oder drei Frauenzimmer, meist alt und dick, in kurzen, bis an die Kniee reichenden knallroten Röcken und durch die Nacht leuchtenden weißen Strümpfen. Als wir in die Straße einbogen, erscholl es flötend hüben und drüben: »Komm her, mein Liebchen, du sollst es gut haben, bei mir ists gemütlich« usw. Da wir der »Versuchung« nicht folgten und weiter gingen, so scholl die berühmte Einladung Götzens von Berlichingen und anderes im Chor hinter uns her, während vom nächsten Hause die Lockung kam, um sich dann auch in Götzens Einladung zu verwandeln. So schwirrten »Lockung« und »Einladung« von hüben und drüben, von hinten und vorn um uns her, während wir schweigend dahin schritten. Wir atmeten auf, als die Straße zu Ende war, und empfanden trotz des widerlichen Auftritts ein tiefes Mitleid für diese armen Opfer einer verkehrten Gesellschaftsordnung, die doch auch gute Frauen und Mütter hätten werden können, wenn sie nicht Elend und Ausbeutung in den Sumpf der Prostitution gestoßen hätten.[234] 
Fußnoten

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1 Als Schilderer gotischer Bauwerke war er bedeutend und es kursierte über ihn der Witz: »Die soziale Frage kann nur durch die Kirche gelöst werden, aber es muß eine gotische sein!«

2 Schwarzenberg und Mayer kamen erst später in den Reichstag. Karl Mayer war der Sohn des Dichters Karl Mayer, von dem Heine im Wintermärchen boshaft sagt:

»Zu Aachen in seiner Kaiserg ruft
Liegt Karl der Große begraben,
Man darf ihn nicht verwechseln mit Karl
Mayer, der lebt in Schwaben.«

3 Eines Tages ging Moltke, der den Weg vom Generalstabs- zum Reichstagsgebäude stets zu Fuße machte, vor mir her durch die Leipziger Straße. Vor dem Portal des Reichstagsgebäudes kamen ihm drei Leute, anscheinend Maurer, entgegen, die offenbar etwas »angeheitert« waren. Einer von ihnen stieß mit Moltke zusammen, so daß diesem die Mütze vom Haupte fiel. Der Marschall, vom Alter unbehilflich geworden, konnte die Mütze nicht aufheben. Ich sprang hinzu 
und überreichte sie ihm. Er sah mich scharf an, erkannte mich und sagte lächelnd: »Das war keiner von Ihren Disziplinierten!« Darauf ging er ruhig weiter. Wenn das Bismarck passiert wäre – es war zur Zeit des Sozialistengesetzes – so wäre unfehlbar ein »Attentat« daraus gemacht worden.

4 Das bekannte Wort: »Hunde sind wir ja doch!«, das Bamberger hervorknurrte, als Bismarck die Nationalliberalen mit dem Kürassierstiefel behandelte, war nicht so gemeint, wie es gewöhnlich aufgefaßt wird. Bamberger wollte nicht sagen, daß die Nationalliberalen Hunde seien, sondern daß sie von Bismarck als solche behandelt würden.

5 Gleich dem Professor Steffens im Jahr 1813, der sehr kühne Reden hielt, von dem hieß:

»Zu Anfang des Treffens
Drückte sich Steffens.«

6 Er konnte sehr amüsant erzählen. In Augsburg war er als Staatsanwalt genötigt worden, aus Sittlichkeitsgründen gegen einige Bäckermeister vorzugehen, welche Model mit mittelalterlichen Bildern zur Herstellung feineren Backwerks benützten. Um die Sache zu verulken, faßte er in seiner Anklage die Model als »Druckpressen« und das Backwerk als »Preßerzeug nis« auf. »Die Model wurden eingezogen und das »unsittliche« Backwerk wurde vom Gericht verspeist«, sagte er lachend. »Dies war der einzige Preßprozeß, den ich als Staatsanwalt angestrengt habe«.

7 Ein Hauptmann, der längere Zeit im Etat aufgeführt wurde, ohne daß er existierte.

8 Unser Fraktionskollege August Kapell, der sich als Gewerkschaftsführer viel mit den »Harmonieaposteln« herumschlug, hatte sich darauf verlegt, den armen Dr. Max Hirsch zu ärgern, was ihm wohl gelang. Im Parlamentsalmanach war in der Biographie Kapells zu lesen, daß dieser ein Lustspiel »Dr. Max Hirschkuh« verfaßt habe. Alsbald erfolgte im »Gewerkverein« ein wutentbrannter Ausfall von Max Hirsch ob »solcher Gemeinheit«. Kapell lachte sich halb tot. Das Lustspiel existierte übrigens wirklich.

9 Die von Bethusy-Huc sind kein so alter Adel, wie oft geglaubt wird. Sie stammen von einem Kaufmann Bethusy aus Huc bei Genf, der im 18. Jahrhundert nach Preußen übersiedelte und dessen Familie später geadelt wurde.

10 Herder schrieb 1800 an seinen Sohn: »Ich hasse alle Isten und Aner!« Er mußte wohl seine Gründe haben.

11 Es sei hier nur angeführt, was der »berühmte Humorist« Richard Schmidt-Cabanis in der »Berliner Montagszeitung« leistete:

»Zur Geschäftsordnung des Reichstages.
 In Anbetracht, daß 1. die Sozialdemokratie den noch nicht 28 jährigen Redakteur Blos als Volksvertreter in den Reichstag geschickt hat;
 daß 2. bei der Frühreife der sozialistischen Anschauungen überhaupt demnächst noch jüngere, ja, vielleicht die allerjüngsten Schreierkräfte der Partei auf den Sitzen des Parlaments erscheinen könnten;
 daß 3. unter diesen Umständen die Leitung der Debatten nach dem bisherigen Modus bald unmöglich werden dürfte; beantragt die Unterzeichnete die sofortige Annahme folgender Zusatz-Paragraphen zur Geschäftsordnung:
 § 1. Reichstagsabgeordnete unter 7 Jahren dürfen nur in Begleitung erwachsener Fraktionsgenossen auf die Rednerbühne klettern.
 § 2. Ein minderjähriger Abgeordneter, welcher andere beim Hammelspringen stört, Knallerbsen mit in die Sitzung bringt oder den Präsidenten durch das Werfen mit Papierkugeln belästigt, kann im Wiederholungsfalle durch die Parlamentskinderfrau aus dem Sitzungssaal entfernt werden.
 § 3. Speziell die Mitgliederchen der sozialistischen Fraktion werden darauf aufmerksam gemacht, daß das Herumtrampeln auf den Sofas und Fauteuils der Konversationsräume, das Schneuzen in die Tischdecken, das Speien an die Fensterscheiben und dergl. strengstens untersagt ist. Auch dem Fraktionsaufseher Hasselmann steht nicht das Recht zu, Ausnahmen von dieser Vorschrift zu gestatten.
Die Klein Kinder-Parlaments-Bewahr-
Anstalts-Kommission«

 Das war wirklich nicht vom Geiste Glaßbrenners, der seinerzeit die »Montagszeitung« begründet hatte, übrigens hat es immer so junge Abgeordnete gegeben.

12 Im Anhang ist er abgedruckt.

13 Vereinigt in dem Buche: »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft.«




Das Sozialistengesetz










Um diese Zeit brütete Bismarck über großen Plänen. Es schien ihm nun die Zeit gekommen, die neue Macht, die er mit der Gründung des Reiches erlangt, zugunsten der langsam verkrachenden Junkerkaste auszunutzen, nachdem sich die Bourgeoisie am »Milliardensegen« bereichert hatte. Er wollte eine neue Handels- und Wirtschaftspolitik mit hohen Schutzzöllen für Industrie und Landwirtschaft und mit Liebesgaben für die ländlichen Grundbesitzer einleiten. Aber die Wahlen von 1877 hatten noch keine schutzzöllnerische Mehrheit im Reichstage gebracht.1 Durch eine verschärfte Strafgesetzgebung wollte Bismarck der mächtig anwachsenden Sozialdemokratie zu Leibe gehen und damit freiere Bahn für die Ausführung seiner reaktionären Pläne schaffen.
Aber der Reichstag hatte alle von Bismarck beantragten Verschärfungen der §§ 130 und 131 des Strafgesetzbuches abgelehnt.
Nun legte sich Bismark auf die Lauer und wartete auf eine Gelegenheit. Sie sollte bald kommen. Einstweilen hatte er die Genugtuung, daß die unter die Führung Eugen Richters geratene Fortschrittspartei am Strang der Reaktion ziehen half und den Kampf gegen die Sozialdemokratie zum Hauptgegenstand ihrer Tätigkeit machte. Bei der Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten Otto Kapell und dem Konservativen Lucius in Erfurt hatte die Fortschrittspartei zu entscheiden und Eugen Richter gab die Parole aus, für den Konservativen zu stimmen.
Für den Reichstag schien sonach nichts Außerordentliches in Sicht. Ich unternahm in der Zwischenzeit eine Reise nach Freiburg im Breisgau, wo meine Mutter ein großes Pensionat errichtet hatte. Bei dieser Gelegenheit hielt ich Versammlungen ab in Mainz, Mannheim und Lörrach. In jener Zeit waren solche Versammlungen ein kleines Ereignis und immer äußerst zahlreich besucht. In Lörrach waren die damals noch zahlreich vorhandenen Anhänger Struves erschienen, die sehr feierlich als ehrsame Bürger im Bratenrock auftraten. Nach der Versammlung zogen sich die »Struveaner« in ein Nebenzimmer zurück. Ich blieb natürlich bei den Parteigenossen im Saal. Nach einer Weile kam die Botschaft, ich möchte doch auch »zu den besseren Klassen« kommen. Ich hätte mich allerdings gerne mit den »Struveanern« über den Septemberputsch von 1848, der in der Hauptsache in Lörrach spielte, unterhalten; nun aber ließ ich ihnen sagen, ich sei bei den Arbeitern, die mich eingeladen hätten, und[237]  wenn die »besseren Klassen« sich mit mir unterhalten wollten, so müßten sie schon in den Saal kommen. Sie kamen nicht.
Ich erwähne diesen unbedeutenden Vorfall nur, um zu zeigen, wie auch die radikalen Achtundvierziger gegenüber der neuen sozialen Bewegung ihre Klassenvorurteile nicht zügeln konnten.
Zugleich hielt ich in Greiz und anderen Orten meines Wahlkreises Versammlungen ab, in denen ich über die Verhandlungen des Reichstages Bericht erstattete. Solche Berichterstattungen hatten damals eine größere Bedeutung als heute, da unsere kleinen und wenig verbreiteten Parteiblätter nur wenig informieren konnten. Ein großes Siegesfest hatten die Parteigenossen schon im Frühjahr gefeiert, wobei uns die unterlegenen Nationalliberalen in ihren Blättern mit einem Hagel von Beschimpfungen überschütteten. Wir amüsierten uns sehr an der Wut der Besiegten, die übrigens bei einem Bauer aus der Umgegend von Greiz den Höhepunkt erreichte. Dieser brachte in einem Laden zu Greiz das Gespräch auf die Wahl, was ihm Veranlassung zu einer fürchterlichen Drohung gab. Er sagte: »Nu hebbet se ehren Blos dorch kregen, bi usch hatt he ok 'n paar Stimmen kregen, aber wi kennt se (die sozialdemokratischen Wähler); wenn ehre Kau mal weer osch is, kinnt se ok henn gahn na ehren Blos; use Bulle springt nich wedder bi ehre Käue.« –
Man kann sich denken, wie ich mit diesem neuen Beruf von meinen Freunden gefoppt wurde.
In der Zwischenzeit nahm ich meine redaktionelle Tätigkeit am »Hamburg-Altonaer Volksblatt« wieder auf, das nun gegen 20000 Abonnenten zählte.
Plötzlich war der russisch-türkische Krieg ausgebrochen, im April 1877. Damals bedeutete dies noch nicht, daß ein europäischer Krieg vor der Tür stand, wie in unseren Tagen. Der deutsche Spießbürger konnte noch genau nach Goethe gemütlich zusehen, wie »hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlugen«. Die Sensationspresse war glücklich, daß ihr der Stoff nicht ausging, und Friedrich Stoltze spottete darüber in den famosen Versen:

»Gott erhalte uns den Türken nur noch eine kurze Frist,
Bis die Zeit der sauren Gürken glücklich überstanden ist,
Bis im Sommer alter Weiber unser Reichstag wieder schwätzt
Und dem armen Zeitungsschreiber doppelt die Türkei ersetzt.«

Wir bedauerten sehr die Niederlage der Türkei und Liebknecht schrieb seine Broschüre: »Soll Europa kosackisch werden?«, die zwar vielfach in der Partei angefochten wurde, die aber doch das Verdienst hatte, daß sie auf die seit der Annektion von Elsaß- Lothringen riesenhaft emporwachsende russische Gefahr aufmerksam machte.
Im Februar 1878 trat der Reichstag wieder zusammen.
Hinter den Kulissen hatte sich in der Zwischenzeit allerlei abgespielt. Bismarck brauchte einige hundert Millionen neuer Einnahmen für das[238]  Reich; er bot den Nationalliberalen einen oder zwei Ministerposten an; dafür sollten sie das Tabaksmonopol sowie verschiedene Finanzzölle bewilligen. Das wollten sie nicht und sie wußten auch, daß sie in einem Ministerium, an dessen Spitze Bismarck stand, doch nichts zu sagen hätten. Bismarck zog sich verstimmt nach Friedrichsruh zurück und wartete dort auf einen Anlaß, den Reichstag aufzulösen.2
In dieser Zeit der Spannung wurden die herrschenden Klassen erschreckt durch zwei gewaltige Demonstrationen der Berliner Sozialdemokratie. August Heinsch, der Leiter der Parteidruckerei in Berlin, war gestorben, einer jener tatkräftigen Parteigenossen, die in stiller und zäher Organisationsarbeit dem Parteikörper seine unverwüstliche Lebenskraft einflößen. Die Berliner Arbeiter bereiteten ihm ein stolzes Leichenbegängnis; Hunderttausende waren auf den Beinen, um im Zuge zu gehen oder Spalier zu bilden. Bürgerliche Blätter schrieben:
»Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen angesichts dieses Aufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr: das sind ganze Armeekorps.«
Dies war am 10. März 1878. Am 28. April folgte eine zweite gewaltige Demonstration, bei der nicht weniger Arbeiter mitwirkten: Paul Dentler, Redakteur der sozialdemokratischen »Berliner Freien Presse«, der sie auch verantwortlich zeichnete, war gestorben. Hochgradig schwindsüchtig blieb er in Untersuchungshaft, obschon der Gefängnisarzt für seine Freilassung war. Ich denke mit Rührung an die Stunden, die ich noch kurz vor dem Tode dieses tapferen jungen Kämpfers mit ihm verbringen konnte. Fritzsche und ich gingen zur Gerichtsverhandlung gegen Dentler, die geheim war, da es sich um Majestätsbeleidigung handelte. Nachdem wir uns als Abgeordnete legitimiert, wurden wir zur Verhandlung zugelassen. Dentler, ursprünglich Kaufmann, eine schlanke Gestalt, stand hochaufgerichtet vor den Richtern. Die Nähe des Todes stand auf seinem bleichen Antlitz geschrieben, aber er verteidigte sich mit hohem Stolze und mit dem heiligen Feuer unerschütterlicher Überzeugung. Nachdem die Verurteilung zu einer hohen Gefängnisstrafe ausgesprochen, gestatteten uns die Richter, noch einige Stunden mit Dentler im Gefängnis zu verbringen. Die Gefängnisverwaltung wies uns ein anständiges Zimmer an und hier erschien auch Frau Schramm, die Gattin des später aus Berlin ausgewiesenen Versicherungsinspektors C. A. Schramm, der sich als sozialdemokratischer Schriftsteller resp. Sozialökonom einen Namen gemacht hatte. Sie richtete ein einfaches Mahl her, wir beschafften etwas Wein und unser junger, dem Tode geweihter Freund sprach mit glänzendem Auge[239]  und mit zitternder Stimme von dem Glück, das ihm beschieden sei, mitten im Kampfe für unsere Sache zu sterben. Wir konnten uns der Tränen kaum enthalten, aber er war bis zum Abschied fröhlich und wohlgemut. »Die Guten sterben jung,« dachte ich mit dem Dichter, als wir erschüttert schieden. Wenige Tage darauf starb Paul Dentler.
Die beiden großen Demonstrationen hatten in einflußreichen Kreisen den Wunsch gezeitigt, das Vereins- und Versammlungsrecht und die Preßfreiheit – soweit diese Volksrechte überhaupt noch bestanden, zu unterdrücken. Man wußte nur noch nicht recht, wie die Sache andrehen. Der Zufall kam zu Hilfe.
Der Zufall wird oft zum Tyrannen, der mit unbegrenzter Willkür in die Geschehnisse eingreift. So auch damals.
Es war am 11. Mai 1878, als der ehemalige Klempnergeselle Hödel Unter den Linden zu Berlin mehrere Revolverschüsse auf den im offenen Wagen dahinfahrenden alten Kaiser Wilhelm abfeuerte.
Dieser Hödel war Idiot, schlechter Kerl und verkommenes Subjekt aus einem Guß. In Leipzig versuchte er zwar, sich trotz alledem in die sozialdemokratische Partei einzudrängen. Er wurde aber alsbald ausgeschlossen, machte dann den Nationalliberalen gegen bares Geld läppische »Enthüllungen« über die Sozialdemokratie, spielte dann den Anarchisten und ging schließlich nach Berlin, wo er in die »christlich-soziale Arbeiterpartei« eintrat, deren Führer bekanntlich Herr Stöcker war. Er war noch Mitglied dieser Partei, als er sein Attentat beging, und hatte kurz zuvor deren Flugblätter verbreitet. Daß dieser Mensch ein Idiot war, wäre auch wissenschaftlich erwiesen worden, wenn man nach der Hinrichtung seinen Kopf an Virchow zur Untersuchung abgegeben hätte, wie dieser verlangte. Aber das geschah nicht – aus guten Gründen.
Der bei dem Attentat benutzte Revolver war von der schlechtesten Sorte, beinahe untauglich. Sicherlich hatte der aufs äußerste heruntergekommene Hödel mit den Schüssen nur versucht. Aufsehen zu machen und sich dadurch irgendeine Versorgung zu verschaffen. Viele glaubten nicht an ein Attentat; auch der alte Kaiser glaubte erst nicht daran.
Aber der in Friedrichsruh lauernde »Herkules des Jahrhunderts« sah nunmehr seinen Moment gekommen. Kaum hatte er von dem Attentat erfahren, so telegraphierte er, ohne nur nähere Informationen abzuwarten, nach Berlin: »Maßregeln gegen die Sozialdemokratie.« Daraufhin wurde in der bürgerlichen Presse – mit wenigen, um so ehrenwerteren Ausnahmen – ein fürchterliches Geschrei über das Attentat erhoben und ein welterschütterndes Ereignis daraus gemacht. »Patrioten« zogen sogar in Masse vor das Schloß des Kaisers und sangen: »Nun danket alle Gott!« Der alte Kaiser ward nun selbst überzeugt, daß er einer großen Gefahr entgangen sei.
Natürlich wurde sogleich die Sozialdemokratie der »moralischen Urheberschaft« an dem sogenannten Attentat beschuldigt. Wir verteidigten uns nur mit spöttischen Bemerkungen gegen diese Albernheiten, die so[240]  weit gingen, daß allen Ernstes behauptet wurde, die Zugehörigkeit Hödels zur Sozialdemokratie sei schon dadurch bewiesen, daß er einen »Sozialistenhut« getragen habe.
Aber bald wurde aus der Sache Ernst. Denn Bismarck ließ den Bundesrat schleunigst ein »Gesetz zur Abwehr sozialdemokratischer Ausschreitungen« beschließen, das aus sechs Paragraphen bestand und dessen Urheber Lothar Bucher gewesen sein soll. Wenn das zutrifft, so hat Lothar Bucher jedenfalls in einem Rückfall in seine früheren radikal-sozialistischen Anschauungen das Gesetz so gestaltet, daß beim Reichstage seine Annahme sehr fraglich sein mußte. Der ganze Wechselbalg war wie mit der Holzaxt zugehauen. Die Preß-und Vereinsfreiheit war für die Sozialdemokratie völlig aufgehoben; der Bundesrat sollte alle sozialistischen Vereine und Druckschriften verbieten, der Reichstag die Verbote eventuell aufheben können. Das Gesetz sollte drei Jahre dauern.
Schon der Bundesrat hatte sich gegen dies Machwerk gesträubt. Die Verhandlung im Reichstag wurde auf den 23. und 24. Mai angesetzt. Von den Nationalliberalen verlautete, sie wollten das Gesetz ablehnen, doch war Sicheres nicht zu erfahren, da sie erst am Abend des 22. Mai die entscheidende Fraktionssitzung abhielten. Unsere Fraktion sollte noch am 23. Mai vormittags zusammenkommen, um einen definitiven Beschluß über ihr Verhalten zu fassen.
Am Abend vor der Verhandlung befand ich mich mit einigen Freunden in einer Wirtschaft in der Mauerstraße. Im Nebenzimmer traf ich den nationalliberalen Abgeordneten für Konstanz, Franz Xaver Heilig. Dieser war ein naher Verwandter des 1849 in Rastatt standrechtlich erschossenen Majors Heilig, der in der Festung die revolutionäre Artillerie befehligt hatte. Der Abgeordnete Heilig hatte die Revolution auch einigermaßen mitgemacht, hatte sich dann aber »gebessert« und unterworfen. Jetzt war er Bürgermeister in Pfullendorf, wo mein Stiefvater so lange Oberförster gewesen war. In dem Familienstreit hielt Heilig zu mir. Vielleicht war es auch ein Rückfall in seine revolutionäre Vergangenheit, als er mich auf die Seite rief und sagte, er wolle mir den Beschluß der nationalliberalen Fraktion mitteilen, damit wir uns darnach richten könnten; nur dürften wir nicht verraten, daß er es getan. Er sagte mir dann, daß die nationalliberale Fraktion mit überwältigender Mehrheit beschlossen habe, das Gesetz abzulehnen; Bennigsen werde die Ablehnung begründen. Zugleich gab er uns den Rat, uns mit einer Erklärung zu begnügen, denn wenn die Debatten sich lange hinzögen, könnten leicht »Umfälle« erfolgen.
Diese Erklärungen Heiligs trug ich am anderen Morgen in der Fraktionssitzung vor, wo man über die Haltung der Nationalliberalen noch nichts Bestimmtes wußte. Man war schon vorher geneigt gewesen, nur eine kurze, aber um so schärfere Erklärung abzugeben. Dies wurde nun auf meine Mitteilungen hin definitiv beschlossen. Liebknecht entwarf die Erklärung und wir billigten den Entwurf. Die Erklärung lautete:[241] 
Erklärung der sozialdemokratischen Reichstags-Abgeordneten.

Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche Untersuchung geschossen ist, zur Ausführung eines lang vorbereiteten Reaktionsstreichs zu benutzen und die »moralische Urheberschaft« des noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei aufzuwälzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen einzelner Personen ganz unabhängig auffaßt, richtet sich selbst so vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, daß wir, uns zu der Erklärung gedrungen fühlen:
Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Diskussion des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetztes teilzunehmen, und werden uns durch keinerli Provokationen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, in diesem Entschluß erschüttern lassen. Wohl aber werden wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es für unsere Pflicht halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die Volksfreiheit das Unsrige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in die Wagschale werfen.
Falle die Entscheidung aus, wie  sie wolle – die deutsche Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren  Kämpfen und Verfolgungen mit  jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die das Bewußtsein einer  guten und unbesiegbaren Sache  verleiht.3
Berlin, 23. Mai 1878.
Auer. Blos. Bracke. Demmler.  Fritzsche. Hasenclever. Kapell.  Liebknecht. Most. Motteler. Rittinghausen.«

Die Rede Bennigsens gegen das Ausnahmegesetz war in ihrer Art glänzend und zeigte mehr Kenntnis und Verständnis der sozialen Probleme unserer Zeit als wir erwartet hatten. Aber indem er sich gegen Ausnahmegesetze wandte, betonte er, daß die großen Berliner Demonstrationen auf Lücken in der Strafgesetzgebung aufmerksam gemacht hätten, und diese auszufüllen erklärte er sich bereit. Drei oder vier Monate später war er bekehrt und verließ auch den Boden des gemeinen Rechts, um für das niederträchtigste aller Ausnahmegesetze einzutreten. Am besten sprach gegen das Gesetz der Zentrumsmann Jörg; Eugen Richter sprach auch dagegen, aber seine Rede war eben so seicht wie gehässig gegen uns. Moltke sprach auch schwach; er redete von »Barrikadenprofessoren«.[242]  Unsere Erklärung machte einen tiefen Eindruck; sie wurde von Liebknecht verlesen. Schließlich wurde das Gesetz mit 243 gegen 60 Stimmen abgelehnt, außer den Konservativen stimmten nur die drei nationalliberalen Professoren Beseler, Gneist und Treitschke für das Gesetz. Darüber durfte man sich bei drei »wissenschaftlichen Leibhusaren« wahrlich nicht wundern.
Nach der Abstimmung trat der Abgeordnete Heilig an mich heran, nahm mich auf die Seite und sagte in etwas väterlichem Tone:
»Herr Blos, Sie haben aus der Rede unseres Bennigsen gehört; daß die Aktion gegen Ihre Partei mit der Ablehnung dieses Gesetzes nicht zu Ende ist. Es wird der Sozialdemokratie an den Kragen gehen. Ich rate Ihnen, sich von dieser Partei abzuwenden, so lange es noch Zeit ist.«
»Oho!« sagte ich.
»Zwei Freunde von mir und ich, die wir uns für Sie als Landsmann interessieren« – er nannte zwei badische Abgeordnete – »werden dafür sorgen, daß Sie unterkommen,« fügte er hinzu.
»Wo denken Sie hin?« antwortete ich.
»Nun«, meinte er. »Sie wissen noch nicht, was eine Reaktionszeit bedeutet. Ich habe auch eine solche mitgemacht und habe meinen Frieden mit den herrschenden Gewalten geschlossen. Ich meine es gut mit Ihnen!«
»Das glaube ich ohne weiteres«, sagte ich. »Aber mein Ehrgefühl und meine sozialistische Überzeugung verbieten mir, das Banner, zu dem ich gelobt, zu verlassen, weil Gefahren drohen.«
»Dann«, sagte er ernst, »wünsche ich Ihnen, daß Sie so gut als möglich davon kommen.«
»Ich danke Ihnen, Herr Bürgermeister«, erwiderte ich; er schüttelte mir die Hand und ging ernst von dannen. Er meinte es wirklich gut.
Aber ich

»Beugte mich vor der siegenden Macht
Weder auf Drohen noch Bitten«,

denn nationalliberal veranlagt war ich eben nicht.
Die Reichstagssession war zu Ende. Bevor ich abreiste, kamen Liebknecht und ich noch mit einigen Demokraten zusammen, die man als spezielle Anhänger von Johann Jacoby als »Jacobyten« bezeichnete. Unter ihnen befanden sich der geistvolle Journalist Guido Weiß, ein Typ des achtundvierziger Demokraten mit langem weißen Bart, sowie Paul Singer, der damals noch nicht direkt zur Partei gehörte.
»Attentate wirken oft ansteckend«, sagte Guido Weiß; »ich bin gespannt, ob da nicht etwas nachkommt. Man hat die Empfindung, als liege etwas Unheimliches in der Luft.«
Diese Empfindung hatten wir merkwürdigerweise alle.
Sie kam daher; daß jedermann wußte, daß Bismarck auf eine bessere Gelegenheit lauerte. Und sie kam.[243] 
Acht Tage nachher, Sonntag den 2. Juni, befand ich mich mit Geib und einigen anderen Parteigenossen auf einem Spaziergang bei Wandsbeck. Als wir in das Städtchen kamen, bemerkten wir eine gewisse Aufregung.
»Gewiß wieder ein Attentat!« sagte Geib. »Sie rufen schon das Extrablatt aus!«
In der Tat – wir erwischten endlich ein Extrablatt und lasen, daß ein Dr. Nobiling in Berlin unter den Linden auf den alten Kaiser Wilhelm geschossen und ihn schwer verwundet habe. Der Attentäter, hieß es, habe sich rächen wollen, weil er eine Stellung im landwirtschaftlichen Ministerium, um die er sich beworben, nicht erhalten habe.
Uns fiel ein Stein vom Herzen. »Gottlob«, sagten wir, »mit dem Mann haben wir nichts zu tun; den kann man uns nicht an die Rockschöße hängen!«
Wie wenig kannten wir Bismarck und seine demagogischen Künste!
Um dieselbe Zeit erhielt Bismarck in Friedrichsruh die Nachricht von dem Attentat und rief in Gegenwart eines höheren, zum Besuch anwesenden Beamten aus: »Jetzt habe ich die Kerle!« Und als der Besuch verwundert dreinschaute, fügte Bismarck hinzu: »Ich meine die Nationalliberalen.«4

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Der Plan, den Bismarck sofort faßte, bestand also darin, den Reichstag aufzulösen, durch eine reaktionäre Hetze bei den Neuwahlen eine schutzzöllnerische Mehrheit zustande zu bringen und zugleich durch ein Ausnahmegesetz die verhaßte Sozialdemokratie, von der der zäheste Widerstand gegen einen schutzzöllnerischen Beutezug zu erwarten war, niederzuwerfen.
Der erste Teil dieses Planes gelang, der zweite aber nicht.
Der Attentäter Dr. Nobiling, der sich gleich nach dem Attentat in selbstmörderischer Absicht durch einen Pistolenschuß schwer verwundet hatte, war ein Nationalliberaler, der überspannt, gekränkt und von Syphilis verseucht, wie der andere Attentäter Hödel auch, am Leben verzweifelte und mit einer »großen Tat« aus dem Leben scheiden wollte. Er war in sozialdemokratischen Versammlungen erschienen und hatte dort unsere Redner vom nationalliberalen Standpunkt aus bekämpft.5
Das Attentat rief eine furchtbare Aufregung hervor. Sie wurde bis zur Fieberhitze gesteigert durch eine Depesche des Wolffschen Bureaus, wo es hieß, Nobiling habe angegeben, Sozialdemokrat zu sein und Mitschuldige[244]  zu haben. Damit war das Signal zu einer Hetze sondergleichen gegen die Sozialdemokratie gegeben. Die Äußerungen Nobilings waren zwar vollständig erfunden, aber die bürgerliche Presse nahm daraus Anlaß, die Partei mit einer Hochflut der unglaublichsten Lügen und Verleumdungen zu überschütten. Die gewöhnlichen Lügen und Verleumdungen, die man gegen uns in Umlauf zu bringen pflegte, genügten längst nicht mehr; daß wir den Staat mit Gewalt umstürzen, »Republik machen«, plündern und »teilen«, Ehe und Familie abschaffen wollten, daß wir alles dies propagierten, um uns als Agitatoren »mit Arbeitergroschen mästen« zu können – das war noch das Wenigste. Man forderte offen zur Lynchjustiz gegen uns auf, wie, um nur ein Beispiel anzuführen, ein Professor in Lüneburg, der in einem dortigen Blatte einen Aufruf erließ mit der Aufforderung: »Haut mit geballter Faust das beutegierige sozialdemokratische Gesindel ins Gesicht!« – Nicht nur taten die Spießbürger, als wären ihre Töchter vor uns auf der Straße nicht sicher – jetzt waren wir Kaisermörder und die elenden Hetzhunde in den Reptilienblättern rechneten unsere »Mitschuld« aufs Tüpfelchen aus. Und mit dieser ungeheuerlichen Lüge begründete man die Notwendigkeit eines Ausnahmegesetzes.
Zahllose Haussuchungen und Verhaftungen waren die Folge der in den Blättern erhobenen Denunziationen. Die sozialdemokratischen Versammlungen wurden unter den nichtigsten Vorwänden aufgelöst, die Blätter gleicherweise konfisziert. Nun zeigte sich erst die niedrige Gesinnung des Spießbürgerpacks in zahllosen Denunziationen, die bei der Polizei einliefen. Die Wände hatten Ohren. In einem Monat wurden über 500 Jahre Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verhängt. Es kam häufig vor, daß in den Wirtschaften Gäste, die man als Sozialdemokraten erkannte, unter dem Bravogebrüll der anwesenden Spießbürger ausgetrieben wurden.
In diesen Tagen stand täglich an der Spitze des »Vorwärts« in fetter Schrift zu lesen:

»Laßt euch nicht provozieren! Man will schießen!«

Wir in Hamburg verspürten von diesem »weißen Schrecken« weniger, als die Parteigenossen anderwärts. Gewiß tobten die »Patrioten« bei uns auch, aber die Bevölkerung im ganzen verhielt sich ruhiger. Es gab in dieser großen Stadt nur vier Majestätsbeleidigungsprozesse, von denen zwei mit Freisprechung endeten, obwohl in dem einen ein Offizier gegen seinen Burschen als Belastungszeugen auftrat. Dies sei zum Ruhme Hamburgs hier konstatiert.
Als ich einst mit einigen Freunden eine Wirtschaft betrat, schrie einer: »Kaisermörder!!« Der Wirt warf aber nicht uns, sondern den Schreier hinaus.
Schon am 11. Juni ward auf Beschluß des Bundesrats der Reichstag aufgelöst und der Termin der Neuwahl auf den 30. Juli angesetzt.[245] 
Inzwischen ging die Achtung der klassenbewußten Arbeiter weiter. Die Bourgeoisie, von Treitschke und anderen Reaktionären aufgereizt, wurde so toll, daß sie in blinder Wut sogar die Henne schlachten wollte, die ihr die goldenen Eier legt. In den bürgerlichen Blättern wurde eine lange Reihe von Firmen veröffentlicht, die sich verpflichteten, keinen Sozialdemokraten mehr zu beschäftigen, und ihre Arbeiter sollten einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichteten, sich den sozialdemokratischen Bestrebungen ferne zu halten. Gegen dieses eines Kulturvolkes unwürdige Verfahren wendete die Sozialdemokratie ein außergewöhnliches Mittel an. Sie riet den Arbeitern, den Revers getrost zu unterschreiben und dann zu tun, was sie wollten. »Die Arbeitgeber wollen Heuchler haben, sie sollen sie haben«, schrieb die sozialdemokratische Presse. Im übrigen blieb das ganze Unterfangen ein Schlag ins Wasser und hatte nur die Wirkung, daß jene Kapitalisten, welche doch nur von der Arbeit des Gedankens und der Hände lebten, die von dem Proletariat geleistet wird, in ihrer ganzen Brutalität und in ihrem wahnwitzigen Klassenhaß bloßgestellt wurden.
Die Masken der bürgerlichen Parteien fielen. An der Spitze des Wahlaufrufs der Fortschrittspartei hieß es: »Fort mit der Sozialdemokratie aus dem Reichstag!« – Dieser von Eugen Richter, dem Kämpfer »für Freiheit und Fortschritt« ausgegebenen Parole schlossen sich natürlich alle bürgerlichen Parteien mit Begeisterung an.
Der Wahlkampf, der nunmehr begann, brachte noch nie dagewesene Erscheinungen. Guido Weiß hatte recht, als er schrieb: »Der Kaiser hat die Wunden, die Nation hat das Wundfieber.« Was es an politischer Gehässigkeit gibt, wurde von den gegnerischen Parteien an uns bis zur Erschöpfung verübt.
Dazu kam die Polizeiwirtschaft. Verhaftungen, Konfiskationen von Druckschriften, Auflösung von Versammlungen, Saalabtreibungen usw. – alles das häufte sich, wie es noch niemals dagewesen.
Die Parteigenossen von Reuß älterer Linie hatten mir die Kandidatur für den Reichstag wieder übertragen. Als ich dort ankam, sah ich gleich, daß die Aussaat des Hasses aus der »Kölnischen Zeitung«, die Sozialdemokratie, diese »Eiterbeule am deutschen Volkskörper«, müsse ausgebrannt werden, auf fruchtbaren Boden gefallen war. Am meisten tobten die Nationalliberalen, obschon die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung«, das Organ Bismarcks, die ihnen zugemutete schmähliche Rolle ganz offen angekündigt hatte. Das Blatt hatte geschrieben: »Dem liberalen Philister muß der rote Lappen so lange vor der Nase hin und hergeschwenkt werden, bis er glaubt, es sei der Feuerschein der brennenden Städte.« Aber die nationalliberalen »Mannesseelen« taten ihren Dienst. In den Versammlungen, in denen sie gegen mich auftraten, suchten sie mich durch hinterlistige Redewendungen zu Äußerungen zu provozieren, die als Majestätsbeleidigung gedeutet werden sollten, worauf die lauernde Polizei mich gleich festgenommen hätte. Ich vermied diese Schlingen, aber einmal griff[246]  doch der alte Oberwachtmeister nach mir. Ich sah ihn so drohend an, daß er zurückwich und sich mit Säbelrasseln begnügte. Die Erinnerung an die unzertrennlichen Papageien hätte ihn wohl nicht abgehalten, mich festzunehmen. Aber er dachte wohl an den Bericht ans Landratsamt, den ich ihm verfaßt, und das bewog ihn, bei der Staatsretterei doch vorsichtig zu sein. Ich hätte ja die edle Polizeiseele ans Messer liefern können, aber ich tat es nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte es getan.
Als ich in einer Wählerversammlung sagte, die ganze Hetze hätte nur den Zweck, einen Reichstag zustande zu bringen, der bereit sei, Bismarck dreihundert Millionen neuer Zölle und Steuern zu bewilligen, wurde die Versammlung aufgelöst. Ich beschwerte mich beim Landrat, welcher die Auflösung guthieß und erklärte, daß solche Behauptungen in Wahlversammlungen nicht aufgestellt werden dürften. Vielleicht hat der gute Landrat noch lange genug gelebt, um zu begreifen, wie bescheiden damals meine Veranschlagung der dem deutschen Volke drohenden neuen Lasten gewesen ist.
Trotz des gegen uns aufgewendeten Terrorismus erhielten wir nur etwa 60,000 Stimmen weniger als im Jahr 1878; die deutschen Arbeiter hielten sich außerordentlich tapfer. Von den zwölf Mandaten, die wir gehabt, verloren wir in der Hauptwahl zehn. Auch ich unterlag. Aber die Stichwahlen brachten uns noch sieben Mandate, so daß die Fraktion wieder neun Mann stark war. Das deutsche Volk hatte der Parole: »Hinaus mit den Sozialdemokraten aus dem Reichstag!« keine Folge geleistet und hatte für die verfemte Partei vierhundertvierzigtausend Stimmen abgegeben.
Ein moderner Staatsmann hätte es vermieden, gegen eine Bewegung von solcher Lebenskraft mit einem Ausnahmegesetze und noch dazu auf Grund einer groben Lüge vorzugehen. Aber Bismarck war ein Staatsmann der alten Schule und war an der Metternichschen Polizeiweisheit kleben geblieben. Er berief auf den 9. September 1878 den Reichstag ein und legte ihm alsbald den Entwurf eines Ausnahmegesetzes vor, betitelt: »Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie.«6 Nach diesem Gesetze sollten die Polizeibehörden befugt sein, Vereine und Verbindungen sowie Druckschriften, welche sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen, auf Untergrabung der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichteten Bestrebungen dienen«, zu verbieten. Versammlungen mit gleichen Tendenzen sollten verboten oder aufgelöst werden. Das Erheben von Beiträgen für sozialdemokratische Zwecke war verboten. Verstöße gegen diese Verbote zogen schwere Geld- und Gefängnisstrafen nach sich. »Berufsmäßigen Agitatoren« oder auf Grund des Gesetzes rechtskräftig verurteilten Personen konnte die Polizei den Aufenthalt in bestimmten Bezirken versagen, unter gleichen Voraussetzungen auch Buchdruckern, Buchhändlern, Leihbibliothekaren[247]  und Inhabern von Lesekabinetten, sowie Gast- und Schankwirten die Erlaubnis zum Gewerbebetriebe entziehen. Die Krönung des Ganzen war der »kleine Belagerungszustand«. Dieser sollte nach § 28 über Bezirke und Ortschaften verhängt werden können – mit Genehmigung des Bundesrats – wo die öffentliche Sicherheit bedroht sei; Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu besorgen sei, sollten ausgewiesen werden können. –
Bismarck hatte nunmehr den Reichstag, den er brauchte; die Nationalliberalen waren von 127 auf 98 heruntergegangen und die schutzzöllnerischen Elemente waren jetzt in der Mehrheit. Die Konservativen, 115 Mann stark, waren gleich bereit, das Sozialistengesetz in Bausch und Bogen zu bewilligen.7 Dagegen waren das Zentrum und die Fortschrittspartei, mit Anhängseln etwa 160 Abgeordnete, dagegen. Die Haltung des Zentrums, das sich schon während der Attentatshetze anständiger gegen uns verhalten hatte, als die anderen bürgerlichen Parteien, ergab sich aus seiner Stellung als Oppositionspartei. Zur Verschärfung des Kampfes gegen die Sozialdemokratie auf dem Boden des gemeinen Rechts wäre das Zentrum in seiner Mehrheit ebenso bereitwillig gewesen wie ein großer Teil der Fortschrittspartei, die nur widerwillig gegen das Gesetz stimmte.8
Die Entscheidung lag also bei den Nationalliberalen, die sich erst gegen das »Monstrum« von einem Ausnahmegesetz sträubten, aber durch die Drohungen der offiziösen Presse mehr als gefügig gemacht und in fanatische Anhänger des Gesetzes verwandelt wurden. Als die Verhandlungen begannen, enthüllte Bebel in einer großen Rede, zu der die Gräfin Hatzfeldt viel Material geliefert hatte, das in der großen Öffentlichkeit damals nicht genau bekannte Verhältnis Bismarcks zu Lassalle. Aus dieser Klemme suchte sich Bismarck mit der abgedroschenen Redewendung zu befreien, er sei von jeher um das »Wohl der Arbeiter« besorgt gewesen. Er schämte sich nicht, in seiner Rede das alte abgeschmackte Märchen vom »Teilen« aufzuwärmen, und konnte unter dem Präsidium Forckenbeck die Sozialdemokraten »Banditen« nennen; dann »begründete« er das Gesetz mit unserer »moralischen Mitschuld« an den Attentaten, wofür er nicht den Schatten eines Beweises hatte. Das genügte aber den Nationalliberalen, die zwar gegen die Unfehlbarkeit des Papstes nicht genug wettern konnten, aber auf die Unfehlbarkeit Bismarcks Stein und Bein schworen. Geradezu widerlich mutete es an, wie ehemalige blutrote Revolutionäre, namentlich Bamberger und einige andere, einen staatsretterischen Veitstanz aufführten und an Polizeifrömmigkeit sogar die reaktionärsten Junker überboten. Diese Menschen habe ich später, als sie wieder »freisinnig« wurden, nicht mehr ernst nehmen können.[248] 
Am Schlusse der Verhandlungen zog Bracke deren Bilanz und sagte dem »Säkularmenschen« Bismarck sowie sämtlichen verbündeten Regierungen und der reaktionären Mehrheit ins Gesicht:

»Wir pfeifen auf das Gesetz!«

Die Herren Staatsretter wurden stutzig; so sprach eine Partei nicht, die sich zu Tode verwundet fühlte.9
Die Abstimmung erfolgte und das Gesetz wurde am 19. Oktober mit 221 gegen 149 Stimmen angenommen. Schon am 21. Oktober 1878 trat es in Kraft; so eilig hatte es Bismarck.
Der »Vorwärts« hatte der Mehrheit ein Gedicht gewidmet, worin ihre Haltung aufs Schärfste gebrandmarkt wurde. Diese, die glaubte, eine »patriotische Tat« geleistet zu haben, ergrimmte.
Eine Anzahl Abgeordnete und zwar gerade solche, die uns mit den unglaublichsten Beleidigungen überschüttet hatten, taten jetzt selbst beleidigt und stellten Strafantrag nach dem Vorbilde des großen Bismarck, der ja auch zahllose Zeitgenossen beleidigt, aber selbst zehntausend Strafanträge wegen Beleidigung gestellt hatte.
Während dies Knebelgesetz gemacht wurde, hatte man schon im voraus die Konsequenzen gezogen. 204 Mitglieder des Reichstages, verschiedenen Parteien angehörig, taten sich als »wirtschaftliche Vereinigung« zusammen und forderten einen neuen Zolltarif, womit sie, so behaupteten sie, mit den weitesten Kreisen des deutschen Volkes im Einklang sich befanden.
So folgte der vermeintlichen Knebelung und Erdrosselung der sozialistischen Bewegung die Schutzzöllnerei und die agrarische Beutepolitik zugunsten des begehr lichen Junkertums auf dem Fuße.
Wir hatten die Verhandlungen im Reichstage mit begreiflicher Spannung verfolgt. Die liberale Presse in Hamburg verhöhnte das »Hamburg-Altonaer Volksblatt« und sagte giftig, daß seine Tage gezählt seien. Ich antwortete im »Volksblatt« der rings um uns gierig kläffenden Meute:
»Wenn wir untergehen müssen, so werden wir untergehen mit Stolz und Trotz!«
Mit dem 21. Oktober 1878 brach der furchtbare Sturm über uns herein, den eine rasende Reaktion mit den niedrigsten Mitteln entfesselt hatte. Der mächtigste Staatsmann des europäischen Kontinents ließ alle seine Gewaltmittel gegen uns spielen und ließ alle Minen springen. Schon damals trug er sich mit dem infernalischen Plan, uns mit dem Sozialistengesetz[249]  dermaßen zu drangsalieren, daß wir in Verzweiflung geraten müßten. Dann, hoffte er, würden wir zum Aufstand schreiten und Barrikaden bauen. Das war dann der Moment; uns mit der Waffengewalt des »herrlichen Kriegsheeres« niederzuschmettern und einen »Aderlaß« vorzunehmen, der alle sozialistischen Regungen auf absehbare Zeit hinaus ersticken sollte. Er hatte ja immer gesagt; für das sozialistische Problem gäbe es nur eine militärische Lösung.
Aber wir trotzten dem furchtbaren Gegner durch feste Haltung und durch zähe Ausdauer. Nach zwölf Jahren war man seiner Polizeiwirtschaft in Deutschland überdrüssig geworden und er stürzte über dasselbe Sozialistengesetz, mit dem er uns hatte vernichten wollen. Die Sozialdemokratie blieb Siegerin in dem gigantischen Kampfe.
Man hat an Bismarck oft seine genaue Kenntnis der Menschen und der Zustände gerühmt. Mit dem Sozialistengesetz zeigte dieser märkische Junker, daß er Menschen und Zustände in Deutschland gar nicht kannte. Er wußte nicht einmal, daß ungerechte Verfolgung dem Verfolgten neue Sympathien und neue Anhänger erweckt; und er hätte dies doch aus dem »Kulturkampf« lernen können.
Uns blieb vorläufig nichts übrig, als zuzusehen, wie das Gesetz nunmehr ausgeführt werden würde. Am Tage, da es in Kraft trat, erschien im Zentralorgan »Vorwärts« eine Erklärung, die Redaktion werde sich »auf den Boden des Ausnahmegesetzes stellen« und dessen Klippen zu vermeiden suchen. Es sei dies »eine schwere, sauere Leistung«. Dann hieß es weiter: »Wir werden unseren Lesern immer noch die Hülle und Fülle des Wissenswerten bieten, wir werden keiner anderen Partei dienen, trotzdem wir die unsrige nicht voll und ganz vertreten können. Das Ausnahmegesetz aber trägt den Keim eines frühen Todes in sich; es wird nur von kurzer Dauer sein.«
So dachten auch wir. Die Parteigenossen zeigten eine rührende Anhänglichkeit an das Blatt; mehrmals wurde mir auf der Straße zugerufen, wir möchten das Blatt halten wie wir wollten, die Abonnenten würden treu bleiben.
Wenige Tage, nachdem das Gesetz in Kraft getreten, erschien die Polizei beim »Hamburg-Altonaer Volksblatt« und brachte uns ein Dekret des Polizeichefs, durch welches das Weitererscheinen des Blattes verboten wurde. Damit wurden etwa 50 Leute brotlos. Der Verlag, welcher nachmals an J. H. W. Dietz überging, mußte suchen, seinem Ruin durch Gründung einer neuen Zeitung vorzubeugen.
Während wir über dieses schwierige Problem nachdachten, fiel im ganzen Reiche die Polizei über die sozialdemokratische Literatur her. Man hat den Arabern fälschlich nachgesagt, daß sie im Jahre 642 n. Chr. bei der Eroberung Alexandriens die berühmte Alexandrinische Bibliothek zerstört und ein halbes Jahr lang die Bäder mit den Büchern geheizt hätten. Die deutsch-preußische Polizei verfuhr mit der sozialdemokratischen Literatur über tausend Jahre nachher in der Tat so, nur mit dem Unterschied,[250]  daß sie die konfiszierten Bücher und Drucksachen nicht verbrannt, sondern eingestampft hat.
Zunächst wurden die drei großen sozialdemokratischen Organe »Vorwärts«, »Berline Freie Presse« und »Hamburg-Altonaer Volksblatt« mit zusammen gegen 50000 Abonnenten verboten. Dann folgten die anderen politischen Blätter; nur zwei, das Offenbacher und das Nürnberger Parteiorgan, überdauerten diese Zeit. Bis zum 30. Juni 1879 waren schon 127 periodische und 278 nichtperiodische Druckschriften verboten, sowie 217 Vereine und 5 Kassen aufgelöst. Fast die ganze wissenschaftliche, historische und sonstige Literatur der Sozialdemokratie verschwand von der Oberfläche. Auch »die Quintessenz des Sozialismus« von dem ehemaligen österreichischen Minister Schäffle wurde verboten, aber später wieder freigegeben. Höchberg ließ diese Schrift in 10000 Exemplaren drucken und verbreiten. Das war aber nur ein Anfang. Binnen zehn Jahren erfolgten im ganzen 1299 Verbote von periodischen und nichtperiodischen Druckschriften im Inland und Ausland; dazu kamen 332 Verbote von Gewerkschaften, Unterstützungs-, politischen und Vergnügungsvereinen. Man kann sich die Wut der Arbeiter denken, als sie der mit ihren Beiträgen geschaffenen Kassen beraubt wurden, in denen für die Zeit von Krankheit und Arbeitslosigkeit vorgesorgt und dem entwürdigenden »Fechten« somit vorgebeugt war. So täppisch schlug der Polizeistaat mit seinen Fäusten drein.
Ferner die unaufhörlichen Haussuchungen, Verhaftungen, Ausweisungen und Verurteilungen. Es sind während des Sozialistengesetzes gegen tausend Jahre Gefängnis verhängt worden.
Je höher die Flut, desto tiefer die Ebbe! –
Als wir wieder zusammentraten, um mit dem Verlag über einen neue Zeitung zu beratschlagen, legte ich einen fertigen Plan vor. Ich schlug vor, eine tägliche Zeitung unter dem Namen »Gerichtszeitung« herauszugeben. Das gab dem Blatte den Anschein, als solle es sich hauptsächlich mit der Berichterstattung über Gerichtsverhandlungen und mit juristischen Angelegenheiten beschäftigen. Zur Bekräftigung dieses Charakters des Blattes sollte noch eine große Rubrik: »Auswärtige Gerichtsfälle« eingerichtet werden. Die Politik sollte anfangs etwas zurücktreten, bis man den Stand der Dinge besser überblicken konnte.
Somit war, soweit überhaupt möglich, vorgebeugt, daß die Polizei das neue Blatt für eine Fortsetzung des verbotenen »Hamburg-Altonaer Volksblatt« erklären und der Staatsanwalt Anklage erheben konnte. Diese Klippe war die gefährlichste. Verbieten konnte die Polizei freilich das Blatt aus tausend anderen Gründen oder auch ohne alle solchen.
Meinem Vorschlag wurde allseitig zugestimmt und die »Gerichtszeitung«, deren Leitung mir ganz von selbst zufiel, trat ins Leben. Sie gewann rasch 12000 Abonnenten und sie bestand etwa 21/2 Jahre, bis auch sie vom Strudel der Reaktion verschlungen wurde.
Die Leitung der Redaktion eines Blattes, über dem unaufhörlich das Damoklesschwert des Verbots hing, war eine schwierige Sache. Ich[251]  erhielt von dem Verlag resp. dem Aufsichtsrat der Genossenschaftsbuchdruckerei den Auftrag, die Fußangeln des Sozialistengesetzes möglichst zu umgehen, um das Blatt zu erhalten, was wohl nicht durchführbar gewesen, hätte die hamburgische Polizei nicht schon gleich zu Anfang etwas mehr Nachsicht gezeigt als die preußische. Später hatte sie, wie man sehen wird, dafür noch besondere Gründe. Im benachbarten Preußen, namentlich in Altona, wurde die »Gerichtszeitung« 42 Tage lang täglich konfisziert, bis die Kolporteure dagegen ein obsiegendes Urteil erstritten.
Es kam vor allen Dingen darauf an, die Polizei nicht nervös zu machen. In dieser Beziehung konnten die Ansichten der verschiedenen Redaktionsmitglieder sehr verschieden sein. Der eine konnte für sehr bedenklich halten, was der andere für unbedenklich hielt und umgekehrt. Auf lange Diskussionen konnte ich mich nicht einlassen, da ich für alles und nach allen Seiten verantwortlich war. Manchmal mußte ich eine Stelle streichen, die der Verfasser für ungefährlich hielt und auf die er vielleicht stolz war. Das gab allerlei Mißhelligkeiten, doch kam ich darüber hinweg.
Schlimmer waren die Einwirkungen von außen. Es gab natürlich auch damals Leute, die kritisierten, nur um zu kritisieren, und die sich dabei sehr groß vorkamen. Auf unsere bedrängte Lage nahmen sie keine Rücksicht. Obwohl ich das Blatt so dicht als möglich an den Fußangeln des Sozialistengesetzes vorbei lenkte, wurde gleichwohl an den Biertischen behauptet, es könnte »radikaler« sein. Man berief sich dabei später auf eine Äußerung von Bebel, der die »farblosen« Blätter als »Gehirnverkleisterungsorgane« bezeichnet haben sollte. Die »farblosen« Organe waren eigentlich gar nicht so farblos und Bebels Äußerung mochte damals im Unmut über einen speziellen Fall geschehen sein. Diese wechselnden Stimmungen, die natürlich auf die ganze Redaktion einwirkten, erschwerten mir meine Aufgabe sehr. Es gab auch allerlei kleine Intrigen. So schrieb ein Redaktionsmitglied oft so scharf und provozierend, daß ich, wie er auch erwartete, die betreffenden Stellen streichen mußte. Dann fischte er die Korrekturen aus dem Papierkorb und sandte sie an führende Persönlichkeiten der Partei mit dem Bemerken, daß er ja gerne schärfer schreiben würde, daß ich es aber verhindere. Ich erfuhr dies erst später. Jetzt aber billigte der Aufsichtsrat in allen seinen Sitzungen meine Redaktionsführung und gab mir von Zeit zu Zeit ein ausdrückliches Vertrauensvotum.
In der Partei trat die Verwirrung ein, die bei einer solchen Katastrophe unvermeidlich war. Die Parteileitung hatte schon kurz vor dem Inkrafttreten des Sozialistengesetzes ihre Auflösung angezeigt. Jetzt gingen die Verbindungen verloren und verschiedene Parteigenossen verließen das, wie sie meinten, sinkende Schiff der Sozialdemokratie, namentlich solche, die vorher den Mund sehr voll genommen und anderen Feigheit vorgeworfen hatten. Daß sich manchmal auch ein gewisser Pessimismus bei diesem und jenem von denen geltend machte, die fest entschlossen waren, unter allen Umständen auszuharren, ist begreiflich. Es war die Abspannung nach monatelanger Aufregung. Darüber haben sich[252]  später manche irrige Auffassungen gebildet, denn für Außenstehende war unsere Situation nicht leicht zu begreifen.
Aber die Masse der sozialistischen Arbeiter hielt treu und fest zur Fahne, wenn sie auch momentan nicht entfaltet werden konnte. Hier war Bismarcks Massenpsychologie gänzlich unzulänglich gewesen. Er glaubte die »Führer« unschädlich machen und dann die Massen durch das Linsengericht einiger sozialpolitischen Zugeständnisse und »Wohltaten« zu sich hinüberziehen zu können. Mit dieser armseligen Weisheit sollte der angeblich größte Staatsmann aller Zeiten gründlich bankerott machen.
Als der von seinen Wunden genesene Kaiser im Dezember 1879 nach Berlin zurückkehrte, wurde dort der »kleine Belagerungszustand« verhängt, welcher der Polizei die unbedingte Ausweisungsbefugnis verlieh. Diese Maßregel war Bismarck auch von den Nationalliberalen nur für den äußersten Fall bewilligt worden. Jetzt nahm er die Rückkehr des Kaisers und dessen persönliche Sicherheit zum Vorwand, um die schärfste Maßregel gleichsam mutwillig anzuwenden. Auch wurde für Berlin der Paßzwang eingeführt, denn ein echter märkischer Junker kann sich seinen »geordneten« Polizeistaat ohne Paßzwang gar nicht vorstellen.
Sogleich wurden aus Berlin 67 Parteigenossen, darunter Auer und Fritzsche, ausgewiesen. Sie erließen eine ihre Feinde tief beschämende Erklärung an die Berliner Sozialdemokraten, in der es hieß: »Laßt euch nicht provozieren! ... Seid ruhig! Laßt unsere Feinde toben und verleumden! Schenkt ihnen keine Beachtung! Weist die Versucher ab, die euch zu geheimen Verbindungen oder Putschen reizen wollen! Haltet fest an der Losung, die wir euch so oft zugerufen: An unserer Gesetzlichkeit müssen unsere Feinde zugrunde gehen!«
Die meisten der Ausgewiesenen kamen nach Hamburg; andere »Schübe« kamen nach. Im ganzen wurden aus Berlin während des Sozialistengesetzes 293 Personen ausgewiesen, darunter 172 verheiratete mit 328 Kindern.
In Hamburg wurden die Ausgewiesenen so gut unterstützt als es möglich war. Es gab indessen in dieser schwierigen Situation viele Differenzen, alles war voll Grimm und Groll und Krakeeler gab es auch.
Bald darauf kam auch Johann Most nach Hamburg. Er hatte in Plötzensee eine Strafe abgemacht und war gleich nach seiner Entlassung aus Berlin ausgewiesen worden. Nun suchte er eine Möglichkeit, seinen Unterhalt zu gewinnen. Als er auf der Redaktion der »Gerichtszeitung« an mich herantrat, sagte ich ihm, daß Bracke mich ersucht habe, ihm einen Redakteur für sein (farbloses) Unterhaltungsblatt zu verschaffen, da Kokosky, der es redigieren sollte, zuvor noch eine lange Gefängnisstrafe zu erstehen habe. Most ging sogleich darauf ein und wollte die Stelle annehmen. Während er bei mir saß, kam ein Abendblatt und meldete, daß Most in Elberfeld wegen einer dort gehaltenen Rede zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden sei. Erregt sprang er auf und schrie, er wolle nicht schon wieder ins Gefängnis, er gehe ins Ausland. Das[253]  konnte ich ihm nicht verdenken. Nun verlangte er Geld und da wir nicht viel hatten, wurde an Höchberg telegraphiert, der sofort telegraphisch 100 Mark anwies. Ich habe gesehen, wie Most das Geld ausgezahlt wurde. Was er noch weiter brauchte, wurde in Hamburg aufgebracht. Unterdessen waren wir bei Geib, wo sich auch Auer und Wedde eingefunden hatten. Dort erschien auch Mosts Frau ganz unerwartet. Das Ehepaar hatte sich getrennt und jedes war seine eigenen Wege gegangen. Nun schob man das mit scheuen Blicken sich betrachtende Ehepaar in ein Nebenzimmer, um sich auszusprechen, während wir beim Kaffee saßen. Bald hörte man, wie die Tür von innen verriegelt wurde, und nach einer Stunde kam das Paar seelenvergnügt Arm in Arm heraus. Wir brachen alle in ein unbändiges Gelächter aus. Dieser Friede dauerte aber nicht lange.
Most erklärte nun, er wolle nach London gehen und dort ein Organ der Sozialdemokratie gründen, da ein solches in Deutschland unmöglich sei. Wir schieden im besten Einvernehmen. In London angekommen, ging er zu den Anarchisten über und gründete die »Freiheit«, in der er uns sogleich äußerst gehässig und unflätig angriff. Er leugnete sogar öffentlich, in Hamburg irgendeine Unterstützung erhalten zu haben.
Die in blutdürstigen Phrasen schwelgende »Freiheit« war der preußischen Polizei hochwillkommen. Sie begründete mit diesem für sie kostbaren Material den Fortbestand des Sozialistengesetzes. Darum rief uns Puttkamer auch einmal im Reichstage zu: »Most ist mir lieber als Sie!« und die Druckkosten der »Freiheit« wurden mehrmals von einem notorischen preußischen Polizeispion bezahlt.
Um dem Unheil vorzubeugen, welches die in zahlreichen Exemplaren nach Deutschland versandte »Freiheit« in dieser kritischen Zeit anrichten konnte, wurde als Organ der deutschen Sozialdemokratie im Ausland der »Sozialdemokrat« in Zürich gegründet. Die zunächst erforderlichen Geldmittel gab Höchberg her. In der Sitzung von Vertrauensmännern in Hamburg, wo über die Gründung des Blattes verhandelt wurde, waren Geib und ich erst dagegen. Später sahen auch wir ein, daß das Blatt eine Notwendigkeit war. Dies bewies nachher auch die hohe Auflage, die es erreichte. Die Verbreitung des natürlich sofort verbotenen Blattes war mit großen Schwierigkeiten und Gefahren verknüpft, wurde aber von der »roten Feldpost« mit viel Geschicklichkeit bewerkstelligt. Allerdings wäre dies ohne den Opfermut der Parteigenossen, über die zahlreiche Prozesse und Strafen verhängt wurden, nicht möglich gewesen. Die Polizei wurde dabei dermaßen zum Narren gehalten, daß sie oft noch tagelang einen Kordon von Mülhausen i. Elsaß bis Konstanz und Lindau bildete, wenn das Blatt schon längst im Reiche war. Auch wurde das Blatt oftmals in Deutschland gedruckt, während die Polizei an der Grenze lauerte.10[254] 
Inzwischen hatte Bismarck seinen Krieg gegen Hamburg begonnen, das er zum Anschluß an das Zollgebiet zwingen wollte, entsprechend der nunmehr von ihm eingeleiteten Schutzzollpolitik. Als dies bekannt wurde, geriet die hamburgische Bevölkerung in eine ungeheure Aufregung; man glaubte manchmal sich in einem Revolutionszustand zu befinden. Die Zollfreiheit und freie Schiffahrt auf der Elbe war der Stadt schon von Friedrich I. Barbarossa zugestanden worden und siebenhundert Jahre hindurch hatte sie sich daran gewöhnt. Der hamburgische Handel hatte sich auf dieser Grundlage seine Machtstellung geschaffen und die Lebensmittel waren infolge der zollfreien Einfuhr von einer Billigkeit, die heute märchenhaft erscheint. Der hamburgische Senat verwarf den Zollanschluß und ließ sich auf keine Verhandlungen ein. Die Bismarcksche Presse überhäufte Hamburg mit frechen und brutalen Drohungen; man drohte mit völliger handelspolitischer Blockade und ein Blatt sprach von der Möglichkeit, daß ein Reichskommissär vor dem Rathaus erscheinen und unter Trompetenschall den Zollanschluß proklamieren könne. Dabei zahlte Hamburg ein hohes Zollaversum für den Freihafen.
Die Sozialdemokratie beteiligte sich eifrig an dem Kampfe gegen den Zollanschluß. Dem Senat war auch diese Hilfe willkommen und das trug dazu bei, daß die »Gerichtszeitung« von der Polizei geschont wurde. Sie konnte nun kräftig in die Politik eingreifen. Unsere Artikel gegen den Zollanschluß machten oft großes Aufsehen, denn viele von ihnen rührten von einem höheren Beamten, nämlich von Dr. Voigt, her, dem Landherrn der Geestlande, einem sehr sachkundigen Mann.
Dr. Voigt, der sich sehr eifrig mit sozialpolitischen Fragen beschäftigte, hatte eine Schrift herausgegeben, in welcher er bedauerte, daß die Gewerkschaften vom Sozialistengesetz hinweggefegt waren. Er schlug vor, der Gewerbeordnung einen neuen Titel beizufügen, in dem Gewerkschaften gestattet und mit Korporationsrechten versehen werden sollten. Durch Johannes Wedde war ich mit diesem konservativen, aber den Arbeitern durchaus wohlwollenden Mann bekannt geworden. Seine Artikel gegen den Zollanschluß gingen nur durch meine Hand.
Er mußte sich wohl den Rücken gedeckt haben. Als wir unter dem kleinen Belagerungszustand aus Hamburg ausgewiesen worden waren, machte Auer im Reichstage die Enthüllung, daß die »Gerichtszeitung« viele Artikel gegen den Zollanschluß von einem höheren hamburgischen Beamten gebracht habe. Er nannte Dr. Voigt mit Namen und wollte damit dem Senat treffen, um nachzuweisen, daß dieser die Hilfe der von ihm nunmehr so hart behandelten Sozialdemokratie gesucht und auch davon Gebrauch gemacht habe. Der Senator Versmann erwiderte, von dieser Mitarbeiterschaft sei ihm nichts bekannt; es sei aber in weiten Kreisen bekannt, daß diese Artikel von dem früheren Abgeordneten Geib herrührten.11[255] 
Mir war diese Sache äußerst peinlich wegen des Dr. Voigt, wenn es auch erklärlich war, daß Auer die Gelegenheit benützte, dem Senat einen Stich zu versetzen. Indessen blieb Dr. Voigt in seiner Stellung. Ich hätte la den Senator Versmann leicht überführen können, daß er eine unwahre Behauptung aufgestellt hatte, aber mit Rücksicht auf Dr. Voigt tat ich es nicht. Als er mich bald darauf in Bremen besuchte, fragte ich ihn, ob die Sache nachteilige Wirkungen für ihn gehabt habe. Er lächelte nur, sagte aber nichts.
Bald darauf trat ein Ereignis ein, das mich aufs schmerzlichste berührte.
Mein trefflicher Freund Geib war schon seit einiger Zeit herzleidend gewesen. Die nunmehr eingetretenen Zeitläufte waren nur zu sehr geeignet, sein Leiden zu verschlimmern. Die rohen Beschimpfungen und schändlichen Verleumdungen, mit denen die bürgerliche Presse uns überschüttete, nahm sich der feinsinnige und zartfühlende Mann allzu sehr zu Herzen; sein nervöser Zustand wurde noch verschlimmert durch die Krakeelereien und persönliche Angriffe eines damaligen Parteigenossen, des Schuhmachermeisters Hartmann, der im Parteivorstand gewesen war, später in den Reichstag gewählt wurde, aber schließlich aus der Partei ausscheiden mußte. Im Juli 1879 war Geib, den auch geschäftliche Sorgen bedrängten, zur Erholung und Kräftigung nach Wohldorf im Hamburger Wald gegangen; von dort schrieb er mir noch am 18. Juli einen Brief, in dem er seiner Hoffnung auf Besserung und seiner Freude über die Arbeiten des Dr. Voigt, der ihn in Wohldorf besucht, Ausdruck gab. Kaum zurückgekehrt, ward er von einem Herzschlag dahingerafft. In den weitesten Parteikreisen wurde dies schwer empfunden; er hatte das allgemeine Vertrauen besessen und war für Tausende Berater und Helfer gewesen.
Die Hamburger Arbeiter bereiteten ihm ein Leichenbegängnis, wie Hamburg noch keins gesehen. Sie nahmen die Gelegenheit wahr, den Machthabern zu zeigen, daß sie trotz des Sozialistengesetzes unverbrüchlich zu der Fahne hielten, die ihnen der Verstorbene vorangetragen. Wohl fünfzigtausend Menschen gingen im Zuge und mehr als hunderttausend bildeten Spalier auf den Straßen.
Ich sprach zuerst an seinem Grabe12. Die Polizei hatte nur kurze Reden gestattet und das war für mich gut, denn der tiefe Schmerz um den Verlust dieses Freundes hatte meine Nerven derart erregt, daß mir die Stimme brach. Ich schloß nach einigen Minuten, indem ich die berühmten Verse Herweghs auf den Tod von Georg Büchner mit zitternder Stimme rezitierte:



»Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab,
Der Verse schönsten nimmt er mit hinab.«[256] 
Nach mir sprach Liebknecht, der auch nur mit Mühe seine schmerzliche Bewegung beherrschte.
Nachdem sich die Tausende der Leidtragenden zerstreut, fanden sich ganz in der Nähe von Geibs Ruhestätte eine Anzahl seiner Freunde zusammen. Liebknecht, Auer und andere waren dabei; selbstverständlich auch ich. Auf einer schwach beleuchteten Kegelbahn gaben wir uns gegenseitig das Wort, im Sinne des toten Freundes weiter zu arbeiten und uns durch gar nichts entmutigen zu lassen.
Es war uns dabei feierlich zumut, als hörten wir die Schwingen des Zeitgeistes rauschen.
Es hatte sich aber auch ein Spion eingeschlichen, der sogenannte einäugige Wolff, der den grimmigen Revolutionär spielte. Eine seiner Lieblingsphrasen war, daß die Krönungsmäntel zu Pferdeschabracken verwendet werden müßten. Jetzt denunzierte er diese geheime Versammlung sogleich bei der Berliner Polizei.13 Verräter, die sich an die Polizei verkauften, gab es überhaupt jetzt schon zahlreich. So lange sie unentdeckt spionieren konnten, nahmen sie meist die Maske der Biederkeit oder des Hyperradikalismus vor.
Das konnte aber nicht verhindern, daß diese Versammlung sehr viel zur Wiederbelebung der Partei beitrug, denn es wurden die verloren gegangenen Verbindungen wieder angeknüpft. Die Zerstreuten sammelten sich allmählich wieder. In einem Walde hinter Harburg fand gleich darauf eine geheime Versammlung statt, welche den Zusammenhalt unter den Parteigenossen auch der Form nach wiederherstellte und eine geheime lokale Organisation schuf. Unser Freund, Maurer Gadow von Rothenburgsort, war darob so erfreut, daß er an dem Ort, wo die Versammlung stattgefunden, eine kleine Steinpyramide errichtete. Vielleicht ist sie noch vorhanden.
In Hamburg suchte uns Hasselmann, der dahin gekommen, allerlei Unannehmlichkeiten zu bereiten, nachdem ein Versuch der Verständigung gescheitert war. Er verfiel aber bald der Lächerlichkeit, indem er unter dem Schutze der Redefreiheit im Reichstage die Revolution proklamierte und dann – nach Amerika durchbrannte. Wir verspotteten ihn im »Wahren Jakob«, der damals in Hamburg gegründet und von mir redigiert wurde.14
Seitdem der kleine Belagerungszustand über Berlin verhängt war, mußten wir damit rechnen, daß auch wir in Hamburg mit dieser Maßregel heimgesucht werden würden. Um nicht ins Grübeln zu verfallen, suchte ich mich zu zerstreuen. Ich beschäftigte mich viel mit der interessanten[257]  Geschichte Hamburgs und fand, daß die Hamburger Arbeiter schon vor Jahrhunderten sich viel mehr an den politischen Kämpfen beteiligt hatten, als die Arbeiter anderwärts, so 1684 bei dem Aufstand unter Snitger und Jastram und 1693 bei dem durch die calvinistische Geistlichkeit erregten Aufstand der Mayerianer15. Auch schrieb ich einiges über den bekannten Hamburger Dichter Leonhard Wächter, genannt Veit Weber, von dem das Lied stammt:

»Kennst du das Land so wunderschön
In seiner Eichen grünem Kranz?« usw.

Dessen Grab hatte ich öfter gesehen, da es nahe bei Geibs Grabe liegt. Wachter hatte sich so für die französische Revolution begeistert, daß er 1792 nach Frankreich ging und in die Revolutionsarmee eintrat; er machte die Schlacht von Jemappes mit und wurde schwer verwundet. Dies entnahm ich seinen eigenen Werken; in deutschen Nachschlagebüchern liest man, daß er gegen die Franzosen gefochten habe.
Durch einen Freund T ... aus Holstein war ich mit zwei preußischen Justizreferendaren bekannt geworden, die jetzt in richterlichen Würden sind. Diese netten jungen Leute teilten meine politischen Ansichten nicht, aber sie plauderten gerne mit mir über historische Dinge und kamen deshalb oft zu mir. Mit ihnen machte ich verschiedene Sonntagsausflüge. Bei einer solchen Gelegenheit gelangten wir auch nach Lauenburgschem Gebiet und standen plötzlich vor – Friedrichsruh. »Jojo, dat is Bismarck sin Hus!« sagte ein Bauer und teilte uns mit, daß die Herrschaft abwesend sei und daß man das Schlößchen gegen ein Trinkgeld besichtigen könne. Die Referendare beschlossen sogleich, das zu tun. Ich aber sträubte mich, denn ich fand es nicht schicklich, mich in das Haus des mächtigen Feindes der Sozialdemokratie gewissermaßen einzuschleichen. Die zwei Juristen redeten mir das aber mit großer Zungenfertigkeit aus. Wenn der Eintritt, sagten sie, jedermann gestattet sei und zwar gegen Bezahlung, so könne man das kein Einschleichen nennen. Ich ließ mich schließlich überreden, da man mir, wenn ich mit drei loyalen Staatsbürgern das Schloß besah, nichts Schlimmes imputieren konnte. Wir traten also ein und der Schloßverwalter zeigte uns die Zimmer. Das Schlößchen, ein früheres Hotel, war im Verhältnis zu der Stellung seines Besitzers sehr einfach eingerichtet; wirklich wertvoll waren nur einige Sachen, von denen man in den Zeitungen gelesen hatte, daß sie dem Kanzler geschenkt worden seien. Die Zimmer waren meist sehr klein; Lothar Bucher und Schwenninger mußten in Kammern hausen. Vor dem Schreibtisch des Kanzlers setzte sich der eine meiner Juristen auf dessen Stuhl und meinte: »Nun sitze ich an einem welthistorischen Platze,« wozu er eine weihevolle Miene annahm.16 Ich erinnere mich noch an einen prachtvollen Papierkorb aus Wildschweinzähnen und an die ungeheuer umfangreiche Sitzbadewanne[258]  der Fürstin. Im Erdgeschoß war ein Kneipzimmer, wo oben am Tische der gewaltige Humpen des »Säkularmenschen« stand. Doch dies alles interessierte mich weniger als die Lektüre Bismarcks und seiner Söhne in deren Schlafzimmern. Bei dem Alten sah ich nur historische und nationalökonomische Werke; bei Herbert Bismarck nur Romane und bei Wilhelm Bismarck nur Reiseliteratur niedrigster Gattung. Der Kastellan wurde argwöhnisch, als ich mich für diese Bücher so sehr interessierte. –
Mit diesen jungen Leuten kam auch der Sohn eines Hamburger Großkapitalisten zu mir. Dieser junge Mann suchte etwas darin, als entschiedener kommunistischer Revolutionär zu erscheinen, und tat, als sei er mir um sieben Pferdelängen voraus. Die jungen Juristen schüttelten erstaunt die Köpfe. Als aber jener das väterliche Erbe angetreten hatte, erschien ihm die »Hecknatur« des Kapitals entschieden wichtiger als der Kommunismus. Mich überraschte das nicht. Solche Erscheinungen sind nicht selten.
Eines Tages erhielt ich einen Brief, in dem ein junger Mann mir ankündigte, er sei ohne alle Mittel und müsse in die Alster springen, wenn ich mich nicht seiner annehmen würde, denn wenn ich nun auch versage, werde er sich an niemand mehr wenden. Er bezeichnete sich als Sohn eines bekannten Historienmalers und unterschrieb: Max Bewer. Ich schrieb ihm und er kam. Er brachte ein sehr revolutionäres Drama mitbetitelt »Danton und Robespierre«. Damals bedauerte ich sehr, daß ich dem jungen Mann keine Stellung und kein Einkommen verschaffen konnte. Er tauchte später als antisemitischer Broschürenschreiber auf und hielt sich für einen der größten Dichter seiner Zeit, worüber andere nicht der gleichen Meinung waren. In einer seiner Broschüren erinnere ich mich gelesen zu haben, wie er behauptete, die Hamburger Sozialdemokratie habe Bismarck nach dem Leben getrachtet; dies habe er (Bewer) selbst beobachtet, als er in Hamburg mit Sozialdemokraten Verkehr gehabt. Jedenfalls hat's ihm Bismarck geglaubt. Vor einigen Jahren hielt dieser Edle sich für geeignet, als Bewerber um einen Nobelpreis aufzutreten.
Ich unternahm allerlei Streifzüge im alten Hamburg und da in jener Zeit in den Blättern so viel von den Bettlerherbergen und von dem Elend der Ausgestoßenen und Obdachlosen die Rede war, so beschloß ich, einmal eine der bekannten und größeren Höhlen zu besuchen. Als mein Vorhaben bekannt wurde, schlossen sich mir mehrere an, darunter auch ein junger Jurist, der die Schilderungen der Presse für übertrieben hielt und erklärte, ein solcher Grad menschlichen Elends sei nicht denkbar. Ich wollte ihn überzeugen, daß die Presse nicht übertrieben hatte, wie ich aus Schilderungen von Augenzeugen wußte. Ein mir bekannter Zeitungsberichterstatter, geborner Hamburger, der seine Vaterstadt genau kannte, erbot sich, den Führer bei der seltsamen Wanderung zu machen. Er gab uns allen den Rat, sich hinreichend mit Zigarren zu versehen, um es in der mephitischen Luft aushalten zu können.[259] 
Es war an einem Herbstabend, schon recht kühl, und wir brachen auf, als es zu dunkeln begann. Unser Führer wandte sich mit uns nach dem Venusberg, einer bergan steigenden Straße am Schaarmarkt, nicht weit vom Hafen.17
Am Venusberg lag der weitbekannte tiefe Keller, die größte Bettlerherberge Hamburgs, die längst zu bestehen aufgehört hat. Venusberg! Welche Ironie! Ich konnte, während wir zum Schaarmarkt hinabstiegen, den Gedanken nicht los werden, daß am sagenhaften Venusberg in Thüringen die reizende, liebesduftige Tannhäusersage hängt. Hier in der prosaischen Handelsstadt schmückt den »Venusberg« eine Bettlerspelunke. Und merkwürdig, beim »tiefen Keller« dachte ich immer an das berühmte Lied von Müchler:

»Im tiefen Keller sitz' ich hier
Auf einem Faß voll Reben;
Bin frohen Muts und lasse mir
Vom Allerbesten geben.

Die ganze Welt erscheint mir nun
In rosenroter Schminke,
Ich könnte niemand Leides tun
Und trinke, trinke, trinke!«

Aber da wurde ich aus meinen poetischen Träumen gerissen; wir hatten den Venusberg erklommen und standen vor dem »tiefen Keller« – der allerdings weder eine Venus noch einen Tannhäuser beherbergte. Welch bitterer Hohn in den Bezeichnungen »Venusberg« und »tiefer Keller«!
Eine kleine Tür sollte zu der großen Herberge des Elends führen. Ich sah mich um. Auf den Bänken, die in Hamburg vielfach vor den Häusern stehen, saßen noch verschiedene Personen, denn erst die eigentliche Nacht brachte kühle Luft mit, und es dämmerte noch; einzelne Kinder spielten noch auf den Treppen und im Hausflur, nebenan stand ein schmuckes Dienstmädchen, mit der in Hamburg üblichen Haube oder Mütze, mit ihrem Liebsten schäkernd. Ein Bild des Friedens und des gemütlichen, behaglichen Daseins auf der Oberfläche und dicht unter derselben sollte der gähnende Schlund des Elends aufklaffen!
Die kleine Gesellschaft stieg durch die enge Pforte ein Stockwerk tief hinab und gelangte auf einer schmalen Treppe in einen matterleuchteten Raum, wo sich gar keine Gerätschaften befanden und die nackten rohgetünchten Wände die Ankömmlinge düster ansahen. Von da gelangte man zu einer weiteren Treppe, welche wiederum tief hinabging und von deren Ende ein Lichtschimmer hereinfiel. Die Luft war hier schon sehr[260]  dick, man zündete sich nun die Zigarren an und begann tüchtig zu passen. Dann stieg man die zweite Treppe tief, sehr tief hinab; die Luft wurde immer dicker und unangenehmer. Sie ward modrig, wie in alten selten gelüfteten Räumen, und man verspürte jenen nichts weniger als angenehmen Geruch, der in mit Menschen überfüllten Räumen gewöhnlich ist und den man auch in allen Gefängnissen, wo wenig gelüstet wird, wahrnehmen kann. Die Ankömmlinge pafften ganz verzweifelt.
Man gelangte nun in einen durch trübe Petroleumlampen erleuchteten Doppelraum. In dem einen, der wie ein behagliches Stübchen aussah und es ohne die mephitische Atmosphäre auch gewesen wäre, war der »Hausvater«, d.h. der Besitzer des »tiefen Kellers«. Ein ganz gemütlich aussehender alter Mann mit behaglichem Embonpoint, saß er in Hemdärmeln da, eine kleine gestickte Mütze auf dem Kopfe, rauchte seine lange Pfeife und las seine Zeitung. Ein Lächeln der Befriedigung lag auf dem wohlgenährten Gesicht. Man konnte den Mann, dessen Wohlhabenheit ihren Boden in dem äußersten Elend seiner Mitmenschen fand, nicht ohne gemischte Gefühle betrachten, und doch mußte man sich fragen, ob es nicht besser sei, wenn die Ausgestoßenen der Gesellschaft in dieser Spelunke noch ein Unterkommen fänden, statt gar keines.
Der »Hausvater« sah die neuen Ankömmlinge über seine Zeitung hinweg an, lüftete kurz seine gestickte Mütze und las dann weiter, ohne noch irgendeine Notiz von den Fremden zu nehmen. Diese wandten sich der Schenke im äußeren Gelaß des Doppelraumes zu, wo sich eine sogenannte Toonbank und einige rohgezimmerte Sitzmöbel befanden. An der Toonbank wurde schlechter Schnaps und schlechtes Bier (Kümmel und Bier, plattdeutsch »Köhm un Beer«) zu niedrigsten Preisen verabreicht. Die Gesellschaft näherte sich der Toonbank und ein baumlanger Hausknecht, zugleich »Kellner« an diesem traurigen Aufenthalt, erschien. Der Führer der Gesellschaft verhandelte hier mit ihm, während die anderen sich erwartungsvoll umsahen. Da ging eine Tür zur Seite auf, die nur angelehnt gewesen war, und aus derselben kam ein halbes Dutzend düsterer Gestalten heraus, bleiche, übernächtige, abgezehrte Gesichter, mit schlotternden Gliedern, in Lumpen gehüllt, teilweise mit stieren Augen. Sie umringten den Besucher; dann aber frug der Hausknecht: »Schall ick eenen inschenken?« Auf die bejahende Antwort des Führers wurde ein großes Glas »Kümmel« eingeschenkt und die Bewohner des »tiefen Kellers« drängten sich zu dem »Genuß« heran. Sie tranken hastig aus und verlangten noch mehr, was ihnen indessen abgeschlagen wurde!
Jetzt erschien ein zweiter Hausknecht mit einer Laterne und forderte die Gesellschaft zu einer Besichtigung der weiteren Räume des »tiefen Kellers« auf. Man trat durch eine Tür rechts ein und gelangte in einen mäßig großen Raum, in dem sich zwei Tische und an den Wänden Bänke befanden. Auf Tischen, Bänken und dem Fußboden lagerten etwa vierzig Menschen, Männer und Frauen, deren Äußeres in Gestalt und Kleidung besagte, daß sie nicht leicht weiter verkommen konnten.[261] 
»Das sind alte Stammgäste, die heute kein Geld haben,« sagte der Hausknecht; »weil sie dem Hausvater bekannt sind, können sie hier die Nacht über unentgeltlich bleiben, allein sie bekommen kein Bett, bis sie wieder zahlen können.«
Die Ankunft der Fremden hatte die alten Stammgäste des »tiefen Kellers« aus dem Schlaf geweckt; sie erhoben sich gähnend und taumelten schlaftrunken auf die Ankömmlinge zu. Mit heiserer, kaum verständlicher Stimme baten sie um Geld, teils zu Schnaps, teils zu Brot u. dergl. Eine alte Frau bat sehr beweglich um Geld zu Strümpfen. Wenn sie allzu zudringlich wurden, stieß sie der Hausknecht zurück. Man verteilte etwas Geld unter sie, und es war unheimlich anzuhören, wie sie sich um ihre Anteile stritten.
Der Hausknecht verließ das von dicken Dünsten erfüllte Gemach, die Besucher hinter ihm drein. Man durchschritt einen hallenden Gang, wo die Luft etwas weniger mit mephitischen Dünsten geschwängert war, und betrat dann eine Treppe, die zu den eigentlichen Schlafräumen des »tiefen Kellers« führte, zu dem Hauptquartier des Jammers und des Elends.
Der Schlafraum, den man nun betrat, war nicht verschlossen, die Treppe führte direkt hinein. Das flackernde Licht der Laterne fiel in einen dunkeln, großen Raum, dessen Ventilationsapparat unbekannt blieb, denn wir erinnerten uns nicht, Fenster gesehen zu haben. Vielleicht waren einige Luken im alten Gemäuer angebracht. Der Dunst in diesem Raum war ein unbeschreiblicher; man fühlte sich mehr als einmal von einer Art Schwindel erfaßt. Soviel bei der mangelhaften Beleuchtung zu übersehen war, befanden sich etwa hundert Betten in diesem Raum, die alle besetzt waren und zwar meistens von zwei Personen; Männer, Frauen und Kinder lagen bunt durcheinander. Die Gesellschaft wurde von dem Hausknecht zwischen den Reihen der Betten hindurchgeführt, wobei man den Hut abnehmen mußte, um nicht an die Decke zu stoßen. Die Betten bestanden aus einem Strohsack und aus einer groben wollenen Decke, alles so abgenutzt, daß es von Schmutz starrte. Der Hausknecht warnte wiederholt, den Betten nicht zu nahe zu kommen, wegen etwaigen Ungeziefers.
Da lagen sie nun, wohl zweihundert an der Zahl, die Ausgestoßenen. Hier drehte sich einer um und sah mit stierem gläsernen Blick nach den Ankömmlingen; dort streckte ein Weib den nackten knöchernen Arm nach einer Gabe aus; hier begann ein Kind zu wimmern; dort wälzte sich ein Mensch, vielleicht im Traume, auf seinem Lager umher, laut aufstöhnend; dort lag ein nackter Körper, stumm und unbeweglich wie ein Leichnam; vielleicht war es einer. Ein altes Weib bat um Geld und versuchte dann, einen neben ihr in tiefem Schlaf liegenden Mann aufzuwecken, ein jüngeres Weib bat um Schnaps – für ihr Kind, das nicht schlafen wollte. Man mußte starke Nerven haben, um nicht von einer Ohnmacht befallen zu werden in diesem Raum voll des entsetzlichen Dunstes, voll Lumpen, Ungeziefer, Gewimmer und Gestöhn. Dem Knecht ging die Laterne aus, und es dauerte ziemlich lange, bis sie angesteckt war, so daß wir Fremden eine Weile im Finstern standen. Die Situation wurde noch[262]  unheimlicher, und als das Licht wieder leuchtete, drängte man hinaus aus diesem fürchterlichen Raum. Aber der Knecht führte die Gesellschaft noch eine Treppe höher, und dort war ganz die gleiche Erscheinung. Nach der Schätzung der Besucher mußten etwa. 400 Menschen in diesen Räumen unter so entsetzlichen Verhältnissen kampieren. Und der strengste Winter war noch gar nicht einmal da.
Man stieg wieder hinab. Wahrlich. Dante hätte seinem berühmten Gedicht, in dem er eine Reise durch die Hölle beschreibt, eine Schilderung dieses Raumes einverleiben können, ohne seine Phantasie anzustrengen. Denn der nächtliche Aufenthalt in einem solchen Raum ist auch eine Höllenqual.
Einer von der Gesellschaft, bei dem die Neugier über alle diese Eindrücke triumphierte, fragte den Hausknecht, ob es wahr sei, was man sich von dem »tiefen Keller« erzähle. Es soll: nämlich einen Schlafraum geben, den billigsten, für drei Pfennige das Nachtquartier, wo das Nachtlager durch ein dickes Schiffstau dargestellt sei, das man in geringer Erhöhung über dem Boden ausgespannt habe, so daß es den Schläfern als – Kopfkissen diene. Morgens würde dann, um die Schläfer zu wecken, das Tau an einer Seite gelöst, und die Köpfe der Schlafenden fielen unsanft zu Boden, so daß alle zugleich erwachten.
Der Hausknecht sah den Fragenden verschmitzt lächelnd an, gab aber keine direkte Antwort, sondern sagte nur: »Es kommen bessere Leute in unseren Keller, als die Herren zu glauben scheinen.«
In der Tat wurde von einer tollen Gräfin gemunkelt, die einmal aus toller Laune hier ihr Wesen getrieben; auch von einem Schriftsteller war die Rede, der »aus genialer Laune« hier sein Quartier aufgeschlagen. Der letztere kann, wenn es zutrifft, kein anderer gewesen sein als der unglückliche Dr. Hermann Schiff, der sich aus völligem Mangel an Subsistenzmitteln auch einmal entschloß, längere Zeit im Armenhause zu Hamburg zuzubringen. Näheres über diesen begabten, heute völlig vergessenen Mann kann man in dem interessanten Buche finden, das unlängst Professor Dr. Friedrich Hirth in Wien über ihn veröffentlicht hat.18
Man kam zurück und stieg an dem gleichmütig lächelnden »Hausvater« vorüber die Treppen hinauf ins Freie. Mit unbeschreiblichem Wohlbehagen sog die Brust die frische Luft ein und die Tiefe, der man soeben entstiegen, erschien wie ein gespenstischer Spuk, wie ein wüster Traum.
Da rauschte es wieder, das frische Leben der Hansestadt, das bis tief in die Nacht hinein zu pulsieren nicht aufhört. Und einer von uns sagte: »Ich habe viele frivole Menschen kennen gelernt, die mit Vorliebe ihren Witz an den armen Ausgestoßenen der modernen Gesellschaft geübt haben. Man müßte sie einmal dahin führen, wo wir eben gewesen sind; dann würde ihnen alle Lust zum Spott vergehen.«[263] 
Und es gibt Ausgestoßene, deren Elend noch tiefer ist als das im »tiefen Keller« –.
Ich lernte damals in Hamburg auch Gottfried Kinkel kennen, der im Kaufmännischen Verein einen Vortrag über Lessing hielt. In meiner Jugend hatte ich sehr für ihn geschwärmt; dies hatte aber dann bald nachgelassen. Ich hatte ihn mir früher immer im Kostüm der Willichschen Freischar, in Bluse und Heckerhut, vorgestellt, wie er in Baden im Gefecht an der Murg gefangen genommen worden war. Jetzt erschien er in schwarzem Frack, weißer Krawatte und weißen Handschuhen. Sein Vortrag war nicht so glänzend wie ich erwartet hatte. Aber er nahm mich sehr freundlich auf. Er hatte sich der Partei wieder genähert und gab regelmäßige Beiträge zur Unterstützung der Ausgewiesenen. –
Um diese Zeit kam auch mein lieber Freund Amand Goegg aus Renchen nach Hamburg, der 1849 in der badischen Revolution Finanzminister und dann Diktator gewesen war und in dem Kampfe viel Opferwilligkeit, Mut und Ausdauer gezeigt hatte. In konsequenter Fortentwicklung seiner demokratischen Weltanschauung war er zur Sozialdemokratie gekommen.[264]  Er war so stolz darauf, daß er auf seinem Grabstein die Inschrift anzubringen im Testament anordnete, daß er zur Sozialdemokratie gehört habe. Allein Marx und Engels konnten ihm die Flüchtlingsstreitigkeiten der fünfziger Jahre nicht vergessen und taten immer, als wüßten sie nichts von seinem Anschluß an die Partei. Dies taten dann andere auch und es kränkte dies den alten Mann um so mehr, als er sich damals in der bittersten Not befand. Der ehemalige Minister der badischen Revolution vertraute mir an, daß er sechs Wochen lang nur von Käse gelebt habe und jetzt im Winter zu Hause in seinen Pelzstiefeln sitzen müsse, da er kein Geld für Kohlen habe. Ich lud ihn öfter zu mir ein und sagte ihm einmal bei Tische: »Sie sind ja meine rechtmäßige Regierung!« was ihn bis zu Tränen rührte. Dann aber geriet er ins Feuer und erzählte sein Lieblingsstück im Gefecht zu Ubstadt am 23. Juni 1849. Dort wurden die von dem total unfähigen Polen Sznayda befehligten Revolutionstruppen von den weit überlegenen, unter dem Befehl des Prinzen von Preußen (später Kaiser Wilhelm I.) stehenden Preußen zurückgeworfen und preußische Ulanen drängten auf der von Ubstadt nach Bruchsal führenden Landstraße heftig nach. Sznayda hatte sich unsichtbar gemacht. In dieser Not übernahm Goegg den Oberbefehl, ließ die Geschütze der Blusenbatterie Borkheim und einige andere auf dem hochgelegenen Rand der Straße auffahren und ein gewaltiges Feuer auf die Preußen eröffnen. Die ansprengenden Ulanen wurden mit starkem Verlust zurückgeworfen und die Revolutionstruppen konnten unbehelligt nach Bruchsal abziehen, wo Sznayda im Wirtshaus saß.19
Nach einiger Zeit gelang es Goegg in Hamburg Geldmittel flüssig zu machen, worauf er die letzte seiner großen überseeischen Reisen antrat. Ich konnte ihm einen Dienst leisten, denn durch meine damaligen Verbindungen bewirkte ich, daß er auf einem großen Hamburger Passagierdampfer nur den halben Preis für erste Kajüte bei der Fahrt nach Buenos Aires zu bezahlen hatte.
Fünfzehn Jahre später ließ mich der tapfere Alte an sein Sterbebett nach Renchen rufen. Leider erreichte mich die Botschaft zu spät.
Alte Achtundvierziger gab es damals in Hamburg noch viele, aber nur wenige waren ihren Idealen treu geblieben. Eine sehr interessante Persönlichkeit war mir der alte Audorf, der Vater des Dichters. Als Kind hatte er mit seinen Eltern zu jenen Unglücklichen gehört, die von dem Marschall Davoust aus Hamburg hinaus in das Elend getrieben worden waren. Davon konnte der biedere Alte mit seinem breiten Antlitz, auf dem sich Güte und Redlichkeit ausprägte, ergreifend erzählen. Er hatte dem alten Kommunistenbund angehört und war 1848 in die Bürgerschaft gewählt worden. Später erhielt er wegen »kommunistischer Umtriebe« eine längere Gefängnisstrafe. Der alte Martens, der mit ihm im Kommunistenbund gewesen, spielte jetzt eine politische Rolle als Mann des »Fortschritts«.[265] 
In der Familie Kapell sah ich eine sehr interessante Erinnerung an 1848, nämlich die berühmte rote Fahne des Berliner demokratischen Klubs. Sie war eigentlich schwarzrotgolden und bestand aus dunkelroter Seide, mit Goldfransen eingefaßt, und einem schwarzen Bande. Die Inschrift lautete: »Demokratischer Klub« und »18. und 19. März 1848«. Sie war von weiblichen Mitgliedern des Klubs gestickt und von Fräulein Luzilie Lenz, die am 18. März auf einer Barrikade gefochten hatte und später beim Zeughaussturm gefangen genommen wurde, mit einer feurigen Ansprache überreicht worden. Diese Fahne wollte ein Student namens Friedrich am Tage des Zeughaussturmes an einen sichern Ort bringen; er wurde an einer Barrikade an der Landsbergerstraße aufgehalten und sollte die Fahne aufpflanzen, tat es aber nicht. Die einschreitende Bürgerwehr entriß ihm die Fahne, gab sie ihm aber zurück. Die Polizei forschte nach dieser Fahne lange mit fieberhaftem, aber vergeblichem Eifer. Gegen Friedrich wurde nachher vom Staatsanwalt die Todesstrafe mit dem Rade von unten auf beantragt. Dies war nicht spaßhaft zu nehmen, denn noch im Jahre 1837 war in Berlin eine Frau als Mörderin mit dem Rade hingerichtet worden. Und der »Hochverrat«, dessen Friedrich beschuldigt wurde, war doch in den Augen der Reaktionäre schlimmer als Mord! Friedrich wurde indessen freigesprochen. – Was aus der Fahne geworden, habe ich nicht in Erfahrung bringen können.
Anfang 1880 gab es in Hamburg eine Neuwahl zum Reichstag im zweiten Wahlkreis, dessen Vertreter sein Mandat niedergelegt hatte. Wir siegten mit 13,000 Stimmen; leider war der Erwählte eben jener Hartmann, der kurz vor Geibs Tode so ordinär gegen diesen aufgetreten war. Viele Parteigenossen konnten sich darum nicht entschließen, für Hartmann zu stimmen. Für mich wurde der 27. April 1880 – der Wahltag – ohnehin zu einem Tag der Trauer. Denn an diesem Tage starb mein edler und unvergeßlicher Freund Wilhelm Bracke zu Braunschweig. Bitter und schwer habe ich es in den nun kommenden schlimmen Zeiten empfunden, daß Bracke und Geib, diese seltenen Männer, mir fehlten. Beide waren nur 38 Jahre alt geworden.
Aber der Sieg war ein glänzender und legte Zeugnis ab von der unverwüstlichen Lebens- und Widerstandskraft der Sozialdemokratie. Bismarck ergrimmte und sein Grimm richtete sich zunächst gegen den Hamburger Senat. Die Stadt Altona, die auch einen Freihafen besaß, wurde in das Zollgebiet aufgenommen und die Zollgrenze von dem nahen Bergedorf vor die Elbmündung verlegt. Unter dem Druck dieser Schikanen ging der Senat nun auf die Verhandlungen über den Zollanschluß ein, die er früher abgelehnt hatte. Man einigte sich, daß Hamburg zwar in das Zollgebiet eintreten, aber ein Freihafengebiet behalten sollte; zu den notwendigen Neubauten sollte das Reich 40 Millionen beitragen.
Bei diesen Verhandlungen setzte Bismarck aber noch eine andere Maßregel durch. Er zwang den eingeschüchterten Senat, beim Bundesrat die Verhängung des »kleinen Belagerungszustandes« über Hamburg zu beantragen.[266] 
Im August 1880 hatte die Sozialdemokratie ihren ersten Kongreß auf Schloß Wyden im Kanton Zürich abgehalten. Dort wurde konstatiert, daß der innere Zusammenhalt in der Partei wieder hergestellt war. Der Kongreß schloß die beiden Anarchisten Hasselmann und Most aus der Partei aus, die sie fortwährend mit Stänkereien behelligt hatten. Dann wurde am Absatz II des Gothaer Programms eine Änderung vorgenommen. Dort hieß es, daß die Partei »mit allen gesetzlichen Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft erstrebe«. Das Wort »gesetzlich« wurde nun gestrichen, denn man fand es widersinnig gegenüber der Tatsache, daß die Sozialdemokratie unter ein Ausnahmegesetz gestellt und der Polizeiwillkür preisgegeben war. Natürlich legte die verlogene Bismärckische Presse den Beschluß so aus, als wolle die Sozialdemokratie nur noch mit ungesetzlichen Mitteln wirken.
Der Kongreß machte ein gewaltiges Aufsehen. Das »rote Gespenst« störte nun wieder die Träume der Spießbürger, welche schon die Sozialdemokratie überwunden geglaubt hatten.
Bismarck benutzte auch den Kongreß, um die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Hamburg durchzusetzen. Im Oktober 1880 stand in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« eine kleine Notiz, die besagte, daß der Antrag auf Anwendung dieser schärfsten Waffe des Sozialistengesetzes gegen uns beim Bundesrat eingegangen sei.
Man kann sich denken, welche Aufregung bei uns entstand, als wir sahen, wie der »Säkularmensch« den Polizeiknüppel zum Streich gegen uns erhob. Abwenden konnten wir ihn nicht und so mußten wir uns momentan in unser Schicksal ergeben. Bald sahen wir gefaßt dem Kommenden entgegen und gewannen sogar den Galgenhumor, im »Wahren Jakob« die staatsretterische Tätigkeit der Polizei im voraus zu verspotten.
Am 28. Oktober fiel der Streich. Die Regierung zu Schleswig verhängte nach § 28 des Sozialistengesetzes den »kleinen Belagerungszustand« über Altona, Ottensen, Wandsbek und das um diese Städte liegende Landgebiet, während der Hamburgische Senat die gleiche Maßregel über das ganze Hamburgische Gebiet verhängte mit Ausnahme des Amtes Ritzebüttel, womit er darauf Rücksicht nahm, daß viele Sozialdemokraten das Hamburgische Staatsbürgerrecht erworben hatten.20
Die Arbeiter waren erst voll wilder Wut. Aber die Parole, sich nicht provozieren zu lassen, wurde befolgt und sie sahen mit finster verbissenem Trotz der Ausführung der nun eintretenden Polizeiaktion entgegen.
Merkwürdig war die Begriffsverwirrung und Selbsttäuschung, die bei manchen Personen eintrat. So kamen verschiedene Parteigenossen zu[267]  mir, die in der Öffentlichkeit gar nicht bekannt geworden waren, und meinten: »Na, Sie brauchen nichts zu befürchten, aber ich?« So jammerte namentlich ein Yylograph, von dem seine Frau, infolge seiner Renommistereien geglaubt hatte, er sei der gefährlichste Revolutionär von allen. Dabei hatte er an der Parteitätigkeit gar nicht teilgenommen, sondern nur im Wirtshaus von Revolutionstribunal und Guillotine radotiert. Selbstverständlich geschah ihm nichts.
Vormittags erschien im Geschäft der damals bekannte Polizeioffiziant Schulke mit einem Bündel von achtundzwanzig Ausweisungsdekreten unter dem Arm. Das ganze Redaktions- und Expeditionspersonal und der Verleger der »Gerichtszeitung«, sowie eine Reihe anderer, im Geschäft tätiger Leute erhielten als »Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu besorgen«, den Befehl, Hamburg binnen einer bestimmten, meist sehr kurzen Frist zu verlassen. Die Frist war meist auf 24 Stunden bemessen; bei mir und einigen anderen, die gleich mir das Staatsbürgerrecht besaßen, betrug sie wohl deshalb 48 Stunden.
Zugleich wurden uns auch Ausweisungsbefehle der Regierung zu Schleswig zugestellt, durch welche uns der Aufenthalt in Altona, Ottensen, Wandsbek und Umgegend untersagt wurde, während man den von dort ausgewiesenen Sozialisten den Aufenthalt in Hamburg versagte.
Wir berieten, was zu tun, und es wurde zunächst für jedes ausgewiesene Mitglied der Redaktion und Expedition, so gut es ging, ein Ersatzmann ernannt. Aber die Polizei hatte einen Spion im Geschäft, den wir nicht kannten. Nach einigen Stunden erschien die Polizei wieder und brachte Ausweisungsbefehle für sämtliche Ersatzmänner.
Die Hamburgische Presse benahm sich anständiger als die Berliner Presse sich seinerzeit bei den Ausweisungen verhalten hatte. Dort wurden die Ausgewiesenen noch persönlich beschimpft und verhöhnt, namentlich in den Witzblättern.
Jetzt, als die Ausweisungen bekannt wurden, geriet die Bevölkerung in Bewegung. Die Parteigenossen strömten in Masse herbei. »Was?« hieß es da, als die Namen mitgeteilt wurden, »auch der mit seinen sechs Kindern?« – »Wie, der kranke Mann, der das Zimmer hüten muß?« – »Ach, was wird aus dem alten Hafenarbeiter werden?« usw. usw.
Diese wackeren Männer erkannten, daß es jetzt mehr als je geboten sei, alle Unbesonnenheiten zu vermeiden. Man vernahm wilde Drohungen und Wutausbrüche, man sah blitzende Augen und geballte Fäuste und hörte knirschende Zähne. Man sah auch Tränen des Zornes in wettergebräunten Gesichtern. Der Leiter des Verbandes der Ewerführer, ein in Sturm und Wetter gehärteter Arbeiter, warf sich mir schluchzend an die Brust. »Was soll nun aus uns und aus der Bewegung werden, wenn ihr alle verjagt werdet?« stieß er hervor. Ich beruhigte ihn.
Aber in all diesen heißen Herzen flammte nunmehr nur ein Gedanke auf: Den Opfern muß so viel als möglich geholfen werden![268]  Und mit einem Schlage verwandelten sich die Lokalitäten des Geschäfts in Zahlstellen. In wenigen Stunden waren schon gegen zehntausend Mark beisammen. So konnte den zahlreichen Ausgewiesenen – sämtliche Berliner Ausgewiesenen waren natürlich wieder mit ausgewiesen – über die erste Not hinweggeholfen und ihnen auch noch ein leidlicher Zehrpfennig für die nächsten Tage zugewendet werden. Das war eine großartige Tat der Solidarität und der Brüderlichkeit und unsere Feinde hätten daraus ersehen können, daß diese Verbindung mit äußerlichen Gewaltmitteln nicht zu zerstören war. Aber sie waren ja alle zu sehr vom Klassenhaß verblendet.
Die ausgewiesenen Angestellten des Geschäfts erhielten je einen Monatsgehalt voraus.
Ich sehe noch immer das Redaktionsbureau der »Gerichtszeitung« in der Amelungstraße vor mir. Das geräumige Lokal war angefüllt mit zu- und abströmenden Leuten, die Geld oder Berichte brachten. In diesem Getümmel machten der Parteigenosse Berard und ich an einem Pult die letzte Nummer der »Gerichtszeitung« zurecht, an der ich noch beteiligt war. Am nächsten Tisch saß Auer, feierlich und sorgenvoll, im schwarzen Rock. Ein Parteigenosse kam und fragte: »Was ist das für ein feierlicher Frack?« – »Der Ausweisungsfrack!« antwortete Auer trocken. –
Ein Freund hatte mir sofort telegraphisch eine nicht unbedeutende Summe angewiesen. Das Redaktionsmitglied Karl Hillmann erfuhr dies und kam nun herbei, um mit einer entsetzlichen Heulmeierei mich zu veranlassen, ihm etwas abzutreten, da er Kinder und ich keine habe. Ich hatte den Menschen nie recht leiden mögen, da er mit seinen oft herzlich dummen Artikeln das »Volksblatt« dem Spott ausgesetzt hatte; auch hielt ich seine Gesinnung nicht für echt. Dies bewahrheitete sich, denn er lief bald nach der Ausweisung zu den Konservativen über und ward Redakteur eines Reptilienblatts. Er hatte damals, als er von mir Geld verlangte, etwa 4000 Mark auf der Sparkasse, was mir nicht bekannt war. Um ihn los zu werden, schob ich ihm eine Rolle zu, von der ich glaubte, daß sie zehn Mark enthalte. Sie enthielt aber dreißig Mark. Als ich den Irrtum entdeckte, mochte ich die zwanzig Mark nicht zurückfordern. Ich erwähne dies, weil eine Klatscherei entstand, ich sei leichtsinnig mit dem Geld umgegangen.
Mein trefflicher Freund Johannes Wedde erschien in diesem Trubel und lud mich zu einer »Henkersmahlzeit« ein. Sie fand bei seinem Vater statt und Wedde hielt eine so schöne Ansprache, daß sein Vater bedauerte, aus seinem Johannes nicht einen Pastor gemacht zu haben. Wir schieden sehr bewegt.
Eine große Schwierigkeit entstand für die meisten von uns mit der Wohnung. Die Kündigunsfrist war eine halbjährige und der Termin eben verstrichen. Man hätte also noch ein Jahr Miete zahlen müssen. Aber die sonst verschrieenen Hamburger Hauswirte benahmen sich in diesem Fall meist anständig. Ich hatte das Glück, gleich einen Mieter zu finden. Meine Möbel brachte ich bei einem Parteigenossen, einem Tischlermeister,[269]  in dessen Magazin unter, wo leider Wanzen hineinkamen. Dann reiste ich mit meiner Frau zunächst nach Mainz ab, ohne den Ablauf der, 48stündigen Frist abzuwarten. Die Demonstration der Parteigenossen bei der Abreise der Ausgewiesenen fand erst am nächsten Tage statt. Uns begleitete zum Bahnhof nur meine liebe Freundin Rudi H. Sie ist nun auch tot, wie so viele Freunde und Genossen jener für uns so bewegten Zeit.
Aus Hamburg wurden damals 75 Personen, darunter 67 Familienväter, ausgewiesen. Im Laufe der nächsten Jahre stieg diese Zahl auf 311.
Bismarck hatte das Gebiet rings um Friedrichsruh herum auf weite Strecken in das »Belagerungsgebiet« einbeziehen lassen. So thronte er dort wie ein Pascha, denn die Polizei folgte natürlich seinen Winken. Er suchte sich auch sonst feudal einzurichten, was aus einem Steckbrief hervorgeht; den er hinter einem Taglöhner hersandte, weil dieser die ihm auferlegte jährliche Feudalabgabe von einer Gans nicht geleistet hatte.
Im Bezirke, zu dem Friedrichsruh gehört, fanden sich nur zwei Arbeiter, die man als Sozialdemokraten ausweisen konnte. Bismarck wollte aber auch das Sozialistengesetz gegen ihm persönlich verhaßte Leute anwenden, auch wenn sie keine Sozialdemokraten waren. Sein Nachbar, der Gutspächter August Westphal zu Melusinenthal bei Schwarzenbeck, gehörte zu den freihändlerischen Nationalliberalen und trat deshalb später zur liberalen Vereinigung über. Dies genügte, um ihn bei Bismarck verhaßt zu machen. Westphal war Reichstagsabgeordneter für Lauenburg. Bismarck verhandelte mit Puttkamer, ob man diesen Mann nicht »als eine Persönlichkeit, von der eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu besorgen sei«, ausweisen könne. Puttkamer erklärte sich auch bereit, die Sache vor dem Reichstage zu vertreten. Die Ausweisung unterblieb aber infolge der Einsprache einflußreicher Personen, die vor dem Eklat warnten. So hat mir Westphal selbst erzählt. –
So ging es nun in eine ungewisse dunkle Zukunft hinein, welche den Kampf ums Dasein aufs Äußerste zu erschweren drohte. Der wichtigsten staatsbürgerlichen Rechte beraubt, von der Polizei verfolgt und gequält, von Verrätern belauert und von Spionen umschnüffelt, stets in Gefahr, bei geheimen Zusammenkünften verhaftet und wegen geheimer Verbindung angeklagt zu werden, von ängstlichen Freunden wie mit der Pest behaftet gemieden, vom Spießbürgertum bei jeder Gelegenheit roh und gehässig behandelt, von einer schändlichen Presse unaufhörlich denunziert, verleumdet und geschmäht, in steter Sorge, erwerbslos gemacht zu werden und meistens von schmerzlichen Entbehrungen heimgesucht – so mußten wir den Kampf mit einer übergewaltigen Reaktion aufnehmen. Aber wir nahmen ihn auf.

Ende des ersten Teils.
Fußnoten

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1 In der sozialdemokratischen Fraktion überwogen damals die schutzzöllnerischen Neigungen. Bei der Abstimmung über einen von der Regierung beantragten Eisenzoll stimmten nur Demmler und ich dagegen; die anderen enthielten sich oder stimmten dafür.

2 Da heute so viel von der Neueinteilung der Wahlkreise die Rede ist, so sei hier bemerkt, daß ein Antrag, der dahin ging, damals von Most und mir eingebracht wurde; ebenso forderten wir die (jetzt eingeführten) Wahlkuverts. Die Anträge, die von Auer, Bracke, Fritzsche, Oechsner (Dem.), Krüger (Däne), Kappell, Rittinghausen, Demmler, Holthof (Dem.), Payer (Dem.), Liebknecht, Hasenclever und Motteler unterzeichnet waren, wurden im Plenum von Most und von mir begründet, aber natürlich mit ungeheurer Mehrheit abgelehnt.

3 Am Schlusse hatte Liebknecht von einer »siegreichen« Sache gesprochen; dies war auf meinen Antrag in »unbesiegbar« verändert worden. – Der Hergang dieser Affaire und wie die Erklärung zustande kam, ist mehrfach falsch oder irrtümlich dargestellt worden. So, wie es hier steht, ist's auch gewesen.

4 So bezeugt Herr von Bennigsen in einem Brief an seine Frau vom 15. September 1878. Er sagt noch, man wisse noch nicht, was Bismarck eigentlich beabsichtige, ob er ein Sozialistengesetz zu Stande bringen oder die Nationalliberalen »an die Wand drücken« wolle. Dieser Brief stellt der oft so gepriesenen staatsmännischen Einsicht des Herrn von Bennigsen ein recht schlechtes Zeugnis aus.

5 Wenn man dies behauptet, stellt die nationalliberale Presse sich dumm. Aber in allen Nachschlagewerken, die unter nationalliberalem Einfluß stehen, wird noch die alte Verdächtigung aufgewärmt, das Attentat sei auf »sozialdemokratischem Nährboden« gewachsen. So heißt es auch in anderen Geschichtswerken.

6 Die Hauptbestimmungen waren nach bundestäglichem Muster formuliert.

7 Weder der Ganz-Idiot Hödel, noch der vom Größenwahn erfaßte Halb-Idiot Nobiling haben jemals Aussagen gemacht, welche die Sozialdemokratie hätten belasten können. Alle solchen Äußerungen, die man ihnen unterschob, waren erlogen. Hödel wurde am 16. August enthauptet, Nobiling starb – sehr gelegen für gewisse Leute – am 10. September 1878.

8 Eines ihrer Mitglieder, Hilf aus Nassau, stimmte dafür.

9 Franz Mehring schreibt darüber in seiner Geschichte der deutschen Sozialdemokratie: »Das Kern-und Treffwort fuhr den Patrioten so in die Glieder, daß sie im ersten Augenblick vermeinten, es sei in der Form so unhöflich gewesen, wie im Inhalt; der Präsident von Forckenbeck schickte einen Schriftführer auf die Journalistentribüne, der den Berichterstattern der Zeitungen einprägen mußte, Bracke habe auf das Gesetz nur »pfeifen« – und nicht noch ganz etwas anderes wollen.« – Eine thüringische Pfeifenfabrik annoncierte einen »Reichstagspfeifer«.

10 Siehe darüber das interessante Schriftchen: »Die rote Feldpost« von J. Belli, worin ein Beteiligter den Betrieb schildert.

11 Geib war, als Versmann diese Erklärung abgab, schon tot.

12 Bezeichnend war, daß derselbe Hartmann, von dem noch vor ganz kurzer Zeit Geib so niederträchtig angefeindet worden war, nun an seinem Grabe sprechen wollte, um sich wichtig zu machen. Die Witwe Geib's hatte mir das Versprechen abgenommen, dies unter allen Umständen zu verhindern. Als Hartmann dies erfuhr, hielt er sich im Hintergrund.

13 Der Lumpazius nahm das verdiente Ende. Er versuchte bei der Polizei Erpressungen, ward eingesperrt und starb im Gefängnis.

14 Den Namen hatte ich dem Blatte gegeben; er war indes nicht Original, sondern von einem Blättchen entnommen, das Friedrich Stoltze eine Zeitlang in Frankfurt am Main herausgegeben hatte.

15 So genannt nach dem Hauptpastor Mayer.

16 Darum keine Feindschaft nicht, Herr A ...!

17 Ich folge hier einer Skizze, die ich vor einem Vierteljahrhundert veröffentlicht habe. Es dürfte kulturgeschichtlich nicht ohne Interesse sein, wie jener Teil des unterirdischen Hamburg im Jahre 1879 aussah.

18 »Lebensbilder von Honoré de Balzac«. Aus dem Französischen von Dr. A. Schiff. Drei Teile. Von Dr. Friedrich Hirth, bei Georg Müller, München. In diesem Werke sind die beispiellosen literarischen Fälschungen von Schiff aufgedeckt.

19 Ein Denkmal für die gefallenen Ulanen bezeichnet die Stätte dieses Gefechts.

20 Ich hatte zwar als Student oft das Handwerksburschenlied gesungen:

»Von Hamburg geht's nach Ritzebüttel,
Nach Ritzebüttel, nach Ritzebüttel,
Von da nach Blankenese,
Von da nach Altona«.

Aber die Reize des Amtes Ritzebüttel konnten mich so wenig wie andere nachher ausgewiesene Sozialdemokraten verlocken, mich dort niederzulassen.




Arbeiterschutzgesetz von 1877.
Antrag.

Der Reichstag wolle beschließen, folgendem Gesetzentwurfe seine Zustimmung zu erteilen:

Gesetz
betreffend die teilweise Abänderung der Titel I, II, VII, IX und X der Gewerbe-Ordnung.

Artikel I.










An Stelle des § 1 der Gewerbeordnung tritt nachfolgende Bestimmung:
§ 1. Der Betrieb eines Gewerbes sei jedermann gestattet, soweit nicht durch dieses Gesetz Ausnahmen oder Beschränkungen vorgeschrieben oder zugelassen sind.
In Strafanstalten darf weder für Privatunternehmer gearbeitet, noch dürfen Ganz- oder Halbfabrikate zum Verkauf für Rechnung des Staates oder für Gemeinden angefertigt werden.



Artikel II.
Der § 14 der Gewerbeordnung wird aufgehoben und durch folgende Bestimmungen ersetzt:
§ 14. Wer den selbständigen Betrieb eines stehenden Gewerbes anfängt, muß der für den Ort, wo solches geschieht, nach den Landesgesetzen zuständigen Behörde gleichzeitig Anzeige davon machen.
Diese Anzeige liegt auch demjenigen ob, welcher zum Betrieb eines Gewerbes im Umherziehen (Titel III) befugt ist.
Wer für eigene Rechnung oder für Rechnung anderer oder im Auftrag anderer ein Gewerbe mit Beihilfe von Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeitern oder Lehrlingen in geschlossenen Räumen betreiben will, muß diese Räume gleichzeitig dem Reichs-Arbeitsinspektor seines Gewerbekammerkreises (siehe § 142a) bezeichnen. Dus gleiche hat zu geschehen bei Umzügen, Erweiterungsbauten etc.
Wer Versicherungen für eine Mobiliar- und Immobiliar-Feuerversicherungsanstalt als Agent oder Unteragent vermitteln will, hat bei Uebernahme der Agentur und derjenige, welcher dieses Geschäft wieder aufgibt oder welchem die Versicherungsanstalt den Auftrag wieder entzieht, innerhalb der nächsten acht Tage der zuständigen Behörde seines Wohnortes davon Anzeige zu machen. Buch- und Steindrucker, Buch- und Kunsthändler, Antiquare, Leihbibliothekare, Inhaber von Lesekabinetten, Verkäufer von Druckschriften, Zeitungen und Bildern haben bei der Eröffnung ihres Gewerbebetriebes das Lokal desselben, sowie jeden späteren Wechsel des letzteren, spätestens am Tage seines Eintrittes der zuständigen Behörde ihres Wohnortes anzugeben.

Artikel III.
Der Titel VII der Gewerbeordnung wird aufgehoben und folgende Bestimmungen an dessen Stelle gesetzt:

Titel VII.

Verhältnisse der Gewerbegehilfen, Gesellen, Fabrikarbeiter und Lehrlinge.

1. Im allgemeinen.

§ 105. Die Festsetzung der Verhältnisse zwischen den selbständigen Gewerbetreibenden und ihren Gesellen, Gehilfen,[273]  Fabrikarbeitern und Lehrlingen ist Gegenstand freier Uebereinkunft, soweit nicht durch dieses Gesetz anders bestimmt ist.
§ 106. An Sonn- und allgemeinen Festtagen ist die industrielle Arbeit im Dienste anderer verboten. Ausgenommen hiervon ist die Lohnarbeit bei Verkehrsanstalten, soweit sie den Betrieb derselben betrifft, bei Gastwirtschaften aller Art, öffentlichen Erholungs-und Vergnügungsanstalten, beim Handel mit Nahrungsmitteln, sowie bei denjenigen Gewerben, die ihrer Natur nach einen ununterbrochenen Betrieb erfordern.
Außerdem sind die Gewerbegerichte befugt, die Sonntagsarbeit ausnahmsweise Unglücksfälle den regelmäßigen Geschäftsbetrieb in der Fabrik oder Werkstatt, beziehentlich Werkplatz unterbrochen haben oder die Sonntagsarbeit sich zur Verhütung von Unglücksfällen als unumgänglich notwendig erweist.
Den an Sonntagen beschäftigten Arbeitern ist als Ersatz ein Ruhetag in der Woche freizugeben.
Arbeiterinnen jeglichen Alters und männliche Arbeiter, welche das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dürfen an Sonn- und allgemeinen Dienste anderer nicht beschäftigt werden.
§ 107. Gesellen, Gehilfen, Fabrik- und gewerbliche Lohnarbeiter dürfen beim Betrieb der Verkehrsanstalten, in Fabriken, Werkstätten, Berg-, Hütten- und Aufbereitungswerken, Salinen, bei Bauten und anderen gewerblichen Anlagen an den Tagen vor Sonn-und allgemeinen Festtagen nicht länger als neun Stunden, ausschließlich der Pausen, beschäftigt werden.
Arbeiterinnen jeglichen Alters, Lehrlinge und männliche Arbeiter, welche das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, dürfen täglich nicht länger als acht Stunden, ausschließlich der gesetzlichen Pausen, beschäftigt werden.
Kürzere Arbeitsschichten sind der freien Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern überlassen. Während der Arbeitsschicht müssen drei Pausen von zusammen mindestens zwei Stunden stattfinden. Die Hauptpause muß in die Mitte der Arbeitsschicht fallen und mindestens eine Stunde dauern.
Arbeitern, welche ihr Mittagsmahl mitbringen oder dasselbe sich bringen lassen, müssen außerhalb der Arbeitsräume angemessene, im Winter geheizte Lokalitäten unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden.
Die Arbeitsstunden sind nach der öffentlichen Uhr zu richten und dem Gewerbegericht anzuzeigen.
Die Arbeitsschicht darf nicht vor sechs Uhr morgens beginnen und muß spätestens abends acht Uhr beendet sein.
Das Gewerbegericht ist befugt, eine Verlängerung der gesetzlichen Arbeits– schichten um höchstens zwei Stunden täglich und auf höchstens vier Wochen zu gestatten, wenn Naturereignisse oder Unbetrieb unterbrochen und ein vermehrtes Arbeitsbedürfnis herbeigeführt haben.
§ 108. Nachtarbeit ist verboten.
Die Gewerbekammer ist befugt, die Nachtarbeit zu gestatten:
a) bei öffentlichen Verkehrsanstalten;
b) bei solchen Gewerben, die ihrer Natur nach einen ununterbrochenen Betrieb erfordern;
c) bei Gastwirtschaften aller Art, sowie bei öffentlichen Erholungs- und Vergnügungsanstalten.
Das Gewerbegericht ist befugt, die Nachtarbeit ausnahmsweise bis auf die Dauer von vierzehn Tagen zu gestatten:
a) wenn Naturereignisse oder Unglücksfälle den regelmäßigen Gewerbebetrieb in der Fabrik, Werkstatt oder bei Bauten und anderen gewerblichen Anlagen unterbrochen haben;
b) wenn die Nachtarbeit sich zur Verhütung von Unglücksfällen als unumgänglich notwendig erweist;
c) bei dringlicher einmaliger Reparatur.
Arbeiterinnen jeglichen Alters und männliche Arbeiter unter achtzehn Jahren dürfen bei Nachtarbeiten nicht beschäftigt werden.
Bei Nachtarbeit darf die Arbeitsschicht, ausschließlich der in § 107 vorgeschriebenen Pausen, welche auch hierbei einzuhalten sind, nicht länger als acht Stunden dauern.[274] 
§ 109. Wo bei Erlaß dieses Gesetzes eine längere Arbeitsschicht allgemein gebräuchlich ist, muß dieselbe nach Einführung dieses Gesetzes jährlich mindestens um ein Dritteil der überschüssigen Zeit gekürzt werden, so daß spätestens drei Jahre nach Einführung desselben die gesetzliche Arbeitsschicht erreicht ist.
§ 110. Schwangere dürfen während der letzten drei Wochen vor, Wöchnerinnen während der ersten sechs Wochen nach ihrer Entbindung in Fabriken, Werkstätten, Hütten- und Aufbereitungswerken und anderen gewerblichen Anlagen nicht beschäftigt werden, und darf eine Kündigung oder Entlassung solcher Arbeiterinnen während dieser Zeit nicht stattfinden.
Bei Arbeiten unter der Erde und bei Hochbauten, sowie zur Reinigung im Gange befindlicher Motoren, Transmissionen und gefahrdrohender Maschinen dürfen Arbeiterinnen nicht verwendet werden.
§ 111. Wer mit Beihilfe von Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeitern oder Lehrlingen ein stehendes Gewerbe betreibt, ist verpflichtet, eine Fabrik- oder Werkstatt- bzw. Werkplatzordnung zu erlassen.
§ 112. Die Fabrik- und Werkstatt- bzw. Werkplatzordnungen müssen enthalten:
1. Die gesetzlichen Bestimmungen der §§ 115 und 116 der Gewerbeordnung;
2. Anfang und Ende
a) der Arbeitsschichten,
b) der Pausen;
3. Zeit und Art der Lohnzahlung;
4. Dauer der gegenseitigen Kündigungsfristen und Art der Kündigung;
5. Die vom Reichsgesundheitsamte in Berücksichtigung der besonderen Beschaffenheit des Gewerbebetriebes und der Betriebsstätte erlassenen Anordnungen.
Körperliche und Freiheitsstrafen, Geldbußen, sowie alle das Ehrgefühl oder die guten Sitten verletzenden Ahndungen sind verboten.
Stellen sich bei Anwendung der Fabrik- oder Werkstatt- bzw. Werkplatzordnung Uebelstände heraus, so ist dieselbe durch das Gewerbegericht zu prüfen und abzuändern.
Die Fabrik- und Werkstatt- bzw. Werkplatzordnungen, sowie Abänderungen derselben, sind der Genehmigung der Gewerbegerichte zu unterstellen und müssen den Arbeitern zur Kenntnisnahme und Unterzeichnung vorgelegt werden.
Ein Exemplar der vom Gewerbegerichte genehmigten Fabrik-, Werkstatt- bezw. Werkplatzordnung ist in jedem Arbeitsraume an einer Stelle aufzuhängen, wo es lesbar zugänglich ist.
Von dem Gewerbegericht nicht genehmigte Fabrik-und Werkstatt- bezw. Werkplatzordnungen haben für die Arbeiter keine verbindliche Kraft.

2. Insbesondere:

a) der Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter.


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§ 113. Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter sind in der Wahl ihrer Meister oder Arbeitgeber unbeschränkt.
Eine Verpflichtung zum Wandern findet nicht statt.
§ 114. Die Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter sind verpflichtet, den Anordnungen der Arbeitgeber in Beziehung auf die ihnen übertragenen Arbeiten und auf die häuslichen Einrichtungen Folge zu leisten; zu häuslichen Arbeiten sind sie nicht verbunden.
§ 115. Das Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber und dem Gesellen, Gehilfen oder Fabrikarbeiter kann, wenn nicht ein anders verabredet ist, durch eine jedem Teile freistehende, vierzehn Tage vorher erklärte Aufkündigung aufgelöst werden.
Die Kündigungsfristen müssen für beide Teile gleich sein.
§ 116. Vor Ablauf der vertragsmäßigen Arbeitszeit und ohne vorhergegangene Aufkündigung können Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter entlassen werden:
1. wenn sie sich eines Diebstahls, einer Veruntreuung oder eines liederlichen Lebenswandels schuldig machen;
2. wenn sie den in Gemäßheit des Arbeitsvertrages ihnen obliegenden Verpflichtungen nachzukommen beharrlich verweigern;
3. wenn sie, der Verwarnung ungeachtet, mit Feuer und Licht unvorsichtig umgehen;[275] 
4. wenn sie sich Tätlichkeiten oder grobe Ehrverletzungen gegen den Arbeitgeber oder die Mitglieder seiner Familie zuschulden kommen lassen;
5. wenn sie Mitglieder der Familie des Arbeitgebers oder Mitarbeiter zu Handlungen verleiten, welche wider die Gesetze oder wider die guten Sitten verstoßen;
6. wenn sie zur Fortsetzung der Arbeit unfähig geworden oder mit einer abschreckenden Krankheit behaftet sind.
Inwiefern in den zu 6 gedachten Fällen dem Entlassenen ein Anspruch auf Entschädigung zustehe, ist nach dem Inhalt des Vertrages und nach den allgemein gesetzlichen Vorschriften zu beurteilen.
§ 117. Die Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter können die Arbeit vor Ablauf der vertragsmäßigen Zeit und ohne vorhergegangene Ankündigung verlassen:
1. wenn sie zur Fortsetzung der Arbeit unfähig werden;
2. wenn der Arbeitgeber sich Tätlichkeiten oder grobe Ehrverletzungen gegen sie oder Mitglieder ihrer Familie zuschulden kommen läßt;
3. wenn der Arbeitgeber oder dessen Angehörige sie oder ihre Angehörigen zu Handlungen verleiten, welche wider die Gesetze oder die guten Sitten verstoßen;
4. wenn der Arbeitgeber ihnen nicht den schuldigen Lohn in der bedungen Weise auszahlt, bei Stücklohn nicht für ihre ausreichende Beschäftigung sorgt, oder wenn er sich widerrechtlicher Uebervorteilungen gegen sie schuldig macht;
5. wenn hei Fortsetzung der Arbeit ihr Leben oder ihre Gesundheit erweislicher Gefahr ausgesetzt sein würde, welche bei Eingehung des Arbeitsvertrages nicht zu erkennen war.
§ 118. Beim Abgange können die Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter ein Zeugnis über die Art und Dauer ihrer Beschäftigung fordern, welches auf Antrag der Beteiligten und, wenn gegen den Inhalt sich nichts zu erinnern findet, von dem Gewerbegericht kosten- und stempelfrei zu beglaubigen ist. Dieses Zeugnis ist auf Verlangen der Gesellen, Gehilfen und Fabrikarbeiter auch auf ihre Führung auszudehnen.
Jede Kennzeichnung der Zeugnisse, die bewirkt oder bewirken soll, daß die Arbeiter in ihrem Fortkommen behindert werden, ist verboten.
Die gesetzliche Verpflichtung zur Führung von Arbeitsbüchern ist aufgehoben.
§ 119. Die Unternehmer sind verpflichtet, die Löhne der Arbeiter, welche von ihnen als Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeiter oder Lehrlinge beschäftigt werden, allwöchentlich in barem Reichsgelde auszuzahlen.
Das Innebehalten verdienten Arbeitslohnes ist verboten.
Bei Akkordarbeit, welche nicht allwöchentlich zum Abschluß gebracht werden kann, werden die Zahlungsverhältnisse zwischen den Beteiligten bis zur Vollendung des Akkordes ihrer gegenseitigen Vereinbarung überlassen.
§ 120. Die Unternehmer dürfen ihren Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeitern oder Lehrlingen keine Ware kreditieren.
Dagegen können den Arbeitern Wohnung, Feuerungsbedarf, Landnutzung, regelmäßige Beköstigung, Arzneien und ärztliche Hilfe, sowie Werkzeuge und Stoffe zu den von ihnen anzufertigenden Fabrikaten unter Anrechnung bei der Lohnzahlung verabreicht werden.
§ 121. Die Bestimmungen der §§ 119 und 120 finden auch Anwendung auf Familienglieder, Gehilfen, Beauftragte, Geschäftsführer, Aufseher und Faktoren der dort bezeichneten Arbeitgeber, sowie auf Gewerbetreibende, bei deren Geschäft eine der hier erwähnten Personen mittelbar oder unmittelbar beteiligt ist.
§ 122. Unter Arbeitern (§ 119) werden hier auch diejenigen verstanden, die außerhalb der Fabrikstätten für Fabrikinhaber oder für die ihnen gleichgestellten Personen die zu deren Gewerbebetriebe nötigen Ganz- oder Halbfabrikate anfertigen oder solche an sie absetzen, ohne aus dem Verkauf dieser Waren an Konsumenten ein Gewerbe zu machen.
§ 123. Arbeiter, deren Forderungen den Vorschriften der §§ 119 bis 122 zuwider anders als durch Barzahlung berichtigt sind, können jederzeit die Bezahlung ihrer Forderungen in barem[276]  Gelde verlangen, ohne daß ihnen eine Einrede aus dem an Zahlungsstatt Gegebenen entgegengesetzt werden kann. Letzteres fällt, soweit es noch bei dem Empfänger vorhanden oder dieser daraus bereichert ist, der im § 125 Absatz 2 gedachten Kasse zu.
§ 124. Verträge, welche den §§ 119 bis 122 zuwiderlaufen, sind nichtig.
Dasselbe gilt von Verabredungen zwischen Fabrikinhabern oder ihnen gleichgestellten Personen einerseits und Arbeitern anderseits über die Entnehmung der Bedürfnisse dieser letzteren aus gewissen Verkaufsstellen sowie überhaupt über die Verwendung des Verdienstes derselben zu einem anderen Zweck als zur Beteiligung an Einrichtungen zur Verbesserung der Lage der Arbeiter oder ihrer Familien (§ 120).
§ 125. Forderungen für Waren, welche ungeachtet des Verbotes den Arbeitern kreditiert worden sind, können von Fabrikinhabern und von den ihnen gleichgestellten Personen weder eingeklagt, noch durch Anrechnung oder sonst gellend gemacht werden, ohne Unterschied, ob sie zwischen den Beteiligten unmittelbar entstanden oder mittelbar erworben sind.
Dagegen fallen dergleichen Forderungen derjenigen Hilfskasse zu, welcher der beteiligte Arbeiter angehört. Wenn derselbe keiner Hilfskasse angehört, so fallen die Forderungen der Ortsarmenkasse zu.

b) Lehrlinge und jugendliche Arbeiter.



§ 126. Kinder unter vierzehn Jahren und Hüttenwerken, Bauten und bei anderen gewerblichen Anlagen zu einer gewerbsmäßigen Beschäftigung nicht angenommen werden.
§ 127. Wer jungendliche Arbeiter, welche das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, zu einer regelmäßigen Beschäftigung annehmen will, hat davon dem Gewerbegericht zuvor Anzeige zu machen. Der Arbeitgeber hat über die von ihm beschäftigten jugendlichen Arbeiter eine Liste zu führen, welche deren Namen, Alter, Wohnort, Eltern, Eintritt in die Fabrik und Entlassung aus derselben enthält. Die Liste ist in dem Arbeitslokal auszuhängen und dem Gewerbegericht und auf Verlangen auch der Schulbehörde in Abschrift vorzulegen. Die Anzahl dieser Arbeiter hat er halbjährlich dem Gewerbegericht anzuzeigen.
§ 128. Die Annahme jugendlicher Arbeiter zu einer regelmäßigen Beschäftigung darf nicht erfolgen, bevor der Vater oder Vormund derselben dem Arbeitgeber ein Arbeitsbuch eingehändigt hat.
Dieses Arbeitsbuch, welchem die §§ 106 letzter Absatz, 107 zweiter Absatz, 108 vorletzter Absatz und 126–120 des gegenwärtigen Gesetzes vorzudrucken sind, wird auf den Antrag des Vaters oder Vormundes des jugendlichen Arbeiters von dem Gewerbegericht erteilt und enthält:
1. Namen, Tag und Jahr der Geburt des Arbeiters;
2. Namen, Stand und Wohnung des Vaters oder Vormundes;
3. ein Zeugnis über den bisherigen Schulbesuch;
4. eine Rubrik für die bestehenden Schulverhältnisse;
5. eine Rubrik für die Bezeichnung des Eintritts in die Anstalt;
6. eine Rubrik für den Austritt aus derselben;
7. eine Rubrik für die Revisionen.
Der Arbeitgeber hat dieses Arbeitsbuch zu verwahren, der Behörde auf Verlangen jederzeit vorzulegen und bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses dem Vater oder Vormunde des Arbeiters wieder auszuhändigen.
§ 129. Für jugendliche Fabrikarbeiter, Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge, welche das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, sind die Fach-und Fortbildungsschulen obligatorisch. Die Unterrichtszeit in den Fachschulen darf nicht außer der in § 107 festgesetzten Zeit stattfinden.
Die Arbeitgeber sind zur Gewährung der für den Besuch der Fach- und Fortbildungsschulen erforderlichen Zeit verpflichtet.
§ 130. Als Lehrling ist jeder zu betrachten, welcher bei einem Lehrherrn zur Erlernung eines Gewerbes in Arbeit tritt, ohne Unterschied, ob die Erlernung gegen Lehrgeld oder unentgeltliche Hilfsleistung stattfindet, oder ob für die Arbeit Lohn gezahlt wird.[277] 
Auf Lehrlinge über 18 Jahre finden die Bestimmungen der §§ 133 und 134 keine Anwendung.
§ 131. Jeder Lehrvertrag muß, um rechtsverbindlich zu sein, schriftlich abgeschlossen werden und ist durch das zuständige Gewerbegericht kosten- und stempelfrei zu beglaubigen.
Der Lehrvertrag muß Bestimmungen enthalten:
a) über die gewerblichen Verrichtungen, in welchen der Lehrling zu unterweisen ist;
b) über die Dauer der Lehrzeit, sowie die etwaigen besonderen Bedingungen, unter welchen der Vertrag vor Ablauf der Lehrzeit einseitig aufgehoben werden kann;
c) über Vereinbarung einer Probezeit, innerhalb welcher beiden Teilen der Rücktritt vom Lehrvertrag freisteht;
d) über das Lehrgeld, beziehentlich über die unentgeltliche Unterweisung oder den Lohn des Lehrlings;
e) über Anfang und Ende der Arbeitsschichten.
Die Lehrzeit muß eine mindestens zweijährige sein. Die Probezeit muß mindestens vier Wochen betragen und muß in die Lehrzeit voll eingerechnet werden.
§ 132. Der Lehrer muß sich angelegen sein lassen, den Lehrling durch Beschäftigung und Anweisung zum tüchtigen Arbeiter auszubilden. Er darf dem Lehrlinge die hierzu erforderliche Zeit und Gelegenheit durch Verwendung zu anderen Dienstleistungen nicht entziehen. Der Lehrherr muß bemüht sein, den Lehrling zur Arbeitsamkeit und zu guten Sitten anzuhalten und vor Lastern und Ausschweifungen zu bewahren.
§ 133. Von der Befugnis, Lehrlinge zu halten, sind ausgeschlossen diejenigen, welchen wegen Verbrechen oder Vergehen der Vollgenuß der staatsbürgerlichen Rechte entzogen ist, für die Zeit der Entziehung, oder welche wegen Verstoßes gegen § 136 rechtskräftig verurteilt worden sind. (§ 150.)
§ 134. Ein Gewerbetreibender, welcher von der Befugnis, Lehrlinge zu halten, ausgeschlossen ist, darf auch die bereits angenommenen Lehrlinge nicht ferner behalten.
Die Entlassung unbefugt angenommener oder behaltener Lehrlinge kann im Wege der gewerbegerichtlichen Exekution erzwungen werden.
§ 135. Das Lehrverhältnis kann in den Fällen, welche im § 116 bezeichnet sind, von dem Lehrherrn vor Ablauf der Lehrzeit aufgehoben werden. Sind für einen solchen Fall keine besonderen Verabredungen getroffen, so ist das Lehrgeld stets für die bereits abgelaufene Zeit zu entrichten. Daneben gebührt, wenn der Lehrling in Fällen des § 116 Nr. 1–5 zu seiner Entlassung Grund gegeben hat, dem Lehrherrn als Entschädigung das weiterlaufende Lehrgeld bis zu einem halbjährigen Betrage.
§ 136. Wider den Willen des Lehrherrn kann das Verhältnis vor Ablauf der Lehrzeit aufgehoben werden, wenn der Lehrherr die ihm nach § 132 obliegenden Verpflichtungen gröblich vernachlässigt oder den Lehrling mißhandelt.
Fällt die Entscheidung hierüber gegen den Lehrherrn aus (§§ 142c u. 150), so kann derselbe zur Erstattung der durch die anderweitige Unterbringung des Lehrlings entstehenden Mehrkosten im Rechtswege angehalten werden.
Letzteres gilt auch von dem Falle, wenn dem Lehrherrn die Befugnis, Lehrlinge zu halten, entzogen wird (§ 133).
§ 137. Außer den in dem § 136 gedachten Fällen kann wider den Willen des Lehrherrn das Lehrverhältnis vor Ablauf der Lehrzeit nach vorausgegangener vierzehntägiger Kündigung aufgehoben werden, wenn durch Entscheidung des zuständigen Gewerbegerichts der Uebergang des Lehrlings zu einem anderen Berufe oder Lehrherrn als gerechtfertigt anerkannt wird.
§ 138. Durch den Tod des Lehrherrn oder Lehrlings wird der Lehrvertrag aufgehoben.
Auf den Antrag des einen oder anderen Teiles ist der Lehrvertrag auch dann aufgehoben, wenn der Lehrherr oder Lehrling zur Erfüllung der eingegangenen Verpflichtungen unfähig wird.
In beiden Fällen erfolgt, wenn nichts anderes verabredet ist, die Auseinandersetzung hinsichtlich des Lehrgeldes nach[278]  Verhältnis des bereits abgelaufenen Teiles der Lehrzeit zur ganzen Dauer derselben.
§ 139. Dir Verhältnisse der Gehilfen der Apotheker und Kaufleute, sowie der Werkmeister in Fabriken zu ihren Arbeitgebern sind auch fernerhin nach den bisherigen Vorschriften zu beurteilen.



Artikel IV.
Titel IX ist abzuändern wie folgt:

Reichsgesundheitsamt, Gewerbekammern, Gewerbegerichte und Ortsstatuten.


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§ 142. Das Reichsgesundheitsamt hat zu bestimmen:
a) welche von den Gewerben, die giftige Stoffe verarbeiten, nur in Fabriken oder Werkstätten betrieben werden dürfen und ist befugt, den Betrieb dieser Gewerbe in Wohnhäusern zu verbieten. Diese Fabriken und Werkstätten sind außer der Kontrolle durch die Reichs-Arbeitsinspektoren auch der regelmäßigen Untersuchung durch die Gesundheitspolizei zu unterstellen.
b) In welchen Gewerben, weil sie gesundheitsgefährlich sind, Arbeiterinnen jeglichen Alters und männliche Arbeiter, welche das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, gar nicht oder nur bei verkürzter Arbeitsschicht beschäftigt werden dürfen.
c) Welche Einrichtungen mit Rücksicht auf die besondere Beschaffenheit des Gewerbebetriebes und der Betriebsstätte zu tunlichster Sicherung der Arbeiter gegen Gefahr für Leben, Gesundheit und Sittlichkeit notwendig sind.
Jeder Gewerbeunternehmer ist verbunden, diese Einrichtungen auf seine Kosten herzustellen und zu erhalten.
§ 142a. Zur Aufsicht über die Ausführung und Innehaltung der zum Schutz der Arbeiter getroffenen gesetzlichen Bestimmungen ist für jeden Gewerbekammerkreis mindestens ein Reichs-Arbeitsinspektor anzustellen und vom Reich mit jährlich mindestens M. 6000, ausschließlich der Reisespesen, zu besolden.
Die Reichs-Arbeitsinspektoren sind vom Reichs-Gesundheitsamt nach Vorschlag der Gewerbekammern auf Lebenszeit zu ernennen und dürfen nur durch richterliches Erkenntnis ihres Amtes enthoben werden.
Diesen Reichs-Arbeitsinspektoren kommen, soweit es sich um die Ueberwachung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Arbeiter handelt, alle amtlichen Befugnisse der Ortspolizeibehörde zu. Insbesondere haben sie das Recht, zu jeder Zeit Revisionen der Fabriken, Werkstätten, Berg-, Hütten- und Aufbereitungsanstalten, Salinen, Eisenbahnen, Bauten, Gräbereien (Gruben) und aller sonstigen gewerblichen Anlagen, gleichviel ob sie vom Staat, von Gemeinden oder Privatunternehmern betrieben werden, vorzunehmen.
Die auf Grund dieser Bestimmungen auszuführen den amtlichen Revisionen der gewerblichen Anstalten sind die Besitzer derselben verpflichtet, zu jeder Zeit, namentlich auch in der Nacht, während die Anstalten im Betrieb sind, zu gestatten.
Den Anordnungen der Reichs-Arbeits-Inspektoren, soweit dieselben in deren amtlichen Befugnissen liegen, ist unverweigerlich Folge zu geben.
Zur Geheimhaltung besonderer Fabrikationsmethoden sind die Reichs-Arbeitsinspektoren amtlich zu verpflichten.
§ 142b. Bis spätestens zum 1. Januar 1879 sind von Rechtswegen Gewerbekammern in genügender Anzahl zu errichten. Dieselben sind berufen, die Gewerbs- und Arbeitsinteressen zu vertreten, den Behörden regelmäßig Berichte zu erstatten, welche zu veröffentlichen sind, Anträge an die Behörden zu stellen, sowie gemeinsame gewerbliche Einrichtungen und Fachbildungsanstalten zu beaufsichtigen.
Die Mitglieder der Gewerbekammern sind vermittels des allgemeinen gleichen in einem Wahlgange nach einfacher Stimmenmehrheit auf je drei Jahre zu wählen. Wahlberechtigt sind alle im Gewerbekammerkreis ein selbständiges Gewerbe Betreibenden und alle in demselben beschäftigten dispositionsfähigen gewerblichen Lohnarbeiter und Arbeiterinnen. Die Gewerbekammern müssen zur einen Hälfte aus Arbeitgebern und zur anderen Hälfte aus Arbeitern bestehen.[279] 
Die Mitglieder der Gewerbekammern erhalten Diäten.
Die Kosten tragt das Reich.
Das Nähere über Zahl und Wahl der Mitglieder, Organisation, Sitz und räumliche Begrenzung der Gewerbekammern wird durch Reichsgesetz bestimmt.
§ 142c. Bis spätestens zum 1. Januar 1879 sind Gewerbegerichte zu errichten. Der räumliche Umlang ihres Wirkungskreises wird durch die Gewerbekammer bestimmt.
Die Gewerbegerichte sind berufen, Streitigteilen der selbständigen Gewerbetreibenden mit ihren Gesellen, Gehilfen, Fabrikarbeitern oder Lehrlingen zur Entscheidung zu bringen, soweit sich diese Streitigkeiten auf den Antritt, die Fortsetzung oder Aufhebung des Arbeits- oder Lehrverhältnisses, auf die gegenseitigen Leistungen während der Dauer desselben oder auf die Erteilung oder den Inhalt der in § 118 erwähnten Zeugnisse beziehen. Desgleichen haben sie Fabrik- und Werkstatt- bezw. Werkplatzordnungen, sowie Abänderungen derselben, zu prüfen und, wenn diese den Bestimmungen des § 112 entsprechen, zu genehmigen.
Gegen die Entscheidungen der Gewerbegerichte steht dem Beteiligten keine Berufung, sondern nur in Fallen falscher Gesetzes-Anwendung die Nichtigkeitsbeschwerde zu.
Die Rechtsprechung durch die Gewerbegerichte erfolgt unentgeltlich.
Den Gewerbegerichten kommen, soweit es sich um Ausführung ihrer Beschlusse handelt, die im Bereich ihrer gesetzlichen Befugnisse liegen, alle amtlichen Befugnisse der Gerichts- und Ortspolizei-Behörde zu.
Die Mitglieder der Gewerbegerichte sind vermittels des allgemeinen gleichen unmittelbaren und geheimen Wahlrechts in einem Wahlgange nach einfacher Stimmenmehrheit auf je drei Jahre zu wählen. Wahlberechtigt sind all ein Gewerbegerichtsbezirk ein selbständiges Gewerbe Betreibenden, sowie alle in demselben beschäftigten dispositionsfähigen gewerblichen Lohnarbeiter und Arbeiterinnen. Die Gewerbegerichte müssen zu einer Hälfte aus Arbeitgebern, und zur anderen Hälfte aus Arbeitern bestehen.
Die Mitglieder dieser Gewerbegerichte erhalten Diäten.
Die Kosten trägt das Reich.
Das Nähere über die Zahl der Mitglieder, deren Wahl, die Organisation der Gewerbegerichte und der Kassations-Instanz wird durch Reichsgesetz bestimmt. Der § 142 bleibt als § 142d fortbestehen.



Artikel V.
Im § 146 der Gewerbeordnung ist statt §§ 134–136 zu setzen §§ 119–122 und statt § 139 ist zu setzen § 125.
Absatz 3 von § 143 und Nummer 6 von § 148 sind aufgehoben.
Der seitherige § 150 ist aufgehoben; an dessen Stelle tritt folgende Bestimmung:
§ 150. Wer den Vorschriften der §§ 126 bis 129 zuwider jugendliche Arbeiter annimmt oder beschäftigt oder minderjährige Lehrlinge annimmt, ohne nach § 131 mit den gesetzlichen Vertretern dieser Lehrlinge einen Lehrvertrag abgeschlossen, zu haben, wird mit einer Geldstrafe von zwanzig bis einhundertfünfzig Mark und im Unvermögensfalle mit Haft nicht unter vier Tagen für jeden vorschriftswidrig angenommenen oder beschäftigten jugendlichen Arbeiter oder Lehrling bestraft.
In gleicher Hohe ist zu bestrafen, wer gegen die §§ 132 und 136 verstoßen hat.
War der Zuwiderhandelnde innerhalb der letzten fünf Jahre bereits dreimal auf Grund der vorstehenden Bestimmung bestraft, so kann auf den Verlust der Befugnis zur Beschäftigung jugendlicher Arbeiter, beziehentlich des Haltens von Lehrlingen für eine bestimmte Zeit oder immer gegen ihn erkannt werden.

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Es muß auf diesen Verlust und zwar für mindestens drei Monate erkannt werden, wenn er innerhalb der letzten fünf Jahre bereits sechs verschiedene Male bestraft war.
Bei Zuwiderhandlung gegen solche Erkenntnisse (Absatz 2 und 3) kann die im ersten Absatz dieses Paragraphen bestimmte Strafe bis zum vierfachen Betrage erhöht werden.
Zuwiderhandlungen gegen die §§ 106 bis 112 oder § 118 Absatz 2 dieses Gesetzes, sowie gegen die vom Reichs-Gesundheitsamte nach § 112 alinea a, b und c erlassenen Anordnungen oder gegen schriftlich zu erteilende Anweisungen der anderen zuständigen Behörden[280]  sind, abgesehen von den zivilrechtlichen Folgen, mit fünf bis fünfhundert Mark zu bestrafen.
Im Wiederholungsfalle kann die zuständige Behörde außer angemessener Geldstrafe auch mit auf Hast oder Gefängnis bis zu drei Monaten erkennen.
Wenn der Tatbestand, welcher nach diesem Gesetz den Gegenstand einer Geld-, Hast- oder Gefängnisstrafe bildet, durch das allgemeine Strafgesetz mit einer höheren Strafe bedroht wird, so kommt diese letztere zur Anwendung.
Zivilrechtliche Streitigkeiten, welche aus den Vertragsverhältnissen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern entstehen, haben keine Strafe zur Folge.
Hinter dem § 153 sind als §§ 153a, 153b und 153c folgende Bestimmungen einzufügen:
§ 153a. Wer andere durch Anwendung körverliehen Zwanges, durch Drohungen, durch Ehrverletzung oder durch Verrufserklärung hindert oder zu hindern versucht, an solchen Verabredungen und Vereinigungen (§ 152) teilzunehmen oder ihnen Folge zu leisten, oder andere durch gleiche Mittel bestimmt oder zu bestimmen versucht, von solchen Verabredungen und Vereinigungen zurückzutreten, wird mit Gefängnis von sieben Tagen bis zu drei Monaten bestraft, sofern nach dem allgemeinen Strafgesetz nicht eine härtere Strafe eintritt.
§ 153b. Die Verfolgung eines der in den §§ 153 und 153a bezeichneten Vergehen tritt, sofern dasselbe nach dem allgemeinen Strafgesetz mit nicht mehr als drei Monaten Gefängnis bedroht wird, nur auf Antrag des Verletzten ein.
§ 153c. Auf Versammlungen und Vereine, welche die gegenseitige Unterstützung in Fällen der Erwerbslosigkeit zum Zwecke haben oder mittels Einstellung der Arbeit oder Entlassung der Arbeiter günstige Lohn- und Arbeitsbedingungen erstreben, finden die Vereins- und Versammlungsgesetze keine Anwendung.

I. Auer. A. Bebel. W. Blos.

W. Bracke jr. Demmler. F. W. Fritzsche.
W. Hasenclever. A. Kapell. W. Liebknecht.
J. Most. J. Motteler. Rittinghausen.

Unterstützt durch:

Kryger (Hadersleben). Rußwurm.
Holthof etc. etc.[281] 




Aufenthaltsverbote


Ausweisungs-Dekret.












[282] 
Auf Grund der nach § 28 des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Socialdemokratie vom 21. October 1878 von dem Königlich Preußischen Staatsministerium unterm 26. d. M. getroffenen Anordnungen wird dem am 5. Ocktober 1849 zu Wertheim geborenen, in Cannstatt sich aufhaltenden Redakteur Wilhelm Blos der Aufenthalt im Bezirke der Stadt und des vormaligen Amts Harburg hiedurch landespolizeilich untersagt.

Lüneburg, den 28. September 1888.
Der Regierungs-Präsident.
Lodemann.

Erneutes Aufenthaltsverbot
für den Redakteur
Herrn Wilhelm Blos
in Cannstatt.[283] 

Schleswig, den 1. October 1888.

Auf Grund der nach § 28 des Reichsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. October 1878 mit Genehmigung des Bundesraths von dem Königlichen Staats-Ministerium für den Stadtkreis Altona;
die Kirchspielvogteibezirke Blankenese und Pinneberg und die Städte Pinneberg und Wald des Kreises Pinneberg; die Kirchspielvogteibezirke Reinbeck und Bargtheide, die gutsobrigkeitlichen Bezirke Ahrensburg, Tangstedt, Hoisbüttel, Wellingsbüttel, Wulksfelde und Silk, sowie die Stadt Wandsbek des Kreises Stormarn; die Landvogteibezirke Schwarzenbek und Lauenburg, die gutsobrigkeitlichen Bezirke Basthorst, Lanken, Wotersen, Müssen, Gülzow und Dalldorf sowie die Stadt Lauenburg des Kreises Herzogthum Lauenburg
umfassenden Bezirke unterm 26. September 1888 getroffenen Anordnungen wird dem am 5. Oktober 1849 zu Wertheim geborenen, in Cannstatt sich aufhaltenden Redacteur Wilhelm Blos, als einer Person, von welcher eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung zu besorgen ist, der Aufenthalt innerhalb der vorerwähnten Bezirke von unterzeichneten Landesbehörde hierdurch versagt.

Königliche Regierung,
Abtheilung des Innern.
Hogsmann.
An den Redakteur
Herrn Wilhelm Blos
in Cannstatt.[284] 




Anhang













Arbeiterschutzgesetz von 1877


Aufenthaltsverbote


Brief von Karl Marx an Wilhelm Blos







Vorwort.










Seitdem der erste Band dieses Werkes erschienen, sind fast fünf Jahre verflossen und ein Weltkrieg, sowie eine große Revolution sind über uns hinweggegangen. Die Welt hat sich total verändert. Die Verzögerung des Erscheinens dieses zweiten Bandes erklärt sich daraus.
An der im Jahr 1914 entstandenen Niederschrift ist im Interesse der historischen Bewertung der darin enthaltenen Auffassung nichts geändert worden.

Stuttgart, Februar 1919.

Der Verfasser.[5] 




In Acht und Bann










Es ist unser Stolz, die geschichtliche Bewegung zu begreifen und einzusehen, was sich vollziehen muß.«
So sprach mein edler Freund Wilhelm Bracke 1871 zu Braunschweig vor seinen Richtern. Zu diesem Verständnis des Geschehenen und Geschehenden ist die Sozialdemokratie durch die materialistische Geschichtsauffassung gelangt, und ein wesentlicher Teil ihrer Stärke beruht wohl darin, daß sie ihre ganze politische Betätigung damit in Einklang gebracht hat.
In der Tat – die Menschen groß und klein sind alle nur Werkzeuge der historischen Notwendigkeit, bewußt oder unbewußt. Das zeigt sich am eindrucksvollsten in den Wirkungen der großen Katastrophen der Weltgeschichte. Darüber sagt Karl Marx in der Vorrede zu seinem Hauptwerk:
»Wie der amerikanische Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg des neunzehnten Jahrhunderts für die europäische Arbeiterklasse.«
Wenn dieser Satz richtig ist – und das läßt sich unschwer erweisen – so kann man nur staunen, welche verschiedenartigen Elemente im nordamerikanischen Bürgerkrieg zu unbewußten Werkzeugen der gleichen historischen Notwendigkeit wurden. Die schutzzöllnerischen Yankees des Nordens mit ihrem Anhang von Staatsmännern und Offizieren, unter welch letzteren sich eine Menge feudaler preußischer Junker befanden. Großindustrielle und Farmer. Bürger und Proletarier – sie alle halfen die Sturmglocke für die europäische Arbeiterklasse läuten. Dabei glaubten die herrschenden Klassen des Nordens nur gegen die freihändlerischen Bestrebungen der Sklavenhalter des Südens zu kämpfen, während die Massen für die Abschaffung der Negersklaverei begeistert waren. Nur unter den vielen aus Europa vertriebenen Achtundvierzigern, die an dem großen Kampfe teilnahmen, mögen einzelne seine ganze historische Bedeutung erfaßt haben.
So paradox es dem deutschen Spießbürger klingen mag – der Kampf Bismarcks gegen die Sozialdemokratie erscheint nur als eine Fortsetzung dessen, was mit dem amerikanischen Bürgerkrieg begonnen wurde. Auch dieser »starke Mann«, dem seine Verehrer schier übermenschliche Eigenschaften zuschrieben, war nur ein Werkzeug der historischen Notwendigkeit, als er diesen Kampf begann. Er wollte die Sozialdemokratie aufs äußerste drangsalieren und zur Verzweiflung treiben, um sie dann bei einer vermeintlich kommenden bewaffneten Erhebung mit einem[3]  Schlage zu vernichten. Aber Bismarck läutete auch nur die Sturmglocke für die Arbeiterklasse. Denn daß er mit seinem Ausnahmegesetze wider seinen Willen die Sozialdemokratie gefördert hat, das sahen schließlich auch solche Politiker ein, die sich in seiner Gefolgschaft befanden. Aber sie standen vor einer Unbegreiflichkeit, da sie die Klassenherrschaft für etwas »Ewiges« hielten. Sie konnten es nicht begreifen, daß die geschichtliche Bewegung vom Feudalismus über den Kapitalismus zum Sozialismus führen muß und daß die Sozialdemokratie ein notwendiges Glied in der Kette dieser Entwicklung ist.
Der Zusammenstoß zwischen den Besitzern der industriellen und agrarischen Produktionsmittel – also den herrschenden Klassen – und dem klassenbewußten modernen Proletariat ward auch in Deutschland unvermeidlich und Bismarck, dem Leiter des Klassenstaats, fiel dabei von selbst die Rolle des Sturmbocks zu. Da er aber eine in den Zeitverhältnissen selbst wurzelnde neue Macht vernichten wollte, so verlief der Kampf ganz anders, als er sich ihn vorgestellt hatte. Bismarck mußte die Erfahrung machen, daß er mit seinem Sozialistengesetz nicht nur der Sozialdemokratie, sondern der ganzen Arbeiterklasse Wunden schlug und damit die Klassengegensätze verschärfte. Der Staat mußte so den Arbeitern immer mehr als feindselige Macht erscheinen und sie von sich abdrängen. Um dem vorzubeugen, entschloß sich Bismarck, den Arbeitern sozialpolitische Zugeständnisse zu machen, um sie damit für seine Regierung zu gewinnen und von der Sozialdemokratie abzuziehen. Diese Zugeständnisse waren durchaus ungenügend, und die Arbeiter ließen sich mit ihnen nicht einfangen. Aber nachdem der Kanzler sich einmal mit der Sache befaßt, ließ sie ihn nicht mehr los. Seine politischen Handlanger sprachen vom »Patrimonium der Enterbten«, und er selbst proklamierte im Reichstag ein »Recht auf Arbeit«, allerdings in preußisch-bureaukratischem Sinne. Er mußte, um den Arbeitern die Wohltaten seiner Sozialpolitik anzupreisen, als »Sozialdemagoge« auftreten und so gegen seinen Willen indirekt für den Sozialismus Propaganda machen, dessen entschiedenste Bekenner er in die Acht erklärt hatte. Während die Sozialdemokratie von der Regierung aufs grimmigste verfolgt wurde, jammerte die liberale Bourgeoisie, daß die Minister im Reichstage »sozialdemokratische« Reden hielten. Ihr war so bang um ihren Geldsack, daß sie behauptete. Bismarcks Sozialpolitik führe direkt in den sozialdemokratischen »Zukunftsstaat« hinein.
Dieser Kampf zog die Aufmerksamkeit der ganzen Kulturwelt auf sich und die Sozialdemokratie gewann Sympathien und Anhänger in Kreisen und an Orten, von denen sie es sich nie hätte träumen lassen. Je gehässiger die Achtung und Verfolgung, desto schneller das Wachstum der Partei, nachdem einmal die erste, auf das Ausnahmegesetz unvermeidlich folgende Verwirrung überwunden war. Wilhelm Liebknecht zeichnete geistreich und treffend die Situation, indem er sagte:
»Der Reichskanzler hat nicht uns, sondern wir haben ihn.

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«[4] 
Das Gefühl der Unbesiegbarkeit, das wir aus dieser Erkenntnis schöpften, half uns dem schweren Ungemach trotzen, dem wir ausgesetzt waren. Daß der Kanzler aber mit seinem Sozialistengesetz so vollständig Bankerott machen und darüber stürzen würde, wie später geschah, das wagten wir damals noch nicht zu hoffen. Auch gewährten alle tröstlichen historischen Betrachtungen, so sehr sie geeignet waren, unsere Standhaftigkeit zu steigern, doch keinen direkten Schutz gegen die Mißhandlungen, mit den wir zurzeit heimgesucht wurden.
Man hat die zwölf Jahre, während deren das Sozialistengesetz bestand, das Heldenzeitalter der Sozialdemokratie genannt. Ich möchte diese Bezeichnung weniger auf die bekannten Führer, als auf die Namenlosen angewendet wissen, die in jener Zeit verzweifelten Kampfes die größten Opfer gebracht haben. Diese Tausende und aber Tausende sozialistisch gesinnter Proletarier hielten an ihrer Sache mit einer Entschlossenheit fest, die durch nichts erschüttert werden konnte. Sie konnten nicht auf Nachruhm hoffen, diese Tapferen, welche die Geheimorganisationen füllten und damit der Partei wieder ein festes Rückgrat gaben; welche unter den größten Gefahren die verbotenen Schriften verbreiteten oder Deckadressen für die Verbreitung lieferten; welche, unablässig von der Polizei verfolgt, Wahlflugblätter und Stimmzettel unentgeltlich bei jedem Wetter hinaustrugen, oftmals bei Schnee und Regen bis hoch in die Gebirge hinauf; welche bei aller eigenen Not oft Scherflein für die Opfer des Ausnahmegesetzes gaben und welche für dies alles keinen anderen Lohn erwarten konnten, als verhaftet, bestraft, ausgewiesen und von ihren »patriotischen« Arbeitgebern auf die Straße geworfen zu werden. Hunderte, Tausende dieser opfermütigen Parteigänger sind von solchem Schicksal betroffen worden. Und wie viele Opfer des kleinen Belagerungszustandes sind verschollen, vergessen, verdorben, gestorben!
Wer denkt heute noch an jene drei Berliner Parteigenossen, den Former Otto Bachmann, den Schlosser Paul Hensel und den Gürtler R. Nauen, die im Winter 1887 – vor der »Angstwahl« – einer geheimen und von der Polizei gesuchten Vertrauensmännerversammlung außerhalb der Stadt anwohnten und dort möglichst schnell nach Berlin zu befördernde Wahllisten in Empfang nahmen? Sie nahmen den Rückweg über den zugefrorenen Spandauer Schiffahrtskanal, brachen auf dem dünnen Eis ein und ertranken!
Wer kennt noch den Namen jener sächsischen Bergmannsfrau, deren Schicksal seinerzeit die Arbeiterwelt so lebhaft bewegte? Bei ihr fand Haussuchung nach verbotenen Schriften statt, und die hochschwangere Frau wurde unter den Kleidern bis auf den bloßen Leib betastet. Außer sich vor Zorn und Scham stürzte sie sich in einen Teich, kroch aber, da das Wasser nicht sehr tief, wieder heraus und gab einem Kinde vorzeitig das Leben. Das Kind starb, die Mutter, die man im kläglichsten Zustande auffand, blieb leben. Als diese Sache im sächsischen Landtage vorgebracht wurde, meinte ein gemütvoller fortschrittlicher Abgeordneter,[5]  ein Polizeibeamter habe jederzeit das Recht, eine körperliche Durchsuchung vorzunehmen und, wenn dabei ein Frauenzimmer einen verbotenen Gegen stand unter den Kleidern versteckt halte, diesen hervorzuziehen. – – –


Ich mußte also im Winter 1880 binnen 48 Stunden Hamburg verlassen, nachdem ich den Ausweisungsbefehl erhalten. Ich war momentan heimatlos im Vaterland.
In solcher Zeit treue Freunde zu haben ist von unschätzbarem Werte, und ich darf sagen, daß es mir an solchen nicht gefehlt hat. Von meinen Jugendfreunden gingen mir die meisten entsetzt aus dem Wege. Aber es gab auch solche – und mehr als man glauben sollte – die nun gerade zeigen wollten, daß sie sich vor der Polizei, die unsereinen stets umschnüffelte, nicht fürchteten; dies taten namentlich Dr. Karl Röder, der schon genannte Sohn des Professors des Naturrechts in Heidelberg, und der Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Köhler in Mannheim, beide von Breitenbronn her mit mir befreundet.
Sehr wichtig war, daß mein Freund und Parteigenosse Max Neißer in Bremen, der daselbst ein Korrespondenzbureau errichtet hatte, mir eine Stellung darin anbot. Ich sagte natürlich mit Freuden zu, entschloß mich aber auf das Drängen meiner Frau, die es in diesem Unglück zu ihren in Mainz wohnenden Verwandten zog, auf kurze Zeit dahin zu gehen.
Eine Kolonie von hamburgischen ausgewiesenen Sozialdemokraten hatte sich in dem gegenüberliegenden Harburg gebildet, von wo aus auch die in Hamburg einstweilen weiter erscheinende »Gerichtszeitung« redigiert wurde. Ich wurde eingeladen, dahin zu kommen, aber ich tat es nicht, da ich einsah, daß diese Ansiedelung nicht von Bestand sein werde. In der Tat wurde die »Gerichtszeitung« bald verboten, über Harburg der »kleine Belagerungszustand« verhängt und alles, was sich von bekannten Sozialdemokraten dort befand, ausgewiesen. In diesem Strudel ging auch der »Wahre Jakob« unter. Wir wagten es, die Polizei in seiner letzten Nummer zu verspotten. Auch ich erhielt ein Aufenthaltsverbot für den Harburger Bezirk, obschon ich dort nicht gewohnt hatte.
Als ich Ende 1880 nach Mainz kam, sollte ich erfahren, daß die Verwirrung, welche das Sozialistengesetz angerichtet hatte, noch nicht überwunden war.
Die Parteigenossen empfingen mich sehr liebenswürdig, und Paul Stumpf bewährte sich als alter Freund. Mein Jugendfreund Karl Röder, der in Darmstadt als Arzt praktizierte, kam öfter herüber zu mir. Auch junge Leute aus bürgerlichen Kreisen führten sich bei mir ein; so ein Ingenieur Grünewald, der mich partout für südamerikanische Kolonialprojekte gewinnen wollte, und der damalige Studiosus und spätere hessische Landtagsabgeordnete Frenay, der unlängst als Bürgermeister von Bensheim verstorben ist.
Da ich unter den Mainzer Parteigenossen viele Freunde hatte, so entstand der Wunsch, mich in Mainz zu halten. Man schlug mir vor, ein Wochenblatt herauszugeben, wozu Abonnenten gesammelt werden sollten.Ich bezweifelte, daß diese Sache Bestand haben könne, wenn man mich auch auf die »milde Praxis« der hessischen Polizei verwies, durch welche das »Offenbacher Abendblatt« am Leben geblieben war. Außerdem wollte ich auch auf die mir in Bremen zugesicherte Stellung nicht verzichten. Ich versprach also nur, das Wochenblatt einzurichten, damit nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten es ein anderer weiterführen könne.

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Mit Feuereifer wurden Abonnenten gesammelt. Ein mir befreundeter Wirt, der Parteigenosse Förster, brachte allein deren tausend auf und kam freudestrahlend mit der Liste zu mir.
Das Blatt sollte »Demokratisches Wochenblatt« heißen, welcher Name aus Vorsicht gegenüber der Polizei gewählt war.
Aber ich mußte bald sehen, daß ich einen Fehler gemacht hatte. Das hochwohllöbliche Komitee, welches die geheime Organisation leitete, war nicht sofort und offiziell von dem neuen Unternehmen in Kenntnis gesetzt worden. Da mehrere Mitglieder des Komitees mit mir befreundet waren und ich von diesen keinen Widerstand erfahren hatte, war es mit der Form nicht so genau genommen worden. Als ich nun mit den Abonnementslisten vor dem Komitee erschien, stieß ich auf einen unerwarteten Widerstand. Der Vorsitzende erklärte mir, daß das Komitee das Unternehmen nicht billigen könne, denn aus dem Titel des neu zu gründenden Blattes gehe hervor, daß ich ein Organ für die bürgerliche Demokratie – die, beiläufig bemerkt, schon zwei Organe am Platze besaß – gründen und die Parteigenossen dazu benützen wolle.
Ich verschmähte es, mich gegen diese Insinuation zu verteidigen und meinen bitteren Empfindungen als ausgewiesener Sozialdemokrat Ausdruck zu geben. Meinen Freunden gab ich mit Dank und mit Bedauern über diese Wendung der Sache die Listen zurück. Alsdann reiste ich nach Bremen ab, während meine Frau vorläufig bei ihren Verwandten in Mainz blieb.
Ich machte halt in Hannover, wo mir eine Anzahl Parteigenossen, an ihrer Spitze der treffliche Rudolf, einen sehr liebenswürdigen Empfang bereiteten. Ich bin heute noch gerührt, wenn ich an dieses Beispiel schöner Brüderlichkeit im Unglück denke.[8] 



Im alten Bremen










So kam ich aus einer alten Handels- und Hansastadt in die andere, und die Einblicke, die mir in die kommerzielle und industrielle Welt gewährt wurden, waren für meine spätere politische und parlamentarische Betätigung sehr vorteilhaft.
Man hatte mir indessen mehrfach gesagt, in Bremen sei es sehr langweilig, die Bevölkerung sei im Verkehr steif und namentlich gegen Fremde ablehnend, was ein ausgewiesener Sozialdemokrat doppelt peinlich empfinden müsse. Ich war deshalb in begreiflich düsterer Stimmung, als ich die liebenswürdigen Parteigenossen in Hannover verlassen hatte und in Bremen anlangte. Ich sollte hier aufs angenehmste enttäuscht werden. Denn außer Braunschweig, dessen Bevölkerung mir sechsmal ihre Vertretung im Reichstag anvertraut hat, ist mir keine norddeutsche Stadt so lieb und heimisch geworden wie Bremen.
Mein Freund Neißer befand sich zurzeit auf Brautwerbung in Oberschlesien und hatte in seiner fürsorglichen Liebenswürdigkeit seine völlig eingerichtete Familienwohnung einstweilen mir überlassen. Auch eine freundliche alte Aufwärterin stellte sich ein, so daß ich mich bald behaglich fühlte.
Neißer war ein Jahr zuvor von einem herben Geschick betroffen worden.
Er hatte eine leidenschaftliche Neigung zu der hübschen Tochter einer angesehenen bürgerlichen Bremer Familie gefaßt, und seine Neigung war ebenso leidenschaftlich erwidert worden. Das tapfere Mädchen setzte die Heirat durch, obwohl ihre Familie sich lange und hartnäckig gegen den »Sozialdemokraten und Juden« sträubte. Die überaus glückliche Ehe war leider nur kurz, denn die junge Frau starb im ersten Wochenbett, nachdem sie Zwillinge zur Welt gebracht. Ihre zierlichen Gewänder und bunten Fähnchen hingen noch in den Schränken und riefen bei der alten Aufwärterin oft eine wehmütige Stimmung hervor. Neißer gab durch seine baldige Wiederverheiratung den Kindern eine zweite Mutter, die ihre Pflichten gewissenhaft erfüllt hat.
Die Parteikneipe in Bremen wurde damals von Wilhelm Frick, einem früheren Lassalleaner, gehalten, der auch sozialdemokratischer Reichstagskandidat für Bremen war. Bei ihm traf ich gleich zwei Leidensgenossen. Wie schon bemerkt, hatte man in dem weiten »Belagerungsgebiet« um Friedrichsruh herum nur zwei Arbeiter ausfindig machen können, die man als Sozialdemokraten ausweisen konnte, und diese befanden sich hier. Es waren ein Matrose und ein Schuhmacher. Der letztere hatte zu Hause eine zahlreiche Familie und überließ ihr die kärgliche Unterstützung,[11]  die ihm die Partei gewähren konnte.1 Er selbst hungerte und quälte sich so durch. Äußerlich trug er sein Unglück mit Fassung. Manchmal aber strömte der in strenger Arbeit gehärtete und nun zum Müßiggang gezwungene Mann – er erhielt lange keine Arbeit – seinen Seelenschmerz gegen mich aus.
Die Fricksche Wirtschaft ward natürlich ständig von der Polizei belauert und belästigt. Denn es liefen hier die unsichtbaren Fäden des Parteilebens zusammen. Frick brachte manches Opfer, indem er öfter den Verfolgten unentgeltliche Mahlzeiten verabreichte oder Kredit gab, soweit möglich denn die Wirtschaft rentierte sich natürlich nicht glänzend. Bei dieser Gelegenheit möchte ich anläßlich der harten und gehässigen Angriffe, die heute manchmal von terroristischen Abstinenten gegen die Gastwirte gerichtet werden, darauf hinweisen, daß unter dem Sozialistengesetz die Gastwirte der Partei unschätzbare Dienste geleistet haben, trotzdem sie dabei großen Gefahren ausgesetzt waren.
In § 22 des Sozialistengesetzes heißt es:
»Gegen Personen, welche sich die Agitation für die sozialdemokratischen usw: Bestrebungen zum Geschäft machen, kann im Falle einer Verurteilung wegen Zuwiderhandlung gegen die §§ 17–20 (Teilnahme von verbotenen Vereinen, resp. geheimen Versammlungen, an Verbreitung verbotener Schriften und Hergabe von Lokalen für solche Zwecke) neben der Freiheitsstrafe auf die Zulässigkeit der Einschränkung ihres Aufenthalts erkannt werden.«
Und weiter heißt es in § 23:
»Unter den in § 22 bezeichneten Voraussetzungen kann gegen Gastwirte, Schankwirte, mit Branntwein oder Spiritus Kleinhandel treibende Personen, Buchdrucker, Buchhändler, Bibliothekare und Inhaber von Lesekabinetten neben der Freiheitsstrafe auf Untersagung ihres Gewerbebetriebes erkannt werden.«
Die Gastwirte, die als Sozialdemokraten bekannt waren, wurden verhältnismäßig am meisten mit Haussuchungen bedacht, denn die Polizei witterte natürlich, daß bei ihnen verbotene Schriften vertrieben und geheime Versammlungen abgehalten würden. Und dennoch haben Hunderte und aber Hunderte von Gastwirten ihre Lokalitäten für geheime sozialdemokratische Agitation zur Verfügung gestellt. Sehr viele sind in den Schlingen und Fußangeln des Sozialistengesetzes hängen geblieben, sind eingesteckt, ausgewiesen, aus ihrem Beruf gedrängt worden und ihres Vermögens verlustig gegangen. Ich habe oft Gelegenheit gehabt, ihre Kühnheit und ihren Opfermut zu bewundern, wenn ich an geheimen Versammlungen teilnahm. Das alles sollte man nicht so leicht vergessen.
Beiläufig hatten auch die Buchhändler in besonderem Maße unter den polizeilichen Schikanen zu leiden. Ich war öfters bei den Haussuchungen[12]  in Geibs Geschäft zugegen, wo eine Buchhandlung mit Leihbibliothek betrieben wurde. Diese Haussuchungen waren sehr beschwerlich, weil die Polizisten jedes einzelne Buch nach etwa darin verborgenen Briefschaften oder verbotenen Schriften durchblätterten. Das dauerte oft den ganzen Tage, und die Kunden wurden verscheucht.
Aber ehe ich mich in Bremen näher umsehen und informieren konnte, kam ein Naturereignis, welches momentan alles andere zurücktreten ließ. Es trat nämlich eine Ueberschwemmung ein, eine der größten oder vielleicht die größte, die Bremen jemals gesehen. Die weite Ebene, auf der Bremen zu beiden Teilen der Weser liegt, war vollkommen von den ausgetrenen schmutziggelben Fluten des Stromes bedeckte. Auf der am linken Weserufer sich ausbreitenden großen Wiese ragte von dem dort stehenden Gasthaus »Zum Kuhhirten« nur noch das Türmchen auf dem Dach aus dem Wasser hervor. Die Wassermassen wälzten sich brausend durch die der Weser nächstgelegenen Straßen und kamen dem Rathaus nahe, so daß den Bremern um ihren vielgeliebten Ratskeller bange war. Die Deiche drohten zu brechen, und unabsehbares Unglück bedrohte die alte Hansastadt. Bei dem Vorort Hastedt oberhalb der Stadt wurden viele Tausende von Sandsäcken in die Weser geworfen, um den gewaltigen Anprall der Gewässer an den Deichen abzuwehren. Es gelang dies auch, und die empörten Wasserfluten verliefen sich langsam, nachdem sie großen Schaden an gerichtet. In der Umgebung der Stadt blieb das Wasser an einzelnen Orten noch monatelang zwischen den Deichen stehen, namentlich im Blockland, dem zum bremischen Staate gehörigen Landgebiete auf dem rechten Weserufer, wo man förmliche Seen sah.
Längere Zeit nach dieser Ueberschwemmung begleitete ich einen mir befreundeten Katasterfeldmesser nach dem Blockland, wo er die Tiefe eines solchen Sees feststellen sollte. Er hatte zwei mit derben Wasserstiefeln versehene Leute mit sich, die für diese Tour gut bezahlt wurden. Als wir an Ort und Stelle waren, kam uns der Besitzer des dort auf einer Anhöhe gelegenen stattlichen Bauernhofes devotest entgegen und führte uns in seine Behausung. Über eine große Tenne, wo das Vieh hinter einem Verschlag stand, ging es in die große Stube, wo wir mit Speck und Kornschnaps bewirtet wurden. Hier sah ich auch jene merkwürdigen Betten, die in einem Wandschrank eingelassen sind. Wir setzten uns dann auf einen Baumstamm vor dem Hause und rauchten gemütlich, während der Bauer das mitgebrachte Senkblei nahm und in das Wasser watete, um dessen Tiefe zu messen. Das Wasser ging ihm bis an die Hüften. So tat er – übrigens unaufgefordert – die Arbeit für die Leute, die dafür, und zwar auch auf seine Kosten, bezahlt wurden. Ich dachte mein Teil darüber, was man doch mit manchen Bauern immer noch aufstellen kann.
Auch Frick erlaubte sich manche Spässe mit den Bauern. So kam ein solcher, der einen Ochsen vorteilhaft verkauft hatte, an einem Montag in Fricks Wirtschaft, wo er sich bis zur Bewußtlosigkeit in Schnaps betrank. Frick schleppte die »Leiche« auf seinen Hof und legte sie dort auf[13]  den Steinplatten nieder, wo sie mehrere Stunden liegen blieb. Abends fiel ein Platzregen, die »Leiche« ward wieder lebendig und der Bauer kam verstört herein. Er fragte, wie lange er draußen gelegen. »Am Montag sind Sie gekommen und haben bis heute im Hof gelegen; heute ist Mittwoch!« antwortete Frick. Der Bauer rannte wie rasend hinaus und brüllte: »Is Mittwöcken, is Mittwöcken, min armen Fru un Kinn –«
Die prächtige alte Stadt mit ihrer holländischen Reinlichkeit gefiel mir sehr. Mit hohem Interesse betrachtete ich ihre historischen Denkmäler, namentlich die berühmte Rolandsäule vor dem Rathause, welcher Friedrich Rückert die vielzitierten Stabreime gewidmet hat:


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»Roland, der Ries', am Rathaus zu Bremen
Steht er im Standbild standhaft und wacht.«

Das prächtige Rathaus, der Dom mit seinem Bleikeller und den Mumien darin, der Schütting, das Vaßmerkreuz – wie oft hingen meine Gedanken an diesen Zeugen alter Zeiten! Selbstverständlich widmete ich mein Interesse auch dem Ratskeller, den Heinrich Heine so schön besungen und dem Wilhelm Hauff so wunderbaren poetischen Duft und Schmelz verliehen hat. Die Herrlichkeiten und Genüsse des Ratskeller waren einem ausgewiesenen Sozialdemokraten mit meinem kärglichen Mitteln so ziemlich verschlossen; sie wurden mir aber später zugänglich durch eine liebenswürdige Gönnerschaft, die allerdings ihrer Munifizenz eine zweckmäßigere Form hätte geben können. Indessen wurde mir in jenen »heiligen Hallen« manche frohe Stunde bereitet, während deren ich meine prekäre Situation vergaß.
An den Ratskeller knüpft sich eine Bismarck-Anekdote, die wohl wenig bekannt ist. In den siebziger Jahren waltete dort ein Ratskellermeister, der ein Original und als sehr grob bekannt wir. Bismarck fand Gefallen an dieser derben und urwüchsigen Erscheinung, und als einst sein Sohn Herbert nach Bremen reiste, trug er diesem einen Gruß an den Kellermeister auf. Der letztere hielt gerade sein Mittagsschläfchen, als Herbert Bismarck ankam. Des Kellermeisters Töchterlein suchte auf der Treppe den Besuch vergebens zurückzuhalten, weil ihr Vater so entsetzlich grob sei, wenn man seinen Mittagsschlaf störe. Aber Herbert Bismarck bestand auf Anmeldung und als sie geschah, hörte er durch die offenstehende Tür, wie der Kellermeister zornig brüllte: »De Ol is mi schon recht, aber de Jung kann mi ...!« Worauf sich Herbert Bismarck schleunigst verzog. Der alte Bismarck soll über diese Geschichte unbändig gelacht haben.
Meine Beschäftigung im Neißerschen Bureau bestand zunächst in der Herstellung einer »farblosen« Zeitungskorrespondenz, welche lithographiert wurde und deren Ertrag mir Neißer vollständig überließ. Sodann gab er noch die wöchentliche »Sozialpolitische Korrespondenz« heraus. Diese Korrespondenz war von Karl Höchberg subventioniert, dessen Gönnerschaft sich Neißer in hohem Maße erworben hatte. Höchberg[14]  hat für Neißers literarische Unternehmungen sehr viel Geld aufgewendet. Die »Sozialpolitische Korrespondenz« sollte einer »sozialliberalen« Richtung Bahn brechen. Mit der Redaktion und dem ganzen Inhalt dieser Korrespondenz hatte ich nichts zu tun; ich war nur für ihre Expedition engagiert. Jede Woche mußte ich eine enorme Anzahl Kreuzbänder anfertigen und versenden.2 Meine Einnahmen waren natürlich mäßig, aber ich war meinem Freunde Neißer außerordentlich dankbar, denn ich konnte mich so in dieser schweren Zeit über Wasser halten. Nach und nach gelang es mir, durch allerlei literarische Arbeiten meine Einnahmen zu verbessern, nachdem es sich ereignet, daß ich einmal nur noch drei Mark besaß, die ich meiner Frau für sich und unser Kind gab, während ich selber einen Freund suchen ging, um eine Anleihe zu erheben, was damals nicht allzu leicht war.
Aber nicht nur Neißer, sondern auch andere Parteigenossen standen mir mit Rat und Tat bei oder machten mich in fröhlicher Gesellschaft mein trübes Schicksal vergessen. Ich denke an Imwolde, Fuhse, Weddingfeld, Steinebach und andere in Bremen, an Kühn, Hug und Morisse in Wilhelmshaven.
Im allgemeinen war das Parteileben in Bremen angenehm, trotz aller Gefahren und Polizeischwierigkeiten. Die Bewegung wurde geleitet von einer Anzahl intelligenter und opfermutiger Männer, welche der Situation durchaus gewachsen waren. In der Organisation waren, wenn ich mich recht erinnern kann, die Zigarrenarbeiter und die Maurer am zahlreichsten. Die ersteren waren ein sehr bewegliches und tätiges Element, die Maurer bildeten den besten Kern des Ganzen. Sie traten äußerlich wie ihre Hamburger Kollegen auf, und von ihnen galt das Wort des verstorbenen Parteigenossen Lüttichau in Braunschweig: »Wenn der Maurer vom Bau herunter ist, muß er wie ein Kaufmann aussehen.« An Streitigkeiten fehlte es selbstverständlich in dieser ernsten Zeit mit ihren Wirrnissen auch hier nicht; namentlich gab es unter den Berliner und Hamburger Ausgewiesenen einige, die gleich alles umgestalten wollten und damit die Bremer Parteigenossen, unter denen viel kleinbürgerliche, aber darum nicht minder tüchtige Elemente waren, verletzten. Aber diese Streitigkeiten spielten sich in den geheimen Versammlungen ab; nach außen stand die Partei stets geschlossen da.
Der Bremer Senat, welcher seit der 1837 erfolgten Hinrichtung der berüchtigten Giftmischerin Gesche oder Gesine Gottfried kein Todesurteil mehr hatte vollziehen lassen,3 war damals nicht gesonnen, das[15]  Sozialistengesetz in seiner ganzen Strenge zu handhaben. Wo es dennoch geschah, kam es von dem übertriebenen Eifer subalterner Polizeibeamten her, die sich damit bei der Regierung in Gunst zu setzen glaubten. Wir waren wie mit einem Netz von Spionage umgeben, wie einst ein Bremer Bürger, mit dem ich befreundet war, sich wütend ausdrückte.
Der bremische Polizeisenator Schulz war nicht allzustreng und namentlich nicht gegen mich. Dies hatte seine besondere Bewandtnis. Als ich nämlich meine Möbel durch einen Fuhrmann von Hamburg nach Bremen bringen ließ, wurde der Wagen an der Zollgrenze angehalten und von der Zollbehörde – wozu diese durch eine bundesrätliche Verordnung ermächtigt war – nach verbotenen Schriften durchsucht. Meine Sachen, namentlich Kleider, Wäsche, Schuhwerk usw., wurden wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen. Etwa 80 Bücher und Broschüren wurden konfisziert. Da aber der Besitz eines einzelnen Exemplars einer verbotenen Schrift zulässig war – und es waren nur Einzelexemplare – so wurden mir auf meine Reklamation die konfiszierten Drucksachen wieder zugestellt. Senator Schulz bestellte mich zu sich, bedauerte den Irrtum der Zollbehörde und ließ Packpapier kommen, in welches er höchst liebenswürdig eigenhändig die verbotenen Bücher einschnüren half. Währenddem erzählte er mir, daß er öfter im Sommer nach meiner Vaterstadt Wertheim komme und dort mit Verwandten von mir verkehrt, auch mut diesen über mich gesprochen habe. So konnte ich mir seine Höflichkeit erklären.
Auf einem Nebentische lag ein großes blaßrotes Heft, auf dem in zwei Zoll hohen Buchstaben mein Name stand. Das waren meine Polizeiakten. Der Senator lächelte, als ich neugierig darauf blickte. Als er einmal hinausging, kehrte er unter der Tür um und schloß das Heft ein. Wie gerne hätte ich einmal hineingesehen! Aber es gelang nicht, obschon ich das Heft von außen noch öfter zu sehen bekam.
Die Geheimorganisation der Sozialdemokratie in Bremen aufzuspüren und bloßzulegen gelang auch den eifrigsten Spürnasen der niederen Polizei nicht. Wir vermieden die geheimen Versammlungen in Bremen selbst so viel als möglich. Sie fanden meist auf der weiten Fläche statt, die sich gleich unterhalb Bremens ausdehnt. Es ist dies das ehemalige Stedingerland, und dort liegt auch an der Weser das Dörfchen Altenesch, wo die tapferen Stedinger Bauern 1234 ihren letzten Kampf gegen das Kreuzheer der Junker und Pfaffen so heldenmütig bestanden und so ruhmvoll untergingen. Es war, als gewährten uns die Geister der Stedinger, da wir gleich ihnen in Acht und Bann erhärt waren, Gastfreundschaft auf der einst mit ihrem Blute getränkten Walstatt. Dies Gebiet gehörte damals zum Großherzogtum Oldenburg, in dem die sozialistische Bewegung, die Orte um Wilhelmshaven ausgenommen, noch kaum zu verspüren war. Darum kümmerte sich die oldenburgische Polizei auch vorläufig fast gar nicht um das Sozialistengesetz. Wir hielten ungestört unsere geheimen Versammlungen im ehemaligen Reich der Stedinger, angesichts der Türm: von Bremen, bei einer Baumgruppe oder inmitten[16]  von Hecken oder zwischen den Deichen. Wir brauchten auch nicht, wie sonst im Walde üblich, Wachen auszustellen, denn man konnte das Land weithin übersehen. Die Bauern störten uns nicht.
In Bremen beschäftigte ich mich auch mit den Ueberresten und Erinnerungen von 1848. Von den damals bekannten Persönlichkeiten lebte noch H. H. Meier, der Bremen im Reichstage vertrat, eine Verkörperung bremischen Protzentums, der den Bremer Lloyd mitbegründet hatte. Viel sympathischer war Marie Mindermann, die sich wegen Kränklichkeit in ein Stift zurückgezogen hatte. Sie war 1848 so entschieden für die Demokratie eingetreten, daß der Senat sie hatte einkerkern lassen. Später gab sie einen vortrefflichen »Spruchschatz« heraus. Sie genoß in Bremen noch viel Verehrung und Anhänglichkeit, wie sich bei ihrem Tode zeigte, denn sie war standhafter gewesen, als die meisten männlichen Elemente der bremischen Demokratie von 1848. Ich trat mit ihr in Verbindung und fand ihren Idealismus noch unerschüttert.


In Bremen befanden sich noch einige Reste der 1848 von dem demokratischen Pastor Rudolf Dulon begründeten freien Gemeinde. Dieser hatte auch 1848 die »Tageschronik« herausgegeben, die eines der angesehensten Organe der Demokratie wurde. In den Versammlungen dieser freireligiösen Elemente fanden wir einen Unterschlupf, so lange man uns das öffentliche Auftreten verwehrte. Dulon wurde in Nordamerika der Schwiegervater des bekannten republikanischen Generals Sigel, mit dem ich später befreundet wurde. Es befanden sich auch noch einzelne Arbeiter in Bremen, welche die Erinnerung an die Zeit des Kommunistenbundes pflegten und oft von dem nach 1848 durch Stieber und Genossen angestifteten Totenbund-Prozeß sprachen; ebenso gab es noch verschiedene Personen, die sich zur Zeit der Arbeiter-Agitation Lassalles an der sozialistischen Bewegung beteiligt hatten.
Inzwischen kam Neißer von der Brautschau zurück, welcher nach einiger Zeit die Heirat folgte. Bis dahin wirtschafteten wir in seiner Wohnung zusammen. Neißer blieb in der Partei, machte aber zugleich für seinen »Sozialismus« Propaganda, womit er aber in der Partei nichts ausrichtete. Ich hielt unverbrüchlich an der Sozialdemokratie fest. Das führte manchmal zu lebhaften Diskussionen, aber unsere persönliche Freundschaft wurde dadurch nicht berührt. Solche Dinge waren nur unter den damaligen Verhältnissen möglich.
Wir suchten uns mit möglichst geringen Kosten einzurichten. Die Wohnung wurde von der alten Aufwartefrau in Ordnung gehalten. Wir taten uns Konserven an Fleisch und Früchten ein. Zu Mittag ließen wir uns zwei Portionen aus der Volksküche holen, die in folge der Zuschüsse, die sie aus der Bürgerschaft erhielt, eine sehr reichliche, vortreffliche und sehr billige Beköstigung lieferte. Es blieb so viel übrig, daß wir nicht nur die Aufwartefrau speisen, sondern auch manchmal Gäste einladen konnten. Als Vahlteich bei seinem Abgang nach Amerika durch Bremen kam, speiste er bei uns und wollte sich halb totlachen, als er mich in der weißen Schürze den Tisch decken sah.[17] 
Es gab damals in Bremen ein Bierlokal, dessen innerer Raum lang und kahl war, so daß man es »die Scheune« taufte, wie es heute noch heißt, obschon es nunmehr ausgeschmückt ist. Hier befand sich ein Stammtisch, wo sich Schriftsteller. Künstler und was sich um sie zu gruppieren pflegt, zwanglos zusammenfanden. Namentlich waren die beiden Bremer Poeten August Freudenthal und Fritz Dannemann hier zu finden; der letztere war der leibhaftige »hungernde Dichter«, wie er in den »Fliegenden Blättern« dargestellt wird. Ihn luden wir oft zu Gaste und es schmeckte ihm sehr. Verschiedene Theaterleute fühlten sich in der Scheune sehr wohl. Außer Neißer und mir fanden sich hier noch verschiedene Parteigenossen ein; Heinrich Oehme war oft in der Scheune zu sehen. Es war eine anregende und lustige Gesellschaft trotz der politischen Gegensätze. Auch die chronique scandaleuse Bremens, wo es hinter der Kulisse der Prüderie fabelhafte Abenteuer und Erzesse gab, spielte hier eine große Rolle, und von Freudenthal wurde die »Berliner Messalina«, eine damals sehr bekannte Persönlichkeit, in ergötzlichen Knittelversen besungen; desgleichen ein Ball in Adams- und Evakostüm, wo sich Leute aus den »besseren Ständen« trafen und mitten im Vergnügen von der Polizei überrumpelt wurden.
Anfang Sommer kam meine Frau nach Bremen und ich gab den gemeinsamen Haushalt mit Neißer auf.
Das Leben war in Bremen billig, namentlich was die Wohnungen betraf. Ich hatte in der Nähe der Willehadikirche ein Einfamilienhaus, wie es so viele in Bremen gibt, mit vier – allerdings kleinen – Zimmern, zwei Kammern, Küche im Souterrain, Gärtchen vorn und hinten, für 275 Mark jährlich.
In dieser Zeit wurde mein lieber Sohn Willy geboren, den ich leider so bald verlieren sollte.
»Ein Kind des Exils!« sagte Dr. Voigt wehmütig, als er mich in Bremen besuchte.
Zwei radikale Blätter, der »Landbote« in Winterthur und die »Volkszeitung« in Berlin, luden mich damals zur Mitarbeiterschaft ein. In Winterthur war es namentlich der uns nahestehende Demokrat Bleuler, der den verfolgten sozialdemokratischen Schriftstellern auf diesem Wege beizuspringen trachtete. Er schrieb mir einen wahrhaft prächtigen und erhebenden Brief. Der bekannte Sozialist Friedrich Albert Lange, der Verfasser der »Geschichte des Materialismus« und der »Arbeiterfrage«, war längere Zeit Mitglied der Redaktion des »Landboten« gewesen. Von der »Volkszeitung« in Berlin, die damals auf dem äußersten linken Flügel der bürgerlichen Demokratie stand, kam der Chefredakteur Dr. Phillips, als er durch Bremen reiste, zu mir, um mich zur Mitarbeiterschaft einzuladen. Es arbeiteten damals mehrere bekannte sozialistische Schriftsteller für sein Blatt. Phillips war der Sohn des Abgeordneten Phillips aus Elbing, der 1848 Mitglied der Berliner Vereinbarungs-Versammlung wurde. Er hatte den Steuerverweigerungsantrag mitunterzeichnet und Friedrich Wilhelm IV. ließ ihn, den späteren Oberbürgermeister[18]  von Elbing, seine besondere Ungnade empfinden. Philipps, der Sohn, wurde 1881 Abgeordneter im Reichstage für Mainz-Oppenheim. Mit ihm, der ein sehr trinkfester Ostpreuße war, und seiner jungen, schönen und liebenswürdigen Frau verbrachte ich einen sehr netten Abend im Ratskeller.
Phillips, dieser vortreffliche Charakter, starb schon 1886, erst 41 Jahre alt. Bei seinem Abgang hörten die Beziehungen sozialdemokratischer Schriftsteller zur »Volkszeitung« auf. Meine Mitarbeiterschaft am »Landboten« in Winterthur aber dauerte noch lange Jahre, nachdem an Stelle Bleulers der Oberst Ziegler getreten war, den ich mehrere Male in Winterthur besuchte. Übrigens wurde meine Mitarbeiterschaft am »Landboten« mehrere Male von journalistischen Spitzeln gehässig denunziert.
Die bürgerliche Presse war von den Wutkrämpfen, die sie im Jahre 1878 so heftig befallen, zwar im allgemeinen genesen, aber sie bekam häufige Rückfälle. Immerhin wurden wir tagtäglich mit einer Fülle von Gehässigkeiten und Verleumdungen überschüttet, und die härtesten Maßregeln, welche die Behörden über die Partei verhängten, fanden den meisten Beifall. Nicht einmal für die Schandtaten der Polizeispitzel hatte die bürgerlich: Presse ein Fünkchen Empörung übrig; sie entrüstete sich erst später, als die Spitzeleien so toll wurden, daß man sich vor dem Auslande schämen mußte. Es gab nur wenige, um so ehrenwertere Ausnahmen in der deutschen Presse, unter denen in erster Linie die »Frankfurter Zeitung« zu nennen ist. Dies große und einflußreiche, damals radikal-demokratische Blatt, welches wie ein Bollwerk gegen die Bismarcksche Gewaltpolitik errichtet war, hat das Sozialistengesetz und seine Wirkungen unablässig aufs äußerste bekämpfte und nicht wenig zu dessen Vernichtung und zum Sturze seines Urhebers beigetragen.
Aber im ganzen hat die bürgerliche Presse damals das Werk vollendet, das sie schon 1848 begonnen und beim Auftreten Lassalles mit neuem Eifer aufgenommen hatte. Dies Werk war, die Sozialdemokratie in ein so dichtes Netz von Entstellungen, Verdrehungen, Lügen und Verleumdungen einzuspinnen, daß sie dem nicht selbständig denken und urteilsunfähigen Teil des Bürgertums, der naturgemäß dessen Mehrheit bildet, in abschreckender Verzerrung erscheinen mußte. Die wissenschaftlichen Grundlagen des demokratischen Sozialismus blieben dieser Bevölkerungsschicht fast gänzlich unbekannt. Ein Sozialdemokrat erschien ihr von vornherein als mit allen »sittlichen Mängeln« behaftet.4
Der Sozialdemokrat ist von vornherein gesellschaftlich geächtet. Wenn er ein Geschäft auftut, so ist dies von vornherein schon stillschweigend boykottiert. Wenn sich die Sozialdemokratie einmal wehrt und bürgerliche[19]  Geschäfte boykoitiert, so wird in der bürgerlichen Presse ein fürchterliches Geschrei darob erhoben. So hat es diese Presse fertiggebracht, die weitesten bürgerlichen Kreise mit blinden Vorurteilen und mit Haß und Verachtung gegen die Sozialdemokratie zu erfüllen, deren Anhänger man als Schurken oder Narren, im günstigsten Fall als »Schwärmer« betrachtet.5
Selbst wenn die Sozialdemokratie für die Gesamtheit Ersprießliches leistet, darf es nicht anerkannt werden, denn es werden damit »nur agitatorische Zwecke« verfolgt. Die kapitalistische Weltge braucht die von ihr abhängige Presse zu einem bestimmten Zweck; die Sozialdemokratie soll verhaßt gemacht werden, damit es den herrschenden Klassen erleichtert wird, staatliche Unterdrückungsmaßregeln gegen das klassenbewußte Proletariat zu erreichen und die kapitalistische Ausbeutung zu verschleiern oder zu rechtfertigen.

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Auch nachdem die Zahl der Sozialdemokraten in die Millionen hineingestiegen, kann der Spießbürger in Deutschland sich nicht enthalten, die von seiner Presse ihm eingebläuten läppischen Vorurteile bei jeder Gelegenheit kundzutun, ohne zu begreifen, wie er damit vor dem Auslande die Gesamtheit unseres Volkes heruntersetzt.
Tief angewidert von den Preßtreibereien vertiefte ich mich, wozu mir reichlich Zeit blieb, in historische Studien und begann schon damals die Materialien zu sammeln, die für meine späteren Werke erforderlich waren. Mit dem sorgfältigen Studium der großen französischen Revolution hatte ich schon in Mainz begonnen, wo ich mannigfache Anregungen empfing; es wurde in Bremen fortgeführt, wo mir große öffentliche Bibliotheken zugänglich waren. Hier begann ich auch das Studium der Bewegung von 1848 und 1849, wozu mir ein alter Parteigenosse, der Bäckermeister Meyer, seine reichhaltige Sammlung von 48er Drucksachen zur Verfügung stellte. Zugleich begann ich hier das Studium der Reformationszeit im allgemeinen und des großen Bauernkrieges von 1525 im besonderen. Dieses letztere Studium erweckte in mir heimatliche Empfindungen und zog mich um so mächtiger an. Ich wußte wohl, daß die heute politisch so indolente Bauernschaft des Taubergrundes sich hervorragend an jener großen Revolution beteiligt hatte, aber nun drang ich erst in die Details ein. Ich versenkte mich in die merkwürdige Geschichte des Pfeiferhänsleins, der seine Massenversammlungen in dem nur einige Stunden von Wertheim an der Tauber liegenden Dorfe Niklashausen hielt. Tausende und aber Tausende strömten zu diesem weltfernen Ort, um auf dem Platze vor der Kirche oder auf der gegenüberliegenden[20]  Gamburger Wiese die Predigten des Hirten anzuhören, welcher gegen die Üppigkeit und Hoffart der Zeit eiferte und forderte, es sollten kein Kaiser, kein Papst, keine weltliche oder geistliche Herrschaft, keine Leibeigenschaft, Frohn, Steuer, keine Zehn ten und Zollstätten mehr sein. Jeder sollte frei jagen und fischen können, aber durch eigene Arbeit sein Brot verdienen müssen. Der geplante große Aufstand, der vom Adel der Umgegend heimlich gefördert wurde, weil dieser bei solcher Gelegenheit die Kirchengüter an sich zu bringen trachtete, wurde durch die Gefangennahme und Hinrichtung des Pfeiferhänsleins vereitelt. Die Erinnerungen an jene Zeit sind nicht erstorben, und in Niklashausen heißt jetzt noch der Platz, auf dem während der Massenversammlungen die Verkaufsbuden mit Lebensmitteln für die Pilger standen, die »Marketendergärten«. Heute hat man ein Festspiel zurechtgemacht, welches die Pfeiferhänslein-Episode behandelt und mit einer Apotheose Kaiser Wilhelm I. und Bismarcks schließt. Der Fanatismus der umwohnenden katholischen Bevölkerung hat bewirkt, daß die Aufführungen des Stückes eingestellt werden mußten.
1525 tobte der Bauernkrieg durch diese Gegend, und der Graf von Wertheim schlug sich selbst auf die Seite des Aufstandes. Schwerlich tat er es aus Begeisterung für die »evangelische Freiheit«, aber er führte dem Volksheer sein Geschütz und seine Reisigen zu. Als es mit der Volkssache abwärts ging, fiel er ab und suchte seine eigenen Bauern mit Feuer und Schwert heim. Sie belagerten ihn im Wertheimer Schloß, und er wurde erst durch die Hilfe des schwäbischen Bundes befreit. Dafür mußten sie natürlich hart büßen. Die Bauern der Umgegend hatten das Würzburger Schloß belagern helfen und hatten in den Schlachten von Königshofen und Ingolstatt mitgefochten; einer von ihnen. Peter Locher, von Külsheim, saß im Bundesrat des fränkischen Bauernheeres zu Würzburg und wurde als Abgeordneter nach Heilbronn gesandt, um im dort zusammengetretenen Bauernparlament für das Zustandekommen der von Wendel Hipler entworfenen Reichsverfassung zu wirken.
Je mehr ich mich in diese großen Erinnerungen versenkte, desto mehr traten in mir Regungen hervor, die meinen persönlichen Neigungen entsprachen und es angemessener erscheinen ließen, eine große Sache mit den Waffen zu verfechten und stolz zu siegen oder ruhmvoll unterzugehen, statt sich mit der Polizei herumzubalgen.
Daraus ergab sich von selbst, daß mir ein gewisses Phrasenkraftmeiertum mit dem damals so mancher seine revolutionäre Gesinnung bezeugen wollte, nicht anziehend erscheinen konnte.6[21] 
Alle Anwandlungen von Revolutionsromantik verschwanden indessen bald vor der Einsicht, daß der moderne Klassenkampf des Proletariats etwas anderes ist als die Erhebung der Bauern und die Revolution des Bürgertums.
Immerhin bewirkte das Studium der großen französischen Revolution, daß mir Carnot bedeutend sympathischer und größer erschien als Robespierre. Die Intrigen, die Gehässigkeiten und demagogischen Künste dieses Mannes waren mir zuwider, ebenso stieß es mich ab, daß hinter seinem Tugendfanatismus oft der gewöhnliche Spießbürger steckte. Kläglich war, daß er, nachdem ihm die Macht zugefallen, mit dieser nichts Rechtes anzufangen wußte. Selbstverständlich maße ich mir nicht an, seine großen Verdienste um jene Revolution verkleinern zu wollen. Zu dieser Auffassung mag beigetragen haben, daß sich aus irgend einem literarischen Anlaß schon in Hamburg zwischen dem damals noch lebenden Sohne des berühmten »Organisators des Sieges« und mir eine Korrespondenz an geknüpft hatte, die durch die Jahrzehnte dauerte.
Unter solchen Studien verfloß mir rasch die erste Zeit meines Aufenthalts in Bremen, wo ich so angenehm enttäuscht worden und wo ein ansehnlicher Kreis von Parteigenossen und Freunden bereitwillig bemüht war, mir über die aus dem Ausnahmegesetz erwachsenden Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Auch den schönen Künsten widmete ich mich, soweit es meine Mittel erlaubten, und bei einer Aufführung der damals noch neuen Operette »Fatinitza« hatte ich das Vergnügen, deren Komponisten Suppé, einen sehr gemütlichen Wiener, kennen zu lernen. Im übrigen waren die Zustände in Bremen denen in Hamburg insofern ähnlich, als auch hier noch eine eingesessene Bürgerschaft je nach Macht und Besitz sich mit einem Wall von Vorrechten mehr oder weniger gegen den übrigen Teil der Bevölkerung verschanzt hatte und eine Welt für sich bildete. Bremen, wo die große Kaufmannschaft ungeheure Kapitalien angesammelt hat und das man darum gern als eine der reichsten Städte der Welt bezeichnet, hatte auch wie Hamburg sein Finanzwesen zum Vorteil der Großkapitalisten eingerichtet. Während es dort Reeder gab, die ganze Flotten auf dem Meere schwimmen hatten, stöhnte der Bremer Staat in ewigen Geldnöten. So sehr waren die öffentlichen Lasten zugunsten der reichen Leute verteilt.
Dieser Zustand konnte nicht besser charakterisiert werden als durch den Staats-Bettelsack, den die Bremer Finanzkünstler ausgeheckt hatten. Ich war ganz »paff«, als ich ihn zuerst sah. In unserer Straße erschien ein Mann in Zylinderhut. Frack und weißer Weste, sehr elegant, welcher in der Hand ein Säckchen aus blankem schwarzen Leder trug. Treppauf, treppab klopfte er die Häuser ab und ersuchte um freiwillige Beiträge für die Staatskasse. Beamte und Geschäftsleute sahen sich genötigt. Beiträge zu leisten; die Leute aus dem Volke, die von der alten Geldaristokratenrepublik ohnehin schwer mit Steuern belastet waren, lehn ten durchweg ab. Ob diese schöne Einrichtung noch besteht, weiß ich nicht.[22] 
Nur einmal im Jahr verbrüderte sich die ganze Bevölkerung, nämlich bei der großen Messe, Freimarkt genannt. Da ging es sehr lustig zu und wer nur das »steife« Bremen kannte, wie es sich in den bürgerlichen Kreisen so oft zeigte, der konnte glauben, es sei alles auf den Kopf gestellt. Der Senat öffnete alle Räume des Ratskellers. Jedermann konnte zur »Rose« gelangen und dem »Bacchus« seine Aufwartung machen, der majestätisch mit seinem Feigenblatt auf dem Fasse saß. Da wurden die Weinvorräte des Ratskellers reichlich in Anspruch genommen. Dabei zeigte sich das weibliche Element recht ausgelassen. Vielleicht kam dies daher, daß zu jener Zeit den Frauen außer dem Ratskeller nur noch zwei Restaurants zur Verfügung standen; in fast allen anderen war ihr Besuch verpönt. Doch änderte sich dies rasch, und die oben geschilderte »Scheune« hat in dieser Beziehung bahnbrechend gewirkt.
Sehr schmerzlich war mir zu jener Zeit, daß mein brieflicher Verkehr mit Friedrich Engels gestört wurde. Unsere Korrespondenz war lebhaft gewesen; ich hatte über hundert Briefe von ihm erhalten, die mir auf meinen Kreuz- und Querzügen leider verloren gegangen oder auch,[23]  wie sieben Briefe von Johann Jacoby, entwendet worden sind. Schade darum; es waren manche von dauerndem Interesse darunter. Viele hatte ich zu Artikeln verarbeitet, da ich Engels oft um Rat anging, den er auch stets liebenswürdig und prompt erteilte. Von Bremen aus schrieb ich ihm einmal einen Brief in trüber Stimmung und schilderte ihm, wie schwer es für einen sozialdemokratischen Journalisten sei, sich durchzubringen, da alle Blatter, die zu uns hielten, mit geringen Ausnahmen verboten wurden oder sonst zugrunde gingen.7 Darauf antwortete mir Engels: »Was ist das für eine Trübsal, das Sie mir da blasen.« Und dann setzte er mit auseinander, daß es ein Gluck für die Arbeiterbewegung wäre, wenn dieser »bureaukratische Apparat« der »farblosen Blätter« völlig hinweggefegt würde. Diese Antwort verletzte mich begreiflicher Weise und kam mir brutal vor. Vielleicht war ich etwas zu empfindlich; indessen wurde ich dies aus den damaligen Verhältnissen erklären. Jeden falls kam diese Wendung in meinen Beziehungen zu Engels nicht von ungefähr; über die Einflüsse, die sie bewirkt haben mögen, kann ich mich nicht äußern, da ich nur Vermutungen habe. Engels hatte mir Vertrauen geschenkt, wie wohl nicht viel anderen; so hatte er einer Familie, die ihm eine sehr bedeutende Summe schuldete, auf ein paar Zeilen von mir die Rückzahlung auf beliebige Zeit hinaus gestundet. Die mir so lieb gewordene Korrespondenz geriet nun ins Stocken und schlief fast ganz ein. Später näherten wir uns wieder. Engels hatte sich früher das Studium des deutschen Bauernkriegs zur Spezialität erlesen und 1850 seine bekannte vortreffliche Abhandlung über diese große deutsche Revolution herausgegeben. Als ich Zimmermanns »Großen deutschen Bauernkrieg« neu herausgab, bekundete er mehrmals seine hohe Freude über dieses Unternehmen.
Um diese Zeit unternahmen in Petersburg die Revolutionäre Andres Scheljabow, Nikolaus Ryssakow, Timotheus Michailow, Sophie Perowskaja, Nikolaus Kibaltschitsch und Jesse Helfmann das Attentat auf den Zaren Alexander II., bei dem dieser getötet wurde. Ich ging in Bremen eben über den Domplatz, als mir das Ereignis, das so große Aufregung in die politische Welt brachte, von einem Beamten mitgeteilt wurde. Sofort eilte ich zu der nahen Börse, wo ich Näheres zu erfahren hoffte. Das Börsenpublikum war auffallend beruhig, was schließlich begreiflich, denn der Tod des Selbstherrschers bewirkte keine Veränderung der Kurse. Dagegen hörte ich mehrfach sagen: »Es ist nur gut, daß die Bomben auch einige von der Polizei getroffen haben.«
Wenige Wochen nachher wurden fünf Mitglieder der Verschwörung, deren Seele Sophie Perowskaja, die Tochter eines hohen Staatsbeamten, gewesen, gehängt.
Sophie Perowskaja hatte freiwillig die Annehmlichkeiten verschmäht, die ihr durch die Stellung ihrer Familie geboten waren, um sich ganz[24]  dem Kampfe für die Befreiung des russischen Volkes zu widmen. Sie war erst 27 Jahre alt, als sie durch den Henker starb.
Bei einem früheren Attentat hatten diese Revolutionäre, mit einem »polizeitechnischen« Ausdruck »Nihilisten« genannt8, eine Proklamation erlassen, wo es hieß:
»Wir verabscheuen jeden Mord, aber wenn wir jedes gesetzlichen Mittels beraubt sind, uns des Unrechts zu erwehren und einen Verbrecher zur Strafe zu ziehen, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Selbsthilfe zu üben und Rächer und Richter in einer Person zu sein.«
Im übrigen forderten diese »Nihilisten« sehr positive Dinge, nämlich eine moderne Verfassung und allgemeines Wahlrecht.[25] 
Fußnoten

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1 Es war hauptsächlich Bebels Verdienst, daß eine Unterstützungskasse zustande gekommen war, die natürlich nur von den in schwerer Bedrängnis befindlichen Opfern des Sozialistengesetzes in Anspruch genommen wurde.

2 Ich schämte mich dieser Arbeit nicht, was ich für einen Parteigenossen bemerke, von dem ich gehört hatte, er sei in pekuniärer Bedrängnis und dem ich eine Schreibmaschinenabschrift gegen Honorar zuwendete, was aber als eine Beleidigung zurückgewiesen wurde.

3 Dies fürchterliche sinnlich-mordlustige Frauenzimmer hatte achtundzwanzig Giftmorde auf dem Gewissen. Die Stelle, wo sie hingerichtet worden, bezeichnete auf dem Domplatz ein großer Pflasterstein, in den ein Kreuz eingemeißelt war. Dieser Stein war immer bespuckt, womit die Bremer Bevölkerung noch nach fast einem halben Jahrhundert traditionell ihren Abscheu gegen die Giftmischerin bekundete. Ob der »bespuckte Stein« noch existiert, ist mir nicht bekannt; vor zehn Jahren war es, wie ich mich überzeugte, noch der Fall.

4 Pfaffen, Bürokraten, höhere und niedere »Schreiber« taten hier noch ein übriges. Ich erfuhr dies persönlich. Ich verkehrte viel in einem süddeutschen Dorfe, wo mir die Bauern sehr freundlich entgegenkamen. Mit einem Male wurden sie zurückhaltend. Ich konnte mir dies erst gar nicht erklären; später erst erfuhr ich, daß ein höherer »Schreiber« ihnen gesagt hatte, ein Sozialdemokrat habe, wie er auch sonst sei, immer einen moralischen Defekt. Da ich meine Quelle nicht verraten konnte, so konnte ich die Schreiberseele auch nicht öffentlich züchtigen.

5 Ein charakteristisches Beispiel. Ein »liberales« Blatt hatte die Gewohnheit, bei gewissen Gerichtsverhandlungen den Angeklagten stets zu bezeichnen als »einen alten Lumpen und Sozialdemokraten« oder als »einen alten Vagabunden und Sozialdemokraten«. Als sogar aus bürgerlichen Leserkreisen gegen solche infame Art Einspruch erhoben wurde, antwortete das edle Blatt: »Nicht alle Sozialdemokraten sind Lumpen, aber alle Lumpen sind Sozialdemokraten!« Durch öftere Wiederholung des sinnigen Spruches pflegen gewisse Spießbürgerkreise den Zeitgenossen ihren geistigen Tiefstand zu offenbaren.

6 Die Arbeiter nahmen solche Dinge oft mit sehr gemischten Gefühlen auf. So war in einer süddeutschen Stadt der Sonderabzug eines Artikels verbreitet wor den, in dem die nationalliberale Partei angegriffen war. Sie verdiente gewiß eine harte Züchtigung, aber hier war in der Anwendung von Kraftwörtern denn doch die Grenze des Menschlichen überschritten. Das Flugblatt wurde an alle liberalen Großen besonders verschickt. Die Urheber waren sehr befriedigt. Aber am anderen Morgen kam ein Arbeiter, ein treuer Anhänger der Partei, zu mir und sagte in äußerster Erregung: »Und wir sollen nun wieder bei den nationalliberalen Fabrikanten arbeiten.«

7 Eine Unterstützung hatte ich nicht verlangt; das vermieden wir alle peinlich, da wir wußten, daß die pekuniäre Existenz von Marx durch Engels garantiert wurde.

8 Das Wort kommt zuerst in dem Roman »Vater und Sohne« von Turgenjew vor.




Neue Kämpfe










Zu dieser Zeit tauchte eine neue Erscheinung in der inneren Politik auf: Bismarcks Sozialreform. Es konnte dem leiten den Staatsmann nicht verborgen bleiben, daß die mit dem Ausnahmegesetz verfolgten und drangsalierten Arbeiter immer mehr in Erbitterung versetzt und zu unversöhnlichen Feinden des herrschenden Systems gemacht werden mußten. Darum entschloß er sich zu »sozialen Reformen«. 1880 brachte er den Entwurf eines Unfallversicherungsgesetzes ein und da konnte er sehen, wie sehr er den Reichskarren verfahren hatte. Die Sozialdemokraten stimmten zwar dem Grundgedanken des Gesetzes zu, aber sie gaben kund, daß sie von dem Vater des Sozialistengesetzes durch eine »unübersteigliche Kluft« getrennt seien. Die Bourgeoisie witterte in der Vorlage ein ihr gefährliches sozialistisches Zugeständnis, das die Bahn zum sozialistischen Staat eröffne. Ohnehin hatte sich die Bismarck bisher so gefällige nationalliberale Partei gespalten. Die entschiedenen Freihändler hatten eine »Sezession« gebildet.
Dem nun kommenden Wahlkampfe ging die Verhängung des »kleinen Belagerungszustandes« über Leipzig und Umgebung voraus. Bebel, Liebknecht, Hasenclever und zahlreiche andere Parteigenossen wurden ausgewiesen.
Die Neuwahlen zum Reichstage waren auf den 27. Oktober 1881 festgesetzt. Mir wurde lange vor den Wahlen die Kandidatur für den zweiten hamburgischen Wahlkreis angeboten; ich lehnte aber ab, weil ich meinem alten Wahlkreis Reuß älterer Linie treu zu bleiben mich entschlossen hatte, worauf die Kandidatur des zweiten hamburgischen Kreises dem Parteigenossen Dietz übertragen wurde.
Die Wahlen gingen unter einem unerhörten Polizeidruck vor sich. Unsere Wahlflugblätter wurden konfisziert, die Wahlversammlungen verboten. Verbreiter von Flugblättern und Stimmzetteln wurden zahlreich verhaftet und oft lange in Haft behalten. Gensdarmen und Ortspolizisten holten, wo sie konnten, die verbreiteten Flugblätter und Stimmzettel aus den Häusern wieder ab und vernichteten sie. Es wurde der Schwindel verbreitet, sozialdemokratische Stimmen seien überhaupt ungültig. Die sozialdemokratischen Kandidaten waren in vielen Wahlkreisen förmlich unter Polizeiaufsicht gestellt.
Bismarck machte große Anstrengungen, die Arbeiter zu gewinnen. Der bekannte Nationalökonom Adolf Wagner verkündete in seinem Auftrage, es solle ein Tabakmonopol für das Reich eingeführt werden, dessen Ertrag den Arbeitern als »Patrimonium der Enterbten«1 zugewendet[29]  werden solle. Kurz darauf verkündete die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung«, daß die Regierung darnach trachte, »durch Befriedigung der gerechten Forderungen der Arbeiter den gesunden Kern der sozialistischen Ideen zu verwirklichen und dadurch der revolutionären Richtung der Sozialdemokratie den Boden zu entziehen.« Durch diese Reformen werde das Sozialistengesetz überflüssig werden.
Daß die klassenbewußten Arbeiter dies »Wohlwollen« Bismarcks von sich wiesen, war zu begreifen. Sie wurden noch besonders erbittert durch das Auftreten seines jüngsten Sohnes, der »zum Volk hernieder stieg« und in einer Berliner Versammlung erklärte, der »kleine Belagerungszustand« sei nicht so drückend wie die Hundesperre.
Dabei wurde von den bürgerlichen Parteien, die bürgerliche Demokratie ausgenommen, die Parole von 1878 ausgegeben:
»Fort mit der Sozialdemokratie aus dem Reichstag!
Das Wahlresultat brachte den Regierungen und den bürgerlichen Parteien eine Überraschung.
1878 hatte die Sozialdemokratie noch 437000 Stimmen erhalten. Nunmehr glaubte man sie mit dem Sozialistengesetz niedergerungen und niedergehetzt zu haben. Aber die geächtete Partei erhielt im ersten Wahlgang 311000 Stimmen. Das hatte man nicht er wartet. Die sozialistischen Arbeiter zeigten den herrschenden Gewalten die Zähne. Die Spießbürger, deren Hoffnung die Bismarcksche Polizeiweisheit war, wurden nervös; das »rote Gespenst« erschien ihnen nun nicht nur im Traum, sondern auch in der Wirklichkeit.
Allerdings war im ersten Wahlgang von der Sozialdemokratie kein Mandat erobert, wozu die vielen Unregelmäßigkeiten und der polizeilich-bureaukratische Druck ihr vollgerüttelt Maß beigetragen hatten. Aber die Partei stand in zweiundzwanzig Stichwahlen und eroberte in diesen zwölf Mandate. Ursprünglich waren es dreizehn; aber Liebknecht, der in Mainz und Offenbach gewählt war, gab das Mainzer Mandat ab. Bei der Nachwahl unterlag der nunmehr in Mainz kandidierende Bebel und blieb vorläufig ohne Mandat. Der Fraktion fehlte dieser bedeutende parlamentarische Kämpfer sehr.
Auch ich wurde in Reuß älterer Linie wieder gewählt. Die Parteigenossen hatten mir geschrieben, ich brauchte, wenn ich nicht wollte, nicht persönlich zu kommen; öffentliche Versammlungen würden von der Polizei ausnahmslos verboten und ich sei den Wählern des kleinen Kreises persönlich hinlänglich bekannt. So könnten die Kosten einer Wahlreise erspart werden, und die Verteilung der Drucksachen wollten sie schon besorgen. Mein Hauptgegner war ein großer Bierbrauer, der alsbald das Freibier in Strömen fließen ließ; man erzählte, die Leute hätten es sich in Gießkannen nach Hause geholt. Sie tranken es mit Vergnügen, aber sie wählten den Brauer nicht. Er erhielt zwar im ersten Wahlgang etwa hundert Stimmen mehr als ich, aber es kam zur Stichwahl, und in dieser siegte ich mit 4711 gegen 2613 Stimmen. Diese überraschend starke Mehrheit[30]  kam daher, daß mein Gegner Schutzzöllner war, weshalb die Unternehmer der in Reuß so zahlreich vertretenen Textilindustrie nicht nur für mich stimmten, sondern auch für mich agitierten, da ich mich als Gegner der Bismarckschen Schutzzollpolitik bekannt hatte. In Fabrikanten- resp. Protzenviertel zu Greiz fielen die Stimmen so zahlreich auf mich, daß man scherzhaft vorschlug, dort die Hauptstraße nach mir zu benennen.
Die neue sozialdemokratische Fraktion bestand aus Hasenclever (Breslau-Ost), Kräcker (Breslau-West), Liebknecht (Offenbach), Frohme (Hanau), Rittinghausen (Solingen), Grillenberger (Nürnberg), Dietz (Hamburg), von Vollmar (Mittweida), Kayser (Freiberg), Geiser (Chemnitz), Stolle (Zwickau) und Blos (Greiz).

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Die Regierung des Bundesstaates Reuß ältere Linie, welche von einem »renitenten Hessen«2 geleitet wurde, hatte ihren Vertreter im Bundesrat gegen das Sozialistengesetz stimmen lassen, weil es ein »preußisches« Gesetz sei. Aber das Gesetz wurde trotzdem sehr strenge angewendet. Mir wurde es einfach unmöglich gemacht, öffentlich zu meinen Wählern zu sprechen. Wenn ich als Redner in einer Versammlung angegeben war, so wurde diese verboten; trat ich aber in der Diskussion als Redner auf, so wurde die Versammlung sogleich von der Polizei aufgelöst. Dieser Zustand brachte in der Masse der Bevölkerung nur Erbitterung hervor. Der Polizeidruck wurde noch stärker, als ich es wagte, den leitenden Staatsmann von Reuß älterer Linie im Reichstage zu verspotten. Als über die Ausführungen des Krankenkassengesetzes durch die Einzelregierungen verhandelt wurde, bat ich, den Mann mit dieser neuen Arbeit zu verschonen. Er vereinige auf sich alle Ministerien, müsse das Auswärtige und das Innere, die Justiz, den Unterricht und den Kultus, die Finanzen, die Armee und die Marine verwalten, und da könne man ihm solche Überanstrengung nicht zumuten. Dieser Spott wurde mir dick angestrichen. Man suchte mir die Verbindung mit meinen Wählern abzuschneiden, was natürlich nicht gelang, denn wir pflegten trotz der übereifrigen Polizeischnüffelei die geheimen Verbindungen um so nachdrücklicher. Dabei machten wir uns häufig das Vergnügen, die Polizei zu foppen und sie dem Gespött der Arbeiter preiszugeben. Dies geschah bald nach der Wahl, als ich in Begleitung Grillenbergers einen Besuch in Greiz abstattete.
Wir beiden hatten als alte Freunde uns sehr gefreut, uns in Berlin wieder zu treffen, und wohnten dort lange Zeit in einem kleinen Zimmer zusammen. Als ich Grillenberger mitteilte, daß ich der Greizer Polizei ein Schnippchen schlagen und ohne ihre Erlaubnis öffentlich sprechen wolle, ging er gleich mit, denn er liebte solche Scherze sehr, und es waren ohnehin einige sitzungsfreie Tage.
Es wurde von den Webern in Greiz ein einfaches Tanzvergnügen veranstaltet und unter der Hand verbreitet, daß ich dazu erscheinen würde. Dies bewirkte, daß meine Wähler, ob nun Weber oder nicht, sich zahlreich[31]  einfanden. Auch die Polizei vernahm, daß ich kommen werde, und so wurde ein Gensdarm zu dem Tanzvergnügen abgeordnet, um zu verhindern, daß dort »politische Sachen« vorkämen; namentlich sollte er es verhindern, daß ich zu den Anwesenden spreche, und sollte in diesem Falle sogleich das Tanzvergnügen schließen.
Das Fest verlief von acht bis gegen zehn Uhr ohne Zwischenfall. In zwischen aber nahmen einige Sozialistinnen die Ausführung der infernalischen Planes, den wir ausgeheckt, in die Hand. Der Gensdarm hatte Langeweile und plauderte mit den Leuten, die ihm zunächst saßen. Einige hübsche junge Mädchen setzten sich um ihn herum und brachten eine Flasche delikaten Liqueurs zum Vorschein. Gebrannte Wässerlein – die waren, wie sie wohl wußten, eine Schwäche des Herrn Gensdarmen. Schmunzelnd nahm er erst ein Gläschen, dann noch eins, dann noch eins – dann wollte er aber aufhören, denn »man könnte es sehen und unter den Webern seien gar boshafte Leute«. Die Mädchen wußten ihm aber so um den Bart zu gehen, und der Duft des Liqueurs stieg so köstlich verführerisch in seine Nase, daß er sich schließlich in ein Hinterzimmer führen ließ, um dort ungestört dem Schnapse zu huldigen. »Halb zogen sie ihn, halb sank er hin.« Grillenberger, der mit mir verstohlen die Szene beobachtete, wollte sich, wie Frau Aja sagt, »einen Buckel lachen«. Nach einer Stunde erschien eine der »Verführerinnen« bei mir und meldete mit holdem Lächeln und im schönsten Dialekt: »Är is besorcht und uffgehuben.« Daraufhin nahm ich das Wort zu einer Ansprache an meine Wähler. Daß sie schon darum jubelnd aufgenommen wurde, weil der Polizei ein Schnippchen geschlagen war, läßt sich denken. Auch Grillenberger sprach und seine zündenden Worte erregten eine Begeisterung, die wohl als Bürgschaft dienen konnte, daß man diese Arbeiter mit den kläglichen Polizeimitteln nicht beugen werde. Wir blieben noch lange unter Gesängen und Deklamationen mit den Parteigenossen zusammen.
Als wir unser Nachtquartier aufsuchten, das uns in einem Kämmerchen desselben Hauses bereitet war, ging plötzlich die Tür auf, und es erschien wie ein Geist der unglückliche Gensdarm, der nun seinen Rausch ausgeschlafen hatte. Er beklagte sich bitter über die »Weibsleute«, die ihn »vull gemocht« und »Herr Gänsdarm« angeredet hätten. Er wolle, sagte er, keine An zeige machen, aber ich müsse auch schweigen. Dies sagte ich lachend zu. Daraufhin gewann er sein Selbstbewußtsein wieder, trat vor Grillenberger hin und sagte mit aller polizeilichen Würde: »Und wer sein Sie? Können Sie sich legitimieren?« – Das war mir aber zu bunt. »Augenblicklich scheren Sie sich zum Teufel!« fuhr ich den Menschen an. »Marsch, sonst mache ich morgen einen Bericht ans Landratsamt!« Er knickte zusammen und verschwand.
Die reußische Polizei, welche nicht so gewandt war, wie die preußische in Berlin oder Frankfurt, wurde von uns oft zum besten gehalten. All dies zu erzählen wurde zu weit führen; mag es darum bei dem obigen sein Bewenden haben. –[32] 
In Bremen war damals das öffentliche Leben sehr bewegt geworden, nachdem Bismarcks Plan, ein Tabakmonopol einzuführen, bekannt geworden war. Hier, an einem Hauptsitze des Tabakhandels und der Tabakindustrie, waren von diesem Monopol besonders viele Existenzen in Frage gestellt. Die Geschäftsleute wollte sich ihren Gewinn nicht entgehen lassen, und die Arbeiter sollten eine ganz ungenügende Entschädigung erhalten dafür, daß man sie aus ihrem Beruf drängte. Es sah in Bremen manchmal aus, als ob man in einer Revolutionszeit lebte, so aufgeregt waren die Menschen. Wir waren natürlich gegen das Monopol; abgesehen von allem anderen wollten wir der Regierung, die uns mit dem Sozialistengesetz bedrängte, keine Mittel für sozialdemagogische Experimente bewilligen, die uns Abbruch tun sollten. Die Bremer Sozialdemokratie war darum der Bürgerschaft eine willkommene Unterstützung, und ich ward eingeladen, in der großen Versammlung zu sprechen, welche die Kaufmannschaft in der Börse abhielt und wo Dr. Barth das Referat hatte. Ich sprach auch dort und mußte nur staunen, wie die Nationalliberalen gegen ihren sonst so abgöttisch verehrten Bismarck tobten und wetterten. Er hatte sie aber auch an der empfindlichsten Stelle, am Geldbeutel, gepackt.


Sogar der hochmütige Plutokrat H. H. Meier, der Reichstagsabgeordnete für Bremen, stieg nun von der Hohe seines Geldsackbewußtseins hernieder zu den Proletariern. Er erschien in einer Versammlung der Tabakarbeiter, um gegen das Monopol zu sprechen. Man hatte für ihn und für mich einen Tisch weiß gedeckt, an welchem er schon Platz genommen hatte, als ich eintrat. Er wollte mich recht freundlich begrüßen, ich blieb aber sehr kühl und setzte mich auch nicht zu ihm, denn er hatte für das Sozialistengesetz gestimmt, und ich vermochte nicht freundlich zu sein gegen die Leute, die uns geächtet hatten. Unter den anwesenden Tabakarbeitern befanden sich, wie Meier wohl wußte, neun Zehntel Sozialdemokraten. Dessenungeachtet entdeckte er, der zu unseren erbittertsten Feinden gehörte, plötzlich eine Menge von Tugenden an ihnen und schmeichelte ihnen in plumper Weise. Dies Schauspiel, einen der Vertreter des größten Protzentums um materieller Vorteile willen so vor den ihm innerlich tief verhaßten Proletariern kriechen zu sehen, widerte mich an. Ich gab dieser Empfindung in meiner Rede auch Ausdruck, was Meier mit einem versteinerten Lächeln anhörte. –
In dem neuen Reichstag waren die Parteiverhältnisse so verschoben, daß weder eine konservativ-nationalliberale noch eine ultramontan-konservative Mehrheit gebildet werden konnte. Bismarck war offenbar sehr verstimmt. Er warf nun der liberalen Bourgeoisie vor sie habe ihn zu dem Sozialistengesetz getrieben, das die Arbeiter gegen seine Regierung widerspenstig mache und ihm seine »Sozialreform« erschwere, während nun die gleiche Bourgeoisie mit den Arbeitern gegen das Tabakmonopol und die Sozialreform ankämpfe, obgleich doch die Arbeiter die natürlichen Feinde der Bourgeoisie seien.[33] 
In dieser »verwickelten« Situation setzte Bismarck seine Versuche, die Arbeiter auf die Seite der Regierung zu ziehen, fort. Man hat ihm nachgerühmt, daß er einer der trefflichsten Kenner des deutschen Volkscharakters sei. Aber er hat den Beweis geliefert, daß er den Klassencharakter der deutschen Arbeiter gar nicht kannte. Sonst hätte er wissen müssen, daß er die Lockpfeife der »Sozialreform« vergebens blasen würde.
Am 17. November 1881 wurde der Reichstag eröffnet mit der bekannten kaiserlichen Botschaft, in welcher die »Sozialreform« angekündigt war. Es hieß, daß es nicht genüge, die Ausschreitungen der Sozialdemokratie zu bekämpfen, sondern es müsse auch das »positive Wohl« der Arbeiter gefördert werden. Die Unfallversicherungsvorlage3 werde dem Reichstage in neuer Bearbeitung wieder vorgelegt werden; dazu auch eine Vorlage betreffend die gleichmäßige Organisation des Krankenkassenwesens. Invaliditätsversicherung und Altersfürsorge sollten nachfolgen. Der engere Anschluß an die realen Kräfte des christlichen Volkslebens und deren Zusammenfassung in der Form korporativer Genossenschaften unter staatlichem Schutz und staatlicher Förderung werde die Lösung von Aufgaben möglich machen, denen die Staatsregierung allein in gleichem Umfang nicht gewachsen sei. Dabei würde auch die Aufwendung erheblicher Mittel notwendig sein, und ebenso weise die Durchführung der begonnenen Steuerreform auf die Erschließung ergiebiger Einnahmequellen aus indirekten Reichssteuern hin, wofür drückende direkte Landessteuern abgeschafft und die Gemeinden entlastet werden könnten. Der sicherste Weg dazu sei das Tabakmonopol und die stärkere Besteuerung der Getränke.
Mit diesem von der Regierungspresse als »hochbedeutsam« bezeichneten Akt einer kaiserlichen Willenskundgebung wurde die »Aera der Sozialreform« eingeleitet. Aber so laut man auch die in der Botschaft enthaltene »Staatsweisheit« pries, so war für die Einsichtigen doch nicht zu verkennen, daß Bismarck sich in einer dunklen Sackgasse befand, aus der er sich herauszutasten suchte. Er versprach den Arbeitern für ihr »positives Wohl« zu sorgen und wollte es doch auch nicht mit den Industriellen verderben, die dabei nervös wurden. Darum versuchte er es mit einem Eiertanz. Den Industriellen gab er die Versicherung, er werde sie mit einer eingreifenden Fabrikgesetzgebung, welche sie am meisten fürchteten, verschonen; gegen die Arbeiter wurde nach der Verkündigung der kaiserlichen Botschaft plötzlich eine »milde Praxis« in der Handhabung des Sozialistengesetzes angewendet. Diese bestand darin, daß man die Arbeiter etwas weniger drangsalierte, als in den drei Jahren zuvor. Versammlungen wurden öfter gestattet; die Arbeiter sollten sich über die ihnen von der Regierung zugedachten »Wohltaten« aussprechen und sich öffentlich von den sozialdemokratischen »Agitoren« lossagen können. Die von Sozialisten gegründeten Blätter ließ man länger bestehen, als bisher,[34]  und es wurde auch geduldet, daß sich neue Ansätze zu einer gewerkschaftlichen Bewegung bildeten. Aber der polizeiliche und juristische Apparat des Klassenstaats, der so lange und so intensiv funktioniert hatte, konnte nicht mit einem Male gänzlich stillestehen; das Sozialistengesetz wurde weiter angewendet; es gab Ausweisungen, Verhaftungen und Verurteilungen in Masse. Die »milde Praxis« steigerte nur das Mißtrauen der Arbeiter, während das Tabakmonopol von der Bourgeoisie, als Vorstufe zum sozialdemokratischen Staat dargestellt wurde.
Unter diesen Verhältnissen begann die neue Fraktion ihre Tätigkeit im Reichstage. Sie war aber nicht nur parlamentarische Vertretung der Partei, sondern zugleich auch die Parteileitung, was sich ganz von selbst aus den Umständen ergab, denn das Reichstagsgebäude war der einzige Platz in Deutschland, wo Sozialdemokraten unbehelligt von der Polizei zusammenkommen konnten. Mit dem Verschwinden des Sozialistengesetzes wurde die Fraktion wie der einfache parlamentarische Vertretung. Sie stand aber auch während des Sozialistengesetzes nicht, wie man glaubte, an der Spitze einer allgemeinen geheimen sozialdemokratischen Verbindung, die sich über ganz Deutschland erstreckte. Eine solche wurde, namentlich auf Betreiben Bebels, sorgfältig vermieden, um einen großen Prozeß zu vermeiden. Die geheimen Verbindungen blieben lokal, was nicht verhinderte, daß der Einfluß der Fraktion als Parteileitung ein mächtiger wurde. Die vielen Geheimbundprozesse, die später uns gemacht wurden, mußten sich auf einzelne Orte oder Bezirke beschränken, und erst 1889 machte ein preußischer Staatsanwalt den Versuch, die Sozialdemokratie als einen über Deutschland sich erstreckenden Geheimbund vor Gericht zu bringen. Aber der Anfang fiel für den Staatsanwalt negativ aus.

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Im neuen Reichstage wurde die Sozialdemokratie anders empfangen als früher, nachdem sie sich als eine Macht erwiesen, die weder durch die Polizei- und Staatsgewalt, noch durch den gehässigsten Kampf der bürgerlichen Parteien zu überwinden war. Dazu kam, daß der streng konservative Herr von Levetzow, der zum Präsidenten gewählt war, sein Amt mit vollendeter Unparteilichkeit und mit ritterlichem Anstand ausübte. Als er sein Amt antrat, sagte er, daß er die Würde des Reichstages wahren werde, gegen wen es auch sei. Dies galt dem nebenansitzenden Reichskanzler. Levetzow benahm sich speziell gegen uns liebenswürdig und gerecht. Dieser Vollblutjunker trat hier in den vorteilhaftesten Gegensatz zu dem ehemaligen Demokraten Forckenbeck. Als später Levetzow zu den Überagrariern ging, schlug sein Benehmen gegen uns ins Gegenteil um.
Er besaß viel Mutterwitz. Als bei einer sehr langen Debatte ein Redner von ihm öfter unterbrochen wurde und sich beschwerte, daß er in seinen Ausführungen dadurch beschränkt sei, antwortete Levetzow: »Jeder Redner ist beschränkt.«
Die bürgerlichen Parteien begannen jetzt auch vom »positiven Wohl« der Arbeiter zu reden; als wir aber einen Antrag auf Aufhebung aller[35]  Ausnahmegesetze stellten, konnten wir nur mit Mühe die uns fehlenden drei Unterschriften aufbringen.
Am 10. Dezember 1881 kam die Anwendung des Sozialistengesetztes im Reichstage zur Sprache. In seiner Geschichte der deutschen Sozialdemokratie sagt Franz Mehring über diese Verhandlung:
»In der Debatte über die Jahresberichte, die den kleinen Belagerungszustand in Berlin, Hamburg und Leipzig begründen sollten, sprachen diesmal Hasenclever und Blos als Redner der Partei. Sie schnitten nicht so gut ab, wie neun Monate früher Auer und Bebel; einzelne ihrer Äußerungen führten zu lebhaften und scharfen Auseinandersetzungen im »Sozialdemokrat«. Immerhin aber gelang es ihnen, den Fechterkunststückchen Puttkamers durch die Parade zu fahren. Es war so recht in der Manier dieses Poseurs, daß es seine Niederlage damit verdecken wollte, daß er sagte. Hasenclever habe die Frage nicht aus »großen Gesichtspunkten« aufgefaßt. Das fehlte gerade noch, die Polizeischurkereien der Horsch und Rumpf4 zu besingen, wie Vater Homer die Taten Achills und Hektors besungen hat.«
Indem ich heute die zu dieser Affaire gehörigen Materlallen überblicke, gestehe ich gerne und aufrichtig zu, daß meine damalige Rede kein Meisterstück war und viel besser hätte sein können. Ich darf mich aber wohl damit trösten, daß auch sonst die Reden, die im Reichstage gehalten werden die sozialistischen mit inbegriffen, nicht lauter Meisterstücke sind. Jedenfalls war das Geschrei, das einige deutsche sozialistische Blätter im Ausland erhoben, weil ich ihre Phraseologie nicht angewendet, übertrieben; am überflüssigsten war wohl der Lärm, den ein Mann machte, der fern vom Schuß seine Existenzmittel aus der liberalen bürgerlichen Presse zog und später an der Panamaaffaire beteiligt war.
Ernsthaft war dagegen der Angriff, welchen der »Sozialdemokrat« gegen mich unternahm, weil ich einen seiner Artikel gewissermaßen desavouiert hatte, der von der Ermordung eines österreichischen Aristokraten durch seinen Diener handelte und mir sehr unbequem wurde, weil er von Puttkamer in niederträchtigster Weise gegen uns ausgenutzt werden konnte. Ferner wurde eine Stelle in meiner Rede so ausgelegt, als hatte ich bestritten, daß der »Sozialdemokrat« ein Organ der deutschen Sozialdemokratie sei. Der betreffende Satz war in der Tat ungeschickt gefaßt und dazu mag sein Teil beigetragen haben, daß ich infolge eines vorhergegangenen Streites nervös und verärgert auf die Rednerbühne gekommen war.
Ich erklärte sogleich, daß ich den »Sozialdemokrat« durchaus als Organ der deutschen Sozialdemokratie anerkenne; wie ich immer treulich die Parteidisziplin inne gehalten. Die Fraktion gab alsdann in Nr. 8 des »Sozialdemokrat« vom 16. September 1882 eine Erklärung ab, welche den Streit schlichtete und beide Teile befriedigte. Sie lautete:[36] 
»Um ein für allemal falschen Auffassungen des Verhältnisses der deutschen Sozialdemokratie zu dem in Zürich erscheinenden »Sozialdemokrat« zu begegnen, erklären wir:
»Der »Sozialdemokrat« ist das offizielle Organ der deutschen Sozialdemokratie und hat den Zweck und die Aufgabe, die Parteigenossen in bezug auf die Parteibewegung auf dem laufenden zu halten und die Grundsätze der Partei, wie sie in unserem Programm niedergelegt sind, zu verfechten. Das Blatt soll ferner ein getreuer Spiegel der Anschauungen und Stimmungen sein, die unter dem Druck des Ausnahmegesetzes innerhalb der Partei zutage treten, und demgemäß ist die Redaktion verpflichtet, allen derartigen Anschauungen und Stimmungen Raum zu geben, vorausgesetzt, daß dieselben den Prinzipien und Interessen der Partei nicht widersprechen.
Indem wir also den »Sozialdemokrat«, der seit seinem Bestehen dieser Aufgabe nach Möglichkeit gerecht geworden ist, rücksichtslos als das offizielle Parteiorgan anerkennen. übernehmen wir aber nicht die Verantwortlichkeit für jeden einzelnen Artikel oder jeden einzelnen Ausdruck. Eine so weit gehende Verantwortlichkeit hat auch den früheren Parteiorganen gegenüber nicht bestanden und kann jetzt um so weniger bestehen, als schon der Erscheinungsort des Blattes den Parteigenossen in Deutschland eine unmittelbare Einwirkung im einzelnen zur Unmöglichkeit macht.«
Diese Erklärung, die mich vollständig deckte, war außer von sämtlichen Fraktionsmitgliedern auch von Auer und Bebel unterschrieben, die damals der Fraktion nicht angehörten.
Da ich in einer persönlichen Erklärung bemerkt hatte, daß zur Betätigung einer sozialdemokratischen Gesinnung nicht immer revolutionäre Kraftphrasen notwendig seien, so entspann sich über diese Frage noch eine Debatte im »Sozialdemokrat«, an der ich mich aber nicht mehr beteiligte.
Aber viel näher als alle diese Dinge ging mir ein schmerzliches Ereignis um diese Zeit, das mich tief bewegte. Am 2. Dezember 1881 war Jenny Marx gestorben, die Gattin unseres großen Vorkämpfers. Wir hatten öfter miteinander korrespondiert, und ich hatte sie nur einmal – in Mainz – gesehen, aber der Eindruck, den die seltene Frau auf mich machte, war ein dauernder geblieben. Sie war damals etwas über sechzig Jahre alt gewesen, hatte aber den Eindruck einer rüstigen Fünfzigerin gemacht. So gut hatte ihre treffliche Konstitution und ihr unerschütterlicher Lebensmut den schrecklichen Widerwärtigkeiten, die sie erdulden mußte, widerstanden. Man kann sich denken, was der Verlust dieser Lebensgefährtin für Karl Marx bedeutete, die sein ganzes Dasein erhellte und erwärmte. »Sie hat«, sagte Engels in einem Nachruf, »die Schicksale, die Arbeiten, die Kämpfe ihres Mannes nicht nur geteilt, sie hat daran mit dem höchsten Verständnis, mit der glühendsten Leidenschaft Anteil genommen.«[37] 
Der Achtundvierziger Stefan Born – später Professor an der Universität Basel – berichtet in seinen Lebenserinnerungen über einen Besuch, den er zu Anfang des Jahres 1849 bei der Familie Marx, die er von Brüssel und Paris her kannte, in Köln machte. Er erzählt:
»Zum ersten Male kam in meiner Gegenwart das Gespräch auf Familienverhältnisse. Es war die Rede von der politischen Stellung des Herrn von Westphalen 5 im Revolutionsjahr; er wir ein ausgesprochener Reaktionär. »Dein Bruder«, sagte lachend Marx zu seiner Frau, »ist so dumm, daß er noch einmal preußischer Minister wird.« Frau Marx, die über diese mehr als freimütige Bemerkung errötete, lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Die Prophezeiung ihres Mannes ist bekanntlich eingetroffen. Ich habe einige Jahre später mich manchmal jenes Wortes erinnert und dabei an den Gegensatz zwischen den beiden Geschwistern gedacht. Er, der höchste Staatsbeamte in der Zeit der härtesten Reaktion und deren willigster Diener; sie im Exil und nur zu oft die Beute der drückendsten Lebenssorge; doch treu sich anschließend an den Gegenpol ihres Bruders, von dem eine Welt sie für immer schied. Mich berührte der Gedanke daran stets als tief tragisch.«
Zwischen den Zeilen ist hier zu lesen, daß der biedere Born in einer kleinen Anwandlung von Philisterhaftigkeit den Marxschen Witz über seinen Schwager in Gegenwart von dessen Schwester als etwas »frivol« empfunden hat. Daß Frau Marx auch so empfunden haben soll, kann ich mir nicht denken, denn sie besaß einen echten Humor und mußte Dinge erleben, die viel tragischer waren, als das Verhältnis zu ihrem Bruder. Wenn sie errötete, dann vielleicht darüber, daß sie solch einen Bruder hatte! –
Der Reichstag lehnte das Tabakmonopol, das von Vollmar in einer glänzenden Rede bekämpft wurde, ab und damit war das »Patrimonium der Enterbten« in blauem Dunst verflüchtigt. Dann ging man an die Beratung des von der Regierung vorgelegten Kranken- und Unfallversicherungsgesetzes, welche beiden Entwürfe einstweilen in einer Kommission verschwanden.[38] 
Fußnoten

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1 Väterliches Erbteil.

2 Ein Kurhesse, der die in seinem Vaterland 1866 vorgegangenen Veränderungen nicht anerkennen will.

3 Der erste Entwurf wir von den bürgerlichen Parteien so zugerichtet worden, daß ihn der Bundesrat ablehnen mußte.

4 Horsch, ein Lockspitzel in Frankfurt; Rumpf, der später in Frankfurt ermordete Polizeirat und Sozialistenvertilger.

5 Der schon erwähnte Bruder von Jenny Marx, der von 1850 bis 1858 preußischer Reaktionsminister war; er starb 1876 im 77. Jahre.




Das Norddeutsche Wochenblatt










Inzwischen war in Bremen unter den Parteigenossen der Wunsch entstanden, es mit der Gründung eines Arbeiterblattes zu versuchen. Die Sache hatte unter den damaligen Zeitumständen ihre nicht geringen Schwierigkeiten. Zunächst waren die vorhandenen finanziellen Mittel natürlich gering. Sodann mußten die Vorverhandlungen und Vorbereitungen geheim bewerkstelligt werden. Dies wurde um so schwieriger, als auch die Bremen naheliegenden Städte Bremerhaven. Wilhelmshaven und Verden zu dem Unternehmen herangezogen werden sollten. Wurde eine der vielen geheimen Konferenzen, die in Hinterstuben bei verschlossenen Türen, im Walde mit ausgestellten Posten, auf Kegelbahnen und zwischen den Deichen abgehalten werden mußten, von der Polizei überrumpelt und ihr Zweck entdeckt, so war mit tötlicher Sicherheit zu erwarten daß dem neuen Blatte bei seinem Erscheinen sogleich der Kragen umgedreht wurde.
Das schlimmste Hindernis aber waren die Zwistigkeiten unter den Parteigenossen, die namentlich von einigen aus Berlin und Hamburg ausgewiesenen Leuten geschürt wurden. Diese kehrten die Erbitterung, die sie wegen ihres Schicksals empfanden, gegen ihre Gesinnungsgenossen, statt gegen den gemeinsamen Feind. Leider gab es auch damals schon manche, die ihre persönlichen Neigungen und Abneigungen dem Gesamtinteresse der Partei nicht unterzuordnen vermochten.
Indessen wurden alle Schwierigkeiten überwunden. Es gab in Bremen einen Stamm tüchtiger Parteigenossen – ich nenne Imwolde, Steinebach und Weddingfeld in erster Linie – die sich nicht irre machen ließen, desgleichen in Wilhelmshaven, wo die Parteigenossen Hug, der heutige Landtagsabgeordnete, Kühn, Morisse und Bümmerstede mit uns eifrig zusammenarbeiteten. Die Nachbarstädte Verden und Bremerhaven schlossen sich uns nicht mit dem gewünschten Eifer an.
An Intrigen fehlte es auch nicht. Da bekannt geworden, daß mir die Redaktion des neuen Blattes übertragen werden sollte, verschafften sich unsere Widersacher von einer Persönlichkeit, die früher in einem Parteiamt gewesen und jetzt mit mir verfeindet war, eine Bescheinigung, daß ich nicht zur Partei gehöre. Das war angesichts der Tatsache, daß ich zur sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gehörte, recht albern, aber es wurde mit diesem »Sittenzeugnis« doch eifrig gearbeitet. Durch eine kleine Kriegslist verschaffte ich mir den Wisch und legte ihn der Fraktion vor, die das Erforderliche veranlaßte.
Ich glaube solche an sich unbedeutende Dinge nicht verschweigen zu sollen, weil sie zeigen, zu welch seltsamen Ausläufern die Wirkungen des[41]  Sozialistengesetzes damals gelangen konnten, da der Partei die öffentliche Organisation fehlte.
Pfingsten 1882 fand im Hasbruch, dem oldenburgischen Urwald im Amte Delmenhorst, unter mächtigen alten Eichen, wo uns keine Polizei suchte, die Konferenz der Bremer und Wilhelmshavener Parteigenossen statt, welche die Herausgabe einer Wochenschrift beschloß. Der von mir vorgeschlagene Name: »Norddeutsches Wochenblatt« wurde angenommen, und ich wurde zum Redakteur bestimmt. Am 2. August 1882 erschien die erste Nummer des neuen Blattes in Groß-Lexikon-Format, acht Seiten stark.
In der zu Rüstringen 1913 erschienenen Festschrift zum 25jährigen Bestande der Buchdruckerei Paul Hug & Comp. wird geschildert, wie das heute in Rüstringen erscheinende »Norddeutsche Volksblatt« aus dem Bremer »Norddeutschen Wochenblatt« hervorging. Dort heißt es über die Aufnahme, die das neue Unternehmen fand:
»Die Probenummer, gedruckt bei Guthe in Bremen und redigiert von Wilhelm Blos, befriedigte die Stürmer und erbitterten Kämpfer nicht. Der Ton war ihnen zu sanft und die Leitartikel etwas zu wissenschaftlich, das Feuilleton nicht unterhaltend genug. Nichts destoweniger wurde für das Blatt agitiert und Abonnenten und Inserenten geworben. Das Ergebnis der Agitation mit der ersten Nummer waren etwa 300 Abonnenten. Den Neulingen in der Gemeinde schien der Erfolg winzig, denen, die die Verhältnisse kannten, war er vielversprechend. Doch fand noch manche geheime Konferenz statt, bis der Erfolg des Blattes gesichert war. Es waren nicht nur das Sozialistengesetz und die Mängel in der Ausstattungs- und Erscheinungsweise, welche die Werbekraft des Blattes beeinträchtigten, sondern auch die Gegnerschaft innerhalb der Partei. Sie war besonders unter den aus Hamburg-Altona ausgewiesenen Arbeitern vorhanden, die sich in Bremen niedergelassen hatten. Diese Gegnerschaft, sowie die anderen Schwierigkeiten wurden überwunden.«
Das Blatt resp. die Redaktion hatte sonach vor sich die politischen Gegner und die Polizeigewalt, während ihm die »Stürmer und erbitterten Kämpfer« in den Rücken fielen.
Es war die alte Geschichte. Wollte das Blatt bestehen, so mußte es die vom Sozialistengesetz gezogenen Grenzen beobachten; allerdings war es auch so stets in Gefahr, verboten zu werden, wenn die Polizei die entsprechende Laune überkam. So hatte die Krittelei, die nun einmal die Liebhaberei verschiedener Leute ist, immer ein geeignetes Objekt.
Hier muß einmal die merkwürdige Erscheinung berührt werden, daß fast alle Leute glauben, vom Zeitungswesen etwas zu verstehen. Obwohl der journalistische Beruf genau so erlernt werden muß, wie ein anderer, so glauben doch unendlich viele Leute, ohne weiteres in eine Redaktionsführung hineinreden resp. den Redakteur belehren zu können. Würde sich aber umgekehrt ein Journalist erdreisten, eben diese Leute über deren eigene[42]  Berufstätigkeit belehren zu wollen, so würden sie in die höchste sittliche Entrüstung geraten und die Belehrung energisch zurückweisen.
Die Krittelei an den Redaktionen wird allerdings oftmals herausgefordert, indem es – und zwar in allen politischen Parteien – Redakteure gibt, welche die zu einem modernen Redaktionsbetrieb erforderliche Übung und Gewandtheit nicht besitzen und denen es auch an anderen Eigenschaften gebricht, welche dieser Beruf verlangt. Gerade unter diesen Elementen finden sich wieder solche, deren Selbstbewußtsein durch ihre Stellung so ungemein gesteigert wird, daß sie ihren Schreibebock als den Richterstuhl der Weltgeschichte betrachten, auch wenn es sich dabei nur um irgend ein Lokalblättchen handelt. –

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Wir konnten zu jener Zeit eine dankbare Aufgabe in unserem Blatte erfüllen, nämlich die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse Bremens beleuchten. Diese waren ganz eigener Art durch den ungeheuren Auswandererstrom, der sich damals in die großen Hafenstädte ergoß. Man kann sich davon heute kaum mehr eine Vorstellung machen. Nach dem Berichte des deutschen Reichskommissärs für das Auswanderungswesen wurden damals über Hamburg, Bremen und Stettin befördert

1881 247,346 Personen, darunter 184,569 Deutsche
1882 231,557 Personen, darunter 169,034 Deutsche
1883 201,308 Personen, darunter 143,947 Deutsche.

Über Holland, Belgien und Frankreich ging ein vielleicht ebenso starker Auswanderungsstrom aus Deutschland.
Ich veröffentlichte damals eine Schilderung des mit der Auswanderung verbundenen Lebens und Treibens in Bremen und gebe das von mir Aufgefaßte zum Teil wieder, da es vielleicht nicht ohne kulturhistorischen Wert ist ...
Am Bahnhof beginnts. Die Züge brausen heran, dicht gefüllt mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, namentlich die Personenzüge mit vierter Klasse. Eine dichte Masse entsteigt den Wagen, wie ein Ameisenhaufen durcheinanderwimmelnd und den Bahnsteig erfüllend. Die Passagiere der ersten und zweiten Wagenklasse entfliehen eiligst dem Lärm und Dunst des Auswandererschwarmes; ihnen bietet das Vaterland noch Annehmlichkeiten genug, um nicht auswandern zu müssen, während in der Masse sich fast lauter Leute befinden, die zwar in der Heimat für die besitzenden Klassen des Mehrwerts die Fülle geschaffen, bei der kärglichen Ablohnung aber nicht haben bestehen können. Die Auswanderer, von denen ein großer Teil nicht deutsch kann, suchen sich indessen zurechtzufinden und werden von den Bahnbeamten dem Ausgang zugewiesen, wo ihrer die »Auswanderungswirte« harren. Letztere dürfen den Bahnsteig nicht betreten, weil manche von ihnen die Passagiere zu sehr belästigt haben. Nun, die Schäflein entgehen ihnen doch nicht, denn die Auswanderer haben alle eine farbige Karte in der Hand oder auf den Hut gesteckt, wo der Name des Gasthauses verzeichnet ist, an das sie vom[43]  Agenten gewiesen wurden. So erkennt jeder Wirt leicht die Seinigen und sammelt sie um sich. Es gibt auch viel Tumult und Durcheinander, bis das Gepäck von allen in der großen Güterhalle untergebracht ist. Dann setzt sich jeder einzelne Wirt mit seinen Gästen in Marsch, an der Spitze der Kolonne einherziehend. Beim Vorbeimarsch haben wir Gelegenheit, uns die »Europamüden« etwas näher anzusehen.
Zunächst die Deutschen. Da sehen wir den kräftigen Schleswig-Holsteiner, der mit seiner »Deern« fortgeht, weil der Verdienst so schlecht geworden; den Mecklenburger, den die Konkurrenz der schwedischen Taglöhner forttreibt, den Sachsen, den Thüringer und den Schlesier, denen man die Not an den hageren Gesichtern ansieht und die meinen, daß es ihnen schlechter als am heimatlichen Webstuhle drüben auch nicht gehen könne, höchstens besser; den schwäbischen und pfälzischen Bauer, der sich nicht länger mit den Hypothekengläubigern herumschlagen mag, und den Bayern, der die Hoffnung hegt, daß es drüben auch »a Bier« gibt. Aber es sind nicht lauter Deutsche. Da kommen der »Böhmak« und der Slovak mit ihrem charakteristischen Äußeren und der zahlreichen Kinderschar; die Weiber mit den roten Kopftüchern und den frühgealterten Gesichtern tragen meist das jüngste Kind in einem Tuche auf dem Rücken; da kommen polnische und russische Juden, Ungarn, Kroaten, Dalmatiner, Bosniaken, Rumänen und Zigeuner. Es ist ein Sprachengewirr wie beim babylonischen Turmbau.
Beim Gasthause angelangt, wird das Handgepäck in den Gaststuben niedergelegt, und ein Teil der Auswanderer geht, sich die Stadt zu besehen und Einkäufe zu machen, während andere, namentlich die Frauen und Kinder, auf der Hauptstraße und dem Vorplatz des Gasthauses sich lagern und entweder dumpf vor sich hinbrüten oder neugierig in den Straßenverkehr der Hafenstadt hineinstarren. Die Böhminnen, Russen und Zigeunerinnen machen dabei sehr ungeniert Toilette. Den Deutschen sieht man an, daß sie mit Sorgen der »neuen Welt« zustreben; die Slaven und Südländer zeigen dies weniger. Aber alle haben Hoffnung, drüben das ersehnte »Glück« zu finden. Ach, wie wenige finden in der Tat das, was man »Glück« nennt!
Man hat nun auch Gelegenheit zu beobachten, daß die meisten der Auswanderer gar nicht schlecht mit Geldmitteln versehen sind. Das läßt sich denken; der Bauer hat den Betrag für sein verkauftes Gütchen in der Tasche, andere haben lange für die Auswanderung gespart, und es sind überhaupt nicht die Allerärmsten, die auswandern, denn diese müssen dableiben. Auf die Geldmittel der Auswanderer wird von allen Seiten spekuliert. Schon die Geldwechsler machen ihren Schnitt und die Wirte erst recht. Alle größeren Wirte haben beim Gasthause auch einen Laden eingerichtet, in dem alle Waren, deren die Auswanderer bedürfen, zu haben sind, was auch nicht verhindert, daß auch sonst in der Stadt noch eine Unzahl von Geschäften vorhanden ist, die alle für die »Bedürfnisse« der Auswanderer sorgen wollen. Diese kommen meistens mit dem guten[44]  Vorsatz, möglichst wenig Geld auszugeben. Allein das verführerische Warenangebot ist zu groß, und die meisten werden unversehens einen Teil ihrer Mittel los. Denn zunächst müssen doch die »Utensilien« zur Überfahrt angeschafft werden, eine Matratze, eine Decke und ein Kissen, wenns geht; dann etwas Geschirr mit Messer. Gabel, Löffel u. dergl. Denn der Auswanderer hat für die Ehre und das Vergnügen, im Zwischendeck zu fahren, noch die Pflicht, sich mit diesen »Utensilien«, die sogar das Gefängnis umsonst liefert, auf seine Kosten selbst zu versorgen.1
Aber solch ein reich ausgestatteter Laden »für Auswanderer« in verlockend. Der Süddeutsche will nicht ohne einige Flaschen Wein, der Norddeutsche nicht ohne etwas Rum oder Arrak hinüber. Alles ist zu haben und keineswegs billig. Da sieht ein lustiger Bauernbursch eine große Harmonika, wie er sie im heimatlichen Dorf abends unter der großen Linde am Brunnen gespielt hat und nach der die Dorfschönen so flink getanzt haben. Ihm wird wehmütig uns Herz und die Harmonika muß her, damit er sich auf dem Schiff und nachher drüben die Grillen vertreiben kann. Auch Spieldosen werden verkauft, darunter sehr große und wertvolle. Ich kam einst in ein solches Geschäft und sah einen Vorrat großer Spieldosen oder Orgeln, auf denen Preise bis zu hundert Mark verzeichnet waren. »Das alles wollen Sie an die armen Auswandere absetzen?«, frug ich erstaunt. »Gewiß«, war die Antwort »davon setzen wir in einer Woche ein Dutzend ab.«


Tabakspfeifen, Zigarrenspitzen mit und ohne Meerschaum, kurz eine Menge von Luxusgegenständen werden in diesen Lokalen zu keineswegs niedrigen Preisen abgesetzt und zwar in großen Massen. Besonders stark ist der Absatz von Waffen und Munition. Dabei kann man sich die sonderbaren Vorstellungen vergegenwärtigen, die sich zurzeit noch immer so viele Auswanderer von Amerika machen. Viele schleppen alte rostige Flinten und Pistolen, manchmal mit Radschlössern, mit hinüber. Auch Revolver werden viel gekauft, da man von reisenden Prahlhänsen gehört hat, daß drüben bei jeder Gelegenheit der Revolver entscheide. Viele große Hunde sieht man bei den künftigen Bürgern der »Neuen Welt«. Das sind die Romantiker, welche glauben, gleich hinter Newyork gingen die großen Prärien an, wo noch die Rothäute hausen und wo man mit Leichtigkeit nicht nur Wildbret und Geflügel, sondern auch Büffel erjagen kann. Wenn da in der »Ansiedelung« – denn davon träumen die meisten – frühmorgens noch kein Braten vorhanden, so nimmt der treusorgende Familienvater die alte Büchse mit Rad- oder Steinschloß und kehrt mit einem delikaten Büffel- oder Hirschbraten noch zeitig genug zurück, daß Mama ihn zu Mittag fein herrichten und auf den Tisch bringen kann. Das ist nicht übertrieben; ich habe sonst ganz vernünftige Leute gehört, die ähnliche, total irrige Vorstellungen hatten und die sich auch demgemäß einrichteten.2[45] 
Die Auswanderer werden von den Agenten, die ihre Reise vermitteln, an einen bestimmten Gasthof verwiesen; der Agent bezieht dafür eine Provision. Sie sind vollkommen gebunden. Indessen sind es meistens Leute, die zum ersten Male eine größere Reise machen und die froh sind, an einen Wirt gewiesen zu sein, von dem sie das Nötige erfragen können. So müssen sie es eben über sich ergehen lassen, wenn sie in ein Gasthaus geraten, wo es teuer und schlecht ist, denn die Auswanderer-Gasthöfe sind sehr verschieden. Die Lage der Auswanderer bringt es mit sich, daß sie von anmaßenden Wirten oft sehr schlecht und hochmütig behandelt werden. Sie werden eben nicht als vollberechtigte Mitglieder der menschlichen Gesellschaft angesehen. Mir selbst ist es begegnet, daß ich von einem frechen, noch nicht hinter den Ohren trockenen Kerl, dem Sohn eines solchen Wirtes, von oben herab gefragt wurde, als ich in die Gaststube trat: »Wollen Sie auswandern«. Hätte ich bejaht, so wäre ich sicher unhöflich behandelt worden.
Der Reichskommissär berichtete damals über Sanitätsmaßregeln in den Auswanderer-Gasthöfen. »Es sind da, wo es dringend notwendig war, die Niedergänge von den oberen Etagen vermehrt worden, und die Holzwände haben einen Kalküberwurf erhalten. Ferner sind Änderungen über die nächtliche Bewachung und Erleuchtung der Häuser, über die Türverschlüsse und darüber getroffen worden, daß die Zahl der Personen, welche nach den Bestimmungen der Behörde in jedem Zimmer beherbergt werden dürfen, auf der äußeren Seite der Tür in sichtbarer Weise vermerkt sein muß, wodurch die Kontrolle darüber, ob die einzelnen Räume nicht überfüllt sind, bedeutend erleichtert wird. Endlich ist auch noch angeordnet, daß in den unter dem Dache befindlichen Räumen niemand logiert werden darf.«
Früher hatten sich die Behörden hauptsächlich darum bekümmert, daß den Auswanderern die nötige Seelsorge zuteil wurde; daneben ließ man die schlimmsten Übelstände bestehen, wie aus dem Bericht des Reichskommissärs zu schließen. Den Wirten war es so schon recht. Nun aber schrien sie über »Freiheitsbeschränkung«. –
Viele hielten die enorme Steigerung der Auswanderung für eine Wirkung der Tätigkeit der Auswanderungsagenten. Aber – so sagte ich damals – die Auswanderung ist keine künstliche Bewegung. Sie steigt und fällt in einem gewissen Verhältnis zu den ökonomischen und politischen Zuständen diesseits und jenseits des Ozeans. Die Tätigkeit der Agenten kann Ebbe und Flut der Auswanderung nur in geringem Maße beeinflussen. Ein Einfluß wird indessen ausgeübt und zwar häufig ein unheilvoller. Es werden Nachrichten über gewisse Gegenden verbreitet, als ob dort die Verhältnisse so günstig seien, daß den Ansiedlern die gebratenen Tauben in den Mund flögen. Viele haben sich verlocken lassen und haben dann grausame Enttäuschungen erlebt. Man sah damals solche Enttäuschte tausendweise zurückkommen.[46] 
Auch unter den Parteigenossen und den ihnen nahestehenden Kreisen gab es nicht wenig Leute, die zum Auswandern geneigt waren. Es war eine Zeit der wirtschaftlichen Kalamität, und dazu kam der Druck des Sozialistengesetzes. Viele gingen damals über den Ozean. Mir wurde auch nahe gelegt, eine Auswanderungsbewegung mit in Fluß bringen zu helfen, mit welcher allerlei phantastische Projekte von sozialistischen Kolonien und dergleichen verknüpft wurden. Ich lehnte das entschieden ab und betonte, daß ich es dem einzelnen nicht übel nehmen könne, wenn er auswandere, weil er die Bedrängnis der heimatlichen Zustände nicht mehr abwehren könne; im ganzen aber erfordere es das Parteiinteresse, daß die Parteigenossen im Lande blieben und den Kampf gegen die herrschende Reaktion fortsetzten. Die Freiheit im Urwald war mir ohnehin etwas Problematisches. Es mag viele Naturen geben, denen sie allein zusagt; mir schien indessen das Wort von Ludwig Pfau zutreffend:

»Mag auch durch Wälder todesstill
Der Sturmchoral der Freiheit brausen –
Doch wer sie recht genießen will,
Der muß als Mensch bei Menschen hausen.«

Immerhin bewirkten diese Dinge, daß eine bedeutende Auswandererfirma sich an mich wandte und mich zu bewegen suchte, mitzuwirken, daß ein Auswanderungsstrom von Deutschland nach Uruguay gelenkt werde. Man sagte mir, die Regierung dieser südamerikanischen Republik sei sehr darauf bedacht, ackerbautreibende Kolonisten in ihr dünnbevölkertes Land zu ziehen. Einzelne Leute waren auch dafür gewonnen, welche den Kern einer größeren deutschen Ansiedelung bilden zu können hofften. Ich beschloß die Gelegenheit wahrzunehmen, mich über die dortigen Verhältnisse möglichst genau zu informieren, was von Vorteil für solche Parteigenossen sein konnte, die unbedingt zur Auswanderung gezwungen waren, falls nämlich wirklich günstige Bedingungen dort geboten wären.

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Um diese Zeit war der alte Garibaldi gestorben, und ich hatte mich viel mit seiner abenteuerlichen, romantischen Vergangenheit beschäftigt. In diesen Memoiren schildert er anschaulich, wie er in Uruguay an der Spitze der italienischen Legion und der Marine einen außerordentlich kühnen Kampf gegen Rosas, den blutigen Diktator von Buenes Aires, geführt hat. So interessant dieser Heldenkampf ist, in dem eine nicht geringe Anzahl von nachher auftretenden 1848er Revolutionären sich ihre Sporen verdienten, so kläglich erschien mir auch in Garibaldis Darstellung das ganze Staatswesen in Uruguay. Dieser Eindruck wurde nicht verbessert, als mir auf Veranlassung der erwähnten Auswandererfirma eine Denkschrift der Regierung von Uruguay zuging, worin sie die Bedingungen für deutsche Ansiedler mitteilte. Es wurde ihnen Landbesitz in Aussicht gestellt, dessen Erwerb nicht allzuschwer war, aber die Ansiedler sollten von den politischen Rechten der Eingebornen ausgeschlossen sein. Eine Unterredung, die ich mit dem Generalkonsul von Uruguay in[47]  Berlin hatte – er besuchte dort die Universität – ließ mir die Sache nicht in vorteilhafterem Licht erscheinen. Gleich darauf traf ich meinen Freund und Landsmann Amand Goegg, der auf seiner schon erwähnten, in Hamburg angetretenen großen Reise auch Uruguay besucht hatte. Er lachte hell auf, als ich ihm von der Denkschrift der Regierung erzählte. Die Regierung habe gar kein Land, sagte er; alle die Landstriche, die vielleicht zur Kolonisation geeignet seien, befänden sich in den Händen großer europäischer Kaufleute. Das Schlimmste aber seien dort die sich so häufig wiederholenden »Revolutionen«, die weniger politische als räuberische Unternehmungen seien. Wenn ein »revolutionärer« General Truppen gesammelt habe, um gegen die Hauptstadt vorzudringen, so nehme er auf seinem Marsche alles, was er brauchen könne, an sich. Er wurden zwar mit anerkennenswerter Gewissenhaftigkeit für alle bei diesen Requisitionen geraubten Gegenstände »Bons« ausgestellt, allein diese Bons hätten leider sämtlich den Fehler, daß sie niemals eingelöst würden.
Damit war die Sache für mich erledigt.
Am 19. August 1881 trat in Zürich die sozialdemokratische Reichstagsfraktion zu einer außerordentlichen Beratung zusammen, die drei Tage dauerte. Es sollten dort behandelt werden:
Fragen der Taktik, Organisationsangelegenheiten, bessere Regelung der Flugblätterverbreitung, Stand und Haltung des Parteiorgans, Verhalten zur deutschen Presse, Errichtung eines Parteiarchivs, Kassenangelegenheiten, Entscheidung über den geeigneten Zeitpunkt für einen Parteikongreß, Beschwerden usw.
Man sieht, daß die Fraktion die Rolle der Parteileitung vollständig übernommen hatte. Zu dieser Beratung mußten auch einige andere Parteigenossen, sowie die Redaktion des Parteiorgans herangezogen werden. Darum traten wir im Auslande zusammen und zwar in dem sogenannten Weinschlößchen, das über Hottingen bei Zürich lag. Die Debatten wurden manchmal sehr hitzig; indessen gab es in allen wesentlichen Punkten keine tieferen Differenzen. Es wurde die Gründung des Parteiarchivs beschlossen, sowie die Einberufung eines Kongresses der deutschen Sozialdemokratie, der im Ausland tagen sollte. Der »Sozialdemokrat« sagte in seinem Bericht:
»Allseitig trat die Überzeugung zutage, daß die deutsche Sozialdemokratie so einig und kampfbereit als je den ihr gestellten Aufgaben gegenübersteht.«
In Zürich machte ich zwei interessante Bekanntschaften. Ich wurde dem Herrn von Beust vorgestellt, der in Zürich ein Erziehungsinstitut besaß. Er war ein stattlicher alter Herr mit langem weißem Bart und hatte als Artillerieoffizier den Dienst in der preußischen Armee mit dem in der badischen Revolutionsarmee von 1849 vertauscht, hatte sich im Gefecht von Ubstadt ausgezeichnet und war in der Schweiz unserer Partei nahegetreten. Auch mit dem bekannten ostpreußischen Steuerverweigerer John Reitenbach-Plicken wurde ich bekannt, der das »Junkerparadies«[48]  seiner Heimat mit der republikanischen Freiheit der Schweiz3 vertauscht hatte.
Den Bremer und Wilhelmshavener Parteigenossen erstattete ich Bericht über diese Verhandlungen und zwar wiederum im oldenburgischen »Urwald« des Hasbruch unter der uralten »Amalieneiche«. Ich stand dabei in der Höhlung des mächtigen Baumes, während die rings auf dem Waldgrün lagernden Genossen lauschten.
Der Rückmarsch durch den Wald machte uns einen so gewaltigen Appetit und Durst, daß in dem kleinen Restaurant zu Delmenhorst, wo wir einkehrten, binnen kurzem alle flüssigen und festen Vorräte aufgebraucht waren, da man auf einen solchen »Heuschrecken«-Einfall nicht vorbereitet war.
Mit Rührung erinnere ich mich an den Geist schöner Solidarität und Brüderlichkeit, der in dieser engen Gemeinschaft herrschte.
Inzwischen erhielt ich von dem Dietzschen Verlag der »Neuen Welt« in Stuttgart die Aufforderung, dahin überzusiedeln und mich der regelmäßigen Mitarbeiterschaft an diesem belletristischen Blatt, sowie anderen literarischen Arbeiten zu widmen. Ich schwankte lange, ob ich das mir so lieb gewordene Bremen verlassen solle. Aber die Stuttgarter Stellung bedeutete für mich eine pekuniäre Verbesserung, die mir noch weitere Aussichten eröffnete, und so nahm ich auf das Zureden verschiedener Freunde an. Der Parteigenosse Oehme, der bisher die Expedition des Blattes besorgt hatte, ein wohl befähigter Mann, übernahm die Redaktion des Blattes, dessen Schwerpunkt sich immer mehr nach Wilhelmshaven verschob. Schon vom April 1883 ab erschien es als »Norddeutsches Volksblatt« dreimal wöchentlich.«
Nicht vergessen soll eine interessante Bekanntschaft sein, die ich um diese Zeit machte. Auf der Hin- und Herfahrt zwischen Bremen und Berlin saß ich oft im gleichen Kupee mit einigen welfischen Abgeordneten, unter denen die bekanntesten Graf Bennigsen-Banteln und Langwerth von Simmern waren. Es ist Brauch, daß bei solch gemeinsamer Fahrt die Parteiunterschiede weniger oder gar nicht beachtet werden; nur einige reaktionäre Fanatiker schließen sich davon aus. Mit diesen Welfen unterhielt ich mich immer besonders vortrefflich. Langwerth von Simmern war ein sehr geschichtskundiger Herr, mit dem zu plaudern mir ein Genuß war. Der alte Graf Bennigsen-Banteln war 1848 Märzminister in Hannover gewesen, aber schon 185o zurückgetreten. Er war so »unbotmäßig«, dem König Georg V. in Dingen, die dessen persönliches Interesse berührten, zu opponieren, fiel in schwere Ungnade und wurde aus der Kammer ausgeschlossen. Die »preußische Spitze« stieß ihn ab, und er schloß sich der welfischen Partei an. Von seinem Neffen Rudolf von Bennigsen sprach er sehr geringschätzig. Wir blieben manchmal noch im Bahnhof zu Hannover zusammen, um noch ein wenig zu[49]  plaudern. Er sagte mir, sein Vater sei der bekannte russische General Bennigsen, der bei Eylau und Friedland gegen Napoleon befehligte – »Sie wissen ja«, meinte er, »jener Bennigsen, welcher den Paul –4 und dabei machte er lachend die Gebärde des Halsabschneidens. Seine Bemerkungen waren oft recht sein. Eines Tages sprachen wir im Kupee von Lothar Bucher, der jetzt die rechte Hand Bismarcks und von dem vergessen sei, daß er im Jahre 1848 zu fünfzehn Monaten Festung und zum Verlust der Nationalkokarde verurteilt worden. »Darf er die Nationalkokarde jetzt wieder tragen?« fragte Graf Bennigsen spöttisch.
1893 ist der interessante alte Herr gestorben, 84 Jahre alt.
»Sie hinterlassen eine Lücke«, sagte der Dichter August Freudenthal zu mir beim Abschied. Ich weiß nicht, wie viel dies Lob verdient war; das aber weiß ich, daß ich noch lange eine Art Heimweh nach Bremen und den dortigen Freunden empfand, auch als ich nach Süddeutschland gekommen war, wo sich doch meine eigentliche Heimat befand.
Zu Anfang 1883 traf ich in Stuttgart ein und ließ mich in dem nahen Cannstatt nieder. Kaum angekommen mußte ich wieder abreisen um mich zu dem Parteitag zu begeben, der nach Kopenhagen einberufen worden war.
Bald darauf verließ auch mein Freund Neißer Bremen. Innerlich längst der sozialistischen Weltanschauung nicht mehr zugetan, trat er in die Redaktion des »Hamburger Fremdenblattes« ein. Vor einiger Zeit ist er gestorben. Ich habe seiner immer mit Dankbarkeit gedacht.[50] 
Fußnoten

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1 Das ist inzwischen, namentlich beim Norddeutschen Lloyd, besser geworden.

2 Das ist nun über dreißig Jahre her. Diese Art Romantiker mag so ziemlich ausgestorben sein. Dafür gibt's andere Illusionen.

3 Zu dieser Freiheit muß man heute öfters ein Fragezeichen setzen.

4 Bennigsen war bei der Ermordung des wahnsinnigen Zaren Paul I. beteiligt.




Der Kopenhagener Kongreß










Am 29. März 1883 sollten wir in Kopenhagen zusammentreten und zwar im Vereinshause der dänischen Parteigenossen. Am 4. Januar forderte der »Sozialdemokrat« zur Wahl der Delegierten auf.
Der Ort des Kongresses wurde den Delegierten auf besonderem Wege mitgeteilt. Obwohl außer den Delegierten noch viele andere Leute den Ort des Kongresses erfuhren, wurde die preußische Polizei doch vollkommen hinters Licht geführt. Der »geniale« Polizeirat Krüger, damals die Seele der politischen Polizei in Preußen, meinte wie viele andere Leute, der Kongreß würde »natürlich« in der Schweiz stattfinden und dirigierte deshalb eine Wolke von Spitzeln nach der Schweizergrenze, wo sie sich von Mülhausen bis Lindau ausbreitete. Gerade an dem Tage, an dem wir uns in Kopenhagen versammelten, schrieb die dortige bürgerliche Presse, daß »soeben« der Kongreß der deutschen Sozialdemokratie in Zürich zusammengetreten sei.
Wir Abgeordnete fuhren auf unsere Reichstagsfahrkarten und doch merkte die preußische Polizei nichts, obwohl die Nummern der Karten damals auf der Eisenbahn sehr sorgfältig notiert wurden. In Kiel bestieg ich den Postdampfer, der mich nach Korsör bringen sollte, von wo es dann per Bahn nach Kopenhagen ging. Es war meine erste größere Meerfahrt. Ich dachte an die Seekrankheit und glaubte ihr vorzubeugen, indem ich mir ein Beefsteak und eine Flasche Bordeaux zu Gemüte führte. So lange wir durch die Kieler Bucht fuhren, hielt das auch vor. Als wir aber auf die offene See hinauskamen und das Schiff zu stampfen und zu schlingern begann, stellte sich die Seekrankheit ein, welche mir den Genuß der Seefahrt verdarb, die an dem sonnigen Tage sonst so schön gewesen wäre. Das Beefsteak opferte ich den Möven, die unverdrossen das Schiff über das Meer begleiteten. Mein Freund Grillenberger, bei dem die Seekrankheit den höchsten Grad erreichte, lag in einer Ecke und stöhnte: »Grüßt meine Greth, ich glaub', ich seh' sie nimmer!« Eine sehr hübsche dänische Dame wollte sich halb totlachen über die Grimassen, welche die seekranken Passagiere schnitten, aber sie wurde hart dafür gestraft, indem ein Seekranker sein Innerstes über sie ausströmte, als sie die Kajütentreppe emporstieg.
Kopenhagen ist eine prächtige Stadt, und ich kam aus der Bewunderung gar nicht heraus. Die schönen Schlösser und öffentlichen Gebäude, der Hafen mit seinem Mastenwald, die Denkmäler, das Thorwaldsenmuseum, der Hafenplatz, wo mehrere hundert eroberte Geschütze jeglichen Kalibers standen, und drüben über dem Sund die blauen Berge Norwegens ich konnte mich nicht satt sehen. Besonders gefiel mir das Schlößchen[53]  Rosenborg mit seinen historischen Sammlungen; dort betrachtete ich lange ein Porträt des närrischen Karl XII. von Schweden, aus dem man die Absonderlichkeiten dieses Abenteurers wohl herauslesen konnte. Als ich mich in die Waffensammlung vertiefte, kam Bebel dazu und meinte, es sei gut, wenn es unter uns auch Leute gäbe, die sich im Kriegswesen umschauten. Er wußte, daß ich kriegsgeschichtliche Studien trieb.
Nicht weniger gefiel mir die Bevölkerung. Man sah viel imposante Männergestalten und außerordentlich viel schöne Frauen, mehr große als zierliche. Die Dänen erschienen freundlich, liebenswürdig und gastfrei, und ich bedauerte tief die alte Gegnerschaft zwischen Dänen und Schleswig-Holsteinern. Im geselligen Leben gab es einige bemerkenswerte Züge; so sah man in jeder Straße eine Wirtschaft, wo angeschrieben stand, daß Damen auch allein da verkehren könnten. Sonst sah man in den Wirtschaften die Gäste meist gruppenweise zusammenspeisen; es fanden sich da gewöhnlich vier, sechs oder acht Leute zusammen, die sich sonst gar nicht zu kennen brauchten, aber gemeinsam ein Menu aufstellten, das dadurch mannigfaltiger wurde. Bei den Mahlzeiten trank man gewöhnlich zwischen den Gängen einen Schnaps, der aber nicht so schädlich war, wie der preußische Kartoffelfusel, denn es war reiner Kornbranntwein (Hobro). In Dänemark ißt man ziemlich fett; daher das Bedürfnis nach einem Schlückchen Schnaps. So war es damals; wie es infolge der antialkoholischen Agitation jetzt geworden, weiß ich nicht.
Unter den dänischen Parteigenossen fand ich interessante Leute, namentlich Holm, welchen man den dänischen Bebel nannte, und Hördum, vor einigen Jahren verstorben, der mir Kopenhagen zeigte. Die dänische Sozialdemokratie fühlte sich als Macht in dem kleinen Staate mit seinen politischen Freiheiten. Als wir in das schöne und große Vereinshaus in der Römersgade eingeführt wurden, sagten uns die Parteigenossen Kopenhagens mit Stolz, daß ihr Haus ihr Eigentum sei und in diesem die Polizei »nix to seggen« habe.
Ich wohnte mit vielen anderen Parteigenossen in dem eleganten Jernbahn-Hotel1, wo die Kellner deutsch sprachen. Besonders imponierte mir, daß sich in den einzelnen Wirtschaftsräumen stets eine Art Samowar mit heißem Wasser befand, um welches Gefäß sich lockend alle Essenzen für die beliebten nordischen Getränke gruppierten; schwedischer Punsch, dänischer Punsch. Grog usw. konnte da jederzeit hergestellt und gegen Erlegung einer mäßigen Pauschaulsumme in beliebigem Quantum genossen werden, gerade wie man im Elsaß zur französischen Zeit im Herbst für einen Franken à discrétion (beliebig viel) neuen Wein trinken konnte.

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Die dänische Polizei schien zunächst unsere Anwesenheit nicht zu bemerken, oder sie tat wenigstens so, als wüßte sie nichts. Darum gingen unsere Verhandlungen in dem schönen großen Saale des Vereinshauses[54]  zunächst ganz ungestört vor sich. Sechzig Delegierte waren zusammengekommen, welche hier der in Deutschland tobenden Reaktion eine trotzige Antwort gaben, und zwar einstimmig. Es wurde beschlossen:
»Der Kongreß spricht sich entschieden gegen jederlei Nachgiebigkeit gegenüber den uns verfolgenden Parteien, sowie gegen jede auf die Nachsicht der Behörden spekulierende Rücksichtnahme aus und fordert ein rücksichtsloses Vorgehen der Partei.«
Ferner wurde beschlossen:
»Der Kongreß erklärt, daß er in bezug auf die sogenannte Sozialreform im Deutschen Reich weder an die ehrlichen Absichten, noch an die Fähigkeit der herrschenden Klassen – nach deren bisherigem Verhalten – glaubt, sondern der Überzeugung ist, daß die sogenannte Sozialreform nur als taktisches Mittel benützt wird, um die Arbeiter vom wahren Wege abzulenken.2 Der Kongreß erklärt es aber für die Pflicht der Partei, resp. deren Vertreter in den Parlamenten, bei allen auf die ökonomische Lage des Volkes gerichteten Vorschlägen, gleichviel welchen Motiven sie entspringen, die Interessen der Arbeiterklasse energisch wahrzunehmen, selbstverständlich ohne auch nur einen Augenblick auf die Gesamtheit der sozialistischen Forderungen zu verzichten.«
Alsdann wurde der Fraktion die Leitung der nächsten Reichstagswahlen übertragen und beschlossen, daß nur solche Kandidaten aufgestellt werden sollten, welche das Parteiprogramm in allen Punkten anerkennen und sich verpflichten, »sich an allen durch die Gesamtbeschlüsse der Parteivertretung herbeigeführten Aktionen zu beteiligen«.3
Während dieser Verhandlungen waren zahlreiche amerikanische Blätter eingetroffen, welche lange Nekrologe für Bebel enthielten, da in Amerika die Nachricht von Bebels Tod verbreitet worden war. Die Nekrologe erregten viel Heiterkeit, und man prophezeite dem totgeglaubten Bebel nach altem Glauben ein langes Leben, was auch eintraf, denn er lebte noch dreißig Jahre.
Wegen einer in Mannheim vorgekommenen recht ärgerlichen Geschichte wurde beantragt, bei Stichwahlen, an denen kein Sozialdemokrat beteiligt sei, sich der Abstimmung zu enthalten. Diesen Antrag hielt ich, namentlich unter dem Sozialistengesetz, für gänzlich unangebracht, denn es konnte uns doch nicht gleichgültig sein, ob ein Anhänger oder ein Gegner des Sozialistengesetzes in den Reichstag kam. Bei dieser Gelegenheit stieß ich mit Vollmar zusammen, der für den Antrag war, und wir bekomplimentierten uns, wie es die Erhitzung der Zeit auch bei gegenseitigem persönlichen Wohlwollen oft mit sich brachte. Vollmar warf mir »reinen Parlamentarismus« vor, während ich entgegnete. Vollmar wolle Robespierre nachahmen, der sich durch einen himmelblauen[55]  Frack sich von den dunkelblauen Fräcken seiner Kollegen abhob; so wolle sich Vollmar durch einen röteren Frack abheben.
Ich beantragte über den Antrag namentlich abzustimmen, weil ich wußte, daß damit die Ablehnung eher zu erreichen sei, als beim Handaufheben. In der Tat wurde der Antrag mit 34 gegen 24 Stimmen abgelehnt.
Die Verhandlungen waren manchmal hitzig, aber im wesentlichen sachlich, und wir trennten uns am Schlusse in voller Einmütigkeit.
Am Abend des 31. März gaben uns die dänischen Parteigenossen im großen Saal ihres Hauses ein imposantes Festbankett. Der Saal war mit zahlreichen Fahnen geschmückt und auch sonst prächtig dekoriert. Eine Rednerbühne ging durch den Saal, wie die Kommandobrücke eines Schiffes über dessen Verdeck. Verschiedene Redner sprachen von hier herab, Massengesänge und Deklamationen wechselten ab, und es herrschte eine gewaltige Begeisterung ob des unerschütterlichen Kampfesmutes und der Zuversicht der deutschen Sozialdemokratie.
Gewaltige Punschterrinen wurden herbeigeschleppt. So mancher deutsche Sozialdemokrat konnte die schweren nordischen Getränke nicht vertragen, und man sah nach Mitternacht verschiedene »Leichen«, über welche wir den Mantel christlicher Liebe decken wollen.
Inzwischen aber war draußen in der politischen Welt allerlei vorgegangen. Henri Rochefort hatte irgendwie erfahren, daß der Kongreß der deutschen Sozialdemokratie in Kopenhagen zusammengetreten sei, und hatte dies in fetten Lettern an der Spitze seines Blattes publiziert. Alsbald erhob sich die Wolke der Polizeispitzel, die an der schweizerischen Grenze niedergegangen war, wiederum und flog nordwärts. Auch wurde sofort von Berlin aus ein Druck auf die dänische Regierung ausgeübt, dessen Wirkung wir gleich zu verspüren bekamen. Am anderen Morgen in aller Frühe wurde in sämtlichen Gasthäusern nach Delegierten des Kongresses geforscht und wurden ihre Persönlichkeiten von der Polizei festgestellt. Dies ergab einige Mißhelligkeiten, da sich verschiedene Delegierte unter fremdem Namen eingeschrieben hatten. Den meisten Aufenthalt verursachte der dänischen Polizei ein schwäbischer Delegierter, aus dem nichts herauszubringen war, als: »I hoiß Schwitzgäbele!« Wie dieser Name wohl nach Berlin berichtet worden sein mag!


Bei mir klopfte es um halb sechs Uhr früh; ich wollte schlaftrunken erst nicht antworten, aber da hieß es draußen in gebrochenem Deutsch: »Machen Sie auf, es sind die Behörden!« Ich öffnete, und es kamen zwei Beamte, welche ihre Überröcke aufknöpften und auf eine Blechmarke verwiesen, die sie trugen. »Wer sind Sie? Was tun Sie hier? Gehören Sie zum sozialdemokratischen Kongreß?« lauteten die Fragen. Ich hatte meinen richtigen Namen eingetragen und legitimierte mich auch mit meiner Reichstagskarte, worauf die beiden abzogen. Nebenan gabs einen großen Disput mit Bebel, der einen anderen Namen eingetragen hatte und erst darauf bestand, daß er nicht Bebel sei, es schließlich aber zugab.[56] 
Die dänische Polizei war sehr höflich, aber die Wirte waren wütend über die Störung, welche heftige Proteste der nicht sozialistischen Gäste hervorrief. Denn diese waren natürlich alle aus dem Bett getrieben und verhört worden. Als ich zum Frühstückszimmer ging, mußte ich eine förmliche Lästerallee passieren. Der Wirt wies uns zwar nicht weg, würdigte uns aber keines Blickes mehr.
Es hieß, die dänische Regierung sei stark verschnupft wegen unserer engen Verbindung mit den dänischen Parteigenossen; dann hieß es, der demokratische Abgeordnete Brandes, der Bruder des bekannten Schriftstellers Georg Brandes, habe seine Vermittlung bei der Regierung angeboten. Indessen teilte Bebel bei Beginn der Sitzung mit, daß die dänische Polizei, entsprechend dem von Preußen ausgeübten Druck, nunmehr uns aufsässig werde und zur Abreise dränge. So sah man sich gezwungen, die Arbeiten des Kongresses noch am gleichen Tage zu schließen, was natürlich nicht ohne Überstürzung geschehen konnte. Die Haltung der Fraktion und die Haltung des »Sozialdemokrat« wurden vom Kongreß gebilligt. Die kleine Differenz zwischen Hasenclever und mir einer- und der Redaktion des »Sozialdemokrat« anderseits wurde nach unseren Erklärungen für erledigt erklärt, nachdem der Vertreter der Pariser deutschen Sozialdemokraten vergeblich versucht, die Sache von neuem aufzubauschen.
Am 14. März war Karl Marx gestorben. Der Kongreß beschloß, sein Andenken in gebührender Weise zu ehren. Darauf trennten wir uns.
Ich blieb noch einige Tage in Kopenhagen und sah mir das Thorwaldson-Museum an, wohin mich der dänische Parteigenosse Hördum begleitete. Am Abend reiste ich ab und zwar fuhr ich quer durch Seeland wieder nach Korsör, da man hier schon allerlei Gerüchte von politischen Attacken auf die heimkehrenden Delegierten vernahm, so beschloß ich auf Hasenclevers Anraten mit ihm nicht direkt nach Kiel zurückzufahren. Wir fuhren von Korsör über Nyborg und Odense durch Fühnen und erreichten bei Vamdrup die schleswig-holsteinische Bahn, die uns nach Kiel brachte.
Ich ging in den Laden eines mir bekannten Parteigenossen, der mich aufgeregt empfing. »Was«? rief, er, »Sie laufen noch frei herum?« Darauf wurden von herzukommenden Parteigenossen neue Gerüchte gemeldet; es sei eine große Polizeiaktion im Gange, und schon viele Verhaftungen seien vorgenommen. Heinzel, der Delegierte von Kiel, sei mit dem Schiff von Korsör gekommen und gleich am Ladungsplatz von der Polizei in Empfang genommen worden. Müller, der Delegierte von Darmstadt, habe gerufen: »Na, adieu Heinzel!« und sei daraufhin auch gleich von der Polizei gepackt worden. Ich ging nach dem Bahnhof, wo ich einige Delegierte fand, denen ich diese Gerüchte mitteilte, ohne sie zu verbürgen. Darauf wurde ich von einem Parteigenossen an einen alten Schuhmachermeister gewiesen, wo ich mich einstweilen verborgen halten sollte. Ich fand einen prächtigen alten Sozialisten vor, der von[57]  den Jahren 1848 und 1849 sehr interessant zu erzählen wußte. Er ließ es sich nicht nehmen, mir eine Flasche Wein vorzusetzen, die er, wie er sagte, für einen besonderen Zweck aufgespart hatte. Ich blieb mehrere Stunden bei ihm; dann wollte ich ihn nicht länger belästigen und begab mich in ein vornehmes Hotel, wo ich sicher sein konnte, von der Polizei an der Tafel nicht gesucht zu werden. Alsdann beschloß ich, mich nach dem Dorfe Neudorf bei Eutin zu begeben und dortige Bekannte, die auch mit Geib bekannt gewesen, um einen Unterschlupf für einige Tage zu bitten. Ich stieg nicht in Kiel, sondern auf der nächsten kleinen Station ein und entging so der schnüffelnden Polizei.
In Neudorf ward ich von dem mir befreundeten Gutsbesitzer und dessen Familie sehr gut aufgenommen und blieb zwei Tage dort, wobei ich auch Gelegenheit hatte, die Stätte zu sehen, wo der von mir so sehr verehrte Dichter Johann Heinrich Voß so lange gewirkt und seine »Louise« geschrieben hatte. In Heidelberg hatte ich sein Grab besucht.
Als meine lieben Gastfreunde mich zur Bahn brachten, sagte eine der ledigen jüngeren Damen des Hauses mit echt holsteinischer Offenheit:
»Wenn Sie wieder kommen, können Sie auch Freunde mitbringen, aber unverheiratete.«

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Ich versprach mein möglichstes zu tun, bin aber leider nicht mehr in jene Gegend gekommen.
Unbehindert passierte ich auf der Rückreise Hamburg und Harburg, von wo ich ausgewiesen war, verließ dort aber den Bahnhof resp. den Zug nicht. Erst in Frankfurt am Main, wo ich haltmachte, erfuhr ich, was in Wirklichkeit vorgegangen war. Ich hatte gut getan, zeitig aus Kiel zu verschwinden und mich »seitwärts in die Büsche« zu schlagen. Denn auf den Bahnhöfen von Kiel und Neumünster waren die Parteigenossen Auer, Bebel, Dietz, Frohme, Heinzel, Müller, Ulrich, Viereck und Vollmar verhaftet worden.4 Bezüglich der darunter befindlichen Reichstagsabgeordneten waren die Verhaftungen ungesetzlich resp. verfassungswidrig, da der Reichstag nicht geschlossen, sondern nur vertagt war. Alsbald stellte die sozialdemokratische Fraktion einen Antrag auf Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen die Polizeibeamten, welche die Übergriffe begangen hatten. Der Reichstag verwies den Antrag an die Geschäftsordnungskommission. Nach langen Verhandlungen beschloß der Reichstag 1885, daß die Verhaftungen verfassungswidrig sei, aber weiter geschah nichts, und die Polizei ging frei aus. Das paßte zum ganzen.
Es fanden sich in Sachsen Staatsanwälte, welche die in Kiel und Neumünster verhafteten Sozialdemokraten wegen »Geheimbündelei« anklagten. Sie wurden vom Landgericht Chemnitz freigesprochen, aber das Reichsgericht hob dies Urteil auf und verwies die Sache an das[58]  Landgericht Freiberg, welches denn auch eine Verurteilung aussprach. Es wurden Strafen von sechs bis zu neun Monaten verhängt und zwar auf Grund von § 129 des Reichsstrafgesetzbuches, welches die Teilnahme an einer Verbindung, zu deren Zweck und Beschäftigung es gehört, Maßregeln der Verwaltung oder Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu verhindern, mit Gefängnis bis zu einem Jahre bedroht. Die Existenz einer solchen Verbindung war zwar nicht erwiesen, aber das Gericht setzte sie voraus. Auf dem Kongreß von Kopenhagen war über den Stand des »Sozialdemokrat« berichtet und dessen Haltung gebilligt worden. Durch diese »konkludenten Handlungen«5 war dem Gericht bewiesen, daß die Angeklagten zu der nicht bewiesenen geheimen Verbindung gehörten, und darum wurden sie verurteilt.
Das Freiberger Urteil bewirkte, daß eine Flut von Geheimbundprozessen hereinbrach. Im ganzen wurden über 80 solcher Prozesse angestrengt, die meist mit Verurteilung endeten. Der größte Prozeß dieser Art war der zu Elberfeld, wo 87 Personen angeklagt waren. Die Justiz erreichte in diesen Zeiten den Höhepunkt ihrer Schneidigkeit. Welchen Scharfsinn die Herren Juristen bei der Verfolgung der sozialistischen Agitation aufboten, kann man ersehen aus der Art, wie man den Abonnenten des »Sozialdemokrat« beizukommen suchte. Das Abonnement war nicht strafbar, aber man half sich damit, daß man in einem Abonnenten einen »Anstifter« zur Verbreitung des verbotenen Blattes erblickte und diese »Anstiftung« bestrafte, während man dem im Ausland lebenden Verbreiter selbst (der Expedition des Blattes) nichts anhaben konnte. Solcher Scharfsinn wäre wohl besser auf die Entdeckung der Urheber wirklicher Verbrechen verwendet worden, wo die Justiz so oft versagt.
Heben wir noch einiges heraus!
Ein Zigarrenarbeiter namens Kückelhahn war nach der Meinung des Gerichts in 26 Fällen überführt, den verbotenen »Sozialdemokrat« verbreitet zu haben. Das Maximum der Strafe für die Verbreitung einer verbotenen Druckschrift betrug nach dem Sozialistengesetz sechs Monate Gefängnis. Der Staatsanwalt meinte, er könne für die 26 Fälle eigentlich dreizehn Jahre Gefängnis beantragen, er wolle sich aber mit sechs Jahren begnügen. Das Gericht erkannte auf dreieinhalb Jahre.
Zu den schönsten Blüten der damaligen Justiz gehörten die Diätenprozesse, welche Bismarck gegen etwa dreißig fortschrittliche und sozialdemokratische Abgeordnete anstrengen ließ. Er wollte erst die Diäten, welche die Abgeordneten aus der Partei-oder Fraktionskasse empfingen, als, »Bestechungsfonds« aufgefaßt und die Empfänger entsprechend verfolgt wissen. Aber hier versagten die Staatsanwälte. Endlich fand man im Allgemeinen Preußischen Landrecht zwei Paragraphen, welche den Fiskus berechtigen sollten, den verbotenen Gewinn aus einem »Geschäft«, das gegen ein ausdrückliches Verbotgesetz verstößt, zurückzufordern.[59]  Dabei stützte man sich auf den Artikel 32 der Verfassung, der damals lautete: »Die Mitglieder des Reichstages dürfen als solche keine Besoldung oder Entschädigung beziehen.« Die Gerichte weigerten sich erst, den Bezug von Parteidiäten als ein »Geschäft mit verbotenem Gewinn« aufzufassen. Aber das Oberlandesgericht Naumburg ging endlich mit schönem Beispiel voran, verschiedene Abgeordnete wurden verurteilt, und das Reichsgericht gab seine Bestätigung. Den Verurteilten – es befanden sich mehrere Sozialisten darunter – wurden die Diäten abgepfändet. Zu diesem Zwecke erschien auch ein Exekutor an der Bahre des verstorbenen sozialistischen Abgeordneten für Breslau-West, J. Kräcker.
Ein famoses Kulturbild!
Dieses Vorgehen Bismarcks sollte das Ansehen der fortschrittlichen Abgeordneten schädigen und die sozialdemokratische Parteikasse schwächen. Es erregte aber nur den stärksten Unwillen in weiten Kreisen, auch außerhalb der betroffenen Parteien, namentlich da Bismarck zu gleicher Zeit sich das Gut Schönhausen schenken ließ.
Beiläufig sei erwähnt, daß die Diäten, welche von der Partei an die Abgeordneten gezahlt wurden, den Verhältnissen entsprechend sehr niedrig waren. Die von uns deren bedürftig waren, hätten der Partei gerne diese Ausgabe erspart, aber es ging nicht anders. Die Diäten hatten mit drei Mark pro Tag begonnen und waren um diese Zeit auf fünf Mark pro Tag gestiegen; dazu kam eine kleine Wohnungsentschädigung. Wie andere mußte auch ich während der Session eifrig journalistische Arbeiten verrichten, um zu den Diäten und zum Haushalt daheim etwas zuschießen zu können. Nach einer Berechnung, die ich einmal aufgestellt habe, beliefen sich die Zuschüsse, die ich im Laufe der Jahre zu den Diäten zur Bestreitung meines Aufenthalts in Berlin geleistet, auf mehr als zwölftausend Mark.
Dabei hatten Großkapitalisten, wie die »Könige« Heyl und Stumm mit ihren Millioneneinkommen die Liebenswürdigkeit, uns die kümmerlichen Diäten als »eine ungerechte Belastung des Volkes« vorzuhalten.[60] 
Fußnoten

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1 Eisenbahnhotel.

2 Die etwas mangelhafte Fassung dieser Resolution erklärt sich aus der Eilfertigkeit, die am Schlusse des Kongresses, als die Resolution vorgelegt wurde, geboten war, wie man gleich sehen wird.

3 Gegen den letzten Satz verstieß später Rittinghausen.

4 Der Polizei war dabei ein »Entwurf einer geheimen Organisation der Sozialdemokratie« in die Hände gefallen, ein von Kokosky verfaßter Bierulk, mit dem sich verschiedene Staatsretter ernsthaft beschäftigten.

5 Kokludent soviel wie beweiskräftig, schlußfolgernd.




Im Schwabenland










So war ich nach zwölf Jahren, die ich in Mittel- und Nord-Deutschland verbracht, wieder im Schwabenland angelangt. Hier hatte ich zunächst einen herben Verlust zu überstehen.
Karl Marx, dessen freundschaftliche Neigung zu mir immer mein Stolz gewesen, hatte den Tod seiner edlen Lebensgefährtin nicht lange überleben können; er war am 14. März 1883 gestorben.
Wie nahe mir dies ging, brauche ich nicht erst zu schildern; ich gab meinem Schmerze Ausdruck bei der Totenfeier, die bald darauf in gemeiner Versammlung zu Stuttgart im »Königsbad« stattfand.
Es mag hier festgehalten werden, was Friedrich Engels am Grabe des großen Denkers gesagt hat – nach dem Bericht des Züricher »Sozialdemokrat« vom 22. März 1883:
»Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht wie bisher geschehen, umgekehrt. Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen, sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker, im Dunkeln sich verirrt hatten. Zwei solcher Entdeckungen sollten für ein Leben genügen. Glücklich schon der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen. Aber auf jedem Gebiete, das Marx der Untersuchung unterwarf, und dieser Gebiete waren sehr viele und keines hat er nur flüchtig berührt – auf jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat er selbständige Entdeckungen gemacht.«
Daß ein solcher Geist von welthistorischer Bedeutung mir persönlich so freundschaftlich entgegengekommen ist, mag es erklären, daß ich für manchen vorlauten Epigonen jüngster Zeit, der mich über »Marxismus« belehren will, nur ein kühles Lächeln übrig habe.[63] 
Es sei hier erwähnt, daß die Freundschaft zwischen Heinrich Heine und Karl Marx eine viel engere gewesen, als weiterhin bekannt. Heine ist von Marx auch geistig beeinflußt worden und zwar sehr stark, was beiläufig auch Arnold Ruge berichtet. Heine wurde von Marx bewogen, seinen Witz und seine Ironie weit mehr als früher auf das politische Leben und Treiben seiner Zeitgenossen anzuwenden. Aus diesen Anregungen entstanden zum guten Teil die politisch-satirischen Gedichte im letzten Drittel von Heines Leben, namentlich das Wintermärchen, welches Heine offenbar in Erinnerung an die empfangene Anregung, dem Freunde mit einem langen Briefe übersandte.
Auch Ferdinand Freiligrath empfing von Marx viele Anregungen. Anlehnung an Marxsche Gedankengänge und poetische Gestaltung von solchen findet man vielfach in den revolutionären Dichtungen Freiligraths aus der Zeit, wo er der Redaktion der »Neuen Rheinischen Zeitung« angehörte, deren Chefredakteur Marx in den Revolutionsjahren 1848/49 war.
Vergessen sei nicht, daß Marx auch auf journalistischem Gebiete Hervorragendes leistete. Die von ihm geleitete »Neue Rheinische Zeitung« war im Gegensatz zu fast der gesamten Presse von damals ein vollständig modernes Blatt und ihrer Zeit voraus, namentlich mit den technischen Einrichtungen. Viele Artikel lesen sich heute noch so frisch, als wären sie erst gestern geschrieben.[64] 
Schon zu Marx' Lebzeiten wurden seine Theorien auch innerhalb der Partei verschieden beurteilt, und es knüpften sich daran allerlei Streitigkeiten, worüber Marx sich einst scherzhaft geäußert haben soll: »Ich bin durchaus kein Marxist.« Es bildete sich eine Gruppe, die ein besonderes und tieferes Verständnis seiner Ideen für sich in Anspruch nahm. Die anderen, denen man dieses Verständnis nicht zutraute, wurden als »Vulgärmarxisten« bezeichnet.
Die Bezeichnung »Vulgärmarxisten« – hergeleitet von dem von Marx öfters gebrauchten Wort Vulgärökonomen, also soviel wie Marxisten gewöhnlichen oder untergeordneten Schlages – kam erst später in Gebrauch. Zum Beweise ihrer niedrigen Qualifikation wurden sie beschuldigt, daß sie die Umgestaltungen in der Weltgeschichte ausschließlich als Klassenkämpfe aufzufassen wüßten, während doch noch andere Dinge dabei wirksam seien. Das letztere ist eigentlich nicht so gar schwer zu begreifen, und es wird dabei manchem anderen genau so wie mir gegangen sein.
Denn als ich zum ersten Male im Kommunistischen Manifest den lapidaren Satz las, daß alle historischen Kämpfe nur Klassenkämpfe seien, so dachte ich mir sogleich, daß bei der Entscheidung dieser. Kämpfe außer dem Klassencharakter auch noch andere Dinge mitgewirkt haben. Ich hatte dabei nicht die Empfindung, eine besondere Denkarbeit mit dieser Erkenntnis verrichtet zu haben.
An den aus diesem Gegensatz hervorgegangenen Streitigkeiten habe ich mich nicht beteiligt und werde ich mich nicht beteiligen, da ich mich für keine Kapazität in diesen Dingen halte. Wenn mich jemand zu den »Vulgärmarxisten« zählen will, so sei ihm dies unbenommen.
Nur möchte ich darauf aufmerksam machen, daß es mit solchen Schlagwörtern seine Bedenklichkeiten hat. Unter denen, die sich in dieser Sache streiten, will natürlich niemand »Vulgärmarxist« sein. Und da kommt es zu sonderbaren Erscheinungen.
Vor mir liegt die Nr. 7 des Jahrgangs 1913 der Zeitschrift »Der abstinente Arbeiter« mit einem Leitartikel: »Karl Marx und die proletarische Abstinenzbewegung.« Dort heißt es:
»Marx kannte die Alkoholfrage im heutigen Sinne nicht, und er konnte sie auch nicht kennen. Im Kommunistischen Manifest tut er die bürgerlichen Mäßigkeitsvereine mit anderen sozialen Quacksalbereien mit wenigen Worten ab ... Wir Arbeiterabstinenten müssen uns aber mit besonderem Stolz als Marxisten bezeichnen. Wir sind gerade durch unsere Propaganda Nachfolger des großen Denkers. Die Grundsätze, die Karl Marx entwickelt, wenden wir auf ein neues Gebiet an. Wir benutzen neue Entdeckungen und Feststellungen der Naturwissenschaft zu besserer Erkenntnis der gesellschaftlichen Erscheinungen.«
Nun, auch andere verkennen die »Verbindung von Natur- und Gesellschaftswissenschaft« nicht. Aber es heißt dann in jenem Organ der Abstinenten weiter:[65] 
»Es wird so oft von Vulgärmarxisten gegen uns als Einwand erhoben: Ihr faßt die Entwicklung nicht vom Standpunkte des historischen Materialismus auf, ihr seid doch Ideologen. Die sozialen Verhältnisse müssen geändert werden, dann hört auch das Trinken auf« usw. Dann wird ein Satz von Engels zitiert, der mit Abstinenz und Alkohol gar nichts zu tun hat.
Hier haben wir es also unmißverständlich schwarz auf weiß: Wer kein Abstinent ist, der ist Vulgärmarxist.
Die ganze ungeheure Menge der Parteigenossen, die weder Säufer noch Abstinenten sind, wird von diesem Bannstrahl getroffen. Zwar wäre es für das genannte Blatt leicht, Marx selbst und Engels dazu auch zu »Vulgärmarxisten« zu stempeln, denn aus dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels, sowie aus der letzteren bekannten Schrift »Preußischer Schnaps im deutschen Reichstag«1 geht hervor, daß beide im Sinne strenger Abstinenten »Alkoholiker« waren. Aber heute, da beide stumm sind, lohnt es sich besser, sie zu Vorläufern der Bewegung für strenge Abstinenz zu stempeln.
Nun, für gewissenhafte Genossen ist es ein schweres Schicksal, bei jedem Schluck Wein oder Bier oder gar Likör, den sie zu sich nehmen, sich mit dem »durchbohrenden Gefühl« des Vulgärmarxismus bepackt zu wissen! Aber man muß solch Unglück eben mit Würde tragen.
Solch Unheil richten oft Schlagwörter an. –
Man sagt dem Schwabenlande nach, daß ein Nichtschwabe dort nicht leicht richtig »warm werden« könne. Nachdem ich etwa drei Jahrzehnte in diesem Lande verbracht, muß ich bekennen, daß es sich in der Tat so verhält und daß die wenigen Ausnahmen nur die Regel bestätigen. Obschon ich »nicht weit her«, das heißt gleich über der Nordgrenze Württembergs zu Hause bin, habe ich mich doch nur langsam in manche schwäbische Eigenart hineingelebt. Das hat mich nicht gehindert, die vielen und großen Vorzüge des Landes und Volkes zu erkennen und zu würdigen. Die Schwaben sind ein im allgemeinen tüchtiges, im besonderen arbeitsames und unternehmendes Volk, das mit Recht sehr stolz auf seine schöne und mit vielen romantischen Reizen ausgestattete Heimat ist.
Aber mit der »politischen Freiheit«, die am Schwabenlande so oft gerühmt wird, hat es seine eigene Bewandtnis. Gewiß – die Schwaben haben mit ihrem sich durch Jahrhunderte hinziehenden Kampf um ihre alte Verfassung, den Tübinger Vertrag von 1514, den anderen deutschen Ländern ein rühmliches Vorbild gegeben. Aber es kommt eben nicht auf den Buchstaben eines Gesetzes, sondern auf die im Lande herrschenden materiellen Machtverhältnisse und auf dessen geistige Verfassung an. Darum sind auch viele der hervorragenden Geister, an denen Württemberg so reich und auf die es mit Recht so stolz ist, den absolutistischen Gelüsten[66]  verschiedener Landesfürsten, sowie der Unduldsamkeit des Mucker- und Schreibertums2 zum Opfer gefallen. Die lange Reihe dieser Opfer fängt bei Frischlin an und geht über Johann Jakob Moser, Schubart, Schiller, Uhland und List bis auf Friedrich Theodor Vischer, Hermann Kurz, Robert Mayer, Georg Herwegh und Ludwig Pfau.
Merkwürdigerweise herrscht in dem Lande, das so viele Dichter und Denker hervorgebracht und dessen berühmter Sohn Uhland einst stolz einen preußischen Orden verschmähte, eine kleinliche Titelsucht, welcher durch eine ins Unendliche gehende Verleihung von Titeln Vorschub geleistet wird. Man könnte Württemberg das Land der Hofräte nennen.
Der Fremde, der heute in Württemberg das Land der Uhland, Hauff, Kerner und Schwab suchen wollte, würde arg enttäuscht werden. Diese Erscheinungen konnten nur auf einem kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Boden gedeihen. Heute rollt die Walze einer gewaltig auftretenden Industrie über das Schwabenland hinweg. Der Kleinbürger ringt in aussichtslosem Kampf mit dem Großkapital und der Bauer mit der Lederhose wird von den Fabrikanten dezimiert. Nicht Dichter und Philosophen sind heute die Größen des Landes, sondern Papier-, Hut-, Filz-, Maschinen- und Zichorienfabrikanten. Unter diesen Verhältnissen ist die schwäbische Poesie, verglichen mit derjenigen früherer Zeiten, heute ein verkrüppeltes, kümmerliches Geschöpf geworden.

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Auch die politischen Verhältnisse haben sich entsprechend geändert. Die Industrie mit ihrem Wachstum hat den Boden für eine moderne Arbeiterbewegung bereitet. Die alte Demokratie, die einst als »Volkspartei« sich dem ganzen Volke widmen wollte, bleibt heute innerhalb des engbegrenzten Gebietes bürgerlicher und kapitalistischer Interessen stehen. Ihre Erbschaft hat die Sozialdemokratie übernommen, die in energischem Klassenkampf für die Interessen des Proletariats eintritt, um auf diesem Wege zur Abschaffung der Klassenvorherrschaft überhaupt zu gelangen.
In den letzten Jahren ist die württembergische Sozialdemokratie in ihrer Weiterentwicklung durch höchst ärgerliche Streitigkeiten gestört worden. Die dadurch entstandenen Schwierigkeiten werden mit der Zeit überwunden werden.
Als ich nach so langer Abwesenheit in Norddeutschland mich wieder zu dauerndem Aufenthalt in Süddeutschland niederließ, heimelte mich zunächst alles an, was mir früher lieb gewesen, mir aber im Norden aus dem Gesichtskreis entschwunden war. Welch ein Vergnügen, als ich das erste Herbstfest mitmachen konnte! Die schwäbischen Herbstfeste gefielen mir nicht so wie jene in meiner fränkischen Heimat, die mir aus meiner Jugend erinnerlich waren. Zu Wertheim besaß eine meiner Tanten Weinberge am rechten Mainufer oberhalb der Stadt. Zur Zeit der Weinlese fuhr[67]  man auf festlich geschmückten bewimpelten Schiffen dahin und konnte sich einmal tüchtig an Trauben erlaben. Unten am Ufer bei den Schiffen standen die mächtigen Kufen, in denen die Trauben aufgehäuft wurden. Sie wurden von Knechten und Mägden »ausgetreten«3; die Knechte taten dies in hohen Stiefeln, die vorher am Flusse sorgfältig abgewaschen wurden; die Mägde hob man mit bloßen Füßen in die Kufen hinein, nachdem sie die Füße im Flusse gebadet. So wurde damals das Auspressen der Trauben besorgt und niemand nahm Anstoß daran. Des Abends fuhr man mit den Schiffen fröhlich den Main hinab nach der Stadt, wobei Raketen stiegen, Schüsse krachten und lustige Weisen gespielt, sowie entsprechende Lieder gesungen wurden. Die schwäbischen Herbstfeste trugen einen anderen Charakter; aber auch bei ihnen spielten Musik und Tanz eine Hauptrolle.
Der süddeutsche Wald, den ich so sehr geliebt, erschien mir nun nicht mehr großartig wie früher; ich hatte im Norden, namentlich in Schleswig-Holstein, im Oldenburgischen und am Harze. Waldungen gesehen, die üppiger waren als die süddeutschen. Um so mehr freute ich mich, wieder nach Belieben auf Berge steigen zu können, nachdem ich so lange in der Ebene gelebt.
In Württemberg und Baden war inzwischen eine neue Generation herangewachsen; von den alten Verwandten, Bekannten und Freunden waren viele gestorben; bei vielen anderen hatten die Sozialdemokratie und das Sozialistengesetz eine unübersteigbare Scheidewand zwischen ihnen und mir aufgerichtet, was ich bei den wenigsten bedauerte. Auf dem Friedhof zu Ladenburg am Neckar stand ich am Grabe des einstigen Pfarrers von Ziegelhausen, Christoph Schmezer; er war bei aller »Feuchtfröhlichkeit« zweiundachtzig Jahre alt geworden. Das Pfarrhaus am Neckar, das so lange der Mittelpunkt einer Welt von Fröhlichkeit. Humor und Poesie gewesen, war nun seines Reizes verlustig gegangen.
Der Name dieses bedeutenden Mannes, dessen astronomische Arbeiten einst in wissenschaftlichen Kreisen viel Beachtung und auch in Unterrichtsanstalten Verwendung fanden, ist heute nur noch wenig bekannt. Aber seine populäre Melodie zum »Herrn von Rodenstein« und zum »Enderle von Ketsch« erschallen heute noch überall, wo sich fröhliche Deutsche zum »löblichen Tun« des Altmeisters Goethe versammeln. Trotzdem hat ihn kein Konversationslexikon gewürdigt. Dagegen verfolgte ihn ultramontaner Haß noch zwanzig Jahre nach seinem Tode. Der »Pfälzer Bote« schrieb im April 1902 aus Ziegelhausen: »Die Jubiläumsfeier ist geeignet, einige geschichtliche Remiszenzen wachzurufen. Es war in den Revolutionsjahren, als auch ein großer Teil der Ziegelhäuser unter Führung des damaligen protestantischen Pfarrers revoltierten. Der damalige katholische Pfarrer und spätere Domdekan Weickum wurde sogar tätlich mißhandelt wegen seines loyalen Verhaltens und[68]  seiner Treue zu dem angestammten Herrscherhaus. – Damals ereignete es sich auch, daß abends ein jugendlicher, von den Revolutionären verfolgter Flüchtling in das ehemalige Forsthaus, jetzt katholisches Pfarrhaus, kam, um daselbst die Nacht zuzubringen. Schon in aller Frühe, vor Tagesanbruch, wurde derselbe von einem braven Mann, dem alten Waldhüter Schmitt über den Neckar gefahren, worauf er auf dem anderen Ufer seine Flucht fortsetzte. Der damalige Flüchtling feierte dieser Tage sein 50jähriges Regierungsjubiläum, es ist Se. Königl. Hoheit der Großherzog.« – Wenns wahr ist! Aber Christoph Schmezer war immer ein loyaler Staatsbürger.
In einem bürgerlichen Bekanntenzirkel wurde ich sauersüß empfangen und mußte es den Leuten noch zu ihren Gunsten anrechnen, daß sie sich dazu überhaupt aufschwangen. Als ich schied, begleitete mich einer ein Stück und frug sehr eindrücklich nach der Geheimorganisation der Sozialdemokratie. Ich tat erst, als hörte ich nicht; da er aber durchaus nicht nachließ, so frug ich endlich, warum er sich denn so sehr für diese Sache interessiere. Der Biedermann – ein Postbeamter – erwiderte darauf, er wolle die Sache der Regierung anzeigen; das sei seine Pflicht und diene zum Besten des Vaterlandes. Tief angeekelt wendete ich mich von so viel »Gesinnungstüchtigkeit« und – Schlauheit ab. –
In Cannstatt, resp. in Stuttgart, wohin ich nach anderthalb Jahren übersiedelte, arbeitete ich für den Dietzschen Verlag, namentlich für die von Bruno Geiser redigierte Zeitschrift »Neue Welt«. Auch bei der »Neuen Zeit, die damals in Stuttgart gegründet und wie jetzt, so auch damals von Karl Kautsky redigiert wurde, war ich längere Zeit ständiger Mitarbeiter. Bald ward auch der in Hamburg untergegangene »Wahre Jakob« wieder aufgetan, dessen Redaktion ich in den ersten Jahren allein und selbständig führte. Später übernahm der Verleger Dietz die Redaktion selbst, und ich blieb Mitarbeiter. Meine pekuniären Verhältnisse verbesserten sich von da ab beständig, da viel Mitarbeiterschaft für andere sozialistische Blätter hinzukam. Mit dem Falle des Sozialistengesetzes gestaltete sich mein Einkommen so, daß es für meine Bedürfnisse so ziemlich genügte.
Die Sozialdemokratie tat damals schwer im Schwabenland, wie man dort sagt. Die Bewegung war auch noch sehr klein. Der Reichstagswahlkreis Cannstatt, der 1912 den Sozialdemokraten Wilhelm Keil mit mehr als 20,000 Stimmen gewählt hat, gab 1884, als ich dort als Zählkandidat proklamiert war, 597 Stimmen für mich ab. Das Sozialistengesetz wurde im allgemeinen nicht so streng gehandhabt im Schwabenland, wie es anderwärts üblich; immerhin gab es eine große Anzahl von Verboten. Konfiskationen und Verhaftungen; an Verurteilungen wegen verbotener Schriften und wegen Geheimbündelei fehlte es auch nicht. Aber in Württemberg hatte die Sozialdemokratie mit einem äußerst rückständigen Spießbürgertum zu kämpfen, namentlich bei der »deutschen Partei«, wie sich die Nationalliberalen bescheiden getauft hatten. Die[69]  Dickköpfigkeit und Gehässigkeit dieses Spießbürgertums ließ es nicht erkennen, daß die Sozialdemokratie nicht eine »von Agitatoren künstlich gemachte«, sondern naturgemäß aus den Verhältnissen hervorgewachsene Bewegung ist. Die Organisationen, die politischen und die gewerkschaftlichen, waren in der Hauptstadt und im Lande noch klein, und ich habe damals durch zahlreiche Versammlungen in allen Landesteilen zu deren Stärkung und Ausbreitung mein Teil beigetragen.
Die Gegensätze zwischen »Eisenachern« und »Lassalleanern« waren überwunden. Dagegen gab es eine Menge anderer Differenzen. Übrigens kam es damals nur selten vor, daß sich die Differenzen innerhalb der Partei zu direkten persönlichen Feindschaften auswuchsen. Dies blieb mehr einer späteren Zeit vorbehalten.
Die »Neue Zeit« und die »Neue Welt« blieben von der Polizei unbehelligt. Dagegen war die sozialdemokratische (»farblose«) Lokalpresse in Stuttgart mehrfach von der Polizei unterdrückt worden. Erst dem Buchdrucker Georg Baßler gelang es, im »Schwäbischen Wochenblatt«4 ein Lokalorgan zu schaffen, dessen Bestand von Dauer war. Baßler, ein wohlbegabter und unternehmender Mann, hat der württembergischen Sozialdemokratie in den gefährlichsten Zeiten des Sozialistengesetzes große Dienste geleistet. Seine originelle urschwäbische Art ermöglichte ihm, mit seiner Propaganda in Kreise einzudringen, die anderen verschlossen waren. Auch verstand er sehr gut die Polizei zu täuschen, was damals sehr nützlich war.
Eine sehr interessante Persönlichkeit innerhalb der württembergischen Sozialdemokratie war der Patriarch von Untertürkheim, Albert Friedrich Benno Dulk. Ich hatte ihn auf dem Gothaer Kongreß von 1875 kennengelernt, wo er die Errichtung einer sozialdemokratischen Akademie beantragte, was abgelehnt wurde. Dulk stammte aus der »Stadt der reinen Vernunft« und war ursprünglich Apotheker; später studierte er noch Medizin und Naturwissenschaften. Seine politische Rolle begann er 1845 als Student in Leipzig, wo er am Grabe der Opfer des Gemetzels vom 12. August 1845 – auch Robert Blum und Wilhelm Jordan sprachen dort – eine feurige Ansprache hielt. Er ward aus Leipzig ausgewiesen und in Halle auf kurze Zeit verhaftet. In Breslau, wo er sein Doktorexamen bestand, wurde ihm nicht gestattet, an der Universität zu lesen. Er kehrte ins väterliche Haus nach Königsberg zurück und beschäftigte sich mit lyrischen und dramatischen Dichtungen. Johann Jacoby, Ludwig Walesrode, der damalige revolutionäre Demokrat Wilhelm Jordan, Robert Schweichel und verwandte Geister gehörten zu seinem täglichen Umgang. In diesem Kreise fand sein revolutionäres Drama »Orla« viel Anerkennung.[70] 
Es war während der Aufführung von Dulks Drama »Lea«5 im Königsberger Stadttheater Ende Februar 1848, als die Nachricht von der Revolution in Paris eintraf. »Die Sturmglocken der Freiheit läuten«, rief Dulk am Schluß der Vorstellung ins Publikum, das mit brausendem Jubel antwortete.
Dulk stürzte sich mit Leidenschaft in den nun auch in Deutschland sich erhebenden revolutionären Strudel. Er gründete ein Arbeiterblatt: »Der Handwerker«, das aber nur fünf Nummern erlebte. Die bald kommende Reaktion vertrieb ihn aus Deutschland. Er ging erst nach Ägypten und lebte dann, seinem Hange zur Einsamkeit folgend, sechs Monate in einer Höhle am Sinai, sich religionsphilosophischen Betrachtungen hingebend. Er war schon im Jahre zuvor aus der Kirche ausgetreten.[71] 


Nach Deutsch land zurückgekehrt6, verließ er die Heimat wieder, nach dem er sich verheiratet, und lebte acht Jahre in einem von ihm angekauften einsamen, hoch über dem Genfersee gelegenen Bauernhause, wo er sich mit dramatischen Arbeiten und philosophischen Studien beschäftigte. 1858 gab er die Einsamkeit auf und ließ sich in Stuttgart nieder. Er bewegte sich in den Kreisen der in Württemberg wieder einflußreich und mächtig werdenden bürgerlichen Demokratie. Nach und nach wurde er in Württemberg eine sehr populäre Persönlichkeit. Es umgab ihn ein romantischer Hauch, wie er heute kaum mehr vorkommt. Für die Schwaben blieb er aber immer ein exotisches Gewächs, und sie spannen ihn in eine Menge von Legenden ein. Am meisten angefeindet wurde er von dem in Schwaben so zahl- und einflußreichen Muckertum wegen seines Atheismus.
Zu seiner Popularität trugen auch Dinge bei, die weder mit Politik, noch mit Religion, noch mit Literatur zu tun hatten. Dulk war ein Natur- und Kraftmensch, der im strengen Winter im Flusse badete; so ist es erklärlich, daß ihn die Kraftleistung Byrons, der in einer Stunde und zehn Minuten die engste Stelle des Hellespont überschwommen, zur Nachahmung reizte. Im Sommer 1805 schwamm Dulk über den Bodensee an dessen breitester Stelle von Romanshorn nach Friedrichshafen, ohne das ihn begleitende Boot nur einmal zu benützen. Er schwamm sechseinhalb Stunden, und die Kraftleistung Byrons blieb sonach hinter der seinen weit zurück. Die Sache machte Aufsehen in den weitesten Kreisen7; sie ist auch heute noch in Schwaben nicht vergessen. Wo man hierzulande von Dulk sonst nichts mehr weiß, erzählt man doch noch davon, daß er den Bodensee durchschwommen hat.
Den stärksten romantischen Schimmer warf auf Dulks Lebenslauf sein Verhältnis zu den Frauen. Dulk war ein entschiedener Gegner der Einehe. Er nannte sie »eine Beschränkung der ihm innewohnenden Liebesfähigkeit, einen Käfig, der bloß aus Gittern von anderen, von Menschenhand geschmiedet«. Er wollte sich in den Käfig »nicht gutwillig einsperren lassen«, und er zerbrach seine Gitter. Er fand die Frauen, die auf seine Wünsche eingingen und mit ihm zusammenlebten. Eine Menge Legenden gingen über diese Sache im Volke um; einfältige Leute erzählten sich, der König habe ihm die Vielehe ausdrücklich erlaubt, was doch gar nicht in dessen Macht lag. Indessen kümmerte sich die Polizei, welche doch in Schwaben so eifrig auf Veranlassung der Mucker die Wahrung »bürgerlicher Moral« beitreibt, nicht um das Dulksche Familienleben, welches,[72]  so lange Dulk zur bürgerlichen Demokratie gehörte, lediglich ein Gegenstand des Kaffeee- und Wirtschaftsklatsches blieb. Als aber später Dulk zur Sozialdemokratie übertrat, änderte sich die Sache. Sein Familienleben gewann eine politische Bedeutung. Das Spießbürgertum hatte von jeher der Sozialdemokratie Vielweiberei und Weibergemeinschaft angedichtet; nun hieß es, wenn Dulk bei einer Wahl kandidierte, in den gegnerischen Zeitungen und Flugblättern: »Da sieht mans ja; das Zukunftsideal der Sozialdemokratie hat Dulk bereits verwirklicht!« Es ist nicht zu bestreiten, daß die Sozialdemokratie in ihrer Propaganda dadurch vielfach gehemmt worden ist, so sehr Dulk auch bemüht war, durch eine eifrige Tätigkeit in Wort und Schrift die Arbeiterbewegung zu fördern.8
Nach der Begründung des Deutschen Reiches ließ sich Dulk dauernd in Unterdürkheim bei Stuttgart nieder.9 Von da aus suchte er bald die Waldeinsamkeit auf, bald ging er auf Reisen, wie nach Norwegen und Lappland. 1873 trat er offiziell zur Sozialdemokratie über und zwar zu den Lassaleanern im Allgemeinen deutschen Arbeiterverein.
Sein Lebensgang vor dieser Zeit ist so ausführlich wiedergegeben, weil er den damaligen Parteigenossen wenig bekannt war und weil man seine Geistesarbeit zu wenig gewürdigt hat.
Er beteiligte sich nunmehr eifrig an der sozialdemokratischen Agitation, die ihn mehr befriedigte, als die Tätigkeit bei der bürgerlichen Demokratie, von der so viele bei der Reichsgründung zu den Nationalliberalen übergegangen waren. Aufsehen erregte seine Disputation mit dem Sozialistentöter Pfarrer Schuster 1875 in der Liederhalle zu Stuttgart.
Es kam die Zeit des Sozialistengesetzes. Dulk wurde kurz vor dessen Erlaß wegen eines Flugblattes, das er als Reichstagskandidat für Stuttgart herausgegeben, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, welche Strafe er in Heilbronn verbüßte.
Theobald Kerner erzählte mir, daß Dulk, als er aus dem Gefängnis kam, bei ihm erschienen und gesagt habe: »Jetzt haben wir das Sozialistengesetz; es bleibt uns nichts übrig, als eine neue Religion zu stiften.« Darauf habe er (Kerner) geantwortet: »Wenn Du es tun willst, so tu' es allein; ich mache nicht mit.« Es ist bekannt, daß Kerner gerne[73]  allerlei Witze machte, bei denen es mit der Wahrheit nicht so genau genommen wurde; unmöglich ist aber die Sache nicht. Als bald darauf der Freidenkerbund gegründet wurde, trat Dulk diesem bei, und unter seiner Leitung bildete sich die erste freie Gemeinde in Württemberg zu Stuttgart, der er sich mehr widmete, als der Partei.
Von Cannstatt, wo ich mich niedergelassen, kam ich oft mit ihm in Versammlungen zusammen; in seine Familie kam ich nicht, da ich viel ab wesend war und er schon 1884 starb.
Einen großen Teil der Zeit meines Aufenthalts in Schwaben habe ich in Cannstatt verbracht. Ein Hauptgrund war, weil es dort nicht so heiß und leichter eine billige Wohnung zu bekommen war, wie in Stuttgart. Sonst hatte die Stadt ihre Reize verloren, die sie früher zu einem berühmten Badeort und Sommeraufenthalt gemacht.10 Als ich im Jahre 1867 Cannstatt zum ersten Male sah, stand das Badeleben noch in der Blüte, und in der Saison tummelte sich eine fröhliche Menschenmenge bei den Klängen der Badekapelle auf der Insel im Neckar und im Kurgarten. Die aufblühende Industrie hat bald die Bedeutung Cannstatts als Badeort beseitigt. Immerhin blieb Cannstatt für die Fremden merkwürdig durch die beiden Königsschlösser Rosenstein und Wilhelma und den Kurgarten. Für die Einheimischen hat es noch eine besondere Anziehungskraft durch den roten Wein, der auf den steilen und sonnigen Anhöhen auf dem rechten Neckarufer wächst und »Zuckerle« genannt wird, was nicht bei allen Jahrgängen zutrifft.
Mich interessierte am meisten das Denkmal von Ferdinand Freiligrath auf dem Uffkirchhof. Der prächtige Kopf des »Trompeters der Revolution« ist von Donndorf meisterhaft wiedergegeben. Hierher pilgerte ich oft, wenn meines Lebens Bedrängnisse mich gar zu hart anfaßten, und schöpfte neuen Mut, wenn ich daran dachte, wie tapfer der Dichter in den »Fährten und Nöten« seines bewegten Erdenwallens sich gehalten. Sechs Jahre zuvor war er aus dem Leben geschieden, und ich bedauerte tief, daß ich zu spät gekommen, um noch den Zauber seiner Persönlichkeit auf mich wirken zu lassen. Hier hatte sich im »jungen Hasen«, wo Freiligrath wohnte, das lustige »trinkbare« Kleeblatt zusammen gefunden, dem »die drei Räte«, nämlich der Hof rat Theobald Kerner, der Oberbaurat Morlock11 und Freiligrath angehörten und welches durch den Oberamtsrichter und Dichter Ganzhorn von Neckarsulm vierblättrig wurde. In Freiligraths Gelegenheitsgedichten spiegelt sich das interessante Treiben dieser Tafelrunde, bei der auch Scheffel,[74]  Schmidt-Weißenfels und Ludwig Walesrode erschienen. Letzterer sagte immer, wenn die Rede auf Freiligrath kam, dieser habe bis zuletzt an seinen sozialistischen Anschauungen festgehalten. Bekanntlich wird heute noch, namentlich von literarischen Schulmeistern in Sachsen, bestritten, daß Freiligrath jemals der sozialdemokratischen Partei angehört. In den Nachschlagebüchern wird darüber zum mindesten mit Schweigen hinweggegangen. Von anderem abgesehen bildet die Tatsache, daß Freiligrath neben Marx und Engels dem Redaktionsstab der »Neuen Rheinischen Zeitung« angehört hat, einen unanfechtbaren Beweis für seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie. Diese Zugehörigkeit hat der Dichter nirgends abgeschworen, wenn er auch später vom politischen Leben sich zurückzog. Seine sechs Zeitgedichte von 1870 enthalten, wie ich an anderer Stelle dargetan12, nirgends eine Verleugnung seiner sozialdemokratischen Überzeugungen.
Als Freiligrath starb, erfuhr das behäbige Bürgertum von Cannstatt zum Teil erst, welch ein berühmter Mann am Platze gewohnt, als die Stadt Detmold ihren großen Sohn herausverlangte. Es wurde aber dann durchgesetzt, daß er in Cannstatt begraben wurde.
In Cannstatt setzte das Spießbürgertum der sozialdemokratischen Bewegung einen noch größeren Widerstand entgegen, als in Stuttgart. Besonders reaktionär zeigten sich trotz ihrer manchmal so traurigen Lage die Weingärtner (Wingerter), die schon 1848 wie ein Bleigewicht an der Volksbewegung hingen und dem Demokraten Ludwig Pfau wegen eines Gedichts in seinem Witzblatt »Eulenspiegel« bewaffnet in die Wohnung fielen und sie demolierten. Andere rückständige Elemente gab es unter den angesessenen Geschäftsleuten und Rentiers, die im ganzen Lande verschrien waren und daher einen aus alter Zeit überkommenen Spitznamen trugen.13
Zu Cannstatt gab es eine nicht unbedeutende bürgerliche Demokratie, die mehrmals das Reichstagsmandat eroberte. Die Demokraten lasen gerne das sozialistische »Schwäbische Wochenblatt« wegen dessen freimütiger Kritik der lokalen Verhältnisse; aber nicht alle wagten es zu abonnieren und so übernahm dessen Austeilung die behäbige Wirtin zum Rößle, die mehr Courage hatte, als die bei ihr verkehrenden demokratischen Philister. Ihr Mann, eine sehr lustige Persönlichkeit, war der Gegenstand jenes bekannten humoristischen Bildes, das sich auf die Kapitulation von Paris im Jahre 1870 bezieht. Das Bild wurde an Bismarck geschickt, der es aber nicht annahm, weil es nicht vorher angemeldet worden. Es[75]  erhielt alsdann durch den Lahrer »Hinkenden Boten« eine weite Verbreitung.14 Dieser Witz war ungleich besser als jener, den sich der »Hinkende Bote« früher mit Bismarck leistete. 1865 hatte er dessen Bild gebracht mit der Unterschrift: »Das ist Er!« und 1866. nachdem Süddeutschland besiegt war, brachte er es wieder mit dem Sprüchlein: »Exzellenz, wir haben nicht gewußt, daß in Ihrer Brust ein so großes deutsches Herz schlägt.«

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Aber es gab auch noch andere Demokraten, die sich nicht vor der Polizei fürchteten und entschlossen waren, die Sozialdemokratie in ihrem Kampfe gegen die übermächtige Reaktion zu unterstützen. Die Sozialdemokratie konnte bei der damaligen Handhabung des Sozialistengesetzes keine öffentliche Organisation bilden. Eine Anzahl radikaler bürgerlicher Demokraten bildete nun den »Neuen Volksverein«, und in diesen trat die Sozialdemokratie, die in Cannstatt einen Kern tüchtiger und politisch geschulter Arbeiter gesammelt hatte, ein. So blieb der Verein bestehen, und[76]  die tapfere Gesinnung jener Demokraten, die meist kleine Geschäftsleute waren und viel riskierten, muß unbedingt anerkannt werden, um so mehr, als die Sozialdemokraten im »Neuen Volksverein« kein Titelchen von ihren Prinzipien aufzugeben brauchten.
Der »Neue Volksverein« war wesentlich das Werk von Menrad Glaser, einem sehr begabten und eifrigen Schriftsetzer, welcher die sozialistische Bewegung in Cannstatt leitete und in der Folge mit mir befreundet wurde. Glaser, der sich die Eroberung des Cannstatter Landtagsmandats zum Ziel gesetzt hatte, suchte namentlich die zahlreiche Arbeiterschaft der »Reparatur«, der großen, in Cannstatt befindlichen Eisen bahnwerkstätte, für die Sozialdemokratie zu gewinnen. Die »Reparatur«, die bisher überwiegend nationalliberal gewählt hatte, auf diesem status quo zu erhalten, war der dort angestellte Arzt, Medizinalrat Dr. Blezinger, tätig, als Mensch und Arzt gleich vortrefflich, aber damals überzeugt, daß das Sozialistengesetz eine vortreffliche Einrichtung sei. Später dachte er anders, wie er mir oft gesagt hat. Dieser interessante Kampf zwischen Medizinalrat und Schriftsetzer endete mit dem völligen Siege des letzteren. Glaser wurde 1895 in den württembergischen Landtag gewählt, wo er erfolgreich wirkte. Leider wurde dieser verdienstvolle Sozialdemokrat und lautere Charakter, der das Vertrauen der Arbeiter in außerordentlichem Maße besaß und durch seine volkstümliche, echt schwäbische Art auch außerhalb der Partei viel Entgegenkommen fand, schon mit 43 Jahren vom Tode dahingerafft. Das Hinscheiden dieses mutigen Mitkämpfers, der mit seinem gesunden Menschenverstand das Richtige oftmals weit eher traf, als manch »gelehrtes Haus«, ward in der württembergischen Arbeiterschaft schwer empfunden.
Kaum war ich vom Kopenhagener Kongreß nach Cannstatt zurückgekehrt, als sich auch schon die Polizei regte. Ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und noch dazu ein Ausgewiesener, von dem »eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung« – laut polizeilicher Bescheinigung »zu besorgen«, im Ort – dem konnte der löbliche Oberbürgermeister nicht so ruhig zusehen. Ich erhielt eine Vorladung aufs Stadtschultheißenamt. Dort fand ich einen kleinen Mann vor, dem man das erhebende Bewußtsein, der »Oberbürgermeister« eines Städtchens von 20,000 Einwohnern zu sein, schon von weitem ansah. Er trat recht schneidig auf und begann alsbald mit der Vorlesung der drei Ausweisungsbefehle, welche die Polizeibehörden von Hamburg, Altona und Harburg mir nach Cannstatt nachgesandt hatten. Die Ausweisung konnte nämlich nur auf ein Jahr verhängt werden und wurde jedesmal nach dem Ablauf dieser Frist erneuert, worauf zu bescheinigen war, daß ich die Urkunde zugestellt erhalten. Die Vorlesung erfolgte mit großem Nachdruck, und bei dem Satze, daß ich eine Persönlichkeit sei, von der man »eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung« besorgen müsse, erhob sich die Stimme des Stadtoberhauptes zur höchsten obrigkeitlichen Feierlichkeit.[77] 
Nachdem das erste Aktenstück erledigt, sagte ich:
»Die Mühe des Vorlesens können Sie sich ersparen; ich kenne diese Schriftstücke sehr genau.«
»Sooo!«
»Es handelt sich«, fuhr ich fort, »um drei Unterschriften. Diese zu geben bin ich jederzeit bereit. In künftigen Fällen aber bitte ich Sie, mir die Urkunden durch einen Polizisten in meine Wohnung zu senden.«
»Wenn Sie vorgeladen werden, haben Sie zu erscheinen«, sagte er mit vieler Würde.
»Gewiß«, antwortete ich. »Aber wenn der Reichstag in Sitzung oder vertagt ist, brauche ich mich um polizeiliche Vorladungen nicht zu kümmern.«
»Das weiß ich«, knurrte er unwirsch.
Aber die Ausweisungsbefehle wurden mir von da ab ins Haus geschickt.
Damit hatte ich es mit dem Stadtgewaltigen verdorben, und er verfolgte mich mit allerlei Schikanen, wobei er indessen meist den kürzeren zog.
Trotz des Sozialistengesetzes war damals in Stuttgart, Cannstatt und Umgebung die sozialdemokratische Agitation eine sehr lebhafte. Sie war mit Gefahren verknüpft, denn viele Zusammenkünfte mußten geheim abgehalten werden, namentlich wenn es sich um Abrechnungen, Verbreitung des Züricher »Sozialdemokrat« oder dergleichen handelte. Es kam vor, daß die Landesversammlung der württembergischen Sozialdemokratie, die gewöhnlich hier im Zentrum des Landes stattfand, im Walde auf dem Kappelberg, zwischen Fellbach und Untertürkheim, abgehalten werden mußte. »In des Waldes tiefsten Gründen« fanden überhaupt viele Parteiversammlungen statt, wobei die Frauen einen eifrigen und zuverlässigen Wachtdienst versahen. Bei sehr vielen geheimen Versammlungen, die in Wirtschaften stattfanden, mußte der Wirt, wenn er nicht im Einverständnis war, über den Zweck der Zusammenkunft getäuscht werden, woraus sich, wenn die Versammlung von der Polizei gestört wurde, nachher je nach Umständen komische oder tragikomische Differenzen mit dem Wirt ergaben. Die jüngere Generation hat keine Ahnung von den Schwierigkeiten dieser Agitation. Wenn die Mitglieder des in Eßlingen längere Zeit tagenden Landes-Komitees eine Sitzung abhalten wollten, mußten sie sich einzeln in den Garten des Wirtshauses »zur Traube« schleichen, wo an der Gartenmauer ein Ecktürmchen mit einem kleinen Gemach stand. Dort berieten sie. Im übrigen zeichnete sich die schwäbische Polizei nicht durch Scharfsinn aus. So fand einst in Stuttgart eine geheime Versammlung behufs Abrechnung statt. Alle kompromittierenden Papiere, betr. die Beiträge zur verbotenen geheimen Verbindung und die Verbreitung verbotener Drucksachen, waren vorhanden. Wenn sie der Polizei in die Hände fielen, konnte sie uns tüchtig hineinlegen. Wir tagten im Saal einer bekannten Wirtschaft mitten in der Stadt. Vorsichtshalber war ein großes Faß Bier aufgelegt und darauf wollten wir für den Fall der polizeilichen Störung die Ausrede begründen, daß wir[78]  den Abschied eines Parteigenossen feierten, der eine längere Gefängnisstrafe anzutreten hatte. Ich sprach gerade, als die Tür aufgerissen wurde und der wohlbekannte, speziell mit der Sozialistenverfolgung betraute lange Fahnder-Fourier, von uns das »Leiden Christi« genannt, mit sechs anderen Ordnungsrettern hereinbrach. Sowie ich ihrer ansichtig wurde, änderte ich meine Rede mitten in dem Satze in einen Trinkspruch auf den ins Gefängnis gehenden Parteigenossen um. Der Fahnder-Fourier trat heran und frug mich nach dem Zweck der Versammlung und ich antwortete mit sicherer Überlegenheit: »Wir feiern den Abschied unseres Freundes So und So!«, wobei mir aber gar nicht wohl war, denn wenn wir nun durchsucht würden, so konnten wir uns darauf gefaßt machen, auf längere Zeit hinter die schwedischen Gardinen spediert zu werden. Der Vertreter der heiligen Hermandad sah mich erst scharf an, dann wurde er, als ich keine Verlegenheit verriet, unschlüssig, und endlich zog er sich in eine Ecke zurück. Wir schlossen die gefährliche »Abschiedsfeier« baldmöglichst und trugen das Belastungsmaterial ungestört nach Haus. Nachher erhielten wir eine Ordnungsstrafe von 30 Mark wegen unangemeldeter Versammlung.
Es gab auch Polizeibeamte, die so etwas wie ein demokratisches Gewissen hatten, die das Sozialistengesetz überhaupt nicht billigten und uns durchschlüpfen ließen, wo sie konnten. So kam es vor, daß bei einer in Eßlingen geheim stattfindenden Landesversammlung plötzlich ein Polizeikommissär unter uns erschien und sagte: »Etzel ischt's aber gnua!«, worauf wir uns schleunigst zerstreuten. Es kam weiter nichts nach. Zu Cannstatt saßen wir eines Abends, etwa zehn Mann, wegen Abrechnung in einem Zimmer des oberen Stockwerks einer Wirtschaft. Die Fenster waren der sommerlichen Hitze wegen offen. Da ertönte auf der Straße eine Stimme sehr laut:
»Etzet werd i des Nescht do obe emol ausnemme!«
»Der Polizeikommissär!« rief einer, und wir stürzten eiligst hinab in die Wirtschaft, denn wir hatten verstanden. Zehn Minuten später traf die Polizei ein und fand uns gemütlich beim Bier sitzend.
Um diese Zeit kam der in jener Zeit schier unglaubliche Fall vor, daß ich in dem alten Hohenstaufenstädtchen Waiblingen den Rathaussaal zu einer Wahlversammlung erhielt. Wie das zuging ist nicht uninteressant.
Die Waiblinger Spießbürgerschaft war nach der Revolution von 1848 musterhaft reaktionär geworden. Als 1850 der von Waiblingen gebürtige Wilhelm Binder, Redakteur des demokratischen »Neckardampfboot« in Heilbronn, vierfach wegen Preßvergehen angeklagt, vor den Geschworenen erscheinen mußte, war im »Schwäbischen Merkur« zu lesen:
»Verwahrung. Waiblingen. Der von hier gebürtige Wilhelm Binder, welcher in vier Kriminalprozesse vor dem Schwurgericht verwickelt ist, wohnt schon seit neun Jahren nicht mehr hier15 und hat die[79]  ihm angeschuldigten Handlungen auch nicht hier begangen. Den 18. Febr. 1850. Der Gemeinderat.«
Der Bösewicht kam auf den Asperg und hat seinen dortigen Aufenthalt in einer sehr interessanten Broschüre beschrieben, was die Waiblinger jedenfalls in ihrer Auffassung von seiner unheilvollen Verderbtheit bestärkt hat.
Ob sie nunmehr, nachdem inzwischen drei Jahrzehnte vergangen, sich schon von ihrem Schreck vor dem Rötlichen genügend erholt hatten, weiß ich nicht; es traten aber Umstände ein, welche sie bewogen, in einem Moment voll Selbstverleugnung sich dem ganz Roten zuzuwenden. Und das kam so.
Bald nachdem ich nach Cannstatt gekommen, wurde ich als Zählkandidat für den zweiten württembergischen Reichstagswahlkreis bestimmt. Es sollte nunmehr auch in Waiblingen, wo noch niemals eine sozialdemokratische Kundgebung stattgefunden, eine Wählerversammlung einberufen werden. Als nun ein Parteigenosse sich nach einem Saal umsah, erhielt er von zwei Waiblinger Bürgern die überraschende Mitteilung, daß wir für unsere Versammlung den Rathaussaal haben konnten; wir brauchten nur eine Eingabe an den Gemeinderat zu machen. Die überwältigende Mehrheit des Gemeinderates stehe nämlich mit dem Stadtschultheißen dermaßen »überzwerch«, daß sie aus reiner Bosheit und nur, um das Stadtoberhaupt zu ärgern, für die Überlassung des Rathaussaales stimmen würde.
Natürlich wurde die Eingabe gemacht, und richtig wurde uns der Rathaussaal bewilligt, trotzdem sich der Stadtschultheiß wie rasend geberdete, weil nun die Agitation der »Umsturzpartei« gleichsam offiziell auf dem Rathause gefördert werden sollte. Er wollte schlau sein und die Sache hintertreiben, indem er uns den Beschluß des Gemeinderates so spät mitteilte, daß der in der Eingabe gewünschte Termin für die Versammlung nicht mehr eingehalten werden konnte. Da kannte er uns aber schlecht, denn wir wiederholten einfach die Eingabe, verlangten einen anderen Termin, der Gemeinderat stimmte wieder zu, und so kam die Versammlung an einem Sonntagnachmittag zustande.
In Waiblingen gab es damals noch keine Industrie, einige Ziegeleien ausgenommen, die meist fremde Arbeiter beschäftigten, von denen wir nicht wußten, wie sie sich verhalten würden. Es begleitete mich daher etwa ein Dutzend Parteigenossen aus Cannstatt, denn es war schon oft vorgekommen, daß unsere Redner an solchen, von unserer Agitation noch unberührten Orten mit den »geistigen Waffen« gewisser Gegner, nämlich mit Prügeln bedroht oder wirklich traktiert worden waren. Als wir in Waiblingen ankamen, erfuhren wir sogleich, daß von den dort wohnhaften Arbeitern keiner zur Versammlung kommen würde, denn die Versammlungen auf dem Rathause seien »nur für die Herren«. In der Tat fanden wir, als wir den Rathaussaal betraten, die Hautevolee des Städtchens dort versammelt, nämlich die Beamtenschaft und einige Kaufleute, die[80]  mit überaus ernsten und strengen Gesichtern in den ersten Reihen saßen; hinter ihnen saß neugierig das mittlere und Kleinbürgertum. Arbeiter waren gar keine da; von den Gemeinderäten, die uns den Saal verschafft, machte sich auch keiner bemerkbar. Der Stadtschultheiß tat sich durch eine besonders strenge und grimmige Miene hervor. Es herrschte eine unheimliche Stille in dem dicht besetzten Saal. Man sah es den »Honoratioren« der Waiblinger an, daß sie uns als Verbrecher betrachteten und hofften, daß die Gelegenheit nun kommen werde, uns moralisch zu vernichten.
Ich konnte kaum das Lachen verbeißen und beschloß, mit diesen Philistern mir einen Spaß zu machen.
Glaser eröffnete die Versammlung, stellte mich als den Reichstagskandidaten der sozialdemokratischen Partei vor, und ich begann meine Rede, die während ihrer ganzen Dauer lautlos angehört wurde. Ich habe niemals bei meinem öffentlichen Auftreten die Ziele der Sozialdemokratie verschleiert, aber ich habe auch nie verfehlt, die uns angedichteten Absichten der allgemeinen »Verungeniererei« eben so entschieden abzulehnen. Hier, das sah ich, war absolut nichts zu gewinnen. Ich verschleierte zwar nichts von unseren Grundanschauungen, aber ich vermied jeden etwa verletzenden Ausdruck, jede schärfere Kritik, stellte die sozialpolitische Entwicklung in unserem Sinne als etwas ganz Selbstverständliches hin und erreichte damit für meine Rede eine so glatte und »maßvolle« Form, daß die Waiblinger Philister ganz irre wurden. Ihre Gesichter wurden immer länger. Ich hatte ganz richtig kalkuliert; diese Leute, die nur den »Schwäbischen Merkur« oder ihr Amtsblättchen lasen, hatten erwartet, vom »Umsturz«, vom »Teilen«, von der »Zerstörung der Ehe und Familie« und von der »Weibergemeinschaft« zu hören, und nun hörten sie etwas ganz anderes, sie sogar oft recht sympathisch Anmutendes, worauf sie gar nicht vorbereitet waren. Da war es nichts mit der »moralischen Vernichtung«. Als ich geendet, entstand erst ein Schweigen der Verlegenheit und Glaser sagte mir lachend ins Ohr: »Das war ja so aalglatt, daß es keiner anfassen kann.«
Allein die politische Ehre der Waiblinger Bürgerschaft erforderte doch eine Erwiderung, und ein alter Schulmeister entschloß sich dazu. Man konnte wohl sehen, wie sauer es ihm wurde. Der Sinn seiner Rede war, daß, was ich gesagt, »nicht ohne« sei, daß man mich aber trotzdem nicht wählen könne, weil ich eben zur Sozialdemokratie gehöre. Man sah der Versammlung an, daß sie diese Erwiderung sehr schwach fand.
Nach Schluß der Versammlung kam der Stadtschultheiß zu mir und sagte: »Wenn ich nur die Wahl hätte zwischen dem demokratischen Kandidaten und Ihnen, so wurde ich Sie wählen.« Diese Äußerung wurde aufgeschnappt und als »hochbedeutsam« im demokratischen »Beobachter« veröffentlicht, woran sich eine Polemik knüpfte, die auch recht spassig war.[81] 
Fußnoten

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1 In dieser Schrift findet sich sogar der überaus ketzerische Satz, daß Länder, wo Wein wächst, mehr zu revolutionären Bewegungen geneigt seien, als andere.

2 Schreiber nennt der schwäbische Volksmund die Bureaukraten.

3 »Traubentrippler«.

4 Als auf dem Kopenhagener Kongreß die »farblosen« Parteiblätter von einigen Wichtigtuern als »Wurstblätter« bezeichnet wurden, sagte Baßler: »Mir hent au so e Wurschtblättle, wo i der Oberwurschtler bi.« Diese selbstgewählte Titulatur blieb dauernd an ihm hangen.

5 »Lea«, eine Dramatisierung der Hauffschen Novelle »Jud Süß«, ist die einzige dramatische Arbeit von Dulk, welche aufgeführt wurde.

6 Dulk, eine männlich schone, stattliche Erscheinung, diente dem berühmten Maler Kaulbach als Modell zu dem Shakespeare auf dem Bilde: »Das Zeitalter der Reformation« im Treppenhause des Neuen Museums zu Berlin, sowie zu einer Beduinengestalt, die zu einer anderen Freske dort gehört.

7 Am Ufer von Friedrichshafen erwartete ihn Theobald Kerner, mit dem er befreundet war. Dulk wälzte sich auf der Erde und klagte sehr über Schmerzen, die ihm die gewaltige Anstrengung verursachte. Darauf antwortete der allezeit witzige Kerner: »Ja, lieber Dulk, warum bischt denn eigentlich über de Bodesee gschwomme?«

8 Eine eingehende und von tiefem Verständnis zeugende Würdigung von Dulks Dichtungen, seiner philosophischen Gedankenarbeit und seiner politischen Tätigkeit enthält sei ne Biographie von Ernst Ziel, welche der von diesem veranstalteten Ausgabe von Dulks sämtlichen Dramen (Stuttgart, J. H. W. Dietz. 1893) voransteht. Hier ist auch das Liebes und Familienleben Dulks in seiner und zarter psychologischer Vertiefung dargestellt. Diese vortreffliche Arbeit ist um so wertvoller, als ein gewisses Banausentum tat, als könne man Dulk überhaupt nicht ernst nehmen. Solch Banausentum gibt es nur zu viel. So hörte ich die Tochter eines bekannten demokratischen Politikers sagen, Ludmilla Assing sei eine lächerliche Persönlichkeit gewesen, weil sie einen altmodischen Hut getragen. Und doch war Ludmilla Assing, die sich der Freundschaft und Verehrung von Alexander von Humboldt, Varnhagen, von Ense und Lassalle erfreute, eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit.

9 Der Eßlinger Gemeinderat überließ ihm eine Blockhütte oberhalb Eßlingen, wo er sich oft aufhielt.

10 Balzac war einer der ersten Badegaste gewesen.

11 Der Schöpfer des einst so berühmten Stuttgarter Bahnhofs. Er erzählte mir Scheffel habe ihn nach seinem Landhaus Mettnau bei Radolfzell eingeladen. Dort habe man erst »scharf gezecht«, und als der Gast sich im Turmstübchen zur Ruhe begeben, sei noch spät jemand die Treppe hinaufgepoltert. Das sei Scheffel gewesen, der dem Gast noch einen großen Krug Seewein als »Nachttrunk« gebracht. Da sei es auch dem »trinkbaren« Oberbaurat zu viel geworden, und er habe sich am anderen Morgen baldmöglichst davongemacht.

12 Neue Zeit 1910, Die Freiligrath-Legende.

13 Man nannte und nennt sie »Felbenköpfe«, nach dem verdickten oberen Teil des Stammes der Weide (Felbe). – Noch in jüngster Zeit kam es vor, daß einem Wirt in Cannstatt von Angehörigen der bürgerlichen Intelligenz der Boykott angedroht wurde, weil er an einer von bürgerlichen Wirten errichteten Genossenschaftsbrauerei beteiligt war. Das dort gebraute Bier galt jener Intelligenz einfach als »Genossenbier«.

14 Das Bild vom Rößlewirt vor Paris ist neu erschienen im Verlag der Hofbuchhandlung von R. Reitzel in Cannstatt.

15 In der Anklageschrift hieß es, Binder sei in Waiblingen wohnhaft.




Sozialreform, Spitzel und Anarchisten










Im Reichstage begann 1883 die Beratung der von Bismarck angekündigten Sozialreform, die aus dem Kranken- und Unfallversicherungsgesetz bestand. Wir waren mit dem Grundgedanken dieser Gesetze einverstanden, aber wir hielten die von der Regierung ausgearbeiteten Vorlagen für ungenügend und viele Bestimmungen für viel zu bureaukratisch. Im Interesse der Arbeiter machten wir den Versuch, die Gesetze zu verbessern, obwohl wir uns einer geschlossenen Mehrheit gegenüber befanden und nicht einmal zu der vorberatenden Kommission zugelassen wurden. Die Fraktion arbeitete zunächst zum Krankenversicherungsgesetz achtundsechzig Verbesserungsanträge aus, die als »Antrag Blos und Genossen« zusammengefaßt und eingereicht wurden.1 Sie wurden von der Mehrheit grundsätzlich abgelehnt, und als die Hälfte von ihnen unter den Tisch gefallen war, zog ich im Auftrag der stimmten dagegen, desgleichen die Fortschrittspartei. Die süddeutsche Volkspartei stimmte dafür.
Beim Unfallversicherungsgesetz ging es ähnlich zu. Wir stimmten auch gegen diese Vorlage.
Diese Abstimmung ist vielfach mißdeutet und mißverstanden und gegen uns die Beschuldigung erhoben worden, wir hätten Negation um jeden Preis getrieben und hätten die in den Vorlagen gemachten Zugeständnisse an die Arbeiter abgelehnt, nur weil eben diese Zugeständnisse von der Regierung gemacht worden. Dies war gänzlich falsch. In unseren Verbesserungsanträgen lag ja der Beweis, daß wir keine Politik der »reinen Negation« treiben wollten; auch hatten wir uns die sehr eifrig an der Beratung beider Gesetze beteiligt, und fast alle Fraktionsmitglieder hatten dazugesprochen. Zunächst hatten uns die bureaukratischen Bestimmungen, die wir vergebens zu verbessern oder auszumerzen versucht, abgestoßen. Die Fraktion hatte mich für die dritte Lesung der Gesetze beidesmal zum Generalredner bestimmt, und ich charakterisierte das Krankenversicherungsgesetz dahin, daß es von den Arbeitern viel weniger als eine hilfsbereite Handhabe, denn in vielen Fällen als eine Belästigung empfunden werden würde. Bei der dritten Lesung des Unfallversicherungsgesetzes wendete ich mich »vorwiegend gegen die besondere Gestalt dieser Sozialreform2, gegen die Organisierung der Unternehmer in den Berufsgenossenschaften unter gleichzeitiger Verweigerung und[85]  Vernichtung jeder Arbeiterorganisation, gegen die einseitige Hervorkehrung der Versicherung vorübergehend oder dauernd Arbeitsunfähiger und Vernachlässigung des Arbeiterschutzes für die noch rüstigen Teilnehmer am Produktionsprozeß«, und am Schlusse charakterisierte ich die Stellung der sozialdemokratischen Fraktion mit den Worten:
»Wir hätten einer vollständigen und umfassenden Sozialreform mit dem größten Vergnügen unsere Unterstützung geliehen; allein sie hätte zunächst beginnen müssen mit etwas, was wir gar nicht genug betonen können, nämlich mit dem Normalarbeitstag. (Sehr richtig!) ... In den Massen faßt man eine Sozialreform gar nicht anders auf, denn als eine Beschränkung der Vorrechte der besitzenden Klassen. Wenn Sie diese Vorrechte beschränken wollen; so können Sie nicht Gesetze der Art, wie Sie sie jetzt gemacht haben, den Arbeitern darbieten, Gesetze, in denen schließlich die Vorrechte der besitzenden Klassen besser gewahrt sind, als die Interessen der arbeitenden Klassen selbst.«
Die Abstimmung gegen das Kranken- und das Unfallversicherungsgesetz ward uns aber erleichtert durch andere Umstände. Diese sozialpolitischen Gesetze sollten das »Zuckerbrot« sein, mit dem Bismarck die durch die »Peitsche« des Sozialistengesetzes getroffenen Arbeiter der Sozialdemokratie abspenstig machen wollte und für seine Politik zu gewinnen suchte. Dies gelang aber nicht, so sehr man auch die Arbeiter mit Schmeicheleien und Lockungen bedachte. Später, bei der Beratung des Invaliditäts- und Altersversorgungsgesetzes ging ein Minister so weit, daß er mit Emphase ausrief: »Liebet die Brüder!« Dabei war dieser Minister, Herr von Bötticher, während des Sozialistengesetzes einer der bösartigsten Verfolger der sozialistischen und klassenbewußten Arbeiter gewesen. Diese billigten daher unsere Abstimmung durchaus. Sie wollten ihr natürliches Recht auf Freiheit, auf Schutz gegen kapitalistische Ausbeutung und auf Emanzipation ihrer Klasse überhaupt nicht gegen das Linsengericht dieser »Bettelreform«, wie sie genannt wurde, verkaufen.
Trotz alledem war das Zustandekommen dieser Gesetze in erster Linie das Verdienst der verfolgten und geächteten Sozialdemokratie, welche unablässig staatliche Maßnahmen zum Schutze der Arbeiter gegen industrielle und agrarische Ausbeutung gefordert und betont hatte, daß die Arbeitskraft unseres Volkes sein kostbarstes Gut sei, das nicht durch kapitalistischen »Raubbau« gefährdet werden dürfe. In diesem Sinne hat auch Vollmar als Fraktionsredner bei der ersten Beratung des Unfallversicherungsgesetzes gesagt:
»Allerdings sind wir die Anstifter, denn ohne uns, ohne die hochgehende sozialistische Bewegung wäre es weder der Regierung, noch den Herren auf der linken Seite je eingefallen, sich überhaupt auf das Gebiet der Arbeitergesetzgebung zu begeben.«
Sogar Bismarck hat es öffentlich zugestanden, daß die sozialpolitische Gesetzgebung ihre Existenz der Sozialdemokratie verdankt und hat uns in diesem Sinne »ein ganz nützliches Element« genannt.[86] 
Die großindustrielle Bourgeoisie nahm die Gesetze knurrend an, aber sie nahm Bismarck diese kümmerlichen Zugeständnisse an die Arbeiter sehr übel; sie behauptete später, sie sei durch dieselben in ihrer Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem Auslande beschränkt worden, und die Gesetze hätten überhaupt nur die Sozialdemokratie gefördert. So hatte sich Bismarck mit seiner »Sozialreform« einstweilen zwischen zwei Stühle gesetzt. –
Die »milde Praxis« hörte bald auf. Dagegen trat der preußische Polizeiminister von Puttkamer bei der Verfolgung und Drangsalierung der Sozialdemokratie so brutal und gehässig auf, als nur irgend möglich. Dieser fossile Junker charakterisierte sein Polizeisystem selbst am besten durch den in seinem Strike-Erlaß enthaltenen Ausspruch: »Hinter jedem Strike lauert die Hydra der Revolution!« Ganz Deutschland wurde mit einem Netze von Spionage überzogen, dessen Fäden von Berlin ausgingen, wo sich der Mittelpunkt der Reichspolizei befand. Unter die Spitzel mischten sich zahlreiche agents provocateurs oder Lockspit zel, wie der Dichter Henckell dies Wort trefflich verdeutschte. Wer sich für die Details dieses Spionagesystems interessiert, der findet sie in dem von Auer verfaßten Schriftchen: »Nach zehn Jahren. Material und Glossen zur Geschichte des Sozialistengesetzes.« Speziell über das Berliner Spitzelwesen enthält reichliches und erschöpfendes Material die Broschüre von Eugen Ernst: »Polizeispitzeleien und Ausnahmegesetze 1878–1910.«
Der spätere Geschichtsschreiber wird staunen, daß in einem mitteleuropäischen Lande im 19. Jahrhundert noch solche Dinge vorkommen konnten. Wir hatten nichts anderes erwartet. Bismarck und Puttkamer haben die Polizeiwirtschaft des alten Bundestages nicht nur ins Deutsche Reich herübergenommen, sondern sie weit übertroffen.
Nichts ist charakteristischer für jene Episode, als daß »Sozialreform« und Spitzelsystem, resp. Lockspitzel nebeneinander hergingen.
Hier sollen nur diejenigen Polizeiaffären eingehend behandelt werden, mit denen ich mittelbar oder unmittelbar in Berührung gekommen bin.
In Berlin konnten wir bald beobachten, daß wir Abgeordnete von einem Heer von Spitzeln umschwärmt waren. Es waren nicht etwa reguläre Polizisten, sondern zweifelhafte und korrumpierte Elemente, die sich für diesen traurigen Beruf anwerben ließen und dafür einen Taglohn von zwei Mark erhielten. Im Volksmund hieß man sie »Zwanziggroschenjungens«. Sie nisteten sich im Reichstagsgebäude – damals noch Leipziger Straße 4 – ein; sie schlichen auf den Korridoren und lauschten an den Türen der Fraktionszimmer. Auf den Tribünen saßen sie als Zuhörer oder »Journalisten«. Nach Schluß der Sitzungen erwartete ein Schwarm solcher Subjekte am Eingang des Reichstagsgebäudes die zu observierenden Abgeordneten und hing sich an ihre Fersen, um sie überallhin zu begleiten, auf Spaziergängen, in die Gasthäuser usw., bis die Betreffenden in ihren Wohnungen verschwanden. Verließen sie am[87]  Morgen die Wohnungen, so standen die Spitzel schon in aller Frühe vor der Haustür und verfolgten die Abgeordneten bis zum Reichstagsgebäude. So standen wir von früh morgens bis spät abends unter Polizeiaufsicht.
Die Regierung tat als wisse sie von diesen Dingen nichts. Als der Abgeordnete Grillenberger darüber interpellierte, antwortete der Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Herr von Bötticher, er könne darüber keine Auskunft geben; man möge ihm doch einen solchen Spitzel herbringen.
Übrigens wurden die polnischen Abgeordneten, sowie die Elsässer Protestler ganz so polizeilich überwacht wie wir.
Später, als einmal die Tribünen im Reichstage – namentlich die Journalistentribüne – gerade von einem Schwarm von Spitzeln besetzt waren,3 die nicht draußen warten wollten, erhob sich plötzlich der Abgeordnete Liebknecht, deutete hinauf und zeigte dem Reichstag den Unfug an. Wie ein Schwarm aufgescheuchter Krähen verließen die Spitzel hastig die Tribünen und als jemand rief: »Sie sind fort!« antwortete Liebknecht: »So haben sie immer noch mehr Schamgefühl, als diejenigen, die sie hergeschickt haben!«
Der Reichstag geriet in lebhafteste Bewegung, aber ein Beschluß wurde nicht gefaßt. Dagegen nahm sich Herr von Levetzow, der Präsident des Reichstages, der Sache an. Er ließ die Spitzelgesellschaft hinausweisen. Der Bureaudirektor Knaack, ein ebenso frommen Mann, wie sein Verwandter, der »Sonnenschieber« Knaack,4 mag eine ansehnliche Nase von dem Präsidenten bekommen haben, weil er den Unfug geduldet hatte.
Dieser Knaack trat gegenüber den Sozialdemokraten und auch gegenüber anderen Oppositionsparteien sehr anmaßend auf, was der Reichstag duldete.
Auch ich, hatte natürlich einen speziellen Spitzel hinter mir, der schon in aller Frühe vor der Haustür lauerte, was meinem Hauswirt Veranlassung gab, sich spöttisch bei mir darüber zu bedanken, daß sein Haus so gut bewacht sei.
Diese Überwachung hatte den Zweck, ausfindig zu machen, wer in Berlin mit uns verkehrte. Da über Berlin der »kleine Belagerungszustand« verhängt war, so konnte die Polizei jedermann ausweisen, von dem sie »eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung« besorgen zu sollen glaubte. Diese »Sorge« zu erwecken reichte es aus, wenn man für die Sozialdemokratie tätig war oder mit bekannten Sozialdemokraten verkehrte. Wir Abgeordneten waren durch einen eigenen Beschluß des Reichstages vor der Ausweisung geschützt, da die Polizei so dreist war, zu versuchen, auf diesem Wege unsere Mandate unwirksam zu machen. Mit den Gründen für die Ausweisung machte es sich die Polizei[88]  damals sehr leicht. So wurde ein Zigarettenarbeiter namens Stahl ausgewiesen, weil er in einer Wahlversammlung gesagt hatte: »Ich wähle Hasenclever!« Sogar die Nationalliberalen erschraken über diese Polizeiwillkür und Lasker erhob im Reichstage, freilich vergeblich, Beschwerde. Es läßt sich erklären, daß sich viele Leute, namentlich solche, die etwas zu verlieren hatten, vom Verkehr mit uns sorglich fernehielten. Aber es gab auch andere, die sich vor der Polizei nicht fürchteten und unsere Gesellschaft suchten. Verschiedene Wirte sahen es nicht gerne, wenn wir häufig bei ihnen verkehrten.

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Dazu kam, daß sich verschiedene Lockspitzel an uns herandrängten und sich für eifrige Sozialdemokraten ausgaben. Wir konnten sie nicht immer gleich erkennen. Mit der Zeit wurden sie alle entlarvt. Aber es war doch sehr gut, daß später im Züricher »Sozialdemokrat« die »eiserne Maske« auftrat und die Spitzel an den Pranger der Öffentlichkeit nagelte. Diese Persönlichkeit, die durch ihre Stellung genau Kenntnis von den Vorgängen im Polizeipräsidium hatte, wurde uns mit der Zeit überaus nützlich. Wir erfuhren, daß die Spitzelei bis ins kleinste ging. So wurde uns eine Meldung nach dem Polizeipräsidium im Original gezeigt, welche lautete: »Herr von Vollmar soeben auf dem Anhalter Bahnhof angekommen.«
Mehrere Personen, mit denen ich erst arglos verkehrte, wurden zu meinem Erstaunen als Spitzel bloßgestellt. So ein gewisser Nix, der sich für einen Seemann, wenn ich mich recht erinnere, ausgab und in einem kleinen Zirkel von Berliner Parteigenossen verkehrte, wo Frohme und ich uns öfter einfanden. Er spielte den Biedermann und Schöngeist und las uns manchmal lyrische Gedichte harmlosester Art vor. Plötzlich führte ihn die »eiserne Maske« im »Sozialdemokrat« als wohlbestellten Spitzel vor, und da ihm sein Steckbrief plötzlich vor die Nase gehalten wurde, erschrak er dermaßen, daß er stotternd eingestand. Ein ehemaliger bayerischer Offizier namens Trautner ließ sich bei mir im Reichstage melden und teilte mir mit, daß er wegen Majestätsbeleidigung verfolgt werde und sich sehr in acht nehmen müsse. Zuerst erzählte er, daß er eine Audienz beim Kriegsminister nachgesucht habe, dem er das Modell eines neuen Armeerevolvers vorlegen wolle. Ich war so arglos, ihm abzuraten. Bald darauf schrieb ihn die »eiserne Maske« unter Angabe seines Sündenlohnes als Spitzel aus. Auch er gestand später. Ein gewisser Schwennhagen (eigentlich Schweinhagen), der viele Vorträge hielt, traf auch öfter mit mir zusammen. Er spielte den eifrigen Sozialdemokraten und hatte für seine Vorträge einen Preiskurant: Ein »altes Rom« = 10 Mk.; eine »moderne Gesellschaft« 12 Mk. usw. In Pforzheim gelang es ihm, die Parteigenossen dermaßen für sich einzunehmen, daß sie ihn ganz neu equipierten und ihm noch eine beträchtliche Summe in bar dazu gaben. In Braunschweig logierten wir einmal wegen Überfüllung des Hotels in einem Zimmer, und ich hätte niemals den Spitzel in ihm vermutet, als welcher er bald darauf entlarvt wurde. –[89] 
Der Zentrumsabgeordnete Birkenmayer, Landgerichtsrat in Waldshut, mit dem ich aus meiner Studentenzeit bekannt war, machte eines Tages mit mir aus, daß wir ein Glas Bier miteinander trinken wollten. »Mit Vergnügen«, sagte ich, »aber Sie müssen meinen »Schatten« mit in den Kauf nehmen.« Lachend ging er darauf ein, und wir gingen in ein Münchener Bier-Restaurant. Ich stellte in Aussicht, daß ich den Spitzel »versetzen« werde; zu diesem Zwecke hatte ich ein Münchener Restaurant bestimmt, wo das Bier teuerer war. Es kam dort auch noch der demokratische Abgeordnete Retter von Ellwangen, ein sehr origineller Kauz, zu uns. Wir unterhielten uns gut, und der Spitzel, dem es draußen zu langweilig wurde, kam endlich herein und bestellte sich ein Glas Münchener. Die Kollegen amüsierten sich sehr ob seines »konfiszierten Gesichts«. Endlich nahm ich Stock und Hut und ging ab; der Spitzel stürzte eilig sein Glas hinab und folgte mir unter dem Gelächter der anderen. Nachdem ich mich ein Stückchen von dem Lokal entfernt, kehrte ich zurück und ging wieder hinein. Der Spitzel postierte sich nun am Eingang und wartete. Ich hatte vorausgesetzt, daß er nicht wieder hineingehen würde, weil ihm das Münchener Bier zu teuer war bei seinem Zwanziggroschen-Tagelohn. Das Lokal aber hatte, wie ich wußte, zwei Ausgänge, und ich verschwand nun durch den anderen. Als die beiden Kollegen weggingen, wartete der Spitzel immer noch geduldig. Birkenmayer sprach später manchmal von der Sache und wie amüsant es für ihn gewesen, auch einmal eine Stunde unter Polizeiaufsicht zu sein.
Aber es kam einmal auch anders. Mein leider so früh verstorbener Freund Dahms, damals Redakteur des »Bazar«, lud mich eines Sonntags ein, mit ihm eine bürgerliche Familie zu besuchen, deren Haupt ein alter Achtundvierziger namens Matern war und mich kennen lernen wollte. Er besaß ein Gütchen in Johannisthal, wohin er sich mit seiner Familie fast jeden Sonntag begab. Wir verlebten dort einen sehr schönen Nachmittag mit der Familie Matern. Der Alte, der in der Stadt eine Fabrik von Portefeuillewaren betrieb, konnte sehr interessant aus den Märztagen von 1848 erzählen, namentlich von dem in Berlin bekannten Barrikadenhelden Hesse, einem Tischler aus Halle, der so tapfer auf einer Barrikade am Alexanderplatz focht, aber seinen Ruhm sehr beeinträchtigte, indem er später Schutzmann wurde. 1884 lebte er noch und ward von Matern unterstützt. In alten Werken findet man ihn öfter mit einem Lorbeerkranz abgebildet, was daran erinnern soll, daß seine Kampfgenossen, von seiner Tapferkeit begeistert, ihm während des Gefechts einen Kranz aufs Haupt gesetzt hatten.
Matern fürchtete sich nicht vor der Polizei, obschon ich dem Alten mitgeteilt hatte, daß mein »Schatten« mich jedenfalls bis an die Tür des Gutes begleitet haben werde. Es war auch so, aber der Späher kümmerte sich nicht um die behäbig-bürgerlich aussehende Familie Matern, sondern nahm sich mei nen Freund Dahms aufs Korn, den er für einen gefährlichen Sozialisten hielt. Als wir uns trennten, schlich er hinter[90]  Dahms her, um dessen Wohnung auszubaldowern. Dahms wohnte in der Naunynstraße bei dem sogenannten Buden-Engel, einem reichen Holzhändler Namens Engel, dem die Verkaufsbuden auf dem Dönhoffsplatze gehörten; daher sein Spitzname, den ihm die Marktfrauen gegeben. Dahms war Hauslehrer seines Sohnes.
Am anderen Morgen ging Dahms ahnungslos aus und war noch nicht lange fort, als der Polizeileutnant des Reviers erschien und der erstaunten Frau Budenengel ankündigte, er müsse in der Wohnung des bei ihr hausenden »sozialdemokratischen Agitators« eine Durchsuchung vornehmen. Obschon eine solche in Abwesenheit des Bewohners, wenn derselbe nicht entflohen, eigentlich unzulässig, wurden doch die Sachen von Dahms von den Schutzleuten gründlich durchwühlt. Zwar wurde nichts Verdächtiges gefunden, aber die Frau Budenengel war über den ausgestandenen Schreck so empört, daß sie Dahms die Hauslehrerstelle kündigte. Sie wollte nicht das »sozialdemokratische Gift« in ihrer Familie eingeschmuggelt haben.
Dahms war nicht weniger empört und ging sogleich zum Polizeipräsidenten Madai, den er persönlich kannte. Aber dieser antwortete achselzuckend: »Vermeiden Sie den Verkehr mit Sozialdemokraten; dann werden Ihnen solche Dinge nicht passieren.«
Dahms war ein feingebildeter und liebenswürdiger Mensch, der wie viele Berliner Journalisten innerlich mit dem Sozialismus warm sympathisierte, aber seinen Erwerb in der bürgerlichen Presse zu suchen genötigt war. Der Moloch der bürgerlichen Zeitungs-Industrie verschlang ihn in seinen besten Jahren. In seinem gastfreien Hause habe ich viele schöne Stunden verlebt, namentlich in den literarischen Gesellschaften, die er gab. Dort habe ich Sudermann, Frau Janitscheck, Frl. Marriot (Matajah), den Dramatiker Gensichen, Fritz Mauthner und viele andere interessante Erscheinungen der damaligen literarischen Welt Berlins kennengelernt.
Die feinsinnige Gattin Dahms', zu der ich noch heute in freundschaftlichen Beziehungen stehe, verstand es vortrefflich, diesen Zirkeln durch ihre häuslichen Tugenden eine wohlige Behaglichkeit zu verleihen. –
Eine sehr pikante Polizei-Affaire hatte ich im Jahre 1884. Ich gebe hier die Darstellung des Parteigenossen Eugen Ernst, die sich in seinem schon erwähnten Schriftchen über das Berliner Spitzelwesen findet.
Eines Tages, so erzählt Ernst, schlängelte sich der Kriminalbeamte Konrad (in Parteikreisen unter dem Namen »Alpenjäger« bekannt), an den Parteigenossen Adolf Hoffmann5 heran, um ihn für die Polizei als »Berichterstatter« zu gewinnen. Hoffmann, einem damals noch jungen Mann, juckte es mächtig in den Händen. Um aber der Polizei eine Blamage zu bereiten, ging er scheinbar auf das infame Angebot ein.[91] 
Als der Versucher fortging, und Hoffmann sich versichert hatte, daß er nicht beobachtet wurde, ging er zum Genossen Wilhelm Grothe, der ihm riet, sich mit Hasenclever zu verständigen an dessen Stelle der Genosse Wilhelm Blos trat, da Hasenclever im Reichstag nicht anwesend war. Die Zusammenkunft zwischen Hoffmann und Konrad war auf einen Montagabend im Restaurant »Bellevue« in Rummelsburg verabredet. Dort erschien Konrad in Begleitung seines Vorgesetzten, des Polizeiwachtmeisters Weinert, damals wohnhaft Friedensstraße 22, den noch eine unbekannt gebliebene Persönlichkeit begleitete. Hoffmann verlangte nun eine Zusammenkunft mit dem Polizeiwachtmeister – der Mann ließ sich vorschußweise schon als Kommissär titulieren – ohne Zeugen und zwar in seiner – Hoffmanns – Wohnung, damals Ostbahnhof 18.
Die Zusammenkunft war auf Dienstag früh zwischen acht und neun Uhr angesetzt. –
Hier muß ich eine Ergänzung ein treten lassen. Ich erschien früh vor acht Uhr bei Hoffmann und machte den Vorschlag, daß ich im Schlafzimmer bei nur an gelehnter Tür die nebenan im Wohnzimmer stattfindende Unterredung mitanhören solle. Es war aber zu befürchten, daß der Polizeiwachtmeister sich erst versichern würde, ob niemand im Schlafzimmer verborgen sei. Um dem vorzubeugen, schlug ich vor. Frau Hoffmann solle sich im Negligé, resp. weißer Nacht-oder Morgenjacke im Wohnzimmer aufhalten und bei Eintritt des Wachtmeisters schamhaft erschreckt sich in das Schlafzimmer flüchten. Dann konnte der Wachtmeister nicht wohl wagen, ihr nachzufolgen. Ich hielt dies für zweckmäßig ausgedacht, und die anderen stimmten lachend zu. Aber gerade im entscheidenden Moment mußte Frau Hoffmann »einmal hinaus« und eben, als sie draußen war, kam der Wachtmeister. Er fragte gleich, ob niemand im Schlafzimmer sei, und ich gab die Überraschung schon verloren. Aber Hoffmann verneinte energisch, und der Wachtmeister kam nicht zu mir herein. Er war kein »Erfinder des Pulvers«.
Nun lasse ich Ernst fortfahren:
Der Polizeiwachtmeister stellte an Adolf Hoffmann das Ansinnen, der Polizei Spionen dienst gegen die Sozialdemokratie zu leisten. Dafür sicherte ihm der Herr Wachtmeister ein wöchentliches Honorar von 20 Mark und für jede besondere Leistung ein Extra-Honorar zu. Die Berichte sollten postlagend unter einer bestimmten Chiffre der Polizei übermittelt werden; auch sollte Hoffmann unter einem fingierten Namen über die empfangenen Summen quittieren. Es sei alles so schön eingerichtet, versicherte der Herr Wachtmeister, daß niemand kompromittiert werden könne; ein einflußreiches Mitglied der sozialdemokratischen Partei in Berlin leiste schon seit fünf Jahren solche Dienste und niemand ahne etwas davon. Auch freisinnige und sozialistische Mitglieder des Reichstages seien für Geld zu haben.[92] 


Als Hoffman für diese infamen Verleumdungen Beweise verlangte, »bedauerte« Weinert, keine solchen »zur Hand« zu haben. Zur nächsten Reichstagswahl, fuhr er fort, gäbe es in Berlin für die Polizei sehr viel zu tun; sie müsse ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Wahlen richten und könne sich nicht darum kümmern, ob sechzig oder hundert Exemplare des Züricher »Sozialdemokrat« irgendwo zu finden seien; das lohne sich nicht. Die Bedenken Hoffmanns gegen seine Anträge suchte Weinert dadurch zu beseitigen, daß er wiederholt betonte, es werde niemand kompromittiert werden. Zuletzt zog er sein Portemonaie und erklärte sich bereit, zwanzig Mark einstweilen zu bezahlen; Hoffmann sollte aber erst eine »kleine Mitteilung« machen. Hoffmann ließ aber jetzt die Maske fallen. Er erklärte dem »Kommissär« lachend, daß er recht dumm in die ihm gestellte Falle gegangen sei. Mit den Worten: »Darf ich Ihnen auch eine kleine Mitteilung machen« trat in diesem Augenblick aus der Tür des Schlafzimmers, die nur angelehnt gewesen, sich mit spöttischer Verbeugung vorstellend, der Reichstagsabgeordnete Blos, der Zeuge dieser Unterredung gewesen war, auf die Hoffmann sich nur zum Schein ein gelassen hatte. In der Küche, deren Thür auch nicht ganz geschlossen war, hatte noch ein ins Vertrauen gezogener Kaufmann die Unterredung mit angehört.
Der Herr »Kommissär« wurde kreideweiß, während Hoffmann sagte: »Sie waren naiv genug, in diese Falle zu gehen, und werden einsehen, daß wir nichts mehr miteinander zu tun haben können.« Doch uneingedenk des alten Sprichworts, daß man im Unglück niemals ganz die Fassung verlieren soll, stammelte Weinert noch einige Worte die wie: »Bitte um Diskretion!« lauteten. »Wir werden sehen«, sagte Blos. »Sie dürfen uns nicht übel nehmen, wenn wir Leute Ihres Schlages einmal mit gleichen Waffen bekämpfen.« – »Ich habe Familie«, stotterte Weinert. »Ganz recht, mein Herr«, erwiderte Blos, »aber Sie schonen ja unsere Familien auch nicht. Was kümmert uns da die Ihrige?«
Der Kriminalwachtmeister Weinert verschwand mit möglichster Schnelligkeit.
Ich veröffentlichte den Bericht über diese Sache zuerst in der von Dr. Philipps geleiteten demokratischen Berliner »Volkszeitung«. Zwar erschien damals in Berlin schon der Vorläufer des »Vorwärts«, das von mir geleitete »Berliner Volksblatt«. Indessen fürchtete ich, die ob ihrer Überlistung ergrimmte Berliner Polizei möchte das »Volksblatt« verbieten, wenn dieses den Bericht zuerst brächte. Wir druckten den Bericht aus der »Volkszeitung« ab und vermieden so diese Klippe. – Die Sache machte großes Aufsehen.
Als ich am anderen Morgen über den Dönhoffsplatz ging, sah ich eine Menschenmenge um die Litfaßsäule stehen und hörte meinen Namen, sowie den Hoffmanns nennen. Die »Volkszeitung« hatte den Bericht öffentlich anschlagen lassen.[93] 
Die Enthüllung eines Bestechungsversuchs, der so gut beglaubigt war, hatte insofern eine besondere Bedeutung, als die »Polizeispitzel« von der bürgerlichen Presse meist als »Erfindung der Sozialdemokratie« behandelt worden waren. Nun lag aber ein bündiger Beweis vor. Trotzdem schwieg die bürgerliche Presse meist »schamhaft« dazu; nur einige demokratische Blätter machten eine Ausnahme.
Damit vorläufig genug von solchen Spitzeleien. Auf andere komme ich später zurück. Die Verbindung mit den Berliner Parteigenossen konnte uns natürlich durch die Spionenwirtschaft nur beeinträchtigt, aber nicht abgeschnitten werden. Die Berliner Parteigenossen beschlossen dies auch der Polizei zu zeigen. Sie luden die Reichstagsfraktion zu einem Ausflug nach dem Grunewald ein. An einem bestimmten Orte fuhr ein großer Kremser6 vor, in dem alle dreizehn Abgeordneten Platz hatten. Mitten in Grunewald – es war an einem Sonntag – stießen wir auf große Schwärme von Parteigenossen, die sich in der Gegend von Schildhorn vereinigten und wieder trennten, je nachdem die überall schnüffelnde Polizei es zuließ. Es wurden Ansprachen gehalten, was die Polizei bei einem solchen Massenaufgebot nicht verhindern konnte. Man brachte uns zahlreiche Ovationen und drückte uns unbegrenztes Vertrauen aus. Ich sehe immer noch die Massen vor mir, wie sie den Wagen umdrängten, wie sie die Hüte schwangen und wie ein brausendes Hoch auf die Sozialdemokratie nach dem andern durch die Kiefern des Waldes hin erscholl. Es war ein erhebender Tag, der für den Augenblick alle Drangsale vergessen ließ. –
Der Anarchismus, mit dem wir um diese Zeit zu kämpfen hatten, konnte in Deutschland niemals rechten Boden gewinnen. Ihm standen die kräftigen Organisationen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften sowie der Geist des wissenschaftlichen Sozialismus entgegen, welcher das Klassenbewußtsein deutscher Arbeiter in die rechten Bahnen lenkte. Als durch das Sozialistengesetz die Sozialdemokratie größtenteils von der Oberfläche der politischen Welt verdrängt war, glaubten die Anarchisten auch in Deutschland ihre Zeit gekommen.
In den romanischen Ländern hatte sich der Anarchismus zu einer gewissen Macht entwickelt. Zwar hatte sich Bakunin, das Haupt dieser Richtung, 1870 in Lyon bei seinem Putsch behufs »Abschaffung des Staats« unendlich lächerlich gemacht. Aber die anarchistischen Wühlereien führten die Sprengung der alten Internationale herbei und richteten in der spanischen Revolution ein schreckliches Unheil an. Wir in Deutschland bekamen den Duft der Blüten Bakuninschen Geistes erst nur abgeschwächt zu verspüren. Nach den Verhandlungen des Haager Kongresses ließ Marx seine bekannte Broschüre gegen den Bakunismus erscheinen, durch welche die blutrünstige Phraseologie Bakunins in weiteren Kreisen bekannt wurde. Die bürgerliche Publizistik aber machte von diesen Veröffentlichungen,[94]  durch die der Bakunismus bloßgestellt werden sollte, in gewohnter Perfidie einen ganz anderen Gebrauch, als man voraussetzen konnte. Die Phrasen Bakunins, daß der Revolutionär »den Teufel im Leibe« haben und nur auf »immerwährende unersättliche Zerstörung« bedacht sein müsse, daß der »einzig zuverlässige revolutionäre Faktor« das Lumpenproletariat sei usw. usw. wurden als Kundgebung derselben »sozialdemokratischen« Bewegung hingestellt, von welcher angeblich die Bakunisten den linken und wir den rechten Flügel darstellten. So habe ich auch des öftern, namentlich von nationalliberalen Professoren, den von Marx an die weitere Öffentlichkeit gezogenen »revolutionären Katechismus« Bakunins in Versammlungen verwenden hören. So energisch man widersprach und so scharf man den fundamentalen Gegensatz zwischen Sozialismus und Anarchismus betonte – es blieb immer etwas an jenen Verdächtigungen hängen und wurde von den Reaktionären ausgenutzt, um das Bürgertum zu erschrecken und es zu reaktionären Maßregeln geneigt zu machen.
Die ersten Anarchisten in Deutschland, allerdings nur von der Phantasie eines großen Dichters geschaffen, erschienen auf »den Brettern, die die Welt bedeuten.« Karl Moor in Schillers Räubern, der »seinen Willen nicht in Gesetze schnüren lassen« will, ist ein echter Anarchist, dessen ganzes Wirken in der »Propaganda der Tat« aufgeht. Schiller hat den künftigen Anarchismus vorausgeahnt und sogar seinen Fundamentalsatz ganz treffend formuliert.
Heute muß man die verschiedenen Spielarten des Anarchismus wohl unterscheiden. Es gibt einen bürgerlichen und einen proletarischen Anarchismus. Die Manchesterlehre der Bourgeoisie, welche das »freie Spiel der Kräfte«, eine Art wirtschaftlichen Faustrechts, fordert, ist nahe verwandt mit jenem proletarischen Anarchismus, welcher das Heil der Menschheit auch von der »Autonomie des Individuums« erwartet. Es ist daher kein Zufall, daß jüngst bei der deutschen Bourgeoisie ein so großes Interesse für den Propheten des neueren deutschen Anarchismus, für Max Stirner, erwacht ist. Stirner – eigentlich Kaspar Schmidt – gelangt in seinen geistreichen und verwegenen Schlußfolgerungen zu dem Satze: »Mir geht nichts über mich!« Solch ein Prophet muß der deutschen Bourgeois- und Kapitalistenwelt entschieden besser gefallen, als Fichte oder Hegel.
Die Bourgeois-Anarchisten nennen sich auch gerne »Edel-Anarchisten«, womit nicht bewiesen ist, daß sie zugleich immer edle Menschen sind. Es sind schon sehr seltsame Exemplare dieser Spezies aufgetaucht.
Als »Vater des Anarchismus« wurde seinerzeit Proudhon bezeichnet; wohl weil er dies Wort zuerst im modernen Sinne gebraucht hat. Er vertritt die kleinbürgerliche Richtung des Anarchismus. Er hat an der bürgerlichen Gesellschaft einschneidende Kritik geübt. Sein System des Mutualismus (Gegenseitigkeit) ist voller Widersprüche. Er fordert die Beseitigung jeder Regierung; dann aber will er wieder ein staatliches Organ, das den[95]  Willen des Volkes vollzieht. Marx, der ihn in seinem »Elend der Philosophie« (Streitschrift gegen Proudhons Werk: »Philosophie des Elends«) kritisch vernichtet hat, sagt von ihm: »Er will als Mann der Wissenschaft über Bourgeois und Proletariern schweben; er ist nur der Kleinbürger, der zwischen Kapital und Arbeit, zwischen politischer Ökonomie und Kommunismus beständig hin und her geworfen wird.« Durch »revolutionäre« Phraseologie suchte er seine Schriften pikant zu machen und erschreckte das Spießbürgertum mit den an Rothschild adressierten Satze: »Eigentum ist Diebstahl!« Aber gerade dieser Satz ist nicht »Eigentum« Proudhons, sondern ein »Diebstahl« an dem 1793 guillotinierten Girondisten Brissot, von dem der Satz in Wirklichkeit herrührt. Der Proudhonismus ist auch in Deutschland verbreitet, allerdings nur wenig, und er wird von den Regierungen so wenig beachtet, daß sein Hauptvertreter, Dr. Arthur Mülberger, ungestört als königlich württembergischer Oberamtsarzt fungieren konnte.
Der proletarische Anarchismus hat zwei Richtungen, die friedliche, welche sich auf Diskussion der anarchistischen Theorien und auf die Agitation beschränkt. Die Diskussionen drehen sich um Abschaffung des Staats, um Auflösung der Gesellschaft in produzierende und konsumierende Gruppen, um Autonomie des Individuums und ähnliche Dinge. Wer einmal solchen Diskussion en zugehört und die trost-und hoffnungslose Verwirrung, die in jenen Köpfen herrscht, bemerkt hat, der kann sich nur über die Behörden wundern, welche diese Art von Anarchisten für »gefährlich« erachten. Es gibt aber noch eine andere Richtung, wo sich Fanatiker finden, die sich mit der »Propaganda der Tat« beschäftigen und mit Attentaten die Menschheit befreien wollen. An diese Leute drängen sich vielfach Lockspitzel heran und treiben sie zu Verschwörungen und Attentaten. Damit wurde das Bürgertum erschreckt und ihm die Notwendigkeit des Fortbestandes des Sozialistengesetzes plausibel gemacht. Indessen muß jeder einzelne Fall für sich beurteilt werden.
Es gab damals viele Arbeiter, welche durch den Druck des Sozialisten gesetzes dem Anarchismus in die Arme getrieben wurden. Daß der Anarchismus in Deutschland nicht mehr Boden gewann, ist einzig und allein das Verdienst der Sozialdemokratie, welche ihn überall bekämpfte und sein Eindringen in die große Bewegung der sozialistischen Arbeiter verhinderte, wozu weder eine Regierung, noch eine Polizei befähigt ist.
Die deutsche Sozialdemokratie erließ 1887 auf dem Parteitag von St. Gallen eine Erklärung gegen den Anarchismus, welche auch heute noch gültig ist. Sie lautete:

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»Die anarchistische Gesellschaftstheorie, soweit sie die absolute Autonomie des Individuums erstrebt, ist antisozialistisch und nichts anderes als eine einseitige Ausgestaltung der Grundgedanken des bürgerlichen Liberalismus, wenn sie auch in ihrer Kritik der heutigen Gesellschaftsordnung von sozialistischen Gesichtspunkten ausgeht. Sie ist vor[96]  allem mit der sozialistischen Forderung der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und der gesellschaftlichen Regelung der Produktion unvereinbar und läuft, wenn die Produktion nicht auf den Zwergmaßstab des kleinen Handwerks zurückgeführt werden soll, auf einen unlöslichen Widerspruch hinaus. Der anarchistische Kultus und die ausschließliche Zulassung der Gewaltpolitik beruht auf einem groben Mißverständnis der Rolle der Gewalt in der Geschichte der Völker. Die Gewalt ist ebensogut ein reaktionärer als ein revolutionärer Faktor; ersteres ist sogar häufiger der Fall gewesen, als das letztere. Die Taktik der individuellen Anwendung der Gewalt führt nicht zum Ziele und ist darum, in sofern sie das Rechtsgefühl der Masse verletzt, positiv schädlich und darum verwerflich. Für die individuellen Gewaltakte bis aufs äußerste Verfolgter und Geächteter machen wir die Verfolger und Achter verantwortlich und begreifen die Neigung zu solchen Gewalttaten als eine Erscheinung, die sich zu allen Zeiten unter ähnlichen Verhältnissen gezeigt hat und welche gegenwärtig in Deutschland von gewissen Polizeiorganen durch bezahlte Lockspitzel für die Zwecke der Reaktion gegen die arbeitende Klasse ausgenutzt wird«.
Das hinderte natürlich nicht, daß die Reptilienpresse uns noch ferner für die anarchistischen Attentate »moralisch« verantwortlich machte. –
Das Auftauchen des Anarchismus zur Zeit des Sozialistengesetzes in Deutschland knüpfte sich an den Namen Most.
Dieser tobte in seinem Blatte, »Freiheit« genannt, so fürchterlich, als ob er von einem Wutkrampf gepackt wäre. Die bürgerliche Gesellschaft wollte er mit Revolvern, Dolchen und Dynamitbomben zerstört wissen. Für uns, die deutschen Sozialdemokraten, war ihm kein Schimpfwort zu gemein, und in zahlreichen Artikeln forderte er zu Mord und Totschlag gegen uns auf. An viele bekannte Sozialisten schickte er Todesurteile, die uns allerdings zur Erheiterung dienten. Er brachte es auch in dem »gelobten Lande der Preßfreiheit«, in England fertig, längere Zeit ein gesperrt zu werden. Später ging er mit seinem Blatte nach Amerika und setzte dort sein elendes Treiben fort.
Uns war er in der letzten Zeit in Deutschland als eine komische Figur erscheinen. Wir wußten ohnehin, daß er nicht an Überfluß von Courage litt, und wir lachten darum bei seinen Wutausbrüchen. Unsere Auffassung von seiner Persönlichkeit ward in der Folge mehrfach bestätigt. Ein Augen- und Ohrenzeuge, eine durchaus vertrauenswürdige Persönlichkeit, erzählte mir, daß einst in Paris eine Anarchistenversammlung stattgefunden, zu welcher er aus Neugierde gegangen sei. Die Versammlung sei vor der Polizei geheim gehalten worden. Most sei der Hauptredner gewesen. Als er gerade dabei gewesen, sämtliche Potentaten Europas zu vertilgen, sei am Eingang des Saales der Wirt erschienen und habe den Zeigefinger hochgehalten. Darauf habe Most seine Rede sofort abgebrochen und sei hinter Tischen und Schränken im Hintergrunde des Saales verschwunden. Der Wirt aber habe ganz erstaunt gefragt, was denn los sei; er habe nur[97]  mitteilen wollte, daß ein frisches Faß Bier angestochen sei. Worauf Most wieder hervorkam und bekannte, daß er geglaubt, die Polizei sei im Anzuge.7
In Amerika sollte einst eine Zusammenkunft von Anarchisten stattfinden, die sich nach Mosts Anweisung in der von ihm herausgegebenen »revolutionären Kriegswissenschaft« im Anfertigen von Dynamitbomben unterrichten wollten. Most sollte die leere Bombe, ein anderer das einzufüllende Dynamit bringen. Als nun Most mit der leeren Bombe im Zuge saß, fuhr dieser über eine lange eiserne Brücke. Das verursachte ein Rasseln und Donnern, daß der arme Most Angst bekam und so verwirrt wurde, daß er glaubte, die leere Bombe könnte doch losgehen. In seiner Aufregung schleuderte er sie zum Fenster hinaus in den Fluß.
So sind mir diese Dinge mitgeteilt worden; die Bomben-Affaire kam nachher auch in die Zeitungen und wurde viel belacht. Mag einzelnes übertrieben sein – jedenfalls war Most der größte Maulheld, der seit langer Zeit in der Öffentlichkeit erschienen ist.
Das Mostsche Treiben wuchs sich indessen gefährlich aus, als sich die Polizeispitzel an ihn herandrängten, die gleich erkannten, daß mit diesem Manne etwas für sie zu machen sei. Bald saßen sie in den Bureaux der »Freiheit«. Als deren Korrespondenten füllten sie das Blatt mit den ungeheuerlichsten Lügen über die deutsche Sozialdemokratie, die dann von der Reaktion in Deutschland entsprechend ausgenutzt wurden. Auch in Majestätsbeleidigungen schwelgten sie.
Most hatte einige Anhänger im Rhein- und Maingau gewonnen. Zu diesen sandte er seinen Freund Davé, einen belgischen Anarchisten, der übrigens der friedlichen Richtung angehörte und Most öfter von seinen Tollheiten abzumahnen suchte.8 Er sollte die deutschen Anarchisten sammeln und die anarchistische Agitation in Deutschland ausbreiten. Die Frankfurten Anarchisten hatten nichts »Hervorragendes« geleistet, aber man sandte einen Spitzel unter sie, der sie aushorchte und sie alsdann wegen eines »hochverräterischen Unternehmens« denunzierte. Die Angeklagten, unter ihnen Davé, wurden verurteilt.
Da um diese Zeit auch Most in London zu 16 Monaten Zwangsarbeit verurteilt worden war, so mußte man die »Freiheit« in Schaffhausen drucken lassen; die Züricher Polizei stellte später fest, daß ein Spitzel, der im Dienst der Berliner Polizei stand, die Druckkosten für die »Freiheit« bezahlte. Ich komme geeigneten Orts darauf zurück.
Unter den Anarchisten befanden sich die verschiedensten Elemente; neben bloßen Wirrköpfen sah man kalte Fanatiker und tolle Schwarmgeister,[98]  welche die Menschheit mit einem Schlage von ihren Fesseln befreien zu können glaubten, sowie Opfer des Größenwahns à la Nobiling welche ihren Namen um jeden Preis in das Buch der Weltgeschichte einzutragen beabsichtigten. Man kann sich denken, welch günstigen Boden die Lockspitzel hier für ihr Treiben vorfanden.
Eine vom Größenwahn eingegebene Tat war das Unternehmen des Schriftsetzers Reinsdorf, der schon vor dem Sozialistengesetz als Anarchist von der Sozialdemokratie ausgeschlossen worden war. In Elberfeld sammelte er einige Anhänger, die wie er zu Attentaten entschlossen waren. Sie beschlossen, am 27. September 1883, dem Tage der Enthüllung der Niederwald-Denkmals, die dort, anwesenden Fürsten durch Dynamit in die Luft zu sprengen. Die Zündschnur versagte. Reinsdorf war sicher kein Polizeispitzel; er wurde mit einem anderen Teilnehmer der Verschwörung, dem Schriftsetzer Küchler, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Aber der Weber Palm, der die Kosten für die Vorbereitung des Attentats aufgebracht hatte, wurde nicht mitangeklagt, sondern nur als Zeuge vernommen, verweigerte die Auskunft über die Quelle, aus der die Mittel geflossen und tat nachher Spitzeldienst. Allerlei geheimnisvolle Umstände waren mit diesem Attentate verbunden.
Die anarchistische Agitation hatte indessen keine oder nur geringe Erfolge aufzuweisen und die Kassen blieben leer. Da traten unter den Anarchisten Leute auf, welche durch die sogenannte revolutionäre Expropriation Geldmittel zu beschaffen sich erboten. In Zürich trat eine Anarchistenkonferenz zusammen, welche beschloß, die Raubmord-Taktik, wie sie der Polizeiagent Peukert in einem Pester Anarchistenblatt empfohlen hatte, durchzuführen. An der Konferenz nahmen auch die Polizeispitzel Kaufmann und der oben schon genannte Schröder, welcher den Druck der »Freiheit« in Schaffhausen bezahlte, teil. Die Rolle der »revolutionären Expropriateure« übernahmen die österreichischen Anarchisten Kammerer und Stellmacher, welch letzterer Redakteur der »Freiheit« gewesen; ihnen gesellte sich noch der Schlosser Kumitsch zu. Die anderen Teilnehmer an den nun folgenden Verbrechen sind nicht bekannt geworden.
Schon im Juli 1882 war in Wien der Schuhfabrikant Merstallinger von Anarchisten mit Chloroform betäubt und um tausend Gulden beraubt worden. Einer der Anstifter dieser Tat flüchtete nach Amerika, ohne daß die österreichische Regierung seine Auslieferung verlangte, obschon die Unionsregierung dazu bereit war. Es folgten nun der Raubmord in Straßburg an dem Apotheker Lienhard und an einer Schildwache in Straßburg am 22. Oktober 1883, und gleich darauf, am 21. November das Raubmordattentat auf den Bankier Heilbronner in Stuttgart.
An diesem Tage verbreitete sich in der Stadt die Schreckenskunde, daß das Heilbronnersche Bankgeschäft in der Kronprinzstraße überfallen und beraubt worden sei, wobei der Chef Heilbronner und sein Kommis Oettinger schwere Verletzungen davon getragen hätten. Die Raubmörder, hieß es,[99]  seien Anarchisten gewesen. Wir waren es gewohnt, daß die anarchistischen Untaten ausgenutzt wurden, um die Sozialdemokratie mit der »moralischen Verantwortlichkeit« zu belasten. Indessen verhielt sich die Presse jetzt objektiv.
Die Raubmörder waren nach verschiedenen Seiten entflohen. Es waren ihrer vier gewesen und das Justizministerium setzte 1500 Mark Belohnung für ihre Festnahme aus.
Einer der vier Verbrecher wurde in Pforzheim festgenommen und alsbald erschien im »Neuen Tagblatt« zu Stuttgart in dessen Nummer 270 folgende Bekanntmachung:
»Königl. Landgericht Stuttgart. Raubmord-Anzeige. Dritter Nachtrag.
Der wegen Raubmords an J. A. Heilbronner hier verhaftete angebliche Ernst Baum aus Chemnitz bekennt sich jetzt als der Schreiner Michael Kumitsch aus Cernik in Slavonien, der im Mai dieses Jahres wegen sozialdemokratischer Umtriebe ausgewiesen bis vor kurzem in St. Gallen gearbeitet habe; er bezeichnet auch seine Genossen als Sozialdemokraten und die Tat als zu sozialdemokratischen Zwecken ausgeführt. Dies wird behufs weiterer Fahndung nach den noch nicht beigebrachten Missetätern und mit der Aufforderung zu etwaigen sachdienlichen Mitteilungen an den Unterzeichneten bekannt gemacht. 26. Nov. 1883. Der Untersuchungsrichter.«
Die Mitteilung, daß der Raubmord von Sozialdemokraten und zu sozialdemokratischen Zwecken unternommen sei, wurde von den meisten Blättern mit Fragezeichen versehen; nur einige reaktionäre Winkelblätter taten, als nähmen sie die Sache ernst. Der durchschnittliche Stuttgarter Spießbürger glaubte natürlich steif und fest an die »sozialdemokratischen Raubmörder«. Darum erschien im »Neuen Tagblatt« Nr. 278 die nachstehende

»Erklärung.

Der Herr Untersuchungsrichter des Kgl. Landsgerichts Stuttgart erläßt in Nr. 276 des ›Neuen Tagblatt‹ eine Raubmordanzeige, worin u.a. mitgeteilt wird, daß der wegen des bekannten raubmörderischen Überfalls in der Kronprinzstraße. Verhaftete sich als einen Schreiner Michael Kumitsch aus Cernik in Slavonien bezeichne und daß er angegeben habe, er sei ein aus Wien ausgewiesener Sozialdemokrat, seine Genossen seien ebenfalls Sozialdemokraten und das Verbrechen sei ›zu sozialdemokratischen Zwecken‹ ausgeführt worden.
Zunächst finden wir es seltsam, daß diese Angaben des Verbrechers amtlich veröffentlicht werden, bevor man sich die Beweise verschafft hat, daß der Verbrecher wirklich die Persönlichkeit ist, für die er sich ausgibt. Es ist ferner für denkende Menschen vollständig klar, daß die Sozialdemokratie Deutschlands aus einem solchen Verbrechen erfließende Geldmittel[100]  mit dem denkbar größten Abscheu zurückweisen würde. Kein Mensch hat jemals den Mut gehabt, ihr ein solches Anerbieten zu machen.
Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß alle diejenigen Arten des Erwerbs von Geld und Gut, welche Gesetz und Sitte der heutigen Gesellschaft verpönen, von den Grundsätzen unserer Partei gleichfalls verworfen werden, wohingegen viele Erwerbsarten heute als moralisch zulässig passieren, die vor der höher stehenden Moral des Sozialismus nicht Bestand haben.
Wenn jenes uns selbstredend gänzlich unbekannte Subjekt sich dennoch für einen Sozialdemokraten ausgibt, so kann er dafür nur zwei Gründe haben. Entweder will der Verbrecher sich dadurch über das Niveau eines gemeinen Verbrechers erheben, ein Versuch, der ihm zweifellos mißlingen muß, oder er gehört zu jener Partei, die sich selbst als anarchistisch bezeichnet und solche Verbrechen für zulässig hält, die man aber fälschlich mit uns zusammenwirft. Denn wir stehen dem verächtlichen und gewissenlosen Treiben dieser Partei eben so prinzipiell feindlich gegenüber wie die anderen Parteien.
Der amtlichen Publikation gegenüber erschien uns diese Erklärung geboten; den Verdächtigungen einer gewissen Sorte von Preßorganen gegenüber haben wir nur das Schweigen der Verachtung.

Stuttgart, 28. November 1883.
Wilhelm Blos, Reichstagsabgeordneter für Reuß älterer Linie,
J. H. W. Dietz, Reichstagsabgeordneter für Hamburg II,
Bruno Geiser, Reichstagsabgeordneter für Chemnitz.«

Bald wurde auch Näheres über den gefangenen Kumitsch bekannt. Im Züricher »Sozialdemokrat« wurde berichtet, daß einige Zeit zuvor in St. Gallen eine Versammlung stattgefunden habe, in welcher der Reichstagsabgeordnete Grillenberger sprach. Dieser lehnte energisch die anarchistische Theorie ab, wonach durch die »Propaganda der Tat«, durch Dynamitattentate und dergleichen die Menschheit aus ihren Fesseln befreit werden soll. Ihm trat der Schreiner Kumitsch, eben der genannte Attentäter, entgegen. Grillenberger hatte seine Ausführungen mit historischen Beweisen belegt. Darauf antwortete Kumitsch:
»Wos geht uns Geschichte an? Dös worn ja früher andere Verhältnisse. Wos Wissenschaft! Is ja olles Schwindel! Hilft uns nix als Dynamit und Petrol!«
In dem Pester Anarchistenblatt wurde mit blutiger Rache gedroht, wenn Kumitsch etwas geschehen würde.
Indessen wurde Kumitsch zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Er wurde in dem alten Zuchthause zu Stuttgart untergebracht. Der Direktor Justizrat Eggert, der bekannte katholische Dichter; wendete ihm seine besondere Aufmerksamkeit zu, wie er mir öfter erzählte. Kumitsch war ganz gebrochen und wurde fromm. Vor einigen Jahren wurde er auf Verwendung Eggerts begnadigt. Der Mann wäre am liebsten in ein Kloster gegangen, wenn ihn eines hätte aufnehmen wollen.[101] 
Die Anarchisten Stellmacher und Kammerer, die an dem Stuttgarter Raubmordattentat beteiligt waren – was erst später ermittelt wurde – begingen bald darauf in Wien den Raubmord an dem Bankier Eisert und seinen zwei Knaben und Stellmacher erschoß einen Polizeisekretär. Nach einiger Zeit wurden diese beiden Helden der »Propaganda der Tat« verhaftet; von ihren Mitschuldigen konnte außer Kumitsch keiner ermittelt werden. Stellmacher klagte in seiner Verteidigungsrede die bürgerliche Gesellschaft an, daß sie schon Kinder dem Hungertode preisgebe – an sich war das gewiß richtig – und er schien dabei bis zu Tränen gerührt. Und doch hatte er kurz zuvor die Kinder des Bankiers Eisert grausam niedergeschlagen und getötet! Solch einen Charakter, gemischt aus Größenwahn. Grausamkeit und Rührseligkeit, hätte kaum die Phantasie eines Shakespeare zu er dichten gewagt.
Der bekannte Wiener Staatsanwalt Graf Lamezan verspottete in diesem Prozeß die »gemäßigten Revolutionäre im Schlafrock« und behauptete, nur die Leute der »Propaganda der Tat« seien von Bedeutung; den höchst verdächtigen Anarchisten Peukert, welcher alle wilden Instinkte im Volke entfesseln wollte, nannte er »einen intelligenten, wissensreichen Mann«.
Stellmacher und Kammerer wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Zu welchen Albernheiten sich überdies die österreichische Polizei von ihren Lockspitzeln brauchen ließ, mag man aus folgendem ersehen. Eines Tages wurde in der Umgebung von Wien eine Anzahl Arbeiter verhaftet, die sich von Lockspitzeln hatten zu einer anarchistischen »Verschwörung« beschwatzen lassen. Einige der Lockspitzel ließen sich mitverhaften und bei der polizeilichen Untersuchung fand man auf der Innenseite ihrer Röcke große Haken angebracht. Bei der Vernehmung mußten dann die Spitzel aussagen, die Haken hätten zum bequemen Tragen der Dynamitbomben dienen sollen. Ob die armen Teufel, die auf diese Weise zu Dynamit-Attentätern gestempelt wurden, verurteilt wurden, weiß ich nicht. –
Kein vernünftiger Mensch wird die nur theoretischen Anarchisten wie den berühmten Geographen Elisée Reclus, welcher ein Anhänger Proudhons ist, oder den Fürsten Peter Krapotkin mit der »Propaganda der Tat« in Zusammenhang bringen oder gar dafür verantwortlich machen wollen. Aber die Art, wie unter dem Sozialistengesetz einzelne anarchistischen Gruppen gegen uns auftraten, mußte auf das schärfste bekämpft werden.
Nachdem das Sozialistengesetz gefallen, ist die anarchistische Bewegung in Deutschland wieder so unbedeutend geworden wie früher.
Karl Marx sagt in seiner Schrift gegen Bakunin, es werde gewiß noch dahin kommen, daß die Menschen sich so hoch entwickelten, um an Stelle der Regierungsfunktionen bloße Verwaltungsfunktionen setzen zu können, daß wir aber nun einmal noch nicht so weit sind. –[102] 
Fußnoten

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1 Da Auer und Bebel nicht gewählt waren, kam mein Name gemäß der alphabetischen Reihenfolge an die Spitze.

2 Nach Schippels Reichstags-Handbuch.

3 Sie benutzten den Reichstag, wie die »Kriminalstudenten« die Gerichtssäle benutzen.

4 Ein pietistischer Prediger, der behauptete, daß die Sonne sich um die Erde drehe, weshalb der Berliner Volkswitz ihn »Sonnenschieber« taufte.

5 Der heutige bekannte Abgeordnete, im Volke auch Zehngebote-Hoffmann genannt, von seiner Schrift über die zehn Gebote.

6 Vielsitzer-Mietswagen für Landpartien.

7 Uebrigens verkroch sich auch der furchtbare Revolutionär und Anarchist Peukert in London in ein heimliches Gemach – für Damen, als er glaubte, es sei Polizei in der Nähe, was aber gar nicht der Fall war. Unter dem Hohngelächter der benachteiligten Damen wurde der Held aus seinem Versteck ausgetrieben.

8 Die »Mission« des Davé wurde von dem Spitzel Neumann, der in der Expedition der »Frei 
heit« saß, der preußischen Polizei verraten und Davé wurde verhaftet.




Im Kampf mit der Reaktion










Das Sozialistengesetz sollte am 30. September 1884 ablaufen und einige Wochen später sollten die Neuwahlen zum Reichstage stattfinden. Bismarck bereitete zeitig die Verlängerung des Ausnahmegesetzes vor um mit dieser furchtbaren Waffe kräftig in den Wahlkampf eingreifen zu können.
Die Sozialdemokratie hatte sich nunmehr vollkommen für den bestehenden Zustand eingerichtet und glaubte mit einem langen Leben der gesetzgeberischen Mißgeburt. Sozialistengesetz genannt, rechnen zu müssen. Dabei gewann die verfemte Partei tagtäglich an Terrain. Während bornierte Junker in diesem Ausnahmegesetz das beste Mittel zur Bekämpfung der »Umsturzbewegung« erblickten, war der intelligente Teil der liberalen Bourgeoisie dessen schon längst überdrüssig; sie fühlte wohl, wie das politische Leben vergiftet wurde.
Zuerst bereute Lasker, den man halb spaßhaft als den Vater des Sozialistengesetzes zu bezeichnen pflegte, die Sünde dieser seiner Vaterschaft. Schon 1880, als die erste Verlängerung des Ausnahmegesetzes beantragt wurde, stimmte Lasker dagegen, indem er der Regierung mit Recht vorwarf, sie habe die Zusicherungen, die sie betreffs objektiver Anwendung des Gesetzes gegeben, nicht innegehalten.
Lasker war damals schon ein gebrochener Mann und ich hatte Gelegenheit, seinen Niedergang in der Nähe beobachten zu können.
Am 4. Juni 1883 sollte ich in einer Volksversammlung zu Bielefeld über die Bismarcksche Sozialreform sprechen. Im Bahnhof Friedrichstraße stieg Lasker in den Schnellzug zu mir. Er trat damals jene Reise nach Nordamerika an, von der er nicht wiederkehren sollte. Eine Menge Freunde und Freundinnen gaben ihm das Geleite und die letzteren warfen eine Menge Kränze und Blumensträuße ins Kupee. »Leben Sie wohl, Herr Doktor!« ertönte es vielstimmig, als der Zug sich in Bewegung setzte.
Nach herzlicher Begrüßung begann er sofort eine lebhafte Unterhaltung mit mir. Körperlich schien er sehr müde, aber er plauderte so eifrig, wie ich ihn nur jemals gehört. Da er sich in der Gegenwart nicht mehr zurecht fand, klammerte er sich um so eifriger an die Vergangenheit. Er sprach von Sturm und Drang der Jugend und wie er 1848 zu Wien in Reih und Glied der akademischen Legion gefochten; von Bem und Messenhauser; er erzählte von den Kämpfen mit Bismarck und Roon im preußischen Abgeordnetenhause in der Konfliktszeit und er prophezeite, daß das Sozialistengesetz im nächsten Jahre fallen und Bismarck nach sich ziehen werde. Alles mit außerordentlicher Lebendigkeit.[105] 
In Hannover hatten wir eine halbe Stunde Aufenthalt und stiegen aus. Da sah ich erst, wie gebrochen er war. Er lief wie ein Kind hinter mir her und tat alles, was ich tat. Ich kaufte mir eine Zeitung – er auch; ich nahm im Restaurant einen Likör – er auch; ich ließ mir ein Butterbrot einschlagen – er auch, und dann täppelte er wieder hinter mir her ins Kupee zurück. Als wir durch Bückeburg fuhren, tummelten sich auf den Wiesen viele Bauernmädchen in grellroten Röcken, was ihm eine so kindische Freude machte, als habe er dergleichen noch niemals gesehen. Dann fragte er mich, ob ich in meiner Versammlung auch mit Gegnern zu kämpfen haben werde. »Jawohl«, meinte ich, »dort werde ich mit Anhängern Stöckers zu tun bekommen.« Das regte ihn auf. »Sagen Sie denen nur tüchtig die Wahrheit!« rief er.1
Wir schieden tief bewegt; ich konnte nicht ohne Rührung diese Ruine sehen, die einen so berühmten Namen trug.
Bismarck nahm gegenüber diesem Manne, der ihm so viele Dienste geleistet, den er aber so oft öffentlich brüskiert, auch nach dessen Tode eine nicht gerade ritterliche Haltung ein. Das Repräsentantenhaus zu Washington hatte dem in Nordamerika verstorbenen Lasker in einer Resolution seine Sympathie ausgedrückt und die Resolution statt an den Präsidenten des Reichstages an den Reichskanzler Fürsten Bismarck geschickt, um sie dem Reichstage zu übermitteln. Bismarck weigerte sich dessen, wies eine diesbezüglich von den Freisinnigen an ihn gerichtete Interpellation grob ab und setzte den toten Lasker persönlich herunter. – Dessen Schrift: »Bekenntnisse einer Mannesseele« ist von seinen Freunden aufgekauft worden.
Inzwischen dämmerte der Schimmer einer Möglichkeit auf, daß der von Lasker prophezeite Fall des Sozialistengesetzes wirklich eintreten könnte. Am 5. März 1884 vereinigten sich die Reste der alten Fortschrittspartei unter Eugen Richter und Virchow mit der liberalen Sezession, das heißt mit den »unentwegten« Freihändlern Braun, Bamberger, Forckenbeck u.a., die wegen Bismarcks Schutzzöllnerei aus der nationalliberalen Partei ausgeschieden waren. Sie bildeten zusammen die neue Deutsche Freisinnige Partei. In dem Programm dieser Partei[106]  befand sich auch die Forderung: »Gleichheit vor dem Gesetz ohne Ansehen der Person und der Partei.
Es war kein gutes Vorzeichen, daß die neue freisinnige Fraktion des Reichstages, welche 110 Mann stark war, vom Volke sogleich spöttisch als die »Goldenen Hundertzehn«2 bezeichnet wurde. Immerhin war dies nur ein Volkswitz. Bedeutsamer war schon, daß die Partei, die mit dem baldigen Ableben des 8«jährigen Kaisers Wilhelm I. rechnete, sich als »Kronprinzenpartei« auftat. Der Kronprinz, der zu ihrer Begründung gratuliert, wollte für seine Regierung eine große liberale Partei haben. Dies genügte, um den Haß, den Bismarck von jeher gegen alles Fortschrittlertum hegte, ins Ungemessene zu steigern, da er von einer solchen liberalen Aera seinen Sturz erwarten mußte.
Die schneidige Kritik, welche von den Sozialisten an dem System Puttkamer geübt wurde, hatte auch auf die fortschrittlichen Wähler gewirkt und sie drängten darauf, daß die neue Fraktion gegen die Verlängerung des Sozialistengesetzes stimmen solle, was auch von einigen Führern zugesagt wurde. Aber

»Wer ist es, der erwärmen mag
Gefrorne Professoren?«3

Der berühmte Historiker Theodor Mommsen, Mitglied der neuen Partei, richtete an seine Wähler ein Schreiben, worin er das Mühlrad aufwies, das in seinem Kopfe herumging. Er sagte: »Das Gesetz nützt nicht bloß recht wenig, sondern es ist positiv schädlich, es fördert die Krankheit, die es bekämpfen will.« Aber dann sagte er, daß er für die Verlängerung des Gesetzes stimmen werde, wenn die Regierung nicht mit dessen Beseitigung einverstanden sei. Für »die Verkehrtheit einer unveränderten Verlängerung« mache er die Regierung, nicht den Reichstag verantwortlich.
Jämmerlicher als dieser berühmte Professor benahm sich höchstens der Philosoph des Unbewußten, Eduard von Hartmann, der unentwegt von der »erzieherischen Wirkung« des Ausnahmegesetzes faselte.
Als dem alten Kaiser Wilhelm eine Deputation des Reichstages zu seinem Geburtstage gratulierte, sagte der Monarch, er werde eine Ablehnung der Verlängerung des Ausnahmegesetzes als gegen seine Person gerichtet betrachten. Darauf knickten die Freisinnsmannen völlig zusammen, denn sie wußten nun, daß Bismarck bei den Neuwahlen alle seine Machtmittel gegen sie spielen lassen werde, wenn sie sich widerspenstig zeigten. Wir trugen uns nicht mit Illusionen. In der Diskussion, die am 8. Mai begann, beschränkte sich die sozialdemokratische Fraktion darauf, tatsächliche Unwahrheiten zurückzuweisen, und ließ durch Liebknecht eine Erklärung abgeben, in der es heißt:[107] 
»Wir halten es unter unserer Würde, durch feige Schmiegsamkeit die verachtungsvolle Duldung der feindlichen Parteien und Regierungen zu erkaufen ... Daß durch die Verlängerung des Sozialistengesetzes die Wahrscheinlichkeit eines friedlichen Verlaufes der großen sozialen Revolution, innerhalb deren wir uns befinden und an der ausnahmslos alle Parteien mitarbeiten, wesentlich gemildert wird, das kann niemand bezweifeln, der die menschliche Natur und die menschlichen Entwicklungsgesetze kennt ... Für uns ist die Situation nicht verändert; wir werden fortfahren, den Weg zu wandeln, den die Pflicht uns vorschreibt, und wir werden nach wie vor alle unsere Kräfte daran setzen, um den Sieg, der als naturnotwendige Frucht der gesamten sozialpolitischen Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts uns zufallen muß, möglichst bald an das Banner der Sozialdemokratie zu fesseln.« –
Am 10. Mai 1884 fand in zweiter Lesung die entscheidende Abstimmung statt, durch welche mit 189 gegen 157 Stimmen das Sozialistengesetz verlängert wurde.

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Die Tragikomik, welche dieser Sitzung des Reichstages anhaftete, wird mir unvergeßlich bleiben.
Als wir den Sitzungssaal betraten, hatten wir uns mit der Tatsache der unvermeidlichen Verlängerung des Ausnahmegesetzes bereits abgefunden. Wir hatten etwas davon läuten hören, daß die ehemaligen Nationalliberalen, die sich nun bei den Freisinnigen befanden, umfallen würden, um nach oben hin zu beweisen, daß sie immer noch ein »staatserhaltender Faktor« seien; wir wußten auch, daß der im freisinnigen Programm befindlichen Satz von der »Gleichberechtigung aller vor dem Gesetz ohne Ansehen der Person oder Partei« diesen edlen »Mannesseelen« kein unüberwindliches Hindernis bereiten würde. Was wir aber noch nicht wußten, war, daß Eugen Richter durch seinen Adjutanten, den Abgeordneten Hermes, den Mitgliedern der ehemaligen Fortschrittspartei hatte schreiben lassen, es sei nicht nötig, daß sie zu der entscheidenden Abstimmung im Reichstage erschienen. Die Sache kam später an den Tag. Der Wortlaut der betreffenden Briefe wurde veröffentlicht. Richter verkroch sich hinter dem Vorwand, die Abkommandierung sei nicht im Auftrage des Parteivorstandes geschehen. Das wurde von niemand ernst genommen.
Freisinnige, Zentrum, Sozialdemokraten, Welfen, Deutsche Volkspartei – von den Elsaß-Lothringern und »Wilden« abgesehen – verfügten als wirkliche oder angebliche Gegner des Sozialistengesetzes zusammen über 234 Stimmen; die absolute Mehrheit betrug 199. Nun fielen vom Zentrum 39 und von den Freisinnigen 27 um, zusammen 66, woraus sich eine Mehrheit für das Sozialistengesetz ergab.4[108] 
Damals wurde die namentliche Abstimmung nicht mit Karten, sondern durch Namensaufruf vollzogen.
Als die Abstimmung begann, herrschte bei den Freisinnigen eine große Aufregung; manchem schlug denn doch das Gewissen. Die Abstimmung wurde ihnen nicht leicht gemacht. »Aha!« – »Oho!« – »Pfui!« erscholl von unseren Bänken, wenn einer umfiel. 51 Abgeordnete fehlten. Als der Präsident von Levetzow das Resultat der Abstimmung verkündete, herrschte eine lebhafte Bewegung im Saale und es wurden mehr oder minder heftige »Komplimente« ausgetauscht. Eugen Richter war am aufgeregtesten; es schien ihm jetzt erst recht zum Bewußtsein zu kommen, was seine Partei getan. Ich hörte ihn deutlich rufen: »Wenn so etwas noch einmal vorkommt, trete ich aus der Partei aus!« Und doch hatte er selbst sein vollgerüttelt Maß zu diesem Ausgange der Sache beigetragen.
Nach der Abstimmung trat der Abgeordnete Kämpffer an mich heran, ein Achtundvierziger und ein fester Demokrat, der sich der freisinnigen Partei angeschlossen. Er trug einen an Eugen Richter adressierten Brief in der Hand.
»Sehen Sie«, sagte er, »das enthält die Erklärung meines Austritts aus der freisinnigen Partei.«
»Was wohl Richter dazu sagen wird?« meinte ich.
»Das ist mir gleichgültig«, erwiderte Kämpffer. »Ich kann nicht in einer Partei bleiben, die sich so benimmt.«
Ich sah wie Eugen Richter den Brief las und ein recht langes Gesicht dazu machte. –
Inzwischen war das »Berliner Volksblatt« gegründet worden, aus dem sich der heutige »Vorwärts« entwickelt hat. Das Blatt war notwendig geworden gegenüber den Umtrieben der Anarchisten und den Wühlereien sozialdemagogischer Reaktionäre à la Stöcker in Berlin. Singer gab die Mittel zu dem Blatte her. Es wäre gut gewesen; wenn man das Blatt gleich in größerem Stil hätte auf den Plan treten lassen; allein dazu reichten die disponiblen Mittel nicht aus. Es war auch sehr begreiflich, daß niemand ein größeres Kapital an ein Unternehmen wagen wollte, dem jeden Augenblick von der Polizeifaust der Kragen umgedreht werden konnte.
Das Blatt mußte also unter sehr schwierigen Verhältnissen ins Leben treten. Die Leitung der Redaktion wurde mir übertragen und Hasenclever lieh mir in der ersten schwierigen Zeit seine Unterstützung. Am 25. März 1884 erschien der von mir verfaßte Prospekt des Blattes, den die Polizei unbeanstandet zirkulieren ließ. Am 1. April kam die erste Nummer heraus.
Zum Mitredakteur hatte man mir den ehemaligen preußischen Leutnant und späteren »Naturapostel« Johannes Guttzeit gegeben, den irgend jemand bei Singer empfohlen hatte. Guttzeit war gewiß ein guter Kerl, der die ganze Menschheit unaussprechlich liebte, aber in die Redaktion eines sozialdemokratischen Blattes paßte er nicht hinein. Überhaupt war[109]  ihm die journalistische Welt völlig fremd. Er zeichnete das Blatt als verantwortlicher Redakteur und erhielt eines Tages eine Vorladung vor den Untersuchungsrichter. Ich instruierte ihn dahin, daß er, wenn er bei der Vernehmung nach dem Verfasser des inkriminierten Artikels gefragt werde, einfach sagen solle, er kenne den Verfasser nicht. Daraufhin antwortete er auf Grund seiner Naturphilosophie entrüstet: »Aber ich muß doch die Wahrheit sagen!« – Er sah schließlich selbst ein, daß er am unrechten Platze, und verfiel auf den Gedanken, sich der Partei als Agitator anzubieten, wofür sie ihn nur mit der nötigen Quantität von Äpfeln und Schrotbrot – er war strengster Vegetarier – zu versehen brauche.
Parteigenossen, die in der sozialdemokratischen Bewegung hervorgetreten waren, konnten nicht angestellt werden, da sie sonst ausgewiesen worden wären, wie auch mit Rödiger geschah; mich selbst schützte, solange der Reichstag beisammen oder vertagt war, mein Reichstagsmandat. Es kam an Guttzeits Stelle ein sehr tüchtiger Berliner Journalist namens Horn; auch Kurt Baake machte hier seine journalistische Lehrzeit durch.
Das Blatt kämpfte schwer gegen die überlegene Konkurrenz der bürgerlichen Presse. Es erschien nur vier Seiten stark und sollte doch alles berücksichtigen. Dabei waren die Berliner Parteiverhältnisse damals nicht so, daß auf sie gestützt ein Blatt rasch in die Höhe kommen konnte. Außerdem mußte ich die Fußangeln des Sozialistengesetzes vermeiden, was zur Folge hatte, daß sich alsbald die unerbittlichen Dränger einstellten, welche mit überlegenem Tone forderten, das Blatt müsse »radikaler« werden. Ich erinnere mich einer Konferenz bei Singer, wo die gleiche Forderung von einem inzwischen sehr gemäßigt gewordenen Parteigenossen gestellt wurde. Ich erwiderte, daß das Blatt nur dann einen Zweck habe, wenn es überhaupt bestehe, und daß ich es an der äußersten Grenze des unter dem Gesetze Möglichen dahinsteuere. Aber wie einst Cato die Zerstörung Karthagos, so forderte der andere immer wieder: »Das Blatt muß radikaler werden.« – Singer schüttelte den Kopf und sagte nachher lachend: »Laß dir das Leben nicht sauer machen; du hast ja Humor!«
Immerhin hatte das Blatt in drei Monaten 2400 Abonnenten errungen. Als die Reichstagssession von 1884 zu Ende war, mußte ich aus der Redaktion scheiden, um nicht ausgewiesen zu werden.
Der Grund war gelegt, auf dem weiterzubauen nicht so schwierig war wie der Anfang.
Ich denke oft noch an die zwei kleinen Stübchen; die wir Zimmerstraße 44 parterre innehatten; im vor deren waltete der heutige Reichstagsabgeordnete Ewald als Expeditionsleiter seines Amtes, im hinteren hauste ich mit meinem jeweiligen Mitredakteur. Aus solch winzigem Anfang ist heute das mächtige Geschäft des »Vorwärts« in der Lindenstraße entstanden.[110] 
Hier muß ich noch einige Bemerkungen zu meiner persönlichen Verteidigung einflechten gegen Anschuldigungen, die nachher gegen mich erhoben worden sind.
Als Reporter für Versammlungen usw. hatte sich der alte Herr von Hofstetten gemeldet und ich hatte diesem gerne die Stelle übertragen. Aber er bereitete mir arge Verlegenheiten. Denn er brachte seine Berichte in der Nacht noch an bürgerliche Blätter und erst am folgenden Tage kam er damit zu mir. So kam es, daß ich mit meinen Berichten über Versammlungen, auch wenn es sozialistische waren, stets um einen Tag nachhinkte, was mir die heftigsten Vorwürfe eintrug. Ich machte Hofstetten darüber Vorhalt, wodurch er sich gekränkt fühlte und woraus er Anlaß nahm, sich vom Blatte zurückzuziehen.
Nach seinem Tode war in unseren Blättern zu lesen, ich hätte »einen alten verdienten Parteigenossen« mit unangebrachter Härte behandelt.
Die so schrieben, waren dazu nicht berufen, denn sie kannten Hofstettens Geschichte nicht.
Der Baron Jean Baptist von Hofstetten war erst Schauspieler und dann bayerischer Offizier an der Suite des Königs. Er heiratete eine Gräfin Strachwitz mit etwas Vermögen. Kurz zuvor hatte er, wie aus den 1872 veröffentlichten Tuilerienbriefen hervorging, an Napoleon III. geschrieben und diesem eine Zusammenkunft vorgeschlagen, um ihm Enthüllungen über den bayerischen Hof zu machen. Hofstetten erschien in Straßburg, aber Napoleon erschien nicht. Später wurde Hofstetten mit Herrn von Schweitzer bekannt und legte diesem den Plan vor, daß er, Hofstetten, als Agent des von Lassalle gegründeten Deutschen Arbeitervereins, den damaligen Kronprinzen und späteren König Ludwig II. von Bayern dafür beeinflussen solle, mit der auf 120000 Mann zu bringenden bayerischen Armee Deutschland zum Einheitsstaat zu machen. Dieses tolle Projekt, von dem auch Lassalle gewußt haben soll, fand natürlich keinen Anklang.5 Von da ab schloß sich Hofstetten eng an den Herrn von Schweitzer an, nachdem er aus der Armee ausgeschieden, und fungierte als Mitherausgeber beim Schweitzerschen »Sozialdemokrat«. Es scheint, daß Schweitzer ihm unerfüllbare Versprechungen gemacht und ihn ausgenutzt hat; das Vermögen von Hofstettens Gattin ging jedenfalls drauf. Nun schickte Schweitzer seinen Freund Hofstetten nach Wien, um dort ein Arbeiterblatt zu gründen, und Hofstetten ließ sich dort verleiten, beim König von Hannover und dem Pater Greuter, dem Führer der Klerikal-Feudalen, um Geld nachzusuchen. Als dies bekannt wurde, war seine Rolle in Wien ausgespielt.6 Schweitzer ließ ihn nun auch im Stich. Hofstetten wirkte als Journalist bei bürgerlichen Blättern, konnte aber keine feste Stellung gewinnen und war eine Zeitlang[111]  auf dem Polizeipräsidium zu Berlin mit Schreibereien beschäftigt, die sich auf die Ausweisung von Deutschen aus Frankreich bezogen. Diese letztere Sache halte ich für harmlos, denn mit der politischen Polizei hatte Hofstetten nichts zu tun. Wie es hieß, war seine Frau mit dem Polizeipräsidenten von Wurmb verwandt.


Diese Dinge waren den Berliner Parteigenossen, die mich wegen der Behandlung Hofstettens tadelten, nicht bekannt. Mir aber waren sie bekannt und ich habe ihn mit Rücksicht auf seine Notlage doch als Berichterstatter akzeptiert. Daß er diese Stellung aufgab, war nicht meine Schuld; man hätte sich verständigen können, wenn er nicht gleich so sehr gekränkt gewesen wäre. Er war eben den Baron noch nicht los geworden. Jedenfalls lag keine Veranlassung vor, hinterher ein solches Geschrei zu erheben, wie es in Berlin einige vollkommen Unberufene getan. –
Alle Aufmerksamkeit und Tätigkeit der Parteien richtete sich nun auf die Neuwahlen zum Reichstage, die im kommenden Herbst stattfinden sollten. In unseren Fraktionsverhandlungen aber hatten wir eine Sache zu erledigen, von der nachher noch oftmals die Rede war, nämlich den Fall Rittinghausen.
Rittinghausen, der Abgeordnete für Solingen, war ein Eigenbrötler und sein Steckenpferd war die direkte Gesetzgebung durch das Volk. In den Unterhaltungen über die französische Revolution, die wir oft und gern miteinander pflogen, ging er so weit, daß er die Girondisten über die Jakobiner stellte, nur weil die ersteren im Prozeß des Königs vorgeschlagen hatten, daß eine Volksabstimmung über das Schicksal des gestürzten Monarchen entscheiden solle. Aber es gab bald ernstere Differenzen. Schon nach dem Kopenhagener Kongreß hatte er sich einem dort gefaßten Beschluß widersetzt. Nun hatte Bismarck im Sommer 1883 eine außerordentliche, ganz kurze Session des Reichstages angesetzt, um dessen Zustimmung zu einem Handelsvertrag mit Spanien einzuholen. Die sozialdemokratische Fraktion beschloß, gegen den Handelsvertrag zu stimmen, weil es mit diesem auf eine Begünstigung der Agrarier und namentlich der großen Schnapsbrenner, zu denen Bismarck bekanntlich selbst gehörte, abgesehen war. Es wurde eingewendet, der Vertrag biete sonst viele Vorteile, namentlich für einzelne Wahlkreise, was damit zurückgewiesen wurde, daß die Fraktion keine Wahlkreispolitik treiben könne.
Rittinghausen erhob in der Fraktion keinen Widerspruch. Aber im Plenum gab er, nachdem der Fraktionsbeschluß von Vollmar begründet worden, die Erklärung ab, daß er für den Handelsvertrag stimmen würde. Die Stellungnahme der Fraktion zu dieser Angelegenheit wurde bis zur nächsten Session verschoben. Sie wurde in mehreren Sitzungen gründlich behandelt. Rittinghausen beharrte eigensinnig darauf, daß er sich den Beschlüssen der Fraktion nicht zu unterwerfen brauche, und verweigerte auch seine Unterschrift zu dem Aufrufe an die nordamerikanischen[112]  Parteigenossen, in dem diese zu Geldsammlungen für die Reichstagswahl aufgefordert wurden. Uns allen war die Eigenbrötelei sehr zuwider und auch ich, der ich Rittinghausen von den Fraktionsmitgliedern vielleicht am nächsten stand, erklärte ihm, wenn er auf solchen Vorrechten bestehen, könne er nicht mehr für die Partei kandidieren. Rittinghausen wurde gestützt durch eine Clique meist freireligiöser Elemente in seinem Wahlkreise, die dem alten Manne vorspiegelten, sie seien stark genug, ihm auch gegen die Parteileitung bei der nächsten Wahl wieder zu einem Mandat zu verhelfen. Darin sollten sie sich sehr täuschen. Aber dies war der Anfang von jenen Streitigkeiten im Solinger Kreise, die bis heute andauern und die auch ich als Vorsitzender der Neunerkommission des Frankfurter Parteitags von 1894 vergeblich zu schlichten versuchte.
In Nr. 20 des »Sozialdemokrat« erschien alsdann folgende einstimmig beschlossene Erklärung:
»Durch verschiedene, zum größten Teil in weiteren Parteikreisen bekannte Vorkommnisse sah sich die sozialdemokratische Fraktion, nachdem[113]  die Angelegenheit schon vorher in mehreren Sitzungen gründlich erörtert worden war, in ihrer Sitzung vom 7. ds. Mts. veranlaßt, in Ausführung des Kopenhagener Kongreßbeschlusses an Herrn Rittinghausen7 die Anfrage zu richten:
Ob er im Falle seiner Wiederwahl in den Reichstag sich nicht nur voll und ganz auf den Boden des Parteiprogramms stellen, sondern auch sich der Parteidisziplin, den Kongreß- und Fraktionsbeschlüssen unterwerfen und an allen durch Parteibeschluß herbeigeführten Aktionen sich beteiligen werde?
Herr Rittinghausen lehnte es ab, die geforderte bindende Erklärung abzugeben. Infolgedessen hat derselbe aufgehört, der Parteivertretung anzugehören, und kann derselbe seitens der Partei nicht mehr als Kandidat für ein Reichstags- oder sonst ein Parteimandat aufgestellt werden.
Berlin, 9. Mai 1884.
Bebel, Blos, Dietz, Frohme, Geiser, Grillenberger, Hasenclever, Kayser, Kräcker, Liebknecht, Stolle, Vollmar.«
Mir tat der alte Mann trotz alledem leid und ich stimmte nicht in die geringschätzige Art ein, mit der ihn andere behandelten, denen jedes Augenmaß für die eigene Bedeutung fehlte. –
Während der Debatten über die Verlängerung des Sozialistengesetzes hatte Bismarck ein kleines demagogisches Kunststück geleistet; er hatte ein »Recht auf Arbeit« verkündigt, das im preußischen Landrecht enthalten sei. Darauf brachten einige sozialdemokratische Abgeordnete, unter denen auch ich mich befand, den Antrag ein, Bismarck möge vom Reichstag aufgefordert werden, einen Gesetzentwurf betreffend das Recht der Arbeit vorzulegen. Dies war natürlich ironisch gemeint. Die politische Welt begriff dies auch. Der Antrag kam indessen nicht zur Verhandlung. –
Die Wahlbewegung hatte schon im Frühjahr 1884 begonnen. Unser Zentral-Wahlkomitee ließ zeitig einen energisch gehaltenen Wahlaufruf in anderthalb Millionen Exemplaren unter die Massen gehen, der einen tiefen Eindruck machte. Der Polizei waren vom Reichstag einige Riegel vorgeschoben worden. Dieser hatte beschlossen, daß Wahlversammlungen nicht unter das Sozialistengesetz fielen, wenn sie von einem Sozialdemokraten angemeldet wurden; auch durften auf sozialdemokratische Namen lautende Stimmzettel nicht mehr beschlagnahmt werden. Aber wenn auch der Puttkamerschen Polizeiwirtschaft dadurch Schranken gezogen waren, so lastete sie immer noch schwer genug auf uns.[114] 
Mir war in Reuß älterer Linie die Kandidatur wieder übertragen worden. Eine öffentliche Versammlung konnte ich dort nicht abhalten, das verhinderte der dort regierende »renitente Hesse«, den ich, wie erwähnt, im meiner Rede zum Unfallversicherungsgesetz im Reichstage gekränkt hatte.
Mein Gegner war ein großer Textilwarenfabrikant namens Arnold, der die Stimmen seiner Arbeiter dadurch zu gewinnen suchte, daß er, wenn sie die Fabrik in Masse verließen, an ihnen vorüber fuhr und gnädigst den Hut vor ihnen zog. Hätte er gewußt, wie sie sich darüber lustig machten, so hätte er es sicherlich nicht getan. Aber solch Protzentum ist von seiner eigenen Großartigkeit so fest überzeugt, daß es absolut nicht bemerkt, wenn es sich lächerlich macht.
Der Wahltag, der 28. Oktober 1884, brachte der Sozialdemokratie einen glänzenden Erfolg. Neun Sozialdemokraten wurden im ersten Wahlgang gewählt und vierundzwanzig Stichwahlen wurden gezählt.
Auch ich wurde im ersten Wahlgang in Reuß älterer Linie mit 3890 Stimmen gewählt, während 2922 auf den Konservativen Arnold fielen. Die Freisinnigen erhielten nur 47 Stimmen; ihre Leute hatten meist für Arnold gestimmt.
Zugleich war ich auch in Braunschweig-Blankenburg, als Freund des verstorbenen Bracke, als Reichstagskandidat aufgestellt worden, wie 1881. Damals erhielt ich dort 5700 Stimmen. Nunmehr kam es anders. Ich konnte dort eine Versammlung abhalten, die sich sehr wirksam gestaltete. Es standen mir dort der frühere Abgeordnete, der freisinnige Eisenbahndirektor Schrader, und der nationalliberale Amtsrichter Kulemann gegenüber. Die nationalliberale Partei ließ ein Flugblatt gegen mich verbreiten, in dem unter anderem behauptet war, daß im sozialdemokratischen Zukunftsstaat die Bevölkerung gezwungen würde, blaue Brillen zu tragen.
Aber auch das zog nicht.
Die Sozialdemokratie siegte in 15 Stichwahlen, so daß die neue Fraktion nunmehr 24 Mann stark war.
Auch ich war in Braunschweig I in die Stichwahl mit den Nationalliberalen gekommen. Da in der Stichwahl die Freisinnigen für mich stimmten, so blieb ich mit 10994 Stimmen Sieger, während der Nationalliberale 9994 Stimmen erhielt.
Ich war also doppelt gewählt, was bei dieser Wahl übrigens auch mit Hasenclever geschah, der in Berlin und in Breslau zugleich gewählt wurde.
Auf Beschluß der Fraktion legte ich das Mandat für Reuß älterer Linie nieder und nahm das Braunschweiger an, da es in solchem Falle gebräuchlich war, das weniger sichere Mandat anzunehmen. Zu meinem Nachfolger in Reuß älterer Linie wurde Philipp Wiemer mit fast der gleichen Stimmenzahl gewählt.
Auch in Pforzheim hatte man mir die Reichstagskandidatur übertragen, in welchem noch wenig beackerten Kreise ich 1338 Stimmen erhielt. –[115] 
In Braunschweig herrschte unter der Arbeiterbevölkerung eine große Freude. Jetzt endlich sah man das Ziel erreicht, an das Wilhelm Bracke so viel Arbeit und Mühe gewendet und für das er seine Gesundheit geopfert.
In einem Bericht aus Braunschweig über die Wahl, der im »Sozialdemokrat« erschien, heiß es:
»Am Sonntag nach der Wahl wurde schon frühzeitig das Grab Brackes bekränzt. Als wir so am Grabe unseres edlen, leider so früh dahingeschiedenen Freundes und Genossen standen, da drängten sich auf die Lippen aller Anwesenden die Worte: »Hätte dies Bracke noch erlebt!« Die tiefere Bedeutung und das Verdienst unseres Sieges gehört ihm. Er hat zuerst hier den rauhen Boden der Unwissenheit und der Vorurteile bearbeitet, dem Sozialismus die Wege geebnet und so wenig seine Gesundheit geschont wie irgend ein materielles Opfer gescheut, bis ihn mitten in seinem Wirken der Tod ereilte. Ehre seinem Andenken!«
Zwischen Hauptwahl und Stichwahl war in Braunschweig der alte Herzog Wilhelm, der letzte braunschweigische Welfe, gestorben. Als auf dem Rathause sein Testament bekannt gemacht wurde, kamen viele Bürger enttäuscht und zornig herunter, denn sie glaubten, der Herzog würde aus seinem ungeheuren Vermögen die Stadt reichlich bedacht haben. Dies war aber nicht der Fall und man sagte, zahlreiche Bürger, die sonst der Sozialdemokratie durchaus feindlich gesinnt waren, hätten nur aus Erbitterung für mich gestimmt. Ich glaub's nicht.
Da der rechtmäßige Thronfolger, der Herzog von Cumberland, seine »Lande« nicht in Besitz nehmen konnte, weil der Bundesrat es ihm verwehrte, so wurde Braunschweig der Form nach »Republik« und blieb es auch ein Jahr lang, während dessen der Herzog von der Masse der Bevölkerung nicht vermißt wurde. Dann wurde Prinz Albrecht von Preußen zum Regenten gewählt.
Diese nichts weniger als demokratische, vielmehr rein bureaukratische Republik kündete sich bei mir gleich recht merkwürdig an. Der Wahlkommissär teilte mir das offizielle Wahlresultat auf einem Kanzleipapier mit einem schwarzen Rande mit. Nun mochte das Hofzeremoniell wegen des Ablebens des alten Herzogs dergleichen vorschreiben; mich ging dies aber nichts an. Zudem sah es fast aus, als habe man die Gelegenheit benutzt, um der Trauer der Höflinge und der Bureaukratie über den Wahlausfall Ausdruck zu geben, denn ein Zwang zu dergleichen existierte schwerlich. Ich schickte darum meine Erklärung, daß ich die Wahl annehme, auf einem Bogen mit rotem Rand ein.
Doch dies war nur ein kleines, neckisches Vorspiel. Gleich darauf unternahm die regierende Bureaukratie der »Republik« Braunschweig in Anknüpfung an meine Wahl eine große Aktion, die weithin in Deutschland und außerhalb Aufsehen erregte.
Der Kreis-Landwehrverein zu Braunschweig sollte seinen Vorstand neu wählen. Zum zweiten Vorsitzenden wurde der Zahnarzt [116]  Weibgen vorgeschlagen und zwar vom Vorsitzenden selbst. Alsbald erhob sich »Kamerad« und Herdfabrikant Albrecht und erklärte, Weibgen könne nicht zweiter Vorsitzender sein, weil er Blos gewählt und dies offen eingestanden habe. Die erwartete »sittliche Entrüstung« blieb aber aus und ein anderer »Kamerad«, Tischlermeister Harms, erklärte ganz trocken, es liege gar kein Grund vor, Weibgen nicht zu wählen; er selbst habe auch für Blos gestimmt.
Das war zuviel – so sagt ein Bericht von damals. Der Vorsitzende – übrigens ein Freisinniger (!) – stellte den Antrag auf Ausschluß der zwei »Verbrecher«. Dieser Antrag ward einer Prüfungskommission überwiesen. Und nun widerfuhr dem freisinnigen Vorstand und Sozialistenfresser der Schmerz, daß nicht nur die Prüfungskommission erklärte, sie hielten den Ausschluß der beiden Mitglieder nicht für berechtigt, sondern, daß auch die Generalversammlung des Landwehrvereins mit 167 gegen 120 Stimmen entschied, die beiden Mitglieder könnten im Verein verbleiben.
Da ging ein Heulen und Rasaunen los in der konservativen und liberalen Presse über das Eindringen des »Umsturzgeistes« in die Kriegervereine, daß die Regierung der »Republik« Braunschweig nicht länger ruhig zusehen konnte. Alsbald wurde der Landwehrverein aufgelöst und zwar auf Grund des Braunschweigischen Vereinsgesetzes von 1853, wo es hieß:
»Die Regierung kann einen Verein auflösen, dessen Tätigkeit der kirchlichen, staatlichen oder gesellschaftlichen Ordnung gefährlich wird.«
Auch sollten die Mitglieder des staatsgefährlichen Kriegervereins innerhalb dreier Monate keinen neuen Verein gründen oder einem solchen beitreten dürfen.
Man kann sich denken, welche Flut von Spott und Hohn sich über die braunschweigische Regierung ergoß.
Der Sozialdemokratie wurde mit dieser Maßregel um so weniger Abbruch getan, als sie in den braunschweigischen Kriegervereinen immer eine sehr starke Anhängerschaft hatte und heute noch hat. Die Schnüffeleien gewisser liberaler Streber haben daran nichts ändern können, da kein »Kamerad« den andern verrät. Es kam vor, daß in einzelnen Ortschaften auf dem Lande der bürgerliche Kandidat so wenig Stimmen erhielt, daß diese noch nicht den dritten Teil der Zahl der Mitglieder des Kriegervereins am Orte erreichten. Alles Toben und Wüten der sozialistenfeindlichen Macher half nichts; sie mußten es eben schlucken. –
Die neue sozialdemokratische Fraktion bestand aus Auer (Glauchau), Bebel (Hamburg I), Blos (Braunschweig I), Bock (Gotha), Dietz (Hamburg II), Frohme (Altona), Geiser (Chemnitz), Grillenberger (Nürnberg), Harm (Elberfeld-Barmen), Hasenclever (Breslau-Ost), Heine (Magdeburg), Kayser (Reichenbach in Sachsen), Kräcker (Breslau-West), Liebknecht (Offenbach), Meister (Hannover), Pfannkuch (Berlin VI), Rödiger (Reuß jüngere Linie), [117]  Sabor (Frankfurt am Main), Schumacher (Solingen), Singer (Berlin IV), Stolle (Zwickau), Viereck (Leipzig-Land). Vollmar (München II), Wiemer (Reuß ältere Linie).
An Stelle von Rittinghausen, der entgegen dem Fraktionsbeschluß kandidierte, war in Solingen Georg Schumacher mit 8734 Stimmen gewählt worden. Der von einer Clique getäuschte alte Rittinghausen erhielt nur 789 Stimmen.
Es berührt eigentümlich, wenn man heute – wir schreiben 1915 – liest, mit welch glühender Begeisterung diese neue Vertretung der Sozialdemokratie im Deutschen Reichstage von den Sozialdemokraten aller Kulturländer begrüßt wurde. Wird es wieder einmal so kommen?

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Mitten im Wahlkampfe, während dessen Wogen am höchsten gingen, wurde Albert Dulk vom Tode dahingerafft. Er starb, 66 Jahre alt, an einem Schlaganfall, der ihn im Bahnhofe zu Stuttgart traf, am 29. Oktober. Es waren in den letzten Jahren zwischen einigen Stuttgarter Lokalgrößen der Partei und zwischen Dulk Differenzen entstanden, weil Dulk nicht nach der Pfeife der ersteren tanzen wollte. Auch gab es eine Anzahl Parteigenossen, die in Ermangelung selbständiger Auffassung sich von jenen demokratischen Philistern beeinflussen ließen, welche Dulk nicht ernst nehmen wollten oder so taten. Dulk wurde im »Sozialdemokrat« angegriffen und die Kandidatur für Stuttgart wurde nicht mehr ihm, sondern einem gewissen Löbenberg übertragen, der sich bald zum Renegaten entwickelte.
Das stolze Leichenbegängnis, welches die Stuttgarter Arbeiter dem toten Dulk veranstalteten, bewies, daß sie die Bedeutung seiner Persönlichkeit zu werten wußten. In stattlichem Zuge geleiteten sie ihn zur Bahn, von wo er zur Feuerbestattung nach Gotha überführt wurde. Durch Befehl des Gouvernements war das Militär während der Dauer des Leichenzuges in den Kasernen konsigniert und es hieß, die Kavallerie und ein Bataillon Infanterie hätten Instruktionen für den Fall von Ruhestörungen erhalten. Diese Maßregel war völlig deplaziert.
Einem Stuttgarter Lokalblatt ist die nachfolgende Schilderung des imposanten Zuges entnommen:
»Am gestrigen Sonntag schon von 1 Uhr an sah man Tausende dem Feuersee zu sich bewegen, um sich dem Zuge zu der Überführung der Leiche von Dr. Albert Dulk von der äußeren Rothebühlstraße zum Güterbahnhof anzuschließen. Tausende von Neugierigen, Männer und Frauen, standen auf den Trottoirs der Straßen, welche der Leichenzug passieren mußte. An der Kreuzung der Röthestraße mit der Rothebühlstraße hatte der Leichenwagen Aufstellung genommen. Von dort ordneten sich unter außerordentlich starker Kontrolle von Schutzleuten und Landjägern die Teilnehmer am Kondukt; als Anhänger der Sozialdemokratie machten sich viele durch die rote Geranienblüte im Knopfloch oder das aus der Brusttasche[118]  hervorstehende Ende eines roten Taschentuchs bemerkbar. Um zwei Uhr eröffnete ein Männerchor die Trauerfeierlichkeit mit dem Vortrag von »Stumm schläft der Sänger«, und als die Töne verklungen, setzte sich der Zug in Bewegung.
. An der Spitze des Zuges gingen zur Freihaltung des Weges eine größere Anzahl Schutzleute, ebenso zu beiden Seiten Landjäger; inmitten dieses Kordons drei Deputierte der Freidenkergemeinde mit Kränzen. Der eichene Sarg war ohne Bahrtuch und mit roten, schwarzrotgoldenen und weißen Schleifen ganz bedeckt. Zu beiden Seiten des Leichenwagens gingen Mitglieder der Freidenkergemeinde. Hinter dem Wagen folgten die Kinder des Jugendunterrichts der Freidenker, deren Frauenverein und die Familienangehörigen des Verstorbenen, darunter Schriftsteller Dr. Hartung, während die übrigen Mitglieder der Freidenkergemeinde sich anschlossen. Bis hieher hatte das Trauergefolge noch das Gepräge eines gewöhnlichen Leichenzuges, abgesehen von der polizeilichen Überwachung; nun aber kamen Tausende und aber Tausende von Arbeitern, welche die ganze Breite der gewöhnlichen Straßenfahrbahn einnehmend sich dem Kondukt anschlossen, und es wird wohl die Schätzung nicht zu hoch gegriffen sein, wenn wir ihre Zahl auf 3–6000 angeben. Im Zuge bemerkten wir auch die drei hier lebenden sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Blos, Dietz und Geiser, ferner Mitglieder der bürgerlichen Demokratie, darunter der Reichstagsabgeordnete Karl Mayer. Am Güterbahnhof war der Zugang zu der Rampe, an welcher der Güterwagen zur Aufnahme der Leiche stand, polizeilich freigehalten, und außer dem Herrn Stadtdirektor waren zwei Gendarmerieoffiziere und der Verstand des Stadtpolizeiamts anwesend. Die Familie des Verstorbenen hatte sich auf der Rampe aufgestellt.« –
Aus diesem Bericht ist zu ersehen, wie unter dem Sozialistengesetz ein solches sozialdemokratisches Leichenbegängnis mit einer polizeilichen Wolke überschattet war.
Des weiteren wurden Ansprachen gehalten und Kränze niedergelegt. »Dann ging die Menge«, heißt es weiter, »auseinander und ohne Störung war die Leichenfeierlichkeit, an welcher mit den Zuschauern etwa 25000 Menschen angewohnt haben mögen, beendigt.«
Ungefähr ein Jahr später wurde an dem sogenannten Dulkhäuschen am Eßlinger Bergwald, wo Dulk so oft als Einsiedler geweilt, in Gegenwart einer zahlreichen Versammlung von Sozialdemokraten und Freidenkern die eherne Büste Dulks angebracht, welche der berühmte Donndorf angefertigt hat.[119] 
Fußnoten
1 In dieser Versammlung trat mir der streitbare antisemitische Pastor Dietz entgegen, der aber schlecht abschnitt. Er schrieb darüber grimmig in seiner »Neuen Westfälischen Volkszeitung«:
 »Daß Herr Blos bei seinen Parteigenossen Beifall und Redakteur Dietz heftigen Widerspruch fand, versteht sich von selber, hat aber nicht viel zu bedeuten. Sehr bedauerlich ist es aber, daß ein gellendes Hohngelächter ausbrach, als Redakteur Dietz sagte, daß unser Heiland Jesus Christus der beste und zuverlässigste Arbeiterfreund sei.«
 Die Sache verhielt sich aber anders. Pastor Dietz hatte nämlich, wie ich mich genau erinnere, gesagt, die besten Freunde der Arbeiter seien Jesus Christus und Fürst Bismarck, und die Arbeiter haben nicht über Jesus von Nazareth, sondern über diese deplazierte Verherrlichung Bismarcks, von dem sie doch mit dem Sozialistengesetz verfolgt wurden, ein Hohngelächter ausgestoßen. Darum sah sich der Pastor Dietz auf seine Verdrehungskunst angewiesen.

2 Nach einem Kleiderladen in der Leipziger Straße 110, dessen Inhaber sich durch aufdringliche Reklame bekannt gemacht hatte.

3 Moritz Hartmann in der Reimchronik des Pfaffen Mauritius.

4 Dem Zentrum warf ich in der nächsten Session in meiner Rede über den Kanzelparagraphen diesen Umfall vor, worauf Windthorst und Schorlemer-Alst – letzterer sehr aufgeregt – sich recht schwach verteidigten. Die Haltung des Zentrums war auch sehr schwer zu rechtfertigen.

5 Bernhard Becker hat seinerzeit den Plan im »Nordstern« veröffentlicht.

6 Diese Sache, bei der übrigens Bernhard Becker eine recht unschöne Rolle spielte, habe ich im ersten Band dieser »Denkwürdigkeiten«, Seite 141, schon erwähnt.

7 Die Bezeichnung »Herr« enthält hier keine Spitze. Die Parteigenossen redeten sich früher, wenn sie nicht enger befreundet waren und sich duzten, durchweg mit »Herr« an; auch die Vorsitzenden der Kongresse gebrauchten beim Aufruf der Redner dies Wort. Manchmal wurde auch die Anrede »Bürger« gebraucht; die Anrede »Genosse« kam erst später auf. Aber trotz der »bürgerlichen« Anrede waren früher die Brüderlichkeit und Solidarität unter den Parteigenossen nicht geringer, wie heute, sondern eher großer, was schon aus der enger begrenzten Parteigemeinschaft sich ergab.




Der Dampfer-Subventionsstreit










Unsere Fraktion war nun zum ersten Male stark genug, um selbständig auftreten zu können, und hatte nicht mehr nötig, bei anderen Fraktionen Bittgänge um Unterschriften zu tun, wenn sie einen Initiativantrag einbringen wollte. Trotzdem betrachteten wir, entsprechend den Traditionen der Partei, unsere parlamentarische Tätigkeit nur als ein Mittel zur Propaganda für den Sozialismus. Es wurden auch Fraktionsmitglieder in einzelne Kommissionen delegiert, wo für uns wichtige Dinge auf dem Spiel standen, namentlich in die Wahlprüfungs- und Petitionskommission. An den Beratungen der Budgetkommission beteiligten wir uns nicht, da wir ja das ganze Reichsbudget ablehnten. Den noch wurde der Ein tritt in die genannten Kommissionen von hyperradikalen Parteigenossen als »schwächliche Konzession an den Sumpf des Parlamentarismus« heftig getadelt. Nun – im Jahr 1873 war noch von den Abgeordneten allen Ernstes verlangt worden, daß sie sich an den parlamentarischen Verhandlungen nur durch Zwischenrufe beteiligen sollten. Alle die Marotten – es gab noch mehr – konnten nur nach und nach überwunden werden. Wenn man eine Tafel für die ganze Welt eröffnet, setzen sich manchmal eben auch merkwürdige Gäste daran.
Im neuen Reichstage hatten die Schutzzöllner wieder vollständig die Oberhand und Bismarck konnte seine agrarische Wirtschaftspolitik fortsetzen, mittels welcher er dem deutschen Volke – mit Schäffle zu reden – eine neue Grundherrlichkeitsabgabe auferlegte, die der wirtschaftlich versinkenden Junkerschaft wieder emporhelfen sollte. Eine Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel erfolgte, indem die Zölle auf Fleisch und Getreide erhöht, resp. verdreifacht wurden. Zugleich kündigte Bismarck eine Aera der Millionärzüchterei an.
Trotzdem begrüßte er den neuen Reichstag gleich mit einer Schikane. Die Freikarten der Abgeordneten für die Zeit der Session hatten bisher für das ganze Reich Gültigkeit gehabt. Jetzt wurden sie auf die Linien zwischen Berlin und dem Wohnsitz des Abgeordneten beschränkt. Viele Abgeordnete konnten infolgedessen nicht frei nach ihren Wahlkreisen fahren. Man glaubte erst, diese Maßregel ziele dahin, die Sozialdemokraten zu verhindern, daß sie mit den Freikarten auf Agitation gingen. Aber bei der Debatte über diese Sache sagte Bismarck, ein Abgeordneter habe 14000 Kilometer abgefahren und dergleichen dürfe nicht mehr vorkommen. Es hieß, daß dieser Pfeil Moltke gegolten. Dieser antwortete indessen nicht. Es ist aber bekannt, daß Bismarck und Moltke sich nicht leiden konnten, weil ersterer gegen den Willen des letzteren 1870 das Bombardement von Paris durchgesetzt hatte. – Ich hatte einmal mir gestattet, zu[123]  bemerken, die angenehmsten Seiten des deutschen Parlamentarismus seien die marmornen Waterklosetts und die Freifahrkarten; nun war die letztere Annehmlichkeit auch fraglich geworden.
Der agrarischen Auspowerungspolitik standen wir unpersönlich gegenüber. Wir blieben aber auch kühl, als die bürgerlichen Parteien ihren lächerlichen Wettlauf um die Gunst des armen Mannes fortsetzten, wozu sie durch Bismarcks Sozialpolitik angetrieben worden waren. Mit einem Male hatten sie alle ihr »warmes Herz« für den Proletarier entdeckt, das sie nun »von jeher« gehabt haben wollten; sogar die Freisinnigen, die als Manchestermänner von jeher die Eingriffe des Staates in den Kampf zwischen den wirtschaftlich Starken und Schwachen verworfen und alles dem »freien Spiel der Kräfte« überlassen hatten, wollten nun »von jeher« begeisterte Anhänger des Arbeiterschutzes gewesen sein. Mit dem Begriff des Arbeiterschutzes wurde förmlich Fangball gespielt.« Bismarck, der als echter Junker die moderne Bourgeoisie haßte, spielte ihr einen boshaften Streich, indem er plötzlich sagte, daß die bisher erreichte Sozialgesetzgebung ohne das Drängen und die Mitwirkung der Sozialdemokratie nicht zustande gekommen wäre und daß wir in diesem Sinne »einnützliches Element« seien. Damit rächte er sich für die Quertreibereien der Bourgeosie gegenüber der Sozialreform.
Die bürgerlichen Parteien brachten im Wettlauf um die Gunst des armen Mannes nunmehr allerlei Arbeiterschutz-Anträge ein, die ganz unzulänglich oder auf Verhinderung eines wirksamen Eingreifens berechnet waren. Die sozialdemokratische Fraktion dagegen reichte einen umfassenden Antrag ein, der auf dem Boden des Arbeiterschutzgesetzentwurfs von 1877 stand und so ziemlich alles enthielt, was innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft an gesetzlichem Schutze für die Lohnarbeiter zu fordern war. Wir forderten den zehnstündigen Maximalarbeitstag für erwachsene, den achtstündigen für jugendliche Arbeiter, Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit mit den notwendigen Ausnahmen. Verbot der Kinderarbeit, Verbot der Frauenarbeit auf Hochbauten und unter Tag, wöchentliche Lohnzahlung am Freitag und Minimallohn und zur Überwachung der Ausführung ein Reichsarbeitsamt, Arbeitsämter, Arbeitskammern und Schiedsgerichte. Der Minimallohn war nur gegen eine starke Minderheit in den Antrag aufgenommen worden, da er vom wissenschaftlichen Sozialismus verworfen wurde.
Selbstverständlich wurde unsere Arbeit platonisch gelobt, aber für »unausführbar« erklärt. Die Arbeitermassen wußten das »warme Herz« der bürgerlichen Parteien nachgerade auch da richtig zu würdigen, wo sie bisher noch an diese Chimäre geglaubt hatten.
Die von Bismarck um diese Zeit begonnene Kolonialpolitik verwarfen wir prinzipiell, denn wir faßten sie so auf, daß das Volk hier nur die Mittel aufbringen sollte, um einzelnen Kapitalistengruppen die Möglichkeit neuer Profite zu schaffen. Außerdem erschienen uns die Kolonien im ganzen unrentabel. Und aus unserer Stellung zur Kolonialpolitik entstand[124]  in der Reichstagsfraktion der Kampf um die Dampfersubvention, der seinerzeit so stark auf unser inneres Parteileben eingewirkt hat.1
Schon im Sommer 1884 hatte die Regierung einen jährlichen Höchstbetrag von vier Millionen Mark für 15 Jahre gefordert, um mit Ostasien und mit Australien regelmäßige Postdampferverbindungen zu schaffen, indem sie an ihr geeignet erscheinende Unternehmer Zuschüsse zahlen wollte. Die Angelegenheit wurde verschoben und im November 1884 wurde sie wieder aufgegriffen. Die Regierung verlangte nun aber fünfeinhalb Millionen Mark, da sie noch eine afrikanische Linie plante.
Es ist behauptet worden, es habe damals in der Sozialdemokratie eine außerordentliche Gereiztheit vorgeherrscht, die aus der Unzufriedenheit mit der parlamentarischen Tätigkeit der Reichstagsfraktion entsprungen sei. Dies ist vollkommen unrichtig. In der Partei gab es damals die drei Strömungen, die es so ziemlich immer gegeben hat – eine äußerst »radikale« auf der linken, eine »gemäßigte« auf der rechten Flanke, und zwischen beiden eine mittlere, welche die zahlreichste war. Da alle auf dem Boden des Parteiprogramms sich bewegten, so war keiner in prinzipieller Beziehung ein Vorwurf zu machen. Dieser Zustand war auch gar nicht unvorteilhaft, denn er bewahrte die Partei davor, nach rechts oder nach links allzu extremen Neigungen Raum zu geben. Diese drei Strömungen waren auch in der Fraktion vorhanden mit der gleichen Wirkung. Die Verschiedenheit in der Auffassung der Parteitaktik wuchs sich aber nicht zu persönlichen Feindschaften aus, wie es später geschah, von vereinzelten Fällen abgesehen. Die Partei als ganzes hatte an der Haltung der Fraktion nichts auszusetzen und wußte die Schwierigkeiten zu würdigen, mit denen diese als parlamentarische Vertretung und als Parteileitung zu kämpfen hatte. Dies beweist der Beschluß des Kopenhagener Kongresses, der dahin lautete:
»Die Gesamthaltung der Reichstagsabgeordneten unserer Partei entspricht dem Programm der Partei, weshalb der Kongreß sich mit derselben einverstanden erklärt.«
Dieser Beschluß wurde ohne Debatte gefaßt.
Besserwisser und Krittler gab es allerdings auch nicht wenige, namentlich unter den deutschen Sozialisten im Auslande, die in freieren Ländern lebten und keinen genügenden Einblick in die deutschen Verhältnisse hatten. Auch das Maulheldentum machte sich breit. So war ein Student namens Grunzig aus Berlin ausgewiesen worden und in Neuyork in die Umgebung der Helena Dönniges gekommen. Offenbar von deren »Geiste«[125]  erfaßt, schrieb er herüber, die Fraktion müssen an den Ohren aus dem Reichstage geführt werden. Wir lachten über diese Albernheit, wie über andere.
Daß viel Nervosität vorherrschte, ist richtig. Aber diese kam von dem Druck des Sozialistengesetzes, das den einzelnen fast täglich vor neue Gefahren stellte. Der eine hat eben starke Nerven, der andere nicht.
Gegen die neue Fraktion konnte nicht wohl schon ein Vorwurf erhoben werden, denn die Wahlen hatten ja erst am 28. Oktober stattgefunden und erst am 20. November hatte die erste Session des neuen Reichstags begonnen.
Betreffs der Dampfersubvention gab es in der Fraktion anfangs keine prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten. Alle waren einig, daß die Kolonialpolitik nicht durch solche Subventionen gefördert werden dürfe. Aber die Mehrheit der Fraktion war der Meinung – und dieser pflichtete auch ich bei – daß unter den vorgeschlagenen Linien auch solche seien, die mit der Kolonialpolitik keine Berührung hätten. Sie hätten nur den Zweck, den internationalen Verkehr zu fördern. In der Tat hat die Sozialdemokratie alles Interesse daran, den Weltverkehr, den wirtschaftlich revolutionärsten Faktor unserer Zeit, sich frei entfalten zu lassen.

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Nun kam noch hinzu, daß Bismarck, wie bekannt war, den Bremer Handel mit Ostasien und Australien zuungunsten Hamburgs bevorzugen wollte, welches damals den Handel mit diesen Gebieten fast ganz an sich gezogen hatte. Es sollte also der Bremer Lloyd subventioniert werden. Die Schädigung des Hamburger Handels mußte auch die dortigen Arbeiter schwer treffen. Diese machten ihre Interessen geltend. Wenn der Bremer Lloyd die Subvention erhalte, sagten sie, könne diese Gesellschaft die erforderlichen Schiffe aus dem Bestand ihrer Handelsflotte entnehmen; wenn aber die Hamburger Reedereien mit der Subvention bedacht wurden, dann müßten diese neue Schiffe bauen, und es bekämen die zahlreichen Werftarbeiter, Schiffszimmerer usw., die damals brotlos waren, Beschäftigung. Dieser Grund fiel bei der Mehrheit besonders schwer ins Gewicht; sie hielt es in jeder Beziehung für vorteilhaft, wenn sie den Arbeitern auch einmal mit einem materiellen Vorteil beispringen könne. Ohnehin wurde dies aus den Kreisen der Schiffszimmerer und verwandten Berufe energisch verlangt. Indem sie immer die Förderung der Kolonialpolitik vermied, war sie bereit, für die ostasiatische und die australische Linie, bei dieser die Samoalinie ausgenommen, zu stimmten, die afrikanische und die Samoalinie wollte sie ablehnen. Doch machte sie ihre Zustimmung davon abhängig, daß die neu einzustellenden Schiffe Dampfer ersten Ranges sein und auf deutschen Werften gebaut werden müßten. Wenn aber die letzteren Bedingungen abgelehnt oder wenn die afrikanische und die Samoalinie angenommen werden sollten, dann wollte die Fraktionsmehrheit gegen die ganze Vorlage stimmen.
Die Minderheit lehnte die ganze Vorlage von vornherein ab. Sie sagte, man dürfe den deutschen Steuerzahlern nicht eine solche Last auferlegen,[126]  welche der deutsche Seehandel gar nicht fordere, denn er sei ohne Subvention groß geworden. Innerlich hänge die Dampfersubvention doch mit Bismarcks Wirtschaftspolitik zusammen; sie wurde unerträgliche Tarifbildungen und Krisen im überseeischen Handel mit sich bringen.
Am 11. Dezember meldete der »Sozialdemokrat« in Zürich:
»Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hat nach längeren Debatten den Beschluß gefaßt, die Abstimmung über die Dampfersubvention offen zulassen. Die Mehrheit der Abgeordneten ist der Ansicht, daß es sich hier um eine Zweckmäßigkeits- und nicht um eine Prinzipienfrage handelt. Falls der Nachweis geliefert wird, daß die Ausführung des Regierungsprojektes dem Handel und der Industrie förderlich wäre, und wenn dem Reichstag die Kontrolle übertragen wird, gedenkt ein Teil der Fraktion, und zwar der größere, für die Dampfersubvention zu stimmen. In die Reichstagskommission, welche die Regierungsvorlage zu prüfen hat, sind Dietz und Bebel gewählt worden.«
Diesem Beschlusse waren heftige Kämpfe vorausgegangen.
Bebel hat auf dem Chemnitzer Parteitag von 1912 vor dem Weltkriege bei einer Debatte über Sonderkonferenzen ausgeführt:
»Die Konferenzen sind schon zirka dreißig Jahre lang in der Partei, wenn auch nicht regelmäßig, geübt worden. Wir haben in den achtziger Jahren in der Fraktion, als sie vierundzwanzig Mitglieder zählte, zwei sehr scharf unterschiedene Gruppen feststellen können, namentlich bei der Dampfersubvention. Es waren damals achtzehn gegen sechs und zwar waren die sechs die Linke, wozu ich selbstverständlich gehörte ... Wir in der kleinen Gruppe brauchten natürlich keine Sonderkonferenzen abzuhalten. Aber die übrigen achtzehn hielten ihre Sonderkonferenzen ab, um uns in der Fraktion glücklich niederzukriegen. Nachher haben wir uns verständigt. Wir sind einstimmig gegen die Dampfersubvention aufgetreten.2 Von da ab haben in der Reichstagsfraktion Sonderkonferenzen irgendwelcher Art nicht mehr stattgefunden. Sie sind erst wieder eingezogen zu Anfang dieses Jahrhunderts ... Wir werden uns alle sehr freuen, wenn es künftig ohne diese Sonderkonferenzen geht.«
Dies ist richtig und – je nachdem – auch nicht ganz richtig. Jeden falls waren die Zusammenkünfte von damals keine Sonderkonferenzen im heutigen Sinne und pflegten weder die Intrige noch die Stellenvermittelung.
In den siebziger und achtziger Jahren herrschte in der Fraktion eine Art »patriarchalischen« Verhältnisses. Die »Alten«, unter denen namentlich Bebel und Liebknecht zu verstehen waren, gaben den Ton an und wir Jüngeren fügten uns. Das änderte sich, nachdem wir uns auf dem parlamentarischen Boden sicherer fühlten; wir wollten auch unserer eigenen Meinung Geltung verschaffen. Auch waren wir noch jung und wollten[127]  manchmal einen fröhlichen Abend haben, ohne weise Lehren anhören zu müssen. Namentlich Grillenberger, Frohme und ich gaben uns gerne solcher Geselligkeit hin. Aber es entstanden daraus keine Differenzen und schließlich glich sich alles dahin aus, daß »Alte« und »Junge« kameradschaftlich verkehrten. Die damals oft gebrauchte Bezeichnung der »Alten« als »Päpste« war ein Scherz, den man sich auch in ihrer Gegen wart erlauben konnte.
Als die Frage der Dampfersubvention kam, erweiterte sich dieser Kreis ganz von selbst. Singer, der damals als ehemaliger »Jacobyt« der äußerste rechte Flügelmann war und erst 188 auf dem St. Galler Kongreß zur äußersten Linken abschwenkte, gesellte sich zu uns dreien, desgleichen Hasenclever, der immer der alte Lassalleaner blieb, Dietz und Geiser. Wir beschäftigten uns natürlich mit der Dampfersubvention. Um ungestört zu bleiben, gaben wir unserem Zirkel den Namen »Sauglocke«, was den Anschein erwecken sollte, als beschäftigten wir uns mit Zotenreißerei. Das hielt alle von uns fern, die peinlich auf »sittliches Betragen« hielten. Wir lenkten in der Tat die damalige Fraktionsmehrheit, was der »radikalen« Linken, bei der sich Bebel, Vollmar und nachher auch Liebknecht befanden, völlig verborgen blieb.
Bei Beginn der Fraktionsberatungen über die Dampfersubvention hielt uns Bebel eine schmetternde, reichlich zweistündige Rede. Das war uns zu viel und ich erhielt den Auftrag, eine Beschränkung der Redezeit zu beantragen, eine halbe Stunde für Referenten und zehn Minuten für Diskussionsredner. Die »Alten« fanden das unerhört, aber es wurde beschlossen und ich wiederholte den gleichen Antrag bei Eröffnung jeder Fraktionssitzung.
Die Debatten wurden hitzig und schließlich wurde die Dampfersubvention doch zur Prinzipienfrage gestempelt, wozu sich auch Liebknecht bekehrte, der erst im »Sozialdemokrat« die Prinzipienfrage bestritten hatte.
Dietz legte eine in die Details gehende Berechnung vor, nach welcher die Errichtung einer australischen – immer Samoa ausgenommen – und der ostasiatischen Dampferlinie Handel und Verkehr und die Geschäfte überhaupt neu beleben und somit den Arbeitern sehr bedeutende Vorteile bringen müßte. Bebel entgegnete darauf heftig, daß geschäftliche Rücksichten nicht maßgebend seien, und daß die Fraktion sich nur nach prinzipiellen Gesichtspunkten zu richten habe.
Im »Sozialdemokrat« erschienen Einsendungen für und wider.
Bei den Verhandlungen im Plenum stimmte die sozialdemokratische Fraktion geschlossen gegen die Vorlage. Im »Sozialdemokratischen Reichstags-Handbuch« von Max Schippel findet sich folgende Darstellung der Verhandlungen:
»Da die Mehrheit auf die afrikanische und die Samoa-Linie nicht verzichten wurde, so werde, sagte der Beauftragte der Fraktion, Genosse Blos, die Fraktion einstimmig gegen die Dampfersubvention in ihrer Gesamtheit stimmen. In der zweiten Lesung befürwortete Dietz die[128]  Fraktionsanträge, die sämtlich abgelehnt wurden. Bei den entscheidenden Abstimmungen fehlten auch elf Sozialdemokraten, die durch Krankheit oder durch ihren Beruf – »sie müssen sich sämtlich durch ihre Arbeit ernähren«, sagte der »Sozialdemokrat« – abgehalten waren. In der dritten Lesung stimmten die sozialdemokratischen Abgeordneten gegen die Vorlage.«
Trotzdem wurde noch bis in die jüngste Zeit in der Partei kolportiert, wir hätten für die Vorlage gestimmt; der Abgeordnete Wilhelm Schmidt (Frankfurt) behauptete es sogar einmal in einer öffentlichen Erklärung.
Schon vor der entscheidenden Abstimmung im Reichstage waren verschiedene Proteste gegen die Haltung der Mehrheit der Fraktion eingegangen, die meist von den deutschen Sozialisten im Auslande kamen. Sie wurden im »Sozialdemokrat« veröffentlicht. Zuerst protestierte die Züricher Mitgliedschaft, welcher sich der »Sozialdemokrat« anschloß; dann die deutschen Sozialisten in Bern, London, Kopenhagen und Brüssel; aus Deutschland sandten Proteste Parteigenossen aus Leipzig, Rostock und Königsberg. Ob an den letzteren Orten die Gesamtheit der Parteigenossen hinter den Protesten stand, ließ und läßt sich nicht ermitteln, da es keine öffentlichen Organisationen in Deutschland gab.


Die Mehrheit der Fraktion konnte, nachdem sie gegen die Dampfersubvention gestimmt, diese Angriffe umsoweniger ohne Antwort lassen; ebenso sah sie sich gezwungen, sich gegen die Angriffe auszusprechen, die aus der Mitte der Fraktion heraus im »Sozialdemokrat« gegen sie gerichtet worden waren.
Mir wurde die angenehme Aufgabe, die entscheidenden Anträge einzubringen und zu begründen.
Zunächst beantragte ich eine Kommission, um die Urheber der Angriffe im »Sozialdemokrat« ausfindig zu machen, was auch beschlossen wurde, obwohl Liebknecht von einem »Ketzergericht« sprach. Alsdann wurde beschlossen, eine Erklärung zu erlassen, die ich ursprünglich entworfen hatte, die aber, nachdem sie durch verschiedene Schmelztigel gegangen, am 2. April in nachstehender Form im »Sozialdemokrat« erschien:

»Erklärung.

In der letzten Zeit, namentlich im Monat Januar dieses Jahres, waren im »Sozialdemokrat« mehrfach offene und versteckte Angriffe gegen die sozialdemokratische Fraktion des Reichstages zu lesen. Diese Angriffe gingen teils von der Redaktion, teils von Korrespondenten des Blattes aus. Sie bezogen sich vorzugsweise auf das Verhalten der sozialdemokratischen Reichstagsmitglieder in der Frage der Dampfersubvention. Auch ist eine Resolution der Züricher Genossen, die sich gegen die Haltung der Fraktionsmehrheit in dieser Frage aussprach, nicht bloß im Parteiorgan veröffentlicht worden, sondern auch in Einzelabzügen in Deutschland[129]  verbreitet worden, offenbar in der Absicht, eine Art »Entrüstungsbewegung« gegen die Fraktionsbeschlüsse hervorzurufen.
Wenn gleich die sozialdemokratische Reichstagsfraktion weiß, daß durch derartige Angriffe ihre Stellung nicht erschüttert werden kann, so betrachtet sie doch ein derartiges Verfahren als durchaus ungehörig.
Sie bestreitet der Redaktion und den Korrespondenten des Parteiorgans keineswegs das Recht einer selbständigen Kritik; sie erachtet es aber für eine schwere Schädigung der Parteiinteressen, wenn die Beschlüsse der Abgeordneten in einer Weise besprochen werden, welche geeignet ist, die Fraktion in den Augen der fernstehenden Parteigenossen herabzusetzen.
Das Parteigefühl unserer Genossen, an welches wir appellieren, muß ihnen sagen, daß ein solches Verfahren geeignet ist, die Aktionsfreiheit der Partei herabzusetzen oder gar in wichtigen Momenten zu lähmen.
Statt den gewählten Vertretern der Arbeitersache auf solche Weise den schwierigen Kampf gegen übermächtige Feinde noch zu erschweren, sollte jeder Parteigenosse bestrebt sein, den Keim der Zwietracht zu ersticken und das Band der Ein tracht fester und fester zu knüpfen.
Insbesondere ist es Pflicht der Redaktion des »Sozialdemokrat«, in diesem Geiste zu wirken und nie zu vergessen, daß das Parteiorgan unter keinen Umständen in Gegnerschaft zur Fraktion treten darf, welche die moralische Verantwortlichkeit für den Inhalt desselben trägt.
Nicht das Blatt ist es, welches die Haltung der Fraktion zu bestimmen, sondern die Fraktion ist es, welche die Haltung des Blattes zu kontrollieren hat.
Die Fraktion erwartet demgemäß, daß derartige Angriffe in Zukunft unterbleiben und daß die Redaktion alles vermeidet, was dem Geiste dieser Erklärung zuwiderläuft.
Berlin, 20. März 1885.

Die sozialdemokratische Fraktion des
Deutschen Reichstages.«

Diese Erklärung, die in keinem Satze über die Befugnisse der Fraktion als solcher und als Parteileitung hinausging, versetzte eine Anzahl von Parteigenossen in heftigste Erregung, die sich in grimmigen Kundgebungen entlud. Sucht man nach den Ursachen dieser Erscheinung, so sind sie in letzter Linie im Sozialistengesetz zu erblicken. Der ungeheure Druck, mit dem dieses auf den Parteigenossen lastete, und die anscheinende Unmöglichkeit, sich in absehbarer Zeit von diesem Druck zu befreien, brachte vielfach eine verzweifelte Stimmung hervor und erweckte im einzelnen vorübergehend sogar anarchistische Neigungen.3. Statt nun ihre Energie und Ausdauer im Kampfe gegen die reaktionären Gewalten zu verdoppeln, lenkten sie ihre Zornausbrüche auf die Fraktion, welche doch an den momentan bestehenden Verhältnissen nichts ändern konnte und sie auch[130]  nicht verschuldet hatte. Bei jüngeren und unerfahrenen Parteigenossen konnte man dergleichen verstehen, bei älteren und erfahrenen aber nicht.
Die Redaktion des »Sozialdemokrat« – der Parteigenosse Eduard Bernstein – antwortete auf die Fraktionserklärung, daß sie sich vorläufig jeder Meinungsäußerung enthalte, da die Fraktion in die Ferien gegangen sei und nach dieser die direkt von der Redaktion erhobenen Ein wände zur Erledigung bringen könne. Deshalb sollten auch keine der beim Blatte eingegangenen Zuschriften zum Abdruck gebracht werden.
Inzwischen waren zwei Fraktionsmitglieder nach Zürich gegangen, um dort eine Verständigung mit der Redaktion einzuleiten. Die Verständigung wurde rasch erreicht. Die Redaktion des »Sozialdemokrat« verzichtete auf eine selbständige Erklärung. Dagegen stellte sie gemeinsam mit den Abgesandten der Fraktion fest, die Auffassung, als habe die Fraktion durch ihre Erklärung einen Eingriff in das Recht der freien Meinungsäußerung beabsichtigt, beruhe auf einem Mißverständnis.
»Die Erklärung der Fraktion«, wurde weiter festgestellt, »sollte einzig und allein den Zweck haben, die Einheit und Aktionsfähigkeit der Partei zu wahren und zu gleicher Zeit die wegen der Frage der Dampfersubvention entstandenen Polemik zum Abschluß zu bringen.
Fraktion und Redaktion sind sich darin einig, daß innerhalb der Partei absolute Freiheit der Kritik obwalten muß, und daß jeder Versuch, diese Freiheit zu beeinträchtigen, einen Verrat an den Parteiprinzipien bedeuten und die Grundlage, auf der die Partei ruht, erschüttern wurde.
Fraktion und Redaktion sind aber auch darin einig, daß die Einheit und Aktionsfähigkeit der Partei unter allen Umständen gewahrt werden müssen und daß es durchaus zu verwerfen ist, wenn unter dem Vorwand, das Recht der freien Kritik auszuüben, der Versuch gemacht wurde, der Parteileitung die Erfüllung ihrer Pflicht zu erschweren.«
Alsdann wurde auf die außergewöhnlichen Zustände unter dem Sozialistengesetz hingewiesen und weiter festgestellt:
»Die Parteileitung vermag ihrer schwierigen Aufgabe nicht zu genügen, wenn sie nicht auf die Unterstützung der Genossen rechnen kann. Hat die Parteileitung in bezug auf eine bestimmte Angelegenheit einen Beschluß gefaßt, so muß sie auch die Gewißheit haben, daß die Genossen mit vollem Vertrauen und ganzer Kraft hinter ihr stehen. Ist der eine oder der andere vielleicht abweichender Meinung, so hat er sich der Vertretung der Gesamtheit taktisch unterzuordnen, gerade wie erforderlichenfalls innerhalb dieser Vertretung sich die Minorität der Majorität unterzuordnen hat. Geschieht dies nicht, dann hört jede Organisation und jede Aktion auf ... Die Fraktion denkt nicht daran und kann nicht daran denken, den »Sozialdemokrat« als ihr persönliches Organ zu betrachten, mit dem sie nach Belieben schalten und walten kann. Der »Sozialdemokrat« gehört der Gesamtpartei und ist das Organ der Gesamtpartei. Die Gesamtpartei wird aber vertreten durch die Fraktion, die kraft ihres[131]  Amtes naturgemäß die Kontrolle der Partei hat. In bezug hierauf befindet sie sich in vollstem Einverständnis mit der Redaktion des Parteiorgans, und die Vorkommnisse, welche die Erklärung der Fraktion veranlaßten, haben dies Verhältnis brüderlichen Zusammenarbeitens unberührt gelassen.« –
Damit war der Streitfall erledigt, wenn auch die Abgrenzung der beiderseitigen Befugnisse noch für manches »Mißverständnis« die Tür offen ließ. Das wichtigste war die förmliche Anerkennung des Rechts der Kontrolle des Parteiorgans durch die Fraktion. Indessen sind eigentliche Differenzen zwischen der Fraktion und dem »Sozialdemokrat« nicht mehr vorgekommen.
Zunächst aber kam noch ein Nachspiel. Die Fraktion wollte durch die Tat beweisen, daß im Parteiorgan freie Meinungsäußerung herrsche. Obschon eine Reihe von Zuschriften – meist von deutschen Sozialisten im Auslande – dort abgedruckt waren, welche sich gegen die Fraktion aussprachen, so verzichtete sie doch auf den Abdruck der vielen zustimmenden Einsendungen. Um zu zeigen, daß sie sich vor großen Worten und hyperradikalem Phrasenschwulst nicht fürchte, wünschte sie ausdrücklich den Abdruck der Frankfurter Erklärung, welche von der Redaktion beanstandet worden war. Auch wollte die Fraktion zeigen, wie weit die Selbstüberhebung und Taktlosigkeit gewisser Leute an einzelnen Orten ging.
In dieser Erklärung wurden zunächst die Abgeordneten als »Mitkomödianten« bezeichnet, weil sie Vertreter in den Seniorenkonvent geschickt hatten; wir sollten eine »freier Männer unwürdige Komödie« aufgeführt haben, indem wir mit den »Vertretern der heutigen Gesellschaft« diplomatische Unterhandlungen gepflogen hätten, um uns mit ihnen auszusöhnen; der Weizen der Partei sollte vom Unrat gesäubert werden, unter welch letzterem natürlich die Fraktion zu verstehen war, die dann noch beschuldigt wurde, daß sie die Sozialdemokratie in den »Sumpf des Parlamentarismus« führen wolle. Daß die Fraktion den Inhalt des Parteiorgans zu kontrollieren beanspruche, sei eine grenzenlose Überhebung. Und so weiter.4

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Wir hielten die knabenhaft unreifen und anarchistelnden Ausbrüche dieser Erklärung nicht einer Erwiderung wert.
Aber wer waren denn diese furchtbaren Revolutionäre, welche uns als »Unkraut« ausjäten wollten?
In der Erklärung hieß es: »Wir stellen den Stimmen der Mehrheit in der Fraktion diese einstimmige Meinung von mehreren hundert Frankfurter Parteigenossen gegenüber, von welchen jede Stimme genau denselben Wert und dasselbe Gewicht hat, wie jede in der Fraktion.«[132] 
Die Helden waren so vorsichtig, ihre Erklärung nicht zu unterzeichnen. Kein einziger Name war auf dem Original des Schriftstückes zu sehen.5
Das kam daher, daß man verbergen wollte, was doch eine Hauptsache war, daß nämlich hinter der Erklärung keineswegs die Gesamtheit der Frankfurter Parteigenossen stand.
Die Parteiversammlungen mußten damals bekanntlich geheim gehalten werden. In den größeren und großen Städten waren die Parteigenossen in Gruppen geteilt, unter deren Führern oftmals Differenzen bestanden. Infolgedessen wurden einzelne Personen oder auch ganze Gruppen, die anderen unbequem waren, oftmals gar nicht eingeladen. Übrigens sah ich auf einem Schiedsgericht in Neu-Isenburg, zu dessen Abhaltung ich dorthin berufen worden war, daß die in Frankfurt sich befehdenden Richtungen ungefähr gleich stark waren.
So war zu der Versammlung, welche die Erklärung gegen die Mehrheit beschloß, der in Frankfurt wohnhafte und zu dieser Mehrheit gehörende Abgeordnete Frohme nicht eingeladen worden, während der in Frankfurt gleichfalls wohnende Abgeordnete Sabor, der, wenn ich recht weiß, zur Minderheit gehörte, eingeladen, aber wegen Unwohlsein ausgeblieben war. Derselbe hatte übrigens kurz zuvor in einer Wählerversammlung Bericht über die Fraktionstätigkeit erstattet, wobei keiner von den Urhebern der Erklärung das Wort ergriffen hatte.
Nun fühlte sich der Abgeordnete Frohme genötigt, eine Gegenerklärung zu erlassen im Namen derjenigen Frankfurter Parteigenossen, die mit jener Kundgebung nicht einverstanden waren. Er wies die darin enthaltenen Anschuldigungen scharf zurück und protestierte »gegen die unerhörte Anmaßungen einer Krakehlerclique, welche hübsch im Dunkeln verborgen, erfüllt von echt femrichterlichem Hochmut, ihre vergifteten Pfeile auf diejenigen schießt, denen die Aufgabe zugefallen ist, im offenen ehrlichen Kampfe für die Sozialdemokratie einzustehen ... Um den Wert dieses Verdammungsurteils ermessen zu können, muß man wissen, wie dasselbe zustandegekommen ist. Man hat sich wohl gehütet, irgend einen der überzeugungstreuen und vernünftigen Parteigenossen zu einer bezüglichen Besprechung einzuladen. Man hat vielmehr, wenn wirklich eine größere Anzahl von Personen sich am Beschlusse des »Aufrufs« beteiligte, einige Dutzend harmloser, unerfahrener, junger Menschen zusammengetrommelt, die von der jämmerlichen Komödie, wozu sie mißbraucht wurden, keine Ahnung hatten.« –
Auf diese Provokation hin mußte den Urhebern der Kundgebung ihr Ehrgefühl gebieten, öffentlich sich zu rechtfertigen. Aber sie taten das nicht. Statt ihrer erschien zu unserer Überraschung plötzlich Bebel auf dem Plan, hinter dem sich jene Helden versteckten.6[133] 
Bebel nahm in etwas merkwürdiger Weise für die Urheber der Frankfurter Kundgebung Partei, obschon diese sich, wie er ausdrücklich bemerkte, gegen die ganze Fraktion, also auch gegen ihn selbst richtete. Frohmes Ausfälle fanden bei ihm mehr Tadel als die Ausfälle der Kundgebung. Bebel erklärte, er sei unmittelbar nach den Verhandlungen, aus denen die Kundgebung hervorgegangen, mit den betreffenden Frankfurter Parteigenossen zusammengekommen und habe sich überzeugt, daß nicht »eine kleine Clique«, sondern »wohlgezählt über neunzig Männer« es gewesen seien, welche die Kundgebung beschlossen hätten.7 Sodann behauptete Bebel, die Urheber der Kundgebung seien »bis auf ganz vereinzelte, die fehlten, die ältesten Parteigenossen Frankfurts, die zum Teil fünfzehn und mehr Jahre in der Partei tätig und deren Namen zum Teil in der ganzen Partei bekannt«, gewesen. Vom besten Geiste beseelt hätten sie nur eine Pflicht zu erfüllen geglaubt.
Wir waren allerdings der Meinung, daß zur Erfüllung der Parteipflicht die blöden Schimpfereien in der Frankfurter Kundgebung nicht erforderlich waren. Das Merkwürdigste aber war, daß die Namen der Urheber der Frankfurter Kundgebung auch jetzt noch der Öffentlichkeit vorenthalten wurden, obschon Bebel schützend seine Hand über sie hielt und behauptete, es seien hervorragende Geister unter ihnen. Sie sind auch bis auf den heutigen Tag nur den »Eingeweihten« bekannt.
Dies Versteckspielen war bei Leuten, die selbst von ihrem »edlen demokratischen Selbstbewußtsein« sprachen, gewiß nicht erhebend.
Daß Bebel so auftrat, kam zunächst daher, daß er dem »Lassalleaner« Frohme gegenüber starke Antipathien hegte und in solchem Falle ließ er sich von seinen Freunden – er hatte solche in Frankfurt – leicht ein nehmen und bestimmen, ihren Übertreibungen zu glauben. Dann aber war er gerade in jener Periode seines Lebensganges mit einer manchmal komischen Ängstlichkeit bemüht, den geringsten Schimmer von »gemäßigter« Gesinnung zu vermeiden.
Ich habe diese Affaire so ausführlich behandelt, weil sie einen tiefen Blick in das innere Parteigetriebe tun läßt und zeigt, daß die Zustände in der Partei unter dem Sozialistengesetz doch manchmal wesentlich anders waren, als man sie sich heute vorstellt.
Die Dampfersubventions-Affaire hatte noch ein weiteres Nachspiel. Plötzlich erschien im »Sozialdemokrat« eine von einem Korrespondenten des Blattes herrührende Notiz, in welcher es hieß, die ganze Dampfersubvention sei ein gemeiner Schwindel gewesen; der Norddeutsche Lloyd habe Geld gebraucht und es sei ihm auf dem Wege der Dampfersubvention verschafft worden, der man zu diesem Zwecke ein patriotisches Mäntelchen umgehängt habe. Vergebens habe der Abgeordnete Dietz den[134]  Schwindel aufgedeckt, der Reichstag wollte nicht hören und so sei das »schmutzige Geschäft« zustande gekommen.
Wir trauten unseren Augen kaum, als wir dies lasen. Allerdings erkannten wir auch gleich den Verfasser, dem ein solcher lapsus calami8 nicht zum erstenmal passiert war.
Auer, Geiser, Grillenberger und ich erließen sofort im »Sozialdemokrat« eine Erklärung, in der es hieß:
»Ware es wahr, was jene Notiz behauptet, daß die Subventionsvorlage ein ganz gemeiner Schwindel war, nur bestimmt, dem bankerotten Lloyd wieder auf die Beine zu helfen, und wäre es weiter wahr, daß der Abgeordnete Dietz diesen Schwindel durchschaut hatte, dann bliebe, angesichts der Tatsache, daß bis zur endgültigen dritten Lesung der Dampfervorlage die Majorität der Fraktion entschlossen war, für dieselbe zu stimmen, wenn ihre bekannten Amandements angenommen worden wären, kein anderer Schluß mehr übrig, als daß die Majorität der Fraktion mit vollem und klarem Bewußtsein einen offenkundigen Schwindel zu unterstützen bereit gewesen wäre.
Herr Most hat früher in seiner »Freiheit« ausgesprochen, daß die Fraktion von den Schiffsreedern, welche auf die Subventionssumme spekulierten, sich habe bestechen lassen. Daß die vorerwähnte Notiz ungefähr zu gleichen Schlußfolgerungen führt, dürfte der Redaktion des »Sozialdemokrat« bei nochmaligem Durchlesen derselben schwerlich entgehen.9 Wir überlassen es unseren Parteigenossen und der öffentlichen Meinung, ein endgiltiges Urteil in dieser Angelegenheit abzugeben.
Zur Sache selbst erklären wir nur noch, daß unseres Wissens und nach allgemeiner Annahme der Bremer Lloyd eines der kapitalkräftigsten Unternehmen in ganz Deutschland ist, womit die ganze, auf die Lüge vom Lloyd-Bankerotte in der betr. Notiz aufgebaute Schauergeschichte in sich selbst zusammenfällt.
Was aber »das Durchschauen« des angeblichen Schwindels betrifft, so haben die Unterzeichneten in Übereinstimmung mit Dietz nie etwas anderes behauptet, als daß der mit Kapital und Schiffen reichlichst ausgerüstete Bremer Lloyd jeder Konkurrenz von vornherein überlegen sein würde, wenn nicht im Gesetz eine Bestimmung Aufnahme fände, wonach nur neue Schiffe für die betreffende Linie eingestellt werden dürften ... Wir kämpft en also nicht gegen den bankerotten, sondern gegen den kapitalübermächtigen Lloyd. Das Märchen von dem Bankerott war damals noch nicht gedichtet.« –
Der Abgeordnete Dietz erließ noch eine besondere und recht scharfe Erklärung, worauf deren Urheber unter Benutzung einiger recht bequemen, resp. faulen Ausreden den Rückzug antrat. –[135] 
Um diese Zeit erschien ich in Braunschweig, um meinen Wählern, resp. den Parteigenossen über die Tätigkeit der Fraktion Bericht zu erstatten. Da auch die inneren Fraktionsangelegenheiten zur Sprache kommen sollten, so mußte die Berichterstattung im geheimen vor sich gehen. Sie fand statt auf einer Kegelbahn und zwar nur vor einem engeren Kreise. Die Kegel bahn befand sich neben dem alten Kloster Riddagshausen bei Braun schweig. Um nicht die Aufmerksamkeit irgend eines Denunzianten oder der Polizei selbst auf uns zu ziehen, mußten wir völlig im Dunkeln bleiben und ich konnte meine Zuhörer, während ich sprach, nicht sehen.
In Braunschweig war es damals einem Xylographen namens Gerecke gelungen, sich in die Parteileitung einzudrängen, was nur bei den Zuständen unter dem Sozialistengesetz möglich gewesen. Dieser Gerecke war ein durchaus ehrenwerter Mensch und im persönlichen Umgang gar nicht unangenehm. Aber er hielt sich für ein verkanntes Originalgenie und die Beschäftigung mit philosophischen Problemen, die er, wenn ich recht unterrichtet bin, noch jetzt in Amerika betreibt, hatte ihn verdreht gemacht. Er »anarchistelte« recht bedenklich. In Frankfurt hatte er in jenem Kreise gelebt, welcher die schon erwähnte Kundgebung gegen die Fraktion losgelassen, und wollte nun den in jenem Kreise herrschenden Geist nach Braunschweig verpflanzen, wo die Parteigenossen bisher in Eintracht gewirkt hatten.
Meinem in der Dunkelheit vorgetragenen Rechenschaftsbericht folgte, wie es schien, so ziemlich allgemeine Zustimmung. Aber den Parteigenossen Gerecke ließen die in Frankfurt eingesogenen »Ideen« nicht ruhen. Er polemisierte – allerdings sehr vorsichtig – gegen mich und schien auf den Versuch, ein Mißtrauensvotum gegen mich vorzubereiten, loszusteuern. Als das Wort »Mißtrauen« von dem leise tastenden Redner ausgesprochen wurde, hörte man, wie jemand in seine Hände spuckte und dieselben mehrmals rieb und zusammenschlug. Dies rührte von dem Maurer Bock her, einem braven und tüchtigen Parteigenossen, der nur manchmal etwas hitzig war. Das Zeichen war durchaus nicht mißzuverstehen und der Redner beeilte sich, einzulenken und zu Ende zu kommen. Eine Weile lagerte eine unheimliche Stille über der Versammlung; dann wurde mir, soweit ich in der Dunkelheit bemerken konnte, das Vertrauen der Versammlung so ziemlich einstimmig ausgesprochen und die angedrohten »schlagenden Beweise« blieben glücklicher Weise nur eine Drohung. Hier zeigte sich, daß das Ansehen der Fraktion durch die Krakehlereien einzelner Gruppen nicht zerstört werden konnte.
Der alte Bock, der mir stets ein warmer persönlicher Anhänger blieb, ist vor einiger Zeit gestorben.
Daß die Einwände gegen die neuen Dampferlinien – soweit sie außer Berührung mit der Kolonialpolitik sich befanden – nur künstlich aufgedonnert waren, zeigte sich gleich nachher bei der Beratung des Nordostseekanals, gegen den sich sicherlich die gleichen Gründe geltend machen[136]  ließen. Aber die Fraktion erklärte sich einstimmig für den Kanal und trug mir auf, ihre Zustimmung bei der ersten Lesung der Kanalvorlage zu begründen, was ich in einer kurzen Ansprache tat. Windthorst erwiderte darauf, daß er der Vorlage »garnicht sympathisch« gegenüberstehe.
Die aus der Frage der Dampfersubvention hervorgegangenen Streitigkeiten blieben zwar in der Partei noch lange der Gegenstand eifriger Diskussionen, aber tiefere Spuren hinterließen sie nicht und wir wurden bald von wichtigeren Kämpfen in Anspruch genommen.[137] 
Fußnoten

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1 Seitdem sind dreißig Jahre verflossen und es wird darum auch gestattet sein, eine Darstellung dieser Affaire mit Einzelheiten zu geben, die der großen Öffentlichkeit weniger oder nicht bekannt geworden sind. Die künftigen Geschichtsschreiber der Sozialdemokratie werden sich wohl mit dieser Sache eingehender befassen müssen, als bisher geschehen konnte. Vielleicht ist ihnen dann die vorliegende Darstellung eines der direkt an der Sache Beteiligten nicht unwillkommen. Das ist der einzige Zweck, den ich dabei verfolge, und es liegt mir absolut fern, damals bestandene persönliche Gegensatze heute auffrischen zu wollen. Aber ich werde auch kein Blatt vor den Mund nehmen.

2 1885 hatte sich die Fraktion vor der Abstimmung über die Dampfersubvention nochmals einstimmig gegen die Kolonialpolitik erklärt.

3 Hätte man gewußt, daß wir in fünf Jahren das Sozialistengesetz los sein wurden, so hatten sich diese Erscheinungen wohl kaum gezeigt.

4 Die Urheber der Frankfurter Erklärung beriefen sich darauf, daß sie zur »geldsammelnden Basis« der Partei gehörten. Unter der großen Heiterkeit der Fraktion 
wurde bei uns von Grillenberger festgestellt, daß gerade in Frankfurt und Umgebung damals die finanziellen Leistungen an die Partei minimal waren.

5 Jetzt kann man sagen, daß Ludwig Opificius, Prinz und ihre Freunde die Urheber dieses Pronunziamiento waren. Sie hielten sich aber vorsichtig im Hintergrund.

6 Bebel war mit Opificius befreundet. –

7 Die Kundgebung hatte von »mehreren hundert« Parteigenossen gesprochen. Da auf Sabor im ersten Wahlgang etwa 8000 – also rein sozialistische – Stimmen gefallen waren, so konnten neunzig Leute nicht behaupten, sie repräsentierten die Partei überhaupt. –

8 Ausgleiten der Feder.

9 Die Redaktion des »Sozialdemokrat« hatte diese elende Verleumdung schon zurückgewiesen.




Reichstagsauflösung und Faschingswahl










Die Verfolgungen unserer Partei nahmen nach dem kurzen Gaukelspiel der »milden Praxis« wieder an Gehässigkeit und Heftigkeit zu. Die eiserne Disziplin und die feste Haltung der Sozialdemokratie ließ alle bösartigen Pläne der Widersacher scheitern. Weder die Gewalttätigkeiten der Polizei noch die Lockspitzeleien vermochten die Partei zu den in den »höheren Regionen« so heiß ersehnten Unbesonnenheiten und Torheiten zu treiben. Besonders streng wurde gegen die Arbeiter bei den Lohnkämpfen vorgegangen; das Koalitionsrecht wurde fast völlig vernichtet. Bei der ersten Beratung des Sozialistengesetzes hatte Bismarck ausdrücklich versichert, die Bestrebungen der Arbeiter, sich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, sollten unter dem Sozialistengesetz nicht leiden, und Herr von Bennigsen hatte dies unterstrichen und es ohne Widerspruch zu finden, dahin ausgelegt, daß die Arbeiter ihr Koalitionsrecht nicht verlieren sollten. Kaum war aber das Sozialistengesetz in Kraft getreten, als sämtliche Gewerkschaften nebst den meisten ihrer Blätter verboten wurden. 1886 kam dann noch Herr von Puttkamer mit seinem berüchtigten Streikerlaß, worin er die Streiks mit dem politischen »Umsturz« in Verbindung brachte, was er nachher mit dem bekannten Satze begründen wollte, daß hinter jedem Streike die »Hydra der Revolution« lauere. So wurde das Versprechen Bismarcks gehalten, nachdem die reaktionären Gewalten den Polizeiknüppel erst einmal in der Hand hatten.
Im Frühjahr 1886 wurde das Sozialistengesetz zum drittenmal verlängert. Man schien entschlossen, die Sozialdemokraten bei dieser Gelegenheit »Monologe« halten zu lassen. Es kam aber anders. Im Gegenteil gab es recht dramatische Szenen. Die sozialdemokratische Fraktion ließ durch Paul Singer vor dem Reichstage das Bild eines klassischen Lockspitzels erscheinen. Ihring-Mahlow nannte man den Menschen, der, ursprünglich ein Schutzmann namens Ihring, sich als »Techniker Mahlow« in die Berliner Sozialdemokratie eingeschlichen hatte. Er schwelgte in Majestätsbeleidigungen, vertrieb anarchistische Schriften und wirkte für die »Propaganda der Tat«.
Die Enthüllung wirkte verblüffend auf die »staatserhaltenden« Parteien; ich sehe heute noch die langen Gesichter der Konservativen und Nationalliberalen vor mir. Auch die Regierung konnte nun nicht mehr mit der faulen Ausrede kommen, man möge ihr einen solchen Lockspitzel vorzeigen, wie sie sonst getan; jetzt handelte es sich um einen namentlich bezeichneten und etatsmäßig angestellten Beamten, für dessen Treiben als Lockspitzel Zeugen vorhanden waren.[141] 
Der »hinterpommersche Grande«, Herr von Puttkamer, der für die Ausführung des Sozialistengesetzes verantwortlich war, mußte nun doch heraus. Diesem Junker fehlte es wahrhaftig nicht an Dreistigkeit, aber auch er war so verblüfft, daß er nur sagte, er sei einer »solchen Schandtat« nicht fähig. Aber bis zur zweiten Lesung hatte er seine Dreistigkeit zurückgewonnen. Er erklärte den Ihring-Mahlow für einen »pflichtgetreuen Beamten« und die beiden Zeugen, die Singer angab, wurden wegen Beleidigung des Lockspitzels zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem die Vorgesetzten Ihring-Mahlow diesem über alle Maßen günstige Aussagen gemacht hatten. Aber die höhere Instanz sprach die beiden Zeugen frei, womit die Anschuldigungen Singers bestätigt waren; Ihring-Mahlow hatte das Gegenteil beschworen, aber das Gericht hatte ihm keinen Glauben geschenkt. Puttkamer verschaffte dem Manne das allgemeine Ehrenzeichen und Beförderung im Staatsdienst.
Aber der Prozeß ließ einen so tiefen Blick in das »System Puttkamer« tun, daß dessen Niederlage nicht mehr bemäntelt werden konnte.
Bald sollte die Zeit kommen, da Puttkamer mit all seiner Dreistigkeit nichts mehr ausrichten konnte.
Um diese Zeit war es auch, als Bismarck im Reichstage einen Ausspruch Bebels über russische Zustände dahin auslegen wollte, daß die deutsche Sozialdemokratie Mord und Totschlag predige. Auch erklärte er es für möglich, daß Karl Marx »Mörder gezüchtet« habe, um sie gegen ihn auszusenden. Daraufhin erklärten die Töchter von Karl Marx, für ihren Vater sei Bismarck eine erheiternde Figur und zeitweilig ein unfreiwilliger, aber willkommener Mithelfer an der proletarischen Revolution gewesen. Wenn er Marx der Züchtung von Mördern beschuldige, so beweise er damit nur, daß Marx recht gehabt, als er gesagt, daß Bismarck bei all seiner Verschlagenheit doch nicht fähig sei, eine große und neue geschichtliche Bewegung, wie die der Arbeiterklasse, zu begreifen.
In der Tat blieb Bismarck stets ein Staatsmann der alten Schule und kultivierte immer noch in bezug auf Volksbewegungen die längst abgetane Auffassung, die der Bundestag seinerzeit unter Metternich aus der Verschwörungszeit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts heraus sich konstruiert hatte. –
Das schon erwähnte Freiberger Urteil gegen eine Anzahl von Teilnehmern am Kopenhagener Kongresse, welches eine Flut von Geheimbundsprozessen hervorrief, hatte sich teilweise darauf berufen, daß der Züricher »Sozialdemokrat« offizielles Organ der Partei. Dieses Verhältnis mußte daher – wenigstens äußerlich – geändert werden und die Fraktion erließ als Parteileitung im Oktober 1886 nachstehende Erklärung:
»Das Urteil der Strafkammer des Freiberger Landgerichts gegen eine Anzahl unserer Genossen, das seinerzeit in den weitesten Kreisen der Bevölkerung[142]  das allerpeinlichste Aufsehen machte, ist vom Strafsenat III des Reichsgerichts durch Verwerfung der eingelegten Revision formell bestätigt worden. Es bildet also dieses merkwürdige Urteil von nun an eine Art Rechtsboden für ähnliche Prozesse wie jener in Freiberg, so sehr die reichsgerichtliche Auffassung auch dem Rechtsbewußtsein des deutschen Volkes widerspricht. Als zunächst Beteiligte gezwungen, die Konsequenzen der reichsgerichtlichen Entscheidung zu ziehen, haben wir beschlossen:
1. Den Charakter des »Sozialdemokrat« als offizielles Organ der sozialdemokratischen Partei aufzuheben;
2. die Vollmachten, die seinerzeit die Eigentümer des Blattes der jeweiligen sozialdemokratischen Fraktion des Reichstages einräumten, in deren Hände zurückzugeben.
Im übrigen überlassen wir es jedem einzelnen, wie er sich zum »Sozialdemokrat«, der dank dem Vorgehen unserer Gegner sicher seinen großen Leserkreis nicht nur behalten, sondern noch erweitern wird, stellen will.
Die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags.«
Die Redaktion des »Sozialdemokrat« erklärte, daß sie diesen unvermeidlichen Beschluß akzeptiere und hoffe, daß ihre Leser ihr treu bleiben würden. Und die sozialdemokratische Fraktion, hieß es dabei, werde künftig dem Herrn von Puttkamer, wenn er seine Gewaltmaßregeln mit der Haltung des »Sozialdemokrat« rechtfertigen wolle, spöttisch zurufen: »Geht uns nichts an; gehen Sie nach Zürich!« –
Auf der häufigen Hin- und Herreise zwischen Berlin und Cannstatt kehrte ich oft und gern bei lieben Freunden ein. So beim alten Dr. Sy, der erst in Gotha und dann in Jena hauste. Er war ein sehr wohlhabender Berliner und konnte ganz nach seinem Geschmack leben. Er hatte einen prächtigen Humor und es war immer wieder ergötzlich, wenn er seinen Lieblingsvers von dem »revolutionären« Geheimrat von 1848 vortrug:

»Ich bin ja gern Berater,
Verlangt nur keine Tat,
Ich bin Familienvater
Und auch Geheimer Rat!«

Oder wenn er seine Erlebnisse beim Pariser Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 erzählte. Er studierte damals in Paris. Er war dem Gemetzel, das die betrunkene Soldateska Bonapartes in den Straßen von Paris anrichtete, glücklich entkommen und strebte seiner Wohnung zu, die in einer Sackgasse lag. Als er am Eingang der Sackgasse anlangte, fand er dort eine von einigen gamins1 besetzte Barrikade vor und wurde mit dem Geschrei, »Vive le chef de la barricade!«2 empfangen. Man[143]  drückte ihm einen alten rostigen Säbel in die Hand und er müßte wohl oder übel den bedenklichen Posten annehmen. Spät am Abend erschien eine reitende Batterie, worauf er sich sofort allein auf der Barrikade sah. Die Batterie feuerte und ein Kartätschenhagel ergoß sich über die Barrikade. Sy hielt es für zwecklos, hier allein einen Heldentod zu sterben, warf den alten Säbel weg und verschwand in seiner Wohnung, wo man nicht nach ihm suchte. Das Brrrr! der auf dem Pflaster dahin rollenden Kartätschen konnte er sehr gut nachahmen.
Sy kandidierte in Thüringen öfter bei den Reichstagswahlen für die Sozialdemokratie, aber ohne Erfolg. –
Hasenclever hatte sich nach seiner Ausweisung aus Leipzig erst nach Wurzen und dann nach Halle an der Saale begeben. Hier kam ich oft zu ihm, denn wir hatten uns einander sehr genähert. Seine fröhliche joviale Art gefiel mir sehr. Er zog sich sehr gerne in den Schoß seiner Familie zurück und man bemerkte an ihm noch keine Vorzeichen der furchtbaren Krankheit, die ihn uns so bald entreißen sollte. Auch zum alten Liebknecht kam ich des öfteren nach Borsdorf bei Leipzig, der sich nach seiner Ausweisung dort in einem öden alten Gebäude, wahrscheinlich früheren Herrenhaus, aufhielt, während seine Familie des Schulbesuchs der Kinder wegen in Leipzig bleiben mußte. Er tat mir einst sehr leid, als ich an einem schneidend kalten Wintertage ankam und ihn in einem großen kahlen Zimnier vor einem schlechten Ofen frierend sitzen fand. Aber am liebsten machte ich in Nürnberg halt, wo ich mit Grillenberger und seiner liebenswürdigen Frau, Max Kegel, Heinrich Oehme, Karl Oertel und vielen anderen Freunden und[144]  Parteigenossen angenehme Stunden verlebte und wo wir oft noch sehr ausgelassen waren. Max Kegel, einer der begabtesten modernen Dichter des Proletariats, war mir schon von Chemnitz her bekannt und ich schätzte seine oft sehr witzigen Verse und seine populären Arbeiterlieder sehr. Er hatte sich aus sehr ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet und die mangelhafte Ernährung, die ihm in seiner Jugend zuteil geworden, mag dazu beigetragen haben, daß er vor der Zeit starb.

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In diesem Zirkel lernte ich auch Bruno Schönlank kennen, der mir nachher jahrelang von allen Parteigenossen und Freunden am nächsten stand. Er war zehn Jahre jünger als ich, aber wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Er war der am glänzendsten begabte moderne Journalist, den die Partei jemals besessen; sein Auftreten brachte in der sozialdemokratischen Presse eine förmliche Umwälzung hervor, nachdem er gezeigt, daß ein sozialdemokratisches Blatt auch den modernen Anforderungen genügen könne. Als junger Gelehrter war er Amanuensis3 beim Grafen Noer, Prinzen von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und Mitarbeiter an dessen »Kaiser Akbar« gewesen. Den »Doktor mit dem Karbonadlg'sicht« oder auch einfacher den »Doktor Karbonadl« nannten die bayerischen Arbeiter den kleinen wuseligen Mann, weil sein Gesicht – er war Korpsstudent gewesen – fürchterlich zerhackt war. Er hatte damals eine gründliche Arbeit über die Zustände in den Quecksilber-Spiegelbelegen in Fürth veröffentlicht, die viel Aufsehen erregte und auch von den Regierungen benützt wurde. Damals, als ich ihn kennenlernte, begann er die Vorarbeiten zu seinem Werke: »Soziale Kämpfe vor dreihundert Jahren, altnürnbergische Studien«, das erst 1893 erschien. Diese ausschließlich aus handschriftlichen Urkunden herausgearbeitete Darstellung des Arbeiterlebens im alten Nürnberg ist in der sozialdemokratischen Parteiliteratur einzig in ihrer Art, hat aber leider die ihrem hohen Werte gebührende Anerkennung nicht gefunden. Schön lank hat noch eine Reihe tiefgründiger, namentlich volkswirtschaftlicher Aufsatze in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht; später ließ ihn seine journalistische und parlamentarische Tätigkeit nicht mehr zu solchen Arbeiten kommen. Trotz mancher Sonderbarkeiten, die ihm anhafteten und mit seinem körperlichen Zustande zusammenhingen, habe ich mit niemand in allen Dingen mich so gut verstanden, wie mit ihm. Sein vorzeitiger Tod war für mich eine Erschütterung, die ich lange nicht verwinden konnte, umsomehr, als ich allein alle die äußeren und innerlichen Gründe seines Untergangs vollständig kannte. Dieser glänzende Geist verdient eine Monographie.
Im Stuttgarter Parteileben – ich war 1884 nach Stuttgart übergesiedelt – bildeten sich damals schon langsam die Niederschläge, aus denen sich später unvermeidlich die Streitigkeiten entwickelten, die nachher einen so bedenklichen Umfang erreicht und die Sozialdemokratie diskrediert[145]  haben. Der Württemberger ist als solcher schon sehr zum Sektenwesen geneigt und das übertrug sich auch auf die Sozialdemokratie, in welcher sich allerlei Gruppen. Konventikel und Cliquen zusammenfanden. Das Sozialistengesetz förderte diese Erscheinungen ungemein und ließ den Intrigen mehr Spiel, als bei einer öffentlichen Parteiorganisation möglich gewesen wäre. Der Zuwachs an Nichtwürttembergern verschlimmerte diesen Zustand noch, denn unter ihnen befanden sich viele, welche die württembergischen Parteizustände nach preußischem oder sächsischem Muster umgestalten wollten und damit nur neues Unheil anrichteten, indem sie auf die württembergische Eigenart keine Rücksicht nahmen. Unter diesen Umständen konnte man sich nicht wundern, daß in Württemberg die Anarchisterei Fuß zu fassen und in die Parteikreise einzudringen vermochte. Ich erinnere mich, daß in einer geheimen Parteiversammlung eine Resolution eingereicht wurde, die mit den Worten begann: »Da Sozialismus und Anarchismus ein und dasselbe sind« ... und die verlangte, daß die Anarchisten als Parteigenossen anzuerkennen seien. Das Treiben der Wirrköpfe, welche den Anarchismus nicht vom Sozialismus zu unterscheiden vermochten, wurde auch aus den kleinbürgerlichen Kreisen heraus gefördert, die sich der Bewegung genähert oder ganz angeschlossen hatten. Unter ihnen befanden sich verschiedene Leute, die sich sehr mutig und opferwillig zeigten – einige kamen wegen Zuwiderhandlungen gegen das Sozialistengesetz ins Gefängnis – aber es befanden sich auch solche dabei, die infolge ihrer »gehobenen« Lebensstellung glaubten, sie seien zur Vormundschaft über die Redakteure und Abgeordneten der Partei berufen und denen man erst durch moralische Tritte vor den Bauch klarmachen mußte, daß es in der Sozialdemokratie »Standesvorrechte« nicht gibt. Verärgert erblickten dann diese »Größen« in den Schimpfereien der Anarchisten über die Sozialdemokratie eine Genugtuung für ihr ramponiertes Selbstgefühl. Es gab auch »verhockte« Leute unter ihnen, die lange auf kleinen Orten gesessen und in ihrer Einsamkeit in wilden Träumen geschwelgt hatten, wie sie die alte Bourgeoiswelt zerschmettern und auf ihren Trümmern als Sieger stolz durch die Weltgeschichte strahlen wollten. In Wirklichkeit waren sie unfähige und unschädliche Abfälle der Bourgeoisie, die in der bürgerlichen Gesellschaft keine Rolle spielen konnten, die Sozialdemokratie aber für geeignet hielten, sich dort als »Größen« aufzutun. Ich faßte diese Elemente als »Sozialhämorrhoidarier« nach jenem berühmten Muster der »Fliegenden Blätter« (der Staatshämorrhoidarius, Jahrg. 1848), auf und erfand ein derbes Witzwort, das eine Zeitlang im Umlauf war und die Herren Anarchisten ungemein gegen mich erbitterte. Namentlich ein ehemaliger württembergischer Kameralverwalter verfolgte mich darum mit grimmigem Hasse.
Unter diesen Umständen riß eine gewisse Zerfahrenheit ein und es war begreiflich, daß die anarchistischen Treibereien die Stuttgarter Sozialdemokratie manchmal in Aufregung bringen konnten, namentlich da einzelne[146]  Anarchisten sich als angebliche Sozialdemokraten in die Partei ein schlichen und sie mit Stänkereien aller Arten heimsuchten.
Ich wirkte den Anarchisten in Stuttgart und im Lande mit Erfolg entgegen. Verschiedene, die damals sich den Anarchisten anschlossen oder mit ihnen liebäugelten, haben sich inzwischen zur Partei zurückgefunden. Manche sind sogar mit der Zeit bis zur äußersten Rechten der Sozialdemokratie gekommen. Möge der Himmel es ihnen verzeihen! –
Anarchisten, Heilsarmee und bürgerliche Friedensapostel suchten nacheinander in Stuttgart Boden zu gewinnen. Als Vertreter einer europäischen Friedensliga erschien ein Herr Hodgson Pratt in Stuttgart, der früher ein hoher. Kolonialbeamter in Ostindien gewesen, um hier für die Sache des Friedens zu wirken. Da mich die Sache interessierte, so erschien ich als Zuhörer bei einem Vortrag des oben bezeichneten Engländers. Der Vortrag war fast ausschließlich von der Stuttgarter Hochbourgeoisie besucht; es befanden sich einige bürgerliche Demokraten dabei. Man sah hier den Bankier Pflaum, den Bankier Probst, den Buchhändler Spemann, den Großindustriellen und späteren Abgeordneten Siegle und andere. Bezeichnend war, daß der sogenannte Friedens-Bühler ausgeblieben war mit der Motivierung, er könne nicht erscheinen, da auch Sozialdemokraten eingeladen seien.4 Aus dem Vortrage, ersah ich, daß ich hier weiter nichts zu tun hatte, denn die billige Sympathie all dieser Großkapitalisten für den Weltfrieden war für mich ohne Bedeutung. Interessanter war die dem Vortrag folgende zwangslose Unterhaltung mit einigen, namentlich mit Rudolf Probst, dem ultramontanen Großdeutschen, gegen den Bismarck einst im Zollparlament das bekannte Wort gesprochen: »Der Appell an die Furcht findet keinen Widerhall im deutschen Herzen!« sowie mit Gustav Siegle, dem nachherigen nationalliberalen Abgeordneten für Stuttgart, der interessante Geschichten von dem unglücklichen Dichter und sonderbaren Menschen Heinrich Leuthold erzählte. Siegle hatte ihn an ein nationalliberales Blatt nach Stuttgart berufen und Leuthold hatte angenommen, ohne sich um die Tendenz des Blattes zu kümmern, war aber später durchgebrannt, als er erkannt, daß er an den unrechten Ort gekommen war. Was Siegle von den Lebensgewohnheiten des Dichters erzählte, war sehr interessant, läßt sich aber nicht wiedergeben. Siegle war übrigens ein sehr angenehmer Gesellschafter und hatte nichts von jener albernen Gehässigkeit an sich, die andere nationalliberale »Prominenzen« bei persönlicher Berührung mit Sozialdemokraten zur Schau trugen.
Bald nachher erschien ein Aufruf zur Bildung einer Zweiggesellschaft der Friedensliga für Württemberg, unter den ohne mein Wissen und[147]  Zutun auch mein Name gesetzt war. Ich legte dagegen öffentlich Verwahrung ein. –
Im Herbst 1886 war der Reichstag wiederum zusammengetreten und es bereitete sich ein Konflikt der Mehrheit mit Bismarck in der Militärfrage vor. Anfang November ward ich telegraphisch nach Stuttgart zurückberufen, da mein fünfeinhalbjähriger Sohn Willy plötzlich an Diphteritis erkrankt war. In schwerster Sorge um meinen blondlockigen Liebling kam ich nach Hause, denn damals war die ärztliche Kunst gegenüber dieser schrecklichen Seuche fast ohnmächtig. Ich fand ein dahinsterbendes Kind vor, das auch durch den Luftröhrenschnitt nicht gerettet werden konnte und der eintretenden Blutvergiftung sehr rasch erlag. Es waren dies die schrecklichsten Tage meines bisherigen Lebens und ich tappte einige Zeit wie geistesabwesend in der Welt umher.5 Vielleicht war es gut, daß mich die Pflicht bald wieder nach Berlin rief und daß die kommenden Tage voll Sturm und Drang mich ganz in Anspruch nahmen, obschon das bleiche Bild des geliebten Toten mich während des heftigen Wahlkampfes auch auf die schneebedeckten Höhen des Harzes begleitete.


Meine Ehe, in der ich nur dieses Kindes wegen noch ausgehalten, wurde nunmehr zwecklos und ich löste sie nach einiger Zeit auf. Einstweilen sandte ich meine Frau auf ihren eigenen Wunsch zu ihren Verwandten nach Mainz.
Im Januar traf ich wieder in Berlin ein, wo nunmehr der Kampf um die neue Militärvorlage Bismarcks zur Entscheidung kam. Sie wurde veranlaßt, wie die Regierungspresse behauptete, durch die gesamte Situation Europas, die angeblich sehr gespannt war, durch das provokatorische Auftreten des französischen Kriegsministers Boulanger, der an der Ostgrenze Baracken in Masse errichten und in Deutschland Massen von Sprengstoffen aufkaufen ließ, sowie durch den unaufhörlich brodelnden Hexenkessel auf der Balkanhalbinsel. So kam 1886 die neue Heeresvorlage an den Reichstag, nach welcher die Präsenzziffer für den Frieden auf 468000 Mann erhöht und diese wieder für sieben Jahre (Septennat) festgelegt werden sollte.[148] 
Die Opposition, welche aus dem Zentrum, den Freisinnigen und der Sozialdemokratie bestand, sah in Boulanger einen Hanswurst und begriff sehr wohl, daß Bismarck mit dieser Vorlage eine Reichstagsauflösung herbeiführen wollte, um sich, da man mit dem baldigen Tode des alten Kaisers Wilhelm rechnete, für die kommende »neue Aera« eine gefügige Mehrheit zu sichern. Mit dem Septennat hätte es sonst wohl auch noch keine solche Eile gehabt.
Die bürgerliche Opposition wollte die neue Präsenzstärke nur auf drei Jahre bewilligen und das Zentrum blieb dabei, obwohl Bismarck ihm den Papst Leo XIII, in den Rücken fallen ließ. Die Sozialdemokratie verwarf die Vorlage gänzlich und stimmte auch gegen den gesamten Militäretat. Bei der Abstimmung über den Antrag auf dreijährige Festsetzung der Präsenzstärke enthielten wir uns der Abstimmung, um dem Antrag der bürgerlichen Opposition die Mehrheit zu sichern.
Es war am 14. Januar 1887, gegen vier Uhr nachmittags, als die Entscheidung fiel. Bismarck hatte eine stolze und herausfordernde Haltung angenommen. Die Herren Staatsmänner zeigten demonstrativ, was mir ein wenig kindlich vorkam, »vor versammeltem Kriegsvolk« die rote Mappe, in deren Zeichen der Reichstag nunmehr getreten war und in der sich die vom Kaiser unterzeichnete Auflösungsordre befand.
Der Namensaufruf für die Abstimmung in zweiter Lesung begann; die Festsetzung der Präsenzziffer auf drei Jahre wurde mit 186 gegen 154, die Friedenspräsenzstärke von 468000 Mann, wie sie Bismarck verlangt, mit 183 gegen 153 Stimmen angenommen. Damit hätte Bismarck vorläufig zufrieden sein können. Aber er wollte die Auflösung und fürchtete vielleicht. Zentrum und Freisinnige möchten bei der dritten Lesung umfallen und doch das Septennat bewilligen.
Darum erhob sich der Reichskanzler sofort, nachdem das Ergebnis der Abstimmung in zweiter Lesung vom Präsidenten bekanntgegeben worden. Er entnahm der roten Mappe das Aktenstück, welches die kaiserliche Verfügung enthielt. »Der Reichstag ist aufgelöst!« rief er in den Saal hinein, indem er seine Stimme möglichst erhob.
Man konnte aus seiner Betonung erkennen, welche grimmige Freude und Genugtuung ihm dieser Akt bereitete.
Niemand war überrascht, aber der Reichstag ging in großer Bewegung auseinander. Von unserer Fraktion kam ein Teil – Singer, Liebknecht, Bebel waren dabei – in einem Restaurant der Leipziger Straße zusammen und wir beschäftigten uns mit den Möglichkeiten der Neuwahl. Wir waren alle überzeugt, daß wir unsere Mandate behaupten und noch einige dazu erringen würden.
Aber es sollte ganz anders kommen. Obschon wir schon im Jahre 1878 die demagogischen Künste Bismarcks an uns erfahren hatten, kannten wir seine Tricks immer noch nicht.
Die Neuwahlen waren auf Fasching den 21. Februar angesetzt, wovon sie den Namen Faschingswahlen haben. In der Tat glich die Wahlbewegung,[149]  welche sich zwischen dem 14. Januar und dem 21. Februar 1887 abspielte, einem Karneval oder, wenn man lieber will, einem Hexensabbat. Die Attentatswahlen von 1878 wurden womöglich noch überboten.
Schon vor der Reichstagsauflösung hatte man vorbereitende Maßnahmen getroffen. Über Frankfurt am Main wurde der »kleine Belagerungszustand« verhängt und am Weihnachtsabend erhielten die von der Polizei als Opfer ausersehenen Sozialdemokraten, darunter eine Menge Familienväter, das Ausweisungsdekret, das ihren Kindern so gewissermaßen an den Weihnachtsbaum gehängt wurde. Dies Verfahren des »christlichen« Junkers von Puttkamer erregte eine tiefe Empörung auch in den der Sozialdemokratie fernstehenden und feindlich gesinnten Kreisen. Bald darauf wurde auch über Offenbach und Stettin der »kleine Belagerungszustand« verhängt.
Nationalliberale und Konservative traten zusammen und schlossen das berüchtigte Kartell, um sich im Wahlkampfe gegenseitig zu unterstützen. Nationalliberale Geschichtsschreiber haben nachher behauptet, die »energische Agitation« der Kartellparteien habe das Resultat der Faschingswahl gebracht. Dies ist eine grobe Lüge, denn das Resultat wurde mit ganz anderen Mitteln erreicht.
Selbstverständlich wurde bei den Wahlen der Polizeidruck ausgeübt, der unter dem Sozialistengesetz gewöhnlich war. Die bürgerlichen Oppositionsparteien hatten dies natürlich weniger oder gar nicht zu empfinden; auf die Sozialdemokratie aber wurde mit aller Macht gedrückt. Dazu kam aber noch die Mache der offiziösen und der den Kartellparteien ergebenen Presse, welche alles aufbot, um in Deutschland einen Kriegsschrecken zu verbreiten, weshalb die Wahl von 1887 auch zutreffend als Angstwahl bezeichnet worden ist. Die ungeheuerlichsten Lügen wurden verbreitet; es hieß, große russische und namentlich französische Heere stünden an der Grenze, im Begriff, über das verratene und von der Reichstagsmehrheit im Stich gelassene Deutschland herzufallen. Ich folge hier einer aus dem frischen Eindruck dieses Treibens heraus geschriebenen Darstellung: Man verbreitete Nachrichten über großartige französische Rüstungen, über gewaltige Pferdeankäufe, über die Anfertigung von Melinitbomben und den Ankauf von Pikrinsäure. Diese letztere lieferte das gutmütige Deutschland, ebenso wie die Brettermassen zu den angeblichen großartigen Barackenbauten Frankreichs an dessen Ostgrenze von nationalliberalen Schwarzwälder Holzhändlern geliefert wurden. Um die Angst der Massen vor dem drohenden Einbruch der Franzosen auf den Gipfelpunkt zu treiben, wuchsen die Kriegslügen mit dem Herannahen des Wahltages. Massenhaft wurden Karten verbreitet, auf denen die Übermacht der Franzosen an der Grenze verzeichnet stand, Bilderbogen führten dem geängstigten Volke vor Augen, wie Frauen von französischen Soldaten mißhandelt und den Bauern die letzten Stücke Vieh aus den Ställen geholt wurden. Börsenmanöver, welche die Kurse zum Stürzen[150]  brachten, steigerten die Kriegsfurcht. Der Umstand, daß starke Abteilungen von Reservisten und Landwehrmännern mitten im Wahlkampf, zu ganz ungewöhnlicher Jahreszeit, eingezogen wurden, um die Übungen mit dem mittlerweise fertiggewordenen neuen Gewehr zu beginnen, trug auch sein Teil dazu bei. Dazu kam als letztes Druckmittel das Pferdeausfuhrverbot, das den Glauben erweckte, der Krieg stehe unmittelbar vor der Türe. Wäre dies wirklich der Fall gewesen, so hatte die Auflösung des Reichstages gar keinen Sinn, denn für einen unmittelbar bevorstehenden Krieg wäre es vollständig gleichgültig gewesen, ob die höhere Präsenzstärke der Armee auf drei oder auf sieben Jahre bewilligt wurde.
Übrigens hat 1889 der französische Kriegsminister Ferron in der Untersuchung gegen Boulanger ausgesagt, Frankreich habe 1887 nicht einen Mann mehr als sonst an der Grenze stehen gehabt.
Indessen wird, wenn einmal eine solche Erregung da ist, der größte Unsinn am leichtesten geglaubt, und redeten sich Millionen ein, die Reichstagsmehrheit müsse beseitigt werden, um Deutschland vor dem von Frankreich drohenden Überfall zu retten.
Als ich nach meinem Wahlkreis Braunschweig-Blankenburg kam, wo man mir die Kandidatur für den Reichstag wieder übertragen hatte, sah ich gleich, daß die Kartell-Strömung eine überwältigende geworden war. Sämtliche Parteien schlossen sich gegen mich zusammen.
Die Agitation wurde mir fast unmöglich gemacht; denn wo das Sozialistengesetz nicht ausreichte, wurden die Versammlungslokale verweigert oder abgetrieben und geheime Zusammenkünfte waren sehr gefährlich. Natürlich fanden sie trotzdem statt, aber sie konnten die öffentliche Agitation nicht ersetzen. Ich kam damals zum ersten Male auf den zum Wahlkreise gehörenden Teil des Harzes. Es war gleich zu bemerken, daß hier der größte Teil der Bevölkerung von dem Kriegsschwindel mitgerissen oder eingeschüchtert war. Ein Lokal war nicht zu bekommen mit Ausnahme von Hohegeiß und Zorge. Hohegeiß ist das höchstgelegene Dorf des Harzes und ich stieg mit einem aus Berlin gebürtigen Parteigenossen, der mir für diese Tour als Begleiter zugeordnet war, im tiefen Schnee und zum großen Teil zu Fuße nach diesem Ort hinaus. Ein Fuhrwerk war nicht zu bekommen und für die ganze Tour wäre es auch zu teuer gewesen. Dabei mußten wir noch unser Gepäck tragen. Als wir endlich bei einem schneidigen eisigen Winde den Eingang von Hohegeiß erreichten, glitten wir auf dem Glatteis aus und rollten die abschüssige Straße hinab. Ich hatte meinem durchfrorenen Begleiter einen Grog in Aussicht gestellt, aber es war nur schlechter Schnaps aufzutreiben.

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In dem bezeichneten Wirtshause fand ich eine zahlreiche Versammlung vor; aus Zorge, Wieda und Walkenried waren Parteigenossen gekommen, ohne den weiten Weg und den tiefen Schnee zu scheuen, die meisten in dürftiger Kleidung, dem Frost ausgesetzt. Viele Frauen waren dabei. Ich wurde mit Begeisterung empfangen, was meine etwas trübe gewordene[151]  Stimmung sehr hob. Aber die Versannutung konnte nicht wie gewünscht abgehalten werden, denn alsbald erklärte die anwesende Gendarmerie, es sei in der Anmeldung der Versammlung ein Fehler gemacht worden und ich dürfe nicht sprechen. So unterhielt ich mich dann mit den Anwesenden, so gut es ging, vielfach belästigt von der horchenden Polizei, die sich einmischte, wenn das Gespräch »politisch« zu werden drohte. Nach und nach verliefen sich die Leute. Die letzten, etwa ein Dutzend Männer und Frauen, nahm ich mit auf mein Zimmer, wohin zu folgen ich der Polizei untersagte und worein sie sich fügte. Wir saßen lange bei irgend einem warmen Getränk zusammen.
Als die letzten fortgegangen – es war zwölf Uhr vorbei – erschien der Wirt und nun wurde mir erst offenbar, warum er das Lokal hergegeben hatte. Er brachte mir ein sehr umfangreiches Aktenbündel, das die Belegstücke eines von ihm verlorenen Prozesses enthielt, und verlangte, daß ich es noch in der Nacht durchstudieren und sehen solle, »ob nicht noch was zu machen sei.« Ich lehnte natürlich unwillig ab, hatte aber noch eine lange Predigt zu ertragen, die sich wie von einem wiedertäuferischen Schwarmgeist anhörte.
Andern Tags war ich in Zorge, wo der Saal zum Weißen Roß uns von dessen Besitzer Wallich, der wie nachher seine Gattin immer getreulich bei uns aushielt, gerne zur Verfügung gestellt wurde. Aber die geplante Versammlung wurde von der Polizei vereitelt. Grimmig saß ich in der Wirtsstube und sann nach, was zu tun. Da wandte sich ein alter biederer Bauer zu mir, der Bürgermeister des Ortes. Er galt für einen Achtundvierziger. »Heute Abend ist die Gendarmerie fort«, sagte er; »halten Sie denn mit ihren Leuten keine Besprechung ab?« – »Sie meinen eine geheime Versammlung«, erwiderte ich. »Nun, wenn ich dabei bin, ist sie doch nicht geheim«, sagte er und sah mich eigentümlich lächelnd an. Ich verstand; der Achtundvierziger war erwacht. Die Besprechung fand natürlich am selben Abend statt. Der Alte war da und hörte uns lächelnd zu.
Anderen Tags fuhr ich nach Walkenried, wo ich keinen Parteigenossen finden konnte. Dafür sah ich mir die Ruinen des berühmten Klosters an, das 1523 von den aufständischen Bauern zerstört worden ist. Es war eines der herrlichsten Bauwerke des Mittelalters, die Bauern dachten freilich nur an die Lasten, die ihnen das reiche Kloster auferlegte. Sie stürzten durch ein um eine Linde geschlungenes Seil den Turm mit der großen Glocke um und der Turm erschütterte in seinem Fall das Gewölbe der hohen Klosterkirche so, daß es nach und nach einfiel. Das graue, von Efeu dicht überwucherte Gemäuer bezeugt noch die einstige Großartigkeit des Baues. Dies Kloster war so reich, daß man sagte, wenn seine Mönche nach Rom reisten, könnten sie jede Nacht auf eigenem Boden Quartier nehmen. Hier weilte ich von da ab sehr oft mit Vorliebe und versenkte mich in die Sagen und die Geschichte des Ortes.[152] 
Als hier die aufständischen Bauern unter den Waffen standen, sagte ihr Hauptmann, der Schäfer Hans Arnold aus Barthelfelde, spöttisch zum zusehenden Grafen Ernst V. von Hohnstein:
»Sieh, Bruder Ernst, ich kann den Krieg führen, was kannst Du?« Ergrimmt antwortete der Graf: »Sei nur ruhig, Hans, das Bier ist noch nicht in dem Fasse, darin es gären soll.« – Das wäre dem Gräflein beinahe übel bekommen, aber die auch im Revolutionszustand gutmütigen Bauern ließen ihn laufen. An diese Dinge und an den Wechsel der Zeiten dachte ich, um mich über die trübselige Gegenwart zu erheben, als wir nach Wieda fuhren, von wo man mir geschrieben, daß dort eine Versammlung stattfinden solle. Als ich vor dem bezeichneten Gasthause vorfuhr, sagte mir der Wirt im gröbsten Ton, bei ihm kämen solche Dinge nicht vor. Endlich fand ich ein Dutzend Parteigenossen in einer kleinen Wirtschaft. Kaum war ich eingetreten, als schon ein Gendarm hereinbrüllte: »Die Versammlung ist aufgelöst!« Ich lachte ihn aus, aber die Besprechung war vereitelt, denn dieser Hüter der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ging mir nicht mehr von der Seite, bis ich abfuhr.
So war die Agitation auf dem Harze beinahe vollkommen lahmgelegt, obwohl die Bevölkerung hier vielfach unabhängiger ist als anderswo. Denn viele Harzer arbeiten entfernt von ihrem Wohnort oder treiben auswärts Handel. Die Bauern in der Ebene um Braunschweig waren durch den Kriegslärm verhetzt, wie noch nie, und maßen uns die Schuld an dem ganzen Unglück bei. Dies erfuhr ich zu Destedt bei Braunschweig, wo ein etwa dreihundertpfündiger Bauer mich belehren wollte, daß die Franzosen tatsächlich im Begriff seien, in Deutschland einzufallen. Es gelang mir zwar, seinen hohen Ton etwas herunterzustimmen, aber ich sah wohl, wie er die übrige Bevölkerung in Furcht hielt.6
Da eine Stichwahl nicht erwartet werden konnte, so hielt ich die Partie bei uns für verloren. In der Tat hatte der Bismarcksche Trick hier seinen Erfolg wie an so vielen anderen Orten. Wir unterlagen mit 10659 Stimmen gegen 14837, welche der damalige Stadtrat und spätere Bürgermeister Retemeyer erhielt. Die Welfen erhielten 686 Stimmen.
Immerhin hatten wir im ersten Wahlgang fast 4000 Stimmen mehr erhalten, als 1884. Das gab uns die unverwüstliche Zuversicht, daß unsere Sache in siegreichem Vordringen begriffen sei, wenn wir für den Moment auch das Mandat eingebüßt hatten. Der Theorie, welche neuerdings[153]  von neunmalweisen Leuten aufgestellt worden ist, daß nämlich ein Dutzend Abgeordnete die Geschäfte der Partei im Reichstage ebensogut besorgen könne, wie drei Dutzend, kann ich in ihren Konsequenzen durchaus nicht zustimmen, namentlich nicht für die Fälle, in denen die sozialdemokratischen Stimmen den Ausschlag geben.
Der Ausfall der Braunschweiger Wahl entsprach dem Ausfall im ganzen Reiche. Die Sozialdemokratie gewann im ersten Wahlgang nur sechs Mandate, wozu bei den Stichwahlen noch fünf kamen, so daß sie mit elf Mandaten in den Reichstag einzog, den sie mit fünfundzwanzig verlassen hatte. Die Freisinnigen erwiesen sich bei den Stichwahlen wie gewöhnlich als unzuverlässig und ließen sich mit dem »roten Gespenst« ins Bockshorn jagen.
Aber die Sozialdemokratie hatte 763000 Stimmen erhalten, 213000 Stimmen mehr als 1884. Darin zeigte sich die wachsende Stärke der Bewegung, wenn auch, dank der bekannten Wahlkreisgeometrie, mehr als die Hälfte ihrer Mandate verloren gegangen war. Der deutsche Michel hatte sich selbst eine Rute gebunden, indem er etwa hundert Nationalliberale in den Reichstag kürte, die nun mit den Kraut- und Schlotjunkern zusammen die bekannte Kartell-oder Hurra-Majorität bildeten. Diese bewilligte gleich das Septennat, sowie eine Erhöhung der Branntweinsteuer um jährlich hundert und der Zuckersteuer um vierzig Millionen; dazu die bekannte Liebesgabe für die großen Schnapsbrenner von vierzig und für die Zuckersieder von dreißig Millionen im Jahr. Bald darauf wurden auch die Getreidezölle von drei auf fünf Mark erhöht.
Die Wähler der Mehrheit sahen nun ein, daß die Gefahr, in der sich das Vaterland befunden, nicht bei den Franzosen gelegen hatte, und machten recht lange Gesichter.
Für mich hatte die »Faschingswahl« in Braunschweig ein recht nettes Nachspiel.
In dem dicht bei Braunschweig gelegenen Bauerndorfe Schandelah war für mich eine einzige Stimme abgegeben worden. Alsbald erschien in den Braunschweiger Blättern eine Erklärung, welche die Runde durch die Presse machte:

»Schandelah.

Hierdurch erkläre ich die von mir am 21. ds. Mts. abgegebene Stimme für W. Blos (die einzige, welche derselbe hier bekam) für null und nichtig. Ich sage mich frei von jeder Verantwortung und Verpflichtung gegen die Sozialdemokratie, und nachdem ich eine ganz andere Anschauung von der Sache gewonnen habe, trete ich der nationalliberalen Partei bei und gebe meine Stimme nachträglich Herrn Stadtrat Retemeyer.
Schandelah, im Februar 1887.
Emil Opitz, Leinenhändler.«[154] 
Diese Erklärung, die viel belacht wurde, begeisterte meinen Freund Rudolf Lavant, den sozialistischen Dichter in Leipzig, zu schönen, tiefempfundenen Versen, die im »Wahren Jakob« erschienen und hier der Vergessenheit entrissen werden sollen:



»Hier stehe ich, ich kann nicht anders.«
Wie viel der Länder auch dein Auge sah,
Wo du dich wandernd auch umhergetrieben –
Du sahest nichts, ist dir von Schandelah
Die Existenz noch unbekannt geblieben.

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Der Name wird auf Sturmesschwingen nun
Durch alle Gau'n des Vaterlandes brausen –
Nur das ist etwa noch bekannt zu tun:
In Braunschweig liegts, im Amte Riddagshausen.

Im wüsten Trubel irdischen Gewühls
Schien es verloren nahezu zu gehen,
Im Brennpunkt patriotischen Gefühls
Wird es fortan für jeden Reichsfreund stehen.
Und widerhallen wird, was hier geschah,
Frohlockend wiederholt, in allen Fernen!
Berlin und Hamburg! Blickt auf Schandelah!
Hier könnt ihr eure Bürgerpflichten lernen.

Hier war noch unvergiftet die Natur,
Hier war noch dumpfig nicht das Salz der Erde,
Im ganzen Dorf gabs einen Roten nur,
Ein räudig Stück in einer Hammelheerde.
Und wie der Eine jenem Saulus glich,
Der gen Damaskus zog in finsterm Grimme!
Denn: »Opitz, Opitz, was verfolgst du mich?«
Drang aus der Höhe zu ihm eine Stimme.

Und wie dem Saulus wurde diesem auch
Das starre Auge wunderlich gefeuchtet,
Er fiel sogleich erschüttert auf den Bauch
Und war von dieser Stunde an erleuchtet.
Nur eines hat den braven Mann gequält
Und ihm geraubt des deutschen Herzens Frieden:
Daß er den Blos, den bösen Blos gewählt,
Bevor ihm die Erleuchtung noch beschieden.

Da griff er dann zu seinem Schreibekiel,
Der ganzen Welt es deutlich zu vermerken:
»Dank jenem Rufe, der von oben fiel,
Sag ich mich los von Satans schwarzen Werken.[155] 
Daß Blos ich frevelnd meine Stimme gab,
Bevor mich um die großen Tage schufen,
Verfolgt mich wie ein Vorwurf bis ins Grab
Und somit sei sie hierdurch widerrufen.

Ich weiß, euch fröstelts – also lächelt nicht!
Schon sind bedenklich eure Reih'n gelichtet.
Doch ists der Anfang nur vom Volksgericht,
Das euch unfehlbar ganz dereinst vernichtet.
Und eher nicht verschwindet unser Weh,
Bis unser Land, im Süden wie im Norden,
Vom Kap Arkona bis zum Bodensee,
Ein einz'ges großes Schandelah geworden.«

* * *

Um diese Zeit kamen in den Wahlkämpfen die Witze mit meinem Namen auf, der ja dazu sehr geeignet ist. Ich will nur zwei verzeichnen. Meine Wähler sagten oftmals: »Wählt blos!« Indem sie die Betonung auf das »wählt« legten, wollten sie sagen, daß wenn die Arbeiter nur alle wählten, ich auch gewählt werden müßte. Schließlich eigneten sich auch andere Parteileute dieses Schlagwort an. Als nun ein Postbeamter auf die Frage, wen er gewählt habe, lachend antwortete: »Ich habe blos gewählt!« nahm dies der sonst so joviale Herr von Podbielski als Leiter des Reichspostamts tragisch und ließ gegen den Mann ein Disziplinarverfahren einleiten, das auch zu einer Bestrafung führte. Daß im Reichstage ausdrücklich auf die scherzhafte Bedeutung der Wortes hingewiesen wurde, konnte Herrn von Podbielski nicht bekehren.
Ein harmloses Witzwort, das durch alle Zeitungen ging, kam später auf, als mein nationalliberaler Gegenkandidat Orth und der freisinnige Winter hieß. Da proklamierten, sagte man, die Nationalliberalen: »Wählt in diesem Winter blos Orth!« – Die Freisinnigen: »Wählt an diesem Ort blos Winter!« und die Sozialdemokraten: »Wählt an diesem Ort und in diesem Winter Blos!« – Und dieser wurde auch gewählt.[156] 
Fußnoten
1 Straßenjunge.

2 Hoch lebe der Befehlshaber der Barrikade!

3 Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter.

4 Ein Hohenlohescher Hofrat, der zwischen Freikonservativen und Demokraten hin und herpendelte und als Reichstagsabgeordneter sich bemerkbar machen wollte, indem er öfter vom Weltfrieden sprach. Er korrespondierte auch mit Gambetta. Die Presse widmete diesem Herrn eine unverdiente Aufmerksamkeit.

5 Der Klatsch verfolgte mich auch in diesem Augenblick. Als ich am Tage nach dem Tode meines Sohnes die Anmeldung auf dem Standesamt besorgte, bemerkte der mich begleitende Parteigenosse Baßler, daß ich auf den Beinen schwankte, eine Wirkung der Nachtwachen bei der Pflege und der mangelhaften Nahrung, die ich zu mir hatte nehmen können. Er forderte mich auf, in einer nahen Wirtschaft durch einen Schluck Wein mich zu stärken, was ich auch tat. Dies wurde bemerkt und dahin ausgelegt, daß ich auch in diesem Moment die »Wirtshausläuferei« nicht hatte aufgeben können. Auch der »Trost« einiger Bekann 
ten, daß ich ja für neue Nachkommenschaft sorgen könne, war mir mehr als widerlich. Dagegen wurde mir auch viel zarte Teilnahme erwiesen und es soll bei mir unvergessen sein, daß mehrere schone und tiefempfundene Trostbriefe bei mir eingingen, wenn es in solchen Fallen auch, wie Liebknecht richtig bemerkte, einen wirklichen Trost nicht gibt und nur die Zeit Beruhigung schaffen kann.

6 An diesen Bauer mußte ich denken, wenn mir der joviale Landgerichtsdirektor Baumgarten, freisinniger Abgeordneter für Holzminden-Gandersheim, von den Braunschweiger reichen Bauern erzählte. In einem Dorfe bei Braunschweig sollte eine neue Kirche gebaut werden. Der Pfarrer und einige Bauern zeichneten ihre Beitrage in die ausgelegte Liste. Der reichste Bauer des Ortes, Piepenbrink mit Namen, sah die Liste, ärgerte sich, daß er nicht obenan stand, strich die Namen durch und schrieb darunter: »Piepenbrink bezahlt die Kirche alleine!« – Das ist, sagte Baumgarten dann lachend, die Notlage der braunschweigischen Landwirtschaft. Dieser entschiedene Demokrat stimmte manchmal ganz allein von seiner Fraktion mit uns im Reichstage.




Die Parteitag in St. Gallen[157] 1










Nachdem ich so aus dem parlamentarischen Leben ausgeschieden, siedelte ich wieder nach Cannstatt über, wo ich mich als Junggeselle einrichtete, denn ich hatte mich inzwischen von meiner Frau getrennt. Nun bekam ich Zeit und Ruhe für historische und wissenschaftliche Studien und Arbeiten. Der Verlag von J. H. W. Dietz hatte mich beauftragt, eine volkstümliche Geschichte der großenfranzösischen Revolution zu schreiben, deren Säkularfeier herannahte. Die eingehenden Studien, die ich früher in dieser Sache gemacht, kamen mir nun zugute und ermöglichten mir, rasch an die Erledigung der mir gestellten Aufgabe heranzugehen.
In dieser Zurückgezogenheit wurde ich überrascht durch ein Schreiben Bebels, welches mich aufforderte, die Einladung zu einem Parteikongreß zu unterzeichnen, der im Auslande stattfinden sollte. Ich hatte erst einige Bedenken, da ich über Zweckmäßigkeit eines solchen Kongresses nicht befragt worden war. Ich unterzeichnete aber, da man mir sonst Mangel an Mut vorwerfen konnte, und das war gut.
Die Einladung zu dem Kongreß erschien alsdann in verschiedenen Blättern in folgender Form:

»Parteigenossen!

Innerhalb unserer Partei besteht seit langem der Wunsch, einen allgemeinen Parteitag einberufen zu sehen, auf welchem die Partei zu einer Reihe wichtiger Fragen Stellung nehmen kann.
Die Reichstagsfraktion, als die berufene Vertreterin und Leiterin der Partei, beschloß, den Parteitag im Herbst dieses Jahres einzuberufen und zu dessen öffentlicher Berufung auch die früheren Reichstagsabgeordneten und die den Einzellandtagen angehörenden Parteigenossen einzuladen. Mehrere der gegenwärtigen und früheren Abgeordneten sind teils durch noch andauernde Gefangenschaft, teils durch noch obschwebende Strafverfahren in der Unterzeichnung verhindert.
Als Tagesordnung für den Parteitag ist festgesetzt: 1. Rechenschaftsbericht des Vorstandes der Reichstagsfraktion: Berichterstatter: Grillenberger. 2. Haltung und Tätigkeit der sozialdem. Abgeordneten im Reichstag und in den Landtagen: Berichterstatter: Hasenclever, Singer und Bebel. 3. Stellung der Partei zu den Reichs-Steuer- und Zollfragen in Verbindung mit der Sozialreform der Regierung und der Arbeiterschutzgesetzgebung: Berichterstatter: Auer und Grillenberger. 4. Stellung der Partei bei den letzten Reichstagswahlen: Berichterstatter: Liebknecht.[159]  5. Antrag auf Einberufung eines internationalen Arbeiter-Kongresses für das nächste Jahr, welcher ein gemeinsames Vorgehen der Arbeiter aller Kulturländer in bezug auf eine internationale Arbeiterschutzgesetzgebung vereinbaren soll: Berichterstatter: Bebel. 6. Die Stellung der Sozialdemokratie zu den Anarchisten: Berichterstatter: Liebknecht.
Parteigenossen! Obgleich die Erörterung aller Fragen, über die auf dem Parteitag verhandelt werden soll, in keinem Widerspruch mit dem gemeinen Recht in Deutschland steht, zwingt uns das Ausnahmegesetz und seine Handhabung, besondere Schutzmaßregeln zu treffen. Aus diesem Grund, und damit der Parteitag ungestört verhandeln kann, sind wir genötigt, Ort und Zeit desselben vorläufig nicht bekanntzugeben.
Parteigenossen! Wir ersuchen euch um zahlreichen Besuch. Jeder Genosse ist willkommen. Selbstverständlich bleibt dem Parteitage der Beschluß über die Zulassung der einzelnen Teilnehmer vorbehalten.

Mit sozialdemokratischem Gruß!

J. Auer, A. Bebel, W. Blos, W. Bock, H. Dietz, K. Frohme, F. Geyer, C. Grillenberger, F. Harm. W. Hasenclever, A. Heine, F. Jöst, A. Kaden, M. Kayser, W. Liebknecht, H. Meister, H. Rödiger, A. Sabor, G. Schumacher, P. Singer, W. Stolle.«

Diese Einladung erregte bei den leitenden Staats-und Polizeimännern und ihren Anhängern die schmerzlichsten Empfindungen über die Unzulänglichkeit ihrer Kampfmittel gegen die Sozialdemokratie. Soeben hatten sie noch geglaubt, das Freiberger Urteil mit seinen so geistvoll erfundenen »konkludenten Handlungen« hätte die Parteikongresse der Sozialdemokratie ein für allemal unmöglich gemacht. Nun hatte die Sozialdemokratie einen Weg gefunden, dessen Legalität selbst die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« zugeben mußte.
Aus den Kreisen Bismarckscher »Sauhirten«2 heraus kam die alberne Frage: »Wenn der Kongreß legal ist, warum hält man ihn dann nicht in Deutschland ab?« Darauf antwortete Bebel:
»Wenn wir doch einmal von »fremder Gnade« in bezug auf unsere innersten Parteiangelegenheiten abhängen sollen, so wollen wir lieber von der »Gnade« einer fremden Regierung, als von der Gnade der deutschen Polizei abhängen.«
Diese Ohrfeige saß da, wo sie sitzen sollte.
Die Polizei schnüffelte eifrig nach Ort und Zeit des Zusammentritts des Parteitages, aber sie bekam nichts heraus.[160] 
In einer geheimen Versammlung zu Eßlingen, welche von der Polizei gestört und das Lokal zu wechseln genötigt wurde, erhielt außer einigen andern auch ich ein Mandat zu dem Parteitag, welcher, wie uns inzwischen mitgeteilt worden, am Montag den 3. Oktober 1887 im Saale der Brauerei zu Schönenwegen bei Bruggen, etwa eine halbe Stunde von St. Gallen, zusammentreten sollte. Wir beschlossen am Samstag abzureisen. Zugleich kam von Grillenberger die Nachricht, daß er sich uns anschließen werde, da er am Samstag Vormittag in Stuttgart bei einer Gerichtsverhandlung zu erscheinen hatte.
Ich schlug vor, in Cannstatt oder Eßlingen einzusteigen, um nicht die Stuttgarter Bahnhofspolizei auf uns aufmerksam zu machen Wir stiegen also außerhalb ein, aber es nützte uns nichts, denn bei der Gerichtsverhandlung hatte sich ein auswärtiger, allem Anschein nach von Frankfurt gekommener Spitzel an Grillenbergers Fersen geheftet. Dieser hatte mit seinem von der Berliner Spitzeljagd her geschärften Blick sogleich herausgefunden, daß wir beobachtet wurden.
Der Spitzel war von kleiner Statur, ziemlich elegant gekleidet und fiel durch sein unruhiges Wesen, sowie durch den außerordentlich dreisten Ausdruck seiner Physiognomie auf.
Unsere Gesellschaft bestand aus dem Abgeordneten Grillenberger (Nürnberg) und Meister (Hannover), dem Zigarrenarbeiter Bertram (Hannover), dem Redakteur Baßler (Stuttgart), dem Buchbinder Grimm (Stuttgart) und mir.
Wir bestiegen einen der langen Wagen dritter Klasse, wie sie in Württemberg üblich, und der Spitzel setzte sich in unsere Nähe, um womöglich etwas zu erlauschen. Er musterte uns mit großer Frechheit und zog auch ein Exemplar des verbotenen Züricher »Sozialdemokrat« aus der Tasche, den er demonstrativ vor sein Gesicht hielt. In Ulm stieg er aus und konferierte mit der Bahnhofspolizei, der er jedenfalls anzeigte, daß er uns »entdeckt« habe. Einer von uns wollte auch gesehen haben, daß er sich von der Bahnhofspolizei Geld geben ließ.
Wir sahen ihn in Friedrichshafen aussteigen, aber auf dem Bodenseedampfer kam er uns nicht mehr zu Gesicht. Wir glaubten ihn schon los zu haben und tranken fröhlich von dem trefflichen Veltliner, den der Dampfer mit sich führte. Auch auf dem Bahnhof in Rorschach sahen wir den Spitzel nicht. Um 11 Uhr nachts kamen wir auf dem Bahnhof in St. Gallen an und schickten uns, die Reisetaschen in der Hand, an, uns nach dem Gasthof zur »Insel« zu begeben, dessen Besitzer der Parteigenosse Saluz war.

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Da sah ich den Spitzel etwa zwanzig Schritte hinter uns herschleichen.
Die Frechheit dieses Menschen, der auf Schweizerboden uns zu bespitzeln wagte, empörte mich; ich stellte meine Handtasche ab und ging ihm entgegen, während meine Gefährten stehen blieben und der Entwicklung der Dinge zusahen.[161] 
»Wer sind Sie und wozu folgen Sie uns?« fragte ich.
Dreist antwortete er: »Ich kenne Sie nicht und kann gehen, wohin ich will.«
»Diese Antwort hatte ich erwartet«, sagte ich. »Aber wenn Sie uns weiter folgen, so werde ich Ihnen eines hinter die Löffel hauen, so leid mir meine Hand tut.«
»Ich werde Ihnen überall hin folgen«, sagte er höhnisch.
Kaum war das Wort dem Gehege seiner Zähne entflohen, so erhielt er von mir, mit Scheffel zu reden, einen so »wohlgefügen Ohrschlag«, daß er sich wie ein Kreisel drehte und beinahe zu Boden gepurzelt wäre.
Er erhob ein fürchterliches Geschrei und brüllte: »Wie heißt der Mann, der mich geschlagen hat?« Zwei St. Gallener Spießbürger, die eben aus dem Wirtshaus und bei uns vorüber kamen und an die offenbar diese Frage gerichtet war, machten sich eilig davon, während der Spitzel einen Sprung gegen mich tat und mit einem sogenannten Totschläger – einem kurzen, mit Blei ausgegossenen Stock – nach mir schlug. Als alter Fechter parierte ich mit meinem Stock, der dabei entzwei brach. Aber der Spitzel trat schleunigst den Rückzug an.
Meine Begleiter, welche die Ohrfeige klatschen gehört, sprachen ihre Genugtuung über die Züchtigung des Spitzels aus und wir gingen weiter. Nach einiger Zeit bemerkten wir, daß der Spitzel uns wieder folgte. Nun empörte sich mein guter Grillenberger und rannte, bevor ich ihn warnen konnte, nur mit seinem Regenschirm bewaffnet, auf den Spitzellos. Ich folgte ihm und sah nur, wie er mit dem Regenschirm ausholte, wie der Spitzel diesen unterlief, an Grillenberger emporsprang und dann sich eiligst davon machte. Das alles geschah in einem Augen blick. Als ich bei Grillenberger anlangte, stöhnte er: »Der Kerl hat mich scheußlich zugerichtet.« Blut strömte von seinem Haupt über Stirn und Gesicht auf seine Kleider herab.
Der Spitzel, flink und gewandt, hatte seinen Vorteil gegenüber dem beleibten und unbehilflichen Mann wahrgenommen und ihm drei furchtbare Schläge auf das Vorderhaupt versetzt.
Wir führten den Verwundeten zu einem nahen Brunnen und wuschen ihm das Blut ab, legten ihm auch einen notdürftigen Verband an. Grillenberger konnte infolge dieser schweren Verwundung an dem Parteitag nicht teilnehmen. Es wurde nachher gesagt, die Verletzungen hätten zu seinem vorzeitigen Tode beigetragen. Ob dies zutrifft, kann ich nicht sagen.
Sobald ich Zeit bekam, begab ich mich mit Mot teler zu dem bekannten Züricher Polizeihauptmann Fischer, der nachher durch sein Auftreten gegen das Treiben fremder, resp. preußischer Spitzel in der Schweiz der »schwarze Mann« für reaktionäre Regierungen geworden ist. Er sah nicht gerade vertrauenerweckend aus. Aber er erwiderte mir auf[162]  meine Mitteilungen, daß es für ihn kein größeres Vergnügen gäbe, als wenn er einmal einen preußisschen Spitzel abfangen könne, denn deren Treiben in der Schweiz sei unerhört. Ich erhielt Vollmacht, am Bahnhofe, wenn dort der Spitzel auftauchen sollte, ihn sofort in Hast nehmen zu lassen; die Bahnhofspolizei wurde auch für diesen Fall besonders instruiert. Der Parteigenosse Bertram aus Hannover, der bei dem Attentat am St. Galler Bahnhof zugegen gewesen, wollte den Spitzel auch in Zürich gesehen haben; allein es gelang leider nicht, ihn dingfest zu machen. –
Der Kongreß war von achtzig Delegierten besucht. Es herrschte eine vortreffliche Stimmung. Von Kleinmütigkeit und Verzagtheit war gar nichts zu bemerken. Niemand hatte auch nur die leiseste Neigung, irgendwelche Konzessionen an die herrschenden Gewalten zu machen.
Vorsitzende des Kongresses waren Singer und Hasenclever. Der erstere vollzog hier seine Wandlung vom äußerst gemäßigten zum äußerst radikalen Sozialdemokraten in einer Form, welche ihm manche Sympathien auf beiden Seiten entzog. Meinen lieben Freund Hasenclever sah ich hier zum letztenmal. Er war sehr leidend, und der Weg, den wir jeden Abend vom Kongreßlokal nach der Stadt zu Fuße zurücklegen mußten, war ihm so beschwerlich, daß er sich jedesmal schwer an meinen Arm hing. Des Nachts hatte er wilde Träume und machte in diesen die Verhandlungen des Kongresses nochmals durch, wobei er mich – ich schlief im Zimmer nebenan – oftmals aus dem Schlafe weckte. Nach dem Parteitag bestürmte er mich, ihn nach Feldkirch zu begleiten, wo er den Bürgermeister besuchen wollte, mit dem er aus seiner Turnerzeit befreundet war. Ich mußte indessen ablehnen. Bald nach seiner Rückkehr nach Dessau, wo er damals wohnte, brach der Wahnsinn bei ihm aus, dem im nächsten Jahre der Tod folgte. Er war nur 52 Jahre alt geworden. Wohl wenige haben ihn so sehr betrauert wie ich.
Die Debatten des Kongresses waren teilweise recht erregt, namentlich als die Stellung zu den Anarchisten zur Sprache kam. Nach einem glänzenden Referat Liebknechts wurde der Beschluß gefaßt, den ich für den bedeutendsten des Parteitages halte, weil er mit aller Schärfe die Grenzlinien zwischen Sozialismus und Anarchismus zog und der manchmal in dieser Sache noch auftauchenden Unklarheit ein Ende machte.3
Aber auch nach der äußersten Rechten wurde Front gemacht. Es wurde sehr scharf getadelt, daß der Abgeordnete Heine (Magdeburg) in einem Prozesse zu seiner Verteidigung gesagt hatte: »Ich stehe auf dem Boden der kaiserlichen Botschaft von 1881.« – Heine antwortete darauf mit gutem Humor: »Nun ja, ich habe eine Dummheit gemacht und werde noch mehr machen!« Für diesen Witz verzieh ihm der Parteitag lachend seinen Fauxpas.[163] 
Ach, damals hatte man noch mehr Humor wie heute, trotz aller Verfolgungen!
Die Entschlossenheit der Partei, allen Verfolgungen Trotz zu bieten, drückte sich aus in dem Beschlusse:
»Der Parteitag fordert nachdrücklich auf, der Flucht von Parteigenossen wegen drohender Prozesse oder Gefängnisstrafen möglichst entgegenzutreten und eventuell jede materielle Unterstützung zu versagen.«
Alsdann wurde beschlossen:
»Der Parteitag spricht seine entschiedene Mißbilligung über das Verhalten der Genossen aus, welche ohne triftige Gründe der an sie ergangenen Aufforderung zur Unterzeichnung der Einberufung des Parteitags nicht nachgekommen sind; ferner spricht der Parteitag die sichere Erwartung aus, daß die Genossen diesen Persönlichkeiten innerhalb der Partei eine Vertrauensstellung nicht mehr übertragen werden.«
Zugleich wurde beschlossen, daß dies auf die Parteigenossen Geiser und Viereck anzuwenden sei.
Man konnte allerdings nicht billigen, daß bei der Versendung der Einberufung zur Unterzeichnung nicht auf die etwaigen Konsequenzen einer Nichtunterzeichnung aufmerksam gemacht worden war. So sah die Sache fast wie eine Falle aus.


Viereck, der innerlich wohl nie Sozialdemokrat gewesen, wendete sich von der Sozialdemokratie bald ab.
Für Geiser wurde 1891 auf dem Erfurter Parteitag verlangt, daß der St. Gallener Beschluß unter Kraft gesetzt werde. Dies wurde zunächst zurückgewiesen. Im nächsten Jahre beantragten auf dem Berliner Parteitag die Breslauer Parteigenossen wiederum, den St. Gallener Beschluß in bezug auf Geiser außer Kraft zu setzen. Im Protokoll heißt es:
»Stadthagen beantragt, um jedes Mißverständnis zu verhüten, dem An trag der Breslauer Genossen folgende Fassung zu geben:
»Die Parteigenossen der beiden Wahlkreise von Breslau beantragen, den zweiten Teil des St. Gallener Beschlusses, soweit er sich auf den Genossen Bruno Geiser bezieht, außer Wirksamkeit zu setzen. Das Mißtrauensvotum des St. Gallener Parteitages bleibt davon unberührt.«
In dieser Fassung wird der Antrag mit großer Mehrheit angenommen.« –4
Die Beschlüsse des St. Gallener Parteitages richteten sich im allgemeinen gegen die gesamte Politik Bismarcks. Der Reichstagsfraktion wurde empfohlen, nach wie vor hauptsächlich die kritisch-agitatorische Tätigkeit zu pflegen und sich an der positiv-gesetzgeberischen nur dann zu beteiligen, wenn über die Bedeutung und Tragweite einer solchen Tätigkeit für die Klassenlage der Arbeiter in politischer und sozialer Beziehung[164]  kein Zweifel gelassen und keine Illusion geweckt werden könne. Dieser Beschluß wuchs ebenso aus der Situation heraus, wie der andere, nach den gemachten Erfahrungen bei Stichwahlen zwischen anderen Parteien sich der Abstimmung zu enthalten.
Dieser letztere Beschluß war der Natur der Dinge nach nicht durchführbar und mußte schon 1890 aufgegeben werden, als die Beteiligung an den Stichwahlen notwendig wurde, um das reaktionäre Kartell zu sprengen. Bebel kündigte diese Beteiligung im Reichstage an, ohne vorher eine höhere Instanz gefragt zu haben, ein Beweis, wie Parteibeschlüsse durch die Verhältnisse selber kassiert werden können.
Es wurde eine Kommission zur Durchberatung und Abänderung des Parteiprogramms eingesetzt. Die Berliner Parteigenossen verlangten die Streichung der von Lassalle übernommenen Produktivgenossenschaften aus dem Programm und dafür die Sozialisierung des Grund und Bodens, sowie der Produktionsmittel überhaupt. Wie ich aus dem »Sozialdemokrat« ersehe, habe ich damals die Aufnahme einer Bestimmung in das Programm verlangt, die den Interessen der ländlichen Arbeiterschaft gerecht werde. Vielleicht hat dies dazu beigetragen, die nachfolgenden Debatten über die Agrarfrage zu fördern. Ich war von jeher der Meinung gewesen, daß unsere Agitation die industriellen Verhältnisse zu einseitig berücksichtige.
Nach dem Kongresse kamen eine Anzahl Parteigenossen, darunter auch ich, in dem Hause des Parteigenossen und Fürsprechs Scherrer zusammen, wo die Herausgabe einer Denkschrift über die Zeit des Sozialistengesetzes beschlossen wurde. Sie sollte namentlich mit reichlichem Material versehen sein. Die Ausführung wurde Auer übertragen. Die Denkschrift erschien unter dem Titel »Nach zehn Jahren. Material und Glossen zur Geschichte des Sozialistengesetzes« und ist heute noch die reichhaltigste und zuverlässigste Geschichtsquelle für jene Zeit.
In der bürgerlichen deutschen Presse war der Parteitag als eine »Verschwörung« denunziert worden. Eine große Volksversammlung im Parteitags-Lokal, wo der Inselwirt und Präsident der Schweizerischen Arbeiter-Union, Genosse Saluz5 den Vorsitz führte, erklärte diese Verdächtigungen für ebenso lächerlich als niederträchtig, sowie daß der Parteitag sich vollständig im Einklang mit dem Asylrecht und dem verfassungsmäßig garantierten Vereins- und Versammlungsrecht der Schweiz befunden habe.
Die Einmütigkeit und Geschlossenheit des Parteitags bereitete den Parteigenossen in Deutschland eine hohe Freude und erfüllte sie mit unerschütterlicher Zuversicht.
Die bürgerliche Presse behauptete, in St. Gallen habe die »schärfere Tonart« gesiegt. Darauf antwortete der »Sozialdemokrat« treffend:[165] 
»Nicht daß zwei verschiedene Tonarten im Kampf miteinander gewesen wären – was davon erzählt wird, ist eitel Flunkerei. Aber in der ganzen Partei ist eine schärfere Tonart zur Herrschaft gekommen. Unter den obwaltenden Verhältnissen konnte und kann kein Genosse mehr eine sogenannte mildere Tonart oder gemäßigte Richtung befürworten. Der St. Gallener Parteitag hat einfach die Missetaten der Aera Puttkamer quittiert.« –
Die leitenden Staatsmänner in Berlin mußten mit steigendem Grimme einsehen, daß der Kampf gegen die Sozialdemokratie nur zu stets größeren Erfolgen der letzteren geführt hatte. Waren sie vom modernen Geiste nur einigermaßen angehaucht gewesen, so hätten sie nunmehr eingesehen, daß eine von neuen Ideen getragene und in den tatsächlichen Verhältnissen des Volkes selbst wurzelnde Bewegung nicht mehr mit den alten, dem Arsenal des Bundestages entnommenen Waffen bekämpft werden könne. Aber sich zu einer solchen Anschauung zu erheben, das konnte man von Junkern wie Bismarck und Puttkamer so wenig verlangen, wie daß Rosen auf Distelsträuchern wachsen sollten.
Und so taten sie, was sie nicht lassen konnten. Mit einem strafrechtlichen Verfahren konnte man der Sozialdemokratie wegen des St. Gallener Kongresses nicht beikommen, denn dieser war öffentlich einberufen worden und hatte in vollster Öffentlichkeit getagt. Und so beschlossen denn Bismarck und Puttkamer – denn der Zorn ist in solchen Dingen ein schlechter Berater! – das Dümmste zu tun, was sie tun konnten, nämlich vom Reichstage eine wahrhaft drakonische Verschärfung des Sozialistengesetzes zu fordern.
Am 14. Januar 1888 ging dem Reichstage die Vorlage zu, die man als »Achtungs- oder Expatriierungs-Gesetz« bezeichnet hat. In diesem ungeheuerlichen Machwerk war die Strafe für die Verbreitung verbotener Druckschriften im Höchstmaße von sechs Monaten auf ein Jahr erhöht. Gegen Personen, welche sich die Agitation für verbotene sozialdemokratische Bestrebungen »zum Ge schäft« machten, sollte im Falle einer Verurteilung wegen Zuwiderhandlung gegen das Verbot von Vereinen, Versammlungen und Druckschriften auf Gefängnis nicht unter zwei Jahren erkannt werden. Dabei blieb es den Gerichten überlassen, was sie unter »zum Geschäft machen« verstehen wollten. Außerdem sollte auf Zulässigkeit der Einschränkung des Aufenthalts erkannt werden können im Falle einer Verurteilung auf Grund von § 129 des Strafgesetzbuchs, wenn der Verurteilte an einer geheimen Verbindung teilgenommen hatte, zu deren Zweck oder Beschäftigung es gehört, die Vollziehung des Sozialistengesetzes durch ungesetzliche Mittel zu verhindern. Auch sollte in diesem Fall und in anderen bei Verurteilung wegen verbotener Druckschriften, Beteiligung an einem verbotenen Verein oder geschäftsmäßiger Agitation für die sozialdemokratischen Bestrebungen auf die Zulässigkeit der Entziehung der Staatsangehörigkeit erkannt werden können.[166] 
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»Durch ein solches Erkenntnis«, hieß es im Text, »erhält die Zentralbehörde des Heimatstaates des Verurteilten die Befugnis, den letzteren seiner Staatsangehörigkeit für verlustig zu erklären und aus dem Bundesgebiet auszuweisen. Das Erkenntnis begründet zugleich für die Landespolizeibehörde die Befugnis zur Einschränkung des Aufenthalts des Verurteilten mit den in § 22 Absatz 2 und 3 bezeichneten Maßgaben und Wirkungen.6
Personen, welche nach den vorstehenden Vorschriften ihrer Staatsangehörigkeit in einem Bundesstaate verlustig erklärt worden sind, verlieren dieselbe auch in jedem anderen Bundesstaat und können ohne Genehmigung des Bundesrats in keinem Bundesstaate die Staatsangehörigkeit von neuem erwerben.«[167] 
Unerlaubte Rückkehr der Ausgewiesenen sollte mit Gefängnis von einem Monat bis zu drei Jahren bestraft werden.
Beteiligung von Deutschen an Versammlungen außerhalb des Reichsgebiets, wo gegen das Sozialistengesetz verstoßen würde, sollten mit Gefängnis – die Höhe dem Gericht überlassen! – bestraft und die Betroffenen sollten der Staatsangehörigkeit verlustig erklärt werden können. Diese letztere Bestimmung sollte künftige Parteitage im Ausland unmöglich machen.
Das so verschärfte Sozialistengesetz sollte eine Dauer von fünf Jahren haben.
Durch Deutschland lief eine zähneknirschende Empörung, als man vernahm, wie ein märkischer und ein pommerscher Junker, gestützt auf die Machtmittel des Klassenstaates, einen Anschlag machten, der darauf hinauslief. Tausende von Deutschen aus der Heimat zu treiben. Nur aus der konservativen und nationalliberalen Presse kamen Stimmen, welche auch diesen Maßregeln gegen die Sozialdemokratie das Wort redeten.
Zur Begründung der Vorlage hatte man nur vorzubringen gewußt, daß die ausgewiesenen Sozialisten ihre Anschauungen überall weiterverbreiteten, auch da, wo man sie vorher nicht gekannt. Deshalb sollten sie aus dem Reiche hinausgetrieben werden. Zwar hatte man die im Sozialistengesetz enthaltenen Aufenthaltsbeschränkungen schon vorher reichlich angewendet; die Parteigenossen Christensen, Kayser und Keßler waren wie Wild in Deutschland umhergejagt worden. Kayser, der Mitglied des Reichstags war, hatte oft kein anderes Asyl als die Eisenbahn, wo er sich wenigstens, dank seiner Freifahrkarte, kostenlos aufhalten konnte.
Die Sozialdemokratie hatte sich trefflich gerüstet, um das »System Puttkamer« vor der ganzen Welt zu brandmarken und ihm eine zerschmetternde Niederlage zu bereiten.
Noch in der letzten Nummer des Jahrgangs 1887 des »Sozialdemokrat« stellte die schon erwähnte »eiserne Maske« ein Dutzend preußischer Polizeispitzel an den Pranger. Es waren: Sachs, Schriftsteller in London, ehemaliger Polizeileutnant; Theodor Reuß in London7; Heinrich, früher Schmied in Magdeburg, dann Weißbierwirt in Zürich; Karl Schröder, Schreiner und Versicherungs-Agent in Riesbach-Zürich; Christian Haupt, Agent in Genf; Max Trautner, Schriftsteller in Paris8; Heinrich Oberwinder, Schriftsteller in Paris9; H. Nonne, Sprachlehrer in Paris; Ludwig Schwennhagen in Magdeburg10; A. Wichmann, Agent in Altona; Neumann, Tischler in Hamburg; Hermann Nebel, Buchhändler in Leipzig.[168] 
Keiner dieser Edlen erhob irgend einen Einspruch. Die »eiserne Maske« fügte noch hinzu, daß noch ein zweites Dutzend Spitzel ans Tageslicht gezogen werden würde, womit auch gleich nachher begonnen wurde. Inzwischen wurde auch der ehemalige badische Generalstabsoffizier von Ehrenberg aus der Schweiz ausgewiesen, der behauptete, die deutsche Sozialdemokratie habe ein geheimes Bündnis mit Frankreich geschlossen, um bei einem künftigen Kriege der deutschen Armee in den Rücken zu fallen!11
Diese Enthüllungen wurden von der bürgerlichen Presse ignoriert oder als Erfindungen der Sozialdemokratie betrachtet.
Als nun das Ächtungsgesetz vor dem Reichstage zur Sprache kam, wollte Puttkamer erst eine »vornehme« Haltung einnehmen. Das sollte ihm aber bald vergehen. Denn Singer und Bebel entwarfen ein umfassendes Bild von dem verbrecherischen Treiben der Lockspitzel in der Schweiz, welches durch amtliche Aktenstücke beglaubigt wurde. Der Züricher Polizeihauptmann Fischer bescheinigte, daß die Anarchisten Haupt und Schröder, wie sich aus Geständnissen und Zeugenaussagen erwiesen, im Dienste der Berliner Polizei gestanden, daß sie mit den Leuten von der »Propaganda der Tat«, wie Stellmacher und Kammerer, die wegen ihrer Mordtaten gehängt worden, und vielen Anarchisten Verbindungen gehabt; daß Schröder stets eine Kiste mit Dynamit im Hause aufbewahrt und daß er auch die Druckkosten für das zeitweilig in Schaffhausen erscheinende Anarchistenblatt »Freiheit« bezahlt habe. Ferner wurde nachgewiesen, daß diese Lockspitzel in Versammlungen zu Gewalttaten aufgereizt hatten. Sie standen mit Polizeirat von Hacke und Polizeirat Krüger in Verbindung, von denen sie zweihundert bis zweihundertundfünfzig Mark »Honorar« monatlich bezogen. Haupt sagte auch aus, er sei von Polizeirat Hacke gedrängt worden, mehr zu leisten.
Die bürgerlichen Parteien waren starr ob diesen vernichtenden Enthüllungen. Der Edle von Puttkamer aber fiel nun aus seiner Rolle; er führte vor dem Reichstage eine Art Veitstanz auf; er meinte, der Staat brauche solche Subjekte zu seiner Sicherheit, beschimpfte die Schweizer Beamten, sprach von einer »Bande von Strolchen«, womit er die Leute meinte, welche die Umtriebe der Lockspitzel aufgedeckt, und meinte schließlich, er müsse vor Scham in die Erde versinken, wenn er in dieser Sache kein reines Gewissen habe. Aber der Reichstag hörte diese Komödie mit eisigem Schweigen an; nur einige Landräte wagten es, ein »sehr richtig« zu knurren. Der Mann war erledigt, mit ihm aber auch das Ächtungsgesetz und das Sozialistengesetz selbst.
Das Ächtungsgesetz wurde abgelehnt und das Sozialistengesetz unverändert zum letzten Male verlängert bis 30. September 1890.[169] 
Noch gelang es Puttkamer, den Schweizerischen Bundesrat dahin zu drängen, daß Motteler, Bernstein, Tauscher und Schlüter aus der Schweiz ausgewiesen wurden. Der »Sozialdemokrat« wurde nach London verlegt, wo er unverändert weiterwirkte. Puttkamer aber wurde von dem todkranken Kaiser Friedrich III. im Juni 1888 entlassen und zwei Jahre später folgte ihm Bismarck nach.[170] 
Fußnoten

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1 Früher war die Bezeichnung »Kongreß« offiziell für die Zusammenkünfte, die man heute Parteitage benennt.

2 So nannte Bismarck die offiziösen Zeitungsschreiber, welche entweder aus dem preußischen Dispositionsfonds oder aus dem Welfenfonds, nach einem Witze Bismarcks über die welfischen Agenten auch Reptilienfonds genannt, besoldet wurden. Man nannte daher die offiziösen Journalisten auch Reptilien. Bismarck erklärte gelegentlich auch in seinem Übermut: »Anständige Leute schreiben nicht für mich!« Man sieht, daß es den offiziösen Journalisten unter dieser Diktatur an Demütigungen nicht fehlte.

3 Den Wortlaut des Beschlusses siehe Seite 96–97.

4 Dies diene zur Antwort auf die vor längerer Zeit gegen mich erhobene Beschuldigung, ich wolle von dieser Sache eine falsche Auffassung verbreiten.

5 An diesem trefflichen Mann wurde bald darauf von einem italienischen Strolch ein schändlicher Meuchelmord verübt.

6 Diese Bestimmung lautet: »Auf Grund dieses Erkenntnisses (Verurteilung wegen Zuwiderhandlungen 
gegen die im Sozialistengesetz enthaltenen Verbote) kann dem Verurteilten der Aufenthalt in bestimmten Bezirken und Ortschaften durch die Landespolizeibehörde versagt werden, jedoch in seinem Wohnsitze nur dann, wenn er denselben nicht bereits seit sechs Monaten inne hat.«

7 Tauchte später in Berlin wieder als Journalist auf.

8 Dieser Trautner, angeblich früherer bayerischer Offizier, machte sich, wie schon erwähnt, im Reichstage an mich heran. – Oberwinder war der bekannte frühere Sozialdemokrat, der in Österreich eine große Rolle spielte, dort unmöglich geworden, wie erwähnt, bei den »reinen Lassalleanern« in Hamburg auftauchte, zur Stöckerschen Richtung überging und vor einiger Zeit, nachdem er die Redaktion eines Dresdener Regierungsblattes übernommen, gestorben ist. – Schwennhagen ist auch früher schon erwähnt worden.

9 Dieser Trautner, angeblich früherer bayerischer Offizier, machte sich, wie schon erwähnt, im Reichstage an mich heran. – Oberwinder war der bekannte frühere Sozialdemokrat, der in Österreich eine große Rolle spielte, dort unmöglich geworden, wie erwähnt, bei den »reinen Lassalleanern« in Hamburg auftauchte, zur Stöckerschen Richtung überging und vor einiger Zeit, nachdem er die Redaktion eines Dresdener Regierungsblattes übernommen, gestorben ist. – Schwennhagen ist auch früher schon erwähnt worden.

10 Dieser Trautner, angeblich früherer bayerischer Offizier, machte sich, wie schon erwähnt, im Reichstage an mich heran. – Oberwinder war der bekannte frühere Sozialdemokrat, der in Österreich eine große Rolle spielte, dort unmöglich geworden, wie erwähnt, bei den »reinen Lassalleanern« in Hamburg auftauchte, zur Stöckerschen Richtung überging und vor einiger Zeit, nachdem er die Redaktion eines Dresdener Regierungsblattes übernommen, gestorben ist. – Schwennhagen ist auch früher schon erwähnt worden.

11 Dieser Offizier hatte sich zwar im deutsch-französischen Kriege ausgezeichnet, war aber nicht normal. Sonst hatte er nicht aus Blutdurst seinen Hund feierlich hingerichtet. Auch an mich schrieb er einen ganz verrückten Brief.




Cannstatter Tage










Nach Cannstatt zurückgekehrt widmete ich mich nun mit allem Eifer meinen historischen und anderen literarischen Arbeiten und Studien. Es kam mir dabei sehr zustatten, daß ich für drei Jahre aus dem parlamentarischen Leben und Treiben ausgeschieden war. Dies erleichterte mir die geistige Sammlung und Konzentration, deren ich für meine Arbeiten bedurfte. Ich hatte mir ein kleines Zimmer gemietet, wo ich in Ruhe und Abgeschiedenheit den Ausgang meines langwierigen Ehescheidungsprozesses abwarten konnte. Aber zum völligen Einsiedler machte ich mich nicht; das liegt nicht in meinem Naturell. Ich kam die meisten Abende nach Stuttgart, um dort den gewohnten Verkehr mit parteigenössischen und literarischen Kreisen zu pflegen. Dabei durfte ich meine journalistische Erwerbsarbeit nicht vernachlässigen. Außer meinen Beiträgen für den »Wahren Jakob« lieferte ich regelmäßig pro Woche vier Leitartikel; dazu für einzelne Zeitungen und Zeitschriften gelegentlich Feuilletons, historische Abhandlungen und ähnliches. Es fehlte damals in der Partei sehr an Journalisten, die stets auf dem laufenden waren und regelmäßig wie pünktlich bestimmte Arbeiten liefern konnten. Ich hatte also außer meinen historischen Arbeiten noch sehr viel zu tun. Dabei wurde aber auch die politische Agitation nicht vernachlässigt. Ich hielt in Württemberg und außerhalb eine Menge von Versammlungen ab.
Es ist vielleicht hier angebracht, einen Überblick über die öffentlichmündliche Tätigkeit zu geben, die ich für die Ausbreitung unserer Parteibewegung geleistet, von der parlamentarischen Tätigkeit abgesehen. Es gibt eine nicht geringe Anzahl von Parteigenossen, die nicht weniger oder weit mehr auf diesem Gebiete getan, und man kann daraus schließen, welche Mühe aufgewendet worden ist, um unsere Sache zu fördern. Die mündliche Agitation war früher oft mit großen Strapazen verbunden, namentlich wenn abgelegene Orte bearbeitet werden sollten. Weite Märsche oft bei schlechtem Wetter, schlechte Quartiere, mangelhafte Verpflegung, Feindseligkeit der Bevölkerung, angedrohte oder wirkliche Tätlichkeiten bei fanatischen Bauern – solche Dinge mußten eben ertragen werden. Diese Agitationsarbeit mußte durchweg gratis geleistet werden und man mußte froh sein, wenn man seine Auslagen hereinbekam. Gutbezahlte Vorträge gab es früher bei uns überhaupt nicht. Die mündliche Agitation mußte ergänzt werden durch die organisatorische Tätigkeit, die meist sehr mühsam war.
Es hat in der Sozialdemokratie einige weltfremde Gelehrte gegeben, die glaubten, ihre in behaglicher Studierstube ausgesponnenen wissenschaftlichen Erörterungen hätten die sozialistische Bewegung am meisten[173]  gefördert. Das ist eine Übertreibung. Diese Erörterungen haben gewiß zur Vertiefung der Bewegung ihr vollgerüttelt Maß beigetragen. Aber was an wissenschaftlicher Kenntnis und Erkenntnis in die Massen drang, hätte seinen Weg nicht finden können, wenn dieser nicht durch die populäre mündliche Agitation erschlossen und geebnet worden wäre.
Ich gebe hier ein Verzeichnis der Orte, an denen ich in meiner vierzigjährigen Parteitätigkeit mündlich für unsere Sache gewirkt habe. Dies Verzeichnis kann auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen.1 Es sind:
Stuttgart, Cannstatt, Gaisburg, Ostheim, Gablenberg, Wangen, Untertürkheim, Obertürkheim, Kapellesberg, Bopser, Hasenberg, Eßlingen, Degerloch, Bothnang, Bonlanden, Münster a. N., Feuerbach, Zuffenhausen, Kornwestheim, Ludwigsburg, Bietigheim, Heilbronn, Nagold, Reutlingen, Eningen, Betzingen, Ulm, Göppingen, Ravensburg, Mengen, Biberach, Wangen i. A., Leutkirch, Gmünd, Aalen, Heidenheim, Ebingen, Plochingen, Hechingen, Lorch, Heubach, Bartholomäi, Muthlangen, Göppingen, Leinzell, Herlikofen, Waldstetten, Hall, Backnang, Rüdern, Waiblingen, Fellbach, Weil heim u. T., Tuttlingen, Oberboihingen, Kaltenthal, Pforzheim, Durlach, Grötzingen, Eutingen, Karlsruhe, Mühlburg, Wohlfahrtsweier, Dill-Weißenstein, Neulußheim, Ettlingen, Bruchsal, Heidelberg, Mannheim, Brötzingen, Weinheim, Gaggenau, Baden-Baden, Lörrach, Konstanz, Kreuzlingen, Zürich, St. Gallen. –

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Mainz, Darmstadt, Ludwigshafen, Worms, Kirchheimbolanden, Frankfurt a. M., Höchst, Griesheim, Wiesbaden, Offenbach, Hanau, München, Nürnberg, Fürth, Augsburg, – Bielefeld, Hannover, Halberstadt, Magdeburg, Schöppenstedt, Wolfenbüttel, Schöningen, Seesen, Holzminden, Osterwieck, – Braunschweig, Lehndorf, Gliesmarode, Volkmarode, Querum-Melverode, Klein-Stöckheim, Lamme, Vechelade, Vechelde, Rüningen, Broitzem, Lehre, Essinghausen, Wohltorf, Veltenhof, Klein-Schöppenstedt, Riddagshausen, Schapen, Destedt, Bienrode, Blankenburg am Harz, Timmenrode, Wienrode, Benzingerode, Hüttenrode, Braunlage, Rübeland, Neuwerk, Hasselfelde, Hohegeiß, Zorge, Wieda. – Hamburg, Altona, Ottensen, Wandsbek, Harburg, Kiel, Rendsburg, Schleswig, Eimsbüttel, Nienstedten,[174]  Barmbeck, Bergedorf, Lübeck, Kopenhagen. – Bremen, Hastedt, Oberneuland, Hude, Hasbruch, Delmenhorst, Wihelmshaven, Bremerhaven, Verden. – Leipzig, Dresden, Leisnig, Rötha, Chemnitz, Altenburg, Werdau, Zwickau, Crimmitschau, Riesa, Connewitz, Liebertwolkwitz, Knautkleeberg, Groß-Zschocher, Klein-Zschocher, Plagwitz, Lindenau, Eilenburg, Halle, Markranstädt, Reudnitz, Volkmarsdorf, Thonberg, Anger, Stötteritz, Naunhof, Brandis, Erfurt, Apolda, Gera, Gotha, Jena, Eisenach, Schalkau, Lauscha. – Berlin, Moabit, Breslau. – Greiz, Zeulenroda, Bernsgrün, Crispendorf, Cossengrün, Daßlitz, Dölau, Fraureuth, Görschnitz, Hermannsgrün, Irchwitz, Kleinreinsdorf, Kurtschau, Moschwitz, Nitschareuth, Möschlitz, Obergrochlitz, Pöllwitz, Pohlitz, Reudnitz, Remptendorf, Rothenthal, Schönfeld, Tschirma, Wildetaube, Zoppothen.
In Cannstatt hörten, solange das Sozialistengesetz bestand, die Häkeleien mit der Polizei nicht auf. Der gestrenge Herr Oberbürgermeister hatte ein scharfes Auge auf uns und suchte namentlich mir am Zeuge zu flicken, wo er nur konnte. Es schien ihm auch höchlich zu mißfallen, daß er von mir auf der Straße nicht gegrüßt wurde. In seinem Übereifer schlug er manchmal daneben. Einst sollte ich in Hall eine Versammlung anläßlich einer Landtagswahl abhalten und die Hallische Polizei frug in Cannstatt an, ob ich württembergischer Staatsangehöriger sei. Die Cannstatter Polizei verneinte und daraufhin wurde die, Versammlung verboten. Ich besaß aber das württembergische Staatsbürgerrecht und das Verbot wurde in einigen Blättern darob schwer getadelt, dazu die Cannstatter Polizei ob ihres blinden Eifers verspottet. Ich sollte bald empfinden, daß mit so hohen Herrn, wie ein Oberbürgermeister einer Stadt von 28,000 Seelen, nicht gut Kirschen essen ist. Ich wollte mir nämlich das Ortsbürgerrecht von Cannstatt erwerben und reichte ein entsprechendes Gesuch ein. Nach dem Gesetz mußte nur, als württembergischem Staatsangehörigen, nach dreijähriger Ortsansässigkeit das Ortsbürgerrecht gewährt werden. Aber die drei Jahre waren noch nicht um. Als die dem Gemeinderat vorliegenden Bürgerrechtsgesuche verhandelt wurden, ließ der Oberbürgermeister alle bis auf das meinige erledigen; dann erklärte er die Sitzung für geheim und führte dann in längerer Rede aus, daß er dafür sei, mir das Bürgerrecht zu verweigern, denn erstens sei ich ein bekannter Sozialdemokrat und zweitens sei ich in einen Ehescheidungsprozeß verwickelt. Und die Mehrheit der weisen Stadtväter stimmte zu; mein Gesuch ward, allerdings nur mit einer Stimme Mehrheit, abgelehnt. Ein Gemeinderat erklärte gleich, er werde mir von dieser geheimen Sitzung Mitteilung machen. Der Herr Oberbürgermeister hatte wohl geglaubt, ich beabsichtigte, mich in den Gemeinderat wählen zu lassen und in diesem Karpfenteich den roten Hecht zu spielen. Darnach stand mir der Sinn durchaus nicht.


Übrigens wurde später mein Freund Glaser in den Gemeinderat gewählt und hat dort recht fruchtbringende Arbeit geleistet. Das wurde auch[175]  von seinen Gegnern anerkannt. Als sich bei seinem Begräbnis der Leichenzug vor seiner Wohnung aufstellte, erschien auch der Herr Oberbürgermeister mit den Gemeindevertretern. Ich stand bei den Familienmitgliedern hinter dem Sarge; indessen waren die Stadtväter so eifrig, ihre Teilnahme zu beweisen, daß sie sich zwischen uns und den Sarg drängten. So können sich die Zeiten ändern.
Kurz vor dem Ende des Sozialistengesetzes hatte ich mit dem Ortsgewaltigen von Cannstatt noch eine Affäre, welche sehr bemerkt wurde. Ein Arbeiter namens Mauthe, der mir sehr anhänglich war, hatte sich wegen Krankheit erschossen und hatte in seinem Testament bestimmt, daß an seinem Grabe kein Pfarrer, sondern ich sprechen solle. Zum Grabredner bin ich nicht geeignet, wie ich mehrfach, namentlich am Grabe Geibs, erfahren, und ich übernahm darum sonst solche Aufträge nicht. In diesem Fall aber beschloß ich eine Ausnahme zu machen.
Ein Zug von etwa zweihundert Personen, durchweg Arbeiter und Arbeiterinnen, geleitete den Toten nach seinem Grab auf dem Staigfriedhof über dem Neckar. Dort angelangt, sah ich, daß doch ein Geistlicher am Grabe erschienen war. Nach meiner Ansicht hätte er den Wunsch des Toten respektieren sollen; dessen Verwandte hatten ihn bewogen, zu dem Begräbnis zu kommen. Zugleich sah ich aber auch, daß der Polizeikommissär von Cannstatt mit einem Trupp Schutzleute am Grabe aufmarschiert war. Ich hatte etwas von einem Einschreiten der Polizei läuten hören und richtete an den Kommissär die Frage, ob er mir das Reden am Grabe meines Parteigenossen verbieten wolle.
»Jawohl, Herr Blos«, erwiderte er, »ich habe den Befehl dazu.«
Ich drehte mich um und sagte in ruhigem Tone zu den Umstehenden:
»Dann habe ich hier nichts mehr zu tun!«
Ohne ein weiteres Wort verließ ich sogleich das Grab und den Friedhof und die ganze Menge der Leidtragenden folgte mir. Es blieben nur die Polizei, der Geistliche, der Totengräber und die drei oder vier Frauen, die bei jedem Begräbnis als eine Art Klageweiber erscheinen, zurück.
Der Geistliche begann, nachdem das Leichengefolge verschwunden, seine Rede und führte sie tapfer zu Ende. Nach dem Zeugnis der Zuhörer soll sie sehr schön gewesen sein.
Wir versammelten uns in einer Wirtschaft. Ich sagte dort, daß wir uns nach meiner Auffassung zwar nicht gegen das Strafgesetz vergangen hätten, denn wir hätten den Friedhof verlassen, bevor der Geistliche seine gottesdienstliche Handlung begonnen. Aber es werde wohl doch etwas nachkommen. Und es kam auch etwas nach.
Die Herren Pietisten und Mucker – in Württemberg geht Pietismus und Nationalliberalismus vielfach ineinander über – erblickten in dem Verlassen des Kirchhofes eine »Störung einer gottesdienstlichen Handlung« und steigerten sich gegenseitig in eine unbezähmbare Wut hinein. In den Lokalblättern erfolgten grimmige Hetzereien und Denunziationen. Sogar die dicke Rößlewirtin, die unter allen bürgerlich-demokratischen[176]  Elementen von Cannstatt die meiste Ungeniertheit besaß, sagte mit bedenklicher Miene zu mir: »So weit hätten Sie nicht gehen sollen!« –
Der Oberbürgermeister, der zur nationalliberalen Partei gehörte, glaubte dieser Strömung Rechnung tragen zu müssen und erließ sechzig Strafmandate an die ermittelten Teilnehmer am Auszuge aus dem Friedhof. Diese wurden wegen »groben Unfuges« mit je fünf Mark Strafe belegt. Einige der Strafmandate erhielten eine kurze Begründung; so wurde ein biederer Schuhmacher beschuldigt, er habe im Leichenzug eine helle Hose getragen und dadurch die Gefühle der Leidtragenden – die doch auch »groben Unfug« verübt haben sollten – verletzt.
Mehrere bezahlten die Strafe; ich aber erhob Einspruch. Das Amtsgericht Cannstatt setzte die Strafe von fünf auf drei Mark herab und der Oberamtsrichter suchte diesem Urteil eine »witzige« Begründung zu geben, womit er aber seine eigene Jurisprudenz bewitzelte. Ich brachte alsdann die Sache vor das Landgericht Stuttgart, welches mich kostenlos freisprach.

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So war wiederum eine Aktion des Stadtgewaltigen gegen mich verunglückt, während die Mucker, die ein so großes Geschrei gemacht, klatschend aufs Maul geschlagen waren.
Leider war damit die Sache nicht zu Ende. Denn ein Cannstatter Fabrikant, ein Franzose, wurde von den pietistischen Fanatikern, die sich sonst so viel auf ihr Christentum zugute tun, so lange bearbeitet, bis er Entlassungen vornahm. Vier Familienväter, die an dem Auszug aus dem Friedhof teilgenommen, wurden brotlos gemacht. Ich ließ durch einen französischen Professor, der damals in Stuttgart lebte, an das Gerechtigkeitsgefühl des Fabrikanten appellieren, was nicht ohne Erfolg blieb. Dazu kam nun, daß das Landgericht in unserem Verhalten keinen »groben Unfug« entdecken konnte. Die entlassenen Arbeiter wurden wieder eingestellt mit einer Ausnahme, bei der eine persönliche Abneigung des Fabrikanten im Spiel war. Im übrigen war dieser Mann ebenso grundlos gemaßregelt worden wie die anderen.
Aber diese Scherereien und Plackereien konnten meine historischen Arbeiten nicht beeinträchtigen. Diese waren auf Grund meiner langjährigen vorbereitenden Studien so rasch vorgeschritten, daß die ersten Hefte meiner völkstümlichen Geschichte der französischen Revolution schon im Sommer 1888 erscheinen konnten. Das Werk wurde so gut aufgenommen, daß ich ganz überrascht war. Das Werk war in einigen Partien, da es noch unter dem Sozialistengesetz erschien, sehr vorsichtig gehalten, um ein Verbot zu vermeiden und dem Verleger einen großen Verlust zu ersparen. Dies wurde von einigen »guten Freunden« mißgünstig ausgenutzt. Nachdem ich dies Werk vollendet, ging ich sogleich an die Vorbereitungen für meine Geschichte der deutschen Bewegung von 1848 und 1849. Dies Buch betrachte ich als mein Hauptwerk. Schon in meiner Jugend hatte ich den Entschluß gefaßt, diese Bewegung, von der ich so viel gehört und so viele Spuren gesehen, zu studieren und zu schildern. Lange Jahre hatte[177]  ich dafür Materialien gesammelt und in Unterhaltungen mit vielen, an jenen Ereignissen beteiligten Parteigenossen Verständnis für die bunten Erscheinungen des »Völkerfrühlings« zu gewinnen gesucht. Karl Marx, Wilhelm Liebknecht, Bernhard Becker, Robert Schweichel, Amand Goegg, Moritz Rittinghausen, F. W. Fritzsche, Paul Stumpf und viele andere waren mir dabei entgegengekommen. Aber auch manche Achtundvierziger außerhalb der Partei kamen mir freundlich entgegen. Ich nenne nur Temme, Guido Weiß und Karl Mayer. Diese alten Demokraten, die mehr oder weniger an den Idealen ihrer Sturm- und Drangperiode festhielten, waren frei von den spießbürgerlichen Vorurteilen gegen den Sozialismus. Viele von ihnen haben während des Sozialistengesetzes nicht zu unterschätzende Beiträge zur Unterstützung von dessen Opfern geleistet. Sie waren unsere politischen Gegner, aber sie waren der Überzeugung, daß uns Unrecht geschah. Wenn wir von albernen Philistern geschmäht und, wo es diesen möglich, schikaniert wurden, brachten uns diese alten Demokraten, unter denen sich hochangesehene Leute befanden, persönliche Achtung und häufig gesellschaftliche Bevorzugung entgegen. Das soll nicht vergessen sein, nachdem diese alte Demokratie nunmehr leider völlig ausgestorben ist. Die junge Demokratie hat sich mit den Zeiten geändert.
Nunmehr knüpfte ich mit den bekannten, in Schwaben damals noch lebenden Achtundvierzigern Verbindungen an, um meine Informationen über jene große Bewegung durch Schilderungen von Augenzeugen zu vertiefen. Es gab Parteigenossen, die dies nicht begriffen und hinter mir her tuschelten, ich habe mich »der bürgerlichen Demokratie genähert«. Als aber nachher mein Werk erschien, gestanden sie doch zu, daß ich eine historische Lücke im Interesse der Partei ausgefüllt hatte.
Den alten Demokraten muß ich nachsagen, daß sie mein Werk förderten nicht obgleich, sondern gerade weil ich Sozialdemokrat war. Sie haben dem Werke auch nachher viel Anerkennung angedeihen lassen, obgleich die Fehler und Schwächen ihrer Partei darin stark kritisiert waren.
Ohnehin hatte ich mir das Ergebnis der historischen Forschungen von Marx und Engels zu eigen gemacht, welche mir Entstehung. Wirkung und Niedergang der Bewegung von 1848 erklärten. Nach der Niederlage traten, namentlich in der Flüchtlingschaft, die Gegensätze zwischen den Elementen, welche die Bewegung getragen, schärfer hervor. Marx und Engels, mit ihrer überlegenen Einsicht in die Notwendigkeit des historischen Entwicklungsganges, sahen die Revolution, die aus einer wirtschaftlichen Krisis entsprungen, mit der nachher eintretenden Prosperität in den wirtschaftlichen Zuständen beendet, womit sie auch recht behielten, während bürgerliche Demokraten, in vergeblicher Hoffnung auf die Wiederkehr der Volkserhebung von 1848, sich mit Verschwörungen plagten. Andere warfen die Ideale von 1848 in die Rumpelkammer und schlossen sich den herrschenden Gewalten an.[178] 
Der alten Demokraten, deren Umgang ich suchte, waren nicht mehr viele. Aber der Umgang mit ihnen war interessant und man konnte viel lernen von den Leuten, die in der Heimat die politische Katastrophe mitgemacht und im Exil einen harten Kampf ums Dasein geführt hatten. Der Dichter Moritz Hartmann hat nicht ohne Grund das Exil »Die Heimat der Guten« genannt. Die Geringschätzigkeit, welche vorlaute Epigonen gegenüber den Achtundvierzigern zur Schau tragen, habe ich nie geteilt.
Allerdings mußte man sich bei der Sammlung historischen Materials vor den vielen Aufschneidern in acht nehmen, die sich unter den Achtundvierzigern umtrieben. Diese Aufschneider, meist an den Ereignissen von 1848 wenig oder gar nicht beteiligt, waren auch die Träger der vielen Legenden, die aus der Revolutionszeit auf uns überkommen waren. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, sei darauf verwiesen, daß nicht etwa nur am Biertisch, sondern auch in ernsten Büchern behauptet wurde, die Besatzung der Festung Rastatt sei 1849 von dem bekannten Herrn von Corvin an die Preußen verraten und die vereinbarte Kapitulation sei von den Preußen gebrochen worden. Aufschneiderei und Legendenkultus hatten es so weit gebracht, daß in demokratischen Kreisen diese Dinge fast allgemein geglaubt wurden. Als ich nach sorgfältigem Studium der Sache diese Legenden zerstörte und die historische Wahrheit vorführte, waren einige alte Demokraten fast böse darüber. Sie hatten sich zu sehr an die Legenden gewöhnt, die natürlich interessanter waren, als die nüchterne Wahrheit.
Durch meinen Verkehr mit den schwäbischen Achtundvierzigern bekam ich ausgedehnte Beziehungen zur literarischen Welt Schwabens überhaupt.[179] 
Fußnoten

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1 Die Orte, wo ich mehr als fünfundzwanzig Versammlungen, resp. Vortrage gehalten, sind fett, wo zwei bis zehn, gesperrt gedruckt. Die Wahlversammlungen rechne ich zur politischen Agitation, da dort weniger für meine Person, als für die Parteigrundsätze gewirkt wurde. In Stuttgart-Cannstatt, wo ich mich mit einer Unterbrechung während mehr als dreißig Jahren aufgehalten, gehen die Versammlungen in die Hunderte; darunter sind viele historische und wissenschaftliche Vorträge. In den letzten Jahren war ich durch eine Cliquenherrschaft, die ein gewisser Westmeyer errichtet hatte und deren leitenden »Original-Genies« mein Spott hätte unbequem werden können, fast ganz am öffentlichen Auftreten innerhalb der Partei am Orte verhindert.




Die Achtundvierziger










Unter den alten Demokraten war die bedeutendste und interessanteste Erscheinung ohne Zweifel Ludwig Pfau. Für diesen Mann hatte ich schon früher die lebhafteste Sympathie empfunden. Nun war es mir eine hohe Freude, ihm persönlich nähertreten zu können.
Wer dem engeren Freundeskreis des demokratischen Dichters und gefürchteten Kunstrichters angehört hat, der wird dessen interessante Persönlichkeit, eine der letzten originellen Erscheinungen an der 1848er Revolutionsepoche, nicht so bald aus dem Gedächtnis verlieren. Über zwanzig Jahre sind verflossen, seitdem er aus dem Leben geschieden. Wenn ich mich in eines seiner Werke vertiefe, so denke ich im Augenblick gar nicht daran, daß der alte Pfau schon lange gestorben ist, und wenn ich mit einem seiner Sätze nicht einverstanden bin, so ist mir, als müßte seine breite Gestalt mit dem mächtigen Kopfe, der hohen und breiten Denkerstirn und den in der Erregung sprühenden Augen zur Tür hereinkommen,[183]  mit der nervigen Faust auf den Tisch schlagen und mit mir einen heftigen Disput über bürgerliche Demokratie und Sozialdemokratie beginnen, wie er so oft getan. Zu einem befriedigenden Abschlusse kamen wir dabei natürlich nie, da keiner den anderen überzeugen konnte und schließlich sich jeder hinter die Wälle und Mauern seiner Prinzipien zurückzog.
Pfau kam mit seinen Anschauungen der Sozialdemokratie ziemlich nahe, aber er hat sich nie zu derselben bekannt, wie man in Norddeutschland manchmal geglaubt hat. Er setzte einen gewissen Stolz darein, der Partei treu zu bleiben, deren Banner er von Jugend auf gefolgt war, wenn er mit seinen sozialökonomischen Anschauungen auch manchmal weit über deren Programm hinausging. Er war von einem heftigen, oft vulkanisch hervorbrechenden Widerwillen gegen den modernen Kapitalismus erfüllt, womit er oft die Spießbürger, namentlich schwachnervige Demokraten, erschreckte. Das Wachstum der Sozialdemokratie ward von ihm als Gegenstoß auf die unheilvollen Wirkungen des Kapitalismus sympathisch begrüßt, aber er verkannte die sozialdemokratische Bewegung in einem wesentlichen Punkte. Er meinte, es sei dieser nur darum zu tun, einen neuen Produktionsapparat zu konstruieren, der täglich so und so viel Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände zum reichlichen Unterhalt der Gesamtheit auswerfe, und er befürchtete darin eine Vernachlässigung der geistigen Interessen. Er verstand es indessen, seinen Irrtum mit Geist zu motivieren, was viele, die ihm nachplapperten, nicht verstanden. In seinen letzten Jahren schien er übrigens von diesem Irrtum zurückgekommen zu sein.
Proudhon, mit dem er befreundet war und dessen Werke er zum Teil übersetzt hat, scheint ihn stark beeinflußt zu haben. Dagegen goß er oft die volle Schale seiner ätzenden Kritik über seinen Landsmann Schäffle aus und bedauerte, daß er nicht früher daran gedacht, diesem den »Deckel vom Hafen zu tun«, wie einer seiner Lieblingsausdrücke lautete.
Von seinen Liedern und Gedichten sind manche stark sozialistisch gefärbt und beleuchten den grellen Gegensatz zwischen der Üppigkeit des Reichtums und dem Elend der Arbeit. Diese Gedichte machten seinen Namen bei den sozialistischen Arbeitern bekannt, bei deren Festlichkeiten sie oft vorgetragen wurden. Manchmal arbeitete er auch ein Gedicht für einen solchen Anlaß besonders um. Auch im dem 1848 von ihm herausgegebenen vorzüglichen Witzblatt »Eulenspiegel« zeigte er, wie in der eben erkämpften bürgerlichen Freiheit die Klassenvorurteile unberührt geblieben waren. Er schilderte in drastischer Weise einen Vorfall in Weil im Dorf bei Stuttgart. Dort hatte man, während Württemberg von der Tauber zum Bodensee von Freiheitsliedern widerhallte, einen armen Handwerksburschen wegen »Fechtens« eingesperrt. Der Gefangene hing seine zerrissenen Hosen zum Fenster hinaus und rief unaufhörlich: »Hier ist die deutsche Freiheit zu sehen!«, bis der Büttel diesen unbequemen Sozialphilosophen[184]  zum Schweigen brachte. Diese Illustration der neuen Freiheit machte indessen viel Aufsehen und blieb nicht unbemerkt im Schwabenland und weiterhin.
Der »rote Pfaule« wollte 1848 bei einer großen Versammlung in Göppingen die Republik proklamieren und wurde mit Mühe davon abgehalten. Der Haß seiner Gegner war so groß, daß man die stets reaktionär gesinnten Weingärtner gegen ihn aufhetzte, um ihn durchzuprügeln. »Er empfing«, so heißt es in einer Stuttgarter Korrespondenz des »Grenzboten«, von 1848, »den Besuch von sechs Weingärtnern, Schildhaltern der Stuttgarter Loyalität, welche ihm sowohl wie seinem Mobiliar eine vollständige Zerschlagung androhten, falls er seinem Witz gegen hohe Herren nicht eine bessere Wendung gebe.«
Diese Zensur fand indessen allgemeine Mißbilligung.
Selbstverständlich griff die Hand des Staatsanwalts mehr als einmal nach einem solchen Schriftsteller. Pfau wurde schon 1849 genötigt, Deutschland zu verlassen, worauf er wegen seiner Teilnahme an der revolutionären Bewegung zu 21 Jahren Zuchthaus in contumaciam verurteilt wurde. Er brachte 14 Jahre im Exil zu, hielt sich aber inzwischen einmal unerkannt als »Engländer« in Wildbad auf. In Paris und Brüssel arbeitete er sich zu dem unvergleichlichen Kunstkenner empor, als der er heute noch allgemein geschätzt wird. Lange Jahre vor anderen hatte er die Bedeutung Millets erkannt, von dessen Werken er sagte: »Weder Götter noch Könige werden vor diesen Bauern bestehen«. 1864 amnestiert, kehrte er nach Württemberg zurück und wirkte hier für die Demokratie, namentlich als Redakteur des »Beobachter«. Bald zog es ihn wieder nach Paris, von wo er 1870 als Deutscher ausgewiesen wurde. Auf die vom Reiche dafür ausgesetzte Entschädigung verzichtete er. In der »Frankfurter Zeitung« nahm er mutig die besiegte Kommune von Paris gegen die unerhörten Verleumdungen in Schutz, die man über diese Revolution ausgoß. 1876 griff er das »preußische Regiment« in einem Bericht über die Münchener Kunstausstellung heftig an und die Folge war, daß Bismarck mit dem gesamten preußischen Ministerium Strafantrag gegen ihn stellte. Es machte bedeutendes Aufsehen, als der inzwischen weithin bekannt gewordene Autor der »Freien Studien« vor der Frankfurter Strafkammer erschien. Die Spannung des zahlreichen Auditoriums, als man den Angeklagten aufrief, hat am besten Friedrich Stoltze geschildert:

»Und wie man steht und wie man lauscht,
Teilt sich die Flut empor,
Aus den bewegten Massen rauscht
Ein prächt'ger Pfau hervor,«

Hier hielt er jene meisterhafte Verteidigungsrede, die eine äußerst scharfe Kritik des Bismarckschen Regimes enthielt und weithin Widerhall fand.[185]  Aber den Redner selbst konnte sie nicht vor der Verurteilung retten; Pfau erhielt drei Monate Gefängnis zudiktiert, die er in Heilbronn absitzen mußte.
Zur Zeit des Sozialistengesetzes, als das Spießbürgertum überall Umsturz und Verschwörung witterte, hatte auch Pfau unter der reaktionären Strömung zu leiden. Er hatte zu Anfang der achtziger Jahre dem Kunsthistoriker Lübke »den Deckel vom Hafen getan«. Lübke wurde als Kunsthistoriker von Pfau kritisch unrettbar vernichtet und gab seinen Posten in Stuttgart auf. Pfau wollte seine im »Beobachter« erschienenen Artikel gegen Lübke als Broschüre herausgeben, aber er konnte in Stuttgart keinen Verleger finden. Alle lehnten es ab und einer schrieb, er müsse seine Frau fragen, die natürlich jede Verbindung mit dem »Sozialdemokraten« Pfau zurückwies. Schließlich wendete sich Pfau an den neu errichteten Dietzschen Verlag, wo die Broschüre sofort angenommen wurde.
Allerdings – Pfau hatte in seinen »Freien Studien« die Verderblichkeit des modernen Kapitalismus in scharfen Worten gegeißelt; er hatte als Kunstkritiker den Gedanken, »daß die Theokratie des Schönen nur in der Freiheit gedeiht«, mit aller Kraft seiner unüberwindlichen Logik und seines glänzenden Stils ausgesprochen – mußte zu jener Zeit das Philistertum nicht scheu einem solchen Verwegenen ausweichen? –
Übrigens fand am Stuttgarter Hofe, wie mir von einem, der dort aus- und einging, mitgeteilt wurde, damals folgendes Gespräch statt:
Karl: Jetzt geht es deinem Schützling, dem Lübke, aber schlecht.
Olga: Ach, das ist ja nur der Pfau.
Karl: Wenn es »nur« der Pfau ist, hätte dein Professor eigentlich leicht mit ihm fertig werden müssen. –
Pfaus Ideale umspannten die Welt und die Menschheit, wie er in seinem berühmten Schillerlied – zum hundertsten Geburtstag Schillers 1859 – ausgesprochen hat:

»Ihr Völker nah und ferne,
Jauchzt unterm Himmelszelt,
Die Denker und die Sterne,
Die leuchten aller Welt.
Sprich, Genius, dein Werde,
Bis jede Schranke fiel –
Die Menschheit und die Erde!
Ein Volk! Ein Land! Ein Ziel!«

Daß Pfaus eigenartige Persönlichkeit der Gegenstand zahlreicher Legen den und Anekdoten war, ist begreiflich. Namentlich, da ihm trotz seiner eminenten Gedankenarbeit auch das Kleine und Nebensächliche nicht entging. So saß er bei einer Märzfeier zu Frankfurt wie oft tief in Gedanken versunken an der Festtafel und die demokratische Jugend flüsterte sich bewundernd zu, wie seine Gedankenarbeit ihn auch hier in Anspruch[186]  nehme. Plötzlich hob Pfau den Kopf und sagte zu einem gegenübersitzenden Jüngling: »Könntet Se net des übrig Stückle Ochsefleisch nehme, wo do noch uf der Platte liegt? Es wär doch schad'.« –
Die Freundschaft mit Ludwig Pfau hat mir viel Förderung und Klärung gebracht, namentlich was das Jahr 1848 betraf. Diese Freundschaft übertrug sich auch auf seine heute noch in hohem Alter lebende Schwester Marie. Von den gleichen Ideen wie ihr Bruder erfüllt und auch mit künstlerischem Verständnis begabt, kam sie, nachdem sie lange Jahre im Ausland gelebt, nach Deutschland zurück, um dem greisen Bruder den Haushalt zu führen. Sie hat sich lange in jenem Kreise glänzender Geister bewegt, der sich im Hause Ollivier zu Paris und in Südfrankreich gebildet, und dem außer den Olliviers selbst Richard Wagner, Franz Liszt, Pierre Leroux und die Gräfin d'Agoult angehörten. Das Haus Ollivier vermochte nicht zu verhindern, daß sie im Jahre 1870 als Deutsche ausgewiesen wurde. Ihr Haushalt ist für ihre Freunde eine der letzten Stätten altschwäbischer, heute so selten gewordener Behaglichkeit und Gemütlichkeit.
Ludwig Walesrode, damals der Nestor der deutschen bürgerlichen Demokratie, hat mir aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen und Erinnerungen vieles gespendet. Er hieß eigentlich Cohn und war 1810 zu Altona geboren. In den vierziger Jahren wirkte er für die Demokratie in Königsberg und machte sich dort durch seine mit seinem und treffendem Humor erfüllten »Untertänigen Reden« bekannt. Später gab er seine »Totenschau« und die »Demokratischen Studien« heraus, für welche Lassalle seine Abhandlung »Fichtes politisches Vermächtnis« schrieb. Bekannt ist das humoristische Improvisatoren-Duell, das zwischen Walesrode und Gottschall in Hamburg stattfand. Gottschall begann:
»Walesrode – Episode – Literatur – Nur!« und Walesrode antwortete sofort:
»Gottschall – Wortschwall – Poesie – Nie!«
Eine solche Abfuhr hatte der witzig sein wollende Gottschall wohl nicht erwartet.
Nach Stuttgart zog Walesrode die Persönlichkeit Freiligraths, zu dessen engerem Freundeskreis er gehörte. Er liegt auch neben Freiligrath auf dem Uffkirchhof zu Cannstatt begraben; sein Grabmal ist mit einem sehr ähnlichen Reliefbild von Donndorf geschmückt. Auch mit Fritz Reuter war er sehr befreundet und es existiert ein prächtiger Brief Reuters, in dem »Lurwig« zu Schnäpsen und Würsten eingeladen wird.
Mir war es ein hoher Genuß, bei dem gebrechlichen, aber geistesfrischen und stets witzigen alten Herrn zu sitzen und seinen Erzählungen zu lauschen, wobei sein feingeschnittenes Antlitz oft durch das Lächeln sokratischer Ironie verklärt wurde. Eine Hauptzielscheibe seines Witzes war der als Herausgeber des Briefwechsels zwischen Schiller und Cotta bekannte Schriftsteller Vollmer, übrigens auch bekannt durch seinen[187]  ungeheuren Appetit auf alles Schweinerne.1 Außer von den Personen, die er 1848 gekannt – er sprach sehr gerne von Johann Jacoby – erzählte er mir auch von einigen Mainzer Klubisten von 1792, die er aufgesucht hatte. Es war mir dies um so interessanter, als man sich in Deutschland um die überlebenden Führer jener Mainzer Revolution wenig bekümmert zu haben scheint. In Winkel am Rhein suchte Walesrode den dort lebenden »alten Hofmann« auf. Der aus Würzburg gebürtige Professor und Schriftsteller Andreas Josef Hofmann war wohl der bedeutendste Kopf in dem berühmten Klub der »Freunde der Freiheit und Gleichheit« und wurde später Präsident des rheinisch-deutschen Nationalkonvents, der zu Mainz tagte und den Anschluß des Landstrichs von Landau bis Bingen an die französische Republik beschloß. Hofmann gelang es, bei der Eroberung von Mainz durch die Preußen zu entkommen und er trat in französische Staatsdienste, in denen er bis zu Napoleons Sturze verblieb. Dann kehrte er nach Deutschland zurück und blieb in Winkel, der Heimat seiner Frau, wo er 1849 starb. Walesrode sprach begeistert von diesem »römischen Charakter«, der durch nichts zu beugen war. Hofmann sprach rücksichtslos aus, was er für richtig hielt. Während der Mainzer Revolution zog er heftig gegen die Räubereien einiger französischer Kommissäre los, worauf General Custine drohte, ihn aufhängen zu lassen. Aber Hofmann ließ sich nicht einschüchtern. Diese Affäre kam später vor dem Pariser Revolutionstribunal bei der Verhandlung gegen Custine zur Sprache und trug nicht wenig zu dessen Verurteilung bei.
Diese Charakteristik des »alten Hofmann« ist um so bedeutsamer, als verschiedene Mainzer Klubisten, namentlich Wedekind und Böhmer, später wieder unter den »Fürstendienern« zu finden sind, die von ihnen auf Tod und Leben bekämpft worden waren.
Walesrode führte eine sehr ausgebreitete Korrespondenz und ich hatte, als er 1889, 79 Jahre alt, gestorben war, Gelegenheit, einen Teil derselben einzusehen. Es befanden sich dabei sehr interessante Briefe von Freiligrath, Bamberger und Moritz Hartmann. Leider ist von dieser Korrespondenz nichts an die Öffentlichkeit gekommen.
Eduard Schmidt-Weißenfels, der nach einem vielbewegten Leben sich dauernd in Stuttgart niedergelassen hatte,2 hat mit dem reichen Schatze seiner Erinnerungen meinen historischen Arbeiten viel Förderung angedeihen lassen. Diese merkwürdige Persönlichkeit hat manche politische Wandlungen durchgemacht; im Kern seiner Anschauungen blieb er aber der Achtundvierziger Demokrat, wenn er[188]  auch zu den Schriftstellern gehörte, welche in dem nach Popularität haschenden »Joppenfürsten« Herzog Ernst von Gotha eine Zeitlang einen politischen Heiland erblickt hatten. In seinen verschollenen Memoiren erzählt er, daß er 1847 wegen eines Duells nach Frankreich flüchtete, dort ins Elend geriet und durch eine zufällige Begegnung mit dem christlichen Sozialisten Lamennais Gelegenheit erhielt, sich als Journalist eine angenehme Existenz zu verschaffen. 1848 war er Sekretär beim Bureau der preußischen National-respektive Vereinbarungsversammlung. 1850 machte er als Freiwilliger den Feldzug in Schleswig-Holstein mit. Er gibt interessante Schilderungen aus dem geselligen Leben der schleswig-holsteinischen Armee. Sein Quartier hatte er lange bei dem Bruder des bekannten Demokraten Harro Harring, dessen Schriften einst so viel Aufsehen gemacht. Er machte den unglücklichen Sturm auf Friedrichstadt mit und ging nach der Auflösung der schleswig-holsteinischen Armee wieder nach Frankreich. Er lernte dort eine große Anzahl von hervorragenden politischen und literarischen Persönlichkeiten kennen. Gleich nach dem Staatsstreich wurde er verhaftet, eine Zeitlang von Gefängnis zu Gefängnis geschleppt, endlich freigelassen und aus Frankreich ausgewiesen. Seine Mitteilung, daß zugleich mit dem Staatsstreich Louis Napoleons ein demokratischer Staatsstreich vorbereitet gewesen, dem der Prätendent durch den seinigen zuvorgekommen, ist eine Legende. Nach Deutschland zurückgekehrt entfaltete er eine äußerst rege literarische Tätigkeit; indessen sind seine meist historischen Schriften so ziemlich vergessen. In Stuttgart machten seine beiden Hofgeschichten »König Null« und »Prinz Erdmann« großes Aufsehen. Er gehörte auch zu dem engeren Freundeskreise Freiligraths.
Dieser Mann hat mir viel Material für meine historischen Arbeiten verschafft. Äußerlich war er nicht anziehend, aber ein gemütlicher Gesellschafter, der sehr den guten Wein liebte. Wenn er auf das Jahr 1848 zu sprechen kam, konnte er sich immer noch für die allgemeine Brüderlichkeit begeistern, die im März des Völkerfrühlings herrschte und die sich nachher in so erbitterte Klassenkämpfe verwandelte.
Er erzählte gern eine Episode aus seinen journalistischen Erlebnissen in der Konfliktszeit Preußens. Er gehörte zur Fortschrittspartei und schrieb damals einen sehr scharfen Artikel gegen Bismarck in einem schlesischen Blatte. Bismarck stellte Strafantrag und Schmidt-Weißenfels mußte in Görlitz erscheinen, wo der Prozeß verhandelt werden sollte. Als er dort angekommen, erzählte er, sei er von einer ungeheuren Menschenmenge am Bahnhof empfangen worden, welche die Pferde an seiner Droschke ausgespannt und diese nach einem Gasthofe gezogen habe, wo er bis zum Übermaß mit Wein traktiert worden sei. Man habe ihn in ein Hinterzimmer gebracht, wo drei Männer saßen, die sich als seine Richter vorgestellt und mit ihm angestoßen hätten. Mit einem ungeheuren Kater sei er im Gerichtssaal erschienen und habe bei der Verhandlung heute unglaubliche Ausfälle gegen Bismarck gemacht, worauf er[189]  freigesprochen worden sei. Bei der Abfahrt zum Bahnhof habe das Volk wiederum die Pferde ausgespannt und den Wagen gezogen. Bei dieser Sache scheint mir Schmidt-Weißenfels, der ein geborener Berliner war, etwas stark retuschiert zu haben; indessen erscheint die Stimmung des Volkes gegen Bismarck sehr charakteristisch. Schmidt-Weißenfels wurde gegen Ende seines Lebens sehr verbittert, was wohl von materiellen Sorgen kam. Er starb 1893 im siebzigsten Jahr.
Karl Mayer, bekannt als langjähriger demokratischer Abgeordneter und Redakteur des »Beobachter«, war 1881 in den Reichstag gewählt worden, wo ich mit ihm bekannt wurde. Er war, wie schon erwähnt, auch Mitglied des Frankfurter Parlaments gewesen und hatte, zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilt, lange Jahre im Exil zugebracht. Seine Erinnerungen waren für mich eine Fundgrube. Zugleich war er unerschöpflich an Anekdoten, Schnurren und Witzen.
Er war der Sohn des von Heine so bösartig verspotteten Justizrats und Dichters Mayer, des bekannten Freundes von Uhland und Justinus Kerner. Dieser Mayer sen. wurde übrigens auch von seinen schwäbischen Landsleuten als Dichter nicht gerade hoch geschätzt. Als er nämlich dem als Spötter und Kritiker gefürchteten »roten Seeger« ein Bändchen ländlicher Gedichte zur Prüfung gab, antwortete Seeger, nachdem er sie gelesen: »Ländlich send se; se kommet mer vor wie lauter Schafböllele!« Indessen war Mayer sen. ein vortrefflicher und liebenswürdiger Mensch und Freiligrath hat ihm ein wunderschönes Gedicht gewidmet.3 Karl Mayer jun. erzählte gerne aus seiner Jugendzeit, als sein Vater Oberamtsrichter in Waiblingen war.
Dort seien an gewissen Tagen immer eine Anzahl Soldaten vor dem Amtsgerichtsgebäude versammelt gewesen und als einmal ein Fremder gefragt habe, was diese Soldaten hier wollten, habe der Amtsdiener geantwortet: »Dees send so plurium!«4 In Heilbronn mußte Mayer als zwölfjähriger Schüler dem durchreisenden polnischen Revolutionsgeneral Rybinski einen Lorbeerkranz aufs Haupt setzen, der sich, wie Mayer meinte, auf der kahlen Heldenstirn recht komisch ausnahm. Als Tübinger Student wohnte Karl Mayer jun. bei dem Freunde seines Vaters, dem Dichter Ludwig Uhland, dessen Häuslichkeit er öfter anziehend geschildert. Man sah Frau Uhland »mit dem weißen Spenzer« als besorgte Hausfrau walten. Uhland gehörte zu den »trinkbaren« Dichtern, der darauf sah, daß niemand mit dem Wein zu kurz kam, und es war ein feierlicher Moment, als für den neuen Hausgenossen Karl Mayer beim Mittagstisch eine Flasche trefflichen Neckarweines auf den Tisch gestellt wurde, die[190]  nunmehr täglich dort erschien. Karl Mayer widmete sich der Jurisprudenz und hatte als Referendär einmal in der Irrenanstalt Winnenthal eine Visitation vorzunehmen, wobei er dort den unglücklichen Lenau vorfand. Seine Schilderung des Zustandes, in dem sich der wahnsinnige Dichter befand, war tief ergreifend; Lenau lebte in einer tierischen Unreinlichkeit.
Aus dem Frankfurter Parlament konnte er sehr interessant erzählen; als Abgeordneten-Stellvertreter gehörte er dieser berühmten Körperschaft erst an, als sie »Rumpfparlament« wurde, aber er war oft als Zuhörer dort. Unvergeßlich war ihm das Wort von Robert Blum bei der Schaffung der Zentralgewalt: »Wollen Sie das Himmelsauge der Freiheit brechen sehen und die alte Nacht über unser Deutschland aufs neue herausführen, so schaffen Sie Ihre Diktatur!« Tiefe Weisheit lag in diesem Worte gerade nicht, denn die Revolution brauchte eine Diktatur, allerdings eine demokratische und keine erzherzogliche.
Karl Mayer jun. war als Dichter bedeutender als sein Vater, aber er unterließ es, seine Verse gesammelt herauszugeben. Er trieb auch historische Forschungen, namentlich über den Bauernkrieg von 1525. Er erzählte mir, der fränkische Bauernkriegforscher Lommel habe einmal sehr wichtige Briefe, die den Bauernkrieg betrafen, bei ihm »versetzt«, aber wieder eingelöst, wodurch sie verloren gingen. Bezeichnend ist, daß er sich für den Rothenburger Bauernkriegsforscher Georg Wilhelm Bensen interessierte und mehrfach zu ihm hinüberreiste. Dieser bedeutende Gelehrte, der schon vor Zimmermann eine breite Grundlage für die Bauernkriegsforschung schuf und sich namentlich auch um die Lokalgeschichte von Rothenburg ob der Tauber große Verdienste erworben, ward von seinen Zeitgenossen nicht gewürdigt und wegen seiner demokratischen Anschauungen angefeindet. Er mußte als Schulmeister in dem damals weltfernen Rothenburg versauern und als Karl Mayer ihn fragte, was er denn mache, wenn er sich langweile, antwortete er: »Dann sauf i halt!« Dieser Bensen hat 1847 ein Werk erscheinen lassen, betitelt: »Die Proletarier«. Dasselbe ist weit entfernt von wissenschaftlichem Sozialismus, aber es enthält ein ungeheures Material und beruht auf dem Satze, »daß in dem großen Organismus, den wir ein Volk zu nennen gewohnt sind, alle Organe in der genauesten Verbindung stehen und daß bei der Krankheit des einen die anderen natürlich mitleidend sind« –. Dieser Satz richtet sich im Grunde gegen jegliche Klassenherrschaft.
Als Redakteur des »Beobachter« mußte Karl Mayer mehrmals als Festungsgefangener auf dem Asperg sitzen. Die Zeiten waren damals noch so idyllisch, daß einmal die Volkspartei ihre Landesversammlung auf dem Asperg bei dem gefangenen Führer abhalten konnte.
Eine Karl Mayer verwandte Natur war der Rechtsanwalt Sigmund Schott, der auch im Reichstage und im Landtage saß und ein gut demokratischer Politiker, aber ein sehr mäßiger Dichter war. Es war der Sohn[191]  jenes Albert Schott, der als alter »Demagoge« in das Frankfurter Parlament gewählt wurde und der bei der Sprengung des Rumpfparlaments in Stuttgart an der Seite Uhlands beinahe von den Lanzenreitern seines Schwiegervaters Römer niedergeritten worden wäre. Dieser Albert Schott besaß jenes gastliche Haus, das einen Sammelpunkt für bedeutende Menschen von nah und fern bildete und von Moritz Hartmann so warm gepriesen worden ist. Der Rechtsanwalt Sigmund Schott war 1848 Kommandant der Stuttgarten Bürgerwehr-Artillerie, die er fleißig üben ließ. Da er keinen rechten Unterstand für seine Batterie hatte, so bat er, die Geschütze im Hofe der Stadtdirektion unterbringen zu dürfen. Dies wurde gerne gewährt. Als nun das Rumpfparlament im Fritzschen Reithause zu Stuttgart tagte und die Gefahr gewaltsamer Sprengung näherrückte, bot die Bürgerwehr dem Rumpfparlament ihren Schutz an. Moritz Hartmann, Mitglied des Parlaments, erzählt darüber: »Das Bureau der Nationalversammlung, auf den Antrag eingehend, verlangte, daß die Bürgerwehr-Artillerie vor dem Sitzungssaale auffahre, um uns den Eingang frei zu erhalten. Aber als die Artillerie Folge leisten wollte, fand es sich, daß die Regierung an ihr Eigentum Hand gelegt und die Kanonen konfisziert hatte.«
Über diese merkwürdige Angelegenheit habe ich mich eingehend informiert und die Angaben von Moritz Hartmann durchaus bestätigt erhalten. Als Sigmund Schott, der Batteriechef, mit seiner Mannschaft vor dem Stadtdirektionsgebäude erschien und seine Geschütze abholen wollte, verweigerte der Stadtdirektor deren Herausgabe mit der Motivierung, es könnte mit ihnen »Unheil angerichtet« werden. Die Bürgerwehr ließ sich diese unglaubliche Herausforderung gefallen und der unglückliche Batteriechef Sigmund Schott mußte mit langer Nase abziehen.
Daß eine bewaffnete Macht sich ihre Geschütze von der Polizei konfiszieren ließ, steht in der Weltgeschichte wohl einzig da.5
In Gesellschaft von Karl Mayer und Sigmund Schott befand sich öfter der Rechtsanwalt August Becher, der auch Mitglied des Frankfurter Parlaments gewesen und vom Rumpfparlament in die Reichsregentschaft gewählt worden war. Pfau erzählte, bei der Wahl der[192]  Regentschaft habe ein auf der Zuhörertribüne befindlicher Gastwirt Dallinger, wegen seines großen Maulwerks der »schwäbische Marat« genannt, mehrmals »Becher!« gerufen und darauf sei dieser zum Reichsregenten gewählt worden. Becher war sowie Sigmund Schott sehr gesprächig, aber so wenig dieser von der Bürgerwehr-Artillerie sprach, erwähnte Becher jemals seine kurze Regentschaftsperiode. Die Rolle dieser Regentschaft war allerdings ziemlich komisch gewesen.
Zu den Achtundvierzigern im weiteren Sinne gehörte auch der berümte »Schartenmayer«, der Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer. Ich bin mit ihm nicht näher bekannt gewesen, aber ich kam mehrere Male mit ihm an dem gleichen Tisch in den kleinen und überfüllten Bierwirtschaften zu sitzen, wo er zu verkehren pflegte. Er erschien mir in seinen letzten Jahren verbittert und gallig; was dies verursacht, ist mir nicht bekannt. Seinen Leistungen als Dichter und Denker hat man in unserer Partei immer Anerkennung gezollt. Darum wird es auch erlaubt sein, dem Politiker Vischer, der oft sehr feindselig gegen uns aufgetreten ist, eine andere Beurteilung angedeihen zu lassen. Vischer gehörte im Frankfurter Parlament zu jenen schönrednerischen Professoren, die so viel dazu beitrugen, daß die Revolution »so wunderschön verfahren und verritten« wurde; auch auf ihn war der berühmte Spottvers in der »Reichstagszeitung« von Robert Blum gemünzt:


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»Fünfundsiebzig Professoren –
Vaterland, du bist verloren!«

Diese Professoren trauten ihren Reden eine welterschütternde Wirkung zu. Vischer war von solcher Selbstüberschätzung nicht frei, wie aus einem Briefe hervorgeht, wo er erzählt, wie er in Frankfurt mit dem bekannten Fürsten Lichnowsky im Parlament über Schulfragen debattiert und wie sich nachher Lichnowsky »seinen furchtbaren Gegner« mit Interesse betrachtet habe. Der brutale und aufgeblasene Aristokrat und Militär Lichnowsky, ein Draufgänger und Gewaltmensch wie er im Buch steht, hat gewiß den schwäbischen Professor Vischer nicht für so »furchtbar«, wie dieser sich selbst gehalten.
Vischer hielt wie Uhland treulich beim Rumpfparlament aus, obschon er wie dieser gegen dessen Verlegung nach Stuttgart gestimmt hatte. Aber sein Auftreten in einer der letzten Sitzungen des Rumpfparlaments, am 16. Juni 1849, ist von der Demokratie mit Recht aufs schärfste verurteilt worden. Zu dem Antrage, die Volkswehren auf die Reichsverfassung zu verpflichten, bemerkte Vischer mit Recht, derselbe käme zu spät und er (Vischer) habe umsonst gleich in den ersten Wochen des Parlaments die Organisation einer Volkswehr für ganz Deutschland beantragt. Aber zugleich beschimpfte er die Volkserhebung in Baden und der Pfalz und tat, als ob dort »unsaubere Elemente« die Oberhand gewonnen hätten. Er sagte: »Ich bin mit zerrissenem Herzen über die Lachen mutwillig[193]  und unnütz vergossenen deutschen Bruderblutes bei Hemsbach6 gewandert.« Um dieses Auftreten zu würdigen, muß man bedenken, daß die Pfalz und Baden sich für die Reichsverfassung erhoben und daß Sigel, der Kommandant der badischen Revolutionsarmee, bei Hemsbach die Hessen angegriffen hatte, um nach Frankfurt vorzudringen und sich dort dem Parlament zur Verfügung zu stellen. Vischer wußte nicht recht, was er wollte, denn zum Scheitern des Verfassungswerkes hatten er und seine Genossen gewiß mehr beigetragen, als die badische Revolutionsarmee, die dem Parlament hatte brüderlich Hilfe bringen wollen. Der Abgeordnete Damm aus Tauberbischofsheim wies damals unter dem Beifall des Parlaments und der Zuhörer die »unedlen Verdächtigungen« Vischers zurück.
Bei der Kaiserwahl in Frankfurt hatte sich Vischer der Wahl enthalten und zwar als Großdeutscher. Später ward er ein Bewunderer der Bismarckschen Politik und das Bruderblut, das in den von dieser Politik herbeigeführten Schlachten vergossen wurde, hat Vischers Herz nicht so zerrissen, wie die Verluste in dem kleinen Gefecht bei Hemsbach, wo es etwa vierzig Tote gegeben hatte.
Vischer und David Strauß gingen in mancher Beziehung den gleichen Weg. Nachdem sie den biblischen Gott abgeschafft, legten sie sich einen neuen Gott in Gestalt des märkischen Junkers Bismarck zu. Vischer dachte übrigens in politischen Dingen nie so reaktionär wie Strauß.
Als 1870 Deutschland sich von Napoleon III. überfallen glaubte und der Furor Teutonicus hohe Wogen schlug, apostrophierte Vischer die Franzosen wörtlich:
»Euch unverschämter Nation soll man die Hände zusammenschnüren, daß euch das Blut aus den Nägeln spritzt!«
Nehmen wir an, daß diese Äußerung durch die Rodomontaden der französischen chauvinistischen Presse provoziert war. Aber es gab damals doch nicht wenige Leute, welche sich erstaunt fragten: »Ist denn dies das Resultat der Studien eines Gelehrten, der vier Bände über Aesthetik geschrieben hat?«
Dem wissenschaftlichen Sozialismus und der Arbeiterbewegung stand Vischer vollkommen verständnislos gegenüber. In einer seiner Aufsatze kam er auf die Zerstörung römischer Kultur durch die Goten zu sprechen und es entfuhr ihm dabei das geflügelte Wort: »Unsere Goten werden die Knoten sein!«
Unter »Knoten« verstand er das moderne Proletariat. Es ging ihm wie so manchem anderen Gelehrten, der alle Straßen im alten Athen und Rom kennt, aber sich in der wirklichen heutigen Welt nicht zurechtfinden kann. Darum verwechselte er das altrömische Proletariat mit dem[194]  modernen und es war ihm offenbar nicht der bedeutende Ausspruch von Sis mondi aufgefallen, auf den auch Karl Marx verweist, daß nämlich das altrömische Proletariat auf Kosten der Gesellschaft lebte, während die moderne Gesellschaft auf Kosten des Proletariats lebt. So schaute Vischer unser Zeitalter durch eine »antike« Brille an und die Arbeiterbewegung erschien ihm als kulturfeindlich.
Als 1907 bei der Vischer-Säkularfeier Vischer in einem überschwänglichen Artikel eines Parteiblattes als »Erzieher« gepriesen wurde, schrieb ich:
»Wir können dem nicht beistimmen; er war jedenfalls kein Erzieher in unserem Sinn und unter den hervorragenden Geistern der sozialistischen Bewegung gibt es genug solche, die uns als Erzieher mehr geeignet sind.«
Die oben angeführten Tatsachen erscheinen uns bedeutsam genug, um bei einer Charakteristik Vischers nicht übergangen werden zu können, wobei gewiß keine kleinliche Gehässigkeit im Spiel ist. Wenn der Liberalismus eine seiner Größen feiert, so halten auch wir mit unserer Anerkennung nicht zurück, wo es sich um Verdienst gegenüber der Allgemeinheit handelt. Aber wir glauben dann auch fragen zu dürfen, welche Stellung diese Größen im besonderen gegenüber der großen Kulturbewegung unserer Zeit eingenommen haben, und da trennen sich unsere Wege von denen der anderen.
Kehren wir von dem verbissenen und grollenden Achtundvierziger Vischer wieder zu den lebensfrohen wie Karl Mayer und Schott zurück. Und da erscheint uns zunächst mein 1907 im einundneunzigsten Jahr verstorbener Freund Theobald Kerner, dessen markante Persönlichkeit mit dem stets schalkhaft angehauchten Antlitz so lebendig vor mir steht, als sei er eben zur Tür hereingekommen.
Das berühmte Kernerhaus zu Weinsberg, welches der Mittelpunkt von so viel Sage und Romantik ist, hatte ich, wie schon berichtet, im Jahr 1868 zum erstenmal betreten und alles, was ich dort sah und erlebte, hatte einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Es lag über diesem Hause jener Hauch altschwäbischer Gemütlichkeit, innerhalb deren revolutionäre und reaktionäre Existenzen, so sehr sie sich sonst abstoßen mochten, sich ungestört zusammenfanden und mit gleicher Liebenswürdigkeit aufgenommen wurden. Solcher Häuser und Familien gab es mehrere in Württemberg; namentlich waltete solcher Geist in dem Hause des genialen Dichters Hermann Kurz, der nach einem Leben voll Drangsal und Entbehrungen endlich in Tübingen mit Ach und Krach die kümmerliche Stellung eines zweiten Unterbibliothekars erlangt hatte.7 In dieser Stellung blieb Kurz entschiedener Demokrat, wenn er auch nicht so unversöhnlich war, wie der Pfarrer Hopf, der 1870 in der württembergischen Kammer die Kriegskredite verweigerte. Aber im Kurzschen Hause verkehrten[195]  revolutionäre Elemente, darunter Eduard Vaillant, der später Mitglied der Pariser Kommune und heute noch sozialdemokratischer Abgeordneter in der französischen Kammer,8 sowie jener Cohen-Blind, der 1866 auf Bismarck schoß und sich im Gefängnis tötete. Er hatte die landwirtschaftliche Akademie in Hohenheim besucht; dort ist noch sein Bild vorhanden – als Schüler, nicht als Attentäter. Frau Kurz besang sogar diesen jungen Mann in einem Gedicht, das im Auslande erschien und wo es hieß:
»Du deutsches Volk, du sollst sein Rächer sein, dich setzte er zu seinem Erben ein!«
Trotz alledem erhielt später der Sohn des Dichters, der Bildhauer, Aufträge vom Hofe. Der Sohn hatte übrigens in seiner Jugend auch eine sehr radikale Broschüre über die Pariser Kommune geschrieben.
Solcher Geist, der alles menschlich nahm, herrschte auch im Kernerhause. Fürsten, weltliche und geistliche, Würdenträger jeder Art. Künstler. Dichter, Schriftsteller und Gelehrte von den verschiedensten politischen Anschauungen verkehrten hier, wie im »steinernen Album« im Turme auf der Weibertreu zu lesen; sie waren alle angelockt vom Geisterspuk des schlauen Justinus, dem die Seherin von Prevorst und andere Merkwürdigkeiten ein reizvolles interessantes Leben bereiteten in dem kleinen weltfernen Weinsburg, wozu allerdings auch dessen reiche historische Erinnerungen beitrugen. 1848 fuhr der Sturm der Revolution auch über Weinsberg hinweg und riß den alten Geisterseher Justinus mit, so daß er sich sogar an der Wahlbewegung beteiligte. Als der Schlossermeister Nägele von Murrhardt im Kreis Weinsberg kandidierte, bestieg auch Justinus Kerner die Rednerbühne und warf in die Volksversammlung die recht demokratischen Verse:

»Nicht Doktors, nicht gelehrte Geister,
Wir wählen einen Schlossermeister;
Der schlägt mit Hämmern klein und groß
Baldmöglichst Deutschlands Ketten los.«

Der Schlossermeister wurde auch gewählt und hielt brav auf der Linken bis zum Ende aus.
Als die Frankfurter Linke den Beschluß durchsetzte, daß das Rumpfparlament nach Stuttgart übersiedelte, machten auf der Reise nach Heilbronn Moritz Hartmann, Johann Jacoby, Heinrich Simon und Rappard einen Abstecher nach Weinsberg. Der alte »Magus« empfing diese Demokraten, wie Moritz Hartmann erzählt, sehr freundlich, fand, daß Hartmanns und sein »Nervengeist« übereinstimmten, riet aber doch, von den revolutionären Wegen abzulassen. Er hänge zwar an mehreren Mitgliedern der Königsfamilie mit großer Freundschaft und seine konservative Gesinnung sei Gemütssache, aber er habe in der[196]  Theorie gegen die Demokratie nichts einzuwenden und müsse ihr recht geben. Er sei eben kein Politiker. Damit verband er einige Witze, die aber ausschließlich gegen seinen zurzeit sehr revolutionären Sohn Theobald gerichtet waren, der im bekannten Geisterturm im Kernerschen Garten in einer Gesellschaft junger Mädchen Patronen machte.
So wars im Kernerhaus. Hier stießen scharfe Gegensätze aufeinander, aber die Reibung blieb eine sanfte.
Theobald Kerner trat damals in der roten Bluse auf, wie mir von Augenzeugen erzählt wurde. Ob es ihm mit den Patronen gar so ernst war, weiß ich nicht; vielleicht ward sein Eifer durch die jungen Mädchen gehoben. Er hielt namentlich in Heilbronn sehr revolutionäre Reden. Am 1. November 1849 wurde er auf den Asperg gebracht, zugleich mit dem zur Linken gehörenden Grafen Waldpurg-Zeil. Der revolutionäre Graf ward auf dem Asperg von den Untersuchungsgefangenen aus den Gittern mit schallendem Hoch begrüßt. Theobald Kerner ward am 29. April 1850[197]  aus der Festungshaft entlassen, vom König begnadigt. Das letztere hatte jedenfalls sein Vater veranlaßt. Es stimmte zur sanften Reibung der Gegensätze in der Atmosphäre des Kernerhauses.
Hier sei eingeschaltet, daß sich im Briefwechsel von Justinus Kerner ein Brief an einen Freund befindet, wo mitgeteilt ist, die bekannte Lola Montez, Geliebte des Königs Ludwig I. von Bayern, sei während der Revolutionszeit in Weinsberg gewesen und habe dort eine Kur mit Eselsmilch durchgemacht. In verschiedenen historischen Aufsätzen ist »Lola Montez in Weinsberg« ernsthaft behandelt worden. Mir erschien diese merkwürdige Geschichte etwas verdächtig und in einer launigen Unterhaltung mit Theobald im »Rebstöckle« zu Weinsberg befragte ich ihn, was an der Sache sei. Er lachte sehr und klärte mir die Geschichte auf. Ein stets neugieriger Freund hatte an seinen Vater geschrieben, was es Neues in Weinsberg gebe, und Justinus hatte, um sich einen Ulk zu machen, die mutwillig erfundene Nachricht von Lola und der Eselsmilch zum besten gegeben. Die Tänzerin, deren Fuß den historischen Rechtsboden Bayerns erschüttert hat, ist nie in Weinsberg gewesen.
Theobald glaubte nicht an die Geister und Gespenster seines Vaters, aber es machte ihm Spaß, abergläubische und beschränkte Besucher des Kernerhauses mit allerlei Geister- und Koboldsgeschichten zu foppen. Was er wirklich von diesen Dingen dachte, darüber gab die Inschrift an seinem Holzstall Aufschluß:

Ihr Pfaffen, löscht das Höllenfeuer,
Das Holz ist ohnehin so teuer.«

die nunmehr verschwunden ist.
An der Tür des großen Parterrezimmers im Kernerhause hängt die Uniform eines württembergischen Tambours aus dem Jahre 1814. Von dieser Uniform erzählte er eine köstliche Geschichte.
Der Tambour zog 1814 mit nach Frankreich. Nachdem sein Bataillon aus einem französischen Städtchen, wo es Mittag gemacht, abmarschiert, kam hinterher der Pfarrer gerannt und schrie: »Verfluchtes Schwab, aben gestohlen meine Stiefeletten!« Der gewissenhafte Major ließ halten und befragte die Mannschaften. Niemand wollte von den Stiefeletten etwas wissen. Aber der Pfarrer bestand darauf. Der Major ließ die Tornister ablegen und öffnen; es fand sich nichts. Aber der Pfarrer tobte weiter, so daß der Major ihn endlich greifen und ihm Fünfundzwanzig aufzählen ließ. Der Pfarrer rannte davon und rief noch zurück: »Und aben doch gestohlen meine Stiefeletten!«
Im Weitermarsch wurde der Major nachdenklich, gebot halt und sagte: »Ihr habt natürlich die Stiefeletten doch gestohlen; so sagt mir wenigstens, wo sie sind!« Da trat der Tambour vor, nahm den großen Tschako ab und sagte: »Do send se, Herr Major!« Und sie lagen richtig drin. Der Major fuhr zurück und meinte: »Ja, da hat ja der arme Pfarrer unschuldig die Fünfundzwanzig aufgezählt bekommen!« Dem Tambour[198]  wurde nun bänglich zu Mut und er sagte bebend: »Herr Major! Wenns die göttliche Vorsehung nicht gewollt hätte, so hätte der Pfarrer die Prügel nicht bekommen.« Der Major mußte lachen und ließ die Sache auf sich beruhen. Soweit erzählte Theobald die Sache gewöhnlich. Wenn er aber abergläubische Zuhörer hatte, so fügte er hinzu, der Tambour könne wegen der Prügel, die der Pfarrer ungerechterweise bekommen, im Grab keine Ruhe finden und komme jede Nacht, um in die Uniform hineinzuschlüpfen und die Stiefeletten zu suchen. Da diese aber nicht mehr vorhanden, so könne der Bann nicht von ihm gelöst werden. Es gab alte Weiber, denen dabei die Haare zu Berge stiegen.
Im Geisterturm hinter dem Kernerhause sah ich einen merkwürdig geformten, mit großer Kunst gefertigten Stuhl. »Ja, der hat auch seine Geschichte«, sagte Theobald. In Weinsberg, erzählte er, habe ein Bauer gelebt, der ein unglaublich böses Weib gehabt. So klein sie von Statur, so groß sei ihre Niederträchtigkeit gewesen. Eines Tages kam der Bauer ins Kernerhaus und meldete – Justinus Kerner war Oberamtsarzt – daß sein Weib sich an einem Querbalken in der Scheune erhängt habe. Justinus ging hin, sah die Leiche an, nahm einen Stuhl und besichtigte den Querbalken. Auf dessen Oberfläche sah man im Staube zwei ungeschlachte Hände abgedrückt. Der Bauer entfloh und Justinus, der Mitleid mit dem geplagten Mann gehabt, hatte es mit der Anzeige nicht allzu eilig. Nach langen Jahren kam der Stuhl aus Südamerika.
Theobald hatte immer den Schalk im Nacken. Als ich ihn einst mit Bruno Schönlank besuchte und Theobald sehr demokratische Anschauungen äußerte, meinte Schönlank, er begreife nicht, wie man mit solchen Ansichten Hofrat werden könne. »Ja«, sagte Theobald, »als ich die Ernennung zum Hofrat bekam, habe ich mich auch gefragt, ob ich jetzt denn dümmer geworden sei, als zuvor.«
Wir hatten aber auch viel ernste Unterhaltungen. Namentlich sprach er gern mit mir von jenem Bruder seines Vaters, Georg Kerner, der seinerzeit aus Begeisterung für die französische Revolution nach Paris gegangen war und dort die Tage der Schreckenszeit durchlebt hatte. Er ging dann mit seinem Landsmann Reinhard, der sich zur Diplomatie emporgearbeitet, als dessen Sekretär nach verschiedenen Orten, zuletzt nach Hamburg, wo er sich als Arzt niederließ und eine demokratische Zeitschrift herausgab. Er mußte den Schmerz erleben, daß sein Landsmann, der französischer Gesandter in Hamburg war, auf Befehl Napoleons den Hamburger Senat bewog, die Zeitschrift zu unterdrücken.9 Ein wegen[199]  seiner edlen Menschlichkeit allgemein geachteter Mann starb er schon 1812 im zweiundvierzigsten Lebensjahr und man sagte, der Gram über die Tyrannei Napoleons habe dazu beigetragen. »Mit Ihnen kann ich doch über diesen Onkel sprechen«, sagte mir einmal Theobald; »ich verehre ihn sehr, aber wer weiß etwas von ihm?«
Auch vom Bauernkrieg von 1525 und von dem blutigen Volksgericht über die in Weinsberg von den Bauern gefangenen Junker unterhielten wir uns viel; doch ist die vom Kernerschen Hause ausgehende Tradition, wonach Graf Helfenstein die Nacht hindurch, bevor er in die Spieße gejagt wurde, im »Geisterturm« gefangen gelegen, ein Irrtum. Helfenstein wurde um zehn Uhr morgens, als Weinsberg von den Bauern genommen war, auf dem Kirchturm gefangen. Während der Bauernrat zusammensaß, hielt Jäcklein Rohrbach, der Führer des Aufstandes im Neckartal, in einer Mühle10 eine Versammlung der verschiedensten Elemente ab, wo auf sein und der schwarzen Hofmännin Betreiben beschlossen wurde, die gefangenen Junker sogleich durch die Spieße zu jagen. Dies geschah denn auch; eine Nacht lag nicht dazwischen.
Da saßen wir oft in dem großen Zimmer im Parterre des Kernerhauses und ernst schauten auf uns die Bilder der abgeschiedenen Geister herab, die einst das Kernerhaus belebt. Da war das schöne Bild der Frau von Krüdener, die erst auf dem Gute Katharinenplaisir am Michelsberg bei Tripstrill oder Treffentrill mit der Prophetin Kummer von Clebronn gelebt und deren verrückte Idee vom tausendjährigen Reich in sich aufgenommen hatte, bis der dicke König Friedrich dazwischen fuhr und die Prophetin festnehmen, die Krüdener aber aus dem Lande bringen ließ. Die Krüderer aber kam wieder und ließ sich auf dem Rappenhof bei Weinsberg nieder. Sie kam viel in das Kernersche Haus und vom Rappenhof ging sie 1815 nach Heilbronn, um dort mit dem Kaiser Alexander I. zusammenzutreffen und die heilige Allianz zu gründen. Justinus Kerner pflegte zu sagen: »Die heilige Allianz ist auch in Weinsberg entstanden und gehört zu den kakodämonischen Erscheinungen.«11 Genau genommen wurde der Grund zu der heiligen Allianz von der Krüdener und der Prophetin Kummer zu Tripstrill gelegt.
Das Bild der Krüdener befindet sich noch im Kernerhause, dagegen ist das schöne Bild Lenaus von Rahl verschwunden, das so lange zum Schmuck des Kernerhauses gehörte.12 »So sah mein armer Lenau aus in seinen glücklichen Tagen«, pflegte Justinus Kerner zu sagen. In Weinsberg hat Lenau einen Teil seines unstäten Lebens zugebracht und in dem Kernerschen Gartenhause verschiedene seiner Dichtungen voll[200]  melancholischer Schönheit zu Papier gebracht.13 Hier entstand auch das bekannte Gedicht auf das große Faß im Hofkeller zu Oehringen:



»Ich stand als höchster grüner Baum
Vor Zeiten froh im Waldesraum.«

Auch das Bild der Seherin von Prevorst ist noch mehrfach vorhanden und ebenso ein Portrait des berühmten Mesmer, an dessen Grab in Meersburg am Bodensee ich in meiner Jugend so oft geweilt.
Die Jahre kamen und gingen, die Alten aus der Uhland-Periode verschwanden, nur Theobald Kerner blieb in unverwüstlicher Gesundheit und machte lustige Verse von dem einzigen Heiligenschein, der ihm zuteil werden würde bei der – Feuerbestattung. 1906 sah ich ihn zum letztenmal und machte meiner Frau die Freude, diesen letzten Repräsentanten alter schwäbischer Romantik noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Der Einundneunzigjährige scherzte wie immer. Da wir erst kurz verheiratet waren, sagte er zu meiner Frau: »Sie liabs kleins Fraule, ischt er au brav?« Und als sie lachend bejahte, meinte er: »Wenn er net pariere will, no kommet Sie nur zu mir; i wills em no scho sage!« Wir begaben uns dann mit ihm und Frau Else Kerner in das Gasthaus zur Traube, wo er täglich mit dem alten Traubenwirt Hildt, der im dreiundneunzigsten Jahr stand, sein Viertelchen Wein trank. Beide Alten trugen grüne Lampenschirme auf der Stirne, was ganz merkwürdig aussah. Alsbald entspann sich folgendes Gespräch:
Hildt: Theobald, es reut mi was.
Kerner: Was reut di denn?
Hildt: Daß mer im Jahr achtevierzig net wütiger gwese sin.
Kerner: Ja, mi reuts au! –
Theobald war als Dichter bedeutender als gewöhnlich angenommen wird; seine eigenartigen Naturdichtungen wären von seinem Vater nie erreicht worden, der mehr das Volkslied traf. Als Satiriker trifft er oft den Nagel auf den Kopf. Vortrefflich hat er einen dichtenden Schulmeister getroffen, der »ein Naturbild aus der schwäbischen Dichterschule« zum besten gab:

»Wiesenblümchen, Waldessee.
Kirchgeläute, Käferle,
In der Luft das Krab, Krab, Krab,
Horch im Tal der Mühl' Geklapp!« –

In einem scharfpointierten Gedicht bringt er die Stimmung zum Ausdruck, die im Freiligrathschen Kreise herrschte, als nach der Schlacht von Sedan der Krieg mit Frankreich fortgesetzt und die Annektion von Elsaß-Lothringen als Ziel sichtbar wurde:[201] 
»Und auf Wilhelmshöh' statt auf Galgenhöh'
Der fürstliche Missetäter14 –
Und ringsum Parteihaß und blutiges Weh
Und »Franzosenfreund« und »Verräter«
Gescholten ein jeder, der's menschlich meint
Und der den Menschen auch ehrt noch im Feind –
Zwerghafte Größe der Zeiten!«

Der hier zum Ausdruck kommende Mißmut richtete sich gegen die damals übliche Franzosenfresserei.
Zum Schlusse sei nach dem Original ein wenig bekannter Brief hier wiedergegeben, den Theobald Kerner im November 1896 aus Weinsberg an Ludwig Pfau gerichtet hat. Der Brief lautet: »Mein lieber Freund! Das Kleksographiebüchlein meines Vaters, das ich dir hier sende, hat mich zu ernstem Nachdenken gebracht. Ehe dreißig Jahre vergehen bin ich hundert Jahre alt und dann (vielleicht auch etwas früher) heißt es: »Einsteigen in den Nachen des Charon und hinüber ins graue Hadesreich!« Ich habe von jeher dem Satz gehuldigt: »Üb' immer Treu und Rötlichkeit bis an dein kühles Grab!« und werde davon nicht abgehen und als Roter sterben, aber im Hades muß ich diese schöne Leuchtfarbe ablegen und werde ein Schwarzer, eine von den dunklen Gestalten, wie du sie hier im Büchlein abgebildet findest, und auf einmal kommst auch du, lieber, guter roter Freund mir entgegen, schwarz wie die Nacht. Und als solche schwarze Zentrumsgestalten, nicht zu unterscheiden von Stöcker und Loyola, müssen wir dann äonenlang im Hades weilen. Auch unser Karl Mayer, Walesrode, Haußmann und mein vielverkannter braver Dulk huschen an uns vorbei, schwarz wie Krammetsvögel und kennen uns nicht in unserer Schwärze. Das ist doch höchst betrüblich! Wozu war all unser Ringen nach Licht und Freiheit, wozu unsere roten Volksreden, unsere roten Bestrebungen? Freiligrath sang: »Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme!« Das hat alles keine Dauer, ist nichts als poetischer Schwindel. Auch das rote Blut, die goldene Flamme wird im Hades schwarz wie Pulver. Alles vergeht, nur die lebenslänglichen Schultheißen in Württemberg nicht. Von ihnen geht wie von dem Jünger Johannes die Sage, daß sie nicht sterben, sie sind unter ministeriellem Schutz lebenslänglich, sie kommen nicht in den Hades. Diese auf dem Schreiberboden Württemberg gezüchteten Diätenbazillen sind zäh, unzerstörbar, gegen sie gibt es keine Lymphe. Ehen!
Theobald Kerner an Ludwig Pfau.«

Wenn man diesem Brief auch anmerkt, daß ihn kein junger Mann geschrieben, so ist solch frischer Humor bei einem Vierundsiebzigjährigen doch eine seltene Blüte. –
Aus meiner Korrespondenz mit zwei berühmten Zeitgenossen, die sich im Jahr 1848 hervorgetan, sei hier einiges mitgeteilt.[202] 
Viel Freude und Anregung brachte mir der Briefwechsel mit dem französischen Senator Hippolyte Carnot. Dieser war der zweite Sohn jenes berühmten Mitgliedes des Wohlfahrtsausschusses von 1793, Lazare Nicolas Marguerite Carnot, welcher gegen die große Koalition, von der die französische Republik angegriffen war, vierzehn Heere organisierte, die den Feind an allen Grenzen zurückschlugen. Er erhielt dafür den historischen Ehrentitel »Organisator des Sieges«. Er leitete auch später die Feldzüge der Republik, mußte aber infolge des Staatsstreichs vom 18. Fruktidor flüchten. Unter dem Konsulat kehrte er zurück und sprach gegen das Kaisertum als unerschütterlicher Republikaner. Napoleon ließ ihn lange ohne Anstellung. Nach dessen zweitem Sturze wurde Carnot als »Königsmörder« – er hatte im Konvent für den Tod Ludwigs XVI. gestimmt – aus Frankreich verbannt15 und hielt sich in Magdeburg auf, wo er 1823 im siebzigsten Jahre starb.
Der verbannte Carnot erfuhr in Deutschland viel Verehrung. Man rühmte, daß »seine strenge und martialische Stirne jede Heuchelei verschmähte« und daß er dem Despotismus der Robespierre und Saint-Just ebenso zu trotzen gewagt, wie dem Despotismus Napoleons, sowie daß er unter dem Kaiserreich in einer stolzen Armut gelebt. Der berühmte Historiker Niebuhr sagte, er würde sein letztes Stück Brot mit Carnot teilen und der Literarhistoriker Körte, ein Neffe Gleims, veröffentlichte während Carnots Aufenthalt in Magdeburg ein liebenswürdiges Buch über ihn. Diese Dinge mögen dazu beitragen, haben, Carnot den Sohn in der Vorliebe, die er für Deutschland gewann, zu bestärken.16
Des großen Carnot Sohn Hippolyte, 1861 zu St. Omer geboren, war mit dem Vater in die Verbannung gegangen und blieb von seinem sechzehnten bis zweiundzwanzigsten Jahr in Magdeburg. Seine Sympathien für Deutschland konzentrierten sich auf die deutsche Literatur. Er hat Wilhelm Müllers »Griechenlieder« ins Französische übertragen. Nach des Vaters Tode kehrte er nach Frankreich zurück und redigierte dort mit dem bekannten Sozialisten Pierre Leroux die »Revue encyclopédique in der er den Franzosen die deutsche Literatur empfahl. Er bekannte sich bald zu sozialistischen Anschauungen und schloß sich den Saint-Simonisten an, deren Extravaganzen ihn aber bald abstießen. Er nannte Enfantins Theorien vom Verhältnis der Geschlechter eine »Verordnung des Ehebruchs«. Bei den Saint-Simonisten wurde er[203]  mit Heinrich Heine bekannt, was aus dem Empfehlungsschreiben hervorgeht, daß ihm Heine 1846 an Varnhagen von Ense nach Berlin mitgab. Dort hieß es:
»Der Überbringer dieser Zeilen ist Herr Carnot, ein Sohn würdig des väterlichen Namens, was viel sagen will. Ich glaube also nicht vieler Worte zu bedürfen, um ihn zu empfehlen, und gar bei Ihnen, der Sie offenen Blicks und voller Teilnahme sind für jede von sich selbst empfehlende Persönlichkeit. Herr Carnot wird über manche Dinge, die Sie interessieren, sehr genaue Nachricht geben können; wir kennen uns schon seit zehn Jahren, wo ich ihn im sacré collège17 der Saint-Simonisten fand. Das waren brillante Zeiten – jetzt ist Herr Carnot nur Mitglied der Deputiertenkammer.«
Seit 1839 Deputierter schloß sich Carnot der bürgerlich-republikanischen Opposition an; für den Sozialismus in demokratischem Sinne behielt er sein Leben hindurch starke Sympathien. Die Flut der Revolution von 1848 trug ihn rasch empor. Er trat als Minister des Unterrichts in das provisorische Ministerium vom 24. Februar. Er hatte zwar keine Zeit zur Einführung einschneidender Reformen, aber die in seinen Lehrbüchern hervortretenden sozialistischen Anschauungen wurden scharf angegriffen. Er trat aus der Regierung Cavaignacs aus, nachdem dieser die Pariser Arbeiter in der Junischlacht blutig niedergeworfen hatte. 1850 wurde Carnot als Anhänger der äußersten Linken in die gesetzgebende Versammlung gewählt. Unter dem Kaiserreich in die Deputiertenkammer gewählt, verweigerte er wegen des Staatsstreichs Napoleon III. zweimal den Huldigungseid und leistete ihn erst 1864; in der dritten Republik wurde er erst in die Nationalversammlung und dann in den Senat gewählt. Sein ältester Sohn war der Präsident der Republik. Sadi Carnot, der unter dem Dolch eines italienischen Anarchisten fiel. Dieser Präsident war, seiner Familientradition getreu, von allen Präsidenten der dritten Republik der anständigste gegenüber der modernen Arbeiterbewegung.
Aus irgend einem literarischen Anlaß kam ich mit Hippolyte Carnot in Verbindung im Jahre 1886. Wir schrieben uns seitdem oft. Er schrieb mir französisch und ich ihm deutsch.
Einige Briefe dieses interessanten und deutschfreundlichen Franzosen seien hier wiedergegeben.
Am 26. Mai 1881 schrieb er mir aus Paris, nachdem ich ihn zur Vollendung des achtzigsten Jahres beglückwünscht:
»Ich habe das Glück, mein hohes Alter ohne irgend eine physische oder moralische Schwäche zu tragen. Ihre Aufmerksamkeit18 hat mich sehr ergriffen, denn die Erinnerungen an meine Jugend, die ich in Deutschland[204]  zugebracht, sind mir immer teuer. Ich bin einer von denen; welche den grausamen Kampf beklagen, der sich zwischen unseren beiden Nationen entsponnen hat, und ich liebe es, zu glauben, daß wenn jemals die demokratischen Ideen dahin gelangen werden, in Ihrem Lande zu herrschen, unser Haß besseren Gefühlen weichen wird.«
Im Frühjahr 1882 schreibt er von einem Landaufenthalt im Departement Seine-et-Oise:
»Ich trage meine einundachtzig Jahre wie ein junger Mann und genieße zu gleicher Zeit all das Glück eines Großvaters. Soll ich hinzufügen, daß ich als Bürger das Glück habe, zu sehen, wie mein Vaterland von Tag zu Tag sich mehr kräftigt und mit entschiedenem Schritt die Richtung einschlägt, wohin es zu bringen, alle meine Anstrengungen zielten? ... Ich habe Deutschland zu lange nicht gesehen, um über seine gegenwärtigen Bestrebungen urteilen zu können, aber wenn ich mich in die Tage zurückversetze, da ich es näher gekannt habe, so scheint mir, daß es einen falschen Weg eingeschlagen hat. Statt einer moralischen und geistigen Einheit, die sein Bestreben schien, ist ihm eine politische Einheit auferlegt worden, welche vielleicht nicht seine Bestimmung ist und welche seinen Fortschritt mehr aufhält als ihn begünstigt. Man ist versucht zu glauben, daß dies mehr das Werk eines einzelnen Mannes ist, als der Nation selbst. Man hat Nutzen gezogen aus dem künstlichen Patriotismus, der sich in Deutschland als Abneigung gegen Frankreich nach den napoleonischen Kriegen gebildet hat ... Wenn Deutschland dahin gelangte bei sich selbst freiheitliche Einrichtungen zu begründen, so würde kein Grund mehr vorhanden sein, einen ernsthaften Konflikt zwischen Ihrem Lande und dem meinigen zu befürchten.«
Diese Auffassung eines deutschfreundlichen Franzosen von der deutschen Einheit ist immerhin bemerkenswert. Er dachte an das erste napoleonische Reich mit seiner überstraffen Zentralisation, das auch von einem einzelnen geschaffen worden, und hatte daraus seine Lehren gezogen.
Inzwischen hatte ich das Grab des großen Carnot in Magdeburg besucht. Eine einfache, mit Efeu bewachsene Steinplatte, nur mit dem Namen »Carnot« versehen, deckte die Gebeine des gewaltigen Mannes, dessen Genie 1793 die Heere der »verschworenen Könige« von den Grenzen Frankreichs zurückschlug. Ich pflückte einige Efeublätter von dem Grabe und sandte sie an Hippolyte Carnot nach Paris. Er antwortete mir von seinem gewöhnlichen Landaufenthalt Chabannais, während gerade wieder großes Kriegsgeschrei in der deutschen und französischen Presse war, am 4. Oktober 1883:
»Ich beeile mich, Ihnen zu danken für die Efeublätter, die Sie auf dem Grabe meines Vaters zu Magdeburg gepflückt und mir übersandt haben. Die Details über die Instandhaltung des Grabes haben mich sehr interessiert ... Ich glaube wie Sie, daß die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« die wahren Gefühle der Deutschen nicht mehr repräsentiert,[205]  als unsere anarchistischen und legitimistischen Blätter diejenigen der Franzosen. Aber die Presse genießt bei uns eine absolute Freiheit, während sie bei Ihnen nur mit Erlaubnis der Regierung sprechen kann. Es ist also nicht ganz ohne Grund, wenn man sich durch die von der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« beliebte Ausdrucksweise erregt fühlt. Was die Bevölkerung anbetrifft, so wünscht sie weder in dem einen noch in dem anderen Lande den Krieg; sie hat zu sehr nötig, zu arbeiten, um zu leben. Aber es gibt in beiden Ländern turbulente Minoritäten, und die Minoritäten reißen oft die Majoritäten mit sich fort. In Deutschland wird die Agitation durch eine Partei unterhalten, die im passenden Moment davon profitieren will, sei es auch nur, um für den Fall von Schwierigkeiten in der inneren Politik eine Ablenkung zu bewerkstelligen. In Frankreich geht die Agitation von einigen wenigen Ehrgeizigen aus, die nur auf den Sturz der Regierung sinnen, müßten sie auch einen Krieg oder unglückliche Krisen hervorrufen, und hinter ihnen rennen selbstverständlich die Narren einher, die gar keine Art von Regierung wollen. Wenn einige ehrenhafte Leute, von ihrer Hitze fortgerissen, von militärischer Revanche sprechen, so befindet sich die Masse der französischen Patrioten nicht auf diesem Wege; sie streben gewiß darnach. Frankreich die Provinzen zurückzugeben, die es verloren hat, aber diese Zurückforderung ist nicht von Rachedurst eingeflößt. Dabei, gestatten Sie mir, dies Ihnen zu sagen, stehen sie über den deutschen Patrioten von 1807 bis 1813, welche einen sehr heftigen Nationalhaß kundgaben;19 ihre Regierungen haben sich unglücklicherweise Mühe gegeben, ihn wach zu halten. – Trotz alledem lasse ich mich nicht abhalten, auf den endlichen Triumph der Vernunft und der Menschlichkeit zu hoffen.«
Am 12. April 1886 schreibt Carnot aus Paris in trüber Stimmung. Zwar freut er sich, daß ihm in diesem Moment ein Enkel geboren ist; allein die ihm widerwärtigen Parteikämpfe in Frankreich machen ihn bekümmert. »Als Bürger und Menschenfreund«, schreibt er, »erfahre ich nicht dieselbe Befriedigung wie als Familienoberhaupt. Ich würde mich noch trösten, wenn Europa nur eine ökonomische Krise durchzumachen hätte. Die Krisen dieser Art sind nur zeitweilig; sie hören nach mehr oder weniger langen Leiden durch eine Wiederherstellung des Gleichgewichts wieder auf. Was mich sehr beunruhigt, ist die geistige und sittliche Verwirrung, welche die Gesellschaft ergriffen hat und welche allgemein die Charaktere erniedrigt. Man stellt die Erziehung der Menschen und der Völker nicht wieder her, wie wenn man die Ruinen flickt. – Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß Deutschland in dieser Beziehung eine ebenso schlimme Periode durchmacht, als Frankreich. Das hindert mich aber nicht, Vertrauen auf die Zukunft zu haben, wie fern sie auch sein mag.«[206] 
Anläßlich eines Gedankenaustausches über die Wirkungen der großen französischen Revolution20 schreibt er im Frühjahr 1887: es freue ihn, daß man auch in Deutschland dem Frankreich von 1789 die Anerkennung zolle, die es bei allen Freunden der Freiheit verdient. »Wenn ich«, fährt er fort, »den unglücklichen Kampf von 1870/71 beklage, so geschieht dies nicht allein wegen des Unglücks, das er über mein Land gebracht, sondern auch, weil er den Haß neu geschürt hat, der durch so viele Friedensjahre erloschen schien und der nun vielleicht auf lange Zeit hinaus den großen Fortschritt der europäischen Gesellschaft aufhal ten wird. Die wahren Patrioten müssen wünschen, daß die Säkularfeier von 1789 weniger ein Fest der Franzosen als ein Fest aller Völker sei.«
Aus dieser wehmütigen Stimmung raffte sich der Greis empor, als sein Sohn zum Präsidenten der Republik gewählt wurde. Als ich ihn dazu beglückwünschte, antwortete er mir am 23. Dezember 1887 mit seinem unverwüstlichen Optimismus:
»Wenn die Streitigkeiten der Parteien in Frankreich sich beruhigen, können Sie dann nicht auch hoffen, daß in Deutschland der Geist der Gerechtigkeit triumphieren wird über die Intoleranz?«
Es war der letzte Brief, den ich von ihm erhielt. Sein Tod erfolgte nicht lange nachdem sein Sohn Präsident der Republik geworden, am 17. März 1888.
Der Magdeburgische Friedhofgärtner Lohrengel – das sei hier hinzugefügt – wollte seine angebliche besondere Fürsorge für das Grab Carnots 1864 benutzen, um von Napoleon III. das Kreuz der Ehrenlegion zu ergattern. Seine Bettelbriefe sind später ans Tageslicht gekommen.21 Er sandte dem französischen Botschafter in Berlin eine Photographie des Grabes nebst drei Efeublättern und schrieb dazu:
»Als Seine Majestät der Kaiser Napoleon III. die Überreste Carnots (nach Frankreich) überführen wollte, traf er bloß auf Undankbare. Dessenungeachtet haben diese edelmütigen Intentionen, die von jedermann gewürdigt werden, zur Folge gehabt, daß sie die Absichten von Carnot jun. vereitelten.« – Über diese Affäre ist mir nichts Näheres bekannt. Wenn Napoleon III. die Gebeine Carnots benutzen wollte, um sich damit populär zu machen, und wenn Hippolyte Carnot sich dem widersetzte, so tat der letztere nur; was ihm Ehre und Pflicht geboten, wofür allerdings ein nach einem Orden schnappender Friedhofsgärtner kein Verständnis haben konnte.
1891, während der Enkel des großen Carnot Präsident der französischen Republik war, wurden die Gebeine des »Organisators des Sieges«[207]  nach Paris ins Pantheon übergeführt, wobei am Grabe in Magdeburg von preußischen Truppen die militärischen Ehrenbezeugungen erwiesen wurden. Ein französischer Journalist, der den feierlichen Akt mit ansah, erzählte mir, daß in dem geöffneten Sarge unter den völlig zerfallenen Überresten noch ein Reiterstiefel und ein lederner Handschuh zu bemerken gewesen seien.
Nach der meuchlerischen Ermordung des französischen Präsidenten Sadi Carnot durch einen italienischen Fanatiker unternahmen die deutschen Nationalliberalen eine Art Feldzug gegen den »Umsturz«, wobei sie die deutsche Sozialdemokratie mit der »moralischen Verantwortlichkeit« für die Attentate ausländischer Anarchisten belasten wollten. Das Fiasko der sogenannten Umsturzvorlage ist bekannt. Ich veröffentlichte damals einen Teil meiner Korrespondenz mit Carnot, um den Unsinn, der den Inhalt jenes Feldzuges gegen den Umsturz bildete, auch von dieser Seite zu beleuchten. –
Eine lebhafte Korrespondenz führte ich lange Jahre hindurch mit einem anderen berühmten Achtundvierziger, mit dem General Franz Sigel, der Deutschland 1849 verlassen und es nicht wieder gesehen hat.22 Sigel war bürgerlicher Demokrat und Republikaner; seine allgemeine politische Anschauung faßt er mir gegenüber in die Sätze zusammen: »Die Republik ist die Form, die Demokratie ist die Methode, durch welche sich die Elemente des Volkes entwickeln und um die politische Macht kämpfen können. Ich erkenne deshalb jede Bewegung an, die sich unter den bestehenden Gesetzen organisiert und offen und ehrlich nach Anerkennung und Macht strebt, mag die Bewegung politischer, sozialer oder religiöser Natur sein. Wir können uns also gut verstehen.«
Sigels politische Rolle ist bekannt; er war 1848 in Baden der militärische Führer des republikanischen Aufstandes, den man nach seinem politischen Führer Hecker benannt hat, und befehligte 1849 zeitweilig die badische Revolutionsarmee. Er war in Baden eine sehr populäre Persönlichkeit. Marx und Engels haben sehr abfällig über ihn geurteilt, während Johann Philipp Becker und Mieroslawski ihm hohes Lob erteilten.23 Im nordamerikanischen Bürgerkriege rettete er der Union den Staat Missouri und erfocht gegen die Südstaaten den bedeutenden Sieg von Pea Ridge. »I will to Sigel!« ward das Stichwort für die Deutschen, welche damals zu Hunderttausenden sich an dem Kampfe gegen die Sklavenbarone des Südens beteiligten und so, mit Marx zu reden, die Sturmglocke für die Emanzipation der europäischen Arbeiterklasse läuten halfen. Sigel erfocht in der zweiten Schlacht am Bull Run einen bedeutenden Erfolg gegen den gefürchteten südstaatlichen[208]  General Jackson und bewies damit seine großen militärischen Fähigkeiten. Aber die eingeborenen amerikanischen Generale, namentlich der ebenso einflußreiche wie unfähige General Halleck, waren ihm aufsässig und als er, da man ihm zu wenig Mannschaft gegeben, das unbedeutende Treffen von Newmarket verlor, ward ihm sein Kommando genommen. Man setzte ihn nach dem Kriege in hohe Ämter ein, wo er sich hätte bereichern können. Er tat es aber nicht, was von den Yankees als Naivität aufgefaßt wurde. Er hatte im Alter viel Mißgeschick aller Art zu ertragen und wurde von taktlosen Leuten oft hämisch verspottet.
Ich war durch Amand Goegg, seinen Mitkämpfer von 1849, mit ihm bekanntgemacht worden, und er hat wie Goegg ein wertvolles Material für meine »Deutsche Revolution« geliefert. 1901 vertraute er mir die Herausgabe seiner Memoiren an, aber dies Buch konnte erst kurz nach seinem Tode 1902 erscheinen.24
Aus meiner Korrespondenz mit General Sigel sei hier nur ein Brief zitiert, welcher von Bedeutung für die Beurteilung des Verhältnisses zwischen den deutschen und den eingeborenen amerikanischen Offizieren ist.25 Es heißt da:
»Was Sie über Halleck und Grant schreiben, ist mir natürlich bekannt. Im Februar 1862, als ich noch in Missouri war, hatte ich mit Halleck ein Zerwürfnis, das seinen Grund darin hatte; daß er Papiere, die ich ihm für die Regierung, d.h. für den Präsidenten Lincoln zur Beförderung einschickte, nicht beförderte, das heißt, wie ich damals glaubte und noch glaube, unterschlug. Ich schrieb, nachdem ich auf seinem Bureau gewesen, er mir aber keine genügende Erklärung gegeben hatte, im Februar 1862 einen deutschen Brief an meinen Schwiegervater Dr. Dulon26 nach Newyork, worin ich ihm unter anderen Dingen auch das Verfahren Hallecks mitteilte und bemerkte, derselbe habe nicht als Soldat, sondern als »pfiffiger Advokat« gehandelt. Mein Schwiegervater ließ sich verleiten, diesen Brief, den ich als eine Vertrauenssache betrachtete, in einer deutschen Zeitung (Volkszeitung von dem bekannten Sozialdemokraten Dr. Douai) zu veröffentlichen, worauf der Brief durch die englischen Zeitungen im ganzen Lande die Runde machte. Da ich die Urheberschaft des Briefes nicht in Abrede stellte, Halleck auch nichts entgegnete oder mich offiziell zur Verantwortung zog – ebensowenig privatim – so blieb die Sache wie sie war. Aber von jener Zeit an saß mir Halleck auf dem Nacken und tat alles Mögliche gegen mich, ebenso gegen die deutschen Truppen und ihre Offiziere. Es läßt sich deshalb auch sein Bericht an Grant in[209]  Beziehung auf das Treffen von Newmarket (1864) erklären.27 Daß Grant diese verläumderische Depesche in seine Memoiren aufnahm, hatte auch seinen Grund. Ich war während der Präsidentschafts-Kampagne von 1868 und 1872 für ihn und habe, wie ich glaube, viel für ihn getan, besonders im Staat und Stadt Newyork. Ich war aber gegen Grant, als er zum dritten Male gewählt werden wollte (1876), hauptsächlich wegen der korrupten Praktiken, die unter seiner Administration herrschten. Das konnte er mir nie vergessen und ebensowenig sein schriftstellerischer Gehilfe Badeau. So kam es, daß er oder Badeau die Gelegenheit benutzte, mir eins anzuhängen, wie man sagt. Die Intrigen Hallecks sind durch offizielle Dokumente bewiesen und begannen, ehe ich meinen Brief an Dulon schrieb; auch seine infamen Auslassungen gegen die ausländischen Offiziere, die in der westlichen Armee zu meiner Zeit in Missouri tätig waren, sind bekannt.28 Halleck ist übrigens abgetan, denn man hat seinen perfiden Charakter, seinen Egoismus und seine Unfähigkeit, die er als wirklicher Befehlshaber einer Armee gezeigt, kennengelernt. Die Abberufung Mac Clellans und seiner Armee von der Halbinsel war hauptsächlich Hallecks Werk. Er wollte seinen Schützling Pope ans Ruder bringen. Es gelang ihm, aber der Krieg wurde dadurch um ein Jahr verlängert.«
Der Kongreß bewilligte Sigel einen – recht mäßigen – Ehrensold und die Deutschen der Union setzten ihm ein schönes Denkmal in Newyork, ein anderes in St. Louis. Das Lied des amerikanischen Dichters Robinson: »Ich focht mit Sigel« ist heute noch in Nordamerika populär.
Elsie Sigel, deren schauerliches und mysteriöses Ende als Opfer einer chinesischen Mörderbande längere Zeit die Öffentlichkeit beschäftigte, war die Enkelin des Generals Franz Sigel. Er hatte das Glück, von dieser Katastrophe nichts mehr zu erfahren und auch nichts von den albernen Artikeln, welche gelehrte deutsche Philister über diese Affäre losließen. –[210] 
Fußnoten

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1 Walesrode sprach vom »sterbenden Vollmer« – bei dessen Lebzeiten natürlich – oder wie er in seinen letzten Augenblicken ein gestochenes Schwein schreien hört und zu seiner Umgebung sagt: »Es hat eine Sau geschrien, seht doch nach, wo es Metzelsuppe gibt.«

2 In den meisten Handbüchern wird als sein Geburtsjahr 1833 angegeben; er war aber zehn Jahre älter.

3 Schon grünt das Tal im Grunde,
Die Höh'n doch schimmern weiß,
Das sei dir gute Kunde,
Du lieber Dichtergreis usw.

4 Exceptio plurium, bei Alimentationsprozessen die Einrede des Beklagten, daß auch andere in der kritischen Zeit mit der Klägerin verkehrt haben.

5 Der damalige Stadtdirektor Seeger war ein klassisches Beispiel jener 48er Demokraten, die im ersten Sturm der Bewegung die bureaukratische Schlangenhaut abwarfen, sie aber dann wieder nachwachsen ließen. Als 1849 der badische Maiaufstand ausbrach, schickte die provisorische Regierung ihr Mitglied 
Fickler nach Württemberg, um auf der Landesversammlung der Demokratie zu Reutlingen für den Anschluß Württembergs an Baden zu wirken. Kaum in Stuttgart angekommen wurde Fickler auf der Königsstraße verhaftet. Er sprach das zusammenströmende Volk an und bat es, dem Demokraten und Stadtdirektor Seeger seine Verhaftung mitzuteilen. Aber der Fickler begleitende Polizist sprach in mitleidigem Tone: »Descht jo grad der Herr Stadtdirektor Seeger, wo Sie feschtnemme läßt! Fickler, der fest auf seine Befreiung durch Seeger gehofft, ergab sich verblüfft in sein Schicksal und wurde sofort auf den Asperg gebracht. Solche Dinge passierten den leichtgläubigen Demokraten noch mehrfach.

6 Das Gefecht bei Hemsbach an der Bergstraße fand am 30. Mai 1849 statt, demselben Tage, an dem das Frankfurter Parlament die Übersiedelung nach Stuttgart beschloß.

7 Den unbedeutenden, aber reaktionären Streber Fallati aus Hamburg hatte man in den fünfziger Jahren zum Oberbibliothekar der Tübinger Universität gemacht.

8 Inzwischen verstorben.

9 Karl Friedrich Reinhard aus Schorndorf, kam während der großen Revolution als Erzieher nach Frankreich, schloß sich den Girondisten an und kam, obwohl ursprünglich Theologe, durch diese in eine diplomatische Laufbahn, wurde verschiedene Male Gesandter und 1799 auch kurze Zeit Minister des Auswärtigen. Er regierte als Gesandter Napoleons eigentlich das Königreich Westfalen. Später war er Gesandter der Bourbonen beim Bundestag in Frankfurt am Main. Er starb 1837. Sein Briefwechsel mit Goethe ist 1851 erschienen. Es leben noch verschiedene Nachkommen von ihm.

10 Die Mühle, die heute den Fremden gezeigt wird, ist eben so »historisch« wie das Haus des Käthchens von Heilbronn. Weinsberg wurde 1325 gänzlich niedergebrannt.

11 Kakodämonen = böse Geister, wie sie Justinus zu sehen oder zu fühlen glaubte.

12 Ich sah das Bild zu Lebzeiten Theobalds noch einmal in einer Porträts-Ausstellung zu Stuttgart; es hieß, das Bild sei in den Besitz eines Arztes übergegangen.

13 Ein Lenau-Denkmal hatte auch besser nach Weinsberg als nach Eßlingen gepaßt.

14 Napoleon III.

15 Während der hundert Tage verlieh Napoleon an Carnot, der damals Minister des Innern war, den Grafentitel, indessen machte und macht diese republikanische Familie von diesem Titel keinen Gebrauch, was im jetzigen Frankreich immerhin viel heißen will.

16 Die Carnots wohnten zu Magdeburg in dem altertümlichen Hause Große Schulstraße 15, wo sich jetzt eine Wurstfabrik befindet. Auf dem Internationalen Kongreß zu Stuttgart sprach ich mit Jaurès über diese Dinge und wir waren einig in der Meinung, daß die Franzosen an dem Hause eine Gedenktafel anbringen sollten. Jaurès wollte in Paris eine entsprechende Anregung geben, aber er kam nicht dazu.

17 Heilige Lehranstalt.

18 Ich hatte ihm in Aussicht gestellt, nach dem Grabe seines Vaters zu Magdeburg zu sehen.

19 Er meinte, wie er an anderer Stelle sagte, die Dichtungen von Arndt und Heinrich von Kleist mit ihrer Franzosenfresserei.

20 Hippolyte Carnot hat die Memoiren seines Vaters und diejenigen der berühmten Konventsmitglieder Bertrand Barrère und Bischof Grégoire herausgegeben. Namentlich die beiden ersteren Werke sind außerordentlich wichtig für die innere Geschichte der Regierung des Wohlfahrtsausschusses und des Direktoriums.

21 Siehe »Briefe deutscher Bettelpatrioten an Louis Napoleon Boneparte«. Von Bernhard Becker. Braunschweig bei Bracke, 1873.

22 Sigel war 1824 zu Sinsheim geboren und ist 1902 zu Newyork gestorben.

23 Die Unordnung, welche Karl Marx 1849 im Mai bei den badischen Revolutionstruppen sah, ist fälschlich Sigel zur Last gelegt worden, denn als Marx in Mannheim war, hatte Sigel den Oberbefehl noch gar nicht übernommen.

24 Denkwürdigkeiten des Generals Sigel aus den Jahren 1848 und 1849. Herausgegeben von Wilhelm Blos. Mannheim; 1902.

25 Der Brief ist auch in den Denkwürdigkeiten Sigels angeführt.

26 Bekannter Achtundvierziger, der in Bremen gewirkt hatte.

27 Dort hieß es: »Sigel tut nichts als laufen und hat nie etwas anderes getan.«

28 Halleck bezeichnete die als Offiziere in der Unionsarmee dienenden politischen Flüchtlinge, die wegen Beteiligung an den Aufständen von 1848 und 1849 verurteilt waren, als »Verbrecher«.



Aus dem literarischen Schwaben










Der Verkehr mit den Achtundvierzigern in Stuttgart brachte mich auch in Berührung mit anderen Persönlichkeiten der literarischen Welt Schwabens, namentlich als der Literarische Klub gegründet wurde, dem ich längere Zeit angehörte. Schmidt-Weißenfels war der erste Vorsitzende dieser Vereinigung, deren gänzlich unpolitischer Charakter strengstens durchgeführt wurde, wenigstens in der Zeit, so lange ich dabei war. Wie es sich jetzt damit verhält, weiß ich nicht.
Von Gesinnungsgenossen fand ich in diesem Verein nur Wilhelm Eichhoff vor, dessen interessante Vergangenheit außer mir nur wenigen bekannt war, da er selbst selten davon sprach. Auch in der Sozialdemokratie wußte die damalige Generation nur wenig oder nichts davon. Wir waren in Berlin miteinander bekanntgeworden und hatten uns bald einander genähert. Eichhoff war, nachdem er mehrere Universitäten besucht, in der Berliner Polizeiverwaltung angestellt worden. Was er dort sah und hörte, trieb ihn zur Opposition. Namentlich war er über die Machenschaften des bekannten Stieber empört und beschloß diesem »gewiegten Kriminalisten« zu Leibe zu gehen. In der Reaktionszeit der fünfziger Jahre ließ er im Londoner »Hermann« eine Reihe von Aufsätzen unter dem Titel »Berliner Polizei-Silhouetten« erscheinen, die ein ungeheures Aufsehen erregten, da sie intime Vorgänge innerhalb der preußischen Polizei ans Tageslicht zogen. Aus den Enthüllungen von Karl Marx über den Kölnischen Kommunistenprozeß, die wenig in die große Öffentlichkeit gedrungen waren, zog Eichhoff den Schluß, daß Stieber in jenem Prozesse einen Meineid geleistet habe. Man kam indessen dem Verfasser der »Polizei-Silhouetten« auf die Spur, der sich durch eine rechtzeitige romantische Flucht über Hamburg nach England der Verhaftung entzog. Gegen Stieber aber wurde ein Disziplinarverfahren wegen Überschreitung der Amtsbefugnisse eingeleitet, wobei er zwar freigesprochen, aber zur Disposition gestellt wurde. In dem Prozeß gegen Stieber sagte der Oberstaatsanwalt, daß die Autorität der Polizei nicht erschüttert werden dürfe. Stieber wurde 1866 und 1870 wieder angestellt und zwar als Chef der Feldpolizei.
Eichhoff wurde in London mit Marx und Engels bekannt und schloß sich der Internationale an, über die er eine lange als beste Quelle geltende Schrift herausgab. Die in dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels über ihn enthaltenen manchmal wenig liebenswürdigen Urteile sind aus der damaligen Stimmung zu erklären. Nach mancherlei Schicksalen kam Eichhoff nach Stuttgart, wo er leitender Redakteur der »Schwäbischen Tagwacht« wurde. Er starb 1895 im zweiundsechzigsten Jahr.[213] 
Im Literarischen Klub wurde ich mit einer Reihe von Schriftstellern bekannt, die mir sehr liebenswürdig entgegenkamen. Karl Weitbrecht war von seiner früheren Gehässigkeit gegen die Sozialdemokratie abgekommen und kämpfte jetzt mit allerlei Sorgen. Er suchte als Dramatiker emporzukommen, hatte aber kein Glück. Er war auch leicht zu verärgern. In seinem Drama »Sigrun« geht es sehr blutig zu und ein Kritiker ließ zwei Backfische in Erwartung einer Wiederholung der Aufführungen der »Sigrun« sich unterhalten, wobei es hieß:

»Lieschen spricht, die seine Puppe:
Morgen gibt es Metzelsuppe!«

Statt darüber zu lachen, wollte Weitbrecht vor Wut schier zerplatzen. Er kam zu mir und teilte mir mit, er wolle ein Lutherdrama schreiben, aber er wisse nicht, welche Episode er behandeln solle. Ich riet ihm, den gewaltigen sozialen Konflikt, der sich in der Unterhandlung Luthers mit Kohlhaas auftut, dramatisch zu verwerten. So entstand die Tragödie »Schwarmgeister«, die aber nicht gelang, weil Weitbrecht sich zu sehr mit historischem Ballast bepackt und die Tiefe des Konflikts nicht erfaßt hatte. Das Stück wurde in Berlin brutal abgelehnt. Weitbrecht lebte in Täuschungen; so glaubte er, seine im Jahr 1870 gedichteten Soldatenlieder (»Von einem, der nicht mit darf«) seien in der ganzen deutschen Armee gesungen worden, während sie in Wahrheit den Soldaten unbekannt blieben.
Durch Weitbrecht wurde ich mit Eduard Paulus bekannt, der als Dichter wohl weniger hoch anzuschlagen ist, denn als kunsthistorischer Schriftsteller. Daß er Spuren Dietrichs von Bern auf dem Hohenneuffen und auf der Diepoldsburg bei Kirchheim unter Teck suchte, ist nicht sehr ernst genommen worden; ich vermute auch, daß einige tiefsinnige und überlange Artikel über den Ursprung des Namens Achalm von ihm herrührten, über den sich so viele Gelehrte den Kopf zerbrachen.1
Die hübschen Verse von Paulus, in denen er den Reichtum Schwabens an Dichtern und Denkern schildert:


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»Der Schiller und der Hegel,
Der Uhland und der Hauff,
Das ist bei uns die Regel,
Das fällt uns gar nicht auf –«

sind bekannt. Weniger bekannt sind aber andere, einst im engeren Zirkel zum besten gegebene Verse von Paulus, die wohl aufbewahrt zu werden verdienen.[214] 
Ein Metzgerverein hatte Paulus um eine poetische Inschrift für ein Schlachthaus gebeten, und Paulus sandte die Verse:

»Leider die größesten
Ochsen und bösesten
Schlachtet man nie!
Denn es ist wunderbar,
Beinah' einhundert Jahr
Wird solch ein Vieh!«

Die Metzger sandten das Gedicht zurück und meinten, für ein Schlachthaus passe es nicht; es scheine eher für ein Rathaus bestimmt zu sein.
Johannes Prölß gab sich viele Mühe, in diesem Kreise den angenehmen Schwerenöter zu spielen, aber er konnte es zu der gewünschten Beliebtheit nicht bringen. Er war literarischer Beirat, ref. Lektor bei Kröner (Union), der ihn sehr ausnützte. Prölß klagte mir, daß er im Monat achtzehn bis zwanzig Romane im Manuskript lesen müsse, wovon ihm im Kopfe ganz dumm werde. Der Cottasche Verlag übergab ihm ein reiches Material über das »junge Deutschland«; Prölß hat aber nicht daraus gemacht, was ein anderer vielleicht daraus gemacht hätte. Seine verdienstvollsten Arbeiten sind die Biographien von Viktor Scheffel und Friedrich Stoltze. Nur besaß er kein rechtes Verständnis für den Humor dieser beiden Dichter, da er selbst gänzlich humorlos war. Wenn ich mich recht erinnere, so hatte er die Auffassung, daß der Humor im Pfarrhause zu Ziegelhausen Galgenhumor gewesen sei. Denn Scheffel habe um eine geliebte Schwester und mein Onkel, Pfarrer Christoph Schmezer2, um eine geliebte Frau getrauert. Daß diese Auffassung eine grundfalsche, brauche ich kaum bemerken.
Prölß war leicht verletzt. Er traf einst in einer Gesellschaft von Schriftstellern mit dem alten Friedrich Bodenstedt zusammen. Der Dichter der »Mirza Schaffy« improvisierte gerne. Nachdem er fast alle Anwesenden bedichtet, äußerte auch Prölß den Wunsch, dieser Ehre teilhaftig zu werden. Bodenstedt erwiderte prompt:

»Auch auf den Scheitel dieses Mannes
Fiel ein Tropfen geweihten Oels;
Mit dem Vornamen heißt er Johannes
Und mit dem Vaternamen Prölß.«

Das hat Prölß nicht vergessen.
Sehr befreundet wurde ich mit Daniel Saul, dem Stuttgarter Vertreter der Frankfurter Zeitung. Ein fein gebildeter, geistvoller Mann mit reichen Gaben und von vortrefflichem Charakter erlag er leider in den besten Jahren der Tuberkulose, nachdem er in Nordrach vergebens[215]  Heilung gesucht. Seine in der Stuttgarter Verlagsanstalt erschienenen Gedichte sind leider nicht nach Gebühr gewürdigt worden.
Der »lyrische Major« Karl Hecker, der, als er noch im Dienst, zu Pferde auf dem Exerzierplatz lyrische Gedichte gemacht, war gern gesehen wegen seines Humors und seiner witzigen Einfälle. Als ein Stuttgarter Mucker zu Mailand im List verunglückte, machte Hecker das Epigramm:

»Er fuhr per List von Mailand
Direkt zu seinem Heiland.«

Auch ich wurde einst das Opfer seiner Scherze. Es sollte mein Geburtstag zu Strümpfelbach im Remstal gefeiert werden und war in einem dortigen Wirtshaus Geflügel mit allerlei Zutaten bestellt. Dies hatte Hecker irgendwie erfahren. Als ich mit meiner Familie ankam, fanden wir Hecker, Prölß und Erich Schmidt vor; der letztere war gerade auf der Durchreise. Die Herren hatten uns das Geflügel »weggefressen, wie Major Hecker sagte. Erich Schmidt, der erst nachträglich erfuhr, welchen Streich er mir hatte spielen geholfen, entschuldigte sich sehr. Sie sind nun alle drei tot; möge es ihnen geschmeckt haben! Im Klub waren noch der joviale und liebenswürdige Fritz Regensberg, ehemaliger preußischer Artillerieoffizier, der eine Reihe interessanter Schilderungen über die Feldzüge von 1806 und 1870, an denen er teilgenommen, geschrieben hat, und Wilhelm Lauser, damals Redakteur von »Ueber Land und Meer«, der mir die Schmerzen anvertraute, die ihm junge und anmaßende Chefs bereiteten. Er kam später an die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung«. Adolf Müller-Palm, der Chef des damals sich als »unparteiisch« gerierenden Stuttgarter »Neuen Tagblatt«, unterhielt uns viel mit Koulissengeschichten aus der höheren Stuttgarter Spießbürgergesellschaft. Oftmals saß ich auch neben dem Philosophen Eduard Zeller, der damals schon in den Neunzigen war; er war für eine »Exzellenz« von sehr bescheidenem Benehmen und bildete sich nicht einmal etwas darauf ein, daß er in Berlin schon bei Lebzeiten »ausgehauen« war.3 Er zitierte einmal scherzend den Witz vom Fallerslebener Hoffmann:



»Mach dich verdient ums Vaterland,
So wirst du ausgehau'n.«

Auch der »literarische General« Albert von Pfister kam mir sehr freundlich entgegen. Er war zwar ein streng konservativer Mann, aber von starkem Gerechtigkeitssinn, den er in seinen historischen Werken auch gegenüber den Achtundvierzigern betätigt hat. Als einmal im literarischen Klub es getadelt wurde, daß der alte Liebknecht bei[216]  einem Kaiserhoch im Reichstag sitzen geblieben, sagte der General: »Ich bin konservativ und bin ein Gegner des allgemeinen Wahlrechts. Aber solange es besteht; kann ein Abgeordneter in dem auf Grund dieser Institution gewählten Reichstag seiner Gesinnung Ausdruck geben, wie er will.« Wir beiden Historiker plauderten gerne zusammen und als ich ihn kurz vor seinem Tode noch einmal im Walde bei Buoch traf, wo er seinen schönen Landsitz hatte, schlug er mir vor, mit ihm eine Fahrt zur Weinlese in den Taubergrund zu machen und dort die historischen Plätze aufzusuchen. Leider konnte dieser Plan nicht mehr ausgeführt werden.4
Eine der interessantesten Persönlichkeiten, die in dem literarischen Klub erschienen, war der ehemalige Obersteuerrat und spätere Oberbürgermeister Emil von Rümelin. Wir wurden bald bekannt und es entwickelte sich daraus eine Freundschaft, die zu vielfachem beiderseitigem Familienverkehr führte. Rümelin, ein glänzender Geist und eine gewinnende Erscheinung, hatte in seinen jungen Jahren manche Beiträge für sozialistischen Zeitschriften geliefert; als seine Anschauungen sich einer bestimmten Richtung anpaßten, wurde er Staatssozialist, wozu wohl sein häufiger Umgang mit dem Sozialökonomen und ehemaligen österreichischen Handelsminister Albert Schäffle beitrug. Rümelin veröffentlichte kurz bevor er zum Oberbürgermeister gewählt wurde, eine Schrift, in der er sich offen zum Staatssozialismus bekannte. Er bekannte sich als Gegner der Privatproduktion. Aber, sagte er, der Begriff der Gesellschaft, an welche die Sozialdemokratie die Produktionsmittel überzuführen gedenke, sei etwas Unbestimmtes. Nebelhaftes; die Produktionsmittel müßten in entsprechender Gliederung an die schon vorhandenen festen Organisationen, an die Gemeinde, den Kreis und den Staat übergehen. Wir stritten uns oft über diese Fragen herum und wenn man auch die Ansichten des geistvollen Mannes nicht teilte, so brachte die Unterhaltung mit ihm doch stets reichen Gewinn. Es war für die Stadt Stuttgart ein Unglück, daß dieser Mann, dem eine großzügige Kommunalpolitik vorschwebte, so früh durch den Tod abberufen wurde.
Gegen Rümelin war nach seiner Wahl vom Stuttgarter Spießbürgertum und der Muckerschaft eine wütende Hetze betrieben worden, um die Bestätigung der Wahl zu verhindern; der Sohn eines »angesehenen« Bürgers war sogar zu Schmidt-Weißenfels gekommen, um diesen für Geld zur Abfassung einer Skandalbroschüre zu gewinnen. Schmidt-Weißenfels warf diesen Kerl einfach hinaus. Die Bestätigung erfolgte und es war ergötzlich anzusehen, wie die Hetzer sich nunmehr vor dem Oberbürgermeister duckten. Rümelin war zu vornehm, eine Rache zu nehmen.
Rümelin machte mich auch mit Schäffle bekannt, dessen lange Gestalt im schwarzen Rock gespensterhaft in den Lokalen auftauchte,[217]  wo es gutes Pilsener Bier gab. Die Exzellenz, deren Broschüre: »Die Quintessenz des Sozialismus« eine Zeitlang auf Grund des Sozialistengesetzes verboten gewesen,5 hatte sich von dem Verdacht, heimlicher Sozialdemokrat zu sein, durch eine andere Broschüre zu reinigen gesucht, welche »Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie« betitelt und ein ziemlich schwaches Machwerk war. Der bekannte Dramatiker Hermann Bahr schrieb eine Widerlegung, betitelt: »Die Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle«. Ein gehässiger Gegner der Sozialdemokratie war Schäffle nicht.
Rümelin erzählte, daß er in Baden-Baden häufig mit dem Reichskanzler Chlodwig von Hohenlohe zusammengewesen. Dieser habe ihm gesagt: »Ich bin kein Staatsmann wie Bismarck und habe wenig Initiative, aber ich habe manches verhütet, was hätte schlimm werden können.«
Weiter verkehrten da Müller-Rastatt, ein geistvoller, junger Mann mit seiner liebenswürdigen Gattin, der schon genannte Dr. Ludwig Holthof und Wolfgang Ferdinand Meyer, später Intendant des Dresdner Hoftheaters, der damals Redakteur bei »Ueber Land und Meer« war; Theodor Souchay von Cannstatt, der mit Freiligrath befreundet gewesen, und Johannes von Wildenrath, der demokratische Dichter von Pforzheim, kamen öfter als Gäste. Wildenrath hat einen großen Roman »Der Zöllner von Klausen« geschrieben, dessen Held der geniale Michael Geismayer, Führer der Tiroler Bauern im, Aufstand von 1525, ist; Wildenrath hat aber weder die große Bewegung, noch die bedeutende Persönlichkeit in ihrem Wesen erfaßt. Als Gast war auch der durch Weltrichs Buch bekannte Naturdichter Christian Wagner aus Warmbronn da; die Damen des Klubs erlaubten sich mit dem drolligen Alten mancherlei Scherze.
Das gesamte Leben des Klubs spielte sich in harmloser Gemütlichkeit ab, die nur dann beeinträchtigt wurde, wenn verkannte Dichter ihre Produkte vorlasen.
Außerhalb des Klubs kam ich mit anderen literarischen Persönlichkeiten in Berührung, so mit Johann Georg Fischer, der im Jahre 1848 sich zu dem schönen Gedicht aufgeschwungen: »Nur einen Mann aus Millionen«:


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»Der wie ein Blitz durch alle Grade
Empor sich zum Diktator schwingt
Und die Rebellen6 ohne Gnade
Ins starre Joch der Einheit zwingt.«

Aber der Diktator kam nicht.[218] 
Fischer hielt viele Schiller-Festreden. Als er die dreizehnte gehalten, dichtete ein boshafter Schwabe den boshaften Pentameter:

»J. G. Fischer, hör auf, oder, Fischer, i geh!«

Auch ein gewisser Beyer erschien in der Stuttgarter literarischen Welt, der eifrig und etwas zudringlich Rückert-Forschungen betrieb. Als er sich gegenüber einem Sohne Rückerts mit seinen Forschungen rühmte, antwortete dieser: »Ja, ja, ich weiß, Sie sind die Blattlaus auf dem Lorbeerkranze meines Vaters.«
Auch mit dem alten Otto Müller, dem Verfasser eines einst sehr beliebten Romans, dessen Heldin die Schauspielerin Charlotte Ackermann war, traf ich öfter zusammen. Ein würdiger alter Herr mit etwas verstaubten Anschauungen, aber sehr unterhaltend. Er war sehr befreundet mit Wilhelm Raabe, der in den sechziger Jahren hier verweilt und seinen »Abu Telfan« hier geschrieben hatte. Es waren auch noch einige andere Leute da, die an der Tafelrunde teilgenommen, wo Raabe verkehrte. Sie trugen mir Grüße an Raabe auf, mit dem ich als Reichstagsabgeordneter in Braunschweig zusammenzutreffen des öfteren Gelegenheit hatte. Er kam jeden Abend Punkt halb zehn in die Weinstube von Herbst auf der Friedrich-Wilhelmstraße in Braunschweig, setzte sich an den Stammtisch, über dem sein großes bekränztes Bild hing, trank seinen Schoppen und ging Punkt halb eins nach Hause, wo er nachts noch arbeitete und erst gegen Morgen zu Bette ging. Bei Herbst haben wir manchen guten Abend verplaudert. Raabe saß sehr oft allein, da er in Braunschweig wenig ihm zusagende Gesellschaft fand. Auch gab es dort eine »goldene Jugend«, die glaubte, ihren Spaß mit ihm treiben zu können. Ich war selbst Zeuge, wie einige dieser »feingebildeten« Jünglinge laut riefen: »Da sitzt er ja, der Hungerpastor!« Das focht ihn wenig an. Er hatte ein kindliches Gemüt und einen großen Respekt vor allem »Gewordenen«, wie er die historischen Erscheinungen bezeichnete. Als ein Gespenst erschien ihm die Gefahr der Uebervölkerung. Als ich einst, nachdem ich lange mit ihm darüber disputiert, wegging, rief er mir mit schallender Stimme nach: »Es wird zuviel gezeugt!«, so daß alle Gäste herumfuhren und ein Gelächter aufschlugen.
Fast alle diese Geister sind abgeschieden und durchschweben als Schatten die Gefilde meiner Erinnerung. Aber zu den Lebenden zählt heute noch mein teurer Freund Ernst Ziel, der lange Jahre in Cannstatt zugebracht hat. In der schwäbischen literarischen Welt lernte ich den demokratischen Dichter kennen, den seine schriftstellerische Laufbahn aus seiner mecklenburgischen Heimat über die »Gartenlaube« in Leipzig nach dem deutschen Süden geführt hat und der nunmehr wieder an den Ufern der Spree haust. Seine formschönen und farbenprächtigen Dichtungen haften tief in den Herzen derjenigen, die auch in der Zeit des furchtbarsten aller Kriege die Hoffnung auf eine Zeit des Friedens und der Freiheit noch nicht verloren haben. Der edlen Würdigung, welche Ziel, bürgerlichen[219]  Vorurteilen trotzend, unserem Parteigenossen Dulk angedeihen ließ, habe ich schon Erwähnung getan. Ludwig Pfau und Ernst Ziel waren politisch und poetisch gleichgestimmte Seelen. Aber Pfau tummelte sich gerne unter den rauhen Kämpfern auf den politischen Schlachtfeldern, während Ziel sich lieber aus dem Kampfgetümmel der so schroff in ihre Klassen zerklüfteten bürgerlichen Gesellschaft durch »das Morgentor des Schönen« in den selbstgeschaffenen immer blühenden Garten seiner Phantasie zurückzieht. Dort erbaut er sich mit den schön behauenen, zierlichen Quadern seiner Gedanken ein prächtiges Wolkenschloß, »ein zauberhaft Gebäu«.

Aus seinen »Gedanken an der Schwelle des Jahrhundert« seien einige zitiert, die für uns Sozialisten ein besonderes Interesse haben:
»Ihr klagt über die Entsittlichung der Massen? Fördert die Gleichheit der Existenzbedingungen – und Ihr werdet Wind bringen in die Segel der öffentlichen Sittlichkeit!«

* * *

Die Sozialdemokratie ist der Schatten, den die oberen Zehntausend werfen.

* * *

Das feudale Fron- und das moderne Lohnsystem sind immer noch ein aktueller Reim.

* * *

Das Raubrittertum besteht noch heute – Lohn ohne Arbeit ist Beute.[220] 
Fußnoten

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1 Die Erklärung in Uhlands bekanntem Gedicht: »Die Schlacht in Reutlingen«: »Ach Allm –«, stöhnt einst ein Ritter: »ihn traf des Mörders Stoß – »Allmächtiger« wollt' er rufen – man hieß davon das Schloß –« ist natürlich poetisch. In Wahrheit ist die Erklärung sehr einfach: die Burg war ursprünglich eine Alm, drunten fließt die Ach, also die Alm an der Ach, die Achalm!

2 Siehe Band 1, Seite 37 ff.

3 Seine Büste auf dem Denkmal der Kaiserin Viktoria am »Marmorsteinbruch« vor dem Brandenburger Tor zu Berlin.

4 Er war ein großer Verehrer von Heinrich Heine und hatte nach dessen bekanntem Gedicht seinen Landsitz »Bimini« getauft.

5 Höchberg ließ 10000 Exemplare dieser Broschüre drucken und gratis verteilen.

6 Die der Reichsverfassung von 1849 feindlich gesinnten Fürsten.




Die Wendung










Inzwischen ging das Sozialistengesetz seinem Ende entgegen, nachdem es das ganze politische Leben Deutschlands vergiftet. Noch machte ein preußischer Staatsanwalt in anerkennenswerter Strebsamkeit den Versuch, durch eine kühne Auslegung der Geheimbundsparagraphen des Strafgesetzbuches und mit Hilfe von Lockspitzeln alle bekannten Persönlichkeiten der Sozialdemokratie mit einem Schlag hinter Schloß und Riegel zu befördern. Allein das tolle Unternehmen mißlang kläglich und die Regierung holte sich in dem großen Elberfelder Sozialistenprozeß eine eklatante Niederlage. Bismarcks Stern begann zu erbleichen; die Wirkungen seiner Mißerfolge mit dem Kulturkampf und mit dem Sozialistengesetz machten sich nunmehr geltend. Sein Sturz bereitete sich langsam vor. Durch eine geschickte Intrige Miquels, der, wie es scheint, Bismarcks Nachfolger zu werden hoffte, wurde das Sozialistengesetz, als es wieder verlängert werden sollte, so gemildert, daß Bismarck mit diesem »verstümmelten« Instrument nichts mehr anfangen zu können glaubte. Die Verlängerung des Gesetzes ward nun, da die Konservativen den Standpunkt Bismarcks teilten, die Nationalliberalen aber das Gesetz nur ohne den »kleinen Belagerungszustand« dauernd machen wollten, wie es Bismarck wünschte, vom Reichstag abgelehnt.
Wilhelm II. glaubte nun die sichtbar anschwellende sozialistische Bewegung durch einige Konzessionen abzuschwächen. Er gab die bekannten Erlasse hinaus und berief eine internationale Arbeiterschutzkonferenz nach Berlin. Aber die am 20. Februar 1890 stattfindenden Reichstagswahlen brachten einen gewaltigen Erfolg der Sozialdemokratie; sie erhielt 1,427,300 Stimmen. Mit 35 Abgeordneten zogen wir in den Reichstag ein; ich hatte mein Braunschweiger Mandat zurückerobert. Das Kartell mit der reaktionären »Hurramajorität« war gesprengt.
Bismarck war rasend. Diese Wendung war all seinen Traditionen und Empfindungen entgegen. Die neue Sozialpolitik bot zwar mehr Worte als Inhalt, aber Bismarck wollte nun die Sozialdemokratie mit Gewalt niederwerfen. Was er plante, bezeugt Wilhelm II. in dem langen Brief, den er am 3. April 1890 an Franz Joseph schrieb. Den neuen Reichstag wollte Bismarck womöglich sprengen. Er schlug vor, dem Reichstag ein verschärftes Sozialistengesetz vorzulegen. Dies würde abgelehnt werden. Dann müsse man den Reichstag auflösen. Die allgemeine Aufregung würde zu Putschen führen und da könne man »tüchtig dazwischen schießen und Kanonen und Gewehre spielen lassen«.[223] 
Dieser verbrecherische Anschlag fand keinen Anklang bei den Führern der Kartellparteien, die vom Kaiser um Rat befragt wurden. Darauf lehnte auch Wilhelm II. das Ansinnen des alten »Blut- und Eisen-Mannes« ab und so erfolgte dessen Sturz.

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Mit dem Sozialistengesetz hatte er die Sozialdemokratie niederwerfen wollen; über das Sozialistengesetz strauchelte und fiel er nunmehr selbst.
Man kann sich denken, wie wir aufatmeten nach dem zwölfjährigen furchtbaren Druck, der auf uns gelastet.
Ein neuer Aufstieg der Sozialdemokratie begann. Wohin er führte, soll im dritten und letzten Bande gezeigt werden.
Das sogenannte Heldenzeitalter der Sozialdemokratie war vorüber. Wie die Geschichte den Abschnitt ihrer Entwicklung von 1890 bis zur Revolution von 1918 betiteln wird, das steht noch aus.[224] 



Wilhelm Blos
Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten













1. Band

Geleitsbrief
Vorwort
Kindheit und Schule
Kaufmännisches Intermezzo
Die »Schnellbleiche«
Die Hochschule
Zöllner und Sünder
Journalistenfahrt am Bodensee
Der Schwarzwälder Bote
Würzburger Tage
Die Sozialdemokratie zu Nürnberg
Im neuen Reich
Braunschweiger Tage
Der Volksstaat
Sozialistenfahrt am Rhein und Main
Im alten Hamburg
Der Reichstag
Das Sozialistengesetz
Anhang



2. Band

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Vorwort
In Acht und Bann
Im alten Bremen
Neue Kämpfe
Das Norddeutsche Wochenblatt
Der Kopenhagener Kongreß
Im Schwabenland
Sozialreform, Spitzel und Anarchisten
Im Kampf mit der Reaktion
Der Dampfer-Subventionsstreit
Reichstagsauflösung und Faschingswahl
Die Parteitag in St. Gallen
Cannstatter Tage
Die Achtundvierziger
Aus dem literarischen Schwaben
Die Wendung



Abbildungen



