
I. Horzitz.










[12] Geboren bin ich zu Horzitz, einem kleinen Landstädtchen zwischen Königgrätz und Trautenau, nicht gar weit von der Sprachgrenze; mein Geburtsort gehört zum tschechischen Gebiete, doch war es in meiner Kindheit noch ganz selbstverständlich, daß die Honoratioren des Städtchens entweder Deutsche waren oder doch mit einigem Stolze etwas deutsch redeten. Zu den deutschen Honoratioren gehörten (damals noch selbstverständlich) die jüdischen Besitzer der kleinen mechanischen Webereien. So ein Fabrikbesitzer war auch mein Vater. Horzitz ist jetzt bekannter geworden durch die Tatsache, daß es am Tage nach der Schlacht von Königgrätz das preußische Hauptquartier war. Für uns Kinder war Sadowa einer der nächsten Ausflugsorte, Königgrätz die nächste große Stadt. Als diese Namen historische Berühmtheit erlangten, lebte ich längst nicht mehr in Horzitz.
In Horzitz übernachteten der König und Bismarck nach der Schlacht, der König feldmäßig auf einem Sofa im Rathause, Bismarck in dem Hause unseres Arztes, das neben dem unsern lag. Von Horzitz sind die ersten Briefe über die Schlacht datiert, die beide Männer an ihre Frauen schrieben. Es ist bezeichnend für die Volksphantasie, daß über den Aufenthalt des Königs sich nicht so viele Legenden bildeten wie über den des Grafen Bismarck. Wahr ist, daß auch Bismarck zunächst[12]  kein anständiges Bett vorfand, bis der Herzog von Mecklenburg ihm eins verschaffte; viel später warf der Fürst seinem »Büschchen« fast heftig vor, dieser hätte eine solche Wohltat auf das Konto des ihm feindlichen Prinzen Karl geschrieben. In seinen Gedanken und Erinnerungen macht der Fürst dem Generalstabe, also Moltke, leise den philologischen Vorwurf, er habe den Namen des Städtchens »Horritz« geschrieben (wohl ein Druckfehler für Hořitz), gesprochen werde »Horsitz«; was wieder nicht ganz richtig ist. Ich schreibe so, wie der Name von Deutschböhmen geschrieben wird; ausgesprochen wird ungefähr »Horschitz«.
Nach der Monographie Jähns' (»Die Schlacht von Königgrätz«) besaß Horzitz im Jahre 1866 drei- bis viertausend Einwohner, von denen am Tage der Schlacht die allermeisten entflohen gewesen wären. Beides wird nicht ganz stimmen. Die Stadt hatte über fünftausend Einwohner und nur die Wohlhabenden dürften die Flucht ergriffen haben; natürlich vor allem die Hausbesitzer, deren Abwesenheit den Preußen, als sie die Soldaten und dann die Verwundeten unterbringen wollten, zunächst unbequem auffallen mußte.
Ich war noch nicht ganz sechs Jahre alt, als wir Horzitz verließen. Ort und Gegend ist mir aber ganz gegenwärtig geblieben, weil wir noch viele Jahre lang unsere Schulferien dort verlebten, also mit völliger Freiheit in der Landschaft umherzustreifen. In zwei oder drei Sommern waren wir mit den Eltern da, nachher fielen wir einem Onkel zur Last, der sich denn auch später einmal die lärmenden Neffen durch einen Gewaltstreich vom Halse schaffte: unterhalb des Gotthardsberges, auf dem jetzt das ernste Denkmal für die gefallenen Preußen steht, hauste zum Schrecken der[13]  Einwohner ein Räuber, dessen gutmütige Art an Raabes »Horacker« erinnern mochte; der Onkel aber machte sich die Schauergerüchte zunutze, packte uns zusammen und schickte uns eines Tages nach Prag, mit der Begründung, wir wären in Horzitz unseres Lebens nicht sicher. Viel Geldwert wäre bei uns Knaben nicht zu holen gewesen.

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Das Städtchen liegt genau so da wie andere Landstädte Böhmens. Ein sehr großer, viereckiger Marktplatz, »Ring« genannt, ist mehr die Stadt selbst als bloß der Mittelpunkt. Vom Ringe aus einige schlechte Gäßchen, von denen die beiden längsten sich gegen Süden und gegen Norden erstrecken; die gegen Süden in der Richtung nach Königgrätz bis zur »untern Kapelle«; die andere gegen das Riesengebirge zu bis zur »obern Kapelle«. Auf dem weiten Platze verloren eine Mariensäule und ein Röhrbrunnen. Die untere Hälfte des Rings von Bogengängen umgeben, den sogenannten »Lauben«, in denen es bei den Wochenmärkten und besonders bei den Jahrmärkten geschäftig genug zuging. Den Häusern der obern Hälfte, die offenbar neuern Ursprungs waren, fehlten die Lauben. Das Haus meines Vaters, das er in meinem zweiten Lebensjahre erbaut hatte, stand da auf der obern Hälfte des Rings und dünkte uns Kindern überaus vornehm, weil rechts und links vom Toreingang je ein Pilaster stand mit steinernen Eulen. Als ich das Haus in meinem vierzigsten Jahre nach langer Entfremdung wiedersah, kam es mir nicht mehr so gewaltig vor; merkwürdig, sogar die Bäume des Gartens, die doch recht viel größer geworden sein mußten, kamen mir jetzt kleiner vor. Von den Dachfenstern des Elternhauses war die Schneekoppe zu sehen; ich war elf Jahre alt, als ich sie zum ersten Male erstieg.[14] 
Ich habe vergessen zu sagen, daß es in Horzitz auch ein Schloß gab; es war ein unschöner mächtiger Bau, in welchem die Staatsbeamten sich eingerichtet hatten. Hinter dem Schlosse wuchsen in meiner Kinderzeit die ersten Fabriken empor, auch die meines Vaters.
Wollte man von Horzitz nach Prag fahren, so konnte man in meiner frühesten Jugend erst von Pardubitz an die Eisenbahn benützen. Als ich aber im Sommer des Jahres 1867 wieder in meiner Heimat war, da ging die Bahn schon bis Königgrätz, von wo eine schwerfällige, einspännige Britschka in zwei Stunden auf der Kaiserstraße quer über das Schlachtfeld, direkt über Lipa und Sadowa, hart an Chlum vorbei, mich nach Horzitz brachte. Der Eindruck war an diesem friedlichen schönen Augusttage noch traurig genug. Zwar die zerstörten Häuser und Hütten waren wieder aufgebaut und die Kanonenkugeln in den Mauern des Wirtshauses von Sadowa, das jetzt die deutsche Inschrift »Zum Schlachtfelde« trug, sahen nach Reklame aus. Aber rechts und links von der Straße standen Grabsteine; hier waren Offiziere gefallen und an Ort und Stelle begraben worden; bei dem achtzigsten Grabstein hörte ich zu zählen auf. Noch furchtbarer schienen mir die Massengräber der preußischen und österreichischen Soldaten, die in den schnittbereiten Kornfeldern überall deutlich zu erkennen waren, weil die Bauern dort nicht gepflügt und nicht gesät hatten. Von Lipa aus besuchte ich die niedere Höhe von Chlum, wo nichts mehr an die blutigen Stunden der Entscheidung erinnerte, und über Langenhof hinaus die hügeligen Wiesen, wo die »schöne« Reiterschlacht stattgefunden hatte, über welche Jähns den bedenklichen Satz zu schreiben gewagt hat: »Wahrlich ein Schauspiel auch eines Königs in vollem Maße wert!«[15] 


Der Kutscher erzählte wilde Geschichten von der Schlacht. Die Legendenbildung war nicht müßig gewesen. Die Flügel einer Windmühle hätten dem Feldzeugmeister Nachricht von den Bewegungen der Preußen gegeben. »Aber ein dummer Kerl war Benedek doch. Er hätte die beiden großen Linden drüben bei Horenowes abhauen sollen. Dann hätte der Kronprinz nicht den Weg von Königinhof hergefunden.« (Bekanntlich marschierte die schlesische Armee wirklich stundenlang auf diese weithin sichtbaren Linden zu; daß es aber auch etwas wie Landkarten gäbe, das wollte der Kutscher nicht glauben.)
In Horzitz selbst wurde mir in aufgeregter Weise viel über die Tage vom zweiten bis fünften Juli des vergangenen Jahres erzählt, Wahres und Falsches durcheinander; aber auch nicht ein einziger Zug von Roheit oder Disziplinlosigkeit der Preußen. Als die schlimmste Tat wurde berichtet, daß sie an der Bistritz zu irgendeinem Zwecke, ich glaube zum Ausbessern der Brücke, Scheunentore ausgehoben hätten. Gegen 20000 Mann waren in Horzitz untergebracht; und dann waren alle besseren Häuser zu Spitälern umgewandelt worden. Allgemein wurde gerühmt, daß die österreichischen Verwundeten ebensogut verpflegt wurden wie die preußischen. Ich habe schon angedeutet, daß das Interesse wie der Haß fast ausschließlich dem Grafen Bismarck galten. Er wäre auf dem Hofe des Doktorhauses »beinahe« in eine Mistgrube gefallen und hätte »beinahe« den Hals gebrochen; kein Kind in Horzitz, das nicht Lust gehabt hätte sich dieses »Beinahe« zu rühmen. Als ich im Jahre 1875 abermals nach Horzitz kam, zur Beerdigung meines Großvaters, vernahm ich nichts mehr über die Schlacht von Königgrätz.[16] 



II. Prag.










[17] Mein Vater, im Verkehr mit Frau und Kindern ein stiller Mann, für sich selbst vielleicht nur etwas zu selbstgerecht und stolz, für seine Kinder in seiner Weise ehrgeizig, war im Jahre 1855 – ich war noch nicht sechs Jahre alt – nach Prag übersiedelt, um dort den fünf Knaben einen besseren Schulunterricht bieten zu können. Mein Vater mochte wenige Schulkenntnisse haben und hatte auch darum gewiß keine deutliche Vorstellung davon, was diesen Knaben zu lernen etwa dienlich sein könnte. Wir waren alle fünf zu Kaufleuten bestimmt. Als ich nach Prag kam, hatte ich bereits bei meiner guten Mutter lesen gelernt. Sie zeigte mir in der Gartenlaube, auf die wir abonniert waren, die großen und dann die kleinen Buchstaben der Überschriften und ich brachte es sehr bald dazu, mir ganze Worte und Sätze zu deuten. In Prag war das erste für mich, daß ich die Straßentafeln, Geschäftsfirmen und Wirtshausschilder, die damals noch fast ohne Ausnahme deutsch waren, als geeignete Lesebücher entdeckte. Auf einem Spaziergang wurde zur Freude meiner Mutter festgestellt, daß ich lesen konnte, und daß ich es fast allein erlernt hatte. Das war der Anfang meiner kurzen Wunderkindschaft. Von den Geschwistern erntete ich, nach der schmerzhaften aber gesunden Sitte unseres Hauses, nur Spott. Ich hatte einmal, als[17]  wir am Waisenhause vorüberkamen, altklug zu meinem jüngeren Bruder gesagt: »Wenn du auch lesen könntest, würdest du wissen, daß hier das Wirtshaus zum weißen Hans ist.« Das Gelächter, das übrigens noch nach Monaten nicht ganz aufhörte, war meine erste philologische Lektion: über den Unterschied von u und n. Das Gelächter änderte nichts an der Bedeutung des Erlebnisses; ich konnte lesen, darum sollte ich so schnell wie möglich in die Schule. Dumm, aber logisch.
Der Vater hatte vom Lande mit der ganzen Familie auch unsern Hofmeister mitgebracht, Herrn Fröhlich, einen tüchtigen, braven und fleißigen Mann, dem meine Wißbegierde bald gründliche Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen verdanken sollte. Herr Fröhlich, der in Horzitz nur die älteren Brüder für die vorgeschriebenen Prüfungen unterrichtet hatte, machte jetzt aus zwei Zimmern unserer Prager Wohnung eine richtige Schule; wir fünf Knaben, dazu unsere einzige Schwester, ferner ein Vetter und zwei Kusinen namens Sobotka (die jüngste von ihnen ist Frau Auguste Hauschner), wurden so ungefähr in sechs Klassen eingeteilt, in welche von dem unermüdlichen Lehrer von früh bis abend hineingepaukt und hineingeprügelt wurde, was irgend hineinging. Über Methode und Unterrichtsziel unseres Hofmeisters kann ich natürlich heute nicht mehr urteilen. Ich darf nicht verschweigen, daß irgendein Einfluß auf die Persönlichkeiten seiner Schüler und Schülerinnen durchaus fehlte; niemals haben wir von ihm ein Wort vernommen, das für das Leben, für den Charakter hätte bildend wirken können; er war kein Erzieher. War bei seiner Gewissenhaftigkeit auch wohl so müde, wie es sonst nur ein Volksschullehrer in einer Klasse von sechzig Schülern sein kann. Dazu kam[18]  – wie schon leise erwähnt – seine Härte bei körperlichen Strafen, die übrigens vom Vater immer gebilligt wurde, da dessen Erziehungsprinzip ebenfalls auf der Prügelstrafe beruhte. Trotzdem habe ich die beste Erinnerung an die Zeit dieses überhasteten und nüchternen Unterrichts. Wenn ich es heute recht bedenke, so hatte Herr Fröhlich den Auftrag und also die Pflicht, uns möglichst rasch für die Prüfungen irgendeiner öffentlichen Schule vorzubereiten. Da die meisten von uns aufgeweckte Kinder waren, etwa die Hälfte von uns sogar ungewöhnlich begabt, so tat die kleine Presse ihre Schuldigkeit. Meine ältesten Brüder gingen immer elegant durch die Prüfungen.

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Ich kann nicht sagen, welche Erfolge unser Hofmeister mit mir hätte erzielen können. Denn schon etwa zwei Jahre nach unserer Übersiedelung verließ er uns, um eine höhere Mädchenschule zu leiten, die seine Schwester gegründet hatte. Unsere jungen Damen nahm er natürlich mit in die neue Anstalt. Wir Knaben wurden dahin und dorthin verstreut. Wer seine Prüfungen abgelegt hatte, der war gut daran; er trat eben in die nächst höhere Klasse einer öffentlichen Schule ein. Mir aber geschah damals etwas, woran ich noch heute, nach siebenundfünfzig Jahren, nicht anders als mit äußerster Erbitterung denken kann, ein Unrecht, das von keinem Lebenserfolge gesühnt werden kann. Ich schwanke nicht, es ein schweres, ruchloses Verbrechen zu nennen. Ich war reif fürs Gymnasium und mußte noch drei Jahre auf einer widerwärtigen Klippschule wiederkäuen, was ich bei Herrn Fröhlich gelernt hatte. Als ich die Geschichte dieses Verbrechens vor einigen Jahren einer Exzellenz vom Unterrichtsressort erzählte, konnte der hochmögende Herr die Sache gar nicht so[19]  tragisch finden. Die Schulen seien für die Mittelmäßigkeit eingerichtet und das müsse so bleiben.
Ich hatte wirklich bei unserm Hofmeister binnen zwei Jahren genug gelernt, um in allen den kleinen positiven Kenntnissen die neun- und zehnjährigen Knaben zu übertreffen, die bereits in das heißersehnte Gymnasium eintreten durften. Und das Gymnasium sollte ich ja besuchen, zum eigenen Staunen der Eltern, weil der Hausarzt mich für ein Wunderkind erklärt hatte; und ein Wunderkind hieß ich, weil ich im Kopfrechnen stark war, weil ich Gedichte auswendig lernte, leicht und zu meinem Vergnügen.[20] 



III. Die Klippschule.










[21] Man muß es mir schon glauben, daß ich damals bereits reif für das Gymnasium war, und nicht erst drei Jahre später. Vielleicht fehlte im Lehrplan unseres Hofmeisters die eine oder die andere Kleinigkeit, die just in jenen Zeitläuften bei der Aufnahmeprüfung für das Gymnasium verlangt wurde; aber diese Lücken hätte ich sicherlich binnen wenigen Wochen oder Monaten ausfüllen können. So zum Beispiel waren meine Kenntnisse in der tschechischen Sprache wahrscheinlich sehr mangelhaft. Ich mochte bis etwa zum vierten Lebensjahre tschechisch und deutsch gleich gut oder gleich schlecht geplappert haben; tschechisch gar noch etwas früher, weil in Böhmen (d.h. in den gemischten Bezirken des Landes) tschechisch als die gottgewollte Ammensprache angesehen wurde. Seitdem ich aber am Elterntische essen durfte, ging die Übung im Tschechischsprechen langsam verloren; und tschechisch richtig zu schreiben habe ich eigentlich niemals gelernt. Nun war aber tschechisch von Gesetzes wegen die zweite Landessprache geworden und von den armen Schulkindern wurde etwas tschechische Orthographie und etwas tschechische Grammatik verlangt. Wirklich nur ein wenig Sand in die Augen. Wie gesagt, binnen wenigen Wochen hätte ich das Verlangte nachholen[21]  können. Ich aber wurde nach tagelangem Schwanken in die zweite Klasse einer vierklassigen Privatschule gesteckt und erst drei Jahre später auf das Gymnasium entlassen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jetzt und später bei Erwähnung dieser einfachen Tatsache lebhaft oder gar pathetisch wie ein öffentlicher Ankläger werden sollte. Ich werde immer noch nicht heftig genug anklagen. Wie unser Strafrecht so ist unser ganzes Rechtsgefühl zu materialistisch; ernstliche Angriffe gegen das Geistesleben werden kaum so hart verurteilt wie Einbrüche, die dem Geldschrank gelten; der Erpresser, der der schlimmere ist, wird nicht so streng bestraft wie der Räuber.
Es ist mir gar nicht zweifelhaft, wer für dieses Verbrechen an einem Kinde verantwortlich war. Meine Eltern fügten sich, weil man ihnen sagte, ich wäre schwächlich und müßte im Lernen zurückgehalten werden. Als ob dem wißbegierigen und phantasievollen Knaben nicht anhaltende Arbeit gesünder gewesen wäre, als das fünfzehnjährige Lungern, das dann folgte. Die Sache wurde offenbar zwischen unserem Hofmeister und dem abscheulichen Direktor jener Privatschule abgemacht. Damit dieser Direktor drei Jahre lang ohne jeden Sinn das Schulgeld für mich bekam, darum wurde ich der Gefahr ausgesetzt, an Leib und Seele zu verkommen. Und da habe ich noch nicht einmal hervorgehoben, daß diese Privatschule nur von jüdischen Knaben besucht wurde, daß der Direktor oder der Besitzer ein völlig unkultivierter ungarischer Jude war; vielleicht war es nach dem damaligen Stande der österreichischen Gesetzgebung nicht möglich, das Kind religionsloser, aber jüdischer Eltern anders als in einem solchen Pferche unterzubringen. Ich kann auch heute[22]  noch über die Marter nicht lachen, die ich damals zu erleiden glaubte; die ich also erlitten habe.
Nur selten haben Erwachsene ein Verständnis für die ernsten Qualen einer Kinderseele. Ich fühlte es damals noch lebhafter, als ich es heute nachfühle, daß mir ein Unrecht zugefügt wurde: daß ich unter einen Haufen von Schülern versetzt worden war, deren Lehrer ich hätte sein können; daß meine Lehrer tief unter dem Kulturniveau meines einfachen Elternhauses standen. Vielleicht nicht das Gesetz, jedenfalls aber die Praxis machte es unmöglich, auch auf Grund der ungewöhnlichsten Leistungen eine Schulklasse zu überspringen. So war ich verurteilt, die drei Jahre, um welche man mich bestohlen hatte, niemals wieder einbringen zu können. Immer blieb ich zu alt für den aufgezwungenen Studienplan, zwiefach zu alt: durch meine Jahre und durch meine Altklugheit.

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Ich möchte nun bei keinem Leser in den Verdacht kommen, als beklagte ich mich über die gestohlenen drei Jahre deshalb, weil ich sonst zu siebzehn Jahren meine Maturitätsprüfung, zu einundzwanzig Jahren meinen Doktor gemacht hätte und ... es ist ja nicht auszudenken, was aus mir dann noch alles Ordentliche hätte werden können. So ist meine Klage wirklich nicht gemeint. Ich wäre auch dann ein freier Schriftsteller geworden, wenn ich zur richtigen Zeit so viel wie möglich gelernt hätte. Die Folgen des Unrechts, des Diebstahls von drei Jahren, die Folgen, die ich zu beklagen habe, sind ganz anderer Art. Ich hatte nichts, aber auch gar nichts zu lernen, um jahrelang immer der Erste unter meinen Schulkameraden zu sein; so gewöhnte ich mich an Faulheit und an Überhebung und blieb faul und überheblich, für die Schule wenigstens, auch dann noch,[23]  als in den höheren Gymnasialklassen und auf der Universität Fleiß und Bescheidenheit nützlicher gewesen wären. Ich könnte noch mancherlei über die Folgen der Faulheit, der frühreifen Überhebung und der vollständigen Vereinsamung erzählen. Aber ich möchte nicht moralisieren. »Tetem« könnten mir die Menschen antworten, die Vischers »Auch einer« gelesen haben und darum lieben.
Daß die seelischen Nachteile der widerrechtlichen Einpferchung in jene Klippschule sich aber erst später einstellten und nicht auf jener Schule selbst, das lag an einigen gutartigen Lehrern und wieder an meiner damals noch nicht überwundenen Wunderkindschaft. Daß der Besitzer der Schule ein ekelhafter Geldmacher war, daß einzelne Schulmeister der Nebenfächer recht wurmstichige Persönlichkeiten waren, das kam mir damals nicht zum Bewußtsein und konnte mir darum kaum schaden. Nicht einmal die unsauberen Geschichten, die die Jungen aus dem Internat in die Klassen zu den »Externisten« brachten, machten sonderlichen Eindruck auf mich; ich hielt solche Zustände nicht für möglich und staunte höchstens über die schmutzige Sprache der Berichterstatter. Die Hauptlehrer waren gute und eifrige Menschen. So wurde tüchtig gearbeitet; und gar für die öffentliche Jahresprüfung, welche in Gegenwart des rundlichen Bezirkspfarrers und eines in seinen Kreisen berühmten hageren Rabbiners abgehalten wurde, mußte ein starkes Quantum auswendig gelernt und in sauberen Heften zusammengeschrieben werden. Da wurden die besseren Schüler nach Kräften herangezogen und meine Eitelkeit verhinderte mich, zu dem Gefühle des Müßiggangs zu kommen. Ich wurde bei diesen Prüfungen unaufhörlich vorgeritten, mußte[24]  zu diesem Zwecke das ganze Jahr zugeritten werden, trainiert, so daß seltsamerweise die drei gestohlenen Jahre mit die fleißigsten meines Lebens waren. Was so die Lehrer Fleiß nennen. Es ist nicht zu sagen, was ich damals alles gewußt und gekonnt habe. Es ist ein Wunder, daß das unsinnige Auswendiglernen mich nicht blödsinnig gemacht hat. Ich gebe nur ein Beispiel von dem, was mir zugemutet wurde. Am ersten Tage einer solchen öffentlichen Prüfung waren von uns eine Unzahl Schillerscher Gedichte aufgesagt worden. Kurz vor der Mittagspause äußerte der rundliche Bezirkspfarrer den Wunsch, eines dieser wunderschönen Schillerschen Gedichte auch auf tschechisch deklamiert zu hören. In einer ebenso schönen Übersetzung. Wir seien doch gewiß gute Böhmen? Der Schuldirektor katzbuckelte: er (der ungarische Jude) sei ein sehr guter Böhme. Dann nahm mich dieser Mann beiseite, bedrohte mich mit geballter Faust, wenn ich nicht am Nachmittage, also binnen zwei Stunden, Schillers »Bürgschaft« in der tschechischen Übersetzung auswendig gelernt hätte, die in der Schulbibliothek nicht fehlte. Es gelang mir, den ehrenvollen Auftrag auszuführen. Ich sagte die Übersetzung, deren Wortlaut mir nicht völlig begreiflich war, mit Verstand auf und wurde vom Pfarrer und vom Direktor gelobt und gestreichelt. Ich weiß noch, daß ich am nächsten Morgen nicht mehr imstande war, auch nur den dritten Vers der Übersetzung aus dem Gedächtnisse wiederherzustellen.


Es sind aus so viel Wunderkindern später Dummköpfe und Subalternbeamte geworden, auch schlechte Musikanten, daß ich von dieser Art meiner Begabung gewiß unbefangen reden darf. Natürlich wurde meine Überheblichkeit, deren ich mich schon beschuldigt habe,[25]  durch diese Art des Schulbetriebs sehr verstärkt, wenn nicht erst geweckt. Ich war der Schnittlauch auf allen Suppen. Der Himmel ist mein Zeuge, sogar im Singen (meiner partie honteuse) leistete ich nach dem Urteile der Lehrer Außerordentliches; als einmal ein zweistimmiger Gesang durch meine Schuld umkippte, bekam mein Banknachbar die Ohrfeigen dafür. Ich erinnere mich, daß einmal die Lehrer aus allen Schulstuben zusammengerufen wurden, um eine Karte von Europa anzustaunen, die ich aus dem Gedächtnisse und aus freier Hand mit der Kreide auf die Tafel gemalt hatte; auch das hatte ich früher bei unserm Hofmeister gelernt; und die Kunst, die Fjorde von Norwegen durch einen zitterigen Kreidestrich hübsch naturalistisch anzudeuten. Auf eine Anregung des rundlichen Pfarrers, dem meine Heldentat vom Direktor schnell gemeldet worden war, mußte ich für die nächste Jahresprüfung eine ebenso schöne Karte von Palästina auf die Tafel malen; ich ließ es auch da nicht an Fjorden fehlen und glaube fast, es war schon Übermut dabei. Diese Wunderkindschaft, welche sich außer in einem seltenen Gedächtnisse noch in einer gewissen Begabung für Mathematik, für Sprachen und für Zeichnen kundgab, hielt ungefähr bis zu meinem vierzehnten Lebensjahre an. Dann hat es sich ja wohl gegeben. Aber ich darf nicht unterlassen zu berichten, was die Schulen mit diesen Begabungen anzufangen gewußt haben.
Mein Sinn für alles Mathematische muß wirklich ursprünglich sehr stark gewesen sein; noch in meinem sechzehnten Jahre, auf dem Gymnasium, machte sich unser Mathematikprofessor, ein unwahrscheinlich dicker Piaristenpriester, an heißen Sommertagen mitunter den Spaß oder die Bequemlichkeit, mich statt seiner die[26]  Stunde abhalten zu lassen. Aber ich habe von wissenschaftlicher Mathematik, ja eigentlich von der eigentümlichen mathematischen Logik in allen Schuljahren niemals etwas gehört und habe als vierzigjähriger und dann wieder als siebenundfünfzigjähriger Mann das bißchen Mathematik nachlernen müssen, das ich zu einer Annäherung an die höhere Analyse und zum Verständnis eines naturwissenschaftlichen Buches brauchte. Ich möchte gleich hier auf eine der schlimmsten Lügen unseres Gymnasialbetriebs hinweisen. Der seit der realistischen Gymnasialreform vorgeschriebene mathematische Stoff wird von allen Schülern verlangt; nun gibt es ganz brave Lateiner, die den mathematischen Begriffen völlig hilflos gegenüberstehen, die zwischen dem Logarithmus und dem Wurzelziehen nur unklar unterscheiden können. Soll so ein fleißiger Bursche der Primus in der Klasse bleiben, so muß das mathematische Pensum an allen Ecken beschnitten werden, die Prüfung darf nicht ernst genommen werden und die ganze Klasse lernt nichts. Unsere Klasse auf dem Obergymnasium der Prager Kleinseite war ein Musterbeispiel für diese Zustände. Der Primus, der übrigens seine Stellung durch seine wissenschaftlichen Leistungen und durch seine moralische Untadeligkeit wohl verdiente, war amathematisch geboren. Der Primus hätte nach dem Schulplane nicht versetzt werden dürfen. Der Zweite der Klasse, ein Jude, war in den alten Sprachen nahezu ebensogut, in Mathematik und auch sonst ein Musterschüler. Er blieb im Schatten, bis zu seinem Tode.
Daß ich auch im Zeichnen »ausgezeichnet« war, muß ich meinen Lehrern glauben. In unserer Klippschule gab es auch Zeichenunterricht. Ein heruntergekommener Kalligraph erteilte ihn, mit dem Staberl in der[27]  Hand, mit dem Rohrstock. Es ist mir noch heute unverständlich, warum er so grimmig mit dem Staberl auf uns losschlug; es muß ihm wohl Vergnügen gemacht haben. Er teilte diese Leidenschaft übrigens mit dem Direktor, der noch vom Schuldiener regelrechte Schillinge (fünfundzwanzig Stockschläge) aufzählen ließ. Gott habe sie selig, den Direktor und seinen Zeichenlehrer. Sie ruhen beide in Frieden und haben es nicht um uns verdient. Ich war übrigens der Liebling auch dieses Lehrers und habe unter seiner Leitung und mit seiner Hilfe für die öffentlichen Jahresprüfungen Gräßliches zustande gebracht. Ich habe so etwas wie Parkettfußböden gezeichnet und koloriert, ich habe kämpfende wilde Tiere nach Vorlagen gezeichnet. Für ein solches Bild von meiner Künstlerhand soll die Schule einmal einen Preis bekommen haben; ich weiß nicht mehr, waren es Tiger oder Krokodile, oder war es eine gemischte Gesellschaft von Tigern und Krokodilen, oder waren es Bastarde von Tigern und Krokodilen. Niemals wurden wir angeregt, ein Blatt, eine Blume, ein Tier, einen Menschen oder auch nur einen Stein nach der Natur zu zeichnen. Niemals wurde uns auch nur angedeutet, daß es eine Freude sein könnte, die Natur mit eigenen Augen anzusehen. Und auch auf dem Gymnasium habe ich niemals Gelegenheit gehabt, auch nur einen Bleistiftstrich auf ein Blatt Zeichenpapier zu werfen. Nur ein einziges Mal kam die Leidenschaft über mich, als ein bildender Künstler zu schaffen. Das innere Erlebnis mag ein Licht werfen auf den Grad der Vereinsamung, die mich in meiner Jugend von allem Kunstgenießen schied.

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Zu Hause erfuhr ich durch die Mutter mancherlei von Büchern und von Theateraufführungen; ich wurde[28]  mitunter ins Theater mitgenommen, wo wir ein halbes Abonnement auf zwei Sperrsitze hatten, und die Bücher, die ich meiner Mutter aus der Leihbibliothek holte, verschlang ich gewöhnlich auf dem Heimwege: Dickens, Gerstäcker, Hackländer, Gutzkow, Spielhagen, Auerbach, die Mühlbach. So war für geistige Anregung immerhin gesorgt, wenn auch heimlich. Aber der Begriff Kunst war mir fremd geblieben. Ich kannte eine einzige Oper, allerdings den Freischütz, zu dem ich einmal ins Theater gehen durfte, weil die älteren Geschwister ihn nicht mehr hören wollten. Es gab in unserem Hause nicht einmal ein Klavier. Und gar von Architektur oder Malerei hatte ich in meinen begeisterungsfähigen Jugendjahren wohl niemals einen ganz klar bewußten Eindruck erhalten, trotzdem wir in dem schönen Prag wohnten. Niemals war ich zu Hause oder in der Schule auch nur auf eines der prächtigen alten Gebäude aufmerksam gemacht worden. Was ich von selbst an herrlichen Kirchenportalen und von den Türmen der Altstadt wahrnahm, das machte einen tiefen Eindruck auf mich; da ich aber nicht wußte, daß auch andere Menschen so etwas schön fanden, so sann ich dem Eindruck nicht weiter nach. Ich hielt solche Stimmungen wirklich und wahrhaftig eines gebildeten Menschen unwürdig, ich glaube fast, ich schämte mich ihrer, weil die andern sie nie einer Erwähnung wert erachteten. Ich wunderte mich höchstens darüber, daß die alten winkligen Gassen so viel heimlicher waren, als die geraden Straßen der Neustadt. Von Bildern bekam ich nichts zu sehen als die beiden Stahlstiche an der Wand, die als Prämien eines vaterländischen Kunstvereins in keinem bürgerlichen Hause fehlten. So gelangte ich kunstfremd bis in mein siebzehntes Jahr, als mir einmal[29]  ein Schulkamerad das Kupferstichwerk zeigte, das ihm unter den Weihnachtsbaum gelegt worden war. Es brachte in guten Nachzeichnungen gegen sechzig der berühmtesten Gemälde alter Meister. Ich hatte bis dahin Namen wie Rembrandt, wie Tizian niemals vernommen. Ich weiß nicht mehr, ob beim Durchblättern des Werkes mein Entzücken größer war oder mein Neid. Der Mitschüler mußte mir das Werk borgen; zu Hause saß ich davor in einer zornigen Erschütterung. So etwas gab es und so etwas bekamen andere Knaben geschenkt! Das war ja das Höchste, dem ein Jüngling sein Leben widmen konnte! Nun kann ich nicht mehr sagen, ob ich mich in meiner Begeisterung selbst für einen begnadeten Maler hielt oder ob ich mir nur unbemerkt eine Kopie des herrlichen Buches anfertigen wollte. Jedenfalls ging ich, sooft ich mich unbeobachtet wußte, daran, die schönsten Kupferstiche auf kleinen Blättchen mit dem besten Bleistift nachzuzeichnen, den ich auftreiben konnte. Nach einigen Wochen hatte ich meine armselige Künstlermappe beisammen. Einige Rembrandts und Raffaels meiner Faktur existieren noch; nicht nur ein Künstler würde über diese ängstlichen, pedantischen, kümmerlichen Stricheleien lachen. Ich aber besaß eine Kunstgalerie für den heimlichen Gebrauch.
Ungefähr in die gleiche Zeit fällt der noch traurigere Versuch, mir für mein persönliches Kunstbedürfnis ein Leiblied zu komponieren; es läßt sich nicht leugnen, daß zwar der Text von mir war, aber die Melodie eine sehr schöne, liebe und alte Melodie.
Es ist mir oft zum Lobe nachgesagt worden, ich hätte mich beim Kritisieren stets als neidlosen Schriftsteller bewährt. Ich will nicht untersuchen, ob ich dieses Lob[30]  gar nicht oder am Ende noch in viel höherem Maße verdient habe; ob ich vielleicht mitunter den Neid unterdrücken mußte, um dem glücklicheren Rivalen wenigstens gerecht zu werden. Sicher ist, daß Neid nicht zu meinen häßlichen Fehlern gehört. Neid aber, bitterer Neid erfüllt mich noch heute, wenn ich sehen muß, wie gut es die jungen Leute haben, wie ihr Interesse für Natur und Kunst geweckt oder gefördert wird. Wie die Lehrer mit ihren Wandervögeln ins Gebirge ziehen, im Walde lagern, abkochen und der Stadt entflohen sind! Wie sie mit offenen Herzen und offenen Augen das Straßburger Münster und die Alpen erblicken dürfen. Genießt, ihr prächtigen Jungen! Aber daß diese Burschen auch einen ernsthaften Unterricht im Singen und im Zeichnen erhalten, daß sie in Konzerte und in Galerien geführt werden, wonach wir durstig waren wie abgehetzte Hunde nach Wasser ... nein, da muß ich den Heutigen schon in die glücklichen Augen sehen, da muß ich schon Glück über Bach und Mozart und Raffael in diesen Augen erblicken, um des Neides Meister zu werden. Genießt, ihr Jungen! Uns wurde es schwerer die Schönheit zu entdecken.[31] 



IV. Erste Sprachstudien.










[32] Bitterer wird meine Stimmung, wenn ich daran denke, was Klippschule und Gymnasium mit meinem Sinne für Sprachen angefangen haben; und auch sonst wäre mancherlei zu sagen über die besonderen Verhältnisse, die das Interesse für eine Psychologie der Sprache bei mir bis zu einer Leidenschaft steigerten. Dieses Interesse war bei mir von frühester Jugend an sehr stark, ja, ich verstehe es gar nicht, wenn ein Jude, der in einer slawischen Gegend Österreichs geboren ist, zur Sprachforschung nicht gedrängt wird. Er lernte damals (die Verhältnisse haben sich seitdem durch den Aufschwung der Slawen und durch die bessere Assimilierung der Juden ein wenig verschoben) genau genommen drei Sprachen zugleich verstehen: Deutsch als die Sprache der Beamten, der Bildung, der Dichtung und seines Umgangs; Tschechisch als die Sprache der Bauern und der Dienstmädchen, als die historische Sprache des glorreichen Königreichs Böhmen; ein bißchen Hebräisch als die heilige Sprache des Alten Testaments und als die Grundlage für das Mauscheldeutsch, welches er von Trödeljuden, aber gelegentlich auch von ganz gut gekleideten jüdischen Kaufleuten seines Umgangs oder gar seiner Verwandtschaft sprechen hörte. Der Jude, der in einer slawischen Gegend Österreichs geboren war, mußte gewissermaßen zugleich Deutsch, Tschechisch[32]  und Hebräisch als die Sprachen seiner »Vorfahren« verehren. Und die Mischung ganz unähnlicher Sprachen im gemeinen Kuchelböhmisch und in dem noch viel gemeineren Mauscheldeutsch mußte schon das Kind auf gewisse Sprachgesetze aufmerksam machen, auf Entlehnung und Kontamination, die in ihrer ganzen Bedeutung von der Sprachwissenschaft noch heute nicht völlig begriffen worden sind. Ich weiß es aus späteren Erzählungen meiner Mutter, daß ich schon als Kind die törichten Fragen einer veralteten Sprachphilosophie zu stellen liebte: warum heißt das und das Ding so und so? Im Böhmischen so, und im Deutschen so? Mein Vater, der in seiner Weise sich für einen musterhaften Gebrauch der deutschen Sprache einsetzte, würdigte mich manchmal einer Unterhaltung über solche »Belustigungen des Verstandes und des Witzes«, trotzdem er sonst nicht leicht ein persönliches Wort an eines seiner Kinder richtete. Er schien dadurch einige Achtung für meine »gelehrte Laufbahn« äußern zu wollen. Er verachtete und bekämpfte unerbittlich jeden leisen Anklang an Kuchelböhmisch oder an Mauscheldeutsch und bemühte sich mit unzureichenden Mitteln, uns eine reine, übertrieben puristische hochdeutsche Sprache zu lehren. So erinnere ich mich, daß er mir gegenüber einmal das Wort mischen als ein vermeintliches Wort der ihm verhaßten Judensprache heftig tadelte, man müßte gut deutsch melieren dafür sagen; mein Vater wußte nicht, daß sowohl mischen als melieren von dem lateinischen miscere stammt; diese Unkenntnis braucht dem eifrigen Sprachfreunde um so weniger angekreidet zu werden, als noch heute Forscher wie Kluge und Paul eine sogenannte Urverwandtschaft zwischen mischen und miscere für möglich halten.[33] 
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Ich kam in meiner kindlichen Sprachvergleichung hie und da zu überraschenden Entdeckungen. So hatte ich als Kind das Zeug, mit dem mir beim Waschen die Hände getrocknet wurden, in meinem Kuchelböhmisch hantuch genannt, das Wort in meine deutsche Sprache mit hinübergenommen und kam in meinem fünften Jahre auf den gelehrten Einfall: hantuch bedeute ein Tuch für die Hand, wäre also ein deutsches Wort1.
Man wird mir nun glauben, daß ich als achtjähriger Junge darauf brannte, in der Schule nicht nur ein tadelloses Deutsch zu lernen, sondern auch zu erfahren, warum die böhmischen Deutschen so oft anders redeten, als die richtigen Deutschen in der Gartenlaube schrieben, warum die böhmischen Juden ein noch schlimmeres Kauderwelsch sprachen. Meine Hoffnung wurde gröblich getäuscht. Ich lernte auf der Klippschule ebensowenig Deutsch und gar Tschechisch und Hebräisch, wie ich später auf dem Gymnasium Lateinisch oder Griechisch lernte. Endlos wurden Deklinationen und Konjugationen gebüffelt und wieder gebüffelt, alle Formen der Dingwörter und der Zeitwörter im Deutschen, im Tschechischen und im Hebräischen so behandelt, als ob die lateinische Grammatik die Mustergrammatik für alle Sprachen der Welt wäre. Ich muß daran erinnern, daß meine Klippschule eine von jüdischen und slawischen Tendenzen herumgezerrte Anstalt war; ich muß vorwegnehmen, daß mein erstes[34]  Gymnasium wohl mit Recht eine besonders elende Mittelschule genannt werden konnte; aber das Wesentliche meiner Erfahrungen dürfte auch zu den Erfahrungen anderer Schüler gehören. Die geradezu idiotische Art, durch Paradigmen in die Sprachen einführen zu wollen, wird die Freude an jeder Sprache gerade dem begabten Kinde verekeln. Ich habe später oft geweint, als ich lateinische Paradigmen auswendig lernen mußte, anstatt die mit ahnungsvollem Zittern ersehnten lateinischen Autoren lesen zu dürfen. Und man weiß, wie auch heute noch und sogar auf bessern Gymnasien (nicht nur Cicero, der es verdient hat) selbst Homeros, der Köstliche, nur zu dem Zwecke gelesen wird, um an seinen Worten die grammatischen Regeln einzuüben. Neuerdings hat sich eine vernünftigere Art ausgebildet, wenigstens moderne fremde Sprachen den jungen Leuten beizubringen. Ich weiß nicht, ob in meiner Jugend die französische und die englische Sprache ebenso idiotisch gelehrt wurde wie die Muttersprache und wie die lateinische. Denn auch das muß ich gleich vorausschicken, daß auf den österreichischen Gymnasien damals kein englischer und kein französischer Sprachunterricht bestand; man konnte Französisch und Englisch, auch Italienisch treiben, wie man Tanzen oder Schwimmen lernte; verboten war es nicht. Ich habe später einige moderne Sprachen ohne Lehrerhilfe so gelernt, daß ich einen berühmten Dichter mit einem Wörterbuche in der Hand so lange langsam dechiffrierte, bis mir die Sprache geläufig wurde. Ich werde ja noch darauf zurückkommen, wie ich in all den Jahren der Volksschule und des Gymnasiums nicht ein Sterbenswörtchen über die Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Literatur vernahm, natürlich noch[35]  weniger jemals ein Sterbenswörtchen über Schönheit und Kraft unserer deutschen Muttersprache; wie ich dagegen von fanatischen Tschechen doch einigermaßen in die Geschichte der tschechischen Sprache und in die philologische Kenntnis eines gefälschten tschechischen Literaturkleinods eingeführt wurde. Niemand von meinen Lehrern hat je daran gedacht, meinem Sprachhunger ein bißchen Futter zu reichen. Auf jener Klippschule zahlte mein Vater drei Jahre lang Schulgeld dafür, daß ich für die Zwecke des Besitzers wie ein Zirkuspferd abgerichtet wurde. Unser Hofmeister war nur kein Erzieher gewesen; der Besitzer der Privatschule war ein schlechter Schulleiter und ein schlechter Mensch: er verprügelte die unbegabten Kinder, mit denen kein Geschäft zu machen war, und versuchte die begabten Kinder aufzublasen, wie betrügerische Händlerinnen mageres Geflügel aufblasen.
1

 Meine liebe und verehrte Freundin Lilli Lehmann hat ihre Jugend ebenfalls in Prag verbracht. Als ich ihr einmal von dieser meiner ersten etymologischen Entdeckung erzählte, gab sie mir lachend aus ihrer eigenen Erinnerung eine ähnliche Leistung zum besten. Sie war von ihrer Mutter oder erst im Ursulinerinnenkloster abgerichtet worden, jedesmal nach Landessitte kißt'hant zu sagen, wenn sie von einer Dame angesprochen wurde; auch sie hielt diese Formel lange für ein tschechisches Wort und kam erst viel später darauf, daß die Formel ich küß' die Hand bedeutete.




V. Das Piaristen-Gymnasium.










[37] Ich war also beinahe zwölf Jahre alt, trotz meiner ursprünglichen Wunderkindschaft, da ich endlich als reif für die »Parva« des Gymnasiums entlassen wurde. Ich war also beinahe zwölf Jahre alt, fleißig und ehrgeizig wie einer, nach meiner geistigen Entwicklung für die Arbeit des Obergymnasiums vorbereitet, als ich endlich in die unterste Klasse des Untergymnasiums aufgenommen wurde. Und doch freute ich mich, als ich zum ersten Male als »Student« den Weg zum Gymnasium gehen durfte (in Österreich nennt man alle Gymnasiasten Studenten, wie man jeden Mann aus dem Volke adelt); ein Abzeichen für Gymnasiasten oder gar für jede einzelne Klasse gab es bei uns nicht, meine gute Mutter hatte es aber erlangt, wer weiß wie schwer, daß ich als Symbol meiner neuen Würde eine schwarze Samtmütze bekam. Die Mütze hatte den Stürmen dreier Jahre widerstanden und war wirklich nicht mehr ganz reinlich, als sie bei Gelegenheit einer Knabenschlacht zwischen »Gymnasiasten« und »Realisten« ein unrühmliches Ende fand. Wieder war es die Mutter, die durch heimlichen Ankauf einer neuen Mütze ein drohendes Unheil von mir abwandte. Mein Vater hätte niemals verstanden, daß ein Gymnasiast die Realschüler befehden müßte und in der Hitze des Gefechts seine Mütze einbüßen könnte.[37] 
Als ich mit dem Bewußtsein, von unserm Dienstmädchen Student genannt zu werden, zum ersten Male den Weg zum Gymnasium einschlug, ahnte ich unklar, daß noch nicht die rechte Höhe erreichte, was in meinem Kopfe an kleinen Kenntnissen beisammen war: der ganze Wust von Jahreszahlen großer Schlachten, von Namen der Könige, der Berge und der Flüsse, von Paradigmen und von Gedichten. Wie ein Rausch kam es über mich, daß ich jetzt Lateinisch und Griechisch lernen und alle Wahrheit und Schönheit aus den alten Quellen schöpfen würde. Ein einsichtsvoller Privatlehrer hätte mich damals gewiß binnen zwei Jahren dazu bringen können, Lateinisch zu verstehen, es besser zu verstehen als die Lehrer an meinem Gymnasium; und in der gleichen Zeit die griechische Sprache zu erlernen, wäre mir einfach wie eine Belohnung erschienen. Ich hungerte förmlich nach den alten Sprachen. Die ersten lateinischen Schulbücher nahm ich mit heiliger Andacht in die Hand und empfand es als eine Schande und als eine Entweihung so köstlicher Schriften, daß ich sie um den halben Preis beim Antiquar kaufen mußte.
In dieser Stimmung setzte ich mich in eine Klasse von etwa fünfundsechzig Knaben, die mir ganz und gar nicht andächtig zu sein schienen; so wenig aber ich selbst mir anmerken ließ, welche Sehnsucht nach Wahrheit und Schönheit mich erfüllte, so wenig wird mancher andere Kamerad sein Herz auf der Hand getragen haben; vielleicht hatte ich viele Genossen in meiner Inbrunst und dann in meiner Enttäuschung. Die bessern Elemente waren wie immer in der Minderzahl; etwa vierzig von den Schülern gehörten nicht auf eine Gelehrtenschule, auch nicht in deren unterste[38]  Klasse. Wie immer entschieden die schlechtern Elemente über den Fortgang der Studien; wir brauchten beinahe ein halbes Jahr, bevor wir mensa deklinieren konnten. Ich schreibe nicht einen Roman, in welchem die Leiden eines deutschen Kindes an sich erzählt werden sollen; ich schreibe meine Schulerinnerungen nieder, wenn auch mit einer erziehlichen Absicht für Eltern und Lehrer. Ich gebe meine eigenen Erinnerungen und muß darum auf einige Besonderheiten meines ersten Gymnasiums aufmerksam machen. Und auf einige Einrichtungen des österreichischen Gymnasiums überhaupt. Ich muß immer wieder hervorheben, daß ich das Unglück hatte, auf eine ganz besonders elende Schule zu geraten; man würde eine Anstalt wie das damalige Prager Piaristengymnasium in ganz Deutschland vergebens suchen, hoffentlich auch vergebens im heutigen Österreich.
Ich trat in die Prima oder Parva ein. Man zählt in Österreich bekanntlich die Gymnasialklassen nicht von sechs bis eins, sondern von eins bis acht. Der Knabe betritt das Gymnasium als Primaner oder Parvist und verläßt es als Oktavaner. Die alten scholastischen Bezeichnungen für jede der acht Klassen fingen zu meiner Zeit an, in Vergessenheit zu geraten. Und wie schon der kleine Parvist Student genannt wurde, so hieß jeder Lehrer, auch wenn er nur zur Probe oder zur Aushilfe angenommen war, Herr Professor. Auch meine Lehrer hießen Professoren, trotzdem sie eigentlich hochwürdige geistliche Herren waren. Denn mein erstes Gymnasium war eine Anstalt der Piaristen. Es ist mir lieb, daß dieses Neustädter Gymnasium von Prag seitdem in eine ordentliche Staatsanstalt umgewandelt worden ist; so darf ich zugeben, daß nicht mehr für die gegenwärtigen Verhältnisse gilt, was ich zu erzählen habe.[39] 
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Die Stätte ist die alte geblieben: die Ecke des Grabens und der Herrengasse, die vornehmste Stelle der vornehmsten Straße Prags. Dort steht noch heute die Piaristenkirche, ein geschmackloser Bau. Nach der Herrengasse zu ging das Kloster und eine niedere Klosterschule, nach dem Graben zu das Klostergymnasium, auch dieses ein klosterähnlicher Bau, von welchem lange gewölbte Gänge zu den Wohnungen der geistlichen Herren führten. Wir mußten oft den Weg machen, an Kruzifixen und Heiligenbildern vorbei, die breite Treppe hinauf, in die sogenannten Zellen der hochwürdigen Herren Professoren; das waren plump möblierte Junggesellenzimmer, in denen es merkwürdig viel Schlummerrollen und andere Handarbeiten gab, von den Müttern der Schüler gestiftet. Die geistlichen Herren ließen uns Hefte und Bücher aus ihren Zellen holen und wieder dahin zurücktragen; es galt für eine Auszeichnung, diese kleinen Ministrantendienste zu verrichten. Die wirklichen Ministranten, die fromm bei der Messe zu schaffen hatten, wurden als künftige Theologen betrachtet und waren wochentags häufig die Laufjungen der Professoren. Es waren Galgenstricke unter ihnen und diese waren es, die das Geschäft der »Aufklärung« in der Klasse besorgten. Von ihnen hörten wir, daß die Ordensleute bei ihren Mahlzeiten und auch sonst ein üppiges Leben führten; von ihnen hörten wir, was an unanständigen Anekdoten über die Piaristen im Umlauf war. Das schadete uns nicht viel; es gibt auf jeder Knabenschule solche Freunde der geschlechtlichen Aufklärung. Aber wir erfuhren gerade von diesen Ministranten auch – und es wurde uns bald von Schülern der höheren Klassen bestätigt –, daß unser Gymnasium allgemein für das weitaus schlechteste der[40]  drei Prager Gymnasien galt. Ich konnte es zuerst gar nicht fassen, daß es ein Gymnasium geben könnte, dessen Lehrer uns die ganze Wahrheit und Schönheit nicht darreichen konnten oder wollten. Und als mir mit der Zeit klar wurde, daß das Urteil der öffentlichen Meinung recht hatte, da half das auch nicht. Was blieb mir übrig? Das Gymnasium der Altstadt, das in der Nähe unserer Wohnung lag, war vollkommen tschechisch geworden, und das Gymnasium der Kleinseite, jenseits der alten Nepomukbrücke am Fuße des Laurenziberges, war für einen Parvisten zu weit entfernt. Mit diesem Grunde wurde ich abgespeist, wenn ich über unsere Lehrer klagte. So schlug ich denn jeden Morgen den Riemen um meine Bücher, wanderte durch eine Reihe dunkler, schmutziger Durchhäuser täglich nach dem Piaristengymnasium und ließ mir bei der Heimkunft von den lachenden Dienstmädchen entgegenrufen: »Piaristen, schlechte Christen!«
Ich habe in diesem Klostergymnasium fünf Jahre verloren. Vom Herbst 1861 bis zum Ausbruch des Krieges von 1866 habe ich dort die Bänke gedrückt und für die Schule nichts, aber auch gar nichts gearbeitet, weil die Lehrer nichts von mir verlangten. Noch einmal: ich möchte meine Erfahrungen an dieser Anstalt nicht generalisiert wissen, möchte selbst nicht generalisieren.
Auch wäre es ein Irrtum, die Schuld ausschließlich und ohne weiteres auf den geistlichen Charakter der Anstalt zu schieben. Die Lehrer waren geistliche Herren, aber der Unterricht war schon ziemlich verweltlicht. Von den fünfundsechzig Schülern der Parva waren beinahe die Hälfte Juden, und an einigen Protestanten fehlte es auch nicht. So gab es keine Glaubenseinheit, und wenn die Herren Piaristen mitunter über Luther[41]  und über die Juden ihre Witze rissen, so taten sie das zu ihrem Vergnügen und nicht aus Glaubenseifer. Ich weiß von österreichischen Gymnasien aus jener Zeit, in denen wirklich ein streng katholischer Geist herrschte und die dennoch Musteranstalten waren.
Wir wurden nicht mit allzuviel Frömmigkeit geplagt. Der Unterricht wurde freilich an jedem Tage durch ein Gebet eröffnet und durch ein Gebet geschlossen; aber nur der Katechet, wenn er zufällig die erste Stunde zu geben hatte, machte die Sache mit einiger Würde ab. Die anderen Lehrer hatten ungefähr die gleiche Gewohnheit angenommen: sie schlugen in dem Augenblick, da sie das Katheder betraten, eilfertig oder zerstreut ein Kreuz und gaben damit den Schülern ein Signal, das lateinische Gebet zur Mutter Gottes herunter zu plärren. Wir erlangten darin eine gewisse Virtuosität; vor den erwünschteren Stunden beteten wir viel rascher als vor den unangenehmen, aber meistens taktmäßig und langsam. Inzwischen nahm der geistliche Lehrer seine erste Prise – sie schnupften alle –, wischte sich die Finger an der neuen oder alten Kutte ab, schneuzte sich und überblickte die Klasse bissig oder gelangweilt, wie ein böser Hund oder wie eine alte müde Katze. Viele Protestanten und Juden sprachen die Gebete mit. Es gehörte zum Ganzen wie die Frühstückssemmel, die auch ohne Unterschied der Konfession beim Schuldiener gekauft wurde. Als wir später auf dem weltlichen Gymnasium der Kleinseite einen kirchenfeindlichen Lehrer hatten, der das Gebet mit gutgespielter Zerstreutheit zu vergessen liebte, da wurde er häufig von ordentlichen Schülern an seine Pflicht gemahnt; vielleicht waren sie fromm, vielleicht wollten sie auch nur die gefürchtete Stunde um einige Minuten kürzen. Gerade[42]  dort auf dem weltlichen Gymnasium nahmen viele die Religion ernster und innerlicher; aus Knaben waren Jünglinge geworden.


Bei den Piaristen sorgte schon die Körperlichkeit der Lehrer dafür, das Göttliche zum Spott werden zu lassen. Einen einzigen, sinnigen und kränklichen, magern und kleinen Mann ausgenommen, waren sie alle so beschaffen, daß die Schülerkarikaturen nicht viel an ihrem Umriß zu verändern brauchten. Es war einer unserer Schülerwitze: der faule Bauch der Piaristen fange bei der Stirn an. Namentlich die drei Hauptlehrer des Untergymnasiums waren Kolosse, hätten Modelle für Grützner werden können. Der eine hatte ein rohes, erschreckend gemeines Knechtsgesicht, der zweite feine, aber lüsterne Pfaffenzüge, der dritte sah so apathisch aus, als hätte er anstatt sechzig Schülern sechzig Pflastersteine vor sich, die er in die Erde rammen müßte. Aber dick waren sie alle drei, fabelhaft dick, dick von Müßiggang und Kreuzherrnbier. Der mit dem gemeinen Knechtsgesicht, ein jähzorniger und böser Mensch, warf im Laufe der Jahre zweimal den Kathedertisch mit der eigenen Körperfülle um, als er aufsprang, um einen von uns beim Schopf zu packen.
Nein, die Religion spielte auf dem Piaristengymnasium keine große Rolle. Und die heiligste Pflicht eines Lehrers, die religiöse oder moralische Pflicht der Gerechtigkeit, wurde nicht erfüllt. Ich ahnte damals noch nicht, daß die Korruption fast auf allen Schulen zu Hause ist, daß der ärmere Schüler bei der Gebrechlichkeit des Weltlaufs immer im Nachteil ist gegen den Schüler, dessen Eltern bestechen können und wollen.
Ein förmliches Institut der Bestechlichkeit war es, das meine Entrüstung über meine geistlichen Lehrer[43]  weckte, noch bevor ich ihre geistige Unfähigkeit begreifen konnte.
Zwar daß die Ministranten bevorzugt wurden und noch weniger Latein zu lernen brauchten als wir, schien mir weniger bedenklich; es waren Kinder unbemittelter Eltern und hatten sich das Wohlwollen des Ordinarius immerhin durch eigene Arbeit erkauft. Nur die Rigoristen unter uns nahmen auch das übel. Aber die ganz schamlose Einrichtung der Bestechung, von der ich berichten will, war doch wohl eine dem Klostergymnasium eigentümliche Erscheinung.
Es war den Geistlichen verboten, Privatunterricht zu erteilen. Dafür entschädigte sich unser Klassenlehrer – von andern Lehrern des Gymnasiums kann ich das nicht mit Bestimmtheit bezeugen – durch die schlichte und sinnreiche Begründung eines Privatissimums, das immerhin ein paar hundert Gulden im Jahre abwarf. Zweimal wöchentlich blieben die kleinen Schüler, deren Eltern die Ausgabe erschwingen konnten, nach der Schule im Klassenzimmer beisammen und der gute Ordinarius diktierte ihnen die Hausarbeiten in die Feder, die er vorher selbst aufgegeben hatte. Christliche Barmherzigkeit war auch dabei; denn die Freischüler, deren Väter keinen Kreuzer aufbringen und darüber ein schönes Armutszeugnis vorzeigen konnten, durften an dieser Privatstunde gratis teilnehmen; aber das Fernbleiben zahlungsfähiger Schüler wurde mit Recht als Hochmut und Gemeinheit ausgelegt. Ich war meines Erinnerns der einzige in der Klasse, der an diesen Nachhilfestunden nicht teilnahm; aus Rechtsgefühl und aus Trotz, wie ich wohl sagen darf. Auch war ich zu stolz, meiner Mutter zu sagen, daß sie den Vater um die zwei Gulden für jedes Semester bitten sollte.[44] 
Gerade weil ich das Fernbleiben von dieser Lumperei eigentlich fast freiwillig auf mich nahm, empfand ich doppelt mit den Schülern, die amtlich ein Armutszeugnis vorgelegt hatten, und die ihre Armut überaus häufig mit Sticheleien und anderen Schändlichkeiten zu büßen hatten. Mein Zorn gegen die Schulkorruption, von diesen »Privatstunden« entfacht, hat vorgehalten; und heute noch predige ich bei jeder Gelegenheit das Ideal, die Gerechtigkeit, das unzulänglich gesicherte Fundament des Staates, wenigstens in der Schule gelten zu lassen. Ich habe meinen alten Zorn gegen die Schulkorruption neben manchen andern rebellischen Gedanken (»mehr Sachen als Worte«) leidenschaftlich genug dargestellt in meinem »Wörterbuch der Philosophie« (Artikel »Schule« II. S. 388ff.); ich möchte einen guten Leser gern auf dieses Kapitel verweisen.

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Ich weiß jetzt, daß auch Lehrer Menschen sind, daß auch anderswo, auf Volksschulen und auf Universitäten, Gefälligkeiten des Vaters oder der Mutter, Geschenke in Naturalien oder in Geld, auch leiseste Winke eines einflußreichen Vaters, das Fortkommen eines Schülers begünstigen. Ich weiß jetzt, daß die Korruption so allgemein ist wie Gestank in den Städten, und gerate nicht mehr über jedes »Schmieren« in knabenhafte Aufregung. Aber eine so schamlos öffentliche Bestechung wie die, die ich eben geschildert habe, ist doch erzählenswert. Die meisten von uns fanden gar nichts an dieser Privatstunde; geschmiert wurde doch und die zwei Gulden waren ja nicht der Rede wert. Auch von dem krassesten Falle einer individuellen Korruption wurde unter den Mitschülern mit mehr Heiterkeit als Zorn gesprochen. Der Sohn eines reichen und sehr einflußreichen Mannes war von einer Unfähigkeit, die an Kretinismus grenzte,[45]  und dazu von einer wahrhaft göttlichen Faulheit; er wußte niemals eine Antwort zu geben und verstand es nicht einmal, bei den Klausurarbeiten vom Banknachbar abzuschreiben. Er war so dumm, daß wir ihm nicht einmal mehr einsagten, wenn er gefragt wurde. Und dieses Roß Gottes fiel niemals durch, ging von Klasse zu Klasse mit, machte übrigens später pünktlich sein Abiturientenexamen und seinen Doktor. Er ist ein ganz angenehmer Mensch geworden und fällt unter seinen studierten Berufsgenossen nicht sonderlich auf.
Bevor ich aus möglichst treuem Gedächtnis ein Urteil über die wissenschaftliche Befähigung unserer Lehrer abzugeben suche, will ich noch eines Umstandes erwähnen, der für den Geist der Schule von Bedeutung war. Mehrere der Geistlichen, die am Untergymnasium unterrichteten, waren nach ihrer politischen und nationalen Gesinnung Tschechen. Nun war unser Piaristengymnasium offiziell eine deutsche Schule. In den beiden untersten Klassen gab es (vielleicht irre ich in der Bezeichnung) tschechische Parallelklassen, in denen die tschechischen Kinder ein wenig an die deutsche Unterrichtssprache gewöhnt wurden. Später saßen Deutsche und Tschechen in derselben Klasse beisammen, ungefähr in gleicher Stärke. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß unter solchen Umständen auch bei besseren Lehrern die sprachliche Langsamkeit der einen Hälfte ein Hemmschuh für den gesamten Unterricht geworden wäre. Von den nationalen Kämpfen Böhmens, die damals schon sehr lebhaft waren und bereits auf die österreichische Politik Einfluß nehmen mochten, wußten wir in unserm jugendlichen Alter noch nicht viel, die deutschen Knaben jedenfalls viel weniger als die tschechischen. Wir lernten voneinander in den Pausen die »zweite[46]  Landessprache«, in welcher wir uns ja nach dem Schulregulativ mündlich und schriftlich sollten ausdrücken können wie in der Muttersprache. Ich gewann einen tschechischen Freund, welcher seitdem von sich reden gemacht hat, der mich zu seiner nationalen Gesinnung bekehren wollte; es kam aber nichts dabei heraus, als daß er mir seine tschechischen Gedichte brachte, die ich verdeutschte, wofür er dankbar meine ersten Verse ins Tschechische übersetzte. Wir bewunderten einander umschichtig.
Die tschechische Gesinnung der Lehrer, die sich von Jahr zu Jahr offener und gehässiger äußern durfte, hatte nun wieder üble Folgen für die Behandlung der Schüler. Daß freilich die Lokalgeschichte Böhmens mit besonderer Vorliebe getrieben wurde, war ja wohl ganz in der Ordnung; die romantische Geschichte Böhmens hatte ja nicht nur die heimischen Dichter Ebert und Meißner, nicht nur den großen Österreicher Grillparzer, sondern sogar den Rheinländer Brentano zu Dichtungen begeistert; wir bemerkten es kaum, daß unser Geschichtsprofessor die Geschichte Böhmens wie eine rein slawische Geschichte darstellte und von dem mächtigen Einfluß deutscher Kunst und deutscher Kultur überhaupt wenig zu erzählen wußte. Es kommt auch anderwo vor, daß die Weltgeschichte durch eine farbige Brille gezeigt wird; auch in Preußen. Schlimmer war es schon, daß diese geistlichen Herren für alle nationalen Unternehmungen der Anhänger von Johannes Hus die wärmsten Gefühle äußerten und zu wecken suchten; am schlimmsten aber, daß die Knaben aus den rein deutsch gebliebenen Zipfeln Böhmens für ihre Unkenntnis der tschechischen Sprache bei jeder Gelegenheit gehänselt und zurückgesetzt wurden. Eine theatralische Begeisterung[47]  für die Hussitenkriege in einem katholischen Klostergymnasium, da stimmte etwas nicht. Für manchen Schüler etwa aus der Gegend von Eger, wo wieder ein unklarer Wallensteinkultus zu Hause war, hatte der Unterricht in der Religion und in der tschechischen Sprache eine gewisse Ähnlichkeit; sie lernten in beiden »Gegenständen« dogmatische Sätze auswendig, bekamen für beide Leistungen gute »Klassen« (Zensuren), verstanden aber kein Wort von der Sache. Ich werde auf meine persönliche Lehrzeit in der Religion wie in der tschechischen Sprache noch zurückkommen.

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Über die Hauptsache, über die wissenschaftliche Befähigung meiner geistlichen Lehrer glaubhaft zu berichten, wird mir schwer fallen; der Gegensatz ihrer Vorbildung zu der der vielverspotteten und doch gründlich geschulten deutschen Oberlehrer war unwahrscheinlich stark. Von dem erwähnten obersten Leiter des österreichischen Schulwesens, der übrigens einige Jahre vor mir das Kleinseitner Gymnasium besucht hatte, wurde mir später einmal gesagt: die Umwandlung des Klostergymnasiums in ein Staatsgymnasium wäre im Unterrichtsministerium damals schon eine beschlossene Sache gewesen, und darum hätte der Piaristenorden diese Anstalt so arg verkommen lassen; der Herr fügte allerdings zögernd hinzu, die schlechten Qualitäten der Lehrer und die skandalösen Leistungen der Anstalt hätten das Ministerium dann plötzlich zu seinem Beschlusse bestimmt. Mein Urteil über meine Lehrer, die uns doch den Glanz der antiken Welt hätten erschließen sollen, versuchte er nicht einmal zu mildern.[48] 



VI. Ohne Sprache und ohne Religion.










[49] Tschechisch verstanden sie alle, darin hätten wir vielleicht Fortschritte machen können. Darüber hinaus wurde uns nichts geboten. Mit gutem Bedacht schreibe ich es hin, und man wird es schon der Beobachtungsgabe eines lernbegierigen siebzehnjährigen Knaben (so alt war ich fast, als ich das Piaristengymnasium verließ) glauben müssen: die uns fünf Jahre lang im Lateinischen unterrichten sollten, verstanden kein Latein, die uns drei Jahre griechischen Unterricht gaben, verstanden kein Griechisch; ebenso stand es um Geschichte und Mathematik; und die uns in der deutschen Sprache unterrichteten, konnten deutsch nicht einmal richtig sprechen, geschweige denn, daß sie sich jemals wissenschaftlich mit der deutschen Sprache beschäftigt hätten. Der Dicke mit dem gemeinen Knechtsgesicht war, wenn ich nicht irre, durch volle vier Jahre unser Ordinarius. Nachdem er uns die lateinischen Paradigmen eingepaukt und eingeschopfbeutelt hatte, war er mit seinem Latein eigentlich zu Ende; denn als wir dann lateinische Stücke zu lesen anfingen, präparierte er sich auf die meisten Stunden genau so mit Eselsbrücken vor, wie wir; wir sahen den »Freund« (ich glaube, diese vortrefflichen Einpaukhefte sind immer noch im Gebrauch) unter dem Schulbuche auf seinem Kathederpult liegen; entdeckte er so einen »Freund« in einer[49]  der Schulbänke, so gab es natürlich erst recht kräftige Püffe. Er muß ungewöhnlich unbegabt gewesen sein, da er das Pensum im Laufe der Jahre nicht auswendig gelernt hatte. Gott mag dem bösen Dicken verzeihen, was er beim lateinischen Unterricht an uns gesündigt hat; aber auch Gott, wenn es anders immer noch einen alten deutschen Gott gibt, kann ihm seinen deutschen Unterricht nicht verzeihen. Es ist mir unvergeßlich, wie wir einmal Goethes »Fischer« aufzusagen hatten, und wie unser Botokude das Gedicht erst erklärte und dann in seinem entsetzlichen Deutsch so vordeklamierte, wie er es von uns hören wollte. Es wäre ein zu grober Posseneffekt, wollte ich das ganze Gedicht in seiner Aussprache hersetzen. Nur eine Stelle kann ich ihm nicht schenken. Einer von uns, ein prächtiger Egerländer, hatte richtig gesprochen: »Halb zog sie ihn, halb sank er hin.« Der böse Knecht schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und wetterte: »Hob ich dir g'sagt, das is Geggensatz. Halb zock sie ihn, halb sonk'r hien.« Und der arme Egerländer, wenn er nicht durchfallen wollte, mußte den »Geggensatz« so betonen. Auf diese Weise erhielten wir eine Vorstellung von dem Wohlklang Goethescher Verse.
Ich habe vorhin darauf hingewiesen, daß ich als Jude im zweisprachigen Böhmen wie »prädestiniert« war (ich weiß besser als mancher Leser, wie dumm dieses Wort ist), der Sprache meine Aufmerksamkeit zuzuwenden; selbst der Hochmut, sich dem eigenen Lehrer im Gebrauche der Muttersprache überlegen zu fühlen, mochte früh zu mancher Beobachtung führen. Ich darf aber vielleicht ebensogut hier, wie an einer andern Stelle ein Leid klagen, ein Entbehren, das mich in meiner Jugend gequält hat und mich in meinem Alter zu quälen[50]  nicht ganz aufgehört hat. Jawohl, mein Sprachgewissen, meine Sprachkritik wurde geschärft dadurch, daß ich nicht nur Deutsch, sondern auch Tschechisch und Hebräisch als die Sprachen meiner »Vorfahren« zu betrachten, daß ich also die Leichen dreier Sprachen in meinen eigenen Worten mit mir herumzutragen hatte. Jawohl, ein Sprachphilosoph konnte unter solchen psychologischen Einflüssen heranwachsen. Aber ich dachte ja in jener Zeit gar nicht an eine solche Aufgabe. Der junge Mensch war erfüllt von dichterischen Plänen. Und für die Wortkunst fehlte mir das lebendige Wort einer eigenen Mundart. Ich weiß, daß ich mit dieser Klage jedem Gegner meiner Schriften eine Waffe in die Hand gebe. Ich muß es dennoch sagen: ich besitze in meinem innern Sprachleben nicht die Kraft und die Schönheit einer Mundart. Und wenn jemand mir zuriefe: ohne Mundart sei man nicht im Besitze einer eigentlichen Muttersprache – so könnte ich vielleicht heute noch aufheulen, wie in meiner Jugend, aber ich könnte ihn nicht Lügen strafen. Die dicht beieinander wohnenden Deutschen der böhmischen Grenzgebiete, die Deutschen des nordöstlichen, des nordwestlichen und des westlichen Böhmens haben ihre lieben und echten Dialekte. Der Deutsche im Innern von Böhmen, umgeben von einer tschechischen Landbevölkerung, spricht keine deutsche Mundart, spricht ein papierenes Deutsch, wenn nicht gar Ohr und Mund sich auf die slawische Aussprache eingerichtet haben. Es mangelt an Fülle des erdgewachsenen Ausdrucks, es mangelt an Fülle der mundartlichen Formen. Die Sprache ist arm. Und mit der Fülle der Mundart ist auch die Melodie der Mundart verloren gegangen. Es ist bezeichnend dafür, daß der Mensch auch zu seiner[51]  eigenen Sprache keine Distanz hat: die Deutschböhmen bilden sich ein und sagen es bei jeder Gelegenheit, daß sie das reinste Deutsch reden. Die Ärmsten! Als ob die Mundarten unrein wären!

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Wenn einem Deutschböhmen aus tschechischer oder tschechisch gewordener Gegend irgendwie die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einem Volksdialekte kommt, so pflegt er gewöhnlich den behaglichen Wiener Dialekt nachzuahmen. Es gelingt ihm nur schlecht. Er hört ihn (in den alten und neuen Wiener Possen), aber er kann ihn nicht nachahmen. Ich habe wie nur einer die Sehnsucht nach der Zugehörigkeit zu einem Dialekte empfunden; aber es fiel mir niemals ein, Wienerisch zu reden. Es gehört dazu wie zu jeder vollkommenen Beherrschung einer fremden Sprache etwas Komödienspielerei, etwas Snobismus, wofür ich keine Neigung, wahrscheinlich keine Begabung habe. Mir blieb die Sehnsucht, die sich mit Verstehen und Nicht-Sprechen-Können süddeutscher Mundarten begnügen mußte. Die oberbayerische Mundart und einige allemannische Mundarten haben mich beim ersten Anhören bis zu Tränen ergriffen. Sprachkünstlerisch, aus dem Unbewußten heraus, ist meine Sprache niemals lebendig genug gewesen, und darum nicht dichterisch genug. Mögen Feinde mir es boshaft nachsprechen, was ich unter tausend Schmerzen spät genug herausgefunden habe.
Und weil ich einmal so Kritik übe an der Grundlage meines poetischen Schaffens, so sei gleich an dieser Stelle und in diesem Zusammenhange der andere Mangel beklagt, der meine dichterischen Pläne nicht zu meiner eigenen Zufriedenheit reifen ließ. Wie ich keine rechte Muttersprache besaß als Jude in einem[52]  zweisprachigen Lande, so hatte ich auch keine Mutterreligion, als Sohn einer völlig konfessionslosen Judenfamilie. Wie mir mit meinem Volke, dem deutschen, nicht die Werksteine ganz gemeinsam waren, die Worte, so war mir und ihm auch das Haus nicht gemeinsam, die Kirche. Mir waren nicht nur die Griechengötter tote Symbole, auch den christlichen Himmel lernte ich als totes Symbol kennen, so viele Mühe ich mir auch – etwa vom 12.–15. Jahre – gab, mir den christlichen Himmel zu erobern. Es ist ein Unterschied zwischen einem christlichen Knaben, der später seinen Glauben verloren hat (etwa D.F. Strauß) und einem von Anfang an Glaubenslosen. Goethes Blasphemien sind titanisch, Heines Witze sind dagegen kalt. Gerade weil die Kirche so ganz und gar menschlich, irdisch ist, darum ist es ein dichterischer Mangel, von Anfang an nicht auf diesem gemeinsamen Boden zu stehen. Weil mein Ringen um den Glauben vielleicht nur ein unbewußtes Spiel gewesen war, darum fehlte meinem Bekenntnisse zum Atheismus am Ende das Symbol des Kampfes: der Haß. Und meiner dichterischen Sprache das Höchste und Tiefste: die Erde.
Nun aber darf ich auch sagen, daß diese Mängel mich in Erkenntnisfragen der Sprache gegenüber um so freier machten. Doch ich habe die Schule der Piaristen noch nicht verlassen; zurück.[53] 



VII. Und wieder die Piaristen.










[54] Ich könnte natürlich manche harmlose Schulanekdote erzählen. Ich möchte aber nicht unterhalten, ich möchte nur durch Beispiele belegen, was ich über das Elend meiner Schulzeit gesagt habe. Was so trostlos war, das äußerte sich ja nicht in den kleinen Lehrerdummheiten, die überall möglich sind und für die die schlimmen Schulbuben so scharfe Ohren haben; was so trostlos war, das war die allgemeine Bildungsstufe der Lehrer und der Schüler, also der ganzen Anstalt. Die preußischen Unteroffiziere, die unter Friedrich dem Großen Schulmeister wurden, hatten nur im Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten und besaßen schwerlich weniger Kultur als unser böser Klassenlehrer. Unser Ordinarius in der fünften Klasse hatte viel Mutterwitz und einigen Schliff, aber auch er ließ sich von uns auf Donatschnitzern ertappen. Ein Geschichtslehrer, der sich gerne reden hörte – er soll ein guter Prediger gewesen sein –, war der einzige Deutsche unter den Professoren und ein Mann von einiger Belesenheit. Er war kein Piarist; er gehörte einem Orden an, in dessen Küche die höheren Töchter Prags die höhere Kochkunst studierten, in dessen großer Brauerei und in dessen kleiner Bibliothek man gut bedient wurde. Aber auch diesem Herrn passierte es einmal, daß er die[54]  Ausfuhr Venedigs nach Amerika zur Zeit der Kreuzzüge rühmend hervorhob.
Ich muß von meinem harten Urteile noch einen Lehrer ausnehmen, den kränklichen Piaristen, der sich auch äußerlich von den faulen Bäuchen unterschied. Er lehrte in der Volksschule den Katechismus und bei uns Naturgeschichte. Aber auch bei ihm lernten wir nichts, weil »man« Naturgeschichte für das Abiturientenexamen nicht brauchte. Das wußte er und das wußten wir, daß Naturgeschichte nur eben geduldet war. Er brachte Liebe für sein Fach und für die Kinder mit, und wenn wir im Frühjahr mit ihm botanisieren gehen durften, so war es doch ein kleiner Gewinn fürs Leben. Um seine Frömmigkeit mag es schlecht bestellt gewesen sein. Er widmete sich mit Vorliebe den wenigen protestantischen Schülern, brummelte immer, wenn wir auf den Ausflügen bei einer der vielen Kapellen vorüberkamen, und bemühte für die Zoologie die Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht. Auf einem unserer Botanisierbummel hatte einer der »Ministranten« den lateinischen Namen des Löwenzahns nicht gewußt; der Lehrer ließ ihn, als wie zur Strafe, die zehn Gebote aufsagen und brummelte dann: »Aber ein dummer Kerl bist du doch!« Ich träumte mir von diesem Lehrer einen ganzen Roman zusammen, von einem unglücklichen Freigeist im Kloster, der lieber die Kleinsten im Katechismus unterrichtete, als daß er in der Naturgeschichte Konzessionen gemacht hätte. Ich traf diesen lieben guten Menschen einige Jahre später, als ich schon Student war, in einer kleinen Sommerfrische, wo er umsonst und eigentlich schon hoffnungslos Heilung einer schweren Lungenkrankheit suchen sollte; als ich ihn grüßte, nannte er mich sofort beim Namen und forderte mich neckend[55]  auf, einige Pflanzen in seiner Hand zu bestimmen. Er lud mich zu einem Glase Bier ein und wir blieben viele Stunden zusammen. Ich kann nicht behaupten, daß er mir die Wahrheit meines Romans bestätigt habe. Als wir uns aber trennten, sagte er mir mit der einschmeichelnden Stimme eines Phthisikers: »Erhalte dir so lange wie möglich deine Liebe zu Blumen und Schmetterlingen. Das ist die Liebe Gottes. Sie waren nicht zufrieden damit, daß ich als Katechet den Buben manchmal auch so etwas gesagt hab'. Ich werd's bald vor dem lieben Gott verantworten.« Ich glaube fast, er ist der einzige Christ unter meinen Piaristen gewesen.
Der wichtigste Lehrgegenstand meiner fünf Piaristenjahre war natürlich das Latein. Ich will darum über die Erfolge noch einige betrübte Worte sagen. Die Zeit, in welcher fünfzehn- oder sechzehnjährige Jungen perfekt Latein lesen und schreiben konnten, die Zeit der alten Gelehrtenschule, war selbstverständlich längst vorüber. Längst waren die Ansprüche auf ein Minimum herabgesunken. Wir hätten es in der fünften Klasse aber doch so weit bringen sollen, Nepos, Cäsar und Ovid geläufig zu verstehen. Ich weiß nicht, warum wir Buben gerade den Cäsar und den Ovid lesen durften; die Feldzüge Cäsars sind Männerlektüre; und die gräßlichen Metamorphosen des Ovid wären eigentlich recht beschaffen, für Lebenszeit einen Abscheu vor der lateinischen Poesie zu befestigen. Aber die Wahl der Autoren geht uns hier nichts an. Der Erfolg eines fünf Jahre fortgesetzten täglichen Unterrichts in der lateinischen Sprache dürfte etwa folgender gewesen sein. Die Hälfte der Schüler hatte nichts gelernt, einfach nichts; diese schlechten Schüler hatten vielleicht ein Dutzend Regeln und fünf Dutzend Vokabeln notdürftig auswendig gelernt,[56]  und wenn der Lehrer sie sehr laut anschrie und die Banknachbarn einsagten, fügten die Ärmsten am Ende auch ein Subjekt, eine Kopula und ein Prädikat stammelnd zusammen. Aber daß das, was der Lehrer aus ihnen herausschrie und herauszerrte, Ähnlichkeit hätte mit einer Sprache, meinetwegen mit einer toten Sprache, das hätte auch ein Optimist nicht behaupten können. Man denke sich nur in die Seele so eines Unglücklichen hinein. Er wird auf das Gymnasium geschickt, weil er nach dem Willen des Vaters Arzt, Richter, Oberlehrer oder Pfarrer werden soll; er hat auch nicht die allergeringste Neigung, etwas von der antiken Welt zu erfahren; ein Fliegendreckchen an der Wand interessiert ihn mehr als die lateinische Sprache; und er hat auch schon davon munkeln gehört, daß er nachher als Arzt, als Richter, als Pfarrer – was der zum Messelesen braucht, das ist ja wirklich gar bald gelernt – die lateinische Sprache gar nicht mehr brauchen wird, daß es nur so ein alter Schlendrian ist, Latein für die Lateinschule zu lernen. So kratzt sich sein Gedächtnis für die Lateinstunde die paar Dutzend der notwendigsten Begriffe zusammen, und mit dem Glockenzeichen ist alles wieder vorüber. Die wenigsten von diesen schlechten Schülern sind durchgefallen; die meisten wurden von Klasse zu Klasse gequetscht und haben bewiesen, daß man arzten, richten, predigen kann, ohne Latein gelernt zu haben.

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Die andere Hälfte der Klasse las in der Quinta Cäsar und Ovid, das heißt, man entzifferte den ungefähren Sinn mit Hilfe der Eselsbrücken und des Wörterbuchs und stand den lateinischen Konstruktionen mit ahnungsvoller Hilflosigkeit gegenüber. Bei keinem von uns konnte davon die Rede sein, auch nur den leichtesten[57]  lateinischen Autor so zu lesen, wie unsereins nach einem halbjährigen Unterricht im Französischen einen leichten französischen Schriftsteller liest. Es gab natürlich Musterknaben unter uns (ich fürchte, ich gehörte damals nicht mehr zu ihnen), es gab auch einen Primus; es gab aber keinen einzigen leidlich guten Lateiner.
Unser Ordinarius in der Quinta, der lüsterne Pfaffe mit dem Mutterwitz, imponierte uns in der ersten Stunde nicht schlecht, da er uns androhte, mit uns lateinisch zu reden. Es stellte sich aber bald heraus, daß die copia verborum seiner lateinischen Konversation in drei Sätzchen bestand, die wir ihm denn auch bald ablernten: Loquamur latine. Optime. Verte in vernaculam. So, darin bestand seine lateinische Eloquenz. Ich bitte seinen breiten Schatten um Verzeihung, wenn er noch einen weitern Satz sprechen konnte, und ich den vergessen habe. Und das war der Jammer: wir hatten nicht das Gefühl, unwissender zu sein als unsere Lehrer. Ich glaube jetzt wie damals, daß diejenigen von uns, die den »Freund« fleißig benützt hatten, im psychologischen Augenblicke mehr wußten, als der Herr Professor, der das Faulenzerbuch auch vor sich liegen hatte, der aber zu faul war, hineinzusehen. Natürlich, unser Interesse war größer als das seine.
Ich darf nun nicht länger mit dem Geständnisse zurückhalten, daß ich in diesen fünf Jahren ein so fauler Schulknabe wurde, als nur je einer den Tag um seine Stunden bestohlen hat. Ich gab mir nicht die Mühe, irgend etwas zu lernen, für die Schule zu lernen, wohlgemerkt. Ich hatte es ja nicht nötig. Ich war mit einem einzigen Ausnahmefall immer einer der Ersten in der großen Klasse und galt überdies bei vielen Kameraden und eigentlich auch bei einigen Lehrern für den besten[58]  Schüler. Ich hörte nur zu – wenn ich nicht just unter der Bank was zu lesen oder zu dichten hatte –, ich arbeitete zu Hause gar nichts und durfte mich dennoch rühmen, daß meine »Kompositionen« (die Klausurarbeiten) recht viel durch die Mitschüler abgeschrieben wurden. Von einer Anregung oder gar Anleitung zu wissenschaftlicher oder vorbereitender Arbeit war nicht die Rede, niemals. Auch die Ersten der Klasse hatten Vertrauen zu mir, trotzdem mir gelegentlich ein falscher Genetiv oder ein falsches Perfektum aus der Feder lief. Es war eine Schande, wie wir um die schönen Jahre betrogen wurden. Ich drückte die Bank und hatte die Hoffnung aufgegeben, auf diesem Gymnasium jemals geistige Fortschritte zu machen. Die Einführung in das antike Kulturleben blieb aus; und was ich für den Schulbedarf brauchte, das flog bei dem ewigen Wiederkäuen des armseligen Stoffs einem von selber an, auch wenn man während der Schulstunde Goethe las oder schwer gereimte Sonette schmiedete. Man brauchte nur dann und wann hinzuhören.
Ich möchte es noch einmal sagen, und deutlicher als vorhin, daß ich nur für die Schule ein so nichtsnutziger Faulpelz war. Außerhalb der Schule kam meine Lesewut und mein Wissensdrang – wie ich wohl sagen darf – bald wieder zum Durchbruch. Man konnte doch nicht immer in der Moldau schwimmen oder auf der Moldau Schlittschuh laufen. Ich las, wenn ich nicht schwimmen, Schlittschuh laufen, essen oder schlafen konnte. Ein Stubenhocker bin ich auch in den Jahren meines wildesten Fleißes nicht gewesen. Trotzdem zu meiner Zeit jede Anregung oder gar Anleitung zur Übung eines Sports fehlte – wir kannten das Wort nicht –, trieb es mich immer wieder hinaus in die Berge, in die Wälder,[59]  in den Fluß. Als Schlittschuhläufer habe ich es nicht bis zur edeln Kunstfertigkeit gebracht; ich lief eben stundenlang die Moldau aufwärts, wohl bis über Kuchelbad hinaus; wie ich denn auch als Fußwanderer schnell und ausdauernd war wie einer. Bloß im Wasser durfte ich mich rühmen, eine nicht ganz alltägliche Geschicklichkeit zu besitzen. Aber ohne irgendein gutes oder schlechtes Buch ging ich kaum aus dem Hause; es fehlte nicht viel, und ich hätte mir auch ins Wasser etwas zu lesen mitgenommen; wenigstens glückte mir einmal das Kunststück, über die Moldau hinüber und herüber zu schwimmen, ein Buch in der linken Hand zu halten und es trocken zurückzubringen.
Diese Erinnerungen haben eine erziehliche Absicht, und es täte mir leid, wenn ein anderer fauler Schlingel aus meiner Erzählung den Schluß ziehen wollte: man könnte durch bloße Faulheit ein einigermaßen geachteter Schriftsteller werden. Ich will nicht auf meine sprachphilosophischen Schriften hinweisen, an denen just die vielseitigen Kenntnisse öfter gerühmt und überschätzt worden sind. Ich habe mir den nötigen Schulsack erst in sehr reifem Alter angeschafft. Aber ich hatte doch immerhin (auf den obersten Klassen des Gymnasiums) den Plan gefaßt, und einen Bruchteil des Plans ausgeführt, Heines Gedichte ins Griechische zu übersetzen. Ich kann nicht leugnen, daß unser Primus mir in der Übersetzung von »Du hast Diamanten und Perlen« einen falschen Dual korrigieren mußte; dennoch scheint mir die Übersetzung von einem Dutzend Heinescher Gedichte ins Altgriechische immerhin ein Beweis, daß ich trotz meiner gottsträflichen Schülerfaulheit ein recht fleißiger Bursche gewesen warI.[60] 


Der Widerspruch löst sich natürlich durch meine Lesewut. Es dürfte schwer zu berechnen sein, wieviel Bände ich während meiner Gymnasialzeit verschlungen habe. Was ich las? Das Beste und das Schlechteste durcheinander. Einige Romane, die deutschen Klassiker und dann – Räuber- und Geistergeschichten, die eine große Abteilung im Kataloge unserer Leihbibliothek ausmachten. Ohne Wahl, ohne jede Leitung, ohne jede Hilfe, ohne jede Kritik habe ich damals viele, viele hundert Bände von Klassikern gelesen, von deutschen, lateinischen und griechischen Klassikern. Das Wort »Klassiker« hatte es mir angetan. Ich bin noch sehr lange nachher kindlich genug gewesen für wertvoll zu halten, was allgemein angepriesen wurde. Ich werde gleich zu erzählen haben, wo und wie ich zu den Büchern kam, die ich in jeder freien Stunde, gar zu oft beim Lichte einer Kerze, zu verschlingen liebte: Kräuterbücher, Reisebeschreibungen, irgendwelche längstvergessene deutsche Dichter in elendem Nachdruck auf Löschpapier, sodann die auf Kredit geliebten lateinischen und griechischen »Klassiker« in der augenmörderischen Ausgabe von Tauchnitz. Ich habe damals gewiß den Grund zu dem Augenübel gelegt, das mir jetzt die Arbeit so erschwert. Aber das ahnte ich noch nicht; ich las und las, ich las, als hätte ich mich freiwillig zum Lesen verurteilt. Wahllos und ohne jede Leitung – wie gesagt – las ich jedes lateinische und griechische Buch, das ich erstanden hatte. Es war ja ein Klassiker, der Redner und der Dichter, der Grammatiker und der Geograph, jeder war mir recht, jeder wurde verschlungen. In trotzigem Gegensatz gegen die Art, wie auf der Schule zwei Zeilen in der Stunde durchbuchstabiert wurden, las ich die lateinischen und dann die griechischen[61]  Klassiker sehr schnell durch; im Lexikon wurde nur dann nachgeschlagen, wenn sonst nicht einmal der ungefähre Sinn klar geworden wäre. So gewann ich mit der Zeit eine erstaunliche Übung im Lesen lateinischer und griechischer Schriften, freilich ohne die wünschenswerte grammatikalische Festigkeit. So gewann ich aber auch langsam die Überzeugung, daß ein Klassiker ein recht langweiliger Herr sein kann. Keiner von den Lateinern hat mir jemals Freude gemacht. Meine ganze Liebe gehörte Homer, bei dem ich es freilich nicht mit einem ungefähren Verständnis abgetan sein ließ. Mit Hilfe eines Homerwörterbuchs überwand ich die Schwierigkeiten des Anfangs; später habe ich ganze Gesänge der Ilias mit Lust auswendig gelernt. Ich fürchte, meine griechische Heineübersetzung weist homerische Einflüsse auf und ist kein Muster der attischen Sprache. Doch dieses wilde Lesen der alten Klassiker und dann das ebenso leitungslose Erlernen moderner Sprachen fällt mit in die Zeit meines zweiten Gymnasiums. Ich glaube, ich litt schon in jenen Jahren sehr bitter darunter, daß ich auf der Welt keinen Menschen wußte, den ich in meinem Wissensdrange hätte um Rat fragen können. Es mag aber auch an mir selbst gelegen haben, daß ich lieber für einen Faulpelz galt und keiner Seele das Geheimnis meines heimlichen Fleißes anvertraute. Einen Wegweiser habe ich auf meinem Wege nicht gefunden, auch später nicht.
Zu meinem heimlichen Fleiße und zu den Gefahren, die der Mangel eines Wegweisers mit sich führt, gehörte auch die Art, wie ich mir Bücher verschaffte. Ich hatte nicht Geld genug, um beim Buchhändler zu bestellen, wonach mich verlangte. Aber mit einigen Kreuzern oder »Sechserln« in der Tasche ging ich allsonntäglich[62]  nach der Judenstadt, in deren Hauptstraße alle Trödler ihre unsäglichen Waren ausgelegt hatten, auch alte Bücher. In der Judenstadt wäre für mich manches zu sehen und zu hören gewesen, was mich hätte interessieren müssen: die »Altneuschul«, der uralte jüdische Friedhof, vor allem aber die köstlichen, oft kabbalistischen Sagen, die sich an die altberühmte Synagoge und an einzelne Grabsteine des Friedhofs knüpften. Ich aber suchte in der Judenstadt allsonntäglich nur eins: Bücher, die ich für ein paar Kreuzer oder ein Sechserl erstehen konnte. Da lagen sie über die schmutzigen Tische geschüttet, Bücher aller Art, zerlesene Romane und wissenschaftliche Werke, die meisten unvollständig, einzelne Bände, die ganz besonders wohlfeil waren. Und Klassiker! Griechische, lateinische französische und deutsche Klassiker. Das Wort machte mich ja wehrlos. War auf dem Titelblatte in irgendeiner Sprache die Bezeichnung »Klassiker« gedruckt, so glaubte ich einfältig, alle Herrlichkeiten und Geheimnisse der Welt müßten in dem Buche stecken. Ich kaufte so viele Klassiker, als ich bezahlen konnte. Ich habe erst viel später erfahren, daß der Verleger einen alten oder neuen Autor zu einem Klassiker ernennen kann; daß die Bezeichnung im Grunde nicht viel besagen will, daß es, wie Julian Hirsch sagen würde, einen ruhmerzeugenden Handel und andere Fälscher des Ruhmes gibt.
Ich war also bei absoluter Schulfaulheit einer der besten Schüler und hatte mir privatim eine erstaunliche Übung im oberflächlichen Lesen lateinischer und griechischer Schriften angeeignet; aber ich verließ das Piaristengymnasium ohne die Kenntnis der lateinischen Grammatik, ohne die Kenntnis gerade, zu der auch der[63]  letzte Schüler der Klasse verpflichtet gewesen wäre. So frage ich mich besonnen, ob es möglich ist, was ich nun aussprechen will; und ich weiß doch, daß es wahr ist. Acht Jahre waren vergangen, seitdem ich aus den Händen unseres Hofmeisters gekommen war. Von diesen acht Jahren hatte ich drei mit angestrengtem Fleiße dem Geschäfte und der Eitelkeit eines gewissenlosen Schuldirektors gewidmet, hatte ich fünf Jahre mit gottsträflicher Zeitvergeudung fünf bis sechs Stunden täglich den geistlichen Lehrern gegenüber versessen. Und an Schulkenntnissen war ich in diesen acht Jahren nicht reicher geworden, als ich bei verständiger Leitung in einem halben oder meinetwegen in einem ganzen Jahre hätte werden können. Daß ich in diesen Jahren trotz alledem etwas gescheiter und kritischer geworden war, das war wahrhaftig nicht das Verdienst der Schulen.

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Ich muß es nun zu meiner Ehre sagen, daß mir das Bewußtsein immer unerträglicher wurde, so die Zeit zu vertrödeln. Mein Wunsch, etwas Ordentliches zu lernen, gab mir den Gedanken ein, das Piaristengymnasium zu verlassen, das Kleinseitner Gymnasium aufzusuchen, das in der Schülerwelt bekannt und gefürchtet war um seiner Strenge und um seiner tüchtigen Leistungen willen. Ich stand bereits in meinem siebzehnten Jahre; aber dennoch darf ich es als ein gutes Zeichen betrachten, daß mich dieser Ruf anzog. Ein bißchen Deutschtümelei mag mitgesprochen haben, denn das Kleinseitner Gymnasium war eine wirklich deutsche Anstalt. Und ich will auch nicht verbergen, daß mein Wissensdrang gewiß auch von Eitelkeit gespornt wurde; ich hörte es nicht gern: »Ja, bei den Piaristen, da bist du ein Vorzugsschüler; aber bei uns auf der Kleinseite,[64]  da geht's dir schlecht, da fällst du bei Nacke (dem Lehrer der Mathematik) sicher durch.«
Ich habe wohl immer die Neigung gehabt – mir selbst unbewußt – das Brett zu bohren, wo es am härtesten ist. Ich war also entschlossen, mit dem Gymnasium zu wechseln; das war aber nicht so leicht ausführbar, weil in unserem Hause die Kinder keinen eigenen Willen haben durften und unter der strengen Zucht des Vaters auch kaum mehr hatten. Mein Vater hatte mich auf dem Piaristengymnasium einschreiben lassen; da hatte ich zu bleiben bis zur »Maturitätsprüfung«. Es war nicht Sitte in meinem Elternhause, dem Vater zu sagen: ich gehe zugrunde, wenn dein Wille geschieht. Ich habe mir gewiß unter der ganz patriarchalischen Zucht meines Vaters erst den passiven Widerstand angewöhnt, mit dem ich später oft – anstatt in offenem Kampfe – Widerstände gebrochen habe.
Im Jahre 1866 brachte eine jener Ungerechtigkeiten, die einen Knaben vernichten können, meinen Entschluß zur Reife; und wenige Monate später half mir ein Stückchen Weltgeschichte meinen Vater meinen rebellischen Plänen geneigt zu machen. Krieg und Cholera mußten kommen, um mich aus dem Piaristengymnasium zu erlösen.
Die entscheidende Ungerechtigkeit, welche die Wendung in meinem Schülerleben herbeiführte, war eine richtige Dummejungengeschichte; und ich verlange von keinem Leser, daß er sie tragisch nehme. Auch ich gedenke der Sache nach gerade fünfzig Jahren ohne Schmerz, aber immer noch in Zorn; denn ich weiß, was der Knabe gelitten hat.
Die Geschichte hat anzuheben wie andere Schülergeschichten; der Ordinarius in der Quinta »hatte eine Pike« auf mich. Damals bildete ich mir ein, mein einsames[65]  Frondieren gegen die allgemeine Privatstunde wäre der alleinige Grund dieses Hasses gewesen; der frühere Ordinarius, der mit dem bösen Knechtsgesicht, hätte seinen klügeren und darum mutigeren Nachfolger gegen mich aufgehetzt. Der frühere Ordinarius hatte übrigens noch einen besonderen Grund, eine Pike auf mich zu haben; er war aus dem gleichen Orte gebürtig wie ich, schämte sich – er hat sich mir gegenüber verraten – seiner niedern Abkunft und fürchtete, ich oder meine Eltern wüßten allerlei über sein Vaterhaus. Wenn ich mir die Lage der Dinge heute recht überlege, so muß ich gestehen, meine guten wie meine schlimmen Eigenschaften möchten dazu beigetragen haben, mich manchem Lehrer unliebsam zu machen. Ich fügte mich nicht recht in die Schablone des Unterrichts, ich war ja zu alt für meine Klasse. Ich galt bei denjenigen Lehrern, die mich gern hatten, für ein Lumen der Schule; die andern hatten mein schlechtes Präparieren und meine vorlauten Antworten oft zu rügen. Der Ordinarius gab mir seine Abneigung, die freilich gegenseitig war, deutlich zu erkennen und drohte mir einmal vor der Klasse, mich von meiner guten »Lokationsnummer« hinunterzubringen. (Die Reihenfolge, in welcher wir nach der Güte unserer Zensuren gesetzt wurden, hieß die »Lokation«.) Nun wurde ich noch trotziger, gab ganz ungehörige Antworten und machte in den Pausen Epigramme auf seinen Bauch, auch in lateinischen Distichen. Solche Dinge wurden den Lehrern immer hinterbracht; wir glaubten bestimmt, daß die Ministranten die Spione machten; Angeberei ist in einem Klostergymnasium wohl unausrottbar.
Eines Tages hatte ich in einer lateinischen Klausurarbeit das Wort hauddum für noch nicht gebraucht,[66]  ich weiß nicht, ob der Sinn ganz richtig getroffen war oder nicht; ich hatte das Wort bei meiner wilden Livius-Lektüre aufgeschnappt und fand es wahrscheinlich schön. Als der Lehrer die Arbeiten am nächsten Tage wiederbrachte, rief er mich heraus und seine Augen funkelten von Bosheit. Die Klasse wieherte vor Wonne, als er immer wieder hauddum, hauddum rief und dann meinte, ich hätte wohl saudumm schreiben wollen, wie ich wäre. Ich muß ihn wohl unverschämt angesehen haben, denn bevor ich ein Wort erwidern konnte, schrie er mich an: »Du hast dir da ein Wort erfunden, das im Lateinischen gar nicht möglich ist. Du bist verrückt. Ich lasse dich durchfallen. Du kriegst einen Dreier (die schlechteste Zensur) aus Latein. Setz' dich!«
Am nächsten Morgen brachte ich meinen Livius mit und zeigte das Wort erst der ganzen Klasse und dann dem Ordinarius. Er warf das Buch auf den Boden und sagte nichts. Von da ab bis gegen den Schluß des Wintersemesters stellte er keine Frage mehr an mich. Dann, eines Morgens, pries er in der Lateinstunde die Schönheiten der tschechischen Sprache. Man werfe ihr vor, ihre Vokabeln seien zu arm an Vokalen; das sei aber nicht wahr und eine Sprache aus lauter Vokalen wäre noch lange nicht schön. Und zu einem Hauptspaße der Klasse quetschte er die Tonfolge eoa aus seinem breiten Munde wie ein Froschgequake heraus. »Und das ist ein gutes lateinisches Wort, das jeder von euch kennen muß, wenn er nicht durchfallen will.« Wir machten alle verdutzte Gesichter, und auch mir mag man es angesehen haben, daß ich nicht klüger war als meine Mitschüler. Ich kann natürlich nicht wissen, ob der Ordinarius diesen Schlag gegen mich vorbereitet hatte oder ob er erst beim Anblick meines[67]  dummen Gesichts auf den Einfall kam, mich zu strafen. Er blickte mit einem boshaften Zucken noch einmal nach mir hin und rief meinen Namen. »Eoa. Verte in vernaculam.« Ich verstand das Wort nicht, ich konnte es nicht übersetzen. Über der Klasse lag Totenstille wie vor einem Gewitter; vielleicht würde die ganze Klasse nachbleiben müssen. Aber der geistliche Herr war wieder in seiner besten Laune. »Jetzt hast du deinen Dreier aus Latein«, rief er mir zu und überhäufte mich mit groben Redensarten: wer eoa nicht übersetzen könne, der solle sich begraben lassen oder Schuster werden; ein solches Kamel dürfe nicht weiterstudieren. Und so ging es weiter bis zum Schluß der Stunde. Ich ging zum Direktor, einem gutmütigen, aber seine Ruhe über alles liebenden Herrn; er war ganz freundlich zu mir, aber er tat nichts. Wenige Tage später erhielten wir unsere Semesterzeugnisse und ich hatte aus Latein »zur Not genügend« oder so etwas Ähnliches. Und so rückte ich trotz einem sonst vorzüglichen Zeugnisse dicht an die Letzten der Klasse heran, die durchgefallen waren. Ich war so ungefähr der fünfundfünfzigste unter sechzig Schülern.

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Na ja. Man lache den dummen Jungen nur aus. Ich empfinde es auch heute nicht mehr als eine untilgbare Schmach. Es war aber keine Kleinigkeit, als so der oberste Lehrer mit sichtlicher Bosheit mir ein Unrecht zufügte. Selbstverständlich war ich nicht der einzige, der unter seinem bösen Charakter litt; keiner von uns wird es vergessen haben, wie sich dieser geistliche Herr über den Ärmsten unter uns, einen unglücklichen Krüppel, lustig zu machen pflegte. Ich kann weder vergessen noch verzeihen, was dieser Lehrer uns zugefügt hat, was er mir zugefügt hat. Trotzdem dieser Vorfall – wie gesagt – meine Befreiung entschied.[68] 
Schülerselbstmorde waren damals noch unerhört. Aber ich wußte, daß so etwas Unerhörtes geschehen mußte, damit der Ordinarius gestraft würde. Auch konnte ich ja unmöglich mit diesem Zeugnisse meinem Vater unter die Augen treten. Also hat der saudumme Junge zu sterben. Aber wie? Das Wasser tat's nicht, ich war ein zu guter Schwimmer. Eine Pistole besaß ich nicht. Ich wußte nicht, wie man sich Gift verschafft. Und gegen das Aufhängen hatte ich eine starke Verachtung. Stundenlang irrte ich in der Stadt umher. Gegen Mittag kam ich auf den Obstmarkt, fühlte Hunger, wurde noch unglücklicher und faßte den Entschluß, mich ganz heimlich totzuhungern. Vor der Leihbibliothek, aus der ich der Mutter Romane zu holen pflegte, faßte ich diesen Entschluß. Dann fiel mir ein, daß meine Mutter just Gutzkows »Zauberer von Rom« las; ich hatte mit ihr erst den ersten Band gelesen und wollte doch bis zu Ende kommen. Der »Zauberer von Rom« hat sein Teil dazu beigetragen, daß ich mich nicht tothungerte. Als ich die vielen Bände in Zwischenräumen – ich bekam ja den nächsten Band immer erst dann, wenn meine Mutter mit dem früheren zu Ende gekommen war – verschlungen hatte, interessierte auch mich nichts als der bevorstehende Krieg. Im Frühjahr 1866 hatte ich das entsetzliche Semesterzeugnis erhalten, und schon im Juni wurde das Sommersemester plötzlich beendet, weil der Krieg ausgebrochen war. Wir erhielten die Jahreszeugnisse. Ich war wieder zu den Vorzugsschülern aufgerückt; aber mein Wille stand fest, das »Pfaffengymnasium« zu verlassen und auf dem Kleinseitner Gymnasium mein Heil zu versuchen, wirklich mein Seelenheil.[69] 



VIII. 1866.










[70] Der Krieg war ausgebrochen und wir waren dumme Jungen genug, uns darüber zu freuen, daß er uns Ferien von beinahe vier Monaten verschaffte. Man weiß, wie rasch die Ereignisse sich folgten. Schon am 8. Juli waren die Preußen in Prag; die Hauptstadt Böhmens war unmittelbar vorher, um überflüssiges Blutvergießen zu vermeiden, zu einer offenen Stadt erklärt worden. Prag war eine gar zu altmodische Festung gewesen; der Feind hätte sie, wenn an Verteidigung gedacht worden wäre, sehr bequem zusammenschießen können.
Unsere Stadt wurde ein preußisches Truppenlager. Wir lernten vom Kriege nichts kennen als: Truppendurchmärsche, den Transport von Verwundeten, das Treiben eines Trosses von Frauenzimmern und die Cholera. Alle öffentlichen Gebäude Prags waren zu Hospitälern umgewandelt worden und alle Schulen; auch das Piaristengymnasium. Dort wütete die Cholera furchtbar unter den österreichischen und unter den preußischen Verwundeten. Dann griff die Seuche nach dem Kloster hinüber. Der Klatsch der niedern Bevölkerung war so ungerecht, das unmäßige Leben der Geistlichen für ihre Erkrankung verantwortlich zu machen. Viele von den Piaristen starben; auch unser Direktor und zwei meiner Lehrer.[70] 
Als der Krieg und die Seuchen (auch der Typhus hatte geherrscht) vorüber waren, als am 1. Oktober das neue Schuljahr beginnen sollte, da setzte ich meinen Willen durch. Auf meine Weise, die ich nicht loben will. Ich ließ dem Vater von der Mutter die Gefahren schildern, die den Schüler in dem verpesteten Gebäude bedrohten; ich verschwieg, daß es in den andern Gymnasien nicht anders ausgesehen hatte. Auch wäre ich jetzt alt genug, um den weiten Weg nach dem Kleinseitner Gymnasium viermal täglich machen zu können. Mein Vater willigte ein und ich ging mich anmelden. Ich sehe noch das verwunderte Gesicht des Direktors, als ich ihm auf seine Frage nach dem Grunde des Wechsels unbefangen und treuherzig meine Geschichte erzählte. Das Piaristengymnasium wäre mir zu schlecht gewesen. Er wies mich zurecht und verlangte meine Zeugnisse zu sehen. Ich hatte sie alle mitgebracht, auch das mit der Zensur »zur Not genügend«. Der Direktor ließ mich eine Seite Livius übersetzen, schüttelte den Kopf und ich war in das Gymnasium meiner Sehnsucht aufgenommen. Das verdankte ich also Bismarck und seinem Kriege.
An dieser Stelle darf ich wohl einige Worte über unser jugendliches Verhältnis zu dem Deutsch-Österreichischen Kriege sagen. Selbstverständlich nicht meine jetzige Meinung, sondern die Auffassung des Gymnasiasten von noch nicht siebzehn Jahren. Da war nun keine Rede von irgendeinem Verständnis für den weltgeschichtlichen Vorgang oder auch nur von der Möglichkeit eines Verständnisses. Deutsche Geschichte der letzten Jahrhunderte lernten wir eigentlich nur als eine Geschichte der Habsburger. Die Schule ließ uns die Bedeutung der Revolutionen und die Macht der Nationalitätsidee[71]  nicht ahnen; von der Einigung Italiens wußten wir nur, daß wir während des Krieges 1859 die Schulstunden mit Scharpiezupfen ausgefüllt hatten; ich kann versichern, daß wir vor dieser Tätigkeit niemals angehalten wurden, etwa unsere Hände zu waschen. Auch was wir im Elternhause von politischen Dingen erfuhren, lag weitab von den Einheitsidealen des deutschen Volkes. So zum Beispiel wußte ich mancherlei aus dem Jahre 1848: in der Speisekammer hingen die Waffen und die Uniform, die mein Vater als Nationalgardist getragen hatte; auch einen Personenkultus gab es: einer der Abgeordneten der Paulskirche, der schöne und gute Dichter Moritz Hartmann, war Hofmeister bei meinem Onkel gewesen. (Er hat den Namen meiner Familie in einer seiner Novellen durch den ihm vielleicht wohlklingendern »Kirchner« ersetzt.) Ich wußte aber auch von den Aufständen in Prag und in Wien und von den blutigen Greueln der Sieger. Mein Vater sprach niemals über solche Dinge; meine Mutter aber flößte uns Bewunderung für die Revolution ein und begründete ihre Gesinnung mit Schillerschen Versen. Nur daß damals in Frankfurt über ein einiges Deutschland beraten worden war, davon hatte ich keine Ahnung; solche Dinge erfuhr ich erst etwas später aus Heinrich Heine, mit gläubiger Andacht. Wir hatten also keine politische Stellung zum Kriege von 1866; nicht einmal großdeutsch waren wir. Wir hatten 1859 gedankenlos Scharpie gezupft, wir hatten 1864 gedankenlos »Schleswig-Holstein meerumschlungen« gebrüllt; jetzt wußten wir nur, daß die Preußen wieder eine österreichische Provinz erobern wollten wie damals unter Maria Theresia. Und daß ihnen diese Gemeinheit diesmal schlecht bekommen würde. Benedek[72]  war der Feldherr unseres Herzens; wir kannten auch seinen geheimen Feldzugsplan. Für die Darstellung dieses Planes hatten wir uns eine sehr einfache und sehr hübsche Pantomime eingeübt. Wenn wir – die Verwegensten unter uns schon bei einer Zweikreuzerzigarre – über den wahrscheinlichen Ausgang des Krieges redeten, dann legte der fünfzehnjährige Sohn eines pensionierten Hauptmanns die beiden Handwurzeln zusammen, so daß die beiden Handflächen in einem stumpfen Winkel voneinander abstanden. Er tat das sehr geheimnisvoll; denn niemand durfte diesen geheimen Plan erfahren. Aber wir verstanden die Pantomime. So stellte sich Benedek auf und die dummen Preußen rückten in Eilmärschen in den stumpfen Winkel hinein; nun bog der strategische Hauptmannssohn langsam, langsam die Finger zusammen und die Preußen waren gefangen. Wir wollten sie übrigens nicht schlecht behandeln. Nur besiegt mußten die Preußen werden. Wir Österreicher mußten die Herren von Deutschland bleiben (wir glaubten, wir wären es), um zu Hause mit den Tschechen fertig werden zu können; ich habe seitdem, wenn irgendwo auf der Erde ein Krieg ausbrach, Rauchzimmerstrategen kennengelernt, die in ähnlicher Weise die geheimen Pläne ihres Lieblingsgenerals vortrugen; und ich fürchte, auch ich bin ab und zu so ein Stratege gewesen. Sobald ich nämlich Partei nahm.

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Als nun die ersten Schlachten geschlagen waren, kam für kurze Zeit der Zorn der Besiegten über uns. Wir glaubten acht Tage lang alle Gräßlichkeiten, die uns über die Preußen erzählt wurden, aber wirklich nicht länger. Nach der Besetzung Prags besiegten uns die Preußen moralisch.
Als die Schlacht von Königgrätz geschlagen war und[73]  der Einmarsch bevorstand, flüchteten die vermögenden Leute mit Söhnen und Töchtern aus der Stadt; die Töchter sollten vor Vergewaltigung durch viehische Soldaten geschützt werden, die Söhne vor der Rekrutierung durch die Preußen. Daß die jungen Mädchen fortgeschafft waren, erwies sich bald als recht wünschenswert; die Preußen hielten zwar bekanntlich musterhafte Mannszucht und die gemeinen Soldaten (größtenteils ältere Jahrgänge) waren durchaus gutartig, aber der Zuzug von käuflichen Frauenzimmern war so ungeheuer, daß die Straßen, Gärten und Inseln Prags in diesen Sommermonaten wirklich einen etwas babylonischen Anstrich bekamen. Das Gerücht, daß die Preußen Jünglinge und Knaben mit Gewalt in ihre Regimenter steckten (das Gerücht trat sehr sicher auf), glaubten wir nur wenige Stunden. Mein achtzehnjähriger Bruder und ich widersetzten uns der Flucht, als ein aufgeregter Onkel schon mit einem Wagen vor der Türe hielt, um uns zu retten. Wenige Tage später lernten wir die Preußen kennen und konnten über die Greuelmären lachen.
Ich erinnere mich noch, als ob es heute geschehen wäre, an den Einmarsch. Ich saß am frühen Morgen des 8. Juli mit einem Buche im Canalischen Garten, der etwa eine Viertelstunde vor dem Roßtore lag und durch eine Mauer von der Heerstraße getrennt war. Ich saß lesend auf einer Bank. Plötzlich höre ich Pferdegetrampel und Kommandorufe. Die österreichische Garnison hatte Prag seit einer Woche verlassen; auch klangen die Kommandorufe fremdartig. Ich kletterte auf die Mauer und zwei Schritte vor mir stand ein Trupp preußischer Husaren; dahinter Artillerie und weiter Infanterie. Ein Offizier, der eine Landkarte in der Hand[74]  hielt, rief mir die Frage zu, wie weit es noch bis zum Stadttor wäre. Schnell gab ich Auskunft und habe mich damit hoffentlich keines Landesverrates schuldig gemacht. Dann rannte ich spornstreichs durch den Garten nach dem Roßtor, um dabei zu sein.
Der Einmarsch vollzog sich in Formen, die sicherlich vorgeschrieben waren. Wir waren töricht genug, darüber zu staunen und sogar zu spotten, daß keine Vorsicht des Krieges gegen das friedliche Prag außer Acht gelassen wurde. Die Preußen konnten ja nicht wissen, daß es einen totbereiten österreichischen Patriotismus in Prag nicht gab, weder bei den Deutschen, noch bei den Tschechen. So sahen wir die Feinde in kriegerischer Haltung, die Hand an dem gespannten Hahn, durch die dunkle Wölbung des Roßtors auf den Roßmarkt (jetzt: Wenzelsplatz) einreiten, sahen sie dann mit der bekannten »affenartigen Geschwindigkeit'' die Hauptstraßen besetzen1. Noch tagelang beobachteten wir, wie die Soldaten in der Hauptstadt der eroberten Provinz sich's behaglich[75]  machten in Bierkneipen, in Cafés plaudernd, essend und trinkend truppweise beisammen saßen, das berüchtigte Zündnadelgewehr immer in der Hand. Unvergeßlich ist mir der Anblick einer solchen Szene im Landestheater; es wurde ja weiter gespielt und unsere Sperrsitze standen meinem Bruder Gustav und mir jedesmal zur Verfügung, weil doch mein älterer Bruder Ernst und unsere Schwester gleich nach Ausbruch des Krieges nach Wien »geflüchtet worden« waren; den preußischen Offizieren waren die Fauteuils eingeräumt, den übrigen Soldaten die erste Galerie. Dort saßen und standen preußische Landwehrmänner dicht gedrängt, lachten aus vollem Halse über die Posse, die gespielt wurde; und jeder hielt seine Flinte in der Hand und viele unterstützten ihr Beifallrufen, indem sie mit dem Kolben auf den Boden trommelten.
Es war nicht eben verwunderlich, machte auf uns Knaben aber dennoch einen seltsamen Eindruck, daß in diesen Kriegswochen fast ausschließlich Possen gespielt wurden. Natürlich. Ich erinnere mich, daß zwischen 1864 und 1866 wohl einmal eine politische Komödie über die Bretter ging, daß da Schleswig-Holstein, meerumschlungen, aus der Hand des bösen Bismarck, der leibhaftig auf der Bühne erschien, gerissen werden sollte. Nicht einmal so etwas gab es 1866, um die Kampflust der Österreicher zu reizen. Es gab kaum in Deutschland, gewiß nicht in Österreich, eine patriotische Dramaturgie. Und daß die preußischen Truppen weniger nach Tragödien verlangten als nach Possen, war ja wirklich auch den Gebildeten unter ihnen nicht zu verdenken. Sie bekamen eine recht gute Nachahmung der berühmten Wiener Volksbühne zu sehen und zu hören. Auch zu hören. Die herrschende Mundart des[76]  Prager Landestheaters war in Possen durchaus wienerisch; auch einige Tschechen und unser erster Komiker, der vortreffliche Eichenwald, der aus Norddeutschland stammte, mußten wohl oder übel Wienerisch reden. Und gerade in den ersten Wochen nach der Okkupation gab es gar ein Gastspiel des berühmten Matras aus Wien. Die Preußen konnten in Prag Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« in einer ganz vorzüglichen Darstellung genießen. Den Höhepunkt der Theaterfreude bildete jedoch die Aufführung einer Berliner Posse, der »Maschinenbauer von Berlin«. Eichenwald selbst war glücklich, seine Berliner Schnauze gehen lassen zu können und die übrigen bemühten sich nach Kräften um eine norddeutsche Aussprache. Und als in einem der Couplets gar die Definition einer Köchin lautete: »eine Kommißbrot-mit-Leberwurst-Belegungs-Maschine«, da blickten die Leutnants von ihren Fauteuils lachend nach der Galerie, wo die preußischen Soldaten in ihrem verständnisinnigen Behagen Beifall tobten, daß das Haus wackelte.


Ein ganz anderes kleines Theatererlebnis hat sich meiner Erinnerung eingeprägt. Es war wenige Tage nach dem Einmarsch. Kaiser Franz Josef hatte einen Aufruf »An meine Völker« erlassen, in welchem – wenn mir recht ist – die Niederlagen zugestanden wurden und schon vom möglichen Frieden die Rede war. Dieses Blatt war von den Preußen mit Beschlag belegt worden. Im Theater aber, wo sich unsere Plätze dicht hinter den Fauteuils befanden, drehte sich ein hübscher junger Offizier während des Zwischenaktes um und reichte mir den Aufruf mit einer Miene, die man verbindlich nennen konnte, die aber vielleicht doch ein bißchen spöttisch war. Ich las den Aufruf im Zwischenakte[77]  durch und schämte mich fürchterlich, weil der Offizier mich für ungefährlich genug hielt, um mir das konfiszierte Blatt zu geben.
Unsere Gefühle gegen die Preußen waren anfangs aus Neugier und Haß gemischt. Wir liefen überallhin, wo sie zu sehen waren und flüsterten einander dann unsere kindischen Urteile zu. Wir fanden es »feige«, daß die Sieger keine Waffen in den Häusern duldeten; zu meinem großen Schmerze mußte ich den wuchtigen Nationalgardistensäbel des Vaters (den aus dem Jahre 1848) auf dem Rathause abliefern. Dann lasen wir einander das Plakat vor, in welchem vorgeschrieben war, wieviel an Nahrungsmitteln jeder Mann der Einquartierung zu fordern hatte. Das Schlagwort »Hungerpreuß« war auch zu uns gedrungen. Wir nahmen uns vor, die Preußen zu verachten um ihrer Feigheit und um ihrer Gefräßigkeit willen.
Aber noch waren nicht viele Tage vergangen und wir Prager waren, ich habe kein anderes Wort, in die Preußen verliebt. Wie diese bärtigen Landwehrleute in gestickten Pantoffeln vor den Haustüren saßen und mit den Kindern ihrer Wirtsleute spielten, das wurde uns ein unerwartetes und freundliches Erlebnis. Eine Ungebühr kam nicht vor. Von überall hörte man, daß die einfachen Soldaten nicht einmal streng einforderten, was ihnen nach dem Befehl zukam; sie aßen und tranken mit ihren Wirten, was die Kelle gab; dem einen ging es besser, dem andern schlechter, aber alle schienen zufrieden. Wenn ich meiner Erinnerung trauen darf, so waren die Tschechen in die preußischen Landwehrleute fast ebenso verliebt wie wir. Vielleicht kam bei den Tschechen dazu, daß sie bei dem großen Kriegsbrande ihre politische Suppe zu kochen hofften: Österreich[78]  hätte in Deutschland nichts mehr zu suchen, also könnte es zwischen Magyaren und Slawen aufgeteilt werden. Sicherlich kam ferner dazu, daß der Krieg so rasch sein Ende erreichte; Freund und Feind waren froh, einander wieder menschlich begegnen zu können. Blutdurst ist ja doch nicht der Normalzustand der Menschen. So viel kann ich bezeugen: von Revanchegelüsten war vier Wochen nach der Schlacht von Königgrätz im Volke nicht mehr die Rede.
Wir deutschen Gymnasiasten hatten viel zu sehen und zu hören, als die Preußen nach Beginn der Friedensverhandlungen sich's in Prag bequem einrichteten und wie zu Hause exerzierten. Da gab es etwas, was uns, mich und meinen kleinen Kreis, jedesmal elektrisierte. Trommeln und Pfeifen war der kriegerische Klang, der uns bisher unvorstellbar aus der deutschen Dichtung entgegengetönt hatte. In der Schule freilich hatten wir von der deutschen Dichtung so gut wie nichts erfahren; wußten auch nicht, daß die deutsche Dichtung noch vor wenigen Jahrzehnten das einzige einigende Band Deutschlands gewesen war; wußten nicht, was die Regierung gar wohl fühlte, daß die Begeisterung für die großen deutschen Dichter und auch die Liebe zu Heine und Uhland uns zu Deutschen gemacht hatte. Wie der Kerl bei Molière Prosa sprach, ohne es zu wissen, so waren wir Deutsche, ohne es zu wissen. In der Schule war uns größtenteils glatter Mist oder pedantisches Zeug empfohlen worden; wir aber hatten den Tell gelesen, den Götz und den Egmont. Trommeln und Pfeifen gehörten für uns zu den Freiheitskämpfen der Niederlande wie zu den Schlachten Friedrichs des Großen. Wie mag diese Musik geklungen haben? Jetzt erfuhren wir's. Für meinen kleinen Kreis wurde der[79]  Klang von Trommeln und Pfeifen der preußischen Infanterie zum Symbole eines neuen deutschen Nationalgefühles. Es war verrückt, aber es war so. Besonders der Dessauer Marsch machte uns wirblig, ich weiß nicht mehr warum. Er erklärte uns auf einmal die Weltgeschichte. Es ist mir heute noch nicht zum Lachen, wenn ich daran denke, wie wir einmal – drei oder vier Freunde – hinter einem Bataillon herzogen, immer in der Hoffnung, von den Pfeifen den Dessauer Marsch zu vernehmen und die Trommeln dazu. Und als endlich jenseits von Libussas Burg die himmlische Melodie wirklich einsetzte, da heulten wir vor Wonne; das heißt, wir gestanden uns unsere Tränen nicht zu und schlichen uns in den Schloßgarten von Nusle und fühlten uns deutsche Helden, Schill oder Andreas Hofer oder Hermann den Cherusker, und tranken zum ersten Male in einem öffentlichen Lokal Bier, aus großen Krügen. In solcher Stimmung mochte Karl Moor seine Räuberbande gebildet haben. Wir wußten, wie tapfer wir waren; auch war ja Krieg und keiner unserer Lehrer konnte uns sehen. Und wenn auch ... Solange die Pfeifer den Dessauer Marsch bliesen, solange waren wir sicher, aus Deutschland eine Republik machen zu können, gegen die Sparta und Rom Nonnenklöster gewesen waren. Einer von uns hatte den verwegenen Gedanken, der Kellnerin die Hand küssen zu wollen; es geschah nicht; aber schon der Gedanke war kühn und herrlich gewesen und mochte irgendwie mit dem Dessauer Marsch zusammenhängen.

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So wurden wir durch die Erlebnisse des Jahres 1866 aus unserm nationalitätslosen Österreichertum und aus unserm kosmopolitischen Liberalismus aufgerüttelt; und wenn man uns bald darauf auf unsere politische[80]  Gesinnung geprüft hätte, so wäre ungefähr herausgekommen: Deutschlands Einheit und Freiheit, aber ohne Preußen. Oder: der König von Preußen sollte die Sache machen und dann großmütig zurücktreten. Wir sahen zur Zeit des Friedensschlusses Bismarck und den König Wilhelm; sie gefielen uns so gut, daß wir ihnen eine so edle Gesinnung zutrauten.
Die Gestalt des Königs Wilhelm ruft eine kleine Geschichte in mein Gedächtnis zurück, die ich hier einschalten möchte. Der Vater meiner Mutter, der ein seltenes Alter erreichen sollte und damals schon nahe an hundert Jahre alt war, flüchtete aus Horzitz, als das Städtchen unmittelbar vor der Schlacht bei Königgrätz von preußischen Heeresmassen überflutet worden war; in seinem eigenen Hause war eine Ambulanz eingerichtet worden und solche Dinge liebte er nicht. Er gelangte fast ohne Abenteuer nach Prag und zu uns. Ich war ihm als Schlafgenosse zugeteilt und er erzählte mir viel aus seinen zivilistischen Kriegserinnerungen, wobei es dem alten Herrn, der beim Plaudern oft für einige Minuten einnickte, einmal passierte, daß er den Einmarsch der Preußen in Horzitz schilderte und dann plötzlich – nach einem kurzen Einnicken oder »Knappen« (wie er's nannte) – von einer Truppenrevue Napoleons bei Dresden oder bei Leipzig weitersprach. Als nun König Wilhelm und Bismarck in Prag angekommen waren, wollte mein Großvater die beiden Männer sehen. Ich begleitete ihn vor den Gasthof zum Blauen Stern, wir faßten Posto neben dem alten Pulverturm und da harrte der steinalte Mann an die zwei Stunden aus. Endlich kam ein Wagen aus dem Gasthof heraus, König Wilhelm und Bismarck fuhren an uns vorüber. Mein Großvater, für den es nicht leicht einen alten Mann gab, versetzte[81]  mir einen Puff zwischen die Rippen, wies auf den König und sagte mit Überzeugung: »Ein prächtiger junger Mann!« Der König stand in seinem siebzigsten Jahre. Etwa zwanzig Jahre später ließ sich Kaiser Wilhelm in Ems die kleine Geschichte von einem Herrn seiner Umgebung, der sie von mir erfahren hatte, erzählen und freute sich des impulsiven »Kompliments«; freute sich noch mehr, zu hören, daß ein Mann in voller Rüstigkeit über hundert Jahre alt werden konnte.
Am nächsten Morgen, als ich mir mein Glas Kränchenbrunnen holte, trat der General-Adjutant an mich heran. Die erste Frage des Kaisers wäre gewesen: wie alt dieser Mann geworden sei. – Ich mußte antworten, wir wüßten das selbst nicht bestimmt; nach einer bescheidenen Rechnung 104 Jahre, nach einer anderen, die übrigens meine Mutter als die richtige annahm, 111 Jahre. – Und ob es wahr wäre, daß dieser Mann noch eine halbe Stunde vor seinem Tode Karten gespielt hätte. – Das konnte ich bestätigen. – »Ich werde also sagen, daß er 111 Jahre alt geworden ist und noch eine halbe Stunde vor seinem Tode einen Grand mit Vieren gemacht hat. Das freut Majestät.«
Zur Zeit der Prager Friedensverhandlungen hatte ich endlich doch eine bessere Gelegenheit, diese merkwürdigen Preußen kennenzulernen, als im Theater oder auf der Straße. Ich durfte den Erzählungen der Verwundeten zuhören. Mein Schwager, vielmehr damals nur erst der Verlobte meiner Schwester, hatte die Leitung eines kleinen Privathospitals übernommen, das ein wohlhabender Fabrikant – wie viele seinesgleichen – für etwa ein Dutzend Verwundeter eingerichtet hatte. Selbstverständlich wurden Preußen und Österreicher[82]  aufgenommen, wie es sich eben traf. Das Hospital befand sich hart an der Stadtmauer, nicht weit von dem sagenberühmten Wyschehrad. Mein Schwager, der seinen ärztlichen Beruf mit Hingebung und einer besonderen Begabung ausübte, nahm mich mehr als einmal zu den Verwundeten mit. Es war kein schwerer Fall darunter. Ich durfte einige kleine Handreichungen leisten und sogar für einen jungen Unteroffizier, dem eine preußische Kugel just mitten durch einen Finger der rechten Hand hindurchgegangen war, Briefe schreiben. In diesem Hospitale ging es sehr gemütlich zu; niemand schien daran zu denken, daß man noch vor wenigen Tagen aufeinander scharf geschossen hatte. Höchstens daß ein Österreicher, ein wilder Schlesier, unaufhörlich auf die Regierung schimpfte, die von den preußischen Hinterladern gewußt haben mußte und dennoch ihre Leute mit den veralteten Vorderladern dem Feinde entgegengestellt hätte. Dem Manne war eine Kugel durch den Hals gegangen, hart an der Schlagader vorüber. Ein Preuße neckte ihn damit, die größere österreichische Kugel hätte ihn gewiß umgebracht; dann läge man nicht so freundlich nebeneinander. Derselbe Preuße hatte während der wenigen Tage des Feldzugs slawische Sprachstudien gemacht; er wußte nicht nur wie alle Preußen »heská holka« (hübsches Mädchen) und »dej mně hubicku« (gib mir einen Kuß) nachzusprechen; er erzählte auch, daß in jedem Dorfe ein Hostineck wäre, ein Wirtshaus. Ich belehrte ihn, das Wort hostinec würde Hostinetz ausgesprochen. Da kam ich aber gut an. »Hostineck heißt es. Das hat mir mein Leutnant selber gesagt. Und mein Leutnant wird das doch besser wissen, als so ein Prager Grünschnabel.« Und ich konnte mich nicht einmal ärgern. Es tat so[83]  wohl, diese Menschen mit Achtung von ihren Vorgesetzten sprechen zu hören. Da steckte irgendein Unterschied dahinter, ein Unterschied zwischen dem österreichischen Raunzen und dieser freien Freude am Staate. Ich habe erst sehr viel später einige Vorzüge der österreichischen raunzenden Schlamperei und einige Nachteile der preußischen schneidigen Staatsfreudigkeit gegeneinander abwägen gelernt.
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 Ich habe meine Darstellung stehen lassen, trotzdem ich nach der ersten Veröffentlichung dieses Stücks in einigen geharnischten Zuschriften (der Prager »Bohemia«) darauf gestoßen wurde: der erste Einzug der Preußen hätte am genannten Tage nicht durch das Roßtor, sondern durch das Porzitscher Tor stattgefunden; ich hätte offenbar einen späteren Einmarsch beobachtet. Ich zweifle nicht daran, daß die heftigen Einsender im Rechte sind. Ich lasse meinen Irrtum dennoch stehen, als ein Beispiel für die bekannte Unsicherheit ehrlicher Zeugenaussagen. Ich könnte heute noch darauf schwören, daß die vom Roßtor die ersten Preußen waren, die nach Prag kamen. Wenigstens die ersten, die mir zu Gesichte kamen. Wahrscheinlich rückte gleichzeitig mit der Haupttruppe, die am Porzitscher Tor feierlich vom Bürgermeister und vom Erzbischofe begrüßt und um Schonung der Einwohner angefleht wurde, meine kleine Abteilung durch das östlicher gelegene Roßtor ein. Sollte dem nicht so gewesen sein, so hätte ich einfach mit dem besten Gewissen eine falsche Zeugenaussage abgegeben; über einen unwesentlichen Nebenumstand. Und ich habe meine Darstellung nicht verändert, damit sie an die Möglichkeit erinnere, daß im Gerichtsale beim Streite 
um ein Menschenleben, daß beim Urteile über wichtigere Ereignisse leicht falsche Aussagen behauptet und beschworen werden können.




IX. Das Kleinseitner Gymnasium.










[85] So hatte mir der Krieg zugleich zum Besuche des Kleinseitner Gymnasiums und zu dem Gewinne nationaldeutscher Stimmungen verholfen. Ich trat mit sehr guten und mit sehr ernsten Absichten in das Gymnasium ein, wo deutscher Geist herrschen sollte. Der Ordinarius der sechsten Klasse, der bis zur Maturitätsprüfung mein Ordinarius blieb, war sogar einer aus dem Reich, ein Rheinländer. »Ein Rheinländer«, dachte ich andächtig und fühlte mich gehoben. Burgruinen, Lorelei, Rote Erde, Kölner Dom, überhaupt der Vater Rhein. Geographisch war die Sache nicht ganz klar, aber ich, der ich den Mann noch nicht kannte, war begeistert.
Der Ruf der Schule hatte nicht gelogen; ich kam in den Unterricht (leider wieder nicht unter die individuell erziehende Leitung) braver und tüchtiger Lehrer, vor deren Wissen wir Achtung haben mußten. Von diesem dankbaren Lobe muß ich leider gerade den Ordinarius ausnehmen, den schwärmerisch begrüßten Rheinländer. Wir hatten uns während des Sommers in den preußischen Landwehrmann verliebt; jetzt empörte der preußische Oberlehrer unsere besten österreichischen Gefühle. Ich glaube, es wäre uns schwer gefallen, uns auch unter einem vorzüglichen norddeutschen Oberlehrer an die preußische Zucht zu gewöhnen; unsere österreichische Schlamperei, dieses behagliche[85]  und erquickliche Sichgehenlassen, hätte unter den strengen Ansprüchen der deutschen Gelehrtenschule gelitten; aber wir wären froh gewesen, etwas Gründliches zu lernen, und hätten uns für die Übertreibung der Schuldisziplin durch irgendwelche Schülerstreiche schon schadlos gehalten. Unser preußischer Ordinarius aber war ein gewissenloser Lehrer, unglaublich arbeitsscheu und eine boshafte Kröte dazu; wir waren so unerfahren, alle diese Eigenschaften auf den reichsdeutschen Oberlehrer zu übertragen, weil unser Ordinarius sich durch sein immer gerühmtes Fachwissen – uns hat er fast niemals etwas davon mitgeteilt – und durch einen Anzug nach der neuesten Mode von den einheimischen Lehrern unterschied.
Über die Charaktereigentümlichkeit dieses unwahrscheinlichen Lehrers möchte ich lieber kurz hinweggehen. Er hat uns einzig und allein in Bosheit unterrichtet; er kannte kein größeres Vergnügen als seinen unbeträchtlichen Witz auf Kosten einiger Sündenböcke leuchten zu lassen. Diese Sündenböcke waren einige Tschechen, meistens tüchtige Burschen, die auf dem Kleinseitner Gymnasium deutsch lernen wollten und vorläufig noch allerlei Sprachfehler begingen. Wegen solcher Fehler zog der Ordinarius sie auf und quälte sie bis aufs Blut. Gar manche Stunde verging von der ersten bis zu der letzten Minute mit solcher Schrauberei, wir andern hatten die Aufgabe, jeden Witz des Lehrers mit schallender Heiterkeit zu begleiten. Wer junge Leute kennt und weiß, wie schadenfroh sie sind und wie gern sie sich um ernste Arbeit herumdrücken, der wird es freundlich anerkennen, daß wir diesem Unfug endlich in der siebenten Klasse (Unterprima) aus eigener Kraft ein Ende machten. Es wurde ein Klassenbeschluß[86]  gefaßt, über solche Witze des Ordinarius nicht mehr zu lachen. Unbezahlbar war sein Gesicht, als er am nächsten Tage einen der Unglücklichen wieder zu schrauben anfing und kein Gelächter ihn belohnte; er versuchte es mit stärkern und stärkern Späßen; aber wir blieben ernst und da verstand er endlich. Er machte keine Witze mehr, er begann die ganze Klasse zu quälen und sich an den Rädelsführern zu rächen, die zu erraten nicht schwer war. Schließlich scheute er auch diese Arbeit, kehrte zu seinen Gewohnheiten zurück und machte nur immer ein betrübtes Gesicht, wenn nicht gelacht wurde. Übrigens wurde die Schülerehre in meiner Klasse streng aufrechterhalten. Petzen wurde nicht geduldet. Ich weiß nicht, ob es auch in andern Schulen üblich ist, die Petzer so zu bestrafen, wie wir es einmal taten. Der Schuldige wurde an dem Henkel seines Überrocks an einen Kleiderriegel gehenkt und in dieser Lage ermahnt, ein anständiges, männliches Betragen zu versprechen.

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Alle unsere andern Lehrer waren Österreicher und unterschieden sich in vielen Dingen von dem Preußen, den der Haß der guten Katholiken unter uns überdies für einen Protestanten ausgab. Mit Unrecht; die boshafte Kröte war katholisch.
Besonders auffallend war der Gegensatz zwischen diesem Preußen und unserem Geschichtsprofessor, unserem lieben Ulrich, einem behäbigen dicklichen Herrn, dem man es wohl ansah, daß er sein abendliches Schöppchen liebte. Er trat jedesmal mit einem gemütlichen Worte in die Klasse, lehnte jede Feierlichkeit und Pedanterie ab und behandelte uns mit einer Ironie, hinter welcher sich Herzensgüte verbarg. Er erkundigte sich nicht ohne Neugier nach dem oder jenem Ärger, den[87]  wir mit andern Lehrern gehabt hatten, tröstete uns und ließ wohl eine ganze Viertelstunde mit Privatmitteilungen verstreichen. Bald hatte er Rheumatismus, nannte uns die Mittel, die er dagegen anwandte und erzählte bei dieser Gelegenheit allerlei aus der Chemie; bald erwähnte er irgendein Tagesereignis und erklärte es uns auf seine Weise. Wir glaubten, er vertrödelte die Zeit; in Wahrheit lernten wir so die Gedankengänge eines erfahrenen und klugen Menschen kennen. In seiner Kleidung war er von einer Nachlässigkeit, deren sich an einem Berliner Gymnasium kein Schüler, geschweige denn ein Lehrer schuldig machen würde. Ganz unmöglich waren seine Westen. Sooft er die alte rotkarierte anhatte, entschuldigte er sich mit seinem guten Schmunzeln: »Ich trag' sie seit zwanzig Jahren; vielleicht wird sie wieder einmal modern. Das ist auch Geschichte.« Das Schulbuch mußten wir einfach seitenweise auswendig lernen. Er gab sich nicht damit ab, den Stoff mit andern Worten vorzutragen; das wäre Zeitvergeudung. Auch auf Prüfungen ließ er sich nicht ein; nur dann und wann stellte er durch kurze Fragen fest, ob wir die Jahreszahlen aus unserm »Gindely« ordentlich gebüffelt hätten. An diese kurzen Fragen knüpfte er dann an, um uns, immer interessant, irgend etwas zu erzählen, was mit dem historischen Ereignisse in Verbindung gebracht werden konnte. Wagte er auch Abstecher auf das Gebiet der Nationalökonomie und auf die Geschichte der Prager Baukunst, brachte ihn einmal sogar Gustav Adolf darauf, die Geschichte der Einführung des Tabaks zu erzählen und uns vor übermäßigem Tabakschnupfen zu warnen, so hatten wir doch alle das Gefühl, dem freundlichen Manne dankbar sein zu müssen. Aus Dankbarkeit und Liebe lernten wir[88]  den »Gindely« ganz ordentlich; denn wenn wir nichts wußten, drohte er immer, nichts mehr zu erzählen.
Auch die andern Lehrer waren trotz individueller Wunderlichkeiten ganz kenntnisreich in ihrem Fache, wenn auch fast keiner ein Spezialist war, wie das jetzt von einem deutschen Oberlehrer verlangt wird. Der Lehrer des Griechischen, der feine Jahn, war ernstlich nervenkrank; wir behandelten ihn rücksichtsvoll; er war aber auch ein feiner Geist und wir hätten bei ihm Homer und Sophokles lieben lernen können, wenn die Lektüre nicht ohne Gnade auf die unabwendbare Wiederholung der grammatischen Regeln herausgelaufen wäre. Die Schuld lag aber nicht am Lehrer, sondern an den Bestimmungen des Schulregulativs: Grammatik sollten wir lernen, nicht den Glanz der antiken Welt begreifen.
Für die Naturgeschichte hatten wir einen heimlichen Darwinisten zum Lehrer, der uns mit großer Kühnheit all den Gedächtniskram schenkte, welcher vom Lehrplan verlangt wurde. Philosophische Propädeutik wurde von einem Kreuzherrnordenspriester vorgetragen; der Mann war nicht ohne Scharfsinn und führte uns ganz geschickt in die Spielregeln der alten Logik ein.
Unser Mathematiker Nacke gar war ein genialischer Herr und soll ein hervorragender Fachmann gewesen sein. Er liebte es aber, jede zweite oder dritte Stunde mit einer Philippika auszufüllen, die gegen die Mißstände der Zeit, gegen die Fehler der österreichischen Politik oder gegen die Schülergemeinheit gerichtet war. Er war ein leidenschaftlicher Redner. Wir waren wirklich so gemein, ihn zu solchen Standreden zu verleiten, wenn wir kein neues Pensum aufbekommen wollten. Es gab ein unfehlbares Mittel, ihn die Schleusen seiner Beredsamkeit aufziehen zu lassen; wir waren nur zu[89]  schüchtern, von diesem lustigen Mittel oft Gebrauch zu machen. Der Mathematiker war nämlich derjenige Lehrer, der – auch wenn er die erste Stunde des Tages hatte – den Unterricht ohne Gebet begann; wir wußten, er war ein Freigeist. Wollten wir also keine Mathematikstunde haben, so brauchte sich bloß einer der Schüler zu erheben und im Auftrage der Klasse für irgendeine Versäumnis um Entschuldigung zu bitten: wir hätten zuviel aus »Religion« aufbekommen. Dann ging es gleich los. Und ich hätte dem wilden Kritiker nicht gewünscht, daß er denunziert worden wäre; er liebte mitunter starke Ausdrücke. Sonst hätten wir viel bei ihm lernen können, wenn ... ja wenn in der ganzen Klasse mehr als zwei Schüler gewesen wären, die mathematische Begabung besaßen; aber nach dem Lehrplan hatten wir Trigonometrie und analytische Geometrie, Logarithmen und Gleichungen zu erlernen, das Pensum mußte den unbegabtesten Schülern eingepaukt werden, und so wurde die Mathematikstunde auch bei diesem Lehrer und auch für die beiden mathematischen Talente langweilig.


Das Gegenstück zu diesem Manne war der Physiklehrer; ohne ein komisches Original wären Schulerinnerungen ja unvollständig. Es war ein alter ausrangierter Herr, der vielleicht das bißchen Physik der vormärzlichen Zeit ganz gut vorgetragen hatte und jedenfalls hübsch experimentierte. Nun hatte aber ein neuer Lehrplan vorgeschrieben, Physik müßte mit mathematischen Begründungen wissenschaftlich gemacht werden. Unser armer Lehrer hatte keinen mathematischen Sinn. So lernte er denn die langen Berechnungen wie Verse einer unverstandenen Sprache auswendig und schrieb sie keuchend und schwitzend auf die Tafel, den großen[90]  nassen Schwamm immer in der linken Hand; fing er eine neue Zeile an, so wischte er die obere Zeile immer schnell fort, damit der Unsinn nicht nachweisbar wäre, den er zustande gebracht hatte. Es herrschte ein freundliches Verhältnis zwischen diesem Lehrer und uns: er gab nur gute Zensuren und wir lachten ihn nicht aus. Daß wir einmal vor der Mittagspause Schwefelwasserstoffgas unter seinem Katheder entwickelten und das mit seinen eigenen Chemikalien – mea culpa, mea maxima culpa, das wird man uns verzeihen. Es war ein wundervoller Frühlingstag und wir wollten einen Bierausflug machen. Der Streich gelang vortrefflich. Das Klassenzimmer war um zwei Uhr nicht zu benützen, die Quelle des furchtbaren Geruches wurde nicht entdeckt und wir wurden entlassen. Noch am folgenden Morgen stank es entsetzlich.
Auch der Lehrer der tschechischen Sprache war nicht ohne Narretei; doch auch mit ihm hatten wir Mitleid und behandelten ihn mit Schülerwohlwollen.
Nun wußten wir ganz genau, daß unser Ordinarius, bei dem wir hätten Latein und Deutsch lernen sollen, für unser Fortkommen auf der Schule wichtiger war als alle anderen Lehrer zusammen. Von ihm hing es ab, welche »Klassen« wir aus den beiden wichtigsten Schulgegenständen erhielten, von ihm hing es ab, ob wir ein Vorzugszeugnis bekamen oder nicht. Und dieser Ordinarius war, wie ich ihn geschildert habe. Es war kindisch von uns, daß wir auch an seiner modischen Kleidung Anstoß nahmen und an dem Taschenkämmchen, mit dem er immer wieder seinen Scheitel ordnete. Aber wir waren in unserm Rechte, wenn wir Bosheit mit Haß erwiderten. Der Mann war aus Anlaß der letzten österreichischen Gymnasialreform (durch Bonitz, der[91]  1849 nach Wien berufen worden war) aus dem Reiche geholt worden, fühlte sich dem Österreichertum unendlich überlegen und ließ uns seine Verachtung fühlen, anstatt uns zu unterrichten. Vielleicht besaß er wirklich einiges Fachwissen; er hatte einmal sogar einen Horaz herausgegeben, keine Schulausgabe, eine wirkliche Edition. Das rieb er uns unter die Nase, wenn er einmal davon ausruhte, ein paar Unglückliche zu quälen. So saß er täglich zwei Stunden vor uns, seufzte über sein Schicksal wie eine unverstandene Frau und klagte über unsere mangelhafte Vorbildung. Höchstens mit fünfen oder sechsen von uns werde er den Horaz lesen können; diese Selekta werde er in den Vorhof der wahren Philologie einführen. Aber es blieb bei solchen Versprechungen, er leistete nichts. Auch am Horaz wurden nur grammatische Regeln wiedergekäut, vielleicht wirklich darum, weil die Mehrheit der Schüler zu wenig Latein gelernt hatte. Und ab und zu trug er uns, eitel und selbstbewußt, eine seiner Konjekturen vor; Schüler, die nicht zehn lateinische Zeilen ohne Anstoß lesen konnten, die von lateinischer Prosodie keine Ahnung hatten, bekamen wie zum Naschen vorzeitig einige Spielereien der höhern Kritik. Wir ließen uns damals einreden, so wäre jeder preußische Oberlehrer: ein mißlungener Privatdozent und darum zum Gymnasiallehrer verdorben; ich habe später dem preußischen Oberlehrer Abbitte geleistet: unser Ordinarius war ein Jugendverderber auf eigene Faust.
Ich werde noch darauf zurückkommen, in welcher Weise ich, der ich mich schon zu fünfzehn Jahren der deutschen Literatur zugeschworen hatte, der ich ein deutscher Dichter sein wollte, im Gebrauche der deutschen Sprache ausgebildet worden bin. Auf dem Kleinseitner[92]  Gymnasium war auch dieser Unterricht in den Händen des Ordinarius. Er beschränkte seine Tätigkeit darauf, sich über unsere Prager Idiotismen lustig zu machen, was ganz nützlich gewesen wäre; nur daß er so unwissend war, auch gute Formen der österreichischen Mundart zu bekämpfen. Ich erinnere mich nicht, sonst von ihm gefördert worden zu sein. Seine Faulheit war so groß wie seine Gewissenlosigkeit. Er ließ in der Stunde deutsche Gedichte vorlesen und erklären und machte seine schlechten Witze über die Vorlesung und über die Erklärung der Schüler. Literaturgeschichte stand auf dem Programm; aber niemals haben wir von ihm ein Wort über das Leben oder über den Charakter eines Dichters vernommen. Unser trefflicher Schulrat soll einmal mit einem Donnerwetter drein gefahren sein, als er bei einem Besuche unserer Klasse festgestellt hatte, daß unser Lehrer selbst Schelling und Schlegel verwechselte und daß uns der Name Walter von der Vogelweide nicht genannt worden war; der Ordinarius spöttelte in der nächsten Stunde über den lyrischen Tenor des Landestheaters, der auch als Walter im Tannhäuser eine Brille trug; sonst wurde an der gottsträflichen Unterrichtsweise nichts geändert. Unsere deutschen Aufsätze arbeiteten wir so, wie sie an allen Gymnasien gearbeitet werden; ein blödsinniges Thema wird gegeben und über dieses Thema wird nach einem blödsinnigen Rezepte allerlei Schulschwatz zusammengeredet, heute wie in den alten Rhetorenschulen. De-Schulschwatz wird in ein System gebracht. Aber anders, wo wird so ein deutscher Aufsatz wenigstens korrigiert und der Schüler könnte, wenn der Lehrer danach wäre, die gröbsten Stilfehler bessern. Wir haben von unserm Ordinarius niemals auch nur einen einzigen Aufsatz[93]  korrigiert zurückerhalten; es ist mir doch unverständlich, wie eine solche Nachlässigkeit von der Aufsichtsbehörde geduldet werden konnte. Der Lehrer brachte irgend einmal den ganzen Stoß verschmierten Papiers in die Klasse zurück, ohne vorher auch nur einen Blick hineingeworfen zu haben; dann griff er in den Wust, holte irgendeine Arbeit heraus, las einige Zeilen und riß schale Witze, die weder mit dem Inhalt noch mit der Form des Aufsatzes irgend etwas zu tun hatten.

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Ich weiß, daß ein besserer Kritiker als dieser Lehrer auch den Stil dieser Niederschrift tadeln könnte; einen Schrei der Empörung wollte ich ausstoßen, eine Anklageschrift verfassen, und habe mich doch immer wieder verleiten lassen, mit einiger Heiterkeit der dummen Schülerzeit zu gedenken. Aber ich hätte lügen müssen, hätte ich völlig die Erinnerung unterdrücken wollen an manche gute Stimmung der Schulzeit, welche ja eben immer die schöne Jugendzeit ist. Was immer an Schönheit aus jener Periode der mir gestohlenen Zeit herüberstrahlt, was mir das Durchdenken jener alten Erinnerungen oft zu einer Freude macht, was mich mit wehmütiger Dankbarkeit an einige Kommilitonen jener Tage zurückdenken läßt, besonders an einen, meinen lieben alten Freund Viktor Lenk, das war nicht die Schule, das war die Jugendzeit. Man war achtzehn Jahre alt. Da war die Welt noch schön, die Welt jenseits der Schule. Und wenn ich versichern kann, daß auch damals das Betreten der Schulklasse fast täglich eine Qual bedeutete, so wird man mir zugestehen, daß etwas krank gewesen sein muß in der Einrichtung des Schulwesens.
Der Kardinalfehler schien mir und scheint mir noch heute eine tiefe Verlogenheit des Systems, eine offenbare Kluft zwischen dem Schulprogramm und der[94]  Schulleistung. Die Kenntnisse der Lehrer wie der Schüler am Kleinseitner Gymnasium waren bedeutender als am Klostergymnasium. Aber der wesentliche Fehler blieb sich gleich. Im Schulprogramm – wie heute noch in den Reden, die an Philologentagen beim Essen und im Landtage von Ministern und von humanistisch gebildeten Abgeordneten gehalten werden, – hieß es immer, man werde durch das Studium des Lateinischen und des Griechischen in den Geist der antiken Welt eingeführt. Und auch moderne Bildung sei ohne diesen Geist nicht zu erwerben. Beides ist eine Lüge. Der antike Geist ist freilich, historisch betrachtet, die Grundlage der gegenwärtigen Bildung im Abendlande geworden; doch es ist töricht und gefährlich zugleich, von andern als von Historikern zu verlangen, daß sie die Geschichte ihres eigenen geistigen Wachstums studieren. Das Ende der Renaissance ist gekommen; wir können auf eigenen Füßen stehen und müssen die lateinische und die griechische Krücke, meinetwegen mit dankbarer Pietät, beiseitelegen und sie den Philologen für ihre Künste überlassen. Unsere jungen Leute können moderne Bildung, die von der Zeit geforderte Bildung, nicht freudig in sich aufnehmen, solange ihnen die lateinische und die griechische Sprache aufgezwungen werden. Die künstliche Aufrechterhaltung der alten Lateinschule macht uns zu seltsamen Geschöpfen; als ob eine Schlange alle Häute, die sie abgestreift hat, mit sich weiter schleppen müßte; als ob jedermann die Leichen seiner Ahnen auf seinem Rücken durchs Leben tragen müßte.
Aber auch das Versprechen war und ist eine Lüge, man würde auf der Gelehrtenschule den Glanz der antiken Welt erblicken. Ist ja nicht wahr. In den antiken Geist dringen vielleicht die besten Philologen ein wenig[95]  während ihrer Universitätsjahre. Von uns Schülern – wir waren jetzt ungefähr vierzig in der Klasse – wurden nur drei oder vier so weit gefördert, daß sie mit knapper Not einen alten Klassiker silbengetreu übersetzen konnten; auch schablonenhafte Begeisterung für Homer und für Sophokles fehlte bei diesen Auserwählten nicht; aber von einem Verständnis für die besondere Art, für die Unvergleichlichkeit und Unnachahmlichkeit, also auch für die Fremdheit antiken Geistes fehlte es durchaus. Und gar die anderen Schüler, neun Zehntel der Klasse, gingen mit gutem Erfolge durch das Abiturientenexamen und hatten doch in den alten Sprachen nie etwas anderes gesehen als Zuchtruten. Sie hatten von den alten Sprachen weder ein Vergnügen noch einen Nutzen und lernten ein paar Brocken nur, um sie gleich nach dem Examen wieder zu vergessen. Die Zeit ist hoffentlich nicht mehr fern, daß man über den lateinischen Moloch, dem heute die besten Jugendjahre geopfert werden, so grimmig lachen wird, wie man seit einiger Zeit über die Geltung des Hexenhammers lacht, daß man allgemein anerkennen wird: die Renaissance hat ausgelebt, das Griechentum ist zum zweiten Male gestorbenII.[96] 



X. Allotria.










[97] Ich werde mir auf dem Kleinseitner Gymnasium wohl anfangs einige Mühe gegeben haben, den Vorsprung einzuholen, den die Schüler der besseren Anstalt vor uns Piaristenzöglingen voraus hatten; denn ich blieb auch drüben immer einer der sogenannten Vorzugsschüler, wenn ich auch niemals Primus geworden bin. Ich gedenke auch mit herzlicher Dankbarkeit einiger meiner Lehrer. Aber auch von der guten weltlichen Schule hatte ich keinen rechten Vorteil mehr; das Verbrechen (jawohl, ich wiederhole das zornige Wort), das an mir durch den Raub dreier Jahre verübt worden war, trug die Hauptschuld. Gewiß, ich war nach meiner individuellen Anlage zu altklug für die Schule; doch auch als Musterschüler wäre ich zu alt gewesen für den langsamen Betrieb des Unterrichts. In den bar zu zahlenden Examenkenntnissen stand ich sicherlich weit hinter dem Primus zurück; aber die Polyhistorie, die ich mir durch mein wahlloses Lesen verschafft hatte, hatte mich der Schule früh entwachsen lassen. Wenn Sehnsucht nach strenger Wissenschaft, wenn Sehnsucht nach Welterkenntnis reif macht für die Universität, so gehörte ich zu siebzehn Jahren nicht mehr auf das Gymnasium.
Schon auf dem Piaristengymnasium widmete ich ja meine müßige Zeit nicht nur dem Lesen von Romanen[97]  und andern Räubergeschichten. Ich war seit jeher von einer wunderlichen Leidenschaft besessen, heimlich zu lernen, wovon ich erfuhr, daß andere es gelernt hatten. Man wird nach dieser Erklärung besser begreifen, warum ich immer wieder darüber klage, daß ich bei allem Unterricht niemals eine Anleitung gehabt habe. Meine Leidenschaft, die entlegensten Dinge zu lernen, wurde verspottet, und so schämte ich mich bald meiner Wißbegierde. Ich stellte mir die tollsten Aufgaben. Dazu rechne ich nicht, daß ich etwa von meinem zwölften Jahre ab heimlich Französisch, Englisch und Italienisch trieb. Auf unsern österreichischen Gymnasien wurden die modernen Sprachen (wie gesagt) nicht obligatorisch gelehrt; ich ging zwar einmal in die italienische und viel später in eine französische Privatstunde, aber was ich da gewann, hätte eine Katze bequem auf dem Schwanze forttragen können. Wenn ich heute einige moderne Sprachen geläufig lesen kann, so verdanke ich das meiner heimlichen Leidenschaft. Ich ging ja allsonntäglich nach dem Trödelmarkte der Judenstadt und da kaufte ich mir eine englische und eine französische Grammatik; die italienische stibitzte ich einem meiner Brüder fort; mit Hilfe dieser Grammatiken und einiger Wörterbücher brachte ich es mit der Zeit so weit, daß ich Shakespeare, den älteren Dumas und Manzoni recht gut lesen konnte. Das waren freilich keine tollen Dinge. Aber in meinem fünfzehnten Jahre hatte ich auch Sanskrit und die Hieroglyphen zu studieren angefangen. Ich verschaffte mir ein gelehrtes Sanskritwerk und glaubte die letzten Welträtsel zu lösen, als ich mit angestrengtem Fleiße die heiligen Buchstaben nachmalte und die Paradigmen auswendig lernte. Ganz wertlos war freilich auch diese Mühe nicht für mich, da[98]  ich dreißig Jahre später doch an manches mir Geläufige anknüpfen konnte, als ich – um Panini zu verstehen – ein bißchen Sanskrit ernsthaft treiben mußte. Und kurz vor meinem Abgange vom Piaristengymnasium lieh ich mir aus der königlichen Bibliothek Uhlemanns Ägyptologie, um mich im Hieroglyphenschreiben zu üben und Altägyptisch »sprechen« zu lernen. Das konnte ich aber nicht ganz heimlich anfangen. Ein Buch aus der königlichen Bibliothek bekam ich nur, wenn der Leihzettel vom Gymnasialdirektor unterschrieben war. Da wäre es mir beinahe schlecht gegangen. Als der Direktor in seiner »Zelle« den Zettel unterschreiben sollte, mochte ihm der Titel des Buches aufgefallen sein. Er buchstabierte: Ägyptologie. »Für wen willst du das Buch haben?« Ich antwortete ehrlich, das Buch wäre für mich selbst. Da zankte mich der Direktor so tüchtig aus, als es seine Faulheit nur irgend zuließ; ich sollte nicht lügen; noch niemals hätte ein sechzehnjähriger Bub so ein Buch verlangt; am Ende enthielte es gar heidnische Unsittlichkeiten. Aus Faulheit gab er mir doch seine Unterschrift.

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Nicht nur dieser Botokude, auch andere Lehrer, meine Mitschüler und nicht zuletzt meine Nächsten fanden diese Beschäftigung mit schwer kontrollierbaren Philologien komisch, sobald ich mich nicht genug hütete und mein Geheimnis verriet. Vielleicht war ich aber in meiner diebischen Heimlichkeit auch allzu empfindlich; vielleicht witterte ich Verkennung, wo nur eine gutmütige Neckerei vorlag oder ein berechtigter Spott, wie ich ihn jetzt selbst übe. Übrigens wäre zu Spott noch mehr Veranlassung gewesen, wenn die Spötter nur gewußt hätten, mit wie übermäßigen Hoffnungen ich an diese Studien heranging; und wie führungslos[99]  und oft hilflos ich auf diesen fremden Gebieten umherirrte. Ich versuchte sogar Chinesisch zu lernen; da gelangte ich aber nicht einmal an die allerersten Anfänge heran; das Zeichnen der Schrift wurde mir zu schwer.
Für solche Allotria hatte ich auf dem Kleinseitner Gymnasium keine Zeit mehr. Zwar die Stunden, die der weitere Weg kostete – der wundervolle Weg an der Teynkirche vorbei und am alten Rathaus, über den kleinen Ring und die Jesuitengasse, über die herrliche Nepomukbrücke und die untere Spornergasse – machten dem jungen Burschen nicht viel aus.
Aber die Zeit war gekommen; es war Mode in unserer Klasse, oder wenigstens in einem kleinen Kreise von Gleichgesinnten, sich zu verlieben und zu dichten. Ich schwärmte besonders für die Musikschülerinnen, die ich täglich auf meinem Schulwege traf; zwei oder drei von ihnen kannte ich persönlich, für die übrigen schwärmte ich noch viel ausgiebiger. Das Schwärmen war nicht zeitraubend, das Gedichtemachen desto mehr. Bei mir fing es damals ernsthaft an. Bis dahin hatte ich nur mit den tschechischen Kollegen um die Wette gereimt, um ihnen Hochachtung für die deutsche Sprache abzuzwingen. Auf den Einfall, dieses Ziel durch einen Hinweis auf Goethe zu erreichen, kam ich nicht. Außer diesen pädagogischen Sonetten hatte ich nur gelegentlich Epigramme geschmiedet. Jetzt aber wurde nicht mehr für die Kameraden gedichtet, sondern für die Unsterblichkeit. Man drückte noch die Schulbank, hatte sie noch für einige Jahre zu drücken, war aber der Mann, durch Verse die Welt zu erobern und nebenbei durch den Inhalt der Verse die Welt auf den Kopf zu stellen: die Könige und die Priester zu verjagen. Wir Dichter, Schauspieler und Weltverbesserer fanden uns aus verschiedenen[100]  Klassen zusammen und gründeten einen heimlichen Verein.
Es war eine der ersten Enttäuschungen meines Lebens, die wahrscheinlich, die ich am schwersten trug, da ich erfahren sollte, daß es diesen Dichtern und Weltverbesserern, ja selbst den Schauspielern, nicht so heiliger Ernst um unsere Sache war, wie – ich muß es so sagen – wie mir. Zwei Dichter lasen einige kaum abgeänderte Gedichte von Bürger und sogar von Goethe als ihre eigenen Erzeugnisse vor; ertappt, behauptete einer, er habe unsere Belesenheit auf die Probe stellen wollen. Ein Schauspieler hatte einmal die Stirn, eine kleine Rolle, weil sie zu klein war, abzulehnen. Der Weltverbesserer tastete unser Vereinsvermögen an oder wurde doch dieser Tat verdächtigt; von 2 Gulden und 40 Kreuzern fehlte beinahe die Hälfte. Ich soll der Wildeste gewesen sein, wenn es galt, einen solchen »Ehrlosen« aus dem Verein zu entfernen. Immer wieder glaubte ich, jetzt wären wir Idealisten ganz unter uns; und immer wieder störten Realitäten.


Wir spielten Theater, tranken Bier und vergeudeten furchtbar viel Zeit. Auch gaben wir eine Zeitung heraus, die in der einzigen Handschrift, in welcher sie zu lesen war, noch heute in meinem Besitze ist. Es muß zum Schreien gewesen sein. Meine Darstellung des Mephisto gab zu Kritiken und Antikritiken Anlaß. Wir spielten für gewöhnlich nur solche Szenen, in welchen Männer allein auftraten, aus Schiller und Körner. Nur einmal, für das Stiftungsfest, wurde ein Akt der Jungfrau von Orleans einstudiert. Die Jungfrau wurde heiß umworben. Aber unsere Grundsätze duldeten nichts Ungebührliches; wenn doch etwas Ungebührliches passiert sein sollte, so müßte es gegen unsere Grundsätze passiert sein.[101] 
Ich darf sagen, daß meine Grundsätze besonders rigoristisch waren und daß ich in diesem Vereine mit kindischer Altklugheit eine Weltfrage nach der andern zu lösen suchte. Meine freien Vorträge stürmten den Himmel und machten Eindruck, trotzdem ich ein elender Sprecher war (und geblieben bin); meine Beiträge für die Zeitschrift waren weise, phantastisch und dumm. Meine Kritiken der Theaterspielerei waren unerbittlich streng. Der den Liebhaber in Körners Zriny gespielt hatte, forderte mich einmal für eine solche Kritik; aber er schwankte so lange zwischen Pistolen und krummen Säbeln (Zriny!), daß die Sache gütlich beigelegt werden konnte.
Mein Interesse für den Verein nahm ein jähes Ende, als ich die Entdeckung machte, daß die meisten von uns ihre Beiträge für die Zeitschrift abgeschrieben hatten; sie stahlen wie die Raben; merkwürdig nur, daß sie immer so dummes Zeug stahlen. Ich verlangte ein furchtbares Gericht über die Schuldigen; und als ich meinen Willen gegen die Mehrheit nicht durchsetzen konnte, legte ich meine zahlreichen Ämter nieder und trat aus.
Ich hatte es ehrlich gemeint. Jetzt war ich wieder ganz einsam und dichtete im größten Stile drauf los. Auch übersetzte ich aus allen möglichen Sprachen. Daß ich Heines Lieder ins Altgriechische zu übersetzen versucht habe, ist schon berichtet worden; ich übersetzte aber auch den angeblich Homerischen Froschmäusler ins Deutsche und ganze Dramen von Sophokles. Ich übersetzte aus den modernen Sprachen, sobald ich das Original entziffern konnte. Ich übersetzte aus dem Sanskrit. Nur aus dem Ägyptischen übersetzte ich nicht; mich hielt wahrscheinlich ein guter Instinkt zurück.[102] 
Doch ich dichtete auch selbständig; meine Vorbilder waren sicherlich, wenn ich aufmerksam zurückblicke, Byron und Lenau. Am weitesten gedieh ein großes phantastisches Epos »Merlin«; ich benützte die Legende, der berühmte Zauberer wäre der Sohn des Teufels und einer Nonne gewesen, zu einer verwegenen Komposition; Merlin war der Sohn der Nonne Maria und des unheiligen Geistes; Merlin war nach dem Willen des Schicksals auf die Welt gekommen, um das Christentum zu vernichten; seine Aufgabe scheitert daran, daß Merlin Jesus Christus lieben muß, sobald er ihn gesehen hat. Auch der Entwurf zu einem Drama »Ahasverus und Christus« stammt aus nicht viel späterer Zeit; das Drama war viel kirchenfeindlicher als das Epos; Ahasverus liebt und versteht Jesus tiefer und besser als die andern (ich werde wohl unbewußt von Goethe und von Hebbel allerlei angenommen haben); da er nach der Kreuzigung Zeuge wird, wie Petrus und Paulus um das geistige Gewand des Heilands würfeln, beschließt er aus eigener Kraft: so lange zu leben, bis das Christentum vernichtet ist.

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Ich habe durchgeblättert, was von diesen und andern alten Plänen noch vorhanden ist; noch vorhanden, weil ich selten so ordnungsliebend war, wertlose Papiere ins Feuer zu werfen. Wertlos, ja; starke Anläufe wechseln mit platten Gemeinplätzen ab, kühne Gedanken mit elenden Geistreichigkeiten; und dichterische Gestaltungskraft fehlt vielleicht. Und dennoch: wenn ich einen verständigen Lehrer gehabt hätte, wenn ich in meinem achtzehnten Jahre einem Lehrer mich hätte anvertrauen dürfen, ihm diese Entwürfe zeigen dürfen, der Mann hätte sagen müssen: dieser Bursche gehört nicht mehr auf die Schulbank.[103] 



XI. Übergang.










[104] Meine Sehnsucht nach dem Besuche der Universität war so tief, meine Erwartungen waren so groß, daß ich meine Geistesverfassung einem Leser aus der heutigen nüchternen Welt kaum begreiflich machen kann. Auf der Schule durfte ich ja im deutschen Aufsatze meinem Herzen nicht Luft machen; denn über dem deutschen Aufsatze lag der religiöse Zwang. Ich wurde schon getadelt, wenn ich pantheistische Anwandlungen verriet. Ich aber war schon seit meinem fünfzehnten Jahre in die Pubertätszeit eines kriegerischen Atheismus eingetreten. Der liebe Gott war mein persönlicher Feind geworden. Dazu kam nach dem Kriege ein politischer Radikalismus von bedenklicher Röte. Irgendwo hatte ich den Satz aufgeschnappt, man müßte den letzten König an den Gedärmen des letzten Pfaffen aufhängen; ich beneidete den unbekannten Präger dieses Spruches. Ich wollte vom Fleck weg mit der Umwälzung anfangen und fühlte doch, daß ich das erst als richtiger Student tun konnte. Mit herzbrechendem Neide sah ich auf die jungen Leute, die schon rote oder grüne Mützen trugen und in dem alten Universitätsgebäude, welches ich oft in der Dunkelheit umschlich, die Wahrheit kennen lernten, die heilige und unentweihte Wissenschaft, die man uns vorenthielt. Diese Studenten sah ich im Geiste allabendlich nach der Kneipe laufen, um dort[104]  nichts anderes zu tun, als Schwüre ablegen für Pfaffenausrottung und Tyrannenkampf. Hie und da, wenn so ein Student es nicht sehen konnte, nahm ich andächtig die Mütze vor ihm ab. Und mit Erbitterung ahnte ich es, daß ich die verlorenen Jahre niemals würde einholen können, daß ich zu spät in den Tempel der Wahrheit eintreten würde.
»Zu spät. Es wird mir so gehen, wie es mir mit dem ersehnten Kleinseitner Gymnasium ergangen ist. Ich komme immer zu spät. Und darum fühle ich mich jetzt auf der Schule so unglücklich, die ich mir doch erwählt habe.«
Die Schulkameraden und die meisten Lehrer trugen keine Schuld an meiner unglücklichen Stimmung. Sie waren eigentlich sehr lieb zu mir. Ich bildete mir sogar ein, daß ich eine Art von Ausnahmestellung in der Klasse hatte. Meine griechischen Heinelieder gingen von Hand zu Hand, und nachdem das erste Mißtrauen überwunden war – daß ich nämlich ebenso abschrieb wie andere Schöngeister der höheren Klassen –, da bekam ich als Anerkennung einige wohlwollende Spitznamen. Meine Schülereitelkeit wurde auch sonst vollauf befriedigt; daher konnte meine Stimmung nicht kommen. Etwas Weltschmerz der Entwicklungsjahre war natürlich dabei. Aber das Schlimmste war doch die ewige Sorge: ich würde zu spät auf die Universität kommen, wie ich immer zu spät gekommen war. Sicherlich behandelte ich mich zu liebevoll und beschönigte meine Unfähigkeit, mich allen Ansprüchen der Schule zu fügen, mit dem alten Unrecht, das in der Klippschule an mir verübt worden war. Aber die Empfindung und die Sorge waren nicht unberechtigt. Immer klarer wurde mir, daß ein ähnliches Verbrechen wie das, unter welchem[105]  ich noch litt, an allen begabten Gymnasiasten mehr oder weniger begangen wurde. Die Aufgabe der Schule war für Durchschnittschüler berechnet und wurde noch viel kleiner, damit auch solche mitkommen konnten, die unter dem Durchschnitt waren. Und keine Möglichkeit, auf Grund hervorragender Leistungen auch nur ein Jahr zu überspringen.

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Ich war sehr lang aufgeschossen, hatte schon ein schwarzes Schnurrbärtchen und hatte immer noch nichts für die Unsterblichkeit getan; ich hatte nämlich meine Maturitätsprüfung noch nicht abgelegt. Als das endlich und doch ganz pünktlich im Sommer 1869 geschehen war, ganz ehrenvoll übrigens, hatte ich das Gefühl eines Mannes, der unschuldig im Kerker gesessen hat und zu spät seine Freiheit wiederbekommt. Und nicht einmal meine Freiheit erhielt ich; denn ich durfte die Universität nur besuchen, um Jura zu studieren und Advokat zu werden. Die Wahl eines freien Berufes galt für den Sohn einer achtbaren Familie für unmöglich. Eine Neigung haben? Warum nicht. Ihr folgen? Um in der Gosse zu krepieren. Ich konnte mich als ein freier Schriftsteller schon auf ganz hübsche Erfolge berufen, als die stilleren oder lauteren Vorwürfe über meinen ungehörigen Beruf noch nicht aufhörten. Selbst von seiten meiner lieben Mutter nicht, die doch sonst oft sagte, die Bücher wären ihre einzigen Freunde und Tröster.
Das Kriegsjahr hatte meinem Vater sein ganzes bescheidenes Vermögen gekostet; der Bankerott von Verwandten, denen er vertraut hatte, nahm ihm alles außer der kaufmännischen Ehre. Meine älteren Brüder waren auch schon ohne jede Unterstützung in die Welt hinausgegangen, um sich selbst eine Stellung zu erkämpfen.[106]  Mein Vater erholte sich von dem Schlage nicht wieder; er wurde krank. Nun war es ganz gerecht von ihm, daß er die Erlaubnis, ich dürfte studieren, wieder zurücknahm und mich dazu bringen wollte, ebenfalls Kaufmann zu werden und sofort als Kommis mein Brot zu verdienen. Mein passiver Widerstand hätte mir diesmal nicht viel geholfen. Aber meine Mutter und meine Schwester Marie, die meine literarischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten oder Neigungen sehr hoch einschätzten, nahmen sich meiner an; der Familienbeschluß, daß ich weiter studieren und Rechtsanwalt werden sollte, war also ein Kompromiß zwischen der Notlage meines Vaters und meinen Wünschen. Ich hätte sehr dankbar sein müssen, wenn auch der Beruf eines Rechtsanwalts mir just damals noch weniger ideal erschien als der eines Kaufmanns und ich »den Flügelschlag einer freien Seele« sehr laut rauschen hörte. Aber ich war nicht dankbar und nicht ehrlich; ich dachte nicht einen Augenblick daran, Advokat zu werden. Doch die Hauptsache schien gewonnen; das freie akademische Studium für die nächsten Jahre. Nur daß bei meiner Naturanlage der Betrug gegen meinen Vater schwer auf mir lastete; und daß ich die Pflicht fühlte – wie später als Journalist so lange – ein Doppelleben zu führen, doppelte Arbeit zu leisten: Jura zu studieren und daneben mit ganzer Kraft Philosophie und Kunstgeschichte und Medizin und leider auch Theologie. Die juristischen Fächer mußte ich belegen, die Professoren mußte ich hören, wenn ich nicht nach dem vierten Semester beim rechtshistorischen Staatsexamen durchfallen wollte. So marterte mich der mir aufgezwungene Beruf vom ersten Tage an und ich geriet immer tiefer in einen ziemlich individuellen[107]  Weltschmerz hinein. Als ich etwa drei Jahre später Schopenhauer kennenlernte, überwältigte mich sein Scharfsinn und seine Sprachkraft; aber sein Weltschmerz bot mir nichts Neues. Ich war als ein fast zwölfjähriger Knabe auf das Gymnasium gekommen mit den Zielen eines idealen Studenten; ich kam jetzt als ein fast zwanzigjähriger Mensch auf die Universität als ein Pessimist, als ein Zerrissener, als ein Nihilist.


Bevor ich aber meine Erinnerungen an die Prager Universität – eine andere habe ich als Student nicht kennengelernt – niederschreibe, möchte ich einige ganz besondere Erfahrungen meiner Schulzeit im Zusammenhange aufhellen; meine Stellung zur Religion und zu der nationalen Frage stellte mich abseits von dem, was ein christlicher Deutscher in seiner Schulzeit zu erleben pflegt. Meine Darstellung wird dadurch nicht typischer werden, aber persönlicher.
Vorher noch ein Wort darüber, warum ich auch die Disziplin des Heeres nicht kennengelernt habe: warum ich nicht Soldat wurde, auch nicht Einjähriger. Eine allgemeine Wehrpflicht wie in Preußen hatte es in Österreich nicht gegeben; bei der Rekrutierung entschied zuletzt das Los, und die Söhne reicher Leute konnten sich vom allgemein gehaßten Militärdienste gesetzlich loskaufen, ganz abgesehen von den zahlreichen Fällen, in denen per nefas eine Befreiung erzielt wurde. Nach dem für Österreich unglücklichen Kriege von 1866 wurden die preußischen Einrichtungen nachgemacht. Gerade in meinem zwanzigsten Jahre, kurz vor meiner Maturitätsprüfung, wurde auch das Institut der Einjährig-Freiwilligen eingeführt. Wir freuten uns, die Pioniere der neuen Zeit zu sein, wir freuten uns auf die schmucke Uniform und meldeten uns alle, etwa fünfunddreißig[108]  Burschen, bei dem gleichen Regimente, welches – ich weiß nicht mehr warum – uns das liebste war. Da kamen wir aber schön an; der Bericht wird preußischen Lesern seltsam erscheinen. Der Oberst war kein Freund von Neuerungen und erklärte einfach, er wollte in seinem Regimente keinen Einjährigen haben. Da aber mit dem Gesetze nicht zu spaßen war, so erklärte sein Militärarzt uns fünfunddreißig Burschen alle miteinander für untauglich, auch die kräftigsten unter uns. Ich muß bekennen, daß meine Untauglichkeit auf Grund eines körperlichen Gebrechens festgestellt wurde: mein rechtes Bein ist noch länger als das linke. Ich war immer ein sehr guter Fußgänger gewesen; aber der Arzt hatte wohl recht, wenn er behauptete, ich würde nicht gerade schön in Reih und Glied marschieren können.
Wir beruhigten uns bald bei dem Bescheide. Nur ein einziger von uns hatte die Energie, oder sein Vater hatte die Eitelkeit, den Eintritt bei einem andern Regimente durchzusetzen. Der arme schwächliche Junge wurde Leutnant, machte die Okkupation von Bosnien mit und starb dort am Typhus.[109] 



XII. Konfession.










[110] Wichtiger als die Tatsache, daß ich die Kaserne nicht kennenlernen sollte, waren für mich die beiden Umstände, die mein Schülerdasein von dem irgendeines andern deutschen Jungen unterschieden: ich war Jude und ich lebte als deutscher Knabe in einem slawischen Lande. Ich muß wirklich auf beide Umstände ein wenig eingehen.
Ich war von Abstammung Jude, Jude aus einem nordöstlichen Winkel Böhmens, und habe doch jüdische Religion und jüdische Sitten eigentlich niemals kennengelernt; höchstens häufiger als ein deutsches Kind die jüdische Sprechweise und Mauschelausdrücke gehört. Mein Elternhaus stand dem jüdischen Wesen fremd gegenüber. Ich war in der seltenen und fast einzigen Lage, daß schon meine beiden Großväter in einer Zeit, da die Juden kaum dem Ghetto zu entwachsen anfingen, sich vom Judentum so gut wie losgelöst hatten, der eine durch sein Leben praktisch, der andere als junger Mann auch offiziell. Der Vater meines Vaters hatte gegen die Gesetze seiner Zeit und durch besondere kaiserliche Erlaubnis so etwas wie ein Rittergut mit einem Schlosse erworben, nicht gar weit von Königgrätz an der Elbe; dort imitierte er mit seiner viel jüngern Frau das Leben eines vornehmen Landjunkers, verkehrte mit Juden nur geschäftlich und hauste so adelig, daß nach[110]  seinem Tode das Gut versteigert werden mußte und seine beiden Söhne als arme Teufel zurückblieben. So viel ich auch zurückdenke, ich kann mich nicht erinnern, meinen Onkel oder meinen Vater auf der Übung eines jüdischen Gebrauchs ertappt zu haben. Nach jüdischer Anschauung ist Zugehörigkeit zum Judentum ohne Kenntnis der hebräischen Sprache nicht denkbar; mein Vater aber kannte keinen hebräischen Buchstaben. An hohen jüdischen Feiertagen pflegte er mit einem gewissen Selbstvorwurfe zu sagen: »Ihr wachst ja auf wie die Heiden«; darin bestand die ganze religiöse Erziehung, die er uns zuteil werden ließ. Als ich einmal die alten Zeremonien des jüdischen Osterfestes kennenlernen wollte, mußte ich mich ja für den Vorabend des Passahfestes von einem alten Verwandten, einem Schwager meiner Mutter, dazu einladen lassen; ich habe so einen der hübschesten und ältesten jüdischen Bräuche nur das eine Mal kennengelernt und ganz so neugierig wie ein Außenstehender. Wie ein »Goj« (Christ) hätte ich dabeigesessen, sagte dieser Onkel nachher.
Der Vater meiner Mutter gar, der steinalte Mann, der wohl einer Lebensbeschreibung wert wäre, war schon als Jüngling, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, der Sekte der Frankisten beigetreten, die ihre Anhänger aus kabbalistischen oder abtrünnigen Juden rekrutierte und irgendeinen neuen Messias erwartete oder glaubte, einen Vollender von Jesus Christus. Mein Großvater soll in dieser militärisch organisierten Sekte (auf dem Schlosse Franks in Offenbach am Rhein) Offizier gewesen sein und nach dem Ende der Bewegung die Dokumente und auch das Bild der »Königin« in Verwahrung gehabt haben. Die Sekte wurde dann öfters hart verfolgt, in Rußland wie in Österreich; mein Großvater[111]  kehrte in seine Heimat zurück und lebte von da ab als Religionsspötter, wenn er es auch für schicklich hielt, an hohen Festtagen die Synagoge zu besuchen. In der kleinen Judengemeinde von Horzitz galt er für einen Gelehrten, für einen Freigeist, für einen Ketzer. Als er im Patriarchenalter 1876 starb, folgten seiner Leiche ein Rabbiner, aber auch ein katholischer und ein protestantischer GeistlicherIII.
Mein Elternhaus war eigentlich konfessionslos. Ich bin erst als Mann offiziell aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten, ohne mich zu einer andern Religion zu bekennen. Es war mir lästig geworden, daß nach jeder Volkszählung irgendein Schutzmann Anstoß daran nahm, wenn ich die Rubrik Religion nicht ausfüllte. Auch diesen Schritt fand meine alte Mutter einfach selbstverständlich. Sie war einigermaßen stolz darauf, daß schon ihr Vater kein gläubiger Jude gewesen war.
Man wird jetzt besser verstehen, was ich vorhin mit einer Klage, die mein Empfinden nur ungenügend ausdrücken konnte, vorgetragen habe: daß mir zum Dichter, der ich mich doch fühlte, außer einer deutschen Mundart, der wahren Muttersprache, auch noch der Untergrund eines Jugendglaubens fehlte, eine Mutterreligion. Mein Vater war, um es kurz und schroff auszudrücken, areligiös, meine Mutter antireligiös. Der Vater war buchstäblich ohne Kenntnis irgendeines Katechismus aufgewachsen; er wird das Dasein irgendeines Gottes, über dessen Namen er sich sicherlich nicht klar war, etwa so angenommen haben, wie er überzeugt war, daß die Kinder ihren Teller nicht zum zweiten Male gefüllt bekamen, wenn sie nicht vorher »Bitte[112]  noch« gesagt hatten. (Ich lernte diese Bitte um das tägliche Brot nachsprechen, bevor ich die Worte verstand; ich hielt sie lange für den tschechischen Namen einer Speise; ich brachte sie etymologisch mit Kutzmoch, Schusterknödel, in Zusammenhang.) Der Vater hatte solche Überzeugungen von dem, was sich schickte; Glaube an irgendeinen Gott war ihm Wohlanständigkeit wie etwa den Engländern. Da der Vater aber niemals ein Wort oder einen Begriff der jüdischen Religion über die Lippen brachte, möchte ich fast glauben, daß sein Gottesbegriff irgendwie (nicht auf Grund von Lektüre) dem höchsten Wesen eines christlichen Deismus entsprochen habe. Die Mutter dagegen wußte viel vom Judentum zu erzählen, von den Zeremonialgeboten und von dem Scharfsinn, der Schlauheit und dem Geschäftsgeiste der Rabbiner; sie erzählte solche Geschichten als wie Legenden aus einer vergangenen Zeit; ohne Spott und selbst Blasphemien ging es nicht ab; Heine wurde zitiert und – wenn es hoch kam – die Toleranz von Lessings Nathan. Ich darf wohl annehmen, daß wir Kinder von ihr die Ketzereien zu hören bekamen, die der Großvater ihr als seinen Religionsunterricht überliefert hatte. Das Judentum war die einzige Religion, die sie kannte, und der brachte sie keine Achtung entgegen.

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In solchen Traditionen aufgewachsen, wußte ich bis zu meinem achten Lebensjahre kaum, was das bedeutete, daß wir Juden waren. Ich kann nicht sagen, ob es ein Wunsch meines Vaters war; jedenfalls gehörte Religion und Bibellesen nicht zu dem Lehrplane unseres Hofmeisters. Der Staat aber schützt die Religion in jeder Gestalt, schützt auch die Judenschule, und so hatte ich auch »jüdische Religion« nachzuholen, als[113]  ich auf die Klippschule kam, wo mir die drei Jahre gestohlen wurden. Unter »jüdischer Religion« verstand man aber nach altasiatischer Vorstellung nicht irgendwelchen Religionsunterricht, sondern einzig und allein Kenntnis des Hebräischen und Lesen der Bibel. Als ich diese Schule betrat, hatte ich keine Ahnung von einem hebräischen Buchstaben; ein Jahr später konnte ich im Hebräischen ebenso vorgeritten werden wie beim Aufsagen der tschechischen Bürgschaftübersetzung. Bei den außerordentlichen Schwierigkeiten der hebräischen Sprache und bei dem völlig unwissenschaftlichen Betriebe des Unterrichts konnte es sich gar nicht um ein Eindringen in den Geist der Sprache handeln, sondern nur um Gedächtniskram.
Die wissenschaftliche Erforschung der hebräischen Sprache ist erst nichtjüdischen Gelehrten gelungen; jüdische Gelehrte, die etwas leisten wollten, hatten die jüdische Tradition verlassen müssen. Ich bedaure sehr, daß ich diese allzu rasch erworbenen Kenntnisse ebenso rasch wieder eingebüßt habe; was ich vom Baue der semitischen Sprachen später für meine Arbeiten brauchte, habe ich ganz neu lernen müssen.
Schlimmer war es, daß mir auch religiöse Kämpfe nicht erspart wurden, als diese jüdischen Kenntnisse so plötzlich auf mich niederdroschen. Ich machte die Entdeckung, daß ich ein Jude war, und meine leidenschaftliche Seele verführte mich, die fünfhundert oder siebenhundert Gebote und Verbote, die der Rabbinismus aus der Bibel gezogen hat, ernst zu nehmen. Ich wollte ein frommer Jude werden, um die Seelen meines Vaters und meiner Mutter zu retten. Ich habe diese kindischen Kämpfe einmal darzustellen gesucht, in dem Tagebuche des Helden, das man in meinem Romane[114]  »Der neue Ahasver« nachlesen kann, wenn man mag. Das Tagebuch habe ich erst für diesen Roman niedergeschrieben, und so ist es, wenn man will, erfunden; aber meine religiösen Kämpfe sind darin (wie zu meiner Freude schon Wilhelm Scherer bemerkt hat) eigentlich ganz getreu und realistisch erzähltIV. Ich will nicht wiederholen, wie ich viele Monate lang in unserem völlig religionslosen Hause die jüdischen Zeremonialgesetze (deren Sinnlosigkeit mir doch wieder nicht entging) heimlich zu beobachten suchte, wie ich dann durch den Umgang mit meinen katholischen Mitschülern dazu kam, Jehova mit Jesus zu vertauschen, wie ich in allen katholischen Kirchen herumkniete, inbrünstig die Heiligen aller Kapellen um ein Wunder bat, wie ein Lehrer, der meinen Zustand erkannt hatte, mich in die glänzenden Predigten des Jesuiten Klinkowström schickte, wie mich dieser Pater dazu brachte, zuerst einige Kirchenväter und dann Kirchengeschichte zu studieren, wie ich nach einem eifrigen aber sehr dilettantischen Katholizismus von zwei Jahren, nach einer flüchtigen und nicht ganz religiösen Begeisterung für Luther endlich in meinem fünfzehnten Jahre als wütender Atheist kirchenfeindlich wurde. Diese Gesinnung hat dann etwas länger vorgehalten; ich bin alt geworden, bevor ich einsehen lernte, daß unsere Zeit zu ruhig gottlos ist, um noch so recht kirchenfeindlich sein zu dürfen.
Ich kann sagen, daß ich als ein auf eigene Faust gläubiger Jude, als ein auf eigene Faust wundersüchtiger Katholik und dann als jugendlicher Freigeist in gleicher Weise empört war über die Art, in welcher uns auf dem Gymnasium jüdischer Religionsunterricht erteilt[115]  wurde. So etwas wie Religionsunterricht für die jüdischen Schüler gab es nämlich, das verlangte der Staat, der Schützer der Judenschule. Der Unterricht wurde sämtlichen jüdischen Schülern der drei Gymnasien und der Realschule klassenweise gemeinsam erteilt, von einem einzigen Lehrer; ganz ähnlich und mit ganz ähnlichen Mißbräuchen war der Religionsunterricht für die Protestanten eingerichtet. Nur die katholische Religion gehörte zum Organismus des Gymnasiums.


Der jüdische Religionsunterricht war durchaus grotesk. Der Lehrer war ohne Zweifel ein geduldiger und freundlicher Herr, der auf jüdische Art Hebräisch verstand. Aber er war in allen Dingen, welche nach unserer jungen Gymnasiastenweisheit die Bildung ausmachten, von einer so blühenden Unwissenheit, daß er in unserer Achtung noch tief unter die schlimmsten Piaristen hinabsank. Der Hauptgrund unserer Verachtung war, daß er als Philologe an einem Gymnasium nicht Latein verstand, während wir doch schon mensa deklinieren konnten. In den höheren Klassen erfuhren wir dann, daß es ihm wirklich an jeder höheren Kultur fehlte. Die andern Lehrer betrachteten ihn nicht als ihren Kollegen, redeten ihn »Herr Adler« an und blickten mit doppeltem Hochmut auf ihn hinab; und wir jüdischen Schüler ahmten das Beispiel nach und waren sehr schlecht gegen ihn. Am liebsten quälten wir ihn mit dem Namen Jesu Christi. Es ging ihm gegen sein Gewissen oder gegen seinen Glauben, diesen Namen auszusprechen; und anstatt »nach Christi Geburt« zu rechnen, sagte er jedesmal: vor oder nach »der jetzt üblichen Zeitrechnung«. Wir ließen es uns nicht nehmen, ebenso regelmäßig zu sagen: vor oder nach Christi[116]  Geburt. Dann zeigte sich auf seinem guten runden Gesichte immer ein schmerzliches Lächeln, als ob er gezwickt worden wäre; aber er wagte es nicht, uns das Aussprechen des Namens zu verbieten.
Der jüdische Unterricht sollte doppelt gegeben werden: in Religion und in hebräischer Sprache. Was wir als eigentlichen Religionsunterricht genossen, das war eine Affenschande. Was ein begabtes Kind binnen Monatsfrist aufnehmen kann, ungefähr den Lehrstoff von Luthers kleinem Katechismus, das hatten wir acht Jahre lang wiederzukäuen. Es war schamlos, das kleine Lehrbuch noch neunzehnjährigen Burschen in die Hand zu zwingen; selbst die katholische Kirche verlangte von den Schülern kein solches Opfer an Intelligenz, da sie doch dem Primaner recht viel Dogmengeschichte aufbürdete, also immerhin eine Fülle positiver Kenntnisse. Aber dieser ganze theoretische Religionsunterricht war ja auch nicht ernst gemeint; wir lernten so etwas wie eine abgestandene Verdünnung einer natürlichen Religion, der die zehn Gebote zugrunde gelegt waren. Die jüdische Religion hatte in Wirklichkeit nie etwas anderes verlangt als: »Lernen« der hebräischen Bibel.
Um den Unterricht im Hebräischen stand es nun ganz anders als um irgendeinen andern Lehrgegenstand. Unter den jüdischen Schülern waren nämlich ziemlich viele, die orthodoxen Familien angehörten und denen darum seit ihrer frühesten Jugend die hebräische Sprache eingebläut worden war. Das war ganz logisch vom Standpunkte der jüdischen Orthodoxie; der war und ist Kenntnis der Bibel und des Talmud die wahre Wissenschaft. Mit diesen Jungen nun, die übrigens bis auf zwei die schlimmsten Racker der Klasse[117]  waren, konnte der Lehrer nach Herzenslust die Bücher des Alten Testamentes lesen, grammatische Schnitzeljagd treiben und sich sogar auf rabbinische Kommentare einlassen. Wir andern, die wir bloß in der Schule und für die Schule Hebräisch gelernt hatten, standen in vergnügter Untätigkeit daneben. Ich für mein Teil konnte noch ungefähr ein Jahr lang folgen, solange ich nämlich meinen heimlichen und närrischen Glauben an Jehova aufrechtzuerhalten vermochte; mit meinem dilettantischen Katholizismus erhob sich aber in mir ein Haß gegen das Alte Testament und gegen die hebräische Sprache; meine allzu rasch eingetrichterten Kenntnisse versickerten und plötzlich war es aus mit ihnen.
So bestand unser jüdischer Religionsunterricht aus zwei unzusammengehörigen Hälften: aus der moralisierenden Religionslehre, die für die Dümmsten unter uns zu dumm war, und aus einem Praktikum der semitischen Philologie, das manchem gelehrten Orientalisten noch Nüsse aufzuknacken gegeben hätte. Die wir uns längst als jüdische Deutsche fühlten oder als deutsche Juden, gewöhnten uns mit den Jahren daran, an diesem Unterrichte so selten wie möglich teilzunehmen; wir erlangten eine Virtuosität darin, die Religionsstunde zu schwänzen und auch die »Exhorte«, eine samstägliche lederne Predigt, die uns den Gottesdienst ersetzen sollte. Ich glaube versichern zu können, daß ich in den letzten zwei Gymnasialjahren den jüdischen Religionslehrer nicht mehr zu Gesicht bekommen habe.
Mein kühner Entschluß, der Religionsstunde fernzubleiben, folgte auf eine drollige Disputation zwischen mir und dem guten Herrn Adler. Dieser hatte den Ehrgeiz, wirklich wie ein Hochschulprofessor mit den älteren[118]  Schülern zu verkehren. Er führte eine Art von Kolloquium ein. Besonders wenn er die Beweise für das Dasein Gottes in den höheren Klassen zum letzten Male vortrug, hatte er es gern, daß die Schüler gegen diese alten scholastischen Gebäude ihre kindlichen Einwände vorbrachten. Ihm war es dann ein leichtes, durch die Sophismen, an denen durch Jahrhunderte die scharfsinnigsten Doktoren der katholischen Kirche ihren Witz geübt hatten, die jungen Leute zum Schweigen zu bringen. An jenem Tage nun handelte es sich um den ehrwürdigen ontologischen Beweis. Ich wußte damals noch nichts über seine Geschichte, nichts von seiner Abfertigung durch Kant. Ich meldete mich aber durch Handaufheben und brachte, so gut ich's vermochte, meine Bedenken gegen die Logik dieses Beweises vor. Herr Adler kam mit Gegengründen; ich verwarf die Gegengründe. Herr Adler weinte beinahe, als er erwiderte: »Wer seinen Gott im Herzen trägt, der zweifelt gar nicht an der Kraft dieser schönen alten Beweise. Du glaubst nicht und darum ist der ganze Unterricht wertlos.« Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Ich kam nicht wieder. Zwei meiner jüdischen Mitschüler, als sie erst sahen, daß keine Zwangsmaßregeln gegen mich ausgeübt wurden, folgten meinem Beispiel.

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Die Gnade Gottes leuchtete auch über uns Ungerechte. Der Lehrer hielt es wahrscheinlich für unvereinbar mit seinem jüdischen Glauben, einen jüdischen Schüler durch eine Anzeige zu schädigen oder ihn gar durchfallen zu lassen. Er hatte die Gewohnheit angenommen, jedem jüdischen Schüler »aus Religion« die Note ins Zeugnis zu schreiben, die dem Durchschnitte der übrigen Noten entsprach; und er besserte immer[119]  nach oben hinauf. Sein Unglück wollte, daß er gerade dann nicht »ungenügend« ins Zeugnis schreiben konnte, wenn der jüdische Schüler schon von den anderen Lehrern verurteilt war; denn der war gewiß einer seiner gelehrten Talmudkenner.
Die schwerste Sorge dieses würdigen Lehrers brachte jedesmal die Maturitätsprüfung, weil der Schulrat, der die Aufsicht führte, ein sehr gelehrter Mann war, ein wenig auch Orientalist; der konnte es sich beifallen lassen, ein Frage an den Schüler zu richten, und dann wäre es mit dem Systeme vorbei gewesen: den jüdischen Schülern prinzipiell bessere Zensuren zu geben als sie verdienten. So hat meine Maturitätsprüfung nicht mich, sondern diesen Lehrer vor Angst schwitzen lassen.
Ich war trotz meiner Schulfaulheit ein so guter Schüler und hatte bei der schriftlichen Prüfung so glänzend abgeschnitten, daß mir hergebrachterweise die mündliche Prüfung »geschenkt« werden mußte. Ich verließ mich darauf und hatte mir überhaupt um das Abiturientenexamen keine Sorgen gemacht. Der Schulrat pflegte auch an solche Schüler besonders kniffliche Fragen zu stellen; aber das tat er immer nur aus Güte, um Gelegenheit zu einer »Auszeichnung« zu geben. Also auch das schien mir nicht gefährlich. Desto größere Sorgen machte sich der jüdische Religionslehrer. Er ahnte, wie es um meine Kenntnisse im Hebräischen stand. Ich hatte es im Laufe von acht Jahren so weit gebracht, ich hatte so viel verlernt, daß ich nicht einmal das Entziffern der hebräischen Lettern leicht und schnell genug ausführen konnte. Die kleinste Frage an mich hätte den Lehrer gräßlich blamiert; denn ich hatte als Vorzugsschüler immer »vorzüglich« aus Religion gehabt, das heißt aus Hebräisch.[120] 
Bei meiner Prüfung – es war ein sehr heißer Julitag – war der Schulrat, der mich seit acht Jahren immer freundlich beobachtet hatte, in der besten Laune und neckte mich nur mit allerlei schwierigen Fragen, für deren halbe Lösung ich dann durch gute Zensuren belohnt wurde. Ich wurde kreuzfidel; mich belustigte die Neckerei des Schulrates, der vielleicht erfahren wollte, wie weit über den Lehrstoff hinaus mein Verständnis ging, der vielleicht auch sein vielseitiges Wissen zeigen wollte. Ich hatte ein Lachen zu verbeißen, wenn ich auf unsern unglücklichen Religionslehrer blickte, der wie ein Verbrecher vor der Hinrichtung dasaß. Sein Angstschweiß ward ihm zum Heil. Der Schulrat glaubte, er litte unter der Hitze und schickte ihn nach Hause. Meine beiden Mitprüflinge seien Katholiken und an mich habe er Fragen genug gestellt. Ich mag vielleicht ganz froh gewesen sein; was war aber meine Freude gegen die Glückseligkeit im Antlitz des Herrn Adler, der jetzt mit einem schlauen Blick des Einverständnisses an mir vorüber davonging. Gott der Gerechte verläßt keinen Juden in der Gefahr, so mochte der fromme Mann denken.
Ich habe dieses Erlebnis mit dem Vergnügen vorzutragen versucht, das es mir damals gemacht hatte. Eigentlich war die Sache aber empörend. Man denke sich nur einmal in die Seele unserer katholischen Mitschüler hinein. Diese hatten nicht nur auf dem Piaristengymnasium, sondern auch auf der weltlichen Anstalt einen strengen Religionsunterricht, hatten Gebete auswendig zu lernen, hatten an jedem Sonn- und Feiertage die Messe zu besuchen, hatten – wie gesagt – vor allem in Religionslehre und Kirchengeschichte einen ansehnlichen Lehrstoff zu bewältigen; sie mußten[121]  diesen Lehrstoff genauer auswendig lernen als etwa das Lehrbuch der Weltgeschichte, mußten übrigens die Untrüglichkeit dieses Lehrstoffs wie stumme Hunde anerkennen und durften nicht freigeistig mucksen. Die Katholiken fühlten sich mit Recht im Nachteil gegen Protestanten und Juden, und wir hörten von ihnen besonders vor der Maturitätsprüfung bittere Worte über unsere Ausnahmestellung; denn Religion war ihnen neben Weltgeschichte der eigentliche Büffelstoff. Die Katholiken mußten täglich um 5 Uhr früh aufstehen, Protestanten und Juden konnten bis 7 Uhr schlafen.

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Ich muß trotzdem anerkennen, daß das Verhältnis zwischen den einzelnen Konfessionen unter den Schülern des Kleinseitner Gymnasiums das allerherzlichste war; Judenfeindschaft, was man jetzt seit mehr als vierzig Jahren Antisemitismus nennt, war natürlich vorhanden, wie denn Bosheit oder Neid sich unausrottbar zu der Mode eines Rassenvorurteils oder zu irgendeiner anderen Ausrede flüchtet, aber dieser Antisemitismus kam eigentlich nur in leidenschaftlichen Gesprächen guter Freunde zu Worte. Auf dem Piaristengymnasium waren die geistlichen Lehrer oft boshaft und heimtückisch gegen die jüdischen Schüler gewesen; aber da darf nicht vergessen werden, daß sich zum Untergymnasium viele Judenjungen drängten, die von Hause aus wirklich keine richtigen Europäer waren, die sich nach und nach entweder assimilieren oder die Gelehrtenschule wieder verlassen mußten.[122] 



XIII. Nationale Kämpfe.










[123] Noch wichtiger für meine Prager Schulzeit wurde natürlich die sogenannte nationale Frage: der Kampf der Deutschen und der Tschechen um die Herrschaft in Böhmen. Auf einzelne Folgen dieses Streites habe ich schon hingewiesen. Nun möchte ich zusammenfassen, wie der nationale Gegensatz auf uns in dem Alter wirkte, welches man so gern das »reifere« Alter nennt, und wie der deutsche Unterricht unter diesen Verhältnissen litt. Das »Wirken auf uns« ist vielleicht nicht ganz wörtlich zu nehmen; ich bin mir wenigstens bewußt, daß ich die nationalen Verhältnisse damals und noch lange nachher so sah, wie meine Mutter sie uns darzustellen pflegte.
Vor meiner Zeit gab es in Prag und in Böhmen nur deutsche Gymnasien. Wie noch zweihundertfünfzig Jahre früher im ganzen Abendlande das Lateinische die selbstverständliche Sprache alles Wissens gewesen war, so war in Böhmen, besonders seit dem Dreißigjährigen Kriege, deutsch die alleinige Kultursprache geworden. Das Tschechische war in meiner ersten Jugend – wenn man von den bewußten Förderern des Slawentums in den Städten absieht – die verachtete Bauernsprache; die vermeintlich besseren Stände schämten sich ihres slawischen Idioms; kein Offizier, kein Adeliger, kein Arzt oder Richter, der nicht mit Vorliebe[123]  Deutsch gesprochen hätte. Auch war die tschechische Sprache trotz aller Bemühungen der Slawophilen für den wissenschaftlichen Gebrauch noch nicht biegsam genug. Ich urteile nicht, ich konstatiere bloß; auch wir Deutsche haben solche Zeiten trotz einer großen Vergangenheit noch im siebzehnten, ja noch im achtzehnten Jahrhundert durchgemacht.
Bis zum Jahre 1848 war der Zustand in Böhmen so, daß, wer studieren wollte, dies nur mit Hilfe der deutschen Sprache tun konnte. Die Gerichtssprache war deutsch, die Unterrichtssprache war deutsch, so brauchte der Beamte, der Lehrer auch für seine Zukunft nicht Tschechisch zu lernen. Und was die Ärzte und Seelsorger für den Verkehr mit dem Volke nötig hatten (die Predigt war allerdings schon damals in slawischen Bezirken tschechisch), das lernte jeder Böhme von Kindheit an wie von selbst. Nimmt man die Bewohner der reindeutschen Grenzgebiete aus, so verstand auch jeder Deutsch-Böhme ein bißchen Tschechisch, das schon erwähnte Kuchelböhmisch, welches in seinem Grundbau slawisch war, aber eine Unmenge deutscher Worte barbarisch mit slawischen Endungen versah. Trotz der erstaunlichen und achtenswerten Anstrengungen gelehrter Slawen (denen unser Jacob Grimm ein Vorbild war) wurde dieser Mischmasch in allen gemischten Bezirken gesprochen; und die Parodien dieses Kauderwelsch, die sich einst in Wiener Witzblättern breit machten und jetzt noch in deutschen Witzblättern zu finden sind, waren gar nicht so übertrieben, wie es scheinen konnte.
In diesen vermeintlich gemütlichen Zustand der althergebrachten Herrschaft der Deutschen und der gottgewollten Unterwerfung der Tschechen brachte das Jahr 48 eine deutlich sichtbare Wandlung. Schon seit[124]  Beginn des Jahrhunderts hatten die Tschechen, ungefähr parallel mit der nationalen Bewegung in Deutschland und überhaupt mit dem Aufkommen der Nationalitätsidee, Herrschaftsansprüche in Böhmen und in den beiden andern Ländern der alten Wenzelskrone (Mähren und Schlesien) geltend gemacht. Ein Eingehen auf die historisch-politische Frage würde mich zu weit führen. Aber die politische Frage war in Böhmen weit mehr als anderswo eine Sprachenfrage. In Triest und Südtirol, in Lothringen und in Nordschleswig möchten die Stämme, die nicht Deutsch sprechen, aus dem fremden Staatsverbande heraus, wollen Bürger eines italienischen, französischen, dänischen Nationalstaates sein. In Böhmen denkt auch der verwegenste Fanatiker nicht so bald an eine Trennung von Österreich; nur daß nach seiner Meinung der Kaiserstaat slawisch werden soll, womöglich tschechisch. Von allen Kanzeln des Reiches, auch von der Kanzel des Wiener Stephansdomes soll in irgendeiner Zukunft tschechisch gepredigt werden; tschechisch soll dann die allgemeine Gerichtssprache sein, auch die des obersten Gerichtshofes in Wien; die tschechische Treibhauswissenschaft soll die Universitäten beherrschen. Das alles war oder ist vorläufig nur ein phantastischer Traum begeisterter Prager Studenten. So tolle Forderungen werden nicht gestellt; aber die Entwicklung müßte zu solchen Revolutionen führen, wenn erst die Mehrsprachigkeit für ganz Österreich gesetzlich durchgeführt wäre; die Slawen, die ohne die deutsche Kultursprache nicht auskommen können, sind von Hause aus zweisprachig und würden es am Ende zu ihrem Monopol machen, dem Reiche Beamte und Offiziere, Ärzte, Richter, Lehrer und Geistliche zu liefern. Diese nicht ganz sinnlose Phantasie erklärt vielleicht[125]  die Erbitterung, mit welcher in Böhmen noch gegenwärtig um Sprache und Schule gekämpft wird.
Schwer wären die Tschechen zu widerlegen, wenn sie ohne tyrannische Gelüste die natürlichen Rechte ihrer Nationalität geltend machen wollten. Die alten Deutsch-Böhmen sträuben sich dagegen, den Tschechen Zugeständnisse zu machen. Aber es war unvermeidlich, daß im Jahrhundert der Nationalitätsidee sich auch die Tschechen zum Worte meldeten, wie vor ihnen die Polen, wie nach ihnen die kleineren Stämme Österreichs: die Slowenen und Slowaken, die Serben und Kroaten. Die Tschechen bilden ohne Frage die Mehrzahl der böhmischen Bevölkerung und verlangen darum überall, wo Autonomie zugestanden worden ist, mit Recht ihren Anteil am Regiment. Sie verlangen aber die Auslieferung der Schule; sie können ja die Stellen im Reich nicht mit tschechischen Beamten besetzen, wenn ihre jungen Leute nicht in tschechische Schulen gegangen sind. Der unselige Machtkitzel treibt dann dazu, mit Hilfe der tschechischen Schulen in den gemischten Bezirken den deutschen Kindern langsam ihre Muttersprache zu nehmen.
Ich bin Deutsch-Böhme genug, um nur mit Zorn den Gedanken fassen zu können, daß Prag bereits heute eine slawische Stadt geworden ist, in der die Deutschen als gehaßte Fremde leben, daß ganz Böhmen in absehbarer Zeit der Herrschaft der Tschechen anheimfallen wird. Wenn nicht ein Wunder geschieht. Wenn nicht die Nationalitätsidee von der internationalen Idee des Sozialismus überwunden wird. Oder von einer Liebe zu dem österreichischen Staatsgedanken, die ich aber höchstens etwa bei Wienern angetroffen habe, niemals in genügender Stärke in den Kronländern. Sozialismus[126]  oder Staatsgedanke, jedenfalls müßte der Kerl erst geboren werden oder öffentlich auftreten, wenn er wirklich schon geboren sein sollte, der die nationale Begeisterung durch eine neue andere Begeisterung ersetzen könnte. Die Österreicher haben wahrlich Wärme genug im Leibe; sie wissen nur nicht, wofür sie sich just begeistern könnten.

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Ein Tag allgemeiner deutscher Begeisterung war wohl sicher der letzte, an welchem in Prag Deutsche und Tschechen sich verstanden und in Reih und Glied marschierten. Es war der Tag der großen Schillerfeier von 1859; wenn man es nicht sonst wüßte, daß diese Feier zumeist aus einer politischen, aus einer freiheitlichen Stimmung und Sehnsucht hervorging, man hätte es sicher aus der Beteiligung der Tschechen erraten können. Ich glaube den gewaltigen Fackelzug noch zu sehen, wie er langsam sein rotgelbes Licht über die alte Nepomukbrücke hinwälzte und wie die Flammen sich in den Wellen der Moldau spiegelten. Von den Fenstern der Eltern eines Schulkameraden, die wenige hundert Schritte vom Altstädter Brückenturm entfernt wohnten, durfte ich das Schauspiel betrachten; ich war ziemlich genau zehn Jahre alt, kannte gar viele Gedichte Schillers sehr genau und ahnte noch nicht, daß in naher Zukunft für und gegen Schiller gekämpft werden würde; auch die Tschechen dachten nicht an so etwas, waren ganz bei der Sache und warfen gegen Mitternacht, weil es doch ein Festtag war, in der Judenstadt einige Fenster ein. Und das war eigentlich nicht böse gemeint.
Wie immer nun das Vordringen der Tschechen sich mit dem sogenannten österreichischen Staatsgedanken vertragen, was immer das Ende des Kampfes sein wird: zu meiner Schulzeit hatten die Tschechen ihre ersten[127]  Siege bereits errungen und beuteten sie mit realpolitischer Rücksichtslosigkeit aus. Schon damals wurden ihre Bestrebungen von Rom aus öffentlich und heimlich unterstützt; fast im ganzen Lande war die Geistlichkeit tschechisch gesinnt und blind reaktionär dazu; die wenigen altliberalen deutschen Geistlichen, die man Josephiner nannte, zählten nicht mehr mit. Und hatte sich so ein deutscher Josephiner gar mit Haut und Haar einer Kunst verschrieben – wie der prächtige, mir unvergeßliche Augustinerprior Pater Barnabas der edlen Musika –, so war er für die deutsche Sache verloren und neigte sogar dazu, durch politischen Indifferentismus die Gegner zu unterstützen. Die freigeistigen oder gar hussitischen Jungtschechen ließen sich die Unterstützung gern gefallen und schlossen auch noch später, als sie beim Wahlkampfe gegen die klerikalen Alttschechen auftraten, manchen Kompromiß mit Rom. Die Tschechen hatten weit klügere, nämlich energischere, staatsmännischere Führer als die Deutschen; sie drängten die früheren Herren des Landes stätig und fest in die Defensive.
Die Tschechen hatten also zu meiner Schulzeit schon ein eigenes Gymnasium auf der Altstadt und auch das angeblich deutsche Piaristengymnasium war völlig in ihren Händen. Aber auch auf wirklich deutschen Gymnasien kam die deutsche Sprache zu kurz, weil ein Schulgesetz es so haben wollte. Ich habe diese Dinge schon flüchtig erwähnt. Nach dem Schulgesetze sollten wir alle uns in beiden Landessprachen mündlich und schriftlich gleich gut ausdrücken können. So stand es auf dem Papier. Hätte die Schule diese Bestimmung erfüllt, so hätte jeder von uns imstande sein müssen, den deutschen Aufsatz – wenn ich so sagen darf –[128]  auf Deutsch und auf Tschechisch abzufassen. Das Ziel wäre nicht unerreichbar gewesen, bei angestrengter Arbeit. Doch Faulheit und andere Neigungen der Lehrer wie der Schüler hatten zur Folge, daß auch diese gesetzliche Bestimmung zum Vorteile des tschechischen Unterrichts ausschlug und zum Nachteile des deutschen. Wir ärgerten uns darüber, daß wir eine so schwierige Sprache erlernen sollten, deren Kenntnis uns nicht wertvoll schien; eine bodenständige tschechische Literatur gab es damals noch nicht. Weder eine poetische noch eine wissenschaftliche Literatur. Hatte doch noch kurz vorher der hervorragendste tschechische Gelehrte Franz Palacky seine »Geschichte von Böhmen« in deutscher Sprache zu schreiben angefangen und sich erst später entschlossen, das Werk in seiner Muttersprache fortzusetzen; genau so wie zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts nationalgesinnte deutsche Gelehrte sich entschlossen, die lateinische Kultursprache mit der unfertigen deutschen zu vertauschen, viel langsamer und viel später als die Gelehrten in Italien und in Frankreich.
Wir lernten also das tschechische Pensum nur widerwillig; die Folge war, daß die tschechischen Schüler der Zweisprachigkeit sehr nahe kamen, wir aber nicht. Deutsche Musterschüler brachten es so weit, Tschechisch schreiben zu können, wie sie Latein schrieben, konnten die zweite Landessprache aber nicht sprechen. Die Tschechen dagegen waren in den letzten Gymnasialklassen befähigt worden, einen deutschen Schriftsatz ohne allzu schlimme Fehler auszuarbeiten und sich in deutscher Sprache mündlich ganz geläufig und richtig auszudrücken. Die Härte der Aussprache war unerheblich; unser eigenes Prager Deutsch mochte sich auch nicht erfreulich anhören. Die meisten deutschen Schüler[129]  hatten nach acht Jahren nicht gelernt, die sieben Fälle des tschechischen Substantivs und die feinen Umformungen des tschechischen Verbums richtig anzuwenden, hatten es nicht erlernt, die zweite Landessprache orthographisch zu schreiben. In den Stunden, in denen Tschechisch gesprochen werden mußte, halfen wir uns mit ein paar Dutzend Redensarten, die uns aus dem Kuchelböhmisch unserer Jugendzeit geläufig waren und die wir »hochböhmisch« aussprechen gelernt hatten. Niemand von uns erreichte es, einen tschechischen Brief ordentlich schreiben zu können, einige Streber aus gemischten Sprachbezirken ausgenommen, die denn auch nachher in das tschechische Lager übergingen; ich weiß nicht einmal, ob ich sie Renegaten schelten darf. Diese jungen Leute aus gemischten Sprachbezirken waren zumeist Juden; der Vater hatte sie, oft in Rücksicht auf seinen Handel, als Kinder in tschechische Schulen gesteckt und dort war ihnen eine unklare Schwärmerei für das tschechische Herz angeflogen, das jeder Böhme haben müßte.
Nach dem Schulprogramm hätten also fast alle deutschen Schüler durchfallen müssen; es ging aber damit ähnlich wie mit dem jüdischen Religionsunterricht; die Lehrer freuten sich über jede tschechische Vokabel, die sie einem Deutschen beigebracht hatten, und geizten nicht mit guten Zensuren. Als wir nach Septima oder Oktava (Unter- oder Oberprima) kamen, wurde ein neues Landesgesetz erlassen, wonach nur eine der beiden Landessprachen obligatorisch war. Um den drolligen Kauz, der uns damals in Tschechisch unterrichtete, nicht zu kränken, hielten wir alle in seiner Stunde aus und er setzte einem jeden geschmeichelt eine »große Eminenz« (»vorzüglich«) ins Zeugnis.[130] 
Nun wäre die Quälerei mit der zweiten Landessprache nicht so schlimm gewesen, wenn der deutsche Unterricht nicht so furchtbar unter der Zweisprachigkeit gelitten hätte. Ich will nicht einmal die Frage aufwerfen, ob nicht eine geheime Anordnung oder Tendenz bestand, die deutsche Sprache gegenüber der tschechischen zu vernachlässigen; ich bin gewiß, daß das für die Piaristen zutraf, und werde den Verdacht auch gegenüber den deutschen Lehrern der Kleinseite nicht los. Es wäre sonst kaum möglich gewesen, daß überall die Lehrer der tschechischen Sprache philologisch geschulte Männer waren, die Lehrer der deutschen Sprache dagegen bestenfalls Dilettanten; ich wünsche gar nicht überall einen philologischen Unterricht in der Muttersprache, ich will nur auf die Ungleichheit hinweisen. Doch auch ohne böse Absicht taten die Verhältnisse ihre Schuldigkeit. Es ist eine alte Erfahrung, daß der öffentliche Unterricht die begabten Schüler zu den mittelmäßigen hinunterzieht; der gute Kopf wird schließlich müde, weil ihm die Arbeit der geistigen Marodeure zu langsam geht. Das äußerte sich für uns sehr traurig im deutschen Sprachunterricht. Die Piaristen sahen es als ihre Lebensaufgabe an, die Tschechen zu brauchbaren Beamten heranzuziehen; ihr ideales Ziel war, den Schülern die allerschlimmsten orthographischen Fehler im Deutschen abzugewöhnen. Diese Höhe hatten wir deutsche Schüler schon im zehnten Lebensjahre erreicht und wußten nun nicht, warum wir während des deutschen Unterrichts dasitzen mußten. Wir sollten nach dem Lehrplan deutschen Stil und deutsche Literaturgeschichte lernen, hatten aber jahraus jahrein nur eine Art von Abc zu treiben. Auf dem Kleinseitner Gymnasium waren die Deutschen weitaus in der Mehrzahl[131]  und auch die Lehrer sprachen ein besseres Deutsch; aber von einem ernsthaften deutschen Unterricht war wieder nicht die Rede. Dazu kam – wie schon erzählt – daß der Ordinarius auf der Kleinseite an Gewissenlosigkeit und Faulheit auch die dicksten Piaristen übertraf. Der einzige Nutzen, den wir von diesem reichsdeutschen Lehrer hatten, war sehr fragwürdig; er führte einen täglichen Kampf nicht nur gegen das schlimme Pragerdeutsch, sondern auch – wie ebenfalls schon erwähnt – gegen gute österreichische Idiotismen, die ich jetzt in meiner Sprache ungern vermisse. Wir sind niemals über den natürlichen Gebrauch unserer deutschböhmischen Muttersprache hinausgekommen; das war vielleicht gut, entsprach aber nicht dem Lehrplan. Wir haben von der deutschen Literaturgeschichte nichts erfahren, wir haben nie ein Wort über die Geschichte der deutschen Sprache gehört.


Um zu zeigen, wie weit die Verhätschelung des tschechischen Nationalgefühls und die Unterdrückung des deutschen ging, will ich eine kleine Tatsache festlegen. Das alte Schulbuch, das wir uns anschaffen mußten, liegt vor mir; ich erzähle keine Märchen. Wir deutschen Schüler verließen das Gymnasium, ohne von einem unserer Lehrer erfahren zu haben, daß es im Mittelalter eine deutsche Dichtung gegeben hatte. Aber wir deutschen Schüler mußten uns vier Semester lang durch tschechische Dichtungen aus dem Mittelalter durcharbeiten; und diese mittelalterlich-tschechischen Dichtungen waren erwiesenermaßen Fälschungen. Wir wußten sogar, daß es Fälschungen waren, und die Lehrer wußten es auch. Es ist hier nicht der Ort, auf die Fälschung und auf die Geschichte ihrer Aufdeckung einzugehen. Der gelehrte Bibliothekar und einstige[132]  Poet Hanka hatte im Jahre 1817 angeblich in einem Kapellenkeller der Stadt Königinhof diese alte Sammlung epischer und lyrischer Gedichte aufgefunden. Man weiß nicht, wer die Verse verfaßt hat; man wies aber mit den Fingern auf den Auffinder hin. Die Epenfragmente sind völlig wertlose Stücke, die den uralten Kriegerruhm der Tschechen beweisen sollen; die lyrischen Verse aber sind so hübsch, daß ihr Dichter sich vielleicht um einen ansehnlichen Dichternamen gebracht hat, um einer Fälschung zu dienen. Daß eine Fälschung vorliege, ist sehr bald von deutschen Gelehrten behauptet worden, aus archäologischen und philologischen Gründen, und slawische Gelehrte haben sich schließlich den Gründen der deutschen Wissenschaft unterworfen. (Erst in jüngster Zeit versucht man es wieder, die Echtheit der Königinhofer Handschrift zu verteidigen.) Inzwischen wurde mit dieser Königinhofer Handschrift fünfzig Jahre lang ein arger Humbug getrieben. Es ist bekannt, daß nicht nur Franzosen und Italiener auf die Fälschung hineinfielen, sondern daß auch Jacob Grimm begeistert war, und daß Goethe, ohne jede Kenntnis der Originalsprache, eines der kleinen Gedichte auf Treu und Glauben wunderhübsch nach einer wörtlichen Prosaübertragung poetisch übersetzte; er hat sich sogar die Mühe genommen, die Verse durch Umstellung der Strophen verständlicher zu machen.
Ich habe seitdem mehr als einmal der Stimmung nachgegeben, mich in die Psychologie, ja in die Poesie des böhmischen Fälschers hineinzufühlen; ich habe in meiner Novelle »Die böhmische Handschrift« darzustellen gesucht (zu übermütig vielleicht, aber gewiß nicht ungerecht), wie alles, was ihn dazu trieb, ach so gut war und so lieb; ich habe schon damals einige[133]  chauvinistische Jugendsünden bereut und zum Frieden gemahnt. Ideale Beweggründe wären dem Sünder keinesfalls abzusprechen. Es muß ihm eine Lust gewesen sein, das hohe Alter der tschechischen Kultur durch seine Verse zu beweisen; es muß ihm ein Triumph gewesen sein, durch sein Talent und durch seine technischen Künste so viele Jahrzehnte die gelehrte Welt zu betrügen; und es muß seine Eitelkeit in unerhörter Weise befriedigt haben, als bedeutende Dichter und Sprachhistoriker in allen Ländern Europas begeistert von den kleinen Gedichten sprachen, die der arme Teufel irgendwo auf einer öden Bude geschrieben und dann in altslawische Sprachform gezwängt hatte. Wohl mag Hanka – wenn er wirklich der Dichter gewesen ist – gejubelt haben, als er eine polyglotte Ausgabe seiner Handschrift herausgeben konnte, wie man vom Vaterunser polyglotte Ausgaben besitzt; wohl mag er gelacht haben, als slawische Philologen seinen Text behandelten, wie man Homer behandelt, und über einzelne Worte, die der Abschreiber mißverstanden hätte, gewagte Konjekturen aufstellten.
Wir waren aber damals noch weit davon entfernt, solche Fälscherleidenschaft menschlich zu begreifen; wir hatten eben aus einer Gerichtsverhandlung die gelehrten Beweise für die Fälschung erfahren und waren sittlich empört. Das half uns nicht. Wir mußten uns die Königinhofer Handschrift in einer streng philologischen Ausgabe anschaffen und den heiligen Text auswendig lernen und so pedantisch analysieren, wie man etwa auf dem Gymnasium den Homer zerarbeitet; so mußten wir uns mit einer tschechischen Fälschung beschäftigen, während uns die Nibelungen, Walter und Wolfram unbekannt blieben, während in der deutschen[134]  Stunde etwa der Gebrauch der großen Anfangsbuchstaben höchste Weisheit war.
Ich sage mir heute, daß dieses närrische Studium eines gefälschten Dokuments für meinen Bildungsgang ganz schätzbar war; der Fälscher hatte offenbar recht gute Kenntnisse in der damals noch jungen Wissenschaft der Sprachvergleichung besessen und hatte die wirklich alten kirchenslawischen Texte durchaus studiert. Da bot denn unsere philologische Ausgabe ganz gut erfundene und sauber präparierte Beispiele für eine altslawische Mundart, und wir erlangten an diesen erfundenen Beispielen einige Kenntnis von der vergleichenden Sprachwissenschaft, von welcher sonst fast kein Ton zu uns gedrungen war, weder im deutschen, noch im griechischen, noch im lateinischen Unterricht. So könnte ich auch dieses kleinen Unsinns mit einiger Heiterkeit gedenken, wenn ich nicht wüßte, daß unsere Kampfstimmung gegen die Tschechen gerade durch den Zwang, uns mit einer Fälschung zu beschäftigen, vergiftet wurde. In den nationalen Reibereien wurde ich ungerecht gegen die Tschechen, weil ich sie alle für die Fälschung der Königinhofer Handschrift verantwortlich machte. Und die nationalen Reibereien begannen viel Kraft von unserm jungen Leben zu beanspruchen, schon auf dem Gymnasium.
Wir waren als Kinder wahrhaftig keine Chauvinisten gewesen, interessierten uns später für die aufstrebende tschechische Literatur und fühlten uns gern als »Böhmen«. Die Heimatliebe konnte so stark in uns sein, das schöne Land Böhmen konnten wir herzlich lieben, weil wir den Gegensatz zwischen den beiden kämpfenden Volksstämmen nicht stark empfanden. Ich meine da die Zeit, etwa von meinem vierzehnten bis zum siebzehnten[135]  Jahre. Ich habe schon erzählt, wie unsere politische Gesinnung durch die Ereignisse des Jahres 66 verändert wurde. Wir hatten auch jetzt noch kein Verständnis für die Ziele Bismarcks, wir hätten uns nicht einmal mit Recht großdeutsch nennen können, aber wir waren deutsch geworden. Das äußerte sich zunächst darin, daß wir nicht mehr »Böhmen« sein wollten, daß wir uns in den kleinen Krieg mit den Tschechen hineinstürzten1. Ich habe beinahe zehn Jahre lang an allen Raufereien mit den Tschechen redlich teilgenommen, lebhafter vielleicht und ausgelassener, als ich es heute gutheißen möchte. Es ist aber ganz recht so, daß auf den Schulbänken noch nicht funfundsechzigjährige Herren sitzen, daß die Kämpfe immer wieder von einem neuen Geschlechte junger Menschen aufgenommen werden, daß die Streiter nicht überlegen.

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Den Glanzpunkt solcher Raufereien bildete eine hochpolitische Aktion von uns Gymnasiasten; ich kann auch über dieses Abenteuer nicht berichten, ohne einige Worte vorausgeschickt zu haben. Man weiß, daß nach dem Kriege von 1866 die Ungarn durch Verleihung einer weitgehenden Selbständigkeit (auf Kosten der Deutschen und der Slawen) versöhnt wurden, daß im eigentlichen Österreich eine liberale Ära gewagt wurde, die Berufung eines deutsch-bürgerlichen Ministeriums. Es ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß diese deutschen Minister sehr schlechte Realpolitiker (»Herbstzeitlose« nannte sie ja Bismarck nach ihrem Führer, dem tüchtigen[136]  Juristen Herbst) waren, daß sie eine Torheit nach der andern machten und den Kaiser Franz Joseph durch Widerspruch in den albernsten Nebendingen reizten; es ist aber auch gewiß, daß der katholische Klerus in allen Kronländern nach einem gemeinsamen Programm alle Volksstämme gegen die liberale Gesetzgebung hetzte. (Dafür daß einige Bürgerminister, die doch als Minister Hofgänger sein mußten, durch Eigensinnigkeiten, selbst in der Kleidung, beim Kaiser Anstoß erregten, darf ich mich auf spätere Unterhaltungen mit dem alten Fürsten Rohan berufen. Der Ministerpräsident, Fürst Carlos Auersperg, habe selbst nicht zu seinen Bürgerministern gehalten. »Er hat Witze über sie gemacht; über diese Witze sind diese Leute gefallen.«) Wie dem auch sein mag: in Prag bereiteten die liberalen Prinzipien das Ende des Deutschtums vor. Auf das Majoritätsprinzip gestützt, konnten die Tschechen ihre alten Forderungen immer stürmischer vorbringen; auf das neue Staatsrecht gestützt, konnten sie gleich den Magyaren eine autonome Stellung des Königreichs Böhmen verlangen. Die liberale deutsche Regierung in Wien vernichtete in ahnungslosem Idealismus die deutsche Macht in Böhmen oder beschleunigte wenigstens die Entwicklung. Es wurde in Prag nicht mehr still; jeder Tag brachte Demonstrationen, Aufzüge in theatralischen Kostümen und Massenmeetings unter freiem Himmel; wilder aber als das alles war der Wahlspektakel; die Tschechen verglichen ihre Lage mit der der Iren, drohten mit Gewalt und Revolution und hatten keine englische Regierung über sich. Punkt für Punkt setzten die Tschechen ihr nationales Programm durch.
Zu diesem Programme gehörte auch als kleines Schmuckstück die Errichtung eines eigenen tschechischen[137]  Theaters. Bis zu dieser Zeit gab es in Prag außer einer deutschen Sommerarena nur ein Schauspielhaus: das altberühmte ständische Landestheater. Diese Bühne, einst von den böhmischen Landständen erbaut und dann vom Lande durch den Landesausschuß verwaltet und unterstützt, war eine deutsche Bühne. Sie hatte eine stolze Vergangenheit. Hier war Mozart gefeiert worden wie nirgends sonst; von hier aus war sein Don Juan in die Welt hinausgegangen, für das Prager Deutsche Theater hatte er den Don Juan geschrieben. Nicht nur Legenden knüpften sich an Mozarts Aufenthalt in Prag; es gab auch eine Tradition, die in Prag den deutschen Text etwas änderte, die in Prag bei jeder Aufführung bestimmte Stellen zur Wiederholung verlangte. Die Musiker waren Tschechen, viele Sänger waren Tschechen, aber das Theater Mozarts war deutsch.
Und sollte deutsch bleiben. In meiner Jugend konnten sich die Deutschen in Prag die Sache gar nicht anders vorstellen, als daß eine Bildungsanstalt deutsch sein müßte. Man war sehr ungerecht. Aber auch die tschechischen Bürgerkreise, die das Theater liebten, besuchten ganz unbefangen das einzige Theater der Stadt, das deutsche.
Doch die Bewegung nahm ihren Fortgang und die deutschen Führer begingen den Fehler, sich zu widersetzen. Es war doch klar, daß die Tschechen, welche damals etwa drei Viertel der Bevölkerung ausmachten, mehr Rücksicht verlangen durften von einer Anstalt, die aus Landesmitteln bezahlt wurde. Man gab aber damals für die große Mehrheit der Bevölkerung nur ein einziges Mal in der Woche eine Vorstellung, am Sonntagnachmittag. Trotzig verlangten die tschechischen Führer ein eigenes tschechisches Theater; sie kümmerten[138]  sich vorläufig nicht um die Schwierigkeiten: wo ein eigenes Repertoire hernehmen und wie das Haus täglich füllen. Die Sonntagnachmittagsvorstellungen brachten fast nur Übersetzungen, von Shakespeare, Schiller und den Franzosen. Das Nationaltheater hätte nationale Opern und nationale Dramen spielen müssen. Nun besaßen die Tschechen allerdings an ihrem Smetana einen bedeutenden Musiker, der ja auch – spät genug – seinen Weg auf die deutsche Opernbühne gefunden hat. Sonst gab es in der jungen tschechischen Literatur einen einzigen Dramatiker, den begabten Emanuel Bozdech, der übrigens vor mehr als zwanzig Jahren verschollen ist und gerade jetzt irgendwo in einem Balkankloster wieder aufgetaucht sein soll; dieser Bozděch war ein ganz eleganter Komödiendichter, aber doch nur ein Nachahmer Scribes. Er hätte den »nötigen Vorrat« von Stücken nicht liefern können. Ich habe übrigens diese beiden »Hoffnungen« des tschechischen Nationaltheaters persönlich gekannt; den Komödiendichter recht gut, den prachtvollen Musiker wenigstens durch zwei Gespräche. Bozděch war ein noch junger Mann, in Sprache und Zügen der Typus eines hübschen Slawen. Smetana aber gehörte einer früheren Generation an; er hatte willig deutsche Bildung – natürlich nicht nur die musikalische – aufgenommen und redete ein tadelloses weiches Deutsch. Er hatte, als ich ihn kennenlernte, die schöne und reizvolle Oper »Die verkaufte Braut« schon geschrieben; er war 50 Jahre alt und teilte mit Beethoven das tragische Musikerschicksal: Taubheit.
Wurde nun das künftige Repertoire des tschechischen Nationaltheaters von den deutschen Journalisten lieblos kritisiert, so wurden gar über das künftige Publikum[139]  unanständige und gemeine Witze gerissen. Für die tschechische »Hautevolée« wäre allwöchentlich eine Sonntagnachmittagsvorstellung gerade genug; auch das Nationaltheater würde immer nur am Sonntagnachmittag besucht werden. Ich erinnere mich noch genau eines frech herausfordernden Gedichts, welches den pöbelhaften Trumpf enthielt: »Schuster, Schneider, Handwerksleut haben nur am Sonntag Zeit.«
Der Aufruf zu dem tschechischen Nationaltheater fragte nicht nach dem Publikum und dem Repertoire der Zukunft; er wandte sich an die nationale Leidenschaft und diese war gerade im Kampfe um das Theater heftig aufgeflackert; man darf wohl sagen, daß die gesellschaftliche Trennung zwischen Deutschen und Tschechen durch den Theaterstreit festgelegt worden ist, und daß bei diesem Streite die Deutschen im Unrecht waren. Dieses Unrecht schürte die Begeisterung und der Aufruf hatte einen gewaltigen Erfolg. Eine Kreuzersammlung schaffte die nötigen Millionen. Das Nationaltheater (damals handelte es sich wohl erst um den vorläufigen, den Interimsbau) steht schon lange da und ich kann unbefangen zugestehen, daß es ein schöner Bau geworden ist. Ich saß aber noch in der Septima (Unterprima), als der Grundstein gelegt werden sollte. Eines Tages suchte uns eine Abordnung aus der Oktava (Oberprima) in einer Schulpause auf, um uns zur gemeinsamen Abwehr einer unerhörten Freveltat anzufeuern. Der Direktor unseres Kleinseitner Gymnasiums hatte den tschechischen Schülern der deutschen Anstalt die Erlaubnis gegeben, das deutsche Gymnasium bei dem Feste der Grundsteinlegung »korporativ« zu vertreten. Wir nahmen die kleine Sache sehr feierlich und ließen uns zu einem künstlichen Berserkerzorn[140]  aufstacheln. Wir Helden aus den beiden obersten Klassen stürzten zu dem feurigen Mathematiklehrer, dessen Wesensart ich schon geschildert habe. Dieser hielt uns eine Wahlrede über den Hochmut der Tschechen und gab uns schließlich den recht unvernünftigen Rat, zum Direktor zu gehen und dort gegen die gegebene Erlaubnis zu protestieren. Das gefiel uns sehr gut. Wir zogen mit großen Schritten zum Direktor und protestierten; wir waren die Längsten der beiden Klassen, zwei Septimaner und zwei Oktavaner. Unser Führer und Sprecher war der begabte, leider früh und schrecklich dem Tode verfallene Eduard Popper. Ich kann nicht sagen, welchen Ausgang die dumme Geschichte an einem preußischen Gymnasium genommen hätte. Wir aber trugen den Sieg davon. Der Direktor war erst verblüfft, dann grob, aber am selbigen Tage noch nahm er seine Erlaubnis zurück; das heißt: die tschechischen Schüler des deutschen Gymnasiums durften bei der Grundsteinlegung dabei sein, als eine besondere Gruppe, als die tschechischen Schüler des deutschen Gymnasiums, aber beileibe nicht »korporativ«.
Der Leser mag je nach seiner Seelensituation aus diesem Ereignisse Schlüsse ziehen auf den Geist oder die Disziplin der österreichischen Schulen. Mir war es darum zu tun, auf die Verhältnisse vorzubereiten, die uns auf der Universität erwarteten. Der nationale Zwist verdarb schon auf dem Gymnasium, was zu verderben war; auf der Universität hörten die Katzbalgereien nicht mehr auf. Ich habe auf der Prager Universität die für den Juristen vorgeschriebenen acht Semester studiert; wenigstens war ich acht Semester lang inskribiert. Ich habe bis zu meiner rechtshistorischen Staatsprüfung (nach dem vierten Semester, also im Sommer[141]  1871) nur mehr des Morgens und des Nachts viel gelesen, den Tag und den Abend jedoch oft mit politischen Kannegießereien und gelegentlich mit der Beteiligung an nationalen »Ereignissen« ausgefüllt. Ich muß froh sein, daß eine Krankheit, die ich mir wohl durch überhetzte Arbeit für das Examen zuzog, meinen passiven Widerstand gegen das juristische Studium härtete, daß meine schriftstellerischen Neigungen siegten, und ich für die nationalen Aufgaben in Böhmen keine Leidenschaft mehr übrig behielt. Oder vielmehr: die Leidenschaft meines Lebens siegte und ich hatte nicht mehr Neigung genug für die nationalen Kämpfe meiner Heimat, die mir just damals mehr als heute als elende Katzbalgereien erschienen. Und wenige Jahre nach dem letzten Studiensemester verließ ich Prag für immer, um in Deutschland zu leben.
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 Die Wörter »Tscheche« und »tschechisch« kamen, wenn mein Gedächtnis nicht täuscht, erst damals in den deutschen Zeitungen Prags auf; die slawischen Bewohner Böhmens sollten bezeichnet werden; die slawischen Publizisten wehrten sich lange dagegen und wollten die alten Wörter »Böhme« und »böhmisch« beibehalten wissen. Auch unter uns Knaben gab es um dieser Wortschälle willen manche Prügelei.




XIV. Einsame Fahrt.










[143] Ich durfte nach meiner Maturitätsprüfung zum ersten Male eine Ferienreise machen, über Böhmen hinaus, nach Süddeutschland. Ich fuhr ins bayerische Hochgebirge, marschierte bis nach Tirol hinein und wunderte mich darüber, daß die Berge noch höher waren als im Riesengebirge; das Anschauen der Natur entzückte mich, aber ich kann nicht behaupten, daß die große Natur mir mehr zu sagen hatte als die kleine Natur. Aber ich erlebte etwas anderes, etwas Neues: ich lernte Regensburg, München, Augsburg, Nürnberg kennen, deutsche Städte, in denen die Marktfrau und die Kellnerin deutsch sprachen. In denen deutsche Mundarten geredet wurden, die sich dem Prager eine nach der andern wie Volkslieder ins Ohr schmeichelten. Ich fragte oft die kleinsten Kinder nach dem Weg, nur um eine deutsche Antwort aus ihnen herauszulocken. Es war zum Heulen schön. Die Entdeckung, daß es wirklich ein deutsches Volk gäbe, war mir eine liebe und beruhigende Überraschung.
Auf manchen Seiten dieser Erinnerungen zeige ich mich, wie ich war: unreif, kindisch, im Verhältnis zu meinem Alter eigentlich recht sehr dumm. Wem es unglaublich dünken sollte, daß ein begabter Junge von bald zwanzig Jahren – auch daß ich den jungen Menschen in vielen Dingen für begabt zu halten Ursache[143]  hatte, habe ich oft ohne jegliche Bescheidenheit gesagt – so unvorbereitet, so ahnungslos in die Welt hineinlebte. Mir selbst ist die Erscheinung besonders dann rätselhaft, wenn ich die Sicherheit und »Fertigkeit« wahrnehme, mit welcher gleichaltrige Jünglinge heute das Leben nehmen und sich auf beide Füße fest hineinstellen. Der Umstand, daß ich aus dem zurückgebliebenen österreichischen Slawenlande in das Deutschland meiner Träume kam, kann die Unzulänglichkeit meiner Seelensituation allein nicht erklären. Auch nicht die anderthalb Generationen, die dazwischenliegen, können den Abstand zwischen meinem zwanzigjährigen Ich und einem Fuchs von heute begreiflich machen, nicht einmal mir selbst; auch unter meinen damaligen Kollegen und Altersgenossen waren junge Männer, die zwar noch nicht die Hundeschnäuzigkeit des gegenwärtig aufstrebenden Geschlechts besaßen, die aber doch in den Fragen der Politik und der Kunst, des Geldes und der Liebe schon einigermaßen Bescheid wußten. Da ich nun anderseits bereits sehr früh Kritik für jede Umwelt in mir ausgebildet fand, da ich sogar dazu neigte, Menschen und Dinge satirisch zu sehen, ohne sie zu kennen, so wird wohl mein Zustand eine Art von unklarem Idealismus gewesen sein, den die reale Wirklichkeit zunächst immer abstieß. Ich habe das Abstrakte immer sehr rasch und leicht, das Konkrete bis zur Stunde sehr langsam und schwer gelernt.
Nachdem ich diesen Versuch, über meine eigenen Jünglingsjahre ein wenig klar zu werden, gewagt habe, darf ich wieder, ohne daß mein Lächeln mißverstanden würde, etwas von meiner ersten Ferienreise erzählen. Nur noch ein Wort vorher: ich weiß nicht, ob die einsiedlerische Einsamkeit, in der ich damals und noch[144]  lange nachher jede Reise unternahm, eine Folge oder eine Ursache meiner Unzugehörigkeit zu andern Menschen gewesen sein mag.
Die enthusiastische Stimmung, die mich in diesen vier Wochen nicht verließ, war also zunächst dem Glück zuzuschreiben, das ich beim Anhören wirklich lebender deutscher Mundarten erlebte. München, Tirol, Augsburg, Nürnberg: ich fühlte mich reicher und reicher werden und war nur von Zeit zu Zeit betrübt darüber, daß es mir nicht gelang, auch nur einen Satz einer dieser Mundarten volksmäßig nachzubilden. Mein Ohr war immer, auch beim Lernen fremder Sprachen, zuverlässiger als meine Sprachwerkzeuge. Aber dieser Enthusiasmus wurde noch verstärkt durch die Bekanntschaft mit berühmten Kunstwerken und Landschaftsbildern. Die Berühmtheit war nicht ganz gleichgültig bei dem Wunsche nach der Bekanntschaft; nachher aber pfiff ich auf die Berühmtheit. Mit ungebildetem aber ganz eigensinnigem Geschmack gewann ich einiges lieb, ging ich an vielem ungerührt und unberührt vorüber.
Von Regensburg aus marschierte ich natürlich nach der Walhalla; heute würde man Walhall sagen und streng darauf achten müssen, die erste Silbe zu betonen. Damals wallfahrtete man noch nach der Walhálla. Ich war einfach entsetzt über den griechischen Tempel; ich wußte es nicht anders, als daß ein feierliches Gebäude gotisch sein müßte; ich wüßte nicht zu sagen, woher mir diese Überzeugung gekommen war; volle dreißig Jahre später, als ich auf der Akropolis von Athen stand – heiliger Mondschein! – ging mir trotz aller dazwischenliegenden kunsthistorischen Studien die andre Schönheit der hellenischen Architektur zum[145]  ersten Male auf, ohne meine Vorliebe für die Gotik je zu verdrängen. Ich war also von der Walhalla zunächst entsetzt und wandelte darin umher, als ob ich in ein ägyptisches Grab versetzt worden wäre. Plötzlich stand ich vor einer Viktoria von Rauch, der mit dem schönen hängenden Beine. Ich brüllte auf, daß ein Aufseher mich zur Ruhe mahnte; und ich ahnte so etwas, wie die Berechtigung von griechischen Säulen. Ich wußte noch nicht, daß Rauch nach griechischen Vorbildern gestaltet hatte.

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In München wollte ich getreu meinem Reiseführer folgen. Ich lief durch die Sammlungen, ich kroch die hohle Bavaria hinauf und hinab, ich stattete dem alten Hofbräuhaus meinen Besuch ab. Hier war der Rausch zunächst ganz seelisch; ich hatte so viel davon gehört, daß ich Wonne empfand, als ich mit dem ersten Maßkrug an den Brunnen trat, ihn selbst zu waschen. Mancher gewöhnlichere Rausch folgte. Aber der Kunst gegenüber wollte sich lange kein Hochgefühl einstellen. Ich hatte von dem Laufen in den Theken nicht viel mehr als vom Kriechen durch die Bavaria. Da half mir ein Zufall.
Auf dem Augustiner-Keller lernte ich einen jungen Kunstmaler kennen, einen begeisterten Schüler von Wilhelm Kaulbach; es verstand sich von selbst, daß ich den Maler ebenfalls bewunderte, von dessen Bildern ich freilich nur schwarzweiße Reproduktionen kannte, Photographien und Stahlstiche; damals galt Kaulbach sehr viel, heute gar nichts; vielleicht ist die heutige geringe Schätzung nicht weniger Modesache als die einstige Verehrung. Es war doch eine erstaunliche geistige Kraft der Phantasie in dem Manne, und zeichnen konnte er wie damals nur wenige. Genug, am nächsten Vormittage holte mich der Schüler vom Oberpollinger ab[146]  und führte mich in das Atelier des Meisters. Kaulbach hatte an der einen kahlen, schmutzfarbenen Wand wie auf einem Karton seinen »Peter von Arbuës« skizziert. Davor stand ich nun in maßloser Bewunderung, sprachlos, wohl eine halbe Stunde lang. Endlich fragte mich Kaulbach, ob ich Maler wäre. Wie mir die Hand mit der Krücke gefiele? Ich stotterte. Ich konnte vor Ergriffenheit nicht sprechen. Da reichte mir »der Meister« die Hand, die ich in meiner Hingegebenheit gern geküßt hätte, und sagte, als wüßte er, was in meinem Kopfe vorging: es gäbe bessere Sachen zu sehen, auch in München. Zwei oder drei gute Bilder zusammen in der alten und in der neuen Pinakothek. Die sollte ich mir selber heraussuchen und das übrige Gerümpel links liegen lassen.
Von München aus fuhr ich mit der neuen Eisenbahn bis Schliersee; dann begann eine Wanderung in Eilmärschen, über Tegernsee und Kreuth nach dem Tirol. In Jenbach ein Tag Rast, oder vielmehr übertriebene Anstrengungen zu Wasser und zu Lande. Am nächsten Nachmittag begann ich über das Plümsenjoch (so heißt es, glaube ich), wo ich mich gefährlich verirrte, durch die Ries über Walchen- und Kochelsee nach Bruck an der Ammer zu eilen.
Ich habe schon kurz gesagt, daß mir die »große Natur« keinen größeren Eindruck machte als daheim die kleine, die Andacht vor den Alpen nicht größer war, als die Andacht vor einem blühenden Strauche. Und doch: es jubilierte etwas in mir, als hoch oben – wohin ich mich vom Plümsenjoch aus verlaufen hatte – auf dem Gipfel des Berges, es war Abend geworden und ich wußte nicht wohin, ein Gewitter los brach, und ich beim Schein der Blitze die Rippen der Erde vor mir ausgebreitet[147]  sah. Es jubelte etwas in mir, als ich beim Schwimmen und beim Bergsteigen eigentlich zum ersten Male das volle Gefühl meiner frischen Jugendkraft empfand und als – ein schönstes Zeichen der Kraft – wilde Rhythmen und sanfte Gedichte mir einfielen, die ich ja nur niederzuschreiben brauchte, um ein Buch voll Poesie nach Hause zu bringen. Nein, nicht niederschreiben! Im Herzen bewahren! Ich segnete jeden Berg und jede Matte und jeden Menschen, der mich mit seinem Grüßgott erfreute, und bedauerte nur, daß ich nicht bleiben konnte.
Ich aber konnte nicht bleiben, weil mir erstens das Geld auszugehen begann und weil mich zweitens in Bruck an der Ammer ein Kuß von den Lippen eines herrlichen Münchner Mädels erwartete. Nach der Reihe: erst die traurige Liebesgeschichte, dann die tragikomische Geldgeschichte.
Kurz vor meiner Fahrt nach Tirol hatte ich eines Abends im Theater, auf dem letzten Platze natürlich, eine richtige Münchner Gesellschaft kennen und schätzen gelernt. Am Montag hatte ich den Frühzug nach Schliersee nehmen wollen, den Sonntag zu einem Ausfluge ins Isartal benutzen. Und so saß ich am Samstag noch einmal im Hoftheater; »Turandot« wurde gespielt, Clara Ziegler – außerhalb Münchens noch kaum bekannt – sprach die Turandot.
Neben mir saß eine nette Frau, lange noch nicht dreißig Jahre alt; an ihrer Seite ihr Mann, sodann ihre Schwester. Na! Vielleicht achtzehn alt, hübsch wie ..., na; und ein süßer Zug von Melancholie verschönte sie noch. In den Zwischenakten und oft genug auch sonst starrte ich nach ihr hinüber. Meine Nachbarin, die ältere hübsche Schwester der schönen Resi mochte meine[148]  beginnende Verliebtheit bemerkt haben. Sie begann ein gebildetes Gespräch über das »Stuck«, den Autor und die »Spieler« und hatte bald erfahren, daß ich »Student« war und ein Stadtfremder. Einfach wurde ich aufgefordert, mit den andern nach Schluß der Aufführung in den nächsten Bierkeller zu gehen. Zu einer Vorstellung kam es nicht; aber ich erfuhr doch, daß sie Resi hieß und daß ihr Schwager irgendwo auf einer städtischen Kanzlei arbeitete. Morgen wollten sie nach Bruck an der Ammer zu Verwandten. Ob ich mich anschließen wollte? Ob ich wollte! Die Schwester flüsterte mir zu: »Sie verinteressieren sich ja für die Resi. Das sieht ein Blinder! Es wird ihr gut tun bei ihrem Kummer um eine unglückliche Liebesgeschichte. Das arme Mädel!« Ob ich wollte!


Wir trafen uns früh am Tage pünktlich auf dem Bahnhofe. Resi blickte noch trauriger darein als gestern abend. Trennung vom Geliebten? Wer weiß. Aber sie drückte mir die Hand ... oh!
Wir hatten von der Station über eine Stunde zu laufen. In Bruck ließ man mich bis zum Mittagessen allein. Ich sollte nicht gezwungen sein, mit den Verwandten zu reden. »Es sind G'scherte!« Bei Tisch trafen wir wieder zusammen. Es wurde noch mehr getrunken als gegessen; eigentlich wurde so langsam und fest weiter getrunken, bis es Zeit für die Heimkehr wurde. Nicht einen Augenblick hatte man mich mit Resi allein gelassen. Mit Absicht, wie es mir schien. Auch auf dem Rückwege zur Station schritt der Schwager neben Resi voran, nicht ganz nüchtern, die Schwester neben mir, auch sie recht redselig.
Sie war lieb zu mir, stupste mich ab und zu und versicherte mich, sie gönnte mich ihrer lieben Resi, weil[149]  man gleich Vertrauen zu mir fassen könnte. Ich sollte für das nächste Wintersemester noch zu Hause bleiben; Resi müßte die unglückliche Liebesgeschichte erst ganz vergessen haben; im Sommersemester sollte ich wiederkommen und dann würde alles gut gehen. »Sie sehen ganz so aus, mein lieber Student, als ob sie das Mädel auch heiraten täten, mit dem sie sich verlobt haben.«
So schmeichelhaft und peinlich zugleich mir dieses Drängen war, das Blut stieg mir zum Herzen, und ich versicherte der Schwester blödsinnig, daß sie sich in mir nicht getäuscht hätte. Wer weiß, vielleicht war ich mit der Resi wirklich schon verlobt! Und die Schwester gefiel mir in ihrer gesunden Sachlichkeit so gut, daß ich nahe daran war, mich auch in sie zu verlieben.
Als ich in gutem Glauben erklärt hatte, ich gehörte zu den Männern vom alten Schrot und Korn, die immer heirateten, wenn sie liebten, stupste mich die Schwester recht derb und rief ihrem Manne zu, er und sie sollten die jungen Leute einmal allein lassen, die sich gewiß allerlei zu erzählen hätten; gar einen Kuß geben wollten. Im nächsten Augenblick war ich mit Resi auf dem Waldwege allein; Schwager und Schwester tappten voran und riefen zurück, wir hätten nur wenige Minuten Zeit; wir dürften den Zug nicht versäumen.
Ich blieb stehen und setzte in furchtbar gewundenen Redensarten auseinander, daß ich mit Erlaubnis der Schwester jetzt Anspruch auf einen Kuß hätte, wenn Fräulein Resi usw.
Resi gab mir die Hand. »Jetzt nicht«, sagte sie; »wenn Sie aber am nächsten Samstag zur gleichen Stunde an dieser Stelle sein wollen, mein lieber Herr Student, so werden wir ganz allein sein und uns lieb haben können, nicht nur küssen. Einen Stehkuß geb'[150]  ich nicht. Hüten Sie sich vor meiner Schwester, die ist grundschlecht!«
Dazu gab sie mir doch einen flüchtigen Stehkuß, und wir schritten schnell den beiden andern nach.
Darum hatte ich's so eilig, von Tirol umzukehren. Was verstand Resi darunter: wir werden uns lieb haben können, nicht nur küssen? Siedig gingen mir die Worte nach. Nun hätte ich natürlich um dieser Worte willen den Ausflug nach Tirol aufgeben und am Montag in Bruck an der Ammer auf »meine« Resi warten können; ich fand es aber romantischer, mit meiner vermeintlichen Liebe im Herzen den Körper aufs äußerste zu ermüden, und das märchenhafte Ereignis, das mir bevorstand, in Genüssen so ganz anderer Art heranzuwarten. Immer schwebte mir Resis Bild vor, während ich täglich meine etwa vierzehn Stunden marschierte; und als ich am Samstag, rückkehrend, im Eilschritt dem lieblichen Bruck mich näherte, schlug mir das Herz nicht nur vor Überanstrengung.
Die Stelle des flüchtigen Stehkusses war ein Kreuzweg; ein hölzernes Kruzifix und nicht weit davon ein Wegweiser machten die Stelle kenntlich. Als ich kurz vor Sonnenuntergang anlangte, lehnte unter dem Wegweiser die liebe Gestalt in einem hellen Kleidchen; Resi hatte sich auf den rechten Ellenbogen aufgestützt; sie hatte mich schon von weitem erblickt und lachte mich an. Ich durfte mich neben sie ins Gras legen und bekam zum Willkomm einen Kuß, der kein Stehkuß war. Ich mußte zuerst von meiner Wanderung erzählen; dann aber, als es schon zu dunkeln anfing, von meinem sonstigen Leben, von meinen Verhältnissen, von meinen Eltern, von meinem Berufe, von meinen Aussichten. Und wie oft ich schon Mädel unglücklich gemacht hätte?[151]  Sie erfuhr zunächst, daß ihr Kuß der erste meines Lebens gewesen. Daß ich eben erst das Abiturientenexamen gemacht hätte; erst anfinge zu studieren, und daß darum von Lebensaussichten noch kaum die Rede sein könnte.
»Mein lieber Mensch, warum hast du dann meiner Schwester gesagt, daß du mich heiraten willst?«
Es wurde mir recht schwer, der lieben Resi zu sagen, daß die Schwester gelogen hätte; ich hätte ja nur im Konditionalis versichert, ich würde, wenn ich es zugesagt hätte.
»Wenn du mir aber ewige Liebe geschworen hättest, dann würdest du mich heiraten? Unter allen Umständen?«
Ehrlich sagte ich: »Ja, Resi.«

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»Und wenn ich dich noch einmal so an mich drücken würde, würdest du mich dann sehr lieb haben und mir ewige Liebe schwören?«
Ehrlich sagte ich: »Ja, Resi.«
»O, wie lieb du bist, o, wie dumm du bist, mein lieber Mensch.« Wieder bekam ich einen Kuß, der ganz gewiß kein Stehkuß war; und als ich den Mund frei hatte und im Begriffe war, etwas von ewiger Liebe zu stammeln, unterbrach sie mich und sagte traurig:
»Jetzt sei still, du dummer Kerl. Wenn du nicht so horndumm wärst und so lieb und so unerfahren, hättest du es ja schon vor acht Tagen bemerken können. Meine Schwester ist schlecht. Sie will, ich soll dich betrügen. Grad nicht! Schwanger bin ich. So! Heraus ist's. Ich bin ein anständiges Mädel, ich betrüg' dich nicht.«
Sie kuschelte sich an mich und weinte bitterlich. Ich war zu entsetzt, sonst hätte ich mit ihr geweint. Sie erzählte mir dann allerlei, wie es gekommen war:[152]  ein Student wie ich. Ein lieber Mensch, auch er. Nicht schlecht. Ihre Schwester wäre an allem schuldig.
Ich hörte kaum mehr zu. Meine Resi schwanger! Über mir schlug etwas zusammen, etwas Schwarzes. Was da über mir zusammenschlug, das mag wohl ein Wirrwarr von törichter Scheu vor dem geschlechtlichen Worte und einer noch törichteren Moral gewesen sein. Ich weiß nicht, was mir schrecklicher war: die Schwangerschaft Resis oder die Tatsache, daß sie die Silben »schwanger« aussprechen konnte. Man ist immer noch viel dümmer, als man glaubt.
Resi hatte aufgehört zu weinen. Sie streichelte mein kleines Schnurrbärtchen und schien verlegen. Ob ich böse auf sie wäre? Ich stotterte etwas. Ob ich es ihr verzeihen könnte, wenn sie nicht Wort hielte? Ich verstand nicht.
»Schau, mein lieber Student, wenn du zum Sommersemester wiederkommst, nach Ostern, dann wird es mit meiner Geschichte vorüber sein und wir werden uns lieb haben, nicht nur küssen. Wie ich's dir gesagt habe. Aber jetzt, schau', jetzt wär's gegen Gottes Gebot! Und was mir meine Schwester geraten hat, das wäre eine Gemeinheit gewesen! Und so dumm, so ganz saudumm bist du doch auch nicht, daß du's geglaubt hättest. Daß du nach fünf Monaten ... Nein, so dumm bist du nicht, mein lieber Mensch.«
Ich werde wohl froh gewesen sein, als sie mich aufforderte, sie zu verlassen. War es nur meine Müdigkeit – ich war an diesem Tage zwölf Stunden gewandert – daß ich mich so schwer nach der Station schleppte?
Am zweitnächsten Morgen war ich in Nürnberg. Von dort schrieb ich an Resi, was ich ihr nicht zu sagen gewagt hatte: daß es aus zwischen uns wäre, bevor es noch[153]  angefangen hätte. Ich habe diesen mehr als albernen, diesen ruchlosen Brief noch einige Jahre in meinem Besitze gehabt und kenne ihn genau. Ich warf ihr in wildpathetischen Ausbrüchen vor, daß sie sich einem andern hingegeben hätte. Sie hätte auf meinen Schwur ewiger Liebe warten müssen. Sie hätte ... sie müßte ... sie sollte ...
Sie hat beim Lesen dieser Epistel weder lachen noch weinen können; sie hat sie niemals erhalten. Als ich mit der Abfassung fertig war, fiel mir erst ein, daß ich von Resi weder den Familiennamen noch die Wohnung kannte. Unter der Adresse »Resi in München« hätte sie das Zeug doch nicht erreicht.
Ich habe später manchen Versuchungen nicht ebenso brav widerstanden, aber ich meine doch, daß die »Liebesgeschichte«, die ich eben gebeichtet habe, nicht bloß für meine zwanzig Jahre bezeichnend war. Von meiner Dummheit (meinetwegen denke man mittelhochdeutsch und lese »tumpheit«) wollte ich eine Vorstellung geben, von dieser seligen Jugendeselei, die ich mir Gott sei Dank bis zur Stunde nicht ganz habe rauben lassen. Es wäre mehr als dumm, es wäre albern, wollte ich auch nur noch ein einziges Mal so etwas öffentlich ausbreiten, wollte ich auch nur noch eine solche Geschichte erzählen. Aber das Erlebnis von Bruck an der Ammer scheint mir symbolisch, wenigstens für mein Verhältnis zu Welt und Menschen. Und darum eben habe ich sie gebeichtet. Sollte Resi noch am Leben sein, so wird sie diese Lebenserinnerungen schwerlich zu lesen bekommen.
Die Verabredung in Bruck an der Ammer war also der eine Grund, der mich so rasch von München nach dem Tirol und wieder zurückjagte. Der andere Grund lag in dem Zustand meiner Reisekasse.[154] 
Gerade in dem Jahre meiner Maturitätsprüfung war – wenn ich nicht irre – die Bequemlichkeit oder die Verführung der Rundreisebilletts eingeführt worden. Als ich von dem Gelde, das mir der Vater recht großmütig für eine kleine Erholungsreise ausgezahlt hatte, mein Billett Regensburg-München-Augsburg-Nürnberg-Prag beglichen hatte, blieb mir eine Barschaft von ungefähr fünfundzwanzig Gulden. Wie ich es fertig gebracht habe, damit etwas über vier Wochen unterwegs zu bleiben, ohne – wie sonst öfter – regelmäßig auf der Streu zu übernachten und ohne zu hungern, ist mir fast ein Rätsel. Die Fußreise nach Tirol kam freilich nicht teuer: Heuboden. Heuboden oder Strohlager blieben mir noch manches Jahr vertraute Dinge. Just ein Jahr nach meiner ersten Studentenfahrt schlug ich mich so durch die böhmischen Kurorte durch, ohne die Zeit über je in einem Bette zu schlafen. Das geringe Reisegeld mußte eben für zehn Tage gestreckt werden. Ich mußte geizig sein. Dafür leistete ich mir einmal in Karlsbad zwei Stück von dem teuern Erdbeerkuchen; aus Trotz, weil mir die Ladnerin beim ersten Stücke warnend gesagt hatte, es koste zwölf Kreuzer. Sie urteilte nach dem Äußern. Ich werde gewiß keine eleganten Reisekleider getragen haben und die Spuren der Streu (»altes Stroh umsonst, frisches Stroh drei Kreuzer«) mochten zu sehen sein. Doch auf meiner ersten Fahrt, eben der durch Bayern, war ich auch in Geldsachen nicht erfahren genug.
In Augsburg, wohin ich nach der Trennung von Resi noch am selben Abend geflohen war, ritt mich der Teufel, im ersten Hotel abzusteigen, den berühmten Drei Mohren. Als mich der Oberkellner mit einem zweiarmigen Leuchter in meinen »Salon« geleitete und ich[155]  dort die Pracht der Teppiche erblickte, riß ich ihm meine Tasche aus den Händen und rannte die Treppe hinunter und versteckte mich vor der Verfolgung, an die ich glaubte, in einem Winkelwirtshaus.
Als ich in Nürnberg ankam, besaß ich noch zwei Gulden. Im »Grünen Weinstöckel« konnte ich damit recht gut zwei Tage leben, trotzdem mich der Wirt verlockte, mit ihm am Abend eine andre Wirtschaft aufzusuchen, wo es besseres Bier gäbe. Man kann es mir glauben, daß ich in Nürnberg glücklich war: in Wandern und Schauen. Nur eines kränkte mich; ich konnte von dem letzten Reste meines Vermögens nicht den Eintritt ins Germanische Museum aufbringen. Da geschah ein Wunder. Auf meinem letzten Gange durch die alten Straßen wurde ich von einem französischen Ehepaar, er war ein Professor aus Südfrankreich, angesprochen; sie fragten nach dem Wege zum Germanischen. Wie gut ich diesen Weg kannte! Und hatte ihn nicht gehen können! Ich gab in meinem besten Französisch Auskunft und bot mich schließlich an, die Fremden bis vor das Portal zu führen. Ob ich nicht mit hineingehen wollte? Ich zögerte und sagte endlich (Gott hat mir die Lüge verziehen, ich weiß es), mein Geld reichte nicht, dieses herrliche Museum öfter als dreimal zu besuchen. Ob ich ...? Man erlegte den Eintritt auch für mich. In meinem Glücksgefühl war ich schlecht genug, immer nur das anzusehen, was mich interessierte. Anstatt die Franzosen mich herumschleppen zu lassen, schleppte ich sie mit mir. Und weil mich ihre vielen Fragen störten, fing ich Unfug an und gab ihnen übermütig verrückte Übersetzungen der Aufschriften zum besten. Der Herr Professor notierte einzelnes. Das hat mir Gott, der alte deutsche Gott, schwerlich[156]  verziehen. Und dazu kam die Beschämung. Als ich die guten Leute zu ihrem Hotel zurückgeleitet hatte, drückte mir der zufriedene Professor zwei blanke Guldenstücke in die Hand. Mein erstes »verdientes« Geld. Ich schämte mich mächtig. Aber ich konnte weitere zwei Tage in Nürnberg bleiben. Als ich endlich meine Rückreise nach Prag antrat, hatte ich morgens noch sechs Kreuzer in der Tasche als Wegzehrung für einen langen Tag.
Was ich auf dieser ersten unter meinen vielen »einsamen Fahrten«1 für meine Freude an Kunst und Leben etwa mag gewonnen haben, das wußte ich damals ganz und gar nicht. Zum Bewußtsein kam mir einzig und allein, was ich schon gesagt habe: die Entdeckung, daß es jenseits der böhmischen Grenzen wirklich und wahrhaftig, leibhaft und glaubhaft, ein deutsches Land, ein deutsches Volk gab, daß da die kleinsten Kinder schon deutsch sprachen, noch dazu ein so liebes Deutsch, überall anders und überall schön. Ich verstand auf einmal etwas, was mir bis dahin ein totes Wort gewesen war: die Befreiungskriege. Ich verstand Kleists Hermannsschlacht. Ich verachtete – für einige Zeit – Heinrich Heine, weil er ein Napoleonschwärmer war. Ich haßte Napoleon – wieder für einige Zeit. Ich will ja den Lauf meiner politischen Entwicklung nicht erzählen, weder ironisch noch feierlich. Ich will nur sagen, daß ich auf der Schule immer nur gehört hatte, ich wäre ein Böhme, daß meine deutsche Erziehung durch das Erleben von 1866 begonnen, durch meine erste Ferienreise gefördert, durch die Teilnahme an der Gründungsfeier der Straßburger Universität vollendet wurde. Was man so vollendet nennt.
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 Unter diesem Titel habe ich später einige recht ungleiche Skizzen gesammelt.




XV. Universitätsjahre.










[158] Bald nach der Entdeckung, nach der von mir ganz persönlich gemachten Entdeckung, daß es ein deutsches Volk gäbe, bezog ich die Prager Universität, die eine deutsche Universität hieß, übrigens die älteste Universität Deutschlands ist. Soll ich dem Zwecke dieser Niederschrift nicht zuwiderhandeln, so darf ich nicht allzulange bei den lyrischen Stimmungen verweilen, die sich in meiner Erinnerung an die beiden großen Universitätsgebäude knüpfen: an das alte Karolinum, in welchem gotische Reste noch aus der Zeit Karls IV. stammen, und an das Klementinum, das alte Jesuitenkolleg. Ich habe auf den weiten Höfen und in den Hallen dieser Gebäude vier Jahre lang gesucht: den deutschen Studenten und die deutsche Wissenschaft, die Wahrheit oder eine Weltanschauung. Ich war vier Jahre lang zu Hause auf diesen weiten Höfen und in diesen Hallen. Ich habe die historische Stimmung dieser Gebäude auf mich wirken lassen wie einer. Langsam wurde die Hussitenzeit lebendig und der Dreißigjährige Krieg. Der Geist des Johannes Hus wandelte durch die Hörsäle des Karolinums; und vor dem westlichen Tore des Klementinums sah man wohlerhalten den Schauplatz, auf welchem der erste und der letzte Akt des Dreißigjährigen Krieges sich abgespielt hatten. Auf den weiten Höfen des Klementinums hatten sich im Jahre 1848[158]  die Studenten versammelt und hatten beschlossen, sich in die revolutionäre Bewegung zu stürzen. Es war verlockend, durch das Betrachten solcher Stätten ein Geschichtsphilosoph zu werden. Ich bin keiner geworden, ich wunderte mich nur immer, daß das Beste an der Geschichte, der Enthusiasmus, den sie erregt, aus dieser versteinerten Welthistorie nicht lauter zu meinen Kommilitonen sprach. Ich habe nur wenige Enthusiasten unter ihnen kennengelernt. Die allermeisten waren künftige Juristen, Ärzte und Lehrer, oder höchstens künftige Professoren von Juristen, Ärzten und Lehrern. Wie ich zu spät aufs Gymnasium gekommen war, so kam ich jetzt zu spät auf die Universität. Die Schuld, die an meinem Kindesalter durch den Diebstahl dreier Jahre begangen worden war – (wer um sein bestes Hab und Gut bestohlen worden ist, wird überdies langweilig, wenn er zu klagen nicht aufhört; ich weiß es, doch Zorn ist mächtiger als Vorsicht), – zeugte weiter ihre schlimmen Folgen für mich. In den meisten menschlichen Fragen zu kindisch, ganz unreif für das Leben, war ich zugleich durch meinen wissenschaftlichen Skeptizismus wie durch meine besten Neigungen verdorben für irgendeinen der gelehrten Berufe, verdorben für die gläubige Hinnahme einer der wissenschaftlichen Disziplinen.
Bevor ich einige kleine Erlebnisse aus meiner Universitätszeit erzähle, will ich doch aus meiner beschränkten Erfahrung heraus ein Wort über den wissenschaftlichen Charakter der Prager Universität sagen. Die allein habe ich vor mehr als vierzig Jahren genau kennengelernt, mir aber später in vertrautem Umgang mit deutschen Studenten und deutschen Professoren einen Begriff von den deutschen Hochschulen bilden können.[159]  Ich habe so harte Urteile über die Zustände an österreichischen Gymnasien gefällt, daß ich mich verpflichtet fühle, ausdrücklich zu erklären, daß die österreichischen Universitätslehrer hinter den deutschen nicht zurückstehen. Es ist ja richtig, daß das österreichische Studentenmaterial schlechter vorgebildet ist und – nach dem Wesen der Gymnasien – schlechter vorgebildet sein muß als in Deutschland. Es gibt in Österreich wie in Deutschland auf den Universitäten geniale Forscher, es gibt da wie dort tüchtige Durchschnittsgelehrte, die als Lehrer nicht zu verachten sind; es gibt hier und dort hie und da einen Dummkopf, der nicht aufhört, Professor zu sein, wenn er von seinen Kollegen wie von seinen Studenten einmütig für ein »Rindvieh« gehalten wird. Jede Universität hat ihr Rindvieh. Daß die genialen Forscher in Österreich nicht leicht anerkannt werden, wenn sie nicht vorher in Deutschland berühmt geworden sind, hat nicht viel zu sagen; Ruhm verdirbt gar leicht den Charakter. Daß die Durchschnittsgelehrten in Österreich weniger Bücher herausgeben als in Deutschland, hat noch weniger zu sagen; die Wärme eines Tages wird dadurch nicht größer, daß sie von einem automatischen Thermometer registriert wird; und der Schatz des Wissens wird dadurch nicht größer, daß er von fleißigen Handbuchverfassern nachgezählt wird. Ja, es wird auf den österreichischen Universitäten weniger gearbeitet als auf den deutschen; ja, Österreich ist immer noch ein Capua der Geister, auch den Universitäten ist die reizvolle österreichische Schlamperei nicht ganz fremd. Aber meine Lehrer an der Prager Universität waren darum nicht schlechtere Männer als die meisten Professoren, die ich nachher an großen deutschen Universitäten kennengelernt habe.[160] 
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Wenn ich trotzdem keinen rechten Vorteil von dem Besuche einer guten Universität hatte, so lag das teils – wie gesagt – an mir selbst, teils an dem zwitterhaften Wesen einer jeden solchen Hochschule.
Meine eigene Schuld war es immerhin, daß ich einer Fakultät angehörte, deren Wissenschaft mir verhaßt war. Ich lernte bei meinen bedeutendsten Lehrern nicht viel mehr als bei irgendeinem Dummkopfe, weil mich die juristischen Fragen durchaus nicht interessierten. Mein passiver Widerstand war gerade mächtig genug in mir, daß ich wußte: ich werde niemals ein Advokat werden. Ich hätte ja trotzdem noch ein passabler Jurist werden können; aber in meinem Trotze kam mir dieser Gedanke gar nicht in den Sinn. Und meine Kraft reichte damals noch nicht zu dem Entschlusse: ich will auch scheinen, was ich bin; ich will studieren, was mich interessiert; nachher wird sich am besten zeigen, was ich etwa gelernt habe.
Wenn ich nun auch auf der Universität schulfaul war, das heißt die nächstliegenden Aufgaben nicht gründlich genug bewältigte, so lag die Schuld doch nicht ganz an dieser Unwahrhaftigkeit meiner Juristenexistenz, sondern auch an dem, was ich eben die Zwitterhaftigkeit der Hochschulen genannt habe. Die Sache selbst ist oft bemerkt worden, vielleicht aber hat man ihren letzten Grund nicht immer eingesehen: die moderne Allmacht des Staates über die Schule, auch über die Hochschule, also über die Wissenschaft. Es möchte noch hingehen, daß dieser Racker von Staat sich um Dinge kümmert, denen gegenüber er machtlos ist; aber er maßt sich eine Herrschaft über Kunst und Wissenschaft an, obgleich diese beiden Privatangelegenheiten einsamer Geister ihn eigentlich nicht einmal interessieren.[161] 
Die Universitäten sollen oder wollen Stätten der reinen, der vorurteilslosen, der welterklärenden Wissenschaft sein. Die Universitäten sind aber recht teure Staatsanstalten; und der Staat, wenn er sich unbeobachtet weiß, pfeift auf die reine Wissenschaft. Sie geht ihn auch eigentlich gar nichts an. In den letzten Jahrzehnten hat man vernünftigerweise technische Hochschulen gegründet und dort Leute ausgebildet, die besser als andere durch den Betrieb chemischer Fabriken, durch Bergbau, durch Maschinenherstellung den Wohlstand ihres Landes heben können. Die älteren Schwesterschulen, die Universitäten, hätten recht gut die Aufgabe behalten können, die Grundlage zu legen für die Wissenschaften der technischen Hochschulen. Nur zwei reine Wissenschaften gibt es, die an der Universität studiert werden können, oder vielmehr zwei reine Disziplinen: Geschichte und Naturwissenschaft. Aber der Staat hängt mit chinesischer Zähigkeit an altem Aberglauben; er hält die Berufe des Richters, des Arztes, des Pfarrers und des Lateinlehrers für ebenso nützlich wie die Berufe des Chemikers und des Elektrikers; er gibt den Forschern in Geschichte und Naturwissenschaft nur dann Amt und Lohn, wenn sie sich verpflichten, ihre beste Zeit an die Abrichtung von Richtern, Ärzten, Pfarrern und Lateinlehrern zu vergeuden. Wer nicht im Sinne hat, sich für eine dieser geschätzten Berufsarten drillen zu lassen, mit dem wissen die meisten Professoren nichts anzufangen; sie sind wie die Volksschulmeister und wie die Oberlehrer und wie die Unteroffiziere überbürdet durch die Menge der Rekruten und durch die Menge des Lehrstoffs; die Universitäten sind staatliche »Pressen« geworden für die sogenannten gelehrten Berufsarten; für die reine Wissenschaft[162]  haben nur wenige Lehrer und nur wenige Schüler Zeit übrig.


Will man von diesem Fluche aller staatlichen Anstalten absehen, so muß anerkannt werden, daß die Prager Universität tüchtige Lehrkräfte besaß. Zwar von der theologischen Fakultät will ich nicht reden, trotzdem ich auch dort das eine oder das andere Kolleg gehört habe; ich will mich der Lüge nicht mitschuldig machen, die von der Theologie als von einer Wissenschaft spricht. Der Lüge, die von den allermeisten Professoren durch ihr Stillschweigen geduldet wird, wenn ihnen nicht gar die Herrschaft des Staates über die Kirche ein erstrebenswertes Ziel und das Dasein einer theologischen Fakultät ein Mittel zu diesem Zwecke ist. Aber die medizinische Fakultät war immer noch vorzüglich besetzt, und wir Juristen hatten einzelne ganz hervorragende Lehrer. Ich hatte das unverdiente Glück, die Institutionen des römischen Rechts bei Esmarch zu hören, Kirchenrecht bei Schulte, deutsches Recht bei dem noch jugendlichen Brunner, später Privatrecht bei Randa, Strafrecht bei Merkel. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß ich auch noch griechische Archäologie bei BenndorfV, allerlei Kunstgeschichte bei dem Musikhistoriker Ambros hören durfte; die beiden letztgenannten Lehrer haben mich manches juristische Kolleg schwänzen lassen. Ich komme noch darauf zurück, daß ich auch einige öffentliche Vorträge von Ernst Mach, der damals noch in Prag als Professor (am Polytechnikum) für Physik lebte, besuchen konnte.
Kunstgeschichte gehört schon zur philosophischen Fakultät; diese lockte mich vom ersten Tage an, aber eigentlich nur durch die Vertreter der richtigen philosophischen[163]  Fächer. Mein junger Skeptizismus hinderte mich nicht, von jedem Philosophen die Mitteilung der letzten Geheimnisse zu erwarten. Wohl gemerkt: von jedem; ich hatte keine Ahnung davon, daß es noch in der Gegenwart philosophische Schulen gäbe und daß ein deutscher Professor der Philosophie wie ein Schüler auf die Worte eines Lehrers eingeschworen sein könnte. Ich sollte es bald erfahren.
Dem Hauptprofessor der Philosophie, der über Logik und Metaphysik las, bin ich während meiner Studienzeit und noch lange nachher nicht gerecht geworden; es war unerträglich, wie dieses ängstliche und verzwickte Männchen sein Collegium logicum damit begann, daß er die Einteilung der vernunftbegabten Wesen in drei Klassen vornahm: Gott, Engel, Menschen. »Wir können die Logik Gottes und der Engel nicht fassen, wir haben uns mit der Logik der dritten Klasse zu begnügen.« Es war, als ob das berüchtigte Konkordat auf jedes Wort des Philosophielehrers aufpaßte. Dieses verzwickte Männchen nun war J.H. Löwe, ein feiner Kenner der Philosophiegeschichte; er hatte einmal eine der besten Arbeiten über den mittelalterlichen Nominalismus geliefert und bekannte sich in seinen wissenschaftlichen Schriften ganz tapfer zu dem jetzt selten nur genannten Günther, den man heute einen Modernisten nennen würde und der in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch seine geistreichen und ein wenig ketzerischen Bücher die katholische Kirche gegen sich aufbrachte. Günther hatte sich der Kirche wenige Jahre vor seinem Tode unterworfen; sein Jünger Löwe war nicht tapferer als der Meister und hütete sich besonders, als Universitätslehrer Anstoß zu erregen. So erkläre ich es mir, daß dieser ganz kluge Kopf uns im[164]  logischen Kolleg, das vielleicht ursprünglich für Theologen bestimmt war, von Anfang bis zu Ende mit scholastischem Quark langweilte.

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Einem zweiten Philosophen der Prager Universität haben wir schwerlich unrecht getan, da wir seine Vorlesungen nur besuchten, wenn wir lachen wollten; es war ein Herr von Leonhardi, Jünger und – wenn ich nicht irre – auch Schwiegersohn des edeln und völlig unklaren Menschheitbeglückers Krause. Schon der unglückliche Krause selbst hatte seine wackern Banalitäten nur mühsam in das System seines Panentheismus gezwängt; der begeisterte Schwiegersohn und Jünger trug uns das System in einer greulichen Terminologie und in einer so unpräzisen Darstellung vor, daß wir wohl für zeitlebens von der Philosophie hätten abgeschreckt werden können.
Auch unser dritter Philosoph, W.F. Volkmann, war ein – aner, aber sein Meister hieß immerhin Herbart und der Jünger bot uns nicht Steine statt Brot. Wir hatten als Juristen in einem der ersten Semester »praktische Philosophie« zu hören, ein Kolleg über das menschliche Handeln und über den menschlichen Willen; es war wohl als Vorbereitung gedacht, als eine Vorschule einer Psychologie für Richter. Was Volkmann über den menschlichen Willen sagen durfte, war eine Philosophie für Schulbuben; ich habe die Universität wieder verlassen und keiner meiner Lehrer hat (1869–1873) uns den Namen Schopenhauer genannt; auch Volkmann nicht, da er uns die Lehre von der Willensfreiheit vortrug. Aber keine Stunde verging, ohne daß er uns reizvolle psychologische Tatsachen mitgeteilt hätte. So entschloß ich mich, auch das große Kolleg über Psychologie bei ihm zu hören;[165]  ich habe es nicht bedauert und gedenke dieses Lehrers, der immer wie ein entmaterialisierter Geist und doch menschlich zu uns sprach, mit innigster Dankbarkeit.
Im Sommer 1871 mußte ich meine philosophischen, kunsthistorischen, theologischen und medizinischen Studien unterbrechen, wenn ich die rechtshistorische Staatsprüfung, die für das Ende des vierten Semesters vorgeschrieben war, mit Hoffnung auf Erfolg ablegen wollte. Und das wollte ich; ich war zu hochmütig, diese Büffelarbeit nicht zu leisten; acht Wochen mußten genügen und genügten, weil ich zwanzig Stunden täglich büffelte; Kirchenrecht fiel mir noch schwerer als das römische Recht. Ich kam ziemlich gut durchs Examen. Aufs äußerste erschöpft, trat ich am nächsten Morgen zu meiner Erholung einen Fußmarsch an, das Ränzel auf dem Rücken. Nach dem Böhmerwald. Noch innerhalb der Stadt überfiel mich ein Bluthusten. Ich kehrte nicht sofort nach Hause zurück. Ich setzte mich fiebernd in den ersten Zug, der vom Westbahnhofe abging. Irgendwo, wo die Eisenbahn aufhörte, lag ich in einem Dorfwirtshaus acht Tage schwer krank. Ohne Arzt. Dann schlich ich hustend drei Wochen lang durch den Böhmerwald hin und her. Und in der Gewißheit, nur noch kurze Zeit zu leben zu haben, fand ich mich selber. Ein Sterbender braucht nicht Jura zu studieren, braucht nicht Advokat zu werden. Auf dieser traurigseligen, langsamen Studentenfahrt durch den Böhmerwald entstand der größte Teil der Sonette, die ich dann – ich werde die tragikomische Geschichte noch zu erzählen haben – als mein erstes Buch herausgab.
Vor Beginn des fünften Semesters war ich also Schriftsteller geworden, der Krankheit verdankte ich die Kraft zum Entschlusse. Dem schwerleidenden Vater zuliebe[166]  ließ ich mich noch weitere vier Semester inskribieren, saß dann einige Monate lang, bis zum Tode des Vaters, nicht einen Tag länger, trotzig und ungeschickt in einer Advokatenkanzlei; aber mit meiner Erkrankung, deren bedrohliche Erscheinungen erst nach vielen Jahren verschwanden, war meine Schulzeit vorüber.

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So könnte ich denn mit dieser Krankheit, von der nicht einmal meine Mutter etwas erfuhr, symbolisch meine Schulerinnerungen schließen. Sollte sie schließen. Aber wer alte Erinnerungen erzählt, wird redselig; man plaudert gern von Dingen, die einem lieb gewesen sind. Es braucht ja niemand weiter zu lesen.[167] 



XVI. Streiche und Feste.










[168] Auf die Prager Universität waren namentlich während der deutschliberalen Herrschaft viele Dozenten »aus dem Reiche« berufen worden. Ich verkehrte in den Familien einiger dieser Herren recht viel; ich verdankte diese Freundlichkeit – ich habe außer dem Strafrechtler Merkel besonders den Archäologen Benndorf und den Anatomen Henke zu nennen – wahrscheinlich dem Umstande, daß ich just in meinen letzten Universitätsjahren häufig in den nationalen Kampf hineingezogen wurde.
Diese Lehrer aus dem Reiche fühlten sich in Prag wie in der Verbannung; ihre Frauen sprachen dieses Gefühl ganz offen aus. Die Männer hofften auf eine neue Berufung nach einer deutschen Universität oder auf eine große Stellung in Wien. Auch in Wien wären sie in ihrer politischen Gesinnung Deutsche geblieben, wären mit dem ganzen Wesen Österreichs und mit dem Anwachsen der Slawenmacht unzufrieden gewesen. Doch in Prag mußten sie doppelt vorsichtig sein, wenn sie nicht Demonstrationen der Studenten und Denunziationen von seiten ihrer Kollegen heraufbeschwören wollten; schon damals gab es irgendwo in den höheren Regionen eine scharfe Strömung gegen die Ausländer. Ich habe es noch miterlebt, wie einige der besten reichsdeutschen Professoren von Prag »weggegrault« wurden.[168]  Die Herren hielten sich darum in ihrem Kolleg streng an ihre Wissenschaft, blieben auch sonst zurückhaltend und bildeten mit ihren reichsdeutschen Frauen einen fast geschlossenen Ring. Es war kein geringes Glück für einen jungen Studenten, in diesen Kreis zugelassen zu werden. Gegenüber dem Philisterium oder der Frivolität gar mancher Prager Weiblichkeit erschienen mir alle diese deutschen Professorenfrauen, eine wie die andere, als ideale Vertreterinnen des Geistes und der Freiheit. Wenigstens hatten sie gute Bücher gelesen und ein ernstes Gespräch brauchte in ihrer Gegenwart nicht zu stocken.
Einen größeren Einfluß auf die ganze Studentenschaft übten einige einheimische Professoren, welche nicht schwarzgelbe Österreicher waren. Unser burschikoser Freund war der schwungvolle Nationalökonom Karl Thomas Richter, der übrigens ein recht starkes Dichtertalent besaß. Ich bin später jahrelang fast täglich bei ihm gewesen, oft für den ganzen Abend; ich weiß am besten, wie er uns Studenten unsere weltbewegenden Entschlüsse mitunter soufflierte; er gehört auch irgendwie – hinter den Kulissen – zu den drei Erlebnissen, über die ich noch berichten will. Vorher noch einen kurzen Überblick über die politische oder vielmehr nationale Lage der Dinge an unserer Universität.
Zu meiner Zeit wurde die einheitliche deutsche Universität Prag von ungefähr achthundert Deutschen und eintausendfünfhundert Tschechen besucht. Die Mehrheit war also bei den Gegnern. Im Lehrkörper dagegen gab es nur eine Minderheit von tschechischen Dozenten, unter ihnen eine so bedeutende Kraft, wie den Zivilrechtslehrer Randa. Die Gründung einer selbständigen tschechischen Universität stand schon damals[169]  auf dem Programm der tschechischen Politiker. Alle Vorsicht der reichsdeutschen Professoren konnte es nicht hindern, daß die tschechischen Studenten auf Befehl ihrer politischen Führer Ungelegenheiten machten; bot sich ein passender Anlaß dar, so wurden den Deutschen die Fenster eingeworfen oder sie wurden auch persönlich bedroht. Bei solchen Tätlichkeiten machte der Prager Pöbel mit den tschechischen Studenten gern gemeine Sache; uns deutschen Studenten fiel es an den großen Kampftagen zu, unsere Professoren zu verteidigen; das war mitunter eine recht schwere Aufgabe, weil wir dem tschechischen Pöbel keinen deutschen Pöbel gegenüberzustellen hatten. Ich gebrauche das Wort »Pöbel« nicht gern; ich will lieber sagen: wir konnten den tschechischen Massen keine deutschen Massen gegenüberstellen. Ein ehrlicher Mann muß sagen, daß Prag wirklich längst keine deutsche Stadt mehr war.
Wir waren also die Leibgarde der deutschen Professoren und trugen diese Bürde mit viel Pathos, mitunter auch mit sträflichem Übermut.
Tschechische und deutsche Studenten hatten durchaus getrennte Organisationen. Wir trafen einander im Kolleg, kannten einander aber kaum; es kam vor, daß ein Deutscher und ein Tscheche, die auf dem Gymnasium Freunde gewesen waren, einander nicht mehr grüßten. Da zwischen Tschechen und Deutschen der sogenannte »Komment« nicht bestand, so existierte zwischen den beiden feindlichen Parteien nicht einmal die alte Institution der Mensur. Der ganze offizielle Verkehr bestand darin, daß in friedlichen Zeitläuften beim deutschen Studentenball einige Tschechen im hübsch und gut erfundenen nationalen Schnürrock erschienen,[170]  beim tschechischen Studentenballe einige Deutsche in Wichs oder im Frack. Kam es dann zu kritischen Tagen, so wurde ohne jeden Komment geholzt; mit recht blutigem Ausgang mitunter, wie man weiß. Meine Universitätsjahre gehörten in dieser Beziehung wohl zu den schlimmsten. Bald darauf kam es zu einer Zerreißung in eine deutsche und eine tschechische Universität; damit waren die Reibungsflächen kleiner geworden und der Vernichtungskampf gegen die Farben der deutschen Studenten spielte sich nicht auf der Universität ab, sondern beim Straßenbummel auf dem »Graben«, der breitesten und vornehmsten Straße der Stadt; auf dem Graben (offiziell: Kolowratstraße) entwickelt sich allmittäglich noch heute der Korso von Prag.

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Es gab in Prag deutsche Studentenverbindungen aller Art. Ich war damals der Meinung, daß diese Nachahmungen deutschen Wesens an ihre Vorbilder nicht heranreichten; ein so ideales Bild machte ich mir von den Korps und Burschenschaften der deutschen Universitäten. Für eine progressionistische Burschenschaft, die meines Erinnerns großdeutsch war, ganz und gar nicht schwarzgelb, und dann aufgelöst wurde, wurde ich gekeilt; ich wurde nur für kurze Zeit Konkneipant. Ich war doch wohl zu selbständig geworden, um mich, der ich sogar in wissenschaftlicher und literarischer Arbeit jede äußere Disziplin haßte, einer Disziplin des Saufens zu unterwerfen; ich bin ohne jede Disziplin dennoch ein recht trinkfester Mann und ein recht fleißiger Arbeiter geworden. Ich muß aber eingestehen, daß mein Fernbleiben von einem flotten Studentenleben vielleicht überdies eine viel kläglichere Ursache hatte: ich hatte nicht Taschengeld genug. Zwar hatten die Verwandten, die meinen Vater um sein Vermögen gebracht[171]  hatten, sich wieder emporgearbeitet, machten ihre Schuld nach Möglichkeit wieder gut und mein Vater kehrte in den früheren bescheidenen Wohlstand zurück; aber sein strenger Gerechtigkeitssinn duldete es nicht, daß einer der Söhne vor den andern bevorzugt würde. Wenn ich den Wunsch hätte, sauber gekleidet zu gehen und an Kneipereien teilzunehmen, so müßte ich mir das Geld dazu selber verdienen. Ich empfand diese Gerechtigkeit damals mit Unrecht als eine Ungerechtigkeit gegen den Studenten. Ich versuchte es, Privatunterricht zu erteilen, spann aber keine Seide damit; ein Deutsch-Amerikaner, dem ich eine bessere schriftliche Behandlung des Deutschen beibringen sollte, entschloß sich, Schauspieler zu werden und verzichtete auf weitere Stunden; ein Gymnasiast, dessen Griechisch ich aufmuntern sollte, sattelte zornig um und wurde Bierbrauer. Später erst schrieb ich auch einige Aufsätze, die abgedruckt wurden, aber eine Bezahlung erhielt ich nicht. So mußte ich erst recht darauf verzichten, das kostspielige Verbindungsleben mitzumachen.
Doch gab es einen andern Sammelpunkt für uns, die »Lesehalle der deutschen Studenten«; es war Ehrensache für jeden deutschen Studenten, für die Finken sowohl wie für die farbentragenden jungen Herren, der »Halle« als Mitglied anzugehören. In der Halle wurde weder gefochten noch gekneipt. An kritischen Tagen wurden dort die entscheidenden Beschlüsse gefaßt. Sonst war die Halle unser Lesesaal und unser Debattierklub. In einzelnen wissenschaftlichen Sektionen wurden von uns – es war eine neue Einrichtung – wissenschaftliche Vorträge gehalten. Wir hatten gewiß ein kurzes Gedärm. Ich werde daran erinnert, daß ich einmal eine sehr kirchenfeindliche Vorlesung über den Kaiser Julianus[172]  hielt, ein andermal eine (bessere) Arbeit über Schopenhauer vorlas.
Mein engerer Kreis bestand aus prächtigen ernsten Burschen; und gerade darum denke ich oft und auch gern an die törichten Kämpfe in der Halle zurück. Wenn wir alten Kameraden uns nach Jahren wieder einmal treffen, dann sagt gewiß bald einer zum andern: »Weißt du noch?« Und dann sprechen wir von den alten Zeiten der HalleVI. Und dann sprechen oder sprachen wir besonders gern von den drei Ereignissen, über die ich noch berichten will. Bei der ersten Geschichte, dem Falle Linker, war ich fast nur als Zuschauer beteiligt; beim Falle Krainc war ich der Rädelsführer, und bei der Fahrt nach Straßburg bin ich gottlob auch dabei gewesen.
Der Fall Linker verlief schlicht und einfach. Dieser wackere Professor der Altphilologie hatte eine Herzensfreude an der Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreichs; und weil er ein gelehrter Herr war, verfaßte er kurz nach der Kaiserproklamation eine lateinische Ode auf den Kaiser Wilhelm. Sie war in einem schwierigen Versmaß gebaut. Er ließ die Ode fein sauber drucken, mit einem schwarz-weiß-roten oder vielleicht auch schwarz-rot-goldenen Rand. Auf jeden Platz seines kleinen Hörsaals legte er eines schönen Morgens ein Exemplar dieser Ode nieder. Das war sehr freundlich von ihm; nur hatte der brave Dichtersmann vergessen oder nicht beachtet, daß mehr als drei Viertel seiner Zuhörer Tschechen waren. Als nun Linker nach der akademischen Viertelstunde sein Katheder bestieg, in bescheidener Erwartung von Ehrungen, wurde er von den tschechischen Studenten hinausgeschmissen. Das[173]  Hörsälchen lag parterre und so passierte ihm nicht viel, nicht einmal so viel, wie den böhmischen Statthaltern, die anno 1618 auf dem Hradschin po staročesku (auf Altböhmisch) zum Fenster hinausgeworfen wurden. Wenn ich mir die Sache heute recht überlege, so hatte Linker für seine Taktlosigkeit eine kleine Strafe wohl verdient. Wer andern seine Gedichte vorlegt, und gar wenn sie politisch und lateinisch sind, setzt sich immer der Gefahr aus, hinausgeschmissen zu werden. Damals aber kamen wir erregt in der Halle zusammen und erkannten unsere Pflicht, den »Märtyrer der deutschen Wissenschaft« zu schützen. Vierzig oder fünfzig Mediziner und Juristen besetzten am nächsten Morgen, mit ordentlichen Stöcken bewaffnet, den kleinen Hörsaal und ließen sich von dem tapferen Professor, der vom Rector magnificus bis an die Tür des Auditoriums geleitet worden war, ein bißchen Philologie vortragen. Das ging so zwei oder drei Tage lang, bis die Tschechen es satt bekamen und ihrerseits auf dem Schauplatz erschienen; viele hundert Mann mit ebensoviel hundert Stöcken besetzten die Höfe des Klementinums. Kaum hatten wir das erfahren, als auch wir uns sammelten, etwa halb so viel Mann und halb so viel Stöcke. Viele hundert Studenten standen einander so kampfbereit gegenüber. In beiden Lagern wurden zündende Reden gehalten und das Ende der Schlacht mußte nach der Lage der Dinge nicht eben spaßhaft werden. Da rückte plötzlich die Polizeimacht an, eine große Abteilung mit einem Offizier an der Spitze. Ohne jede Verabredung war ein Waffenstillstand zwischen Deutschen und Tschechen sofort zustande gekommen; unter uns jungen Leuten wenigstens ging die »Ehre« über die Nationalität. Unsere[174]  Führer, zu denen ich leider nicht gehörte, traten dem Offizier entgegen; Tschechen und Deutsche verlangten gemeinsam den Abzug der Polizei; wir hätten ein altes Recht auf den Boden unserer Universität, da hätte uns kein Gott und kein Teufel darein zu reden. Nach einigem Hin- und Herreden verstieg sich der Offizier zu der Drohung, die Höfe mit Waffengewalt räumen zu lassen. Wieder kann ich nicht sagen, wie ein solcher Konflikt etwa in Preußen geendet hätte. Bei uns siegte – ja was denn? Der Offizier rückte mit seinen Leuten wieder ab. Unser Triumph ließ uns vergessen, weshalb wir die Stöcke mitgebracht hatten. Wir eilten in einige Kneipen und die Tschechen warfen dem Professor Linker die Fenster ein. Damit war die Affäre Linker beigelegt, ich muß bekennen: zu allgemeiner Zufriedenheit. Wir waren nicht mit ganzem Herzen dabei gewesen.


Zu Beginn des Wintersemesters, im Oktober 1871, folgte der Fall Krainc; über diese Geschichte kann ich gut berichten, ganz genau eigentlich ich allein, wenn anders meine Erinnerung in mehr als vierzig Jahren nicht gefälscht worden ist. Aber auch ich weiß über die Vorgeschichte nichts zu sagen, als was wir jungen Leute damals über die österreichischen Verhältnisse dachten. Das deutschliberale Bürgerministerium war schon vor dem Deutsch-Französischen Kriege gestürzt worden. Bismarck erreichte es zwar, von den Magyaren unterstützt, daß Österreich (gegen den Willen der katholischen, deutschfeindlichen Hofpartei) während des Krieges neutral blieb; aber unmittelbar nach dem Kriege setzte die Slawisierung Österreichs ein. Man nannte das: Versöhnung der nichtdeutschen Völkerschaften. Im Frühjahr 1871 wurde ein konservativslawisches Ministerium ernannt, in welchem der Tscheche[175]  Jiretschek das Unterrichtsministerium innehatte. Das Konkordat mit Rom war zwar nach dem Vatikanum aufgehoben worden, aber mit um so größerem Zorn wurde dieses Ministerium, wurde von den Deutschen dieses Ministerium Hohenwart-Habietinek-Jiretschek als junkerlich, tschechisch und pfäffisch im allgemeinen verurteilt. Doch machte es auf uns keinen besonderen Eindruck, als der neue Unterrichtsminister unsern alten Zivilrechtslehrer Schneider pensionierte und an seine Stelle den Professor Krainc setzte, der ein Slowene war oder doch dafür galt. Man hat es später so dargestellt, als ob wir deutschen Studenten zu unserer schrecklichen Tat von unsern politischen Führern angestiftet worden wären; ich weiß am besten, daß dem nicht so war. Weder diese Herren noch auch unser bewährter Freund Karl Thomas Richter wußten irgend etwas vor geschehener Tat; erst nachher hielten sie ihre schützende Hand über uns.
Ich habe schon erzählt, wie mir damals nach dem Staatsexamen und der Erkrankung zumute war, wie ich dichtete und die Juristerei an den Nagel gehängt hatte. Außerdem war ich in jenen Tagen gerade steinunglücklich. Man errät, worüber ein dichtender Jurist von noch nicht zweiundzwanzig Jahren steinunglücklich ist: sie war wunderbar schön, sie achtete mich, aber erwiderte meine Liebe nicht. In dieser Stimmung saß ich unter zwei- bis dreihundert Kollegen, welche sich die Antrittsvorlesung des neuen Professors anhörten. Neben mir mein lieber Freund Viktor Lenk. Der Professor hielt seine Rede in recht mangelhaftem Deutsch, langweilig, geistlos, schulmeisterlich. Ich habe mir später sagen lassen, Krainc sei ein ganz tüchtiger Fachmann gewesen; davon ahnten wir damals[176]  nichts. Er schloß seinen Vortrag mit den nicht eben begeisternden Worten: »Also schreiben Sie nur fleißig mit, meine Herren!« Die nach Form und Inhalt elende Rede konnte wirklich nur Mitleid erregen, der pennälerhafte Schluß die studentische Entrüstung.
Ich hatte nur mit halbem Ohr zugehört und war im allgemeinen zu unglücklich, um über diese Antrittsvorlesung selbst in Zorn zu geraten. Da steht alles auf und mein Freund sagt zu mir: »Das ist wirklich ein Skandal!« Ein Ventil für meinen Jammer. Ich schreie in Gegenwart des Professors und Rektors, die einige Höflichkeiten austauschen, meinen Kommilitonen zu: »Das ist ein Skandal!« Man ist der gleichen Meinung, man schüttelt mir die Hände. Jetzt muß etwas geschehen. Wir überlegen nicht lang. Schnurstracks marschieren wir, acht oder zehn deutsche Juristen, nach dem Franzenskai, nach der Wohnung des pensionierten Lehrers, der uns vorher der gleichgültigste Mensch gewesen war, und fordern ihn auf, seine Vorlesungen einfach wieder aufzunehmen; der Slowene wäre gar zu dumm und könnte nicht Deutsch. Der deutsche alte Herr war natürlich sehr überrascht; er weinte vor Freude, und das ist mir die liebste Erinnerung an die ganze Heldentat. Dann setzte er uns aber auseinander, er wäre entlassen und dürfte nicht so ohne weiteres lesen; er brauchte dazu ein Wort des Ministers. Die Antwort auf eine Eingabe würde auf sich warten lassen. Wir aber konnten nicht warten; wir mußten uns inskribieren lassen und wollten das bei dem Slowenen nicht tun. Da warf der alte Professor Schneider in seiner Herzenseinfalt selbst das Wort hin, wir könnten ja auch telegraphieren. Wir drückten ihm feurig die Hand und gingen telegraphieren. Das ist der[177]  wahrheitsgetreue Verlauf des ersten Aktes einer Geschichte, hinter der man eine wohlvorbereitete politische Intrige gesucht hat. In Wirklichkeit war es die Improvisation politisch erregter Studenten unter Führung eines verliebten Jünglings von der traurigen Gestalt.
Ich sehe noch heute kein Arg darin, daß wir unserer Unzufriedenheit Ausdruck gaben, daß wir uns im fünften Semester nicht mehr wie Schulbuben belehren lassen wollten. Schlimm wurde die Sache erst gerade dadurch, daß wir keinen unserer unparteiischen deutschen Professoren um Rat fragten und das Telegramm in unschicklichen Ausdrücken abfaßten. Nach meiner Erinnerung hatte es folgenden Wortlaut: »An den Herrn Unterrichtsminister in Wien. Wir ersuchen um sofortige Rehabilitierung unseres verehrten Professors Schneider, da Ihr Schützling (oder: Ihr Professor) Krainc unsere Wissenschaft und unsere deutsche Muttersprache in Gefahr bringt. Im Namen der deutschen Juristen Prags.« Es folgten unsere Unterschriften, die Namen von uns acht oder zehn Burschen, die wir losgegangen waren. Das Telegramm war abgeschickt, bevor noch eine Stunde nach dem Schlusse der Antrittsvorlesung vergangen war. Dieses niedliche Telegramm hatte ich aufgesetzt; ich hafte aber nicht für die Richtigkeit jeder Silbe. Ich besitze kein Archiv meines Lebens; auch bin ich nicht ganz sicher, ob nicht auf dem Telegraphenamte irgendein kleines Amendement vorgeschlagen und angenommen wurde.

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Nachträglich fiel einem von uns ein – ich war nicht so besonnen –, daß es nicht gut anginge, im Namen der deutschen Rechtshörer zu handeln, ohne uns ihrer Zustimmung versichert zu haben. Die wurde rasch nachgeholt. Wir beriefen eine Versammlung in der Halle[178]  ein und legten der Korona noch am gleichen Tage unser Telegramm vor. Als es nicht sofort gutgeheißen wurde, als ängstliche oder vernünftige Kollegen den Wortlaut tadelten, da blieb uns nichts anderes übrig, als ein Geständnis abzulegen. Daß wir nämlich das Telegramm schon abgeschickt hätten. Die Korona ließ uns nicht im Stich; uns wurde Indemnität erteilt, das Telegramm wurde anerkannt. Und das war gut. Denn schon am nächsten Morgen wurden wir Rädelsführer vor den Dekan unserer Fakultät zitiert, um uns zu verantworten. Der freundliche Dekan, der vorzügliche Pandektist Karl von Czyhlarz, ein fester Deutschböhme, fragte uns nicht allzustreng, ob wir wirklich diese Eingabe an den Herrn Minister verfaßt und unterschrieben hätten. Das Telegramm lag zerknittert auf dem Tische; wir sahen ordentlich oder glaubten zu sehen, mit welcher Wut der hochmögende Herr Minister das Blatt zusammengeknüllt hatte. Auf eine weitere Frage des Dekans konnten wir bestätigen, daß alle deutschen Juristen Prags hinter uns stünden.
Über die Folgen unseres jugendlichen Streichs blieben wir etwa zwei Monate im ungewissen, weil über unsere Bestrafung sich ein Kompetenzkonflikt erhob. Der Minister verlangte unsere Verurteilung durch den ordentlichen Strafrichter, was uns vielleicht übel bekommen wäre; die Universität bestand darauf, uns vor ihr Disziplinargericht zu ziehen. Ich war immer sehr genau davon unterrichtet, wohin in diesem Kompetenzkonflikte just das Zünglein an der Wage neigte. Die reichsdeutschen Professoren gaben mir ihr Wohlwollen deutlich zu erkennen. Einer von ihnen, der heute noch in Deutschland viel genannt wird, der von mir besonders hochgeschätzte Strafrechtler und Rechtsphilosoph Adolf[179]  Merkel, kam öfter zu mir auf meine Bude, ließ sich alles genau erzählen, sprach schmunzelnd von »starkem Tobak« und davon, was mit uns geschehen müßte. Dem Richter würden wir nicht ausgeliefert werden; aber das Universitätsgericht würde zwei von uns relegieren müssen, mich und einen meiner Freunde, der bei dem Verhör seine Mitschuld ein wenig vergrößert hatte. Auch ein Deutschösterreicher, eben Karl Thomas Richter, versicherte mich unter kräftigen Händedrücken, er würde für meine Relegation stimmen. Und die wärmsten Empfehlungen für deutsche Universitäten wurden mir versprochen, nach Jena, Heidelberg oder Marburg. Ich durfte das Gefühl haben, den deutschen Professoren eine diebische Freude bereitet zu haben. Ich sah meiner Relegation mit Vergnügen entgegen, aber doch eigentlich ohne Begeisterung. »Sie« erwiderte meine Liebe immer noch nicht, und da war ja alles übrige gleichgültig.
Im November lasen wir eines Tages in der Zeitung, das Ministerium Hohenwart-Habietinek-Jiretschek wäre gestürzt. Wenige Tage später wurden wir Missetäter abermals vom Pedell zum Herrn Dekan zitiert. Wir wußten schon, es würde uns nicht an den Kragen gehen. Der Dekan setzte zwar seine Amtsmiene auf und verdonnerte uns ein bißchen, dann aber teilte er uns mit, der akademische Senat wäre übereingekommen, es bei einer Rüge bewenden zu lassen; und damit keiner von uns in seiner Laufbahn geschädigt würde, sollte diese mündliche Rüge in unser Absolutorium schriftlich nicht eingetragen werden. Er reichte jedem von uns die Hand und sagte urgemütlich: »Nicht wahr, solange ich Dekan bin, tun Sie so etwas nicht wieder! Ich habe zu viel Ärger davon gehabt.« Wir verließen das Universitätsgebäude mit dem stolzen Gefühle, zum[180]  Sturze eines Ministeriums etwas beigetragen zu haben. Wir tranken viel an diesem Tage. Wir haben es gut gemeint. Sie haben es auch gut gemeint, die den Slowenen nachher recht schlecht behandelten, es sogar zu Realinjurien kommen ließen; ich glaube jetzt, wir können es doch nicht verantworten, wie wir dem armen Krainc weh getan haben.
Vielleicht habe ich es meiner entscheidenden Anteilnahme an der Affäre Krainc zu verdanken, daß ich von dem dritten Ereignis meiner Universitätszeit als von dem größten Erlebnisse meiner Schulzeit reden darf. Die Gründung der Straßburger Universität sollte am 1. Mai 1872 gefeiert werden. Auch Prag war eingeladen. Die älteste deutsche Universität sollte der jungjüngsten Schwester ihre Glückwünsche überbringen. Und in mir jubelt heute noch etwas auf, wenn ich daran denke, daß ich in die Deputation der deutschen Studentenschaft Prags gewählt wurde. Schwer war's freilich, das bißchen Reisegeld aufzutreiben. Schwer war's, unsern Rector magnificus mitzuschleppen, mehr fast durch Gewalt als durch Überredung; er war Deutscher, aber ein katholischer Herr.1 Schwer war's, meine Mutter zu beruhigen, als die tschechischen Zeitungen jeden sehr ernsthaft bedrohten, der nach Straßburg mitginge, als die tschechischen Studenten in einem Telegramm an Gambetta wieder unter Drohungen gegen die Vertretung Prags in Straßburg protestierten. Schwer war manche ganz lächerliche Kleinigkeit, die meiner unvergeßlichen Frühlingsfahrt hindernd in den Weg treten wollte. Aber was tat's? Ich bin doch dabei gewesen.[181] 
Wie mir in diesen Tagen einer immerwährenden Bezechtheit und anderer seligerer Räusche zum ersten Male die Gestalt Bismarcks aufging und wie sich damals schon, besonders während der Heimkehr auf einsamen Wanderungen am Rhein und am Neckar, die Ideen zu kristallisieren begannen, denen ich erst mehr als zwanzig Jahre später meine beste Arbeitskraft widmen sollte, werde ich noch berichten. Keinem Teilnehmer kann die Erinnerung an diese Feste geschwunden sein; mir waren sie wie eine Taufe des heiligen Geistes.
Ein Zufall wollte es, daß ich den Abschluß meiner Schuljahre und die Abstemplung zum Schriftsteller an diese Frühlingsfahrt knüpfen kann. Ein unbedeutendes Wort, das mir damals eine Promovierung schien. Zu den gefeierten Gästen der Feier gehörte auch Berthold Auerbach. Auf der Fahrt nach dem Odilienberg, im Eisenbahnwagen, redete er mich an, der ich ihn nicht kannte. Er fragte ein bißchen viel und als ich mit Eröffnungen zögerte, nannte er seinen Namen. »Berthold Auerbach.« Herzensgut und kindlich eitel, wie ich ihn später in Berlin immer mehr kennenlernte. Ich war beglückt und gab nun jede Auskunft. Plötzlich sagte er zu mir: »Sie haben Tinte an den Fingern, junger Mann.« Ich empfand das als eine Auszeichnung; Auerbach hatte mich zum Schriftsteller ernanntVII.
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 Es war der Historiker Konstantin von Höfler, ein Bayer, der seine Münchener Professur verloren hatte, als er sich 1847 der Bewegung gegen die Tänzerin Lola Montez anschloß; er war 1851 nach Prag berufen worden.




XVII. Die erste Druckerschwärze.










[183] Ich war just 22 Jahre alt geworden, als ich das Abenteuer erleben sollte, die erste eigene Arbeit gedruckt zu sehen. Schwarz auf weiß. In einer richtigen, wenn auch nicht ganz richtig gehenden Zeitung. In Prag. Im »Tagesboten aus Böhmen«. Ich wurde etwa zwei Jahre später ein Mitarbeiter an diesem Blatte und werde darum noch über den starken Geist und den schwachen Betrieb des »Tagesboten« ausführlich zu berichten haben. Das Blatt lehrte mich die idealistischgrotesken Untergründe der Journalistik kennen, wie etwa ein junger Schauspieler nicht eben gerade am Wiener Burgtheater stehen, gehen und sprechen lernen mag.
Mein erster Aufsatz galt seltsamerweise einem Musiker. Ich hatte im Wintersemester nach meinem Staatsexamen wieder ein Kolleg bei A.W. Ambros belegt, bei dem berühmten Musikhistoriker. Der entzückend wunderliche Mann war seines bürgerlichen Zeichens Staatsanwalt am Prager Landesgericht; dann hatte er daneben auf dem Polytechnikum über italienische Malerei lesen dürfen; und seit einigen Jahren las er auf der Universität über Musik. Der Musik galt seine ganze Liebe und Sehnsucht. Als Komponist soll er nicht Eigener genug gewesen sein: als Kenner und Liebhaber der Musik hatte er kaum seinesgleichen. Mein lieber Mitschüler[183]  August Freund aus Jungbunzlau, ein tüchtiger Klavierspieler, hatte mich, der ich keine Note lesen oder gar singen konnte, davon überzeugt, daß ich bei Ambros Theorie und Musikgeschichte hören müßte. An unserer Prager Universität; in demselben Hörsaale des Klementinums, aus welchem die Tschechen den Philologen Linker kurz vorher hinausgeworfen hatten.
Der Kreis war klein: ein älterer Musiker tschechischer Nationalität, sodann der blutjunge Träger eines alten fürstlichen Namens, ein bildhübscher Jüngling, der es denn auch später zum Ministerpräsidenten brachte; ferner die erste Studentin der Prager Universität (Fräulein Susanna Rubinstein aus Czernowitz) und endlich mein Freund und ich. Fünf Hörer, von denen drei nicht recht »musikalisch« waren und sicherlich nicht allzutief in die Geheimnisse der altgriechischen Tonarten eingedrungen sind.
Aber die Persönlichkeit des Lehrers hatte es uns angetan. Dem Zauber seiner Vorlesungen und seines Umgangs bin ich tief verschuldet; die Nachwirkung hat bis zu dieser Stunde nicht aufgehört. Mich wenigstens hat Ambros Musik hören gelehrt, da er uns, sooft die Aufführung einer Beethovenschen Symphonie bevorstand, in jede Probe mitnahm und uns auf jede Änderung eines Tempo, auf jede Wirkung eines Instrumentes in einem Akkorde, auf jede Absicht des Kapellmeisters, vor allem aber auf die Führung der Motive unermüdlich aufmerksam machte. Und Musik lieben lehrte uns sein Enthusiasmus, wenn so etwas überhaupt gelehrt werden kann. Wir sahen da ein schweres, erdgebundenes Leben, das durch die Wunder der Musik himmelrein und himmelleicht geworden war. Ambros hatte in seiner Jugend Schumann nahegestanden, hatte Aufsätze[184]  für dessen »Zeitschrift« geschrieben (als Davidsbündler nannte Ambros sich Flamin), galt in der ganzen musikalischen Welt als eine Autorität und wurde in Prag trotz seiner musik-konservativen Gesinnung von Musikrebellen wie Berlioz und Liszt zu Rate gezogen. In seinem Hause, wo es von Kindern wimmelte, war es nicht möglich, der Musik nicht irgendwie zu dienen. Sogar ich habe einmal bei der Haydn'schen Kindersymphonie mitgewirkt, die unter der Leitung des Paters Barnabas, des Augustinerpriors, zum Geburtstage des Hausherrn aufgeführt wurde.

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Bei seinen Vorlesungen auf der Universität hatte Ambros kein Klavier zur Verfügung; das wäre damals gegen die Würde der hohen Schule gewesen. Waren wir aber bei ihm zu Hause eingeladen, dann spielte er uns etwa stundenlang die schwer zugänglichen alten Meister vor, immer auswendig, und erzog uns auch da durch kurze Zwischenbemerkungen zum Hören. Und wenn wir einmal spät in der Nacht müde geworden waren – wir, nicht er –, dann unterbrach er wohl ein Stück von Palestrina mit dem Rufe: »Na, Kinderl, ihr habt wohl genug von denen alten Musikanten?« Und setzte mit einem Wiener Walzer ein und spielte uns und seinen Töchtern noch eine Stunde zum Tanze auf. Er war kein Virtuose, aber er spielte wundervoll.
Beethoven war ihm Andacht, Mozart war ihm Glück. Aber geheult, geheult vor Seligkeit wurde gewiß erst immer bei Haydn. Wie haben sie damals nach jener Kindersymphonie geheult, die beiden alten Knaben, der Augustinerprior Barnabas und der kaiserliche Staatsanwalt Ambros, und sich unter Tränen umarmt; und wir jungen Dachse standen andächtig daneben und hatten allen Grund zur Andacht. Weinen bei höchstem[185]  Musikgenuß war diesen romantischen Davidsbündlern selbstverständlich. So ein bißchen Jean Paulisch wurde geweint, rührsam unter Lachen und Anekdotenerzählen.
Mich hatte Ambros ganz besonders in sein Herz geschlossen, und zwar eben als er erfahren hatte, daß ich ein musikalisches Rindvieh wäre und keine Note lesen könnte. Gerade darum wäre ich ein guter »Hörer« (so heißt in Österreich jeder Student), sagte er öfter. Und einmal machte er den Witz: er sei auch ein Mauthner; denn erstens könne er Musik viel besser genießen als machen, und zweitens sei er zu Mauth geborenVIII.
Dieser unser Ambros wurde nun im Spätherbste 1871 nach Wien berufen. Gleich wieder in einige Stellungen zugleich. Er sollte an der Wiener Universität über Musikgeschichte lesen und außerdem irgendwie bei der Erziehung des Kronprinzen Rudolf mitwirken. Er hat für diesen Schüler ein ganz kleines, aber sehr reiches Werkchen über Musikgeschichte verfaßt; sein großes Werk »Geschichte der Musik« ist bekanntlich Fragment geblieben, aber ein Fragment von vier Bänden, das den Musikern – so versichern sie mir – unentbehrlich ist.
Die Trennung von Ambros wurde uns schwer. Wenige Tage vor Weihnachten überreichten wir ihm einen silbernen oder goldenen Lorbeerkranz. Der Einfall war von der Studentin ausgegangen; sie und der junge Fürst werden wohl das Wesentlichste dazu getan haben, daß der bestellte Kranz auch bezahlt werden konnte. Die Studentin hatte übrigens bei Überreichung der Gabe Schönheit und Feierlichkeit aus Eigenem zu bestreiten1.[186] 


Sie war es auch, die mich veranlaßte, dem scheidenden Lehrer eine innige Ehrung in Form eines herzlich gut gemeinten Zeitungsartikels anzutun. Das eben war meine erste Arbeit, die ich schwarz auf weiß zu Gesicht bekam. »Himmelblau auf Goldgrund« nannte Ambros nachher meinen Aufsatz. Ich habe das Zeitungsblatt nicht wieder auftreiben können; ich weiß aber, daß ich sehr viel Schwärmerei (nicht für Ambros allein) in die Abschiedsworte mit hineingeschrieben habe. Das Ganze hatte ich mit drei Kreuzen unterzeichnet; das sollte heißen: von einem, der nicht schreiben kann.
Nun sollte der jugendliche Erguß aber auch gedruckt werden. Natürlich in dem »Tagesboten aus Böhmen«, dem deutschnationalen Blatte. Auf dieses Blatt war mein Vater abonniert; und da ich kein anderes kannte, hielt ich es für ein ganz ausgezeichnetes »Organ der öffentlichen Meinung«.
Nun war mir der Begründer, Besitzer und Leiter des »Tagesboten« verschwägert und also recht gut bekannt. Aber nie hätte ich mich in dieser heiligen Sache an ihn gewandt; nie und nimmer hätte ich die Zufallsbeziehung einer Verschwägerung benützen mögen, um der Ehre der Druckerschwärze teilhaftig zu werden. Ein anderer, mir angenehmerer Gradus ad parnassum war mir gewiß.
Für den »Tagesboten aus Böhmen« hatten nacheinander manche genialische und sogar begabte junge Herren geschrieben, die nachher bekannte Schriftsteller wurden; ich werde später den Grund erraten lassen, der diese jungen Herren ihre Verbindung mit dem »Tagesboten« immer wieder bald lösen ließ. Damals nun war Alfred Klaar die Stütze des Blattes. Wir kannten einander seit unserer Knabenzeit. Er ist ziemlich[187]  genau um ein Jahr älter als ich, war mir auch auf dem Piaristengymnasium immer um eine Klasse voraus. Sonst um die Erfahrung vieler Jahre. Er war in Prag schon als Lyriker und Journalist eine kleine Lokalberühmtheit, als ich noch froh sein mußte, in unserem heimlichen Pennälerverein meine ersten Gedichte vorlesen zu dürfen. Er war noch nicht der beliebte Dozent am Polytechnikum, noch nicht der Prager Literaturpapst als Theaterkritiker der »Bohemia«, aber er war schon stillschweigend als unser Präsident anerkannt an dem historischen Kaffeehaustische (Café Europe), an welchem vor uns Alfred Meißner und Joseph Bayer gesessen hatten. Ein fertiger Schriftsteller.
An Alfred Klaar wandte ich mich. Er nahm mich sehr freundlich auf und las sofort einige Stichproben aus dem Manuskript. Ich mußte über die Schnelligkeit staunen, mit der so ein Redakteur die wichtigsten Entschlüsse zu fassen imstande ist. Das Ding werde sofort »in Satz« gegeben werden und – ich erschrak fast – am nächsten Morgen erscheinen. Heute abend noch, um 10 Uhr, sollte ich auf die Redaktion kommen und »Korrektur« lesen; er werde mir die »Fahne« selbst aus der »Setzerei« holen.
Mich erfaßte der Taumel des Erfolges. Ein Rausch der Druckerschwärze und ihrer neuen Begriffe: »Fahne – Setzerei – Korrektur.« So hatten Lessing und Schiller gewiß auch angefangen. Ich verstand auf einmal die Bedeutung der Buchdruckerkunst. Wäre an jenem Tage für die Errichtung eines Gutenberg-Denkmals gesammelt worden, ich hätte mein ganzes Vermögen beigesteuert: die zwölf Kreuzer, die ich dem historischen Kellner des historischen Kaffeehauses für[188]  einen kleinen »Schwarzen« in der Aufregung schuldig geblieben war.

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Pünktlich und stolz, nicht eine Minute zu früh oder zu spät, war ich zur Stelle. Alfred Klaar erwartete mich und überreichte mir mit seiner Herzenshöflichkeit die »Fahnen«, die den Bürstenabzug meines Aufsatzes enthielten; es kränkte mich, daß diese Fahnen so feucht und so übelduftend waren; trotzdem war es ein Moment, der im Leben zählt.
Mein Jugendfreund gab mir rasch die ersten Anweisungen in der Technik des Korrekturlesens. Ich faßte die kleinen Zeichen schnell auf, mit deren Hilfe der Setzer erfährt, was der Verfasser gebessert haben will; aber ich machte von diesen Zeichen wenig Gebrauch: zu verbessern fand ich nichts und die Druckfehler übersah ich.
Etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht erschien der Verleger auf der Redaktion; bis zu dieser Stunde hatte er nach seiner Gewohnheit im »Deutschen Kasino« gesessen, bei Pilsner Bier, im Kreise der deutschböhmischen Politiker; jetzt kam er aufgeregt, um noch rasch den Leitartikel für die Morgennummer zu schreiben. Ich hatte den Mann, den Bruder meines Schwagers, noch niemals in seiner Werkstatt gesehen, wie nachher so oft. David Kuh war zu jener Zeit in meiner Schätzung ein Heros. Anno 1848 beinahe ein Märtyrer, jetzt beinahe Reichsratsmitglied. Und schrieb täglich seinen Leitartikel, in dem er die deutsche Sache in Böhmen mit leidenschaftlicher Tapferkeit verfocht. Daß er ein schlechter Geschäftsmann war, worüber ich klagen gehört hatte, konnte meine Achtung keineswegs mindern. Und die Liebenswürdigkeit in Person war er immer gewesen.[189] 
Er wunderte sich kaum, mich in so später Stunde auf der Redaktion zu finden; als er aber erfuhr, daß Klaar meinen Aufsatz über Ambros hätte setzen lassen, ohne den Chef zu fragen, da polterte er los: »Was? Einen Huldigungsartikel für Ambros? Nehme ich nicht auf. Ambros ist ein verkappter Tscheche; ist ein Reaktionär, ist Staatsanwalt. Für die Satzkosten mache ich Sie verantwortlich.« (Später habe ich erfahren, daß der Staatsanwalt Ambros auch gegen Kuh vorgegangen war.)
Er machte uns also für den Satz kostenpflichtig. Alfred Klaar oder mich? Eins so schrecklich wie das andere. Den Streit, der nun folgte, einen Streit zwischen dem müden Verleger und seinem durch Talent und Fleiß unersetzlich gewordenen Mitarbeiter, nahm ich für blutigen Ernst. Der Chef machte große Worte: Banner der Partei oder so etwas. Klaar stellte die Kabinettsfrage für den Fall, daß die druckfähige und vortreffliche Erstlingsarbeit seines jüngern Freundes nicht aufgenommen würde. Kuh leistete heilige Eide: die Partei und ihr einziges Blatt dürften um einer Studentenlaune willen nicht zu den Tschechen übergehen. Klaar blieb fest; wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, versprach er aber einlenkend, zum Danke für die Aufnahme des Ambros-Aufsatzes den Leitartikel, nach welchem der Setzer junge schon zweimal geschickt worden war, entweder selbst zu verfassen oder nach dem Diktate des Chefs zu schreiben. Kuh wiederholte nur immer, ein liberales Blatt dürfte einen Staatsanwalt nicht verherrlichen. Er, der Verleger, stehe seit 1848 furchtlos und treu auf seinem Posten, halte wie Moses an irgendeiner Stelle der Bibel unentwegt die Fahne hoch; und nun komme die pietätslose Jugend, den verdienten Veteranen zu stürzen.[190] 
Einem solchen Auftritte war ich nicht gewachsen. Beschämt und geknickt ging ich von dannen. In unser Nachtcafé neben dem Goldenen Engel. Und hätte wenigstens den Bürstenabzug meines Aufsatzes so gern mitgenommen.
Eine Stunde später erschien am nächtlichen Stammtisch Alfred Klaar, als ob nichts geschehen wäre. Er hatte gesiegt. Die Morgennummer, an deren kleiner Auflage man eben zu drucken anfing, enthielt meinen Aufsatz.
Natürlich war mir das Ereignis wichtiger, als dieser Rückblick erkennen läßt. Zum ersten Male gedruckt zu werden, wäre es auch nur für die wenigen hundert Leser eines Provinzblättchens, muß in jedem jungen Menschen ein Gefühl der Kraft erwecken; die Eitelkeit schaut nur aus einem niedern Stockwerk zu; viel später als ich schon ein Dutzend Bücher und über tausend Zeitungsartikel veröffentlicht hatte, stand ich einmal in später Nachtstunde daneben, während die Rotationsmaschinen des »Berliner Tageblatt« einen Bogen, der einen von mir mit besonderer Liebe geschriebenen Aufsatz enthielt, druckten und in endloser Reihe, in atemraubender Schnelligkeit, wohl hundert Exemplare in jeder Minute zwischen ihren Rädern und Rollen herausschütteten: da kam mir wieder das Gefühl der Kraft und der Verantwortung und der ernsten Aufgabe. Ganz anders, als es der Kaiser gemeint hat, soll sich der Schriftsteller, dessen Worte auf Tausende oder Hunderttausende von Lesern wirken können, wie ein kommandierender General fühlen.
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 Sie wurde bald darauf in Leipzig zum Doktor der Philosophie promoviert und hat später recht feine Abhandlungen über philosophische Persönlichkeiten und Begriffe veröffentlicht. Im vorigen Jahre fand ich in der Zeitung die Nachricht von ihrem Tode.




XVIII. Das erste Buch.










[192] Damals aber, als meine Erstlingsarbeit im »Tagesboten von Böhmen« erschienen war, vergaß ich das Ereignis bald wieder, weil es für mich unmittelbar weder äußerlich noch innerlich folgenreich war. Äußerlich nicht, weil ich den Aufsatz nicht mit meinem Namen unterzeichnet hatte; der Kreis der Menschen, die von meiner Autorschaft wußten, war infolgedessen noch viel kleiner als der Leserkreis des »Tagesboten«. Ich schrieb im Laufe des nächsten Jahres auch nur noch zwei oder drei weitere Aufsätze für das Blatt, trotzdem David Kuh es jetzt an Lockungen und Versprechungen nicht fehlen ließ. Ich dachte ja nicht daran, Schriftsteller oder gar Journalist zu werden. Ich dachte überhaupt nicht an die Zukunft; der Todeskandidat hatte keine Pflicht, an die Zukunft zu denken. Und das war das Innerliche an der Sache: mein Arbeitsinteresse gehörte ausschließlich meinen Revolutionssonetten, für die ich seit Jahr und Tag mit wirklicher Hingebung historische Studien trieb, und die ich nach meinem frühen Tode der Welt zur Freude und allen Zweiflern zum Vorwurf hinterlassen wollte. Der Titel stand fest: »Die große Revolution.«
Da passierte mir eine Geschichte, eine recht jugendliche Geschichte, die mich verleitete, die durch aus unvollendete und ungefeilte Dichtung als Buch herauszugeben.[192] 
Ich muß vorausschicken, daß ich Fräulein Rubinstein aufs innigste verehrte und stolz und eifersüchtig darauf war, fast der einzige Student zu sein, der mit ihr sprechen, der ihr Bücher besorgen, der sie auch wohl bis an die Schwelle ihres Hauses begleiten durfte. Eines Tages überreichte mir die Dame ein Bündel gedruckter Feuilletons über die Frauenfrage; der Name des Verfassers schien weggeschnitten; ihr hatte sich ein jüdischer Student aus Ungarn, den ich flüchtig kannte, als Verfasser vorgestellt. Der vielversprechende junge Mann hatte sie um die Erlaubnis gebeten, ihr die Buchausgabe, für die er große Geldopfer zu bringen hätte, widmen zu dürfen. Fräulein R. bat mich nun, die Zeitungsausschnitte zu lesen und ihr mein Urteil über das kleine Werk mitzuteilen. Mein ziemlich sicherer Instinkt sagte mir schon nach wenigen Seiten: das hat jener ungarische Lausbub nicht geschrieben. Ich war nicht faul und brachte es, unterstützt von meinen neuen journalistischen Bekannten, bald heraus, aus welcher Zeitung das Bündel Feuilletons herausgeschnitten worden war. Und auf der Redaktion dieser Zeitung, der deutsch geschriebenen tschechischen »Politik«, erfuhr ich: diese Feuilletons waren der Zeitungsabdruck eines in jenen Tagen vielgenannten Büchleins von Pederzani. Ich möchte nicht erzählen, in welcher Weise ich nach der Enthüllung über den Betrüger das Urteil fällte und wie ich das Urteil selbst an ihm vollstreckte. Die Szene mag grotesk genug gewesen sein. Vielleicht hätte sich Don Quixote meines Auftretens nicht zu schämen gebraucht; als Richter mag ich mehr an Don Quixote erinnert haben, als Urteilvollstrecker mehr an Sancho Pansa, aber an einen aktiven Sancho Pansa.
Nun hatte ich Fräulein R. allerdings durch Scharfsinn[193]  und Energie davor bewahrt, dem »Unwürdigen« ihr Vertrauen zu schenken; aber es ließ mir keine Ruh, ihr nun auch die Widmung eines Buches, die ihr entgangen war, zu ersetzen. Das war von mir unlogisch gedacht, aber der Gedanke entsprach meinem Gefühl. Ich legte der Dame also, unmittelbar nach der Exekution des Buben, meine Revolutionssonette vor, so viele ihrer waren, und bat nun meinerseits um die Erlaubnis, ihr diese Gedichtsammlung widmen zu dürfen. Wenn ich es recht überlege, so nahm Fräulein R. meinen Antrag nicht viel anders auf als den des Betrügers. Sie empfahl mir nämlich, meine Dichtung einem Vertrauensmanne zur Prüfung vorzulegen, einem sehr gelehrten und tüchtigen Manne, den auch ich bewunderte, dem Dichter und Kritiker S. Heller.

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Ich habe die Schriften dieses merkwürdigen Mannes, der seinen volltönenden Vornamen Seligmann als Schriftsteller zu einem schüchternen S. verkürzt hatte, seit jener Prager Zeit, also seit beinahe vierzig Jahren, nicht wieder gelesen; ich habe also mein damaliges Urteil über ihn nicht revidiert, wie wir denn überhaupt die Gewohnheit haben, unsere einstmaligen Eindrücke und Meinungen gar oft ohne Nachprüfung für unsere jetzige Meinung auszugeben. Das Leben ist zu kurz, als daß wir jedes Buch immer wieder noch einmal lesen könnten, sooft wir es rühmend oder tadelnd erwähnen, im Gespräche oder in Abhandlungen. Damals schien mir S. Heller, trotzdem ihn Gutzkow boshaft einen der vielen Heller unserer Literatur genannt hatte, ein vorbildlicher Schriftsteller zu sein. Vorbildlich blieb er mir noch lange Jahre in seiner Eigenschaft als Theaterkritiker der »Bohemia«; mit einem ungeheuren Wissen verband er eine objektive Gründlichkeit[194]  und eine subjektive Unbestechlichkeit, die mir bei den berühmtesten Kritikern nicht oft wieder vorgekommen sind. Über ein Drama, mit welchem der peinlich gewissenhafte Mann seine Berechtigung zum Amte eines Rezensenten hatte nachweisen wollen, hatte ich unehrerbietig gelacht, weil die lyrischen Stellen und der künstliche Aufschwung zu sinnlichen Versen in Abstraktionen steckengeblieben waren. Aber ein großes Epos »Ahasverus« hatte mich durch die geistige Kraft und die strenge Form der Terzinen begeistert, so daß ich ihn einige Monate lang nicht etwa für einen Nachahmer, sondern für den einzigen Nachfolger des gewaltigen Dante hielt.
Diesen Mann nun suchte ich auf Wunsch von Fräulein R. auf, um ihn zu einer Kritik meines Opus zu veranlassen. Ich überreichte ihm meine Revolutionssonette und meine beiden geschichtsphilosophischen Skizzen über Robespierre und Napoleon. Vierundzwanzig Stunden später beschied mich Heller wieder zu sich. Er verwarf ohne Gnade meine Geschichtsphilosophie, meine Prosa. Das wäre tobsüchtiger Nihilismus. Ich glaube heute zu wissen, daß in diesen jugendlichen Arbeiten ganz kräftige Keime zu einer Zufallstheorie der Geschichte verborgen waren; doch ohne Zaudern und mit einer gewissen Heiterkeit verbrannte ich sofort diese wüste Prosa, denn der unerbittliche S. Heller hatte ganz anders von meinen Sonetten gesprochen. Wenn der Autor die ganze Sammlung auf die Höhe der besten Nummern bringen könnte, wenn er die meisten Gedichte klangvoller und fließender gestalten und die schlechten ausmerzen wollte, »so könnten diese Sonette vielleicht epochemachend werden«. Auf den blauen Umschlag meines Manuskripts hatte Heller dieses Urteil niedergeschrieben.[195] 
»Epochemachend.« Das entsetzliche und gefährliche Wort stand da, schwarz auf blau. Ich besitze das Blatt noch. Die vielen Wenn und Aber sah oder merkte oder las ich nicht.
Acht Tage später war ich in Leipzig, um meine Gedichte drucken zu lassen. Das stand so fest, wie der Altar in der Kirche, daß ein Österreicher ins Reich gehen, nach Leipzig fahren mußte, wenn er Gedichte drucken lassen wollte. Es war eine fixe Idee.
Die Fahrt von Prag nach Leipzig dauerte recht lange: in gemischten Zügen, in der letzten Klasse, heimlich ging ich hin. Einen Ausflug hatte ich vorgegeben. Von unterwegs schrieb ich nach Hause das Geständnis: ich habe Verse geschrieben und ein Leipziger Verleger wird sie drucken.
In Leipzig, wo ich in einem Winkelgasthof abstieg, fand ich die Antwort auf dieses ängstlichstolze Geständnis. Einen Brief und ein Telegramm. Der Brief vom Elternhause: als ob ich im Begriffe gewesen wäre, silberne Löffel zu stehlen, als ob diese Schande der Familie unmittelbar gedroht hätte. Das Telegramm war aus Wien, von meinen ältern Brüdern, von Gustav unterschrieben. »Lasse jedesfalls auf unsere Kosten drucken.« Der Brief schmerzte. Das Telegramm schmerzte fast noch mehr. Ein epochemachendes Werk auf Kosten der Brüder drucken lassen! Lassen müssen! Ich wußte noch nicht, daß meine Brüder ahnungsvolle Engel waren.


Ich schrieb an drei bekannte Leipziger Verlagsfirmen. Ich wäre in Leipzig und hätte das Manuskript gleich mitgebracht.
Keine Antwort.
Am dritten oder vierten Tage saß ich, eigentlich mehr überrascht als verstimmt, bei einem Eis vor dem Café[196]  Felsche, an der Ecke der Grimmaischen Straße. Plötzlich erkenne ich in einem kleinen Herrn am Nachbartische den Vetter Dr. Julius Friedländer, den Mann einer Kusine. Er war in der gelehrten Welt bekannt und geschätzt als der Besitzer des ausgezeichneten naturwissenschaftlichen und mathematischen Antiquariats R. Friedländer & Sohn. Auch Verleger war er, Herausgeber von Jacobis demokratischer »Zukunft«. Da sitzt also der einzige wirkliche Buchhändler, den ich auf der Welt kenne, zwei Schritte von mir. Und sympathisch ist mir der gütige und lebhafte Mann immer gewesen; hat sich, wenn er nach Prag kam, immer sehr freundlich nach meinem Tun und Treiben erkundigt. Das kann kein Zufall sein, das ist Schickung.
Ich rede ihn an. Ich hätte ein Bändchen Sonette geschrieben und das Manuskript gleich mitgebracht. Mein Vetter wollte sich ausschütten vor Lachen.
Er war sehr gut gegen mich. Er zahlte mein Eis und nahm mich mit, als er nun seine Berufsgänge besorgte. Die Leute, mit denen er zu tun hatte, waren lauter Buchhändler. Überall hatte er ein Geschäft abzuschließen, als ob Bücher Waren wären. Jedesmal, wenn er seine ernsthaften Angelegenheiten geordnet hatte, sagte er, anstatt mich vorzustellen: »Das ist mein Vetter Fritze aus Prag. Er ist schnurstracks nach Leipzig gekommen, um Sonette drucken zu lassen. Und das Manuskript hat er gleich mitgebracht.« Die Herren lachten jedesmal, wie ich seitdem in Leipzig nicht wieder lachen gehört habe. Nicht einmal im »Symposion«, bei den deutschen Humoristen.
Erst beim vierten Buchhändler weigerte ich mich, mit einzutreten. Mein Vetter brummelte etwas und zog mich hinter sich her. Lachend, aber doch etwas ernsthafter[197]  brachte er hier meine Sache vor. Die Herren sollten keine Angst haben; das Manuskript läge im Gasthof. Ein kurzer Kriegsrat wurde gehalten. Das Ergebnis: ich sollte zu Rudolf von Gottschall gehen; der werde mir gewiß eine wirksame Empfehlung an den geeigneten Verleger geben.
Ich weiß es heute zu würdigen, daß Gottschall, schon damals kein junger Mann mehr, mich freundlich aufnahm und sich bereit erklärte (mein Reisegeld war sehr knapp geworden), die Sonette binnen weniger Stunden zu lesen. Pünktlich zur festgesetzten Zeit stand ich wieder vor dem Leipziger Kritiker. Abermals vernahm ich ein Urteil, das mir überaus günstig scheinen mußte; ich überhörte jedes Wort des Tadels, ich überhörte die Mahnung zu sorgsamer Feile, ich hörte nur, daß Gottschall meine Verse sehr wohlwollend mit den Jugendgedichten Schillers verglich. Und die wirksame Empfehlung konnte ich gleich mitnehmen, gleich wirken lassen.
Sie war an den Verleger Leiner gerichtet. Der Herr empfing mich mit ausgesuchter Höflichkeit. Wie man seinen zahlungfähigen Kunden empfängt. Das Manuskript nahm er in die Hand, prüfte, aber eigentlich nicht den Inhalt, sondern nur die Stärke. Er bedauerte, daß das Manuskript nicht dicker wäre. Ob er es nicht lesen wollte? Nein, der Brief Gottschalls genüge ihm. Er werde die Sonette drucken und verlegen.
Ich war nicht ganz zufrieden. Daß der Mann am liebsten noch viel mehr Sonette von mir gedruckt hätte, das freute mich; es tat mir aber doch leid, daß mein Verleger, mein Leipziger Verleger, der bedeutende Mann, an den mich Gottschall empfohlen hatte, daß der meine Verse nicht lesen wollte. Auch nicht als entfernte[198]  Ahnung tauchte in mir der Verdacht auf, er könnte die heilige Sache als Bestellung betrachten, als Druckauftrag: der Verdacht, ich würde die Druckkosten bezahlen müssen. Ein moderner Junge von 16, von 14 Jahren hätte sich nicht darüber getäuscht. Aber was war ich jung mit meinen 22 Jahren! Ich wunderte mich gar nicht darüber, daß mein Verleger die Entscheidung über jede Einzelheit in meinen Willen legte. Leise wunderte ich mich nur darüber, daß mir kein Honorar angeboten wurde. Ich hätte zur Feier des Tages so gern eine gute Flasche Wein getrunken. In Auerbachs Keller. (Ich ging nachher doch in Auerbachs Keller, holte mir mit einigen Flaschen schlechten Weins einen ordentlichen Rausch, schrieb in der Bezechtheit tolles Zeug ins Fremdenbuch und reiste, da nach der kleinen Zeche ein weiterer Tag in Leipzig unerschwinglich war, gegen Mitternacht nach Hause zurück.)

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Mein Verleger hatte immerhin doch einige Fragen gestellt.
»Wie viele Exemplare sollen gedruckt werden?«
So wenige wie möglich, entschied ich. Ein Vierteltausend war die mindeste Zahl. Nicht zu viele Menschen sollen diese Gedichte lesen. (Ich erfinde nicht, ich scherze nicht; ich gebe das Gespräch so treu wieder, als mein Gedächtnis es irgend zuläßt.)
»Welche Schriftgattung?«
Natürlich lateinische Schrift. Die wäre nicht beliebt; und ich hätte ja schon gesagt, ich wünschte für diese Gedichte nicht zu viele Leser.
Und ich setzte einen hohen Ladenpreis fest, weil ich doch nicht zu viele Leser wünschte. Ich glaube bestimmt, der Herr sah mich mitleidig an, als ich vom Ladenpreis sprach.[199] 
Mit den Gefühlen eines Siegers kam ich am nächsten Vormittag zu Hause an. Ich wurde nicht wie ein Sieger empfangen. Machte nichts. Die Bürstenabzüge kamen und ich durfte meine Verse korrigieren. War das schön! Es wird wohl an meinem Augenleiden liegen, daß mir das Korrigieren jetzt keine so reine Freude mehr bereitet.
Die letzte Korrektur war erledigt. Ich wartete auf meine Freiexemplare und auf das Widmungsexemplar auf Velinpapier. Mag man mich dafür nennen, was man will, ich muß es dennoch melden: ja, ich hatte auch Freiexemplare ausbedungen.
An einem düstern Herbsttage kam irgend etwas, das wahrscheinlich Aviso hieß. Dann ein Frachtbrief. Dann ein Ballen. Der Ballen enthielt alle 250 Exemplare meines ersten Buches, dazu eines auf Velinpapier gedruckt und hübsch gebunden. Ein Brief lag bei. Meine »Bestellung« sei ausgeführt. Da mit einem Buche, das auf eine Verherrlichung der französischen Revolution hinausliefe und die patriotischen Gefühle in Deutschland verletzte, gegenwärtig in Deutschland kein Geschäft zu machen wäre, so stelle mir Herr Leiner die ganze Auflage zur Verfügung. Er erwarte die baldige Begleichung der beigefügten Rechnung.
Und ich gedachte dankbar meiner ahnungsvollen Brüder.
Da besaß ich also mein erstes Buch »Die große Revolution. Epigramme. Von Fritz Mauthner« gleich in 251 Freiexemplaren. Den Untertitel »Epigramme« hatte ich gefunden, um fast bescheiden das Wesen meiner Sonette zu bezeichnen; da es aber nicht üblich ist, Sonette als Epigramme zu charakterisieren, mußte der Titel erst recht irreführen.[200] 
Nur für eines von den 251 Freiexemplaren, für das auf Velinpapier, hatte ich Verwendung; ich wußte nicht, was ich mit den übrigen anfangen sollte. Für die Einsendung von Rezensionsexemplaren an die Zeitungen hatte ich wenig Verständnis. Auch keine Ahnung von der Notwendigkeit, das Buch im Buchhändler-Börsenblatt oder gar in Tagesblättern anzuzeigen.
Ich übergab einem braven Sortimenter der Prager Altstadt hundert Abdrücke, die in ihrem grünen Umschlage nicht eben verlockend aussahen. Er stellte ein Exemplar für einige Tage in sein Schaufenster. Das war meine Öffentlichkeit.
Doch nein: meine beiden Autoritäten schrieben Rezensionen über mein grünes Büchlein. S. Heller hart und sehr unfreundlich in der »Bohemia«; Gottschall überaus freundlich, wieder mit dem Hinweis auf Schiller, in seinem Literaturblatte. Gottschalls Kritik veranlaßte den jungen deutschen Dichter Otto Franz Gensichen in Berlin, meine Revolutionssonette zu erwerben. Er erzählte mir viele Jahre später, wie schwierig es war, den deutschen Buchhandel zur Auffindung der »Novität« zu überreden. Ich habe diesen Dichter immer in Ehren gehalten, den einzigen Käufer meines ersten Buches.
Einen Erfolg haben die ungefeilten, ungefügen, oft unschönen Sonette nicht verdient; das geistige Ringen des jungen Autors, sein ehrlicher Schrei nach Befreiung und am Ende auch manche Sonette, in denen Kraft und Form war, hätten vielleicht doch Beachtung verdient.

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Einige Jahre später erfuhr ich auf seltsame Weise, daß meinem Erstlingswerkchen kurz nach dem Erscheinen ein Erfolg oder doch eine starke Wirkung gedroht[201]  hatte; der Verfasser sollte – ich weiß nicht recht – wegen Beleidigung der Kirche oder wegen Gotteslästerung, dann aber auch wegen Beschimpfung des österreichischen Kaiserhauses angeklagt werden. Der letzte Vorwurf war blanker Unsinn; ich durfte doch im Jahre 1872 die Pariser von 1792 den Wunsch aussprechen lassen, daß der Österreicherin Marie Antoinette der Kopf abgeschlagen würde. Mein Gewährsmann für diese Gefahr, verfolgt zu werden, war der Polizeirat Dedera, der damals zu Prag das Amt eines Zensors mit der Dummheit und der ganzen Leidenschaft eines literarischen Dilettanten verwaltete. Er pflegte sich in den Kneipen an die deutschen und tschechischen Schriftsteller und Journalisten heranzubiedern und stand in dem Rufe (vielleicht geschah ihm unrecht), gelegentlich auch Spitzeldienste zu leisten, der Behörde zu ihrem späteren Gebrauche die Verfasser anonymer Zeitungsartikel zu verraten. Mit diesem Herrn geriet ich im Jahre 1875, nachdem er ein Zensurverbot gegen mein Schauspiel »Anna« durchgesetzt hatte, törichterweise in eine persönliche Auseinandersetzung, bei welcher ich ihm durch einen allzu naturalistischen Reim meine Verachtung ausdrückte. Der sonst immer katzenfreundliche Polizeirat geriet in einen Zorn, der ihm besser stand als die gespielte Unterwürfigkeit. Ich müßte froh sein, nicht auf dem Spielberg zu sitzen, oder in einem ganz gewöhnlichen Kerker. Vor drei Jahren hätte es nur an einem Haar gehangen. Da hätte sein Freund, der Staatsanwalt ... (er nannte den Namen, aber ich habe ihn wirklich vergessen), der Feind aller deutschen Liberalen, den Antrag auf meine Verfolgung »wegen dem und dem« gestellt. Aber ein alter Richter hätte gesagt, wahrscheinlich bei der Beratung über den[202]  Anklagebeschluß: »Jetzt kennt kein Mensch das grüne Büchel, wir wollen nicht durch einen Prozeß darauf aufmerksam machen.«
Ich werde in ordentlicher Reihenfolge später über das Verbot und auch über die Aufführung meines Schauspiels zu berichten haben. Für jetzt möchte ich nur erzählen, wie viel oder wie wenig meine Lage sich nach dem Erscheinen der Sonette veränderte.[203] 



XIX. Kritik der Sprache.










[204] Natürlich, für den passiven Widerstand meines Charakters war es natürlich, blieb ich Student der Rechte, ließ mich für das neue Semester inskribieren und besuchte nach wie vor die Vorlesungen der Herren, mit denen ich persönlich bekannt war oder von denen ich mir einen geistigen Gewinn versprach. Die Hauptfächer, die für die Ablegung des zweiten Examens notwendig waren, hörte ich nicht mehr. Einigen Professoren, die ich hochschätzte, sandte ich mein Büchlein zu; die Antworten liefen eigentlich alle darauf hinaus, daß ich vor dem Schriftstellerberuf, besonders aber vor Radikalismus und Pessimismus gewarnt und zum Abschlusse meines Rechtsstudiums gemahnt wurde. Sehr herzlich von Merkel, ganz besonders eindringlich von Randa.
Meine jungen literarischen Freunde beschränkten sich in ihrem Interesse darauf, meine Sonette harmlos und ohne Bosheit zu verspotten. Als ein beliebter Schauspieler des Prager Landestheaters etwa ein Dutzend der Sonette öffentlich zum Vortrag brachte (er sagte mir, ich müßte ihm ein neues Gebiß kaufen, weil er sich an meinen harten Versen alle seine Zähne ausgebrochen hätte), hätte ich mir einen lokalen Erfolg einbilden können. Ich will mich nicht besser machen als ich bin: die freundlichen Besprechungen dieser Vorlesung schmeichelten mir und ich hatte gewiß Stunden,[204]  in denen ich stolz darauf war, zu den »Hoffnungen« des Prager Parnasses gezählt zu werden. Meine nächste Umwelt, die Familie und der Kreis der Studienfreunde, verhielt sich mißtrauisch oder abwartend, was ich damals sicherlich als eine Kränkung empfand.
Daran war nicht zu zweifeln, daß für das große Deutschland und für das übrige zukünftige Weltall, an das ich mich hatte wenden wollen, mein Gedichtbuch ein Schlag ins Wasser gewesen war. Auch in Prag war nach einiger Zeit von meinen geharnischten Sonetten nicht mehr viel die Rede.
Ich litt unter dem Mißerfolge eigentlich gar nicht, weil just während des Jahres 1873 sich in meinem Erleben etwas gestaltete, von dem ich damals noch gar nicht wußte, ob es ein ungeheurer Arbeitsplan oder eine Resignation auf jede schriftstellerische Tätigkeit war. Die sprachkritischen Ideen, die ich erst siebenundzwanzig Jahre später, dreimal neun Jahre später, in den drei starken Bänden herausgab, bemächtigten sich meiner mit einer Macht, der ich nicht widerstehen konnte. Ohne jede Vorarbeit, wie man ein lyrisches Gedicht niederschreibt, so setzte ich mich eines Tages hin, um wie mit einem wilden Anlauf die Ideen, die mich bedrängten, für mich selbst zu gestalten und so im Grunde erst zu erfahren, was in mir denken wollte. Einige Wochen lang arbeitete ich Tag und Nacht an dieser ersten Fassung meiner Sprachkritik, leidenschaftlich und mit dem Bewußtsein, Unerhörtes zu sagen. Das Manuskript war nicht mehr ganz klein, als mir das Bedürfnis kam, mich mit der Lehre Kants auseinanderzusetzen. Da wurde es mir plötzlich klar, daß mir die allermeisten Vorkenntnisse für meine Arbeit fehlten. Von Kant und anderen Philosophen (Schopenhauer etwa ausgenommen)[205]  wußte ich wenig, von der neuern Sprachwissenschaft so gut wie nichts. Ich war ein Ignorant auf dem Gebiete, auf welchem ich reformatorische Ideen zu haben geglaubt hatte. Mir fehlte unbedingt der nötige Schulsack. Vielleicht hatten sich die großen Denker, die ich nicht kannte, an den Schuhsohlen abgelaufen, was ich für meine eigenen Eingebungen hielt. Auf das Hochgefühl, mit dem ich wochenlang meinen Gedankengang hinausgebraust hatte, folgte eine geistige Verzweiflung, in welcher ich zwischen ganz gemeinen Räuschen und Selbstmordplänen hin und her schwankte. Da half mir wieder die seit meiner Erkrankung bestehende Überzeugung, ich wäre ein Todeskandidat. Ich warf das wüste Manuskript ins Feuer und faßte den feierlichen Entschluß, an einen Erfolg, an eine dichterische Tätigkeit überhaupt nicht mehr zu denken, ebensowenig wie an die Wiederaufnahme der Rechtsstudien, dagegen die kurze oder längere Zeit, die ich noch zu leben hatte, Erkenntnistheorie und Sprachwissenschaft zu studieren, um mir zu einiger Deutlichkeit über die rebellischen Ideen zu verhelfen, die mich bedrängten. Ich bin diesem Vorsatze ja nicht ganz treu geblieben. Ich habe bald nachher den Schriftstellerberuf trotzig-bewußt ergriffen, im Kampfe ums Dasein, weil doch der Mensch sein Brot durch redliche Arbeit verdienen »soll«, und habe in diesem Berufe sehr viel, viel zu viel an Romanen, Novellen und Zeitungsaufsätzen geschrieben. Aber in den langen Jahren dieser strengen Arbeit habe ich meinem Vorsatz, Erkenntnistheorie und Sprachwissenschaft im Dienste meiner sprachkritischen Gedanken zu studieren, doch eigentlich keinen Tag vergessen und darf mich wenigstens rühmen, fleißig gewesen zu sein. Die Vorstellung, ein Todeskandidat zu sein, mußte ich endlich[206]  zu meiner Verwunderung aufgeben, da mein Körper die doppelte Arbeit aushielt. Nach dem Frondienst der Tagesarbeit gehörte fast jede halbe Nacht meinen eigenen Studien. Das Doppelleben führte ich, unerbittlich gegen mich selbst, bis zu Ende durch; zwanzig Jahre lang dauerte die Vorarbeit zu meinem sprachkritischen Werke und während dieser ganzen Zeit habe ich fast keiner menschlichen Seele verraten, daß mich noch etwas ganz anderes beschäftigte als meine Romane und meine Zeitungsaufsätze. Vielleicht lag es an diesem Doppelleben, daß ich manche der Schriften, die ich damals veröffentlichte, zu leicht nahm. Erst im Jahre 1893, als ich die Niederschrift meines Buches begann, als die siebenjährige Mordsarbeit der Gestaltung meiner Ideen mich aufzureiben schien, fühlte ich mich geborgen und war meines Zieles sicher genug, so daß ich mein Geheimnis drei Menschen mitteilen konnte.
Wie diese sprachkritischen Gedanken in meinem Kopfe entstanden sind, weiß ich kaum genau mehr anzugeben. Ich könnte kein einzelnes Buch oder Erlebnis nennen, auch kein zugeflogenes Wort, keinen mir bewußten unmittelbaren Einfluß. Es geschieht auch nicht zur Kurzweil des Lesers, wenn ich mir Mühe gebe, gewissenhaft zu erforschen, von wo die in der Luft fliegenden Keime des sprachkritischen Gedankens mir zugeflogen sein mögen. Bestimmt weiß ich nur, daß der Schrecken über die Sprache, dessen Analyse ich dann zu meiner Lebensaufgabe machte, mich einmal auf einem langen Marsche überfiel, als ob ich einen Schlag vor die Stirn erhalten hätte. Vorgänger, deren Worte ich in meinem Buche immer verzeichnet habe, lernte ich erst viel später in den langen Jahren der Vorarbeit kennen.[207] 
Sicher habe ich schon als Knabe einige Fragen der Sprachphilosophie ahnungslos als Fragen empfunden. In einem zweisprachigen Lande, wie gesagt, dazu als Jude in der Lage häufig eine dritte Sprache, das Deutsch der böhmischen Juden zu vernehmen und zu verhöhnen, war ich in früher Jugend schon bereit, die törichte Frage zu stellen: warum ist dieser Ausdruck richtig und der andere nicht? Dazu mochte kommen, daß mein Vater – mit ungenügender Sachkenntnis freilich – es liebte, uns auf die Besonderheiten der drei Sprachen aufmerksam zu machen. Dann aber klingen mir noch heute in den Ohren einige Verse eines Mannes, der weder ein Denker noch ein Dichter war, die aber einen starken Eindruck auf den Knaben, vielleicht gar schon auf das Kind gemacht haben müssen. Reime von Kotzebue, aus seinem nachgemachten Gedichte »Der Ausbruch der Verzweiflung«1. Es war ein Lieblingsstück meiner Mutter, sie konnte es auswendig und sprach es uns Kindern häufig vor; immer, wie ich jetzt glaube, wenn sie Schweres niederzukämpfen hatte und uns ihre Stimmung, anstatt persönlich zu klagen, durch die Reimereien Kotzebues mitzuteilen vorzog. Es ist sicherlich eine übertriebene Pedanterei, wenn ich auch dieses »Gedicht«, das beim Nachlesen wie ein umgekehrter, geifernder und darum gar nicht komischer Brockes auf mich wirkte, nenne, da ich die Anregungen zu meiner Sprachkritik überdenke. Aber – wie gesagt – es muß einen starken Eindruck auf mich gemacht haben, da[208]  noch heute, nach mehr als 50 Jahren, noch just die Zeilen im Gedächtnisse haften, die die Vernunft und die Sprache zu verhöhnen vermeinten.

»Die Vernunft, – ei, wie in meinen Ohren
Bettelstolz dies Wörtchen tönt.
Wehe uns, ihr eitlen Toren,
Die ihr einem Götzen frönt! ...
Klauen, Zähne sind die Waffen,
Die man unter Tieren trifft;
Worte, Schwerter, Blicke, Gift,
Sind für Menschen nur geschaffen.«

Wie stark bei mir, einem Schwätzer von Natur, die Andacht zum Schweigen war, noch bevor mich der Schrecken der Sprache überfiel, mögen die Verse bezeugen (aus dem Jahre 1871), die meine Revolutionssonette beschließen. Ich hatte die Sternengreise aufgerufen, mir das Schicksal der Menschen nach ihrer großen Revolution vorauszusagen; die Sterne antworteten mir:

»Unbewegt beharren wir, zu zeigen
Himmelslicht den Erdenfinsternissen;
Sehen nicht und wissen nicht und schweigen.
Arme Menschen, die ihr mußtet missen
Ruh' und Glück, die unser Göttereigen:
Nicht zu sehen, nicht zu wissen.«

Ich habe wenige Jahre nach dem Erscheinen meiner Sprachkritik, durch Anfragen angeregt und durch mancherlei bösen Willen gereizt, Rechenschaft darüber zu geben versucht, wie entscheidend drei Männer, Otto Ludwig, Nietzsche und Bismarck, auf die Ausbildung meiner Ideen eingewirkt hatten: in einem Briefe an Maximilian Harden; dieser Rechenschaftsbericht ist unter dem[209]  Titel »Die Herkunft des sprachkritischen Gedankens« am 2. April 1904 in der »Zukunft« erschienen. Bevor ich diesen Brief hier noch einmal abdrucke, möchte ich noch einen vierten Namen nennen, den von Ernst Mach. Mach selbst hat mich vor einigen Jahren – er gab mir wieder einen Beweis seines erstaunlichen Gedächtnisses – daran erinnert, daß ich als junger Student in Prag einen seiner öffentlichen Vorträge angehört und nach der physikalischen Darlegung die Erlaubnis erbeten hatte, ihm einige begriffliche Bedenken vorlegen zu dürfen. In dem gleichen Jahre 1872 ließ mich Mach seinen Vortrag über »Die Erhaltung der Arbeit« lesen und ich erhielt, so wenig ich damals von mathematicher Mechanik verstand, einen Anstoß, der ohne mein Wissen durch Jahrzehnte fortgedauert haben muß. Denn als ich fast dreißig Jahre später diesen Vortrag las, ohne mich der ersten Lektüre zu erinnern, war ich über die sprachkritischen Ahnungen erstaunt und hatte plötzlich die entschiedene Vorstellung, alle diese schlagkräftigen Formulierungen schon einmal in mich aufgenommen zu haben. Machs erkenntnistheoretischer Positivismus – der die metaphysischen Worte nicht, wie Auguste Comte, haßt, sondern psychologisch beschreibt, also erklärt – hatte in meinem Unterbewußtsein nachgewirkt.
Mein Bericht über die Herkunft des sprachkritischen Gedankens aber lautete:

»Lieber Freund.


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Sie kennen die beiden Finten, die nacheinander gegen eine neue Lehre von unehrlichen Gegnern angewandt werden. Zuerst wird das Neue, weil es gegen die allgemeine Meinung verstößt, also in wörtlichem Sinne paradox[210]  ist, für widersinnig erklärt, für unsinnig, für paradox im schlechten Sinn. Vor ihrer Anerkennung ist jede Wahrheit paradox. Pythagoras opferte hundert Ochsen, da er seinen Lehrsatz gefunden hatte; seitdem zittern alle Ochsen, nach dem geistreichen Worte Börnes (oder vielmehr Kästners), wenn eine neue Wahrheit gefunden wird. Die zweite Finte ist perfider, weil sie weniger dumm ist. Man sagt von der neuen Wahrheit, wenn sie sich durchzusetzen beginnt, daß sie uralt sei. Und da alles Gescheite schon einmal gedacht worden ist, so ist dieses Vorgehen der Verkleinerungssucht niemals völlig falsch. Alles ist schon einmal dagewesen. Rabbi Akiba hat recht. Nur wird bei dieser zweiten Finte eine häßliche Unredlichkeit geübt, die selbst Schopenhauer in seiner grimmigen Schrift gegen die Philosophieprofessoren der Professorenphilosophie übersehen hat. Der Verfasser des Werkes hat natürlicher- oder törichterweise sehr viel gelesen und gewissenhaft und freudig all die Stellen zitiert, an denen ältere Selbstdenker sich seinem neuen Gedanken nähern oder ihn auch schon halb aussprechen, ohne seine Wichtigkeit zu ahnen. Die Gegner tun nun so, als hätten sie all diese versteckten Stellen selbst schon beachtet und gesammelt, und halten mit fälschender Übertreibung dem Verfasser die von ihm selbst zitierten Anklänge entgegen, die ihn während der Arbeit erfreut und ermutigt haben. Die Torheit solcher Angreifer ist aber vielleicht noch größer als ihre Unehrlichkeit. Sie glauben wirklich, ein eigenes Werk, die Konzeption einer eigenen Weltanschauung entstehe so wie ein deutscher Schulaufsatz oder wie eine Doktordissertation: indem ein jüngerer oder älterer Schüler Stücke aus älteren Aufsätzen zu einem neuen Aufsatze zusammenstückelt. Die Armen wissen nichts vom[211]  künstlerischen Schaffen, das auch im wissenschaftlichen Denken allein lebendig ist. Die Armen wissen nicht, wie unbewußt der dominierende Gedanke sich der Seele bemächtigt haben muß, bevor sich Daten aus allen Wissenschaften ankristallisieren.«
Man wird es unbescheiden finden, wenn ich den Erfahrungssatz, daß die gleichen Bodenelemente in der Buche zu Eckern, im Pfirsichbaum zu Pfirsichen metamorphosiert werden, daß die anregenden Motive für den neuen Gedankengang vollständig umgeschaffen werden müssen, – man wird es unbescheiden finden, wenn ich diesen Satz für die Herkunft meines eigenen Gedankens in Anspruch nehme. Ich trotze dem Vorwurf der Unbescheidenheit. Ich trotze ihm am liebsten vor den Lesern der »Zukunft«, weil da oft mit Achtung und Wärme von meiner »Kritik der Sprache« gesprochen wurde. Ihre eigene Meinung kenne ich ja; und die einzigen Zeugen unserer langen Unterhaltungen, die Kiefern des Grunewaldes, verstehen die Worte Bescheidenheit und Unbescheidenheit gar nicht.
Eigentlich könnte nur eine getreue Autobiographie helfen, die Herkunft einer neuen Erfindung, einer neuen Lehre festzustellen, soweit eben Treue sicher zwischen Wahrheit und Dichtung unterscheiden kann. Ein wenig pathologisch ist jeder Finder und Erfinder, ein wenig unbescheiden ist jede Autobiographie.
Ich habe Ihnen einmal erzählt, daß mein Spielen mit dem sprachkritischen Gedanken, ja, eigentlich schon die entscheidende Stimmung bis in frühe Jugend zurückreicht. Hier möchte ich nur darüber berichten, wie vor etwa dreißig Jahren die Arbeit in der Gedankenwerkstatt begann, wie bei der Entbindung der sprachkritischen Idee zwei merkwürdige Bücher und eine große[212]  Persönlichkeit mithalfen. Otto Ludwig und Friedrich Nietzsche hatten die beiden Bücher geschrieben. Der Fürst Bismarck war die große Persönlichkeit.
Die Jugend von heute kann sich keine Vorstellung davon machen, eine wie tiefe Wirkung Otto Ludwigs »Shakespeare-Studien« auf die Jugend von vor dreißig Jahren ausübten. Wer damals etwa im vierundzwanzigsten Jahr stand, hatte als zehnjähriger Knabe das lodernde Aufflammen der Schillerbegeisterung bei der Schillerfeier von 1859 mit erlebt, hatte den Fackelzug geschaut, hatte die politische Bedeutung der Feier nicht geahnt und vermeintlich für Lebenszeit die Vorstellung gewonnen: wie im Dichter überhaupt alle Menschengröße, so sei in Schiller alle Dichtergröße vereint. Der Naturalismus war noch nicht neu benannt. Was damals in der deutschen Literatur realistisch hieß, die ersten Romane von Freytag und die hübschen alten Novellen von Auerbach, das dachte selbst nicht daran, sich dem unsterblichen Schiller gegenüberzustellen. Schiller war ein dichterischer Nationalheiliger. Eigentlich der einzige. Der Goethekultus, abgesehen von einzelnen Gemeinden des Urgoethetums, war erst im Entstehen.
Und nun erfuhren wir aus Ludwigs »Shakespeare-Studien«, daß einer aus dem Kreis der bescheidenen Realisten sein ganzes Leben und sein halbes Schaffen scharfsinnigen Untersuchungen über die poetischen Sünden Schillers geopfert hatte. Die Wirkung war zuerst eine Verblüffung und dann eine förmliche Revolution in den ästhetischen Überzeugungen. Der spätere Naturalismus hatte im Vergleich dazu nur die Bedeutung einer Revolte. Wir müssen heute sagen: Otto Ludwig war mit seiner Schillerkritik im Recht, ganz gewiß subjektiv, weil er ernst und ehrlich war, gewiß aber[213]  auch objektiv, wenn das neue deutsche Drama füglich die Wege Heinrichs von Kleist gegangen ist. Wir können Schiller lieben, ohne ihn als Vorbild gelten zu lassen. Wir können heute übrigens auch das Einseitige und allzu Schematische in den Shakespeare-Studien wahrnehmen. Damals fühlten wir nur das eine: der Mann hat recht. Wir sahen in Otto Ludwig den Verkünder einer neuen Zeit, den Johannes eines neuen dramatischen Messias, auf den Christen und Juden bekanntlich immer noch warten.
Wer nun selbst zum Grübeln veranlagt war, wer besonders mit dem Geheimnis der Sprache in Liebe und Haß nicht fertig werden konnte, der war geneigt, den Faden der Shakespeare-Studien weiterzuspinnen. Was mehr als zwei Menschenalter hindurch die Deutschen entzückt hatte, Schillers schöne Sprache, wurde vom Shakespeare – Enthusiasten getadelt. »Schönheit der Sprache am unrechten Ort wird zum Fehler und damit zur Unschönheit.«
Das wollten wir nicht für Schiller allein gelten lassen. Jede Zeit hat ihre eigene »schöne Sprache«. Niemals ist von den Zeitgenossen das Beste an einem großen Dichter »schöne Sprache« genannt worden. Das Ungeheure an Shakespeare, sein harter Blick in die Wirklichkeitswelt und seine dämonische Charakterisierungskraft: das lobte niemand als schöne Sprache. Worin aber Shakespeare der Sklave seiner Zeit war, sein Spielen mit Antithesen, Wortanklängen und toten Symbolen aus der antiken Mythologie: all diese Schönheitsfehler gerade mußten seiner Zeit als schöne Sprache erscheinen. Schön ist den Zeitgenossen in der Sprache immer nur eigentlich der Gedankeninhalt; und der wieder nur, wenn er mit glatter Banalität der Weltanschauung der Zeitgenossen[214]  entspricht, sei nun diese Weltanschauung eine neue Mode oder eine neue Philosophie.
War nun »Schönheit der Sprache« nicht das richtige Kunstmittel, sollte die Sprache als Werkzeug der Poesie untersucht werden, so mußten wir radikaler sein als Otto Ludwig. Der hatte für die praktischen Zwecke seines dramatischen Handwerkes Schiller und Shakespeare verglichen. Wollten wir das Geheimnis der Sprache als Kunstmittel erforschen, so mußte Schiller gegen einen Näheren gehalten werden, der Dichter der schönen Sprache gegen den Dichter an sich, gegen Goethe. Was da an liebloser Kritik namentlich der Gedichte Schillers und an liebevollem Verstehen des ganzen Goetheschen Wesens herauskam, das ließ bald die bloß ästhetischen Anregungen Ludwigs weit hinter sich. Die Frage nach dem Wesen der Sprache als Kunstmittel führte zu der tieferen Frage nach dem Wesen der Sprache als Erkenntniswerkzeug. Goethe führte unmittelbar in den sprachkritischen Gedanken hinein. Den Sprachbeherrscher ohnegleichen begleitete von der Jugend bis ins höchste Alter ein Mißtrauen – um nicht zu sagen: ein Haß – gegen die Sprache. Ein solcher Haß gegen das beste Mittel des eigenen Schaffens ist immer aus Liebe geboren. So mag ein genialer Maler die realen, im Laden käuflichen Farben verfluchen, die sich schwer zur Darstellung seiner Künstlerträume verschmelzen lassen. So wurden Friedrich der Große und Bismarck Verächter der Menschen, die ihnen zu neuen Zielen nicht schnell genug gehorchten. Goethe nannte sich einmal selbst den Todfeind von Wortschällen. Und bei Gelegenheit von Hamann, dem Magus des Nordens, der den sprachkritischen Gedanken bei Goethe und anderen wie kein zweiter Deutscher gefördert hatte, spricht Goethe die entscheidende[215]  Wahrheit aus: Alles Vereinzelte sei verwerflich; bei jeder Überlieferung durchs Wort jedoch, die nicht gerade poetisch ist, finde sich eine große Schwierigkeit. Denn das Wort müsse sich ablösen, es müsse sich vereinzeln, um etwas zu sagen, zu bedeuten. Der Mensch, indem er spricht, müsse für den Augenblick einseitig werden. Da war bei Goethe, dem Poeten und dem Weisen, zusammengedacht, was uns bisher in zwei verschiedenen Denkreihen auseinandergefallen war. Die Sprache als Werkzeug der Poesie war das edelste Kunstmittel, erhob für uns die Poesie über alle anderen Künste. Dieselbe Sprache war ein unbrauchbares, ein elendes Werkzeug der Erkenntnis. Dieser Widerspruch – Widersprüche gibt es nur in der Sprache oder im Denken des Menschen, nicht in der Wirklichkeitswelt – dieser scheinbare Widerspruch wurde nicht nur aufgelöst, sondern als notwendig erkannt, wenn erst das Wesen des Wortes ein wenig aufgehellt war und dann die Beziehungen des Wortes zur Poesie oder Wortkunst auf der einen, zur Welterkenntnis oder Philosophie auf der anderen Seite. Die Poesie ist ein Sinnenreiz durch Worte. Aber die Worte geben keine Anschauung, weder in der Poesie noch in der Wissenschaft. »Jedes einzelne Wort ist geschwängert von seiner eigenen Geschichte, jedes einzelne Wort trägt in sich eine endlose Entwicklung von Metapher zu Metapher.« Daher kommt es, daß die Worte unserer Sprache nur in den seltensten Fällen den Begriffen entsprechen, mit denen die Schullogik arbeitet, daß die Begriffe oder Worte keinen starren Umfang und keinen definierten Inhalt haben, daß vielmehr ein zitteriger Umfang, ein nebelhafter Inhalt die Worte der lebendigen Sprache mindert oder erhöht, wie man's nimmt. Dieses Schweben und Weben in den einzelnen[216]  Worten kann keine Anschauung geben, nur Assoziationen kann es wecken, Assoziationen und Erinnerungen. Und weil die menschliche Sprache nichts ist als die Gesamtheit der menschheitlichen Entwicklung, als die ererbte und erworbene Erinnerung des Menschengeistes, darum sind die Worte reicher an Assoziationen als die Töne der Musik oder als die Farben der Malerei. Und weil die Bilder des Dichters nicht die Wirklichkeit wiedergeben, sondern des Dichters Stimmungen und Gefühle gegenüber der Wirklichkeit, darum ist das Schwebende in den Begriffen, der Gefühlswert in den Worten ein so ausgezeichnetes Mittel der Wortkunst. Lange bevor es in der Malerei eine impressionistische Technik gab, war in der Poesie diese Übung zu Hause. Diese Worte haben immer zitterige Umrisse gehabt, die Sprache ist immer impressionistisch gewesen. Eine Wortanalyse der schönsten Gedichte Goethes machte diese Wahrheit deutlich. Erst die Stimmung, die vom Dichter zum Leser oder Hörer übergeht, vereint die zitternden Worte wieder zu dem Bilde, das der Dichter mitteilen wollte.
Dieses Schweben und Zittern um die Worte macht aber dieselbe Sprache unlogisch, unpräzis, macht sie zu einem schlechten Werkzeug der Wissenschaft, macht sie vor allem ganz unfähig, aus Worten Welterkenntnis oder Philosophie herauszuspinnen. Die Sprache ist ein Werkzeug, mit dem sich die Wirklichkeit nicht fassen läßt. Im besten Fall sind die Worte orientierende Erinnerungen an Sinneseindrücke. Darum ist die Sprache in ihrem Wesen materialistisch, kann bestenfalls in den einzelnen Naturwissenschaften dem Ordnungstrieb der Menschen dienen, kann bestenfalls der Weltanschauung des Materialismus genügen, kann aber über den[217]  Materialismus hinaus dem unausrottbaren metaphysischen Bedürfnis nicht helfen. Weil unser Denken nur Sprechen ist, darum müssen wir uns in allen Wissenschaften auf das Beschreiben beschränken und gelangen nicht zum Erklären. Auf diesem Wege ungefähr führte bereits die ästhetische Sprachkritik Ludwigs zu einer erkenntnistheoretischen Sprachkritik hinüber.
Mit einer gewaltsamen Losreißung von Schiller, nicht von der edlen Persönlichkeit des Dichters, sondern nur von seiner Psychologie und Sprache, fing es an. Welcher Abgrund sich da endlich auftat, zeigte ein Blick auf eins seiner bekanntesten Gedichte. In den »Worten des Wahnes« hat Schiller an einigen stolzen Begriffen Sprachkritik geübt. Die Goldene Zeit, die Gerechtigkeit auf Erden, die Entschleierung der Wahrheit sind Schatten. »Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, solang' er die Schatten zu haschen sucht.« Zwei Jahre früher, doch schon nach mehrjährigem Verkehr mit Goethe, schrieb Schiller aber ganz wortabergläubig »die Worte des Glaubens«:

»Drei Worte nenn' ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde ...
Dem Menschen ist aller Wert geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.«



Es sind die Begriffe: Freiheit, Tugend und Gott, dieselben Begriffe, die Kant durch die Hintertür der »Praktischen Vernunft« (doch schon vorher in der »Metaphysik der Sitten«) wieder eingeführt hatte, nachdem sie von ihm in der »Kritik der reinen Vernunft« eben hinausgewiesen worden waren. Es sind für Kant und für Schiller Worte des Glaubens, Bedürfnisse des Herzens. »Und stammen sie gleich nicht von außen her:[218]  Euer Inneres gibt davon Kunde.« Und nun lesen Sie die Eingangverse des Gedichtes noch einmal, ohne Änderung, ohne Parodie, ohne Bosheit, nur etwa mit der Verachtung ewiger Wahrheiten, die uns inzwischen Friedrich Nietzsche, der Umwerter aller Werte, gelehrt hat. Und Schillers Gedicht verwandelt sich in eine höhnische Parodie seiner selbst:

»Drei Worte nenn' ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde ...
Dem Menschen ist aller Wert geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.«

Ich bitte Sie nur, laut zu lesen und die Lautgruppen »Worte« und »Wert« so auszusprechen, wie wir sie empfinden. Sie gehen wirklich nur »von Munde zu Munde«.
Von dem Friedrich Nietzsche, der später als Dichter des Zarathustra und als antichristlicher Verkünder einer neuen Herrenmoral, jenseits von Gut und Böse, so einflußreich wurde, konnten wir vor dreißig Jahren noch nichts wissen. Noch nichts wissen von der glänzenden Wortkritik, die Nietzsche an der beschränkten Gruppe moralischer oder moralinsaurer Begriffe üben würde. Der spätere Nietzsche wäre der Mann gewesen, mit unvergleichlicher Sprachkraft Sprachkritik zu treiben, wenn er den Dichter in sich selbst und den Denker auseinanderzuhalten vermocht hätte, wie Goethe es doch vermochte, und wenn er mit seinem stärksten Interesse über moralische, also eigentlich theologische Fragen hinausgelangt wäre. Genug: seine bekanntesten Werke waren noch nicht geschrieben und fast wie durch ein Wunder nur gelangten die ersten Schriften Nietzsches schon damals in unseren studentischen Kreis.[219] 
Einige eingefleischte Wagnerianer begeisterten sich an der »Geburt der Tragödie«. Wir anderen wußten mit diesem Buch wenig anzufangen, in dem die Psychologie des Genies ebenso gut ist wie schlecht und unhaltbar die historische Auffassung. Die erste unzeitgemäße Betrachtung, die den feinen und verdienstvollen Strauß, den Bekenner des neuen Glaubens, als den Bildungsphilister an den Pranger stellte, mißfiel uns. Sie schien uns ein gut geschriebenes Pamphlet, einseitig und ungerecht. Nur das neue Wort »Bildungsphilister« prägte sich uns mit dem, was es bedeutete, unauslöschbar ein. Und dann kam die zweite unzeitgemäße Betrachtung; sie schlug wie ein Blitz unter uns hinein: »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.« Für mich selbst kann ich eingestehen, daß nie wieder ein Werk von Nietzsche einen so übermächtigen Eindruck auf mich gemacht hat wie diese einfach und verhältnismäßig ruhig gehaltene Abhandlung. Und ich halte sie noch heute für die fruchtbarste, subjektiv und objektiv wahrste unter Nietzsches Schriften. Wie hatten wir unter dem Leiden geseufzt, für das es kein Heilmittel gab, das wir nicht einmal benennen konnten! Das Leiden, das nun plötzlich bei seinem Namen gerufen wurde: die historische Krankheit oder der Historismus, hatte uns unsere wissenschaftliche Jugend geraubt. Er lag über den Vorträgen unserer Lehrer ebensosehr wie über dem öffentlichen Leben. Wenn man den Historismus als die herrschende Macht oder die herrschende Krankheit des neunzehnten Jahrhunderts auf die kürzeste Formel bringen will, so kann man sagen: der Historismus war die romantische Reaktion gegen die Tendenzen der großen Französischen Revolution von 1789. Hegel hat einmal den Meisterwitz gemacht, die Französische[220]  Revolution habe die Welt auf die Vernunft, also auf den Kopf gestellt. Man könnte den geistreichen Scherz umkehren: die romantische Reaktion, die namentlich in Deutschland nach dem Sturz Napoleons, also nach der scheinbaren Beendigung der Revolution, einsetzte, hat die Welt auf die Geschichte, also auf die Unvernunft gestellt. Der Begriff der Entwicklung wurde ja erst später auf die Geschichte angewandt. Der leitende Historismus des neunzehnten Jahrhunderts stemmte sich gegen Revolution ebenso wie gegen Evolution. Besonders wir Juristen hatten ein Recht, über den Historismus zu klagen. Das anerkannte Haupt der historischen Rechtsschule, Savigny, hatte sich dem Vernunft- und Naturrecht des achtzehnten Jahrhunderts gegenübergestellt und ewig wurde uns sein berühmter Satz wiederholt, daß unsere Zeit keinen Beruf zur Gesetzgebung habe. Wir wissen jetzt alle, wie diese Äußerung des Historismus durch die Lebensarbeit Bismarcks, des Illegitimistischen, also Unhistorischen, über den Haufen geworfen wurde. Bezeichnend ist, daß das geflügelte Wort des Historismus, das verhängnisvolle Wort Hegels, in seiner Philosophie des Rechtes zu finden ist, niedergeschrieben zur Zeit der Karlsbader Beschlüsse und der Wiener Schlußakte, das Wort: »Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.«
Heute haben wir aus den Notizen des zweiten Bandes von Nietzsches Nachlaßschriften erfahren, wie scharf sich Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen gerade gegen Hegels Geschichtsphilosophie wenden wollte. Hegel finde die Vernunft in der Geschichte selbstverständlich, wie schon Kinder zu den Erzählungen einen Zweck, eine Moral fordern. »Aber wir fordern gar keine[221]  Erzählungen vom Weltprozeß, weil wir es für Schwindel halten, davon zu reden.« In der damals allein vorliegenden zweiten Unzeitgemäßen griff Nietzsche besonders hart den neusten philosophischen Vertreter der Weltprozeßideen an, den Philosophen des Unbewußten, gegen den er Grobheiten aus der Rüstkammer Schopenhauers heranholt. Doch eigentlich gilt der Kampf dem Historismus Hegels. »Wer erst gelernt hat, vor der ›Macht der Geschichte‹ den Rücken zu krümmen und den Kopf zu beugen, der nickt zuletzt chinesenhaftmechanisch sein ›Ja‹ zu jeder Macht, sei dies nun eine Regierung oder eine öffentliche Meinung oder eine Zahlenmajorität, und bewegt seine Glieder genau in dem Takt, in welchem irgendeine ›Macht‹ am Faden zieht.«
So packte uns die Schrift Nietzsches zunächst bei unserem Interesse für das öffentliche Leben. Und wir deutschen Studenten der Prager Universität standen durch den unablässigen Kampf mit den tschechischen Kommilitonen gar sehr im öffentlichen Leben, mehr, als es sonst gern gesehen wird. Doch darüber hinaus meldeten sich Fragen von entscheidender Bedeutung. War die Historie noch eine Wissenschaft im strengsten Sinn, wenn die Erzählung keine Moral hatte, wenn keine Vernunft in der Geschichte war, wenn es keine historischen Gesetze gab? Nietzsche hat den Satz damals nicht ganz klar formuliert, aber seine Meinung ist deutlich genug ausgesprochen. In anderen Wissenschaften seien die Allgemeinheiten das Wichtigste, insofern sie die Gesetze enthalten; nicht so in der Geschichte. Und viel stärker noch: »Wie, die Statistik bewiese, daß es Gesetze in der Geschichte gäbe? Gesetze? Ja, sie beweist, wie gemein und ekelhaft uniform die Masse ist: soll man die Wirkung der Schwerkräfte Dummheit,[222]  Nachäfferei, Liebe und Hunger Gesetze nennen? Nun, wir wollen es zugeben, aber damit steht dann auch der Satz fest: soweit es Gesetze in der Geschichte gibt, sind die Gesetze nichts wert und ist die Geschichte nichts wert.«
Da hatten wir also mit einem Schlagwort das Gegengift gegen die historische Krankheit. Die Geschichte der Menschheit ist unvernünftig oder irrational, ist eine Zufallsgeschichte; es gibt keine historischen Gesetze.
Nun hatte unser Nachdenken über die Schönheit oder die Unschönheit der sogenannten schönen Sprache inzwischen zu einer leidenschaftlichen Beschäftigung mit sprachwissenschaftlichen Fragen geführt. Die ästhetische Ausbeute war anfangs gering. Noch viel mehr als in der Gegenwart beschäftigte sich die Sprachwissenschaft damals fast ausschließlich mit dem Aufspüren und Kodifizieren der Lautgesetze. Noch hatten die Junggrammatiker den Streit um den Begriff der Lautgesetze nicht begonnen, noch war Wechßlers Frage »Gibt es Lautgesetze?« nicht aufgeworfen, noch hatte Hermann Paul sein wertvolles Werk nicht geschrieben, das nicht Prinzipien der Sprachwissenschaft, sondern »Prinzipien der Sprachgeschichte« heißt. Aber es lag für uns doch in der Luft, die antihistorischen Ideen Nietzsches auch auf den Zweig der Geschichte anzuwenden, der als Sprachwissenschaft zu viele Gesetze aufstellte. Mag sein, daß Sprachgeschichte Kulturgeschichte ist, unter die vage Rubrik »Völkerpsychologie« gehört, nur großzügig zu verstehen ist, einerlei: wenn es keine historischen Gesetze gibt, gibt es auch keine Gesetze der Sprachgeschichte. Die mechanischen Gesetze haben ihren enorm praktischen Wert, weil sie für alle Zukunft und für alle Vergangenheit ausnahmelos[223]  gelten. Mit Hilfe der Gesetze der Physik und Mechanik kann man den noch nicht erfundenen Maschinen bestimmte Aufgaben stellen, kann man längst vergangene Veränderungen der Erdrinde häufig mit Sicherheit beschreiben. Mit Hilfe der Sprachgesetze kann man weder die künftige Entwicklung der Sprache voraussagen noch einen vorhistorischen Zustand der Sprache rekonstruieren. Die Aufstellung der indoeuropäischen Ursprache war ein ausgeträumter Traum.
Die Kritik des Begriffes Gesetz führte aber weiter und weiter über Nietzsches Leugnung historischer Gesetze hinaus. Es ergab sich, daß Platon und Aristoteles das Wort Gesetz nur metaphorisch auf die Natur anwandten, daß sie mit der Behauptung recht hatten, in »Naturgesetz« stecke ein bildlicher Ausdruck. »Sind wir so erst ganz einig darüber, daß unser ganzes menschliches Wissen in unseren Wahrnehmungen besteht, unser Denken oder Sprechen einzig und allein in der bequemen Ordnung dieser Wahrnehmungen (durch Begriffe oder Worte, die ähnliche Wahrnehmungen zusammenfassen), so werden wir bescheiden weiter sagen, daß wir Gesetze die Begriffe zu nennen pflegen, die besonders regelmäßige Naturbewegungen oder Änderungen zusammenfassen. Gespenster, die pünktlich zur gleichen Stunde erscheinen. Wir nennen die Regelmäßigkeiten in der Mechanik, die wir bis auf die kleinsten Bruchteile beobachten gelernt haben, Gesetze, wie wir die Regelmäßigkeiten in der Biologie, die noch sehr schlecht beobachtet sind, ebenfalls Gesetze nennen.«

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Noch viel energischer über den Nietzsche der unzeitgemäßen Betrachtungen hinaus führte zuerst die Ahnung, dann die Gewißheit, daß es außerhalb unserer Sprache auch keine aktiven Denkgesetze gibt. Unter der[224]  Kritik der Denkgesetze geriet der Jahrtausende alte Bau der Schullogik ins Wanken. Und der sprachkritische Gedanke, der schon durch Ludwigs Zweifel an dem Schillerischen Schönheitsideal geweckt und zu erkenntnistheoretischen Fragen geführt worden war, ging von Nietzsches Zweifel an den historischen Gesetzen zu den letzten Fragen der Erkenntnistheorie, zu den Abgründen, die sich jetzt vor den Blicken auftaten. War der sprachkritische Gedanke wirklich, wie einmal Hebbel scharf ausgesprochen hatte, wie aber schon Hamann und seine Anhänger, Herder und Jacobi, unmittelbar nach Erscheinen der »Kritik der reinen Vernunft« fühlten, die notwendige Ergänzung von Kant, dann durften die Abgründe nicht schrecken, dann mußte die Schullogik als ein Wahngebilde der Sprache zerstört, dann mußte das sprachliche Korrelat der Logik, die Grammatik, zum ersten Male ohne Sprachaberglauben angeschaut werden. Dann ergaben sich ganz neue Ausblicke. Sprachwissenschaft im höheren Sinn wurde zur einzigen Geisteswissenschaft und eine Kritik der Sprache, die eine Erlösung von der Sprache, eine Erlösung vom Wortaberglauben verhieß, wurde das wichtigste Geschäft der denkenden Menschheit.
Gedanken solcher Art glitzerten schon in der zweiten unzeitgemäßen Betrachtung Nietzsches auf. Er sprach einmal von Ideenmythologie, ein anderes Mal von einer Krankheit der Worte. Und vorher, allerdings wieder nur in bezug auf Werturteile, klagt Nietzsche, daß der Mensch unter der Übermacht der Historie »so lange der Narr fremder Worte, fremder Meinungen gewesen sei«. Ich kann nicht sagen, ob damals durch eine zufällige Mitteilung über Stirner »Der Einzige und sein Eigentum« oder erst später durch das furchtbare Buch selbst[225]  oder schon früher durch Betrachtungen über Sprache als Kunstmittel der traurigste Gedanke der Sprachkritik sich festwurzelte, daß die Sprache als die Summe der menschheitlichen Erinnerungen jeden einzelnen Menschen zwingt, beim Denken oder Sprechen die Leichen der Vergangenheit mit sich herumzutragen, daß er diese Leichen oder Gespenster nur mit dem Denken oder dem Sprechen selbst von sich werfen kann, wie seinen Körper nur mit seinem Leben? Was wir so stolz Weltanschauung nennen, ist nicht weniger, aber auch nicht mehr als die Sprache, die ererbte und erworbene Erinnerung an die Daten unserer Zufallssinne.
Wenn Sie selbst Nietzsches zweite Unzeitgemäße heute lesen, so wird es Sie wahrscheinlich am meisten interessieren, schon den Antichrist, schon den Phantasten der »Wiederkunft« in dieser Jugendarbeit zu finden. Mir war es aber doch nur darum zu tun, ein psychologisches Beispiel zu geben von der Art, wie ein keimkräftiger Gedanke seine Nahrung an sich reißt, woher er mag, selbstherrlich. Um wachsen zu können. Immerhin war bisher nur von Büchern die Rede. Glücklicherweise handelt es sich bei der dritten großen Förderung des sprachkritischen Gedankens nicht um ein Buch, sondern um eine erlebte Persönlichkeit, um Bismarck. Wir haben oft über Nietzsche gestritten, gelegentlich über Otto Ludwig, niemals über den Fürsten Bismarck. Nur beneidet habe ich Sie seit dem Tage, da Sie mir auf der Heimreise von Hamburg in Friedrichsruh begegneten. Wir anderen sagen nur bildlich, daß wir diesen Mann erlebt haben.
Es ist aber keine Konstruktion, wenn ich sein Eingreifen in diese Gedankenwelt auf die Zeit von vor dreißig Jahren zurückdatiere. Ich muß da noch viel persönlicher[226]  werden. Wir deutschen Studenten Prags waren fanatisch national; die ewigen Katzbalgereien mit den Tschechen machten chauvinistisch. Dabei fühlten wir es durchaus nicht als eine Verwirrung der Gefühle, daß wir die Preußen und ihren Bismarck nicht mochten. Unklar und jugendlich nahmen wir den Preußen und Bismarck die Ereignisse von 1866 übel. Und nach dem französischen Krieg erst recht unseren Ausschluß aus der deutschen Einheit. Wir hielten es ungefähr mit den Sentimentalen von der deutschen Fortschrittspartei.
Etwas Großes war gewonnen, aber unsere Felle waren fortgeschwommen. Wir gestanden uns selbst nicht ein, wie wir uns für das Lebenswerk Bismarcks enthusiasmierten. Dann aber kam der Tag, an dem der heimliche Enthusiasmus laut und hell herausschlagen sollte. Eigentlich sollte ich nicht in der Mehrzahl reden. Wir durften im Frühjahr 1872 die Gründung der Straßburger Universität mitfeiern, wir durften der jüngsten die Grüße der ältesten deutschen Hochschule überbringen.
Die Stimmung war von der Ausfahrt an ernst und feierlich, denn die Tschechen bedrohten uns. Und nicht nur mit papiernen und gesprochenen Protesten: auch Steine versuchten zu reden. Desto herrlicher wurde diese Frühlingsfahrt. Wir sangen Scheffels Festlied und wir tranken, daß Scheffel recht zufrieden war. Über allen Festen schwebte, neu und überraschend für uns, die wir nicht Reichsdeutsche waren, die Gestalt Bismarcks.
Man muß diese Feste mitgenossen haben, um zu begreifen, was uns Österreichern die Erinnerung war und ist. Nicht als ob etwas Besonderes zu erzählen wäre.
Höchstens, daß berühmten alten Männern die Tränen in die Augen traten, wenn sie den Namen Bismarck in ihren Reden aussprachen. Das war dem Österreicher[227]  neu und fremd. Da besaß das deutsche Volk, unser Volk, einen Helden, den es verehren konnte. Und dieser Held war im Geiste dabei, als am 2. Mai 1872 die große Kneipe abgehalten wurde. Ein Huldigungstelegramm an Bismarck, ein burschikoser Gruß zur Antwort. Die Musik spielt die Kutschke-Polka und zweitausend Studenten und Alte Herren reiben einen Salamander auf Bismarck. Das war alles. Ein sehr feucht-fröhliches Fest für alle Teilnehmer; ein Ereignis für unseren kleinen Kreis. Seit dieser Stunde erst erschien mir Bismarck als der Magister Germaniae; ich versuchte, mich in seine Persönlichkeit, in seine Sprache zu versenken, ich las sogar Berliner Zeitungen.
Wer nun aber von Kant (den ich damals freilich fast nur aus Schopenhauer kannte) herkam, ganz im erkenntnistheoretischen Idealismus lebte, der stand plötzlich vor der Aufgabe, sich zugleich mit dem Realismus, mit der Realpolitik des neuen Helden abzufinden. Nicht darum handelte es sich, eine Brücke von Worten zu schlagen zwischen den Namen »Kant und Bismarck«, nicht darum: in einer Festrede oder in einer Doktordissertation die Kluft zwischen beiden mit Wortleichen auszufüllen. Das wäre leicht gewesen. Im Nu ließe sich so ein Vortrag über das Thema Kant und Bismarck improvisieren. Sie selbst haben einmal von Bismarck gesagt: »Er dürfte so etwa der gebildetste Deutsche sein.« Daraus läßt sich folgern, daß er, nachdem er ein wenig über Spinoza gebrütet hatte, auch die Schriften von Kant gelesen hat. Vergleichen ließen sich die pietistischen Einflüsse, die zu Kant durch seine Eltern, zu Bismarck durch seine Frau kamen. Sie werden nicht leugnen, daß sehr viele Festreden und sehr viele Doktordissertationen mit solchen Mitteln zustande gebracht[228]  werden. Man könnte auch an ein ernsteres Zwischenglied denken, an Kants kategorischen Imperativ. Die Freiheitskriege, in deren Zeit Bismarck geboren wurde, sind nicht ganz unrichtig mit Kants Moralprinzip in Verbindung gebracht worden. Von Ostpreußen war der kategorische Imperativ und war die große Bewegung ausgegangen. Und es ist gewiß, daß man Kants Moralprinzip als Motto über Bismarcks Lebenswerk setzen könnte: Du kannst, denn du sollst.
Aber auch diese begriffliche Vereinigung der Vorstellungsmassen, die sich in den Namen Kant und Bismarck konzentrieren, wäre mir nicht ernst genug gewesen. Das Moralprinzip war uns das Gleichgültigste an den Lehren Kants. Wir glaubten ja zu wissen, daß Kant in der »Kritik der praktischen Vernunft« sich selber untreu geworden war. Was uns aufs tiefste bewegte, was die ganze Weltanschauung in Frage stellte, was darum eine geistige Lebensfrage wurde, das war etwas völlig Verstiegenes, war die Sehnsucht, die letzten Fragen der Erkenntnistheorie ernst zu nehmen, Idealismus und Realismus zu überwinden oder zusammenzufassen. Wenn man sich in der Theorie zum erkenntnistheoretischen Idealismus bekannte, in der Wirklichkeitswelt nur ein Phänomen sah, in der Praxis jedoch den Realpolitiker bewunderte, der lachend mit einer realen Faust auf eine reale Welt losschlug, dann ging durch jeden von uns der Riß, den wir am Pöbel so verachteten. Wenn der Pöbel an jenseitige Mächte glaubte, in seinem ganzen Leben jedoch für sich selbst und für seine Kinder so schuftete, als ob es nur ein Diesseits gäbe, dann sah dieser Zustand ganz verteufelt dem unseren ähnlich, die wir in der Bücherwelt dem erkenntnistheoretischen Idealismus Kants und der Neukantianer huldigten, in[229]  der Wirklichkeitswelt dem Realismus Bismarcks. Diesen Riß in unserer Weltanschauung nicht zu übersehen: das war schon etwas. Das war der Entschluß zum Ernst. Nach der Naturwissenschaft der Neukantianer ist auch der menschliche Leib mitsamt dem erkennenden Gehirn nur die subjektive Erscheinung von einem Unbekannten, das wir bereits zu fälschen anfangen, wenn wir es mit Kant das Ding an sich nennen. Auch der menschliche Leib löst sich für diese Vorstellung in einen Wirbeltanz von Atomen oder Kraftmittelpunkten auf, – oder wie wir die gedachten Einheiten nennen wollen. Auch der Organismus des menschlichen Leibes verwandelt sich in einen unausdenkbar feinen Mückenschwarm von Kraftpunkten. Knochen, Fleisch und Blut sind dieser Vorstellung nur noch Erscheinungen, zu denen sich Gruppen des Mückenschwarms für die menschlichen Zufallssinne verbinden. Wir können uns ferner ein Messer vorstellen, so unendlich fein und so unendlich schnell, daß es durch den geordneten Haufen von Atomen hindurchflitzen kann, ohne den Organismus zu stören. So fahren wir mit der Hand durch einen Mückenschwarm, ohne an ihm eine Veränderung wahrzunehmen. Mit dieser Vorstellung vom menschlichen Leibe kann der Chirurg nichts anfangen. Der Chirurg weiß nichts von unserer Erkenntnistheorie; er ist ein Realpolitiker, er glaubt naiv an Knochen, Fleisch und Blut. Er setzt ein reales Messer an und bewirkt etwas – Heilung oder Tod.
Hier liegt das furchtbare Dilemma für den, der Weltanschauungsfragen ernst nimmt. Hier kam Bismarck zu Hilfe, ein Chirurg, der nicht naiv war und dennoch zum Messer griff. Sie müssen mir glauben, daß in langen und schweren Seelenkämpfen die Gedankengänge sich[230]  öffneten, die ich hier als beinahe wilde Assoziationen nebeneinanderstelle. Der Anschluß an die Einflüsse von Philosophie und Dichtung ergab sich von selbst. Nietzsche war ja ohnehin – wider Willen – ein Produkt der Bismarckzeit. Bismarck war mehr als Schopenhauer oder Wagner der Übermensch in Nietzsches aristokratischem Geniekultus. Jedenfalls war uns Bismark der große Unhistorische. Ebenso nah sahen wir Bismarck in seiner Begriffsverachtung dem Goethe, den der Sprachkritiker auch als den Feind aller Wortschälle verehrte. Jetzt verstanden wir das Lachen Bismarcks über die Wortmachereien der Parlamente, der Bezirksvereine und der regierenden Herren. Der Mann der Tat verhöhnte die Schreiber als Menschen, die ihren Beruf verfehlt hätten. Handeln ist Menschenberuf. »Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.« Der starke Chirurg Deutschlands beugte sich auch nicht vor den Wortgebäuden der Wissenschaft. Wurde er selber krank, so war ihm der Heilkünstler lieber als der »Gelehrte«, Schweninger lieber als ein ordentlicher Professor. Der sprachkritische Gedanke lernte von Bismarck dasselbe, was er von Goethe gelernt hatte: im Anfang war nicht das Wort, im Anfang war die Tat. Wissen ist Wortwissen. Wir haben nur Worte, wir wissen nichts.
Die sprachkritische Idee durfte sich auch vermessen, einseitig und eigensinnig in ihrem Reich oder Bereich über Bismarck hinauszugehen und da noch mit gegenständlichen Blicken zu forschen, wo des Staatsmannes Interesse nicht mehr hinlenkte, wo ja auch Goethes gegenständliche Augen nicht mehr hinschauen wollten. Eben erst (im August 1872) hatte der Festredner der[231]  offiziellen Wissenschaft seine berühmte Rede »Über die Grenzen des Naturerkennens« gehalten. Vor dem gegenständlichen Denken wurde Dubois-Reymonds Ignorabimus einfach sinnlos. Gegenüber diesem tönenden Wortschall steigerte sich eine nach Bismarck geschulte Rednerverachtung zu fruchtbarem Worthaß. Die Gleichung von »ich weiß« und »ich habe gesehen« (auch etymologisch in so vielen Sprachen begründet) stellte der sprachkritischen Idee ihre letzte Aufgabe: in einer Kritik der allgemeinen Grammatik auch die Gegensätze von Substantiven und Verben – das heißt: von Dingen und Handlungen – aufzulösen, in die Widersprüche der Zeitbegriffe hineinzuleuchten und an die Stelle einer Kritik der reinen Vernunft eine Kritik der Sprache zu setzen. Ein verzweifelter, letzter Versuch, die Geistesbrücke zu schlagen zwischen dem notwendigen erkenntnistheoretischen Idealismus und dem ebenso notwendigen praktischen Lebensrealismus. Erinnerung ist all unser Wissen, ererbte und erworbene Erinnerung der Menschheit. In Worten ererbt, in Worten erworben. Unser Wissen, unser Denken ist nur Sprache, die praktisch in der Wirklichkeit orientiert, die aber so wenig zur Welterkenntnis geeignet ist, wie das Bewußtsein ein Organ für sich selber hat. Und vollends die neue kühne Denkgewohnheit, nicht nur die sogenannte Weltgeschichte bismarckisch als eine Zufallsgeschichte zu betrachten, sondern auch die Evolution der Organismen als eine Zufallsevolution, unsere Sinne als Zufallssinne, die die Außenwelt in uns hineingeschlagen hat, – diese Gewohnheit oder Weltanschauung bot einen Ausblick in das dritte Reich, wo Idealismus und Realismus einander finden können. Wir glauben von jetzt an, daß die Wirklichkeitswelt ein[232]  Produkt unserer Zufallssinne ist, daß sie sich nach uns richtet; wir glauben zugleich, daß unsere Sinne ein Produkt der Außenwelt sind, daß unser Kopf von der Wirklichkeit eingerichtet ist.
In Kant war die Aufklärung mit erstaunlichstem Scharfsinn über sich selbst hinausgewachsen bis zu der alten sokratischen Weisheit, daß wir nichts wissen können. In Bismarck war ein Tatenmensch von der Wortverachtung ausgegangen, die selbst einem Kant noch fehlte. Die Erlösung vom Sprachaberglauben, die seit Bismarck in der Luft lag, konnte endlich auch in der Philosophie versucht werden. Denn alles Wissen ist, weil es menschliche Sprache ist, bildlich, metaphorisch, anthropomorphisch. Für Kant galt Goethes tiefer Spruch: »Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist.« Für Bismarck galt der andere Spruch: »Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.« Denn wortgeschichtlich wie moralgeschichtlich ist das Gewissen nur ein menschliches Bild mehr, nur eine Gefühlsform des Wissens, nur eine der Illusionen der großen menschlichen Illusion, die Bewußtsein heißt.
»Sie, lieber Freund, und noch zwei oder drei freundliche Männer haben mich wohl gefragt, wie die sprachkritische Idee zu mir gekommen sei. Ich habe nun über die Herkunft der sprachkritischen Idee vor einem großen Kreis zu reden gewagt. Sie werden sie nicht verachten, weil sie mein war, weil die Anregungen von Gedanken und Erlebnissen kamen, die nicht sprachkritischer Art waren. Gewissenhaft und freudig habe ich in meinem Buch verzeichnet, was ich nachher in fast dreißigjährigen Studien bei Vico, bei Bacon, Hobbes, Locke und Hume, bei Kant, Hamann und Goethe an[233]  Anklängen und Leitsätzen gefunden habe. Keiner von diesen Denkern hat dem sprachkritischen Gedanken die Wichtigkeit beigelegt, die ihm gebührt. Keiner hat ihn darum zu Ende zu denken versucht. Über Wichtigkeit und Wert des sprachkritischen Gedankens habe ich nicht zu urteilen, vielleicht auch nicht alle meine Herren Kritiker. Das Urteil steht bei einer anderen Macht, die die roheste und doch die mildeste Kritik zu üben pflegt, bei der Zeit.«
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 Für Literarhistoriker mag das Wort »nachgemacht« überflüssigerweise erklärt werden; aber was wäre für Historiker zu unbedeutend? Ich glaube also »entdeckt« zu haben, daß Kotzebues »Ausbruch der Verzweiflung« in seiner Aufzählung der Nachteile, die den Menschen vom Tiere unterscheiden, Punkt für Punkt der ganz pessimistischen Klage folgt, die bei dem älteren Plinius (Hist. natur. VII. 1) zu finden ist.




XX. Geschäftiger Müßiggang.










[235] Ich habe mit dem guten Rechte eines Erzählers, der bei der Niederschrift seiner Erinnerungen etwa an das Interesse einiger Freunde und an einige Dutzend unbekannter Leser denkt, schon jetzt über die ersten Versuche einer journalistischen, einer dichterischen und einer philosophischen Tätigkeit berichtet, ich habe die Rückerinnerung an das Entstehen meiner Novellen und Theaterstücke aus der Prager Zeit für später verspart, wo ich über meine ganze belletristische Vergangenheit möglichst unbestochen Gerichtstag zu halten gedenke; ich möchte hier nur noch ausführen, was ich zu Prag in den drei Jahren trieb, die zwischen meiner Universitätszeit und meiner Übersiedlung nach Berlin liegen. Meine Umgebung hatte so unrecht nicht, wenn sie mich als einen verbummelten Schöngeist betrachtete. Daß ich eigentlich auch während dieser Jahre ganz fleißig war, das wußte vielleicht niemand, ausgenommen etwa meine gute Mutter, die heimlich die Bücher kontrollierte, die ich aus der Königl. Bibliothek nach Hause geholt hatte, und die mir hie und da fast widerwillig durch ein verwundertes oder achtungsvolles Wort über die Schwierigkeit dieser Bücher wohltat. Immer sehr liebevoll, nicht allzuoft, aber doch vielzuoft für meinen Hochmut, fielen dann Bemerkungen darüber, daß ich[235]  im Alter von 24 oder 25 Jahren die verdammte Pflicht und Schuldigkeit hätte, mir mein Brot selber zu verdienen und nicht mehr den Eltern auf der Tasche zu liegen.
Ich werde auch recht gut eingesehen haben, daß es nur ein geschäftiger Müßiggang war, wenn meine Bestimmung zum Schriftsteller sich besonders in dem zeitraubenden Aufenthalte im Tagescafé und zwölf Stunden später im Nachtcafé kundtat, wenn ich als richtiger Schöngeist für Vereinsfeste Prologe schrieb oder bald besser bald schlechter geratene Festreden ausarbeitete, wenn ich in befreundeten Familien bei Dilettantenvorstellungen als Regisseur und als Schauspieler glänzte. Meine Mutter wurde damals die Angst nicht los, ich könnte, durch diese wohlfeilen Triumphe verführt, eines Tages Schauspieler werden. Meine Leidenschaft für das Theater war wirklich sehr groß; aber eigentlich schwebte mir – wenn ich es genau bedenke – weder das Leben eines berühmten Dramatikers noch das eines berühmten Schauspielers als erstrebenswert vor; ich zweifelte nur nicht daran, daß ich nur zu wollen brauchte, um das eine oder das andere Ziel schnell und sicher zu erreichen. Ein kleiner Journalist war damals der einzige Vertraute meiner Theaterpläne und meiner dramatischen Entwürfe; ihm spielte ich den Mephisto, den Wallenstein und den Holofernes vor, ihm teilte ich meine eigenen Dramen mit; und seine maßlose, unkritische Bewunderung fachte mein Theaterfeuer immer wieder an. Doch muß ich bekennen, daß ich diesen Verehrer, einen verwachsenen und zwerghaften Jüngling, eigentlich verachtete, weil ich das Ungenügen seines Urteils über meine geschmeichelte Eitelkeit hinweg ganz deutlich wahrnahm; auch verbot es mir mein[236]  Anstand, diesem glühenden Verehrer nur ein Sterbenswörtchen von meinen philosophischen Studien zu verraten. Mein Anstand, mein Stolz verbot es mir aber nicht, meiner jungen Eitelkeit von diesem kleinen Journalisten schmeicheln zu lassen. Es ist das einzige Mal in meinem Leben gewesen, daß ich das wunderliche Gefühl kennenlernte: einen »Apostel« zu haben. Die sonst so boshafte Kröte war für mich eitel Anerkennung und Güte. Der gefürchtete kleine Journalist schrieb eine biographische Notiz über mich für ein deutsches Dichter-Lexikon; brachte mein Porträt in einem Prager Witzblatte; lobte meine aufgeführten und unaufgeführten Dramen in einer Wiener Zeitung. Und ich duldete das übertriebene Lob; ich fühlte mich als berufener Dramatiker, als den Vollender von Otto Ludwigs Plänen; und vielleicht gehört es zum Wesen des Dramatikers, nach Beifall lüstern zu sein und nach der Herkunft des Beifalls nicht zu fragen.

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Schon im Jahre 1873 hatte ich ganz zufällig und ausnahmsweise einmal den Dramaturgen gespielt; aus Anlaß einer tragischen Geschichte. Zu unserem Freundeskreise gehörte ein ehemaliger Augustiner, Robert Weiß, der seinen geistlichen Rock ausgezogen hatte und mit Inbrunst dichterische Ziele verfolgte: zum mindesten war er ein sehr begabter Lyriker. Eines Morgens erfuhren wir, daß er freiwillig aus dem Leben geschieden war; Cyankali hatte ihn von seiner Unrast erlöst. Wir glaubten, was erzählt wurde, daß eine unglückliche Liebe zu einer schönen und geistig hochstehenden Schauspielerin ihn in den Tod getrieben hätte; ich weiß jetzt bestimmt, daß seine Liebe einer andern Frau galt. In seinem Nachlaß fand sich ein feingeistiger Einakter »Eine Komödie«. In unsrem engsten Kreise wurde der Plan[237]  gefaßt, dieses kleine Stück zur Aufführung zu bringen als eine Totenfeier; und die Schauspielerin, der wir irrtümlich die Schuld an seinem Tode gaben, sollte die kleine Hauptrolle spielen. Der Plan wurde ausgeführt; die Künstlerin, der wir Unrecht getan hatten, setzte trotzdem alle ihre schöne Kraft für das Gelingen ein. Mir war das Amt zugefallen, die zarten und überlangen Dialoge für die Bühne »einzurichten«; so hatte ich zum ersten Male mit der lebendigen Bühne zu »schaffen«.
Ich war damals noch Student. Zwischen diesem ersten Kulissenerlebnis und meiner etwa zwei Jahre spätern ersten Tätigkeit als »Theaterkritiker« liegt die Zeit, wo mein geschäftiger Müßiggang (man weiß, daß das Wort von Goethe stammt) auch das Theater zu erobern vorhatte.
Der Theaterteufel hatte mich gepackt; ich glaube aber nicht, daß ich mich ihm verschrieben hätte, auch wenn meine Erfolge auf der Bühne größer gewesen wären. Ich verkehrte im Tagescafé und im Nachtcafé sehr viel mit Schauspielern, bewunderte und verhimmelte zwei Schauspielerinnen und erlebte in gewaltiger Aufregung und dennoch ohne die innerste Anteilnahme die Aufführung zweier meiner Stücke am Prager Landestheater, eines großen Schauspiels und eines Einakters. Der materielle Erfolg dieser ganzen fast schlafwandelnden Tätigkeit war der, daß ich, der ich bis dahin auf meine Studentenkarte hin für wenige Kreuzer einen Stehplatz im Parkett kaufen konnte, aus besonderer Anerkennung meiner Verdienste und zur Aufmunterung für meine Begabung, das Recht des freien Eintritts ins Theater erhielt. Ein »Gesichtsentree«, wie sich der unwahrscheinliche Herr Dramaturg in seiner Sprache ausdrückte.[238] 
Von dem Schauspiel, das im Mai 1874 (gegen Ende Mai, das gilt nicht für die beste Theaterzeit) aufgeführt wurde, soll ja noch ernsthaft die Rede sein. Hier nur eine kleine Schnurre, zum Atemschöpfen, bevor ich Schweres zu erzählen habe.


Ich wollte der ersten Aufführung meines Schauspiels ungesehen und unerkannt beiwohnen; wie ich es denn auch später durchgeführt habe, selbst nach erfolgreichen Darstellungen dramatischer Arbeiten, ja sogar in Berlin, niemals an die Rampe zu treten und mich vor der vielköpfigen Bestie zu verbeugen. Ich habe niemals begreifen können, wie ein Dramatiker von einigem Stolze sich dazu herbeilassen könne.
Damals also wies mir der unwahrscheinliche Herr Dramaturg einen rückwärtigen Platz in der Theaterloge des fünften Ranges an, die übrigens für die namenlosen Mitglieder des Chors und des Balletts eingeräumt war. Als ich wenige Minuten vor Beginn der Vorstellung erschien, waren die drei Vorderplätze schon von drei Ballettmädeln eingenommen; ich nahm hinter einer rundlichen Blonden Platz. Nach dem Schlusse des ersten Aktes rührte sich keine Hand; na ja, Technik des Dramas, bloße Exposition. Während der Pause unterhielten sich die drei Ballettmädel über einige Herren in den Adelslogen und über die Toilette einer Sängerin, die gegenüber in der richtigen Theaterloge saß, einen Rang tiefer. Als der Vorhang eben zum zweiten Male in die Höhe ging, wandte sich die rundliche Blonde vor mir an ihre Nachbarin mit der Frage: »Du, ise Opper oder Schauspiel?« Das fragte dieses verworfene Geschöpf, nachdem es einen ganzen Akt meines Dramas angehört hatte. Aber nach dem zweiten Aufzuge gab es wahrhaftig Applaus und der Dramaturg erschien,[239]  um mir zu gratulieren und »mich auf die Bühne zu schleppen«; er mußte wieder abschieben; doch die kurze Verhandlung hatte die Neugier der Ballettmädel erregt. Die lange Schwarze wies mit dem Daumen nach mir und flüsterte der Blonden zu: »Das ist nämlich der Autor.« Und die Blonde drehte sich mit dem Lächeln einer Mäzenin nach mir herum und sagte wohlwollend: »Ise serr scheen!« Jetzt wußte das Geschöpf endlich, ob es »Opper oder Schauspiel« war und verriet zugleich einen natürlichen guten Geschmack.
Das Schauspiel wurde noch ein zweites Mal aufgeführt; zu einer dritten Wiederholung kam es nicht. Es ist wahr, daß die Darstellerin der Titelrolle unmittelbar nach der zweiten Aufführung aufs Land fahren mußte, um in Ruhe das Ziel ihrer Schwangerschaft abzuwarten; es ist nicht minder wahr, daß mein Stück auch ohne dieses Ereignis vom Spielplan abgesetzt worden wäre, weil es dem Publikum nicht genug gefallen hatte. Der Dramaturg, der die Pflicht des Lügens mit unvergleichlichem Eifer übte, sprach zu mir weder von der Schwangerschaft der Schauspielerin noch von den Schwächen meiner Arbeit; er meldete nur geheimnisvoll, der Kurfürst von Hessen-Kassel (der damals noch in Prag »residierte« und eine der Adelslogen übernommen hatte) hätte sich sehr ungnädig über den politischen Hintergrund meines Schauspiels ausgesprochen. Sollte der unwahrscheinliche Dramaturg in diesem Falle ausnahmsweise nicht gelogen haben?[240] 



XXI. Des Vaters Tod.










[241] Kurz vor diesem meinem »Ehrentage« war mein Vater aus Meran nach Hause gebracht worden. Als ein Sterbender. Aus Rücksicht auf seinen verzweifelten Zustand wurde im elterlichen Hause von der bevorstehenden Aufführung meines Stückes in keinerlei Weise gesprochen, weder mit hoffnungsvollen noch mit herabsetzenden Worten; nur den Unterton des Vorwurfs konnte ich heraushören, daß ich dem kranken Vater durch so einen dummen Streich, wie die Einreichung eines Dramas doch wohl scheinen mußte, noch einen Schmerz bereitet hätte. Später erfuhr ich freilich, daß der Vater sich von meiner Schwester täglich hatte Bericht erstatten lassen und die mehr oder weniger freundlichen Rezensionen mit Stolz und Befriedigung las. Mich aber rief er wenige Tage nach der Aufführung an sein Bett, erwähnte mein Stück mit keinem Worte, sprach sehr harte, im allgemeinen gar nicht unberechtigte Urteile über die literarische Laufbahn, die in der Gosse enden müßte, und nahm mir das Versprechen ab, dem schönen Berufe eines Advokaten treu zu bleiben. Ich könnte ja nebenbei so viel dichten als ich nur wollte. Ich gab das Versprechen.
Am folgenden Nachmittage bat mich der Vater, dessen Befinden unverändert schien, ihm eine Orange vom[241]  besten Prager Zuckerbäcker zu holen; Orangen waren damals noch eine seltenere Frucht als heute, wenigstens in Prag. Ich setzte die Mütze auf und stürzte die Treppe hinunter, um den Wunsch meines Vaters zu erfüllen; er war tot zurückgesunken, bevor ich noch das Haustor erreicht hatte. Als ich mit der Orange zurückkam, war schon eine Viertelstunde seit seinem letzten Atemzuge vergangen.
Ich saß lange allein neben dem Toten. Was mir da alles durch den Sinn ging, das geht keinen Lebendigen etwas an. Da ich aber mein Versprechen vom Tage vorher nicht verschwiegen habe, so darf und muß ich jetzt hinzufügen, daß ich in dieser Stunde, unter Selbstvorwürfen und von namenloser Erregung gepeinigt, dennoch den klaren und festen Entschluß faßte, mein gegebenes Wort nicht zu halten. Ich soll selbst wie eine Leiche ausgesehen haben, als ich endlich das Sterbezimmer verließ. Ich stand in meinem fünfundzwanzigsten Jahre und hatte noch das Pathos des Knaben nicht überwunden. Heute darf ich ruhig sagen, daß es ebensogut und natürlich dem Sterbenden gegenüber war, ihm das geforderte Versprechen zu geben, wie es gut und natürlich mir selbst gegenüber war, mich nicht als gebunden zu betrachten. Ich habe das Wort »Pflicht« oder gar das Wort »Pflichtenkollision« absichtlich vermieden; Pflichtenkollisionen wie alle Widersprüche sind nur in der Sprache.
Insoweit ich es für richtig halte, Familienangelegenheiten in Lebenserinnerungen zu veröffentlichen, habe ich schon kurz erzählt, wie das Kriegsjahr 1866 meinen Vater um sein kleines Vermögen und um seine Gesundheit gebracht hatte. Als der Bankerott seiner Neffen hereinbrach – mein Vater erfuhr die Nachricht aus[242]  einem Zeitungstelegramm, während wir am Frühstückstisch saßen – hatte sich eben, fast zu gleicher Zeit, sein ältester Sohn und seine einzige Tochter verlobt; meine Schwester mit einem jungen Arzte, mein Bruder mit einem ebenfalls plötzlich verarmten schönen und lieben Mädchen. Wenn ich es recht bedenke, benahm sich mein Vater in dieser harten Zeit mustergültig; der auf seine Ehre stolze Junker, der ihm wohl in seiner glänzenden Kinderzeit anerzogen war, kam schön heraus. Die notwendigen Geldopfer wurden vornehm und klaglos gebracht; wie das der Vater bei der Zerrüttung seiner Verhältnisse möglich gemacht hat, ist mir ein Rätsel geblieben. Außer mir, der nun bald allein im Hause zurückblieb und seine Studien hätte aufgeben sollen, schien meinem Egoismus nur meine Mutter unter der veränderten Lage zu leiden. Meine Brüder waren schlicht in die Fremde gegangen. Mein Vater hörte keinen Tag auf, der vornehme Mann zu sein, fast hätte ich Kavalier gesagt; und es ist auch schon erwähnt worden, daß die Neffen nach wenigen Jahren wieder zu Vermögen kamen und ihre Verpflichtungen bei Heller und Pfennig erfüllten, so daß unser Haus noch bei Lebzeiten des Vaters in seinen bescheidenen Wohlstand zurückkehrte.

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Aber die Aufregungen des Jahres 1866, die unmerkbaren Demütigungen für Stolz und Eitelkeit hatten die Kräfte des Vaters aufgezehrt. Im Jahre 1867, während ich wegen eines bedrohlichen Lungenspitzenkatarrhs und eines noch bedrohlicheren Schwächezustandes im Bad Reinerz Molke trank, erkrankte der Vater an einer Lungenentzündung. Nach der scheinbaren Heilung blieb Tuberkulose zurück. Ein Husten, der wieder vergehen würde, so wurde ihm noch jahrelang zum Troste gesagt.[243]  Als die äußern Verhältnisse sich wieder besserten, begann mein Vater nach der Reihe die Orte aufzusuchen, in denen vom Schwindel, von der Mode oder von gutgläubigen Ärzten Hustern und Schwindsüchtigen Genesung versprochen wurde. Der Vater, der die Disposition wahrscheinlich von seiner Mutter geerbt hatte, war gewiß unheilbar. Und brach völlig zusammen, als ihm der gewissenlose Arzt eines berühmten Badeortes in der Heftigkeit eines Streites die Wahrheit über seinen Zustand gesagt hatte. Von da ab – in seinen drei letzten Jahren – brachte der Vater einen Sommermonat und den ganzen Winter stets in sogenannten Bädern zu und entfremdete seinem Hause noch mehr, als das auch sonst wohl durch seine Schweigsamkeit gekommen wäre.
In diese Leidenszeit meines Vaters fiel 1869 mein mit Glanz bestandenes Abiturientenexamen, dann 1871 das mit weniger Glanz aber doch immerhin bestandene rechtshistorische Staatsexamen, fiel endlich mein erstes öffentliches Auftreten als Schriftsteller. Als die vorgeschriebenen acht Semester vorüber waren, und ich weder das zweite Staatsexamen abgelegt hatte, noch mich auf die Doktorpromotion vorbereitete, drängte mich der Vater, wenigstens nicht völlig müßig zu gehn, vielmehr als so etwas wie Volontär bei einem Advokaten zu arbeiten. Doktor von Wiener, der angesehenste Advokat von Prag, Mitglied des böhmischen Landesauschusses usw., erklärte sich bereit, mich noch vor dem zweiten und dritten Staatsexamen, von welchem Termin ab der Dienst eigentlich erst »zählte«, in seine Kanzlei aufznehmen. Ich fügte mich mit jenem passiven Widerstande, der mir zur zweiten Natur geworden war; so wenig ich seit dem rechtshistorischen[244]  Staatsexamen irgendwelche nützliche Juristerei getrieben hatte, so wenig dachte ich jetzt daran, die beiden letzten Examina zu machen oder gar Doctor juris zu werden. Es war mir nur nicht gegeben, dem schwerkranken Vater – es war ein halbes Jahr vor seinem Tode – zu widersprechen.
Die menschlichen Beziehungen zu der Advokaten-Kanzlei waren im Grund sehr gemütlich. Unser Haus und das des Advokaten waren seit vielen Jahren befreundet; zwischen uns Geschwistern und den Töchtern des Advokaten bestanden jüngere und ältere Tanzstunden- und Eislaufbeziehungen. Auch meine berufliche Tätigkeit dort hätte unter einem guten Zeichen stehen können. Dr. von Wiener selbst freilich hatte keine Zeit, sich um sein Bureau zu kümmern; er hatte zu viele politische Ämter. Aber sein erster »Konzipiert«, ein vortrefflicher Jurist und ausgezeichneter Mensch, auch mir als älteres Tanzstundensemester wohlgesinnt, gab sich redliche Mühe, mich zu einem brauchbaren Juristen zu erziehen. Es war ganz vernünftig, daß ich in den ersten Monaten wie zwei andere einfache Schreiber mit der Kopierung von Schriftsätzen beschäftigt wurde; da kann man lernen, wie die hohe Wissenschaft der Jurisprudenz in der Praxis aussieht. Zu Beginn des Jahres 1875 begann mein freundlicher Mentor, der erste Konzipient, meine juristischen Fähigkeiten auf die Probe zu stellen. Zweimal wurde mir, als die Arbeit drängte und immer wieder neue Kläger Prozesse anstrengten, die erste Einleitung eines solchen Prozesses anvertraut, die Protokollierung der Species facti.


In dem ersten Falle war mein Chef der Vertreter des Verklagten, eines der fürstlichen böhmischen Magnaten,[245]  die beinahe wie reichsunmittelbare Herren auf einem ihrer ungeheuern Güter sitzen und den Rechtsstaat dazu gebrauchen, die kleinen Leute an ihren »Grenzen« zu drücken. Die Streitfrage lag eigentlich sehr einfach und wurde nur durch die Gesetzesparagraphen kompliziert. Durch die Anlage von großen Karpfenteichen auf einem der fürstlichen Güter war einem unterhalb hausenden Müller das nötige Wasser für sein Mühlrad während der größern Jahreshälfte genommen worden. Widerrechtlich. Der Müller hatte geklagt. Der Förster des Fürsten war nach Prag gekommen und seine Aussage, die offenbar eine Rechtsbeugung möglich machen sollte, hatte ich vorläufig aufzunehmen. Der Tadel blieb mir nicht erspart, daß ich diesen wichtigsten Zeugen auf einen schwachen Punkt seiner Aussage nicht aufmerksam gemacht hätte; daß ich also aus falscher Sentimentalität dem Gegner unseres Klienten geholfen hätte. Der Müller verlor dennoch seinen Prozeß. Als wir beim Biertisch nachher die Angelegenheit besprachen, wie irgendeine ganz unpersönliche juristische Frage, da mußte ich mich von unserm ersten Konzipienten und seinen Freunden darüber belehren lassen, daß ein tüchtiger Advokat einzig und allein die Interessen seines Klienten wahrzunehmen hätte. Davon hatte ich wirklich keine Ahnung gehabt.
Der zweite Fall war ebensowenig geeignet, meiner Scheu vor der Ausübung des Advokatenberufes ein Ende zu machen. Ein jüdischer Schuster, der nebenbei in seinem Viertel ein bißchen Wucher trieb, verklagte einen kleinen Beamten, der ihm einen Wechsel im Betrage von etwas über 100 Gulden unterschrieben hatte. Der Schuster betonte, daß die Summe »gesetzlich« so[246]  angewachsen wäre. Das war eigentlich gar kein Prozeß zu nennen; wir hatten nur einige Formalien auszuführen. Als ob der Beamte an den Wucherer Steuern zu zahlen gehabt hätte, so kurzerhand wurde er verurteilt und gepfändet.
So habe ich wohlgezählt zweimal als ein winziges Glied der großen Rechtsmaschine dazu beigetragen, daß das zermalmende Rad des unrichtigen Rechtes sich weiter drehe. Ich mußte die beiden kleinen Erlebnisse mitteilen, wollte ich die Stimmung erraten lassen, in welcher ich dem Berufe gegenüberstand, in den man mich hineindrängen wollte, wollte ich begreiflich machen, wie unmöglich es mir war, diesen Beruf nicht an den Nagel zu hängen. An der Leiche meines Vaters hielt ich mir sehr pathetisch die Schrecklichkeit eines gebrochenen Worts vor, ich war sogar töricht genug, eine Beruhigung dabei zu empfinden, daß es nicht ausdrücklich ein Ehrenwort gewesen war; nicht geringer war das Pathos, mit dem ich mich dagegen empörte, etwa als Advokat dem zahlungsfähigen Unrecht jedes Klienten dienen zu müssen.

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Ich besuchte die Kanzlei nach dem Tode meines Vaters nur noch ein einziges Mal, um den juristischen Herren Lebewohl zu sagen; sie wunderten sich nicht und gaben mir freundliche Wünsche auf den Weg. Aber in ihren Mienen konnte ich lesen: Aus dem wird nichts.[247] 



XXII. Theaterkritik.










[248] Auch meine Mutter schien sich nicht zu wundern, als von einer Wiederaufnahme meiner juristischen Tätigkeit keine Rede mehr war. Zu irgendeiner Szene oder auch nur zu einer Aussprache kam es nicht. Nur wurde ich von Zeit zu Zeit ganz leise – meiner Empfindsamkeit erschien es zu laut – daran gemahnt, nun endlich selbst an Broterwerb zu denken. Gerade die Geschwister, die mir am nächsten standen, unterstützten dieses Drängen, sehr sanft und behutsam, wie ich anerkennen muß. Ich sah die Notwendigkeit wahrscheinlich nicht ein. Ich hatte ein Bändchen Sonette drucken lassen (auf Kosten meiner Brüder), ein Drama von mir war zweimal aufgeführt worden (das Honorar war der freie Theaterbesuch). Was wollte man noch mehr von mir? Sollte ich den guten Angehörigen erklären, daß ein halbes Dutzend faustischer Dichtungen, ein großer Judenroman und dazu unklar ein gewaltiges philosophisches Werk in meinem Kopfe spukten? Daß in den letzten Monaten auch einige Novellen fertig geworden waren, von denen ich nur nicht wußte, daß man sie einer Zeitung oder einem Verleger anbietet? Gedichte, ja, die läßt man drucken; desto besser, wenn sie bezahlt werden. Dramen, ja, die läßt man aufführen; desto besser, wenn sie Tantiemen abwerfen. Ich hatte[248]  keine günstigen Erfahrungen gemacht. War denn das so wichtig? Ich aß an meiner Mutter Tisch, ging nicht eben gut gekleidet und hatte auch sonst so gut wie keine Geldbedürfnisse. So oft die Kaffeeschulden beim Oberkellner auf einen Gulden aufgelaufen waren, fand sich irgendwo der Gulden, und ich war wieder sorgenlos. Ich habe wohl keinen Erwerbssinn.
Nur einmal trat das Bewußtsein meiner ökonomischen Lage deutlich an mich heran. Ein Konzert von Rubinstein. Das mußte ich hören und dort hatte ich kein »Gesichtsentree«. Der billigste Platz kostete 50 Neukreuzer. Es war sehr hart, den Empfang dieser Summe mit dem Anhören einer wohlgemeinten Rede über meine Zigeunerei bezahlen zu müssen. Wie schön war das Konzert trotzdem. Aber die Rede ging mir nach.
Da gab es doch eine Möglichkeit, einen großen Haufen Geld zu verdienen mit einer Tätigkeit, die mir damals eine meiner vielen Leidenschaften war. Als Theaterkritiker. Meine Mutter war es zufrieden.
Ich hatte für den »Tagesboten aus Böhmen« ab und zu sogenannte Feuilletons geschrieben. Über Dinge, die mich lebhaft erregt hatten. Der materielle Erfolg war nicht ganz ausgeblieben; bald hatte mir David Kuh fünf Gulden für so eine Arbeit ausgezahlt, bald hatte er mir ein Honorar in dieser Höhe versprochen. Da ich aber um diese Zeit zu rauchen anfing, und die Auszahlung des Honorars nur selten erfolgte, so wurde ich auf diesem Wege kein Kapitalist.
Als Theaterkritiker hätte ich das Prager Landestheater nach den Ideen von Lessing und Otto Ludwig (dessen Shakespeare-Studien ich ja eben mit Begeisterung gelesen hatte) reformiert, hätte das Schlechte vernichtet,[249]  dem Guten zum Siege verholfen und hätte überdies gelernt, wie man Meisterdramen schreibt.
Die Phantasie, Theaterkritiker in Prag zu werden, war mir übrigens nicht von selbst gekommen. Seligmann Heller, mein verehrtes Vorbild, der Dichter und Kritiker, mit dem ich auch nach seiner rauhen Besprechung meiner Sonette in guten Beziehungen blieb, war etwa ein Jahr vor dem Tode meines Vaters nach Wien berufen worden, als Feuilletonredakteur der »Deutschen Zeitung«, und hatte mich dem Leiter des einzig gelesenen deutschen Blattes von Prag, der »Bohemia«, zu seinem Nachfolger empfohlen. Ohne daß ich vorher von der Sache wußte. So kam es, daß ich mich mit dem Gedanken an eine solche Tätigkeit befreundete und wochenlang ausschließlich Tag und Nacht die dramaturgischen Werke studierte, die der gelehrte Heller mir zu diesem Zwecke empfohlen hatte. Ich setzte das Studium noch lange fort, auch nachdem ich erfahren hatte, die Theaterkritik an der »Bohemia« wäre meinem Jugendfreund, dem vortrefflichen Alfred Klaar, anvertraut worden. Ich durfte damals die ersten Blicke werfen hinter die Kulissen der Bewerbung um eine so einflußreiche Stelle; ich darf mich wohl rühmen, schon damals gelacht zu haben über die – dem Freunde Klaar unbekannten – Intrigen, die bei der gebrechlichen Einrichtung der Welt immer mitspielen, wo es sich doch um einen ehrlichen Wettkampf handeln sollte. Auf eine Aufforderung Hellers schrieb ich dann für die Deutsche Zeitung in Wien einige Aufsätze, die leider dem Blatte und dem Redakteur fast immer unbequem waren. Es scheint mein Schicksal gewesen zu sein.

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Nun war ich wieder um ein Jahr älter geworden und dachte daran, Theaterkritiker beim »Tagesboten aus[250]  Böhmen« zu werden. Ich hatte immer noch keine rechte Vorstellung davon, daß der »Tagesbote« sich an Ansehen nicht entfernt mit der »Bohemia« messen konnte, daß es also unklug war, meine Kräfte (die ich wahrlich nicht gering einschätzte) diesem Gebilde des Tageszufalls zu widmen. Richtig war es, daß im »Tagesboten« von Zeit zu Zeit frische und bewegliche, ja selbst übermütige junge Schriftsteller zu Worte kamen, während bei der »Bohemia« ein gediegener, aber etwas zu »gediegener« Ton vorherrschte; doch diese jungen Talente blieben niemals sehr lange beim »Tagesboten«; sie sehnten sich fort und gingen so bald als möglich an eine der großen Wiener Zeitungen. Wichtiger war es mir, trotzdem ich schon damals keine politische Schreiberei trieb, daß David Kuh die Sache der deutschböhmischen Partei mit ehrlichem Draufgängertum verfocht, während die »Bohemia« damals der langsam slawisierenden Regierung ein Zugeständnis nach dem andern machte. Der Glaube an die politische Bedeutung Kuhs ist bei mir noch recht lange unerschüttert geblieben, viele Jahre lang; nicht so viele Tage dauerte mein Glaube an die eigentliche Bedeutung der Wirkung des »Tagesboten«, nachdem ich erst Mitglied seines »Stabes« geworden war.
Das kam aber so. Der »Tagesbote« hatte außer dem Besitzer, der jeden Abend seinen Leitartikel schrieb und einem Manne, der mit Schere und Kleister zwei Drittteile jeder Nummer aus den Wiener Zeitungen zusammenstellte, nur noch einen einzigen Mitarbeiter, Herrn T .... Dieser unersetzliche T ...., auf dessen erstaunlich gering entwickeltes Gehirn und auf dessen mächtig entwickeltes Sitzfleisch die witzigen Durchgangsmitarbeiter des »Tagesboten«, Kohler, Horsky[251]  und Klaar sehr lustige Verse gemacht hatten, gedachte nach Wien abzureisen, wo er unglaublicherweise eine Stellung gefunden hatte. Einen kleinen Teil seiner ausgedehnten Tätigkeit sollte ich übernehmen, eben die Theaterkritik. Auch mit Mammon wurde ich gelockt. Fünfzig Gulden monatlich wurden mir versprochen. Und wie etwa ein alter Hofschauspieler – man habe Nachsicht mit meinem Größenwahn – von seinen Anfängen in der Provinz erzählt, so möchte ich jetzt über T .... und dann über die ökonomischen Bedingungen meines ersten Engagements berichten.
T .... war kein Feuilletonist aus der berüchtigten Schule von Heinrich Heine; ach nein, er war dumm und galt für ehrlich. Erst viel später habe ich durch eine zufällige Begegnung in der kleinen Welt erfahren, daß (um den Scherz des Ministers Unger gegen einen größern Feuilletonisten zu wiederholen) es an Unbestechlichkeit grenzte, wie klein die Geschenke waren, die er von Sängern und Schauspielern annahm. Für gewöhnlich wurde seine gute Stimmung auch nur durch Naturalien erhalten, die in die Küche geliefert wurden. War das einmal ein Hasenbraten, so war er stolz auf seinen Einfluß. So erzählte der Theaterklatsch.
Stolz war er gewiß darauf, daß er der Sitzredakteur des Blattes war. Die Anrede »Herr Sitzredakteur« verbat er sich einmal ernstlich; das wäre eine zu intime Privatangelegenheit. Da er die Leitartikel, die dem Staatsanwalte gegenüber allein in Frage kamen, niemals und unter keinen Umständen vor dem Erscheinen las, so war es eigentlich großmütig von ihm, daß er die Verantwortung trug. Ich fürchte, er hat diese Leitartikel auch nach dem Erscheinen niemals gelesen; wahrscheinlich hatte er in seiner Jugend lesen gelernt;[252]  dafür aber, daß er jetzt noch irgend etwas las, hat er niemals einen Beweis geliefert. Er hatte offenbar überhaupt keine Augen und keine Ohren. Vielleicht war er ein Dreisinniger.
Besonders stolz war er auf seine Sonntagsplaudereien. Es hieße den ehrwürdigen Begriff der Langeweile verächtlich machen, wollte ich diese schweißgeborenen Schüleraufsätze langweilig nennen. Sie waren anders. Sie waren darin Meisterstücke impressionistischer Kunst, daß die Qual des Verfassers sich dem Leser gedoppelt mitteilte. Und wenn er einmal geistreich wurde, regelmäßig vor jedem Quartalswechsel, dann verhüllte der Genius der deutschen Sprache sein Haupt. Nein, er war kein Dreisinniger, er war ein Analphabet und schrieb Feuilletons.


Nichtmusiker und wohlhabendere Sänger und Sängerinnen, die sich die »Spendierung« eines Hasens leisten konnten und gelobt wurden, behaupteten, er verstünde irgend etwas von der Musik. Einer der ausgezeichneten Künstler, die damals zur altberühmten Prager Oper gehörten, versicherte mich aber: T .... wäre so unmusikalisch gewesen, daß er den Violinschlüssel von einem Retiradenschlüssel nicht hätte unterscheiden können.
Derselbe T .... schrieb auch Theaterkritiken. Es hätte einen Hund jammern können. Natürlich besaß er kein inneres Verhältnis zur Poesie, zum Drama oder zur Schauspielkunst. Er fügte im Schweiße seines Angesichts so lange die verbrauchten Worte aneinander, bis die nötige Anzahl von Zeilen beisammen schien, Dann schüttelte er den Kopf jedesmal wie ein Esel, dem man eine ungebührliche Last aufgeladen hat, schickte das Manuskript in die Druckerei und ging[253]  betrübt nach Hause. Übrigens schätzte er seine Theaterkritiken selber nicht so hoch ein wie seine Musikkritiken. Er sprach einmal mit mir darüber. Daß er sprach, war an sich merkwürdig; ich hatte ihn ja für taubstumm gehalten. Er sagte also einmal zu mir in einiger Erregung ... doch diese Geschichte muß ich von vorne anfangen und mit der Beichte eines Dummejungenstreichs beginnen.
T .... saß noch fest auf seinem Redaktionssessel, und ich konnte noch nicht daran denken, der Nachfolger dieses außerordentlichen Mannes zu werden. Ich litt grimmig unter seinen Rezensionen, die unfehlbar die Unwahrheit sagten, nach meinem Ermessen. Meine Begeisterung für alles, was mit dem Theater zu tun hatte, war so groß, daß ich mir oft, wenn ich nachmittags auf die Redaktion des »Tagesboten« kam (um den Büchereinlauf durchzusehen und in Ruhe die Wiener Zeitungen zu lesen), die Rezensionen des gräßlichen T .... im Bürstenabzuge ausbat, um sie avant la lettre genießen zu können. Er pflegte diese Elaborate am Vormittage zu erschwitzen. Eines Tages nun las ich so im Bürstenabzug die Besprechung der gestrigen Aufführung, die mich aus irgendeinem vielleicht allzu menschlichen Grunde ganz besonders angeregt hatte; ich hatte sogar, wie das häufig vorkam, eine eigene Kritik der Vorstellung niedergeschrieben, zu meinem Privatgebrauch, ohne an Druckerschwärze zu denken.
Was ich nun da im Bürstenabzuge las, das schien mir über die Hutschnur zu gehen; ich sprang nach Hause, feilte mein Manuskript sorgfältig durch, steckte es in die Tasche und erschien nach 9 Uhr abends auf der Redaktion mit dem unklaren, jedesfalls unerlaubten Plane, meine Besprechung an Stelle der von T .... in das Blatt[254]  einzuschmuggeln. Früher als zu dieser Stunde stellte sich der Verleger David Kuh niemals auf dem Kampfplatze ein.
Wie gewöhnlich etwas müde von wenigen Gläsern Pilsner trat der Chef gegen 10 Uhr ins Zimmer; sehr verstimmt, wie gewöhnlich, wenn er nicht einmal irgendeine kleine Idee für seinen Leitartikel hatte. Ich trug meinen Wunsch vor, meine Rezension anstatt der von T .... gedruckt zu sehen. Kuh fauchte, sein schönes Gesicht sah noch einmal so schön aus, als er mich andonnerte, wie ich es verdient hatte, und einen Schwur leistete, seinem bewährten Mitarbeiter T .... die Treue zu halten. »Ja, T .... ist ein Esel, und Sie möchte ich bei den Rockschößen an mein Blatt bin den; aber das geht nicht!« Er ging mit hastigen Schritten in der kleinen Stube auf und nieder und schrie von Zeit zu Zeit gewissermaßen sich selber an: »Das geht nicht!« Plötzlich: »Und wer bezahlt die Satzkosten für den Wisch von T ....!?« Ich erbot mich in der folgenden Woche gratis eine kleine Novelle für das Blatt zu liefern. »Wie viele Fortsetzungen?« – »Zwei.« – »Mindestens vier!« – Ich glaube, ich versprach eine Novelle von vier Fortsetzungen. »Liebstes Mauthnerl, es geht nicht! Es wäre unerhört!«
Nach einer Weile sank David Kuh in seinen reservierten Stuhl mit der gestickten Sitzgelegenheit und fing zu klagen an; er wäre mehr als müde, er wäre krank, er könnte heute nicht arbeiten. »Liebes Kind, es könnte mein Tod sein, wenn ich in diesem Zustande meinen Leitartikel schreiben wollte. Die Leser sind es nicht gewöhnt, daß ich mit halber Kraft arbeite. Es handelt sich um Größeres als um das dumme Theater und euere Schönheitlerei. Ich muß mein Leben für die[255]  Partei erhalten. Ein Wort, ein Mann. Wenn Sie auch noch den heutigen Leitartikel statt meiner schreiben wollen, so soll Ihre Theaterkritik morgen in meinem Blatte erscheinen. Einverstanden? Gute Nacht, meine Herren.«

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Der Mann mit der Schere und dem Kleister war Zeuge des ganzen Auftritts gewesen. Er zog seinen Überzieher an, nahm seinen Hut und sagte mehr bewundernd als giftig: »So machen Sie das Blatt auch ganz alleine fertig.«
Ich habe das Blatt in jener Nacht alleine fertiggemacht. Ich habe zunächst so lange mit Schere und Kleister hantiert, bis der Metteur mir sagen ließ, es wäre genug; und dann habe ich einen der beiden Leitartikel geschrieben, die ich überhaupt in meinem Leben verbrochen habe. Diesmal war es reinster, gottsträflicher Übermut. Ich folgte zunächst dem Beispiel meines Chefs. Ich las die Telegramme des Wiener Korrespondenzbureaus, ob ich unter ihnen ein Häkchen fände, daran meinen Artikel anzuhängen. Ich fand das Häkchen. »Der König von Griechenland hat seine Reise ins Ausland angetreten.« Ich hatte keine Ahnung, wer der König von Griechenland war, ich hatte keine Ahnung, warum und wohin er reiste; aber ich schrieb einen schwungvollen Leitartikel über die Reise des Königs von Griechenland. Ich werde wohl etwas Schindluder getrieben haben mit der ahnungslosen Art, in der von Provinzredakteuren politische Artikel angefertigt werden; bei den großen Zeitungen ist das ja ganz anders. Im deutschen Kasino wurde mein Zeug aufmerksam gelesen, und als man dahinter eine Satire gegen einige Reisen des Kaisers Franz Joseph – ich hatte an so etwas gar nicht gedacht – zu wittern anfing,[256]  ließ Kuh mit feinem Lächeln die Autorschaft unbestimmt. T .... aber, als er am Tage nach diesem Doppelverbrechen meine Rezension an Stelle der seinigen gefunden hatte, öffnete schwer und langsam seinen Mund und sprach also zu mir: »Meine Theaterrezensionen erreichen nicht ganz die Höhe meiner Opernrezensionen. Auch fallen sie mir schwerer. Hätten Sie vorher ein Wort gesagt, so hätte ich mir die sauere Arbeit sparen und vier Stunden länger schlafen können.«
Wenige Monate nach diesem eigentlich unverzeihlichen Streiche ging also T .... nach Wien, um dort den alten guten Ruf der Prager Journalisten zu gefährden; ich aber trat sein Amt beim »Tagesboten aus Böhmen« an. Über meine Befähigung zu einem solchen Amte werde ich vielleicht später ein möglichst unbefangenes Urteil wagen, wenn ich über meine Theaterkritik zu Berlin, in größern Verhältnissen, zu berichten haben werde. Für jetzt nur so viel, daß ich die paar Leute, die sich um diese Sache kümmerten, gewissermaßen angenehm enttäuschte; diese Leute hatten gehofft oder gefürchtet, ich würde mit Keulen dreinschlagen, in Beurteilung der Dramen von einem noch strengern Standpunkt als S. Heller, in der Beurteilung der Schauspieler noch rücksichtsloser. Ich aber merkte bald, daß ich von den meisten Autoren, von einigen Schauspielern und eigentlich von Ungeschicklichkeiten meiner Aufsätze noch sehr viel zu lernen hatte, daß ich im Grunde nur mangelhaft vorbereitet mein hohes Richteramt übernommen hatte. Ich kannte fast keine andere Bühne, hatte selbst in Wien im Burgtheater nur wenige Stücke aufführen sehen; ich konnte also nicht vergleichen und schwärmte eigentlich noch ein wenig für die recht guten Mitglieder des Prager Landestheaters,[257]  für meinen ersten Karl Moor, für mein erstes Gretchen. So war ich eigentlich vorherbestimmt, wenigstens in bezug auf die Schauspieler, den Lokalpatriotismus des Provinzkritikers zu bewähren, wenn nicht ein glücklicher Instinkt mich schon seit vielen Jahren alle Gäste des Prager Landestheaters hätte kennenlernen lassen. Bei ihnen, bei den berühmten Wienern, bei Davison und Emil Devrient, bei der Ristori und vor allem bei Rossi, der damals auf seiner Höhe stand, suchte ich meine Maßstäbe, etwas wahllos, wie ich nicht leugnen kann. Ich schreibe das aus meiner Erinnerung nieder; ich habe nicht Andacht genug zum Kleinen, um etwa all diese alten Schreibereien kommen zu lassen, nachzulesen und selbst eine der Schlangenhäute auszuklopfen, die ich vor 40 Jahren abgestreift habe.
Der Reiz, den das Getriebe auch eines so kleinen Blattes dem Neuling gewähren mußte und konnte, wird wohl nur wenige Wochen vorgehalten haben. Nicht viel länger der Humor, mit dem ich dann die unfruchtbaren Anstrengungen meines idealistischen Chefs anzusehen begann. Ich sehnte mich fort, wahrlich nicht nach einer Großstadt, wohl aber in das geträumte Getriebe eines Weltblatts, wo überlegene Geistesfürsten der Kunst und dem Staate ihre Gesetze diktierten. Und ich sehnte mich hinaus, nach Deutschland, ins »Reich«.

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Ich glaube nicht, daß nach meiner Anlage die ökonomischen Verhältnisse des Blattes diese Wandersehnsucht stark beeinflußten. Ich hatte ja am Tische meiner Mutter satt zu essen. Aber die Behandlung der Geldfrage ging denn doch über den Spaß. Der »Tagesbote« hatte nämlich so etwas wie einen Kassierer. Bei dem stellte ich mich jedesmal pünktlich am 1. des Monats ein, um die vereinbarten fünfzig Gulden zu verlangen.[258]  Jedesmal erhielt ich zur Antwort, es wäre kein Geld in der Kasse, aber der Herr Kassierer wäre bereit, mir den Betrag persönlich gegen Schuldschein darzuleihen. Der versprochene Mammon hatte bereits meine Lebensansprüche gesteigert; ich ging mitunter nach dem Theater in ein Restaurant und stand schon in den Schuldbüchern zweier Blumenhandlungen und (jawohl) eines Juweliers. Ich hatte einen kleinen Ring nach meiner Zeichnung anfertigen lassen; ich werde aber die Geschichte dieses Ringleins nicht erzählen. Ich wollte nur die Gründe angeben, die mich zwangen, an jedem Ersten den Schuldschein des Kassierers zu unterschreiben. Zur Tilgung seiner Forderung, die sich eben Monat für Monat um den Betrag meines »Gehaltes« erhöhte, mußte ich mir vor meinem Abgange einige hundert Gulden verschaffen. Als ich eben im Begriffe war, einem Wucherer in die Hände zu fallen, half ein tschechischer Freund aus, der sich später als geduldig erwies.
Der Tropfen, der endlich den Becher zum Überlaufen brachte, war ein Vorfall, der sich sehr bald nachher fast in gleicher Weise einmal zu Berlin wiederholte. Ich hatte ein Feuilleton geschrieben, das einem meiner beiden Kollegen – ich möchte ihn nicht kenntlich machen – besonders gefallen haben mußte; ich fand es am nächsten Tage im Blatte mit seinen Initialen unterzeichnet. Auf meine sehr schüchterne Frage, was das zu bedeuten hätte, bekam ich die Antwort: die Kleinigkeit wäre ja ganz nett gewesen, er hätte aber nach Mitternacht plötzlich Angst um mich bekommen; eine Vision; Staatsanwalt; ich wäre noch so jung; er wäre ein gebrochener Mann, ein Tagelöhner der Zeitung, auf sein Leben käme es nicht an; da hätte er sich mit Aufopferung schützend vor mich gestellt und[259]  die Initialen geändert. (Als die gleiche Geschichte etwa ein Jahr später in Berlin passierte, lautete die Erklärung in etwas anderer Tonart: ein so junger Fuchs wie ich müßte froh sein, wenn ein bewährter Kämpe durch seinen Namen meine Erstlingsarbeiten adelte.) Dabei blickte mich der Mann so gemütlich hilfeflehend an, daß ich entwaffnet war. Ich schämte mich nur und faßte den Entschluß fortzugehn. Wer weiß aber, ob ich die Energie aufgebracht hätte, dem Zureden David Kuhs Widerstand entgegenzusetzen, wenn nicht gerade um diese Zeit begreiflicherweise T .... uns wiedergeschenkt worden wäre. Eines Nachmittags, ich saß just im Stuhle vor dem Feuilletontisch, eine Wiener Zeitung in der Hand, öffnete T .... unangemeldet die Tür, stellte den dicken Stock und den alten Künstlerhut in die gewohnte Ecke und schaute mich an ... Es war rührend. Ich erhob mich; er drückte sein Sitzfleisch in den Feuilletonstuhl. Alles wortlos. Er begann zu schreiben und wischte sich schon nach wenigen Minuten den Schweiß ab; er dichtete also an seiner Wochenplauderei. Und ich war nicht mehr Theaterkritiker am »Tagesboten«.[260] 



XXIII. Abschied von Prag.










[261] Der langsam gereifte und dann so plötzlich entschiedene Entschluß, Prag und den Schauplatz nationaler Katzbalgereien zu verlassen, dürfte stark beeinflußt worden sein von der Kampfesweise beider Parteien, über deren Unwahrhaftigkeit ich als Redaktionsmitglied des kleinen Provinzblattes die ersten Erfahrungen sammeln konnte. Sehr rasch und für immer hatte ich die Ehrfurcht vor der »Fahne der Partei« verloren; ich hatte kleine Führer kennengelernt und deren Eitelkeit. Hüben und drüben wurde gelogen und wider besseres Wissen der Gegner beschimpft. Das mußte bei einem vornehmen Weltblatt ganz gewiß viel anders sein.
Wie gesagt, ich hatte nicht eigentlich den Wunsch, in einer Großstadt zu leben; da aber die großen Blätter nur dort zu gedeihen schienen, so richtete sich der Blick bald nach Wien, bald nach Berlin. Da und dort winkte verlockend die Möglichkeit, alle Tage ein gutes Theater oder ein gutes Konzert besuchen zu können. Den Auschlag gab Dr. Julius Friedländer, der angeheiratete Vetter, der mir schon – wie man sich erinnern wird – bei der Drucklegung meiner Sonette zu Leipzig ironisch-wohlwollend Schicksal gespielt hatte. Sooft er aus Berlin nach Prag kam, pflegte er gern mit meiner Mutter zu plaudern, und ich, das Sorgenkind[261]  von 26 Jahren, war oft der Gegenstand solcher Unterhaltungen. Ironisch-wohlwollend strich Dr. Friedländer (als antiquarischer Buchhändler und als Zeitungsverleger war er mir in literarischen Lebensfragen eine Autorität) mein Talent heraus; ich gehörte aber in die Hauptstadt, wo ich lernen würde, daß auch die gefeiertsten Dichter Geld verdienen wollen; in Prag würde ich verbummeln. Namentlich das letzte sah ich ein. Wohin aber? Der Ratgeber war für sein unvergleichliches Berlin; meine Mutter war mehr für Wien, weil das doch nicht so außer der Welt läge.
Ich ließ mich vom Vetter leicht überreden, mein »Glück« in Berlin zu versuchen; er setzte meiner Mutter die Vorteile dieser Stadt beredt auseinander. Dort würde ich arbeiten lernen; und die hergebrachte Verhöhnung der österreichischen Schlamperei brach los. Die beiden Gründe aber, die bei mir für Berlin entschieden, waren ganz anderer Art, und ich trage gar kein Bedenken, meine Dummerhaftigkeit einzugestehen, ja sogar mit einer gewissen Selbstgerechtigkeit an diese späte Dummerhaftigkeit – stand ich doch schon in meinem 27. Jahre – zurückzudenken. In erster Linie stand, daß ich in Wien zahlreiche Beziehungen zu einflußreichen Verwandten und auch schon zu den beiden angesehensten Zeitungen besaß, also auf Förderung (auf deutsch: Protektion) rechnen konnte; ich aber wollte meinen eigenen Weg gehen. Sodann schwebte mir als das nächste erstrebenswerte Erlebnis vor, Bismarck einmal im Reichstage reden zu hören. Bismarck hat gesagt, Berlin ziehe die Leute vom Lande hinein, weil sie dort umsonst Militärmusik hören können. Mir war Bismarck die Musik, die nach Berlin rief.[262]  Ganz unklar unbewußt war es mir, daß hinter diesem Wunsche allerlei Ernstes steckte.

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Inzwischen war im Frühjahr 1876 mein kleiner Einakter »Kein Gut, kein Mut« im Prager Landestheater aufgeführt worden. Wieder möchte ich nicht erzählen, weil eine Herzensangelegenheit damit verknüpft war, wie es zu der ersten Niederschrift dieses Einakters (binnen drei Stunden) kam, wie die Aufführung mit Hilfe von Alfred Klaar gegen den Willen des scheidenden Theaterdirektors durchgesetzt wurde und wie überhaupt die Auflösung der alten und mir lieb gewordenen Truppe mir den Abschied von Prag leicht und erfreulich machte. Genug, der hübsche Erfolg meines Einakters hatte zur nächsten Folge, daß das große Prager Lokalblatt, die »Bohemia«, den Versuch machte, mich an Prag zu fesseln.
In dem Redakteur der »Bohemia«, Herrn Franz Klutschak, lernte ich einen Journalisten kennen, der in allem ein Widerspiel zu David Kuh war. Gar kein Talent, vielleicht auch kein politischer Charakter wie Kuh, aber ein Mann von vielseitiger Bildung, mit den guten Umgangsformen eines höheren österreichischen Beamten. Er hielt mir eine kluge Rede über die Schattenseiten jeder Genialität, die immer zu Rücksichtslosigkeit führe; die lokalen Verhältnisse müßten immer berücksichtigt werden; das würde ich schon mit der Zeit lernen. Und er bot mir die Kunstkritik für die »Bohemia« an. Zunächst sollte ich den Bericht über die bevorstehende Prager Kunstausstellung übernehmen.
Daß ich dieser Aufgabe durchaus nicht gewachsen war, das fiel mir nicht im Traume ein. Ich glaubte Augen zu haben und schreiben zu können. Die Galerien[263]  von Wien und München hatte ich durchlaufen, hatte ein Kolleg über italienische Malerei (bei Ambros) und ein Kolleg über Geschichte der Architektur (bei Joseph Bayer) gehört; ich bildete mir also ein, Kenntnisse genug aus Vergangenheit und Gegenwart zu besitzen. Daß ich halb und halb schon entschlossen war, Prag zu verlassen, das bedachte ich keinen Augenblick, als ich das Anerbieten Klutschaks annahm.
In die letzten Monate meiner Prager Zeit fallen neue Beziehungen zu Kreisen und Personen, die mich die deutsche Kolonie, wie man die deutsche Gesellschaft Prags schon damals nennen durfte, besser als bisher kennenlernen ließ. Mein kleiner Theatererfolg, vielleicht auch einige meiner Aufsätze hatten auf mich aufmerksam gemacht.
Im deutschen Kasino, der festen Burg des Deutschtums, in welcher nur etwas häufig die Fensterscheiben eingeschlagen wurden, machte ich die Bekanntschaft der ersten politischen Führer und konnte nicht umhin, sie für etwas bedeutender zu halten als ihre politischen Journalisten waren. Ich muß übrigens zur Einweihung des Festsaals im Deutschen Hause ein völlig unpolitisches Festgedicht verfaßt haben. Es war mein größter Prager Erfolg. Die kleinen Mädchen waren entzückt.
Der alte Bildhauer Emanuel Max, Gabriels Onkel, feierte so etwas wie das Jubiläum seiner fünfzigjährigen Künstlerschaft; es hatte irgendeinen Haken, mit der Künstlerschaft sowohl wie mit dem Jubiläum; er hatte nicht ganz rechtmäßig vom Ruhme seines größern Bruders Joseph gelebt, der eigentlich das schöne Radetzkydenkmal geschaffen hatte und früh verstorben war, und er hatte sein Jubiläum (wie er mir am Tage vor dem Fest mit Tränen in den Augen eingestand)[264]  etwas zu früh angesetzt, um es gewißlich zu erleben. Na, über die Datumsfälschung lachte ich, und von seinen Verhältnissen zu Joseph Max wußte ich damals noch nichts. Ich schrieb zu seinem Ehrenabend ein Preislied auf die edle Bildhauerei; es war sehr lang, wurde aber trotzdem bis ans Ende freundlich angehört.


Durch Max machte ich die Bekanntschaft mit dem neuen Direktor der Prager Kunstakademie, einem begabten Belgier; man hatte einen Ausländer verschrieben, weil man einen Deutschen nicht ernennen wollte und einen Tschechen damals noch nicht zu ernennen wagte. In dem Hause des Belgiers erfuhr ich zu meiner Überraschung, wie viele Männer beider Nationalitäten es in dem alten Prag gab, die sich leidenschaftlich für bildende Kunst, für Theater und Musik interessierten. Es war fast ein Salon großen Stils. Es wimmelte nur so von Aristokraten der Kirche (natürlich der katholischen), der Geburt und des Geldes; ich hatte keine Ahnung davon gehabt, daß eine solche Gesellschaft in Prag möglich wäre.
In besonders guter und drolliger Erinnerung ist mir der alte Fürst Camille Rohan, der Freund des Kaisers Wilhelm, der mich nach der Aufführung meines Einakters in seinem wunderlichen Deutsch-Französisch mehrfach seines ganz besonderen Wohlwollens versicherte, mir Großes voraussagte und mir eigentümliche Ratschläge gab. Ein Musiker oder ein Börsenspieler dürfe witzig sein, ein König und ein Schriftsteller dürfe niemals witzig sein; ich sollte mich wie vor der Pestilenz davor hüten, so schändliche Menschen wie Voltaire oder Heine nachzuahmen. Ich sollte damit zufrieden sein, in Prag das Schlechte zu bekämpfen und das Gute zu beschützen (und er nannte den Namen[265]  einer ganz elenden kleinen Schauspielerin, den er liebevoll mit französischem Akzent aussprach); auch ihm wäre es nicht an der Wiege là-bas vorgesungen worden, daß er seine beste Zeit in Böhmen verbringen würde. Alle diese Dialoge fanden im Theaterfoyer statt; das greise Männchen in der geckenhaft modernen Kleidung war in solchen Augenblicken der Ergriffenheit gar nicht mehr drollig. Seltsam. Dieser Grandseigneur, dieses Fossil aus dem Ancien régime, stand mir doch ferner als irgendwer, dem ich je im Leben begegnet bin, ferner als irgendein regierender Fürst, und doch war er der erste Mensch, dem ich von meinen Zielen erzählte, von seiner Herzensgüte verführt oder nur von seiner Höflichkeit getäuscht; er war auch der erste, dem ich mitteilte, ich wollte nach Berlin. Er erzählte darauf, als ob es die natürlichste Sache von der Welt wäre, wie er, dank seinen Beziehungen zu seinem Freunde Wilhelm, talentvolle junge Personen an das Kgl. Schauspielhaus und an die Kgl. Oper gebracht hätte; sie wären nicht immer dankbar gewesen. Schmerzlich bewegt blickte er lange die hellen Gamaschen über seinen Lackschuhen an und sagte dann plötzlich: »Dank ist ein dummes Wort. Kann ich Ihnen dort irgendwie utile sein?« Ich mag mein Nein vielleicht zu übermütig begründet haben; er nickte traurig mit dem alten Köpfchen und erwiderte nur etwa: das wäre die neue Zeit; ein Fürst Rohan könnte einem jungen Prager Dichter nicht mehr utile sein. Er empfahl mir noch das erste Hotel von Berlin und das feinste Restaurant.

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Da ich zwar von diesen Empfehlungen keinen Gebrauch zu machen gedachte, aber doch nicht ohne einige Groschen in der fremden Stadt ankommen wollte,[266]  machte ich mich stark, vor meiner Abreise den versprochenen Bericht über die Prager Kunstausstellung noch anzufertigen. Im Juni war ich vierzehn Tage lang von früh bis spät in der Ausstellung und machte mir Notizen in den Katalog. Dann aber kam plötzlich und unwiderstehlich die Ungeduld über mich, und eines Tages reiste ich ab. In einer Tasche Kleider und Wäsche, in einer großen Kiste meine Bücher. Ohne viel Abschiednehmen. Ich würde ja doch bald wiederkommen.
Ich fuhr zunächst nach Dresden, wo ich einige Tage lang in der Galerie schwelgte. Und mit allzu kurzem Gedärm für meinen Kunstbericht studierte. Dann ging's noch einmal bis Schandau zurück, nach der sächsischen Schweiz. Dort setzte ich mich wieder vierzehn Tage hin und schrieb mit Hilfe meiner Notizen aus dem Gedächtnisse etwa ein Dutzend Aufsätze über die Prager Ausstellung. Gott mag wissen, was dabei herausgekommen ist. Ich hatte wenigstens die Gewissenhaftigkeit, mich als einen Laien einzuführen.
Als pünktlich nach der Ablieferung des letzten Aufsatzes das erstaunliche Honorar eingetroffen war, fühlte ich mich so reich, daß ich sogar ein Billett zweiter Klasse bis Berlin nahm. Mit einigem Grausen vor der öden Sandwüste, über die ich oft witzeln gehört hatte. Ich denke jetzt anders von den Reizen der märkischen Landschaft und glaube auch für das Meer nicht taub und nicht blind zu sein; aber eigentlich fehlt mir noch heute etwas in jeder Landschaft, wenn die Berge fehlen und die Tannen. Die Berge meiner Kindheit. Und ich bin dann imstande, Verse aus der gefälschten Königinhofer Handschrift sehnsüchtig zu zitieren. Und nenne mich einen sentimentalen Esel; und meine es nicht so gar schlimm.[267] 
Ich muß nach meiner Rechnung Anfang August 1876 in Berlin eingetroffen sein, auf dem damaligen Dresdner Bahnhof. Den Tag vermöchte ich nicht anzugeben. Man sieht, wie leichtfertig ich so wichtigen Umständen gegenüber bin. Aber ein emsiger Forscher könnte dennoch den Tag und sogar die Stunde bestimmen; ich weiß noch, daß ein Wolkenbruch niederging, gerade als unser Zug einfuhr. Die wenigen Droschken waren rasch besetzt, ich mußte lange warten und dann lange umherirren, bevor ich ein bescheidenes Unterkommen fand. In einer Ausspannung fern im Norden der Stadt. Ich hatte mir den Namen des Künstler-Gasthofs, der mir empfohlen worden war, nicht genau gemerkt; die Ausspannung hieß ungefähr ebenso und war dem Kutscher, der in der Nähe wohnte, vertrauter; auch um ihres Weißbiers willen. So hätte ich gleich damit beginnen können, Berliner Volksstudien zu machen. Da haperte es aber bei mir; mir grauste vor dem dünnen Bier in den weiten, dickwandigen Glastöpfen.[268] 



Mauthner, Fritz
Erinnerungen
I.
Prager Jugendjahre











Mit einiger Verwunderung sehe ich mich selbst bei der Arbeit, meine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. Ich darf mich wohl rühmen, in einer mehr als vierzigjährigen schriftstellerischen Tätigkeit niemals meine Person in den Vordergrund, die Person vor die Sache gerückt zu haben; und da spreche ich in einem ganzen Buche, und gleich in dem ersten Satze, nur von mir selbst. Dennoch fühle ich keinen Gegensatz zwischen meiner scheuen Lebensführung und dieser heraustretenden Lebensbeschreibung. Es schien mir auf die Dauer unerträglich, in dem Kampfe gegen die kindermörderische alte Schule stille zu schweigen, nicht ein Bekenntnis zugunsten der neuen freien Schule abzulegen. So reifte der Entschluß, die ganz gewöhnliche, fast lächerliche Tragik der eigenen Schulerinnerungen zu erzählen; und über dem Bekennen wird ja der alte Erzähler etwas schwatzhaft geworden sein und seinen Lesern auch Gleichgültiges vorgetragen haben. Die Beiträge zur Kritik der alten Schule sind aber die Hauptsache. Bene vixit qui bene latuit, jawohl, aber: Mensch sein heißt ein Kämpfer sein; und im Kampfe hat man mit eigener Person zu bezahlen, gern oder ungern.
Wertvolle Selbstbiographien werden immer seltene Bücher bleiben. Wer so gut zu erzählen versteht, daß er auch schlechten Stoff zum Kunstwerke umschaffen[7]  kann, oder wer so Merkwürdiges erlebt hat, daß auch eine kunstlose Darstellung den Reiz nicht abzuschwächen vermag, der wird eine lesbare Selbstbiographie schreiben können; aber ein Buch von bleibendem Werte entsteht nur, wenn zu der künstlerischen Darstellung und dem ungewöhnlichen Erlebnisse noch die Kraft hinzutritt, die eigene Seele wie mit den Augen einer fremden Überseele betrachten zu können. Ich möchte also nur vorausschicken, daß ich gar nicht die Absicht habe, letzte Bekenntnisse zu bieten, ein aufwühlendes Buch von bleibendem Werte. Es hat nicht jeder die inbrünstige Offenheit eines Augustinus, die pathologische eines Rousseau.
Eines aber sollte jeder, so gut er es versteht, niederschreiben und veröffentlichen: seine eigenen Schulerinnerungen. Denn die Schule hat seit mehr als hundert Jahren, eigentlich langsam schon seit dem Aufkommen der mittelalterlichen Gelehrtenschule, eine solche Macht gewonnen, eine Macht über die Entwicklung des jungen Menschen, daß das Schicksal des künftigen Geschlechtes in hohem Grade davon abhängig ist, ob wir taugliche oder untaugliche Schuleinrichtungen besitzen. Einzig und allein von der Schule kann die Zukunft einer jungen Welt freilich nicht abhängig sein; denn dann hätte die Menschheit unserer Kulturländer doch wohl schon längst zugrunde gehen müssen. Die kräftige Menschennatur hilft sich selbst gegen die elenden Schuleinrichtungen wie gegen andere schlechte Gesetze. Das Haus bekämpft die Schule. Selbst die Roheiten eines Trunkenboldes von Vater können für den Charakter des Knaben eine günstige Wirkung haben; der Vater jagt den Jungen von den Büchern weg auf die Straße, wo für den spätern Kampf ums Dasein aus dem[8]  Raufen mit Altersgenossen mehr zu lernen ist als aus der Geschichte des Königs Hiskias. Desto besser, wenn der Vater kein Trunkenbold ist, wenn der erfahrene Vater oder die mitleidige Mutter das Kind mit Bewußtsein von den Büchern fortjagt und spricht: »Sei meinetwegen ein schlechter Schüler; sei nur ein glücklicher Junge und werde ein tüchtiger Mensch!«

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Unsere Schule ist wie eine epidemische Kinderkrankheit, die jeder von uns durchmachen muß; unzählige sind an dieser Krankheit gestorben, unzählige sind zeitlebens seelische Krüppel geblieben. Es wäre gut, Eigenberichte über den Verlauf der Krankheit zu sammeln. Recht gute Anfänge sind schon gemacht worden. Die Gesetzgeber würden dann wenigstens erfahren, wie den Schülern unter der Herrschaft der alten Gesetze zumute war. Der Leser müßte manches zufällige Vorkommnis, müßte manches allzu persönliche Urteil mit in den Kauf nehmen; aber wir würden endlich einmal den Schrei der Kreatur hören und nicht immer wieder die flüsternde Totensprache einer offiziösen Wissenschaft. Es wäre vielleicht überhaupt günstig für die angewandte Medizin, wenn die Krankengeschichten nicht von den Ärzten, sondern von den Patienten geschrieben würden.
Man wird mir einwenden wollen, daß nicht alle erwachsenen Menschen mit Haß und Zorn an ihre Schulzeit zurückdenken. Es gibt sicherlich viele Menschen, die zu guten Staatsbürgern prädestiniert sind, die alle Polizeiverordnungen löblich finden und die darum auch an unsern Schuleinrichtungen nichts auszusetzen wissen. Es gibt ferner an allen unseren Schulen, den niedersten wie den höchsten, viele prächtige Lehrer, die ihren Beruf lieben und die in stetem Kampfe mit dem Schulreglement und mit ihren Vorgesetzen den Kindern[9]  und den jungen Leuten freundliche Führer auf der Höllenfahrt der Schule sind. Es kommt aber noch eins hinzu; die guten Menschen, die mit manchem Wenn und Aber freundlich und dankbar an ihre Schulzeit zurückdenken, verwechseln sehr häufig die Stimmung der glücklichen Jugendzeit, die sich nicht einmal von der Schule unterkriegen läßt, mit der Schule selbst; wer es einstens ernst nahm mit den Schulpflichten, und wer es nachher ernst nimmt mit den Pflichten gegen die eigenen Kinder, der kann nicht so optimistisch von seiner Schulzeit denken. Ernste Männer, die ernste Schüler waren, dürften mit seltenen Ausnahmen einig sein in einem Verdammungsurteil über die alte Schule, die immer noch die unsere ist.
Gerade in den letzten Jahren konnte das jeder vernehmen, der seine Ohren nicht verschloß für die zu einer Anklage angewachsenen Klagen gegen die alte Schule. In den sehr lesenswerten Beratungen über die Einrichtung einer einheitlichen Zukunftsschule, einer Neuschule, die die Kinder aus den Fesseln einer rückständigen Pädagogik befreien soll, hörte man immer wieder in fast tragischen Tönen ein Verdammungsurteil über die Schulzeit der jetzt führenden Lehrer und gewiß über die Schulnot just der begabtesten Knaben. Die Verteidigungsreden einzelner Musterschüler, die es zu etwas gebracht haben, vielleicht weil sie Zeit ihres Lebens stets das Wirkliche vernünftig fanden, machen in diesen rebellischen Diskussionen eher einen predigerhaften als einen überzeugenden Eindruck. Es soll mir recht sein, wenn sich die jungen Lehrer auch auf mich alten Herrn werden berufen können.


Meine eigenen Schulerinnerungen nun sind leider nicht typisch für die Leiden eines begabten deutschen[10]  Knaben. Ich bin als Jude geboren und habe meine ganze Schulzeit, achtzehn Jahre, in dem schönen hunderttürmigen Prag verbracht, also in einer schon damals sehr slawischen Stadt. Ich kann aber meine Erinnerungen nicht fälschen und muß froh sein, wenn durch diese beiden Umstände ein wenig Abwechslung kommen wird in die Einerleiheit des Schulfabrikbetriebes, durch welchen ich hindurchgeschleppt wurde.[11] 



1. Horzitz


2. Prag


3. Die Klippschule


4. Erste Sprachstudien


5. Das Piaristen-Gymnasium


6. Ohne Sprache und ohne Religion


7. Und wieder die Piaristen


8. 1866


9. Das Kleinseitner Gymnasium


10. Allotria


11. Übergang


12. Konfession


13. Nationale Kämpfe


14. Einsame Fahrt


15. Universitätsjahre


16. Streiche und Feste


17. Die erste Druckerschwärze


18. Das erste Buch


19. Kritik der Sprache


20. Geschäftiger Müßiggang


21. Des Vaters Tod


22. Theaterkritik


23. Abschied von Prag


Anhang

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Nachwort




