 Vorwort  [6] Im nachfolgenden teile ich Erinnerungen aus meinem Leben mit, soweit ich glaube, daß sie für einen weiteren Kreis von Interesse sind. Es ist nicht »Wahrheit und Dichtung«, was der Leser dieses Buches finden wird, sondern ausschließlich Wahrheit. Ja, ich glaube, ich habe die einzelnen Abschnitte meines Lebens mit der Genauigkeit von photographischen Augenblicks-Aufnahmen dargestellt. Das Schicksal hat mich im Gang meines Daseins mit einer Reihe von bemerkenswerten Persönlichkeiten zusammengebracht, welche meine Leser in dieser Darstellung gekennzeichnet oder doch erwähnt finden werden. Insbesondere ist mein Leben zwischen Deutschland und England hin- und hergependelt, und eine genaue, auf Anschauung beruhende Kenntnis beider liegt meiner Erzählung zugrunde. Aber auch die Jahre, welche ich in Mittel- und Südafrika zugebracht habe, haben ihren Niederschlag in diesen Erinnerungen hinterlassen. Ich habe mich bemüht, meine Lebensgeschichte möglichst unbefangen und unbeeinflußt von meinen Empfindungen darzustellen. Aber, natürlich, ein jedes Lebewesen betrachtet diese Welt von seinem eigenen Standpunkt aus, und somit wird man es auch mir gestatten, mein eigenes Leben aus meinem Gesichtswinkel heraus zu erzählen. Ein endgültiges Urteil wird erst einer späteren Zeit zustehn. Ich persönlich kann sagen, daß ich in meinem Dasein sehr oft die Empfindung gehabt habe: »Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.« Bad Harzburg, Villa Annenburg, September 1917 Carl Peters[7] 
 Die Gründungen von »Deutsch-Ostafrika«1 [69] Was klagst du über Feinde? Sollten solche je werden Freunde, Denen das Wesen, wie du bist, Im stillen ein ewiger Vorwurf ist? Goethe.[69]  Ich setze die Kenntnis der drei umstehenden Werke von mir bei den Lesern dieser Darstellung vor aus. Ich beabsichtige nicht, hier die Gründung unserer ostafrikanischen Kolonie noch einmal eingehend zu schildern, und ich habe keine Luft, mich selbst auszuschreiben. Es handelt sich hier nur darum, einzelne Erlebnisse oder Betrachtungen aus der Gründungszeit von Deutsch-Ostafrika hinzuzufügen. Ich möchte vorweg erzählen, daß ich im Sommer 1884 eine Habilitationsarbeit über die Frage: »Inwieweit ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?« in Leipzig einreichte, wo Professor Wundt seine psychophysiologischen Forschungen trieb. Diese Frage bejahte ich damals, verneine sie indes heute schlechtweg. Bevor ich meine Probevorlesung halten konnte, fuhr ich nach Sansibar ab. Es ist im Verlauf des gegenwärtigen Krieges hier und da der Gedanke aufgetaucht, daß unsere Kolonialpolitik seit 1884 überhaupt verfrüht gewesen sei, daß wir besser getan haben würden, mit der Anlegung von überseeischen Kolonien bis zur Durchführung dieses Entscheidungskampfes zu warten. So hätten wir uns nur unnötige Reibungsflächen auf der Erde geschaffen und einen schwer zu verteidigenden Länderblock aufgehalst. Dieser ganze Gedankengang ist falsch und kurzsichtig. Denn unsere Kolonialpolitik ist nichts als die wirtschaftliche Folge unserer steigenden Bevölkerungsziffer und der anschwellenden Bedürfnisse unseres Volkshaushaltes. Gerade der gegenwärtige Weltkrieg zeigt ganz klar, wie[70] nötig es für das Deutsche Reich ist, sich in der Beschaffung seiner verschiedenartigen Rohartikel unabhängig vom Ausland zu stellen, also z.B. Baumwolle, Gummi, Kaffee, Tee, Kakao, Felle, Faserstoffe usw. selbst hervorzubringen und dazu sich eigene Kolonien zu erwerben. Es ist ferner unwahr, daß dieser Krieg in erster Linie aus kolonialem Wettbewerb entstanden sei. Gerade umgekehrt, ist die Unbeliebtheit des Deutschen auf der Erde, welche diesem Riesenkampf zugrunde liegt, zum großen Teil aus der Tatsache entstanden, daß wir nicht schon längst genügenden Ellbogenraum hatten und unsere bedürftige Auswanderung demnach fortwährend Fremden aufhalsen mußten. Dies habe ich zum Teil selbst miterlebt. Die deutschen Proletarier strömten von Jahr zu Jahr ins Ausland und fielen teilweise gleich der ausländischen Armenpflege zur Last. Zum Teil machten sie der fremden Arbeit das, was sie unlauteren Wettbewerb nannte. Der deutsche Arbeiter unterbot sie und drängte sie aus Brot und Stelle. Oder der deutsche Handlungsbeflissene erschien und machte ebenfalls, was die westlichen Völker unlauteren Wettbewerb nannten. Er arbeitete oft ganz für umsonst, lauschte den Fremden ihre Geschäftsgeheimnisse ab und setzte dann neben ihnen ein Konkurrenzhaus auf. Darüber klagte man in Nordamerika, in Großbritannien und in Frankreich. Sicherlich auch in andern Ländern. Es kann keine Frage sein, daß der deutsche Mitbewerber teilweise auch fleißiger und geschulter war als der einheimische, und daß dies den Haß vermehrte. In England erhob sich schon von Anfang dieses Jahrhunderts an diesem zudringlichen Wettbewerb gegenüber der Ruf: »the british office for the british clerk« (das britische Büro für den britischen Kommis), und damit begann recht eigentlich die heutige Deutschenhetze auf der Erde. Ganz ähnlich war es mit dem deutschen Warenvertrieb. Auch hier war sehr oft kein ehrlicher, sondern ein unlauterer[71] Wettbewerb durch billiges Unterbieten der Preise und, wie sie klagten, durch verschmitzte Kunstgriffe. Also, nicht weil wir uns eigene Kolonien anlegten und ausbauten, entstand ein allgemeiner Haß auf der Erde, sondern weil wir dies nicht taten und fremde Ansiedlungen für unsere kleinlichen Zwecke ausbeuten wollten. Nicht, weil ich und meine Freunde uns nach »unserm Plätzchen an der Sonne« umsahen, sondern weil Leute wie Eugen Richter und Ludwig Bamberger predigten: »seid doch nicht so dumm, euch selbst um Arbeitsfelder für eure Art zu bemühen, wo ihr euch bei andern einnisten könnt«, sind wir schließlich allen Völkern und Rassen ekelhaft geworden, so daß wir uns heute gegen die ganze Welt um Sein oder Nichtsein zu schlagen haben. Das stete Erntenwollen, wo man nicht gesät hat, ist am Ende zu verteufelt verschmitzt, als daß es noch klug genannt werden könnte. Jedenfalls macht es weder den einzelnen, noch ganze Völker beliebt in der Fremde. In Deutschland, und nur, soweit ich sehe, in Deutschland, hat einige Jahrzehnte ein Kampf getobt, ob ich der Begründer von Deutsch-Ostafrika genannt werden dürfe oder nicht. So weit ging der kleinliche Neid, daß meine Landsleute mir nicht nur die Früchte meiner Arbeit wegnahmen, sondern daß sie auch emsig bemüht waren, zu verkleinern, was ich getan hatte. Freilich hatte auch ich Genossen an meinem Werk gehabt. So hatten Christoph Kolumbus, Fernando Cortez, Lord Clive und Cecil Rhodes Genossen. Aber mir sollte auch das Verdienst abgesprochen werden, zuerst den Gedanken und den Plan der Koloniegründung in Deutschland entwickelt und dann diesen Plan von Anfang bis zu Ende gegen eine Welt von Feinden und wohl mit hundertfältigem Einsetzen meines Lebens an Ort und Stelle durchgefochten zu haben. Ich will hier kurz die Tatsachen, welche für die Besitzergreifung von Ostafrika entscheidend sind, noch einmal wiederholen.[72] Im Oktober 1883 war ich von London nach Berlin übergesiedelt und hatte im März 1884 die Gesellschaft für Deutsche Kolonisation gegründet, deren Vorsitzender ich alsbald wurde. Im Juli gelang es mir, den Ausschuß für den Gedanken zu gewinnen, das geplante Kolonialunternehmen, nach Art der alten britischen »adventurers«, durch Ausgabe von Anteilscheinen zu je fünftausend Mark zu finanzieren. Das hatte Erfolg. In einigen Wochen war die finanzielle Grundlage geschaffen. Dies war wohl das Wichtigste an der ganzen Sache. Am 16. September dieses Jahres beantragte ich im Ausschuß: »an der Ostküste, Sansibar gegenüber, in Usagara, falls dies nicht möglich, an einem anderen Punkt der Ostküste, die Landerwerbung der Gesellschaft für Deutsche Kolonisation vorzunehmen«. Am gleichen Tage wurde ich selbst zum Führer der besitzergreifenden Expedition ernannt. Mein erster Offizier ward mein langjähriger Freund, Dr. Karl Jühlke. Anfang November 1884 traf ich in Sansibar ein und am 10. November setzte ich mit einer kleinen Expedition von dort nach Saadane aufs Festland von Ostafrika über. Am 19. November hißte ich zum erstenmal die deutsche Flagge in Useguha, nachdem ich mit seinem Häuptling einen Abtretungsvertrag abgeschlossen hatte. Den Wortlaut dieses Vertrages, sowie aller andern Abtretungsurkunden auf dieser Expedition hatte ich selbst entworfen, ebenso wie ich auch die Verhandlungen mit allen Häuptlingen stets persönlich geführt habe. Am 14. Dezember beendigte ich die Erwerbung der Küstenlandschaften durch die Besitzergreifung des Berglandes von Ukami. Am 17. Dezember trafen Jühlke und ich krank wieder an der Küste ein, in Bagamoyo, und zwei Tage später gingen wir nach Sansibar hinüber. Von dort kehrte ich allein auf einem arabischen Schiff über Bombay nach Berlin zurück und erhielt daselbst am 27. Februar 1885 vom Fürsten Bismarck den Kaiserlichen Schutzbrief für meine Erwerbungen, den ersten kolonialen[73] Schutzbrief in der deutschen Geschichte. Dieser lautete folgendermaßen: »Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen, tun kund und fügen hiermit zu wissen: Nachdem die derzeitigen Vorsitzenden der ?Gesellschaft für Deutsche Kolonisation?, Dr. Carl Peters und Unser Kammerherr Felix Graf Behr-Bandelin, Unseren Schutz für die Gebietserwerbungen der Gesellschaft in Ostafrika, westlich von dem Reiche des Sultans von Sansibar, außerhalb der Oberhoheit anderer Mächte, nachgesucht und Uns die von besagtem Dr. Carl Peters zunächst mit den Herrschern von Usagara, Nguru, Useguha und Ukami im November und Dezember v. I. abgeschlossenen Verträge, durch welche ihm diese Gebiete für die deutsche Kolonisationsgesellschaft mit den Rechten der Landeshoheit abgetreten worden sind, mit dem Ansuchen vorgelegt haben, diese Gebiete unter Unsere Oberhoheit zu stellen, so bestätigen Wir hiermit, daß Wir diese Oberhoheit angenommen und die betreffenden Gebiete, vorbehaltlich Unserer Entschließung auf Grund weiterer Uns nachzuweisender vertragsmäßiger Erwerbungen der Gesellschaft oder ihrer Rechtsnachfolger in jener Gegend, unter Unseren Kaiserlichen Schutz gestellt haben. Wir verleihen der besagten Gesellschaft unter der Bedingung, daß sie eine deutsche Gesellschaft bleibt und daß die Mitglieder des Direktoriums oder die sonst mit der Leitung betrauten Personen Angehörige des Deutschen Reiches sind, sowie den Rechtsnachfolgern dieser Gesellschaft unter der gleichen Voraussetzung, die Befugnis zur Ausübung aller aus den Uns vorgelegten Verträgen fließenden Rechte, einschließlich der Gerichtsbarkeit gegenüber den Eingeborenen und den in diesen Gebieten sich niederlassenden oder zu Handels- und anderen Zwecken sich aufhaltenden Angehörigen des Reichs und anderer Nationen unter der Aufsicht Unserer Regierung und vorbehaltlich weiterer von Uns zu erlassender Anordnungen und Ergänzungen dieses Unseres Schutzbriefes.[74] Amazon.de Widgets Zu Urkund dessen haben Wir diesen Schutzbrief höchst eigenhändig vollzogen und mit Unserm Kaiserlichen Insiegel versehen lassen. Gegeben Berlin, den 27. Februar 1885. (gez.) Wilhelm. (gez.) v. Bismarck.« Von der Erteilung dieses Schutzbriefes an schossen in Deutschland die kolonialgründerischen Talente wie die Pilze aus der Erde. Dutzende haben sich an mich gewandt mit der Bitte, ihnen doch zu sagen, wie das gemacht werden müsse. Die Art, wie ich es selbst angefaßt hatte, fand bei meinen Landsleuten zwar fast durchweg nur Verurteilung und Hohn. Immerhin konnte sie nachfolgenden Koloniegründern einen Weg angeben, wie solche Aufgaben gelöst werden müssen. Auch haben Engländer und Franzosen ihn in einzelnen Teilen der Erde eingeschlagen. Aber die Sache ist, daß derlei Unternehmungen nur nach einzelnen Gesichtspunkten, wie Finanzierung, Vertragsschließung, Flaggenhissung überhaupt gelernt werden können. Das Wesentliche tut nicht der Verstand, sondern der Charakter des einzelnen. Und da hapert es meistens. Es liegt eben nicht jedem, auf eigene Faust Entscheidungen gegen die Mehrheit seines eigenen Volkes und vor allem im Gegensatz zu seiner Regierung zu treffen. Ich würde mich verpflichten, an einem Nachmittag, mit einer guten Zigarre auf dem Sofa liegend, ein halbes Dutzend Kolonialpläne auszuhecken. Etwas ganz anderes ist es, die Kräfte in Bewegung zu setzen, auch nur ein einziges Projektchen durchzuführen. Es ist mir stets sehr pinselhaft erschienen, jemanden als Mitbegründer einer Kolonie zu nennen, bloß, weil er sich einer besitzergreifenden Reise anschloß. Das Reisen-mitmachen ist ganz unterhaltend, aber äußerst unwesentlich. Eine loyale und ernstliche Unterstützung bei der Gründung Deutsch-Ostafrikas hat mir mein alter Schulfreund, Dr. Carl Jühlke, gewährt, welcher harmonisch auf meine Pläne einging, bis er am 1. Dezember 1886 in Kismayu leider den Heldentod fand.[75] Am 2. April 1885 gründete ich die »Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, Carl Peters und Genossen«, welche mir eine umfassende Generalvollmacht zur Leitung aller ihrer Angelegenheiten notariell ausstellen ließ. In dieser Stellung erweiterte ich meine eigenen Erwerbungen durch eine Reihe von Expeditionen, welche ich nach Ostafrika entsandte, nach allen Seiten und gewann dadurch im wesentlichen das ostafrikanische Seengebiet für Deutschland. Am 20. März 1886 wurde die Kommanditgesellschaft »Carl Peters und Genossen« auf unsern Antrag durch das Kgl. Amtsgericht I in Berlin gelöscht, und an diesem Tage fielen laut Beschluß der Generalversammlung alle Aktiva und Passiva der Gesellschaft auf meine Schultern. Im kommenden Jahre erreichten unsere Erwerbungen in Ostafrika ihre größte Ausdehnung, und ich besaß demnach persönlich zeitweilig die Hoheitsrechte über 5?6mal den Flächenraum des Deutschen Reiches. Am 26. Februar 1887 gründete ich mit mehreren andern Herren, von denen ich hier vornehmlich Herrn Karl von der Heydt nennen will, die zweite Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, deren Vorsitzender Direktor ich auf fünfzehn Jahre wurde. Als solcher übernahm ich im April 1887 die Verwaltung in Sansibar, und es gelang mir in dieser Stellung, am 31. Juli Said Bargasch zu veranlassen, mir die ganze Küste von der Umbamündung bis zum Kap Delgado abzutreten. In dieser Abtretung erkenne ich die eigentliche Begründung von Deutsch-Ostafrika, so, wie wir es heute kennen. Gleichzeitig begann ich bereits im Sommer 1887 die Tracierung der Ostafrikanischen Mittelbahn von Daressalam aus, also die wirkliche Erschließung des Hinterlandes dieser Küste. 1889?90 leitete ich die deutsche Emin Pascha-Expedition von Witu über Uganda nach Bagamoyo2, durch welche ich[76] Deutsch-Ostafrika bis zum Oberen Nil abrunden wollte und Uganda unter deutsche Oberhoheit brachte. Gleichzeitig gelang es mir auf meiner Reise, Emin Pascha zu veranlassen, seine Provinz Äquatorial-Afrika um Wadelai dem deutschen Schutzgebiet anzugliedern und dasselbe dadurch bis über Ladò den Nil abwärts vorzuschieben. Am 1. Juli 1890 schränkte die deutsche Regierung dieses Gebiet durch Vertrag mit England auf den heutigen Umfang der Kolonie ein und übernahm die Hoheit über dieselbe von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft auf das Deutsche Reich. Als ich mit meinen Gefährten 1884 nach Sansibar fuhr, wollte die deutsche Regierung von einer Koloniegründung in Ostafrika nichts wissen, und sie tat alles, was sie tun konnte, um solche zu verhindern, während sie die Sache noch keineswegs irgend etwas anging, da kein Mensch, ich am wenigsten, sie ersucht hatte, sich um unsere Unternehmung zu kümmern. Am 7. November lud der damalige deutsche Konsul in Sansibar, Herr William Oswald, mich aufs deutsche Konsulat ein, wohin ich mich am Nachmittag mit Karl Jühlke begab. Dort legte der. Konsul uns »Zur Kenntnisnahme« einen Erlaß des Reichskanzlers vor, der i. V. vom Grafen Hatzfeld, dem damaligen Staatssekretär des Äußeren, gezeichnet war. Dieser Erlaß hatte etwa folgenden Inhalt: Es sei der Reichsregierung zu Ohren gekommen, daß ein gewisser Dr. Peters sich nach Sansibar begeben habe, um im Gebiet Sr. Hoheit des Sultans von Sansibar eine deutsche Kolonie zu gründen. Falls der p. p. Peters« wirklich in Sansibar eintreffen solle, so wolle der deutsche Konsul ihm eröffnen, daß er dort Anspruch weder auf Reichsschutz für eine Kolonie, noch auch Garantie für sein eigenes Leben habe. Gehe er dennoch mit seinem Plan vor, so geschehe dies lediglich auf seine eigene Gefahr und Verantwortung. Man beachte die gesucht unhöfliche Tonart gegen den[77] eigenen Landsmann und die korrekte Form gegen den Ausländer. Dies war bezeichnend für die damalige amtliche Sprache und charakteristisch für unsere gesamte auswärtige Politik. Doch dies nebenbei! Wichtiger war der sachliche Inhalt. Es war ein völlig unveranlaßter Versuch, unser Unternehmen noch im letzten Augenblick zu verhindern. Ich möchte wissen, welcher Normaldeutsche es gegenüber einer solchen offiziellen Ablehnung nicht aufgegeben haben und gehorsamst nach Berlin zurückgekehrt sein würde! Ich antwortete dem Fürsten Bismarck, wenn er mir einmal wieder etwas abschlagen wolle, so möge er gefälligst warten, bis ich um etwas gebeten habe. Bislang habe ich um Schutz für eine deutsche Kolonie oder mein Leben im Hinterland des Sultanats Sansibar meines Wissens noch nicht ersucht. Ich vermute, daß das amtliche Schreiben und meine Antwort später einmal mit den Akten des Reichsarchivs zum Vorschein kommen werden. Ich selbst setzte drei Tage später aufs Festland von Ostafrika über. Während wir in Usagara beschäftigt waren, muß sich der Wind in der Wilhelmstraße irgendwie geändert haben. Fürst Bismarck empfand mit einem Male Luft, sich der Erwerbungen am Westufer des Indischen Ozeans zu bemächtigen. Den Schutzbrief vom 27. Februar 1885 habe ich, glaube ich, so schnell erhalten, weil ich nun meinerseits so tat, als ob mir an der deutschen Oberhoheit nichts mehr liege. Ich weigerte mich, überhaupt aufs damalige Auswärtige Amt zu gehn, und überließ es dem Grafen Behr-Bandelin ganz, mit Herrn von Kusserow zu verhandeln. Das Gesuch um Bewilligung des Kaiserlichen Schutzes hat Herr von Kusserow für mich geschrieben und mir durch Graf Behr zur Unterschrift zugeschickt. Ich ließ es tagelang liegen und reiste inzwischen zu meiner Mutter nach Hannover. Während dieser ganzen Zeit verhandelte ich offenkundig mit Brüssel und tat immer so, als ob ich zu dem König der Belgier und Mr. Stanley fahren wollte, um meine Erwerbung[78] dem sich damals bildenden Kongostaat anzuschließen. Endlich unterschrieb ich unser Gesuch, drahtete aber am Mittwoch dem 25. Februar von der Dennewitzstraße zum Auswärtigen Amt, daß ich am folgenden Tage nach Belgien reisen werde, wenn mein Gesuch nicht sofort bewilligt werden solle. Am Donnerstag kam Behr zu mir gelaufen, ich möge mich doch geduldigen, ich solle den Schutzbrief haben. Am Sonnabend, dem 28. Februar 1885 lag die Urkunde in meinen Händen. Trotzdem meine Stellung und die meiner Gesellschaft durch den Inhalt dieses Schutzbriefes klar umschrieben war, hat sich nach dem Ausscheiden Herrn von Kusserows nie ein eigentlich gutes Verhältnis zu den Geheimräten des Auswärtigen Amtes mit mir entwickelt. Man konnte sich in Berlin schlechterdings nicht daran gewöhnen, mit den Gesichtspunkten des Schutzbriefes, welcher uns schon im Sommer 1886 die Hoheitsrechte über ein Gebiet 5?6 mal wie das Deutsche Reich verlieh, in Wirklichkeit Ernst zu machen. Wir blieben bloße »Untertanen«, und die alte Anschauung vom beschränkten Untertanenverstand blieb herrschend auch im persönlichen Verkehr. Das führte zu allerlei kleinen Reibereien. Schlimmer war, daß ich im Winter 1886/87 mit dem Grafen Herbert Bismarck persönlich aneinander geriet. Das war damals beinahe, als ob man den Kronprinzen einer herrschenden Linie verletzt hätte. Zwar wurde die Sache zugezogen, aber die Verstimmung blieb, und ich konnte von da ab nichts mehr in der ostafrikanischen Politik durchsetzen. Als Anfang 1887 die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft mit Unterstützung des Fürsten Bismarck, aber zum guten Teil auch durch meine Bemühungen gegründet worden war, verteilte Preußen Orden an die Hauptbeteiligten. Alle, Karl von der Heydt, Delbrück, Hugo Oppenheim usw. wurden bedacht, nur mein Name wurde durch Herbert Bismarck von der Liste gestrichen. Man wird mir glauben, wenn ich sage, daß auch 1887 ein Orden die Gründung[79] von Deutsch-Ostafrika nicht gerade krönen konnte, aber diese Manier, mich allein bei einer so billigen Anerkennung bewußt draußen zu lassen, mußte mich ganz nun ölig reizen. Auch war es, alle Verhältnisse ehrlich betrachtet, gegenüber dem ganzen zuschauenden Ausland lächerlich. Denn besonders in England kannte man die Verhältnisse ziemlich genau und hat mir selbst später erzählt, daß man über meine elende Behandlung in Berlin wohl unterrichtet war. Unter den sich ablösenden Lügen, welche meine Gegner nacheinander in die deutsche Presse setzten, war die damals am meisten beliebte, ich sei ein grauer Theoretiker, dann wieder, ich sei ein Draufgeher, der von diplomatischen Feinheiten keine Ahnung habe. Dies ist die amtliche Abstempelung noch jahrelang gewesen. Und doch würde ein wenig Überlegung, wenn nur eine billige Beurteilung beabsichtigt gewesen wäre, genügt haben, um zu beweisen, daß schon die bloßen Erwerbungen von Negergebieten ein gewisses diplomatisches Talent erforderten. Deutlicher wurde solches, als mir unter Genehmigung des Fürsten Bismarck im April 1887 der Auftrag zuteil wurde, die Stellung der katholischen Missionen im Schutzgebiet zu umgrenzen und sie vor allem mit den protestantischen Missionen ins Gleichgewicht zu setzen. Ich bemerke, daß sämtliche katholische Missionen in unserem Schutzgebiet bis 1887 noch die französische Flagge führten. Ich wußte bereits im April 1887, daß hierüber letzten Endes, soweit die Katholiken in Frage kommen, der Papst zu entscheiden habe. Ich fuhr daher mit Freiherrn von Gravenreuth auf meiner Reise nach Sansibar von München nach Rom. Dort setzte ich mich mit Herrn von Schlözer, dem damaligen preußischen Gesandten am Vatikan, in Verbindung, und erreichte es durch Verhandlungen mit Kardinälen und dem Papst selbst in einigen Tagen, daß ich eine vollständig befriedigende Abmachung für alle Teile zustande brachte. »Der Reichskanzler wird Ihnen sehr dankbar sein«, meinte Herr von Schlözer beim Abschied. Ja wohl![80] Noch ehe ich in Sansibar ankam, ging in Deutschland ein Pressespektakel los, als ob ich Hochverrat begangen hätte. Nicht, als ob mein Abkommen irgendwie zu tadeln gewesen wäre. Es ist nachher, bis zum Kriege, die Grundlage des ganzen Missionswesens in Deutsch-Ostafrika gewesen. Sondern weil ich es fertig gebracht hatte und keiner von der Zunft. Denn sonst war der Lärm gar nicht zu verstehn. »Es läßt sich nicht leugnen,« erklärte die Nordd. Allg. Zgt. in dem ihr eigenen Ton heuchlerischer Salbaderei, »daß Dr. Carl Peters seine Vollmacht formell und materiell überschritten hat.« Zeitungen, die ich in Sansibar las, wußten schon zu melden, ich würde mit Schande von meinem Posten als Administrator der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft zurückgerufen werden. Kurz, es war die erste »amtliche« Petershetze. Nun möchte ich heute wohl wissen, inwiefern ich eigentlich meine Vollmachten 1887 überschritten habe; denn diese Vollmachten trugen mir gerade auf, das Verhältnis der Konfessionen zu regeln. Daß dies aber nur in Rom möglich war, konnte jeder Tertianer wissen. Noch schlimmer ging es mir im Sommer 1887 in Sansibar. Dort war mir zunächst der Auftrag geworden, die im deutsch-englischen Abkommen vom 1. November 1886 vorgesehene Abfindung des Sultans von Sansibar für die Übernahme der Zollerhebung in Pangani und Daressalam mit Said Bargasch zu verhandeln. Nun möchte ich wissen, wie ein Privatmensch mit einem mohammedanischen Herrscher eines Landes verhandeln will, wenn das eigene beim Monarchen akkreditierte Konsulat dies nicht wünscht. Auf den ersten Blick war diese Aufgabe ganz unlösbar. Denn den Herren auf unserm Konsulat lag gar nichts daran, daß ich mir in Sansibar diplomatische Lorbeeren erwürbe, wo sie selbst mit der Lappalie des deutsch-arabischen Handelsvertrags gescheitert waren. Auch in diesem Falle mußte ich als »unbefugter« Eindringling erscheinen. Ich konnte Said Bargasch gar nicht einmal zu Gesichte bekommen, wenn dies dem deutschen[81] Generalkonsul nicht paßte. Dem paßte dies aber nicht. In den ersten Monaten kamen meine Verhandlungen denn auch nicht in Fluß. Da verband ich mich mit den britischen und österreichisch-ungarischen Generalkonsuln; und nun hatte ich wenigstens ungehinderten privaten Zugang zu dem Herrscher. Ich pflegte ihn dann morgens vor 6 Uhr regelmäßig zu besuchen, und somit gewann ich, da ich in der Geschichte seines Hauses und den mohammedanischen Gebräuchen bewandert war, persönlichen Einfluß auf ihn. Auf diese Weise veranlaßte ich ihn, mir nicht nur die Zölle in Daressalam und Pangani, sondern die Verwaltung der ganzen Küste zwischen dem Umba und Kap Delgado, mit sieben guten Häfen, einschließlich der Polizeigewalt und mit sämtlichen öffentlichen Gebäuden abzutreten. Eine solche Verwaltung war durchzuführen, während wir die bloße Zollerhebung in Daressalam und Pangani nicht einmal hätten übernehmen können, weil wir dabei allen arabischen Hemmungen wehrlos ausgesetzt gewesen wären. Der Vertrag, welchen ich im Juli 1887 mit Said Bargasch abschloß, war demnach vom deutschen Standpunkt aus und dem der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft ein großer diplomatischer Erfolg. Wiederum kamen alle Hindernisse dagegen von Deutschland aus. Nicht nur verweigerte man mir von Berlin die Anerkennung des Vertrages, sondern ich erhielt auch einen Verweis. Da seine Vollziehung durchaus im Interesse des Deutschen Reiches lag, so bin ich auch bis zum heutigen Tage stets der Meinung gewesen, daß nicht sachliche, sondern rein persönliche Gründe dahin wirkten, ihm die Anerkennung zu verweigern. Ich war nicht »berufen«, einen solchen Vertrag zu schließen, ich hatte dafür keine »amtliche Berechtigung«. Anders kann ich mir die Schöppenstedtsche Politik, welche 1887 die Erwerbung der Küste von Deutsch-Ostafrika verhinderte, überhaupt nicht erklären. Sachliche Erwägungen dagegen gab es nicht, da finanzielle Verpflichtungen und[82] Verbindlichkeiten für uns damit nicht verbunden waren, sondern es sich finanziell um folgendes handelte: daß wir die Unkosten der Verwaltung von den Zolleinnahmen bestreiten durften, den Überschuß aber an Said Bargasch abliefern mußten. Bis 1914 hat sich in keinem Jahre ein Überschuß ergeben. Im Verlauf dieser Vorgänge, welche meinen politischen Einfluß auf die Araber Sansibars zermürbten, wurde ich nach Europa zurückgerufen und trat infolgedessen vom Direktorium der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft endgültig zurück. In Berlin herrschte 1889 diejenige allgemeine Politik, welche Graf Herbert Bismarck im Reichstage als »Kolonialehe mit England« bezeichnet hat. Sie hat sich dann später unter den Nachfolgern des Fürsten Bismarck als Versuch »besserer Beziehungen mit England« fortgesetzt. Man glaubte, eine überseeische Politik im Bunde mit dem britischen Reich treiben zu können: Von einer »Weltpolitik« hing aber das Schicksal unserer Industrie und das Wohl und Wehe von Millionen unserer anschwellenden Bevölkerung ab. Wir waren also aus wirtschaftlichen Gründen zu ihr gezwungen. Aber sie mußte uns sicherlich in Gegensatz zu England bringen, und wir mußten demnach die Rückendeckung für sie von vornherein anderswo suchen. Ich habe also von jeher die »Kolonialehe mit England« und das Anstreben »besserer Beziehungen zu England« für eine Unklarheit in den leitenden Köpfen gehalten. Das Deutsche Reich konnte nicht gleichzeitig in eine Weltpolitik einlenken und von Freundschaft mit den Briten träumen. Ich bin sicher, daß die Haltung unserer Regierung gegen die von mir geleitete Emin Pascha-Expedition aus solchem logischen Irrtum entstanden ist. Auf besonderen Wunsch der Leitung der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft und des Auswärtigen Amtes sollte ich ohne Lärm aus der Direktion der Gesellschaft verschwinden,[83] indem ich das Kommando der Deutschen Emin Pascha-Expedition übernähme. Dies war zwischen beiden Teilen ausgemacht. Der Regierungspräsident von Tiedemann war am Abend meiner Abreise vom Anhaltischen Bahnhof zur Emin Pascha-Expedition beim Fürsten Bismarck, und wie er mir noch am, selben Abend nach Nürnberg meldete, habe der Fürst sich ihm gegenüber als begeisterten Freund dieser Expedition gezeigt. Er habe auf ihr Gelingen getrunken und gesagt, wenn er noch jung wäre, würde er selbst mitgehen. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich gleichzeitig mit diesem Briefe des Herrn von Tiedemann in der Nürnberger Morgenzeitung die halbamtliche Meldung fand: »Fürst Bismarck wünscht, daß Dr. Peters das vorsitzende Direktorium der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft niederlegt«. Ich habe mir diese offenkundige Doppelzüngigkeit schon damals so erklärt, daß der alte Fürst bona fide dem Vater meines Reisekameraden Glück entbot. Graf Herbert Bismarck aber, ohne Wissen seines Vaters, diese boshafte Notiz, welche allen unseren Verabredungen widersprach, in die Presse bringen ließ. Die Sache war um so heimtückischer, als ich bereits auf der Reise war und mich gar nicht mehr gegen das Hinterlistige der Nachricht wehren konnte. Die meisten Zeichnungen der Deutschen Emin Pascha-Expedition waren unter der Bedingung gemacht, daß die Gesamtsumme eine Höhe von 400000 Mark erreichte. Im letzten Augenblick hatten wir noch einem Ausfall von 50000 Mark zu begegnen. Dafür trat ein polnischer Graf ein, der bei den Garde-Kürassieren in Berlin stand und die Reise mitmachen wollte. Dahinter war man im Auswärtigen Amt gekommen und beschloß, mir diese Zeichnung, mit der das ganze Unternehmen stand oder fiel, zu hintertreiben. Man ließ sich die Polen, Vater und Sohn, kommen und eröffnete ihnen, der letztere sei nach Brasilien an die Gesandtschaft kommandiert, wenn er seine Beteiligung an der Emin Pascha-Expedition aufgeben wolle. Nach einigem[84] Sträuben ließ sich dieser darauf ein, und somit brach das Unternehmen, als ich schon zwischen Brindisi und Alexandria schwamm, im letzten Augenblicke noch einmal zusammen. Von Alexandria aus habe ich dann telegraphisch den Fehlbetrag persönlich gezeichnet, um die Grundlage des Unternehmens zu retten. Amazon.de Widgets Nun mag man sagen: »Die Expedition lag nicht mehr im deutschen Interesse, eine Ausdehnung unseres Kolonialgebietes in die oberen Nilgegenden war nicht erwünscht, und man kann es der Kaiserlichen Regierung nicht übelnehmen, wenn sie sie verhindern wollte.« Aber formell hatte sie dieselbe doch unterstützt, und kein Mensch wird behaupten wollen, daß eine solche heimtückische Bekämpfung dem deutschen Ansehen, unserer Würde und unseren völkischen Interessen entsprach. Ich habe erst nachher erfahren, daß unsere Regierung schon vor meiner Abreise von Berlin die Kaiserliche Botschaft in London beauftragt hatte, dem britischen Auswärtigen Amt gegenüber auf alle kolonialen Erwerbungen nördlich von 1 s. Br. zu verzichten und insbesondere auf die von meiner Expedition zu durchquerenden Gebiete von Kawirondo, Uganda und seinen Nebenländern. Augenscheinlich war dieser Verzicht das, was Herbert Bismarck in meiner Anwesenheit im Deutschen Reichstag als »Kolonialehe mit England« bezeichnet hatte3. Ich hätte wohl erwarten dürfen, daß man solchen Verzicht zunächst mir mitteilen würde, anstatt kleinliche Kniffe und Intrigen gegen mich in Anwendung zu bringen. In Sansibar im Sommer 1889 wurde ich amtlich geschnitten. Meine Zuschriften an das Generalkonsulat wurden nicht beantwortet, keinerlei Unterstützung, wie sie das Konsulat dem Ärmsten seiner Landesgenossen schuldet, wurde mir zuteil. Said Bargasch veröffentlichte unter Zustimmung des deutschen Konsuls einen Erlaß an den Straßenecken Sansibars,[85] in welchem jeder Neger mit dem Tode bestraft wurde, der mit mir reisen würde. Als ich im Juni die britische Blockade von Norden her umging, gingen nicht nur drei britische Kreuzer aus, um mich zu fangen, sondern auch zwei deutsche, die »Leipzig« und die »Schwalbe«, gaben sich dazu her. Ich würde es kaum glauben, wenn ich nicht alles selbst erlebt hätte. Denn noch immer bestand das Protektorat des Deutschen Kaisers über unserer Expedition. Ich fragte mich oft, ist es denn denkbar, vertritt irgendein Blödsinniger die deutschen Interessen und unsere Würde gegenüber dem Ausland? Die Rückwirkung dieser Fälle von sogenannten Demütigungen auf meine Person war natürlich die genau entgegengesetzte, wie wohl beabsichtigt war. Ich bin in meinem Leben nicht so gleichmütig, ja selbstbewußt und fröhlich gewesen, als in diesen Wochen der Landung von Kwaihubucht und des Einmarsches nach Witu. Ich habe mich auch in der Rückerinnerung niemals dazu entschließen können, den von mir so tief verehrten Bismarck mit all diesen kleinlichen und niedrigen Quertreibereien zu verbinden. Das war der kleine Sohn des großen Vaters, Herbert Bismarck. Besonders weiß ich das von folgendem Vorfall, für dessen Richtigkeit ich auf die Glaubwürdigkeit des englischen Captain Bateman angewiesen bin, des späteren Kommandanten von Taveta, welcher ihn mir am Kilimandscharo 1891 an offener Tafel erzählt hat4. Herbert Bismarck sei 1889 in Londen gewesen und habe dem dortigen Auswärtigen Amt gesagt: »Mein Vater würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Dr. Peters nicht lebendig aus Afrika zurückkäme.« Darauf habe sich Admiral Fremantle ihn (Bateman) kommen lassen und habe ihm auf einer Karte gezeigt, wo er voraussichtlich meine Expedition[86] treffen könne. Er sei mit einer Kompagnie indischer Truppen und zwei Geschützen von Mombassa nach Ukamba Mumoni an den Tana marschiert. Dort hätten ihm Eingeborene von einem Hügel aus mein Lager gezeigt (wahrscheinlich den Platz, wo ich einmal gelagert hatte). Er habe dann in der Nacht fünfzig bis sechzig Granaten hinuntergeschossen, denn er hätte sich gesagt: »Ach, Dr. Peters ist ein sehr unangenehmer Bursche, dies wird die Sache am einfachsten erledigen.« »Hatten Sie denn den Auftrag, mich zu ermorden?« »Nein, natürlich nicht ermorden; ich sollte Ihren weiteren Vormarsch aufhalten. Ich bin dann Ihren Spuren noch bis zu den Grenzen von Massailand gefolgt, von wo ich umkehrte.« Leser meiner »Deutschen Emin Pascha-Expedition« werden sich vielleicht erinnern, daß Herrn von Tiedemann und mir in Ukamba Mumoni von den Eingeborenen gemeldet wurde, es sei die Expedition eines Weißen zu uns im Anmarsch. Wir bezogen diese Meldung eine Zeitlang auf Kapitänleutnant Ruft. Ich habe nachher angenommen, es könnte sich möglicherweise um Captain Bateman gehandelt haben. Diese Erzählung, wenn sie wahr ist, bedarf keines Wortes weiter zu ihrer Beurteilung und würde wohl den Höhepunkt aller Machenschaften einer Regierung gegen einen einzelnen Landsmann darstellen. Was ich seit Herbst 1883 an Erfahrungen an meinen deutschen Landsleuten gemacht hatte, durch die ganze Zeit der Begründung von Deutsch-Ostafrika, vornehmlich auch während der Deutschen Emin Pascha-Expedition, mußte erkältend auf meine Vaterlandsliebe zurückwirken. Denn schließlich ist auch der Patriotismus nicht gerade ein mysteriöser Drang im einzelnen, der unveränderlich dableiben muß, wenn die andere Seite unbekümmert mit Fäusten haut und mit Füßen tritt. Wie alles in der Natur, beruht auch die Vaterlandsliebe des einzelnen auf einer gewissen Gegenseitigkeit von Pflichten und Neigungen, und nur diejenigen[87] Gemeinwesen in der Geschichte werden groß, wo auch die Gesamtheit Dankbarkeit gegen den einzelnen ausübt, welcher für das Gemeinwesen sich bemüht. Ich aber hatte von der Mehrheit der deutschen Presse durch die ganze Zeit wesentlich nur Lügen, Verleumdungen und Beschimpfungen; von der Regierung Mißachtung der wesentlichsten meiner Arbeiten; vom deutschen Spießer Gleichgültigkeit oder Hohn erfahren. Ich fing an, mir als Prügeljunge des deutschen Volkes vorzukommen, und ich wurde es allmählich satt, dauernd diese Rolle zu spielen. Ich dachte schon während der Rückreise von Uganda daran, meinen Aufenthalt wieder in England zu nehmen. Unter den Engländern, das wußte ich, wurde jedes patriotische Wirken gewürdigt, auf alle Fälle hatte man dort Verständnis und Anerkennung für rein männliche Leistungen, wie doch die Deutsche Emin Pascha-Expedition eine war. Die Kolonialpolitik des Fürsten Bismarck war eine wesentlich zuwartende, und das entsprach auch den Interessen des Deutschen Reiches am Ausgang des vorigen Jahrhunderts, jedenfalls aber den Neigungen und den Anschauungen des deutschen Volkes selbst. Wenn Bismarck jünger gewesen wäre, so hätte er sich manche Gelegenheit wohl kaum entgehen lassen, z.B. die Annexion der Insel Sansibar 1885 und 1887, die Besitzergreifung Ugandas und des Oberen Nils 1889 und 1890. Wenn er 1890 wirklich geäußert hat, was ihm zugeschoben wird, er würde den Sansibar-Vertrag seines Amtsnachfolgers niemals unterzeichnet haben, so verstehe ich dies nicht, da er selbst schon 1889 der englischen Regierung gegenüber auf eine koloniale Ausdehnung über 1° s. Br., also insbesondere auf Uganda mit seinen Nebenländern, verzichtet hatte. Im allgemeinen wird die Geschichte sicherlich den Gesichtspunkt, welchen Fürst Bismarck stets vertreten hat, für richtig erklären, daß er es ablehnte, für koloniale Abenteuer sich in europäische Verwicklungen zu stürzen. Wenn er dies[88] nicht wollte, so mußte er in erster Linie britische Gefühle und Interessen schonen. Eines war schon am Schluß des vorigen Jahrhunderts klar, daß das Deutsche Reich eine erfolgreiche Kolonial- und Flottenpolitik nur treiben konnte unter Anlehnung an ein freundschaftliches Rußland im Osten. Wir konnten nicht gleichzeitig Ausdehnung im Westen und eine tatkräftige Politik donauabwärts führen. Denn eine solche doppelte Betätigung muß uns gleichzeitig mit beiden Weltreichen in Widerspruch bringen. Die Politik des Drei-Kaiser-Bündnisses, oder aber, wenn es sein mußte, auch nur das Doppelbündnis mit Rußland, war die natürliche Rückendeckung für eine deutsche Kolonialpolitik. Darüber ist unter denkenden Kolonialpolitikern Deutschlands schon 1890 keine Meinungsverschiedenheit gewesen. Unsere Entwicklung auf die See verweisen, gleichzeitig aber durch Worte und einzelne Höflichkeitshandlungen Freundschaft mit dem nüchternen und spröden England schaffen zu wollen, kennzeichnet eine politische Kurzsichtigkeit, welche früher oder später scheitern mußte. Die Deutsche Emin Pascha-Expedition, ihren Zielen nach, gehört durchaus zur Begründungsgeschichte von Deutsch-Ostafrika. Sie war ein Versuch, unsere Interessensphäre über den Norden des Viktoriasees und nilabwärts bis nach Ladò auszudehnen, also Uganda und Emin Paschas Provinz in unser Schutzgebiet einzubeziehen. Sie beruhte politisch auf der Tatsache, daß Ägypten und Großbritannien bereits 1885 auf den ganzen Sudan in einer Note an die Mächte verzichtet hatten, daß diese Gebiete demnach nach europäischer Fiktion »nobody's country« waren. Daß Deutschland umgekehrt schon 1889 seinerseits wieder auf diese Gebiete verzichtet hatte, das wußte ich nicht. Übrigens hatte ich bereits auf der Reise die Möglichkeit erwogen, daß das Deutsche Reich es ablehnen könne, die Erwerbungen im Norden Deutsch-Ostafrika anzugliedern. Ich hatte demnach[89] in einzelnen Fällen die Rechtsgültigkeit meiner Verträge von der Zustimmung des Deutschen Kaisers unabhängig gemacht und hatte die erworbenen Landstriche für mich persönlich genommen. Würde ich Emin noch in seiner Provinz getroffen haben, hätte ich vor allem genügend Munition gehabt, so würde ich sicherlich mir ein eigenes Herrschaftsgebiet gegründet haben und wäre dauernd in Mittelostafrika geblieben. Diese Voraussetzungen trafen indes nicht zu, und somit wurde mein Rückmarsch an die Küste notwendig. Die Deutsche Emin Pascha-Expedition stellt jedenfalls den Höhepunkt meiner irdischen Tätigkeit dar und so liegt sie auch vor meiner Erinnerung. Um 1885 habe ich mehrere Male persönlich mit dem Fürsten Bismarck zu tun gehabt. Es war eigentümlich für den großen Mann, daß da, wo er persönlich mit jemandem zu rechnen hatte, er ihn auch durch Augenschein kennen lernen wollte. Es war mir auffallend, ja unheimlich, wie genau er stets zu wissen schien, wo ich gerade war. Sein Diener kam mehrere Male in die Restauration, wo ich saß, um mich zu holen. Ich habe erst nachher erfahren, daß ich 1885 und auch später unter der Beobachtung der politischen Polizei von Berlin stand. Ich sah ihn das erstemal bald nach Empfang des Schutzbriefes, dann wieder, als sich die Lage mit Sansibar verwickelte. Einmal, ich glaube es war im Juli 1885, ließ er mich »wie ich ging und stand« aus meinem Bureau in der Zimmerstraße zu sich kommen, um mich zu fragen, ob ich auf den Posten als Generalkonsul nach Sansibar gehen würde. Das war um die Zeit, als Rohlfs von dort zurückberufen wurde. Ich machte den Fürsten darauf aufmerksam, daß, wenn ich aus der damaligen »Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Carl Peters und Genossen« herausträte, ich befürchte, daß die Ausdehnung der Kolonie, welche der Schutzbrief doch selbst ins Auge fasse, unterbrochen werden würde. Im selben Sinne bat Karl Jühlke, der schon zusammen mit der Erteilung[90] des Schutzbriefes mit dem Gerichtswesen in der Kolonie betraut war, von seiner dauernden Ernennung als Ober richter absehen zu wollen. Der Eindruck des Fürsten Bismarck im persönlichen Verkehr war ein überwältigender. Unvergeßlich ist mir noch immer das große leuchtende Auge, welches einem durch und durch zu blicken schien. Die mächtige, imponierende Gestalt entsprach ganz der Vorstellung, welche ich mir schon vorher von ihm gemacht hatte. Man muß im Auge behalten, daß ich schon als Kind seine großen weltgeschichtlichen Taten erlebt hatte, und später häufig bewundernd an seinem Hause in der Wilhelmstraße vorübergegangen war. Sein Wesen verband eine gewisse ernste Sachlichkeit mit einem humorvollen Wohlwollen. Später traten die erzählten Ereignisse von 1887 und der Emin Pascha-Expedition ein, welche mich innerlich von Fürst Bismarck und seiner Familie trennten. Nach seiner Amtsentlassung hat er mich wiederholt, unter anderem auch durch meinen verstorbenen Freund von Kardorff, einladen lassen, ihn in Friedrichsruh zu besuchen. Aber ich dachte an meine Empfindungen von Witu und meine Märsche entlang dem Tana. Ich habe den großen Staatsmann nicht wiedergesehen.[91] 1 Amazon.de Widgets S. hierzu: »Die Gründung von Deutsch-Ostafrika.« Hamburg, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung 1906. »Wie Deutsch-Ostafrika entstand.« R. Voigtländers Verlag, Leipzig. »Die Deutsche Emin Pascha-Expedition.« R. Oldenbourg, München-Leipzig 1891. 2 Bei dieser Reise war Adolf von Tiedemann mein einziger weißer Begleiter, dessen vornehmer Loyalität und männlicher Tüchtigkeit ich auch in dieser Lebenserinnerung meine herzliche Anerkennung aussprechen möchte. 3 S. hierzu: Das Staatsarchiv, Bd. 52, S. 180. 4 Mein Zeuge für diese Erzählung ist u.a. heute noch der Freiherr von Pechmann, welcher zugegen war. 
 Der »Fall Peters« [93] Über's Niederträchtige Niemand sich beklage. Denn es ist das Mächtige, Was man dir auch sage. Goethe.[93]  Als ich im Sommer 1890 nach Bagamojo und Sansibar zurückkehrte, fand ich bei meinen Landsleuten gegen mich eine ganz andere Gesinnung, als bei meinem Ausmarsch im vergangenen Jahr. Nicht nur fand ich Glückwunschdepeschen aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch die Deutschen nahmen mich überall herzlich auf und ehrten mich durch Banketts und andere Feiern. Genau so war es in Deutschland selbst. Ich wurde häufig zum Kaiser befohlen, und gleich das erstemal eröffnete er mir, daß ich nunmehr in den deutschen Reichsdienst übertreten solle. Sicherlich war dies auch wohlwollend und gütig von ihm gemeint. Dann nahmen Herr von Caprivi und Herr von Marschall die Angelegenheit in die Hand, und ersterer teilte mir mit, daß man beabsichtige, mich zum Zivilgouverneur von Deutsch-Ostafrika zu machen, ich möge doch die Einzelheiten mit dem damaligen Kolonialdirektor Dr. Kayser besprechen. Damit waren wir glücklich wieder bei den Zuständen von 1888 angelangt, den Geheimräten der Wilhelmstraße. Kayser hatte sich schon seit 1887 als mein heimtückischster und verschlagenster Gegner herausgestellt. Er war damals im Früh-Herbst 1891 in Bad Tölz, und ich fuhr mit Karl von der Heydt zu einer Besprechung mit ihm dorthin. Er tat sehr überrascht, als ich ihm erzählte, was Herr von Caprivi mir gesagt hatte: »Was, ist er schon so weit gegangen?« Ich dachte, warum sollte er nicht einfach sagen, was er von mir will? Warum sollen wir alle arbeiten, als wenn[94] wir uns in Laufgräben gegeneinander anpirschten? Aber so war Dr. Kayser. Für ihn war das menschliche Leben eine Anzahl von Schlichen und Intrigen; offenes und wahrheitsliebendes Handeln lag ihm so fern, wie dem Fuchs das Boxen. Das mußte alles auf Schleichwegen und hinten herum betrieben werden. Im Gegensatz zu dem, was mir der Reichskanzler erzählt hatte, erfuhr ich nun, daß Herr von Soden zum Gouverneur bestimmt war, daß für meine Person also im Grunde gar kein Platz mehr in der Verwaltung sei. Ich brachte ferner heraus, daß Kayser aber nicht nur mich, sondern auch Wissmann und Emin Pascha Soden gewissermaßen aufhalsen sollte. Wir sollten alle nichts eigentlich zu sagen haben, aber doch in der Sodenschen Verwaltung »untergebracht« werden. Damit konnte im Grunde Herrn von Soden gar nicht gedient sein, welcher ein gerader und ehrlicher Mensch war, noch auch uns drei »Afrikanern«. Die Sache fing mit Unzufriedenheit und Mißtrauen auf allen Seiten an. Das gerade paßte dem Dr. Kayser, dem das Wohl und Wehe unserer Kolonien im Grunde völlig gleichgültig war. Er wollte Kolonialsekretär und Exzellenz, oder vielmehr er wollte seine Frau zur Exzellenz und hoffähig machen. Darum handelte es sich, alles andere war ganz gleichgültig. So klügelte er sich das System der »Reichskommissare zur Verfügung des Gouverneurs von Ostafrika« aus, eine echt Kaysersche Schöpfung. Diese Stellung wurde uns dreien angeboten, dem armen Soden wurde gewissermaßen die Rolle des Bärenbändigers zugeschoben. Es ist bekannt, daß Emin Pascha von Bukoba nach seiner alten Provinz am Oberen Nil zurückmarschierte, Wissmann gab eine ganz kurze Gastrolle in Daressalam und kehrte dann nach Kairo zurück, ich war der einzige von uns dreien, welcher in Tanga den ernsten Versuch machte, aus dem Zwitterwesen Kayserscher Schöpfung etwas Greifbares zu[95] gestalten. Ich wußte nicht, war ich nun Beamter Sodens oder unterstand ich unmittelbar der Kolonialabteilung in Berlin. Das war alles ganz absichtlich möglichst unklar und dunkel gehalten. Dr. Schroeder-Poggelow hatte mich schon im Januar 1892 gewarnt, als ich bei meinem Bruder in Nürnberg zum Besuch war, um mich dort zur Abwechslung einmal mit Herrn von Soden zu »besprechen«: »Nehmen Sie nur um Gottes willen die Ihnen angebotene Reichsstellung nicht an. Ich erfahre zuverlässig, man will Sie nur anstellen, um Sie sobald als möglich unter irgendeinem Vorwande wieder zu entlassen.« Es war der große Fehler meinerseits, daß ich mich überhaupt in diesen Irrgarten amtlicher Ränke begab, daß ich in die mir von Kayser gestellte Falle mit offenen Augen ging, daß ich das »Reichskommissariat zur Verfügung des Gouverneurs« annahm. Alles folgende hat sich logisch aus diesem Mißgriff entwickelt. Im Augenblick, wo ich mich auf diesen Hexentanz einließ, ist mein Schicksal in Deutschland ein für allemal entschieden gewesen. Ich war so töricht, nach Ostafrika abzureisen, ohne daß mein Tätigkeitskreis irgendwie bestimmt oder abgegrenzt gewesen wäre. Das alles sollte zwischen Herrn von Soden und mir in Tanga vereinbart werden. Ich ging also mit gebundenen Händen meinem Schicksal entgegen. Ich hatte unterwegs noch gehofft, man werde mir meinen Amtsbezirk bis zur Küste einschließlich Tanga und Pangani einräumen, etwa das Gebiet, welches ich selbst 1887 Hörnecke zugewiesen hatte. Schon am Tage meiner Ankunft wurde ich enttäuscht. Herr von Soden brachte meine Vollmacht fertig aus Daressalam mit. Da war von irgendwelchen Besprechungen oder Vereinbarungen gar nicht die Rede. Als mein Amtsbezirk wurde mir das Kilimandscharogebiet, neun Tagemärsche hinter der Küste, zugewiesen. »In diesem Fall bitte ich um meine sofortige Entlassung. Fern von der Küste glaube ich nichts für die Kolonie tun zu können.«[96] »Was, wollen Sie die neue Kolonialverwaltung in Deutsch-Ostafrika mit einem öffentlichen großen Krach anfangen?« Anstatt ihm ruhig darauf zu antworten: »Warum denn nicht? Ich habe doch persönlich gar kein größeres Interesse an Deutsch-Ostafrika als z.B. Sie und Kayser!« war ich schwach und sentimental genug, Ostafrika immer noch als meine eigene Schöpfung zu betrachten, obwohl ich längst mit Fußtritten daraus hinausgeworfen war, und bildete mir in der Tat ein, daß ein Skandal vermieden werden müsse. Ich sagte also: »Dann will ich zunächst einmal nach dem Kilimandscharo hinausmarschieren und sehen, ob ich da etwas tun kann.« Ich schrieb indes noch an demselben Abend an Direktor Kayser und wiederholte meine Bitte um Entbindung von meinem Amte. Ich schildere diese Vorgänge, welche bislang der Öffentlichkeit unbekannt gewesen sind, so genau, weil in ihnen alle Ursachen des »Falles Peters« schon gegeben waren. Wenn ich damals von Tanga nach Deutschland oder noch besser nach London gefahren wäre, würde mein Leben nicht nur einen klareren und ruhigeren, sondern auch einen erfolgreicheren Verlauf genommen haben. Hierzu fehlte es mir an der energischen Folgerichtigkeit, und dem habe ich die Tragik meines Daseins zu verdanken. Den eigentlichen »Fall Peters« in all seinen kleinlichen Einzelheiten will ich hier nicht noch einmal erzählen. Ich finde, er ist genug durch die deutsche Presse gezerrt und hat uns hinreichend auf der Erde geschadet. Nicht etwa durch die Eigenschaften, welche ich in ihm bekundet habe. Das waren genau dieselben, welche ich bei der Begründung von Deutsch-Ostafrika und bei der Durchführung der deutschen Emin Pascha-Expedition gezeigt hatte, und sie waren bekannt genug, als mich Deutschland zum Kilimandscharo schickte. Anstatt mich mit einer Tätigkeit in der Kolonie zu betrauen, schickte man mich aus ihr heraus und gab mir den Auftrag, das Kilimandscharogebiet der Kaiserlichen[97] Oberhoheit zu unterwerfen. Man gab mir umfassende Vollmacht, die oberste Gerichtsbarkeit, selbst das Recht über Leben und Tod. Man mußte mich von der Emin Pascha-Expedition her genügend kennen, um zu wissen, daß ich die deutsche Herrschaft in meinem neuen »Amtsgebiet« in Wirklichkeit und im Ernst einführen oder bei dem Versuch untergehen werde, daß es sich also dabei nicht etwa um eine sanfte Komödie handele. Amazon.de Widgets So zog ich also als, ich weiß nicht was, ins Innere von Afrika1. »Kaiserlicher Kommissar zur Verfügung des Gouverneurs!« Selbst über den Umfang meiner Berichterstattung war ich im unklaren. Niemand sagte mir, worüber ich berichten sollte und wie oft. Ich beschloß, um doch nicht einfach als Bezirkshauptmann der Kolonie zu amtieren, wenigstens einen abgetrennten Justizbezirk darzustellen, also über Gerichtsangelegenheiten nicht nach Daressalam zu berichten. Nur unnötige Kriegsführung war mir untersagt. Aber darum handelte es sich ja gerade, zu entscheiden, welche Kriegführung »nötig« oder »unnötig« sei. Der hätte doch geradezu für Dalldorf reif sein müssen, welcher zum Vergnügen im afrikanischen Dornengestrüpp hätte Krieg führen mögen, gewissermaßen aus einer angeborenen Neigung. Es war ganz klar, daß bei solcher Lage ein mißgünstiger Vorgesetzter mir in jedem Fall aus meiner Amtsführung einen Strick drehen konnte. Entweder ich war zu gewaltsam oder zu sanftmütig, zu unternehmend oder zu gleichgültig. Im Kilimandscharobezirk gab es 1891 etwa 120000 kriegerische, zum Teil ganz unabhängige Eingeborene. Dort sollte ich die deutsche Flagge emporziehen und die Kaiserliche Hoheit aufrichten! Das mache mir einmal jemand ohne Anwendung von Gewaltmaßregeln vor. »Aber Herr von Eltz, der vor mir am Kilimandscharo gewohnt hatte, war doch[98] ohne Zusammenstöße mit den Schwarzen ausgekommen!« Wie oft ist dieser gedankenlose Einwand nicht gegen mich erhoben! Herr von Eltz hatte sich eben auf das Sitzen in Moschi beschränkt. Mir aber war eine Kompagnie der Kaiserlichen Schutztruppe mitgegeben, damit ich das deutsche Ansehen am Berge energisch aufrichten könne! Wenn ich irgendwo in Afrika bloß wohnen will, sei es am Kilimandscharo, sei es am Baringo oder in Uganda, so habe ich keine Bedeckung nötig. Umgekehrt zwingt die Entfaltung einer soldatischen Macht einen Beamten zur Bekundung eines gewissen Einflusses, wenn er sich und seinen Auftraggeber nicht geradezu lächerlich machen will. Z.B. kann ich Unordnungen, ja Greueln zusehen, wenn ich allein bin; ruchlos wird das aber, wenn ich 150 Mann unter mir habe. Während ich kaum am Kilimandscharo mich eingerichtet hatte, kam dahin die Nachricht, daß Herr von Zelewski mit einem großen Teil der Schutztruppe in Uhehe in einen Hinterhalt gefallen und mit vielen seiner Offiziere umgekommen sei. Dies erfuhren meine Nachbarn, die Leute Malamias, Ende September 1891, und sehr bald bemerkten wir aufsässige Gelüste um den Berg. Bald kamen auch Nachrichten von aufständischen Regungen aus den verschiedenen Teilen des Schutzgebietes. Da über die Hälfte der mir zugewiesenen Kompagnie im Zusammenhang mit diesen Vorgängen an die Küste zurückbeordert wurde, so begann ich um die Sicherung unserer Stellung ernstlich besorgt zu werden. Man hat später, 1897 und 1907, in Deutschland durch Zeugenaussagen vor Gerichten untersuchen wollen, ob diese meine Sorge berechtigt gewesen sei oder nicht. Ich führte infolge derselben den Kriegszustand am Kilimandscharo ein. Da ich mich hiermit völlig innerhalb der Grenzen meiner Befugnisse befand, worum es sich allein handelte, hätten sich die Richter meiner Ansicht nach nicht die Mühe zu geben brauchen, zu untersuchen, ob meine Ansicht selbst richtig sei oder nicht. Ich glaube, einen ziemlich[99] nüchternen Blick für Verhältnisse zu haben, welche ich anschaulich sehe, und glaube auch noch aus der Rückerinnerung heraus, daß ich solchen am Kilimandscharo im Winter 1891/92 hatte2. Das Kriegsrecht dort führte in diesem Winter zweimal zur Vollstreckung von Todesurteilen an Negern. Beide Fälle standen nachgewiesenermaßen in gar keinem Zusammenhang und lagen auch zeitlich etwa ein halbes Jahr auseinander. Damals wünschten die britisch-ostafrikanischen Kreise noch einmal den Kilimandscharo, die Perle unseres ganzen ostafrikanischen Besitzes, für sich zu gewinnen. Sie wollten eine Eisenbahnlinie von Mombassa nach dem Viktoriasee bauen, welche sich auf den Kilimandscharo stützen sollte. Bei diesen Plänen war meine Person, der ich mich stets als den eifersüchtigsten Vorfechter deutscher Interessen in Ostafrika gezeigt hatte, den Engländern in jenen Gegenden im Wege. Ich mußte also beseitigt werden. Das war der erste Schritt zur Durchführung ihres Planes. Systematisch, wie sie in solchen Fällen immer vorzugehen pflegen, schmiedeten sie also eine Waffe, um meine Stellung zunächst in die Luft zu sprengen. Die beiden Hinrichtungen, von denen ich erzählt habe, die eines Negers und einer Negerin, welche[100] miteinander gar nichts zu tun hatten, wurden in eine einzige grelle Skandalangelegenheit verknüpft, und es wurde die Anschuldigung gegen mich von der englischen Mission in Moschi an das Gouvernement nach Daressalam geschickt, ich hätte willkürlich meinen Diener und eine Konkubine wegen geschlechtlicher Vergehungen aufhängen lassen. Trotzdem in einer amtlichen Untersuchung, welche der Gouverneur von Soden auf meinen Wunsch im Sommer 1892 hatte anstellen lassen, die völlige Haltlosigkeit dieser Behauptungen aktenmäßig festgestellt wurde, trotzdem ich daraufhin mit einer neuen Expedition zur Regelung der deutsch-britischen Grenze zwischen Umbamündung und dem Kilimandscharogebiet ins Innere entsendet wurde, wobei es mir gelang, das schöne Bergland gegen englische Ansprüche für uns zu sichern, waren meine eigenen Landsleute doch noch nicht zufriedengestellt. Es wäre doch zu schön gewesen, wenn sie durch einen so plumpen Versuch wie den von der englischen Mission unternommenen einen erfolgreichen und deshalb sehr unbequemen Mitbewerber hätten dauernd beseitigen können, als daß sie ihn ohne weiteres hätten aufgeben mögen. 1893, nach Beendigung der Grenzregulierung, wurde ich nach Deutschland zurückgerufen und nach einem mehrmonatigen Besuch der Vereinigten Staaten von Nordamerika dem Auswärtigen Amt in Berlin zugeteilt. Auch diesmal kam es dem Dr. Kayser augenscheinlich nicht darauf an, etwa meine Kraft und meine Erfahrung der deutschen Kolonialpolitik zuzuwenden, sondern, wie es schien, nur, mich zu neutralisieren, möglichst unschädlich zu machen. Von allen praktischen Entscheidungen, ja auch nur Beratungen über die Entwicklung von Deutsch-Ostafrika wurde ich sorgfältig getrennt. Dafür wurde ich mit der ehrenvollen und äußerst wichtigen Aufgabe betraut, ein Buch über das ostafrikanische Schutzgebiet zu schreiben. Ich erinnere mich noch eines Morgens zu Beginn 1894, als ich aus Versehen in den Konferenzsaal des Auswärtigen Amtes[101] geriet, wo die Herren der Kolonialabteilung unter dem Vorsitz des Dr. Kayser gerade tagten, um über den Bau einer Eisenbahn zum Kilimandscharo zu beraten. Ich hatte mich zufällig in diesen Gegenden ein bis zwei Jahre aufgehalten und hätte ihnen auf Wunsch sagen können, wie es dort wirklich aussah, da keiner von ihnen meines Wissens jemals im Innern von Afrika gewesen war. Ein tiefes Stillschweigen, solange ich mich im Saal aufhielt, erst als ich wieder draußen war, setzten sie ihre Beratungen fort. Wenn ich drin geblieben wäre, hätten die Herren ja gar nicht offen sprechen können. Ich kannte die Verhältnisse, und man wäre Gefahr gelaufen, sich vor mir lächerlich zu machen. So machte man Anfang 1894 in der Wilhelmstraße Kolonialpolitik! Ich gewann sehr bald den Eindruck, daß man mich im Grunde dort gar nicht wünschte. Ich wußte ihnen zu viel, man konnte sich vor mir ja gar nicht unbefangen über wichtige Fragen aussprechen! Man mußte befürchten, daß ich innerlich über sie lache! Im Mai 1894 ernannte mich der Kaiser zum etatsmäßigen Reichskommissar mit Pensionsberechtigung. Der verstorbene Generalfeldmarschall Graf von Moltke brachte mir persönlich die Urkunde in meine Wohnung in Berlin, v.d. Heydtstraße 1. In ihr war gesagt, der Kaiser ernenne mich in der Erwartung, daß ich fortfahren werde, meinen Amtspflichten auch fernerhin mit gleichem Eifer und gleicher Treue nachzukommen wie bisher. Wohl gemerkt, über meine Amtsführung 1891/92 am Kilimandscharo war dem Kaiser damals genauer Bericht erstattet, auch wurde ich während dieser ganzen Zeit regelmäßig zu Hofe eingeladen. Die Urkunde war von Caprivi gegengezeichnet. In ihr hatte ich also für meine ganze bisherige Tätigkeit eine Entlastung, wie sie sich deutlicher und feierlicher nach deutschem Recht nicht denken läßt. Im Februar 1895 wurde ich von den Mittelparteien als Kandidat für den Reichstag im Wahlkreis WitzenhausenEschwege-Schmalkalden[102] aufgestellt. Bei dieser Gelegenheit hatte ich auch gegen einen sozialdemokratischen Mitbewerber zu fechten. Wohl, um seinen Genossen im Wahlkampf gegen mich zu unterstützen, brachte der sozialdemokratische Abgeordnete von Vollmar im Reichstag den alten, längst erledigten Klatsch vom Kilimandscharo gegen mich zur Sprache, den ich persönlich schon fast vergessen hatte. Dies veranlaßte mich zum zweitenmal, das Auswärtige Amt um eine abermalige Untersuchung und Klarstellung des Falles zu bitten. Diese wurde mir auch zuteil, und nach ihrer völlig zufriedenstellenden Beendigung bot mir der damalige Reichskanzler, Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, die Landeshauptmannschaft am Tanganjika mit erhöhtem Gehalt und voller Gerichtsbarkeit an. Ich habe sie nicht angetreten, nicht, weil ich der Regierung ? etwa wegen irgendeines Makels vom Kilimandscharo her ? nicht gepaßt hätte, sondern weil ich diesmal nicht wieder ohne klare Vollmachten bis ins einzelne ins Innere von Afrika gehen mochte, welche man mir nicht geben wollte. Zum zweiten Male sollte ich gewissermaßen mit verbundenen Augen auf meinen Posten abgehen, und das lehnte ich ab. Ich bat nun im November 1895 um meine Entlassung aus dem Reichsdienst. Da ließ sich der Kolonialdirektor Kayser meinen Freund Dr. Otto Arendt an sein Bett kommen und mich durch diesen dringend bitten, doch meinen »Fuß im Steigbügel«, wie er sich ausdrückte, zu behalten und mein Gesuch um Abschied in eine Bitte um »Zur Dispositionsstellung« umzuwandeln. Man habe eine anderweitige Verwendung für mich vor. Ich ließ mich hierauf ein, und somit blieb ich ? worauf es wohl nur ankam ? auch fernerhin der Disziplinargewalt des Auswärtigen Amtes unterstellt3. Vom Herbst 1895 an hatte ich mich überzeugt, daß unsere Defensivstellung in Europa und über See eine Verstärkung[103] unserer Flotte dringend erheische; und vom Dezember an begann ich, für diesen Gedanken öffentlich zu werben. Wie bei meinem kolonialen Auftreten zu Anfang der achtziger Jahre wühlte ich dadurch einen wilden Haß der linken Parteien gegen mich auf. Man redete von den »uferlosen Flottenplänen von Dr. Peters« im Reichstage, und, wie in Deutschland üblich, kämpfte man nicht bloß sachlich, sondern mit persönlichen Schimpfereien und Verleumdungen in der feindlichen Presse. Ich brauche wohl heute kaum noch den Mann in der Straße zu fragen, wer 1895/96 im Recht gewesen ist mit seiner Auffassung von den Aufgaben der deutschen Flotte, ob ich oder die vielen »großen Politiker«, welche gegen mich anschrien. Indes machte meine Bewegung Fortschritte. Unter anderem gelang es mir, die deutsche Kolonialgesellschaft für den Gedanken zu erwärmen und zum Eintreten für denselben zu gewinnen. Der Vorsitzende der Abteilung Berlin der Kolonialgesellschaft war damals der Prinz Arenberg, der bekannte Zentrumsabgeordnete. Trotzdem der Hauptvorstand beschlossen hatte, meine Bewegung zu unterstützen, Prinz Arenberg also nach Recht und Sitte gebunden war, dies auch zu tun, trat er dennoch in verschiedenen Versammlungen öffentlich gegen mich auf und bekämpfte den Gedanken der Flottenvermehrung. Im Februar 1896 war sein Amtsjahr als Vorsitzender abgelaufen, und er stellte sich in der Abteilung Berlin zur Wiederwahl, was eigentlich eine bloß formelle Angelegenheit war. Aber hier trat ich ihm wegen seiner Stellungnahme zur Flottenbewegung entgegen und stellte mich selbst zur Wahl. Ein heftiges Wortgefecht erhob sich, und dann kam die Abstimmung. Für mich waren 73 und für Prinz Arenberg nur 52 Wahlzettel abgegeben, ich war also gewählt. Nun hatte die Pauke ein Loch. Durch die Behandlung Arenbergs fühlte sich das ganze Zentrum im Reichstag beleidigt. Die sämtlichen linken Parteien schrien nach Rache. Jetzt glaubte auch Direktor Kayser mit seinen Hintermännern[104] die Zeit gekommen, um einen vernichtenden Hieb gegen mich wagen zu können. Am 13. März fing die ganze Meute im Lande und im Reichstag gegen mich an zu kläffen. Zum drittenmal wurden die »Greueltaten« vom Kilimandscharo, da man keine andere Handhabe gegen mich hatte, aus dem Jahre 1891 herangeholt. Und zwar in englischer Verbrämung. Der Deutsche Reichstag schämte sich nicht, englische, amtlich zweimal widerlegte Lügen von neuem aufzutischen und in dreitägiger Redeschlacht dem gruselnden Philister im Lande vorzuführen. Ich will mich bei der Erinnerung an diese elende Intrige nicht weiter erregen. Sie liegt hinter mir und hat auch in ihren Folgen heute weiter keine Bedeutung mehr. Herrn Bebel wurde das ganze Belastungsmaterial in die Hand gespielt, und in seiner kritiklosen Art untersuchte er gar nicht, wie weit dasselbe begründet sei, sondern legte einfach los. Den weiteren Gang der Angelegenheit leitete Freiherr Marschall von Bieberstein, der damalige Staatssekretär des Äußern, dem ich formell noch unterstand. Die Herren Kayser, Hellwig und ihresgleichen waren in diesem Fall wirklich nur vorgeschobene Statisten, und ich glaube es sehr wohl, daß z.B. Kayser die ihm zugeschobene Rolle nur sehr ungern spielte. Von meinen Freunden traten Graf Arnim-Muskau, Graf Mirbach-Sorquitten, Graf Schwerin, Graf von Limburg-Stirum u.a. wacker für mich ein. Rudolf von Bennigsen riet dem Reichstag, wenigstens mit seinem Urteil zurückzuhalten, bis die Anschuldigungen des Herrn Bebel auf ihren Tatbestand geprüft seien. Herr Bebel hat bis zu seinem Totenbett niemals den Hintermann für seine Verleumdungen genannt. Im Reichstag, auf Befragen von Dr. Otto Arendt, hat er später nur geäußert, das Material sei ihm von einer hochstehenden Persönlichkeit zugestellt worden. Ob dies Herr von Marschall selbst war oder ein Mittelsmann, kann ich nicht sagen. Insbesondere hatte Herr Bebel schon am 13. März öffentlich[105] erklärt, ich hätte einen Brief an einen gewissen Bischof Tucker geschrieben, in welchem ich zugegeben habe, die mir unterschobenen Schandtaten begangen zu haben, mich indes entschuldige, ich sei mit dem gehenkten schwarzen Weibe nach arabischem Gesetz verheiratet gewesen, habe also das Recht gehabt, sie und ihren Geliebten aufzuhängen. Dieser Brief sei in einer Londoner Missionszeitschrift abgedruckt und könne von ihm leicht beschafft werden. Diese Behauptung war um so täppischer, als ihre Unwahrheit schnell zu erweisen war. Von einem Bischof Tucker hatte ich bis damals überhaupt noch nichts gehört, geschweige denn mir einem solchen Briefe gewechselt. Auch hat derselbe bei seiner späteren Vernehmung eidlich bekundet, daß er mich gar nicht kenne und nie einen Brief von mir erhalten habe. Bebel selbst hat schließlich, ich glaube 1899, öffentlich im Reichstage ausgesagt, daß er mit seinen Anschuldigungen gegen mich »hereingefallen« sei, daß dieselben unwahr seien. Amazon.de Widgets Daß der Deutsche Reichstag sich auf eine völlig aus der Luft gegriffene Lüge hin in lauten Deklamationen erging, zeugt von seiner großen staatsmännischen Würde und wird ihm wohl für alle Zeiten zur Schande für Mit- und Nachwelt gereichen. Die Herren wissen gar nicht, wie lächerlich sie sich damit auf der ganzen Erde gemacht haben. Der deutschen Regierung aber kann man nicht den Vorwurf der Leichtgläubigkeit, sondern muß man den der Bosheit machen, wenn sie am 14. März 1896 öffentlich durch Direktor Kayser im Reichstag erklären ließ, alle Anschuldigungen gegen mich seien bereits wiederholt amtlich untersucht und als unbegründet befunden worden, nur die von Herrn Bebel gemeldete Tatsache, daß ich einen Brief bezeichneter Art an Bischof Tucker geschrieben habe, sei für sie neu, und sie werde den Ausgangspunkt einer nochmaligen Untersuchung gegen mich, also der dritten, bilden. So sprach nicht der »Gentleman«, sondern das hatte sich der ehemalige Staatsanwalt Herr von Marschall ausgeklügelt, und diese Kennzeichnung[106] trägt auch die ganze folgende Untersuchung an sich, ja, die Behandlung des ganzen »Falles Peters« bis zum heutigen Tage. Wie das Ausland von vornherein über diesen »Fall Peters« gedacht hat, erfuhr ich bereits am Montag, dem 16. März 1896, als ein amerikanischer Freund in meine Wohnung zu mir kam und mir zu der ungeheuren Reklame Glück wünschte, welche ich im Deutschen Reichstag erfahren habe. Ein anderer Yankee sagte zu etwa gleicher Zeit zu einem Freunde von mir in New York: »That must have cost Dr. Peters a lot of money to keep the pot boiling for three days!« (»Das muß Dr. Peters einen Haufen Geld gekostet haben, den Topf drei Tage lang im Kochen zu halten!«) Er meinte, ich hätte den ganzen Deutschen Reichstag bestochen, damit er drei Tage lang sich mit mir beschäftige. Eine ähnliche Auffassung habe ich später in England, Frankreich, Italien, kurz in allen Ländern gefunden, wohin ich gekommen bin. Nichts hat meines Wissens das Ansehen des Reiches, ja des ganzen deutschen Volkes auf der Erde so herabgemindert, wie diese Ereiferungsszene gegen einen Einzelnen, der sich nicht einmal verteidigen konnte, drei Tage hindurch. Um diesen Stempel der Sache so recht hervortreten zu lassen, verbot mir die deutsche Regierung schon am 15. März 1896 durch Erlaß des Reichskanzlers, mich gegen die Flut von Lügen, Beschimpfungen und Verleumdungen, denen ich in der Presse wehrlos ausgesetzt war, öffentlich zu äußern. Man schien die Niedrigkeit und Unritterlichkeit deutscher Gesinnung so recht deutlich vor aller Welt abheben zu wollen. Das ist den Herren auch gelungen, und noch in diesem Weltkrieg fühlen wir die Rückwirkung ihres Benehmens. Daß dieses Geschimpfe von allen Seiten, diese Gesinnung, welche meine Landsleute bewiesen, mein eigenes Selbstbewußtsein nicht eigentlich beirren konnte, liegt auf der Hand. Die Monate, welche den Lärmszenen im Deutschen[107] Reichstag folgten, gehören zu den glücklichsten meines ganzen Aufenthaltes in Deutschland. Ich hatte solche Niedrigkeit bei diesem Volke nicht erwartet, aber gerade das Übermaß machte meine Seele gewissermaßen immun gegen ihre Wirkung. Ich hatte ihnen immerhin ein Gebiet, doppelt so groß wie das Deutsche Reich erworben. Sie hatten das angenommen. Wenn sie darauf mit Gemeinheiten antworten wollten, so war das schließlich ihre eigene Sache, nicht meine. Ich fühlte mich auch gar nicht »unmöglich« in Deutschland. Denn noch so viele Schimpfereien und Verleumdungen können schließlich nicht eine einzige Tatsache in dieser Welt entstehen oder vergehen lassen, und ich war nach dem 16. März 1896 durchaus kein anderer als vor dem 13ten. Aber umgekehrt, ich hatte diese Gesellschaft jetzt satt. Sie waren für mich »unmöglich« geworden, und ich sehnte mich danach, endlich einmal in einer reinen Luft zu leben. Deshalb fuhr ich im Juli 1896 nach London zurück und tat das, was ich schon 1892 hätte tun sollen, sobald ich wahrnahm, daß man in der Wilhelmstraße nicht etwa eine ehrliche Mitarbeit haben, sondern mich durch allerhand Schliche und Gaunereien zum Hanswurst machen wollte. Ich habe dadurch, daß ich bis zum Juli 1896 wartete, fünf weitere Jahre meines Lebens verloren, freilich auch manches gelernt. Der weitere Gang und Schluß des »Falles Peters« ist bekannt. Ich hatte meine Kiste, welche mein gesamtes Verteidigungsmaterial, unter andern die Briefe des Geheimrats Kayser, Herrn von Bülows, Bronsart von Schellendorffs enthielt, bei dem Bankhaus von der Heydt & Co. in der Behrenstraße in Berlin eingestellt. Diese Kiste ersuchte ich die Firma Anfang Oktober 1896 mir, hoch versichert, an meine Londoner Adresse zu schicken. Vom Lehrter Bahnhof, wohin sie zur Überführung nach London geschickt war, verschwand sie und wurde einige Tage später erbrochen unter einem Torbogen der Wilhelmstraße wieder aufgefunden. Das gesamte Verteidigungsmaterial, welches sie enthalten[108] hatte, war daraus verschwunden, während die Wertpapiere darin geblieben waren. Erst dann, im April 1897, eröffnete Herr von Marschall das Disziplinarverfahren gegen mich. Man hat in Deutschland den Brustton der Biederkeit gegenüber der Dreyfuß-Angelegenheit in Paris angeschlagen. Ich rate meinen Landsleuten, einmal ehrlich den »Peters-Fall« mit der Dreyfuß-Angelegenheit in seinen Einzelheiten zu vergleichen, um festzustellen, auf welcher Seite die größere Gemeinheit vorhanden ist. Der »Peters-Fall« fing mit dem gefälschten Tuckerbrief an, und sein Gerichtsverfahren wurde durch den Diebstahl einer Aktenkiste eröffnet. Zum Überfluß war ich der Begründer der größten deutschen Kolonie, während Dreyfuß ein einfacher Hauptmann in der französischen Linie war. Ich weiß nicht, ob seine Brutalisierung an die Roheit meiner eigenen Behandlung heranreicht. Jedenfalls ist Hauptmann Dreyfuß, als durch ein objektives Gerichtsverfahren festgestellt war, daß man ihn des zur Last gelegten Aktendiebstahls nicht überführen konnte, in aller Form und mit allen Ehren in seine alte Dienststellung wieder eingeführt, während ich, nachdem ich von 1907 bis 1909 durch eine Reihe von Prozessen den Nachweis erbracht hatte, daß alle die Anschuldigungen, welche gegen mich aufgestellt waren, unwahr seien, bis auf den heutigen Tag keinerlei formelle Genugtuung erhalten habe. Noch immer besteht das Disziplinarurteil vom 15. November 1897! Wer sich für den Fortgang und den Abschluß des Disziplinarverfahrens gegen mich interessiert, den verweise ich auf Dr. Julius Scharlach: »Zur Verteidigung von Dr. Carl Peters« (Berlin 1898, Hermann Walther), »Bebel oder Peters« von Wilhelm von Kardorff (Hamburg 1907, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung), Dr. Wilhelm Rosenthals Schrift: »Die Disziplinarurteile gegen den Reichskommissar a. D. Dr Carl Peters« (Hamburg 1907, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung), Fritz Behns vorzüglichen Aufsatz »Carl Peters. Ein deutsches[109] Schicksal« in Nr. 7 der »Süddeutschen Monatshefte« von 1917 (17. April 1917), und mein: »Mißbrauch der Amtsgewalt« (Berlin 1897, Walther und Apolant). Außerdem kommen meine Aufsätze über diese Angelegenheit in meinem Buch »Zur Weltpolitik« S. 350?383 in Betracht (»Ein Zwischenfall in der deutschen Kolonialpolitik«). Es ist kaum nötig, die Einzelheiten hier noch einmal aufzuführen. Das Ergebnis war, daß ich wegen »Mißbrauch der Amtsgewalt« aus dem Reichsdienst entlassen wurde im April und November 1897. Im Kampf für eine der Gerechtigkeit entsprechende Genugtuung hat sich besonders der Reichstagsabgeordnete Dr. Otto Arendt bemüht, welcher immer und immer wieder auf die groben Rechtsverletzungen hingewiesen hat, welche bei dem Verfahren gegen mich vorgekommen sind. Auch der verstorbene Herr von Kardorff hat nichts unversucht gelassen, mir Gerechtigkeit in Deutschland zu verschaffen. Noch seine letzte Reichstags-Rede im Dezember 1906 beschäftigte sich mit meiner Person. Dabei sagte er etwa: »Die Schamröte tritt mir ins Gesicht, wenn ich an die Behandlung denke, welche wir Dr. Carl Peters in diesem Hause haben zuteil werden lassen.« Der Deutsche Kaiser gab mir 1905 auf dem Gnadenwege meinen Titel als Reichskommissar a. D. und Anfang 1914 die mir zustehende Pension als Beamter wieder. Auch sonst muß ich dankbar anerkennen, daß ein engerer und weiterer Kreis von Freunden in den ganzen Jahren seit 1896 treu zu mir gestanden und mich durch seine Teilnahme unterstützt hat, sowohl in der Presse, wie im vertrauten Kreise. Von 1913 ab wurde von einer Gruppe meiner Freunde für ein Denkmal gesammelt, welches man mir an dem Eingang des Hafens von Daressalam setzen wollte. Dies ist vom Bildhauer Karl Möbius in 11/2 facher Lebensgröße in künstlerischer Vollendung hergestellt und ging mit dem Dampfer der deutschen Ostafrikalinie »Feldmarschall« unmittelbar vor Ausbruch des Weltkrieges an seinen Bestimmungsort ab.[110] Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Das Modell steht noch in Berlin. Ich habe häufig darüber nachgedacht, wie weit die Schuld an meiner eigenartigen Laufbahn in Deutschland bei mir selbst zu suchen ist. Sicherlich hat mir mein temperamentvolles und offenes Wesen manchen Gegner zugezogen. In den Formen, glaube ich, habe ich meine Mitmenschen selten verletzt. Dafür war die Ilfelder und die englische Erziehung schließlich maßgebend. Vor allem ist es stets ein Erfordernis meines persönlichen Stolzes gewesen, in meiner Dienststellung unbedingt die Schranken des einmal übernommenen Gehorsams einzuhalten. Aber ich glaube, daß meine angeborenen Eigenschaften, welche auf der anderen Seite die Grundlage aller meiner Erfolge gewesen sind, vor allem mein Trotz und die Heftigkeit meines Wollens meinem Einleben in die deutschen Verhältnisse im Wege gestanden haben. Daß die Leichtigkeit, mit welcher ich mir von je über Schwierigkeiten weggeholfen habe oder unerquickliche Lagen auf mich nahm, mir viel Neid in meiner Umgebung einbringen mußte, ist mir stets klar gewesen. Meine bittersten Feinde sind häufig die Mitstreber in der Kolonialpolitik gewesen, die vielen Geister, welche im Grunde dieselben Ziele verfolgten, wie ich selbst. Aber, um diesen Neid und den daraus folgenden Haß zu vermeiden, hätte ich schließlich meine ganze Natur und damit meine eigentlichste Lebenstätigkeit aufgeben müssen. Der ließ sich also schlechterdings nicht umgehn. Im allgemeinen habe ich auch heute noch in der Erinnerung das Bewußtsein, daß ich mich im wesentlichen stets in der Abwehr befunden habe. Wenn ich in Kampf mit einzelnen und ganzen Einrichtungen geraten bin, so ist das daher gekommen, weil ich nicht Ehrfurcht und Achtung heucheln wollte, wo ich sie nicht fühlte, und weil mir oft Schein und Formen, welche andern Deutschen ungeheuer wichtig dünken, eben wirklich keinen Eindruck machen konnten.[111] Alle solche nachträglichen Betrachtungen haben nicht den geringsten praktischen Zweck. Könnte ich meinen Lebenslauf noch einmal einrichten, würde ich vielleicht manche Klippe des hinter mir liegenden vermeiden. Aber ich nehme nicht an, daß ich noch einmal als Sohn eines norddeutschen Pastors wieder auf die Welt kommen werde. Die nutzloseste Kraftvergeudung ist die Reue über Dinge, welche nicht mehr geändert werden können. Wie die Sache verlief, wurde ich mit einundvierzig Jahren von meinem eigentlichen Lebenswerk getrennt. Dies ist ein Alter, in welchem manche Menschen ihre Haupttätigkeit erst vor sich haben. Ich liebte mein Lebenswerk, Deutsch-Ostafrika, leidenschaftlich, und würde sicherlich noch manches zu seiner gesunden Entwicklung haben beitragen können. Denn ich kenne die Gesetze des kolonialen Lebens und kolonialpolitischer Verwaltung. Aber es mußte alles so kommen, wie es gekommen ist. Wenn mich irgend etwas über das Elend irdischer Entwicklungen trösten kann, so ist es die feste Überzeugung von der vollen Notwendigkeit alles Geschehens. Die menschlichen Willensäußerungen sind ebenso notwendig bedingt, wie jeder andere Vorgang in der Natur, und uns bleibt nur übrig, den Schicksalsschlägen, wie sie auch sein mögen, Gleichmut der Seele und den Stolz des Ausharrens gegenüberzusetzen.[112] 1 Amazon.de Widgets Bei meiner Kilimandscharo-Tätigkeit war der Freiherr von Pechmann ein ehrlicher und offener Mensch, die eigentliche Vertrauensperson für meine Pläne. 2 Die Frage, ob die Lage am Kilimandscharo im Winter 1891?92 bedroht gewesen sei, ist eine wirkliche »querelle allemande«. Die Tatsache, daß Herr von Bülow, mein Nachfolger, dem ich sofort nach meinem Eintreffen an der Küste eine weitere Kompagnie der Schutztruppe als Verstärkung zugeschickt hatte, mit Leutnant Wolfrum, mehreren Weißen und einem großen Teil seiner Schwarzen im Juni 1892 von den Wamoschi niedergemacht wurde, genügt doch wohl, um die Gesinnung der Eingeborenen hinreichend zu kennzeichnen. Es ist einfach lächerlich, wenn ein Berliner Gerichtshof da vier Jahre später bei allen möglichen »Sachverständigen«, welche von den Verhältnissen am Kilimandscharo etwa so viel kannten, wie mein Hund von den Kanälen des Mars, und von dem selbst auch nicht ein einziger in Afrika gewesen war, durch Umfrage feststellen wollte, ob es 1891?92 am Kilimandscharo gefährlich oder gemuetlich gewesen sei. So etwa wird sich ein Disziplinarverfahren in Schöppenstedt abgespielt haben. 3 Siehe hierzu »Ein Meineid« von Dr. Otto Arendt. Hamburg, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung 1907. 
 Mein zweiter Aufenthalt in England [113] Volk und Knecht und Überwinder, Sie gestehn zu jeder Zeit, Höchstes Glück der Erdenkinder Sei nur die Persönlichkeit. Goethe.[113]  So war ich denn im Juli 1896 plötzlich an den Strand der Themse zurückgeworfen. Ich kam mir vor wie im Traum. Es erschien mir, als sei ich von einem stürmisch bewegten Meer in einen stillen und friedlichen Hafen eingelaufen. Als ich am Morgen nach meiner Ankunft in London durch Haymarket ging, mir so wohl erinnerlich aus früheren Jahren, fragte ich mich, ob im Hinblick auf mein persönliches Wohl und Wehe dieses ganze Zwischenspiel der Begründung Deutsch-Ostafrikas, mit dem »Falle Peters« im Anschluß, für mich vorteilhaft gewesen sei oder nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich meine Landsleute ihren eigenen überseeischen Aufgaben überlassen hätte. Ich ließ diese Frage an jenem Morgen unbeantwortet. Jedenfalls knüpfte mein Empfinden und mein Erinnern sehr bald an den Herbst 1883 an, meine deutsche Wirksamkeit wurde zum Zwischenfall. Vor allem fühlte ich mich im Juli 1896 von Deutschland frei. Verpflichtungen gegen dieses Land hatte ich nicht mehr. Nachdem Regierung und das Volk, von oben bis unten, als Antwort auf die Begründung Deutsch-Ostafrikas und für die Nervenkraft, welche ich nur aus Nationalgefühl, ohne jeden Dank, ohne jeden Lohn für seinen Dienst umsonst eingesetzt hatte, mich geschmäht, verhöhnt, beschimpft, auf mir herumgetrampelt hatten, rieten mir auch wohlwollende und sehr ruhige Freunde, den Staub des Vaterlandes endgültig abzuschütteln, und mit dem, was ich war und hatte, in das stammverwandte Engländertum einzugehen,[114] welches mir seine Arme weit öffnete. Jeder Hanswurst zwischen Alpen und Nordsee, unter dem brüllenden Beifall aller Bierphilister, hielt es 1896 für besonders heldenhaft, mir seinen Eselstritt zu versetzen. Dem Deutschen Reich aber konnte es völlig gleichgültig sein, ob ich von nun ab für das britische Reich oder die Botokuden wirkte, oder zu welchem Staatswesen ich mich bekannte, nachdem meine Arbeitskraft für seine eigenen Interessen praktisch bereits 1891 ausgeschalten war und formell 1895. Wer hätte es mir verargen können, wenn ich mich für fernere Zusammengehörigkeit bedankt hätte? Ich möchte wissen, welcher Deutsche in meiner Lage es nicht getan haben würde! Aber was meine Gefühle gegen Deutschland und die Deutschen damals auch sein mochten, ich hielt es auch jetzt noch für anständig, nicht zu vergessen, daß ich aus diesem Volk hervorgegangen sei, daß ich also zu ihm gehöre und auch weiter zu ihm gehören müsse, bis einmal der Tod mir die Freiheit der Selbstbestimmung unter den Völkern der Erde zurückgeben werde. Man wird diesen Gedanken vielleicht nicht verstehen. Ich war Schopenhauerianer und glaubte demnach an die Erscheinungswelt einerseits, mit den zeitlichen Vorgängen in und um uns, und dem wirklichen Sein anderseits mit dem Ding an sich, und daß auch das wahre Wesen meines eigenen Ich diesem angehört, demnach unberührt über den Tod hinüberreicht. Auch hatte ich einen großen Kreis von persönlichen Freunden und Verwandten in Deutschland, welche selbst in jener Zeit treu zu mir hielten. Einstweilen blieben meine Beziehungen zu meiner Heimat erhalten durch die unerquicklichen Vorgänge im Disziplinarverfahren gegen mich. Ich mußte mehrmals zu Vernehmungen aufs Auswärtige Amt nach Berlin. Ich mußte meinen Berliner Haushalt auflösen, meine Sachen verkaufen, meine Geldmittel nach London ziehen. Ich mußte mich umgekehrt in London einrichten und dort auch gesellschaftlich[115] Fuß fassen. Dabei bemerkte ich sehr bald, daß der Vernichtungshieb, den meine deutschen Feinde gegen mich getan zu haben glaubten, in Wirklichkeit ein Schlag ins Wasser gewesen war. Sie konnten mich einfach deshalb nicht treffen, weil das, was ich getan hatte, besonders die deutsche Emin Pascha-Expedition, international bekannt, demnach durch die Haltung eines einzelnen Volkes nicht aus der Welt zu schaffen war. Die öffentliche Meinung in Großbritannien war durch den Lärm des »Falles Peters« überhaupt nicht berührt, oder höchstens insoweit, als die allgemeine Geringschätzung gegenüber dem Begriff »german« bei den gebildeten Klassen vielleicht etwas vertieft war. Für mich und meine Stellung blieb vor allem die deutsche Emin Pascha-Expedition entscheidend. Zu meinem Erstaunen kannte man sie auch bis in die unteren Teile des Volkes, man kam mir von allen Seiten mit Achtung, ja mit besonderer Aufmerksamkeit entgegen. Klubs boten mir freiwillig ihre Mitgliedschaft an, Körperschaften veranstalteten mir zu Ehren Festessen und Bierabende, die beste Londoner Gesellschaft beeilte sich mit Besuchen und Einladungen. Es kam vor, daß der Besitzer eines Ladens, in dem ich vielleicht einige Kleinigkeiten gekauft hatte, wenn ich Namen und Adresse angab, mir sagte: »a very well known name, Sir!« (Ein sehr bekannter Name, Herr). Ich brauchte nur jede deutsche Zeitung abzubestellen, auch meine deutschen Freunde zu bitten, mir nicht die geringsten deutschen Zeitungsnotizen zu schicken, aus allen deutschen Klubs und Vereinen auszutreten ? was alles sofort geschah ?, um sehr bald fast zu vergessen, daß es ein Land wie Deutschland überhaupt gebe. Jedenfalls ragte es über den Horizont meines Denkens kaum viel höher als China oder Argentinien. Man macht sich in Deutschland keine Vorstellung, wie vollkommen gleichgültig es um 1897 den Briten auf der ganzen Erde war. Ich bin in London zuweilen im vollen Ernst von gebildeten[116] Engländern gefragt worden, ob Deutschland ein Badeort sei. So sehr im Vordergrunde alles Denkens und Fühlens an der Themse stehen England und die Engländer; so völlig schalten sie jedes theoretische Interesse an anderen aus. Erst durch den deutschen Burenrummel 1901/1902 ist das Bestehen des Deutschen Reiches in England gewissermaßen entdeckt worden. Man kann sich denken, wie völlig gleichgültig es 1896 in London war, was man in Deutschland dachte, sagte oder schrieb; danach krähte drüben weder Hund noch Hahn. Bis mein Disziplinarverfahren in Deutschland beendigt war, bis ich also auch äußerlich Ruhe hatte, führte ich in England mehr ein Reiseleben. Ich hielt mich in den Sommermonaten 1896 meistens in Eastbourne auf, im Sommer 1897 auf der Insel Yersey, im Winter dazwischen meistens in Tunbridge Wells. Nachher nahm ich mir ein Flat (abgeschlossene Wohnung) in Park Lane, von 1902 ab ein Flat in Buckingham Gate; hernach, als ich verheiratet war, ein Haus in Castelnau (Barnes). Jahrelang habe ich kein Wort deutsch gesprochen, zwar nicht ich, wohl aber die Engländer, mit denen ich zu tun hatte, vergaßen oft ganz, daß ich Deutscher war. Amazon.de Widgets Bald nach meiner Ankunft in London fing ich an, mich nach einem neuen Wirkungskreis umzutun. Ich hatte nicht die Absicht, in englische Dienste zu treten, weil dies vorausgesetzt haben würde, daß ich englischer Untertan würde. Ich lehnte deshalb Anerbietungen, welche mir von Rhodesscher Seite und auch amtlich mittelbar gemacht wurden, ab. Man legte mir nahe, wenngleich nur mündlich und mittelbar, Gouverneur von Uganda zu werden. Die mannigfaltigen Behauptungen deutscher Zeitungen:Dr. Carl Peters, welcher bekanntlich im englischen Solde steht«, gehörten demnach in dasselbe Gebiet der Lüge, wie so manche andere Verleumdung über meine Person. Ich habe sie damals überhaupt nicht gelesen, weil mich die öffentliche Meinung[117] in Deutschland nicht mehr interessierte. Aber Verwandten von mir in Deutschland sind sie zu Gesicht gekommen. Ich hatte im Jahre 1895 in der Bibliothek eines Freundes von mir in Blumenthal an der Weser eine alte Karte von Mittel- und Südafrika aus dem Jahre 1705 gefunden. Diese Karte hatte ich damals veröffentlicht und gleich darauf eine Studie »Das goldene Ophir Salomos« geschrieben. Auf der Karte waren neben anderem die portugiesischen Goldmärkte des 16. und 17. Jahrhunderts deutlich aufgeführt. Ich ging jetzt daran, diese Aufzeichnungen zum Gegenstand einer genaueren Untersuchung zu machen und die Plätze in den Sambesigebieten selbst aufzusuchen. Dazu gründete ich die »Dr. Carl Peters' Estates and Exploration Co.«, eine Gesellschaft wie so viele andere in englischen Formen und mit Pfundaktien, aber mit vorwiegend deutschem Gelde. Ich trat auch nicht in deren »Sold«, wie die deutschen Zeitungen logen, sondern wurde ihr Vorsitzender und später der Führer ihrer Expeditionen in die Gebiete zwischen Sambesi und Sabi. Ich muß über alle Einzelheiten dieser Reisen, besonders der ersten, auf mein Buch »Im Goldland des Altertums« (Lehmann, München 1902), verweisen, welches ich gleichzeitig als »The Eldorado of the ancients« auf englisch schrieb und erscheinen ließ. Ich lenkte damit in die Bahnen der eigentlichen Afrikaforschung über, und in der Tat, solche war angenehmer als das Seiltanzen im Marschallschen Intrigenspiel der deutschen Kolonialpolitik. Mein Leben hatte damit auf einmal wieder einen großen und würdigen Inhalt. Ich richtete mir in Leadenhallstreet, E. C. ein »Office« (Büro) ein, welches ich einem zuverlässigen Sekretär unterordnete, und reiste selbst im Januar 1899 zunächst nach dem Sambesi ab, um meine Forschungen zu beginnen. Vorher gaben mir noch etwa 180 Engländer, zum Teil aus vornehmen und leitenden Kreisen, im Hotel Cecil ein Abschiedsessen. Ich will an dieser Stelle nur kurz zusammenfassen, daß[118] ich im ganzen sechs Forschungsreisen im Hinterland von Chinde und Sofala geleitet, und dabei festgestellt habe, daß dort ganz untrügliche Merkmale für das alttestamentliche Goldland Ophir vorhanden sind. Ophir, in seiner südarabischen Form Asir, war das lateinische aler, aus welchem nachweislich das Wort »terra africa« und unser Name »Afrika« entstanden ist1.[119] Ich habe schon früher darauf hingewiesen, daß man für die Lösung der Ophirfrage ein wirkliches geographisches Minen- und Ruinenland irgendwo auf der Erde nachweisen muß und sich nicht auf bloße philologische Tüfteleien und Namensklänge vom Studiertisch in Europa aus beschränken darf. Man muß Ophir also nicht von seinem Sofa aus erraten, sondern als geographischer Forscher entdecken, es durch Bauten und archäologische Funde nachweisen, nicht aber glauben, es nach Art von Karl Ritter, Alexander v. Humboldt u.a. rein theoretisch erschließen zu können. (Siehe hierzu auch meine abschließende kleine Schrift »Ophir nach den letzten Forschungen«, Berlin 1908.) Ich bin demnach, bestimmter gesagt, der Meinung, daß Sofala oder Sofara in Südostafrika mit seinem Hinterland, insbesondere Manica-Maschona- und Matabeleland, das Salomonische Ophir der Bibel gewesen ist. Seine Ruinenmasse mit seinen vielen Tausenden von alten Minen liegen noch heute als Urkunden der alten jüdisch-phönikischen Tätigkeit um die Gebiete vom Sabi und Sambesi da. Es war eine wunderbare Zeit von Träumen, Arbeiten und Nachgrübeln, welche ich zu Beginn dieses Jahrhunderts verlebte. Ich wohnte abwechselnd in England, abwechselnd in Südafrika, welches ich vom Tafelberg nordwärts bis zum Sambesi erforschte. Niemals in meinem reiferen Leben bin ich glücklicher gewesen. In London stand mir die beste Gesellschaft in allen ihren Schichten offen. Um auch politisch über den Gang der großen Ereignisse eine klare Anschauung zu gewinnen, schloß ich mich der Primrose league (Primelliga) an, welche mich in Verbindung mit einer Reihe der besten politischen Köpfe des Landes brachte. Die Primrose league ist die Organisation der Konservativen Partei Englands, und durch sie lernte ich nicht nur die staatsmännischen Köpfe kennen, welche sich in der sogenannten Season, von Mai bis August, in London drängten, u.a. den Marquis[120] von Salisbury, Mr. Balfour, die Cecils, sondern ich kam auch in wiederholte Berührungen mit Mr. Gladstone, Sir Donald Currie, dem Herzog von Marlborough, meinem »Vetter« Mr. Chamberlain, Sir Edward Grey, Lady Randolph Churchill, der Herzogin von Sutherland und anderen, mit wem ich wollte. Das Gefühl, daß ich nicht ein Engländer sei, verlor sich allmählich, und somit wurde ich vertraut mit allen englischen Anschauungen und britischen Empfindungen. Ich lernte die Politik und die Bewegungen dieses Landes verstehen und erfuhr von ihren Hoffnungen, Sorgen und innersten Willenseinrichtungen. Ich hatte auf der andern Seite auch mit den leitenden Köpfen in Südafrika zu tun, sowohl mit Paul Krüger und Dr. Leyds, als auch mit Cecil Rhodes und einem Teil seiner Umgebung; und somit lernte ich auch die großen südafrikanischen Gegensätze und Strömungen anschaulich kennen. Wie ich in Europa den britischen Imperialismus und seine Ziele verstehen lernte, so erfaßte ich in Südafrika, wo ich jahrelang ansässig und selbst von behördlichen Entscheidungen und Mißgriffen abhängig war, die Gesichtspunkte und Gesetze der Kolonialpolitik. Ich finde, jemand, der auf sein Gehalt in Europa angewiesen ist, kann sie nicht so klar einsehen wie jemand, welcher die Rückwirkung fremder Einsicht unmittelbar in seiner eigenen Tasche verspürt. Ersterer bleibt immer mehr ein Fremdkörper in überseeischen Gebieten. Der Beamte, wenn er auch noch so lange im Lande sitzt, wird sich nicht so gut ein Urteil bilden können über das, was demselben frommt, wie der Farmer, der Kaufmann, der Minentechniker, welcher die Sünden der Beamtenwillkür am eigenen Leibe empfindet, dessen Behagen und geschäftliches Fortkommen von fremder Laune abhängt. Solche Leute können demnach auch am besten über die verschiedene Kolonialpolitik der einzelnen Völker urteilen. Den Burenkrieg machte ich zum großen Teil in Südafrika mit, und, da ich auf beiden Seiten Beziehungen[121] hatte, so konnte ich mir ein richtiges Urteil über die kämpfenden Parteien bilden. Vor allem war es mir schon seit Beginn 1900 klar, daß die Buren gar keine Aussichten hatten, längere Zeit den Kampf gegen das britische Reich durchzuführen. Dieses hätte sich darauf beschränken können, ihnen einfach ihre Zufuhren abzuschneiden, um sie früher oder später auf die Knie zu zwingen. Denn Südafrika war für seine Ernährung um 1900 noch auf Zufuhren über See angewiesen. Ungeheuer kurzsichtig erschien mir damals die Haltung Deutschlands. Dieses hätte die Gelegenheit benutzen können, den unvermeidlichen Kampf mit England unter günstigen Voraussetzungen durchzuführen. Die britische Flotte war durch den Krieg in Südafrika beschäftigt. Vor allem aber war die Stimmung in allen Staaten so, daß damals Deutschland diplomatisch die Rolle hätte spielen können, welche heute England gegen uns durchführt. Deutschland hätte sehr wohl an die Spitze einer großen Völkerverbindung treten können, um die südafrikanische Frage zu regeln. Dies erwartete man allgemein. Dies hofften vor allem die Buren. Wenn es eine so energische und klug berechnende Politik nicht betreiben wollte, so war es geradezu dumm, den sogenannten Burenrummel zu machen. Nach beliebter Art zu schreien und zu schimpfen und in England jedem Kinde auf der Straße klarzumachen, daß in der Mitte von Europa der eigentliche Mitbewerber sitze, der Feind der Zukunft. Damals ist der gegenwärtige Krieg geboren worden. Damals ist es jedem Engländer klar geworden, daß Deutschland unter energischerer Führung einmal eine wirkliche Gefahr für das britische Reich werden könne und vernichtet werden müsse. An der Themse aber wurstelt man im allgemeinen nicht bloß so fort wie anderswo, sondern man macht Politik für die Jahrhunderte. Ich konnte 1902 persönlich feststellen, wie der Entschluß, mit Deutschland später abzurechnen, sich eigentlich in jedes einzelnen Herzen befestigte, wie der Haß gegen diese Germans[122] von Tag zu Tag wuchs, zum Teil auch wegen der geschmacklosen Ausfälle der deutschen Witzblätter gegen die englische Königsfamilie und das britische Heer. Ich habe in jenen Jahren fortwährend meine Landsleute gewarnt, sich doch nicht so töricht zwischen zwei Stühle zu setzen; aber meine Warnungen waren nicht »amtlich«, verdienten demnach auch keine Beachtung. (Siehe meine auf die südafrikanische Frage bezüglichen Aufsätze in meinem »Zur Weltpolitik«, S. 264?285.) In jenen Jahren, wo ich in Europa war, trieb ich gründliche Forschungen auch zu meiner genaueren Kenntnis von England und den Engländern. Nicht nur machte ich Reisen zu Pferd und zu Fuß durch das ganze Land, sondern ich erkundete auch die Lebensbedingungen der einzelnen Gesellschaftsklassen, besuchte die Märkte in London; kurz, ich sah mir England mit den Augen eines Mannes an, welcher es kennen lernen will. Daneben beschäftigte ich mich mit allen in Frage kommenden statistischen Veröffentlichungen, vornehmlich mit den parlamentarischen Papieren. So kann ich sagen, daß ich es gründlich kennen gelernt habe. Der Niederschlag dieser Bemühungen ist mein Buch »England und die Engländer«, (Hamburg, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung) gewesen, welches ich im Sommer 1904 schrieb, und zwar gleich in Deutsch und Englisch. Es beruht in allen Einzelheiten auf persönlicher Anschauung und galt damals in England als das bestbeobachtete deutsche Werk über das englische Volk. Ich habe später eine Reihe maßgebender englischer Beurteilungen in dem Vorwort einer folgenden Auflage abgedruckt. In jener Zeit hatte ich eine persönliche Beziehung in London, welche sich mir auch in der Rückerinnerung aufdrängt, das war Dr. Adolf Rosendorff, der begabte Herausgeber der gesamten deutschen Presse drüben, vor allem der »Finanzchronik«, für welche ich jahrelang die politischen Leitartikel geschrieben habe. Ihm danke ich manche Anregung[123] und Belehrung. Leider starb er schon 1909 in verhältnismäßig jungen Jahren. Meine geschäftlichen Interessen im Zusammenhang mit »Dr. Carl Peters' Estates and Exploration Co.«, welche ich später in »South East Africa Ld.« umtaufte, brachten mich zu Beginn dieses Jahrhunderts von neuem in Beziehungen mit Deutschen und auch mehrere Male nach Deutschland selbst zurück. 1906 unternahm ich eine Vortragsreise von Berlin über Breslau, Dresden, München, Frankfurt a. M., Hannover, Hamburg und andere Städte. Auf dieser Reise konnte ich wahrnehmen, daß die vielen unwidersprochenen Lügen über mich in deutschen Zeitungen begonnen hatten, sich in den Köpfen der Öffentlichkeit festzusetzen, und daß mein Schweigen von vielen Zuschauern völlig falsch aufgefaßt worden war. »Dr. Carl Peters mußte sich bekanntlich die und die Beschimpfung gefallen lassen.« Also die Pinsel waren der Meinung, nicht, daß ich die vielen Lügen und Schimpfereien in deutschen Zeitungen überhaupt nicht gelesen hatte, also nicht kannte, sondern daß ich mich scheute, die Verleumder vor Gericht zu ziehen. Dies hat mich von 1907 an veranlaßt, einige der Hauptschimpfer zu verklagen und in Deutschland eine Reihe von Beleidigungsprozessen zu führen, welche ich alle gewonnen habe, und welche die Unwahrheit und die völlige Haltlosigkeit der seinerzeit von Herrn Bebel im Reichstag gegen mich vorgebrachten Verleumdungen bewiesen. Ich glaube, es waren im ganzen elf Prozesse. Nun wurde ich für einen Teil meiner Landsleute aus dem »schweigend Eingeständigen« zur Abwechslung wieder einmal der »unleidliche Krakeeler«; genau wie ich 1889 aus dem redenden Agitator und Kolonialtheoretiker mich in den wüst kampflustigen Mörder umgewandelt hatte. »Das ewige Prozesseführen.« Daß mir das Prozesseführen in Deutschland ebensowenig Vergnügen machte, wie das Kämpfen in Afrika, brauche ich für einsichtige und billig denkende Leser wohl kaum auszusprechen.[124] Ich hatte richtig gerechnet, wenn ich bis 1907 dem ganzen Lärm aus dem Wege gegangen war. Denn abgesehen von rein theoretischen Kundgebungen gewisser Kreise Deutschlands, für welche ich diesen sicherlich dankbar bin, habe ich nicht gefunden, daß der Nachweis, daß der »Fall Peters« juristisch ganz hinfällig sei, in meiner Lage praktisch das geringste geändert hat. Ob ich mit Recht oder mit Unrecht aus dem Reichsdienst verjagt war, war scheinbar ganz gleichgültig, der Makel blieb und wird nunmehr auch wohl bis zum Ende bleiben. Amazon.de Widgets Am 27. Februar 1909 verheiratete ich mich mit Thea Herbers, der Tochter des verstorbenen Kommerzienrats Herbers aus Iserlohn, und habe damit eine verständnisvolle und treue Gefährtin für den Rest meines Lebens gewonnen. Mein Dasein nahm in London immer ruhigere Bahnen an. In der Regel vollzog sich mein Tageslauf folgendermaßen, und dies ist nach meiner Hochzeit im wesentlichen geblieben wie vorher. Nach dem Frühstück, um neun Uhr morgens, pflegte ich einen energischen Spaziergang zu machen, auf dem ich stets von meinem Hund, einem klugen Airedale-Terrier, begleitet war. Diese Ausgänge machte ich teilweise auch zu Pferde von Park Lane oder Buckingham Gate aus durch Hyde Park und Kensington Gardens. Wenn ich von diesen Spaziergängen zurückkam, war die eigentliche Arbeitszeit des Tages von elf bis zwölf Uhr, ich schrieb. Alle meine schaffende Arbeit in meinem ganzen Leben habe ich um diese Zeit erledigt, niemals des Abends nach dem Essen, oder gar des Nachts. Mehrmals wöchentlich ging ich morgens auch in die City, um Geschäfte in meinem Bureau vorzunehmen, oder meinen Rechtsanwalt bzw. meine Bank zu besuchen. Das Mittagsfrühstück (luncheon) spielte in England mehr und mehr eine untergeordnete Rolle. Jahrelang nahm ich um ein Uhr mittags, in der Regel im Stehen, nur ein Glas Milch und etwa einen[125] Apfel oder anderes Obst. Des Nachmittags beschäftigte ich mich immer nur aufnehmend. Ich las wissenschaftliche Werke, Philosophie, gute Poesie, schrieb auch wohl Briefe. Von vier bis sechs Uhr gehörte wieder einem längeren Spaziergang. Ich fuhr nach Kew Gardens, Hampton Court oder Richmond, besuchte wohl auch das British Museum, die National- oder Tate Gallery. Ganze Nachmittage in der besseren Jahreszeit habe ich wohl auch rudernd auf der oberen Themse zugebracht, oder ich fuhr auf einem Vergnügungsdampfer stromabwärts nach Greenwich oder bis zum Nore-Leuchtfeuer. Im Winter nachmittags nahm ich sehr oft am Gottesdienst in der Westminster Abbey teil, wo mich die alten Erinnerungen der britischen Geschichte umgaben. An den Abenden las ich leichtere Bücher: Thackeray, Dickens, Wells, Conan Doyle, Gustav Freytag usw., oder ich ging in einen meiner Klubs und spielte Karten. Manchen Abend verbrachte ich auch in Theatern, Vorträgen. Zweimal wöchentlich nahm ich Einladungen zum Abendessen an, zweimal pflegte ich Gäste bei mir zu sehen. Die Sommermonate verbrachte ich gern an der See in Südengland oder Nordfrankreich. Ich suchte Eastbourne, Brighton, Folkestone, auch Boulogne, Calais, Dover, Ostende und Scheveningen auf und habe mir von allen diesen Gegenden eine auf Anschauung beruhende Kenntnis angeeignet. In meinen späteren Jahren habe ich die Monate von Weihnachten bis etwa Mai mit Vorliebe in Süd- oder Nordafrika zugebracht, in Ägypten bin ich wohl mehr als ein dutzendmal gewesen. Aber auch in Tunis, Algier und Marokko. Man wird zugeben, daß eine solche Lebensführung, die Verbindung von geistiger Betätigung und gesellschaftlichen Anregungen angenehm genug war. Im allgemeinen liegt auch über meinem ganzen englischen Aufenthalt bis zum Weltkrieg hin ein friedlicher Glanz. Ich bezweifle, daß mir Deutschland, in welcher Gestalt auch immer, ein ähnliches Maß von Behagen hätte bieten können. Der Engländer[126] wenn auch zurückhaltend, ist im Zusammenleben außerordentlich verbindlich und gütig und zeigt dabei ein großes Maß von Billigkeit und Gerechtigkeit. Die Großzügigkeit des ganzen öffentlichen englischen Lebens machte sich in jeder Haushaltung fühlbar. Neid und zudringliche Neugier in die Verhältnisse des lieben Nachbarn schien es in diesem Lande nicht zu geben. Man kümmerte sich auch nicht einmal um die Namen seiner Hausgenossen, geschweige denn um deren Lebensgewohnheiten und Verhältnisse. Was einer »ist«, bzw. welchen Titel er hat, kümmert auch seine Freunde nicht. Womit sich jemand seinen Unterhalt verdient, ist ganz seine eigene Sache. Dies alles gibt dem englischen Leben eine gewisse Breite und innere Freiheit, welche auch durch die kirchliche und gesellschaftliche Gebundenheit nicht sonderlich beeinträchtigt wird. Diese Darstellung meines zweiten Aufenthaltes in England würde nicht vollständig sein, wenn ich nicht auch über die Entwicklung von South East Africa Ld. Bericht erstattete. Denn mein ganzes Londoner Leben ist durch diese Minenunternehmung in Südafrika beeinflußt worden. Meine Haupthilfe bei diesem Geschäft in Deutschland war Dr. Oskar Wolff-Walsrode. Ich war 1899, 1900?1901, 1905, 1906, 1909?1910 und 1911 im Zusammenhang mit dieser Unternehmung, welche zum Teil mit meinen Ophirforschungen zusammenfiel, in Südafrika. Ich fuhr dahin, teils um Westafrika über Kapstadt und Johannesburg, teils um Ostafrika über Ägypten und Sansibar. Mit diesen Reisen verbanden sich mehr oder weniger lange Besuche teils in Madeira und Teneriffa, teils am unteren und oberen Nil. Die Erforschung der Sambesi-Gebiete und von Macombe's Land war das erste Ergebnis dieser Expeditionen, jedoch waren diese Ergebnisse für tiefergehende bergmännische Untersuchungen nicht verlockend. Anders war es in Manicaland und Penhalonga bei Umtali. Hier waren die Oberflächenarbeiten so ermutigend, daß wir an verschiedenen[127] Goldadern tiefergehende Aufschließungen vorgenommen haben. Ich muß auch an dieser Stelle betonen, was ich früher gesagt habe, »man kann einer Mine nicht in die Tiefe sehen, sondern man muß Schachte und Stollen hineintreiben, um zu erkennen, was sie wert ist«. Das aber kostet Arbeit und Geld. Da man niemals genau voraussagen kann, wie das Endergebnis sein wird, so ist bei der Beteiligung an solchen Versuchen jedesmal ein Risiko vorhanden. Es ist stets so, als wenn man sein Geld einer Lotterie anvertraut. Man kann gewinnen, aber man kann seinen Einsatz auch verlieren. Die Hauptsache ist, daß man sich eine zuverlässige und einsichtige minentechnische Beratung sichert und gute Mineningenieure zur richtigen Ausführung der erforderlichen Arbeiten. Das ist sowohl am Sambesi wie am Mudza, besonders aber im Penhalongatal und später im Transvaal geschehen. Was menschlicher Einsicht und dem Können einzelner möglich war, ist getan. Aber der finanzielle Rückhalt war wohl von vornherein zu schwach, und somit ist dies Minenunternehmen von Anfang bis zu Ende eine Quelle steter Sorgen und Beunruhigungen für mich gewesen. Die erschlossenen Erzgänge im Manicaland und in Penhalonga haben in der Tiefe nicht gehalten, was sie an der Oberfläche versprachen. Nur im Transvaal, die Malidyke-Mine, wies sich dauernd als abbaufähig aus. Ich habe das ganze Unternehmen 1910 einer englischen Finanzgruppe verkauft, derart, daß meine alten Aktionäre in der neu zu gründenden Gesellschaft für jede alte Aktie eine gleichwertige neue bekamen. Nachdem ich 1911 den ganzen Besitz einem Vertreter dieser Gruppe an Ort und Stelle übergeben hatte, bin ich selbst aus der Leitung der Sache zurückgetreten, welche, soviel ich weiß, noch heute fortläuft. Ich selbst habe an dieser Minenunternehmung außer viel Zeit und Nervenkraft 160?170000 Mark eingebüßt. Daß man nicht ungestraft unter Palmen wandelt, wußte[128] ich schon früher, daß auch die Subtropen dem Europäer gefährlich werden können, habe ich erst in Südafrika erfahren. Der Weltkrieg von 1914 hat auch diese deutsch-englische Unternehmung vorläufig verschlungen. Ich bin im Verlauf der Jahre zu der Überzeugung gelangt, daß die Goldarbeiten im alten Ophir hauptsächlich auf alluvialen Goldwäschereien beruhten, zum Teil aber unregelmäßige »Nester« (pockets) in Quarz und Schiefer, aber auch in anderen Gesteinsarten, wie z.B. Diorit, betrafen. Am 20. Juli 1914 besuchte mich in London ein alter Bekannter, welcher seinen Aufenthalt inzwischen von London nach Sachsen verlegt hatte. Er steht jetzt als Hauptmann im Felde und schrieb mir vor einiger Zeit von dort: »Sie hatten recht, als Sie mir am 20. Juli 1914 beim gemütlichen Teestündchen in Ihrem englischen Heim mit Bestimmtheit sagten, in Kürze haben wir den Krieg.« Ich hatte dies meiner Schwiegermutter, Frau Kommerzienrat Herbers, bereits im September 1912 zu Iserlohn gesagt. Denn ich wußte, daß man ihn in England bestimmt wollte und erwartete ihn bereits als Folge der Marokkowirren. Aber ich ahnte damals nicht, daß er von vornherein seine Wendung gegen die Freiheit und das Vermögen der einzelnen Staatsbürger der beteiligten Länder nehmen, überhaupt sich mit vollständiger Nichtachtung der völkerrechtlichen Bestimmungen entwickeln werde, wie sie in Genf und im Haag bestimmt waren.[129] 1 Amazon.de Widgets Ein Herr R. Hennig hat in Band 23 Heft 5 der geographischen Zeitschrift (Leipzig, B. G. Teubner), der übrigens mein oben erwähntes Buch nicht gelesen hat, einige auch im übrigen sehr oberflächliche Behauptungen zur Ophir-Frage zum besten gegeben. Augenscheinlich kennt er, ebensowenig wie mein Hauptwerk und manches andere, so auch meine kleine Schrift: »Ophir nach den letzten Forschungen« (Berlin 1908) nicht. Er würde sich sonst vermutlich nicht mit dem Bemühen, die Tukkhiim der Königsbücher zu erklären, abgegeben haben. Von der auch hier gestreiften Theorie, den Namen Afrika von Ophir abzuleiten, sagt er: »Unwissenschaftliche Phantasten suchten selbst das Wort Afrika von Ophir abzuleiten.« Herr Hennig hätte ruhig meinen Namen nennen können. Denn, soweit ich sehe, bin ich in der ganzen Weltliteratur der erste, welcher dies gesucht hat. An einer anderen Stelle (Prometheus Nr. 446, S. 642 bis 643) witzelt Herr Hennig, er werde sich nicht wundern, wenn andere Phantasten demnächst Ofen-Pest oder Offenbach von Ophir ableiten würden. Das beweist, daß er die Ableitung von Afrika aus Ophir überhaupt nicht kapiert hat. Es ist so recht die arrogante Art geistloser Stubengelehrter, welche lebende Sprachen überhaupt nur aus Büchern kennen. Ich bin überzeugt, daß Herr Hennig niemals einen lebendigen Semiten in seiner eigenen Sprache hat sprechen hören. Er würde sonst wissen, daß alle Vokale, sei es im Arabischen, sei es in den Somalisprachen, rein guttural lauten und keine ausgeprägten Klangtöne wie bei uns sind. Daß der Name Ophir ums Jahr 1000 v. Chr. ums Jahr 200 v. Chr. sich automatisch durch natürliche Lautverschiebung ins Wort Asir im Hebräischen umwandeln mußte, hätte er freilich auch aus Büchern lernen können. Daß aber die Römer aus Asir, welches sie von den Karthagern kennen lernten, den Namen Provincia africa gemacht haben, und daß hieraus unser Wort Afrika entstanden ist, das ist eine geschichtliche Tatsache. Was ist daran nun »unwissenschaftliche Phantasterei«? Unwissenschaftlich scheint mir bei seiner Behandlung der Ophir-Frage nur die Auffassung des Herrn Hennig zu sein. Was er auf S. 270 über die Entscheidung geographisch-historischer Rätselfragen usw. sagt, hat er mittelbar S. 210?212 meines 1902 erschienenen Buches: »Im Goldland des Altertums« entnommen, ohne es jedoch für nötig zu halten, anzugeben, welche Quelle er benutzt hat. 
 Schulzeit [25] Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe Und stürmt in's Leben wild hinaus. Schiller.[25]  Am Montag nach dem Weißen Sonntag, bei Morgengraun, fuhr ich, mit all meinen Sachen von meinem Elternhaus nach Lüneburg ab, um dort das Gymnasium zu beziehen. Ich glaubte wunder, welch' ein neuer großartiger Akt im Schauspiel meines Daseins sich damit eröffne. Nun sollte es im Ernst losgehen! Meine Schwester Anna, jetzt Frau Pastor Redeker, begleitete mich, um mich der Schule zu überbringen. In etwa einer Stunde trafen wir in Konau an der Elbe ein, um Dietrich Schoop, den Sohn eines Hofbesitzers, meinen Mitkonfirmanden, begleitet von seinem Vater und seinem jüngeren Bruder Karl, abzuholen und mitzunehmen. Mit Dietrich Schoop, der seine Aufnahmeprüfung noch nicht abgelegt hatte, sollte ich in Lüneburg zusammen wohnen. Wir setzten bei Konau über den Elbstrom und fuhren dann den ganzen Tag über Dahlenburg auf Lüneburg zu, dessen Wegzeichen, der Turm der Johanneskirche, bald hinter Dahlenburg in Sicht kam und allmählich vor uns emporstieg. Neuhaus liegt etwa 25 km. von Lüneburg entfernt, und etwa um vier Uhr nachmittags trafen wir daselbst ein. Mein Vater hatte für Schoop und mich Quartier bei einem gewissen Haase auf den Brodbänken genommen, ein Wohn- mit einem Schlafzimmer, eine Treppe hoch nach dem Hof zu. Ich erwähne seinen Namen, weil er uns später Gelegenheit zu allerhand faden und albernen Untertertianer-Witzen gab. Ich wußte damals noch nicht, daß es stets von schlechtem Geschmack oder von schlechter Erziehung zeugt, Witzeleien über den völlig zufälligen Namen[26] irgend eines Menschen zu machen. Haase hatte irgend etwas zu tun mit dem Verkauf von Strümpfen und andern Wollwaren, und wir pflegten ihn Wollhaase zu nennen. Er hatte eine erwachsene Tochter und einen Sohn von etwa vierzehn Jahren namens Hans. Am ersten Tage unseres Aufenthaltes machte Schoop sein Aufnahme-Examen. Wir hatten gedacht, er werde die Reise für die Quarta des Gymnasiums haben. Gegen Mittag kam er mit langem Gesichte zurück. Er war der Quinta der Schule zugewiesen. Mein Vater hatte mich bei mehreren Persönlichkeiten des Ortes eingeführt. Unter andern bei dem Gymnasialdirektor Hagen, bei einem Rechtsanwalt, der aus Neuhaus a.d. E. stammte und ein alter Schüler von ihm selbst war, bei einem sogenannten alten Kandidaten Köhler, der hernach auf meine Anschauungen einen gewissen Einfluß gewinnen sollte. Ich besuchte ihn später häufiger, und er ging alsbald daran, meinen mitgebrachten Kinderglauben zu untergraben. Dieser ewige Kandidat der Theologie ist es gewesen, welcher eine gewisse kritische Richtung meines Geistes zum erstenmal entwickelt hat. Im übrigen verlief meine Lüneburger Schulzeit im wesentlichen alltäglich. Die Lehranstalt war gut, und wir lernten allerlei nützliche Sachen. Meine Hauptfächer wurden alsbald deutscher Aufsatz und Mathematik; daneben alte Sprachen und Geschichte. An der eigentlichen Erziehung, die auf den englischen Schulen die Hauptsache zu bilden pflegt, fehlte es ganz. Weder lernten wir, uns beim Essen noch in andern Lebenslagen wie »Gentlemen« zu benehmen. Darauf achtete niemand. Bei Haase, wo wir mit der Familie aßen, herrschte ein gewisser kirchlicher, um nicht zu sagen orthodoxer Ton. Das Tischgebet wurde regelmäßig gesprochen, und den Tageslauf beschloß ein Gottesdienst, den der alte Familienvater selbst abhielt. Er bot uns Knaben oft Stoff zu Spötteleien, da Haase der deutschen Sprache nicht ganz mächtig war und in seiner Aussprache Fehler machte,[27] welche wir als solche erkannten. Im übrigen wuchsen wir auf wie die jungen Wilden. Wenn ich in der Art, wie ich das Jahr 1870 bis 1871 auf dem Johanneum zubrachte, knapp an Mitteln, in einem kleinbürgerlichen Haushalt, ohne große Familienbeziehungen, die Schule bis Oberprima durchgemacht hätte, so wie es ursprünglich geplant gewesen war, so würde meine Seele sich vielleicht mit der Zeit in die Enge einer preußischen normalen Staatskarriere eingelebt, und ich würde wohl mich zu einem Gymnasiallehrer ausgewachsen haben. Aber das Schicksal wollte, daß diese Lüneburger Zeit nur ein kurzes Zwischenspiel in meiner Lebensentwicklung werden sollte. Der große Grundbaß meines dortigen Aufenthaltes war der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71, welcher mit seinen schnellen Erfolgen und nationalen Erregungen unausgesetzt in mein Lüneburger Schulleben eingriff. Unter seinen Eindrücken wurde der dreizehnjährige Knabe zum bewußten nationalen Patrioten. Eine Reihe von glänzenden deutschen Siegen, eine fortgesetzte Kette von Schulfeiern, begeisterten Ansprachen, Umzügen usw. entfachten mächtig das völkische Empfinden, die Gründung des Deutschen Reiches im Königsschlosse zu Versailles ließ schon damals den festen Entschluß in mir entstehen, mich eines so großen Vaterlandes würdig zu machen und an seinem weiteren Ausbau irgendwie mitzuarbeiten, wenn nötig, für dasselbe unterzugehen. Von bekannten Deutschen lernte ich damals wohl nur den mir gleichaltrigen Lauenstein kennen, welcher der Primus unserer Tertia und ein auffallend befähigter Schüler war. Er ist später im Weltkrieg als Generalleutnant von Lauenstein gestorben und in Lüneburg beigesetzt. Er war ein Sohn des Bürgermeisters Lauenstein, und ich erinnere mich seiner noch sehr wohl. Auch während meines Lüneburger Aufenthaltes setzte ich die regelmäßigen Körperübungen, wie in Neuhaus, fort. Ich war auch dort ein guter und fleißiger Turner und sehr[28] bald ein gefürchteter Gegner im Ringen. Lüne, Bardowieck, Bevensen und andere Orte der Lüneburger Heide ladeten zu weiteren Spaziergängen ein, welche wir vor allem an den Sonntagen unternahmen. Die Ilmenau bot gute Gelegenheiten zum Schwimmen im Freien. Vor allem aber wanderten wir, wenn die Ferien kamen, entweder über Dahlenburg und Darchau oder aber über Bleckede und Krusendorf zu Fuß in die Heimat nach Neuhaus. Später, von Ilfeld aus, marschierte ich von Bevensen über Dahlenburg nach Neuhaus in die Ferien, etwa 25 km. Das alles war eine gute Vorbereitung zu meinen späteren Reisen in Ostafrika. Während des Jahres 1870/71 begann mein Vater, welcher 1806 geboren war, zu kränkeln. Er litt an Gelenkrheumatismus, von welchem er zunächst noch Heilung erwartete, dem er indes schon nach zwei Jahren, im Juli 1872, erliegen sollte. Ich vermute, daß dies der Hauptgrund war, weshalb er schon um Weihnachten 1870 beschloß, mich vom Johanneum in Lüneburg fortzunehmen und in die Klosterschule Ilfeld am Harz zu schicken, in welcher gerade damals ein Verwandter von uns, Dr. Schimmelpfeng, Direktor geworden war. Mein Vater, welcher im Fall seines Todes uns Kindern keine irdischen Güter hinterlassen konnte, wollte dadurch augenscheinlich bis zu einem gewissen Grade für mich, seinen jüngsten Sohn, sorgen. Denn in Ilfeld gab es eine Reihe von Freistellen, von denen ich auch schon nach dem ersten Semester eine für mich erwarb. Damit war immerhin mein Studiengang bis zur Universität für mich gesichert. Ich kam also Ostern 1871 mit der Reise für Obertertia von der Ilmenau nach Ilfeld und damit in eine ganz neue Umgebung. Amazon.de Widgets Während in Lüneburg das Kleinbürgertum in seiner ganzen grauen Eigenart mich umgab, war Ilfeld damals im Grunde eine preußische Adelsschule. Dort saßen sehr viele Söhne aus reichsunmittelbaren und andern leitenden deutschen Familien: verschiedene Grafen Stolberg, Prinz Reuß, zwei Grafen Münster und andere Grafenkinder. Daneben[29] Söhne preußischer Minister. Der Staatsminister Stephan hatte seine Söhne dort, ich lernte sehr bald den damaligen Primus omnium von Rheinbaben, den späteren Nachfolger des Finanzministers Miquel kennen, welcher sich meiner freundlich annahm. Mit Rudolph von der Schulenburg, dem heutigen Oberpräsidenten der Mark Brandenburg, wurde ich später befreundet. Ebenso lernte ich in Ilfeld bereits meinen Freund Karl Jühlke kennen, der mich von da ab nicht wieder verlassen und bis zu seiner Ermordung in Kismayu an der Somaliküste am 1. Dezember 1886 treu zu mir gehalten hat. Sein Vater war der Hofgartendirektor Jühlke in Sanssouci bei Potsdam, in dessen gastlichem Hause ich manche schöne und frohe Stunden verlebt habe. In Ilfeld lernte ich auch meinen nachherigen ostafrikanischen Gen offen von St. Paul-Illaire kennen, den Sohn des Kontre-Admirals von St. Paul-Illaire, welcher zu jener Zeit der Hofmarschall des Prinzen Adalbert von Preußen war. Von anderen Bekanntschaften, welche aus meiner Ilfelder Zeit stammen, nenne ich nur Dr. Harry Denicke, späteren Gymnasialdirektor in Charlottenburg, mit welchem ich sehr befreundet wurde, und Max Berthold, heute in New York, und einer der Führer der Deutschen-Bewegung in Nordamerika, welcher sich besonders warm an mich anschloß und stets mein intimer Freund geblieben ist. Wir alle lebten im Alumnat zusammen, etwa achzig bis neunzig an Zahl. Wir wohnten teilweise in Sälen zu vieren, teilweise in Wohnzimmern zu zweien. In beiden Fällen war einer Zimmerältester, der verantwortlich für die Ordnung und die Ruhe in den Arbeitsstunden war. In Ilfeld herrschte ein guter Ton, das point d' honneur spielte in unsern Beziehungen eine große Rolle. Wir hatten galonierte Diener zur Bedienung, welche uns mit »Herr« und »Sie« anzureden hatten und uns bei Tisch aufwarteten. Auch die Lehrer sahen auf die Gesetze der guten Gesellschaft, und es herrschte eine gewisse Höflichkeit zwischen Lehrern[30] und Schülern, sowie zwischen den Schülern unter sich. Jedes Jahr, wenn das Herbstquartal begann, erschien ein Tanzmeister aus Halle, welcher uns nicht nur in die Geheimnisse des Rund- und Reigentanzes einzuweihen hatte, sondern auch in den Regeln gesellschaftlicher Sitte unterwies. Das Leben dort war überhaupt nach einer vorgeschriebenen Ordnung geregelt. Im Winter und Sommer in der Frühe um 5:30 mußten wir aufstehen und hatten dann zwanzig Minuten Zeit zum Ankleiden. Ich erinnere mich, daß in der kalten Winterzeit sehr oft das Wasser in den Waschbecken gefroren war, und ich es erst aufbrechen mußte, um mit der Morgentoilette zurechtzukommen. Zehn Minuten vor sechs Uhr hatten wir uns alle im Speisezimmer einzufinden, in welchem an zwei langen Tafeln für uns gedeckt war. Der beaufsichtigende Lehrer sprach ein Morgengebet, und dann erhielt jeder von uns ein Brödchen (Sonntags mit Butter) und einige Tassen Kaffee und Milch. Um sechs Uhr begann die Arbeitsstunde in unsern Wohnzimmern, in welcher wir uns wissenschaftlich, d.h. mit Schularbeiten, beschäftigen mußten. Um sieben Uhr war eine viertel Stunde Pause, während welcher wir uns in den Gängen treffen durften. Hernach war wieder Arbeitszeit bis dreiviertel acht, und dann war uns eine viertel Stunde Erholung im Klostergarten gestattet. Um acht Uhr begannen mit einer gemeinsamen Andacht mit Gesang und der Vorlesung eines Kapitels aus der Bibel die eigentlichen Schulstunden, welche um zehn Uhr durch eine Frühstückspause, wieder von einer viertel Stunde, unterbrochen waren. Der Lehrgang war der gewöhnliche eines preußischen Gymnasiums. Um zwölf Uhr schloß sich an die Morgenstunden ein gemeinsames Mittagsmahl im Speisesaal, wieder unter der Aufsicht einiger Lehrer, welche daran teilnahmen, das reichlich und gut war, und hernach war freier Spaziergang, wohin und mit wem jeder Schüler gehen wollte. Um eineinhalb Uhr mußte jeder Alumnat wieder im Kloster sein, aber dann war bis zwei[31] Uhr »Klostergarten frei«, und wir konnten die schöne Bergluft weiter genießen. Von zwei bis dreiviertel vier waren Schulstunden. Dann war gemeinschaftlicher Nachmittagskaffee mit Butterbrot, und darauf der eigentliche Spaziergang, meistens in die Berge (im Winter von vier bis fünf, im Sommer von vier bis fünfeinhalb Uhr). Darauf folgten von neuem zwei Arbeitsstunden in den Wohnzimmern. Im Winter um sieben, im Sommer siebeneinhalb Uhr war gemeinschaftliches Abendessen im Speisezimmer. Dazu gab es zwar keine großen Braten, wie am Mittag. Aber es war ebenfalls kräftig und gesund: eine gute Suppe mit Butterbrot und Käse, ein Beefsteak oder Kotelette, Eierkuchen oder Kartoffelpuffer, Wurst usw. Nach dem Abendessen durften wir im Sommer in den Klostergarten gehen und dort die Turngeräte, die Schaukeln, das Geer, die Kegelbahn usw. benutzen. Im Winter war das erwärmte Konversationszimmer den Schülern frei, mit Schachbrettern und Dominospielen, einer kleinen leichten Bücherei, auch mit einem Klavier usw. Musikinstrumente standen auch in dem sogenannten Musikzimmer und in der Aula zur Benutzung. Um neun Uhr abends mußte jeder Schüler sich in seinem Wohnzimmer einfinden und durfte zu Bett gehen, wenn ihm so zumute war, um zehn Uhr mußte jeder im Bett sein. Abwechselnd hatte je ein Lehrer die Aufsicht über die genaue Innehaltung dieses Tagesplans, welcher sich dazu von frühmorgens bis nach zehn abends im sogenannten Lehrerzimmer aufhielt und jedes einzelne Zimmer regelmäßig besuchte. Verstöße gegen die Lebensregelung wurden mit einem Strich bestraft, drei Striche bedeuteten eine oder mehrere Stunden Arrest. Ein eigener Arzt, zu meiner Zeit der Sanitätsrat Friedrich, erschien jeden Morgen im Kloster, um die sich krank meldenden Hausgenossen zu untersuchen. Ein Bad gehörte zu der inneren Einrichtung. Zweimal jede Woche war Turnstunde von fünf bis sechs Uhr nachmittags, im Sommer im Garten, im Winter im Turnsaal neben dem[32] Kreuzgang. Aber auch sonst konnten wir die Turngeräte benutzen, wenn wir dies wollten, und wenigstens ich tat dies täglich. Für die Sommermonate hatten wir einen Badeteich im Freien zur Verfügung, zum Schlittschuhlaufen im Winter wurden Wiesen unter Wasser gesetzt. Im Sommer wurden von Zeit zu Zeit gemeinsame Ausflüge in die Harzberge unternommen. Im Winter gab das Kloster mehrere Ballvergnügungen, zu denen die ganze Umgebung von Ilfeld eingeladen ward, und bei denen es Rotwein mit Kuchen gab. Einige Male jedes Jahr gab es auch Aufführungen im Kloster, bei denen die Schüler selbst die Schauspieler darstellten. Ich hoffe, ich habe meine Leser nicht durch diese lange Beschreibung unserer Lebensweise im Kloster ermüdet. Auf diese Art habe ich die Zeit vom 15. bis 20. Lebensjahre verbracht. Man wird mir zugeben, daß die Unterlagen unserer Lebensführung durchaus gesunde waren. Nur einen Haken hatte die Sache. Die Gast wirtschaften im Orte Ilfeld waren uns vernünftigerweise untersagt; und wir waren für unseren Bierdurst auf einige Punkte der Umgebung angewiesen: den Netzkater oder die Einnahme im schönen Bähretal, Niedersachswerfen, Osterode, Hohnstein usw. Sie lagen 3?5 km von Ilfeld. Der Grundgedanke war, daß stets der Spaziergang auch bei harmlosen Belustigungen die Hauptsache bleiben sollte. Das war gut gedacht, wurde indes zu meiner Zeit nie völlig durchgeführt. Einerseits wurde das Verbot, Wirtschaften im Orte selbst zu besuchen, von uns dummen Jungen nicht innegehalten. Nach dem Mittagessen eilten wir, anstatt in die schönen Berge, zu Hebestreit oder Witschel in Ilfeld, um einen Skat im Hinterzimmer zu spielen, mit Likörs oder auch einem Glas Bier. »Der Tausend-noch-eins,« rief mir eines Nachmittags, als ich an der Tafel eine physikalische Aufgabe lösen sollte, der mir wohlgesinnte Professor der Mathematik zu, »Peters, Sie stinken nach Schnaps!«[33] »Herr Professor,« antwortete ich ruhig, um meine Stellung vor der Ober-Prima zu wahren, »wenn Sie so viel Schnaps getrunken hätten wie ich, würden Sie noch ganz anders nach Schnaps stinken.« »Der Tausend-noch-eins, Peters«, sagte durchaus mit Recht der überraschte Lehrer, »das ist frech! Gehn Sie raus.« »Sehr gerne«, sagte ich mit einer Verbeugung und verschwand aus der Klasse. Oder aber, wir rannten in die umliegenden Orte und kneipten. »Da rennen sie, wie von der Tarantel gestochen, in die Einnahme, um möglichst zu trinken,« klagte der Direktor. Das war so besonders an den Mittwochs und an den Sonnabenden, wo wir zwei, oder an den Sonntagen, wo wir drei Stunden freien Ausgang hatten. Ich habe mich später gewundert, daß das Kloster so gar keine wirksamen Maßregeln treffen konnte, um die Trunksäßigkeit der Jugend erfolgreich zu bekämpfen. Das Entschlüpfen aus dem Kloster des Nachts, wenn es abgefaßt wurde, ward mit sofortiger Relegation bestraft. Aber wann wurde es einmal abgefaßt? An Badelaken ließen wir uns aus den Fenstern und rannten in die Kneipen des Ortes. Das erschien uns ungeheuer schneidig. Oder wir schmuggelten Bier und andere Getränke ins Kloster und hielten Gelage in unsern Wohnzimmern ab. Auch das wurde hin und wieder abgefaßt, aber selten; denn des Nachts liebten es auch die Lehrer, zu schlafen. Dann folgte die Hinausweisung am nächsten Morgen. Ich habe eine Reihe Ilfelder Kameraden auf diese Weise verloren, welche ich nennen könnte. Ganz unterdrückt konnte das Übel zu meiner Zeit nicht werden. Denn der lebhafte kameradschaftliche Sinn der Alumnen, welcher in Ilfeld bestand, verhinderte jedes Angeben von Schüler zu Schüler und jeden Verrat. Die Einzelnen waren nach Auswahl gewissen Lehrern zugeteilt, welche ihre Tutoren waren. Sie wählten sich aus der Schar ihrer Truppe einen Famulus, einen Vertrauensmann.[34] Dieser vermittelte den Verkehr zwischen dem Tutor und seinen Mündeln. Z.B. mußte er am Sonntagmittag jedem einzelnen sein Taschengeld für die Woche austeilen. Dies war, je nach der Klasse, in welcher man saß, verschieden. So glaube ich, erhielt ein Tertianer wöchentlich 50 Pfennig, ein Sekundaner 75 Pfennig und ein Primaner eine Mark. Auch mußte der Famulus seinen Tutor, wenn dieser Klosterwache hatte, zu den einzelnen Mahlzeiten aus dem Lehrerzimmer abholen und in den Speisesaal begleiten. Aber, alles in allem, bildete die Schülerschaft ein geschlossenes Ganze gegen den Lehrer. Angeben, »Petzen«, galt für direkt schimpflich; ein Junge, welcher es getan haben würde, wäre sofort aus der Gemeinschaft der übrigen ausgeschlossen, in Verruf erklärt und hätte das Kloster verlassen müssen. Auch ist es zu meiner Zeit nicht ein einziges Mal vorgekommen. Überhaupt war das ganze System darauf angelegt, das Ehrgefühl der einzelnen zu entwickeln. Zuweilen ging dies zu weit. Z.B. galt es für unerlaubt, daß ein Ilfelder mit einem fremden Gymnasiasten, z.B. einem Nordhäuser, auch nur nebenbei sprach, oder daß ein Alumnus mit einem Mitschüler, der aus dem Flecken selbst gebürtig war, als gleichberechtigt verkehrte. Das letztere habe ich selbst zu meiner Zeit abgeändert, indem ich mir, den andern zum Trotz, zum Teil meinen Verkehr aus dem Orte Ilfeld suchte. Im Juli 1872, wie ich bereits erwähnt habe, als ich in Untersekunda saß, und noch bevor ich sechzehn Jahre alt war, verstarb mein vortrefflicher Vater. Ich war gerade in den Sommerferien zu Hause. Dies bedeutete für uns in erster Linie den rein menschlichen Verlust eines hervorragenden Mannes, der von jeher einen großen Einfluß auf seine ganze Umgebung, in erster Linie auf seine Angehörigen, ausgeübt hatte. Für uns schied damit auch der eigentliche Versorger der Familie aus. Denn meine Mutter war von da ab völlig auf ihr kleines Witwengehalt angewiesen. Mein[35] ältester Bruder war 1872 noch Kandidat der Theologie, mein zweiter befand sich auf der Universität, fünf Töchter waren unverheiratet und damit unversorgt. Es war klar, daß ich an eine Universitätslaufbahn unter diesen Verhältnissen kaum noch denken konnte. Selbst der freie Aufenthalt auf einer Anstalt wie Ilfeld war bei unsern Verhältnissen eigentlich ausgeschlossen. Irgendwelche wohlhabende Verwandte oder Freunde, welche uns hätten helfen können, hatten wir nicht. Ich will die mancherlei Pläne um meine Person hier nicht weiter aufführen. Genug, daß man in meiner Familie daran dachte, mich die untere Zollaufbahn einschlagen zu lassen. Ich ging nach Ilfeld zurück und gab einem gewissen jungen Meyer, dem Sohn des Klosterverwalters, Nachhilfestunden, um wenigstens das Notwendigste zu verdienen. Auf der Anstalt galt dies für nicht »standesgemäß« und eines Ilfelders ganz unwürdig. So tat ich es mit Erlaubnis des Direktors geheim in den frühen Morgenstunden. Mehr als meine Armut selbst demütigte mich solche Geheimnistuerei meinen reicheren Genossen gegenüber. Zweierlei Rückschläge auf die Entwicklung des Charakters können sich aus solcher Lage für einen jungen Menschen ergeben. Entweder er wird lakaienhaft untertänig oder übermäßig trotzig. Bei mir war das zweite der Fall. Von Obersekunda an wurde ich schriftstellerisch tätig, um mir in meiner Not zu helfen. Ich las damals Shakespeare, dessen Stücke ich verschlang. Bald begann ich, ihn nachzuahmen und selbst Stücke zu schreiben. Ich verfaßte einen »Judas Ischariot«, eine »Tante und Nichte«, welche ich einer Agentur in Hamburg einsandte und dieser verkaufte. Ich dichtete viel, meine »Muse« hatte damals einen sehr düsteren, dämonischen Charakter. Ich versuchte mich schon in jenen Jahren, ohne Erfolg, an Zeitungsartikeln und an Romanen nach Art der Marlitt. Mit solchen Versuchen und schriftstellerischen Beschäftigungen wurden meine eigentlichen Schularbeiten schon von[36] Obersekunda ab mehr und mehr zur Nebensache. Großen Einfluß auf mein Seelenleben behielten auch in Ilfeld von meiner Neuhäuser Zeit her die »Naturstudien« von Masius. Dazu kamen die glänzenden Schilderungen Mommsens in seiner römischen Geschichte, welche ich immer wieder las, und andere Geschichtswerke, z.B. Curtius' »Griechische Geschichte«, auch Dahn. Meine Leidenschaft für die Natur wurde durch die schöne Umgebung vertieft. Viele einsame Spaziergänge in die Harzberge bereiteten mir großes Entzücken. Ich sah und genoß die Landschaften mit Masius' Augen, den ich fast auswendig kannte. Insbesondere aber beschäftigte meinen Geist das »Parteileben« der Schule, und hiervon muß ich einiges erzählen. Amazon.de Widgets Als ich 1871 nach Ilfeld kam, waren die Schüler daselbst von unten nach oben eingeteilt in »Knüppel«, »Neutrale« und »Alte Bengels«. Die Knüppel mußten den Alten gewisse Dienstleistungen verrichten, z.B. Wege laufen, Kleider reinigen usw. Aus den Alten wurde durch allgemeine Wahlen ein Ausschuß von elf Schülern bestellt, der sogenannte »Commers«. Dieser hatte eine Art Gerichtsbarkeit über alle. Z.B. konnte er jeden Schüler vom Klostergarten ausschließen, Stubenarrest erteilen, den »Verruf« gegen einen einzelnen verhängen, der in der Regel dazu führte, daß dieser das Kloster verließ. Er konnte mittelbar also Schüler relegieren. Seine Beschlüsse galten für heiliger als die der Lehrerkonferenz selbst und wurden unwiderruflich ausgeführt. Bei meinem Eintreten gab es in Ilfeld drei große Parteien: die Weißen, die Blauen und die Roten. Die Weißen waren ursprünglich eine Vertretung des alten Adels, in den Blauen fanden sich auch Söhne höherer Beamten und reicher Kaufleute zusammen, die Roten stellten das solide Bürgertum dar. Als ich nach Sekunda kam, schloß ich mich diesen an. Alle drei Parteien »kneipten« Sonntags getrennt und eiferten in Formen und Komment studentischen Korps nach. Sie kämpften um die Mehrheit im Ausschuß,[37] dem die eigentliche Herrschaft im Kloster gehörte. So war ein greifbares Ziel für einen politischen Kampf im kleinen gegeben. Ich muß sagen, daß dieser Kampf mich bald mehr in Anspruch nahm als die eigentliche Schule. Schon in meinem ersten Sekundanersemester wurden die Roten durch innere Zwistigkeiten auseinandergesprengt und verschwanden im Klosterleben. Im Herbst 1873 stellte ich die Partei mit meinem persönlichen Anhang wieder her und stellte einen Oberprimaner namens Hartung an ihre Spitze. Von seinem Namen, der an Harung anklang, nahmen die Gegner für uns den Spitznamen »Sardellen«. Als Hartung Ostern 1874 auf die Universität abgegangen war, ordnete ich die Partei neu und wurde nun selbst ihr Vorsitzender. Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen übte ich schon früh ein gewisses Rednertalent, besonders für Bierreden. »Schüler,« rief der Direktor aus, als er mich eines Tages im Klostergarten vor einer größeren Menge meiner Schulgenossen fand, »da will ich euch euren Volkstribun zeigen; den Hetzer und Wühler Päters.« Auch gab ich eine wöchentliche Zeitung: »Die sonnige Maiennacht« heraus, welche geschrieben und im Konversationszimmer vor versammeltem Publikum verlesen ward, und in welcher ich Personen der Gegenparteien, mehr oder weniger witzig, verhöhnte. Bei solchen Betätigungen schwebten mir schon damals Männer wie Perikles und Cajus Gracchus vor. Dazu kam, daß ich meine körperliche Gewandtheit, vor allem auch meine Überlegenheit im Ringen weiter ausbildete. Ich war einer der Stärksten unter den Schülern, und mit einigen Ausnahmen zu Anfang wurde ich von persönlichen Angriffen verschont. In bezug auf meine Geldangelegenheiten entwickelte ich alsbald eine Art Kreditwesen, indem ich bei einzelnen Wirten, z.B. in Osterode, borgte, bei anderen schuldig blieb. Als Präses der Sardellen hatte ich ein gewisses Ansehen bei den Wirten. Die Sardellen wandelten sich später in die Partei der »Zechonen«[38] um, welche heute die stärkste im Kloster ist. Aus den Weißen wurden die Löffler, aus den Blauen die Knobler, immer gemäß ihren Hauptbetätigungen in den Wirtschaften. Es liegt auf der Hand, daß eine solche Übung in jungen Jahren eine ganz gute Vorbereitung für eine politische Laufbahn ist, wenn sie auch viel Zeit und Energie von den eigentlichen Schulausgaben abzieht. Jedenfalls verlief das Leben in Ilfeld anders, als wie dies in Lüneburg der Fall gewesen sein würde. Ob besser, will ich nicht entscheiden. Mir half das Parteileben, meine Persönlichkeit in einer wesentlich unfreundlichen Umgebung zu behaupten und durchzusetzen. Im Verlauf dieser Reibereien schlossen sich Leute wie Rudolph von der Schulenburg, Karl Jühlke usw. an mich an. In meinen Leistungen blieb ich ziemlich an der Spitze, besonders stets in Mathematik und deutschem Aufsatz aber mein trotziges Betragen kostete mich die Gunst manchen Lehrers und trug mir viele Wochen Klosterarrest ein. Es handelte sich für mich nicht so sehr darum, was die Lehrer über mich dachten, sondern mehr um meine Stellung unter den Schülern. Ich könnte manche Anekdote erzählen, welche dies erhärtet. So z.B., als ich nach Prima versetzt war, erschien der Ordinarius von Obersekunda an der Tür der ersten Klasse, welcher dort eigentlich nichts zu tun hatte, da er nicht mehr unser Lehrer war. Ich saß auf der Fensterbank am geöffneten Fenster und unterhielt mich mit meinen Kameraden. »Sie da,« rief er mir in einer Tonart, welche wir in Ilfeld nicht gewöhnt waren, in hessischem Dialekt zu, »machen Sie mal das Fenster zu!« »Sie da,« antwortete ich ruhig, »da an der Tür, was wollen Sie hier eigentlich?« »Das ist doch eine Unverschämtheit«, brüllte er in die Klasse. »Ich bin zwar im allgemeinen ein sehr höflicher Mensch,« antwortete ich, »aber wenn ich mit Flegeln zu tun habe, bemühe ich mich, auf ihre Tonart einzugehen.« Die Folge waren einige Wochen Klosterarrest. Ein anderes Mal hatten wir gemeinsamen Ausgang nach[39] der Einnahme gehabt und dabei dem Bier ziemlich zugesprochen. Als wir ins Kloster zurückkamen, fanden wir im Speisesaal außer dem beaufsichtigenden Lehrer den Direktor, den Kultusminister Falck und, den Schulrat aus Hannover. Ich fühlte mich damals vom Direktor irgendwie zurückgesetzt und beschloß, ihm das Bild der guterzogenen Schule, welche er augenscheinlich dem Minister zeigen wollte, zu verderben. Als wir alle schweigend hinter unsern Stühlen standen und das Abendgebet erwarteten, erscholl von dem, dem Direktor entgegengesetzten Ende der Tafel plötzlich meine bekannte Stimme durch den Saal: »Das Abendgebet wollen wir uns heute sparen; ich denke, wir sind alle zu sehr angeheitert. Bitte, setzen Sie sich, meine Herren!« Ein schallendes Gelächter antwortete mir, und das Abendgebet mußte wirklich ausfallen. Hernach sagte der Direktor zu mir auf meinem Zimmer: »Päters, Päters, Päters, mit Ihnen nimmt das ein böses Ende; Sie arbeiten nicht, Sie wollen auch nicht bäten.« Wiederum waren einige Wochen Arrest mein verdienter Lohn. Ich lasse es bei diesen Proben meines Verkehrs mit meinen Lehrern bewenden. Ich finde nachträglich, daß er den Beweis großen Leichtsinnes meinerseits er bringt. Denn eine Relegation hieß schon damals das Ende aller meiner deutschen Pläne. Für diesen Fall war ich entschlossen, als Schiffsjunge in die Vereinigten Staaten von Amerika zu gehen, wo, wie ich erwähnt habe, ein Bruder meiner Mutter eine Farm betrieb. Ich möchte übrigens die Erzählung meines Ilfelder Schullebens nicht beschließen, ohne besonders zu betonen, daß wir eine Reihe vorzüglicher Lehrer hatten. Der Unterricht unseres Direktors Schimmelpfeng in Lateinisch und Griechisch war mustergültig, und seine Auslegung des Livius, Tacitus, Horaz, Sophokles und Plato geradezu klassisch. Der Oberlehrer Dr. Müller, später Direktor in Blankenburg, unterrichtete uns in sehr anregender und geistvoller Weise in Deutsch. Er war mein Tutor und ich sein Famulus. Der[40] Professor Dr. Freye war ein ausgezeichneter Lehrer in Mathematik und Physik. Professor Bajohr war ein glänzender Musik- und Turnlehrer u.a.m. Ich danke Ilfeld außer Belehrung sehr viele Anregung zu eigenen Studien. Der heutige Provinzialschulrat Geheimrat Heynacher in Hannover und Gymnasialdirektor Mücke waren nicht eigentlich meine Lehrer mehr, da sie in Tertia und Sekunda unterrichteten, als ich bereits in Oberprima war. Unser Verkehr in Ilfeld und später hatte demnach auch nicht das Gezwungene wie zwischen Lehrer und Schüler, und ich habe ihnen stets eine mehr freundschaftliche Gesinnung bewahrt. Gegen Ostern 1876 neigte mein Ilfelder Aufenthalt sich seinem Ende zu. Mit anderen Abiturienten war ich in meinem letzten Semester von allen schriftlichen Schularbeiten befreit und durfte mir in jedem Fach selbst eine größere Aufgabe zur Behandlung in einem Aufsatz wählen. Die Themata, welche ich mir setzte, sind für meine damalige Stimmung kennzeichnend. Im Deutschen schrieb ich einen langen Aufsatz über »die weltgeschichtliche Bedeutung des Griechentums, Römertums und Judentums«, im Lateinischen »De Gracchis«, im Griechischen »???? ??? ??? ?????????? ?????????« und im Französischen über »les causes de la révolution française«. Leider beging ich in den letzten Monaten noch einen groben Verstoß gegen die Klosterordnung, so daß ich meine letzte Zeit in Ilfeld in Kieslerarrest zubringen mußte. Trotzdem erklärten meine Lehrer in meinem Zeugnis mein Betragen für gut und gaben mir auch in meinen Leistungen sehr gute Nummern. Im mathematischen schriftlichen Examen hatte ich außer den vorgeschriebenen vier Aufgaben noch drei Extraausgaben gelöst. Als ich mir von Professor Freye weitere Extraaufgaben ausbat, sagte dieser: »Der tausend, Peters, bei mir können Sie nichts mehr lernen,« und bei der Entlassung wurde ich vom Schulrat auch auf Mathematik als mein künftiges Studium hingewiesen.[41] Ähnlich so war es im Deutschen, und Lateinisch sowie Griechisch standen nicht erheblich nach1. Am 22. März 1876, bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät Kaiser Wilhelms 1., wurden wir förmlich vom Direktor Schimmelpfeng entlassen, und nach einem allgemeinen Festmahl fuhr ich mit meinen Mit-Abiturienten gegen Abend an verschiedene Stationen der Bahn. Ich ging nach Nieder-Sachswerfen, von wo ich zu meiner Schwester Talitha, einer Pastorin Nötel in Immensen bei Alfeld, reisen wollte. Als ich an den südlichen Harzbergen entlang über Northeim meinem Ziel entgegenfuhr, kamen die Stimmungen, welche mich an jenem Abend erfüllten, in den folgenden Versen zum Ausdruck, welche ich im Entstehen gleich vertonte: In wilden Kampf reißt's mich hinein, Und nichts hält mich zurück. Es wird um Tod und Leben sein, Erfüllen muß sich mein Geschick, Sei's früher oder spät. Ich trotze ihm mit festem Blick, Auch wenn's zum Sterben geht. Vielleicht werd' ich den Kampf bestehn, Nur dann ist er vorbei. Vielleicht werd' ich zugrunde gehn Mit allen, die mir treu.[42] 1 Amazon.de Widgets Mein Abiturientenzeugnis vom 20. März 1876, welches ich noch heute besitze, lautet wörtlich: 1. Sittliches Verhalten: gut. Fleiß und wissenschaftliches Interesse: recht gut. 2. Kenntnisse und Fertigkeiten: a) in Religion: recht gut, b) in der deutschen Sprache: sehr gut, c) in der lateinischen Sprache: recht gut, d) in der griechischen Sprache: recht gut, e) in der französischen Sprache: befriedigend, k) in der englischen Sprache: recht gut, g) in der hebräischen Sprache: befriedigend, h) in der Geschichte und Geographie: recht gut, i) in der Mathematik: sehr gut, k) in der Physik: befriedigend, in der mathematischen Geographie: recht gut, l) im Zeichnen m) im Gesange: gut, n) im Turnen: recht gut. Bemerkungen: Es ist besonders anzuerkennen, daß er durch größere selbständige Arbeiten wissenschaftliches Interesse bekundet hat. Sehr gut in Ilfeld war gleich 1a Recht gut in Ilfeld war gleich 1b Gut in Ilfeld war gleich 2 Befriedigend in Ilfeld war gleich 3 Nicht ganz befriedigend in Ilfeld war gleich 4 Unbefriedigend in Ilfeld war gleich 5 Schlecht in Ilfeld war gleich 6 
 Der Weltkrieg [131] Alles, was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wär's, daß nichts entstände. Goethe.[131]  Bereits seit 1882, seit ich England und die Engländer kennen zu lernen anfing, ist mir klar gewesen, daß, wenn Deutschland im Ernst daran gehen wollte, sich aus seiner mitteleuropäischen Einschnürung herauszuarbeiten, dies nur im Gegensatz zu England geschehen könne. Die Engländer hatten ihr völkisches Selbstbewußtsein in einer so einseitigen Weise entwickelt, welche schlechtweg verletzend für Fremde war, und sie erhoben derartige Ansprüche an die überseeische Welt, welche sich zu einer Anerkennung fremder Mitansprüche freiwillig nie verstehen würde. Die ganze Anschauungsweise dieses Inselvolkes anderen gegenüber war derartig verzerrt, daß man sie, auch wenn man im übrigen angelsächsisches Wesen lieben mochte, nur als anmaßend bezeichnen konnte. Ein friedliches Zusammenleben mit dieser Art war für eine Nation, welche selbst ein Herrenvolk werden wollte, nach menschlicher Berechnung kaum möglich. Das mußte früher oder später zum Zusammenstoß führen. Diese Überzeugung hat meine ganze politische Wirksamkeit beeinflußt. Wenn Deutschland sich also aus einem ackerbaulichen in ein industriel les Volk umwandelte, wenn es seinerseits zu der Überzeugung gelangte, daß auch seine Zukunft über See liege, wenn es ebenfalls seinen Platz an der Sonne suchte, wenn in Mittel-Europa statt vierzig, siebzig Millionen Menschen wohnen wollten, so mußte unser Vaterland wenn nicht an britische Rechte, doch an englische Ansprüche anstoßen, und das mußte die beiden Staaten in Kampf und Krieg verwickeln.[132] Es war demnach kurzsichtig, sich hierüber zu täuschen und sich selbst vorzuspiegeln, daß der wachsende Zwiespalt mit England nur auf Mißverständnissen beruhe und überbrückt werden könne. Wirkliche Interessengegensätze zwischen zwei Völkern lassen sich durch den guten Willen der Staatsmänner auf beiden Seiten, noch weniger durch Reden und Freundlichkeiten, nicht aus der Welt bringen, und es ist in der Regel ein Zeichen unklarer Köpfe, dies zu versuchen oder politisch anzustreben. Sache des kühl berechnenden Staatsmannes ist es, diese Tatsachen zu erkennen und ihnen gemäß seine Politik einzusetzen. Das unterscheidet ihn vom nebelhaften Phantasten und verschafft ihm dauernde Erfolge in der Geschichte, während der gemütvolle Schwärmer in der Regel scheitern und sein Volk mit in den Untergang hineinreißen muß. So z.B. war es eine unklare Halbheit, zu glauben, daß man einerseits Deutschland in die Weltwirtschaft und Weltpolitik hineinführen, gleichzeitig durch Reden und Verbrüderungen Freundschaft mit dem britischen Reich haben könne. Seit ich die deutschen Interessen auf der Erde erkannt habe, ist mir klar gewesen, daß für unser Volk eine feste Anlehnung an Rußland das Gegebene war, daß unsere Politik ihre »Orientierung«, wie man heute sehr schief sagt, im Osten suchen müsse. Deshalb ist mir stets die Politik des Dreikaiserbündnisses von 1873 als die gesündeste Grundlage für das Deutsche Reich erschienen. Die Voraussetzung dafür ist, daß wir mit Rußland über seine Politik an der Donau und im nahen Osten zu einem ehrlichen und offenen Ausgleich kommen, und ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß wir dort mit den österreichischen Plänen in Gegensatz geraten können. Wenn Bismarck in der Tat gesagt hat, Österreich müsse seinen Schwerpunkt nach dem Osten verlegen, und Deutschland es dort decken, so barg dieser Gedanke in der Hand von weniger genialen Staatsmännern[133] in der Tat den Gegensatz zu, die Spannung mit, und den Krieg gegen Rußland in sich. Ich habe zu Beginn dieses Jahres ein Buch »Zum Weltkrieg« herausgegeben, in welchem ich die wachsende Spannung zwischen dem britischen und dem Deutschen Reiche seit 1896 in einer Reihe von Aufsätzen dargelegt habe. Für jeden nüchternen Beobachter klar war das Heranziehen des Kampfes zwischen England und Deutschland seit dem Telegramm des Deutschen Kaisers an Paul Krüger, Anfang Januar 1896, und seit dem sogenannten »Burenrummel« bei uns zu Beginn dieses Jahrhunderts. Denn jeder denkende Brite erkannte in beiden Äußerungen einen Eingriff in die englische Machtstellung südlich des Sambesi, und es war ganz klar, daß man um diese jenseits der Nordsee bis aufs Messer kämpfen werde. Gleichzeitig trieb die Ausführung unseres Flottenplanes den Keil zwischen beiden Staaten von Jahr zu Jahr tiefer. Daß England diesen Krieg mit festländischen Einkreisungen und Verbindungen führen werde, war selbstverständlich, und, als Österreich-Ungarn 1908 durch Einverleibung von Bosnien und Herzegowina die geschichtliche Rolle Rußlands gegenüber der Südslawenfrage mit Rückendeckung Deutschlands angegriffen hatte, ließ sich auch der Umfang der feindlichen Koalition schon ziemlich genau berechnen. Nur ein unpolitischer Kopf konnte da noch bessere Beziehungen mit England zum Gegenstand der eigentlichen Politik machen wollen. Amazon.de Widgets Jedenfalls kann ein Staat, welcher, wie Deutschland, zwischen zwei Weltmächten sitzt, nicht zu gleicher Zeit nach beiden Seiten hin Ausdehnungspolitik treiben. Er muß sich nach einer Seite hin ausgleichen. Deshalb bin ich stets der Ansicht gewesen, daß unser Vaterland, seit seine wachsende Bevölkerungsziffer es zwang, Weltwirtschaft über See zu treiben, sich auf Erkämpfung von Ellbogenraum gegen Westen konzentrieren und dazu den Rücken gegen Osten frei halten müsse.[134] Ob eine solche Politik noch 1914 möglich war, vermag ich nicht zu beurteilen. Wahrscheinlich würde sie eine völlige Umwandlung der Dreibund-Politik bedeutet haben. Ich habe hier die Rückwirkung des Weltkrieges auf unser kleines Schicksal zu erzählen. Obwohl ich diesen Krieg seit Jahren hatte kommen sehen, obwohl ich seinen Ausbruch seit dem Morde von Serajewo bestimmt erwartet hatte, rechnete ich doch nicht damit, daß er die einzelnen Deutschen im feindlichen Ausland, insbesondere die in London, ohne weiteres in seinen Wirbel ziehen werde. Ich hatte die Engländer seit einem Vierteljahrhundert als ein zwar hochmütiges, aber doch im Grunde gutherziges und billig denkendes Volk kennen gelernt, so daß ich nicht darauf vorbereitet war, sie plötzlich als Feinde zu betrachten. Ich fühlte mich damals noch sicher unter dem Schutz der Genfer Konvention und lehnte deshalb die Einladung ab, welche an mich erging, mich mit dem Botschafter, welchem die britische Regierung ein Schiff bis Holland zur Verfügung gestellt hatte, einzuschiffen. Ich blieb also in London zurück und wurde gleich nach der Kriegserklärung durch zwei Verordnungen der Regierung überrascht, welche unter andern mich und meine Frau betrafen. Die erstere war, daß sich sämtliche Deutschen auf der Polizei anmelden und einschreiben mußten, die zweite, daß die freie Verfügung über mein Konto bei Lloyd's Bank Ld. beschränkt ward. Ich konnte zwar noch Schecks auf Engländer ausstellen, wenn ich der Bank angab, daß das Geld für unsere Bedürfnisse zu bezahlen sei, und für welche. Aber nicht mehr für meine Frau oder andere Deutsche, auch wenn ich selbst das Geld gebrauchen wollte. Es folgten gleich darauf jene Massenverhaftungen meiner Landsleute und der Deutsch-Österreicher, von denen meine Leser wissen1.[135] Ich erfuhr durch einen ehemaligen Diener von mir, welcher damals Kellner im Criterion war und sofort entlassen wurde, Genaueres über das Schicksal meiner vielen Landsleute. In jenen ersten Tagen nach der Kriegserklärung kam die Frau eines meiner Freunde zu mir und bat mich, ich möge mich doch mit ihrem Mann zusammen als Engländer naturalisieren lassen, um allen weiteren Unannehmlichkeiten zu entgehen. Dann werde dieser es auch tun. Ich antwortete ihr, der Augenblick, in welchem die halbe Welt über unser Vaterland herfalle, scheine mir der allerunglücklichste zu sein, um einen solchen Entschluß zu fassen. Jedenfalls werde ich dies nicht tun. Dazu war ich entschlossen. In dem großen Kampf zwischen den beiden Staaten, zwischen denen mein Lebensschicksal sich bewegte, gehörte ich auf die Seite meines Heimatlandes. Zwar hätte ich die Kriegszeit wohl auch in England zubringen können. Entweder konnte ich es machen, wie die Frau meines Freundes mir vorschlug, oder aber ich konnte mit meiner Frau nach 68 Buckingham Gate zurückkehren und dort die öffentliche Erregung in Ruhe überdauern. Ich wies beide Möglichkeiten von mir, in diesem Augenblick drängte es mich in mein Geburtsland zurück. Ich bildete mir im August 1914 noch ein, ich könne durch meine genaue Kenntnis des englischen Wesens diesem dienen, und hierzu war ich entschlossen. Es handelte sich also darum, noch nach Deutschland zurückzukommen. Die Polizei war sehr überrascht, als sie herausfanden, daß ich noch Deutscher sei. Nun wurden auch meine Waffen beschlagnahmt, und ich fand mich unter dauernder Überwachung. Ich konnte die Detektivs gegenüber unserm Hause Tag und Nacht feststellen, und zweimal wurde in meinem Schreibzimmer nachts eingebrochen. Was mir dabei auffiel, war, daß unsere Silbersachen und Gemälde ganz unberührt gelassen, aber meine Papiere durchwühlt waren. Augenscheinlich hatte man mich im Verdacht der Spionage.[136] Zweimal wurden bei uns auch Haussuchungen abgehalten, aber denselben nicht ich, sondern meine Frau ausgesetzt. Um diesen persönlichen Belästigungen zu entgehen, siedelte ich in ein sogenanntes Nursery Home in Montague Street im Herzen von London über, meine Frau nahm Zimmer in derselben Straße gegenüber meinem Hause. Meinem Plane, nach Deutschland zurückzureisen, kam im September der Wunsch auf britischer Seite entgegen, noch einmal mit der deutschen Regierung in Beziehung zu treten. Was für Strömungen an der Themse vorhanden gewesen sein mögen, weiß ich nicht. Aber eines Morgens im Anfang September 1914 teilte mir ein persönlicher Freund mit, er komme vom Auswärtigen Amt in Downing Street, und schlug mir vor, ich solle gewisse Friedensanerbietungen nach Berlin überbringen. Ich brauche auf Einzelheiten hier nicht weiter einzugehen. Im wesentlichen handelte es sich um die Wiederherstellung des status quo mit einer Abtretung an uns in Belgien. In bezug auf die Kolonien wollte man eine (Togo) zunächst englischerseits behalten. Als ich indes erklärte, zum Träger solch eines Vorschlages werde ich mich nicht machen, eilte mein Freund noch einmal aufs Auswärtige Amt und kam mit dem Angebot wieder, man werde uns all' unsere Kolonien zurückgeben. Ich habe dann versucht, dieses Angebot in irgendeiner Form schriftlich, wenn auch nur durch einen Brief an meinen Freund selbst, von welchem er mir eine Abschrift geben könne, zu erhalten. Dies gelang mir nicht. Wohl aber verschaffte mir mein Freund eine amtliche Erlaubnis für meine Abreise. In den letzten Wochen meines Aufenthaltes in London haben wir über die Sache nicht mehr gesprochen, und ich hielt sie für erledigt. Jedenfalls konnte ich, wie die Verhältnisse lagen, in Berlin mich nicht als den von der britischen Regierung bevollmächtigten Träger eines Friedensvorschlages in letzter Stunde halten. Ich nahm mir indes vor, den ganzen Vorgang bei meinem ersten Zusammentreffen mit einer verantwortlichen deutschen Persönlichkeit[137] zu erzählen. Dies habe ich auch getan. Daß es erst im Winter 1916 bis 1917 geschah, als sich die Verhältnisse völlig geändert hatten, war nicht meine Schuld. Mr. Lloyd George, der damalige Finanzminister, wies meine Bank an, mir als Reisegeld von meinem eigenen Konto die Summe von hundert Pfd. St. (etwa zweitausend Mark) auszuzahlen, und somit fuhren wir Anfang Oktober mit der Batavierlinie von Tilbury an der unteren Themse nach Rotterdam. Ein höherer Detektiv begleitete mich von London an Bord des Schiffes. Aber ich wurde von allen Seiten sehr zuvorkommend behandelt, wurde weder persönlich untersucht, noch wurden meine Sachen durchgesehen. Freilich, meine Frau mußte sich einer Untersuchung durch eine Geheimpolizeifrau unterziehen. Ebenfalls unsere Köchin, welche als ihre Jungfer mitging. Auch ihre Sachen wurden flüchtig durchgesehen. Besonders spähte man nach Papieren. Dann schwammen wir durch eine Reihe britischer Kriegsschiffe die Themse hinunter. Es kamen damals bereits auf der Nordsee manche Explosionen durch Minen, auch Versenkungen durch Unterseeboote vor. Als ich am Abend mich zu Bett legte, wehte ein heftiger Sturm, und ich war darauf gefaßt, in der Nacht mit den Beinen aufwärts gen Himmel zu fliegen. Wie behaglich fühlte ich mich am nächsten Morgen, als ich aufwachte und durch die Kabinenluke wahrnahm, daß wir ruhig zwischen den Ufern der unteren Maas auf Rotterdam zu fuhren. An die Tage, die wir in Rotterdam zubrachten, werde ich stets mit dem Empfinden eines gewissen Glücksgefühls zurückdenken. Es war ein Gefühl der Befreiung, welches wir empfanden: Frei von jeder Beaufsichtigung, von jeder Beschränkung unserer Bewegung, von jeder Bedrohung, welche doch in England stets über uns schwebte. Zwar hatte ich mein Vermögen in London zurücklassen müssen, nur ein kleiner Betrag erwartete mich in Berlin, zwar schwebte dieser ungeheure Krieg wie eine drohende Wolke[138] über unserm Vaterland, aber uns bedrohte vorläufig doch keine persönliche Freiheitsberaubung. Wir brauchten uns nicht bei der Polizei zu melden, uns beengte keine »five miles act« in unseren Bewegungen, wir konnten unsere Mahlzeiten einnehmen, wo wir wollten, ohne das häßliche: »Germans not wanted« und »don't speak german« an den Wänden zu sehen. Und schon tauchten die Namen »Hindenburg«, »Tannenberg«, »Wediggen« an unserm geistigen Horizont auf, die Möglichkeit eines deutschen Sieges und einer großen Zukunft tat sich auf! Im allgemeinen schien mir die Haltung Hollands gegen Deutschland zwar unfreundlich, aber doch vorsichtig zu sein. Von Rotterdam fuhren wir unbelästigt zunächst nach Bentheim und von dort über Osnabrück, Hannover nach Berlin. Überall fanden wir Siegesjubel und Hoffnung auf einen baldigen glorreichen Frieden. Das schien mir freilich sehr voreilig zu sein. Denn noch hatten unsere Feinde ihre Kräfte überhaupt nicht entwickelt, und noch vermochte niemand zu sagen, bis zu welchem Umfang die feindliche Bewegung gegen uns auf der Erde um sich greifen werde. Amazon.de Widgets Jedenfalls war mir ganz klar, daß die Möglichkeit einer schnellen Beendigung dieses Krieges ganz von der Frage abhänge, ob wir das britische Reich, den eigentlichen Herd der Feindschaft, schnell, d.h. noch vor Entwicklung seiner ungeheuren Hilfsmittel zu Boden zu werfen vermöchten oder nicht. Im letzteren Falle war es ganz klar, daß Deutschland militärisch in die Defensive gedrängt werden müsse, und dann war ein Ende des Krieges überhaupt nicht abzusehen. Mir schien 1914, daß man das britische Reich bei uns überhaupt nicht kannte und völlig unterschätzte, daß man nicht erfaßte, daß wir nicht nur nach zwei Fronten, sondern gegen zwei Weltmächte zu kämpfen hatten. Ich habe meine Anschauungen über die Möglichkeit einer Beendigung dieses Krieges im Winter 1914 bis 1915 an der leitenden Stelle dargelegt. Da ich indes von dieser Seite nichts weiter[139] hörte, mich nicht weiter aufgedrängt. So ist auch das seltsame Friedensangebot vom September 1914 nicht zur Sprache gekommen. Vom Oktober 1914 ab habe ich abwechselnd in Berlin, Hannover und Bad Harzburg gewohnt, als »Kriegsflüchtling«. Da ich eine eigentliche praktische Tätigkeit seit meiner Übersiedlung aus London nicht mehr hatte, habe ich mich mehr als früher schriftstellerischen Arbeiten hingegeben. Im Sommer 1915 schrieb ich meine »Afrikanischen Köpfe«, im Winter 1915 bis 1916 mein, noch nicht erschienenes, Buch: »Südafrikanisches Minenleben«, und im Winter 1916 bis 1917 mein »Zum Weltkrieg« (Hamburg, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung). Im übrigen bin ich bloßer Zuschauer des großen Weltdramas, in welchem wir leben. Über den Gang dieses Krieges heute schon zu urteilen, ist verfrüht, das wird einem späteren Geschlecht vorbehalten sein. Noch liegen die verschiedenen Drähte des gewaltigen Netzwerkes für den einzelnen nicht erkennbar da. Das eine nur dürfen wir bereits mit Stolz hervorheben, daß das Deutschtum in der Weltkatastrophe, welche wir durchmachen, seines alten kriegerischen Ruhmes und seiner Weltstellung sich würdig zeigt. Das müssen auch die feindlichsten und gehässigsten Völker anerkennen. Wie es auch werden möge, wir bestehen die große Prüfung, auf welche das Schicksal uns gestellt hat, mit Ehren. Und gerade die Tatsache, daß fast alle Völker dieses Planeten gegen uns anrennen möchten, erhöht unsern Ruhm. Es kann keine Frage sein, daß gerade die Friedenssehnsucht, welche sich seit einem Jahr immer lauter auch bei uns geregt hat, dazu beitrug, diesen Krieg zu verlängern. Denn ein Volk, welches immer hofft, der Krieg werde in zwei, in fünf Monaten zu Ende sein, erweckt bei den Feinden nur gar zu leicht den Eindruck, daß es nicht länger könne und stärkt demnach den Entschluß auf der Gegenseite, unter allen Umständen fortzukämpfen. Ich bin auch überzeugt,[140] daß das Überspringen der Kriegswut auf den westlichen Erdteil zum Teil durch das Friedensangebot unserer Regierung vom 12. Dezember vorigen Jahres hervorgerufen ist. Denn auch dieses mußte in der Fremde den Eindruck vertiefen, daß wir nicht länger könnten. Edle und rein menschliche Gesichtspunkte werden ja in der Regel nicht geglaubt, was man auch sagen mag. Immer denkt der Außenstehende an Motive der Schwäche und der Furcht. Ich glaube auch, daß das viele Gerede über das Essen, welches naturgemäß mit den Entbehrungen des Krieges übermäßig weit in unserm Vaterlande gehört wurde, ebenfalls kriegsverlängernd gewirkt hat. Weil es in den Feinden die Hoffnung verstärken mußte, sie würden Deutschland nun bald niedergerungen haben. Aber auch dies war am Ende nur natürlich und kaum zu vermeiden. Ich möchte wissen, ob große Völker, z.B. die Römer nach Cannae, solche kleinlichen Sorgen ganz in ihren Busen haben hinunterdrücken können. Der Stoiker auf der Erde sind immer nur einzelne. Wir aber wollen uns des Heldenmutes unserer Brüder an den Fronten und auf der See, unserer Hindenburg, Ludendorff, Mackensen und aller der andern Helden, welche dieser Krieg an die Öffentlichkeit gebracht hat, aus tiefster Seele freuen. Das ist unter allen Umständen besser, als die Erstarrung, in welche das Deutschtum in dem Wohlleben vor dem Kriege zu versinken drohte. Amazon.de Widgets Ich nahe mich jetzt wohl dem Abschluß der mir zugemessenen Lebenszeit. Am Tage nach meinem Tode werde ich meiner Überzeugung nach das sein, was ich am 26. September 1856, dem Tage vor meiner Geburt, oder richtiger, am Tage vor meiner Empfängnis gewesen bin. Was wir vor diesem Leben waren und nachher wieder sein werden, wissen wir nicht. Nur kann es nicht Nichts sein. Denn sonst wären wir auch heute nicht.[141] Ich finde nicht, daß der Tag vor dem 27. September 1856 und die Jahrtausende, welche ihm vorhergingen, besonders schrecklich für mich gewesen sind. Ebenso bin ich überzeugt, daß die Zeit nach meinem Tode nicht fürchterlich für mich sein wird. Unruhig und sorgenvoll ist ausschließlich die Zeit vom 27. September 1856 bis zu meiner Todesstunde gewesen. Aber auch dieses Zwischenspiel, welches mir heute eine so überflüssige Unterbrechung zu sein scheint, wird seinen Zweck im Zusammenhang des großen Naturganzen irgendwie gehabt haben.[142] 1 S. hierzu mein: »Das deutsche Elend in London«. S. Hirzel, Leipzig 1914, und »Zum Weltkrieg«, S. 111 bis 124, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung, Hamburg 1917. 
 Universitätsleben [43] Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust Und eine will sich von der andern trennen. Goethe.[43]  Meine drei Paten hatten bei meiner Taufe einen Sparpfennig hinterlegt, welcher zur Unterstützung meiner Studienzeit dienen sollte. Dieser war im April 1876 mit Zinseszinsen auf 163 Taler (je 3 Mark) angeschwollen. Ich hob ihn nach meiner Ankunft in Immensen ab, und er stellte das Vermögen dar, mit welchem ich einen Studiengang von drei Jahren bestreiten sollte. Denn die Kasse meiner alten Mutter durfte ich nicht mehr in Anspruch nehmen. Ich war von nun an völlig auf mich selbst angewiesen. Ich beschloß, zunächst in Göttingen Geschichte und Geographie zu studieren, mich indes als Jurist immatrikulieren zu lassen, weil mir dies einen weiteren Spielraum für zukünftige Betätigungen zu bieten schien. Gleichzeitig wollte ich meiner Militärzeit als Einjähriger genügen. Ich reiste also am 31. März 1876 dorthin und stellte mich am nächsten Morgen zur ärztlichen Untersuchung. Das Ergebnis war, daß ich wegen Kurzsichtigkeit als »bedingt tauglich« zunächst zurückzustellen sei. Diese Kurzsichtigkeit habe ich voraussichtlich meinem unüberwindlichen Hang zum Lesen, welchem ich seit frühester Kindheit gefrönt habe, zuzuschreiben. Ich nahm mir nun in Göttingen eine Studentenwohnung von zwei Zimmern und beschloß, den Rest der akademischen Ferien bis zum Beginn der Vorlesungen dort zuzubringen. Es zeugt für meinen jugendlichen Leichtsinn, daß der Mangel an Geldmitteln mir damals gar kein Kopfzerbrechen machte. Den werde ich schon irgendwie ausgleichen, meinte ich. Auf keinen Fall hatte ich die Absicht, meine Studienzeit[44] zu unterbrechen, um mir etwa als Hauslehrer weitere Mittel zu beschaffen. Ich hatte zu jener Zeit die Vorstellung, woher, weiß ich nicht, daß das Hauslehrertum ein höheres Lakaientum darstelle, welches unter allen Umständen die Charaktere verderbe. Zunächst unternahm ich einen Kursus bei einem tüchtigen Fechtlehrer, um im Schläger- und Säbelfechten möglichst ausgebildet zu sein für den Beginn des Semesters. Tatsächlich habe ich auch, besonders im Schlagen von Tiefquarten, eine große Gewandtheit erlangt, welche mir für zukünftige Streitfälle sehr zustatten gekommen ist. Gleichzeitig fand ich schon in den Ferien einen älteren Ökonomen, dem ich täglich Privatstunde in Lateinisch und Griechisch erteilte, wodurch ich meinem schwindenden Kassenbestand aufhalf. Der Übergang vom Klosterleben in Ilfeld zur akademischen Freiheit rief geradezu ein moralisches Aufatmen in meiner Seele hervor. Man wird es mir kaum nachfühlen können, wie tief ich es empfand, nicht mehr auf Befehl zu Bett gehen und morgens früh auf stehen zu brauchen, meine Mahlzeiten einnehmen zu können, wann es mir paßte, lesen und arbeiten, oder auch nicht arbeiten zu dürfen, wann ich selbst Luft dazu empfand. Was der Besitz eines eigenen Hausschlüssels für mich bedeutete! Ich glaube, ich bin in den ersten Wochen oft nur deshalb nach zehn Uhr abends in einen benachbarten Ort, etwa Geismar oder Weende, gegangen, weil die Ilfelder zu dieser Zeit im Bette liegen mußten. Ich genoß die neuerlangte Freiheit mit Bewußtsein. Vor allem kam es darauf an, meine Kassenverhältnisse auf eine solide Grundlage zu stellen. Zunächst bewarb ich mich um ein Celler Stipendium. Dies erhielt ich auch und gewann dadurch eine regelmäßige Jahreseinnahme von 70 Talern (210 Mark). Ferner tat ich mich am Schwarzen Brett des Universitätsgebäudes um und erfuhr dort, daß der Vorsitzende des Vereins für Volksbildung, Herr Dr. Post,[45] eine Kraft für die Ausarbeitung zweier Museumskataloge, eines geographischen und eines kunstgeschichtlichen, gegen angemessene Bezahlung suchte. Ich bewarb mich durch Einsendung eines volkstümlichen Vorwortes um beide und erhielt die Arbeiten auch zuerteilt. Ich habe sie in meinem ersten Semester beide geschrieben und hatte damit wirklich eine, wenn auch kleine, regelmäßige Einnahme. Später suchte am selben Schwarzen Brett der Besitzer des »Beobachters am Harz« zu Seesen einen Studiosen, welcher dreimal wöchentlich einen politischen Leitartikel schreiben könne. Auch hierfür bewarb ich mich durch Einsendung einer Probe und erhielt die Stellung gegen ein festes kleines Monatsgehalt. Um diesen Gegenstand gleich zu beschließen, so bewarb ich mich von Tübingen aus durch eine Arbeit über den Kreuzzug von 1101 unter Professor Kugler um die Klostermeyer-Stiftung in Detmold. Die Klostermeyer-Stiftung war begründet, um einem bedürftigen Studierenden der Staatswissenschaften eine jährliche Unterstützung von 1200 Mark zu gewähren. Obwohl der Mitbewerb stark war, erhielt ich diesen Preis zunächst auf drei Jahre, dann noch auf ein viertes Jahr verlängert, und von nun an war mein Wechsel dem meiner meisten wohlhabenderen Kommilitonen überlegen. Meine kleinen Restschulden in Ilfeld, Göttingen und Tübingen wurden bezahlt und ich konnte in völliger Gemütsruhe der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensehen, um so mehr, als mein Gehalt in Seesen verdoppelt ward. Von Tübingen ab erhielt ich das Zweifache meines Monatsgehaltes und brauchte statt drei nur noch einen Leitartikel wöchentlich zu liefern. Es ist eben überall der Fall: »Wer da hat, dem wird gegeben, ja überschwenglich gegeben werden; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen werden, was er hat.« Matthäus XIII, 12. Amazon.de Widgets In Göttingen hörte ich unter anderem organische Chemie bei Professor Wöhler, die Reden des Demosthenes bei[46] Professor Saupe, Geschichte der französischen Revolution bei Professor Weizsäcker und beteiligte mich an den psychophysiologischen Übungen des damaligen Privatdozenten Dr. Müller. Vor allem aber warf ich mich auf das Studium der Philosophie. Ich las die Werke von Hartmanns, und sehr bald auch Artur Schopenhauers. Ich machte mich an Kants Kritik der reinen Vernunft. Psychologie hörte ich bei Professor Lotze. Nachts, mochte ich um ein Uhr oder später nach Hause kommen, fand ich meine Lieblingswerke auf meinem Nachttische und las bis in die frühen Morgenstunden hinein. Mehr und mehr Einfluß gewann die Weltanschauung Artur Schopenhauers auf meinen Geist, wozu freilich dessen schöner und klarer Stil erheblich beitrug. Fichte, Hegel, Schelling mit ihrer breiten, gewäschartigen Schreibweise, die ich gleichzeitig durcharbeitete, stießen mich so ab, daß ich sie bald beiseite warf. Von Schopenhauer habe ich schon früh gelernt, daß ein Buch, über dessen Sätze man nachgrübeln muß, um sie auch nur zu verstehen, überhaupt nicht wert ist, gelesen zu werden. Neben Masius und Mommsen ist er der dritte Kopf, welcher wesentlichen Einfluß auf meine Denkweise gewonnen hat. Ich würde in Göttingen sehr gerne Korpsstudent geworden sein; aber dazu reichte mein Wechsel nicht aus. Aber von Ilfeld aus war die Gewohnheit, Vorsitzender einer Körperschaft zu sein, so stark in mir geworden, daß ich mir eine eigene kleine Verbindung schuf, welche mich denn auch zu ihrem Präses wählte, obwohl es am Schluß meines ersten Semesters war. Im übrigen trat ich in den akademischen Turnverein ein und hatte die Freude, bei einem allgemeinen deutschen Schauturnen im Herbst 1876 den zweiten Preis im Ringen zu erzielen. Wir Turner machten des Sonntags in der Regel gemeinsame Ausflüge in die Göttinger Umgegend nach den Gleichen und andern Aussichtsorten. Pfingsten 1876 machte ich mit meinem Neuhäuser Altersgenossen, Magnus Ehrhorn, eine Fußreise über Hannoversch-Münden[47] nach Kassel und der Wilhelmshöhe und zurück. Spaziergänge um den Wall und nach den benachbarten Orten waren regelmäßig jeden Tag. So hielt ich meine Muskeln auch damals in Übung. Daneben genoß ich das akademische Leben in vollen Zügen. Sonnabends abends fanden unsere feierlichen Kneipen statt, Sonntags unsere Exkneipen in die Umgegend. An den andern Abenden unterhielten uns die Bierkonzerte bei Burhenne oder Skat im Ratskeller oder anderswo. Zu Hause war ich selten. Die großen Ferien verbrachte ich, der Reise-Ersparnis wegen, bei meinem ältesten Bruder Arnold, welcher damals Pastor in Sack bei Alfeld war, oder auch zum Teil bei meinem Schwager Nötel, an der andern Seite von Alfeld. In diesen schönen Herbstmonaten genoß ich das liebliche Leinetal, aber ich schrieb auch viel für die Veröffentlichung, las Goethe, Shakespeare und Byron und versuchte mich in Nachahmuns gen. Diese Versuche veröffentlichte ich zum Teil unter dem Namen C. Fels, unter anderm einen Roman »Entrissen und Errungen«. Aber ich fand bald heraus, daß die Natur mich augenscheinlich nicht zu einer rein schriftstellerischen Tätigkeit bestimmt habe, daß mein Beruf viel mehr auf einer praktischen Betätigung liege, und die alte Sehnsucht nach Nordamerika blieb stets lebendig in mir. Ich darf für mich immerhin in Anspruch nehmen, daß ich schon damals bei der Wahl meines Lebensberufes sehr sorgfältig auf die Stimme meiner eigenen Seele hingehorcht und mich dahin gewendet habe, wohin sie mich rief. Mein drittes Semester, von Mitte April bis Mitte August 1877, beschloß ich in Tübingen zuzubringen. Ich traf dort zwei engere Ilfelder Freunde, welche im März 1877 ihr Abiturienten-Examen gemacht hatten: Karl Jühlke und Max Berthold. Der Schritt meinerseits, mein Betätigungsfeld weiter von meiner Rückzugslinie in der Provinz Hannover zu verlegen, ward mir von mancher Seite als Leichtsinn ausgelegt. Denn ich mußte mein Celler Stipendium aufgeben,[48] wenn ich von Göttingen wegging, und hatte die Klostermeyer-Stiftung noch nicht gewonnen. Aber ich begann, mich meiner Erfolge auf diesem Gebiet immer sicherer zu fühlen. In Tübingen war der Höhepunkt meines gesamten Universitätslebens. Es feierte im Sommer 1877 sein 50jähriges Jubiläum. Jühlke hatte einige Freunde aus Potsdam mitgebracht, ich meinen Freund Baldamus aus Göttingen, andere schlossen sich an, und so gründete ich bereits am Abend meines Eintreffens eine neue schlagende Verbindung, deren Vorsitzender ich wurde. Wir nannten sie »Ilfeldensia«, und beschlossen, nur auf Korpswaffen zu schlagen. Da ich gleich in der ersten Nacht auf der Neckarbrücke in eine Mensur mit einem Schwaben verwickelt wurde, so belegten wir Frankenwaffen. In Tübingen ließ ich mich noch einmal in der juristischen Fakultät immatrikulieren. Ich schrieb dort nicht nur die schon erwähnte quellenkritische Arbeit über den Kreuzzug von 1101 bei Professor Kugler, sondern begann auch, zum erstenmal Arbeiten für deutsche größere Zeitschriften zu unternehmen. Besonders aber genoß ich die schöne Umgegend, das sonnige Neckartal, das Waldhörnle, Derendingen, Lustenau und die akademische Freiheit. Sonnabend nachts, nach unserer Kneipe, fuhren wir zuweilen in Landauern nach Stuttgart, und zu Pfingsten unternahmen meine Freunde und ich eine Fußreise durch das sonnige Württemberg und Südbaden, besuchten Ulm und den Hohenstein, Freiburg im Breisgau und den Rheinfall bei Schaffhausen, sowie Konstanz am Bodensee. Auch in Tübingen trat ich wiederum in den Turnverein, und, da ein Teil meiner Kommilitonen, z.B. Jühlke, dem Gesangverein beitraten, so gewannen wir einen gewissen Einfluß in den breiten Klassen der Studentenschaft, und erreichten es, daß das uns befreundete Korps der Franconen den Vorsitz bei der bevorstehenden 500jährigen Feier des Universitäts-Jubiläums erhielt.[49] Das Semester in Tübingen war besonders reich an lustigen und übermütigen Studentenstreichen, an denen es auch in Göttingen nicht gefehlt hatte, und, trotzdem ich einen großen Teil meiner Zeit »im Korbe« lag, habe ich kaum ein halbes Jahr meines Lebens so ausgenossen, wie damals. Mit den Feiern der Universität schloß das Halbjahr ab, und ich mußte noch einen Teil meiner Mensur-Verpflichtungen auf den kommenden Winter verschieben, um in der schönen Neckarstadt frei zu werden. Endlich um Mitte August fuhr ich über Frankfurt, Mainz, Köln rheinabwärts und dann durch Westfalen nach Hannover, wohin meine Mutter inzwischen von Neuhaus übergesiedelt war, bei welcher ich diesmal für die langen Herbstferien abstieg. Im September erhielt ich die erste Hilfe der Klostermeyer-Stiftung aus Detmold. Da ich mit Baldamus in Tübingen, welcher sich auch beworben hatte, halb im Bierübermut ausgemacht hatte, daß, wer von uns beiden auch den Preis erhalte, dem andern die Hälfte des ersten Jahresbetrages abgeben solle, und, da ich jetzt reine Bahn mit allen meinen noch rückständigen Schulden machte, blieb für mein erstes Semester in Berlin, welches ich im Oktober 1877 begann, nicht allzuviel übrig, und ich mußte mich dort in der ersten Zeit wieder gehörig einschränken. Ich bezog demnach nach meinem Eintreffen ein billiges Zimmer in der Invalidenstraße, gegenüber dem Stettiner Bahnhof, und trat diesmal auch in keinen Verein, auch zum erstenmal nicht in einen Turnverein. Dafür besuchte ich gleich in den ersten Tagen den Geheimrat Waitz, den damaligen Herausgeber der »Monumenta Germaniae«. Dieser hatte an den Freitag Abenden geschichtliche quellenkritische Übungen für junge Gelehrte älteren Semesters. Ausnahmsweise nahm er mich, der ich erst mein viertes Semester begann, in diese Übungen auf, und ich muß gestehen, daß ich ihm zu großem Dank verpflichtet bin für das, was ich in der geschichtlichen Wissenschaft gelernt habe. Außerdem[50] hörte ich Kollegien bei den großen Leuchten der Geschichte, welche sich damals an der Berliner Universität drängten: u.a. Römische Geschichte bei Mommsen, Preußische Geschichte bei Droysen, Politik bei Treitschke, Handschriftenkunde bei Wattenbach, Geographie bei Kiepert, Staatsrecht bei Rudolph Gneist, vor allem Geschichte des Mittelalters und Verfassungsgeschichte bei K. W. Nitzsch. Dieser zog mich auch zu seinem häuslichen Kreis, und er hat meine geschichtliche Auffassungsweise stark beeinflußt. Daneben betrieb ich immerfort Artur Schopenhauer und Kant sowie alle deutschen großen Geschichtswerke, vor allem Rancke. Einem Verein gehörte ich in Berlin nicht wieder an. Jühlke war nach Leipzig gegangen, Berthold in Tübingen geblieben. Dafür traf ich Harry Denicke wieder, mit welchem ich eifrig verkehrte. Da mein Wechsel knapp war, nahm ich meine Mahlzeiten entweder in den Akademischen Bierhallen oder in einer »Gemeinnützigen Speiseanstalt« ein. Um einen Ersatz für meine früheren Vereine zu haben, gründete ich in meinem ersten Semester in Berlin den sogenannten Pfropfen-Verein oder »Proppenbund«, der sich bald über eine Reihe von Universitäten ausbreitete und in Berlin selbst Tausende von Mitgliedern gewann. Das ganze war ein Bierscherz, den ich doch hier kurz erwähnen will. Jedes Mitglied hatte einen Kork in der Westentasche zu tragen, den er den Fremden, denen er begegnen möge, unter die Nase zu halten habe, mit der Frage: »Mitgebracht?« Falls dieser nicht Bescheid wußte oder keinen Kork mitgebracht hatte, so war er unter den Arm zu greifen, in die nächste Kneipe zu schleppen und sollte ein Glas Freibier ausgeben. Ich hatte Satzungen drucken lassen, welche eine Reihe von Vorteilen für die Mitglieder des Bundes aufführten: z.B. durften sie in allen Wirtschaften Freibier, bei allen Eisenbahnen, Posten und sonstigen Verkehrsanstalten auf der ganzen Erde freie Fahrt verlangen. »Wird ihnen solches auf ihren bescheiden zu äußernden Wunsch nicht[51] gewährt, so sollen sie den Betrag dafür im Deutschen Reich in der deutschen Reichsmünze, in fremden Staaten in den dort gangbaren Geldsorten bezahlen.« Dafür wurden den Mitgliedern alle Arten von Einschränkungen auferlegt: z.B. durften sie die Schrauben an Wagenrädern nicht abbeißen, »weil dadurch leicht Unglücksfälle entstehen könnten«, keine Kälber ins Bein beißen, »weil dadurch Krankheiten übertragen werden« usw. und was dergleichen Scherze mehr waren. Sonntags hielten wir große Bundessitzungen beim Gastwirt Schwietzke in der Auguststraße ab, an welcher auch Bundesschwestern teilnahmen, und welche im Geist der Satzung mit Bierreden usw. verliefen. Amazon.de Widgets Nach den Übungen bei Geheimrat Waitz in der Bendlerstraße aßen wir Teilnehmer meistens im Leipziger Garten zu Abend. Dabei führte ich die gelehrten Genossen alsbald in den Proppenbund ein und hielt Sitzungen der oben gekennzeichneten Art ab. Es war im Winter 1877/78 viel von einer Preisaufgabe über den Frieden zu Venedig die Rede. Leider sei die Aufgabe so umfassend, daß sie in einem halben Jahr ? das war der Termin, den die philosophische Fakultät der Universität gestellt hatte ? nicht zu lösen sei. Tatsächlich handelte es sich um eine genaue quellenkritische Untersuchung aller auf diesen Frieden bezüglichen Quellen und Urkunden; und diese Arbeit mußte vor dem 3. April 1878 eingereicht werden. Ärgerlich über die Störung, welche das viele Gerede darüber meiner Proppenbund-Sitzung verursachte, rief ich eines Abends im Januar 1878 über den Tisch: »Lassen Sie doch das ewige Gerede über diese Preisarbeit; wenn Sie sie nicht machen können, muß ich mich noch selbst daran machen.« Ein schallendes Gelächter antwortete; denn man hielt dies für einen der Scherze des Vorsitzenden vom Proppenbunde. Ich hatte bis dahin nicht einmal gewußt, in welchem Jahre der Friede zu Venedig geschlossen war.[52] Aber dieses Gelächter reizte mich, den Herren doch zu zeigen, daß ich solche Arbeit wohl machen könne. Ich hatte bis zum 3. April noch etwa zehn Wochen Zeit und machte mich nun mit allem Eifer an die Arbeit. Hierbei wurde ich unterstützt durch die Knappheit meiner Geldmittel, welche mich verhinderte, des Abends in eine Bierwirtschaft zu gehen, ja auch nur mir einzuheizen. In Tücher gehüllt, saß ich hinter meinen Büchern und lieferte meine Arbeit auch zur rechten Zeit ab. Am 3. August 1878 verkündete der damalige Rektor, Professor Helmholtz, in feierlicher Sitzung das Ergebnis. Ich erinnere mich noch, daß ein Dr. B., ein Teilnehmer der Waitzschen Übungen, sich mir gegenüberstellte, weil er irgendeinen Ulk erwartete. Aber Professor Helmholtz erkannte mir die goldene Medaille zu1, und als Dr. B., nicht gerade sehr erbaut, mir dazu Glück wünschte, sagte ich ihm: »Wissen Sie, dazu nehme ich gar keine Glückwünsche an, das hätten[53] ja zur Not, wenn Sie sich ein halbes Jahr Mühe gegeben haben würden, selbst Sie fertig bringen können.« Mit diesem Preis war mein Universitätsstudium eigentlich praktisch beendigt. Meines Wissens habe ich nach dem August 1878 Berufskollegien nicht mehr gehört. Nur ging ich zu Anfang der Semester in den Kollegiensaal und suchte mir irgendeinen, womöglich blaß und elend aussehenden Studiosus aus, der mitschrieb, »als diktiere ihm der Heilige Geist«. Ihm stellte ich mich nach dem Kolleg vor und bat ihn, mir am Schluß des Semesters sein Kollegienheft auf einige Tage zu leihen. Dessen Inhalt las ich durch und prägte ihn meinem Gedächtnis ein. Meine Arbeit veröffentlichte ich in der Hahnschen Hofbuchhandlung zu Hannover, und meine Leser, soweit sie sich dafür interessieren, können sie sich noch heute verschaffen. Sie erschien, wie gesagt, unter dem Titel: »Untersuchungen zum Frieden von Venedig«.[54] Ich selbst ließ mir einen Pelzrock machen und kaufte mir einen Zylinder. So bekleidet pflegte ich von Zeit zu Zeit in den Zwischenpausen feierlich auf dem Vorhof des Universitätsgebäudes »Unter den Linden« auf und ab zu stolzieren. Einen Teil meiner Preisarbeit ließ ich im einzelnen drucken, und habe darauf im Sommer 1879 an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin promoviert. Im November 1880 machte ich ebenfalls in Berlin mein Oberlehrer-Examen, wobei ich in Geschichte und Geographie die Berechtigung erlangte, in der Prima jedes Gymnasiums zu unterrichten. Doch dies waren alles Lappalien im Vergleich mit den Studien zu meiner Preisarbeit selbst. Examenfieber ist mir stets lächerlich erschienen. Aber eine Bemerkung möchte ich mir im Hinblick auf meine spätere Tätigkeit gestatten. In der deutschen Presse habe ich oft die verwunderte Frage gelesen, wie ich dazu komme, geographische Fragen zu lösen und geologische Formationen zu kennen. Soweit ich sehe, bin ich von allen bekannten Afrikareisenden der einzige, welcher Berufsgeograph von Fach ist, und die Geologie war auch schon 1879 ein Nebenfach der Erdkunde. Weshalb sollte es denn da wunderbar sein, daß gerade ich an geographischen Aufgaben Interesse nahm und geologische Kenntnisse besaß? Berthold hatte im Sommer 1878 mit mir zusammen eine Wohnung in der Linienstraße von drei Zimmern innegehabt. In den folgenden Ferien verheiratete er sich, gab seine juristische Laufbahn auf und wanderte nach Nordamerika aus, wo er zu meiner Freude eine vorzügliche Karriere gemacht hat. 1893 habe ich ihn in Boston besucht. Karl Jühlke wohnte von Sommer 1878 ab bei seinen Eltern in Sanssouci, und studierte von da aus Jurisprudenz in Berlin. Da sein Vater ein guter Freund des Fürsten Bismarck war, schien ihm eine glänzende deutsche Laufbahn bevorzustehen. Wir sind von da ab in regstem Verkehr geblieben. Ich selbst war von 1887 in der philosophischen[55] Fakultät immatrikuliert, da ich mich entschlossen hatte, zum Abschluß meiner akademischen Laufbahn in Berlin mein Doktor- und mein Oberlehrer-Examen zu machen. Aber meine nordamerikanischen Pläne blieben auch in diesen Jahren im Hintergrunde stehen. Vorläufig genoß ich die Freuden der neuen Reichshauptstadt, eingeschränkt durch eine eifrige private Tätigkeit, besonders in Philosophie und Geschichte.[56] 1 Amazon.de Widgets Die von der philosophischen Fakultät gestellte Preisaufgabe hieß wörtlich: »Allseitige und erschöpfende Untersuchung der Nachrichten und Urkunden, welche über den 1177 zu Venedig zwischen Kaiser Friedrich I. und Papst Alexander III. geschlossenen Frieden überliefert sind, und Darstellung sowohl der Sachlage vor dem Frieden als auch der Verhältnisse, wie sie durch denselben festgestellt wurden und infolge desselben sich gestalteten.« Das über die von mir eingereichte Arbeit gefällte Urteil lautete: »Zur Beantwortung dieser Frage sind zwei Arbeiten eingereicht worden deren erste mit dem Motto: ?Es irrt der Mensch so lang er strebt? versehen ist, die zweite mit dem Spruch: ?Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen.? Beide Arbeiten zeugen in erfreulicher Weise von dem auf den Gegenstand verwendeten Fleiße, von den geschichtlichen Kenntnissen der Verfasser und von kritischem Scharfsinn. Die zuerst genannte hat bei sehr ansehnlichem Umfange den Vorzug eines genaueren und ausführlicheren Eingehens auf die hier in Betracht kommenden Fragen und Schwierigkeiten. Sie hat auch den Vorzug einer zweckmäßigen Methode, indem einerseits die geschichtliche Sachlage gezeichnet ist, aus welcher der Kampf und endlich das Friedensbedürfnis hervorgegangen war, andererseits die Spezialkritik der Quellen mit der Darstellung selbst in Verbindung gebracht, wodurch in mancher Beziehung ein besseres Verständnis der Dokumente erreicht ist. Nicht durchgängig wird der Verfasser Zustimmung erwarten können, weder in seiner Kritik der überlieferten verschiedenen Texte des Friedensschlusses noch in seiner Auffassung der Politik des Kaisers. Die Einwirkung der deutschen Bischöfe ist zu wenig in Anschlag gebracht, und die wachsende Spannung zwischen ihnen und Heinrich dem Löwen nicht in Betracht gezogen. Eine eingehendere Beschäftigung mit den deutschen Verhältnissen würde hier zu anderer Auffassung geführt haben, und ebenso sind die Beziehungen zu dem Bunde der Lombardischen Städte zu wenig beachtet, dem Verfasser waren die von Vignati in der Geschichte desselben veröffentlichten Urkunden entgangen. Ungeachtet dieser Mängel sind die Vorzüge der Arbeit, namentlich auch die lebhafte und gewandte Darstellung, und die Auffassung der großen geschichtlichen Verhältnisse in einer Weise, welche gute Erwartungen für fernere Leistungen erweckt, der Fakultät so überwiegend erschienen, daß sie beschlossen hat, der Arbeit mit dem Motto: ?Es irrt der Mensch, so lang er strebt? den Preis zuzuerkennen.« Meine Arbeit hatte das Motto: »Es irrt der Mensch so lang er strebt« und war demnach die preisgekrönte. Sie ist unter dem Titel: »Untersuchungen zum Frieden von Venedig« im Buchhandel erschienen. 
 Kindheit [8] Wie an dem Tag, der sich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist also bald und fort und fort gediehen Nach dem Gesetz, nach dem du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen, So sagten schon Sibyllen, so Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. Goethe.[9]  Mein verstorbener Freund, Dr. Hübbe-Schleiden, der Vorkämpfer der okkulten Weltanschauung in Deutschland, erzählte mir einmal, er sei psychisch so weit entwickelt, daß er sich früherer Lebensabschnitte auf der Erde erinnere. So habe er mich bereits im dritten Jahrhundert nach Chr. in Alexandrien kennen gelernt. Dort habe er als kynischer Philosoph gelebt, ich aber sei byzantinischer Gouverneur gewesen. Ich habe ihn häufig zu mir kommen lassen und mich mit ihm unterhalten. Später sei ich als Dschingis-Khan wieder geboren. Er sei zu jener Zeit Mönch in Oberbayern gewesen und habe mich einmal in Polen kennen gelernt. Endlich sei ich als Pastorensohn in Neuhaus a.d. Elbe ins Leben getreten, und nun verkehrten wir in Döhren bei Hannover miteinander. Nach einem abermaligen Untertauchen in das erquickende Meer des Todes würde unser seelischer Verkehr bequemer sein, wir würden dann nicht mehr in Sprache und Worten, sondern uns durch unmittelbare Gedankenübertragung verständigen. Sollte Dr. Hübbe-Schleiden recht gehabt haben, so müßte ich annehmen, daß ich mich als Dschingis-Khan großer Vergehungen schuldig gemacht und mein Karma ungemein verschlechtert habe. Denn die Umwandlung aus dem großen mongolischen Eroberer in einen lutherischen Pastorensohn in Norddeutschland würde eine ungeheuerliche Bestrafung für eine sich entwickelnde Seele sein. Aber ich glaube nicht mehr, daß Hübbe-Schleiden und der Buddhismus recht haben, mit ihrer Lehre von der Seelenwanderung. Ich[10] würde es für einen sehr schlechten Geschmack der Natur halten, alle einmal geschaffenen Persönlichkeiten immer wieder durch dieses Leben zu peitschen, bis das Nirwana sie endlich von diesem Dasein befreit, anstatt immer neue, womöglich vollkommenere hervorzubringen. Genug, wie es sich mit den metaphysischen Anschauungen Hübbe-Schleidens auch verhalten mag, als ich in diesem Leben zum Bewußtsein kam, fand ich mich als das achte Kind unter elf Geschwistern, als der dritte und jüngste Sohn des Pastors Carl Peters zu Neuhaus im Lauenburgischen. Meine Mutter war eine geborene Elise Engel und entstammte dem Gut Thiedenwiese im Kalenbergischen. Meine jüngsten beiden Schwestern, Zwillinge, starben im zarten Kindesalter, und so sind wir als neun Geschwister herangewachsen. Der Ursprung von Neuhaus ist augenscheinlich der Bau eines Schlosses, eines »Neuenhauses« der Herzoge von Lauenburg, damals Askanier, im Nordwesten des Dorfes Carrenzien, welches etwa aus dem Jahre 1250 stammt. Wahrscheinlich steht auch die Anlage des benachbarten Rosengartens mit dieser früheren Residenz in Verbindung. In ihren Ruinen haben wir Kinder noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gespielt. Einige alte Gebäude im Orte stehen im Zusammenhang mit dieser alten Anlage, so das Gefängnis, das Amtsgebäude, das alte hannoversche Amt, die Münze, meinem Geburtshaus gegenüber. Allmählich ist der Ort herangewachsen, so daß er mit dem benachbarten Dorfe Carrenzien zu einem Wohnort verwachsen ist. Neuhaus heißt noch heute »im Lauenburgischen«, obwohl das ganze Amt links der Elbe schon 1705 an das damalige Hannover abgetreten wurde. Neuhaus ist ein anmutiger Flecken am Rande der Elbmarsch in einer lieblichen Gegend gelegen. Nach der Elbseite zu wird er durch drei flache Landseen, den Zeetzer-Carrenziener- und Sumter-See eingefaßt, nach hinten oder[11] gegen Osten liegt es an einer mit Föhren bewachsenen Sanddüne, dem letzten Ausläufer des uralisch-baltischen Höhenzuges. Der Ort liegt heute etwa 3 km von der Elbe entfernt, aber ich vermute, daß dieselbe in früheren Jahrhunderten ein anderes Strombett hatte, welches unmittelbar an Neuhaus vorbeilief, und welches heute noch durch die erwähnten drei Landseen angedeutet wird. Auf der Marsch, der Elbe zu, liegen üppige Eichen- und Buchenwälder, so der reizende Rosengarten unmittelbar am Ort, und in der Entfernung von etwa einem Kilometer um den Sumter-See der malerische Ratt und der Parenz. Ratt und Parenz sind ihrem Namen nach augenscheinlich Bestände aus der Wendenzeit, während die Deutschen jener Gegend sicherlich ursprünglich erobernde Einwanderer vom Westen der Elbe her waren. Das erklärt auch die Tatsache, daß fast alle Dorfnamen um Neuhaus herum wendischer oder slawischer Bezeichnung sind. Bekanntlich war die Elbe einmal die Grenze zwischen den Slawen im Osten und den Deutschen im Westen. Der Ort war zu meiner Zeit ein Flecken von etwa 1000 Einwohnern. Hier wurde ich am 27. September 1856 geboren, als das achte Kind meines Vaters. Es ist mir später erzählt worden, daß dies an einem Sonntagmorgen geschehen sein soll. Mein Horoskop, welches mir Dr. Felkin später in London stellte, besagte, daß sich mein Lebenslauf unter Einwirkung des Jupiters abspielen solle. Ob das sich so verhält, kann ich nicht verbürgen. Mein Vater gehörte theologisch der liberalen Richtung Bauers an, und ich habe hierin stets den eigentlichen Grund gesehen, weswegen er es in der hannoverschen Landeskirche nicht weiter als bis zum Pastor gebracht hat. Denn er war ein sehr befähigter, vielseitiger, energischer und selbstbewußter Mann, welcher sich manches Verdienst auch um die wirtschaftliche Lage von Neuhaus und seiner Umgebung erwarb. Insbesondere bekümmerte er sich um die Elbdeich- und[12] Wasserfrage. Er veranlaßte manche Maßregel, um der stets drohenden Überschwemmungsgefahr an der unteren Elbe entgegenzuarbeiten. Politisch schloß er sich dem Nationalverein des Herrn von Bennigsen an und war später die Hauptstütze der Nationalliberalen Partei im Amte Neuhaus. »Deutsche Einheit unter Preußens Führung« galt in unserm Elternhaus. Denn wir Kinder folgten naturgemäß der Anregung unseres Vaters. Meine Mutter war eine sanfte und zarte Frau, meinem Vater völlig ergeben. Wie frei dieser gesellschaftlich dachte, geht daraus hervor, daß er sich nicht für zu exklusiv als Geistlicher hielt, um der Präsident des sogenannten Honoratioren-Klubs zu sein, trotzdem derselbe bei seinen wöchentlichen Zusammenkünften an den Sonntagen im übrigen sehr harmlose Tanzvergnügungen veranstaltete. Während mein Vater meinen Geist schon sehr frühzeitig auf die Erforschung Mittelafrikas lenkte, wo ihn vornehmlich die Reisen Livingstones und Klaus von der Deckens interessierten, lenkten die Beziehungen meiner Mutter meine Aufmerksamkeit schon in der Kindheit auf die angelsächsische Welt, da ihr einer Bruder, Anton, eine Farm mit Schweinezucht bei Chicago in den Vereinigten Staaten betrieb, während ihr anderer Bruder, Karl Engel, der bekannte Musikhistoriker in London war. Von dem letzteren werde ich noch mehr zu erzählen haben. Er hat in meinen eigenen Lebenslauf bestimmend eingegriffen. Überhaupt war Neuhaus a.d. Elbe voll von überseeischen Beziehungen. Unsere nächste größere Stadt war Hamburg, und fast jede Familie hatte einen Verwandten, sei es in Nordamerika oder Südafrika, sei es in der Südsee. Amazon.de Widgets Von meinen Geschwistern ist nichts zu erzählen, was meine Leser unterhalten könnte, mit Ausnahme der Tatsache, daß mein Bruder Hermann als Historiker der Heilkunde und Naturwissenschaften später einen größeren Kreis durch seine Arbeiten über die Medizin des 17. Jahrhunderts und über Leibniz angeregt hat. Sonst haben sie sich alle nur zu Angehörigen[13] der sogenannten ehrbaren gebildeten deutschen Mittelklasse entwickelt und gehören zum größten Teil dem geistlichen Stande an. Wenn ich wirklich der verblichene Dschingis-Khan war, wie Hübbe-Schleiden meinte, so hatte die Vorsehung mich wahrlich in eine sehr angemessene Umgebung versetzt. So wuchs ich als »Pastors Karl«, oder, der breiten Lauenburger Aussprache gemäß, als »Pastors Kahl« in einer ländlichen Umgebung auf. Meine Hauptspielgefährtin in meiner frühesten Kindheit war meine Schwester Magdalene, heute Frau Superintendent Jacobshagen in Lüne bei Lüneburg, welche 5/4 Jahre jünger war als ich. Aber sehr bald dehnte ich meine Erforschungen auch über die Gassen des Fleckens aus und gewann Freunde und Genossen in allen Kreisen seiner Einwohner. Dem danke ich wohl mein breites Deutsch, welches mir durch alle Altersstufen geblieben ist und Fremde in meinen späteren Jahren oft zu der Meinung veranlaßt hat, ich spräche deutsch mit einem halb englischen Ton. Davon ist gar nicht die Rede, ebensowenig, wie ich mich jemals habe englisch naturalisieren lassen oder irgendwie in englischen Diensten gestanden habe. Das Lauenburger Deutsch aber habe ich nur in den Straßen von Neuhaus lernen können, da in meinem Elternhause »hannoversch« gesprochen wurde. Mein Vater kam aus der Peiner Gegend, während meine Mutter, wie gesagt, aus dem Kalenbergischen war. Meine frühesten beiden Jugenderinnerungen, welche indes noch vor der Schwelle meines eigentlichen Bewußtseins liegen, sind folgende. Ich erinnere mich eines sonnigen Abends auf dem Hofe unseres väterlichen Hauses. Ich saß noch im Flügelkleide und spielte im Sande des Hofes zwischen Küchentür und Brunnen. Ich grub mit meinen kleinen Händen eine Uhrkette aus dem Boden heraus. Dann nahm mich jemand bei der Hand und brachte mich zu Bett. Im Triumphgefühl, einen Schatz gefunden zu haben, legte ich mich zur Ruhe und erwartete für den[14] nächsten Morgen großes Lob und viele Ehren. Zu meinem Erstaunen trat nichts dergleichen ein. Erst viel später erfuhr ich, daß die Kette eine wertlose stählerne gewesen sei. Etwa zu gleicher Zeit erinnere ich mich in einem Graben, welcher unsern Garten nach dem Carrenziener-See zu abschloß, ebenfalls in der Abendröte gespielt zu haben. Mein Vater war auf der Wiese in der Nähe beschäftigt, mit seinem Gärtner Bäume zu okulieren. Ich konnte ihre Stimmen in meinem Graben deutlich hören. Im Grunde desselben war ein Faß eingebaut, welches mit Wasser gefüllt war, aus dem die Pflanzen begossen wurden. Dieses Faß war mein Spiel-Schauplatz. Plötzlich hing ich mit den Beinen in dem Faß, stützte mich mit den Händen auf seinen Rand. Ich hörte die Stimmen in der Nähe immer noch, schämte mich indes, um Hilfe zu schreien. Mit einem Mal war es mit meiner Kraft zu Ende, meine Arme knickten zusammen, und ich sank mit einem Schrei ins Wasser. Weiter weiß ich nichts. Jedenfalls aber bin ich noch rechtzeitig aus dem Wasser herausgezogen. Durch meine ganze Kindheit ist mir eine Art ehrfurchtsvoller Scheu vor dieser Tonne verblieben. Bei diesen Erlebnissen muß ich 3?4 Jahre alt gewesen sein. Ich will meine Leser nicht mit mehr solcher Erinnerungen ermüden, sofern solche nicht irgendwelchen Bezug auf meine eigentliche Lebenstätigkeit haben. Ich möchte hier auch keine »Wahrheit und Dichtung« erzählen, sondern nur die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit hinterlassen. Geschichtskenner, welche dies lesen, dürfen überzeugt sein, in der Zusammenstellung der nachfolgenden Tatsachen die Gesetze der wissenschaftlichen Quellenkritik genau so angewandt zu sehen, wie ich sie in der Ranke-Waitzeschen Schule auf der Universität gelernt habe. Das heißt aber, daß jede einzelne Mitteilung auf sicherem Grund und Boden steht. Wenn ich meinen ganzen Lebenslauf von Anfang an an meinem Geiste vorüberziehen lasse, so finde ich wie[15] einen roten Faden zwei Gesichtspunkte hindurchgehen, welche ihm seine Richtung in jeder einzelnen Altersstufe gegeben haben. Zunächst ist es mir zu jeder Zeit wahres Bedürfnis gewesen, meine angeborene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen, das natürliche »Ich bin ich« zu behaupten. Sodann habe ich niemals den Drang gehabt, mich nach oben hin etwa bei Lehrern, Vorgesetzten oder Behörden beliebt zu machen, wohl aber hat mir von Kindheit an sehr viel an der Achtung meinesgleichen, meiner Umgebung oder auch meiner Untergebenen gelegen. Wie weit durch diesen mir angeborenen Zug meine eigentliche Karriere bestimmt worden ist, wird die nachfolgende Geschichte meines Lebens dartun. Wenn solche in Deutschland keinerlei äußere Ehren erzielen konnte, so hat dies nicht an einem Verstandesmangel gelegen, denn die Mittel, mit denen sie hätte gemacht werden können, erkannte ich sehr genau, auch hat es an den Gelegenheiten nicht gefehlt, sondern die Ursache lag stets an der Eigenart meines Charakters. In Neuhaus gab es mehrere Bildungsanstalten. Zunächst die Vorschule des Herrn Bonatz. Darauf: einerseits die eigentliche Bürger- oder Kantorschule, welche mit der Konfirmationsreise für Knaben und Mädchen abschloß, daneben die sogenannte Honoratiorenschule, eine Art Vorgymnasium, ebenfalls für Knaben und Maedchen, welche der Regel nach an die Untertertia eines Gymnasiums oder einer Realschule anschloß und ebenfalls mit der Konfirmation seiner Schüler und Schülerinnen endete. Letztere hatte mein Vater begründet, der auch die Aufsicht ausübte. Ich machte meinen Weg wie alle meine Altersgenossen. Mit sechs Jahren kamen wir in die Bonatz-Schule, wo wir Lesen, Schreiben, Rechnen lernten, mit sieben Jahren in die zweite Klasse der Honoratiorenschule, wo höhere Fächer, auch alle Sprachen gelehrt wurden. Später, je nach der Reise, wurde man in die erste Klasse versetzt. An der ersten Klasse war ein Studierter, meistens ein Kandidat der Theologie,[16] an der zweiten ein Seminarist angestellt. Ich war schon sehr bald Primus omnium der Schule. Zu Anfang meines Schullebens steht eine weitere Erinnerung deutlich aus, welche ich niemals vergessen habe und welche kennzeichnend für mein ganzes Kinderleben gewesen ist. Wieder färbt die Abendröte den westlichen Himmel. Es war Ende September. Ich war acht Jahre. Wir befanden uns auf einer Wiese hinter unserm elterlichen Garten. Auf dem angrenzenden Felde schwelte ein Kartoffelfeuer. Ein ausgeprägter Duft von gerösteten Kartoffeln erfüllt noch in der Erinnerung die herbstliche Luft. Gegen den nordwestlichen Himmel hebt sich ein Leiterwagen, gefüllt mit Kartoffelsäcken, ab, dessen Räder die weite Landschaft mit lautem Geknarre erfüllen. Wir, d.h. ich und einige befreundete Knaben, jagen fünf Kühe zusammen, welche wir hinter dem Wagen hertreiben, dem heimischen Stalle zu. Das »Möten« (Hüten) der Kühe in den Herbstferien zur Zeit der Kartoffelernte war ein Hauptsport der Neuhäuser Jugend. Des Morgens zogen wir aus, des Abends zogen wir zurück, der zwischenliegende Tag wurde im Freien verbracht. Die Unterschiede des Standes verschwanden. Zur selben Zeit unterhielten uns die Obsternten in unseren Gärten: Apfel, Birnen, Zwetschen und Weintrauben. Die Natur ist von meiner Kindheit an eine Hauptquelle meiner seelischen Genüsse gewesen. Schon als Knabe schwelgte ich in den verschiedenartigen Landschaften um Neuhaus. Hand in Hand damit ging ein tiefer Zug zur Einsamkeit. Ich konnte tagelang hingestreckt auf dem Rasen am Carrenziener-See verbringen und den Wolken nachträumen oder aber im Boden eines Ruderbootes auf dem See mich ausstrecken. Ich habe oft gesagt, daß dieses Gefühl für Landschaften das einzige Künstlerische in mir sei, dessen ich mich rühmen könne. Es hat später auch meinen Reisen in Afrika seine eigentliche Weihe verliehen. Daneben war ich schon als Knabe mit Leib und Seele[17] Autodidakt. Mit dem Schulunterricht fand ich mich soweit ab, als ich es mußte. Das heißt, ich lernte, um meinen Kameraden nicht nachzustehen, gute Zensuren nach Haus zu bringen und meine Examina mit Lob zu bestehen. Mein eigentliches Wissen aber verdanke ich von Neuhaus an dem Selbststudium. Besonders vertiefte ich mich schon als Knabe in das Lesen aller möglichen weltgeschichtlichen Werke, welche ich in der Bücherei meines Vaters fand. Die Biographien großer Männer fesselten mich besonders. Mir ist später ein Erlebnis berichtet worden, welches ich als zehnjähriger Knabe gehabt haben muß. Meine Mutter begab sich zur Kirche, während ich emsig in Welckers Weltgeschichte las. Beim Weggehen reichte sie mir ein Paar reine Strümpfe mit der Ermahnung, meine alten damit zu vertauschen. Halb unbewußt nahm ich dieselben in die Hand, hob meinen linken Fuß in die Höhe, las indes weiter. Meine Mutter ging in den Gottesdienst, während ich bei meinem Buche blieb. Als sie nach zwei Stunden aus der Kirche zurückkam, fand sie mich in derselben Stellung lesend, wie sie mich verlassen hatte. So wurden mir schon frühzeitig Miltiades, Themistokles, die Gracchen, Cäsar, Friedrich der Große und Napoleon usw. vertraute Persönlichkeiten, und meine jugendliche Phantasie entflammte sich an diesen Vorbildern. Eine normale Laufbahn, wie sie Söhnen aus derartigen kleinen Beamtenfamilien das Natürliche zu sein pflegt, war von vornherein nicht nach meinem Geschmack, schon eher dachte ich daran, in die Vereinigten Staaten zu gehen. Meine Schul- und Spielgenossen waren die Söhne und Töchter des uns gegenüberwohnenden Apothekers, des einen von den beiden in Neuhaus ansässigen Ärzten, mehrerer dortiger »Kaufmanns«, d.h. Krämer; aber auch Bauern- und Lehrerssohne aus den umliegenden Dörfern, Handwerkerssöhne aus Neuhaus und Carrenzien. Namen im einzelnen zu nennen, hat keinen Zweck, auf meinen späteren Entwicklungsgang[18] hat keiner meiner Jugendgenossen Einfluß gehabt. Aber die Übung des Körpers im Turnen und Jugendspielen war ein Hauptziel aller unserer gemeinschaftlichen Betätigungen. Der Carrenziener-See, und später die Elbe selbst, luden schon sehr früh, ich glaube, noch bevor ich die Vorschule besuchte, zum Schwimmen, im Winter zum Schlittschuhlaufen ein. Die weiten Wiesen entlang der Sude, einem Nebenfluß der Elbe, zwischen den Dörfern Sükau und Preten, boten ein größeres Feld für diese gesunde Bewegung, welche wir uns nicht entgehen ließen. Mein Vater aber hatte schon vor meiner Geburt einen richtigen Turnverein für unsern Ort gegründet, dessen Protektor er blieb, und mein Ehrgeiz war größer, mich am Reck und Barren als auf der Schulbank auszuzeichnen. Bald, wohl schon mit zehn Jahren, war ich Vorturner in der zweiten Riege (zur ersten reichte mein etwas zu kurz geratener Körperbau nicht aus). Im Ringen aber nahm ich es schon in meiner Kindheit mit allen Altersgenossen und älteren Knaben von Neuhaus und Umgegend auf. Mein Ehrgeiz richtete sich als Knabe darauf, nicht so sehr in der Schule zu glänzen, sondern der erste unter meinen Gefährten in Feld und Wald zu sein. Ich sah sehr früh ein, daß mir hierzu in erster Linie meine Muskel- und Körperkraft dienen würde. So war das »Prügeln«, und zwar möglichst mit älteren und einer Mehrheit von Knaben das Hauptziel meines jugendlichen Verlangens, und ich betrieb dies mit einem Eifer und einer Leidenschaft, daß meiner Mutter oft angst und bange bei meinen Unternehmungen wurde. Ich zog auf die umliegenden Dörfer, um als Einzelner Trupps von Dorfkonfirmanden anzufallen und durchzuwalken, wessen ich nur deshalb nicht mit Beschämung gedenke, weil es sich stets um mehr, und ältere, also auch größere Knaben handelte. So gewann ich alsbald in der ganzen Umgegend den Ruf: »Pastors Kahl is en smerigen Bengel« (Pastors Karl ist ein geschmeidiger Junge).[19] Aber aus demselben Grundzug meines Willens entwickelte sich bald eine zweite Neigung, welche mich schon in der Kindheit zur Politik trieb. Ich schaffte mir bereits als Knabe eine persönliche Partei, vermittelst deren ich mein Regiment unter meinen Altersgenossen, männlichen wie weiblichen, auf sehr feste Grundlagen stellte. In unserer Neuhäuser Schule hatten einzelne, welche ein Gymnasium beziehen wollten, Privatunterricht im Griechischen, andere, welche ihre Bildung in einer Realschule fortzusetzen beabsichtigten, Unterrichtsstunden im Englischen. Ich gehörte zu den ersteren. Diesen Gegensatz nahm ich zum Ausgangspunkt, um die ganze Honoratiorenschule in zwei Parteien zu spalten: Griechen und Engländer. Die Griechen ? und wir waren ihrer von Haus aus nur drei ? ordnete ich in drei Gruppen: Athen, Sparta, Theben. Ich selbst war Athen. Aber um den erheblich zahlreicheren Engländern den Rang abzulaufen, setzte ich fest, daß auch Schüler und Schülerinnen, welche gar keinen Privatkursus hatten, bei uns eintreten könnten. Um die Anziehung dazu zu verstärken, gründete ich bei unserer Partei ein Kränzchen, welches von Sonntag zu Sonntag von Familie zu Familie wechselte, mit allen möglichen Belustigungen. Bald war mehr als 4/5 der Schule Griechen, unter diesen aber war Athen naturgemäß der vorsitzende Staat. So wurde ich gewissermaßen spielend in die Politik hineingeführt, und dieser Zug ist mein ganzes Leben hindurch vorherrschend bei mir geblieben. Amazon.de Widgets Wenn bei den meisten Persönlichkeiten irgendeine Neigung oder Befähigung sich besonders fühlbar macht und seine Berufswahl bestimmen sollte, so hat die Natur mich zum Politiker bestimmt und dies schon von meiner Kindheit an betont. Andere Anlagen, welche ich haben mag, spielen bei mir eine untergeordnete Rolle und ordnen sich dem Hauptzug meines Wesens unter. Jedenfalls machte mein Vater mir bereits klar, daß mein Neuhäuser Lebensabschnitt für mich die Hauptvorbereitungszeit[20] für meine kommende Lebensarbeit sei. Vor allem wies er mich darauf hin, wie wichtig es sei, mein Gedächtnis rechtzeitig und unausgesetzt zu üben. Als ein gutes Mittel empfahl er mir, keinerlei Tagebücher zu führen, sondern alles, was ich zu behalten wünschte, durch einen bewußten Willensakt meinem Gedächtnis einzuverleiben. Sodann riet er mir häufiges Kopfrechnen. Dies begann ich bereits als Knabe und habe ich fast unbewußt mein ganzes Leben hindurch getan, auf Spaziergängen, im Bett, auf Märschen usw. Nicht nur nehme ich verwickelte Multiplikationen und Divisionen vor, sondern auch Quadraturen, Gleichungen und andere Rechnungen. Dies ist ein regelmäßiges Turnen des Gedächtnisses. Das ist demnach mein ganzes Leben hindurch so frisch gewesen, daß ich eigentlich nicht nur immer weiß, wo ich genau vor einem Jahre war, sondern auch, was ich an dem bewußten Tage getan, geschrieben, ja gedacht habe. Auf der anderen Seite ist es mir stets erschienen, daß die vielen Aktentaschen, welche man in Deutschland sieht ? und ich kenne kein Land, wo sie so gewöhnlich sind ? das Gegenstück zu den vielen Brillen in diesem Lande darstellen. Wie diese künstliche Krücken für die Augen, so bilden jene Hilfswerkzeuge für das Gedächtnis und das Gehirn. Daher auch die Aktenwut in Deutschland. Denn nur, »was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen«. Fragt man jemanden nach einer ganz gleichgültigen Sache, so zieht er sein Notizbuch aus der Tasche, um Antwort geben zu können. So gehen sie auch in der Regel durch dieses Leben in halb unklarem Zustande, wie Schlafwandelnde. Neuhaus war, glaube ich, was die Einnahmen anbetrifft, im Vergleich mit anderen Landpfarren verhältnismäßig gut gestellt. Vor allem wurden die Abgaben zum großen Teil noch in Naturalien entrichtet, welche zu lächerlich geringen Preisen verrechnet wurden, was die Höhe des Gehaltes wesentlich vermehrte. Aber man bedenke, was es heißt, eine Familie von neun Kindern zu erziehen und unterrichten[21] zu lassen. Mein Vater bestimmte uns drei Söhne alle für eine akademische Laufbahn, die sechs Töchter wurden jede nach ihrer Konfirmation auf ein Jahr in eine Stadt geschickt (Hildesheim oder Lüneburg), um ihre Erziehung so zu beenden. Dabei unterhielten unsere Eltern allezeit ein gastliches Haus. Es ist mir stets ein Rätsel gewesen, seit ich begonnen hatte, darüber nachzudenken, wie eine solche Lebensführung bestritten werden konnte. Das Verdienst gebührte wohl in erster Linie der Wirtschaftlichkeit meiner Mutter. Die Neuhäuser Pfarre beruhte, wie fast alle Haushaltungen auch der dortigen Beamten, auf einem kleinbauerlichen Betrieb. Sie hatte ein gewisses Maß von Ackerland, einen großen und einen kleinen Garten, Felder und Wiesen und einen Viehbestand. Wenn ich mich recht erinnere, schlachtete meine Mutter vier fette Schweine und jeden zweiten Winter eine Kuh. Dazu hielt sie eine Reihe von Milchkühen und mehrere Dutzend Legehühner. Hierzu kamen die Naturallieferungen der Dörfer: Korn, Flachs und andere Rohprodukte. Zu Ostern bekamen wir etwa tausend frische Eier geliefert und sechzehn fette Hühner, im Januar gab es Hunderte von geräucherten Mettwürsten (von je zwei Ellen Länge) und Spickgänse. Mochte es im Pfarrhause zu Neuhaus (Elbe) auch hin und wieder knapp an Geld sein, an Lebensmitteln fehlte es in den Tagen meiner Kindheit nie, und der Haushalt dort zeichnete sich stets durch eine gewisse Behäbigkeit aus. Ich will auf diesen Gegenstand hier nicht weiter eingehen, da ich meine Leser zu ermüden fürchte. Mein Vater erteilte mir Nachhilfestunden in Lateinisch und Griechisch. Für die lateinischen Stunden bediente er sich des Übungsbuches eines gewissen Dölecke, aus welchem er selbst früher seine Kenntnisse geschöpft hatte und auf welches er schwor. Ich erinnere mich dieses Buches noch sehr wohl und habe es von einem Ende bis zum andern durchgearbeitet. Von den Wissenschaften interessierten ihn,[22] wie mir schien, am meisten Geographie und Astronomie. Aber auch an allen politischen Vorgängen in Europa und Nordamerika nahm er regen Anteil und wir natürlich mit. So erinnere ich mich noch seiner unterhaltenden und unterrichtenden Gespräche über den amerikanischen Sezessionskrieg, und seines Jubels, als die Schwarzen endlich gleichberechtigte Bürger der westlichen Republik wurden. Ganz Europa stand damals unter dem Einfluß der Schilderungen von Onkel Toms Hütte. Im allgemeinen hatten wir als Kinder ein freies und ungebundenes Leben. Es vollzog sich wesentlich im Freien, in den Sommermonaten in Gärten und Wiesen, Wäldern und Feldern, im Winter auf der Eisbahn des Carrenziener-Sees, in allen möglichen Wintersports, und in den immergrünen Tannen im Osten des Geburtsortes, welche sich unübersehbar über eine Kette von Dünen parallel den »Elbbergen« an der anderen Seite nach Süden und nach Norden erstreckten. Unsere Spiele, an denen Mädchen und Knaben oft gemeinsam teilnahmen, wechselten mit den verschiedenen Jahreszeiten. Jede einzelne Familie, auch meine elterliche, hatte ihren kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. So lebten wir wie auf, so mit dem Lande. Der erste tiefere Eindruck von außen, welchen mein Gemütsleben erfuhr, waren die Kriege von 1864 und 1866 und das Aufgehen des Königreichs Hannover in Preußen; der Schluß der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde durch den heraufziehenden Krieg mit Frankreich beschattet, in welchem um die deutsche Einheit und die Neugestaltung unseres Volkes gekämpft werden sollte. Auch in unsern kleinen Erdenwinkel spielten die großen geschichtlichen Fragen des Tages hinein. Amazon.de Widgets In meinem Elternhause pflegte der »studierte« Lehrer der oberen Schule in Neuhaus zu wohnen und mit an unserer Tafel zu essen. Meine beiden ältesten Schwestern haben solche Kandidaten, welche später Pastoren wurden,[23] geheiratet. Natürlich erhöhte solche Hausgenossenschaft die geistige Anregung auch unseres Kinderlebens. Der letzte solcher Lehrer, von 1869 bis 1870, war mein ältester Bruder, der also mein Lehrer wurde. Meine Mutter nahm außerdem in der Regel eine oder die andere junge Dame ins Haus, welche bei uns »den Haushalt« lernte und ihre Erziehung beendigte. Ferner waren bei uns in der Regel einige Kinder in Kost aus den benachbarten Orten, welche die Schule mit uns besuchen wollten und eine gemeinsame Erziehung mit uns erhielten. So war immer reges Leben im Hause unserer Eltern. Als der Friede zwischen Preußen und Frankreich sich seinem Ende zu neigte, kam auch die glücklichste Zeit meines Lebens zu ihrem Abschluß. Ich meinte damals wohl, nun solle die Sache erst losgehen, und sah voll froher Hoffnung dem entgegen, was am Horizont der Zeiten für mich herauszog. Mein Vater pflegte sonst seine Kinder erst nach vollendetem vierzehnten Lebensjahr zu konfirmieren und in die Fremde zu schicken. Bei mir wollte er eine Ausnahme machen, vorausgesetzt, daß, wie er hoffte, ich die Reise für die Untertertia erlangt hätte. Im Februar 1870 fuhr er also mit mir nach Lüneburg, um dies durch eine private Prüfung feststellen zu lassen. In seinem Beisein fand ein Examen bei dem damaligen Klassenlehrer von Untertertia, Herrn Dr. Radeck, im Lateinischen und bei dem gefürchteten Mathematik-Lehrer, Dr. Gläue, in deren Privatwohnungen statt. Ich wurde als reif befunden, und stolz kehrten wir nach Neuhaus zurück. Zu Ostern 1870, nach vollendetem dreizehnten Jahre, wurde ich demnach mit dem vierzehnjährigen Jahrgang in der Kirche zu Neuhaus von meinem Vater konfirmiert, und darauf begann ich meine höhere Schul-Laufbahn in der Untertertia des Johanneums der alten freien Reichsstadt Lüneburg.[24] 
 Abbildungen Pastor Peters Frau Pastor Peters Gesamtansicht von Neuhaus a. Elbe Kirche in Neuhaus a. Elbe Pfarrhaus zu Neuhaus a. Elbe um 1862 Carl Peters im 6. Lebensjahr Straßenbild in Lüneburg Ilfeld a. Harz Die Klosterschule in Ilfeld Carl Peters als Oberprimaner Carl Peters als Student Carl Engel Carl Peters in London 1882 Carl Jühlke Adolf von Tiedemann Peters und Emin Pascha in Mpuapua (Sommer 1890) Der Kilimandscharo vom Lipesee aus Peters mit Freiherrn von Pechmann und Hauptmann Johannes auf der Kilimandscharo-Expedition August Bebel. Phot. Originalaufnahme Nicolai Perscheid, Berlin Kolonialdirektor Kayser Freiherr Marschall von Bieberstein Der Reichskommissar Peters am Kilimandscharo 1891 Dr. Carl Peters und Frau  
 Dem Andenken meiner Eltern[5]  
 Mein erster Aufenthalt in England [57] Werd' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön, So magst du mich in Trümmer schlagen, So will ich gern zugrunde gehn. Goethe.[57]  Nachdem ich mein Oberlehrer-Examen in Berlin bestanden hatte, rieten mir einige wohlwollende Bekannte und Verwandte, ich möge jetzt mein Probejahr als Gymnasiallehrer durchmachen. Ich habe dann doch »etwas Sicheres« für meine deutsche Laufbahn vor mir. Aber ich fühlte weder den Beruf noch die Neigung in mir, deutsche Gymnasiasten zu unterrichten. Somit siedelte ich nach meinem Examen nach Hannover über, nahm mir dort eine eigene Wohnung in der Schillerstraße und kündigte zunächst Vorträge für junge Damen in Literatur, Mythologie und griechischer Geschichte an, welche ich auch mit wachsender Beteiligung einige Wochen hielt. Die Idee war, unmittelbar auf eine akademische Laufbahn hinzuarbeiten. Ich war damals etwa 24 Jahre alt und beabsichtigte, mich als Privatdozent der Philosophie an einer deutschen Universität niederzulassen. Da erhielt mein Leben durch einen unerwarteten Anstoß von außen eine entscheidende Richtung. In England hatte ein Bruder meiner Mutter, Karl Engel, eine Reihe von Jahren gelebt, zunächst als ausübender Musiker in Orgelspiel und Pianoforte. Er hatte dann eine Engländerin aus der angesehenen Familie der Pagets geheiratet und auf deren Wunsch seine Tätigkeit als Künstler mit der stilleren eines Musikhistorikers und Sammlers vertauscht. Er hatte sich dadurch einen europäischen Ruf erworben. Wer Näheres über ihn zu wissen wünscht, den kann ich auf das Meyersche Konversationslexikon verweisen. Im Herbst 1880 war meine Tante in London gestorben[58] und hatte meinem Onkel ihr nicht unbedeutendes Vermögen hinterlassen. Karl Engel hatte in England eine angesehene Stellung in der Gesellschaft und unter den Gelehrten, verkehrte auch bei der Königin Viktoria und mit dem damaligen Prinzen von Wales, und mit wem er sonst wollte. Sein Schwager war der Augenarzt der Königin, Sir William Bowman. Eine andere Schwester meiner verstorbenen Tante war Mrs. Kenricks, die Schwiegermutter Mr. Joe Chamberlains, welcher zu jener Zeit Handelsminister in der liberalen Regierung Mr. Gladstones war. Nach dem Tode seiner Frau fühlte mein Onkel sich vereinsamt in Kensington und, als ich gerade meine Vorträge in Hannover angefangen hatte, lud er mich ein, ihn in London zu besuchen. Ich nahm diese Einladung gern an und gab die begonnenen Vorträge wieder auf. Ende Dezember 1880 siedelte ich nach London über und wohnte zunächst bei meinem Onkel in 54 Addison Road Kensington. Später unternahmen wir Reisen zusammen, welche mich mit einem Teil von Westeuropa bekannt machten. Außer Südengland lernte ich Frankreich, Holland und Belgien kennen. Mit meiner Übersiedlung nach England nahm der äußere Zuschnitt meines Lebens sofort eine großartigere Form an. Nicht nur verschwanden alle finanziellen Schwierigkeiten ein für allemal, ich kam auch in die besten englischen Gesellschaftskreise. Wenn ich bis dahin in Deutschland Philosophie, Geschichte usw. gelernt hatte, so lernte ich jetzt Lebensformen an der Themse kennen, die sehr verschieden von denen der deutschen Universitätskreise waren und wieder mehr in meine Ilfelder Vorschule einlenkten. Meine englischen »Vettern«, die Bowmans, die Pagets, auch Mr. Chamberlain, suchten etwas darin, schon aus Achtung vor meinem Onkel, mich in ihre Kreise zu ziehen und mich ebenbürtig aufzunehmen. Mein Onkel wünschte, daß ich von vornherein mich »englisch« kleide und es meinen britischen Vettern[59] gleichtue. Er eröffnete mir ein eigenes Konto auf einer Londoner Bank, und ich kam in den Besitz eines eigenen Scheckbuches. Über meine Zeit konnte ich frei verfügen. Nur liebte es mein Onkel, daß ich ihm nach dem Tee von fünf bis sechs Uhr nachmittags, wenn er auf dem Flügel sich erging, Gesellschaft leiste und nachher mit ihm spazieren gehe. Bei Tage trieb ich Englisch nach Addisons und Macaulays Werken und studierte planmäßig London, oder ich beschäftigte mich auch im britischen Museum, wo ich für die Monumenta Germaniae die Annales Mettenses aus einer Handschrift abschrieb. Abends war ich meistens allein, in Gesellschaften oder in Theatern, da mein Onkel früh zu Bett zu gehen liebte. Amazon.de Widgets Ich muß gestehen, daß mir dieser Londoner Aufenthalt eine Reihe ganz anderer Kenntnisse und Anregungen brachte, als wie dies eine Tätigkeit als deutscher Referendar oder Schulamtskandidat hätte tun können. Der Unterschied zwischen englischen und deutschen Lebensformen und Anschauungen mußte sich mir täglich aufdrängen, und, wenn ich der Sache auf den Grund ging, so mußte ich mir sagen, daß die größere Unabhängigkeit jedes einzelnen in der Gesamtheit das eigentlich entscheidende in dem Charakter zwischen Angelsachsen und Deutschen sei. Wenn ich aber darüber nachdachte, so erkannte ich schon damals, daß die großartige Weltstellung der Briten, vornehmlich auch die gewaltige Kolonialpolitik dieses Volkes, die Grundlage war, welche es jedem Engländer ermögliche, sich eine wirtschaftliche Unabhängigkeit, frei von Fremden, frei von seinem eigenen Staate und seiner eigenen Regierung, irgendwo auf der Erde zu erwerben. Wenn ich meine eigenen Freunde in Deutschland mit meinen Freunden und Verwandten in England verglich, so sah ich, daß die ersteren nach den paar Jahren akademischer Freiheit meist ins Philistertum einbogen und gebückt vor Gönnern und Vorgesetzten die Elastizität ihrer Seelen verloren, während die letzteren unabhängig[60] nach oben und rücksichtsvoll gegen ihresgleichen und nach unten als geborene Herren über die Erde wandelten. Auf meinen Reisen nahm ich schon um 1881 wahr, daß die Engländer in den Hotels meist auf den Stühlen an den Tafeln saßen, meine deutschen Landsleute aber in der Regel als Diener dahinter standen. Auch fand ich überall, wohin ich kam, meistens die Tatsache, daß die Engländer sich selbstbewußt und nationalstolz fühlten, die Deutschen aber sehr oft das Bestreben hatten, als Fremde zu erscheinen, sich als Engländer, Franzosen usw. »aufzuspielen«. Diese Beobachtungen habe ich in meiner Studie »Das Deutschtum in London«, welche zuerst 1883 in der »Gegenwart«, später in meinem »Deutsch-national« veröffentlicht ist, dargelegt. Diese Anschauungen sind der Ausgangspunkt meiner eigenen kolonialen Bestrebungen für Deutschland geworden. Bereits im Sommer 1881, als ich noch mitten in meinen englischen Eindrücken und Schlußfolgerungen stand, begann ich ein echt deutsches Werk zu schreiben, nämlich eine Fortsetzung der Philosophie Artur Schopenhauers. Dieselbe ist später unter dem Titel: »Willenswelt und Weltwille« bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienen und, soweit ich weiß, noch heute im Buchhandel zu haben. Schon 1879 hatte ich eine kleine Schrift: »Artur Schopenhauer als Schriftsteller und Philosoph« veröffentlicht. Bis 1881 hatte ich meine Forschungen nach allen Seiten ausgedehnt. Ihr Niederschlag ist das oben erwähnte Werk, welches sich hauptsächlich auf die Bücherei des Britischen Museums stützte, aber auch auf manches Werk, welches ich mir kaufte. Ich habe es teils in London, teils in dem von mir so sehr geliebten Eastbourne, auch in Frankreich und Tunbridge Wells verfaßt. Ich glaube, seine kritischen Teile sind besser, als seine positiv aufbauenden. Aber damals glaubte ich noch, wir könnten das völlig unlösbare Rätsel des Seins mit Worten lösen und dem Ganzen liege ein optimistischer, überhaupt ein Zweck zugrunde. Von beidem bin ich vollständig zurückgekommen.[61] Ich bin also heute viel mehr Schopenhauerianer als 1881. Den Winter 1881 bis 1882 verbrachten mein Onkel und ich in Tunbridge Wells. Damals dachte Karl Engel daran, sich in jenem anmutigen Orte Kents dauernd ein Haus zu nehmen, weil er in Tunbridge Wells besser schlafen könne als in Kensington. Als wir uns eines Nachmittags ein solches Haus an einem Park ansahen, machte mein Onkel mir den Vorschlag, ich möge dauernd bei ihm bleiben. Mir stehe in England eine glänzende Laufbahn bevor, wenn ich, wie er, Engländer werden wolle. Dann werde er mich auch adoptieren und mir sein Vermögen hinterlassen. Obwohl ich schon damals ganz klar sah, daß die englische Welt und der englische Volkscharakter eine ganz andere Räsonnanz für eine Natur wie die meine sei, als der preußisch-deutsche, obwohl mir deutlich war, daß das englische Weltreich mir in jeder Beziehung eine glänzende Laufbahn gewähre, obwohl solcher Übergang in ein fremdes Volkstum, insbesondere bei den höchsten Gesellschaftsklassen Deutschlands etwas Alltägliches war, von der deutschen Prinzessin oder dem deutschen Fürsten auf dem Thron von Ausländern bis zu dem deutschen Schneidergesellen in der ausländischen Werkstätte, so konnte mein persönlicher Stolz sich 1881 doch nicht entschließen, einen solchen Schritt zu tun. Das Shakespearesche »Ich bin ich« hieß in diesem Fall, »Ich bin Deutscher,« und ich lehnte es ab, dieser Tatsache entgegenzuhandeln. Da ich einmal in Deutschland geboren war, hielt ich es für selbstverständlich, dieses Urteil des Weltgeistes bestehen zu lassen. Ich entschied mich damit für ein Leben des Leidens und Elends im Gegensatz zu äußerem Erfolg und Glanz. Aber das sollte ich erst später einsehen. Im November 1881 wußte ich es noch nicht. Mein Onkel, der gedacht hatte, ich werde seinen Vorschlag gern annehmen, ließ bei meiner Ablehnung seinen Plan, sich in Tunbridge Wells anzusiedeln, fallen und fuhr[62] im April 1882 mit mir nach Deutschland, wo ich meine akademische Laufbahn jetzt im Ernst in Angriff nehmen wollte. Zum zweitenmal kam eine energische Wendung meines Geschickes von außen. In Hannover, nach einem Besuch bei meiner Mutter, trennten Karl Engel und ich uns, ich, um nach Berlin zu gehen und meine Habilitation ernstlich zu betreiben, Onkel, um die Plätze seiner Kindheit zu besuchen und dann nach London zurückzukehren. Ich habe sein Schicksal an einer andern Stelle erzählt1. Hier will ich nur wiederholen, daß er im November 1882 plötzlich starb, und ich dadurch gezwungen wurde, meinen deutschen Aufenthalt abzubrechen und nach England zurückzukehren. Mein Onkel hatte ein Testament hinterlassen, in welchem er seine deutschen Geschwister zu seinen Erben, mich aber zu seinem Testamentsvollstrecker eingesetzt hatte. Mir fiel sein literarischer Nachlaß zu. Ich habe nach seinem Tode noch sein: »The early history of the Violine Family« herausgegeben und seine reichen musikalischen Sammlungen dem South Kensington Museum verkauft, wo sie noch heute unter der Bezeichnung »Karl Engel's Collection« zu sehen sind. Für mich begann nun eine Zeit reger geschäftlicher Tätigkeit. Ich hatte das ganze Vermögen meines verstorbenen Onkels abzuwickeln und zu verteilen. Ich mußte unser Haus in 54 Addison Road und seine Möbel verkaufen; seine Papiere waren in der City von London zu Geld zu machen, und dafür die besten Zeiten abzuwarten. Ich hatte einen Prozeß gegen einen betrügerischen Auktionator zu führen und mit Rechtsanwälten zu verkehren. Dies ist meine eigentliche Lehrzeit gewesen, und durch diese verschiedenen Betätigungen erhielt ich einen klaren Einblick in das Getriebe des englischen Lebens. Daneben verkehrte ich jetzt ganz unabhängig in vielen[63] Familien und mit Junggesellen. Soviel es meine Zeit gestattete, hielt ich mich in meinem Lieblingsorte Eastbourne und in anderen Seeplätzen auf. Ich war ein eifriger Reiter und Schwimmer und beteiligte mich wiederholt an den Schwimmregatten im Kanal. Zweimal habe ich im Sommer 1883 versucht, an die französische Küste hinüberzuschwimmen. Es war die Zeit, wo dem Captain Webb dieses Kunststück gelungen war. Bei Kew Gardens auf der Themse hielt ich mir ein eigenes Boot, in welchem ich Touren bis nach Hampton Court und weiter flußaufwärts unternahm. Lieblich ging mir das Leben ein in der schönen Themsestadt und immer weniger anziehend erschien mir die Rückkehr in das banausische Berlin. Den Verkehr mit den Bowmans und meinen übrigen Verwandten setzte ich fort. Besonders den mit Herbert Bowman, welcher gegenwärtig, glaube ich, Direktor der Bank von England ist, und mit Mr. Joseph Chamberlain, welcher in jenen Jahren die öffentliche Aufmerksamkeit in Großbritannien immer mehr auf sich zog und zu jener Zeit der Führer des linken Flügels der Liberalen wurde. Alles das gewährte mir einen deutlichen Einblick in das gesellschaftliche und das politische Leben der Engländer, welches ich schon in meinen jungen Jahren durch Anschauung und Betätigung kennen lernte. Ich glaube, ich habe es gründlich gelernt, mit ihnen geschäftlich, gesellschaftlich und politisch umzugehen, indem ich bald dahinter kam, daß unsere den Franzosen nachgemachten Manieren an der Themse gar nicht am Platze seien, daß man, anstatt mit Verbeugungen und Hutabreißen wirken zu wollen, ihren Willensneigungen gegenüber vor allem selbst sich bestimmte Ziele stecken und solche, möglichst natürlich und energisch, vertreten müsse. Daß man einen Minister ruhig am Knopfloch anfassen könne und daß ein natürliches Auftreten immer sicherer zum Ziele führe, als sich zu winden und zu drehen. Ich bin mein ganzes Leben hindurch gerade mit Engländern immer gut[64] gefahren, bei Geschäften und in Politik, und dies danke ich vornehmlich der praktischen Lehrzeit, welche ich in England von 1882 bis 1883 durchgemacht habe. Die eigentlichen Kniffe der City von London mit ihren Geheimnissen und Unterströmungen sollte ich freilich erst von 1896 ab kennen lernen. Amazon.de Widgets Bei meinen Geschäften, Reisen und Vergnügungen vernachlässigte ich auch das British Museum nicht, in dessen Lesesaale ich ein regelmäßiger Gast war, und in welchem ich nicht nur Geschichte sondern auch Philosophie trieb. Insbesondere wurde mir in jener Zeit auch die Überlegenheit und die Schwäche unserer deutschen Art klar. Die erstere bestand in unserer methodischen und gewissenhaften Forschung, der wenigstens England nichts an die Seite zu stellen hat, die englische Art eines Darwin, eines Carlyle, eines Wallace schien mir mehr im liebevollen Eingehen auf einen Einzelzweig zu bestehen, und in einer frischeren Anschauung und Darstellung. Mein Lieblingsschriftsteller wurde mehr und mehr Thackeray, dessen Romane ich verschlang, bis zu einem gewissen Maße auch Charles Dickens. Die Kenntnis der britischen Kolonialpolitik erwarb ich mir teils theoretisch durch Studium der Akten aus der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts im Record office (Archiv) in Chancery Lane, teilweise durch Verkehr mit Leuten aus den Kolonien. London ist in der Tat ein Sammelplatz für alle möglichen Persönlichkeiten und Völker, und ich machte mir dies voll zunutze. So lernte ich im Sommer 1883 einen Nordamerikaner, Mr. Stacy, kennen, mit welchem ich viel verkehrte. Er kam gerade aus einem Lande Maschonaland in Südafrika, wo er nach Gold geschürft und auch Gold gefunden hatte. In jenen Jahren war zum erstenmal eine eigentliche Kolonialbewegung in Deutschland zum Durchbruch gekommen, von welcher ich einiges in den Zeitungen las. Männer wie Fürst Hohenlohe-Langenburg, Rudolf von Bennigsen, Dr. Fabri, Dr. Miquel, Dr. Hübbe-Schleiden und[65] andere hatten gerade zu Frankfurt a. M. den Deutschen Kolonialverein gegründet. Dieser sah sich von London aus viel gefährlicher an, als er in Wirklichkeit war. Daß diese Herren im Grunde gar nicht daran dachten, sich überhaupt mit Kolonialpolitik praktisch zu befassen, daß ihre Gefolgschaft keine Volksbewegung, sondern überhaupt nur eine stille Gemeinde darstellte, das konnte ich an der Themse 1883 nicht wissen. Ich glaubte, es handele sich nur darum, irgendein Kolonialprojekt auszuführen, um einen achtunggebietenden Rückhalt in der Heimat zu finden. Daß weder dem Fürsten Bismarck noch den Gründern des Kolonialvereins irgend etwas an solcher unbequemen Einmischung gelegen sei, ahnte ich in meinem Sturm und Drang nicht. Daß beide Teile geneigt seien, solche nicht nur nicht zu unterstützen, sondern umgekehrt zu bekämpfen, konnte ich 1883 an der Themse wirklich nicht annehmen. Somit wandte ich mich denn an Mr. Stacy mit dem Vorschlag, gemeinsam ein Kolonialunternehmen südlich des Sambesi, im heutigen Rhodesia auszuführen, nach Art der alten englischen »adventurers«, von denen ich gelesen hatte. Er sollte die Mineralschätze, besonders das Gold, von den zu erwerbenden Ländern haben, ich wollte die Gebiete selbst für Deutschland nehmen. Als Stacy erfuhr, daß es sich um die schwarz-weiß-rote Flagge handle, lehnte er seine Teilnahme sofort ab. Damit wollte er nichts zu tun haben. Ich mußte erkennen, daß der Kanonendonner von Sedan, auf welchen ich mir soviel zugute tat, auf der Erde doch nicht die Wirkung getan hatte, wie ich dachte. Indes war dieser Plan der eigentliche Beziehungspunkt, welcher mich 1883 im November wieder nach Deutschland zurückführte. Ich hatte inzwischen feststellen müssen, daß mein philosophisches Werk »Willenswelt und Weltwille« kein Erfolg war, sondern vielmehr einen Schlag ins Wasser darstellte. Dies machte mir ein Einlenken in eine wissenschaftliche deutsche Laufbahn noch mehr zuwider. Ich darf für mich[66] beanspruchen, daß ich stets gewissenhaft geprüft habe, auf welcher Seite meine Fähigkeiten und Neigungen eigentlich lagen, ehe ich mich für einen Lebensberuf entschied. Wie ich bereits schon im Herbst 1877 es aufgab, eine eigentlich schriftstellerische Tätigkeit einzuschlagen, so kam ich im Jahr 1883 allmählich dahinter, daß auch eine wissenschaftliche Laufbahn nicht das sei, was die Natur mit mir vorhabe. Meine Arbeit als Testamentsvollstrecker meines Onkels brachte mich in diesen Monaten auch mit meinem Onkel Anton in nähere Berührung. Ich benutzte diese Gelegenheit, um meinen alten Plan einer Beteiligung an seiner Unternehmung bei Chicago weiter zu fördern. Lieber wollte ich, wenn es sein mußte, Schweinehandel am Michigansee treiben, als Privatdozent in Berlin oder Leipzig werden. Ein Verwandter in Deutschland, welchem ich im September 1883 meine Unentschiedenheit mitteilte, wollte außer sich vor Entsetzen werden. Wie könnte eine wohlgeordnete Seele auch nur eine Sekunde darüber im unklaren sein, ob er Kants Philosophie lehren oder Schweine schlachten wolle? Mir kam so recht zum Bewußtsein: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, und eine will sich von der andern trennen.« Im August machte ich zunächst eine Reise nach Nürnberg zu meinem Bruder Hermann und dann mit ihm nach Wien. Darauf fuhr ich auf längere Zeit nach Paris und Frankreich, um mein Französisch etwas fließender zu gestalten. Im Oktober 1883 traf ich schließlich in Berlin ein, um mich formell zwar als Privatdozent der Philosophie irgendwo an einer deutschen Universität niederzulassen, im Ernst aber zu versuchen, ob sich nicht mit deutscher Unterstützung irgendwo auf der Erde eine deutsche Kolonie gründen lasse.[67] 1 Amazon.de Widgets S. »Die Gründung von Deutsch-Ostafrika« S. 22 bis 26. 
