
                         Reventlow, Franziska Grfin zu

                                Der Geldkomplex

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                         Franziska Grfin zu Reventlow

                                Der Geldkomplex

                          Meinen Glubigern zugeeignet

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Meine liebe Maria!
    Aus einem eindringlichen Brief von B..., der mir durch das Konsulat
nachgeschickt wurde, sehe ich, da man sich um meinen Verbleib beunruhigt.
    Es nahm sich vielleicht nicht gerade freundschaftlich aus, da ich so
spurlos verschollen bin und auf nichts mehr antwortete (hab noch nachtrglich
vielen Dank fr Deine verschiedenen Briefe) - aber glaube mir, es geschah zum
Teil aus zarter Rcksicht. Erwarte nur ja nicht, da die hiermit wieder
erffnete Korrespondenz von allzu erfreulichen Tatsachen handeln wird.
    B... meint, und Ihr anderen am Ende auch, ich htte lngst die berhmte
Erbschaft angetreten und damit das Weite gesucht. Nein, das stimmt nicht, der
alte Herr ist ja noch nicht einmal tot. Aber jedenfalls kann es nicht lange mehr
dauern, und das ist einer von den Grnden, weshalb ich hier bin - bitte,
erschrick nicht - in einer Nervenheilanstalt, oder sagen wir lieber Sanatorium,
das klingt immerhin noch etwas milder.
    Sanatorium - ich seh' Dich und mit Dir alle die anderen verstndnislos den
Kopf schtteln. Ich bin auch nicht nervenkrank, nicht einmal besonders nervs,
ich habe nur einen Geldkomplex.
    Ich hoffe zu Gott, Du weit, was ein Komplex in diesem, nmlich im
pathologischen, Sinne bedeutet? Etwa so: verdrngte, nicht ausgelebte Gefhle,
Triebe und dergleichen, die sich, ich glaube, im Unterbewutsein zusammenballen
und einem seelische Beschwerden verursachen. Es handelt sich da um irgendeine
neue Nervenheilmethode, die man Psychoanalyse nennt. Erfunden hat sie der
bekannte Professor Freud in Wien - dies nur, damit Du verstehst, weshalb ihre
Anhnger Freudianer heien. Man mchte sonst glauben, es bedeutet irgend etwas
besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes.
    Aber es gibt eine Menge Leute, die Dir das besser auseinandersetzen knnen
als ich, und ich rate Dir, Dich lieber an diese zu wenden. Ich selbst hatte auch
bisher von diesen Geschichten keine Ahnung und wrde mich absolut nicht dafr
interessieren - wenn nicht ein Freudianer meinen Geldkomplex entdeckt htte.
    Es gibt gewi nichts Faderes, als seine eigene Leidensgeschichte zu
erzhlen, und ich erzhle im ganzen lieber Freudengeschichten. Die
Nervenheilanstalt hat aber sicher in Euren Augen etwas so Blamables, da ich
mich doch rechtfertigen und Dir den trben Hergang nher erzhlen mchte. Du
mut halt Nachsicht haben, wenn ich dabei etwas weitschweifig und manchmal
konfus werde.
    Liebe Maria, wir haben uns letztes Jahr wenig gesehen, da Du meist fort
warst, aber Du weit, da mein Dasein schon vorher nur noch eine einzige
wirtschaftliche Krisis war. Wie oft habt Ihr in Eurer Verblendung meinen
Optimismus und meine Todesverachtung bewundert - mit Unrecht, denn gerade das
ist mein Verderben gewesen. Ich habe die Sache mit dem Geld niemals ernst genug
genommen, lie es so hingehen und dachte, es wrde schon einmal anders werden.
Kurz, um mich im Freudianerjargon auszudrcken - ich habe es entschieden ins
Unterbewutsein verdrngt, und das hat es sich nicht gefallen lassen. Bitte,
haltet mich nicht fr ernstlich gestrt, aber ich bin tatschlich dahin
gekommen, es - das Geld - als ein persnliches Wesen aufzufassen, zu dem man
eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat. Mit Ehrfurcht
und Entgegenkommen knnte man es vielleicht gewinnen, mit Ha und Verachtung
unschdlich machen, aber durch liebevolle Indolenz verdirbt man's vollstndig
mit ihm. Und das mu ich getan haben, ich lie es kommen und gehen, wie es
gerade kam und ging - ach, der verfluchte Optimismus, den Ihr so nett gefunden
habt. Als ich dann merkte, da es anfing, sich immer feindlicher gegen mich zu
stellen, habe ich es gelockt, bin ihm nachgelaufen; aber es war schon zu spt -
es wollte nicht mehr.
    Also - die wirtschaftliche Krisis erreichte einen nie geahnten Hhepunkt. Du
hast ja oft genug bei mir gewohnt, Maria, und kennst das aus eigener Anschauung
- die Wohnung ist gekndigt, jedes menschenwrdige Einrichtungsstck gepfndet
oder schon auf Nimmerwiedersehen abgeholt - es klingelt bestndig, aber man
macht nicht mehr auf - jedes Poststck, das ins Haus kommt, beginnt Im Namen des
Knigs... usw. Trotzdem tauchen immer neue Leute auf, die Geld wollen, Geld,
Geld und noch einmal Geld. Die ganze Atmosphre bekommt etwas berhitztes,
Widernatrliches, schwirrt von abnormen Anforderungen. Es ist einfach nichts da,
und doch hrt, sieht, liest und erfhrt man nichts anderes mehr, als da jeder
sein Geld haben will.
    Du hast dann manchmal behauptet, es ginge bei mir wie in den
Lesebuchgeschichten, wo fromme Leute eine Kirche oder dergleichen ntzliche
Dinge bauen wollen, ohne jegliches Kapital, aber mit unerschtterlichem
Gottvertrauen. Schon wollen sie verzweifeln, richten aber glubig den Blick gen
Himmel - sieh, da klingelt es, und ein anonymer Wohltter schickt eine
unwahrscheinliche Summe.
    Das war einmal - das war manches Mal - aber eben bei jener letzten Krisis
war keine Rede davon. Die Wohltter waren ausgestorben, verschwunden, verreist,
erzrnt oder nicht mehr zu haben. Ich hatte auch das blinde Gottvertrauen nicht
mehr und fhlte, da die Kluft, die sich zwischen ihm - dem Geld - und mir
aufgetan hatte, nicht mehr zu berbrcken war. Es begann sich an mir zu rchen,
und das Infame an dieser Rache war, da es mich nicht nur mied, sondern eben
durch seine vllige Abwesenheit alle meine Gedanken und Gefhle ausschlielich
erfllte, mich vollstndig in Anspruch nahm und sich nicht mehr ins
Unterbewutsein verdrngen lie.
    Es gibt Momente, wo Leute anfangen zu beten. Und es gab einen Moment, wo ich
anfing zu rechnen, blind und inbrnstig zu rechnen. Ich rechnete beim Aufwachen
und beim Einschlafen, rechnete, wo ich ging und stand, rechnete all die Summen,
die ich brauchte, in meinem frheren Leben gebraucht htte und spterhin
brauchen wrde, zusammen und wieder auseinander, kalkulierte alle vorhandenen
und nicht vorhandenen Mglichkeiten und Unmglichkeiten in der Gegenwart,
Zukunft und Vergangenheit.
    Mein ganzes Leben zog wieder an mir vorber bis in die kleinste pekunire
Einzelheit, ich sah ein, da ich niemals genug Geld gehabt hatte und
voraussichtlich nie genug haben wrde - alle verdrngten Begehrlichkeiten, alle
gescheiterten Luxustrume wachten wieder auf, alles, was ich jemals htte tun
oder kaufen mgen und nicht getan oder gekauft hatte, gaukelte mahnend vor
meinem inneren Auge, und so ging es fort bis ins Endlose...
    Da man in dieser Verfassung nicht sehr umgnglich ist, kannst Du Dir
denken. Ich fhlte denn auch, da die Bekannten kein besonderes Vergngen mehr
an meinem Verkehr hatten. Sie fanden mich langweilig, prokkupiert und zitterten
vor Geldansinnen. Darin hatten sie auch vollkommen recht, denn war ich mit
Menschen zusammen, so tat ich im stillen nichts anderes, als sie taxieren und
geeignete Momente abwarten, um sie zu einer Anleihe, einer Schiebung oder
Unterschrift zu verlocken...
    Ich mchte nicht gar zu ausfhrlich werden, um Deinet - wie um meiner selbst
willen. Denn wenn ich nher darauf eingehe, bekomme ich heute noch
Rechenanflle.
    Es kam dann schlielich ein Tag - so etwa Anfang oder Mitte Mai -, wo ich
morgens vor die Stadt hinaus ging, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber es
ntzte gar nichts - gleich auf dem Wege begegnete mir ein Hotelwagen, ich las
stumpfsinnig die Aufschrift: Zu den vier Jahreszeiten und berlegte mechanisch,
was denn eigentlich fr eine Jahreszeit sei, whrend ich durch die Wiesen ging.
Alles stand in Blte und Sonnenschein, Lerchen sangen und im Teich quakten die
Frsche - anscheinend vor Vergngen. Ich beneidete sie. Und wieder fingen meine
Gedanken an, unaufhaltsam um den einen Punkt zu wirbeln... ja, es wird wohl
Frhling sein, aber was geht mich das an? Es gibt keine Jahreszeiten, keinen
Sonnenschein und keine Blten - es gibt keinen Lerchengesang und keine Frsche -
es gibt nur Geld. Das alles tut, als ob es glcklich wre, und doch gibt es kein
Glck und keine Tragik, denn mit Geld lt sich jede Tragik aushalten, und ohne
Geld geht auch das Glck zum Teufel oder man kann nichts damit anfangen.
    So strich ich alles durch und setzte dafr Geld. Das hatte tatschlich etwas
Erlsendes, bis mir dann wieder aufs Herz fiel, da es in meinem Fall ja eben
keines gab, und nun fing alles wieder von vorne an.
    Ich will mich Deiner erbarmen, Maria, und es nicht noch weiter ausmalen...
    Eben an jenem Morgen traf ich dann einen mir flchtig bekannten Nervenarzt,
einen Freudianer. Ich wollte mich unbefangen mit ihm unterhalten, konnte aber
aus meinem Gedankengang nicht mehr herauskommen. Er wurde aufmerksam,
interessierte sich, tat alle mglichen Fragen, dann blieb er mitten im Wege
stehen, sah mich enthusiastisch an und stellte fest: ich litte an einem schweren
Geldkomplex, und den knne man nur durch psycho-analytische Behandlung heilen,
die er am liebsten selbst bernehmen wollte. Im weiteren Verlauf des Gesprchs
schlug er mir vor, ich solle mich einstweilen in die Anstalt seines vterlichen
Freundes, Professor X., begeben, er selbst habe die Absicht, seine Ferien dort
zu verbringen, und werde also nachkommen. Dem Professor X. mchte ich nur um
Gottes willen nichts von der geplanten Behandlung sagen, denn er sei ein
erbitterter Gegner alles Freudianertums. Ich knnte mich ja auf irgendeine fixe
Idee hinausreden und ein wenig simulieren.
    Anfangs war ich etwas unschlssig und ziemlich erschrocken ber den
Gedanken, mit einer pathologischen Sache behaftet zu sein. Das heit, ich hatte
wohl selbst schon geahnt, da es nicht mehr ganz richtig mit mir war.
Andererseits aber hatte der Gedanke, diesen Zustand wieder loszuwerden, vieles
fr sich - das frchterliche Rechnen und die bestndigen Geldgedanken muten
mich binnen kurzem ganz zugrunde richten. Wenn es in dieser Weise fortging, war
ich sowieso nicht imstande, mich ernstlich mit der Ordnung meiner Angelegenheit
zu befassen.
    Als ich kurz darauf die Nachricht von der schweren Erkrankung des alten
Erbherrn bekam, war mein Entschlu gefat, denn nun auch noch mit positiven
Kapitalsmglichkeiten zu rechnen, das ging, wei Gott, ber meine Kraft.
    So stellte ich meine Angelegenheiten, meine Glubiger und alles brige in
Gottes Hand, fuhr hierher und tat sowohl der Welt wie mir selbst gegenber, als
ob ich nicht mehr existierte.
    Aber selbst die Erinnerungen greifen mich noch zu sehr an, und ich glaube,
wir haben fr heute beide genug... ein andermal mehr.

                                       2


Wie mir denn hier zumut ist, willst Du wissen? - Einstweilen ist es so ziemlich
die dmmste Situation, die mir das Leben bisher serviert hat, und mit trichten
Situationen war es freigebig genug.
    Ich war noch nie in einem Sanatorium und habe noch nicht recht heraus, wie
man sich hier zu benehmen hat. Der Professor nahm mich natrlich eingehend ins
Verhr, und ich war in einiger Verlegenheit, was ich ihm sagen sollte. Da ich
nun am ersten Abend meine Mitpatienten ziemlich unsympathisch fand, gab ich an,
ich litte an krankhafter Menschenscheu - so konnte ich mich doch wenigstens
ruppig benehmen, wenn mir die Leute ernstlich auf die Nerven fielen. Aber er
meinte, dann wolle er mich lieber vorlufig isolieren. Ich sollte die Mahlzeiten
alleine auf meinem Zimmer nehmen usw. - Nein, um Gottes willen, das wollte ich
nicht, zuviel Alleinsein machte mich vollends verrckt. - Nun, er wolle mir gern
mglichste Freiheit lassen, soweit ich nicht strend auf andere einwirkte, etwa
die Abneigung gegen meine Mitmenschen in auffallender Weise uern sollte. -
Nein, nein, das wrde ich ganz gewi nicht tun, sagte ich voller berzeugung -
er sah mich daraufhin ganz erstaunt an und schttelte den Kopf. - Pause -
angestrengtes Nachdenken. Dann beklagte ich mich ber Schlaflosigkeit,
Depressionszustnde und was mir gerade in den Sinn kam. - Wie sich die uerten
- nmlich die Depressionen -, ob ich etwa oft und ohne Grund Neigung zum Weinen
fhle? Darber fiel ich wieder aus der Rolle und mute ber dieses merkwrdige
Ansinnen herzlich lachen. Aber er hielt das, Gott sei Dank, fr nervs, legte
mir vterlich die Hand auf die Schulter und meinte, ich htte am Ende
irgendwelche schwere seelische Erschtterungen durchgemacht... ach, du lieber
Gott, auch ohne den Geldkomplex zu erwhnen, konnte ich ihm doch nicht gut
sagen: ja gewi - aber sie lagen ausschlielich auf pekunirem Gebiet - ich war
mein Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen, nur den
wirtschaftlichen nicht. Weder glckliche noch unglckliche Liebe, weder Ehe noch
Ehebruch, sondern ausschlielich Glubiger, Hausherrn und Lieferanten haben es
dahin gebracht, mich psychisch zu zerrtten.
    Schwerlich htte der Professor das richtige Verstndnis gehabt, und ihm
wren hchstens Bedenken ber meine Zahlungsfhigkeit aufgestiegen.
    Dann fuhr es mir pltzlich durch den Kopf: Gott im Himmel, wenn nun am Ende
ein Wunder geschhe, der alte Erbherr sich wieder erholte und ich auch hier
meinen pekuniren Verpflichtungen nicht nachkommen knnte! Die Geldgedanken, die
ich seit ein paar Tagen fast vergessen hatte, fielen wieder ber mich her wie
ein Schwarm von Raben. Ich war auerstande etwas zu sagen, was der Professor
wohl auf die seelischen Erschtterungen schob und mich voller Teilnahme gehen
lie.
    Immerhin hatte ich den Eindruck, da er mich fr ziemlich bergeschnappt
hielt.
    Du mut ja auch selbst sehen, Maria, wie es um mich steht. Ich bin nur noch
ein Schatten meiner selbst... habe ich mir frher je Gedanken gemacht, wie man
sich am Ende irgendeines Aufenthaltes aus der Affre ziehen wrde? Vielleicht
bin ich schon auf dem Wege zum Verfolgungswahn, denn ich habe lngst angefangen,
in jedem Menschen den eventuellen Glubiger zu sehen. Das geht nun auch hier
schon wieder los. Der gute Professor ist wirklich sehr nett mit mir - aber eines
Tages wird er mir unweigerlich als Glubiger gegenberstehen - die anderen
Patienten - wer wei, ob ich nicht in die Lage kommen werde, sie anpumpen zu
mssen - und das Personal, das sicher frstliche Trinkgelder erwartet... nein,
glaubt mir nur, die Bestie im Menschen, vor der so oft gewarnt wird, braucht man
nicht halb so zu frchten wie den Glubiger im Menschen.
    Apropos, um die in M... habe ich mich nicht weiter bekmmert, mgen sie sich
untereinander um meinen Nachla zerfleischen. Die Flche der Ausgesogenen und
Betrogenen hallen nur manchmal noch auf Umwegen zu mir herber. Einige haben
ihre Forderungen dem Verein Kreditreform bergeben, und dieser schlug mir vor,
mich gtlich mit ihnen zu einigen, sonst kme mein Name auf eine schwarze Liste,
die an achtzigtausend Kaufleute versandt wrde. Es war das einzige Schreiben
dieser Art, das mich wirklich sympathisch berhrte, und ich mchte jenen
menschenfreundlichen Verein dafr segnen. Es ist wohltuend, zu denken, wie
Schulden sich einfach dadurch erledigen, da man auf eine Liste kommt und da
man mit jenen achtzigtausend Kaufleuten gar nichts zu tun hat, sie zum mindesten
nicht auch noch Geld von mir beanspruchen. Kurz nach Empfang dieses Schreibens
hatte ich einen Traum: ich war in einer Wste, und die achtzigtausend Kaufleute
kamen als Karawane auf mich zu, umringten mich, boten mir mit mildem Lcheln
alles mgliche an und wollten mir ein Kamel zum Reiten geben. Bis dahin war der
Traum sehr schn, aber dann bemerkte ich pltzlich, da das Kamel ein
Menschengesicht hatte, und zwar sah es aus wie mein letzter Hausherr in M...
Darber erschrak ich so, da ich ganz verstrt aufwachte.
    Du mut wissen, da die Freudianer sich im Interesse der Patienten auch mit
Traumdeutung befassen. Dies war jedenfalls ein richtiger Komplextraum, und ich
habe ihn mir deshalb notiert, um fr Baumann Material zu sammeln. Womit soll ich
ihn sonst beschftigen?
    Vorlufig behandelt mich der Professor nach der hier blichen Methode mit
Tageseinteilung, Ruhestunden, Bdern, Wickeln und dergleichen mittelalterlichen
Foltern. Es ist zum Gottserbarmen, und ich mchte wissen, ob die Leute ihre
Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden. Auf mich wirkt es
gerade umgekehrt, ich fange jetzt erst an, nervs zu werden.

                                       3


Aus lauter Verzweiflung habe ich angefangen, Bekanntschaften zu machen. Man
erzhlt sich seine Leiden, rsoniert ber die Behandlung, vergleicht die jedem
zugemessene Anzahl von Bdern und Packungen, kurz, man fachsimpelt auf Tod und
Leben. Ich komme mir zwar immer noch sehr dilettantisch vor. Angstzustnde,
nervse Herzgeschichten, Idiosynkrasien, Neurosen und Psychosen, die in diesem
Milieu zum guten Ton gehren, sind mir bisher bhmische Drfer gewesen, aber ich
lerne doch allmhlich, mich sachverstndig darber zu unterhalten.
    Wir haben da einen achtzehnjhrigen Pastorensohn, der sich zum Atheismus
durchgekmpft und darber eine Psychose bekommen hat. Nun gibt es einen
entlegenen Teil des Gartens mit einem kleinen Holzpavillon, und in dem Pavillon
steht - ich wei nicht, warum - eine Spieluhr. Ebendort geht der jugendliche
Atheist ganze Nachmittage im glhendsten Sonnenschein tiefsinnig und barhuptig
auf und ab. Jedesmal, wenn er zum Pavillon zurckkommt, zieht er die Spieluhr
wieder auf. Ich habe ihm ein paarmal schweigend zugesehen und ihm dann
klarzumachen versucht, da diese Bettigung unmglich heilsam auf seine Nerven
wirken knne. Er sollte lieber mit mir ins Dorf hinuntergehen und ein Glas Wein
trinken - hier oben sind geistige Getrnke verpnt. Wir gingen also Wein
trinken, unterhielten uns ber Religion, verstndnislose Eltern, Vorrechte der
Jugend und andere einschlgige Fragen, und es wurde ihm entschieden etwas
besser. Darber versumten wir irgendwelche abendlichen Duschen, und der
Professor bemerkte am nchsten Morgen etwas ironisch, meine Menschenscheu
scheine sich ja auffallend zu bessern. Trotzdem setzen wir unsere Spaziergnge
fort, und ich sehe, da es dem Jungen gut anschlgt. Dann ist da ein blonder
Landwirt, der behauptet, er sei schon von Jugend auf Melancholiker - in lichten
Momenten schwrmt er von einer Reise um die Welt, die ihn vielleicht auf frohere
Gedanken bringen knne, unter anderem mchte er gerne die kalifornische
Schweinezucht aus eigener Anschauung kennenlernen. Ferner eine dicke
Baumeisterswitwe, die nervenkrank geworden ist, weil ihr Mann Bankerott gemacht
und sich dann erschossen hat. Sie hat uns die Geschichte gewi schon fnf-,
sechsmal mit allen Details vorgetragen, und man hat aufrichtiges Mitgefhl. Mehr
als alles andere, mehr als Tod und Bankerott ist es ihr nachgegangen, da in
einer Zeitung gesagt wurde, ihr Mann sei ein unverbesserlicher Baulwe gewesen
und habe sich damit zugrunde gerichtet. ber diese Beschimpfung kann sie absolut
nicht wegkommen.
    Ja und so weiter. Du siehst, es ist keine besonders lustige Umgebung - aber
wenn man so dazwischen sitzt, gibt sie einem doch allerhand zu denken.
    Nach meinem Gefhl wren fast alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu
heilen. Htte der rebellische Pfarrerssohn Geld, so brauchte er weder zu seiner
Familie zurck noch eine neue Weltanschauung, sondern wrde sich nach
Herzenslust amsieren und, da schon ein Glas Wein und ein bichen Geschwtz ihn
aufleben lt, bald geheilt sein. - Der Landmann knnte um die Welt reisen und
ber den Wundern der kalifornischen Schweinezucht seinen Trbsinn vergessen.
Auch die Witwe mchte sich sicher ber den unverbesserlichen Baulwen trsten,
wenn er ihr ein anstndiges Vermgen hinterlassen htte. Aber das sieht wohl
kein Nervenarzt ein, und es ntzt ja auch nichts, wenn er es einshe. Man kann
nicht von ihm verlangen, da er seine Patienten auch noch finanziert.
    Mein Tischnachbar, der Privatdozent Lukas, ist Gott sei Dank nur
berarbeitet. Ich unterhalte mich gern mit ihm, nur ist er mir zu sehr
Reformmann und hat extravagante Ideen ber die Erwerbsfhigkeit der Frau - er
ist Nationalkonom. Gegenber sitzt eine Medizinstudentin, die ihm natrlich
sekundiert, ihr Steckenpferd ist das weibliche Gehirn, das trotz irgendwelcher
Unterschiede ebenso brauchbar sein soll wie das mnnliche. ber dieses Gehirn
wren wir neulich beinah hart aneinandergekommen. Das verblendete Mdchen trat
aufs lebhafteste dafr ein, da mglichst viele Frauen sich den
wissenschaftlichen Berufen zuwenden sollten und dabei bessere Chancen htten als
in anderen. Dr. Lukas hielt das Erwerbsleben fr noch geeigneter, und ich meinte
aus tiefster berzeugung, da wir berhaupt zu keiner ernstlichen Ttigkeit
taugten, nicht einmal zum Schneidern und Kochen, denn jeder Schneider oder Koch
macht es immer noch besser. Und die sogenannte geistige Arbeit ist vollends
ruins und schrecklich. (Ich war den Tag gerade schlechter Laune, und es tat mir
wohl, meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen, um so mehr, wenn ich jemanden
damit rgern konnte.) Die Medizinerin setzte ihren Zwicker auf und sah mich fast
erschrocken an:
    Aber Sie sind doch selbst Schriftstellerin...
    Ach Barmherzigkeit, wie kommt sie zu dieser Kenntnis? Du weit ja, Maria,
ich kann das nun einmal nicht vertragen und habe gegen das bloe Wort eine
frmliche Idiosynkrasie. So fuhr ich denn auch diesmal auf wie von sechs
Taranteln gestochen und sagte: Nein, ich sei gar nichts. Aber ich msse hier und
da Geld verdienen, und dann schriebe ich eben, weil ich nichts anderes gelernt
htte. Gerade wie die Arbeitslosen im Winter Schnee schaufeln - sie sollte nur
einen davon fragen, ob er sich mit dieser Ttigkeit identifizieren und sein
Leben lang mit Ah, Sie sind Schneeschaufler angedet werden mchte.
    Das verstand sie nicht und sagte etwas von der Befriedigung, die alles
geistige Schaffen gewhre.
    Nein, die kenne ich nicht, aber ich habe manchmal davon gehrt, wagte ich
hier zu bemerken, was mich selbst in solchen Fllen aufrechterhlt, ist
ausschlielich der Gedanke an das Honorar.
    Daraufhin lie sie mich, nicht aber das weibliche Gehirn fallen und
behauptete, immerhin msse doch auch meines so organisiert sein, da ich etwas
damit leisten knne. Aber ganz im Gegenteil, es leidet unendlich darunter. Es
gibt doch so etwas wie Gehirnwindungen, und ich fhle tatschlich bei jeder
geistigen Anstrengung, wie mein Gehirn sich darunter windet. Nein - ich glaube
unbedingt an den Schwachsinn des Weibes, und zwar aus eigener schmerzlicher
Erfahrung. Seien wir nur ehrlich, liebes Frulein Doktor, fgte ich vershnlich
hinzu, wenn unsere Gehirne wirklich so viel taugten, wren wir doch alle beide
nicht hier.
    Das aber nahm sie sehr bel und beteuerte, ihr Nervenleiden beruhe nur auf
erblicher Belastung.

                                       4


Du - ich fange an, wieder an Wunder zu glauben. Lach nur nicht, man findet ja im
Lauf der Zeit manchen alten Glauben wieder, zum Beispiel den an ein zweites
Leben, in dem man entweder Geld haben oder keines mehr brauchen wird. Ja, ich
knnte mich sogar mit dem Tod ausshnen, der mir frher so unsympathisch war -
denn, selbst wenn nichts anderes mehr kme, so wird's doch wenigstens keine
Glubiger und keine Rechnungen mehr geben. Wie gut, da man nicht fromm ist,
sonst wrde ich mir vorstellen, die ewige Verdammnis bestnde darin, da sie
einem auch dorthin nachfolgen.
    Also Eure Gebete sind sichtlich erhrt worden, la Dir nur erzhlen.
Vorgestern ging ich wieder einmal mit dem Atheisten und der Baulwenwitwe, die
sich uns manchmal anschliet, ins Dorf hinunter. Wir haben aus lauter
Verzweiflung angefangen, dort nachmittags Kegel zu schieben. Alle drei fhlten
wir uns etwas unglcklich und jammerten rechtschaffen ber unser elendes Dasein
und ber unsere Nerven. Als wir dann zwischen dem Kegeln eine Erholungspause
machten, sah ich im Wirtsgarten einen Herren sitzen, der mir merkwrdig bekannt
vorkam. Ja nun, es war tatschlich Henry - wir hatten uns jahrelang nicht
gesehen, und ich war sehr berrascht, ihn so unverndert wiederzufinden. Damals,
als er nach drben ging, dachten alle, er wrde Karriere machen, als Millionr
mit Bauch und Berlocken wiederkommen und uns alle finanzieren. Als er dann nie
mehr schrieb, gab man ihn wehmtig auf. Aber er ist wieder da, ist immer noch
derselbe, grndet immer noch, es geht auch immer noch schief, und dann hat er
gleich wieder eine neue und fabelhafte Chance an der Hand.
    Sein Erstaunen, mich hier mit den beiden beim Kegelschieben zu finden, war
ebenso gro wie meines und wuchs noch, als ich ihm erzhlte, da wir droben in
das Sanatorium gehrten. Wohl oder bel mute ich dann die anderen an den Tisch
holen. Es ging auch ganz gut, die Witwe schlo ihn gleich ins Herz und erzhlte
von ihrem Baulwen. Henry berlegte sofort, wie man die Glubiger berlisten und
das verkrachte Vermgen retten knne. Spter gingen die anderen voran, um ihre
Abendbehandlung nicht zu versumen, ich blieb noch eine Weile und lie mir
erzhlen. Er ist hergekommen, um Terrains fr eine Fabrik anzukaufen, und will
noch eine Weile bleiben, weil ihm der Ort gefllt und er dringend etwas Erholung
braucht. Im Laufe des Gesprchs fiel mir auf, da er sich doch verndert hat, er
ist schweigsamer geworden, und manchmal schaut er so merkwrdig vor sich hin in
die Luft und sein Blick wird ganz starr.
    Woran denkst du denn, Henry?
    Ich rechne.
    Immer?
    Immer.
    Dann hast du auch einen Geldkomplex.
    Was hab' ich? - er wute nur von Huserkomplexen, Baukomplexen,
Terrainkomplexen. Ich erklrte es ihm, so gut ich konnte, und frchtete beinahe,
er mchte es belnehmen, aber er strzte sich frmlich darauf wie auf eine neue
Spekulation. Vielleicht berhrte es ihn auch wie ein heimatlicher Klang, eben
weil er bestndig mit seinen Huser-, Bau- usw. Komplexen zu tun hat. Aber
dieser Mann hat viel mehr Illusionsfhigkeit als ich, er fand die Mglichkeit
einer Heilung durch Analyse ganz einleuchtend und will meinen Freudianer
unbedingt kennenlernen, sobald er kommt. Das ist mir ganz recht, so kann ich
mich vielleicht um die Behandlung drcken, zu der ich schon lngst keine Lust
mehr habe.
    An dem Abend versptete ich mich arg, und der Professor machte mir einen
richtigen Krach. Er hat von unseren Ausflgen Wind bekommen, warf mir vor, da
ich den Atheisten zum Weintrinken verfhrt habe, auch die Witwe sei heute abend
ganz auer Rand und Band, und meine eigene Behandlung lasse ich berhaupt vllig
auer acht.
    Ach, mir wre bald die Geduld gerissen, und ich war nahe daran, in offene
Rebellion auszubrechen, zu sagen, da mir ja absolut nichts fehle und man mich
um Gottes willen in Ruhe lassen solle. Es ist wirklich hart genug, sich auf
Schlaflosigkeit und dergleichen behandeln zu lassen, wenn man einen so gesunden
Schlaf hat wie ich, und berhaupt...
    Aber seit der letzten wirtschaftlichen Krisis bin ich vllig charakterlos
geworden, ich habe nicht mehr den Mut, den Ast abzusgen, auf dem ich sitze...
das wohlbekannte Gefhl, wenn er pltzlich kracht und man drunten liegt... nein,
das kann ich nicht mehr. Jedesmal, wenn ich aufbegehren mchte, sehe ich wieder
wie in einer Vision den Professor als Glubiger vor mir und werde sanft wie ein
Lamm.
    Die Kegelausflge haben wir also aufgeben mssen, dafr habe ich Henry
bewogen, als Neurastheniker ebenfalls in das Sanatorium zu ziehen. Er findet
sich ganz gut hinein, und man macht sich gegenseitig das Leben so angenehm wie
mglich. Jetzt im Sommer ist es berhaupt ertrglicher, man hat den groen
Speisesaal mit der deprimierenden langen Tafel verlassen und nimmt die
Mahlzeiten auf der Terrasse an einzelnen Tischen. Henry, Doktor Lukas, der Knabe
Gottfried und ich haben einen Tisch am oberen Ende, wo man alles bersehen kann
und doch etwas fr sich ist. Die Witwe wollte sich anschlieen, aber es war zum
Glck kein Platz mehr. So gastiert sie nur bei uns, und damit sie nicht allzu
strend wird, erziehen wir sie zu unserer Anschauungsweise. Kurz, wir haben hier
mitten in dieser fremden Welt eine Art eigenes Milieu gegrndet.
    Du kannst Dir denken, da Henry und ich uns viel zu erzhlen haben und
endlos von alten Zeiten reden. Wir rechneten aus, wie lange wir uns jetzt schon
kennen. Es sind ungefhr acht Jahre, und die Bekanntschaft begann mit einer sehr
schnen, sehr langen und sehr kostspieligen Reise, von der wir ohne einen Heller
zurckkehrten. Er gab dann seine bisherige wissenschaftliche Ttigkeit auf und
verlegte sich auf Unternehmungen. Der erste Anla dazu war ein Exfreund, dem er
ein betrchtliches Kapital ins Geschft gesteckt hatte und der es nicht wieder
herausrcken wollte. Der Exfreund wurde verklagt, gepfndet, jedoch umsonst. Er
hatte vorgesorgt und alles rechtzeitig seiner Tante zediert. Aber er hatte
irgendeine vielversprechende Erfindung gemacht, das Patent auf diese Erfindung
konnte er wohl nicht gut der Tante zedieren, und Henry lie es beschlagnahmen.
Damals lernten wir, seine nheren Bekannten, ihn bewundern; er hatte uns vorher
wohl allerlei Plne entwickelt, aber wir verstanden wenig von solchen Dingen und
hielten sie deshalb fr phantastisch. Ich sehe ihn noch, wie er dann eines Tages
pltzlich auf den Tisch schlug und sagte: Jetzt hab' ich's.
    Acht Tage spter hatte er auf die Erfindung des Exfreundes eine GmbH
gegrndet, hatte ein elegantes Bro mit zahllosen Plnen, Grundrissen und
Gipsmodellen und telefonierte den ganzen Tag. Wenn ich mich recht erinnere,
handelte es sich um einen feuersicheren Kinemasaal, brach aber doch einmal Feuer
aus, so wrde wenigstens keine Panik entstehen, weil er in einer halben Minute
gerumt werden konnte. Wie die Geschichte ausging, bringe ich nicht mehr
zusammen, und es tut auch nichts zur Sache. Jedenfalls begann er damit seine
Laufbahn als Grnder. brigens hat Henry ebenso wie ich einen rtselhaften
Unstern in finanziellen Dingen gehabt, er konnte wohl auch nicht die richtige
persnliche Beziehung zum Geld finden. Mich hat es dann schlielich ernst
genommen, ihn foppte es auf unqualifizierbare Weise. Bse Zungen behaupten heute
noch, es sei bei all seinen Unternehmungen nie etwas herausgekommen, aber das
kennt man ja und soll kein Gewicht darauf legen. Einerlei, er blieb unbeugsam,
fragte man ihn, wie steht es denn mit der oder jener Geschichte?, so hie es:
schlecht, gerade im entscheidenden Moment kam etwas dazwischen, aber ich habe
jetzt eine neue Sache an der Hand, und wenn die nicht einschlgt, soll mich der
Teufel holen. Manchmal verschwand er auch fr eine Weile, und man hatte Angst,
er sei verkracht, aber er war nur rasch in Sdamerika oder sonstwo gewesen, um
irgendein Unternehmen in die Wege zu leiten. Dann tauchte er wieder auf und mit
ihm ein neues Bro, ein imponierendes Trschild, das wieder eine neue GmbH
verkndete, Modelle, Telefongesprche und Aktionre.
    Du siehst, Maria, er ist auch diesmal wiedergekommen und hat sich drunten in
unserem Stdtchen ein Bro eingerichtet, wo er tglich ein paar Stunden mit
seinen Aktionren telefoniert. Wir schwelgen in alten Erinnerungen:... wie ich
einmal Geld hatte... wie du einmal Geld hattest... oder: als es mir damals
ernstlich an den Hals ging...
    Unsere Schicksale hatten immer eine gewisse hnlichkeit miteinander, so
mute es wohl auch kommen, da wir uns hier im Sanatorium mit unseren
beiderseitigen Geldkomplexen wiederfanden und doch beide nach altem Brauch auf
eine gnstige Lsung warten... ich auf meine Erbschaft, er auf einen groen
Coup, der seiner Meinung nach dieses Mal nicht fehlschlagen kann.

Beklag Dich, bitte, nicht wieder ber meine Briefe, Maria. Aber ich interessiere
mich momentan so grenzenlos fr meine eigene Existenz, da nichts anderes
brigbleibt. Auch darin verhext einen die ewige Geldfrage, mchtest Du's nur nie
an Dir selbst erfahren. Alle schnen Eigenschaften des Herzens, alles Eingehen
auf andere geht dabei zum Henker...

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Ich frchte, wir haben den armen Privatdozenten angesteckt. Anfangs pflegte er
nur friedlich von wirtschaftlichen Fragen zu sprechen, whrend er sich jetzt auf
das lebhafteste fr Grndungen und Spekulationen, kurz fr alle direkten und
indirekten Geldfragen interessiert. An unserem Tisch ist von nichts anderem mehr
die Rede, die Neurosen und Psychosen haben alle Anziehungskraft verloren. Selbst
Gottfried denkt nicht mehr ber seine Weltanschauung nach, sondern hrt
andchtig zu. Ich glaube, der Verkehr mit uns wird ihn noch vllig heilen. Heut
sa ich lngere Zeit mit Doktor Lukas allein. Wir gaben uns alle Mhe, zur
Abwechslung einmal ein anderes Thema anzuschlagen... die Hitze... die
Persnlichkeit des Professors... wie schn es sein mte, jetzt fr ein paar
Wochen an die Nordsee zu fahren... und wurden dabei aber immer einsilbiger und
langweiliger. Dann kam die Witwe einen Augenblick heran und stimmte ihr
gewohntes Klagelied an. Tag und Nacht habe ihr verstorbener Mann gearbeitet, bis
er ein kleines Vermgen auf der Bank liegen hatte, und all das sauer verdiente
Geld sei nun in der Konkursmasse - mein Gott, mein Gott!
    Die gute Dame ist etwas ermdend, aber ihre Neurose besteht nun einmal in
dem bestndigen Repetieren ihrer Leidensgeschichte, und als Mitpatient mu man
Geduld haben.
    Eigentlich hat sie ja auch recht, sagte Lukas, als sie wieder fort war.
    Nein, sie ist vollstndig auf dem Holzweg, weil sie an dem Geld gerade das
Sauerverdiente so schtzt und hervorhebt. Es ist ein widerwrtiger Ausdruck und
ein widerwrtiger Begriff. Es kann auch auf sauerverdientem Geld kein Segen
ruhen, es mu uns hassen, weil wir es an den Haaren herbeigezogen haben, wo es
vielleicht gar nicht hinwollte, und wir mssen es hassen, weil wir uns dafr
geschunden haben und im Gedanken an diese Schinderei noch voller Ressentiments
sind. Es rcht sich auch immer, denn entweder warten schon andere Leute darauf,
oder man gibt es in der ersten Reaktion fr sinnlose Dinge aus.
    Der Baulwe hatte es aber anscheinend doch auf die Bank gelegt, um sich
spter einmal gute Tage zu machen... - Um so schlimmer, dann wird es gar noch
zum sauer Ersparten, was die Leute bekanntlich immer auf tragische Weise
einben. Ich begreife auch, da das Geld sich solche Bezeichnungen nicht
gefallen lt. Sauer erspart... sagen Sie es sich nur ein paarmal vor, womglich
mit knarrender Stimme.
    Er tat es und mute mir recht geben: Wie Krhen im Herbst, sagte er.
    Inzwischen war Henry unbemerkt durch die Gartentr hereingekommen und stand
mit einemmal hinter uns.
    Was macht Ihr denn da? sagte er aufrichtig erschrocken, mein Gott, Herr
Doktor, jetzt hat es Sie auch schon... Kommen Sie lieber mit hinunter in mein
Bro, ich mchte Ihnen etwas zeigen.
    Im Bro war ein Arbeiter damit beschftigt, eine groe Holzkiste
aufzubrechen, und wir waren sehr neugierig auf den Inhalt. Henry erzhlte uns
derweil ausfhrlich die Geschichte der sdafrikanischen Goldminen, um
derenthalben er damals fortging. Man hatte ihm die Leitung des ganzen
Unternehmens bertragen, aber wie gewhnlich, wenn alles einmal glattgehen
konnte, machte das Geld eine frmliche Verschwrung gegen ihn. Er hatte einfach
keines, konnte das aber den Aktionren nicht gut unter die Nase reiben, und die
Abreise verzgerte sich, verschob sich bis ins Aschgraue. Wiederum regten sich
die bsen Zungen und behaupteten, er sei monatelang mit einem falschen Bart
herumgegangen, um zu verbergen, da er immer noch da war. Ich wei auch nicht
mehr, hat es ein halbes oder ein ganzes Jahr gedauert, bis er endlich an seiner
Geschftsstelle anlangte. Von dort aus hatte inzwischen ein Herr Alramseder aus
Nrnberg, der an der Sache beteiligt war, gegen ihn intrigiert, und Henry erfuhr
gleich bei seiner Ankunft, da die Gesellschaft ihn schon lange seiner Stellung
enthoben und eben jenen Herrn Alramseder zu seinem Nachfolger gemacht hatte.
Dieser liebenswrdige Mann mit dem heimatlichen Namen hatte einen
ausgesprochenen Tropenkoller und schickte ihm ohne weiteres einen Trupp von
sechzehn Kaffern entgegen, die ihn verhaften sollten.
    Die Witwe hrte in grter Spannung zu und fragte fast atemlos: Ja... und
was taten Sie da?
    Zuerst fotografierte ich die Kaffern, sagte Henry schlicht und ohne Pose.
    Fotografierten die Kaffern?...
    Ja, um Beweismaterial gegen den Alramseder in der Hand zu haben. - Pause.
    Tatschlich ist es ihm dann auch gelungen, ich wei nicht, ob die Fotografie
der sechzehn Kaffern dabei ausschlaggebend wirkte - die leitende Stellung wieder
an sich zu bringen und zu behaupten. Die Witwe war ganz begeistert und ist jetzt
berzeugt, da es Henry gelingt, mit ihren Glubigern fertig zu werden und das
Andenken des unverbesserlichen Baulwen reinzuwaschen.
    Inzwischen war die Kiste endlich aufgebrochen, und Henry hob eine
sonderbare, unfrmliche Gipsgeschichte heraus, die das Minenterrain darstellte.
Quer durch geht ein blau angestrichener Flu. Er erklrte uns die geographische
Lage und da die Goldlager sich unter dem Flubett befnden.
    Und wie bekommt man das Gold da heraus? fragten wir.
    Das ist ganz einfach, antwortete er und hob ohne weiteres den blau
angestrichenen Flu heraus, mit einer so berzeugenden Geste, da wir einen
Moment das Gefhl hatten, wenn es darauf ankme, wrde er es auch in
Wirklichkeit so machen.
    Nun, er hat es uns dann ausdrcklich erklrt, wie es gemacht wird, aber ich
habe weder aufgepat, noch mchte es von besonderem Interesse fr Dich sein.
Schlielich kann einen Gold doch nur lebhaft interessieren, wenn es schon
wirklich Zwanzigmarkstcke sind und sie einem gehren.

                                       6


So, nun habe ich endlich einmal eine Sensation zu verkndigen, die Sensation...
der alte Herr ist sanft entschlafen, wie mir gestern ein Telegramm meines
Miterben meldete. Ich war ihm dankbar, da er sich so taktvoll ausdrckte, und
gebe mir alle Mhe, dem Entschlafenen gegenber ebenfalls taktvoll zu empfinden.
In dem Moment, wo jemand tot ist, wird einem das ja auch immer relativ leicht.
Also erwartet jetzt, bitte, kein ordinres Freudengeheul von mir, mir ist
vielmehr zumut, als ob ich vorlufig sehr viel Haltung bewahren mte.
    Erstens wissen wir ber das Testament und vor allem ber den Besitzstand des
Verstorbenen noch nichts Genaueres, und da er Auslnder war, kann sich das alles
noch etwas hinziehen. Zweitens habe ich den Glauben an das Geld, an alles Geld
verloren und kann ihn nicht von heute auf morgen wiederfinden. Bis es nicht
tatschlich vor mir auf dem Tisch liegt... und wer wei, ob es mich jetzt fr
hinlnglich gelutert hlt, um sich wirklich auf meinen Tisch zu legen. Wie oft
habe ich erlebt, da es schon auf dem Wege zu mir war und unter irgendeinem
fadenscheinigen Vorwand wieder umkehrte. Selbst dadurch, da es einem gehrt,
hat man es noch nicht... so halte ich es fr geboten, es vorlufig mglichst zu
ignorieren und um keinen Preis kopfscheu zu machen.
    Bitte, verhaltet auch Ihr Euch in diesem Sinne, sprecht nicht davon, freut
Euch nicht, schlagt keinen Lrm und gratuliert mir nicht.
    ... Nein, diese Botschaft an sich kann mich noch nicht von meinem
Geldkomplex erlsen, es kommt nur allmhlich wieder ein Gefhl von
Daseinsberechtigung ber mich, das ich mittlerweile ganz verloren hatte. La Dir
sagen, liebe Maria, es sind nur zwei Dinge, die einem dies Gefhl geben... Geld
und Liebe. Soll es ganz richtig sein, so sind es beide zusammen, aber wann ist
wohl das Leben einmal ganz richtig? Und fehlt eines von den beiden, so kann man
sich immerhin mit dem anderen trsten. Fehlen aber beide, wie jetzt, wie hier...
nun, alles in allem ist es doch ein etwas trber Aufenthalt. Mit Geld knnte ich
fortgehen, aber es ist keines da; mit Liebe knnte ich hierbleiben, aber es
fehlt jedes geeignete Objekt. Der Atheist ist mir zu jung, Lukas zu seris, und
mit Henry bin ich allmhlich zu gut befreundet. In den Arzt verliebt man sich
nur, wenn man hysterisch ist, und unser wrdiger Professor eignet sich wenig
dazu.
    ... Ich fahre erst heute fort. Der Miterbe war hier, man hat sich ernst und
korrekt die Hand geschttelt und doch ein wenig wie zwei berlebende nach einem
Schiffbruch, die nun nhere Bekanntschaft miteinander machen. Man widmete dem
Verstorbenen einige geziemende Worte, und das war wirklich anstndig, denn er
hat bei seinen Lebzeiten wenig Sympathie fr uns an den Tag gelegt und unser
beider Treiben, soweit es ihm bekannt wurde, meistens gemibilligt. Aber wir
waren jetzt einig, ihm das nicht mehr nachzutragen. Dann war vom Begrbnis die
Rede. Der alte Herr will in seiner Familiengruft beigesetzt werden, und das ist
ungemein schwierig, weil wir, die beiden einzigen Nachkommen, im Moment nicht
ber die Mittel verfgen, ihn dorthin zu geleiten. Diese Frage bleibt also noch
ungelst? Dagegen wird morgen am Sterbeort eine Einsegnung stattfinden. Ich
sollte durchaus mitfahren, habe mich aber geweigert. Nie in meinem Leben habe
ich solche Sachen mitgemacht, ich habe einen pathologischen Horror davor. Gott
wei, ob der Alte sich nicht auch darber rgern wrde. Ich habe Angst davor,
ihn noch nachtrglich zu verstimmen und ble Folgen ber mein Haupt
heraufzubeschwren.
    Allmhlich kamen wir dann auch auf die Erbschaft selbst zu sprechen. Er hat
das Testament vor einigen Jahren selbst eingesehen, und nach dem, was er sagt,
kme eine Summe in Betracht, die uns beiden das Herz hher schlagen lt. Nun
machte aber der alte Herr vor anderthalb Jahren - nachdem er unglcklicherweise
von unserem Kontrakt erfahren (vermutlich durch seinen schnden Advokaten, der
ihn gemacht hat und den wir nicht zahlen konnten), eine verdchtige Reise in
seine Heimat, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Der Miterbe, der eigentlich
Bescheid wissen mte, behauptet zwar, nach dem dortigen Gesetz knne man ihn
als den einzigen direkten Nachkommen, falls er nur verheiratet sei, nicht
verkrzen. So hat man sich darber wieder beruhigt. Natrlich mu er sich
grndlich um die Sache bekmmern, meint aber, in wenigen Monaten knne alles
erledigt sein.
    Monate - Maria - in Monaten kann alles mgliche passieren, man kann krank
werden, sterben, verunglcken oder den Verstand verlieren. In Monaten hat das
Geld alle Mue, die ausgefallensten Schikanen zu ersinnen. Monate sind eine
schreckliche Zeit, wenn man sie mit Warten zubringt. Ich male mir alle schlimmen
Mglichkeiten aus, das ist immer das beste, um ihnen vorzubeugen. ngstigt man
sich zum Beispiel, es sei jemand ertrunken oder abgestrzt, so kommt er sicher
heil zurck, erwartet man ihn aber unbefangen zum Abendessen, so wird er
womglich vom Blitz erschlagen.
    Du siehst, ich habe mein System vollstndig gendert und wehre mich ebenso
verzweifelt gegen jeden Optimismus, wie ich ihm frher huldigte. Und doch, wenn
ich morgens aufwache und mich noch nicht gengend beherrsche, denke ich mit
scheuer Verliebtheit an dies ferne Geld, das, so Gott will, ber kurz oder lang
zu mir in Beziehung treten wird.
    Natrlich habe ich nur den mnnlichen Tischgenossen davon erzhlt, vor der
Witwe hatte ich Angst, sie mchte mich an ihr Herz ziehen, Trnen vergieen und
wieder von ihrem Baulwen anfangen.
    Henry nahm es mit derselben Seelenruhe auf wie die sechzehn Kaffern des
Herrn Alramseder, und der gottlose Pfarrerssohn meinte, sein Vater wrde in
solchem Falle sicher sagen: was hlfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewnne und nhme doch Schaden an seiner Seele.
    Oder, was kann der Mensch geben, da er seine Seele wieder lse,
vollendete Lukas.
    Ach, wie gerne wollte ich Schaden an meiner Seele nehmen, wenn ich
Reichtmer damit gewinnen knnte.
    Und ich bin fest berzeugt, sagte Henry, da man mit Geld seine Seele
ohne weiteres wieder auslsen knnte.
    Gottfried lchelte frhlich, seine neue Weltanschauung befestigt sich immer
mehr. Henry hat nmlich vor, ihn in Afrika bei den Goldminen unterzubringen, so
braucht er nicht mehr unter das vterliche Dach zurckzukehren und knnte seine
Psychose ruhig aufgeben.
    Doktor Lukas aber wollte ganz genau wissen, wie mir jetzt zumut sei. Er ist
etwas enttuscht, denn er hat es sich wohl so vorgestellt, wie in den
Zeitungsgeschichten von Flickschustern, die das groe Los gewinnen und dann vor
freudigem Schrecken die Treppe hinunterfallen oder vom Schlag gerhrt werden.
Und wie ich mir nun die Zukunft denke?
    Ich denke nach... die Zukunft ist noch nicht da, und die Vergangenheit wirkt
noch zu stark in mir nach. Mir ist, als sei ich mein halbes Leben Jongleur in
einem Zirkus gewesen, wollten die Kugeln nicht mehr richtig fliegen, so warf man
mit Flaschen, Tellern oder Messern. Wollte es mit den Hnden nicht mehr gehen,
so stellte man sich auf den Kopf und jonglierte mit den Fen weiter. Dabei
immer die verdammte Unsicherheit, ob man Herr der Situation bleiben wird oder
nicht, bis dann eines schnen Tages die Dinge wirklich streikten, Kugeln,
Flaschen, Teller, Messer herunterrasselten und die Zuschauer mich auspfiffen -
unter den Zuschauern stellte ich mir meine Glubiger vor, die bei der Vorfhrung
durchaus auf ihre Kosten kommen wollten.
    Nein, ich wollte lieber gar nicht ber das Geld reden, ehe es da ist. Aber
Lukas lie nicht locker. Wie alle Privatdozenten hat er natrlich ein kleines
Vermgen, von dem er bescheiden und sicher leben kann. Der Umgang mit uns hat
nun zwar in letzter Zeit seine Begriffe etwas verwirrt, aber manchmal wird er
wieder rckfllig und ist nun geradezu besorgt, ob ich mich zu der vernderten
Sachlage richtig einstellen werde. So macht er alle mglichen Plne, wie ich das
Geld am besten anlegen solle.
    Anlegen?...
    In Goldshares, rt Henry, in wenigen Jahren gibt es vermutlich enorme
Dividenden.
    Ja, um Gottes willen, Sie Phantast... wenn Sie Ihren Flu herausgehoben
haben?...
    Und dem Alramseder einmal definitiv auf den Kopf spucken kann... denn damit
steht und fllt die ganze Sache, sagte Henry ernst.
    Der Privatdozent rang die Hnde:
    Nein, ich bitte Sie, machen Sie mir die gndige Frau nur nicht wieder
vollends...
    Sprechen Sie ruhig aus, sagte ich melancholisch, es hat jetzt wirklich
keine Gefahr mit mir. Wenn das Geld nur erst da ist, werde ich sicher wieder
ganz normal.
    So normal, da Sie vernnftig damit umgehen? Sagen wir, zum Beispiel, das
Kapital nicht angreifen, falls Sie mit den Zinsen auskommen knnen... und da
Sie sich nicht auf Spekulationen einlassen, die davon abhngen, ob Ihr Freund
Henry dem Herrn Alramseder oder sonst jemandem auf den Kopf spuckt?
    Sie, Lukas, haben heute wieder einen schrecklichen Rckfall in Ihre
nationalkonomischen Komplexe. Leute, die von ihren Zinsen leben, sind viel
anomaler. Denken Sie nur, pltzlich sterben zu mssen, was jedem passieren kann,
und das ganze Kapital liegt noch da, mit dem man sich unendliches Plsier htte
verschaffen knnen. Mir wrde dieser Gedanke alle Seelenruhe nehmen. Man sollte
vielleicht taxieren, wie lange man ungefhr noch zu leben wnscht, und danach
die Summe einteilen. Bedenken Sie doch auch meinen Geldkomplex, wie soll ich den
jemals loswerden, wenn ich mir nicht eine ausgiebige Revanche fr alle bisher
erlittene pekunire Unbill leisten darf?
    Bitte, hren Sie auf, bat Lukas, ich mchte sonst noch Ihrer eigenen
Auffassung vom weiblichen Gehirn beistimmen und Sie vom wirtschaftlichen
Standpunkt aus vllig aufgeben...
    Vor allem ist das Geld ja wirklich noch nicht da, bemerkte Henry mit
unerschtterlicher Miene.
    Erlauben Sie mir wenigstens noch die Frage, wie der Herr... nun, Ihr Herr
Miterbe darber denkt... seinen Namen haben Sie uns brigens immer noch
vorenthalten.
    Er trgt denselben Namen wie ich auch, da wir miteinander verheiratet
sind...
    Htte ich nur lieber geschwiegen, aber es fuhr mir so heraus, und nun mute
ich natrlich eine Flut von Aufklrungen geben. Worauf der arme Lukas so
angegriffen war, da er sich fr den Rest des Abends zurckzog. - Du weit, ich
rede nicht gern von dieser Heirat, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, weil
es mich gar so langweilt, immer wieder den Zusammenhang erlutern zu mssen. Wir
leben nicht zusammen, wir kennen uns kaum, wir sind keine Ehe, sondern nur ein
Kontrakt, und unser einziges gemeinsames Interesse ist eben diese Erbschaft.
Manche begreifen das nicht, andere nehmen rgernis daran, und ich selber
vergesse inzwischen manchmal vollstndig, da ich eigentlich verheiratet bin. -
Der Professor erwartet einen neuen Patienten - es ist ein russischer Frst, und
wir sind sehr gespannt auf ihn. Russischer Frst klingt so angenehm nach Geld
und Spleen.

                                       7


Nein, ich wei immer noch nichts Nheres. Die Testamentserffnung soll erst
nchste Woche stattfinden. Inzwischen hat der Miterbe wenigstens Mittel und Wege
gefunden, um selbst hinzufahren und gleichzeitig die sterblichen berreste des
alten Herren zu berfhren. Einstweilen war er immer noch im Bahnhof deponiert.
Henry hielt das fr sehr bedenklich, weil es immerhin einen Anstrich von
Rcksichtslosigkeit hatte, aber es war beim besten Willen nicht zu ndern.
    Da Ihr die Sache uerst spannend findet, begreife ich, kann aber Eure
Empfindungen nicht teilen. Ich lasse mich grundstzlich auf keine Spannung mehr
ein, sie schadet mir und beeinflut die Dinge immer nur ungnstig.
    Es war eine glckliche Fgung, da ich hierherkam. Ich mu die Segnungen
dieses Aufenthalts immer mehr anerkennen und kann nur sagen, ein Sanatorium ist
doch der einzige geeignete Ort, um auf Erbschaften zu warten. Von der Kur habe
ich mich ziemlich emanzipiert, es war nicht mehr zum Aushalten. So habe ich dem
Professor auseinandergesetzt, meine Schlaflosigkeit htte sich in das Gegenteil
verkehrt und ich litte jetzt vielmehr an einer veritablen Schlafsucht... damit
er mich nur mit seinen Wickeln und Duschen verschont. Auerdem mchte er mir
etwas mehr Bewegungsfreiheit gewhren, denn ich htte einen verwickelten
Erbschaftsproze und msse deshalb fter in die Stadt, um mit einem Anwalt zu
beraten. Er gab schlielich nach, aber seine Sympathie fr mich, die wohl nie
sehr heftig war, nimmt immer mehr ab. Ich glaube sogar, er mchte mich fort
haben, denn er machte ziemlich brutale Anspielungen, ob ich nicht zur Nachkur
noch in ein Seebad gehen wollte. Henry meint, er hielte mich am Ende fr eine
Schwindlerin... Es ist schon mglich, denn da meine Nerven vllig intakt sind,
hat er lngst durchschaut, vielleicht auch, da es mit meinen Geldverhltnissen
nicht der Fall ist. Der Freudianer hat ihn ja damals brieflich darauf
vorbereitet, da ich erst am Ende meines Aufenthalts zahlen wrde...
Erbschaftsprozesse und dergleichen klingt immer etwas nach Schwindel, kein
Mensch glaubt an Erbschaften, die noch in der Luft hngen, kurz, er wird in
meiner Vorstellung immer mehr zum Glubiger, und das ist ungemtlich. Vielleicht
ist es auch ein Fehler, da ich nie die Rechnung beanstande, sie wird einem jede
Woche ins Zimmer gelegt, und ich sehe, da andere Patienten, die regelmig
zahlen, jeden Augenblick Krakeel machen. Das ist eine Gewohnheit aus schlechten
Zeiten. Ist man selbst berzeugt, da man doch nicht wird zahlen knnen, so
kommt es nicht in Betracht, wie hoch die Rechnung wird. Ich kann ihm also sein
Mitrauen nicht belnehmen... wie oft war man schon in hnlicher Lage und
brannte dann irgendwie durch, das mag in Sanatorien ebenso oft vorkommen wie in
Hotels.
    Um wenigstens etwas glaubhafter dazustehen, habe ich mir einen Rechtsanwalt
von ihm empfehlen lassen und bin auch wirklich hingegangen. Was er fr mich tun
soll, ist vorlufig noch ganz unklar, aber ich bereite ihn darauf vor, da es
eventuell etwas zu tun geben wird, und befrage ihn um tausend Dinge, die ich
entweder schon wei oder gar nicht zu wissen brauche. Im Anschlu daran kann man
sich wenigstens etwas herumtreiben, ins Caf gehen und dergleichen lngst
entbehrte Freuden genieen. - Mittlerweile ist auch der schon erwhnte russische
Frst hier aufgetaucht, das heit, zur allgemeinen Enttuschung ist er kein
Frst, sondern nur Grogrundbesitzer und heit Balailoff. Den erhofften Spleen
aber hat er im hchsten Mae, und so kommt es auf eins heraus. Wir haben ihn
gleich in unseren Kreis gezogen und sind durchaus zufrieden mit ihm. Der Spleen
zerfllt in zwei Teile, einmal will er sich den Alkohol abgewhnen lassen,
zweitens hat er eine Braut mit und will hier heiraten.
    Dieser Balailoff ist eine gute Ablenkung, denn er erzhlt bestndig von
seinen Angelegenheiten, und wenigstens in seiner Gegenwart mssen wir unsere
Geldgesprche suspendieren, schon weil er augenscheinlich ber schwindelhafte
Mittel verfgt und unsere Komplexe nicht verstehen wrde. Statt dessen drehen
wir uns mit um seine Heiratsangelegenheiten und seinen Alkoholismus. Mit der
Braut dagegen haben wir vergebens versucht uns in Fhlung zu setzen. Sie bewohnt
einen Extrapavillon, zieht sich sehr zurck und wei uns nicht zu schtzen. Es
macht den Eindruck, als ob sie ihn zu dieser Entziehungskur veranlat htte und
bestndig mit dem Professor komplottiert. Er selbst schimpft bei jeder
Gelegenheit darber, da er hier so berwacht wird, und fr die Momente, wo er
es nicht mehr aushalten kann, hat er sich schon eine Art Weinkeller in Henrys
Bro eingerichtet. Die beiden haben sich nmlich in einem groen
Spekulationsobjekt gefunden. Balailoff hat, wie so viele Russen, auf
irgendwelche Weise sein Anrecht auf einen Platz verwirkt, kann deshalb nicht
mehr nach Ruland zurck und mchte seine dortigen Lndereien verkaufen. Da, wie
er erzhlt, ergiebige Petroleumquellen in der Gegend sind, riet Henry ihm, statt
dessen eine Aktiengesellschaft zu grnden, und er ist Feuer und Flamme dafr.
Sie sitzen bestndig im Bro, machen Kostenanschlge und rechnen. Kommen sie
dabei zu einem Resultat, das sie besonders begeistert, so wird es auf Balailoffs
Verlangen begossen, und wir haben dann unsere liebe Not, ihn so weit zu zhmen,
da der Professor und die Braut nichts merken. Sie begleitet ihn nur selten bei
seinen Ausgngen, sondern sitzt in ihrem Pavillon, spielt Klavier und verachtet
uns alle miteinander.

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Ich hab' Euch verwhnt, Maria, mit meinem vielen Schreiben. Wenn ich einmal
vierzehn Tage schweige, seid Ihr schon unzufrieden. Denkt nur nicht, da es
immer so fortgehen wird. Ich bin gewi Dir und Euch allen so zugetan wie immer
und war es auch in Zeiten, wo man berhaupt nichts voneinander hrte, aber da
ich jetzt so endlose Briefe schreibe, geschieht wohl mehr mir selbst zuliebe und
weil ich so viel berflssige Zeit habe. Habe ich aber zur Abwechslung einmal
keine Lust, so lat mich in Ruhe.
    Ja, also, kurz nach meinem letzten Schreiben kam ein Telegramm vom Miterben:
Beisetzung erfolgt. Testamentserffnung verschoben, da selbes noch nicht
aufgefunden. Anwalt meint vierhunderttausend pro Kopf.
    Dieser unleidliche Privatdozent tut nun wirklich, als htte ich das groe
Los gezogen. Ich finde ja auch, es sind recht angenehme Aussichten, aber durch
die Schwierigkeiten der letzten Jahre sind meine Ansprche ins Ungeheuerliche
gewachsen, und es gibt keine Summen mehr, die ich als berwltigend empfinden
wrde. Das Revanchebedrfnis ist eben zu gro geworden.
    Lukas handelt mit mir wie Abraham mit dem lieben Gott um die Gerechten von
Sodom, wieviel ich festlegen soll und wieviel ich verjubeln darf. Ich hre
andchtig zu und trume dabei von einer Reise nach Siam - ich wei nicht, warum
mich gerade das so besonders lockt - von Kleidern, Pferden, Landhusern - kurz,
ich bersetze mir die Zahlen in erfreuliche Wirklichkeiten. Vor einem halben
Jahr htte der Gedanke an ein gesichertes Dasein noch etwas Verlockendes fr
mich und Lukas vielleicht mehr Glck mit seinen Mahnungen gehabt... sich
rangieren, auskommen, Ruhe haben... Aber das Geschick hat den Bogen zu sehr
berspannt. Existenz, wirtschaftliche Basis und dergleichen sind mir zu
fratzenhaften Begriffen geworden, unter denen ich mir nichts mehr vorstellen
kann. Sie haben mich so greulich verhhnt, da ich nur noch in derselben Tonart
antworten kann. Meinst Du, ich wre je wieder imstande, ohne die qualvollsten
Zwangsvorstellungen eine Wohnung zu mieten, mit einem Hausherrn zu verhandeln,
Mbel zu kaufen, Dienstboten zu engagieren, Milchfrauen, Petroleum- und
Kohlenmnner ins Haus kommen zu sehen? Ich frchte, ich werde berhaupt nie
wieder wohnen knnen, nur mehr logieren, ganz oberflchlich, vorsichtig und ohne
Zusammenhang. In der Beziehung ist etwas in mir gebrochen, was nie wieder ganz
werden kann...
    Recht ungeschickt kam gerade in diesen Tagen Doktor Baumann, der Freudianer,
hier an. Ich hoffte, er sei selbst etwas erholungsbedrftig und wrde sich erst
ausruhen wollen. Aber nein, er brennt vor Tatendurst und wollte mich sofort
seiner Analyse unterziehen. Ich meinte darauf, wir sollten jetzt doch lieber die
Entwicklung der Dinge abwarten, dann wre es vielleicht gar nicht mehr ntig,
aber er lt sich nicht berzeugen. Im brigen ist er sehr nett, und man freut
sich hier ber jeden Zuwachs der Gesellschaft, so mu ich denn wohl oder bel in
den sauren Apfel beien und mich von ihm behandeln lassen. Nachdem er mich hier
untergebracht und akkreditiert hat, ich mich auerdem andauernd schlecht benehme
und dem Professor ein Dorn im Auge bin, kann ich jetzt unmglich sagen: Lassen
Sie mich in Ruhe, ich halte Ihre Behandlung fr einen Schmarrn und bin mehr als
je berzeugt, da mein Leiden nur durch positives Geld zu heilen ist. Im
Gegenteil, ich bin einfach verpflichtet, auch diesen Kelch zu leeren, wie ich
vorher die Wickel und Duschen ber mich ergehen lie. Wirtschaftliche Krche
haben manchmal unbersehbare Folgen... wei der Himmel, was alles fr Kuren an
Leib und Seele ich noch durchmachen mu, bis die Erbschaft fllig ist.
    Ich fand es anfangs ganz hbsch und stilvoll, einen Komplex zu haben, man
konnte vor sich selbst und anderen sich immer darauf berufen, anstatt einfach zu
sagen: ich bin verzweifelt, auer mir, schlechter Laune usw. Aber ich finde es
hart, sich nun deshalb so anstrengen zu mssen, und es ist wirklich ein Stck
Arbeit, bis man all diese verwickelten Sachen begriffen hat. Verlange nur nicht,
da ich dir einen populr verstndlichen Vortrag darber halte. Mein Wunsch geht
mehr dahin, Euer Mitgefhl zu erwecken, als Euer Wissen zu bereichern. Wie schon
die Bezeichnung Psychoanalyse sagt: man analysiert die Psyche, wie wir einst in
der Schule deutsche Grammatik analysierten, ohne jemals zu begreifen, wozu das
gut sei. In diesem Fall analysiert natrlich der Arzt, und man hat nur darauf
einzugehen. Er fragt, fragt und fragt, und ich soll nur antworten, aber eben das
ist gar nicht so leicht.
    Die Komplexe kommen angeblich dadurch zustande, da man die betreffenden
Dinge, Gedanken, Wnsche und hnliches von sich weggeschoben, mit dem
technischen Ausdruck verdrngt hat, natrlich immer ins Unterbewutsein. Das
lassen sie sich unter Umstnden nicht gefallen, sondern brechen aus und toben
dann im Oberbewutsein herum.
    Nun ist er bestndig unzufrieden, weil ich nicht das antworte, was er
mchte. Er begann seine Errterung damit, fast jeder Komplex beruhe auf
verdrngter Erotik - mir schien, als erachte er ihn nur dann fr vollwertig und
wolle auch in meinem Falle versuchen, ihn auf diesen Ursprung zurckzufhren.
Etwa so: wenn jemand sein ganzes oder halbes Leben lang vor allem nach Geld
trachtet, mu er viele andere, lebendigere Regungen, wie vor allem die
erotischen, unbedingt verdrngen...
    Da ich in der Verdrngung der Erotik Erhebliches geleistet habe, konnte ich
nun wirklich beim besten Willen nicht behaupten... im Gegenteil, es wre mir und
meinen Finanzen sicher besser gewesen, ich htte es mehr getan. Die Sache
stimmte also nicht, und wir konnten uns nicht recht einigen. Ich mute ihm dann
einiges ber meinen Lebensgang sagen, was ihn wiederum enttuschte, denn er
konnte mir durchaus nichts Anomales, Psychotisches, Neurotisches und wie das
alles heien mag, nachweisen. Wieder mein altes Pech, da ich zu unkompliziert
bin, es wird einem in so manchen Kreisen und Lebenslagen belgenommen, besonders
wenn man erst Hoffnungen auf das Gegenteil erweckte.
    Was fr eine Rolle das Geld in meiner Kindheit und ersten Jugend gespielt
htte?... Auf diese Zeit sollen die meisten Komplexbildungen zurckgehen. Gar
keine, absolut gar keine... Du weit, es gibt interessante Kinder, die stehlen
oder schwindeln, ohne es ntig zu haben, zum Beispiel Scheine entwenden und in
Gold umwechseln, um damit zu spielen, aber ich fand nichts Derartiges in meinen
Erinnerungen. Wir hielten es als Kinder fr berflssig und armeleutehaft, sich
um Geldfragen zu bekmmern, und sahen verchtlich auf andere herab, die
gegenseitig das Vermgen ihrer Eltern taxierten und darber Bescheid wuten. Und
spterhin war es eigentlich dasselbe: Geldnot?... Das kann doch nicht Ernst
sein... und selbst welches herbeischaffen mssen? Ein schlechter Scherz, zu dem
man gute Miene macht, solange es nicht berhand nimmt...
    Und mit starken Unlustgefhlen verknpft? schaltete der Doktor ein.
    Allerdings!
    Gut, er kam allmhlich auf die Spur. Es war eben umgekehrt, als wie er
anfnglich gemeint hatte. Das Geld selbst war verdrngt worden, nicht die
anderen Dinge, und ich war also doch etwas anomal. Gott sei Dank, ich hab' so
gern, wenn die anderen mit mir zufrieden sind.
    Man stellte also einen Geldkomplex in absoluter Reinkultur fest, mit Erotik
hatte er gar nichts zu tun. Dann ging es ungefhr so weiter, da in den meisten
Fllen durch nervse, in meinem durch akute finanzielle Erkrankung die einst
verdrngten Dinge pltzlich bewut und nun berbetont werden... (siehe
wirtschaftliche Krisis). Mir wurde ganz elend dabei, all diese Erinnerungen
wieder aufzuwhlen, aber es half nichts - die Vorgnge, die den Komplex bewirkt
haben, mssen reproduziert, das heit, noch einmal bewut erlebt werden, damit
der Arzt sie einem dann ausreden kann.
    Dann fing ich meinerseits an zu fragen. Wenn nun die Erbsache doch noch
schiefginge - man kann ja nie wissen -, wie soll ich mich dann mit dem Professor
auseinandersetzen? Glauben Sie, da er sich als Glubiger...
    Aha, da haben wir die fr den Komplex charakteristischen
Angstvorstellungen, sagte Baumann befriedigt.
    Ja, und die habe ich auch in bezug auf Sie...
    Auf mich?
    Natrlich... Sie haben doch hier gewissermaen die Verantwortung fr mich
bernommen, und offen gesagt, mich plagt der Gedanke, da Sie damit hereinfallen
knnten, wenn...
    Er hat sich dann ausfhrlich nach der Erbschaft und ihren nheren Umstnden
erkundigt, und man vertiefte sich so in dieses Thema, da es zu spt wurde, um
mit der Behandlung fortzufahren.
    Aber unerbittlich nimmt er mich jeden Tag eine Weile vor... Es ist ein
Kreuz, und ich mu doch tun, als ntzte es etwas. Die Heilung soll nmlich
dadurch geschehen, da man dem Patienten eine andere Einstellung gibt. Bei mir
gibt es nur zwei Mglichkeiten, und man braucht eigentlich keinen Psychiater, um
das einzusehen. Nmlich entweder mte man die durch Faulheit, Bequemlichkeit
usw. verdrngte Energie wieder mobil machen und auf irgendeine zweckmige Weise
zu Geld kommen, oder aber sich darauf einstellen, es unwichtig zu finden und
entbehren zu knnen... Das ist natrlich nur ein unvollkommen wiedergegebener
Extrakt, im Munde des Arztes klingt es ganz schn, ausfhrlich, umstndlich und
einleuchtend. Aber was soll man damit anfangen, das alles kann ich mir ebensogut
selbst vorerzhlen und ndere doch nichts damit.
    Lieber schwtze ich ber andere Sachen mit ihm und hetze ihn und Henry
mglichst aufeinander. Henry kann es viel besser als ich, er nimmt es mit
hnlichem Ernst wie seine Spekulationen. Ich habe das Gefhl, da er nach allen
Seiten hin erwgt, wie man ein zerrttetes Nervensystem sanieren, etwas Neues
darauf grnden oder einen unhaltbaren inneren Zustand liquidieren knnte.
    Genug und bergenug davon. Ich frchte, sonst entdeckt Ihr gar noch Eure
eigenen Komplexe und wollt immer mehr darber wissen. Und ich bin doch
schlielich nicht im Sanatorium, um ber die Qualen, die ich hier ausstehen mu,
auch noch Abhandlungen zu schreiben.

                                       9


Wieder ein Telegramm des Miterben. Der Anwalt habe sich geirrt, es knne sich
doch wohl hchstens um dreihunderttausend handeln.
    Seine Berichte sind neuerdings ein wenig konfus und bestehen zumeist in
telegraphischen Vermutungen. Gott wei, ob sie das Testament nun wirklich
gefunden haben, und ob es berhaupt wahr ist, da man es nicht gleich fand. Uns
kommt das etwas merkwrdig vor, aber die Sache spielt sich in so weiter Ferne
ab, da man unmglich nheren Einblick gewinnen kann. Erffnet kann es
jedenfalls noch nicht sein, sonst mte er doch Genaueres wissen.
    Lukas findet das sehr beunruhigend, er traut dem Miterben, wie allen
anderen, die damit zu tun haben, nicht recht, und bot mir sogar eine Leihsumme
an, um selbst hinzufahren.
    Nein, ich danke, ich werde mich hten, das Geld durch meine persnliche
Einmischung noch rebellischer zu machen. Wie man sieht, haben schon
hunderttausend rebelliert, eben die hunderttausend, die nach Lukas' Aufstellung
zu meiner freien Verfgung bleiben sollten.
    Er fand das schon vollkommen wahnsinnig.
    Jetzt mssen Sie aber unbedingt das Ganze auf Zinsen legen, erklrte er
beinah zornig, und die Reise nach Siam streichen.
    Warte erst einmal ab, wie die Petroleumgeschichte sich gestaltet, warf
Henry ein. Ist die Gegend wirklich so ergiebig, wie wir annehmen, so werden die
Aktien in kurzem horrend in die Hhe gehen, und alles wird sich darum reien.
Jedenfalls mu man sich rechtzeitig eine gute Anzahl sichern, sobald die
Gesellschaft konstituiert ist.
    Lukas warf einen Blick gen Himmel. Das ist ihm schon ganz zur Gewohnheit
geworden, sobald er Henry reden hrt.
    Wollen Sie sich nicht bald einmal von Doktor Baumann analysieren lassen,
lieber Henry? fragte er.
    Oh, wir haben schon damit angefangen.
    Findest du, es ntzt etwas? fragte ich beklommen.
    Gerade als er sich darber auslassen wollte, kam Baumann selbst, und Lukas
wandte sich sofort an ihn.
    Ich bin, wie Sie wissen, nur Laie, sagte er, die Psychiatrie ist ein
Gebiet, das mir vllig fern liegt. Gelingt es Ihnen aber, diese beiden
Herrschaften zur Vernunft zu bringen, so gehre ich von Stund' an zu Ihren
fanatischen Anhngern und mache enorme Propaganda fr Sie. (Lukas ist dort, wo
er doziert, eine einflureiche Persnlichkeit und hat glnzende Beziehungen.
Baumann brennt darauf, Karriere zu machen und selbst eine Anstalt zu bernehmen,
wo nach seiner Methode wunderbare Heilungen gemacht werden.)
    Er, Baumann, lchelte so geschickt, da keiner der Beteiligten sich verletzt
fhlen konnte, Henry aber meinte:
    Besser, Sie lassen sich erst einmal von mir grnden, ich habe da von einer
verkrachten Aluminiumgesellschaft einige Terrains an der Hand, die sich ungemein
billig stellen wrden, und die Aktionre haben wir bald beisammen. Balailoff
geht zum Beispiel todsicher mit, sobald die Petroleumsache gedeichselt ist...
Sein Blick nahm allmhlich jene sonderbare Starrheit an, die ihm manchmal eigen
ist... er rechnete... machte berschlge... erlag seinem Komplex. Und Baumann
meinte, es sei der geeignete Moment fr eine analytische Seance, worauf wir
anderen uns diskret entfernten.

Das ist schon wieder ein paar Tage her. Henry ist gestern nach Ruland gefahren,
um das Petroleumgebiet in Augenschein zu nehmen. Balailoffs Sekretr begleitet
ihn als Dolmetscher. Balailoff hat nmlich ein Gefolge bei sich, das aus eben
diesem Sekretr, zwei Dienern und einem alten russischen Popen, seinem frheren
Erzieher, besteht. Dieser letztere wird hier ebenfalls saniert, ob auch wegen
Alkoholismus, haben wir noch nicht feststellen knnen. Er ist ein friedlicher,
wrdevoller Herr, der fast nie aus seinem Zimmer herauskommt und auer Russisch
keine lebende Sprache spricht. Lukas und die rzte reden lateinisch mit ihm, und
ich suche manchmal in meiner Erinnerung aus den Grammatikstunden meiner Brder
oder aus der Religionsstunde, um ihm etwas Liebenswrdiges zu sagen. Aber es
stimmt meistens nicht recht. Gottfried wurde letzten Mittwoch aus der Kur
entlassen, um nach Hause zu fahren. Statt dessen hat er sich in der Stadt
versteckt gehalten und jetzt heimlich mit Henry die Petroleumfahrt angetreten...
er war berglcklich. Seine Eltern haben schon dreimal telegraphiert, und kein
Mensch begreift, wo er geblieben ist. Dummerweise bekam ich nun gerade eine
Depesche aus Finnland. Endlich aufgefunden. Erffnung noch durch Formalitten
verzgert... Der Professor bat mich dringend, zu gestehen, da das Telegramm
mit dem vermiten Jungen zusammenhinge. Ich beteuerte mit gutem Gewissen: Nein.
Er glaubte mir nicht, und nur, um ihn zu beruhigen, gab ich es ihm schlielich
zu lesen. Dadurch wurde die Sache nun noch schlimmer, er war jetzt vollkommen
berzeugt, da es sich um Gottfried handle, da man eben ihn in Finnland
aufgefunden - er Selbstmord begangen habe oder verunglckt sei und - Erffnung
durch Formalitten verzgert - seziert werden solle. In seiner erhitzten
Medizinerphantasie schien ihm das vollkommen klar... Aber die Unterschrift - der
Miterbe trgt als mein Gatte bekanntlich denselben Namen wie ich - und das
Rtsel, wieso ich diese Nachricht an mich selbst aus Finnland telegraphiere,
konnte er denn doch nicht kleinkriegen, und ich verfiel darber in ein solches
Gelchter, da er immer zorniger wurde... Schon vor Wochen htte ich ihm von
einem Erbschaftsproze erzhlt, und nun sollte das Testament noch nicht einmal
erffnet sein?... Und mit diesem Herrn verheiratet... bisher htte ich mich doch
immer als geschiedene Frau ausgegeben und knne nun wirklich nicht verlangen,
da man mir noch ein einziges Wort glaube. Es war eine recht nette Szene, und
mir blieb schlielich nichts brig, als zu gestehen, da ich wte, wo der Junge
sich aufhielte, und da er es seinen Eltern demnchst selbst mitteilen wolle.
    Der Professor war zuletzt sprachlos und schickte mir spter einen Brief aufs
Zimmer. In dem Brief schlug er mir vor, ich mchte mich doch lieber in ein
anderes Sanatorium begeben, falls ich es berhaupt noch fr ntig halte. - Nun,
Baumann hat die Sache dann mit vieler Mhe wieder ins Geleise gebracht, und ich
war ihm sehr dankbar. Wo htte ich auch hingehen sollen? Ich bleibe also da und
gebe mich, nachdem der Sturm ausgetobt hat, einer wohlverdienten Ruhe hin.
    Es herrscht hier jetzt eine gewaltige Sommerhitze. Da keiner von uns etwas
zu tun hat, sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse. Morgens ist man
noch halbwegs munter, liest Zeitungen oder unterhlt sich. Nachher liegt alles
wie tot in den Klappsthlen umher und hlt sich gegenseitig fr mehr oder minder
vertrottelt. So behauptet Lukas, es mache ihn schon nervs, wenn unten auf dem
See Dampfschiffe vorbeifahren oder Mwen flattern. Er empfindet das als eine
unerhrte Kraftvergeudung. An ganz besonders schwlen Tagen verstndigt man sich
nur durch Pantomimen oder in der Hitzsprache - das heit, man lt alle
irgendwie entbehrlichen Worte und Silben weg oder markiert sie nur.
    Das geistige Niveau ist dabei etwas gesunken. Unsere Hauptunterhaltung
besteht darin, die anderen Patienten zu beobachten und sich ber sie zu
mokieren, wofern sie auch nur den geringsten Anla dazu bieten. So empfanden wir
es als wahres Glck, als letzthin ein neuer Patient auftauchte, der allerhand
Eigentmlichkeiten hat. Er zieht sich selbst bei der unerhrtesten Gluthitze
immer schwarz an, hat auerdem schwarze Haare, schwarzen Bart und kohlschwarze
Augen... die ersten Male, wenn er pltzlich die weie Steintreppe heraufkam,
wirkte er wie der leibhaftige Gottseibeiuns. Aber in dem Moment, wo er an seinem
Platz sa und seine Mahlzeit serviert bekam, fiel uns sein wirklich verblffend
intelligenzloser Ausdruck auf. Wir meinten einstimmig, noch nie gesehen zu
haben, da jemand Gegenstnde oder Personen so beraus dumm anschauen knne wie
dieser Herr mit dem dmonischen Exterieur den servierenden Diener oder auch
seinen Teller und die Apollinarisflasche. Auerdem hat er die Gewohnheit, ehe er
anfngt zu sprechen, immer erst ein paarmal langsam und bedchtig mit den
Kinnladen zu klappen. Kurz, er macht uns inniges Vergngen. Wir haben ihn den
schwarzen Idioten genannt und genieen es mit wahrer Andacht, wenn er mit seinem
leeren, stupiden Blick zu uns herberschaut... er scheint sich sehr fr uns zu
interessieren und mchte sicher gerne nhere Bekanntschaft mit uns machen.
    Ja, so gehen die Tage hin, und wir ersehnen Henrys Rckkehr, denn Balailoff
macht uns viel zu schaffen. Wie ich Dir schon erzhlte, will er heiraten und
bildet sich ein, das sei hier an der italienischen Grenze leichter zu
bewerkstelligen als anderswo. Ich frchte, er irrt sich darin, denn sie sind
beide Auslnder, und zwar in so hohem Ma, da es fast unmglich scheint, mit
den Papieren jemals ins reine zu kommen. Vor allem hat er keinen Pa, und es
besteht nur eine schwache Mglichkeit, durch persnliche Verbindungen und in
absehbarer Zeit wieder einen zu erwirken. Die Braut ist angeblich in einem Hotel
auf Spitzbergen geboren und wei nicht, wo ihre Eltern beheimatet waren. Man
bemht sich also immer noch vergeblich, ihre Staatsangehrigkeit festzustellen.
Da er nun kein Wort Italienisch versteht und im Verkehr mit Behrden ungemein
reizbar ist, appelliert er bestndig an uns. Tag fr Tag mssen wir die
Angelegenheit von A bis Z mit ihm durchnehmen, auf neue Mittel und Wege sinnen,
Briefe oder Gesuche aufsetzen und was sonst noch dazugehrt. Ich versuchte
vergebens, ihn auf meinen Rechtsbeistand abzuschieben, der das alles sicher
besser machen knnte. Mit eben diesem Rechtsbeistand ist es allmhlich auch eine
dumme Situation. Um fr ein paar Stunden aus der Anstalt zu entrinnen, mu ich
ihn zwei- oder dreimal in der Woche aufsuchen und berflssige Fragen an ihn
richten... er hlt mich sicher schon fr die grte Gans auf Gottes Erdboden.
Balailoff aber hat einen ausgesprochenen Anwaltskomplex, behauptet, alle
Advokaten seien Gauner und Schurken und arbeiteten nur in ihre eigene Tasche. Er
scheint reizende Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben... vielleicht liegt es
auch an den russischen Zustnden.
    Man hat es nicht leicht auf der Welt, liebe Maria, und mit diesem
Stoseufzer will ich fr heute abbrechen.

                                       10


Teufel... der alte Herr hat uns aufs Pflichtteil gesetzt!
    Auf den Gedanken war berhaupt noch keiner von uns gekommen, aber ich sehe,
auch Erben gehrt zu den Sachen, die man erst lernen mu.
    Das Telegramm kam, als wir gerade einmtig auf der Terrasse saen... Henry
ist auch wieder da.
    Ich behaupte ja glcklicherweise bei schlechten Nachrichten meine Haltung
immer besser als bei guten, und es ist drauen so hei, da man sich nicht auf
Emotionen einlassen kann. Immerhin fhlte ich mich doch unangenehm berhrt und
gab die Depesche gleich an Lukas weiter. Der sprang trotz aller Hitze auf und
ging wie ein zorniger Lwe hin und her. Ja, er war beinahe gereizt gegen mich,
weil seine Ratschlge mit dem festgelegten Kapital jetzt definitiv vereitelt
sind und ich nicht umhinkonnte, wenigstens ber diesen Umstand ein wenig zu
triumphieren. Dann aber war er schamlos genug zu sagen, in diesem Falle msse
ich mir unbedingt eine Leibrente kaufen, um doch wenigstens irgendwie gesichert
zu sein.
    Pfui nein... das bloe Wort... - Baumann lchelte - Sie wissen, lieber
Doktor, ich leide berhaupt an Wortidiosynkrasien... Leibrente klingt mir nach
Leibweh, Leibbinde, Kamillentee, alten Tanten... es hat etwas durchaus
Degradierendes.
    Diese Wortidiosynkrasie fgt sich dem Geldkomplex vollkommen ein.
Vermutlich fhlten Sie sich als Kind degradiert und eingeengt, wenn man Sie mit
einer Leibbinde und Kamillentee, womglich noch unter Obhut einer alten Tante,
ins Bett steckte... Aus dieser Erinnerung heraus machen Sie nun eine
Ideenassoziation mit dem Wort Leibrente, um das eingeengte Dasein, was eine
solche bieten wrde, abzulehnen.
    Sie fangen an mich zu berzeugen.
    Und ich fhle immer weniger Veranlassung, fr Ihre Lehre Propaganda zu
machen, warf Lukas wtend hin.
    Ich spreche als Psychiater und nicht als Moralist.
    Tue ich das etwa? Und sie gerieten sich ein wenig in die Haare, weil
keiner Moralist sein wollte.
    Henry hatte seine stille Freude daran und meinte, als sie ausgetobt hatten,
es sei doch unvorsichtig gewesen, den alten Herrn so lange im Bahnhof
stehenzulassen. Ich mute dem widersprechen, denn das Testament hat er
jedenfalls schon vorher gemacht, und ein posthumer Fluch, wenn er auch noch so
krftig war, konnte nichts mehr daran ndern. Und nachdem man diese
Schndlichkeit erfahren hat, lag wirklich kein Grund zu bertriebener
Rcksichtnahme mehr vor. All unser Takt ist verschwendet gewesen.
    Sodann erwogen wir ohne jede innere berzeugung, ob das Testament am Ende
geflscht, unterschoben oder irgend etwas hnliches sein knnte. Und alle
rieten, es doch auf jeden Fall anzufechten. Dann knnte ich wenigstens meinen
Rechtsbeistand beschftigen. Ich will es mir immerhin berlegen.
    Balailoff hatte, da lebhaft durcheinander geredet wurde, nur die Hlfte, und
auch die falsch verstanden. Er meinte entschieden, es handle sich um ein
besonders frohes Ereignis, und schlug vor, es zu begieen. Folglich brach man
auf, begab sich ins Bureau und bego dort gleich alles miteinander, das
Pflichtteil, Henrys Erfolge in Ruland und die Zukunft im allgemeinen. Das
Petroleumunternehmen hat er inzwischen tatschlich in die Wege geleitet und
sagte mir im Vertrauen, es sei eine der besten Sachen, die er jemals an der Hand
gehabt habe, wenn sie so ausschlge, wie man mit gutem Recht annehmen knne.
Ganze Berge von Zeichnungen und Schriftstcken hat er mitgebracht, die sie nun
mit Enthusiasmus zusammen durchsehen und bereden. Dafr hat er den Sekretr als
Aufseher dortgelassen, womit Balailoff nicht ganz einverstanden war, und
Gottfried ist dageblieben, um wiederum den Sekretr zu beaufsichtigen.
    Das Bureau hat allmhlich etwas Heimatliches bekommen, das uns allen
wohltut, einige gemtliche Sthle, der Goldflu auf seinem schwarzen Postament,
auf der einen Seite des ungeheuren Schreibtisches die Glser und Flaschen, die
man zum Begieen braucht, an der anderen Henry und Balailoff vor ihren
Papieren... In unsere gedmpfte Unterhaltung fallen Bruchstcke der ihren
hinein, wie: Dividenden ausschtten... Gewinn- und Verlustkonto...
Reservefonds...
    Baumann examiniert mich ein wenig ber die Wirkung dieser letzten Nachricht.
Ich mchte ihm so gerne interessantes Material darber liefern, kann aber nur
sagen, da es mich zu meiner eigenen Verwunderung ziemlich kalt lt. Viel oder
wenig, ich will nur endlich einmal Geld sehen, momentanes Geld, das wirklich da
ist. Vielleicht bin ich mit dem Pflichtteil sogar besser dran, weil es fr ein
Existenzprogramm eben doch wieder nicht langt und das Rechnen und Kopfzerbrechen
ganz zwecklos sein wrde.
    Andererseits besttigt sich wieder einmal meine Ahnung, da es, das Geld,
nichts mehr mit mir zu tun haben will. Die Tatsachen reden deutlich genug... von
einer Art Kapital ist es erst um ein Viertel zurckgegangen, dann auf
Pflichtteil. Was kann nun noch kommen? Vielleicht verwandelt es sich aus Rubeln
in Kopeken und aus Kopeken in Sand und Steine.
    Und vielleicht gelnge es Ihnen dann eher, aus Sand und Steinen eine
wirtschaftliche Basis zu schaffen, sagte Lukas niedertrchtig, denn es mchte
das umgekehrte Wunder bewirkt werden, da Ihr Wille endlich einmal wach wrde.
Denken Sie nur einmal an die ungeheure Anzahl von Mdchen und Frauen, die mitten
im Berufsleben stehen und sich ihr Brot selbst verdienen, anstatt darber zu
philosophieren, da und warum sie kein Vermgen haben.
    Der Beruf der Frau ist in erster Linie Gattin und Mutter, erklrte ich
nicht ohne Pathos, und dem bin ich nach besten Krften nachgekommen. Ich bin
nun schon zum zweitenmal verheiratet und habe ein Kind aus erster Ehe. Es ist
vorlufig bei Bekannten untergebracht, bis meine Geldverhltnisse sich wieder
etwas gelichtet haben. Aber alles das wollen Sie natrlich nicht als soziale
Leistung anerkennen, sondern denken lieber darber nach, wie Sie mir zu
irgendeiner entsetzlichen Stellung im Berufsleben verhelfen knnten. Ich habe
den grten Respekt vor jenen Mdchen und Frauen, die sich selbst durchbringen,
wenngleich ich es fr eine bedauerliche Verirrung der Vorsehung halte, da sie
dazu gezwungen sind. Sie sind berhaupt der ungerechteste Mensch, der mir jemals
begegnet ist, sonst mten Sie doch zugeben, da ich das wirtschaftliche Problem
auf meine Weise auch gelst habe... Ich hatte nie ein festes Einkommen, nie
einen bestimmten Beruf, sondern nur vorbergehende Ttigkeiten, bei denen nicht
viel herauskam, und doch habe ich eine ganze Reihe von Jahren existiert,
vielleicht sogar besser und angenehmer gelebt als manche andere mitsamt ihrem
Beruf.
    Das Endresultat war aber doch...
    Das kann jedem passieren, das Endresultat steht immer in Gottes Hand.
Erinnern Sie sich nur an den Baulwen.
    Der Baulwe war meiner Ansicht nach ein Hochstapler...
    Aber ein schlechter, sagte Henry vom Schreibtisch herber mit einem tiefen
Seufzer. Wenn schon, denn schon. Aber er hat konsequent zu tief gestapelt. Ich
habe mir alle Mhe gegeben, mit den Glubigern zusammen seine verkrachte
Zementfabrik neu zu grnden, aber nichts zu machen. Die Witwe ist jetzt selbst
berzeugt, da er ein unverbesserlicher Baulwe war.
    Dann ist sie wenigstens ihren Komplex los, ohne sich analysieren zu
lassen, meinte ich nicht ohne heimlichen Neid. - Er wird schon wiederkommen,
gndige Frau, antwortete Baumann zuversichtlich.
    Henry vertiefte sich wieder in seine Papiere, und ich hoffte vergebens,
Lukas sei von seinem Thema abgelenkt.
    So viel glaube ich jetzt doch von Doktor Baumann gelernt zu haben, fuhr er
unerbittlich fort. Sie leisten geradezu Hervorragendes in der Verdrngung alles
dessen, was Ihnen nicht pat. So wollen Sie jetzt wieder das Endresultat Ihrer -
Pardon - etwas merkwrdigen wirtschaftlichen Bettigung mit allgemeinen
Redensarten beiseite schieben. Das Endresultat war eben doch, da Sie - abermals
Pardon, gndige Frau - vollstndig am Ende Ihrer Weisheit und Ihrer konomischen
Mglichkeiten angelangt waren... Wre der alte Herr nicht gestorben...
    Er ist aber doch gestorben, und ich fhre hier ein ganz annehmbares Leben,
ja, ich hatte schon lange nicht mehr in diesem Ma das Gefhl einer geordneten
Existenz. Meine Glubiger wissen nicht, wo ich bin, man kann mir nichts mehr
nehmen, da ich keine eigene Einrichtung mehr besitze. Der Professor wagt nicht,
mich hinauszuwerfen, weil sein Guthaben dann zweifellos nie mehr beglichen
wrde. Er bekmmert sich sogar darum, ob ich gut schlafe, was noch nie ein
Glubiger tat. Man bringt mir morgens den Kaffee ans Bett...
    Das ist jedenfalls die Hauptsache, sagte er mit bitterem Hohn.
    Es fllt wenigstens sehr ins Gewicht.
    Und wenn nun eines Tages die rauhe Wirklichkeit wieder an Sie herantritt,
das Pflichtteil verbraucht ist...
    Lassen Sie es doch um Gottes willen erst einmal da sein. Aber so machen Sie
es mir mit Ihren wirtschaftlichen Komplexen noch vollends kopfscheu. Baumann
lchelte beifllig, er hat neulich schon zugegeben, da Lukas zum mindesten
stark konstelliert ist.
    Ja, Sie bringen mir sicher Unglck mit Ihrem ewigen Disponieren. Wer wei,
ob Sie mir nicht die ursprngliche Summe nur dadurch wegdisponiert haben. Ich
mchte Sie beinah dafr verantwortlich machen.
    Er fhlte sich doch wohl etwas schuldbewut und murmelte nur etwas
Unwilliges vor sich hin.
    Am Schreibtisch zwischen Henry und Balailoff wurden ungeheure Zahlen hin und
her gerollt - es hat beinah etwas Weihevolles, dem zuzuhren.

                                       11


Ich frchte, eine gute Weile wird man sich noch in Geduld fassen mssen. Wie man
mir schreibt, kann der Nachla erst allmhlich liquidiert werden, und es sind
noch unendliche Formalitten zu erfllen. Was fr Formalitten und wer sie zu
erfllen hat, kmmert mich wenig, man mu es halt abwarten.
    Auch hier geschehen allerhand Dinge, mit denen wir nicht ganz einverstanden
sind, aber zum Teil sind wir wohl selbst schuld daran.
    Balailoff kam neulich an einem ungewhnlich heien Vormittag auf die
Terrasse und forderte uns auf, ihn nach N. zu begleiten. Das ist ein Bergnest
hier in der Nhe, wo die Trauung stattfinden soll. In der Stadt wre es viel
einfacher gewesen, aber das war ihm nicht einzureden. Es mache dort zuviel
Aufsehen, schon weil er im Sanatorium wohne - kurz, es ist ein Komplex von ihm.
Nun war er wieder einmal seiner Papiere wegen zum dortigen Brgermeister
befohlen... wir kannten diese Expeditionen schon und frchteten sie wie den Tod.
Da nun auch unsere Sprachkenntnisse sehr schwach sind, muten wir stets alle
vier mit, um uns zu ergnzen. (NB. Der Professor hat es lngst aufgegeben,
unseren Freiheitsdrang zu hemmen, und lt uns gehen, wohin wir wollen. So habe
ich auch dem Rechtsanwalt meine Vollmacht unter nichtigen Vorwnden wieder
entzogen.)
    Um das Bergnest zu erreichen, mu man eine gute Stunde steigen, eine weitere
pflegt zu vergehen, bis man den Brgermeister in seinen Weinbergen aufgestbert
hat und er endlich mit der Sichel in der Hand erscheint, dann noch eine halbe,
bis seine Frau den Schlssel zur Amtsstube gefunden hat. Nun erst beginnt die
Unterhandlung, die sehr viel Witz und Geistesgegenwart erfordert... Das
schriftliche Material ist in allen mglichen Sprachen abgefat... Bis man sich
nun einigt, was wohl ungefhr darin stehen mag, was es bedeutet, und an welche
Behrden oder Konsulate wieder zu schreiben ist, vergeht abermals betrchtliche
Zeit. Die Braut weigert sich mitzugehen und wrde auch gar nichts ntzen, da sie
in Lissabon aufgewachsen ist und nur Portugiesisch kann. Es ist also jedesmal
ein Martyrium. Ein paarmal haben wir es murrend ber uns ergehen lassen, aber
bei dieser Temperatur streikten wir einfach. Henry, der sonst ein Mann der Tat
ist, sah Balailoff nur vorwurfsvoll an, deutete mit einer groen Geste auf die
Sonne und sagte: Sie steht wirklich schon zu hoch. Dann sank er matt in seinen
Sessel zurck. Baumann sah von einem zum anderen und uerte: er msse als
Mediziner auch sagen, es ginge einfach nicht.
    Balailoff war auer sich: die Sache litte keinen Aufschub. Wir wurden
schlielich gereizt, und so ging es eine Weile hin und her. Da erhob sich
pltzlich der sogenannte schwarze Idiot, der an einem Nebentisch Zeitungen las,
bestndig zu uns herbersah und schon eine ganze Weile vorbereitend mit den
Kinnladen geklappt hatte, kam heran, stellte sich vor und erbot sich aufs
hflichste, Balailoff zu begleiten. Er habe sowieso dort zu tun - was sicher
gelogen war - spreche sowohl Russisch wie Italienisch und hoffe ihm dienen zu
knnen. Sie wurden wahrhaftig einig, was wir Balailoff etwas belnahmen und er
uns ebenfalls, denn er verabschiedete sich ziemlich ungndig und zog mit dem
Schwarzen ab.
    Erst spt am Nachmittag kamen sie zurck. Der schwarze Idiot, der schon
lange nach unserer Bekanntschaft strebte, schien sehr beglckt, da das Eis nun
endlich gebrochen sei, whrend wir es unverschmt fanden, da er es fr
gebrochen hielt. Er kam ohne weiteres an den Tisch und wollte ein Gesprch
anfangen, aber Henry wies abermals auf die Sonne und sagte ablehnend: Spter,
wenn sie untergegangen ist... Darauf sah er uns der Reihe nach verstndnislos
an, und es htte sicher eine peinliche Szene gegeben, wenn Balailoff ihn nicht
mit sich fortgenommen htte. Wir waren uns eigentlich keiner Schuld bewut. Man
hatte bermenschliches von uns verlangt, und wir hatten uns geweigert. Deshalb
begriffen wir nicht recht, warum Balailoff uns grollte, aber er tat es. Den
ganzen Abend lie er sich nicht mehr blicken, und das gemtliche Einvernehmen
ist seitdem erheblich gestrt. Denk Dir nur unseren Schrecken... ein paar Tage
spter stellt Balailoff uns diesen Typ als seinen Privatsekretr vor, und
seitdem belstigt er uns in den khleren Stunden - in den heien hat er doch
nicht den Mut dazu - mit seiner Gesellschaft. Statt an seinem frheren Platz, wo
wir aus sicherer Entfernung unser Vergngen an ihm hatten, sitzt er mit an
unserem Tisch, schaut entgeistert von einem zum anderen, findet alles, was wir
reden, uerst interessant und klappt mit den Kinnladen, wenn er selbst etwas
sagen will. Das wre noch das wenigste, obwohl wir sehr darunter leiden - aber
wir befrchten vor allem, da er seinen neuen Chef auch in geschftlichen Dingen
beeinflussen wird, da er in allem und allem so ungeheuer sachverstndig ist -
neuerdings sogar in bezug auf Petroleum - und sich in alles - auch in
Petroleumfragen - hineinzumischen sucht. Henry und er sind schon verschiedene
Male heftig darber aneinandergekommen. berhaupt, er spielt einfach die Rolle
des Intriganten im Theaterstck und Balailoff die des gutmtigen, aber schwachen
Frsten, der sich immer gerade von den verkehrten Leuten beeinflussen lt.
    Was der Mann eigentlich ist und was er sonst auf dieser Welt zu schaffen
hat, ahnen wir nicht, ebensowenig, weshalb er sich hier sanieren lt.
Vielleicht will er sich nur seinen Schwachsinn und das Klappen mit den Kinnladen
abgewhnen lassen.
    Baumann beobachtet ihn angestrengt, kann aber auch nichts herausbringen.
Sein wissenschaftlicher Eifer hat sonst zu meiner Erleichterung ziemlich
nachgelassen - ich habe ihn auch gebeten, mich eine Zeitlang zu schonen. Der
Geldkomplex plagt mich nicht mehr so, seit wieder Geld in der Luft ist - leider
immer noch in der Luft. Ich habe mich wenigstens zu einer wohltuenden Apathie
durchgerungen, und das bestndige Wiederaufwhlen knnte hchstens einen
Rckfall verursachen. Und Henry - Henry rechnet neuerdings mit solcher
Intensitt, da nichts mehr mit ihm anzufangen ist.

Ich habe ganz vergessen, Dir fr Deinen Brief zu danken. Ja, gewi, man mu die
Feste feiern, wie sie fallen. Ein schlechter Trost, aber es soll ja eigentlich
auch keiner sein. Nach Siam werde ich unter diesen Umstnden wohl kaum fahren,
geschweige denn Euch alle mitnehmen, aber vielleicht nach Monte Carlo. Man mu
doch irgendeine Methode finden, um das Pflichtteil auf seine vorigen Dimensionen
zurckzufhren. Ich habe auch Henry vorgeschlagen, da er mitkommen soll. Er
findet, es sei besser, damit zu warten, bis alle Strnge reien. Ich dagegen
meine, es ist besser, solange noch etwas da ist.
    In bezug auf Balailoff sind wir sehr beunruhigt. Er war schon mehrere Tage
nicht im Bureau, kam aber trotzdem abends stark angeheitert nach Hause. Es liegt
auf der Hand, da er mit dem Schwarzen gekneipt hat und sich dann von ihm um den
Finger wickeln lt.
    Du mut wissen, fr Henry hngt viel, vielleicht alles davon ab, da
Balailoff hier bleibt, bis das Petroleumunternehmen endgltig organisiert ist.
Leute wie Balailoff sind auf die Entfernung nicht sehr zuverlssig. Baumann und
Lukas sind ebenfalls als Aktionre vorgemerkt, und wer wei, ob ich mich nicht
auch noch beteilige. Es liegt also im allgemeinen Interesse, ihn so lange wie
mglich hier festzuhalten. Die Braut aber strebt nur danach, bald fortzukommen,
weil ihr der Aufenthalt hier odios ist - vor allem in unserer Gesellschaft. Wir
haben deshalb immer mglichst darauf gesehen, da die Heirat nicht berstrzt
wird, haben ihn immer wieder veranlat, sich abwartend zu verhalten und die
Behrden nicht nervs zu machen. Zum Teil geschah es brigens aus rein
freundschaftlichem Gefhl, denn diese Ehe fllt ja sicher todunglcklich aus.
    Der angenehme Privatsekretr aber fat es ganz anders auf - und an, er tut,
was er kann, um die Heirat zu beschleunigen. Auch das spricht deutlich fr sein
Idiotentum, denn normalerweise ist doch anzunehmen, da sein Posten damit
abluft. Nun ist er krzlich auf die unselige Idee gekommen, das Paar solle sich
hier naturalisieren lassen, denn damit sei die leidige Frage der
Staatsangehrigkeit aufs einfachste erledigt. Lukas, welcher auf diesem Gebiet
einige Erfahrung besitzt, meinte, man msse doch auch in diesem Fall seine
Nationalitt nachweisen.
    Der Idiot aber lchelte etwas pfiffiger als sonst und behauptete: Gott
bewahre, man brauche nur eine schriftliche Erklrung abzugeben. Er wisse auch,
wie die hiesigen Beamten zu behandeln seien, und wrde sich schon mit ihnen
einigen. Dann hat er sich ein Pferd gemietet, reitet kreuz und quer im Lande
herum, verhandelt mit Behrden und besticht angeblich Beamte. Oder er sitzt mit
Balailoff zusammen, setzt Briefe und Eingaben auf, in die wir nicht mehr
eingeweiht werden. Auch die Braut kommt jetzt fters mit auf die Terrasse, und
man sucht sich an sie zu gewhnen.
    Balailoff strahlt im Gedanken an das nhergerckte Ziel, und der Idiot
versucht manchmal Geschichten aus seiner entbehrungsreichen Jugend zu erzhlen -
findet bei uns aber wenig Anklang damit. Dann verstummt er wieder und starrt
entgeistert seinen Teller oder seine neue Gebieterin an, die ihn ziemlich
huldvoll behandelt.

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Schon Anfang August... Gott, wie lange bin ich schon hier. Bald kann ich mir
berhaupt keine andere Daseinsform mehr vorstellen und werde dermaleinst gar
nicht wissen, wie ich mich wieder daran gewhnen soll. Ebensowenig aber kann ich
mir ein Bild davon machen, wie lange das hier noch so fortgehen wird. Immer
wieder mu ich Baumann vorschieben, damit er von Zeit zu Zeit den Professor
beruhigt. Der hat ihm neulich wieder einmal sein Herz ausgeschttet und gesagt,
es ginge einfach nicht, da man ihm das Sanatorium so auf den Kopf stellt. Wir
wren doch alle keine richtigen Patienten: Henry kme nur zu den Mahlzeiten wie
ein Tourist, Balailoff betrnke sich fortwhrend, trotz seiner Abstinenzkur, und
es liege auf der Hand, da wir ihm dabei Vorschub leisteten - ich habe ihm von
Anfang an einen fragwrdigen Eindruck gemacht, zum Beispiel die Geschichte mit
Gottfried... kurz, er ist sehr besorgt, da wir seine Anstalt diskreditieren.
Bei jedem von uns liegt aber irgendein Grund vor, weshalb er ihn eben doch
dabehalten mchte. An Henrys Terrainspekulationen ist er stark interessiert,
Balailoff bringt ihm mit den vielen Zimmern, die er innehat, mit Extrapavillons
und Gefolge ein Bombengeld ein, und bei mir mu er eben warten, bis Geld da ist.
Nur Lukas sei durch und durch ein Ehrenmann, hat er gesagt, und es sei geradezu
unbegreiflich, da er ausschlielich mit uns verkehre.
    Baumann ist nun auf den guten Gedanken gekommen, ihm zu raten, er solle die
ganze Gesellschaft etwas mehr von den normalen Patienten isolieren. So hat man
uns in einem entlegenen Teil des Gebudes untergebracht, was sehr viel fr sich
hat. Gegen den Idioten hat Baumann auf unsere Bitte, aber vergeblich, zu
intrigieren versucht. Er hat infolge seines vertrottelten, aber uerst
gesitteten Benehmens einen ganz besonderen Stein im Brett, und der Professor
erklrte ihn, im Gegensatz zu uns anderen, ebenfalls fr einen Ehrenmann. Es ist
aber wenigstens erreicht worden, da er sein bisheriges Zimmer behalten hat und
nicht mit in den Separatflgel gekommen ist. Er steht sich zu gut mit dem
Professor und htte bestndig spioniert. Statt dessen habe ich jetzt Balailoffs
friedlichen alten Priester als Nachbarn.
    Unser Flgel hat einen Ausgang, durch den man ber einen wenig
frequentierten Seitenhof auf die Strae gelangt. Es ist eine groe Wohltat,
nicht mehr wie Pensionszglinge aufpassen zu mssen, ob man kontrolliert wird.
Es haben sich im Lauf der Zeit allerhand Privatinteressen ergeben, die bisher
nur unter groen Schwierigkeiten verfolgt werden konnten, jetzt aber um so
eifriger gepflegt werden. Baumann ist uns gewissermaen als rztlicher Aufseher
gesetzt worden. Da er nun selbst eine kleine Freundin in der Stadt hat, lt er
mit sich reden. Henry und ich haben ebenfalls einige Bekannte unter den
Schauspielern des Sommertheaters (etwas anderes gibt's hier nicht). Man ist
natrlich sehr vorsichtig, hlt auf den Ruf der Anstalt und auf den eigenen, und
ich finde, man sollte das anerkennen, anstatt uns, wie es leider von
verschiedenen Seiten geschieht, schief anzusehen.
    Schade, da Du nicht auch hier bist... das heit - verzeih mir diesen
Egoismus und begreife ihn - es hat so viel fr sich, die einzige Frau in einem
Kreise zu sein, da ich doch nicht gerne teilen mchte. Bitte, miverstehe das
nicht. Die vorhin erwhnten Privatinteressen bringen es mit sich, da unser
Familienleben intakt bleibt, und eben dadurch ergibt sich eine sympathische
Atmosphre, die einen Stich in alles mgliche hat. Lukas ist sozusagen stiller
Teilhaber, er ist noch nicht lange und sehr glcklich verheiratet und steht auch
in dieser Beziehung auf demselben Standpunkt wie mit der wirtschaftlichen Basis.
Dabei lt er, wenn nicht mit sich reden, so doch mit sich zanken, denn es ist
klar, da weder Henrys noch meine Privatinteressen Gnade vor seinen Augen
finden. Meines... ja siehst Du, Maria, die hiesigen Mglichkeiten beschrnken
sich eben auf die Mitglieder des kleinen Theaters, das nur fr ein paar Monate
hier gastiert - - und ich mu beschmt gestehen, da es sich um einen Tenor
handelt. Seine Stimme reicht kaum hin, um ihn zu rechtfertigen, und seine
Mitteilungen geschehen manchmal auf wild marmoriertem, manchmal auf azurblauem
Briefpapier mit eingepretem weiem Schwan. Das mag schlimm sein, aber ich kann
mir nicht helfen, es hat fr mich etwas Ergreifendes, und im brigen ist er
wirklich, was man einen lieben Kerl nennt. Seine Manieren sind zum rger der
anderen, die ihn nicht billigen, vllig einwandfrei... er wei eben von der
Bhne her, wie man sich unter Leuten von Welt zu benehmen hat, denn bei dem
Mangel an Personal spielt er auch die Lebemnner in modernen Stcken. Henry, der
sich mit der jugendlichen Heroine in gleicher Verdammnis befindet, hat immer
noch das ntige Verstndnis dafr, aber die Blicke unseres Privatdozenten, wenn
er persnlich auftritt oder wieder eines seiner Schwanenbilletts morgens neben
meinem Teller liegt, sind unbeschreiblich. Ich gebe gerne und willig zu, da es
eine Verirrung ist, aber das reizt ihn nur noch mehr. Ja, er greift in blindem
Eifer zu den strksten Mitteln, um mich davon abzubringen, und meinte neulich:
als Jugendtorheit knne so etwas ja noch hingehen, aber fr eine Frau, die -
Verlegenheitspause - ber dieses Stadium doch allmhlich hinaus sein drfte...
    Ich konnte darauf nur erwidern, man sei nun einmal nicht mehr jung, und
tausendmal wichtiger sei es, die dritte, vierte, fnfte und so weiter Jugend
auszukosten, als die erste und zweite. Er war etwas entwaffnet und genierte sich
nachtrglich, da er umsonst und ohne jeden Erfolg eine Taktlosigkeit gesagt
hatte.
    Natrlich hat auch Lukas den blichen Alterskomplex... von einer bestimmten
Grenze an soll man vorsorgen, Leibrenten kaufen und stetiger in seinen Neigungen
werden. Ich halte das fr einen Irrtum und sehe gerade den einzigen Vorzug des
lterwerdens darin, da die Zukunft einen weniger interessiert und der Moment
immer wichtiger wird. Solange mir noch Tenre von Sommertheatern himmelblaue
Billetts schreiben, sehe ich nicht ein, warum ich darauf verzichten soll. Dabei
habe ich es ganz gern, wenn mir jemand Moral predigt, mich rgert und ich ihn
wieder rgern kann. Mehr Verstndnis hat der alte russische Priester - ich
kollidierte neulich in einem etwas ungeschickten Moment mit ihm auf dem
Korridor. Nachher sa er im Mondschein auf seinem Balkon... als ich dann auf den
meinen hinauskam und wir unseren gewohnten Gru austauschten, war ich doch etwas
verlegen und suchte nach einem erlsenden Wort (wir haben uns inzwischen etwas
besser verstndigen gelernt), aber mir fiel nichts anderes ein als pater
peccavi. Er lchelte milde, anscheinend erfreut und antwortete: Te absolvo...
und noch irgend etwas, was ich nicht verstand.
    Ach Gott, Maria, ich mu doch immer wieder darauf zurckkommen... und wenn
es auch langweilig wird zum die Wnde hinauflaufen... wie knnte das Leben schn
sein ohne die Geldfrage. Und wie ist es mglich, da Menschen mit Geld jemals
wirklich unglcklich sind?
    Schau, ein gewisser Grad von Komfort, einige nette Leute und etwas
Durcheinander - eine dumme Liebesgeschichte ohne hhere Ansprche - Mondschein
und ein wohlwollender alter Priester - und ich wre schon wieder imstande, fr
das Dasein zu schwrmen, wenn nicht immer die Geldgedanken wie eine schwarze
Wand hinter allem stnden. Ob nun das Pflichtteil endlich einmal tatschlich in
meine Hnde gelangt oder nicht, frher oder spter wird doch einmal der Moment
kommen, wo ich wieder rechnen oder darber nachdenken mu und der Komplex mich
von neuem umnachtet...
    Ich tue ja mein Bestes, um das Jetzt als Ferienzeit aufzufassen, wie man als
Kind die groen Sommerferien festlich beging. Sie schienen endlos, und doch
wurde man die Gespenster nicht ganz los - Lehrer, Schulstunden und
Strafarbeiten, und wute ganz genau: davor war die Hlle, und dahinter lauerte
auch wieder die Hlle - wie knnte man es nur anfangen, darum herumzukommen.
Nein, das gibt's eben nicht, einmal wird man doch wieder in die Schule mssen
und wieder nachsitzen, weil man die Rechenaufgaben nicht in den Kopf kriegen
kann. Es kommt mir jetzt recht symbolisch vor, da ich frher wegen jeder, aber
auch jeder Rechenaufgabe nachsitzen mute. War sie einmal richtig, so hatte ich
entweder abgeschrieben, und dann gab es erst recht Strafe, oder es beruhte auf
einem Zufall, an den niemand glauben wollte. Wie das den Charakter verdirbt...
man kann sich schlielich nur damit trsten, da auch der Lehrer infolge seiner
eigenen Infamie um seinen freien Nachmittag kommt. Und spter... was hatte ich
von Haus aus fr einen sympathischen Charakter, und wie sehr hat er unter den
Geldkamalitten gelitten. Es gibt gewi keine Gemeinheit, die ich nicht mit
Vergngen beginge, wenn sie sich rentierte, aber es gibt zu wenig Gelegenheit...
die wirklich rentablen Gemeinheiten kommen immer nur in Romanen vor. Wenigstens
die sich mir bisher boten, waren nicht der Mhe wert. Ich htte beispielsweise
einmal jemandem mit zwanzigtausend Mark durchbrennen knnen, und die drei Tage,
wo ich sie in Obhut hatte, waren qualvoll genug. Aber wie weit wre ich damit
gekommen, ber kurz oder lang htte ich doch wieder umkehren mssen. Wren es
hunderttausend gewesen, so htte ich eher die moralische Kraft dazu gefunden.
    Ich will mich lieber nicht weiter in diesen Gegenstand vertiefen. Henry gab
uns gestern ein kleines Souper, man war etwas zu lustig, und ich habe heute ein
wenig Katzenjammer. Dann fallen einem alle mglichen trben Dinge wieder ein.
Lieber hr' ich auf...

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Schlimme Nachrichten, Maria. Meine neulichen Abendbetrachtungen waren Vorahnung.
Wie ich dieses zweite Gesicht verwnsche, aber ich habe es nun einmal.
    Also zuerst, was mich selbst betrifft. Ich wei nicht, ob ich Dir erzhlte,
da der Miterbe schon einmal verheiratet war. Da er mit dieser ersten Frau
denselben Kontrakt auf Erbteilung gemacht hat wie mit mir, wute ich allerdings
nicht. Sie hat sich dann schlecht bewhrt, und er lie sich von ihr scheiden.
Jetzt aber, nach dem Tode des alten Herrn, ist sie wieder aus der Versenkung
aufgetaucht, will ihre Ansprche geltend machen und droht durch ihren Anwalt die
Erbschaft mit Beschlag belegen zu lassen. Im besten Falle gibt es also wieder
eine Verzgerung, im minder gnstigen - aber ich ziehe es vor, diesen Gedanken
vorlufig noch zu verdrngen. Lukas ist jetzt ganz kleinlaut und meint, da
wirklich von seiten des Schicksals rtselhafte Dinge gegen mich vorliegen
mssen.
    Er, der Miterbe, gedenkt nchstens zurckzukommen und will mich dann hier
aufsuchen. Einstweilen hat er immer noch Formalitten zu erfllen.
    Wenn das alles wre, aber auch um die Petroleumsache sind wir in schweren
Sorgen. Balailoff gert immer mehr unter den Einflu des schwarzen Idioten (der
sich brigens in letzter Zeit lauter weie Anzge angeschafft hat - wir waren
schon unschlssig, ob man ihn nicht umtaufen msse) und sprach schon davon, ihn
auf eine Inspektionsreise nach Ruland zu schicken, da letzthin ungnstige
Berichte von dort einliefen. Es hie, das Gebiet sei doch nicht so ergiebig, wie
man anfangs angenommen und so weiter. Henry behauptet auf Grund seiner gewi
vielfltigen Erfahrungen, das passiere bei jedem derartigen Unternehmen und man
brauche einstweilen kein Gewicht darauf zu legen. Das Konsortium pflege einmal
dieses und einmal jenes Gercht auszusprengen, um Stimmung zu machen oder - was
wei ich - ich konnte seinen Auseinandersetzungen nicht recht folgen, und
Balailoff versteht es sicher noch weniger als ich. Der Idiot aber will jetzt
pltzlich auch ber Petroleumgewinnung besser Bescheid wissen als alle anderen,
nachdem er vorher nur in Heiratspapieren kompetent war. Bei jedem anderen
Gesprch verstummte er und klappte ratlos mit den Kinnladen.
    Einstweilen ist er hier noch unentbehrlich, denn die Heiratsangelegenheit
scheint trotz all seiner Bemhungen nicht vom Fleck zu rcken. Balailoff ist
manchmal sehr nervs und klagt darber, da die Beamtenbestechung
unwahrscheinliche Summen verschlinge.
    
    Wir anderen trauen dem schwarzen Kerl nicht ber den Weg. Bei Tisch setzt er
sich nach wie vor zu uns, ist auf keine Weise loszuwerden, sondern sitzt da,
starrt uns an und erzhlt, wenn man ihn berhaupt zu Wort kommen lt, von
seinem angeblich bewegten Leben. Anfangs brachte man ihn rasch zum Schweigen,
aber wir lassen ihn jetzt manchmal gewhren, um gelegentlich eine Handhabe gegen
ihn zu gewinnen. Bis jetzt haben wir aber nur festgestellt, da er unerhrt lgt
und hchstens in Balailoffs Gegenwart seine Erzhlungen etwas glaubhafter hlt.
Von uns nimmt er wohl an, da wir alles glauben, da wir immer schweigend zuhren
und nie den leisesten Zweifel uern.

... Es scheint beinah, da wir unserem Ziel nher kommen und eine wichtige
Entdeckung gemacht haben, mittels deren wir ihn vielleicht strzen knnen.
Neulich abends waren wir alle in Henrys Zimmer - der Pavillon der Braut liegt
nahe an unserem Separatflgel, und man hrt sie allabendlich Klavier spielen,
war aber so daran gewhnt, da man nicht weiter darauf achtete. Balailoff ist um
diese Zeit nie vorhanden, sondern treibt sich allein in der Stadt herum.
    An diesem Abend nun unterhielten wir uns ganz friedlich. Henry hatte Wein
aus dem Bureau heraufgeschafft, und Baumann, der einen ziemlichen Schwips hatte,
sagte auf einmal nachdenklich: Hrt nur, das ist wirklich merkwrdig... sie
spielt ja vierhndig. Wir schwiegen und hatten so unsere Gedanken dabei,
whrend Baumanns Freundin ihn im tiefen Ernst zu berzeugen versuchte, da es
unmglich sei, allein vierhndig zu spielen. Natrlich wollten wir in ihrer
Gegenwart unseren Verdacht nicht uern, aber als sie fort war, machten wir das
Licht aus und warteten gespannt am Fenster, bis das Klavierspiel verstummte.
Kurz nachher sahen wir denn auch den Privatsekretr vorsichtig durch den Garten
schleichen.
    Aber was nun? Darber wurde lang hin und her beraten. Man kann die beiden
doch nicht einfach verklatschen... es ist schlielich ihre Privatsache.
Andererseits ist Balailoff, wenn er sich auch neuerdings schlecht benimmt,
sozusagen unser Freund, whrend wir die Braut nicht ausstehen knnen und den
Idioten los sein mchten. Sollte einer von den Mnnern den Ahnungslosen
aufklren, was da vor sich geht... es nimmt sich eventuell doch schlecht aus,
und die beiden wrden zweifellos leugnen. Gott wei, ob sie nicht auch wirklich
nur zusammen Klavier spielen. Und doch, meinte Henry, wre es beinahe
Christenpflicht, ihn aufmerksam zu machen, denn wenn der Idiot ihm mit seiner
Braut Hrner aufsetzt, wird er ihm auch mit dem Petroleum Hrner aufsetzen,
sobald es ihm gelingt, seine Pfoten dahinein zu bekommen... und die ganze
Geschichte geht fr uns zum Teufel.
    Zunchst haben wir also nur versucht, den Schwarzen aufs Glatteis zu fhren.
Ich fragte ihn gleich am nchsten Morgen in aller Harmlosigkeit, ob es bei
starker musikalischer Begabung mglich sei, alleine vierhndig zu spielen.
Balailoff schlug ein schallendes Gelchter an... er ahnt also nichts von den
nchtlichen Konzerten... die Braut verfrbte sich... sie hat jedenfalls ein
schlechtes Gewissen. Der Idiot aber behielt seine Fassung und hielt mir einen
lngeren Vortrag ber Klaviertechnik sowie ber Mglichkeiten und
Unmglichkeiten. Es war ein ausgesprochener Migriff, denn nun sind sie gewarnt
und spielen nicht mehr zusammen.
    Darauf versuchten Henry und Baumann - der Privatdozent gab sich nicht dazu
her - der Braut auf Tod und Leben die Cour zu machen, um den Idioten
auszustechen. Sie reagierte in keiner Weise, und man erreichte nur, da
Balailoff noch verstimmter auf uns ist.
    Nun haben wir noch einen Plan im Hinterhalt... wir wunderten uns nmlich
schon lange darber, da weder Balailoff noch die Braut auf den Gedanken
gekommen sind, die Ehe in England zu schlieen. Er selbst wei am Ende gar
nichts von dieser segensreichen Einrichtung... bei einem Russen mit Spleen wre
das gar nicht so unmglich, und sein Faktotum wird sich hten, ihn auf den
Gedanken zu bringen, da die Angelegenheit dadurch zu einem rascheren Abschlu
kme. Das liegt selbstverstndlich nicht in seinem Interesse.
    Uns selbst geht es, offen gesagt, ebenso. Wir konnten uns nie besonders fr
die Heirat erwrmen und hofften immer, da sie noch mglichst hinausgezogen
wrde, bis das Petroleum... Denn daran sind wir alle aufs lebhafteste
interessiert und wollen mit hineingehen, sobald eine gewisse Garantie gegeben
ist. Lukas hat trotz seiner nationalkonomischen Weisheit Blut - respektive
Petroleum - geleckt und mchte sein bescheidenes Kapital vermehren, Baumann mit
fast gar nichts eines gewinnen, und ich - nun, wenn irgend mglich, das Unglck
mit dem Pflichtteil wieder gutmachen.
    Wre nur Henry fr einen Grnder nicht viel zu anstndig, ich begreife
allmhlich, da es eben das ist, was ihn immer wieder um den Erfolg bringt. Wie
oft htte er mit mehr Schwindel schon etwas erreichen knnen, aber er will
nicht. Er schlgt statt dessen auf den Tisch und sagt: Teufel, es mu auch so
gehen! Glaubst du, er wre auch nur imstande, einen Wechsel zu flschen?...
Aber man versteht es ja auch... Es hat etwas gegen sich, und man will nicht aus
seiner Sphre herausfallen.
    So steht es nun auch wieder im Fall Idiot - Balailoff. Henry hlt es fr
unfair, sich direkt einzumischen, und will abwarten, bis der Idiot auf Grund der
gttlichen Gerechtigkeit in seine eigene Grube fllt. Ich dagegen bin berzeugt,
da das gerade diesem Typus niemals passieren wird.
    Die Braut ist sehr vorsichtig geworden. Es hat den Anschein, als sei der
Flirt zwischen den beiden ganz abgebrochen, sie begegnen sich nur noch mit
khler Hflichkeit. Aber es liegt auf der Hand, da sie gegen uns intrigieren,
denn Balailoff wird immer unliebenswrdiger.

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Nun, inzwischen ist die Bombe geplatzt, und diesmal scheint Henry recht zu
behalten, da die gute Sache durch sich selbst siegen mu.
    Die Spannung wurde immer peinlicher und der Idiot immer anmaender. So rang
man sich schlielich zu dem Standpunkt durch: er oder wir. Wir beschlossen, den
einzigen Trumpf auszuspielen, der uns zur Verfgung stand, und Balailoff auf die
Eheschlieung in England aufmerksam zu machen. Mochte er dann in Gottes Namen
heiraten, wenn es uns nur gelang, den Schwarzen zu strzen oder wenigstens zu
diskreditieren. Henry bat also Balailoff um eine Unterredung, bei der Lukas und
ich ebenfalls zugegen waren. Balailoff kam und war anfangs etwas reserviert. Als
Henry ihm aber die Sache mit viel Beredsamkeit vortrug, dabei erwhnte, da wir
schon vor lngerer Zeit in Gegenwart seines Sekretrs ber einen hnlichen Fall
gesprochen htten... da wurde er sehr nachdenklich. Dann fragte er, warum wir
ihn nicht eher darauf aufmerksam gemacht htten? Nun, man habe sich erst
vergewissern wollen, ob es wirklich so einfach sei, und sich des nheren
erkundigt - Henry nahm ein Bndel Briefe aus der Tasche, schwenkte sie
bedeutungsvoll und steckte sie dann wieder ein. Inzwischen sei aber jener
schwarze... Herr aufgetaucht, und seit Balailoff ihm in solchem Mae sein
Vertrauen geschenkt, fhle keiner von uns mehr den Wunsch, sich in seine
Angelegenheiten einzumischen.
    Es sei das auch jetzt nicht unsere Absicht, wir wollten ihm nur die Frage
vorlegen, ob die Beamtenbestechungen und anderen Manver seines Sekretrs wohl
Aussichten htten, schneller zum Ziel zu fhren.
    Der arme Balailoff - ich glaube, er ist im Grunde horndumm, aber jetzt
schienen ihm doch einige Schuppen von den Augen zu fallen. Auerdem ging ihm
pltzlich das Herz ber, und er gestand, da er dem Sekretr verschiedene
Geldangelegenheiten bertragen habe, ohne sich weiter darum zu kmmern. Wenn der
Mann, den er bisher dafr gehalten, am Ende doch nicht ganz zuverlssig sei -
hier folgten einige russische Flche, worauf er Henry bewegt umarmte, Lukas und
mir die Hand schttelte, uns alle fr seine wahren Freunde erklrte und
lebhaftes Verlangen nach Alkohol uerte. So wurde nach langer Entfremdung der
erneuerte xxxFreundschaftsbund, die Eheschlieung in England und daneben auch
wieder einmal die Petroleumaffre begossen.
    Seit diesem bedeutungsschweren Abend ist er also wieder unser und eifrig
dabei, seine Anordnungen fr die Reise nach England zu treffen. Den Sekretr
wollte er nicht Hals ber Kopf entlassen, um alles Aufsehen zu vermeiden, lt
ihn aber durch einen Detektiv berwachen, und es scheinen da noch allerhand
Schwindeleien in grerem Mastab herauszukommen. Aber er hat ihn vorlufig in
seinem Dienst behalten und verwendet ihn nur noch fr unwesentliche
Kommissionen. Der Idiot ist etwas konsterniert und wei nicht recht, was er
denken soll. Er schaut immer noch dumm genug drein, aber sein Gesicht hat doch
etwas mehr Ausdruck bekommen, nmlich einen gespannten. Es ist beinah, als
betrachte er uns mit einer Art schmerzlicher Ironie. Die Braut ist fters wieder
am Tisch, aber man wird nicht recht aus ihr klug, sie behandelt uns nach wie vor
wie Luft. Wir gehen ihr mglichst aus dem Weg, sitzen wieder in tiefem
Seelenfrieden auf der Terrasse und lassen die immer noch schwlen Tage an uns
vorbergehen. Abends kommen unsere Freunde, sie haben jetzt auch Balailoff
kennengelernt, der sich uns immer mehr anschliet und entzckt von ihnen ist.
Schauspieler und Russen sind immer entzckt voneinander.
    Am zehnten August soll die Fahrt nach England angetreten werden. Er plagt
uns, da wir mitfahren sollen, als Trauzeugen. Aber wir mochten weder die
geschftlichen Dinge, noch unsere Privatinteressen im Stiche lassen, noch auch
das Sanatorium, an dem wir wirklich mit Heimatliebe hngen. Andererseits ist ja
noch zu erwgen, ob es nicht unzweckmig ist, ihn so ganz aus den Augen zu
lassen... Er schwrt zwar, er kme wieder zurck.

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Der Entschlu ist uns erspart geblieben, dafr hat es einen sogenannten Skandal
gegeben. Nur schade, da wir nicht soviel Spa daran haben knnen wie die
anderen Patienten, die ihn in vollen Zgen genieen.
    Balailoff war auf einige Tage fortgefahren und hatte die Braut mitnehmen
wollen, aber sie drckte sich unter dem Vorwand, leidend zu sein. Am zweiten
Morgen, nachdem er fort war, klopfte sein Diener, der uns immer das Frhstck
heraufbringt, verzweifelt an smtliche Tren. Wir waren spt aufgewesen, und
niemand hatte Lust, sich schon zu ermuntern; so rief man ihm von allen Seiten
zu: er mge alles in den Korridor stellen und uns schlafen lassen. Aber er
bestand darauf, irgend jemand persnlich zu sprechen. Wir beschieden ihn also
mit smtlichen Frhstcken in den gemeinsamen Salon und versammelten uns in
rasch improvisierter Toilette. Das Klavier stand noch offen und berall
Weinglser vom vorigen Abend, es war die richtige ungemtliche Morgenstimmung
mit einigem Katzenjammer.
    Und nun erfuhren wir, da die Braut ber Nacht mit dem Herrn Idioten, wie
der brave Iwan sich hflich ausdrckte, davongegangen war, unter Mitnahme alles
beiderseitigen Gepcks - also anscheinend, um nicht mehr wiederzukehren. Iwan,
der seinem Herrn sehr ergeben ist, war ganz auer sich. Wir setzten gleich ein
Telegramm an Balailoff auf und schickten ihn damit weg.
    Eine halbe Stunde spter erschien der Professor, wollte wissen, was wir
wten, und war ungemein aufgeregt. Glcklicherweise hatten wir in der
Zwischenzeit aufrumen lassen und saen ordentlich und zivilisiert jeder vor
seinem Kaffee, nur Lukas hatte einen etwas sonderbaren Schlafrock an. Wir waren
diesmal wirklich mehr als unschuldig, was er uns anfnglich nicht glauben
wollte. Aber dann drehte Henry den Spie um und erklrte, er habe Balailoff in
diesem Punkt nie begriffen - und ebensowenig, da man ein solches Subjekt so
lange hier geduldet htte. Dem Mann sei doch auf der Stirne geschrieben gewesen,
da er ein Schwindler war. In diese Ausfhrungen stimmten wir alle lebhaft ein.
    Jedoch wir haben nun einmal das Pech, auf diesen verbohrten alten Professor
nicht berzeugend zu wirken. Er sah sich um, als ob die Niedertracht nur so auf
Sthlen und Tischen herumlge, fragte dann, ob wir mit den Zimmern zufrieden
wren... es sei aber mglich, da auch in diesem Flgel bauliche Vernderungen
vorgenommen wrden und wir noch einmal umziehen mten. Auch Baumann bekam bei
dieser Gelegenheit einige bissige Bemerkungen; der Chef hat irgendwie erfahren,
da er psycho-analysiert, und das hat ihn sehr unangenehm berhrt. Es darf jetzt
wirklich nichts Auffallendes mehr passieren.
    Schlielich ging er dann wieder, und wir frhstckten nachdenklich weiter.
Leider muten wir einstimmig zugeben, da der schwarze Idiot doch entschieden
intelligenter gewesen war als wir alle zusammen. Eine deprimierende Einsicht,
aber wer wei, vielleicht kann gerade die Begebenheit noch zum Heil der
Petroleumsache ausschlagen. Henry wenigstens meint, es komme nur darauf an,
Balailoff jetzt richtig anzufassen. Aber Henry ist ein Illusionist...
    Nun ja... da war nicht viel richtig anzufassen. Balailoff kam auf unser
Telegramm hin sofort zurck. Seine Wut war anfangs unbeschreiblich, und es blieb
nichts anderes brig, als ihn bestndig unter Alkohol zu setzen, was Henry mit
wahrem Lwenmut auf sich nahm. Gleichzeitig wurde nach allen Himmelsrichtungen
recherchiert, und man brachte in Erfahrung, da die Flchtlinge sich nach
England gewandt haben. Das hat ihn fast noch am meisten getroffen. Auerdem hat
der Idiot es verstanden, ganz betrchtliche Summen auf Balailoffs Namen zu
erheben und sie mitzunehmen. Sonst wre es ja eigentlich nicht zu bedauern, da
die beiden spurlos verschwunden sind. Es ist viel gemtlicher ohne sie.

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Ihr mt nicht so neugierig sein und nicht so ungeduldig, Maria. Nehmt Euch doch
endlich ein Beispiel an der christlichen Ergebung, mit der ich selbst die
Entwicklung der Dinge abwarte. Versteht man es nicht, mit Ausdauer und
Beharrlichkeit gute Miene zum bsen Spiel zu machen, so wird man nervs. Diese
schwere Kunst habe ich nun allmhlich mit vieler Mhe ben gelernt, und Ihr
drft mich nicht immer darin stren.
    Die Feste feiern, wie sie fallen... das Petroleumfest, das zu so schnen
Erwartungen berechtigte, ist grndlich ins Wasser gefallen, und zwar gerade in
dem Moment, wo man dachte, es nun ungestrt feiern zu knnen. Der schwarze Idiot
soll so ungeheuerliche Summen defraudiert haben, da Balailoff rundweg erklrte,
er msse sein Kapital zurckziehen und seine Lndereien verkaufen. Vergebens
suchte Henry ihn zu berzeugen, er knne sich durch dieses Unternehmen am besten
wieder rangieren und die Sache sei schon so weit gediehen, da er auch im
Interesse der brigen Beteiligten nicht mehr zurcktreten drfe. Vergebens
suchten wir ihn aufzuheitern, indem wir allabendlich unsere Freunde aus der
Stadt versammelten - manchmal hatten wir fast die ganze Truppe da und saen auf
Kohlen, da der Spektakel smtliche Patienten aufwecken mchte. Balailoff
betrank sich nur, und war er wieder nchtern, so beteuerte er immer wieder,
durch die Geschichte mit seinem Sekretr habe er den Glauben an die Menschheit
verloren und wolle von nichts mehr wissen, weder von Braut noch von Petroleum.
    Es war nichts dabei zu machen. Henry und er haben sich schlielich endgltig
berworfen. Dann beschwerte er sich bei dem Professor, da er es nicht fertig
gebracht habe, ihm das Trinken abzugewhnen - an all seinem Unglck sei nur der
Alkohol schuld. Daraufhin kamen sich die beiden auch noch in die Haare, und
Balailoff hat unter Protest das Sanatorium verlassen.
    Lukas meint, wir htten es von Anfang an falsch gemacht, indem wir seiner
Neigung zum Trunk Vorschub leisteten. Man htte ihn ruhig dem Professor
berlassen und nur in nchternem Zustande mit ihm verhandeln sollen. Vielleicht
wre dann so etwas wie ein Kontrakt zustande gekommen, auf dem man jetzt fuen
knnte. Baumann dagegen hlt es fr ein schweres Versumnis, da er ihn nicht
analysiert hat. Auf diesem Wege wre es sicher mglich gewesen, ihn von seinem
Heiratskomplex zu heilen und die ganze Geschichte mit dem schwarzen Idioten zu
vermeiden.
    Henry beteiligte sich nur wenig an diesen ntzlichen und erbaulichen
Diskussionen. Er ist nachdenklich, aber durchaus nicht niedergebeugt durch den
neuen Fehlschlag. Vielleicht ist es besser so, sagte er mit voller
berzeugung... man zersplittert sich so leicht, wenn man zuviel um die Ohren
hat. Ich mte jetzt abwechselnd nach Sdafrika, Ruland und Norwegen fahren, wo
wir demnchst...
    Schon wieder ein neues Projekt? fragte Lukas entsetzt.
    Bei dem sich in wenigen Jahren ein Bombengeld verdienen lt, aber darber
reden wir ein anderes Mal...
    Ja, bitte, murmelte Lukas mit schwacher Stimme.
    Nach all diesen Aufregungen sind wir etwas marode, und es hat eine Art Sinn
bekommen, da wir in einer Nervenanstalt sind.
    Darber wird es nun allmhlich Herbst, die Schauspieler sind fort... es war
halt nur ein Sommertheater. So sind auch die Feste im Separatflgel
eingeschlafen und wir stille Patienten geworden, ein wenig abgespannt, ein wenig
reizbar, also gerade, wie es sich gehrt? Der Professor behandelt uns wieder auf
unsere Nerven hin, Baumann behandelt unsere Komplexe. Henry und ich sind uns
lngst klar darber, da es vllig zwecklos ist, denn der beiderseitige
Geldkomplex steigert sich seit Balailoffs Verschwinden bedenklich. Wird mir hier
oben die Welt zu eng, so flchte ich zu ihm ins Bureau. Er sitzt am
Schreibtisch, rechnet, rechnet, macht berschlge und murmelt Zahlen, ich sehe
die Sanatoriumsrechnungen durch, die immer mehr anwachsen, und Lukas sitzt
resigniert dabei.
    Keine Nachricht von Ihrem Herrn Gemahl?
    Gemahl?... nein... ja doch, er wird nchstens hier eintreffen. Ich bin zu
sehr in die Rechnungen vertieft und kann mich nicht gleich besinnen.
    Sie sollten sich aber doch daran gewhnen, den betreffenden Herrn mit
seinem rechtmigen Titel zu bezeichnen. Oder gedenken Sie ihn hier schlechthin
als Miterben einzufhren? - Keine Ahnung, wie ich das machen soll. Da wir
verheiratet sind, glaubt ja doch niemand. Wir nennen uns Sie, und ich wei von
seinem Leben so wenig wie er von meinem. Es mchte sich doch sonderbar
ausnehmen, wenn wir uns bei jeder Gelegenheit erst gegenseitig darber aufklren
mssen.
    Fhren Sie ihn als Ihren Vetter ein.
    Ich fand den Vorschlag ganz gut, aber Henry war bler Laune und warf mir
vor, ich wollte immer nur Films veranstalten, und diese ganze Heirat sei schon
Film genug. Sehr mit Unrecht, denn was kann ich dafr? Du weit ja ungefhr, wie
die Sache war... Er wollte heiraten, weil er frchtete, sonst enterbt zu werden,
und setzte die Hlfte seines Erbes als Preis dafr aus. Ich sa gerade in Paris
und wute nicht recht, was ich tun sollte, als gemeinsame Bekannte mir den Fall
unterbreiteten und ziemlich hohe Ziffern dabei spielen lieen. Lebhaft erinnere
ich mich, wie man in einem kleinen Montmartre-Caf sa und beriet: soll sie es
tun?... soll sie es nicht tun?... Ich selbst wurde eigentlich kaum um meine
Ansicht gefragt. Aber ich gab dann schriftlich mein Jawort und fuhr dorthin, wo
mein zuknftiger Eheherr sich aufhielt. Man hatte ihn mir als degenerierten
Baron geschildert, und auch das lockte mich. Aber er sah aus wie ein Seeruber
in Zivil, und seine Degeneriertheit bestand nur darin, da er trank. Die Familie
verhielt sich etwas skeptisch und wollte vor allem wissen, ob ich Vermgen
htte. Nein, aber spter eines zu erwarten, was ja im Falle unserer Heirat auch
der Wahrheit entsprach... Alles Weitere entwickelte sich dann merkwrdig
gnstig, die unwahrscheinlichsten Umstnde kamen mir zu Hilfe, so da ich kurze
Zeit hindurch selbst in den Augen seines Vaters - eben des alten Herrn, der
jetzt das Zeitliche gesegnet hat - mit Glck die Rolle des guten Engels spielte.
An diesen Glanzpunkt meiner Laufbahn denke ich immer noch mit Wehmut zurck und
mu mir selbst alle Anerkennung zubilligen, denn weder andere noch ich htten
das jemals fr mglich gehalten. Es dauerte denn auch nicht lange - eben, bis es
gar zu auffallend wurde, da wir keinen gemeinsamen Haushalt grndeten, da
unsere beiderseitigen Niederlassungen sich vielmehr an entgegengesetzten
Endpunkten des In-oder Auslandes befanden und, falls es gelegentlich in Frage
kam, keiner ber den Aufenthalt oder die Schicksale des anderen auf dem
laufenden war. Schlielich kam dann auch noch die Geschichte mit dem Kontrakt
auf...
    Das alles mute ich Lukas noch einmal eingehend schildern, wie auch die
Persnlichkeit meines Gatten und Miterben. Wir einigten uns dann dahin, ihn doch
lieber in der Stadt wohnen zu lassen. Der Professor hat sicher vorlufig genug
von Alkoholikern, und soweit ich diesen kenne, ist er von ungemein aufrichtigem
Charakter und wre nicht imstande, den Wunsch nach einer Entziehungs- oder
anderen Kur auch nur vorzutuschen.

                                       17


Habe ich wirklich einen ganzen Monat nicht geschrieben? Was soll ich denn auch
schreiben - immer wieder dasselbe: es ist noch nicht da, ich warte.
    Trste Dich damit, da ich meine smtlichen Korrespondenzen schon lange so
gut wie abgebrochen habe. Niemand wute mehr den Ton anzuschlagen, den ich
vertragen konnte. Die einen wollten mich mit dieser Erbschaft, die niemals
kommt, aufziehen und schienen zu meinen, da das Ganze nur ein Witz sei. Andere
gratulierten mir zu dem unverdienten Glck, das mir so mhelos in den Scho
gefallen wre. Wenn ich nur das nicht mehr hren soll. Es begreift wohl niemand,
was fr eine ungeheuerliche Leistung dieses Warten bedeutet, und niemand hat
auch nur eine Ahnung, was fr Leiden ein Geldkomplex mit sich bringt.
    Seit etwa zwei Wochen beginnt es allmhlich zu tagen. Es hat wenigstens den
Anschein - ich will mich lieber noch vorsichtig ausdrcken.
    Der Miterbe ist wohlbehalten hier eingetroffen - ich betone das
wohlbehalten, denn wie leicht htte ihm bei der langen Reise etwas zustoen
knnen. Bei den verschiedenen Zwangsvorstellungen, die mich plagen, kam es mir
uerst wahrscheinlich vor.
    Er hat mir nun weitlufig erklrt, was alles noch geschehen msse, bis es an
die hiesige Bank berwiesen wird. Die erste Frau hat sich mit einer migen
Summe abfinden lassen und die Beschlagnahme zurckgezogen. Im brigen war er
anfangs etwas verstimmt gegen mich. Es scheint aus hinterlassenen Briefen
hervorzugehen, da er auch ohne Heirat htte Universalerbe werden knnen und
ohne den verhngnisvollen Kontrakt jedenfalls nicht wre gepflichtteilt worden.
Er fhlt sich nachtrglich wieder solidarisch mit dem toten Vater und htte
jetzt lieber mit ihm gegen mich intrigiert, wie er vorher mit mir gegen ihn
intrigierte. Wenigstens glaubt Baumann seine Gefhle fr mich in dieser Richtung
auslegen zu drfen.
    Natrlich ist es aber jetzt zu spt, und in Anbetracht dessen entwickelt
sich eine durchaus friedliche Beziehung zwischen uns. Ich finde ihn sogar in
seiner ganzen Art ganz sympathisch, ein wenig Balailoff der Zweite, nur wirkt er
noch russischer, obwohl er kein Russe ist und nur die Stammgter seiner Familie
in Finnland liegen. Balailoff war nur spleenig und trank, ohne da es ihm oder
anderen Freude schuf. Dieser trinkt auch, aber seine Rusche sind produktiver,
und er wei sie glckhafter auszugestalten.
    Er wohnt im Hotel drunten am Marktplatz, hat, da die Ankunft des
Pflichtteils jetzt auch dem Laien auer Frage steht, unbeschrnkten Kredit, hlt
sich ein Mietauto, mit dem er den ganzen Tag herumsaust, und lt abends eine
italienische Musikbande kommen, die ihm bis nach Mitternacht vorspielen mu.
Ferner kauft er sich alle mglichen Schiegewehre - er braucht die nicht, denn
er ist kein Jger, aber sie machen ihm Vergngen, ebenso wie seine Tiere, drei
Bernhardiner und ein Wolfshund. Tagelang ist er mit dem Auto unterwegs gewesen,
bis er diese Meute zusammengebracht hat. Die Bernhardiner sitzen oder liegen
dekorativ vor dem Hotel herum und verursachten anfangs Volksauflufe, da man
hier noch nie dergleichen Tiere gesehen hatte. Der Wolfshund dagegen zeichnet
sich durch unbndiges Temperament aus und richtet allnchtlich ein Hotelzimmer
zugrunde, er zerreit die Betten, beit die elektrischen Drhte ab und
hnliches. Aber mein rauher Gatte lacht sich vor Vergngen halbtot, wenn man ihm
die Rechnung dafr prsentiert, und fordert alle auf, das Benehmen dieses
Teufelskerls zu bewundern. Um ihn nicht zu krnken, stimme ich aus vollem Herzen
bei - solange er ihn nicht ins Sanatorium bringt. Der Hotelbesitzer ist
ebenfalls Feuer und Flamme fr das Tier wie fr seinen Herrn, weil er auf diese
Weise smtliche Zimmer neu hergerichtet bekommt. Man wei natrlich in der
Stadt, da wir verheiratet sind und da groe finanzielle Ereignisse uns
umwittern. Da hier sonst wenig Sensationelles passiert, sind wir mythische
Persnlichkeiten und ungeheuer populr. Allzu oft lasse ich mich zwar nicht
blicken, aber es kommt doch manchmal vor, da ich an der Seite meines Gemahls
mich dem erstaunten Volk zeige.
    Mit den anderen habe ich ihn nicht erst bekannt gemacht, er pat nicht zu
ihnen und ist ausgesprochen menschenscheu. Er ist berhaupt sehr merkwrdig und
spricht wenig. Was andere sagen, pflegt er zu berhren und reagiert nur selten
darauf. Will ich also etwas von ihm wissen - er zitiert mich manchmal zu einer
wichtigen Besprechung -, so heit es ruhig dasitzen und abwarten, bis er davon
anfngt. Er lt Wein bringen, die Musikanten warten immer schon an der nchsten
Straenecke, bis man sie herbeiwinkt. Dann stehen sie auf der Piazza vor dem
Hotel und spielen, er wirft ihnen Geld zu und lt ihnen zu trinken geben. Ich
spende ihnen hier und da ein huldvolles Lcheln und warte darauf, da er mit der
Besprechung beginnen wird. Irgendwann kommt denn auch der Moment, wo er sich
daran erinnert und mit der Hand unter seine Lederjacke fhrt - er hat einen
merkwrdigen Kleidungskomplex, denn ich habe ihn noch nie in einem anderen
Kostm gesehen als: Schaftstiefel, Kniehosen und lederne Jacke - er sucht eine
Zeitlang, frdert ein arg zerknittertes Schreiben oder Aktenstck zutage und
teilt mir das Wissenswerte daraus mit. Das Wissenswerte ist immer nur eine neue
Verzgerung oder Schwierigkeit.
    Ich uere meine Besorgnis, da immer noch und immer noch... Er hrt kaum
darauf hin und sagt mit gewaltiger Stimme:
    Ich verstehe den Krempel ja auch nicht... ich verstehe berhaupt nichts von
Geldgeschichten... aber seien Sie nur ruhig, gndige Frau, es wird schon alles
gut werden.
    Dann vertieft er sich wieder in die Vorzge seiner Hunde, fragt mich, ob die
Leute gut spielen, zeigt mir einen neuen Revolver, den er fr besser hlt als
den vorigen, trinkt ein Glas nach dem anderen, und man hat den Eindruck, als ob
er sich recht glcklich fhle.
    Selten, selten gelingt es mir, ihn etwas redseliger zu machen - ich bin
jetzt auch selbst so konstelliert, meine Gedanken kreisen wieder einmal wie in
einem monotonen, betubenden Wirbel immer um dasselbe: wann kommt das Geld? So
ist dieser Mann zweifellos die gegebene Gesellschaft fr mich.
    Aber wie gesagt, es kommt auch vor, da er ein wenig mehr auftaut, Fragmente
von sich selbst erzhlt oder fragmentarische Ansichten ber Menschen und Dinge
uert.
    Die ber Menschen sind kurz und bndig. Von Mnnern lt er nur den Typus
Teufelskerl gelten, der ungeheuer trinken, spielen oder sonst etwas kann. Die
anderen interessieren ihn nicht. Findet er einen solchen, so bewundert und
protegiert er ihn, stopft ihm die Taschen voll Geld, sofern er selber welches
hat usw. Er selbst ist in seiner Jugend von der Schule durchgebrannt, um Matrose
zu werden, und spterhin jahrelang Goldgrber gewesen. Sobald das Pflichtteil da
ist, will er in den Ural gehen und wieder graben. Aber vor allem msse man dazu
Geld in der Tasche haben, sonst kme nichts dabei heraus.
    Ob ich ihn nicht doch mit Henry bekannt mache... Und in dieser Umgebung
unter Matrosen und Goldgrbern habe er Teufelskerle kennengelernt!... Ob er sich
selbst als vollgltigen Teufelskerl ansieht, ist mir nicht ganz klar, jedenfalls
ist es sein heimlicher Ehrgeiz, und er ist vielleicht nur zu bescheiden, sich
den Titel beizulegen.
    Die Frauen verachtet er ziemlich grndlich, zum Teil ist wohl seine erste
Ehe daran schuld. Denn als ich einmal flchtig jene Frau erwhnte, gab es eine
lange Pause. Mindestens dreiviertel Stunden trank er schweigend weiter und sagte
dann pltzlich voll ingrimmiger berzeugung: Die Weiber sind alle Halunken.
    Ich hatte lngst vergessen, wovon die Rede war, und sah ihn wohl etwas
erstaunt an, denn er setzte milder hinzu: Nein, Sie meine ich nicht, gndige
Frau.
    Damit war die Konversation fr diesen Tag beendigt. Ich glaube, es war eines
der grten Komplimente, die mir jemals gemacht wurden, und wei es auch
vollkommen zu wrdigen, wie berhaupt diese Flitterwochen nicht ohne Stimmung
sind. Meine Bekannten im Sanatorium haben ihre Freude daran und kommen manchmal
zur Stadt, um sich die Sache aus der Ferne anzusehen. Nur der Professor glaubt
immer noch nicht, da ich mit diesem Mann, der soviel von sich reden macht und
anscheinend ber betrchtliche Mittel verfgt, verheiratet bin. Sonst htte er
ihm als meinem Arzt doch lngst einen Besuch gemacht und knnte ebenso gut meine
Rechnung zahlen wie Auto fahren und sich eine Meute halten. Diese und andere
gehssige Bemerkungen sind mir von einer Patientin hinterbracht worden und geben
mir wieder einmal zu denken. - Herr, wie lange noch? -

Ich mag auch keine Briefe mehr abschicken, wahrscheinlich ist das eine Art
Neurose. Henry hat etwas hnliches - er kann sich nicht entschlieen, Briefe
aufzumachen, weil er die Zwangsvorstellung hat, es mchte etwas Unangenehmes
darin stehen. Es ist momentan wirtschaftliche Krisis bei ihm, er wartet auf eine
wichtige Nachricht, die alles mit einem Schlage ndern soll, und ehe die nicht
da ist, rhrt er kein Schriftstck mehr an. Auf seinem Schreibtisch ist ein
Extrafach, wo die unerffneten Korrespondenzen hineinkommen. Es sind Briefe aus
allen Weltgegenden darunter, auch eingeschriebene und Eilbriefe. Manchmal
vergit er es und schimpft, da man von dieser oder jener Sache gar nichts mehr
hrt.
    Aber es ist seit drei Wochen ein eingeschriebener Brief da, mach ihn doch
endlich auf.
    .... Nein, das kann ich nicht.
    Hier und da sitzen wir vor diesen Briefen, betrachten sie und malen uns aus,
was wohl darin stehen mag. Soll man sie ffnen? Soll man sie liegenlassen? Und
wie lange? Sollen wir den Moment bestimmen oder abwarten, bis er sich von selbst
ergibt? Ich glaube, wir sind im Grunde berzeugt, da sie durch das Lagern
besser werden, und da Nachrichten, die bei voreiligem ffnen noch ungnstig
lauten wrden, sich vielleicht mit der Zeit in eine gute verwandeln. Das wagt
aber natrlich keiner dem anderen einzugestehen.
    Drei sind da von Gottfried, und die lasten uns beiden auf dem Gemt. Wir
wollen sie aufmachen, sobald es da ist. Eher knnen wir ihm doch nicht helfen,
und es wrde uns nur unntig das Herz zerreien, zu wissen, da es ihm schlecht
geht.
    Frher war es immer Lukas, der den Kopf schttelte und Blicke gen Himmel
warf, jetzt schttelt auch Baumann. Er hlt uns allmhlich fr schwere Flle,
vor denen die Wissenschaft, wie er sich ausdrckt, einstweilen haltmachen mu.
Das heit, er hat es aufgegeben, uns in dem gegenwrtigen Stadium weiter zu
behandeln, und wir sind todfroh darber. Von Komplexen, Analyse und vor allem
Geld darf nach stillschweigendem Einkommen berhaupt nicht mehr gesprochen
werden. Seitdem herrscht eine prokkupierte Grabesstille an unserer Tafelrunde,
und es gibt nichts mehr, worber wir uns unterhalten knnten.
    Soll ich nun abschicken oder nicht? Warten bis - nein, ich bringe es nicht
mehr ber die Lippen und nicht mehr aus der Feder, dieses frchterliche bis -
und wenn ich darauf warte, dauert es vielleicht noch lnger.

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Es ist da, Maria - das heit noch nicht ganz, aber so gut wie. Letzten Mittwoch
fing es an.
    Der Miterbe war pltzlich wie vom Erdboden verschwunden oder lie sich
verleugnen. Man brachte nur in Erfahrung, da er den ganzen Tag mit Auto und
Hunden unterwegs war, in den verschiedensten Ortschaften der Umgegend
Teufelskerle um sich versammelte und bewirtete und abends bei seiner Rckkehr
nicht mehr vernehmungsfhig sei.
    Wir schlossen darauf mit gutem Grund, da das Pflichtteil nhergerckt oder
etwas Verhngnisvolles damit passiert sein msse. Denn er pflegt sowohl freudige
wie trbe Erregungen auf diese Weise auszuleben, und man mu solche Zustnde
vorbergehen lassen, ehe man sich wieder ins Einvernehmen mit ihm setzt.
    Schlielich erschien er dann eines Morgens in eigener Person hier oben, was
noch nie vorgekommen war. Den Wolfshund hatte er an der Leine, aber der ri sich
los, rannte verschiedene Patienten fast ber den Haufen und verursachte eine
Panik. Der Professor kam aus seinem Sprechzimmer, um zu sehen, was da vorginge.
Mein Gatte war auer sich vor Entzcken ber das Temperament seines Hundes,
drohte ihn zum Scherz mit dem Revolver und fragte ein Mal ber das andere, ob er
nicht ein Teufelskerl sei.
    Der Professor aber meinte wohl, da dieser Ehrentitel sich auf ihn beziehe,
und hielt den Miterben fr einen tobschtigen neuen Patienten, den ich ihm
zufhren wollte. Mit dem Professor gibt es eben immer Miverstndnisse, und ich
hatte viele Mhe, ihm bei dem Hllenspektakel den Zusammenhang zwischen mir, dem
Mann und dem Hund begreiflich zu machen. Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll
immer mehr an, ich glaube, er war nahe daran, selber einen Tobsuchtsanfall zu
bekommen, was fr das Sanatorium gewi keine gute Reklame wre.
    Als dieser Zwischenfall erledigt war, kam das Geschftliche an die Reihe.
Der rauhe Gatte durchsuchte smtliche Innentaschen seiner Lederjacke und
frderte schlielich ein imposantes Dokument zutage, den Depositenschein der
finnischen Bank, die uns das Pflichtteil abzuliefern hat. Es besteht einstweilen
noch nicht in barem Geld, sondern in Eisenbahnobligationen.
    Wir beratschlagten eine Weile, gingen dann in die Stadt hinunter zur Bank
und gaben Auftrag, die Papiere sofort telegraphisch zu verkaufen. Dann machten
wir eine grere Spazierfahrt mit smtlichen Hunden.
    Die anderen hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen und konnte ihnen erst
beim Abendessen Bericht erstatten. Lukas legte Messer und Gabel hin, als ich auf
unsere Aktion bei der Bank zu sprechen kam, und verga alle Hflichkeit. Ja,
haben Sie denn ganz den Verstand verloren? Telegraphisch und en bloc verkaufen?
    Wir knnen wirklich nicht mehr warten, wendete ich kleinlaut ein.
    Das mu wieder rckgngig gemacht werden. Was sind es denn fr Papiere?
Ich nannte sie ihm, stolz darauf, da ich es wute und mir keine Ble zu geben
brauchte.
    Er jammerte, da es einen Stein erbarmen knnte, und wir sind alle ganz
hingerissen vor Mitgefhl. - Man htte die Obligationen herschicken sollen, sie
deponieren, nach und nach verkaufen - und was wei ich, ich verstehe nichts von
solchen Sachen. Wer von uns denn auf diese glorreiche Idee gekommen sei?
    Alle beide - wir haben uns berlegt, wie es am schnellsten ginge.
    Anstatt erst irgendeinen vernnftigen Menschen um Rat zu fragen...
    Nein, jetzt tun Sie mir Unrecht. Ich habe mich durchaus sachverstndig
benommen und den Bankdirektor gefragt, ob es nicht besser sei, vorlufig nur
einige von den Papieren zu verkaufen. Aber er riet mir zu, es gleich en bloc zu
machen.
    Achselzucken, Schweigen.
    Ist das nicht der groe Blonde, den wir fters im Caf sahen und der immer
so unglcklich aussieht? fragte Henry.
    Ja, er ist entschieden Melancholiker. Als ich erwhnte, es eile, weil ich
auf Reisen gehen wollte, sagte er ganz ergriffen: Gott, wer doch auch reisen
knnte - weit fort reisen. - Kommen Sie mit, sagte ich, um ihn etwas
aufzuheitern, aber er hat nur traurig den Kopf geschttelt.
    Nehmen Sie ihn nur mit, sagte Lukas mit schwacher Stimme, ein
melancholischer Bankdirektor ist gerade die rechte Gesellschaft fr Sie.

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Vor meiner Abreise kam ich nicht mehr dazu, Dir Nachricht zu geben, und kann
auch heute nur kurz schreiben.
    Begreife - ich wei noch nicht recht, wie mir ist. Das Sanatorium ist
vergessen und versunken wie ein alberner Spuk... War ich denn jemals in einem
Sanatorium? Habe ich jemals durch Ewigkeiten hindurch auf Geld gewartet? Hatte
ich wirklich einmal einen Geldkomplex, den man mir weganalysieren wollte? Und
ist er jetzt tatschlich ganz fort?
    Das, Maria, ist eine groe Frage, die ich heute noch nicht zu beantworten
wage. Mir scheint beinahe, er hat sich nur verndert. Denn seit es da ist, dreht
sich alles, was ich empfinde, doch wieder ausschlielich um Geld, wenn auch
diesmal in positivem Sinn, aber es dreht sich. Dreht sich um greifbar vorhandene
Banknoten, Goldstcke, Schecks, Kreditbriefe, Mglichkeiten, Einkufe und so
weiter.
    Es ist immer noch zu persnlich, es erfllt mich noch zu sehr, ich mu
immerfort daran denken. Zum erstenmal in meinem Leben habe ich eine Nacht nicht
schlafen knnen, weil es wirklich da war.
    Baumann sagt... aber ich habe noch verschiedenes nachzuholen.
    Am Tage, nachdem der Depositenschein prsentiert wurde und wir der Bank
unsere Order erteilten, haben wir denn auch Henrys Korrespondenz erffnet. Es
ergab sich daraus unter anderem, da Herr Alramseder definitiv unschdlich
gemacht worden ist, indem seine eigenen Kaffern ihn gelyncht haben, ferner, da
Gottfried einsam und verzweifelt das Petroleumgebiet beaufsichtigt, ohne jede
Nachricht von Balailoff, und auf unser Einschreiten hofft, und schlielich, da
Henry eine Geschftsreise nach Spanien zu machen hat, die sich mit einer
gemeinsamen Vergngungsfahrt sehr gut verbinden liee.
    Gottfried haben wir dann gleich telegraphisch ausgelst und mitgenommen, da
er sehr erholungsbedrftig war, und Baumann hat sich angeschlossen, weil, wie er
behauptet, die Weiterentwicklung unserer Komplexe ihn lebhaft interessiert.
    Der Miterbe ist dort geblieben, sein Hotelwirt und er knnen sich nicht mehr
voneinander trennen.
    brigens war das Geld noch nicht wirklich angekommen, als wir abfuhren, aber
die Bank gab Vorschu. Wir hatten die Schiffsbilletts schon bestellt und wollten
nicht lnger warten. Dummerweise verfehlten wir das Schiff trotzdem, da es jeder
Tradition zuwider fahrplanmig abgefahren war, und auf der Bahnlinie
Genua-Marseille wurde gestreikt, man konnte auch damit nicht weiterkommen... Das
Pflichtteil rebelliert also immer noch. Wie oft hat man eine Reise unterlassen,
weil man sie sich nicht leisten konnte. Jetzt konnten wir uns einen Extrazug
nehmen, aber die Bahnlinie streikte. Kein Mensch wird mir einreden, da es
wirklich die Eisenbahner sind, die ihre Arbeit niederlegen.
    Die anderen schlugen vor, sich angenehm in Genua zu etablieren und
abzuwarten, aber ich bin auerstande, noch auf irgend etwas zu warten, und halte
es fr besser, die Dinge zu berlisten, wenn sie einen schikanieren wollen. So
haben wir uns, da vorlufig kein anderes Schiff in der gewnschten Richtung
fuhr, auf einem kleinen spanischen Frachtdampfer einquartiert und hoffen, da
wenigstens dieser irgendwann in See stechen wird. Unterwegs kann man dann
vielleicht wieder wechseln oder in die Bahn steigen. Es sollen noch zwanzig Khe
eingeschifft werden, und das hat seine Schwierigkeiten, rumliche und
bureaukratische - wir sind darber noch nicht ganz im Bilde. Einstweilen steht
nur soviel fest, da die Abfahrt spt abends oder in aller Herrgottsfrhe vor
sich gehen soll, und der Steward riet uns dringend, deshalb schon auf dem Schiff
zu wohnen. Auf Passagiere, die nicht zur Stelle seien, knne man unmglich
warten, nachdem man schon so lange auf die Khe gewartet habe.
    Die Kabinen, wie das ganze brige Fahrzeug, sind nichts weniger als
komfortabel, und man mu die ersehnten Luxusgefhle vorlufig noch verdrngen,
wenigstens fr die Nacht. Bei Tag gehen wir natrlich an Land, erholen uns,
schlemmen und kaufen.
    Unausstehlich ist Baumann, er will immer dabei sein, analysiert jede Ausgabe
und die Art, wie sie gemacht wird. Ich mchte ihn ans Ende der Welt schicken,
aber es geht nicht, schlielich verdanke ich doch nur ihm, da ich so lange im
Sanatorium bleiben konnte.
    Ich habe viel zu tun. Unter anderem mu Gottfried angezogen werden, er sah
so aus, da wir uns selbst auf dem Schiff mit ihm genierten.
    Eben sind die Khe angekommen, sie werden jetzt verladen, und abends fahren
wir ab. Von unterwegs Weiteres.

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Die anderen schimpfen wie wahnsinnig, da ich sie zu dieser Fahrt verlockt habe.
Es hat gleich ein heilloser Sturm eingesetzt, und sie liegen alle todkrank in
ihren Kabinen. Der Steward, der nicht an Passagiere gewhnt ist, rupft
seelenruhig Hhner, anstatt sie zu bedienen.
    Ich selbst werde nie seekrank, mir wird hchstens schlecht, wenn... aber die
Zeiten sind ja glcklich vorber.
    ber das Deck, soweit von einem solchen die Rede sein kann, geht eine
Sturzsee nach der anderen. Bei der Kajtentreppe ist ein kleiner geschtzter
Raum, und da sitze ich auf einem Liegestuhl, den man mit Stricken festgebunden
hat. Ganz allein, und dieses Alleinsein koste ich in vollen Zgen aus. Es ist,
als sei die ganze Welt versunken und nichts zurckgeblieben als Himmel, Meer und
Geld.

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Seit ich von unterwegs den letzten etwas flchtigen und durchgerttelten Gru an
Dich abschickte, ist mehr als eine Woche vergangen. Wir sind immer noch an Bord.
Durchschnittlich jeden anderen Tag legen wir in irgendeinem Hafennest an, um zu
lschen, oder weil die Khe einen Ruhetag brauchen. Diese Tiere knnen nmlich
an der Seekrankheit sterben, und das Wetter ist andauernd strmisch. Ich habe
dem Kapitn verschiedentlich angeboten, alle zwanzig zu kaufen und sie dann an
der nchsten Landungsstelle auszusetzen, damit wir nun einmal vom Fleck kommen -
nicht meinetwegen, denn von mir aus knnte die Reise ewig dauern, aber die
anderen sind so ungeduldig. Er wollte jedoch nicht darauf eingehen.
    Ob wir jemals ankommen oder am Ende noch mit dieser Baracke untergehen?
    Es ist ja klar, da das Geld mich immer noch foppen will. Seit es mir nicht
mehr entrinnen kann, kommt immer wieder eine Situation zustande, die ein
intensives Ausgeben unmglich macht. Entweder war keine Zeit mehr wie in Genua
oder keine Gelegenheit wie jetzt. Und ich habe doch so sehr das Gefhl, es mte
endlich einmal ein Exempel statuiert werden, damit es mich als Herrin anerkennt.
Die Taschen meiner Begleiter und meine eigenen - ich habe einen Reisemantel mit
vielen und gerumigen Taschen - platzen vor Geldscheinen, und sie werden nicht
weniger, es ist manchmal, als ob sie mich hhnisch angrinsten: Gib uns doch
aus, wenn du kannst.
    Diese Art zu reisen ist hoffnungslos billig und, wie schon erwhnt, ich kann
nicht einmal die Khe kaufen, weil der Kapitn so halsstarrig ist.
    Wir haben alles versucht, um einen protzigen Ton einzufhren, es gelingt nur
halb. Zu Tisch machen wir Toilette, die Herren im Smoking - aber das kostet
nichts und ist einigermaen deplaciert. Die Leute halten uns fr mehr als
bergeschnappt, schon weil wir berhaupt mit ihnen gefahren sind. Sie haben
sonst nie Passagiere erster Klasse, und es ist ihnen nur lstig, weil sie lieber
Evorrte in den Kabinen aufbewahren. Das Leben ist doch verdreht - kaum ist man
aus dem Sanatorium heraus, so halten einen alle fr verrckt.
    Dabei mssen wir uns dem Bordkomment fgen, um zehn Uhr frh zu Mittag
essen, und um fnf zu Abend. Extramahlzeiten werden nicht serviert. Es geht uns
also hnlich wie dem hungernden Araber, der einen Sack Perlen in der Wste
fand... Der beklagenswerte Gottfried hat zum Beispiel immer noch keinen Mantel,
weil sich damals in der Eile nichts Passendes fand, und mu elend frieren oder
sich an Deck in eine Wolldecke einwickeln.
    Nach dem Souper telegraphieren wir. Der Funkapparat ist der einzige
Luxusgegenstand auf unserem Dampfer.

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                                                                     Monte Carlo

Zwei Briefe von Dir habe ich hier bekommen - sei nicht bse, da ich nicht
schrieb, aber ich denke, Du wirst wenigstens einige Funktelegramme erhalten
haben.
    Wir sind nicht, wie zu erwarten stand, mit Mann und Maus untergegangen,
sondern tatschlich eines Tages in Barcelona angekommen, und die Khe wurden
noch in unserer Gegenwart gelscht. Das ganze Schiff, und wir mit, interessierte
sich zuletzt ausschlielich fr ihr Befinden, so da es fast zu einem neuen
Komplex wurde.
    Dann aber haben wir alle weiteren Reisegedanken buchstblich ber Bord
geworfen, in Barcelona nur gefrhstckt und sind mit dem nchsten Zug nach Monte
gefahren. Es war wie eine pltzliche Erleuchtung, da wir dahin mten. Und die
Fahrt ging ohne jeden Zwischenfall vor sich. Nichts streikte, kein Zug
entgleiste, kein Hotel ging in Flammen auf.
    Hier bin ich vollkommen und wunschlos glcklich, Maria, mir ist, als htte
ich die Heimat gefunden und alles, was dazugehrt. Man wohnt nicht, man ist im
Hotel, und am Spieltisch gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft und keine
Gegenwart mehr, keine Spannungen und keine Gedanken. Denn ich mu bemerken, das
Jeu hat fr mich nichts Aufregendes, es wirkt im Gegenteil beruhigend, man sieht
nur Geld, hrt nur Geld, fhlt nur Geld, und das ist gerade das, was mir nottat.
Einmal gehrt es mir, einmal nicht, es rollt fort, schiebt sich wieder vor mich
hin - es mu sich passiv verhalten, kann sich keine eigenen Launen mehr leisten,
sondern mu sich denen des Roulette fgen. Und ich tyrannisiere es, denn ob ich
spiele, und wie hoch, oder wieder aufhre, steht in meiner Macht.
    brigens spielen nur Henry und ich. Gottfried darf nicht ins Kasino, weil er
noch nicht mndig ist, und Baumann geht von Tisch zu Tisch und sammelt Material,
um eine Abhandlung ber Geldkomplexe zu schreiben. Meiner, behauptet er, sei
jetzt erst auf dem Hhepunkt angelangt. Aber das interessiert mich nicht mehr.

Morgen schreibe ich weiter, ich habe vor, einen Tag auszusetzen. Die anderen
wollen einen Ausflug machen, und um des lieben Friedens willen gehe ich mit.
Wozu eigentlich? Landschaft und dergleichen gibt es berall. Ich will hier nur
Geldluft atmen.
    Und dann mu ich mich endlich einmal um Gottfrieds Paletot kmmern, er
behauptet, allein knne er solche Einkufe nicht machen. Man hat ihn neulich
schon fr einen Selbstmrder gehalten, weil er frierend in den Anlagen
herumschlich.
    Vorige Woche haben wir enorm gewonnen, aber die letzten Tage ebenso arg
wieder verloren, und ich habe sicherheitshalber an den melancholischen
Bankdirektor telegraphiert. Er mu mir jetzt auch endlich die Abrechnung ber
die eingetroffenen Gelder schicken.

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Das war vorgestern. Unser Ausflug verlief sehr nett, aber der Mantelkauf wurde
darber wieder versumt. Dieser Mantel geht mir allmhlich auf die Nerven. Htte
man doch lieber den ganzen Gottfried zu Hause gelassen.
    Heute frh nun saen wir arglos beim Frhstck und waren gerade besonders
aufgelegt, mit neuen Krften weiterzuspielen. Fr Henry war ein ganzer Haufen
Briefe angekommen. Er wollte sie unbesehen in die Tasche schieben, aber ich
beredete ihn trichterweise, sie aufzumachen. Gleich der erste enthielt eine
lstige Nachricht, nmlich, da die Terraingeschichte wackelt. Der Professor hat
sein Kapital herausgezogen. Mir fiel dabei aufs Herz, da ich ihm meine Rechnung
immer noch nicht gezahlt habe und er sich vielleicht dafr rchen will. Ich
fhlte mich damals einfach unfhig, gleich wieder Rechnungen zu zahlen und mich
mit Glubigern zu beschftigen.
    Henry sah sorgenvoll aus und wollte von den anderen Briefen nichts mehr
wissen. Es war aber einer von Lukas dabei, und ich bat ihn, wenigstens den noch
zu lesen. Er tat es, und seine Miene verfinsterte sich noch mehr:
    Was soll das nun wieder heien - Lukas bittet mich, zu veranlassen, da du
sofort zurckkommst.
    Wir ergingen uns in Vermutungen, was es bedeuten knne... Ist es am Ende
wirklich ein Racheakt des Professors wegen der unbezahlten Rechnung? Lukas
erwhnt auch die Terraingeschichte und scheint ganz aus dem Huschen. Hat er
vielleicht in unserer Abwesenheit auf eigene Hand angefangen zu spekulieren und
kann ohne uns nicht damit fertig werden? Will er uns nur aus liebevoller
Frsorge aus der Spielhlle fortlocken... Oder aber hat der Miterbe Unheil
angerichtet, etwa die Stadt in Brand gesteckt?
    In keinem von diesen Fllen leuchtet mir ein, weshalb meine persnliche
Bettigung ntig sein sollte. Gerade jetzt hier abbrechen, wo die Beziehung
zwischen dem Pflichtteil und mir anfngt, sich zu einer wahrhaft herzlichen zu
gestalten. Es benahm sich schon manchmal, als ob es mich wirklich gern htte und
bei mir bleiben wollte, denn es kam immer wieder, wenn wir auch noch so
leichtsinnig setzten. Nur gerade die allerletzten Tage...
    Schmerzlich genug, da Henry abfahren will - ich bleibe hier. Mgen die
Terrains wackeln, der Miterbe alles auf den Kopf stellen, der Professor... mit
Geld lt sich ja alles wieder arrangieren, zum Beispiel, indem man seine
Rechnungen zahlt, die Terrainsache sttzt usw.
    P.S. Henry ist abgefahren und depeschiert wie ein Wahnsinniger, ich mchte
sofort nachkommen. Schreib also wieder an die alte Adresse: Nervenheilanstalt
und so weiter. - Ich htte wahrhaftig nicht gedacht, da ich sie noch einmal
wiedersehen wrde.

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Ja, Maria... wie soll ich Dir das erzhlen, damit du es nicht fr einen dummen
Witz hltst. Eigentlich ist es auch einer, aber das Schicksal hat ihn gemacht,
nicht ich. Hre nur:
    Die Bank hat falliert - ausgerechnet unsere Bank.
    Wir hatten uns ja alles mgliche ausgemalt, was geschehen sein knnte, aber
auf diesen phantastischen Gedanken war keiner von uns gekommen.
    Jetzt verstehen wir auch, weshalb der Direktor so melancholisch war und
gerne reisen wollte, da er keine weiteren Summen und keine Abrechnung schickte
und das Geld sich whrend der Reise manchmal noch ironisch benahm. Es hat
natrlich alles vorausgewut.
    Wie ich diesem Ereignis gegenberstehe, wirst Du fragen.
    Aber das wei ich selbst noch nicht recht. Es hat mich wohl berrascht, und
ich wollte lieber, es wre nicht geschehen. Ich habe vorlufig gar keine Lust,
darber nachzudenken. Es wirkte gerade in diesem Moment so absolut
kinematographisch, und Du weit ja, wenn das Leben filmt, ist man immer noch
ganz lustig. Wir sind auch einstweilen noch so von der Finanzstimmung in Monte
erfllt, da sich selbst ber die ersten dunklen Stunden ein festlicher Schimmer
legte.
    Lukas empfing mich natrlich mit tragischer Miene und einigen vorwurfsvollen
Bemerkungen ber unseren letzten Aufenthalt. Es strt ihn, da wir dort jeuten
und jubilierten, whrend hier die letzte Chance einer sicheren Zukunft in die
Brche ging. Und der alte Zank beginnt von neuem:
    Es htte ja doch nicht gereicht.
    Es htte gereicht, wenn Sie eine Leibrente...
    Nein, wenn du sofort Goldshares... unterbricht Henry.
    Ja, natrlich, und Sie dem Herrn Alramseder...
    Ist nicht mehr ntig, denn Alramseder hat ausgejobbert, bemerkt Henry
feierlich, und endlich kann ich wieder zu Wort kommen, um einen vernichtenden
Trumpf auszuspielen:
    Htten Sie, Lukas, nur telegraphiert, anstatt einen Brief zu schreiben, aus
dem niemand klug werden konnte... so wre der ganze Schaden berhaupt wieder
gutgemacht. Es ist einzig und allein Ihre Schuld, da ich heute wieder ohne
wirtschaftliche Basis dastehe...
    Stimmt, sagt Henry, und Lukas ist einen Augenblick sprachlos.
    Meine Schuld?
    Allerdings, denn drei Tage vorher hatten wir schwindelhafte Summen gewonnen
und htten wir damals aufgehrt...
    Oder wren dageblieben, um weiterzuspielen, ergnzt Henry, und Lukas
erklrt auf das bestimmteste, er wrde morgen abfahren, es sei ihm unmglich,
noch lnger unter einem Dach mit uns zu bleiben und mit anzuhren, was wir alles
getan htten. Baumann dagegen gedenkt geradezu analytische Orgien zu feiern.
    Dann habe ich den Miterben aufgesucht. Er sa mit einer Flasche Rotwein vor
dem Hotel, uerte keinerlei berraschung, mich hier zu sehen, und blickte
ziemlich verstrt drein. Nachdem wir eine volle halbe Stunde schweigend
dagesessen hatten, erzhlte er mir, da sein Wolfshund vorgestern pltzlich
gestorben sei. Er mutmat nun, man habe das Tier vergiftet, und hat eine
bedeutende Summe als Preis fr die Auffindung des Tters deponiert - smtliche
verfgbare Polizisten sind schon eifrig an der Arbeit.
    Dann kam sein Auto, er lie den toten Hund hineinlegen und fuhr ab, um in
der nchsten Stadt das Tier sezieren und die Todesursache feststellen zu lassen.
Der Hotelbesitzer kam heraus und schttelte mir ergriffen die Hand. Er soll der
einzige hier im Stdtchen sein, der durch den Bankkrach nicht ruiniert ist, und
erzhlte mir, es habe sich herausgestellt, der verendete Hund sei berhaupt kein
Hund, sondern ein zahmer Wolf gewesen, den irgendein Teufelskerl aus einer
Menagerie gestohlen und meinem Herrn Gemahl verkauft habe.
    Ob diese Geschichte wahr ist, oder ob sie zu den pittoresken Mythen gehrt,
mit denen man uns hier umgibt, mchte ich dahingestellt sein lassen. Ich mu
sagen, da mich nichts mehr in Erstaunen zu setzen vermag.
    Gegen Abend des nchsten Tages kam der Gemahl zurck und war etwas
enttuscht, denn die tierrztlichen Autoritten haben festgestellt, der Hund sei
eines natrlichen Todes gestorben. Somit hat man die Verfolgung des Mrders
wieder eingestellt, und der Hotelbesitzer mag erleichtert aufgeatmet haben.
    Dann ist er zornerfllt abgereist, wohin, wei man nicht. Wir haben uns
wortkarg, aber doch herzlich voneinander verabschiedet, und Gott allein wei, ob
unsere Wege sich in diesem Leben noch einmal kreuzen oder ob wir uns scheiden
lassen.
    Er wei vielleicht auch, wie sich nun die Dinge weiter entwickeln werden.
Ich selbst habe keine Ahnung.

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Fr deinen Brief und Deine Teilnahme herzlichsten Dank.
    Nur keine bertriebene Sorge - ich befinde mich im ganzen recht wohl.
    Unser Dasein steht hier natrlich im Zeichen des Bankerotts, und auch das
hat seinen Charme.
    Henry ist ebenfalls schwer betroffen, denn seine Terraingesellschaft ist im
Zusammenhang mit der Bank vollstndig aufgeflogen. Er rechnet viel, ist aber
voller Zuversicht, da sich gerade auf diesen Zusammenbruch hin ganz neue
Grndungsperspektiven erffnen.
    Auf jeden Fall bleiben wir hier. Wir fhlen uns allmhlich immer mehr mit
diesem Ort verwachsen...
    Unter der Bevlkerung herrscht eine trbe und erregte Stimmung, jeder Tag
bringt neue Hiobsposten von verkrachten Unternehmungen, schurkischen
Aufsichtsrten, die durchgebrannt sind oder sich noch rasch erschossen haben,
ruinierten Aktionren und dergleichen mehr. Man fraternisiert mit anderen
Mitverkrachten und ist bestndig von Leuten umringt, die ber Hypotheken,
Bodenwerte, Aktien, gestohlene Depositen, sichere und unsichere Papiere reden.
Die ganze Atmosphre hat eine kapitalistische Note bekommen, die ungemein
wohltuend ist. Unsere Popularitt ist ins Ungeheure gestiegen, wir gelten zum
mindesten fr Millionre, weil wir unsere Verluste mit Wrde tragen, und haben
schrankenlosen Kredit. So lt sich's ganz gut leben.
    Lukas ist nicht mehr da. Und Baumann hofft immer noch, mich einmal
weiteranalysieren zu knnen, aber ich glaube, es ist nicht mehr ntig. Denn mein
Geldkomplex...
    Ich gehre jetzt selbst zu den Glubigern - der verkrachten Bank natrlich -
und das gibt dem Geld gegenber einen ganz anderen Gesichtspunkt. Wer wei, ob
es mich nicht doch noch respektieren lernt, wie es eben nur Glubiger
respektiert, und auf ebenso unwahrscheinliche Weise wiederkehrt, wie es sich
verabschiedet hat.
    Leb wohl, ich will mit Gottfried zum Schneider. Es schadet meinem Ansehen,
da er immer und immer noch ohne berzieher herumluft. Und um vier Uhr mu ich
zu einer Glubigerversammlung.
