
                               Wassermann, Jakob

                               Das Gnsemnnchen

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                                Jakob Wassermann

                               Das Gnsemnnchen

                                     Roman

                             Ich widme dieses Werk

                                 Moritz Heimann

                            dem brderlichen Freund


                                  Erster Teil

                          Die Mutter sucht ihren Sohn

                                       1

Die Landschaft hat vielfaches Grn; vom Rednitztal bis zum Taubertal hinber
ziehen sich tiefe Wlder, meist Nadelholz. Doch um die Drfer ist in weitem
Bogen alles bebaut, denn es ist uralter Kulturboden. An den zahlreichen Weihern
steht das Gras hher, so hoch oft, da man von den Gnseherden nur die Schnbel
gewahrt, und wre das Geschnatter nicht, man knnte sie fr wunderlich bewegte
Blumen halten, diese Schnbel.
    Das Stdtchen Eschenbach liegt ganz flach in der Ebene. Es ist ein
briggebliebenes Stck Mittelalter, aber die Fremden kennen es nicht, es ist
stundenweit von jeder Bahnlinie entfernt. Ansbach ist die nchste Stadt im
groen Ring des Verkehrs; um sie zu erreichen, bedient man sich der Postkutsche.
So heute wie damals, als Gottfried Nothafft, der Weber, dort lebte.
    Die Stadtmauern sind mit Moos und Efeu bewachsen; ber den Graben fhren
noch die alten Zugbrcken durch baufllige runde Tore in die Straen. Die Huser
haben Erker und weitvorspringende Firste, und ihr gekreuztes Balkenwerk sieht
aus wie Muskelgeflecht.
    Von dem Dichter, der einst hier geboren wurde und der das Lied vom Parzival
sang, wissen die Leute nichts mehr. Vielleicht raunen in der Nacht die Brunnen
von ihm, vielleicht wandelt sein Schatten manchmal im Mondschein um Kirche und
Rathaus. Die Menschen wissen nichts mehr von ihm.
    Das kleine Huschen des Webers stand unweit vom Gasthaus zum Ochsen, ein
wenig abgerckt von der Strae. Drei vertretene Stufen fhrten zum Tor, und
sechs Fenster blickten auf den stillen Platz. Wer htte denken sollen, da der
Geist der groen Industriewelt sich bis zu diesem verlorenen Winkel
zerstrerisch eine Bahn schaffen wrde!
    Als Gottfried Nothafft im Jahre 1849 geheiratet hatte, seine Frau Marianne
war eine von zwei Schwestern Hllriegel aus Nrnberg, hatte er sich noch
auskmmlich zu ernhren vermocht. Sie wnschten sich beide ein Kind und
jahrelang vergebens. Oft sagte Gottfried am Feierabend, wenn er auf der Bank vor
dem Haus die Pfeife rauchte: Wie schn, wenn wir einen Sohn htten. Da schwieg
Marianne und senkte die Augen.
    Spter sagte er nichts mehr, weil er die Frau nicht beschmen wollte. Aber
seine Miene verriet den Wunsch nur um so deutlicher.

                                       2


Eines Tages machte sich ein Stocken des Gewerbes bemerkbar. Die Weber im ganzen
Lande klagten; sie konnten nicht mehr mitkommen, es war eine lhmende Krankheit,
von der sie betroffen wurden. Der Markt hatte pltzlich niedrigere Preise, die
Beschaffenheit der Ware hatte sich verndert.
    Dies geschah gegen das Ende der fnfziger Jahre, als von Amerika aus die
neuen Maschinenwebsthle eingefhrt wurden. Da fruchtete kein Flei mehr, das
billige Produkt, das die Maschine zu liefern vermochte, raubte der Handarbeit
den Absatz.
    Gottfried Nothafft lie sich's zuerst nicht verdrieen; so luft ein Rad
noch, wenn der Antrieb gehemmt wird. Aber nach und nach verging ihm die Lust. In
einem einzigen Winter wurde sein Haar grau, und mit fnfundvierzig Jahren war er
ein gebrochener Mann.
    Und da, als die Armut drohend vor der Tre stand und Mariannes Gemt durch
Ha befleckt war, erfllte sich die Sehnsucht des Ehepaares, und die Frau wurde,
im zehnten Jahr der Ehe, schwanger.
    Der Ha, den sie hegte, galt der Maschine. In ihren Trumen wurde die
Maschine zu einem Ungeheuer mit sthlernen Schenkeln, das tckisch kreischend
Menschenherzen verschlang. Es erbitterte sie die Ungerechtigkeit eines Vorgangs,
bei dem in frecher Mhelosigkeit gedieh, was ehedem unter den bedchtigen
Fingern des Webers sinnvoll und natrlich erstanden war.
    Die Gesellen muten einer nach dem andern entlassen werden, und ein Webstuhl
nach dem andern kam auf den Dachboden. Tag fr Tag schlich Marianne hinauf und
kauerte stundenlang vor den Gerten, die einst eine wohlttig bestimmbare Kraft
in Bewegung gesetzt hatte und die jetzt Leichnamen glichen.
    Gottfried ging mit seinen Lagervorrten hausierend ber Land. Einmal kehrte
er zurck und brachte ein Stck Maschinengewebe mit, das ihm ein Kaufmann in
Nrdlingen geschenkt hatte. Sieh doch, Marianne, was das fr ein Ding ist,
sagte er und reichte ihr den Stoff. Aber Marianne zog schaudernd die Hand davon
weg, als htte sie den Raub eines Mrders erblickt.
    Nach der Geburt des Knaben verloren sich die krankhaften Empfindungen, dafr
verfiel Gottfried von Monat zu Monat mehr. Und wenn er auch die Jahre berstand,
er hatte aufgehrt, ein heiterer Mensch zu sein, und freute sich nicht einmal
des heranwachsenden Knaben. Als er seine eigenen Waren verkauft hatte, bernahm
er fremde und schleppte sich mhsam von Dorf zu Dorf, Sommer und Winter
hindurch.
    Trotz der Knappheit, die im Hause herrschte, war Marianne berzeugt, da
Gottfried erspartes Geld zurckgelegt habe, und gewisse Andeutungen des Mannes
hatten diese Hoffnung befestigt. Es gehrte zu seinen eigentmlichen
Lebensansichten, die Frau ber den wahren Stand seines Vermgens im unklaren zu
lassen. Als die Lufte immer schlechter wurden, schwieg er ber diesen Punkt
vllig.

                                       3


Auf dem Kornmarkt in Nrnberg betrieb Jason Philipp Schimmelweis, der Mann von
Mariannes Schwester, eine Buchbinderei.
    Schimmelweis war ein Westfale. Er war aus Ha gegen Junker und Pfaffen in
die protestantische Stadt im Sden gekommen und hatte von Anfang an allen Leuten
durch seine Mundfertigkeit groe Achtung abgentigt. In dem Haus, wo er sein
Geschft errichtet, hatte auch Therese Hllriegel gewohnt und sich durch
Schneidern ihr Brot verdient. Er hatte geglaubt, sie besitze einiges Geld, aber
es hatte sich erwiesen, da es fr seinen Ehrgeiz zu wenig war. Da benahm er
sich gegen Therese so, als ob sie ihn betrogen htte.
    Er verachtete sein Handwerk und wollte hher hinaus. Er fhlte den Beruf zum
Buchhndler in sich. Aber um diesen Plan zu verwirklichen, mangelte es ihm an
Kapital. So hockte er denn mivergngt in dem unterirdischen Gewlbe und leimte
und salzte und zrnte seinem Geschick und las in seinen Muestunden
sozialistische und freigeistige Schriften.
    Es war der Herbst, in dem der Krieg gegen Frankreich wtete. Am Vormittag
war die Kunde von der Schlacht bei Sedan eingetroffen. Von allen Kirchen
luteten die Glocken.
    Da trat zu Jason Philipps Verwunderung Gottfried Nothafft in die Werkstatt.
Sein langer Patriarchenbart und die hohe Gestalt machten ihn zu einer
ehrwrdigen Erscheinung, obwohl sein Gesicht mde aussah und die Augen erloschen
waren.
    Gr Gott, Schwager, sagte er und bot die Hand, dem Vaterland geht's
besser als seinen Brgern.
    Schimmelweis, der Verwandtenbesuche nicht liebte, erwiderte den Gru mit
vorsichtiger Klte. Erst als er erfuhr, da Gottfried im roten Hahn Logis
genommen, hellten sich seine Zge auf. Er fragte, was den Schwager in die Stadt
gefhrt.
    Ich habe mit dir zu sprechen, antwortete Gottfried Nothafft.
    Sie gingen in einen Raum hinter der Werkstatt und setzten sich nieder. In
Jason Philipps Augen lag ein abschlgiger Bescheid schon jetzt fr jedes
Ansinnen, das ihn Mhe oder Geld kosten wrde. Aber er fand sich angenehm
enttuscht.
    Du sollst wissen, Schwager, begann Gottfried Nothafft, da ich mir in den
neunzehn Jahren, die ich mit meinem Weib zusammengelebt, dreitausend Taler
erspart habe. Und weil mir zumut ist, als knnte mir bald was Menschliches
zustoen, komm ich zu dir mit der Bitte, das Geld in Verwahrung zu nehmen fr
Marianne und den Buben. Hab Sorge genug gehabt, es beiseite zu halten in der
letzten schlimmen Zeit. Marianne wei nichts davon und soll nichts davon
erfahren. Sie ist ein schwaches Weib, die Weiber verstehen nichts vom Gelde und
was fr eine Wrde es hat, wenn es mit so saurem Schwei erworben ist. In einer
Stunde der Not greift sie danach, und eh sie sich besinnt, ist's weg. Ich will
aber meinem Daniel den Eintritt ins Leben erleichtern, wenn er die Lern- und
Lehrjahre hinter sich hat. Er ist jetzt zwlf, also noch einmal zwlf, so Gott
will, und er ist ein Mann. Marianne kannst du mit den Zinsen aushelfen, und ich
verlange nichts anderes von dir, als da du schweigst und an dem Jungen
vterlich handelst, wenn ich nicht mehr bin.
    Jason Philipp Schimmelweis erhob sich und drckte Gottfried Nothafft gerhrt
die Hand. Du kannst dich auf mich verlassen wie auf die Bank von England,
sagte er.
    Das hab ich mir wohl gedacht, Schwager, und darum der Weg.
    Er zhlte dreitausend Taler in Reichsscheinen auf den Tisch, und Jason
Philipp stellte ihm eine Quittung aus. Dann drngte er in ihn, er mge doch die
Nacht ber im Hause bleiben, allein Gottfried Nothafft sagte, er msse wieder
heim zu Weib und Kind und habe von der verflossenen Nacht genug, die er in der
lrmenden Stadt zugebracht.
    Als sie in die Werkstatt zurckkehrten, sa Therese dort und hielt ihr
Erstgebornes, die dreijhrige Philippine, auf dem Scho. Das Mdchen hatte einen
groen Kopf und hliche Zge. Gottfried vergnnte sich kaum Zeit, der
Schwgerin Rede zu stehen. Spter erkundigte sich Therese bei ihrem Mann, was
Nothafft gewollt habe. Kurzangebunden versetzte Jason Philipp: Mannsgeschfte.
    Drei Tage darauf schickte Gottfried die Quittung wieder; auf ihre Rckseite
hatte er geschrieben: Was soll mir der Wisch, er knnt mich nur verraten. Ich
habe Wort und Handschlag von dir, selbes gengt. Mit Dank fr deinen
Freundschaftsdienst dein treugeneigter Gottfried Nothafft.

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Eh noch der Friede geschlossen wurde, legte sich Gottfried zum Sterben hin. Er
wurde in dem kleinen Kirchhof an der Mauer begraben, und ein Kreuz wurde
aufgerichtet.
    Jason Philipp und Therese waren zur Beerdigung gekommen und blieben drei
Tage bei Marianne wohnen. Die Hinterlassenschaftsprfung ergab zu Mariannes
Schrecken, da keine zwanzig Taler im Hause waren, und was sie vor sich sah, war
ein Leben der Not und des Kummers. Da waren Jason Philipps Ratschlge und
Anordnungen ein rechter Trost, und seine Erklrung, da er ihr nach Krften
beistehen wolle, beruhigte ihr Herz.
    Es wurde beschlossen, da sie einen Kramladen einrichten solle, und Jason
Philipp scho hundert Taler vor. Es hatte den Anschein, als sei Jason Philipp
ein gemachter Mann. Er trug den Kopf hoch, und seine runden Bckchen zeugten von
Wohlgenhrtheit. Er trommelte gern an die Fensterscheiben und pfiff dabei. Es
war die Marseillaise, die er pfiff, aber in Eschenbach wute man das nicht.
    Daniel blickte aufmerksam auf seine Lippen und pfiff die Weise nach. Da
lachte Jason Philipp, da sein Buchlein erbebte, dann sagte er, sich der
Trauerstimmung erinnernd: So ein Bengel.
    Der Knabe mifiel ihm jedoch. Der selige Gottfried scheint sich zu wenig um
ihn gekmmert zu haben, sagte er, als er einmal Zeuge einer Widerspenstigkeit
Daniels war, der Bursch braucht eine starke Hand.
    Daniel hrte diese Worte und sah dem Onkel hhnisch ins Gesicht.
    Am Sonntag nach der Vesper nahm das Ehepaar Schimmelweis Abschied, und
Daniel war nicht da. Die Frau des Ochsenwirts rief herber, sie habe ihn mit dem
Organisten in die Kirche gehen sehen. Marianne lief zur Kirche, um ihn zu holen.
Nach einer Weile kam sie zurck und sagte zu dem wartenden Jason Philipp: Er
sitzt bei der Orgel und ist nicht wegzubringen.
    Er ist nicht wegzubringen? fuhr Jason Philipp auf, und seine runden
Bckchen glhten vor Zorn, was heit denn das? Das lt du dir gefallen? Und
er ging selbst in die Kirche, um den Ungehorsamen zur Stelle zu schaffen.
    Als er in den Chor hinaufstieg, begegnete ihm der Organist und lachte. Sie
suchen wohl den Daniel? fragte er; der stiert noch immer die Orgel an und ist
wie verzaubert von dem bichen Spiel.
    Will ihm den Zauber schon austreiben, knurrte Jason Philipp.
    Daniel kauerte hinter der Orgel auf dem Boden und blieb beim Anruf seines
Onkels unbeweglich. Er war so versunken, da seine Augen einen Ausdruck hatten,
der Jason Philipp auf den Gedanken brachte, der Knabe sei vielleicht nicht recht
bei Verstand. Er packte Daniel bei der Schulter und herrschte ihn an: Komm mal
sofort mit mir nach Hause.
    Die Augen aufschlagend und erwachend und das entrstete Fauchen der fremden
Stimme vernehmend, ri sich Daniel los und erklrte frech, bleiben zu wollen, wo
er war. Jason Philipp geriet in Wut und suchte sich des Knaben neuerdings zu
bemchtigen, um ihn mit Gewalt hinunterzuschleppen. Da sprang Daniel zurck und
rief mit zitternden Lippen: Rhr mich nicht an!
    Ob es nun die Stille des Kirchenraums war, die mahnend und erschreckend auf
Jason Philipp wirkte, oder ob die auerordentliche Bosheit und Leidenschaft in
den Zgen des Knirpses ihn veranlaten, von seinem Vorhaben abzustehen, genug,
er drehte sich um und ging wortlos davon.
    Es ist hchste Zeit, die Post wartet schon, rief ihm seine Frau entgegen.
    Ein hbsches Frchtchen ziehst du dir auf, sagte er mit finsterem Gesicht
zu Marianne; an dem wirst du noch was erleben.
    Marianne blickte zu Boden. Die Worte trafen sie vorbereitet. Die Wildheit
und Verstocktheit des Knaben, das selbstschtige Beharren auf seinen
Einbildungen, seine Hrte, seine Ungeduld und die Verachtung jeder Regel, dies
alles ngstigte sie sehr. Es wollte ihr scheinen, als ob das Schicksal etwas von
dem trichten und qulenden Ha, den sie whrend der Schwangerschaft genhrt, in
das Gemt des Kindes habe flieen lassen.

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Jason Philipp Schimmelweis verlie das dstere Kellerloch am Kornmarkt, mietete
einen Laden an der Museumsbrcke und erffnete eine Buchhandlung. Das Ziel
jahrelanger Wnsche war erreicht.
    Es wurde ein Gehilfe aufgenommen, und Therese sa den Tag ber an der
Ladenkasse und lernte Geschftsbcher zu fhren.
    Als sie ihren Mann gefragt hatte, woher er das Betriebskapital genommen,
hatte er erwidert, ein Freund, der zu seiner Tchtigkeit Vertrauen geschpft,
habe es ihm gegen mige Verzinsung geliehen. Den Namen des Freundes zu
verschweigen, sei ihm zur Pflicht gemacht worden.
    Therese glaubte ihm nicht. Ihr Geist war voll dunkler Befrchtungen. Sie
grbelte unablssig und wurde wachsam und mitrauisch. Sie forschte insgeheim
nach dem namenlosen Helfer und fand keine Spur von ihm. Wenn sie hin und wieder
Jason Philipp zur Rede stellte, schnauzte er sie bse an. Von einer
Zurckerstattung des Geldes und von Zinsenzahlung wurde nicht gesprochen, auch
wiesen die Geschftsbcher keine Eintragung der Art auf. Sie htte an
Wichtelmnnchen glauben mssen, um sich ihrer die Jahre berdauernden
Besorgnisse entschlagen zu knnen. Aber sie glaubte nicht an Wichtelmnnchen.
    Die Natur hatte sie weder mit Frhlichkeit noch mit Sanftmut begabt; unter
dem Druck des unlsbaren Rtsels wurde sie eine verdrossene Gattin und eine
launenhafte Mutter.
    Wenn Ruhe im Laden war, nahm sie bald dies, bald jenes Buch zur Hand und
las. Einen Mrderroman etwa; oder einen schwatzhaften Traktat ber geheime
Laster. Womit sollte ein Publikum angelockt werden, dem das Bcherkaufen als
eine sndhafte Verschwendung galt? Sie las ohne sonderliche Lust, nur mit einer
mrrischen Art von Wibegierde Enthllungen ber das Leben an Frstenhfen und
gedruckte Verrtereien aller mglichen Spione, Abenteurer und Halunken. Unbewut
gewhnte sie sich daran, die Welt, in die ihr Blick nicht gelangen konnte, nach
Bchern zu beurteilen, in denen sich die Ausgeburten verpesteter Gehirne
Wahrheit anmaten.
    Aber als sich mit den Jahren der Wohlstand im Brgertum hob, verlie Jason
Philipp Schimmelweis die lichtscheue Sphre seines Gewerbes. Er war ein Mann,
der die Zeit verstand, und er hite die Segel, wenn er sicher war, da gnstiger
Wind sie schwellen wrde. Er vertraute sein Boot der immer mchtiger werdenden
Strmung der proletarischen Parteien an und hoffte dort Profit zu machen, wo
halb und halb sein Herz war. Er zeigte dem Brger die Rebellenstirn und bot dem
Arbeiter die biedere Rechte. Man mute nur einen Weg nach oben finden. Mancher
unbedeutende Krmer konnte jetzt seine muffigen Stuben mit einer Villa in der
Vorstadt vertauschen, die er mit pomphaften Mbeln ausstattete, und seine Shne
ins Ausland schicken.
    Da erwachte auch die alte Reichsstadt aus ihrem romantischen Schlummer.
Hatten die erhabenen Kirchen, die schngeschwungenen Brcken und verwinkelten
Huser ehedem ein sinnreich Lebendiges gebildet, so waren sie jetzt nur noch
berbleibsel, und Burg und Wlle und die gewaltigen Rundtrme wurden zu Ruinen
einer glcklich berstandenen Zeit der Trume. Schienen wurden durch die Straen
gelegt und verrostete Ketten, an denen unfrmliche Laternen aufgehngt waren,
vom Eingang enger Gchen entfernt. Fabriken und Schlte umgaben das ehrwrdige
und pittoreske Weichbild wie ein eiserner Nahmen das Gemlde eines alten
Meisters.
    Der moderne Mensch mu Luft und Licht haben, sagte Jason Philipp
Schimmelweis und klimperte mit dem Geld in seiner Hosentasche.

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Daniel besuchte das Gymnasium in Ansbach. Er sollte nur die Berechtigung zum
einjhrigen Heeresdienst erwerben und dann in eine kaufmnnische Stellung
eintreten. So hatte es Jason Philipp mit Marianne ausgemacht.
    Er zeigte nur geringen Eifer. Die Lehrer schttelten die Kpfe ber ihn. Ein
so beschaffenes Wesen hatten sie trotz ansehnlicher Welterfahrung noch nicht
kennen gelernt. Das Brllen einer Kuhherde und der Lrm des Spatzenvolks fanden
ihn williger lauschend als die bewhrtesten Leitstze der Grammatik. Viele
hielten ihn fr dumm, einige andere fr tckisch. Seinen Weg durch die Klassen
machte er, obgleich mit Not, durch eine wunderbare Fhigkeit des Erratens und in
besonders kritischen Momenten durch die Hilfe und den Frspruch des Kantors
Spindler.
    Die Familien, bei denen er die Wohltat des Freitisches geno, beklagten sich
ber seine schlechten Manieren. Die Gerichtsrtin Hahn hatte ihm wegen einer
flegelhaften Antwort das Haus verboten. Habenichtse mssen demtig sein, rief
sie ihm zu.
    Kantor Spindler war. ein Mann, der mit Fug von sich behauptete, da er zu
Grerem bestimmt gewesen, als in einer Kreisstadt zu versauern; seine weien
Locken umrahmten ein Gesicht, welches durch die Melancholie um den Untergang von
Idealen und Illusionen geadelt wurde.
    An einem Sommermorgen hatte er sich mit der frhen Sonne erhoben und war
ber Land gegangen. Wie er nun beim Dorf Dautenwinden an die erste Scheune kam,
sah er eine Musikantengesellschaft, die am Abend vorher und bis in die Nacht zum
Tanz aufgespielt hatte und nun, aus dem Heu sich erhebend, die Fasern von
Kleidern und Haaren strich. Und droben, unter dem offenen Giebel der Scheune,
lag Daniel Nothafft im Stroh und versuchte der Flte, um die er einen der
Musikanten gebeten hatte, mit vertiefter und hingegebener Miene eine Melodie
abzulocken.
    Der Kantor blieb stehen und schaute hinauf. Die Musikanten lachten, aber er
nahm an ihrer Heiterkeit keinen Teil. Es dauerte lange, bis der ungeschickte
Fltenblser ihn gewahrte, dann kletterte er herunter und wollte sich mit einem
scheuen Gru davonstehlen. Der Kantor trat ihm in den Weg. Sie gingen zusammen,
und Daniel erzhlte, da er sich seit dem gestrigen Nachmittag von den
Musikanten nicht habe trennen knnen. Der Vierzehnjhrige vermochte es nicht
auszudrcken, aber es war, als habe ihn eine hhere Macht gezwungen, dieselbe
Luft mit Menschen zu atmen, die Musik machten.
    Von dem Tag an, drei Jahre lang, kam Daniel in jeder Woche zweimal zum
Kantor, der ihn aufs grndlichste in der Lehre von Kontrapunkt und Harmonik
unterrichtete. Diese Stunden hatten Beflgelung und Weihe. Der Kantor fand ein
eigenes Glck darin, eine Neigung zu nhren, deren Entfaltung ihm wie Lohn fr
viele Jahre echoloser Einsamkeit erschien. Die verzweifelte Leidenschaft, das
Aufbumen und dumpfwilde Rasen, die ihm sowohl aus dem Wesen wie auch aus den
ersten Kompositionsversuchen seines jungen Schlers entgegenschlugen, gaben sie
ihm gleich Anla zur Sorge, wollte er immer wieder durch den Hinweis auf die
hochruhenden Muster und Meister der Kunst beschwichtigen.
    Und so kam die Zeit, wo Daniel sein Brot verdienen sollte.

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Da fuhr der Kantor nach Eschenbach, um mit Marianne Nothafft zu reden.
    Marianne begriff ihn nicht. Beinahe htte sie gelacht.
    Sie hatte bisher unter Musik nichts anderes verstanden als das Gedudel eines
Leierkastens, den Gesang des Turnvereins oder den Marsch einer Militrkapelle.
Wollte er herumziehen und vor den Haustren fiedeln? Er war ein Verrckter in
ihren Augen. Sie prete die Hnde gegeneinander und hrte dem Kantor zu wie
einem Menschen, der nichtige Worte an ein groes Unglck verschwendet. Der
Kantor sah, da seine Macht so klein war wie seine Welt und mute unverrichteter
Dinge wieder gehen.
    Marianne schrieb an Jason Philipp Schimmelweis.
    Man sah es fast, wie Jason Philipp den rotbraunen Vollbart mit beweglichen
Fingern durchpflgte und spttisch mit den Augen zwinkerte; man hrte die ganze
Schrfe seiner norddeutschen Zunge, als er an Daniel schrieb: Hab nichts
anderes von dir erwartet, als da es dein innigster Wunsch ist, ein Tagdieb zu
werden. Mein lieber Junge! Entweder du parierst und entschlieest dich, ein
anstndiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden, oder ich ziehe
meine Hand von euch ab. Was dann das Los deiner Mutter sein wird, male dir
geflligst selber aus, denn vom Hering- und Pfefferverkaufen kann sie nicht
leben, wenn der Herr Sohn mitschmarotzt.
    Daniel zerri den Brief in unzhlige Teile und lie sie vom Fenster aus mit
dem Wind fortfliegen, indes seine Mutter weinte.
    Hierauf ging er in den Wald, irrte bis zum Abend herum und nchtigte in der
Hhlung eines Baumes.

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Es wre zu erzhlen von fortgesetzter Auflehnung, von lieblosen Worten hben und
drben, von Bitten und Klagen und fruchtlosen Vorstellungen und erbitterter
Wechselrede und erbittertem Schweigen.
    Und wie er flieht und zurckkehrt und wie trg er die Tage hingehen lt und
wie er durch die Landschaft strmt und an den Wassertmpeln liegt, wo das Gras
hochsteht, und wie er sich des nachts aus dem Schlaf erhebt und die Fenster
ffnet und der Ruhe flucht und den Wolken ihre Bewegung neidet.
    Und wie die Mutter ihm folgt, wenn er in die Kammer schleicht und das Ohr an
die Tr pret und hineintritt und die Kerze brennen sieht und zu ihm geht, an
sein Bett geht und vor seinen glnzenden Augen erschrickt, die sich bei ihrem
Nahen verfinstern. Und wie sie voll Erinnerung an ihre ersten Sorgen um ihn,
erwartend, da der Abend und der Anblick ihrer Schwche ihn willfhrig machen
wird, noch einmal bittet und fleht. Und wie er sie dann anschaut und gleichsam
innerlich zusammenstrzt und zu tun verspricht, was sie fordert.
    Wie er dann in Ansbach beim Lederhndler Hamecher auf den Warenballen sitzt,
im langen den Tor, oder auf den Stufen einer Kellertreppe, oder auf dem
Speicher und trumt, trumt, trumt. Und wie sich Herrn Hamechers nachsichtige
Verwunderung in Befremdung und dann in Entrstung verwandelt und er dem
Unbrauchbaren nach einem halben Jahr den Laufpa gibt.
    Wie dann Jason Philipp noch einmal Gnade fr Recht ergehen lt und einen
neuen Schauplatz mit neuen Menschen fr pdagogisch ersprielich hlt, schon um
Kantor Spindlers verhngnisvollen Einflu zu mindern. Wie von Bayreuth
gesprochen wird und wie niemand Daniels feuriges Erschauern bemerkt, weil ihnen
der Name Richard Wagners fremd ist und der Name des dortigen Weinhndlers Maier
vertraut. Wie er nach Bayreuth kommt, dem Jerusalem seiner Sehnsucht, und sich
zum Scheinflei zwingt, um nur bleiben zu drfen, wo Sonne, Luft und Erde, die
Tiere, der Kehricht und die Steine jene Musik aushauchen, von der Kantor
Spindler gesagt, da er sie wohl ahne, aber zu alt sei, um sie zu fassen oder zu
lieben.
    Und wie er ungeachtet seiner Bemhung, den Ntzlichen zu spielen, Notenkpfe
unter die Fakturen malt und in verlassenen Gewlben sonderbare Gesnge vor sich
hinbrllt und ein ganzes Fa mit Wein auslaufen lt, weil auf seinen Knien
aufgeschlagen die englischen Suiten liegen.
    Und wie er sich ins Festspielhaus zu einer Probe stiehlt, durch einen
beflissenen Wchter hinausgewiesen wird und dabei die Bekanntschaft von Andreas
Dderlein macht, der Professor an der Musikschule in Nrnberg ist und
unermdlicher Apostel des neuen Heilandes. Und wie Dderlein zu verstehen und zu
helfen nicht ungewillt scheint und viel Vergngen ber den urwchsigen
Enthusiasmus und die flammende Hingabe seines Schtzlings uert. Und wie
Daniel, berauscht von der allgemeinen und unverbindlichen Verheiung einer
Freistelle an der Schule des Professors bei Nacht und Nebel der Stadt den Rcken
kehrt und sich aufmacht, um zu Fu nach Eschenbach zu wandern; vor die Mutter
hinstrzt; sich frmlich hinwhlt vor ihr; bettelt; beschwrt; fast irre redet;
sie zu bewegen sucht, Jason Philipps Sinn zu ndern, ihr zu erklren sucht, da
sein Leben, seine Seligkeit, sein Blut und Herz an diesem einen Einzigen hngt,
und wie sie nun hart wird, die ehedem Gtige, steinhart und eiskalt, und nichts
versteht, nichts sprt, nichts glaubt, nur das Schreckliche seiner unheilbaren
Verstrung, so nennt sie es, empfindet.
    Von alledem wre zu erzhlen, aber es sind Ereignisse, so selbstverstndlich
in ihrer Folge wie da Funken und Rauch Produkte des Feuers sind; bestimmbar
jedenfalls, oft dagewesen und immer wieder in gleicher Weise wirkend.
    Es sind althergebrachte Vorurteile von Zigeunerhaftigkeit und Vagabundentum,
die in Mariannes Seele nisten, denn all ihre Vorfahren und ihres Mannes
Vorfahren haben sich im Handwerk redlich ihr Brot verdient. Sie sieht nicht ein,
was durch die Freistelle an Dderleins Anstalt gewonnen sein soll, da Daniel ja
nichts besitzt, um sein Leben zu fristen. Er hat beim Kantor Klavierspielen
gelernt, will sich auf dem Instrument vervollkommnen und mit dieser Fertigkeit
seinen Unterhalt erwerben. Sie schttelt den Kopf. Er spricht von der Gre der
Kunst, von der Beglckung, die ein Knstler geben, der Unsterblichkeit, die er
erringen knne, und da es ihm vielleicht vergnnt sei, etwas zu machen, was nur
Einer einmal zu machen imstande sei. Sie hlt es fr anmaenden Wahn und lchelt
verchtlich. Da wendet er sich in seinem Innern von ihr ab, und sie ist ihm
keine Mutter mehr.
    Als Jason Philipp Schimmelweis vernahm, was im Werke war, scheute er die
umstndliche Reise nicht und erschien in Mariannes Laden wie ein Racheengel.
Daniel frchtete ihn nicht mehr, weil er nichts mehr von ihm hoffte. Insgeheim
mute er lachen, als er den kurzen und kurzhalsigen Mann in seinem Grimm sah.
Dabei flackerten immer noch listige und spttische Lichter ber Jason Philipps
rotwangiges Gesicht, denn er hatte eine zu hohe Meinung von sich, um den
nichtswrdigen Schwrmereien eines Neunzehnjhrigen mit dem ganzen Gewicht
seiner Persnlichkeit entgegenzutreten.
    Whrend er mit funkelnden uglein sprach und das rote Znglein einige
widerspenstige Schnurrbarthaare von den beredten Lippen wischte, stand Daniel an
den Trpfosten gelehnt, hatte die Arme ber der Brust verschrnkt und
betrachtete bald seine Mutter, die stumm und altgeworden in der Sofaecke sa,
bald das lportrt seines Vaters, das ihm gegenber an der Wand hing. Ein
Jugendfreund Gottfried Nothaffts, ein Maler, der verschollen war wie seine
brigen Bilder, hatte es verfertigt; es zeigte einen Mann von ernster Haltung
und erinnerte an einen der frstlich aussehenden Zunftmeister des Mittelalters.
Da erkannte Daniel den Weg, der ihn durch die Geschlechterreihe dorthin gefhrt
hatte, wo er war.
    Und als er nun in Jason Philipps Gesicht schaute, glaubte er die Unruhe des
schlechten Gewissens darin wahrzunehmen. Der Mann handelte nicht aus einer
berzeugung, so schien es ihm, der Mann war von vornherein entschlossen, nicht
zu wollen. Und ferner schien es ihm, da nicht blo der eine Mann und sein
zufllig begrndeter Zorn, sondern da eine ganze Welt gegen ihn in Waffen stand
und zu seiner Verfolgung verschworen war. Er hatte keine Lust mehr, das Ende von
Jason Philipps oratorischer Leistung abzuwarten und verlie die Stube.
    Jason Philipp erblate. Tuschen wir uns nicht, Marianne, du hast eine
Schlange an deinem Busen genhrt, sagte er.
    Daniel stand vor dem Wolframs-Brunnen auf dem Platz und lie sich vom Purpur
der untergehenden Sonne bestrahlen. Ringsum glhten die Steine sowie die
gekreuzten Balken in den Husermauern, und die Mgde, die mit Wassereimern
kamen, blickten verwundert in die Lichtflle des Himmels. In dieser Stunde wurde
ihm die Heimat teuer. Als Jason Philipp den Platz betrat, an dessen Ecke die
Postkutsche harrte, war er bestrebt, von Daniel nicht gesehen zu werden, und
machte hinter ihm einen Bogen. Aber Daniel drehte sich um und heftete seine
Augen fest auf den eilig schreitenden und verbissen zur Seite schauenden Mann.
    So begibt es sich immer wieder. Und daran, da der Flchtling sich wendet
und dem Verfolger Schrecken einjagt, ist auch nicht viel Wunderbares.

                                       9


Daniel sah, da seines Bleibens bei der Mutter nicht war. Er konnte der Mutter
nicht auf der Tasche liegen. Sie war arm und vom Gutdnken eines tyrannischen
Verwandten abhngig. Den ungestmen Drang niederhaltend, zwang er sich zu khlem
Bedacht und setzte sich einen Plan. Es war notwendig zu arbeiten und so viel zu
verdienen, da er ber Jahr und Tag zu Andreas Dderlein gehen und ihn an sein
gromtiges Anerbieten mahnen konnte. Er studierte Zeitungsinserate und schrieb
Briefe. Eine Druckerei in Mannheim suchte eine Hilfskraft fr Korrespondenzen.
Da er sich mit dem niedrigen Lohn einverstanden erklrte, forderte man ihn auf,
zu kommen. Marianne gab ihm das Reisegeld.
    Drei Monate hielt er es dort aus, dann wurde ihm der Plage zu viel. Dann
schuftete er sieben Monate lang bei einem Baumeister in Stuttgart, dann vier
Monate bei der Kurverwaltung in Baden-Baden, dann sechs Wochen in einer
Zigarettenfabrik bei Kaiserslautern.
    Er lebte wie ein Hund. Aus Furcht vor Geldausgaben mied er jeglichen
Verkehr. Er war grenzenlos einsam. Vor Darben und Hungern wurde er mager wie ein
Strick. Die Wangen fielen ihm ein, und die Glieder schlotterten in den Gelenken.
Er nhte und flickte seine Kleider selbst, und um die Stiefel zu schonen,
nagelte er Hufeisen an die Abstze und breite Stifte in die Sohlen. Das Ziel
hielt ihn aufrecht; Andreas Dderlein winkte in der Ferne.
    Jeden Abend zhlte er die Summe, die er erspart hatte. Und als er endlich,
nach sechzehn Monaten der Entbehrungen, zweihundert Mark im Vermgen hatte,
glaubte er den groen Schritt wagen zu drfen. Nach seinen Berechnungen und dem
Mastab, den ihm sein bisheriges Leben geliefert hatte, meinte er von dem Gelde
fnf Monate zehren zu knnen, und im Verlauf dieser Zeit konnten sich ja neue
Quellen erschlieen. Er hatte viele Menschen kennen gelernt und viele
Verhltnisse erfahren, aber in Wirklichkeit hatte er nichts kennen gelernt und
nichts erfahren, denn er hatte in der Welt gestanden wie eine Laterne mit
verdecktem Licht. Da er, um zur Erwerbsarbeit tauglich zu bleiben, mit
ungeheurer Energie seinem Geist die angeborene Bettigung mit dem Hinweis auf
die Zukunft verwehrt hatte, befand sich nun sein Inneres in der Glut eines
Hochofens.
    Auf der Wanderschaft nhrte er sich von trockenem Brot und Kse, wie er es
gewohnt war. Aus den Bchern und Notenheften, die er besa, hatte er ein Paket
gemacht und es an das Nrnberger Bahnamt geschickt. Es waren Vorfrhlingstage,
und wenn das Wetter schn war, schlief er im Freien, wenn es regnete, kroch er
in einen Schuppen. Sein Bndel benutzte er als Kopfkissen, der verschlissene
Mantel schtzte ihn vor dem Nachtfrost. Nicht selten fand er freundliche
Aufnahme und eine Mahlzeit bei Bauersleuten; bisweilen auch schlo sich ihm ein
walzender Handwerksbursche an, aber seine Schweigsamkeit verscheuchte den
Weggenossen bald.
    Einmal kam er in der Nhe von Kitzingen zu einem vergitterten Park. Unter
einem Ahornbaum sa ein junges Mdchen in weiem Gewand und las in einem Buch.
Eine Stimme rief: Sylvia! worauf sich das Mdchen erhob und mit unvergelicher
Anmut der Tiefe des Gartens zuschritt.
    Sylvia, dachte Daniel, es klingt wie aus einer besseren Welt. Ihm graute vor
dem Los, drauen stehen zu mssen vor dem Gitter, das den Augen alles gab und
den Hnden alles versagte.

                                       10


Sein erster Gang war zu Andreas Dderlein. Es wurde ihm mitgeteilt, der Herr
Professor sei verreist. Zwei Wochen spter stand er wieder in dem alten Haus auf
der Fll. Nun hie es, der Herr Professor sei heute nicht zu sprechen. Sehr
entmutigt, doch um seiner Sache nichts schuldig zu bleiben, kam er nach drei
Tagen zum drittenmal und wurde empfangen.
    Er trat in ein berheiztes Zimmer, in welchem der Professor in einem
Lehnstuhl sa, sein Tchterchen, ein Kind von etwa acht Jahren auf den Knien und
eine stattliche Puppe im rechten Arm hielt. Die weien Ofenkacheln waren mit
bildlichen Darstellungen aus der Nibelungensage geschmckt, auf Tisch und
Sthlen lagen Notenhefte, die Fenster hatten Butzenscheiben, und in einer Ecke
befand sich allerlei Gestrpp, mit Pfauenfedern, farbigen Tchern und
chinesischen Fchern knstlich gruppiert, eine Zusammensetzung, die den Namen
Makartbukett trug und in der Mode war.
    Dderlein stellte das Mdchen auf die Erde, gab ihm die Puppe und richtete
sich zu seiner Riesengre auf, was ihm offensichtlichen Genu verschaffte. Sein
Hals war so dick, da das Kinn wie auf einer weien Gallertmasse ruhte.
    Er schien sich Daniels nicht zu erinnern. Stichworte muten die Flle seiner
Gesichte zerteilen, dann schlenkerte er mit einem Knallgerusch zwei Finger, zum
Zeichen, da sein Geist die gewnschte Haltestation erreicht hatte. Ja, ja! Ja
freilich; gewi, gewi, mein lieber junger Mann; aber wie denken Sie sich das
eigentlich? Gerade jetzt, wo alle Pltze so dicht besetzt sind wie eine
krumenbestreute Strae von Spatzen. Mglich, da man im Herbst darber sprechen
knnte. Ja, im Herbst, da liee sich die Angelegenheit erwgen.
    Eine Pause, die durch ein halbes Dutzend Hms den Charakter tiefsinnigen
Bedauerns erhielt. Und sei man denn echter Begabung so sicher? Habe man auch in
Betracht gezogen, da die Kunst mehr und mehr zum Tummelfeld fr die Unreifen
und Gescheiterten werde? Gar zu schwer seien die Schafe von den Bcken zu
scheiden. Und schlielich, die Begabung vorausgesetzt, wie verhalte es sich denn
mit der moralischen Kraft? Es sei doch unbestreitbar, da darin der Kernpunkt
der Frage zu suchen sei; oder nicht? Habe man eine andere Meinung darber?
    Wie im Nebel gewahrte Daniel, da das kleine Mdchen an ihn herantrat und
ihn mit einem seltsam prfenden, seltsam ungerhrten Blick betrachtete. Beinahe
htte er die Hand ausgestreckt, um die Augen des Kindes zuzudecken, dessen Art
ihm in einer geisterhaften Vorahnung unheimlich war.
    Es tut mir herzlich leid, da ich Ihnen keine trstlicheren Aussichten
erffnen kann, tnte wieder die lige und von ihrem eigenen Klang freudig
gehobene Stimme Andreas Dderleins an sein Ohr, aber wie gesagt, vor dem Herbst
ist nichts zu hoffen. Lassen Sie mir jedenfalls Ihre Adresse hier. Schreiben Sie
Ihre Adresse auf diesen Zettel. Oder nicht? Wie Sie wollen. Adieu, junger Mann;
adieu.
    Dderlein geleitete ihn bis zur Tre, kehrte hierauf zu seiner Tochter
zurck, nahm sie wieder auf die Knie, die Puppe wieder auf den Arm und sagte:
Die Menschen, meine liebe Dorothea, sind ein armseliges Geschlecht. Vergleiche
ich sie mit den Spatzen auf der Landstrae, so tue ich, scheint mir, den Spatzen
wenig Ehre an. Hach, du lieber Gott! Schreibt nicht einmal seinen Namen auf den
Zettel. Gekrnkt! Ei, ei, ei,! Ihr komischen Menschen, ihr! Schreibt seinen
Namen nicht; ei, ei, ei!
    Er summte das Walhalla-Motiv, und Dorothea beugte sich ber die Puppe und
kte kokett lachend deren Wachsgesicht.
    Daniel, vor dem Hause stehend, bi die Lippen zusammen wie ein Fiebernder,
der seine Zhne am Klappern verhindern will. Warum, fragte ihn die tiefe Seele,
warum bist du in ihren Schreibstuben gesessen und hast die Zeit vertan? Warum
hast du fr jene deinen Leib gemartert und mir die Flgel gebunden? Warum warst
du taub gegen mich und wolltest Frchte sammeln, wo nur Steine sind? Warum bist
du feig vor deinem Schicksal geflohen in ihre Schreibstuben, zu ihren
Warenhusern, zu ihren Geldschrnken, zu ihrer traurigen Geschftigkeit? Nur um
dieser Stunde willen? Armer Narr!
    Nie mehr, Seele, antwortete er, nie mehr.

                                       11


Anfangs hatte Marianne hie und da eine kurze Nachricht von Daniel erhalten. Dies
geschah immer sprlicher; im zweiten Jahr schickte er ihr blo zu Weihnachten
ein paar Zeilen.
    Um die Zeit, als er seine letzte Arbeitsstelle verlie, schrieb er auf einer
Postkarte, da er seinen Aufenthaltsort wieder einmal verndere, aber da er
nach Nrnberg ging, unterlie er ihr mitzuteilen. Frhling und Sommer
verflossen, da wurde ihr zwischen Furcht und Hoffnung schwankendes Gemt durch
einen Brief Jason Philipps grausam aus der Unentschiedenheit gescheucht.
    Er schrieb, Daniel treibe sich in Nrnberg herum; er habe ihn vor einigen
Tagen zuflligerweise unter den Mebuden auf der Insel Schtt gesehen, in einem
Aufzug, den zu schildern die Feder sich strube. Als er ihn stellen gewollt, sei
er verschwunden gewesen. Was ihn in die Stadt gefhrt, darber knne er, Jason
Philipp, keine Auskunft geben, aber es sei zehn gegen eins zu wetten, da wieder
ein ganz niedertrchtiger Streich zugrunde liege, denn der Bursche habe nicht
ausgesehen wie einer, der sich anstndig durchbringt. Er schlage Marianne vor,
zu kommen und bei der Razzia auf den Strolch zu helfen, man msse, ehe es zu
spt sei, verhindern, da der unbescholtene Name, den er trage, dauernd
verunglimpft werde. Als Reisebeitrag sende er hierzu fnf Mark in Briefmarken.
    Mittags hatte Marianne den Brief erhalten, hatte Laden und Haus
verschlossen, um zwei Uhr befand sie sich auf dem Ansbacher Bahnhof, und um vier
Uhr kam sie in Nrnberg an. Ihr Kfferchen in der Hand tragend, fragte sie sich
von Straenecke zu Straenecke nach der Plobenhofgasse durch.
    Therese sa hinter der Ladenkasse. Das braune Haar auf ihrem viereckigen
Bauernkopf war glatt frisiert. Zwanziger, der sommersprossige Gehilfe, war mit
dem Auspacken von Bchern beschftigt. Therese begrte die Schwester scheinbar
freundlich, verlie aber ihren Platz nicht, sondern reichte blo die Hand ber
das Tintenfa hinber und musterte Mariannes armselige Erscheinung, die
verschossene Mantille und das altmodische Stoffhtchen, dessen schwarze
Sammetbnder unter dem Kinn zur Masche geknpft waren.
    Geh einstweilen hinauf, sagte sie, unterhalte dich mit den Kindern, Rieke
soll deinen Koffer holen.
    Wo ist dein Mann? fragte Marianne.
    Bei einer Whlerversammlung, antwortete Therese mrrisch; sie knnen sich
ja nicht versammeln, wenn er fehlt.
    Jetzt trat ein Mann im Arbeitskittel in den Laden und fing an, mit leiser,
aber erregter Stimme auf Therese einzusprechen. Ich habe das Werk gekauft, das
Werk ist mein Eigentum, sagte der Mann, und wenn man mit der Rate mal
aussetzt, so ist das kein Grund, da man sein Eigentum verliert. Das sind
Praktiken, Frau Schimmelweis, Praktiken sind das.
    Was hat denn Herr Wachsmuth von uns bezogen? wandte sich Therese an den
Gehilfen Zwanziger.
    Schlossers Weltgeschichte, war die prompte Erwiderung.
    Da mssen Sie halt Ihren Vertrag lesen, sagte Therese zu dem Arbeiter, im
Vertrag ist alles festgesetzt.
    Das sind Praktiken, Frau Schimmelweis, Praktiken sind das, wiederholte der
Mann, als ob in diesem Ausdruck alles enthalten sei, was ihm an vernichtendem
Urteil zu Gebote stand; unsereiner will sich fortbringen, unsereiner will was
lernen; gut, denkt man, kaufst dir ein Buch, rckst um eine Charge hinauf in
deinen Kenntnissen. Gut, man geht zu einem Parteifreund, man geht zum
Buchhndler Schimmelweis, da ist man geborgen, denkt man. Fr schwere sechzig
Mark schafft man sich eine Weltgeschichte an, rackert sich die Raten vom Lohn
ab, und auf einmal, mir nichts, dir nichts, wenn man schon die Hlfte gezahlt
hat, soll man sein Eigentum wieder verlieren, weil man zweimal im Rckstand
geblieben ist. Das sind Praktiken, Frau Schimmelweis, Praktiken sind das.
    Lesen Sie Ihren Vertrag, sagte Therese, da ist jeder Punkt festgesetzt.
    Kein Wunder, da man dabei reich wird, fuhr der Arbeiter mit immer lauter
werdender Stimme fort und blickte zornig auf Jason Philipp, der mit
eingedrcktem Hut und kotbespritzter Hose eben zur Ladentr hereinscho, kein
Wunder, da man sich Huser kaufen und in Grundstcken spekulieren kann. Jawohl,
Schimmelweis, das sind Praktiken, und ich pfeif auf Ihren Vertrag. Von allen
Seiten hrt man's ja, wie Sie's treiben, was fr eine Fuchsfalle das ist mit den
Ratenzahlungen und wie Sie den Arbeiter bewuchern. Erst wird ihm die Bildung
angepriesen, und dann wird er geschrpft damit. Pfui Teufel!
    Nehmen Sie sich zusammen, Wachsmuth! rief Jason Philipp streng.
    Wachsmuth ergriff seine Kappe und schlug die Ladentre hinter sich zu.
    Marianne Nothaffts Augen liefen mechanisch ber die Titel einer Reihe
feuerfarbenen Broschren, die auf dem Tisch ausgebreitet waren. Sie las: Auf
zur Entscheidungsschlacht; Moderne Sklavenhalter; Dem Armen sein Recht;
Christentum und Kapitalismus; Die Verbrechen der Bourgeoisie. Obwohl ihr
diese Schlagworte nichts bedeuteten und nichts sagten, sprte sie in ihrer Brust
auf einmal wieder jenen alten, schon vergessenen Ha gegen die Maschine.

                                       12


La mir ein Butterbrot schneiden, Therese, befahl Jason Philipp, der Magen
kracht mir.
    Hast du denn im Wirtshaus nichts gegessen? fragte Therese mitrauisch.
    Ich war nicht im Wirtshaus. Jason Philipps Augen blitzten, und er
schttelte den Kopf wie ein Lwe.
    Da ging Therese, um das Butterbrot zu holen, und es war eigentmlich,
wieviel Argwohn und Widerspruch sie in die Langsamkeit ihres Schrittes zu legen
vermochte. Ihre Tochter Philippine kam aber schon mit dem Butterbrot ber die
Stiege herunter.
    Jetzt erst gewahrte Jason Philipp seine Schwgerin. Da bist du ja, wie
klein du dich machst, sagte er flchtig berrascht und reichte ihr die
rundliche Hand. Therese soll dir die Kammer unterm Speicher geben, da hast du
eine hbsche Aussicht auf die Pegnitz.
    Therese reichte ihm das Butterbrot. Er beroch es und runzelte die Stirn,
weil es so dnn bestrichen war, hatte aber nicht den Mut, sich tadelnd darber
zu uern. Er bi hinein, und mit vollen Backen wandte er sich neuerdings an die
schweigende Marianne.
    Na, dein Filius ist also wieder abgngig. Schne Geschichte das. Wird noch
im Zuchthaus enden, der saubere Herr. Das beste wre, ihn nach Amerika zu
spedieren, aber wie wir seiner habhaft werden sollen, ist mir noch unklar.
Polizeilich gemeldet ist er nicht, und ich wei eigentlich gar nicht, wozu du da
bist. War eine bereilung von mir, dich kommen zu lassen.
    Wenn ich nur wte, wovon er lebt, flsterte Marianne beklommen.
    Neulich hab ich irgendwo gelesen, fuhr Jason Philipp erzhlerbehaglich
fort, da aus einem zoologischen Garten eine Giraffe durchgebrannt war. Von
Giraffen hast du doch gehrt? Es sind langhalsige Vierfler, die sehr albern
und bockig sind. Das dumme Vieh war in einen Wald gelaufen und die Leute wuten
nicht, wie sie es fangen sollten. Da hing ein Wrter die Stallaterne vor seine
Brust und ein Bndel Heu auf den Rcken, und mit sinkender Nacht begab er sich
in den Wald. Die Giraffe erblickt kaum den Laternenschein, als sie neugierig
herzurennt. Der Mann dreht sich um, sie riecht das Heu, sie zupft und frit, der
Mann geht weiter, sie zupft und frit weiter, und so bringt er die Bestie wieder
in den Kfig. Was meinst du, knntest du nicht deinen Daniel, wenn ihn der
Hunger piesakt, auch mit ein bichen Heu wieder kirre machen? Denk mal drber
nach.
    Jason Philipp lachte vergngt und Zwanziger grinste. Dieser besa in seinem
Prinzipal eine Quelle des Witzes, und wenn er am Abend im Brleinhuter oder im
glsernen Himmel beim Bier sa, ergtzte er die Zechgenossen mit
Schimmelweisschen Geistesblten und fand vielen Beifall.
    Ein magerer Greis, der Glachandschuhe und einen Zylinderhut trug, betrat
den Laden. Es dmmerte, er hatte sich drauen vorsichtig umgesehen, nun ging er
eilig auf Jason Philipp zu und sagte mit einer gebrochenen Fistelstimme: Also,
was ist's mit den Neuigkeiten? Was haben wir Schnes? Er rieb sich die Hnde
und stierte unter dnnen, roten Lidern blde vor sich hin. Es war der Graf
Schlemm-Nottheim, ein Vetter des liberalen Parteihauptes, des Freiherrn von
Auffenberg.
    Stehe ganz zu Diensten, Herr Graf, sagte Jason Philipp, stramm wie ein
Unteroffizier, wenn er vom Hauptmann angesprochen wird.
    Er fhrte den Grafen in eine Ecke des Raums und sperrte einen schweren
Eichenschrank auf. In diesem lagen die vom Staatsanwalt verbotenen erotischen
Druckwerke, die nur unter der Hand und an verlliche Personen verkauft werden
konnten.
    Jason Philipp tuschelte, und der alte Graf whlte mit gierigen Fingern in
einem Bcherhaufen.

                                       13


Im finstern Treppenhaus erklomm Marianne die steile Stiege und lutete vor einem
Gitter. Sie mute der Magd sagen, wer sie war, auch den Kindern mute sie ihren
Namen nennen. Ihre stadtfremde Hflichkeit erweckte bei den Kindern ein
Gelchter. Die zwlfjhrige Philippine tat hochmtig und wackelte beim Gehen mit
den Hften. Alle drei hatten den viereckigen Kopf der Mutter und eine ksige
Gesichtsfarbe.
    Die Magd brachte das Kfferchen, dann kam auch Therese und half der
Schwester beim Auspacken. Mit ihrer spitzen und lieblosen Stimme stellte sie
viele Fragen, wartete aber nicht die Antwort ab, sondern berichtete von
Heiraten, Entbindungen und Todesfllen, die sich in der Stadt ereignet hatten.
Sie vermied es, dem Blick Mariannes zu begegnen, da sie sich Gedanken darber
machte, wie lange der Besuch der Schwester wohl dauern und welche Unkosten
daraus entstehen wrden.
    Von Daniel sprach sie nicht. Ihr Schweigen verurteilte ihn mehr als ihres
Mannes bissige Reden es taten. Sie hielt unerschtterlich an beinahe religisen
Vorstellungen der Gehorsamspflicht der Kinder gegen die Eltern fest und traute
Marianne nicht die Kraft zu, das Verbrechen an diesem heiligen Gebot zu ahnden.
    Als Marianne wieder allein war, setzte sie sich ans Fenster der Kammer und
sah traurig auf den Flu hinunter. Das gelbe Wasser glitt wellenlos dahin und
umsplte die Mauern der gegenberliegenden Huser. Sie konnte die Museumsbrcke
und die Fleischbrcke berschauen, und das Menschengewhl auf den Brcken
beunruhigte sie.
    Sie ging auf die Strae und blieb am Kopf der Museumsbrcke stehen. Sie war
der Meinung, jeder in der Stadt wohnende Mensch msse einmal hier vorberkommen.
Ihr aufmerksamer Blick durchforschte alle Gesichter, und wo ihm eins
entschlpfte, verfolgte er die in den Abend schwindende Gestalt. Es kamen immer
weniger Menschen, je spter es wurde.
    Des Nachts lag sie wach und lauschte den dumpf klingenden Schritten der
Sptlinge, und am andern Tag wanderte sie vom frhen Morgen bis in die Dmmerung
straauf, straab. Was sie sah, machte ihr das Herz schwer, die Menschen
erschienen ihr wie stumme Tiere, geplagt und bse, die engen Gassen raubten ihr
den Atem und der Lrm benahm ihr die Sinne.
    Aber sie wurde nicht mde, zu suchen.
    Am fnften Tag kam sie erst gegen zehn Uhr abends nach Hause und Therese,
die schon zu Bett gegangen war, schickte ihr einen Teller Linsensuppe. Whrend
sie ihn hungrig auslffelte, vernahm sie Schritte auf dem Flur, ein Klopfen an
der Tre, und Jason Philipp trat ein. Komm mal gleich mit mir, war alles, was
er sagte, aber sie begriff. Mit zitternden Hnden warf sie ein Tuch um die
Schultern, denn die Oktoberabende waren schon kalt, und folgte ihm schweigend.
    Sie gingen zur Adlergasse bergan, bogen in diese hinein, dann nach wenigen
Schritten in ein schmales und finsteres Gchen zur Rechten. ber einem Tor hing
eine Laterne, auf deren grnen Scheiben die Worte standen: Zum Jammertal. Grn
beleuchtet war auch die steinerne Treppe, die in den Keller fhrte, die Fsser
unten und der mit Bnken und Tischen versehene de Gastraum. Eine sauer
schmeckende Weinluft drang empor.
    Neben dem Eingang befand sich ein vergittertes Fenster. Dort machte Jason
Philipp halt und winkte Marianne zu sich hin.
    An den langen Tischen drunten sa eine wunderliche Gesellschaft, junge
Leute, wie man sie nirgends sonst in Husern und nur selten auf den Straen
sieht. Die Not schien sie zusammengeworfen, die Nacht aus ihren Schlupfwinkeln
gelockt zu haben; Schiffbrchige, die an verlassener Kste in eine Hhle
geflohen sind. Sie hatten lcherlich bunte Krawatten und traurig fahle Mienen,
und das grne Licht lie sie noch leichenhafter aussehen. Seit langem hatte kein
Haarknstler eines ihrer Hupter berhrt, seit langem kein Schneider Hand an sie
gelegt. So schienen sie in mehr als einem Betracht Verchter des Handwerks zu
sein.
    Zwei alle Kerle saen abseits, zwei Sufer, nicht in guten Umstnden, aber
einigermaen erstaunt ber die acherontische Sippe. Denn sie empfingen
schlielich doch am Samstag ihren Wochenlohn, und jene lebten sichtlich ohne
Lohn dahin, seit Jahren.
    In einer halbdunklen Ecke vor dem Klavier aber sa einer und hmmerte
gewaltig auf die Tasten. Er hatte keine Notenbltter vor sich, er spielte aus
dem Gedchtnis. Das Instrument rchelte; die Saiten schepperten klglich; die
Pedale chzten; doch der Spieler war so behext von seiner Produktion, da ihn
die Mngel der Materie wenig kmmerten. Wie sinnlos auch das Getse klang, die
schrill tobenden Akkorde, die wsten Aufschreie des Diskants, die gejagten
Triolen und brodelnden Tremolos im Ba, so gab doch die Ergriffenheit des
Spielers, die Ekstase und der erdferne Rausch, worin er sich befand, der Szene
eine Melancholie und eine Feierlichkeit, die des grnen Kellers und der
troglodytisch fahlen Zuhrerschaft nicht bedurft htte, um so zu wirken, wie sie
wirkte.
    Marianne hatte in dem Spieler sogleich Daniel erkannt. Sie mute sich am
Fenstergitter festhalten und die Knie gegen das Gesimse stemmen. Jason Philipp
galt nicht umsonst fr einen Mann von humoristischer Anlage; das Bild von Daniel
in der Lwengrube war zu verfhrerisch, und er raunte die Worte in Mariannes
Ohr. Aber das Fenster war offen und da sich das Musikstck eben zu einer Fermate
gesteigert hatte, drang seine Stimme bis hinunter und einige an der Tafelrunde
schauten hinauf. Marianne war unbesonnen; sie glaubte, der Vortrag sei zu Ende
und rief, matt und furchtsam: Daniel!
    Daniel sprang empor, starrte nach der Ruferin, sah Jason Philipps hhnisches
Gesicht, strzte zur Tr, zur Treppe und in drei Stzen die Treppe hinan.
    Er stand in der Torwlbung und seine Lippen wollten Worte rufen. Der
unselige Mensch, dachte Marianne, und ihr war, als knne sie das Wort, vor dem
sie zitterte, zurckzwingen in die Brust, in der es geboren wurde.
    Vergebens, das Wort wurde ausgesprochen. Er wolle die Mutter nicht mehr
sehen; er wolle mit sich selber und fr sich selber leben, er wolle frei sein,
er brauche niemand, er wolle frei sein.
    Jason Philipp schleuderte dem Frevler einen Blick der Verachtung zu und zog
Marianne mit sich fort. Noch an der Ecke des Gchens vernahmen sie die
aufgeregten Stimmen der Leute vom Jammertal.
    Am andern Morgen kehrte Marianne nach Eschenbach zurck.

                        Feinde, Brder, Freund und Maske



                                       1

Daniel hatte sich bei dem Brstenmachersehepaar Hadebusch eingemietet, auf dem
Jakobsplatz hinter der Kirche.
    Damals im Mrz war es noch recht kalt geworden, und Frau Hadebusch hatte
eine aberglubische Furcht vor Kohlen, die sie als Teufelsdreck bezeichnete.
Hinten im Hof war das Holzlager, davon nahm sie die Scheite, mit denen die fen
geheizt wurden. Aber diese Scheite waren teuer; htte Daniel das eiserne fchen
in seiner Mansardenstube mit so kostbarer Nahrung gespeist, so htte die
Monatsrechnung eine unerschwingliche Hhe erreicht. Er zahlte sieben Mark fr
die Stube und rechnete immer wieder, um seine Freiheit durch keinen vergeudeten
Groschen zu verkrzen.
    So sa er frierend bei seinen Bchern und Heften, bis endlich Frhlingswrme
durch die offenen Fensterluken zog. Die Bcher holte er sich gegen Entrichtung
von sechs Pfennigen fr den Band von einer Leihbibliothek am Knigstor. Achim
von Arnim und Jean Paul waren in jener Zeit seine Dichter; bei dem einen fand er
die Welt auen wunderbar geschmckt, bei dem andern innen.
    Mit dem Meldezettel Daniels, auf welchem er sich Musiker nannte, kam Frau
Hadebusch in die Wohnstube, die, wie alle Rume im Haus, wie fr Zwerge gebaut
war und, wie gleichfalls alle Rume, nach Leim und Laugenwasser duftete. Es
hatten sich dort, da es Feierabend war, Herr Francke und Herr Benjamin Dorn
niedergelassen, die Mieter des Mittelstocks, ferner der Sohn der Frau Hadebusch,
der schwachsinnig war und grinsend auf der Ofenbank hockte.
    Herr Francke war Stadtreisender fr ein Zigarrengeschft und galt bei den
weiblichen Dienstboten der Umgebung als ein gefhrlicher Herzensdieb; Benjamin
Dorn war Schreiber bei der Versicherungsgesellschaft Prudentia, gehrte einer
Methodistengemeinde an und stand wegen seiner gottgeflligen Lebensfhrung bei
allen respektablen Leuten in Respekt.
    Das Schriftstck wurde von den Herren eingehend und mit gerunzelten Stirnen
geprft, und Herr Francke uerte sich dahin, da ein Musiker, von dem man keine
Musik vernehme, mit nichten als Musiker zu betrachten sei.
    Wird die Bageige oder das Flgelhorn, oder was er sonst gelernt hat, ins
Pfandhaus getragen haben, sagte er geringschtzig; vielleicht kann er nur
trommeln, und das kann ich auch, wenn man mir eine Trommel gibt.
    Ja, eine Trommel mu man haben, um trommeln zu knnen, bemerkte Benjamin
Dorn; es ist jedoch die Frage, ob sich so ein Gewerbe mit den Grundstzen
christlicher Bescheidenheit vertrgt. Er legte den Finger an die Nase und fgte
hinzu: Es ist eine Frage, die ich, in aller Demut versteht sich, in aller Demut
verneinen mchte.
    Er hat gar keine Verwandten, sagt er, und gar keine Bekannten, jammerte
Frau Hadebusch mit einer Stimme, die klang, wie wenn man Rben auf einem
Reibeisen schabt, und gar keine Stellung und gar keine Aussichten und von
Stiefeln und Kleidern nichts, als was er auf dem Leibe trgt. Mein Lebtag hab
ich keinen solchen Zimmerherrn gehabt.
    Der Meldezettel flatterte auf den Boden, von wo ihn der schwachsinnige
Hadebusch junior aufhob, eine Tte daraus drehte und diese in den Mund steckte,
um Trompete zu blasen, eine Prozedur, bei welcher das wichtige Dokument
allmhlich aufgeweicht und so seiner Bestimmung entzogen wurde. Frau Hadebusch
hielt zu wenig von den polizeilichen Vorschriften, um sich in der Folge noch
einmal um ihre Vermieterinnenpflicht zu kmmern.
    Herr Francke nahm ein Paket schmieriger Karten aus der Tasche und begann zu
mischen. Frau Hadebusch kicherte gleich einer Hexe, wenn es im Kamin raschelt,
der Methodist bezwang seine frommen Skrupel und zhlte Pfennige auf das
Tischbrett, und der Stadtreisende stlpte die Rockrmel hoch, als sei er im
Begriff, einem Huhn den Hals abzuschneiden.
    Es dauerte nicht lange, so erhob sich ein mitnendes Geznke, da Herr
Francke zur Gttin Fortuna in einem etwas gewaltttigen Verhltnis stand. Der
alte Brstenmacher steckte den Kopf in die Tr und fluchte, der Schwachsinnige
blies trumerisch die papierene Trompete, und die vorhin so friedfertig gewesene
Gesellschaft stob wutschnaubend auseinander.

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Daniel wanderte zur Burg hinauf, an den Wllen entlang, ber die Brcken und die
Stege.
    Es war seine Jugend, die ihn die Nacht so lieben lie, da er die Menschheit
verga und sich wie allein auf der Erde erschien; die Jugend, die ihn den Dingen
mit Inbrunst berlieferte und ihn fhig machte, Melodien wie Geisterblumen um
alles zu flechten was sichtbar war; Melodien, die so zrtlich, so beredt, so
schwebend keine Feder jemals zu Papier gebracht hat und die dahinstarben, wenn
die Hand sich ihrer bemchtigen wollte.
    Aber es war auch die Jugend, die beim Blick auf gemtlich erleuchtete
Fenster sein Auge gehssig entzndete und mit Bitterkeit gegen die Zufriedenen,
die Gleichgltigen, die Fremden, ewig Fremden, nichts von ihm Wissenden seine
Brust erfllte.
    Er war klein und gro; klein vor der Welt, gro vor sich selbst. Er war ein
Gott, wenn die Tne aus ihm sprhten wie Funken von einem Ambo, und ein
Ausgestoener, wenn er im finstern Hof hinterm Stadttheater wartete, bis der
Schluchor der Oper Fidelio durch die Mauern zu ihm drang.
    Von berall her rauschten die Quellen, aus Kinderaugen und von den Sternen.
Es gab keine Grenze mehr, sein Tag war eine Wildnis, sein Hirn ein durstiges
Ackerfeld im Regen, seine Gedanken Sturmvgel, seine Trume Leben ber dem
Leben.
    Er nhrte sich von Brot und Obst, nur jeden dritten Tag erlaubte er sich ein
warmes Nachtessen in der Wirtschaft zum weien Turm. Da lauschte er manchmal
verstohlen der ungewhnlich klingenden Unterhaltung einiger junger Leute, und
brennend erwachte in ihm das Verlangen nach Aussprache mit Gleichgestimmten.
Aber als ihn die Brder vom Jammertal in ihre Mitte nahmen, glich er doch einem
Robinson oder Selkirk, den man von seiner Insel entfhrt.

                                       3


Benjamin Dorn hatte ein mitleidiges Gemt, und die Begierde, eine verlorene
Seele zu retten, verlieh ihm den Mut, Daniel Nothafft einen Besuch abzustatten.
Er humpelte mit seinem Klumpfu die krachende Stiege hinauf und klopfte
schchtern an die Tr.
    Kann ich Ihnen, mein Herr, vielleicht in christlicher Weise mit etwas
dienen? fragte er, nachdem er sich geschneuzt hatte.
    Daniel starrte ihn verwundert an.
    Ich knnte Ihnen, mein Herr, natrlich ganz uneigenntzig, in christlicher
Weise, zu einer Anstellung verhelfen. Bei der Prudentia gibt es mancherlei zu
arbeiten. Ich wrde sicher keine Fehlbitte bei Herrn Zittel tun. Herr Zittel ist
Bureauchef, mein Herr. Auch beim Herrn Generalagenten Diruf stehe ich in Gunst.
Und mit Herrn Inspektor Jordan verkehre ich fast tglich. Herr Inspektor Jordan
ist ein uerst gebildeter Mann. Seine Tochter Gertrud ist von mir in
christlicher Weise erleuchtet worden. Sie hat Anteil an der Gnade erlangt, mein
Herr. Wenn Sie sich mir anvertrauen wollen, betreten Sie einen heilsamen Weg.
Ich bin immer bemht. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich sagen, da ich mit der
Bemhung geboren bin.
    Er sah aus wie ein Flickwerk aus belkeit, Trbsal und Gottgeflligkeit, und
sein Rockkragen war zerfranst.
    Lassen Sie's nur gut sein, entgegnete Daniel, Sie sehen ja, es geht mir
ganz ertrglich.
    Der fromme Versicherungsschreiber seufzte und wischte mit dem Handrcken ein
Trpfchen von seiner Nase. Beherzigen Sie, mein Herr, das Wort Salomonis:
Hochmut erniedrigt den Menschen, wer aber demtig ist im Geiste, erlangt Ehre.
    Ich will's beherzigen, sagte Daniel trocken und beugte sich wieder ber
das Notenblatt, an dem er schrieb.
    Benjamin Dorn seufzte abermals und humpelte wieder hinaus. Zu Frau Hadebusch
sagte er, mit dem Daumen emporweisend: Mutter Hadebusch, ich kann nicht anders,
ich mu mir in christlicher Weise das Herz erleichtern, - denken Sie sich -
    Jesus Maria, was tut er? Was treibt er? keuchte die Alte, ihren Besen
unter die Achsel schiebend.
    Der Tisch ist voller Papier, und das Papier ist mit lauter Geheimzeichen
bedeckt, so wahr ich hier stehe.
    Da schickte Frau Hadebusch, in Angst vor der Schwarzkunst des
Mansardenbewohners, ihren Gatten zum Revierkommissr. Dieser aufgeklrte Beamte
hie den Brstenmacher einen alten Schwtzer. Aus Verdru hierber begab sich
der Brstenmacher ins Gasthaus zum Ro und betrank sich und mute, es war eine
schne Mondnacht, von Benjamin Dorn heimgefhrt werden.

                                       4


Um Plrrer stand ein kleines Cafhaus, das Paradieschen mit Namen; darin war
alles winzig klein: der Wirt, die Kellnerin, die Tische, die Sthle und die
Portionen. Dort versammelten sich die Brder vom Jammertal, um die Gtter in den
Staub zu schleifen und den Weltbau zu zerstren.
    Dorthin lenkte Daniel seine Schritte.
    Er kannte den liliputanischen Raum, er kannte die verhungerten Gesichter. Er
kannte den Maler, der nie malte, den Schriftsteller, der nie schrieb, den
Studenten, der nicht studierte, den Erfinder, der nichts erfand, den Bildhauer,
der seine Kunst in einer Gipsgieerei verschwendete, den Schauspieler, der seit
vielen Jahren auf Urlaub war, und das halbe Dutzend armselige Philister, die
hierher kamen, um sich gruselnd zu ergtzen. Er kannte den jungen Freiherrn von
Auffenberg, der aus Grnden, welche niemand wute, mit seiner Familie zerworfen
war, und Herrn Carovius kannte er, der stets den Beobachter zu spielen schien,
geheimnisvoll dasa, schmachtend und ironisch vor sich hinlchelte und mit der
Hand ber das lange Haar strich, das ber dem Nacken in knstlichem
Gleichschnitt endigte.
    Er kannte die von den Schultern abgeriebenen Stellen an den Wnden, die
eingetrockneten Flecken auf der Politur der Tische, die Hirschhornknpfe auf der
Weste des Wirts und die rauchgeschwrzten Vorhnge an den winzigen Fenstern. Er
kannte das Geschrei, die tglich sich wiederholenden Worte, die anarchistischen
Windbeuteleien des Malers, den sie Krapotkin nannten, die philosophischen
Zynismen des Studenten, der sich als Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts
fhlte und auf fnfundzwanzig verbummelte Semester wie auf ebensoviele
siegreiche Schlachten zurckblickte.
    Die interessanteste Erscheinung war Herr Carovius.
    Er war ein belesener Mann; auch auf die Musik verstand er sich grndlich,
viele seiner Bemerkungen verrieten es. Er war ein Schwager von Andreas
Dderlein, doch schien er diese Verwandtschaft nicht mit freundlichen Augen zu
betrachten, denn sobald irgendwer von Andreas Dderlein sprach, verzerrte sich
seine Miene, und er rckte zapplig auf seinem Stuhl herum. Er war eine
undurchschaubare Persnlichkeit, und htten ihm nicht schon seine Jahre eine
gewisse Achtung verschafft, er war fnfundvierzig, so htte es der boshafte Hohn
getan, mit dem er die Menschen betrachtete. Die Leute sagten, er besitze viel
Geld; wurde ihm dies hinterbracht, so beteuerte er mit grlichen Eiden seine
Armut. Aber da er keinen Beruf hatte und sich einem Miggang hingab, der
geheimnisvoll wirkte wie alles an ihm, hielt man ihn in diesem Punkt, trotz der
Eide, fr unzuverlssig.
    Wer ist denn der spindeldrre Quack dort? fragte Herr Carovius, auf Daniel
deutend, den Bildhauer Schwalbe. Er kannte Daniel lngst, doch behagte es ihm
bisweilen, den Neuling zu spielen.
    Der Bildhauer sah ihn unwillig an.
    Einer, der noch an sich glaubt, erwiderte er finster. Einer, der im
Drachenblut der Illusionen gebadet hat und unverletzlich ist wie Jung-Siegfried.
Er ist berzeugt, da alle, die da ringsherum in ihren Husern schlafen, von
seiner knftigen Gre trumen und den Lorbeer fr ihn schon beim
Grnzeughndler bestellt haben. Er wei nicht, da ihnen nur ihr Mittagessen
heilig ist, da sie Bier trinken, wenn die Schalmeien erklingen, und ghnen,
wenn der Sinai flammt. Er ist erfllt von sich, das gengt ihm, und er sammelt
Honig. Die Biene will nur Honig, und findet sie keine Blten, so schwirrt sie um
den Mist. Wie Figura zeigt. Prosit Nothafft, schlo er und erhob sein Glas
gegen Daniel.
    Herr Carovius lchelte schmachtend. Nothafft, meckerte er, Nothafft!
Hbscher Name, aber nicht fr Walhall, eher fr das Firmenschild eines
Schneiders. Hach, du lieber Gott! Der Knochen, an dem jetzt die jungen Leute
kiefen, ist zu meiner Zeit noch voll Fleisch gewesen.
    Dann heftete er, den Zwicker fester auf die Nase setzend, seine Augen
ehrfrchtig blinzelnd gegen die Tr, durch welche, elegant, schlank und
mivergngt, der junge Eberhard von Auffenberg eintrat, der das Leben hier
suchte, wo andere es wegwarfen.
    In spter Nacht zogen die Brder durch die Straen und brllten die stillen
Huser an.
    Whrend das Gelchter und sinnlose Streiten an sein Ohr drang, vernahm
Daniel eine sanfte Stimme in Es-Moll, darunter schritten in gewaltiger Wucht
unerbittlich die Achtel einher; dann lste sich die Stimme in einen feierlichen
Akkord in Es-Dur auf, und dann war alles wie in die Tiefe des Meeres versunken.

                                       5


Gegen Ende des Sommers ereignete es sich, da Philippine, Jason Philipps
Tochter, ihrem siebenjhrigen Brderchen mit einem sogenannten Schnepper ein
Auge ausscho.
    Die Geschwister spielten im Hof, Willibald, der ltere Knabe wollte den
Schnepper haben, Philippine, die keinen Spa verstand, ri ihn roh aus seinen
Hnden, drckte den Stein auf das elastische Band, schnellte ihn mit ziemlicher
Kraft ab, der kleine Markus rannte dazwischen, ein Schrei lie die ahnungsvolle
Mutter von ihrem Zahltisch in den Hof strzen, sie sah, wie sich das Kind auf
der Erde wlzte, Jason Philipp lief, whrend Therese den Knaben in die Wohnung
hinauftrug, zum Arzt, aber es ntzte kein Eingriff mehr, das Auge war verloren.
    Philippine hatte sich versteckt. Ihr Vater fand sie endlich unter der
Kellerstiege. Er schlug sie so erbarmungslos, da die Hausgenossen herbeieilten
und ihm in die Arme fielen.
    Der kleine Markus war Thereses Lieblingskind. Sie konnte das Unglck nicht
verwinden. Was in ihrem Gemt schon lang geschlummert, wurde nun beharrlicher
Wahn; sie grbelte nach der Schuld.
    Bisweilen erhob sie sich des Nachts aus dem Bett, zndete die Kerze an und
schlurfte in ihren Pantoffeln durch die Zimmer. Sie leuchtete hinter die fen
und unter die Schrnke und drckte das Ohr lauschend an die Kammertr der Magd.
Sie sah in den Mausfallen nach, und wenn sich eine Maus gefangen hatte, konnte
sie sich von dem Anblick der unruhigen Angst des Tierchens nicht trennen.
    Eines Tages wurde Jason Philipp von einem ihm bekannen Schreinermeister auf
der Strae angehalten und gefragt, ob er keine alten Mbel zu verkaufen habe.
Jason Philipp erwiderte, er wisse nichts von dergleichen ausgedientem Hausrat,
schickte ihn aber gleichwohl zu Therese. Diese entsann sich, da auf dem
Dachboden seit vielen Jahren ein alter Sekretr stehe, fr den man vielleicht
ein paar Taler lsen knne, und ging mit dem Mann hinauf.
    Sie stie das kleine Holzfenster auf, und der Schreiner besah den Sekretr,
der nur drei Fe hatte und morsch und verfallen war. Dafr kann man nichts
geben, sagte der Schreiner und klopfte an dem Mbel herum wie ein Doktor an
einer Leiche; zwlf Groschen hchstens.
    Sie feilschten eine Weile und einigten sich schlielich auf sechzehn
Groschen. Der Schreiner ging fort, nachdem er versprochen hatte, am Nachmittag
einen Gesellen zu schicken. Therese war schon auf der Treppe, da fiel ihr ein,
man msse in den Schubfchern des alten Sekretrs nachsehen, ob nicht etwelche
vergessene Schriftstcke darin seien, und sie ging wieder hinauf.
    Im Staub einer Lade fand sie wirklich Papiere, und unter diesen Papieren lag
die Quittung, die Gottfried Nothafft vor zehn Jahren Jason Philipp
zurckgeschickt hatte. Und sie las im undeutlichen Licht die vertrauensvollen
Worte des Verstorbenen, und sie sah, da Jason Philipp dreitausend Taler
bekommen hatte.
    Sie las und sah und zerknitterte das Blatt. Sie schob es in die
Schrzentasche und schrie auf einmal mit gellender! Stimme: Geh fort,
Gottfried, geh fort!
    Sie ging hinunter und kam in die Kche, und bei der Anricht stehend, rhrte
sie mit dem Kochlffel geistesabwesend in einer Schssel, in der Eier auf Mehl
geschlagen waren. Rieke, die Magd, erschrak vor ihr und bekreuzigte sich.

                                       6


Als das Mittagessen vorber war, standen die Kinder auf, um sich zum Schulgang
zu bereiten. Jason Philipp zndete eine Zigarre an und zog die Zeitung aus der
Rocktasche.
    Hast du was gefunden fr den Schreiner? fragte er paffend.
    Fr den Schreiner was und fr mich was, lautete die Antwort.
    Wieso fr dich was? Was soll das heien?
    Es soll heien, was es heit. Ich hab ja immer gewut, das mit dem Gelbe
damals ist nicht mit rechten Dingen zugegangen.
    Mit was fr einem Geld, Frau? Sprich nicht in Rtseln mit mir. Mit mir mut
du ohne Hintertren reden, verstehst du mich?
    Mit Gottfried Nothaffts Geld, Jason Philipp, flsterte Therese.
    Jason Philipp beugte sich ber den Tisch. Hast du am Ende gar die alte
Quittung gefunden? fragte er mit weitaufgerissenen Augen, die alte Quittung,
nach der ich jahrelang gesucht -?
    Therese nickte. Sie nahm eine Haarnadel vom Kopf und stach sie in eine
Brotrinde. Jason Philipp erhob sich und ging, die Hnde auf dem Rcken, hin und
her. Inzwischen kam Rieke, die Magd, um den Tisch abzurumen. Sie verrichtete
ihr Geschft mit vielem Lrm und wenig Eile, und als sie fertig war, pflanzte
sich Jason Philipp vor Therese auf und stemmte die Arme in die Hften.
    Du denkst wohl, ich soll mich von dir ins Bockshorn jagen lassen, begann
er; da irrst du dich, meine Liebe. Verbelst du mirs vielleicht, da ich dir
und deinen Kindern eine menschenwrdige Existenz gegrndet habe? Und da ich
deine Schwester vor dem Armenhaus bewahrt habe? Du tust ja, als htt' ich das
Geld auf der Kirmes verjuxt. Gottfried Nothafft hat mir dreitausend Taler
anvertraut, jawohl, das hat er. Sein Wille war, da die Sache nicht in die
weiblichen Muler kommt. Sein Wille war, da das sauer erworbene Kapital Frchte
bringt, und nicht, da ich es dem Schandbuben zum Verludern gebe.
    Unrecht Gut gedeihet nicht, versetzte Therese, ohne den Blick zu erheben.
Mag's zehn Jahre lang so scheinen, im elften kommt die Rache des Himmels, wie
sich an unserm Markus zeigt.
    Du redest im Wahnsinn, Frau, schrie Jason Philipp, packte einen Stuhl und
stie ihn so heftig auf den Boden, da alles Geschirr im Zimmer klapperte.
    Thereses trotzige Bauernstirn wendete sich ihm furchtlos zu, und er hatte
ein wenig Angst. Was uns an Unglck ferner noch heimsuchen wird, verantworte
du, wenn du kannst, sagte sie mit tiefer Stimme.
    Hltst du mich fr einen Banditen, Frau? erwiderte Jason Philipp; meinst
du, ich will das Geld in die Tasche stecken? Kannst du dir nicht denken, da ich
hhere Zwecke verfolgen knnte? Solches geht wohl ber dein Begriffsvermgen.
    Was wren denn das fr Zwecke? fragte Therese mrrisch und mit zwinkernden
Augen.
    Hr mich an, fuhr Jason Philipp fort und setzte sich in lehrhafter Haltung
auf den zuvor mihandelten Stuhl; der Schandbube soll klein beigeben. Auf den
Knien soll er vor mir rutschen. Es ist nicht mehr so weit bis dahin. Ich habe
mich erkundigt, ich bin auf seiner Fhrte, ich wei, da er auf dem letzten Loch
pfeift. Er wird kommen, verla dich darauf, er wird kommen und winseln. Dann,
siehst du, nehm ich ihn zu mir ins Geschft. Und dann kommt es darauf an, ob
endlich ein brauchbarer Mensch aus ihm wird. Ist es der Fall, und bewhrt er
sich dauernd, na, so setz ich ihm eines Tages die ganze Geschichte auseinander
und biete ihm an, als Teilhaber in die Firma einzutreten. Du wirst zugeben, da
er damit ein gemachter Mann ist und da er das ohne weiteres einsehen und mir
die Hand kssen wird. Und spter dann, um die Beziehung noch fester zu knpfen,
werde ich ihn mit unserer Philippine verheiraten.
    Ein schiefes Lcheln glitt ber Thereses Gesicht. Mit Philippine, so so,
sagte sie eigentmlich singend, mit Philippine; die wird schwer unter die Haube
zu bringen sein, meinst du, und wer sie kriegt, hat an ihr genug. Das ist eine
gute Idee.
    Auf diese Art wird die Rechnung zwischen ihm und mir glatt, schlo Jason
Philipp, ohne den Hohn in Thereses Worten zu beachten, seine Ausfhrungen; der
Schandbube wird ein anstndiger Mensch, das Geld bleibt in der Familie, und
Philippine ist versorgt.
    Und wenn er nicht kommt, wenn er nicht auf den Knien rutscht, wenn du dich
verspekuliert hast, was dann? Ob Jason Philipp an das, was er sagte, selbst
glaubte, das wute Therese nicht. Sie hatte keine Lust, darber nachzudenken,
und sie blickte nicht in sein Gesicht, sondern blo auf seine Hnde.
    Dann ist immer noch Zeit, den Plan zu ndern, gab Jason Philipp rgerlich
zurck. Verla dich nur auf mich. Ich seh mir alles an, ich zhl mir alles aus,
ich kenne die Menschen, und ich irre mich nie. Mahlzeit.
    Damit ging er.
    Therese blieb noch eine Weile sitzen, die Arme ber der flachen Brust
verschrnkt. Als sie aufgestanden war und die Tr zu dem hofwrts gelegenen
Zimmer geffnet hatte, stockte sie auf der Schwelle, denn sie erblickte
Philippine, die am Fenster sa und mit einer Miene von verdachterweckender
Harmlosigkeit einen zerrissenen Strumpf stopfte.
    Was ist mit dir? fragte Therese betroffen, warum bist du nicht in die
Schule gegangen?
    Hab nicht knnen, hab Kopfweh, antwortete das Mdchen und zog an der
Nadel, da der Wollfaden ri. Struppig ber die Stirn hngende Haare verdeckten
das herabgebeugte Gesicht.
    Therese schwieg. Finster ruhte ihr Auge auf den geschftigen Fingern
Philippines. Es war zu vermuten, da das Mdchen alles gehrt hatte, was Jason
Philipp mit seiner lauten Stimme gesprochen; sie mute nicht einmal an der Tr
gehorcht haben. Am liebsten htte sie das hinterhltige Geschpf gezchtigt,
aber sie beherrschte sich und ging still hinaus.
    Philippine sandte ihr einen stechenden Blick nach, unterbrach jedoch ihre
Arbeit nicht und begann leise und wie herausfordernd vor sich hin zu trllern.

                                       7


Daniels Geldvorrat ging zu Ende. Die neuen Quellen, auf die er gehofft, waren
nicht zu entdecken. Er verschlo sich trotzig der Sorge, und wenn Furcht sich
melden wollte, fand er bei den Brdern Vergessen.
    Der Bildhauer Schwalbe hatte die Bekanntschaft der Zingarella gemacht, die
in den Reichshallen schlpfrige Couplets sang. Er lud die Brderschaft ein, ihn
zu begleiten.
    Die Reichshallen waren ein Rauchtheater niedrigster Sorte. Als sie hinkamen,
war die Vorstellung schon zu Ende. An vielen Tischen saen noch Leute. Der von
abgestandenem Bierdunst erfllte Raum glich einem dstern Schacht.
    Mit einer Gleichgltigkeit, als ob Menschen in ihren Augen um nichts besser
als Sthle seien, nahm die Zingarella zwischen dem Bildhauer und dem
Schriftsteller Platz. Sie lachte, und es war kein Lachen; sie redete, und die
Worte waren leer; sie streckte die Hand aus, und die Gebrde war tot. Sie
schaute keinen an, ihr Blick streifte nur. Sie hatte eine Art, mit dem Armband
zu rascheln, die Mitleid erweckte, und eine andere, nach platten Roheiten, die
sie geuert, den Kopf wegzuwenden, die den Rohesten stutzig machte. Ihr Gesicht
war von der Schminke verdorben, aber unter der Haut schimmerte etwas wie Wasser
unter dnnem Eise.
    Den verwsteten Mund hielt gewesene Anmut noch in wehem Bogen.
    Bisweilen war ihr ruheloses Auge bse sphend auf Daniel gerichtet, der
einsam an der unteren Schmalseite des Tisches sa. Um das Grauenvolle seiner
hochmtigen Fremdheit nicht spren zu mssen, htte sie viel darum gegeben, wenn
ihn einer vor ihre Fe geworfen htte. Sie sah, da er kein Weib kannte. Dieses
qulte sie so, da sie mit den Zhnen knirschte.
    Daniel fhlte den Ha der Zingarella nicht. Whrend er beklommen in ihr
Gesicht starrte, welches vom Laster und vom Schicksal gezeichnet war, baute er
innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, Gespielin eines Gottes. Der
Vorhang mit der gemalten Harlekinsfratze, der Akrobat und der Hundedresseur am
Nebentisch, die ber Gagen stritten, vier halbwchsige Kartenspieler hinter ihm,
ein dickes Weib, das auf einer Bank lag und mit einem roten Taschentuch ber den
Augen schlummerte, der Schriftsteller, der ber andere Schriftsteller schimpfte,
der Erfinder, der vom Perpetuum mobile erzhlte, das alles war pltzlich
versunken wie in die Tiefe des Meeres. Er stand auf und ging fort.
    Aber als er die schneebedeckte Strae vor sich sah und nicht wute, ob er
sich nach Hause wenden sollte, trat die Zingarella an seine Seite. Rasch,
flsterte sie, eh sie merken, da wir beisammen sind. Und so gingen sie wie
zwei Flchtlinge, die nichts voneinander wissen, als da sie beide arm und elend
sind, durch das nchtliche Schneegestber.
    Wie heien Sie? fragte Daniel.
    Anna Siebert hei ich.
    Vom Turm der Lorenzerkirche schlug es drei Uhr. Der Sebalderturm besttigte
es mit tieferem Schlag.
    Sie kamen an ein altes Haus und gelangten ber einen modrig riechenden,
finstern Gang in einen kellerartigen Raum. Anna Siebert zndete eine Ampel an,
die rote Scheiben hatte. An einigen Ngeln hingen bunte Gewnder der Soubrette,
auf der Tischdecke lag eine graue Katze und spann. Das Mdchen nahm sie auf den
Arm und liebkoste sie. Die Katze hie Zephir. Sie begleitete Anna Siebert
berallhin.
    Daniel warf sich auf einen Sessel und blickte in die Ampel. Die Katze Zephir
streichelnd, stand die Zingarella vor dem Spiegel an der Wand, und ohne sich
selbst zu gewahren, nur ins de des Spiegels schauend, erzhlte sie, der
Direktor habe ihr heute gekndigt, weil das Publikum mit ihren Leistungen
unzufrieden sei.
    Nennt man das Publikum, fragte Daniel, der seine Augen nicht von der Ampel
wandte, so wie sie die ihren nicht von der de des Spiegels, diese
Familienvter, die Seitensprnge machen, die Ladenschwengel, deren Blicke euch
die Kleider vom Leib reien, diesen Menschen-Unflat, vor dem Gott sein Angesicht
verhllt, nennt man das so?
    Der Direktor kommt in meine Garderobe, fuhr Anna Siebert tonlos fort,
wirst mir den Kontrakt hin und schreit, ich htte ihn beschwindelt. Wie soll
ich ihn denn beschwindelt haben? Ich bin ja keine erste Kraft mehr, der Agent
hat's ihm ja gesagt. Fr zwanzig Mark wchentlich kann man nicht wie die Patti
singen. In Elberfeld hab ich fnfundzwanzig gehabt, vor einem Jahr, in Zrich,
noch sechzig. Jetzt behauptet er, er braucht mir gar nichts zu zahlen. Wovon
soll ich aber leben? Man mu doch leben. Was, Zephir? flsterte sie der Katze
schmeichelnd zu und drckte die Wange auf das Fell, man mu doch leben.
    Sie lie die Arme fallen, das Tier sprang auf die Erde und buckelte. Das
Mdchen trat zu Daniel, sank auf die Knie und legte die Stirn auf seinen
Schenkel. Ich bin am Ende murmelte sie kaum hrbar, am Ende von allem.
    Der Schnee prasselte an die Fensterscheiben. Mit einem Ausdruck, als ob
seine Gedanken einander mordeten, blickte Daniel in die Ecke, aus welcher die
Katze Zephir mit gelbglhenden Augen herberblinzte. In seinem Gesicht bebten
die Muskeln, wie Fische beben, wenn man sie von der Angel reit.
    Und als er so kauerte, die Arme an den Leib gepret, die Schultern geduckt,
kam es wieder empor aus der Tiefe des Meeres: Zuerst ein hinstrmendes Arpeggio
in As-Dur, und darber, Ruhe gebietend, ein majesttisches Thema in
Sechzehntel-Dreiklngen. Mit einem Septakkord in Forte strzten sie zusammen.
Ein Ringen, ein Scheiden, ein Weiterwandern, und aus dem gedmpften Pianissimo
schwebte die sanfte Stimme in Es-Moll auf. O Stimme! O Menschheit! Die Achtel,
in ihrer unerbittlichen Wucht, schritten tiefer, whlender in den Ba,
hoheitsvoller trug es die gelste Stimme in den Es-Durakkord, und nun wurde
alles wahr! Was Schatten und Traum und Sehnen und Wollen gewesen wurde wahr. Er
selbst wurde wahr.
    Auf dem Heimweg deckte er die Hand ber das Gesicht, denn die Fenster der
Huser blickten ihn an wie die leeren Augen einer Dirne.

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Die Zingarella wute nicht, warum der fremde Mensch fortgegangen war. Es war ihr
gleichgltig. In ihr war jeder Schlag des Herzens ohne Kraft. Das einzige
Geschpf, durch welches sie sich an die Welt gebunden fand, war die Katze
Zephir.
    Eine Nacht und noch eine Nacht; ein Tag und noch ein Tag. Sprechen, wenn die
Menschen sich die Mhe gaben, zu fragen, lachen, wenn sie die unbegreifliche
Lust hatten, Gelchter zu hren; dies Kleid ber den frierenden Krper ziehen
und dann jenes; die Stunde abwarten, in der sie etwas Bestimmtes tun sollte; im
Bett liegen und sich vor der Finsternis frchten; des Unrechts gedenken, der
Schande und der Not; es war zuviel.
    Es kam ein Mann, und beim Morgengrauen ging er wieder fort, mischte sich
unter die brigen, und wenn sie erwachte, wute sie nicht mehr, wie er
ausgesehen hatte. Die Wirtin brachte Suppe und Fleisch, spter klopfte jemand an
die Tr, aber sie riegelte nicht auf. Sie war nicht neugierig, zu sehen, wer es
war; vielleicht der von der gestrigen Nacht, vielleicht ein anderer.
    Sie hatte keine Neugier und keine Hoffnung mehr. Ihre Seele war zergangen
wie ein Stck Salz im Wasser. Als sie am dritten Tage nach Hause kam, fand sie
die Katze Zephir tot neben dem Kohleneimer. Sie kniete nieder, betastete das
kalte Fell, zog die Stirne kraus, raschelte mit dem Armband und ging wieder
fort.
    Es war gegen Abend und die Luft voll Nebel. Sie ging durch beleuchtete
Straen und nachher durch unbeleuchtete. Sie ging durch Alleen kahler Bume und
ber stille Pltze. Der Schnee dmpfte ihren Schritt, und wenn er aufstubte,
blieb sie stehen, um Atem zu schpfen.
    Da gelangte sie zum Flu an einer Stelle, wo das Ufer flach war. Ohne zu
denken, ohne zu zaudern, als ob sie blind wre, als ob sie eine Brcke she, wo
keine war, ging sie ins Wasser.
    Sie sprte, wie das Wasser in ihre Schuhe eindrang, wie es die Beine nte,
wie die Kleider sich weich und eiskalt an den Leib preten, sie ging weiter. Die
Brust tauchte ein, der Hals tauchte ein, sie lie sich sinken, sie glitt hin,
seufzte schwer, lchelte, und lchelnd verlor sie das Bewutsein.
    Die Leiche wurde am anderen Tag aus Land gesplt, etwas auerhalb der Stadt,
und man brachte sie ins Schauhaus auf dem Rochuskirchhof.

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Der Bildhauer Schwalbe ging in einem Totenzug. Sein Bruderskind war gestorben,
und es wurde auf jenem Kirchhof begraben.
    Als er mit den andern am Schauhaus vorberging, gewahrte er durchs Fenster
eine Mdchenleiche. Nachdem das Kind zur Erde bestattet war, trat er dort ein.
Es standen ein paar Leute an der Leiche, und einer sagte: Es ist eine Sngerin
von den Reichshallen.
    Dem Bildhauer fiel der reine und schne Ausdruck im Gesicht der Ertrunkenen
auf. Er blieb lange Zeit ergriffen bei der Toten, dann ging er zum Verwalter und
bat um die Erlaubnis, eine Gipsmaske abnehmen zu drfen. Die Bitte wurde ihm
gewhrt, und ein paar Stunden spter kam er mit dem Handwerkszeug.
    Als er aber die Maske abgenommen hatte, da hielt er etwas Wunderbares in der
Hand. Es waren die Zge eines sechzehnjhrigen Mdchens, ein Antlitz voll
Sigkeit und bitterser Schwermut, und das Bezauberndste darin war das selige
Engelslcheln um den wehen Mundbogen. Es glich dem Werk eines groen Knstlers,
und den Bildhauer erfllte pltzlich die Sehnsucht nach seiner verlorenen Kunst.
    Trotzdem zwang ihn eine Woche spter die Not, die Maske an den Gieer in der
Pfannenschmiedsgasse zu verkaufen, bei dem er arbeitete, und der hing sie an den
Trpfosten seines Ladens.

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Im Dezember hatte Daniel kein Geld mehr, und er mute die Partitur der Bachschen
H-Moll-Messe verkaufen, die einzige Kostbarkeit, die er besa. Der Kantor
Spindler hatte sie ihm beim Abschied geschenkt, und jetzt mute er sie zum
Antiquar tragen und fr ein Bettelgeld dahingeben.
    Wenn er nicht den ganzen Tag im Bett liegen wollte, mute er, um sich warm
zu halten, durch die Straen laufen. In eine Wirtschaft zu gehen, verwehrte ihm
seine Armut, und deshalb kam er auch nicht mehr mit den Brdern vom Jammertal
zusammen. Deshalb und auch, weil ihm vor den Leuten ekelte.
    Eines Abends stand er vor der Egydienkirche und lauschte der Orgel, die
drinnen gespielt wurde. Der eisige Wind blies in seine Rockrmel. Als das
Orgelspiel aufhrte, ging er ber den Platz und lehnte sich an die Mauer eines
Hauses. Er fhlte sich sehr einsam.
    Da kamen zwei Mnner daher, die in das Haus gehen wollten, an dessen Tor er
frierend stand. Der eine der beiden war Benjamin Dorn, der andere war der
Inspektor Jordan. Benjamin Dorn redete ihn an, der Inspektor stand schweigend
daneben, whrend Daniel unfreundliche Antworten gab, und er schien den Zustand
des jungen Menschen lebhaft zu erfassen. Er lud Daniel ein, mit hinaufzukommen,
und Daniel folgte, bis ins Mark durchkltet und an nichts weiter denkend als an
einen warmen Ofen.
    So kam er in die Familie des Inspektors. Inspektor Jordan hatte drei Kinder,
die neunzehnjhrige Gertrud, die siebzehnjhrige Lenore und den fnfzehnjhrigen
Benno, der noch das Gymnasium besuchte. Seine Frau war tot.
    Von Gertrud hie es, da sie eine Frmmlerin sei. Sie ging tglich in die
Kirche und hatte eine heimliche Neigung fr die katholische Religion, worber
der Inspektor, als berzeugter Protestant, sehr betrbt war. Tagsber versorgte
sie den Haushalt, und wenn sie damit fertig war, sa sie an ihrem Stickrahmen
und stickte Dornenkronen, von Schwertern durchstochene Herzen und schmchtige
Engel fr eine berseeische Mission. Schweigend und mit immer gesenkten Augen
sa sie und stickte.
    Als Daniel sie zuerst sah, trug sie ein laubgrnes Kleid, das ber den
Hften mit einem geschuppten Grtel befestigt war, und ihre braunen, stark
gewellten Haare lagen offen auf den Schultern. So sah er sie dann stets, wenn er
ihrer gedachte, auch nach vielen Jahren so, im laubgrnen Kleid, mit
niedergesenkten Blicken, am Stickrahmen arbeitend und seiner Gegenwart
feindselig nicht achtend. Sie war wie etwas Finsteres im hellen Raum.
    Anders Lenore. Sie war wie eine Lampe, die durch finstere Rume getragen
wird.
    Seit dem Sommer war sie in der Generalagentur der Prudentia angestellt, denn
sie wollte sich ihr Leben verdienen. Ihren Worten nach zu schlieen bereitete
ihr die Arbeit dort Spa. Ihren Worten nach zu schlieen belustigte es sie,
Prmienquittungen zu schreiben, Briefmarken aufzukleben, Briefe zu kopieren und
viele Leute kommen und gehen zu sehen. Der fette Generalagent Diruf und der
magere Bureauchef Zittel gaben ihr Stoff zur Verwunderung, und wenn trbe Laune
heranschleichen wollte, drehte man sich auf der Schraube des Sessels im
Karussell, und alles war wieder gut.
    Sie schien ein Kind zu sein und war doch ganz Jungfrau. Auf dem blonden Kopf
trug sie das runde Pelzkppchen in vergngter Schiefheit, und wenn sie ins
Zimmer trat, war irgend etwas in der Atmosphre verndert, so da sie frischer
und angenehmer zu atmen war. Die Leute mibilligten es, da ihre Augen so
strahlend blau waren und da die erstaunlich geordnete Reihe weier Zhne
bestndig hinter den pfirsichhaft weichen Lippen blitzten. Sie sei ein leichtes
Blut, sagten die Leute; sie sei ein Schmetterling, sagten sie, und Benjamin Dorn
nannte sie eine vom Teufel der Sinnlichkeit besessene Kreatur, die an Putz und
irdischem Tand ihr Gengen finde. Es herrschte zwischen ihr und dem jungen
Freiherrn von Auffenberg seit kurzem eine Beziehung vertrauter Art; niemand
wute Genaues darber; aber als der Schnffler Benjamin Dorn, der zwei Menschen
verschiedenen Geschlechts nicht beisammen sehen konnte, ohne sich mitschuldig zu
fhlen an der groen Erbsnde, sie eines Tages in Gesellschaft des Freiherrn
erblickte, war sie in seinen Augen eine Verlorene.
    Es war mit Lenore so bestellt; das Leben kam ihr niemals ganz nah. Andern
kommt es dicht an den Leib, andere wrgt es und schleift es hin, ihr blieb es
fern, denn sie stand in der Mitte einer glsernen Kugel. Wenn sie Kummer hatte,
wenn schmerzlich unentschiedenes Gefhl an ihr nagte, wenn die Gemeinheit einer
niedern und verstrten Welt zu ihr herauflangte, da wurde die glserne Kugel nur
noch weitrumiger, und die Dinge, die an ihrer Peripherie schwirrten, noch
ungreifbarer.
    Man kann immer lcheln, wenn man in einer glsernen Kugel steht. Auch die
bsen Trume bleiben drauen, sogar die Sehnsucht ist nur wie rosiger Hauch, der
das Kristall des Gehuses von auen umdunkelt.
    Die Leute hatten eigentlich recht, wenn sie sagten: der Inspektor Jordan
erzieht seine Tchter wie Prinzessinnen. Beide waren der Gewhnlichkeit des
Lebens entrckt, die eine ins Finstere, die andere ins Helle.
    Und Daniel sah beide; sie waren ihm fremd wie er ihnen. Er sah auch den
Bruder, einen flinken, glatten, hochaufgeschossenen Jngling. Er sah das alte
Haus mit seinen morschen Stiegen und die Stuben mit ihren wuchtigen
Brgermbeln, und den Wechsel von Ruhe und Unruhe darin, das kleine, ungewisse,
hinaus- und zurckflieende Leben, und wenn er kam, unterhielt er sich nur mit
dem Inspektor, da er die Stunde wute, in der dieser zu Hause war. Sie sprachen
unverbindlich und allgemein; Daniel war verschlossen und der Inspektor voll
Takt. Und Gertrud sa am Tisch und stickte.
    Er kam und wrmte sich am Ofen. Bot man ihm ein Butterbrot an oder eine
Schale Kaffee, so schlug er es aus. Drngte man ihn, es doch zu nehmen, so
schttelte er den Kopf und machte ein Gesicht wie ein bser Affe. Daran war sein
Bauerntrotz schuld, die ungromtige Angst, irgend jemand etwas verdanken zu
mssen, und als die Not berwltigend wurde, kam er pltzlich berhaupt nicht
mehr.

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Die Not wuchs empor wie ein purpurner Schein. Es war fr ihn etwas Lcherliches
in der Tatsache: man schrieb das Jahr 1882, und er hatte nichts zu essen; er war
dreiundzwanzig Jahre alt und hatte nichts zu essen.
    Frau Hadebusch zeterte megrenhaft auf den Stiegen. Die Miete war
berfllig, und es fanden unheimliche Beratungen in der Wohnstube statt, an
denen ein Invalide vom Wespennest und ein Seifensieder aus der Kamerariusstrae
teilnahmen.
    In seiner Verzweiflung dachte er an den Militrdienst. Er ging in die
Kaserne, um sich zu stellen, wurde untersucht und wegen Schmalbrstigkeit
abgewiesen.
    Zuerst war der purpurne Schein. Noch als er auf dem Henkersteg stand und ins
Wasser schaute, wo kleine Eisschollen trieben. Aber als er den bedrngten Blick
erhob, sah er ein riesenhaftes Antlitz. Der ganze Himmel, der sich ber ihm
wlbte, war ein Antlitz, furchtbar entstellt durch Rache und Hohn. Man konnte
nicht entfliehen; im Innern der Brust wurde es dunkel, Bilder und Tne
zerflossen in einer schauerlichen Weise, als ob ein nasser Lappen darber
gewischt wrde.
    Im Weitergehen schien es ihm, wie wenn sich die Grlichkeit des Gesichtes
verringere, es wurde kleiner und milder; es war nur noch so grob wie die Fassade
einer Kirche, und nur noch in der Stirn verkndete sich Zorn. Da ging eine Frau
vorber, die Apfel in ihrer Schrze trug; beim Geruch der Frchte zitterte er,
aber er langte nicht hin, ihr einen Apfel zu nehmen, einen einzigen blo, er
hatte sich noch in der Gewalt, und da war das Antlitz nur noch so gro wie ein
Baumwipfel und hatte Zge des Erbarmens.
    Die Sonne stand am Himmel, der Schnee taute, in der Luft zwitscherten
Sperlinge. Durch die Pfannenschmiedsgasse wankend, blieb er pltzlich wie
angewurzelt stehen. Da war das Gesicht; krperhaft erblickte er es am Trpfosten
eines Ladens. Da es die Maske der Zingarella war, vermochte er nicht zu
erkennen, es war ja ein verwandeltes Gesicht, und wie htte er jetzt eine
Wirklichkeit fassen sollen? Er schaute von innen nach innen, das Ding auer ihm
war Vision, es verband das Firmament mit der unteren Erde, es war eine
Verheiung. Er htte sich auf das Pflaster hinwerfen und schluchzen mgen, denn
ihm war, als sei er gerettet.
    Der unvergleichlich hingegebene holde Schmerz im Ausdruck der Maske, die
Seligkeit unter den langbewimperten Lidern, das halb erloschene Lcheln um den
wehen Mundbogen, und etwas Geisterhaftes noch, ein Dasein fern von Tod und
Leben, all dies steigerte sein Gefhl zu aberglubischer Andacht, die ganze
Zukunft schien ihm vom Besitz der Maske abzuhngen, und ohne zu berlegen
strzte er in den Laden.
    Drinnen stand ein junger Mann, den der Gieer sehr respektvoll als Doktor
Benda anredete, und der etwa dreiig Jahre alt sein mochte. Der Gieer zeigte
ihm die gelungenen Abgsse einiger Figuren vom Tugendbrunnen, und es dauerte
ziemlich lange, bis er sich nach Daniel umdrehte und nach seinem Begehren
fragte. Mit rauher Stimme und einer trunkenen Geste bedeutete ihm Daniel, da er
die Maske haben wolle. Der Gieer nahm die Maske vom Pfosten drauen, legte sie
auf den Ladentisch und nannte den Preis. Er musterte den abgerissenen Anzug des
Kauflustigen, dachte, da ihm die geforderte Summe von zehn Mark zu hoch dnken
mochte, und wandte sich, um ihm Zeit zur berlegung zu geben, wieder an jenen
jungen Mann.
    Sie hatten eine Weile miteinander gesprochen, da schaute sich der Gieer um
und sah, da Daniel noch immer am Ladentisch stand. Mit halbgeschlossenen Augen
und verzogener Stirne stand er dort und hatte die linke Hand mit ihrer ganzen
Flche auf das Gesicht der Maske gelegt. Der Gieer tauschte einen verwunderten
Blick mit Doktor Benda, und der begriff in einer Regung ahnungsvoller Teilnahme
die Situation des ihm fremden Menschen, seine Armut, seine Verlassenheit; sogar
die Glut des Wunsches in ihm. Das Gefhl gewohnter Zurckhaltung sichtlich
bekmpfend, trat er auf Daniel zu und sagte ohne eine Spur von Gnnerhaftigkeit,
ernst, ruhig und schonend: Wenn Sie mir erlauben wollen, das Geld fr die Maske
auszulegen, bereiten Sie mir eine Freude.
    Daniel knirschte ein wenig mit den Zhnen, und sein Blick funkelte grnlich
auf. Aber das geistig erfahrene Gesicht des andern hatte einen Glanz von
Menschlichkeit, der ihn weich stimmte und unterwarf. Er lie es schweigend
geschehen, da Doktor Benda das Geld fr die Maske auf den Tisch legte.
    Als sie den Laden des Gieers verlassen hatten, Daniel hielt die eingepackte
Maske krampfhaft unterm Arm, fiel Benda die krperliche Zerrttung seines
Begleiters auf, und es bedurfte nicht vieler Fragen fr ihn, um die Ursache zu
erkennen. Er tat, als htte er noch nicht zu Mittag gegessen, lud Daniel ein,
ihm Gesellschaft zu leisten und ging mit ihm in die nahegelegene Wirtschaft zur
blauen Traube.
    Wie mit einem Zauberschlssel fhlte Daniel sein Inneres aufgeschlossen,
endlich ein hrendes Ohr, endlich ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus
Bergwerksschchten herauf, und als sie sich trennten, besa er einen Freund.

                             Der Nero unserer Zeit



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Der Anblick der Verkommenheit, den die lrmenden, schwrmenden Sumpfbrder vom
Jammertal boten, erhhte das Lebensgefhl des Herrn Carovius. Er hatte eine
liebenswrdige Neigung fr den Verkehr mit Menschen, die am Abgrund des Daseins
wandeln. Er trank dann immer viel Likr; am besten mundete ihm die Sorte, die
man Knickebein hie. Nach dem Genu des Likrs wurde er aufgerumt und wagte
khne uerungen, nicht nur auf erotischem Gebiet, sondern auch gegen die
Polizei und gegen die gttliche Vorsehung.
    Trippelte er aber in spter Nacht heimwrts, so war in seinem Gesicht ein
feiges, kleines Schmunzeln, das Anzeichen seiner inneren Rckkehr zur
Tugendhaftigkeit. Denn er betrog seinen Tag mit seiner Nacht.
    Er lebte von einer ansehnlichen Rente, und das Haus auf der Fll, in dem er
wohnte, war sein Eigentum. Es wurde den Fremden als sehenswert genannt und war
eines der ltesten und dstersten Gebude der Stadt. Insonderheit war der
zierliche Erker berhmt, und ber dem schngebogenen Tor prangte ein
patrizisches Wappen in Stein gebildet, zwei gekreuzte Speere mit einem Helm. Im
engen Hof befand sich ein Ziehbrunnen mit bemooster Umfassung, und die
Stockwerke hatten Holzgalerien mit kunstvollen Schnitzereien. Die Treppe war
breit, mit flachen Stufen und viermal geteilt; in ihrer Bewegung drckte sich
das behagliche Verweilen vergangener Jahrhunderte aus.
    In manchen Nchten erkannte Herr Carovius von fern die gewaltige Figur
seines Schwagers, des Musikprofessors Dderlein; diesem wnschte er nicht zu
begegnen, und er wartete an der Straenecke, bis der Lampenschein aus Dderleins
Fenster herableuchtete. In andern Nchten stie er mit dem Bewohner des zweiten
Stockwerks, dem Doktor Friedrich Benda zusammen. Da gab es ein eifriges
Hutabziehen und Bekomplimentieren, jeder wollte auf den Vortritt verzichten, und
die Artigkeit des jungen Mannes ntigte Herrn Carovius zu noch grerer
Artigkeit, bis er vor lauter Artigkeit plump und verlegen wurde und die Rede
verlor.
    Kam er aber allein und hatte mit dem riesigen Schlssel, den er in der
Manteltasche trug, das Tor aufgesperrt, so zndete er ein Wachskerzchen an,
hielt das Licht ber seinen Kopf und sphte vorsichtig in die Winkel des weiten
Flurs, ehe er seine erdgeschssige Wohnung betrat.

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Im Wirtshaus zum Krokodil hatte Herr Carovius seinen Stammtisch. An diesem
fanden sich zu Mittag regelmig ein: der Fiskalrat Korn, der Magistratsadjunkt
Hesselberger, der Postassistent Kitzler, der Apotheker Pflaum, der Uhrmacher
Grndlich und der Zuckerbcker Degen. Als Ehrengast erschien von Zeit zu Zeit
der Assessor Kleinlein.
    Es wurde ber die Nachbarn, die Bekannten, die Freunde und die
Berufsgenossen geklatscht. Der Klatsch durchlief die ganze Stufenleiter von der
harmlosen Anekdote bis zur giftigen Verleumdung. Kein Verhltnis war vor bler
Nachrede sicher, kein Ruf vor der Besudelung, an jedem Charakter war etwas
auszusetzen, jedes Haus hatte seine vor der Welt verschlossene Kammer.
    War das Mahl zu Ende, so entfernten sich die Herren, mit Ausnahme des Herrn
Carovius, denn fr ihn kam jetzt die wichtige Stunde der Zeitungslektre, nach
dem privaten Ohrenschmaus das Studium der Snden, der Lcherlichkeiten und der
Tragdien, die das Leben der Menschheit ausmachen.
    Tglich las er drei Zeitungen, ein heimisches Blatt, ein Berliner und ein
Hamburger Blatt. Tglich dieselben drei, und zwar von Anfang bis zu Ende, die
politischen Nachrichten, das Feuilleton und smtliche Inserate. Dadurch wurde er
vertraut mit den Fortschritten der Kultur, den Vernderungen im Staatsleben und
mit der Existenz der Aristokratie, der Bourgeoisie und des Proletariats.
    Es entging ihm nichts; weder die Mordtat in einem pommerschen Dorf noch das
auf dem Boulevard des Italiens verlorene Perlenhalsband; weder der Untergang
eines Dampfers in der Sdsee noch die vornehme Trauung in Westminster; weder die
Glosse ber neue Kleidermoden, noch die Niedermetzelung der von den Trken
geknechteten Armenier; weder der Tod eines groen Herrn noch die Notiz ber
einen aufgegriffenen Landstreicher.
    Doch ist anzumerken, da seine eigentliche Teilnahme nur den unglcklichen
Ereignissen galt. Denn er betrachtete die Welt blo im Hinblick auf die Kriege,
die Erdbeben, die Hagelschlge, die Orkane, die berschwemmungen, die
ffentlichen und huslichen Unannehmlichkeiten der Menschen. Freudige Vorflle,
wie Geburten, Ordensauszeichnungen, heldenhafte Handlungen, die Kunde von einem
Haupttreffer, einem erfolgreichen Werk, einer gelungenen Spekulation gingen ohne
Eindruck an ihm vorber, wenn sie ihn nicht gar verdrossen, hingegen haftete
sein Geist mit Vergngen an allem blen, Jmmerlichen, Traurigen und
Beklagenswerten, das auf dem Erdball oder im Sternenraum passiert und zu seiner
Kenntnis gelangt war.
    Sein Kopf war ein Magazin wster und schrecklicher Begebenheiten; von
Krankheitsgeschichten, Entfhrungen, Diebsthlen, Raubanfllen, Einbrchen,
Attentaten, Elementarkatastrophen, Seuchen, Lustmorden, Selbstmorden, Duellen,
Bankrotten und Familienzwistigkeiten.
    Hatte er seine Erfahrung um einige besonders kuriose und unerhrte
Geschehnisse vermehrt, so zog er sein Taschenbuch, merkte das Datum an und
schrieb: in Amberg hat ein Priester whrend der Predigt den Blutsturz bekommen;
oder: in Kotschinchina hat ein Tiger vierzehn Kinder gefressen, ist in den
Bungalo eines Ansiedlers gedrungen und hat der an der Seite des Gatten
schlafenden Frau den Kopf abgebissen; oder: in Kopenhagen hat eine ehemalige
Schauspielerin, eine neunzigjhrige Greisin, mitten auf dem Marktplatz den
Monolog der Lady Macbeth rezitiert, indem sie auf einen Gemsekorb stieg; dies
erregte solches Aussehen, da in dem Gedrnge des Volks mehrere Personen
zerquetscht wurden.
    Dann ging er in froher Laune nach Hause und gab auf der Strae den
Trstehern und Fensterguckern ihren Gru leutselig zurck.
    Bei jeder Feuersbrunst, die in der Stadt ausbrach, war er zugegen, und seine
in die Flammen gerichteten Augen hatten etwas Ergriffenes und Trunkenes. Er
summte leise vor sich hin, schaute verstohlen in die besorgten Gesichter der
Leute, machte sich bei den geretteten Habseligkeiten zu schaffen und drngte dem
Lschmeister seine Ratschlge auf.
    War irgendein Mann von Bedeutung gestorben, so versumte er nie, sich dem
Leichenbegngnis anzuschlieen. Er folgte dem Sarg bis ans Grab und verharrte
bei der Rede des Pfarrers mit gesenktem Haupt. Aber um seinen Mund zuckte es
sonderbar, als fhlte er sich verstanden und geschmeichelt.
    Und in der Tat, es schmeichelte ihm. Der Tod der andern, die Niederlagen der
andern, die Not der andern, die begangenen Verrtereien, die bergriffe der
Groen, die Bedrckung der Geringen, die Vergewaltigung des Rechts und die
Leiden, die tglich Tausende ertragen muten, alles dies schmeichelte ihm,
beschftigte ihn und wiegte ihn in eine se Empfindung von Sicherheit.
    Aber dann sa er zu Hause an seinem Klavier und spielte mit schwrmerischem
Augenaufschlag ein Adagio von Beethoven oder ein Impromptu von Schubert. Wenn in
einem Bachschen Oratorium die Chre erschallten, wurde er vor Entzcken bleich,
und er konnte Trnen vergieen beim Anhren eines kunstvoll gesungenen Liedes.
    Er liebte die Musik bis zur Abgtterei.
    Er war ein Kleinbrger mit entfesselten Instinkten. Er war ein Aufrhrer von
konservativer Haltung. Er war ein Nero ohne Diener, ohne Macht und ohne Land. Er
war ein Musiker aus Verzweiflung und aus Eitelkeit. Er war ein Nero unserer
Zeit.
    Der Nero unserer Zeit, in drei Stuben hausend; einsamer Hagestolz und
Bcherleser; mit dem Krmer Meinungen ber das Wetter tauschend; mit dem
Nachtwchter ber magistratische Verordnungen rsonierend; Wterich in jeder
Faser, heimlicher Henker; dem Schicksal die unwahrscheinlichsten Verknpfungen,
die zerstrendsten Gewaltakte ablauernd; bestndig auf dem Pirschgang nach
Unheil, Zank und Schndlichkeit; frohlockend ber alles Milingen und alle
Bedrngnis nah und fern; auf den innig ausgedachten Trmmern jedes
Zusammenbruchs, der sich ereignete, befriedigt verweilend und neben solcher
stillen Grausamkeit und Blutgier von einer qulenden Leidenschaft fr die Musik
erfllt, dieses war Herr Carovius, so war sein Leben.

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Neun Jahre lang hatte ihm seine Schwester Margaret die Wirtschaft gefhrt, von
ihrem fnfzehnten bis zu ihrem vierundzwanzigsten Jahr. Sie hatte sein Frhstck
bereitet, sein Bett gemacht, seine Wsche geflickt, seine Kleider gebrstet, und
er hatte nicht viel mehr von ihr gewut, als da sie gelbe Haare, eine Haut voll
Sommersprossen und eine furchtsame Kinderstimme besa. Sein Erstaunen war
grenzenlos, als eines Tages Andreas Dderlein, der den Sommer zuvor ins Haus
gezogen war, um ihre Hand anhielt, denn sie war fr ihn immer vierzehn Jahre alt
geblieben.
    Er stellte Margaret zur Rede. Mit einem Mut, den aufzubringen sie lang
gerungen hatte, erklrte sie, den Mann heiraten zu wollen. Du bist eine
schamlose Dirne, sagte Herr Carovius, getraute sich aber nicht, Andreas
Dderlein zurckzuweisen, und die Hochzeit fand statt.
    Eines Abends sa er bei dem jungen Paar. Andreas Dderlein war in guter
Laune, ging zum Klavier und schlug das Motiv des Hirten aus Wagners Tristan und
Isolde an.
    Da fuhr Herr Carovius empor wie gestochen und rief aus: La doch den faulen
Zauber, ich glaub ihn dir ja doch nicht.
    Wie meinst du das, Schwager? fragte Andreas Dderlein mit schmerzlich
geneigtem Kopf.
    Willst du mich vielleicht ber diesen Brunnenvergifter belehren? rief Herr
Carovius aus, und sein Gesicht zeigte eine Bosheit wie das eines Buckligen, wenn
man auf seinen Buckel deutet; wei der Herr Professor vielleicht genauer als
ich, wer er ist, dieser Richard Wagner, dieser Komdiant, dieser Jud', der sich
als germanischer Messias kostmiert, dieser Kakophoniker, dieser Verballhornist,
dieser Hfling, dieser Pulcinell, der sich lustig macht ber das ganze
genasfhrte deutsche Reich und Europa? Ja, ja, belehre mich nur, da bin ich, da
sitz ich, nur Mut, nur Mut! Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurck und lachte
in asthmatisch keuchenden Sten, wobei er die Hnde auf dem Bauch ruhen lie.
    Andreas Dderlein erhob sich zu seiner Gre, wippte auf den Fuspitzen und
blickte auf Carovius herunter wie auf einen Floh, den man zwischen zwei
Fingerngeln zerquetschen kann. Ei, ei, sagte er, wie interessant! So wahr
ich lebe, du bist eine interessante Erscheinung, Schwager Carovius, Aber wenn
man mir alles Gold der Welt bte, ich mchte nicht so ... interessant sein. Ich
nicht. Und du, Margaret, mchtest du so interessant sein?
    Es war etwas Zermalmendes in dieser berlegenheit, und das Gelchter des
Herrn Carovius verlor sich in ein gurgelndes Gekicher. Er ri die Augen hinter
den Zwickerglsern auf und hnelte einem jener fratzenhaften Wasserspeier, die
man an alten Brunnen sieht. Margaret aber, die Scheue, die nie sprach, ohne sich
kleiner zu machen und die Hnde zu verbergen, sah hilflos vom Bruder zum Gatten
und schlug die Blicke nieder vor beiden.
    War es Ha, was Herr Carovius gegen Andreas Dderlein empfand? Es war mehr
als Ha. Es war eine vipernhafte Erbitterung, mit der er an ihn dachte, an
seinen Namen, an sein Weib, an sein Kind, an den dicken Trauring an seinem
Finger und an die Gallertmasse seines dicken Halses. Seit jenem Abend besuchte
er die Schwester nicht mehr, und wenn Margaret sich ein Herz fate und zu ihm
kam, behandelte er sie mit verbissener Geringschtzung. Da lie sie ihn und ging
an seiner Tr vorber.
    Als das Kind geboren wurde und die Magd ihm die Nachricht brachte, schielte
er in die Ecke und kicherte. Ich la gratulieren, sagte er, es ist gut, da
sich die Dderleins fortpflanzen, da stirbt das Plsier in der Welt nicht aus.
    Mit den Jahren kam es, da die kleine Dorothea sich manchmal auf der Stiege
herumtrieb oder am Ziehbrunnen im Hofe sa. Da schaffte Herr Carovius einen
bsen Hund an, der den Namen Csar erhielt. Csar lag an der Kette, aber sein
Geknurr und seine tckischen Augen flten dem Kinde Furcht ein, und es mied die
huslichen Spielpltze.
    An einem Geburtstag des Herrn Carovius erschien, nach Jahren wieder,
Margaret mit ihrem vierjhrigen Tchterchen, und Dorothea sagte ein Gedicht auf,
das sie zu diesem Zweck hatte lernen mssen. Carovius schttelte sich vor
Lachen, als er das puppenhaft herausstaffierte und geziert redende Mdchen sah.
Meiner Treu, rief er, ich htte nie geglaubt, da so eine kleine Krte schon
so wacker quaken kann.
    Obwohl er von Frauen so wenig wute, da es schauerlich gewesen wre, den
Umfang dieses Nichtwissens auszumessen, sprte er doch, whrend Margarets
Antlitz strahlte, eine Lebensenttuschung in ihr, die sich betuben wollte und
die ihn entzckte.

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Um jene Zeit starb der Oberoffizial Becker, der seit achtundzwanzig Jahren den
zweiten Stock bewohnt hatte, und als neue Mietspartei zog Doktor Benda mit
seiner Mutter ins Haus.
    Carovius erzhlte das Ereignis am Stammtisch, und man konnte ihm dort
verschiedenes ber die Herkunft und das Leben Bendas berichten. Es wurde gesagt,
da die Familie frher reich gewesen, dieses Reichtums im Jahr des groen Krachs
verlustig gegangen und nun auf eine mige Wohlhabenheit beschrnkt war. Bendas
Vater habe sich damals erschossen, wurde gesagt, und seine Mutter habe ihn nach
den Hochschulen begleitet, an denen er studiert. Der Fiskalrat Korn wollte
gehrt haben, da er trotz seiner Jugend schon bedeutende wissenschaftliche
Arbeiten auf biologischem Gebiet geliefert, da ihn dies aber nicht ans Ziel
gefhrt habe.
    An welches Ziel? wurde gefragt. Nun, er habe nach der Professur gestrebt,
und dem sei man entgegengetreten. Warum denn entgegengetreten? Nun, man werde
doch nicht ohne weiters einem Juden das Lehramt an einer Universitt bertragen,
das verstehe sich doch von selbst. Das verstehe sich allerdings von selbst,
meinte Herr Carovius, obschon dieser Benda durchaus nicht wie ein Jude aussehe,
eher wie ein Hollnder, ein ziemlich fetter Hollnder. Er sei zwar nicht ganz
blond, aber auch nicht ganz schwarz, und seine Nase sei so gerade wie ein
Lineal.
    Eben, das sei ja der neue jdische Kniff, antwortete der Assessor und tat
einen gewaltigen Schluck aus seinem Makrug; in alten Zeiten htten sie den
gelben Fleck getragen htten Geiernasen gehabt und Haare wie die Buschmnner;
heute sei kein Christenmensch mehr sicher, da er nicht dem einen oder dem
andern gelegentlich mal aufsitze. Dem wurde zugestimmt.
    Herr Carovius legte sich auf die Lauer. Er sphte in den Gesichtern der
neuen Mieter und forschte nach ihrem Umgang. Er wute, wann sie abends das Licht
auslschten und am Morgen die Fenster ffneten. Er wute, wieviel Teppiche sie
besaen, wieviel Fleisch sie verzehrten, wieviel Kohle sie verbrauchten, wieviel
Briefe sie bekamen, welche Spaziergnge sie bevorzugten, welche Personen sie
grten und von welchen sie gegrt wurden. Zum berflu verschaffte er sich
alle Schriften, die von Friedrich Benda im Buchhandel erschienen waren und las
im Schweie seines Angesichts die schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen.
Er rgerte sich, da ihm das Urteil darber fehlte, und htte jeden umarmt, der
ihm gesagt htte, es seien nichtswrdige Machwerke.
    Als er einmal im Frhjahr um die Dmmerstunde in den Hof ging, um dem Hunde
Csar Futter zu reichen, gewahrte er, emporblickend, seine Schwester Margaret
oben auf der Galerie. Sie sah ihn nicht, sie blickte ebenfalls empor, denn auf
der Galerie im zweiten Stock, schrg ihr gegenber, stand Friedrich Benda und
erwiderte stumm ein stummes Zeichen, das sie ihm gemacht. Dann schauten sie
einander blo an, bis Margaret endlich ihren Bruder bemerkte und lautlos hinter
der grnverhangenen Glastr verschwand.
    Oho, dachte Herr Carovius, da geht etwas vor. Eine wohlttige Aufregung
durchrieselte seine Adern.
    Von nun an mied er den Hof. Aber er sa stundenlang jeden Tag in einer
Kammer, von wo er durch einen Spalt zwischen den Gardinen die Fenster und
Galerien genau beobachten konnte. Er entdeckte, da vom ersten in den zweiten
Stock durch die vernderten Stellungen eines Blumentopfes auf dem Gelnder
bestimmte Signale gegeben und da die Signale erwidert wurden, indem oben ein
gelbes Tuch bald an einem Lngs-, bald an einem Querbalken flatterte.
    Bisweilen trat Margaret scheu hervor und sandte einen Blick in die Hhe,
bisweilen kam Benda, blieb an der Brstung stehen und verlor sich in anscheinend
trbe Gedanken. Beide zusammen ertappte Herr Carovius nur noch ein einziges Mal;
er ri den Fensterflgel auf und steckte das Ohr in die ffnung, aber da wurde
in einem Nachbarhof eine Kiste zugehmmert, und infolge des Lrms konnte er
nicht verstehen, was sie sagten.
    Seit jenem Tag hatten sie einander keine Signale mehr gegeben und sich auf
den Galerien nicht mehr gezeigt.
    Herr Carovius rieb sich die Hnde bei dem Gedanken, da der majesttische
Andreas Dderlein am Ende gar Hrner aufgesetzt bekme; aber seine Freude
verringerte sich durch die Vorstellung, da zwei andere Personen aus diesem
Unternehmen einen Gewinn zogen. Dies durfte nicht sein, dem mute gesteuert
werden.
    So stand er manchmal am Abend in dem schmalen Flur vor seinen Stuben, der
Schlafrock hing ihm faltenreich um den drren Leib, und die brennende Kerze
tragend, lauschte er in die Stille des Hauses.
    Auch kam es vor, da er spt in der Nacht mit einer Blendlaterne Schritt um
Schritt die Treppen hinaufging und lauschte, gierig lauschte. Es war etwas in
der Luft, das ihm Kunde zutrug von geheimen und schndlichen Beziehungen.
    Trug es ihm auch Kunde zu von der Verdunkelung in Margarets Geist und Gemt?
Von ihrer Gewissensangst und dem wachsenden Wahn ihres geschreckten und fr
immer gebrochenen Herzens?
    Spter erfuhr er von Ausbrchen trichter Angst um das Leben des Kindes; da
sie das Kind nicht mehr von ihrer Seite lassen wollte; da ihr die natrliche
Krperwrme als eine fieberhafte Verfassung erschienen war und da sie jeden
Morgen an Dorotheas Bett gejammert, das Mdchen auf den Arm gehoben, den Puls
befhlt, den Krper in Decken gehllt hatte und Nacht fr Nacht wachend und
betend neben der ruhig Schlummernden gesessen war. So erzhlte spter die Magd.
    Eines Tages kam Herr Carovius nach Hause und sah einen Krankenwagen und
gaffende Menschen vor dem Tor. Da ging er die Stiege hinauf und hrte ein
dumpfes Wimmern. Margaret wurde von zwei Mnnern aus der Wohnung geschleppt und
Andreas Dderlein schritt mit anklagendem Gesicht hinterher. Die Zimmertr war
offen, drinnen lagen Scherben von Glsern und Geschirr, und mitten in den
Scherben sa Dorothea, die Lippen zum Weinen verzogen, die Stirn mit einem Tuch
umbunden. Die Magd stand hnderingend auf der Schwelle, und auf einer
Treppenstufe zum zweiten Stock stand bleich und verstrt Friedrich Benda.
    Margaret wehrte sich nur noch schwach; ihre Augen flohen zurck und suchten
das Kind. Herr Carovius vergrub die Hnde in den Taschen seines Mantels und
folgte der traurigen Karawane bis auf die Strae. Das arme Weib wurde in die
Irrenanstalt nach Erlangen gebracht.
    Herr Carovius sagte sich, da hier Schuldige sein muten, und schwor, da er
die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wolle. Nicht aus Schmerz, nicht aus
Bruderliebe, sondern aus Ha gegen eine bewegte Welt, in deren Mitte er zur
Unbeweglichkeit verdammt war.

                                       5


Von Dderleins Magd war wenig zu erfahren und die Bemhung, aus der kleinen
Dorothea etwas herauszuholen, war ebenfalls fruchtlos. Dorothea war immer mit
sich selbst beschftigt, mit ihrem Putz, mit ihren Spielen, mit ihren kleinen
Erlebnissen, und sie hrte kaum zu, wenn er sie auf der Stiege anhielt und seine
schlau ersonnenen Fragen stellte.
    Eines Tages fuhr er nach Erlangen, um seine Schwester in der Irrenanstalt zu
besuchen. Mglicherweise, dachte er, gibt sie mir irgendeinen Aufschlu ber das
Geheimnis.
    Margaret sa in einem Winkel der Kammer und strhlte unaufhrlich ihr
langes, gelbes Haar. Ihr Auge war zu Boden gerichtet, und keine List des Bruders
war imstande, ihr nur ein einziges Wort zu entlocken.
    Der Arzt sagte: Sie ist ein sanfte Kranke, aber verschlossen und
leidenschaftlich. Sie mu viele Jahre lang unter groem seelischen Druck gelebt
haben.
    Als Herr Carovius im Sonnenschein zum Bahnhof wanderte, wurde er zu seinem
Unbehagen gewahr, da das Bild der schwermtigen Frau von seinem inneren Auge
nicht mehr weichen wollte. Er trank in einer Schenke einen starken
Bauernschnaps. Whrend der Rckfahrt sa ihm gegenber ein Mtterchen, das ihn
verstndig betrachtete. Beunruhigt vom Menschenblick, setzte er sich auf einen
andern Platz.
    Ich habe Zeit, sagte er sich, als er die Schwierigkeiten erkannt hatte, auf
die er bei seinen Nachforschungen stie. Es blieb ihm noch brig, den Doktor
Benda irgendwie zu fassen und auszuhorchen. Er war einmal Zeuge, wie Friedrich
Benda der kleinen Dorothea auf der Stiege begegnete, und die sonderbare
ngstlichkeit, mit der er dem Kinde auswich, gab ihm zu denken.
    Es sollten Gasrhren gelegt werden und so hatte Carovius als Hausherr einen
Anla, zu Friedrich Benda zu gehen. Es war die Zeit, wo Benda den letzten
Versuch machen wollte, seine Rechte, die Rechte des Menschen und des Gelehrten,
gegen eine Verschwrung unangreifbarer Feinde durchzusetzen.
    Er war allein zu Hause und fhrte Herrn Carovius durch den Flurgang in sein
Studierzimmer. Die Wnde des Ganges waren, wie die des Zimmers, bis oben hinauf
von Bchern verdeckt. Benda sagte, er sei im Begriff abzureisen, und die
peinliche Artigkeit, mit der er einen Stuhl von Bchern frei machte, der
gespannte Blick dann, mit dem er Herrn Carovius ansah, raubten diesem den Mut zu
allem Scheingerede, und er sprach von den Gasrhren. Mit zwei Worten hatte Benda
die Angelegenheit erledigt und erhob sich.
    Herr Carovius stand ebenfalls auf, nahm aber den Zwicker von der Nase und
putzte mit seinem blitzblauen Taschentuch die Glser. Wohin geht die Reise,
wenn man fragen darf? erkundigte er sich teilnehmend.
    Benda erlaubte sich nie, wegen einer bloen Antipathie einen Menschen
nachlssig zu behandeln, und erwiderte hflich, er gehe nach Kiel, um sich an
der Universitt zu habilitieren.
    Bravo, rief Herr Carovius, auf einmal in den Ton plumper Vertraulichkeit
fallend, man mu den Kerlen nur zeigen, da man keine Bange hat. Bravo.
    Ich verstehe Sie nicht ganz, sagte Benda verwundert, und seine wachsende
Abneigung war blo an dem sich ngstlich zurckziehenden Auge erkennbar.
    Herr Carovius warf einen Seitenblick voll Falschheit auf den jungen Mann.
Sie mssen mich nicht fr einen ungebildeten Schlffel halten, mein werter Herr
Doktor, antwortete er, anch' io sono pittore. Ich habe unter anderm Ihre
Schrift ber die morphogene Leistung der ersten Furchungszellen gelesen.
Donnerwetter! Alle Achtung! Noch keine selbstndige Arbeit natrlich, gehrt ja
auch zu Ihren frhesten, wenn ich nicht irre, und schliet sich im Ideengang an
die entwicklungsmechanischen Theorien des vielverlsterten Wilhelm Roux an, aber
Sie gehen immerhin Ihren eigenen Weg. Jawohl, und Sie stecken einem ein
mchtiges Licht auf ber die Geheimnisse unseres Herrgotts. Da wird immer von
der Freiheit der Wissenschaft gefaselt. Schne Freiheit; na, ich danke. Ein
dnkelhaftes Gelichter ist's, weiter nichts, eine brotneidische Sippe. Nur mutig
in den Kampf, Verehrtester, frisch drauf los!
    Es berraschte Benda, aus dem Mund des Herrn Carovius ein Werk genannt zu
hren, das sonst nur Fachgenossen kannten, aber dies steigerte sein Mitrauen,
statt es zu verringern. Er wute zu vieles von dem Mann, um ohne Bitterkeit vor
ihm stehen zu knnen. Es gengte, sich an den schlichten Bericht jener Frau zu
erinnern, deren Jugend er zu einer Einde und zu einem Kerker gemacht hatte, um
es qualvoll zu empfinden, da er in demselben Raum mit ihm atmen mute.
    Doch war seiner ueren Haltung nichts anzumerken. Er antwortete ernst: Es
ist nicht einfach, mit den Menschen zu leben. Jeder hat seinen Platz und will
ihn behaupten. Ich danke Ihnen fr Ihren Besuch und Ihre freundlichen Worte,
aber meine Zeit ist beschrnkt, ich habe noch zu tun -
    Gewi, gewi, beeilte sich Herr Carovius einzufallen, und sein Gesicht
zeigte ein hmisches Grinsen, brauchen mich nicht fortzuschicken, ich gehe
schon. Soll um fnf Uhr auf dem Amtsgericht sein. Soll ein Dokument
unterschreiben, den Aufenthalt meiner Schwester im Irrenhaus betreffend.
Vermgensverwaltung oder so; wei der Teufel. Was haben Sie denn zu dem Unglck
gesagt? Sie haben sie doch nher gekannt. Na, na, Doktor, keine Ausflchte!
Sitzt in der Zelle und kmmt sich das Haar. Haben Sie eine Vermutung, wer sie so
weit gebracht hat? Schlielich von einer simplen Liebelei wird man nicht
verrckt. Und der Musikschwindler da unten will auch nicht mit der Farbe heraus.
Ach ja, man hat seine Not!
    Um seine unverschmten Deutlichkeiten abzuschwchen, da er bedauerte und es
als schdlich erkannte, seine Trmpfe zu frh ausgespielt zu haben, lchelte er
skurril, duckte feig den Kopf und heftete die Augen voll banaler Neugier auf
Benda.
    Aber Bendas Blick war gesenkt. Bendas Blick wurde von den Schnallenschuhen
des Herrn Carovius angezogen. Ein eigentmliches Grauen war es, mit dem Benda
die melonengelben Streifen der Strmpfe unter den zu hoch gezogenen Hosen
gewahrte, mit dem er zusah, wie die Schuhe in Bewegung gerieten, wie einer nach
dem andern sich vom Fuboden entfernte und mit dem Absatz voran in hlicher
Weise, mit einem hlichen Gerusch niederstapfte.

                                       6


Bendas Abwesenheit dauerte kaum ein Jahr. Seine Mutter hatte ihn diesmal nicht
begleitet. Sie krnkelte ein wenig und die Sehkraft ihrer Augen war gefhrdet.
    Nach seiner Rckkehr versank er in ein wochenlanges, trbes Schweigen, und
ohne da zwischen ihm und der Mutter ein Wort ber die erlittene Enttuschung
gewechselt wurde, wute sie alles, was er erlebt hatte, und schonte ihn, indem
sie gleichfalls schwieg.
    Es bedrckten ihn die Erinnerungen, die das Haus in ihm erweckte. Vergessene
Bilder wurden lebendig, die Gestalt einer Hingemordeten huschte abends ber die
Galerien, ihr Schatten schwebte ins Zimmer und schmiegte sich an ihn, whrend er
an seinem Schreibtisch sa.
    Vieles verband ihn noch mit ihr, deren Geist die Erde verlassen hatte, wenn
auch ihr Krper noch auf der Erde weilte.
    Er vermochte ihren sanften Blick nicht zu vergessen und die Schchternheit
ihrer Hnde nicht. Er kannte ihr Schicksal, er kannte ihre Seele; auch darber
war er zum Schweigen verurteilt. Schaudernd zurckzuweichen vor der Berhrung
der Welt, bis in die tiefste Einsamkeit, das war ihr Los gewesen, und es war
auch seines. Stets sah er sie vor sich, wie der Bruder sie geschildert, in der
Zelle sitzend und ihr gelbes Haar kmmend.
    Er machte niemand verantwortlich, er grollte niemand, er beklagte es nur,
da die Menschen so waren, wie sie waren.
    Ein ehemaliger Studienkollege besuchte ihn und munterte ihn auf, an einer
groen wissenschaftlichen Arbeit teilzunehmen. Er verweigerte sich. Als er
wieder allein war, vergegenwrtigte er sich noch einmal das ganze Gesprch.
Trotz des freundlichen Drngens hatte er in dem Wesen des Mannes jene
rtselhafte, unterirdische Feindseligkeit versprt, der er immer begegnete, wenn
er mit Personen des andern Glaubens und der andern Rasse nicht nur in
geschftlicher und uerlicher, sondern auch in einfach menschlicher Art zu
verkehren hatte. Das Geringste, was er zu frchten hatte, war eine
vorurteilsvolle Fremdheit, als ob der Betreffende ihm zuriefe: ich hben, du
drben, auf die Brcke geh nicht.
    Es war ihm dies nur allzu wohlbekannt. Aber dagegen zu kmpfen verwehrte ihm
sein Stolz. Das natrliche Recht des Lebens, die allen zugestandene Freiheit des
Mit-dasein-Drfens, die Teilnahme am notwendigen und frderlichen Wetteifer der
Krfte erst erobern, vielleicht gar erbetteln, durch Argumente verteidigen,
durch Politik erlisten zu sollen, das ging wider die Vernunft und die
Billigkeit, darauf verzichtete er.
    Er verzichtete darauf, an einem Tor zu rtteln, das er zuletzt selbst
zugesperrt und verbarrikadiert hatte.
    Jedoch er litt darunter bis zu einem kaum mehr ertrglichen Grad. Es war das
Unsinnige und Verlogene dieser Dinge, worunter er litt. Handelten sie so, weil
sie so stark im Glauben waren? Nein. Glaubte er an jene Unterschiede der Rasse,
welche sie glauben machten? Nein. Er fhlte sich heimatlich auf dem Boden, der
ihn nhrte, verpflichtet der Not und dem Glck des Volkes, Herz an Herz
geschlossen an ihre Besten und geistig geformt durch ihre Sprache, ihre Ideen
und ihre Ideale.
    Alles andere war Lge. Sie wuten, da es Lge war, aber sie schmiedeten aus
seinem eigenen Stolz eine Waffe gegen ihn. Es war Plan und bser Wille, seine
durch Leistung und Enthusiasmus bewiesene Zugehrigkeit zu leugnen und zu
bersehen.
    Bndnisse zu knpfen, Gleichgesinnte zu suchen und in Verbrderungen zu
wirken verschmhte er. Er wollte nicht in unfruchtbare und phrasenhafte
Gemeinschaftsbestrebungen gerissen werden, und trotzig und einsam erklrte er
seinen Fall vor sich selbst fr einen einzelnen. Da es seinen schmerzlichen
Zustand nicht linderte, sondern verschrfte, wenn er andere, hnliche Schicksale
mit seinem verglich, unterlie er die Vergleiche wie auch alle Erwgungen, die
dem Verhalten der ihm gegenberstehenden Welt wenigstens einen Anschein von
Gerechtigkeit geben konnten.
    Dafr wuchs eine Sehnsucht in seiner Brust, die von Tag zu Tag festere
Gestalt annahm und allmhlich zu einem bestimmten und unwiderruflichen Entschlu
wurde.
    Um diese Zeit machte er die Bekanntschaft Daniels, und durch ihn wurde er
wieder zu den Menschen gefhrt. Vom ersten Augenblick an sprte er das Ungemeine
in ihm, ja etwas vllig Neues, das er bis dahin noch nicht erfahren hatte. Schon
seine uere Bedrngnis forderte zur Ttigkeit auf und seine innere Bewegtheit
lie den Mitfhlenden niemals ruhen.
    Ihm zu helfen war nicht leicht; er stie jede Gabe zurck, der er keine
Leistung entgegenzusetzen hatte. Man mute ihn erst von der Pflicht und
Schuldigkeit berzeugen, die dem Freund am Geschick des Freundes erwchst, und
man mute ihm erlauben, theoretisch undankbar zu sein.
    Es gelang den Anstrengungen Bendas und seiner Mutter, ihm bei einigen
Brgerfamilien Unterrichtsstunden zu verschaffen. Er mute kleine Knaben und
Mdchen das Klavierspiel lehren, und war der Lohn auch nicht gro, so wurde die
schlimmste Not doch beseitigt.
    Nach der Arbeit des Tages schlossen die Abende und Nchte sie in langem
Beisammensein immer fester aneinander.

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Eines Abends trat Daniel ins Haus und begegnete Herrn Carovius, war aber so in
Gedanken versunken, da er ihn nicht sah und nicht grte. Herr Carovius schaute
ihm zornig nach und kehrte bis an die Stiege zurck, um sich zu vergewissern, zu
wem der junge Mensch ging. Als er ihn im zweiten Stock luten hrte, bekam sein
Gesicht einen unruhigen Ausdruck und er rieb sich mit der linken Hand das Kinn.
    An mir vorber zu gehen wie an einem Klotz, murmelte er gehssig; warte
nur, das sollst du mir entgelten, Bursche.
    Statt das Haus zu verlassen, wie er gewollt, begab er sich wieder in seine
Wohnung, zndete eine Kerze an, trippelte hastig durch drei Zimmer, in denen
alte Schrnke und Truhen mit vielen Bchern und Notenheften standen, auch ein
Klavier, und sperrte mit einem Schlssel, den er in der Tasche trug, einen
vierten Raum auf, der geschlossene Fensterlden und eine seltsame Einrichtung
hatte.
    Er trat an einen Tisch, der fast die ganze Lnge des Raumes einnahm, griff
nach einem weien Zettelchen, setzte sich und schrieb darauf mit roter Tinte:
Daniel Nothafft, Musiker, zwei Monate Zuchthaus.
    Dann bestrich er den Zettel mit Klebegummi, drckte ihn auf eine hlzerne
Schachtel, die einem Miniatur-Schilderhuschen hnlich sah und nagelte mit
kleinen Ngeln einen bereitliegenden Deckel an die Schachtel.
    Auf dem langen Tisch standen mindestens fnf Dutzend solcher Schachteln; die
meisten hatten einen Namenszettel und waren mit kleinen Ngeln zugenagelt.
    Das stets versperrte Zimmer nannte Herr Carovius sein Gerichtszimmer; was er
darin trieb, nannte er die Regulierung seines Verhltnisses zur Menschheit, und
die Sammlung kleiner Holzzellen nannte er sein Zuchthaus. Jeder Mensch, der ihn
beleidigt, gekrnkt, gedemtigt oder bervorteilt hatte, bekam ein solches
Verlie, in welchem er im Bilde so lange schmachten mute, bis die Zeit, dem
Urteil gem, verstrichen war.
    Damit nicht genug. Auf dem mittleren Teil des Tisches befanden sich lauter
winzige Sandhgelchen, etwa dreiig an Zahl, deren jedes ein winziges Holzkreuz
mit einem winzigen Namenszettel trug. Das war der Kirchhof des Herrn Carovius,
und die im Bilde hier Begrabenen waren, obgleich sie ganz gesund und munter auf
der Erde wanderten, gestorbene Leute fr ihn. Es waren Leute, deren irdische
Laufbahn fr ihn erledigt war und unter deren Sndenkonto er einen Strich
gemacht hatte. Leute wie Richard Wagner und seine Helfershelfer; sodann ein
Papierhndler, dem er vor vielen Jahren Geld geliehen hatte und der
durchgebrannt war, ferner einige Verfasser von schlechten Bchern, die viel
gelesen wurden, oder von Bchern, die er verabscheute, ohne sie selbst gelesen
zu haben, wie die des Herrn Zola in Paris.
    Aber noch eine dritte Abteilung hatte der Tisch, und das war die sogenannte
Akademie. Die Akademie war ein durch ein Drahtgitter umzuntes Gebiet, innerhalb
dessen etwa zwlf bis fnfzehn regelmige Felder mit schner grner Farbe
angestrichen waren. In der Mitte jedes Feldes erhob sich ein zwei Zoll hohes
Holzstbchen und in der Mitte jedes Stbchens wieder war eine Namenstafel
gefestigt. An der Spitze einiger von diesen Stbchen hingen kleine, aus Stoff
geschnittene grne Fhnchen.
    Herr Carovius besa nmlich eine Schwche fr den Umgang mit
aristokratischen Personen. Er bewunderte insgeheim die Manieren dieser Leute,
ihre Art von Gleichgltigkeit und Selbstbewutsein, ihre unumstlichen
Traditionen, ihre geruschlose und harmonische Lebensfhrung. Auf den Stbchen
der Akademie nun waren die Namen der vornehmsten und ausgezeichnetsten Familien
der Stadt angebracht, wie die der Tucher, der Haller, der Humbser, der
Kramer-Klett, der Auffenberg. Wenn es Herrn Carovius gelungen war, mit einem
Mitglied einer dieser Familien bekannt zu werden, so hite er auf der Spitze des
betreffenden Stbchens die grne Fahne.
    Ungeachtet allen Strebens hatte er im Lauf der Zeiten nur drei Fahnen
aufpflanzen knnen, aber die hierdurch verkndeten Beziehungen waren recht
flchtig und zufllig und ohne ersprieliche Folgen. Ein von dem und jenem
bemerkter Gru auf der Strae oder im Konzert war alles, was erreicht werden
konnte, und die Akademie zeigte im Gegensatz zum Zuchthaus und zum Kirchhof eine
klgliche Verdung. Bis eines Tages der Auffenbergsche Fhnlein an die Spitze
seines Mastes stieg; da schien es Herrn Carovius, als ob der Akademie eine groe
Zukunft sicher sei.

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Der Maler Krapotkin hatte einmal den Auftrag bekommen, ein Holbeinsches Bild fr
den Freiherrn Siegmund von Auffenberg zu kopieren. Er machte das Bild nicht
fertig, seine Fhigkeiten waren zu gering, aber er hatte damals den jungen Baron
Eberhard kennen gelernt und fhrte ihn dann, Jahre spter, nach einer
gelegentlichen Begegnung, zu den Sumpfbrdern ins Paradieschen.
    Nicht lange sah man Eberhard dort; so pltzlich, wie er aufgetaucht war,
verschwand er wieder. Aber die kurze Zeit gengte Herrn Carovius, in vertraute
Beziehungen zu ihm zu treten.
    Als er zum erstenmal mit ihm an einem Tisch sa, war er den ganzen Abend
hindurch erregt und von einer milden geistigen Glut berstrahlt. Seine Stimme
klang s und seine Behauptungen waren von angenehmer Migung.
    Er lenkte das Gesprch auf die Vorzge der Geburt und rhmte die Distinktion
der erb-eingesessenen Geschlechter als ein volkserziehendes Element. Die
Sumpfbrder hhnten, Herr Carovius schlug sie mit einem vernichtenden Witz.
    Eberhard von Auffenberg verschanzte sich bei dem Lobgesang hinter einem
griesgrmigen Schweigen. Trotzdem Herr Carovius auch fernerhin jeden Anla
benutzte, um dem jungen Edelmann in pfiffig-feiner Weise zu schmeicheln, kam er
zu keinem Ziel. Hchstens, da Eberhard sein Drosselbartkinn in die Luft steckte
und eine sarkastische Bemerkung fallen lie. Alles Scharwenzeln war umsonst.
    Eines Nachts jedoch fgte es sich, da die beiden den Nachhauseweg
gemeinschaftlich antraten, d.h. Herr Carovius ging dem Freiherrn nicht von der
Seite. Der bisherigen Taktik berdrssig, wollte er sein Glck einmal auf eine
andere Art versuchen. Er spottete ber den Hochmut einer gewissen Kaste, die
einen Mann seinesgleichen geringer einzuschtzen wage als irgendeinen Stiesel,
dessen Taschentuch eine gestickte Krone aufweise.
    Was sind Sie, was fr einen Beruf haben Sie? fragte Eberhard von
Auffenberg.
    Ich tue nichts, antwortete Herr Carovius.
    Gar nichts? Das ist immerhin sympathisch.
    Ich treibe ein bichen Musik, setzte Herr Carovius hinzu, entzckt von der
Wibegier des Freiherrn.
    Na, sehen Sie, das ist doch etwas, sagte dieser; ich meinerseits bin
unmusikalisch wie ein Schiegewehr. Aber, wenn Sie sonst nichts treiben als
Musik, und, wie es scheint, zu Ihrem Vergngen, mssen Sie doch eine Menge Moos
haben
    Herr Carovius wand sich. Die Angst, die er davor hatte, fr einen reichen
Mann gehalten zu werden, kmpfte mit dem eitlen Bestreben, vor dem jungen
Freiherrn etwas zu sein und zu gelten. Es geht an, bemerkte er kichernd, es
geht an.
    Schn; wenn Sie mir zehntausend Mark verschaffen knnen, will ich Ihnen mit
Vergngen die Krone auf meinem Taschentuch verehren, sagte Eberhard von
Auffenberg.
    Herr Carovius blieb stehen und ri Mund und Augen auf. Sie belieben zu
scherzen, Herr Baron, stammelte er. Und als Eberhard den Kopf schttelte, fuhr
er fort, und das Erstaunen trieb seine Stimme in die hchsten Lagen: Aber
Geehrtester! Ihr Herr Vater hat ausgewiesenermaen ein Einkommen von einer
halben Million! Ein Einkommen!
    Von meinem Vater ist hier nicht die Rede, antwortete Eberhard kalt und
stie das Drosselbartkinn in die Luft. Es gehrt offenbar zu Ihren heraldischen
Vorurteilen, da Sie das Einkommen meines Vaters in meinen Beutel praktizieren
wollen.
    Sie standen unter einer Gaslaterne am Hallertor. Der Regen rieselte vom
Himmel und sie hatten die Schirme aufgespannt. Die Nacht war still, es war auch
schon spt; weit und breit war kein Mensch zu sehen. Carovius schaute den
gravittisch verdrossenen jungen Mann an, der junge Mann schaute den verlegen
grinsenden Carovius an und keiner wute, wie er den andern nehmen sollte.
    Sie wundern sich, begann Eberhard wieder; Sie wundern sich mit Recht. Ich
stecke als ein unzufriedener Gast in meiner Haut, dessen kann ich Sie
versichern. Ich bin so migeboren wie nur irgendein Geschpf, das zu viel
berflssiges und zu wenig Notwendiges mitbekommen hat. Es sind da Geheimnisse;
auen sind Geheimnisse an mir. Innen ist nichts; innen ist abgestandene, tote
Luft.
    Er stierte zu Boden und es war, wie wenn er mit sich selbst sprche, wie
wenn er vergessen htte, da ihm jemand zuhrte, als er fortfuhr: Haben sie
schon in alten Kirchen alte Ritter, in Stein gemeielte alte Ritter gesehen? So
bin ich. Mir ist, als ob ich der Vater meines Vaters wre, und als ob er mich
lebendig htte begraben lassen und ein bser Geist htte mich versteinert und
meine Hnde lgen auf der Brust gekreuzt und knnten sich nicht rhren. Ich bin
aufgewachsen mit einer Schwester und ich sehe sie, als wr's gestern gewesen,
hier nahm sein Gesicht einen Ausdruck phantastischer Greisenhaftigkeit an,
zierlich und unschuldig und stolz durch einen Saal gehen, mit Rosen in der
Hand. Sie ist an einen Rittmeister verheiratet, einen Kerl, der seine Soldaten
wie Negersklaven behandelt und den Gru eines Brgers nur erwidert, wenn er
besoffen ist. Sie mute ihn heiraten. Ich konnte es nicht hindern. Jemand hat
sie gezwungen. Und wenn sie jetzt Rosen trgt, ist es, wie wenn ein Leichnam
Lieder singt.
    Herrn Carovius war es nicht geheuer zumut. Solche Worte war er nicht gewohnt
zu hren. Dort wo er zu Hause war, nannte man die Dinge deutlicher beim Namen.
Er spitzte die Ohren und machte ein unbehagliches Gesicht. Es ist seine
Erziehung, die ihn so sprechen heit, dachte er, die Gemlde, die er bestndig
vor sich sieht, die goldlehnigen Sthle, auf denen er sitzt.
    Ich werde auch auf solchen Sthlen sitzen, frohlockte es in ihm, werde auch
die Gemlde sehen. Und er sah sich zwischen Baron und Baronin durch ein Spalier
von betreten Dienern unter die neidische Menge vor dem Portal schreiten. Der
junge Freiherr aber ging als heimgekehrter verlorener Sohn reumtig hinterdrein.
    Man msse eine Sicherheit haben, sagte Carovius; ob der Herr Baron majorenn
sei. Er habe vor kurzem das einundzwanzigste Jahr vollendet, antwortete
Eberhard; er habe jedoch Grnde, die ihn bestimmten, ohne die Untersttzung
seiner Familie zu leben und auf alle Vermgensrechte bis auf einen gewissen
Zeitpunkt zu verzichten. Hauptschlich sei ihm daran gelegen, dem Verkehr mit
berufsmigen Geldverleihern auszuweichen.
    Ein sehr ernster Fall, uerte sich Herr Carovius; er verstehe; o, er
verstehe sehr gut; auch sei er zu allem bereit, doch msse ihm klarer Wein
eingeschenkt werden. Er sagte dies in einem Ton, als hielte er ein Glas
Johannisberger in den Regen hinaus und schnffelte mit seinen Nstern.
    Ich bin verschwiegen, sagte er; ich bin uerst verschwiegen. Er sah den
Freiherrn zrtlich an.
    Der junge Freiherr nickte.
    Wer einen Purpur trgt, wird berall erkannt, fuhr Herr Carovius
sententis fort, und wirft man den Purpur ab, so braucht man verschwiegene
Freunde. Ich bin verschwiegen.
    Der Freiherr nickte abermals. Wenn Sie erlauben, werde ich Sie an einem der
nchsten Tage aufsuchen, beendete er das Gesprch.
    Er entfernte sich mit steifen, mivergngten Schritten gegen die Allee,
whrend Herr Carovius, eine Arie aus dem Barbier von Sevilla summend, die sich
verengende Gasse hinuntertrippelte.

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Herr Carovius wartete Tag um Tag vergebens.
    Als die Woche um war, argwhnte er, er sei zum besten gehalten, und es
ergriff ihn eine tckische Wut, die sich Luft verschaffen mute. Eines Morgens
verlie er seine Wohnung, da standen im Hausflur zwei mit Milch gefllte Kannen,
eine fr den ersten Stock und eine fr den zweiten Stock. Das Milchmdchen hatte
sie einstweilen hier niedergestellt und war ins Nachbarhaus gegangen. Herr
Carovius holte eine Essigflasche aus der Rumpelkammer, die ihm zugleich als
Kche diente, sphte vorsichtig umher und schttete den Inhalt der Flasche,
gleichmig verteilt, in die beiden Milchgefe.
    Zwei Tage vergingen, da beschlo er, dem Hunde Csar nichts mehr zu fressen
zu geben, damit er alle in der Nachbarschaft wohnenden Leute durch sein Geheul
erschrecken sollte. So kam es auch, der Hund heulte die Nchte hindurch zum
Steinerweichen und die Leute konnten nicht schlafen. Andreas Dderlein schickte
auf die Polizei, aber es wurde gesagt, man knne dem nicht abhelfen.
    Herr Carovius lag in seinem Bett und freute sich, da die Menschen nicht
schlafen konnten. Er verliebte sich in die Vorstellung, da man vielleicht
vermittelst einer ingenisen Erfindung einer ganzen Stadt, einer ganzen Nation
den Schlaf zu rauben vermchte und da man dann bei Tag unter ihnen herumging
als der Austeiler und Entzieher alles auf der Welt vorhandenen Schlafs und sie
hinsiechen lassen konnte, wenn man Lust hatte, hinsiechen, verfallen und
verdorren.
    Wie nun der Hund Csar gengend wild geworden schien, da machte sich Herr
Carovius daran, ihn von der Kette zu lsen. Es war gegen Abend, er nherte sich
dem Tier von hinten, ffnete das Kettenschlo und der Hund rannte wie toll durch
den Hof, durch das Haus und auf die Strae.
    Nun geschah es, da gerade in diesem Augenblick der junge Freiherr von
Auffenberg ins Haus treten wollte, um Herrn Carovius den versprochenen Besuch
abzustatten. Er prallte vor der Bestie zurck, das Tier sprang ihm aber doch
gegen den Leib und der lange Mensch strzte auf das Pflaster. Csar setzte ber
ihn hinweg, raste in die offenstehende Tr eines nahegelegenen Metzgerladens und
ri in seinem Heihunger ein mchtiges Stck Fleisch vom Hackpflock.
    Herr Carovius, um zu sehen, was der Hund fr Schaden anrichten wrde, eilte
mit einer Miene heuchlerischen Entsetzens, als ob ihm die Dogge entkommen wre,
ans Tor, und da sah er nun, wie der Baron sich mhsam von der Erde erhob und auf
ihn zuhinkte.
    Jetzt war sein Entsetzen unverstellt. Mit dem Eifer eines Lakaien bckte er
sich nach dem Hut des Freiherrn, rieb den Schmutz ab, stammelte
Entschuldigungen, starrte klagend gen Himmel, brstete mit der Hand an Eberhards
Hosenbein herum, derweil kam der Hund zurck, den Klumpen Fleisch im Maul, und
der Metzger kam vor den Laden und drohte mit der Faust und der Metzgerlehrling
steckte zwei Finger in die Zhne und tat einen gellenden Pfiff, und die Polizei
erschien und Herr Carovius mute das Fleisch bezahlen.
    Sodann geleitete er den Freiherrn mit sanften Erkundigungen nach dessen
Befinden in seine Wohnstube, und da Baron Eberhard etwas betubt war von dem
Fall, begehrte er, sich einige Minuten auf das Kanapee legen zu drfen, ein
Verlangen, das Herr Carovius mit einem groen Aufwand an liebevollen Seufzern
und bedauernden Ausrufen billigte.
    Whrend nun der Freiherr auf dem Kanapee lag, um seine Lebensgeister wieder
zu sammeln, setzte sich Herr Carovius aus Klavier und spielte mit innigem
Augenaufschlag und bedeutender Fingerfertigkeit das Rondo aus der As-dur-Sonate
von Weber.
    Darnach erst begannen die Verhandlungen.

                       Inspektor Jordan und seine Kinder



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Benno Jordan hatte in der Prima des Gymnasiums schlimme Streiche gemacht, auch
hatte er erklrt, die Tyrannei der Schule nicht lnger ertragen zu wollen und
zum Studieren keine Lust zu haben. Er war ein eigenwilliger Charakter, mit einem
starken Hang zur Geselligkeit. Er gab viel auf seine Kleider und war eitel auf
sein hbsches Gesicht.
    Nach zahlreichen Unterredungen mit dem Siebzehnjhrigen entschlo sich der
Inspektor, ihn beim inneren Dienst der Prudentia unterzubringen. Er sprach mit
dem Generalagenten darber, und Alfons Diruf willigte ein. Benno trat seinen
Posten mit einem Monatsgehalt von fnfzig Mark an.
    Wenn der Inspektor abends nach Hause kam, mute er von Lenore hren, Benno
habe sich mit seinen Freunden verabredet, und sie sen im Alfasgarten; oder in
der Wolfsschlucht; oder im Caf Merkur, wo an diesem Tag das Orchestrion
spielte, eine damals neue Erfindung.
    Was doch jetzt fr ein Geschlecht heranwchst, sagte der Inspektor dann
bekmmert; die ganze Absicht geht aufs Genieen. Du lieber Gott, genieen! Mein
Lebelang habe ich nicht genossen.
    In Sorge ber Bennos Fhrung ging er zum Bureauchef Zittel. Das wachsbleiche
Mnnchen uerte sich sehr anerkennend ber den Neuling. Zufrieden drckte der
Inspektor dem Oberhaupt der Schreiber die Hand. Aber bald erwachte wieder die
Unruhe in ihm, denn trotz der liebenswrdigen Auenseite sprte er in seinem
Sohn das morsche Fundament.

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Alfons Diruf war fett und finster. Er trug Anzge nach Pariser Schnitt, und am
Goldfinger seiner linken Hand befand sich ein feuerstrahlender Solitr.
    Seit die Gesellschaft Prudentia die sogenannte Arbeiter-Assekuranz
eingefhrt hatte, standen fnfundzwanzigtausend Schreiber mehr als frher in
ihrem Sold, und Diruf befehligte fr seinen Teil sieben Dutzend. Diese sieben
Dutzend saen bleich und schweigsam in drei Slen eines Hauses in der Frther
Strae, indes er selbst in seinem Privatkabinett weilte, das dem Boudoir einer
Modedame glich, blaue Damastvorhnge, eine badende Nymphe von Thumann hatte und
nach Moschus roch.
    Drei- bis viermal im Verlauf eines Tages verlie er das schne Retiro und
wandelte mit der Miene tiefen Ekels durch die Sle. Da duckten sich alle Kpfe,
alle Hnde huschten flinker ber das Papier, alle Fe hrten auf, zu scharren,
und jedes Flstern erstarb.
    Es hatte den Anschein, als verachte er sein Amt, aber in Wahrheit liebte er
es. Er liebte die Schreiber um ihres sklavischen Gehorsams und ihrer
verhungerten Gesichter willen. Er liebte sie dafr, da sie jeden Morgen
pnktlich kamen, jeden Abend mde gingen und Tag um Tag, Jahr um Jahr dasaen
und schrieben, schrieben, schrieben.
    Er liebte die Inspektoren dafr, da sie Tag um Tag und Jahr um Jahr sich
einem elenden Lohn zuliebe plagten. Er liebte die Hunderte von Agenten und
Unteragenten, die es der Gesellschaft mglich machten, tglich Hunderte von
Policen auszustellen. Er liebte ihre schmutzigen Kleider und Stiefel; ihre
provisionslsternen Blicke, ihre doppelzngigen Reden und ihre traurigen
Physiognomien.
    Das Lockmittel der Arbeiter-Assekuranz waren kleine Versicherungssummen und
kleine Prmien. Dadurch sollte der kleine Mann zur Sparsamkeit erzogen werden;
die Regel aber war, da der kleine Mann zu spt, wenn er sich durch Vertrag
gebunden hatte, erfahren mute, da der Agent mehr versprochen hatte, als die
Gesellschaft halten konnte. Er verlor den Glauben, der karge Wochenlohn lie ihm
nicht immer so viel brig, da er die Prmie regelmig zu zahlen vermochte, mit
jeder Woche wurde es schwerer, das Versumnis nachzuholen, und endlich hatte die
Police keine Wirkungskraft mehr. Alles Geld, das er gezahlt hatte, war
verfallen.
    So gelangte die Gesellschaft in den Besitz von Millionen. Es waren die
Pfennige der rmsten, aus denen sich diese Millionen ansammelten; die Pfennige
der rmsten, die die Dividenden in die Hhe trieben, das Heer der Schreiber
bestndig vergrerten und die Beutel der Agenten fllten.
    Die Agenten wurden unter dem Abschaum der brgerlichen Welt geworben. Da
waren Bankrotteure und verbummelte Studenten, Spieler und Trinker, Invaliden und
Armenhusler, vom Unglck Verfolgte und vom Verbrechen Gezeichnete. Keiner war
zu gering, keiner zu schlecht.
    Weil jedoch Alfons Diruf sah, da es dem Ruf der Gesellschaft frderlich
war, wenn er einige angesehene Brger neben den Auswrflingen hatte, so ging er
hin und warb in eigener Person Werber. Er kam auch zu Jason Philipp
Schimmelweis.
    Es ist eine Goldgrube, sagte er; Sie arbeiten fr einen idealen Zweck und
haben einen sehr realen Nutzen. Ideale, die einem nichts eintragen, sind ohnehin
bldsinnig. Und er blies den Rauch seiner Havannazigarre durch die Nstern.
    Jason Philipp begriff. Es war unntig, dem Volksmann und dem Politiker in
ihm noch besonders zu schmeicheln. Er lief sich fr die Arbeiter-Assekuranz die
Beine md, und Alfons Diruf liebte nun auch den sozialistischen Buchhndler in
seiner Art.
    Da sah aber Inspektor Jordan, da die zahllosen Provisionstiger ihm sein
Arbeitsfeld verwsteten und seine Kunden im wohlhabenden Brgertum mitrauisch
machten. Er erlahmte, und das Direktorium sandte wegen seiner abnehmenden
Leistungsfhigkeit an Alfons Diruf tadelnde Memoranden.

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Daniel war seiner Mansarde und der Brstenmacherin Hadebusch berdrssig
geworden und kndigte das Logis. Frau Hadebusch, in einer Duftwolke von
gesottenem Kraut stehend, zeterte ber die Undankbarkeit der Welt. Ihr Geschrei
lockte Herrn Francke und den Methodisten aus ihren warmen Lchern, auch der
Brstenmacher und der idiotische Sohn traten auf den sprlich beleuchteten
Vorplatz, und Daniel stand wie ein armer Snder vor den fnf Hogarthschen
Gestalten.
    Er suchte in der Marienvorstadt, aber da war alles zu teuer, dann vorm Neuen
Tor, da fand er nichts, dann in Sankt Johannis, da gefiel es ihm am besten. Am
spten Nachmittag kam er an ein Haus in der langen Zeile, und am Gartentor hing
ein Vermietungszettel.
    Er lutete an einem schmiedeeisernen Glockenzug, und ein hbsches
Dienstmdchen fhrte ihn in ein Zimmer. Durch das Fenster konnte er in einen
Garten mit alten Bumen blicken. Ein ltliches Frulein kam und lchelte ber
sein Wohlgefallen an dem Zimmer.
    Ich mu erst mit meiner Schwester sprechen, flsterte sie auf seine Frage
nach dem Preis.
    Sie rief in den Flur, da kam die Schwester, ein ebenso ltliches und ebenso
freundliches Frulein. Sie hielten flsternd Rat und erklrten dann, sie mten
Albertine fragen. Albertine war die dritte Schwester, und die erste trippelte
zur Tre und rief mit gespitzten Lippen den Namen so geziert in den langen Flur
wie den der zweiten, die Jasmine hie.
    Albertine war die jngste von den Dreien, etwa vierzig Jahre alt. Doch sie
hatte vergessen, und auch Jasmine und Salome hatten es vergessen, zwanzig vom
Kalender zu streichen; sie zeigten sich alle drei noch in der ersten
jugendlichen Anmut.
    Errtend betrachtete Albertine den jungen Mann, und ihre Schamhaftigkeit
bewirkte, da die zwei Schwestern gleichfalls errteten. Sie sagte zu Daniel,
sie seien die Schwestern Rdiger. Darauf schwieg sie und schaute zu Boden, als
ob sie damit ihr ganzes Schicksal verraten hatte. Dann sagte sie, sie htten
sich entschlossen, das Zimmer einem vertrauenswrdigen Herrn zu berlassen, weil
krzlich in der Nachbarschaft verschiedentliche Diebsthle vorgekommen seien und
sie auer dem Grtnerburschen noch die schtzende Gegenwart eines Mannes
wnschten. Sie hatten schon einige Leute abgewiesen, deren Gesicht und Benehmen
ihnen mifielen, denn ohne sich vorher zu verstndigen, waren sie stets und ber
alles der gleichen Meinung.
    Nun fragte Frulein Salome, welchen Beruf der junge Herr ausbe. Daniel
erwiderte, er sei Musiker. Ein Ach der berraschung tnte ihm aus den drei
Kehlen entgegen. Ob er ein Snger sei oder ein Geiger? fragte Frulein Jasmine.
Keines von beiden, er sei Komponist, oder wolle es wenigstens werden.
    Da vergeistigten sich die Blicke der drei Damen, und sie sahen einander so
hnlich wie Drillinge. Ein schaffender Knstler also? Ja, wenn sie es so
ausdrcken wollten, ein schaffender Knstler, versetzte Daniel trocken.
    Sie trippelten in die Ecke wie die Spatzen und hielten nun Rat zu dreien.
Frulein Salome, zur Sprecherin erkoren, wollte wissen, ob ein monatlicher Zins
von zwlf Mark eine zu hohe Forderung sei. Nein, die Forderung sei nicht zu
hoch, antwortete Daniel, ohne sich zu besinnen, und drckte den drei Schwestern
die Hnde. Frulein Jasmine fgte hinzu, da es dem Herrn freistehe, sich des
Klaviers zu bedienen, welches im Erdgescho untergebracht sei und nur gestimmt
werden msse. Daniel drckte ihr noch einmal und mit besonderer Wrme die Hand.
Aus Freude war er tppisch zutraulich geworden.
    Ehe er das Haus verlie, stellte er sich im Garten unter einen Baum. Endlich
wieder ein Baum fr mich, dachte er. In der Krone sang eine frhe Amsel. Das
Dienstmdchen Meta schaute vom Tor aus, wo sie wartete, erstaunt herber.
    Frulein Albertine sagte zu ihren Schwestern: Er sieht interessant aus,
aber er hat schlechte Manieren.
    Seine Kleider sind schmutzig, man mu sie reinigen, sagte Frulein Salome.
    Knstler legen kein Gewicht auf uerlichkeiten, erklrte Frulein Jasmine
sinnend.
    Ein groer Irrtum, widersprach Frulein Salome gedankenvoll; Er war stets
wie aus dem Ei geschlt. Erinnert ihr euch?
    Die beiden andern nickten. Hierauf wandelten sie Arm in Arm ber die
Gartenwege.

                                       4


Daniel stand auf dem Obstmarkt vor dem Gnsemnnchen-Brunnen und verzehrte ein
paar pfel.
    Die Sonne schien, und er bemerkte, da der Schatten der Brunnenfigur langsam
unter ihm wegrckte, gegen die Kirche hin. Es machte ihn traurig, zu sehen, da
die Zeit verging und wie sie verging. Als er sich aber umdrehte und das bronzene
Mnnchen so gleichmtig und zuversichtlich mit seinen zwei Gnsen unter den
Armen stehen sah, mute er lachen.
    Was ihn lachen machte, war einesteils die Ruhe des Mnnchens, dies Abwarten
und bestndige Da-Sein, andernteils der Gedanke, da einer so zufrieden aussehen
konnte wegen zweier Gnse.

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Von einer Unterrichtsstunde nach Hause gehend, begegnete er eines Nachmittags
Lenore Jordan. Er erzhlte ihr von seiner neuen Wohnung und von den drei
sonderbaren Wesen in dem Haus in der langen Zeile.
    Lenore hatte von ihnen gehrt. Sie sagte, es seien die Tchter des Geometers
Rdiger, der vor Jahr und Tag die Stadt verlassen habe, weil er einen Streit mit
den Brgern oder nur mit einer Gilde gehabt. Das Bild eines Malers sei der Anla
gewesen, mehr wisse sie nicht, nur da der Geometer dann bei einem Bergsturz in
der Schweiz ums Leben gekommen sei. Die Schwestern aber seien Spottfiguren in
der Stadt und zeigten sich auerhalb des Hauses fast nur, wenn sie an bestimmten
Tagen auf den nahgelegenen Johanniskirchhof gingen, um das Grab jenes Malers zu
schmcken.
    Daniel hrte kaum zu. Sie standen bei der Sebalderkirche, und die Glocken
fingen an zu luten. Prachtvoll, murmelte er, aufsteigender Dreiklang in A.
    Lenore erkundigte sich, wie es Daniel gehe und blickte in sein eingefallenes
Gesicht mit Bedauern. Ihr starker, blauer Blick war ihm unbehaglich, und er
wunderte sich, da sie die Lider so selten senkte. Er sagte, es gehe ihm gut,
und sie lchelte.
    Schauderhaft, da man so ein Untier im Leibe hat, das immer gefttert
werden will, sagte er. Sonst knnte man ja durch alle Himmel strmen und den
Engeln ihre Gesnge ablauschen. Es soll nicht sein. Erst mssen sich die Flgel
wund flattern, bis die Kette reit, am Ende haben sie dann die therkraft nicht
mehr.
    Er zog sein Gesicht zusammen, da es den bsen Affenausdruck bekam. Aber
ich will's auskosten, schlo er. Will sehen, ob mich der Herrgott als Niete
oder als Treffer aus dem Kasten seiner Lose zieht. Er konnte sehr beredt sein,
wenn er von sich selber sprach.
    Lenore lchelte. Man mute ein wenig Ordnung in sein Leben bringen, das war
alles, was ihr ntig schien. Sie nahm sich vor, nachzusehen, wie er sich in
seinem Zimmer eingerichtet hatte.
    In der Tetzelstrae trafen sie den Inspektor. Als Jordan an der Seite der
geliebten Tochter ging, wollte es ihm scheinen, als seien die grauen Mauern und
verwitterten Steine der Huser nicht mehr so erdenhaft und zeitenschwer. Lenore
blickte aber wunderlich versunken in den Westen, wo purpurrot die Sonne
unterging. In manchen Stunden regte sich's in ihr wie Heimweh nach einem
schneren Land.
    Sie dachte an Italien, und ihr Geist trumte die Bilder sonniger
Meeresbuchten, blhender Haine und weier Statuen.
    Daniel ging indessen gegen die Fll. Arbeiter kamen von der Vorstadt her,
und in ihren mden Gesichtern wollte er seine Welt erkennen. Ach, seufzte es in
ihm, ich mchte nher zu den Sternen, mchte verllichere Herzen kennen als
auch meines ist.
    Da leuchtete von Bendas Wohnung herab Bendas Fenster im Lampenlicht, und er
schmte sich.

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Als Lenore das erstemal Daniel besuchte, war es schon Abend. Sie hrte das
Klavier und das durchdringende Krhen von Daniels Stimme von weitem. In der
Tiefe des Flurs sah sie drei weie Gestalten, eng aneinandergeschmiegt wie
Hhner auf einer Stange.
    Es waren die Schwestern Rdiger, die dem Schaffen des Knstlers lauschen
wollten. Sie verstanden es so im niedern und im hohen Sinn, da sie dem Schaffen
lauschten. Als Lenore ber dem Stiegenrand sichtbar wurde, erschraken sie und
raschelten davon.
    Die drei ltlichen Herzen mochten strmisch klopfen. An diesem Abend hatten
sie keine Lust mehr, Jasmine zuzuhren, an der die Reihe war, Rckerts Makamen
vorzulesen.
    Es schickt sich nicht, sagten sie immer wieder. Eine sagte es der andern,
wenn sie an Lenores Kommen zu Daniel dachten: Es schickt sich nicht. Auch das
Dienstmdchen Meta war dieser Ansicht.
    Whrend Daniel weiterspielte und ihr blo zunickte, fiel Lenores Blick
sogleich auf die Maske der Zingarella. Sie trat hin und nahm die Maske vom Nagel
an der Wand. Sie versenkte sich schweigend in den Anblick des Gebildes. Ihr
Innerstes wurde berhrt.
    Daniel hatte sich indes vom Klavier erhoben, und ein lauter Zuruf von ihm
lie sie zusammenfahren. In des Teufels Namen, was treiben Sie? fuhr er sie
rgerlich an. Er nahm die Maske, die sie so leicht und bebend hielt, aus ihren
Hnden und hing sie mit zrtlicher Sorgfalt wieder an den Nagel.
    Gleich schossen dem empfindlichen Kind die Trnen in die Augen, und sie
kehrte sich ab, um ihr Gesicht zu verbergen. Daniel blieb mrrisch, htte aber
doch seine Grobheit gern wieder gut gemacht. Er brachte ein halbzerfetztes Buch
herbei, das er wie ein Heiligtum behandelte, und erbot sich, es ihr zu leihen.
Es war eine bersetzung des schnen alten Romans Manon Lescaut.
    Lenore stellte sich aber nun hufig nach Bureauschlu ein, blieb nicht
lange, damit man zu Hause nicht unruhig wrde, aber in der kurzen Zeit hatte sie
doch immer etwas zu richten und zu ordnen, die Papiere auf dem Tisch, die Noten
im Stnder.
    Sie lernte auch Benda kennen, und dieser gewann sie lieb. In ihrer Gegenwart
wurde ihm wohl, und er begriff nicht, da Daniel nicht ebenso empfand. Er schien
gar keine Augen fr Lenore zu haben. Glich er doch einem Menschen, der einen mit
Eiern gefllten Korb trgt und nur darauf achtet, da ihm kein Ei herausfllt
und zerbricht.
    An manchen Abenden begleiteten die Freunde das Mdchen nach Hause. Daniel
sprach immer von sich, und Benda hrte lchelnd zu, oder Benda sprach von
Daniel, und Daniel hrte ernsthaft zu.
    Die Leute sagten von Lenore: jetzt zieht sie schon mit Dreien herum, erst
war's der Freiherr allein. Da wird man noch was erleben.
    Hin und wieder fiel ein Fetzen des lumpigen Geredes auf Lenores Weg, aber
sie ging arglos vorber. Aus der glsernen Kugel blickte sie khl und heiter in
die Welt, und sie wute die Blicke der Verleumder nicht zu deuten.

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Benda htte Daniels Gesicht in der Finsternis zeichnen knnen: die runde Stirn,
die spitzige, kleine, strrische Nase, den hart verkniffenen Mund, das eckige
Musikantenkinn und die tiefen Gruben in den Wangen.
    Er wute nichts vom Musiker. Wie alle Gelehrten hatte er stets ein Mitrauen
gegen die bermchtigen Einflsse der Kunst gehegt. Mit Ehrfurcht stand er vor
den groen Werken, die im Gefhl der Generationen unantastbar und exemplarisch
geworden sind, aber fr die Schpfungen der Mitlebenden fehlte ihm die bung des
Ohrs.
    Da es schwer war, zu verstehen und zu wrdigen, war ihm bekannt; da es
bitter war, nicht verstanden und nicht gewrdigt zu werden, hatte er erfahren;
da alle Disziplinen menschlicher Geistesarbeit ihre besondere opfervolle
Hingabe fordern, bedurfte keines Beweises fr ihn.
    Der Musiker war ihm neu. Wie sah er ihn? Als einen blinden Menschen, der
innerlich verbrannte. Als einen berauschten Menschen, der auf alle andern
Menschen den Eindruck abstoender Nchternheit machte. Als einen Besessenen von
einer hchst schauerlichen Einsamkeit, deren er sich nicht recht bewut war. Als
einen ungeschlachten Bauern mit den Nerven eines Entarteten.
    Der Mann der Wissenschaft wollte im Musiker das Gesetz finden; eine Aufgabe,
um daran zu verzweifeln. Und der Freund berschaute das Leben des Freundes; lie
im Geist die Gestalten vieler Jnglinge vorberziehen, die er kennen gelernt
hatte. Sphte nach Merkmalen der Gemeinsamkeit; suchte ein Gesetz, auch hier.
    In einer Dmmerstunde las er in den Schriften des Philosophen Mainlnder. Er
legte das Buch beiseite und sagte zu sich selbst: die jungen Leute meiner Zeit
zerfleischen sich, verwsten sich. Welch eine grauenvolle Zeit! Regel und Ma
sind verloren gegangen; jedes Vorbild wird Zerrbild; der Mensch ist vllig auf
sich zurckgewiesen; die Flamme ist ohne Gef und droht die Hand zu verkohlen,
die sie bndigen soll.
    Da fand er in Daniel den Schicksalsbruder. Da wurde ihm die Musik
Bruderqual. Als er den Freund zerfleischt, verwstet sah, zuckte ihm aus dem
Auge der Gorgo selbst die tiefste Erkenntnis entgegen. Sein eigenes Herz
offenbarte er nicht.
    In einer Nacht, als unendliche Gesprche sie ins Schweigen gefhrt hatten
wie Schiffe, die vorm Wind in einen Hafen treiben, sagte Benda, an einen
zornig-gepeinigten Ausruf Daniels anknpfend, der am anderen Ufer dieses
Schweigens erschallt war: Man mu uneitel sein. Man darf sich niemals aus
seiner inneren Aufgabe ein Vorrecht erhandeln. Man darf niemals vor dem eigenen
Bild stehen bleiben. Es scheint mir, da ein Knstler von erhabener
Bescheidenheit sein mu. Ohne diese Bescheidenheit, scheint mir, ist er nichts
als ein mehr oder weniger wunderbares Luder.
    Daniel blickte rasch empor. Unter dem buschigen Schnurrbart Bendas waren die
groen Zhne sichtbar. Er zog immer die Lippen auseinander, whrend er das
eindringlichste Wort suchte.
    Benda fuhr fort: Schndlich ist zumeist alles, was ihr Talent nennt. Talent
ist ein Flederwisch. Was von den Fingern ausgeht, ist vom bel. Wer ein Ziel hat
und dafr leiden kann, den brauchen wir. Und sonst, wie schn ist es doch!
Droben ist der Himmel, unten ist die Erde, in der Mitte steht der unsterbliche
Mensch.
    Daniel stand auf und reichte Benda die Hand. Es gab nichts Bezwingenderes
als Bendas Hndedruck. Seine Hand wurde zum Schraubstock, in dem er die fremde
Hand schttelte, bis sie kraftlos wurde. Dabei strahlten seine grauen Augen ein
freudiges Wohlwollen aus.
    Und sie tauschten das brderliche Du.

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Lenore brachte das Buch von Manon Lescaut zurck. Als Daniel fragte, wie es ihr
gefallen habe, schwieg sie. Da er das Buch gern hatte, fing er an zu schelten.
    Sie sagte: Ich kann keine Bcher lesen, in denen so viel von Liebe die Rede
ist.
    Er blickte vor sich nieder, um ihre Stimme verklingen zu lassen. Es war ein
Geigenton in ihrer Stimme, dessen Zauber er sich nicht entziehen konnte. Als ihm
zum Bewutsein gekommen, was sie gesagt, lachte er kurz und meinte, das sei
Ziererei. Sie schttelte den Kopf. Da hnselte er sie wegen des Verkehrs mit dem
jungen Auffenberg und fragte, ob ihr die Liebessachen auch in der Wirklichkeit
so zuwider seien.
    Die Flammenblue in ihren Augen zwang seinen Blick zur Erde. Die Erfahrung
war ihm nicht angenehm, da ihr Blick strker war als der seine. Sie ging fort
und lie sich ein paar Tage nicht sehen.
    Als sie wieder kam, war er einfltig genug, seinen Spott zu erneuern. Da
setzte sie sich in die Sofaecke und blickte ihm forschend ins Gesicht. Wollen
wir Freunde bleiben, Daniel? fragte sie.
    Er sah sie verwundert von der Seite an; nicht etwa, weil er ihre
Lieblichkeit und kraftvolle Anmut bemerkt htte, sondern weil der Geigenton in
ihrer Kehle noch tiefer und reiner klang. Aber ohne Lippenverziehen und ohne da
man die Hnde in die Hosentasche steckte, war die Frage nicht zu bejahen.
    Sie sagte, sie wolle sich nicht so wichtig vor ihm machen, da sie verlange,
anders als andere Mdchen von ihm betrachtet zu werden. Aber in einem Punkt
wolle sie ihn bitten, ihr ein Vorrecht einzurumen, eben um der Freundschaft
willen. Er mge nicht ber Liebe mit ihr sprechen, im Scherz nicht und im Ernst
nicht. Es sei dieses Wort seit langen, langen Tagen fr sie gleich einem
Gespenst. Warum es so sei, das knne sie ihm nicht sagen, jetzt nicht,
vielleicht spter einmal, viel spter, wenn sie beide alt geworden. Suche sie
sich zu erinnern, suche sie das Halbvergessene festzuhalten, so werde alles matt
und kalt in ihr, obwohl der andere vielleicht, der es zu wissen bekme, es nicht
begreifen wrde. Aber es lge ihr im Blut so, und man mge sie schonen.
    Ihr Gesicht drckte tiefen Ernst aus und glich einem alten Bild. Und in
ihren Worten lag etwas von einem Traum.
    Wenn es sonst nichts ist, das kann ich Ihnen ruhig versprechen, Lenore,
sagte Daniel, und gerade in der Gutmtigkeit, die er jetzt zeigte, war etwas
Fhlloses, als sei das Geheimnis, auf das sie bewegt hingedeutet, weit weg von
seiner egoistisch beschlossenen Welt. Drauen im Garten pltscherte die kleine
Fontne, und er horchte nach dem dominierenden Ton in dem Gepltscher.
    Lenore wandte sich ihm nun mit ganz neuer Offenheit zu. Alles war jetzt ein
wenig nher bei ihm, ihr Blick, ihre Hand und ihre Worte.

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Daniel hatte eine Arbeit vollendet, ein Orchesterwerk, Vineta betitelt, und er
wnschte, da Benda die Komposition kennen lerne. Eines Abends um sechs Uhr kam
Benda zu Daniel. Alles war vorbereitet, Daniel setzte sich ans Klavier. Sein
Gesicht war bla, seine glatte Oberlippe zuckte.
    Denk dir das Meer, denk einen Sturm, denk ein Boot mit Menschen, denk ein
wunderbares Nordlicht am Himmel und eine versunkene Stadt, die emporsteigt, und
das Meer wird ruhig, und im Licht ist eine Erscheinung, denk dir so etwas oder
vielleicht was anderes, es ist ja doch falsch. Es ist Unzucht, sich was zu
denken. Cis-moll.
    Er wollte beginnen, als es an der Tr klopfte und Lenore eintrat. Sie
huschte still in ihre Sofaecke.
    Das Stck fing mit einem rhythmisch ruhigen und klagenden Satz an, der sich
pltzlich in ein tobendes Presto verwandelte, und die kaum zur Sammlung
gediehene melodische Figur wurde zerfetzt wie eine Blumengirlande in einem
Wassersturz. Dann flossen die nach allen Richtungen des Erdkreises
auseinandergestobenen Elemente zgernd und reuevoll wieder in eine Kette, es
schien, als habe sie der tolle Wirbel reicher, reiner und beseelter entlassen,
und bei langsam abschwellendem, bis zu choralartig feierlicher Dehnung
gemigtem Tempo verschmolzen sie wieder in das lieblich ernste Hauptthema, das
dann mit einem arpeggierten Akkord in die Unendlichkeit hinberstrmte.
    Wo das Instrument versagte, half er mit seiner Krhstimme nach, und es war
die unheimliche Energie des Ausdrucks, durch die er sie verhinderte, komisch zu
wirken.
    Bendas Augen waren in der Anstrengung des Zuhrens blicklos geworden. Er
htte nicht zu sagen vermocht, ob das Werk des Freundes ein gelungenes Werk sei.
Was ihn berzeugte, war der Mensch, der vom Menschen ausstrahlende Magnetismus.
Das Werk konnte er weder durchdringen, noch werten, es ergriff ihn aber in der
Verbundenheit mit dem Phnomen des Menschen.
    Daniel stand auf, taumelte gegen das Sofa, grub den Kopf in die Hnde und
chzte: Sprt ihr's denn? Sprt ihr's denn wirklich? Er erhob sich wieder,
strzte mit zwei Schritten ans Klavier, packte die Notenbltter und warf sie auf
den Boden. Es ist ja nichts, knirschte er, eine elende Stmperei ist's.
    Damit warf er sich abermals hin. Lenore, in der andern Ecke des Sofas
regungslos sitzend, schaute ihn mit den tiefstaunenden Augen eines Kindes an.
    Benda hatte sich ans Fenster gestellt und sah in die blhenden Bume und in
den grauen Wolkenhimmel. Dann wandte er sich um. Da endlich etwas fr dich und
deine Sache geschehen mu, ist klar, sagte er.
    Lenore bewegte die Arme gegen Benda, als wollte sie ihm danken, und ihre
Lippen ffneten sich halb. Als sie aber Daniel betrachtete, wagte sie es nicht,
und auf einmal rief sie aus: Mein Gott, da sind zwei Knpfe an seiner Jacke,
die hngen nur noch an einem Faden. Und sie rannte aus dem Zimmer. Nach kurzer
Weile kam sie mit Nadel und Zwirn zurck, die sie sich von Meta hatte geben
lassen, setzte sich dicht an Daniels Seite und nhte die Knpfe fest.
    Benda mute lcheln. Aber es lag in dem, was sie tat, eine wunderbare
Beruhigung, als verhelfe sie dem Leben gegenber allem Geisterspiel zu seinem
Recht.

                                       10


Aus frheren Zeiten kannte Benda den Theateragenten und Impresario Drmaul. Zu
Drmaul ging er und brachte ihm Daniels Arbeit, denn der vielseitige und in
viele Projekte verstrickte Emporkmmling verlegte auch musikalische Werke.
    Es dauerte einige Wochen, bis ihn der Impresario wieder vor sich beschied.
Unverstndliches Zeug, Originalittshascherei, lautete Drmauls Urteil, damit
lockt man keinen Hund vom Ofen.
    Ein junger Mensch mit feuerroten Haaren folgte Benda aus dem Zimmer und
redete ihn an. Er heie Wurzelmann und sei selbst Musiker; er habe das Wiener
Konservatorium besucht und sei von seinem dortigen Lehrer an Alexander Drmaul
empfohlen worden. Dieser gehe nmlich damit um, eine Wanderoper zu grnden,
nmlich eine Truppe in Sold zu nehmen, die mit einem festen Repertoir von
Spielopern durch die kleinen Stdte der Provinz ziehen solle, und er werde
erster Kapellmeister sein.
    Er sprach im hlichen Idiom der Juden des Ostens. Benda war in artiger
Weise kalt.
    Die Hauptsache kam zuletzt. Vineta hatte Wurzelmanns Begeisterung erweckt.
Er hatte die Partitur heimlich gelesen. Ein groes Talent, Herr Doktor, wie man
es seit langem nicht erlebt hat, sagte er.
    Was soll ich da von Herrn Drmauls Urteil halten? fragte Benda, weil er
dem Anwesenden noch nicht recht traute und den Abwesenden gegen ihn in Schutz
nehmen wollte.
    Kennen Sie Drmaul nicht? Ich dachte, Sie kennen ihn. Wo er keine Autoritt
frchtet, wird er khn. Legen Sie ihm die neunte Symphonie ohne Titelblatt vor,
und er erklrt sie Ihnen fr Schund. Jede Wette.
    Ach? ist das wirklich so? fragte Benda bekmmert.
    Geben Sie mir die Partitur, und ich verspreche Ihnen, da ich die Leute
dafr auf die Beine bringen will. Fr so was mu man die Fanfare blasen.
    Benda besann sich eine Weile. Er hatte keine Neigung frs Fanfarenblasen,
und er glaubte auch nicht an die Treue derer, die das Blasen besorgten. Doch
willigte er ein, da er sich nicht das Recht anmate, Daniel um eine Hoffnung zu
verkrzen.
    Es erwies sich, da Wurzelmann nicht geflunkert hatte. Vierzehn Tage spter
erhielt Daniel die Nachricht, der Orchesterverein habe sich entschlossen, seine
Komposition im Februar zur Auffhrung zu bringen. Um der Zuhrerschaft ein
reicheres Bild seines Schaffens zu geben, forderte man noch eine zweite Arbeit
von ihm. Daran war kein Mangel. Vieles harrte der Vollendung.
    Wurzelmann rhmte sich, den hochmgenden Herren die Tren eingerannt zu
haben. Er hatte sich Gutachten der Musikprofessoren Wackerbarth und Herold
verschafft, und das diplomatische Meisterstck hatte darin bestanden, da er
Andreas Dderlein als Dirigenten gewonnen hatte.
    Er war unerschpflich in Ratschlgen und voll von Plnen. Er sprach davon,
da bei der Wanderoper ein zweiter Kapellmeister notwendig sein werde, da er
selbst mehr als stellvertretender Direktor zu amtieren habe. Lassen Sie mich
nur machen, lieber Nothafft, sagte er, Alexander Drmaul mu tanzen, wie ich
pfeife, und mein Pfiff lautet: Nothafft wird Kapellmeister oder keiner.
    Hatte er demtig begonnen, so endete er mit Vertraulichkeiten. Daniel hate
rothaarige Leute, besonders wenn sie entzndete Augen hatten und beim Sprechen
speichelten.
    Er ist ein unappetitlicher Bursche, dein Wurzelmann, sagte er zu Benda,
und da ich ihm Dank schulde, ist hart. Et denkt, es schmeichelt mir, wenn er
verchtlich von sich selber redet. Futritte verdient er.
    Benda schwieg. Von Wurzelmanns aufopfernden Bemhungen gerhrt, hatte er ihn
servule, das Knechtlein genannt. Es war schn, da einer da war, der die Blcke
aus dem Wege rumte, damit der Fu des aus dem Dunkel Getretenen Platz zum
Schreiten habe. Aber das Knechtlein war erfllt von der Bewunderung des in Armut
und Bedrckung geborenen Juden fr den Genius der andern Rasse.
    Benda wute es. Ihm ekelte davor, weil es eine Tatsache war, die andern,
nicht weniger lgnerischen Schwrmern als Stammeseigentmlichkeit galt.

                                       11


Da nun der Sommer gekommen war, die heien Augusttage, wanderten die beiden
Freunde hufig vor die Stadt hinaus und in die Wlder gegen Feucht oder
Fischbach, oder zum hohen Bhl.
    An einem solchen Ausflug nahm auch Lenore teil. Es war sein, sie anzusehen,
wenn sie den Duft der Blumen und der Nadelbume, die Formen der Wolken und den
Wechsel der Landschaft geno. Da glich sie einem selig hingleitenden Vogel, der
sich in den oberen Regionen vom Schmutz der unteren rein badet.
    Mit verstndiger Aufmerksamkeit lauschte sie den Gesprchen der Freunde. Ein
leuchtender Blick, ein Hochrnden der Brauen zeigte, da sie Partei ergriff und
Wort und Gegenwort sich in ihrem Sinn zurechtlegte. Wurde sie veranlat, eine
Meinung zu uern, so traf sie damit gewhnlich den Nagel auf den Kopf.
    Auf dem Heimweg brach die Nacht herein, der Himmel war ganz klar geworden,
und die Sterne strahlten in groer Pracht. Es fielen Sternschnuppen, und Lenore
meinte, so viel Wnsche habe sie gar nicht, wie sie jetzt uern knne. Der
gelehrte Benda erwiderte lchelnd, in diesen Augustnchten seien die
Asteroidenschwrme unterwegs, da scheine oft das ganze Firmament in lebendiger
Bewegung, und man knne leicht vom Wnschen mde werden.
    Lenore begehrte zu wissen, was Asteroiden seien, und er erklrte es ihr nach
bestem Vermgen. Dann sprach er von den Sternbildern und von der Milchstrae und
sagte ihr, da diese aus Millionen einzelner Sterne bestehe. Er sprach auch von
der Gre der Sterne, und da er sie bisweilen Sonnen oder Welten nannte, wurde
sie stutzig und fragte, ob denn auch Erden darunter seien. Wie, Erden? Wie sie
dies verstehe? Nun, solche Erden wie die, auf der sie selbst jetzt wandelte und
lebte. Ohne Zweifel, wurde geantwortet. Und ob auf diesen Erden auch Bume
seien, Tiere seien? Dies sei wohl anzunehmen, auf vielen wenigstens. Und ob auch
Menschen? Wahrscheinlich, lautete die Auskunft, weshalb sollte denn der
unbedeutende Ball, der sie trage, einen Vorteil haben? Wenn nicht Menschen im
irdischen Verstand, so doch Wesen mit Vernunft und Gefhl.
    Es knnen also solche Geschpfe wie Sie und Daniel und ich da oben
existieren?
    Gewi.
    Und auf all den Sternen gibt es vielleicht zahllose Vlker und
Menschheiten, von denen wir nichts wissen, nichts ahnen?
    Gewi.
    Da setzte sich Lenore auf einen Meilenstein am Weg, schaute mit zuckenden
Lippen vor sich hin und brach pltzlich in Trnen aus. Benda nahm ihre Hand und
streichelte sie beruhigend.
    Sie tun mir alle so leid, schluchzte Lenore, blickte hinauf und lchelte
nun unter Trnen. Benda htte am liebsten Daniels Arm gepackt und ihm zugerufen:
nun schau sie dir doch mal an! Daniel schaute sie wohl an, aber er sah sie
nicht.

                                       12


An einem Abend im Oktober trat der Inspektor Jordan aus einem Haus in der
Breitegasse, knpfte frierend seinen Mantel zu und ging mit hastigen Schritten
durch ein Verbindungsgchen, das so eng war, als seien die Huser mit einem
groen Messer durchschnitten worden, gegen die Karolinenstrae. Es war spt, und
er hatte Hunger. Da ihm einfiel, da Gertrud vielleicht nichts Warmes mehr fr
ihn zu essen hatte, ging er in eine Wirtschaft.
    Zwei Stunden hatte er damit zugebracht, einen reichen Hopfenhndler zum
Abschlu einer Versicherung zu bewegen. Der Mann hatte sich immer wieder die
Vorteile erklren lassen, hatte immer wieder die Tabellen studiert und sich
nicht entschlieen knnen. Dann war ihm sein Abendessen aufgetragen worden. Da
sa er, zufriedend schmatzend, und von der Serviette, die er um den dicken
Nacken gebunden hatte, starrten zwei Zipfel rechts und links empor wie zwei
lange, weie Ohren. Es hatte den Inspektor in seinem sozialen Bewutsein
gekrnkt, da der Mann sich sogar die hfliche Phrase einer Einladung hatte
ersparen zu knnen geglaubt.
    In der kleinen Bierkneipe, in die der Inspektor trat, saen einige Leute an
einem Tisch, darunter der Friseur Bonengel, von dem Jordan erkannt und gegrt
wurde. Er nahm im Hintergrund des Raumes Platz und bestellte bei der hlichen
und schmutzigen Kellnerin ein paar Wrste mit Kraut.
    Der Friseur erzhlte unfltige Anekdoten; als die Kellnerin das Essen
brachte, kicherte sie und sagte: Das ist einer, der Bonengel, das ist einer.
    Der Inspektor begann hastig zu essen, aber unversehens verging ihm die Lust.
Er schob den Teller beiseite, sttzte den Kopf in die Hand und schaute still in
die Rauchschwaden, die in der dicken Luft unbeweglich standen.
    Ihm war, als knne er das Tagewerk nicht mehr vollbringen, das er morgen und
bermorgen und an all den weiterhin kommenden Tagen leisten sollte. Von einem
Ende der Stadt bis zum andern rennen; immer dieselben hundertmal durchmessenen
Straen auf und ab; Stiegen hinauf und Stiegen hinunter! Immer wieder dieselben
Fragen beantworten, dieselben Behauptungen aufstellen, dieselben Einwnde
widerlegen, tglich und immer wieder dieselbe Sache mit denselben Worten
anpreisen, dasselbe Interesse heucheln, dasselbe Mitrauen mit denselben Grnden
bekmpfen, den Leuten immer wieder zur Last fallen und ihren huslichen Frieden
stren, und immer wieder zu neuer Anstrengung gepeitscht werden, immer wieder
die Strafpredigten dieses nicht zu sttigenden, nicht zu rhrenden
Aktien-Ungeheuers und seines Statthalters Diruf anhren zu mssen, wahrlich, es
war nicht mehr zu ertragen, es ging wider die Wrde eines Mannes von seinen
Jahren.
    Er schmte sich vor sich selbst. Er war furchtbar mde.
    Er gedachte seines vergangenen Lebens. Wie er sich aus der Armut seiner
Jugend emporgearbeitet hatte, und es ihm gelungen war, ein geachteter Kaufmann
zu werden. Das war in Ulm gewesen, und da hatte er die blonde Agnes geheiratet,
die Lokomotivfhrerstochter.
    Aber weshalb war er nicht zu Wohlstand gekommen? Viele, die ihm nachstanden
an Klugheit, an Flei und an Manierlichkeit, waren vermgliche Leute geworden,
nur er nicht. Dreimal hatte der Bankrott gedroht, dreimal hatten ihn Freunde
gerettet. Dann hatte sich ihm ein Gesellschafter angetragen, war mit einigem
Kapital in die Firma eingetreten, und das Geschft war wieder flott gegangen.
    Doch zeigte es sich, da dieser Mensch keine Treue und kein Gewissen hatte.
Jordan ist mein Hemmschuh, sagte er zu den Kunden, Jordan versteht nichts,
Jordan kann nicht rechnen. Und der Gesellschafter ruhte nicht eher, als bis
Jordan mit einer Abfindungssumme die Firma verlassen hatte.
    Dann hatte er sich da versucht und dort versucht, acht oder neun Jahre lang.
Sorg dich nicht, Jordan, hatte Agnes gesagt, es wird schon werden. Aber es
wurde nicht. Was er auch anpacken mochte, es war am falschen Ende angepackt, zur
unrechten Stunde, mit unrechten Leuten.
    Es konnte nicht werden. Nicht nur, weil seine Hand zu schwer war, und
vielleicht auch sein Sinn zu redlich, sondern weil er sich von einer Schimre
hatte narren lassen.
    Von frhen Jahren an hatte er einen Traum gehegt, und alle seine
Unternehmungen hatten darauf hingezielt, den Traum wirklich zu machen. Es war
unmglich gewesen; er hatte nie so viel Geld erbrigen knnen. Und wenn er den
Lieblingswunsch mit Agnes besprochen hatte, wenn er geschwrmt hatte von der
Zeit, wo er seinem eigentlichen Beruf wrde leben knnen, hatte sie ihn ermutigt
und mit ihm die Wege beraten. Aber es schien ihm jetzt, als htte sie immer
gewut, da er blo trumte und htte gromtig darauf verzichtet, ihn aus dem
Traum zu wecken.
    Von frhen Jahren an war sein Gedanke gewesen, eine Puppenfabrik zu bauen.
Weshalb nun gerade eine Puppenfabrik? Hielt er es fr besonders ersprielich,
Puppen zu machen? Glaubte er damit besondere Ehren, besonderen Reichtum zu
gewinnen? Keineswegs. Er htte nicht zu sagen vermocht, warum er gerade dieses
erstrebte.
    Es hatte ihn stets bednken wollen, als ob die Welt der Puppen eine fr sich
bestehende Welt sei. Es hatte etwas Zauberisches fr ihn gehabt, wenn er sich
ausmalen konnte, welche Gesichter, welche Kleider, welche Haare er fr die
verschieden gestalteten, groen und kleinen Puppen erfinden wrde. Puppen von
mannigfachem Reiz bevlkerten seine Phantasie; Frstinnen und Priesterinnen,
Fischerinnen und Meerjungfrauen; Schfer und Schferinnen; Kasperle und lustige
Teufel; solche mit Kpfen aus Porzellan und andere mit Kpfen aus Wachs, bei
denen die Farbe des Lebens bis zur Vollendung nachgeahmt werden konnte, und die
echte Menschenhaare hatten; solche, die die Trachten fremder Vlkerschaften
trugen, und andere, die wie Mrchenfiguren gekleidet waren, Feen und Gnomen, ein
Aladdin, ein Harun al Raschid, ein morgenlndischer Derwisch.
    Als er zum letztenmal seinen Wohnort gewechselt hatte, war seine Wahl auf
Nrnberg gefallen, weil es ihn dorthin zog, wo die Puppenindustrie in ihrer
Blte stand.
    Dann war Agnes gestorben, die drei Kinder waren ihm geblieben, und fr die
mute er arbeiten. Fr sich selbst durfte er jetzt kein Glck und Gelingen mehr
hoffen, und da war die Puppenfabrik ganz und gar Schimre geworden. Nur noch ein
Ziel hatte er, nmlich fr jede seiner Tchter zehntausend Mark zurckzulegen,
damit sie gegen die rgste Not gesichert seien, wenn er einmal nicht mehr war.
Der Junge, der konnte sich selber helfen.
    Aber bis zum heutigen Tag hatte er kaum die Hlfte dieser Summe auf die Bank
geben knnen. Und wenn er nun um seine Stelle kam, wenn die Gebrechlichkeit des
Alters ihn hinderte, das Brot zu verdienen, wenn er schlielich gezwungen wurde,
die Ersparnisse anzugreifen, die er in so vielen Jahren und unter so vielen
Entbehrungen gesammelt hatte, wie sollte er dann den Mdchen gegenbertreten,
was fr ein Lebensabend stand ihm dann bevor?
    Der Schlack hatte sich aber im Keller verkrochen, und als ihm die Frau
seine Hosen bringen wollte, waren sie ins Mehlfa gefallen, erzhlte der
Friseur Bonengel.
    Die Zuhrer meckerten, die Kellnerin kreischte.
    Auf dem Nachhauseweg hrte der Inspektor durch das Pfeifen des Windes
hindurch noch immer die dem Klappern einer Schere hnliche Stimme des Friseurs.
    Es war ihm jedes Mal unbehaglich, bei Nacht die Treppe des schmalen, alten
Hauses hinaufzusteigen. Das Holz krachte, als ob es brechen wollte, auch schien
es ihm bisweilen, als kmen ihm blinde Menschen entgegen. Im ersten Stock wohnte
nmlich ein Augenarzt, und er hatte oft Blinde gesehen.
    Auf dem Tisch seines Zimmers lag ein Brief. Der Umschlag trug den Vordruck:
Generalagentur der Prudentia. Er ging eine Weile auf und ab, ehe er die Hlle
zerri. Es war die Kndigung seines Postens.

                                       13


Um jene Zeit wuchs Friedrich Bendas Verstimmung. Er sah, da er als Privatmann
sich der Hilfsmittel begeben mute, deren er fr seinen Forscherberuf bedurfte,
und es schien ihm, als sei er verurteilt, seine Fhigkeiten in ewiger Dunkelheit
zu begraben.
    Er brach die meisten seiner bisherigen Beziehungen ab, auch die brieflichen.
Wenn ihn Bekannte grten, blickte er zur Seite. Sein Ehrgefhl war aufs tiefste
verwundet, er war auf dem Weg, auf dem man die Selbstachtung verliert.
    Daniel war der einzige Mensch, der davon nichts bemerkte. Vielleicht hatte
er sich in den Gedanken eingelebt, Bendas Existenz sei eine freundlich
geregelte, und es gengte ihm der Anblick, den die brgerliche Wohlhabenheit des
Hausstandes bot, um ihn an ein sorgenloses Dasein des Freundes glauben zu
lassen; jedenfalls fragte er nie, und es fiel ihm nicht auf, wenn der Gefhrte
so vieler Stunden mit umdstertem Antlitz vor ihm sa.
    Benda lchelte ber diese Unschuld, denn fr etwas Schlimmeres nahm er es
nicht. Weit entfernt, bitter darber zu denken, fate er den Vorsatz, den so
tief in sich selbst webenden Menschen mit seinen Angelegenheiten gnzlich zu
verschonen. Er konnte aber nicht hindern, da sein Schmerz, wie auch das
Verlangen, seine unwrdige Lage zu beenden, die Schranken der Zurckhaltung
bisweilen durchbrachen.
    An einem trben Tag, sptnachmittags, holte Benda den Freund ab, der eben
von einer Unterrichtsstunde nach Hause gekommen war. Sie beschlossen, ein wenig
spazieren zu gehen und dann bei Benda zu Abend zu essen.
    Im Flur begegneten ihnen die Schwestern Rdiger, die von ihrer tglichen
Wanderung durch den Garten zurckkehrten. Benda grte mit seiner altertmlichen
Artigkeit, Daniel berhrte mrrisch kaum den Hutrand. Die Schwestern stellten
sich in einer Reihe auf wie beim Kotillon und dankten holdselig. Frulein
Jasmine lie eine versptete Rose aus der Hand fallen, und als Benda die Rose
aufhob, prete das Frulein die Hand gegen den kaum der Rede werten Busen und
dankte abermals holdselig.
    Als sie auf der Strae waren, sagte Benda in mitleidigem Ton: Drei zarte
Wesen; hausen in ihrer Einsamkeit als rechte Vestalinnen und hten ein heiliges
Feuer.
    Daniel lachte. Ein heiliges Feuer gar? Meinst du die Geschichte mit dem
Maler?
    Ja, die mein ich, und es war kein gewhnlicher Maler, mut du wissen. Erst
krzlich hab ich mir die ganze Sache erzhlen lassen. Anselm Feuerbach hie der
Maler.
    Daniel wute nichts von Anselm Feuerbach, empfand aber das Inhaltsvolle
eines Namens, der kraft einer geheimnisvollen Magie wie eine schne Glocke an
sein Ohr schlug. Was war es denn mit ihm? fragte er.
    Die Geschichte lautete wie folgt: Als Anselm Feuerbach vier Jahre vor seinem
Tod, vor sechs Jahren also, zum letztenmal nach Nrnberg kam, um seine Mutter zu
besuchen, da krnkelte er schon an Krper und Gemt und war der Menschen satt,
war von ewiger Plage und Mikennung verstrt. Aber einige Brger erinnerten sich
seines Ruhms, der in der deutschen Luft dunkel und heimatlos schwebte, und die
Handelskammer bestellte bei ihm ein Bild fr ihren Sitzungssaal im neuen
Justizpalast. Er malte das Bild, den Kaiser Ludwig, wie er den Nrnbergern das
Privilegium fr freies Gewerbe erteilt. Als nun das Bild fertig war, zeigten
sich die Herren sehr unzufrieden, denn sie hatten etwas ganz anderes erwartet,
irgendeine de Krelingsche Schilderei, und nicht so ein vornehmes und reines
Werk. Zudem war der Raum knapp, eine Handbreit Leinwand mute in die Mauer
gelassen werden, und das Licht war ganz elend. Da machte die Kammer
Schwierigkeiten mit der Bezahlung, in dem hlichen Streit ergriff der Geometer
Rdiger, der lngst schon ein leidenschaftlicher Anhnger Feuerbachs war, die
Partei des Malers, und es kam so weit, da er die Stadt mit dem Schwur verlie,
nie mehr zurckzukehren. Seine Tchter aber hatten alle drei den Meister Anselm
seit ihrer frhesten Jugend geliebt, wo er als Gast im Hause des Vaters geweilt
hatte.
    Freilich, wenn irgendein Mann liebenswert gewesen ist, so war er es,
endete Benda die Geschichte. Willst du ihn sehen? So komm.
    Sie befanden sich in der Nhe des Johanniskirchhofs. Das Tor war noch offen,
und Daniel folgte dem voranschreitenden Benda. Der wanderte eine Weile auf den
schmalen Grberpfaden, deutete stumm auf einen flachen Stein, auf welchem der
Name Albrecht Drers zu lesen war, und dann standen sie an Feuerbachs Grab. Eine
schon geschwrzte Bronzeplatte zeigte den Kopf des Malers im Profil. Ein
Lorbeerkranz lag darunter, dessen halb verwelkte Bltter im sachten Wind bebten.
    Was fr ein Leben hat der Mann gefhrt! sagte Benda leise; und was fr
einen Tod ist er gestorben! Den Tod eines hinausgejagten Hundes.
    Als sie gegen die Stadt gingen, dmmerte es. Daniel hatte den Hut vom Kopf
genommen und schritt mit fernhin gerichtetem Blick an Bendas Seite. Dieser aber
war aufgewhlt wie selten.
    Ein deutsches Leben, ein deutscher Tod, stie er hervor. Er streckt die
Hand aus, um zu geben, und es wird ihm hineingespuckt. Er gibt und gibt und
gibt, und sie nehmen, nehmen, nehmen, ohne Dank, ja, mit Hohn. Sie achten nur
die Vetternschaft, sie verkuppeln das Mikroskop mit dem Katechismus und die
Philosophie mit der Polizei. Ohne jeden Anstand, ohne humane bereinkunft; sie
beschlieen es, sie tun es. Es ist fr mich kein Platz in Deutschland mehr. Ich
gehe.
    Du gehst? Wohin gehst du? fragte Daniel treuherzig erstaunt. Benda bi
sich auf die Lippen und schwieg.
    Sie waren zur Fll gekommen. Als sie in Bendas Arbeitszimmer traten, brachte
dieser einen mchtigen Atlas herbei, schlug die Karte von Afrika auf und deutete
in die Mitte des Erdteils.
    Siehst du die groen weien Flecken hier? Da ist weder Flu noch Berg
eingezeichnet. Es sind Gebiete, die noch keines Europers Fu betreten hat.
Dorthin geh ich. Er lchelte sanft.
    Wirklich? wann denn? fragte Daniel, voll Unbehagen darber, da er den
Freund verlieren sollte.
    Es ist noch unbestimmt, aber es wird sein. Dort habe ich zu tun. Ich
brauche Luft, Erde, Himmel, das freie Tier und die freie Pflanze.
    Auf der Schwelle des Zimmers erschien Bendas Mutter, eine ziemlich groe,
gebrechlich gehende Frau mit scharfen Zgen und tiefliegenden Augen.
    Sie schaute ihren Sohn an, sodann Daniel, zuletzt fielen ihre Blicke auf den
Atlas und blieben darauf ruhen mit einem Ausdruck des Grauens und der Angst.
    Daniel wute nichts mehr zu sagen, und Benda, immer still in sich
hineinlchelnd, fing von andern Dingen zu sprechen an.

                                       14


Beim Tode ihrer Mutter war Gertrud Jordan neun Jahre alt gewesen. In der Nacht
war sie in das Sterbezimmer geschlichen und hatte drei Stunden am Lager der
Toten zugebracht. Vielleicht war es seit jener Nacht, da sie sich der Welt und
den Menschen verschlossen hatte. Als sie von dannen ging, hob die Uhr zum Schlag
aus, und in der Ferne krhte ein Hahn.
    Warum tickst du, Uhr? fragte sie laut, warum krhst du, Hahn? Und wieder:
wer lt dich ticken, Uhr, wer lt dich krhen, Hahn?
    Sie wuchs auf, und niemand wute eigentlich etwas von ihr. Selbst ihr Vater
konnte ihr nicht nahe kommen und wute nicht, wie sie in ihrem Innern beschaffen
war. Sie verkehrte nicht mit Altersgenossinnen. Ihr dunkler Blick erglhte
zornig, wenn sie das sinnlich-sinnlose Gelchter der Mdchen vernahm.
    Bei der ersten Kommunion strzte sie zusammen und wurde ohnmchtig
weggetragen. Jordan brachte sie nach Pommersfelden zu seiner Schwester, der
Bezirksarztenswitwe Kupferschmied. Nach einer Woche kehrte sie allein zurck und
in zerrtteter Gemtsverfassung. Sie hatte zugesehen, wie ein Kalb geschlachtet
worden war. Dieser Anblick hatte sie beinahe wahnsinnig gemacht.
    Von ihrem fnfzehnten Jahr an hatte sie es durchgesetzt, da sie eine eigene
Kammer zum Schlafen erhielt. Als sie sechzehn alt war, begehrte sie, da die
Magd entlassen werde, und nun kochte sie selbst und fhrte die Wirtschaft. War
sie mit den huslichen Arbeiten fertig, so setzte sie sich an ihren Stickrahmen.
    Benjamin Dorn war durch ihren Vater ins Haus gekommen. Da Lenore sich ber
ihn lustig machte, nahm sie fr ihn ein. Er erschien ihr nicht als Mann, er
erinnerte sie an die schmchtigen Engel, die sie stickte. Er brachte ihr seine
Traktate und Erbauungsschriften, aber sie verstand die Sprache nicht. Dann
fhrte er sie zu den Zusammenknften der Methodisten, aber die geruschvolle
Zerknirschung ngstigte sie, und nach wenigen Malen war sie nicht mehr zu
bewegen, hinzugehen. Er empfahl ihr das Lesen der Bibel, aber sie vermochte auch
in der Bibel nichts zu finden, was sie htte beruhigen knnen. Ihr war es, als
habe sie eine Wunde in ihrem Innern, die bestndig blutete und sich niemals
schlo. Als sie sich lngst von Benjamin Dorn und seiner billigen Frmmigkeit
abgewandt hatte, war dieser noch immer der Meinung, sie habe acht auf ihn und
schaue zu ihm empor. Doch wute sie es einzurichten, da er nur selten mit ihr
sprechen konnte.
    Der Gottesdienst in der protestantischen Kirche erschien ihr wie eine
Versammlung von Hndlern, die, anstatt wie an Wochentagen untereinander, an
Sonntagen mit dem Himmel ein Geschft abschlieen. Sie vermite die Wrde, bei
den Predigten wurde sie nicht warm, die Zeremonien stimmten sie nicht andchtig.
    Nirgends und von keinem Menschen vernahm sie ein nachhallendes, ein
erleuchtendes Wort. Es war die Nchternheit einer ganzen Zeit, die sie bis in
die Adern hinein sprte, die Verflachung einer ganzen Welt. Und wenn sie ihr
Herz wrmen wollte, wenn sie sich frchtete vor der den Luft und dem den Tag,
ging sie heimlich in die Frauenkirche oder in die Sankt Josephskirche, wo man
den Raum Gottes feierlicher schmckte, wo viele Lichter angezndet waren, die
Gebete geheimnisvoller klangen, der Priester ergriffener schien, der Andchtige
schaudern konnte.
    Und doch hate sie alles uerlich Schne, hate sogar die schne Natur als
ein den Menschen zur Verlockung und zur Betrung Hingesetztes. Liebte auch
nichts an ihrer eigenen Person, weder ihr Gesicht, noch ihre Stimme;
erschreckend war ihr die eigene tiefe Stimme; weder ihre Haare, noch ihre Hnde.
    An einem Winterabend warf sie einen goldenen Ring, der aus dem Nachla der
Mutter stammte, und den ihr der Vater gegeben hatte, in den Brunnenschacht. Dann
beugte sie sich hinber und sah in die Finsternis hinab wie von einer Brde
befreit.
    Oftmals wollte Lenore der Schwester vertrauend nahen und fhlte sich immer
zurckgestoen. Wenn auch Gertrud wenig mit Menschen sprach, so gelangte doch
alles Gerede zu ihr, das ber Lenore ging, und sie schmte sich fr die
Schwester. Sie mochte Lenore nicht mehr anschauen, sie fate einen Widerwillen
gegen sie und konnte sich kaum entschlieen, ihr den Gru zurckzugeben. Der
Verirrten Vorhaltungen zu machen, dazu fehlte ihr das Wort, sie war des Wortes
nur in geringem Grade mchtig, sie mute alles in sich hineinwrgen, Unrecht und
Schmerz. So hrmte sie sich um Lenores willen und wurde zugleich immer erregter
und wilder, als locke sie etwas am Tun der Schwester, und sie konnte hufig
keinen Schlaf finden.
    Ihre Unruhe war so gro, da sie nicht lange mehr am Stickrahmen sitzen
blieb und berhaupt keine Arbeit mehr richtig zu Ende brachte. Es trieb sie
hinaus, und war sie drauen, so trieb es sie wieder heim. Das Herz klopfte ihr,
wenn sie allein im Zimmer war, und war der Vater oder der Bruder oder Lenore da,
so hielt sie deren Gegenwart nicht aus und flchtete in ihre Kammer. Wenn es
hei war, schlo sie die Fenster, wenn es kalt war, lehnte sie sich hinaus. Wenn
es still war, wurde ihr bange, wenn es laut war, sehnte sie sich nach Ruhe. Sie
hatte kein Gebet, es war alles so dumpf in ihr, sie sprte die Verkettungen der
Stunde als etwas Grausames, sie wnschte Jahre berschlagen zu knnen, wie man
viele Seiten eines qulenden Buches berschlgt, und wute sie keinen Ausweg
mehr, so eilte sie in die Frauenkirche und warf sich vor den Altar hin und blieb
regungslos, das Gesicht verhllt, bis die Seele wieder stiller war.
    Es drngte sie zu Lenore hin, sie konnte sich nicht dagegen wehren, nicht
blo, weil sie wachsam sein und Unheil verhten wollte; es war etwas Schauriges,
eine grauenvolle Neugier, und bisweilen folgte sie der Schwester heimlich und
sah einmal von ferne, da sie mit einem Manne ging, der auf sie gewartet hatte.
Da vermochte sie sich nicht mehr von der Stelle zu rhren, und Lenore gewahrte
sie.
    Am andern Tag aber kam Lenore von selbst zu ihr und sprach mit anmutiger
Offenheit ber ihre Beziehung zu Eberhard von Auffenberg. Was sie von seinem
Schicksal wute, darber schwieg sie; sie deutete nur an, da er sehr
unglcklich sei. Sie erzhlte, wie sie ihn im vorigen Winter beim Eisfest auf
dem Dutzendteich kennen gelernt; wie er an ihr hnge, wie zart und
rcksichtsvoll er sich stets gegen sie betragen habe, wie gern sie ihm
Freundschaft erweise und wie sehr er ihrer Freundschaft bedrftig sei.
    Darauf schwieg Gertrud lange, endlich sagte sie mit jener tiefen Stimme, die
klang, als ob sie aus Flle geborsten wre: Entweder mt ihr heiraten, oder
ihr drft euch nicht mehr sehen. Was du tust, ist ein Verbrechen.
    Ein Verbrechen? erwiderte Lenore erstaunt; wieso denn?
    Frag nur dein Gewissen, war die mit gesenkten Augen gegebene Antwort.
    Mein Gewissen ist aber ganz ruhig.
    Dann hast du eben keins, sagte Gertrud hart. Du lgst und lt dich
belgen. Du bist in der Schlechtigkeit drinnen, da ist keine Rettung. Wie die
unreinen Blicke von dem Mann und seine hlichen Gedanken und die von den andern
an dir sind! Du bist ja ber und ber befleckt. Du weit es ja nicht, ich aber
wei es.
    Sie stand auf, wobei sie den Stuhl geruschvoll mit den Kniekehlen
zurckstie und schaute Lenore mit ihren unheimlichen, schwarzen Augen an.
Sprich mir nie wieder davon, flsterte sie mit zitternden Lippen, nie
wieder. Damit ging sie hinaus.
    Da empfand Lenore etwas wie Abscheu vor der Schwester. Von einer
geheimnisvollen Ahnung bewegt, sprte sie in Gertrud die ihr vom Schicksal
bestimmte Widersacherin.

                                       15


Als der Herbst anfing, kalt zu werden, kam Daniel wieder hufig zu Jordans
hinauf. Obwohl er nun zu Hause selbst einen warmen Ofen hatte, erinnerte er sich
gern des gemtlichen Winkels vom vorigen Jahr. Er besa eine Anhnglichkeit fr
Dinge und Rume, die grer war als die fr Menschen.
    Den Inspektor traf er nur selten, der war jetzt immer unterwegs, da er ohne
feste Stellung fr verschiedene Gesellschaften ttig war; Benno kam nach den
Bureaustunden blo heim, um sich in seinem Zimmer zu rasieren und fr den Abend
so elegant wie mglich zu machen. Mit Gertrud wollte er nicht allein sein,
deshalb stellte er sich gewhnlich erst nach sechs Uhr ein, wenn Lenore schon zu
Hause war. Da er wute, da Lenore seit einiger Zeit eifrig Franzsisch und
Englisch lernte und diese Abendstunden ihr unentbehrlich waren, bat er sie, sich
nicht stren zu lassen. Er behauptete, er finde es am angenehmsten, ruhig sitzen
zu knnen und nicht sprechen zu mssen. Nach einer Stunde oder nach zweien ging
er mit einem undeutlich gemurmelten Gru wieder fort.
    Bisweilen hatte er ein Buch mit und las. Erhob er den Blick, so sah er die
ber das Schreibheft gebeugte Gestalt Lenores, ihre vom Lampenlicht goldig
durchleuchteten Haare, die ber dem Scheitel und an den Schlfen noch in feinen
Fden blitzten, und den entschlossen verpreten Mund mit den lieblich
hinabgebogenen Ecken. Dann sah er Gertrud, die jetzt die Haare nicht mehr lose
trug, sondern in einem dichten Knoten ber dem Nacken, auch kein grnes Kleid
mehr, sondern ein braunes, welches vorne eine Reihe groer, glnzend schwarzer
Knpfe hatte.
    Manchmal flog ein Wort von Lenore zu ihm, und er erwiderte es; manchmal
spann sich das eine Wort zu einem Geplnkel aus. Lenore hnselte, und er war
grob; oder er spottete, und Lenore hielt eine kleine Strafpredigt. Da hatte
Gertrud einen ratlos staunenden Blick, und sie kehrte das Gesicht gegen die
Fensterscheibe. Mit Absicht blieb sie unbeschftigt, mit Absicht verschob sie
ihre huslichen Obliegenheiten; der Gedanke, da die beiden allein im Zimmer
weilten, war ihr unertrglich.
    Was Daniel tat und sagte, ja sogar, wie er ging und sa und stand, wie er
die Hnde in die Hosentaschen steckte und die Lippen fletschte, alles das
erregte Furcht und Scham in ihr. Sie fhlte sich beleidigt durch jede seiner
Gebrden. Seine Freimtigkeit erschien ihr als freche Anmaung, seine
Launenhaftigkeit als bswillige Unvernunft, seine nachlssigen Manieren und
seine Schmhsucht wie der Hohn eines Teufels.
    Da geschah es, da er einmal eine gallige Bemerkung ber die Mucker fallen
lie, die den lieben Gott fr einen Sittenwchter und jeden angefressenen
Pfarrherrn fr einen Erzengel nehmen. Mit einem Ruck erhob sich Gertrud und
starrte ihn an. Er hielt dem Blick stand und zuckte die Achseln. Menschen ohne
Glauben sind schlimmer als ansteckende Krankheiten, flsterte sie.
    Daniel lachte. Dann verfinsterte sich sein Gesicht, und er fragte, was sie
denn Glauben nenne? Ob sie der Meinung sei, da der Glaube im Lippendienst
bestehe? Sie antwortete mit geducktem Kopf, sie knne ber das, was ihr heilig
sei, nicht mit jemand reden, der sich von aller Religion losgesagt habe. Da
flammte Daniel auf und nannte ihre Reden lsterlich; ob sie sich wohl schon
irgendwelche Mhe mit ihm gegeben habe, da sie mit ihrem Urteil so rasch fertig
geworden sei? Und ob sie denn so genau wisse, ob ihr sogenannter Glaube etwas
Besseres sei als sein sogenannter Unglaube? Woher sie denn das Ma nehme und den
Mut und die Sicherheit? Und ob sie sein Inneres kenne, und ob sie beim lieben
Gott Audienz gehabt habe?
    Er lachte wieder, pfiff dann und ging fort.
    Gertrud blieb eine Weile stehen und schaute zu Boden. Lenore hatte das Kinn
auf die Hand gesttzt und sah sie mitleidig an. Pltzlich begann Gertrud am
ganzen Leib zu zittern und streckte, ohne den Blick zu heben, ihren Arm gegen
Lenore aus. Lenore erschrak, aber sie wute nicht, was diese anschuldigende
Bewegung zu bedeuten hatte.
    Und das nchstemal, als Daniel auf seinem Ofenplatz sa, fing er, aus tiefem
Schweigen heraus, auf einmal an, ber Religion zu sprechen. In vorgesetztem
Trotz; wie aus einem Hinterhalt, aus dem man Pfeile sendet; mit berechneter
Bosheit und kalter Auflehnung; als ein Geschlagener und Gejagter, einer, der der
himmlischen Regierung noch weniger vorgibt als der irdischen. So sa er da, eine
leibhaftige Blasphemie, und hatte wieder sein Affengesicht.
    Doch Lenore fhlte, da er sich und seinen Gott verleugnete, und zwar mit
viel Gewalt. Sie trat zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter; derweil
schritt Gertrud mit leichenblasser Miene an ihr und Daniel vorber und zeigte
sich an diesem Abend nicht mehr. An diesem nicht und an den folgenden nicht. Sie
mied jetzt seine Gegenwart.
    In einer hchst wunderlichen Sekunde, nicht lnger hatte es gedauert, war
Daniels Blick, indes sich das Mdchen erhob, auf dem Umri ihrer Beine heften
geblieben. In dieser Sekunde wurde ihm bewut, da sie ein Weib war, und er ein
Mann. In dieser Sekunde nahm er das uere ihres Krpers wahr, aber ohne die
verkleidende Hlle. Ja, er dachte sie nackt; eine einzige Sekunde lang, aber er
dachte sie nackt; und alles, was sie gesprochen hatte, wie auch alles, was sie
tat und sagte, fiel als Kleiderhlle von ihr ab.
    Da war es ihm, als knne er zum ersten Male sehen, und als sehe er den
Krper der Welt.
    Ihr Bild folgte ihm nach; er strubte sich gegen die Beunruhigung. Es war
ihm dergleichen noch nie passiert; er rief das Bild auf, um es mit khlem Sinn
zu zerstren, es wich nicht, und als er Gertrud eines Tages beim schnen Brunnen
begegnete, blieb er wie versteinert stehen und verga zu gren.

                                       16


Es war Mitte Dezember, ein klarer Frosttag. Lenore wre nach Tisch gerne aufs
Eis gegangen. Sie war eine treffliche Schlittschuhluferin und in der ganzen
Stadt dafr berhmt. Eine unbezhmbare Lebens- und Freiheitslust durchpulste
ihren Krper; es dnkte sie jmmerlich, da sie sich in der stickigen Ofenluft
sollte zu den Schreibern setzen und schreiben.
    Indessen ging sie hin und schrieb wie tglich bei den Schreibern, und die
Augen des Herrn Zittel hinter den Brillenglsern erschienen ihr wie zwei grne
Giftflschchen. Es gelang ihr die Arbeit nicht, trg schlich die Zeit hin,
trger noch als Herr Diruf durch die Sle. Lenore hob den Kopf, ihr war, als
ruhe sein finsterer Blick auf ihr, und im Bewutsein ihrer Pflichtversumnis
errtete sie.
    Endlich schlug es sechs, lrmend standen die Schreiber auf, doch Lenore
wartete wie immer, bis es leer war, denn sie liebte es nicht, sich unter sie zu
mischen. Da humpelte Benjamin Dorn herein. Frulein Jordan soll zum Chef
kommen, rief er und bog den langen Hals wie ein Schwan. Lenore wunderte sich;
es gab nichts, was zwischen ihr und Herrn Diruf zu besprechen war. Vielleicht
ist es Bennos wegen, dachte sie.
    Alfons Diruf sa an seinem Schreibtisch, als sie eintrat. Er schrieb noch
eine Zeile, dann richtete er den Blick starr auf sie. Es war etwas in diesem
Blick, was ihr das Blut aus den Wangen trieb. Unwillkrlich schaute sie an sich
herab und sprte ihre Haut.
    Sie haben mich rufen lassen, sagte sie.
    Ja, ich habe Sie rufen lassen, sagte Herr Diruf und machte einen mden
Versuch, zu lcheln.
    Es entstand wieder eine Pause. Beunruhigt blickte Lenore von einem
Gegenstand zum andern, bald auf die badende Nymphe an der Wand, bald auf die
Vorhnge aus Damast, bald auf den chinesischen Lampenschirm.
    Nun, Schtzchen, sagte Herr Diruf, und aus dem Lcheln wurde eine Art von
Krampf; wir sind nicht bel; beim Bart des Propheten; wir haben alles an der
rechten Stelle. He?
    Lenore warf den Kopf auf. Sie glaubte nicht gut gehrt zu haben. Sie haben
mich rufen lassen, wiederholte sie mit lauter Stimme.
    Diruf legte die flache Hand auf den Bord des Schreibtischs. Der Solitr
schleuderte Funken. Ich kann euch alle zertrmmern, sagte er und schob die
Hand ein wenig nach vorwrts, gegen Lenore hin. Das Brschchen da drauen, Ihr
Bruder, ist ein heimlicher Filou. Ich kann ihn ber sich selber purzeln lassen,
wenn ich will. Er schob die fette Hand abermals ein Stck vorwrts, als wre
sie eine gefhrliche Maschine und der Solitr eine zur Warnung daran befestigte
Laterne. Ich kann euch alle tanzen lassen, sobald es mir beliebt. He,
Schtzchen? Capito? Comprenez-vous?
    Mit einem namenlosen Erstaunen blickte Lenore in Alfons Dirufs
Pflaumenaugen.
    Da erhob sich Diruf, trat an ihre Seite und legte den Arm um ihre Schultern.
Ist jener ein genschiger Kater, den man vom Weg locken kann, so sei du eine
schnurrende Miezekatz, sagte er mit einer grlichen Zrtlichkeit in der Stimme
und hielt zugleich Lenore so fest, da sie sich minutenlang nicht rhren konnte.
Ruhig, Schtzchen! Ruhig, mein kleiner Busen! Ruhig, du Satan!
    Aber da rieselte ihr der heie und kalte Schauder bis ins Mark; die
Berhrung wirkte auf sie wie etwas Ungeheures, in schwersten Trumen nie so
schrecklich Geahntes; ein Ruck, als gelte es alles, Leib und Leben, und sie war
frei. Mit einem Gesicht, das wei flammte, stand sie da und lchelte dennoch;
ein seltsames Lcheln war es, ganz auerhalb der Grenzen dessen, was sonst so
genannt wird, und Alfons Diruf war pltzlich nicht mehr fett und finster,
sondern er war wie ausgeblasen, zunichte geworden und stierte dumm vor sich hin,
als er sich allein fand.
    Lenore eilte durch die Gassen, und auf einmal fand sie, da sie in der
langen Zeile ging. Dorthin hatte sie aber nicht gehen wollen, und sie kehrte
wieder um. Da gewahrte Benda, der eben zu Daniel wollte, die hastig Schreitende,
erkannte sie im Schein einer Gaslampe, blieb stehen, als sie an ihm vorberging
und schaute ihr betroffen nach.
    Zu Hause angelangt, sank sie in der Wohnstube erschpft aufs Sofa. Um sich
vor der Erinnerung an die vergangene Stunde zu retten, flchtete sie in ihre
Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem sdlichen Land. Sie sehnte sich mit solchem
Schmerz und solcher Lust, da ihr Antlitz wie im Fieber glnzte. Aber die
glserne Kugel hatte einen Sprung bekommen.
    Als es kurz vor acht Uhr lutete, sagte sie zu Gertrud: Wenn es Daniel ist,
schick ihn fort, ich kann heut niemand sehen.
    Bist du krank? fragte Gertrud eigentmlich streng.
    Ich wei es nicht, ich will niemand sehen, sagte Lenore und lchelte
wieder wie im Zimmer Dirufs.
    Es war wirklich Daniel. Benda hatte ihm gesagt, da et Lenore gesehen habe,
unten vor dem Haus, und als er erfuhr, da sie nicht bei Daniel gewesen, nahm
seine Besorgnis zu. Da ist etwas nicht in Ordnung, meinte er, du mut zu ihr
gehen. Und nachdem sie noch eine Weile geplaudert hatten, begleitete er Daniel
bis zum Egydienplatz, um sicher zu sein, da er sich nach Lenore erkundigen
wrde.
    Gertrud ffnete die Gittertr. Lenore will nicht, da Sie hineinkommen,
sagte sie mit einem Schimmer von Freude in den Augen.
    Warum nicht? Was ist geschehen?
    Sie will es nicht, sagte die Einsilbige und blickte in das Licht des
Flurlmpchens.
    Ist sie krank?
    Nein!
    Dann soll sie mir selber sagen, da sie's nicht will.
    Gehn Sie! befahl Gertrud und warf den Kopf zurck.
    Ihr dsteres Auge verfing sich in seinem Blick, und sie standen einander
gegenber wie zwei Wettlufer, die von verschiedenen Seiten an dasselbe Ziel
kommen. Dann drehte sich Daniel schweigend um und ging die Stiege hinunter.
Gertrud blieb noch eine Weile stehen, und ihr Kopf sank immer tiefer auf die
Brust. Pltzlich schlug sie die Hnde vors Gesicht, und durch ihren Krper lief
ein Erbeben.

                                       17


Bevor Lenore schlafen ging, schrieb sie einen Brief an den Bureauchef Zittel,
worin sie ihren sofortigen Austritt aus dem Dienst der Prudentia anmeldete.
    Im Bette liegend, konnte sie keinen Schlummer finden. Sie sah sich auf dem
Eis, wie sie khne und neuartige Figuren lief; Zuschauer standen bewundernd im
weiten Bogen. Sie sah das Meer mit Fischerbooten und farbigen Segeln und sah
Grten voller Rosen.
    Der Vater und Benno waren lngst zu Hause. Von der Kirche drben schlug es
zwlf, dann eins, dann zwei.
    Da hrte sie Schritte in der Wohnung, eine Tr wurde auf- und zugemacht,
dann war es wieder still, dann erschallten wieder die Schritte. Sie verlie das
Bett, ging zur Tr und lauschte. Von nebenan, aus der Wohnstube, drang ein
tiefer Seufzer an ihr Ohr. Leise ffnete sie die Tr und schaute durch den Spalt
hinein.
    Am offenen Fenster stand Gertrud; sie war im Hemd und blofig. ber dem
Platz drauen schien der Mond, und der Schnee glitzerte kalt auf den Dchern.
Die geisterhafte Beleuchtung machte auch das Gesicht des Mdchens geisterhaft,
und das lose hngende Haar sah schwarz wie Ebenholz aus.
    Lenore lief ins Zimmer und schlo das Fenster. Was tust du, Gertrud! rief
sie erschrocken, willst du dir den Ton holen?
    Gertruds schlanker Krper zitterte vor Frost. Ihre Zehen waren krampfhaft
eingebogen. Ja, antwortete sie dumpf, das mcht ich.
    Das mchtest du? versetzte Lenore, ebenfalls vor Klte schlotternd, und
der Vater? Denkst du an ihn nicht? Soll er sich noch mehr abhrmen? Was fehlt
dir, du Verrckte?
    Ich bin eine Snderin, Lenore, schrie Gertrud, strzte auf die Knie und
umklammerte Lenores Hften. Ich bin eine Snderin.
    So? was fr eine Snde hast du denn begangen? fragte Lenore und beugte
sich ngstlich nieder.
    Warum bin ich in dem Haus da! sthnte Gertrud und wies um sich, in dem
Gefngnis da! und sie fate sich an ihre Brust. Es ist etwas Bses ber mich
gekommen, bse, sndige Gedanken. Schau mich nicht an, Lenore, schau mich nicht
an!
    Ihre Stimme war zu einem Kreischen geworden, entsetzt wich Lenore zurck,
und Gertrud fiel mit der Stirn gegen den Boden. Die Haare bedeckten den
gekrmmten, zuckenden Rcken.
    Da ffnete sich die Tr, die zum Schlafzimmer des Inspektors fhrte, und er
selbst kam mit einer brennenden Kerze herein. In Ermangelung eines Schlafrocks
hatte er einen karierten Schal um die Schultern geworfen, dessen Fransen um die
Knie baumelten, und auf seinem Kopf sa eine weie Zipfelmtze.
    Verstrt musterte er die beiden Mdchen und wollte fragen, brachte aber kein
Wort ber die Lippen. Er hatte in bedrngten Lagen eine Art, dster zu
schmunzeln, die in Lenore das innigste Mitleid erweckte. Es ist nichts, Vater,
stammelte sie mit einer schamhaften Gebrde, die ihn bat, sich zu entfernen,
Gertrud hat Magenschmerzen. Sie hat nur in der Hausapotheke nachsehen wollen,
ob Tropfen da sind. Geh nur, Vater, ich bring sie schon wieder zu Bett.
    Da werd ich doch zum Doktor gehen, Kind, oder Benno wecken, da er es tut,
sagte Jordan.
    Nein, Vater, 's ist nicht ntig, geh nur, geh.
    Er verstand die Ungeduld Lenores und zog sich gehorsam zurck. Die
Kerzenflamme schirmte er mit der Hand, und sein riesiger Schatten schwankte wie
ein Tier hinter ihm her.
    Steh auf, Gertrud, sagte Lenore, steh auf und komm mit mir.
    Gertrud lie sich in ihre Kammer fhren. Als sie schon eine Weile im Bette
lag, pochte es an der Tr, und Jordans Stimme fragte, wie sie sich befinde.
Lenore beruhigte ihn.
    Bis der Mond hinter dem Kirchendach verschwunden war, blieb Lenore an
Gertruds Bett sitzen und hielt deren groe, stumme Hand in ihrer Hand. Sie hatte
den Mantel umgetan, gleichwohl fror sie. Whrend Gertrud mit offenen,
stummgewordenen Augen dalag, zeigte das bewegliche, jede Vernderung der Seele
treu spiegelnde Antlitz Lenores eine unendliche Folge ernster Gedanken. Als es
nun finster wurde, wandte Gertrud den Kopf gegen Lenore hin und sagte weich:
Leg dich zu mir, Lenore. Seh ich dich schlafen, dann kam ich vielleicht auch
schlafen.
    Lenore warf den Mantel ab und schlpfte unter die Decke. Nach kurzer Zeit
schlummerten sie alle beide, dicht aneinander geschmiegt.

                    Stimmen von auen und Stimmen von innen



                                       1

Daniel gewann Anhnger. Die vom Knechtlein eroberten Mzene waren nicht Anhnger
zu heien; es waren Patrioten, die es erbaulich fanden, da aus dem frnkischen
Herzland ein erdgebrtiger Meister erstehen sollte. Sie interessierten sich fr
die Person ihres Schtzlings wenig.
    Daniels Anhnger waren junge Leute.
    Der Professor Herold war ein wunderlicher Mann. Er geno einen Ruf weit ber
die Grenzen der Provinz hinaus, aber eben seiner Wunderlichkeit wegen mochte er
die Provinz nicht lassen. Den musikbeflissenen Shnen und Tchtern der
ansssigen Brger gab er seinen ganzen Sarkasmus zu kosten, und sein Bemhen war
darauf gerichtet, ihnen die Lust an der Pfuscherei zu verleiden. Es gelang in
keinem Fall, das Klavierspielen gehrte zur Bildung, und in den
Kaufmannsfamilien war Bildung geschtzt.
    Es kam aber auch allerlei Volk von weither zu Professor Herold, angelockt
durch seinen Namen. Als er die Vineta-Partitur gelesen hatte, sagte er zu zweien
von diesen: Geht hin und bringt mir den Kerl, tot oder lebendig. Da brachten
sie ihn.
    Die zwei kamen fter zu Daniel, dann andere, Professor Wackerbarths und
Professor Dderleins Schler. Bisweilen hatte er in der Kneipe Zusammenknfte
mit ihnen. Wir wollen sie die Langmhnigen nennen, oder die Marmorbleichen;
viele hatten hnlichkeit mit Schlangenbndigern. Sie waren fast ausnahmslos sehr
dumm, hatten aber alle groe Rosinen im Kopf.
    Es waren auch junge Mdchen dabei; wir wollen sie die Schmachtugigen
nennen, oder die Traumverlorenen. Daniel war ihnen abgeneigt. Die Langmhnigen
schtzte er ebenfalls wenig.
    Von dieser Abneigung sprach er einmal zum Alten, wie Professor Herold
kurzweg hie. Er schnappte wie ein bissiger Hund, strich die weien Borsten auf
seinem ungeheuren Schdel zurck und sagte: Da haben Sie aber eine Entdeckung
gemacht, Sie Originalmnnlein! Wissen Sie denn nicht, da gerade die Musik das
allernichtswrdigste Gesindel in ihren Zauberkreis zieht? Item, da sie eine
Ausrede ist fr jede Versumnis von Menschenpflichten? Item, da der wollstige
Dunst, den sie ber die Stdte breitet, eine allgemeine Auszehrung der Herzen
zur Folge hat? Item, da von fnfhundert sogenannten Knstlern
vierhundertneunundneunzig bloe Krppelgarde unseres Herrgotts sind? Leitsatz:
Wer zur Musik nicht das allerreinste Feuer bringt, Urtiefenfeuer, dessen Blut
verwandelt sie in Leim, dessen Geist in einen Kehrichthaufen.
    Damit schob er Daniel zur Tr hinaus, weil er an seinen Bilderchen malen
wollte. Es hingen an den Wnden seiner Stube viele Bilderchen, die er in seinen
Muestunden verfertigte, schlechte kleine Bilderchen, auf die er stolz war. Sie
stellten Szenen aus dem Landleben dar.

                                       2


Der Impresario Drmaul gab in der Neujahrsnacht ein Festessen im Schwnlein, zu
welchem Daniel eingeladen war. Der Impresario Drmaul zeigte sich Daniel gndig
gesinnt. Er sagte, er habe die Begabung des hoffnungsvollen jungen Mannes beim
Anblick der ersten Note erkannt. Er versprach, die Komposition Vineta, sowie die
andere, inzwischen beendete, die sich nrnbergische Serenade nannte, in seinen
Verlag zu nehmen. Auch schien er gewillt, die Anstellung bei der Wanderoper
ernstlich in Betracht zu ziehen.
    Zu dem Festmahle kamen die Professoren Herold und Wackerbarth, ferner
Wurzelmann, einige von den Langmhnigen und einige von den Traumverlorenen.
Andreas Dderlein hatte sein Erscheinen fr eine sptere Stunde zugesagt. Er
trat fnf Minuten vor Mitternacht in die weit aufgerissene Tre, feierlich wie
das neue Jahr in Person.
    Er ging auf Daniel zu und bot ihm die Rechte.
    Siehe da, unser Benjamin, unser Johannes, um nicht zu sagen unser Daniel,
redete er ihn an. Gratulor, junger Stern! Was vermelden die Annalen von Andreas
Dderleins Sprnase? Damals in Bayreuth, als man noch Wein auf Flaschen zog, hat
er nur hingerochen und wute schon Bescheid. Kann es geleugnet werden,
Benjamin?
    Es wurde nicht geleugnet. Daniel lie Gnade fr Recht ergehen, und der
mchtige Mann warf seinen Wetterkragen von den Schultern, als sei es ein
Hermelin, dessen er sich entledigte, bevor er sich unter die gemeinen
Sterblichen mischte.
    Professor Wackerbarth hatte eine Frau, die ihn prgelte und ihm nichts zu
essen gab. Er erachtete die Gelegenheit fr gnstig, sich einmal satt zu essen
und lustig zu sein. Es war eine kmmerliche Lustigkeit.
    Einer von den Langmhnigen sang das Champagnerlied, und Wurzelmann hielt
eine witzige Rede. Dderlein gab zu verstehen: man lasse die Muse tanzen, man
lasse die Flhe hpfen. Als eine von den Traumverlorenen den Davidsbndlermarsch
spielte, der nach den Vorschriften von Bayreuth nicht zur wahren Musik gerechnet
werden konnte, rief er: Gebt mir Lethe, meine Shne, womit er den Punsch
meinte.
    Auch Daniel trank Lethe. Er umarmte den alten Herold, drckte Andreas
Dderleins Hand und versuchte, mit Wurzelmann einen Walzer zu tanzen. Er war
nicht betrunken, er war nur glcklich.
    Dann wurde es ihm zu enge hier, er nahm Hut und Mantel und eilte ins Freie.
    Die Luft war lau, es wehte Fhnwind. Himmel oben, Himmel unten, die Huser
standen auf Wolken. Jeder Atemzug machte nach dem nchsten durstig. Da, ein
Erker, so schn, da man htte knien mgen; ein Brunnen, so fremd und lauschig
wie etwas Erdichtetes; die Brckenbgen und das matt spiegelnde Wasser; zwei
Trme spinnwebenzart.
    Er jubelte stumm: Welt, bist du es wirklich? meine Welt, und ich lebe? Meine
Welt, mein Jahr, meine Zeit, und ich darin, ich selbst!

                                       3


Er stand auf dem Egydienplatz und schaute hinauf zu den Jordanschen Fenstern.
Alle Fenster waren schwarz.
    Gern htte er gerufen, aber der Name, der sich auf seine Lippen drngte,
flte ihm Angst ein. Die leidenschaftliche Wallung wollte seine Brust sprengen.
    Er mute noch etwas mit sich anfangen, mute reden, mute fragen und eine
Stimme hren. So eilte er zur Fll und rief unter Bendas Fenstern Bendas Namen.
Die Uhren schlugen drei.
    Endlich wurde ein Vorhang aufgerollt und Bendas dickliche Gestalt zeigte
sich am offenen Fenster. Daniel, du? Was ist geschehen?
    Nichts ist geschehen. Das Jahr will ich dir bringen.
    Ob du mir damit was Gutes bringst? Geh heim und leg dich aufs Ohr.
    Willst mich nicht hinauflassen, Friedrich? Reden wir noch ein wenig vom
Glck!
    Sei nicht bermtig. Wir knnten's verreden.
    Philister! Gib mir wenigstens deinen Segen.
    Den hast du. Jetzt geh nur, Nachtgeist, und la die Leute schlafen.
    Da ffnete sich noch ein Fenster, im Erdgescho, und des Herrn Carovius
wste Bettphysiognomie starrte am Haus empor, starrte gegen den Ruhestrer auf
der Strae, und mit einem grimmig feixenden Laut, rachschtig die Faust
schwingend, schlo der entrstete Mann das Fenster wieder.
    Abermals trieb es Daniel zum Egydienplatz hin, abermals schaute er zu den
Fenstern hinauf, fast flehend. Der innere Sturm wurde wilder. Lange Zeit noch
rannte er durch die Gassen, und erst gegen fnf Uhr kam er heim.
    Durch den dunklen Flur gehend, gewahrte er oben an der kleinen Treppe ein
Licht. Meta trug es, die schon aufgestanden war, um zur Frharbeit zu gehen. Er
zgerte, er sah sie an und mit drei Stzen war er bei ihr droben.
    So spt? flsterte sie ahnungsvoll verlegen und nestelte mit der Linken an
den Knpfen ihres schlechtgeschlossenen Gewandes.
    Da ich noch einen lebendigen Menschen fassen kann heute, stie er hervor.
    Sie wehrte sich, als er sie in ihre Kammer ziehen wollte, bog den Leib
zurck und umprete sein Handgelenk. Das Licht trug sie noch immer.
    Wie mir zumut ist, Meta! Wtest du's! Ich brauch dich, halt mich fest mit
deinen Armen.
    Da strubte sie sich nicht mehr. Vielleicht war auch sie nicht ohne Wunsch.
Vielleicht war es eine Stunde, wo die Natur gebieterischer sprach als sonst.
Vielleicht litt sie an der Einsamkeit unter den drei alten Jungfern. Es war noch
finstere Nacht, und fr sie sollte es schon Tag sein, der erste im Jahr, den sie
festlich empfand. Sie gab nach.
    Sie war unverdorben; sie wute nicht, was sie auf sich nahm. Heimlich war
ihr der Mensch nie gewesen, aber jetzt sprte sie das gleichgeartete Geschpf,
und sie gab nach.
    So kehrte Daniel zur Erde zurck, nachdem er mit ungeheurer Begierde an die
Pforten der Gtter gepocht hatte. Die Gtter lchelten tiefsinnig, denn sie
hatten beschlossen, aus dieser Stunde ein besonderes Schicksal wachsen zu
lassen.

                                       4


In Gostenhof fand eine Versammlung der sozialdemokratischen Partei statt, in
welcher zu der Kanzlerrede ber das Unfallversicherungsgesetz Stellung genommen
werden sollte.
    Als erster Redner betrat der Abgeordnete Strbecker die Tribne, aber er
hatte eine zu leise Stimme und was er sagte, verhallte fast ungehrt.
    Ihm folgte Jason Philipp Schimmelweis. Er klagte die Regierung mit heftigen
Worten an. Der Vertreter der Regierung ermahnte zur Migung, und Jason Philipp
krftigte sich durch einen Schluck Bier. Sodann schleuderte er den ganzen Zorn
seines volksfreundlichen Herzens gegen die verantwortliche Person des Trgers
der Reichsgeschfte. Er nannte Bismarcks Namen nicht, aber er sprach von einem
Popanz. Er ri ihm die Glorie vom Haupt, schwor, ihn eines Tages als Verrter
entlarven zu wollen, hie seinen Ruhm eine Lgengeburt und seine Taten
Schandmale des Jahrhunderts.
    Der wilde Ha des rundlich kleinen Mannes entzndete die Gemter, und ein
Tumult von Beifall umbrauste Jason Philipp, als er mit scharlachrotem Gesicht
auf seinen Platz zurckkehrte.
    Aber die anwesenden Fhrer der Partei verhielten sich eigentmlich still. Es
dauerte nicht lange, so kam der Abgeordnete Strbecker mit zwei Genossen und
ersuchte Jason Philipp um eine Unterredung. Er folgte ihnen in ein Seitenzimmer.
Von der Meinung gehoben, da man ihm eine dankbare Anerkennung ausdrcken wolle,
lchelte er eitel und liebkoste mit den Fingern seinen Bart.
    Was gibt's, ihr Herren? Weshalb so bedenklich? Hab ich mich zu weit
vorgewagt? Ich nehme alles auf mich, aber seien Sie ruhig, man hat jetzt Angst
vor uns, die Luft riecht brenzlig, die Franzosen stnkern wieder.
    Nein, Genosse Schimmelweis, du sollst dich rechtfertigen. Du bist ein
Proteus, Genosse Schimmelweis; deine rechte Hand wei nicht, was deine linke
tut; du treibst Schindluder mit uns; du pflgst im Grtlein der Witwe; du
predigst Wasser und sufst Wein; du hast dich mit den Aussaugern des Volks
verschworen; du hast gemeinsame Sache mit den Leuten von der Prudentia gemacht
und fllst bei dem groen Massenbetrug deinen Beutel; von frh bis abends bist
du unterwegs und bereicherst dich mit den Pfennigen des Arbeiters. Praktiken,
Jason Philipp Schimmelweis, Praktiken. Entsage dem Bndnis mit der Prudentia,
oder wir stoen dich aus unsrer Mitte.
    Da erst zeigte sich Jason Philipp Schimmelweis im Glanz seiner Beredsamkeit.
Seine Hand sei rein, die linke wie auch die rechte; wirke er fr eine Sache, so
sei es eine gute Sache; Drohungen knnten ihn nicht einschchtern; Jason Philipp
Schimmelweis sei nicht gesonnen, sich einer Diktatur zu beugen, welche die Maske
der Freiheit und Gleichheit trage; wolle man den Skandal, so werde man ihn
haben, man werde Jason Philipp Schimmelweis gerstet treffen; Jason Philipp
Schimmelweis finde berall in der Welt offene Tren.
    Hiermit machte er kehrt und lie die Genossen stehen. Auf dem Nachhauseweg
zwang ihn die Erbitterung zu fortwhrendem zornigen Gemurmel.
    Wie ein Schiffer, der strmisch gewordene Meere flieht, steuerte er sein
Fahrzeug nach andern, gastlichen Gestaden, und drei Tage spter ging er zum
Freiherrn Siegmund von Auffenberg, um dem Fhrer der liberalen Partei in aller
Form seine Dienste anzubieten.

                                       5


Fnfunddreiig Minuten, nach der Uhr gezhlt, mute er im Vorzimmer warten. Er
stellte bittere Betrachtungen an ber die Verkmmerung des Gleichheitsgefhls
bei den besitzenden Klassen. Ein richtiger Rebell, verleugnete er sich selbst
dort nicht, wo er Verrat bte.
    Als er endlich in das Arbeitszimmer des Barons gefhrt wurde, war er nicht
geblendet von dem Luxus der Mbel, der Teppiche, der lgemlde; nicht
untertanenhaft gedrckt von dem erlauchten Wesen des Freiherrn. Er setzte sich
ungezwungen, Bein neben Bein, auf einen Stuhl, nahm weder Notiz von einem
franzsisch schwatzenden Papagei, noch von einem mit Leckerbissen beladenen
Frhstckstisch, sondern brachte sein Anliegen mit geziemender Schlichtheit vor.
    Sehr schn, sagte der Freiherr, sehr schn. Ich glaube, Sie brauchen die
Schlachtfront gar nicht wesentlich zu verndern. Einer von den gewissenlosen
Umstrzlern waren Sie ja nie. Sie haben Familie, Sie haben ein Heim, Ihre
Verhltnisse sind geregelt, und im Grunde Ihres Herzens lieben Sie die Ordnung.
Ich habe Sie lngst erwartet. Ich bertreibe nicht, wenn ich sage, Sie muten zu
uns kommen.
    Jason Philipp errtete vor Vergngen. In der Haltung eines Lohnkutschers,
der ein Trinkgeld einsteckt, antwortete er: Sehr verbunden, Herr Baron.
    In einem Punkt sind wir ja sicherlich einig, fuhr Herr von Auffenberg
fort, und im wichtigsten, will mir scheinen -
    Gewi, gewi, fiel ihm Jason Philipp in die Rede, Sie spielen natrlich
auf den Kampf gegen Bismarck an, Herr Baron. Ja, darin sind wir, will ich
hoffen, vollkommen einig. Da stell ich meinen Mann. Eid und Handschlag! Diesen
Ritter von der Finsternis knnte ich kalten Blutes auf der Folter winseln
sehen.
    Herr von Auffenberg nahm die temperamentvolle Erklrung mit etwas dnnem
Lcheln auf. Nur nicht so gewaltttig, Verehrtester, sagte er. Er griff nach
einem Riechflschchen und hielt es an die Nase, wobei er die Augen schlo. Dann
ging er mit den Hnden auf dem Rcken ein paarmal durch das Zimmer.
    Was er dann sprach, war ihm gelufig wie das Abc, und whrend Jason Philipp
begeistert auf seinen Mund starrte, dachte der Baron an ganz andere Dinge, die
mit seiner Rede ganz und gar keinen Zusammenhang hatten.
    Derselbe Mann, der das neue Reich mit Hilfe einer liberalen Gesetzgebung
wohnlich machen wollte, der den alten Streit zwischen Kaiser und Papst rhmlich
zu Ende zu fhren versprach, derselbe Mann ist jetzt am Werke, Stck fr Stck
der liberalen Traditionen zu zerstren und den rmischen Oberpriester als
Friedensbringer anzurufen. Was der Kanzler tun konnte, um dem deutschen Freisinn
den Todessto zu versetzen, hat er getan. Die Reaktion hat nicht davor
zurckgebebt, an Stelle des Kulturkampfes einen schndlichen Klassen- und
Rassenha wachzurufen und bis zu blutigen Ausschreitungen grozusugen, um
angesichts ihrer Verbrechen die eigenen Kinder zu chten und zu verstoen.
    Dpche-toi, mon bon garon, krchzte der Papagei.
    Ich bin glcklich darber, den Mchten der Unordnung eine Beute entrissen
und dem Staat einen Brger gewonnen zu haben, mein lieber Herr Schimmelweis.
Doch ist es ratsam, da Sie sich in der nchsten Zeit etwas im Hintergrund
halten. Man wird Ihren Gesinnungswechsel zum Gegenstand lrmender Angriffe
machen und das knnte der Sache schaden.
    Zu Hause erzhlte Jason Philipp, wie er mit offenen Armen empfangen worden
sei, was der Baron gesagt, was er, Jason Philipp, geantwortet, wie sie sich in
weittragende Errterungen eingelassen und da diese Zusammenkunft spter einmal
zu den historisch bedeutsamen gerechnet werden wrde.

                                       6


Was aber waren die eigentlichen Gedanken des alten Freiherrn, whrend er
politische Reden hielt?
    Immer die nmlichen. Der nmliche Ingrimm fra unaufhrlich an seinem
Herzen.
    Unaufhrlich dachte er an seinen Sohn, an die Verachtung, die er von ihm
erfahren hatte und die er noch tglich, stndlich dadurch erfuhr, da sich
Eberhard seiner Macht entzog.
    Er konnte es nicht verwinden, da er so viele Millionen angesammelt hatte
und da Eberhard aller menschlichen Voraussicht nach und den Gesetzen zufolge
eines Tages einen Teil dieser Millionen besitzen werde. Er wute von der Armut
wenig; aber sein haerfllter Geist trumte von nichts anderm als von der
Genugtuung, den miratenen Spro seines Namens und Blutes der Armut preisgeben
zu knnen. So wollte er sich rchen, so wollte er strafen.
    Aber er fand keinen Weg hierzu; das Gesetz hinderte ihn daran.
    Der Gedanke, da sein Reichtum tglich, stndlich sich vermehrte, da die
Millionen immer neue Millionen zeugten, ohne da er den Finger rhrte, ohne da
er die Flut zu hemmen vermochte, und da infolgedessen der Anteil des treulosen,
aufrhrerischen und glhend gehaten Sohnes tglich und stndlich grer wurde,
dieser Gedanke vergiftete seine Ruhe, lhmte seine Kraft, beraubte ihn aller
Freuden und verdsterte sein Leben.
    Ein neuer Midas, verwandelte er alles, was er anrhrte in Gold, und je mehr
Gold entstand, je dsterer wurde sein Leben, je rachschtiger sein Gemt.
    Die Tne eines Klaviers drangen zu ihm. Es war seine Frau, die spielte; sie
spielte Lieder ohne Worte von Mendelssohn. Er schttelte sich wie vor Ekel. Von
allem Widerwrtigen war ihm Musik das Widerwrtigste.
    Dpche-toi, mon bon garon, krchzte der Papagei.

                                       7


Oft geschah es, da whrend Jason Philipps Abwesenheit rmlich gekleidete
Menschen in den Laden kamen und von Therese das Geld zurck verlangten, das sie
fr die Versicherung gezahlt hatten.
    Einige gebrdeten sich erregt, als sie von Therese abgewiesen wurden und sie
ihnen sagte, es sei ihres Mannes Angelegenheit, sie befasse sich mit seinen
Agenturgeschften nicht. Ein Schlossergeselle hatte den Kommis Zwanziger, der
herbeigeeilt war, um die Prinzipalin zu beschtzen, mit der Faust traktiert; ein
Goldschlger aus Frth hatte dermaen gelrmt, da die Polizei geholt werden
mute; eine Fabinderswitwe, die unter groen Entbehrungen ein Jahr die Prmien
gezahlt und die Weiterzahlung nur verabsumt hatte, weil sie im Spital gelegen
war, strzte in epileptischen Krmpfen zu Boden.
    Es kam so weit, da Therese vor jedem unbekannten Gesicht erschrak. Sie
atmete auf, wenn ein Tag vergangen war, ohne sonderliches bel gebracht zu
haben, doch zitterte sie dann schon vor dem nchsten.
    Was sie mehr als alles beunruhigte, war das unerklrliche Verschwinden
kleiner Geldbetrge, das sie seit einiger Zeit bemerkte. Einmal war ein Mann in
den Laden gekommen und hatte seine Monatsrate fr ein Lieferungswerk, einen
Taler, auf den Zahltisch gelegt. Der Mann ging fort, sie schlo hinter ihm die
Tr, weil sie einen Blick auf die Strae werfen wollte, wo eben ein starkes
Schneegestber herrschte. Als sie an das Pult zurckkehrte, war der Taler
verschwunden. Sie fragte, wo der Taler sei; Jason Philipp, der dem Kommis
Zwanziger Bcher auf die Leiter reichte, wurde so grob, als ob sie ihn
bezichtigt htte. Sie zhlte in der Kasse nach, zhlte und rechnete; umsonst;
der Taler war verschwunden.
    Sie hatte vergessen oder nicht beachtet, da Philippine im Laden gewesen
war, ihrem Vater das Vesperbrot gebracht hatte und in ihren Filzschuhen unhrbar
wieder hinausgegangen war.
    Ein andermal fehlten ihr Nickelmnzen aus ihrem Brschen. Ein drittes Mal
forderte ein Spezereiwarenhndler eine Schuld von drei Mark, die sie lngst
bezahlt zu haben sicher war. Sie war sicher, da sie das Geld Philippine gegeben
hatte, damit sie es zahlen solle. Und sie rief Philippine herbei. Die aber
leugnete mit solcher Stirn, da Therese irre wurde und schweigend das Geld
hergab.
    Sie hatte die Magd beargwhnt, sie hatte den Kommis beargwhnt; sie hatte
selbst Jason Philipp beargwhnt, da er auf Schleichwegen sich einiges
Wirtshausgeld verschaffen wollte, und sie hatte Philippine beargwhnt. Aber sie
fand keine Beweise, und ihr unablssiges Sphen und Forschen fruchtete nicht.
Dann hrten die Diebsthle wieder auf.
    Denn Philippine, welche die Diebin war, frchtete sich vor der Entdeckung
und whlte einen gefahrloseren Weg, sich zu bereichern. Sie stahl Bcher und
verkaufte sie beim Trdler. Sie war schlau genug, nur solche Bcher zu
beseitigen, die schon lange Zeit in den Regalen gelegen waren, auch ging sie
nicht stets zu demselben Trdler, sondern immer zu einem andern.
    Das Geld aber, das sie heimlich und gierig wie eine Dohle zusammentrug,
versteckte sie auf dem Dachboden des Hauses. In der Mauer neben dem Kamin war
ein Ziegelstein locker, den nahm sie heraus, die Hhlung hatte sie nach und nach
vergrert und wenn sie ihren Raub untergebracht hatte, stellte sie ein
Brettchen davor und schob den Stein wieder in das Loch.
    War dann kein Laut zu hren, der sie verscheuchte, so berlie sie sich mit
gefalteten Hnden ihren Betrachtungen, und auf ihrem stumpfen Gesicht malte sich
ein bser und fanatischer Traum.

                                       8


Eines Abends im Februar saen Therese und Philippine wscheflickend bei der
Lampe, als Jason Philipp ins Zimmer trat und sich mit verschmitzter Miene die
Hnde rieb.
    Da es Therese nicht der Mhe wert fand, ihn nach der Ursache seiner guten
Laune zu fragen, lachte er pltzlich auf und sagte: Jetzt knnen wir einpacken,
meine Liebe. Ich les' es schon gedruckt: das groe Licht oder die beschmten
Verwandten. Rhrendes Tableau, dargestellt von Herrn Daniel Nothafft und der
Familie Schimmelweis.
    Ich versteh dich nicht; du redest schon wieder wie ein Hanswurst,
antwortete Therese.
    In einem Konzert werden Sachen von Daniel gespielt, belehrte Philippine
mit ihrer harten, alten Stimme die Mutter.
    Woher weit denn du das? fragte Therese mitrauisch.
    Habs in der Zeitung gelesen.
    Im Saal der Harmoniegesellschaft soll das Wunder vor sich gehen,
besttigte Jason Philipp mit einer rtselhaften Schadenfreude. Am Donnerstag
ist ffentliche Probe und ich werde mir's nicht nehmen lassen, dabei zu sein.
Der Musikalienhndler Zierfu hat mir zwei Karten gegeben, und wenn du Lust
hast, kannst du auch zusehen, wie man aus einem Tagedieb eine Lokalgre macht.
    Ich? erwiderte Therese verchtlich erstaunt, keinen Schritt vors Haus.
Was scheren mich eure Dummheiten.
    Aber die Herren werden sich schneiden, die Herren werden sich gewaltig
schneiden, fuhr Jason Philipp drohend fort, es gibt noch einen gesunden
Menschenverstand in der Welt, es gibt noch Mittel gegen gemeingefhrliche
Schwindler.
    Da erhob Philippine mit jhem Entschlu den Kopf. Derf ich mit dir gehen,
Vatter? fragte sie, und ihre Ohren wurden glhend rot.
    Es war mehr als eine Bitte. Jason Philipp stutzte ber den verwilderten
Blick des Mdchens. Gut, sagte er und sah ber Thereses stummen Widerstand
hinweg, aber versorg dich auch mit einem Pfeiflein, damit du ordentlich pfeifen
kannst.
    Er sank behaglich chzend auf einen Stuhl und streckte die Beine aus.
Philippine kniete nieder und zog ihm die Stiefel von den Fen, worauf er in die
bereitstehenden Pantoffeln schlpfte, die in roter Stickerei einen Spruch
trugen. Auf dem linken stand: dem Mden, auf dem rechten: zum Trost.

                                       9


Lenore hatte ihrem Vater verschwiegen, aus welchem Grund sie ihre Stellung bei
Alfons Diruf verlassen hatte. Der Inspektor erkundigte sich auch nicht weiter
darnach, als er bemerkt hatte, da es Lenore unangenehm war, davon zu sprechen.
Ihm ahnte nichts Gutes, und wenn er schwieg, geschah es auch aus Furcht vor
seinem eigenen Zorn und Schmerz.
    Indes hatte Lenore Beschftigung gefunden. Eine Schulkameradin, die sie
ehedem gut leiden gemocht, Martha Degen, die Tochter des Zuckerbckers, hatte
den Notar Rbsam geheiratet, einen alten Mann brigens. Lenore kam einigemal ins
Haus, da der Inspektor auch seit langen Jahren mit dem Notar befreundet war, und
im Gesprch ergab es sich, da der Notar eine Hilfskraft fr Schreibarbeiten
brauchte. Da in der Kanzlei des Notars kein Platz war, durfte sie die
Schreibereien zu Hause besorgen.
    Auerdem war sie durch Friedrich Benda an den Archivrat Bock empfohlen
worden, welcher ein weitlufiges Werk ber nrnbergische Geschichte abfate, und
sie sollte nun die verhudelten Handschriften des Archivrats ins Reine bringen.
    Ein mhevolles Ding, aber dabei erfuhr sie doch mancherlei, ihr durstiger
Geist saugte Nahrung auch aus drrem Boden.
    Ihr Verlangen wurde wach, das Stckwissen zu ergnzen, sie bat Benda um dies
und jenes Buch, und wenn sie den Tag ber fleiig die Feder gefhrt hatte, las
sie oftmals bis in die spte Nacht.
    Es blieb aber nichts auen hngen an ihr, so da sie es mhselig
mitschleppen mute. Es wurde ihr alles zum Wesen.
    Lange hatte sich Daniel nicht sehen lassen. Er hatte bei den Proben zu tun,
die von Wurzelmann geleitet wurden. Professor Dderlein sollte nur das eingebte
Orchester bernehmen. Auer Daniels Kompositionen stand die dritte
Leonoren-Ouvertre auf dem Programm und Wurzelmann nannte dies einen guten
Vorspann.
    Hufig wurde Daniel auch vom Impresario Drmaul gerufen; die Wanderoper
sollte im Mrz ihre Reisen antreten und es war vieles zu besprechen. Der
Vertrag, den er dann unterschrieb, verpflichtete ihn fr drei Jahre gegen ein
Gehalt von sechshundert Mark fr das Jahr.
    Ein paar Tage vor der Generalprobe kam er zu Jordans und brachte drei
Karten, eine fr den Inspektor und zwei fr die Schwestern. Die Generalprobe war
wie ein Konzertabend fr sich, und es waren ber hundert Personen dazu geladen
worden.
    Der Inspektor war eben im Begriff auszugehen. Das ist aber fein, sagte er,
das ist riesig fein, da ich wieder mal Musik hren kann. Da freu ich mich ja
ganz auerordentlich drauf. Als junger Bursche, ja, da bin ich manchmal ins
Konzert gegangen. Das ist lang her und wenn man's denkt, sprt man erst, wie alt
man geworden ist. Die Jahre hngen wie Mhlsteine an einem. Nun, ich dank Ihnen,
Daniel, dank Ihnen wrmstens.
    Auch Lenores Freude war gro. Als ihr Vater fort war, bemerkte sie, da
Daniels Augen Gertrud suchten, die bei seinem Kommen das Zimmer verlassen hatte.
Sie ffnete die Tr und rief hinaus: Gertrud, komm schnell! eine berraschung!
    Nach einer kleinen Weile kam Gertrud.
    Ein Billett fr dich, fr Daniels Konzert, sagte Lenore strahlend und
hielt ihr die grne Karte hin.
    Gertrud schaute Lenore an und wollte auch Daniel anschauen, aber ihr
schwerer Blick, von unten emportauchend, streifte ihn nur und kehrte wie
gepeinigt wieder zurck. Dann schttelte sie den Kopf und sagte langsam: Ein
Konzertbillett? Fr mich? Fr mich, Lenore? Ist das dein Ernst? Abermals
schttelte sie den Kopf, erstaunt und unwillig. Hierauf ging sie zum Fenster,
lehnte den Arm ans Kreuz und prete die Stirn dagegen.
    Daniel verfolgte sie mit Blicken voll glhendem Zorn. Man kann Schafe zu
einer Schlachtbank treiben, sagte er, man kann Ruber und Diebe in eine
Fronfeste sperren, man kann Ausstzige ins Lazarett transportieren, aber man
kann einen fhlenden Menschen nicht zum Anhren von Musik zwingen.
    Er schwieg und es blieb still. Geqult durch die Empfindung, da Daniels
Blick an ihrem Rcken haftete, kehrte sich Gertrud um, ging zum Ofen, setzte
sich dort hin und legte die Wange an die Kacheln.
    Mit zwei Schritten stand Daniel dicht vor ihr und stie heraus: Wenn ich es
aber fordere, da Sie gehen? Wenn zum Beispiel meine Ruhe davon abhngt, oder
etwas, was vielleicht fr die Welt wichtig ist? Trost, Befreiung, Besserung? Und
wenn ich es deshalb fordere, was dann?
    Aus Gertruds Zgen war alle Farbe gewichen. Eine Sekunde lang weilte ihr
Blick auf seinem Gesicht, hierauf wandte sie den Kopf zur Seite, zog wie
frierend die Schultern in die Hhe und stammelte: Dann ... dann gehe ich. Ja,
dann gehe ich. Obwohl ich's bereuen werde ... sicher bereuen werde.
    Mit groen, immer grer werdenden Augen hatte Lenore alles dies vernommen.
Als sie Daniel anschaute, lag eine gtige, schmelzende Feuchtigkeit in ihrem
Blick und sie lchelte.
    Daniel war aber auf einmal verdrielich geworden. Er murmelte einen Gru und
ging. Lenore trat ans Fenster und sah ihm nach, wie er ber den Platz rannte,
den Hut mit beiden Hnden vor dem Sturmwind schtzend.
    Komischer Kerl, sagte sie leise, komischer Kerl.
    Dann erhob sie das Auge zu den Wolken, deren eilige Flucht ber das
Kirchendach ihr gefiel.

                                       10


Die dritte Fidelio-Ouvertre sollte erst im eigentlichen Abendkonzert an der
Spitze des Programms stehen. Sie bot nach Dderleins Meinung keine
Schwierigkeiten; die Generalprobe war vornehmlich den Werken des Neulings
gewidmet. Sein Taktstock gab das Zeichen zum Beginn, und es wurde ruhig im Saal.
    Mit einem Zusammenspiel der Blser setzte die nrnbergische Serenade ein. Es
war ein krftiges und burschikoses Thema, das dann die Geigen bernahmen, um es
launisch zu zerpflcken und allmhlich in das Bereich der Trumerei zu fhren.
Da wurde die Nacht lebendig, da surrte ein ser Sommerwind, da tanzten
Leuchtkfer; gotische Dome erhoben sich in der schwlen Dunkelheit, und
kleinbrgerliche Gestalten krochen in verwinkelten Gassen; ein Ruf groer
Vergangenheit und Mahnung der Zukunft schallten in das Behagen an der Gegenwart,
Heroisches mischte sich mit Scherzhaftem, Fantastisches mit Burleskem, die
Romantik fand ihr Widerspiel, alles im Flu echter Melodie, schlank im Bau,
reizend in der Gliederung.
    Die Fachmusiker waren sattsam verwundert, und ihre Verwunderung gewann in
den damaligen Berichten einen starken Ausdruck. Freilich wurde das anerkennende
Wort getrbt durch das hliche Ende, das die Generalprobe nehmen sollte, aber
ein Mann von innerer Unabhngigkeit, den beklagenswerte Schicksale aus einem
bedeutenden Wirkungskreis in den beschrnkten der Provinz geworfen hatten,
schrieb wie folgt: Dieser Knstler htte wohl das Vermgen, ein Wahr- und
Flammenzeichen in unserer Zeit zu werden. Ihn bildete die Natur, ihn erzog sein
Stern. Verleihe ihm doch der Himmel die Kraft und die Geduld, die zur zweiten
hheren Menschwerdung eines Knstlers unerllich sind! Liee er ihn doch nicht
zu frhe nach den reifenden Frchten langen und im Taumel der niedrigen
Leidenschaften die Stimme seines Herzens berhren, damit der Flug, dem sich der
Azur des Ruhmes aufgetan, nicht wieder sich herunter wende in die Nacht.
    Derselbe Kenner erklrte die Komposition Vineta fr minder erfindungsreich
und ihre Instrumentation an einer anfngerhaften Magerkeit krankend. Trotzdem
fand auch dieses Stck vielen Beifall. Der Impresario Drmaul klatschte, da ihm
der Schwei ausbrach. Wurzelmann war wie besessen. Der alte Herold lachte ber
das ganze Gesicht. Die Langmhnigen konnten sich zwar des Neides nicht
entschlagen, kargten jedoch nicht mit ihrem Jubel.
    Aber wie war es Herrn Carovius ums Herz! Der Speichel schmeckte ihm bitter,
der Leib tat ihm weh, und als sich Andreas Dderlein dankend verneigte, stie er
eine hhnische Lache aus. Und Jason Philipp Schimmelweis! Ihm wre wohler
gewesen, wenn das Hndegeklatsch von ebensovielen Ohrfeigen hergerhrt htte,
die er dem Schandbuben insgeheim zudachte. Das Unterste der Welt war zu oberst
gekehrt, er fate sich an die Stirn, er schttelte den Kopf, es lag ihm nahe zu
rufen: ihr Betrger! ihr Betrogenen! hrt mich doch, ich kenne ja den Menschen,
der euch am Narrenseil fhrt! Und er wartete, ob sich das Miverstndnis, der
groe Schwindel, nicht am Ende doch aufklren wrde. Er wartete nicht umsonst.
    Schon nach der Serenade war dem Inspektor Jordan die fieberhafte Blsse
Gertruds aufgefallen. Er fragte, ob sie sich krank fhle, sie gab keine Antwort.
Whrend des zweiten Stckes prete sie bestndig und wie im Krampf die Hnde
gegen die Brust. Ihre Augen waren bald erloschen, bald lohten sie in einem
unheimlichen Feuer. Unmittelbar nachdem das Stck zu Ende war, wandte sie sich
an ihren Vater und bat ihn, er mge sie nach Hause begleiten. Der Inspektor
erschrak, die Umsitzenden wurden aufmerksam und betrachteten mitleidig das
bleiche Gesicht des jungen Mdchens. Lenore wollte gleichfalls aufbrechen, aber
Gertrud flsterte ihr herrisch zu, sie solle bleiben. Mit Gertruds Gemtsart
hinlnglich bekannt, dachte sie an einen vorbergehenden Anfall und beruhigte
sich dabei.
    Daniel stand gerade mit Benda und Wurzelmann an der Tre. Er war sehr
erregt, und die beiden bemhten sich, seine gegen Andreas Dderlein geuerte
Erbitterung zu beschwichtigen. Der Mann versteht vom Handwerk nichts,
knirschte er und wies alle Beschnigungsversuche zurck; von dem, was ich
gemacht habe, sind nur Trmmer brig. Er verschleppt die Tempi, hlt keine
Bindung, zertrampelt jedes Piano, steigert nicht, retardiert nicht, es ist ein
Jammer, ich halt's nicht aus, so knnen die Sachen ffentlich nicht gespielt
werden.
    Da gingen Gertrud und der Inspektor rasch und ohne Gru vorbei. Daniel
stutzte. Der entseelte Ausdruck in Gertruds fahlem Gesicht ngstigte ihn.
Zugleich fhlte er, als ob ein Hammerschlag ihn getroffen htte, da sein
Schicksal an dieses Wesen unauflslich gekettet war. Ihr Schritt, ihr Auge, ihr
Mund, alles war wie in ihm selber drinnen, und der Zorn darber, da sie ohne
Gru vorbeiging, fremd, verschlossen und feindselig auch jetzt, nach dieser
Stunde, verdunkelte seinen Geist. Von da an war er nicht mehr Herr seiner
Handlungen.
    Wie nun die Beethovensche Tonflut in ihrer hochgewaltigen Wildheit aus dem
Orchester emporstrmen sollte und statt dessen ein verworrenes, trbes Getse
erklang, wurde er von einer groen Unruhe ergriffen. Nher als bei dem eigenen
ging es ihm, das fremde Gebilde verunstaltet zu sehen, dessen zarte Seele und
Titanenwuchs ihm vertraut war wie sonst nur wenige Dinge auf der Welt. Das
Trompetensolo erschallte nicht aus scheinbar geisterhafter Ferne, sondern nah
und platt. Er fing an zu zittern. Und als das wehvoll ruhige Andante von der
rohen Lenkerhand seines Maes beraubt wurde und im Gemeinen zerflatterte, da
ertrug er es nicht mehr. Er strzte aufs Podium, umklammerte den Arm des
Dirigenten mit Eisenfingern und schrie ihn an: Genug jetzt! So verfhrt man
nicht mit einem Gtterwerk!
    Die Leute erhoben sich von ihren Sitzen. Die Instrumente verstummten
pltzlich, nur ein Cello wimmerte noch. Andreas Dderlein prallte zurck,
starrte den tollen Menschen mit aufgerissenem Mund an, legte den Taktstock auf
das Notenpult und stammelte: Beim Zeus, das ist unerhrt. Die Musiker
verlieen ihre Pltze und umringten den Unbegreiflichen, der Tumult im Publikum
wurde immer grer, es wurde gefragt, gedroht, beruhigt, geschimpft, und oben
stand noch immer, mit geducktem Kopf und gekrmmtem Rcken, zornig und
rachschtig, Daniel.
    Ein wenig spter sa Andreas Dderlein am Tisch des Knstlerzimmers. Seine
Haltung glich der des Kaisers Barbarossa im Kyffhuser. Er hatte gegrndeten
Anla, schmerzliche Betrachtungen ber die Verkommenheit und Piettlosigkeit der
Jugend zu uern. Es war berflssig, darauf hinzuweisen, da ein Mensch, der
einer solchen Tat fhig war, aus den Reihen derer, die Rcksicht und Hilfe
beanspruchen konnten, ausgestoen werden mute. Die wrdigen Herren vom
Orchesterverein waren derselben Meinung. Die Jahrbcher der Geschichte wuten
nichts von einem hnlichen Ereignis. Milde Augen blitzten, graue Brte bebten.
Die Beratung war kurz, der Spruch gerecht. Ein Vorstandsmitglied erschien als
Sendbote vor Daniel und teilte ihm mit, da man sich entschlossen habe, seine
Kompositionen vom Programm zu entfernen. Die Nachricht verbreitete sich rasch.
    Wer war seliger als Jason Philipp Schimmelweis?
    Er glich einem Menschen, der gesttigt von einem Tisch aufsteht, an welchem
zu hungern er lebhaft hatte frchten mssen. Auf dem Heimweg pfiff er und lachte
er in angemessenen Pausen.
    Da sieht man's, sagte er zu seiner schweigend neben ihm herschreitenden
Tochter, da sieht man's wieder: aus Unrat kann kein Rat werden und aus Nothafft
kein Glckhafft. Esel bleibt Esel, Lderjahn bleibt Lderjahn und Faulenzerei
endet mit Schimpf und Schande. Der Teufel hat eben doch einen kurzen Fangstrick;
ist die Lotterwirtschaft auch noch so dicke, seine Rekruten mssen Order
parieren. Das wird ein Fressen fr Muttern. Das wollen wir ihr mal brhwarm
bestellen.
    Und Philippine, so wie sie den ganzen Abend hindurch nicht den Blick vom
Erdboden erhoben hatte, schien auch jetzt nicht zu wissen, da ringsum Huser
und Menschen waren. Sie war eine Geschlagene; sie wollte es sein. Sie hatte viel
zu verbergen, ihre junge Brust war eine Hlle, aber ihr hliches, mrrisches
und altes Gesicht war tot und leer wie ein Stein.
    Herr Carovius wartete am Tor. Erst als alle andern Leute sich verlaufen
hatten, kamen Daniel, Benda, Wurzelmann und Lenore. Daniels Radmantel flatterte
im Wind, den Hut hatte er tief in die Stirn gedrckt. Herr Carovius vertrat ihm
den Weg.
    Ein Heldenstreich, mein lieber Nothafft! gilfte er. Umarmen mte man
Sie. Von heute ab knnen Sie auf mich zhlen. Na, stehen Sie mal still, Sie
menschgewordener Orkan! Freilich, was dero Musik anlangt, da geh ich nicht mit,
da steckt mir zu viel Schnettereteng drin und zu wenig Infernalisches. Aber
machen Sie nur den Dderleins den Garaus und ich bin Ihr Mann. Nicht als ob ich
Sie einladen wollte, mich anzupumpen, beileibe nicht; bin selber nur ein armer
Musikant; aber sonst steh ich in allem zu Diensten. Geruhsame Nacht allerseits
und gewhnen Sie sich das Schnettereteng ab.
    Er kicherte und lief davon. Daniel sah ihm etwas bestrzt nach. Wurzelmann
lachte und meinte, so einen Kauz habe er noch nie gesehen. Alle vier standen
eine bngliche Weile, und es fiel Schnee, mit Regen untermischt. Von Benda
gefragt, wohin er gehen wolle, antwortete Daniel, er wolle nach Hause. Was er
denn allein zu Hause wolle? das sei nichts heute, er mge mit ihm kommen. Nein,
erwiderte Daniel, er lge heut jedem auf der Brust, sei sich selber im Weg. Wie
ist's, Knechtlein? wandte er sich an Wurzelmann, wollen wir kneipen?
    Wurzelmann erklrte verlegen, da er nicht frei sei, und es war etwas
Widriges in der Art, wie er sich ausredete.
    Ach, Sie mit Ihren albernen Weibergeschichten! sagte Daniel verdrielich;
aber es ist mir egal, wohin Sie gehn, ich geh einfach mit.
    Das werden Sie nicht tun, Daniel! rief Lenore. Und als Daniel sie erstaunt
ansah, fuhr sie errtend fort: mit zu seinen Weibern gehen ...
    Die drei jungen Leute lachten und in ihrer Verwirrung lachte Lenore mit.
    Wie tragisch Sie sind, kleine Lenore, spottete Daniel; was verlangen Sie
denn? Denken Sie, das geht so bei mir: die Trne quillt, die Erde hat mich
wieder?
    Lassen Sie ihn, flsterte Benda dem Mdchen zu, er hat recht. Nur kein
knstliches Licht in diese Finsternis. Sie dient ihm, und er mu damit fertig
werden.
    Lenore schaute Benda gro an. Finsternis? wieso denn? Da wr ja das Feuer
nur ein Irrwisch gewesen, sagte sie, und ihre Augen strahlten stolz, ich seh
ihn voller Licht.
    Daniel hatte ihre Worte vernommen. Wirklich, Lenore? fragte er mit Gier.
    Sie nickte. Wirklich, Daniel.
    Dafr drfen Sie sich was von mir ausbitten.
    Dann bitt' ich, da Sie und Benda mit zu uns kommen. Der Vater wird sich
freuen, und was zu essen gibt's auch.
    Schn, das lt sich hren. Addio, Wurzelmann. Einen Gru an die Damen. Du
gehst doch mit, Friedrich?
    Benda machte erst noch einige artige Umstnde, bevor er sich bereit
erklrte.
    Es hat Ihnen also gefallen, Lenore? fragte Daniel, whrend sie die Strae
hinuntergingen.
    Lenore schwieg. Dieses Schweigen hatte pltzlich, er wute kaum warum, etwas
Ergreifendes fr Daniel. Aber er verga den Eindruck schnell, den es gebt. Und
es dauerte lange Zeit, es dauerte Jahre, bis er sich wieder daran erinnerte.

                                       11


Der Inspektor hatte Gertrud am Arm nach Hause gefhrt und es rcksichtsvoll
vermieden, sie durch irgendwelche Frage zu beunruhigen. In der Wohnstube zndete
er die Lampe an, hierauf war er dem Mdchen beim Ausziehen der Jacke behilflich.
    Wie geht's? forschte er freundlich, schon besser?
    Gertrud wandte sich ab und setzte sich auf einen Stuhl.
    Jetzt werden wir einen heien Tee kochen, fuhr der alte Mann fort, dann
wird sich das Kind ins Bett legen, und morgen frh sind wir wieder wohlauf.
Gelt?
    Gertrud erhob sich. Vater! prete sie hervor und suchte mit der Hand das
Tischbrett zur Sttze.
    Gertrud! was hast du? rief Jordan entsetzt.
    Sie machte eine eigentmlich schleifende Bewegung mit dem Oberkrper und ein
kraftloses Lcheln zuckte ber ihr Gesicht. Auf einmal brach sie in ein
Schluchzen aus und lief in ihre Kammer. Der Inspektor vernahm, wie sie
zuriegelte, schaute versorgt vor sich hin und schlich nach einer Weile auf den
Fuspitzen zur Tre.
    Er hatte die Hnde unter dem Kinn verschrnkt und hrte, wie Gertrud weinte.
Es war ein gleichmiges und rhrendes, nicht so sehr schmerzerflltes, als
ausatmendes Weinen.
    Indem der Inspektor das einsame, unfrohe und undurchdringliche Leben dieser
Tochter an seinem Geiste vorberziehen lie, wurde er sich mit einigem Erstaunen
bewut, da sie heute zum erstenmal wirkliche Musik gehrt habe. Ist denn das
mglich? fragte er sich, entsann sich aber keines Falles, der ihn an dieser
Tatsache zweifeln lie.
    Er sagte sich ungefhr: gewi hat die ihr vllig unbekannte Sigkeit und
Kraft, die im Zusammenspiel der Geigen enthalten ist, der Wohlklang des
Orchesters und die Schnheit der Melodie mit einer so verhngnisvollen
Unmittelbarkeit auf sie gewirkt wie das Sonnenlicht auf einen Menschen, dem der
Star gestochen ist. Ihre Seele hat Hunger gelitten, so mu es wohl sein; sie hat
zu viel um das Unbegreifliche und Ungreifbare gerungen.
    Man mu sie weinen lassen, riet ihm der Instinkt der Liebe; es ist gut, da
sie weint, es wird ihr wohl tun. Er rckte einen Stuhl in die Nhe der Tre,
setzte sich hin und wartete. Als sie endlich still wurde, war ihm das Herz
leichter.

                                       12


Lenore hatte sich nicht getuscht, der Inspektor freute sich wirklich mit Daniel
und Benda. Ich bin ganz stolz auf Sie, sagte er zu Daniel, und da Sie heute
noch zu mir kommen, das rechn' ich Ihnen hoch an.
    Wren Sie eine halbe Stunde lnger geblieben, so wrden Sie vielleicht
anders reden, erwiderte Daniel.
    In aller Krze berichtete Lenore ihrem Vater, was sich im Konzertsaal
ereignet hatte. Der Inspektor lauschte verwundert und heftete einen forschenden
Blick auf Daniel. Mute es sein? fragte er stirnrunzelnd.
    Jawohl, es mute sein, versetzte Daniel.
    Wenn es sein hat mssen, dann ist es gut, da es war, lautete die
gelassene Antwort.
    Lenore nahm die Hand ihres Vaters, deren Rcken groe, gelbe Flecken hatte,
und kte sie. Dann deckte sie den Tisch und richtete alles zur Mahlzeit her,
wobei sie frhlich aus- und einging und in der Kche das Wasser zum Tee auf den
Kocher stellte. Nach Gertrud hatte sie sich gleich erkundigt, der Inspektor
hatte sich jedoch aus irgendwelchen Grnden nicht nher uern wollen und was er
sagte, gab keinen Anla zu Befrchtungen.
    Endlich konnten sich alle zu Tisch setzen. Lenore war sehr zufrieden, die
drei ihr lieben Menschen hier vereinigt zu sehen, und ihr Gemt war voll
Dankbarkeit gegen alle. Aber sie hatte auch Hunger und a vier Butterbrote
hintereinander. Als sie bemerkte, da Daniel nicht zugriff, trat sie hinter
seinen Stuhl, beugte den Kopf so weit nieder, da ihre Haare seine Schlfe
kitzelten und sagte: Geniert er sich vielleicht? Oder sind die Wrste nicht
nach seinem Geschmack? Will er was anderes haben?
    Daniel wich rgerlich mit dem Kopf aus; jedoch im Grund war ihm die
Berhrung des Mdchens angenehm, ja beinahe erlsend, da seine Gedanken immer
wieder eigensinnig zu jener Flchtenden zurckkehrten, deren Gegenwart er
vermite, ohne sie herbeizuwnschen.
    Benda sprach ber die politischen Vernderungen, die durch den Tod Gambettas
zu besorgen waren; der Inspektor, als ein Mann, der allen das Vaterland
betreffenden Angelegenheiten lebendige Teilnahme widmete, wute ber die
zwischen Deutschland und Frankreich herrschende Spannung einige wahre und humane
Worte zu sagen, da ffnete sich Gertruds Kammertre und Gertrud trat auf die
Schwelle.
    Ein tiefes Schweigen entstand und alle blickten nach ihr hin.
    Sonderbarerweise hatte sie ein anderes Kleid an als im Konzert; es war das
grne, in welchem Daniel sie zum erstenmal gesehen. Doch der Inspektor und
Lenore beachteten dies kaum; sie waren durch den vernderten Ausdruck in
Gertruds Gesicht aufs uerste betroffen. Auch Daniel war erstaunt und konnte
den Blick nicht abwenden.
    Das Gesicht war weicher, freier und heller. Die Unruhe, die es stets wie ein
trber Schleier umgeben hatte, war daraus gewichen. Sogar die Form schien eine
andere geworden, die Brauen schienen hher gewlbt, das Oval der Wangen schien
zarter.
    Sie lehnte sich an den Pfosten der Tre; auch den Kopf lehnte sie an. Der
herabhngende linke Arm hatte etwas unnennbar Lssiges, die rechte Hand war an
die Brust gedrckt; so betrachtete sie die um den Tisch Sitzenden mit
schchternem und sanftem Lcheln.
    Im ersten Augenblick glaubte der Inspektor, sie habe den Verstand verloren.
Er sprang auf und eilte zu ihr hin. Aber sie reichte ihm die Hand und lie sich
willig an den Tisch fhren.
    Pltzlich heftete sie den Blick stumm auf Daniel. Der erhob sich
unwillkrlich und packte die Lehne seines Stuhles. Er verfrbte sich und zog die
Mundwinkel nervs in die Hhe. Aber als Gertrud ihre Hand aus der des Vaters
lste und sie ihm reichte, als er die Hand genommen hatte und sein Auge,
machtvoll angezogen, dem ihren begegnete, wich der beklemmende Druck, denn was
er in ihren Augen las, war eine rckhaltlose und unwiderrufliche bergabe ihrer
ganzen Person. Da wurde auch sein Blick sanft und dankbar und hatte einen
schwrmerischen Glanz.
    Der sinnliche Zauber war es nicht allein, der ihn zur Erwiderung eines vor
der Welt kundgegebenen Gefhles zwang; tiefer berhrte ihn, da sie so kam, wie
sie kam, als eine Reuige und Bekehrte. Tiefer berhrte ihn die erhabene
Gewiheit, die sie ihm schenkte, da er eine Seele zu verwandeln und zu erneuen
vermocht hatte.
    Es kettete ihn diese Gewiheit fester an Gertrud als ihr Blick, ihr Antlitz
und ihr Leib. Und er sah jetzt das alles, den Blick, das Antlitz und den Leib.
    Der Inspektor ahnte. Ihm war, als msse er das Mdchen in die Arme nehmen
und mit ihr fliehen. Bilder knftigen Unheils umringten ihn, und die Hoffnung,
die er eben noch fr Gertrud gehegt, war vernichtet.
    Benda starrte schweigend auf seinen Teller. Desungeachtet, wie wenn er noch
andere Augen bese als die wirklichen, nahm er wahr, da Lenores Hnde und
Lippen zitterten, da sie von Sekunde zu Sekunde bleicher wurde, da sie bald
den Vater, bald die Schwester, bald Daniel unglubig ansah, da sie zuletzt, von
einer Art Mattigkeit befallen, sich aus dem Kreis des Lampenlichts stahl und
sich im Erker auf einen Schemel setzte.
    Aber als dann alle wieder Platz genommen hatten, Gertrud zwischen Benda und
ihrem Vater, kam auch Lenore herbei und setzte sich still neben Daniel. Sie
hrte nicht auf, Gertrud mit atemloser Verwunderung zu mustern. Und Gertrud
lchelte wie vorhin an der Tre, schchtern und leidenschaftlich.
    Es kam kein ersprieliches Gesprch mehr in Gang, daher dnkte es Benda am
besten, den Freund zum Aufbruch zu mahnen. Sie dankten dem Inspektor fr die
freundliche Bewirtung und verabschiedeten sich. Jordan geleitete sie hinunter
und sperrte ihnen das Tor auf. Als er zurckkehrte, ging Lenore gerade in ihr
Zimmer. Nun, Lenore, kein Gutenachtgru fr mich? rief er ihr nach.
    Sie drehte sich um, nickte blo und schlo die Tre.
    Gertrud sa noch am Tisch. Whrend der Inspektor in der Stube auf- und
abwanderte, eilte sie pltzlich in seinen Weg, zwang ihn, stehen zu bleiben,
warf die Arme um seinen Hals und kte ihn auf die Stirn. Das hatte sie nie
zuvor getan.
    Auch sie war schlafen gegangen. Den Inspektor bedrngte ein ungewohntes
Gefhl der Verlassenheit. Er hrte, wie die Gattertr auf- und wieder zugesperrt
wurde und wie Schritte schallten. Es war Benno, der endlich nach Hause kam.
Jordan erwartete, da sein Sohn noch hereinkommen werde, da er ja durch die
Spalten der Tre das Licht sehen mute. Aber Benno trug offenbar kein Verlangen,
den Vater zu sehen, er ging in seine am andern Ende des Flurs gelegene Kammer
und schlug die Tre zu wie ein Hausknecht.
    Jedes ist in seiner Kammer, dachte der Inspektor, und von keinem wei ich
etwas.
    Er schttelte den Kopf, nahm die Hngelampe aus der Tragschale und verlie,
sie vorsichtig haltend, das Zimmer.

                                       13


Lenore hatte Eberhard von Auffenberg schon einige Wochen nicht gesehen, da
schickte er ihr ein Krtchen und bat um eine Zusammenkunft. Der Ort war ein fr
allemal derselbe, die Brcke am Tiergrtnertor, und als die Dmmerung
eingebrochen war, begab sie sich dorthin. Es war ein lauer Mrzabend, die Luft
war ohne Wind, der Himmel bedeckt.
    Sie wanderten den Burgberg hinauf und als sie oben an der Brstung standen,
sagte Lenore mit leisem Lachen: Jetzt wei ich vom Ungeredeten genug, nun reden
Sie was.
    Es tut wohl, mit Ihnen zu schweigen, erwiderte Eberhard gedrckt.
    Voll unbehaglicher Ahnung suchte sich Lenore eines der vielen hundert
Lichter aus, die in der Tiefe neblig flimmerten und hielt den Blick hartnckig
darauf gerichtet.
    Wenn ich mich in dieser Stunde an Sie wende, begann endlich der junge
Freiherr, so geschieht es gewissermaen wie ein Appell an die letzte und
hchste Instanz. Meine Erwartungen vom Leben sind vernichtet bis auf eine
einzige. Es steht bei Ihnen, Lenore, ob ich ein unntzer Parasit der
menschlichen Gesellschaft sein soll oder ein Mann, der sein Quantum Glck durch
ein gleichwertiges Quantum Arbeit zu bezahlen entschlossen ist. Ich biete Ihnen
alles, was ich zu bieten habe. Es ist wenig, aber ich biete es ohne zu feilschen
und fr immer. Nur Sie allein knnen mich noch retten. Dies wollte, ich Ihnen
sagen.
    Er schaute in die Wolken und lehnte sich auf seinen Spazierstock, den er
hinter dem Rcken hielt.
    Ich habe Ihnen verboten, davon zu sprechen, flsterte Lenore in tiefem
Schrecken; Sie haben mir Ihr Wort gegeben.
    Ich gab das Wort aus Liebe, ich brech es aus Liebe, entgegnete Eberhard.
Ich sage mir, da solch ein Wort eine Kinderei ist, wenn es sich um den Aufbau
oder um den Einsturz einer Existenz handelt. Sind Sie hierber anderer Ansicht,
so verzeihen Sie mir. Ich htte mich eben dann geirrt.
    Lenore schttelte traurig den Kopf.
    Mein Plan war, da wir nach England reisten und uns dort trauen lieen,
fuhr Eberhard fort; es ist fr mich unmglich, hier zu heiraten, weil mir vor
dieser Stadt ekelt; es ist unmglich, weil meine Familie sich vielleicht Rechte
anmaen wrde, die ihr nicht mehr zukommen und die ich bekmpfen mte, wovor
mir gleichfalls ekelt; und es ist unmglich, weil - hier stockte er und prete
die Lippen aufeinander.
    Lenore sah ihn neugierig an. Seine pedantische Aufzhlung der Hindernisse
wie auch die unerwartete Romantik seines Vorhabens belustigte sie. Als sie aber
den Ausdruck des Grams in seinen Zgen gewahrte, empfand sie Mitleid. Sie trat
einen Schritt auf ihn zu; da ergriff er ihre Hand, beugte sich hastig herab und
drckte seinen Mund auf ihre Finger. Mit jher Bewegung zog sie die Hand zurck.
    Fatale Umstnde haben mich in eine uerst demtigende Abhngigkeit
gebracht, die ich von mir schtteln mu, wenn ich nicht darunter erliegen soll,
sagte Eberhard gepret. Ich war unerfahren. Ich bin getuscht worden. Es ist
eine Person im Spiel, die den Namen eines Menschen kaum verdient; ein Ungeheuer
im Gewand eines honetten Brgers. Ich wei nicht mehr ein noch aus, Lenore. Ich
mu fort von hier. In einem andern Land finde ich vielleicht Kraft und geistige
Klarheit wieder. Mit Ihnen wrde ich allem trotzen knnen. Glauben Sie mir.
Vertrauen Sie mir.
    Lenore lie den Kopf sinken. Die Verzweiflung des sonst so zurckhaltenden
Freundes ging ihr nah. Um ihren Mund zuckte es, als sie mhsam Worte fand.
    Ich kann nicht heiraten, Eberhard, hauchte sie; wahrhaftig, ich kann
nicht. Ich habe Sie ja nicht an mich gelockt, Sie drfen mir keinen Vorwurf
machen, von allem Anfang an wollt ich jeden Zweifel darber aus der Welt
schaffen. Ich kann nicht, ich kann nicht.
    Fnf oder sechs Minuten verflossen in einem Schweigen, welches durch die
gedmpften Gerusche von Menschenstimmen und Fahrzeugen, aus der Tiefe der Stadt
empordringend, zerstckt wurde. In dem Erbarmen, das Lenore fhlte, ward sie
sich der Hrte erst bewut, die in ihrer unbedingten Weigerung lag, und indem
sie Eberhard mutig und fest anblickte, sagte sie: Es ist nicht Eigensinn,
Eberhard; auch keine dumme Angst und Einbildung, auch nicht, weil ich Sie nicht
genug schtzte. Ich schtze Sie sehr hoch. Aber in mir mu etwas Unnatrliches
sein, denn sehen Sie, mir graut vor der Ehe. Mir graut davor, mit einem Mann zu
leben. So gern ich Sie habe, aber wenn Sie mich nur anrhren wie vorhin, als Sie
meine Hand gekt haben, schttelt mich das Grauen von oben bis unten.
    Eberhard ma sie mit einem dster verwunderten Blick.
    Sie aber fuhr fort: Es ist in mir seit meiner Kindheit. Vielleicht bin ich
damit geboren, so wie andere mit einem Krperfehler, vielleicht ist es seit
einem bestimmten Tag, da ich so bin. Es war im Herbst, an einem Abend. In
Pappenheim war es, wo damals meine Tante Kupferschmied wohnte. Meine Schwester
Gertrud und ich gingen in einem groen Obstgarten spazieren, da kamen wir zu
einer Dornenhecke und an der Dornenhecke sa eine alte Frau. Mein Vater und
meine Tante waren weit von uns weg und da sagte die alte Frau zu meiner
Schwester, die etwa sieben Jahr zhlte: nimm dich in acht vor dem, was singt und
klingt. Und zu mir sagte sie: hte dich vor Leibesfrucht. Am andern Tag wurde
die Frau tot unter der Hecke gefunden; sie war ber neunzig Jahre alt und
fnfzig Jahre lang war sie als Kruterweib im Altmhltal herumgezogen. Ich hab
natrlich damals keine Ahnung gehabt, was das ist, eine Leibesfrucht; aber das
Wort ist mir im Herzen steckengeblieben wie ein Pfeil. Es ist mit mir
aufgewachsen und als ich einmal wute, was damit gemeint ist, war es ein Bild
neben dem Bild des Todes. Nun drfen Sie nicht glauben, da ich deswegen in
einer hlichen Furcht herumgehe. O nein. Mich gelstet's eben nicht. Es zwingt
mich nicht. Zwingt's mich, was frag ich dann nach Tod und Sterben! Dann lach ich
ber die Alte unter der Hecke und tu, was ich mu.
    Bei den letzten Worten hatte ihr Gesicht einen wunderbar reinen und
phantasievollen Ausdruck angenommen und Eberhard vermochte kein Auge von ihr zu
wenden. Es gibt Mrchenwesen auf dieser widerlich platten Erde, dachte er,
verwunschene Prinzessinnen, geheimnisvolle Melusinen. In gewohnheitsmigem
Unglauben kruselte er die Lippen, doch verwandelte sich die offene, werbende
Zuneigung fr das Mdchen von nun ab in eine verheerende Leidenschaft.
    Er war stolz, und Mann genug, sich zu verschlieen; um so qulender war ihm
das dunkle Wissen von dem Dasein der glsernen Kugel, dieses Geistergehuses, in
welchem, so nah, so fern, das liebliche Geschpf unangreifbar wohnte und wohin
keine Flamme der Liebe dringen zu knnen schien.
    Sie geben mir also den Laufpa? fragte er.
    Jedenfalls ist es ratsam, da wir uns vorlufig nicht mehr sehen.
    Ratsam fr mich, meinen Sie. Und vorlufig? Wie soll ich das deuten?
    Sagen wir, fnf Jahre.
    Warum gerade fnf Jahre? Warum nicht zwanzig? Warum nicht fnfzig? Es wre
dasselbe.
    Es ist mir so, als ob fnf Jahre eine richtige Zeit wren, Eberhard.
    Fnf Jahre! Und jedes hat zwlfmal dreiig, zweiundfnfzig mal sieben Tage.
Da verliert man ja den Verstand mit lauter Arithmetik.
    Es mu sein, erwiderte Lenore sanft und bestimmt. Verndert werd' ich
mich ja nicht haben nach den fnf Jahren. Und eben, wenn ich noch die gleiche
bin, wollen wir wieder darber sprechen. Ich darf mich ja nicht aus der
Menschenwelt hinausstellen fr alle Zeit. Mein Vater sagt oft: was zu Ostern wie
ein Verhngnis aussieht, ist zu Pfingsten Grillenfngerei. Da will ich denn auf
Pfingsten warten und meinen Freund nicht vergessen.
    Sie streckte ihm lchelnd die Hand hin.
    Er schttelte den Kopf. Die Hand nehm ich nicht, sagte er, damit Ihnen
nicht wieder graut. Leben Sie wohl, Lenore.
    Auch Sie, Eberhard, leben Sie wohl.
    Eberhard schritt der abschssigen Strae zu. Pltzlich drehte er sich um und
sagte: Noch eins, Lenore, jener Musikus, Nothafft heit er doch? er ist mit
Ihrer Schwester verlobt, wie?
    Ja; Gertrud und Daniel, die werden ber Jahr und Tag heiraten. Aber da
davon irgend jemand wei -?
    Der Musikus war so unvorsichtig, whrend einer Kneiperei sein Glas zu
erheben und wie ein betrunkener Tambur sich selbst den Namen Gertrud zuzurufen.
Eine Zeit lang hat man Ihren Namen mit seinem genannt. Nun, es ist besser so.
Ich liebe die Knstler nicht. Ich kann sie nicht einmal achten, diese
indiskreten Heiblter. Gute Nacht, Lenore.
    Damit verschwand er in der Dunkelheit.

                        Erinnerung an eine Traumgestalt



                                       1

Es war an einem Abend, als Daniel zu Benda ging, um Abschied zu nehmen fr lange
Zeit.
    Wie er in das Tor treten wollte, sah er den Hund des Herrn Carovius mit
gefletschten Zhnen dastehen, und die blutunterlaufenen Augen der Dogge waren
auf ein etwa zehnjhriges Mdchen geheftet, welches ebenfalls ins Haus wollte,
aber aus Furcht vor dem Hund keinen Schritt zu tun wagte. Das Tier hatte seine
Kette hinter sich hergeschleift und knurrte unheildrohend.
    Entschlossen nahm Daniel das Kind bei der Hand und fhrte es ein paar
Schritte abseits, nachdem er die Dogge durch einen Zuruf eingeschchtert hatte.
Wer bist du? fragte er das Mdchen.
    Dorothea Dderlein, war die Antwort.
    Ei, machte Daniel und mute pltzlich lachen, denn das Mdchen hatte eine
possierliche Altklugheit im Ton. Aber es war ein sehr hbsches Kind. Aus der
dunklen Kapuze schaute ein schlau lchelndes Gesichtchen, und der Sammetmantel
mit groen Perlmutterknpfen umhllte eine zierliche Gestalt.
    Du gehrst schon lange ins Bett, Dorothea, sagte Daniel; wenn der
Nachtwchter kommt, was soll er von dir denken? Der packt dich beim
Schlafittchen und sperrt dich ins Gefngnis.
    Dorothea belehrte ihn ber die Ursache ihrer abendlichen Vereinsamung. Sie
war bei einer Schulfreundin gewesen, und die Magd, die sie abgeholt, hatte vor
dem Hinaufgehen noch einen Laib Brot aus der Bckerei mitnehmen wollen. Nun
schilderte sie ihr Zusammentreffen mit dem Hund so kokett berlegen, da sich
Daniel ber den Gegensatz zwischen dieser Aufschneiderei und der Schlotterangst,
in der er sie angetroffen, hchlichst ergtzte.
    Du bist eine kleine Schwindlerin, Dorothea, sagte Daniel und erinnerte
sich wieder der bsen Empfindung, die sie in ihm erregt, als er sie vor Jahren
zum erstenmal gesehen.
    Indessen kam die Magd mit dem Brotlaib daher, blickte verwundert auf das
schwatzende Paar und bemchtigte sich des Kindes mit schuldbewuter Eile. Den
Hund Csar trieb sie mit gellenden Schreien vom Haustor weg, und als er ber die
Strae lief, blickte Dorothea mit triumphierender Miene zu Daniel zurck, als
htte sie ihm nun bewiesen, da sie keine Furcht vor dem Hund hegte.

                                       2


Frau Benda ffnete und schlo stumm die Tre, als er gelutet hatte und ging
stumm in ihr Zimmer. Sie hatte eine heftige Auseinandersetzung mit ihrem Sohn
gehabt, der ihr mitgeteilt hatte, er werde noch vor Ablauf des Frhjahrs, dem
Ruf einer gelehrten Krperschaft folgend, nach England bersiedeln. Sie war
reisemde geworden, ihr bangte vor jedem Wechsel des Orts, die Trennung von
Friedrich dnkte ihr unertrglich, und in seiner Flucht aus dem Vaterland sah
sie einen endgltigen und zu frhen Verzicht auf die Aussichten, die sich ihm
noch bieten konnten.
    Es war ihre feste berzeugung, da die Menschen das Unrecht, welches sie ihm
gegenber begangen, einsehen und wieder gut machen wrden, und sie wollte, da
er Geduld ben und warten solle, bis man ihm Genugtuung gab. Auerdem kannte sie
seine Plne und zitterte vor den Gefahren, denen er freiwillig und, so schien es
ihr, ohne praktische Eignung entgegen gehen wollte.
    Aber sein Entschlu war unerschtterlich. Da er ihn vor Daniel geheim
hielt, ja nicht einmal andeutete, war in der sonderbaren Einseitigkeit
begrndet, zu der das Verhltnis beider gediehen war.
    Lachend erzhlte Daniel von seiner Begegnung mit der kleinen Dorothea. Die
sieht mir ganz darnach aus, als wollte sie dem groen Dderlein noch zu schaffen
machen, sagte er.
    Du hast ihm bel mitgespielt, dem groen Dderlein, antwortete Benda; in
der Nacht nach der Generalprobe hrte ich ihn stundenlang unter meinem
Schlafzimmer auf- und abgehen.
    Dich dauert er wohl gar?
    Wr ich du, ich ginge hin und leistete dem Mann Abbitte.
    Ist das dein Ernst? wallte Daniel auf. Und als Benda schwieg, fuhr er
ruhiger fort: Eigentlich sollt ich ihm ja dankbar sein, das ist wahr. Ich bin
durch ihn schneller zu der Einsicht gekommen, da es zwei milungene Machwerke
waren, die ich an die Sonne hngen wollte. Mgen sie mich nur niederschmeien,
ich steh schon wieder auf, wenn ich die ganze Erde in mich hineingeschluckt
hab.
    Benda lchelte gtig. Ja, ja, du stirbst bei jedem Sturz und wirst bei
jedem Aufschwung neu geboren, sagte er. Das ist schn. Ein Dderlein aber kann
sich nicht mehr erheben, wenn ihn die Mitwelt fallen lt. So einer lebt
ausschlielich von der Meinung der andern. Was dir Idee ist, ist sein Verderben;
was dir Lust ist, Wollust, ist sein Tod.
    Immerhin, murrte Daniel; wozu ist er ntze?
    Dem Geist der Natur, dem Geiste Gottes sind die Begriffe Schdlichkeit und
Ntzlichkeit fremd, erwiderte Benda versonnen. Er lebt, damit ist alles
gesagt. Ich fr meine Person htte am wenigsten Ursache, einen Dderlein vor dir
rein zu waschen. Er hielt einige Sekunden inne und atmete tief. Ich kann nicht
deutlicher sein, das Wort will mir nicht ber die Lippen, sprach er mit trber
Miene weiter, aber der Mann hat an ... an einer Frau ein Verbrechen begangen,
so tckisch, so raffiniert und so naiv zugleich, da er jede Brandmarkung
verdient und durch keine genug bestraft wre.
    Siehst du, rief Daniel, also nicht blo ein schlechter Musikant! Es ist
ja immer so. Und alle sind so. O, diese schlafrckigen, nieselnden, sauersen,
grinsenden, kuppelnden, neunmalklugen Leutchen um und um! Das Blut gerinnt
einem, wenn man ihnen zusieht. Und das ganze lange Leben lang soll man
Spieruten laufen durch ihre Gassen!
    Freilich, besttigte Benda mit gesenktem Kopf, es ist ein zher Giftbrei;
rhrst du mit dem Finger daran, so hlt er dich fest und saugt dir das Mark aus
den Knochen. Aber du redest doch vorlufig ohne exakte Kenntnis des
einschlgigen Materials, wie wir uns in der Wissenschaft ausdrcken. Als ich
whrend meines Studiums der Pflanzen- und Tierzelle zur Erkenntnis kam, da eine
sogenannte Urzeugung ein Ding der Unmglichkeit sei und ich die Ansicht in einem
Kreis von Fachgelehrten vortrug, wurde ich ausgelacht. Heute steht es so, da
man sich dieser Wahrheit nicht mehr verschlieen kann. Einem meiner frheren
Freunde war es gelungen, gewisse Verbindungen der Essigsure kristallisiert auf
knstlichem Weg herzustellen. Als er diese groe Entdeckung verkndete, rief ihm
einer der versammelten Herren zu: Geben Sie acht, Doktorchen, da Ihnen die
Amidosteinchen nicht aus dem Kfig laufen. So niedrig und so wrdelos begegnen
uns diejenigen, von denen wir glauben sollen, da sie mit uns zu demselben Ziele
streben. Aber du! verwirft dich die Welt, so hast du immer noch, was dir niemand
entwenden kann. Ich mu mich gedulden, bis ein Richter das Urteil ber mich
fllt, durch das ich verdammt oder erlst werde. Zwischen dir und mir ist ein
Unterschied wie zwischen dem Samen, der, in die Erde gesenkt, emporschiet, mag
es strmen oder mag die Sonne scheinen, und einer Ware, die im Magazin
verschimmelt, weil sie keinen Kufer findet.
    Er stand auf und sagte das Wort: Du bist der Glcklichere von uns beiden,
daher darf ich der Barmherzigere sein.
    Daniel fand kein Gegenwort, das trsten konnte.
    Als er nach Hause ging, gedachte er der Treue und steten, stillen Hilfe, die
er von Benda genossen; er gedachte der Zartheit und bestndigen Rcksicht des
Freundes; er gedachte besonders jener auerordentlichen Artigkeit, die so gro
war, da Benda zum Beispiel mitten im Lachen ber einen Scherz offenen Mundes
innehielt, wenn man wieder zu sprechen begann, um durchaus nichts von dem zu
verlieren, was der andere sagte.
    Er blieb stehen; es war ihm, als htte er versumt, eine versichernde,
herzliche und unvergebare Kraft in den letzten Hndedruck zu legen. Am liebsten
wre er wieder umgekehrt. Aber man kehrt nicht um; es kann keiner umkehren.

                                       3


Die Maske der Zingarella wollte Daniel nicht mit auf seine Fahrten nehmen. Das
zerbrechliche Material den groben Zufllen eines Wanderlebens auszusetzen schien
ihm nicht liebevoll gehandelt, daher hatte er Lenore versprochen, ihr die Maske
zu bringen und sie fr die Dauer seiner Abwesenheit bei Jordans zu lassen.
    Lenore ffnete ihm die Tr, und er trat ins Zimmer. Gertrud erhob sich von
ihrem Platz am Tisch und schritt ihm entgegen. Ihr Gesicht zeigte stets, wenn
sie ihn sah, dieselbe Hingabe, dieselbe Bereitschaft, dieselbe Unterwrfigkeit.
    Daniel ging zum Tisch, packte die Maske aus dem Zeitungspapier und hielt sie
gegen das Lampenlicht.
    Wie schn! rief Gertrud aus, deren Sinn jetzt durch den Anblick jedes das
Gefhl ergreifenden Gegenstandes entzckt wurde.
    Also nimm es nur, Gertrud, sagte Lenore, die mit ihren beiden Ellbogen auf
der Tischplatte lehnte. Behalt es nur bei dir, fuhr sie gepret fort, als
Gertrud fragend Daniel ansah.
    Aber wollt' er's nicht uns beiden geben? versetzte Gertrud mit
begehrlichem Lcheln.
    Ach nein, um mich wollt er sich nur herumreden, versicherte Lenore.
    Lenore, ich wei nicht, wie mir's mit dir geht, wandte sich Daniel halb
verwirrt, halb ungestm zu ihr und stockte pltzlich, als die feurige Blue
ihrer Augen voll auf ihn fiel.
    Du? flsterte sie erstaunt, du?
    Ja, du! wiederholte er nachdrcklich. Spter darf ich's ja vor aller Welt
sagen, und heute klingt's doppelt wahr. Du bist mir wie eine Schwester.
    Er hatte die Maske weggelegt und reichte Lenore die linke Hand, dann, erst
zaudernd, hierauf mit sehr entschlossener Gebrde Gertrud die rechte.
    Lenore richtete sich gerade, nahm die Maske der Zingarella und hielt sie vor
ihr Gesicht. Brderlein! rief sie neckend, und das se, fahle Steingesicht
war wunderlich anzuschauen ber dem Krper, der von Leben zuckte.
    Und Gertrud, eine Sekunde lang verging sie in Daniels Blick, ein Seufzer,
tief wie das Meer, klang in ihrer Brust, dann lag sie in seinem Arm. Er kte
sie stumm, mit finster verzogener Stirn.
    Brderlein! tnte es hinter der Maske, doch nicht mehr neckend, eher wie
Klage und Weh, Brderlein.

                                       4


Daniel hatte lngst schon die Stadt verlassen, da begegnete Lenore am Grslein
Herrn Carovius. Er zwang sie, stehenzubleiben, benahm sich mglichst
vertraulich, sprach so laut, da die Vorbergehenden grinsten, und erkundigte
sich nach dem jungen Meister, womit Daniel gemeint war.
    Schlielich erzhlte er, da der gute Eberhard, wie er den Freiherrn von
Auffenberg nannte, fr ein paar Monate nach Mnchen gereist und dort unter
allerlei Spiritisten- und Theosophenvolk geraten sei.
    Ist auch eine Manier, sich auszutoben, feixte er. Vor Zeiten sind die
jungen Adligen auf die europische Turnee gezogen, um ihre Bildung zu vollenden
und allerlei Abenteuerchen zu bestehen. Heutzutage werden sie Federfuchser oder
betreiben das Tischrcken. Die Menschheit kommt immermehr herunter, mein
reizendes Fruleinchen; es ist kein erhebender Anblick, so eine Blte der Nation
aus der Nhe zu betrachten. Faul, sag ich Ihnen, faul wie berwintertes Obst.
Drum gibt es kein greres Vergngen, als solch einen Burschen tanzen zu lassen.
Man spielt auf, er tanzt; man pfeift, er apportiert. Ein Hochgenu!
    Er lachte hysterisch und bekam einen Hustenanfall, wobei sich das von seinem
Zwicker herabhngende schwarze Schnrchen an einem Knopf seines Mantels
verwickelte und der Zwicker von der Nase fiel. Kurzsichtig ungeschickt mhte er
sich mit seinen mageren Fingerchen an Schnur und Knopf, da half ihm Lenore und
brachte mit einem Handgriff alles wieder in Ordnung.
    Die berraschung raubte Herrn Carovius die Sprache. Er glaubte der
Unbefangenheit und Natrlichkeit des Mdchens nicht; er vermutete eine Falle
dahinter, einen Hohn, eine Verderbnis. Er glaubte es nicht, da irgendein Mensch
ihm aus freiem Willen in einer Bedrngnis beistehen knnte.
    Und pltzlich schmte er sich; schmte sich seiner selbst; zog die Brauen
weit in die Hhe und lchelte einfltig; warf einen Blick von beinahe hndischer
Zrtlichkeit auf Lenore und eilte ohne Wort und Gru spornstreichs ber die
Strae, um alsbald hinter einer Ecke zu verschwinden.

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An einem Nachmittag in der letzten Augustwoche schickten die Schwestern Rdiger
ihren Grtnerburschen zu Lenore und lieen sie bitten, sie mge so schnell wie
mglich zu ihnen kommen. In der Meinung, es sei Daniel ein Unglck zugestoen,
von dem man die Damen in Kenntnis gesetzt, berlegte Lenore nicht lange. Eine
Viertelstunde spter trat sie in das Zimmer der Schwestern.
    Es bot sich ihr ein mitleidswrdiger Anblick. Jede der drei Schwestern sa
in einem Stuhl mit hoher Rckenlehne; die Arme einer jeden hingen schlaff herab;
da die Jalousien niedergelassen waren, sahen die Kpfe im Dmmerlicht mumienhaft
aus. Seltsam wirkten dazu die Medea, die Iphigenie und die Rmerin,
Nachbildungen der Gemlde ihres Abgotts, die an den Wnden hingen.
    Lenores Gru wurde nicht beantwortet; sie wagte nicht, sich von der Tr zu
entfernen, und das Schweigen, das sie empfing, endete erst, als sie sich zu
einer Frage entschlo.
    Frulein Jasmine zog ein Taschentchlein hervor und betupfte damit ihre
Augen. Frulein Salome blickte im Kreis herum wie auf dem Theater der
Vorsitzende eines Femgerichts, und sprach: Wir Einsamen und von der Welt
Vergessenen haben Sie gerufen, um Sie von einer Schandtat zu unterrichten, die
in unserem unschuldigen Heim begangen worden ist, einer Schandtat, so
beispiellos, so himmelschreiend, da wir seit heute morgen, wo wir das Grliche
erfuhren, zitternd hier sitzen und vergeblich nach einem klaren Gedanken
ringen.
    Frulein Jasmine und Frulein Albertine nickten trb vor sich hin.
    Knnen wir die Unselige von uns stoen? fuhr Frulein Salome fort, knnen
wir das, meine Schwestern? Nein. Knnen wir sie noch bei uns dulden? Nein. Was
sollen wir also tun? Sie ist eine Waise; sie steht allein da, von ihrem
ruchlosen Verfhrer der Schande ausgeliefert; was sollen wir tun?
    Und Sie, wandte sich nun Frulein Salome an Lenore, Sie, die Sie durch
Bande, deren Beschaffenheit sich unserm Urteil entzieht, mit jenem hchst
begabten Scheusal verknpft sind, Sie sollen uns einen Weg aus dem Labyrinth
unseres Kummers zeigen.
    Wenn ich nur wte, wovon Sie reden, antwortete Lenore, der eine Last vom
Herzen fiel, als sie der Grundlosigkeit ihrer ersten Besorgnis inne wurde. Sie
meinen wahrscheinlich Daniel Nothafft mit dem Scheusal. Was hat er denn
verbrochen?
    Frulein Salome war entrstet ber diesen leichten Ton. Sie richtete sich
steif empor und sagte mit strafender Wucht: Er hat unsere Dienstmagd zu seiner
Lustdirne erniedrigt, und die Folgen sind nicht mehr zu verbergen. Begreifen Sie
jetzt?
    Lenore stie ein leises Ach aus und errtete bis in die Haarwurzeln. In
ihrer Verlegenheit ffnete sie den Mund zum Lachen, war aber dem Weinen nahe.
    Langsam bahnte sich ihr verdunkeltes Gefhl den Weg zu Daniel, und als sein
Bild aufstieg, kehrte sie sich ekelnd ab. Dieses wollte sie nicht hingehen
lassen; es war zu schlaff, zu klein, zu eigenschtig. Eh sie es recht bedacht,
hatte sie ihm als Weib verziehen; sie schauderte, schlug die Augen empor und war
wieder ganz heiter, ganz in ihrer Gewalt.
    Das Femgericht hatte indessen die Stillversunkene mit strengen Blicken
gemustert. Wo hlt sich Herr Nothafft gegenwrtig auf? fragte Frulein Salome.
    Ich wei es nicht, erwiderte Lenore, es ist ber drei Wochen, da er
nicht mehr geschrieben hat.
    Wir mssen aber fordern, da Sie ihn schleunigst von dem Zustand des
Frauenzimmers benachrichtigen, denn solange die Person im Haus ist, knnen wir
nicht Schlaf noch Ruhe finden.
    Es tut mir leid, da Sie sich die Geschichte so zu Herzen nehmen, sagte
Lenore, und sie ist ja auch unangenehm. Aber ich habe kein Recht, mich da
hineinzumischen, kein Recht und keine Lust.
    Die drei Schwestern nahmen diese Erklrung mit verzweifeltem Hnderingen
auf. Eher den Tod, sagten sie, als mit dem Wstling noch einmal in Verkehr
treten; eher wollten sie jede Marter erdulden, als ihn rufen, ihn sehen zu
mssen. Sie sprachen durcheinander; sie drohten Lenore und flehten sie an;
Jasmine erzhlte mit angehaltenem Atem, wie Meta vor sie hingestrzt sei und
alles gebeichtet habe; Albertine beteuerte, da sie auf der weiten Erde niemand
htten, der ihnen in dieser grausamen Lage raten und helfen knne, und Salome
sagte, es bliebe ihnen nichts anderes brig, als das elende Geschpf auf die
Strae zu stoen.
    Lenore schwieg. Sie hatte die Augen auf das Medeenbild gerichtet und dachte
angestrengt nach. Endlich hatte sie ihren Entschlu gefat. Sie fragte, ob sie
mit Meta sprechen knne. ngstlich und hoffnungsvoll erkundigte sich Frulein
Salome, was sie vorhabe. Sie entgegnete, sie werde den Damen spter ihre Absicht
mitteilen; da wies ihr Frulein Jasmine den Weg zur Kammer der Magd.
    Finstere Verwunderung malte sich in Metas Zgen, als sie Lenores ansichtig
wurde.
    Sie sa mit einer Nharbeit am offenen Fenster der Mansarde, erhob sich und
blickte stumm in das ernst befangene Antlitz des schnen Mdchens. Es rhrte
Lenore, die jugendliche Gestalt mit dem hohen Leib zu sehen, dennoch konnte sie
eine Regung des Grauens nicht bewltigen.
    Bei den ersten Worten Lenores fing Meta zu schluchzen an. Lenore trstete
sie und fragte, zu wem sie gehen wolle, wenn ihre Zeit herangekommen sei.
    Es gibt solche Anstalten, murmelte die Magd in ihre vor das Gesicht
gehaltene Schrze, da kann man hin.
    Lenore setzte sich auf den Bettrand neben sie. Der erst bedrckt
Lauschenden, zuletzt dankbar Willigen entwickelte sie nun ihren Plan mit einer
Zartheit und Schonung, als sprche sie zu einer verwhnten Dame, mit einer
silberhellen Lebendigkeit, als handle es sich um einen bermtigen Streich.
    Die Magd, gepeinigt durch die therisch-unmenschliche Zimperlichkeit ihrer
Dienstgeberinnen, dem Manne grollend, der sie einem unsicheren Los preisgegeben
hatte, ankmpfend gegen die Vorwrfe ihres Gewissens, wurde bei Lenores Worten
weich wie Wachs und unterwarf sich gehorsam.
    Die gespannt harrenden Schwestern Rdiger konnten von Lenore nichts weiter
erfahren, als da sie mit Meta abreisen wrde, und da diese mit allem
einverstanden sei, was Lenore zu tun fr geboten erachtet habe.

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Lenores Plan bestand darin, die Schwangere zu Daniels Mutter nach Eschenbach zu
bringen.
    Sie wute von dem Zerwrfnis zwischen Daniel und seiner Mutter. Sie wute,
da die beiden sich voreinander verborgen hielten, da Daniels Trotz einen
Liebesmangel whnte rchen zu mssen. Hinter dem Bild des hassenden und
unduldsamen Sohnes sah sie das einer alten Frau, die in verschwiegener Sorge
sich einsam grmt.
    Schon oft hatte sie sich schmerzlichem Mitgefhl hingegeben, wenn die
Gedanken mit der unbekannten Mutter des Freundes beschftigt waren. Jetzt schien
es ihr, als knne sie eine Sendbotin sein; als msse sie die Verlassene hier zu
der Verlassenen dort fhren, die werdende Mutter zu jener, die zu klagen Grund
hatte, da sie es gewesen war.
    Es schien ihr, als msse sie dadurch ein Band von neuem knpfen, welches
nicht einmal durch Verbrechen, um wieviel weniger durch Unverstand und Laune
zerrissen werden durfte; und es schien ihr, da Daniel zu shnen habe, hier wie
dort; da sie selbst, in dem Bewutsein, das Rechte zu tun, keinen Einwand zu
scheuen, keine Abrechnung zu frchten habe.
    Sie erwog auch die praktischen Umstnde. Meta konnte drauen leichterdings
ihr Brot verdienen, konnte der Frau behilflich sein oder bei den Bauern
tagelhnern.
    Wenn dann das Kind da war, hatte Daniels Mutter junges Leben vor Augen, und
ihre Sehnsucht wrde sich mildern, ihre Bitterkeit geringer werden beim Anblick
eines Menschen aus Daniels Blut.
    Zu Hause sagte Lenore, sie wolle mit einer ehemaligen Schulkameradin einen
Ausflug in die Ansbacher Gegend machen. Sie studierte den Fahrplan und schrieb
an Meta eine Postkarte mit dem Gehei, sich um acht Uhr frh am Bahnhof
einzufinden.
    Der Inspektor billigte Lenores Absicht; er warnte sie nur vor Strolchen und
vor kaltem Trunk. Gertrud aber war nicht vllig ohne Arg. Sie witterte etwas in
der Luft, ungesprochene Worte, die auf Daniel Bezug hatten, da ihre Gedanken
immerfort bei ihm waren.
    Kam ein Brief von ihm, was selten geschah, so lie sie ihn stundenlang
unerffnet liegen und dichtete herrliche Offenbarungen einer Liebe hinein, fr
die ihr selbst jeder Ausdruck fehlte. Aber in einer Art von mondschtigem
Entzcken machte sie eine getrumte, innere Musik daraus.
    Las sie den Brief, so gengte ihr seine Schrift, auch das Papier schon, auf
dem seine Hand geruht hatte. Stillschweigend ordnete sie sich dem Gesetz seiner
Natur unter, das ihm nicht erlaubte, berschwenglich oder mitteilfreudig zu
sein. Jeder seiner trockenen Berichte wurde fr sie zum Evangelium, aber ihre
Antworten waren in gleicher Trockenheit gehalten und lieen die hingeschmolzene
Seele kaum ahnen.
    Sie sprte, da Lenore log und da die Lge mit Daniel im Zusammenhang
stand. Daher trat sie in der Nacht an Lenores Bett, weckte sie auf und fragte
sanft: Ist ihm etwas geschehen, Lenore?
    Doch ehe Lenore antworten konnte, beschwichtigt allein durch die erstaunte
Miene der Schwester und sich selber zrnend, da sie Lenore, die sie jetzt mehr
und mehr schtzen lernte, eine Verstellung zugetraut, entfloh sie wieder.
    Wie sie ihn liebt, dachte Lenore und drckte das Gesicht lchelnd in die
Kissen.

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Da beim Brunnen warten Sie auf mich, sagte Lenore zu ihrer Begleiterin, als
sie um die Mittagsstunde ber den Marktplatz in Eschenbach schritten. Wenn
alles besprochen ist, hol ich Sie.
    Der Postillon zeigte ihr das Huschen der Witwe Nothafft.
    Eine Frau mit strengem Gesicht und auffallend groen braunen Augen
erkundigte sich nach ihrem Begehr, als sie in den Kramladen trat, in dem es nach
Essig und nach Kse roch.
    Lenore erwiderte schchtern, sie wolle ein paar Minuten ungestrt mit ihr
reden.
    Der tiefe Ernst in Mariannes Zgen, der einem unheilbaren Leiden mehr als
etwas anderm hnelte, wich nicht. Sie schlo die Ladentr zu und fhrte Lenore
in die Wohnstube. Schweigend deutete sie auf einen Stuhl und nahm selber Platz.
    ber dem Ledersofa hing das Bild Gottfried Nothaffts. Lenore betrachtete es
lange.
    Mtterchen, begann sie endlich leise und legte ihre Hand auf Mariannes
Knie, ich bring Ihnen was von Daniel.
    Marianne zuckte zusammen. Gutes oder Schlechtes? fragte sie. Seit
zweiundzwanzig Monaten hatte sie nichts von Daniel gehrt. Wer sind Sie?
fragte sie weiter, was haben Sie mit ihm zu tun?
    Lenore mute acht haben, die empfindliche und sehr beleidigte Frau nicht
durch ein unbesonnenes Wort zu erzrnen. Mit aller Vorsicht, deren sie fhig
war, brachte sie ihr ungewhnliches Anliegen zur Sprache.
    Und siehe da, das Ungewhnliche wurde zum Alltglichen, so wie das
Natrliche wundersam schien. Lenore schilderte Daniels Drangsale und seinen
Aufstieg, prahlte treuherzig mit seinem Talent, mit der Begeisterung derer, die
an ihn glaubten, mit seinem knftigen Ruhm und wollte jede Schuld Daniels, auch
die gegen die Mutter, getilgt wissen.
    Nachdenklich rckblickend, begriff da Marianne vieles, eigene Versumnis,
und was sie an Daniel zuvor nicht hatte wrdigen knnen. Vieles begriff sie, nur
dieses Mdchen nicht. War es schon eigen, da eine Fremde kommen mute, um ihr
zu sagen, wer Daniel war und was er den Menschen bedeutete, so war es ganz und
gar unerklrlich, da sie noch eine mitbrachte, die die Geliebte desselben
Mannes war, dem sie sich bis auf den Grund des Herzens ergeben zeigte.
    Lenore las die Gedanken von Mariannes Augen ab, und es wurde ihr ein wenig
besinnlicher zumute. Auch ihr fiel es ein, sich zu fragen: was bin ich ihm denn?
Was ist er mir?
    Sie wute keine befriedigende Antwort. Freundin? Freund? ja; es war nur ein
bichen zu viel Ruhe in den zwei Worten. Bruder? Gefhrte? Darin lag innigere
Verbundenheit. Brderlein! hatte sie ihm einmal zugerufen, hinter der Maske
hervor. Also: Schwesterlein hinter der Maske?
    Ja, so sollte es sein: Schwesterlein hinter der Maske. Sie mute ein
Versteck haben fr so manches, was sie dunkel empfand, heller nicht empfinden
wollte. Ein gebndigtes Herz, ein gefangenes Herz, es glht auf, es khlt ab,
man hebt's empor, man drckt's hinunter, wie das Geschick es will. Immer
geduldig bleiben, das war das Wichtige, und nichts verraten. Schwesterlein
hinter der Maske, so sollte es sein.
    Marianne sagte: Kind, das hat Ihnen Gott eingegeben, da Sie gekommen sind,
um mir Nachrichten von ihm zu bringen. Da will ich denn wieder Blumen ins
Fenster stellen wie vor Zeiten und das Haustor offen lassen, damit die Schwalben
wieder ein Nest drin bauen. Vielleicht gedenkt er dann auch wieder an seine
Mutter.
    Dann verlangte sie Meta zu sehen. Lenore ging und kehrte nach kurzer Weile
mit ihrem Schtzling zurck. Mitleidig und streng betrachtete Marianne die
Schwangere, die ein verstrtes Wesen zeigte und auf jede Frage eine ungereimte
Antwort gab. Sie knne wohl bei ihr wohnen, sagte Marianne, doch msse sie
arbeiten, denn im Hause sei kein berflu. Das Mdchen berief sich auf seine
vier Dienstjahre und da es ihr an Flei und Willigkeit nie gefehlt. Darauf
ermahnte Marianne sie zur Verschwiegenheit, die Leute im Orte seien neugierig,
sie drfe nicht plaudern und sich von keinem ausfragen lassen, sonst sei ihres
Bleibens nicht.
    Als dies vorber war, verabschiedete sich Lenore. Eine Mahlzeit zu nehmen
weigerte sie sich standhaft. Marianne dachte, sie habe Eile, die Rckpost zu
benutzen, und geleitete sie ber den Platz. Sie versprachen einander zu
schreiben, und ehe Lenore in die wacklige Kutsche stieg, kte Marianne das
blhende Geschpf auf die Wange.
    Sie schaute dem Wagen nach, bis er durchs Stadttor gefahren war. Ein
betrunkener Bauer stie sie an, der Hufschmied rief ihr einen Gru zu, die
Doktorsfrau lehnte aus dem Fenster und erkundigte sich, wer der stdtische
Zierbengel gewesen sei, Marianne hrte nichts und ging langsam ihrer Behausung
zu.

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So kam es, da fnf Wochen spter eine Tochter Daniels unter Mariannes Dach das
Licht der Welt erblickte.
    Von seiner Geburt an war Marianne dem Kinde zugeneigt, whrend sie vorher
mit Widerwillen seiner gedacht hatte. Es war ein feines Kreatrchen,
zartgliedrig, schmalhuptig, eigentmlich menschenhaft in seinen frhesten
Lebensuerungen und eine edle Art mit Entschiedenheit verkndend.
    Die Eschenbacher staunten. Wo kommt das Kind her? fragten sie; wer ist die
Mutter? wer der Vater? Das Standesamtsregister nannte eine Meta Steinhger als
Mutter der unehelich geborenen Eva Steinhger. Der Vater sei unbekannt, hie es.
    Aber die Witwe Nothafft wute vermutlich Nheres. Deshalb kamen die alten
und die jungen Frauen hufiger als frher in Mariannes Laden. Sie wollten in
Erfahrung bringen, wie das Kleinchen gedieh, ob es die Milch gut verdaue, ob es
schon zahne, ob es deutsch reden werde oder eine auslndische Sprache und
hnliches mehr.
    Um sich Ruhe zu verschaffen, sagte Marianne, die Meta Steinhger sei eine
arme Anverwandte, und sie habe das Kind in Kost und Pflege bernommen. Sie
konnte diese Mr um so leichter in Umlauf setzen, als sich Meta fast gar nicht
um den Sugling kmmerte. Kurz nach der Entbindung war sie zu einem Bcker nach
Dinkelsbhl in Dienst gegangen und kam hchstens einmal im Monat herber. Das
Kind war ihr gleichgltig. Ein Geselle jenes Bckers vergaffte sich in sie, er
wollte sie heiraten und mit ihr nach Amerika auswandern.
    Um Weihnachten wurden sie getraut und bald danach verlieen sie das Land.
Marianne war dessen froh; nun gehrte das Kind ihr allein.
    Obgleich die Leute sich allmhlich an das Dasein ihrer jungen Mitbrgerin
gewhnten, war und blieb Eva das geheimnisvolle Kind von Eschenbach.

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Nie Wanderoper zog durch die kleinen Stdte, deren es zwischen Donau und Main
und Saale und Neckar die Flle gibt, und die Dauer ihres jeweiligen Aufenthaltes
hing natrlich von der Teilnahme des Publikums ab.
    Die Provinz ist das verzauberte Dornrschen, sagte der Impresario Drmaul
zu Wurzelmann und Daniel, die Provinz schlft noch, und ihr mt sie wecken,
indem ihr den Ku der Muse auf ihre Stirn drckt.
    Aber der Impresario hielt dabei die Taschen zu; die Prinzen, die das
Dornrschen aus dem Schlummer reien sollten, hatten nicht die Mittel zu einem
standesgemen Auftreten, und um ihren Hofstaat sah es auch ziemlich windig aus.
    Der Tenor hatte den Zenith des Lebens lngst berschritten, und sein
Schmerbauch tat der Glaubhaftigkeit der Heldenfiguren, die er zu spielen hatte,
groen Abbruch. Der Buffo war ein unverbesserlicher Sufer und wurde wegen
nchtlicher Exzesse von der Polizei oftmals hinter Schlo und Riegel gesetzt.
Der Bariton fhrte mit Hilfe zweier Winkeladvokaten einen Erbschaftsproze, und
aus rger ber die Finten der Gegenpartei versagte ihm oft die Stimme. Die
Sopranistin lag stets mit smtlichen Kollegen in Zank und Hader, und die
Altistin war ein rnkeschtiger Teufel ohne Talent. Daneben gab es noch ein
Dutzend Eleven und Elevinnen, die sich langweilten, Schabernack trieben,
Hungerlhne bezogen und nichts gelernt hatten.
    Auch die Orchestermitglieder waren traurige Gestalten. Nicht selten hatte
einer oder der andere sein Instrument ins Pfandhaus getragen; einmal mute eine
Vorstellung abgesagt werden, weil sich die Geiger bei einer Dorfkirchweih
verspteten, wo sie zum Tanz aufspielten, um ihr kmmerliches Einkommen zu
verbessern. Der Inspizient, der zugleich Kulissenschieber, Souffleur,
Billettverkufer und Besucher der Zeitungsredaktionen war, zeigte sich keinem
dieser mter gewachsen und ergriff im zweiten Jahr mit einer Elevin und einer
Tageseinnahme die Flucht.
    Einmal waren die Kostme an einen falschen Ort geschickt worden, und es
mute die weie Dame in Lodenkitteln, verschossenen Sammetrcken, schmierigen
Kattunblusen und Pariser Plsterchen gespielt werden.
    Ein anderes Mal bestand in der Oper Martha oder der Markt zu Richmond die
Volksmenge aus einer belgelaunten jungen Dame, einem Kellner, den man aus einer
Heringsbraterei geholt hatte und dem Pfrtner eines Waisenhauses, da das
Chorpersonal wegen versumter Lohnauszahlung den Dienst verweigerte.
    In Karlstadt mute der letzte Akt der lustigen Weiber von Windsor
unaufgefhrt bleiben, weil in der Pause zwischen Frau Flut und Falstaff eine
Prgelei entstanden war und jene Dame dem unglcklichen Snger einen Hautlappen
aus der Nase gekratzt hatte.
    Wenn die musikalische Wanderschmiere, wie der stellvertretende Direktor
Wurzelmann seine Truppe nannte, desungeachtet leidliche Einnahmen erzielte, war
es den bermenschlichen Anstrengungen Daniels zu danken. Wurzelmann war
bestndig in Liebeleien verstrickt, fhrte eine verderbte Gnstlingswirtschaft
ein und ergab sich immer mehr der Trgheit.
    Daniel mute die Musiker zu den Proben aus ihren Betten ziehen; Daniel mute
korrepetieren; Daniel mute am Dirigentenpult mitsingen, wenn der Chor zu dnn
klang; Daniel mute Rollen verteilen, widersetzliche Frauenzimmer bndigen,
hirnlos brllende Dilettanten dem Gefge eines Werkes unterordnen, das er selbst
meist verabscheute; mute Anfnger drillen, Partituren krzen, Stimmen
transponieren, mit klglich unzureichenden Krften Wirkungen hervorzaubern und
von morgens frh bis abends spt gegen Schmhsucht, Fahrlssigkeit und
Unfhigkeit im Kampfe liegen.
    Es liebte ihn keiner dafr. Sie frchteten ihn blo. Sie schworen ihm Rache,
aber sie duckten sich. Er hatte eine Art, sie kalt zu behandeln, da sie sich
wie Verbrecher erschienen. Er hatte einen Blick eisiger Geringschtzung, unter
dem sich die Faust des Getroffenen ballte. Aber sie ordneten sich knirschend
einer Macht unter, die ihnen unheimlich dnkte, die jedoch in nichts anderm
bestand, als da er seine Pflicht erfllte und sie die ihre nicht.
    Am Ende jedes Vierteljahres trat der Impresario Drmaul auf den Plan, um den
Rechnungsabschlu persnlich vorzunehmen. Seine Anwesenheit wurde durch eine
Musterauffhrung von Fra Diavola oder der Regimentstochter, oder von
Froufrou gefeiert. Der Buffo betrank sich nicht, der Bariton ruhte von den
Strapazen seines Prozesses, die Altistin hatte ein holdes Lcheln fr das
beifallslustige Haus, die Sopranistin war friedfertig wie eine Mine nach der
Explosion, von den Choristen war keiner im Wirtshaus geblieben, und da
Wurzelmann dirigierte, und das Orchester nicht den Basiliskenblick des
Kapellmeisters Nothafft auf sich brennen fhlte, bewegte es sich freier im Takt
und brachte einen weit geflligeren Ohrenschmaus hervor als sonst.
    Der Impresario Drmaul kargte nicht mit seiner Anerkennung. Bravo
Wurzelmann! rief er, noch ein Jhrlein geschuftet, und ich bringe Sie ans
Knigliche Opernhaus.
    Auch der Nothafft soll zu Amt und Wrden kommen, sagte er, obwohl ich die
Dummheit begangen habe, seine Kompositionen zu drucken und die ganze Makulatur
in meinen Magazinen liegt wie ein Pfund Backsteinkse in einem kranken Magen.
    Der Impresario Drmaul trug schwarz und wei karierte Hosen von
berseeischem Schnitt, eine Weste, die wie eine Tapete aus gepretem Leder
aussah und ber der eine schwere goldene Kette mit zahllosen Anhngseln
baumelte, einen Gehrock, der bis zu den Waden reichte, eine ziegelrote Krawatte
mit einem Diamanten, so gro wie der Kohinor und so falsch wie Aprilsonne, und
einen grauseidenen Zylinder, den er nur vor Geheimrten, Generlen und
Polizeiprsidenten lpfte.
    Einem so beschaffenen Mann wagte Daniel zu erwidern: Htten Sie Kse
gegessen, so htten Sie ihn wenigstens verdaut. Ihre vollen Magazine sind mir
noch lieber als mancher Kopf, der leer bleiben wrde, auch wenn man die
Matthuspassion hineinstopfen wrde.
    Der Impresario Drmaul entschlo sich, zu lachen. Oho, mein Bester, sagte
er und schob den Zylinder weit zurck, Sie blhen sich. Nehmen Sie sich in
acht, da Sie nicht platzen. Als Hnschen hinterm Ofen sa, da war er stolz vor
Grtze, doch wie er auf die Strae ging, da fiel er in die Pftze.
    Das Knechtlein kicherte. Daniel wute lngst, da das Knechtlein gegen ihn
whlte. In aller Unschuld, denn Halbseelen knnen bewundern und verraten
zugleich.
    Der Neid ist meine einzige Tugend, sagte Wurzelmann ganz offen, ich bin
ein Genie des Neides.
    Daniel war solchem Zynismus nicht gewachsen; Wurzelmann machte ihn dumm.
Aber er brauchte ihn; er hatte keinen anderen Menschen, mit dem er von sich und
seiner Arbeit sprechen konnte. Denn trotz der berbrdung, die sein Amt mit sich
brachte, gelang es ihm, tglich einige Stunden fr sich zu erobern, und gerade
der Druck von allen Seiten trieb die Flamme hoch hinan.
    In jenen Jahren zog er die Grenzen, um Herr in seinem Bezirk zu werden. Er
wandte sich zum Lied; er whlte die gebndigten und klaren Formen der
Kammermusik; er studierte mit unablssigem Bemhen die alten Meister und entnahm
ihren Schpfungen die Regel, die gegen Willkr und Verwilderung als ein Damm zu
errichten war.
    Er verhehlte es sich keineswegs, da er dadurch den Menschen den Weg zu sich
erschwerte und vielleicht fr immer Verzicht leistete auf Lohn und Erfolg und
auf die Erleichterungen des Daseins, die den Gefhlsschwelgern sicher sind.
    Wenn er nun mit Wurzelmann spt nachts in einem Wirtshauszimmer sa und ihm
Notenblatt um Notenblatt reichte, auch wohl zur Verdeutlichung eine Stimme sang,
eine Begleitung lebhaft ausmalte, die Fhrung einer Melodie rhmte, die
Besonderheit eines Rhythmus erklrte, dann staunte das Knechtlein und wehrte
sich. Es war ihm alles das gar zu grndlich neu. Bewies Daniel, da das Neue
nicht neu, da blo die zerrtteten Seelen des Jahrhunderts die Kraft verloren
hatten, ungebrochene Linien in ihrer Reinheit aufzunehmen, so machte sich
Wurzelmann zum Befrworter moderner Freiheit und sagte, es msse dem einzelnen
alles verstattet sein, was er durch sein Knnen zu rechtfertigen vermge.
    Am Widerpart war Daniel nichts gelegen. Als ob nicht im bewhrt schnen
Gef der reichste Inhalt, des Lebens ganze Flle zu bieten wre! Geize er denn
damit? War Weh und Glck, zum Schaudern nah, durch die Gebundenheit minder
vernehmlich? Welch eine vertrackte Bosheit liegt darin, wie so ein Mensch sich
zusperrt, dachte Daniel; aus Herrschsucht mag er nicht fhlen und aus Witzigkeit
nicht denken.
    Und so zogen sie von Ort zu Ort, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Die
Wanderoper hatte nun schon ihre festen berlieferungen, ihre skandalse Chronik,
ihre eingebten Lockmittel, ihre Stammgste, ihre bevorzugten und ihre
gemiedenen Sttten.
    Das Lokalblatt brachte einen Begrungsartikel; die jungen Leute standen auf
der Strae, um die Damen des Theaters lstern zu begaffen; der Major a.D. kaufte
einen Sperrsitz fr die erste Vorstellung; der Barbier trug seine Dienste an;
das Professorenkollegium der Lateinschule hielt Versammlungen ab, in denen
beraten wurde, ob den Schlern der Besuch der Oper erlaubt werden konnte; der
christliche Gesellenverein erhob Einspruch gegen die nackten Schultern der
Sngerinnen; die Mitglieder des adligen Kasinos rmpften die Nasen ber die
Leistungen der Truppe; die Polizei wollte die Bretterbude oder den Hotelsaal, in
welchem gespielt wurde, feuergefhrlich finden; die Frau Bergrtin verliebte
sich in den Bariton, und ihr Gatte nahm einige Schurken in Sold, die den
gefeierten Knstler von der Galerie herunter auszischten; die Nrgler forderten
mehr Lustigkeit, Zar und Zimmermann war ihnen zu langweilig, die Stumme von
Portici zu abgedroschen; sie wnschten Madame Angot und Orpheus in der
Unterwelt.
    Es war immer etwas los.
    Und es graute Daniel vor diesen Menschen, vor ihren Geschften, ihren
Vergngungen und den Kadavern ihrer Ideale. Es graute ihm vor ihrem Lachen und
vor ihrer Trbseligkeit, vor den Stuben, aus denen sie krochen, vor den Spionen
an ihren Fenstern, vor ihren Metzgerlden und Gasthusern und Zeitungen, vor
ihren Sonntagen und ihren Werktagen. Die Welt rckte ihm hart auf den Leib; er
mute jetzt den Menschen ins Gesicht sehen, und sie zwangen ihn, da er mit
ihnen feilschte, um Geld, um Worte, um Gefhle und um Ideen.
    Aber auch anderes lernte er sehen; die Wlder an den Ufern des Mains; die
weithingedehnten Triften der Frankenhhe; die schwermtigen Ebenen des mittleren
Landes; das formenreiche Kleingebirge des Jura; die alten Stdte mit ihren
Mauern und Domen und finsteren Gassen und verdeten Schlssern. Da war dann
beschwichtigende Luft zwischen ihm und den Menschen, da sah er die Alten und die
Jungen, die Schnen und die Hlichen, die Heiteren und die Traurigen, die Armen
und die Reichen so fern und still, und sie gaben ihm von ihrem Reichtum und von
ihrer Armut, von ihrer Jugend und von ihrem Alter, von ihrer Schnheit und von
ihrer Hlichkeit, von ihrer Freude und von ihrem Schmerz gleicherweise.
    Und das Land gab ihm die Wlder, die Wiesen, die Bche und Strme, die
Wolken, die Vgel und alles, was unter der Erde ist.

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Es war im Winter, da kam die Truppe nach Ansbach und sollte im ehemaligen
Theater der Markgrafen spielen. Der Freischtz sollte in Szene gehen; Daniel
hatte mit seinen Musikern mehr als sonst geprobt.
    Aber es wtete ein heftiger Schneesturm an jenem Tage, darum waren kaum zwei
Dutzend Personen in die Vorstellung gekommen.
    Wie in diesem Raum die Geigen anders klangen, wie die Stimmen von selbst Ma
und Ruhe gewannen! Daniel hatte auch sein Orchester derart bezaubert, da es ihm
gehorchte wie ein einziges Instrument.
    Nach dem letzten Akt trat ein weihaariger Mann auf ihn zu und drckte ihm
glcklich und dankbar lchelnd die Hand. Es war der Kantor Spindler.
    Daniel begleitete ihn nach Hause, und sie redeten viel von der Vergangenheit
und von der Zukunft, von Menschen und von Werken. Sie konnten kein Ende finden,
und das Schneegestber strte sie nicht. Auch an den folgenden Tagen waren sie
viel beisammen, aber am Ende der Woche wurde der Kantor krank und mute sich zu
Bett legen.
    Als Daniel eines Morgens in die Wohnung seines alten Freundes kam, erfuhr
er, da der Kantor in der Nacht pltzlich gestorben sei. Es war ein sanfter Tod
gewesen.
    Am dritten Tage darauf folgte Daniel dem Leichenzug, und als er den Kirchhof
verlassen hatte, nur wenige Leute hatten gleich ihm dem Kantor die letzte Ehre
erwiesen, ging er bis zum Abend ber die verschneiten Felder.
    In derselben Nacht begann er in seinem rmlichen Quartier die Komposition
von Goethes Harzreise im Winter. Es war dies eines der tiefsten und
seltsamsten Werke, die je ein Musiker ersonnen hat, aber es mute das Schicksal
der meisten Schpfungen Daniels teilen, die durch ein tragisches Verhngnis der
Nachwelt entzogen worden sind.

                                       11


Im Frhling des Jahres 1886 zog die Truppe nordwrts ins Hessische, dann ins
Thringische, gastierte in einigen Stdten des Spessart und der Rhn, und die
Einnahmen wurden immer schlechter. Der Impresario Drmaul hatte sich seit dem
Herbst nicht mehr blicken lassen, die Gagen waren im Rckstand und Wurzelmann
prophezeite der Wanderoper ein baldiges Ende mit Schrecken.
    In der Stadt Ochsenfurt war ein lngerer Aufenthalt geplant, und die Snger
und Musiker knpften daran ihre letzten Hoffnungen, obschon man gerade im
heiesten Juni war und der muffig dstere Raum, in welchem gespielt werden
sollte, auch enthusiastischen Freunden des Theaters die Lust raubte, das
Einerlei des landstdtischen Treibens durch einen Kunstgenu zu unterbrechen.
    Der Besuch wurde von Tag zu Tag geringer, bald war nicht mehr Geld genug in
der Kasse, da man die Reise fortsetzen konnte, zu allem bel bekam der Tenor
den Typhus, die andern Snger weigerten sich, aufzutreten, wenn sie nicht
bezahlt wrden, Daniel schrieb an den Impresario Drmaul und erhielt keine
Antwort, Wurzelmann, statt zu helfen, schrte die leicht aufschumenden Geister
schadenfroh zu Lrm und Feindseligkeit, alle forderten ihr Recht von Daniel,
belagerten ihn im Gasthaus, wo er wohnte und brachten es so weit, da sich die
ganze Stadt mit ihren Milichkeiten beschftigte.
    Da geschah es eines Nachmittags, da ein stattlicher Herr von fnf- bis
sechsundfnfzig Jahren in Daniels Zimmer trat und sich ihm als der Gutsbesitzer
Sylvester von Erfft vorstellte. Sein Anliegen war folgendes.
    Wie alljhrlich, befand sich auch heuer der Kanzler des Deutschen Reiches im
benachbarten Bade Kissingen zur Kur. Herr von Erfft hatte seine Bekanntschaft
gemacht, und der Frst, ein passionierter Landwirt, hatte den Wunsch geuert,
die Gter des Herrn von Erfft zu besichtigen, da ihm deren Verwaltung als
mustergltig gerhmt worden war. Um nun die Anwesenheit des hohen Gastes wrdig
zu feiern, hatte man beschlossen, allem billigen Illuminations- und Hurrawesen
zu entsagen und dafr in einem Rokokopavillon, der zum Erfftschen Schlosse
gehrte, die Hochzeit des Figaro aufzufhren.
    Es ist dies eine Idee meiner Frau, bemerkte Herr von Erfft. Einige adlige
Herren und Damen unseres Kreises wollen die Partien singen, meine Tochter
Silvia, die zwei Jahre in Mailand bei Gallifati gewesen ist, wird die Rolle des
Pagen bernehmen, aber was uns noch fehlt, ist ein geschultes Orchester. Deshalb
komme ich zu Ihnen, Herr Kapellmeister, und bitte Sie, mit Ihren Musikern bei
uns zu spielen.
    Daniel, dem das freie und freundliche Wesen des Herrn von Erfft sehr gefiel,
konnte keine Zusage geben, da er sich durch die Hilflosigkeit der ihm
anvertrauten Theatergesellschaft noch an Ort und Stelle fr gebunden erachtete.
Herr von Erfft erkundigte sich des nheren nach den Ursachen seines Bedenkens
und fragte dann, ob er seine Hilfe annehmen wolle. Gern, erwiderte Daniel,
aber es wird nichts ntzen; unser Prinzipal ist ein hartgesottener Snder.
    Herr von Erfft ging mit Daniel zum Brgermeister, und eine halbe Stunde
spter war eine amtliche Depesche an den Impresario unterwegs. Sie war krftig
genug gefat, um einem Staatsbrger Respekt einzuflen, wies auf die
bedrohlichen Zustnde hin, die unter der Truppe eingerissen waren und heischte
gebieterisch Abhilfe.
    Der Impresario Drmaul bekam Angst, und er sandte telegraphisch die
Geldsumme, die erforderlich war. In einem gleichzeitigen Erla an Wurzelmann
erklrte er die Wanderoper fr aufgelst; die meisten Vertrge waren ohnehin
abgelaufen, und diejenigen Mitglieder der Truppe, die noch Ansprche zu stellen
hatten, wurden vertrstet.
    Daniel war also frei. Wurzelmann sagte zu ihm, als sie sich trennten: Aus
Ihnen wird nie was Rechtes werden, Nothafft. Ich habe mich in Ihnen getuscht.
Sie haben viel zu viel Gewissen. Mit der Moral verfertigt man nicht einmal
Kinder, viel weniger Werke. Der Sumpf ist weich, der Gipfel felsig. Begehen Sie
eine groartige Schweinerei, damit Zug in die Geschichte kommt.
    Daniel legte die Hand auf seine Schulter, sah ihn mit kalten Augen an und
sagte: Judas.
    Schn, meinetwegen Judas, antwortete Wurzelmann. Ich bin nicht dafr
geboren, ans Kreuz genagelt zu werden. Ich bin mehr fr die Feste mit den
Pharisern.
    Er hatte beim Phnix, einer groen musikalischen Zeitschrift, eine
Anstellung als Kritiker gefunden.
    Daniel fand die Leute vom Orchester fr den Ausflug nach Erfft freudig
bereit. Sie bekamen dort Unterkunft in einem Wirtshaus, Daniel selbst wohnte im
Schlo. Die Proben wurden mit Ernst und Eifer gefhrt; obwohl der Name des
groen Kanzlers noch von den Wolken der Zeitlichkeit, vom Ha der Gegner, von
Kleingeist und Miverstand umdstert war, fhlten alle diese jungen Menschen die
Gewalt des Unsterblichen und waren von dem Gedanken beglckt, ihm in einer
erdichteten Welt und fr eine flchtige Stunde etwas sein und bedeuten zu
drfen.
    Unermdlich war Agathe von Erfft, die Gutsherrin, im Herbeischaffen von
Kostmen, in der Beseitigung technischer Hindernisse und in der Bewirtung ihrer
Gste. Die vierundzwanzigjhrige Silvia hatte weder die Kraft der Mutter, noch
die Liebenswrdigkeit des Vaters ererbt; sie war zart und verschlossen.
Desungeachtet vermochte sie in die Rolle des Cherubin viel Anmut und Schelmerei
zu legen, was als ein unvermuteter Reichtum ihrer Natur sogar ihre Eltern
berraschte. Zudem war ihre Stimme weich und von reiner Bildung, und Daniel,
seit Jahren an die mittelmigen Leistungen verdorbener Kehlen gewhnt, nickte
zufrieden, wenn sie sang.
    Die andern Teilnehmer behandelte er durchaus nicht glimpflicher als die
Snger und Sngerinnen von der Wanderoper; sie muten seine Grobheit und
Bissigkeit mit guter Manier ertragen. Herr von Erfft, der bei allen Proben
zugegen war, beobachtete ihn oft mit ruhiger Verwunderung, und wenn ein zu arg
Gescholtener bei ihm Klage fhrte, antwortete er: Lat den Mann gewhren, der
versteht sein Geschft; es gibt nicht viele von der Sorte.
    Nur eben Silvia war es, die von ihm geschont wurde. Als Herr von Erfft den
Namen zum ersten Male genannt, hatte er aufgehorcht, und als er sie sah, wute
er, da er sie schon einmal gesehen hatte. Es war damals auf seiner Wanderschaft
gewesen, da war er drauen vor dem Parktor gestanden, und man hatte sie gerufen.
Dessen zu gedenken war ihm jetzt seltsam. Er war nun bei ihr und ihr doch nicht
weniger fremd als damals.
    Aber was ihn zu dem schnen Mdchen hinzog, hatte nichts mit dieser
zuflligen Fgung zu schaffen. Auch hatte sein Gefhl keine sinnliche
Gebundenheit. Es war eine traumhafte Sympathie, hnlich der suchenden Erinnerung
an ein vergessenes Glck. Es war eine dunklere und qulendere Empfindung als
diejenige, die ihn an Gertrud unverbrchlich fesselte, mehr Leid als Lust, mehr
Unruhe als Bewutsein.
    Ganz in der Tiefe schlief es, dies Vergessene; hinweggesplt war es von den
Lebenswogen. Und nicht Silvia selber war es, nicht sie selbst. Eine Bewegung der
Hand vielleicht; woher kannte er die Bewegung? Ein Zurckbiegen des Kopfes, ein
stolzer, blauer Blick, woher kannte er es nur?
    Vergessen, vergessen ....

                                       12


Whrend alles im besten Zuge war, whrend man die Gebude schmckte und die
Zimmer des Herrenhauses instand setzte, traf die Nachricht vom Tod des Knigs
Ludwig ein. Die Zeitungen waren schwarz gerndert und brachten viele
Einzelheiten ber das Unglck am Starnbergersee. Wie berall im Land war die
Trauer ber das furchtbare Schicksal des Monarchen auch in der Familie des Herrn
von Erfft aufrichtig und anhaltend.
    Von einer Theaterauffhrung konnte natrlich die Rede nicht mehr sein; der
Kanzler hatte seinen Besuch abgesagt, und die jungen Herrschaften, die sich
gerade zur Probe versammelt hatten, kehrten still wieder heim. Herr von Erfft
hndigte Daniel eine betrchtliche Vergtung fr die Musiker ein und bat ihn
selbst, den er nicht wie einen Handlanger verabschieden wollte, noch ein paar
Tage auf dem Gut zu bleiben.
    Daniel weigerte sich nicht, hatte er doch bis jetzt mit keinem Gedanken
berlegt, wohin er seine Schritte lenken sollte.
    Nachdem er das Geschenk des Herrn von Erfft unter die Musiker verteilt und
die Leute entlassen hatte, wanderte er in den Wald. In einem Dorfe verzehrte er
ein karges Mittagsmahl und schweifte dann umher, bis es Abend wurde. Als er
zurckkehrte, saen seine Wirte noch um den Tisch. Er versumte es, sich zu
entschuldigen, Frau Agathe lchelte ihrem Gatten belustigt zu und gab Befehl,
da dem Herrn Kapellmeister nachserviert werde; Silvia hatte ein Buch in der
Hand und las.
    Ziemlich bedrckt nippte Daniel nur von den Speisen, und als die Hausfrau
sich erhob und durchs Fenster in den gewitterigen Himmel schaute, ging er ins
Nebenzimmer und setzte sich an den Flgel.
    Er begann zu spielen. Es war Schuberts Lied an Silvia. Als die
strmisch-innige Melodie verhallt war, knpfte er eine Variation daran, hierauf
eine zweite, eine dritte, eine vierte; schwermtig die eine, jubilierend die
andere, sinnend die dritte, schwrmerisch suchend die vierte. Jede war ein
Hymnus an das Vergessene.
    Herr von Erfft und Agathe standen in der offenen Tre, Silvia hatte sich
unfern von ihm auf ein Taburett gesetzt und blickte in anmutiger Entrcktheit zu
Boden.
    Er brach jh ab, als wolle er damit Beifall und Dank verhindern, Sylvester
von Erfft nahm ihm gegenber Platz und fragte freundlich, ob er fr die nchste
Zeit bestimmte Plne habe.
    Ich gehe nach Nrnberg zurck und werde heiraten, sagte Daniel. Ich habe
eine Braut. Sie wartet auf mich. Schon lange.
    Ob er nicht die frhzeitige Ehefessel frchte? erkundigte sich Herr von
Erfft, aber Daniel entgegnete kurz, er brauche einen Menschen zwischen sich und
der Welt.
    So etwas wie einen Puffer, warf Frau Agathe spttisch hin. Daniel schaute
ihr unwillig ins Gesicht.
    Puffer? nein, oder doch, wenn ein Schutzengel einen vor Pffen bewahrt,
sagte er noch barscher.
    Weshalb wollen Sie sich gerade in Nrnberg niederlassen, einer Stadt von so
einseitig kommerzieller Richtung? fuhr Herr von Erfft mit fast ngstlicher
Behutsamkeit zu fragen fort. Wrde Ihr Leben nicht in einer der groen
Metropolen der Kunst gesicherter sein?
    Es geht nicht an, den Vater von seiner Tochter ganz zu trennen, antwortete
Daniel pltzlich mit unerwarteter Offenheit. Es geht nicht an. Auch kann man
den alten Mann nicht mehr aus seiner Umgebung reien; dort ist er nun einmal
verwachsen. Und ich will nicht lnger allein bleiben. Irgendein Herz braucht
jeder, und der Bergmann grbt leichter im Schacht, wenn er wei, da droben sein
Weib die Suppe kocht. Auf die Suppe bin ich freilich nicht versessen, auf das
Seelchen nur, das Seelchen, das einem gehrt.
    Er drehte sich um und schlug breit einen Moll-Akkord an.
    Und wre auch alles anders, begann er wieder und zog das Gesicht in
bizarre Falten, mich zg's nicht nach Ihren Metropolen. Was wre dort zu
suchen? Kameraderien? Hab genug davon erfahren. Am Handwerk lern ich zu Hause.
Ich kann die Meister aller Zeiten in meine Stube bitten. Ruhm und Geld finden
den Weg zu mir, wenn sie wollen. Die Morgenrte wird nur von den Schlfern
bersehen und echte Musik nur von den Tauben berhrt. Das brige steht bei Gott
und nicht bei den Menschen.
    Zum zweitenmal schlug er den Akkord an, jetzt in Dur.
    Mit sichtlicher Freude und Teilnahme ruhten die Blicke des Herrn von Erfft
und seiner Frau auf ihm. Silvia flsterte ihrer Mutter etwas zu, diese nickte
und sagte zu Daniel: Eine meiner Schwestern lebt in Nrnberg, die Freifrau
Clotilde von Auffenberg. Sie war von Jugend an eine enthusiastische Verehrerin
guter Musik, und wenn ich Ihnen einen Empfehlungsbrief an sie mitgebe, wrden
Sie gewi mit offenen Armen aufgenommen. Freilich ist sie krnklich, und ein
schweres Verhngnis schwebt ber ihrem Leben, aber sie hat Herz und ist
verllich in ihren Neigungen.
    Daniel sah vor sich nieder. Er dachte an Gertrud und an die Zukunft mit ihr
und murmelte ein paar Worte des Dankes. Frau von Erfft setzte sich gleich an den
Schreibtisch und schrieb einen ausfhrlichen Brief an ihre Schwester. Als sie
fertig war, berreichte sie ihn Daniel mit gtigem Lcheln.
    Am andern Morgen verlie er Schlo Erfft mit dem Bedauern, mit dem man von
einem Wohnsitz des Friedens und von edlen Freunden scheidet.

                                       13


In den Straen Nrnbergs hingen schwarze Fahnen. Es regnete. Daniel bezog ein
billiges Zimmer im Bren.
    Die Dmmerung war eingebrochen, als er sich auf den Weg zu Jordans begab. Im
Haustor stie er mit Benno zusammen. Er erkannte den stutzerhaft gekleideten
Menschen nicht und wollte vorbergehen. Aber Benno blieb mit lautem Lachen
stehen.
    Ei, der Herr Kapellmeister! rief er, und das blasse, trotz seiner zwanzig
Jahre bereits verlebte Gesicht zeigte einen gewissen Hohn, nur Vorsicht, mein
Lieber, damit die Gertrud nicht in Ohnmacht fllt.
    Daniel fragte, ob alle gesund seien. An Gesundheit fehle es nicht, wohl aber
an kleiner Mnze, versetzte Benno lachend; mit dem Vater sei nicht mehr viel
los, der komme auf keinen grnen Zweig mehr; na ja, das Alter, die Konkurrenz,
die bsen Zeiten. Ob Lenore zu Hause sei, fragte Daniel. Nein, die sei mit der
Notarin Rbsam nach Pommersfelden gefahren und wolle ein paar Wochen dort
bleiben. Nun mu ich mich aber sputen, brach Benno das Gesprch ab, meine
Vereinsbrder warten auf mich.
    Potzblitz, Vereinsbrder haben Sie auch?
    Natrlich, das ist doch die Wrze des Daseins. Heute haben wir einen
geschftsfreien Tag; Knigsbegrbnis. Gott befohlen, Herr Kapellmeister.
    Daniel lutete oben, und Gertrud ffnete die Tre. Es war dunkel, jeder
gewahrte nur die Umrisse des andern.
    Du bist's, Daniel, flsterte sie seligmatt, nherte sich ihm und lehnte
das Gesicht an seine Schulter.
    Daniel wunderte sich, da seine Pulse so gleichmig klopften. Noch gestern
hatte ihm der Gedanke an dieses Wiedersehen den Atem benommen. Nun hielt er
Gertrud im Arm und wunderte sich ber seine Ruhe.
    In der Stube fhrte er sie unter die Lampe und schaute mit ernster
Aufmerksamkeit lange in ihr Gesicht. Unter seinem sonderbar grausamen Blick
erbleichte sie.
    Dann ergriff er ihre Hand, zog sie auf das Sofa neben sich und entwickelte
ihr den Plan, den er gefat. Sie hatte keine andern Wnsche als die seinen. Er
wollte zwischen heute und vier Wochen heiraten; gut, sie wrden heiraten.
    Er fand die grenzenlos Ergebene wieder, die er verlassen. Ihr Auge
erschtterte ihn, in dem ein schicksalsvoller Gehorsam leuchtete. Sie hatte kein
feiges Bedenken. Ihre khle Hand zuckte nicht in seiner; mit ihrer Hand lag ihre
Seele, ihr ganzes Leben in seiner Hand. Er wollte Zweifel in ihr erwecken und
sprach mutlos von seinen Aussichten, auch da er wenig Hoffnung habe, mit seinen
Arbeiten die Anerkennung der Welt zu erringen.
    Wozu Anerkennung? fragte sie; sie knnen doch nichts von dir wegnehmen,
und was sie dir geben, ist Gewinn.
    Da schwieg er, und das Gefhl von ihrem Wert schwebte wie ein feuriges
Meteor durch den Himmel seines Daseins.
    Die Erffnung, da sie in der Stadt bleiben wrden, machte sie glcklich,
des Vaters wegen. Sie sagte, am Egydienplatz sei eine kleine Wohnung zu
vermieten, drei Zimmer in einem stillen Haus. Sie traten ans Fenster, und
Gertrud zeigte ihm das Haus. Es war nher bei der Kirche, an der Biegung des
Platzes.
    Der heimkehrende Inspektor bewillkommnete Daniel mit langem Hndeschtteln.
Er war grau geworden, ging gebckter denn frher, und sein Anzug wies Spuren der
Vernachlssigung auf.
    Als er erfahren, was Daniel und Gertrud beschlossen hatten, schttelte er
den Kopf. Kinder, es ist ein Unglcksjahr, sagte er; eilt's euch denn gar so,
wo ihr doch noch ein blutjunges Volk seid?
    Wren wir weniger jung, so htten wir weniger Mut dazu, antwortete Daniel.
    Der Inspektor setzte sich und sttzte die Stirn auf die Hand. Nach einer
Weile sagte er, vor drei Jahren habe er noch bare achttausend Mark auf der Bank
liegen gehabt, aber die ungnstigen Umstnde htten ihn dann gezwungen, sich des
Kapitals zur Bestreitung des tglichen Unterhalts zu bedienen und jetzt sei kaum
ein Drittel mehr davon brig. Zweitausend Mark sei alles, was er Gertrud als
Mitgift geben knne, und damit mten sich die beiden zurecht finden.
    Mehr braucht's auch nicht, erwiderte Daniel, hab nicht so viel zu
erhoffen gewagt. Nun hab ich keine Sorgen mehr, mag kommen, was will.
    Eine Fledermaus flog durchs offene Fenster und huschte ohne Laut wieder
hinaus. Der Regen hatte aufgehrt; nur in den Rhren und Rinnen sickerte und
pltscherte es noch. Es war etwas Banges in der Luft des Juniabends.

                                       14


Von Benda hatte Daniel in der ersten Zeit einige sprliche Nachrichten aus
England erhalten; seit anderthalb Jahren hatte er nichts mehr von ihm gehrt.
Aber als Lenore im Juli aus Pommersfelden zurckkehrte, sagte sie ihm, da im
April ein Brief Bendas an ihre Adresse gelangt sei und da sie ihm diesen Brief
nach Naumburg geschickt habe. Doch der Brief hatte ihn nicht erreicht, und die
Nachforschungen, die er jetzt anstellte, blieben vergebens.
    Bendas Mutter war nicht in der Stadt. Sie lebte bei Verwandten in Worms,
hatte aber die Wohnung im Haus des Herrn Carovius behalten.
    Frau von Auffenberg weilte im Emser Bad und sollte erst im September
zurckkehren. So knpfte Daniel frhere Beziehungen wieder an, und es gelang
ihm, einige Unterrichtsstunden zu bekommen, die ihm vorlufig einen kleinen
Verdienst sicherten.
    Die Tage forderten viel uerliche Geschftigkeit von ihm, der er nicht
gewachsen war. Er hatte geglaubt, man knne heiraten, wie man in einen Laden
geht, um etwas zu kaufen, ohne Lrm und ohne Aufenthalt. Er hatte hundert
Launen, hundert Einwnde, hundert Grimassen. Die Wohnung am Egydienplatz war
gemietet worden; es erbitterte ihn, da man, um mit einer geliebten Person zu
leben, Tische, Betten, Sthle, Schrnke, Lampen, Glser, Teller, Kehrichtfsser,
Wassereimer, Fensterpolster und tausenderlei Krimskrams haben mute.
    Es wurde in der Stadt viel ber die bevorstehende Hochzeit geredet, und die
Leute sagten, sie begriffen den Inspektor Jordan nicht. Der Mann mu arg
heruntergekommen sein, hie es, da er seine Tochter einem Bettelmusikanten
gibt.
    Daniel fand alles schwer, alles war letztes Gericht fr ihn. Eine Melodie
fra an seinem Herzen, ehe sie ihre reinste Form gewonnen hatte. Die Freiheit
rief mit Himmelstnen; die stille Verlobte rief zur Kameradschaft. Die Aufgabe,
der er sich geweiht, heischte Einsamkeit, dann ri ihn wieder das Blut hin, und
er wurde weich und wild.
    So strzte er oft zu Jordans hinauf, trat mit wirren Haaren in die Stube, wo
die beiden Schwestern emsig an Gertruds Ausstattung nhten, setzte sich hin,
sprach kein Wort und wartete, bis Gertrud kam und ihm die Hand auf die Stirn
legte. Er stie sie zurck, aber das Mdchen lchelte sanft. Manchmal jedoch zog
er sie an den Armen zu sich herab, dann lchelte Lenore, - schamhaft, als
ertrge sie nicht den Anblick Liebender.
    Es war ein gebrauchter Stutzflgel gekauft worden, der einstweilen in der
Wohnstube des Inspektors stand. An manchen Abendstunden spielte Daniel. Die
Schwestern hrten zu. Gertrud glich einer Schlummernden, der alle Wnsche in
Erfllung gegangen sind und die ruht, geisterhaft beglckt ruht. Lenore aber
wachte; wachte und sann.

                                       15


Der Tag der Trauung kam. Morgens um halb zehn Uhr erschien Daniel in der
Inspektorswohnung, im Gehrock und Zylinderhut, verdrossen und verrucht
anzuschauen, ein Bild des Jammers.
    Der Weltmann Benno war gentigt, das Zimmer zu verlassen und fiel drauen
vor Lachen auf eine Wschetruhe. Er billigte diese Heirat nicht; er schmte sich
ihrer vor seinen Freunden.
    Gertrud trug einen einfachen Straenanzug und einen der kleinen
Jung-Frauenhte, welche die Mode vorschrieb. Sie sa am Tisch und schaute mit
groen Augen vor sich hin.
    Lenore trat mit einem Myrtenkranz ins Zimmer. Den sollst du aufsetzen,
Gertrud, sagte sie, nur zum Schein fr uns, damit man doch das Gefhl hat, du
bist eine Braut. Sonst ist's ja gar zu nchtern mit eurem Standesamt.
    Wo hast du den Kranz her? fragte der Inspektor.
    In einer Kiste hab ich ihn gefunden; es ist Mutters Brautkranz.
    Ach, ist es Mutters Brautkranz? wirklich? murmelte der Inspektor und
betrachtete den Kranz, der vergilbt war.
    Setz ihn doch mal auf, bat Lenore wieder, aber Gertrud, mit einem Blick
auf Daniel, weigerte sich.
    Da ging Lenore zum Spiegel und setzte sich selbst den Kranz aufs Haar.
    Tu das nicht, Kind, warnte der Inspektor, wehmtig lchelnd; das
aberglubische Volk sagt, man mu Jungfer bleiben, wenn man den Kranz einer
andern trgt.
    So bleib ich eben Jungfer und bleib's gern, erwiderte Lenore.
    Sie drehte sich vom Spiegel halb unbewut zu Daniel. Das Blond ihrer Wimpern
erschien fast grau, das Rot der Lippen wurde durch das Lcheln in viele Teilchen
zerstckelt, und der Hals war wie etwas Flssiges und zugleich Entkrpertes.
    Daniel sah dies alles. Sein Blick umfate die Undinengestalt des Mdchens.
Ihm war, als habe er sie in den Tagen seit ihrer Rckkehr berhaupt nicht
gesehen; als habe er nicht gesehen, da sie reifer, schner, ser geworden war.
Auf einmal versprte er einen Schrecken, da ihm die Knie wankten. Wie ein Blitz
durchscho es ihn: da ist es ja, was ich vergessen hatte! da ist das Antlitz,
die Figur, das Auge, die Bewegung, da steht es lebendig vor mir, und ich Narr,
ich unsglicher Narr, war mit Blindheit geschlagen!
    Gertrud ahnte dumpf den unheilvollen Vorgang. Sie erhob sich und schaute
Daniel entsetzt an. Er aber eilte zu ihr hin, als ob er flchte, und packte ihre
Hnde. Lenore, im Glauben, sie habe durch ein Wort oder eine Gebrde Daniels
Mifallen erregt, ri den Myrtenkranz vom Haupt.
    Der Inspektor hatte diesen Geschehnissen keine Beachtung geschenkt. Sein
ruheloses Auf- und Abwandern endend, zog er die Uhr und sagte, es sei wohl an
der Zeit, da man gehen msse. Lenore, die schon den ganzen Morgen ber ein
geheimniskrmerisches Wesen gezeigt hatte, bat um Geduld, und ehe man sie nach
dem Grund fragen konnte, lutete es, und sie lief hinaus.
    Mit strahlender Miene kehrte sie zurck, und Marianne Nothafft folgte ihr.
Mhsam hielt sich Marianne gefat und sah sich halb schchtern, halb forschend
im Kreise um.
    Mutter und Sohn standen stumm vor einander. Das war Lenores Werk.
    Marianne sagte, sie wohne bei ihrer Schwester Therese. Den Abend zuvor war
sie gekommen, heute wollte sie wieder nach Hause zurckkehren.
    Ich bin froh, Mutter, da du da bist, sagte Daniel mit erstickter Stimme.
    Marianne legte ihre Hnde auf seinen Scheitel, hierauf schritt sie zu
Gertrud und tat ein Gleiches bei ihr.
    Nach der Trauung bewirtete der Inspektor seine Kinder und Marianne. Am
Nachmittag fuhren sie alle in zwei bestellten Kutschen auf den Schmausenbuk.
Daniel hatte seine Mutter noch nie so heiter gesehen, aber durch keine Bitte war
sie zu bewegen, ihren Aufenthalt zu verlngern, und whrend des Redens darber
wurden zwischen ihr und Lenore vertraute Blicke getauscht.
    Als der Abend angebrochen war, begaben sich Daniel und Gertrud in ihr Heim.

                                       16


Es ist Nacht geworden. Verlassen liegt der altertmliche Platz. Vom Kirchturm
hat es elf Uhr geschlagen, die Lichter in den Fenstern verlschen eins nach dem
andern.
    Da kommt eine Gestalt von der Laufergasse herauf, spht scheu vor sich,
hinter sich und bleibt vor dem schmalen Gebude stehen, in welchem Daniel und
Gertrud wohnen. Ist es ein weibliches Geschpf, oder nicht vielmehr ein
unheimlicher Gnom? Die Gewnder schlottern nachlssig an dem plumpen Krper, ein
verbogener Strohhut berdacht das verwildert aussehende Gesicht; die Schultern
sind emporgezogen, die Fuste geballt, die Augen wie verglast.
    Pltzlich erschallt ein Schrei. Die Person eilt gegen die Kirche, strzt auf
die Knie und ihre Zhne beien in ohnmchtiger Raserei in die Holzstange des
Gelnders. Erst nach einer geraumen Weile erhebt sie sich wieder, starrt mit
verzerrten Lippen noch einmal zu den Fenstern hinauf und entfernt sich
schleppenden Schrittes.
    Es war Philippine Schimmelweis. Sie trieb sich bis zum Morgengrauen in den
Gassen herum.


                                  Zweiter Teil

                               Daniel und Gertrud

                                       1

Die im Reichstag beschlossene Verlngerung des Sozialistengesetzes, sowie die zu
gewrtigende neue Heeresvorlage erregten in vielen Teilen des Landes eine
bedrohliche Grung.
    Im Oktober wollten die Sozialdemokraten einen allgemeinen Umzug durch die
Straen veranstalten, die Polizei jedoch verbot dies. Am Abend des Verbots
standen die Regimenter feldmarschmig gerstet in den Kasernen, und in der
Stadt herrschte eine gedrckte Stimmung. In Whrd und Plobenhof kam es zu
Auflufen, und in den engen Gassen der inneren Stadt drngten sich Tausende von
Arbeitern gegen das Rathaus.
    Bisweilen erhob sich aus der schweigenden Masse ein langgezogener Pfiff, und
von der Hauptwache schallte dumpfer Trommelwirbel herber.
    Unter denen, die von der Knigsstrae herunterkamen, befand sich der
Arbeiter Wachsmuth. In der Nhe des Schimmelweisschen Ladens angelangt, fhrte
er aufreizende Reden gegen das ehemalige Mitglied der Partei, und seine Worte
fielen auf fruchtbaren Boden. Ein Schlossergesell, der durch die Prudentia zu
Schaden gebracht worden war, stie wtende Beschimpfungen gegen den Buchhndler
aus.
    Vor dem erleuchteten Auslagefenster staute sich die Menge. Wachsmuth stand
an der Tr und schrie, der Verrter msse heut noch an einem Laternenpfahl
baumeln. Ein Stein flog ber die Kpfe, die Glasscheibe brach in Scherben, und
gleich darauf strmte ein Dutzend Kerle in den Laden. Wo der Bluthund sei, wo
der Aussauger sei, brllten sie; haben wollten sie ihn; einen Denkzettel wollten
sie ihm geben.
    Ehe Therese antworten konnte, schwirrten bereits Fetzen von Bchern und
Zeitschriften umher, wurden Broschren unter schmutzigen Stiefeln zertrampelt;
Arme streckten sich nach den Regalen, aufgestapelte Ste fielen zusammen.
Zwanziger war auf die Leiter gestiegen und heulte; Therese stand gespensterhaft
neben ihrem Kassatisch, und durch die hintere Tr war Philippine eingetreten und
blickte, ein tckisches und berraschtes Lcheln auf den Lippen, ohne Schrecken
in den Tumult. Da erschallte die Signalpfeife der Polizisten. Mit der
Schnelligkeit eines Atemzuges wandten sich die Aufrhrer zur Flucht.
    Als Therese zur Besinnung kam, war der Laden leer; auch die Gasse drauen
war leer wie zur Mitternacht. Nach einer Weile erschienen die Polizeidiener, und
spter drngten sich Neugierige an der Schwelle und bestaunten den Schauplatz
der Verwstung.
    Jason Philipp hatte das Unheil kommen gesehen und war rechtzeitig aus dem
Laden in die Wohnung geflchtet. Er hatte sogar die Zimmertre zugesperrt und
war zhneklappernd auf einen Stuhl gesunken.
    Jetzt kam er wieder herunter und trat den Gerichtspersonen, die sich
indessen eingefunden hatten, mit schmerzlicher Wrde entgegen. Er sagte: Das
von einem Volk, fr welches ich Gut und Blut geopfert habe.
    Zwanziger war in seiner Zeugenaussage von prahlerischer Ausfhrlichkeit.
Philippine blickte ihn unter den Simpelfransen, die ihr tief in die Stirn
hingen, mit giftiger Verachtung an und murmelte: Ekelhafter Feigling.
    Als Jason Philipp spter vom Wirtshaus heim kam, sagte er: Es ist ein
verhngnisvoller Wahn, zu glauben, da die Menschheit ohne Knute regiert werden
kann. Und er schob die gestickten Pantoffeln (dem Mden zum Trost) an die
Fe. Die Pantoffeln waren bedeutend gealtert und Jason Philipp selbst war
gealtert. In seinem Bart schimmerten silberweie Haare.
    Therese berrechnete den Schaden, den der Pbel angerichtet. Sie fhlte, da
es mit Jason Philipps Glck zu Ende ging.
    Ausgestreckt im Bette liegend, sagte Jason Philipp: Ich habe demnchst ein
ernstes Wrtlein mit dem Baron Auffenberg zu reden. Entweder die freisinnige
Partei entschliet sich zu einem energischen Schritt gegen den bermut der
untern Klassen, oder ich bin ihr Mann gewesen.
    Wieviel Ma Vier hast du getrunken? fragte Therese aus den Kissen.
    Zwei.
    Das ist sicher gelogen.
    Mglich, da es drei waren, versetzte Jason Philipp ghnend, aber
deswegen einen Mann wie mich der Lge zu beschuldigen, das bringt nur eine so
ungebildete Frau wie du fertig.
    Da blies Therese die Kerze aus.

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Der Baron Siegmund von Auffenberg war von Mnchen zurckgekehrt, wo er eine
Konferenz mit dem Minister gehabt hatte.
    Er hatte auerdem mit vielen andern Leuten gesprochen und sich bestndig
herablassend, jovial und witzig gezeigt, denn seine Liebenswrdigkeit im Umgang
war beinahe sprichwrtlich.
    Jetzt sa er mit dsterem Gesicht am Kamin, und keiner von denen, die noch
vor wenigen Stunden durch seine Plauderkunst entzckt worden waren, htte ihn so
wiedererkannt.
    Die Stille und Einsamkeit peinigte ihn. Eine Gewalt, der er nicht mehr
widerstreben konnte, zog ihn zu seiner Frau. Seit sieben Wochen hatte er sie
nicht einmal gesehen, obwohl er in demselben Haus lebte wie sie.
    Es zog ihn hin, weil er wissen wollte, ob sie eine Nachricht erhalten hatte
von ihm, dessen Namen er nicht denken mochte, von dem Sohn, dem Feind, dem
Erben. Nicht als ob er htte fragen wollen; in ihr Gesicht wollte er schauen und
darin lesen. Da niemand in seiner Umgebung von Eberhard zu sprechen wagte, war
er auf Vermutungen angewiesen und auf die Feinheit seines Sprsinns. Er durfte
die Begierde nicht merken lassen, mit der er darauf lauerte, da ihm endlich
einer den Untergang des Verhaten ankndigen wrde.
    Sechs Jahre waren verflossen und noch immer vernahm er die freche Stimme,
von der er das Ungeheuerliche hatte hren mssen, das ihn aus der Dmmerung
seiner Selbstgengsamkeit und Selbstfreude gerissen hatte; das Wort, welches
keine Seelennot in der Heimlichkeit seines Schlafzimmers ihm entgegengeworfen
und das ihm alle Gensse des Daseins fr alle Zeiten verbittert hatte.
    Dpche-toi, mon bon garon, schnarrte nebenan der Papagei.
    Der Baron erhob sich und schritt zu den Gemchern seiner Frau. Die Baronin
erschrak, als sie ihn eintreten sah. Sie lag auf einem Polstersessel, das Haupt
von Kissen gesttzt, ber den Beinen eine schwere, indische Decke.
    Sie hatte ein breites, aufgeschwemmtes Gesicht mit dicken Lippen und
auerordentlich groen schwarzen Augen von krankhaftem Glanz. In ihrer Jugend
hatte sie fr schn gegolten, aber von dieser Schnheit war nichts mehr brig
als eine gewisse Frische der Haut und die wrdevolle Haltung der geborenen
Weltdame.
    Sie schickte ihre Zofe hinaus und schaute ihren Gatten schweigend an. Als
sie die jesuitisch freundlichen Falten in seinem Gesicht bemerkte, vermittelst
welcher er dessen wahres Geprge verbarg, steigerte sich die Angst in ihrem
Blick.
    Du hast heute noch gar nicht musiziert, begann er mit ser Stimme; da
ist einem zumut, als fehle dem Haus etwas. Du sollst dich ja sehr vervollkommnet
haben, hre ich; du sollst dir einen neuen knstlerischen Beirat zugelegt haben.
Emilie hat es mir erzhlt.
    Emilie war die an den Rittmeister Graf Urlich verheiratete Tochter des
Ehepaars.
    In den Augen der Freifrau war ein Ausdruck wie bei einem angeketteten Tier,
dem man sich mit dem Schlachtbeil nhert. Die schmiegsame Gltte des Mannes, von
dem sie seit fnfundzwanzig Jahren nur Brutalitt und Hohn hinzunehmen gehabt,
und der ihr die schlimmste Erniedrigung nicht erspart hatte, wenn kein Lauscher
nah gewesen, war ihr qualvoll.
    Was willst du von mir, Siegmund? stie sie zitternd hervor.
    Der Baron trat dicht vor sie hin, kniff die Lippen zusammen und schaute sie
mit einem furchtbaren Blick zehn bis zwlf Sekunden lang fest an.
    Da packte sie mit ihren beiden Hnden seinen linken Arm. Was ist mit
Eberhard? schrie sie. Du weit etwas von ihm! Sag mir alles!
    Der Baron schttelte ihre Hnde mit einer Bewegung des Widerwillens ab und
wandte sich kalt zum Gehen.
    O du, stammelte die Frau, sinnlos vor Schmerz und zum erstenmal im Leben
entschlossen, ihm zu sagen, was in tausend Stunden des Schreckens und der
Bedrngnis ihr Herz verbrannt hatte, du Unmensch, warum denn hat dich das
Schicksal auf meinen Weg gefhrt! Wo in der Welt ist noch ein Weib, dem ein
solches Los beschieden ist! Die ohne Freude, ohne Liebe, ohne Achtung, ohne
Freiheit und ohne Ruhe sich hinschleppt, den Menschen eine Last und sich selber
am meisten! Die in Sammet und Seide geht und sich tglich den Tod wnscht; die
von allen fr glcklich gehalten wird, weil der Teufel, der sie martert, alle
mit seiner Falschheit betrgt; die ihrer Kinder beraubt worden ist, schmhlich
beraubt; denn ist nicht meine Tochter die Gefangene und Konkubine eines
halbwahnsinnigen Strebers, und mein Sohn, ist er mir nicht genommen worden durch
die Niedertracht, die man gegen seine Schwester gebt hat und durch das
jmmerliche Schauspiel, das ihm meine Schwche bot? Wo gibt es, groer Gott,
noch ein solches Leben auf der weiten Erde!
    Sie warf sich auf die Brust und whlte das Gesicht in die Polster.
    Der Freiherr war berrascht von der fieberhaften Beredsamkeit einer Frau, an
deren stumme Geduld er sich so gewhnt hatte wie an das gleichmige Pendeln
einer Wanduhr. Er war gespannt, wie sich die ihm neue Erscheinung weiter
entwickeln wrde, und deshalb blieb er an der Tre stehen.
    Aber whrend er khl und abwartend dastand und sein hageres Gesicht Hohn und
Verwunderung ausdrckte, versprte er pltzlich einen peinigenden berdru vor
seiner eigenen Person. Es war der berdru eines Mannes, dessen Wnsche stets
erfllt, dessen Gelste stets befriedigt worden waren; der die Menschen nur als
hab- und zweckschtige Bittsteller kannte, der der Herr seiner Freunde, der
Tyrann seiner Diener, der Mittelpunkt jeder Geselligkeit gewesen war, vor dem
alles zurckwich, alles sich beugte, alles nickte, alles gefgig wurde und der
nichts entbehrt hatte als das Gefhl der Entbehrung.
    Ich verkenne nicht, fing er langsam zu sprechen an, als hielte er eine
Rede vor seinen Whlern, ich verkenne nicht, da unsere Ehe keine segensreichen
Frchte getragen hat. Es bedarf deiner Deklamationen nicht, um mich davon zu
berzeugen. Wir heirateten, weil die Umstnde gnstig waren. Wir hatten Ursache,
den Entschlu zu bereuen. Lohnt es sich, die Ursache zu untersuchen? Ich bin ein
Mensch ohne sentimentale Bedrfnisse. Ich bin es in einem solchen Grad, da mir
bei andern jede Rhrung, jeder berschwang, jede Unhrte eine tdliche Abneigung
einflt. Schlimm genug, da die politische Laufbahn mich ntigte, in dieser
Beziehung dem allgemeinen Hang der Masse entgegenzukommen. Ich heuchelte mit
vollem Bewutsein, um so mehr war ich in meinem Privatleben bemht, alle Gefhle
zu verbergen.
    Es ist leicht, etwas zu verbergen, was man nicht besitzt, kam es bitter
von den Lippen der Freifrau.
    Mglich; es zeugt aber von wenig Takt, wenn der Reiche den Armen durch
Verschwendung bestndig aufreizt. Und das hast du getan. Du hast auf einen
Besitz, ber dessen Wert ich nicht streiten will, einen Nachdruck gelegt, der
meine Verachtung herausforderte. Es war dir ein Vergngen, zu weinen, wenn ein
Sperling von einer Katze gefressen wurde. Ein ordinrer Zeitungsroman konnte
dein geistiges Gleichgewicht zerstren. Du warst immer aufgelst, immer in
Ekstase, gleichviel, ob es sich um das erste Veilchen, um ein Gewitter, um einen
verdorbenen Braten, um eine Halsentzndung oder um ein Gedicht handelte. Du
hattest immer groe Worte im Mund, und ich war der groen Worte mde. Du
merktest nicht, wie mein Mitrauen gegen alle uerungen dieser sogenannten
Gefhle in Klte, in Ungeduld und in Ha berging. Dann kam die Musik. Was dir
anfangs eine Zerstreuung gewesen war, die man billigen konnte oder nicht, wurde
allmhlich die Entschdigung fr ein ttiges Leben und fr alle Mngel deines
Charakters. Du hast dich der Musik hingegeben wie eine Dirne, die den ersten
anstndigen Liebhaber findet, - die Freifrau zuckte, als htte ein
Peitschenhieb ihren Rcken getroffen, - ja, wie eine Dirne, wie eine Dirne,
wiederholte er bleich, mit funkelnden Augen; da zeigte sich deine ganze
Verwahrlosung und Haltlosigkeit, dein wurmhaftes Kleben an unbestimmten
Zustnden und deine Unfhigkeit zur Disziplin. Bin ich ein Teufel fr dich
geworden, so hat mich deine Musik dazu gemacht; nur deine Musik. Jetzt weit du
es.
    Das also, flsterte die Freifrau mit stockendem Atem. Hast du mir denn
etwas anderes brig gelassenes die Musik? Hast du nicht wie ein Tiger in meinem
Leben gehaust? Aber es ist ja nicht wahr, schrie sie auf, so schlecht bist du
nicht, sonst wrde ich selbst zur Lge vor dem ewigen Richter, und da ich
Kinder von dir empfangen habe, wre wider die Natur. Geh hinaus, damit ich noch
glauben kann, es ist nicht wahr.
    Der Baron rhrte sich nicht.
    In namenloser Erregung und so schnell als es ihr verfetteter Krper
erlaubte, richtete sich die Freifrau empor. Ich kenne dich besser, sagte sie
mit bebenden Lippen; ich ahne, was dich umhertreibt, ich spre, was dich nicht
ruhen lt. Du bist nicht der, der du zu sein vorgibst, du bist nicht der kalte
Unempfindliche. In deiner Brust ist eine Stelle, wo du zu treffen gewesen bist,
und dort bist du getroffen worden. Dort blutest du, Mann! Und wenn wir alle, ich
und deine Tochter und deine Brder und deine Freunde und deine feigen Kreaturen,
wenn wir dir auch so gleichgltig und so lstig wie Fliegen sind, einer hat dich
verwunden knnen und das nagt an dir. Und weit du, warum er dich verwunden
konnte? Weil du ihn geliebt hast. Sieh mich an und leugne. Du hast ihn geliebt,
deinen Sohn, du hast ihn vergttert, und da er deine Liebe fortgeworfen hat,
da sie ihm nichts wert war, diese Liebe, die auf den zertrmmerten Existenzen
seiner Mutter und seiner Schwester blhte, das ist das Leiden, das an deine
Stirn geschrieben ist. Und da du leidest, daran leidest, das ist meine Rache.
    Der Baron antwortete mit keiner Silbe, mit keinem Blick. Sein Unterkiefer
schob sich leer kauend von links nach rechts; das Gesicht schien einzutrocknen
und pltzlich um Jahre lter zu werden. Die aus ihren Hinterhalten gescheuchte
Frau stand noch immer wie eine entflammte Sibylle da, als er sich schweigend
umdrehte und das Zimmer verlie.
    Es ist ihre Rache, da ich leide, murmelte er drauen wie geistesabwesend
vor sich hin. Leide ich wirklich? fragte er sich.
    Er schraubte eine Gasflamme ab, die ber einer Konsole brannte. Ja, ich
leide, bekannte er widerwillig, ich leide. Mit schlrfenden Schritten ging er an
der Wand entlang und kam in einen Raum, in welchem es hell war. Denselben
berdru, den ihm vorhin seine Person eingeflt, empfand er nun beim Anblick
der geschnitzten Sessel, der bemalten Porzellane, der kostbaren Tapeten und der
goldgerahmten lgemlde.
    Er trug Verlangen nach einfacheren Dingen. Ihn verlangte nach kahlen Mauern,
nach einem Strohlager, nach trockenem Brot, nach Kargheit und Strenge. Es war
nicht zum erstenmal, da sein erschpfter Organismus in dem Gedanken einer
klsterlichen Abgeschiedenheit Trost suchte. Lngst war dieser Protestant,
Nachkomme eines uralten Geschlechts von Protestanten, des protestantischen
Wesens mde und betrachtete die rmische Kirche als die heilsamere und
begnadetere.
    Aber der Wandel der Gesinnung war sein sorgfltig behtetes Geheimnis und
mute Geheimnis bleiben, bis er, der Zuchtlose, der Sohn seiner Mutter, den
begangenen Frevel geshnt haben wrde. Darauf zu harren, war sein Entschlu, und
wie ein Hypnotiseur durch innere Sammlung das Medium unterwirft, whnte er, den
Eintritt dieses Ereignisses beschleunigen zu knnen, wenn er ihm eine
ausschlieliche Herrschaft ber seinen Geist einrumte.

                                       3


Als Eberhard von Auffenberg das elterliche Haus verlassen hatte, um sich auf
eigene Fe zu stellen, war er hilflos wie ein Kind, das in einer Menschenmenge
die Hand des erwachsenen Fhrers verliert.
    Er fragte sich: was soll ich tun? Er hatte niemals gearbeitet. Er hatte an
einigen Universitten studiert, wie so viele andre junge Leute studieren, d.h.
er hatte mit Mh und Not eine Anzahl von Prfungen bestanden.
    Das Leben hatte ihm keine Aufgaben gegeben und er besa so wenig Ehrgeiz,
da er jeden Ehrgeizigen fr einen Verrckten hielt. Die geringste praktische
Leistung bot ihm unberwindliche Schwierigkeiten, und es war ihm in seiner
Freiheit traurig zumute.
    Leute zu finden, die ihm auf seinen Namen Geld geborgt htten, wre nicht
schwer gewesen. Aber er wollte nicht Schulden machen, von denen sein Vater htte
Kunde erhalten knnen, da wre ja die ganze feierliche Lsung eines unwrdigen
Verhltnisses Spiel und Phrase geworden.
    Mit seinem knftigen Erbteil durfte er rechnen; und er rechnete damit, wenn
auch in diese Rechnung der Tod des Vaters eingeschlossen werden mute. Er
brauchte einen vertrauenswrdigen Helfer und glaubte ihn in Herrn Carovius
gefunden zu haben.
    Zwei Leute wie Sie und ich werden sich nicht auf unntige Formalitten
versteifen, sagte Herr Carovius. Mir gengt Ihr Gesicht und Ihre Unterschrift
auf einem Stck Papier. Zehn Prozent bringen wir gleich in Abzug, damit meine
Auslagen gedeckt sind, das Geld ist heutzutage teuer. Ich gebe Ihnen
Rentenpapiere; das Rentenpapier steht fnfundachtzig im Kurs, leider. Die Brse
ist ein bichen krank, aber der kleine Verlust spielt ja bei Ihnen keine Rolle.
    Fr zehntausend Mark, die er schuldete, empfing Eberhard
siebentausendsechshundertfnfzig an Barwert. Nach weniger als einem Jahr war er
abermals ohne Geld und verlangte von Herrn Carovius zwanzigtausend Mark. Herr
Carovius sagte, er habe eine so groe Summe nicht flssig und msse erst einen
Geldgeber suchen.
    Eberhard erwiderte grmlich, er mge das nach seinem Gutdnken halten, nur
bitte er sich aus, da vor einem Dritten sein Name nicht genannt werde. Ein paar
Tage spter berichtete Herr Carovius von haarspalterischen Verhandlungen, von
unbescheidenen Provisionen, die von einer Mittelsperson begehrt wrden und von
Wechseln, die ausgestellt werden mten. Er schwor, da ihm das Talent zu
dergleichen Verrichtungen fehle, die er nur bernommen habe, weil er sich von
einer fast nrrisch zu heienden Affektion fr seinen jungen Freund erfat
fhle.
    Eberhard blieb ungerhrt. Der aalhaft bewegliche Mann mit der piepsenden
Stimme gefiel ihm nicht, ach, ganz und gar nicht, eher fing er an, ihn zu
frchten, und diese Furcht stieg im selben Ma, in dem er sich im Netz
verstrickte.
    Die zwanzigtausend Mark wurden gegen einen Zinsfu von fnfunddreiig
Prozent beschafft. Die Wechsel zu unterschreiben weigerte sich Eberhard anfangs;
erst als Herr Carovius beteuerte, sie seien nicht fr den Umlauf bestimmt, man
knne sie spter mit neuen Darlehen ohne Mhe einlsen und sie lgen in seinem
Kassaschrank so ruhig wie die Gebeine der Auffenbergschen Ahnen in ihren
Sarkophagen, gab der von solchem Wortschwall Ermdete nach.
    Mit jedem Federzug, den er tat, sprte er die Gefahr wachsen. Aber er war zu
trg, um sich zu schtzen, er war zu vornehm, um sich in kleinliche Errterungen
einzulassen, und er war nicht imstande, sich Einschrnkungen aufzuerlegen.
    Die unterschriebenen Wechsel wurden mahnend vorgezeigt; neue Darlehen
beseitigten sie. Die neuen Darlehen erzeugten neue Wechsel; diese wurden
prolongiert. Die Prolongation verursachte Kosten; ein unheimlicher Namenlos
wurde ins Vertrauen gezogen, der Hypotheken aufnahm, Diamanten an Geldesstatt
gab und minderwertige Brsenpapiere verkaufte. Als die Schuldenlast eine gewisse
Hhe erreicht hatte, forderte Herr Carovius, da der junge Freiherr sein Leben
versichern lasse. Eberhard mute willfahren; die Prmie war sehr hoch. Nach
Verlauf von drei Jahren hatte Eberhard jeden berblick verloren. Das Geld, das
er bekam, verbrauchte er in gewohnter Weise, fragte nicht um die Bedingungen,
wute nicht, wohin all dies fhren, wie es enden sollte und wand sich vor
Abscheu bei den tppischen Annherungen, den boshaften Stichelreden und den von
Zeit zu Zeit geuerten Drohungen des Herrn Carovius.
    Wie abgeschmackt sein Lcheln war, wie leer einmal und wie tiefsinnig dann
wieder sein Gesprch! Er mate sich die unverschmte Freiheit an, bei Eberhard
ein- und auszugehen, so oft es ihm pate. Er langweilte ihn mit der Besprechung
philosophischer Systeme oder mit erbrmlichem Klatsch ber seine Mitbrger. Er
bewachte ihn Tag und Nacht.
    Er folgte ihm auf der Strae, schrie: Herr Baron! Herr Baron! und
schwenkte den Hut. Seine Besorgnis fr Eberhards Wohlbefinden glich der eines
Kerkermeisters. An einem Winterabend lag Eberhard fiebernd zu Bett. Herr
Carovius lief zum Arzt und verbrachte dann die ganze Nacht im Zimmer des
Kranken, ohne sich um dessen ausdrcklichen Wunsch, da er ihn allein lassen
mge, zu kmmern. Soll ich nicht an Ihre Frau Mutter schreiben? fragte er
zrtlich, als am Morgen das Fieber noch nicht gefallen war. Mit einem Wutschrei
sprang Eberhard aus dem Bett und Herr Carovius ergriff die Flucht.
    Herr Carovius liebte es, zu wehklagen. Er rannte um den Tisch herum und
jammerte, er sei ruiniert. Er schleppte das Kontobuch herbei, addierte die
Ziffern und rief: Noch zwei Jahre so gewirtschaftet, lieber Baron, und mir
blht das Armenhaus. Dann verlangte er Deckung, neue Sicherheiten, neue
Versprechungen und legte zur Unterschrift einen Schein ber die Gesamtsumme vor,
der aber von dem Wirrsal der Zinsenberechnungen, Provisionen, Vergtungen und
Wuchergelder nichts ahnen lie. Herr Carovius selbst konnte sich nicht mehr
zurechtfinden, denn es hatte sich auf sein Betreiben ein Konsortium stiller
Hintermnner gebildet, denen er seinerseits verschuldet war, und die seinen
Eifer im Dienst des jungen Freiherrn nach Krften ausbeuteten.
    Was ist's denn mit den Weiberlein? fragte Herr Carovius zu anderer Stunde
wieder, was wr's denn mit einem kleinen Abenteuer? Und er merkte, da es im
Leben des jungen Freiherrn ein Geheimnis gab; er merkte es und war wtend, da
er das Geheimnis nicht ergrnden konnte.
    Eines Tages kam er dazu, als Eberhard seinen Koffer packte. Wohin,
Verehrtester? krhte er erschrocken. Eberhard antwortete, er wolle in die
Schweiz reisen. In die Schweiz? Was wollen Sie denn dort machen? Ich lasse Sie
nicht fort, sagte Herr Carovius. Eberhard musterte ihn kalt. Herr Carovius
verlegte sich aufs Bitten; umsonst, Eberhard reiste. Er suchte Einsamkeit, die
Einsamkeit qulte ihn, er kehrte zurck, um abermals wegzureisen, er kehrte
wieder zurck und hatte das Gesprch mit Lenore, das ihm die letzte Hoffnung
raubte, da ging er nach Mnchen und wurde in das Treiben einer
Spiritistengemeinde gezogen.
    Seelische Mdigkeit beraubte ihn des Widerstandes; es war etwas zerbrochen
in ihm. Eine angeborene Zweifelsucht hinderte ihn nicht, sich einem Einflu
hinzugeben, der seiner Natur ursprnglich noch fremder gewesen war als die
pbelhafte Geschftigkeit der Alltagswelt. Mit eingeschlfertem Urteil schrfte
er in einem Bezirk, wo das Trugbild und die oberflchliche Bezauberung herrscht,
nach Quellen des Lebens.
    Herr Carovius aber besoldete einen Spion, der den Freiherrn nicht aus den
Augen lassen durfte und ber alle seine Schritte Bericht erstatten mute.
Brauchte Eberhard Geld, dann war er gezwungen, zu Herrn Carovius zu kommen. Dann
stand Herr Carovius schon eine Stunde vor Ankunft den Zuges auf dem Bahnhof und
benahm sich so auffallend, da die Amtspersonen und die Reisenden ber ihn
lachten. War der Erwartete endlich eingetroffen, so schwtzte Herr Carovius vor
Freude lauter Unsinn und trippelte erregt rings um ihn herum.
    Es knnte demnach scheinen, als htte Herr Carovius eine redliche Liebe fr
den jungen Freiherrn empfunden. Und er liebte ihn in der Tat.
    Er liebte Eberhard wie ein Spieler die Karten liebt, oder auch wie das Feuer
die Kohle liebt. Er idealisierte ihn; er trumte von ihm; er atmete gern die
Luft, die jener atmete; er sah in ihm einen Auserwhlten, er dichtete ihm
heldenhafte Zge an und war entzckt von der adeligen Unnahbarkeit seines
Schtzlings.
    Er liebte ihn mit Ha, mit der Freude an der Vernichtung, und diese Haliebe
war zum Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefhle geworden, in ihr drckte sich
alles aus, was ihn von den Menschen schied und was ihn an den Menschen lockte.
Sie beherrschte ihn unbedingt bis zu dem Zeitpunkt, wo eine zweite, ebenso
furchtbare, ebenso lcherliche Leidenschaft sich ihr zugesellte.

                                       4


Daniel hatte lange gezgert, den Empfehlungsbrief der Frau von Erfft zu
benutzen. Da bat ihn Gertrud, zur Baronin Auffenberg zu gehen. Geh ich dir
zuliebe, so rcht sich's an dir, sagte er.
    Wenn ich dein Weigern verstnde, wollt ich nicht bitten, antwortete sie
erschrocken.
    Dort in Erfft hab ich so viel gewonnen, sagte er, so viel Menschenwrme,
die mir neu war, da ich keinen Zweck dahinter setzen mag. Verstehst du jetzt?
Sie nickte.
    Aber Mu ist strker als Mag, schlo er und ging.
    Die Freifrau nahm sich mit Entschiedenheit seiner Sache an. Am Stadttheater
war die Stelle eines zweiten Kapellmeisters frei geworden, und sie bewarb sich
fr Daniel darum. Man versprach, ihrem Wunsch zu willfahren, doch hinterrcks
wurden Rnke gesponnen, und wenn sie mahnte, wurde sie gleinerisch vertrstet.
Sie wunderte sich, eine Feindseligkeit anzutreffen, die sich wie auf Verabredung
von allen Seiten gegen den jungen Musiker kehrte. Keiner der Widersacher lie
sich sehen oder hren; es war das erstemal, da sie handelnd mit der Welt
zusammenstie, und ihre Entrstung ber die Feigheit und Falschheit hatte etwas
Rhrendes.
    Endlich, nach einer langen und fr sie demtigenden Unterredung mit dem
Allerweltsmakler Alexander Drmaul, wurde ihr das Engagement Daniels fr das
nchste Frhjahr zugesagt.
    Die Freifrau nahm indessen Stunden bei Daniel. Es war ihr Wunsch, mit dem
Bestand guter Klavierwerke vertraut gemacht und ber ihre Art falich belehrt zu
werden.
    Es dauerte lange, bis sie sich an seine mrrische Strenge gewhnt hatte. Ihr
war, als zerre er sie aus einem wohlig lauen Bad in kalte Zugluft; sie verlangte
nach ihren Dmmerungen zurck, nach ihren Auflsungen, nach ihren wehleidigen
Stimmungen.
    Einmal wagte sie einen entzckten Ausruf, als er einen fugierten Satz
trocken erklrte. Da schlug er den Klavierdeckel unter ihren Hnden zu und
sagte: Adieu, Frau Baronin. Er kam erst wieder, als sie ihn durch einen Brief
zu kommen bat.
    Verdorbener Saft, vergebliche Mhe, dachte er, ohne doch die menschliche
Wrdigkeit der Freifrau zu bersehen. Die acht Stunden im Monat waren ihm eine
bittere Plage; trotzdem fand er sich mit zwanzig Mark fr die Stunde zu hoch
bezahlt und sagte es auch. Der Verdacht, da man ihm ein Almosen reichen wolle,
machte ihn im hchsten Grade unliebenswrdig.
    Ein Diener erlaubte sich eine freche Vertraulichkeit; da packte er den
Menschen am Kragen und schttelte ihn, da er blau im Gesicht wurde. Er war
sehnig wie ein Jaguar und im Zorn uerst zu frchten. Die Freifrau mute den
Diener entlassen.
    Einst zeigte ihm die Freifrau ein altertmliches Glas aus Bergkristall,
welches schn bemalt war. Indem er es bewundernd anblickte, lie er es fallen
und das Gef zerbrach. Er war zerknirscht wie ein Schuljunge, und die alte Dame
mute ihn mit vielen berredungsknsten beruhigen. Da spielte er ihr zum Dank
den ganzen Karneval von Schumann vor, den sie ber alles liebte.
    Man konnte ihn jeden Vormittag ber die Fleischbrcke eilen sehen. Er ging
stets rasch; die Sche seines Mantels flogen. Er hatte stets die Mundwinkel
auseinander gezogen und die Unterlippe zwischen die Zhne geklemmt. Sein Blick
war zur Erde gerichtet; im dichtesten Gedrnge schien er allein zu sein. Die
umgebogene Hutkrempe verbarg die Stirn; seine schlenkernden Arme glichen den
Flgelstmpfen eines Pinguins.
    Wenn er bisweilen stillestand und mit einem horchenden Ausdruck im Gesicht
schaute, ohne zu sehen, sammelten sich Gassenjungen um ihn und grinsten. Einmal
fragte ein kleiner Knabe seine Mutter: Sag Mutter, wer ist das uralte Mnnlein
dorten?
    So mssen wir ihn denken, an diesem Punkt seines Lebens, vor den
Gewitterjahren seines Lebens; so eilig, so abgekehrt, so mrrisch, so trocken
scheinend, so von Phantasie und Begierde durch den engen Kreis seines Werktags
gejagt, so jung und so uralt; so mssen wir ihn denken.

                                       5


Die Wohnung von Daniel und Gertrud hatte drei Zimmer. Zwei lagen gegen die
Strae und eines, das Schlafzimmer, lag gegen den dstern Hof.
    Mit geringen Mitteln, aber mit Lust und Flei hatte Gertrud alles getan, um
die Rume zu schmcken. Obgleich die Decken niedrig waren und die alten Mauern
massig wuchteten, boten die Stuben einen freundlichen Anblick.
    In Daniels Arbeitszimmer war der Stutzflgel das beherrschende Mbelstck.
Fuchsienstcke auf dem Sims gaben der Kargheit einen idyllischen Rahmen. Die
Mutter hatte ihm das lportrt seines Vaters zum Geschenk gemacht; von seinem
Platz ber dem Sofa schaute das ernste Antlitz Gottfried Nothaffts auf den Sohn,
und es schien, als wende er bisweilen den Blick fragend zur Totenmaske der
Zingarella, die ihm gegenber ihr unendliches Geisterlcheln an den Schatten des
Raumes verlor.
    Gertrud mute alle huslichen Arbeiten selbst machen, denn eine Magd konnten
sie nicht halten. Sie hatte aber auch in den Jahren von Daniels Abwesenheit das
Notenschreiben erlernt. Der Provisor Seelenfromm, der beim Apotheker Pflaum
bedienstet war, hatte sie darin unterrichtet. Er war ein Vetter der Notarin
Rbsam, und sie hatte seine Bekanntschaft durch Lenore gemacht. In seinen
Muestunden komponierte er kleine Walzer und Militrmrsche und widmete sie den
Prinzen und Prinzessinnen des kniglichen Hauses. Auch Gertrud widmete er eine
Komposition, betitelt Feenzauber, eine Gavotte.
    Als Daniel von ihrer Fertigkeit erfuhr, schlug er vor Erstaunen die Hnde
zusammen. Das seltsame Wesen sah in einem Glcksrausch zu ihm empor. Ich will
dir helfen, sagte sie, und sie schrieb seine Notenschriften ins Reine.
    Auf der Strae gehend, schlo sie bisweilen die Augen. Eine Tonfolge zog an
ihr vorber, deren eigentmliche Sprache sie erst in diesem Augenblick verstand.
Whrend sie mit einem Marktweib um den Preis des Gemses handelte, war ihr
Inneres voll Gesang.
    Bestimmte Tne und Tonverbindungen traten figrlich vor ihr Auge. So zum
Beispiel glich das zweigestrichene B des Basses einer schwarzverschleierten
Frau; das E der Mittellage einem Jngling, der die Arme dehnte. In den Akkorden,
Harmonien und harmonischen Verwandlungen wurden diese Gestalten von einer
Bewegung erfat, die sich nach dem Charakter der Komposition richtete. Ein Zug
trauernder Gestalten zwischen Wolken und Sternen; wilde Tiere, die von
berittenen Jgern gehetzt werden; Mdchen, welche Blumen aus den Fenstern eines
Palastes werfen; Mnner und Frauen, die verzweiflungsvoll umschlungen in einen
Abgrund strzen; Weinende und Lachende, Ringer und Ballspieler, Tanzpaare und
Traubenpflcker. Die Fermate erschien ihr als ein Mensch, der nackt aus einem
Schachte steigt, eine brennende Fackel in der Faust; der Triller als ein Vogel,
der ngstlich um sein Nest flattert.
    In Daniels Schpfungen ging ihr alles nah, waren alle Bilder farbig, alle
Gestalten wie voll Blut. Blieben sie tot und fern, so stockte ihr Mitgefhl, ja
ihr Gesicht wurde leer und mde, und ohne da sie ein Wort miteinander
gesprochen hatten, wute Daniel, da er irre gegangen war. Dieses aber
schmiedete ihn wie mit Ketten an das junge Weib, das von Gott eingesetzt schien
als sein lebendiges Gewissen und als unfehlbare, wenn auch stumme Richterin.
    Er hate sie, wenn ihr Gefhl schwieg; hatte er sich dann nach tiefer
Einkehr berzeugt, da ihr Gefhl im Rechte war, dann htte er die unbekannte
Macht anbeten mgen, die ihm so unerbittlich seine Wege wies.
    Der Kantor Spindler hatte eine schne Harfe besessen, die hatte er in seinem
Testament Daniel vermacht. Die Harfe war damals in Ansbach bei der alten
Wirtschafterin des Kantors geblieben, erst nach seiner Heirat hatte sich Daniel
des Geschenkes wieder erinnert und die Harfe wurde ihm zugeschickt.
    Sie stand in der Wohnstube, Gertrud hatte sie von Anfang an gern betrachtet.
Die Harfe lockte sie und einmal setzte sie sich hin und suchte Tne auf den
Saiten. Ganz leise strich sie mit den Fingern ber die Saiten und war vom
Wohlklang entzckt. Allmhlich fand sie das Gesetz; eine angeborene Gabe machte
ihr das Instrument untertan und sie vermochte auf ihm auszudrcken, was in
stillen und einsamen Stunden sehnschtig in ihr drngte.
    Sie spielte meist sehr leise, suchte keine gebundene Melodie, weil sich das
Wesen der Harfe am schnsten in trumerischen Harmonien offenbarte. Die Tne
zogen in den Flur und auf die Stiege und empfingen Daniel, wenn er das alte Haus
betrat.
    Kam er in die Stube, so sa Gertrud im Winkel beim Ofen, hatte die Harfe
zwischen den Knien und lchelte geheimnisvoll in sich hinein, whrend ihre Hnde
gleich fremd von ihr losgelsten Wesen Akkorde suchten, Klnge, die seine
eigenen waren und die sie in ihre Traumwelt bertragen wollte.

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Des Wortes war sie noch weniger mchtig als vordem. Schmerzliches Erstaunen
ergriff sie, als sie bemerkte, da Daniels Geist im tglichen Verkehr nicht
hinter die Hlle drang, in der sie lebte.
    Er sagte sich: sie ist zu schwer. Er verstummte gegen sie.
    Das finstere Haus drckt dich, uerte er unbehaglich, wenn sie hilflos
lchelte.
    La uns wettlaufen, bat er auf einer Landpartie und bezeichnete einen vom
Blitz getroffenen Baum als Ziel.
    Sie lief so schnell ihre Fe konnten. Zehn Meter vor dem Baum brach sie
zusammen. Er trug sie auf die Wiese.
    Wie schwer du bist, sagte er.
    Zu schwer fr dich? hauchte sie mit weit aufgerissenen Augen. Er zuckte
die Achseln.
    Da entwand sie sich ihm, sprang empor und rannte wunderbar geschwind eine
fast doppelt so lange Strecke als die war, die er vorhin bemessen hatte. Sie
fiel nicht mehr, sie wollte nicht, durfte nicht fallen.
    In Sten atmend, leichenbla, wartete sie, bis er heran gekommen war. Aber
er hatte keine Zrtlichkeit, er schalt nur. Arm in Arm gingen sie weiter;
Gertrud suchte seine Hand, und als er sie ihr berlie, prete sie sie an ihre
Brust.
    Erschrocken schaute Daniel in ihr Gesicht, in dem ihr Gedanke wie mit
Feuerbuchstaben geschrieben stand: wir gehren einander fr Zeit und Ewigkeit.
    Dies war ihr Glaubensbekenntnis.

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Sie lag schlaflos, spt in der Nacht. Sie hrte, wie er in die Kche ging und
Wasser zum Trinken holte, dann kehrte er wieder in seine Stube zurck. Er hatte
ihr verboten, an die Tre zu schleichen und zu fragen, ob er nicht bald kme,
wenn es auch noch so spt wurde.
    Dann lag er neben ihr, den Kopf auf den Arm gesttzt und sah sie an mit
Augen ohne Irdischkeit. Mann, wo sind deine Augen? htte sie rufen mgen. Und
sie wute doch, wo; wute auch, da man die Mondschtigen durch Zuruf gefhrdet.
    In einer andern Nacht hatte er sein Werk nicht frdern knnen, kauerte
stundenlang auf dem Bettrand und stierte voll Selbstha in die Flamme der Lampe.
Gertrud fhlte, wie er gegen sich wtete und mit Wollust seine Zweifel nhrte.
Sie war nicht fhig, zu sprechen.
    Ein Verleger hatte ihm eine Arbeit zurckgeschickt und ihn mit platten
Hflichkeiten vertrstet. Da redete er wegwerfend von seinem Talent,
hoffnungslos von seinen Aussichten und bitter von der Welt, die ihn zu einem
Leben in bestndiger Dunkelheit verdammen werde.
    Sie konnte ihn nur anschauen; nur anschauen.
    Ihm war aber des Anschauens zu viel. Ein frisches, krftiges Wort htte ihm
besser gedient, so glaubte er.
    Sie ma die Arbeit nicht am Lohn, Entbehrung nicht an der Hoffnung; sie ma
auch Daniels Liebe nicht an seinen Liebesbeweisen, weder an zrtlichen
uerungen noch an Umarmungen. Sie wartete auf ihn mit groer Geduld. Mit der
Zeit machte ihn diese Geduld verdrielich. Etwas mehr Rhrigkeit stnde dir
nicht bel an, sagte er einmal und wies ihre schchtern bittende Gebrde
zurck.
    Er sah sich nun umfriedet, er hatte ein Heim, er hatte einen Menschen, der
fr ihn sorgte, sein Essen bereitete, seine Wsche wusch, sein Leben treulich
regelte, und er htte dafr dankbar sein mssen. Er war es auch, er war dankbar,
aber er konnte es nicht zeigen; er war es, wenn er allein war, doch in Gertruds
Nhe verwandelte sich der Dank in Trotz. War er fern von ihr, so freute er sich
auf die Rckkehr und malte sich ihre Freude aus. War er bei ihr, so bte er
stille Kritik und wollte alles an ihr anders haben.
    Die Kanzleirtin im ersten Stock beklagte sich, da Gertrud sie nicht
gegrt habe. Sei doch freundlich mit den Nachbarn, schalt er. Am nchsten
Sonntag gingen sie zusammen aus, die Kanzleirtin kam ihnen entgegen, und
Gertrud grte sie. So ergeben brauchst du nicht zu lcheln, murrte er. Da
dachte sie lange darber nach, wie man gren msse, ohne die Leute zu verletzen
und ohne Daniel zu rgern. Sie wurde befangen und frchtete sein Urteil.
    An solchen Tagen versalzte sie die Suppe, nichts ging ihr von der Hand und
aus lauter Beflissenheit, pnktlich zu sein, verfehlte sie die Zeit. Wie grausam
war es dann, wenn er schwieg, wenn er wortlos in seine Stube ging. Ohne Regung
sa sie da und lauschte; zitterte, wenn er sich erhob, um ans Klavier zu treten
und ein Motiv zu erproben, sah gespannt in sein Gesicht, wenn er wieder
hereinkam. Und es geschah dann wohl, da er sich zu ihr setzte und pltzlich
gtig war. Von seinem Leben erzhlte, von seiner Heimat, von seinem Vater und
seiner Mutter. Da htte sie jedes seiner Worte zweimal hren mgen und jeden
seiner Blicke trinken. Da wurde sein Auge ruhig und seine reizbaren Hnde lagen
still auf den Knien. Da nahm sein zuckendes, eckiges, von Wettern berstrmtes
Gesicht einen Ausdruck der Trauer an, der es verschnte.
    Und wenn sie Kopfschmerzen hatte oder mde war, uerte sich seine Besorgnis
in rhrender Weise. Auf den Fuspitzen ging er dann umher und schlo die Tren
mit Behutsamkeit. Bellte ein Hund auf der Strae, so strzte er ans Fenster und
schaute wtend hinaus. Und am Abend half er ihr beim Auskleiden und brachte ihr,
was sie verlangte, ans Bett.
    Auch war es seltsam, da er sie nicht gern allein ausgehen lie. Seine
Unruhe, wenn sie fort und er zu Hause war, hatte etwas Kindliches. Sie schien
ihm ohne seine Gegenwart von Gefahren umdroht und am liebsten htte er sie
eingesperrt und gefangen gehalten, um sicher zu sein, da sie in Sicherheit war.
Dies machte sie schwcher und von ihm ber alle Maen abhngig, whrend er einem
Menschen glich, der mit Angst und Qual das an sich pret, was er errungen hat;
es an sich pret, weil es sein einziger Besitz ist, dieses wohl; aber auch darum
es umklammert, um nicht hindenken zu mssen an ein anderes, Kostbareres, das er
verloren hat.
    Einmal kam er zu Gertrud, als sie die Harfe spielte, schlang die Arme um
sie, schaute ihr wild und finster ins Gesicht und stammelte: Du, ich liebe
dich, liebe dich. Es war das erstemal, da er dieses ewige Wort sagte, und sie
wurde bleich, erst vor Glck, dann vor Schrecken. Denn in seinem Ton lag eher
Ha als Liebe.

                                       8


Er meinte, der Umgang mit wahlverwandten Mnnern knne ihn ber manche schlimme
Stunde bringen. Aber als er nach solchen Mnnern zu suchen begann, wurde die
Stadt zur Einde.
    Der Provisor Seelenfromm kam einige Male ins Haus. Daniel war unduldsam und
auffahrend gegen den scheuen Menschen, der einen hohen Respekt vor ihm an den
Tag legte und Gertrud stumm verehrte. Ein junger Architekt, der bei der
Renovierung der Sebalderkirche beschftigt war und die Musik liebte, hatte
Daniels Gefallen erweckt, aber der Mann hatte die leidige Gewohnheit, beim Reden
hie und da mit der Zunge zu schnalzen, das machte Daniel rasend, sie hatten
einen Wortwechsel darber und trennten sich im Zorn. Dauernder war die Beziehung
zu einem Franzosen namens Rivire, der fr einige Jahre in der Stadt Aufenthalt
genommen hatte, weil er ein Buch ber Caspar Hauser schreiben wollte. Er hatte
ihn bei Frau von Auffenberg kennen gelernt und sich ihm angeschlossen, weil er
ihn an Friedrich Benda erinnerte.
    Monsieur Rivire liebte es, wenn Daniel am Klavier phantasierte; er verstand
so wenig Deutsch, da er Daniels Bissigkeiten hflich belchelte und bei seinen
Wutausbrchen ngstlich auf seinen Mund starrte. Er hatte eine Warze auf der
Wange und trug Sommer und Winter hindurch einen Strohhut. Er kochte sich seine
Mahlzeiten selbst, denn es war seine fixe Idee, da man ihn wegen seiner
Forschungen ber das Leben Caspar Hausers vergiften wolle.
    Wenn der Provisor und Monsieur Rivire an Sonntagabenden in der Stube saen,
griff Daniel bisweilen nach einem Band E.T.A. Hoffmann oder Brentano, nur um im
Bogen einer fremden Welt Ruhe zu gewinnen, um nicht weinen zu mssen beim
Anblick der unbewegten Menschengesichter und las vor, bis seine Stimme heiser
wurde.
    Da heftete Gertrud tiefe Blicke auf ihn und stellte sich die Frage, wie ein
Mann, dessen Leben die Musik war, das Paradies des Herzens und des Geistes, so
dumpf, so zerstrt, so umwlkt sein knne. Sie begriff die Pein, in der er
schuf; sie ahnte die labyrintische Verschlingung seiner inneren Schicksale, aber
ihr Gemt erkrankte im Mitfhlen und sie wnschte, wnschte es glhend, mehr
Glauben und mehr Freude in seine Seele pflanzen zu knnen.
    Sie ging mit sich zu Rate und es wollte ihr scheinen, da er in der Zeit, wo
er mit Lenore viel verkehrt, glubiger und froher gewesen war. Sie sah Lenore
mit ganz anderen Augen an als frher; nicht allein, weil sie in der Schwester
die Urheberin ihres Glckes erblickte, sondern auch, weil durch die Verwandlung
ihres Wesens dort Liebe und Erleuchtung entstanden war, wo frher Argwohn und
Unwissenheit geherrscht hatten.
    Sie schrieb Lenore diejenigen Krfte zu, die ihr mangelten, berlegenheit
und aneifernde Gewalt, ein Spielenknnen, das den Ernst verste und das Schwere
leichter machte, Helligkeit des Wortes und Zartheit der Hand. In den Grbeleien
ihrer vielen einsamen Stunden erschien ihr Lenore als die einzige, die ihr
helfen konnte, und sie ging in die Wohnung des Vaters, um Lenore zu fragen,
weshalb sie so selten komme.
    Ich geh nicht gern zu euch hinber, Daniel ist so unfreundlich mit mir,
sagte Lenore.
    Gertrud antwortete, er sei unfreundlich gegen alle Menschen, auch gegen sie
selbst, und sie mge sich doch daran nicht kehren. Sie wisse genau, da er
Lenore gern habe, vielleicht sei er seinerseits gekrnkt, weil sie nicht mehr
kam.
    Lenore lie sich berreden und kam nun wieder hufiger zu Daniel und
Gertrud. Aber wenn es auch nicht gerade den Anschein hatte, da Daniel ihr
auswich, so redete er doch nur das Notwendige mit ihr und ergriff gern einen
Vorwand, das Zimmer zu verlassen, wenn sie da war. Lenore fhlte es, und es tat
ihr weh.

                                       9


Eines Morgens kehrte Gertrud vom Markt zurck und trug schwer an ihrem
Einkaufskorb. Als sie ins Haus trat, hrte sie, da Daniel spielte. Sie hrte
sogleich, da es kein Phantasieren war, sondern ein zusammenhngendes Gebilde,
dessen Tne ihr unbekannt waren.
    Whrend sie die Stiege hinauf ging, sprte sie kaum mehr die Schwere des
Korbes, und oben schlich sie in die Wohnstube und lauschte. Aber es zog sie
nher und nher ans Klavier; Daniel merkte es nicht, als sie in sein Zimmer trat
und sich auf einen Stuhl setzte; er war ganz versunken und wandte den wunderbar
erfllten Blick nicht ab von den beschriebenen Notenblttern auf dem Klavier.
    Es waren die Entwrfe zur Harzreise im Winter. Seit anderthalb Jahren,
seit er sie in Ansbach niedergeschrieben, hatte er sie liegen lassen und nicht
mehr daran gearbeitet. Pltzlich war das Feuer wieder aufgeflammt und in
Schpferglut konnte er das Unverbundene binden, das Angedeutete gestalten.
    Immer wieder begann er einen Teil von neuem und suchte Brcken, bald hier,
bald dort, griff zum Bleistift, schrieb Noten hin, suchte wieder, sang und
lchelte sonderbar irr und beglckt, wenn auf den Blttern ein Motiv in
abgerundeter Form erschien. Und Gertrud wurde noch nher gezwungen; in ihrer
Ergriffenheit kauerte sie sich dicht neben ihm auf den Boden, am liebsten htte
sie in das Instrument hineinkriechen mgen, um ihre ganze Seele in den Saiten
mit austnen zu lassen, und als Daniel geendet hatte, legte sie ihre Stirn auf
seinen Schenkel und ihre heien Hnde langten nach ihm empor.
    Daniel erschrak, denn er erinnerte sich einer Stunde, wo ein anderes Weib
die Stirn auf seinen Schenkel gelegt hatte, und da fiel pltzlich sein Blick an
die Wand, dorthin, wo die Maske der Zingarella hing. Er ward sich des
Zusammenhangs nicht bewut, hier war keine Brcke, zu verschieden war das
Antlitz von seinem Urbild, aber mit einem leisen Schauer ahnte er doch
rtselvolle Verknpfungen und glaubte einen Herberruf von jenseitigen Gestaden
zu vernehmen.
    Still legte er seine Hand auf Gertruds Haar, und ihr war es, als habe sie
damit sein Versprechen erhalten, da dieses Werk ihr zu eigen gehre, da er es
fr sie schuf, es aus ihrem Herzen genommen habe und ihrem Herzen zurckschenken
werde.

                                       10


Der Musikalienhndler Zierfu hatte Karten zu einem Konzert geschickt. Daniel
mochte nicht gehen, und so bat Gertrud ihre Schwester, da sie mit ihr gehen
solle. Daniel holte die beiden vom Konzert ab.
    Da sagte ihm Lenore auf der Strae, da sie am Nachmittag einen fr ihn
bestimmten Brief mit dem Londoner Poststempel bekommen habe.
    Von Benda? fragte Daniel rasch.
    Die Schrift ist Bendas Schrift, erwiderte Lenore. Ich wollt ihn dir eben
bringen, da hat mich Gertrud abgeholt. Warte vorm Haus, dann bring ich ihn
herunter.
    So i mit uns zu Abend, forderte Gertrud die Schwester auf und sah Daniel
unsicher an.
    Wenns Daniel recht ist -?
    Keine Flausen, Lenore, es ist mir recht, sagte Daniel.
    Eine Viertelstunde spter sa Daniel bei der Lampe und las Bendas Brief.
    Zuvrderst teilte ihm der Freund mit, da er sich an einer
wissenschaftlichen Expedition beteiligen werde, deren Arbeitsfeld das
Kongogebiet sei und die sich gleichsam im Kielwasser der zur Aufsuchung Emin
Paschas ausgersteten Stanleyschen Expedition halten werde.
    Dieser Brief ist also ein Abschiedsbrief, mein lieber Freund, es gilt einen
Abschied fr Jahre, vielleicht frs Leben. Ich fhle mich wie neu geboren. Ich
habe wieder Augen, und die Ideen, die mein Hirn hervorbringt, sind nicht mehr
zum Erstickungstod im Morast der verbrderten Sippe verurteilt. Die Arbeit im
Laboratorium einer gigantischen Natur wird mich die erlittene Niedertracht und
Ungerechtigkeit vergessen lassen; Hunger und Durst, Krankheit und Gefahren sind
leichter zu ertragen als die Wirkungen jener zivilisierten Laster, die den
Krper schonen, indes sie Seele und Geist verderben.
    Weiterhin hie es: An die Heimat binden mich nur noch zwei Menschen, meine
Mutter und du. Vergegenwrtige ich mir dein Bild, so kommt eine stolze Stimmung
ber mich und jede Stunde, die wir zusammen verbracht haben, ist meinem
Gedchtnis unverwischbar eingeprgt. Aber es gibt da einen heiklen Punkt, einen
Gewissenspunkt; nenn es meinetwegen einen Span, nenn es, wie du willst, fa es
auf, wie du willst, ich hab mich nun einmal donquichotisch festgerannt und mu
den Posten verteidigen.
    Kopfschttelnd las Daniel weiter. Von seiner Verheiratung wute Benda noch
nichts. Er schien sogar nicht einmal zu wissen, da Daniel und Gertrud verlobt
gewesen. Oder wenn er es gewut hatte, schien er es vergessen zu haben. Oder
wenn er es nicht vergessen hatte, schien ihm das Vergessen wnschenswert.
    Daniel traute seinen Augen nicht, als er zu der Stelle kam: Meine grte
Angst war stets, du knntest an Lenore vorbergehen. Ich war zu feig, diese
Angst zu uern, und diese Feigheit hab ich mir ohne Unterla zum Vorwurf
gemacht. Jetzt, da ich scheide, soll es nicht mit dem Gefhl eines Versumnisses
geschehn.
    Ums Himmelswillen, dachte Daniel, was tut er mir an!
    Ich habe es oft im Stillen bewundert, es war wie die Befriedigung bei einem
chemischen Experiment, wenn die Reaktion der Stoffe sich in der erwarteten Weise
vollzieht: was sie spricht, ist dein Wort, was du empfindest, ist ihr Gesetz.
    Er sieht Gespenster, bumte sich Daniel auf, verwirrt mir meinen Faden.
Wozu? wozu?
    Sei nicht achtlos! Zerstampf mir nicht die wunderbare Blte! Das Mdchen
ist von seltener Art, von der seltensten. Man braucht das ganze Herz mit seiner
ganzen Gte, um sie zu ahnen und zu fassen. Kommen meine Worte aber zu spt, so
zerrei dieses Blatt und denk es aus deinem Geist und aus der Welt wieder fort.
    Komm und i, Lenore, sagte Gertrud, die mit einer Schssel voll
marinierter Heringe ins Zimmer trat.
    Lenore sa auf dem Sofa und blickte Daniel, der in Gedanken versunken war,
forschend an.
    Daniel schaute empor und betrachtete die beiden, als seien sie Gestalten
einer Halluzination. Die eine im rostbraunen Kleid, die andere im dunkelblauen,
wie Moll und Dur. Nebeneinander stehend beide, und doch so fern von einander,
die Endpunkte seiner Welt.

                                       11


Was schreibt denn Benda? fragte Gertrud zaghaft.
    Denkt euch nur, er geht nach Afrika, antwortete Daniel mit einer Stimme,
als lge er. Kurios, nicht wahr? Zur Stunde ist er vielleicht schon auf dem
Meer.
    Whrend in seiner Miene die Furcht war, als knnten die sich nhernden
Schwestern erraten, was er von dem Inhalt des Briefes verschweigen mute, las er
vor, was er mitteilen durfte.
    Warum liest du denn nicht weiter? erkundigte sich Lenore, als er abbrach.
    Sie beugte sich ber den Tisch, um wibegierig in den Brief zu schauen,
dabei verwickelten sich ihre Haare in der Metallverzierung der Hngelampe.
Gertrud erhob sich, um sie zu befreien.
    Daniel hatte die Hand ber den Brief gelegt und schaute Lenore drohend an.
Das gefesselte Mdchen, seinem Blick begegnend, kmpfte zwischen Lachen und
Verdru, und es war ihm unbehaglich, ihre Augen so nah vor sich zu sehen.
    Weit du nicht, da sich das nicht pat? fragte er. Wir haben vielleicht
ein Geheimnis, Benda und ich.
    Ich hab gedacht, Benda lt mich gren, erwiderte Lenore und errtete
beschmt.
    Da hielt Daniel den Brief ber den Zylinder der Lampe, wartete, bis er Feuer
fing, und warf ihn dann auf den Boden, wo er verbrannte.
    Es ist schon spt, der Vater wartet, sagte Lenore, als sie in aller Eile
gegessen hatte.
    Ich begleite dich hinber, erklrte Daniel. berrascht von so ungewohnter
Ritterlichkeit schaute ihn Lenore an. Er blickte finster drein und sie
verwunderte sich noch mehr. Ich kann auch allein gehen, Daniel, sagte sie
ernst; brauchst dich nicht zu inkommodieren.
    Inkommodieren, Lenore? Was soll denn das wieder heien? Bist du auch von
der Sorte, die keinen Ton halten kann und das Pedal tritt, wo die Empfindung
versagt?
    Lenore schwieg.
    Zieh deinen Mantel an, Daniel, bat Gertrud im Flur, es weht ein kalter
Wind.
    Sie wollte ihm den Mantel umhngen, aber er warf ihn rgerlich auf die
Truhe.
    Schweigend ging er neben Lenore ber den menschenleeren Platz.
    Sie hatte schon den Schlssel ins Torschlo gesteckt, da schaute sie
bekmmert auf. Daniel, was ist denn mit dir? fragte sie. Wenn ich dich anseh,
wird mir angst und bange. Was hab ich denn verbrochen, da du jetzt immer so
hlich gegen mich bist?
    La das, Lenore, ich bitt dich, la es sein, sagte er mit rauher Stimme.
Aber der Blick, den sie auf ihn geheftet hielt, war streng und unerbittlich
prfend, so wenig mdchenhaft, so stark und khn, da ihm pltzlich weich ums
Herz wurde. Geh noch ein Weilchen mit mir auf und ab, bat er.
    Lange redeten sie nichts, bis endlich Lenore fragte, was er arbeite. Nur
zgernd gab er Bescheid, aber auf einmal flammten die Worte. Er sagte, oft sei
ihm zumut, als ringe er in der Finsternis mit Kobolden. Was zu tiefst aus der
Seele gequollen, sei so schwer an Laut und Zunge und ersterbe ihm in der Mhe um
die Form. Ihm knne nichts gedeihen als das Entrckte, das Erdentbundene, dessen
Melodie noch in keiner Menschenbrust Widerhall finde. Deshalb erscheine er oft
so haltlos und unglcklich ins Schweifen gewiesen, denn je herrischer die
Ordnung sei, unter die er Geist und Phantasie gestellt, je verlorener treibe
sein leibliches Teil im Chaos der Werktagswelt. Den Himmel trage er nur als
Traum in sich, unter den Menschen sei fr ihn die Hlle. Und wie tot alles um
ihn liege, ein Kirchhof; sein beherztestes Leben werde allgemach zu Schatten und
Ungestalt entfleischt, aber da er grausam sei gegen die Menschen, spre er
wohl, denn jene lebten ja auch, unschuldiger als er und ntzlicher.
    Aber du hast doch eine, die dich hlt, wagte Lenore einzuwerfen, du hast
doch Gertrud.
    Darauf antwortete er nicht. Sie wartete, da er antworten solle, und als sie
begriffen hatte, da er nicht antworten wrde, lchelte sie zu ihm hinber wie
mit einem letzten Versuch, ihn zu einer Besttigung zu bewegen. Dann schwand die
Ruhe aus ihren Zgen; jedesmal, wenn sie an einer Laterne vorbeigingen, drehte
sie den Kopf zur Seite.
    Sie ist vor Gott dein Weib, sagte sie endlich leise und mit wundersamer
Feierlichkeit.
    Daniel horchte bestrzt auf. In den Wind hinein redend, entgegnete er: Die
Oberstimme, Lenore; ein Vogel, der in den Bumen zwitschert. Vor Gott mein Weib!
Aber in den Wurzeln heult der Ba. Ein teuflisches Tremolo; hrst du's?
    Er lachte toll und sein Gesicht war ihr mit gebleckten Zhnen zugewandt, sie
aber packte beschwrend seinen Arm.
    Da drckte er die Hand wider die Stirn und sagte: Der Brief, Lenore, der
Brief ...
    Siehst du, ich hab's ja gleich gewut, Daniel, der Brief. Was steht denn in
dem Brief?
    Das kann ich nicht sagen, antwortete er, sonst purzelt mir die se
Oberstimme in den finstern Ba, da wr's um sie geschehen.
    Lenore schaute ihn erstaunt an, so nrrisch war er ihr noch nie erschienen.
    Pa auf, fuhr er fort und legte seinen Arm in den ihren, ich hab ein Lied
komponiert, das geht so. Und er sang zu Versen von Eichendorff eine Melodie von
zarter Schwermut. Weil jetzo alles stille ist und alle Menschen schlafen, mein
Seel' das ewige Licht begrt, ruht wie ein Schiff im Hafen.
    Sie standen wieder bei der Haustre; aus dem Weilchen waren zwei Stunden
geworden und Lenore sagte ihm gute Nacht.
    Ungern stieg er die Treppe zu seiner Wohnung empor.
    Gertrud sa im Vorplatz auf der Truhe. Mit dem Mantel, den er vorhin von
sich geworfen, hatte sie ihre Beine bedeckt, der Rcken war an die Mauer
gelehnt, der Kopf auf die Schulter gesunken und so schlief sie, ohne bei seinem
Kommen zu erwachen. Neben ihr auf der Truhe stand die bis aufs Metall
herabgebrannte Kerze und flackerte nur noch mit letzten Zuckungen, welche das
Antlitz der Schlferin durch rasch wechselnde Schlagschatten fremdartig leidend
machten.
    Vor Gott mein Weib, murmelte Daniel, und erst, als die Kerze verlscht
war, weckte er Gertrud auf und sie gingen in der Finsternis in die Schlafkammer.

                          Die glserne Kugel zerbricht



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Daniel wollte einmal Lenore beim Schlittschuhlaufen zusehn, und so ging er aufs
Maxfeld zu einer Stunde, wo er sie dort wute.
    Er gewahrte sie bald und freute sich, wenn sie vorberschwebte, und runzelte
die Stirn, wenn sie sich im Gedrnge verlor. Es folgten ihr die Gymnasiasten mit
feiger Aufdringlichkeit, und ein Student, der eine rote Mtze trug, fiel auf den
Bauch, whrend er sich vor ihr verbeugte.
    Zwei Offiziere, in deren Mitte sie lief, hemmten die beseelte Grazie ihrer
Bewegung, und als sie wieder allein die schnen Bogen zog, entdeckte sie endlich
Daniel und kam heran. Sie lchelte vertraut, plauderte ein wenig, glitt
rckwrts im Kreis um ihn herum, lachte ausgelassen ber seine Ungeduld, da sie
nicht stehen blieb, warf ihm ihren Muff wie einen Ball zu, forderte, da er ihn
zurckwerfe und beschrieb, indes der Muff hoch oben war und sie die Arme
ausstreckte, ihn zu fangen, eine kunstreiche Figur.
    Das Bild, das sie ihm darbot, erfllte ihn mit Ehrfurcht vor der Harmonie
ihres Wesens.

                                       2


Sie gingen nun hufig um die Dmmerstunde vor die Stadt und auf die Burg. Als
Gertrud sah, da Daniel und Lenore wieder gut miteinander waren, freute sie
sich.
    Als sie einmal auf die Burg gingen, erzhlte Lenore, da sie oben von
Eberhard von Auffenberg Abschied genommen. Sie wute noch jedes seiner Worte,
und was sie selbst gesagt, bekannte sie offen. Die Geschichte mit dem alten
Kruterweib entlockte Daniel keinen Spott. Er blieb stehen und sagte:
Menschenskind, geistere du nicht; vergreif dich nicht an deiner schnen
Wirklichkeit.
    Sprich nicht so, erwiderte Lenore, ich mag's nicht, wenn mich dein Blick,
wie eben jetzt, zum Frauenzimmer macht.
    Sie gingen in die Sebalderkirche und entzckten sich an den erzgegossenen
Figrchen des Sebaldergrabs. Auch ins Germanische Museum gingen sie, verirrten
sich gern in den zahllosen den Gngen, standen still vor den alten Bildern,
wurden nicht mde, die alten Spielwaren, die alten Globen, die alten Kchen, die
alten Rstungen zu beschauen.
    Lenores grtes Vergngen war aber, in den engen Gassen zu wandern; von
einem Tor in den Hof zu sphen, wo eine verwitterte Statue stand; vor dem
Schaufenster eines Althndlers zu verweilen und Brokatstoffe, silberne Ketten,
Ringe mit bunten Steinen, gravierte Zinnteller und seltene Uhren zu betrachten.
Da fiel ihr allerlei Schalkhaftes ein, und um jeden Wunsch dichtete sie ein
kleines Mrchen. Der drftigste Anla gengte, und ihr Geist flog in ein
Wunderland, als ob die Fabeln und Legenden, die das Volk seit Jahrhunderten von
Herdfeuer zu Herdfeuer getragen, in ihm ein bewahrtes Leben fhrten.
    Der Schneider, der mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tisch hockte; der
Schmied, der auf das glhende Eisen hmmerte; der Gaukler, der mit dressierten
Affen durch die Stadt zog; der jdische Hausierer, der Schlotfeger, der
einbeinige Veteran, ein verschlumptes Weib, das aus einem Kellerloch lugte, ein
Spinnengewebe im Mauerwinkel, an all das knpfte sie bestimmte Vorstellungen von
gruseliger oder lustiger Art. Was sie anschaute, war immer wie zum erstenmal
angeschaut. Die Dinge und Menschen, von denen sie sprach, schienen einen
Augenblick frher noch nicht vorhanden gewesen. Darum war sie niemals
migelaunt, nie gelangweilt, nie faul und matt.
    Aber irgend etwas war Daniel rtselhaft an ihr. Er wute nur nicht, was.
Reichte sie ihm die Hand, so dnkte es ihm, als gbe sie nur zum Schein die
Hand. Forderte er im Gesprch ihren Blick, so schlug sie wohl das Auge zu ihm
empor, doch war es, als zerspalte sich ihr Blick und fliee rechts und links an
ihm vorbei. Schritt sie ihm gleich so nah, da ihre Arme sich berhrten, so
hatte er doch das Gefhl, als knne er sie nicht fassen, wenn er wollte.
    Er kmpfte gegen die Verlockung, die darin lag.
    Ihre Gegenwart adelte seinen Ehrgeiz und verscheuchte seine Grillen. Sie
schenkte ihm die schngestaltete Wolke, den Baum, der sich mit jungem Laub
schmckte, den Mond, der sich ber die Dcher erhob, die ganze Erde schenkte sie
ihm, ber die er friedlos hastete.
    Er hatte kein Arg. Er ahnte nichts vom Schicksal. Und Lenore hatte keine
Scheu vor ihm und frchtete ebenfalls keine Gefahr.

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An einem Sonntagnachmittag im April wanderten sie ber Land. Gertrud litt seit
einigen Wochen an bestndiger Mdigkeit und konnte nicht mitgehen.
    Lenore war eine treffliche Fugngerin, und es bereitete Daniel einen Genu,
mit ihr in gleichem, starkem Schritt dahinzueilen. Die rasche Bewegung steigerte
seine Empfnglichkeit fr die wechselnden Landschaftsbilder, ganz anders als bei
den Spaziergngen mit der bedchtigen und gern selbstvergessen schmachtenden
Gertrud.
    Nach einer Stunde trbte sich der blaue Himmel, die Sonne hrte auf zu
scheinen und groe Tropfen begannen zu fallen. Lenore hatte weder Schirm noch
Mantel mitgenommen und ging rascher. Bei einiger Bemhung konnten sie das hinter
dem Wald gelegene Gasthaus erreichen und sich dort vor dem rgsten Unwetter in
Schutz bringen.
    Als sie in dem Gedrnge vieler Leute, die ber die Landstrae zu demselben
Asyl geflchtet waren, in den Flur des Wirtshauses schlpften, ffneten sich die
Schleusen des Himmels und ein Wolkenbruch strzte nieder. Lenore, die erhitzt
war, wollte nicht in der Zugluft stehen bleiben, und sie gingen daher in den
Saal, der so voller Menschen war, da sie lange nach einem Platz suchen muten.
Eine Arbeiterfamilie, Mann und Frau und vier krnklich aussehende Kinder, rckte
willig zusammen, die beiden jngsten Knaben berlieen ihnen ihre Sthle und
suchten sich zwei andere.
    Die tiefziehenden Wolken hatten eine verfrhte Dunkelheit verursacht, und es
wurden llampen angezndet, deren Qualm sich mit den brigen schlechten
Ausdnstungen vermischte. Ein paar Dorfmusiker bliesen ein unnennbares Stck,
und den Kindern des Arbeiters leuchteten die Augen. Weil sie so artig und
bllich dasaen, strich Lenore jedem ein Butterbrot. Die Frau bedankte sich
schn, und mit dem Mann, der sich als Aufseher in einer Spiegelglasfabrik zu
erkennen gab, lie sich Daniel in eine Unterhaltung ber die Not der Zeit ein.
    Pltzlich gewahrte er an einem unfernen Tisch eine bekannte Physiognomie,
die dann zur Seite wich, um in dem brandigen Zwielicht einer zweiten, ebenfalls
bekannten Raum zu schaffen, hierauf einer dritten und einer vierten. Es sah
gespenstisch aus, und erst nach einer Weile wute er, wohin die Leute gehrten.
    Herr Hadebusch und Frau Hadebusch, Herr Francke und Herr Benjamin Dorn
hatten sich einen vergngten Sonntag gemacht. Die Brstenmachersgattin strahlte,
als sie ihren ehemaligen Mieter entdeckt hatte. Sie nickte, sie blinzelte, sie
faltete gerhrt die Hnde, und Herr Hadebusch erhob prostbietend sein Bierglas.
    Es mute ein Miverstndnis in bezug auf die Person Lenores obwalten;
sicherlich hielten sie Lenore fr Daniels Frau. Dieses Miverstndnis schien
dann durch den Methodisten, der den Schwanenhals gierig reckte, aufgeklrt zu
werden. Zwar blinzelte und nickte das dmonische Weib noch immer, aber mit einem
klagenden Ausdruck im Gesicht. Ihr Maul war geffnet, und die Hauer im
Oberkiefer starrten unheilvoll aus dem schwarzen Schlund.
    Der Schwanenhals des Methodisten schraubte sich so verwegen und pittoresk
ber alle andern Kpfe, da Lenore nicht umhin konnte, seinen Eigentmer zu
bemerken. Sie runzelte die Stirn und sah Daniel fragend an.
    Sie schaute im Kreis herum und gewahrte berall Leute aus der Stadt, die sie
teils mit Namen, teils von hufigen Begegnungen kannte. Ein Ladenfrulein aus
der Ludwigstrae; einen pockennarbigen Kommis aus einer Kolonialwarenhandlung;
die wrdige Vorsteherin eines Kindergartens; einen Beamten von der Sparkasse;
den Hutmacher von der Ecke am Marktplatz samt seiner verwachsenen Tochter; den
Feldwebel, der stets salutierte, wenn er ihren Weg kreuzte.
    Alle diese Leute waren im Sonntagsstaat und sahen sorglos und gutmtig aus.
Aber sobald ihre Blicke sich gegen sie richteten, war etwas Bses in ihren
Mienen. Die flackernden Flammen bermalten die Gesichter unheimlich, leichte
Trunkenheit machte die trgen und schmutzigen Gedanken leserlich, und voll Sorge
blickte Lenore zu Daniel auf, als msse sie sich an seine grere Erfahrung und
berlegenheit wenden.
    Es tat ihm leid um sie und leid um sich. Er wute, was ihrer und seiner
harrte. Sah er in die Hllenbreughelsche Versammlung, in der trotz Kneip- und
Festtagslaune dunkle Gelste jeder Art, verkrppelte Leidenschaften,
geheimnisvoller Neid und geheimnisvolle Rachgier etwas wie Blutgeruch
verbreiteten, so konnte er sich keiner Tuschung hingeben ber das, was ihnen
bevorstand. Lenore zu schonen und zu schtzen, eher von ihr zu lassen, als
schuldig daran werden, da das Kinderlcheln auf ihren Lippen erstarb, dies
glaubte er im stillen sich und ihr versprechen zu knnen.
    Die Arbeiterfamilie war aufgebrochen, und da es nicht mehr regnete,
entfernten sich auch die meisten andern Gste bald. In einem Raum ber dem Saal
wurde getanzt. Die Lampen klirrten, und man hrte nur das Brummen einer
Bageige. Daniel schrieb mit dem Bleistift Noten auf den Tisch; Lenore beugte
sich herzu, sah ihn fragend an und verfiel dann wieder, so wie er, in
trumerisches Sinnen.
    Keines trug nach den Worten des andern Verlangen; sie unterhielten sich
stumm und wurden durch eine unwiderstehliche Gewalt innerlich zueinander
hingezogen. Sie merkten nicht, da es Abend wurde, da der Saal sich indessen
ganz geleert hatte, da die Schankburschen die Glser wegrumten, und da
schlielich auch die Tanzmusik verstummt war.
    Wie in einer den Hhle saen sie Seite an Seite im halbfinstern Winkel, und
als sie aus dem tiefen Schweigen emportauchten, blickten sie einander in die
Augen, erst verwundert, dann in aufwallender Bestrzung.
    Was ist denn? was machen wir denn! rief Lenore halblaut, es ist spt, wir
mssen heim.
    Der Himmel war umzogen, ein lauer Wind strich ber die Ebene, auf der
Landstrae standen breite Wasserlachen. Hie und da blitzte ein Licht aus der
Dunkelheit, in fernen Drfern schallte Hundegebell. Als die Chaussee in den Wald
bog, reichte Daniel Lenore den Arm. Sie nahm ihn, lie ihn aber bald wieder los.
Daniel stockte im Schreiten und sagte fast zornig: Sind wir denn verhext, alle
beide? Sprich doch, Lenore.
    Was soll ich denn sprechen? erwiderte Lenore leise, ich wei nicht, was
ich sprechen soll. Mir ist so bang; die Nacht ist so finster.
    Dir ist bang? dir, Lenore? Du kennst eben nicht die Nacht. Um dich und in
dir war's noch nie Nacht, und jetzt verstehst du vielleicht, wie's einem
Nachtmenschen zumut ist.
    Sie antwortete nicht.
    Gib mir die Hand, bat er, ich will dich fhren.
    Sie gab ihm die Hand. Bald sahen sie die Lichter der Stadt.
    Er geleitete sie ans Haus, aber statt Abschied zu nehmen, schauten sie
einander wieder mit verwirrten, suchenden, hilflosen Augen an, beide bleich und
stumm.
    Lenore eilte in den Flur, drehte sich bei der Stiege um und winkte lchelnd
wie aus einem Nebel zurck. Mit geschnrter Kehle starrte er auf die Stelle, wo
die schlanke Gestalt verschwunden war.

                                       4


Ohne der Zeit zu achten, ohne Mdigkeit, ohne bestimmte Gedanken, abgelst von
Pflicht und Gegenwart, wanderte er dann planlos durch die Gassen. Eine Spelunke
auf der Insel Schtt sah ihn spt noch als Gast. Zusammengekauert, die Hand vor
die Augen gepret, nicht sehend, hrend, fhlend, sa er da. Verschtteter
Schnaps glitzerte auf dem Tisch wie Grind, Kartenspieler fluchten, der Wirt war
betrunken.
    Feuerlrm auf der Strae trieb ihn hinaus. Es brannte in der Vorstadt
Schoppershof. Der Himmel war gertet, Rieselregen fiel. Es schien Daniel, als ob
die Atmosphre von einer herzzermalmenden Unglcksahnung durchzittert sei. ber
dem Laufertor wirbelte eine Funkengarbe in die Hhe.
    Da stieg in grandiosem Bogen die Melodie empor, auf welche er so lange und
in vielen verzweifelten Nchten geharrt, und offenbarte sich wie mitgeboren zu
den Worten der Harzreise: Mit der dmmernden Fackel durchleuchtest du ihm die
Furten bei Nacht, ber grundlose Wege, auf den Gefilden.
    In schluchzenden Terzen, immer noch einmal zurckstrebend, senkten sich die
Stimmen, und oben blieb eine einsam, in der Umkehrung fromm entrckt.
    Er summte die Melodie mit bebenden Lippen laut vor sich hin, als ihm im
Rosental der Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts mit seiner Bande begegnete.
Diese also zigeunerten noch immer durch die Nchte.
    Sie redeten alle durcheinander; ihr Wegziel war die Feuersbrunst. Unerkannt
ging Daniel vorber, da gellte die Stimme des Malers Krapotkin durchdringend:
Heil dem, was flammt! Heil den Kommenden! Das Gelchter der Sumpfbrder
verhallte in der Ferne.
    Gertrud stand oben am Treppengelnder der Wohnung, mit der Kerze in der
Hand. Seit zwlf Uhr wartete sie bei der Stiege. Um elf Uhr hatte sie am Haus
des Vaters angelutet; die erschrockene Lenore hatte ihr, vom Fenster herunter,
mitgeteilt, da sie sich schon um neun Uhr von Daniel getrennt habe.
    Er fhrte die halb entseelte Frau in die Stube. Warte niemals auf mich,
niemals, sagte er.
    Er ffnete das Fenster, wies in den glhenden Himmel hinter der Kirche, und
whrend sie den Kopf mit geschlossenen Augen an seine Schulter lehnte, sagte er
mit einer skurrilen Verzerrung seines Gesichts: Schau hin, es brennt. Heil dem,
was flammt. Heil den Kommenden.

                                       5


Lenore hatte am andern Morgen keinen Gedanken mehr fr die Frage brig, warum
Daniel nicht nach Hause gegangen war.
    Der Inspektor war eben mit dem Frhstck fertig, als mit Heftigkeit die
Klingel gezogen wurde. Lenore ging hinaus, um zu ffnen, und kehrte alsbald mit
Herrn Zittel zurck, der sich in ungewhnlicher Aufregung befand.
    Ich komme, um mich nach Ihrem Sohn zu erkundigen, Herr Inspektor, fing er
an und hstelte verlegen.
    Nach meinem Sohn? entgegnete Jordan erstaunt; ich war der Meinung, Sie
htten ihm fr drei Tage Urlaub gegeben.
    Davon ist mir durchaus nichts bekannt, sagte Herr Zittel.
    Er ist am Samstagabend nach Bamberg zu seinem Freund Gerber gefahren, um
ein Stiftungsfest oder dergleichen mitzufeiern, und wir erwarten ihn erst
morgen. Wenn Sie nichts davon wissen, wird ihm wohl Herr Diruf den Urlaub
gegeben haben.
    Der Bureauchef prete die Lippen zusammen. Knnen Sie mir die Adresse
dieses Herrn Gerber mitteilen? fragte er. Ich mchte telegraphieren.
    Um Gottes willen, was ist geschehen, Herr Zittel? rief der Inspektor
erblassend.
    Herr Zittel starrte mit seinen grnglitzernden Augen dster in die Luft. Am
Samstagnachmittag bergab Herr Diruf Ihrem Sohn einen Scheck ber
dreitausendsiebenhundert Mark mit dem Auftrag, ihn bei der Filiale der
bayrischen Bank einzulsen und das Geld mir abzuliefern. Ich hatte Geschfte und
kam an dem Nachmittag nicht mehr ins Bureau. Heute nun, vor einer halben Stunde,
frug mich Herr Diruf, ob ich das Geld erhalten habe. Es stellte sich heraus, da
Ihr Sohn sich am Samstag nicht mehr hatte sehen lassen, und da er auch diesen
Morgen nicht gekommen ist, werden Sie unsere Unruhe begreiflich finden.
    Der Inspektor reckte sich steif in die Hhe. Herr, soll das etwa heien,
da man meinen Sohn einer verbrecherischen Handlung bezichtigt? donnerte er und
drckte die Knchel der geballten Faust auf den Tisch.
    Herr Zittel zuckte die Achseln. Es ist ja mglich, da ein Miverstndnis
oder eine Nachlssigkeit vorliegt, antwortete er; immerhin sind die Umstnde
bedenklich; man mu rasch eingreifen, und wenn Sie mich im Stich lassen, mu ich
polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen.
    Jordans Gesicht wurde fahl. Er suchte an seinem langen schwarzen Rock aus
irgendeinem Grund nach der Tasche. Der Rock hatte keine Tasche, trotzdem fuhr er
mit hastigen Fingern zu suchen fort. Er wollte sprechen, aber die Zunge
gehorchte ihm nicht; seine Stirn bedeckte sich mit Schwei.
    Lenore umfate ihn mit gengstigter Zrtlichkeit. Ruhig, Vterchen, redete
sie ihm zu, nur nicht gleich ans Schlimmste denken. Setz dich schn hin und la
uns berlegen. Sie wischte mit dem Taschentuch seine Stirn ab und hauchte einen
Ku darauf.
    Der Inspektor fiel widerstandslos in den Sessel und blickte Lenore voll
flehender Spannung in die Augen. Von der ersten Sekunde an hatte sie gewut, was
sich ereignet hatte und was kommen mute. Aber sie durfte ihm nicht zeigen, da
sie ohne Hoffnung war und bot ihre ganze Kraft auf, um den alten Mann vor dem
Zusammenbruch zu bewahren.
    Mit Zittels Beistand verfate sie eine Depesche an jenen Gerber. Die als
dringlich vorbezahlte Antwort sollte an die Generalagentur gelangen, und Lenore
sollte zwischen elf und zwlf Uhr dorthin kommen. Sie begleitete Herrn Zittel in
den Flur, und der Bureauchef sagte: Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, um das
Geld herbeizuschaffen. Wird der Schaden sofort beglichen, so verzichtet Herr
Diruf auf eine gerichtliche Verfolgung.
    Lenore wute aber, da eine solche Summe schwerlich zustande gebracht werden
konnte. Der Vater besa keine Ersparnisse mehr. Auch hatten seine Arbeitgeber
kein Vertrauen mehr zu ihm. Er war keiner Anstrengung mehr gewachsen und der
Ruhe bedrftig.
    Mit freundlicher Miene betrat sie die Stube und sagte lebhaft: So, Vater,
nun wollen wir abwarten, was Benno antwortet, und damit du dich nicht
vergrbelst, les' ich dir was Hbsches vor.
    Auf einem Schemel zu Fen des Vaters sitzend, las sie ihm aus einer Nummer
der Gartenlaube die Schilderung einer Montblancbesteigung vor; und dann
anderes, worauf gerade ihr Auge fiel. Whrend ihre helle Stimme einsam durch das
Gemach schwirrte, rang sie mit Entschlssen und lauschte auf den Pendelschlag
der Uhr. Da der Vater ebensowenig wie sie selbst den Sinn des Gelesenen
aufnahm, war ihr klar.
    Endlich schlug es elf Uhr. Da erhob sie sich und sagte, sie msse in die
Kche, um Feuer zu machen. Es kam an Mittagen sonst eine Bedienerin, die das
Essen kochte, diese war noch nicht da. Im Flur ri Lenore ihren Strohhut vom
Nagel und flog schnell wie der Wind zu Gertrud hinber. Daniel war nicht zu
Hause; Gertrud schlte Kartoffeln.
    Drei Stze, und Lenore hatte der Schwester alles gesagt. Geh gleich mit mir
und geh hinauf zum Vater, schlo sie; acht auf ihn, halt ihn zurck, wenn er
fortgehn will, in einer halben Stunde bin ich wieder bei euch.
    Gertrud wurde von Lenore die Stiege frmlich hinuntergezerrt, und eh sie
noch eine Frage stellen konnte, war Lenore verschwunden.
    In der Generalagentur kam ihr Herr Zittel mit dem geffneten
Antworttelegramm entgegen. Es war von jenem Gerber, Bennos Freund, unterzeichnet
und lautete: Benno Jordan ist nicht hier gewesen.
    Benjamin Dorn stand hinter Herrn Zittel und trug eine Miene slich
klagenden Bedauerns zur Schau.
    Herr Diruf lt Sie bitten, sich zu ihm zu bemhen, sagte der Bureauchef
kalt.
    Mit bleichem Gesicht trat Lenore in Dirufs Privatkanzlei. Herr Diruf schrieb
an die drei Minuten weiter, ehe er von ihrer Gegenwart Kenntnis nahm. Dann
ffneten sich die Pflaumenaugen trge, ein seltsam genuschtiges Lcheln
huschte blitzschnell unter seinem Schnurrbart hervor, und er sagte: Der Filou
ist also gepurzelt. Nicht wahr?
    Lenore rhrte sich nicht.
    Kann die veruntreute Summe binnen vierundzwanzig Stunden ersetzt werden?
fragte der fette und finstere Frst der Schreiber.
    Mein Vater wird tun, was menschenmglich ist, flsterte Lenore gepret.
    Haben Sie die Gte, Ihrem Vater auszurichten, da ich morgen Mittag um
zwlf Uhr die Anzeige erstatten werde, wenn bis dahin die
dreitausendsiebenhundert Mark nicht an meine Kasse bezahlt sind.
    Lenore eilte nach Hause. Nun mute der Vater aufgerttelt werden. Gertrud
und der Inspektor saen in einem furchtbaren Schweigen beieinander. Lenore
enthllte das nicht mehr zu verbergende Unglck.
    Mein guter Name, sthnte Jordan gemartert.
    Vor der Schande mute er sich retten. Die gewhrte Gnadenfrist erschien ihm
als ein sicheres Mittel zur Rettung. Er zweifelte nicht, da er dienstbereite
Freunde finden wrde, denn er hatte ja etwas, worauf er pochen konnte: eine
makellose Vergangenheit und den Ruf eines zuverlssigen Mannes.
    So sagte er sich; und als er einmal den Entschlu gefat hatte, die Dienste
der Freunde, deren er sicher zu sein whnte, aufzurufen, schien ihm auch der
schwierigste Teil seines Vorhabens berwunden. Das Leiden, zu dem ihn der
tdlich getroffene Stolz, die enttuschte und zertretene Vaterliebe verurteilte,
hatte er allein zu tragen; das stand auf einem Blatt fr sich.
    Und er ging aus, sich an die Freunde zu wenden.

                                       6


Sein erster Gang galt dem Schwager seiner Schwester, dem pensionierten
Oberstleutnant Kupferschmied. Seine Schwester war vor einem halben Jahr
gestorben und hatte nichts hinterlassen, der Oberstleutnant jedoch war
vermgend; er hatte in die Familie eines reichen Fabrikanten geheiratet. Jordans
Beziehungen zu ihm waren stets angenehm gewesen, ja der alte Militr schien eine
besondere Vorliebe fr ihn gefat zu haben. Kaum vernahm er aber jetzt, was von
ihm gefordert wurde, so zeigte er sich hchst aufgebracht. Er sagte, er habe das
Unheil kommen gesehen; wer seine Kinder ber die Verhltnisse erziehe, msse
sich nicht wundern, wenn schlechte Menschen aus ihnen wrden, und nichts in der
Welt knne ihn bestimmen, auch nur einen roten Heller herzugeben.
    Jordan entfernte sich wortlos.
    Der zweite Gang fhrte ihn zu seinem alten Bekannten, dem Notar Rbsam. Da
vernahm er viel Bedauern, zahlreiche Ausrufe des Entsetzens, ein Ach bers
andere, Klagen ber die elenden Zeiten, Verwnschungen sumiger Zahler, endlose
Trostsprche und leere Ratschlge. Gestern noch sei das Geld annhernd beisammen
gewesen; knftigen Monat fliee vielleicht wieder etwas ein, aber heute, gerade
heute habe man die flligen Steuern erlegen mssen, und so weiter, und so
weiter.
    Niedergedrckt von dem Gewicht der Demtigung, wanderte Jordan zum Dritten,
einem Kaufmann namens Hornschuch, dem er einst wichtige Hilfe geleistet. Diese
hatte Herr Hornschuch vergessen, nicht aber die Warnungen, die er dem Inspektor
im Hinblick auf den zutage tretenden Leichtsinn des jungen Benno angeblich habe
zuflieen lassen. An Geld fehle es ihm selber; er habe ultimo vorigen Monats
eine Hypothek kndigen mssen, und seine Frau habe sogar ihren Diamantschmuck
verpfndet.
    Und so ging es beim vierten, einem Baumeister, der einmal zu Jordan gesagt,
er werde Hab und Gut fr ihn opfern, wenn Not am Mann sei; und so beim fnften
und beim sechsten und beim siebenten. Mit wehem Herzen tat Jordan schlielich
das uerste: er ging zu Diruf, um ihn zu bitten, die Frist auf drei Tage zu
verlngern. Aber Herr Diruf sa unnahbar auf seinem Schreibsessel. Er rauchte
eine knppeldicke Havannazigarre, der Solitr warf ein blendendes Feuerwerk, er
lchelte md, kalt und erstaunt und schttelte den Kopf.
    Als Jordan gegen Abend nach Hause kam, befanden sich Daniel und Gertrud im
Zimmer. Gertrud sttzte den Wankenden und brachte ihm ein Glas Wein zur
Strkung. El hatte seit dem Frhstck nichts zu sich genommen.
    Wo ist Lenore? murmelte er, schien jedoch kein Interesse an der Antwort zu
haben, sondern lie sich auf einen Stuhl fallen und prete den Kopf zwischen
beide aufgesttzte Arme.
    Gertrud, die ihn erlschen sah wie ein Licht verlischt, wurde es schwindlig
vor Mitleid. Ihre letzte Hoffnung war auf Lenore gerichtet, die um fnf Uhr
fortgegangen war, weil sie es unertrglich gefunden hatte, Stunde um Stunde
nichtstuend auf den Vater zu warten. Bei jedem Gerusch, das im Hause
erschallte, horchte sie begierig auf.
    Daniel stand am Fenster und starrte in die violette Dmmerung ber dem
stillen Platz.
    Es schlug sieben Uhr, es schlug halb acht, es schlug acht, Lenore kam nicht.
Daniel fing an, erregt durch das Zimmer zu gehen. Wenn er mit dem Fu an einen
Sessel stie, zuckte Gertrud zusammen.
    Kurz nach acht Uhr ertnten Schritte auf der Stiege. Der Schlssel kreischte
im Gatterschlo, die Stubentr ging auf, und herein traten Lenore und Philippine
Schimmelweis.

                                       7


Alle sahen Philippine an; sogar der Inspektor heftete einen matten Blick auf
sie. Daniel und Gertrud waren sehr befremdet. Daniel erkannte seine Base nicht,
denn er wute nichts von ihr und hatte sie nur einmal als Kind gesehen. Er wute
nicht, wer das abschreckend aussehende Wesen war und forderte mit einem
fragenden Emporheben der Brauen von Lenore eine Aufklrung.
    Lenore war die einzige, die Philippine wohlwollend betrachtete, und auerdem
lag in ihrer Miene eine gewisse Neugier.
    Philippines ganze Erscheinung hatte etwas Monstrses. Schon ihre Toilette
war abenteuerlich. Der groe, braune Strohhut mit dem steif in die Hhe
strebenden Band war ein wenig nach hinten geschoben, damit die ber die Stirn
hngenden modischen Simpelfransen nicht um ihre Wirkung gebracht wrden. Das
grell karierte Kleid war unterhalb der Brust mit einem gelben Stoffgrtel so
fest umschnrt, da die Plumpheit des Krpers dadurch ins Lcherliche wuchs und
ihn einer groen Sanduhr hnlich machte. Die grob geschnittenen Zge hatten den
Ausdruck lauernder Tcke.
    Nach einigen Minuten peinlicher Stille schritt sie auf Daniel zu und zupfte
ihn am rmel. Gell, du weit gar nicht, wer ich bin? fragte sie, und ihre
kleinen Augen blitzten ihn mit rtselhafter Wildheit an; ich bin die
Philippine; die Philippine Schimmelweis bin ich.
    Daniel wich vor ihr zurck. Nun gut, was soll's? fragte er stirnrunzelnd.
    Sie folgte ihm, packte ihn abermals am rmel und zog ihn in eine Ecke. Hr
zu, Daniel, lispelte sie, mein Vater, der mu dir Geld geben, so viel du
brauchst. Dein Vater nmlich hat vor vielen, vielen Jahren alles Geld, was er
gehabt hat, dreitausend Taler, meinem Vater gebracht, damit er's fr dich
aufhebt. Verstehst? Ich hab's erhorcht, wie mein Vater mit meiner Mutter davon
gesprochen hat. Das ist auch schon an die sieben Jahre her, aber ich hab mirs
damals hinter die Ohren geschrieben. Mein Vater hat das Geld fr sich verwendet;
er denkt, er kann's behalten. Geh hin und verlang, was du haben mut, um denen
da zu helfen. Darfst mich aber nicht verraten, sonst schlagen sie mich tot,
verstehst? Darfst kein Sterbenswort von mir sagen, gell?
    Ist das wahr? entrang es sich Daniel, in dem unsglicher Zorn mit
unsglichem Ekel kmpfte.
    Es ist wahr, Daniel, bei meiner Ehr und Seligkeit, erwiderte Philippine,
geh nur hin; wirst schon sehen, da es wahr ist.
    Lenore wandte whrend des Zwiegesprchs der beiden, aus dem kaum der Ton der
Stimmen zu ihr drang, keinen Blick von ihnen ab.

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Seit dem Tage, an welchem Philippine ihren Bruder Markus zum Krppel gemacht
hatte, war sie eine Gechtete im Haus ihrer Eltern gewesen.
    Schwerlich hatte sie jemals Anlagen zur Gte und Heiterkeit besessen, aber
die barbarische Zchtigung ihres Vaters hatte ihre Seele fr immer verdunkelt
und befleckt. Von ihrem zwlften Jahr an wurde ihr Geist ausschlielich vom Ha
regiert.
    Der Ha erweckte sie, zeugte Gedanken und Plne in ihr, verlieh ihr
Willenskraft und Khnheit und gab ihr eine frhzeitige Reise.
    Sie hate ihren Vater, ihre Mutter und ihre Brder.
    Sie hate das Haus und seine Stuben, das Bett, in dem sie schlief, den
Tisch, an dem sie a. Sie hate die Leute, die in die Wohnung, die Kunden, die
in den Laden kamen, die Migsteher am Schaufenster, den langen Zwanziger, die
Bcher und die Zeitschriften.
    Aber an jenem Mittag, als sie das Gesprch zwischen Vater und Mutter
belauscht, hatte sich in ihrem finsteren und verwahrlosten Gemt dem Ha eine
zweite Macht beigesellt. Mit brennendem Kopf hinter der Tr stehend, hatte sie
gehrt, da sie mit Daniel sollte verheiratet werden. Dieses Wort hatte sich die
Dreizehnjhrige mit der ganzen Wildheit einer Gefesselten, mit der ganzen
Verbissenheit einer Phantasielosen zu eigen gemacht.
    Sie hatte darin nicht einen mehr oder weniger aussichtsvollen Plan des
Vaters, sondern eine Schicksalsbotschaft hatte sie vernommen und lebte von nun
an einer Idee, die Licht und Zweck in ihr Dasein brachte.
    Kurz nach seiner Ankunft in Nrnberg hatte sie Daniel unter den Mebuden auf
der Insel Schtt zum erstenmal gesehen; der Vater hatte ihn ihr gezeigt. Sie
wute, da er Musiker werden wollte; sie empfand dabei nichts. Sie wute, da es
ihm schlecht ging; sie sprte weder Mitleid noch Bedauern. Als sie ihn spter im
Konzertsaal erblickte, war er ihr schon der Versprochene; er gehrte ihr; ihn zu
erringen, ihn in ihre Gewalt zu bekommen, gleichviel auf welche Art, war ihr
unvernderliches Trachten, ein Gefhl, in welchem sich Tierisches und Wahnsinn
seltsam mischte.
    Die Diebsthle, die sie entschlossen und regelmig verbte, huften sich im
Laufe der Jahre zu einer stattlichen Summe. Nicht frech wie Diebe sonst, wurde
Philippine mit der Zeit immer vorsichtiger. Darin, eine ehrliche Miene zur Schau
zu tragen, erreichte sie eine solche Meisterschaft, da selbst Jason Philipps
Argwohn, als es einmal doch zu einer strengen Untersuchung kam, durch ihr
Benehmen zerstreut wurde.
    Sie hoffte wohl, sich mit dem gestohlenen Geld eine gewisse Unabhngigkeit
zu sichern. Denn stets war sie darauf gefat, da ihr die Eltern eines Tages das
Haus verbieten wrden. Sie war berzeugt, Vater und Mutter warteten nur auf die
Gelegenheit, sich ihrer unter einem Schein von Recht zu entledigen.
    Ferner hatte sie zwei Leidenschaften: eine fr Sigkeiten und eine fr
bunte Bnder.
    Die Sigkeiten kaufte sie am Abend; da schlich sie heimlich in den Laden
des Zuckerbckers Degen und verlangte mit lstern aufgerissenen Augen fr
zwanzig Pfennige gefllte Pralinees, an denen sie bis zum Schlafengehen
schleckte.
    Die Bnder nhte sie zu Schleifen, um sie entweder auf dem Hut oder am Hals
oder am Kleid zu tragen. Je greller eine Farbe war, je mehr gefiel sie ihr.
Fragte die Mutter, woher hast du das Band? so mute sie lgen, und obwohl sie
keine Freundin hatte, berhaupt keinen Verkehr, sagte sie, dies oder jenes
Mdchen schenke ihr bisweilen Bnder. Wenn der Reichtum gar zu auffllig schien,
zierte sie das Kleid erst nach dem Verlassen des Hauses in irgendeinem dunklen
Torweg mit dem Band.
    Den Gang auf den Dachboden wagte sie hchstens einmal in der Woche. Da
muten die Brder in der Schule und die Eltern im Laden sein. Die Angst, man
knne sie ihres Schatzes berauben, machte sie von Jahr zu Jahr unsteter und
drcke sich in ihrem Gesicht als ein bsartiges Mitrauen aus.
    Zitternd stieg sie die dreizehn Stufen vom Vorplatz der Wohnung zum
Bodenraum empor. Da es gerade dreizehn Stufen waren, gab den ersten Ansto zu
dem Aberglauben, dem sie sich in spterer Zeit mit wollstigem Schaudern
berlie. Hatte sie die unterste Stufe mit dem linken Fu betreten und merkte es
in der Mitte der Treppe, so kehrte sie um und verzichtete fr diesen Tag auf den
Anblick ihres Reichtums.
    Sie frchtete sich vor Gespenstern, Hexen und Zauberern und wurde
kreidewei, wenn eine Katze vor ihr ber die Strae lief.
    Therese hielt keine Magd mehr, und durch die Arbeit in der Kche wurde
Philippines Teint rauh und an ihren Hnden sprang die Haut. Oft entzog sie sich
dem Geschirrwaschen und Tellersplen durch die Flucht, dann keifte und schrie
Therese, da die Nachbarinnen die Kpfe zu den Fenstern herausstreckten. Da
rchte sich Philippine, indem sie Bettberzge, Hemden und Handtcher, die im
Flickkorb lagen, absichtlich beschdigte und zerri. Sie bediente sich hierbei
einer Verwnschungsformel, die sie sich erdacht hatte, und die aus
bedeutungsvoll klingenden, aber vllig sinnlosen Worten zusammengesetzt war.
    Sie hegte den absonderlichen Wahn, da es ihr gegeben sei, Unglck ber die
Menschen zu bringen. Um die Zeit, als Jason Philipp anfing, ber schlechten
Geschftsgang zu klagen, versprte Philippine eine teuflische Genugtuung. Sein
Gesinnungswechsel hatte die ehemaligen Parteigenossen vertrieben und die neuen
glaubten ihm nicht. Er mute wieder zu zweideutigen Druckwerken greifen, um Geld
zu verdienen, und bald war es blich, da die Leute verchtlich lchelten, wenn
von der Schimmelweisschen Buchhandlung die Rede war. Die Arbeiter-Assekuranz
warf lange nicht mehr so viel ab wie am Anfang, denn der Kredit der Prudentia
und ihrer Werber war untergraben.
    Es gibt ein Gesetz beim Fallen und Steigen brgerlicher Existenzen. Von
heute zu morgen veralten des einen Redlichkeit und Flei, veralten die Schliche
und Winkelzge des andern. So fiel der Inspektor Jordan, so ging es mit Jason
Philipp Schimmelweis bergab.
    Philippine schrieb dies ihrem stillen, verderblichen Wirken zu. Jedes
Migeschick, das den Vater traf, lockerte die Kette, die sie an freier Bewegung
hemmte. In verruchten Stunden trumte sie von Not und Hunger, Bankrott und
Verzweiflung der Ihren. Dann brauchte sie nicht lnger das Aschenbrdel zu sein,
frh aufzustehen, um Holz zu spalten und den Brdern die Stiefel zu putzen; dann
war offener Weg zwischen ihr und Daniel.

                                       9


Manchmal dachte sie, sie knne einfach hingehen und bei ihm bleiben. Manchmal
schien es ihr, als werde er kommen und sie mitnehmen. Eines oder das andere
mute geschehen, so dachte sie.
    An einem Sonntagabend, es war gerade der Tag, an dem sie achtzehn Jahre alt
geworden, kam ein Unteragent Jason Philipps, ein Mensch namens Pfefferkorn, in
die Wohnstube und erzhlte beilufig, da die ltere der Jordanschen Tchter
seit langer Zeit mit dem Musikus Nothafft verlobt sei, da dieses Verlbnis
geheim gehalten worden sei, da aber nun die Hochzeit unmittelbar bevorstehe.
    Wie ich hre, ist ja der Musikus Ihr Neffe, schlo Pfefferkorn seinen
Bericht.
    Jason Philipp starrte finster vor sich hin, Therese, die ihren
Zichorienkaffee schlrfte, stellte die Tasse auf den Tisch und musterte ihren
Mann mit geringschtzigem Blick.
    Da brach Philippine in ein Gelchter aus, das allen durch Mark und Bein
ging. Sie rannte aus dem Zimmer und schlug die Tre krachend hinter sich zu.
Die ist wohl nicht bei Trost, murmelte Jason Philipp wtend.
    Es kam dann jene Julinacht, in der sie ganz vom Hause fortblieb. Jason
Philipp wetterte und brllte, als sie am andern Morgen zurckkehrte, aber sie
blieb stumm. Er sperrte sie sechzehn Stunden lang in den Keller; sie blieb
stumm.
    Hierauf verlie sie monatelang das Haus nicht mehr; wusch und frisierte sich
nicht mehr; hockte in der Kche und die verstrhnten Haare hingen wst ber
Nacken und Schultern.
    Eine verzehrende Rachgier tobte in ihrer Brust, und die Geduld, die sie
wider Willen ben mute, erstarrte nach und nach zur Miene heuchlerischen
Stumpfsinns.
    Pltzlich fing sie wieder an, sich zu schmcken und schlenderte an
Nachmittagen durch die Straen. Ihre geschmacklos grellen Bnder erregten Spott
bei jung und alt.
    Sie hatte auskundschaftet, da Lenore Jordan hufig die Vortrge im
Kulturverein besuchte. Sie ging gleichfalls dorthin, drngte sich immer dicht an
Lenore heran, aber deren Aufmerksamkeit zu erregen wollte ihr lange nicht
gelingen. Einmal sa sie neben Lenore; ein Wanderprediger hielt eine Rede ber
Leichenverbrennung. Philippine zog ihr Taschentuch und drckte es an die Augen,
als ob sie weine. Betroffen wandte sich Lenore zu ihr und fragte, was ihr fehle.
Es sei halt gar so traurig, was der alte Herr dort oben vorbringe, antwortete
Philippine. Lenore verwunderte sich, da in den Ausfhrungen des Redners nichts
enthalten war, was traurig genannt werden oder irgendeinem Menschen Trnen
entlocken konnte.
    Nachher ging sie mit Philippine zusammen weg, und als ihr das hliche
Geschpf sein Elend schilderte, wie sie von den Eltern und Brdern Mihandlungen
erleiden msse und niemand auf der Welt habe, der sich um sie kmmere, wurde
Lenore von diesen Klagen bewegt; der Umstand, da Philippine Daniels leibliche
Base war, beschwichtigte ihren Widerwillen und sie versprach ihr, sie bisweilen
zu einem Spaziergang abzuholen.
    Sie hielt ihr Versprechen. Sie achtete nicht auf das Kopfschtteln der ihnen
Begegnenden, wenn sie mit der vierschrtigen, marktschreierisch aufgetakelten
jungen Dame in den Anlagen am Stadtgraben wandelte. Aber spter zog sie es doch
vor, die Promenaden, die zwei- oder dreimal jeden Monat stattfanden, in die
Abendstunden zu verlegen.
    Philippine wnschte es selbst. Sie deutete an, da zwischen den Familien
Nothafft und Schimmelweis eine geheimnisvolle Feindschaft herrsche und beschwor
Lenore, sie mge Daniel den Verkehr mit ihr verschweigen. Es war Lenore
peinlich, dies von Philippine immer von neuem gefordert zu hren. Die lauernde
Art, mit der Philippine das Gesprch auf Daniel und Gertrud zu bringen suchte,
hatte etwas Zudringliches; sie wollte bald dies bald jenes wissen, fragte
unverschmt nach Gertruds Mitgift und verlangte schlielich, Lenore solle ihre
Schwester einmal mitbringen.
    Da versprte Lenore ein heftiges Grauen vor dem Mdchen, und Bestrzung
erfate sie, als sie trotz der Dunkelheit die megrenhafte Bosheit in
Philippines Gesicht bemerkte. Eine unberhrbare Stimme warnte sie; soweit sie
es ohne beleidigende Abwehr zu tun vermochte, entzog sie sich dem Umgang wieder.
Htte sie auch nicht Verschwiegenheit zugesagt, ein Gefhl, halb Furcht, halb
Scham, htte sie gehindert, vor Daniel den Namen Philippines zu nennen.
    Sie ahnte nicht, da sich Philippine im verborgenen an ihre Fersen heftete.
Philippine kannte alsbald die Stunden, in denen sich Daniel und Lenore zu
treffen pflegten, und folgte ihnen in bemessenem Abstand auf allen ihren Wegen.
Warum sie dies tat, wute sie kaum; es zwang sie dazu.
    Und was sie bei Lenore erreicht hatte, wollte sie auch bei Gertrud
erreichen. Im Metzgerladen, auf dem Buttermarkt, bei der Gemsehndlerin,
tauchte sie auf einmal auf, starrte Gertrud frech ins Gesicht, gab sich eine
alberne Wichtigkeit und sagte etwa: Gottich, Gottich, wie teuer sind heuer die
Bohnen; oder: ein kaltes Lftla weht, da kann man das Reien kriegen. Aber
Gertrud war viel zu weltverloren und viel zu empfindlich gegen fremde Berhrung,
um so plumpe Annherungsversuche zu beachten.
    Warte nur, dachte dann Philippine ergrimmt, dein Hochmut wird dir noch
heimgezahlt.

                                       10


An dem fr die Jordansche Familie so verhngnisvollen Montag hatte es wegen
Philippines bestndigen Streunens wieder einen heftigen Zank mit ihrer Mutter
gegeben. Therese keifte noch, als Jason Philipp aus dem Laden heraufkam und sich
erkundigte, was denn schon wieder los sei.
    Frag nicht, rief Therese gellend, lehr lieber deine Tochter Mores. Die
Kanaille wird noch im Zuchthaus enden, das prophezei ich dir.
    Philippine verzog hmisch das Gesicht. Jason Philipp schien aber heute keine
Lust zu haben, als strafende Macht aufzutreten; er hatte eine Neuigkeit im Sack
und strahlte.
    Da bin ich dem Hornschuch begegnet, wandte er sich an Therese, du kennst
ihn ja, Firma Hornschuchs Erben, schwerreiche Leute brigens, und der Mann
erzhlt mir, der junge Jordan htte bei der Prudentia Geld unterschlagen und
sich aus dem Staub gemacht. Ich laufe gleich auf die Generalagentur, und Zittel
besttigt es mir Wort fr Wort. Beinahe viertausend Mark sind es! Der Inspektor
soll das Geld ersetzen, hat aber nicht das Schwarze unterm Nagel im Vermgen und
ist infolgedessen bs in der Klemme, denn Diruf droht mit dem Gericht. Diruf
versteht da keinen Spa. Was sagst du dazu?
    Therese wickelte die Hnde in ihre Schrze und warf einen schrgen Blick auf
Jason Philipp. Sie erriet den Grund seiner Freude und lie schweigend den Kopf
sinken.
    Jason Philipp schmunzelte vor sich hin. An den Ofen gelehnt, pfiff er
behaglich. Immer noch die Marseillaise, aus Vergelichkeit und in jahrelanger
Gewhnung.
    Er hatte nicht gesehen, wie Philippine seinen Worten mit verhaltenem Atem
gelauscht und wie ein schreckliches Flammen ihre Zge von innen erleuchtet
hatte. Sie erhob sich und verlie mit raschelnden Schritten die Stube.
    Fnf Minuten spter stand sie vor dem Jordanschen Haus. Sie schickte einen
kleinen Buben hinauf und lie sagen, das Frulein Lenore mge herunter kommen.
Sie erhielt den Bescheid, Lenore sei fortgegangen. Da blieb sie am Tor stehen
und wartete.

                                       11


Von ihrer Qual getrieben, war Lenore zu Martha Rbsam geeilt und hatte erfahren,
da der Vater schon vor drei Stunden dort gewesen war. Aus dem verlegenen Wesen
der Freundin erriet sie, da der Vater eine Bitte, und eine vergebliche Bitte,
getan hatte.
    Dann stand sie auf einer Hauptstrae und schaute verstrt in die
vorbeiflutende Menge. Alles war so grauenhaft wirklich.
    Sie dachte nach. An wen sich wenden? Eine Purpurwelle scho in ihr Gesicht,
als ihr Eberhard einfiel. Unwillkrlich machte sie eine leidenschaftlich
wehrende Bewegung. Der erste Strahl dieser Hoffnung war zugleich der letzte. Das
Gewissen schlug ihr, doch konnte sie nicht anders; hier war ein Gefhl,
unzugnglich fr Grnde, gegen jeden Zuspruch zehnfach gewappnet. Er war
auerdem verreist; mit einem Seufzer der Erleichterung entsann sie sich, es
erfahren zu haben.
    Ob Daniel nicht zur Freifrau gehen wrde? Nein, es war nicht zu denken.
    Sie ertrug die Stadt nicht, die Menschen nicht mehr und ging durch die
Grten der Beste aufs Feld. Sie ertrug den Himmel nicht, die weiten Blicke nicht
und kehrte wieder um. Sie kam durch die Fll, trat ins Caroviussche Haus und
lutete bei Frau Benda an. Sie wute, da die alte Dame fort war; trotzdem, wie
mit verwirrten Sinnen, lutete sie viermal. Wenn doch Benda kme, wenn doch der
gtige Freund in seinem Zimmer se und zu ihr herauskme!
    Aber es rhrte sich nichts. Aus dem ersten Stock drangen die Tne eines
Klaviers in vollen Akkorden herauf, im Hof heulte Csar, der Hund.
    Mit pochendem Herzen begab sie sich auf den Heimweg. Am Tor gewahrte sie
Philippine.
    Hab von euerm Unglck gehrt, redete Philippine sie mit ihrer krhenden
Stimme an. Keiner kann euch helfen, nur ich.
    Sie? Sie knnen helfen? stammelte Lenore und der ganze Platz drehte sich
im Kreis um sie.
    Ehr und Seligkeit, ich kann's. Mu blo mit dem Daniel sprechen. Fackeln
wir nicht lang. Ist er droben?
    Ich glaube, er ist droben. Wenn nicht, hol ich ihn.
    Also gehn wir hinauf.
    Sie schritten zur Stiege.

                                       12


Jason Philipp war zu einem gemtlichen Abend in der Gesellschaft
Schlapperatzen geladen und benutzte die Siesta nach dem Nachtessen zur Lektre
des Leitartikels im Kurier. Darin war eine Rede Bismarcks so witzig glossiert,
da Jason Philipp einigemale ein schadenfrohes Beifallsknurren hren lie.
    Er hatte sich eine Apfelsine mitgebracht; die Frucht lag zerschnitten und
mit Zucker bestreut neben ihm auf einem Teller. Von Zeit zu Zeit langte er hin,
ergriff ein Stckchen, schob es in den Mund, schmatzte umstndlich und leckte,
wenn es verschlungen war, die Lippen. Da stierten dann beide Shne lstern auf
seine Hand und leckten im geistigen Mitgenu ebenfalls ihre Lippen.
    Willibald sthnte ber einer algebraischen Gleichung; auf seinem grauen,
finnigen Gesicht lag Unbegabtheit und ble Laune. Markus durfte seines
Gebrechens halber nicht bei Lampenlicht arbeiten; er half seiner Mutter beim
Linsenlesen und machte, um diese gegen Philippine aufzureizen, fortwhrend
giftige Bemerkungen ber das Ausbleiben der Schwester.
    Das letzte Stck der Apfelsine verschwand hinter Jason Philipps Bart, da
bimmelte das Gatterglckchen.
    Es ist ein Mann drauen, sagte Markus, der hinausgegangen war und nun mit
seinem einzigen Auge dumm glotzend auf der Schwelle stand.
    Jason Philipp reckte den Hals. Gleich darnach sprang er vom Stuhl empor. Er
hatte den im halbdunkeln Flur stehenden Daniel erkannt.
    Ich habe mit dir zu sprechen, sagte Daniel, indem er ins Zimmer trat. Er
zerknllte den Filzhut in den Hnden, und die Blicke, mit denen er umherschaute,
zeugten von groer Erregung.
    Er sah weder Jason Philipp, noch Therese, noch einen der Knaben an. Sein
Auge flog ber die Wnde und die geringen, unschnen und seltsam gemeinen
Gegenstnde, die an ihnen hingen: ein Zeitungshalter mit gestickten Bndern; ein
Eckbrett, auf welchem ein Bierkrug den dicken Leib und Kopf eines Mnches
darstellte; ein ldruck mit einem in den Krieg ziehenden und von seiner
zahlreichen Familie Abschied nehmenden Landwehrmann. Diese Dinge hatten fr
Daniel etwas wie ein unsinniger Traum. Tiefatmend bohrte er endlich seinen Blick
in den Jason Philipps. Da waren viele Jahre weggewischt, da sah er sich am
Brunnen in Eschenbach stehen; ringsum glhten die Steine sowie die gekreuzten
Balken in den Husermauern, und Jason Philipp hastete in scheuem Bogen erbittert
vorbei, als fliehe er vor der Welt vor der Sonne, vor den Menschen und vor der
Musik.
    Ich habe mit dir zu sprechen, wiederholte er.
    Therese schien es, da sich nun ihre schlimmen Ahnungen erfllten. Mit
schlotternden Knien stand sie auf. Sie wagte nicht, in die Richtung zu schauen,
wo Daniel sich befand und sie gewahrte nicht, sie sprte nur den Wink Jason
Philipps, mit dem er ihr und den Knaben das Zimmer zu verlassen befahl. Sie
packte Markus bei der Hand und Willibald beim Rockrmel und zwischen beiden
wankte sie hinaus.
    Was gibts? fragte Jason Philipp, verschrnkte die Arme und blickte finster
in den Linsenhaufen auf dem Tisch. Du hast eine sehr, wie soll ich sagen, eine
sehr eindringliche Manier. Es ist eine Manier, die einen erinnert, da wir
Gesetze gegen Hausfriedensbruch haben. Deine Aktien mssen in letzter Zeit
ziemlich hoch im Kurs gestiegen sein. Also was ist los?
    Er rusperte sich und trommelte mit den Fingern an die Ellenbogen der
verschrnkten Arme.
    Daniel fhlte, wie er die Ruhe verlor; er fhlte seine eigenen Arme wie eine
Gefahr; es prickelte in ihnen. Aber noch fand er kein Wort; noch dnkte ihn die
Frage, die er zu stellen hatte, zu ungeheuerlich, als da er die Furcht vor
Irrtum und bereilung ganz htte unterdrcken knnen.
    Wo ist das Geld hingekommen, das dir mein Vater gegeben hat? kam es
endlich dumpf grollend ber seine Lippen.
    Jason Philipp entfrbte sich und seine Arme sanken herab. Das Geld? Wo das
Geld hingekommen ist? Das dein Vater -? wo es hingekommen ist? stotterte er
verworren. Er wollte Zeit gewinnen; er wollte berlegen, was er gestehen msse,
was er verbergen durfte. Ein scheuer Blick in das Gesicht Daniels verriet ihm
nichts Gutes. Er frchtete sich vor diesem mageren, muskulsen und verwegenen
Gesicht.
    Er fauchte vor Zorn bei dem Gedanken, der junge Mensch, fr den er, Jason
Philipp, einst die hchste Autoritt gewesen, wolle sich unterfangen, ihn zur
Rechenschaft zu ziehen, und in dieser Vorstellung fhlte er sich als der
tadellose Ehrenmann, der er in den Augen aller seiner Mitbrger zu sein wnschte
und zu sein glaubte. Zugleich wrgte ihn eine unbeschreibliche Angst vor dem
Verlust des Geldes, das als sein Eigentum zu betrachten er sich lngst gewhnt,
mit dem er spekuliert und gearbeitet hatte und das zu einem Teil seines Wesens
geworden war wie sein Haus, wie sein Geschft, wie seine Projekte. Er vergrub
die Hnde in den Hosentaschen und prustete; die feige Furcht vor den Folgen
eines Betrugs zwang ihn zu einem halben Gestndnis des Betrugs, aber in seinen
Worten lag auch die fieberhafte Rabulistik des Geldmenschen, der in tobender
Verzweiflung um den Mammon kmpft.
    Das Geld ist da. Natrlich ist es da. Wo soll es sonst sein? Was von Zinsen
und Vorschssen nach Eschenbach gewandert ist, darber geben meine Bcher
Auskunft. Meine Bcher knnen eingesehen werden bis auf den heutigen Tag. Ich
habe es ein gutes Stck vorwrts gebracht im Leben. Wer so wie ich in der Welt
dasteht, hat keinen Menschen zu scheuen. Denkst du vielleicht, Jason Philipp
Schimmelweis ist so mir nichts dir nichts zum Zhneklappern zu bringen? Da
mssen schon andere kommen. Wer bist du denn? Was fr ein Amt hast du? was fr
eine Befugnis? Mit welchem Recht berfllst du mich zwischen meinen vier Wnden?
Bildest dir vielleicht was auf deine Knstlerschaft ein? Deine ganze Kunst ist
mir piepe. Der ganze Schnickschnack ist nicht wert, da man darauf spuckt.
Musike machen, Bldsinn. Wer braucht denn das? Ein Mensch, der was auf sich
hlt, treibt dergleichen hchstens am Feierabend. Mir imponierst du noch lange
nicht. Bei dir rappelts im Koppe, und wenn du glaubst, da du Geld von mir
bekommst, da lach ich einfach, da verlang ich schon eine andere Frisur, da mu
man mit schon eine Reverenz erweisen, und nicht so: Mutter jib mir wat fors
Vergniegen. Nee, mein Lieber, nee.
    Auf Daniels Gesicht zeigte sich ein Lcheln, das Jason Philipp grlich
erschien. Er verstummte jh. Er beschlo, einzulenken und den Vorschlag einer
kleinen Zahlung zu machen; er hoffte, sich mit ein paar hundert Mark einstweilen
Ruhe verschaffen zu knnen.
    Aber Daniel war nun seiner Sache sicher. Er gedachte des Elends, das er
hatte erleiden mssen und es ward ihm hei ums Herz. Zugleich schmte er sich
fr diesen Mann und empfand Ekel vor ihm.
    Er sagte ruhig und fest: Ich mu bis morgen frh um zehn Uhr
dreitausendsiebenhundert Mark haben. Es handelt sich darum, eine ehrenhafte
Familie vor dem Untergang zu bewahren. Wird dieser Betrag pnktlich abgeliefert,
so verzichte ich auf alles brige in gltiger Form. Das Schriftstck wird in
meiner Wohnung bereit liegen. Ist das Geld um zehn Uhr nicht in meinen Hnden,
so werden wir uns auf einem andern Schauplatz wieder treffen, vor Mnnern, die
dir gewi imponieren.
    Er wandte sich zum Gehen.
    Jason Philipps Mund tat sich weit auf, und er drckte die Faust an das Loch.
Dreitausendsiebenhundert Mark? rchelte er; der Mensch ist verrckt. Komplett
verrckt ist der Mensch. Mensch, Mensch, bist du verrckt? schrie er, um Daniel
aufzuhalten. Bist du verrckt, Mensch? Willst du mich zugrunde richten? Hrst
du nicht, verdammter Mensch?
    Mit Grauen schaute Daniel Jason Philipp an. Da wurde die Tr zum Nebenzimmer
aufgerissen und Therese strzte herein. Ihr Gesicht war erdfahl, nur auf den
Wangenknochen waren zwei kleine, kreisrunde rote Flecken sichtbar. Du kriegst
das Geld, Daniel, heulte sie hysterisch. Du kriegst das Geld, oder ich geh in
die Pegnitz. In die Pegnitz geh ich und ersauf mich.
    Weib! knirschte Jason Philipp und packte sie an der Schulter.
    Sie sank auf einen Stuhl, und mit den Hnden in die Haare greifend fuhr sie
fort: berall steht er, der selige Gottfried und sieht mich an. Vorm
Wscheschrank steht er und an der Speis' steht er und am Bett steht er und nickt
und mahnt und hebt den Finger und hat keine Ruh im Grab und lt mich nicht
schlafen, all die Jahre her nicht schlafen.
    Nanu, jetzt denk mal an deine Kinder! herrschte Jason Philipp sie an.
    Therese lie die Hnde in den Scho fallen und blickte mit leeren Augen zu
Boden. Das viele schne Geld, klagte sie dumpf, das viele schne Geld. Dann
wieder, mit verzerrten Zgen und kreischend: Aber du wirst's kriegen, Daniel,
ich steh gut dafr, ich bring's dir selber. Dann wieder klagend und leise: Das
viele, schne Geld.
    Daniel war erschttert. Ihm schien, als habe er nie zuvor das Geld
begriffen, als habe sich ihm die Bedeutung des Wortes erst in dieser Stunde und
mit Thereses Stimme offenbart.
    Morgen frh um zehn Uhr also, sagte er.
    Therese nickte stumm beteuernd und erhob, wie um sich zu schtzen, die Hnde
mit gespreizten Fingern gegen Jason Philipp. Willibald und Markus hatten sich
unter die Tre gedrngt; das Gatter mute nicht geschlossen worden sein, denn
pltzlich trat auch Philippine ein, die Daniel bis zum Haus begleitet und dann
auf der Strae geblieben war. Langer hatte sie nicht warten gewollt; sie war zu
begierig, zu erkunden, welche Folgen ihr Verrat gehabt hatte.
    Mit gespielter Unbefangenheit schaute sie umher. War es nun ihr Anblick
allein, der Jason Philipps Grimm erweckte, das halb feige, halb zynische
Lcheln, das um ihren Mund zuckte, oder war es die gehufte blinde Raserei, die
sich entladen wollte, oder ahnte er dunkel, was sie getan; genug, er schritt auf
sie zu und schlug sie mit der geballten Faust ins Gesicht.
    Sie verzog keine Miene.
    Emprt von der Roheit der Zchtigung, trat Daniel zwischen Jason Philipp und
seine Tochter. Aber der giftige Hohn in den Augen des Mdchens erstickte sein
Mitgefhl, und er kehrte sich zur Tre und ging schweigend fort.
    Das viele schne Geld, murmelte Therese.

                                       13


Als Daniel die Nachricht zu Jordans brachte, da das Geld am nchsten Morgen da
sein wrde, starrte ihn der Inspektor erst unglubig an, dann weinte er wie ein
Kind.
    Lenore reichte Daniel wortlos beide Hnde. Gertrud, die auf dem Sofa lag,
richtete sich empor, lchelte weich und sank wieder zurck. Daniel fragte, was
ihr fehle und Lenore antwortete an ihrer Statt, sie fhle sich schon seit dem
Nachmittag nicht wohl. Sie mu ins Bett, sie ist mde, fgte sie hinzu.
    Nun, so komm, sagte Daniel und half Gertrud beim Aufstehen. Aber die Beine
gehorchten ihr nicht und mit beklommener Miene schaute sie von Daniel zu Lenore.
    Macht's dir nichts aus, Vterchen, wenn ich mit hinbergehe? wandte sich
Lenore schmeichelnd an den Inspektor.
    Geh, nur, Kind, erwiderte Jordan, es ist gut, wenn ich jetzt ein wenig
allein bin.
    Daniel und Lenore nahmen Gertrud in ihre Mitte. Auf der zweiten Stiege zur
Wohnung trug Daniel seine Frau auf den Armen bis in die Schlafkammer. Sie wollte
nicht leiden, da er ihr beim Ausziehen helfe und schickte ihn hinaus. Eine
Tasse heie Milch war alles, worum sie bat.
    Es ist keine Milch da, sagte Lenore, zu Daniel in die Wohnstube tretend.
Er hielt in seinem Hin- und Herwandern inne und schaute sie wie in flchtigem
Erwachen an. Ich lauf schnell in die Tetzelgasse und hol einen halben Liter,
erklrte sie; ich la die Gangtr offen, damit Gertrud nicht erschrickt, wenn
ich komme.
    Sie war schon hinaus geeilt, auf einmal kehrte sie um und sagte mit
freudiger Dankbarkeit, und ihre blauen Augen schwammen in seelenvollem feuchten
Schimmer: Du Lieber.
    Sein Gesicht verfinsterte sich.
    Es war eine schreckliche Regelmigkeit in seinem Hin- und Herwandern. Die
Ketten der Hngelampe klirrten. Die Flamme entsendete einen dnnen Rauchfaden,
doch er merkte es nicht. Wie lang sie fortbleibt, dachte er in bewutloser,
trunkener Ungeduld und erschien sich sehr verlassen.
    Er ging in den Flur und lauschte. Da schwebte ihm aus der Dunkelheit das
Gesicht Philippines entgegen, in der hhnischen Unbeweglichkeit, mit der sie den
Faustschlag empfangen hatte. Er trat ans Gelnder und setzte sich in einer
Anwandlung von Schwche und ziellosem Trotz auf die oberste Stiegentreppe. Den
Kopf auf die Hand gesttzt, vernahm er Thereses Worte: Das viele schne Geld,
das viele schne Geld.
    Schatten berall; berall Schatten und Nacht.
    Da kam sie endlich, Lenore, mit ihrem leichten Tritt. Als sie ihn gewahrte,
blieb sie stehen. Er erhob sich und streckte den Arm aus, als ob er ihr das
Milchknnchen abnehmen wolle. Sie verstand es so und reichte ihm verwundert das
Knnchen. Er aber stellte es auf den Treppenabsatz, wo es im Lichtschein, der
aus der Stube drang, weilich funkelte. Er zog Lenore zu sich heran, umschlang
sie und kte sie auf den Mund.
    Nur noch Kreatur, nur Weib, nur Herz und Atem, nur Sehnsucht und Vergessen,
fr einen Augenblick Vergessen, in einem Augenblick sich selber findend und um
sich wissend, schmiegte sie sich an ihn, aber ihre Hnde waren zwischen seiner
Brust und ihrer Brust gefaltet und schieden sie voneinander.
    Dann ri sie sich los, rang die Hnde, blickte an ihm empor, schmiegte sich
abermals an ihn, wich wieder zurck, rang abermals die Hnde, dies alles stumm,
ganz stumm, mit einer fast schaurigen Anmut und Lieblichkeit.
    Es war nun alles anders, als sie sich's gedacht, tief und furchtbar anders.
Da verlor sie sich, da verging sie, da wurde es dunkel in ihrem zuchtvollen
Herzen und sie trat in ein zweites Sein, das mit dem ersten keinerlei
hnlichkeit mehr hatte.
    Sie war ihm nun verbunden und verfallen, es hatte sie gezwungen, das Gesetz
war gltig geworden. Aber die glserne Kugel war in Stcke zersplittert und sie
stand da, unbeschtzt, ja gleichsam entblt unter den Menschen, ihren Blicken
und ihren Betastungen erreichbar und preisgegeben.
    Sie ging in die Kche und wrmte die Milch. Daniel kehrte in die Stube
zurck. Seine Adern klopften, seine Augen brannten. Er sprte die Zeit nicht,
die verflo, und als Lenore herein kam, begann er zu zittern.
    Sie nherte sich ihm und redete ihn leidenschaftlich traurig an: Weit du's
von Gertrud? Weit du's nicht? Sie ist guter Hoffnung, deine Frau.
    Ich hab's nicht gewut, flsterte Daniel; hat sie dir's gesagt?
    Jetzt eben hat sie mir's gesagt.

                             Tres faciunt collegium



                                       1

Am Stammtisch im Krokodil wute man so ziemlich alles, was bei Jordans und bei
Schimmelweis vorgegangen war. Es wurden Einzelheiten erwhnt, die die Vermutung
nahelegten, da die Mauerritzen und die Schlssellcher in beiden Husern
Lauscher beherbergt hatten.
    Einige wollten es nicht glauben, da Jason Philipp die vom jungen Jordan
unterschlagene Summe ersetzt habe; denn, meinte der Zuckerbcker Degen,
Schimmelweis habe keine leichte Hand und wer Geld von ihm bekommen wolle, msse
schlauer als schlau sein.
    Er habe aber doch bezahlt, versicherte der Uhrmacher Grndlich; am Dienstag
vormittag sei die Frau des Buchhndlers zu den Nothaffts gegangen. Sie habe
ziemlich viel Silber in einem Sack geschleppt; als sie dann wieder zu Hause
gewesen, habe sie sich niedergelegt und seitdem sei sie krank.
    Da sei irgend etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, sagte der
Postassistent Kitzler; oder man msse annehmen, da der Musikus Nothafft ein
hchst gefhrlicher Bruder sei, der es verstanden habe, seinem Onkel die Pistole
auf die Brust zu setzen.
    
    Jetzt wird er ja gar Kapellmeister am Stadttheater, berichtete der
Redakteur Weibezahl, das jngste Mitglied der Tafelrunde; die Ernennung steht
unmittelbar bevor.
    Soso, Kapellmeister; was Sie nicht sagen! Dies werde den Andreas Dderlein
ba verdrieen.
    Herr Carovius, der mit dem Munde eben am Bierglas hing, lachte, da ihm der
Trunk in die unrechte Kehle geriet und er lange husten mute. Der Fiskalrat Korn
klopfte ihm den Rcken.
    Es sei aber doch fatal, da man so unsichre Kantonisten wie den Nothafft
unter dem friedlichen Brgerstand zu dulden habe, uerte sich Herr Kleinlein,
der nun schon lngst Amtsrichter war. Ob es denn seine Richtigkeit habe mit den
Geschichtchen, die man sich ber den Musiker erzhle?
    Freilich, wurde erwidert, man munkle dies und jenes. Etwas Bestimmtes sei
aber nicht zu erfahren. Der Herr, Apotheker, der wisse vielleicht etwas
Bestimmtes, sein Provisor verkehre bei dem Musikus.
    Apotheker Pflaum gab sich den Anschein, als wisse er in der Tat Bestimmtes,
drfe aber nicht sprechen. Ja, ja, sagte er obenhin, es sei ihm mancherlei zu
Ohren gelangt von leichtsinniger Wirtschaft, anrchiger Vergangenheit und
Vernachlssigung der Frau.
    Ei der Tausend, Vernachlssigung der Frau? Bei so kurzer Ehe? Da sei wohl
eine andere im Spiel? Wer denn? Hm, da msse man in seinen Angaben vorsichtig
sein. Warum denn vorsichtig? Nur heraus mit der Farbe, es handle sich ja auch um
die Beschtzung der eigenen Frauen und Tchter.
    Es war etwas Unergrndliches in ihrem Ha gegen den Musiker. Sie waren darin
so einig, als ob er ihre Geldschrnke ausgeleert, ihre Fenster eingeschlagen und
ihre Wrde dem ffentlichen Spott preisgegeben htte.
    Sie wuten nicht, wessen sie sich von ihm zu versehen hatten. Sie gingen an
ihm vorber wie an einer Bombe, die platzen kann.

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Als Herr Carovius allein war, las er die Berichte ber eine Grubenkatastrophe in
Schlesien. Die Anzahl der Toten befriedigte ihn. Die Schilderung, wie die
Ehefrauen der vermiten Bergleute um den Schacht standen und weinend die Namen
ihrer Gatten riefen, verursachte ihm jenes angenehme Gruseln, das er ebensosehr
liebte wie den schwermtigen Schlu eines Chopinschen Nokturnos.
    Doch konnte er den Blick nicht vergessen, mit dem der Apotheker Pflaum davon
gesprochen hatte, da Daniel Nothafft seine Frau vernachlssige. Es war ein
Blick gewesen, der gleichsam durch den Spalt zwischen den Gardinen eines
Schlafzimmers drang. Da ging etwas vor, da ging etwas vor.
    Ziemlich lange schon hegte Herr Carovius den Argwohn, da da etwas vorging.
Zweimal war er Daniel und Lenore in der Dmmerungsstunde auf der Strae begegnet
und sie hatten in einer ganz besonderen Art miteinander geplaudert. Da ging
etwas vor. Es spielten sich hinter dem Rcken des Herrn Carovius Ereignisse ab,
die er nicht auer acht lassen durfte.
    Seit jenem Tag, wo ihm Lenore das Kettchen seines Zwickers vom Mantelknopf
losgenestelt hatte, war ihm das Bild des jungen Mdchens unverwischbar
eingeprgt. Noch jetzt sah er die Wlbung ihres jungen Busens vor sich, als sie
den Arm aufgehoben hatte.
    Anderthalb Jahre nach diesem Vorfall war es gewesen, da er unter den
Papieren Eberhards von Auffenberg einen an Lenore Jordan gerichteten, nicht
abgeschickten und nicht beendeten Brief gefunden hatte. Eberhard war wegen der
Verhandlungen ber ein neues Darlehen nach Nrnberg gekommen, er hatte sein
Hotelzimmer verlassen und Herr Carovius hatte lange auf ihn warten mssen. Diese
Wartezeit hatte er bentzt, um die unverschlossenen Schriftstcke des nicht sehr
sorgsamen Freiherrn zu durchstbern.
    Da hatte er den Brief entdeckt. Welche Worte! welche Leidenschaft! Nie und
nimmer htte Herr Carovius dem pedantischen Griesgram solche Gefhlsmacht
zugetraut. Ihm war, als habe sich ihm Eberhards verborgenste Herzenskammer
aufgetan. Er war erbebt in der Wollust, die ihm das enthllte Mysterium dieser
Seele bereitete. Sie sind auch Menschen, die da oben, triumphierte er, sie
werfen sich weg, sie fallen auf eine glatte Fratze herein, sie verlieren ihre
Haltung beim Rascheln eines Unterrocks.
    Was aber den Freiherrn anging, das ging auch Herrn Carovius an. Eine
Leidenschaft, die den Freiherrn erfllte, mute von Herrn Carovius bewacht,
verstanden und am Ende auch geteilt werden.
    Die Einsamkeit hatte Herrn Carovius allmhlich aus dem Gleichgewicht
gebracht. Verdrngte Triebe berwucherten seinen Geist. Die abenteuerlichen
Geschfte, in die er sich gestrzt, um sich der Gewalt ber Eberhard zu
versichern, hatten ihn nahezu ruiniert; das Netz, das er fr den hilflos
flatternden Vogel geflochten, hielt ihn selber umstrickt. Die Welt war ihm wie
eine Haut voll Wunden, an denen sich seine neronischen Begierden strkten; doch
sie war ihm auch wie ein Teppich mit bunten Bildern, die lebendig und wirklich
zu machen er die Zauberformel noch nicht gefunden hatte.
    Bei den Andeutungen des Apothekers richteten sich alle seine Stacheln auf.
In ihm verjhrte kein Gefhl, in ihm verlosch kein Gelst. Als er sich zu Hause
zu einem Mittagsschlfchen aufs Sofa legte, tnzelte die Gestalt Lenores in
reizender Verkleinerung vor seinen Augen herum. Als er am Klavier sa und Etden
spielte, stand Daniel Nothafft daneben und rgte hochmtig seinen Fingersatz.
Als er am Abend aus dem Tor trat, war auf allen Ladenschildern der Namen
Nothafft zu lesen, und jedes Frauenzimmer hatte Lenores Zge.
    Es schien ihm auf einmal, als ob Lenore Jordan sein Eigentum sei, als ob er
ein Anrecht auf sie habe. Sein Leben dnkte ihn in bemitleidenswerter Weise
entbehrungsvoll. Andere hatten alles und er hatte nichts. Andere verbten
Verbrechen, und sein Los war es, die Verbrechen zu notieren. Man wurde nicht
satt und nicht reich davon, wenn man die Verbrechen der andern notierte.
    Um Mitternacht stellte er sich im Schlafrock vor den Spiegel und bis zum
Morgengrauen las er in einem Roman, in dem ein Herr von fnfzig Jahren bei einer
jungen Dame ein verschwiegenes Liebesglck findet. Dabei war er sich fortwhrend
bewut, da etwas vorging. Drauen in der Welt, in einem gewissen Haus am
Egydienplatz ging etwas vor.
    Er sah Zusammenknfte auf finstern Stiegen, Verstndigungen durch
Hndedrcke und ehebrecherische Signale. So machten sie es ja, so hatten Benda
und Margaret es gemacht. Alter Ha wurde neu. Er trug seinen Ha in die Musik,
aber auch seine Hoffnung. Die Musik sollte ihm eine Brcke schlagen zu Daniel
und Lenore; er wollte ihnen seine Einsicht schenken, seine Kniffe, seine
Erfahrungen, nur um dabei zu sein, wenn sie das Schauerliche begingen; nur um
nicht hinter der Wand stehen zu mssen, von wesenloser Eifersucht geqult, um
mitleben zu knnen, das Auge zu fllen, die Hand auszustrecken, die leere, die
altwerdende Hand.
    Ich bin, sagte er sich, vom selben Fleisch und Blut wie jener; auch in mir
ist Wolfgang Amadeus Mozart. Wohl habe ich die Weiber verachtet, sagte er sich,
denn verchtlich sind sie. Tritt mir aber eine in den Weg, die zu was Besserm
taugt, als die Zahl der ohnedies schon wimmelnden Idioten um zwei oder drei zu
vermehren, so will ich Bue tun und ihr Ritter sein.
    Er schlief nicht mehr und a nicht mehr und wute nichts Vernnftiges mit
sich anzufangen. In einer verspteten Wut des Geschlechts, einer zweiten
Pubertt, erhitzte sich seine Phantasie an einem Bildnis, das er mit allen
Vollkommenheiten des Leibes und der Seele schmckte.
    Da hrte er, da ein Werk Daniels im Hause der Freiin von Auffenberg vor
geladenen Gsten aufgefhrt werden sollte. Er telegraphierte an Eberhard und
verlangte, dieser mge ihm zu einer Einladung verhelfen. Die Antwort lautete
abschlgig. In seiner Wut htte er den Postboten beinahe mihandelt. Sodann
schrieb er an Daniel, und indem er auf seine Teilnahme fr dessen Schaffen
pochte, bat er, unter den Zuhrern sein zu drfen. Er bekam nun ein gedrucktes
Krtchen, worin die Freifrau die Hoffnung uerte, ihn an einem bezeichneten Tag
bei sich begren zu knnen.
    Er war im siebenten Himmel. Er beschlo, Daniel einen Besuch abzustatten und
ihm zu danken.

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Man mte fort, man mte weit weg von hier, dachte Lenore an jenem Abend, der
anders gewesen war als alle andern Abende ihres Lebens.
    Whrend sie sich kmmte, war es ihr, als msse sie ihr Haar vom Kopf
scheren, um sich hlich zu machen. In der Nacht trat sie ans Fenster, um die
Sterne zu suchen. Wenn es doch nicht geschehen wre, wenn es doch ein Traum
wre, rief es in ihr.
    Als der Morgen dmmerte, erhob sie sich. Sie eilte durch die menschenleeren
Straen vor die Stadt wie gestern. Doch es war alles anders. Baum und Busch
blickten streng auf sie. Die Nebel hingen tief, aber die graue, kalte Frhe war
wie ein Bad. Spter brach die Sonne durch, und Himmelsschlssel auf einer Wiese
leuchteten golden. Knnt es doch ein Traum gewesen sein, flehte sie stumm.
    Als sie nach Hause kam, hatte der Vater bereits die Nachricht erhalten, da
das Geld an Diruf bezahlt worden sei. Daniel hatte es hingetragen.
    Der Inspektor blieb den ganzen Tag in seinem Zimmer. Auch an den folgenden
Tagen lie er sich nur beim Mittagessen sehen. Da sa er dann schweigend und mit
gesenkten Augen. Bisweilen lauschte Lenore an seiner Tr. Es regte sich nichts
drinnen; das Haus sang vor digkeit.
    Jordan hatte den Hausherrn gebeten, die Wohnung, die er fr seine
gegenwrtigen Verhltnisse als zu gerumig und zu kostspielig bezeichnete, vor
der Kndigungszeit ausbieten zu drfen. Dies wurde bewilligt. In dem Haus, wo
Daniel und Gertrud wohnten, waren zwei Dachzimmer frei, und Gertrud hatte ihrem
Vater nahegelegt, sie zu beziehen. Der Inspektor war damit einverstanden.
    Lenore berlegte: wenn der Vater dort hinberzieht, knnte ich weg von ihm.
Sie erfuhr von Gertrud, die jeden andern Tag kam, um den Vater zu sehen, da
Daniel endlich die Kapellmeisterstelle am Theater erhalten habe. Noch beruhigter
konnte sie also ihr Vorhaben frdern, denn Schwager und Schwester lebten ja nun
in geregelten Umstnden.
    Sie erinnerte sich an Gesprche mit Monsieur Rivire, in denen er ihr
oftmals geraten hatte, nach Paris zu gehen. Seit Weihnachten, wo er zur
Bescherung eingeladen gewesen, war Monsieur Rivire hufig zu Jordans gekommen,
um auf Lenores Wunsch mit ihr franzsisch zu sprechen.
    Eines nachmittags ging sie aus, um Rivire zu besuchen. Er hatte den
romantischesten Platz zur Wohnung gewhlt, oben beim Grtner auf der Burg. Das
Zimmer hatte einen Altan, der von Efeu und Flieder berwuchert war, und in der
Tiefe bildeten die Bsche und Bume des Stadtgrabens ein undurchdringliches
grnes Gewirr. Die Frhlingsluft strzte in Wellen herein, und whrend Lenore
ihr Anliegen hervorbrachte, heftete sie den entzckten Blick auf einen
Maiglckchenstrau, der in einem kupfernen Gef auf dem Tische stand.
    Rivire nahm eine Handvoll heraus und schenkte sie ihr; es waren noch die
Knollenwurzeln daran und Lenore lachte glcklich ber den Duft.
    Monsieur Rivire sagte, er wolle sogleich an seine Mutter nach Paris
schreiben, die durch ihre Beziehungen in der Lage sei, Lenore zu ntzen.
    Lenore trat auf den Altan. Die Welt ist schn, dachte sie und lchelte ber
die fruchtlosen Versuche eines kleinen Kfers, an einem senkrecht hngenden
Blatt emporzuklimmen. Vielleicht war alles nur ein Traum, trstete sie sich.
    Zu Hause traf sie Daniel beim Vater. Die beiden Mnner saen in der
Dunkelheit.
    Lenore zndete die Lampe an. Dann fllte sie ein Glas mit Wasser und stellte
die Maiglckchen hinein.
    Daniel fragt, warum du nicht mehr hinber kommst, sagte der Inspektor,
matt und zerstreut, wie er jetzt immer war. Ich habe ihm mitgeteilt, da du
dich mit groen Plnen trgst. Nun, was ist denn die Meinung des Franzosen?
    Mit halber Stimme gab Lenore Auskunft.
    Geh du nur fort, Kind, sagte Jordan. Du bist schon lange reif fr die
groe Welt. Das unterliegt keinem Zweifel. Da sei Gott vor, da ich dir
Hindernisse in den Weg lege. Er stand schwerfllig auf und wandte sich zur Tr
seines Zimmers. Die Klinke fassend, blieb er stehen und fuhr grblerisch fort:
Es ist eigen, da man so bei lebendigem Leib absterben kann. Da man so das
Gefhl haben kann: du bist nicht mehr fr die Zeit. Und da man nicht mehr mit
kann, nicht mehr begreifen kann, nicht mehr wei: ist es gut, ist es bse, was
da kommt. Frchterlich ist das, frchterlich.
    Kopfschttelnd verlie er das Zimmer. Daniel klangen seine Worte wie Rufe
aus dem Grab.
    Sie hatten lange geschwiegen, er und Lenore. Pltzlich fragte er schroff:
Ist das dein Ernst mit Paris?
    Natrlich ist es mein Ernst, antwortete sie; kann ich etwas anderes tun?
    Er sprang auf und starrte ihr zornig ins Gesicht. Man mu sich vor sich
selber schmen, knirschte er; die menschliche Sprache widert einen an. Graut
dir denn nicht, wenn du denkst? Graut dir nicht vor dem Fratzending, das ihr
Herz oder Gemt nennt oder so?
    Ich versteh dich nicht, Daniel, hauchte Lenore. Nie htte sie fr mglich
gehalten, da er ihre Reue und den Entschlu, der daraus entsprungen, nicht
gutheien knne. Also war es nicht Flamme einer einmaligen Sekunde gewesen,
nicht was sie bis jetzt gehofft, als Selbstanklage von ihm zu hren erwartet,
was sie auch sich htte verzeihen, vergessen drfen? Wo war sie denn? Wo lebte
sie?
    Glaubst du, ich hab ein Spiel haben wollen? begann Daniel wieder, indem er
sie von oben bis unten ma. Glaubst du, man kann mit der heiligsten Natur
spielen? Hast eine gute Schule gehabt, machst deinen Lehrmeistern Ehre. Geh nur,
ich brauch dich nicht, geh nur nach Paris und la mich verkommen.
    Er schritt zur Tre. Er kehrte wieder um. Er nahm die Lampe, die sie beim
Anznden aus der Hngeschale genommen und auf dem Tisch hatte stehen lassen. Die
Lampe in der Rechten haltend, trat er dicht vor sie hin. Unwillkrlich schlssen
sich ihre Augen Ich will nur sehen, ob du's wirklich noch bist, sagte er mit
leidenschaftlicher Verachtung. Ja, du bist's, hhnte er, du bist's. Und er
stellte die Lampe wieder auf den Tisch.
    Ich versteh dich nicht, Daniel, hauchte Lenore. Ihre Blicke suchten in der
Luft einen Halt.
    Das merk ich. Gute Nacht.
    Daniel!
    Aber er war schon drauen. Die Flurtr krachte ins Schlo. Dann sang die
digkeit des Hauses.
    Das verschossene grne Sofa, der uralte Rauchfleck an der getnchten Decke,
die fnf Sthle, krnklichen alten Mnnern hnlich, der Spiegel mit dem
vergoldeten Gipsengel oben, all das war so ermdend, so lstig, wie Gestrpp im
Wald.
    Brderlein! Brderlein!

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Drei Abende in der Woche waren der Oper gewidmet, die andern Abende gehrten dem
Schauspiel.
    Der erste Kapellmeister war ein Herr in mittleren Jahren mit einem
Lockenkopf, der das Entzcken der Backfischwelt bildete. Er war faul und
ungebildet und hie Lebrecht.
    Der Direktor war ein alter Praktikus, der vom Publikum sprach wie ein
respektloser Lakai von seinem Herrn. Fr die Vorschlge Daniels zur Hebung des
Repertoires hatte er meistens nur ein Achselzucken. Die Afrikanerin, Robert der
Teufel, der Bettelstudent, Fra Diavolo, das ungefhr waren die Werke, auf deren
Zugkraft er Vertrauen setzte. Snger und Orchester waren nicht viel besser als
bei der Wanderoper und die Mglichkeit, zu erziehen und anzufeuern, war noch
viel geringer. Eingewurzelte Rechte und berlieferungen der Trgheit
widerstanden jeder Neuerung.
    Findet man ngstliche Philister und arbeitsscheue Brotsitzer dort, wo die
Kunst ihre Stimme erheben soll, so gibt es keinen Aufschwung mehr, sondern nur
noch brgerliche Pflichten. Da welkt die Blte, da verkmmert der Traum, da mu
der freigeborene Geist gegen alle Dmonen der Kleinlichkeit und Mittelmigkeit
in Waffen stehen, oder er wird niedergeschlagen.
    Leichtverdauliche Kost, mein Lieber, das ist die Hauptsache, sagte der
Direktor.
    Was legen Sie sich so ins Zeug? Die guten Leutchen haben ja doch keinen
Dunst, sagte Herr Lebrecht.
    Seit neun Jahren sing ich an dieser Stelle Fis und werde mir nicht von
einem hergelaufenen Musikanten befehlen lassen, auf einmal F zu singen, sagte
Frulein Varini, die Primadonna, deren ungeheurer Busen fr die Augen der
Galerie und des Parketts ein Gegenstand des Genusses war.
    Ein Streber, sagte der erste Geiger.
    Ein Hitzkopf, sagte das Jngelchen, das die Pauke schlug, nachdem es bei
einem falschen Einsatz von Daniel mit einer Maulschelle bedroht worden war.
    Die Freifrau hatte ihm fr einen Zyklus von sechzehn Liedern einen Leipziger
Verleger gewonnen, der die Kompositionen auf ihre Kosten stechen lie. Das gab
die rechte Freude nicht. Es war nichts Errungenes und Bezwungenes. War ihm doch,
als schenke er selbst damit; und wurde nun beschenkt; und sollte am Ende gar
noch danken. Die Freifrau liebte Dank. Sie ahnte kaum, da er nicht Wohltter
suchte, sondern Ergriffene. Die Reichen spren die Armen nicht; die Oberen
spren die Unteren nicht.
    Die Reizbarkeit seines Wesens bewahrte ihn. In der herrlichen Angst um die
Sendung, die das Zeichen und der Fluch der Gesandten ist, schlo er sich aus von
einer Welt, von der er Brot haben wollte; nur Brot und sonst nichts.
    Als die Lieder erschienen waren, stand im Phnix eine Kritik, die fr die
Ohren der Unsachlichen sachlich klang, in Wirklichkeit aber nicht viel anderes
war als ein heimtckischer Mord. Das Elaborat war mit dem Buchstaben W
unterzeichnet. Wurzelmann, das Knechtlein, scho aus dem Hinterhalt.
    Andere Fachzeitungen druckten das Urteil nach. Ein halbes Dutzend Personen
kaufte die Lieder, dann wurden sie vergessen.
    Es war nichts zu hoffen. Nur Brot mute beschafft werden, nur Brot.

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Schwer war es oft, Arbeitsruhe zu gewinnen. Der Mai brachte kalte Tage, es mute
geheizt werden, der Ofen rauchte. Der Hafner kam, die Kacheln wurden entfernt,
die Stube glich einer schmutzigen Hlle.
    Gertrud klopfte Zucker. Sei mir nicht bs, Daniel, ich mu den Zucker heute
klopfen. Und sie klopfte, da der Hammer bis ins Gehirn des gelhmt Lauschenden
drang.
    Die Tr kreischte in der Angel. Du mut sie len, Gertrud. Gertrud suchte
die lflasche in allen Winkeln und als sie sie endlich gefunden hatte, fehlte
eine Feder zum Schmieren. Sie holte sich eine von der Magd der Kanzleirtin,
indessen lief die Milch ber, die sie zum Kochen hingestellt hatte, und der
Gestank verpestete das Haus.
    Es lutete. Der Schuster war es, der das Geld fr die Lackstiefel haben
wollte. Die Hofrtin Kirschner sowohl wie die Notarin Rbsam hatten gesagt, er
knne bei der bevorstehenden Auffhrung im Hause der Freifrau ohne Lackstiefel
nicht erscheinen.
    Ich hab das Geld nicht, Gertrud; hast du noch so viel?
    Gertrud stberte in ihrem Schrnkchen und fand noch sechs Mark. Fnf davon
gab sie dem Schuster als Abzahlung. Der Mann brummte und Daniel verbarg sich vor
ihm.
    Gertrud sa im Wohnzimmer und nhte an der Wsche fr das Kind. In ihrem
Gesicht war ein freudiger Ausdruck. Daniel wute wohl, da es die Mutterfreude
und -erwartung war, aber da er diese Freude nicht teilen konnte, sondern eher
Furcht vor dem Erscheinen des Kindes empfand, verstimmte ihn ihr Glck.
    Zwischen den Fuchsienstcken am Fenster stand ein Rotkehlchen und guckte mit
zur Seite geneigtem Kopf in die Stube. Komm heraus, piepste es. Und Daniel
ging fort.
    Er hatte sich im Cafhaus am Markt mit Monsieur Rivire verabredet. Da er
Lenore nicht mehr zu Gesicht bekam, wollte er ihn fragen, wie es mit dem Pariser
Projekt stehe.
    Der Franzose erzhlte von den Ergebnissen seiner Caspar-Hauser-Forschungen.
In seinem gebrochenen Deutsch lie er sich ber den Leibes- und Seelenmord
vernehmen, der an dem Findling begangen worden. Er war ein Mensch comme une
toile, sagte er; die Brgerwelt hat ihn zerschmettert. Die Brgerwelt ist die
racine von alles Bse.
    Daniel brachte Lenores Namen nicht ber die Lippen. Er wollte sich damit
abfinden, da sie sich ihm entzog. Er bi die Zhne zusammen und sagte sich: ich
will. Aber ein Strkeres in ihm wollte nicht. Und dieses Strkere wurde zum
Bettler. Gib mir, bettelte es, gib mir.
    Die Billardblle klapperten. Ein sammetrckiger Herr hatte einen lauten Zank
mit einem schbigen Mnnchen, das seit zwei Stunden die Fliegenden Bltter
las, immer wieder von vorn anfing und bei denselben Witzen immer wieder von
leisen Lachkrmpfen geschttelt wurde.
    Da Daniel schwieg und schwieg, fragte ihn Rivire nach der Harzreise und
uerte schchtern den Wunsch, etwas zu hren. Sans la musique, la vie est
insupportable, sagte er, es hat etwas wie Wahnsinn. Es gbe Nchte, wo er ein
Heft mit Schubertschen oder Brahmsschen Liedern aufschlage und Noten stammle,
Melodien lalle, um nicht der Verzweiflung zu unterliegen, mit der ihn das Leben
erflle, das die Menschen fhrten. Ick sollte sein Stoiker, schlo er, aber
ick bin es nicht. In mir ist trop de musique, et c'est le contraire.
    Daniel sah ihn gro an. Kommen Sie mit, sagte er pltzlich, stand auf und
packte ihn am Arm.
    Im Flur des Hauses begegneten sie Lenore, die mit dem Tnchermeister oben in
der neuen Wohnung gewesen war. Am andern Tag sollte schon der Umzug sein.
    Wieso hat sich denn das so schnell gemacht? fragte Daniel, voll von einem
unbestimmten Glck, das seine Nahrung aus Lenores sichtlicher Erregung zog.
    Zufall, antwortete sie und vermied es, ihn anzuschauen. Ein Hauptmann,
der aus Regensburg hierher versetzt worden ist, zieht drben ein. Es ist
traurig, die guten alten Stuben verlassen zu mssen. Eine Menge Sachen holt der
Trdler, in den zwei Kammern oben ist kein Platz. Wie geht's der Gertrud? Kann
ich ein wenig zu ihr hinauf?
    Geh nur mit uns, sagte Daniel steif, du kannst zuhren, wenn du Lust
hast. Ich spiele die Harzreise vor.
    Lust? Ich hab fast ein Recht darauf; du hast es mir lang schon
versprochen.
    Am Ende denkt sie, ich will sie fangen, grbelte er selbstqulerisch;
besser, ich la es ganz, als da sie sich in ihrem dummen Weiberschdel
einbildet, mein Werk soll unsere Privatgeschichten frdern. Mit gesenktem Kopf
stieg er vor Rivire und Lenore die Treppe hinauf, angespannt horchend, ob nicht
das Wort Paris ber ihre Lippen kam. Doch sie sprachen vom Wetter.
    Als sie in die Wohnstube traten, hatte Gertrud die Harfe zwischen den Knien.
Aber sie spielte nicht. Ihre Hnde lagen an den Saiten, ihr Kinn war auf den
Rahmen gesttzt. Warum machst du denn kein Licht? fuhr Daniel sie gereizt an.
    Sie erschrak und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht. Der Blick brachte ihm
vieles zu Bewutsein, was er in den alltglichen Stunden seinen Gedanken
unterschlug; ihr unbedingtes Frihnsein; die edle Gre ihres Herzens, dessen
Hoffen und Frchten von seinem so abhngig war wie die Bewegung des Quecksilbers
im Thermometer von der Atmosphre; ihre stumme Opferfhigkeit bei all den
tausend kleinen Dingen des Lebens; ihr verwundbares Gemt und ihre Kraft, Wunden
zu verheimlichen; ihre fast bersinnliche Gabe, mitzuschwingen, wenn sein Geist
Tiefstes an Hchstes zu binden sich verma.
    Darum erkannte er in ihrem Blick etwas wie eine ernste, ferne Warnung. Feig
und ehrfrchtig zugleich, schuldbewut und ungeduldig zugleich, ging er hin und
kte sie auf das Haar. Sie lehnte flchtig die Stirn an seine Brust und da er
die ganze Last, die sie ahnungslos ihm aufbrdete.
    Er sagte ihr, da er spielen wolle. Er sagte: Ich hab mein Bild wieder
einmal verloren und will's in andern suchen.
    Gertrud bat ihn mit blassem Gesicht, hier im Wohnzimmer bleiben zu drfen,
und sie lehnte die Tre nur an.

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Es liegen in den Goetheschen Versen, die den Titel Harzreise im Winter fhren,
Gedanken wie Felsblcke und Empfindungen so schauerlich und gro wie das Flammen
aufgehender Sternenwelten. Die ungeheure Schmerzgewalt, die ungeheure
Erhabenheit schien sich in Daniels Werk wie von selbst in Musik verwandelt zu
haben.
    Wenn in der zweiten Hlfte die Motive von Menschenstimmen bernommen wurden,
diese Stimmen erst einzeln aus dem brodelnden Tonmeer drngten, dann immer
williger, sehnschtiger, offenbarender sich zum Chor sammelten, war es, als
mten sie ohne diese Befreiung in der Finsternis ersticken.
    Erschtternd klang das Pianissimoraunen der Bsse, bevor der Sopran
einsetzte: dem Geier gleich, der auf schweren Morgenwolken mit sanftem Fittich
ruhend nach Beute schaut, schwebe mein Lied; ein Siegesruf war das Posaunensolo,
das dem versunkenen Orchester neues Leben wies.
    Daniel hatte groe Mhe, dies alles durch Gesang, Wort und Gebrde neben
seinem Spiel begreiflich zu machen.
    Das Werk war voll von den Brechungen und Halbtnen, die es trotz des
strengen Baues zum Kinde seiner Zeit, und mehr noch einer werdenden Zeit,
stempelte. Es hatte keinerlei erschlossene Sigkeit; es war rauh wie die Rinde
der Bume, wie alles, was mit der Zuversicht innerer Dauer geschaffen wird.
    Sein Rhythmus war einfrmig, nur auf Steigerung berechnet. Es hatte nichts
von Verfhrung, nichts von Tanzgelsten, keine Billigkeit, nichts was trgem Ohr
schmeichelt. Keinen Schmelz, nur Flle und uerstes; die Melodie verborgen wie
der Kern in harter Schale und nicht blo verborgen, sondern zerteilt und immer
wieder zerteilt; hinabgepret, unterirdisch gebunden, um nur ein einziges Mal
berwltigend emporzusteigen, emporzujubeln: Aber den Einsamen hll' in deine
Goldwolken! umgib mit Wintergrn, bis die Rose wieder heranreift, die feuchten
Haare, o Liebe, deines Dichters!
    Es war um fnfundzwanzig Jahre zu frh geboren. Es hatte keine Beziehung zu
den Nerven seiner Umwelt; es konnte auf keinen Verkndiger, keinen Versteher
zhlen, nicht weiter getragen werden durch das Wohlwollen Gleichfhlender; das
Merkmal tdlicher Verlassenheit haftete ihm an; es glich einem tropischen Vogel,
der an der Eiskste Grnlands ausgesetzt worden ist.
    Aber fr die herzlich Nahen ist ein Fluidum in der Luft, das die hhere
Wahrheit vermittelt. Monsieur Rivire und Lenore saen kaum atmend da. Lenores
groe Augen waren unendlich still und schlossen und ffneten sich langsam. Als
Daniel zu Ende war, mit dem Taschentuch die nasse Stirn trocknete und dann die
Arme schlaff hngen lie, war es ihm, als ob der Glanz ihrer Augen bis an seine
Haarspitzen dringe und sie elektrisiere.
    Umgib mit Wintergrn, bis die Rose wieder heranreift, die feuchten Haare, o
Liebe, deines Dichters.
    Man kann keine Vorstellung davon geben, murmelte Daniel, das Klavier ist
wie ein spanischer Stiefel.
    Da vernahmen sie aus dem Wohnzimmer eigentmliche Laute. Sie gingen hinein
und sahen Gertrud, die sehr bleich war und mit ber der Brust gekreuzten Hnden
auf dem Sofa sa und halb wie aus dem Traum, halb wie eine Betende vor sich
hinredete. Man konnte nicht verstehen, was sie sagte; sie schien abgewandt und
fern.
    Lenore eilte zu ihr hin, Daniel betrachtete sie dster, indessen lutete es
drauen und Monsieur Rivire ging hinaus. Eine gilfende Mnnerstimme erschallte,
die Tr wurde aufgetan, und Herr Carovius trat ein.

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Herr Carovius verbeugte sich nach allen Seiten. Er trug gelbe Schuhe mit
Messingschnallen, schwarze Hosen, einen grnlich schimmernden Rock und eine
nicht mehr ganz weie Krawatte. Seinen Schlapphut legte er auf einen Stuhl und
sagte, er bitte um Verzeihung, falls er ungelegen komme, aber er habe seinem
lieben jungen Meister fr die bewute Einladung danken wollen.
    Mir scheint, mir scheint, fgte er mit neckischem Augenzwinkern hinzu,
ich habe da in aller Unschuld eine interessante Produktion gestrt. Unten vor
dem Hause stehen die Leute, und ich habe mirs gleichfalls nicht versagen knnen,
zu horchen. Es wird ja nicht abgesammelt, hihihi. Hoffentlich unterbrechen Sie
das Opferfest meinetwegen nicht. Was haben Sie denn zum besten gegeben, Maestro?
Doch nicht etwa die Symphonie?
    Ja, die Symphonie, antwortete Daniel, der aus lauter Verblffung ber das
Erscheinen und das Benehmen des Herrn Carovius hflich war.
    Hat mich schon Geld gekostet, die Symphonie, mgen Sie's glauben oder
nicht; einen Gehrock wie fr einen Marquis, neuester Schnitt, Sammetkragen,
Sche bis an die Waden. Hchst vornehm, hchst vornehm. Er stierte ber
Gertruds Kopf hinweg in die Ecke und kicherte mindestens eine Viertelminute
lang.
    Niemand antwortete. Alle sahen dumm und bestrzt aus.
    Mein Gott, die gesellschaftliche Pflicht, fuhr Herr Carovius fort; man
ist doch kein Hinterwldler. Die Musik soll ja den Menschen auch uerlich
veredeln. brigens, es geht das Gercht, da es eine Symphonie mit Chren ist.
Wie sind Sie denn auf den Einfall geraten? Die Lorbeeren der Neunten lassen Sie
wohl nicht schlafen? Hatte mir gedacht, Sie scheren sich den Teufel um
klassische Vorbilder. Man ist ja jetzt ganz auf das musikalische Suglingsgelall
versessen, Wagelaweia und so. Aber das ist nur ein bergang, wie der Fuchs
sagte, als er geschunden wurde.
    Er nahm den Zwicker ab, putzte ihn hastig, nestelte am Kettchen und setzte
ihn wieder auf. Nachdem er so Zeit gewonnen hatte, begann er sich ber den
Verfall der Knste zu verbreiten, erkundigte sich bei Daniel, ob er etwas von
einem gewissen Hugo Wolf gehrt habe, der jetzt von sich reden mache und hinten
im dunkelsten sterreich Lieder fabriziere wie ein Hottentott, schimpfte ber
einen neuen Brunnen, der auf dem Plrrer errichtet werden sollte, erzhlte, da
im Kulturverein eine Grotesk-Tnzer-Pantomimengesellschaft auftrete, da er auf
dem Herweg die Entdeckung gemacht, es gebe in der Stadt eine Leihanstalt fr
Kartoffelscke und da in Konstantinopel eine schreckliche Feuersbrunst gewtet
habe.
    Dabei schaute er Daniel und Monsieur Rivire an, bald den einen, bald den
andern, hielt die Knurrlaute des einen und die verlegenen Blicke des andern fr
ermunternd genug, um sein Geschwtz fortzusetzen, rckte an seinem Zwicker,
schneuzte sich, strich die ohnehin glatten Haare noch glatter, rieb die Hnde
umeinander, als ob er sich in besonderer Weise angeheimelt fhle, und kicherte,
wenn in seinem Redeflu eine Pause entstand.
    Auf Gertrud heftete er nur hie und da einen verstohlenen Blick, der sich
gleich darauf zurckzog wie der Arm eines Diebes, der sich beobachtet glaubt;
Lenore schien berhaupt nicht fr ihn vorhanden zu sein. Als sie endlich
aufstand, gepeinigt von seinem Wesen, von der Zerstrung des eben erlebten
Eindrucks durch seine Gegenwart, seine herausfordernden, platten, grundlos
hmischen, grundlos slichen Phrasen, erhob er sich gleichfalls, zog
erschrocken die Uhr, bat, seinen Besuch wiederholen zu drfen und empfahl sich
mit einem lcherlich altmodischen Bckling von Gertrud, mit vertraulichem
Hndeschtteln von Daniel und mit unsicherer Hflichkeit von dem Franzosen.
Lenore schien er wieder zu bersehen.
    Drauen auf der Stiege blieb er stehen, nickte mehrmals mit dem Kopfe und
sagte mit einem fast irren Grinsen in die leere Luft hinein: Auf Wiedersehen,
Schnste. Auf Wiedersehen, Allerschnste. Gehab dich wohl, mein Engel, vergi
mich nicht.
    In der Stube drinnen flsterte Lenore beklommen: Was war das? Was war das?

                                       8


Um Lenore beim Umzug zu helfen, stellte sich Philippine Schimmelweis ein. Zuerst
befremdet, war Lenore schlielich des Beistands froh. Der Inspektor nahm kaum
irgendwelchen Anteil an einem Vorgang, der ihm als letzte, alle Hoffnung
vernichtende Niederlage erschien.
    Auch an den folgenden Tagen kam Philippine, und allmhlich wurde es ihr zur
Regel, jeden Tag ein paar Stunden im Haus zu verbringen, entweder bei Lenore
oder bei Gertrud unten, so lange diese in der Kche zu tun hatte. Man gewhnte
sich an ihren Anblick und duldete sie. Sie bemhte sich, geruschlos zu sein und
hatte die Miene eines Menschen, der ein wichtiges, aber noch nicht gewrdigtes
Amt versieht.
    Sie studierte das Haus. Sie kannte alle Rume. Am liebsten kam sie um die
Dmmerungszeit. Dann sagte sie zu Lenore, sie habe auf der Treppe einen
geheimnisvollen Kerl gesehen. Lenore holte die Kerze und sah nach, aber da war
nichts zu finden. Dennoch behauptete Philippine steif und fest, es sei einer
dagestanden in einem grnen Kamisol und habe ihr eine Nase gedreht.
    Der Dachboden lockte sie vornehmlich. Sie erzhlte in der Nachbarschaft, da
eine Eule droben se. Infolgedessen geschah es, da die Kinder, die ringsum
wohnten, das Haus zu frchten begannen, und da die Kanzleirtin im ersten
Stock, durch die Gerchte verngstigt, ihre Wohnung kndigte.
    Die neue Inspektorswohnung hatte kein Schutzgitter. Man trat von der Stiege
unmittelbar in Lenores Kammer, wo sie schlief und arbeitete. An diese Kammer
stie die ihres Vaters. Die Leute nannten ihn noch immer Inspektor, obwohl er
keine Inspektorstelle mehr hatte.
    Den ganzen Tag blieb er bei geschlossenen Fenstern in seiner engen Kammer,
deren eine Wand geneigt war. Wenn ihm Lenore das Frhstck brachte oder ihn zum
Mittagessen rief, das sie in der verschlagartigen, winzigen Kche aufgewrmt und
in ihrem gleichfalls winzigen Stbchen angerichtet hatte, sa er am Tisch und
hatte viele Bltter vor sich liegen, alte Rechnungen und alte Briefe. Und sie
lagen immer in derselben Ordnung da.
    Einmal trat sie unerwartet ein, ohne zu klopfen, da schlo er hastig den
Schrank zu, steckte den Schlssel in die Westentasche und versuchte in einer
Weise harmlos zu lcheln, die Lenores Herz stocken lie.
    Erst wenn es dunkel war, ging er aus, und wenn er heimkehrte, trug er
manchmal ein Paket unterm Arm, das er mit in seine Kammer nahm.
    Anfangs war Lenore immer unruhig, wenn sie fortgehen mute. Da bat sie
Philippine, sie mge acht geben und keinen Fremden hereinlassen. Philippine
hatte eine Schachtel mit Bndern in Lenores Kommode stehen; sie stellte einen
Stuhl neben die Tr, die zur Kammer des Inspektors fhrte, und wenn ihre Hnde
md waren vom Whlen in den Bndern und ihre Augen sich gesttigt hatten an der
Buntfarbigkeit, prete sie das Ohr an die Tre, um zu lauschen, was der alte
Mann trieb.
    Bisweilen hrte sie ihn sprechen. Es war, als rede er mit einem Menschen.
Seine Stimme klang mahnend, ja auch zrtlich. Da erzitterte Philippine vor
Furcht und Grauen. Einmal drckte sie die Klinke herab und wollte leise die Tr
ffnen, um hineinzusphen, aber zu ihrem rger war das Schlo drinnen
verriegelt.
    Bei Gertrud verrichtete sie kleine Handreichungen und lief zum Krmer oder
zum Bcker. Gertruds Beweglichkeit nahm zusehends ab, das Stiegensteigen fiel
ihr schwer, und Philippine ersetzte ihr beinahe eine Magd. Nur solche Dienste,
bei denen ihre Kleider schmutzig werden konnten, verweigerte sie. Gertruds
scheue Zurckhaltung verdro sie oft und, eines Tages fragte sie bissig: Gell,
Sie sind recht stolz? Sie mgen mich wohl nit leiden, gell? Gertrud sah sie
verwundert an und wute keine Antwort.
    Vor Daniel verkroch sich Philippine, sobald sie nur seinen Schritt hrte.
Gewahrte er sie dann doch, so zuckte er die Achseln ber das Gestell, wie er sie
geringschtzig nannte. Aber es wollte ihm scheinen, als ob es nicht ungefhrlich
sei, sie schlecht zu behandeln, und als ob sie sich's verdient htte, da man
sich ihre unerklrliche Beflissenheit, gefllig zu sein, gefallen lie.
    So berwand er sich einmal und gab ihr die Hand, zog sie aber gleich darauf
erschrocken zurck, denn etwas so Glitschiges und Froschhaftes glaubte er vorher
nie berhrt zu haben. Philippine tat, als habe sie nichts bemerkt, doch kaum war
er ins Zimmer gegangen, so wandte sie sich mit diabolisch glimmenden Augen zu
Gertrud und rief mit ihrer ordinren Stimme: Gottich, der Daniel hat's aber
gndig! Hat's der aber gndig! Kein Wunder, da ihn die Leut nicht ausstehen
knnen. So gndig!
    Als sie sah, da Gertrud die Brauen zusammenzog, drehte sie sich mit einem
plumpen Schwung auf dem Absatz herum und schrie wie besessen: Oi, Gertrud! ioi!
Der Braten brennt an! Der Braten brennt an!
    Es war falscher Alarm. Der Braten schmorte ganz friedlich in der Pfanne.

                                       9


An einem strmischen Sptnachmittag im Juni kehrte Daniel von der letzten Probe
zur Harzreise mde und verstimmt heim. Die Proben waren in einem kleinen Saal
im Weyrauthersgarten abgehalten worden. Nach und nach hatte er sich mit
smtlichen Musikern und smtlichen Sngern und Sngerinnen berworfen.
    Als er auf den Egydienplatz kam, rieselte auf einmal ein Schauder ber
seinen Krper. Er mute die Hand ber die Augen legen und im Gehen innehalten.
Er glaubte sterben zu mssen vor Sehnsucht nach etwas Jungfrulichem, das er
verscherzt hatte.
    Er ging die Stiegen hinauf, ging an seiner Wohnung vorber und erklomm die
finstere Treppe zur Inspektorswohnung.
    Sein Blick fiel in den Bretterverschlag, in dem sich der Herd befand und das
Kupfergeschirr an der Wand glnzte. Dort sa Lenore, den Arm auf das
Fensterbrett, den Kopf in die Hand gesttzt, in tiefem Sinnen eigentmlich
kraftvoll ruhend. Ihr Gesicht war abgekehrt gegen die steile Senkung eines
Daches, uraltes Fachwerk, graue Mauern, erblindete Fensterscheiben und
verfallene Holzgalerien, ber denen die Stille und ein wolkenbedecktes
Himmelsquadrat lag.
    Guten Abend, sagte Daniel, aus dem Dunkel in das Halbdunkel tretend; was
tust du da, Lenore, was denkst du?
    Lenore fuhr zusammen. Ach, du bist es, Daniel? Du lt dich auch einmal
sehen? Und fragst, was ich denke; gleich so neugierig! Willst in mein Zimmer
kommen?
    Nein, bleib nur, antwortete er und hinderte sie durch eine Berhrung der
Schulter am Aufstehen. Ist der Vater zu Hause?
    Sie nickte. Er zog ein schmales Bnkchen, von dem er die Kaffeemhle und
einen Trichter wegnahm, an das Anricht und setzte sich in die grtmgliche
Entfernung von Lenore, wobei sie einander immer noch so nahe waren, als htten
sie sich in einer Kutsche gegenber gesessen.
    Wie geht's dir? fragte sie befangen, mit einem Blick ohne Wrme.
    Du weit doch, da ich auf eine durchlcherte Trommel schlage, Lenore. Und
nach einer Pause fgte er hinzu: Aber was die Menschen auch tun und unterlassen
mgen, zwischen uns zweien mu es ins Klare kommen. Gehst du nach Paris?
    Sie schwieg und senkte den Kopf. Ich knnte gehen, es steht nichts mehr im
Weg, sagte sie dann leise zgernd. Doch du siehst ja ungefhr, wie ich bin.
Ich bin nicht mehr so ... so wie frher. Frher htte ich gedacht, wunder was
fr ein Glck das ist, jemand, dem ich mich dort anvertrauen kann und der sich
fr mich interessiert. Htt mich nicht lang besonnen. Und wenn ich gehe, was
wird damit klar? Und was wird klar, wenn ich bleibe? Ich hab dir schon neulich
gesagt: ich versteh dich nicht, Daniel. Wie entsetzlich ist jedes Wort davon!
Was willst du nur? Was soll denn daraus werden?
    Erinnerst du dich an Bendas letzten Brief, Lenore? Du selbst hast ihn mir
gebracht, und ich war nachher wie ausgewechselt. Er schrieb mir damals, wie wenn
er von Gertrud nichts wte, ich solle nicht an dir vorbergehen. Wir beide
seien freinander bestimmt wie nichts auf der Welt, schrieb er. Du mut dich
doch erinnern, wie ich darnach war. Und schon vorher, erinnerst du dich, wie du
am Hochzeitstag den Myrthenkranz aufgesetzt hast? Da hab ich gewut: alles
verloren, alles hin. Aber nein, vorher noch, wie das Frulein Sylvia von Erfft
deine Haut gehabt hat, deine Gestalt, deine Haare und deine Hnde! Und vorher,
vorher. Wenn du im Wald mit Benda gegangen bist und ich hinterdrein, und es war
mir so was Liebes, deinem Gehen zuzuschauen, nur wut ich's nicht. Und wenn du
ins Zimmer gekommen bist dort in der langen Zeile und die Gipsmaske gestreichelt
hast und am Klavier gesessen bist und die Wange aus Holz gelehnt hast, wie mir
das unentbehrlich war, tief drinnen unentbehrlich, nur wut ich's nicht, wut es
nicht.
    Es mag nun gewesen sein, wie es will, es ist eben gewesen, erwiderte
Lenore mit angehaltenem Atem, und eine Rte, die sie qulte, berflutete ihr
Gesicht, um erschreckend schnell wieder der Blsse zu weichen.
    Glaubst du, ich bin einer, der sich mit Gewesenem abfindet? Jeder Mensch,
Lenore, ist sich sein Glck schuldig und kann es erringen, wenn er dazu
entschlossen ist. Erst, wenn er's versumt hat, macht ihn das Schicksal zum
Hund.
    Das ists eben, was ich nicht begreife, sagte Lenore und blickte ihm mit
heiterer Freiheit ins Gesicht. Es drckt mir ja das Herz ab, dich so im
Selbstbetrug und hlichen Trotz zu wissen. Wir beide knnen doch nicht eine
Schlechtigkeit begehen, Daniel, das ist doch ganz unmglich, nicht wahr?
    Erregt beugte sich Daniel nher zu ihr hin. Weit du denn, wo ich stehe?
fragte er, und die blauen Adern an seinen Schlfen schwollen an; ich will dir's
sagen. Ich stehe auf einem morschen Brett ber einem Abgrund. Rechts und links
von demselbigen Abgrund sind lauter blutgierige Wlfe. Ich habe nur die Wahl,
entweder in den Abgrund hineinzuspringen oder mich von den Wlfen zerreien zu
lassen. Wenn nun so ein Wesen durch die Lfte herunterschwebt, so ein
Flgelwesen wie du, und kann einen nach oben retten, gibts da ein Bedenken?
    Lenore verschrnkte die Arme ber der Brust und schlo die Augen halb. Ach
nein, Daniel, sagte sie wie begtigend, da bertreibst du wirklich. Da siehst
du zu wei und zu schwarz. Ein Flgelwesen, ich? Wo wren Flgel an mir? Und
Wlfe? All die unbedeutenden nrrischen Leutchen - Wlfe? Ach nein. Und
blutgierig! Geh doch zu!
    Zertritt mir nicht mein Gefhl, Lenore! rief Daniel mit unterdrcktem Ton
und leidenschaftlicher Wildheit; zertritt mir nicht mein Gefhl, denn sonst
besitz ich nichts. So kannst du nicht denken, so nicht empfinden, so lau, so
flau, so gemein. Oberstimme! Oberstimme! besinn dich doch! Siehst du nicht, wie
sie mir die Zhne weisen? Hrst du nicht ihr Geheul bei Tag und Nacht? Kannst du
sie gut nennen oder mitleidig? Oder sind sie willig, wenn einer kommt, um gut
und gro zu sein? Glaubst du an einen, an einen einzigen unter ihnen? Haben sie
nicht sogar deinen sen Namen begeifert? Ist ihnen etwas heilig von dem, was
dir oder mir heilig ist? Werden sie durch deine oder meine oder irgendeines
Menschen Not um Millimetersbreite von der Stelle gerckt? Klebt nicht an jedem
ihrer Muler der Schlamm der Verleumdung? Ist ihnen nicht dein Lachen ein Dorn
im Auge? Neiden sie mir nicht den bittern Bissen, um den ich mich schinde, und
die Musik, die ihnen unbegreiflich ist und die sie hassen, weil sie ihnen
unbegreiflich ist? Mt ich nicht Steine klopfen oder Latrinen subern, wenn es
nach ihrer Herzenslust ginge, weil sie mir mein Leben nicht verzeihen und das,
was mein Leben ausmacht -? Und das keine Wlfe? Das keine Wlfe? Sag mir, da du
vor ihnen Angst hast, sag mir, da du sie nicht auf dich hetzen willst, aber sag
mir nicht, da du eine Schlechtigkeit begehst, wenn ich dich zu mir rufe, dich
mit deinen Flgeln, und du kommst.
    Seine Arme lagen, ausgestreckt nach ihr, auf der Platte des Kchentischs und
bebten bis in die Fingerspitzen.
    Die Schlechtigkeit, Daniel, flsterte Lenore, die hat doch nichts mit
denen zu tun, die begingen wir doch gegen die hhere Sitte, gegen unser inneres
Gefhl von Brauch und Ehre ...
    Falsch, zischte er, falsch. Das haben sie dir weisgemacht. Das haben sie
Jahrhunderte und Jahrhunderte lang in dich und deine Mutter und deine
Muttersmutter und deine Urmtter hineingepredigt. Falsch. Lge. Alles Lge. Mit
dieser Lge sttzen sie ihre Macht, schtzen sie ihre Organisation. Wahrheit
dagegen ist, was das Herz erfllt, was Freude schafft, was mich weiterbringt.
Wahrheit ist, was die Natur gebietet, und der Gehorsam gegen die Natur. Wahrheit
ist in deinen Sinnen, Mdchen, in deinen geknebelten Sinnen, in deinem Blut und
in dem Ja, das dir deine Trume sagen. Freilich wei ich nur zu gut, da sie
ihre Lge brauchen, denn sie mssen organisiert sein, die Wlfe, sie mssen ein
Rudel sein, denn sonst sind sie nichts. Ich aber hab nur meine Wahrheit; auf
meinem Brett ber dem Abgrund nur meine Wahrheit.
    Deine Wahrheit, sagte Lenore; deine. Das ist aber nicht meine.
    Nicht, Lenore? Nicht deine? Wozu sprch ich dann mit dir? Und wenn alles
andere Irrtum und Schwindel ist, davon bin ich berzeugt wie vom Licht meiner
Augen, da es deine ist.
    Du kannst dich doch nicht gegen die ganze Welt stellen, brach es aus
Lenores beengter Brust, du bist doch auch drinnen in der Welt.
    Ja, gegen die Welt will ich mich stellen, antwortete er, eben dazu bin
ich entschlossen. Ihre Mnze zahl ich ihr zurck. So wie sie gegen mich steht,
so steh ich gegen sie. Ich bin kein Vertrgemacher, bin kein Hndler, bin kein
Bettler. Ich lebe nach meinem Gesetz. Ich mu, wo alle blo sollen oder drfen
oder nicht drfen. Wer das nicht fat, mit dem hab ich nichts gemein.
    Ihr graute vor der Vermessenheit seiner Worte, doch regte sich in ihr etwas
wie Jubel und Stolz, und die Lust regte sich, fr ihn zu sein, mit ihm zu sein.
Bumte er sich auf wider die Gewalt, die ihn vernichten mute, so tat er es doch
um ihretwillen, und so glaubte sie nicht das Recht zu haben, sich ihm zu
entziehen. Was sie wunderlich beruhigte, zugleich schlaff machte und hinri, war
die Glut und die Unbeirrbarkeit seines Willens und seines Gefhls.
    Aber da begegneten sich ihre Blicke, und im Auge eines jeden war der Name
Gertrud zu lesen.
    Gertrud stand ja lebendig zwischen ihnen; alles, was sie gesprochen hatten,
war von Gertrud ausgegangen, ging zu Gertrud zurck. Da Daniel an die Lsung
seiner Ehe nicht dachte, nicht denken konnte, das wute Lenore. Ein Kind sollte
kommen; wie war es mglich, die Mutter zu verstoen? Wie war es mglich, bei der
Drftigkeit der Umstnde, Mutter und Kind dem Elend preiszugeben? Hierzu war
Daniel nicht fhig, das wute Lenore.
    Doch wute sie auch, sie kannte ihre Schwester gut genug, um dies zu wissen,
da eine Trennung von Daniel so viel hie, wie Gertrud tten. Sie wute ferner,
da Daniel sich in seiner Ehe fr unverbrchlich gebunden hielt, nicht nur wegen
seiner Kenntnis von Gertruds Charakter, sondern auch, weil in seiner Ehe mit
Gertrud etwas enthalten war, unabhngig von Leidenschaften, Einsichten und
Entschlssen, etwas, das sogar im Ha noch fesselt und in der Verzweiflung
kittet.
    Dies alles wute sie. Und sie wute, da Daniel es wute. Und wenn sie nun
die einzig mgliche Folgerung aus seinen Worten und aus seiner Seelenverfassung
zog, so wute sie auch, was er von ihr verlangte.
    Er verlangte von ihr, da sie sich opfern solle. Darber gab es keinen
Zweifel mehr.
    Wie aber opfern? In Heimlichkeit? Konnte daraus ein Glck erwachsen? Mit
Gertruds Einverstndnis? Konnte Gertrud dies ertragen, selbst wenn sie gromtig
war wie eine Heilige? Wo gab es da einen Weg? Wo drohte nicht Verwirrung, Angst
und Untergang?
    Sie beugte das Gesicht nieder und bedeckte es mit den Hnden. Lange sa sie
so. ber die Dcher drauen senkte sich die Dmmerung.
    Pltzlich richtete sie sich auf, streckte ihm die Hand hinber, lchelte mit
Trnen in den Augen und sagte mit einem letzten Versuch, dem Ungeheuren zu
entgehen, mit einer wunschdurchflammten Eindringlichkeit und einer ergreifenden
Schelmerei in der Stimme: Brderlein ...
    Er schttelte traurig den Kopf, nahm aber ihre Hand und hielt sie zart
zwischen seinen beiden.
    Da verdunkelte sich ihr Gesicht wie eine Landschaft beim Anbruch der Nacht.
Ihr abgewandter Blick sah die Bume eines groen Gartens, sah ein hliches,
krankes Weib unter einer Hecke und sah zwei kleine Mdchen, die sich frchteten
und zukunftsbang in die untergehende Sonne schauten.
    Ein Gerusch lie sie und Daniel zusammenfahren. Auf der Schwelle stand
Philippine Schimmelweis. Ihre Augen glitzerten wie die Haut eines Reptils, das
aus dem Sumpf emportaucht.
    Daniel ging in seine Wohnung hinunter.

                                       10


Seit neun Jahren war der Rokokosaal im Auffenbergschen Haus festlichen
Veranstaltungen jeder Art verschlossen gewesen. Es hatte eines langwierigen
Briefwechsels zwischen dem Sekretr des in Rom weilenden Freiherrn und dem
Sekretr der Freifrau bedurft, um die Erlaubnis zur Bentzung des Saales von
jenem zu erlangen.
    Die Entrstung ber das Nothafftsche Werk war allgemein. Die Leute aus der
Gesellschaft wuten sich nicht zu fassen, und die als Liebhaber und auf
Empfehlung Geladenen waren gleichfalls wenig erbaut. Das Hauptvergngen hatte
darin bestanden, den Komponisten dirigieren zu sehen. Der Anblick des
zappelnden, hopsenden Gesellen hatte den Konsistorialrat Zllner vor Lachlust
beinahe zum Bersten gebracht.
    Der alte Graf Schlemm-Nottheim, der nicht nur eine Vorliebe fr
pornographische Literatur besa, sondern auch jeden Nachmittag einen
Viertelliter von Doktor Rosas Lebensbalsam trank, erklrte, das Unisono
smtlicher Schaubudeninstrumente auf dem Jahrmarkt sei eine musikalische
Offenbarung gegen solche Katzenmusik; der Oberlandesgerichtsrat Braun sprach
unverhohlen von einer Verschwrung wider den guten Geschmack.
    Dies wurde in den Ecken ausgemacht. Um die Freifrau nicht zu beleidigen,
spendeten alle ziemlich lebhaft Beifall. Dann vereinigten sich Zuhrer und
Mitwirkende an einer riesigen Hufeisentafel zum Diner.
    Graf Schlemm-Nottheim war der Tischherr der Freifrau und erkundigte sich bei
ihr nach den verschiedenen Persnlichkeiten der Kunstwelt. Er fragte, wer die
interessant schwermtige Dame neben dem Major Bellmann sei? Es sei die Frau des
Komponisten. Die Frau? gar nicht bel, diese Frau; damit liee sich leben, in
der Tat. Und wer sei die dort, zwischen dem alten Herold und dem Franzosen? ein
entzckendes Geschpfchen; die habe ja Augen wie das ligurische Meer und
Hndchen wie eine Prinzessin. Das sei die Schwester der Frau. Die Schwester? ei,
der Kuckuck, eine prchtige Familie, der Untersttzung nicht unwrdig.
    Es wurden Trinksprche ausgebracht. Der Fabrikant Ehrenreich lie den
Schpfer der Harzreise leben; der Graf die anwesenden Frauen.
    Peinliches Aufsehen erregte Herr Carovius. Er sa bei den Herren vom
Gesangverein Liedertafel, die im Chor mitgesungen hatten, und sie schmten
sich seiner. Denn er benahm sich ungeziemend.
    Es war ihm gelungen, einen Handschuh, den Lenore verloren hatte, unbemerkt
aufzuheben und in seine Tasche zu stecken. Vielleicht war er deshalb von so
geruschvoller Lustigkeit. Er warf dem Frulein Varini eine Krachmandel zu, die
er vom Tafelaufsatz genommen hatte. Er lie den feuchtseligen Blick ber den
Kristall-Lster und die mit Goldleisten verzierten Wnde schweifen und wurde
nicht mde, den Glanz und den Reichtum des Hauses zu preisen, so, als ob er
selbst zum Hause gehre. Er hob das Weinglas und uerte sich verzckt ber
Farbe und Blume des Getrnks, so, als ob er die Weine des Hauses aus langer
Erfahrung kenne.
    Da geschah es aber, da er bei einer heftigen Bewegung seinen Teller
umstlpte, und ber seine weie Weste flo ein Bach von braunem Bratensaft. Er
verstummte. Er versank in sich selbst. Er tauchte die Serviette ins Wasser und
rieb und rieb. Die Lakaien kicherten. Er schlo seinen Gehrock zu und glich
einem Auslagefenster in tiefer Nacht.
    Noch ein anderes Phnomen bot sich den spttischen Augen bei Lakaien. Sie
bemerkten, da der Kapellmeister Nothafft in bloen Strmpfen an der Tafel sa.
Die neuen Lackstiefel hatten ihn so unleidlich gedrckt, da er kurzen Proze
gemacht und sich ihrer whrend des Essens entledigt hatte. So standen sie
herrenlos, einer rechts von seinen Fen, einer links. Wenn die Lakaien
vorbergingen, schauten sie unter den Stuhl und preten grimmig die Lippen
aufeinander, um nicht herauszuplatzen.
    Der grobe Versto gegen den Anstand blieb auch den Nachbarn nicht verborgen.
Es wurde getuschelt und gelchelt, Achseln wurden gezuckt, Kpfe geschttelt. Da
sich nun Daniel beim allgemeinen Aufstehen von der Tafel gar keine Mhe gab,
seine Stiefellosigkeit zu verschleiern, sondern die lackledernen Qulgeister
ohne Rcksicht auf die erstaunten Zuschauer unbekmmert wieder an seinen
Extremitten befestigte, hatte er verspielt, hatte er grndlich verspielt.
    Die Kunde der auerordentlichen Begebenheit wurde in den nchsten Tagen,
reizvoll ausgeschmckt, von Haus zu Haus weitererzhlt, drang aus den hohen
Regionen in die niedrigen und erregte Strme von Gelchter. Niemand wute etwas
ber die Symphonie zu sagen, dafr war jeder aufs genaueste mit den Einzelheiten
der Lackstiefel-Episode bekannt.

                                       11


Auf dem Heimweg ging Daniel mit Lenore. Gertrud folgte mit Monsieur Rivire in
weitem Abstand, denn sie konnte nur sehr langsam gehen.
    Wie war dir denn, Lenore? fragte Daniel, war dir nicht wie bei einem Fest
der Leichen?
    Lieber, murmelte sie. Und sie gingen weiter.
    Und als sie eine Weile schweigend gegangen waren, kamen sie unter einen
engen Torweg. Da war es Lenore, als ertrge sie Daniels stummes Fragen nicht
mehr. Sie zog den seidenen Schal fester an ihre Wangen und flsterte: La mir
Zeit. Drng mich nicht. La mir Zeit.
    Lie ich dir nicht Zeit, du teures Herz, ich htte den jetzigen Augenblick
nicht verdient, antwortete er.
    Ich kann nicht, ich kann nicht, brach es verzweifelt aus ihr. Noch eine
einzige Hoffnung hatte sie, einen letzten Schimmer von Hoffnung, und ihre ganze
Seele drngte dorthin. Doch sie mute schweigend handeln.
    Mit Gertrud in der Wohnstube stehend, gewahrte Daniel, da die Maske der
Zingarella mit Rosenzweigen bekrnzt war. Unter den jungen Blttern leuchteten
Bltenknospen hervor, die wie rote Laternchen um den weien Gips hingen. Wer
hat das gemacht? fragte er.
    Lenore war am Nachmittag da, sie hat es gemacht, erwiderte Gertrud.
    Sein flammender Blick war auf die Maske geheftet, als Gertrud ihn umschlang
und in der Flle ihrer Empfindung ausrief: Ach, Daniel, wie herrlich ist dein
Werk, wie herrlich!
    So? Gefllt es dir? Das freut mich, entgegnete er trocken.
    Die Menschen fassen es ja nicht, fgte sie leise und errtend hinzu, nur
ich wei es, nur ich, weil es mir gehrt.
    Am andern Tag legte er die Partitur der Harzreise samt allen Stimmen in
eine groe, alte Truhe und sperrte sie zu. Es war wie ein Begrbnis.

                                       12


In den gewundenen und finstern Gchen hinter der Stadtmauer stehen die kleinen
Huser mit groen Nummern und farbigen Laternen. Sie sind von einem
slich-fauligen Geruch erfllt und aus mhsam aufgeschmckten morschen
Rumpelkammern zusammengesetzt. Durch die geschlossenen Fensterlden dringt
allnchtlich gellendes Gelchter, und den Eintretenden empfangen halbnackte
Scheusale und ntigen ihn auf scheuslige, mit rotem Plsch berzogene Sessel
und Sofas.
    Der Brger nennt diese Baracken Lasterhhlen, und an die Bewohnerinnen mit
den gedunsenen oder abgezehrten Krpern, den traurig oder trunken glotzenden
Augen denkt er zwischen Freitag und Sonntag mit lustvollem Grauen.
    Dahin lenkte Herr Carovius seine Schritte. Weil es nur ein Schatten war, den
er umarmte in Stunden, wo seine von allem Gift der Erde entzndete Phantasie
einen Menschenleib beschworen hatte, ergrimmte er, ging hin und kaufte sich
einen Menschenleib.
    Nachdem er in einem halben Dutzend dieser Huser gewesen, jubelnd begrt
und unter unfltigen Beschimpfungen entlassen worden war, fand er schlielich,
was er suchte, ein Geschpf, dessen Abgefeimtheit noch nicht verjhrt war, das
noch Menschenzge hatte und dessen Gestalt und Wesen eine Erinnerung
wachzuhalten vermochte, wenn man entschlossen war, zu sehen, was man sehen
wollte, und zu vergessen, was man vergessen wollte.
    Sie hie Lena. Holder Anklang an eine begehrte Wirklichkeit! Er folgte ihr
aus dem Kreis der Gefhrtinnen in die elende Zelle zwischen Winkelstiege und
Dachwinkel. Er klimperte mit Geld und gab seine Befehle. Die Nymphe mute ein
Straenkleid antun, einen bescheidenen Hut auf den Kopf setzen und einen
Schleier ber das rohgeschminkte Gesicht ziehen. Hierauf nherte er sich ihr,
redete sie hflich an und kte ihr die Hand. Niemals hatte er sich gegen
irgendeine Dame drauen in der Welt so fein und zurckhaltend benommen.
    Der Dirne ward es angst und sie lief davon. Sie bedurfte der Belehrung.
Durch die Hterin des Hauses ward ihr Belehrung zuteil. Denn Herr Carovius
klimperte mit Geld. Sie mssen Nachsicht haben, sagte die Hterin, wir sind
fr so was Raffiniertes nicht eingerichtet.
    Er kam wieder. Lena war belehrt. Allmhlich fand sie sich in ihre Rolle.
    Offengestanden, sagte er zu Lena, ich habe keine bung in den Knsten der
Liebe. Ich war zu stolz, den Kotau vor dem berockten und bemiederten Idol zu
machen. Weibchen ist Weibchen, Mnnchen ist Mnnchen. Da lgen sie denn einander
vor, da jedes Weibchen ein besonderes Weibchen, jedes Mnnchen ein besonderes
Mnnchen sei. Stumpfsinn.
    Die Dirne grinste.
    Er ging auf und ab; der Raum erlaubte ihm nur drei Schritte nach jeder
Seite. Er entsann sich des Ausdrucks, den Lenores Gesicht whrend der Auffhrung
der Symphonie gezeigt, und den er aus dem Hinterhalt gierig beobachtet hatte. Er
geriet in Zorn. Du wirst dir doch nicht einbilden, da mit solchen
dilettantischen Jmmerlichkeiten ein Fortschritt erzielt wird? keifte er. Es
ist der reine Hokuspokus. In der Kunst gibt es berhaupt keinen Fortschritt, so
wenig wie es in der Bahn der Gestirne einen Fortschritt gibt. Hr mal zu!
    Und er brllte das wuchtige Anfangsmotiv aus der Sonata quasi una fantasia
von Mozart. Da-dada-da-daddaa! Ist darber hinaus ein Fortschritt mglich? La
dich doch nicht beschwatzen, mein Engel. Sei aufrichtig gegen dich selbst. Er
hat dich narkotisiert. In deinem arglosen Herzchen ist das unterste zu oberst
gekehrt. Schau mich doch an! Frchtest du dich vor mir? Ich tue fr dich, was in
meinen Krften steht. Gib mir die Hand. Sprich mit mir.
    Die Dirne mute verlangend die Arme ausstrecken, und er nahm mit
gravittischer Umstndlichkeit neben ihr Platz. Hierauf zog er die Nadel aus
ihrem Hut, legte den Hut zrtlich beiseite, und sie mute den Kopf an seine
Schulter lehnen.
    Dann verfiel er in trumerisches Sinnen.

                                       13


Drah' di, Madel, drah' di, morgen kommt der Mahdi. Diesen neuesten Gassenhauer
plrrend, trat Philippine zu Gertrud in die Wohnstube. Daniel war nicht zu
Hause.
    Da hast, sagte sie und warf eine Zwirnrolle auf den Tisch.
    Gertrud hatte dem Drngen des Mdchens nachgegeben und duzte sie und lie
sich von ihr duzen. Weil wir doch eigentlich Verwandte sind, hatte Philippine
gemeint.
    Gertrud frchtete sich vor Philippine, aber sie fand kein Mittel, ihre
bertriebene Dienstwilligkeit abzuwehren. Was sie vor keinem Menschen empfand,
das empfand sie bisweilen vor Philippine: Scham ber ihren Zustand.
    In der Tat erblickte Philippine in Gertruds Schwangerschaft etwas
Unanstndiges und schaute stets auffllig in die Luft, wenn sie mit Gertrud
redete.
    Nein, was die Leut unverschmt sind, begann Philippine, nachdem sie sich
auf einen Stuhl gelmmelt hatte. Da fragt mich der Kommis im Geschft, ob der
Daniel und die Lenore was miteinander haben. Eine Frechheit, gell? Bin ihm aber
schn bers Maul gefahren.
    Die Nadel in Gertruds Fingern ruhte. Es war nicht das erstemal, da sich
Philippine solche Andeutungen erlaubte. Bald kam sie und raunte Gertrud zu,
Daniel sei bei Lenore droben, bald uerte sie in heuchlerischem Mitleidston,
Lenore sehe so abgehrmt aus. Dann berichtete sie von dem und jenem, der dies
und jenes gesagt habe. Dann machte sie sich wieder zum Verteidiger der guten
Sitte und behauptete, man drfe die Leute nicht vor den Kopf stoen.
    Ihr drittes Wort war: die Leute. Sie selbst wisse ja ganz genau, was fr ein
tadelloser Charakter die Lenore sei und wie gern Daniel seine Frau habe, aber
die Leute, die Leute! Und man knne ja auch nicht jedem gleich die Augen
auskratzen, der einen mit zweideutigen Fragen rgere, da wrde es wenig Augen
mehr in der Stadt geben.
    Philippines Simpelfransen hatten eine ungewhnliche Lnge erreicht; sie
verdeckten die ganze Stirn und hingen bereits bis an die Wimpern. Infolgedessen
hatte der Blick, mit dem sie Gertrud betrachtete, etwas ber die Maen
Tckisches. So ganz sicher ist die ihrer Sache auch nicht mehr, fuhr es ihr
durch den Kopf, und mit einer plumpen und sonderbar lasterhaften Bewegung ihrer
Beine machte sie sich auf dem Stuhl breiter.
    Ich glaub halt, der Daniel sollt vorsichtiger sein, plauderte sie mit
ihrer rasselnden Stimme; das stundenlange Beisammenstecken tut kein gut. Es tut
kein gut, sag ich dir. Und immer auf der Lauer alle zwei, er nach ihr und sie
nach ihm. Jetzt sollst es einmal wissen. Erwischt man sie, fahren sie
auseinander wie Verbrecher. Seit sechs Wochen geht's so, jeden Tag und jeden
Tag. Schickt sich das vielleicht? Das brauchst du dir nicht gefallen zu lassen,
Gertrud, schlo sie mit einem bel aussehenden Versuch zu einer kokett
schmollenden Miene. Dann schlug sie die Augen zu Boden und blickte unschuldig
drein.
    Gertrud war es kalt um die Brust geworden. Ihr Vertrauen zu Daniel war
unerschtterlich, aber die giftigen Reden benahmen ihr Klarheit und Ruhe. Schon
da es mglich war, so ber Daniel und Lenore zu sprechen, und da ihr die Worte
fehlten, es zu verhindern, weil sie es von Anfang an mit der Gelassenheit ihres
Vertrauens und der Verachtung gegen den Klatsch geduldet, bereitete ihr Schmerz.
    Wie schal htte auch jeder Einwand geklungen, wie nichtig ein Verweis!
Konnte sie der bse redenden Zunge Einhalt tun mit dem Hinweis auf Daniels
besondere Art? Sollte er Rechenschaft ablegen vor einer Philippine? Ein
geringschtziges Lcheln glitt ber ihr Gesicht.
    Und doch, warum das wehe Herz? Kam es nun endlich, das Wissen um
Liebesentbehrung?
    Unwillkrlich fiel ihr Blick auf die Gipsmaske, die noch immer mit den
lngst verwelkten Rosenzweigen bekrnzt war. Sie erhob sich und nahm das
Bltterwerk herunter. Ihre Hand zitterte dabei, als begehe sie etwas Schlechtes.
    Geh heim, Philippine, ich brauch nichts mehr, sagte sie.
    Oi, 's is wahrhaftig spt, ich mu fort, rief Philippine. Mach dir nur ja
keine Gedanken, Gertrud, trstete sie. Und verklag mich nicht bei deinem Mann.
Der ist imstand und macht einen Mordskrawall. Wenn du mich verklagst, dann
gibt's ein Unglck, das sag ich dir. Ich bin halt eine rechte Gans, da mir
alles rausrutscht. Mein Maul hat kein' Balken, drum kann ich's nit halten. Also,
gut' Nacht.
    Sie strich mit komischer Behutsamkeit ihren Rock glatt und ging.
    Auf der Stiege plrrte sie wieder: Drah' di, Madel, drah' di, morgen kommt
der Mahdi.

                                       14


Als Daniel nach Hause kam, war es spt. Trotzdem setzte er sich in seinem Zimmer
noch zur Lampe und las im Titan von Jean Paul. Nach einer Weile befreiten sich
seine Gedanken von dem Buch und zogen ihre eigenen Wege. Er stand auf, ging zum
Klavier, ffnete den Deckel und schlug leise einen Akkord an. Er lauschte mit
geschlossenen Augen. Ihn dnkte, es rief ihn jemand. Die Nacht war schwl, die
Stille unheimlich.
    Noch einmal den Akkord; Glocken aus der Unterwelt. Und wenn sich die in
ihrer Zartheit hinaufschwangen, durch grngraue Nebel hinauf, und jeder Ton
entsandte seine dienende Schar wie Funken, die aus einer Rakete stieben, und
Gleichgeartete trafen aufeinander, und was fremd war, fiel zurck, und oben,
ganz unerreichbar, berckend deutlich, doch fern wie eine Todesvision der
Vollendung, die Melodie der Liebe, die Melodie von Lenore ...
    Ja, es rief ihn jemand; aber aus welchem Winkel der Welt? Sein Weib? Die
Ferne, die Dstere, die Wartende? Er lie den Klavierdeckel fallen, so da das
Echo des Geruschs von der Kirchenmauer drben durch das offene Fenster
zurckkehrte.
    Er lschte die Lampe aus, betrat ohne Licht das Schlafzimmer und entkleidete
sich beim Schein des Mondes. Der Rand des Vorhangs war mit schwarzen Mandrinen
geziert, und diese zeichneten sich auf dem Boden des Raumes ab; gezackte Pfade
und ziellos; alle die vielen Linien bestanden im Grunde nur aus einer einzigen.
    Er lag im Bett, und sein Herz fing an zu klopfen. Pltzlich wute er, ohne
hingesehen zu haben, da Gertrud nicht schlief, sondern so wie er nach oben, ins
Leere, starrte. Gertrud! rief er.
    Aus dem leisen Rascheln des Kissens schlo er, da sie ihm das Gesicht
zuwandte.
    Hrst du mich?
    Ja, Daniel.
    Du mut mir raten; du mut mir helfen. Hilf mir und deiner Schwester, sonst
wei ich nicht, was geschieht.
    Er hielt inne, um zu lauschen, doch es regte sich nichts.
    Man kann aus Rcksicht lange schweigen, fuhr er fort; schweigt man zu
lang, so wird Lug und Trug daraus. Was soll aber die Offenheit, wenn man dem
andern dadurch, nur um freie Bahn zu bekommen, das Messer in die Brust stt?
Was hilfts, zu gestehen, wenn der andere nicht begreift? Zwei verbluten schon;
und der dritte soll auch verbluten, blo damit geredet ist? Wird ohnehin zu viel
geredet. Die Worte, die schauderhaften, schamlosen Worte, vor denen die
unschuldige Nacht der Sinne vergeht! Und mu man denn verbluten, wenn einem
immer klarer und klarer wird: das, wogegen du dich aufbumst, sind ja nicht die
ewigen Gesetze, wie kann ich Zwerg den ewigen Gesetzen etwas anhaben? Nein, es
sind die gebrechlichen und wandelbaren Einrichtungen der Menschen -? Hrst du
mich, Gertrud?
    Ein Ja wie ein Vogelton aus weiter Ferne antwortete ihm.
    Nun kann ich aber nimmer schweigen. Ohne dich geht der Weg nicht weiter.
Ich will den Mund nicht voll nehmen, nicht von Leidenschaft und
Nichtandersknnen sprechen. Mglich, da man immer noch anders kann, wenn man
beizeiten anfngt. Aber wer die Zeit wte! Und Leidenschaft? Es gibt gar
vielerlei von der Sorte. Jeder Schwengel nennt sein Gelstchen so. Ich hatte von
keiner was gesprt, an der ein Weib die Schuld getragen. Jetzt hats mich gepackt
mit Haut und Haaren. Hab mir eingebildet, ich knnte mich und dich darber
wegbringen. Verlorene Mh. Es brennt, Gertrud, es verbrennt mich, ich bin nicht
mehr da, wo ich bin, mein ganzer Mensch ist umgewandelt, und wenn nicht Rat
geschafft wird, geh ich zugrund.
    Eine Zeitlang blieb es totenstill; dann begann er wieder.
    Wie aber Rat schaffen? Es ist so wunderlich; seitdem das geschehen ist,
wei ich erst, was uns beide, mich und dich, zusammenhlt. Da spinnen sich eben
Fden hinber und herber, an die keine Hand greifen darf, ohne zu verdorren,
wie's in der Schrift heit. Da ist ein Geheimnis, ein heiliges Geheimnis, und
verletzt' ich's, so wr mir's, als wrgt ich nicht nur das Kind in deinem Leib,
sondern auch all die ungebetenen Lieder in meiner Brust. Es gibt im Leben jedes
Mannes eine Frau, in der ihm die Mutter wieder jung wird, an die ihn eine
unsichtbare, unzerreibare Nabelschnur bindet, und der gegenber seine Liebe,
gro oder klein, sein Ha sogar, seine Gleichgltigkeit zum Phantom wird, wie
alles, was wir austeilen, zum Phantom wird an dem, was uns ausgeteilt wird. Und
es gibt eine andere Frau, die ist mein Geschpf, die Frucht meiner Trume, die
ist mein Bild, die hab ich aus meinem Blut gezeugt, die ist in mir gelegen wie
der Samen in der Blte, und die mu mein sein, wenn sie sich enthllt hat, oder
ich sterbe vor Einsamkeit und Sehnsuchtswut.
    Der malose Mensch drckte sein Gesicht in das Kissen und sthnte: Die mu
mein sein, oder ich steh nimmer auf vom Bett. Aber trt ich ber dich hinweg,
Gertrud, so mt ich rufen wie Faust: o, wr ich nie geboren.
    Gertrud gab keinen Laut von sich. Als nun Minute auf Minute verflo und
Daniel, ruhiger werdend, ins Zimmer horchte und das Schweigen der Frau ihn mit
Angst erfllte, richtete er sich empor. Der Mond war untergegangen, es war
stockfinster geworden. Daniel tastete nach Zndhlzern und machte Licht. Die
brennende Kerze in der Hand, beugte er sich zu Gertrud hinber. Sie war
totenbleich. Mit weiten Augen schaute sie in die Hhe.
    Lsch das Licht aus, Daniel, flsterte sie, ich mu dir was sagen.
    Er blies das Licht aus und stellte den Leuchter weg.
    Gib mir die Hand, Daniel.
    Er suchte ihre Hand, ergriff sie, die eiskalt war, und legte sie auf seine
Brust.
    Darf ich bei dir bleiben, Daniel? Willst du mich bei dir dulden?
    Dulden, Gertrud, wie denn dulden? fragte er tonlos; du bist mein Weib;
vor Gott mein Weib, fgte er hinzu, in dumpfer Erinnerung des Wortes einer
andern.
    So will ich auch deine junggewordene Mutter sein. Wie du es willst.
    Ja, wie denn Gertrud, wie?
    Ich will euch helfen, dir und Lenore. An mir sollt ihr nicht verbluten. Nur
la mich da sein.
    Das sagt sich leicht, Gertrud, aber es ist schwer. Er schmiegte sich dicht
an sie, schlo sie in seine Arme und schluchzte mit unerwarteter Heftigkeit.
    Es ist schwer. Ja, es ist schwer. Aber du darfst nicht an mir verbluten.
    Sein Kopf lag an ihrer Brust; Krmpfe schttelten ihn, bis der Tag
heraufdmmerte.
    Da kam es pltzlich wie ein Schrei von Gertruds Lippen: Ich bin ja auch
eine Kreatur!
    Als er sie dann fest umschlang, murmelte sie: Es ist schwer, aber sei nur
getrost, Daniel, sei nur getrost.

                                       15


Dem Apotheker Pflaum war es zu eng in seinem Haus an der Heiligengeistkirche
geworden. Er hatte in letzter Zeit mehrere Huser besichtigt und sich
schlielich fr das Schimmelweissche entschieden, das zum Kauf ausgeboten war.
Die Apotheke blieb vorlufig, wo sie war, auch Jason Philipp Schimmelweis
behielt Laden und Wohnung. Der Apotheker wollte als Hausherr den ersten und den
zweiten Stock beziehen; er hatte eine zahlreiche Familie.
    An einem schnen Augustnachmittag verlieen beide Herren, der Apotheker und
der Buchhndler, die Kanzlei des Notars Rbsam, wohin sie sich verfgt hatten,
um wegen der Umschreibung der auf dem Kaufstck lastenden Hypotheken zu
verhandeln. Ein wolkenloser Himmel mit schon abendlich gefrbtem Blau strahlte
ber der Stadt.
    Der Apotheker Pflaum sah aus wie ein Mann, der alle Kmmernisse hinter sich
hat und sich seiner Sorgenlosigkeit freut. Jason Philipp Schimmelweis hingegen
war verdstert. Er sah aus wie ein Mann, der heruntergekommen ist. Auf seinem
Rock glnzte ein Fettfleck. Dieser Fettfleck erzhlte von huslichen
Unannehmlichkeiten; er erzhlte, da Jason Philipp eine Frau hatte, die seit
Monaten krank darniederlag, ohne da ein Arzt zu sagen wute, an welcher
Krankheit sie litt. Jason Philipp war erzrnt gegen die Frau, gegen die
Krankheit, gegen die Doktoren und gegen die wachsende Verwirrung und Unordnung
seiner Lebensumstnde.
    Als sie ber den Egydienplatz gingen, warf er auf das Haus, in welchem
Daniel wohnte, einen Blick unbndigen Hasses. Aber er sagte nichts, er kniff
blo die Lippen zusammen und senkte den Kopf. Dabei bemerkte er den Fettfleck
auf seinem Rock und lie ein rgerliches Brummen hren. Ich werde mit Ihnen
gehn, Herr Apotheker, und mir ein Flschchen Benzin mitnehmen, wandte er sich
an seinen Begleiter, und seine Stimme hatte jene kaum wahrnehmbare, wenn auch
widerwillige Demut, die der Arme dem Reichen gegenber an den Tag legt.
    Schn, schn, antwortete der Apotheker, kommen Sie nur. Und er blies
Luft von sich, weil ihm hei war. Gr Gott, schrie er pltzlich und schwenkte
den Arm, gr Gott! Was machen denn Sie hier?
    Der Anruf galt Herrn Carovius, der in eigentmlicher Versonnenheit vor dem
Gnsemnnchen-Brunnen stand.
    Ihr Diener, meine Herren, sagte Herr Carovius.
    Ich sehe, es gibt noch Einheimische, die unsere einheimischen Kunstwerke
studieren, spttelte der Apotheker und blieb stehen. Auch Jason Philipp blieb
stehen und schaute zerstreut und verwundert auf den bronzenen jungen Mann mit
den zwei Gnsen. In der Nhe spielten Knaben mit einem Ball, und als sie die
drei Mnner vor dem Brunnen stehen sahen, unterbrachen sie ihre Beschftigung
und stellten sich grinsend herum, wie wenn etwas Neues zu bestaunen wre.
    Wir wissen gar nicht, was fr Reichtmer wir besitzen, sagte Herr
Carovius.
    Stimmt, stimmt, nickte der Apotheker.
    Und ich denke eben darber nach, was fr eine Bedeutung diese Gruppe haben
mag, fuhr Herr Carovius fort, es ist etwas Musikalisches in dem Motiv, ganz
unleugbar etwas Musikalisches.
    Stimmt, stimmt, wiederholte der Apotheker, um nach einer Pause verblfft
hinzuzusetzen: Ja, wieso denn etwas Musikalisches?
    Ausgerechnet etwas Musikalisches? murrte Jason Philipp Schimmelweis, den
das bloe Wort Musik in Unbehagen versetzte.
    Ja, das mu man halt kapieren, sagte Herr Carovius spitzig und zog einen
Jungen, der sich bis an sein Hosenbein gewagt hatte, am Ohr, da er ein
Jammergeschrei von sich gab.
    Auf einmal brach Jason Philipp Schimmelweis, nachdem er noch einen wtenden
Blick auf das Monument geworfen hatte, in ein Gelchter aus. Jetzt begreif
ich, stotterte er hustend, Sie sind ein Fuchs, bester Herr Carovius, Sie sind
ein Schlauberger.
    Was gibts denn, meine Herren? fragte der Apotheker, der unruhig war, weil
er argwhnte, der Heiterkeitsausbruch sei irgendwie gegen ihn gerichtet.
    Na, sehen Sie denn nicht? Verstehen Sie denn nicht? keuchte Jason Philipp
mit scharlachrotem Gesicht, die beiden Gnse -? Das Musikalische und die beiden
Gnse -? Geht Ihnen noch immer kein Licht auf?
    Nicht im Allergeringsten, sagte der Apotheker und bemhte sich, einen
Grund zu entdecken, um mitlachen zu knnen.
    Carovius aber hatte verstanden. Er streckte den Zeigefinger der linken Hand
kerzengerade in die Luft und brach gleichfalls in ein wieherndes Gelchter aus.
Er packte den Apotheker am Arm und immer in den Pausen zwischen zwei Lachsalven
meckerte er: Groartig! - Unter jedem Arm eine Gans! - Unbezahlbar! - Herr
Schimmelweis, das mg Ihnen Gott vergelten! Das haben Sie ausgezeichnet
gegeben.
    Nun war sich auch endlich der Apotheker ber den Zusammenhang klar. Er
patschte sich auf die Schenkel und rief: Der Teufel soll mich holen, wenn das
nicht der beste Witz ist, den ich in meinem ganzen Leben gehrt habe.
    Jason Philipp Schimmelweis fate sich wieder. Er drckte die Hnde auf
seinen Magen und sagte atemlos: Wer htte gedacht, da das Gnsemnnchen
leibhaftig unter uns wandelt?
    Ja, wer htte das gedacht, gab Herr Carovius zu. Ein Fund! ein
Kapitalschu! Wir beschlieen einfach: Gnsemnnchen! Wir sind ja beschlufhig.
Wir sind ja drei. Ist doch ein alter Satz: tres faciunt collegium.
    Und die, stotterte Jason Philipp, mit dem Finger auf die Brunnengruppe
deutend, indem Lachtrnen ber seine runden Bckchen flossen, die sind auch
drei, die auch!
    Die auch, die auch, das ist wahr, kreischte Herr Carovius.
    Eine Prise, meine Herren, sagte der Apotheker, seine Tabaksdose ziehend.
    Nein, auf den Spa mu ich mir eine Zigarre anstecken, erwiderte Jason
Philipp schluckernd.
    Ich denke, wir begieen die Geschichte mit einem Glas Salvator, schlug
Herr Carovius vor.
    Die zwei andern erklrten sich einverstanden, und so marschierte das
Kollegium ber den Platz, machte bisweilen, von einem gemeinsamen Lachkrampf
neuerdings bezwungen, halt und wandte sich mit vertrockneten Kehlen dem
Wirtshaus zu.
    Vielleicht war es nur ein Abendschatten, der den Ausdruck hervorbrachte,
vielleicht eine seltsame Beseelung, aber das stolzstehende Brunnenmnnchen
hinter seinem Gitter schien ihnen traurig und erstaunt nachzublicken, whrend
die spielenden Buben den ergtzlichen Zwischenfall bald vergessen hatten.

                         Philippine zndet ein Feuer an



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Wie in einer frheren Zeit, deren sie ungern gedachten, waren Daniel und Lenore
ganz in ein gegenseitiges Verstummen geraten. Oft gingen sie auf der Stiege blo
mit einem flchtigen Nicken aneinander vorber, und kam Lenore zur Schwester, so
zog sich Daniel wortlos zurck.
    Einmal kam sie, als Gertrud nicht zu Hause war. Daniel war verstockt, und
Lenore brachte ebenfalls kein vernnftiges Wort ber die Lippen. Er ertrug ihren
Anblick nicht; ihre Blsse und die uere Heiterkeit, die sie sich erkmpft
hatte, verdchtigte er. Es ist ein unwrdiger Zustand, Lenore, stie er
hervor, machen wir ein Ende.
    Ein Ende machen? Ja, wie denn? dachte Lenore. Jeder Tag schmiedete die Kette
fester.
    Auch Gertruds Anblick war fr Daniel eine Qual. Er fhlte sich von ihr
beobachtet und sprte ihre Angst um ihn. Dazu rckte das Ereignis immer nher,
das sie mit dem Schimmer des Leidens umgab und der Schonung empfahl. Ihre Zge,
obwohl hager und entstellt, hatten im Ausdruck etwas dunkel Verklrtes.
    Als Gertrud es eine Weile mit angesehen hatte, wie er seiner Arbeit
entfremdet wurde und an nichts mehr Freude hatte, beschlo sie, mit Lenore zu
reden. Sie tat es ohne Vorbereitung und ohne Zartheit.
    Siehst du denn nicht, da du ihn zugrunde richtest? rief sie ihr zu.
    Du willst also, da ich zugrunde gehe? fragte Lenore berrascht und
erschrocken. Sie hatte den ganzen Umfang von Gertruds Verzicht sogleich
begriffen.
    Was liegt an dir? entgegnete Gertrud hart, wofr hebst du dich auf?
    Dieses Wort brachte in Lenore alle Vorstellungen von Pflicht und Ordnung ins
Wanken. Mit unglubigen Augen schaute sie die Schwester schweigend an. Nicht
mehr die glckliche und sanfte Gertrud hatte so gesprochen, sondern die von
ehedem, die einsame und lieblose.
    Was liegt an dir, wofr hebst du dich auf! Das hie so viel als: mach kurzen
Proze mit deinem Leben und spinn' die kleine Episode in seinem nicht
berflssig in die Lnge.
    Da fate sich Lenore ein Herz, um das Vorhaben endlich auszufhren, das sie
lange Zeit bei sich erwogen hatte und auf das sie ihre letzte Hoffnung setzte.
    Eines Abends ging sie auf Daniel zu und sagte: Ich mchte mit dir nach
Eschenbach gehen, Daniel, und deine Mutter besuchen.
    Warum mchtest du denn das? fragte er verwundert. Er und die Mutter
schrieben einander nicht, das lag nun einmal im Wesen beider und in ihrem
Verhltnis; aber er wute, da Lenore dann und wann einen Brief aus Eschenbach
erhielt und da sie ihn beantwortete, ohne mit ihm darber zu sprechen. Erst
jetzt im Zusammenhang mit ihrer Bitte fiel ihm dieses als merkwrdig auf.
    Als sie nach ein paar Tagen den Wunsch wiederholte, willfahrte er ihr, und
sie vereinbarten den nchsten Sonntag fr den Ausflug.

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Matt und warm lag die Oktobersonne ber dem Land; die Wlder flammten im
Herbstlaub, die cker dehnten sich kahl, den Hgeln der Frankenhhe entlang
zogen Wolken als fhniger Flaum.
    Sie waren bis Triesdorf mit der Bahn gefahren, dann mit dem Postwagen bis
Merckendorf. Von hier aus gingen sie zu Fu. Daniel wies auf eine Gnseherde
hin, die am Ufer eines abgelassenen Weihers trottete, und sagte: Das ist unser
Heimatsvogel, sein Gackgack ist unsere Musik. Es klingt aber gar nicht bel.
    Eine Buerin ging vorber und bekreuzigte sich vor einem Heiligenbild.
Sonderbar, da hier pltzlich alles katholisch ist, sagte Lenore.
    Daniel nickte und erwiderte, als sein Vater nach Eschenbach gezogen, htten
noch einige protestantische Familien dort gewohnt, die sich zum Gottesdienst
zusammengetan. Spter seien die meisten ausgewandert, und jetzt sei seine Mutter
vielleicht noch die einzige Protestantin im ganzen Ort. Aber sie habe dadurch
nie Schlimmes erfahren, und er selbst sei als Knabe hufig in die Kirche
gegangen, freilich blo, um die Orgel zu hren, doch habe niemand daran Ansto
genommen. Immerhin ists ein anderer Schlag Menschen, fgte er hinzu,
uerlicher als wir und heimlicher zugleich.
    Lenore hielt den Blick auf den Kirchturm gerichtet, dessen spanisch-grnes
Dach aus der Talsenkung emporstieg. Nach langem Schweigen sagte sie: Ob es ein
Bub sein wird oder ein Mdchen, Gertruds Kind? Sicherlich ein Mdchen. Eines
Tages wird es auf der Welt sein und wird mich anschauen mit Augen, mit
wirklichen Augen. Wie seltsam, dein Kind wird mich anschauen!
    Was ist da zu staunen? Viele werden geboren, viele schaun einen an.
    Und wie willst du's heien? fragte Lenore.
    Wenn es blond ist und blaue Augen hat wie du, soll's Eva heien.
    Eva! rief Lenore aus, nein, so kann's nicht heien. Sie selbst hatte
damals fr das Kind der Dienstmagd den Namen Eva gewhlt, und da er jetzt
gerade auf diesen Namen verfiel, erschien ihr sonderbar.
    Warum denn nicht Eva? forschte er, da steckt wieder etwas dahinter. So
ein Weibsvolk hat doch immer was im Extratopf zu kochen. Heraus mit der Farbe!
    Lenore schttelte lchelnd den Kopf. Gern htte sie ihm alles gestanden,
aber sie wute nicht, wie er es aufnehmen wrde; sie frchtete, er werde
umkehren im Zorn ber ihre Listigkeit. Trat das Kind einmal vor ihn hin, dann
hielt es ihn auch, das wute sie.
    Sie waren stehen geblieben und blickten ber die sonneglnzende Ebene. Wie
allein wir sind, sagte Daniel.
    Alles ist leichter hier, antwortete Lenore gedankenvoll; knnte man nur
vergessen, woher man kommt, man knnte glcklich sein.

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Sieben Jahre lang bin ich fort gewesen, sagte Daniel, als sie durch das Tor
schritten. Alles erschien ihm lcherlich klein, das Rathaus, die Kirche, der
Platz und der Wolframsbrunnen. Auch hatte er sich die Straen reinlicher und die
Huser wohlhabender aussehend gedacht. Als er ber die drei wie Muscheln
ausgebogenen Stufen am Tor hinaufstieg und in den Kramladen mit seinen
Wrzgerchen trat, schwand die vergangene Zeit zu einem Nichts.
    Marianne konnte vor Freude kein Wort sprechen. Sie reichte Daniel die eine,
Lenore die andere Hand. Ihre erste Frage war nach Gertrud.
    Aber da sa in der Stube ein vierjhriges Kind mit reichem Blondhaar und
mrchenhaft blauen Augen. Das Gesichtchen war von zartester Schnheit, der
Krper von zartestem Bau.
    Wer ist das Kind? Wem gehrt es? fragte Daniel.
    Es ist dein eigenes Kind, Daniel, antwortete seine Mutter.
    Mein eigenes Kind? Ja um Gott -! Errtend und erblassend schaute er von
der Mutter zu Lenore.
    Dein Fleisch und Blut. Gedenkst du an Meta nicht mehr?
    An Meta ... Also das. Und ihr, ihr habt's genommen? Und du, Lenore, hast
darum gewut? Und du, Mutter, hast's genommen? Er setzte sich an den Tisch und
verbarg sein Gesicht. Das also war drin in dem Extratopf, murmelte er scheu
vor sich hin; es heit wohl am Ende gar Eva ...?
    Ja, Eva heit es, flsterte Lenore bewegt. Geh hin zu deinem Vater, Eva,
und gib ihm die Hand.
    Das Kind tat, wie ihm befohlen worden. Dann erzhlte Marianne ihrem Sohn,
da Lenore es gewesen, die die Magd nach Eschenbach gebracht und da Meta spter
geheiratet habe und mit ihrem Mann nach Amerika gegangen sei.
    Jeder Blick und jede Miene Mariannes verriet, mit wie groer Liebe sie an
dem Kind hing und da sie es wie ihren Augapfel htete.
    Der Ring des wunderbaren Geschehens umschnrte Daniels Herz. Wo
Verantwortung lag und wo Schuld, wo der Wille endete und die Fgung begann,
konnte er nicht entscheiden. Dank zu uern, war gemein; die innere Wallung zu
verhehlen, schwer. Er schmte sich vor beiden Frauen; als er aber das lebendige
Geschpf anschaute, verlor die Scham ihren Sinn. Und wie hoch Lenore emporwuchs
in seinen Augen, als ttiges wie als empfindendes Wesen schien sie ihm gleich
verehrenswert. Beinah schauderte ihn davor, sie so nah zu wissen, und da das,
was sie getan, fr ihn getan worden, erfllte ihn mit Demut.
    Am allerseltsamsten aber war die kleine Eva. Er wurde nicht satt, sie zu
betrachten und staunte ber das Spiel der Natur, die sich darin gefallen hatte,
aus einer plumpen Magd ein Menschenbild von adeligster Prgung entstehen zu
lassen. Es war etwas himmlich Leichtes an dem Kind. Es hatte feine Hnde, feine
Gelenke und eine durchsichtige Stirn, deren bluliches Geder sich nach
verschiedenen Richtungen verzweigte. Sein Lachen war die reinste Musik, und in
Gang und Gebrden hatte es einen Rhythmus, der hohe Versprechungen auf knftige
Freiheit und Anmut gab.
    Daniel fhrte Lenore durch das Stdtchen, dann vors Tor. Es war Jahrmarkt,
und es herrschte groes Gedrnge. Sie kehrten daher wieder in die stillen Gassen
zurck und gingen schlielich in die Kirche. Der Mener kam; er erkannte Daniel
noch und sperrte ihm den Chor auf. Daniel setzte sich an die Orgel, der Mener
trat die Blge, Lenore nahm auf einem Bnkchen an der Wand Platz.
    Daniels Augen blickten fest, die Finger griffen mit Geistergewalt in die
Tasten. Es waren zwei Motive, die in freien Quinten gegeneinander drngten, sich
dann vereinigten und, zu einem geworden, von den tiefen in die hohen Register
zogen, von der Hlle durch die Welt zum Himmel. Ein Hymnus krnte das
improvisierte Gebilde.
    Lange stand er noch mit Lenore in der Stille. Unter der gewlbten Hhe
atmeten die Gesnge weiter. Es dnkte beide, als fliee das Blut des einen in
den Krper des andern hinber. Frher Erlebtes schwand aus dem Gedchtnis, eine
weite Reise schien hinter ihnen zu liegen, keine Stimme mahnte an die Rckkehr,
sie waren von Pflicht und Angst erlst.

                                       4


Lenore sollte bei Marianne und Eva schlafen, Daniel in seinem alten Zimmer. Er
zeigte es Lenore, und sie traten aus Fenster und schauten hinaus. Da gewahrten
sie Eva, die drunten im Hof auf einem Holzgelnder barfig hintnzelte. Mit
ausgestreckten rmchen hielt sie sich im Gleichgewicht, und die Grazie ihrer
Bewegungen war so elfenhaft, da sich Daniel und Lenore einander verwundert
zulchelten.
    Nach dem Abendessen ging Daniel vors Haus. Marianne und Lenore saen eine
Weile beim Fenster, hinter ihnen glomm der Lampenschein. Spter kamen sie
ebenfalls auf die Strae und gesellten sich zu Daniel. Marianne war aber des
Kindes wegen unruhig; sie meinte, es sei heute erregt gewesen und knne nach ihr
rufen. Bleibt nur drauen solang ihr wollt, ich la die Tr halt offen, sagte
sie und kehrte um.
    Da gingen Daniel und Lenore wieder auf den Jahrmarkt. Es war noch frh am
Abend, doch das Gedrnge war nicht mehr so dicht. Sie wanderten langsam durch
die Budengasse, blieben stehen, um den Tiraden eines Ausrufers zu lauschen, oder
um zuzuschauen, wie die Bauernburschen nach Figuren schossen und nach einer
Glaskugel, die auf einem Wasserstrahl tanzte. Allenthalben brannten grne und
rote Lampen, vom Wall droben zischten Raketen in die Nacht, in den Wirtschaften
spielten Musikanten und johlten betrunkene Zecher.
    Dann kamen sie auf einen Rasenplatz, der nur durch das Licht aus einem
Zirkuswgelchen beleuchtet war. Auf der Treppe des Wagens sa ein Mann in Trikot
und hielt den Kopf eines schwarzen Pudels auf den Knien.
    Das waren die letzten Bewohner der Erde, sagte Daniel, als sie den Platz
berschritten hatten. Der Lrm erstarb, die bunten Lichter verschwanden.
    Wie weit willst du noch gehen? fragte Lenore, ohne Furcht in der Stimme.
    So weit, bis ich bei dir bin, war die rasche Antwort.
    Eine Brcke zeigte sich in undeutlichem Umri, lautlos flo das Wasser unter
ihr. Der Pfad schimmerte gelblich, der Himmel war ohne Sterne. Pltzlich schien
der Weg zu enden, Bume standen da und rckten immer nher aneinander, aus der
Dunkelheit wurde Finsternis, die Fe stockten.
    Wir haben einander alles gesagt, sprach Daniel, in Worten sind wir
einander nichts mehr schuldig. Genug geschwatzt, genug gezaudert, Schmerz genug
und Irrtum genug; wir knnen nicht mehr anders, deshalb drfen wir nicht mehr
anders.
    Sei still, flsterte Lenore, ich mag dein Hadern nicht, es ist so
friedlos und bse, was du redest. Gestern hab ich getrumt, du lgest auf den
Knien und httest die Hnde emporgefaltet. Da liebt ich dich sehr.
    Brauchst du Trume, um mich zu lieben, Mdchen? Ich nicht. Ich brauche
dich, so wie du bist. Dreiig werd' ich jetzt, Lenore; mit dreiig wird der Mann
erst wach, da gewinnt er erst die Welt. Du weit, was in mir ruht, du ahnst es.
Du weit auch, wie ich dich brauche, du fhlst es. Du bist mein Inwendiges, bist
aus meiner Musik erschaffen, ohne dich bin ich eine leere Hlse, Stckwerk, eine
Geige ohne Saiten.
    Ach Daniel, ich glaub dir's ja, und doch ist alles nicht wahr, erwiderte
Lenore und ihm dnkte, als knne er in der Finsternis ihr
spttisch-melancholisches Lcheln sehen; irgendwo, fast mcht ich sagen in
Gott, ist es nicht wahr. Und wenn wir bessere Menschen wren, Gottesmenschen,
dann mten wir verzichten. Dann wr es schn zu leben; wie ber den Wolken
wohnte man, froh und rein.
    Sprichst du das aus deinem Herzen? Spricht so dein Herz, Lenore?
    Liebster, ach Liebster! Mein Herz ist so wie deins verdunkelt und
verzaubert. Ich kann ja nicht mehr von dir lassen. Ich hab mich abgefunden mit
allem. Ich bin mir der ganzen Schuld in meiner Seele bewut. Ich wei, was ich
tue und nehm es auf mich. Es ntzt ja kein Struben mehr, ber uns schlagen die
Wasser zusammen. Ich meine nur, du sollst dir kein Wahnbild vorgaukeln, als ob
wir damit emporgestiegen wren ber andere, als ob wir uns einen Dank des
Schicksals verdient htten. Nein, Daniel, was wir tun, tun alle, die sich
verlieren, tun alle, die hinuntersteigen. La mich bei dir sein, Liebster, k
mich, k mich zu Tode.

                                       5


Philippine hatte Lenore versprochen, am Sonntag nach dem Inspektor zu sehen und
sich um Gertrud zu kmmern.
    Als sie ber den Fnferplatz ging, trat sie in den Kolonialwarenladen und
verlangte fr drei Pfennige Heftpflaster. Sie hatte sich zu Hause an einem Nagel
die Haut blutig gerissen. Der Gehilfe schnitt das Pflaster ab und fragte, was es
Neues gebe.
    No, Sie Lamabaz, wollen S' das Allerneueste wissen? schnarrte Philippine
mit selbstgeflligem Grinsen.
    Je neuer, je besser, versetzte der Gehilfe lstern.
    Philippine beugte sich ber den Ladentisch und raunte: Heut machen sie
zusammen die Hochzeitsreis'. Sie lachte scheppernd, der Gehilfe ri die Augen
auf. Zwei Stunden spter lief das Wort durch die Muler aller Weiber des
Viertels.
    Gertrud lag im Bett. Das Aushilfsweib, das in der Kche kochte, gab
Philippine einen Teller, auf dem sich das Mittagessen fr den alten Jordan
befand, Fleisch, Gemse und ein paar saure Pflaumen. Auf der Stiege naschte
Philippine zwei von den Pflaumen und leckte ihre Finger ab.
    Den ganzen Nachmittag hindurch stberte sie in Lenores Kammer. Sie
durchsuchte die Schrnke, die Schubladen und die Taschen der Kleider. Als es
dmmerte, stand pltzlich, in Hut und Mantel, der Inspektor vor ihr und schaute
stumm, mit vergrmtem Gesicht, der unerklrlichen Geschftigkeit des Mdchens
zu.
    Philippine griff nach dem Besen, der in der Ecke lehnte, und fing an zu
kehren. Dabei sang sie, falsch, frech und wild: Kein Feuer, keine Kohle kann
brennen so hei, als heimliche Liebe, von der niemand nichts wei.
    Jordan ging fort, ohne etwas zu sagen. Er hatte vergessen, sein Zimmer
abzusperren. Kaum gewahrte Philippine, da der Schlssel steckte, so ffnete sie
die Tr und trat in die Kammer.
    Mit aberglubischen, feigen Blicken sphte sie um sich her. Sie hatte Angst
vor dem Inspektor wie vor einem berlegenen alten Zauberer. Fr solche Flle
hatte sie gewisse Beschwrungsformeln parat; sie murmelte: Tu Erden hinein,
machs Bchslein zu, den Daumen drauf, bespuck den Schuh. Und sie spuckte auf
ihren Schuh.
    Hernach hantierte sie am Schrank herum, weil sie darin die Geheimnisse des
Inspektors vermutete. Aber das Schlo trotzte ihren Bemhungen, und so setzte
sie sich mimutig an den Schreibtisch. Dort standen in einfachen Holzrhmchen
die Photographien Gertruds und Lenores. Sie lief hinaus, holte eine Stopfnadel
und stach diese in Lenores Bild, gerade zwischen die Augen. Dann griff sie nach
dem Bild Gertruds, und als sie es eine Weile in Hnden gehalten und dster
betrachtet hatte, gewahrte sie, da es blutbefleckt war. Das Pflaster hatte sich
von ihrem Finger losgelst, und die Wunde hatte wieder zu bluten begonnen.
    Jetzt geh, Philippinchen und schau nach, was die Gertrud macht, sprach sie
zu sich selber. In die Kammer Gertruds tretend, fand sie diese im Schlaf. Auf
den Fuspitzen schlich sie zum Bett, nahm einen Stuhl, setzte sich rittlings
darauf, sttzte das Kinn auf die Lehne und stierte unbeweglich in das kaum als
ein Schein in der Dunkelheit wahrnehmbare Gesicht der jungen Frau.
    Da trumte Gertrud, da sich ein schwarzer Vogel ber sie herabsenkte und
mit dem Schnabel nach ihrer Brust hackte. Sie schrie laut auf und erwachte.
    Kurz danach mute Philippine die Wehmutter holen.
    Gegen Mitternacht brachte Gertrud nach vielen Schmerzen ein Mdchen zur
Welt. Philippine hatte alles mit angesehen. Stundenlang war sie mit
aufgerissenen Augen von der Kche in die Kammer, von der Kammer in die Kche
gelaufen und hatte wie eine Verrckte unverstndliches Zeug gemurmelt.
    Umsonst hatte Gertrud in ihrer Qual nach Daniel gerufen, umsonst wartete sie
den ganzen Tag auf ihn.
    Wo nur der Daniel bleibt, jammerte Philippine, wo er nur bleibt mit
seiner verfluchten Lenore! Die Hnde im Scho gefaltet, mit wirren Haaren und
verworrenen Blicken sa sie in der Ecke. Die Wehmutter war noch um Gertrud
bemht, das Neugeborene schrie klglich.

                                       6


Daniel hielt das Kind im Arm und betrachtete es aufmerksam, doch ohne Liebe.
Was willst denn du, armer Wurm, auf der Welt? redete er es an. Er hatte den
Hut noch auf dem Kopf, Lenore ebenfalls, denn so wie sie von der Bahn gekommen
waren, standen sie noch da, bestrzt und erregt von dem Geschehenen. Lenore war
auffallend bla, ihre Augen blickten gro vertrumt, ihre Gestalt erschien fast
knabenhaft schlank. Bisweilen lchelte sie, dann erstarb das Lcheln wieder, als
fehle ihr der Mut dazu.
    Auch der Inspektor war in der Stube, wie immer seit seinem Sturz in der
Haltung eines Gastes, der lstig zu fallen frchtet. Er sagte bescheiden: Ich
habe Gertrud den Vorschlag gemacht, da ihr das Kind Agnes nennt, nach meiner
seligen Frau.
    Gut, mag es Agnes heien, stimmte Daniel bei.
    Gertrud verlangte den Sugling zum Stillen, und Lenore trug ihn hin und
legte ihn an Gertruds Brust. Indem sich die Hnde der Schwestern berhrten, sah
Gertrud rasch empor, mit einem unbeschreiblich tiefen, wissenden, dabei zugleich
freundlichen Blick. Lenore sank pltzlich in die Knie, schlang die Arme um
Gertruds Hals und kte sie leidenschaftlich. Gertrud streckte die linke Hand
nach Daniel aus, und zgernd reichte er ihr seine Hand. Der Inspektor strahlte.
Es ist schn, Kinder, da ihr euch untereinander gern habt, es ist sehr schn,
sagte er gerhrt.
    Du, Daniel, mut hinaufziehen zum Vater, sagte Gertrud. Dein Klavier und
dein Bett und alle deine Sachen kommen heute noch hinauf, und Lenores Sachen
kommen in dein Zimmer. Ich habe schon mit Vater gesprochen, und ihm ist es
recht. Er wird auch sehr ruhig sein, damit du nicht gestrt wirst. Das
Kindergeschrei hier unten und all das Getriebe wr ja zu arg fr dich.
    Eine hchst praktische Anordnung, antwortete Jordan an Daniels Statt und
sah auf seine Rockrmel nieder, die ausgefranst waren und die er deshalb eilig
hinter dem Rcken verbarg. Es ist mir auch lieb, da du Lenore bei dir hast.
Ein Mann schlft noch lange, wenn ein Weib lngst auf den Beinen ist, nicht
wahr, Schwiegersohn? Er klopfte Daniel lchelnd auf die Schulter.
    Solang Gertrud bettlgerig ist, schlaf ich hier in der Stube, sagte Lenore
und wich Daniels Blick aus, allein kann sie doch nicht bleiben, und eine
Wrterin kostet zu viel.
    Sehr richtig, sehr richtig, bemerkte der Inspektor und schritt zur Tre.
Dort kehrte er sich aber wieder um. Ich mchte nur wissen, sagte er in
klagendem Ton, wer mir Gertruds und Lenores Bilder beschdigt hat. Das eine ist
durchlchert, das andere hat rote Flecken wie von Blut. Das ist doch
eigentmlich, wie? Ich kann mir das gar nicht erklren. Wer mir blo den Tort
angetan hat! Er schttelte den Kopf und ging.
    Weit du, da bermorgen der erste November ist? fragte Gertrud ihre
Schwester. Habt ihr denn die Miete? Hat der Vater was verdient?
    Der Vater hat nichts verdient, erwiderte Lenore, aber ich hab das Geld
fast beisammen.
    Es war auf den Inspektor in keiner Weise mehr zu rechnen. Er wurde von
seinen Kindern erhalten, schien dies jedoch nicht als demtigend zu empfinden.
Manchmal machte er geheimnisvolle Anspielungen auf eine groe Sache, die ihn
beschftigte und die Geld und Ehre einbringen wrde. Befragte man ihn des
nheren, so zog er die Brauen hoch und drckte den Zeigefinger auf die Lippen.
    Ich bin dem Manne mehr schuldig als seine Miete, lie sich Daniel
vernehmen. Er kte Gertruds Stirn und ging hinaus.
    Leg das Kind in die Wiege und komm dann zu mir, sagte Gertrud zu Lenore,
als sich die Tre hinter Daniel geschlossen hatte. Lenore tat, wie ihr geheien.
Der Sugling schlief. Sie trug ihn und sah mit tiefer Bewegung in das hlich
verfaltete Gesicht. Dann trat sie zu Gertrud.
    Gertrud packte sie an beiden Hnden und zog sie mit unerwarteter Kraft zu
sich herunter, bis Lenores Augen den ihren ganz nahe waren. Du mut ihn
glcklich machen, Lenore, sagte sie mit heiserer Stimme und einem krankhaften
Leuchten ihrer schwarzen Augen, sonst wrs besser, eine von uns wr unter der
Erde.
    Trotz ihres Schreckens befreite sich Lenore mit Sanftheit. Es ist schwer,
darber zu reden, Gertrud, hauchte sie und wurde bleich; es ist schwer, es zu
leben und schwer, daran zu denken.
    Du mut ihn glcklich machen, und du mut glcklich sein, fuhr Gertrud wie
auer sich fort. Sag dir das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Du mut, du
mut, du mut.
    Ich will es lernen, antwortete Lenore langsam und ernst. Ich bin ... ich
wei nicht, was ich jetzt bin und wie mir zumut ist. Hab nur Geduld mit mir, ich
will es lernen. Mit angstvoller Neugier schaute sie in Gertruds Gesicht. Diese
aber prete beide Hnde an Lenores Wangen, zog sie abermals zu sich herab und
kte die Schwester mit sonderbarer Inbrunst. Auch ich mu es lernen,
flsterte sie dann kaum vernehmbar, das ganze Leben mu ich von neuem lernen.
    Es wurde an die Tr gepocht, und die Hebamme kam, um nach ihrer Patientin zu
sehen.

                                       7


Zu jener Zeit herrschte noch allgemein der Aberglaube, da im Zimmer einer
Kindbetterin das Fenster nicht geffnet werden drfe. Deshalb war immer eine
ble Krankenluft in der Stube, die Lenore nur mit Mhe ertrug, und in der sie
nicht schlafen konnte. Ferner war dem Tageslicht der volle Zutritt nicht
gestattet, und da der Raum ohnehin dster war, machte ihn der grne Vorhang, der
bis zur halben Hhe des Fensters herabgelassen war, noch dsterer.
    Das Unbequemste aber waren die vielen Visiten von Frauen, die anzunehmen
durch den Brauch vorgeschrieben war. Es kam die Gattin des Theaterdirektors, es
kam Martha Rbsam, es kam die Hofrtin Kirschner, es kam die Metzgerin und die
Bckerin und die Frau Pfarrer und die Frau Medizinalrtin und die Frau
Apotheker, und alle erteilten Ratschlge und alle brachen in Rufe des Erstaunens
aus ber die Schnheit des Neugeborenen. Einmal traf Daniel eine solche
Versammlung in der Stube, blickte wortlos von einer zur andern, warf den Kopf
zurck und ging wortlos wieder hinaus.
    Der Provisor Seelenfromm und Monsieur Rivire lieen sich ebenfalls den Weg
nicht verdrieen, und sie wurden im Flur von Lenore abgefertigt. Und eines Tages
erschien gar Herr Carovius, um sich teilnehmend zu erkundigen. Diesem gab
Philippine Auskunft, Philippine, die jetzt schlechte Zeiten hatte, da sie nicht
zu Gertrud in die Stube durfte. Gertrud wollte sie durchaus nicht sehen.
    Um mit ihrer Arbeit, die ja Brotverdienst bedeutete, nicht gar zu weit im
Rckstand zu bleiben, schob Lenore den Tisch ans Fenster und schrieb trotz des
ungengenden Lichts und abends bei der Lampe, obwohl ihr vor Mdigkeit die Augen
zufielen.
    Nach drei Tagen hatte aber Gertrud keine Milch mehr in der Brust. Da mute
das Kind knstlich ernhrt werden, und es schrie nun viele Stunden hindurch
ununterbrochen. Beruhigte es sich endlich, so muten Windeln gewaschen oder ein
Bad gerichtet werden, oder Gertrud wollte etwas haben, oder es kam eine der
lstigen Besucherinnen. Lenore mute die Arbeit ganz beiseite legen, am Abend
fiel sie aufs Bett und schlummerte zwei Stunden schmerzhaft tief; war es nicht
der Sugling, dessen hungriges Geschrei sie weckte, so war es der Druck der
schlechten Luft. Der Kopf tat ihr weh und immer weher, doch sie verbarg ihre
Schwche, ihre Sehnsucht, ihre Beklommenheit, und nicht einmal Daniel merkte ihr
etwas an.
    Sie konnte in dieser Zeit wenig mit ihm sprechen. Aber vielleicht gab es auf
der Welt nicht ein zweites Paar Augen, das so beredt sein konnte wie ihres in
Mahnung, in Verheiung, in Bitte, in herzlicher Resignation. Eines Abends trafen
sie sich vor dem Kcheneingang. Lenore, ich ersticke, raunte er ihr zu.
    Sie legte ihm die Hnde auf die Schultern und blickte ihn ruhig an.
    Geh mit mir, drngte er wie ein dummer Bub, geh irgendwohin mit mir, geh
ganz und gar fort mit mir.
    Lenore lchelte. Sie dachte: das menschliche Gemt geht in seinen
Forderungen immer um einen Schritt ber das Mgliche und Erreichte hinaus.
    Am anderen Morgen strmte er ins Zimmer; Lenore sa noch halbangekleidet da,
und mit wunderbarem Zorn schaute sie ihn an, whrend sie nach einem Tuch langte
und es um die Schultern schlug. Doch er setzte sich zu Gertrud ans Bett, und
seine Worte berstrzten sich: Ich will Wanderers Sturmlied komponieren. Ich
denk es als Seitenstck zur Harzreise und zyklisch mit ihr verbunden. Die ganze
Nacht hab ich nicht geschlafen; das Hauptmotiv ist gar zu herrlich. Und er fing
in Fisteltnen an zu krhen: Wen du nicht verlssest, Genius, nicht der Regen,
nicht der Sturm haucht ihm Schauer bers Herz. Wie gefllt dir das?
    Gertrud sah ihn begeistert an.
    Darauf mte man einen guten Tropfen trinken, fuhr er fort, selten hab
ich solche Lust auf eine Flasche Wein gehabt. Hundsfttisch, da man sich so was
nicht leisten kann. Aber wartet nur, lat mich nur zu Geld kommen, dann steht
jeden Tag eine Bouteille Tokaier auf meinem Tisch.
    Joi, der gibt's nobel, lie sich Philippine boshaft vernehmen, die
unhrbar eingetreten war und Daniels Worte gehrt hatte.
    Daniel winkte ihr unwirsch zu, sie solle schweigen und hinausgehen. Er
achtete nicht auf ihre Erwiderung, sondern unterbrach sie gleich und rief:
Irgendetwas mu geschehen. Kann ich nicht trinken, so will ich wenigstens
tanzen. Tanz mit mir, Lenore, zier dich nicht, komm, la uns tanzen! Er umfing
Lenore, prete sie an seine Brust, sang eine Walzermelodie und zog die verlegen
Widerstrebende mit sich fort.
    Philippine schlug ihr schepperndes Gelchter auf, dann sagte sie laut, die
Hofrtin Kirschner sei drauen und wolle die Frau Kapellmeister besuchen.
Gertrud machte eine flehende Gebrde gegen Daniel, im selben Augenblick begann
das Kind zu weinen, Lenore ri sich aus Daniels Armen los, ordnete ihre Haare
und eilte an die Wiege. Philippine ffnete die Tr, um die Hofrtin
hereinzulassen, da erschallte drauen ein heftiger Wortwechsel. Man hrte die
Stimme des Inspektors und die eines fremden Mannes.
    Es war der Mbelhndler, der auf eine barsche Weise das Geld fr die Wiege
verlangte, die er geliefert hatte. Er behauptete, schon viermal dagewesen und
immer vertrstet worden zu sein. In der Tat ging es Daniel jetzt uerst knapp
mit dem Gelde.
    Die Hofrtin zog Daniel beiseite und bot ihm in freundlicher Weise ein
Darlehen von zweihundert Mark an. Als Daniel schwieg und mit verkniffenen Lippen
zu Boden schaute, schalt sie ihn aus. Immer sich selber Feind sein, sagte sie;
keine Umstnde, lieber Nothafft, heute mittag schick ich's Ihnen, und wenn Sie
mal was brig haben, zahlen Sie mir's zurck.
    Daniel ging hinaus und gab dem polternden Hndler sein letztes
Zehnmarkstck.
    Die Hofrtin hatte fr Gertrud eine Flasche Tokaier mitgebracht, denn der
Tokaierwein galt damals fr eine Art Lebenselixier.
    Siehst du, so schnell werden Wnsche erfllt, sagte Gertrud am Abend zu
Daniel, als er in ihre Stube kam. Und sie schenkte ihm ein Glas voll ein.
    Habt ihr noch Rechnungen zu bezahlen? wandte sich Daniel halb an Gertrud,
halb an Lenore und klappte sein Portemonnaie auf, in welchem es von Gold
funkelte. Hofratsgold, sagte er, echtes Hofratsgold. Wie schn es dreinsieht,
lausig schn. Und von so was hngt das Heil meiner armen Seele ab! Er schttete
alles Gold auf Gertruds Bettdecke, streckte die Zunge heraus und kehrte ekelnd
sich hinweg.
    Lenore hielt ihm das Glas Tokaier hin, ihre Augen schimmerten feucht.
    Nein, Lenore, sagte er, ich hab mir's verscherzt heute. Hab in meinem
bermut gedacht, ich knnt was vorwrts bringen. Setz mich hin und brte, aber
es war nur ein Windei. Da ist einem dann zumut, als htte man einen falschen
Schwur getan. Zu was bin ich nutze, Lenore, zu was bin ich nutze, Frau? Sagt mir
das doch!
    Trink nur, bat Lenore, vielleicht vergehn die Grillen. Und sie strich
ihm mit der Hand ber die Stirn.
    Da rief Gertrud der Schwester zu: La ihn! Stell das Glas weg! Mit so
harter Stimme rief sie es, da Lenore bestrzt zurcktrat und Daniel sich erhob.
    Lat mich jetzt allein, sagte sie nach einer Weile, und Daniel und Lenore
gingen aus dem Zimmer.
    Drben in der Wohnstube setzte sich Lenore an den Tisch und sttzte den Kopf
in die Hand. Was soll denn nun werden, Daniel? fragte sie, und der Geigenton
in ihrer Kehle hatte etwas Ergreifendes.
    Daniel stellte die Kerze, die er getragen, in den Erker. Er beugte sich ber
den Tisch und fate Lenores Hnde bei den schmalen Gelenken. Nimm das Bittre
hin um des Sen willen, murmelte er. Glaub an mich, glaub an dich, glaub an
das hhere Gesetz. Ich darf's mir nicht blo eingebildet haben, da es ein
Flgelwesen fr mich gibt. Ich mu mich an irgend etwas klammern knnen, an
etwas Unzerstrbares, ja, ich sag's gerade heraus, an etwas bermenschliches.
    An etwas bermenschliches, wiederholte Lenore mechanisch, und sie dachte
daran, da er ja auch von der andern, von seinem Weib, das bermenschliche
forderte. Mit einer unendlich scheuen Bewegung hob sie den Zeigefinger, wie um
ihn zu warnen.
    Doch Daniel sah es kaum. In seiner Anmaung und Leidenschaft htte er den
ganzen Weltbau zertrmmern und neu schaffen mgen, nur um dieses einzige
Geschpf so zu formen, wie er es wollte, grenzenlos gefgig und ttig liebend
zugleich, ehrwrdige Gebote selbstherrlich verwerfend und den aus Not und Trotz
erzeugten heiter vertrauend.
    Mir ist's kalt, flsterte Lenore erschauernd und sah in die tiefen
Schatten des Raumes.

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Diese Augen so nahe zu wissen und ihre reine Glut; diesen aufrichtigen, khlen,
stummberedten Mund mit den Lippen berhren zu drfen, diese Hnde halten zu
knnen, in denen Leidenschaft wohnte wie in der schweigsamen Unruhe eines Boten;
diese bebende Gestalt in ihrer Bereitwilligkeit, ihrem holden Zgern an die
Brust zu pressen, es war fast zu viel fr Daniel, es war ein Schmerz darin, eine
Ungeduld, ein Durst nach Mehr und immer Mehr, die sein tgliches Tun und
Treiben, seine Gedanken, Plne und Verrichtungen aus dem Zusammenhange rissen.
    Mit Personen, die er kannte, sprach er wie mit Fremden; Unbekannte setzte er
durch treuherzige Vertraulichkeit in Erstaunen; er verga seinen Hut
aufzusetzen, wenn er auf die Strae ging, und legte bei zahllosen Anlssen eine
Zerstreutheit an den Tag, die ihn dem Gelchter preisgab. Er wute nicht, wann
es Mittag war; er kam um drei Uhr und dachte, es sei zwlf; einmal wre er auf
ein Haar am Mariengraben von galoppierenden Pferden niedergerissen worden; ein
anderes Mal wurde ihm am Ludwigsbahnhof sein Regenschirm aus der Hand gestohlen,
ohne da er es merkte.
    O, Flgelwesen, Flgelwesen, sagte er bisweilen vor sich hin und lchelte
wie ein Nachtwandler. Tief in seiner Seele brauste ein aufgeregtes Meer von
Tnen; er horchte nur hin, trotz gelegentlich hervorbrechenden Zornes ber ein
Milingen des Besitzes und knftiger Windstille sicher. Er lebte so in sich
selbst versponnen, da er kaum den Himmel sah, und Huser und Menschen und Tiere
und was zur Notdurft des Daseins gehrt, nur wie im Traum.
    Flgelwesen, Flgelwesen!

                                       9


Als Gertrud vom Wochenbett aufgestanden war, folgte Lenore einer Einladung
Martha Rbsams und begleitete die Freundin nach Altdorf, zu ihrer Tante
Seelenfromm. Der Aufenthalt sollte vierzehn Tage dauern, und Lenore betrachtete
dies als eine Probe, ob sie sich selber noch etwas sein knne, sich allein, ohne
Daniel.
    Aber sie sah, da sie ohne ihn nicht mehr zu leben vermochte. In dem
einsamen Forsthaus kam sie zu der Erkenntnis, da ihre Liebe gro genug war, um
das Ungeheure des ihr auferlegten Schicksals tragen zu knnen, da weder Flucht,
noch Sichverbergen imstande war, sie zu retten, Daniel zu heilen und Gertrud das
Verlorene zu ersetzen.
    Freilich gab es Stunden, wo sie sich fragte, ob es denn wahr und wirklich,
ob es berhaupt mglich sei. Sie wandelte in der Schwrze, von Dmonen umringt;
ihre Natur war in die tiefste und seltenste Verwirrung gestrzt und wehrte sich
mit leidvollen Gebrden gegen das Unerbittliche.
    Doch in einer ihrer schlaflosen Nchte schien es ihr, als berflamme sie
Daniels Geist und als rufe seine Stimme nach ihr mit niegekannter Macht.
    So wie er lebendig war, war's keiner, den sie je gesehen. Ihre schlummernde
Phantasie war aufgewacht unter seinem Laut und Atem. Sie fand, da ihm die
Menschen vieles schuldig seien und da, da sich niemand anheischig machte, diese
Schuld zu zahlen, es an ihr liege, das Versumnis nachzuholen.
    Die Wege seiner Kunst berblickte sie nicht. Der Musiker in ihm sagte ihr
nichts Sonderbares und Besonderes. Sie fate und fhlte nur ihn selbst. Fate
und fhlte nur den Mann, der zu Hohem und Hchstem geboren und entschlossen war
und ber das Schlechte und Niedrige schweigend hinwegschritt; der sich erwhlt
wute und auf Herrschaft verzichten sollte; der stumm erglht in Waffen stand,
um ein stets bedrohtes Heiligtum zu hten.
    Von einem solchen Mann, einem Ritter und einem Kmpfer, hatte sie schon in
Kindertagen fromm getrumt. Denn wiewohl sie alle Dinge und Verhltnisse mit
Blicken der Wahrheit ergriff, war doch ihre Seele voll heimlicher Schwrmerei
gewesen. Hinter lieblich sich bewhrender Ttigkeit webten Genien der Romantik
ihre bunten Fden und hatten auch die glserne Kugel gebaut, in der sie sich so
lange vor der Welt verborgen hatte.
    Am Morgen nach jener Nacht erklrte sie ihrer Freundin, da sie heimfahren
wolle. Martha versuchte, sie davon abzubringen, aber sie blieb beharrlich. War
sie doch vor Sehnsucht beinahe krank.
    Martha lie sie ziehen; sie hatte die traurigsten Gedanken ber Lenores
Zukunft, da ihr ja zu Ohren gedrungen war, was in dem unglcklichen Hause vor
sich ging. Nicht aus Grben der Moral sorgte sie sich, dazu war sie nicht die
Frau; sondern aus echter Zuneigung. Es tat ihr weh, Lenore nicht mehr bewundern
zu knnen.

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Indessen hatte Daniel seiner Frau gesagt, da ein Kind von ihm bei der Mutter in
Eschenbach lebte und da er dies erst an dem Tage erfahren, als ihn Lenore
hingefhrt. Er sagte ihr den Namen des Kindes und wie alt es sei und wer die
Mutter war und schilderte ihr jene wildgrende Neujahrsnacht, in der er die Magd
umarmt. Er erzhlte, wie er damals vor dem Haus drunten gestanden sei, Gertrud
mit allen Sinnen zu sich gewnscht habe, und wie es ihm jetzt beim Anblick der
kleinen Eva zumut gewesen, als ob die Vorsehung sich nur zum Schein des Leibes
einer Fremden bedient habe und das Kind in Wirklichkeit Gertruds Kind sei.
    Darauf antwortete Gertrud: Ich will das Kind nie sehen.
    Wenn du Eva einmal kennst, wirst du dich dieses Wortes schmen, versetzte
Daniel. Du solltest nicht eiferschtig sein auf ein Wesen, durch das Gott die
Erde hat schner machen wollen.
    Sprich nicht von Gott! sagte Gertrud rasch und mit erhobener Hand. Dann,
nach einer Pause, whrend der Daniel sie unwillig betrachtet hatte, fgte sie
schmerzlich lchelnd hinzu: Ich eiferschtig? O nein, Daniel.
    Die Art, wie sie die Hnde auf die Brust prete, berzeugte Daniel sehr
nachdrcklich davon, da sie ein solches Gefhl nicht kannte. Er schwieg, blieb
aber lange bei ihr in der Stube sitzen. Als sie den Brotlaib anschnitt, fiel ihr
das Messer herunter; er sprang schnell hin und hob es auf. Niemals frher hatte
er dies getan. Gertrud schaute auf ihn nieder, indes er sich bckte. Ihr Auge
erlosch, flammte auf, erlosch wieder.
    Sprich nicht von Gott! Diese Worte wollten Daniel nicht aus dem Sinn.
    Wie nun Lenore zurckkam, erschrak sie bei Daniels Anblick. Er war verstrt,
seine Lider waren entzndet, als habe auch er die Nchte schlaflos verbracht, er
konnte kaum sprechen, und endlich forderte er einen Schwur von ihr, da sie
nicht mehr weggehen werde.
    Sie weigerte sich sanft, zu schwren, aber er wurde immer wilder und wilder,
da schwor sie es ihm zu. Und als er sie ungestm in seine Arme schlo, ging die
Tr auf und Gertrud stand auf der Schwelle. Daniel eilte hin und wollte sie bei
der Hand fassen, doch sie wich Schritt um Schritt zurck, bis sie an ihrer
Schlafkammertr angelangt war.
    Es war Abend, und vier Gedecke befanden sich auf dem Tisch in der Wohnstube,
denn auch der Inspektor sollte unten essen. Er kam pnktlich, Lenore trug die
Speisen herein, aber Gertrud lie sich nicht blicken. Da ging Lenore zu ihr. Sie
sa an der Wiege und kmmte mit Bedchtigkeit ihre Haare.
    Willst du nicht mit uns essen, Gertrud? fragte Lenore.
    Gertrud schien nicht gehrt zu haben. Nach etlichen Minuten erhob sie sich,
schritt an die Wand, wo der Spiegel hing, drckte mit beiden flachen Hnden das
Haar an beide Wangen, und so, mit weitgeffneten Augen, schaute sie in den
Spiegel.
    Komm doch, Gertrud, rief Lenore zaghaft, Daniel wartet schon.
    Da man da drinnen noch einmal da ist, murmelte Gertrud, es ist wie
Snde. Sie drehte sich um und winkte Lenore zu sich her.
    Gehorsam trat Lenore an ihre Seite. Gertrud schlang den Arm um Lenores
Nacken, bis deren linke Schlfe ihre eigene rechte berhrte und nur Gertruds
Haar wie ein Vorhang zwischen den Gesichtern lag. Gertrud schaute wieder in den
Spiegel, ihr Blick wurde starr, und sie sagte: Ja, du bist schner, du bist
viel schner, du bist hundertmal schner.
    Da regte sich das Kind, und weil Gertrud noch immer wie versunken stand,
schritt Lenore zur Wiege. Kaum hatte aber Gertrud dies bemerkt, als sie
hinstrzte und mit einer befremdlichen Rauhheit ausrief: Rhr's nicht an!
Rhr's nicht an! Sie ri das Kind aus der Wiege, trug es mit fliegender Eile
bis an ihr Bett und sagte leise und drohend: Es gehrt mir, mir ganz allein.
    Seit dieser Stunde wute Lenore, da eine furchtbare Vernderung mit Gertrud
vor sich ging.
    Sie wute nicht, ob andere Leute es bemerkten, ja, nicht einmal, ob Daniel
dessen inne wurde, aber sie sah es, und mit Bangigkeit.
    An einem Nachmittag, zur Dmmerungszeit, kam sie dazu, wie Gertrud im
Vorplatz kniete und mit der Brste den Fuboden rieb.
    Das solltest du nicht tun, Gertrud, du bist noch nicht gesund genug, es
schadet dir, wenn du so grobe Arbeiten verrichtest, sagte Lenore.
    Gertrud gab keine Antwort und rieb weiter.
    Warum ziehst du dich nicht mehr hbsch an? fuhr Lenore betrbt fort.
Daniel mag's nicht, wenn du so herumschlampst, immer in dem hlichen Kittel,
glaub mir, er rgert sich darber.
    Gertrud richtete sich auf den Knien empor und entgegnete mit sonderbarer
Demut: Schmck du dich nur. Es ist nicht gut, wenn zwei sich schmcken. Was
soll ich tun? fragte sie und lie den Kopf sinken; du trgst dein goldnes
Kettlein und die Korallen in den Ohren. Das gefllt mir, und es soll auch so
sein. Aber ich hab kein goldnes Kettlein und keine Korallen, und htte ich sie
auch, ich trg sie nicht, und trg ich sie auch, so wr's von bel.
    Ach, Gertrud, wie redest du denn! klagte Lenore.
    Da tnten pltzlich die Kirchenglocken in den Flur. Mit einer strengen
Feierlichkeit faltete Gertrud die Hnde zum Gebet, und es war, als sei sie in
ihrer knienden Stellung versteinert.
    Schweren Herzens ging Lenore in die Stube.

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Durch trennende Rume wurden Daniel und Lenore unwiderstehlich zueinander
gezogen. In ihren Gedanken begleiteten sie einander, und jedes erriet des andern
Wunsch und Meinung. Kam er verstimmt und gereizt nach Hause, war sie gengstigt
und ruhelos, so brauchten sie sich nur Seite an Seite zu setzen, und es war
Friede in ihnen.
    War Daniels berredungsgewalt gro, so war es bei Lenore die Macht des
Beispiels. Eine Speise war verdorben, und Daniel mochte sie nicht essen; Lenore
a sie nicht blo, sondern gewann es auch ber sich, sie zu loben, da a er
gleichfalls, und sie schmeckte ihm. Gertrud hatte die Speise zubereitet, und
Lenore glaubte die Schwester schonen zu sollen; aber Gertrud wollte nicht
geschont sein, sie legte Messer und Gabel hin und sagte: Daniel hat recht, man
kann's nicht essen. Sie stand auf und ging in die Kche, um einen Milchbrei zu
kochen und so fr das verdorbene Gericht Ersatz zu schaffen. So war sie nun,
immer ergeben, stumm beflissen; stumm bemht, keine Pflicht zu verabsumen.
Daniel und Lenore schauten einander verlegen an, bald jedoch verwandelte sich
die Verlegenheit in wechselseitiges Entzcken, und sie konnten die Blicke nicht
mehr eins vom andern losreien.
    In Daniels sinnlicher Anlage war nichts von Verfhrertum. Dafr war er von
seinen Wnschen und Begierden in hohem Grad abhngig, und in seinem
leidenschaftlichen Eigensinn wurde er nicht selten rcksichtslos. Doch hatte
dann Lenore eine tiefkundige Ruhe, heitere Bestimmtheit an ihrem Ort und
Nachgiebigkeit an ihrem Ort. So viel Ansprche an Geduld und Ma htten einen
politisch gesthlten Geist und das erfahrenste Herz mde machen knnen, sie aber
fand sich durch den unbeirrbaren Instinkt ihrer Natur zurecht und war niemals
mde.
    Wogegen er sich am hufigsten aufbumte, war das, was er die brgerliche
Vorsicht an ihr nannte, die Wahrung des notwendigen Scheins. Er wollte die
Stunden seiner Liebe nicht wie ein erstohlenes Gut in Besitz nehmen, nicht ber
Flur und Stiege schleichen, nicht flstern, nicht die heimlichste Stunde
abwarten, nicht mit Bangen und Zagen kommen und gehen.
    Es ist nicht erforderlich, diesen Heimlichkeiten nachzulauschen; wir wollen
nicht dem bsen Geist Asmodei ins Handwerk pfuschen, der die Dcher durchsichtig
macht und in die Schlafkammern blickt, wir wollen nicht Daniels Spion sein, wenn
er in mitternchtiger Stunde die Mansarde verlt und auf Filzschuhen sich am
Gelnder heruntertastet, wir wollen nichts von Lenores Qual und Verlangen, von
ihrem Harren, von ihrem Flchten, von ihrer Abwehr, von ihrem Unterliegen
erzhlen; ber diese Dinge wollen wir hinwegsehen, ein erbarmender Vorhang falle
ber sie, denn sie sind gar zu menschenhaft und wunderlos.
    Nur an eine einzige Nacht sei gerhrt, wo Daniel in Lenores Kammer trat und
zu ihr sagte: Ich habe dich noch nie gesehen wie ein Liebender seine Geliebte.
Lenore sa auf dem Rand ihres Bettes und begann zu zittern. Darnach blies sie
die Kerze aus, Daniel hrte das Rascheln ihrer Gewnder, und nun ging sie zum
Ofen, machte das Feuertrchen auf, und weil im Ofen helle Kohlenglut war, stand
sie von Purpurdunst beleuchtet da, und der magere, zarte, nackte Leib,
eigentmlich figurenhaft, war von der harmonischesten Beseelung erfllt. Und da
nun das Spiel der Glieder, als sie das Licht wuten, pltzlich von Scham gehemmt
wurde, bog Lenore den Kopf zur Wand, wo immer noch die Maske der Zingarella
hing, die Daniel ihr gelassen hatte. Sie nahm die Maske vom Nagel, hielt sie mit
beiden Hnden, so da die Glut auch auf den weien Gips fiel, dabei senkten sich
ihre Augen, und sie lchelte in einer Weise, die Daniel durch und durch
erschtterte. Etwas Ewiges langte an sein Herz, Ahnung des Endes,
Schicksalsfurcht.
    Zur gleichen Zeit hatte sich Gertrud in ihrem Bett aufgerichtet und starrte
mit Augen, als erblicke sie dorten wen, gegen ihre Stubentr. Nachdem sie lange
hingestarrt hatte, erhob sie sich, ffnete die Tr, ging unhrbar in den Flur,
kehrte wieder um, ging noch einmal hinaus und begab sich dann, die Tr offen
lassend, wieder ins Bett, wo sie aufrecht sitzen blieb und nun auf die Tr
drauen berm Flur starrte, hinter welcher sie Daniel und Lenore wute. Von
ihrem Haupt hing links und rechts ein Zopf herab, und inmitten des dunkeln Haars
oben und der dunkeln Zpfe an den Seiten glich ihr Gesicht einer Wachsform in
einem dstern alten Rahmen.
    Kein Zucken der Muskeln gab Kunde von den Bildern, die sich in ihrem Geiste
drngten.
    Hinter jener Tr lag fr sie die ganze Welt. Ihr schien, sie knne es nicht
mehr aushalten, das Wissen darum. berall schlichen sie ber die Gnge der
Wohnungen, berall lockte ein Weib, zu jedem Weib gesellte sich ein Mann, und
sie umschlangen einander und gruben einander die Zhne ins Fleisch. Es war so
lsterlich als unsinnig, ein Elend und ein Grauen. berall sah sie das
verwerflich Entblte, alle Kleider waren wie aus Glas, sie konnte weder Weib
noch Mann anschauen, ohne zu erbleichen. Sie hatte nur eine einzige Zuflucht, an
der Wiege des Kindes hinzustrzen und zu beten. Stand sie aber wieder auf, so
atmete sie wieder in der vergifteten Luft, und das Verlangen, sich zu reinigen
von dem Verbrechen, an dem sie sich schuldig fhlte, ohne da sie bis jetzt
hatte ergrnden knnen, was fr ein Verbrechen es eigentlich war, raubte ihr den
Schlaf. Ihr war nur zumut, als hnge ber ihrem Kopf ein schwerer Stein, der
sich langsam lste und jeden Tag schrecklicher mit seinem Sturz drohte.
    Stunde um Stunde war verronnen, da trat endlich Daniel in den Vorplatz. Er
erschrak nicht wenig, als er den Lampenschein und die aufrecht im Bett sitzende
Gertrud gewahrte.
    Er ging in die Kammer, schlo die Tr, ging an die Wiege, schaute auf das
schlummernde Kind nieder und trat dann zu Gertrud. Sie heftete einen unendlich
aufmerksamen Blick in sein Gesicht, einen Blick, der um ein Urteil zu fragen, um
einen Richterspruch zu flehen schien. Zugleich aber streckte sie abwehrend die
Arme gegen ihn, und als er betroffen stehen blieb, milderte sich der Ausdruck
ihrer Augen, und sie sagte: Gib mir die Hand.
    Sie nahm seine Rechte, streichelte sie und flsterte: Die arme Hand, die
arme Hand.
    Daniel bi die Zhne zusammen. O, Frau, sagte er.
    Er setzte sich an den Rand des Bettes und schwieg. Gertrud sah ihn wieder
mit demselben gespannten und flehenden Ausdruck an wie vorhin. Aber er lie sich
neben sie hinsinken, und den Kopf an ihre Brust gelehnt, schlief er ein.
    Sie hielt noch immer seine Hand. Sie schaute in sein fahles, schmales
Gesicht und auf die geeckte Stirn, deren Haut unter den wirr hngenden Haaren
bisweilen leise zuckte. Das l in der Lampe ging zur Neige, und der Docht fing
an zu riechen, aber sie getraute sich nicht, die Lampe auszublasen, aus Furcht,
Daniel knnte erwachen. Sie sah still zu, wie das Licht verlosch und an seiner
Statt ein rotes Glimmern war, bis auch dieses erlosch und es finster wurde.

                                       12


Seit einiger Zeit bemerkte Lenore, da der Bckergeselle, statt des Morgens die
Semmeln in das Sckchen zu legen, wie er stets getan, sie achtlos durch das
Gatter auf die Erde warf.
    Der Zeitungstrger grte sie nicht mehr, der Postbote lchelte hhnisch,
und sogar die Bettler, so schien es ihr, forderten Almosen mit unverschmter
Miene.
    Einmal kam sie durch die Schmausengasse, da lehnte ein Weib am Fenster eines
Hauses, rief bei ihrem Anblick etwas in die Stube zurck, und sogleich strzten
ein junger Mensch und drei halbwchsige Mdchen ans Fenster, tauschten
Bemerkungen aus und stierten sie mit Blicken an, die sie erbleichen lieen.
    Ein andermal brachte ihr Daniel eine Freikarte zu einem Konzert. Sie ging
hin, und schon bei ihrem Eintritt fiel ihr das gierige und unanstndige Schauen
der Leute auf. Eine geputzte Dame rckte von ihrer Seite weg, einige Herren vor
ihr drehten sich bestndig um und grinsten sie an. Sie konnte nicht bis zum Ende
bleiben und floh.
    Bewegung in freier Luft hatte ihr schon ber manche bse Stunde
hinweggeholfen; sie ging zum Schlittschuhlaufen aufs Eis. Als man sie gewahrte,
entstand ein Wispern. Sie kmmerte sich nicht darum, sie lief ihre schnen Bogen
und Figuren. Aus einer Gruppe junger Mdchen wurde mit Fingern auf sie gedeutet.
Mit stolz blitzenden Augen nherte sie sich der Schar, und alle stoben
auseinander. Die ihr frher gehuldigt hatten, mieden sie jetzt. Ihr Gefhl war
in Aufruhr und lohte bei der Erfahrung von so viel unerwarteter und
zurckweichender Gemeinheit in edlem Trotz empor.
    An einem Dezembertag schritt sie ber den Weinmarkt und wollte durch ein
enges Gchen zum Hallertor. Vor dem Gchen standen einige Mnner im Gesprch.
Sie erkannte Alfons Diruf unter ihnen. Sie dachte, die Leute wrden Platz
machen, um sie durchzulassen, aber keiner rhrte sich. Sie starrten sie frech
an. Nun htte sie ja weitergehen und einen andern Weg whlen knnen, doch jener
Trotz zwang sie, zu verharren, und unter der Flammenblue ihrer Augen bequemten
sich die Niedertrchtigen endlich zu trgem Ausweichen. Sie bildeten ein
Spalier, durch welches sie gehen mute, und rger als dieses war es, sich von
den unzchtigen Blicken verfolgt zu fhlen, das Lachen vernehmen zu mssen, das
sonst bei Nacht aus Wirtshusern klang, wenn sie beieinander hockten und Zoten
erzhlten.
    Manchmal in der Dmmerung und am Abend dnkte es ihr, es gehe jemand hinter
ihr her. Einst drehte sie sich um, und wirklich sah sie einen Menschen. Der
Mensch trug einen Havelock; er trat dann hastig in ein Tor. Wenige Tage spter
ereignete sich das gleiche, aber nun erschrak sie zu tiefst, weil sie Herrn
Carovius erkannt zu haben glaubte.
    Eines Abends verlie sie das Haus, da bemerkte sie dieselbe Gestalt an der
Kirche drben. Und als sie zgerte und berlegte, kam noch eine andere Gestalt
hinzu. Es schien ihr, als ob dies Philippine sei. Sie sprachen leise
miteinander, aber Lenore konnte sie nicht genau sehen, der Schnee fiel zu dicht,
die Laterne war zu weit.
    Sie wute nicht, weshalb, aber pltzlich hatte sie Angst um Daniel. Blo um
ihn; ihm drohte Gefahr, so schien es ihr, wenn sie nicht umkehrte. Und sie
strmte die Treppe hinauf bis zur Dachkammer. Sie pochte an die Tr; kein Laut.
Sie ffnete; es war finster. Aber sie sah, da sich sein Krper im finsteren
Raum gegen das Schneelicht drauen abhob. Er sa am Klavier, hatte die Arme auf
den Deckel und den Kopf zwischen die Hnde gesttzt. Mit einem sen Weheton
eilte Lenore hin und umschlang ihn.
    Daniel nahm sie auf seinen Scho, drckte ihren Kopf an seine Brust und
lachte mit offenem Mund und gleienden Zhnen, aber ohne einen Laut. So lachte
er jetzt oft.

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So lachte er ber die Rnke, die die Sngerin Varini, seine erbittertste
Feindin, gegen ihn spann und die zur Folge hatten, da er beim Theater berall
auf Widerstand und Mitrauen stie.
    So lachte er ber die anonymen Schmhbriefe, mit denen ihn seine Mitbrger
bedachten, und die er in naiver Wibegier las, weil er erfahren wollte, bis
wohin sich Unfltigkeit und hndisch-feiger Ha verirrten.
    So lachte er, als die Absage der Freifrau von Auffenberg kam. Sie schrieb
ihm, da ihre Konstitution geschwcht sei und da sie infolgedessen den Winter
auf ihrem Landgut bei Hersbruck verbringen werde. Aber Daniel erfuhr, da sie
hufig in der Stadt war und die Einrichtung regelmiger musikalischer Abende
getroffen hatte, was sie unter seiner Herrschaft nie zu tun gewagt. Andreas
Dderlein war nun ihr Beirat; da konnte sie schwelgen und schwrmen und in
Stickluft und knstlichem Aroma ihre kraftlose Seele bis zum berdru betuben.
    Und so lachte er ber die wchentlich wiederkehrenden Angriffe des
Frnkischen Herold, die ihm ins Haus geschickt wurden; es waren schlaue und
bissige Sticheleien, erschnffelte Heimlichkeiten, breitgewalktes Hrensagen,
perfide Verdchtigungen des Knstlers, des Menschen.
    In den Artikeln war stets vom Gnsemnnchen die Rede. Daniel fragte sich
verwundert, worauf der Name zielen mochte. Das Gnsemnnchen wurde zu einer Art
von humoristischem Original erhoben. Was gibt es denn Neues vom Gnsemnnchen?
lautete etwa der Titel, oder man stie auf folgende kurze Notiz: Das
Gnsemnnchen lenkt schon wieder die Aufmerksamkeit der Musikfreunde auf sich;
es versteift sich darauf, die Oper Stradella durch Einfgung eines
Trauermarsches eigenen Fabrikats geniebarer zu machen, und die ergebenen
Hausvgel, die es unter den Armen trgt, haben es fr dieses Vornehmen mit
lieblichem Dankesgeschnatter belohnt.
    Die Geburtssttte dieser ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiet
journalistischen Witzes war der Stammtisch im Krokodil. Wenn je in der Welt
ehrliche Mannestrnen gelacht wurden, so geschah es bei Abfassung solcher
Nachrichten ber das Leben und Treiben des Gnsemnnchens. Der Redakteur
Weibezahl war der Protokollfhrer dieser geistigen Wettkmpfe, bei denen sich am
meisten Herr Carovius hervortat. Herr Carovius schpfte aus sicheren Quellen,
wie es im Zeitungsdeutsch hie, und jeden Abend berraschte er die Tafelrunde
mit neuen Kstlichkeiten fr Weibezahls Aktentasche.
    Davon wute Daniel nichts, aber das Gnsemnnchen, als Wort wie als Gestalt,
verwob sich in sein Denken und gewann irgendwo und -wie im Zeitverlauf eine
verwandelte Wesenheit.

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Eines Tages schrieb die Hofrtin Kirschner an Daniel und lie ihn wissen, da
sie nichts mehr mit ihm zu schaffen haben wolle. Zugleich forderte sie das Geld
zurck, das sie ihm geliehen hatte, und er konnte es nicht aufbringen. Im
Theater stand er bereits in Vorschu; einen Freund besa er nicht; Monsieur
Rivire, der einzige, der vielleicht htte helfen knnen, war nach Frankreich
abgereist.
    Die Sache lief den blichen Weg; ein Advokat stellte eine Frist; als die
verstrichen war, wurde der gerichtliche Zahlungsbefehl ausgefertigt, dann kam
der Gerichtsvollzieher, und in Ermangelung anderer Gegenstnde von Wert pfndete
er den Flgel.
    Der Einspruch Daniels hatte keine aufhaltende Rechtskraft. Noch ein paar
Tage, und das Klavier mute versteigert werden.
    Es war ein trber Januarmorgen, da trat Philippine in seine Kammer.
    Du, Daniel, begann sie, willst Geld von mir haben?
    Daniel drehte langsam den Kopf und musterte sie erstaunt.
    Hab Geld genug, fuhr sie mit heiserer Stimme fort, und ihre Augen
glitzerten glsern unter den Simpelfransen, hab's pfennigweis zusammengescharrt
von kleinauf, Jahr um Jahr; kann dir geben, was d'fr die Hofrtin brauchst.
Schmei es ihr hin, der alten Hadltruth. Sag zu mir: bitt dich, Philippine, gib
mir das Geld, und es liegt auf'm Tisch.
    Du bist wohl nrrisch? erwiderte Daniel, dem das Mdchen auf einmal
unheimlich wurde, mach, da du hinauskommst.
    Da packte Philippine, auer sich vor Wut, seine Hand, und ehe er es hindern
konnte, bi sie ihn unterhalb des kleinen Fingers ziemlich tief ins Fleisch. Mit
einem dumpfen Schrei schttelte Daniel sie ab und stie sie zurck. Sie sah ihn
frohlockend an, doch ihr Gesicht war gelb geworden.
    Geh zu, Daniel, sagte sie bettelnd, sei nit so garstig mit mir. Alleweil
so garstig, alleweil so neidisch, geh zu.
    Dies infame Lcheln, und die Haare ber den Augen, und die roten, plumpen
Hnde, und die Schneeflocken auf dem zu kurzen Mantel, und unten der Saum des
knallroten Kleids, und auf dem Hut das giftgrne Band; Daniel versprte ein
Grausen wie beim Anblick des hlichsten und verderblichsten Bildes, das ihm aus
der Menschenwelt entgegentreten konnte. Aber indem er die Augen abwandte, kam
Mitleid ber ihn, als ahne er pltzlich, da dieses Wesen an ihn gekettet war
durch Bande, die erst in allen Finsternissen unterirdischer Labyrinthe liefen,
bevor sie zu ihm gelangten. Was sie getan, hatte ihn in Bestrzung versetzt,
doch als Offenbarung einer Natur berraschte es ihn zugleich und gab ihm zu
denken.
    Er ging zum Waschtisch, um die blutende Hand ins Wasser zu tauchen.
Philippine nahm ein frisches Schnupftuch aus der Kommode und reichte es ihm zum
Verbinden. Er sah sie durchdringend an und sagte: Was bist denn du fr eine?
Was steckt denn fr ein Teufel in dir? Nimm dich in acht, du
Jasonphilippstochter, nimm dich in acht.
    Da aus diesen Worten ein Ton von Gte klang, vibrierte es seltsam in
Philippines Gesicht. Ihre Zge waren wie zum Grinsen verzerrt; aber es war
dennoch kein Grinsen. Nach einer kurzen Weile zog sie eine lederne Brse aus
ihrer Manteltasche und brachte zwei in ein Papier gewickelte Hundertmarkscheine
sowie ein Goldstck hervor. Sie entfaltete die Scheine und das Papier, legte
erstere samt dem Goldstck auf den Tisch und reichte Daniel das beschriebene
Blatt.
    Er las: Ich unterzeichneter Daniel Nothafft bin der Philippine Schimmelweis
zweihundertundzwanzig Mark schuldig und werde ihr das Geld vom heutigen Tage an
mit fnf Prozent verzinsen.
    Damit zahlst den Gerichtsvollzieher und bist aus der Schlemassel, redete
Philippine eigentmlich dringend auf ihn ein. Kannst doch nit auf'm Nudelholz
Klavier spielen, ist ja dein Handwerkszeug, der Klapperkasten. Unterschreib und
du hast Ruh.
    Woher ist das Geld? fragte Daniel. Wie kommst du zu so viel Geld? Sprich
die Wahrheit! Und er hrte auf einmal Thereses Stimme: das viele schne Geld,
das viele schne Geld ...
    Philippine bi an ihren Ngeln. Das geht dich nix an, erwiderte sie grob,
g'stohlen is es nit. brigens kann ich dir's ja sagen, fuhr sie eilig fort,
als sie sein Mitrauen bedrohlich werden fhlte, die Mutter hat mir's
zugesteckt. Damit ich nit ganz armselig dasteh, wenn was passiert. Denn der
Vater, der mcht mich am liebsten verrecken lassen. Heimlich hat sie's beiseite
geschafft, und ich hab ihr beim Kruzifix schwren mssen, da niemand was
erfhrt.
    Diese Schauergeschichte veranlate Daniel zu bedenklichem Kopfschtteln. Er
sprte die Lge, aber von Philippines Blick und Wort ging eine sonderbare Gewalt
aus. Er war unschlssig, er berlegte. Seine Arbeit stand auf dem Spiel. Wochen
konnten verflieen, Monate, ehe er wieder zu einem Instrument gelangte.
Philippines Dienstwilligkeit war ihm rtselhaft, alles was sie sagte, war
abstoend und gemein, aber sie brachte Hilfe, und dem gegenber mute er die
warnenden Stimmen ersticken.
    Ist ja nur Geld, dachte er verchtlich und setzte sich hin, um seinen Namen
auf den Zettel zu schreiben.
    Philippine zog die Schultern hoch hinauf und wagte nicht zu atmen, bis er
ihr den Zettel wortlos berreichte. Dann blickte sie ihn flehend an und sagte:
So Daniel, jetzt darfst mich aber nimmer wie eine rudige Katz behandeln.

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Man versprach sich heuer sehr viel vom Fastnachtszug, und am Karnevalsdienstag
war nachmittags die ganze Stadt auf den Beinen.
    Daniel war gerade auf dem Nachhauseweg, als er an der Ecke der
Theresiengasse in den Tumult geriet. In lssiger Neugier blieb er stehen, und
bald zeigten sich die ersten Gruppen des Zuges: drei Herolde in prchtigen,
mittelalterlichen Gewndern, und hinter ihnen berittene Ratsherren.
    Hernach kam auf einem Schubkarren eine zum Tod verurteilte Hexe; ihr Gesicht
war scheulich bemalt, und in der Hand schwang sie eine gewaltige
Schnapsflasche. Darauf folgte eine Schar bezopfter Chinesen, denen wieder eine
Gesellschaft tanzender Kameruner. Dann kam ein Riese, der siebenundzwanzig
Makrge trug; dann eine Damenkapelle, aus lauter alten Weibern bestehend; dann
ein Bauerngemeindewagen mit der Aufschrift: die Steueranbeter; dann ein
Rauchklub mit dem schwedischen Zndholzhndler; dann ein Wagen mit dem aus
Bierfssern gebauten Spittlertor; dann die sogenannte Funkengarde; ferner eine
Amme mit einem erwachsenen Wickelkind, welches Husarenstiefel trug; die sieben
Schwaben dann, die auf Velozipeden fuhren; eine Chaise mit einer lustig
herausgeputzten englischen Familie; ein Fuhrwerk, auf welchem Schriftgelehrte
saen und das eine Tafel zeigte: die Undsoweiterer, auch Etceteristen geheien.
    Zuletzt kam ein Wagen, auf dem sich eine aus Brettern, Reifen, Ton, alten
Lappen und altem Eisen geschickt verfertigte Nachahmung des
Gnsemnnchen-Brunnens befand. Das Mnnchen selbst war mit einem zerschlissenen
Sammetrckchen bekleidet, aus dessen Taschen berall gerollte Notenbltter
hervorschauten. Statt des Htchens hatte es eine verrostete Pfanne auf dem Kopf,
und an den Fen staken ein paar alte Lackschuhe. Unter jedem Arm trug es eine
Gans. Die Gnse waren aus Brotteig hergestellt und hatten nicht Gnsekpfe,
sondern die Kpfe von Frauen, knstlich bemalt und mit sogenannten Schussern in
den Augenhhlen. Das Gesicht zur Linken sah melancholisch, das zur Rechten
vergngt aus.
    Um diesen Wagen herrschte das grte Gedrnge, und ein unbndiges Hallo
erhob sich jedesmal, wenn er neuen Zuschauergruppen in Sicht kam, auch dort, wo
die Leute das Beziehentliche der Darstellung nicht verstanden. Pulzinells hieben
mit ihren Pritschen in die Luft, Indianerhuptlinge umtanzten ihn schreiend, ein
Mephistopheles machte Purzelbume, auf Steckenpferden reitende Ritter
salutierten, und Kinder mit Wachsmasken vor den Gesichtern schrien
ohrenbetubend.
    Mit ziemlich teilnahmlosen Blicken hatte Daniel den vorhergehenden
Schabernack betrachtet, der ihm nur als eine Ausgeburt spiebrgerlichen
Behagens erschien. Da kam der Wagen mit dem falschen Gnsemnnchen. Oben stand
der Bildhauer Schwalbe, toll und voll betrunken, neben ihm, trotz der Klte in
Hemdrmeln, der Maler Krapotkin. Ein ungeheuer dicker Jngling, seines Zeichens
Schulamtskandidat, hatte den Einfall, den Titeldruck von einem Exemplar des
Frnkischen Herold an das Htchen des Gnsemnnchens zu heften und erntete
damit bei den Wissenden groen Jubel.
    Der Maler Krapotkin erkannte Daniel. Er rief ihn an, warf Kuhnde hinunter,
lie sich eine Pritsche reichen und ahmte damit die Gesten eines Musikdirigenten
nach, der Schulamtskandidat schleuderte eine Handvoll Bretzeln gegen den Platz,
wo Daniel stand, eine Posaune begann zu schmettern, der Englnder streckte erst
den Kopf aus der Chaise und hopste dann mit einer Stange, auf welcher weibliche
Gewnder und ein Federhut mit einem Schleier hingen, auf Daniel zu, auf dem
Gambrinuswagen wurde ein frisches Bierfa angezapft, und an den Fenstern der
Huser drngten sich lachende Menschen.
    Ihr habt ja das Gitter vergessen! rief Daniel mit lauter Stimme denen auf
dem Gnsemnnchen-Wagen zu.
    Was hat er gesagt? fragten sie und sahen einander verblfft an. In der
Zuschauermenge trat ein neugieriges Schweigen ein, und viele blickten verwundert
auf Daniel.
    Ihr habt das Gitter vergessen! wiederholte er mit blitzenden Augen, das
geschmiedete Gitter. Ohne seinen Schutz ist das arme Gnsemnnchen freilich euer
Hanswurst.
    Er lachte still, mit offenem Munde und gleienden Zhnen und entzog sich
eilig den zahllosen Gaffern. Und in einem einsamen Gchen angelangt, fing er
mit frenetischem Gesichtsausdruck an zu singen: Den du nicht verlssest,
Genius, wirst ihn heben mit den Feuerflgeln; wandeln wird er wie mit
Blumenfen ber Deukalions Flutschlamm, Python ttend, leicht, gro, Pythius
Apollo!

                                       16


Einige Wochen darnach ereignete es sich, da eine wirkliche Sngerin zu Daniel
kam, und da er von ihr, in wunderbarer Vollendung des Gesangs, mehrere von den
Liedern hrte, die er komponiert und die er schon gnzlich von der Welt
vergessen geglaubt.
    Es war dies ein sehr geheimnisvoller Besuch. Eines Nachmittags, bei
schrecklichem Schneetreiben, hatte es an der Wohnung unten gelutet, und als
Gertrud ffnete, sah sie eine schwarzverschleierte Dame vor sich stehen, die den
Kapellmeister Nothafft zu sprechen verlangte. Gertrud fhrte sie zu Daniel
hinauf; die Fremde sagte ihm, sie habe sich seit langem gewnscht, seine
Bekanntschaft zu machen, und da sie, auf der Durchreise nach Italien begriffen,
durch die Erkrankung einer nahen Angehrigen gentigt, hier habe Aufenthalt
nehmen mssen, sei ihr dies wie ein Wink des Schicksals erschienen, und sie
komme nun, ihn zu begren, vor allem aber, ihm fr die Lieder zu danken, die
ihr einstmals, in einer schweren Stunde ihres Lebens, ein Freund geschenkt habe.
    Sie sprach mit einem Akzent, der nordisch klang, dabei leicht, flieend und
wie jemand aus der groen Welt. Daniel fragte, mit wem er das Vergngen habe, da
lchelte sie und bat um die Erlaubnis, ihm ihren Namen vorenthalten zu drfen;
es sei ja nichts daran gelegen, wie sie heie; vielleicht denke er spterhin
lieber an eine Unbekannte, die ihm nur ihre Verehrung und Dankbarkeit habe
beweisen wollen, als an ein Frulein Soundso; als Namenlose hoffe sie besser in
seinem Gedchtnis zu bleiben wie als eine, von der man nur wisse, was alle von
ihr wten.
    Die Mischung von Scherz und Ernst, von Geist und Empfindung in den Worten
der Fremden behagte Daniel wohl. Er antwortete zwar knapp und khl, es war
jedoch zu bemerken, da er sich mit der Besucherin freute, brachte sie ihm doch
zum Bewutsein, da sein Geschaffenes nicht in einen echolosen Abgrund gesunken
war. Nach einer Weile kam das Gesprch neuerdings auf die Lieder, und da sagte
die Fremde, sie mchte ihm gern das eine oder das andere Lied vorsingen. Daniel
war gleich damit einverstanden, er holte die Noten hervor, setzte sich aus
Klavier, und die rtselhafte Frau fing an zu singen. Schon bei den ersten Tnen
horchte Daniel hoch auf, eine solche Stimme hatte er noch nie vernommen; so
weich, so rein, so seelenvoll, so ber alle Schule und Konvention hinaus. Nach
dem ersten Lied sah er befangen an der Sngerin empor und murmelte: Wer sind
Sie denn? Wer sind Sie?
    Keine Recherchen, bitte, erwiderte die Sngerin lachend und ber das
mittelbare Lob, das ihr sein Benehmen spendete, froh errtend, das nchste
noch, das Eichendorffsche.
    Gertrud, die sich in ihrem vernachlssigten Anzug nicht lnger als ntig war
hatte zeigen wollen, war wieder in ihre Kche hinuntergegangen; jetzt trat, nach
schchternem Pochen, Lenore ein. Als sie die Stimme gehrt, war sie berrascht
in den Flur geeilt, und dann hatte sie nicht widerstehen knnen, sie wollte die
Sngerin sehen.
    Daniel nickte ihr mit strahlenden Augen zu, die Fremde grte gelassen und
heiter, hierauf begann sie das nchste Lied, dann das dritte, und so alle sechs.
Hinter der Tr aber stand der alte Jordan, hatte die Hnde vor das Gesicht
gedrckt und lauschte erschttert.
    So, nun mu ich aber fort, sagte die Fremde, als sie das letzte Lied
geendet hatte. Sie reichte Daniel die Hand und fgte hinzu: Es war eine schne
Stunde.
    Es war eine der schnsten, die ich erlebt habe, antwortete Daniel.
    Leben Sie wohl.
    Leben Sie wohl.
    Und die fremde Dame ging und hinterlie nichts als die Erinnerung an ein
Glck, das je mrchenhafter wurde, je weiter es die strmische Zeit entrckte.
Daniel sah sie nie wieder, hrte nie wieder von ihr.

                                       17


Whrend des Gesanges war auch Gertrud unten im Flur gestanden und hatte
gelauscht. Sie kannte jeden Ton eines jeden Liedes; jede melodische Figur in der
Begleitung war ihr wie ein altvertrautes Bild, und sie hatte auch sogleich
begriffen, da da eine begnadete Knstlerin sang.
    Aber wie eigen es doch war: sie sprte nichts dabei. Es regte sich nichts in
ihr. Ihr war, als sei ein lebendiger Strom in ihrer Brust versiegt und htte nur
Sand und Steine brig gelassen. Dieses Nichtfhlen uerte sich wie eine
bohrende Gewissensqual.
    Mein Gott, mein Gott, sthnte sie, was ist mit mir geschehen! Sie schlug
die Hnde zusammen.
    Am Abend ging sie in die Frauenkirche und betete lange. Das Gebet beruhigte
sie jedoch nicht und verstrter als sie ausgegangen war, kehrte sie wieder heim.
    Die Wohnzimmertr war offen; Daniel und Lenore saen unter der Lampe und
lasen gemeinsam in einem Buch. Der Sugling in der Wiege regte sich eben; Lenore
hatte deshalb die Tre offen gelassen, damit sie das Kind hren konnte, wenn es
aufwachte. Gertrud nahm das Kind in die Arme, beschwichtigte es und trat mit ihm
auf die Schwelle des Wohnzimmers. Die beiden wandten ihr den Rcken zu und waren
in ihrer Lektre so vertieft, da sie von Gertruds Anwesenheit nichts merkten.
    Da kam es pltzlich wie eine Erleuchtung ber Gertrud, und sie wute um ihre
Schuld, die Schuld, die zu ergrnden sie so viele Wochen vergeblich gegrbelt
hatte.
    Sie besa nicht Liebeskraft genug, das war ihre Schuld. Sie hatte etwas auf
sich genommen, was ber ihr Vermgen ging. Sie hatte eine Ehe auf sich genommen
ohne die dazu erforderliche Strke des Herzens.
    Die Ehe war ihr als das Heiligtum der Heiligtmer erschienen. Die
Verbundenheit mit dem Mann, den sie geliebt, war ihr gleichen Sinnes gewesen wie
die Verbundenheit mit Gott. Als sie aber dieses Band zerrissen sah, strzte die
Welt in einen Abgrund, unermelich weit weg von Gott. Und nicht ihr Gatte
erschien ihr als der Ungetreue, nicht ihre Schwester war ihr eine Schuldige,
nein, sie selbst war ungetreu und schuldig in ihren Augen. Sie hatte sich nicht
bewhrt, hatte sich ber ihre Kraft vermessen, und Gott hatte sie verworfen.
Diese berzeugung befestigte sich unumstlich in ihrer Brust.
    Und da ihr im Bunde mit Daniel die Musik ein Gttliches geworden war,
erblickte sie jetzt, wo dieser Bund zerstrt war, das Gefhrliche und zu
Meidende wie ehedem darin, und sie verstand es also, warum ihr Gefhl stumm
geblieben war.
    Doch wollte sie sich eine letzte Gewiheit verschaffen. Eines Morgens ging
sie zu Daniel hinauf und bat ihn, ihr eine Stelle aus der Harzreise
vorzuspielen, den Schlu des langsamen Mittelsatzes, der sie immer ganz
besonders ergriffen hatte. Ihre Bitte klang so dringlich, ja angstvoll, da
Daniel ihr willfahrte, trotzdem er keineswegs in der Stimmung war. Indes Gertrud
zuhrte, wurde sie bleicher von Minute zu Minute. Alles besttigte sich
furchtbar; was frher Wonne gewesen, war nun Qual; die Tne und Harmonien
wirkten wie etwas tzendes auf ihr Inneres, und der Schmerz, den sie empfand,
war so ungeheuer, das sie nur mit groer Selbstbeherrschung imstande war,
aufrechten Schrittes das Zimmer zu verlassen. Voll Unruhe schaute ihr Daniel
nach.
    Als sie unten angelangt war, vernahm sie ein wunderlich klingendes Gerusch
aus ihrer Kammer. Sie ging hin und sah, da die kleine Agnes in die Ecke des
Raumes gekrochen war, wo die Harfe stand und mit einem Messinglffelchen emsig
gegen die Saiten schlug, wobei sie freudig lallte. Gertrud sprte einen
unbestimmten Schrecken; sie packte die Harfe und schleppte sie in die Kche
hinaus, und dort schraubte sie die Saiten aus dem Rahmen, rollte sie zusammen,
versteckte sie in eine Schublade und trug den leeren Rahmen in die Rumpelkammer
auf den Dachboden.
    Was soll ich tun? flsterte sie vor sich hin und sah sich hilfesuchend auf
dem Dachboden um. Sie hatte Sehnsucht nach Frieden, und hier schien es ihr
friedlich, darum blieb sie eine Weile und lehnte sich mit geschlossenen Augen an
einen Balken.
    Was soll ich tun? fragte sie sich Tag und Nacht. Ich kann meinem Mann nichts
mehr sein; nur des Kindes halber ihm im Weg zu stehen, dazu habe ich kein Recht,
argumentierte sie. Sie sah, wie er litt und wie Lenore litt, jedes durch sich
selbst und eins durchs andere und dann noch durch die Gemeinheit der Menschen,
da dachte sie: wr ich nicht da, alles wre gut. Ihr dnkte, ja, sie war endlich
dessen sicher, da alle Wahrheit, die er ihr gegeben, nur den Zweck gehabt
hatte, die eine Lge zu bertnchen, die sie glauben lassen sollte, ihr Dasein
sei eine Notwendigkeit fr ihn. Das Gewicht dieser Lge drckte ihn zu Boden,
das wute sie, und sie wollte ihn davon befreien; aber wie, das wute sie nicht.
Und wenn Daniel und Lenore einander in Ehren angehrten, dann standen sie auch
vor der Welt gerechtfertigt da, vor der Welt und vor Gott; aber wie das zu
erreichen wre, wute sie nicht.
    Und sie suchte und suchte, mit schwerflligen, jedoch beharrlichen Gedanken.
Es war, als liefe sie fortwhrend um einen Punkt im Kreise herum und knne
nichts anderes tun als auf diesen einen Punkt starren. Jeden Morgen um fnf Uhr
stand sie auf und ging in die Kirche. Sie betete mit einer Leidenschaft, die ihr
Herz physisch erschpfte.
    Eines Morgens kniete sie noch verzweifelter als sonst am Altar, da glaubte
sie pltzlich ein Stimmchen zu hren, welches ihr zurief: du mut dich
umbringen.
    Sie fiel in Ohnmacht, und Leute eilten herbei, die ihre Stirn mit Wasser
benetzten. Da konnte sie aufstehen und nach Hause gehen. Ein eigentmlich weher
und vertrumter Zug lag um ihren Mund.
    Sie wollte sticken, sie erinnerte sich, da ihr diese Beschftigung, als sie
noch Mdchen gewesen, die beklommensten Gedanken verscheucht hatte. Aber jedes
Gewebe ihrer Hand wurde zu dem Spruch: du mut dich umbringen.
    Schluchzend sank sie an der Wiege der kleinen Agnes hin, aber das Kind sagte
deutlich: du mut dich umbringen, Mutter.
    Lenore trat zur Tr herein; um ihre Stirn leuchtete genossenes Glck, ihr
ganzer Leib war Glck, ihre Lippen zitterten vor Glck, und ihre Augen sprachen:
du mut dich umbringen, Schwester.
    Philippine stand am Herd und raunte es in die Kohlenglut: bring dich um,
Gertrud, und der Vater holte sich seinen Teller mit Essen, bedankte sich
schchtern und murmelte im Hinausgehen: bring dich um, Tochter, glaub mir, es
ist das beste.
    Ging sie an einem Brunnen vorber, so zwang es sie an den Rand, und die
Tiefe lockte mchtig. Aus jedem Becher, den sie hielt, um zu trinken, schaute
ihr Ebenbild sie an mit Blicken von jenseits des Grabes. An einem Sonntag stieg
sie auf den Vestnerturm, ihr Auge schweifte mit Abschiedskummer ber das ebene
Land, und in wohligem Grauen lehnte sie sich ber die Brstung des Fensterchens.
Doch der Trmer hatte sie beobachtet und umklammerte gebieterisch ihre Arme.
    Der Hahn, der krhte, krhte den Tod. Die Uhr, die tickte, tickte den Tod.
Der Wind, der wehte, wehte den Tod. Du mut dich umbringen, du mut dich
umbringen, davon war die Luft voll, die Erde, das Haus, die Kirche, der Morgen,
der Abend und der Traum.
    Im April wurde Lenore krank und bekam das Fieber. Gertrud wachte Tag und
Nacht an ihrem Bett und pflegte sie mit Aufopferung. Aus Angst um Lenore irrte
Daniel verstrt umher, und wenn er an ihr Lager trat, hatte er fr Gertrud
keinen Blick. Als es Lenore besser ging, legte sich Gertrud zum Schlafen nieder,
denn sie war sehr mde. Sie konnte aber nicht schlafen, und sie stand wieder
auf.
    Mit bloen Fen ging sie in die Kche, wute jedoch nicht, was sie dorten
solle. Es war nur die brennende Unruhe ihres Herzens gewesen, die sie von ihrem
Lager aufgescheucht hatte. Die Glieder waren ihr so schwer, aber an keinem Platz
mochte sie weilen. Spter kam Daniel aus der Stadt und brachte ihr eine silberne
Spange, die er an ihrem Handgelenk befestigte. Hierauf berhrte er ihre Stirn
mit den Lippen und sagte: Ich danke dir, da du so gut zu Lenore warst.
    Gertrud blieb wie angewurzelt stehen. In ihrem Innern schrie es fortwhrend;
es war, als wlze sich in ihrer Brust ein tdlich verwundetes Tier in seinem
Blut. Daniel war schon lngst in seiner Stube, aber sie stand noch immer. In
dsterer Bedchtigkeit lste sie die Spange wieder von ihrem Gelenk, und sie
glaubte ein hliches Mal dort wahrzunehmen, wo das Metall die Haut berhrt
hatte. Sie ging in ihre Kammer, ffnete das Spind und vergrub das Schmuckstck
tief unter einem Sto weier Wsche.
    Sie hatte nur den einen Wunsch, zu schlafen. Aber sobald sie die Augen
zumachte, begann ihr Herz mit verdoppelter, verdreifachter Geschwindigkeit zu
klopfen. Dann mute sie, nach Atem ringend, in der Stube auf- und abgehen.

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Ein paar Tage spter geschah es, da sie bei strmendem Regen ziellos in den
Straen herumlief. Jeden Augenblick frchtete, hoffte sie, umzufallen und nichts
mehr von sich und der Welt zu wissen. An zwei Kirchen war sie vorber gekommen;
die Tore waren versperrt gewesen. Es dmmerte schon, da kam sie zur Pflaumschen
Apotheke. Sie schaute durch die Glastre in den Laden. Der Provisor Seelenfromm
stand an dem langen Tisch und rieb eine Mixtur in einem Mrser. Endlich ging sie
hinein und fragte den Provisor, ob er ihr kein Schlafmittel verkaufen knne. Er
antwortete, ja, das knne er und was es denn sein solle. Eines, bei dem man
halt recht lang nicht mehr aufwacht, sagte sie und lchelte ihm zu, um ihn
ihrer Bitte geneigt zu machen. Es war das erste Lcheln, das seit vielen Tagen
ihr abgehrmtes Gesicht verschnte. Der Provisor wollte ihr eben ein Mittel
vorschlagen und setzte sich hierzu in eine etwas eitle Positur, da er die
Gelegenheit benutzen wollte, um ein wenig mit der von ihm bewunderten Frau zu
scharmuzieren, da kam der Apotheker selbst, und als er vernommen hatte, worum es
sich handelte, warf er einen durchdringenden Blick auf Gertrud und sagte: Gehen
Sie nur erst zum Doktor, liebe Frau, und lassen Sie sich was verschreiben. Ich
habe mit solchen Sachen schon mancherlei Unannehmlichkeiten gehabt.
    Als Gertrud sich endlich bis nach Hause geschleppt hatte, sa Philippine an
der Wiege der kleinen Agnes und schaukelte die Wiege unter leisem Gesumm. Wo
ist denn Lenore? fragte Gertrud.
    Wo soll sie sein, erwiderte Philippine gehssig, bei deinem Mann droben.
    Gertrud hrte, da Daniel Klavier spielte. Sie hob lauschend den Kopf.
    Sie hat gesagt, ich soll sie nach Glaishammer begleiten, fuhr Philippine
fort, sie will zu einer Waschfrau gehn, die soll fr euch waschen.
    Ach, wozu brauchen wir denn eine Waschfrau, antwortete Gertrud mde, dazu
sind wir ja zu arm. Das kostet ja alles Geld. Alles ein Stck Herzblut von
Daniel. Nein, la das nur. Geh nicht nach Glaishammer. Ich will selber waschen.
    In derselben Sekunde wute sie aber schon, da sie nie mehr waschen werde.
Die Lampe brannte so traurig, das Kindergesichtchen lugte so bla aus dem
Linnen, Philippine kauerte so unheilvoll auf der Erde, aber das war nur jetzt,
nur jetzt, sie konnte das alles mit hinauftragen in eine bessere Welt.
    Sie beugte sich ber das schlafende Kind und kte es lange, lange, mit
heien Lippen, inbrnstig. Eine lauernde Unruhe malte sich in Philippines Zgen.
Du, Gertrud, du kommst mir aber spanisch vor, sagte sie.
    Gertrud ging in Lenores Stube hinber; zitternd stand sie im Finstern und
berlegte. Manchmal zuckte sie zusammen, weil sie Schritte vernahm und das
ffnen der Tr erwartete. Die Ungeduld, die sie fhlte, war kaum mehr
auszuhalten. Da erinnerte sie sich des Dachbodens und wie still es neulich
droben gewesen war. Dort konnte sie keiner stren. Sie beschlo hinaufzugehen,
und auf dem Weg ging sie noch in die Kche und nahm eine dicke Schnur mit, die
von einem Zuckerhut stammte.
    Als sie an Daniels Zimmer vorbeikam, sah sie, da die Tr halb offen war. Er
spielte noch, zwei Kerzen standen auf dem Klavier, Lenore war an der Seite
hingelehnt, hatte den Kopf auf den Arm gesttzt und trug ein Kleid von kargem
Blau, welches an ihrer schnen Gestalt ruhig herabflo.
    Mit groen Augen betrachtete Gertrud dieses Bild. Ein unsgliches Drngen,
ein Emporlangen und schmerzliches Zurcksinken lag in Daniels Spiel. Gertrud
ging unhrbar weiter, ins Dunkel hinauf, und tastend fand sie sich zurecht.

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Als eine halbe Stunde verflossen war, begann sich Philippine ber das Ausbleiben
Gertruds zu wundern. Sie schaute im Wohnzimmer nach, dann in Lenores Zimmer,
dann eilte sie die Stiege hinauf und sphte durch die offene Tr in Daniels
Stube. Daniel hatte aufgehrt zu spielen und unterhielt sich mit Lenore.
Philippine kehrte um; auf der Stiege begegnete ihr der Inspektor, der von seinem
abendlichen Gang nach Hause kam. Sie zndete eine Kerze an und schaute in der
Kche nach. Gertrud war nicht drinnen.
    Es regnet doch, und ihr Mantel hngt am Halter und ihr Schirm steht da,
fortgegangen kann sie also nicht sein, dachte Philippine. Sie setzte sich auf
das Kchenbnkchen und starrte vor sich hin.
    Etwas grlich Ahnungsvolles war in ihr. Sie witterte ein Unglck in der
Luft. Abermals war eine halbe Stunde vergangen, da erhob sie sich mit der
brennenden Kerze in der Hand, und es jagte sie hin und her, von der Stiege in
die Stuben und zurck.
    Pltzlich fiel ihr der Dachboden ein. Als sie sich des Aussehens Gertruds
entsann, wie sie das Kind gekt hatte, fiel ihr der Dachboden ein. War doch in
jedem Hause und in diesem besonders, der Dachboden der Raum, der die grte
Anziehung auf sie ausbte und den ihre lichtscheuen Phantasien stets zum
Schauplatz erwhlten.
    Rasch und geruschlos stieg sie hinauf. Sie hielt den Leuchter vor sich her,
starrte gegen den Balken, an dem eine Gestalt in Frauenrcken hing und drehte
sich mit einem erstickten Gurgellaut rund um ihre Achse. Es erfate sie eine Art
von Trunkenheit, ein frchterlicher Trieb zu tanzen, und sie erhob das eine
Bein, whrend die Zhne krampfhaft an den Ngeln der rechten Hand herumbissen.
Gleichzeitig dnkte es sie, als befehle ihr jemand mit starker Stimme: Znde an!
Znde an!
    Neben der Kaminmauer war ein Haufen von Papier und alten Zeitungen. Sie
strzte auf die Knie und schrie. Lichterloh! schrie sie, lichterloh! Dann
stie sie Laute aus, die wie Huhu und ioi-ioi klangen, halb schaudernd und halb
jauchzend.
    Der Papierhaufen flammte auf, dann lief sie mit markerschtterndem Gebrll
die Stiegen hinunter.
    Ein paar Minuten spter war das Haus in Aufruhr. Daniel strzte die Treppe
empor, hinter ihm Lenore. Aus den tiefer gelegenen Wohnungen kamen die Frauen
und kreischten nach Wasser. Daniel und Lenore kehrten um und schleppten ein
groes mit Wasser geflltes Schaff hinauf. Schon wurde auf dem Platz Feuer
gerufen, fremde Mnner drangen ins Haus, und mit Hilfe der vielen Arme wurde der
Brand im Keim gelscht.
    Der Inspektor war es, der die tote Gertrud zuerst entdeckte. In Glut und
Asche stehend, brach er mit dumpfem Seufzen, wie von einem Beilhieb getroffen,
zusammen. Die fremden Mnner trugen den Leichnam herab, an dem die angesengten
Kleider noch rauchten.
    Philippine war verschwunden.

                                     Lenore



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Es war nun alles vorber.
    Der Besuch des Doktors war vorber und der des Totenbeschauers; die
Nachschau der behrdlichen und der Feuerkommission; die Verhre, die
Protokollierungen, die Feststellungen.
    Die Ursache des Brandes blieb unaufgeklrt; kein Schuldiger war zu finden.
Philippine Schimmelweis hatte beteuert, die Flamme habe schon gelodert, als sie
den Dachboden betreten. So nahm man an, die Selbstmrderin habe in ihren letzten
Lebensminuten eine brennende Kerze umgestoen.
    Auch der Zudrang der Bekannten und der guten Freunde war vorber. Drre
Gemter bten sich in wohlfeilem Mitleid mit dem Kapellmeister Nothafft. Da
einer, der den Kopf so hoch getragen, ihn nun zur Erde beugen mute, erweckte
Befriedigung. Der bestrafte beltter gewann wieder ffentliche Gunst. Damen der
besseren Kreise errterten die Frage, ob ein Verhltnis, welches mit Fug als ein
verbrecherisches hatte bezeichnet werden mssen, so lange die arme Frau am Leben
gewesen, nach Ablauf der gebhrenden Frist zu einem gesetzlichen werden wrde.
In kupplerischer Milde waren sie entschlossen, alles Vergangene zu vergeben, im
Falle dieses geschah.
    Und das Leichenbegngnis war vorber. An einem strmischen Tag war Gertrud
in Sankt Johannis begraben worden.
    Der Pfarrer hatte eine Predigt gehalten, die Leidtragenden hatten ihre Hnde
frierend in die Manteltaschen und Mffe gesteckt. Als der Sarg in die Erde
gesenkt wurde, rief der Inspektor Jordan: Lebwohl, Gertrud! Auf Wiedersehn,
mein Kind!
    Ein Mann drngte sich bis an den Rand des offenen Grabes vor. Das war Herr
Carovius. Er stierte ber seinen Zwicker hinweg den Inspektor und Daniel und
Lenore an. Es schien ihm, da die letztere in ihrer Blsse und mit dem schwarzen
Gewand schner sei als die schnste Madonna, die je ein Italiener oder Spanier
auf eine unvergngliche Leinwand gezaubert.
    Er wandte erschrocken den Blick ab und wre beinahe ber die aufgeworfene
Erde gestolpert.
    Im Hinblick auf die Haltung Daniels sagte der Apotheker Pflaum: Ich htte
mehr Gram und Trauer erwartet, nicht solche Verbissenheit.
    Ein harter Mensch, ein uerst harter Mensch, bemerkte der Provisor
Seelenfromm in seinem Schmerz.
    Es wurde Daniel arg verdacht, da er die Herren und Damen vom Theater, die
sich vollzhlig auf dem Kirchhof eingefunden hatten, mit barschem Hochmut
behandelte. Als ihm mehrere die Hand reichten, nickte er nur kurz und verkniff
die Augen hinter den kreisrunden Glsern der Brille, die er seit einiger Zeit
trug.
    Der Amtsrichter Kleinlein sagte: Er sollte dankbar sein fr die christliche
Bestattung, denn die behauptete Sinnesverwirrung der Frau ist trotz
dahingehender Zeugenschaften durchaus nicht einwandfrei erwiesen.
    Lenore blickte in das offene Grab. Sie dachte: Schuld huft sich auf, tiefe,
tiefe Schuld.
    Alles dies war jetzt vorber. Daniel und Lenore und der alte Jordan waren in
ihr Haus zurckgekehrt.

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In den Stuben war ihnen de zumut. Der Inspektor schlo sich in seine Kammer
ein. Nur noch selten trat er seine abendlichen Gnge an, und seine Rockrmel und
seine Hosenenden bekamen immer lngere Fransen. Er verfiel; sein Haar wurde
schlohwei, sein Schritt unsicher, und sein Auge erlosch. Aber er war niemals
krank, er beklagte sein Schicksal nie. Er war ein stiller Kostgnger, ein
stiller Mann.
    Lenore zog wieder zum Vater hinauf, und Daniel bewohnte wieder sein Zimmer
neben der Estube. Auf einmal war so viel Raum geworden; er wunderte sich, da
das Fortgehen eines einzigen Menschen so viel Raum schaffen knne.
    Den Tag ber blieb Lenore bei der kleinen Agnes, bis Philippine kam und sie
ablste. Dort arbeitete sie auch.
    Wenn sie mit dem Schreiben fertig war, mute sie sich um die Wirtschaft
kmmern. Sie konnte nicht kochen und hatte auch eine Abneigung dagegen, es zu
lernen. Deshalb hatte sie es eingerichtet, da dreimal in der Woche eine Frau
kam, die jedesmal fr zwei, am Montag fr drei Mittage das Essen bereitete. Die
Frau war bescheiden und verlangte nicht viel. Die aufgehobenen Speisen brauchten
dann nur gewrmt zu werden, und am Abend gab es Wurst und Butterbrot.
    Es war eine praktische Anordnung, aber niemand lobte sie dafr.
    Zuerst hatte sie auch die Nchte bei dem Kind verbracht, in Gertruds Kammer.
Sie ertrug es blo drei Wochen lang. Entweder konnte sie kein Auge schlieen,
oder sie hatte die schrecklichsten Trume.
    Da nahm sie das Kind am Abend mit in ihre eigene Stube und machte ihm ein
Bettchen auf dem Sofa. Das Kind war oben viel unruhiger als dort, wo es frher
gewesen, und Lenore merkte wohl, da sie bei einem so aufreibenden Leben von
Krften kam.
    Oft in der Nacht, wenn sie bang und matt das weinende Kind in den Armen
hielt, fate sie den Vorsatz, mit Daniel zu reden, aber sobald es Tag geworden,
konnte sie es nicht ber sich gewinnen. Ihr dnkte, als ermahne sie Gertruds
Stimme aus dem Land der Toten zur Geduld.
    Indes fhlte sie mit Angst die Zeit nahen, wo sie der harten Pflicht
erliegen mute, und da erschien wieder Philippine als Helferin.

                                       3


Im Anfang, als Jason Philipp erfahren hatte, da Philippine tglich zu den
Jordanschen Tchtern ging, hatte er ihr diesen Verkehr streng untersagt und zu
wiederholten Malen. Philippine kmmerte sich nicht darum und tat, was ihr
beliebte.
    Ich schlag dich tot, schrie Jason Philipp das Mdchen an.
    Philippine zuckte die Achseln und lachte frech.
    Da sah Jason Philipp, da eine erwachsene Person vor ihm stand; er frchtete
sich vor dem tckischen Blick seiner Tochter.
    Lange wute er nicht, was sie zu seinen Feinden trieb; dann kam er dahinter,
da sie in der Nachbarschaft, bei Bekannten und Fremden, berall, wohin sie den
Fu setzte, die boshaftesten Gerchte ber Daniel und dessen Familie ausstreute.
Nun wurde er zahmer und wollte auch etwas von dem Ohrenschmaus abkriegen.
Bisweilen lie er sich herbei, mit Philippine ein Gesprch anzuknpfen, und wenn
sie ihm ihre Neuigkeiten erzhlte, freute er sich diebisch. Der Tag wird auch
noch kommen, wo ich mein Mtchen an dem Musikemacher khlen kann, sagte er.
    Therese lag noch immer im Bett. Willibald mute ihr in seinen freien Stunden
vorlesen, entweder aus der Zeitung oder aus einem Schundroman. War sie allein,
so starrte sie regungslos gegen die Zimmerdecke.
    Dann kam die Zeit, wo Willibald die Schule verlie und zu einem Fabrikanten
nach Frth in die Lehre gegeben wurde. Es war kein Zweifel, da er einer von den
pflichttreuen und nchternen Arbeitsmenschen werden wrde, die der Stolz ihrer
Eltern sind und mit jedem Jahr um dreiig Mark Gehalt mehr auf der sozialen
Stufenleiter emporsteigen.
    Der einugige Markus trat in die vterliche Buchhandlung und wute alsbald
in der Romanliteratur von Dumas und Luise Mhlbach bis Ohnet und Zola Bescheid,
und in den populren Wissenschaften von Darwin bis Mantegazza. Sein Gehirn war
ein Bcherkatalog und sein Mund ein Orakel des Geschmacks von der letzten
Ostermesse. Aber er liebte die Bcher nicht nur nicht, sondern all das gedruckte
Zeug erschien ihm als ein lustiger Betrug an Leuten, die nicht wissen, was sie
mit ihrem Geld anfangen sollen. Der Kommis Zwanziger hatte die Witwe eines
Ksehndlers geheiratet und betrieb einen Laden auf der Regensburger Chaussee.
    Ein miserabler Geschftsgang, uerte sich Jason Philipp bei jedem
Wochenabschlu. Ich war Zeit meines Lebens ein zu groer Idealist, pflegte er
hinzuzufgen; htt ich mich mehr fr mein eigenes als fr das Wohl der andern
eingesetzt, ich stnde heute nicht so belmmert da.
    Und er ging ins Wirthaus und politisierte. Er hatte sich allmhlich zu einem
richtigen Querulanten herausgebildet, dem niemand etwas recht machte, weder die
Regierung, noch die Opposition. Wenn man ihn hrte, mute man glauben, da die
Gegenstze sich mit Notwendigkeit auf einen geistigen Zweikampf zwischen dem
Frsten Bismarck und Jason Philipp Schimmelweis zuspitzten. Als der Kaiser
Wilhelm starb, trug Jason Philipp eine Miene zur Schau, wie wenn er demnchst
das Reichskanzlerpalais beziehen sollte, und als wenige Monate spter in diesem
denkwrdigen Jahr auch der Kaiser Friedrich seinem Leiden erlag, glich Jason
Philipp dem Steuermann, von dessen Unerschrockenheit allein die Rettung des vom
Sturm umhergeworfenen Schiffes abhngt.
    Geborene Helden erobern stets ein Forum, wo sie sich bettigen knnen; hat
sie das ffentliche Leben zurckgestoen, so finden sie in der Kneipe ein
freundliches Element.
    Eines Tages erhob sich Therese von dem Lager, auf welchem sie fnfzehn
Monate verbracht hatte und schien pltzlich wieder gesund. Der Arzt sagte, es
sei der eigentmlichste Fall, der ihm je untergekommen. Jason Philipp erwiderte:
Das ist der Triumph einer guten Konstitution. Und er ging ins Wirtshaus, trank
Bier, hielt zndende Reden und spielte Skat.
    Aber Therese stand auf nicht wie eine Frau von sechsundvierzig Jahren, so
viel zhlte sie, sondern von siebzig. Sie hatte nur noch sprliche graue Haare
auf dem viereckigen Kopf, ihr Gesicht war voller Runzeln, ihr Auge hart und
kalt. Von der Zeit an schien sie jedoch nicht weiter zu altern; sie keifte nicht
mehr, traf ihre Verfgungen kurz und bestimmt und betrachtete die wachsende
Verarmung mit Ruhe.
    Heringe, Kartoffeln und Kaffee bildeten ihre Nahrung; auch Philippine und
Markus bekamen nichts anderes; Markus, als der ihrem Herzen Nchste, durfte sich
ein Stck Zucker zum Kaffee nehmen, das war der ganze Unterschied. Auch Jason
Philipp wurde auf schmale Kost gesetzt. Er wagte nicht aufzumucken.
    Eine Weile sah Philippine dies mit an; endlich sagte sie zu ihrer Mutter:
Ich mag die Zichorienbrh nimmer.
    Dann sauf Wasser, entgegnete Therese.
    Nein, in Dienst will ich gehen, sagte Philippine.
    So geh in Dienst, war die Antwort; ein Maul weniger.
    Deine Tochter will in Dienst gehen, meldete sie, als Jason Philipp nach
Haus kam.
    Jason Philipp hatte im Kartenspiel verloren. Meinetwegen geht sie zum
Teufel, erwiderte er bellaunig.
    Am Morgen schlich Philippine auf den Dachboden und holte ihre Barschaft aus
dem Loch in der Mauer. Es waren neunhundertundvierzig Mark, zumeist in
Goldstcken, die sie im Lauf der Jahre gegen die Kleinmnze umgewechselt hatte.
Durch die offene Luke fiel die Junisonne in ihr Gesicht, das niemals jung
gewesen war und das nun vor der Beute langjhriger Verbrechen wie das einer Hexe
aussah.
    Sie steckte das Geld in einen mitgebrachten Wollstrumpf, wickelte diesen zu
einem Knuel und schob ihn in ihr Korsett zwischen die Brste, wobei sie sich
bekreuzigte und einen ihrer albernen Heilsprche murmelte. Ihre Kleider, Bnder
und sonstigen Besitztmer hatte sie schon in einem Korb verpackt; den trug sie
die Stiege hinunter, und ohne von jemand Abschied zu nehmen, verlie sie das
Haus.
    Ihr Bruder Markus stand mit gespreizten Beinen im Sonnenschein vor der
Ladentre und pfiff ein Liedchen. Er blickte sie mit seinem einzigen Auge an und
lchelte hhnisch. Gute Wanderschaft! rief er ihr zu.
    Philippine drehte den Kopf gegen ihn und sagte: Du Gezeichneter, du, auf
dir ist kein Segen. Dir wird's noch rotzig schlecht ergehn, das merk dir.
    So also kam sie zu Daniel. Sie sagte: Ich will bei dir bleiben; brauchst
nichts zu zahlen, wennst nicht kannst.
    Daniel hatte es lngst gesprt, da Lenore den Anstrengungen nicht mehr
gewachsen war, die durch die Umstnde an sie gestellt wurden.
    Willst du das Kind pflegen und bei ihm schlafen? fragte Daniel Philippine.
    Philippine nickte. Sie schaute zu Boden.
    Wenn du dich seiner annimmst und es treulich meinst mit ihm und mir, das
wollt ich dir danken, sagte er aufatmend.
    Da schlug Philippine die Hnde vors Gesicht, und es schttelte sie von oben
bis unten. Nicht als ob sie geweint htte; es war etwas viel Dstereres denn
Weinen. Eine dmonische Gewalt schien sie zu durchwhlen, ein gespenstischer
Traum sie in einem Augenblick hheren Bewutseins schrecklich anzufassen. Sie
kehrte sich um und trottete in die Kammer, wo das Kind war und mit einem
hlzernen Pferdchen spielte.
    Sie setzte sich auf einen Schemel und starrte versunken auf das ruhelose
kleine Wesen nieder.
    Daniel blieb stehen und sah ihr trbe sinnend nach.

                                       4


Whrend einer Probe zur Traviata herrschte Daniel die Sngerin Varini an:
Achten Sie auf den Einsatz und rennen Sie nicht aus dem Tempo. Es ist ja um
verrckt zu werden, wie schamlos Sie in die Galerie hinaufquietschen; das soll
doch Gesang sein und nicht Beifallsgebettel.
    Die Sngerin trat hochbusig an die Rampe. Ihre beleidigte Wrde bildete
etwas wie einen Pfauenschweif rund um ihre Hften. Wie knnen Sie es wagen?
schmetterte sie; sofort leisten Sie Abbitte, oder Sie fliegen noch heute. Meine
Macht werden Sie kennen lernen.
    Daniel verschrnkte die Arme und lie den Blick ber die Musiker schweifen.
Er sagte: Leben Sie wohl, meine Herren. Da der Direktor zwischen mir und dieser
Dame zu whlen hat, besteht kein Zweifel, da meine Wirksamkeit hier zu Ende
ist. In einem Institut, wo das Fleisch hher im Wert steht als die Musik, bin
ich ohnedies berflssig.
    Die brigen Snger und Sngerinnen hatten sich aus den Kulissen auf die
Bhne gedrngt und schauten schweigend ins Orchester. Als Daniel seinen Platz am
Dirigentenpult verlie, erhoben sich auf einmal smtliche Musiker von ihren
Sitzen. Es war ein unwillkrlicher und beinahe ergreifender Ausdruck von stummer
Ehrerbietung. Hatten sie diesen Mann auch nicht geliebt, ihn auch stets wie
einen fremden, bsen Strenfried im Bezirk ihrer gemtlichen Neigungen
empfunden, so ahnten sie doch seine Markigkeit und seinen Adel.
    Die Sngerin Varini erlitt einen hysterischen Weinkrampf. Der Direktor wurde
herbeigerufen. Er versprach Abhilfe und forderte Daniel in einem Brief auf, sich
bei der Sngerin zu entschuldigen.
    In aller Krze schrieb Daniel zurck, da er bei seinem kundgegebenen
Vorsatz beharre; er knne mit der Sngerin Varini nicht mehr arbeiten und wenn
sie nicht das Feld rume, msse er es tun. Darauf wurde er von seiner Entlassung
verstndigt.
    Am gleichen Abend sa er mit Lenore bei Tisch und nach einem langen
Schweigen teilte er ihr in wenigen Worten das Geschehene mit. Lenore hatte nur
einen erschrockenen Blick als Antwort.
    Es war hchste Zeit, sagte Daniel, ohne von seinem Teller emporzuschauen,
ich hab's satt gehabt, ber- und bersatt.
    Und wovon willst du leben, du und dein Kind? stammelte Lenore.
    Sein Auge wurde noch finsterer, als es bisher gewesen. Du weit doch, der
Gott, der die Lilien auf dem Felde ..., ich kenn das Sprchlein nicht weiter;
bin schwach in der Bibel.
    Sie sprachen dann nichts mehr. Das Fenster war offen; in der Erde war ein
geheimes Beben, die warme Luft schmeckte widrig wie ses l.
    Als es von den Trmen zehn Uhr schlug, erhob sich Lenore und sagte gute
Nacht.
    Gute Nacht, antwortete Daniel mit gesenktem Haupt.

                                       5


So war es nun jeden Abend zwischen den beiden, denn am Tage sahen sie sich kaum.
    Stundenlang sa Daniel, ohne sich zu rhren, und brtete.
    Er konnte nicht vergessen. Den angesengten, rauchenden Kleidsaum nicht; die
Schuhe nicht, an denen Kot von der Strae klebte; das Antlitz nicht mit der
verzogenen Oberlippe, die Haare, armselig in ihrem Gewirr, die ngstlich
verzogene Braue.
    Im Spind unter der Wsche hatte er die Armspange gefunden, die er ihr
geschenkt. Warum hat sie das Schmuckstck dort vergraben? fragte er sich. Der
Seelenzustand, in welchem sie das Spind geffnet und die silberne Spange
versteckt hatte, wurde ihm so lebhaft gegenwrtig, da er mit seinem eigenen
verschmolz.
    Dann entdeckte er die Harfe ohne Saiten. Er stellte sie in seine Stube, und
wenn er sie anschaute, glich sie einem Gesicht ohne Fleisch.
    Bin ich dir zu schwer? tnte es aus der Vergangenheit herber. Und das
andere Wort: ich will deine junggewordene Mutter sein; und dieses: ich bin ja
auch eine Kreatur.
    Er erinnerte sich an einige alte Briefe von ihr, die er aufbewahrt hatte. Er
las sie mit der Aufmerksamkeit durch, mit der man Vertrge studiert, in denen es
um Gut und Blut geht. Und es waren Stickereien aus ihrer Mdchenzeit vorhanden,
deren er sich jetzt versicherte, um sie wie Heiligtmer zu verschlieen.
    Sie wurde ihm von Tag zu Tag lebendiger. So oft er daran dachte, wie sie
dagesessen, wenn er gespielt oder ber sein Geschaffenes gesprochen, wrgte es
ihn im Halse. Und wie sie einst hergekrochen war und die Stirn auf seinen
Schenkel gelegt hatte, dieses Bild war vom Schauer des unergrndlichsten
Geheimnisses umweht.
    Es war nicht Schuldgefhl, was ihn so an die Tote schmiedete. Auch nicht
Reue oder Selbstvorwurf oder die Sehnsucht, die durch die Empfindung gehufter
Versumnisse zum Ausdruck kommt. Die Phantasie wehrte sich gegen den Tod. In
ihrem schpferischen Trotz verlieh sie der Hingegangenen eine Wirklichkeit, die
sie nie besessen hatte, solange sie als wirkliche Gestalt auf der Erde gewandelt
war.
    Fr Daniel wurde sie erst jetzt zur Gestalt. Dies ist das Wunderbare und das
Lasterhafte am Musiker. Ihm gehren die Dinge und die Menschen nicht, whrend
sie sein eigen sind. Er lebt mit Schatten, und nur, was er verloren hat, wird
ein Lebendiges. Losgelst vom Augenblick greift er nach dem, der gewesen ist,
nach dem gestrigen Tag und strmt ungeduldig in den morgigen. Was er in Hnden
trgt, ist verdorrt, was hinter ihm am Wege liegt, ist in Blte. Sein Denken ist
ein Winter zwischen zwei Frhlingen, dem wahren, der vorber ist, und dem
kommenden, den er nur trumt und, wenn er einbricht, versumt. Er sieht nicht,
er hat gesehen; er liebt nicht, er hat geliebt; er ist nicht glcklich, er war
nur glcklich. Gebrochene Augen ffnen sich im Grabe und die lebenden, die
hineinblicken, jetzt alles erblicken, alles verstehen, alles verklren und
schmcken, erscheinen sich vom Tod und seiner immerwhrenden Dauer wie betrogen.
    Jetzt wurde Gertrud zur Melodie. Was sie getan und gewirkt, war Melodie. Ihr
Dumpfes wurde wach, ihr Schweigen beredt. Einst hatte er sie und Lenore
geschaut, im braunen Kleid die eine, im blauen die andere, Moll und Dur, die
Endpunkte seiner Welt. Nun stieg das Moll empor gleich der Nacht ber der
einsamen Erde und hllte alles in Trauer. Der Schmerz nhrte sich an Bildern,
die einst alltglich gewesen waren, nun aber die Leuchtkraft einer Vision
bekamen.
    Wie sie im Bett gelegen, rechts und links die Zpfe und das Gesicht wchsern
aus dem dunkeln Rahmen geleuchtet hatte. Wie sie eine Schssel ins Zimmer
getragen, eine Nadel eingefdelt, ein Glas an die Lippen gesetzt, einen Schuh am
Fu festgebunden, und welchen Ausdruck das Auge gehabt, wenn es warnte, bat,
staunte oder lchelte. Wie unvergleichlich sternenhaft war dieses Auge auf
einmal! Immer emporgeschlagen, immer erfllt, immer gegen ihn gewendet. Unter
diesem Blick fand er in einer Dmmerungsstunde das dmonisch rufende Motiv einer
B-moll-Sonate; eine Gebrde, deren er sich entsann, es war damals gewesen, als
Lenore mit dem Myrthenkranz vorm Spiegel gestanden, gab den Impuls zu dem
unterirdisch whlenden Presto im ersten Satz eines Quartetts, und den
zweiundzwanzigsten Psalm, der mit den Worten beginnt: mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen, skizzierte er, als er von einem Traum erwachte, in
welchem ihm Gertrud in stiller Haltung, unendlich bla, das Kinn auf die Hand
gesttzt, erschienen war.
    Doch arbeitete er nicht. Was so zu Papier gebracht wurde, drang wie aus
fieberhaften Anfllen hervor. In aller Eile kritzelte er Noten hin, in
schuldbewuter Eile gleichsam. Er stahl es sich selbst. Tne dnkten ihm
Verbrechen. Als die ergreifende Hauptmelodie des Psalms in ihm entstand,
zitterte er vom Kopf bis zu den Fen, und wie von Furien gepeitscht verlie er
das Haus, trotzdem es mitten in der Nacht war. Die wiederkehrende Bafigur des
Prestos klang wie ein schaurig-angstvoll gestammeltes: Mensch, halt den Atem an,
Mensch, halt den Atem an. Und er hielt den Atem an, voller Angst, indes seine
Eingebungen den eisigen Bann durchbrachen, in welchen sie eine leidenschaftliche
Verhaltenheit seiner Natur gezwungen.
    Denn in immer weiterem Umkreis sah er die Menschheit von sich zurckweichen,
und da er sich nicht von der Zeit gefordert fhlte, verschmhte er die Zeit. Es
kam dahin, da er seine Produkte als etwas behandelte, das fr die Welt in
keinem Sinn bestimmt war, gegen niemand davon sprach und nie den Wunsch hatte,
da jemand von ihnen erfuhr. Je geheimer er sie hielt, je wahrhaftiger wurden
sie ihm, und der Gedanke, man knne ein Werk der Musik fr Geld hingeben, war
ihm allmhlich so unsinnig geworden wie der, da man seine Mutter, seine
Geliebte, sein Kind oder eines seiner Gliedmaen veruern knne.
    Infolgedessen empfand er nur Ekel, wenn er von den geschickten Hndlern
hrte, die von der Mode hochgetragen wurden. Es graute ihm vor allem, was
berhmt war, denn der Ruhm der Mitwelt schmeckte und roch nach dem Gelde. Es
graute ihm vor der Wirrnis der Meinungen und Urteile, vor dem Streit ber
Schulen und Richtungen, vor den herumziehenden Virtuosen aller Zonen und
Nationen, dem Lrm, den sie zu entfachen wuten, den Wahrheiten, die sie
verknden lieen, den Lgen, in denen sie pltscherten. Es graute ihm vor
Konzertslen und Theatern, vor dem Geklimper aus den Fenstern der Brger, vor
der falschen Andacht der Menge und ihrer ohnmchtigen Verzckung.
    Ihre ganze Musik roch und schmeckte nach Geld.
    Er hatte sich die Lebensbeschreibungen der groen Meister angeschafft. Er
erfuhr deren Not und Mhsal und kleinliche Umstnde, die schale Alltglichkeit,
die zu ihrem unsterblichen Bild nun nicht mehr hinaufreichte. Doch als er eines
Tages las, da Mozarts Leichnam in einem Massengrab verscharrt worden war,
schleuderte er das Buch fort und verschwor sich, dergleichen Bcher nie wieder
anzufassen. In das Feuer der Vergtterung schlug der beiende Rauch des
Menschenhasses; er wollte keinen sehen, er eilte aus der Stadt und hatte nicht
eher Ruhe, als bis er sich in der tiefen Abgeschiedenheit eines Waldes vor jedem
Menschentritt und -blick geborgen fhlte.
    In der Nacht ging er durch die Gassen, stets schnell und mit gesenktem Kopf.
Wenn er mde war, landete er in einer kleinen Kneipe, wo er sicher sein konnte,
keinen Bekannten zu treffen. Begegnete ihm einer auf der Strae, so grte er
nicht, sprach ihn einer an, so war er berlaut und sonderbar in seinen Antworten
und entfernte sich mit einem kaustischen Witz.
    Die Stube zu betreten, in der Philippine mit dem Kind hauste, hatte er im
Anfang nur mit Widerwillen vermocht. Spter rhrte ihn an dem Kind die Bewegung
und die Gestalt, er kam ein paarmal am Tage, immer nur fr wenige Minuten, nahm
es auf den Arm, lie sich von seinen Hndchen betasten, duldete, da es an
seiner Brille zerrte und lauschte verwundert auf sein Lallen und Plappern.
Philippine stand whrenddessen in der Ecke, hatte die Augen niedergeschlagen und
war schweigsam. Da wurde er sich drckend der Verpflichtung bewut, die ihm
durch die rtselhafte Treue dieser Person auferlegt wurde und die er auf keine
Weise einlsen konnte, auch qulte es ihn, das Kind so mutterlos, so seltsam
verlassen zu sehen, der helle Blick, die ausgestreckten rmchen qulten ihn, er
hatte Furcht vor dem in der Kinderbrust noch tief schlummernden Gefhl, und es
trieb ihn hinaus.
    Eines Morgens im August erhob er sich bei Sonnenaufgang, bereitete sich sein
Frhstck in der Kche selbst, und als er fertig war, griff er nach seinem Stock
und verlie das Haus. Er wollte zu Fu nach Eschenbach wandern.
    Er wanderte den ganzen Tag mit kurzen Rasten. Nur whrend der heiesten
Mittagszeit erbat er sich von einem Bauern, der ihn mit seinem Leiterwagen
einholte, die Erlaubnis, ein Stck mitfahren zu drfen.
    Er hatte keine bestimmte Absicht, keinen Plan. Etwas Dunkles, dem er nicht
widerstehen konnte, zog ihn in die Heimat.
    Als er endlich das Stdtchen erreicht hatte, war es tiefe Nacht und der Mond
schien. Die Gassen waren wie ausgestorben. Die Fenster am Haus der Mutter waren
alle schwarz, er setzte sich auf die oberste Stufe am Tor hin und es war ihm,
als hre er die Atemzge der alten Frau und des jungen Kindes, das sie behtete,
durch die Fugen der Tr dringen.
    Es war ihm sonderbar, zu denken, da die Mutter von seinem Hiersein nichts
wute. Htte sie darum gewut, sie htte das Tor aufgesperrt und ihn erschttert
angesehen, und wenn er nicht htte reden wollen, htte er den Kopf in ihren
Scho legen und still weinen mssen. Etwas anderes war nicht mglich; zu reden
war nicht mglich; die Furcht aber, er werde dennoch reden, er werde erzhlen
mssen, packte ihn so heftig, da er beschlo, sich wieder auf den Rckweg zu
begeben, ohne die Mutter und sein Kind gesehen zu haben. Die eigentmliche
Unruhe, die ihn hergetrieben, war beschwichtigt, seit er im Schatten des
Huschens sa.
    Aber weil er sehr mde war, versank er in Schlaf. Er trumte, das Kind und
die Greisin stnden vor ihm, und jenes trug Trauben in der Hand, indes diese
eine Schaufel hielt und mit trauriger Miene die Erde aufgrub. Eva dnkte ihm
noch viel schner als vor einem Jahr, und er fhlte zu dem Kind eine
unbezwingbare, schmerzhafte Liebe, die in einer wunderlichen Beziehung zu dem
Tun der Mutter stand. Je lnger sich die alte Frau mit dem Aufschaufeln der Erde
abmhte, je schwerer wurde ihm ums Herz, aber er konnte nichts sagen, und es war
ihm, als ob aus seinem Innern ein herrlicher Gesang strme, dessengleichen er
nie zuvor gehrt. In dem Entzcken darber wachte er auf; zuerst glaubte er den
Gesang noch zu vernehmen, doch es war nur das Pltschern des Wassers am
Wolframsbrunnen.
    Der Mond stand hoch am Himmel. Daniel ging hinber zum Brunnen, da kam der
Nachtwchter daher, blies sein Pfeifchen und sang: Hrt ihr Herrn und lat euch
sagen, unsre Glock hat zwei geschlagen. Er wurde des einsamen Menschen am
Brunnen gewahr, stutzte, fuhr aber dann in seinem Gesang fort.
    Schon oft, als Kind und als Jngling, hatte Daniel gelesen, was auf dem
Sockel der Wolframsfigur geschrieben war. Heute las er die vom Mond bestrahlten
Worte mit ganz andern Augen.

Vom Wasser kommt der Bume Saft, Befruchtung gibt des Wassers
Kraft aller Kreatur der Welt.
Vom Wasser wird das Aug erhellt,
Wasser wscht manche Seele rein, da kein Engel mag lichter sein.

    Er tauchte seine Hnde in das Becken, strich damit ber seine
schlaftrunkenen Augen, und nachdem er noch einen Blick auf das Haus der Mutter
geworfen, wandte er seinen Fu gegen die Landstrae.
    Im Feld war es berall zu feucht, als da er dort htte ruhen knnen. Bei
einem alleinstehenden Bauernhaus befand sich ein Heuschober, und er ging hinein
und legte sich nieder.

                                       6


Eine immer gleiche Angst erfllte Lenores Brust, wenn sie Daniel betrachtete.
Sie begriff ihn nicht, nichts an ihm begriff sie, und Freudigkeit haftete ihr
nur noch aus vergangenen Tagen an.
    Er schien sich ihrer kaum mehr zu entsinnen. Ein Wort htte sie von ihrem
Kummer befreit, irgendein Wort. Aber er sprach mit ihr wie er mit Philippine
sprach, oder mit Frau Ktt, der Zugeherin.
    Schlimm, mit Philippine zu hausen, den steten Ha der Unheimlichen zu
spren; zu ahnen, da sie um Dinge wute, die das Licht scheuten. Ihr das Kind
ausgeliefert zu sehen, welches sie als ihr gehrig behandelte und mit solcher
Eifersucht bewachte, da sich ihr Gesicht vor Wut verzerrte, wenn Lenore blo
fnf Minuten bei ihm weilte.
    Schlimm auch die Gesellschaft des stummen alten Vaters, der Tag und Nacht
seinen mysterisen Verrichtungen oblag und friedlos einem unbekannten Ziel
zustrebte. Es war so schaurig oft, in den Stuben unten und in denen oben; Lenore
hatte Angst vor dem Winter. Manchmal war ihr, als habe ihre Stimme einen
unwirklichen Klang, und das Gewhnlichste, was sie sagte, hatte einen dsteren
Widerhall.
    Sie flchtete in ihre frheren Sehnsuchtsbilder, die Landschaften des Sdens
mit Hainen, Statuen und einem Meer von sagenhafter Blue. Aber sie war nun doch
zu reif, um sich an leeren Traumspielen dauernd zu gengen, lieber wollte sie
sich in mhseligster Arbeit vergessen. Erst wenn die Feder ihrer Hand entsank,
in dem Leid um die schmucklosen Stunden, drngte es sie mit Macht ins Bilder-
und Geisterreich zurck, aber da suchte sie Anhalt bei den Gegenstnden ihrer
sichtbaren Welt.
    Da nahm sie etwa eine Birne und sann sich in das Innere der Frucht hinein,
wie wenn es mglich wre, drinnen in der engsten Sphre Schutz zu gewinnen. Oder
sie hielt ein farbiges Glas zwischen den Fingern und schaute hindurch, damit das
Gewohnte schner werde. Oder sie sah ins Herdfeuer und beobachtete lchelnd das
romantische Zngeln der Flammen; oder sie hatte Begierde nach alten Gemlden, da
feierte sie einen Morgen lang und ging ins Germanische Museum. Dort stand sie
vor einer Kreuzigung, einem Abendmahl, ganz Auge, das Herz voll flieender
Bewegung.
    Dann regte sich ihre Vorliebe fr Blumen strker als je, und sie fing an,
sich mit den Blumen abzugeben. Die meisten pflckte sie selbst, die nur in
Grten wuchsen, kaufte sie billig bei einigen Grtnern. Nachdem sie mehrere Male
gekommen war, nahmen die Grtner kein Geld mehr und schenkten ihr Blumen, so
viel und welche sie haben wollte. Sie trug sie heim und band sie zu Struen.
    Eines Abends wurde sie dabei von Philippine gestrt, die sie rief, weil die
kleine Agnes fieberte. Lenore holte den Doktor, der beruhigte sie, und als sie
wieder hinaufkam, blieb sie verwundert auf der Schwelle stehen. Der Blumenstrau
den sie gebunden, erschien ihr so schn, im Zusammenklang der Farben so eigen,
da sie sich unwillkrlich umschaute, im Wahn, ein Fremder habe whrend ihrer
Abwesenheit das kunstvolle Werk getan.
    Indessen meldete sich der Mangel im Hause. Metzger und Bcker wollten die
Waren nicht mehr auf Kredit liefern; fnf Menschen konnte Lenore aber mit ihrer
Schreibarbeit nicht ernhren, von der Kleidung und der Miete zu schweigen. Wenn
sie sich auch noch so sehr anstrengte, konnte sie blo das Notdrftigste
beschaffen, und ihre Sorge wurde von Tag zu Tag grer.
    Vom Schuldenmachen war sie eine Feindin, aber man konnte ja nicht hungern,
und so muten eben Schulden gemacht werden. Da waren denn bittere Demtigungen
unvermeidlich, und mit Bangigkeit blickte Lenore in die Zukunft. Sie zerbrach
sich den Kopf mit Plneschmieden, beklagte ihre Schwche, ihre lckenhafte
Bildung, ihre und Daniels Verlassenheit und bemerkte voller Furcht, wie
Philippine an der zunehmenden Bedrngnis ihre Freude zu haben schien.
    Zweimal am Tag schickte der Drogist um das Geld fr die letzte Rechnung,
endlich kam er selber. Am Abend kam er und lutete. Philippine war grob mit ihm,
darauf wurde er unverschmt und schrie, da die Bewohner der untern Stockwerke
ans Stiegengelnder eilten. Lenore lief herab, mit gefalteten Hnden stand sie
vor dem Manne, auch der Inspektor trat aus seiner Kammer und schaute seufzend
ber die Stiege.
    Auch andere kamen am Abend und machten Skandal. Da huschte Philippine zu
Lenore und sagte mit einem Lachen im Gesicht, als ob sie wunder was fr ein
Glck zu berichten habe: Es ist schon wieder einer drunten; komm, Lenore, und
geh ihm ein bichen um den Bart, sonst holt er vielleicht gar die Polizei.
    War es dann still im Haus geworden, so rsonierte Philippine und maulte vor
sich hin. Schn dumm ist der Daniel. Knnt's haben wie ein Kaiser, wenn er sich
an die richtige Person wenden tt. Ich wei eine, die hat Geld und kriegt noch
viel mehr, aber so ein Stockfisch wie der hat ja keinen Schimmer vom
menschlichen Leben. Und sie lachte ingrimmig oder schmi irgendeinen Gegenstand
wtend auf den Boden.
    Lenore hrte nicht, was sie sagte. Ihr war alle Hoffnung geraubt. Drei
Monate war es nun her, da Daniel in rtselhafter Unttigkeit verharrte. Bald
war die Miete fllig und was sollte dann geschehen?
    Eines Morgens trat sie in Daniels Zimmer und redete ihn an: Daniel, es ist
kein Geld mehr da.
    Er sa lesend am Tisch und schaute sie an, als msse er sich erst besinnen,
wer sie sei. Nur Geduld, antwortete er, ihr werdet nicht umkommen.
    Ich tue ja, was mglich ist, fuhr Lenore fort, aber du, Daniel, wie
willst du's nun einrichten mit der Wirtschaft? Ich kann mir nimmer helfen. Fa
dich doch, Daniel, sag mir, wie du dir's denkst.
    Ein Musiker mu arm sein, Lenore, entgegnete Daniel mit Augen, die wie
gefroren aussahen.
    Aber er mu auch leben, sollt ich meinen.
    Vom Fra allein kann man nicht leben, und fr den Fra kann ich nicht
schuften.
    Daniel, ach Daniel, wo bist du mit deinem Geist und Herzen! rief Lenore
verzweifelt.
    Dort, wo ich schon lngst htte sein sollen, war seine finstere
Erwiderung. Er erhob sich und sprach halblaut, das Gesicht von Lenore
weggekehrt: Nur jetzt keine Argumente, keine Triftigkeiten, keine
Zwangsmaregeln. Nur jetzt nicht, wo ich mit meinem Lichtstumpf noch an der Erde
krieche und den Ausweg aus der Hhle suche. Man verreckt nicht so schnell,
Lenore; der Magen ist ein elastisches Stck Haut.
    Er ging in die andere Stube, setzte sich an den Flgel und schlug ein
schleppendes Bamotiv an.
    Lenore wandte sich gegen die Mauer und drckte die heie Stirn in die
verschrnkten Hnde.

                                       7


Es lag aber nicht in Lenores Art, sich ohne uerste Kraftanstrengung in ein
Unglck zu fgen.
    Sie schrieb vierzehn bis sechzehn Stunden am Tage. Die Folge war, da sie
mit ihrem Quantum viel schneller fertig wurde und mehr als dieses Quantum wurde
nicht von ihr verlangt.
    Dann sah sie sich nach einer eintrglicheren Beschftigung um. Es war
vergeblich; Frauenzimmerarbeit stand nirgends hoch im Preis; auch hatte sie
keine Empfehlungen, keine Zeugnisse, nichts, worauf sie hinweisen konnte.
    Schlielich hatte sie den Einfall, ob sie nicht ihre Blumenknste verwerten
knne. Sie ging zu einem Blumenhndler am Lorenzerplatz und nahm einen aus
Nelken und Reseden gewundenen Kranz mit, den sie tags zuvor verfertigt. Sie
sagte, sie verstehe sich auf die Hantierung und habe auch hbsche Strue
gemacht.
    Der Mann lachte und antwortete, fr dergleichen habe er wenig Verwendung,
und wenn sich auch Kufer fnden, sei die Bezahlung allzu gering, als da dem
Frulein die Arbeit lohnen knne. Tief entmutigt trug Lenore ihren Kranz wieder
heim. Sie sah ja selbst, was fr ein vergngliches Ding es mit den Blumen war;
am Abend welkten sie schon dahin.
    Sie hatte nicht wahrgenommen, da ein Herr, als sie den Laden des
Blumenhndlers verlassen, auf der andern Seite der Strae stehen geblieben war,
um ihr nachzuschauen. Es war ein hagerer, junger Herr von verdrossenem,
bllichem Aussehen, ein Herr mit einem Drosselbart-Kinn.
    Er schaute lange in die Richtung, nach der sich Lenore entfernt hatte.
Sicherlich hatte etwas im Wesen und im Gesichtsausdruck des Mdchens seine
besondere Aufmerksamkeit erweckt, ein Gefhl, das edler war als Neugierde und
ernster als das Wohlgefallen eines Miggngers.
    Der junge Herr setzte sich endlich in Bewegung, stelzte gravittisch ber
den Platz und betrat den Laden des Hndlers. Eine Weile spter ri der
Blumenhndler, ein bejahrter Mann mit einer Sufernase, die Tre auf und
zugleich sein Kppchen vom Kopf, und dies wie auch sein tiefer Bckling
verkndeten den benachbarten Ladeninhabern, da er ein nicht alltgliches
Geschft mit dem jungen Herrn abgeschlossen habe, der mit lssigen Schritten von
dannen ging.
    Am nchsten Morgen kam ein Bursch zu Lenore, der Abgesandte des
Blumenhndlers, und richtete ihr aus, sie mge sogleich zu seinem Prinzipal
kommen, er habe ihr was Wichtiges mitzuteilen. Lenore folgte dem Ruf und als sie
im Laden des Hndlers war, begrte sie der mit einer seltsamen Artigkeit und
sagte ihr, es habe sich gestern noch ein Liebhaber fr derlei Strue und Krnze
gefunden, wie sie ihm gezeigt, und er knne ihr in jeder Woche zwei,
ntigenfalls auch drei Stck zu je zwanzig Mark abnehmen; sie solle sich nur
fleiig dranhalten, bei solchem Glcksregen msse man das Schaff vor die Tre
stellen. Das einzige, worum er sie ersuche, sei Verschwiegenheit, die
betreffende Kundschaft wolle weder gesehen werden, noch sich mit Namen nennen;
offenbar stecke dahinter eine Schrulle, wie man sie bei vornehmen Leuten hufig
finde.
    Wer war seliger als Lenore! Sie machte sich gar keine Gedanken ber das
Ungereimte und Mrchenhafte in dem Angebot eines Mannes, der ihr vorher so
schlau und vorsichtig erschienen war. Sie glaubte ohne weiteres an die
wortreiche Erzhlung des Hndlers, glaubte, da es in dieser Stadt und unter
ihren Menschen einen Sonderling gbe, der fr ihre Blumengebinde solch
frstliche Preise aus reiner Liebhaberei zahlen wolle. Sie war nicht verwhnt
vom Glck, dennoch erweckte die Wandlung der Umstnde durchaus keinen Argwohn,
ja nicht einmal Befremdung in ihr; sie war zu froh, um zu mitrauen, zu dankbar,
um zu zweifeln, und sie dachte nur an Daniel und da er nun gerettet war. Den
ganzen Weg nach Hause lchelte sie traumverloren.
    Dann sa sie Abend fr Abend bei den Blumen, die sie am Vormittag aus dem
Wald, von den Wiesen und aus den Grten hinter der Feste geholt hatte. Dort war
ein alter Grtner, der sie begleitete und ihr immer die prchtigsten Zierblumen
aussuchte. Auch hatte er einen lahmen Sohn, der verliebte sich in Lenore und
stand meist mit strahlender Miene an der Pforte, wenn sie kam. Er versprach ihr
auch fr den Winter Blumen aus den Treibhusern.
    Der Metzger wurde bezahlt, der Bcker wurde bezahlt, der Drogist wurde
bezahlt, die Miete wurde bezahlt, und Philippine ri die Augen auf, schttelte
den Kopf und sagte, da sei etwas nicht geheuer; was es sei, werde gewi ans
Tageslicht kommen, und wenn's der Hinkel vom Mist kratzen sollte. Sie berichtete
den Leuten von einem Gespenst, welches allnchtlich auf dem Dachboden des Hauses
sein Unwesen treibe und einmal, bei Mondschein, rannte sie schreiend aus ihrer
Kammer und beteuerte, ein kncherner Finger habe ans Fenster geklopft.
    Lenore aber band Rosen und Levkoien und Tulpen und Stiefmtterchen und
Moosblumen und allerlei anderes Gewchs zu reizenden, teppichartigen Gebilden
oder zu Girlanden; mit vieler Liebe gab sie sich dieser Beschftigung hin und
atmete dabei in solchen Wohlgerchen, da ihr manchmal schwindlig wurde. Dann
lehnte sie sich aus dem offenen Fenster und sang leise in die Nacht hinein.
    Daniel wute nichts von ihrer Ttigkeit. Wie er sich um die Not nicht
gekmmert hatte, so fragte er auch jetzt nicht, woher die Flle kam.

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Kurze Zeit nach dem Tod Gertrud Nothaffts war Eberhard von Auffenberg in die
Stadt zurckgekommen. Die letzte groe Summe, die er ein Jahr zuvor von Herrn
Carovius erhalten hatte, war nahezu aufgebraucht. Er fand Herrn Carovius in
seinem Betragen ihm gegenber bedeutend verndert. Herr Carovius erklrte, da
er ruiniert sei und kein Geld mehr aufbringen knne. Statt zu wehklagen oder zu
prahlen oder seinen freiherrlichen Freund zu umschmeicheln und anzustacheln, wie
er sonst getan, hllte er sich in ein Schweigen, das nichts Gutes hoffen lie.
    Eberhard hatte nicht Lust, zu bitten. Die Person des Herrn Carovius war ihm
zu verchtlich, als da er Betrachtungen htte ber ihn anstellen mgen. Seine
Gedanken gingen andre Wege.
    Der Klatsch, der ber Lenore im Schwung gewesen, war natrlich auch zu ihm
gelangt. Herr Carovius hatte es an Andeutungen, brieflichen wie mndlichen,
nicht fehlen lassen. Jedoch Eberhard hatte sie ignoriert. Unglimpf, der sich an
Lenore wagte, hatte ihm nicht glaubhafter gednkt als Straenschmutz am
strahlenden Mond.
    Eines Tages mute er eines Wechselprotestes halber Herrn Carovius aufsuchen.
Sie besprachen die Angelegenheit ganz trocken und geschftlich, pltzlich
fixierte Carovius den Freiherrn mit durchdringendem Blick, wanderte sodann in
seinem Schlafrock bestndig um den Tisch herum und fing an, sich ber das
schreckliche Ende von Daniel Nothaffts junger Frau zu verbreiten.
    Er geriet in eine unbegreifliche Aufregung. Nun wird aber das
Kapellmeisterlein hoffentlich zur Vernunft kommen, schrie er mit seiner
Fistelstimme. Am Hungertuch nagt er sowieso schon. Bergab geht's, bergab. Man
wird sammeln mssen fr das verkannte Genie. Eine ist dabei hin geworden; die
andere zappelt noch. Wie gefllt Ihnen der zappelnde Engel, Baron? Tut's Ihnen
nicht leid um den netten Heiligenschein, der wie alter Trdel an einer
ehebrecherischen Bettstatt hngt? Freilich, dem Genie ist ja alles erlaubt. O,
Lenore! Verfratzte Lge, die du bist, heuchlerische duckmuserische Lge!
    Ganz gelassen schritt Eberhard auf den entfesselten Dmon im Schlafrock zu,
packte seine Kehle und drckte sie mit eisernem Griff derart zusammen, da Herr
Carovius in die Knie brach und im Gesicht blau wurde wie ein gesottener Karpfen.
Spter war er merkwrdig still; er verkroch sich. Bisweilen kicherte er
einfltig, bisweilen scho ein giftiger Blick unter seinen Lidern hervor.
    Eberhard go Wasser in ein Becken, tauchte die Hnde hinein, trocknete sie
und ging fort.
    Das Bild des winselnden Menschen mit den herausgequollenen Augen und dem
blauen Gesicht war unverwischbar. Er hatte die Wollust des Mordens gesprt; ihm
war gewesen, als richte und strafe er nicht nur seinen Peiniger und Verfolger,
sondern zugleich den heimlichen Feind der Menschheit, den Erzbsewicht, den
hmischen Zerstrer aller edlen Saat.
    Desungeachtet hatte der exaltierte Ausbruch des Herrn Carovius gerade
diejenige Wirkung, die Eberhard am wenigsten erwartet hatte. Sein Vertrauen in
die Schuldlosigkeit Lenores war pltzlich erschttert. Vielleicht war bei aller
feigen Verleumderwut ein Etwas in Herrn Carovius' Stimme aufgeklungen, das
wahrer zeugte, als der Elende selbst es ahnte, und Eberhard erblickte in dieser
Stunde die angebetete Gestalt zum ersten Male als Gleichgeartete unter den
Menschen und erfuhr das Geschehene wie durch ein Ferngesicht.
    Seine Illusionen waren vernichtet.
    Entsagt hatte er in seinem Innern schon lngst. Seine leidenschaftlichen
Wnsche von ehemals hatten einen Verblutungsproze durchgemacht. Er hatte
gelernt, sich ins Unabnderliche zu fgen; er hatte darum gerungen. Wenn er das
Leben berschaute, das er in den vergangenen fnf Jahren gefhrt, so glich es
trotz seiner Unstetheit und dem fortwhrenden Wechsel der Stdte und Lnder dem
Aufenthalt in einem Raum mit geschlossenen Lden.
    Als er in die Stadt zurckgekommen war, die er nur deshalb liebte, weil sie
Lenore beherbergte, hatte er nicht die Absicht gehabt, Lenore an die abgelaufene
Frist zu mahnen. Es wre ihm geschmacklos erschienen, neuerdings als lstiger
Bewerber aufzutreten und das Garn dort wieder anzuknpfen, wo es vor fnf Jahren
gerissen war. Er hatte sich vorgenommen, Lenore in keiner Weise zu beunruhigen.
Aber zu ihr gehen, mit ihr zu sprechen, das war die lichtvolle Hoffnung in all
den den Jahren gewesen.
    Nach dem Vorfall mit Herrn Carovius hatte er den Entschlu gefat, Lenore
aus dem Weg zu gehen.
    Seine Barmittel waren auf wenige hundert Mark zusammengeschrumpft. Er
entlie seinen Diener, veruerte einen Teil seiner Schmucksachen und mietete
sich in einem der winzigen Huschen ein, die gegenber den Felsen, auf denen die
Burg steht, wie Wespennester eins am andern kleben. Das betreffende Huschen
hatte vordem ein Pfragnersehepaar bewohnt, und es war mitsamt seinen drei
Kammern nicht viel gerumiger als ein mittlerer Tierkfig in einer Menagerie.
Doch er hatte sich's in den Kopf gesetzt, dort oben zu residieren. Er kaufte
sich einige alte Mbel und schmckte die krummen Wnde der altertmlichen
Baracke mit den Bildern, die er besa.
    Eines Abends wurde an die grne Tr des Huschens gepocht. Eberhard ffnete
und sah Herrn Carovius vor sich stehen.
    Herr Carovius trat in die puppenhaft kleine Wohnstube des Freiherrn, schaute
sich verwundert um und sagte schlielich, ganz bleich: Straf mich Gott, aber
mir scheint, Sie wollen hier den Eremiten spielen. Daraus wird nichts, lieber
Baron, das ist kein Quartier fr einen Edelmann, die Schande la ich nicht auf
mir sitzen, das kann nicht sein, das drfen Sie mir nicht antun.
    Eberhard griff nach dem Buch, in dem er gelesen, einem Band von Carl du
Prels Schriften, und las weiter, ohne zu antworten und ohne auf die Gegenwart
des Herrn Carovius zu achten.
    Herr Carovius trippelte von einem Fu auf den andern. Vielleicht geruhen
Euer Gnaden, dero Konto in Augenschein zu nehmen, sagte er mit sonderbar
flehentlichem Hohn. Ich bin in einer bsen Klemme. Das Kapital futsch und eine
Zinsenschuld, die anschwillt wie die Pegnitz im Frhjahr. Wollen Sie wissen,
wovon ich seit drei Monaten lebe? Von Rben lebe ich, von Wurstabfllen, von
Backsteinkse. Alles fr Sie, alles fr meinen Baron.
    Es interessiert mich nicht, wovon Sie leben, erwiderte Eberhard hochmtig
und las weiter.
    Herr Carovius fuhr mit einem albernen Ausdruck von Schmollen fort: Wie Sie
neulich von mir weggegangen sind, nach dem kleinen Zank, den wir wegen dem
Gnsemnnchen hatten, da dacht ich nicht, da Sie blutigen Ernst machen wrden.
Was sich liebt, das neckt sich, dacht ich mir. Kommst schon wieder, Barnlein,
dacht ich, kommst so sicher wie's Lachen auf's Kitzeln. Na, ich habe mich
geirrt. Habe Sie fr sanftmtiger gehalten, fr nachsichtiger mit einem alten
Freund. Man irrt sich eben.
    Eberhard blieb stumm.
    Nun seufzte Herr Carovius und setzte sich schchtern auf das schmale
Kanapee, das an der gelbgetnchten Mauer stand. Fast eine Stunde lang sa er
schweigend da und Eberhard empfand weder das Lcherliche noch das Unheimliche in
diesem Schweigen und in dem Benehmen seines Gastes. Er las.
    Auf einmal zog Herr Carovius seine Brieftasche aus dem Rockfutter, klappte
sie auf, nahm mit zitternden Fingern einen Tausendmarkschein heraus, legte ihn
nebst einem Quittungsformular mit einer hastigen Gebrde auf das Blatt, ber
welches Eberhards Auge glitt, und ehe sich der Freiherr von seinem Erstaunen
erholt hatte, war er bereits verschwunden, hatte die Haustr zugeschlagen und
von der Gasse tnte sein geschwindes Trippeln in die Stube.
    Was fr seltsame Lebendige hast du, Welt, und was fr seltsame Tote, ging es
Eberhard durch den Sinn.

                                       9


Da zwei so grundverschieden geartete Naturen wie Eberhard und Daniel eben zu
der Zeit, wo beide freiwillig auf den Verkehr mit Menschen verzichtet hatten,
einander begegneten und nher traten, beruhte auf einer jener Fgungen, die ein
Gesetz der Kristallisation oder der Anziehung polarer Krfte enthalten, so
zufllig sie auch scheinen.
    Das Zusammentreffen ereignete sich am Tag nach jener Wanderung, die Daniel
nach Eschenbach unternommen hatte. Als der Morgen anbrach, hatte er sich
entschlossen, den Rckweg ber Schwabach einzuschlagen, sowohl der Abwechslung
wie der geringeren Dauer wegen. Die Sonne brannte noch sengender vom Himmel als
am Tag vorher und in den Stunden der grten Glut legte sich Daniel in den Wald.
Wie er nun spt am Nachmittag in die Nhe von Schwabach kam, zogen schwere
Wolken von Westen herauf, ein unheilverkndender Sturm begann zu wehen, Blitze
zuckten ber das finstere Firmament, und so sehr auch Daniel seinen Schritt
beschleunigte, das Wetter berfiel ihn doch: ehe er den Schutz eines Hauses
erreichte, war er am ganzen Leibe na.
    Es go in Strmen weiter; nach langem Harren mute er in den Regen hinaus
und, vor Nsse und Klte schlotternd, gelangte er auf den Bahnhof. Als er das
Billett nehmen wollte, stand am Schalter vor ihm ein hagerer, apart gekleideter
Mann. Daniel mochte sich wohl in seinem rger und Unbehagen zu hart an ihn
gedrngt haben, denn der Herr wandte sich unwillig um, und Daniel erkannte den
jungen Freiherrn in ihm. Eberhard seinerseits erkannte auch Daniel sofort. Es
gab nicht leicht ein Gesicht, das so sehr nur einem einzigen Menschen gehren
konnte wie das Daniels.
    Was den Freiherrn nach Schwabach gefhrt hatte, war die Anhnglichkeit an
einen bestimmten Menschen, die er sich seit seiner Kindheit bewahrt hatte. Es
lebte dort seine Amme, eine Frau, die ihm von jeher mit rhrender Liebe ergeben
war, die stolz auf ihn war, als htte sie in ihm das erlesenste Exemplar der
Mnnerwelt an ihrer Brust gesugt, und an deren Mrchen und Geschichten er sich
noch jetzt oft und gern erinnerte. Sie hatte den Werkfhrer einer Zinngieerei
geheiratet, besa nun selber schon Shne und Tchter, und Eberhard hatte sich
seit Jahren vorgenommen, sie einmal zu besuchen. Dies war nun geschehen. Er
hatte nicht viel Freude davon gehabt, er mute sich sagen, da ihm der Besuch
eine innere Gestalt geraubt hatte, und ob die Amme bei dem Anblick des
grmlichen, steifen und hochaufgeschossenen Milchsohnes das Entzcken empfunden,
das sie sich ausgemalt, bleibe dahingestellt.
    Als Eberhard den Zustand gewahrte, in welchem sich Daniel befand, regte sich
sein ritterliches Gefhl. Tapfer besiegte er eine Abneigung, die so alt war wie
sein Wissen von diesem Mann, und der sich vor wenigen Wochen Abscheu und
qulende Eifersucht beigesellt hatten. Sie sind ins Unwetter gekommen? fragte
er hflich, obschon in strenger und abweisender Haltung.
    Wie Sie sehen, antwortete Daniel kurz und musterte den Freiherrn mit
gerunzelter Stirn.
    Sie werden sich erklten, darf ich Ihnen nicht meinen Mantel anbieten?
fuhr Eberhard noch hflicher fort, und es war ihm, als tauche hinter Daniel
Lenores Antlitz auf, von Blumen umgeben, und lchelte ihm freudig und dankbar
zu. Er prete die Lippen zusammen und verfrbte sich.
    Daniel schttelte den Kopf. Ich bin an allerlei Wetterstrze gewhnt, gab
er zurck; danke.
    So wickeln Sie wenigstens das hier um den Hals; das Wasser luft Ihnen ja
von den Haaren herunter. Und Eberhard reichte ihm ein weies Seidentuch, das er
aus der Tasche seines Mantels zog. Daniel machte eine Grimasse, nahm aber das
Tuch, schlang es um den Nacken und band einen Knoten unter dem Kinn.
    Sie haben recht, gestand er dann und zog den Kopf zwischen die Schultern,
es erinnert einen gleich an ein warmes Bett.
    Eberhard starrte gegen die Lokomotive des einfahrenden Zuges. Plebejer,
dachte er geringschtzig.
    Gleichwohl setzte er sich zu diesem Plebejer ins Kupee dritter Klasse; und
er hatte ein Billett erster Klasse gekauft. War es das weiseidene Tuch, das ihn
pltzlich an den Plebejer fesselte? Was konnte es anders sein, da sie whrend
der ganzen Fahrt einander schweigend gegenber saen, ein hchst wunderliches
Paar, der eine im armseligen, feuchtglnzenden Anzug, einem Hut, der halb an
einen Tnchermeister, halb an einen zigeunernden Barden gemahnte und einer
Riesenbrille, aus der die Augen grn und flackrig blitzten; der andere wie aus
dem Ei geschlt, stubchenlos, in Lackstiefletten, englischem Strohhut und einer
amerikanischen Zigarette im Mund.
    Daneben sa eine Buerin mit einem Geflgelkorb, ein rothaariges Mdchen,
welches das Hinterteil eines Schweins auf den Knien hielt und ein Arbeiter,
dessen Gesicht verbunden war.
    Bisweilen trafen sich ihre Blicke. Dann senkte der Freiherr erschreckt die
Lider, und Daniel schaute gelangweilt in den Regen hinaus. Aber es mute
irgendeine Mitteilung oder Verstndigung in der kurzen Begegnung der Blicke
verborgen gewesen sein, denn als sie am Ziel ihrer Reise das Kupee und den
Bahnhof verlassen hatten, schritten sie friedlich nebeneinander durch die
Straen, wie wenn es sich von selbst verstehe, da sie jetzt beisammen blieben.
    Der Mensch sucht den Menschen. Da hilft kein Trotz und keine
Verschlossenheit, da ist etwas, das den Strksten zwingt, wenn er einen sprt,
der willig ist, sich zu geben, und das geglaubte Gengen an der Einsamkeit
enthllt sich als Selbstbetrug.
    Sie werden wohl nach Hause gehn und sich umkleiden, sagte Eberhard und
blieb an einer Straenkreuzung stehen.
    Ich bin schon trocken, antwortete Daniel, und zum Heimgehn hab ich keine
Lust. Da drben an der Insel Schtt ist ein kleines Gasthaus, nennt sich zum
Peter Vischer. Ich mag's gern, weil blo alte Leute drin verkehren, die von
alten Zeiten erzhlen und weil's auf einer Brcke liegt, so da man in einem
Schiff zu schwimmen meint.
    Eberhard ging mit. Sie saen von acht Uhr bis Mitternacht einander
gegenber. Ihre Unterhaltung beschrnkte sich auf Wendungen wie: Es ist
wirklich recht angenehm still hier. - Es scheint, der Regen hat aufgehrt. -
Ja, er hat aufgehrt. - Der weibrtige Schwtzer am Ofen ist ein Uhrmacher
vom Unschlittplatz. - So? er sieht noch recht rstig aus. - Er soll die
Schlacht bei Wrth mitgemacht haben. Und dergleichen mehr.
    Als sie sich trennten, wute Eberhard, da Daniel am nchsten Mittwoch
wieder beim Peter Vischer sein, und Daniel, da er den Freiherrn dort finden
werde.

                                       10


Philippine kniete am Herd und schob Spreisel in das Feuerloch, Lenore sa vor
der Anricht und addierte in einem schmalen Heftchen die Ausgaben der Woche.
    Du solltest heiraten, Lenore, sagte Philippine und blies auf einen
glimmenden Span, es wr schon Zeit fr dich.
    La mich zufrieden mit solchem Gerede, erwiderte Lenore unmutig.
    Philippine kauerte sich noch tiefer am Herd hin. Ich mein's dir gut, sagte
sie. Du rackerst dir ja deine Jugend vom Leib. Mit einer so feinen weien Haut
und so zuckrigen Augen, ioi! da wollt ich schon einen kapern, wenn ich du wr.
Die Mannsbilder sind ja alle so saudumm.
    Sei still, sagte Lenore und zhlte: sieben von fnfzehn, bleibt acht ...
    Ein Englein hat's Bett gemacht, warf Philippine kichernd ein. Ich wt
jemand fr dich, fuhr sie dann fort, und ihr Blick lauerte, einen Reichen;
einen, der sich in dich vergafft hat. Wenn ich zu dem geh und sag ihm: die
Lenore Jordan hat nichts dagegen, ich glaub, der tt mir einen Sack voll Gold
schenken, der alte Spitzbub. Ehr und Seligkeit, Lenore, 's ist ein feiner Mann,
und Klavier spielen kann er so gut wie der Daniel, wenn nicht noch schner. Da
fliegen die Fetzen nur so, wenn der spielt.
    Lenore erhob sich und schlug das Heft zu. Willst dir einen Kuppelpelz
verdienen, Philippine? sprach sie, mitleidig lchelnd; und fragst bei mir an?
Geh doch zu, du Nrrin.
    Komm Wind und weh mein Feuer an, damit mein Spplein kochen kann, raunte
Philippine mit einem finstern Gesicht.
    Lenore verlie die Kche und stieg die Treppe hinauf. Sie sehnte sich; ihr
Herz wollte schier bersten vor Sehnsucht.

                                       11


Es war Anfang Oktober, als Daniel den Freiherrn zum erstenmal in seinem
Zwergenhaus an der Burg oben besuchte.
    Sie hatten sich am Abend in dem Wirtshaus auf der Schtt getroffen, dort
aber waren eines Fischessens halber mehr Gste als sonst gewesen, der Lrm war
ihnen unbequem, und sie waren beizeiten aufgebrochen.
    Sie gingen schweigend bis zum Rathaus, da sagte Eberhard: Kommen Sie noch
auf eine Stunde zu mir. Daniel nickte.
    In dem winzigen Stbchen zndete Eberhard die sechs Kerzen eines Leuchters
an. Daniels verwunderten Blick bemerkend, sagte er: Mir ist nichts
widerwrtiger als Petroleum oder Gas. Das da ist Licht, das andere illuminierter
Gestank.
    Eine Weile blieb es still. Daniel hatte sich aufs Kanapee gerekelt.
    Illuminierter Gestank, wiederholte er pltzlich mit befriedigtem
Auflachen; nicht bel. Das ist eben die neue Zeit. Ich glaube, sie heien's fin
de sicle. Nichts soll blhen mehr, alles wird fabriziert. Die Mnner sind
Amerikaner, greuelhaft ernchtert vom Erwerbsrausch, die Weiber verlieren den
edlen Eigensinn des Instinkts, die Stdte sind zu ungeheuren Dampfmaschinen
geworden, alt und jung liegt vor den sogenannten Wundern der Technik auf dem
Bauch, als ob es fr die Menschheit wirklich etwas zu bedeuten htte, wenn
irgendein Faulenzer in Paris schon beim Frhstck erfhrt, da der Papst gut
geschlafen hat, oder wenn eine Gewehrkugel vierzehn Leute hintereinander
durchbohrt statt wie bisher sieben. Wer will da noch aus seiner innern Seele
schaffen? Es ist wie Wahnsinn und Unzucht.
    Doch, man kann aus seiner innern Seele schaffen, sagte der Freiherr, in
dessen Gesicht der verdrossene Ausdruck einem angespannten wich, man kann den
unsichtbaren Geist in die Sichtbarkeit bannen.
    Daniel, der noch nicht ahnte, da der Freiherr gewissermaen aus einem ganz
andern Land und mit einer ganz andern Sprache redete, fuhr fort: Aller Vorrat
von Anteil und Enthusiasmus, den die Nation zu vergeben hat, ist aufgezehrt.
    Die altehrwrdigen Werke bestehen in ihrer Gltigkeit, sie werden bestaunt
und gepriesen, zeugende und umbildende Kraft haben sie nicht mehr. Sonst gedeiht
nur der Hokuspokus, und wer ihm nicht vergibt, dem wird nicht vergeben. Das
Leben aber ist kurz, ich spr's an jedem Tag, und hegt man die Pflanze nicht, so
welkt sie hin.
    Es ist nicht nur Hokuspokus, erwiderte Eberhard, der jetzt vllig
verwandelt war, jedoch auch seinerseits die schmerzliche Emprung des Musikers
nicht begriff; sehen Sie, ich habe mit Menschen wenig verkehrt; meine Zuflucht
war das Reich der Abgeschiedenen, der unsichtbaren Geister, die in die
Erscheinung treten, wenn das glubige Gemt nach ihnen ruft. Meine Aufgabe war
es, mich zu entsinnlichen, zu entmaterialisieren, dann bekamen die Geister Stoff
und Gestalt.
    Daniel richtete sich berrascht empor und sah, was fr einen bleichen Blick
der Freiherr hatte. Ihm schien, da sie ganz nah und ungeheuer fern voneinander
waren. Er mute aber seinen Faden weiter spinnen. Ja, ja, ja, rief er mit
demselben kurzen Auflachen wie am Anfang des Gesprchs, auch meine Geisterchen
verlangen Glubigkeit und wimmern und klagen um Form und Gestalt. Das haben Sie
fein ausgedrckt, Baron.
    Und haben Sie ihnen gegenber, den Geistern gegenber, auch Verzicht
geleistet? fragte Eberhard streng.
    Verzicht? Worauf? Denken Sie, das braucht's bei mir? Ich bin das Widerspiel
zu Kronos. Mich fressen meine Kinder, und das bei lebendigem Leibe. Ich
beschwre Geister und geb ihnen Fleisch und Blut, dafr machen sie mich zum
Schatten. Es sind rebellische Burschen, sag ich Ihnen, die kein Erbarmen kennen.
Ich soll eine zur Gleichgltigkeit erstarrte Brgerwelt fr sie alarmieren. Was
mich krnkt und ekelt, soll ich auf die leichte Achsel nehmen; ich soll ihre
Hure sein und mich feilbieten; ich soll ihr Krmer sein und fr sie schachern.
Kampf ist ja was ganz Schnes, und wenn's gegen Feinde geht, kann man sich ins
Zeug legen. Aber meine Geisterchen wollen bejubelt und verhtschelt werden, und
was sich an Ha in mir aufhuft, ist vielleicht nur die Wut ber das vergebliche
Werben. Nein, es ist kein ehrlicher Ha, weil ich nach jedem Lumpenkerl
schmachte, der nichts von meinen Geistern wissen will, weil meine ganze Existenz
darin besteht, Gehr von denen zu erbetteln, die nicht hren mgen,
Liebespfennige bei denen zusammenscharren, die nicht lieben knnen, weil mir
einer oder zwei oder drei nicht gengen, sondern weil ich Tausende haben mu,
weil ich nichts bin ohne die Tausende, und mich in Angst und Not verblute, wenn
ich mir nicht einbilden kann, die Welt geht nach meinem Schritt und Takt. Den
Michel Pfifferling kann ich verachten, der sich besoffen zu seinem Weibe legt
und fr den der Name Beethoven ein unverstndlicher Schall ist; Jason Philipp
Schimmelweis macht mich lachen, wenn er mir ins Gesicht schreit: die ganze Kunst
ist mir piepe. Aber es steckt doch wieder Menschheit in ihnen, und soweit
Menschheit in ihnen steckt, mu ich sie haben, mu sie von mir berzeugen, und
wenn sie mir das Herz darber aus dem Busen reien. Ist das ein Leben? Einen
Kirchhof aus den Grbern graben und den Leichnamen Atem einhauchen mssen, damit
sie tanzen? Und immer mit dem Bewutsein: dieser Augenblick ist der einzige! Ich
bin, ich bin; da steht der Tisch, da brennen die Kerzen, da vor mir sitzt ein
Mensch, und wenn ich aufgehrt habe zu reden, ist schon alles anders, als ob ein
Jahr vergangen wre, alles unwiederbringlich. Zeigt mir einen Weg zur
Menschheit, ihr Menschen, dann glaub ich an Gott.
    Dem Freiherrn wurde es schwl zu Sinn. Er mute an gewisse aufregende
Zusammenknfte denken, wo man in zitternder Erwartung im Dunkel gesessen war,
und dann war eine Stimme aus dem Jenseits gekommen, bei der einem das Mark in
den Knochen gefror. Er wagte kaum nach der Stelle hinzusehen, wo Daniel sich
befand; die Worte des Musikers verursachten ihm eine tiefe Pein; es lag in ihnen
eine Gefrigkeit, eine Schamlosigkeit und eine Grausamkeit, die ihm Schrecken
einflten.
    Beinahe htte er gefragt: und Lenore? und Lenore?
    Aber so sehr er sich, aus seiner Erziehung, seinen Gewohnheiten und
Lebensansichten heraus, abgestoen fhlte, es war da noch etwas anderes, wovor
er sich beugte. Er htte nicht genau sagen knnen, was es war; es schlo
Empfindungen zwischen Furcht und Erschtterung in sich.
    Whrend er darber nachdachte, vernahm er ein Klirren der Fensterscheibe. Er
blickte hin und sah das Gesicht des Herrn Carovius, angepret an die Scheibe, so
da die Nase schier plattgedrckt war und die Zwickerglser zwei schillernden
Fettflecken auf dem Wasser hnelten.
    Auch Daniel schaute empor; auch er gewahrte das von Ingrimm und Drohung
verzerrte Gesicht des Herrn Carovius. Bestrzt sah er den Freiherrn an. Dieser
erhob sich und sagte: Entschuldigen Sie die Strung; ich habe vergessen, den
Vorhang herunterzulassen.
    Er ging ans Fenster und lie den dunklen Vorhang ber das Gesicht des Herrn
Carovius fallen.

                                       12


In derselben Nacht, als Daniel ber den Flur in seine Stube treten wollte, fiel
ihm ein intensiver Blumenduft auf. Schon mehrmals hatte er den Geruch versprt,
nur war er nie so stark gewesen; dazu kam, da die Jahreszeit eine solche
Wahrnehmung doppelt ungewhnlich machte.
    Er schnupperte eine Weile und bemerkte dann, da im oberen Stock Lenores
Kammer offen war. Der Lichtschein drang auf die Stiege.
    Wenn Daniel am Abend nicht zu Hause war, ffnete Lenore immer die Tr ihrer
Stube, damit sie ihn hren konnte, wenn er heimkehrte. Davon wute Daniel
nichts; er hatte in keiner frheren Nacht den Lichtschein gesehen.
    Er besann sich eine Weile, schlo hernach das Gatter wieder auf und ging die
Treppe empor. Aber Lenore mute wohl seinen nahenden Schritt erlauscht haben;
sie trat hastig auf den kleinen Vorplatz und sagte befangen: Bleib unten,
Daniel, der Vater schlft. Ist dir's angenehm, so komm ich noch auf eine
Viertelstunde ins Wohnzimmer hinunter.
    Sie wartete seine Antwort nicht ab, ging in die Kammer zurck, holte die
Stehlampe und folgte Daniel ins Wohnzimmer. Daniel machte das Fenster zu und
schttelte sich frstlich, denn es war nicht geheizt und die Nacht war khl.
    Was ist das fr ein Blumengeruch im Hause? fragte er. Hast du so viele
Blumen oben?
    Ja, ich hab Blumen, erwiderte Lenore und errtete.
    Er blickte sie scharf an, wollte jedoch nicht weiter forschen, oder es
interessierte ihn nicht, zu erfahren, was es bedeutete. Die Hnde in den Taschen
vergraben, ging er im Zimmer herum.
    Lenore hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und lie den Auf- und
Abschreitenden nicht aus den Augen.
    Du, Daniel, sagte sie pltzlich, und der Wohllaut ihrer Geigenstimme ri
ihn aus seinem dumpfen Sinnen, ich wei jetzt, was der Vater treibt.
    Nun also, was treibt er, der Alte? fragte Daniel zerstreut.
    Er arbeitet an einer Puppe, Daniel.
    An einer Puppe? Hltst du mich zum besten?
    Lenore, deren Wangen wieder bla geworden waren, erzhlte: Gestern, gegen
Abend, hat er das schne Wetter benutzt und ist, zum erstenmal nach langer Zeit,
spazieren gegangen. Wie er fort war, bin ich in seine Stube hinein, um ein
bichen Ordnung zu machen. Da seh ich, da die Tre von dem groen Schrank nicht
zugesperrt ist wie sonst immer, sondern blo angelehnt. Wahrscheinlich hat er
vergessen, sie zuzusperren. Ich denke mir nichts Arges und mach die Schranktr
auf und da seh ich nun eine groe Puppe, so gro wie ein vierjhriges Kind
vielleicht, ein Wachsgesicht, und die offenen Augen und langes gelbes Haar. Aber
keine Kleider; und von dem Leib nur der hintere Rumpf, der vordere Teil vom Hals
bis an die Beine war weggenommen. Und im Innern, da, wo bei Menschen Herz und
Eingeweide sind, da war ein Gewirr von Rdern und Schrauben und dnnen Rhrchen
und Draht, alles aus purem Metall.
    Sonderbar, sagte Daniel, wirklich sonderbar. Was hltst du davon?
    Er konstruiert etwas, fuhr Lenore fort, so viel ist klar. Doch wenn ich
dir nur schildern knnte, wie mir dabei zumut gewesen ist, Daniel! Ich war so
traurig wie noch nie in meinem Leben. Ich bin mir so lieblos gegen ihn
erschienen, wie es das Schicksal gegen ihn war. Und alles, die Luft und das
Licht und die Menschen und was man fr die Menschen fhlt und was Menschen fr
einen fhlen, alles ist mir so unbeschreiblich lieblos erschienen, da ich mich
vor die Puppe mit ihrer Maschine im Leib habe hinsetzen mssen und weinen. Der
arme Mann! Der arme alte Mann!
    Sonderbar, wirklich sonderbar, sagte Daniel immer nur.
    Nach einer Weile nahm er schuldbewut am Tisch neben ihr Platz. Da stand
aber Lenore auf, trat zum Fenster und lehnte die Stirn ans Glas.
    Komm zu mir, Lenore, sagte er mit vernderter Stimme.
    Sie kam. Er ergriff ihre Hand und schaute ihr ins Gesicht. Wie hast du's
eigentlich die ganze Zeit her mit dem Haushalt zustande gebracht? fragte er in
der Erleuchtung seines Schuldgefhls.
    Lenore senkte die Augen. Ich hab geschrieben, erwiderte sie; und mit dem
Blumenbinden hat sich's auch glcklich gefgt. Hab sogar einiges sparen knnen.
Schau mich nicht so an, Daniel; es war nichts Groes, hast mir nichts zu
verdanken.
    Er zog sie auf seine Knie und umschlang ihre Schultern. Du meinst
vielleicht, ich hab dich vergessen, sagte er leidvoll und blickte in die Hhe;
meine Lenore vergessen? meine Geisterschwester? Nein, nein, du liebes, gutes
Herz, du weit ja lngst, da wir unsere Wanderschaft zusammen auf Leben und Tod
angetreten haben.
    Lenore lag in seinem Arm, vollkommen wei im Gesicht, vollkommen starr am
Krper. Ihre Augen waren geschlossen.
    Daniel kte ihre Augen. Du mut mich halten, auch wenn ich dich scheinbar
lasse, murmelte er.
    Dann trug er sie auf den Armen durch die Tr in seine Stube.
    Ich hab mich so gesehnt, hauchte Lenore, mit den Lippen an seinem Hals.

                                       13


Schneller als man gedacht, kam der Winter, und der Platz mit der Kirche lag im
Schnee.
    Lenore war aufs Eis gegangen und als sie zurckkehrte, wartete sie in der
Wohnstube auf Daniel. Mit ihrem Pelzkppchen sa sie da, md und versonnen und
hielt am Riemen die Schlittschuhe in der Hand.
    Als nun Daniel ins Zimmer getreten war und sie begrt hatte, blickte sie
empor und sagte mit leiser Stimme: Ich bin guter Hoffnung, Daniel. Seit heute
wei ich's.
    Da lie er sich auf die Knie vor ihr nieder und kte ihre Fingerspitzen.
Lenore atmete auf, und ein Lcheln von traumhafter Heiterkeit glitt ber ihre
Zge.
    Am andern Tag ging Daniel aufs Rathaus und bestellte das Aufgebot.
    Kaum hatte Philippine gehrt, da Daniel und Lenore im Februar heiraten
sollten, so verschwand sie spurlos. Die kleine Agnes rief umsonst nach ihrer
Pine. Erst am sechsten Tag erschien die Unheimliche wieder, ebenso pltzlich
wie sie fortgegangen war. Ihre Zge waren abschreckend finster, ihre Haare
zerzaust, ihre Kleider zerdrckt und an ihren Stiefeln hingen die Sohlen in
Fetzen. Sie war stumm wie ein Klotz und blieb es wochenlang.
    Kein Mensch wute, und keiner hat es je erfahren, was sie whrend dieser
sechs Tage getan und wo sie sich aufgehalten hatte.
    Eine kirchliche Trauung war Lenores inniger Wunsch und dessen Erfllung
verursachte Daniel manche Mhe und manchen verdrielichen Weg. Aber er nahm es
auf sich, weil er Lenore nichts von ihrem Glck abhandeln mochte. Und Lenore
nhte sich selbst ihr weies Kleid und ihren Schleier. Gisela Degen, eine
jngere Schwester von Martha Rbsam, und Else Schneider, die Tochter des
Pfarrers von Sankt Egydien, sollten Brautjungfern sein. Auch Marianne Nothafft
und Eva sollten von Eschenbach hereinkommen; Lenore hatte ihnen schon das
Reisegeld geschickt.
    Hilf mir nhen, Philippine, sagte Lenore eines Abends zu der finstern
Hausgenossin, und sie reichte Philippine den Schleier, an welchem der Saum zu
nhen war.
    Philippine setzte sich schweigend Lenore gegenber und fing an zu nhen.
Unterdes fiel die kleine Agnes bei ihren Gehbungen auf den Boden und schrie
klglich. Lenore eilte hin und hob das Kind auf, da knisterte es pltzlich und
wie sie sich umwandte, sah sie, da der Schleier einen langen Ri hatte. Was
machst du, Philippine, du bses Ding! rief sie aus.
    Ich hab nichts getan, er ist von selber entzwei gerissen, brummte
Philippine, und ihr Blick entfloh feig.
    La es sein, la die Hnde davon, du nhst bse Gedanken hinein, erwiderte
Lenore ahnungsvoll.
    Philippine erhob sich. Zerrissen ist er nun einmal, der Schleier, sagte
sie in dsterm Trotz; soll's Bses bedeuten, so kommt das Bse doch, ob du mich
fortschickst oder nicht. Sie ging hinaus.
    Der Schaden war nicht so arg, wie Lenore gefrchtet. Das zerrissene Stck
konnte abgetrennt werden und der Schleier war auch dann noch brauchbar.
    Aber von jener Stunde an war eine Traurigkeit ber Lenore gebreitet wie
erster Nebel des Herbstes ber eine schne Landschaft. Vielleicht war nicht der
Ri im Schleier daran schuld; in ihrem Gemt war kein Schatten eines
Aberglaubens; vielleicht war es nur das Glck und die Erfllung. Es mochte sein,
da Glck und Erfllung ihr als ein Ende erschienen, weil hernach nichts kommen
konnte als der Alltag, der nicht mehr spendet, nur noch raubt.
    Vielleicht auch wurde ihr Sinn von dem versprten Leben in ihrem Leibe
umdunkelt, denn das Werdende strahlt seine Melancholien aus so wie das
Vergehende. Warum sollte eine reingestimmte Seele nicht innerliche Kunde haben
von dem Schicksal, das ihrer harrt und in ihren Trumen nicht um das
Unabnderliche wissen?
    Anmerken konnte man ihr nichts. Ihr Auge war hell, ihr Blick voll Ruhe. Oft
sa sie vor der Maske der Zingarella, die sie jeden Tag mit frischen Blumen
umkrnzte und die ihr ein geheimnisvolles Bild alles dessen war, was ihr Dasein
in sich fate.
    Marianne Nothafft kam allein zur Trauung. Wie damals bei Gertruds Hochzeit
hatte sie Eva zu einer Nachbarin gegeben. Sie sagte zu Daniel und Lenore, da
sie es nicht htte ber sich gewinnen knnen, das Kind mitten im Winter auf die
Reise mitzunehmen. Sie sprach von Eva nur mit halblauter Stimme, und ein
zrtliches Lcheln spielte um ihren harten Mund.
    Bei der Trauung in der Egydienkirche waren der Notar und die Notarin Rbsam
anwesend, der Archivrat Bock, der Impresario Drmaul, Philippine Schimmelweis,
ferner Marianne und der Inspektor Jordan. Auf der letzten Bank sa der Herr
Carovius, und unter einem Pfeiler stand, ungesehen von den meisten, Eberhard von
Auffenberg.
    Philippine hockte hlich zusammengekauert neben dem Inspektor, und htte
sie nicht an ihren Fingerngeln gebissen, so htte man glauben mssen, sie
schlafe.
    Whrend das Brautpaar zum Altar schritt, fiel pltzlich die volle Sonne
durch die Kirchenfenster, und es wirkte eigentmlich rhrend, als dabei Lenore
das Haupt erhob, den Schleier zurckstreifte und mit schimmernden Augen das
goldene Licht empfing.
    Der alte Jordan hatte die Stirn auf das Betpult gelegt und sein Rcken
zitterte.

                                       14


Spt in der Nacht, und in unsinniger Erregung, weil eines hochzeitlichen Bettes
denkend, das ihn den uersten Qualen der Eifersucht preisgab, spielte Herr
Carovius auf seinem Klavier die Revolutionsetde von Chopin. Immer wieder begann
er von vorn, immer wuchtiger wurde sein Anschlag, immer toller das Tempo, immer
groartiger der Schwung seiner Gebrden und immer drohender sein Gesicht.
    Er hielt Abrechnung mit dem Weibe, das er leibhaftig vor sein neronisches
Tribunal nicht ziehen konnte und schttete, was er gegen den Musiker Nothafft
auf dem Herzen hatte, in die Musik eines andern. Der Neid des Nachempfinders
vergriff sich am Schpfer, die Ohnmacht des Schmeckers raste gegen den Koch. Es
war, wie wenn ein durchgefallener Komdiant in der Wildnis deklamiert, wo ihm
nur das Echo seiner eigenen Stimme antwortet.
    Sein Ha gegen das Allgemeine, gegen die Einrichtungen der Gesellschaft,
gegen Gesetz und Wohlfahrt, Staat und Familie, Liebe und Ehe, Weib und Mann war
zur hchsten Flamme aufgelodert. Selten hat einer so sich selber aufgerissen,
zerfleischt und besudelt wie dieser entbrgerte Brger, indem er musizierte. Er
machte die Musik zu einer ausschweifenden Orgie, zu einem erniedrigenden Laster.
    Genug! rchelte er, mit einer grellen Disharmonie schlieend. Er schlug
krachend den Deckel des Instruments zu und warf sich in einen abgeschabten
Ledersessel.
    Was sein inneres Auge sah, spottet des Wortes. Er war in dem Haus dort. Er
hatte die Macht, seinen Nebenbuhler zu zerschmettern. Er durfte das Weib
mihandeln, das ihm durch die Tcke der Umstnde versagt war. Er zchtigte sie,
er zog die Wimmernde bei den Haaren aus dem Bette der Lust. Er weidete sich an
ihrer Scham, wie auch an den zornigen Zuckungen des geknebelten Musikers. Er
ersparte ihnen keine Beschimpfung, die ganze Stadt war Zeuge seines
Strafgerichts, und alle Menschen frchteten sich vor ihm.
    So befriedigt der Kleinbrger seinen Rachedurst. So ahndet der Nero unserer
Zeit die Verbrechen, die die Menschheit dadurch an ihm verbt, da sie sich
Gensse und Glcksgter verschafft, deren er nicht teilhaftig werden kann.
    Weil er aber heute mehr als je seine grauenhafte Verlassenheit empfand und
ihm das Unrecht zu Bewutsein kam, welches ihm der eine Mensch zufgte, an dem
er seit Jahren mit hndischer Treue hing und der ihn jetzt mied, wie man einen
zum Dienst nicht mehr tauglichen Hund meidet, so beschlo er in seinem
erbitterten Gemt, hierfr eine Shne zu nehmen, die nicht in bloen
Phantasiespielen bestand.
    Mit diesem Vorsatz suchte er endlich den Schlaf.

                                       15


Der Inspektor hauste nun allein in den beiden Dachstuben. Er hatte sich von
selbst erbtig gemacht, an Lenores Stelle die Schreibarbeiten anzufertigen, und
die Arbeitgeber hatten sich damit einverstanden erklrt. So verdiente er
wenigstens die Miete und konnte auch ein paar Taler fr seine Bekstigung
zahlen.
    Lenore und Daniel schliefen in dem vorderen Eckzimmer; in der Wohnstube, wo
jetzt auch das Klavier stand, arbeitete Daniel. Philippine und Agnes blieben in
der Kammer neben der Kche.
    Noch immer band Lenore Blumen, noch immer bezog sie von dem mysterisen
Unbekannten reichlichen Lohn dafr. Sie trieb diese Beschftigung nicht in
Daniels Nhe, sondern in ihrem frheren Stbchen unterm Dach.
    Da sa oft der Vater bei ihr und schaute ihr gedankenvoll zu. Sie hatte
bisweilen das Gefhl, als ob er um alles gewut habe, was zwischen ihr und
Gertrud und Daniel vorgefallen war, und als habe er nur in unendlicher Zartheit
und Bescheidenheit, wohl auch in Furcht und Schmerz, darber geschwiegen. Denn
vor dieser Zeit war er nie bei ihr gewesen, hatte sie nie so still angeschaut,
war immer vorbergegangen, immer bestrebt gewesen, allein zu sein.
    Es dnkte ihr, als wisse er berhaupt vieles von Menschen und Dingen und
schweige nur aus sanfter und mitleidiger berlegenheit.
    Daniel lebte nicht viel anders denn vor der Hochzeit. Nchtelang sa er am
Tisch und schrieb. Oft traf ihn die frhaufstehende Lenore, mit der Feder in der
Hand und eingeschlummert. Dann lchelte sie eigen und weckte ihn durch einen Ku
auf die Stirn.
    Er schrieb die Noten aus dem Kopf wie andere Leute ihre Briefe. Er brauchte
gar kein Instrument mehr zur Probe und Untersttzung.
    Einmal zeigte er Lenore achtzehn verschiedene Fassungen von ein und
derselben Melodie. Die ganze Arbeit der Nacht hatte darin bestanden, zu ndern
und wieder und wieder zu ndern. Lenores Herz war beklommen, und beinahe htte
sie gefragt: Fr wen, Daniel? Alles fr die Truhe?
    Langsam fing sie an zu begreifen, da nicht der grbelnde Verstand die
Stufenfolge der Vollendung erzwingt, sondern der sittliche Wille. Es kam wie ein
Blitz, da sie eines Tages das dmonische Element in diesem Trieb erkannte, den
sie ehedem seiner Bastelsucht und seinem nrglerischen Wesen hatte zuschreiben
wollen. Da schauderte sie vor der ungeahnten Not und fhlte Erbarmen mit dem
Mann, der sich in Finsternis vergrub, um die Welt lichter zu machen.
    Die Welt? Was wute die Welt von den Gebilden ihres Daniel? Opus auf Opus
lag in der groen Truhe, und kein Mensch bekmmerte sich um die in einem Sarg
ruhenden Schtze von Musik.
    Das ging nimmermehr mit rechten Dingen zu. Es war etwas verdorben im Uhrwerk
der Zeit; es war etwas krank in den Menschen, da war irgendein Gift, irgendein
bel, irgendein arges Versumnis.
    Sie konnte an gar nichts anderes mehr denken. Eines Tages machte sie sich
auf und besuchte den alten Herold. Zuerst lie er sie brbeiig an, dann hrte
er immer aufmerksamer zu. Ihre Zge waren wunderbar belebt, whrend sie sprach,
und Professor Herold uerte sich spter: Wenn man mir die ewige Seligkeit
dafr versprche, da ich das Bild dieser schwangeren Frau vergessen soll, wie
sie vor mir stand, um in Sachen Daniel Nothafft gegen Publikus zu pldieren, ich
tt's nicht, ich knnt's nicht vergessen.
    Der Alte bat Lenore, sie mge ihm womglich eine von Daniels letzten
Kompositionen bringen. Sie sagte es zu und entwendete am anderen Morgen das
Streichquartett in B-Moll aus der Truhe. Sie trug es zum Professor hin, er
schlug die Partitur auf und begann zu lesen. Lenore setzte sich und betrachtete
geduldig die vielen gemalten Bilderchen, die an den Wnden der Stube hingen.
    Eine Stunde war verflossen. Der weihaarige Mann schlug das letzte Blatt um,
stemmte die geballte Faust auf das Papier, und um seinen Lwenmund zuckte es
halb grimmig, halb im erschtterten Gefhl, als er sagte: Der Proze wird in
Gang gebracht, Sie wrdigste aller Lenoren, oder ich bin nicht mehr der Herold.
    Er schritt erregt hin und her, rang die Hnde und rief: Welch ein Aufbau!
welche Klangfarbe! was fr ein Reichtum an Melodie, an Rhythmus, an
Ursprnglichkeit! Welche Bndigung! welche Sigkeit! welche Kraft! Was fr ein
Kerl berhaupt! Und so einer lebt! Hier unter uns lebt so einer, plagt sich,
sorgt sich. Schimpf und Schande! Marsch, liebe Frau, gehen wir zu ihm, ich mu
ihn an meine Brust drcken ...
    Aber Lenore, deren Gesicht hei war vor Glck, unterbrach ihn und sagte:
Dann wrden Sie alles verderben. Raten Sie mir lieber, was zu tun ist. Er wird
immer eigensinniger und immer bissiger, wenn nicht endlich ein Sonnenstrahl von
auen auf sein Geschaffenes fllt.
    Der Alte sann. Lassen Sie mir die Partitur, ich mchte was damit
unternehmen, erwiderte er nach einer Weile.
    Voll Hoffnung ging Lenore von ihm weg.
    Das Quartett wurde nach Berlin geschickt und kam in die Hnde eines Mannes
von Einflu und Verstndnis. Einige Leute vom Fach lernten alsbald die
Komposition kennen. Professor Herold erhielt einige begeisterte Briefe und
beantwortete sie klug. Es bildete sich dort ein Sagenkreis um die Person des
unbekannten Meisters. Man erzhlte sich, da er als Klausner in den frnkischen
Wldern lebte und Enthaltsamkeit von irdischen Genssen predige.
    In Leipzig wurde das Quartett einem Zirkel von Musikfreunden vorgespielt.
Der Beifall klang ganz anders als man ihn bei einer mit musikalischen
Neuigkeiten berftterten Versammlung gewohnt war.
    Dadurch erfuhr Daniel endlich das Geschehene. Eines Tages bekam er einen
Brief von dem Veranstalter des Konzerts, einem Geheimrat Lwenberg. Der Brief
schlo mit den Worten: Eine Gemeinde von Verehrern ist nach Ihren Schpfungen
begierig und grt Sie in herzlicher Dankbarkeit.
    Daniel traute seinen Augen nicht. Es war wie Hexerei. Stumm reichte er den
Brief Lenore. Sie las ihn und blickte Daniel ruhig an.
    Ja, ich bin schuld, sagte sie, ich habe das Quartett gestohlen.
    Soso; weit du denn auch, was du mir damit angetan hast, Lenore?
    In Lenores Gesicht malte sich Verwunderung und Schrecken.
    Du sollst es wissen, sprach er ernst, vielleicht vergeht dir knftighin
die Lust zu solchen Weiberstreichen.
    Er ging auf und ab und blieb dann dicht vor ihr stehen. Du hltst mich
wahrscheinlich fr einen Dickkopf und Justamentschdel; fr einen, dem einmal
der Frost die Finger zerbeult hat und der nun hinterm Ofen sitzt und raunzt und
das Wetter scheut. Da bist du auf dem Holzweg. Frher war etwas hnliches bei
mir im Verzug, jetzt hat's keine Gefahr mehr.
    Er ging wieder auf und ab, blieb wieder stehen. Nicht weil sie mir zu gut
scheinen, oder weil ich zu faul und zu feig bin, verwahr' ich meine Elaborate
unter Schlo und Riegel. Da mt ich ja Heu im Kopf haben, wenn ich nicht
begriffen htte, da die Wirkung zum Werk gehrt wie die Wrme zum Feuer. Ein
Werk, das nicht zu den Menschen redet, ist so gut wie nicht geschaffen. Es sind
Lgner, die sich einbilden, sie knnten auf Anerkennung oder Erfolg verzichten.
Was ich gemacht habe, ist gar nicht mehr mein Eigentum; es strebt zur Welt und
ist ein Stck der Welt und ich mu es ihr geben, wohlgemerkt, falls es etwas
Lebendiges ist.
    Nun also, Daniel, kam es erleichtert von Lenores Lippen.
    Eben, da liegt der Hase im Pfeffer, fuhr er unbeirrt fort, um die
Lebendigkeit handelt's sich, um die wahre Wesenhaftigkeit. Wozu die Leute mit
dem Halbfertigen und Unausgereiften abspeisen? Sie haben sich mit zu vielem von
der Art zu plagen. Zu viele wollen, zu viele knnen heutzutage, aber es ist kein
Himmelszwang dabei, kein gttliches Mu. Mein Unvollkommenes wrde meinem
Vollkommenen nur die Bahn sperren. Hat einen das Publikum mal verfhrt, da man
sich am Halben gengt, dann wird das Ohr taub und die Seele blind, eh man's
recht wei, und man ist dem Teufel verfallen. Der falsche Schritt ist schnell
getan, ein Zurck gibt's nicht, denn so zahllos wie die Mglichkeiten, so
einmalig ist die Tat, und so ersprielich die Ermunterung von auen sein kann,
so mrderisch ist sie, wenn sie das Gewissen berlrmt. Was ich da in all den
Jahren verfertigt habe, es sind ja gute Sachen, aber es sind schlielich nur
Versuche zu dem Groen, was mir vorschwebt. Vielleicht schmeichl' ich mir mit
Trug und Traum, vielleicht berschtz ich meine Kraft, aber es steckt in mir
drinnen und mu an den Tag. Es wird sich ja dann zeigen, was fr eine Kreatur es
ist. Dann hat das Dahintenstehen ein Ende, dann will ich mich schon rhren, dann
tret ich hinaus, dann will ich auch als der gelten, der ich bin. Darauf kannst
du dich verlassen.
    Kaum jemals hatte Daniel so zu Lenore gesprochen. Als sie ihn anschaute, von
der Leidenschaft seiner Worte bezwungen und ihn dastehen sah, so furchtlos, so
ehern unerbittlich, hob ein Seufzer ihre Brust, und sie sagte: Gebe Gott, da
es gelingt und da du's erlebst.
    Es ist alles Schicksal, Lenore, entgegnete er.
    Er forderte und erhielt das Quartett zurck.
    Von da an unterdrckte Lenore jede Regung der Unzufriedenheit in sich. Sie
sprte, da er Grausamkeit und Hrte fr das kleine Leben brauchte, um Geduld
und Liebe fr das groe zu bewahren.
    Ja, sie betete zur Vorsehung, da sie ihn grausam und hart bleiben lasse.

                                       16


Lenore ist mein Weib, sagte sich Daniel bisweilen, und es geschah, da er mitten
auf einem Weg innehielt, um die Sigkeit dieses Bewutseins ganz zu halten.
    Er wute es immer. Doch wenn er bei Lenore war, verga er nicht selten ihre
Gegenwart. Es gab Tage, wo er an ihr vorberging wie an einem zuflligen Gast.
    Es gab andere Tage, wo das Glck ihn zweifelschtig stimmte und ihn fragen
lie: ist es denn das Glck? warum empfinde ich's nicht schauriger, glhender?
    Oft prfte er ihre Gestalt, ihre Hnde, ihren Schritt und wnschte sich neue
Augen, um sie neu zu sehen. Und er ging fort, um sie besser zu sehen. Wenn er
nachts mit der Kerze an ihr Bett trat, wich ein sanftes Leid aus ihren Zgen,
und die Flammenblue ihres Blicks lie seine Pulse rascher schlagen.
    Es ist ein Punkt, wo die keuscheste Frau sich nicht von einer Dirne
unterscheidet; das macht den tiefsten Schmerz des Mannes, welcher liebt, und
kein Weib kann diesen Schmerz verstehen oder nur ahnen.
    So grbelnd und bildlos hadernd, in den Armen der Geliebten, empfing er das
abgrndig wehvolle Eingangsmotiv in D-moll der Symphonie, die allmhlich zur
groen Vision seines Lebens wurde und der, viele Jahre spter, eine Anhngerin
den Namen der prometheischen verlieh. Beim Erklingen des Themas brllte er auf
wie ein Tier, aber vor Freude. Ihm war, als sei in diesem Augenblick die Musik
berhaupt erst geboren worden.
    Er prete Lenore so heftig an sich, da ihr der Atem verging und murmelte
zwischen den Zhnen: Man hat nur die Wahl, aneinander stumpf oder aneinander
wund zu werden.
    Die Maske, die Maske, flsterte Lenore bang und wies in die Ecke, wo die
Maske der Zingarella aus der Halbdunkelheit wie ein unheimlich-schnes
Gespensterantlitz leuchtete.
    Vor der Tr stand Philippine und horchte. Sie hatte eine Ratte gefangen,
hatte sie gettet und legte den Kadaver auf die Schwelle. Als Lenore am andern
Morgen in die Kche gehen wollte, stie sie einen lauten Schrei aus und wankte
zitternd in die Stube zurck.
    Daniel strich ber ihr Haar und sagte: Krnk dich nicht, Lenore, auch
Ratten gehren in die Ehe, so gut wie versalzene Suppen, zerbrochene Kochtpfe
und Lcher in den Strmpfen.
    Ach, Daniel, soll das ein Vorwurf sein? fragte Lenore mit ihrem
melancholischen Kinderlcheln.
    Nein, Liebe, kein Vorwurf, nur ein Bild der Welt. Du hast eine
Prinzessinnenseele, du weit nichts von den Ratten. Sieh einmal die starren
schwarzen Perlenaugen, sie erinnern mich an Jason Philipp Schimmelweis und an
Alphons Diruf und an Alexander Drmaul und an Stammtische und Kaffeekrnzchen
und Schweife und Vereinsabende und alles, was unappetitlich, gemein und bse
ist. Schau mich nicht so erstaunt an, Lenore, ich hab einen hlichen Traum
gehabt, nichts weiter. Ein lumpig aussehender Mensch wollte immerfort deinen
Namen wissen, ich konnt ihn aber nicht nennen, denke dir, es war mir ganz
entfallen, wie du heit. Es war unerhrt qulend. Lebwohl, lebwohl.
    Er hatte seinen Hut aufgesetzt und ging. Er rannte in die Gegend von Feucht
und blieb den ganzen Tag im Freien, ohne etwas anderes zu sich zu nehmen als
Schwarzbrot und Milch. Dafr staken seine Taschen am Abend bei der Rckkehr voll
von Notenskizzen.
    Er machte den Umweg ber den Burgberg und klopfte am Huschen Eberhards von
Auffenberg an. Da nicht geffnet wurde, schlenderte er eine Weile an dem alten
Gemuer entlang und kam gegen neun Uhr wieder. Auch jetzt waren die Fenster noch
schwarz.
    Seit zwei Monaten hatte er Eberhard nicht gesehen. Er entsann sich jetzt des
bedrckten und erregten Wesens des Freiherrn, als er ihn zuletzt, Ende Mrz war
es gewesen, aufgesucht hatte. Eberhard hatte wenig gesprochen und mit
eigentmlich blicklosen Augen vor sich hingestarrt; er hatte den Eindruck eines
Menschen gemacht, der im Begriff ist, Ungewhnliches, ja sogar Schreckliches zu
erleben.
    Dies kam Daniel erst jetzt zu Bewutsein, er hatte in den vergangenen Wochen
nicht mehr daran gedacht und bedauerte sich nicht um Eberhard gekmmert zu
haben.

                                       17


Als er nach Hause kam, lag Lenore in verfrhten Wehen. Philippine empfing ihn
mit den Worten: Es gibt Familienzuwachs, Daniel. Und sie schlug ein rohes
Gelchter auf.
    Schweig, Krte! herrschte Daniel sie an; seit wann hat sie Schmerzen?
Warum holst du nicht die Hebamme?
    Kann ich's Kind allein lassen? Schimpf einen nicht so, erwiderte
Philippine mrrisch und drohend. Sie ging fort und holte die Hebamme. Nach einer
halben Stunde kehrte sie mit der Frau zurck. Es war Frau Hadebusch.
    Daniel war unangenehm berhrt. Er wollte fragen und Widerspruch erheben,
Frau Hadebusch kam ihm mit ihrer alten Zungengelufigkeit zuvor. Grinsend,
knicksend, augenverdrehend und auf alle Weise schntuend, berichtete sie, da
ihr Ehegespons vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet habe und da sie sich und
ihren armen Heinrich, den Idioten, als Geburtshelferin schlecht und recht
ernhre. Sie schien sich schon mit Lenore ins Einvernehmen gesetzt zu haben,
denn als sie ins Zimmer trat, wurde sie von dieser wie eine Bekannte begrt.
    Whrend Daniel ein paar Minuten mit Lenore allein war, fragte er entrstet:
Wie kommst du denn zu dem lsterlichen Weib?
    Sanft und arglos antwortete Lenore: Sie ist halt eines Tages dagewesen und
hat mir zugeredet. Sie hat von dir geschwrmt und hat mir erzhlt, da du bei
ihr gewohnt hast, und da hab ich gedacht: es ist ja gleich, welche es ist, und
hab sie bestellt.
    Mit Mhe sprach sie zu Ende. Ihr Gesicht, wei wie Papier, spannte sich im
Ausdruck ungeheurer Qual. Sie langte nach Daniels Hand und umklammerte sie so
stark, da ihm vor Angst kalt wurde.
    Als sie zu sthnen begann, wandte er sich ab und drckte die Fuste
gegeneinander. Frau Hadebusch trug einen Kbel voll heien Wassers herein. Hier
hat kein Mannsbild was zu tun! kreischte sie mit freundlicher
Gesichtsverzerrung, packte Daniel bei der Schulter und schob ihn durch die Tr.
    Die kleine Agnes stand im Flur und sagte: Vater.
    Bring das Kind zu Bett, schrie Daniel Philippine an.
    Der Inspektor trat aus der Kche. Er hielt ein irdenes Npfchen, in welchem
sich Suppe befand, die man ihm aufgehoben hatte und die er sich selbst berm
Herdfeuer gewrmt hatte. Er ging auf Daniel zu und sagte mit bebendem Kinn:
Unser Herrgott schtze sie und verfahre gndig mit ihr!
    La das, Vater, antwortete Daniel ungeduldig. Unser Herrgott regiert mit
Vorbehalten, die mich toll machen.
    Willst der Agnes nicht Gutnacht sagen? fragte Philippine in unwirschem Ton
aus der Kammer.
    Er ging hinein. Das Kind schaute ihm furchtsam entgegen. Je mehr es zum
Menschen heranwuchs, je grer wurde seine Scheu vor diesem Kind. Vollends
unertrglich war ihm stets das Beisammensein Lenores mit dem Kind gewesen.
Ergrnden hatte er das Gefhl nicht knnen. Er wute nur so viel, da er Lenore
nicht mehr eigenlebend sah, wenn das Kind mit seinen groen Gertrudsaugen und
dem gebogenen Lenorenmund daneben war, sondern da sie sich pltzlich in die
Schwester jener andern verwandelte, da sie nur noch Schwester war. Und dies
empfand er als etwas Verhngnisvolles.
    Aus Agnes' groen Kinderaugen blickten ihn beide Schwestern an, zu einem
einzigen Wesen verschmolzen, und ein vorauswissendes Entsetzen beschlich ihn.
Schwestern! Das Wort klang auf einmal feierlich in seinen Ohren, voll dunkler
Beziehung, mythisch gro.
    Schlaf, Kindla, schlaf, da drauen stehn zwei Schaf, ein schwarzes und ein
wei-ies ... plrrte Philippine. Wunderlich, wie viel Bsartigkeit in ihrem
Singsang lag.
    Daniel hielt es in der Wohnung nicht aus und irrte bis weit ber Mitternacht
in den Straen herum. Immer, wenn er den Entschlu fate, heimzukehren, mute er
daran denken, da ihm Frau Hadebusch in den Weg treten wrde, und da htte er
sich lieber aufs Pflaster legen und warten mgen, bis ihm jemand Kunde zutrug,
wie es mit Lenore ging.

                                       18


Es schlug eins, als er das Haustor ffnete. Am Stiegengelnder standen die Magd
vom ersten und die Magd vom zweiten Stock. Sie hatten nicht Schlaf finden
knnen. In ihren Kammern hatten sie die Schreie der jungen Frau vernommen. Jetzt
hatten sie sich zueinander gesellt und lauschten zitternd. Und raunten.
    Daniel hrte die eine sagen: Da sollte der Kapellmeister doch um den Doktor
schicken.
    Die andere seufzte und erwiderte: Ein Doktor kann auch nicht hexen.
    Jesus, Jesus, riefen nun alle beide, als wieder ein markerschtternder
Schrei durch das de Haus hallte.
    Daniel strmte die Treppen hinauf. Zum Doktor Mller, so schnell du
kannst, sagte er keuchend zu Philippine, die mit struppig aufgelsten Haaren
und barfu in der Kche stand und Tee kochte. Dann eilte er zu Lenore hinein.
Frau Hadebusch wollte ihn nicht zu ihr lassen, er stie sie zhneknirschend
beiseite und warf sich am Bett nieder.
    Lenore hob den Kopf. Sie war totenbleich, ihr Gesicht war von Schwei
berstrmt. Daniel, du darfst hier nicht sein, darfst mich so nicht sehen,
stammelte sie mit Anstrengung, aber ihr Ton war so bestimmt und so gebieterisch,
da Daniel aufstand und zgernd aus dem Zimmer ging. Ein seltsamer, rasender
Zorn erfate ihn. Er trank in der Kche Wasser und schleuderte das Glas zu
Boden, da es in hundert Scherben zersprang.
    Frau Hadebusch war ihm gefolgt. Sie sah finster aus. Als er dies bemerkte,
schwindelte ihn, und er mute sich setzen. Der Doktor wird kommen, sagte er
rauh.
    Herrjemine, was es jetzet fr kotzwehleidige Leut gibt, keifte die Alte,
doch war ihr die Nachricht ersichtlich ganz angenehm. Sie fand sich durch den
heutigen Fall in Schwierigkeiten verstrickt, denen sie sich nicht gewachsen
fhlte. Der Satan soll so ein zartgebautes Weibsvolk holen, hatte sie vor
einer Stunde gegen die grinsende Philippine bemerkt.
    Philippine kam zurck und meldete, der Doktor Mller sei auf Urlaub. Ist
denn nur der eine in der Stadt, du Vieh? heulte Daniel, so geh zum Doktor
Dingolfinger. Der wohnt noch nher, gleich neben dem Pellerhaus. Oder bleib da,
ich lauf selber.
    Doktor Dingolfinger war ein jdischer Arzt, ein ziemlich bejahrter Mann
schon, und es dauerte lange, bis ihn Daniel aus dem Schlaf gelutet hatte.
Endlich schritt er an seiner Seite ber den Platz. Er hatte das Lmpchen im Tor
stehen lassen und leuchtete dem Doktor voran.
    Dann sa er auf dem Kchenbnkchen, wie lange, das wute er nicht, den Rumpf
vorgeneigt, den Kopf in die Arme gesttzt. Die Schreie wurden immer rger. Es
war nicht mehr Lenores Stimme, es war eine entmenschte, eine entseelte Stimme.
Daniel hrte, dachte, fhlte nichts anderes als diese Stimme. Bisweilen
durchzuckte ihn der schauerliche Ruf: Schwestern! Schwestern!
    Frau Hadebusch holte mehrmals heies Wasser. Der gelbe Zahn starrte aus
ihrem Unterkiefer wie ein geiles und aberwitzig freches berbleibsel des Lebens.
Einmal erschien Doktor Dingolfinger, kramte in seiner Ledertasche, die er im
Flur aufgehngt hatte, erblickte Daniel und sagte mit abirrenden Augen: Es wird
schon gehen, es wird schon werden. Danach schlurfte Philippine an den Herd und
warf Kohlen zu. Mit heimlichem Schielen beobachtete sie Daniel und ging wieder.
Von Stunde zu Stunde pochte der alte Jordan am Gatter, damit Philippine ihm
Bericht erstatte.
    Es mochte vier Uhr sein, die dsteren Steinquadern der Hofgebude
schimmerten bereits im rosigen Frhlicht, da erschallte ein Schrei so
frchterlich, so namenlos wild, da Daniel aufsprang und an allen Gliedern
bebend stehen blieb.
    Dann wurde es ruhig, unheimlich ruhig.

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Er setzte sich wieder hin. Nach einer Weile fielen ihm die Augen zu, und er
schlief ein.
    Eine halbe Stunde mochte er geschlafen haben, da weckten ihn Schritte.
    Rings um ihn standen der Doktor, Frau Hadebusch und Philippine. Der Doktor
sagte etwas, wozu Daniel den Kopf schttelte. Es klang wie: Leider kann ich
Ihnen die traurige Mitteilung nicht ersparen. Daniel verstand ihn nicht. Er zog
die Lippen auseinander und dachte: so wirres Zeug zu trumen!
    Mutter und Kind, beide tot, sagte der alte Doktor mit Trnen in den Augen,
beide tot. Ein Knblein war's gewesen. Hier war die menschliche Wissenschaft
ohnmchtig, ist die feindselige Natur strker gewesen. Die Verblutung war nicht
aufzuhalten.
    So zart gebaut, murmelte Frau Hadebusch mibilligend, wie ein
Pflanzenstengel so zart.
    Als Daniel allgemach die berzeugung erlangte, da er nicht trumte, da
dies Philippines glitzernde Augen wirklich, Frau Hadebuschs geiler Zahn
wirklich, Doktor Dingolfingers Silberbart wirklich war und da er wirkliche
Worte gehrt, fiel er um und verlor die Besinnung.

                                       20


Schmerz, Trauer, Verzweiflung, das waren nicht die Worte, die seinen Zustand
bezeichneten.
    Er wute nichts von sich und hatte keine Gedanken. Er lag auf dem Kanapee in
der Wohnstube, Tag und Nacht, a nicht, sprach nicht, rhrte sich nicht.
    Als sie den leeren Sarg in die Sterbekammer trugen, whlte er das Gesicht
tief in die Ecke des Kanapees. Der alte Jordan wankte durch den Raum, um sein
totes Kind noch einmal zu sehen. Er hat sich versndigt, schluchzte er drinnen
auf, er hat sich an unserm Herrgott versndigt.
    Im Flur drauen wurde getuschelt. Martha Rbsam und ihr Mann, der Notar,
hatten sich eingefunden. Martha weinte still. Ihre schmale Gestalt mit dem
blassen Gesicht stand im Trrahmen, und sie suchte Daniel mit den Blicken.
    Willst deine Lenore nicht noch anschauen, vor sie den Sarg zumachen?
fragte Philippine dumpf.
    Er rhrte sich nicht; seine Zge verzerrten sich grauenhaft.
    Neben ihm auf dem Tisch standen kaltgewordene Speisen, auch Brot und pfel.
    Sie trugen den Sarg hinaus. Es schien ihm, als sei an der Stelle seines
Herzens ein schwarzer, leerer Raum. Die Glocken tnten, ans Fenster klatschte
Regen.
    In der zweiten Nacht darauf versprte er eine wunderliche Lockerung seines
Gemts. Dann ein kurzes Aufflammen, dann wurde es brennend na in seinen Augen.
Lautlos ergab er sich und ihm war, als begriffe er zum erstenmal in seinem Leben
die Schnheit des reinen Dur-Dreiklangs.
    Es verging noch ein Tag. Er vernahm, wie der alte Jordan ber ihm herumging,
mit schweren Schritten, unablssig. Es fror ihn, und als Philippine ins Zimmer
huschte, bat er sie um eine Decke. Philippine war beraus eifrig, ihm zu
willfahren. Da bimmelte das Flurglckchen. Philippine ging hinaus und ffnete.
    Vor ihr standen ein Herr und eine Dame. Sie hatten etwas so Vornehmes, da
Philippine nicht wagte, sie zurckzuhalten, als sie zur Tr der Wohnstube
schritten, die nicht zugemacht war und durch die man Daniel auf dem Kanapee
liegen sah.
    Daniel schaute den Eintretenden gleichgltig entgegen. Ganz allmhlich kamen
Sammlung und Erinnerung in seinen Blick.
    Es waren Eberhard von Auffenberg und seine Kusine, Sylvia von Erfft, die ihn
besuchten. Sie waren ein verlobtes Paar.
    In bedeutenden Umwlzungen seines Lebens stehend, hatte Eberhard erst vor
wenigen Stunden vom Tod Lenores Kunde erhalten.
    Es war ein seltsamer Besuch. Keines von den dreien sprach ein Wort, und
Daniel blieb unter seiner Decke regungslos liegen. Nur als Sylvia sich erhob,
sagte sie, zu Daniel gewandt: Ich kannte Lenore nicht, aber es ist mir doch,
wie wenn wir Freundinnen gewesen wren.
    Eberhard stie sein Drosselbartkinn in die Luft und war bla und stumm.
    Sie kamen an den folgenden Tagen wieder, und nach und nach bte die
Gegenwart der beiden einen wohltuenden Einflu auf Daniel aus.


                                  Dritter Teil

                      Das Zimmer mit den verwelkten Blumen

                                       1

Herr Carovius fhrte den Vorsatz, den er in der Erbitterung ber Lenores Heirat
gefat hatte, wenige Tage spter aus.
    Es war Ende Mrz gewesen; er hatte erfahren, da der alte Freiherr eben aus
Berlin zurckgekehrt sei. Er ging hin und lie sich melden. Es wurde ihm gesagt,
der Herr Baron empfange niemand, er mge sein Anliegen schriftlich vorbringen.
    Herr Carovius wollte aber seinem Schuldner Aug in Auge gegenbertreten, das
war ja gerade sein Traum, und als er bei einem zweiten Versuch wieder abgewiesen
wurde, machte er einen gewaltigen Lrm und verlangte, man solle ihn dann
wenigstens zur Freifrau fhren.
    Die Freifrau hatte ihre Musikstunde. Die fnfzehnjhrige Dorothea Dderlein,
die eine hoffnungsvolle Virtuosin auf der Geige war, spielte mit der Freifrau
Sonaten.
    Andreas Dderlein hatte ihr Talent schon frh erkannt. Seit ihrem zehnten
Jahr hatte sie tglich sechs Stunden ben mssen. Sie hatte verschiedene Lehrer
gehabt, die sie alle durch ihre Ungebrdigkeit zur Verzweiflung brachte. Nur vor
ihrem Vater duckte sie sich.
    Mit Worten voll objektiver Anerkennung hatte Andreas Dderlein der Freifrau
seine Tochter empfohlen. Die Freifrau erklrte sich bereit, mit ihr zu
musizieren, und Andreas Dderlein sagte zu Dorothea: Du hast nun eine
Gelegenheit, durch Protektion emporzukommen; versume sie nicht. Die Baronin
liebt das Gefhlvolle. Sei gefhlvoll. Manchmal verlangt sie etwas Dmonisches.
Tu ihr den Willen. Nach Art reicher Leute htschelt sie irgendeinen Luxuskummer.
Stre sie darin nicht.
    Dorothea war gelehrig.
    Sie spielten die Frhlingssonate von Beethoven, als der Lrm auf dem
Vorplatz erscholl. Die Zofe kam und flsterte ihrer Herrin etwas zu. Die
Freifrau erhob sich und schritt zur Tre, Dorothea lie den Geigenbogen sinken
und blickte mit etwas erknstelter Verwunderung um sich, als erwache sie aus
einem Traum.
    Auf einen Wink der Freifrau gab der alte Diener Herrn Carovius den Weg frei.
Mit rotem Gesicht trat er ins Zimmer und machte einen lcherlichen Kratzfu.
Seine Augen verschlangen die seidenen Portieren, den geschliffenen Spiegel, die
Kristallvasen, die Bronzefiguren, dabei hatte er den rechten Arm in die Hfte
gestemmt, ein Bein elegant vor das andere gesetzt und sah aus wie ein
Provinztanzmeister.
    Er schimpfte ber die Anmaung der Domestiken und versicherte die Freifrau
seiner Ehrerbietung. Er sprach von seinem guten Willen und vom Druck der
Umstnde. Als ihn die ungeduldige Miene der Zuhrerin endlich veranlate, auf
den Zweck seines Besuches zu kommen, zuckte die Freifrau zusammen, denn von dem
ganzen Schwall von Worten vernahm sie nichts weiter als den Namen ihres Sohnes.
    Mit hauchenden Lauten nherte sie sich Herrn Carovius und packte ihn beim
rmel. Ihre glanzlos schwarzen Augen wurden kugelrund, der flehentliche Blick
darin war Balsam fr Herrn Carovius.
    Da geno er sich; da wurde er frech; da wollte er sich an der Mutter fr die
Hoffart des Sohnes rchen. Er sah, da die Freifrau der Vorstellung nicht
entsprach, die er sich vom Wesen einer Aristokratin gemacht. In seiner Phantasie
und Erinnerung lebte sie als eine gebieterische und unzugngliche Erscheinung,
nun stand vor ihm eine fette, ngstliche alte Dame. Infolgedessen verlieh er
seiner Stimme einen schrilleren Klang, seinem Gesicht einen boshafteren
Ausdruck, als er die unglckliche Lage zu schildern begann, in die er durch
Eberhard geraten.
    Seine Gutmtigkeit sei an allem schuld. Freilich, ohne ihn htte das
Barnlein verhungern oder sonstwie im Elend verkommen mssen, denn mit der
moralischen Widerstandskraft sehe es bei dem jungen Herrn windig aus. Aber was
habe er davon gehabt? Undank, bitteren Undank.
    Hat mich ausgeplndert bis auf den letzten Heller und dann so getan, als
wr's meine verdammte Pflicht gewesen, fr Seine freiherrliche Gnaden ins Feuer
zu springen, schrie Herr Carovius. Ehedem war ich ein vermglicher Mann, ein
Mann, der sich sattessen konnte, ein Mann, der hin und wieder die
Annehmlichkeiten des Daseins geno. Heute bin ich ruiniert. Mein Geld ist hin,
mein Haus mit Hypotheken berlastet, meine Seelenruhe beim Teufel.
Zweimalhundertsechsundsiebzigtausend Mark ist der junge Herr mir und meinen
Geschftsfreunden schuldig, alles hbsch aufgeschrieben und unterschrieben und
bei Zins und Zinseszins summiert. Soll ich mir dafr noch die Tr vor der Nase
zuschlagen lassen? Das mssen Sie doch selbst einsehen, Frau Baronin, da das
nicht angeht. Dafr hab ich mir schon ein bichen Respekt verdient.
    Die Freifrau hatte die Hnde zusammengepret und erregt vor sich
hingestarrt. Jetzt lie sie sich, in gramvoller Schwche, auf einen Sessel
fallen. Ein Grinsen irrte ber das Gesicht des Herrn Carovius; er drehte den
Kalabreser zwischen den Fingern, und seine Blicke liefen leer an den Wnden
entlang. Da gewahrte er Dorothea Dderlein, die er bis jetzt in seinem
Glcks-und Wutrausch bersehen hatte.
    Als Herr Carovius eingetreten war, hatte sich Dorothea mit dem Wissen um
Diskretion, aber ohne ernstlichen Vorsatz dazu in den entferntesten Winkel des
Raumes geschmiegt. Zitternd vor neugieriger Erregung, hatte sie in den
gegenberhngenden Spiegel geschaut und sich so klein wie mglich gemacht, weil
sie von ihrem Onkel Carovius, dessen sie sich schmte, nicht erkannt werden
wollte.
    Sie hielt ihn fr einen komischen Sonderling, der ohne Nahrungssorgen,
jedoch in ziemlich beschrnkten Verhltnissen lebte. Wie er nun die Summe
nannte, die ihm das freiherrliche Haus Auffenberg schuldete, erfllte sie ein
verwunderter und freudiger Schrecken, und sie sah ihn pltzlich mit ganz andern
Augen an.
    Herr Carovius seinerseits hatte Dorothea in den letzten Jahren selten zu
Gesicht bekommen. War er ihr begegnet, so war sie hastig vorbergehuscht. Da
sie das Violinspiel lernte, wute er; zum Grauen oft hatte er das ihm
abscheulich klingende Gefiedel auf Flur und Stiege vernommen.
    Er fixierte das Mdchen und rief auf einmal aus: Ein Ro will ich sein,
wenn das nicht die Dderleinische ist! Wie kommst du denn daher, Nichtchen?
Gehst wohl in die Huser und produzierst dich? Ist euch die Musik noch nicht
genug auf dem Hund, dir und deinem Erzeuger?
    Die Freifrau, sich der Anwesenheit des jungen Mdchens entsinnend, hob den
Kopf und sah Dorothea vorwurfsvoll an. Zum erstenmal dnkte es sie, da die
Hilfsquellen versiegt seien, die sie einem Leben der Verlassenheit abgetrotzt;
zum erstenmal berlief sie ein Schauder, als sie ihrer musikalischen Betubungen
gedachte.
    Sie sagte zu Herrn Carovius, er mge sich einige Tage gedulden, er werde von
ihr hren, sobald sie mit ihrem Mann gesprochen. Seine eifrige Erwiderung
schnitt sie mit einer Geste ab, die ihn einschchterte, dann nickte sie auch
Dorothea verabschiedend zu, die ihre Geige einpackte, den Kasten in die Hand
nahm, einen Knicks machte und ihrem Onkel aus dem Zimmer folgte.
    Sie blieb an seiner Seite. Sie gingen zusammen durch die Straen. Herr
Carovius wandte sich bisweilen mit ein paar hmischen Worten an sie. Sie
lchelte bescheiden.
    Damit begann das wunderliche Verhltnis, das von nun ab zwischen den beiden
herrschte.

                                       2


Seit einiger Zeit hatte es den Anschein, als habe sich der Freiherr von
Auffenberg vom Schauplatz der Politik zurckgezogen. In den Kreisen, die ihn
frher hoch gewrdigt hatten, galt er als eine gefallene Gre.
    Seine Freunde suchten die Ursache in den fortwhrenden Beeintrchtigungen,
welche die Partei erlitten hatte; in der allenthalben zutage tretenden
Umwandlung des ffentlichen Geistes, dem heftiger werdenden Druck von oben, der
wachsenden Grung von unten; in der fieberhaften Bewegung, von der das Brgertum
ergriffen war, und in der seine Gestalt, seine Lebensformen, seine Ideale, seine
berzeugungen einen bedeutungsvollen Umwandlungsproze erlitten, in der
schwierigeren Behandlung, die alle Fragen der nationalen Kultur boten.
    Aber dies konnte nicht den Zug steinernen Widerwillens erklren, den dieses
Antlitz frher unter Menschen nie gezeigt; den harten Blick, die finstere
Ungeduld nicht, und die Schweigsamkeit, die er auch dort bte, wo er ehemals
durch sein scharmantes Plaudertalent entzckt hatte.
    Im Innern freilich hatte er seine Gesinnungsgenossen stets verachtet, ihr
Reden und ihr Tun, ihre Begeisterung und ihre Emprung. Aber er hatte sich
trotzdem nicht von ihnen losgesagt, denn er hatte die Entdeckung gemacht, da
Geringschtzung und Herzensklte sich sehr gut eignen, um die Menschen zu
beherrschen.
    Wennschon er im Anfang seiner Laufbahn mit dem Schwung, den ihm seine
Begabung verliehen, fr Freiheit und Toleranz gekmpft hatte, so war ihm doch
der ganze Liberalismus nicht viel mehr als eine Zeitungsphrase geworden, ein
Mittel, um den denkfaulen Brger zu beschftigen und dem gehaten, heimlich
bewunderten Bismarck Hindernisse in den Weg zu legen.
    Er hatte Macht ausgebt im Bewutsein der Lge, nur durch Gebrde, nur durch
Berechnung, nur durch Gewandtheit. Dies aber frit am Mark des Lebens.
    In seinen Augen war nichts von Bestand als jenes ungeschriebene, doch in
allen Zeiten siegende Gesetz, das die Kleinen unter die Groen, die Schwachen
unter die Starken, die Unmndigen unter die Erfahrenen, die Armen unter die
Reichen zwang. Demnach teilte sich ihm die Menschheit in zwei Lager: hier
diejenigen, die sich dem Gesetz beugten, dort die Verworfenen, die sich dagegen
auflehnten.
    Von den Verworfenen der Verworfenste war sein Sohn Eberhard.
    Mit dem schmerzenden Stachel in der Brust, inmitten eines lrmenden und
lgnerischen Daseins von dem Gefhl der Einsamkeit bedrngt, von einem tglich
zunehmenden Abscheu gegen den berflu und die Verweichlichung seiner Existenz
erfllt, hatte er aus der Gestalt des Sohnes etwas wie ein leibhaftiges bses
Prinzip gemacht.
    Er erblickte ihn in Verkommenheit und in Ausschweifungen jeder Art; als
einen Verrter seines Namens von Stufe zu Stufe sinkend; wie in einem grausam
befriedigenden Traum sah er ihn im Bund mit den Elenden und Gezeichneten, im
Verkehr mit Dieben, Straenrubern, Hochstaplern, Falschmnzern, Anarchisten,
Dirnen und Literaten. Er sah ihn in schmutzigen Spelunken, und flchtig auf
einer Landstrae, und betrunken in einer Spielhlle, und als Bettler auf einem
Jahrmarkt und als Angeklagter vor der Justiz.
    Den Vorsatz, so lange zu warten, bis der Entartete vor aller Welt
gebrandmarkt war, hatte er aufgegeben. Seine Ungeduld, Frieden zu finden, die
Larven abzuwerfen, nichts mehr zu wissen von den Verstrickungen, Verstellungen
und dem gewohnten Wohlleben war so gro, da er dem Tag, der ihn erlste, wie
einer Neugeburt entgegensah.
    Doch warum zgerte er? War noch ein Zweifel in seiner Brust, schlummerte
vielleicht ganz in der Tiefe seines Herzens, wohin Bitterkeit und Rachsucht
nicht dringen konnten, ein anderes Bild des Sohnes? Warum zgerte er von Woche
zu Woche, von Monat zu Monat?
    Inzwischen hatte er viele Hunderttausende fr Armenhuser, Spitler,
Stiftungen und Spenden ausgegeben. Er wollte noch Millionen verteilen, so viel
jedenfalls, da den Erben nur die hrenlese blieb. Die Nutznieerin der
Brauereibetriebe und der Landgter sollte Emilie werden.
    Dies stand fest, und als ihm seine Frau berichtet hatte, in welcher Lage
sich Eberhard befand, hielt er sich fr berechtigt, seine Verfgungen zu
treffen. Der Nachweis unwrdigen Wandels konnte jetzt erbracht werden; die
Schuldenlast, die leichtsinnig oder betrgerisch auf den Namen des Vaters
gehuft war, verurteilte ihn zur Genge. Und wenn nicht, mochten sie ber seinem
Grab zanken; mochte ihnen sein letzter Wille als Gespenst alle Freuden
vergllen.
    Seit sieben Jahren lag der Testamentsentwurf bereit; es war nichts weiter
erforderlich, als den Notar rufen zu lassen.
    Aber warum zgerte der Freiherr? Ging mit verkniffenen Lippen Tag und Nacht
in seinem Zimmer umher? Rief seinen Diener, um ihm zu befehlen, den Notar zu
holen und verlangte dann irgend etwas anderes?
    Dpche-toi, mon bon garon, krchzte der Papagei.

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Im Lauf dreier Tage hatte die Freifrau fnf Unterredungen mit ihrem Gatten. Er
schlug ihre Bitte, die Verhltnisse des Sohnes zu regeln, jedesmal rundweg ab,
und wenn sie immer dringender flehte, verstummte er.
    Bei dem letzten Versuch, den sie machte, hrten die Dienstleute sie mit
leidenschaftlicher Heftigkeit reden. Als sie dann das Zimmer des Freiherrn
verlie, gab sie, vor Erregung am ganzen Krper bebend, den Auftrag, da man
ihre Koffer packe und den Wagen anspannen lasse.
    Eine Stunde spter fuhr sie in Begleitung ihrer Zofe auf das sechzehn
Kilometer entfernte Gut Siegmundshof. Sie fand dort jedoch keine Ruhe, ging bei
Tage, dumpf vor sich hinjammernd, durch die Zimmer und lag des nachts schlaflos.
Am vierten Tag kehrte sie in die Stadt zurck, lie den Wagen bis vor das Haus
des Grafen Urlich fahren und schickte den Kutscher hinauf, um die Grfin zu
holen. Emilie kam und fragte erschrocken nach dem Begehren der Mutter. Die
Freifrau wnschte, da ihre Tochter sie zu Herrn Carovius begleite, dessen
Wohnung sie aus dem Adrebuch erfahren hatte.
    Herr Carovius hatte umsonst auf die Nachricht gewartet, die ihm die Freifrau
versprochen. Der rger bermannte ihn, er beschlo, ein Exempel zu statuieren
und betrat das Auffenbergsche Haus wie die strafende Gerechtigkeit in Person.
Als ihm gesagt wurde, da er nicht vorgelassen werden knne, begann er wieder
Skandal zu machen, die ganze Dienerschaft lief herzu, schlielich kam sogar ein
Polizist, der ihn zur Rede stellte, der Portier drngte ihn aus dem Torgang, und
er stand in dem Menschenauflauf vor dem Haus mit bloem Kopf und fuchtelnden
Armen, ein Bild der Wut.
    Alsbald bekamen die stillen Hintermnner Wind von seinen vergeblichen
Versuchen, die Bezahlung der Schuld zu erlangen. Sie wurden besorgt, rannten
Herrn Carovius die Tren ein und betrauten schlielich einen Advokaten mit der
Fhrung des Prozesses. Herr Carovius hatte mittlerweile durch einen Spher Kunde
erhalten, da es zwischen dem Freiherrn und der Freifrau zum Bruch gekommen, da
die Freifrau bei Nacht und Nebel geflohen sei und unter den Dienstleuten und
Freunden des Hauses groe Bestrzung herrsche.
    Ein wollstiges Leuchten huschte ber sein Gesicht. Niederlage und
Verzweiflung; Heulen und Zhneklappern; Besseres konnte er sich nicht wnschen.
Er erschien sich als der Vertilger der gesamten Aristokratie, und wenn es schon
ein beglckendes Grauen ist, das zerstrt zu sehen, was man verachtet, um wie
viel mehr erst, was man liebt und bewundert.
    In dieser Stimmung trafen ihn die Freifrau und ihre Tochter. Der Anblick der
beiden Damen beraubte ihn der Sprache. Er verga, zu gren, er dachte nicht
daran, sie ins Zimmer zu bitten.
    Die Freifrau wollte wissen, wo sich Eberhard befand. Sie war entschlossen,
zu ihm zu reisen. Als ihr Herr Carovius stotternd mitteilte, der junge Freiherr
wohne kaum dreihundert Schritte von hier, fing sie an zu zittern und lehnte sich
kraftlos an die Mauer. Darauf war sie nicht gefat gewesen. Sie hatte sich immer
vorgestellt, Eberhard weile an einem geheimnisvollen Ort in geheimnisvoller
Ferne.
    Herr Carovius machte sich sogleich anheischig, die Damen hinzufhren, aber
die Freifrau erklrte pltzlich, sie fhle sich nicht fhig, es werde vielleicht
ihr Tod sein. Bring mich zu dir nach Hause, flehte sie ihre Tochter an, und
sprich erst mit Eberhard.
    Jedoch Emilie hatte ihren Bruder in den neun Jahren ihrer Ehe nicht gesehen
und frchtete sich vor der Begegnung noch mehr als ihre Mutter. Die Freifrau in
ihre Wohnung zu bringen, daran war ganz und gar nicht zu denken; die alte Dame
hatte offenbar vergessen, da sie dem Grafen Urlich vor mehreren Jahren, als es
bekannt geworden war, da er die Bonne seines Kindes geschwngert, in den
strksten Ausdrcken ihr Haus verboten hatte.
    Da sich die Freifrau beharrlich weigerte, in ihre Stadtwohnung
zurckzukehren und ebensowenig Lust bezeigte, wieder nach Siegmundshof zu
fahren, blieb Emilie nichts anderes brig, als sie in ein Hotel zu fhren. Herr
Carovius, der den zwei Damen auf die Strae gefolgt war und ihr klgliches
Gebaren mit innigem Genu verfolgt hatte, schlug den Bayrischen Hof vor. Er
setzte sich auf den Bock, gab dem Kutscher mit leutseliger Miene Anweisung und
blickte triumphierend auf die Fugnger hinunter.
    Grfin Emilie, die sich keinen Rat mehr wute, sandte eine Depesche an ihre
Tante Agathe. Am nchsten Mittag kam Frau von Erfft mit ihrer Tochter Sylvia.
Clotilde ist wie von Sinnen, sagte sie zu Emilie, nachdem sie eine Stunde lang
im Zimmer der Schwester gewesen war; ich gehe jetzt zu deinem Vater, ich mu
einmal mit Siegmund reden.
    Der Freiherr empfing seine Schwgerin nicht eben freundlich, trotzdem er
gerade vor ihr immer groe Achtung gehabt hatte.
    Frau von Erfft vermied es klglich, ber die Familienverhltnisse zu
sprechen. Sie erzhlte von Sylvia, da die nun Siebenundzwanzigjhrige alle
Heiratsvorschlge gleichmtig abgewiesen habe und da sie und ihr Mann darber
in Sorge seien.
    Sie will sich nicht begngen, sagte Frau Agathe, sie sucht in der Ehe
eine Mission und frchtet nichts so sehr wie den Verlust ihrer Freiheit. So sind
unsere Kinder, lieber Siegmund, und wenn wir sie anders zur Welt gebracht
htten, wren sie anders. Zu unserer Zeit war Gehorsam das Ideal, jetzt haben
sie die Pflicht gegen sich selbst entdeckt.
    Dann sollen sie nur sich selber helfen, antwortete der Freiherr, der die
Anspielung verstand, mit finsterem Blick.
    Aus den wirren Reden ihrer Schwester hatte Agathe doch entnommen, was
zwischen den Eheleuten vorgefallen war. Sie kannte die schmerzliche
Vergangenheit, und als sie nun in das Gesicht des Mannes schaute, erriet sie,
was hier ntig war. Sie fate den Entschlu, Eberhard zu seinem Vater zu fhren.
    Vor allem wollte sie Clotilde beruhigen und zur Rckkehr in ihre
Huslichkeit veranlassen. Die Aufgabe war bei der Schwche und Haltlosigkeit der
Freifrau nicht schwer. Sylvia blieb bei ihrer Tante, und ihre stille Festigkeit
bte einen wohltuenden Einflu auf sie aus. Agathe hatte sich unterdessen
Eberhards Adresse verschafft. Nach einigem Suchen fand sie das Haus; Eberhard
war daheim.

                                       4


Die erste Unterredung mit ihm verlief ohne Resultat. Er wich ihren mutigen
Worten aus und berhrte, was er nicht hren wollte. Er war zugeknpft, hflich
und verdrossen. Voll rger berichtete Agathe ihrer Tochter von der Enttuschung,
die sie erlitten, da uerte Sylvia den Wunsch, ihre Mutter zu begleiten, wenn
sie wieder zu Eberhard ging. Agathe schttelte den Kopf, doch war sie keineswegs
gesonnen, ihre Absicht aufzugeben.
    Im freiherrlichen Hause nderte sich nichts. Baronin Clotilde befand sich
dauernd in einer Erregung, die sie und alle, die um sie waren, qulte, und der
Baron bildete ein beunruhigendes Rtsel fr seine Umgebung. Er verlie seine
Zimmer nie, in denen er viele Stunden lang mit gleichmigen Schritten, die
Hnde auf dem Rcken, hin und her wanderte.
    Agathe kam ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal zu ihrem Neffen. Wenn
auch Eberhards Klte unberwindlich schien und er sich um nichts nachgiebiger
zeigte, so gelang es ihr allmhlich doch, ihn aus seinen Hinterhalten zu reien,
und als sie dann Sylvia mitbrachte, die bei der Mutter wie gewhnlich ihren
Willen durchgesetzt hatte, erffnete er sich pltzlich ganz unerwartet, und man
sah, wie es in seinem Innern kmpfte.
    Stockend und in seiner nicht selten gespreizten und schnrkelhaften
Redeweise erzhlte er von seiner Jugend, dem ewigen Unfrieden zwischen Vater und
Mutter, dem hlichen Geznke; da die Mutter, kaum hatte sie einen Befehl
erteilt, stets Gegenbefehl vom Vater erfahren; wie die Kinder bald gemerkt, da
der Vater seine eigenen Wege ging und die Mutter ihre eigenen; da sie einander
mitraut, einander Fallen gelegt; da die Mutter bei all ihrer liebenswrdigen
Sanftmut doch in dem einen Punkt von geradezu teuflisch zu nennendem Drang
besessen gewesen sei, den Mann immer wieder dort zu reizen, zu stacheln und zu
verwunden, wo sie ihn schon tausendmal gereizt, gestachelt und verwundet hatte;
da dieser Mangel an Vernunft und berlegenheit auf der einen und von Gte und
Offenheit auf der andern Seite das Haus allmhlich zu einer Hlle gemacht, die
Herzen der aufwachsenden Kinder zerrissen und in der Zerrissenheit verhrtet
habe und sie keine freundliche Miene irgend eines Menschen fr aufrichtig
genommen, jede Hand, die sich ihnen entgegengestreckt, gemieden htten. Wie dann
in dieser liebeleeren dnis sich Bruder und Schwester leidenschaftlich
aneinander geklammert und diese Beziehung sowohl in Eberhards wie in Emiliens
Innern heiligster, unantastbarer Besitz geworden und sie frmlich einen Bund
gegen alle brige Welt geschlossen, sich alles mitgeteilt, stets beraten, jedes
Buch gemeinsam gelesen, Glck und Unglck gemeinsam getragen htten; wie dann
eines Tages der Vater vor Emilie hingetreten, um ihr zu sagen, da Graf Urlich
um ihre Hand angehalten und da er sie ihm versprochen htte.
    Hier schwieg Eberhard, prete die Lippen zusammen und sein fahler Blick, der
Agathe nie so sehr wie jetzt an den des alten Freiherrn erinnert hatte,
bekundete einen unheilbaren Schmerz.
    In groben Zgen kannte Agathe diese Geschichte; so aber, wie sie sie jetzt
gehrt hatte, regte sie ihr tiefstes Gefhl auf. Man mu vergessen knnen,
sagte sie.
    Vergessen? Nein, das kann ich nicht, hab ich nie gekonnt. Mag's ein Laster
sein oder eine Tugend, vergessen kann ich nicht. Emilie, die noch ein halbes
Kind war, wurde mit der Zeit gefgig gemacht. Aber da meine Mutter damals nicht
alles aufgeboten hat, um diese Greueltat zu verhindern, da sie darber in ihre
wehselige Schwche versunken ist, das war die furchtbarste Erfahrung meines
Lebens.
    Es ist deine Mutter, Eberhard. Nie und nimmer hat ein Sohn das Recht, die
Mutter zu verurteilen.
    Nicht da ich wte, antwortete Eberhard frostig. Auch Mtter sind
Menschen. Auch Mtter knnen sndigen, wenn sie uns den Wurmfra des Zweifels
und des Lebensekels als Mitgift geben. Vater und Mutter, Eltern; sie sind ein
Symbol, ein herrliches, wenn sie ber uns schweben, verehrungswert. Sie sind nur
Begriffe, Schemen nur, wenn nichts als Pflicht mich an sie bindet. Es gibt keine
andere Pflicht als die Liebe.
    Sylvia hatte nichts gesprochen. Unbewut befolgte sie das schnste Gesetz
harmonischer Seelen, nicht durch Worte und Grnde, sondern durch reines Sein zu
wirken. Zustimmung und Abwehr lagen wie Licht und Schatten auf ihrer Stirn.
    Dadurch erinnerte sie Eberhard immer mehr und mehr an Lenore.
    Vielleicht war es die Macht dieser Erinnerung, die ihn im Lauf des Abends
endlich zu dem Versprechen bewog, am nchsten Tag mit Agathe zu seiner Mutter zu
gehen. Die einzige Bedingung, die er stellte, war, da man ihn vor einem
Zusammentreffen mit seinem Vater sicherte.
    Als Frau von Erfft ihn hierin unerbittlich sah, gab sie sich zufrieden,
hatte aber die vertrauensvolle Vorahnung, da die Ereignisse und die Stunde
strker sein wrden als Wille und Absicht.

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Beim Betreten des Boudoirs seiner Mutter fiel Eberhards erster Blick auf die
Alabasteruhr, deren Zifferblatt von drei Figuren getragen wurde, welche die
Tchter der Zeit darstellten. In seinen Knabenjahren hatte ihm die Uhr immer
etwas hchst Poetisches bedeutet, etwas wie die Erfllung sehnschtiger Wnsche.
    Die Freifrau war von ihrer Schwester vorbereitet worden. Whrend Eberhard
mit Sylvia im Erkerzimmer gewartet hatte, waren einige Leute von der
Dienerschaft an der Tr gestanden und hatten scheu miteinander geflstert.
    Eberhard ging auf seine Mutter zu und kte ihr die Hand. Das Gesicht der
Freifrau hatte eine Frbung wie Blei. Ihre Augen waren weit aufgerissen,
gleichwohl schien sie fast ohne Besinnung. Abseits stand Emilie; die Finger
ihrer auf die Brust gedrckten Hnde bewegten sich wie in Konvulsionen.
    Frau Agathe suchte der Situation das Feierliche und Unnatrliche zu nehmen
und begann in launigen Worten von Eberhards Asyl auf dem Burgberg zu erzhlen.
Baronin Clotilde schaute ihren Sohn gespannt und furchtsam an. Ich erkenne ihn
ja kaum, sagte sie mit heiserer Stimme; er hat sich so verndert.
    Auch du, Mutter, hast dich verndert, brachte Eberhard hervor, und das
Drosselbartkinn verkroch sich in den Ausschnitt des Rocks. Er war stocksteif.
Agathe musterte ihn voll rger und Befremdung. Er sah aus, als qule ihn whrend
des ganzen Vorgangs die unsglichste Langeweile.
    Aber es war nur eine Maske. Indem er die Mutter anschaute, das alte,
verschwommene, mde, zaghafte Gesicht, wurde er sich seiner Verfehlung bewut,
sprte er, da es nicht galt, das Wort: Mtter sind auch Menschen. Er hatte
hier etwas gut zu machen, hier war eine Tat notwendig, und es schien ihm, da
schon sein nchster Schritt zu unabwendbarer Selbstverachtung fhren msse, wenn
er die sittliche Tat der Reue unterlie.
    Als er so mit sich rang und wie gelhmt in den Aufruhr seines Innern
starrte, war der Blick eines Augenpaars hinter die scheinbare Unempfindlichkeit
gedrungen. ber Sylvias Wangen scho eine jhe Rte; sie schritt auf ihren
Vetter zu und packte seine Hand. Er schrak sichtlich zusammen; sofort begriff
er, da sie ihn erraten hatte und seinen Kampf zur Entscheidung bringen wollte.
Sie fhrte ihn aus dem Zimmer; er folgte ihr; sie fhrte ihn durch den
Speisesaal, den Empfangsraum, das Rauchzimmer, die Bibliothek bis zu den Zimmern
des Freiherrn. Agathe, Emilie und die Baronin hatten sich staunend einander
angesehen. Sie waren zur Schwelle des Boudoirs gegangen und lauschten in
atemlosem Schweigen.
    Mutig ffnete Sylvia die Tr. Der alte Freiherr sa auf dem Ledersessel vor
dem Ofen. Seine Beine waren in einen Schal gewickelt; der Ausdruck seines
Gesichts war von einer geradezu steinernen Klte.
    Kaum hatte er die beiden gewahrt, so sprang er empor, als htte der Blitz
neben ihm gezndet. Er wankte; er tastete um sich; ein ersticktes Gurgeln kam
aus seiner Kehle.
    Da trat ihm Eberhard gegenber und streckte die Hand aus.
    Eine Sekunde lang schien es, als wolle der alte Mann niederbrechen. Eine
letzte Flamme von Groll und Ha zuckte wild aus seinen blauen Augen, dann
streckte auch er die Hand aus, und sein Arm zitterte, whrend sich auf den
Backen dicke, bebende Muskelknoten bildeten. Sylvia hatte die Tre leise
zugemacht und war verschwunden.
    Bange Minuten verflossen, und nichts geschah, als da jeder des andern Hand
in der seinen hielt und seinen Blick in das Auge des andern bohrte. Nur das
Knistern des Ofenfeuers unterbrach die Stille.
    Gerade noch zu rechter Zeit, murmelte der alte Freiherr ohne aufzublicken
verloren vor sich hin, gerade noch zu rechter Zeit.
    Eberhard antwortete nicht. Er stand regungslos da, die Hacken geschlossen,
wie ein junger Offizier vor seinem Vorgesetzten.
    Nach einer Weile drehte er sich um und verlie langsam das Zimmer.
    In der Bibliothek wartete Sylvia. Die Dmmerung lie nur den Umri ihrer
Gestalt erkennen.
    Eberhard fate sie an und flsterte: Ich glaube, ich habe doch keinen Vater
mehr.

                                       6


Noch in derselben Nacht war der alte Freiherr abgereist. Mitten in der Nacht; um
vier Uhr hatte ihn sein Diener auf die Bahn begleitet.
    Auf seinem Schreibtisch fand man am Morgen zwei Briefe; einer war an
Eberhard gerichtet, der andere an die Freifrau. Der letztere enthielt nur einen
Abschiedsgru, jener war etwas ausfhrlicher gefat, gab die Genugtuung darber
kund, da Eberhard, den er als Chef des Hauses willkommen hie, zu seiner
Familie zurckgekehrt sei, deutete an, da er ihm alle gesetzlichen
Machtbefugnisse binnen kurzer Frist erteilen werde und schlo mit dem
berraschenden Satz: Was mich selbst betrifft, so werde ich nunmehr in die
katholische Religionsgenossenschaft eintreten, um den Rest meines verfehlten
Lebens zu Viterbo im Dominikanerkonvent della Guercia zu verbringen.
    Keine Gefhlsergsse, keine Erklrungen, keine Bekenntnisse, nur die nackte
Tatsache.
    Die Freifrau war weder erstaunt, noch erschrocken. Sie fiel in dumpfes
Sinnen, dann sagte sie: Er war niemals froh. Er war niemals in seinem ganzen
Leben froh. Ich habe ihn niemals von Herzen lachen hren, und an seiner Seite
hab ich das Lachen verlernt. Von jeher ist seine Brust ein Kloster gewesen, ein
Ort der Dsterkeit und Strenge. Er hat heimgefunden, weiter nichts, und mag wohl
mde sein von dem langen Weg zu seiner Seele.
    Dummes Zeug, Clotilde! rief da Frau von Erfft heftig. Das mit dem Lachen
mag schon stimmen, und ein Mensch, der nicht lachen kann, ist ein halbes Tier.
Aber mu deswegen ein gebildeter Mann zu solchem Mittel greifen, um zum Frieden
mit sich und seinem Gott zu gelangen? Ein Mann, der ein Beispiel zu geben
verpflichtet ist? Ist noch nicht genug Finsternis in den Kpfen? Mu man die
Fackeln auslschen, bei denen man Wache gehalten hat? Hier hat mein Verzeihen
ein Ende, da bin ich Weltkind ganz und gar und steh lieber bei denen, die fr
Heiden gelten und uns Werke des Lichts und der Erleuchtung geschaffen haben.
    Bei diesen Worten trat Eberhard ein, und als sie in sein Gesicht schaute,
war Frau von Erffts Gedanke: auch er kann nicht lachen.
    Der Glaubenswechsel des Freiherrn von Auffenberg verursachte berall im
Lande die grte Erregung. Die liberalen Zeitungen brachten geharnischte
Artikel, in den liberalen Vereinen wurden flammende Proteste gegen die
schleichenden Umtriebe Roms erhoben; die ultramontanen Parteignger jubelten und
benutzten die wunderbare Rckkehr eines Unglubigen in den Scho der allein
seligmachenden Kirche krftig zur Werbung neuer Jnger und Anfeuerung alter.
Durch die Brgerstuben wehte ein Schauer von Priestertyrannei und
Geistesknechtung.
    Wenig berhrt vom Wirrwarr der Meinungen, fand sich Eberhard rasch in die
vernderte Lebenslage. Pltzlich Herr zu werden ber so vieles und so viele, das
erforderte Ernst und Haltung, klaren Blick und feste Hand. bereifer und Dnkel
waren seinem Wesen keine Gefahr, eher Bedenklichkeit und Vorliebe fr den Platz
im Schatten. Seltsam, die Flle der Verantwortung heiterte sein Gemt auf; was
der Anteil an der ihm zugewachsenen, sehr uerlich bewegten Welt nicht
vermochte, das vollendete Sylvias Einflu.
    Im Mai begleitete er sie und ihre Mutter nach Erfft. Sie machten dort
tglich gemeinsame Spaziergnge, und immer wieder erzhlte Eberhard von Lenore;
erst scheu und verhalten, dann, als er tieferes Vertrauen zu seiner Zuhrerin
gefat hatte, so offen, da diese Offenheit schon ein Zeichen innerer Befreiung
war.
    Als er von Lenores Heirat mit Daniel Nothafft berichtete, unterbrach ihn
Sylvia lebhaft und stellte einige Fragen in bezug auf Daniel. Ach, das ist ja
unser Gast von damals, sagte sie, das ist ja der Kapellmeister. Und nun
erzhlte sie ihrerseits von dem Aufenthalt Daniels in Erfft, mit einem Lcheln,
in dem Nachsicht und wiedererwachte Verwunderung lag.
    Auch dieses Lcheln erschien Eberhard eigentmlich lenorenhaft. Doch kam er
in Sylvias Nhe, gerade weil bei ihr alles ein wenig abgeschwcht war,
deutlicher zur Erkenntnis, was ihn so machtvoll zu Lenore hingezogen hatte. Er
konnte es nicht in Worte oder Begriffe schlieen, er fhlte nur, es war das ihm
unbekannte Reich der Klnge, der unbekannte Schmelz innerer Melodie, die tnende
Ordnung der in Seele verwandelten Musik.
    Anfangs Juni fuhr Sylvia mit Eberhard und ihren beiden Eltern nach Nrnberg
zurck. Ein paar Tage spter fand im freiherrlichen Haus die Verlobung statt.

                                       7


Herr Carovius war bezahlt worden. Das Konsortium stiller Hintermnner hatte sich
aufgelst.
    Nie hat es einen befriedigten Glubiger gegeben, der so unglcklich war wie
Herr Carovius. Er hatte kein Wegziel mehr; auch die Wegweiser waren zerbrochen.
Das Geld hatte er bekommen, schn; auf seinen Teil war sogar ein Profit von ber
sechzigtausend Mark gefallen. Aber was wog das gegen die Erwartung des groen
Kladderadatschs? Was bedeutete Wohlleben und Besitz gegen den Genu, den man
beim Fall von Gestirnen empfindet? Was hatte noch Reiz in der Welt, nachdem
diese hoffnungsvolle Angelegenheit, die als eine Tragdie begonnen und sich so
gesteigert hatte, da man glauben durfte, alle Gegenstze der menschlichen Natur
wrden vernichtend zusammenprallen, als ein gemeines Rhrstck mit allseitiger
Vershnung geendet hatte?
    Aber es lag nicht an dem allein, da Herr Carovius, bisher eine elastische
Gestalt, einer von den unverwstlichen Junggesellen, denen keine Schranke
gesetzt scheint, sich pltzlich alt werden fhlte. Eine Unruhe war in seinem
Gemt, eine bse Ahnung, eine Angst vor Wetterwechsel.
    Er sprte einen inneren Hunger und hatte gleichwohl keinen rechten Appetit
mehr auf die Dinge. Verloren, seufzte es in ihm, verspielt und vertan. Doch es
konnte denen, die sich auf seine Kosten bereichert hatten, nicht zum Gedeihen
ausschlagen, das wute er.
    Seine Haare fielen aus, und er bekam das Reien in den Gliedern. Bei zehn
Grad Wrme schepperte er, und wenn es regnete, blieb er zu Hause. Er fing an,
sich auf eigene Faust mit der Medizin zu beschftigen, namentlich mit der
Heilwissenschaft der Altvordern. Er las die Schriften des Paracelsus und
erklrte alle, die nach Paracelsus geschrieben und geforscht hatten, fr
Quacksalber und Giftmischer.
    So wurde er auch in allem Musikalischen immer krauser und wunderlicher. Er
hatte einen altnrnbergischen Komponisten entdeckt, des Namens Staden, und in
dessen Oper Seelewig, der ersten deutschen Oper berhaupt, wollte er den Gipfel
der Kunst erblicken, ber Mozart und Bach hinaus. Er spielte seiner Nichte
Dorothea Arien und Chre aus Seelewig vor.
    Wenn du das kapierst, eiferte er, wenn du's so weit bringst, da ich in
deinem Spiel hren kann, was da drinnen liegt, Himmel und Hlle in einem Griff
und Bogenstrich, dann, du Maulaffe, bin ich imstand und setz dich zu meiner
Erbin ein.
    Das war das sehnlich erwartete Wort fr Dorothea. Es besttigte ihre
Berechnung, es krnte ihre Trume. Um es endlich zu vernehmen, war ihr keine
Mhe des Werbens zu viel gewesen.
    Herr Carovius war ja nicht verwhnt. Seit ihm die Schwester den Haushalt
gefhrt, hatte sich nie ein Frauenzimmer um ihn bekmmert. Aber damals war er
jung gewesen; hatte sich noch im Wahn befunden, sie warteten auf ihn, die
Weiber, und er habe blo ntig, mit dem Finger zu winken, damit sie scharenweise
herbeistrzten. Und nur weil er die Milichkeit der Wahl und die Unkosten
gescheut, hatte er es unterlassen zu winken und ihnen gromtig die Freiheit
geschenkt.
    Da so eine kleine weiche Frauenhand wie die Berhrung eines Zauberstabs
wirken konnte, erfuhr er jetzt. Was fr eine angenehme Fratze das Dderleinsche
Erzeugnis hat, dachte er. Und wenn Dorothea, die ihm noch immer einredete, da
sie ihn heimlich besuchte, als sie sich der Zustimmung ihres Vaters schon lang
versichert hatte, einige Tage hindurch ausblieb, wurde er ganz wild und hackte
Holz in seiner Kche, um nur etwas zerschlagen zu knnen.
    brigens gaben die musikalischen Unterweisungen, die er Dorothea angedeihen
lie, dem jungen Mdchen einen neuen Begriff von ihrer Kunst und weckten ihren
Ehrgeiz. Befriedigt von ihrer Willigkeit und ihren Fortschritten, nannte sie
Herr Carovius bisweilen scherzhaft den knftigen weiblichen Paganini des
Zeitalters und dichtete fr sich selbst die Rolle eines dmonischen Impresarios.
    Aber was ihm an Dorothea immer mehr auffiel und ihn erstaunen machte, war
ihr Verhltnis zu den Spiegeln.
    Der Spiegel bte eine unwiderstehliche Gewalt auf sie aus. Begehrliches
Entzcken malte sich in ihrem Gesicht, wenn sie beim Vorbergehen ihr Bild im
Spiegel fing und hielt, eine lsterne Unruhe vorher, zurckziehende Ungewiheit
nachher. Im Glanz der Augen lag stets Verlangen nach dem Spiegel, Schritt und
Gebrde schienen sich im Spiegelgefhl Aufgaben zu stellen und berraschungen zu
bereiten. Die ganze Person lebte wie in Gemeinschaft mit einer geisterhaften
Spiegelschwester, deren geliebten Anblick sie sich so oft als mglich zu
verschaffen trachtete.

                                       8


Es war Dorothea gelungen, ihrem Vater den Vorteil klar zu machen, der sich fr
sie, als der nchsten Anverwandten, aus einer liebevollen Beziehung zu Herrn
Carovius ergeben mute. Andreas Dderlein strubte sich eine Weile, aber er
konnte dem vorausblickenden Scharfblick seiner Tochter die Anerkennung nicht
versagen.
    Als sie ihm den Auftritt im freiherrlichen Haus erzhlt und die ungeheure
Summe genannt hatte, die Herr Carovius mit Siegermiene eingefordert, hatte
Dderlein ernst vor sich hingeblickt. Des verjhrten Zwistes gedenkend, wahrte
er den Schein der Unnahbarkeit und sagte: Wir wollen uns nicht des elenden
Mammons wegen erniedrigen.
    Ein paar Tage spter jedoch sagte er ganz von selbst, seufzend wie ein Mann,
der einen schweren sittlichen Kampf glorreich bestanden hat: Tu was du willst,
mein Kind, aber la es mich nicht wissen.
    Man war ja arm. Man lebte von der Hand in den Mund. Das geringe Heiratsgut,
das Herr Carovius seiner Schwester mitgegeben, war aufgebraucht. Margaret htte
Anspruch auf dreiigtausend Mark gehabt, Herr Carovius hatte ihr nur
zwlftausend ausbezahlt, und dagegen war kein Appell mglich, denn Herr Carovius
hatte sich von seiner sklavisch ergebenen Schwester um den Preis seiner
Einwilligung in die Heirat eine schriftliche Verzichtserklrung ausstellen
lassen.
    Ich bin dpiert worden, sagte Andreas Dderlein und trug seinen Groll mit
Wrde.
    Der Direktor der Musikschule starb, und Andreas Dderlein, der kraft seiner
Leistungen wie auch seiner Persnlichkeit die nchste Anwartschaft auf dieses
Amt hatte, erhielt die Bestallung. Seine ehemaligen Kollegen behaupteten, da
er, um dieses Ziel zu erreichen, manchen sauern Gang zu den Machthabern
unternommen habe. Dderlein las in ihren Augen den Neid und lchelte.
    Aber es war doch ein mhseliges Leben. Die Kunst geht nach Brot, sagte
Dderlein mit einem heroischen Fernblick. Was fr eine Position knnte ich
einnehmen, was fr Werke knnte ich schaffen, wenn ich Zeit htte! Man gebe mir
Zeit, und, - mit einer Handbewegung nach oben, - die Adler werden mich
gren.

                                       9


Herr Carovius und der Tod waren gute Freunde. So oft der Tod sein trauriges
Geschft zu verrichten hatte, klopfte er bei Herrn Carovius an, gleich als suche
er neben denen, die sein Handwerk mibilligten und verwnschten, auch einen, der
es zu schtzen wute.
    Aber als Herr Carovius erfuhr, da Lenore Nothafft gestorben sei, fand er,
da sein alter Freund diesmal des Guten zuviel getan habe. Der Fall ging ihm
nah. Er hatte ein zusammenziehendes Gefhl in der Magengegend und sperrte sich
fr die Dauer eines ganzen Tages in seinem Gerichtszimmer ein. Dort verfiel er
in eine Art von Katalepsie; sein Gesicht vernderte sich grauenhaft, wie wenn
alle Bosheit, alle Hoffnungslosigkeit und alle Verzweiflung des durch Liebe nie
entshnten Menschen fr alle Zeiten darin versteinert wren.
    Die Vorahnung hatte sich erfllt.
    Es war ein regnerischer Junitag, als sie Lenore begruben, und Herr Carovius,
in den schbigen gelben berzieher mit den groen Taschen gehllt, war zugegen.
Auch viele andere Menschen gaben Lenore das letzte Geleit. Jede Miene war
ergriffen, jedes Auge aufgelockert wie die Erde ringsum. Die sie nicht gekannt,
hatten doch von ihr gehrt; sie hatten gewut, da sie dagewesen war, auf
irgendeine Weise, wie man von Himmelserscheinungen hrt, und wuten jetzt, da
sie fort war. Einen Augenblick lang wurden sie zu tiefen, schauenden, fhlenden
Wesen, einen Augenblick lang entuerten sie sich ihres nichtigen Tuns, ihrer
kleinen Laster, Begierden, Sorgen und Eitelkeiten und wurden inne, da es nun
weniger Wahrheit, weniger Reinheit, weniger Lieblichkeit und weniger Liebe auf
der Welt gab.
    Herr Carovius ging nach Hause und kochte sich einen Lindenbltentee. Der
half ihm oft gegen bles Befinden.
    Das Regenwasser tropfte auf das Sims am Kchenfenster, und Herr Carovius
sagte vor sich hin: Das war die letzte Leiche; von nun an geh ich zu keiner
mehr.
    Um die Abendzeit kam Dorothea, und gleich nach ihr erschien auch Philippine
Schimmelweis. Herr Carovius hatte ihr manches Fnfzigpfennigstck zugesteckt fr
die Spionendienste, die sie ihm geleistet, und jetzt wollte sie erfahren, was er
zu dem Unglck sagte. Sein verliebtes Interesse an allem, was die Person Lenores
betraf, hatte sie heimlich belustigt, doch hatte sie sich wohl gehtet, ihn dies
merken zu lassen, sondern hatte bei seinen Fragen, Auftrgen, Belehrungen und
bittern Betrachtungen stets einen scheinheiligen Ernst gezeigt, hatte ihn
aufgestachelt, ihm plump geschmeichelt und jede Gelegenheit benutzt, seine
lcherlichen Hoffnungen zu nhren. Dadurch war eine wachsende Vertraulichkeit
zwischen ihnen entstanden, und die greisenhafte Liebestollheit des Herrn
Carovius hatte in Philippine niedrige und verworfene Lste geweckt.
    Sie sagte, sie msse bald wieder heim; das Kind sei eingeschlafen, das
Gatter habe sie zugesperrt, aber man wisse doch nicht, was geschehen knne; mein
Gott, in einem solchen Haus geschehe gar viel, da sei es nicht wie in andern
Brgerhusern.
    Die Gegenwart Dorotheas strte und rgerte sie. Sie setzte sich auf die
Ofenbank und sah das junge Mdchen mit giftigen Blicken an. Dorothea ihrerseits
konnte ihren Abscheu vor Philippines unbeschreiblicher Hlichkeit kaum
verhehlen. Ihr Mund zuckte, und sie lie das mit krchzender Stimme redende, mit
verbundenem Kopf dasitzende Geschpf nicht aus den Augen.
    Philippine hatte nmlich Zahnweh, und deshalb trug sie das Gesicht
eingebunden. Das Tuch war abenteuerlich bunt gesprenkelt, und unter dem Hut
ragten zwei Zipfel heraus.
    Mit Selbstgeflligkeit und Gruselfreude erzhlte sie, einen wie schweren Tod
Lenore habe sterben mssen. Nun sitze der alte Jordan flennend in seiner
Dachkammer, der Daniel esse nicht und trinke nicht und sehe einen mit Augen an,
geradewegs zum Frchten.
    So weit habe er's nun gebracht, schmlte sie; zwei Frauen unter der Erde,
ein hilfloses Kind im Haus, keine Arbeit, keinen Verdienst, was fr ein Ende
werde das nehmen? Die Kosten fr die Beerdigung habe die Notarin Rbsam
ausgelegt, der Daniel habe ja nicht einmal verstanden, was man zu ihm geredet,
und der Alte habe keine zwanzig Mark im Vermgen gehabt. Sie werde das Elend
nicht mehr lang mitansehen; wenn der Daniel die brotlose Musiziererei und
Klimperei nicht bald an den Nagel hnge, werde sie wissen, wo der Zimmermann das
Loch gemacht.
    Gegen seine sonstige Gepflogenheit unterlie Herr Carovius alle Zeichen der
Zustimmung. Auch feixte und zwinkerte er nicht, sondern starrte tiefsinnig und
dster vor sich hin. Dieses Schweigen machte Philippine wtend. Sie sprang
pltzlich auf, ging ohne Gru davon und schlug erst die Zimmer-, dann die
Flurtre hinter sich zu.
    Dorothea stand beim Klavier und stberte in den Notenheften. Ihre Gedanken
waren mit dem beschftigt, was sie eben gehrt hatte.
    Sie erinnerte sich Daniel Nothaffts wohl. Sie wute, da zwischen ihm und
ihrem Vater ein unvershnlicher Ha herrschte. Sie hatte ihn gesehen; man hatte
ihr den grimmig blickenden Menschen auf der Gasse gezeigt. Es war ihr damals
gewesen, als habe sie schon mit ihm gesprochen, doch wute sie nicht mehr wann
und wo. Sie wute ungefhr, was man sich ber ihn erzhlte und da er in der
Stadt wie der bse Feind geachtet war.
    Ein zielloses Verlangen regte sich in ihrem Innern. Ihr Blut kam ins
Prickeln, die stockige Umwelt geriet in Bewegung, auf einmal ergriff sie Geige
und Bogen und begann mit lachendem Gesicht und verwegen blitzenden Augen einen
ungarischen Tanz zu spielen.
    Herr Carovius erhob den Kopf. Tempo! befahl er, Tempo! schlug den Takt
mit den Hnden und stampfte mit dem Fu.
    Dorothea lachte, schttelte die Haare und spielte immer schneller.
    Tempo! heulte Herr Carovius, Tempo!
    Vom Hof herein drang ein krankes Bellen. Es war Csar, der Hund, der in den
letzten Zgen lag.

                                       10


Daniels Mutter war gekommen; sie hatte die kleine Eva mitgebracht.
    Aus der Zeitung hatte Marianne den Tod Lenores erfahren; niemand hatte ihrer
gedacht, niemand hatte an sie geschrieben. Und in der Zeitung hatte nicht einmal
sie selbst es gelesen, sondern der Eschenbacher Doktor, der auf den Frnkischen
Herold abonniert war, hatte ihr eines Morgens das Blatt gereicht und zaghaft auf
die Todesanzeigen gewiesen.
    Das Begrbnis hatte sie versumt. Sie ging aber auf den Kirchhof und betete
an Lenores Grab.
    Daniels Verlust begriff sie ganz. So wie sie ihn antraf, so hatte sie sich
vorgestellt, da er sein wrde. In der Malosigkeit seines Schmerzes, in der
stummen Verzweiflung erkannte sie ihren Sohn, er war ihr nher dadurch als
irgendwann vorher. Sie wrdigte diesen Schmerz, sie hatte nicht das Bedrfnis,
ihn zu verringern oder abzulenken. Sie schwieg, wie Daniel selber schwieg und
legte blo bisweilen die Hand auf seine Stirn. Da murmelte er: Mutter, ach
Mutter! Und sie antwortete: La nur; acht' nicht meiner.
    Sie sagte sich: Wenn eine Lenore dahingehen mu, in der Jugend Blte, dann
mu man trauern, bis die Seele von selber wieder hungrig wird nach Leben.
    Eva hatte anfangs versucht, mit ihrem Stiefschwesterchen zu spielen, wurde
aber von Philippine stets aus dem Zimmer gejagt. Einmal kehrte sie sich gegen
die Wtende und rief aus: Ich werd's meinem Vater sagen.
    So? Deinem Vater? Sag's ihm nur, deinem Vater, versetzte Philippine
hhnisch. Wer is er denn, dein Vater? Was is er, wo is er? Im Pommerland
vielleicht? Und sie fgte singend hinzu: Pommerland is abgebrannt - Maikfer
flieg!
    Mein Vater? der ist doch da; drinnen ist er, erwiderte Eva verwundert und
gekrnkt; bist ja in seinem Haus. Und das Agneslein ist ja meine Schwester.
    Philippine ri Mund und Augen auf. Dein Vater - ist drinnen -? stotterte
sie, und das Agneslein - deine Schwester -? Sie erhob sich, packte Eva roh an
der Schulter und zerrte sie mit sich ber den Flur in die Stube, wo Marianne und
Daniel waren. Mit einem Lachen, das irr klang, und einem Ausdruck von Frechheit
und Raserei im Gesicht keuchte sie: Der Balg behauptet, Daniel wr sein Vater
und das Agneslein seine Schwester. So ein hundsfttischer Balg!
    Voll Schrecken stand Marianne auf und eilte zu Eva hin, die bleich, das
Gesicht von Trnen berstrmt, die Arme nach ihr streckte. Loslassen! befahl
sie. Philippine lie das Kind los und wich zurck. Ist's denn wahr? lispelte
sie pltzlich furchtsam, ist's denn wahr?
    Marianne kniete auf dem Boden und hob ihr Pflegekind empor. Geh deiner
Wege, du Racker, sagte sie finster zu Philippine.
    Daniel? machte Philippine fragend, mit aufgehobenen Hnden zu Daniel
gewandt, und wieder: Daniel? So, als wolle sie ihn auffordern, zu sprechen,
als wolle sie ihm vorwerfen, da er sie betrogen. Es hatte einen unheimlichen
Ton, dies fragende: Daniel, Daniel.
    Geh zu deinem Agneslein, antwortete Daniel geqult. Er fhlte sich je
lnger, je mehr in Philippines Schuld; und jetzt gar, was sollte er beginnen
ohne sie, die die einzige Hterin seines Kindes war. Die Mutter konnte nicht in
der Stadt bleiben, sie hatte drauen ihr Brot, und Eva wuchs bei ihr in Frieden
auf. Das Agneslein durfte man Philippine nicht rauben, auch wenn es die Mutter
htte bernehmen wollen; an dem Kind hing Philippine mit einer richtigen
Affenliebe. Auch fr den alten Jordan war Philippine unentbehrlich; Daniel
konnte ihm nicht die Stube aufrumen, konnte nicht fr sein Essen sorgen.
    Und Philippine ging hinaus. Der Luderskerl, sagte sie vor der Tre und
ballte die Faust, der Luderskerl! Noch ein Bankert hat er, der Luderskerl! Wart
nur, Bankert! Dir kratz ich die Augen aus.
    Das in sich hineinschluchzende Kind auf dem Scho haltend, sa Marianne
neben Daniel. Tu nicht weinen, Eva, trstete sie, bald fahren wir wieder
heim.
    Da schaute Daniel seiner Mutter aufmerksam ins Gesicht, und er erzhlte ihr,
wie Philippine ins Haus gekommen sei; und erzhlte ihr den Betrug Jason Philipps
und wie die eigene Tochter den Vater verraten hatte; erzhlte ihr, da sein
Vater dreitausend Taler zu Jason Philipp getragen und da Jason Philipp damals,
als der alte Jordan in der schlimmen Not wegen seines Sohnes gesteckt, einen
Teil des Geldes hergegeben und da er, Daniel, auf das brige verzichtet habe.
    Mariannes Kopf sank tief auf ihre Brust. Dein Vater war ein wunderbarer
Mann, Daniel, sagte sie nach langem Schweigen, aber auf die Menschen hat er
sich nicht verstanden, und sein Weib hat er erst recht nicht gekannt. Er war wie
einer, der blind ist und das Blindsein verhehlen will und geht und nicht wei,
wohin und steht und nicht wei, wo. Kommst mir auch oft so vor, Daniel. Mach die
Augen auf! Bitt dich, Daniel, mach die Augen auf!
    Das Kind in ihrem Scho war eingeschlafen. Als Daniel in Evas Gesichtchen
blickte (ja, er machte die Augen auf), als er dies zarte, se, holdwehe Antlitz
der Schlferin so dicht vor sich sah, vermochte er nicht mehr an sich zu halten,
er drehte sich gegen die Wand und schrie, wie wenn es ihm das Herz zerrisse:
Ich bin ein Mrder!
    Nein, Daniel, sagte Marianne leise; oder jeder, der lebt, ist an jedem
Toten ein Mrder gewesen.
    Aber Daniel krmmte sich in seinem Schmerz und seine Zhne knirschten.
    Drinnen ist der Vater, flsterte Eva im Traum.

                                       11


Am schwersten fiel Marianne das Zusammensein mit dem alten Jordan, denn der war
nur noch ein Schatten seiner selbst. Zu Daniel in die Stube kam er nicht, sie
ging immer zu ihm hinauf, und da sa er, still, hilflos, ausgelscht, ein Bild
der Verlassenheit.
    Er sprach nicht von seinem Kummer, er geriet in Unruhe, wenn er in Mariannes
Miene Mitleid las. In seinem Benehmen war dann etwas Hfliches, ja
Weltmnnisches, das im Verein mit seinem armseligen Aussehen und der armseligen
Umgebung erschtternd wirkte.
    Marianne hoffte von ihm einigen Aufschlu ber Daniels Lebenslage zu
bekommen. Die sehr bedrngten Verhltnisse des Sohnes waren ihr bekannt, und sie
war deshalb schon in groer Sorge; aber sie wollte auch wissen, was er in der
Welt galt, und ob das Musikantentum wirklich eine Sache sei, auf die ein Mensch
seine Existenz stellen knne. In diesem Punkt war ihr Mitrauen und ihre Furcht
noch von gleicher Strke wie ehemals; nur im Hinblick auf Lenore hatte sie in
den letzten Jahren Vertrauen gefat; es war, wie wenn ihr Lenores Art, Lenores
Gegenwart eine dunkelferne Ahnung von Musik gegeben htte. Jetzt kehrten alle
Zweifel zurck.
    Jordan aber zeigte sich verschlossen, sobald sie von Daniel redete. Seine
Augen hatten dann einen gepeinigten Ausdruck. Er schaute nach der Tr, steckte
die Hnde in die Rockrmel und zog den Kopf zwischen die Schultern.
    Einmal sagte er: Knnen Sie mir erklren, liebe Frau, weshalb ich lebe?
Knnen Sie mir so einen paradoxen Unsinn erklren, wie es mein jetziges Dasein
ist? Der Sohn, ein Lump, spurlos verschollen fr die Welt, und fr mich nicht
mehr vorhanden. Die Tchter im Grab; beide; beide im Grab, liebe Frau. Ich bin
ein Mann gewesen, ich bin ein Gatte gewesen, ich bin ein Vater gewesen. Ein
Vater gewesen! Was fr ein Hohn der Natur! Essen, trinken, schlafen - was fr
widerliche Beschftigungen! Und doch, wenn ich nicht esse, hungert mich, wenn
ich nicht trinke, drstet mich und wenn ich nicht schlafe, bin ich krank. Wie
einfltig, wie zwecklos! Fr mich singen keine Vgel mehr, luten keine Glocken
mehr und haben die Musiker keine Musik mehr.
    Da aber Marianne irgendeine Beruhigung um jeden Preis gewinnen wollte, so
wandte sie sich an Eberhard und Sylvia, die fast tglich zu Daniel kamen. Die
zwei Menschen gefielen ihr; es war so viel Rcksicht in ihrem Betragen, so viel
Feinheit in allem, was sie sagten. Das Frulein nahm nicht den geringsten Ansto
an Daniels finsterer Schweigsamkeit; sie behandelte ihn mit einer Achtung, die
Marianne wohltat, weil sie ihr bewies, da er bei den Guten und Edlen geschtzt
war. Der Freiherr schien auf geheimnisvolle Weise immer von Lenore zu sprechen,
ohne je ihren Namen zu nennen. Es war eine Trauer in seinen Augen, die mit
bersinnlicher Gewalt an die Verstorbene mahnte. Oft war es Marianne zumute, als
seien Daniel und dieser Fremde Brder und zugleich Feinde im Schmerz der
Erinnerung. Auch Sylvia schien es zu spren und sich nicht dagegen zu wehren.
    Als Marianne die beiden einmal auf den Flur begleitete, fate sie sich ein
Herz. Wie wird's ihm denn nun ergehen? fragte sie, er hat kein Amt, spricht
nie von Arbeit, was soll da werden?
    Wir haben daran gedacht, antwortete Sylvia, und ich glaube, es ist ein
Weg gefunden. Er wird bald Nheres hren, nur, denke ich, darf er nicht wissen,
da wir die Hand im Spiel haben. Sie schaute ihren Verlobten an, und dieser
nickte. Marianne atmete auf.
    Darber waren sich Eberhard und Sylvia von Anfang an klar, da man Daniel in
keiner Form Geld anbieten konnte. Kleine oder groe Gaben, sie demtigten ihn,
entwrdigten sie. Von der hchsten zur tiefsten Stufe des Besitzes hinab stt
die Hilfsbereitschaft auf unberwindliche Hindernisse; es ist keine Zartheit
mglich, keine Klausel, kein liebevoller Betrug, da steht der Reichtum vor der
Armut so ratlos wie diese vor ihm.
    Entschlossen, der Not des Musikers zu steuern, hatte sich Sylvia an ihre
Mutter gewendet. Auf den Beistand der Freifrau war nicht zu zhlen, sie war von
Andreas Dderlein so nachhaltig gegen Daniel beeinflut worden, da sie drohend
die Stirn runzelte, wenn man von ihm redete.
    Agathe von Erfft setzte sich mit einigen Personen in Korrespondenz, die ihr
dienliche Winke geben konnten. Durch diese wurde sie insofern gefrdert, als sie
ohne zeitraubende Irrwege an die rechte Stelle gelangte. Eines Tages erschien
sie vor Eberhard und Sylvia mit dem fertigen Projekt.
    Ein angesehenes Mainzer Verlagshaus hegte schon seit Jahren die Absicht,
eine Sammlung mittelalterlicher Kirchenmusik zu veranstalten und herauszugeben.
Viel Material lag schon vor, ein inzwischen verstorbener Musikschriftsteller
hatte es zusammengetragen; anderes mute erst beschafft werden; hiezu waren
Reisen ntig, bedeutende Geldopfer, ein Mann vor allem, der die Mhe nicht
scheute und dessen Sachkenntnis keinen Zweifel zulie. Da nun schon im Beginn
des Unternehmens die Kosten den zu hoffenden Ertrag bei weitem berstiegen
hatten, war der Verleger bedenklich geworden und hatte, weil auch eine geeignete
Kraft fehlte, auf die Ausfhrung des Planes verzichtet.
    Agathe hatte schon frher davon gehrt. Da die Angelegenheit wieder in Flu
gebracht werden konnte, erfuhr sie durch eine mittelbare Erkundigung, eine
unmittelbare besttigte es. Der Verleger wollte jedoch die geschftliche Gefahr
nicht mehr allein tragen, er suchte einen Mzen, der sich mit einem Kapital
beteiligte. Kam dies zustande, so war er bereit, Daniel Nothafft, dessen Name
ihm von ungefhr bekannt war, die verantwortungsvolle Aufgabe anzuvertrauen. Da
die verschiedenen Arbeiten, als: das Sammeln in Archiven, Bibliotheken und
Klstern; die Korrekturen; Erluterungen; berwachung des Drucks usw. sich ber
eine Reihe von Jahren erstrecken wrden, mte man ihn der Firma verpflichten
und sei erbtig, ihm bis zur Beendigung des Werkes einen Jahresgehalt von
dreitausend Mark zu zahlen.
    Eberhard zog verlliche Nachrichten ber den Ruf und Kredit jenes Hauses
ein, und da diese gnstig lauteten, erklrte er, die bedungene Kapitalshilfe
leisten zu wollen.
    Ein paar Tage nach dem Gesprch zwischen Sylvia und Marianne erhielt Daniel
mit der Frhpost einen Brief des Verlags Philander und Shne, worin er
aufgefordert wurde, dem nach Art und Ziel genau bezeichneten Unternehmen seine
Dienste zu widmen. Im Falle seiner Einwilligung hatte er nur seine Unterschrift
auf den mitgeschickten Kontrakt zu setzen.
    Er las alles ruhig von Anfang bis zu Ende durch. Seine Miene erhellte sich
nicht. Er schritt einige Male auf und ab, trat dann aus Fenster und schaute
hinaus. In diesem Sommer scheint's blo Regen zu geben, sagte er.
    Marianne war zum Tisch gegangen. Sie nahm den Brief samt dem Vertrag und las
beides. Ihre Pulse klopften vor Freude, doch drngte sie jede uerung aus
Furcht vor Daniels Widerspruchsgeist und unberechenbarer Laune zurck. Kaum
traute sie sich nach ihm hinzublicken und wartete bang auf das, was er tun
wrde.
    Endlich trat er wieder an den Tisch, zog eine Grimasse, starrte eine Weile
auf die Schriftstcke und sagte lakonisch: Kirchenmusik? Ja; das will ich
machen. Langte nach dem Federhalter, tauchte ihn ein und kritzelte seinen Namen
unter den Vertrag.
    Gott sei Dank! flsterte Marianne.
    Am selben Mittag verabschiedete sie sich von Daniel. Eva hing am Hals ihres
Vaters und wollte sich gar nicht trennen. Ohne Scheu kte sie ihn unzhlige
Male voll natrlicher, sprudelnder Leidenschaft und lachte dabei. Daniel lie es
geschehen. Er blieb ernst. Wenn sein Blick dem Blick des Kindes begegnete,
schauderte ihm vor der grenzenlosen Flle des Lebens, aber er empfand auch eine
Verheiung, und dagegen strubte er sich mit aller Macht.

                                       12


Es war ein sonniger Septembertag. Eberhard, der den ganzen August in Erfft
verbracht hatte, war zurckgekehrt, um einige dringende Geschfte zu erledigen,
sowie die Anstalten zur bevorstehenden Hochzeit zu beschleunigen.
    Um die Stunde, wo die Gassen voll von spielenden Kindern waren, schritt er
versonnen den Burgberg hinan. Er wollte sein Huschen aufsuchen, das er seit
Monaten nicht betreten hatte, es verlangte ihn nach der Stille dort, der tiefen
Stille, nach einem Blick in die Vergangenheit, nach einem der schattenhaften
Bilder seiner selbst, die er in allen Zeiten wandeln sah, in allen Rumen, wo er
gewesen, auf vielen Wegen, wo er gegangen, auf den vergilbten Seiten von Bchern
sogar, die er in der Einsamkeit zu Gefhrten gehabt.
    Er zgerte hufig, blieb stehen, schien unschlssig. Auf einmal kehrte er um
und wandte sich mit ziemlich raschen Schritten gegen den Egydienplatz. Als er
die Tenne von Daniels Wohnhaus betrat, kam dieser die Treppe herunter. Daniel
begrte Eberhard und reichte ihm die Hand.
    Ich wollte Sie gerade abholen, sagte der Freiherr, wollte Sie bitten, mit
mir in meine Eremitage zu gehen.
    Daniel schaute durch seine Brillenglser einer Schwalbe nach, die in
fabelhaftem Schwung ber die ganze Weite des Platzes schnellte. Offengestanden,
Baron, zum Schwatzen fehlt mir die Lust, antwortete er so schonend, wie es ihm
mglich war, zu sein.
    Es mu nicht geschwatzt werden, sagte Eberhard. Mich drckt ein
Geheimnis, und ich kann es Ihnen mitteilen, ohne da wir zu reden brauchen.
    Daniel ging mit.
    In dem Huschen herrschte eine muffige Luft. Eberhard machte aber die
Fenster nicht auf; es sollte so still bleiben, wie es war. Daniel setzte sich
auf einen der Sthle in der ehemaligen Wohnstube des Freiherrn, Eberhard meinte,
er setze sich aus Mdigkeit und nahm gegenber seinem Gaste Platz. Die
Abendsonne fiel schrg auf einen alten Stahlstich, der eine Schferszene
darstellte; eine Maus rumorte in einer Ecke.
    Was ist es also mit dem Geheimnis? fragte Daniel nach langem Schweigen
ziemlich brsk.
    Eberhard erhob sich und machte eine Gebrde, die Daniel aufforderte ihm zu
folgen. Sie schritten ber den schmalen Gang, eine winzige Treppe hinauf, und
oben, auf dem winzigen Stiegenabsatz, ffnete Eberhard eine Tr, die in die
Dachkammer des Huschens fhrte.
    Ein betubender Modergeruch schlug ihnen entgegen. Daniel kehrte sich
unwillkrlich ab, der Freiherr jedoch deutete stumm auf die Wnde.
    Was ist das? Was fr ein Raum ist das? stie Daniel hervor.
    Alle vier Wnde des Raumes waren vollstndig von Struen, Girlanden und
Krnzen verwelkter Blumen bekleidet. Von den meisten Blumen waren lngst die
Bltenbltter abgefallen und bedeckten ringsherum den Boden. Die grn gewesenen
Bltter waren braun geworden, hingen zusammengekrmmt da, die Grser waren
zerfasert, die Zweige morsch. Manche Strue und Gewinde hatten Bnder, deren
Rot oder Blau abgeblat war, manche hatten Goldfden, an denen sich Rost
angesetzt hatte. Auf manche fiel die schrge Sonne, wie unten auf den Stahlstich
mit der Schferszene, und in den purpurnen Strahlen zitterte ein dicker Strom
von Staub.
    Es war ein Blumengrab-Gewlbe, eine Leichenkammer der Erinnerungen. Daniel
ahnte. Schwer lag ihm die Zunge im Gaumen, Frost berlief seinen Rcken, und als
Eberhard nun doch sprach, wlzte es sich glhendhei und na in seine Augen.
    Die Blumen sind von ihren Hnden gepflckt und gebunden worden, von Lenores
Hnden, sagte Eberhard. Dann, nach einer Pause: Sie hat die Strue fr einen
Hndler angefertigt, und ich habe sie, ohne da sie es wute, gekauft. Dann
sagte er nichts mehr.
    Da schaute Daniel in sein Leben zurck, als risse ihn ein unsichtbarer Arm
auf einen Gipfel. Und er schaute, und seine Seele verging vor Angst und Qual und
Reue.
    Was war ihm denn geblieben? Zwei Grber waren geblieben. Und eine
zerbrochene Harfe; und verwelkte Blumen; und eine Maske aus Gips.
    Er sah die abgestorbenen Stengel und die zerfallenen Kelche; einst hatten
Lenores Finger sie alle berhrt, und wie Geisterfiguren schwebten die Finger
noch um die toten Blumen. In den staubigen Spinnengeweben nisteten die
ungenutzten Stunden, versumte gute Worte, versumter Trost, versumte
Aufmunterung, versumte Rcksicht, versumtes Glck. O, dies Nichtwissen um eine
Gegenwart, um ein lebendiges Leben, um den wunderbaren Tag, die atmende Stunde,
dies Hinschlurfen, Hinstrzen, Hinwten in die Nacht des Wunschs und Wahns, dies
eitle, verbrecherisch eitle Ungengen! O, Flgelwesen, Flgelwesen, wo bist du,
wo ruft man dich an?
    Nichts geblieben als zwei Grber, eine zerbrochene Harfe und verwelkte
Blumen und eine Maske. Und ein helles Kind dort und ein dunkles hier, und ein
drittes, das ins Leben getreten war, um zu sterben. Und ber alldem, hoch ber
dem Gipfel noch, das Ungeheure, Unausdrckbare, das Meer der Trume, ertrumten
Klnge, Odem Gottes und hllischer Finsternis Verkndigung, Botschaft der
Ewigkeit und Wunder der Zeitlichkeit, Tanz und Schalmei, Donnerschall und ses
Weben, Musik!
    Es war Abend geworden. Der Freiherr schlo die Tr. Daniel reichte ihm
schweigend die Hand und ging nach Hause.

                            Prometheische Symphonie



                                       1

Herbst und Winter hindurch fhrte Daniel ein schweigsames, einsames Leben. Im
Frhjahr schrieb ihm Sylvia von Auffenberg, er mge zu ihr und Eberhard nach
Siegmundshof kommen und einige Wochen bei ihnen zubringen. Er schlug es ab,
versprach spter zu kommen.
    Bisweilen besuchte ihn der alte Herold. Er erzhlte von den Mistnden, die
unter Dderleins Regiment an der Schule eingerissen waren und sagte, die Welt
sei drauf und dran, ein Saustall zu werden.
    Auch der Provisor Seelenfromm stellte sich ein, ferner der Architekt mit dem
Zungenfehler, und Martha Rbsam kam hie und da. Gegen Ende des Winters erschien
auch Herr Carovius. Er hatte ein umgnglicheres Wesen denn ehedem und gab
originelle Ansichten ber Musik zum besten.
    Alles Reden klang an Daniels Ohr vorber. Oft waren mehrere Menschen um ihn,
er schien ihnen zuzuhren, und doch war in seinem Gesicht eine vollstndige
Geistesabwesenheit. Wandte sich jemand mit einer Frage an ihn, so geschah es
nicht selten, da ein kindliches Lcheln auf seine Lippen trat. Keiner hatte
dieses Lcheln frher an ihm bemerkt.
    Er gab Philippine das Geld zurck, das sie ihm damals geliehen, als das
Klavier gepfndet worden war. Philippine sagte: Joi! mir scheint, Daniel, du
schwimmst in Geld. Sie brachte ihm den Schuldschein, trug das Geld in ihre
Kammer und rechnete lang auf einem Stck Papier, ob die Zinsen stimmten.
    Das Agneslein sa am Boden und schnullte an einem Sholz. Es freute sich,
wenn Philippine da war. Vor seinem Vater hatte es Angst.
    Die Freunde hatten gemeint, die Wohnung sei jetzt zu gerumig, Daniel mge
sie aufgeben und eine kleinere und billigere nehmen. Da war er aufgebraust und
hatte erklrt, freiwillig werde er sich hierzu nie verstehen, das Haus bedeute
ihm noch was anderes als ein gemietetes Quartier, und es msse alles so bleiben,
wie es bisher gewesen.
    Eines Tages im Frhjahr sagte er zu Philippine: Ich geh jetzt fort fr
lange Zeit. Gib acht auf das Kind, und da es dem alten Mann droben an nichts
fehlt. An jedem Ersten schick ich dir das Geld fr die Wirtschaft, und du bist
mir verantwortlich fr alles, was geschieht. Und noch was; ich will dir Lohn
zahlen. Du sollst mir nicht umsonst dienen. Ich will dir fnf Taler im Monat
geben.
    Das Schttern, das Daniel schon fter beobachtet hatte, lief ber
Philippines Zge. Sie ruckte mit den Schultern, machte ihr hmischestes Gesicht
und antwortete: Spar deine Batzen, wirst sie schon brauchen, mut nit gleich 'n
groen Herrn spielen; kauf lieber dem Agneslein orndliche Schuh und orndliche
Kleider, is g'scheiter. Daniel lie sie stehen.
    Schwerlich war ihre Geldgier geringer geworden, seit sie bei ihren Eltern
gestohlen hatte; sie liebte das Metall; sie liebte, es zu sehen und zu betasten;
sie liebte die Scheine, liebte es, sie glatt zu streichen; sie liebte die
Vorstellung, da die Menschen sie fr arm hielten und da sie, ihnen zum Possen
gleichsam, in einem alten Strumpf zwischen ihren Brsten mehr als tausend Mark
herumtrug. Sie liebte es, wenn andre ber die schlechten Zeiten jammerten, wenn
Bettler auf der Strae ihr die Hand entgegenstreckten. Dann dachte sie an ihren
Schatz, blhte ein wenig den Leib auf, um den alten Strumpf besser zu spren und
freute sich der Sicherheit, die sie sich bei so jungen Jahren bereits verschafft
hatte.
    Trotzdem war ihr zumut, wie wenn sie Daniel mit den Fingerngeln die Augen
auskratzen mte, als er von Lohn fr ihre Dienste sprach. Sie empfand es als
schwrzesten Undank; wenn in ihrer dunklen, neidischen und boshaften Seele ein
Kummer berhaupt Wurzel schlagen konnte, so war es jetzt und aus diesem Grund.
    Sie lief in die Kche und schmi Messer und Gabeln voll Wut in den
Splbottich. Nach einer Weile begab sie sich zum alten Jordan, klopfte an seine
verschlossene Kammer, und nachdem er ihr geffnet hatte, teilte sie ihm
erbittert mit, da Daniel verreisen wolle. Kaum is ein briger Groschen im
Haus, so treibt's ihn schon auf die Juchhee, rsonierte sie. Da steckt doch
ganz gewi wieder so ein Deifelsfrauenzimmer dahinter. Sagen Sie's ihm nur, Herr
Inspektor, sagen Sie's ihm nur, was das fr eine Gemeinheit ist, sein Kind und
den alten Vater im Stich lassen. Sagen Sie's ihm, dann kriegen S' zum Sonntag
Kartoffelkl' mit Lebkuchensaft.
    Jordan schaute Philippine scheu ins Gesicht. In seinem Auge war etwas wie
Hunger nach der versprochenen Speise, denn Philippine hielt ihn bei schmaler
Kost, und manchmal ging er heimlich, nur um sich zu sttigen, in einen
Wurstladen und kaufte sich fr zehn Pfennige Presack.
    Ich will mich nach dem Zweck seiner Reise erkundigen, murmelte er; aber
ich glaube nicht, da ich da etwas ber ihn vermag.
    Jetzt gehn S' 'naus, gehn S' a bisla spazier'n, befahl Philippine, die
Fenster mssen geputzt wer'n, die starren ja vor Dreck.
    Am spten Abend noch kam Daniel zu Jordan, um sich von ihm zu verabschieden.
    Wohin geht denn die Fahrt? fragte der alte Mann.
    Will mir ein wenig das deutsche Reich ansehn, erwiderte Daniel. Hab im
Norden droben zu tun, in Stdten und auf dem Land.
    Glck zu, sagte Jordan bedrckt, Glck zu, lieber Sohn. Wie lang bleibst
du denn fort?
    Wei noch nicht. Kann sein, Jahre.
    Kann sein, Jahre, sprach Jordan, und seine Blicke suchten auf dem Boden
Halt; da werden wir uns auf ewig Lebewohl sagen mssen, scheint mir.
    Daniel schttelte den Kopf. Wann immer ich auch zurckkomme, ich treff dich
noch hier, sagte er mit seltsamer Bestimmtheit. Hat's das Schicksal zu arg mit
einem Menschen getrieben, dann geht es ihm aus dem Weg. Es kommt mir vor, als
wrst du jetzt ganz schicksalslos.
    Jordan antwortete nicht. Seine Augen weiteten sich wie vor Furcht, und er
seufzte.
    Am andern Morgen verlie Daniel sein Heim. Er hatte eine braune Joppe an,
die bis zum Hals mit Hirschhornknpfen geschlossen war. Darber hing ein Mantel
mit einer Pelerine. Der breitkrempige Hut berschattete das Gesicht, welches
jung aussah, obgleich so ernst, so abgekehrt, da Stimmen, Blicke und Gerusche
von ihm abzuprallen schienen wie bewegtes Wasser von einer steinernen Mauer.
    Philippine trug ihm den Koffer zum Bahnhof. Ihr Kleid war mit grellfarbigen
Bndern geradezu berst. Die Weiber auf dem Markt bekamen den Hetscher vor
Lachen.
    Als Daniel ihr adieu sagte und ins Kupee stieg, tat sie den Mund nicht auf.
Mit gerunzelter Stirn, die Fingerspitzen aneinander reibend, stand sie da und
schaute beharrlich zur Erde. Nachdem der Zug lngst aus der Halle gefahren war,
stand sie immer noch da, bis ein Beamter sich ihr nherte und sie, mit schlecht
verhehltem Spott ber die rare Erscheinung, befragte, worauf sie warte.
    Sie kehrte ihm den Rcken und ging. Sie machte einen Umweg ber den
Jakobsplatz und sprach fr ein Viertelstndchen bei ihrer Freundin, der Frau
Hadebusch, vor. Es war ein Sonntag. Benjamin Dorn kam eben von der Kirche und
machte Philippine eine tiefe Verbeugung.
    Frau Hadebusch klopfte Philippine auf den Schenkel und zwinkerte
bedeutungsvoll.
    Herr Francke wohnte nicht mehr bei Frau Hadebusch. Herr Francke wohnte im
Gefngnis. Er hatte einer herrschaftlichen Kchin die Ehe versprochen, hatte
sich aber nicht damit beeilt, sondern einstweilen nur die Ersparnisse seiner
Braut im Billardspiel vertan.

                                       2


Daniel hatte Empfehlungen an den Prior des Klosters zu Lhriedt. Dort suchte er
nach einer Handschrift, die von einem Zeitgenossen des Orlando di Lasso, wenn
nicht von diesem selbst sein sollte.
    Er blieb ber zwei Monate und arbeitete an dem Sammelwerk. Den Verkehr mit
den Mnchen fand er angenehm und war auch bei ihnen wohl gelitten. Einer, der
ihn wegen seines Orgelspiels besonders schtzte, aber von strenger Frmmigkeit
war, gab ihm zu verstehen, wie sehr er es bedauerte, da er ihm als Protestanten
nicht mit jenem Vertrauen entgegenkommen knne, mit dem ein Mann seinesgleichen
ausgezeichnet zu werden verdiene.
    Ei, da wollt ich doch, da ich ein Jud wr, erwiderte ihm Daniel, dann
knntet ihr erst recht sehn, was unser Herrgott ohne euer Zutun zu machen
imstande ist.
    Der betreffende Klosterbruder hie Pater Leonhardt und war ein kleiner,
sehniger Mensch mit schwarzen Augen und dunklem Teint. Er schien viel erlebt,
schien manchen Anla zu Reue und Bue zu haben, denn seine religisen bungen
hatten nichts Gewohnheitsmiges, sondern echte Inbrunst und Hingebung. Seine
Glubigkeit ergriff Daniel, aber er hatte Angst vor dem Zuschauer in seinem
Innern; er hielt den Zuschauer fr einen Feind, fr einen Philister, und daher
sah er den Pater Leonhardt lieber gar nicht an.
    Er wohnte in der Nhe des Klosters bei einem Bahnoffizial, und einmal
besuchte ihn der Pater Leonhardt. Daniel sa am Fenster und wollte noch rasch
eine Korrektur beenden, der Pater schaute sich im Zimmer um, und seine Blicke
fielen auf eine runde, hlzerne Schachtel, die auf einem Stuhle lag und einer
Tortenschachtel hnlich war.
    Da haben sie Ihnen wohl aus der Heimat was zum Schleckern geschickt,
bemerkte der Pater, als sich Daniel erhob.
    Daniels Blick folgte dem des Mnchs. Er nahm die Schachtel, zgerte eine
Weile und machte dann den Deckel auf. In der Schachtel befand sich, ganz in
Sgespne gebettet, die Maske der Zingarella. Sie war ein Teil von Daniels
geringem Gepck, und er fhrte sie berall mit sich.
    Erschrocken prallte Pater Leonhardt zurck. Was bedeutet das? fragte er.
    Es bedeutet Snde, und es bedeutet Reinigung, antwortete Daniel, indem er
die Maske gegen das vergehende Tageslicht hielt; es bedeutet Schmerz und
bedeutet Erlsung, es bedeutet Verzweiflung und bedeutet Gnade, es bedeutet
Liebe und bedeutet Tod, es bedeutet Chaos und bedeutet Gestalt.
    Von dem Tag ab richtete Pater Leonhardt das Wort nicht mehr an Daniel. Und
wenn der fremde Musiker die Orgel spielte, verlie er eilends die Kirche und
floh an einen Ort, wohin die Tne nicht drangen.

                                       3


Im Sommer kam Daniel nach Aachen und in die Gegend von Lttich, Lwen und
Mecheln, von da an wanderte er zu Fu weiter, nach Gent und nach Brgge.
    An den Stellen, wo er Nachforschungen zu betreiben hatte, konnte er sich
meist nur durch Briefe verstndlich machen, die ihm das Verlagshaus geschickt
hatte. Zur Stummheit verurteilt, lebte er fremd und allein.
    Sehenswrdigkeiten lockten ihn nicht. Selten stand er vor einem alten
Gemlde; nur wenn das Schne seinen Weg versperrte, zwang es ihn zum Aufenthalt.
Er ging immer wie zwischen zwei Mauern, immer der Nase nach, kehrte ungern um
und sprte erst Mdigkeit, wenn er sich zum Schlafen hinlegte.
    Auch in der Mdigkeit war noch ein nagendes Gefhl des Beraubtseins, Unruhe
auch noch im Schlummer. Hast drckte sich aus in seinem Auge, in seinem Gang, in
seinen Verrichtungen. Hastig nahm er die Mahlzeiten, hastig schrieb er seine
Briefe, hastig redete er.
    Die Blicke der Menschen auf sich gerichtet zu wissen war ihm eine Pein.
Obwohl er sich in jedem Wirtshaus in die verborgenste Ecke begab und jeden Anla
vermied, der ihn zum Zielpunkt der Neugier machen konnte, wurde er doch berall
sofort gesehen, beobachtet und bestaunt. Denn alles an ihm war auffallend, die
Energie seiner Mimik, seine heftigen Gesten, das Fletschen der Zhne, der
eilige, hackende Schritt, mit dem er durch Gruppen schwatzender Leute ging.
    Er hatte sich auf den Anblick des Meeres gefreut. Auf Ungeheures war er
gefat gewesen, auf ein titanisch brodelndes Element, den Sturm der Apokalypse.
Das friedliche Schwanken und harmlose Brausen enttuschte ihn. Man sollte die
Dinge, vor denen einem die Phantasie Ehrfurcht eingeimpft hat, nicht kennen
lernen, dachte er.
    Er konnte mit der Natur hadern wie mit einem Menschen; was er ihre
Unvollkommenheit nannte, erregte seinen Groll. Doch liebte er eine bestimmte
Stelle in einem Wald, wohin es ihn immer wieder trieb; oder einen Baum in der
Ebene; oder die Abendstunde an einem Kanal.
    Am meisten liebte er die engen Gassen der Stdte, wenn aus offenen Fenstern
Stimmengemurmel drang und aus geschlossenen das Licht der Lampen; wenn er an
Hfen und Kellern, an Toren und Zunen vorbeiging; eines alten Mannes Gesicht
auftauchte, eines jungen Mdchens Gesicht, Arbeiter aus den Fabriken kamen,
Soldaten aus den Kasernen, Seeleute vom Hafen. Da war fr ihn Erzhlung drinnen;
da war er wie der Leser eines aufregenden Buches.
    Einst ging er in Cleve bei Nacht durch dunkle Straen. Da sah er vor einer
Kirche einen Mann und eine Frau und fnf Kinder, armselig gekleidet alle; vor
ihnen auf dem Pflaster lagen mehrere Bndel, die ihre Habe enthielten. Nach
einer Weile kam ein Mensch und redete herrisch mit ihnen; sie hoben die Bndel
auf und folgten ihm in traurigem Zug. Es waren Auswanderer, ihr Fhrer hatte vom
Schiff gesprochen.
    Daniel dnkte es, als spanne sich eine Saite in seiner Brust und schwinge
tonlos. Die sich entfernenden Schritte der acht Menschen wurden zum rhythmischen
Gefge. Verworrenes teilte sich ab; finster Gewesenes scho ins Licht. Voller
Beklommenheit ging er seinen Weg, die Augen zu Boden geheftet, als suche er; und
er sah nicht mehr, hrte nicht mehr, wute die Stunde nicht.
    Nach einer Erstarrung von anderthalb Jahren wehte Mrzwind in seiner Seele.
    Aber es war wie Krankheit. Ungeduld verzehrte ihn. Sein nchstes Ziel war
Kloster Oesede bei Osnabrck, von dort wollte er nach Berlin. Er konnte das
Stillsitzen in der Eisenbahn nicht aushalten; in Wesel gab er seinen Koffer als
Fracht auf und wanderte mit Mantel und Rucksack weiter. Er marschierte acht bis
zehn Stunden tglich, trotz des schlechten Wetters. Es war Ende Oktober, die
Morgen und Abende waren kalt, die Straen na, die Quartiere elend. Nichts
beirrte ihn; er ging und ging, suchte und suchte, oft bis in die spte Nacht,
leidenschaftlich in sich versunken.
    Als er ins Eisen- und Kohlenrevier kam, hob er immer fter den Blick empor.
Die Huser waren schwarz, die Luft war schwarz, die Erde schwarz, geschwrzte
Menschen begegneten ihm. Kupferdrhte sangen im Nebel, Hmmer drhnten,
gewaltige Rder surrten, Schlte rauchten, Dampfpfeifen gellten, es war wie
Traumvision, Landschaft eines unbekannten, verfluchten Sterns.
    Eines Abends trat er aus einer Kantine, wo er in Eile etwas zu sich genommen
hatte. Er war noch zehn Kilometer von Dortmund, wo er nchtigen wollte. Er hatte
die Dorfstrae verlassen, da flammten ringsum die Feuer der Hochfen durch den
Nebel, der infolgedessen blutrot glhte. Bergleute kamen schweigend auf das Dorf
zu, und ihre mden Gesichter sahen im Flammenschein wie dmonische Fratzen aus.
Fern oder nah, man konnte es nicht unterscheiden, zog ein Pferd einen Karren
ber glitzernde Schienen; oben stand ein Mann und schwang die Peitsche. Tier,
Karren und Mensch zeigten sich riesengro, das Hhott klang wie ein wilder
Geisterschrei, und die eisernen Laute aus den Werksttten glichen dem Brllen
gequlter Kreaturen.
    Da fand Daniel, was er gesucht. Da fand er die wehevolle Melodie, welche ihn
von Lenore am Tag ihres Todes fortgetrieben hatte. Wohl hatte er sie damals aufs
Papier gebracht, aber sie war ohne Folge geblieben, war mit Lenore ins Grab
gegangen.
    Jetzt war sie auferstanden, und alle Folge mit ihr, in wunderbarem Bogen
hingedehnt, gegliedert wie ein Leib, erfllt wie eine Welt.
    Aus der Maschine war ihm die Musik wiedergeboren worden.

                                       4


Jason Philipp Schimmelweis hatte das Haus an der Museumsbrcke verlassen mssen.
Die Miete war zu teuer geworden, und die Geschfte gingen schlecht. Der Zufall
wollte, da in dem Haus am Kornmarkt, von welchem er vor zwanzig Jahren seinen
Aufstieg genommen, eine billige Wohnung frei war, und er zog dort ein.
    Verstand Jason Philipp seine Zeit nicht mehr? War er zu alt, zu stumpf, um
dem Publikum die literarische Nahrung mundgerecht zu machen? Waren seine
Anpreisungen ohne Kraft, die Reizmittel, die er ersann, ohne Wrze? Niemand
wollte mehr Prachtwerke und Lexika auf Raten bei ihm kaufen, auch die reichen
alten Herren, die nach zweideutiger Lektre lstern waren, kamen nicht mehr.
Jason Philipp war ein sumiger Zahler geworden, die Verleger schickten ihm keine
Kommissionsexemplare, er kam auf die schwarze Liste.
    Und er schimpfte ber die neueren Schriftsteller und sagte, es sei kein
Wunder, da das Bcherschreiben von lauter nichtswrdigen Subjekten ausgebt
werde, da ja die ganze Nation am Gehirnschwund leide.
    Es half aber kein Rsonieren, der Zusammenbruch war nicht aufzuhalten. Ein
Mann namens Rindskopf kaufte die Lagerbestnde zu Makulaturpreisen, und die
Firma Schimmelweis hatte aufgehrt, zu sein.
    In seiner Bedrngnis hatte Jason Philipp bei der liberalen Partei
Untersttzung gesucht. Er pochte auf die Freundschaft, die ihn mit dem
vormaligen Fhrer, dem Freiherrn von Auffenberg, verbunden hatte. Da kam er bel
an. Ein Renegat beruft sich auf den andern, hie es; natrlich, gleich und
gleich gesellt sich gern.
    Dann ging er den Freimaurern um den Bart und wollte in die Loge eintreten.
Doch gab man ihm zu verstehen, da man einigen Grund habe, der Reinheit seiner
Gesinnung zu mitrauen und da seine Bemhungen deshalb vergeblich seien.
    Eine Zeitlang wurde es ihm schwer, das tgliche Brot aufzubringen. Die
Agentenstelle bei der Prudentia hatte er schon lngst gekndigt. Seit einer
Interpellation im Reichstag und einem groen Proze, der kurz hernach gegen die
Gesellschaft anhngig gemacht worden war, und den sie verloren hatte, war es mit
dem Ansehen des klug ersonnenen Brandschatzungs-Unternehmens vorbei.
    Jason Philipp hatte keine andere Wahl: er mute wieder zur Buchbinderei
seine Zuflucht nehmen. Er mute wieder leimen, schneiden und falzen. Von wo er
als ehrgeiziger, plnereicher, selbstsicherer, streitbarer Mann ausgegangen war,
dorthin kehrte er am Abend seines Lebens arm und verbittert zurck. Nichts hatte
gefruchtet, Beredsamkeit nicht, Pfiffigkeit nicht, Wechsel der berzeugung
nicht, Einsicht in die wirtschaftlichen Konjunkturen nicht und Spekulation
nicht. Er hatte niemals an eine gerechte Weltordnung geglaubt, weder als
Sozialist noch als ehrenfester Brger, jetzt schien sie ihm nicht einmal passend
fr einen Merkspruch in einer Kinderfibel.
    Willibald war nach wie vor ein braver Handlungskommis; Markus bekam einen
Posten in einem Mbelgeschft und lernte Volapk, denn er verfocht die Ansicht,
da sich alle Vlker der Erde binnen kurzem nur noch dieser verbrdernden
Sprache bedienen wrden.
    Therese siedelte so ruhig in das Haus am Kornmarkt ber, als sei sie schon
seit Jahren mit dem Gedanken vertraut. Es befand sich dort ein Erkerfenster, an
diesem sa sie, wenn die Arbeit in der Kche getan war, und strickte Strmpfe
fr ihre Shne. Bisweilen kratzte sie mit der Nadel ihren grauen Kopf, bisweilen
griff sie nach einem Schlchen ungezuckerten, kalten Kaffees, das stets neben
ihr stand. Ihr Blick war der trbste Menschenblick, den man wahrnehmen konnte,
ihre Hand die schwieligste, runzligste Bauernhand, die je eine Stdterin gehabt.
    Ununterbrochen mute sie an das viele Geld denken, das in den zwei
Dezennien, die sie am Ladentisch in der Plobenhofgasse verbracht hatte, durch
ihre Hand gegangen war.
    Sie malte sich aus, wohin das viele Geld gerollt sein konnte, wem es jetzt
diente, wen es jetzt qulte. Denn sie war nun seiner ledig, und sie freute sich
in ihrem Innern, da sie seiner ledig war.
    Eines Tages trat Jason Philipp aus seinem Arbeitsraum in die Stube, eine
Zeitung in der Hand, und rief mit strahlender Miene: Endlich, meine Liebe,
endlich! Ich bin gercht. Jason Philipp Schimmelweis war doch ein guter Prophet.
Nun, was meinst du? fuhr er fort, als ihn Therese ohne sonderliche Neugier
anschaute, was meinst du? Rate mal. Ich lass' was draufgehen, wenn du's
errtst. Aber du errtst es ja nicht, das kann kein Weiberschdel fassen. Er
stieg auf einen Stuhl, hielt die Zeitung wie eine Fahne in die Hhe und jubelte:
Mit Bismarck ist's aus! Er wird gegangen! Der Kaiser hat ihn geschat! Nun kann
kommen, was will, ich habe nicht umsonst gelebt.
    Jason Philipp hatte das Gefhl, als sei es hauptschlich seinem Wirken
zuzuschreiben, da dem groen Kanzler die Zgel der Regierung entrissen worden
waren. Seine Befriedigung uerte sich auch weiterhin auf eine ebenso
geruschvolle wie seinem Alter unangemessene Weise. Er fiel die Bekannten auf
der Gasse an und forderte Gratulationen von ihnen. Er spendierte in seinem
Stammwirtshaus ein Fa Bier und legte in einer mit allerlei Sarkasmen und
volkstmlichen Wendungen gespickten Rede die Grnde dar, weshalb er diesen Tag
als den glcklichsten seines Lebens betrachte.
    Er sprach: Erwiese mir das Schicksal die Gunst, vor diesem Schdling,
diesem gewissenlosen Tyrannen einmal Mann gegen Mann zu stehen, wahrhaftig, ich
nhme mir kein Blatt vors Maul, und er sollte Dinge von mir zu hren kriegen,
die ihm noch kein Sterblicher gesagt hat.
    Mehrere Monate vergingen, und eines Tages unternahm der mit seinem Geschick
hadernde Bismarck von seinem Sitz im Sachsenwald eine Reise nach Mnchen. Eine
gewaltige Erregung machte sich in Nrnberg bemerkbar, als es hie, der eiserne
Kanzler werde um die und die Stunde den Bahnhof passieren.
    Alles wollte ihn sehen, jung und alt, vornehm und gering, schon in der
Morgenfrhe drngte sich das Volk in dichten Scharen durchs Knigstor.
    Bei diesem Schauspiel durfte Jason Philipp nicht fehlen. Einen Tiger, dem
die Krallen abgeschnitten und die Zhne ausgebrochen worden sind, zu
beaugapfeln, ist ein Vergngen, das sich meiner Mutter Sohn nicht entgehen
lt, sagte er.
    Seine Ellenbogenkraft leistete ihm ntzliche Dienste, und als der Zug in die
Halle fuhr, stand unser Rebell in der vordersten Reihe der zu einer
undurchdringlichen Masse zusammengekeilten Menschen.
    Der Zug hatte einige Minuten Aufenthalt, und unter dem betubenden
Hurrageschrei des Volkes verlie der Frst seinen Wagen. Er drckte dem
Brgermeister die Hand und begrte einige hohe Offiziere.
    Jason Philipp rhrte sich nicht. Es fiel ihm nicht ein, Hurra zu rufen.
Nein, es fiel ihm nicht ein. Ein suerlich hhnisches Lcheln umspielte seinen
Mund, und sein schon weier Bart zuckte, wenn er die Lippenwinkel in satanischer
Genugtuung auseinanderzog. Es fiel ihm nicht ein, den Hut zu ziehen, trotzdem in
seiner Nhe ein unheildrohendes Murren vernehmbar wurde. Ich bin konsequent,
mein lieber Bismarck, dachte er; ich, Jason Philipp Schimmelweis, bin
unbestechlich.
    Doch schien ihm die Genugtuung, die wir als satanisch bezeichneten, nicht
ganz begrndet, da sie in einem zu schroffen Gegensatz zu dem rings um ihn
herrschenden Enthusiasmus stand. Was war in den dummen Pbel gefahren? Was raste
er? Sah den Feind vor sich, den Henker, sah ihn unschdlich, im brgerlichen
Kleid, und gebrdete sich, als sei der Messias aus dem Extrazug gestiegen!
    Da dnkte es Jason Philipp, wie wenn die Blicke des Frsten sich geradeaus
gegen ihn richteten, wie wenn der furchtbar groe Mann mit dem seltsam kleinen
Kopf und den ungeheuerlich blauen Augen Ansto an seinem Schweigen genommen, wie
wenn er von seiner Gesinnung irgendwie Kunde erhalten htte.
    Das suerlich hhnische Lcheln erstarb in Jason Philipps Gesicht, er
versprte eine laue Unkraft, Angstschwei perlte auf seiner Stirn, unwillkrlich
drckte er die Knie durch und die Brust heraus, ri den Hut herunter, ffnete
den Mund und schrie: Hurra!
    Er schrie Hurra. Der Blick des Frsten wandte sich wieder von ihm ab.
    Aber Jason Philipp hatte Hurra geschrien.
    Er schlich beschmt nach Hause. Er zog die Pantoffeln an die Fe (dem
Mden zum Trost); sie waren schon recht zerfranst, die Pantoffeln, sie hatten
gelitten im Lebenskampf; er streckte sich auf dem Sofa aus, das Gesicht zur
Wand, den Rcken gegen das Fenster, gegen die Welt gekehrt.

                                       5


Wochenlang hatte Daniel in Berlin einsam gelebt, weit drauen, im Osten der
riesigen Stadt. Da kam einer der Leiter des Hauses Philander und Shne zu ihm.
Er besuchte den Mann wiederum, und im Verlauf von zwei Stunden wurde er gegen
seinen Willen mit einem ganzen Schwarm von Komponisten, Dirigenten, Virtuosen
und Musikkritikern bekannt.
    Einige hatten von ihm gehrt, er erschien ihnen merkwrdig, sie warfen ihre
Netze nach ihm aus, er entschlpfte, mute sich bei unvermuteten Begegnungen
dennoch fangen lassen, mute Rede stehen, sich enthllen, fand sich
verpflichtet, interessiert, aber keiner hatte Gewalt ber ihn, er ging nur
zwischen ihnen durch.
    Sie lachten ber seine Mundart und seine Unmanierlichkeit. Was sie anzog,
war sein Selbstrespekt, was sie reizte, war sein verschlossenes Wesen, was sie
originell fanden, war, da er immer wieder fr Monate aus ihrem Gesichtskreis
schwand.
    Eine geschiedene junge Frau, eine Jdin, Regina Sumann mit Namen, fate
eine Schwrmerei fr ihn. Sie erkannte in Daniel die elementare Natur; je mehr
er ihr auswich, je hartnckiger warb sie um seine Beachtung. Manchmal tat es ihm
wohl, wieder eine Frau zu spren, den helleren Laut, den zarteren Schritt, den
reineren Atem, doch glaubte er nicht an Regina Sumann, weil sie ihm zu wissend
schien. Da war nichts von jener Pflanzenart, ohne die ihm eine Frau bildlos und
verwildert vorkam.
    An einem Wintertag besuchte sie ihn in dem den Mietszimmer, das er in der
Greifswalder Strae bewohnte. Sie setzte sich an das Pianino und phantasierte
vor sich hin. Zuerst war es wie Dunst; pltzlich lauschte er betroffen. Was er
hrte, klang ihm auf eine halb unbehagliche, halb schmerzliche Weise vertraut.
Es waren Motive aus dem Quartett, dem Lenoren-Quartett, wie er es fr sich
benannt hatte. Es stellte sich heraus, da Regina Sumann vor drei Jahren bei
der Auffhrung in Leipzig gewesen war.
    Nach einer lastenden Stille griff eine Frage Reginas khn in sein Inneres.
Sie wollte Fden vom Werk zum Menschen knpfen; sie wollte von seinem
unbekannten Schicksal den Schleier reien. Er stie sie zurck. Danach tat sie
ihm leid, und zgernd fing er an, von seiner Symphonie zu sprechen. Die
leidenschaftlich-stumme Teilnahme der Frau hatte etwas Verzauberndes; er verlor
sich, er verga sich, er erffnete sich. Er baute das Werk in Worten vor ihr
auf, die sieben Stze gleich sieben Treppen eines Tempelturms, ein herrliches
Empor in die oberen Sphren, ein tragischer Sturm mit tragisch heitern Pausen
der Erinnerung und Besinnung, von lchelnden Genien begleitet, welche die
Pfeiler der Traumregion schmckten und bekrnzten.
    Dann begab er sich ans Klavier, schlug das wehvolle Hauptmotiv an und die
beiden Seitenthemen, kontrapunktierte sie, steigerte, variierte, modulierte und
sang zugleich. Seine Pupillen hatten sich erweitert und loderten hinter den
Glsern der Brille in grnem Feuer. Da kniete Regina Sumann neben dem
Instrument nieder. Vielleicht zwang sie die Ergriffenheit, dies zu tun,
vielleicht wollte sie ihm einen sichtbaren Beweis ihrer Andacht und Verehrung
geben. Da wurde ihm die Frau pltzlich widerwrtig, das gelste Schmachten ihrer
Augen erregte seinen Ekel, ihre kniende Stellung dnkte ihm wie Spott und
Grimasse, eine Erinnerung war entweiht, er sprang auf, eilte wortlos, mit zornig
verkniffenen Lippen hinweg und lie sie, in seinem Zimmer, allein zurck. Als er
spt in der Nacht heimkehrte, frchtete er, sie noch zu treffen, aber sie war
nicht mehr da. Nur ein Brief lag neben der Lampe auf dem Tisch.
    Sie schrieb, da sie ihn verstanden habe; sie habe verstanden, da er in
seiner Vergangenheit wie in einer Festung wohne, und da Schatten um ihn seien,
die durch keine Anmaung eines Lebendigen verscheucht werden drften. Sie wolle
sich nicht in sein Inneres drngen, doch habe sie Angst um seine Zukunft und wie
er den Hunger des Leibes, den Hunger des Herzens einst niederkmpfen wrde.
    Schamlose, murmelte Daniel, Spionin!
    Sie habe seine Gre erkannt, hie es in fast perverser Demut weiter, er sei
der Genius, dem sie entgegengeharrt, und sie wnsche sonst nichts, als ihm zu
dienen. In der Ferne, da er ihre Nhe nicht ertragen wolle; er mge es sich um
seinet- und der Menschheit willen gefallen lassen.
    Daniel verbrannte den Brief. In der Nacht wachte er auf und hatte Sehnsucht
nach der zrtlichen Berhrung einer Unberhrten. Er trumte ein Lcheln auf dem
Antlitz einer Siebzehnjhrigen, arglos Spielenden, und es schauderte ihm vor
sich selbst.
    Kurze Zeit hernach fuhr er nach Dresden, wo er in der Kniglichen Bibliothek
zu arbeiten hatte.
    Es kamen Menschen zu ihm, die fr ihn wirken wollten. An vielen Zeichen
merkte er, da Regina Sumann glhende Propaganda fr ihn trieb.
    Eines Tages erhielt er von einer Gesellschaft von Musikfreunden in Magdeburg
die Aufforderung, dort ein Konzert zu leiten. Er schwankte lange, endlich
willigte er ein. uerlich hatte der Abend nur geringen Erfolg, doch sprten die
Hrer seine Macht. Stmpernde Musikanten, sich vergessend, wurden zu beseelten
Sklaven seines Arms und Blicks. Ein ungewisses Glck, das er in den Guten
weckte, rief ihn weiter auf der Bahn. Zwei Winter lang dirigierte er klassische
Konzerte in den Provinzstdten des Nordens. Er war der erste, der damit begann,
das Publikum an strenge Programme zu gewhnen. Der erste erntet selten Dank.
Htte er sich nicht so puritanisch der Darbietung von Sigkeiten enthalten, von
Opernnummern und beliebten Tongemlden, sein Wirken htte sich besser gelohnt.
Er wurde mit Achtung genannt, dennoch ging er dunkel durch die Stdte.
    Regina Sumann war immer dort, wo er ein Konzert gab. Er wute es, auch wenn
er sie nicht sah. Bisweilen gewahrte er sie in der vordersten Reihe. Sie nherte
sich ihm niemals. Dann und wann erschienen begeisterte Artikel in den Zeitungen,
die erkennbar von ihr beeinflut waren. Einmal begegnete er ihr auf der Treppe
eines Hotels. Sie blieb stehen, bleich mit gesenkten Augen. Er ging vorber. Da
flammte wieder die Sehnsucht auf nach der zrtlichen Berhrung einer
Unberhrten. Hungerte wirklich schon sein Herz? Er bi die Zhne zusammen und
arbeitete die ganze Nacht hindurch. Es schien ihm, als bedrohe ihn die dstere
Nchternheit seiner Zeit und seiner Welt schrecklich. Aber bedurfte es, um sie
abzuwenden, eines Weibes? Die Schatten wichen trauernd zurck, Gertrud und
Lenore, schwesterlich umschlungen.
    La ab von deinem Tun! riefen sie. Und er sah, da ihn die provinzlichen
Konzertreisen zu falschen Zielen lockten, falschen Ehrgeiz entfachten, seine
Krfte zerteilten. Auch ertrug er die blendend hellen Sle nicht mehr, die
geputzten Menschen, die leer kamen, unverwandelt gingen. Es war alles wie Lge.
Da lie er ab, gerade als die Verfhrung am strksten war, als ihn die Berliner
Philharmonie eingeladen hatte, in ihren Rumen seine eigenen Schpfungen zu
dirigieren.
    Pltzlich war er verschollen. Ehe drei Monate vergingen, war sein Name zur
Sage geworden.

                                       6


Sommer, Herbst und Winter des Jahres 1893 verbrachte er mit unstetem Wandern.
Bald sa er an einem entlegenen Ort in Thringen, bald in einem Tal der Rhn,
bald im Erzgebirge, bald in einem Fischerdorf an der Ostsee. Tagsber arbeitete
er an dem Sammelwerk, in der Nacht komponierte er. Und nur der Firma Philander
war sein jeweiliger Aufenthalt bekannt. Vor den Brotherren durfte er sich nicht
verstecken.
    Allmhlich entwhnte er sich des Wortes so, da es ihn Mhe kostete, mit
einem Wirt ber den Preis eines Zimmers zu verhandeln. Das bestndige Schweigen
meielte seine Lippen zu unheimlicher Schrfe aus.
    Er hrte nichts von seiner Mutter, nichts von seinen Kindern. Es war, als
htte er vergessen, da es Lebendige gab, die seiner mit Liebe, mit Angst
gedachten.
    Die einzigen Boten aus der Welt waren Briefe, die er in Zwischenrumen von
vier bis fnf Wochen durch das Verlagshaus in Mainz nachgeschickt bekam. Die
Briefe waren von der Hand Regina Sumanns, aber sie trugen ihre Unterschrift
nicht, sondern die Schreiberin nannte sich die Schwalbe. Und sie redete Daniel
mit Du an.
    Sie erzhlte ihm von ihrem Leben, von Bchern, die sie las, von Menschen,
die sie sah, und von ihren Ideen ber Musik. Ihre Mitteilungen wurden ihm nach
und nach unentbehrlich, ihre Treue rhrte ihn, und da sie sich ihres Namens
entuert hatte, gefiel ihm. Sie hatte eine erstaunliche Feinheit und Kraft im
Ausdruck, und so unwahr, so gespannt sie im persnlichen Verkehr auf ihn gewirkt
hatte, so berzeugend und natrlich war alles, was sie schrieb. Nie ein Wunsch,
da er geben mge, was er doch nicht geben konnte; nie eine Klage. Dafr eine
Leidenschaftlichkeit des Verstandes, die ihm neu war, die er an Frauen noch
nicht kannte, eine Glut und Sicherheit im Erfassen seines Wesens, vor der er
sich beugte wie vor einer hheren Stimme.
    Er beantwortete keinen Brief, doch wartete er nicht selten mit Ungeduld auf
den, der fllig war. Oft dachte er an die Schwalbe, in der Nacht, wenn er an ein
schwarzes Fenster trat; er dachte an sie wie an einen allsehenden Geist, der in
den Lften haust. Die Schwalbe, das war sinnvoll, die unruhige, zarte, schnelle
Schwalbe. Und er sah jene eine, die sich damals in fabelhaftem Bogen ber den
Kirchenplatz geschwungen hatte, als Eberhard von Auffenberg gekommen war, um ihn
zu den verwelkten Blumen zu fhren.
    Da schrieb er an Philippine: Schmcke meine Grber, kauf zwei Krnze und
leg sie auf die Grber!
    Du mut zum Wolkengipfel hinan, sonst bist du verloren, Daniel, lautete
eine Stelle in einem der Schwalbenbriefe; sobald du um eine Einsamkeit weit,
mut du in eine andere, ungewute schlpfen, sobald ein Weg sich dir bahnt, mut
du ins Dickicht strmen, sobald ein Arm dich umschlingt, mut du dich losreien,
und gibt's auch Blut und Trnen. Du mut ber die Menschen hinaus, du darfst
kein Brger sein, nichts Liebliches darf dir lieb werden, keinen Begleiter und
keine Begleiterin darfst du haben, khl und still mssen die Zeiten um dich
schwingen, erzumschlossen bleibe dein Herz, denn die Musik ist eine Flamme, die
im Menschen, der sie gebiert, alles durchbricht und verzehrt, blo nicht den
Stoff, den die Gtter um den Auserwhlten geschmiedet haben.
    Wie htte da nicht vollends das Bild der rothaarigen Jdin entschwinden
sollen, vor der Daniel in Widerwillen geflohen war? Da war eine Muse, wie sie
von Dichtern ertrumt wird. Jdin, wunderbare Jdin, dachte Daniel, und dieses
Wort, Jdin, erhielt fr ihn eine eigens Bedeutung von Gemtsgewalt und
prophetischem Flug.
    Das Werk, Daniel Nothafft, das Werk, schrieb diese zweite Rahel ein
anderes Mal, der Prometheusraub, wann schenkst du ihn der verarmten Menschheit?
Die Zeit ist wie erdig schmeckender Wein, dein Werk mu Filter sein; sie ist wie
ein epileptischer Krper im Starrkrampf, dein Werk sei die heilende Hand, die
man ihm auf die Stirn legt. Wann endlich gibst du, Sparsamer, wann reifst du,
Baum, wann ergiet du dich, Strom?
    Aber dem Baum eilte es nicht, die Frchte abzuwerfen; der Strom fand den Weg
lang bis zum Meer; er hatte Gebirge zu durchhhlen und Felsen zu zerbrechen. O,
qualvolle Nchte, in denen bestehende Form wieder und immer wieder verfiel! O
hundert qualvolle Nchte, in denen kein Schlaf war, nur aufgeregtes Toben vieler
Stimmen! Trbe Morgen, wo die Sonne auf zerfetzte Bltter schien und auf ein
verstrtes Gesicht, ein Gesicht voll alter, immer neuer Leiden. Und Mondnchte,
wo einer singend dahinschweift, nicht frhlich singend, sondern singend wie
einst die Ketzer auf den Marterbnken der Inquisition; und Regennchte,
Sturmnchte, Schneenchte, wo er dem Phantom einer Melodie nachrast, die halb
schon sein Eigentum ist, halb noch im grenzenlosen Raum unter den Sternen irrt.
    Da wurde alle Landschaft bleiche Vision, Busch und Gras und Blume wie
Gespinst in einem Fieber, Menschen, die vorbergingen, und Nebelschwaden, die
berm Wald faserten, waren von ein und derselben Beschaffenheit; nichts war
greifbar; der Gaumen schmeckte den Bissen nicht, die Finger sprten kein Ding.
Schlechtes Wetter war das willkommene; es dmpfte die Gerusche, machte die
Menschen stiller. Verflucht die Mhle, die klappert, verflucht der Zimmermann,
der den Balken schlgt, verflucht der Fuhrknecht, der die Gule anruft,
verflucht das Lachen von Kindern, das Quaken der Frsche, das Zwitschern der
Vgel! Ein Fhlloser blickt auf euch, einer, der stumm und taub ist, einer, der
Kleid und Schmuck von der Welt reien will, damit keine Farbe und kein Glanz
sein Auge ablenkt, einer, der bei Nacht zum Himmel fliegt, um das ewige Feuer zu
stehlen, und bei Tag in Grbern whlt, ein Auswrfling.
    Als das Frhjahr kam, begann er den dritten Satz, ein Andante mit
Variationen. Es drckte den schauerlichen Frieden aus, den Lenores schlummerndes
Antlitz eine Nacht vor ihrem Tod gezeigt. Da waren pltzlich alle Quellen
erschpft, und er wute nicht, warum seine Hand und seine Phantasie erlahmten.
    Eines Abends kehrte er von einer langen Wanderung nach Arnstein zurck,
einem Marktflecken im Unterfrnkischen, wo er um diese Zeit sein Quartier
aufgeschlagen hatte. Er wohnte bei einer Nhterin, einer armen Witwe, und als er
in sein Zimmer trat, sah er das Tchterchen der Witwe, ein zehnjhriges Kind,
vor der geffneten Schachtel stehen, in der sich die Maske der Zingarella
befand. In harmloser Neugier hatte das Mdchen den Deckel heruntergenommen und
war gebannt von dem unerwarteten Anblick.
    Als es Daniel gewahr wurde, zuckte es erschrocken zusammen und wollte
fliehen. Aber Daniel legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: Bleib nur!
Er fhlte den mageren Krper, die furchtsam bebende Gestalt unter seiner Hand,
und eine ferne Erinnerung schlug ihm wie mit Krallen in die Brust. Der Mund der
Maske schien zu sprechen, Stirn und Wangen leuchteten wei; wenn er die Augen
abwendete, tanzte oben im Raum ein Elfchen, und das Elfchen erregte eine
schuldvolle Unruhe in seinem Gemt.

                                       7


Philippine wollte nie erlauben, da das Agneslein mit andern Kindern spielte.
    Einmal war das Kind auf den Platz gegangen und hatte zugeschaut, wie kleine
Mdchen Schneider, leih mir die Scher' spielten und lachend von Baum zu Baum
liefen. Gern htte es sich zu ihnen gesellt, aber niemand forderte das blasse,
scheue Wesen auf, am Spiele teilzunehmen. Da scho Philippine wie eine Furie
daher und rief erbost: Geh in die Stuben 'nauf, sonst kriegst a Schell'n, da
dir drei Tag lang die Zhn im Maul klappern.
    Auch zog sie immer ein schiefes Gesicht, wenn der alte Jordan sich zu dem
Kind setzte, um mit ihm zu reden. Beachtete er dies Zeichen ihres Unwillens
nicht, so begann sie erst leise zu singen, dann lauter, dann schimpfte sie in
gehssiger Weise und gab sich nicht eher zufrieden, als bis Jordan mit einem
Seufzer aufstand und hinausging. Er durfte es nicht wagen, Philippine zu
trotzen; sie bestrafte ihn, indem sie ihm schlechtes Essen und winzige Portionen
verabreichte. Und er litt viel an Hunger. Er verdiente nur ein paar Groschen in
der Woche und mute das Geld sparen, damit er die Ausgaben bestreiten konnte,
die ihm durch die Arbeit an seiner Erfindung verursacht wurden.
    
    Er glaubte an die Erfindung. Sein Glaube ward mit den Jahren immer fester.
Kein Milingen beirrte ihn; im Gegenteil, er war berzeugt, da ihn jeder
Fehlschlag nher zum Ziel brachte.
    Einst fragte er Philippine: Warum wollen Sie denn nicht, da ich mich ein
bichen mit meinem Enkelchen beschftige? Es tut mir so wohl, es lenkt mich ab,
es mildert die Spannung meines Geistes.
    Bldes Geschwtz, antwortete Philippine, das Agneslein ist mit seinem
Vater bel genug dran, der Grovater, der fehlet mir noch, der tt das Kraut
fett machen.
    Ein andermal sagte der Greis: Schlieen wir einen Vertrag: Sie lassen mich
tglich eine halbe Stunde bei dem Kind, und ich besorg Ihnen dafr die Gnge in
der Stadt.
    Philippine erwiderte grob: Meine Gng' besorg ich mir selber, und das
Agneslein gehrt mir; basta.
    Dabei war Philippine um jene Zeit besonders guter Laune. Es hatte sich
nmlich gefgt, da Benjamin Dorn, der zusammen mit Herrn Zittel von der
Prudentia weggegangen und jetzt bei der Gesellschaft Exzelsior beamtet war,
sich lebhaft fr sie interessierte. Philippine hatte ihrer Freundin, der Frau
Hadebusch, in einer schwachen Stunde verraten, da sie betrchtliche Ersparnisse
besa, und mit dieser Wissenschaft hatte Frau Hadebusch den Methodisten auf
ernste Heiratsgedanken gebracht.
    Der Methodist gab sich Mhe, Philippines Gunst zu gewinnen. An ihrer
gottlosen Denkungsart nahm er freilich Ansto und schttelte betrbt den Kopf,
wenn sie ihn einen Pfaffen nannte und erklrte, das fromme Getue sei ihr
wurscht, die Hauptsache wre, da man Moneten im Sack habe, eine Meinung, der
Frau Hadebusch mit allem Nachdruck beipflichtete. Frau Hadebusch sagte zu
Benjamin Dorn, eine tchtigere, drallere, vermglichere, von oben bis unten
besser ausstaffierte Person als das Frulein Schimmelweis knne er auf dem
ganzen Erdenrund nicht ausfindig machen, er und sie seien fr die Ehe geschaffen
wie Essig und l fr den Salat. Man solle nur sehen, was fr stattliche Gewnder
die Person habe und wie sie sich zu putzen verstehe, und von guter
Familienabstammung sei sie noch berdies; kurz, jedem Mann wre zu gratulieren.
    Und zu Philippine sagte Frau Hadebusch: Der Dorn, das ist ein Schreiber,
wie es ausgezeichneter keinen gibt. Der fhrt Ihnen eine Feder, da es ein
wahrer Staat ist. Er hinkt ein bisla, no ja; wie viele gehen auf zwei gesunden
Beinen und haben blo Lumpereien im Kopf. Der aber, kein Wsserlein kann er
trben; er ist so sanft wie Zwetschgenmus, und wenn ihn ein Hund anbellt, gibt
er ihm ein Stck Zucker. So ein Mann ist das.
    Im Oktober gingen Benjamin Dorn und Philippine auf die Frther Kirchweih,
und das Agneslein wurde natrlich mitgenommen. Benjamin Dorn wute, was er sich
schuldig war; er lie Philippine zweimal auf dem Karussell fahren, zahlte das
Entree in ein Wachsfiguren-Kabinett und nahm ein Los am Glckshafen. Es war eine
Niete. Da setzte er Philippine auseinander, da es unmoralisch sei, in einer
Lotterie zu spielen, und kaufte eine Tte mit Pfeffernssen, was doch ein
solider Genu war.
    Philippine benahm sich auerordentlich kokett. Sie lachte grundlos, sie
verdrehte die Augen, sie sprach mit gespitzten Lippen, sie wackelte mit den
Hften und ergriff jeden Anla, um ihre Bildung zu zeigen. Als sie mit der
Eisenbahn zurckfuhren, sagte sie, sie habe Lust, einmal in einer Chaise zu
sitzen; aber zwei Rosse mten sein und ein Kutscher mit einem Zylinder.
Benjamin Dorn entgegnete, solches liee sich machen; und er deutete schalkhaft
an, da er eine gewisse feierliche Zeremonie nicht ohne ein derartiges Vehikel
veranstalten wrde. Philippine kicherte und sagte: Joi, Sie sind ja ein ganz
Geriebener. Worauf Benjamin Dorn glcklich und verlegen grinsend zu Boden
schaute.
    Dann trennten sie sich, denn das Agneslein war in Philippines Arm schon
eingeschlafen.
    Wie sich Philippine zu der Bewerbung des Methodisten innerlich verhielt, war
schwer zu ermessen, obgleich sie so tat, als fhle sie sich geehrt und in ihren
Erwartungen geschmeichelt. Benjamin Dorn war seiner Sache keineswegs sicher, und
wenn Frau Hadebusch auch noch so resolut ins Zeug ging, mute sie sich von
Philippine immer wieder vertrsten lassen.
    Nie zuvor aber hatte Philippine so viele Lieder geplrrt, nie waren ihre
Bewegungen so hurtig gewesen. Jeden Tag zog sie ihr Sonntagskleid an und
schmckte es mit den erlesensten Bndern; und wusch ihre Hnde mit Mandelseife
und frisierte sich vor dem Spiegel. Simpelfransen waren nicht mehr modern, dafr
baute sie aus ihren Haaren einen Turm und sah aus wie eine Chinesin.
    Bisweilen besuchte sie Herrn Carovius, den sie stets allein traf, denn
Dorothea Dderlein war von ihrem Vater nach Mnchen geschickt worden, wo sie
sich in ihrer Kunst vervollkommnen sollte. Mit halben Worten, augenzwinkernd,
dumm und herausfordernd lachend, berichtete sie von Benjamin Dorn und seinen
Absichten, wie wenn es gar nicht anders mglich sei, als da Herr Carovius die
brennendste Neugier nach ihren Erlebnissen trage. Herr Carovius war ihrer schon
lngst berdrssig, mochte ihr aber die Tr nicht weisen. Es stand mit ihm so,
da er aufatmete, wenn er eine menschliche Stimme hrte. Es stand mit ihm so,
da er sich in seinen vier Wnden vor der Stille frchtete. Keiner kam zu ihm,
keiner sprach mit ihm, und er seinerseits getraute sich keinem zu nhern. Mit
dem Hochmut von ehedem war es aus, und nun fand er keinen Weg mehr zu den
Menschen. Ging er ins Paradieschen, so kannte ihn niemand. Die Brder vom
Jammertal waren zerstoben, ein anderes Geschlecht sa da, von anderer Herkunft,
mit andern Tiraden, und er war alt.
    Dorotheas Abwesenheit konnte er nicht verwinden. Er zhlte die Tage bis zu
ihrer Rckkunft, und das Klavier ffnete er nicht mehr, weil alle Musik, und die
zumeist, die er liebte, einen Trbsinn aufschieen lie, der die Stube erfllte
gleich Miasmen.
    Der Nero unserer Zeit litt an der Csarenmelancholie. Der Kleinbrger war in
die unterste Tiefe des finstern Schachtes hinabgesunken, den er selber gebohrt,
um alle Freuden, alles neue Werden, alle Flgelwesen darinnen zu verscharren.
    Das schlimmste war, da er keine Beschftigung hatte und da hiegegen kein
Kopfzerbrechen half. Die Welt lief ihren Gang, rtselhaft, lief ihren Gang ohne
seine Kritik, ohne seinen Beifall, ohne seinen Richterspruch und seine
Totengrberei.
    Philippine rgerte sich ber den scheelblickenden Ofenhocker, und ihre
Besuche wurden sprlicher. Mit Frau Hadebusch wollte sie sich nicht aussprechen,
die schien ihr zu nahe beteiligt bei der Sache; sonst hatte sie niemand, und sie
mute ihre Ungeduld und Aufregung im Zaum halten.
    Es wurde Weihnachten. Am heiligen Abend hatte sie fr Agnes einen kleinen
Tannenbaum geschmckt und Kerzen darauf angezndet. Als Christgeschenke fr das
Kind lagen ein groer, brauner Lebkuchen, ein Krbchen mit pfeln und Nssen und
eine billige Puppe unter dem Baum. Fr den alten Jordan hatte sie ein Paar
Stiefel gekauft, deren er dringend bedurfte. Seit dem Herbst ging er mit
zerrissenen Sohlen herum.
    Der alte Jordan sa neben der Tr und hielt die Stiefel auf den Knien. Agnes
betrachtete mit ihren traurigen Augen die Puppe, ohne sie anzurhren. Nachdem
der Inspektor eine Weile in die flackernden Kerzenflammen gestarrt hatte, sagte
er: Dank Ihnen, Philippine, dank Ihnen. Sie sind eine wirkliche Wohltterin.
Auch da Sie des Kindes gedacht haben, dank ich Ihnen. 's ist ja ein armseliges
Ding, so eine Puppe aus dem Fnfzigpfennigbasar, aber wer Kindern schenkt,
verdient sich den Himmel, und es wird dabei nicht gewogen und nicht gezhlt.
    Lamentieren S' doch nicht alleweil, wies ihn Philippine schnd zurecht.
Sie bi an ihren Ngeln und war kaum imstande, ihre Erregung zu verbergen. Frau
Hadebusch hatte ihr Nachricht gegeben, da Benjamin Dorn noch im Laufe dieses
Abends kommen werde, um ihr einen frmlichen Heiratsantrag zu machen.
    Warte nur, Agnes, fuhr der alte Jordan fort, warte nur, bald wirst du ein
Wunderding von einer Puppe zu sehen kriegen. Noch ein paar Jhrchen, und die
Welt wird staunen. Du aber bist die erste, die das vollendete Werk schauen darf.
Die erste bist du, Agneslein. Was haben wir denn heute, am heiligen Christfest
doch, zu essen? wandte er sich zaghaft an Philippine.
    Kalte Naundscher und g'sottne Mehlwrmer, erwiderte diese hhnisch.
    Und ... und ... keinen Brief von Daniel? fragte er mit vernderter, trber
Stimme, nichts? gar nichts?
    Philippine zuckte die Achseln. Der alte Mann erhob sich und schwankte
hinaus, um in seine Kammer zu gehen.
    Bald danach hrte Philippine humpelnde Schritte, und die Gatterglocke
lutete. Mach auf, befahl Philippine dem Kind. Agnes verlie die Stube und
kehrte mit Benjamin Dorn zurck. Der Methodist trug einen schwarzen Anzug, und
in der Hand hielt er ein schwarzes Filzhtchen, das flach wie ein Pfannkuchen
war. Er verbeugte sich vor Philippine und fragte, ob er nicht stre. Philippine
schob ihm einen Stuhl hin, er nahm umstndlich Platz und lchelte schal. Da
Philippine schwieg und nur gespannt in sein Gesicht starrte, fing er an zu
sprechen.
    Zuerst verbreitete er sich ber die Vorzge des Ehestands im allgemeinen,
dann, da es fr ihn im besondern wnschenswert sei, ein braves Weib
heimzufhren. Er habe lange mit sich im Kampf gelegen, doch Gott habe ihn
erleuchtet und auf den rechten Weg gewiesen. So trage er denn kein Bedenken
mehr, dem Frulein Schimmelweis Herz und Hand anzubieten, knne aber nicht
umhin, den Wunsch auszudrcken, da sie den wichtigen Schritt noch einmal in
christlicher Weise reiflich erwge.
    Philippine war unruhig von einem Fu auf den andern getreten. Pltzlich
lachte sie. Sie bog den Oberkrper vor und lachte heftig. No, Sie
Kniedlaskupf, fing sie an, Sie woll'n g'wi nur mein Geld! Sagen S' es
aufrichtig, mein Geld wollen S' haben, was?
    Whrend Benjamin Dorn dumm und bestrzt dreinsah, geriet sie mehr und mehr
in Wut. Das tt Ihnen schmecken, Sie Habenichtsnos'n, schrie sie, so a Madl,
was gleich den Verstand verliert, wenn sich a Mannsbild blicken lt, und die
sich ihre paar Batzen z'sammg'spart hat, da sich der Sprazl auf die Brenhaut
legen kann. Da wird nix draus, die Philippin' betackelt man nicht, die wei, was
ihr fr Lumpenvolk seid. Marsch, fort mit Ihnen, fort! Hinaus! Sie warf rabiat
die Arme und wies nach der Tr.
    Benjamin Dorn stand auf, stotterte erschrocken, zog sich rckwrts gehend
nach der Tr zurck und verschwand dann so eilig, da Philippine neuerdings in
schrilles Gelchter ausbrach. Kumm her, Agneslein, sagte sie dann, setzte sich
auf den Tritt im Erker und nahm das Mdchen auf ihren Scho.
    Lange schwieg sie, und das Kind getraute sich nicht zu sprechen. Beide
schauten in die Kerzenlichter des Christbaums. Singen wir was, sagte
Philippine endlich. Mit heiserer Bastimme begann sie Stille Nacht, heilige
Nacht zu singen, und mit hohem, mutlosem Stimmchen fiel Agnes ein.
    Als sie das Lied gesungen hatten, entstand wieder ein Schweigen.
    Wo ist denn mein Vater? fragte Agnes pltzlich, ohne Philippine
anzublicken. Es klang, als habe sie seit Jahren auf die Gelegenheit gewartet,
diese Frage zu stellen.
    Philippines Gesicht wurde grau, ihre Zhne mahlten. Dein Vater, der lungert
im Land herum, antwortete sie und blies ein Lichtchen aus, welches im
Niederbrennen einen Zweig zum Glimmen gebracht hatte; er hat's auf Weibsleut
abgesehen und lt alle Sieben grad sein. Klimpern tut er und 's Papier
vollschmieren. Da kann eins verrecken, und er kmmert sich nicht drum. Mit
einem rohen Sto setzte sie das Kind auf die Erde, sprang empor, ging zum
Fenster und ri es auf, als knne sie's vor Hitze nicht aushalten.
    Sie beugte sich ber das schneebedeckte Sims.
    Es huschert mich, klagte das Mdchen. Aber Philippine hrte sie nicht.

                                       8


Daniel schrieb an Eberhard und Sylvia, ob er zu ihnen kommen knne. Er dachte:
dort sind Freunde, vielleicht brauch ich wieder einmal Freunde.
    Von einer fremden Hand erhielt er den Bescheid, da die Baronin bedaure, ihn
in Siegmundshof jetzt nicht aufnehmen zu knnen, aber sie liege im Wochenbett;
sie sende ihm herzliche Gre und lasse ihm mitteilen, da es sowohl dem
Neugeborenen wie auch dem andern Kind, welches nun schon drei Jahre alt sei, gut
gehe; beides seien Knaben.
    berall wachsen Kinder auf, sagte Daniel, und er packte seinen Koffer und
reiste langsam sdwrts, der Heimat zu, so langsam, als frchte er sich vor
einem Ziel, wohin zu gehen es ihn doch zwang.
    An einem Abend im April kam er in Nrnberg an. Als er in die Stube trat,
schlug Philippine laut klatschend die Hnde zusammen und blieb wie angewurzelt
stehen.
    Agnes ma den Vater mit scheuen Blicken. Sie war hochaufgeschossen, weit
ber ihre Jahre.
    Der alte Jordan kam herunter. Du siehst schlecht aus, Daniel, sagte er und
wollte Daniels Hand nicht loslassen, drfen wir nun hoffen, dich hier zu
behalten?
    Ich wei nicht, erwiderte Daniel und schaute geistesabwesend an den Wnden
hin, ich wei nicht.
    Am dritten Tag bemchtigte sich seiner eine ganz ungewohnte Bangigkeit. Ihm
war, als sei er irre gegangen und als habe es ihn innerlich an einen andern Ort
getrieben. Er ging zu Philippine in die Kche. Sie buk fr ihn Kartoffelnudeln,
in Schmalz. Es roch gut.
    Ich fahr nach Eschenbach hinaus, sagte er zu seiner eigenen Verwunderung,
denn der Entschlu war mit dem Wort gekommen.
    Philippine ri die Pfanne vom Feuerloch, das Feuer stieg jh in die Hhe.
Meinetwegen fahrst hin, wo der Pfeffer wchst, knirschte sie ingrimmig.
Beschienen von den Flammen, sah sie wie eine Hexe aus.
    Daniel schaute sie prfend an. Was ist mit der Agnes? fragte er nach einer
Weile, warum geht mir das Kind aus dem Weg?
    Wird schon wissen warum, versetzte Philippine tckisch und stellte die
Pfanne wieder aufs Feuer, die is keine Zulufige.
    Daniel verlie die Kche.
    Zu seinem Bankert fahrt er, der Luderskerl, zu seinem Bankert, murmelte
Philippine. Sie kauerte sich auf den Schemel und starrte dumpf vor sich hin.
    Die Kartoffelnudeln verkohlten.

                                       9


Bei sinkender Nacht betrat Daniel das Huschen der Mutter. Als er die Mutter
gewahrte, wute er, da ein Unglck geschehen war.
    Eva war fort. Eines Abends, vor vier Wochen, war sie verschwunden gewesen.
Eine Seiltnzergesellschaft hatte Vorstellungen im Stdtchen gegeben, die wurde
beschuldigt, das schne Kind geraubt zu haben. In dieser berzeugung hatten sich
die Eschenbacher Leute auch dann nicht erschttern lassen, als die Gendarmerie
die umherreisende Gesellschaft aufgegriffen hatte, ohne des vermiten Mdchens
habhaft zu werden.
    Alle Gemeinden des Kreises waren alarmiert worden, im ganzen Land wurden die
Nachforschungen betrieben, noch bis zur Stunde; vergebens, es war nirgends eine
Spur zu finden, der Fall war den Behrden wie den Einwohnern ein Rtsel.
    Die Wlder wurden durchsucht, die Weiher abgelassen, die Landstreicher
befragt, vergebens. Da hatte eines Tages der Brgermeister einen Brief ohne
Unterschrift bekommen, und sein Inhalt war dieser: Das Mdchen, nach dem ihr
fahndet, ist wohl aufgehoben. Es ist kein Zwang an ihr gebt worden, freiwillig
und aus Liebe zur Kunst ist sie mit denen gegangen, bei welchen sie weilt. Sie
schickt ihrer Gromutter zrtliche Gre und hofft, sie einst wiederzusehen,
wenn sie erreicht hat, was sie sich wnscht.
    Darunter hatte Eva mit Federzgen, die Marianne Nothafft als ziemlich
zweifellos von dem Kinde herrhrend bezeichnet hatte, geschrieben: Das ist wahr.
Lebwohl, Gromtterchen!
    Die Leute, die mit Marianne um den Verlust des Kindes von Eschenbach
trauerten, sagten, wenn es Eva wirklich sei, die diese Zeilen geschrieben hatte,
so sei sie eben von den Rubern dazu gentigt worden.
    Der Brief trug den Poststempel einer rheinpflzischen Stadt. Ein Telegramm
ging hinber, die Antwort lautete, es habe vor kurzem eine Gesellschaft von
Gauklern dorten gastiert, aber sie seien lngst abgereist; auf welcher Strae
sei nicht bekannt, wahrscheinlich nach Frankreich hinber.
    Marianne war gebrochen. Sie hatte keine Lebenslust mehr, sogar ber die
Ankunft Daniels bekundete sie keine Freude.
    Und Daniel war es, wie wenn der hellste Stern an seinem Himmel untergegangen
sei. Als er das Furchtbare aufgefat hatte, schlich er in die Dachstube, warf
sich auf das verlassene Bett seiner Tochter und schluchzte. Weinst du, Mann,
weinst du endlich? schien eine Stimme zu rufen.
    An vielen Abenden sa er bei der Mutter, und sie grbelten beide vor sich
hin. Einmal fing Marianne an zu sprechen, und sie erzhlte von Eva. Die Vorliebe
des Kindes fr Schaustellungen aller Art habe sie stets beunruhigt; vor Jahren
sei eins Truppe wandernder Komdianten im Ort gewesen, da habe die damals erst
Achtjhrige eine leidenschaftliche Erregung gezeigt und sich vom Morgen bis zum
Abend vor der Bude herumgetrieben, in welcher die Leute gespielt. Auch habe sie
Bekanntschaft mit einigen von ihnen geschlossen, und eine junge Person habe sie
dann zu der Auffhrung eines Stckes mitgenommen. So oft ein Zirkus auf dem
Jahrmarkt gewesen, htte man sie kaum bndigen knnen; bisweilen dacht ich mir,
es mu Zigeunerblut in dem Kind sein, sagte Marianne traurig, aber es war ein
so gutes und folgsames Kind sonst.
    Ein andermal erzhlte sie folgendes. An einem Sonntag im Frhjahr habe sie
einen Spaziergang mit Eva gemacht. Es sei spt geworden, auf dem Rckweg sei die
Nacht eingebrochen, sie htten durch den Wald gehen gemut, da habe sie sich
mde auf einen Baumstumpf gesetzt, um ein bichen zu rasten. Der Mond habe
geschienen, es war eine kleine Lichtung da, pltzlich sei Eva aufgesprungen und
habe zu tanzen begonnen. Das war wunderlich anzusehen, schlo Marianne ihren
Bericht, das schlanke, zarte Figrchen, wie es sich im Mondschein und auf dem
Moose lautlos um sich selbst gedreht hat. Aber mir hat's das Herz
zusammengeschnrt, und mir war, als sollte sie nicht mehr lange bei mir
bleiben.
    Daniel schwieg. O, zauberisches Ding du, dachte er, Erbteil und Geschick.
    Drei Wochen blieb er bei der Mutter, dann engte ihn das Gewohnte zu sehr
ein, Haus und Stdtchen, und er nahm Abschied. Er fuhr nach Wien; dort hatte der
Kustode an einem kaiserlichen Institut wichtige alte Handschriften fr ihn
liegen.
    Anderthalb Monate spter bekam er einen Brief, der ihn erst nach allerlei
Irrfahrten erreicht hatte. Er meldete ihm den Tod seiner Mutter. Der Lehrer von
Eschenbach schrieb ihm dieses mit dem Hinzufgen, da die Greisin in der Nacht
friedlich und schnell verschieden sei.
    Ein zweiter Brief folgte, darin wurde er um Anweisungen gebeten, was mit dem
Huschen geschehen solle, und ob es zum Verkauf auszuschreiben sei; ein Nachbar,
der Getreidehndler Merk, habe sich freiwillig angeboten, Daniels Interessen zu
vertreten.
    Daniel antwortete, sie mchten tun, was ihnen am besten schiene. Es lasteten
Schulden auf dem Huschen, und der Verkauf konnte keinen groen Ertrag bringen.
    Er verkroch sich in eine Einde.

                                       10


In kleinen Stdten und Drfern an der Donau brachte er endlich den dritten Satz
der prometheischen Symphonie zu Ende. Als er wie aus Fieberdelirien erwachte,
war es Herbst geworden.
    An einem Morgen im Oktober hrte er einen Heiligen die Orgel spielen. Es war
in Sankt Florian bei Enns. Der groe Knstler, einst hatte er im Stift gelebt,
kam jetzt nur zuweilen, um Zwiesprache mit seinem Gott zu halten. Hingenommen
bis ins Innerste, war es Daniel zumut, als sitze sein gekrnter Bruder oben an
der Orgel; demtig und erschttert lauschte er in einem Winkel. Als dann ein
Mensch an ihm vorberging, ein gebckter, hagerer, etwas wunderlicher Greis mit
einem sorgendurchfurchten Gesicht und in einem schlechten Anzug, da berwltigte
ihn das Grauen vor der Krperlichkeit des Genies, und er erschien sich selber
gespensterhaft.
    Die Schwalbe schrieb: Uns kann nur einer erlsen, der Musiker. Die Zeit der
Religionsstifter, der Staatengrnder, der Waffenhelden und der Entdecker ist
vorber. Vielleicht sogar die Zeit der Dichter. Die Dichter haben nur Worte, und
unsere Ohren sind mde von Worten; sie haben nur Bilder und Gestalten, und
unsere Augen sind mde vom Sehen. Der letzte Trost der Seele liegt in der Musik,
dessen bin ich gewi. Wenn etwas die verlorenen Illusionen des Glaubens zu
ersetzen vermag, wenn etwas uns beschwingen und verwandeln kann, wenn es noch
eine Rettung vor dem Abgrund gibt, dem die Menschheit mit verwilderten Sinnen
zurast, ist es die Musik. Wo bist du, Erlser? Heimatlos ziehst du ber die
Erde, der rmste, der entbehrendste, der schuldigste, der verlassenste Mensch.
Wann bezahlst du deine Schuld, Daniel Nothafft?
    Sieben Monate brachte Daniel in Ravenna, Ferrara, Florenz und Pisa zu. Er
suchte nach Handschriften von Frescobaldi, Borghesi und Ercole Pasquini. Als er
die wichtigsten gefunden hatte, durfte er das Sammelwerk als abgeschlossen
betrachten.
    Die Menschen erschienen ihm wie Spielfiguren, die Landschaften wie Malerei
auf Glas, er sehnte sich nach Wldern, und seine Trume wurden wst.
    Von Genua wanderte er zu Fu durch die Lombardei und ber die Alpen. Er
schlief in harten Betten, um die Erhitzungen des Blutes zu mindern und nhrte
sich von Brot und Kse. Die Anflle von Erschpfung, denen er ausgesetzt war,
beachtete er zuerst nicht, aber in Augsburg strzte er auf der Strae zusammen.
Er wurde in ein Spital geschafft und lag dort drei Monate lang am Typhus. Von
seinem Fenster aus sah er Fabrikschlte und ewig ziehende Wolken. Es war Winter
geworden, und der Schnee fiel.
    Zwei Jahre nach seinem letzten Abschied betrat er wieder das Haus am
Egydienplatz. Als ihn Philippine gewahrte, so abgezehrt und bleich, stie sie
einen Schreckensschrei aus.
    Agnes war noch lnger, noch drrer, noch ernsthafter geworden. Bisweilen,
wenn sie ihren Vater anschaute, htte er ihr zornig zurufen mgen: Was soll dein
Gefrage? Dabei war kein Wort ber ihre Lippen gekommen.
    Da Philippine sah, da Daniel so einsam zurckgekehrt war, wie er ausgezogen
war, legte sie in ihrem Benehmen gegen ihn eine eigentmliche Sanftheit an den
Tag. Der alte Jordan lebte unverndert dahin. Alles ging seinen vorgeschriebenen
Weg, alles war, wie wenn Daniel nicht sechs Jahre, sondern sechs Tage
fortgewesen wre.
    Er fhlte sich noch nicht ganz gesund, trotzdem arbeitete er Nacht fr
Nacht. Der vierte Satz versprach ein Wunder an Polyphonie zu werden. Ursein,
Ursehnsucht, Urschmerz tnten in ihm. Der ewige Wanderer gelangte an die
Himmelspforte und wurde nicht eingelassen. berirdisch bewegte Harmonien hatten
ihn emporgetragen; dumpfe Paukenschlge bezeichneten sein stehendes Pochen an
verschlossenen Toren; drinnen erklang das schauerliche Nein der Posaunen.
Umsonst war das Bitten der Geigen, umsonst der Frspruch des Engels, der zur
Rechten stand, auf eine Harfe ohne Saiten gelehnt, umsonst die se Beschwrung
des andern, blumenbekrnzten, zur Linken, umsonst der Elfenchor der oberen
Stimmen, umsonst die aufschumende Klage der unteren; hie fhrt kein Pfad, hie
es, hie ist fr ihn kein Raum.
    Eines Abends erblickte Daniel am Fenster seiner Stube ein fremdes Mdchen.
Sie war schn. Betroffen erhob er sich, um sich ihr zu nhern. Da war sie
verschwunden. Es war eine Halluzination gewesen. Er frchtete sich vor sich
selbst, verlie das Haus und wanderte wie in vergangenen Zeiten durch die
Gassen.

                                       11


Es war Faschingstag, und die Brger waren wieder einmal lustig. Maskierte Knaben
und Mdchen zogen in lrmenden Scharen umher.
    Als Daniel durch die Fll ging, stutzte er; die Fenster in der Bendaschen
Wohnung waren erleuchtet. Da erinnerte er sich, da ihm der Provisor Seelenfromm
gesagt, Frau Benda sei schon vor langer Zeit aus Worms zurckgekehrt; sie lebe
mit einer Nichte, denn sie sei vllig erblindet.
    Er stieg die Treppe hinauf und lutete. Eine grauhaarige, vergrmt
aussehende Frau ffnete ihm; es mute wohl die Nichte sein. Daniel sagte seinen
Namen, die Frau hatte von ihm gehrt.
    Sie wissen ja wahrscheinlich, da Friedrich verschollen ist, sagte sie in
schlfrig singendem Ton. Acht Jahre sind vergangen, seit er den letzten Brief
aus Innerafrika geschickt hat. Wir haben schon auf alle Hoffnung verzichtet;
auch in den Zeitungen ist es schon ganz still geworden.
    Ich habe nie was gelesen, murmelte Daniel. Aber Friedrich kann nicht tot
sein, fuhr er kopfschttelnd fort, daran glaub ich nun und nimmer. Er heftete
seine Augen mit einem zugleich zerstreuten und intensiven Blick auf die Frau,
die gebannt auf seine Brillenglser starrte.
    Wir haben alles versucht, was menschenmglich ist, erwiderte sie; haben
uns an die Konsulate, die militrischen Stationen und die Missionsvorstnde
gewandt, es hatte gar keinen Erfolg. Nach einer Pause sagte sie ein wenig
lebhafter: Sie werden nicht wollen, da ich Sie ins Zimmer fhre. Es ist
qualvoll fr die Tante, wenn sie eine fremde Stimme hrt, und da Sie mit ihr
reden, knnt ich nicht zulassen, da wrde der ganze Schmerz von neuem in ihr
aufgewhlt.
    Daniel nickte und ging. Vom Flur herauf drang ein bermtiges Gelchter, das
peinigend in seine dunkle Stimmung fiel. Sein Herzschlag dnkte ihm matt; er
empfand ein wehtuendes Verlangen nach etwas, wofr er keinen Namen wute, nach
etwas Sem und Strahlendem.
    Auf dem letzten Treppenabsatz blieb er verwundert stehen und schaute in den
Flur hinunter.
    Herr Carovius tnzelte wie ein Bajazzo vor seiner Wohnungstr herum. Er
hatte eine silberpapierene Krone auf dem Kopf und suchte sich mit einem
greisenhaften und zrtlichen Grinsen der mutwilligen Zudringlichkeit eines
jungen Mdchens zu erwehren. Das Mdchen befand sich in einem Karnevalsaufzug.
Das dunkelblaue Sammetkleid, welches die ppige Gestalt fast schlank erscheinen
lie, war ber und ber von Silberfden behangen. Von ihren Schultern bis auf
den Boden, wo es noch drei Schritte hinter ihr schleppte, hing ein
schleierartiges, schwarzes Tuch herab, das mit glitzerndem Flitterwerk best
war. In der Hand hielt sie eine scheuliche Wachsmaske, das Gesicht eines
Saufbolds mit einer roten Nase darstellend, und ihre Bemhungen zielten darauf
hin, das Gesicht des Herrn Carovius mit der Maske zu bedecken.
    Sie wollte, da er sich ihr fge, sie versicherte, sie werde nicht eher vom
Fleck gehen, als bis Herr Carovius die Maske aufgesetzt habe. Herr Carovius
rttelte an der Tr, die zugefallen war, er kramte in seinen Taschen nach dem
Schlssel, aber das Mdchen gab ihm keine Ruhe.
    Komm, Butzi, rief sie dabei, komm, Onkelchen, sei nicht langweilig, und
nherte sich immer wieder mit der Maske.
    Wart, ich will dich lehren, Respektspersonen zum Narren zu halten, gilfte
Herr Carovius in wohlwollendem rger und glich einem alten Hund, der Sprnge
macht, wenn sein Herr einen Spazierstock ins Wasser wirft. Da er aber in dem
Eifer, das Attentat auf seine Wrde zu verhindern, die Papierkrone auf seinem
Haupt vergessen hatte und diese bei all seinen Bewegungen komisch wackelte,
geriet das junge Mdchen vor Lachen vllig auer Atem.
    Nun trat eine Magd ins Tor und brachte Schnee, den sie vom Hof geholt und in
ihre Schrze getan hatte. Das Mdchen lief ihr entgegen, fllte die Hand mit
Schnee und erhob sie scherzhaft drohend gegen Herrn Carovius. Herr Carovius
winselte um Gnade, mit dem Schnee als wirksamem Zwangsmittel kam sie heran, und
Herr Carovius hatte solche Furcht vor dem kalten Bombardement, da er keinen
Widerstand mehr leistete und sich die Larve umbinden lie. Das Mdchen legte,
erschpft vom Lachen, die Stirn auf seine Schulter, und die Magd, es war
Dderleins Magd, stie vor Vergngen Laute wie ein gackerndes Huhn aus.
    Die Szene wurde vom drftigen Licht eines an der Mauer hngenden Lmpchens
beleuchtet und htte deshalb auch ohne den Anblick des Herrn Carovius mit der
Papierkrone und der Sufermaske etwas Phantastisches gehabt.
    Da das Mdchen Dorothea Dderlein war, wute Daniel nicht, obwohl er es
halb und halb erriet. Doch wer sie auch sein mochte, er war betroffen von dieser
Frhlichkeit, dieser Lachlust, dieser unbndigen Ausgelassenheit. Er kannte
dergleichen nicht, und wenn er es jemals gekannt hatte, erinnerte er sich nicht
mehr daran. Die jungen Zge, die leuchtenden Augen, die weien Zhne, die
behenden Gesten, das alles flte ihm Ehrfurcht ein, und in seinen Augen malte
sich ein erschttertes Gemt. Er fhlte sich so alt, so fremd; so ohne Sonne und
ohne Blte; ihm war, als zeige sich ihm das Leben mit einem Mal von einer neuen,
freundlichen und verlockenden Seite.
    Zgernd schritt er herab.
    Ist's die Mglichkeit! schrie Herr Carovius und ri die Larve von seinem
Gesicht; was sehen meine Augen! Unser Maestro! Oder ist's sein Geist?
    Er und sein Geist, beide, entgegnete Daniel trocken.
    Geister haben hier nichts zu tun, rief Dorothea und schleuderte einen
Schneeball, der seine Schulter streifte.
    Unter Daniels Blick errtete sie pltzlich und schaute Herrn Carovius
fragend an. Kennst du denn unsern Daniel Nothafft nicht, du ungebildete Katze?
sagte dieser; weit du nichts von unsrer Koryphe? Wieder in der Heimat,
Meister? Ruhmbedeckt zurckgekehrt?
    Zu anderer Zeit htte der gallige Spott des Herrn Carovius Daniels Unwillen
erweckt; jetzt bemerkte er ihn kaum. Wie jung sie ist, dachte er, indem er die
befangen lchelnde Dorothea musterte, wie herrlich jung!
    Dorothea rgerte sich, da sie nicht ihr rotes Kleid anhatte, das sie sich
in Mnchen hatte machen lassen.
    Dorothea! tnte eine gewaltige Stimme im ersten Stock.
    Och, der Vater! flsterte Dorothea erschrocken und lief auf den
Fuspitzen, den langen Schleier raffend, die Treppe empor. Die Magd folgte ihr.
    Ein Teufel, ein wahrer Teufel, Maestro, wandte sich Herr Carovius
triumphierend zu Daniel. Sie mssen einmal zu mir kommen und hren, wie sie den
Fiedelbogen streicht. Ein Teufel, sag ich Ihnen.
    Daniel wnschte Herrn Carovius gute Nacht und trat gesenkten Hauptes auf die
Strae.

                                       12


Fr unsere Provinz war Dorothea Dderlein, nachdem sie aus der Hauptstadt
zurckgekehrt war, eine Erscheinung, die alles Interesse auf sich lenkte. Ihr
Betragen erschien zwar etwas frei, aber da sie eine Knstlerin war und ihr Name
bisweilen in den Zeitungen genannt wurde, sah man ihr vieles nach. Als sie ihr
erstes Konzert gab, war der groe Adlersaal beinahe ausverkauft.
    Der Musikkritiker des Herold war begeistert von ihrem kaprizisen Spiel.
Er nannte sie eine phnomenale Kraft und prophezeite ihr eine glnzende Zukunft.
Andreas Dderlein nahm gnnerhaft die Gratulationen entgegen, Herr Carovius
schwamm in Wonne. Von Kritik war bei dem ehemals so Gestrengen keine Rede mehr;
der Kultus, den er mit Dorothea trieb, machte ihn ganz urteilslos.
    Anfangs fehlte es Dorothea nicht an Einladungen zu allerlei Krnzchen,
Hausbllen und Familienassembleen. Sie wurde lebhaft umschwrmt, und die
heiratsfhigen Tchter konnten vor Neid nicht schlafen. Bald aber zogen sich die
soliden jungen Mnner, gewarnt durch ihre Mtter, Schwestern und Basen,
ngstlich zurck.
    Es erregte Mibilligung, da sie mit ihren Verehrern ffentlich
lustwandelte. Auch sah man sie hufig in Gesellschaft mehrerer Offiziere in der
Eisenbeischen Konditorei sitzen, wo sie Schokolade trank und ausgelassen
lachte. Einmal war sie mit einem blonden Schweden von den Schuckertwerken im
Tingeltangel gesehen worden; dann verbreitete sich das Gercht, sie habe in
Mnchen ein lderliches Leben gefhrt, die Nchte durchschwrmt, Schulden
gemacht und mit allen mglichen Mnnern kokettiert.
    Indessen tauchten doch einige ernsthafte Bewerber auf, die durch Andreas
Dderleins diplomatisches Wirken ins Haus gezogen wurden und am Sonntag mit
Vater und Tochter speisten. Aber Dorothea schien es nur darauf anzulegen, einen
gegen den andern zu hetzen, und da es brgerlich denkende Mnner waren, wurden
sie unsicher und verwirrt. Um sie geduldig zu stimmen, hielt ihnen Dderlein
bisweilen Vortrge ber die verwickelte Anlage der Knstlernatur, oder er machte
geheimnisvolle Andeutungen ber die groe Erbschaft, die seine Tochter zu
gewrtigen habe.
    Eben dieser Umstand ntigte ihn zur Rcksicht gegen Dorothea. Von ihrem
Trotz und ihrer Unberechenbarkeit war zu befrchten, da sie eine Dummheit
beging und den alten Narren Carovius beleidigte. Es war ja schon eine groe
Hilfe, da er Dorothea hie und da ein wenig Taschengeld gab.
    Denn die Vermgenslage Andreas Dderleins war trostlos. Nur mit Mhe hielt
er den Schein der Wohlhabenheit noch aufrecht. Die Hauptschuld hieran trug eine
langjhrige Beziehung zu einer Frau, mit der er drei Kinder gezeugt hatte. Diese
zweite Familie zu ernhren, von deren Existenz niemand in seiner Umgebung etwas
wute, brdete ihm eine Sorgenlast auf, unter der er die heitere Jupitermiene
kaum bewahren konnte.
    Seit vierzehn Jahren fhrte er ein Doppelleben; seine regelmigen Gnge zu
der Geliebten, die zurckgezogen am uersten Ende einer Vorstadt hauste,
unauffllig zu machen, das Verhltnis selbst mit all seinen Folgen vor den
wachsamen Augen seiner Mitbrger zu verbergen, erforderte eine bestndige
Verstellung, Vorsicht und Schlauheit; unter dem Druck der Geldnot erfllten sie
den Mann, der sie ben mute, mit stiller Wut und Furcht.
    Er frchtete sich auch vor Dorothea. Es gab Augenblicke, wo er sie am
liebsten mit Fusten traktiert htte; und sah sich doch gezwungen, sie mit sen
Worten in Schach zu halten. Sie war ihm undurchdringlich. Dabei war sie immer
da, immer in lstiger Weise gegenwrtig, immer voll von Wnschen, Plnen,
Geschften und Intrigen. Man glaubte sie zu beherrschen und entdeckte pltzlich,
da sie einen tyrannisierte. Eben war sie einer Lappalie wegen in Trnen
ausgebrochen, jetzt lachte sie, als ob nichts gewesen wre. Die Rosen, die ihr
die ernsthaften und wohlhabenden Bewerber brachten, zerpflckte sie vor deren
Augen und warf sie dann ins Kehrichtfa. Man lie ihr herzliche Ermahnungen im
Hinblick auf Sittsamkeit und Haltung zuteil werden, sie hrte zu wie eine
Heilige, fnf Minuten spter lag sie am Fenster und liebugelte mit einem
Friseurgehilfen.
    Ich bin ein unglcklicher Vater, sagte sich Andreas Dderlein, als er zu
allem berflu auch an der knstlerischen Begabung Dorotheas zu zweifeln begann.
Kurz nach dem Nrnberger Erfolg hatte sie in Frankfurt gespielt, aber es blieb
ziemlich still danach. Dann produzierte sie sich in einigen Mittelstdten, wurde
bejubelt und mit Lorbeerkrnzen bedacht, doch davon war nicht viel zu halten.
    Eines Abends lernte sie bei der Kommerzienrtin Feistmantel, einer Frau,
deren Vergangenheit mancher stadtbekannte Skandal verunzierte, den Schauspieler
Edmund Hahn kennen. Er hatte wollige, blonde Haare und ein aufgeschwemmtes
blasses Gesicht. Er war ziemlich gro und hatte lange Beine. Dorothea schwrmte
fr lange Beine. Es war eine sinnliche Atmosphre um ihn, und er verschlang
Dorothea mit frechen Blicken. Seine Person, sein Auftreten, seine bald
blasierte, bald emphatische Redeweise machten Eindruck auf Dorothea. Bei Tisch
sa er neben ihr und suchte mit seinen Fen die Fe des Mdchens. Endlich
erwischte er mit seinem linken Stiefel ihren Halbschuh und trat darauf. Sie
wollte den Fu zurckziehen, er trat fester darauf. Verwundert schaute sie ihn
an. Er lchelte zynisch. Bald hernach waren sie schon ganz vertraut miteinander
und zogen sich in eine Ecke zurck, von wo man Dorothea kichern hrte.
    Es wurde ein Stelldichein verabredet, und sie trafen sich in der Dunkelheit
an einer Straenecke. Er schenkte ihr Freikarten zu Maria Stuart und zu den
Rubern; er gab den Mortimer und den Kosinsky und brllte, da das Geblk
zitterte. Er machte Dorothea mit mehreren seiner Freunde bekannt, diese brachten
ihre Freundinnen mit, und sie saen im Nassauerkeller, bis der Morgen graute.
Ein gewisser Samuelsky war darunter, Prokurist des Bankhauses Reutlinger; er
hatte die Manieren eines Lebemanns, zahlte Champagner und war von Dorothea ganz
hingerissen. Sie lie sich seine Anbetung gefallen, auch nahm sie kleine
Geschenke von ihm an, doch schien es stets, als ob sie sich zuvor der Zustimmung
Edmund Hahns versicherte. Einmal wollte er sie kssen, da gab sie ihm eine
schallende Ohrfeige. Er wischte sich die Backe und nannte sie eine Sirene.
    Die Bezeichnung gefiel ihr. Sie stand bisweilen vor dem Spiegel und
flsterte lchelnd: Sirene.
    Als Andreas Dderlein von dem Treiben erfuhr, bekam er einen Anfall von
Raserei. Ich verstoe dich, schumte er, ich schlage dich zu einem hlichen
Krppel. Aber in seinen Augen war wieder jene Furcht, die seinen Berserkerzorn
Lgen strafte.
    Eine Knstlerin braucht sich nicht nach den Vorschriften der Philistermoral
zu richten, sagte Dorothea mit grter Unverfrorenheit; es sind feine Leute,
mit denen ich verkehre; jeder ist ein Herr.
    Ein Herr; das war ein Argument, gegen welches kein Einspruch bei ihr galt.
Der war ein Herr in ihren Augen, der sich's was kosten lie, Kellnern und
Kutschern imponierte und gebgelte Hosen trug. Keiner darf mir zu nahe kommen,
sagte sie stolz, und das entsprach der Wahrheit, denn noch keiner hatte ihre
tiefste Neugierde aufgeweckt, und sie war entschlossen, sich teuer zu verkaufen.
Nur Edmund Hahn hatte Macht ber sie, weil er vollkommen fhllos war und eine
Art von Schamlosigkeit besa, die sie entwaffnete und erschreckte.
    Andreas Dderlein mute sie gewhren lassen und sich mit der berlegung
trsten, da eine echte Dderlein sich nicht wegwerfen wrde. War Dorothea eine
echte Dderlein, so marschierte sie zielbewut auf das Ersprieliche und
Ntzliche des Lebens zu; ging sie darin fehl, so war eben ein Makel an ihrer
Geburt. Und er hllte sich khlbeschauend in die Wolken seines Olymps.
    Ihrem Onkel Carovius aber erzhlte Dorothea ausfhrlich, wie sie die jungen
und die alten Courmacher zappeln lie. Wie der Schauspieler zappelte und der
Bankmensch zappelte und der Kerzenfabrikant zappelte und der Oberingenieur
zappelte und wie sie sie alle miteinander an der Nase zog. Da strahlte Herr
Carovius und hie sie seinen sen Maulaffen und das Glck seines Alters. Er
sagte sich, da sie eine echte Carovius und ausersehen sei, Groes zu
vollbringen.
    Du hast's nicht ntig, zu heiraten, eiferte er und rieb sich die Hnde;
wenn ein Graf kommt mit einem Schlo und ein paar Millionen im Hintergrund,
darber lt sich reden, aber da dich der erste beste Schmierenkomdiant mir
wegstibitzt oder irgendein dickrschiger Bureaugaul dich in seinen Stall
schleppt, das wr noch schner. Gib's ihnen nur, gib's ihnen tchtig, den geilen
Lumpenkerlen.
    Ach, Onkelchen, klagte dann Dorothea, ich wei, du meinst es gut mit mir,
du bist der einzige, der's gut meint. Aber wenn ich nur nicht gar so armselig
dastnd! Schau mich an, was ich fr ein Kleid tragen mu! Eine Schande. Und sie
drckte das Gesicht in den aufgehobenen Arm und schluchzte.
    Herr Carovius zerrte an seinem Schnurrbart, zog die Augenbrauen hoch, dann
ging er zu seinem Sekretr, ffnete eine Lade, zog einen Hundertmarkschein
heraus und reichte ihn Dorothea mit abgewendetem Kopf und mit Bewegungen, als
frchte er sich vor dem erzrnten Schutzgeist des Geldschranks.
    So lagen die Dinge, als Daniel im Haus des Herrn Carovius der jungen
Dorothea begegnete und mit ihrem unverlschlichen Bild in der Seele hinwegging.

                                       13


Die nahenden Vierzig erschienen Daniel wie ein finsteres Tor zum Niedergang.
Erraffe, was noch zu erraffen ist, rief eine Stimme in ihm, auf den Grbern
wchst Gras.
    Die Sinne tobten wider den Geist, wider das Herz. So wie jetzt hatte er
Frauen nie angeblickt.
    Eines Tages fuhr er nach Siegmundshof hinaus. Eberhard war auf Reisen. In
Sylvias Gesicht lag eine stille Melancholie. Sie hatte drei Kinder, eins
hbscher als das andre, aber wenn ihr Auge auf ihnen ruhte, war es voll Trauer.
Frauen, die in der Ehe leiden, haben erloschene Zge, und ihre Hnde sind
durchsichtig und gelb.
    Rascher, als er gewollt, nahm Daniel wieder Abschied. Er empfand einen
egoistischen Unwillen gegen die Freudlosen.
    Er ging zu Herrn Carovius. Die Lachende, die er suchte, traf er nicht.
    Herr Carovius sah ihn bisweilen argwhnisch an. Das Gesicht seines alten
Feindes gab ihm zu denken. Es war durchpflgt wie ein Acker und von Flammen
verbrannt wie ein Herdstein. Es war ein Strflingsgesicht, verbissen,
ausgemergelt, gespannt und bedrohlich umwittert. Herr Carovius verstand sich auf
Gesichter.
    
    Um dem leeren Gerede zu entkommen, spielte Daniel Herrn Carovius einige alte
Motetten vor. Herr Carovius war so begeistert, da er in seine Vorratskammer
lief und ein halbes Dutzend Borsdorfer pfel holte, die er Daniel in die Taschen
steckte. Diese pfel kaufte er im Herbst metzenweise und htete sie wie einen
Schatz.
    Bei solcher Musik knnte man wahrhaftig ein frommer Christ werden, uerte
er sich.
    Es ist Frhling drin, antwortete Daniel, da ist die Kunst noch unschuldig
wie junge Saat. Aber Ihr Instrument ist verstimmt.
    Symbol, Symbol, geschtzter Freund, rief Herr Carovius und blhte die
Backen auf; aber wenn Sie wiederkommen, ist der Schaden gerichtet. Kommen Sie
nur fleiig, Sie verdienen sich einen Gotteslohn damit.
    Herr Carovius, um Gesellschaft bettelnd; es hatte etwas Ergreifendes. Daniel
versprach, einige von den Handschriften mitzubringen, die er gesammelt. Als er
ein paar Tags spter kam, war Dorothea da, und dann jedesmal. Und seine Besuche
wurden immer lnger. Als Herr Carovius bemerkte, da nun auch Dorothea hufiger
kam, setzte er alles daran, um Daniel zu bewegen, tglich zu kommen. Er
berschttete ihn mit Vorwrfen, wenn er einmal ausblieb; selbst bei
Versptungen begrte er ihn mrrisch und scheute nicht vor indiskreten Fragen
zurck. An den Nachmittagen, wo er allein war, rckte die Zeit nicht vom Fleck;
da glich er einem Trinker, dem man das gewohnte Quantum Schnaps vorenthlt. Die
Gegenwart der beiden Menschen wurde ihm so unentbehrlich, wie ihm in vergangenen
Jahren die Zeitungslektre, die Brder vom Jammertal, die Bedrngnisse Eberhards
und die Beerdigungen unentbehrlich gewesen waren. Dem Kleinbrger wird jede
Gewhnung zur Leidenschaft.
    Wenn Daniel die alten Kirchenchre spielte, hrte Dorothea ruhig zu,
verhehlte aber die Langeweile nur schlecht, die sie dabei empfand.
    Einmal geriet die Rede auf ihr Geigenspiel, und Herr Carovius drang in sie,
sie mge doch etwas zum besten geben. Sie weigerte sich ohne Ziererei. Daniel
sprach kein Wort der Aufmunterung. Er fand, da diese Bescheidenheit sie
lieblich kleidete; er glaubte, Erkenntnis und Entsagung darin zu spren und
lchelte ihr freundlich zu.
    Erzhlen Sie lieber etwas! sagte sie zu Daniel. Allmhlich trat es zutage,
da sie keinen andern Wunsch hatte als diesen.
    Ich bin ein schlechter Erzhler, versetzte Daniel, ich hab eine schwere
Zunge.
    Sie bat ihn aber mit gestammelten Worten und flehentlichen Gebrden. Herr
Carovius kicherte. Daniel nahm die Brille ab, putzte sie und schaute das Mdchen
mit verkniffenen Augen an. Es war, als htte ihn die Brille gehindert, Dorothea
genau zu sehen, oder als ziehe er es vor, sie undeutlich zu sehen. Wte nicht,
was ich erzhlen sollte, meinte er kopfschttelnd.
    Alles, alles! rief Dorothea in seltsamer Begehrlichkeit und streckte die
Hnde aus. Ihm erschien das kindlich. Er hatte nie einem Kind erzhlt. Er hatte
berhaupt nie erzhlt; Gertrud und Lenore gegenber hatte ihm die Not einer
Stunde Bekenntnis und Klage entrissen, mehr war es nicht gewesen, hatte es nicht
sein drfen.
    Pltzlich lockte ihn das Wort, in welchem sein Schicksal sich ruhig spiegeln
wrde; lockte ihn das feurig-junge Auge, in dessen Glanz das Wirre einfach, das
Dunkle hell werden konnte; lockte ihn der bse alte Mann, dem in seinem
Sumpfloch die ganze Welt zur giftigen Speise geworden war.
    Und mit seiner brchigen Stimme erzhlte er von den Lndern, in denen er
gewandert war; vom Meer und von den Stdten am Meer; von den Alpen und ihren
Seen, von Domen und Palsten und Klstern, von wunderlichen Leuten, denen er
begegnet war, von seiner Arbeit, seiner Einsamkeit, alles ohne rechten
Zusammenhang, trocken und lieblos. Trotz der Lockung wich er dem, was an inneres
Erlebnis streifte, im letzten Augenblick stets aus. Als er von der Jdin sprach,
von der Schwalbe, beendete er sogar den Satz nicht, machte eine lange Pause und
schilderte dann ganz unvermittelt, wie er nach Eschenbach gegangen war. Auch
hier stockte er wieder.
    Aber Dorothea fragte. Es war ihr alles zu allgemein, und sie schien
unzufrieden. Was war in Eschenbach? fragte sie khn, warum sind Sie dort
gewesen?
    Er tuschte sich ber die brennende Begehrlichkeit in ihren Augen. Es
berlief ihn wohlig, er glaubte edle Menschenwrme zu spren. Es ergriff ihn das
Verlangen des reifen Mannes, eine unberhrte Seele nach einem ertrumten Bild zu
formen. Meine Mutter hat dort gelebt, antwortete er zgernd, sie ist
gestorben.
    Ja, - und? hauchte Dorothea. Sie hatte erfat, da das nicht alles war.
    Da fhlte er seine starre Zurckhaltung wie Schuld. Noch zgernder, sofort
bereuend, fgte er hinzu: Auch ein Kind von mir hat dort gelebt; elf Jahre alt.
Es ist verschwunden, niemand wei, wohin.
    Dorothea faltete die Hnde. Ein Kind? Und verschwunden? Ganz einfach
verschwunden? flsterte sie erregt.
    Herr Carovius sah aus wie einer, der auf einem heien Rost sitzt. Elf Jahre
alt? fragte er sensationshungrig, das war ja dann noch ... vor der Zeit ...
    Ja, es war vor der Zeit, besttigte Daniel dster. Er hatte sich verraten;
er war sich gram. Er schwieg, und es war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen.
    Herr Carovius beobachtete, wie Dorothea mit ihren Blicken an Daniel hing.
Ein qulender Verdacht stieg in ihm auf. Gestern auf dem Josefsplatz Hab ich
einen deiner Verehrer gesprochen, den Kulissenzertrmmerer, begann er mit
vorbedachter Bosheit; der Kerl hat die Stirn gehabt, mir zu sagen: Sorgen Sie
nur, da die Dorothea Dderlein bald einen Mann kriegt, sonst reden sich die
Leut noch die Zunge aus dem Hals.
    Das ist nicht wahr! rief Dorothea entrstet und wurde rot bis in die
Haarwurzeln, das hat er nicht gesagt.
    Herr Carovius lachte schadenfroh; wenn's nicht wahr ist, ist's doch gut
gedichtet, sagte er meckernd.
    Als Daniel sich verabschiedete, ging auch Dorothea und begleitete ihn in den
Hausflur.
    Schade, murmelte Daniel, schade.
    Warum schade? Ich bin frei, keiner hat ein Recht auf mich. Sie sah ihn mit
einem mutigen Weiberblick an.
    Es gibt Worte, die sind wie Schmutzflecken, entgegnete er.
    Wer kann sich hten vorm Schmutz? fragte sie fast wild.
    Daniel lie sein Auge prfend auf ihrem Gesicht ruhen wie auf einem
Gegenstand. Langsam und ernst sagte er: Lassen Sie die Hnde und Augen von mir,
Dorothea. Ich bring kein Glck.
    Ihre Lippen ffneten sich durstig. Mcht gern einmal mit Ihnen spazieren
gehen, flsterte sie, und ihre Zge zitterten in einem Entzcken, von dem er
betrt glaubte, es gelte ihm, whrend es nur der Erwartung des Abenteuers galt
und der Enthllung des Geheimnisses.
    Vor vielen Jahren, sagte Daniel, Sie werden sich kaum mehr erinnern, hab
ich Sie hier unterm Tor vor einem groen Hund in Schutz genommen. Erinnern Sie
sich?
    Nein. Oder doch; ja, ganz dunkel erinner' ich mich. Das waren Sie?
Dorothea ergriff dankbar seine Hand.
    Gut, gehen wir morgen, gehen wir irgendwo hinaus, sagte Daniel.
    Sie mssen mir aber alles erzhlen, alles, alles, drngte Dorothea wie
vorhin im Zimmer, nur noch ungestmer und ungeduldiger.
    Sie bestimmten den Ort, wo sie sich treffen wollten.

                                       14


Anfangs gingen sie kurze Wege, die entlegen waren, dann dehnten sie ihre
Spaziergnge aus. Am Johannistag wanderten sie nach Kraftshof und zum Irrhain
der Pegnitzschfer. Die Wege zu vermeiden, die er einst mit Lenore gegangen, war
Daniel unbewut bestrebt.
    Nicht selten machte ihn Dorotheas berschumende Laune still und schwer, und
er sprte seine Jahre hypochondrisch als Last. War es Schicksalsrache, da er
bisweilen, wenn ein Hgelanstieg kam, den Schritt verlangsamen mute, whrend
Dorothea vorauseilte und lachend oben wartete?
    Sie sah keine Blumen, keine Bume, keine Tiere, keine Wolken; aber wenn
Menschen sichtbar wurden, geschah immer eine Wandlung in ihr; da war immer eine
Gebrde mehr; oder ein Zusammenraffen, ein Hinberspielen. War es auch blo ein
Bauernbursch oder ein Landstreicher, sie drehte sich in den Hften und lachte um
einen Ton hher empor.
    Die Jugend ist ihr wie Wein zu Kopf gestiegen, dachte Daniel dann.
    Einmal brachte sie eine Tte Schokoladepltzchen mit, und als sie sich satt
gegessen hatte und Daniel nichts nehmen wollte, warf sie, was brig war, achtlos
auf die Wiese. Daniel tadelte sie deshalb. Warum soll ich mich schleppen? war
ihre unbefangene Antwort; wenn man an einer Sache genug hat, wirft man sie
weg. Sie zeigte ihre Zhne und sog gierig die Luft ein.
    Daniel betrachtete sie. Die ist gefeit, sagte er sich, die ist unverwundbar
in ihrer Wunschkraft und Lebensflle. Und es wollte ihm scheinen, als sei sie
von der Art seiner Eva, der Art jener Lichtelfen, deren Heiterkeit manchmal
etwas Grausames an sich hat. Aber nun nahm er sich vor, nicht mehr das tckische
Ungefhr walten zu lassen, sondern die Hand auszustrecken, wenn es not tat.
    Wann werden Sie endlich erzhlen? fragte Dorothea; ich mu, ich mu es
wissen, fgte sie mit Glut des Ausdrucks hinzu, es gibt mir Tag und Nacht
keine Ruhe.
    Das war die Wahrheit. Um in seine Vergangenheit einzudringen, die sie sich
von bunten und leidenschaftlichen Begebenheiten erfllt vorstellte, htte sie
alles getan, was er von ihr gefordert htte.
    Daniel weigerte sich stumm. Er glaubte, den reinen Sinn des Mdchens zu
trben, ihre Ahnungslosigkeit zu gefhrden. Und er hatte Furcht davor, die
Schatten heraufzubeschwren.
    Eines Tages plauderte sie in ihrer leichten Weise, und im Plaudern
verstrickte sie sich. Sie hatte begonnen, ihm von den Mnnern zu berichten, mit
denen sie sich abgab, und war dabei unversehens in den Ton gefallen, in welchem
sie darber zu ihrem Onkel Carovius sprach. Als sie ihrer Unvorsichtigkeit inne
wurde, stockte sie verlegen. Daniels ernste Fragen zwangen ihr Gestndnisse ab,
die sie freiwillig nie gemacht htte; da kam dann viel Trbes und Hliches
zutage, und es war schwer fr sie, sich ganz unschuldig und als Opfer
hinzustellen. Zuletzt, da sie nicht mehr entrinnen konnte, mischte sie die
Farben zum grellsten Bild und wartete ngstlich und angenehm erregt auf die
Wirkung.
    Daniel schwieg eine Weile, dann bewegte er die flache Hand, als schnitte er
etwas entzwei und sagte schroff: Weg von denen, Dorothea, oder weg von mir!
    Dorothea senkte den Kopf und sah ihn scheu von unten her an. Die
Entschiedenheit, mit der er sprach, war ihr neu, mifiel ihr aber keineswegs.
Ein wollstiger Schauer lief ber ihre Glieder. Ja, flsterte sie magdhaft,
ich will ein Ende machen. Ich hab ja gar nicht gewut, was das alles eigentlich
bedeutet. Sei'n Sie mir nur nicht bse. Nicht bs sein, gelt?
    Sie trat nher zu ihm heran; ihre Augen waren feucht umschleiert. Nicht
zornig sein, bat sie noch einmal, die arme Dorothea kann ja nichts dafr.
    Wie ist's denn mglich! sagte Daniel; hat Ihnen denn nicht geekelt bis
ins Herz? Wie ist's mglich, mit dem Gedanken an solche Hynen unter Gottes
freiem Himmel zu wandeln? Mdchen, in mir zweifelt alles.
    Was htt ich tun sollen, Daniel, antwortete sie, und zum erstenmal nannte
sie ihn beim Vornamen, mit einer tiefberechneten Mischung von Unterwrfigkeit
und Khnheit, die ihn bezauberte und rhrte; was htt ich tun sollen! Sie
kommen, sie reden, sie spinnen einen ein, zu Haus ist's so traurig, das Herz ist
so d, der Vater ist so schlecht mit einem, man hat niemand, keinen Menschen auf
der Welt!
    Sie setzten ihren Weg fort. Es war ein Waldtal, durch das sie gingen, rechts
und links standen hohe Fichten, auf deren Kronen die Abendsonne lag.
    Das Schicksal lt nicht mit sich spaen, Dorothea, sagte Daniel; es
verstattet uns keine Sudeleien und Manschereien, wenn wir in unserer Seelenkraft
vor ihm bestehen wollen. Unbestechlich fhrt es Buch ber unser Soll und Haben,
und alle Schulden, die wir machen, mssen irgendwo und -wann bezahlt werden.
    Dorothea fhlte, da er im Zuge war, da nun das Groe, Beglckende kam. Sie
blieb stehen, breitete ihren Schal auf die Erde und setzte sich in anmutig
aufmerksamer Haltung hin. Daniel warf sich neben ihr ins Moos.
    Und er erzhlte, ins Moos hinein, wo kleine Tiere krochen. Er erhob das Auge
nicht, die Stimme nicht. Manchmal mute Dorothea den Kopf niederbeugen, um
besser zu hren.
    Er erzhlte von Gertrud, ihrer Dumpfheit, ihrer Erweckung, ihrer Liebe,
ihrem Verzicht; von Lenore, wie er sie geliebt, ohne es zu ahnen. Und wie Lenore
im berma des Leidens und der Liebe die Seine geworden, und wie dann Gertrud
herumgeirrt war, unselig verloren und sich gettet hatte. Da kamen wir auf den
Dachboden, und da war Feuer, und sie hing als Leiche an einer Zuckerschnur.
    Und wie Gertrud als Schatten neben Lenore weitergelebt, und wie Lenore
Blumenbinderin gewesen, und wie Philippine, die unbegreifliche, heute noch
unbegreifliche Philippine ins Haus gekommen, und Gertruds Kind wie ein
frierender Findling da gelebt, und wie dennoch das andere Kind, das Kind der
Magd, ihm ans Herz gewachsen war.
    Und das Zusammenkommen, das Sprechen und Schweigen, das Begegnen auf den
Gassen, das Hin und Her in Stuben, das Aufklingen von Liedern, das frhe Wandern
mit Drmauls Truppe, das Hereinleuchten einer Maske in das ungeschmckte Leben,
und den Freund, die Hilfe, die er geleistet, den Abschied von ihm, das
Brstenmachershaus am Jakobsplatz, die drei sonderbaren Frulein in der Langen
Zeile, die Tage in Schlo Erfft, den alten Vater der Schwestern und sein
geheimnisvolles Treiben, das alles schilderte er wie einer, der aus dem Schlaf
redet, und es war ein Vertrauen darin, das vielleicht die schwebenden Geister
der abendlichen Natur erschtterte, aber Dorotheas metallisch glnzende Augen
mit keinem innigeren Licht begabte.
    Als er emporschaute, war es ihm, als gewahre er zwei dunkle Gestalten am
Rand des Waldes, Schwestern, die trauernd und vorwurfsvoll nach ihm blickten.
    Er erhob sich. Und das alles, schlo er, das alles, Mdchen, ist, wie
Regenwasser von trockenem Boden, aufgetrunken worden von einem Werk, an dem ich
nun seit sieben Jahren schaffe. Seit sieben Jahren. Noch zwei, und ich geb's der
Welt, falls nicht vorher der schwanke Erdball in die Sonne strzt.
    Ganz von ungefhr, ganz verworren ahnte Dorothea, was fr ein Mensch vor ihr
stand. Sie sprte ein prickelndes Gelste nach ihm, wie sie es bis jetzt nach
seinen Erlebnissen gesprt. Sie begann ihn zu lieben, in ihrer Weise. Es trieb
sie, sich bei ihm zu bergen, wie es einen Vogel bei Anbruch der Nacht unter den
Wipfel eines Baumes treibt. Daniel begriff, da die schchterne Bewegung, mit
der sie ihren Arm in seinen schob, Dankbarkeit bezeigen sollte.
    So fhrte er sie der Stadt entgegen.

                                       15


In der frohpulsierenden Stimmung dieser Zeit schrieb und vollendete Daniel den
fnften Satz seiner Symphonie, ein Scherzo groen Stils, das mit einer
Klarinettenfigur wie mit einem sorglosen Lachen einsetzte. Aus dem einfachen
Motiv entwickelten sich alle Mglichkeiten der Freude; auch stiller Rckblick
und Trost. Wenn die Hauptthemen, sich ihres frheren Vorrangs entsinnend,
breiter fluten wollten, wurden sie immer wieder mit kunstreichen Mitteln, die
launig wechselten, beschwichtigt und in die Tiefe gedrngt. Einmal flossen alle
drei Themen zusammen, schienen in der Vereinigung Kraft zu gewinnen, schwollen
in wunderbarer Fugierung empor, ihr Sieg schien nahe, da wurde ber dem
Septakkord in D das ganze Orchester vor der Tanzmelodie ergriffen, und in den
Geigen flohen jene schwermtigen Schwesterweisen klagend dahin. Vor der
jubelnden Steigerung des Schlusses hielt ein Solofagott die eine, wehevolle, in
ferner Hhe fest.
    In vierzehn Nchten entwarf er dann auch den sechsten Satz.
    Da ihm dergleichen vorher nie gelungen war, wute Daniel. Wer das
Auerordentliche hervorbringt, wei es. Es packt ihn an wie Krankheit und
erfllt ihn wie ein tiefer Traum.
    Manchmal war die Versuchung gro, es zu verkndigen; einem, irgendeinem, und
wenn es Herr Carovius sein mute. War die Flamme niedergebrannt, so belchelte
er den Trieb. Geduld, sagte er sich dann im ruhigen Gefhl, nur Geduld.
    Da das Sammelwerk fertig und seine Verbindung mit dem Haus Philander gelst
war, hielt er nach anderm Broterwerb Umschau. Er hatte im Laufe der letzten
Jahre viertausend Mark erspart, aber das Geld wollte er nicht anrhren.
    Er erfuhr, da die Organistenstelle an Sankt Egydien frei geworden sei und
ging zum Pfarrer, der ihn seinen Oberen empfahl. Es wurde beschlossen, da er
den Herren der Kirchenbehrde vorspielen solle. Dies geschah eines Morgens im
Oktober. Die Prfung fiel zur merkbaren Zufriedenheit der gestrengen Hrer aus.
    Er wurde also Organist an Sankt Egydien mit zwlfhundert Mark Gehalt. Wenn
er an Sonn- und Festtagen die Orgel spielte, kamen immer viele Leute in die
Kirche, nur um ihn zu hren.

                                       16


Unter den Freiern, auf die Andreas Dderlein ein Auge geworfen hatte, befand
sich auch der Mhlenbesitzer Weikopf, ein Liebhaber der Musik. Er hatte
Dorothea seinerzeit im Konzert bewundert und ihr einen Lorbeerkranz geschickt.
    Eines Mittags war Weikopf zum Essen dagewesen, und als er fortgegangen war,
sagte Dderlein zu seiner Tochter: Meine liebe Dorothea, du darfst dich von
heute ab als eine Braut betrachten. Dieser vorzgliche Mensch begehrt dich zum
Eheweib. Es ist ein Glcksfall, der Mann ist reich wie Krsus.
    Statt zu antworten, lachte Dorothea nur belustigt auf. Aber sie wute nun,
da etwas geschehen msse, und in ihrem beweglichen Gesicht zuckten Hohn, Furcht
und Begierde.
    berlege dir's, berschlafe es, ich habe dem Manne bis morgen Bescheid
versprochen, sagte Andreas Dderlein finster.
    Schon vor einer Woche hatte Andreas Dderlein in der sicheren Erwartung des
Heiratsantrags den Mhlenbesitzer um ein Darlehen von tausend Mark ersucht. Der
Mhlenbesitzer hatte ihm das Geld gegeben und glaubte dadurch gleichsam eine
Wechselpromesse auf Dorothea zu haben. Dderlein hatte sich gebunden und war
fest entschlossen, das Heiratsprojekt durchzusetzen.
    Doch Dorotheas Betragen lie Auflehnung vermuten. Er war in Sorge. Er sann
auf Zerstreuung. Vor sechzehn Jahren hatte er einmal eine Komposition begonnen,
die den Titel fhrte: Allerseelen, ein symphonisches Gemlde. Fnf Seiten
Partitur waren damals niedergeschrieben worden, seitdem hatte er sich keiner
produktiven Arbeit mehr unterzogen. Er kramte die Handschrift aus einer
Schublade und setzte sich damit aus Klavier. Er wollte dort wieder anknpfen, wo
er vor sechzehn Jahren den Faden verloren hatte, als ob die Pause in einem
Mittagsschlfchen bestanden htte.
    Es ging nicht. Er seufzte tief. Stumm sa er vor dem Instrument, starrte auf
das Papier wie ein Schler, der eine Rechnung lsen soll, zu der er die Regel
vergessen hat und betrauerte den Verlust seiner knstlerischen Kraft. Es war
alles so leer innen. Die Noten grinsten ihn spttisch an, und seine Gedanken
kehrten ungehorsam immer wieder zu dem Mhlenbesitzer zurck. Eine Weile
phantasierte er auf den Tasten, da steckte Dorothea den Kopf zur Tre herein und
sang mit: Rheingold, Rheingold, reines Gold.
    Wtend schlug er den Deckel zu, nahm Hut und Mantel und verlie das Haus, um
den heimlichen Weg in die Vorstadt anzutreten.
    Als er in der Nacht zurckkam, sah er unterm Haustor Dorothea mit einem Mann
stehen. Es war der Schauspieler Edmund Hahn. Im Flsterton fhrten sie ein
ziemlich erlegtes Gesprch, der Mann hielt Dorothea an den Armen gepackt, aber
als Andreas Dderlein sichtbar aus dem Dunkel der Strae auftauchte, stie er
einen Fluch aus und verschwand eilig.
    Dorothea schaute ihrem Vater frech ins Gesicht und folgte ihm dann ins
dunkle Haus.
    Oben, als er Licht angezndet hatte, wandte sich Dderlein ihr zu und fragte
drohend: Was bedeuten diese unzchtigen Zusammenknfte? Antwort will ich
haben.
    Ich mag deinen Mehlsack nicht heiraten, da hast du meine Antwort,
versetzte Dorothea und warf trotzig den Kopf zurck.
    Na, das werden wir ja sehen, sagte Dderlein, bleich vor Zorn, und pflgte
mit den Fingern durch die schtter gewordene Lockenmhne, das werden wir ja
sehen. Marsch hinaus jetzt mit dir, ich habe nicht Lust, mich von einer solchen
undankbaren Krte um den wohlverdienten Schlaf bringen zu lassen. Morgen reden
wir weiter.
    Am andern Morgen eilte Dorothea zu Herrn Carovius. Onkelchen, stammelte
sie, er will mich an den Mehlsack verkuppeln.
    So? Da werd ich dem Dreipfennigmusikanten wieder einmal auf die Bude
steigen mssen, sagte Herr Carovius. Nur ruhig, Kindchen, nur ruhig! fgte er
hinzu und streichelte zrtlich ihre braunen Haare, der alte Carovius lebt
noch.
    Dorothea schmiegte sich an ihn und lchelte. Was wrdest du sagen,
Onkelchen, begann sie mit schelmischem und zugleich sehr aufmerksamem Blick,
wenn ich den Daniel Nothafft zum Mann nhme? Der gefllt dir doch, fuhr sie
schmeichelnd fort und hielt ihn, als er zurckwich, bei den Schultern fest, der
mu dir doch gefallen. Einen will ich endlich haben, eine alte Jungfer will ich
nicht werden, und beim Vater halt ich's nimmer aus.
    Herr Carovius ri sich los. Ins Tollhaus mit dir, du Kanaille! schrie er.
Da wollt ich lieber, du gingst mit dem Mehlsack ins Bett. Ist der Gottseibeiuns
in dich gefahren, Dirne? Juckt dich die Haut, dann kratz dich, oder nimm dir
meinetwegen einen Stallknecht dazu wie die selige Kaiserin Katharina. Schaff dir
schne Kleider an, behng dich mit Firlefanz, geh tanzen und sauf Champagner,
mach Musik oder schmei deine Geige auf den Misthaufen, treib was du willst, ich
geb dir Geld, soviel du willst, aber den grnugigen Phantasten, den
habergasigen Rattenfnger, den Weiberfresser und Unmusikanten, den schick seiner
Wege, das tu mir um Gottes und seiner Heiligen willen nicht an, sonst ist's aus
zwischen uns, sonst hab ich nichts mehr mit dir zu schaffen.
    Ein solcher Ha, eine solche Angst war in Herrn Carovius' Gesicht, da
Dorothea staunte. Seine Haare waren verwirrt wie die Reiser eines Vogelnests,
aus seinen Mundwinkeln rann Nsse, die Augen loderten rtlich, der Zwicker sa
auf der Spitze der Nase.
    Nichts htte Dorothea mehr locken und reizen knnen als die Worte, die sie
ber Daniel vernommen, als das Gebaren des Herrn Carovius. Ihre Augen blickten
gro, ihr Mund ffnete sich lstern. War noch ein Schwanken in ihr gewesen,
jetzt war keines mehr. Sie liebte das Geld; sie war mit Habsucht in der Brust
geboren; aber wenn Herr Carovius ihr alle seine Schtze zu Fen gelegt und
dagegen gefordert htte, sie solle Daniel entsagen, sie htte es nicht vermocht,
jetzt nicht mehr.
    Etwas grauenhaft Angenehmes zog sie nun zu dem hin, den sie so verfluchen
hrte, so gefrchtet sah. In seiner Nhe war das Prickeln sinnlicher Gefahr
heftiger als in der Nhe aller andern Mnner, die sie kannte. Er war ihr
rtselhaft und unzugnglich; sie wollte ihn erraten und aufschlieen. Er hatte
so viele besessen, gewi mehr, als er bekannt hatte; sie wollte ihn besitzen. Er
war so still, so klug, so fest; sie wollte Stille, Klugheit und Festigkeit von
ihm haben, alles wollte sie haben, allen Zauber, alle Menschenmacht und alles,
was er verbarg, alles wollte sie von ihm haben.
    Sie dachte fortwhrend an ihn, nur an ihn. Ihre Gedanken umflatterten sein
Bild, scheu, begierig und spielerisch. Er hatte es verstanden, einen Willen und
eine Einheit in ihre Sinne zu bringen. Sie wollte ihn haben.
    Der Regen klatschte ans Fenster. Voll Schrecken ber Dorotheas Versonnenheit
prete Herr Carovius beide Hnde an die Backen. Ich seh schon, du willst mich
allein lassen, wehklagte er schauerlich, und es klang wie das Geheul eines
Hundes in der Winternacht; betrgen willst du mich, zum Feind willst du
bergehen, und ich soll meine vier Wnde anglotzen. Ich seh schon, ich seh
schon.
    Sei still, Onkelchen, es geschieht ja nichts, es war ja nur ein Scherz,
sagte Dorothea heuchlerisch begtigend und ging mit zgernden Schritten,
bisweilen lchelnd zurckschauend, zur Tr.

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Es war zur frhen Mittagsstunde, als Dorothea an Daniels Wohnung lutete.
Philippine machte das Gatter auf und wollte sie nicht in die Stube lassen. Sie
erzwang sich den Eingang und musterte von der Zimmerschwelle aus Philippine
hochmtig.
    Pa auf, Philippin', da stinkt's nach Unrat, murmelte diese vor sich hin.
    Daniel sa bei der Arbeit. Er erhob sich stumm und blickte Dorothea an, die
behutsam die Tre schlo.
    Da bin ich, Daniel, sagte sie und atmete wie ein Schwimmer, der ans Land
kommt.
    Was bedeutet's? fragte Daniel regungslos.
    Da ich getan hab, was Sie wollten, Daniel. Weg von denen. Beim Vater kann
ich nimmer bleiben. Wo anders sollt ich hin als hierher?
    Daniel ging auf sie zu und legte beide Hnde schwer auf ihre Schultern.
Mdelchen, Mdelchen! sagte er mahnend und erschttert.
    Sie sahen sich eine unendlich scheinende Zeit in die Augen. Es war, als
wolle Daniel bis in die verborgensten Falten ihrer Seele schauen. Dorotheas
Blick funkelte verwegen, sie senkte die Lider nicht. Pltzlich beugte Daniel den
Kopf und kte ihre Stirn.
    Du weit, wer ich bin, sprach er und schritt im Zimmer auf und ab. Du
weit, wie ich gelebt habe und wie ich lebe. Ich bin ein schuldvoller Mann, ich
bin ein einsamer Mann. Meine Natur verlangt nach Zrtlichkeit, aber Zrtlichkeit
hergeben kann sie nicht. Mein Los ist hart, und wer es mit mir teilt, mu
entschlossen sein, die Hrte zu ertragen. Ich bin oft mein eigener Feind und oft
der Feind derer, die es gut mit mir meinen. Ich bin kein Spamacher und kein
Gesellschafter. Ich kann grob, beleidigend, hmisch, unvershnlich und
rachschtig sein. Ich bin hlich, ich bin arm, ich bin nicht mehr jung.
Frchtest du nicht fr deine dreiundzwanzig Jahre, Dorothea?
    Dorothea schttelte energisch den Kopf.
    Prfe dich, Dorothea, fuhr er eindringlich fort, nimm es nicht ungenau
mit dir und mir, nimm es ganz und tief genau, damit wir nicht falsche Rechnung
mit dem Schicksal machen. Liebe kann meiner mchtig werden, mehr, als ich selbst
meiner mchtig bin, und dann setz ich alles dran, dann mu ich vertrauen knnen,
ohne Ma. Knnt ich nicht mehr vertrauen, ich wre wie ein zur Hlle
Verstoener, ein bser Geist. Prfe dich, Dorothea, du mut wissen, was du tust,
es ist eine heilige Sache.
    Ich kann nicht anders, Daniel! rief Dorothea und warf sich an seine Brust.
    Dann also sei Gott uns gndig, sagte Daniel.

                                       18


Daniel brachte Dorothea zu Sylvia von Erfft nach Siegmundshof. Er hatte ihr
geschrieben, ihr die Verhltnisse geschildert und sie gebeten, sie mge Dorothea
bis zum Tag der Hochzeit bei sich aufnehmen. Sylvia hatte sich herzlich bereit
gezeigt, seine Bitte zu erfllen.
    Zwei Nchte hatte Dorothea noch zu Hause verbracht, und es war ihr gelungen,
allen Auseinandersetzungen mit ihrem Vater aus dem Weg zu gehen, indem sie sich
drei Tage Bedenkfrist erbeten hatte. Am Morgen des dritten Tages, als der Vater
zur Musikschule gegangen war, hatte sie ihre Habseligkeiten gepackt und das Haus
verlassen.
    Andreas Dderlein fand folgenden Brief von ihrer Hand vor: Lieber Vater,
mach dir keine Hoffnungen mehr bezglich des Herrn Weikopf. Ich bin grojhrig
und kann heiraten, wen ich will. Meine Wahl ist bereits getroffen, der Mann, mit
dem ich vor den Altar trete, heit Daniel Nothafft. Er liebt mich mehr als ich's
vielleicht verdiene, und ich will ihm eine gute Frau sein. Daran ist nichts mehr
zu ndern, und sicherlich kommst du auch zur Einsicht, da es edler ist, dem Zug
des Herzens zu folgen, als sich von materiellen Vorteilen locken und blenden zu
lassen. Deine dich liebende Tochter Dorothea.
    Es schwindelte Andreas Dderlein. Das Briefblatt glitt ihm aus den Fingern
und zu Boden. Am ganzen Krper zitternd, schritt er zum gedeckten Tisch, ergriff
ein Wasserglas und schleuderte es gegen die Wand, da es in zahllose Scherben
zersplitterte. Ich werde dich erdrosseln, Krte! keuchte er, streckte die
geballte Faust empor, ging in Dorotheas Zimmer und warf in seiner unmigen Wut
die Sthle und den kleinen Toilettetisch um.
    Die Magd war erschrocken in die Wohnstube geeilt. Sie sah Dorotheas Brief
auf dem Boden liegen, hob ihn auf und las ihn. Als sie ihren wtenden Herrn
zurckkommen hrte, flchtete sie, lief ins Erdgescho, lutete an Herrn
Carovius' Tr und zeigte ihm den Brief. Sein Gesicht wurde gelb, whrend er die
Zeilen berflog. Da stie die Magd einen leisen Schrei aus, ri Herrn Carovius
den Brief aus der Hand und rannte in den Hof, denn von oben kam Andreas
Dderlein herunter. Er wollte auf die Polizei und dort fordern, da man den
Entfhrer seiner Tochter verhafte. Als er Herrn Carovius im Flur gewahrte, blieb
er stehen und fixierte ihn mit einem haerfllten Blick, in welchem gleichwohl
etwas wie eine scheue Frage enthalten war. Ja, es hatte fast den Anschein, als
ob ein einziges vershnendes Wort, eine Gebrde nur des Langgemiedenen alles
Vergangene htte auslschen und jenen zum Bundesgenossen beim Werk der Strafe
und Rache htte machen knnen.
    Aber Herr Carovius war fertig mit der Welt. Seine Zge verzerrten sich zu
einer Grimasse der Bosheit und der Verachtung, dann kehrte er sich um und schlug
die Tre seiner Behausung krachend hinter sich zu.
    Andreas Dderlein ging nur bis zum Portal des Rathauses. Dort berfielen ihn
pltzlich allerlei Bedenklichkeiten, er starrte eine Weile dster auf das
Pflaster und begab sich dann wieder auf den Heimweg, mit Schritten, die nur halb
so ungestm waren wie vorher und auf eine gebrochene Tatkraft deuteten.
    Kaum war er zu Hause angelangt, so wurde ihm Daniel gemeldet. Sie erkhnen
sich, Herr? schrie er dem Eintretenden entgegen, Sie erkhnen sich, vor meinem
Angesicht zu erscheinen? Beim Himmel, das ist viel!
    Ich nehme jeden Kampf auf, sagte Daniel mit der kalten Wrde, die ihm bei
solchen Gelegenheiten eigen war und die einschchternd wirkte. Ich habe nichts
zu frchten. Mit dem Vater meines Weibes mcht ich gern in Frieden leben,
deshalb bin ich da.
    Wissen Sie denn auch, was Sie mir tun? Sie haben mir die Tochter gestohlen,
Mann! rief Dderlein mit Pathos. Aber ich werde Ihre Absichten durchkreuzen,
verlassen Sie sich darauf, ich werde Ihnen meine Macht zu spren geben.
    Daniel lchelte verchtlich. Dessen bin ich sicher, antwortete er. Ich
kenne diese Macht, so lang ich lebe. Nur hab ich mich ihr nie unterworfen, und
bisweilen ist es mir gelungen, sie zu brechen. Denken Sie ein wenig ber mich
nach, und ber Ihr Kind, und ber sich selbst. Adieu. Damit ging er.
    Andreas Dderlein war beunruhigt. Das Lcheln des Menschen verfolgte ihn.
Was mochte der Desperado wieder einmal im Schilde fhren? Bses Gewissen lhmt
bse Entschlsse. Lnger als eine Woche rang Dderlein mit seinem Stolz, und als
Daniel nichts mehr von sich hren lie, auch von Dorothea keine Nachricht kam
und zu allem Unheil der Mhlenbesitzer das Darlehen zurckforderte, sagte er
sich, da an dem Geschehenen nichts mehr zu ndern sei, und eines Tages stieg er
die drei Treppen des Hauses am Egydienplatz empor.
    Das freut mich, sagte Daniel und streckte dem Besucher die Hand hin.
    Andreas Dderlein sprach von einem blutenden Vaterherzen, von der
Vernichtung groer Hoffnungen, von der Piettlosigkeit der Jugend und der
Einsamkeit des Alters, dann, ziemlich unvermittelt, mit den Fingern seiner
gewaltigen Hand auf die Tischplatte trommelnd, von der Zwangslage, in die er
gegenber dem Mhlenbesitzer geraten sei. Er habe fr einen Freund Brgschaft
geleistet, sei zur Zahlung gentigt worden und habe sich nur helfen knnen,
indem er bei dem reichen Bewerber um Dorotheas Hand eine Anleihe aufgenommen
habe.
    Daniel mute zugeben, da die Sorge demtigend sei und die Schuld beglichen
werden msse. Es seien fnfzehnhundert Mark, sagte Dderlein; er war selbst
berrascht, als er diese Summe nannte, die ihm fnfzig Prozent Gewinn sicherte;
es war ein kluger Einfall gewesen, der zugleich dazu diente, die Generositt des
knftigen Schwiegersohnes auf die Probe zu stellen. Im Grunde fand er seine
Handlungsweise nicht honett und war daher gerhrt, als Daniel, der die
Schmlerung seiner Ersparnisse nur kurz bedachte, ihm das Geld am andern Tag zu
bringen versprach.
    Sie beschmen mich, Daniel, sagte er, wahrlich, Sie beschmen mich.
Lassen Sie uns die Streitaxt begraben und gute Freunde werden. Sind wir doch
ohnehin Kollegen in Apoll. Oder nicht? Nennen Sie mich Vater, ich will Sie Sohn
heien, sagen Sie du, ich will ein gleiches tun.
    Daniel reichte ihm schweigend die Hand.
    Dderlein fragte nach Dorothea, und als ihm Daniel mitgeteilt, wo sie sich
aufhielt, zeigte er sich sehr zufrieden darber. Mein Haus und meine Arme sind
ihr geffnet, unterrichte sie davon, melde ihr die vernderte Konstellation,
sagte er weich; wir haben unrecht aneinander gehandelt, beide; wir haben es
beide gebt.
    Daniel erwiderte trocken, er halte es fr besser, wenn Dorothea bei Sylvia
von Auffenberg bleibe.
    Wie du willst, mein Sohn, sagte Andreas Dderlein, ich fge mich den
Forderungen eures jungen Glckes. Nun aber sollten wir eine Flasche Malvasier
oder Mosel haben und auf die Zukunft meines lieben Wildfangs trinken. Oder
widerstrebt es dir?
    Daniel ging hinaus, um Philippine ins goldene Posthorn zu schicken.
Philippine war aber mit Agnes fortgegangen; er gewahrte eine der Mgde des
Hauses auf der Stiege und bat sie um die Besorgung. Es dauerte lange, bis sie
mit der Flasche kam, und als der Wein eingeschenkt war, erwies es sich, da
Dderlein keine Zeit mehr hatte, weil er um sieben Uhr eine Unterrichtsstunde
erteilen mute. Er leerte sein Glas nur halb und verabschiedete sich mit einem
krftigen Hndeschtteln von Daniel.
    Eine Weile war Daniel sinnend gesessen, da pochte es an der Tr, und der
alte Jordan trat ein. Ist's erlaubt? fragte er.
    Daniel nickte, und er nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem Andreas Dderlein
gesessen. Forschend schaute er Daniel ins Gesicht; pltzlich sagte er: Ist's
denn wahr, Daniel, da du wieder heiraten willst? Da du die Dderleinsche
heiraten willst?
    Ja, Vater, es ist wahr, antwortete Daniel. Er holte ein frisches Glas, go
Wein hinein und schob es dem alten Mann hin. Trink, Vater! sagte er.
    Der Alte nippte andchtig. Es drften wohl, meiner Schtzung nach, neun bis
zehn Jahre vergangen sein, da ich leinen Wein getrunken habe, redete er vor
sich hin.
    Dein Leben ist nicht gut gewesen, erwiderte Daniel.
    Ich beklage mich nicht, Daniel. Ich trag's, weil ich's tragen mu. Und wer
wei, vielleicht ist mir noch ein kleines Glck beschert. Vielleicht; wer wei.
    Dann saen sie schweigend und tranken hie und da. Es war so still, da sie
die Flamme der Lampe rauschen hrten.
    Wo bleibt denn die Philippine? fragte Daniel endlich.
    Ja, die Philippine, das hatt' ich ganz vergessen, begann der alte Jordan
sorgenvoll. Am Nachmittag ist sie zu mir hinaufgekommen und hat mir mitgeteilt,
sie gehe zur Frau Hadebuschin und werde mit der Agnes dorten bleiben, bis die
Hochzeit vorber ist. Sie hat sich aber so verworren ausgedrckt, da ich ihren
Worten nicht entnehmen konnte, was sie damit bezweckt. Auch hat es so geklungen,
als wollte sie berhaupt aus dem Hause gehn. Ob das Frauenzimmer nicht ein wenig
gestrt im Kopfe ist? Vorgestern war ein Geklapper und Gepolter in der Kche,
und wie ich nachsehe, liegen mindestens sechs Teller zerbrochen auf der Erde,
dabei droht sie noch, mich mit dem Splwasser anzuschtten und schimpft
gotteslsterlich. Wie ist denn das? Kann sie denn so mir nichts dir nichts mit
dem Kind zur Hadebuschin bersiedeln?
    Daniel blieb die Antwort schuldig. Der Gedanke an Philippine erfllte ihn
auf einmal mit Angst vor Unheil. Es schien ihm, da er sie gewhren lassen
msse.

                                       19


In der Nacht bemchtigte sich Daniels eine tiefe Erregung. Er verlie das Haus,
und trotz der Finsternis und des fallenden Schnees ging er weit vor die Stadt,
merkte die Nsse, die Klte und den Wind nicht.
    Er lauschte in sein Inneres, hielt letzten Rat mit sich und schaute oft, als
flehe er um Erleuchtung, zum schwarzen Himmelsgewlbe empor. Schwrzer noch
dnkte ihn das Morgen, in Bangigkeit verlor er sich, und es trieb ihn zu den
Grbern.
    Erst auf dem Weg zum Kirchhof bedachte er, da das Tor in der Nacht
zugesperrt sein mute, dennoch ging er weiter. Lange suchte er nach einer Stelle
an der Mauer, wo er hinberklettern konnte. Endlich fand er eine, klomm hinauf,
schrfte sich die Hnde wund, sprang in schneebedecktes Strauchwerk hinab und
irrte mit beklommener Brust ber das strmische, de Gefilde. Als er dann vor
Gertruds Grab stand, berwltigte ihn das Gefhl der Stunde, Stimmen waren im
Sturm, Grauen und Erinnerung wollten ihn schier zu Boden reien, aber vor
Lenores Grab wurde es ruhig in seiner Brust, auch ffneten sich pltzlich in der
Tiefe des Horizonts die Wolken, und ein Mondstrahl zitterte hindurch.
    Spt, der Morgen war schon nahe, kam er heim.
    Acht Tage darauf holte er Dorothea von Siegmundshof ab.
    Sylvia und Dorothea kamen ihm durch eine beschneite Allee entgegen. Sie
gingen Arm in Arm, und Sylvia lchelte zu Dorotheas Geplauder. Sie schienen in
gutem Einverstndnis, das Bild konnte nicht tuschen, und Sylvia sagte auch, als
sie mit Daniel allein war, da sie Dorothea liebgewonnen. Ihrem Frohsinn knne
niemand widerstehen, und mit den Kindern werde sie selber zum Kind.
    Trotzdem betrachtete Sylvia Daniel, und wenn Dorothea dabei war, auch diese
bisweilen mit einem schnellen, forschenden, sonderbar unsicheren Blick.

    Es war ein sonniger Dezembertag, als Daniel und Dorothea Hochzeit hielten.

                                    Dorothea



                                       1

Seit vierzehn Tagen wohnten Philippine und Agnes bei Frau Hadebusch; da kam eine
Botschaft von Daniel, die beiden sollten nach Hause zurckkehren, oder wenn es
Philippine vorziehe, zu bleiben, solle sie Agnes schicken, und zwar sogleich.
    Da ham Se's, sagte Frau Hadebusch, der Herr befiehlt.
    Der befiehlt mir lang gut, antwortete Philippine tckisch. Das Kind
bleibt bei mir, und ich geh nit hin, basta. Was, Agneslein?
    Agnes hockte auf der Ofenbank neben dem schwachsinnigen Heinrich und las in
dem abgeschmierten Heft eines Kolportageromans. Bei Philippines Anruf blickte
sie zerstreut empor und lchelte stumpf. Das zwlfjhrige Mdchen hatte
ausdruckslose Zge und, da sie selten ins Freie kam, eine von der Zimmerluft
fast gelbgewordene Haut.
    Nutzt nix, fuhr Frau Hadebusch fort, die uralt aussah und einer bsen,
verkrppelten Zwergin glich, er kann das Madel fordern, und er mu es kriegen.
Da km ich am End noch mit dem hohen Gesetz in Umstndlichkeit.
    No, was is, Agneslein, willst zurck zu dein' Vatter? wandte sich
Philippine an das Mdchen und sah die Habebuschin bedeutungsvoll an.
    Agnes Gesicht verfinsterte sich. Sie hate ihren Vater. So weit hatte es
Philippine durch ihre steten Einflsterungen, ihre gehssigen Erzhlungen
gebracht. Agnes war berzeugt, da sie ihrem Vater im Wege sei, und seine Heirat
hatte diesen Glauben nur noch mehr befestigt. In ihrem dumpfen Innern trug sie
das Bild ihrer frh verstorbenen Mutter als das einer Gemordeten, einer
Geopferten. Gar schauerlich hatte ihr Philippine den Selbstmord der Mutter zu
schildern gewut; es war der immer wieder erneute Gesprchsstoff vieler
Winterabende, vieler Dmmerstunden gewesen. Dereinst, wenn sie gro sein, wenn
sie wrde reden knnen, wollte Agnes Rechenschaft vom Vater verlangen.
    Wenn sie wrde reden knnen! Dies war ihr heiester Wunsch. Denn sie war
eine Stummgeborene, ihre Seele schmachtete in viel hrterer Gefangenschaft als
ehemals die ihrer Mutter, weil sie keines Aufblicks und Aufschwungs fhig war,
weil nichts in ihr blo schlief, sondern alles hoffnungslos verdorrt war.
    Zu der Dderleinischen geh ich nicht, grollte sie.
    Aber am Abend kam Daniel. Er zog Philippine beiseite und hatte mit ihr eine
ernste Auseinandersetzung. Er erklrte ihr die Grnde seiner Heirat, so gut er
es vermochte, ohne auf das Tiefere einzugehen. Ich hab eine Hausfrau gebraucht,
eine junge Gefhrtin. Dir, Philippin', schuld ich Dank, doch es mu auch eine
neben mir sein, die mich hher stimmt, denn von meinem schweren Beruf weit du
ja nichts. Also bock nicht, Philippin'; schnr dein Bndel und komm heim. Was
sollen wir ohne dich anfangen?
    Zum erstenmal sprach er mit ihr wie mit einem Weib und wie mit einem
Menschen. Philippine starrte ihn an. Sie schlug eine wilde Lache auf und hhnte:
Joi, Daniel, wie du einen flattieren kannst. Das htt ich nit von dir gedacht,
bist immer ein ekelhafter Griesgram gewesen. Gut! Sag: liebe Philippine. Sag
ganz langsam: liebe Philippine, dann komm ich.
    Daniel schaute verwundert in das nie jung gewesene und schnell alt gewordene
Gesicht Philippines. Narrenspossen, sagte er unwillig und kehrte sich ab.
    Philippine stampfte mit dem Fu auf den Boden. Der idiotische Heinrich trat
in den Flur und hielt ein Lmpchen hoch.
    Wohnt der fromme Schreiber noch da? fragte Daniel und schaute voll
Erinnerung an der windschiefen Treppe empor.
    Gott sei Dank, nein, schnarrte Philippine, das tt noch fehlen. Mir wird
bel, wenn ich ein Mannsbild seh.
    Abermals schaute Daniel in ihr hliches, boshaft verzerrtes Gesicht. Er war
gewohnt, alle Dinge, alle Augen, alle Krper um ihr Dasein in Tnen, ihre
Verwandlung in Tne zu befragen. Hier fhlte er pltzlich das Tonlose, so wie
man beim Anblick eines Tiefseefisches fhlen wrde: das Lichtlose. Er dachte an
Eva, er sehnte sich in diesem Augenblick nach seiner Eva, und da eben kam Agnes
aus der Tr, um nach Philippine zu sehen.
    Er legte die Hand auf Agnes' Haar und sagte gutmtig zu Philippine hinber:
Na also, - liebe Philippin', komm heim!
    Agnes duckte sich hastig und entzog sich seiner Hand, so da er das Mdchen
mit finsterer berraschung musterte. Philippine jedoch faltete ihre Hnde,
senkte den Kopf und murmelte ganz demtig: Is recht, Daniel, wir kommen
morgen.

                                       2


Um zehn Uhr vormittags erschien Philippine vor dem Wohnungsgatter. In der einen
Hand schleppte sie ihr Bndel, an der andern fhrte sie die ngstlich
dreinblickende Agnes.
    Dorothea ffnete die Tr. Sie war sauber und adrett angezogen, trug ein
blaugeblmtes Kattunkleid, darber eine weie Schrze mit Spitzenumsumung, und
um den Hals ein goldenes Kettchen, an welchem ein Medaillon hing.
    Och, die Kinder! rief sie lustig, die Philippine und die Agnes! Gr
Gott, Kinder, seid ihr endlich da? Sie wollte Agnes umarmen, die aber wich
ebenso scheu zurck, wie sie es gestern vor ihrem Vater getan.
    Philippine verzerrte hmisch die Lippen, als sie von der um zehn Jahre
Jngeren ein Kind genannt wurde und ma Dorothea von oben bis unten.
    Dorothea bemerkte es kaum. Die Kochfrau, denken Sie blo, Philippin', ist
heut nicht gekommen, und da wollt ich's selber probieren, erzhlte sie mit
zungenfertiger Wichtigkeit, aber ich wei nicht, das Suppenfleisch ist noch
immer steinhart. Schauen Sie einmal nach. Sie zog Philippine in die Kche.
    Der Topf mu einen Deckel haben, urteilte Philippine mit geringschtziger
Miene, und auerdem brennt das Feuer nicht or'ntlich.
    Aber Dorothea war bereits bei einer andern Sache. Sie hatte ein Glas mit
eingemachten Frchten entdeckt, ffnete es, nahm einen langstieligen Holzlffel,
brachte ihn gefllt an ihren Mund und naschte vorsichtig. Das schmeckt gut,
sagte sie, das schmeckt wie Zitronat. Versuchen Sie's doch, Philippin'. Sie
hielt Philippine den Lffel an die Lippen, damit sie kosten solle. Philippine
stie den Lffel unwirsch beiseite.
    Das gibt's nicht, Sie mssen versuchen, ich will's, ich will's, beharrte
Dorothea und hielt den Lffel eigensinnig dicht vor Philippines Nase. Ich
will's, ich will's, wiederholte sie, halb bittend, halb befehlend, so da
Philippine, die diesem Wesen gegenber den rechten Widerstand nicht gleich zu
finden wute, um Ruhe zu haben, sich den Lffel in den Mund schieben lie.
    Da kam der alte Jordan auf den Flur und hinter ihm der Schlotfeger, der den
Kamin putzen sollte.
    Herr Inspektor! Herr Inspektor! rief Dorothea lachend, und als der Alte
ihrem Ruf folgte, reichte sie ihm ebenfalls einen vollen Lffel, und dann mute
auch der Schlotfeger einen nehmen, und zuletzt kam Agnes an die Reihe.
    Jetzt lachten alle, sogar ber Agnes' blasses Gesicht flog ein heller
Schimmer, und Daniel, durch den Lrm aus seinem Zimmer gescheucht, stand in der
Kchentr und lachte mit.
    Siehst du, Daniel, siehst du! sprach Dorothea befriedigt. Alle fressen
mir aus der Hand. So hab ich's gern. Lat's euch nur schmecken, Leutlein.

                                       3


Mit einem offenen Brief in der Hand scho Dorothea eines Nachmittags in Daniels
Stube, wo er arbeitete.
    Du, Daniel, die Kommerzienrtin Feistmantel fleht mich an, morgen auf ihr
Krnzchen zu kommen. Darf ich?
    Du strst mich jetzt, Liebe. Siehst du nicht, da du mich strst? fragte
Daniel vorwurfsvoll.
    Ja, ja, verzeih, hauchte Dorothea und blickte hilflos auf den mit
Notenpapier bedeckten Tisch. Ich soll auch meine Violine mitbringen, fuhr sie
fort, ich soll vorspielen.
    Mit gesammeltem Ausdruck schaute Daniel, ohne ihre Worte aufzufassen, ins
Leere.
    Dorothea wurde ungeduldig. Pltzlich trat sie zu der Stelle an der Wand, wo,
seit Daniels Heimkehr, wieder die Maske der Zingarella hing. Schon lang wollt
ich dich fragen, Daniel, was das Ding da soll. Wozu hast du's, wozu brauchst
du's? Es rgert mich mit seinem ewigen Grinsen.
    Daniel wachte auf. Das nennst du Grinsen? fragte er kopfschttelnd. Ist's
mglich, dies Lcheln aus der berwelt grinst dir?
    Ja, erwiderte Dorothea trotzig, es grinst. Und ich mag's nicht, mag die
Fratze nicht leiden, grad' weil du sie so gern hast. Hast sie wohl lieber gar
als mich?
    Keine Kindereien, Dorothea! sagte Daniel ruhig; mut deinen Sinn ein
wenig hher richten, mut mir auch meine Geister respektieren.
    Dorothea schwieg. Sie verstand ihn nicht. Sie sah ihn mit leisem Mitrauen
an. Sie dachte, die Maske sei ein Bildnis einer von seinen frheren Geliebten.
Und sie verzog spttisch die Lippen.
    Du hast eben etwas von Vorspielen erwhnt, Dorothea, begann Daniel wieder;
weit du, da ich dich noch nie spielen gehrt habe? Ich gesteh dir aufrichtig,
da ich bisher Furcht davor gehabt. Nur das vortreffliche ertrg ich; auch die
Verheiung; beides knnte ja sein, und doch, woher kommt mir die Angst? Du hast
lange nicht gebt, nicht ein einziges Mal, seit wir beisammen leben; trotzdem
willst du dich vor Fremden produzieren? Das ist wunderlich, Dorothea. Sei doch
so gut und hol deine Geige und spiel mir vor.
    Dorothea ging ins Nebenzimmer, brachte den Geigenkasten, bestrich den Bogen
mit Kolophonium, und whrend sie die A-Saite stimmte, fragte sie mit
emporgezogenen Brauen: Willst du's wirklich?
    Sie prete die Lippen aufeinander und spielte eine Etde von Fiorillo. Als
sie fertig war und Daniel nichts verlauten lie, setzte sie das Instrument
wieder an und spielte ein ziemlich lamentables Stck von Wieniawski.
    Wieder schwieg Daniel lange. Recht hbsch, Dorothea, sagte er endlich;
das ist unter Umstnden ein ganz netter Zeitvertreib fr dich.
    Wie meinst du das? erwiderte Dorothea hastig, und eine dunkle Rte stieg
in ihre Wangen.
    Soll es mehr sein, Dorothea?
    Wie meinst du das? wiederholte sie verlegen und unwillig, ich denke
schon, da es mehr ist.
    Daniel stand auf, trat zu ihr hin, nahm ihr den Bogen sanft aus der Hand,
ergriff ihn an beiden Enden und zerbrach ihn in zwei Teile.
    Dorothea stie einen bestrzten Schrei aus und sah ihn fassungslos an.
    Tiefernst sagte Daniel: Ist die Musik, die ich hre, nicht ein
Niedagewesenes, so ist sie ein hunderttausendmal Dagewesenes. Fr ein leidlich
wohlklingendes Dilettieren mu sich mein Weib fr zu gut halten.
    Dorotheas Augen fllten sich mit Trnen. Abermals fehlte ihr das
Verstndnis, und nun so vllig, da sie sich einbildete, Daniel sei mit Absicht
grausam gegen sie.
    Ihr war das Geigenspiel ein Mittel gewesen, um zu gefallen, sich selbst zu
gefallen, der Welt zu gefallen, ein Mittel, sich zu steigern, andere zur
Bewunderung zu zwingen und zu blenden. Nur deshalb hatte sie sich der strengen
Zucht ihres Vaters von frh an gefgt. Sie besa auch Ehrgeiz, doch verdingte
sie sich jedem Lob, ohne des Lobers zu achten, und was eine bereinkunft von
unbekannter Entstehung an Gefhl forderte, whnte sie zu geben, indem sie beim
Spielen an ihre persnlichen Wnsche, Freuden und Vergngungen dachte.
    Daniel umarmte sie und kte sie. Sie ri sich los und stellte sich trotzig
ans Fenster. Httest es ja nur sagen mssen, da ich dir zu schlecht spiele,
stie sie hervor und schluchzte zornig auf, httest nicht gleich so roh den
Bogen zerbrechen mssen. Ich spiel ja nimmer. Wr mir gar nicht in den Sinn
gekommen, dich zu belstigen. Und sie weinte wie ein verzogenes Kind.
    Daniel lie sich's viele Worte kosten, sie zu beschwichtigen. Schlielich
sah er ein, da keine Worte fruchteten, und seufzend schwieg er still. Nach
einer Weile nahm er ihr das Taschentchlein aus der Hand, trocknete lchelnd
ihre Trnen und sagte: Ich htte ja lieber gewollt, da du nicht zur
Kommerzienrtin aufs Krnzchen gehst. Denn siehst du, ich halte nicht viel von
einem solchen Verkehr. Er bereichert nicht und zieht allerlei Gelstchen gro.
Aber weil ich dir so weh getan hab, magst du ruhig hingehen, vielleicht vergit
du dann den Schmerz, du Nrrchen.
    Dank dir schn, ich verzichte, antwortete Dorothea schnippisch und ging
aus dem Zimmer.

                                       4


Desungeachtet erklrte Dorothea am andern Tag beim Mittagessen, da sie der
Einladung der Kommerzienrtin doch folgen werde. Es sei viel einfacher,
hinzugehen, uerte sie mit einer Miene, als ob ihr der Entschlu schwer
geworden wre, als sich den Vorwrfen und dem bestndigen Gefrage auszusetzen.
    Tu es nur, ermunterte sie Daniel, ich hab dir ja selbst dazu geraten.
    Sie hatte sich ein dunkelblaues Sammetkleid machen lassen; es war sehr
schn, und sie wollte es bei dieser Gelegenheit zum erstenmal tragen.
    Als nun Daniel gegen fnf Uhr ins Schlafzimmer trat, sah er Dorothea mit dem
neuen Kleid vor dem Spiegel stehen. Es war ein hoher, schmaler Spiegel auf einer
Konsole. Dorothea hatte ihn von ihrem Vater als Hochzeitsgeschenk erhalten.
    Was ist mit ihr? fuhr es Daniel durch den Kopf, da er die seltsame
Regungslosigkeit des jungen Weibes gewahrte. Sie war wie verloren in den Anblick
ihres Spiegelbildes; ihr Auge hatte etwas Starres, Saugendes und krankhaft
Entzcktes. Sie bemerkte nicht, da Daniel in der Stube stand; als sie den Arm
rhrte und den Kopf drehte, geschah es, um diese Gesten im Spiegel zu genieen.
    Dorothea! rief Daniel leise.
    Sie zuckte zusammen, schaute ihn sinnend an und lchelte benommen.
    Da ward es Daniel angst und bang.

                                       5


Ich bin eine Verwandte von Daniel, und wir mssen uns duzen, sagte Philippine
zu Dorothea. Dorothea war damit einverstanden.
    Jeden Morgen, wenn Dorothea in die Kche kam, erkundigte sich Philippine:
Was hast denn getrumt?
    Ich war auf dem Bahnhof, es war Krieg, und Zigeuner haben mich
fortgeschleppt, antwortete Dorothea einmal.
    Bahnhof bedeutet unerwarteten Besuch, Krieg bedeutet Zwietracht mit
verschiedenen Persnlichkeiten, und Zigeuner bedeuten, da du's mit
leichtsinnigen Menschen zu tun bekommst, ratschte Philippine im Hochdeutsch
ihres Geheimbuchs.
    Philippine wute auch in der Punktierkunst Bescheid; oft sa Dorothea bei
ihr und stellte Fragen, z.B. ob der oder der in sie verliebt sei, oder ob die
und die den und den liebe; Philippine malte Punkte auf ein Blatt Papier, schrieb
die Zahlen daneben, schlug das Verzeichnis auf und teilte die Antwort des
Orakels mit.
    Binnen kurzem waren die beiden ein Herz und eine Seele. Bei ihren
Ausgelassenheiten durfte Dorothea stets auf das Beifallsgelchter Philippines
zhlen, und wenn Agnes apathisch zuschaute, stie Philippine sie in den Rcken
und fuhr sie an: Dummes Luder, kannst gar nit 's Maul aufmachen?
    Da schlich Agnes traurig zu ihren Schulheften und sa stundenlang ber einer
einfachen Rechenaufgabe. Dorothea brachte ihr bisweilen ein Stck Gugelhupf; den
wickelte sie ein, steckte ihn in die Tasche und gab ihn am andern Morgen einer
Kameradin, aus deren Heft sie die Aufgabe abschreiben durfte.
    Der Provisor Seelenfromm hielt Philippine auf der Gasse an und fragte: Na,
wie stehts denn bei euch? Wie macht sich die junge Frau?
    Joi, wir leben wie Gott in Frankreich, versetzte Philippine, und ihr Mund
dehnte sich bis an die Ohren, jeden Tag Braten, jeden Tag Kuchen, der Wein
steht immer auf'm Tisch, und ein Besuch gibt dem andern die Tr in die Hand.
    Da mu der Nothafft aber hundsmig reich geworden sein, meinte der
Provisor verblfft.
    Mu wohl so sein, ums Geld sorgt sich keiner mehr bei uns, unsere Frau
wenigstens hat alleweil das Portemonnaie voll.
    Der Himmel war blau, die Sonne schien, der Frhling war gekommen.

                                       6


Jeden Sonntag mittag a Andreas Dderlein bei seinen Kindern. Er liebte eine
saftige Schweinskeule, einen Salat in Eierbrhe und eine Torte mit Zuckeraufgu.
Der alte Jordan, der an den sonntglichen Mahlzeiten teilnehmen durfte, lie die
einzelnen Bissen auf der Zunge zergehen. In seinem ganzen Leben waren ihm so
leckere Dinge nicht vorgesetzt worden, und bisweilen warf er einen verwunderten
Blick auf Daniel.
    Ins Gesprch mischte er sich selten. Wenn die Teller abgetragen wurden,
erhob er sich und ging in seine Kammer hinauf.
    Hchst sonderbarer Greis, sagte eines Sonntags Andreas Dderlein, indem er
sich die Zhne stocherte.
    Mit dem hat man auch seine liebe Not, schalt Dorothea; ist ein
unverbesserlicher Topfgucker; zehnmal am Tag kommt er in die Kche, steckt die
Nase in die Luft, fragt, was es zu essen gibt, und steht im Flur herum, da die
Gste ber ihn stolpern.
    Andreas Dderlein gab ein bedauerndes Brummen von sich.
    Wie sieht es denn eigentlich mit deinen Finanzen aus, mein Sohn? wandte er
sich leutselig an Daniel. Mchtest du nicht zur Verbesserung deiner
wirtschaftlichen Lage neben dem Organistenamt eine Stelle an unserer Anstalt
bernehmen? Herold geht in Pension, er ist ber fnfundsiebzig und ist den
Anforderungen nicht mehr gewachsen. Mein Frwort gengt, dir seine Stelle zu
sichern. Dreitausend Mark jhrlich, Versorgung der Witwe nach zehnjhriger
Dienstzeit, Stundengelder, ich denke, das ist verlockend. Oder nicht?
    Dorothea lief jubelnd zu ihrem Vater, umschlang seinen ungeheuren Rumpf und
kte ihn auf die schlotternde Backe.
    Keinen Dank, mein Kind, wehrte der Olympier, euch zur Seite zu stehen ist
meine selbstverstndliche Pflicht.
    Was sitzt da fr ein aufgequollener fremder Mensch? fuhr es Daniel durch den
Kopf; was will der Mensch von mir? warum dringt er in meine Stube und sitzt an
meinem Tisch? warum duzt er mich und haucht mich mit seinem Atem an? Er schwieg.
    Ich begreife ja, lieber Sohn, da du deine Mue nicht gern aufgibst, fuhr
Dderlein mit verstecktem Sarkasmus fort, aber wer von uns kann vllig seiner
Neigung leben? Der Alltag ist das Mchtige; Ikarus mu zur Erde strzen. Jetzt,
wo dein Weib einem freudigen Ereignis entgegensieht, gibt es doch
vernnftigerweise kein Schwanken.
    Dorothea warf Daniel einen bsen Blick zu.
    Ich will mir's berlegen, sagte Daniel, erhob sich und ging aus dem
Zimmer.
    Es ist ihm unbequem, grollte Dorothea; seine Bequemlichkeit geht ihm ber
alles. Aber ich werd ihn schon dazu bringen, Vater; tu nur, was du tun kannst,
er wird sich nicht sperren.
    Somit lag es am Tage, da Daniel der Geheimnisvolle und Unergrndliche
lngst nicht mehr fr sie war. Sie hatte ihn geffnet, sie hatte ihn erraten,
nach ihrer Weise freilich. Es war viel einfacher gewesen, als sie gedacht, und
sie zrnte ihm, da er ihrer Neugier ein so nahes Ziel gesteckt hatte. Was sie
fr interessant, fr aufregend, fr berauschend gehalten, hatte sich als etwas
ganz Simples und Gewhnliches entpuppt; es waren gar keine Reize mehr da, und
das einzig Spannende lag noch darin, durch ihre Jugend, durch ihre Sinne eine
ausschlieliche Herrschaft ber ihn zu erlangen.
    Daniel sprte es, da sie enttuscht war; er hatte Angst davor gehabt. Die
Angst wuchs, denn alles, was er tat und sagte, vermehrte ihre Enttuschung
sichtlich. Aus Angst wurde er nachgiebig, wo er frher unerbittlich gewesen
wre. Der Unterschied der Jahre machte ihn geduldig und jeder Einrede fgsam; er
frchtete, ihr nicht so viel Liebe geben zu knnen, wie sie in ihrer Frische und
natrlichen Derbheit begehrte, deshalb verzichtete er auf manches, was er vordem
nicht htte entbehren, ertrug er manches, was er vordem nicht htte ertragen
knnen.
    Es bedurfte nur einer Stunde in der Nacht, und Dorothea hatte ihm die Zusage
abgeschmeichelt, da er die Stelle des alten Herold bernehmen werde. Er, so
karg an Worten wie in der uerung von Gefhlen, erlag dem ktzchenhaften
Anschmiegen, dem bermtigen Spott, der prickelnden Hurtigkeit eines jungen
Leibes. Da walten dunkle Mchte, die zwischen Mann und Weib Abhngigkeiten
stiften; da ist nichts berechenbar, nichts mehr dem angeborenen Wesen gem, da
kann, in einer Stunde der Nacht, die heiligste Wahrheit eines Lebens zur Lge
umgebogen werden.

                                       7


Es erwies sich auch als notwendig, da Daniel fr eine Vermehrung des Einkommens
Sorge trug. Dorothea hatte viele neue Anschaffungen gemacht. Sie hatte einen
Toilettetisch, ein paar Schrnke und eine Badewanne gekauft. Lampen, Glser,
Vorhnge, Decken waren ihr zu unmodern gewesen, und sie hatte sie durch schnere
ersetzt.
    Ihr Hauptvergngen war, in die Geschfte zu gehen und einzukaufen. Dann
kamen die Rechnungen, und Daniel schttelte den Kopf. Er bat sie eindringlich,
sich zu beherrschen, aber sie hing sich ihm an den Hals und bettelte so lange,
bis er sich in jeden ihrer Wnsche seufzend ergab.
    Mit leeren Hnden kam sie selten heim. Und wenn es nur ein paar billige
Nippsachen waren, ein Mnnchen aus Porzellan mit Zylinder und Regenschirm, oder
eine Pagode mit einem Wackelkopf, sogar eine Mausefalle konnte es sein, aber
Geld mute sie ausgeben.
    Dann wurde Philippine herbeigerufen; Philippine sollte bewundern. Und
Philippine sagte scheinbar entzckt: So was Liebes aber auch! Gott, wie lieb!
Oder: Grad eine Mausfall brauchen wir; gestern nacht war eine Maus auf'm
Splrahm, Ehr und Seligkeit, Daniel.
    Und die Hte, die Kleider, die Strmpfe und Schuhe, die Spitzen und Blusen,
darin hatte Dorothea kein Ma und keine Bescheidenheit. Sie wollte mit den
reichen Brgersfrauen wetteifern, deren Kaffeekrnzchen sie besuchte, neben
denen sie im Theater und in der Konditorei sa.
    Fr die Theater und Konzerte bekam sie Freikarten. Aber einmal, als sie zu
Daniel sagte, der Direktor habe ihr eine Freikarte geschickt, erfuhr er von
Philippine, da sie sich die Karte gekauft habe. Er stellte sie nicht zur Rede,
aber es ging ihm nicht mehr aus dem Sinn, da sie geglaubt hatte, ihn belgen zu
mssen.
    Er begleitete sie nicht zu ihren Vergngungen; er wollte bei der Arbeit
bleiben und selbst die kleinste Ausgabe nicht durch sein Mittun verdoppeln.
Dorothea hatte sich darein gefunden. Seine Abneigung gegen das Theater und die
geselligen Zerstreuungen nahm sie fr Schrulligkeit und Grillenfngerei. Sie
erwog nicht, was an Erfahrung hinter ihm lag, sie hatte vergessen, was er ihr in
einer entscheidenden Stunde gebeichtet.
    Wenn sie spt abends mit glhenden Wangen und blitzenden Augen nach Hause
kam, fand Daniel den Mut nicht zu der ernsten Mahnung, mit der er ihr
entgegentreten gewollt. Weshalb sie aus ihrem Himmel reien? dachte er, die
wilde Lust wird sich schon legen.
    Er hatte Angst vor ihrer schmollenden Miene, vor ihren Trnen, vor ihrem
ratlosen Blick, vor ihrem trotzigen Hinausgehen. Aber es fehlte ihm auch das
Wort. Er kannte die Vergeblichkeit von Vorhaltungen und Vorwrfen; leeres
Rsonieren war ihm unleidlich, und seine menschliche Rede blieb ohne Widerhall.
Sie fate den Ton nicht, sie mideutete alles, miverstand alles. Sie lachte,
zuckte die Achseln, grollte, schalt ihn einen Brummbren, gurrte wie eine Taube;
sie schaute ihn nicht mit wirklichen Augen an, keine flutende Seele war zu
spren.
    In seinem Gemt wurde es finster.
    Der Verbrauch im Haushalt stieg von Woche zu Woche. Daniel wre sich als ein
Krmer erschienen, wenn er seine Ersparnisse vor seinem Weib verborgen, ihr nur
in verrechneten Betrgen davon gegeben htte. Und so war alles Geld bald dahin.
Um die Wirtschaft kmmerte sich Dorothea kaum; sie erteilte ihre Befehle und
geriet in Zorn, wenn sie von Philippine nicht pnktlich ausgefhrt wurden.
    's is ihr halt zu fad; mein Gott, so eine junge Person, sagte Philippine
mit hinterhltigem Bedauern zu Daniel; die will sich erlustiern, die will ihr
Leben genieen, mein Gott, das kann ihr der Feind nicht verdenken.
    Philippine war die Herrin im Hause. Sie ging auf den Markt, bezahlte die
Rechnungen, beaufsichtigte die Kochfrau und Waschfrau und frohlockte heimlich,
als sie merkte, wie alles bergab ging, unaufhaltsam bergab.

                                       8


Als die Schwangerschaft vorschritt, verlie Dorothea nur noch selten das Haus.
Sie blieb bis um elf Uhr vormittags im Bette, dann frisierte sie sich
umstndlich, hielt Musterung unter ihren Kleidern und schrieb Briefe.
    Sie hatte eine seltsam ausgebreitete Korrespondenz, und die Empfnger der
Briefe rhmten ihren amsanten Stil.
    Nach Tisch legte sie sich wieder ins Bett, und spt am Nachmittag kamen
Besuche, nicht nur Frauen, sondern auch allerlei junge Mnner. Meist wute
Daniel gar nicht, wie die Leute hieen. Er zog sich dann in die Kammer zurck,
wo Lenore einst gehaust hatte, und hrte Gelchter und lautes Reden ber die
Stiege heraufschallen.
    Des Abends war Dorothea mde; ein wenig verdrossen sa sie im Schaukelstuhl
und las die Zeitung oder die Wiener Mode.
    Daniel hoffte zuversichtlich, da all dies nach der Geburt des Kindes besser
werden, da Muttergefhl, Mutterpflicht belehrend und bekehrend wirken wrde.
    Im Sptherbst brachte Dorothea einen Knaben zur Welt, der auf den Namen
Gottfried getauft wurde. Sie konnte sich nicht genug tun an berzrtlichkeit;
ihr Entzcken uerte sich in kindischen Ausdrcken.
    Sechs Tage lang reichte sie dem Sugling die Brust; als es kein Spiel mehr
sein konnte und die Freundinnen sie warnten, wurde sie des Stillens berdrssig.
Es verdirbt einem die Figur, sagte sie zu Philippine, Kuhmilch ist so gut wie
Menschenmilch, wenn nicht besser.
    Philippine sperrte Mund und Augen auf, als Dorothea mit nacktem Oberkrper
vor den Spiegel trat und ihr Ebenbild mit einem Ernst anschaute, der sonst nie
an ihr zu bemerken war.
    Dorothea wurde kalt gegen ihr Kind, und es schien, als habe sie vergessen,
da sie Mutter war. Der Sugling lag bei Philippine und Agnes in der Stube, und
beide pflegten ihn an Stelle der Mutter.
    Wie wenn sie Versumtes nachholen und sich entschdigen mte fr die Leiden
und Beschwerden der vergangenen Zeit, strzte sich Dorothea mit gesteigerter
Gier in Vergngungen. Bald aber fand sie sich durch Geldmangel auf allen Seiten
gehemmt. Gtig und fest stellte ihr Daniel vor, da die Gehlter, die er als
Organist und als Lehrer bezog, gerade fr das Hauswesen reichten und er seine
eignen Bedrfnisse ohnehin so viel wie mglich beschrnke, um es in der
bisherigen Wohlhbigkeit weiterzufhren. Wir sind keine Brger, sagte er, und
da wir nicht ganz von Zufalls Gnaden leben, ist eher mein Makel als mein
Vorzug.
    Och, du Knauser, schmollte Dorothea. Hliche Falten zeigten sich auf
ihrer Stirn. Httest du mir nicht meine Kunst verekelt, so knnt ich auch was
verdienen, fgte sie hinzu.
    Er sah stumm zu Boden. Sie aber sann auf Mittel und Wege, um zu Geld zu
kommen. Onkel Carovius, der knnte mir helfen, dachte sie. Sie ging nun oft zu
ihrem Vater ins Haus und wartete eine Weile vor der Stiege, ob sich Herr
Carovius nicht zeigen wrde. Eines Tages trat er endlich aus seiner Tr; sie
wollte gren, wollte freundlich lcheln, aber ein einziger Blick in dieses von
einem gefrorenen Ingrimm erfllte Gesicht belehrte sie darber, da jeder
Versuch, den Alten umzustimmen, fruchtlos war.
    Der Zufall lie sie auf dem Heimweg Edmund Hahn begegnen. Sie hatte ihn
nicht mehr gesehen, seit sie verheiratet war. Der Schauspieler schien
hocherfreut, sie zu treffen. Sie gingen zusammen weiter, und es entwickelte sich
ein eifriges Gesprch, das zuerst laut, dann immer leiser gefhrt wurde.

                                       9


An dem Tag, an welchem Dorothea geheiratet hatte, war Herr Carovius zum Notar
gegangen, um das Testament, das er in der Nacht zuvor niedergeschrieben,
beglaubigen zu lassen. In diesem Testament hatte er sein ganzes Barvermgen, das
Haus und smtliche Mobilien einer nach seinem Tod zu errichtenden
Erziehungsanstalt fr adelige Waisen vermacht. Zum Protektor des Instituts wie
zum Verwalter des Nachlasses war der Freiherr Eberhard von Auffenberg bestimmt.
    Von der Musik wollte Herr Carovius nichts mehr wissen. Der lange schmale
Flgel, den er hatte, bekam eine Lederhlle und glich einem ausgestopften Tier.
Seiner Leidenschaft fr die Kunst gedachte er wie einer jugendlichen Verirrung,
doch da er seinen Geist kasteite, blieb ihm dabei, oft bis zum Schmerz, trotzig
bewut.
    Recht eigentmlich war die Beschftigung, der er sich ergab, um nicht in
Langeweile zu verkommen. Er durchsuchte nmlich alle Bcher seiner Bibliothek
nach Druckfehlern. Viele Stunden des Tages widmete er dieser Arbeit, las die
wissenschaftlichen Werke und die der schnen Literatur mit einer nur am
Buchstaben haftenden Aufmerksamkeit, und wenn es ihm gelungen war, ein falsch
gesetztes Wort oder gar einen grammatikalischen Schnitzer zu entdecken, war ihm
wie einem Fischer zumut, dem nach langem Harren endlich ein Fisch an der Angel
zappelte.
    Sonst war es trbselig um ihn bestellt. Der schne Gleichschnitt seiner
Haare am Nacken hatte sich in eine struppige Wildnis verwandelt; auf der Strae
sah man ihn mit einem Rock voll Flecken, und der Kalabreser hatte hnlichkeit
mit einem zerschossenen Kriegszelt.
    Er hatte sich wieder angewhnt, zwei- oder dreimal wchentlich ins
Paradieschen zu gehen, nicht etwa, um sich wehmtigen Erinnerungen zu
berlassen, sondern weil dort der Kaffee noch zwanzig Pfennige kostete, nicht
fnfundzwanzig, wie in den neumodischen Kaffeehusern. Und sein ganzes Abendbrot
bestand aus einer Schale Kaffee und ein paar Semmeln.
    Es fgte sich, da auch der alte Jordan das Paradieschen zu seiner Zuflucht
whlte. Lange Zeit studierten sich die beiden von Tisch zu Tisch, dann kam ein
Tag, wo sie sich zueinander setzten, zuletzt wurde es die Regel, da sie sich in
der Ecke beim Ofen zusammenfanden, und ohne da sie mehr als die uerlichsten
und plattesten Redensarten wechselten, entwickelte sich zwischen den beiden
einsamen Greisen eine stille Kameradschaft.
    Herr Carovius gab sich zwar den Anschein, als ob er den alten Jordan blo
dulde; doch vertiefte er sich erst dann in die Lektre der Zeitung, wenn dieser
gekommen war und sich mit achtungsvollem Gru an das winzige Tischchen gesetzt
hatte. Jordan seinerseits verhehlte nicht seine Freude, Herrn Carovius auf dem
Stammplatz zu sehen, und whrend er seine Tasse Kaffee schlrfte, lie er die
Augen nicht von dem bsen Gesicht seines Gegenbers.

                                       10


Philippine wurde Dorotheas Vertraute.
    Anfangs war es nur die Lust am Schwatzen gewesen, die Dorothea zu Philippine
hindrngte; spter gewhnte sie sich daran, ihr alles zu sagen. Vor ihr konnte
sie sich schmucklos geben. Die regungslose Aufmerksamkeit, mit der ihr
Philippine zuhrte, schmeichelte ihr und benahm ihr jeden Argwohn. Sie hielt
Philippine fr zu dumm und ungebildet, als da sie sie fhig glaubte, ihr
Treiben zu berschauen und zu beurteilen.
    Es reizte sie, dem alten Mdchen, das so ergtzlich ber die Mannsbilder zu
schimpfen wute, verfhrerische Bilder auszumalen. Wenn sie einen kecken Plan
hatte, sprach sie mit Philippine darber wie von etwas Geschehenem; auf diese
Art prfte sie die Mglichkeit der Ausfhrung und verschaffte sich einen
Vorgeschmack des Genusses.
    Hauptschlich war es Philippines Hlichkeit, die sie sorglos stimmte. Ein
so hliches Geschpf war in ihren Augen kein Weib, kaum ein Mensch, und mit ihm
konnte man alles reden, was einem durch den Kopf ging. Und da Philippine nie
anders als wegwerfend und hhnisch von Daniel sprach, wurde Dorothea immer
argloser.
    Sie kam zu Philippine in die Kche, setzte sich auf das Bnkchen und
erzhlte; von einem Seidenkleid, das sie in einer Auslage gesehen hatte; von den
Elogen, die ihr der Hofrat Finkeldey gemacht; von den Liebesverhltnissen dieser
und der Ehescheidung einer andern Bekannten; von den Perlen der Kommerzienrtin
Feistmantel, und da sie zehn Jahre ihres Lebens dafr gbe, wenn sie auch
solche Perlen htte. Das Auch war berhaupt ihr groes Wort. Alles in ihr
zitterte und dampfte vor Begierden und Wnschen, von niederer Unruhe und trber
Lust.
    Oft erzhlte sie Geschichten aus ihrer Mnchener Zeit. Wie sie eines Nachts,
des Schabernacks halber, mit einem Maler in sein Atelier, und einmal zu einem
Offizier in die Kaserne gegangen sei; was fr schne, stramme Leute ihr da die
Cour geschnitten; alle hinter ihr her und sie, eh die Schafskpfe sich besonnen,
um die Ecke. Ein Ku, das wohl; ein Ku in der Dunkelheit; ein Arm- in Armliegen
in einem Wldchen, mehr nicht. Zur rechten Zeit Polizeistunde, das drfe man bei
solchen Sachen nicht vergessen, sonst knne es schief gehen. Zum Beispiel sei da
ein schwarzer Italiener gewesen, ein richtiger Conte, der habe ihr nachgestellt
wie verrckt. Einmal sei er in ihr Zimmer gestrzt und habe ihr einen Revolver
vor die Stirn gehalten, da habe sie geschrien, da das ganze Haus
zusammengelaufen sei.
    Als Daniel sich bemhte, ihrer Verschwendungssucht zu steuern, erhob sie bei
Philippine Klagen darber. Philippine hetzte sie auf. La dir's nicht
gefallen, sagte sie, einen Geizkragen htt'st du mit deiner Visage nicht zu
heiraten brauchen.
    Auch als sie wieder mit Edmund Hahn verkehrte, berichtete sie es Philippine.
Den solltest du mal sehen, Philippine, flsterte sie geheimnisvoll, das ist
ein wahrer Don Juan, verdreht allen Weibern die Kpfe. Seit zwei Jahren schon
sei er nrrisch in sie verschossen, jetzt habe er ihr zugesagt, in einem
Spielklub fr sie zu spielen, einem intimen Zirkel, wo nur ganz vornehme Leute
verkehrten. Wenn ich gewinn, Philippine, schenk ich dir was Hbsches,
versprach sie.
    Von da an wurden ihre Erzhlungen ziemlich wirr. Sie war viel vom Hause weg,
und wenn sie heimkehrte, war sie nicht selten in einem aufgelsten Zustand. Sie
lie sich von Philippine fr die Nacht frisieren, und was sie sagte, war
gelogen. Einmal aber gestand sie, da sie nicht im Theater gewesen, wie Daniel
annahm, sondern bei einer Frau Bumler, einer Freundin Hahns, bei der auch
gespielt wurde. Sie habe sechzig Mark gewonnen. Scheu blickte sie nach der Tr,
zog ihre Brse heraus und zeigte Philippine drei Goldstcke.
    Philippine mute schwren, da sie Dorothea nicht verraten wrde. Ein paar
Tage danach wurde Dorothea wieder besorgt, und Philippine mute den Schwur
erneuern. Philippine schwor mit einer Leichtigkeit und Geflligkeit, als wnsche
sie gute Mahlzeit. Im Innern erteilte sie sich whrend des Eides Absolution fr
den Meineid. Einstweilen wollte sie sammeln, sich alles merken, dem Wild auf
allen Fhrten folgen; zudem lag fr sie eine Befriedigung finsterer Sinnentriebe
darin, von Verhltnissen und Situationen zu erfahren, die ihr nie zum Erlebnis
werden konnten.
    Immer tiefer verstrickte sich Dorothea. Ihre Augen waren wie Irrlichter, ihr
Lachen klang flchtig und krampfhaft. Sie hatte nie Zeit, nicht fr ihren Mann,
nicht fr ihr Kind. Bisweilen wurden ihr durch Boten Briefe gebracht, die sie
gierig las und schnell zerri. Einmal trat Philippine unerwartet ins Zimmer, da
versteckte sie erschrocken eine Photographie, die sie in der Hand gehalten
hatte. Als Philippine ber die Heimlichkeit entrstet war, sagte Dorothea
schnippisch: Das verstehst du nicht, Philippine, davon kann ich mit niemand
sprechen.
    Aber Philippines Verdrossenheit setzte sie in Angst. Sie zeigte ihr die
Photographie. Es war das Bild eines jungen Mannes, der kalt und mrrisch
dreinblickte. Dorothea sagte, es sei ein Amerikaner, den sie bei der Bumler
kennen gelernt; er sei steinreich und alle seien ganz weg von ihm.
    Jeden Abend wollte nun Philippine etwas vom Amerikaner wissen. Erzhl vom
Amerikaner, drngte sie.
    Eines Abends, schon spt, kam Dorothea im Nachtkleid zu Philippine in die
Stube. Agnes und der kleine Gottfried schliefen. Morgen hat der Amerikaner eine
Loge im Theater, wennst mich abholst, kannst ihn sehen, raunte sie.
    Ich halt's schon nicht mehr aus vor Neugier, erwiderte Philippine.
    Eine Weile sa Dorothea stumm, dann rief sie aus: Wenn ich Geld htt,
Philippinchen, wenn ich nur Geld htt!
    Hab gemeint, der Amerikaner hat so viel, versetzte Philippine trocken.
    Natrlich, der hat Geld wie Heu, sagte Dorothea, und ihre Augen loderten,
aber -
    Was, aber?
    Denkst du denn, die Mnner tun umsonst was?
    Ach so, machte Philippine nachdenklich, ach so. Sie kauerte sich auf
einen Schemel zu Fen Dorotheas. Wie hbsch du bist, wie niedlich, schnarrte
sie mit ihrer Bastimme; was fr zierliche Fli du hast! Und wie glatt das
Fleisch ist, Marmorstein ist nix dagegen. Mit einer grauenhaften Lsternheit
legte sie ihre Hand um Dorotheas Bein und streichelte die Haut bis zum Knie
hinauf.
    Dorothea schauderte zusammen. Als sie zu der hockenden Philippine
niederblickte, sah sie, da an deren Jacke ein Knopf gerissen war; durch die
ffnung gewahrte sie zwischen den schlaffen Brsten etwas Braunes. Was hast du
denn da am Leibe? fragte Dorothea.
    ber Philippines Gesicht scho eine jhe Rte. Nix fr dich, antwortete
sie rauh und hielt die Jacke mit der Hand zu.
    So sag's doch, Philippinchen, sag's doch, bettelte Dorothea, die es nicht
ertrug, wenn man Geheimnisse vor ihr hatte; ist's vielleicht dein Brautschatz?
Hast dir deinen Busen als Sparkasse eingerichtet? Sie lachte belustigt.
    Philippine erhob sich. Ja, es ist mein Geld, bekannte sie mit Widerstreben
und schaute Dorothea feindselig an.
    Sicher ist's eine ganze Masse. Gib nur acht, da dir's keiner stiehlt. Mut
dich auf den Bauch legen beim Schlafen.
    Daniel kam von der Arbeitsstube herunter und hrte Dorotheas Lachen. Dunkler
Kummer fra an seinem Herzen, und er schritt eilig an der Tr vorber.

                                       11


Eines Abends trat Philippine von der Strae in den Flur, da kam ihr aus dem
Schatten ein Mann entgegen, der sie beim Namen rief. Die Stimme erschien ihr
bekannt, und als sie nher hinschaute, sah sie, da es ihr Vater war.
    Seit zehn Jahren hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Hin und wieder
hatte sie ihn auf der Gasse von fern gesehen, war ihm aber in weitem Bogen aus
dem Weg gegangen.
    Was gibt's? fragte sie unfreundlich.
    Jason Philipp rusperte sich und suchte aus dem beleuchteten Teil des Flurs
wieder in den unbeleuchteten zu gelangen. Er wollte seinen schbigen Anzug vor
den Augen seiner Tochter verbergen.
    Na, hr mal, du, begann er mit erzwungener Unbefangenheit, du knntest
dich auch hin und wieder nach deinen Eltern umsehen; die paar Schritte tten dir
keinen Beinbruch zuziehen. Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohlergehe. Deine
Mutter hat's schlielich um dich verdient; ich selbst, na, ich hab dich zuzeiten
ein bichen gezwiebelt, aber nur wenn's dringend ntig war. Ein Racker warst du
ja, das mut du zugeben.
    Er lachte, jedoch seine uglein glnzten furchtsam. Philippine schwieg.
    Was ich sagen wollte, fuhr Jason Philipp eilig fort, wie um keine
feindseligen Erinnerungen in seiner Tochter entstehen zu lassen, leih mir mal
ein kleines Goldstck. Hab morgen frh eine dringende Zahlung zu leisten und bin
ganz auf dem Trockenen. Die Jungens, weit du, deine Brder, sie benehmen sich
ja sonst tadellos, geben mir am Monatsersten gewhnlich von ihrem Salr was ab;
wegen so ner Lappalie mag ich sie aber nicht behelligen. Da hab ich gedacht,
weil du so in der Nachbarschaft bist, knnt ich dich ja auch mal bitten.
    Jason Philipp log. Seine Shne untersttzten ihn nicht. Willibald lebte in
Breslau, hatte einen geringbezahlten Buchhalterposten und schlug sich kmmerlich
durch; Markus war ein Tunichtgut und steckte bis ber die Ohren in Schulden.
    Nachdem Philippine eine Weile berlegt hatte, wies sie ihren Vater an, zu
warten und ging die Stiege hinauf. Jason Philipp stellte sich unters Tor und
pfiff leise. Seit er in edlem Geistesaufruhr die staatlichen Gewalten bekriegt
hatte, waren viele Jahre verflossen; und viele Jahre auch, seit er seinen
Frieden mit ihnen gemacht hatte. Nichtsdestoweniger pfiff er noch immer die
Marseillaise.
    Philippine polterte die Stiege herunter, schlurfte zum Tor und gab ihrem
Vater ein Fnfmarkstck. Da, fuhr sie ihn an, mehr hab ich selber nicht.
    Aber Jason Philipp war auch mit der Hlfte der geforderten Summe zufrieden.
Er konnte nun wieder einmal ins Gasthaus zum Essigbrtlein gehen und zu frischem
Bier ein Paar Weiwrste verzehren.
    Von da an kam er fter in das Haus am Egydienplatz, lauerte im Flur auf
Philippine und bat sie um Geld. Mit immer kleineren Betrgen speiste ihn
Philippine ab; zuletzt gab sie ihm nur noch zehn Pfennige, wenn er kam.

                                       12


Hufig geschah es, da Daniel gar nicht antwortete, wenn man eine Frage an ihn
richtete. Sein Ohr verlor die Worte, sein Auge die Bilder, die Zeichen, die
Gesichter, die Gebrden. Er war sich selbst im Wege, sich selbst eine Qual.
    Dahin trieb es ihn, dorthin; heim trieb es ihn und wieder fort. Flchtig
gewahrte er, da Menschen ber ihn lchelten, sprte, da sie hinter ihm die
Achseln zuckten. In den Mienen seiner Schler las er Spott; die Mgde im Haus
kicherten, wenn er vorberging.
    Was konnten sie wissen? was verhehlen? Vielleicht war seinem Innersten nicht
unbekannt, was sie wuten und verhehlten, aber er wollte es nicht in den Bereich
der benennbaren Dinge treten lassen.
    Als ob ein unsichtbarer Ohrenblser ihm nicht von der Seite wiche, wuchs
eine stille Verzweiflung. Was hast du getan, Daniel, schrie es in ihm, was hast
du getan! Die schwesterlich umschlungenen Schatten standen auf.
    Das Gefhl eines nicht wieder gut zu machenden Irrtums, einmal zur Gewiheit
geworden, brannte wie Feuer. Das Werk, so nah der Vollendung, starb ihm
pltzlich ab.
    Um des Werkes willen zwang er sich in den Nchten zur Ruhe, gab zaghafter
Hoffnung Raum, lullte sein ahnungsvolles Gemt ein.
    Der Blick, mit dem ihn Philippine betrachtete, peinigte ihn am rgsten.
    Seit der Geburt des Kindes wohnte er in Lenores Kammer. Der alte Jordan war
die Rcksicht selbst und ging in seiner Stube auf Strmpfen, um ihn nicht zu
stren.
    Eines Nachts ging Daniel hinunter und trat mit der Kerze in der Hand an
Dorotheas Bett. Sie erwachte, stie einen Schrei aus, schaute verstrt, dann
erkannte sie ihn und war ungehalten; schlielich lachte sie spttisch und
sinnlich.
    Er setzte sich an den Rand des Bettes und nahm ihre rechte Hand zwischen
seine beiden. Doch es war ihm auf einmal so eigen unbehaglich, ihre Hand zu
spren, und er sah die Finger an. Sie waren ohne Feinheit in der Form, an den
Spitzen dicker als in der Mitte; sie konnten nicht ruhig liegen, bestndig
zuckten sie.
    Es geht so nicht weiter, Dorothea, sprach er liebreich, du zerstrst
deine und meine Existenz. Was sollen die vielen Menschen um dich? Ist denn dein
Vergngen an ihnen so gro, da es dein Gewissen bertubt? Ich wei nicht, was
du treibst. Sag mir doch, was du treibst. Die Wirtschaft verkommt, es ist keine
Ordnung mehr. Wie's da drauen im Wohnzimmer nach Zigarrenrauch riecht! Ich hab
die Fenster aufgemacht. Und dein Kind; es entbehrt die Mutter. Schau dir doch
sein Gesichtchen an, wie krnklich und gelb es ist.
    Och, da kann ich nichts dafr, die Philippine tut ihm Mohn in die Milch,
damit es langer schlft, antwortete Dorothea nach der Art schuldiger Weiber,
aus vielen Vorwrfen einen herauszugreifen, der ihnen ungerecht dnkt. Aber
diese Antwort brachte Daniel zum Verstummen.
    Ich bin so md und schlfrig, klagte Dorothea und schielte wieder mit dem
spttischen und sinnlichen Ausdruck nach ihm. Da er regungslos blieb, ghnte sie
laut und fuhr rgerlich fort: Was weckst du einen denn mitten in der Nacht,
wenn du blo schimpfen willst? Geh doch hinaus, du ekelhafter Mensch!
    Sie kehrte ihm den Rcken und sttzte den Kopf auf die Hand. Dem Bett
gegenber hing ein goldgerahmter Spiegel. Sie erblickte ihr Bild darin, sie
gefiel sich in ihrer beleidigten Haltung und begann zu lcheln.
    Daniel, der so hart und grausam gegen edle, nun zu Schatten gewordene Wesen
hatte sein knnen, sah, wie sie sich verliebt anlchelte, im Spiegel, und fhlte
Erbarmen mit dieser kindlichen Eitelkeit.
    Es gibt ein chinesisches Mrchen von einer Prinzessin, sagte er und beugte
sich ber Dorothea, die bekam von ihrer Mutter als Brautgabe eine Garnitur von
Schachteln. In jeder Schachtel war ein kostbares Geschenk, nur die letzte,
innerste, kleinste Schachtel war zugesperrt, und die Prinzessin mute
versprechen, sie niemals zu ffnen. Eine Weile hielt sie das Versprechen, aber
die Neugier qulte sie immer heftiger, sie verga ihr Gelbnis und machte die
letzte, kleine Schachtel mit Gewalt auf. Da war ein Spiegel drinnen, und als sie
nun ihr Bild erblickte und sah, wie schn sie war, fing sie an, ihren Gatten
schlecht zu behandeln, und qulte ihn so, da er sie eines Tages ttete.
    Erschrocken starrte ihn Dorothea an. Dann lachte sie und erwiderte: Och,
wie dumm! Solche Schauergeschichte. Sie legte die Wange auf das Kissen und
blinzelte wieder in den Spiegel.
    Am andern Morgen erhielt Daniel einen anonymen Brief folgenden Inhalts:
Haben Sie acht auf Ihre Frau, denn Sie erweisen dadurch Ihrer Ehre einen
Dienst. Ein Gutgesinnter. Er zerri den Brief und warf die Fetzen in den Ofen.
    Ein kaltes Fieber schttelte ihn. Ein paar Tage lang schleppte er sich wie
mit vergiftetem Krper herum, allen im Hause wich er aus; eines Nachts wieder
trieb es ihn neuerdings zu Dorothea. Als er in ihr Schlafzimmer treten wollte,
fand er die Tre zugeriegelt. Er klopfte und bekam keine Antwort. Er klopfte
strker, da rhrte es sich in den Kissen drinnen. La mich schlafen! rief
Dorothea zornig.
    Mach auf, Dorothea! bat er.
    Nein, ich mach nicht auf, ich will schlafen, schallte es heraus.
    Noch drei- oder viermal drckte er auf die Klinke, drei- oder viermal flehte
er, da sie ihn einlassen mge, aber sie gab keine Antwort. Da wollte er nicht
weiter lrmen, stand noch eine Weile und schaute vor sich hin wie in ein
schwarzes Loch und kehrte dann in seine Dachkammer zurck.

                                       13


Friedrich Benda befand sich wieder in Europa. Alle Zeitungen hatten die
Auffindung des Forschungsreisenden gemeldet. Im Herbst des vergangenen Jahres
hatten ihn arabische Elfenbeinhndler im Lande der Niam-Niam getroffen, hatten
sich seiner angenommen und den schwer Erkrankten zum Nil transportiert. In
England wurde er als Held und khner Pionier gefeiert, die Geographische
Gesellschaft ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied, und seine Erlebnisse bildeten
das Tagesgesprch.
    Ende April kam er nach Nrnberg, um seine Mutter zu besuchen. Man hatte die
blinde Greisin mit uerster Behutsamkeit vorbereitet; dennoch erlag sie fast
der Freude, und eine Zeitlang war ihr Leben in Gefahr.
    Benda hatte nur eine Woche bleiben gewollt; seine Geschfte und seine
Arbeiten riefen ihn nach London zurck; er sollte Vortrge halten und den Druck
eines Buches berwachen, in dem er die in Afrika verbrachten Jahre geschildert
hatte.
    Die instndigen Bitten seiner Mutter bewogen ihn, seinen Aufenthalt zu
verlngern. Zudem erlitt er gleich in den ersten Tagen einen Anfall jenes
furchtbaren Fiebers, das er aus den Tropen mitgebracht hatte, und das ihn das
Bett zu hten zwang. Allmhlich verbreitete sich in der Stadt das Gercht von
seiner Anwesenheit, und er wurde durch die Neugierde vieler belstigt, die sich
vordem nicht im mindesten um ihn gekmmert hatten.
    Zu Daniel zog ihn eine tiefe Unruhe, und jede versumte Stunde wurde zum
Vorwurf. Aber seine Mutter wollte ihn tagsber nicht von ihrer Seite lassen; er
mute immer bei ihr sitzen und erzhlen.
    Als er von den ueren Ereignissen hrte, die sich in Daniels Leben
abgespielt, erfllte ihn Schrecken. Den strksten Eindruck bte auf ihn die
Kunde von seiner Verheiratung mit Dorothea Dderlein. Dann trug man ihm allerlei
Nachrichten ber die Ehe der beiden zu, und mit jedem Tag dnkte ihn der Gang zu
Daniel schwerer. Eines Abends hatte er sich entschlossen, hinzugehen und befand
sich schon auf dem Egydienplatz, da berfiel ihn eine solche Furcht vor der
Vernderung, die durch Zeit und Schicksale mit dem Freund geschehen sein mochte,
da er wieder umkehrte. Es war ihm zumut, als knne er durch ein Bild getuscht
werden, das vielleicht noch die Zge des Daniel aus vergangenen Jahren zeigte,
aber so verwandelt im Innern war, da Worte nicht mehr imstande waren, sie
zueinander zu fhren.
    Es verlangte ihn, mit einem Menschen zu sprechen, der Daniel liebte und
seinen Weg mit reinen Gesinnungen begleitet hatte. Da mute er freilich lange
Umschau halten. Endlich fiel ihm der alte Herold ein, und er besuchte ihn. Ohne
Umschweife lenkte er die Unterhaltung auf den Punkt, der ihm wichtig war, und um
den Alten vertrauensvoller zu stimmen, erinnerte er ihn an eine Nacht, wo sie
selbdritt, Daniel, Herold und Benda, im Mohrenkeller Wein getrunken und von
kleinen und groen Dingen des Lebens gesprochen hatten.
    Der Greis nickte. Mit einer Bescheidenheit und Ehrfurcht, die Benda das Herz
weit machte, sprach er von Daniels Genie. Er hob den Zeigefinger und sagte mit
seinem schnen Feuerblick: Fr den steh ich ein. Da prophezei ich nach dem Wort
der Bibel: Es wird ein Stern aufgehen aus Jakob.
    Dann schwrmte er von Lenore, erzhlte, wie sie ihm einst das herrliche
Quartett gebracht und von Begeisterung und Helferdrang geglht habe. Auch von
Gertrud wute er manches, von ihrer Verstrung und von ihrem Tod.
    Zugleich beruhigt und noch schmerzlicher aufgewhlt verlie Benda den Alten.
Gedankenvoll schritt er lange Zeit dahin. Als er emporschaute, befand er sich
vor Daniels Haus. Er ging hinein.

                                       14


Daniel wute, da Benda zurckgekehrt war. Philippine hatte es in der Zeitung
gelesen und ihm gesagt. Dorothea, die es von ihrem Vater erfahren, hatte
gleichfalls darber gesprochen. Auch andere Leute hrte er davon reden.
    Die erste Kunde hatte ihn erbeben gemacht. Ihm war, als msse er hineilen,
hinfliehen zu dem Freund. Dann kam die nmliche Furcht ber ihn, von der Benda
beseelt war: Ist es noch zwischen uns wie einst? kann es noch so werden, wie es
einst gewesen? Und der Gedanke an die Begegnung erweckte eine Scham in ihm, der
sich Bitterkeit beimischte, als Tag um Tag verging, ohne da Benda etwas von
sich hren lie. Es ist vorbei, dachte er, er hat vergessen. Da wollte auch er
vergessen, und er konnte es, denn sein Geist wandelte ruhlos in der Irre.
    Als er an einem Regenabend ber den Platz schritt, sah er, da die Fenster
seiner Wohnung strahlend erleuchtet waren. Er trat in die Kche, wo Agnes an der
Anricht sa und Zwetschgen auskernte.
    Wer ist denn wieder da? fragte er. Lautes Sprechen und Lachen drang aus
der Wohnstube.
    Agnes, kaum aufblickend, leierte Namen her: Der Hofrat Finkeldey, der Herr
von Ginsterberg, der Herr Samuelsky, der Herr Hahn, noch ein fremder Herr, die
Kommerzienrtin Feistmantel und ihre Schwester.
    Daniel schwieg eine Weile. Dann ging er zu Agnes, fate sie mit der Hand
unter dem Kinn, hob ihren Kopf und murmelte: Und du? und du?
    Agnes zog die Brauen zusammen und war fast ngstlich bemht, seinem Auge
nicht zu begegnen. Pltzlich sagte sie: Heut ist Mutters Sterbetag, und
heftete einen stechenden Blick auf ihn.
    So? erwiderte Daniel, setzte sich an die schmale Seite der Anricht und
sttzte den Kopf in die Hand. Drinnen in der Stube spielte jemand Klavier;
Dorothea hatte sich, da Daniel den Flgel oben in seiner Kammer hatte, aus einer
Leihanstalt ein Pianino kommen lassen. Man hrte das rhythmische Schlrfen von
Tanzpaaren.
    Mcht fort aus dem Haus, begann Agnes wieder und warf eine wurmige
Zwetschge in den Blechkbel; in der Beckschlagergasse wohnt eine Weinherin,
die will mich's Nhen lehren.
    Geh nur fort, antwortete Daniel, ist ganz vernnftig. Aber wird's auch
der Philippine recht sein?
    Ja, der Philippine ist's recht, wenn ich nur am Abend und alle Sonntag bei
ihr bin.
    Es lutete am Gatter, und Agnes ging hinaus. Jemand fragte nach Daniel.
Zgernd trat Daniel auf die Schwelle, zuckte zurck, ergriff mit bebender Hand
das Kchenlmpchen, um zu sehen, ob ihn die Halbdunkelheit nicht trog; aber es
war kein Zweifel, es war Benda.
    Sie blickten einander erschttert an. Benda streckte zuerst die Hand hin,
Daniel gab die seine, es lste sich etwas in ihm, ein Schwindel befiel ihn,
seine starr aufrechte Gestalt wankte, und er strzte dem Freund, den er siebzehn
Jahre lang entbehrt hatte, an die Brust.
    Benda war auf eine so schreckliche Bewegung nicht gefat und konnte kein
Wort hervorbringen. Alsbald machte sich Daniel los, strich die wirren Haare aus
der Stirn und sagte hastig: Komm mit mir hinauf; droben sind wir ungestrt.
    Nachdem Daniel in seiner Kammer die Lampe angezndet hatte, sah er nach, ob
der alte Jordan daheim sei. Aber es war finster in dessen Stube; er schlo die
Tr wieder und setzte sich Benda tiefaufatmend gegenber.
    Was bedeuten nach solchem Wiedersehen erste Fragen und Antworten? Wie geht's
dir? wie lange bleibst du? du lebst also noch in der alten Weise? nun mut du
aber erzhlen. Was knnen solche Wendungen bedeuten? Es soll nichts gesagt
werden; man grbt die verschtteten Wege auf, will neue Brcken an Stelle der
zerbrochenen schlagen.
    Benda war noch dicker geworden. Sein Gesicht war braungelb wie altes Leder,
und die tiefgehhlten Furchen um den Mund und auf der Stirn sprachen von
erduldeten Leiden und Strapazen. Sein Auge hatte einen vllig vernderten
Ausdruck; es besa den starken, lebhaften, dabei ruhigen Blick der Jger und der
Bauern.
    Du kannst dir denken, da ich schon hundertmal und immer auf dieselbe Weise
meine Abenteuer zum besten gegeben habe, sagte Benda. Es ist alles
niedergeschrieben, und in kurzer Zeit kannst du's lesen. Es war eine Kette von
Mhsalen, oft war ich dem Tod so nah wie hier der Wand. Chinin hab ich vertilgt,
so viel, da man einen Frachtwagen damit fllen knnte, und trotzdem Fieber,
immer wieder Fieber, sechs Monate im Jahr. Meine Gesundheit hab ich vertan, lang
wird's das Herz nicht mehr aushalten, frchte ich. Und das ewige Aufderhutsein,
der unablssige Kampf um den Pfad, um Nahrung, um Wasser; die Sonne eine Plage,
der Regen eine Plage, ohne Bequemlichkeit, oft ohne Bett, niemals eine
Ansprache, nirgends Sicherheit. Aber schau ich jetzt zurck, so mcht ich doch
keine Stunde von allen im Gedchtnis missen. Ich habe Groes erreicht, wichtige
Entdeckungen gemacht, Arbeit fr Jahre mitgebracht, sechsunddreiig Kisten mit
Pflanzenprparaten, obgleich mir die Ausbeute der sieben ersten Jahre in einem
Zelt bei den Nembos verbrannt ist. Aber auerdem hat es so etwas unendlich
Wahres und Feierliches, ein solches Leben, nur mit dem Himmel ber sich und den
wilden Menschen um sich. Diese Wilden, sie sind wie Kinder. Freilich wird's bald
anders werden, Europa haucht schon seine Pest ins Paradies; ihre Unarten,
Schwchen und Laster haben das Rhrende wie beim Tier. Einen Knaben hatt ich mir
mitgenommen, einen Zwerg aus dem ungeheuern Urwald nrdlich vom Kongo. Er war
mir ergeben auf den Wink, und ich hab ihn liebgehabt, das kann ich ruhig sagen.
Als wir zu den italienischen Seen kamen, wo ich des klimatischen bergangs wegen
eine Weile bleiben wollte, eh ich nach England fuhr, ergriff ihn beim Anblick
der schneebedeckten Berge eine lhmende Angst, er bekam Heimweh, und nach ein
paar Tagen starb er mir an einer Lungenentzndung.
    Wieso hat man so lange nichts von dir gehrt? fragte Daniel mit einer
Schchternheit, die Benda weh tat.
    Das ist eine weitlufige Geschichte, antwortete er. Hat es doch zwei
Jahre gedauert, bis ich durch jenen frchterlichen Wald gekommen war, an einen
See, der Albert-Njansa heit. Von dort wollt ich nach gypten durchdringen, aber
das Land war noch immer in Aufruhr und von den Kriegern des Mahdi besetzt. Ich
wurde nach Nordwesten gedrngt, in weglose Wildnisse, und war fnf Jahre in
Gefangenschaft bei einem Stamm der Wadai. Die Niam-Niam, die mit ihnen Krieg
fhrten, befreiten mich; ich konnte ziemlich nach meinem Gefallen unter ihnen
leben, doch aus ihrem Lande lieen sie mich nicht fort, denn sie schtzten mich
als Medizinmann und frchteten, ich knne sie verzaubern, wenn sie meiner Person
nicht mehr versichert waren; ich hatte auch keine Leute mehr, kein Geld, um
Trger anzuwerben. Was ich brauchte, um mit meiner verfeinerten Beschaffenheit
nicht zu verkommen, lie mir der Huptling durch die arabischen Hndler bringen,
vor denen er mich verborgen hielt, aber endlich gelang es mir doch, mich mit
einem der Scheichs zu verstndigen, und es war die hchste Zeit, ich htte kein
Jahr mehr berlebt.
    Daniel schwieg. Es war so seltsam; er konnte sich in Bendas Art und Stimme
kaum finden. Die Erinnerung versagte; die Sphre, aus der jener trat, hatte
etwas Allzufremdes, und was er selber fhlte, mute dort ohne Gewicht sein, ja
fast ohne Sinn. Mit dsterm Trotz lockte er das Gespenst der Enttuschung zu
sich heran, und sein Gemt war von nchtiger Schwrze bedrckt wie das Glas des
Fensters.
    Nun genie ich die Heimat, sagte Benda versonnen, freu mich am milderen
Licht, am geordneten Wesen. Ich habe Deutschland als Gestalt begriffen, als
Gebilde lieben gelernt. Die Natur, die wirkliche groe Natur, die meiner
Sehnsucht einst kaum erreichbar schien, die mir Idee und Ahnung der
Vollkommenheit war, die ist mir nun Erfahrung geworden; sie hat mich gelockt,
hat mich belehrt und beinahe zerstrt. Alle menschliche Organisation hat sich
mir dagegen mehr und mehr zur Idee entwickelt. In Stunden, die so voll vom
Gefhl der Dinge waren, wie das Herz voll von Blut ist, hab ich die Schalen mit
den Gewichten zweier Welten schwanken sehen. Die Einsamkeit, die Nacht, der
nchtliche Himmel, der Wald, die Wste haben mir ihre wahren Gesichter gezeigt,
und das Grauen, das bisweilen von ihnen ausgeht, hat kein Gleichnis in
irgendeinem andern Zustand des Daseins. Da hab ich erst das Gesetz begriffen,
das Familien, Vlker und Staaten zusammenhlt. Da hab ich alle Rebellion
abgeschworen und nur mitzuwirken beschlossen, nichts andres als mitzuwirken. Ich
will dir etwas gestehen: ich habe frher nichts vom Rhythmus des Lebens gewut.
Ich hatte gewut, wie langsam ein Baum wchst, wie viele Metamorphosen eine
Pflanze hinter sich haben mu, um das zu sein, als was sie sich darstellt, aber
die Anwendung auf unser Leben zu machen, war mir nie in den Sinn gekommen. Ich
hatte zu viel gefordert und alles zu rasch. Egoistische Ungeduld hatte mir
falsches Ma und Gewicht in die Hand gespielt. Was ich in der schweren Schule
vieler Jahre gelernt habe, ist Geduld. Es geht alles so sehr, sehr langsam. Die
Menschheit ist noch ein Kind, und wir verlangen schon Gerechtigkeit von ihr.
Gerechtigkeit! wie weit ist es noch bis dahin! So weit wie vom Urwald zum
Garten. Wir mssen Geduld ben fr viele Generationen, die nach uns kommen.
    Daniel erhob sich und ging auf und ab. Nach einer Stille, die Benda
marterte, sagte er gepret: La uns fortgehen, in ein Wirtshaus oder auf den
Gassen herum, wohin du willst. Oder wenn ich dir lstig bin, begleit ich dich
ein Stck und bleib dann allein. Nur hier kann ich nicht lnger sein.
    Mir lstig, Daniel? erwiderte Benda vorwurfsvoll. Das war der Ton von
ehemals, der Blick von ehemals. Und Daniel sprte pltzlich, da er seinerseits
nicht ntig hatte, viel zu erzhlen; diesem Ton und Blick entnahm er, da Benda
vieles wute, alles ahnte. Es wurde ihm leichter ums Herz.
    Sie gingen hinunter.

                                       15


Daniel bat Benda, an der Stiege zu warten, sperrte das Gatter auf und nahm
seinen Hut vom Haken. Im Wohnzimmer herrschte groer Lrm und ununterbrochenes
Gelchter. Philippine trat aus ihrer Kammer und brummte: Was die heut wieder
treiben; machen einen Spektakel wie die B'soffenen.
    Was ist denn los? erkundigte sich Daniel scheu, nur um etwas zu sagen.
    Blindekuh spielen s' halt, versetzte Philippine geringschtzig, lauter
alte Menschen, und spielen Blindekuh.
    Da erschallte ein Klirren wie von einem zerbrechenden Teller, ein
durchdringender Schrei folgte, dann ein kurzes Schweigen, dann wieder jenes
allgemeine, widrig klingende Gelchter.
    In der schreienden Stimme hatte Daniel die Dorotheas erkannt. Er eilte zur
Tr und ffnete sie jh.
    Sein zorniger Blick umfate den Tisch, auf dem sich Kannen, leere Tassen und
Bckereien befanden, die beiseite geschobenen Sthle, den neuen Gaslster, den
Dorothea angeschafft, mit seinen fnf in Milchglaskugeln brennenden Flammen, und
sieben oder acht Personen, die um Dorothea gruppiert waren und, immer noch
lachend, einen zu Boden gefallenen Gegenstand betrachteten.
    Dorothea hatte die weie Binde, die sie whrend des Blindekuhspiels vor den
Augen gehabt, auf die Stirn geschoben. Sie war die erste, die Daniels ansichtig
wurde und rief aus: Da ist ja mein Mann. Zank nicht, Daniel, es ist blo das
dumme Gipsgesicht.
    Der Hofrat Finkeldey, ein weibrtiger Faun, nickte begeistert in die
Richtung, wo Daniel stand. Es war seine Art, Dorothea zu huldigen, da er alles,
was sie sagte, mit einem begeisterten Nicken begleitete.
    Daniel aber sah, da die Maske der Zingarella zertrmmert war.
    Ohne zu gren, ohne einen von den Gsten eines Blickes zu wrdigen, schritt
er in den Kreis, kniete nieder und versuchte, die zerbrochnen Stcke der Maske
wieder zusammenzulegen. Aber es waren der Trmmer zu viele; die Nase, das Kinn,
Teile der herrlichen Stirn, ein Stck mit dem wehen Mundbogen, ein anderes von
der Wange, es lie sich nichts fgen.
    Da schleuderte er mit einer einzigen Bewegung die Scherben auseinander und
richtete sich wieder empor. Philippine, den Besen! befahl er laut. Und als
Philippine den Besen brachte, fgte er hinzu: Kehr den Dreck hinaus und wirf
ihn auf den Mist!
    Philippine kehrte, und Daniel verlie ohne Gru, wie er gekommen war, die
Stube.
    Die Kommerzienrtin Feistmantel machte ein entrstetes Gesicht, Edmund Hahn
blies den Atem durch die Nase, Herr Samuelsky, ein dicker Mensch mit einem roten
Bart, murmelte eine verchtliche Bemerkung. Dorothea standen vor rger und
Verdru die Trnen in den Augen.
    Benda hatte am Gatter still gewartet. Sie hat mir die Maske zerbrochen,
sagte Daniel mit verzerrtem Lcheln, als er zu ihm trat; die Maske, die du mir
einst geschenkt hast, erinnerst du dich? Sonderbar, da es gerade heute ist,
gerade bei unserm Wiedersehen.
    Man kann sie vielleicht kitten, wagte Benda zu trsten.
    Ich bin nicht frs Kitten, antwortete Daniel, und hinter den
Brillenglsern funkelte es grn.

                                       16


Als die Gste fort waren, rumte Philippine die Stube auf. Dorothea sa auf dem
Kanapee; sie hatte die Hnde im Scho, und ihr Gesicht war ungewhnlich ernst.
    Warum kommt denn eigentlich dein Amerikaner nie zu uns herauf? fragte
Philippine pltzlich.
    Dorothea schrak zusammen. Mach die Tr ganz zu, Philippine, flsterte sie,
ich mu dir was sagen.
    Philippine schlo die angelehnte Tr und nherte sich dem Sofa. Der
Amerikaner mu mich sprechen, fuhr Dorothea mit scheu irrendem Auge fort; er
sagt, es ist etwas, was fr mein ganzes Leben wichtig ist; er wohnt im Hotel,
ins Hotel kann ich aber nicht gehen. Da er hierher ins Haus kommt, will ich
auch nicht, und auf der Strae will ich mich auch nicht mit ihm zeigen. Er hat
einen Ort vorgeschlagen, wo ich mich mit ihm treffen soll, aber ich trau mich
nicht, ich wei nicht, wer die Leute sind. Weit du mir keinen Rat, Philippine?
Weit du niemand?
    In Philippines Augen zeigte sich das bse, wilde Glitzern. Sie dachte einige
Sekunden lang nach, dann erwiderte sie: O ja, ich wt schon wen. Die
Hadebusch'n, meine Freundin, das ist ein verlliches Weib. Bei der kann
geschehn, was will, da kmmert sich keine Katz drum. 's ist eine Witwe und wohnt
allein in einem Husla, vermieten tut sie nimmer, weil's zu viel Schererei macht
bei ihrem Alter, nur einen Sohn hat's; aber der is schwach im Kopfe.
    Geh einmal zu ihr hin und sprich mit ihr! sagte Dorothea zaghaft.
    Gut, ich geh morgen zu ihr hin, versetzte Philippine, lchelte gefllig
und legte die schwielige Hand auf Dorotheas zarte Schulter.
    Du, Philippin', da du mir aber vorsichtig bist! mahnte Dorothea, und ihre
Augen wurden gro und drohend. Schwr mir, da du stumm bist, wie das Grab.
    So wahr ich da steh! sagte Philippine. Im selben Moment bckte sie sich,
um eine Haarnadel vom Boden aufzuheben.
    Am andern Vormittag eilte Philippine zu Frau Hadebusch. Auf dem ganzen Weg
trllerte sie vergngt vor sich hin.

                    Der Teufel fhrt in Flammen aus dem Haus



                                       1

Ungeachtet des Regens wanderten Daniel und Benda bis nach Mitternacht um den
Stadtgraben.
    Von dem, was ihn so sichtlich erfllte und qulte, sprach Daniel mit keiner
Silbe. Er berichtete von seinen Arbeiten, von seinen Reisejahren, von seiner
Stellung an Sankt Egydien und von der andern an der Musikschule, jedoch so
allgemein, so abgerissen und hinwerfend, so md und auch zerstreut, da Benda
schlielich vor Beklommenheit kaum mehr zuhren konnte.
    Um eine offenere Rede zu erzwingen, deutete er an, er habe von Gertruds und
Lenores Tod erst nach seiner Rckkunft erfahren; es htte ihn schrecklich
angefat, und er msse fortwhrend darber grbeln. Doch sei es ihm nicht um
nhere Wissenschaft zu tun, jetzt nicht; er wre froh, wenn er die berzeugung
gewinnen knne, da Daniel all des Trben innerlich Herr geworden sei.
    Statt darauf zu antworten, sagte Daniel mit einem Zucken um den Lippen: Ja,
ich wei, du bist schon lange hier. Hab mich auch im stillen gewundert. Aber es
ist nicht leicht, mit einem so problematischen Individuum, wie ich es bin,
neuerdings anzuknpfen.
    Du fhlst, da du unrecht hast, whrend du das sagst, entgegnete Benda
ruhig, und drum verschmh ich's auch, mein Warten zu erklren. Problematisch
warst du mir nie, bist du mir nicht. Ich finde dich heute noch so ganz und so
wahr, wie du immer gewesen bist, obgleich du dich vor mir duckst und
verschanzest.
    Daniels Brust hob sich wie im Krampf. Er sagte stockend: La erst das alte
Vertrauen wieder wachsen. Ich mu mich erst an den Gedanken gewhnen, da einer
da ist, der mit mir empfindet. Zwar, du willst, da ich reden soll. Ich kann
aber nicht reden, wenigstens von dem nicht, was du erwartest. Mir graut davor,
ich hab's verlernt, die Worte schnden mich, und wenn ich einmal gute Trume
hab, bin ich in ihnen so wohlig-, so heiligstumm wie das Tier. Mir graut's, da
ich in mein Inneres langen und dir verrostete Dinge zeigen soll, verschimmelte
Frchte, Schlacken- und Steinzeug, dir, der einst alles kristallen gekannt hat.
    Sein Auge richtete sich nach oben, dann fuhr er fort: Doch gibt's
vielleicht noch ein anderes Mittel, Friedrich. Schaue, Freund, schaue! Deine
Sache war von je das Schauen. Schau, aber mach, da ich mich nicht dabei krmme
wie ein Wurm. Und wenn du geschaut hast, - Weisheit braucht nur ein einziges
gesagtes Wort fr zehn verschwiegene. Das eine wirst du mir schon entlocken.
    Benda, tief ergriffen, antwortete lange nichts. Liegt's an einem Weibe?
fragte er sanft, als sie ber die Zugbrcke in das de Tor der Burg gingen.
    An einem Weibe? Nein. Eigentlich nicht an einem Weibe. Mehr am Manne, mehr
an mir. Manches Schicksal erreicht seinen entscheidenden Punkt im Glck, manches
erst in der Schuld. Der letzte Fall ist bitter. An einem Weibe! wiederholte er
mit einer Stimme, die im Gewlb des Durchgangs ein schauriges Echo gab;
freilich, es ist da ein Weib, wenn man mit der zu tun hat, bleibt einem nichts
weiter brig als die Augen zum Weinen.
    Sie verlieen den Torweg. Benda legte Daniel die Hand auf die Schulter und
wies mit der andern Hand stumm in die Hhe. Es waren keine Sterne am Himmel, nur
Wolken, aber Benda meinte die Sterne. Daniel verstand die Gebrde; seine Lider
schlossen sich, um seinen Mund war der Ausdruck eines gewaltigen Schmerzes.

                                       2


Benda hatte die Gewiheit, nicht blo, da ein groes Unheil geschehen, sondern
auch, da ein greres im Werden war.
    Sooft er an Dorothea dachte, wurde ihr Bild furchteinflender. Immerhin
mssen wunderbare Eigenschaften in ihr sein, die Daniel bestimmt haben, sie zur
Lebensgefhrtin zu whlen, sagte er sich. Und er wollte sie nun endlich sehen.
    Sie lie ihn durch Daniel zum Tee bitten. Frh am Nachmittag ging er hin.
    Sie empfing ihn mit uerungen lebhafter Freude. Sie sagte, sie habe es kaum
erwarten knnen, ihn zu sehen, denn es gebe nichts in der Welt, was solchen
Eindruck auf sie mache wie ein Mann, der wirkliche Gefahren bestanden, sein
Leben aufs Spiel gesetzt habe. Sie wurde nicht satt, zu fragen; bei jeder seiner
sprlichen Antworten schttelte sie verwunderungsvoll den Kopf, dann sttzte sie
die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf auf die Hnde, und weit vorgebeugt starrte
sie ihn an wie ein Wundertier.
    Sie fragte, ob er bei den Kannibalen gewesen, ob er Wilde totgeschossen, ob
er Lwen gejagt habe und ob es wahr sei, da jeder Negerhuptling Hunderte von
Weibern besitze. Dabei machte sie ein verfngliches Gesicht und meinte, das
tten auch die Europer, wenn man's ihnen freistellte, und nicht blo die
Huptlinge.
    Hierauf sagte sie, da sie sich nicht erinnere, ihn, als sie noch Kind war,
im Haus ihres Vaters gesehen zu haben, und darber wundre sie sich jetzt, da er
doch so was ganz Eigenes an sich habe. Und ihre Augen verschlangen ihn; sie
begannen zu brennen wie jedesmal, wenn sie einen Fang tun wollte und die blinde
Gefrigkeit ber sie kam. Sie entfaltete sich, sprach mit ihren sesten
Lauten, und ihr Lachen und Lcheln hatten in der Tat etwas Unwiderstehliches wie
bei einem zutraulichen und guten, nur zuweilen ein wenig eigensinnigen Kind.
    Aber sie merkte, da dieser Mann sie betrachtete, als sei sie nicht ein
junges Weib, das sich bemhte, ihm zu gefallen und seine Sympathie zu erobern,
sondern wie eine kuriose Spielart. Es war etwas in seinem Blick, das sie zittern
lie vor Gereiztheit, und auf einmal war in ihren Augen Argwohn und Ha.
    Benda fhlte Mitleid. Dies Haschen nach der verfhrerischen Gebrde und dem
beziehungsvollen Wort, dieser Selbstverrat, dieser Rausch um nichts, es stimmte
ihn traurig. Dorothea erschien ihm nicht schlecht; welches Vergehens man sie
auch bezichtigt htte, schlecht wre sie ihm nicht erschienen, nur mileitet und
vergiftet, Trugbild und arme Trin.
    Er dachte an gewisse thiopische Frauen im verschlossensten Kernland des
Kontinents, an ihren adeligen Gang, an die stolze Ruhe ihrer Zge, an ihre
keusche Nacktheit und wie sie eins waren mit der Luft und mit der Erde.
    Dennoch begriff er den Freund; der Musiker mute dem Trugbild verfallen, der
Einsame dem uneinsamsten aller Wesen.
    Whrend er diesen Schlu zog, trat Daniel ein. Er begrte Benda und sagte
zu Dorothea: Es ist ein Mdchen drauen und behauptet, sie habe Straufedern
fr dich. Hast du Straufedern bestellt?
    Richtig, erwiderte Dorothea mit Hast, es ist ein Geschenk von der Emmy
Bttinger.
    Wer ist das?
    Das weit du nicht? Die Schwester der Kommerzienrtin doch. Da mssen Sie
mir helfen, wandte sie sich an Benda, Sie sind ja wahrscheinlich ein
Sachverstndiger; dort, wo Sie waren, laufen ja die Straue herum wie bei uns
die Hhner. Lachend ging sie hinaus und kam mit einer ziemlich umfangreichen
Schachtel zurck, der sie vorsichtig und beglckt zwei groe Federn entnahm,
eine weie und eine schwarze. Indem sie sie an den Stielen hielt, legte sie
beide ber ihr Haar, trat vor den Spiegel und schaute sich mit trunkener Miene
an.
    In dieser Miene, dieser Haltung war etwas so Auerordentliches, beinahe
Unheimliches, da Benda einen erschrockenen Blick auf Daniel heftete.
    Ich habe bisher nicht gewut, was ein Spiegel ist, sagte er zu sich selbst.

                                       3


Am Abend ging Daniel mit Benda in dessen Wohnung. Benda zeigte ihm Waffen und
Gerte, die er aus Afrika mitgebracht und verbreitete sich bei einigen der
merkwrdigsten Stcke ber die Sitten der Negervlker.
    Dann bekam er Kopfweh, setzte sich in den Lehnstuhl und schwieg lange. Er
sah pltzlich wie ein Greis aus; die Zerstrung, die sein Krper erlitten hatte,
wurde augenscheinlich.
    Hast du einmal Dorotheas Mutter gesehen? fragte er, das tiefe Schweigen
endend.
    Daniel schttelte den Kopf. Es heit, sie vegetiert nur noch da drauen in
der Anstalt, erwiderte er.
    Ich habe mir sagen lassen, da sich weder Andreas Dderlein noch seine
Tochter in all den vielen Jahren um die unglckliche Frau gekmmert haben, fuhr
Benda fort. Nun, was von Andreas Dderlein zu halten ist, wei ich ohnehin.
    Daniel blickte empor. Du hast mir einmal eine Andeutung gemacht, als htte
Dderlein in bezug auf die Frau eine Schuld auf sich geladen. Entsinnst du dich?
Hngt das mit Dorothea und ihrem Leben zusammen? Kannst du darber sprechen?
    Ja, ich kann's, antwortete Benda. Es hngt auch mit Dorothea zusammen,
und vielleicht erklrt sich manches in ihrer Art daraus, da sie unter einem
solchen Vater aufwachsen und eine solche Mutter verlieren mute. Es ist eine
eigene Verkettung, da ich nun in dein Schicksal verflochten bin.
    Er schwieg erinnerungsvoll, dann begann er: Httest du Margaret Dderlein
gekannt, sie wre dir ebenso unvergelich, wie sie es mir ist. Sie und Lenore,
das waren die beiden musikhaften Frauen, denen ich im Leben begegnet bin, ganz
Natur, ganz Seele. Margarets Jugend war ein Kerker. Ihr Bruder Carovius war der
Kerkermeister. Als sie Dderlein heiratete, glaubte sie dem Kerker zu entrinnen,
aber sie vertauschte ihn nur. Trotzdem wute sie kaum, wie ihr geschah. Sie nahm
alles auf sich, alles mit gleicher Treue, gleicher Sanftmut; ihr Inneres blieb
unzernagt und unverbittert.
    Er sttzte den Kopf auf; seine Stimme wurde leiser. Wir liebten uns, ehe
wir noch miteinander gesprochen hatten. Ein paarmal trafen wir uns auf der
Strae, ein paarmal im Park, ein paarmal kam sie heimlich in die Galerie herauf.
Ich war nicht rckhltig, ich habe ihr mein Leben angeboten, aber sie antwortete
stets, ohne ihr Kind knne sie nirgends glcklich sein. Ich achtete dies Gefhl
und bezwang mein eigenes. Eine Weile blieb es so, wir qulten uns, wollten
verzichten, wurden wieder zueinander gezogen, da fgte es sich, da Dderlein
Verdacht schpfte; ob durch fremde Einflsterungen oder durch bloe Beobachtung
der Frau, die zu heucheln nicht fhig war, kann ich nicht entscheiden. In
perfider Weise fing er an sie zu martern, ihr Gewissen zu beunruhigen, und eines
Nachts tritt er an ihr Bett, hlt ihr ein Kruzifix vor, zwingt sie durch
Drohungen und groe Worte, ihm einen Eid zu leisten, zwingt sie, bei dem Leben
ihres Kindes zu schwren, da sie ihn niemals betrgen wrde. Sie schwor.
    Ja, Freund, sie schwor, und dieser Schwur dnkte ihr viel feierlicher und
verpflichtender als der erste vor dem Altar. Ich wute nichts davon, sie entzog
sich mir; ich ertrug es nicht. Da kam sie noch einmal, um Abschied zu nehmen,
und es gab einen Augenblick, wo unsere Kraft und Besinnung dahin war. Nun trat
das Verhngnis ein; das zarte Wesen erlag unter dem Schuldgefhl, Herz und Geist
verdsterten sich ihr, sie hatte den Wahn, das Kind sieche unter ihren Hnden zu
Tode, und eines Tages brach sie zusammen.
    Benda erhob sich, trat ans Fenster und schaute in die Dunkelheit.
    Daniel war es, als schnre sich ein Strick um seinen Hals. Er stand
gleichfalls auf, murmelte einen Gru und ging.

                                       4


Am Behaimdenkmal migte er seinen Schritt. In geringer Entfernung vor sich
erblickte er einen Mann und eine Frau. Er erkannte sofort Dorothea in der Frau.
    Sie sprachen hastig und mit unterdrckten Stimmen. Daniel folgte ihnen, und
als sie sich am Platz zum Haustor wandten, blieb er im Schatten der Kirche
stehen.
    Der Mann schien ungehalten, ja aufgebracht, Dorothea redete beschwichtigend
auf ihn ein. Sie stand dicht bei ihm, hatte seine Hand ergriffen und behielt sie
in der ihren, bis sie das Tor aufsperrte. Zuletzt flsterte sie, schaute besorgt
am Haus empor und sagte dann ziemlich laut: Gute Nacht, Edmund. Trum s.
    Der Mann entfernte sich, ohne den Hut zu lpfen; Dorothea huschte ins Tor.
    Daniel zitterte am ganzen Leibe. In seinen Augen war etwas mystisch
Flehendes. Er sah, wie oben Licht angezndet wurde und der Vorhang ber das
Fenster fiel. Die Stille des Platzes folterte ihn, und als die Glocke vom Turm
elf Uhr schlug, glaubte er, sein Blut brlle in den Ohren.
    Mit schweren Schritten schleppte er sich endlich ins Haus. Dorothea, schon
im Schlafrock, sa in der Wohnstube am Tisch und nhte ein Band an dem Kleid
fest, das sie getragen.
    Sie wechselten den Gru, Daniel stellte sich in ihrem Rcken an den Ofen und
starrte wie gebannt auf ihren niedergebeugten Nacken. Es frstelte ihn
fortwhrend.
    Von wem sind die Straufedern? fragte er auf einmal rauh. Die Frage
entfuhr ihm selbst unerwartet. Er hatte etwas anderes sagen wollen.
    Mit einem Ruck hob Dorothea den Kopf. Ich hab dir's ja gesagt, erwiderte
sie, und er nahm wahr, da sie sich verfrbte.
    Ich kann nicht glauben, da dir eine fremde Person, und noch dazu eine
Frau, so wertvolle Geschenke macht, sagte Daniel langsam.
    Dorothea stand auf und sah ihn unsicher an. Gut, wenn du's absolut wissen
willst, ich hab sie mir gekauft, stie sie trotzig hervor. Aber brauchst mich
nicht anzuschnauzen, ich werd mir das Geld schon verschaffen. Das pat mir
einfach nicht, da ich mir jede Ausgabe soll vorschreiben lassen.
    Es ist nicht wahr, da du die Federn gekauft hast, schnitt Daniel ihr das
Wort ab.
    Nicht gekauft und nicht geschenkt bekommen, also was denn sonst? Gestohlen
vielleicht? hhnte Dorothea mit feig entfliehendem Blick.
    Niemals hab ich so mit Menschen gesprochen, niemals haben Menschen so mit
mir gesprochen, durchzuckte es Daniel. Er wurde furchtbar bleich, trat zu ihr,
schlo seine Hand wie eine Eisenklammer um ihren Arm und sagte: Es soll mir
recht sein, wenn du mein Geld verschwendest. Es soll mir recht sein, da du in
nichtswrdiger Gesellschaft deine Zeit vertndelst. Es soll mir recht sein, da
dir mein Wohlbefinden und meine Seelenruhe gleichgltig ist und da du dein
armes Kind verkommen lt. Ich will mich in alles dieses fgen. Wozu brauch ich
regelmiges Essen; wozu mu mein Frhstckskaffee warm, mein Wecken frisch vom
Backofen, wozu mu meine Wsche ausgebessert, mein Fenster geputzt, mein Spind
in Ordnung gebracht, meine Stube gekehrt sein? Es ist mir ja nicht an der Wiege
gesungen worden, da ich soll behaglich leben drfen.
    Och, du tust mir weh, Daniel, sagte Dorothea in bangem Ton, la, bitte,
meinen Arm los.
    Er lockerte den Druck, lie aber den Arm nicht los. Geh du, mit wem du
willst. Mgen die dich schtzen, die dir wert sind. Und was das Geld betrifft,
da hast du alles, da ist all mein Geld. Er zog einen gestrickten Beutel aus der
Tasche, der voll Mnzen war, und schleuderte ihn auf den Tisch. Ich will, damit
du schne Kleider hast, am Sonntag die Orgel spielen. Ich will, damit du
Maskenblle und Christbaumverlosungen besuchen kannst, noch zwanzig
unmusikalische Idioten mehr unter die Fuchtel nehmen. Ich will ein briges tun
und mich verpflichten, nie eine Frage ber dein Treiben zu stellen, nicht, wo du
herkommst, noch, wo du hingehst; aber hr mich an, Dorothea, hier schwoll seine
Stimme, und sein Gesicht sah furchteinflend aus, vergreif dich an meinem
Namen nicht! Er ist mein einziges Gut. Mit ihm bin ich bei der Menschheit in
hchster Schuld. Er gibt mir nicht blo das, was man brgerliche Ehre heit, er
gibt mir die Ehre, mit der ich vor meinem Geschaffenen bestehe. Womit du dich an
ihm vergreifst, das ist die Lge. Durch die Lge besudelst und erniedrigst du
ihn. Nicht so sehr, wie du dir vielleicht einbildest, zittere ich davor, als
Hahnrei verschrien zu werden. Zwar, die Vorstellung macht mein Blut hei; ich
bin Mann genug, um Mordgelste zu spren, wenn ich mein Weib in den Armen eines
andern denke. Aber der unterste Schlund der Verdammnis wr es fr mich, wenn du
mir die Wahrheit, die ich dir gegeben habe, mit Lge heimzahlst. Du kannst mich
nicht fr so gemein und selbstschtig halten, da ich's nicht begreifen sollte,
wenn sich dein Herz verndert. Doch nur in der Wahrheit kann ich mit einem
andern Menschen Seite an Seite leben; die Lge zerstrt mein gttliches Teil,
sie ist mir wie Aas und Verwesung. So sage mir also, ob du wahr gegen mich bist.
Frchte dich nicht, Dorothea, schm dich nicht; noch kann alles gut werden, sage
mir, ob du mich hintergehst.
    Ich dich hintergehen? hauchte Dorothea und schaute ihm, ohne da ihre
Wimpern sich regten, wie hypnotisiert in die Augen, wieso denn hintergehen?
Traust du mir eine solche Niedertracht wirklich zu?
    Du hast keinen Geliebten? Kein anderer Mann hat dich berhrt, seit du meine
Frau bist?
    Einen Geliebten? ein anderer Mann mich berhrt? wiederholte sie mit
demselben hypnotisierten Blick. In ihrem Kindergesicht war der Glanz lauterster
Redlichkeit und Unschuld.
    Auch hast du keine heimlichen Zusammenknfte gehabt, keine verrterischen
Briefe empfangen oder geschrieben, nichts versprochen, auch nicht im halben
Spa?
    Och, im Spa, Daniel, das wei ich nicht, man redet so manches, du kennst
mich doch.
    Und du versicherst, da all der dunkle Schimpf, der um mich raunt, und zu
dem du ja manche Veranlassung gegeben hast, nur Bosheit und Verleumdung ist?
    Ja Daniel; Bosheit und Verleumdung.
    So soll dir also Gott keine ruhige Stunde mehr schenken, wenn du mich
belogen hast? willst du das, Dorothea?
    Dorothea stockte; sie blinzelte ein wenig. Dann antwortete sie leise: Das
sind grliche Worte, Daniel. Aber wenn du darauf bestehst, mag's so sein.
    Daniel atmete auf, als fiele ihm eine Zentnerlast von der Brust. In
dankbarer Bewegung drckte er die Frau an sich.
    Doch da widerte ihn etwas. Ihm war, wie wenn er gar keinen Rhythmus in dem
Geschpf verspre, wie wenn er ein Wesen ohne Schwingung, ohne Gefge, ohne
Gesetz umarme. Ganz von neuem und von einer neuen Richtung her begann die Qual
an ihm zu nagen.
    Als er die Tr zum Flur ffnete, raschelte es drauen, und eine dunkle
Gestalt floh gegen die hofwrts gelegene Kammer.

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Allein geblieben, schaute Dorothea eine Weile regungslos vor sich nieder, dann
nahm sie Geige und Bogen aus dem Kasten, - sie hatte einen neuen Bogen an Stelle
des zerbrochenen lngst gekauft -, und fing an zu spielen. Eine Kadenz, einen
Triller, Takte einer Tanzmelodie. Ihre Zge bekamen einen harten und
entschlossenen Ausdruck.
    Bald lie sie das Instrument sinken und dachte angestrengt nach. Sie legte
die Geige weg, schlpfte aus ihren Pantoffeln, schlich in Strmpfen aus der
Stube, ber den Flur und lauschte an Philippines Kammer. Als sie vorsichtig
ffnete, vernahm sie von Philippines Bett her, das der Tr am nchsten stand,
ein breites Schnarchen.
    Das lflmmchen, das in einem Glas ersterbend flackerte, gab so wenig Licht,
da die Linnen des Bettes nur undeutlich schimmerten.
    Lautlos, Schritt vor Schritt, ging sie zu Philippines Lagerstatt. Sie duckte
sich, streckte den Arm aus, tastete mit der Hand ber den Leib der Schlferin,
wollte die Decke heben und nach der Brust greifen; da hrte Philippine pltzlich
auf, zu schnarchen, erwachte so jh, als htte sie der Strahl einer Blendlaterne
getroffen, schlug die Augen empor und schaute Dorothea stumm drohend an. Keine
Muskel vernderte sich in ihrem Gesicht.
    Dorothea fate sich schnell. Wie eine, der ein ausgelassener Scherz gelungen
ist, warf sie sich mit ihrem ganzen Krper ber Philippine und legte die Wange
auf deren Gesicht, obgleich ihr vor dem Bett-und Atemgeruch ekelte.
    Du, Philippine, der Amerikaner will dir was schenken, wisperte sie.
    Gottich, du drckst ei'm ja den Bauch ein, erwiderte Philippine und
schnappte nach Luft. Als sich Dorothea aufgerichtet hatte, fragte sie: Hat er
denn dir schon was geschenkt? Das ist doch die Hauptsache.
    Na, die Strauenfedern, ist das nichts? versetzte Dorothea; und einen
Rubinschmuck will er mir auch verehren.
    Ich wollt, du httest's schon. Scheint mir nicht von Gebersdorf zu sein,
der Amerikaner. Hab mir sagen lassen, da er gar nicht so reich ist. Wann
triffst ihn denn wieder, deinen Liebsten?
    Morgen abend, zwischen sechs und sieben. Ich freu mich, ich freu mich. Er
ist so jung, Philippinchen.
    Ja, jung; das ist schon was, jung! murmelte Philippine geringschtzig.
    Er hat ein so hbsches Muttermal am Hals, ganz unten am Hals, da, sie
zeigte die Stelle an Philippines Hals; grad da. Kitzelt's dich? kitzelt's
dich?
    Lach nicht so laut, du weckst mir den Gottfriedl auf, sagte Philippine
unwirsch; und jetzt marsch mit dir, mich schlfert.
    Also gut Nacht, du Schlafratz, spottete Dorothea und verlie die Kammer.
    Kaum hatte sich die Tr hinter ihr geschlossen, so fuhr Philippine wie ein
Dmon aus dem Bett, ballte die Faust und zischte: Diebshure! Stehlen hat sie
wollen, die Diebshure, stehlen! Wart nur du, du hast bald ausgeschnattert
dahier, dir wird das Handwerk gelegt.
    Sie zog ihren roten Unterrock ber die Beine, schnrte ihn fest und ging zur
Tr, um den Riegel vorzuschieben. Er war seit langem schadhaft und trotzte ihrer
Bemhung. Da trug sie einen Stuhl hin, setzte sich, verschrnkte die Arme und
blieb so ber eine Stunde mit bse blickenden Augen sitzen.
    Als sie sich dann des Schlafes nicht mehr erwehren konnte, schob sie den
Wickeltisch vor die Tr und stieg unter gehssigem Gemurmel wieder in ihr Bett.

                                       6


Der folgende Tag begann mit strmischen Regenschauern. Daniel hatte wenig
geschlafen und begab sich frh an die Arbeit. Aber der Kopf war ihm so schwer,
da er ihn bestndig aufsttzen mute. Seine Ideen waren ohne Blut und ohne
Schwung.
    Gegen acht Uhr kam der Postbote und fragte nach dem Inspektor Jordan. Der
Alte mute einen Schein unterschreiben, wofr ihm ein feierlich versiegelter
Geldbrief berreicht wurde.
    In dem Brief befanden sich zweihundert Dollar in Noten nebst einem Schreiben
von Benno. Dieses war aus Galveston datiert, und Benno schrieb, er habe
Erkundigungen eingezogen und erfahren, da sein Vater noch am Leben sei. Er habe
es in der Neuen Welt zu etwas gebracht und sende als Beweis davon und als Ersatz
fr die Auslagen, die er einst verursacht, die beiliegende Summe mit den besten
Gren.
    Eine kalte Epistel; doch der Greis war auer sich vor Freude, lief zu
Daniel, zu Philippine, hielt die Geldnoten in die Hhe und stammelte: Seht nur,
Kinder, er ist reich. Zweihundert Dollar hat er mir geschickt! Er ist ein
honetter Mensch geworden; er gedenkt seines alten Vaters! Wahrlich, ein
gesegneter Tag; auch im Hinblick auf etwas andres, lieber Daniel, fgte er mit
seinem mysterisen Lcheln hinzu, im Hinblick auf eine groe Sache ein
gesegneter Tag.
    Er kleidete sich an und ging in die Stadt, um die Nachricht seinen Bekannten
mitzuteilen.
    Daniel rief um sein Frhstck hinunter, aber niemand hrte ihn. Da ging er
selbst in die Kche und holte sich ein Tpfchen mit Milch und ein Stck Brot.
Nach einer Weile kam ihm Philippine nach, trat mit struppigen Haaren in die
Kammer und fuhr ihn grob an, ob er nicht warten knne, bis der Kaffee gekocht
sei.
    La mich zufrieden, Philippine, sagte er, ich brauche Ruhe.
    Ruhe, hhnte sie, Ruhe! immerfort Ruhe. Sie warf einen verchtlichen und
wilden Blick in die offene Kiste, in welcher Daniels Handschriften lagen, dann
stellte sie sich an den Tisch, drckte die Spitzen ihrer schmutzigen Finger auf
das Notenblatt, das er eben vor sich hatte und stie heraus: Da ist das ganze
Malheur! Das ganze Malheur ist die saudumme Schmiererei! Tag fr Tag und Jahr
fr Jahr sich hinsetzen und schmieren! Was soll denn das bedeuten, sag mir nur!
Geht ja alles den Krebsgang dabei. Ein Mannsbild und alleweil schmieren, -
schmen tt ich mich!
    Auf diesen rtselhaften Ausbruch der Wut und des Hasses nicht gefat,
blickte Daniel bestrzt in Philippines Gesicht. Geh, sagte er dann unwillig
und wies mit dem Arm zur Tre, geh.
    Sie ging. Die verdammte Schmiererei, maulte sie tckisch vor sich hin.
    Von zehn bis zwlf mute Daniel Unterricht in der Musikschule erteilen. Sein
Herz klopfte bengstigend, aber er htte den Grund der Erregung nicht sagen
knnen. Es war mehr als Ahnung, es war fast, wie wenn er eine schreckliche
Nachricht empfangen htte, deren Sinn jedoch seinem Gedchtnis entschwunden war.
    Zu Mittag kehrte er nicht heim, sondern a in einer Wirtschaft am
Karthusertor. Dann strich er lange auf den Feldern und Wiesen herum; der Regen
hatte aufgehrt, der starke Wind erfrischte ihn. Er stand am Ufer des Kanals und
schaute bei einer Ziegelbrennerei zu, wie Steine aufgeschichtet wurden. Von Zeit
zu Zeit griff er nach einem Stck Papier in die Tasche und schrieb mit dem
Bleistift Noten.
    Einmal schrieb er neben ein Motiv: Leb wohl, mein Saitenspiel, und seine
Augen fllten sich mit einem schaurigen Na.
    Als er in die Stadt zurckkehrte, war ein feuerglnzender Sonnenuntergang.
Zwischen zwei schwarzen Sturmwolken glhte der Himmel wie eine Schmiedeesse. Da
mute er an Lenore denken.
    Er trat in die Wohnstube und wanderte auf und ab. Philippine kam herein und
fragte, ob sie ihm die Suppe wrmen solle. Ihr singender, unnatrlicher Ton
erweckte seine Aufmerksamkeit, so da er sie mit festem Blick musterte.
    Wo ist meine Frau? fragte er.
    Ein abgrndig schlimmes Lcheln erschien auf Philippines Lippen. Sie
antwortete nicht.
    Wo ist meine Frau? fragte er nach einer Pause zum zweitenmal.
    Das Lcheln Philippines wurde breiter. Ist's kalt drauen? erkundigte sie
sich und war pltzlich aus dem Zimmer. Daniel starrte ihr nach, als zweifle er
an ihrem Verstand. Es verflossen aber nur wenige Minuten, da trat sie wieder auf
die Schwelle; sie hatte unterdessen einen Mantel angezogen, der ihr zu kurz war
und den karierten Rock sehen lie.
    Komm einmal mit mir, Daniel, sagte sie mit einer besorgten Stimme, die ihm
geheimnisvoll und furchtbar klang, komm mit mir, ich zeig dir was.
    Er erblate, setzte den Hut auf und folgte ihr. Schweigend gingen sie ber
den Platz, durch die Bindergasse, die Rathausgasse, ber den Markt. Daniel blieb
stehen. Was hast du vor? fragte er heiser.
    Komm nur, wirst schon sehen, raunte Philippine.
    Sie gingen weiter, ber die Fleischbrcke, die Kaiserstrae, durch den
weien Turm zum Jakobsplatz. Einige Leute schauten dem sonderbaren Paar nach.
Als sie zum Huschen der Frau Hadebusch kamen, war die Dunkelheit angebrochen.
Wirst du jetzt endlich reden? knirschte Daniel.
    Pscht! machte Philippine. Sie nherte ihren Mund seinem Ohr und wisperte:
Geh nauf ber zwei Stiegen, aber schnell, du kennst dich ja aus in dem Husla,
pumper an die Tr, und wenn s' zug'sperrt ham, schlag die Tr ein. Ich geh
derweil zur Hadebusch'n, da sie dich nicht zurckhlt.
    Da begriff Daniel.

                                       7


Vor seinen Augen wurde es blutrot. Ein Schttelfrost packte ihn.
    Er war Philippine in einem traurigen, schlaffen Gefhl von Ekel, Furcht und
Zwang gefolgt; jetzt wute er, sah am Anfang der Ereignisse schon ihre Mitte und
ihr Ende, sah vor der verschlossenen Tre, was sich hinter ihr begab, und ein
Ungeheures rauschte auf in seinem Gemt, ungeheurer Zorn, ungeheures Weh,
Verachtung und Grauen in Wirbeln von Besinnungslosigkeit.
    ber die knarrende Stiege gelangte er in vier Sprngen. Er stand vor der
Tre, hinter der er einst gedarbt und getrumt, gefroren und geglht; da htte
Stille sein mssen, damit auf dem Grab vieler Hoffnungen die Andacht
rckschauender Geister nicht gestrt wurde.
    Er ri an der Klinke; drinnen erschallte ein Schrei. Die Tr war verriegelt.
Er prete seinen Krper so ungestm wider das zerbrechliche Holz, da beide
Angeln sich zugleich mit dem Riegelhalter lsten und die ganze Tr mit dumpfem
Gepolter ins Zimmer strzte.
    Der Schrei wiederholte sich gellend. Dorothea lag bis aufs Hemd entkleidet
auf einem breiten Bett, das die kupplerische Hadebusch von einem Hndler
entliehen hatte und das beinahe die Hlfte des Mansardenraums einnahm. Sie hatte
einen Teller voll Kirschen neben sich stehen und hatte sich damit belustigt, die
Kerne gegen ihren Liebhaber zu schnellen, der, gleichfalls in mangelhafter
Bekleidung, rittlings auf einem Stuhl sa und eine kurze Pfeife rauchte.
    Als Daniel mit blutenden Hnden, er hatte sich an der Klinke verletzt, mit
wild ums Gesicht flatternden Haaren, keuchend und totenbleich ber die Tre
stieg, fing Dorothea abermals zu schreien an, und schrie sieben- oder achtmal
verzweifelt und voll entsetzlicher Angst.
    Daniel strzte auf den jungen Menschen zu und fuhr ihm mit beiden Hnden an
den Hals. Whrend er die Haut dieses Menschen anfate, whrend er, wie in
rosigem Nebel, Dorothea mit aufgehobenen Armen aus dem Bett flchten sah und ihr
durchdringendes Geschrei vernahm, whrend ein seltsam betrachterischer Geist
trotz der Raserei, die in ihm tobte, sogar die Kirschen bemerkte, die ber das
Bettuch gerollt waren, die grnen Stiele sah, die dunkleren Stellen an
einzelnen, die anzeigten, da sie faul waren, und er zuletzt noch einen
Geschmack auf der Zunge sprte, als ob er selber Kirschen gegessen htte,
whrend all dem dachte er: das ist der Untergang, das ist das Chaos.
    Der Amerikaner, von dem sich spter herausstellte, da er ein wandernder
Artist war, der sich frech und geschickt in die brgerliche Gesellschaft
gedrngt hatte, stie den Angreifer mit Wut zurck und nahm eine Boxerposition
ein. Aber Daniel verstattete ihm keine Zeit zum Schlag, er berfiel ihn,
umschlang ihn, ri ihn zur Erde, drckte ihm die Gurgel zusammen. Jener sthnte,
bumte sich, befreite seine Faust, schlug um sich; damned fool, rchelte er
und versetzte Daniel einen Schlag ins Gesicht, damned fool!
    Unten im Haus erschallte Lrm. Auf der Gasse sammelten sich Leute an.
Polizei! Polizei! gilfte eine Weiberstimme, und nun kamen sie die Stiege
herauf.
    Och, och, och! wimmerte Dorothea. In einer halben Minute hatte sie ihr
Kleid ber den Krper gezogen; fort, fort, fort! hauchte sie und suchte ihre
Handschuhe und ihren Schirm.
    Hnderingend zeigte sich Frau Hadebusch im engen Flur. Hinter ihr stand
Philippine. Zwei Mnner drangen ber die Schwelle, strzten sich auf Daniel und
den Amerikaner und wollten sie auseinanderreien. Aber sie hatten sich gleichsam
ineinander verbissen wie zwei wtende Hunde. Andere muten zu Hilfe kommen, ein
Soldat und ein Milchmann griffen noch zu, endlich erschienen zwei Polizisten.
    Mu nach Hause, wimmerte Dorothea unter dem Gekreisch der Weiber, meine
Sachen holen, fort, fort, fort!
    Mit einem Gesicht, das grauenhaft dem einer stummen Besessenen glich, stahl
sich Philippine aus der Mitte der aufgeregt Schreienden und Schwatzenden und
folgte Dorothea. Sie sprte ihren Schritt nicht, das Pflaster nicht, die Luft
nicht. Jene wilde Begeisterung war ber sie gekommen, die sie schon einmal in
ihrem Leben empfunden, damals, als sie auf den Dachboden gegangen war und
gesehen hatte, da Gertrud am Balken hing.
    Eine glhende Zerstrungslust durchrann alle ihre Adern. Znde an! drhnte
es wieder in ihrem Hirn, znde an! Heute wollte sie ein besseres Werk tun, als
Feuer an einen Kehrichthaufen legen. Sie ging immer schneller und schneller;
schlielich fing sie an zu laufen und sang dabei mit rauher Stimme. Der Mantel
war nicht zugeknpft und flog im Winde. Die Leute, an denen sie vorberraste,
blieben erstaunt stehen.

                                       8


Herr Carovius und der alte Jordan saen im Paradieschen.
    Wie sich doch alle Verhltnisse wandeln und wie sich alles klrt und
ordnet, sagte der alte Jordan.
    Ja, die offenen Grber ghnen schon, antwortete Herr Carovius zynisch.
    Ich meinerseits, fuhr Jordan fort, ohne den Unwillen zu bemerken, den
seine Redseligkeit bei Herrn Carovius erweckte, ich meinerseits kann dem Tod
nun zufrieden ins Auge sehen. Meine Mission ist beendet; mein Werk ist
vollbracht.
    Das klingt ja gerade, als ob Sie den Stein der Weisen gefunden htten,
spottete Herr Carovius.
    Vielleicht, erwiderte Jordan leise und beugte sich ber den Tisch; Sie
haben nicht so ganz unrecht, geschtzter Freund. Wollen Sie sich selbst
berzeugen? Wollen Sie mir die Ehre Ihres Besuches schenken?
    Herr Carovius war neugierig geworden; sie zahlten ihre Zeche und begaben
sich auf den Weg zum Egydienplatz.
    Als sie in Jordans Kammer waren, zndete der alte Mann die Lampe an und
verriegelte sorglich die Tre. Dann ffnete er den gerumigen Wandschrank und
nahm zum Erstaunen des Herrn Carovius eine groe Puppe heraus, die nach Art
einer lplerin gekleidet war, mit einem geblmten Rock, einer Leinenbluse und
einem rosa Schrzchen. Das messinggelbe Haar war in Zpfe geflochten, und auf
dem Kopf trug sie ein grnes Filzhtchen.
    Das alles ist meiner Hnde Arbeit, sagte Jordan stolz; hab selber das Ma
genommen, selber geschneidert; sogar die Schhchen hab ich verfertigt. Und nun
passen Sie auf, lieber Freund!
    Er stellte die Puppe in die Mitte der Stube. Sie wird sprechen, fuhr er
mit strahlender Miene fort: sie wird singen. Sie wird ein Liedchen aus ihrer
Tiroler Heimat vortragen. Wollen Sie sich gtigst in diesen Sessel setzen; nicht
so sehr nahe, wenn ich bitten darf, es sind da noch strende Gerusche, denen
ich erst abhelfen mu. Die Illusion ist strker, wenn Sie sich in einer gewissen
Distanz halten.
    Er kauerte sich hinter die Puppe, machte sich am Rumpf zu schaffen, das
Surren eines Rderwerks wurde vernehmbar, der alte Mann trat rasch wieder vor
und sagte: So, mein kleines Frulein, la hren, was du kannst.
    Ein unheimlich heiseres, girrendes Stimmchen erscholl aus dem Leib der
Puppe; es hnelte dem Vibrieren von Metallfden, verbunden mit den gedmpften
Tnen einer Wasserpfeife. Schlo man die Augen, so konnte man beinahe an einen
fernen Gesang glauben; sah man aber hin und erblickte das tote, larvenhaft
freundliche Wachsgesicht, aus dessen Innern schrille und dumpfe Laute ohne
Artikulation und ohne Rhythmus kamen, so war es gespenstisch. Herr Carovius
sprte einen kalten Schauder im Rcken.
    Als die Maschine abgeschnurrt war, fielen die Augendeckel und die Lippen der
Puppe zu. Jordans Blick war voll Spannung auf Herrn Carovius geheftet. Nun, was
ist Ihre Meinung? fragte er. Seien Sie ganz aufrichtig; ich vertrage jede
Kritik.
    Herr Carovius hatte Mhe, seine Lachlust zu bezwingen; es zuckte ihm um Kinn
und Mund. Pltzlich aber vergingen ihm Hohn und Verachtung, es wurde ihm
unbehaglich ernst zu Sinn, eine lstige und seit undenklichen Zeiten nicht
empfundene Weichheit regte sich in ihm, und er sagte: Ja, das ist eine famose
Sache; unbestreitbar eine famose Sache; obschon der Verbesserung bedrftig.
    Jordan nickte eifrig und erfreut. Er wollte sich ber den Mechanismus und
seine kunstreiche Zusammensetzung verbreiten, da vernahmen beide Mnner aus dem
Nebenzimmer ein Gerusch. Sie horchten auf. Ein Mbelstck wurde vom Platz
gerckt, Schritte gingen hin und her, dann erschallte ein Klopfen und Knarren,
als wenn mit einem Meiel eine Kiste aufgesprengt wrde. Dann raschelte es laut
und lange wie von zu Boden geschleudertem Papier, dann schimpfte eine Stimme,
dann erhob sich ein eigentmlich grausiger Singsang in Tnen wie: Joi! und Huh!
und auf einmal knisterte es wie von Flammen.
    Der alte Jordan ri die Tr auf und schrie gleich einem Kind.
    Philippine stand in einem Haufen brennenden Papiers. Sie hatte Daniels Truhe
geffnet, alle Handschriften herausgeworfen und sie in Brand gesteckt. Der
Anblick, den sie bot, war frchterlich. Ihre Haare hingen verworren ber die
Schultern, mit den Armen machte sie unablssige Bewegungen, als ziehe sie an
einem Brunnenschwengel, aus ihrem Mund kamen hohe, lallende, gurgelnde Tne, die
nichts Menschenhnliches hatten, ihr von den Flammen bestrahltes Gesicht zeigte
eine grauenvolle Wollust, und whrend Herr Carovius und der alte Jordan wie
gelhmt auf der Schwelle standen, fing sie an zu hopsen und streckte dabei die
Hnde gegen das Feuer aus, welches immer hher schlug.
    Herr Carovius, aus seiner Erstarrung erwachend, sah, da es hchste Zeit
war, sich zu retten, und mit dem Arm sein Gesicht bedeckend, floh er, so schnell
ihn seine Fe trugen, zur Flurtr und zur Stiege. Dem alten Jordan rannen die
Trnen ber die Wangen, der Schrecken machte ihn unfhig zu berlegen, er rannte
in seine Stube zurck, ffnete das Fenster und brllte auf den Platz hinunter,
dann erinnerte er sich seiner geliebten Puppe, eilte hin und nahm sie in den
Arm; aber als er das Zimmer verlassen wollte, strmte ihm der Qualm betubend
und beizend entgegen, er taumelte hindurch, gelangte bis zur Stiege, tat einen
Fehltritt, strzte, die Puppe krampfhaft fest umschlieend, kopfber die Stiege
hinunter, zuckte noch einige Male und blieb dann regungslos liegen.
    Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht.
    Dorothea, die in der Wohnung ihre Habseligkeiten zusammengerafft hatte,
eilte, den Koffer schleppend, mit fahlem Gesicht an seiner Leiche vorber, ohne
einen Blick darauf zu werfen, und verschwand in dem Gewhl aufgeregter Menschen.

                                       9


Im Haus der Frau Hadebusch hatten die Polizisten Daniel und den Amerikaner
endlich voneinander gerissen. Daniel fiel auf einen Stuhl und starrte stupid vor
sich hin. Frau Hadebusch brachte Wasser herbei, der Amerikaner kleidete sich
unter dem Gelchter der Zuschauer an.
    Danach wurden die beiden Mnner auf die Wache gefhrt, und der Kommissr
schrieb auf, was er fr die sptere Amtshandlung wissen mute. Daniel gewahrte
eine Gaslampe, einen Federstiel, mehrere grinsende Gesichter, seine eigene
blutige Hand, sonst nichts. Der Amerikaner wurde zur Verhtung weiterer
Feindseligkeiten noch zurckbehalten, indes man Daniel gehen hie. Er hrte, da
der junge Mensch in seinem radebrechenden Deutsch und mit wuterstickter Stimme
allerlei erzhlte, aber er nahm es nicht in sich auf.
    Er hrte einen Hund bellen, einen Wagen rasseln, eine Glocke schlagen, er
hrte sprechen, murmeln, rufen und das Scharren von Fen, aber es klang alles
wie durch die Mauern eines Gefngnisses. Taumelnd setzte er seinen Weg fort.
    Als er zur Frauenkirche kam, wandte er sich rechts gegen den Obstmarkt und
sah pltzlich das Gnsemnnchen vor sich.
    Geh heim, schien das Mnnchen zu sagen, und seine Stimme war traurig, geh
heim!
    Wer bist du und was willst du von mir? fragte es in Daniel. Aber da war es,
als ob die Figur unsichtbar wrde und erst in der Ferne wieder, in einem lichten
Glanz, wahrzunehmen sei.
    ber den Egydienplatz rannten Leute, und einzelne schrien: Feuer! Daniel
bog um die Ecke und konnte sein Haus sehen. Hinter den Fenstern seiner Stube
loderten Flammen. Er prete die Hnde gegen die Schlfen und drngte sich mit
angstvoll geweiteten Augen durch die Menge bis ans Haus. Um Gottes-,
Himmelswillen, stie er hervor, rettet mir die Truhe!
    Viele sahen ihn an. Eine Gestalt zeigte sich oben am Fenster, viele Arme
deuteten hinauf. Das Weibsbild! schaut das Weibsbild! wurde gerufen; und dann
wieder: die hat gezndelt! die hat das Feuer gelegt!
    Daniel strzte ins Haus. Feuerwehrmnner berholten ihn. Da sah er im Flur,
in der Beleuchtung von hastig hin und her getragenen Laternen, notdrftig und in
Eile aufgebahrt, die Leiche des alten Jordan; die Leiche und neben ihr, wie
berirdischen Hohn, die Puppe, die lplerin mit der Maschine im Bauch. Dumpf
seufzend fiel er nieder, und seine Stirn berhrte die tote Hand des Greises.
    Wie im Schlaf vernahm er das Zischen aus den Wasserschluchen, die
Kommandos, das geschftige Vorbeirennen der Mnner, dann war es ihm, als tauche
ein Schatten flchtig auf, eine Gestalt wie aus der Unterwelt; eine geballte
Faust ffnete sich und warf zerknitterte Bltter vor ihn hin, und wie er
emporblickte, sah er nur die rings um ihn sich drngenden Menschen, die Gestalt
hatte sich zwischen ihnen hindurchgeschoben, und niemand hatte in der Verwirrung
ihrer geachtet.
    Mit abwesender Gebrde griff Daniel nach dem Blatt, das ihm zunchst lag. Es
war auf das Gesicht der Puppe gefallen. Er entknitterte es und gewahrte die von
seiner Hand geschriebenen Noten aus der Harzreise im Winter. Und unter den
Notenzeilen standen die Worte:

Aber abseits, wer ist's?
Ins Gebsch verliert sich sein Pfad,
hinter ihm schlagen
die Struche zusammen
das Gras steht wieder auf,
die de verschlingt ihn.

    Melodie und Rhythmus, die ber den Worten sich spannten, waren von
grandioser Dsterkeit, gleich einem Gesang verfolgter Schatten in der Nacht,
berm Meer. Daniel erinnerte sich der Stunde, in der er dies geschaffen,
erinnerte sich an Gertruds Blick und Antlitz, als er es ihr vorgespielt; und
Lenore stand da, in einem weien Gewand, mit einem Myrtenkranz im Haar, und die
Tne drselten das Gewebe der unendlichen Zeit auf. Aber abseits, wer ist's?
klagte es tief und schwer, fragte es prophetisch gro; da verhllte er sein
Gesicht und schluchzte, da ihm zumut war, als breche sein Herz auseinander.
    Der tote alte Mann und die Puppe lagen gleich still da.
    Nach einer halben Stunde war das Feuer gelscht. Die beiden Stuben unterm
Dach waren vllig ausgebrannt, sonst war kein Schaden geschehen.
    Philippine war spurlos verschwunden. Da niemand bemerkt hatte, da sie das
Haus verlassen, glaubte man zuerst, sie sei in den Flammen umgekommen. Doch als
man nachforschte, erwies sich diese Annahme als irrig. Die Polizei fahndete
berall nach ihr, es war ganz vergebens, sie war nicht aufzufinden. Einige
Leute, die sie nher gekannt hatten, verfochten unerschtterlich die Meinung,
sie sei mit Haut und Haar verbrannt, und nichts weiter sei von ihr
briggeblieben als ein Huflein schwarzen Aschenstaubes.
    Wie dem auch sein mochte, Philippine kehrte nicht mehr ins Haus zurck, und
nie wieder hrte und sah man etwas von ihr.

                            Aber abseits, wer ists?



                                       1

Spt am Abend kam Benda. Er war ber das Vorgefallene ziemlich genau
unterrichtet. Im Flur hatte er Agnes getroffen und die sonst so Einsilbige wider
Erwarten mitteilsam gefunden. Sie hatte aber nur besttigen knnen, was er von
den Leuten schon erfahren hatte.
    Sie begleitete ihn in den Oberstock, und er stand lange vor den
ausgebrannten Rumen, in denen zwei Mnner von der Feuerlschtruppe Wache
hielten. Alle seine Noten sind verbrannt, sagte Agnes, und Benda dnkte es
kaum mglich, dem Freund nach einem solchen Ereignis gegenberzutreten. Doch
schmte er sich seiner Scheu und ging hinunter zu Daniel.
    Es war im Haus wieder ruhig geworden.
    Daniel hatte in der Wohnstube eine Kerze angezndet. Als es ihm nach einer
Weile zu dster schien, zndete er noch eine Kerze an.
    Er schritt auf und ab. Der Raum wurde ihm zu klein, er ffnete die Tr zum
Zimmer Dorotheas und ging nun auch durch dieses, immer auf und ab. Wenn er in
die dunkle Stube kam, bewegten sich jedesmal seine Lippen zu einem Murmeln, und
wenn er in die beleuchtete zurckkehrte, sah er ein paar Sekunden lang ins
Kerzenlicht.
    Seine Zge hatten den Ausdruck eines Leidens, das grer nicht mehr sein
konnte. Den eintretenden Benda schien er nicht zu gewahren.
    Alles hin? alles vernichtet? fragte Benda, nachdem er Daniels Wandern fast
eine Viertelstunde zugesehen hatte.
    Ein Grab neben andern Grbern, murmelte Daniel mit einer Stimme, die nicht
wie seine eigene klang. Er hob dann auch den Kopf, gleichsam erstaunt ber die
Stimme. Ihm schien, es sei ein Fremder unhrbar ins Zimmer getreten.
    Und auch das letzte, das groe Werk, von dem du mir erzhlt hast, die
Frucht vieler Jahre? fragte Benda weiter.
    Alles, entgegnete Daniel in die Luft hinein, alles, was ich an Musik
geschaffen habe, seit ich Ursache haben durfte, an mich zu glauben. Die Sonaten,
die Lieder, das Quartett, der Psalm, die Harzreise, Wanderers Sturmlied und die
Symphonie, alles bis aufs letzte Blatt.
    Ja, es war ein Fremder da, denn man hrte ihn leise lachen. Warum lachst
du? fragte Daniel streng und rckte seine Brille zurecht.
    Benda antwortete erschrocken: Ich habe nicht gelacht.
    
    Das Gras steht wieder auf, die de verschlingt ihn, sagte der Fremde. Er
trug einen altertmlichen Anzug, ein komisches Mtzchen und hatte Stulpenstiefel
an den Beinen. Den sollt ich doch kennen, fuhr es Daniel durch den Sinn, und mit
trbem Blick berlegte er.
    Das ist ja wie Mord, unerhrter Mord, schrie es in Benda; wie kann er es
ertragen, was wird er tun?
    Was ist nun zu tun? nahm Daniel laut den Gedanken Bendas auf und schielte
im Hin- und Hergehen bisweilen nach dem Fremden, der langsam durch das Zimmer
gegen den Erker schritt; was kann irgendeine menschliche Phantasie sich
vorstellen, da man danach tut? Nichts! Versinken; in Verrcktheit versinken.
    Oho! lie sich der Fremde vernehmen, das ist stark.
    Wenn er doch schwiege, dachte Daniel geqult. Du wirst ja wissen, was sich
mit der begeben hat, die ich mein Weib genannt habe, fuhr er fort. Da ich
mich an diesen eitlen und seelenlosen Geist eines Spiegels weggeworfen habe, ist
unerheblich. Sind schon Gewaltigere als ich ins Netz geraten und haben sich
verstrickt. Den Wahn hab ich nie gehegt, als wr ich gefeit gegen alles
Blendwerk dieser Erde. Obwohl ich der Meinung war, da ich Wahrheit und Lge
wittern und voneinander unterscheiden knne wie eine Hand das Trockene vom
Feuchten. Aber den Zusammenhang mit dem andern fass' ich nicht, die
Notwendigkeit dieses Grlichen fass' ich nicht.
    Recht ist dir geschehen, sagte der Eindringling mit den Stulpenstiefeln.
Er hatte sich auf einen Stuhl beim Erker gesetzt und sah ganz freundlich aus.
    Warum? brllte Daniel stehenbleibend.
    Mit bestrztem Gesicht erhob sich Benda. Sprich dich aus, Daniel, drngte
er liebevoll, sprich dir alles von der Seele!
    Knnt ich's, Friedrich, knnt ich's nur! Wr mir nur die Zunge gegeben!
Oder da es einer mit mir fhlte und sagen knnte!
    Versuchs; das erste Wort ist oft wie ein Funken und erzeugt Flammen.
    Daniel schwieg. Der Eindringling sagte an seiner Stelle bedchtig: Das geht
tief hinab in die Hhlen der Brust und hoch hinauf zu den unsterblichen Dingen.
    Da blickte Daniel scharf zu ihm hinber und sah, da es das Gnsemnnchen
war.

                                       2


Alle Anstrengung, Daniel zum Reden zu bringen, war vergeblich, und gegen
Mitternacht verabschiedete sich Benda. Agnes sperrte ihm das Tor auf, und er
sagte zu ihr: Sorg du fr ihn, er hat niemand jetzt.
    Die Hnde hinter dem Haupt verschrnkt, lag Daniel auf dem Kanapee und
stierte gegen die Decke. Seine Augen waren hei, manchmal berlief ihn ein
Zittern.
    Ungemtlich ist's hier, sagte das Gnsemnnchen, die Luft ist noch voll
Rauchgestank, und von der finstern Stube dorten zieht's herein.
    Daniel erhob sich, machte die Tr zu und legte sich wieder hin.
    Das metallische uere des Gnsemnnchens schien biegsam zu werden, ungefhr
wie wenn ein hartgefrorener Krper auftaut. Viel hast du erlebt, fuhr es
nachdenklich fort. Da einer, der schaffen will, auch erleben mu, ist klar; da
ist seine Muttermilch, da ist sein Wurzelreich, da schieen die Sfte zusammen,
aus denen ihm Formen und Gestalten werden. Aber erleben und erleben, das ist
zweierlei.
    berflssiger Tiefsinn, murmelte Daniel rgerlich, Leben heit erleben.
Er ging mit sich zu Rate, wie er sich von dem lstigen Schwtzer befreien
knnte.
    Das Gnsemnnchen lie wieder sein leises Lachen hren. Es antwortete:
Viele leben und leben doch nicht, leiden und leiden doch nicht. Worin besteht
Menschenschuld? Im Nichtfhlen, im Nichttun. Man mu da erst einen ganz
bestimmten und ganz falschen Begriff von Gre beseitigen. Was ist denn Gre?
Nichts weiter als die Erfllung einer unendlichen Reihe kleiner Pflichten.
    Es ist ein Unterschied zwischen dem Schpfer und allen andern Menschen,
gab Daniel zurck, den dieses Gesprch aufregte und peinigte.
    Berufst du dich nun auf die Musik? fragte das Gnsemnnchen, und sein
gutmtiger Blick wurde spttisch.
    In der Musik ist jede Hervorbringung strenger an ein Unbedingtes und
uerstes gebunden als in allem, was der Mensch sonst dem Menschen gibt,
antwortete Daniel. Der Musikergenius steht Gott am nchsten.
    Das Gnsemnnchen nickte. Aber sein Sturz beginnt einen Schritt von Gottes
Thron und ist tief. Weit du, was du bist? weit du endlich, was du nicht bist?
    Daniel drckte die Hand auf die Brust. Hab ich mich um vergnglichen
Lorbeer gebalgt? Hab ich das unmndige Volk mit Surrogaten abgespeist oder den
Himmelsflug durch Veitstnze nachgeahmt? Hab ich nicht nach meinem innersten
Wissen und Gewissen gehandelt? War ich ein Lgner?
    Nein, nein, nein, beruhigte das Gnsemnnchen, nahm sein Mtzchen ab und
legte es auf seine Knie. Du warst in deiner Sache; gar kein Zweifel, du warst
in deiner Sache. Alles Leben ist in deine Seele gestrmt, und du hast im
elfenbeinernen Turm gewohnt. Wohlverwahrt war deine Seele, von Anfang an
wohlverwahrt. Wie wenn ein Schwimmer sich mit Fett einreibt, bevor er sich ins
Wasser strzt. Du hast gelitten; das Gift des Nessushemds, das du getragen, hat
deine Haut verbrannt, und der Schmerz hat sich in sen Klang verwandelt. So
sind sie, die Schpfer, unverletzlich und unnahbar, so denkst du sie, nicht
wahr? Unmenschen, die das Kreuz der Welt auf sich nehmen und doch im Schmerz
ber ihr eigenes Schicksal hinberwachsen. So bist du, so siehst du aus, heute,
in deinem zweiundvierzigsten Jahr.
    Der Ton von Bitterkeit traf Daniel unerwartet, und er drehte das Gesicht
gegen die Richtung, wo das Gnsemnnchen sa. Ich versteh dich nicht, sagte er
langsam. Von der Hofkammer her erschallte das jmmerliche Weinen des kleinen
Gottfried und dann Agnes' beschwichtigender Singsang.
    Httest du doch lieber nicht im elfenbeinernen Turm gewohnt! rief das
Gnsemnnchen aus. Wrst du empfindlicher gewesen und weniger wohlverwahrt!
Httest du doch gelebt, gelebt, gelebt, ganz wahr und ganz nah wie ein Nackender
im Dornendickicht! Dann htt es dich niedergetreten, aber deine Liebe wre
wirklich gewesen, der Ha, den du erfahren, wirklich, das Unglck wirklich, die
Lge wirklich, Spott und Verrat wirklich, und noch die Schatten deiner Toten
htten Wirklichkeit gehabt. Und das Gift des Nessushemds htte nicht blo deine
Haut verbrannt, es wre dir ins Blut gedrungen, bis in die stillste, heiligste
Tiefe deines Herzens, da wre dein Werk nicht im Ringen gegen deine Finsternis
und beschrnkte Qual gewachsen, unfrei vor den Menschen, ungesegnet von Gott.
Bilde dir nur nicht ein, da du das Leiden der Welt getragen hast, dein eigenes
hast du getragen, liebend-lieblos, selbstlos-selbstschtig, Unmensch, der du
warst, Unbrger!
    Wer bist du? was nimmst du dir heraus? kam es stockend von Daniels blassen
Lippen.
    Ei, siehst du denn nicht, wer ich bin? Das Gnsemnnchen bin ich, war die
mit treuherzigem Bckling gegebene Antwort. Das Gnsemnnchen, einsam hinterm
Gitter, einsam auf der Wasserschale, aber mitten auf den Markt hingestellt. Ein
unbedeutendes Wesen, fabar jedem, der vorbergeht, obwohl man mir eine Art von
Monumentalitt zugedacht hat. Doch ich mache mir nichts aus der Monumentalitt,
ich pfeife drauf. Ich verleihe dem Markt, auf dem die Brger um pfel und
Kartoffel feilschen, ein bichen Wrde, das ist alles. Sie sehen mich immer
aufrecht unter dem Himmel stehen, und trotz meiner ausgezeichneten Position
haben sie mich stets wie einen Vetter betrachtet. Eine Zeitlang haben sie dir
meinen Namen angehngt, aber ganz mit Unrecht, scheint mir, ganz mit Unrecht.
Ich hab meine Gnse treu gehtet, da kann mir keiner was nachsagen.
    Das Gnsemnnchen lachte harmlos und glcklich, und als Daniel den Blick
wieder gegen den Erker wandte, war der Stuhl leer, der seltsame Gast
verschwunden.

                                       3


Aber er kam wieder, und als Daniels Geist und Krper vollends niederbrach und er
sich zu Bett begeben mute, wurden seine Besuche regelmig. Er sa neben Benda,
denn Benda war oft vom Morgen bis in die Nacht in Daniels Stube, doch Daniel
wurde immer stiller und antwortete bisweilen gar nicht auf Bendas Fragen.
    Hinter dem Doktor Dingolfinger trat das Gnsemnnchen ein und reckte sich
neugierig, um ihm ber den Arm zu blicken, wenn er seine Rezepte schrieb. Denn
es war klein von Gestalt und reichte dem Doktor kaum bis zur Hfte.
    Es trippelte um Agnes herum, wenn sie die Suppe brachte und uerte sein
Mitleid ber das schlechte Aussehen des Mdchens, das mit seinen dreizehn Jahren
einen betrbenden Eindruck der Reife machte und dessen Augen furchtsam und
verstohlen nach einem liebevollen Blick aus andern Menschenaugen Ausschau
hielten. Die mte man auch pflegen, sagte das Gnsemnnchen kopfschttelnd,
der mte man auch ein gutes Spplein kochen.
    Ohne da man es aufdringlich htte nennen knnen, bekmmerte es sich um
alles, was im Hause vorging. Als die Gerichtspersonen kamen, um Daniel wegen des
Brandes zu vernehmen, zeigte es sich ungehalten und wollte die Herren nicht ber
die Schwelle lassen. Gnnt ihm doch endlich Ruhe, beschwor es sie, endlich
kann er sich sammeln, endlich zurckschauen. Und in der Tat entfernten sich
jene bald wieder.
    Dabei war es stets guter Laune, stets zu einem Scherz aufgelegt. Manchmal
pfiff es leise vor sich hin und zog dabei sein Rcklein glatt. Eine gewisse
Bauernschlauheit trat an ihm zutage, aber seine liebenswrdigen Manieren und
seine kindliche Heiterkeit lieen diese Eigenschaften nicht unangenehm
erscheinen. Zumeist redete es im Nrnberger Dialekt, nur wenn es mit Daniel
allein war, sprach es im getragenen Hochdeutsch, und seine natrliche Bildung
wie der Reichtum seiner Ausdrucksmittel war dann zum Erstaunen.
    Zehnmal des Tags lief es zum kleinen Gottfried in die Kammer und bezeigte
sein Entzcken ber das hbsche Kind. Wie beneidenswert bist du, da so ein
lebendiges Geschpf in deinem Haus herumkrabbelt, sagte es zu Daniel, und
allmhlich sprte Daniel eine ganz neue Zrtlichkeit gegen das Kind in sich
erwachen.
    Als sich das Gnsemnnchen heimisch fhlte, brachte es immer seine beiden
Gnse mit und setzte sie behutsam in einen Winkel der Stube. Eines Abends sa es
bei ihnen und scherzte mit ihnen, da lutete es drauen, und Andreas Dderlein
strmte herein. Er machte groen Lrm und begehrte zu wissen, wo seine Tochter
sei.
    Meiner Treu, ein alter Bekannter, sagte das Gnsemnnchen lustig
zwinkernd. Ich seh ihn jetzt fter im Wirtshaus sitzen, als seiner Gesundheit
zutrglich ist.
    Ich mu dringend bitten, sich zu migen, wandte sich Benda beherrscht zu
Andreas Dderlein und deutete auf das Bett, in welchem Daniel lag.
    Meine Tochter ist nicht schlecht, das rede man andern ein, die
leichtglubiger sind, rief Dderlein mit der Miene und Gebrde des kniglichen
Lear und schttelte die Mhne; gewaltsam hat man sie ins Verderben gehetzt;
durch niedrige Kniffe hat man mir die Liebe meines Herzblttchens geraubt. Wo
ist es hin, das unglckliche, verratene Kind, womit wird es seine Ble decken?
    Da geschah das Wunderliche, da sich das Gnsemnnchen an den riesigen Arm
des Olympiers hing, seinen Mund dessen fleischigem Ohr nherte und ihm mit
trauriger und vorwurfsvoller Miene etwas zuflsterte. Dderlein wurde rot und
bla, schaute zur Erde und ging mit seinem drhnenden Schritt schweigend davon.
Das Gnsemnnchen verschrnkte die Arme ber der Brust und blickte ihm in tiefen
Gedanken nach.
    Er soll sich dem Trunk ergeben haben, sagte Benda, soll ein wstes Leben
fhren. Es scheint mir unglaubhaft. Die Dderleins begngen sich gewhnlich
damit, am Ufer des Sumpfs zu lustwandeln und andere Leute hineinplumpsen zu
lassen. Die Dderleins werden im falschen Hermelin geboren und sterben auch im
falschen Hermelin.
    Und doch ist er ein Mensch, sagte das Gnsemnnchen, nur fr Daniel
vernehmlich.
    Daniel seufzte.

                                       4


Es war tiefe Nacht. Daniel konnte nicht schlafen. Das Gnsemnnchen kauerte ihm
zu Fen auf dem Bettrand und schaute ihn an, wie man einen teuren Bruder
anschaut, der leidet.
    Ich kann's nicht leugnen, da es schwer fr dich ist, dein Leben
fortzufhren, begann das Gnsemnnchen und gab sich Mhe, seine helle Stimme zu
dmpfen. Wenn man so bedenkt, Tag reiht sich an Tag, Nacht an Nacht, und mit
nichts kann man sich freuen. Alles abgeschnitten, alle Fden zerrissen, der
Grund, auf dem man gebaut hat, zerstrt. Du bist wie die Mutter von vielen
Kindern, die an einem Tag mit einem Schlag alle Kinder verloren hat. Das
jahrelange Ringen unbelohnt, umsonst die Arbeit, umsonst das Herzblut vergossen,
umsonst entbehrt, die ganze Vergangenheit wie ein bser wilder Traum. O, ich
begreif es, es ist hart, sehr hart, und schwer scheint es, nicht zu
verzweifeln.
    Daniel bedeckte das Gesicht mit den Hnden und sthnte.
    Hast du dich schon gefragt, wie die Mrderhand ber dein Schicksal gekommen
ist? Ei, diese Philippine! Diese Jasonphilippstochter! Bin doch fast vierhundert
Jahre alt, aber so eine hab ich noch nie gesehen. Aber blick einmal zurck;
ffne deine Augen, jetzt sind sie rein und fhig, zu schauen. Hast du es nicht
geduldet, da der Teufel an deinem Leben teilgenommen hat, und warst du nicht
unduldsam gegen die Engel, die ihre Fittiche an dich geschmiegt wie die Gnse
ihre an mich? Der Teufel ist fett geworden bei dir, der Vampir hat sich
gemstet. Das kommt davon, wenn man nicht geben will, wenn man immer blo nimmt,
nimmt, nimmt; da wird der Teufel fett, der Vampir immer gieriger. Ach, viele
gute Genien sind vor dir geflohen, viele hast du verscheucht, du Behexter, du;
du Verzauberter, du. Nun, die Hlle hat jetzt ihre Beute, der Himmel kann sich
deinem neugeborenen Herzen wieder auftun.
    Es ist kein Himmel, chzte Daniel, es ist nur Schwrze, nur Finsternis.
    Dein Atem geht, dein Puls schlgt, und an jeder Hand hast du noch fnf
Finger, versetzte das Gnsemnnchen ruhig. Wer bezahlt hat, ist ein freier
Mann. Du hast deine Schuld bezahlt.
    Meine Schuld bin ich selbst. Leb ich weiter, so schuld ich weiter. Lebt'
ich zurck, ich entginge nicht der gleichen Schuld.
    Es gibt aber eine Verwandlung, und durch die wird einem Absolution. Wende
deinen Blick ab vom Phantom und werde erst Mensch, dann kannst du Schpfer sein.
Bist du Mensch, wahrhaft Mensch, dann bedarf es vielleicht gar nicht des Werkes,
dann strahlt vielleicht die Kraft und die Herrlichkeit von dir selber aus. Sind
denn nicht alle Werke nur Umwege des Menschen, nur unvollkommene Versuche zu
seiner Offenbarung? Wenn das Werk alle Liebe verschlingt, wo bleibt der Mensch?
Hast du nicht eine Maske aus Gips mehr geliebt als die Antlitze, die rings um
dich geweint haben? Hast du nicht einem Larven- und Spiegelwesen Gewalt ber
dich verliehen und so deine Seele befleckt und deinen Geist mit Lahmheit
geschlagen? Wie kann einer Schpfer sein, der die Menschheit in sich verkrzt
und betrgt? Es geht nicht ums Knnen, Daniel Nothafft, es geht ums Sein.
    Daniel wlzte sich gemartert in den Kissen. Hr auf, hr auf! wrgte er
hervor.
    Das Gnsemnnchen beugte sich ber ihn und kroch wie ein Tier, das nach
Wrme verlangt, nher an seinen Leib. Lse den Krampf! mahnte es; zerbrich
die Kette! Deine Musik kann den Menschen nichts geben, solang du in dir selbst
gefangen bist. Fhl ihre Not! Fhl ihre grenzenlose Einsamkeit! Schau sie an!
schau sie an!
    Es ist so viel, antwortete Daniel in hchster Qual, hunderttausend
Gesichter verwirren mich, hunderttausend Bilder engen mich ein. Ich kann nicht
unterscheiden, mu flchten, immer flchten.
    Etwas unsglich Zartes, unsglich Beteuerndes und Hinreiendes war im Klang,
als das Gnsemnnchen sagte: Wie Christus sprech ich zu dir: steh auf und
wandle! Steh auf und wandle, Daniel! Geh mit mir auf meinen Platz. Sei ich, vom
Morgen bis zum Abend sei einmal ich, und ich will du sein.
    Da stand Daniel auf, und eh er sich noch recht besonnen, hatte er seine
Kleider an und befand sich mit dem Gnsemnnchen auf der Strae. Sie gingen zum
Obstmarkt, und Daniel, in einem dmmerigen Zustand der Sinne, stieg mit Hilfe
des Gnsemnnchens auf die Wasserschale hinter dem Gitter und nahm die beiden
Gnse unter die Arme. Und blieb stehen, still und steif, genau wie das
Gnsemnnchen und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

                                       5


Aber es ereignete sich nichts Auerordentliches. Alles was vorging, war ganz
alltglich und scheinbar ganz gewohnt.
    Der Morgen brach an und die Marktweiber nahmen die Schnre und die Decken
von ihren Krben. Frische Kirschen und junge Birnen und berwinterte pfel
leuchteten in ihren Farben, und zahllose Sperlinge pickten im Stroh, das auf dem
Pflaster lag. Die Sonnenaufgangsrte am Himmel wich morgendlichem Blau, und
Wolken zogen ber das Kirchendach, und die Weiber schwatzten miteinander, und
Karren rasselten, und die Knechte schrien, und von den Fenstern wurden die
Vorhnge weggezogen, und Gesichter von Frauen und Mnnern schauten heraus und
sahen nach dem Wetter; verschlafene Gesichter, versorgte Gesichter, bse
Gesichter und gute Gesichter, junge und alte.
    Da kamen Mgde und Brgerfrauen, um ihre Einkufe zu machen. Prfend
betrachteten sie die Frchte und suchten den Preis herunterzuhandeln. Die
Buerinnen lockten, und wenn ihr Locken vergeblich geblieben war, schimpften
sie. Und wenn ein Kauf abgeschlossen wurde, nahmen sie ihre Wage in die Hand,
taten Gewichte in die eine Schale und die Frchte in die andre und priesen die
Waren so lange, bis sie das Geld eingestrichen hatten. Hierauf berzhlten sie
die Mnzen und betrachteten sie mit einem Ausdruck, als ob sie sagen wollten:
verdienen, das ist fein.
    Aber diejenigen, die das Geld hergaben, hatten die Miene ngstlicher
Genauigkeit, schienen in ihren Gedanken zu rechnen und, was ihnen auszugeben
verstattet war, noch einmal zu berlegen. Was dabei so sonderbar war, Daniel
bemerkte es immer deutlicher, war, da sie gleichsam bis an die Grenze des ihnen
wie von einem geheimnisvollen Gebieter gesteckten Bereichs gingen, und da sie
aussahen, als ob jenseits dieser Grenze das Verderben laure. Es war so viel
Bedacht in der Art, wie die Pfennige hingereicht und so viel Siegerglck in der
Art, wie sie genommen wurden, da es rhrend wirkte und all das Kleinleben sich
pltzlich ungemein seltsam, seltsam gesetzesheilig darbot.
    In respektierten Formen, die nicht verschleiert waren, spielte es sich ab;
die Flle strte nicht die Ordnung, die Worte verdunkelten nicht den Sinn. Da
war die Ware, da war die Mnze; Regel und Richte gaben die Schalen der Wage. Die
Frchte wanderten von Korb zu Korb, und Arme trugen sie nach Hause. Jeder holte
sich nach seinem Bedarf und nach dem Ma seines Vermgens, jeder hielt sich in
seiner Grenze.
    Und die Turmuhr schlug, und die Schatten wanderten um ein jedes Ding im
Kreis. So war es heute, so war es schon vor vierhundert Jahren gewesen.
    So waren die Huser dagestanden, mit denselben Fenstern, und aus den
Fenstern hatten Menschen geblickt, mit sanften oder finstern Augen. Immer
dasselbe Gesetz, immer derselbe Handel, immer die nmlichen Frchte, die zur
nmlichen Zeit reif geworden waren. Spatzen zwitscherten unterm Kirchendach,
Wolken zogen am Himmel, Wind lief durch die Gassen, das Herz der Welt schlug in
seinem ewigen Rhythmus.
    Ist das nicht Therese Schimmelweis, die dort um die Ecke schleicht? Wie alt,
wie gebrechlich, wie gebeugt von Jahren und Sorgen! Ihr Haar ist steingrau, ihr
Gesicht wie Kalk. Sie ist rmlich gekleidet und sieht die ihr Begegnenden nicht
an. Nur auf die vollen Obstkrbe wirft sie einen Blick, der begehrlich ist und
den Daniel hinter seinem Gitter mit schmerzlicher Verwunderung bemerkt.
    Und humpelt da nicht Frau Hadebusch einher? Ist ihr Gesicht auch das einer
abgefeimten Verbrecherin, in den Augen liegt es doch wie Panik und Schrecken.
Sie hat keinen Halt als den Boden unter ihren Fen, sie ist arm, eine
verlorene, arme Seele.
    Da taucht Alfons Diruf auf, der sich lngst ins Privatleben zurckgezogen
hat und fett und finster seinen Morgenspaziergang gegen den Stadtgraben antritt.
Und da geht der Schauspieler Edmund Hahn mit Erobererblicken, und auf seinem
bernchtigen Gesicht drcken sich Krankheit und stumpfe Begierden aus. Und da
kauft sich der Bildhauer Schwalbe heimlich ein paar pfel, die er zu Hause
braten will, weil er sonst nichts Warmes zu essen hat. Und ist dies nicht Herr
Carovius, der da trippelt, anzusehen wie ein irrender Geist, trbselig und matt?
    Und es kommen Bettler, es kommen Reiche vorbei; es kommen Geehrte, die man
grt, und Verachtete, die man meidet; es kommen Frohe und von Sorgen Beladene,
es kommen Eilende und Zaudernde; es kommen solche, die ihr Leben wie eine junge
Braut umfassen, und solche, die heute noch sterben werden. Einer fhrt ein Kind
an der Hand, einer ein Weib am Arm. Jene schleppen Lasten, und jene gehen
aufrecht und frei. Den fordert das Gericht zum Zeugen, der andere sucht den Arzt
zur Heilung. Der flieht vor huslichem Unfrieden, der lchelt in Gedanken an ein
Glck. Der hat seinen Geldbeutel verloren, der liest einen schicksalsvollen
Brief. Der geht in die Kirche, um zu beten, jener ins Wirtshaus, um seinen
Kummer zu betuben. Der strahlt in der Erwartung guter Geschfte, der ist
niedergeschmettert, weil die Armut vor seiner Tre steht. Ein schnes Mdchen
hat sich festtglich geschmckt, ein Krppel rastet unter einem Tor. Ein Knabe
singt ein Lied, eine Matrone geht mit verweintem Gesicht. Der Bcker trgt Brot
vorbei, der Schuster Stiefel; Soldaten ziehen zur Kaserne, Arbeiter kommen aus
den Fabriken.
    Es ist Daniel, als sei ihm keiner fremd. Es ist ihm, als sei er in eines
jeden Dasein enthalten. Auf seinem umgitterten Hochplatz ist er ihnen nher, als
da er mitten unter ihnen gegangen ist. Der Wasserstrahl, den er spendet, ist wie
Schicksal, das rinnt und sich im Becken sammelt. Aus der Quelle empor strmt es
ihm wie ewige Weisheit zu, die Stunde wird zum Skulum. Wie auch sonst die
Menschen beschaffen sind, wenn er in ihre Augen sieht, ergreift es ihn mit
berirdischem Gefhl. In allen Augen ist das Gleiche; das gleiche Feuer, die
gleiche Angst, das gleiche Bitten, die gleiche Einsamkeit, das gleiche Los, der
gleiche Tod; in allen ist Gottes Seele.
    Und er selbst sprt seine Einsamkeit nicht mehr, er sprt sich ausgeteilt;
sein Ha ist zerflattert wie Rauch. Was jetzt in Tnen webt, kommt aus der
tiefen Quelle herauf, es ist das Blut all derer, die auf dem Markt gehen, und
Wasser ist etwas anderes als es war; Wasser wscht manche Seele rein, da kein
Engel mag lichter sein.
    Es wurde Mittag, es wurde Abend, ein Tag der Schpfung. Und wie es Abend
geworden war, sank ein Nebel herab, da stieg Daniel von der Brunnenschale,
setzte sorglich die Gnse hin und ging heim. Er trat auf den Vorplatz und auf
die Schwelle der Hofkammer, da bot sich ihm ein wunderlicher Anblick.
    Das Gnsemnnchen sa bei Agnes und dem kleinen Gottfried und spielte mit
ihnen. Es hatte aus buntem Papier Silhouetten geschnitten und sie mit
umgebogenen Rndern auf den Tisch gestellt. Dort schob es sie gegeneinander und
lie sie so lustige Sachen reden, da Agnes, die nie in ihrem Leben ordentlich
gelacht hatte, auf einmal zu dem Kind wurde, das sie ja noch war, und von Herzen
lachen mute.
    Der kleine Gottfried konnte nur lallen und in die Hndchen patschen, und
wenn er auf dem Tisch, wo er hockte, eine ungeschickte Bewegung machte, schob
ihn das Gnsemnnchen sacht und mit kundiger Hand wieder zurecht.
    Als Daniel in die Tre trat, erhob sich das Gnsemnnchen und begab sich an
seine Seite. Er grte ihn und sagte zutraulich: Schon wieder zurck von der
Reise? Wir haben uns die Zeit ganz artig vertrieben.
    Im Zimmer war aber nun derselbe Nebel, der sich ber den Brunnen gesenkt
hatte, als Daniel herabgestiegen war. Da fhlten die Kinder, Agnes und
Gottfried, eine schreckliche Bangigkeit und Furcht; der Knabe begann zu weinen,
und Agnes schlang die Arme um ihn und weinte gleichfalls.
    Daniel ging zu ihnen hin und sagte: Weint doch nicht, ich bin ja bei euch,
ihr braucht nicht mehr zu weinen.
    Er setzte sich auf denselben Platz, auf dem das Gnsemnnchen gesessen,
schaute sich die papierenen Figrchen an und fuhr lchelnd in demselben Spiel
fort, welches das Gnsemnnchen angefangen.
    Der Knabe beruhigte sich, und Agnes wurde auch wieder froh.
    Gute Nacht, rief das Gnsemnnchen, jetzt bin ich wieder ich, und du bist
du.
    Es winkte freundlich und verschwand.

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Noch am nmlichen Abend kamen sechs von Daniels Schlern, die gehrt hatten, da
er von seiner Stelle an der Anstalt entlassen worden war.
    Es war kein bloes Gercht. Andreas Dderlein hatte diese Maregeln
getroffen. Auch seines Organistenamtes war Daniel entsetzt worden. Der
stadtkundige Skandal, zu dem er Anla gegeben, hatte die kirchliche Behrde
gegen ihn aufgebracht.
    Die sechs Schler traten in die Kammer, wo er bei seinen Kindern sa, und
einer, den sie zum Wortfhrer ernannt hatten, sagte, da sie beschlossen htten,
nicht von ihm zu lassen, und er mge sie nicht abweisen.
    Es waren kluge und lebhafte junge Leute; in ihren Augen war ein
Enthusiasmus, der noch nicht durch Feigheit und Dnkel getrbt war.
    Ich bleibe nicht in der Stadt, sagte Daniel zu ihnen, ich will nach
Eschenbach, in meine Heimat ziehen.
    Die Schler blickten einander an. Hierauf sagte der Sprecher: Wir wollen
mit Ihnen gehen. Und alle nickten.
    Daniel erhob sich und reichte jedem einzelnen die Hand.
    Zwei Tage nachher, Daniels Hausstand war schon in voller Auflsung, kam
Benda, um sich zu verabschieden. Ihn rief die Arbeit, rief seine groe Pflicht.
    Zuerst hatte es Benda kaum zu fassen vermocht, da Daniel noch sollte wirken
knnen, da da noch ein ganzes Leben sein sollte und nicht Trmmer einer
Existenz, Ruinen eines Herzens. Und doch war dem so.
    Es war etwas Befreites an Daniel, den Gewhnlichsten entging es nicht.
Obgleich noch wortkarger als ehedem, hatte sein Auge einen neuen Glanz, ernst
und heiter zugleich; seine Stimmung war milder, sein Gesicht voll Ruhe.
    Die Freunde gaben einander die Hand. Benda ging langsam hinaus, langsam die
Stiege hinunter, langsam durch die Gassen. Er fhlte sich so gering; er fhlte
sich so sonderbar gering.

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Und Daniel zog nach Eschenbach, in das elterliche Huschen. Seine Schler
mieteten sich bei einigen Brgern ein.
    Den Leuten im Ort galt er als ein Original, und sie lchelten, wenn von ihm
die Rede war oder wenn sie ihn versunken, nach seiner Art, durch die Gassen
wandeln sahen. Doch es war kein bses Lcheln; der anfngliche Spott darin
verschwand bald und machte einer ungewissen Empfindung des Stolzes Platz.
    Er gewann eine heimliche Macht ber die Menschen, die mit ihm in Berhrung
kamen, und viele fragten ihn in schwierigen Lebensumstnden um Rat. Insbesondere
seine Schler beteten ihn an. Er hatte die Gabe, sie zu spannen und hinzureien.
Die Mittel, deren er sich dabei bediente, waren die einfachsten. Die
selbstleuchtende Persnlichkeit, der Einklang zwischen Wort und Tun, der
Menschenernst, der Menschenblick, die Hingebung an eine Sache und das groe
Gefhl von ihr, das waren seine Mittel.
    Er wurde ein berhmter Lehrer, mit jedem Jahr mehrte sich die Zahl
derjenigen, die seiner Unterweisung teilhaftig werden wollten. Aber er nahm nur
wenige an, die besten nur, und die Sicherheit, mit der er whlte und sonderte,
war untrglich.
    Keine Lockung konnte ihn bewegen, den abgeschiedenen Ort, auf dem er zu
leben gewillt, zu verlassen.
    Er hatte meist ein freundliches Wesen, war auch nicht zerstreut und
beobachtete mit Genauigkeit und Schrfe, was sich rings um ihn ereignete. In
Zorn geriet er nur, wenn er irgendwo Zeuge von Tierqulereien wurde, und einst
hatte er, zum Hallo der Gassenjugend, einen heftigen Streit mit einem Fuhrmann,
der seinen mageren Gaul vor dem schwerbeladenen Wagen unter wtenden
Peitschenschlgen vorwrtstrieb. Da lachten die Leute ergtzt und sagten: Er
ist halt nrr'sch, der Professor.
    Agnes fhrte ihm den Haushalt und sorgte treu fr alle seine Bedrfnisse.
Wenn er vom Hause ging, brachte sie ihm Hut und Stock, und jeden Abend, bevor
sie sich schlafen legte, kte sie ihn auf die Stirn. Sie sprachen fast nie
miteinander, doch auf stille Weise war ein Einverstndnis zwischen ihnen
entstanden.
    In Gottfried wuchs ihm ein wohlgeartetes Kind heran. Er hatte Daniels
Krperformen und die Augen Lenores. Ja, es waren die Augen mit dem blauen Feuer,
auch hatte er Lenores mrchenhafte Unberhrbarkeit und ihren Abscheu gegen alle
Lge und Verstellung. Daniel erblickte darin ein Naturspiel von ergreifendem
Tiefsinn; alle Gesetze des Bluts schienen wesenlos, und oft irrte sein Gefhl
zwischen Dank und Staunen.
    Von Dorothea hrte er eines Tages, da sie ihr Leben als Violonistin bei
einer Damenkapelle friste. Er forschte weiter nach, die Spuren fhrten nach
Berlin, dann verloren sie sich. Ein paar Jahre spter wurde ihm mitgeteilt, sie
sei die Mtresse eines bhmischen Gutsbesitzers und fahre im Automobil an der
italienischen Riviera spazieren.
    Auch der Tod des Herrn Carovius wurde ihm berichtet. Seine letzte Stunde,
hie es, sei schwer gewesen, und er habe in einem fort gerufen: Meine Flte,
gebt mir meine Flte!

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An einem Augusttag des Jahres 1909 feierten Daniels Schler den fnfzigsten
Geburtstag ihres Meisters. Sie brachten ihm allerlei Geschenke und
veranstalteten ein Essen im Gasthaus zum Ochsen.
    Einer der Schler, ein bildhbscher Jngling, dessen Zukunft Daniel
besonders am Herzen lag, berreichte ihm einen groen Strau Feuerlilien, wie
sie dort in den Wldern wachsen. Er hatte sie selbst gepflckt und in eine
kostbare Vase getan.
    Es gab frugale Speisen, und dazu wurde frnkischer Landwein getrunken.
Whrend des Mahles stand Daniel auf, ergriff sein Glas, und mit fernsehendem
Blick sagte er: Ich trinke auf ein Wesen, das keiner von euch kennt, das hier
in Eschenbach aufgewachsen und mir seit vielen Jahren geheimnisvoll entschwunden
ist. Aber ich wei, in dieser Stunde ist sie glcklich und geliebt.
    Alle erhoben die Glser. Sie sahen ihn an und waren von der Kraft und
Klarheit seiner Zge bewegt.
    Danach begab er sich mit den Schlern in die Kirche. Er lie beide Torflgel
ffnen, so da das Tageslicht hereinstrmte und in der dunkel gewesenen Hhe
eine milchige Helligkeit verbreitete.
    Er stieg zur Orgel hinauf und fing an zu spielen. Ein paar Mnner und
Frauen, die ber den Platz hatten gehen wollen, traten in die Kirche und setzten
sich still neben den Schlern auf die Bnke. Dann kamen Kinder; schchtern
trippelten sie durch das Tor, blieben stehen und machten groe Augen. Und immer
mehr Leute kamen, denn die mchtigen Klnge fluteten bis in die Wohnungen. Alle
schauten schweigend und ernst zur Orgel empor, deren erhabene Harmonien sie dem
Alltag und seiner Niedrigkeit unerwartet entrckten.
    Die Tne schwollen an wie ein Gebet aus bervollem Herzen. Als der
rauschende Hymnus zum Schlu gediehen war, drang aus den Reihen der Zuhrer ein
leises Mdchenweinen.
    Es war Agnes, die weinte. Wurde das Leben in ihr vllig aufgeweckt? Rief
Liebe sie hinaus ins Unbekannte? Wiederholte sich in ihr, was ihrer Mutter
geschehen war?
    Kinder wachsen auf und werden von ihrem Schicksal ergriffen.
    Gegen Abend machte Daniel mit seinen neun Schlern einen Spaziergang ber
die Wiesen. Sie gingen weit; letzte Vogelstimmen erschallten, das Rot des
Himmels verblate.
    Da fragte der schne Jngling, der an Daniels Seite schritt: Und das Werk,
Meister?
    Daniel lchelte blo; sein Blick schweifte ber die Landschaft.
    Die Landschaft hat vielfaches Grn; an den Weihern steht das Gras hher, so
hoch oft, da man von den Gnseherden nur die Schnbel gewahrt, und wre das
Geschnatter nicht, man knnte die Schnbel fr wunderlich bewegte Blumen halten.

                                      Ende
