
                                 Mller, Robert

       Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                 Robert Mller

                                     Tropen

                              Der Mythos der Reise

                      Urkunden eines deutschen Ingenieurs

                                    Vorwort

Im Jahre 1907 war an der Grenze zwischen Brasilien und Venezuelas im
Quellgebiete des Rio Taquado ein Indianeraufstand ausgebrochen. Die europischen
und nordamerikanischen Reisenden, die sich innerhalb der Aufstandszone
herumtrieben, waren Angriffen und Mihandlungen ausgesetzt und konnten von den
anrckenden venezolanischen Regierungstruppen mit knapper Mhe vor einem
Massaker bewahrt werden. An der Spitze der Stmme, die sich gegen die immer
merkbarer bergreifende Zivilisation auf den Kriegspfad begeben hatten, stand
eine Priesterin namens Zaona. Sie hatte durch geheimnisvolle Weissagungen den
Sieg der indianischen Sache verkndigt und die wilden Triebe der Urwaldnationen
geweckt. Man htte in San Franzisko, Kalifornien, wo ich mich damals aufhielt,
wie berhaupt an den fortgeschrittenen Punkten der Welt von diesen Ereignissen,
die in den genannten Landstrichen keine Ausnahme vom gewhnlichen Jahresablauf
darstellen, kaum Notiz genommen, wenn nicht der bedeutende Umfang der Erregung,
gleichwie der Umstand, da ihr weihutige Auslnder zum Opfer gefallen waren,
die ffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen htten. Eine Expedition von
sieben Nordamerikanern und drei Deutschen, die in der Absicht, eine sogenannte
Freelandkolonie zu begrnden, ausgezogen war und von den Regierungen der in
Betracht kommenden Republiken militrischen Schutz erhalten hatte, war
schlielich zusamt ihrer Bedeckungsmannschaft aufgerieben worden. Die
Kolonisationsplne dieser kleinen Gesellschaft stammten von dem deutschen
Ingenieur Hans Brandlberger, der mit amerikanischem Kapital den grozgigen
Vorsatz verwirklichen wollte, fruchtbare Gebiete des inneren Sdamerika, die
heute noch von unendlichem Urwald berzogen sind, weien Farmern zugnglich zu
machen und auf kommunistischer Grundlage eine ideale Verwaltung der kultivierten
Gebiete durchzufhren. Brandlberger hatte das Schicksal seiner Begleiter
geteilt.
    Die Zeitungen brachten das Ereignis in Extraausgaben mit groen roten
Lettern. Zuerst las ich an dem Namen Brandlbergers, der als Fhrer genannt war,
vorbei. Dann, als ich mit der Ungeheuerlichkeit der ausgiebig geschilderten
Greuel vertraut war, fesselte die immerhin bemerkenswerte Tatsache mein Gemt,
da ein Deutscher die groen und interessanten Plne des von den Zeitungen
ausfhrlich behandelten Freelandunternehmens ausgearbeitet hatte. Mein
Gedchtnis beschwerte sich mit dem Namen Brandlbergers. Es war nicht eben ein
heroischer oder auch nur charakteristischer Name, und kein blendendes Schicksal
von Heldentum eines Forschers war in ihm vorgesehen. Er mochte hufig genug sein
und klang eher nach behaglichem Lebensgeschmacke denn nach eifernder Tatenlust.
Aber ich fhlte eine Verbindung zu diesem Namen. Hatte nicht einer meiner
Schulkameraden ihn getragen? Mein Gedchtnis qulte sich wie ber eine seiner
bsesten Snden. Ach nein, ich hatte niemals einen Trger dieses Namens gekannt!
Was mich qulte, war der Bleistift, den ich soeben verlegt hatte und inzwischen
mechanisch suchte. Ich suchte ihn ber und unter dem Schreibtisch, ich
durchstberte den Papierkorb, ich schaute, im vorhinein hoffnungslos, ins
Gestnge der Schreibmaschine; ich ri endlich die Schubladen auf, in denen sich
die Manuskripte huften - - - da scho mir, von dieser Bewegung zitiert, eine
Erinnerung durch den Kopf, und ich verschmhte den Bleistift. Nach ein paar
tastenden Griffen zwischen staubiges Papier hielt ich das umfangreiche
maschingeschriebene Manuskript in Hnden, das Hans Brandlberger mir vor langer
Zeit persnlich bergeben hatte.
    Dieser Vorgang spielte sich in den drei gut auf ihre Zwecke hin
ausgestatteten Rumen ab, die sich Redaktion der three worlds nannten. Three
worlds, fr die ich damals die Lektre einlaufender Manuskripte besorgte, waren
eine internationale Monatsschrift, die philanthropischen Zwecken gewidmet war
und in Peking, Frisko und Berlin, das heit in den bedeutendsten und
meistgesprochenen Sprachen der Welt erschien. Sie verffentlichten Arbeiten
jeder schriftstellerischen Art auf allgemein verstndlicher Grundlage. Ein
kurzer Einblick in das Manuskript Hans Brandlbergers hatte dessen
Unbrauchbarkeit fr unsere Zwecke erwiesen. Der Gang der Erzhlung wird durch
langwierige Ausfhrungen unterbrochen und die Technik des Vortrages ergeht sich
streckenweise in so ungeheuerlichen philosophischen Abschweifungen, da es
fraglich erscheint, ob der Verfasser berhaupt je so etwas wie einen erzhlenden
Stil beabsichtigt habe. Aber dies war der ganze Grund nicht, aus dem three
worlds die Aufnahme und Verffentlichung der Arbeit trotz aller aktuellen
Beziehungen zurckwiesen. Der Herausgeber der Zeitschrift, ein hochstehender und
vielvermgender protestantischer Missionsleiter, dem ich das Manuskript nunmehr
nach eingehender Lektre mit leidenschaftlicher Empfehlung bergab, wies es nach
Einsicht in ein paar Stellen wegen inhaltlicher Bedenken zurck. Es widersprach
in seinen Ideen und Beweisfhrungen den philanthropischen Grundstzen der von
ausbeuterischen Millionren gefrderten Zeitschrift.
    Ich habe mich nun, angestachelt vielleicht durch die Leichtfertigkeit, mit
der den Redaktionen dogmatische Einwnde gegen oft wenig geprfte Werke einer
freien und unabhngigen Schpfung geltend gemacht werden, entschlossen, das
herrenlose Manuskript als Buch zu verffentlichen. Ich bin mir vollstndig
darber klar, da ich durch diese Tat kaum die Literaturgeschichte, aber
vielleicht die Geschichte der Menschheit um einen wertvollen Beitrag bereichere.
Irgendwelche anderen knstlerischen Absichten, als scharf und umfassend zu
beschreiben, treten darin nicht zutage, wie es von einem Manne, der
naturwissenschaftliche und technische Studien betrieben hat, auch nicht anders
zu erwarten ist. Wenn gleichwohl hier und da die Anstrengung deutlich wird,
etwas zu schaffen, das ein Ergebnis von Kunst sein knnte, so mchte ich die
Ermdung des Verfassers im reinen Zeugenschaftablegen darauf zurckfhren, da
es ihm mitunter wohl auch darum zu tun war, sein Erlebnis so gegenstndlich und
gegenwrtig als mglich zu verdeutlichen. Es war keineswegs ein klarer und in
seinen Absichten ausgesprochener Mensch; dies geht aus seinen Schriften nur
allzu deutlich hervor; er wollte vielleicht, whrend er Zeugenschaft ablegte, zu
vieles zugleich, denn er besa eine einzige Tugend: er war grndlich! So da man
seiner Arbeit zwar nicht die eines Kunstwerkes, aber immerhin die eines
Dokumentes zuweisen kann.
    Er legt Zeugnis ab von einem Typus, und dies ist selten genug. Hans
Brandlberger war ein junger Mann vom Beginn des 20. Jahrhunderts, und er war
durchaus so, wie alle jungen Leute dieser alten Zeit. Ich erinnere mich seiner
persnlichen Erscheinung jetzt deutlich genug. Er war klein, schmal, aber
kompakt in den Schultern, und trug in dem lnglichen, blassen Gesichte ein
ziemlich starkes Augenglas. Sein Haar war sehr blond und auf der linken Seite
gescheitelt. ber die rechte Wange lief ein zarter Mensurschmi, und diese Narbe
gab ihm jenes Charakteristikum, nach dem man ihn einschtzte. Er schien ein
junger Durschnittsdeutscher zu sein. Diesen Eindruck jedoch straft die
Durchsicht seines Buches ein wenig Lgen. Er war mehr als einer jener jungen
deutschen Mnner mit berzeugungen, Mangel an Taschengeld und mehr oder weniger
Aussichten auf eine brgerliche oder staatliche Laufbahn; er war aber auch
vielleicht weniger. Er war ein Grbler. Er war als der Typus des beginnenden 20.
Jahrhunderts vor dem groen Kriege ein Mann ohne eigentliche Begabung und ohne
Charakter, ja, kaum ein Mann von Geist - - wenn man unter Geist die harmonische
Mischung von Freiheit und Gebundenheit des Urteils versteht. Und um Geist zu
haben, war er zu frei und zuviel Whltier. Aber er besa die gewisse geistige
Energie, die dieses Jahrhundert in seinem Beginne auszeichnete. Er war tief - -
das heit kleinlich, bei starkem, ethischem Interesse amoralisch und in mehr als
einem Sinne liberal. Er war stets ein wenig bse und gereizt gegen sich. Er war
analytisch.
    Um sich einen Halt gegen seine Fehler zu schaffen, war er ehrlich. Es ist
vielleicht die gewhnlichste und heute nicht mehr verzeihlichste Art, seine
Schwche zu beschnigen. Und schon, glaube ich sagen zu drfen, ahnte er dies.
Sein Verhltnis zu Jack Slim, dem Amerikaner, wurde ihm zum Problem. Er geriet
so auerordentlich unter den Einflu dieses Mannes, arbeitete sich so grndlich
an dieser ihm ganz entgegengesetzten und darum seiner Sehnsucht kaum fremden
Natur zu einer Art Nachfolgerschaft durch, da es beinahe scheinen mchte, als
sei sie eine freie Erfindung seines spekulativen Dranges, seines heftig
monologisierenden Innenlebens. Ja, ich wrde, von der Lektre seines
Manuskriptes scharf, argwhnisch und kombinationslustig gemacht, nicht anstehen,
eine solche Behauptung einfach aufzustellen und aus gewissen Stellen zu belegen,
wenn nicht Jack Slim eine historische Figur gewesen wre, von der die meisten
unter uns erfahren und sich ein Urteil gebildet haben.
    Man wei ja, wer Jack Slim war; der seltsamste Mensch vielleicht, der seit
Cagliostro Europa zum Aufhorchen oder Lcheln veranlat hat. Er war berchtigt
durch seine politische Exzentrizitt, seine unmglichen Prophezeiungen ber die
Entwicklung des menschlichen Geschlechtes und seine theosophischen Bestrebungen.
Er hatte Verbindungen an allen Ecken der Welt, war ein Freund Tolstois, kannte
als Student Gauguin, sa in Wiener Kaffeehusern an der Tafelrunde Altenbergs
und beriet den deutschen Kaiser. Man wei heute, da er es war, der Kaiser
Wilhelm II. beim Ausbruch des Burenkrieges zur Abgabe jener drohenden Depesche
gegen E. veranlate. Er war aus irgendeiner seiner vielen Paradoxien her ein
politischer Gegner der Englnder; vielleicht auch nur darum, weil seine
orientalische Herkunft, die sich gern mit Indien identifizierte, mchtiger war,
als bekannt ist. Denn es ist in der Tat so ziemlich nachgewiesen, woher Slim,
der Amerikaner, eigentlich kam. Sein Grovater, Selim Bukabra, ein Araber aus
dem Hedjas, war gerade zur Zeit, als der preuische Hauptmann Helmut Moltke in
trkischen Diensten weilte, Offizier des Sultans gewesen. Er war einer der
intelligentesten und fhigsten Soldaten der Reorganisationsperiode und schlo
sich dem Preuen in Freundschaft an, als dieser in seinen ursprnglichen Dienst
zurckkehrte. Er heiratete eine deutsche Offizierstochter und begab sich spter
mit ihr nach Nordamerika, wo er sich in der Marine eine Laufbahn zu schaffen
wute. Er trug hier seinen verkrzten verstmmelten Vornamen als Familiennamen.
Sein Sohn Jack, in der Kriegsmarine der Union erzogen, trat spter in die
Handelsmarine ber und verlegte den Schwerpunkt seiner Ttigkeit nach Peru. Dies
ist der Vater des historischen Jack Slim. Die Herkunft von Jack Slims Mutter war
in jeder Beziehung dunkel. Man hat ber sie nie etwas anderes in Erfahrung
bringen knnen, als da sie, ungebildet, aus der Hefe des eingeborenen Volkes
stammte und niemals mit Jack Slim dem lteren verheiratet war. Der junge Jack
wurde gleich seinem Vater auf einem U. S. A. Schulschiff erzogen und ging spter
in die Welt hinaus.
    Seine Vorliebe fr das deutsche Volk ist bekannt. Alle seine politischen
Projekte beschftigen sich mit der Zukunft des Deutschtums. Er hatte drei Ideen,
die er immer wieder vertrat. Er befrwortete die Grndung eines groen deutschen
Kolonialreiches in dem noch unerforschten Arabien. Er, der nchst Palgrave der
grte Arabienreisende gewesen ist, pflegte zu beteuern, da Arabien reichlich
so vielversprechend sei wie Kanada oder Sibirien; und da die deutsche Nation
hier ein Kulturwerk schaffen knnte, das selbst Indien hinter sich lassen wrde.
Seine zweite Idee hngt mit den mystischen Neigungen seines Temperaments
zusammen. Er war Katholik und wute sogar auf den deutschen Kaiser eine Zeitlang
einen starken Einflu in dieser Richtung geltend zu machen; Katholizismus und
Weltmannstum schienen ihm identisch. Seine Broschre ber die Zukunft des
sterreichischen Staates gipfelte in der Aufforderung, dem Papsttum dadurch
seine Unzukmmlichkeit fr die nrdlicheren Nationen, Deutsche und Slawen, zu
nehmen, da man seinen Sitz in eine sterreichische Provinz, nach Steiermark
oder Tirol, verlegte. Er erhoffte sich von dieser staatsmnnischen Tat eine
vollstndige Umwlzung der geistigen Richtung; worauf es nach seiner Meinung in
dem vom Liberalismus zersetzten sterreich ankam. Im Zusammenhang damit mochte
seine Idee ber die Schpfung eines jdischen Reiches am Schwarzen Meere stehen.
Es war als Reservoir fr das die brige Welt mit auflsenden Tendenzen speisende
jdische Volk und als Pufferstaat gegen die asiatischen Gebilde der Zukunft im
Tibet und in Kaukasien gedacht. Vielleicht war hier brigens nicht nur die
Sympathie fr den reinen Typus des Westariers, sondern auch jene fr das
semitische Element, von dem er einen guten Teil in sich trug, ausschlaggebend.
Solchen Einflssen entzieht sich auch der freieste Geist nur schwer. Und Slim
wollte sich ihnen gar nicht entziehen: er sah in ihnen im Gegenteil die Werte
fr jede Kulturbildung. Es geschieht das Eigentmliche, da wir hier einen Mann,
dessen geistige Erfahrung, Blutzusammensetzung und Bildung ihn zu einem
Nihilisten bestimmen, als konservativen Typus wirken sehen. Es ist, als ob die
Natur in ihm nach Kmpfen, Mischungen und Versetzungen einen wirklich reifen
Typus htte schaffen wollen.
    Immer wieder hat es Mnner, die dieses interessante Leben verfolgten,
beschftigt, warum trotz alledem Slims Plne, die eine Welt htten neu aufbauen
knnen, scheiterten. Nichts von seinen Ideen ist bis heute verwirklicht;
vielleicht nicht einmal er selbst. Nun, nachdem ich das Manuskript des deutschen
Ingenieurs gelesen habe, glaube ich es zu wissen. Er war zu langschrittig; er
lie die allgemeine und naturgeme Entwicklung nie an sich herankommen; die
Folge davon war, da Menschen, die weniger begabt waren als er und ihm nicht
folgen konnten, es im allgemeinen weiter brachten. Was sich niemand bei seinem
Anblicke, der einen sachlichen, lebhaften und waghalsigen Blutmenschen
enthllte, htte einfallen lassen, wird aus einer Bemerkung deutlich, die er
ber sich selbst dem Ingenieur gegenber fllt: er war ein durchaus
theoretischer Mensch, fr den auch die hchste und brutalste Aktivitt nur ein
geistiges Entwicklungssymbol war. In dieser Offenbarung aber einen historischen
Menschen, der uns alle durch sein reiches und groteskes Leben beschftigt hat,
suche ich den Wert des vorliegenden Buches, das ein alltgliches und
unrhmliches Ende erzhlt. Es ist kein Zweifel, da der Jack Slim des Buches und
jener Jack Slim eine Person sind. Wenn ich ganz ehrlich bin, mu ich gestehen,
da diese berraschung der letzte und wirksamste Grund zur Verffentlichung des
vorliegenden mangelhaften Manuskriptes geworden ist. Slim wurde das Opfer einer
Eifersucht. Man denke sich drei weie Mnner, die mit der Glut der Tropen im
Blute um eine Indianerin werben - da fllt mir ein, sie hie Zana. Ob die
Trgerin dieses Namens mit jener Priesterin Zaona identisch ist, die Jahre nach
den Geschehnissen, die hier erzhlt sind, den groen Indianeraufstand
entfesselte, war nicht zu erweisen. Vielleicht war sie es wirklich, dann lag nur
eine individuelle Lautauffassung ihres Namens vor. Und dann htten wir wieder
einen der seltsamen Zge aber die Beziehungen der Menschen in der Wirklichkeit
vor uns, einen jener Zge, an denen dieses geheimnisvolle Buch so reich ist.
    Und geheimnisvoll ist es, dieses Buch. Es vermeidet die Aussprache von
gewissen tiefen und bsen Dingen und verhtet so, da sie zu moralistischen
Dingen werden. Es hat ersichtlich das Bestreben, ehrlich zu sein, und ist darum
ersichtlich unaufrichtig und indirekt. Die Absicht des Verfassers, die
Brutalitt des Tiefsten der Ergnzung statt der Erzhlung zu berlassen, scheint
sein leitender Gedanke und seine heikelste Scham gewesen zu sein. Wie also Slim
und der Hollnder starben - ich erwarte da mit dem Verfasser vieles von dem
Verstndnis und dem Takt der Leser.
    Dies nun ist die Geschichte eines deutschen Ingenieurs.
    

                                       I


Mdchen und Frauen aller Lnder und Rassen habe ich gesehen, farbige Schnheiten
von verschiedenstem Reiz, aber die bernatrliche seltsame Wirkung, die von Zana
ausging, habe ich nie mehr erfahren. Und doch war Zana nur eine armselige
Indianerin und urwchsig vom kostbaren Grtel, der ihre sonst nackten Lenden
umgab, bis zu den krftigen Fingerspitzen, die mitleidlos in die Wunden von
Mnnern greifen mochten.
    Dann war da jener Mensch, Slim, der Amerikaner. Er besa Mut und doch
Gewissen, und war wie der unzeitgeme Mensch einer mittelalterlichen
Abenteurerlust, ein verspteter Nachkomme eines Konquistadorengeschlechtes, khl
und hitzig, baumlang, stark und furchterregend. Von seinem Vater, einem
amerikanischen Seemann, hatte er die Vernunft und Willenskraft des Nordens, von
seiner farbigen Mutter die Launen des Blutes geerbt. Diese eigentmliche
Zusammenstellung in Slims Begabung machten ihn zu einer charakteristischen
Persnlichkeit jener mittel-und sdamerikanischen Zone, die noch heute den
Sammelplatz fr brutale Herrennaturen und Flibustiertypen darstellt.
    Das Jahr 19.. fand mich in Curaao, wohin mich eine technische Mission fr
die Vereinigten Staaten des Nordens verschlagen hatte. Man hatte mich schon im
vorhinein mit den Abenteuern und den ausgefallenen Situationen jener
Halbzivilisation vertraut gemacht, und begierig harrte ich kommender Dinge. Da
lernte ich einen Hollnder namens Van den Dusen kennen. Er war ursprnglich
Offizier der Kolonialtruppe auf Java, dann Kaufmann von Beruf, mit jener gar
nicht unmodernen Beimischung von Lanzknechttum, das in fremdem Dienste seine
Energie und Erfindungsgabe an die verwegensten Aufgaben wagt. Er fhrte auch
diesmal eine ganze Liste von Unternehmungen im Kopfe, die er mir nicht
vorenthielt und mit denen seiner Meinung nach Sensationen und Reichtmer bis ans
Lebensende zu gewinnen waren.
    Ich verhielt mich zweifelnd. Er war nahezu beleidigt, er nannte, er rckte
mit Vorschlgen heraus. Zwei Jahre sind es her, sagte er nachrechnend, und
ich war damals in Cartagena. Da hatte ich mit einem Manne namens Slim zu tun. Er
schleppte den unerhrtesten Gedanken mit sich herum, mit dem ich jemals
Bekanntschaft machte. Alles, was man zu tun hatte, war, verstehen Sie mich
recht, war wrtlich, das Gold dort wegzunehmen, wo es lag - Millionen Goldes,
sage ich Ihnen!
    Schn, sagte ich, und warum geht er nicht hin und nimmt es weg, wie Sie
sagen - - - ?
    Ja, antwortete der Hollnder, aus seiner Begeisterung pltzlich in eine
fremde khle Logik verfallend, und mute, als Kenner, diese Mglichkeit nun
pltzlich ein fr allemal durch ein Achselzucken ablehnen, er selber kann's
nicht schleppen, und die Geschichte flssig machen, das kostet Geld, Geld, - und
er hat schlecht gespielt in den letzten Zeiten, setzte er bedauernd hinzu.
    Hm. Tja, und wo soll denn dieses Gold liegen, frug ich mit nur halbem
Interesse. Soviel wute ich schon, die Schatzlegenden waren in Sdamerika und in
jener Weltgegend so zahlreich wie die Moskitos.
    Der Flmische machte ein schlaues Gesicht und sah mich belustigt an:
Geheimnis! warf er hin. Wir lieen das Thema fallen.
    Vierzehn Tage spter bekam ich Slim zu Gesicht. Auf einem hollndischen
Postdampfer kam er an. Van den Dusen begrte ihn vertraulich und frug nach dem
Stand seiner Geschfte, mit bedeutungsvoll gehobener Stimme. Nun, Slim schien
nicht gerade angeregt. Es war mir aufgefallen, da er alle Menschen, die ihn,
eine pittoreske Erscheinung selbst nach romanischen Begriffen, einen Augenblick
lang ihrer Neugier fr wrdig hielten, finster betrachtete. Und da kam's auch
schon heraus. Er sei, so sagte er, von Spionen umgeben und jede freie Aktion sei
ihm dergestalt verwehrt. Ich sah jene aufdringlichen Fremden unter seinem Blicke
schchtern werden, sie gingen verwirrt weiter, und kein einziger hat es mehr
gewagt, sich umzudrehen. Das geierhafte Gesicht mit den stechenden schwarzen
Augen wurde mir interessant. Er war entweder ein Spitzbube oder ein
lebenstchtiger, durchaus eindeutiger Mann, der wute, was er wollte, und in
aller Preisgabe seiner selbst noch ein einsamer Tuer blieb. Die Notizen, die er,
mehr unterrichtend als erzhlend, von der Geschichte des Schatzes gab, flssig
und przise und anerkennenswert disponiert, brachten mich ihm zum ersten Male
nher und gaben fr die sympathische Alternative meiner unentschlossenen
Freundschaft den Ausschlag.
    Auf einer seiner vielen Irrfahrten hatte er whrend einer kolumbianischen
Revolution einem indianischen Soldaten, der von irgendwoher aus dem Innern kam
und gewaltsam den friedlichen Htten seines Stammes entrissen worden war, das
Leben gerettet. Unter den freibeuterischen Zufallsarmeen befehdeter
sdamerikanischer Parteigenerle befinden sich genug solcher Individuen, die
sich erst weigern, durch die Peitsche, vielleicht auch durch Todesdrohungen zum
Dienst gezwungen werden und spter von selbst mitlaufen, weil sie wissen, da
sie am nchsten Baume gehenkt werden, wenn ihr unbrgerlicher Beruf sie einmal
irgendwo allein in einer Ansiedlung oder unter dem allzeit unruhigen Mob einer
feindlichen Stadt verrt. Aus Dankbarkeit gab der braune Bursche, der seinem
Schicksal spter doch nicht entging, seinem Offizier einen kuriosen Scheck auf
das Glck, eine gebackene Sandmasse, eine Art Ziegel, auf der eine Menge
indianischer Buchstaben geheimnisvoll durcheinandertanzten. Die Geschichte, die
er dazu erzhlte, klang gefabelt, aber Slim schwor, da er schon rgeres in
seinem Leben besttigt gefunden habe. Die Hieroglyphen waren seiner Aussage nach
das Faksimile einer Inschrift, die ein Felsen im Innern Gujanas trug. Ein
Wasserfall zerschellte dort am anfragenden Steinklotze und die tosenden Wasser
schossen in winkelig zueinanderstehenden Silberbndern in ein braun lasiertes
Becken zwischen dichtestem Urwald hinab. Hinter dem unaufhrlich rollenden
Silberfilm aber lagen gehuft die Schtze einer Karawane, deren weie Begleiter
die indianischen Pfadfinder und Arbeiter, nachdem sie berflssig geworden
waren, an dieser Stelle vor Jahrhunderten dem Schwerte preisgegeben hatten und
schlielich der Blutrache des berlebenden Stammes, dem auch jener
kolumbianische Sldling spter entspro, bis auf den letzten Mann erlegen waren.
    Slim, dessen Pathos mich fortzureien begann, erzhlte, da zwei fruchtlose
Versuche, das Lokale des Schatzes zu finden, hinter ihm lgen. Eine
Schwierigkeit bestand in der Entdeckung jenes Stammes, dessen Medizinmnner und
Priester das Geheimnis noch heute hten muten.
    Die Geschichte des Felsens mit den Meielzeichen klang nicht unannehmbar.
Allenthalben ragten die primitiven Denkmler indianischer Raufereien, Duelle und
mysteriser politischer Stammesereignisse an Flssen und bewohnbaren Oasen im
Djungle des inneren Sdamerika auf. Mochte ich auch dem Ausgange und der
Erfllung des letzten Zweckes einer solchen Expedition zweifelnd
gegenberstehen, so hatte meine Unternehmungslust doch einen Antrieb erhalten,
ich wurde nervs, schien ungesttigt, mein Gehirn kam ins Spekulieren, und die
Kaffeehuser der venezolanischen Provinzstdte, in denen wir uns jetzt zu dritt
herumtrieben, wurden mir bald die lstigsten Gefngnisse der Welt. Eines Tages
aber begannen wir zu rsten, mein Ttigkeitsdrang erhielt ein Feld, es dauerte
einen Monat, und da ward es pltzlich stille um uns, unheimlich stille, der
Urwald schlug ber uns zusammen und die Welt der Maschinen und der Konversation
da hinten blieb ein Traum unserer hartnckig arbeitenden Phantasie, die einen
Strom von Gold in jene Kulturen zurckfhrte.

                                       II


Wir befanden uns in diesen Tagen auf den braunen klein gewellten Wassern des Rio
Taquado. Vier Indianer, gebte Fluleute und Pfadfinder durch den Djungle,
ruderten uns in zwei Booten. Die Breite des Wassers, das saumselig gegen unseren
stromaufwrts gekehrten Kiel splte, war nirgends bestimmt festzustellen.
Lagunen fielen ins Land und fingen im braunglasigen Spiegel die trge dampfende
Ruhe eines schweigenden Urwalds, den kilometerlange Systeme von Schlinggewchsen
zu einem einzigen quirligen Laubfilz zusammenspannen. Inseln und Halbinseln
krochen vor und trugen sichtbar die Knoten verschlungener Riesenpflanzen und
Bume, sie stellten eine gefahrvolle Barre dar und zwangen uns zur Steuerung in
Mandern. Wenn wir aber vorbei waren und die Wellen unserer flinken Khne sie
erreichten, begann, was massiv geschienen hatte, zu schaukeln. Schleimige,
schwarz glnzende Bildungen tauchten auf und nieder, wurmartige ste, die im
klaren Wasser wie Spiee gedroht hatten, begannen rhythmisch zu bndern und
zuckend zu greifen. Der Flulauf war eine aufgereihte, in weiten Schlingen sich
schlngelnde Schnur von kleineren und greren Seen, ein ununterbrochenes
Szenarium von Buchten. Bald verflachten sie zu morastigen Untiefen, aus denen
die herzblattfrmigen Stechruder Blasen und lehmige Wirbel auflffelten, bald
zwngten sie sich zu laubberschatteten Tunnels, in denen das Wasser
stillzustehen schien, schwarz, ungesund und fettig, wie es uns da fhlbar trug.
Denn das war das Erregende an solchen Stellen, da sie pltzlich das eigene
Schwergewicht ins Bewutsein riefen. Man empfand den zhen breiten Widerstand
der brodemhaften Wassermassen gegen die Bootswnde. Whrend im harmlosen Gleiten
des Fahrzeugs die Wasserflche das Letzte und Sicherste schien wie die
Oberflche der festen Erde, entstand hier die Beobachtung einer im Mittel
schwebenden Situation; das gewohnte Gefhl, am uersten Grunde aller Dinge zu
sein, das man gegenber dem unendlichen All des Himmels auch noch auf den
hchsten Bergen in sich wei, dieses Gefhl fehlte hier; es war ein Schweben
ber unreiner Tiefe, und eine Distanz, die nur nach der einen Seite gewohnt war,
stellte sich nun nach einer zweiten hin ein.
    An seichten Stellen schwammen warzige Eidechsen und Alligatorenfamilien,
ineinander verschrnkt, von ferne karstigen Klippen hnelnd. Der Schlag der
Ruder versprengte sie wimmelnd ins kreiselnde Wasser, Perlen schossen aus
Luftminen auf und setzten sich zu weien und rosigen Schaumaugen an. Zur Rechten
und Linken, vorne und hinten hielt der Wald sein Schweigen, nur das Tropfen
reifer Frchte und der drahtige Klang vom Fallen knusperiger abgestorbener
Zweige strte das Brten. Wo ein Ende schien, ffnete sich pltzlich die graue
Laubwand auf lautlose Zauberformel hin, glitt im Vorschieen des Kahns tuschend
wie Vorhnge zurck und gab ein neues Stck der Flulandschaft blendend frei. Im
Rcken schlugen die Ufer wie fr immer zusammen, bse, erregt, anders, als wir
sie fanden, verstrt ber die unheimliche Kraft: Mensch, die hier ihre gewohnte
Gltte in schaudernde Vibrationen und alpschwer empfundene Strungen ihres
Traumes brachte ...
    Halt; was war das? Einen Augenblick lang rafften sich die eingeschlferten
Geisteskrfte auf, die Lethargie platzte wie eine der Fruchtkapseln im
brtendstillen Walde, sechs Sekunden lang fhlte ich mich so frisch und hell,
als ginge ich auf dem Sonntagspflaster einer hbschen mitteleuropischen Stadt
und dchte einen unbekannten Gedanken. Ich hatte eine blitzartige
vorberhuschende Erkenntnis, eine Erinnerung wollte sich formen, ein paar
Vorstellungen liefen vage zu einem Urteil zusammen ... und da wurde das weie
Licht des Tages grau vor Weie, es trmte sich zu einer sinnlichen Mauer von
Widerstand, an der das Denken zerbrach. Ich nahm mich in Zucht, qulte mich zu
einer hchsten Verengung zusammen, aber die graue Masse meiner Gedanken, die
sich der Monotonie der Auenwelt angeglichen zu haben schien, rhrte sich nicht.
Meine Spannung wurde weich, sie lste sich wieder in jene einfrmige dicke
Empfindung auf, in ein ppiges Dahinsein, eine gierige Benommenheit. Aber die
Wollust der de war durch ein lauerndes Interesse getrbt. Ich konnte unter
diesen Verhltnissen die angemessene Lebensfreude nicht mehr zurckgewinnen,
inmitten des sen Stumpfsinns qulte eine Plumpheit, ein Rest, eine unbequeme
Originalitt, am Grunde meines Bewutseins hing ein Ballast und machte
Schwierigkeiten. Der Gedanke, der meinen entwhnten Krften entglitt, bevor er
unter dieser sengenden Hitze reif ward, er kam wieder, er machte sich lstig:
pltzlich summten mir die Ohren von ihm, als htte ihn einer ausgesprochen. Der
Gedanke war: All dies hatte ich schon einmal erlebt. Diese milden mden Wasser
hatten um mich gesplt. Dieses scheinhafte Licht, diese Se, diese Laune,
dieses Dmmern im Unausgesprochenen war nicht neu, es traf auf Erinnerung im
Menschen, es war eine - Wiederholung. Wo aber, wo hatte ich diesen Zustand der
Tropen, diese Szene willenlosen Wachsens durchgemacht, wo, wo?
    Es war hei, ha, hei, und der Flu mochte vielleicht eben den quator
schneiden; diese lcherliche Versicherung, lcherlich, weil ich sie mir geben
mute, durfte ich mir geben: da ich hier noch nicht gewesen bin. Aber nun
beginne ich zu zweifeln, ich lache dabei innerlich, aber ich beginne regelrecht
zu zweifeln. Ob ich mich nicht vielleicht doch irre? Es ist mir nun einfach
unmglich, zu verzichten. Ich kann meinem Extragedanken nicht unrecht geben, ich
bin bereits einmal unter sengenden brtenden lichtbeflissenen Umstnden
dagewesen. Dagewesen ... hm. Ich habe eine heftige aber umrilose Erinnerung.
Ja, ich bin hier Brger, hier stehe ich und falle ich, ich brauche mir vom
Bewutsein nichts vorschreiben lassen. Donnerwetter, wie ist das nun, wenn,
sagen wir, jemand verrckt ist? Ich bin ein wenig gelhmt vor Schreck, ich rhre
mich nicht, um nicht an den drohenden Wahnsinn zu stoen, es ist in diesem
Augenblicke alles ungewi und vielleicht bin ich gar nicht vorhanden. Vielleicht
bin ich nur eine von den Flechten, die hier merkwrdig im Wasser rotieren, eine
mit einem Gehirn, mit einem kranken bsen Gehirn ... Aber gleichzeitig reckt
sich eine Art Schadenfreude in mir, hehe, ich bin tralalla, tralalla - - ffst -
peinlich genug, ich glaube, nun habe ich wirklich gesungen, so gefltet  la
se Ophelia, hm, hm, hm, hm, - - eine sachte, aufrichtige Freude beherrscht
mich. Ist es nicht unglaublich ... und ich bin doch dagewesen. Dagewesen,
dagewesen - ich mchte es singen, ich mchte es kauen und essen vor Vergngen.
Dies alles sollte ich nicht kennen, diesen trgen La der Wasserpflanzen, die
schwimmen, schaukeln und in dem Brudel vergehen mchten, alle diese fleischigen
aufgelsten Krper von Blumen, Getieren und Wasserwesen, all dies Gelefze und
dies Schlampampen, das so anschaulich ist, das ich mit der Haut erfasse, mit dem
ganzen Leibe erlebe - dies alles sollte ich nicht kennen?
    Vor Vergngen lief es mir kalt ber den Rcken. Mitten in dieser rasenden
Sonnenglut? Hatte ich Fieber? Augenblicklich focht es mich nicht an. Die
Hauptsache war, da ich das Wiedersehen feierte. Dieses trge dumpfe Glck war
mir ein alter lieber Freund, mir, der ich aus einer nervsen, in jeder Minute
fatalen, aus einer so unbeschaulichen Stadt kam! Ich strengte meine Augen an, um
die Bekanntschaft mit den Einzelheiten der Szenerie zu erneuern. Ich schaute und
schaute den pltzlich vertrauten Dingen die Seele aus; aber leider wollte sich
noch nichts Bestimmtes im Gedchtnis einstellen. Statt dessen bekamen die
Konturen des Laubes rote Sume und die Luft begann wie ein berzartes Netz vor
den Augen zu rieseln. Meine Gewaltsamkeit fhrte nur dazu, da ich eine Art
Spektrum in diese grellweie Luft hineinsah.
    Wie es dann endlich geschah, da ich meinen Extragedanken vollerblht zu
Gesicht bekam, das entzieht sich beinahe meiner Kontrolle. Nachdem ich mich zwei
Tage lang appetitlos durch diese Misere hindurchgeschleppt hatte, wurde die
Geschichte auf eins, zwei, drei erledigt. Nach wie vor schlngelten wir uns den
Flu entlang, dessen Ufer, so unausgesprochen wie die eines Sumpfes, sich nie
und niemals zu einer schnen Parallelitt bequemen wollten. Aus dem Reich des
Waldes gelockert, standen immer ein paar der Bume im Wasser. Milde wie
flieender Honig trieb die unmerkliche Strmung dazwischen hin, mehr eine
berschwemmung denn ein Flubett. Immer noch barg die Tiefe ihre Rtsel, noch
hatte ich mich nicht mit ihr ausgeshnt. Inseln von Wasserlilien drehten sich um
ihre Achsen, schoben dabei sich langsam fort, vielleicht in eine nahrhaftere
Wassergegend, vielleicht in die Sonne, vielleicht in den Schatten, dann machten
sie in ihrer weilsamen Drehung halt und begannen sich, wie von einer Feder
getrieben, in der entgegengesetzten Richtung aufzurollen. Feiste Lianenarme
halsten die berhngenden Bume und nhrten ein Gefolge von laszive blickenden
Blten. Orchideen spreizten ihre kleinen dicken Rssel mitten durch die
Laubknoten, saftig und geschwellt bogen sich die Schenkel ungewhnlich geformter
Blumen auf handgroe behaarte Bltter herab. Im Wasser trieb eine Welt des
kleinen Grauens. Graugrne Knorpel, wuchernde Bltennarben, Kpfe, die begonnen
hatten sich zu spalten und aus deren klaffenden Hirnen es in winzigen spitzen
Zungen starrte. Umgekrempelte Lappen, die sich faserten, Finger, zwischen denen
Schwimmhute wuchsen, regungslos lebende Leiber, Leiber von einem unheimlichen,
unbeurteilbaren Leben, mit Spuren von Menschenhnlichkeit und Zgen, die nach
Entwicklung drngten. Wie im Traume sah ich Dinge, die im Nherkommen
gewhnlicher wurden. Der Umstand, da ich sie ergreifen konnte, gab mir etwas
von meiner Khle zurck ... aber dann lagen sie wieder hinten und plusterten aus
vollen Backen, wenn die Wellen unserer Boote sie auf und nieder schaukelten. Sie
drehten sich, hundert Augen sahen uns gespenstisch nach, und in diesen kalten
Augen lag ein Vorwurf. Diese Augen sprachen ein Todesurteil, einen Racheschrei.
Ihre Ruhe, die Majestt ihres Grauens ward verstrt, sie blickten bse und
begannen lcherlich auszusehen, wie der entweihte Nimbus einer Angstpuppe, einer
kompromittierten Angstpuppe, haha, einer dummen starren Panoptikumsfigur - -
diese Ftusse, die halb geistreich und fhig, wissend und werdend, halb
verlassen und zurckgeblieben, satt und seelenlos ein gestopptes Dasein von
Mglichkeiten fhrten, trumerisch, trge, willenlos gedreht und von
Nachgiebigkeit und Wohlsein trunken -
    Ahh! Was war das - - -
    - - - als es auch schon licht in mir wurde, ja, geradezu berirdisch zu
tagen begann. Das also war es! Das also war das Geheimnis, das ich mit diesen
unlauteren, trgerischen Nhrwassern der Tiefe gemeinsam hatte! Das also feierte
ein Wiedersehen von Morgen und Abend des Lebens! Im Schachte meines Bewutseins,
im Berge meiner Herkunft schlummerte eine Stimmung aus der Vorzeit von Millionen
Wesen, das mtterliche Sugen und Trnken des Stromes, die brtende Wrme der
Zone, die hilfreiche Ruhe des Miggangs hatten meinem simplen Triebe
geschmeichelt. Wie lange war es her: ... dreiundzwanzig Jahre und neun Monate
hatte ich zurckzugehen, dann hatte ich die Lebenshhe eines dieser knorpeligen
Zellenstcke erreicht. Meine Identitt mit diesem Zustande war festgestellt. In
diesen seimigen Tiefen hausten Wesen, denen ich einmal ein lieber Kollege
gewesen war. Vorzeiten siedelte sich die stammhaltende Zelle in diesen
Urwaldpftzen umher, kugelte sich an den Rndern fremder Pflanzen
schmarotzerisch entlang, lie ihre wimpeligen Fhler unter den wenigen Sten
sich mischender Wasser flattern und ihre gefiederten Muskelfden nach anderen
Organismen angeln, strangulierte ein Pflnzchen, ein Mikrbchen, ein Flhchen
und sog ihm alles Mark aus der einen Pore, aus der es vielleicht nur bestand.
Oder war selbst ein so wundervoll kompaktes Knspchen mit einem prall sitzenden
Mieder von Blumenblttern, ein Kelch, der langsam die Fcher seiner bunten
Schnheit entfaltete und Nahrung und Genu brgerlich durch ein Domestikensystem
von Wurzeln bezog, die in der Fulnis eines Brackwassers oder eines schwammig
gewordenen Holzklotzes huslich ihren Herd eingerichtet hatten und mittels der
einfachen Kost der zart zubereiteten Stickstoffe jenen Appetit stillten, der
notwendig mit der Schnheit eines glutigen Rots oder wellig verblassenden
Violetts verbunden sein mu. Alle diese Lebewesen, all dies Generelle um mich
her war einmal ich. Nun lag es da, von meinem Reinlichkeitstriebe verabscheut,
die Schlangenhaut auf meinem Entwicklungspfade!

                                      III


Nach zwei Tagen Unzufriedenheit und Irrsinn durfte ich meine Vernunft
rehabilitieren. Mein Glaube behielt recht wider mein besseres Wissen. Indien,
das antipodische Tropenland, hat nach der bung dieses Bewutseins am
Technischen seines Alltags eine Weltanschauung daraus geformt: Tatwamasi: das
bist du! Nein, der groe deutsche Philosoph hatte doch niemals soviel
Wirklichkeit mit seiner Vergeistigung dieses Prinzips gedeckt wie jener alte
Inderglaube. Zwischen mir und diesem Leben rings existiert nicht nur vielleicht
eine metaphysische, es existiert sogar eine sehr hervorragende, ganz materielle
Identitt: In der Tat, diese Blume und ich sind weitlufige Vettern. Meine
nhere Verwandtschaft hat es mittlerweile weit gebracht, dank der gnstigen
Umstnde; jene hingegen hat Pech gehabt mit ihren Ureltern, und die Snden der
Vter werden bekanntlich gerochen an den Kindern. Gehe ich konsequent in meinem
Gedchtnis zurck, lasse ich allmhlich das Bewutsein fallen, so gelange ich zu
dieser einen Tatsache: Ich bin ein naschhaftes Zellenbndel und liege im Wasser.
Sie bildet den Kern meiner Vertrautheit mit jedem somnolenten Zustande. Meine
Lauheit und mein trger Sinn finden eine Erklrung. Arbeit ist mir noch heute
zuwider, und ich liege noch heute hundertmal lieber am Diwan und rauche
Zigaretten, wenn es nicht gerade um vitale Interessen geht. Aber geht es einmal
darum, dann zeigt sich mein vegetativer Selbsterhaltungstrieb und die robuste
Kraft meiner Abstammung. Meine Nerven laufen und verzweigen sich so infam, so
raffiniert, ben sich so unermdlich im Suchen, Fassen und Drosseln wie die
dnnen, reiherartigen Fnge von Wassertierchen, wie die empfindlichen,
schleppenden Greifarme dieser blden, nichts als eine ums tgliche Brot
bekmmerte Blase darstellenden Quallchen. Die Lauheit des Wassers ist die meines
Blutes. Mein Herz ist ein fleischiger Sack und pumpt eine rote, warme, nahrhafte
Flssigkeit durch sich hindurch. Schwimme ich nicht in meinem eigenen Blute, bin
ich nicht ein architektonisches Inselchen in der Strmung dieses Blutes, ein
halb daraus emportauchendes Schuppengebilde? Was tut es, da die
Benetzungsflchen nach innen liegen, es ist die hchst geistvolle Umstlpung
eines Prinzips, die praktische Lsung einer nahrungskonomischen Frage. Es ist
eine maschinelle Erfindung ersten Ranges, eine Raum und Zeit sparende Methode.
Das Prinzip des nahrungspendenden Stromes besteht, aber whrend ich frher mit
allen in eine Schssel langte, habe ich jetzt einen kleinen Strom zum
Selbstgebrauch, der mir soviel Substanz liefert, da ich mir diesen Strom sofort
wieder knstlich erneuern kann. Die Vorteile dieses Instituts sind
handgreiflich, auerdem hat jedermann es erlebt, da man die verschiedensten
Dinge verdrehen kann, und sie ergeben dennoch einen hchst produktiven Sinn. Das
Gefhl, das ich jetzt gegenber dieser Tropenlandschaft habe, ist ungefhr jene
selbstgefllige Wehmut, die eine moderne Lokomotive beim Anblick eines James
Wattschen Teekessels empfindet. Ich bin eine vielfach verbesserte
Tropenlandschaft. Wo ich gehe und stehe, trage ich eine Normaltemperatur von
sechsunddreiig Graden mit mir herum, ein ppiges Anschieen der Sfte, eine
Vegetation von warmer Pracht. Habe ich es geahnt? Die ersten Trume meiner
Kindheit waren die von Sonne, Flle und Reichtum. Plagen, Krmpfe, Verzerrungen
gingen mir wehleidig wider den Geschmack, das uere Leben des Unterhalts schien
mir selbstttig und selbstverstndlich geregelt. Es handelte sich um Gensse,
nicht um Arbeit, um ein Bfett von Erlebnissen, nicht um einen Teller Suppe.
Noch sa meine tropische Verwhntheit mir in den Gliedern. Die Geschichte
erzhlte mir von meinen Vorfahren, nordischen Barbaren, die mit Klte in den
blonden Haupt- und Barthaaren und quarzenem Frost in den gierigen, hungrigen,
bsen Augen ungestm nach dem Sden drangen, und ich fhlte mit ihnen. Immer
hing meine Schwermut der Freundlichkeit eines solchen Daseins nach. Nun der
erste starke Eindruck einer sdlndischen Szene mich noch frisch zur Aufnahme
vorfindet, rhrt sich meine eigene prhistorische Existenz in mir, gibt aus
tiefen Grnden eine Art Antwort in Stimmungslauten.
    Der in Adern zwischen den Waldvorposten sich durchzwngende Strom stellte
ein groes Herz dar. Stille wie er ging, leise wie sein Geflle gegen die vagen
Ufer pochte, brachte und sammelte er Nahrung fr eifrig vermittelnden Humus, der
sich in den seltsamsten Zellkonfigurationen, Bumen, Gewchsen, Tieren zur Sonne
emporblhte. Die Stille rings war unheimlich und klebte im Ohre. Ein
schmatzender Zuck, ein Gurgeln unterm zotteligen Vorhang in den Lehmhhlen des
Ufers, das Schlrfen verdchtiger Lcher, das hin und wieder wie Detonationen
zwischen die fadenlang gesponnene Zeit trat, zeugte von der steten Monotonie des
Vorgangs. Aus dem Walde selbst kam ein knisternder Rhythmus. Dort rumorte noch
der groe Pan.
    Mein Puls ging berleise, ich fhlte das freudige Wachsen mit. Eine Woche
lang fuhren wir so den Flu hinauf, die Szene blieb dieselbe. Die Trgheit nahm
vollends Besitz von mir. Es kam eine Zeit, da interessierte mich mein
Spezialgedanke nicht mehr. Die Sonne stand jetzt ber dem letzten Wirbel, wenn
wir im Boote saen. Die Dinge blieben s und fuhren fort zu zaubern, aber die
Beobachtung begann sich zu lssigen. Alles wurde dicker und banaler. Wohl, ich
trug die Tropen in mir - aber war es nicht eine ungerechte Benachteiligung, eine
unnatrliche Belastung, war ich nicht gerade dadurch einer doppelten Erhitzung
ausgesetzt? Durch Generationen war mein Organismus an die berwindung von
Kltewiderstnden gewhnt. Sein Verbrennungsproze war eigenmchtiger, seine
Molekularttigkeit eine regere. Die Exzesse meines Gehirns bewiesen es, diese
krankhafte Schrfe des Stimmungsbewutseins und der gedankliche Apparat, der
dergestalt in Betrieb gesetzt wurde. Eine Weile mochte das angehen und ein
Rekord an Selbsterkenntnis erzielt werden wie bei den alten Indern. Deren
Vorfahren waren als eingewanderte Kaukasier in die Djungles und in die Gte
ihres heutigen Wohnsitzes zurckgekehrt und hatten dann jene merkwrdigen
Systeme telepathisch-spiritistischer Krfte, pure Erscheinungen eines
exorbitanten Erinnerungsvermgens, geschaffen. Das Surrogat: Gehirn, das fr das
Original tropischer Hitze eingetreten war, war zurckgenommen; im Schu und
Schwung der Trgheit blieb es erhalten und steigerte den Lebensgrad, den es
vorher nur kompensiert hatte. Eine Weile konnte das dauern und Kulturen
schaffen; tropische Schwle, die sich zu Gehirn verflchtigt hatte, verdichtete
sich, wo sie auf die Reserven ihrer eigenen frheren Form stie, und nordische
Innerlichkeit, in quatoriale uerlichkeit gekommen, kristallisierte monstrse
Bildungen, Kultur genannt. Aber dann mute der Moment eintreten, wo die an harte
Leistungen nach auen gewohnte Maschine den Dienst einstellte; der Mangel an
Widerstand war unberwindbar. Kamen nicht alle Eroberer und Schpferrassen aus
dem Norden, Chinesen, Inder, Hethiter und Juden, Hamiten, Trken, Germanen?
Wurde der Mensch nicht hart, als er den Sden unfreiwillig zum Norden verlie,
aber fing diese Hrte nicht Funken und Feuer, wenn sie in den Sden zurckfiel?
Entstanden nicht hchste Organisationen der Welt? Und brachen sie nicht
zusammen? Auf die Dauer konnte die Maschine diesen Mangel an Arbeit nicht
leisten; sie verausgabte sich. Sie war auf dieses bichen Sonne mehr nicht
angewiesen; aber es verdarb sie. Die Menschmaschine, die aus dem Norden kam, war
das Dienern der Natur nicht wie der gegebene menschliche Organismus des
Landstrichs gewohnt. Jene produzierte sich nicht nur ihr eigenes Besplungsnetz,
sondern auch ihre Beleuchtungs- und Ernhrungsquelle. An ihrem Horizonte ging
die Sonne auf und unter. Das Sonnenkind, der agilste, tapferste, beste und
tchtigste Typus einer bis jetzt erfundenen Menschlichkeit, war ja das Geschpf
des fernsten aller fernen Norden. In seinem Scheitel brannte ewig der glhende
Ball der Sehnsucht. Seine Phantasie erwrmte ihn.
    Die Menschen in der Nhe des quators aber sind nchtern und sachlich, und
seltsamerweise gleichwohl ohne die Tchtigkeit des spintisierenden Nordlnders.
Sie sind nie Abenteurer im romantischen Verstande des Wortes, sondern entweder
Poseure knallreicher Effekte oder bornierte Spiebrger mit zuflligen
rcksichtslosen Geschftsprinzipien. Jeder, der eine Erfahrung um des inneren
Gehaltes willen gesucht, seine Einsamkeit im Strudel des Lebens um ihrer selbst
willen exportiert htte, wre gesellschaftsunfhig geworden. Die Frauen? Die
Frauen der Gesellschaft waren so glnzend und falsch wie ihre Diademe und
pfundschweren Geschmeide, sie waren kalt und ohne erotische Einbildungskraft und
benutzten innerlich stets die Hngematte zu einem faden Geschaukel. Stellt nicht
die bevorzugte Hngematte an und fr sich mit ihrer halbmondfrmigen Grazie die
ganze fruchtlose, fr den Temperamentsausbruch vollkommen ungeeignete leibliche
und seelische Indisposition eines Frauentyps dar, dem das Symbol des
schlagfertigen, ebenso soliden als in seinen Mglichkeiten reichen Kanapees
gegenbergesetzt war? Dies aber ist die Hngematte, das Erlebnis der
amerikanischen, der westlichen Orientalin, diese Pendelbewegung zwischen Laster
und Klte, diese unheroische Andeutung von sesten und heftigsten Situationen,
die nicht erschpft, ausgekostet und genossen werden. Diese literarische Art von
Liebe, die nicht bis zum letzten geht, sondern vor der Tat langsam in den Traum
zurckgleitet. Diese korrupte und gehemmte Leidenschaft, diese Sigkeit der
Schwche und diese Spiebrgerlichkeit der moralischen Kraft ist die Hngematte,
die Toilette der Kreolin, ein Garn von schlechtem Blute, eine krankhafte Flche
aus bsen Mischungen am Leibe einer Rasse. Die Hngematte war die enttuschende
Erfahrung des Nordlnders. Was dann da von mehr oder weniger brgerlichen
Frauenschicksalen dem gebten Episodisten und forscherlustigen Chronikeur
europischer Zirkel erreichbar gewesen wre, war so gut wie im Fusel ersoffen
oder vom Heiratsgeschft absorbiert. Der Glanz und Erfindungsgehalt
mitteleuropischer Liebesverhltnisse wurde umsonst irgendwo, und sei's auch mit
Teilnahme am fremden Abenteuer, gesucht. Ich rechnete nach. Wie lange war's her,
da ich das Leben nach mondnen Genssen gemessen hatte? Vor einer Woche hatten
wir in einer kleinen Garnisonsstadt des hollndischen Guyana die Zeit in
Gesellschaft der paar anwesenden weien Offiziere und einiger Negerdonnas
verbracht. Vor drei Wochen hatte ich mit van den Dusen in Rio zum letzten Male
einen Tanzsaal betreten. Und vor einem Monat, genau soviel vom heutigen Tage an
zurck, war ich mit dem Manhattangirl, einem distinguiert verdorbenen
Geschpfchen, die groe Schleifenbahn, das looping the loop, in Coney Island,
immer und immer wieder abgefahren - hopp, da standen wir auf dem Kopfe, hopp, da
waren wir herum, hopp, da sausten wir die Vertikale hinunter und hatten den
Magen zwischen den Zhnen, weil er oben bleiben wollte!
    Hopp, wie meine Gedanken sprangen, wie mein Gehirn in rasend fallender Kurve
die groe Schleifenbahn des Lebens nahm! Nun sa ich also hier und fhlte, da
der quator tatschlich ein glhender Reifen ist, der durch die Eingeweide
hindurchgeht. Ich mu gestehen, ich sa mit einer leisen, satten Verliebtheit
da. War es sonderbar, mein Verhltnis zu dieser Umgebung hatte einen erotischen
Beigeschmack. In den ersten zwei Tagen war es eine Leidenschaft gewesen. Ich
ahnte die Tiefe, ich suchte sie. Das mtterlich Nhrsame der Landschaft,
dmonisch an Urerinnerungen rhrend, hatte den stechenden Zauber einer begehrten
Frau, der goldene Tore vor himmelblauen Schicksalen aufspringen lt. Die Natur
war hier erkenntlich an dem Reiz der Gebrerin, in der ein Mann die ersten
Anfnge und letzten Bedeutungen des Ichs sucht.
    Erotik, wie sie von den klgsten und tiefsten Geistern einer Kultur, der das
altruistische Empfinden eigentlicher Liebe verloren gegangen war, gebt wurde,
war und wird noch lange ein Suchen des Ichs im andern sein. Was ist die moderne
Liebe, wo sie am prchtigsten ist, die Liebe ohne und wider das Geschlecht? Ein
ungeheurer, widernatrlicher, aber in seinem Verfall noch sittlicher und
schpferischer Eitelkeitsakt! Der Kraftaufwand gilt nicht dem Problem, wie zwei
zusammen leben, sondern wie der eine durch das andere in den Genu eines hheren
und raffinierteren Bewutseins gelangen knnte. Ist es statthaft? Es ist
statthaft. Es ist vor allem besser als das Nichts, es ist, als Durchschnitt,
besser als die Vereinzelung wirklich altruistischer Liebe. Je mehr man sich
dieses goldhaltigen, seltenen, feiertglichen Falles fr fhig halten mag, desto
begehrlicher wchst das Bestreben, die erotische Mappe zu fllen und die Mission
zu Ende zu fhren. Jener Fall ist so erhaben, er ist so sehr ber jedes
gewhnliche Ma hinaus, da er uninteressant ist; er ist der Gegenstand von
Idyllen, die heute nicht mehr geschrieben werden und erst wieder auf eine
heroische und absolute Zeit warten. Er ist vollstndig, er ist erledigt, er
bentigt keine Berichterstattung irgendwelcher Art, er bentigt weder
Gestndnisse noch Missionen. Aber die kleinen, die unvollkommenen Flle sind es,
die dem Menschengeschlechte die Mission hinterlassen haben, sie zu
komplettieren, damit es sich wieder dem groen, uninteressanten Ernstfalle
zuwenden kann. In diesem Sinne habe auch ich eine erotische Mission auf mich
genommen, ich bin bereit, zum Wohle der Allgemeinheit ein gut Teil ihrer
Inferioritt zu tragen, sie zu erleben, zu erfhlen, vor allem aber, sie zu
schildern und an ihrer Hand Lehren zu geben. Ich bin berzeugt, da ich den
Menschen mit schrankenloser Aufrichtigkeit ber alles, was uns betrifft, einen
wesentlichen Dienst leiste, und ich will mit meiner erotischen Naturgeschichte
nicht zurckhalten; indes vermag ich mir auch vorzustellen, da man in spteren
Zeiten diese selbe Erotik, die uns heute noch so grndlich beschftigt,
vorsintflutlich finden wird.
    Einen solchen lehrreichen Fall habe ich vor mir. Ich habe Beziehungen zu
einer Natur, die ganz Weib ist. Geschlechtliches schwebt ber den Wassern und
Blutgesnge mische ich in einen Chor. Der Wald ist das groe Herz, und das
braune Wasser des Stromes ist mein heiligstes Herzblut. Liebe entsteht, wenn es
fliet, eine Liebe, an der ich beteiligt bin; aber es ist nicht das groe
geistliche altruistische Gefhl, es ist eine rasende, eine wilde und begehrliche
Liebe, es ist eine mondne und grausame Liebe, niedrig, interessant und hchst
lehrreich. Es ergeben sich in ihrem Umkreise, soweit ein Urwald, ein Strom und
eine Sonne Herren sind, Zwischenflle der schamlosesten Art, wie ich mir denken
kann. Trbe Geheimnisse tauchen aus der Seele eines Mannes auf, und ich ahne
Demtigendes, Verwirrendes, Sinnloses, poetische Krfte, die demoralisieren,
Leidenschaften, die Selbstachtung mit schrferen Zhnen stumpf machen, spre im
Schwanken schon jetzt Erstreckungen voraus, die nicht in Raum und Zeit, und was
der Mensch der Stdte davon wei, gegeben sind. Ich atme, fiebernd, Welten,
unsagbar wo hinter der meinen, links, rechts, oben, unten? ... und strze in
Existenzen hinab, die sich vor Urzeiten ereigneten. Das groe Geschlecht der
ursprnglichen Natur, Mutter und Hure zugleich, fordert meine Mannbarkeit
heraus: ich enthlle mich, zeuge und reise.
    Ich halte meine Selbstgesprche geflissentlich, weil sie ber die
Beschaffenheit meiner erotischen Art Anhaltspunkte geben. Diese knnten spter
einmal tauglich erscheinen. Denn in dieser Geschichte handelt es sich, wie bei
allen richtigen Geschichten, um ein Weib. Ich denke dabei nicht einmal an Zana,
in der vielleicht erst all dieses zur Auslsung kam; ich denke an den Wald, den
Urwald, an die Sinnlichkeit dieser Natur, ihre Roheit, ihren ursprnglichen
Elan, ihren schrecklichen, verwirrenden Trieb, ich denke an den Trieb, die
Tropen im Gemt des weien Mannes. Die Frau nmlich ist ihrerseits nie aus den
Tropen herausgekommen; und so gewi der weie Mann ein gnzlich verndertes
System im Verhltnis zu seiner Urwaldherkunft darstellt, so gewi ist es, da
Zana sich von keiner Boulevarddame wesentlich unterschieden hat. So gewi ist es
aber auch, da die weibliche Natur der Tropen in jener weiblichen einer modernen
Grostadt wiederkehrt, und, da der Schritt vom europischesten Europa mitten in
den Djungle hinein nicht so abenteuerlich ausfllt, als man es sich erwartet
hat. Denn was immer man erlebt, es ist stets dasselbe Abenteuer, es ist
gleichgltig, ob man unter einen Panter oder einen Autobus gert, das
Gleichgltigste aber ist, ob sie Zana oder Frulein Soundso heit. Ich will
jedoch nicht vorgreifen; es zu beweisen, bin ich gekommen.
    Soviel will ich verraten, ich trage mich mit einer lblichen Absicht; die
Aufgabe ist, die Allmhlichkeit einer Wirkung tropischer Zustnde auf ein
nordisches Nervenleben festzuhalten; oder als Frage gestellt: Wie kann man auf
distinguierte Weise verrckt werden?
    Ruhe! Die seltsamen, tiefen Einblicke in mein Inneres, die mir whrend der
verschiedenen Phasen der Reife gewhrt werden, bringen mich gleich das erstemal,
damals als ich die Sprache des Waldes, die leben heit, zu verstehen beginne,
auf die Idee, da es sich um eine Art erotischer Vertauschungen, eine Art etwas
gescheiterer Hysterie handelte. Heute denke ich, da Liebe und Erotik niemals
Untergrnde, sondern Folgen sind. Man hat die Entwicklung des Menschen auf sein
Geschlechtsleben zurckgefhrt und behauptet, da der Mensch sich in eben jenem
Augenblicke mit sich zu beschftigen beginne, da er liebe. Dies erscheint mir
nunmehr unrichtig; in dem Augenblicke, da der Mensch zur Selbstbeobachtung reif
wird, wird er erotisch; er sieht sich nach einem Werkzeug um und entdeckt es in
irgendeinem weiblichen Wesen, dessen passives Temperament ebenso stark ist, wie
sein aktives. Sie studiert ihn auf diese Weise in sich; er studiert sich in ihr.
Die erotischen Wettlufe des intellektuellen Mannes haben um so weniger mit der
Weltreise: Liebe zu tun, je hher sein Intellekt steht - werde ich schreiben.
Ich bitte zu bemerken, da ich referiere, die Gedanken eines von Hitze
verbrannten und zu Asche gewordenen Gehirnes wiedergebe; ich schildere einen
Mann, der inmitten gesegneter, abenteuerlicher Umstnde, wie er sich einbildet,
das Buch schreibt, das er erst erleben wird. Dieser Mann war ich. Ich war mit
visionrer Kraft meiner eigenen Zukunft vorangeeilt. Ich fuhr als Schreibtisch
einen Strom hinauf und vermengte in der Geschwindigkeit ein wenig die Zeit. Mein
Gehirn aber war, zu meiner Entschuldigung sei's gesagt, der Brennpunkt eines
Dutzends ehrgeiziger Sonnen, die sich einander eine Schlacht um die
Weltherrschaft lieferten.

                                       IV


Dies ereignete sich, dies und nichts anderes, bloe Gedanken, die eine groe
majesttische Langeweile gebar, als ich eines Tages an einem sdamerikanischen
Flusse unter einem dem quator ziemlich nahen Breitegrade, inmitten des
Urwaldes, jenen Vergleich zwischen der sich aufdrngenden Natur und dem
Geheimnis der Mtter anstellte. Wrde ich meinen Zustand von damals erschpfend
zusammenfassen, so mchte ich ihn dahin ausdrcken, da er jeden Humores bar
war. Mit dem sauersten Fleie, mit dem kostspieligsten Ernste strzte ich mich
in logische Unternehmungen, die sich kaum rentierten, aber ich wartete die
Befriedigung der Voraussetzungen nicht erst ab, sondern ging ungehemmt weiter.
Es war nicht eine Spur von Humor mehr in meiner Seele. Denn der Humor ist ein
Geschpf des Nordens und braucht das schlechte Wetter, die Vernderlichkeit und
die Laune. Die launenlose Schnheit des Lebens, diese unvariable Gre des
Sdens, sind ihm ungnstig. Nur so ist der humorlose Ernst aller
morgenlndischen Philosopheme, vom Talmud bis zur Mahabharata und bis zur
arabischen Schnrkellogik zu verstehen. Ich erfand Sitzungen wie ein maurischer
Theologe, unverdrossen mischte ich Begriffe und Symbole wie ein blumiger Poet
aus Farsistan. Die Backen waren dick vom Schweigen und ich verzog sie nicht mehr
zum Lcheln.
    Schuld an dem trug die unertrgliche Hitze; die Hitze und das Schweigen.
Dieses Schweigen, dieses frchterliche Schweigen - einmal lenkte sich meine
Aufmerksamkeit wie von selbst auf den Umstand, da auch die andern verndert
waren. Slim sprach so gut wie nichts. Van den Dusen hatte am ersten Tage
Stichproben seines niederdeutschen Humors gegeben. Da aber niemand darauf
einging, wurde er endlich seiner selbst mde und verblieb whrend dieser Zeit
schweigsam. Er prahlte gerne und war auch sonst kein Muster an Wahrheitsliebe,
das hatte ich schon heraus; aber er war gutmtig und bis zu einem gewissen Grade
Gentleman. Jetzt brtete er wie wir stumpf dahin, seufzte ghnend auf und blieb
mrrisch gleich Slim. Unsere vier indianischen Scouts unterhielten sich gedmpft
und trocken in ihrem unverstndlichen Dialekte. Von ihnen war keine Auffrischung
der Gesellschaft zu erwarten. Ihrer zwei ruderten uns in einem langen
torpedohnlichen Kanoe, das aus einem massiven Baumstamm herausgehauen war,
voraus; das beladene Proviantboot mit den beiden andern folgte nach. An breiten
Stellen fuhren die Boote nebeneinander her. Ich spornte den Hollnder zu einer
kleinen Regatta an und wir versuchten das Boot mit den herzblattfrmigen Rudern
fortzutauchen, wie wir es von den Indianern sahen. Das Gewsser aber rebellierte
in Schlammwolken, die sich unheimlich wie ein drohendes Gewitter von unten
zusammenzogen, der Bootstamm begann zu rollen und Wasser zu fassen. Slim grunzte
ein wenig mimutig und wir gaben es auf. Dieses Gewitter, das sich unter uns
gebildet hatte, erregte jedoch meine Phantasie. Pltzlich fhlte ich mich und
meine Umgebung unwahrscheinlich; ich entuerte mich spielend des
Weltmittelpunktes, der in mir lag, ich begriff mit erklteten Nerven die
Gleichgltigkeit meiner Person und ihres Aufenthaltes: denn unter mir gab es
eine Welt, die auf eigenartige Weise eigene Gewitter und Elementarereignisse
erzeugte, wenn ein Mensch auerhalb ihrer Grenze nicht rudern konnte und ihren
Gang strte. Vielleicht entstanden auch meine Gewitter, wenn ein fremdes Wesen
ungeschickt war - wer konnte in diesem Augenblicke darauf schwren, darauf oder
auf sein Gegenteil? Vielleicht konnte Gott nicht rudern? Aber wie gleichgltig
war dann Gott, wie gleichgltig war jedes Ich, jeder Geist! Eine frhliche
somnolente Verlassenheit kam mich an, ich fhlte mein kniffliches altes Ich
vergehen und lste mich in eine unendliche, von keiner bewuten Einheit
zusammengehaltene Empfindlichkeit fr das heftige selbstische Leben ringsherum
auf. Weise wie ein alter Inder in die Einzelheit verloren, dem Ursein gewonnen,
sah ich mit tausend Augen und verfing mich mit tausend Sinnen, die Gott besa -
und whrend all dieser Augenblicke wurde ich elend von Langeweile geplagt.
    Der Miggang lag mir in allen Gliedern. Die Folge war, da ich schlecht
schlief. Wir landeten tagsber nur, wenn es galt, Mahlzeit zu nehmen, oder wenn
wir vom Boot aus einen Vogel, der sich nur sehr selten einmal auffllig dem
Visier bot und dann starr und farbenprchtig wie ein uralter Giftschwamm
zwischen dem Laub sa, geschossen hatten. Des bloen wohltuenden Lrmes halber
durften wir unsere Munition nicht vergeuden, denn vor uns lag noch die ganze
ungewisse Expedition, vielleicht manches Zusammentreffen mit Mensch und Tier,
deren geflligen Benehmens wir nicht sicher waren. Darum sparten wir unsere
Jagdlust und unser Pulver und verzichteten auf einen Grund, ans Land zu gehen
und uns Bewegung zu machen.
    So wie die Sonne aber nicht mehr aufs Wasser selber schien, sondern die
Waldspitzen in schrgem und scharfem Schnitt mit Kupferflammen entfachte, fingen
wir an, die Ufer nach einem Lagerplatz abzusuchen. Der Instinkt der Indianer gab
den Ausschlag. In diesen zehn Minuten, da die Sonne uns geradezu auf und davon
lief, ging im Wald eine Vernderung vor sich. Htten wir nicht selbst auf den
flinken Einbruch der Nacht gewartet, die ozeangleiche Bewegung, die jetzt auf
allen Seiten entstand, htte uns allein als Signal dienen mssen. Im Laube
rauschte es, das Rascheln pflanzte sich fort, siedendes Leben ergo sich vom Tag
zur Nacht, ein Heer von Schlangen schien auf dem Marsche; mitnende
Vogelstimmen schrien wie weinende Hunde durcheinander, verehrten und befehdeten
sich mit kterigen Lauten. Mit einem Male zeigte es sich, da ein eminentes
Leben da war, da die trgerische Stille eine wimmelnde Flle tierischer Wesen
geborgen haben mute. Affennationen begannen zu hadern und zu keifen, brachen in
die Haine eines fremden Stammes ein, zerknackten mutwillig die drren Zweige.
Vgel erhoben sich schlupfend zu einem kleinen Fluge ber den Laubozean, um sich
einmal krftig von den Anstrengungen der Diskretion, die tagsber in ihrem
Beginnen wartete, zu erholen; war es Hohn, eine Manier der Genugtuung, als sie
jetzt in einen frchterlichen Skandal zusammenstimmten: eins war sicher, aus dem
ganzen Phantom von prchtigen intensiven Farben, aus dieser ganzen aufreizenden
Explosion einer Malerpalette drang kein einziger sympathischer Laut. Unten am
Boden aber zogen die Echsen und Reptile los, ein widerliches Schleichen von
tausend Leibern, die von warmen Sitzungen in Sonnenflecken sich zu vertrackten
Lchern durchbohrten, behelligte das Ohr und wirkte bis in die Zhne: eine
Vorstellung von kalten Muskelwesen, die an rissigem Holze entlang emporkrochen,
bot sich an. - Da sank die Sonne, und schon hatte auch das Manver geendet. Hin
und wieder plumpste ein Katzenleib dumpf auf den Boden; hinter dem Feuerkranz,
der uns gegen das Land und den Djungle hin abschlo, fauchte es rgerlich. Ein
Puma krakeelte in langen Arien. Sonst war es still, wieder still, nicht ganz so
still wie am Tage, aber doch still. Das Glucksen und Schluchzen des Wassers war
deutlicher hrbar. Und zwischen dem Spalt berm Flusse stand der Himmel in
weier atmender Glut; eine Sternschnuppe fiel, sauste in der Nhe nieder, links
da brach sie ein, man hlt den Atem an - wird sie im tintenschwarzen Wasser
verzischen?
    Am Morgen, eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang etwa, wird uns das gleiche
Theater wecken; der ganze Wald schlgt dann Reveille. Bis dahin knnen wir
ungestrt schlafen. Zur Feuerwacht aber wechseln immer je drei ab whrend der
zwlfstndigen Finsternis. Der, an dem gerade die Reihe ist, kann allerlei
Beobachtungen machen. Er kann auf die Tne des Urwalds lauschen; es wird sich
herausstellen, da gewisse Gerusche immer wieder nach denselben Intervallen
auftauchen. Ein bestimmter Rhythmus beherrscht alle uerungen dieses wilden
Lebens. Ein Raunen hebt sich, schwillt ab. Eine groe Brust atmet, ein
gerumiges Schnarchen rollt vage in das blaue Fieber des Sternenraumes hinaus.
Pan liegt am Rcken, er verschnauft und trumt lebhaft. Wer ist dieser Pan? Ist
er ein Wilder, ein Indianer, ein griechischer Literat aus einem sokratischen
Kaffeehause und mit einem Nasenfehler? Es fllt mir auf, da von den sechs
Schlfern zu meinen Fen ein vereinzeltes Schnarchen ertnt. Ich mu doch
nachsehen - es ist der Hollnder. Er liegt schwer am Rcken. Ich sehe zu den
Indianern hinber, diese krmmen sich auf den Bauch, auf ihre Lenden und
Schulterknochen. Zorre, der Fnfziger, liegt auf der Seite. Er allein atmet
unrein, die Luft bricht sich an seinen alten Knorpeln, seine Organe sind nicht
mehr glatt und geschmeidig. Die andern mit ihren schmchtigen und zhen
Gestalten liegen da wie groe Kinder, und so wie sie sich ausgerenkt und
verdreht an die wohltuende Lagerstatt drcken, sehen selbst ihre mnnlichen
Formen noch kindhaft aus. Ihre Beine sind von der erlesensten Magerheit, dnn,
unbehaart, kupfern; nicht weit unter der Kniekehle haftet eine wunderschne
Muskelschnecke. Eine Prima-Ballerine her, sie mge Fupflege lernen! Um wieviel
gebrechlicher mgen diese Gelenke sein als das Schock Laternenpfhle von der
Wiener Hofoper! Und doch tragen ihre Besitzer, wenn's sein mu, kleine Berge.
Wenn nun alle Knchelchen und Wirbel so zierlich sind, dann mu freilich die
Puste wie gelt gehen. Die Organe sind klar gemacht zum Gefecht. Der groe Balg
ber den Schenkeln wird nicht vom Fett gesteift und gedrckt. Die Eingeweide
liegen gleich unterm glacledernen Fell und bilden, wenn das Nachtmahl sie
gefllt hat, einen legeren Ballen. Dort aber streckt Mynherr sein Buchlein wie
eine Fuballdose in den gestirnten Himmel, er liegt habtacht auf den Schultern,
mit soldatischem Rcken, sein Kinn hngt wie eine geffnete Zugbrcke in den
Scharnieren, whrend er aus einem Brustkasten, in dem scheinbar drei
Indianerlungen Platz htten, einen Herbststurm nach dem andern herausbefrdert.
    Wer die Wache hat, hat das Wort. Er kann beobachten. O diese schwellenden
reifen Nchte, ber denen das sdliche Kreuz steht! Der Nachtwind, der zwischen
Wassern und Wldern wandert, ist herb und sauer vom Geruch zerstampfter Bltter;
aber pltzliche se Wellen zucken aus einem groen Strauch und steigen auf zu
einem flimmernden kleinen Stern! Das Blut strmt lau und schwer wie Quecksilber
in die Schlfen - da ist es vorber, die Schlfer seufzten verzckt im Traume,
sonores Behagen dankt schpferisch im Walde! Slim hat sich geregt! Sein Gesicht
liegt gelb im Schein des Feuers, seine Nstern haben leise gezittert. Vorsicht!
Schlauheit! Die Macht der Beobachtung liegt in meinen Hnden, kann ich den Feind
listig ahnen, jetzt, da alles Leben geoffenbart vor mir liegt? Ist er mein
Feind, dieser Slim, ist er mein Freund, mein Bruder, deute ich seine Seltsamkeit
recht und billig wider mich, fr mich? Wer ist dieser Slim, ein Gaukler, ein
Mensch, ein Wilder - eine raffinierte und beherrschte Gehirnmaschine der letzten
Rassen, oder ein brutaler Lebensinstinkt mit dem Blut von Urmenschen in sich? So
wie Slim daliegt, ohne Muskelanspannung, indianisch, mit dem vollendeten
Verstndnis zu ruhen, ist er der Sohn seiner Mutter mehr als der seines Vaters.
Die Kreolin hatte ihm dunkle Herkunft vererbt, eine knochige Wildheit aus dem
Innern Amerikas in den Zgen, dunkles, rotes und vielleicht schwarzes Blut unter
der gelben Haut und tiefsitzende Manieren, Liebenswrdigkeit und Herrschsucht im
gleichen Wink. Was gilt die Wette, sie war nicht eben eine reine Kastilianerin?
    Slims Schlaf ist unruhig. Er hat vielleicht einen schlechten Magen, das
gewhnliche Erbteil eines nordamerikanischen Vaters. Je lnger ich nachdenke,
desto seltsamer beginnt es mir mit Slim zu ergehen. Ich denke nach, und Slims
Person fngt an zu wachsen. Er ist unheimlich wie ein Mrder, lcherlich wie ein
Dichter, sympathisch wie ein Spiebrger. In meiner schwachen Stunde, da ich ihn
so kraftvoll, so eingewohnt, so beralldaheim auf diesem Boden hingestreckt
sehe, der nur zur Hlfte der seine ist, zur Hlfte ihm fremd und stets ein wenig
feindlich sein mte, wie mir, in dieser meiner schwachen nachdenklichen Stunde
wchst sein Geist hinaus und ich sehe das Prototyp des zuknftigen Menschen vor
mir, bekannte Zge, Eigenschaften aus einer modernen Kultur, eine zerebrale
Spannung, gemischt mit der eigentmlichen Relaxation des Urmenschen. Dann seufzt
er auf, wirft sich herum, irgendeine Wut scheint in seinem Krper zu toben; und
in diesem Augenblicke, da er gewhnlich wie ein Landstreicher wird, kann ich ihn
bedauern, meine Hochachtung sinkt und ich mache ihm Vorwrfe wegen seiner
amerikanischen Dyspepsie. Eines Nachts, whrend ich die Wache hatte, sprang er
auf, sah mir mit einem schlaftrunkenen Blick ins Gesicht, legte sich hin und
schlief weiter. Oft ist er mir das Symbol der Sympathie, die ich als Weier fr
diese wilde Welt rings um mich her empfinde, bald ist er ein zuwiderer Mensch.
Er ist ein Ausdruck von durchaus gemischten und unaufgeklrten Gefhlen. Die
warme trge Nacht stimmt mich milde, ich vergebe Rcksichtslosigkeiten und bin
fr das Groe. Also votiere ich fr Slim, Slim soll leben und es gut von mir
haben. Meine Augen schweifen von ihm ab und hinber ber die Schar. Als sie den
jungen Indianer treffen, erschrecken sie pltzlich und laufen davon, schnell,
nach der andern Seite. Er ist schn und ich wei nicht, warum ich erschrecke.
Eine Empfindung von Entbehrung, Hrte und Einsamkeit wird mir bewut, pltzlich
wird es drohend klar, da ich mich inmitten der Wildnis, ohne Freund, ohne warme
Hand, ohne ein weiches lichtes Geschpf, das ich in den Arm nehmen knnte,
befinde, einen gefhrlich verstopften Weg zwischen mir und der gut bedienten
Zivilisation. Lau dreht sich der Wind vom Uferrand los, die tierischen Laute
bekommen einen menschlichen entbehrungsvollen Sinn, die Kargheit meiner Lage
wird als Gegensatz empfindlich inmitten soviel berflssiger Natur, die schweren
vornehmen Dfte geben mir deutlich ihre Nutzlosigkeit fr mich zu verstehen. Je
wunderbarer die Nacht sich anlt, desto rmer komme ich mir vor. Wenn Slim
endlich seinen Rippensto bekommt, um meine Stelle am Feuer anzutreten, bin ich
ein Bettler und sinke hoffnungslos in einen berfllten machtvollen Schlaf.
    Aus Slims Plnen suchten wir uns zu orientieren; sie stammten von Reisenden,
aus Bchern, oder bildeten das Kroki eines Regierungsbeamten, der seine vage
Ahnung ber die Lokation eines Platzes in dieser Art aufgemalen hatte.
Eigentliche Karten gab es wohl, aber an den Punkten, die wir gebraucht htten,
waren sie offen. Wir selbst trugen einige markante Pltze ein so gut es ging.
Unser Flu wurde ein fingerslanger summarischer Strich, mit Ersparnis aller
seiner Launen und Beschrnkung auf die jeweilige Hauptrichtung.
Vermessungsapparate hatten wir nicht mit, denn unsere Expedition und ihr Ziel
sollte ja geheim bleiben und auffallende Rstungen in dem kleinen Nest, das
unseren Ausgangspunkt bildete, htten diese Vorsicht vereitelt.
    Nichts ereignete sich; wir kamen soweit unangefochten durch. Die Langeweile
begann sich aufzudrngen. Slim hatte nun einmal die fixe Idee von seinem Schatze
und plagte sich sichtlich mit ihr ab; er grbelte und baute Spekulationen ber
Spekulationen. Ich gnnte seinem Yankeeblut diesen Rausch und war geschmeichelt
darber, da er mir in ihnen eine bedeutende Stelle eingerumt hatte. Diese
Protektion machte mich stolz, ich war jung, geschmeidig, begabt fr Abenteuer,
und wenn ich in der heuchlerischen Tiefe meines Herzens auch nicht an unseren
oder berhaupt an einen anderen Schatz glaubte als an den, der in einem
grozgigen brgerlichen Betriebe liegt, so war ich durch meine angelschsische
Bildungsstatt, einem amerikanischen Paukboden fr Technik und Romantik im
Nebenfach, auf jede Eventualpoesie dieser Reise prpariert. Aber wie gesagt,
ganz menschlich fhlte ich mich nur in der altbewhrten deutschen Skepsis des
wahren Hans Brandlberger. Da mir Slim gefiel, lag in dem gleichzeitig mit
meiner Generation aufgekommenen Wunsche nach Renaissancemenschentum. Da aber
nebenbei ein gewisser Argwohn gegen das brillante Wesen dieses modernen Pizarro
in mir lag, war vorerst nur natrlich. Doch hat mich diese Reise gelehrt, den
Menschen zu verstehen. Gibt es fr mich noch berraschungen ber mich oder
irgendeinen meiner Art? Es ist unmglich, die Beziehungen, die sich in dieser
Phase zwischen Slim und mir ergaben, brgerlich auszudrcken. Fragwrdig aber
wird mir immer wieder sein, wie ich damals ber all das Peinliche hinweg kam,
das vor meiner Feder heute Barrieren aufrichtet. Ich sage vor Damen, die Hitze
war es. Unter Libertinern will ich die Ansicht vertreten, da wir alle Menschen
sind und uns der Gefhle nicht schmen mten, die uns die Sonne gegeben hat.
    Als wir dem Oberlauf des Flusses zudrngten, vom zehnten Tage unserer
Abreise an gerechnet, konstatierte ich an einem toten Punkte eine eigentmliche
Stimmung, die alle Weien berfallen hatte. Ich wurde pltzlich wach, meine
Gewecktheit aber erfolgte durch eine blitzartige und befremdende Entdeckung. War
es mglich, trugen Hitze und ungewohntes Klima die Schuld daran, oder mute man
seinen mannbarsten und treuesten Instinkten Mitrauen entgegenbringen? Ich
begann eine heftige Unruhe zu verspren, einen Hunger nach Brutalitt, und ich
frhnte ihm, indem ich infam nach den Augen schwimmender Alligatoren scho. Ich
kannte mich nicht mehr aus vor Aufgeregtheit, ich verlangte nach einem rohen
sinnlichen Glcke, nach einem deutlichen krperlichen Gefhle von Macht, und es
kostete mich Zurckhaltung, den jungen Indianer nicht in den krftigen Hintern
zu treten. Einmal ging es wie ein Blitz des Verstndnisses durch mich hindurch.
Slim sah mich an, mit einem ellenlangen zweideutigen Blick. Mit einem solchen
Blicke mustert man eine Sache, einen Sklaven, ein Pferd und nur in den letzten
Fllen eine Frau. Es war der trbe Blick des Lebemannes. ich sa einen
Augenblick lang leer und innerlich heruntergekommen da. Aber dann, nein, dann
wurde ich nicht rot: ich wurde frech. Mein Innerstes kehrte sich zu einer
emprenden Frechheit nach auen. Ich wurde stark physisch, eine Brutalitt und
ein selbstbejahender Wahnwitz von ungekannter Art ergriffen mich, ein
manierierter Rausch des Sehens, der Betrachtung fleischiger, sich rhythmisch
bewegender Krper durchrieselte mich mit Gesundheit. Also das gab es - ein
ungeheurer abenteuerlicher Geschmack am Leben brannte mir auf der Zunge, in den
Lenden, in den Fusten. Blitzartig erschien die Strae einer glnzenden Stadt
vor mir, Formen rhrten sich unter Massen reklamemachender Stoffe und Schnitte
und strzten auf mich zu, alles Fleisch, das wie eine gigantische Maschine mit
Kolbensten um mich herum rotierte, feierte zwischen Dmmerung und beiend
weiem Lichte aus elektrischen Ampeln ein rasendes Fanale. Hier aber war's die
Sonne, die betubende Symbiose von Fulnis und Pracht, der Atem des Verlangens,
der Duft und Gestank der Wollust, der laszive Wille der allgemeinen Hingabe, die
das Blut wrzig, berleicht und sprengkrftig machten, da es wie ein glhendes
rotes Gas durch die Adern pfiff. Da erkannte ich - wir waren hungrig nach
demtigen Leibern, aufgerieben von einer berproduktion an Zrtlichkeit,
indifferent inmitten von Tatsachen, die nichts boten. Ausgehungert waren wir. Es
war der erste Anfall des schrecklichen Duldens, das den Mann berfllt, ganze
Karawanen in den Wahnsinn treibt, wenn mit der letzten Grenze der Zivilisation
auch der weiche Nacken des Weibes da hinten verschwindet!
    Ich wandte mich um, ich wollte sehen, was van den Dusen so ruhig machte. In
seinem ermatteten Gesichte lag der Stumpfsinn, und seine Augen waren krank und
scheu, unsicher vom Verkehr mit schlimmen Lsten, wie ich mir sagte. Er war
stark zurckgegangen, im Gegensatz zu mir und Slim. Slim sah faul aus, aber er
gedieh. Er setzte Fett an, und es stand ihm nicht schn, er hatte eine unsaubere
Art zu gedeihen, wie alle Krper, die auf Magerkeit angelegt sind. Er
verbrauchte sichtlich die Stoffe nicht, die Milde und Mue des Lebens in ihm
angesammelt hatten. Van den Dusen aber tropfte weg wie eine heie Kerze. Die
Hitze schlug ihm schwerlich an, vielleicht raubte ihm eine gewisse Entbehrung
jene Behaglichkeit, die seinem Krper von Natur aus angemessen erschien. Wo war
unser eleganter hollndischer Offizier, der javanischen Damen und pazifischen
Schnen den Hof gemacht haben sollte? Seine stattlichen Schultern waren
eingeschmolzen wie ein Bronzebarren und ein Schlackenrest von Knochen und
Schlsselbeinen war geblieben. Das weie Jackette sa schon lange nicht mehr
knapp, und seine nubraunen Haare, ein ehemaliger schnurgerader
Offiziersscheitel und wie bei einem Frauenzimmer glatt um das marmorne Stirnbein
gebgelt, waren eine Versuchung fr jede Taschenschere. Der ganze
wohlproportionierte Rundkopf trug die Spuren der Erschlaffung.
    So erging es uns Weien. Wir verwandelten uns im Verlaufe von vierzehn Tagen
zu abnormalen Gebilden. Unsere Indianer aber blieben immer gleichmig hart,
temperamentlos und mager. Sie strengten sich nicht an, aber sie blieben in
Fassung und lieen sich vom Rhythmus treiben. Zorre, ein Fnfziger, war
elastisch und besa einen vollstndig erhaltenen jungen Krper; im Gegensatz
dazu war sein Gesicht borkig wie alte Rinde und von Ttowierungen zerfressen.
Der andere war eine Schnheit, hie Checho und mochte sechzehn indianische
Sommer zhlen. Dnn und lang war er wie ein Buchstabe. Ich hatte seinen Rcken
vor mir. Im Nacken, um Fingersbreite getrennt, verliefen zwei parallele,
strhlige Lngsnarben. Sonst war die rotbraune Haut glatt und geschmeidig und
spannte sich ber den kleinen Muskelschlangen, die whrend der Bewegung unter
den Achselhhlen hervorhuschten und sich blitzschnell wieder dahin zurckzogen.
Dieser Rcken, der sich nach dem Ges zu schmachtend verengte, der kindliche
Hals, die mdchenhaften Wirbel, dies grazise Kaleidoskop bewegter Muskeln
htten einen Affen verliebt machen knnen. Der Bursche war ein junger Gott.
Seine Schultern waren schmchtig und lagerten als volle Kugeln wohlgefat ber
der tiefen Brust. Der Schenkel, der schmal und strhnig war, wenn er stand, lag
breitgedrckt auf dem Sitze. Die Knieknospe prangte schlank ber der
hochsitzenden Wade, mit hinreiendem Schwunge schnrte sie die Lngslinie der
Extremitt ein. Dazu hie er Checho. Seine Augen waren grn und schwarz und
frisch aus der Hand des Juweliers, noch vollkommen unberhrt, ungereizt, ein
unbeeintrchtigtes Oval. Er war ganz in Rhythmus getaucht, mit Rhythmus genhrt
und auferzogen, von Rhythmus betrieben und whrend seines ganzen Lebens
vermutlich in eine wilde Sanftheit hineingeleiert. Dort wo bei uns das Gehirn
sitzt, sa bei ihm eine przise Taktmaschine.
    Ich habe feste Anhaltspunkte, da ich nicht der einzige war, der in ihm
einen jungen Gott sah. Und wir verstanden uns, ohne uns sonderlich exponiert zu
fhlen. Wir waren in der Wildnis und jedem Sinn war erlaubt, zu nehmen, was ihm
pate. An diesem Abend entspann sich das erstemal ein Gesprch am Lagerfeuer.
Van den Dusen erzhlte aus einem unerschpflichen Borne schmutzige Geschichten,
Witze vom echten Biertischkaliber mit bleischweren Pointen, und man hrte
angeregt zu. Verhungert, wie wir waren, bot die Unterhaltung eine kleine
Erleichterung. Theorien, wie es auf langen Expeditionen und auf Seereisen zu
ergehen pflegt, wurden zum besten gegeben und diskutiert. Wie es der Kapitn
hlt, wie die Matrosen und wie die Mnner ganz unten im Kielraum der Schiffe,
dieser Auswurf der Menschen, wurde aus einzelnen Fllen anschaulich geschildert,
und welche Rolle die Schiffskatze bei solchen Gelegenheiten zu spielen pflegt.
Die Sehnsucht machte derb, die Unterwrfigkeit, die der Trieb unter gnstigen
Aussichten hervorzurufen pflegt, grausam. Ohne an dem Niveau zu leiden, auf das
wir unsere Aussprache herabgeschraubt hatten, legten wir uns etwas froher als
sonst in unsere Trume nieder.

                                       V


Mit dem Rhythmus verhlt es sich seltsam. Es scheint, da er das Wesen aller
jener Kulturen darstellt, die der unsern entgegengesetzt sind, und die wir zu
leugnen suchen: die im Sden und Osten. Aber der Rhythmus bringt dort am
menschlichen Krper Leistungen hervor, denen wir nichts Gleichartiges
entgegenzustellen haben und die in ihrer steifen und von uns aus unnachahmbaren
Einseitigkeit nur mit unserer Spezialitt Technik verglichen werden knnen. Wer
in das Wesen von Urwldern und Wilden oder doch fremdrassigen Kulturen
eindringt, der erfhrt, eine wieviel grere Bedeutung dem Begriffe Rhythmus im
Leben dieser Menschen zukommt, als fr uns in ihm zu liegen pflegt. Diese
Erfahrung kann jeder machen, der eine lngere und grndliche Reise unternimmt.
Ich aber habe eine Entdeckung mehr gemacht, ich habe den Rhythmus, und was damit
zusammenhngt, die Betonung, den Akzent, fr unsere Kultur fruktifiziert, ich
habe einsehen gelernt, da wir schon am besten Wege zu einem Erfolge sind, und
da wir nun nur mehr darum zu wissen haben.
    Ich sa als vorletzter im Boote, mit den beiden indianischen Ruderern vor
mir. Sie stocherten mit ihren Blttern ins Wasser, das war ungefhr der Stil, in
dem sie ruderten. Rhythmisch setzten sie ein und stachen zu, als glte es, einem
groen sulzigen Stck Pudding sorgfltig glatte Scheiben herauszuspalten. Das
dostige, trge Wasser bekam hinter den Ruderblttern kleine Quirle; hautige,
gewlbte Warzen blieben im Kielwasser zurck. Eines dieser Male entstand schrg
zu meinen Seiten, schien wie die rasend gedrehten Rippen eines Tellers und
saugte ein hnlich geartetes Gebilde hintendrein. Das Malerische und Runde der
Bewegung faszinierte mich, unwiderstehlich zog es meine Aufmerksamkeit an. Unter
jedem Ruderstich kam es in gleichen Abstnden zum Vorschein, kam herauf wie die
Speichenkpfe eines groen unterschlchtigen Rades. Richtig, mochte es uns oben
erscheinen wie immer, unser Fortkommen war von der Ttigkeit dieses Rades
abhngig - es war aus Wasser gegossen und bewegte uns mystisch weiter. War ich
einem unserer erfolglosesten Rechenfehler auf die Spur gekommen? Nein, diese
Welt da unten war kein gleichartiger Wasserraum; es gab Verdichtungen von einer
gewissen Sternform, die fr unser Auge unwahrnehmbar bleiben, und das waren die
von mir erfundenen berhmten Wasserrder! Sie bewegen ein Boot, das oben von
Menschenarmen geleitet wird, von unten, sie greifen in den Rhythmus oben ein,
sie untersttzen ihn, sie lsen ihn vielleicht berhaupt erst aus, sie sind das
erste und ihre Ttigkeit ist ausschlaggebend. Die Menschenarbeit aber ist ein
Schein, ein Schwindel, eine faule Nachahmung von freiem Willen, der hindroht, wo
er von unten, von den Geheimnissen, von den dunklen, unsichtbaren Grnden
hergedroht wird - - -
    Ich dachte diesen Anblick nach unten, ins Verkehrte, so intensiv aus, da
ich eine leichte belkeit versprte. In diesem Augenblick kam in den
Ringelreihen der Ornamente ber der lglatten Flche eine Strung, ein Knuel
entstand durch falschen Ruderschlag und zerknllte den Bann. Ich erwachte mit
einem leisen Anflug von Seekrankheit. Der Reflex der glatten, weibelichteten
Flche mute eine vorbergehende Blendung meines Bewutseins herbeigefhrt
haben. Ich sah berscharf, krankhaft - darum konnte ich gleichsam in das Motiv
einer vllig neuen Realitt sehen. Wenn ich mich ein wenig anstrengte, konnte
ich in diese Stimmung zurckschnellen: und dann war es wieder da, dann hatte
ich, gleich dem Reisenden im Eisenbahnkupee, der in seinem Bewutsein den Zug
stillstehen und die Landschaft sich daran vorbeibewegen lt, den widersinnigen
und subjektiven Eindruck, in einem Boote zu sitzen, dessen Ruderer einem Rade
unterm Wasser mit ihren Stangen entgegenkmen. Ich bte die Sache ein wenig und
bald konnte ich mich wie eine Blechmembrane hin und her schnappen lassen. Diese
Sinnestuschung ging perfekt. Der Akzent sprang einfach um - - -
    Der Akzent, halt! Da hatte ich es. Der Akzent gibt ganze Perspektiven
wieder, ganze Realitten lasten auf ihm. Mittels einer sogenannten
Sinnestuschung konnte die Welt zu einer andern umgestlpt werden. Wer wird nun
sagen knnen, diese ist die richtige und jene ist die falsche? Wer kann
beweisen, wo die Strung und wo der Normalzustand liegt? Wer von uns Weien aber
kann erzhlen, welche Strungen einen indischen Fakir in den Stand setzen,
widernatrliche Leistungen mit seinem Krper hervorzubringen, denen wir kein
vernnftiges Bewutsein abringen knnen? Es ist ein unerforschtes und
merkwrdiges Gebiet, und keine Hypothese ist gut genug dazu, den ganzen Ausblick
zu umfassen. Ich habe indes doch eine, aber sie ist mehr raffiniert als
vernnftig, mehr mystisch als gelehrt - nmlich genau so, wie es sich mir fr
diese Angelegenheit zu ziemen scheint.
    Das, was ich hier entdeckt habe, ist ja nichts anderes als das Symbol der
Paradoxie. Wir alternieren eine Sache, wir machen es anders, absurd, verkehrt,
und siehe da, es ist auch etwas. Wir denken einen Gedanken pervers, und er ist
frisch wie eine Jungfrau. Wir stellen einen Akzent um, und das Neue ist eine
neuere Welt als irgendein Amerika. Und bitte, wie wurde Amerika entdeckt? Durch
eine Paradoxie. Kolumbus fuhr zu einem Osten; daraus ergab sich der Westen.
Ticke tack, macht die Uhr; aber macht sie nicht ebenso gerne Tack ticke, wenn
wir blo wollen? Es hngt durchaus von unserem Belieben ab, von unserem
schpferischen Willen, zu alternieren, und ich kann es beweisen, wir alternieren
auch, ein Zeitalter ist das Paradox des anderen. Bald lassen wir den Zug, bald
die Landschaft laufen. Lernet die Wirklichkeiten skandieren! Gleichberechtigung
fr das Paradoxe. Es erffnet neue Welten, es gibt Glck, es erweitert die
Mglichkeiten, und wir fgen den knstlichen Paradiesen, die ein Wicking des
Geistes erfahren, erfahrtet hat, weil die alten Paradiese bervlkert waren, die
knstlichen Realitten hinzu, denn die normalen hat eine Volkszhlung uns
komplett erwiesen! Treibet Wasserrder! Heiliger Humbug, ich begre dich;
schwanger, trgerisch und produktiv bist du wie die gleiende Wlbung eines
Tropenstromes! Ist dieser Strom nicht eben wie ein Kupferbalken und schweift er
sich nicht auch fr uns unter dem Zwange einer therkuppel, die in ihm
reflektiert? Gilt es nichts, wenn wir in Symbolen und Gleichnissen sprechen,
gilt die Erholung, die in der fruchtbaren Lge liegt, nichts? Nieder mit den
Gegnern der Lebenslge! Wir, die wir um sie wissen, die wir sie durchgemacht
haben mit allen ihren Versuchungen, wir bejahen sie, wir machen sie mundtot,
indem wir sie dichten lassen, wir denken technisch und heben eine blhende
Industrie aus ihr empor! Unser Geschlecht ist nicht anmaend, nein, es will die
Weisheit nicht ausschpfen, es will vom Flecke kommen, sich nicht umsehen und
jeden Gott anbeten, der ihm mit Schnelligkeiten Wunder zeigt. Ist es nicht
verdammt gleichgltig, ob das Wasserrad oder zwei indianische Knechte Anspruch
erheben auf unser Fortkommen, wenn wir nur weiterkommen, und sei's auch um
keines anderen Zweckes willen, als um unserer Nervositt genug zu tun! Denn
letzten Endes schwimmen wir ja alle doch nur in unserem eigenen Blute - auch das
ist eine Inversion der Natur, eine paradoxe Verdrehung von Urtatsachen vor uns -
und sumpfen!
    Und wir kommen fort dabei, schon spre ich es! Hei! Ich verkndige den
Spiegel, die Verkehrtheit, das Paradox! Es soll meine andere groe Arbeit fr
die Menschheit werden. Auf den Spiegel kommt es an! Spiegel akzentuieren! Seid
eitel, turnet vor Spiegeln! Beuget euch von vielen und allen Seiten, lasset
euch hin- und herschnappen! Steht still und lat die Welt rasen, raset und
berholt die Welt! Lat euch von realen Rudern treiben und von unsichtbaren
Mchten, werdet seekrank vor Anbetung des Unbekannten und irrsinnigem Lichte,
bauet Mhlen von Wasserrdern, berauscht euch und seid trocken, phantasiert und
seid zynisch, verliebt euch wider die Sitte und seid moralisch, seid aus dem
Norden und tragt den Sden in euch - dies sage ich, denn ich schreibe das
katechetische Buch unserer verrckten Nerven, dieser Nerven, die ich als
Nachkommen des Urwalds entdeckt habe!
    Ja, wir kamen vorwrts! Schon sprte ich es. Unsere Fahrt bekam pltzlich
eine Projektion ins Emotionale. Bergab sauste ich in die Tropen der Menschheit,
in Urzustnde der Krfte, in einen konomischen Grobetrieb des Wachsens und
Werdens. Was ging mich Slims Schatz an? War die Reise fr mich nicht schon
erfolgreich, hatte ich nicht schon meinen Schatz entdeckt? Symbole, akzentuierte
Spiegelungen waren vollwertiger Ersatz. Dies und jenes war unsere Art, den
Rhythmus, das Welttempo fr uns zu gestalten. War das nichts? Der alte Praktikus
Slim wird seinen Schatz nicht finden. Ich, der Ideologe, habe gesiegt. Es wird
sich herausstellen, da rationaler Idealismus dem romantischen Materialismus
berlegen ist. Wasserrder kann man in Pferdekrften messen, Kultureinbildungen
sind blutbildend. Dieses Geschlecht kehrt wieder zu den Vtern, in seinen Urwald
zurck!

                                       VI


Und dann fand die Flufahrt doch einmal ihr Ende und wir kamen in den Wald. Das
Thema der Zrtlichkeiten trat in neue Variationen ein. Indianerin, se Wilde,
du schnste der Frauen, du Musterstck der Weiblichkeit, womit vergleiche ich
dich? Mit dem groen, bsen Somnambulen, dem Urwalde, deiner Heimat, diesem
raffinierten, groartigen Tiere der Bewutlosigkeit? Den deutschen schlichten
Hochwald mit der schummerigen Khle seiner Quellen und dem mystischen Brausen
seiner Bume verga ich um deinetwillen und vergaffte mich in die beizenden
Lockungen eines verrterischen Wesens. Nein, Treue und Gemt lagen nicht in dir,
se Eingeborene des tropischen Urwalds.
    Eines Tages wurde der Flu enger und enger, die beiden Ufer zeigten Neigung,
ineinander zu wachsen, Lianen verbanden sie mit fliegenden Brcken und nur
mhsam bahnten wir uns einen Weg mit den blinkenden Machettas, einer Art
lnglicher Haubajonette. Dann kam von rechts ein kleiner Flu herein, ein Bach
von vager Gangart. Wir stiegen aus und versteckten die Boote, indem wir sie wie
Masten zwischen den Gabeln der Baumste lotrecht aufpflanzten. Zwei der Indianer
stellten aus Stecken eine Tragbahre her, auf denen die Felleisen und der
Proviant befestigt wurden. Mit xten und Machettas zogen wir, hurra! kopfber in
den Wald!
    Der Djungle hallte wider von Gewaltsamkeit. Stumpfes, dichtes Schweigen
setzte der unbetretene Wald unserem Vordringen entgegen. Erst zh und trge,
vereinzelt und ohne Ordnung folgten inmitten der Stille einander die Pointen
eines platten Lrms, wenn die Beilschneide gegen junges Stammgrn flog und
wirkungslos von dem biegsamen nassen Holz abprallte. Hin und wieder explodierte
ein morscher Ast, die Wohltat des Erfolgs ging strkend in die Nerven, das
seufzende Brechen und Reien der Holzfasern erfreute bis in die Knochen mit
seiner brachialen Musik. Einen Meter weit ist die Bahn geschlagen. Schwitzend
und mit gekrmmtem Rcken gehen wir kopfber wie die Bullen vor, suchen den Wald
auf unsere Kpfe zu spieen und werden von einem berlegenen Sprungnetz
verflochtener Zweige sanft zurckgeworfen. Es ist, als ob wir gegen Matratzen
anliefen. Der Rcksto bleibt aus; die ganze Stokraft geht wie durch eine
Ableitung irgendwohin in den Boden hinein. Alles ist zh wie im Traume, und
diese Ohnmacht traumbeschwerter Kraftentfaltung stimmt weinerlich. Der Wald ist
eng und durch und durch ein Korb. Hopla, da hat es uns aufgefangen! Heda, get
on, adelante, mach' ran, da, dort, hier, links, nein, rechts, zum Teufel rechts
- nun kommt der Elan. Aufgepat! Was whlt sich dort durch den Wald, was hackt,
flitzt, spreizt, dehnt diese unregelmige Rhre, diese ungehobelten zwei Brche
durch das Dickicht, was verursacht dieses klaffende Dreieck im Schnitt einer
kurzen Lichtung? Eine Karawane von sieben Menschen ist eingebrochen! Nun haben
wir es, wir haben es, wir haben die Pace der Arbeit, wir rasen vor Begeisterung,
wir sind weder trge noch wehleidig, der Rhythmus prasselt wie Trommelwirbel auf
uns ein, er wirkt als krftigende Massage. Flipp, flapp, spalten und sprengen
die xte, fssss, zischen die Machettas trennend in Lianenlauben, da die Schnre
links und rechts herniedersinken. Wir marschieren mit federnden Waden, mit
versteiften Oberschenkeln, wir kommen aus der tiefen Kniebeuge nicht mehr
heraus. Abends wird es wohlig sein, sich auszustrecken; am Morgen werden wir die
Beine steif wie Bume finden. Dann eine Viertelstunde Widerwillen und gemute
bung, und der Elan kommt wieder und wird aus einer Karawane Menschen einen
Dampfpflug machen. Ahne ich, woher meine Indianer ihre Balleteusenbeine
beziehen? Schon spre ich unter meinen Knien innseits eine hbsche Mandel und um
meine Schienbeine fatschen sich Spuren von Sehnen. Von Minute zu Minute lassen
wir zerwhlte Sttten hinter uns, zerquetschtes Laub und in den Boden gestampfte
Frchte, helle Brche von sten und jungen Schlingen, deren spiralige Spne
wie gekrampfte Zungen Erstickender Reue wecken knnten! Der Wald fllt rasselnd
wie ein Epileptiker! Aber in uns rauscht das grausame Blut der Tropen, und unser
Ha gegen den Wald besiegt alle Mdigkeit und allen Ekel. Blo um den Takt zu
halten, fallen die xte auf nachgiebig schaukelnde Sprossen und zerfleischen
Machettas wie ein fort sich schraubendes Sichelsystem die grne Wunde an der
Front, aus purem Eifer schaffen sie rege, die Mensur nicht zum Stillstand kommen
zu lassen. Aus dem geilen Boden sickern Flssigkeiten, zwischen Wurzeln und
krautigem Moos bleicht perlmuttern der Schleim von Kriechtieren. Zwielicht
herrscht unterm Laube dicht und wchsern wie eine Haut, und die Rhre zurck,
die wir kamen, rollt es im Flimmern der brechenden Lichter wie eine groe
dampfige Walze. Aus allen Poren des Djungles steigt der Dunst, die Luft wird
schlrfbar und brhwarme Wellen umrieseln den Krper, wo ein Balken Licht sich
zur Erde durchgezwngt hat.
    Die Tiere fliehen. Wilde Sue lassen sich wie ein Spiel von Kugeln durch
Lcken und Lcher im Dickicht fallen. Ein Puma wartet mit verdutzter Nase und
vorgestemmten Beinen, schrge zum Rckzug geneigt, bis wir in Sehweite sind.
Dann nimmt er Reiaus, er rennt als wre er vor seinem eigenen Teufel feige
geworden, er rennt ber eine Linie im Walde davon, eine gerade Strae sich
fortsetzender ste, im Galopp, wie ein Seiltnzer, und nimmt sich nicht einmal
die Zeit zu springen. Schlangen schieen zur Seite und lassen ihr Schwanzende
dumm und unverschmt gerade auf unserem Pfade liegen. Pltzlich schiet eine auf
wie eine losgelassene Uhrfeder. Der alte Indianer an der Spitze springt zurck,
die Machetta pfeift und die geteilten Enden des Schlangenleibes rollen sich
vergrmt, leidend, seelisch zu dicken Spulen zusammen. Einsiedlerische Affen
stellen von den sicher gelegenen Astbalkonen irgendeines Urwaldmonarchen aus
geistvolle Beobachtungen mit uns an, indem sie Rindenstcke, Zweige, Nsse oder
zu Ballen gequetschte Bltterbuschen auf uns herab schmeien und mit gelehrten
Gesichtern nachsehen, wie wir reagieren. Ihre Nasen strahlen von
Erfindergenssen. Wir sind gezwungen, uns die Belstigungen von Zeit zu Zeit
durch Revolverschsse vom Leibe zu halten: Kreischend und in voller Auflsung
ergreifen sie das unrhmliche Panier, kommen aber vllig umgestimmt zurck und
verhalten sich ruhig. Ein Griff an die Hfte gengt jetzt, sie fortzujagen. Dann
sind sie uns satt, bezeigen uns durch einen flink bewerkstelligten
Verdauungsproze ihre Miachtung und treten ihren Platz anderem Volke ab. Ein
allerliebstes Frulein, oder ist es eine Frau, zeigt ihre vollendeten Reize; sie
bestehen aus einem wunderhbschen, goldigen Fell, das aber an der Innenseite der
Schenkel die rosige zarte Haut preisgibt. Ich nenne sie meine kleine Lorelei,
weil sie sich mit ihren eleganten, langen Fingern kokett durch den Pelz fhrt,
und ich bin sogar geneigt, sie glden zu nennen und berhaupt ihr meine Poesie
zu Fen zu legen. Ich glaube wirklich, diese Tierfrau kommt sich verfhrerisch
vor, so wissend sind ihre Augen, aus denen sie perlende Blicke rieselt.
    Gegen Mittag wurde der Wald einsam. Nichts war da als dies Anschieen der
Sfte in den Zellen, das grne Wuchern des Chlorophylls im Laube, das Blhen und
Wachsen von Stengeln, Stmmen und Sprossen. Aller dieser Reichtum lag in einem
desolaten Zustande da. Kein Lufthauch bewegte ein Blatt, und Hitze und lauer
Dampf strmten gleichmig aus dem Filter schwarzer Erden und Fulnisschichten.
Der Tag hing mit mattem Glast zwischen den Bumen. Wo eine Lcke im Laubdach
klaffte oder ein entwurzelter Baumelefant seine Umgebung niedertrat, bis eine
Lichtung entstand, strzte die Sonnenflut wie ber eine Schleuse prallend herab.
Eine dunstende, reglose Masse, brtete der Djungle in seiner Verlassenheit.
    Hei, und wie dann die xte wieder im saftigen Holz knirschten und
ergebnislos von allzu jungem Grn abglitten! Schon waren sie stumpf, und der
Abend galt der sorgfltigen Pflege ihrer Schneiden. Hallo, hierher kommt, hier
fhrt ein Gang, dort, haut mir die Liane durch, Pest, mein Arm und die Machetta
sind drin verfangen; vorwrts, Jungens, bald sind wir durch; Stunden noch und
wir stehen im Gebiet der Dumara! Am Nachmittage, nach Mahl und Rast, hrten auch
diese Zurufe auf. Wir arbeiteten stumm und ekstatisch. Unser Haar troff von
Schwei und Dampf. Unsere Sombreros mit den hohen Strohkegeln hingen schleppend
in den Rcken, dort machten wir sie fest, sonst wren sie uns alle Augenblicke
von den tausend Hnden des Laubes entfhrt worden. Plage und Wut prgten sich in
unsere Gesichter ein und unsere Zge waren wild vor Nervositt wie die von
Eingeborenen.
    Und am vierten Tage endlich sahen wir, wie eine Gnadenerscheinung, ein Weib,
ein Menschenweib. Slims gute Augen erblickten es zuerst. Bevor er sprechen
konnte, aber begriffen wir blitzartig, worauf er uns aufmerksam machen wrde.
Wir witterten das Weib, denn sehen konnten wir es kaum, es stand gut fnfzig
Schritte vor uns im Gehlz innerhalb eines gelichteten Saumes. Die Indianer
hielten eine kurze Konferenz in Hauchlauten. Sie steckten ihre Werkzeuge in den
Gurt und begannen sich langsam mit den Hnden fortzutasten. Wir folgten ihrem
Beispiel und glitten vorwrts. Aber auch wir waren entdeckt. Die Frau, die ein
Bndel drrer Hlzer im Arm trug, hielt pltzlich, in der Haltung des Auflesens
beharrend, inne. Eine Minute lang bckte sie den Oberkrper zur Erde, den Kopf
im Nacken emporgeschnellt, und ihre Augen deuteten mit peinvoller Konzentration
die geahnte Vernderung der Buschwand, hinter der wir jetzt hervorbrechen
werden. Vielleicht wollte sie sich durch ihre Unbeweglichkeit nur unauffllig
machen, sich abwesend stellen: da strmen wir auch schon losgelassen in die
Lichtung, und sie - nun, das Frauenzimmer hockt in diesem Augenblick auf die
Zehen nieder und verschrnkt die Arme ber dem Hinterkopfe. Sie bietet ihren
lieblichen Nacken unseren Machettas dar. Wir springen in die Luft, ich stoe
rasende Schreie aus, sause die Machetta die Kreuz und die Quere und lasse sie
auf einen braunen Nacken hpfen - und als ich noch immer luftschnappend dastehe,
hlt Checho soeben eine feierliche Ansprache in Rachenlauten.
    Wre ich erstaunt, erregt gewesen, wenn wirklich einen von uns im Eifer das
Unglck versucht und die Machetta in gewohnter Grausamkeit ihr Werk verrichtet
htte? Wir waren aktiv bis zur Tollheit, nervs bis zur Unzurechnungsfhigkeit.
Verlegen ber die Situation und mein schlimmes Gewissen sah ich zu Slim hinber.
In seinen Augen wandte sich der winzige metallene Wurm, den ich schon kannte.
Ich verstand ihn. Das Verfhrerische dieser Demut machte schwach vor Wollust.
Der Hollnder schmunzelte fettig. Da erkannte ich endgltig, da unser Herz mit
dem wilden Trieb des Urwalds zusammenschlug und die Sitten seiner Erholungen
angenommen hatte. Wir waren Barbaren geworden.
    Checho als der jngste und wahrscheinlich harmloseste, vielleicht auch als
der prsentabelste, bernahm sofort die Verhandlungen, indem er sich ein paarmal
auf indianisch verkutzte. Aha, das mtterliche Geschpf hatte richtig Erbarmen
mit seinem Katarrh, die gute Seele rusperte sich zurck und zeigte Verstndnis:
mglich auch, da dieser Hustenanfall von Sprache ein Friedenszeichen war,
jedenfalls erhob sich die kauernde Gestalt und bot sich als vollendete junge
Dame dar. Ihre Brste, die auf den Knien wie auf Lafetten gelegen waren,
schienen zwar etwas ungewohnt lang. Aber sofort gestand ich mir, da zwei
Handspannen das Normalma fr den Reiz eines weiblichen Busens darstellen. Dazu
mu ich bemerken, da ich hnlich makellose Schultern noch niemals gesehen
hatte. Die Glieder waren fein und gefllig, die Beine charakterlos und knieeng.
ber den Weichen faltete sich ein krftiger Bauch. Ich gestehe, erst nach diesem
Chock von faustdick aufgetragener naturalistischer Weiberschnheit sehe ich mich
nunmehr imstande, die Klasse eines Weibes einzuschtzen.
    Checho und die Indianerin verlieen den Waldsaum, schritten ber die
Lichtung und verschwanden in einer Insel von grofcherigen Palmen. Blagelb
leuchtete ein Strohwall durch, ein Block von Htten fiel, noch formlos, ins
Auge. Hunde klfften mit immer neu einfallendem Hasse, und ein Trupp Menschen
bricht zwischen der Strohburg hervor. Er bewegt sich wrdig auf uns zu. Checho
spricht, Slim spricht, wir klatschen taktvoll in die Hnde und verbeugen uns.
Rah, rah, ein Vereinigte-Staaten-Hurra fr unsere Wirte! Slim lftet seinen
Sombrero, um dessen Kopf ein Fetzen Stars and Stripes prangt. Er reit ihn herab
und spricht und verehrt ihn dem Prinzen, vermutlich behauptet er, dies sei die
Fahne Gottes, das Banner der allerhchsten Sonnengottheit, ein Fetzen
Himmelsgewlbe; er beschreibt einen groen Bogen in der Luft, er wirft seine
Hand weit, weit ber den Wald hinweg, denn dort kommen wir her, vom Ende, vom
Anfang, wir sind die Abgesandten einer furchtbaren Macht. Dies fhlen auch die
Hunde. Sie schnffeln mitrauisch an unseren Beinen; zuletzt aber werden wir in
die Mitte genommen und halten unseren Einzug. Ungefhr in der Mitte des Dorfes
wird uns Quartier gewiesen; es besteht aus einem rechten Winkel - buchstblich
einem rechten Winkel, der von zwei Palmstrohwnden gebildet wird. Der Plafond,
gleichfalls mit gebleichten Palmblttern gedeckt, bscht sich zum Eingang hin
ab. Wir bcken uns, treten ein, legen ab. Etappe! Ich sehe hinaus, wobei ich
mich ein wenig bcken mu. Drauen sammelt sich ein Volk magerer Affen, und rot
und grn, in den Stammesfarben, wimpeln die kargen Schrzlein bei Mann und Weib.

                                      VII


Ein tiefer Schmerz sollte mir beschieden sein. Ich erwachte eines Morgens und
befand mich unter einem schtzenden Palmdache, unter dem es vorlufig noch khl
blieb, whrend drauen die Sonne den Erdboden zu einem knochenharten Ziegel
glhte. Aus Spalten und Fugen fra das Licht sich durch, wie ein Gift sickerte
es durch dnne Stellen in der Wand. Es roch s nach Staub und zerriebenem
Palmblattmulm. In den warmen Schatten geschlossen lag ich unfroh. Ich stand
nicht mehr auf der Landkarte! Zu diesem lcherlichen Gedanken konzentrierte sich
meine schlechte Laune. Ich war verschollen fr die Geographie. Und doch hatte
ich sie ewig hochgehalten, und doch war sie auf der Schulbank meine Leidenschaft
gewesen. Sie war das Symbol der Reize aufkeimender Wissenschaftlichkeit und
Forschung, sie besa das Prickelnde der groen raumbezwingenden Erfahrung. Ein
kleiner runder Kreis auf der Landkarte bedeutete meine Stadt, bedeutete mich.
Ich war eine kleine zackige Krone mit soundsoviel tausend Einwohnern unter einem
Gewimmel von anderen charakteristischen Punkten, ich war eine Hauptstadt, eine
Residenz, ich erwartete nichts weniger, als da die Blicke Europas auf mich
gerichtet seien, ohne da ich gezwungen war, aus meiner eigenen Anonymitt
herauszutreten, meine Bescheidenheit aufzugeben und vorzugehen. An dieses
kindliche Gefhl erinnerte ich mich jetzt, ich lernte es von der anderen Seite,
in seiner Abwesenheit, kennen. Und ich brachte auch heraus, warum diese
verrckte Stimmung sich mir gerade jetzt wieder nach einer so langen Pause
aufdrngte. Ich fhlte mich verlassen. Zur Zeit der zackigen Krone geno ich
alle Vorteile der Majoritt, der ich angehrte. Wir zwei reprsentierten
einander; es war ein unglaublich seliges und kostbares Verhltnis. Wer immer die
Landkarte in die Hand bekam, hatte es mit mir zu tun, ob er nun Notiz von uns
nahm oder nicht. Meine Existenz war gewhrleistet, sie war mit unverlschbaren
Zeichen ins Buch der Wirklichkeit eingetragen. Meine Lebenszuversicht und mein
Selbstbewutsein wuchsen, whrend ich mit schwimmenden Augen vor der Landkarte
sa und mich stets von neuem identifizierte, eine knstliche Verwirrung und
Vergelichkeit schaffend, um immer wieder die Entdeckung zu genieen. Und nun
war ich einsam, ich stand nicht mehr auf der Landkarte und war keine Majoritt
mehr! Ich erschrak so grundlos aber so heftig, da mir das Herz zu klopfen
anfing. Und es war vermutlich gar nicht dieser absurde Gedankengang, ber den
ich erschrak, sondern ich erschrak ber das verzweifelte Bewutsein meiner
Verlassenheit, in das ich traumhaft vergrernd wie in einen unendlichen Schacht
hinunterglitt.
    Ich war einsam; und weil ich einsam war, begann ich zu beobachten.
    Slim und der Hollnder waren bereits wach; sie kochten Tee und zerknackten
Zwieback hinter den mageren Gesichtern, deren Teint von einem Bartanflug bis
unter die Augen schraffiert war. Die Indianer waren aus. Slim vermutete sie bei
Geschft und Tausch. Er selbst ging gleich darauf mit seinem Hieroglyphenziegel
bei den Experten der Ansiedlung Aufklrungen einsammeln. Van den Dusen schlug
vor, Toilette zu machen.
    In einer Stunde waren wir, so gut es ging, auf den Glanz hergerichtet. Van
den Dusen trug sein restauriertes Madonnengesicht mit den braunen, von Strapazen
ganz milde gewordenen Augen auf die sonnverbrannte Gasse hinaus, all dies und
seine neuhergestellte Bartlosigkeit, seinen pomadisierten Scheitel und einen
verknitterten Leinwandanzug. Ich whlte eine Kartusche und hing sie malerisch
ber die Schulter. Ein Khakihelm vervollstndigte die Absichten. Fertig. Marsch!
Wir erobern dieses Land! Wir sind die Vertreter der allerneusten Zustnde auf
dem Gebiete der Kultur, wir ergreifen Besitz von der Schnheit dieses Erdstrichs
und wollen nebenbei eine Landkarte verfassen. Respekt vor unserem Wissen,
unserer abstrakten Tiefe, unserer Humanitt, andernfalls wird geschossen! Punkt;
Amen. Wir sind ein Geschlecht von Herren.
    Die Lichtung, in der das Dorf lag, war durch ein Rechteck von zweihundert
mal sechshundert Schritt gebildet. Ein Flchen mit braunem sanftem Wasser und
ausgeleckten Ufern flo mitten durch. Daran stand mit dem Rcken die Siedlung.
Ein Teil der Lichtung war Savanne, fnfzig Prozent davon waren mit Tapioka und
Indigo bebaut. berm Flusse lagen verstreute Granittrmmer, durch sie
durchbahnte sich ein kleines rascheres Gewsser in Kaskaden einen Weg.
    Hier ist gut sein, sagten wir. Van den Dusen inspizierte scharf, machte
Bemerkungen ber die Lage, die Agrikultur, schnupperte ein wenig gestrt nach
dem Fischgeruch, der von einem grten- und schuppenbesprenkelten Platze des
Ufers kam - nach fnf Minuten aber waren wir entschlossen, hier eine
hollndische Stadt zu bauen und dem Fortschritt einen wesentlichen Dienst zu
erweisen.
    Auf den Feldern trafen wir Indianer, die ihre einfachen Holzgerte nicht
stehen lieen und uns nicht nachsahen, uns aber doch ein greres Interesse
widmeten, als Erziehung und Stolz ihnen gestatten mochten. Eine feine
Unbehaglichkeit, ein gestenloser Trotz drckte sich in ihrem Schweigen aus. Van
den Dusen sagte: Vorgeschmack der Eroberung! Ich erinnere mich an meine
Garnisonszeit daheim und auf Java. Die ersten Tage fhlten wir Offiziere uns
gleichsam als Feinde und Eroberer. Hinter der gegenseitigen Frmlichkeit steckte
etwas Ungutes, wie Gegnerschaft. Spter ist man dann auf du und du gestanden.
Wir lachten und sahen uns spttisch um. Wir wren in Verlegenheit gewesen, uns
unter diesen Tieren einen Dutzbruder ausfindig zu machen.
    Aber die Anwesenheit von Menschen ermuntert dennoch. Dieses Nestchen war ein
kleines Paradies. Es war Bewegung da, eine gewisse Betriebsamkeit hinterlie
ihren Erreger, es bestand eine erfrischende Ansteckungsgefahr fr Seelen. Ein
Takt, dessen Mae wir noch nicht begreifen konnten, lie sich ahnen. Wir
durchschritten das Dorf mit seinen fnfzig triangulren Htten; und siehe da,
diese Gruppe blanker Kegel wies einen erhhten Lebenstonus auf. Fnfzig kleine
Rauchsulen krochen seitlich an den Spitzen heraus und erhoben sich alle in der
gleichen Richtung der Sonne zu. Der Rauch sah flgge aus, er hatte es
schrecklich eilig. Die Savanne mit dem kochgeschftigen Drfchen bot sich als
ein Prsentierbrett voll Teekannen dar. Ein Indianerdrfchen gefllig? Wenn man
sich die Portion besah, erklrte sich ihr sehr rationelles Wesen. Ich fand drei
Ringstraen, die in konzentrischen Kreisen um ein mittleres Prachtgebude, eine
groe bemalte Htte, angelegt waren. Nach diesen Straen ffneten sich die
Interieurs der verschiedenen Htten, hier lagen im scholligen Boden
glattgetretene Pfade, Staub und brchiges Gestein. Ein System von
durchmesserfrmig gestellten Durchsichten aber strmte im Mittelpunkt der groen
Htte zusammen. An jeder dieser Durchsichten, deren Hintergrund eine Ansicht der
Htte ergab, pflanzten sich die Kaminluken fort, allerlei Germpel und
berzhliges hauste zwischen den Flankenwnden der Htten. Ein einziger
Durchmesser nur fhrte breit und anscheinend gepflegt auf die groe Htte zu.
Hier gab es also etwas wie Plan und Anlage, ho, sozusagen eine kleine herzige
Technik?
    Wir gingen auf die groe Htte zu. Sie war von Holzwnden bis in Mannshhe
umzimmert; phantastische Figuren mit ungeheuerlichen verrenkten Gliedmaen waren
in fleischlicher Pracht dargestellt. Entzckend festgestellte Linien der Leiber,
ein anschauliches Muskelspiel und eine Malerei auf Zusammenklang ausfleckender
Farben gaben ein schnes Zeugnis vom Impressionismus einer naiven Kunst. Der
Maler hatte Sympathie fr eine groe schlanke Rasse von Menschen, deren
Oberkrper, lang und walzenfrmig, einer gewissen Aristokratie nicht entbehrte.
Die Bsten seiner Mnner waren bertrieben; sie waren mager und ihre Rippen
hervorgetrieben; die Brste lagen hoch wie muskelige Brnnen und gleich bei den
Achselhhlen. Die Frauen hatten Arme flach wie Reischienen und schienen ber
das jungfruliche Stadium noch nicht hinausgekommen. Babies mit helmhohen
Stirnen und kleine koboldartige Kinder waren erkennbar. Ich gewann den Eindruck
eines Krippenkults.
    Die offene Seite der Htte war durch eine Matte abgeschlossen. Diese war aus
farbigen Beeren gewirkt, ein Gehenke von bunten Schnren, fiel sie bis auf
Handbreite straff zum Boden herab. In diesem Augenblicke lockerte sie sich, von
einem unsichtbaren Willen bewegt. Erst entstand ein kleiner Faltenbruch, dann
bekam man eine Handvoll Menschentum zu sehen. Ich streckte den Kopf vor und
prallte zurck. Vor mir funkelten im Dunkel zwei Augen an einer platten Nase
vorbei. Die Matte fiel, meine Unzartheit war bestraft. Als wir uns entfernten,
sahen wir in dem Spalt zwischen Schwelle und Matte ein Paar zierlicher nackter
Fe stehen.
    Wir gingen rund um das Dorf, wir stellten uns allwirselbst dem Dorfe vor;
dies war unsere Anerkennung fr den vortrefflichen Anstand seiner Bewohner, den
ich mit Begeisterung bemerken zu mssen glaubte. Hier wurden wir nicht moralisch
in Schach gesetzt, nicht ausgebettelt und nicht unter der Form von Freundschaft
gedemtigt. Die kleinen Kinder, die zwischen den Zelten gespielt hatten,
verschwanden, whrend wir nher kamen, im Innern. Und dann waren es behutsame
und zurckhaltende Blicke, die uns berall her aus den Behausungen folgten. Dies
war gute Art, eine vorbildliche Erziehung fr den Fremdenverkehr. Frauenstimmen
riefen und die Kinder zogen sich vor uns zurck. Da kam Slim des Weges daher. Er
schien nicht gerade gut aufgelegt. Lat doch eure verdammten Schieeisen zu
Hause, schrie er schon von weitem. Ihr macht mir doch die Leute scheu. Die
Mtter frchten fr ihre Rangen, und die Alten wollen angesichts solcher
Manieren nicht mit ihrer Weisheit heraus. Ach so! Dies bezog sich also alles
auf unsere Revolver? Wir trugen nmlich jeder eines solcher langen Dinger,
amerikanisches Fabrikat, nach Cowboyart an einer umfangreichen Lederkoppel, die
am lockern Gurt vorm Magen baumelte. Welcher Zusammenhang besteht zwischen guten
Sitten und Revolvern? ist ein Gegenstand fr Seelenkundige und Politiker.
    Hallo, Slim, was ist's mit dem Schatz? frugen wir. Er zuckte, sparsam, wie
er oft mit Temperament sein konnte, mit Augen und Ohren. Vorlufig nichts. -
Aber, haben Sie schon Zana gesehen? Dieses Wunder von einem wilden Vogel mu
mit, darauf gebe ich meinen Kopf! Nein, Zana hatten wir noch nicht gesehen. Wer
war Zana? Nun, Zana war - wir muten uns gegen das groe Zelt im Mittelpunkt
wenden, Zana war die Priesterin und das dort, das bemalte Gezelt, war das
Allerheiligste.
    Wir schritten zurck zu unserer Htte. Sie lag am zweiten Ring. Etwas
ltlich schien sie, ihr Dach gab nach wie eine Hngematte, aber sie hatte Raum.
Wir konnten zufrieden sein, wir bewohnten ein vornehmes Gebude, das stand fest,
wie Slim sagte; wir setzten uns gemchlich vor der Tr nieder, walzten, stopften
und entzndeten uns Zigaretten und sprachen bern Rcken mit unseren Indianern,
die in einer Ecke faulenzten. Dies war ein Idyll. Wo blieben die groen
Abenteuer? Wir spotteten reichlich; Slim redete in derben Ausdrcken von seinen
Hoffnungen. Zana, haha, wer war Zana fr uns? Zana, nun bitte ich einen
Menschen, Slim schien ja ganz vernarrt in dieses Gespenst von der groen Htte.
Wie konnte man einer von diesen schlecht ausdnstenden splitternackten Bestien
gewogen sein? Nein! Niemals! Nimmermehr! Sah sie wohl den Bildern ihres Wigwams
hnlich, war sie eine Frau mit Reischienen statt Armen und Beinen und mit den
Eutern einer Ziege? Nein, dieser Slim, wissen Sie, van den Dusen, ich habe ihn
berhaupt in dem Verdachte, da er - - Slims Perversitt lag offen am Tage. Wir
kamen zu einer Entscheidung und zu einem geluterten Gewissen. Wir lachten, wir
lachten alle drei, inmitten dieser Harmlosigkeit nach all den Qualen und
Anstrengungen der letzten Tage, die vergessen waren. Wir fhlten uns frstlich,
riesenstark genug inmitten des Guten, allen Erfolg nun auch noch zu verachten.

                                      VIII


Und dann kamen die Tage, da wir nicht mehr lachten. Seltsame und regellose Dinge
ereigneten sich und gewannen Methode. Stimmungen zischelten scheu und feige in
uns auf, wie wir sie nur aus den frhesten Kindheitstrumen in bleierner
Erinnerung hatten. Wesenszge traten in Erscheinung, setzten sich durch, die
Akzente sprangen um, barbarische Lebensformen nahmen verbriefte Rechte ein, wo
seelische Hohlrume sich gedehnt hatten, gab es dunkle Bewegungen und aus Wsten
des Blutes schumte es ber. Uraltes wurde rege. Und dann kam das groe
Ereignis, das Fieber fra den letzten Funken zivilisierten Bewutseins. Van den
Dusen und Slim gingen dahin und Zana war verschollen. Die Gesnge ihres Stammes
trauerten ihr wohl nach, der Knstler, der sie dichtete und zeichnete, mochte
kommen, atemlos folgte die Menge den bungen seines Werkzeugs, und eines Tages
mochten sie Zanas Bild als das der Gttin verehren. Ich aber stehe schon auf
heiligem deutschen Kulturboden, mein Fu tritt auf hindernislosen Asphalt und
mein Geist geht prfend wieder mit dem Takt von Kolbenstangen und Propellern
durch die Tiefen rtselvoll arbeitender und doch bis ins kleinste begreiflicher
Maschinen.
    Zana war viel einfacher, sie bestand aus wenigen handgreiflichen Begierden
und doch war sie unbegreiflicher. Ich zermartere mir das Hirn, zu sagen, was
Zana war. Was war mir Zana? Nein, Zana war nichts, sie war ein menschliches
Scheusal und ein dmonischer Halbaffe, eine gefrbte Krte und ein
zurckgebliebener Kretin. Nicht ihrethalben ist alles so gekommen, wie ich es
noch vor kurzem glaubte. Und doch werde ich, schwankend und zerrissen und in der
Erinnerung betrt, immer wieder auf sie zurckkommen. Die Tropen, die Hitze, die
Nervositt dieses unertrglichen Klimas trugen die Schuld und unsere eigenen
dunklen Herknfte und menschlichen Vieldeutigkeiten. Zana ist unschuldig. Zana
ist nur ein Name, eine berschrift fr eine Episode. Zana, dich liebte ich, und
du sollst rein dastehen vor meinen weien Brdern. Alles kam, wie es kommen
mute, und wren nicht unsere trben Instinkte gewesen, die sich an den
Mysterien deines Leibes und deiner wilden Seele ergtzten, wir wren unbeschadet
durch das Land des harmlosen friedlichen Volkes gekommen.
    Ich berschreibe eine ganze Folge von Ereignissen mit dem Namen Zanas, aber
ich denke dabei an den groen Wald, den Urwald. Und gerade weil ich dabei an den
Wald denke, schreibe ich Zana, denn eins steht frs andere und die Grnde der
Katastrophe, die ber unsere kleine Expedition hereinbrach, sind so verworren,
da ich sie nur mit lebensgroen Bildern und Symbolen einigermaen anschaulich
machen kann. Aber zuerst waren wir ja noch nicht im Walde, sondern in der groen
ppigen Ebene des Limo, und so beginne ich denn die Reihe meiner Leidenschaften
nicht mit Zana, mit Zana, die ich liebte, aber nicht bekam, sondern mit der
sen dicken Aruki, die der huslichen Ebene entsprach, Aruki, die ich nicht
liebte und bekam.
    Vielleicht war sie gut genug fr mich und ich htte meine Augen nicht zu der
Priesterin erheben sollen. Inmitten des Lebens unbekannter und fremder
Daseinswerte muten wir auf die Dauer unsere Haltung verlieren. Wir kamen
sozusagen auf den Hund, wir bten an gesellschaftlicher Achtung ein und hatten
keine bung, diese Verluste durch ltere und wildere Tugenden auszugleichen.
Nein, es war vorauszusehen, Leute wie wir waren hier nicht am Platze, und
niemals habe ich das Ganze besser bersehen als in jenen hellen vorausgehenden
quatornchten, wenn ich ruhelos und vom Gram einer gegenstandslosen
Leidenschaft verzehrt, hinauslugte auf die mondbestrahlte Dorffassade, die, so
klein sie war, fr mich zu etwas Bedeutsamem wuchs, seit ich hier unter
Geschpfen wohnte, deren kleiner, unbegreiflich kleiner Horizont der meine
geworden war.

                                       IX


Wieder kam die Nacht. Ich lag wach in meiner Htte. Ein brenzlicher Dunst
lastete auf mir, ich erhob mich und streifte mein Lager aus Palmstroh in den
Eingang. Hier lag ich am Rcken und sah in den Himmel, in dessen Silberkraut ich
den wehen schlaflosen Blick khlte. Gedankenvoll klomm ich, zwischen Rumen voll
weier gasiger Helligkeit, von Stern zu Stern. Ein verblasener Brand schwoll
stellenweise am Firmament auf, verhauchte narkotische Schwlen in die unendliche
Leere zwischen Himmel und Erde, zuckte wie blasse matte Blitze ber die
Weltengegenden. Es war wie das falsche Flammen einer lungenkranken Brust.
Nebenan aber stand die hohe Palme und spreizte starre grne Messer, gierige
Bndel von Blitzableitern in das Licht. Ein groer trockener Mund saugte sie den
dichten Tau, der aus der lauen Luft entquoll. Hart und hungrig, unromantisch und
ohne Sehnsucht stand sie in einer Landschaft von unwahrscheinlicher Poesie; aber
der Roman der Nacht wurde vollkommen durch ihre verstndnislose Trockenheit.
Lange blieb es still, kein Lufthauch regte sich. Dann pltzlich schien irgendwo
in einer der Htten etwas vor sich zu gehen, ein Kleines wimmerte, ein Tier
drckte sich im Schatten vorbei. Es war einer der hier gezchteten Wolfshunde,
klein wie ein Marder, stinkend aber rassig; perplex den Schwanz einziehend
pfotete er davon, wenn er meine Aufmerksamkeit fhlte.
    Da war ich nun mein eigener Herr, Herr einer neuen Htte. Sie lag, wie die
erste, am zweiten Ring. Aus unserer ersten Unterkunft, der gerumigen
Versammlungshtte, wie ich spter erfuhr, war ich in diesen eigenen Haushalt
gekommen. Checho war bei mir; diese Htte war kleiner, aber sie bot Raum genug
fr uns beide. Slim hatte eine schne Htte im ersten Ring erhalten, der
Hollnder gleich mir die seine im zweiten. Ob dies ein Zufall war, oder ob es
eine Bewertung unserer Persnlichkeiten darstellte? Mein Ehrgeiz erhielt einen
tckischen Sto. Ich fhlte die Miachtung des Volkes auf mir ruhen, jetzt, in
dieser prangenden Nacht ging mir der Sinn gewisser kleiner Beobachtungen auf,
die ich gemacht hatte. Die Indianer waren nicht mehr wie in den ersten Tagen.
Seit unser Vorrat an putzigem Tauschkram, an leeren Konservenbchsen und
Zigarettenschachteln auf die Neige gegangen war, war unser Ruhm im Verblassen.
Die guten Sitten wurden nicht mehr so eifrig eingehalten, unsere beginnende
Armut demoralisierte das Volk. Die Riesentrauben der Bananen wurden uns nicht
mehr so erstaunlich gro zugeschleppt wie die ersten Male, dies Dutzend Ananas,
das man uns anbot, war im Verhltnis zum berflusse dieses Obstes, an dem ein
mehrhundertkpfiger Stamm miwirtschaftete, von rhrendem Humor. Und jene
Handvoll Beeren war erschrecklich anzusehen, bengstigend wie eine Krankheit,
ekelerregend wie ein Schwund, sie stellten die uerste Grenze der Verachtung
dar, sie waren die Verachtung selber. Das Volk! Das Volk hielt nicht viel von
unserer geistigen Regsamkeit, von unseren Lebenswnschen, der Kraft unseres
Appetits, dem Ehrgeiz unserer Ansprche. Mit welcher Unverfrorenheit behandelte
uns das Volk?
    Kelwa, der Schildermaler, kommt eines Tages daher und bringt mir den
lumpigsten Kitsch aus seinem Atelier, den ich dort bereits hatte in einer Ecke
herumliegen sehen. Er verlangte mein Gewehr dafr. Ich nahm das Gewehr, ich gab
es ihm so in die Hand, da der Schu in dem Augenblicke losging, da er es
berhrte. Die Kugel klatschte an das Palmstrohdach, Staub und Strohmist
rieselten auf uns herab, Kelwa zitterte. Kelwa, du tapferer Krieger, du
Pinselnovellist des Krieges - Kelwa ging schnell fort und sieht jetzt mit bsen
Blicken an mir vorbei, wenn wir einander begegnen. Das Blut steigt mir zu Kopfe,
wenn ich, Kelwa, deine Verachtung sehe, diese berlegenheit einer gebildeten
Rothaut ber den weien Rppel. Dein Blick frgt klar, wrdest du jemals so
handeln und eine zarte Gabe, ein edles und hchst vernunftgemes Geschft durch
unziemliche Schsse verderben? Ich wei, ich wei, du hast mehr Takt, mein roter
Bursche; du hltst dich fr fein, ich erklre dich fr intrigant, du hltst mich
fr einen Bettler und verstehst nicht, he, wie man sich so ohne Scham einem
fremden Stamme anbiedern knne? He, sehe ich dir auf die Grnde deiner Seele?
Wohlan, du brauner Stengel du, du nette Pflanze von einem Knstler, ich
behaupte, du knntest, wie du bist, auch in Europa vorkommen, du Phariser, du
besserer Mensch - Dichter - Spitzbube ... Spitzbube, verdammter roter malender
Spitzbube ...
    Dies ist die tropische Nacht und ihr Fieber. Ha, Schuldbewutsein,
Gewissen, Ekel. Schwche, Elend der Erkenntnis, sinnlose Selbstanklage kommen
aus der Hitze und Schlaflosigkeit zur Welt und foltern den Entwurzelten, den
Verschlagenen, den Reisenden. Grundlose Gewissensbisse verfolgen ihn. Das Blut
strmt aus Zorn und Widersinn verkehrt zum Herzen, und verkehrt strmt es wohl
wieder an seine Pltze ab. Es kreischt wie ein Strom, eine Kette widerspenstiger
Achsen. Ich sttzte mich kochend auf meinen linken Arm und schabte die Zhne
gegeneinander. Diese Bewegung schreckte einen herumschnffelnden Hund auf. Er
bekam es mit dem Todesschrecken, flog entsetzt zur Seite und streifte die Matte
an der Htte gegenber. Erregt ber diesen Akt nchtlicher Ruhestrung in einem
ehrbaren Indianerdorfe heulte er aus gestreckter Kehle auf und scho davon, als
ich mit den Fingern flapste.
    Und nun begann es drben unruhig zu werden, ein Kopf schob sich lngs der
Matte unterm Vordach vor und zeigte ein vertrautes Gesicht. Es war Aruki, die
hbsche Aruki; sie war dick, und ich dachte, schade, da sie verheiratet ist.
Aruki aber schien beunruhigt, kam - und nun wurde ich aufmerksam - auf lautlosen
Ballen nher. Was war das? Was hatte Aruki vor? Ja, auf welchen Wegen erging
sich die se Aruki? Als sie nher kam, ging es wie eine wunde Seligkeit in mir
auf. Wo ging sie hin, wen suchte sie - -? Wie ihre kleinen huschenden Schritte
mich schaukelten! Sie sah mich wohl erst, als sie in Greifweite vor mir stand.
Sie erschrak mit einem Ruck, den sie stumm unterdrckte. Aber schon war es fr
sie zu spt. Das Mondlicht glitt an ihrem blanken Fell nieder, vor ihrem Schoe
pendelte das aus Perlen und Beeren gewobene Schrzchen. Die Zikaden sangen. Ganz
pltzlich hrte ich sie. Ich wurde im Nu so hinfllig, da mich die kleinsten
Gerusche wie brechender Donner berhrten. Ich empfand das helle Schwingen der
Tropennacht und sah die silbernen Schauer ber den blauen Rcken der Nacht
huschen. Arukis feste Waden standen ber meinem Kopfe, ich fhlte sie mit den
Haaren. Meine Sehnsucht sprach in Tastempfindungen, ein Festigkeitshunger
berfiel mich, ein tiefsitzendes Verlangen nach Kurven, Formen, runden
Widerstnden. Schnell griff ich zu und schlo mit einem erhebenden Gefhle die
Faust eng um den Knchel. Aruki strzte vornber auf meine Brust, ihr ppiger
Krper flo nachgiebig um die Prgungen meines Systems, meine erhabenen Muskeln
und Knochenbge sanken hingebend in ein liebliches Lager von Fleisch und Fett.
Mein Kopf lag an ihren Hften, ich schnrte die Arme trumerisch um die breite
Taille und kte die Wlbungen der glatten Haut.
    Wir rangen stumm, mit Ha und Inbrunst, und sagten uns heie Liebesworte,
schmachtende Gemeinheiten in die Buche. Dann war mein Atem einen Augenblick
lang frei; der geschweite Lrm arbeitender Zikaden drillte wie ein groer
Bohrer den Raum. Ich sprte einen fatalen Moskitostich am Bein und zuckte
zusammen. Gleich darauf erhielt ich einen Schlag auf die Wange. Eben noch hielt
ich Arukis festen Knchel in der Hand, sie bckte sich blitzschnell zwischen den
Sternenhimmel und mich, Donnerwetter - ich lie los, da war sie fort.
    Auf dem Pfade meiner Wehmut ging sie hin, wandelte auf einem roten Strahle,
der von meinem Herzen ausging. Verzweifelt kratzte ich an den Beinen, wo die
Moskitos unter die Hosen geschlpft waren. Meine Sehnsucht spielte mir Streiche.
Au! Auf der Stirne, am Hals, an der Handflche begann es zu stechen. Ich stand
auf und holte das Moskitonetz, das beim Gepck lag. Beim Schein der elektrischen
Taschenlampe erkannte ich, da Checho fort war. Ich fand das Netz, kroch
darunter und setzte mich leidend vor der Tr drauen nieder.
    In Arukis Htte wimmerte eines der Kinder. Sie war Mutter von zehn. Nun nahm
sie das eine, das kleinste, das sie immer berm Rcken trug, sie nahm es und
legte es vor die nhrenden Brste. Aruki war keine Schnheit, mein Gott, aber
ich fand Aruki hbsch. Ich liebte sie und sie hatte mir eine Ohrfeige gegeben.
Aruki, dieser Demutsknoten, besa also Temperament. Herrlich, geradezu herrlich
war sie, ein unschtzbares Kleinod von Weiblichkeit! Welchen anderen Wunsch
hatte ich, als sie in meine Htte heimzufhren, fr sie zu arbeiten und zu
jagen, von ihr meine Kinder gebren zu lassen und an ihrer Seite das Leben eines
Kriegers, der ihrer wert wre, zu fhren? Ihre Demut war eindrucksvoll,
charakteristisch, originell, schon damals, als wir aus dem Walde hervorbrachen
und sie sich wie ein gengstetes Wild den Fremden ergab! Immer steht sie mir so
vor Augen, in die Knie gebeugt und die Arme hinterm Kopfe verschrnkt - - - ich
berlege es recht, das Leben ist vollkommen erst im Genusse. Fremde Schnheit
ist zuletzt der Kraftaufwand des Einzelnen, eigene Schnheit ist die
Vorbereitung zum Genusse fremder. Jeder schmiedet an sich, da er fremder Lust
die Hemmungen beseitige, um an ihr die eigene zu steigern. Es lebe die Lust, das
Rauschen des trichten Blutes! Prangende Sinne und einzige Weisheit des
Fleisches! Kamt ihr aus einer Tropennacht zu mir, aus Siedehimmeln und
schwrmenden Gestirnen, aus Fruchtbarkeit, die im alten Mark des Urwalds quillt
und sprot, und aus fleischlichem Wuchern, aus der stehenden Schwingung lauer
Luft, die von der Riesenraspel membranser Zikadenflgel erzittert, kamt ihr zu
mir aus gespreiteten Palmenwedeln ber dem Kopfe oder von Arukis schlenkernden
Brsten! Se Mutter, wie das Baby schmatzt! Um der Sigkeit willen und der
schlfrigen Wollust, die in Frauenschenkeln ruht und aus der Mohnrose ihres
Schoes aufblht, will ich ein Vater werden und die Welt meiden, der ich
entstamme. Eine Indianerhtte und das Glck empfangener Demut sollen meinen
Blick begrenzen. Aus Lsten der Gewalt und undenkbaren Arten der Hingabe will
ich meine Freude nhren. Aruki, dich liebe ich, aber kannst du nicht die Meine
werden, dann sei's eine andere. Sie sagen, Zana sei die Schnste. Ich will
versuchen, sie so zu sehen. Diese Falschheit fllt uns Europern leicht. Ja, sie
ist schlank und lang, und mutwillig hpft ihr das Hinterteil, wenn sie geht. Sie
ist ein Kind, eine Tochter, ein Schwesterlein. Ja, und Aruki, mein Herz bricht -
- - du aber, Aruki, um die ich hier weine, bist die Reife; ich liebe deine leise
Welkheit, die eingefallenen Rnder deiner schwarzen Augen, die Sprnge, die
deine Wangen furchen wie die Falten einer geliebten Handflche. Da sitzest du
und singst deinem wimmernden Kinde das Lied vom schlanken Mondfrulein, das
voller und trchtiger werdend zur reifen Mtterlichkeit sich rundet und spt und
letzt blasse Schatten und Makel seiner silbernen Flle blogibt. Ich liebe deine
ldierte Schnheit, ich fhle ein beseligendes Erbarmen fr die verlschende
Orgie deiner Formenpracht; mein Herz hpft beim Anblick deiner hpfenden Brste,
ich erschaure tief vor dem mysterisen Gram gebrochener Zhne, mir schwindelt
vor den gelben Hauern junger Eber, die feierlich den entzckenden Narben deiner
Oberlippe entwachsen. Du mein geliebtes altes Mdchen, ich ahne in dir die
sinnliche Tiefe eines Volkes, der erst wieder die Tiefe meiner Intelligenz
entspricht. Und sehe in eurer Kosmetik nur die kluge Technik der perfekten
Ausntzung menschlicher Unvollkommenheit und Ungesundheit!
    Hier lebte ich unter Wilden, unter diesen nicht einmal gesunden Tieren mit
aberglubischen Krpern. Ich war ein Fremder und kam von der anderen Seite,
dorther, wo der Versuch, auf intellektuellem Wege Lust herzustellen, schon seit
Jahrtausenden miglckte; von dorther, wo man aus dem periodisch verbleibenden
Bruch eines Unlustresiduums immer wieder nach derselben Operationsmethode:
Fortschritt auf immer dieselben Rckstnde getroffen war. Hier aber befand ich
mich unter Tieren, deren physisches Raffinement in eben demselben Grade Geist
sein mochte, wie die europische Art, das Problem zu erledigen: Es besa Tiefe,
die sich mit dem Dasein deckte. Zerstreuungen, Ablenkungen von der wichtigsten
Lebensfrage waren wider den guten Ton. Hier schien der Weie indolent, und die
braunen Blicke enthielten den Vorwurf seiner Minderwertigkeit, weil er sich
nicht mit dem ganzen Wesen auf die brennende Frage warf, wie aus dem Dasein der
Honig der leiblichen Anwesenheit gesogen werden knnte. Denn dieses Leben schien
mit Genu, Wachstum und ppigkeit durchtrnkt.
    Hier hatte ich Gelegenheit, auf eine frher erfundene Figur meines Denkens,
das sogenannte Wasserrad, zurckzugreifen. Ich erkannte: das Leben war durch
Mhlen betrieben, die nie gebaut wurden! Da man stille lag, war die schnellste
Art, vom Fleck zu kommen. Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen
dem Geist zweier Rassen. Ich bin auf den Dampfer gestiegen, bin durch den Urwald
gestampft, durch Schwei und Entbehrung und Fieber gerannt, um den Weltgeist zu
tippen. Ich komme im rechten Augenblick, um den Sieg des farbigen Gedankens zu
erleben und meiner eigenen Rasse den Fu auf den Nacken zu setzen! Soll ich
recht behalten mit meinem Wasserrade, dem Symbol der Gleichgltigkeit
menschlicher Direktionen? Sind wir falsch orientiert, tappen wir ins Blinde,
sind wir monstrse Wucherungen auf dem hellen Erkenntnisauge der Menschlichkeit?
Mein Fall liegt klar. Dies ist mein Fall, der Fall eines dreiundzwanzigjhrigen
Lebens, whrend dessen ich um den Augenblick eines vollkommenen Vergehens
gebetet hatte. Leidenschaften und Gensse zeigten mir einen blassen Schatten,
zwischen ihnen und mir stand mein Gehirn, mittels des ich die altruistische
Maschine virtuos und staunenswert beherrschte, aber nicht die kleinste Spur von
Talent im Genieen bewies. Die Augenblicke des Versuchs hatten noch stets den
untilgbaren Rest des Milingens geborgen, wo die Vorbereitung nahe an die
Vorwegnahme herankam. Das Resultat, das fr den Menschen angestrebt wurde, fra
den Menschen, setzte sich an seine Stelle und machte sich sein Glck botmig,
statt ihm zu dienen.
    Bei diesen Tieren aber lag das Heil. Ihr Genie war einfach, es bestand
darin, die Krankheit zu Genu und Schnheit zu erheben. Das Glck, das unsere
Humanitt anstrebte, erreichte ihr Egoismus. Sie entfalteten sich einer an des
anderen duldsamer Lust. Es gab Beispiele. Warum schlug Kelwa, der Knstler,
Feigling und Pantoffelheld, Rulc, dieses seltsame Weib, dieses grausame Abbild
eleganter Hlichkeit, diese fashionable Inhaberin dreier tadelloser Eberzhne
und Reingel in den Nstern?
    Warum liebe ich nun Aruki, die mich geohrfeigt hat? Wohin bin ich gekommen?
Mit sechs Jahren begannen meine Leidenschaften, und ich war der ertrumte Tyrann
meiner in der Wirklichkeit zartesten Verhltnisse. Mit zehn Jahren, als die
Bcher der Kmpfe und Abenteuer mir zur Hand kamen, suchte ich in ihnen wie ein
rasender Held nach den Gestalten der demtigen Frauen, um meine hungernde
Phantasie zu stillen. Damals habe ich den Traum planvoll angelegt, der mich mit
einer sen Wilden in Urzustnde der Sittlichkeit verschlug. Ich habe ihn lange
und immer wieder und wieder getrumt, und immer war es das fremdrassige dunkle
Mdchen, dem ich die hchste Vollendung der Freuden zutraute. ber einem
abgeschmackten brgerlichen Turnier mit Scharen zu Seelen verkrppelter Weiber
habe ich diese Seligkeit keimender Kindertiefen vergessen, vergewaltigt,
verlebt. Diese Tropennacht und Arukis seltsame Sigkeit geben sie mir wieder.
Der Kampf der Rassen und Sinne ist in meinem Herzen entschieden.
    Ich beuge mich vor der berlegenen Bildung dieser Wilden, vor dem Geiste,
der in der Ausgelassenheit ihres Geschmackes steckt. Ich schwre die Kultur des
deutschen Brgers ab. Ich will zu diesen geborenen Priestern der Sinne wie zu
Brdern sprechen und meine Wrdigkeit vor ihnen erkmpfen! Hai, ich will nach
dieser Jugend voll zerbrechenden Kampfes endlich meiner Sehnsucht ihr Recht
geben, die von mir heischt, ein zitterndes Weib bei den Haaren zu zerren und aus
fallenden Blicken Glckssterne zu klauben!
    In Arukis Htte gegenber war alles wieder still. Da schob sich vorsichtig
die Matte zurck, und heraus trat sie selber, Aruki. Der Schatten der Palme
verbarg mich. Aruki lief die Seitenallee entlang, dem Walde zu. Eine schwchende
Unruhe erfate mich, ich war unglcklich und sah trnenlos ins flimmernde
Sternenlicht, in die khle, zahlenhafte Reihe des sdlichen Kreuzes. Nach einer
Stunde etwa kam Aruki zurckgeschlichen, horchte von der Tr her, ob sich in
ihrer Htte etwas rege und verschwand dann im Innern. Es war frisch geworden,
und eine Art kalten Unwohlseins befiel mich. Ich stand auf, ging zurck in die
Htte und warf mich ermattet auf mein Lager. Zehn Minuten spter erschien Checho
in dem bloen Licht der Trfllung und begab sich lautlos an seinen Platz.

                                       X


Slim wurde von Tag zu Tag nervser. Er brauste leicht auf, hatte Skandale an
allen Fingerspitzen und schien mit seinem Schatze nicht ins Reine zu kommen.
Seine Stimmung frbte auf uns ab. Ich konstatierte auch bei uns andern eine
bedenkliche Neigung, uns gehen zu lassen. Dazu kam, da unser Wirtschaftskapital
auf die Neige ging. Aber das war es nicht. Was mir schwere Sorgen bereitete, war
die Einsicht, da wir litten. Eine leise Depression lastete auf uns, ein Zustand
psychischer Stopfung war pltzlich eingetreten, und mit ihm schien das uere
Leben sich zu stauen. Diese Schoppkur von Eindrcken hatte unserer Konstitution
nicht gut getan. Aber ein Ventil zur Handlung oder Produktion war nicht
vorhanden. Wir litten.
    Und warum? Wegen einiger Kleinigkeiten und fataler Differenzen mit dem hier
landlufigen Geschmacke. Unser Ehrgeiz konnte sich in manches nicht einfinden.
Niemand kann sagen, da wir, van den Dusen und ich, uns nicht die grte Mhe
gaben, unsere Zivilisation zu reprsentieren. Und dennoch lauerte uns stets der
Angstschwei im Hinterhalte, wenn wir durch das Dorf schritten. Was wrden wir
nun wieder auszustehen haben? Es war ein hchst ungemtliches Gefhl, in einer
Masse zu leben, mit der man in nichts d'accord war. Das Niedertrchtige an
dieser Stimmung war der grob empfundene Mangel an Selbstndigkeit, das
beschmende Bewutsein, da einem die eigene Rasse - ein wenig unbequem zu
werden begann.
    Unter einer Million Menschen ist es kein Kunststck, ein Eigener zu sein.
Das kommt von selbst. Aber versuchen Sie es mal unter hundert Wlfen - Sie
werden nicht nur mitheulen, nein, Sie werden selbst diese Klaviatur erst
vollstndig und harmonisch finden, wenn Sie mit von der Partie sind. Man lernt
die Annehmlichkeiten nur allzubald schtzen. Sehen Sie, jetzt haben wir den
kleinen Horizont, wir stehen wieder auf einer Art Landkarte, wir haben uns
bereits mit einer leichtfalichen Zahl identifiziert. Knnen Sie sich noch an
Ihre Schulbubenzeit erinnern - an die Geographiestunde - wissen Sie - verstehen
Sie das?
    So sprach ich erregt und froh der Aussprache nach Tagen schlimmster
berlegsamkeit zu van den Dusen. Ja, er konnte sich erinnern. Wir traten den
Heimweg ins Dorf an. Schon umschwrmte uns die gutgelaunte Jugend. Sie bettelte
oder machte sich ber uns lustig. Sie drngten sich mit ahnungsloser Miene an
uns heran und setzten sich plrrend auf die Hintern, so bald wir nur geringfgig
anstieen. Sie fielen bewunderungswrdig um, ohne sichtbare Strungen des
Gleichgewichts. Ich trat einem der Racker unversehens auf seine Kautschukbeine;
ich dachte, nun wrde das Hilfegeschrei losgehen; aber auffllig blieb gerade er
muschenstill. Ich hob ihn bestrzt empor. Verstndnisinnig ergriffen die
anderen den Witz dieses Spieles, und was nun folgte, mu fr die winzigen
Kreaturen hchst unterhaltsam gewesen sein. Es hie in ihrem Idiom so etwas wie
Aufgehoben-werden spielen und bestand in dem sinnigen Schema, sich bei unserer
Annherung niederzusetzen, um sich von uns aufhelfen zu lassen. Dabei vollfhrte
diese Kserinde von Menschlein einen solchen Hllenlrm, da die Mtter
erschreckt ihre Kpfe zu den Htten herausstreckten. Stirnrunzelnd fhlte ich,
wie sie lchelten. Puppa, Puppa, sagte ich zrtlich und hob einen, den zweiten,
den dritten Bengel empor. Er zog die Beine in die Hocke und lie sich wie ein
Brunnenschwengel auf und ab ziehen. Da wurde ich ngstlich. Ich konnte doch
nicht mein ganzes Leben damit verbringen, kleine Jungens auf und ab zu
schwenken. Und heimlich und voller Rachsucht zwickte ich den vierten, zugleich
aber sagte ich mit ser Stimme ai, du Pppchen und schielte ein wenig nach
seiner Mama, die dort in der Tr stand und meine Sympathien fr ihr Kind als
vollkommen gerechtfertigt anzusehen schien. Dieser mtterliche Standpunkt aber
war mir denn doch zu viel. Ich zwickte nun etwas strker, aber die gewnschte
Wirkung blieb vorerst einmal aus. Im Gegenteil, meine heimtckische Zartheit
erhhte anscheinend den Reiz dieses Spieles bedeutend. Mein Temperament zog mir
Liebhaber und Liebhaberinnen zu. Als wir in vlliger Ratlosigkeit Numero zehn
auf die Beine gestellt hatten und er sich eben wieder zurckplumpsen lie,
erschien Slim auf der Bildflche.
    Hallo, schrie er, ihr seid ja verrckt, spielt euch geflligst mit etwas
anderem! Aber meine Herren, sagte er belehrend, machen Sie uns doch nicht
lcherlich! Das macht man so! Er hob einen der Buben auf und warf ihn auf den
Boden. Wie ein Ball kam dieser wieder auf die Beine zu stehen und lief
verschreckt in eine der Htten. Das steht besser, als Sie glauben, sagte Slim
und machte uns auf eine Eigentmlichkeit aufmerksam. Keines der Kinder
gebrauchte, mochte es noch so hilflos daliegen, um aufzustehen, die Hilfe seiner
Arme. Schwupsdich, griffen sie sich mit den Fen einfach in die Hhe. Betreten
sahen wir auf unsere zehnfach verratene Humanitt an Herz und Beinen zurck.
    Diese Art von Erlebnissen, die nachgerade an die Tagesordnung kamen,
brachten mich langsam herunter. Dann kamen die Zustnde der Besessenheit, meine
zurckgewiesene Koketterie fachte sich zum Wahnwitz an und gab mir Rachegedanken
wider meine eigene Person ein. Ich hatte mit meiner Noblesse gewstet, hatte sie
mit vollen Hnden hinausgeschmissen, jetzt traten die Gelegenheiten, scharf zu
sehen, in Masse auf. Ich war bettelarm, ich stand mitten im Bankerott. Ein
groes Unglck, welches, htte ich nicht auf deutsch sagen knnen, war
geschehen. Das htte ich mir nicht trumen lassen, da es einen Platz in der
Welt geben knnte, den ich nicht auszufllen vermgen wrde. Wo waren meine
Projekte geblieben, wo blieb die kulturelle Annexion dieses Landes, die wir uns
in riesengroen Hirngespinsten ausgemalt hatten? Whrend ich so in mein Inneres
verfilzt war und Tag ber Tag, Nacht ber Nacht mit diesem Geschicke haderte,
erhielt ich mehrere Schlge auf den Kopf. Veritable Schlge, die meinem
Selbstbewutsein das Genick brachen und meiner Vernunft ein fr allemal den
Garaus machten. Erst mit dem heilsamen Fieber, aus dem ich in Panama sechzig
Tage spter erwachen sollte, wich diese dumpfe berreizung. Jene Schlge aber
kamen von Slim.
    Heute liegt das alles hinter mir. Ich habe einen weiten Kreis von Bekannten
und bin imstande, den Menschen Figur abzusehen. Dennoch will es mir nur schwer
gelingen, aus Slim, so wie ich ihn bruchstckweise kennen gelernt habe, etwas
herauszuschlagen. In der Zeit, in die sein Verhltnis zu mir fllt, war es fr
mich ausgemacht, da sein Glanz so gut spieerhaft war, wie der irgendeines der
sdamerikanischen Bravos, die ich kennen lernte. Sein Feuer schien mir banal und
seine Rassigkeit burisch. Er stand mit beiden Beinen in der Eleganz, klirrend
und krassiert von oben bis unten, impulsiv, zynisch und, wie mir damals schien,
humorlos. Und doch konnte ich zu keinem abschlieenden Urteil ber ihn gelangen,
so sehr dieses Urteil zur berwindung meiner Demut gelegen gekommen wre. Dann
gestand ich mir einmal, da ich im Laufe jener Tage Ausflchte vor jeder
Anerkennung getroffen hatte, die ich ihm htte zollen mssen. Kein Zweifel, Slim
war ein groer Mensch; ich sah ihn zu allen Tageszeiten und unter allen
Verhltnissen; er schien mir das eine Mal belanglos und schmetterte mich das
nchstemal durch die einfache Gre, die in einem Wort, einem Gedanken, einer
Handlung zum Ausdruck kam, zu Boden. Und ich kam dahin, meiner uneingestandenen
Bewunderung freien Lauf zu lassen. Ich war reif zur kampflosen Aufgabe meiner
berlegenheit, des gesunden Gefhls jedes Menschen, der sich zumindest in einer
Spezialitt jeweils unnachahmlich wei. Diese Gesundheit hinterhltiger
Selbstberschtzung ist eine Gottesgabe; ohne sie wren die bedeutenden
Zweitklassigen erdrckt, und jeder Grenadier mte seinen Napoleon hassen.
Wieviel haben davon Begeisterte und Anerkennende in ihrer Hingabe an fremde
Gre ntig? Mir aber war diese hygienische Selbstgeflligkeit in eben dem
Augenblicke abhanden gekommen, da mich schon das Selbstgefhl meiner Kultur vor
dieser Portion Indianerhtten verlassen hatte. Von Hingabe war darum nichts mehr
in mir; ich nhrte mich von kleinen Zweifeln in Slims Persnlichkeit. Und doch,
Slim war und blieb auerordentlich.
    Er war voller Widersprche, aber er war der interessanteste Mensch, den ich
mir noch heute vorstellen kann. Er machte den Eindruck launenhafter
Gewissenlosigkeit, und am Ende stellte sich in seinem Schwanken Methode heraus.
So besa er groe Krperkraft, sie machte sich selbst im Verkehr zwischen uns
Weien nicht immer ohne Drohung bemerkbar. Mir schien, er mache oft den
billigsten Gebrauch davon. Er lie seine malose Wut an den Indianern aus, wo es
ungefhrlich war, und ein anderes Mal stellte er uns zur Rede, weil wir ihm
durch Krakeel bei den Rothuten seine Position verdrben und uns unbeliebt
machten. Er liebte, zynische Bemerkungen, und ich hielt ihn fr platt. Ich war
vergngt, und noch in derselben Stunde sprach er aus tief seherischem Geiste:
ich stand beschmt ber meine zurckgebliebenen Freuden!
    So geschah es, als wir bei Kelwas, des Malers, gerumigem Gehft
vorbeikamen. Aus dem Innern drangen Aufruhr und Lrm, die Matte vor der Hoftr
war zurckgeschlagen, und wir konnten sehen, da der Knstler sein kleines Weib
mit der Faust ins Gesicht schlug. Das botmige Geschpf gab keinen Laut von
sich. Ich wute, da diese huslichen Szenen sich hier fters ereigneten, aber
niemand nahm daran Ansto. Slim stand zwei Kpfe hher da als ich, mit massiven
Schultern und langen Armen, er lachte nur dreckig und lie Kelwa, ein mageres,
zartes Kerlchen, gewhren. Konnte er es als Spa betrachten? Ich sagte etwas
dergleichen. O, blamieren Sie sich nicht, lautete seine Antwort, Kelwa
studiert soeben, davon verstehen Sie nichts. Er ist ein Minnesnger und kennt
seine galanten Pflichten. Woher sollte er sonst seine sinnreichen Bilder nehmen?
Dieses Gemt will gebt sein wie irgend etwas. - Merken Sie nicht die
Zrtlichkeit der vergewaltigten Leiber auf seinen Bildern? Diese Humanitt der
Empfindung in den schiefgelegten Kpfen auf langen Leibern? Wir gingen um die
Hofmauern herum und nahmen die ausgestellten Prachtschilde in Augenschein.
    In der Tat, schon lehrte Slim mich sehen. Ich begann dieses wilde
Knstlergemt zu begreifen. Diese wagerecht gelegten Kpfe waren das
Weinerlichste, das ich jemals gesehen hatte. Diese Linien sehnten sich, ganze
Himmelreiche von Leiden offenbarten sich in den scheulichen Greuelszenen, die
sie darstellten. Muskulse Mnner vergingen sich an unterwrfigen, dankbaren
Frauenzimmern. Akte der wildesten Sanftmut konnten einem in dieser
knstlerischen Fassung das Herz brechen. Niemals war Liebreiz so fltend,
niemals Gewalt ser dargestellt worden. Die Weiber bestanden aus schwellenden
Pinselstrichen und verloschen unter den Wrghnden und Dolchsten ihrer
kahlschdeligen Anbeter. Die Mnner waren verzckte Heldengestalten, mit
Oberkrpern wie edle Champagnerkelche, dnn und unansehnlich an den Lenden und
fleischig moussierend an Schultern und Brsten, wie grender Schaumwein. Ihre
Schdel waren kahl bis zu den Wirbeln, ausgenommen ein fransiges Haarbschchen
am Stirnsaum, das einem grinsend gefletschten Gebisse nicht unhnlich aus dem
Hirn hervorwuchs. Krper beiderlei Geschlechts waren zu ergreifender
Fleischlichkeit verwoben, Brste klafften steil vor Lust und nervige Schenkel
bumten sich aus Knueln. Eines der Gemlde duftete von Liebespracht und
Lustaufwand, und ein Hundevieh lief darauf hinzu und schnupperte flchtig zu dem
Paare. Dieser Hund war das Hndischeste, das je an Hundetum geleistet worden
war, er war hndischer denn je ein Hund, er war die reinste Genielichkeit, die
je zu Verkrperung gelangt ist. Er bestand aus fnf braunen Pinselstrichen, vier
Beinen und einem Rckgrat, und schlielich einer langen Schnauze. In dieser
Schnauze lag ein ganzes Hundeleben. Er roch und streckte seinen Krper.
    Empfinden Sie, wie sehr das - Gemt hat? frug Slim. Fast verstand ich ihn.
    Am Abend saen wir zu dritt vor Slims Htte. Das Zigarettenpapier war
ausgegangen, und wir rauchten Pfeifen, um die bldsinnigen Moskitos
fernzuhalten. Jeden Augenblick klatschte sich einer von uns fluchend auf den
belstigten Krperteil. Moskitos sind die geborenen Feinde groer Mnner, sie
sind imstande, das Genie zu strzen. Nicht, da ich es Slim gegnnt htte, der
sich geradezu verrckt ohrfeigte, whrend er Kernsprche von beleidigendem
Scharfsinn fllte - nein, fr alles, was er sagte, hatte ich eigentlich schon
vorher die Witterung gehabt, und er schrieb also eigentlich blo von mir ab,
wenn er sprach. Nein, sagte ich mir, ich gnne ihm seine Intelligenz; der
Unterschied zwischen uns war blo der, da ich delikat verschwieg, wenn ich
etwas Geistreiches wute, whrend er es gleichsam an die groe Glocke hngte.
Dennoch, ich konnte mich beim Anblick der Moskitos, die in Slims Hemdkragen
krochen und dort in dem gelben Fell pflgten, nicht erwehren. Ich schluckte den
Triumph hinunter, er kam aber wie gelt sogleich wieder an die Oberflche. Ich
weinte vor Wut ber meine hliche Seele, aber ich mute sie hilflos mitansehen.
Meine Selbsterziehung war zum Teufel, meine Noblesse war an die Anfangsgrnde
der Tropenlehrzeit unntz verpulvert, und die kleinlichen Roheiten des Knaben
wagten sich wieder hervor. Das war die Wirkung des kleinen Horizontes, dies war
das Beschrnktheitsgift des Quadratmeterkleckses von Ansiedelung! Wie lange
noch, und ich wrde vom Tratsche leben, wrde zu Kelwa schleichen und ihm
melden, da Aruki, das Weib Memes, ein Verhltnis habe mit - ah? - - - und wrde
wie eine Frau in die Hnde klatschen, wenn van den Dusen mir ins Ohr flsterte,
da er Slim des Nachts zu der stinkenden Hndin Zana ins Zelt habe schleichen
sehen?
    Moskitos sind eine Grundtatsache gegen Gre, und kleine Verhltnisse sind
es auch. Aber Slim gewann doch gewissermaen meine Bewunderung dadurch, da er
sich, whrend die Moskitos auf seinen Schienbeinen und Handgelenken Cancan
tanzten, mit Gleichgltigkeit in diesen Sturz vom Hohen ins Groteske ergab. Die
Hitze und die tropische Langeweile gingen ihm nicht auf die Nerven, er hatte ein
phantastisch reelles Ziel im Auge und produzierte in seinem Auftreten die
entgegengesetztesten Stimmungen. Das Dorf kriegte ihn nicht unter. Er fhlte
sich hier zu Hause und war doch nicht anders als auf dem Parkettboden
irgendeines Konsulats in den stlichen Stdten. Er bewegte sich als Hidalgo und
Geschftsmann, als Militr und Kenner, er war so banal als ein praktischer
Tourist nur sein konnte, das Exotische und Lhmende der Umgebung prallte an ihm
ab. Er war auch hier auf dem Hhepunkte der Zeit. Sein Zivilisationsbewutsein
mute rasend wach sein, mute die Gleichzeitigkeit alles im Augenblick
Geschehenden erfassen. Mit einem Worte: er kannte keine Stimmung. Da hatte ich
ihn: er war kein Dichter. In seinem Ablauf sah ich den Rhythmus von Rdern, in
der durchdringenden Sachlichkeit seiner zynischen Bemerkungen hrte ich die
Lokomotive pfeifen. Ich aber, der Ingenieur, ich hatte den Beruf verfehlt. Ich
war zum Dichter bestimmt, mein Element war von Natur aus die Poesie!
    Dieser Gedanke enthielt eine ungeheure Anregung. Sofort wurde meine Laune
gndig. Ich war der Dichter, Slim der Mann der Zeit. Sein Vater, der
Schiffskapitn, war ein Yankee; seine Mutter Chilenin, spanisches Halbblut. Es
gibt nichts herzlich Trockeneres als den Sdlnder, nichts Stabileres als diesen
gebrunten Sohn des Sonnenlandes. Von hier bezieht Slim seine drren,
schneidenden Eigenschaften. Als Dichter bin ich zu dem Zeugnis ermchtigt, da
er damit in Mode kommt. Ich bin hierfr als Dichter nachgerade verantwortlich.
Wer selbst keine Sehenswrdigkeit ist, beruhigt seinen Ehrgeiz als Impresario
einer solchen. Mister Slim, es mindert den Respekt vor meinem Genie nicht im
mindesten, da Sie das sind, wozu ich die Idee in mir trage, das Schema, dem Sie
als Fllung dienen; und ich bin auch ein anstndiger Kerl mir gegenber, das
heit ein Psychologe, so ist dies doch eine Privatsache, und niemand braucht
darum zu wissen. Da ich mich fr einen Schurken hielte, wre Grund genug, einer
zu sein. Ich wei, dahinter steckt ein schofles Geschft, hat aber trotzdem fr
andere eine redliche und achtunggebietende Arbeit zu sein wie irgendwas. Schon
sehe ich die fremde Bereitwilligkeit voraus, die Ironie, die ich selber gegen
mich verwende, zu akzeptieren. Es ist mir ein Beweis fr meine Verdienste als
Impresario des modernen Menschen; wre ich um ein Jota weniger originell, ich
selbst wrde einen ganzen Rattenknig von Impresarios inspirieren. Denn, meine
Herren, der Dichter ist stets genialer als sein Geschpf. Da ich aber nicht
hilflos bin - - -
    Die Moskitos wurden jetzt noch einmal zudringlich, weil die Sonne sank, und
dies die Stunde ihres Frohlockens war. Schnell wurde es dunkel, und zwischen den
Htten des Dorfes begann ein blauer, scharfer Rauch aufzusteigen, der die
Moskitos vertrieb. Groe Mnner und kleine Weiber, mit Fruchtkrben auf dem
Kopfe, kamen aus der Savanna zurck.
    Man beachtete uns um diese vorgeschrittene Zeit unseres Aufenthalts wenig.
Am ersten Tag hatten sie uns hflich ignoriert. Spter erfuhr ich, da
Feindlichkeit und Mitrauen oft das Beste hinter guten Sitten sind. Denn kaum
hatte Slim uns durch Luluac, den Huptling, dem Parlament vorstellen lassen, als
auch schon die nette Frmlichkeit umschlug und wir eine Periode rgsten
Belagerungszustandes, Spierutenlaufens und anderer ethnologischer Methoden
durchzumachen hatten. Stumm und im Innern vor Wut knurrend saen wir zur Schau.
Slim gab hin und wieder Aufklrung ber verschiedene Eigentmlichkeiten des
Stammes, dem wir angehrten, whrend wir so auf Klappsesseln hockten und der
Wissenschaft dienten. Als besonderes Merkmal muten wir geladene Revolver in den
Hnden halten. Der psychologische Grund dieser von mir veranstalteten Manahme
war aber ein anderer. Jeden Augenblick war ich bereit, aufzuspringen und eine
kleine Vorstellung zu geben, wenn das wissenschaftliche Interesse unserer Gste
zu weit ging. Denn dieser Forschungsdrang war konsequent genug, auch hinter die
Geheimnisse unserer Wsche eindringen zu wollen. Zumal unsere Hosen erregten als
phantasievolle Abart der hierzulande getragenen Scholtze ein enormes Aufsehen.
Damit hatte es nun berhaupt einmal so seine Bewandtnis und hatte eine
Geschichte zur Folge, bei der van den Dusen nur mit Mhe von einer uns Europern
nun einmal angeborenen Roheit zurckgehalten werden konnte. Sie passierte, als
eines Tages eine der Damen nhertrat und unschuldsvoll seine seidengestickten
Hosentrger aufzuknpfeln begann. Der dicke Hollnder barst in ein
frchterliches Gelchter aus, in einer Art hysterischen Anfalls fing er mit dem
Revolver zu fuchteln an und behauptete zwischen Weinen und Lachen, er sei
gekitzelt worden, ja, man habe hier die Absicht ihn zu kitzeln, er habe schon
seit langem bemerkt, da dies fr die schwarzen Damen ein noch ungelstes
Problem sei, da ihre Neugier fele. Aber soweit brauche er sich nicht demtigen
lassen, er wrde schieen, sofort, dies lasse er sich nun und nimmermehr
gefallen. Die wibegierigen schwarzen Schlerinnen kicherten sehr, als sie ihn
so erregt gewahrten. Sie verstanden nicht, wie man so verrckt, ungalant oder
wei Gott was sein konnte, sich der Wissenschaft entgegenzustemmen. Aber der
Hollnder blieb dabei, da man es darauf abgesehen htte, ihn zu kitzeln. Slim
mute ihm in den Arm fallen, um ein Unglck zu verhten.
    Slim managete uns als europische Show ziemlich glcklich. Ich wute, da er
bereits einmal als Manager einer Buffalo-Bill-Truppe auf der Pariser
Weltausstellung runde Summen gemacht hatte. Ich sah ja, was als Entree einlief.
Heute groe Vorstellung Europa in Pomacco. Kinder haben freien Zutritt! Die
weiesten Indianer der Welt! Ein Stamm ohne Fe, einzig in seiner Art! Der
dickste Mann der Welt, besondere Attraktion fr das weibliche Geschlecht, gro
und klein! Hereinspaziert! Noch nie dagewesen! Erstes und letztes Auftreten der
dmmsten und ungeschicktesten Kerle auf Gottes Erdboden. Grter Lacherfolg des
Jahrhunderts! Herrein, herreinspaziert meine Herrschaften!!
    Als Entree gingen ein: Wildpret, Speere, Pfeile, Bananen, Brotfladen,
Vogelpasteten, Gemsesuppen und anderes Verderbenbringendes. Aber dies dauerte
nur so lange, bis die Sache sich eines Tages berlebt hatte und die Dorfbrse
auf ein anderes Gebiet berging. Und da begann die Zeit, wo nur um den Preis von
Sardinenbchsen, Glasperlen, Zigarettenschachteln, bunten Lappen, mechanischen
Bestandteilen, Bleistiften und alten Kleidungsstcken der Hunger gestillt werden
konnte; wo man, wie am Beginne, keine Notiz mehr von uns nahm, uns die
Gassenjugend auf den Hals hetzte und sich ungeniert einer Lustigkeit berlie,
ber deren Grnde allerlei Vermutungen angestellt werden konnten.
    Unsere abendlichen Sitzungen zeigten unsere Lage von Tag zu Tag deutlicher.
Nichts aber rgerte, nichts krnkte, nichts verbitterte mir den Aufenthalt hier
mehr, als wenn ich des Abends sah, wie Checho zu Aruki hinberschlich, dienerte,
sie hofierte und vor ihr mit seinem Jnglingsgerippe prahlte. Es schnitt mir ins
Herz, wenn sie beide lachten und ich es nicht verstand. Freilich, Checho war
schn. Aber hier handelte es sich um ein wenig Grammatik, soviel ich sehen
konnte. Checho sprach ein tchtiges Indianisch; er war der geborene Verfhrer;
ich durchschaute ihn. Wen ich aber nicht verstand, das war Meme, dieser Riese
von einem Manne. Wenn es schon spt war, sa er noch fleiig in seiner
eigentmlichen Stellung vor dem Spannbolzen und scho das Webgarn rhythmisch hin
und her. Seine langen Waden standen auf den flachgepreten breiten Sohlen, und
zwischen ihnen hing wie der Buchstabe M der Oberkrper, eine schmiegsame
Pyramide aus feinen Knochen, Muskeln und Nerven. Seine Fe waren gro und
wohlgeformt; wenn er sa, traten die blutgespreizten Adern wie helles Reisig auf
der dunkleren Haut hervor. Auch er hob seinen starken Krper mhelos empor, ohne
der Hnde als Sttze zu bedrfen, ohne die Pose zu ndern, lediglich aus der
elementaren Muskelkraft seiner knabenhaften Hften heraus. Wenn er stand, war er
ein Hne, und Aruki war neben ihm ein kleines, plumpes Weibchen. Seine Oberarme
waren breit und lagen wie flachgedrckte Keile auf den Brustringen. Checho
schien, an ihm gemessen, armselig an Strke, und ich begriff nicht, ob Meme den
fremden Indianer frchtete oder ob er in seiner Arbeitsleidenschaft ein khler
Gatte war. Hin und wieder fiel sein Blick auf die beiden, ohne da sein Gesicht
eine Spur von Bewegung zeigte. Aber oftmals betrachtete ihn Aruki verstohlen und
verzweifelt. Eben fuhr sie Checho ber den Rcken, prahlerisch deutete er mit
dem zurckgelegten Daumen auf eine Stelle. Aruki schien bewundernd. In der Tat
ein schner Rcken, was aber mochte so besonders reizvoll daran sein?
    Ich machte Slim aufmerksam. Seine Narben, sagte er. Haben Sie es noch
nicht bemerkt? Er hat zwei Narben am Nacken, dort hat ihm sein Stamm bei
irgendeiner Feierlichkeit die Probe auferlegt, sich die Haut lsen und einen
Pfeil durchklemmen zu lassen. Das ist erstens heroisch, zweitens ist es fr den
Burschen ein Kapitalvergngen. Alle Arten von Verwundung und Grausamkeit sind
bei diesen Stmmen bis zu Objekten der Gelehrtheit gediehen. Zana, Sie kennen
sie? - - sein Gesicht konnte einen falschen Ausdruck nicht verbergen - - -
Zana ist Doktorin in dieser Disziplin. Das Wundfieber ist eine Art Rausch.
Jedes Fieber - - Sie werden noch Gelegenheit haben, diese Theorie zu
berprfen, fgte er hinzu und sah mir aufmerksam in die Augen. Er machte eine
Pause und sah pltzlich auf meine Handgelenke; da bemerkte ich, da sie bla und
gelb wurden. Es war das erstemal, da ich vor Slim erschrak und die Macht, die
bestimmende suggestive Macht, die in ihm lag, erkannte. Jetzt sah er starr und
mit leerem Blicke vor sich hin; er schien mit in groer Kraft einer bsen innern
Macht zu widerstehen, die er nicht ganz beherrschte; er hatte einen
unglcklichen Zug im Gesichte. Dann schlug er den verlassenen Weg der
Unterhaltung wieder ein und sagte mit gleichgltiger Stimme: Im Prinzip ist die
Art, wie man hierzulande das Leben tonisiert, in nichts verschieden von unserer
Zivilisation. Sind Sie in Asien gewesen? Haben Sie jemals die Methoden studiert,
mit denen Ekstatiker und Derwische arbeiten? Alle diese Menschenrassen kennen
nicht das se Gift der Reflexion: sie sind auch nichts weniger als erotisch;
aber ihr epileptischer Manierismus ist genau jene gttliche Steigerung der
Gesundheit ins schier Krankhafte, die wir in unsern Grostdten auf unsere Weise
erzielen.
    Gesundheit, hatte er gesagt. Schon damals, vor den Bildern des lasterhaften
Kelwa, hatte er das Wort gebraucht. Gesundheit, hm! machte ich spttisch.
    Er sagte nichts weiter. Ich bekam zu fhlen, da er seine Weisheit nicht vor
einen dummen Hund warf - brigens, ich irrte mich vielleicht. Er sah mich wieder
aufmerksam an, mit Interesse wie fr eine Person, mit der man sich aussprechen
mchte, die man aber vorher einer sorgfltigen Prfung unterwirft. Und pltzlich
stand drben Meme auf. Er stand auf und stie seinen Apparat geruschvoll
zurck. Wirklich, seine Riesenlnge sah bedrohlich her. Hallo, Checho,
geschwind! Meme aber hing sich eine Kette fingerslanger Geierschnbel um den
Hals und ging mit gebogenen Knien aus der Htte, die Strae hinauf, flink,
leicht, sich wiegend, ohne die Wirtschaft unter seinem Dache auch nur eines
Blickes zu wrdigen.
    Von diesem Augenblicke an wurde Aruki einsilbiger. Slim witterte mein
Interesse an diesem Vorgang und sagte: Das Weib wnscht sich nichts Besseres
als den langen Mann auf den Hals. Verstehen Sie die alte Tatsache noch immer
nicht? Wenn ein Mann seine Frau nicht mindestens zweimal in der Woche prgelt,
spricht er ihr damit ein vernichtendes Urteil. Dies klang mehr burisch als neu
und ich sah dem Sprecher ins Gesicht. Und erinnerte mich an eine Situation im
Kanoe, auf dem trgen Urwaldflusse, mitten im Schweigen, wo Slims Froschblick
mich betastet hatte. Sein mnnliches, hartes Gesicht mit dem zottigen
Knebelbarte war soeben die bseste Lebemannsfratze gewesen.
    Van den Dusen, der in der Htte hinter uns am Gepck zu schaffen gehabt
hatte, trat in diesem Augenblick herzu. Slim, rief er in unser Gesprch
hinein, hren Sie auf, Sie wollen uns gern den Kannibalen vorspielen. Wir
glauben es Ihnen auch so. Hat nicht erst jngst noch eine Dame in fette Schenkel
gebissen und sich Eberzhne in die Nase gepflockt, die sich vielleicht Ihre
Gromama nannte?
    Und wenn es so wre, sagte Slim und lachte, ich wrde nicht gerade
beunruhigt darber sein. Hten Sie sich nur, M'nherr, auch in diesem idyllischen
Neste hat man schon  la bte gespeist. Sehen Sie mal diese langen Kerle von
Mnnern an und diese winzigen Frauenzimmerchen. Die Frauenzimmer waren einst vom
Volk der Arrauaken; es war ein kleiner, wenig begnstigter Menschenschlag. Da
kamen Karaiben, lange Soldatenschlingel, erstklassiges Menschenmaterial, und
fraen den Arrauakenmdchen ihre Verehrer und Mnner buchstblich vor der Nase
weg. Dann wurde Hochzeit gemacht, und seither hat sich dieses poetische
Verhltnis schon durch Generationen hindurch fortgepflanzt. Die Jungens werden
gro, die Fruleins bleiben hbsch zierlich. Drauen am dritten Kreis, in der
Vorschanze bei den Proleten, Unedlen und Unterdrckten, die am ersten dran
glauben mssen, wenn ein feindlicher Stamm das Nest berennt, wohnen noch die
berbleibsel des mnnlichen Arrauakismus. Lakaien und Kirchendiener, die auf das
Zeichen einer gttlichen Inspiration hin eines Tages vom Stamme eingepkelt
werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, da beim nchsten Mal Sie dran glauben
mssen, van den Dusen!
    Ah, piepste der Hollnder, verflucht noch einmal, Slim, Sie haben aber
eine recht dumme Art von Humor. - Wollen Sie mir nicht lieber sagen, was man von
Aruki zu sagen hat? Checho macht ihr den Hof. Ob sie darauf eingeht - -
    - - und nachts halten sie Zusammenknfte ab, dort, am Saum des Djungles.
Die Moskitos blasen ihnen den Hochzeitsmarsch. Aruki zieht schmachtend aus, das
mu man erleben, und kommt schwrmend heim um Mitternacht. Dabei hinkte sie
einmal; Checho mu eine merkwrdige Art haben, Knchel auszurenken. Ich selbst
habe einmal zugesehen, als er sie, sozusagen, seine Se nannte!
    So? sagte Slim und sah weg. Tja, ja, schnalzte van den Dusen und zog die
Augenbrauen schlau in die Hhe. Pltzlich bog sich Slim hinber. Wie ist das
eigentlich, sagte er leichthin zwischen den Zhnen, wo flanieren Sie denn des
Nachts umher, Shnchen Charlie? Und wer machte bei Zana Visite? feixte der
Hollnder. Ich gewann den Eindruck, da ich nicht der einzige war, und da wir
alle drei unsere Abenteuer hatten.
    Ja, was wohl dieses Dorf sonst noch an Geheimnissen barg? Mit diesem
Gedanken geriet ich in gute Laune. Denn nun konnte ich vielleicht doch noch
etwas erleben, eine kleine Erinnerung mit nach Hause nehmen in die Heimat, eine
Serenate unter brasilianischen Palmen, ein tte  tte in einer Indianerhtte,
ein herziges nerv- und sinnerfreuendes Erlebnis. Ich war eben ein Dichter; und
nun begann ich zu sprechen und zu fragen, lie Arukis glnzendes Fell im
Feuerschein auf mich wirken, gab meiner Wibegierde fr alles, was sich auf das
Leben und Treiben dieses Vlkchens bezog, lebhaften Ausdruck. Malend und
farbensuchend in meinen Worten, spann ich auch Slim in diese Erregung hinein; er
wurde mir jetzt als Autoritt auf diesem Gebiete pltzlich lieb; und schon
fhlte ich, da wir in einer gewissen Art ein Herz und ein Gedanke waren.
    Erzhlen! verlangte ich. Eine homerische Stimmung, eine zarte Einfalt des
Hrens beherrschte unsern kleinen Kreis. Selten kamen wir Weie, die wir in der
Intimitt des Reisens doch so nahe aneinandergedrngt waren, so sehr zu uns
selbst, wie an diesem ruhigen ausgeglichenen Tropenabend. Hier war es, wo ich
ein gutes Stck mehr von dem wirklichen Slim erfuhr. Schon sank der Abend
dunkelblau durchleuchtet vor die Htten; die Interieurs wurden kleine Schmieden
der Huslichkeit, vor den flackernden Feuern bewegten sich bckende und fleiige
Gestalten, Weiber hielten ihre entfesselten Brste in den Schein und durch die
aus Glasperlen und Beeren geflochtenen Schrzen hindurch bewegten sich
schattenhafte Hften. Ich sa unter Wilden und kam mir nicht sonderlich fremd
vor. Und so begann eines der grten und bedeutsamsten Gesprche, die ich mit
Slim hatte.
    Slim fing mit der Behauptung an, in dem Dasein des Wilden gebe es ein Glck
mehr: die Lust. Man habe darin Erfahrung, man habe darin mehr Kultur als in dem
kultiviertesten Zentrum der Welt, Paris. Nehmen Sie zum Beispiel nur diesen
einen Umstand, die schreckliche physische berlegenheit des Mannes. Ich wage zu
sagen, wo die fehlt, da ist im Geschlechtsleben etwas nicht richtig. Was ist nun
richtig? Richtig, das heit gesund, ist der Mensch mit dem vielseitigsten und
von keiner Moral verschnittenen Lusttriebe. In den europischen und deren
Tchterzivilisationen aber fehlt es an physiologischer Aufklrung; die Menschen
wissen nicht, was das ist: gesund. Den Urbegriff verstehen sie nicht, sie sind
trotz jahrtausendelangen Denkens und systematischen Wertens noch zu keinem
blutigen Bilde von dieser Angelegenheit gelangt. Einen einzigen Mann habe ich
unter ihnen gefunden, einen Weisen in einem Wiener Kaffeehause. Er hat ein
Ashanteebuch geschrieben, in dem er die Seele Afrikas - -
    Ach ja, sagte ich, den kenne ich. Er heit, warten Sie mal, er ist ein
groer Dichter - er war aber nie dort - - -
    Ppp ...  machte Slim und blies Luft aus den Backen. Aber gewut, was zu
wissen ist, und was man nur in Afrika lernen kann, hat er doch. Er sagte, ich
erinnere mich nunmehr des Sinnes, ungefhr das: ein richtiger Kranker ist
wertvoller als ein falscher Gesunder. Es entstand eine kleine Pause, whrend
welcher Slim uns erwartungsvoll und mit offensichtlichem Hohn ansah. Dann fuhr
er fort, indem er dieses berflssige Gesprch beleidigend krzte und sofort die
Nutzanwendung zog: Das ist es: in den europischen Zivilisationen fehlt es an
physiologischer Aufklrung. Man fhrt dort gewissermaen noch immer
Hexenprozesse gegen die schnsten nymphischen Eigenschaften des Menschen!
    In diesem Augenblicke wandte sich van den Dusen mir rasch zu. Es war die
Erregung eines Menschen, dem die unverstndliche Art eines dritten denn doch
ber die Hutschnur geht. Das mu man nmlich wissen, schrie er, von ehrlicher
Heiterkeit geschttelt, diese Logik eines Slim, diese Spezialitt des
Schweinehundes als Philosophen!
    Nun htte Slims Zynismus, dieses beim Namen genannte Kind seiner Seele, das
er also gern als Tiefe verschwieg, doch wohl offenbar sein sollen! Ich erschrak.
Gespannt betrachtete ich Slim. Und whrend ich mich vergewisserte, was da jetzt
in ihm vorgehen mochte, gewann ich ihn pltzlich lieb. Er wurde nmlich nicht
laut, nicht drohend, nicht boshaft. Im Gegenteil, sein Gesicht verzog sich zu
einem weinerlichen Lcheln, er wurde hilflos und verlegen. Lie ihn seine
Geistesgegenwart im Stich? In diesem Augenblick stellte ich die absolute
Ehrlichkeit und Naivitt seines Charakters und seiner Gesinnung fest. Sie mochte
nie und nimmer auf unpassende berlegenheiten angewiesen, noch auf berraschende
persnliche Anspielungen gefat sein. Ich liebte Slim jetzt wegen seiner
Zartheit und weil er das Thema nicht mit einer persnlichen Spitze erweiterte,
sondern nach einer Pause des Stotterns sicher auf seinen Gegenstand zurckkam.
Er schlug den Hollnder, indem er ihn ins Sachliche miverstand.
    Nein, sagte er, gesund, - - normal ... das ist so eine unsichere
Nomenklatur. Das ist alles so verteufelt - - wie soll ich sagen? - fade. - Sie
werden zugeben, da man die Hand gesund nennen darf, die in jedem Sinne im
Vollbesitze ihrer zehn Finger ist. Sie knnen dieses Bild nach den Richtungen
aller menschlichen Talente hin verwenden. Nun, die Kultur, die sich als einzig
bestehende und gegenwrtige dnkt, ist eine Rechtser-Kultur. Sie neigt zum
Extrem, sie ist unausgeglichen, sie ist in ihren Wertungen ungesund. Die
Atrophie ihrer einen Seite dient ihr als Bezeichnung des Abflligen, sie meint
das linkisch bse und heit alles, was ihr pat, nach der bevorzugten Seite. In
allen zivilisierten Sprachen ist rechts und richtig gleich an Urteils- und
Spruchkraft. Es gibt aber kein Links oder Rechts mit Bezug auf die Gte einer
abstrakten Fhigkeit. Der krperliche Linkser gilt als Abnormitt und besitzt
doch nichts anderes als die komplette, gesunde Konstitution. - Verstehen Sie
mich?
    Gewi߫, sagte ich schnell; was ist daran nicht zu verstehen? Nein, dann
verstehen Sie es nicht, sagte Slim. Ich dachte, Sie wten es schon. Er sah
mich starr an, und auf einmal sprte ich seine Blicke wie eine magnetische Kraft
mich aufheben und entwuchtigen; dieses entsetzliche Gefhl schien mir falsch und
lcherlich, und ich mu wohl auch eigen gelchelt haben, als ich ihn jetzt
ergeben ansah. So rein und sprungfertig hatte sein Blick, ich erinnerte mich,
damals auf mich gewirkt, als ich ihn das erstemal im Osten traf. Dieser
Augenblick, der reich und vielfltig gewesen sein mu, ist mir nur als etwas
Entsetzliches, aber ganz Verschwommenes im Gedchtnis geblieben. Die Idee, da
dieser Mann Macht ber mein Gehirn htte, kam mir damals nicht, sondern kommt
mir erst heute. So natrlich, ja alltglich spielte sich dieser mir
unverstndliche Eingriff damals ab.
    Pltzlich lchelte Slim s: Sie wissen es noch nicht; ah? Ich bin
enttuscht. Ich dachte, Sie wrden es schon wissen. Er dachte einen Augenblick
lang nach. Nun, wir werden ja sehen, was mit uns ist. Sein Gesicht wurde
heiter und einfach. Ich werde jetzt ein wenig langweilig werden. Interessiert
es Sie? O ja, doch, gab ich zurck und empfand eine aufrichtige Neigung, zu
horchen.
    Nun, begann Slim, nehmen Sie einen Punkt an, einen wirklichen Punkt ohne
alle Stofflichkeit; ein solcher Punkt ist dann gleichbedeutend mit Existenz.
Bewegen Sie, bitte, diesen Punkt: so kommen Sie zur Linie, von da zur Flche und
von da durch das gleiche Verfahren zum Raum. Nun denken Sie sich den Raum
weiterbewegt, so entsteht die Zeit. Die Zeit. Die bewegte Zeit ist Leben. Das
bewegte Leben ist Bewutsein. Wir gewinnen also als letzte Dimension das
Bewutsein. Was aber ist der Inhalt dieses Bewutseins? Wir fangen beim
Vorletzten an, beim Leben. Das Leben zutiefst gefat, ist Ich; Ich zutiefst
gefat ist Lust. Lust ist der direkteste Inhalt des Bewutseins. Denn um gleich
die Methode zu nennen, die letzten Dinge werden die ersten sein. Es ist ein
tiefsinniges Wort, merken Sie sichs. Der tiefste Inhalt am anderen Ende des
Bewutseins aber ist Existenz. Von dort aus erfolgt eine Bewegung, die man ganz
gut Dekadenz nennen kann. Denn die zweite Dimension, Linie, die Grundlage von
Form, ist eine schon entartete Existenz. Wie alle Form in der Folge. Bleiben wir
aber bei der Lust, das ist: Leben; der Inhalt ist hier die Zeit, das heit die
Bewegung im engeren Sinne, die nderung - verbesserte sich Slim. Er fuhr fort:
Der Raum, nun haben wir es leichter, ist schon wieder eine weniger originelle
Dimension, fr die uns die Grammatik noch gutsteht. - Hier unterbrach er sich,
sah mich hflich an und frug: Sage ich Ihnen schon Bekanntes?
    Ich erschrak; seine Augen waren stark und von einer eigentmlichen
Leidenschaft belebt. Ich fand es wunderlich, zu erschrecken, da geselligerweise
gar kein Grund dazu da war, und alle gewhnlichen sinnlichen Dinge ihren
richtigen Verlauf nahmen, und sagte schnell: Ja, ja, ich verstehe schon;
darber habe ich gerade in letzter Zeit soviel nachgedacht; man denkt hier
soviel, diese Sonne wirbelt die Gedanken so mechanisch durcheinander, es ist ein
Fieber, hier zu denken, und man kommt auf so verrckte Einflle. Finden Sie
nicht auch? Dies sagte ich schnell, ohne es jemals vorher gedacht zu haben; es
fiel mir gerade ein, war mir aber durchaus vertraut. Ein wenig berrascht war
ich durch Slims offensichtliche Neugier. Er nickte unmerklich mit den
Augenbrauen und den Ohren und fuhr fort:
    Dies ist nun wirklich ein Punkt hinter allem. Die Grammatik durchschaut; es
ist das alte Mysterium des Logos. Das Erste wird das Letzte sein. Akzent ist
alles. Jawohl, stimmte ich zu. Es war eigentmlich und unbehaglich, da Slim
gerade dies so ausdrckte. Aber es kam mir vor, als htte ich mit ihm schon
vorher darber gesprochen. Und pltzlich hatte ich whrend einiger Sekunden ein
seltsames Gefhl: es war mir, als htte ich dies alles berhaupt schon einmal
erlebt, als sei ich schon vor Urzeiten mit Slim so dagesessen und htte dieselbe
Unterhaltung gepflogen.
    Slim fuhr fort: Die Reihe ist an einer Stelle durchbrochen. Der Mensch
platzt als Bewutseinstrger herein und sofort beginnt sein Geschft als
Lustsammler. Er vierteilt, grob gesagt, die Dimensionen; sein erster
Augenaufschlag ist ein Willkrakt. Er zerreit und halbiert das Ganze: Leben und
verschafft sich die Effekte: Links und Rechts. Ist Ihnen das plausibel?
    Jawohl, strzte ich heraus, dieser Gedanke ist ganz mein Fall. Ich mu
Ihnen endlich gestehen, welche Entdeckung ich gemacht habe. Ich nenne sie das
Wasserrad, sie ist ein Technikum fr eine Art Paradoxon ...
    Soso, ja ... sagte Slim und seine Augen wurden spitz wie Enterhaken; dann
wurde er zerstreut und versank in seinen eigenen Gedankengang. Er war still
geworden wie ein Schwungrad, das zum Stillstand kommt. Eine Weile herrschte
Schweigen. Dann lchelte er, dieses grauenhafte Lcheln eines vollstndig
verkommenen und haltlosen Menschen, das ich niemanden mehr so habe lcheln sehn
wie ihn. Ein weniger schnes und edles Gesicht, wie das seine, htte niemals so
furchtbar und abstoend lcheln knnen.
    Er sagte: So spricht man und schwtzt man. Das Gehirn, dieser Lustspeicher,
ist der phnomenalste Dialektiker. Ja, wer den Eingeweiden und Organen auf alle
ihre Phrasen kme, auf alle ihre Stilblten! Knnte er danach seine Effekte
dressieren, er wre der grte Knstler. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen,
wieviel Ausreden, schlechtes Gedchtnis, Hysterien, kataplektische Unarten noch
in unserer lautersten Weisheit stecken? Wie unsere Reflexion dialektisch
verluft, zehnmal neue grausame Kitzel versucht, schmeichelt und wohltut? Ich
habe Sie vorhin auf eine alte, aber sehr tchtige Idee aufmerksam gemacht, ich
erinnere Sie jetzt an eine andere, jene, die den Wunsch als Vater des Gedankens
bezichtigt. Es ist ein Gesetz, das hier der Wortlaut trifft. So bin ich mir zum
Beispiel wohl bewut, da meine Theorie von den Dimensionen hchst auffallende
Fehler zeigt. Ich schaffe mir einen Standpunkt abseits aller Erklrung, der
nicht in ihr lokalisiert ist. Damit fehle ich gegen die Natur. Es ist nichts
auerhalb des Seins. Es ist nichts ganz, das nicht diese Harmonie seines Seins
und seiner Erklrung in sich trgt. Ganz ist nur, wie soll ich sagen: das
Gefhl? Der Glauben? Eine befriedigte Lsung, eine beantwortete Frage. Was
bedeutet alle Intelligenz schlielich gegen das Gefhl? Was wir wirklich
erleben, was uns wirklich reizt und schafft, ist nur das Gefhl. Und das Gefhl
vollzieht sich lcherlich selbstndig, fliet und stockt und reagiert wie eine
Drse, die man beschreiben, sezieren, heilen und hochmtig behandeln, aber doch
niemals als Lebensform herstellen kann. Das Denken ist nur ein Ausflu dieser
Drse: Gefhl; es hat taktische, aber keinerlei strategische Bedeutung. Und nun
begehe ich den Fehler der Einsamkeit wie ein Philosoph. Diese stellen sich auf
den Mars, um die Erde zu beschreiben, aber nun, sie selbst kommen nicht vom
Flecke weg, sie lassen sich aus, sie vergessen sich mitzuzhlen, sie sind in
einer raffinierten Weise egoistisch. Sie schreiben einen Roman ber das
Erdenleben - man schreibt immer einen Roman ber das Erdenleben. Immer, mit
jedem starken Gedanken. Das zerriebene Leben wird mit dem eigenen Speichel
geknetet: und man zapft ihm Form ab. Form! Wenn ich Form sage, so fhle ich eine
Art Hohn. Und dennoch, ich schtze die Form ber alles; dennoch - - - Er sah
mich wieder prfend an, wie ein Opfer, das er die Absicht hatte zu verwirren,
mit einer geistigen Koketterie im Blicke, aus Schlauheit und Naivitt gemischt.
Meine Theorie ist aber praktisch, sagte er pltzlich mit einem frivolen Zug um
den Mund, als ob er seine sprunghaften bergnge als geistige Erschwerung
geniee. Sie hat Betriebsmglichkeiten. Sie leistet Arbeit, wie die
Wissenschaft sagen wrde. Sie verhilft zu Entdeckungen. Es entstand eine Pause;
whrend dieser wurden die Grimassen auffllig, die der Hollnder whrend des
ganzen Gesprchs geschnitten hatte, und man sah nun, da man jemanden
vernachlssigt hatte, der sich alle Mhe gab, aus gemischten Gefhlen zu
bestehen. Van den Dusen seufzte, da mit uns nichts anzufangen war und wir uns
offensichtlich in den Ehrgeiz tiefsinnigen Dialogisierens verrannt hatten. Wie
weit war er ber diese Bedrfnisse nutzloser Geister hinaus! Aber auf Slims
Gesicht trat ein eiskalter Zug hervor, ein barbarisch entwickelter Muskel der
Verachtung, wie ich sie bei keinem Manne mehr, wohl aber bei edlen Frauen
beobachtet habe, spannte sich ausdrucksvoll und kenntlich bis unter die Stirne.
Dieser Augenblick enthllte die tiefe Antipathie der beiden Mnner und ich
bemerkte zum ersten Male mit Erstaunen, wie geheime und unlautere Krfte in
unserer kleinen europischen Gesellschaft am Werke waren.
    Ich habe Ihnen eine Theorie an die Hand gegeben, wandte Slim sich mir mit
deutlicher Bevorzugung zu, die Sie glcklich machen knnte. Er lie das Wort
glcklich in einem singenden Tonfall entschweben und lchelte mild. Ein Leben
hat zwei Hnde. Das Rechts haben wir entwickelt. Das Links die anderen Rassen.
Nehmen Sie sich dieser links liegengelassenen Kultur an, Sie sind ein junger
Mann, Sie haben vielleicht Zukunft. Hier wurde sein Blick schwer, aber in der
Art, da man sich verpflichtet fhlte, dieses Schwerwerden mit Erschtterung zu
bemerken. Wieder stieg ein Verdacht an Slim in mir auf, aber er erlosch sofort
an der Herzlichkeit, mit der die folgenden Stze gesprochen wurden: Das Leben
links - ist nher dem Herzen ... Man darf nicht schlecht denken von diesen
Witzen, diesen Trugschlssen der Sprache. Sie enthalten den furchtbarsten
Tiefsinn. Ich selbst bekenne mich zum Wortspiele, bin so stolz wie irgendwer auf
den persnlichen Geschmack seines Aberglaubens. Napoleons Stern funkelt in einem
anderen System als dem astronomischen; und stets hat Aberglaube den Aberglauben
am meisten gehat; der Glaube allein ist Grandseigneur. Und Worte sind Amulette,
mit geheimen Krften Tiefe anziehend wie der Keim die Stoffe: wer wei, warum
und wie er wchst und sich fllt?
    Wir schwiegen. Van den Dusen spielte mit der goldenen Kapsel um seinen Hals.
    Slim begann wieder: Meine Theorie ist kreisrund. Der Wille zur Lust ist
sophistisch. Dies Wort ist eine aus der Lust geborene, zur Lust strebende
Erkenntnis. Es hat keinerlei Richtigkeit auerhalb seiner fr sich. Ich bejahe
in ihm, was ich mit ihm verneine. Nun glauben Sie wohl, ich sei kokett. Johnny,
Sie halten mich fr frivol. Das ist es nicht. Ich bin der Mystiker, der kommt.
Ich sage nicht nein! zu dieser Kultur Europas; ich schmhe nicht auf die
Reflexion, ich verachte sie nicht, die Analysengeschmeidigkeit dieses getigerten
Gehirnes, dieses zweifelgefleckte Wissen, diesen mden Blutdurst der
berzeugung; ich preise sie, ich besinge sie in mir, ich bertreibe sie zu einem
ewig neuen Grauen und Wunder - und, Johnny, sagte er, mich nun auffallend zum
zweiten Male beim Namen nennend, whrend seine Augen schmal wie die Knpfe von
Siegelringen wurden, lassen Sie sich nichts einreden von mir: es ist wirklich
eine Kultur, diejenige des Gehirnes. Und ich habe nur den Einwand zu machen, da
sie nicht genug bunt und bertrieben ist - - -
    Kultur ist einfacher und strenger Geist, fiel ich strafend ein, obwohl ich
fhlte, da meine Replik nicht auf der Hhe des Gesprchs stand.
    So ist es. Aber wre eure Kultur bertriebener, so wre sie einfacher und
strenger als sie ist. Es ist dies, da sie nicht sonderlich bertrieben und
heroisch ist. Sehen Sie denn nicht, Johnny, wie mir Exze mit der hchsten
Gesundheit identisch ist und da das Einfache nur das bertriebene ist? Darum
eben ist ja eure Kultur - ich sagte Ihnen schon, Sie sollten mir nicht glauben,
ich verfhre allzugerne - eben eine Kultur, weil sie bertrieben ist, weil sie
das Gehirn berbetont. Und sie ist keine Kultur, - versuchen Sie zu folgen, Sie
knnen es - weil sie zu wenig berbetont. Sie ist so wacker, so philistrs, so
von Rechts wegen - so war es nicht immer. Aber so ist es heute. Und sie ist es
heute, weil sich rings etwas anderes regt. Seit diese Kultur heute uerlich die
Weltherrschaft antritt, ist sie nicht mehr die strkste. Ganz andere, ihr
abgelegene Dinge, weltverschiedene Perspektiven, ihr geradezu entgegengesetzte
Rasse- und Kulturgedanken heben den Kopf - den Kopf, nein, wie soll man sagen:
das ihnen sinngeme Organ. Die Linkserkulturen regen sich. Es geschieht etwas
Furchtbares auf dem Erdball, der Akzent springt um. Er lchelte milde und
schien in meinem Gesicht zu lesen. In meinem Hirn und meinem Halse sa ein
verdurstetes Sprechen, das nicht flssig werden konnte. Sehen Sie um sich! Und
verstehen Sie: Ihre Reflexion ist das Einzige, das als Lustinstrument einen
Vergleich mit diesem Leben hier standhalten kann. Das Bewutsein, hier drckte
sein Gesicht Ekel und Weisheit wie das eines alten verkommenen Fakirs aus, ist
eine Lustmaschine. Versuchen Sie doch, einem von den Ihren die Reflexion zu
nehmen - er wird sich immer wieder an der Stelle wundkratzen, wo er sie
vermutet. Zudem ist euer Grad von Reflexion nichts so Neues auf dieser Welt. Es
ist ein uralter und geschrfter Jgerinstinkt, eine Raubtierbeobachtung, die in
euren neurotischen Zustnden aufwacht. Der Neurastheniker ist eine atavistische
Jgernatur; das aber ist der monumentale Witz aller Reflexion, aller Psychologie
und ebenso alles Nimrodtums: der beste Jger mu Wild sein knnen. Er mu alle
Arten von Vergngen umstndlich lernen, um zu dem Seinen zu kommen. Nun, und,
sagte Slim gedehnt, Nummer vier in dieser Reihe ist das, was Ihr Erotik nennt.
Andere Kulturen, verzeihen Sie, Rassen kommen schneller zu diesem Resultat. Sie
haben die physiologische Seite ihres Lebens ohne Apparat entwickelt. Bei ihnen
ist das Bewutsein noch nicht im Gehirn vergesellschaftet, und Ihr erkennt es
nicht, weil es keine Grostadt bildet, sondern als Provinzialismus in den
einzelnen Gliedern sitzt. Dabei haben sie sich ein Element der Lust bewahrt, das
Ihr darangegeben habt. Das Grauen. Wahrlich, die Seligkeit und der Schrecken
sind Schlafkameraden. Das Glck der Faszination geht in den kaukasischen Leibern
nicht mehr um! Eure Weiber umarmen keine Gefahren. Hier aber ist Schaudern das
direkt gedeckte Erzbedrfnis.
    Ich sah hinber zu Aruki; sie arbeitete mrrisch, die Sehnsucht wtete in
ihren Gliedern und machte sie unfroh. In der Tat, von einem groen Manne, der
sonst gleichmtig hinter dem Webstuhl hockte, konnte ihr vielleicht geholfen
werden. Aber, war das die ganze Weisheit Slims, und war das alles, womit er sich
so pathetisch identifizierte? Warum sagte er stets euch?
    Warum sagen Sie stets euch? frug ich ihn. Weil wir hier eben andere
Menschen sind. Unser Sinn ist anders. Unsere Wirklichkeit ist gesnder. Wir sind
eine Drohung fr euch - oh, die Knstler unter euch ahnen es. Zu der Zeit, da
ich als junger Student mich in Paris herumtrieb, habe ich die Bekanntschaft
eines merkwrdigen Menschen gemacht. Er war ein Maler und hatte seine eigene
Anschauung - Anschauung, sage ich. Er begann zu malen, legte es hin, und eines
Tages machte er sich davon und tauchte irgendwo im Archipel auf. Ich habe ihn
spter in Tahiti wiedergetroffen. Er studierte von den Eingeborenen
Farbenauffassung und die Flche und gab sich auch mit dem lustvollen
paradiesischen Kferdasein dieser Insulaner ab. Seiner Meinung nach waren sie
die einzige, noch junge, unerschpfte Rasse der Welt. Eine Auffassung, die ich
mir nach vielen Reisen gleichfalls angeeignet habe. Sehen Sie sich diesen Punkt
unter den Sternen gut an: wenn Europa einstmals eine einzige groe
Fabriksmetropole sein wird, wird man hier noch zu leben wissen.
    Slim endete hastig, wie von pltzlicher Langeweile ergriffen. Sein Gesicht
drckte Unzufriedenheit, vielleicht Scham aus. Vielleicht sollte es das auch
ausdrcken. Ich umfate mit einem blitzschnellen Verstndnis diese ganzen
menschlichen Beziehungen seiner Persnlichkeit, die ihn ebensogut ein Kind der
geistgesttigten Pariser Luft, wie eine passende Figur dieses Jgeridylls sein
lieen. In ihm lag jene Universalitt, die auf die tiefsten menschlichen Grnde
zurckgeht. Sein Nervensystem war ein Rest Tropen, in ihm war der Geist des
Boulevards wieder mit seiner Urform, der animalischen Tiefe des Lebens, eins
geworden. Ich ahnte in ihm den Vertreter einer neuen Menschlichkeit. ber sein
Verhltnis zu diesen ihm verstndlichen Eingeborenensitten mochte er sich einem
koketten Irrtum hingeben. Ich reklamierte ihn fr den technischen Weltteil. In
ihm war die Analyse eine neue Energie geworden.
    Whrend Slim die Straenkurve hinaufsah und ich meinen strmenden Einfllen
freien Lauf lie, kam Zana daher. Slim sagte laut: Da kommt Zana. Die Grillen
geigten unverdrossen auf Millionen winziger Violinen und die Nacht war blau ber
den Htten aufgehngt. An den Rndern des Horizontes lagen die Sterne dicht
beieinander, ein kalkiges weiblaues Licht, wie von einer vagen Mauer
zurckgeworfen, fate das silbern gestrubte Zenith ein. Zana ging vorber und
wir blickten ihr mit einer leisen Rhrung nach. Das also war Zana! Ich mu
gestehen, ich war ein wenig enttuscht. Denn ich sah sofort, woher diese
eigentmliche Wirkung kam; sie ging von den Beinen aus, die ein wenig knieeng
waren; die Kniekehlen spannten sich beim Gehen flach und breit wie kleine
Trommeln. Sie hatte tchtige Waden, aber nun waren da wieder die Fe!
Befremdend frei ging sie mit ihnen, wie die Hand eines Klavierspielers ber die
Tasten. Das rotgrne Perlenschrzchen schlug khl und schlank in die Mulde
zwischen ihren Schenkeln. Sie ging gerade an uns vorber, man sah ihren
ttowierten Rcken und die gestrafften Kniekehlen, und sie verschwand, whrend
sie die Kurve hinabging, mit einer Achseldrehung. Der volle Wuchs ihrer Schenkel
war fr einen Augenblick sichtbar. Es waren die Schenkel eines Tieres,
kegelfrmig und kompakt.
    Zana! Wir stopften in den Pfeifen und schlugen nach den Moskitos. Der Rauch
von den Zuglchern der Htten kam hin und wieder beizend in die Augen. Ich
fhlte mich stark, weil mir Zana nicht gefiel. Sie konnte mir nichts anhaben.
Mein Geschmack war eben Aruki. Jetzt nachtrglich erinnerte ich mich, da Zana
ein kleines, verdrcktes Hundegesicht hatte; eine breite Nase mit einem tiefen
Sattel. Und ihre Brste? An die konnte ich mich wahrhaftig nicht mehr erinnern,
wahrscheinlich waren sie nur sehr schwach vorhanden. Das war doch bei Aruki
anders!
    Ich suchte zum Genu dieser Situation zu kommen. War es nicht eine seltsame
exotische Sache, da ich hier vor einem indianischen Wigmam sa und mit Slim,
dem ersten neuzeitlichen Menschen, tiefsinnige Errterungen tauschte, whrend
die Weiber hier vorbeigingen und mit jeder Bewegung ihres Krpers um meine
gnstige Kritik ersuchten? Nun wollen wir uns einmal hineinknien in dieses
Mysterium, an dem ich drei Punkte unterscheide: Mich, die exotische Stimmung der
Umgebung und meine vollstndig neuen Gedanken, die ich Slim soeben
ausgesprochen, nein, aber doch geheimnisvoll vermittelt habe - aber da merke ich
pltzlich, da etwas an diesem Kleeblatte nicht in Ordnung ist. Pltzlich war es
aus, die Stimmung war verflogen. Ich sah mit einem Male anders, sah die Dinge
furchtbar total und deutlich. War es die berschrfe meines Bewutseins - dann
mute es sich nach dem soeben gehaltenen sonderbaren Gesprche jetzt um ein
besonderes Vergngen handeln. Und wirklich, ich stand vor einer neuen Rauschart,
zu sehen. Ich war gelassen und nahm es, wie es kam. Aber wie kam es? So wie ich
es brauchte. Ich brauchte Heimlichkeit, Sicherheit und Realitt. Und da war es.
Die Exotik und das Stimmungshafte, das mich seit meiner Anwesenheit so stark
beherrscht und behelligt hatte, waren berwunden. Ich wute nun alles, wie es
wirklich war. Zana hatte ganz frauenhafte Beine und war auch kein Dmon, und ich
sah ein, wie schwer so viel Unbekanntes auf mir gelegen hatte; nun aber war es
weg, und ich atmete erleichtert auf. Mit der Exotik war ich fertig. Dies war ein
veralteter Standpunkt. Impressionismus? Er war falsch; er war ein Defekt der
Beobachtung. Er war nicht tief, absolut nicht tief. Oh, ihr Exotiker, nun habe
ich euch? Welches stammelnde Geschrei, welche berraschungen und Perspektiven,
welches schbige Glck der Vagheit wrdet ihr an meiner Stelle aus diesem
Amerika erdichten? Welche Melodien wrdet ihr diesem Ansichdasein abhren? Wie
sieht nach euch die Wste aus, ihr kahlstelligen Herzen mit eurer
Oasensehnsucht? Drei Kubikzentner Sand auf euer Lgenmaul ist alles, was sie fr
euch haben sollte. Ich hre und sehe klar. War's mglich, da Zana, die
Unbekannte, mich solange beunruhigen konnte? Ha, Slim und ich, wir beide sind
die modernen Menschen. Bei uns ist die Analyse eine Energie geworden. Nun erhebe
ich mich, ich klopfe ruhigen Herzens meine Pfeife aus und begebe mich hungrig zu
Slims Gasterei. Ich glaube, er ist heute jagen gewesen. Ja, nicht wahr, ein
wundervoller Abend! Das sdliche Kreuz ist so nahe, da ich es mit einer Stange
herunterholen knnte, wenn ich auf einer Wolke stnde. Im Herz der Palme nebenan
mu eine Grille sitzen. Welch ein Dingelchen, welch ein schwarzer,
unerschrockener Arbeitsnerv! Ich liebe Aruki. Aber ich knnte vielleicht auch
Zana lieben. Sie hat mich angesehen. Immerhin, um die Knie hat sie etwas, das
rhrt. Es sieht ein wenig rachitisch aus; mglicherweise ist es nur hlich.
Dennoch. Es liegt eine Menge von Lust in allem Wirklichen. Ja, mit der Stimmung
ist es jetzt ein fr allemal aus. Das menschliche Bewutsein ist grausam. Es
ttet Stimmungen, liebt Chirurgie, Wunden und Operationen. Ich sehe dieses Dorf,
und es fllt mir nicht ein, es exotisch zu finden. Wenn der Himmel nicht wre:
liegt es auf einer Alpendrift oder unter dem quator? Hier ist Arbeit, Betrieb,
Geschft und Transaktion. Eine kleine, niedliche Technik. Die Hauptsache ist,
da sich alles ziemlich eng um den Punkt des Daseins bewegt. Es knnte in einem
Ameisenhaufen nicht stimmungsloser hergehen. Jawohl ja, Beobachtung ist alles.
Slim hat recht, dieses Leben ist unsereinem im Grunde gar nicht so fremd - nur
kompletter ist es. Nun, Slim, wie denken Sie ber ein Abendessen? Ich ahnte,
da ich mich hier einmal heimisch fhlen wrde.
    Passen Sie auf, sagte Slim, Zana wird - wird mit uns kommen!

                                       XI


Wir standen, je hundert Schritte voneinander postiert, bis an die Brust im
Farnkraut und schossen den Pumaprinzen tot, den uns eine Korona von Dumaraleuten
zujagte. Er hatte sich nah dem Dorfe eingenistet und letzthin ein Kind vom
Djunglerande weggeholt. Jetzt kamen die Weiber gelaufen, sangen whrend seiner
Agonie, traten ihn in den schlaffen Bauch und drehten ihm die Scham aus.
    Bevor ich scho, hatte ich mir eine Vorstellung geben lassen. Er benahm sich
mir nicht unbekannt, wie ein gewiegter Neurasthenikus; war wachsam und
argwhnisch, hufig peinlich berhrt, frequentiert von Eindrcken, eine
Knstlerseele, was findige Phantasie und Beobachtung anlangt. Und doch war er
letzten Grades hchst unvorsichtig und galoppierte dummerweise gerade vor der
grten Gefahr, meiner schubereiten Bchse, blindlings vorbei. Aber ich scho
nicht. Ein guter Jger mu Wild sein knnen. Hier stand ich mitten in einem
Farnwalde, in einem reichen Gekrusel grner Fasern, und solange ich nicht
losdrckte, unterschied mich nichts von einem Jger der Tertirzeit. Mein ganzes
System war bis zum uersten gespannt, noch auf zwei Schritte Distanz htte ich
gegenber diesem krummbeinigen, schwarzfelligen Kater meine Kaltbltigkeit
bewahrt. Es fiel mir ein, da ich und diese Katze im Augenblicke vieles
gemeinsam hatten, gleichsam eine einzige Lebensstufe in ihren polaren
Gegenstzen darstellten. Denn nach Katzenart war auch ich als Jger nicht nur
Futterbeamter, sondern Beobachter. Ich experimentierte mit meinem Opfer, bevor
ich meinen endgltigeren Wnschen freien Lauf lie. Es fehlte nur noch, da auch
diese stmmige Katze mit Selbstkontrolle ausgerstet war - auf jeden Fall benahm
sie sich hchst zweideutig und interessant. Statt einen der Treiber anzugreifen
und sich einen Weg durch die entstehende Lcke zu bahnen, rannte sie in
buckligen Sprngen die Kreuz und die Quer und flitzte lange Furchen in das
hochaufgeschossene Kraut. Sie war zu trge zur Aktion, war nicht in Stimmung,
stand vielleicht im Augenblicke auf einem hheren philosophischen Standpunkte
und empfand solche unbegrndete Lebhaftigkeit der Mitwelt als abgeschmackt. Als
aber der Kreis sich verengerte, hatte sie ihre Nerven vollstndig verloren, es
wurde ihr flau zumute, sie blieb vor mir stehen, zwinkerte mit den Augen und
flaggte mit den Bartspitzen, weinte schlielich aus ihren Schlitzen und kotzte
ein kleines Frhstck aus. Zugleich verbreitete sie Gase wie eine chemische
Werkstatt in voller Arbeit. Ich war ungeheuer entrstet, aber da ich sah, da
sie noch immer nicht den Rest ihres Daseins meinte, zgerte ich am Druckbolzen.
Sie hielt es noch immer blo fr ein unerwnschtes Erlebnis. Zudem war stets
etwas Unerklrliches an ihr, etwas schnurrig Behagliches, eine Art wilder Wonne,
und ich erinnerte mich piettvoll an die Zustnde der Kindheit, wenn ich
versteckt auf die verfolgenden Kameraden harrte und der nchste Augenblick ber
Leben und Tod sozusagen entscheiden konnte. Dieser schwarze Buckel auf den
vier krummen Beinen, mit dem flachen Kopfe, hatte etwas entschieden
Abenteuerliches. Die Geschichte entwickelte sich weiter. Da streiften Pfeile ins
Kraut und begrten meinen Kater. Ich sah etwas wie ein bses, geflteltes
Lcheln auf seiner Oberlippe, und nun nderte sich das Bild. Ein Pfeil traf ihn
in die Lunge und zitterte nach. Eine fessellose Angst bemchtigte sich seiner.
Er drehte sein Hinterteil vollstndig nach auen, streckte den Kopf hoch in den
blitzendblauen Himmel und ri die Kiefer aufkreischend zu einem flachen
Kreissegment auseinander. Dieser Schrei klang mystisch wie die Explosion
smtlicher Tne, die in einer Flte stecken, und war so schrecklich, da mir
bel davon wurde. Es war ein vollstndig neuerfundener Vokal, der sich hier, wie
ein Fetzen Fleisch, hei aus den drahtstiftdnnen Fngen loslste. Langsam trat
Blut zwischen den Zhnen hervor. Alles Fleisch, alle Haut war schmerzlich zur
Nase zurckgezogen, zwischen den beiden weitgetrennten Fngen zitterte ein
Speichelfaden wie eine silberne Saite, und die Silhouette des Schdels war
gewaltsam dnn wie eine Mondsichel. Die Augen waren krampfhaft geschlossene
Spalten. Ein, zwei, drei Sekunden sah ich ihm zu, er ergtzte mich, er
inspirierte mich, dann fiel mir etwas ein, ich schmte mich und scho, indem ich
alle sechs Mauserplomben hintereinander aus dem aufzuckenden Gewehr auf seinen
Krper losspringen lie: ich scho aus den Hnden von der Hfte aus und traf ihn
schlecht. Er purzelte zusammen und ri die Farnwurzeln aus. Die Indianer liefen
vorsichtig herbei und standen wrdig an seinen Seiten. Der langgefiederte Pfeil
ragte, whrend das Tier am Rcken verendete, lotrecht in die Luft. Dann kamen
die Weiber und zerrten und traten ihm das letzte Lebensrestchen aus dem Leib,
bis man ihnen den schwarzen Balg abjagte. Und ich sah ihnen zu, sah, wie ihre
Hnde und Fe gierig zugriffen, und in mir brllte die Sehnsucht aus der Tiefe
meiner Eingeweide wie ein leidender, lebensfroher Puma. Ich sprte meine
Kaumuskeln steinhart werden vor Energie, von einem Lebenswillen, der mir das
Zwerchfell zu einem glcklichen Seufzer reizte und mir mit herausfordernden
Krften in die Muskeln an Schulter und Oberarm stieg. Das Blut strmte zu meinen
Hnden, sie entwickelten ein von mir unabhngiges Verlangen zu greifen, ihr
Fleisch spannte sich und hing sich schwer an meine Ellenbogen. Als ich sie van
den Dusen auf die Schulter legte, htte ich ihn ohne bse Absicht beinahe
umgeworfen. So mute ein Panther seine Pranken fhlen, wenn sie nach Fleisch
lechzen.

                                      XII


Aber man kann nicht immer im Farndickicht jagen. Eine Katastrophe der Langeweile
breitete sich vor. Oder war es Sehnsucht? Meine Hnde waren matt, feucht und
klebrig. Ich wollte bemerken, da in dieser Zeit meine Fingerngel ein
beschleunigtes Wachstum zeigten. Ich war lasterhaft, und darum begann ich sie
abzureien. Mit dem Pantherspielen war es nun ja doch vorbei; ein paar
hunderttausend Jahre kam es zu spt; es war jetzt wohl eine bloe belanglose
Gewohnheit meiner Sinnlichkeit, mich mit Krallen zu versehen. Seit mein
Geschlecht die wilde Kraft seiner Lust verlassen hatte, wurde es genschig, wie
alle Krallentiere, denen man den Raubtieraplomb geschlechterweise abgezogen hat.
Und nun sah ich auch zum ersten Male, da ich Gefhrten hatte. Bei Zana hockten
ein ffchen und ein Papagei nebeneinander auf einem morschen Gabelsystem von
sten und fraen einander mit vor Neid hlichen Gesichtern die Leckerbissen
weg. Aber noch intimer fhlte ich mich mit den niedrigstehenden Schmetterlingen
des Llanno, minderwertigen Geschpfen, Degeneraten aus einstmals sicherlich
furchtbarem Geschlechte. Mglicherweise waren sie die direkten Nachkommen des
mystischen Drachen; ihre fingerdicken, ein wenig gekrmmten Leiber waren noch
jetzt in ihren Ringen faul und rckelig, kleine, schlappe Teleskope, ganz
unproportioniert zwischen den wundervoll gegitterten Membranen hngend, die mit
ihren Tinten, Flecken und Augen aufregend gegen die brige Hlichkeit
abstachen. Der Schmetterling der Prrie! Auch der Saugapparat, ein veritables
Taschenuhrwerk in seiner Diffizilitt und entsetzenerregenden Kompliziertheit,
schien der Mythe entsprechend. Hatte ich hier also eine kleine Ausgabe der
Vorzeit vor mir? Wenn das Tier durch den entrollten Rssel wie ein Kfer zu
sffeln begann, schien ein blaues Flmmchen die Spirale entlang zu fliegen, und
die Schenkel der Orchidee, die seiner Schtigkeit herhielt, begannen verbrannt,
entseelt dahinzuwelken. Oder war es Tuschung? War es der Reflex der sthlern
schimmernden Faltersegel, deren Myriaden Flicken in das Netz von grtigen Fasern
eingesetzt waren? Bange blickte ich auf den stacheligen Maulzierat und den seine
Wollust starr hinaustrompetenden Leib, ein Schauer von Abscheu und Anziehung
schttelte mich und zog meinen faszinierten Blick an diesen unverstndlichen
Gegensatz von Schn und Hlich heran. Da, whrend ich es geqult ansah, wuchs
es ins Ungeheure. Der Schmetterling wurde grer und grer, und der Drache der
Vorzeit entstand vor meinen Blicken. Wer wollte mir ableugnen, da dieser
Schmetterling nicht ein unendlich verharmloster Typ eines einst gefhrlicheren
Wesens war? Wer hatte jemals den Drachen in seiner tausendmal verdeckten
Schmetterlingsepidermis ungestraft aus der Nhe in Augenschein nehmen knnen?
Wer hatte sich aus der Gefahr tatschlich in ihre Beschreibung zurckgerettet?
Einem solchen Ungeheuer, mit allem Komfort der Munition, mit Fngen, Flgeln,
Rsseln und einer Rostra ausgerstet, hatte kein Menschlein mit seiner
einfltigen Keule entgehen knnen. Der Feueratem war ein Miverstndnis; er
beruhte auf den mephitischen Dmpfen, die aus der Verdauung eines solchen
Vielfressers hervorgehen muten. Man konnte sich ja den lteren Vorgang nach
dem, was ich jetzt sah, rekonstruieren. Warum hatte der Drache gerade fr
Jungfrauen und Jnglinge, gerade fr besonders eitle und prinzenhafte Wesen
solche Vorliebe? Wahrscheinlich hatte er sie gar nicht, sondern dumm und stark
wie er war, fra er, was sich ihm opferte. Seine wunderbar schillernden Flgel
aber zogen die Neugier der Menschenkinder tdlich an. Die Kleinen,
Aufgewecktesten und Sinnlichsten liefen herbei, um das Farbenphnomen zu sehen.
War das Abendrot dort in die dstere Waldschlucht zwischen hohe Kieferstmme
gefallen, lag dort ein Schatz seltener magischer Steine, hauste dort in den
schroffen Klippenhhlen am Kreidesteinsee der Regenbogen, der den Gang der
Wasser begleitet? Sie liefen hin, und das Vieh lauerte, pltzlich erhob sich ein
Schlagen und Blitzen von wolkengroen Flgeln, feurige Farben waren zugleich mit
hei verkohlenden Gasen in der Luft entfaltet, ein ungeheurer, aus zehn
ffnungen maulender Schlauch senkte sich vor dem kalkweien Monde zur Erde,
purpurne Dmmerung legte sich ber das grliche Schauspiel solchen Untergangs.
Ach, war es s fr die Sen, so grauenvoll zu sterben? Konnte es anders, als
romantisch den Traum Ungereifter beflgeln? Wer's htte sagen knnen, kam nicht
wieder; wer's aus der Ferne sah, gewahrte, da hier der Tod mit einem
unertrglich rtselhaften Farbenrausch verbunden war. Er erzhlte es daheim am
Feuer des Stammes, wie die Gluten zwischen den scheinbar am ganzen Krper
verteilten Kiefern hervorbrachen. Und Jngling und Mdchen gingen hin, die Lust
versuchen, kamen nicht wieder, und man sagte, halb begreifend, der Drache habe
sie gefordert.
    Jetzt war der Falter da eine Nymphe der Hlichkeit. Alles war zart an ihm
geworden bis ins Unendliche. Noch glomm in seinen vorgetriebenen Bukettaugen ein
grnliches Feuer. Er war genschig, unstet und taumelig. Sein Flug hatte keinen
Charakter, kein Ziel, nichts Arbeitsames, Ordentliches war an ihm zu bemerken.
Er war das Endresultat der Entwicklung vom Menschenfresser zum Vegetarier.
Verkommen war er, wie nur mehr unsere Wertungen, wie nur mehr wir, wie nur mehr
ich. Auch ich stammte von einer greren Pracht ab. In meinem Blute bellte der
Panther. O du krumme, schwarze Katze des Urwalds! O du Schmetterling des Llanno,
kleiner, seidener Drache unter Blten! Wir entsprechen einander, wir sind dieser
Zeit der Verkleinerungen wrdig. Was bei meiner Ahne, der Tropenkatze, die
schpferische Kraft des Augenblicks gewesen war, ist bei mir nur mehr Talent. Er
jagte, ich beobachte. Er war heroisch, ich bin tief. Er war ein Realist, ich
habe Phantasie, diese abgelebte Realitt. Die Gre stirbt aus, das Talent wehrt
sich. Dafr sitzt es freilich fest. Meine Art hatte es doch gewissermaen zu
etwas gebracht. Wir waren das glorreichste Jgergeschlecht, das die Natur
gezeugt und bemuttert hatte. Alles ward uns zur Beute, unsere Jagd dehnte sich
nicht blo auf den naheliegenden Magenverdienst aus, sondern leistete auch
berschssiges und sparte das Errungene als geistreiche Beobachtung. Ein Panther
geht nicht um des Fressens willen in den Busch, er will was lernen. Der Drache
aber hat geprat und gevllert und verschlungen, was immer ihm unterkam, ohne
gescheiter zu werden.
    Den Ruin solcher Weltanschauung hatte ich im drastischen Bilde der
Verzwergung vor mir. Welch naschhafte Verkommenheit! Der Schmetterling des
Llanno war der Nachkomme der alten Aristokraten des Fleisches, dieser
Prachtgeschlechter unter den Organismen. Dagegen gehalten, mute der Mensch
immer nur ein Parvenu sein. Aber die Betriebsamkeit der Menschenkatze hatte mit
ihrem anfnglich bescheidenen Geschfte Erfolg gehabt, nicht der Fresser und
Genieer, sondern der primitive Jgerinstinkt war nach allen Richtungen hin
siegreich ber die Welt ausgestrahlt. Einst mochte der Drache fr eine armselige
Katze nur eine uneinnehmbare, stupide Festung aus Fleisch und Schildpatt gewesen
sein, mit Blendwerk und Schlnden, aus denen mit Gasen geschossen wurde; heute
aber war der Tag der Rache; nach Milliarden von Jahren standen wir uns endlich
wieder von Angesicht zu Angesicht gegenber, das erschlaffte aristokratische und
das rege demokratische Prinzip. Der Genieer und der Jger. Der Lebende und der
Beobachtende. Das Fleisch und das Gehirn. Aufgepat!
    Aufgepat! Ich nahm meine Browningpistole zur Hand, diese metallene
Nachbildung eines ominsen Insektenleibes, diese Zulage an reeller
aristokratischer Erscheinung, diese dumm aber perfekt losgehende Gefhrlichkeit.
Eins, zwei, drei! Im Augenblicke, da ich scho, klappte der Falter seine blauen
Segel hoch wie ein Zweimaster unter einer steifen Brise. Gleich darauf pfiff die
Kugel durch seine Fittiche hindurch. Es mu einen Mohrenlrm fr den armen
Teufel bedeutet haben, das Brechen der feinen knorpeligen Gestnge bertnte die
Detonation des Schusses und das lokomotivartige Sausen des Projektils. Man
denke, ein Exprezug rast durch die bunten Venetianerscheiben einer haushohen
Glasflgelfassade, zertrmmert das kunstvolle System der Fazettspiegel und strt
eine nymphisch verzckte Rhre der Genielichkeit aus ihrem Schleimtraum! Der
Schmetterling fiel ohnmchtig von der Blte auf einen Bltterstrau herab, wurde
aber schnell munter und taumelte in zackigen Schwngen mit verdoppelter
Anstrengung davon. Zwei gewaltig aufgestlpte und gerissene Lcher klafften in
seinen Schwingen, in ihrer Nhe waren die sprden Hute zackig gebrochen und
farblos wie Horn. Die schwarzsamtenen Augen blickten geschwollen und seine
Koloraturen waren verwischt, wie Dnen nach dem Sturm.
    Ich sah ihm neugierig nach und konstatierte ohne Befriedigung meine
Jgertat. Aber es war dennoch ein Erfolg. Ich hatte geschossen und die
Erkenntnis besiegelt. Der groe Pfad der Entwicklungen lag klar und
bersichtlich vor mir, die Miverstndnisse waren zu Ende und die Jagd der
Symbole hatte Wirklichkeiten erlegt. Schwarzer Panther meines Herzens, bunter
Schmetterling meiner Sinne! Ich erkannte, da mein Verhalten ein System in sich
barg, an dem ich nicht Schuld trug, das vielmehr mein Empfinden lenkte. Alles in
mir war auf das Natrliche und Notwendige gerichtet. Ich schritt die Leiter der
Entwicklungen zurck und schreite sie nun wieder nach vorne zu. Bald werde ich
wieder beim Menschen der Zukunft sein, nachdem ich bei den Wesen der Vorzeit
gewesen bin.
    Stimmung, sdamerikanische Djunglestimmung, was war das? Als ich die Tropen
noch nicht kannte, vermeinte ich's zu wissen. Ich trug es damals in mir, die
Tropen waren in mir vorweggenommen, irgend einmal in grauer Vorzeit mute ich
sie erlebt haben, als ich noch in meiner Mutter Scho im lauen Klima, von
Nahrung umbrandet und umsplt, lag. Spter kam ich hin und sah den Dingen auf
den Grund, sah buchstblich in ein schleimiges wimmelndes Wasser von Zellenleben
zwischen Urwaldufern hinab. Ich begegnete einem Panther und erkannte den
Lebensmodus meiner Nerven in ihm wieder. Ein Schmetterling des Llanno belehrte
mich, da meine etwas schchtern machenden demokratischen Nerven, wenn sie auch
das Zeichen waren, da ich aus kleinem Hause herstammte, doch endgltig ber das
Weltprinzip der fetten Seelenruhe gesiegt hatten und eine groe Karriere ahnen
lieen. Und die gut konstituierten Menschen eines Indianerdorfes erinnerten mich
an meine vernehmlichsten Wnsche, die Lust, die frhlichen Begleiterscheinungen
meines Jagdtriebes. Es war alles wohl abgestuft. Einen Schritt weiter noch auf
dieser Skala und ich stand wieder mitten auf einem Platze in Paris oder Berlin,
und war in meiner Art ein Staatsmann, so wie ich das Leben um mich her nun auf
seine treibenden Urelemente hin bersah. Ich war bei Zellen, Insekten und
Raubtieren gewesen und hielt mich in der Seele des Indianers, des schnsten
aller wilden Menschen auf. Langsam nherte ich mich mir selber - dem
intellektuellen Kaukasier, dem nervsen Nordlandmenschen - da war ich schon ber
mich hinaus, ich war in der Seele Slims, des Weltmenschen.

                                      XIII


Als diese klaren Tatsachen festgelegt waren, wollte ich nun endlich einmal an
die schon lange geplante Eroberung dieses Indianerdorfes und seiner Weiber
schreiten. Ich dachte da besonders an Aruki; aber nicht etwa, weil sie leichter
erreichbar war, sondern aus berzeugung von der Unbertrefflichkeit ihrer
leiblichen Eigenschaften. Da hatte sie Brste; und Brste, die ihre aparten
Reize besaen. Mit der Rhrung, die ihre Lnglichkeit hervorrief, konnte ich nur
mehr eines vergleichen: Zanas eigentmliche Wirkung, ihre festen Beine, ihre
festen Knie! Da lag das Dorf, hellgelb und braun und mit hagerer Klarheit unter
einem berallhin eindringenden Sonnenlichte wieder vor mir wie eine Partie
Kegel. War es eine Aufforderung zum Spiele? Ich aber rollte sozusagen die Kugel,
abgerundet von den Erfolgen meiner heutigen Jagd auf ein epigonenhaftes
Drachengeschlecht, schnurstracks den ausgetretenen Hauptweg unter die Htten
hinein. Es galt die Knigin - und in der Tat stand Zana vor der Tr. Als ich
kam, verschwand sie mit einer unzweideutig wegwerfenden Gebrde, die den
dabeistehenden Frauen das Grinsen ins Gesicht lockte, hinter der Matte. Ich
dachte, nein, wo hat Slim nur seine Augen, Zana ist doch absolut nicht hbsch!
Und ging zu meinem Zelte, wo Checho bemht war, der Dame seines Herzens ein
ziemlich groes Stck blaues Packpapier unter das Taillenbastband zu knittern
und es mit meiner Schere in breite flatternde Fransen zu schneiden.

                                      XIV


Eine groe religise Feier der Dumaraleute fand statt. Sie war mit kriegerischem
Spiel verbunden. Drauen in der Savanne hielt der Huptling Luluac am Vormittage
Parade ab. Die Krieger, lang gebaute Mnner, marschierten je eins und eins
hintereinander an ihm vorbei. Sie trugen krperlange Speere aus Eisenholz und
Schilde, deren Auenseite bei den Vornehmen mit Kelwas Kunstwerken geschmckt
war. Zu dem Triumphzuge von Fleisch, Muskeln und barbarischen Strke, der sich
vor unseren Augen abwickelte, war in diesen Gestaltungen der richtigen
Weltanschauung Ausdruck gegeben.
    Die Menschenschlange zerstckelte sich auf einen lauten Schrei Luluacs hin
in hundert wild laufende Mnner. Sie rannten mit langen Stzen an einen Punkt in
die Savanne hinaus. Dort sammelten sie sich zur phalanxartigen Formation, die
sich in Marschlinie nherte. Das Schauspiel gab einen Begriff von Takt, wie ihn
kein preuisches Garderegiment annhernd erwecken knnte. Luluac war mitgelaufen
und nherte sich jetzt an der Spitze. Die groen Leiber schwankten rhythmisch
nach rechts und links, die Reihen schlugen einen leichten Trab an, bei dem die
Knie bis vor den Bauch gezogen wurden, die Phalanx machte halt und trat am Orte,
wie auf Velozipeden, von einer Sohle auf die andere. Die Bewegungen der langen
Gliedmaen waren auerordentlich schnell. Der ganze Haufe stand pltzlich vor
unserer Nase, retirierte im Schritt, sank speerzielend auf ein Knie zurck,
stand da, schwankte in parallelen Gliedern links und rechts und begleitete seine
Exerzitien mit bald leisen, bald unartikuliert heftigen Lauten. Vor uns, das
Angesicht nach der tanzenden Savanne, sa die Musik; Mnner mit vorbauten
Krpern, unproportionierten Kpfen und abstehenden Ohren; sie schlugen
abgestimmte Hlzer gegeneinander, klppelten auf Holzkapseln verschiedener Gre
und erzeugten einen klingelnden, fortlaufend prasselnden Trommelwirbel. Und dann
untersttzten sie allemal die Weiber. Diese stieen ekstatische Schreie aus, die
Gesellschaft fiel miteinander in die Pace, sie zuckten mit den Armen, wiegten
sich in den Hften, die Muskeln unter ihrer weichen Haut rhrten sich in
rhythmischer Ergriffenheit. Ich sah Slim unruhig werden; er taktierte mit den
Fingern seiner rechten Hand in die linke Handflche und warf seinen Schdel mit
ungemtlichen Rucken nach allen Weltgegenden. Van den Dusen folgte dem Lrm
vorsichtig mit den Schultern. Da gab ich dem in mir aufsteigenden nervsen
Unbehagen nach und klatschte befreit mit den Weibern zugleich in die Hnde,
zhlte mit den Fersen am Boden, sang die paar ewiggleichen Noten mit und juchzte
laut hinaus, wenn ich mir in einem Bruchteil von Sekunde die musikalische
Schnheit einer solchen Unterbrechung des Gesanges vorausberechnet hatte. Unser
aller bemchtigte sich ein harmonischer Rausch, ein Entzcken der Muskeln. Der
Tanz, das animalischste, tiefste und befreiendste Kunstwerk, gelang uns spielend
und mit einem grenzenlosen Ergtzen. Indem wir uns den ausdrucksvollen Launen
unserer Fibern hingaben, gestalteten wir mit allen Fhigkeiten des Leibes unsere
menschliche Seele. Die unwandelbaren Lustelemente hinter unserer Epidermis
nahmen beseligende Form an. Die wir blo zusahen und an uns das Beobachtete
nachskizzierten, erlebten die Erregung in der Anschauung geschmlert und
bertroffen. Wir berschlugen uns wie stehende Wellen, knicksten in den Knien
ein, arbeiteten mit Ohrmuscheln, Kopfhaut und Kinnbacken, und gehorchten tapfer
den drei Noten der ewigen Flten.
    Die tanzende Phalanx machte kehrt, so pnktlich, als ob es hundertmal
derselbe Mann gewesen wre. Die gefiederten Grtel flogen wie Rder und senkten
sich mit derselben abgestimmten Langsamkeit ber die braunglnzenden Hintern
herab. Als sie ein gutes Stck in die Savanne hinausgelaufen waren, mit den
kriegerischen Federkronen schrg vor den Kpfen, begannen sie den originellen
rhythmischen Schuhplattler von vorne. Ihre Leiber schwitzten, die Augen rollten
wild unter den roten und blauen Kerben zwischen den Brauen, aus den von der
Anstrengung geblhten Nstern stieen gleich kleinen Giftwolken je zwei Federn
hervor. Die Kerle tanzten und tanzten wie die Teufel, sie heulten und weinten
vor Glck, und die Adern an ihren Waden waren krampfig angeschwollen. Dann
pltzlich gab Luluac ein Zeichen und brach die Vorstellung ab. Die Phalanx glitt
auseinander. Ich sah auf die Uhr, eine geschlagene Stunde war vorbergegangen
und ich war todmde, als htte ich selber diese erschpfenden Tnze getanzt.
    Die langen Kerle kamen, die Weiber hingen sich begeistert an ihre Mnner. Im
Kriegsschmucke mit den Bemalungen in den mageren, zwischen Kinn und
Backenknochen eingeschnrten Gesichtern sahen die Dumaraleute wenig geheuer aus.
Der Beweis von Kunst und Kraft, den sie uns soeben gegeben hatten, machte sie
ein wenig ppig; sie schwatzten laut, ignorierten uns Weie und rannten uns
geschftig ihre Ellenbogen in die Seite. Ich sah mich nach Slim um, um in seinen
Mienen gleichsam Verhaltungsmaregeln zu lesen. Aber Slim war nirgends zu
bemerken. Doch, dort stand er unter den Weibern von Luluacs Gefolge und sprach
auf ein kleines Geschpf ein. Es war - ja, richtig, es war Zana.
    Van den Dusen kam zu mir und schttete mir sein Herz ber die
Respektlosigkeit der Eingeborenen aus. Ich war also nicht allein mit meiner
Hypochondrie, auch der dicke Hollnder litt unter der Niedertracht, die zu
unserer Demtigung von diesen gesunden Krpern frmlich ausdnstete. Es war
dasselbe Lied bei allen Wilden. Er diente mit einem Beispiel.
    Staunen, sagte er, ist bereits das Symptom einer hheren Aufgewecktheit.
Diese Menschen staunen nie wirklich, sind nie voll von ehrlicher Bewunderung,
wenn sie etwas Unbegreifliches zum ersten Male sehen. Ihre Seelen sind so
frchterlich gesund und selbstbewut; alles appelliert sofort an ihr
Lcherlichkeitsempfinden; alles Neue finden sie abgeschmackt wie Kinder. Ich
habe einmal einen Orinocomann nach den groen Stdten mitgenommen, eigens, um
mich an seinem Erstaunen zu weiden. Was, glauben Sie, tat er? Nichts tat er; er
schwieg beharrlich, mit einer stoischen Ruhe, die mich verrckt htte machen
knnen, und tat, als gbe es da berhaupt nichts zu sehen. Wir stehen absolut
nicht hoch in der sozialen Achtung. Soviel verstehe ich von ihrem Geschwtz, da
man sich ber uns mokiert. Denken Sie doch, wir sind schlecht angezogen, tragen
hchst berflssige Dinge und haben anderseits nicht die notwendigsten Eberzhne
an, nicht das obligateste Stckchen Federkiel im Nasenknorpel stecken! Diese
Wilden, die kein Dasein auerhalb ihrer Gebruche und keinen Horizont ber dem
ihren ahnen, sind die gefhrlichsten Philister, denen man begegnen kann - - -
    Sehr gut, blo verkehrt, sagte Slim, sich anschlieend. Eine prachtvolle
Idee, die weit tiefer ist, als Mynherr wohl ahnt, aber, und Slim setzte ihm
belehrend, wie es seine Art war, den Finger auf die Brust: Sie sprechen einen
Anachronismus. Die Sache ist perfekt; nur, da die Philister die gefhrlichsten
Wilden sind. Aus eben den Grnden, die Sie genannt haben: dieser beschrnkte
Horizont, glaube ich, nicht wahr? - Dieses Eingeborenenleben in den
Gesellschaften einer Stadt, zhe Urwaldgebruche, nicht wahr, lustvolle
Verkrppelungen, freudevoller Bldsinn, alles das, miverstehen Sie das nicht,
ist hchst wild und pikant!
    Die Festlichkeiten nahmen ihren Fortgang. Die Mnner warfen mit Speeren,
schossen mit Pfeilen. Sie gingen mit federnden Schritten und geradegestellten
Fen durch das Lager, auf den Zehenballen schnellten sie sich fort. Ihre Beine
hatten ein Mindestma von Masse an sich und waren an den Waden nach auen
gekehrt wie die Gliedmaen eines Raubtieres. Es verlieh ihrem Gang Beherrschung
und konomie, sie konnten mitten in einer Bewegung halt machen und die Richtung
ndern wie Katzen. Mit groer Spannung fhlte ich da meinen Blick auf van den
Dusen gerichtet; da ging er auch schon, mit den Fen schrg nach auswrts, mit
steifen Hften. Er hatte irgendeine Meinungsverschiedenheit mit Slim, pltzlich
warf er seinen Rock ab, lockerte den Hemdkragen und zupfte an seinen Hosen. Herr
des Himmels, er wollte doch nicht etwa das Wettrennen mitlaufen? Als aber die
Konkurrenten aufmarschierten, beruhigte er sich von selbst. Es waren gestreckte
Figuren, Windhunde mit unansehnlichen Schenkeln und blodaliegenden Lngswlsten
an den Auenwaden. Sie liefen. Die Zehen packten den Boden in die Faust und
warfen ihn nach rckwrts. Sie rannten weit in die Savanne hinaus. Van den Dusen
erklrte sich mit dieser Technik nicht einverstanden. Das sind keine Beine, das
sind Pfoten, sagte er. Ich war der beste Lufer in der Kadettenschule. Nach
zehn Minuten kam der Schwarm gelichtet zurck. An der Spitze fhrte ein magerer
Mann mit einem Brustkasten, an dem sich die Rippen strubten. Schultern, Magen
und Becken waren wie auf geheimnisvolle Weise abgefressen, aber ber dem
Knochensystem kreuzten sich bandelierartig die Sehnen. Seine Lippen, an denen
Serien von winzigen Metallplatten in stets kleiner werdendem Format wie die
Armatur eines Wikingerdrachen eingeheftet standen, waren vor Erschpfung nahezu
eingezogen. Aber er versuchte Ruhe zu heucheln, schneuzte seinen metallenen Bart
und atmete besonnen, nicht eingerechnet die kreischenden Schreie, die der wilde
Mensch aus seiner abgeknabberten Bste hervorholte, hohe, weibliche
Diskantlaute. Das war kaum ein Mensch, sondern ein Stck Lauf. Die Weiber
schnatterten um ihn herum und warfen ihm verliebte Blicke zu, fr die er sich in
bereifrigen Vogeltnen bedankte. Die Musiker brachten einen Tusch auf den
Lufer aus, sangen ihm zu Ehren und verklppelten wie rasend ihre Hlzer.
    Die Musiker fielen mir auf, sie zeigten einen ganz anderen und nicht weniger
interessanten Typus. Es war eine krperlich untergeordnete Menschengattung.
Mischrasse, wie alle Musiker, sagte Slim. Ihre Musik begann mir zu gefallen.
Eine leise Verachtung gegen Muskelmenschen stieg in mir auf. Diese Musiker sahen
viel weniger belwollend aus. Sie hatten feine, intelligente, melancholische
Gesichter. Um es nur zu sagen, sie sahen zivilisierter aus, gaben sich
bescheidener. Meine Antipathie gegen die aufdringliche Wildheit von Leibern, die
mich umgaben, stie hier an eine beruhigende Kste: ein kleines, wohlgenhrtes
Buchlein. Das Aufregende jener bronzenen, magenlosen Wandelstatuen machte
widerwillig; die Arbeit, die in all diesen Muskeln lag, ermdete vom Ansehen;
das tagelange Regaliertwerden mit einer Anmut, die ich seit Kindheit in meiner
Kultur nur als Ausnahme und Festtagsgeschenk kennen gelernt hatte, schnrte mir
den Hals zu. Ich sehnte mich nach Fett und Gemtlichkeit. Welch ein prchtiges,
ruhiges Exemplar war doch dieser massige Musikkapitn! Von dem dicken Musiker
sprangen meine Gedanken begierig auf die kleine Aruki, mit ihren Brsten und
breiten Lenden; ich suchte sie, aber whrend mein Blick ber die Weiber hinging,
traf er auf Zana. Ich sah sie, klein und unentwickelt und mit dem verdorbenen,
schiefen Blick. Sie stand bei Slim. Da fhlte ich die unbersteigbare Kluft
zwischen mir und diesen Gestalten indianischen Heldentums, und krnkende
Gedanken fuhren mir durchs Hirn. Pltzlich kam mir eine Idee. Ich lief in meine
Htte, hngte mir den Mauser kavalleristisch quer ber den Rcken, warf die
Bagage durcheinander, bis ich auf meinen Klemmer stie, und trat hervor.
    Als ich kam, war eine Anzahl Mnner damit beschftigt, ber wagerecht
gelegte Speere zu springen. Sie alle sahen aus, als ob man in ihrer Bronze
kleine Sprengungen vorgenommen htte. Der Championlufer trug den Sieg davon. Er
sprang ber einen Mann hoch, den Kopf voran, und fiel regelmig wie ein Tier
auf alle viere. Die Muskelschnallen an seinen fibrsen Waden traten von der
Anstrengung in einem deutlichen Relief hervor.
    Und nun werde ich euch zeigen, was wir knnen! Slim hatte den Huptling zu
verstndigen. Die Erlaubnis war erteilt, die Aufmerksamkeit konzentrierte sich
auf mich. Ich putzte bedchtig meinen Klemmer und suchte in der Savanne drauen
ein Ziel. In der lcherlichen Entfernung von fnfzig Schritten gewahrte ich
einen alten Bekannten, einen blauschillernden Falter mit handgroen Segeln. Ich
hieb den Klemmer auf die Nase, zog das Gewehr rasch an die Schulter und scho.
Der Falter brach geknickt zur Erde. Einige Buben liefen, ihn aufzuheben. Dann
wandte ich mich um; da hinten auf einer der Htten ragte ein Schild bers
Dachstroh. Es war Kelwas Htte. Ich gab hintereinander vier Schsse ab, das Bild
brach mit dem oberen Rande ab, und die Figur, die es dargestellt hatte, war nun
kopflos. Das war kein Kunststck, aber es machte Effekt. Als ich durch den
Klemmer zufllig auf die Frauen sah, schrien sie entsetzt und versteckten sich
eine hinter der anderen. Ein bichen verlegen ber meine Wirkung ging ich, wo
Slim neben Luluac stand. Als ich Zana ansah, verschwand sie. Erst als ich den
Zwicker abnahm, schien sie sich wieder glcklich zu fhlen.
    Ich hatte mich gercht. Mein Selbstgefhl stieg um ein bedeutendes.

                                       XV


Meine Anstrengungen, meine Siege, meine Einflle waren fruchtlos. Ich war der
Schwchere in diesem Kampfe mit der fremden wilden Seele, die aus Land, Tier und
Mensch zu mir flsterte. Ich rang mit einer Erde, mit einem Klima, mit einer
Existenz, mit einem Prinzip von all diesem, das hhere Art darstellte, als die,
aus der ich lebte. Bald fate ich den Feind mit meinem Denken, bald lie er mich
klein unter sich zurck. Ich erledigte ihn endgltig mit einer Handvoll
prachtvoller Thesen, da schnellte er mich mit einer Empfindung in den bsen
Zustand der Verlassenheit. Verfolgte mich seine Seele, weil sie in mir den
Fremden ahnte? Wer und wo war dieser Feind? Ich griff ihn nicht. Er verfolgte
mich in Wassern, Tieren, Urwldern und sprang in rtselhafte Weiberknochen, die
mich unter anderen Umstnden wohl mehr als abgestoen htten.
    Es wurde Abend. Der Nachmittag, die warme Zeit, verging mit Schlafen und
Lungern. Aus Nervositt begann ich zu trumen, aus purer Langeweile, um mich mit
irgend etwas zu beschftigen. In Gedanken an meinen Coup rieb ich mir die Hnde,
ich wiederholte ihn mehrere Male von Anfang an, bis er glatt und rund und
praktisch war wie ein Kiesel, geschliffen und sicher wie Memorierstoff, mit
Vergangenheit und Zukunft und Grnden und Mglichkeit, geradezu etwas
Klassisches von einem Coup, an dem man seine Freude haben konnte. Wie ein Kind
vor seinem Schatze begann ich in Erwgung zu ziehen, wozu man ihn mglicherweise
verwerten knnte. Sollte ich mit Hilfe meines Klemmers und des Mausers das Land
der Dumaraleute erobern, eine Stadt grnden, Eisenbahnen anlegen, Kaffee- und
Maniokplantagen errichten, eine Armee nach preuischem Muster formieren mit van
den Dusen an der Spitze, oder eine Ingenieurschule fr heranwachsende Indianer
unter meiner hchsteigenen Leitung? O, Brasilien ist ungeheuer und ein Land der
Zukunft, wer aber wei etwas von Brasilien und wer kennt seine Seele als ich,
der Dichter? Ich bin dazu geschaffen, sein Kaiser zu werden, ich grnde nicht
blo ein Reich, ich grnde eine neue Rasse, ich erfinde ihr eine eigene moderne
Seele nach dem neuesten Schnitte, ich kreiere einen brasilianischen und
menschlichen Erztypus, in dem die Talente aller Organismen vereinigt sind. Wir
schieen mit Dreadnoughts und gehen mit den Waden, wir philosophieren und singen
einfltige wilde Indianergesnge, die ins Blut gehen. Wir haben schlanke
demtige Weiber und strzen uns fr sie in den Tod. Wir sind die Schnellsten,
wir sind die Wildesten, wir sind die Geistigsten und wir besitzen die strksten
und tiefsten Lste. - Oder soll ich bescheidener sein und nur das ganze Dorf
zusammenpacken und eine Zirkusturnee durch heimatliche europische Grostdte
antreten? War Herr Hagenbeck nicht reich und angesehen geworden, nachdem er nur
erst einmal den commis voyageur in Wildnis gemacht hatte? Ich konnte dabei als
Scharfschtze in elegantem Tropengewande auftreten und mit den bekannten Kniffen
aus fnf Meter Hhe Glaseier mittels Rehposten herabholen. Doch nein, das sollte
mir nicht passieren. Der heutige Tag hat gezeigt, da ich Talent habe; und von
nun an wrde ich mit uerster Sorgfalt und geradezu wissenschaftlicher Umsicht
an die Ausbildung meiner Schiekunst gehen - ferner knnte ich als Impressario
Kelwas der modernen Kunst einen groen Dienst erweisen. Es galt, einen neuen
Standpunkt einzufhren, das Auge zu verbessern, und dazu war ich sozusagen als
der Scharfschtze unter den Knstlern gerade der richtige Mann. Ich wrde den
Leuten beweisen, da sie nicht sehen knnen, wenn sie die primitive und wilde
Kunst unterschtzen. Nachdem wir bereits alles reformiert, verndert und
renasziert haben, gilt es noch, unsere Augen, die letzte Zuflucht der
Konvention, zum Teufel zu jagen und eine wieder unbefangene Netzhaut an ihre
Stelle einzusetzen. Kelwa, dieser groe reinmenschliche Knstler, mte der
Menschheit den grauen Star stechen. Er hatte einen neuen anatomischen Schlssel
zu geben, einen viel wesentlicheren formalen Kern zu entdecken, als es der alte
und schon fad gewordene war. War es mglich, da sehende Augen, wenn sie sich
nicht gerade borniert auf ein gewisses eingelerntes Schema beschrnken, die
Farben in den Gesichtern der Menschen nicht wahrnehmen mochten, die betroffen
machende, nur scheinbar disharmonische Anmut verrenkter Gliedmaen, diese
Tiergesichter, Katzen oder Schmetterlinge, die aus Physiognomien glotzten, diese
Krper, die sich in Flchen ereigneten, statt in kubischer Dreifaltigkeit?
Jawohl ja, die artistische und vitale Wahrheit Kelwascher Figuren war
durchdringend, peinigend und erlsend. So wie er hatte noch kein Pariser
Akademiker Menschen gemalt, die modern waren aus dem Effeff, ja, ganz Jger,
ganz Beobachter, ganz sinnliche Lebensfreude waren bis in die infamsten Regungen
ihrer Seele. Da die Mittel, mit denen er arbeitete, unsglich elend waren, was
verschlug das? Seine Kunst war so ganz Form, da er sich wohl kaum darber
Rechenschaft gab, es gbe so etwas wie Mittel. Und nun wrde ich sagen, nehmen
Sie dieses - wie soll man sagen - diesen Harm Kelwascher Frauengestalten, diese
Katzenverliebtheit jedes einzelnen Mskelchens, das Feste feiert, die Sie
Verrenkung nennen, Herr, weil Sie nicht sehen knnen, Herr, nun wissen Sie es,
wrde ich sagen. Ich wrde Pamphlete schreiben, eine neue Theorie aufstellen,
das Fleisch im Menschen erlsen, diese oft angekndigte Auferstehung endlich
einmal stattfinden lassen!
    Und ich wrde eine neue unantastbare Menschlichkeit begrnden, eine gesunde
unsentimentale Humanitt, bei der auch einmal einer draufgehen drfte. Leben
links und Leben rechts, Leben auf allen Seiten, Leben mit und gegen das Leben!
Die Bewegung macht den Atem rein. Wie diese Luft sich kstlich schnappen lie!
Im Suchen nach etwas an und fr sich Belanglosem stie ich auf mich. Wie ein
Berg erhob ich mich pltzlich vor mir selber! Was ist das Leben des Menschen?
Jahrelang schlgt er sich mit Nutzlosem und Verfehltem herum, schwankend und
irrend, mit seinem kleinen Sehkreise die Taktik nicht begreifend, die das
Generalhauptquartier irgendwo in seinem Zwerchfell ihm peinlich und blindlings
vorgeschrieben hat. Und eines Tages, in der sanftmtigsten Minute seines Lebens
ist die Frucht aller dieser bung reif geworden und fllt ihm in den Scho. Die
glckliche Idee kommt spt, ein gutes Stck hinter den Qualen. Zum Wohlsein!
sagt dann alles zu einem, der sich jahrelang gekitzelt hat, um zu niesen. Er hat
jetzt etwas Neues zu sagen, eine Technik zu geben, einen Gebrauchsgegenstand zu
lehren. Zu diesem Zwecke hlt seine Phantasie eine Handvoll Unternehmungen
gelufig bereit.
    Wir grnden einen neuen Kultus der Astarte, retten die Gesellschaft und die
heraufkommende Jugend vor dem krperlichen Untergange, in den sie die
verdorbenen Liebessitten der brgerlichen Gesellschaft gestrzt haben. Einen
Titel, einen Titel, schnell, ein lebenskrftiges Wort, das die Gehirne in
Schwung bringt. Sagen wir, zum Beispiel, also: Tropische Nchte. Aber das
tropisch weckt vielleicht eine falsche Stimmung, einen kitschigen und ganz
lebensfalschen Dunst. Man mu den irrefhrenden und laxen Impressionismus
tunlichst vermeiden. Tropen gibt es nicht; das ist ein Wortspiel, wir aber
entdecken von Tag zu Tag die Wirklichkeit und den ehrlichen Stil. Tropen ist
ein Appell an das Gedchtnis meiner Eingeweide, aus den Zeiten, da ich noch aus
nichts anderem denn jenen bestand; die biographische Erinnerung an die
Faulenzerperiode, als auf Nowaja Semlja noch meine Krokodile im warmen Flubad
pltscherten. Alles dies ist jetzt internisiert, die ganze Tropenlandschaft
fahrbar gemacht auf zwei Hinterfen, und nur innerlich ist die Sonne poetisch,
da gibt es glutige Seufzer und wuchernde Pracht, mannshohes Dickicht, ein
Jgerleben, Lauerposten, berflle und Wildhatzen. Und dort haben wir auch die
ganze grende Poesie; die Tatsachen drauen aber stehen fr sich da. Dieses Land
hier liegt unter dem quator, ist ein wenig hei, sprde und langweilig und wird
erst vernnftig sein, wenn eine Eisenbahnschiene quer durch den Djungle gelegt
ist. Tropen, Tropen, das ist ein verdammtes Wort, ein Salonvokabel, um fr die
paar Orchideen Platz zu machen, die an diesem Platze herumwelken. Auf die
Wahrheit angewandt, ist es eine Ausrede vor der Arbeit, die in diesem
Sonnenstrich wartet. Aber ich kenne meine Miteuroper. Sie mchten nichts daraus
machen als eine Mondscheinpartie am Urwaldflu, moskitolos, oder eine
Liebesgeschichte frei nach Pierre Loti, wobei der Kreuzfahrer einen exotischen
Bund einzugehen hat. Ich bin fanatisch dagegen. Sind wir Journalisten? Im
Gegenteil. Das Leben ist schon nicht so sauber und es gehrt ein gut Stck
Gehirnmasse dazu, um auf das Einfache draufzukommen. Nein, meine poetischen
Kontrakte mit der Welt erachte ich als gelst. Das Dichten ist nicht mein Beruf.
Ich fhle mich aller Pflichten als Kalfakter los und ledig. Ich erffne mein
Etablissement in Berlin unter einem wrdigen, ernsten Titel, der die Prinzipien
meines Liebeskults schlagend zusammenfat. Sagen wir Emanzipation des
Fleisches oder so hnlich. brigens, wenn mir kein geeigneter Titel einfllt,
kann ich das Unternehmen auch fallen lassen. Ich bin mein eigener Herr, bin
moralisch niemandem verpflichtet, mich zu blamieren. Einmal werde ich das ernste
Wort mit dem Gesindel reden. Und dann will ich dem Menschen vom Menschen
sprechen, ein kleines Liedchen in der Umgangssprache singen, einen Tanz vom
Leben lehren, in den ein ganzer Menschenkrper mit allen seinen herrlichen
Funktionen hineingetrommelt und gepfiffen ist, wovon aber Grasaffen nichts
verstehen. So und so habe ich ihn kennen gelernt, den Menschen, wohlverstanden,
dort unten, wo alles so hell und wirklich ist, wo Mensch sein heit, ein
Gliederspiel sein, und wo das Leben restlos aufgeht in der Gesundheit der
unbeschadeten Lust!
    Wahrscheinlich wrde ich mein Etablissement mit einem Stab von Dumaraweibern
nun doch errichten. Eine Lehrkanzel fr die Bestrebungen einer neuen
physiologischen Kultur. Am naheliegendsten aber unter den gegenwrtigen
gnstigen Umstnden und der Hochkonjunktur meiner Seele war es, Zana zu erobern.
Es war die ntzlichste Verwendung meines neugewonnenen Ruhmes und schwebte mir
schon seit langem vor. Ach Mensch, du bist ein losgerissenes Stck Klima und
ereignest dich, ob schn, ob Regen, mit Sonne, Nacht und Winden zusammen.
Gelber, qulender, brasilianischer Nachmittag, Trumer ber wolkenloser, herber
Wirklichkeit!

                                      XVI


Zana sollte tanzen!
    Und Zana tanzte, vor Moki, dem Gtzen und wilden lsternen Gesellen!
    In der groen Htte mitten im Dorfe saen auf den Reisstrohmatten Luluacs
Hflinge. Sie schlugen in die Handflchen, sangen einfrmige Lieder und sahen
mit berauschten Augen auf die Bewegungen eines dnnen Rumpfes, dessen Glieder
sich in den Stichlichtern des flackernden Lagerfeuers verkrzten, verzerrten und
verknuelten wie ein Spiel phantastischer Katzen. Dieser Rumpf war Zana. Sie
fuhr in dem breiten Raume wie ein Wirbelwind hin und her, nherte sich dem
Feuer, machte krumme Beine, pltzliche Sprnge, man sah, hier war eine Katze,
die mit dem Feuer spielte. Sie schttelte sich wie ein Tier, bog sich in ihrem
Rumpfe, der lang und biegsam war wie ein Mannesarm, stie gellende Schreie aus
und stampfte den hartgetretenen Erdboden, der dumpf widerhallte. Ihre
beweglichen Fe zauberten einen hohlen, erregenden Rhythmus hervor. Sie saen
lose im Gelenk, hatten metallene Bracelets um die Knchel und besaen krftige
feingegliederte Zehen. Der rechte Knchel war innen aufgescheuert und zeigte
eine schrndige Wunde. Zana bearbeitete den gestampften Boden wie ein Tambourin,
an der engsten Stelle ihres Beines klimperten die Metallreifen, mit Ballen und
Ferse holte sie die charakteristischen Lufe dieser Musik, dumpfe ungepflegte
Tne, eine niedrigstehende Lautskala, aus der Unterlage hervor. Es bedurfte
eines wahnwitzigen Gehrs, um auf diese Trommelfellreize verstehend einzugehen.
Angestrengt gab ich mich dem Eindruck hin, der huschenden Gestalt in ihrer
wilden Anmut, der Unruhe des Feuers, dem Refrain der brachial einfallenden
Mnnerstimmen. Da hatte ich's heraus und begriff die Melodie, die diesen Fen,
Hnden, Stimmen und Instrumenten, hlzernen Zimbeln, gemeinsam war. Diese
rtselhafte Rhythmik ahmte den Pulsschlag unseres Blutes nach, nicht den
komplizierten Proze unseres ornamentalen Gehirnes. Hier entsprach, was Musik
hie, noch einer primitiven physiologischen Gesetzmigkeit, alles Funktionelle
und alles periodisch Geschehende wurde an sich musikalisch empfunden. Eine
einfach repetierte Folge von Handlung und Laut enthielt fr das Gehr ein
Element der Befriedigung, der bloe Lrm als Produkt einer Tat rhythmischen
Wert. Musik wohnte noch in jeder Aktion, jeder Passivitt, jeder krperlichen
Verwandlung. In diesen gesunden Leibern war die Musik noch so geradlinig
erhalten wie der bergang vom Bedrfnis zum Genu, erfolgte so wenig
systematisch wie die Lust, auf die sich das ganze Weltgeschehen hin zuspitzte,
die Lust, die nur in der Einkleidung der Kultur bei avancierten Rassen Ereignis
wird. Die krperliche Paarung war der gegebene musikalische Urakt, geeinte Zwei-
oder entzweite Einheit erwies sich als hochgradig musikalischer Takt. Dies war
das Kommen und Gehen, das Nahen und Flchten in Zanas Krper. Und diese Musiker
hier waren Mischlinge; der Zusammensto zweier Rassen erzeugt Musik. Eins, zwei,
eins, zwei, horch, wie die Natur marschiert! Was immer du tust, skandiert sie
selbst. Die Pace, die Pace, ist alles in der Welt, das Um und Auf der Musik, die
Urmusik, das Urereignis!
    Vor meinen Augen, in meinen Ohren spielt es sich ab. Zana macht Krawall mit
ihren Fen, trommelt mit ihren lieblichen Fersen auf die feste Erde, da mir
der Speichel im Munde stockt und mein trockener Kopf zu fiebern beginnt. Ich
hre die Besessenen heulen und sehe, wie Bewegung auf Bewegung sich an dem
Pppchen folgt. Die Pace ergreift mich, ich bin mitten in der Pace, ich wohne
mit Schauern dem Urtanz bei. Die Pace, die Pace fllt es mir ein, wir haben die
Pace nicht mehr, Europa hat die Pace verloren, dies ist das groe unheilbare
Leiden! Da geht Zana wieder auf uns los, duckt sich und springt wie ein Panther,
trgt ein Scheit vom Holzsto fort und schwingt es rasend mit den Zhnen, einen
feurigen Kreis rund um sich ziehend, in dem ihre magere Figur bis in jedes
Schlpfchen erleuchtet dasteht. Ihr wildes kleines Gesicht glht verkniffen vor
Gier und Ekstase wie durchhitzte Bronze. Der Chor der harten Mnner im Schatten,
die in den gekrtschten Knien hngen, antwortet ihren dnnen Gaumenschreien mit
einer Art tierischen Wohllautes, einem sehr physischen Sehnsuchtsmotiv, von
zittern- und hoffenmachender bestialischer Melancholie. Auf! meine Panther in
den Djungeln, weint hinauf in den bestirnten Himmel ber eurem Sehnsuchtslager,
wenn die flaumige hingegebene Gattin eurem entbehrenden Leibe fehlt! Ha, wie
meine Mnnerkatzen fauchen, hei, wie meine Panther raunzen, wenn die schne
Katze Zana, den flachen Leib auf krumme Pfoten gepret, ums prasselnde Feuer
schleicht! Was singen die Mnner, Slim, alter, irrsinniger, schreihalsiger Slim,
wenn du nicht schon ganz verrckt bist, was singen sie, gib Bescheid!
    Zana, singen sie,

Zana, kleines Pumaweib,
Kleiner bist du
Denn Mokis Herz!

    Kleiner bist du, denn Mokis Herz! Klein bist du, denke ich, und wer ist
Moki? Da strzt das Feuer zusammen. Zana beendet aus einem Wirbel heraus ihren
Tanz. Ein paar Mnner fachen den Brand wieder an, er wird heller, wchst rapide,
gleich darauf ist die gerumige Htte von einem gelben gleichmigen Lichte
ausgefllt. Zana steht an der Wand gegenber. Sie ist ganz nackt, selbst das
Schrzchen, das die Frauen sonst aus Reinlichkeitsrcksichten tragen, hat sie
abgelegt; nur eine Schnur roter Beeren hngt um Ihre Taille und umgleitet den
Bauch, der von der Anstrengung in muskulsen Bndern hervorgetrieben ist. Er
fllt rasch zu dem spitzen buschigen Winkel zwischen ihren Schenkeln ab. Um den
Nabel herum ist eine gelbe ttowierte Sichel gezeichnet und farbige Kurven
verlaufen ber den Magen. Ich folge magnetisiert den kunstvollen Striemen auf
der glatten Haut und glaube zu sehen, da die Sichel das aufgerissene Maul einer
jappenden Katze darstellt. Je lnger ich hinsehe, desto sicherer werde ich, nun
geht es mir ein, da die Muskeln des Mdchenbauches mit dem Relief des
Katzenkrpers zusammenfallen. Mag sein, da es ein brnstiger Panther ist, den
Hunger oder Sehnsucht zum gequlten Schrei treiben. Um die flachen Brste laufen
Ringe und Strahlen, ein grner Mond und eine rote Sonne. Wenn Zana sich wendet,
zeigt ihr Rcken bis zu den Lenden hinab prchtige Verschnrungen. Ihr Hals ist
fr eine Manneshand leicht zu umspannen; ihre Beine sind krftig, schmal, so
schmal in den Gelenken und prall geschwellt um die Wade, aber ohne einen Faden
Fett. Das Betrendste sind ihre Knie. O, Zana ist bezaubernd und echt, wenn sie
mit ihren akrobatischen Beinen eine krummbeinige Pantherkatze nachahmt; aber
wenn sie sich ohne Zwang hinstellt, ist die Flucht der Linien an den Knien am
engsten, fast so enge wie am Halse, und die Beine laufen wie die Teile eines
ganz, ganz stumpfen Kreuzes nach auen. Und siehe da, dies macht ihre Hften
breit, und sie ist doch nur ein Mdchen. Und ber ihre Kniekehlen ist die Haut
glatt gespannt wie ber kleine Trommeln. In Zanas Kniekehlen ist alle
Arglosigkeit, alle Demut und alle Sigkeit zu Hause. Und doch blicken die
braunen gewachsten Augen ihres kleinen Gesichtes wie Hundeaugen, und aus den
Spaltnarben ihrer Oberlippe lugen bse Eberzhne schrg hervor, wie die Spitzen
eines kleinen gelben beinernen Bartes. Zana sieht aus wie ein junger Krieger und
ist doch ganz Sanftmut, ganz Weib. Trgt die Priesterin, die Tnzerin, die
Kurtisane im Urzustand die knstlichen Zahnmale ihrer Mannbarkeit wie ihre
Nachkommin nach Tausenden von Jahren? Es ist stets dieselbe alte Kunst, ob sie
die Wilde oder die Brgerstochter pflegt. Auf Zanas Backenknochen prangen
grellrote Flecke - und ich mu an Schminke denken. Aber der Kopf ist um die
Augenlinie befremdlich eingesunken und sieht gutherzig aus. Man darf sich nicht
tuschen lassen, dies ist kein junger feuriger Krieger, sondern ein sanftes
Mdchen, das in einer sinnlichen und betrenden Art sein Theater spielt.
    Mchtige Jger saen im Halbkreis, die Tr im Rcken. Es waren Luluacs beste
Leute, und wenn man ihre Kraft zusammentat, konnte man damit einen kleinen Berg
sprengen. Ihre Muskeln schwollen im Rausche, lebten im Zucken des Feuerscheins
wie ein erstarrtes Getmmel von vielerlei Rund. Das Fleisch nahgerckter
Gestalten wlbte und verschlang sich in merkwrdigen Knoten und Schnecken wie
eine seltsam quellende mystische Masse. In faustgroen Bildungen und Wchsen
saen erschreckende Krfte gespeichert. Ein einziger wilder Organismus von
Fleisch war diese Versammlung. In die braun zerklfteten Gesichter waren
Metallstcke geklemmt, und die Oberlippen starrten von scharfen Tierzhnen.
Prchtig geflaumte Federn brachen aus den Nasenknorpeln, auf den Kpfen
strotzten ppige Federkronen. Eine fremde, vogelhafte Bewegung herrschte rings
in der Hhe dieser Zierate, ein Eindruck von Macht und zeremonisem Pathos
steigerte kleine Bewegungen ins Riesenhafte. Die Kpfe darunter aber benahmen
sich wie die ausgelassener Knaben und verschuldeten ein pompses Spiel der
Bsche. Dem allem sah der Gtze Moki mit blde verzogenen Lippen zu.
    Denn es war noch jemand im Raume; eine Persnlichkeit voll ordinrer Absicht
zu wirken, die ich, darob gelangweilt, gerne bersehen htte, eine Kraft, die
meine guten Nerven und meinen sauberen Geschmack kalt lie, aber langsam und
durchdringend einen erschlaffenden Schleier ber meine Augen zu spinnen begann;
eine rtselvolle Existenz, deren herausfordernde Erscheinung fortschreitend
meine seelische Indisposition zu widerlegen anfing und mich in eine wirbelnde
Niederlage, blutvoll und blamabel, hinunterri. Oder wie war dieses Antlitz zu
deuten, diese Doppelausgabe eines Kopfes, diese Verkropfung von Gesichtern, die
sich kinnlos in einem senkrecht gestellten Maule vereinigten? Jeder dieser zwei
wagerechten Schdel des Gtzen trug auf der Stirne ein Tausendauge, eine
Riesenbrombeere, das gttliche Unterteil aber bestand aus einem bermannshohen
dicken Schaft, einem einfachen borkenlosen Baumstamme, der wie ein unendlicher
Kragen den halslos schwebenden Kopf trug. Aus dem Schafte wuchsen vorn sechs
Paar klauenartiger Knufe, wie zwei Reihen Euter angeordnet. Sie deuteten auf
grlich verkmmerte Greiforgane hin. Noch verkmmerter, geradezu rmlich,
ungeschickt rmlich, so da man dem armen Teufel darber gram sein mochte wie
ber etwas sehr unverschuldet rmliches und Hliches, waren seine zwei Arme.
Die beiden prackerartigen Gebilde, die seitlich steif hervorstanden, wie ein
paar Tennisraketts, konnten fglich keine andere Absicht hegen, als kurze Arme
und hypertrophische Tatzen zu sein. Ich htte ber diese Poverkeit in Raserei
geraten knnen, in blinde, unvernnftige Wut ber diese Zumutung an meine
schnheitsdurstigen Sinne; und gewi htte ich mich zu einer Inhumanitt und
Gemtslosigkeit niedrigster Sorte hinreien lassen, wenn mich nicht der beraus
fragwrdige Kopf beschwichtigt und gefesselt htte. Unmerklich zwang er mich zur
Anerkennung seiner Macht, stach mit verrckten Einzelheiten nach mir, zwinkerte
mich steif aus verborgenen Augenschlnden an, sog mich ein in starr allwissende
Lappen, scho aus mystischen ffnungen mit Glhgarn und Schattenschnack nach mir
und rsselte Gesichte von unerlebter Steifbeweglichkeit aus meinem
wildklopfenden Herzen. Das Maul klaffte ihm so stark, da nur ein lotrechter
Schlitz zurckblieb, und ringsherum waren seine Kopfhlften reich mit Hrnern,
Bgeln und Stacheln jeder Konstruktion versehen. Aus seinen grnen Augen zuckte
der elevatorische Blick; er konnte die Wucht nehmen; er, das Scheusal, konnte
elfische und leichte Gefhle erwecken, tanzende Anmut ins Herz einer Versammlung
zaubern, konnte unausdrckbar schwebende Schnheit verkrperlichen, konnte aus
widerwrtigem Glotzen leiblichen Segen greifbar spenden und das Gesetz
beschwerender Erde mit schner Lge verschleiern. Stumpf stehend, lste er sich
nach Belieben von seinem Ruhepunkt; teilnahmslos stotzig, beschwingte er eines
menschlichen Wesens schwache Kunst, wenn es sich innig und glaubend ihm hingab.
Unentzifferbar, nur in ihren Wirkungen demtig zu fassen, zog seine sinnig
blutsaugerische Miene die Versammlung empor und die Schwere aus ihren Leibern,
und Zana begann zu tanzen. Gott trug sie. Sie balancierte auf einem Bein, ihr
Rumpf war rckwrts gebogen und ihr straffes, achsellanges Haar fegte den Boden.
Das andere Bein war gehoben und im Knie geknickt. Um den Knchel klimperte ein
Bracelet von Metallstckchen. Die Sohle war rosig und die Zehen waren wie kleine
Finger, am Ende aber waren sie ein ganz klein wenig verdickt. Der Rumpf bildete
einen raffinierten dnnen Bogen, eine kitzelnde Kurve, die verrckt machte. Man
mute aufstehen und dieses menschliche Ornament in die Arme nehmen. Es prgte
sich tief, tief ins Herz, es erregte die Sehnsucht des Gesichts und ein scharfes
Herzeleid. Diese Gliederzucht krampfte die Brste der wilden Mnner zusammen,
und sie stieen rhythmisch wehevolle, brennende Schreie aus. Ach Zana! Da flog
das schmale, splitternackte Ding, eine Schlinge aus Nerven, Muskeln, Wirbeln und
zahmen Knochen geflochten, gleichsam durch den Raum, sauste wie ein
Peitschenhieb von Eck zu Eck, lag wie ein Faden am Boden vor Moki, dem wlstigen
Gtzen, kreiselte dnn wie eine Mcke mit ausgebreiteten Armen und Fu vor Fu
um das Feuer. Und Gott stand still und war mchtig. Seine Ruhe gebar Rhythmus,
sie war der Grundton, von dem sich Bewegung abhob. Er liebte Zana, und darum
lie er sie tanzen. Ihr Krper zeigte leichte, glnzende Spuren von Schwei, und
ein kruteriger Geruch strmte von ihr aus. In den Lichtschein des Feuers fiel
etwas Buschiges, Dunkles, eins, zwei, dann ein ganzer Regen von Blumen, Zweigen,
farbigen Blten, von den wilden Mnnern geworfen: und die Orchideen, die nun am
Boden lagen, sich im Stroh des Daches verfingen, auf Zanas Schultern hafteten,
blickten erloschen wie gesprengte Muscheln, aus denen ein Perlenauge brechend
starrt. Und was bedeutete der Zauber? Slim erzhlte im Flsterton, whrend Zana
mit vorgebeugtem Krper dahinflatterte. Ihre Arme liefen lngs des Krpers mit
steif nach oben gekehrten Ellbogen zurck, ihre Hnde bewegten sich an den
Wurzeln mit sanften, flchtigen Schlgen, ein Rhythmus brandete auf in ihnen,
der sich ber die Arme, gefgig wie Satin, und die wenigen Schultern hinflutend
verbreitete. Der Krper lief wie eine Schraube aus dem edelsten Stoffe,
menschlichem Fleische. Die Mnner ringsumher summten aus gepreten Zhnen gleich
einem Schwarm toller Mcken, die gestimmten Klppel der Holzmusik prasselten
melodisch gegeneinander. Die Mannsbilder erhoben ihren Gesang. Zana also war
eine kleine, winzige Mcke und tanzte vor ihrem Herrn, dem Gotte Moki, dem
Blutsauger, dem Vampir der Menschen, dem Tanz-in-die-Luft-Dmon, der rotes
Menschenblut soff und frohe Tnze um die Abendstunde geno.
    Zana, sangen sie,

Kleine Mckenfrau,
Bist nicht grer
Als Mokis Herz.

Aber nun sah ich auch meinen Irrtum ber Mokis Hnde ein. Es waren ja keine
Hnde, sondern Flgel. Zana tanzte sie, und darum verstand ich sie. Ich verstand
alles, was Zana tanzte, ich las deutlich das Gesicht des Gottes, so wie sie es
beschrieb, ich folgte bezwungen den Schauern ihrer Sinne und fhlte Sinn und
Macht des allmchtigen Gottes sich mir unzweideutig gestalten. Da, was war das?
Seine Zufriedenheit, seine allerhchste Zufriedenheit kundgebend, begann er aus
seinem Leibe wie eine unerhrt groe Trompete zu rhren, erhob aus seiner
monumentalen Seelenruhe sozusagen einen Mckengesang in Vergrerung. Er schlug
mit den rmchen witzig Takt, hob sich zwei Fu hoch ber die glnzende Erdbacke,
auf der Zana tanzte, schwebte getragen umher und stie mit einem heftigen Ruck
durchs Dach hinaus in die sternige Nacht. Als er in das blaue Licht gelangte,
sah ich, da seine Flgel hbsch glasuriert waren, sie vergrerten sich,
gewannen Proportion, er schlug mit blendenden Feuern um sich und benahm sich mit
dem groartigen Glanze eines echten Liebhabers von Metzeleien. Seine Knufe
wuchsen sich zu Fngen aus, von denen jeder ein Elementarereignis fr sich
bedeutete, und die Rudimente an seinem Schdel wurden Rammstifte der
gefhrlichsten Art. Seine Augen glotzten wie eine Riesentraube von grnen
Laternen. Da erkannte ich ihn wieder. Seine ganze Geschichte lag klar vor mir.
Hier also stehst du, altes Prinzip der Seelenruhe, herabgekommener Greis
antiquarischer Furchtbarkeiten, und heimsest von den regsamen Pantherkindern den
konventionellen Tribut deiner harmlos gewordenen Launen? Spielst, alter
Mechanismus der Gttlichkeit, mit Prinzmdchen wie ehemals, lt dich von
tanzenden Gebrden ankurbeln und beziehst deine Wirkung aus den Hnden einer
gerissenen Pantherin? Steifer, alter Drachenochse, bettelhaft gewordener
Sauggott, verholztes Monument der Seelenruhe! Ich habe dich jngst mit einer
Pistole erledigt, nun stehst du wieder da und foppst mich? Aber du foppst mich
nicht. Du bringst mich ber die Erkenntnis nicht weg, da Gott sein Leben dem
Blute verdankt, da Wunder und Erleuchtungen aus dem Rhythmus schnellen, den
reelle Menschenbeine stampfen, da du, Moki, dein Leben den dnnen Knochen Zanas
verdankst. In ihrem Spiel sitzt die Kraft der Elevation. Sie deutet, und du
fliegst. Sie blickt schief aus ihren Augen, und du schleuderst Blitze. Dein
Gesicht ist tricht ohne sie; wenn sie seine Wirkungen tanzt, heben dich die
Schauer ihres Urtanzes, ihres endgltigen Leibes, ins Grauen der Gtter. O, du
Gott, du Geschpf des in seinem Blute tanzenden Menschen, du Drachenhohn vor dem
Wahnwitz des Panthersohnes und seines Weibes!
    Als ich aus dem Qualm verbrannter Blumen, lig schwitzender Krper,
abschssiger wilder Bewegungen des Mdchenleibes zu mir kam, stand Moki ruhig,
gesttigt und verkommen wie frher an seinem Platze in der sechseckigen Htte
und markierte den letzten stoischen Sprling aus Drachenblut. Nicht weit von
ihm sa ein ekstatischer, alter Indianer und bhte in eine lange, lange Rhre,
eine zusammengerollte steife Reismatte. Oben im Dache wurde eine Luke, die
pltzlich entstanden war, von geheimnisvoller Hand geschlossen. Ich mute mich
der Bewegung Zanas erinnern, hatte deutlich zu merken, was sie mit ihren
Gebrden, ihrem Grausen, ihrem Jubel, ihrem Flgelschlag und ihrem lstern
vorgebeugten Rumpfe von meiner Phantasie verlangte. Gern, liebe, hbsche Mcke,
sollst du mein Blut und meinen Glauben haben. Alle hatten wie besessen zum Dache
hinaufgeschaut, als Zana dort hinauswies, und es wre nur unanstndig von mir
gewesen, mich dem allgemeinen Ereignis nicht anzuschlieen. Ich war vollauf
befriedigt von mir. Furcht und Hohn standen in den Gesichtern der Dumaraleute zu
lesen. Und, war es nicht auch eine kleine Bosheit, da sie den groen, bsen
Gott so nach Belieben mit seinem schbigen Flgelpaar in die Lfte steigen
lieen, da sie ihre Demut und ihr echtestes Erschauern von ihrem guten Willen
abhngig machten, da sie ihren bermut schrften, indem sie ihm plump die
Spitze abbrachen und anbeteten? Menschenseele, von wilder Deutlichkeit in der
Seele des Wilden!
    So standen die Dinge. Nmlich, Moki stand wieder fragmentarisch dort in
seiner Ecke, und Zana - Zana aber war tot. Man hatte die Mcke erschlagen. Man
hatte ihr den Garaus gemacht. Umgebracht hatte man sie, mit Orchideenzweigen
hatte man sie totgeworfen. Die Mcke war tot.
    Zana tanzte den Pumatanz und den Mckentanz. Sie tanzte den Blutdurst ihrer
Seele. Aber Zana war auch eine sehnschtige Grille und legte die Arme, nein, die
schmalen, langen Flgel dicht hinten an den Leib. Sie bog den Kopf zurck in den
Nacken, ihre Brust trat hervor, stark, strker, in unendlichem Schmerze, und nun
gewahrte man an dem bloen Spiel ihrer Brste und ihres Magens, da sie
schluchzte.

Zana, kleine Grillenfrau,
Weint um ihren
Fernen Liebsten,

sangen die Jger. Sie rasselten und feilten schrill mit allem Metall, das sie
hatten aufbringen knnen, und hierbei war es, da unsere leeren Sardinenbchsen
sich als ingenis musikalisch erwiesen.
    Die Folge davon, da Grillen um den Liebsten weinen, ist, da man die
wundervolle Architektur ihrer Eingeweide zu sehen bekommt. Zana hatte zwischen
den Lenden einen weiblichen Anflug von Wlbung; eine flache Schale bildete den
Unterleib. Aber sie war so flach, da sie mehr ein dunklerer Schmelz der
flaumigen Haut als eine plastische Erhebung schien. Der Ttowierknstler hatte
der bildhauerischen Natur berflssig nachgearbeitet. Jetzt aber wurde seine
Kunst ganz zuschanden. Denn die Grille litt unsagbar und ihr eingezogener Magen
unter der verdrngenden kleinen Bste zeigte fibrse Rillen wie bei einem
Knaben. Die ganze Monotonie ihres Schmerzes lag in den Hpfschritten, mit denen
sie unzhlige Male im Schwirren der Instrumente denselben Kreis vollendete. Dann
aber schlug sie hin und war tot vor Schmerz. Abermals war Zana heute gestorben.
    Und nun geschah an diesem unvergelichen Abende etwas Entscheidendes. Zana
tanzte zum vierten Male. Sie war nicht umzubringen, elastisch und unermdlich
war sie wie ein wirklicher Knstler; die Anstrengung glckte ihr spielend, ihre
Konzentration vertiefte sich; morgen aber, frchte ich, wird sie einen trben
Tag haben. Aus ihrem formenreichen, sanft ergiebigen Krper holte sie einen
neuen Sinn heraus. Als sie wieder aufkam, stand Luluac da, ihr Bruder. Sie ging
ihm bis zu den Hften. Er war hoch, und sein Oberkrper war wie ein Keil in
Hften und Ges gepflanzt, die, aus der Wurzel der gewlbten Schenkel geeinigt,
den krftigen Stamm trugen. Seine Brust war mehr hoch als breit und hob sich
hart von dem muskulsen Rckenschilde vor, zu dem die Rippenbnder
zurckstrebten. Der Brustkorb selbst, dessen Bgel eng standen und eine tiefe
mnnliche Busenkerbe bildeten, war ein stumpfer Kegel. Darunter fiel der
Felsenbruch des Magens ab. Der Kopf war klein und rund, mit starkem
Hinterschdel, glatt rasiert, und nur ber der Stirn stand ein Besen dnner
sprder Haare erhalten. Wie dieser Kopf waren auch die brigen Teile seines
Knochenbaues von einem raumsparenden Prinzipe gebildet, als typisches Produkt
einer langen blutwhlerischen Zucht. Diese Knochen waren verbesserte
Urinstrumente, bei denen an Masse zugunsten der Widerstandskraft durch
Biegungen, Schwellungen, Verkolbungen gespart war. Sie wurden von einem
bersichtlichen Muskelsystem in Bewegung gesetzt. Ihr Hauptantrieb sa an den
Gelenken; die Kraft- und Nervenherde in deren Nhe; und hier war es auch, wo der
Mann seine Strke hatte. Alle anderen Teile schienen von Masse entblt und
unansehnlich, er war nicht einmal bertrieben muskuls. ber den Knochen spannte
sich die Haut, aber er konnte sie an der Brust wie ein Halstuch in Falten legen.
Der Magen war als sichtbarer Muskel in den Rost der Taille eingefgt. Die Waden
waren hoch, nicht geballt, sondern lang gestreckt. Das Gesicht erschien hlich,
lauschend, schlau, gierig wie das eines Tieres. Wenn seine Lippen sich unter
einer physischen Anstrengung von den Zhnen zurckzogen, sah man die
weikantigen Trapeze der Kiefer. Die Zhne waren knstlich geschrft. Dadurch
erhielt der Mund dieses Menschen etwas Verlangendes, sein Gesicht wurde
kindlich. Auf seinem kleinen buchtigen Schdel sa die Krone aller indianischen
Federkronen. Die wildesten und buntesten Flgel des Djungles hatten zu der
wilden Gravitt dieses Huptlings beigesteuert. Die geringste Neigung erhielt in
dieser Weise eine gespenstische Bedeutung, ein ganzer kleiner Wald nickte bunt,
und menschliche Motive wurden in etwas eigentlich Lebloses hineingebracht. Ja,
ja, sagte der Federbusch, wenn er sich ein Stck nach rechts hin schttelte; und
nein, nein! wenn er sich wie ein steilwerdender Garten gegen den Rcken hin
aufmachte. Und wehe, wehe! hie es, wenn er auf dem hitzigen Kopfe des jungen
Huptlings durch die Luft fuhr.
    Dieses Prachtstck von einem Federbusche machte den langen Luluac
bermenschlich, als er mit seiner Schwester Zana zum Tanz antrat. Die groteske
berlegenheit des Mannes war ein Genu fr alle, die es sahen. Zana selbst
schien bis in die letzten Fasern ihrer weiblichen Demut davon berhrt. Gefllig
bog sie sich unter ihm. Ihre familiren Beziehungen schienen etwas seltsamer
Art. Andeutungen kamen mir in Erinnerung. Whrend sie tanzten, traten an ihren
Krpern die Merkmale wilder geschlechtlicher Erregung zutage. Sie betrachteten
einander aus den Augenschlitzen mit bestialischer Verliebtheit. Der Instinkt der
Inzucht, der bei primitiven oder bei berfeinerten Rassen, die noch gesund sind,
auftritt, machte sich in ihren Sympathien geltend. War es Spiel oder Ernst?
Obwohl Zana klein war, zeigte ihr Krper doch auffallende Gemeinsamkeiten mit
dem ihres Bruders. Sie waren beide lang, ihre Gesichter waren nahezu gleich im
Ausdruck. Sie waren in die eigene Art verliebt, und wie sie da tanzten, gaben
sie der Wollust ber die Absolutheit und Rassigkeit ihrer Wesen Ausdruck.
    War die Narzilaune, das Prinzip der Eigenverehrung, nicht eine
Verbesserungs- oder Erhaltungstendenz der Schnheit? hnlichkeit wirkt bei
differenzierten Sugetieren abstoend auf die Phantasie. Aber darber hinaus
wirkt sie bei ausgebauten Rassen mit Gleichgewicht und gereiftem Geschmacke
anziehend, denn sie wird Kern der klassischen Entwickelung. Innerhalb edler
Rassen gengt der verschrfte Geschlechtsunterschied, der in harte und zarte
Typen scheidet, der Sehnsucht nach der Variation.
    Zana tanzte tief und hingegeben. Es verlangte sie nach dem gefiederten
Pfeile Luluac. Unwillkrlich sah ich zu Slim hinber. Sein Gesicht war verzogen.
In seine nordischen Zge mischte sich der Indianer, unter seinem Barte lauerte
das Tier, das ich hier in allen Gesichtern sich ergtzen sah. Mit einem kranken
Blicke folgte er dem Paare. Van den Dusen aber war hochrot im Gesicht und sah
gezwngt aus; er folgte den Vorgngen mit offenem Munde, frmlich hinten am
Gaumen. Luluac bewegte sich in mnnlichen khlen Kurven, mit sichtbarer
technischer Meisterschaft, er blieb hart, rhythmisch, formell, nur seine Augen
gaben sich feurig. Man verstand, er begehrte Zana, er turnte um sie, er warb um
sie, aber er verhielt sich vor ihren Lockungen reserviert; man konnte nicht
wissen, wie gefhrlich das kleine Frauenzimmer war, und ob es erlaubt war, sie
zu berhren. Eine Prinzessin, eine Priesterin konnte sie sein und dem
Sterblichen, der sie nahm, konnte Unheil drohen. Zanas Knchel waren gefesselt,
dies verstrkte ihren demtigen und harmlosen Anblick; die Bracelets waren
ineinander verhakt. Sie sprang mit kurzen federnden Schritten, die wie Blle
waren, auf ihren Fersen; sie umkreiste Luluac, sank in die Knie, und
verschrnkte die Arme hinter dem Nacken. Rhrte ihr demtiges Anerbieten den
Huptling nicht? Soviel war klar, sie war ein Weib, sie war gefesselt, die
Konvention klimperte um ihre Knchel, und sie hatte nicht die Freiheit ihrer
Wahl und ihrer Lust zum Manne.
    Luluac lie sie nahe herankommen. Schon ergreift er sie in einer Pose, die
seine Nacktheit drastisch preisgibt, als er sich wieder zurckzieht. Er verwahrt
sich gegen die Wirklichkeit eines solchen berirdisch begehrlichen Wesens, er
stellt die ganze schne Tatsache in Frage. Es ist ausgeschlossen, da soviel
Wnschbarkeit wirklich ist. Sie ist ein Trug der Sinne, der Untergang bedeutet.
Vielleicht ist Zana eine Pantherfrau? Sie zerreit den menschlichen Geliebten,
der sich von ihr betren lt. Oh ber ihre Zahmheit! Er schwingt die Arme und
zckt Speer und Schild, denn es gilt, einen Puma sich vom Leibe zu halten. Er
fllt pltzlich in den bekannten Kriegstanz, hebt die Beine mit wagerechten
Schenkeln und spielt ein Rennen am Ort. Teuflisch, hu! Zana umschmeichelt ihn in
vollendeten Linien. Ihre gehobbelten Knchel folgen mit unterwrfigen kleinen
Schritten; traurig ist es, wie die Knorpel der gespannten Kniekehlen sich
berhren! Rhrend ist es, und es wird uns allen das Herz brechen! Da kann auch
Luluac nicht lnger widerstehen. Eine suggestiv getanzte Umarmung bedeutet
Besitznahme. Er hat sie nicht berhrt, die Gebrde blieb sthetisch. Und alle
verstehen die Anspielung, die in den gerungenen Armen liegt! Luluac nimmt das
Werben der Pantherin an! lautet die Losung. Die geschlechtliche Spannung der
beiden Krper ist gestiegen, oh, oh, oh, beide sind selig, beide sind nahe
daran, sich zu vergehen. Zana rot wie eine junge Stute. Eine monotone Musik
schwellt die Nerven und Muskeln und weckt den Stich und die Unschuld der
mnnlichen Empfindung. Der kreisrunde Verfolgungswahnsinn dieser Noten erzeugt
gelinden Schwindel, die Schlfen hmmern und die Augen laufen mit dem Gehirn zu
einer einzigen sehnschtigen Masse zusammen. Das Fleisch an den Krpern der
Mnner beginnt gleichsam zu gren, ein lauer, niedertrchtiger, menschlicher
Geruch macht sich in der Htte fhlbar. Luluac schreit rasend auf und die Mnner
fallen triumphierend und befriedigt ein. Der Hhepunkt ist vorber. Der wilde,
schne Krieger hat nun Zana in seine Htte gefhrt. Sie hockt hinterm Feuer. Er
ist fortan ihr Herr. Prahlerisch pflanzt er sich im Vordergrunde auf. Wer will
sie ihm entreien? Niemand; dies ist so Sitte. Schlu! Weg mit dem Tanz und
Spiel und bringet Mandiokamet, da wir Heiseren und Feurigen uns khlen und
laben! Da geschieht etwas Unerwartetes; etwas, das nicht ins Programm gehrte.
Slim erhob sich und legte die ruige, weie Jacke ab. Dann zieht er das dnne
Netzhemd ber den Kopf und steht mit nacktem Oberkrper da. Slim!

                                      XVII


Die Herausforderung ist eine unerhrte Novitt. Sie findet Anklang. Bis zu
diesem Augenblicke ist die Versammlung nchtern gewesen. Der Met, aus Tonkrgen
geschlrft, tut jetzt seine Schuldigkeit. Die Musik artet in wahnsinniges
Gebrll aus, jeder musiziert sein Instrument nach Gutdnken. Ein indianischer
Ringkampf kndigt sich an, schreit van den Dusen mir herber und mir ahnt
nichts Gutes. Die Indianer sprechen durcheinander, man unterhlt sich ber Slims
Chancen. Slim war ein groer Mann mit geraden breiten Schultern und einer
flachen Brust, wie sie Yankees haben. Um die Taille war er eng gebaut, aber
seine Beine waren von einer anderen, gedrungeneren Rasse. Das machte ihn krzer
als seinen Gegner, im ganzen schien er trotz seiner geringeren Vollkommenheit
der Strkere. Die beiden begannen damit, flache Handschlge auszuteilen. Slims
Unterarme waren lang, breit und viereckig wie die Stiele von Werkzeugen. Seine
groen Hnde aber hatten viel weiche Masse. Er boxte flink und geschickt,
Luluacs Arme flogen wie Bltenstengel zur Seite. Aber diese ochsenstarken Hiebe
landeten fruchtlos, Luluac fing sie weich auf und zog zurck. Er lie die
gegnerischen Hnde nicht aus den lauernden Augen, er kmpfte mit einem alten
weisen Lcheln in dem verkniffenen kleinen Gesichte. Seine Federkrone zuckte
raschelnd bei jeder heftigen Wendung. Slim arbeitete derb und freimtig, Luluac
sanft und kraftlos, mit tckischer Sparsamkeit. Endlich bekam er Slims
Fingergelenke an dessen linker Hand zu fassen und zwngte sich wie in einen Kamm
hinein; Slim verga seine Rechte und schon war auch sie gebunden. Die Hand des
Indianers war klein und zusammenhngend. Er drckte Slims Tatze an der Wurzel
ab; Slims Gesicht verzog sich vor Schmerz, er hob seine Hnde, so hoch er
konnte, ber den Kopf empor. Die verhenkten Arme bildeten ein Dach, sie standen
schrg Mann an Mann gelehnt, mit der Berhrungskante lngs der Fingerknchel.
Der Indianer lenkte die Kraftanstrengungen des Weien, der sich auf die Zehen
stellte, ab, ri die Arme zur Seite, und Slim verlor das Gleichgewicht; aber
seine Schultern und Arme waren nicht zu biegen. Sein Hals war strhnig wie der
eines Lasttrgers. Sie gingen whrend des Ringens mit zhen Schritten vor und
zurck. Aber auch der Indianer besa ruhige und sachliche Krfte, auch er wirkte
zh wie eine Stahlfeder. Wenn Slim durch schnelle Risse die Arme um Luluacs enge
Hften schlang, band sie sich der Indianer wieder wie einen Grtel ab. Dann
sprang Luluac allemal auf des Gegners Finger los; und nun zwang er einmal Slims
Arme in die Ellenbogenbeuge, nun hatte er ihn, mit verhenkten Fingern rangen sie
vor den Gesichtern, tauchten einer des anderen Hnde bis zu den Hften herab.
Die Handriste des Amerikaners wurden steif und schmerzten. Luluac lie sich die
Gelenke wie Gummi zurckbiegen, ohne Qual zu verraten. Seine Kraft sa im
Rckgrat und in den Lenden, dort war er biegsam und sicher, unausdrehbar
sthlern. Slim konnte den Schmerz nicht lnger ertragen, mit einem wuchtigen
Ruck seines schweren Krpers bekam er pltzlich die Hnde frei und begann Luluac
in die Brust, auf die Oberarme, ans Kinn zu boxen. Luluac verlor die Haltung,
gleich darauf aber sprang er zurck und wieder vor und hing sich mit beiden
Hnden an Slims rechte Faust. Was er dort vornahm, war nicht erkennbar; aber es
mute Slims ganze Aufmerksamkeit verlangt haben, denn dieser verga seine Linke.
Und schon hatte Luluac auch sie zwischen Puls und Handballen wie ein Kneif
umklammert. Er schraubte die Hand vom Gelenke los. Abgestorben sa sie auf dem
geschwellten Ring, den sein Zeigefinger und Daumen bildeten; es war frchterlich
anzusehen, weil die Hnde jeden Augenblick wie dicke welke Bltter abzufallen
drohten. Slim trat in seiner Pein dem Indianer eins mit dem Knie in den Bauch.
Er war nervs und verzweifelt, er kannte sich nicht mehr aus vor Schmerz.
Luluacs Nacken war von Muskeln steif wie ein Schild. Langsam sank Slim in die
Knie, sein Rcken begann sich zu hhlen, erst streckte er das Hinterteil hinaus,
dann schnellte er es einwrts, und schon rollte er wie eine Welle frmlich in
den Boden hinein.
    Zana sah hundsugig, mit schnffelnder Aufmerksamkeit seiner kmpferischen
Gestalt, seiner prchtigen knochigen Wut, seiner grausamen Niederlage zu. Sie
sog es ein, wie einen herrlichen Genu. Die Indianer umher schwiegen fein und
sieghaft. Dieses Schweigen war unverschmt, es war taktlos und ich ertrug es
nicht. Der Met schmeckte s und khn, und Ehrgeiz brannte mir in der Herzgrube.
Aber das allein war es nicht. Der fttische Blick Zanas stachelte mich. Sie
hate ich am meisten. Ich sah unser Prestige schwinden, und der Gedanke trat mir
nhe, etwas dafr zu tun. Hatte ich heute morgen mit dem Mauser Glck gehabt,
durfte ich auch jetzt eine Ehrenrettung wagen. Turnerische Erinnerungen kamen
mir zu Hilfe. Ich sttzte mich auf beide Hnde und konnte ein paar Schritte auf
ihnen tun. Aber das Blut scho mir zu Kopf und die Ellenbogen knickten ein,
meine Beine liefen mir oben weg und ich hatte Mhe, unten nachzukommen. So gut
es ging rettete ich mich auf meine Sohlen zurck, in aller Anmut, so da man's
htte fr die Pointe halten knnen.
    Nun wurde mir warm. Ich fhlte mich zwar ein wenig verstrt, war jedoch
keineswegs verlegen. Mein Ehrgeiz war nicht umzubringen. Wille, Wille, Wille!
Mochten andere mit dem Erfolg einer Sache vorlieb nehmen, ich hielt es mit einem
eisernen Willen. Zum Handstand gehrt Philosophie! Whrend ich unternehmend zwei
Schritte zurcktrat, um den schnen turnerischen Schwung zu bekommen, schossen
mir die klugen Rsonnements zu Hunderten durch den Kopf! Vielleicht fehlte mir
trotzdem ein wenig das Bewutsein fr meine Situation? Dagegen erinnerte ich
mich just in dem Augenblicke, in dem ich die Handflchen geduldig zum sechsten
Male auf den Boden stemmte und mit den hinteren Extremitten in der Luft Galopp
anschlug, einer Tatsache, mit der ich es bisher noch nicht recht genau genommen
hatte: Donnerwetter, von meinen vier Schssen hatten ja eigentlich nur drei!
drei! getroffen! Die Scham scho mir wie Frost in die Glieder, meine Ellbogen
zitterten wieder, und ich landete totgeschossen so etwas wie an meiner eigenen
Seite. Ich hatte das deutliche Gefhl, neben mir zu liegen, und es brauchte
einige Zeit, bis ich meine Lage im Prinzip feststellen konnte.
    Hu, Met ist doch ein verrckter Stoff. Nun sind sie alle wichtig und keiner
will sehen, was ich da eigentlich treibe. Ich danke fr Met, wenn man keine
hheren Interessen damit verbindet. Es ist ein schdlicher Stoff und macht
blasiert. Indianischerseits schien man knstlerische Bestrebungen berhaupt zu
ignorieren. Aber der eiserne Wille, meine Lieben, das ist es, das ist das
Wichtige! Hu, schnurrig ist doch diese Sache mit Luluac; wie er sich prahlt und
seine Methode erklrt, und wie er sein Siegerlcheln hinter Bestrzung und
Verlegenheit verbirgt! Auch dahinter steckt nur eiserner Wille. Willen mu man
haben, hart wie Eisen. Dann sieht man den Menschen auf den Grund, bemerkt in
groen Buchstaben, wie sich hinter ihrer Zuvorkommenheit Genugtuung versteckt.
Hinaus mit diesem Luluac, er schwindelt! Er hat zuviel Met gesoffen. Warum
schneidet er Gesichter? Ich durchschaue ihn! Warum kichert dieser Hollnder? Er
vertrgt keinen Met. Man sollte ihm das Mettrinken polizeilich verbieten. Er hat
keinen Met zu trinken!
    Van den Dusen war der einzige, der meine Purzelbume ernsthaft nahm. Ein
Umstand, den ich ihm nicht einmal dankte, sondern lppisch fand. Denn, sagte ich
mir, solch ein Kerl hat kein Recht, an meiner hheren Akrobatik sachverstndig
teilzunehmen. Aber vielleicht macht Met boshaft? Van den Dusen war heute viel
boshafter als sonst. Dann, mochte ich mich einmal fragen, hatte ich diesem van
den Dusen schon einmal mein Hinterteil gezeigt? Worauf mir im Grundba der
berzeugung nur ein Niemals! einfiel. Nun aber stellte ich mich so, da er stets
von meinen schlenkernden Beinen bedroht war; und, wich er aus, kam ich pnktlich
auf seinen Standplatz wieder aus der Luft herab. Ich hate ihn. Ich mochte
Leute, die sich mit Met betranken, nicht leiden. Ihm gegenber sa Zana, und
diese hate ich auch. Sie war der zweite Bestandteil meines Publikums. Nur van
den Dusens verhate Gegenwart trug daran schuld, da mir das Gehen auf den
Hnden nicht gelang. Und ich htte Zana so Prchtiges vorzumachen gehabt! Ich
hate sie, wenn ich mir denken mute, da ich mich vor ihr blostellte. Hatte
der Met auch sie boshaft gemacht? Alle Menschen waren heute boshaft, und ich
hatte doch gerade heute ein gutes Herz und wollte mit meiner Hnde Arbeit etwas
fr sie tun. Was, was konnte ich fr Zana unternehmen? Womit konnte ich ihr eine
kleine Freude, einen hbschen herzlichen Spa bereiten? Htte sie mir nur ein
freundliches Gesicht gemacht, so wre ich ihr um den Hals gefallen. Ich zeigte
statt dessen keinerlei menschliche Rhrung, sondern hielt an mich und
rekognoszierte das Terrain. Nach dieser wissenschaftlichen Betrachtung stemmte
ich mich endgltig, noch einmal! auf die Handflchen - verdammt noch einmal, die
Beine blieben richtig oben, aber mit der Tendenz kopfber. Meine Hoffnungen
waren mehr als erfllt. Ich dachte nichts Schlechtes dabei, whrend ich meinen
Beinen, die die Fhrung bernommen hatten, so hurtig als mglich mit den anderen
Krperbestandteilen nachzueilen trachtete. Aber pltzlich sprte ich ein
Hindernis, das sich schnell entfernte, hrte einen Schrei und sah es
frchterlich hell werden ringsumher, etwas Heies, etwas verteufelt Heies
schlpfte mir hinter die Kleider, au - da konnte ich das Tempo nicht mehr halten
und schnappte ab. Krachend und prasselnd sauste mir der Boden unterm Kopf weg
entgegen. Ich entsinne mich, da ich es hchst merkwrdig fand, wie er sich
pltzlich schief stellte und mich auf den Rcken schlug. Er verdreht ja seinen
Akzent, sagte ich und lag in der Feuerstelle. Die Funken gingen wie eine rote
Brause ber mich hinaus, kunstgerecht wie ein Braten lag ich da und hrte von
hundert Meilen weit her ein brausendes Triumphgeheul. Zwanzig Fuste rissen mich
schneller als mein eigener Entschlu empor. Jacke und Beinkleider waren am
Rcken verkohlt. Mein erster Gedanke war, mir knftig einen Tropenanzug aus
Asbest machen zu lassen. Dann schalt ich die Unglcksstelle und sah ein, da bei
einem so ungleichmigen, so abschssigen Boden, ja geradezu einem Abgrunde auch
der beste Turner seine Kunst nur verschwenden konnte. Wo war Zana? Sie war fort,
ich hatte sie verscheucht. O des Herzeleids! Aber dort stand sie doch an der
Mauer, nackt und mit glhendroten Bracelets um die Fuknchel und band sich
angelegentlich einen Orchideenzweig mit verzupften Blten um die
enggeschlossenen Knie - und wackelte entsetzlich, brachte die ganze Htte in
unordentliches Schwanken, ih, wei der Deibel warum!
    Ich empfand eine groe Hitze. Die Indianer lrmten und hatten
undankbarerweise mein Kunststck schon vergessen. Waren rudige Hunde, diese
Roten, was? Slim zog die Augenbrauen hoch. Er interessierte sich nicht fr mich,
fr niemand, fr nichts, nicht einmal fr Zana. Selbst als sie von ihren
verstrickten Knien aufsah, zu ihm hinsah, rhrte er den Kopf nicht von der Luke,
durch die er ber sich hinausblickte. He, war die Hitze nicht enorm? Roch es
hier nicht nach Indianern? Roch es hier nicht vielleicht nach gebratenem
Menschenfleisch? Her damit, dieser Geruch gehrt mir; es ist mein Fleisch, das
hier verbrannt wird, mich will man hier schlachten und verzehren; dieser Geruch
ist ein Teil von mir und ihr sollt ihn nicht zu speisen bekommen, ihr Saufbolde,
ihr verdammten Metwrmer ... In der spaltartigen Luke sah man Sterne. Der
Hollnder kicherte und belehrte mich ber das Gehen auf den Hnden. Mit seiner
Figur! dachte ich. Dann dachte ich, da der Met doch ein verdammt starkes Gesff
sei, weil sie alle betrunken wren. Ich ging zur Tr, die sich flugs auf eine
Ecke stellte, so da ich ber den Pfosten kriechen mute. Drauen war es matt
und lau. Der Himmel hing schwer und niedrig von Sternen.

                                     XVIII


Sang- und klanglos fand ich mich zu meiner Htte. Schrg gegenber, wo die
Strae sich ins Verschwinden bog, sah ich van den Dusen in die seine schlpfen.
Er schien unterdrckt aufgerumt, mit seiner Nase witterte ich eine Art
Unternehmungslust in ihm. Checho, der mich aus der Htte begleitet hatte, lie
mich an irgendeiner Stelle im Stich. Das beschftigte mich vorlufig; obwohl es
mich nichts anging, war ich doch im Augenblick so zerstreut, dieser ganz
gleichgltigen Sache eine abnorme Wichtigkeit zu widmen. Ein leises Mivergngen
in mir fischte, ohne Kder, irgend etwas anderes wurmte mich; nun wurmte es
mich, da Checho fortlief - hopp, da fischte es mit diesem Wurme!
    Die Sterne hingen voll am Firmament. Sie hingen so dicht, da sie sich
gliederten, und flchtige Verbindungen blitzten zwischen ihnen auf. Wie
metallische Glutspne kruselten sie sich, durch die ein Atem geht.
    Checho war in meinen Augen ungezogen; war es etwa manierlich, fortzulaufen?
Sonderbar, da alle Leute sofort an gutem Ton einben, was sie an Laune
gewinnen. Wo konnte - na, war es nun Checho, den ich meinte, oder war er es
nicht - wo konnte er nur hin sein? Ich rang mit einem Gedanken, einer Vermutung,
die ich schon einmal aufgestellt haben mute. Aha, sieh mal her, da war ja
Aruki; sie war allein, ihr Mann war noch nicht zu Hause, steckte vielleicht bei
der Hexe Zana oder einem anderen Frauenzimmer. Indes pflegte Aruki ihr Baby,
sang zwischen den Zhnen und dachte an wei Gott was Trauriges. Ich hatte nichts
mehr brig fr sie und war voller Hohn fr ihre weibliche Flle. Auch Checho
half ihr nicht ber den schwermtigen Abend hinweg; auch er mute endlich
daraufkommen, da zierliche Magerkeit das eigentliche Ideal fr einen
indianischen Helden bedeute. Geschah ihr recht; nun da es zwischen Checho und
ihr aus war, hatte sie nichts mehr von ihrer frheren Unerreichbarkeit; auch ich
war sozusagen eine Art Held meiner Rasse und hatte meinen Geschmack zu pflegen;
man hatte da doch gewissermaen Verpflichtungen. Wir rchen uns stets an unseren
Trumen; wir verraten stets unsere eine Sehnsucht an die andere. Da ich nach
dieser Seite hin also gleichsam frei wurde, war fr mich erfreulich. Es gab mir
einen regelrechten gesunden Sto und zugleich sah ich blendend klar.
    Hol's der Kuckuck, man sollte kein Mandioka saufen, wenn man es nicht
vertrgt. Nun hatte Slim sich mit dem Huptling gerauft - Slim. Das fiel mir
ein, und wie ein Berg sa es mir am Herzen. Und was tat nun Slim weiter? Um es
nur gleich zu gestehen, Slim war auch der Wurm, der unterirdisch mein Bewutsein
benagte, gespenstisch an meine Laune pochte und mit einem formlosen Blick meine
Zufriedenheit beugte, wann immer sie sich einstellen wollte. Ich frug
vergelich, wo denn nun dieser Checho hin sei und was er treibe, und war hchst
erbost ber sein ganz unverstndliches Benehmen - aber eigentlich meinte ich mit
alledem nur Slim. Wenn man berlegte, wie das alles gekommen war, diese ganze
Niederlage, die mich jetzt so beunruhigte! Ich erinnerte mich, da van den Dusen
betrunken sein mute. Hochrot war er gewesen und sichtlich echauffiert. Hm, und
nicht einmal Slim hatte davon vertragen. Ich dagegen hatte eine gute Schule
hinter mir. Es war nicht die erste Zecherei, die ich siegreich berstanden
hatte, was wre da anderes zu wollen? Ich hatte Nerven, wohlverstanden Nerven.
Ich konnte Gift wie Kse essen, meine Nerven kamen groartig hindurch. In mir
stak der ideale Nervenmensch, meine Wachsamkeit bestand ber meine Vergiftung
hinaus. Je schaler der Geschmack im Munde, desto berlegener das Gehirn. Je
schlaffer der Magen, desto strenuoser das Bewutsein. Ich beseitige Krankheiten
durch die Diagnose, ich heile Unstimmigkeiten mittels Analyse. Etwas
Fortschrittlicheres lt sich kaum denken. Prosit, Slim! Sie sind berholt, Ihre
Nerven sind mit Ihnen durchgegangen. Man rauft sich nicht, wenn man
voraussichtlich den krzeren zieht. Mit Purzelbumen ist das anders. Das ist ein
platonisches Vergngen, zumal wenn niemand zusieht. brigens, waren Sie schon
jemals so tapfer, ins Feuer zu steigen? Haben Sie sich jemals freiwillig am
Rcken schmoren lassen? Ich bin wie ein Satan hindurchgeritten, die ganze Htte
war auf, als ich meinen feurigsten Feuertanz tanzte. Meine Haare sind versengt.
O wie furchtbar hell es um mich war! Immerzu, Slim. Aber Mandioka ist zu s und
hinterlt einen faden Geschmack, wie, finden Sie nicht?
    Ich empfand mich intensiv wach. Laue Wellen kamen vom Djungle und von der
Savanna her, khle feuchte Ste vom Felsenbach. Ein ehernes Klingen, das
schwrmende Lrmen der Zikadenchre, schien unter den tiefhngenden Horizont
gepret, aus dem ein weies Feuer, in Myriaden von Kombinationen gleich denen
der Lrmschlger, zuckte. Dies war beruhigend, dies luterte. Aber Slim hatte
nicht sich allein, er hatte uns alle in die Patsche geritten. Was war das fr
eine Idee, mit dem lsterlich langen Kerle anzubinden, dieses Mdchens wegen -
wo blieb Slims berlegenheit? Unser Prestige, mein Prestige war es, das er
verspielte. Er htte uns nicht mitreien drfen. Uns. Die menschliche
Gesellschaft darf nicht durch die Handlungen eines Einzelnen gefhrdet werden.
Und ich war das Gewissen dieser Gesellschaft. Wenn ich berlegte, wie Slim sich
da erhob, in seiner ganzen Glorie als groer und starker Mann, seine imposante
Figur im Feuerkreise aufpflanzte, so fhlte ich, wie sich die Seele der Welt vor
Scham zusammenkrampfte. Ich selbst kam hier gar nicht in Betracht, obwohl auch
ich - aber die Gesamtheit war verletzt. Was muten sich die Indianer gedacht
haben! Die saure Empfindung ungebrauchter Muskeln, die in allen aufstieg, war
Takt, nichts als menschlicher Takt gewesen. O ich kannte ihn gut, wie er
aufsteigt, langsam und sauer wie eine bse Regung; aber er war eine gute soziale
Regung. Mnner beneiden einander um jede Art von Aktivitt und sei's nur die
einer Ohrfeige. Es war nicht schn von Slim und hchst unlauter, da er gegen
das Programm auftrumpfte. Man konnte das Mibehagen verstehen, das durch den
Trupp ging, als Slim seine eigenen Heldentnze unterlegte. Es war, mitten unter
der feinen Leistung Zanas und ihres Bruders, ein Schlag ins Wasser. Nein, Slim -
au!
    Mein Rcken schmerzte; ein zhes Kneifen machte ihn widerstandsunfhig und
steif. Um Gottes willen, mein Rckgrat war doch nicht um ein gut Stck krzer
geworden? Es waren doch am Ende nicht zwei Wirbel ineinandergerutscht? Das also
war das Ende dieses abenteuerlichen Tages, Slim bekam Prgel und ich wrde
hinfort nun oder doch eine Zeitlang mit dem schneidigsten Hexenschu der Welt
durch das Leben wandeln, immer vorausgesetzt, da da noch zu wandeln war!
    Mit wundem Rcken zog ich eine Matte vor die Tr und legte mich unter die
Palme. Es war nach Mitternacht und die Moskitos lagen jetzt zu Tausenden auf den
Blttern und Blumen des Djungles oder tanzten ber einer der lauen Pftzen
seitlich am Flusse, in denen sich ein Stck Mond spiegelte. ber mir funkelten
groe fette Sterne und kleine, die wie Dreiecke aussahen und an den Scheiteln
richtig zu explodieren schienen. Zwischen den hervorragenden entstanden mittels
drahtiger Linien rohe Figuren, klotzige mythische Gebilde. Der Gesang der Zirpen
ebbte auf und ab. Eine einzige in der Nhe, die mit rtselhaften Umzgen bald
von hier, bald von dort zu tnen schien, konnte alle anderen bertrumpfen. Aber
wenn sie schwieg, stieg an allen Ecken und Enden der Welt ein metallisches
Brausen empor.
    Aus dem Djungle drangen tierische Schreie. Das Dorf selbst war heute abend
lebendiger als sonst. Gestalten huschten die Wege entlang. Ein kleines Wesen
bewegte sich mehrmals in meiner Nhe auf und ab. Es mute ein Weib sein. Was
wollte es? Ich wurde neugierig. Dann verwnschte ich es, weil es dick und
ltlich schien, und es verschwand, als htte es meinen Unwillen gefhlt. Ich
mute an Zana denken. Aruki, die se, nun die profane Geliebte von ehemals
trstete wieder ihr Kind. Mit trauriger Stimme winselte sie sich und ihm ein
gemeinsames Leid vom Leben vor. Tja, wozu war dies Leben gut? Wozu lag ich hier
in diesem indianischen Neste auf der faulen Haut, statt in gepflasterten Straen
zu wohnen, zu arbeiten, mich zu rgern und zu lieben? Das gewhnlichste rgernis
mit etwas mehr Komfort wre ein Labsal gewesen. Hier aber war ich ausgeschaltet.
Hier war mein Platz nicht. Kummer schlo mir die Augen und ich wnschte den
Schlaf, zu vergessen.
    Was war unter diesen Kannibalen zu holen, diesen Lebemnnern von anderer
Leute Schmerzen? Der Wust und Aufwand von Muskeln, Fleisch und Sinnlichkeit
erdrckte mich. Ich wollte fliehen, ich sah braune Menschen auf vier Fen
hinter mir herjagen, sah sie nach Katzenart sich zum Sprunge rsten. Einer sa
mir im Nacken und fra. Es schmerzte. Ich hatte ein deutliches Gefhl seines
genuwtigen Gesichtes. Ich nahm alle Krfte zusammen und schttelte, schttelte
mich in einem konvulsivischen Grauen - da fiel es von mir ab. Der Schmerz
schwieg, und sogleich fhlte ich durch die Erleichterung einen vehementen
Schwung, ich krmmte mich zusammen und schnellte mich hinaus in den Himmel,
frisch wie eine Schnuppe. In weitem Bogen flog ich ber das All hinweg, in den
Hften geknickt, mit dem Gesichte voraus. Links von mir stand ein fetter Stern;
dann kamen andere und kamen so dicht, da ein Zusammensto unvermeidlich schien.
Wir stieen an; aber merkwrdigerweise sprte ich den Schmerz an meinem Rcken.
Dies brachte mich auf die Idee, da ich eigentlich nach rckwrts flge. Und es
besttigte sich. Kommt es denn so selten vor, da man sich bei Gravitationen
falsch orientiert? Jede Sonne kann das erzhlen. Ich habe fr diese
Indifferenzen das schne Symbol des Wasserrades gefunden. Ich flog also mit
meinem Hinterteil voraus; vielleicht stand ich aber auch irgendwo im
Unendlichen, und das gesamte Weltall rotierte gleichfrmig an meinem Rcken
vorbei. Die Sterne, dummes Silbergeklingel und steife, eingedrrte Krtenblge
traten, so oft sie anstieen, beim Stei in meinen Krper ein, verursachten ein
sprdes Krachen und nahmen ihren juckenden Weg mit demselben trockenen
Schnalzton wieder beim Hinterkopfe heraus. Auf diese Weise absolvierte ich so
ungefhr das ganze Firmament, es rieselte zart und raspelnd wie eine
Ameisenstrae durch meine Wirbelsule hindurch. Unter mir gab es pltzlich hohe
Huser, eine gepflasterte Strae heimelte mich an. Und obwohl ich einige Meilen
hoch darber hinschwebte, war es doch, als ob ich mich mit meinen Augen in
Menschenhhe ber dem Niveau der Strae befnde. Zum zweiten Male mute ich die
Ansicht ber meine eigene Lage wesentlich ndern. Es stellte sich heraus, da
ich in der Tat mit dem Kopfe nach unten, die Beine hoch oben in der Luft, durch
eine Strae dahinpfiff. Mein Rumpf war so unermelich ausgedehnt, da ich
beinahe die Fhlung mit meinem Kopfe verlor. Ich erkannte, da ich sozusagen im
Handstand durch die Luft segelte und mein Kopf, der nicht mehr mir gehrte und
mit einer Unzahl von Sternen belastet war, die dort nicht mehr herausfanden, mir
den Dienst versagte. Eine ungeheure Sehnsucht befiel mich, auf dieser Strae,
die mir bekannt schien, haltzumachen. Ich wollte die rechte Hand ausstrecken. Es
ging schwer, es ging zh, sie schrumpfte pltzlich zu einem tauben Handschuh
zusammen, aber im nchsten Augenblicke wute etwas in mir Rat: wie ein
brennender Siegellacktropfen fiel, gleichsam bestellt, ein winziger weier Stern
zur rechten Zeit auf meinen Handschuh, schlpfte dort auf eine merkwrdige Weise
hinein und beschwerte ihn tchtig. Jetzt war es wieder eine Hand. Sie berhrte
mit einer stumpfen Empfindung den Boden. Es war weicher Asphalt, der sich aber
sofort hrtete, als ich mit dem Rcken derb darauf zu liegen kam. Noch ruderte
ich halb rcklings halb kopfab die Hauswnde der leeren Straen entlang, keine
Seele war da, die sich in meiner hilflosen Lage um mich gekmmert htte. Noch
schossen die Sterne wie Raketen die Leiter meiner Wirbel hinunter; am strksten
war das Bombardement an der linken Seite, wo ein ganz groer, fetter, grlicher
Kerl immer wieder ganze Serien von Verwandten durch mich hindurchsandte. Da kam
ich endlich in Fhlung mit der Strae, lief eine Weile auf dem rechten Arme eine
Strecke Weges weiter und krachte dann kopfber hin. Es war pltzlich
frchterlich helle. Bautz, da lag ich, und alle Sterne, die in meinem Hintern
aufgespeichert waren, explodierten wie ein Schwarm Funken um mich her.
    Da fhlte ich mich vom Leben vollstndig besiegt, denn ich entsann mich, da
es acht Uhr morgens war und da ich in die Schule mute. Ferner, da ich meine
morgendliche Trumerei am Straenpflaster in ungebhrlicher Weise ausdehne. Ich
fhlte mich tief geknickt, ohne Lebenslust, ohne das Schwergewicht eines
Charakters, wie ich dalag, jenseits des Lebens, ganz nrdlich von den
einfachsten warmen Regungen, ohnmchtig, nur einen Finger zu rhren. Um aber
meine Niedergeschlagenheit nun noch zu begrnden, kam ein schlankes Mdchen des
Weges daher. Sie war braun und hbsch, und ich schrie ihr zu: Hallo, Zana, wie
geht's? Sie hatte einen dichten Schleier mit Fasern und Punkten vor dem
Gesicht, so da die Schatten davon auf ihrem Teint fleckten. Ach, Zana, sagte
ich voller Sehnsucht, nehmen Sie doch einmal den Schleier von Ihrer Ttowierung
ab. Sie sah recht rot an den Wangen aus, aber sie tat nicht, als ob sie mich
gehrt htte. Sie ging weiter und lie mich elend zurck. Heftig suchte ich mich
zu bewegen, die seltsame Last meiner moralischen und krperlichen Pein zu
sprengen. Angestrengt dachte ich nach und suchte mit den Augen nach meinen
einzelnen Gliedern, die sich von mir losgelst zu haben schienen. Meine ganze
Konzentration legte ich in diesen Blick. Da wurde es mir bewut, da ich mich in
einem Dmmerzustande befand, der zwei Tiefen besa.
    Ich dachte exakt, aber ich erlebte zweideutig. Es war die Trance, das groe
seelische Ereignis der Tropen. Ich wute ber meine geistige Anwesenheit
Bescheid, aber ich vermischte die krperlichen Grundlagen, ich war imstande,
zwei Rume ineinander zu schieben. Es ist ein entsetzlicher Abgrund von Tiefe,
der sich hier auftut. Ich war imstande, zu denken, da das Bild der Sinne im
Verhltnis zum geistigen Zustande absolut gleichgltig sei; aber ich vermochte
mitsamt der enormen Anstrengung von Gehirn und Willen nicht, dieses Bild zu
beeinflussen, ich kam buchstblich nicht vom Flecke. Mein Dasein blieb in diesen
Minuten trotz auerordentlicher geistiger Leistungen ein nur verhltnismig
Wirkliches.
    Ich befand mich in diesem Augenblicke auf der Strae einer groen Stadt.
Aber diese Wirklichkeit ignorierte ich. Ich war gezwungen, eine Vision zu
erleben, die ich leugnete. Mhevoll leugnend nahmen meine angestrengten Augen
eine grne Spitze aus, die sich hypnotisierend bewegte. Langsam erinnerte ich
mich, da sie einem Palmblatte hnlich sah. Ein Frulein Zauner oder Zana - der
Klang haftete mir nur flchtig im Ohr - war wieder da. Sie hatte ihre Wrde
abgelegt, jetzt frotzelte sie mich und schwang die Palme wie ein Gassenmdel
ber mir. Meine Sehnsucht nach diesem Mdchen war grenzenlos. Es stand zu meiner
Linken, irgendwo an ihm, auf einem Stengel hinterm Ohre oder in seinem Haar,
schwankte eine pralle weie Rose. Das Mdchen sagte nichts, aber es zirpte mit
einem berckenden Laute so unaufhaltsam s und furchtbar, da sich meine
Eingeweide vor Leid zusammenzogen und Trnen mir die Augenwinkel herabrannen.
Wie das wollstige Zirpen, so waren die Trnen schwer, schwer und rund, und ich
konnte jede einzelne nachrechnen, konnte ihr frmlich mit den weinenden Augen
nachblicken. So scharf und vielseitig war meine Beobachtungsunrast und die
Spannung meiner Phantasie. Den kleinsten und intimsten Dingen konnte sie sich
mit der Bewutseinsfalle zuwenden. Die Schauer dieses Zustandes, eine Mischung
von Lust und Qual, unbegrenzter geistiger Freiheit und krperlicher Starre,
wurzelten in einem Gefhl zartester Lauterkeit. Zana, kleines Grillenweib!
trumte ich schluchzend. Aber mein Geist blieb indem hart bei der Wirklichkeit
oder bei etwas, das er als solche empfand. Bitte, Frulein Zana, sagte ich in
seinem Sinne und sehr sachlich, ich halte Sie fr kokett. Ihr gemusterter
Schleier mit seinen Teintwirkungen ist ein Nachkomme der indianischen
Ttowierung. Geben Sie sich keine Mhe. Ich liebe Sie nicht. Zieren Sie sich
nicht mit dem Schirm, ich wei schon, da es keine poesievolle Palme ist. Sie
verwenden schrecklich alte Mittel, um mich zu fesseln. Ich verabscheue Ihre
Pikanterien. Mein Herz brach, als es so log. Aber es log mit den Wahrheiten
meines Geistes. Er verwertete sie praktisch, bentzte sie zu einem an und fr
sich simpeln Manver, indem er auf den Weiberfang ging. Ha, was war es mit den
geistigen Wahrheiten? Waren sie vielleicht berhaupt nur das Rstzeug der
geschlechtlichen berlegenheit? Machte ich hier, von einem Frauenzimmer an die
Strae gefesselt, diese Aperus nur zu dem Zwecke, um ein Gegengewicht zu haben,
wenn das Mdchen mit den Tupfen im Gesicht prahlte? Liebe macht geistig und
ehrlich. Aber der Geist und die Ehrlichkeit sind so viel wert wie das Rouge
einer Mdchenwange. Heiha, wie ich denken konnte; aber auch dieses Denken, das
sich selbst bedenkt, ist nur ein Schleier, mit dem man etwas Wichtigeres
reizvoll ornamentiert. Krperlich ausgeschaltet lag ich da als idealer
menschlicher Organismus. Die selige Frage des Organs gestaltet sich zu einer
profunden Erkenntnis. Whrend ich dem Mdchen nachsah, das dahineilte, ging es
mir blitzschnell durch den auerordentlich klaren und angeregten, Kopf, da
Beobachtung ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Lust und eine geradlinige
uerung tierischer, ja vegetativer Funktionen sein mge.
    Frulein Zanas Abgang rhrte mich. Ein knapper Rock fesselte sie ber den
Kncheln. Sie konnte nicht ausschreiten, sie ging hastig und mit kurzen,
humpelnden Schritten. Ihre Halbschuhe trugen Schnallen und Maschen. Da erkannte
ich es wieder, wie ich es vor vielen Jahren erlebt hatte. War Zierlichkeit eine
Ableitung, eine Verkleinerung, eine Korrumpierung von Grausamkeit? Der Sinn des
Brutalen, Beschrnkenden, Verstmmelnden schrzt die Falten am Krper des
modernen Weibes, ringt verlangend in den Formen der Bekleidung, sprengt sich
leer und inhaltslos, mde vom vergeblichen Bitten im sehnschtigen Schein des
Tuches an, alte Lste zu verbildlichen. Alles was der Mann einst hatte, prangt
heute als starre Formel in der Toilette unserer Dame. Alles was der Mann einst
an Mnnlichkeit vergab, nht, stickt und flickt sie sich heute nach Eigenbedarf.
Sein Krper ist nicht mehr durch Muskeln interessant; sie aber trgt den Fetisch
verwirrender Verschlungenheit, wie ihn der nackte Mann bot, nun zahm und zahnlos
selbst mit sich herum. Und liebt, wie sollte es anders sein, den Halspelz wie
einen Bizeps, den engen Rock, der Formen wirft, wie eine tastende Hand, das
Korsett wie die gewaltige Umarmung, die einst die natrliche Schnheit ihrer
Hften und Brste geno, und schreitet mit dem schlanken Schuh den alltglich
gewordenen Phallustanz. Wild, grausam, geil prangt die Pracht unserer Weiber,
seit nicht mehr Mnner, nur Tuch und Leder ihrer Sehnsucht antworten. In den
ursprnglichen Gewaltakten vom Opferblick gekitzelter Urmenschgatten sah ich die
Eltern unserer Moden. Und so wandelte auch das Mdchen lieb und voll versteckter
Demut in ihrem Gefngnis, trug es mit sich die Strae entlang und empfand sich
prachtvoll. Ihr Rock brachte die doppelte Sattelung ihres Leibes ber den Hften
und an den Knien zur Geltung. An den Knien wogte die Kontur ihres Rumpfes mit
einer groartigen Schwingung zurck. Dieser Engpa beschlo die schnittige Mulde
ihres Schoes. Sanftmut und Ergebenheit stiegen aus warmen Formen, folterten
durch eine laue, entnervende Zrtlichkeit, die sich zwecklos in ihnen zu
verschwenden schien. Das Tuch liniierte die Geheimnisse dieses Mdchens. Mein
Kopf barst von uralten Empfindungen, entlegene Eigentmlichkeiten und
Liebhabereien aus Kinderzeit fielen mir nachtrglich ein. Schnheit, war es das,
was wir als Fixes, mystisch geregeltes Gttliches anbeteten oder: Piett gegen
gute Erfahrungen?
    In der langen Strae einer groen Stadt geschah es, da mich die Sehnsucht
nach dem Weibe ankam. Ich sah das Mdchen wandeln. Pltzlich begriff ich unseren
Urzustand und erfate unser Verhltnis als eine primitive Frage erwnschter
Gewalt diesseits von Sitte und Benehmen. Und nun geschah etwas, dessen
Sonderbarkeit mir deutlich zum Bewutsein kam. Der bse Palmzweig, den das
Mdchen mit den schadhaften Stckeln ber mir geschwungen hatte, wurde eine
vollstndige und wirkliche Palme. Etwas Neues und Zusammenhngendes baute sich
um mich auf. Ich begrte es mit einem schwachen Schimmer von Wiedererkennen. Es
erlste das Gemt wie Langvertrautes; vage Bilder von Urgefhltem reiften
langsam herauf: und da, mit einem Schlage war es da, hatte ich einen Namen und
nannte es: Tropenlandschaft. Ich lag mit dem Rcken unter einer Palme. Das Kreuz
schmerzte mich, so da ich Bewegungen unterlie. Meine rechte Hand lag schwer
unter mir, sie war gleichsam eingeschlafen und hing leer herab. Links ber mir
glomm in einem wilden Gewimmel von Sternen ein groer prallweier Planet mit
intensivem Lichte. Er stach nach meinen Augen, bndigte mich mit seinem Strahl
wie jener lange Muskel, die Schlange. Er bte einen erstarrenden Einflu aus. Er
bannte mich, und ich trumte schwer, aber mein Scharfsinn blieb wach und
kritisierte den Traum. Ich sah mich in einer Tropenlandschaft vor einer
triangulren Htte liegen, die aus Palmstroh bestand. Meine Augen waren rund
aufgeschlossen und gebrochen: ich gewahrte sie mit Entsetzen wie etwas Fremdes;
in ihnen sa kalt und fett ein weier Stern und fra sich wie ein metallischer
Wurm, wie eine weiglhende Entzndung in den aasigen Glanz der Augpfel ein.
War ich tot oder war ich krank, da ich so dalag und die Zeichen fiebernder
Verwesung ihren Glanz in meine Augen bohrten? War es Erinnerung oder war es
Vorzeichen? Oder war es Symbol, war alles nur Symbol fr einen inneren Zustand?
Ich dachte normal und schnell. Dieser Zustand entbehrte trotz einer leisen Qual,
trotz Schauder und Zweifel nicht der Seligkeit. Ich war vor Glck erfroren, war
in einem frostigen Wohlsein gelhmt. Ich ahnte die Tatsache Trance. In diesem
Zustande waren die zwei Tiefen der Seele, Traum und Untraum, verschiebbar, und
alles war Traum, alles war Wirklichkeit. Die Welt der Logik, das Phantoplasma,
das Bild gewordene System der zureichenden Erklrungen war zwiefach. Es pendelte
zwischen zwei Rhythmen, davon jeder blo der Umschwung des anderen war. Was ich
hier dachte, konnte ich auch dort denken. Derselbe seelische Verlauf konnte ein
verschiedenes Phantoplasma, sei's Traum, sei's Wachleben, unterlegen.
Phantoplasma, so nannte ich diese Entdeckung, die ich in meinem hchsten
entkrperten Augenblicke, in der Trance, entdeckt habe.
    Diese stramme Kopfarbeit, fr die ich sonst ungefhr die Konzentration einer
Stunde berechnet htte, wurde in wenigen krperlichen Sekunden geleistet. Denn
das Mdchen hatte sich inzwischen erst einige Schritte entfernen knnen. Sein
Entschwinden erweckte mich. Ich war wieder in der Strae zwischen den groen
Husern. Aber diese Schnelligkeit war gering zu dem Nichts an Zeit, mit dem sich
die bildlichen Grundlagen meiner geistigen Erregung nderten. Diese Erregung war
das einzige Solide und Dauernde whrend der ganzen Trance. Ich habe einen
auerordentlich treu berlieferten Zusammenhang meiner Gedanken davon bewahrt.
Mein Leib aber schien indessen doppelt vorhanden, ich fhlte zwei Leben mit
derselben gemeinsamen, geistigen Spitze, ich lebte in der groen Strae und
lebte in einem indianischen Dorfe; freilich ahnte ich im Grunde, da die Stadt
eine Realitt, das Dorf aber eine, wenn auch heftig empfundene Vision war.
Manchmal verschmolzen die Eindrcke; der eine war der, da ich mich in einer
stdtischen Strae befnde und mir gegenber eine Figur, die ich intensiv als
weibliches Wesen empfand, sich entferne. Pltzlich stand das Mdchen nackt da.
Nein, es war nicht ganz nackt, sondern trug bis ber die ominsen Knie schwarze
Strmpfe und auf dem ein wenig schiefgelegten Kopfe einen pompsen Hut. Als ich
mich mit den Knien beschftigte, fielen die schwarzen Strmpfe fort. Die Knie
sahen jetzt um ein gutes Stck harmloser aus. Der Hut mit der groartig
wallenden Straufeder machte gleichfalls eine Metamorphose durch. Das
Kothurnprinzip, auf Schdel angewandt, das in diesem Hutriesen stack,
vergrerte den Mastab der Figur, der weibliche Helm gab ein bertriebenes
Zeugnis dmonischer Macht. Sein Nachfolger war ein mystisch und bse blickendes
Geflecht, das nun das weibliche Haupt bedeckte, und Bffelhrner und
Vogelschwingen spielten eine druende Rolle darin. Im Nu war auch dieser
Standpunkt berwunden. Das nchste war jetzt ein kleines Gesicht mit schwarzen
Strhnen bis zu den Achseln. Zwei reizende kleine Eberhauer durchbohrten die
Oberlippe. Sie war im Verhltnis zur schmalen unteren, deren Fleisch sich wild
und dunkelviolett durch die ein wenig narbige und verzerrte Haut prete, voll
und berreif wie platzende Beeren im Djungle. Da wute ich, da es das Gesicht
der Figur war, die mir gegenber an der Zeile der Strohhtten entlang mit dnnen
Knien vorbeischlich und jetzt ber den Grenzstrich der Schatten ins bleiche
Licht hinaustrat. Sie war in einen Panzer von weich flieendem Silber gehllt.
Ihre Fe schienen ein wenig schadhaft. Obwohl die Entfernung zu gro war, wute
ich, da die Figur an ihren Kncheln eine kleine strhlige Schorfwunde haben
mute, wie sie entsteht, wenn die Gelenke zart sind und sich bei einem gewissen
weiblichen Gange scheuern.
    Die Figur entschwand. Unbehagen und Unsicherheit zerstrten meinen
Gedankengang. Ich wollte zurck in die groe Strae, aber es milang. Sie schien
mir pltzlich ebenso unwirklich wie die Landschaft, die ich trumte. Und nun war
mir aller Boden entzogen und ich fiel in eine blasse, unkrperliche
Wirklichkeit. Alles, was mir da erschienen war, schien gar nicht vorhanden, und
ich stand, whrend ich doppellebig trumte, auf einem Grunde, den ich nicht
wahrnehmen konnte, einer dritten unbekannten Welt, die aber einen Rckhalt in
meinen Sinnen hatte. Und was ich da trumte, trumte ich gar nicht. Ich hrte
es. Ich hrte die Worte und sie schufen mir Sinne, die sie befriedigten. Es war
alles die Erzhlung eines merkwrdigen Fremden mit mystischen Augen, den ich
Slim nannte. Er sah mich schwarz und ziehend an und ich nherte mich ihm
schwankend, vom Festen gelst. Auer uns beiden gab es nichts, die Welt, die
Stadt, die Landschaft waren nur seine Erzhlung. Er erzhlte singend und
weitschweifig, stieg eine unendliche steile Leiter von Bildern hinan, um in
einer ekstatischen Hhe die Stimme seiner Weltlust voll ausklingen zu lassen,
formte mit fortgerissener tatkrftiger Hand eine halbdunkle ewige Masse, um den
Funken seiner Seele in ihr verzischen zu lassen. Seine Erzhlung war ein
einziges langes, wildes Lied. Und schon begann ich bohrend zu fragen. Wer war
ich in seiner Erzhlung? Wer war er selbst? War er auerhalb seiner Erzhlung?
Und ich gewahrte, da er nur ein Stck seiner Erzhlung war. Er war die Gestalt
eines Buches, das ich las. Whrend ich es aber las, schrieb ich es, und ich
schrieb es ab von meiner Seele mit Schaudern und Staunen und Neugier. Alles was
ich trumte, war nur ein Buch, das ich schrieb, und es sollte alle die schwere
Weisheit meiner Jugend tragen, sollte im kalten Kelch meinen formlosen, doch
feurigen Wein kredenzen.
    Dies Buch sollte den Titel Zana tragen. Die Lautfgung Zana klang wie ein
Orchester fremder Musik, die ich visionr zu hren bekam. Ich fhlte mich
schwach vor diesem Buche, aber ich besann mich, da es in der Trance geschhe
und gab meine Selbstkritik auf. Noch nie hatte ich Stze von so wollstiger
Bedeutsamkeit gelesen. Alle erschienen sie mir als runde und packende Griffe in
mein Beobachterleben, die gewhnlichsten Worte und Verbindungen waren mir
unschtzbare Fundstcke, so bertrieben gehaltvoll, als htte ich mich eigens um
ihretwillen den Mhen jener Dinge unterzogen, die sie schilderten.
    Wir waren eine Gesellschaft von Weien aus aller Herren Lnder und kamen in
ein Dorf zu Wilden. Wir hatten zweideutige Erlebnisse, lcherliche Erlebnisse
ohne Humor. Ich verliebte mich in Zana, die Priesterin und Knstlerin, immer mit
dem dummen Gefhl, da von rechtswegen noch etwas Romanhaftes passieren msse.
Aber alles Unheil, das wir anrichteten, war, da wir uns nach Krften
blamierten. Zana, ach, ich hatte ein tiefes Verhltnis zu ihr und alle meine
Sehnsucht war in ihr verkrpert. Sie war ein Exemplar mit gut erhaltenen
Instinkten. Ich gab mir redliche Mhe, vor ihren Augen zu bestehen. Aber wir
machten unsere Sache grundschlecht. Die Leute hatten bald heraus, da wir
charakterlos waren und den dringendsten Ansprchen an Menschlichkeit kaum
gengten. Wir konnten ja nicht einmal gehen, geschweige denn von anderem zu
reden. Wie ich sie hate und frchtete, diese Gesichter von Mttern ungezogener
Kinder, die uns mit gutmtigem Hohn auf die Fe stiegen und fr unsere Kleidung
mancherlei tiefgehende Neugier bewiesen! Es war der Stolz von Mttern, die eine
Rasse geboren haben wollten, deren elementare Lebensregungen freudig zu begren
waren. Schon verkndigte sich in ihrem Getrampel der Takt, dem sie sich
einreihen wrden. Sie wuchsen auf zur Bildung, sie wurden gro und stark, sie
formierten eine drohende wagende Kriegermasse. Im Sturmschritt tanzten sie vor
ihren Mttern, ihren Frauen! Die Pace, die Pace, diese war es, diese besaen sie
und uns ging sie ab. Eingeborenenleben, lustvolle Verkrppelungen, freudevoller
Bldsinn des Daseins, all das ist hchst reizvoll und der Pflege wert. Und nun
wute ich auch, warum ich diese Geschichte aus dem indianischen Djungle schrieb.
Ich hatte mich anzuklagen und zu rechtfertigen vor allen Zanamenschen, allen
Menschen einer hheren Gattung, die den Kopf frei trugen und einen inneren
Rhythmus, eine blutige Bestimmtheit mitbekommen hatten, Menschen ohne Masse,
einfache Menschen, die ihre naiven Verrenkungen als schne Krmpfe empfanden!
    Ich horchte in meine Kultur hinaus. Sie war ein weiter Saal, durch die
Menschen raunend schritten, kalt wie in einem Museum. Da war kein Takt, nur von
den Galerien und Gngen, aus den Saalwinkeln und von den Trrahmen hrte ich ein
Treten von Sohlen, Sohlen, Sohlen. Der Zehengnger waren nicht viele. Nicht
viele waren sprungbereit und straff. Sie huschten mit ihren Illusionen an den
Seltsamkeiten und toten Formen hin, ohne sie zu halten. In atavistischen
Kleidungsformen ohne Kraft, Symbolen, deren seelische Mchte gestorben waren,
die den Krper zwngten und den Schdel de verlngerten, komplimentierten sie
sich aus dem Leben hinaus. Diesem Leben fehlten Grausamkeit und Wrde, ein
spter Falter aus heroischerem Geblte pendelte es mit feudaler Verruchtheit im
Gleichgltigen. Mit den Schimmern vergangener Zwecke und dem Atem prahlerischer
Genielichkeit behaftet, leidensunfhig und eitel, finden wir die Kelche des
Lebens bla und leer von Honig. Aber dies ist nicht des Menschen Sinn und
Schicksal. Der Mensch ist vom Katzengeschlechte, klein, schlau und beharrlich,
ressierend, sich steigernd. Die Beobachtung war sein; er war das
scharfsinnigste und jgerischeste aller Wesen. Er hatte durch Beobachtung und
schpferische Betrachtung seine Mae ins Ungeheure geschraubt, whrend alle
anderen Systeme in ihrer Gre zurckgegangen waren. Sein Wille war sein
Schicksal. Seine Beobachtung seine Klaue. Mit seinen Wimpern marschierte er in
Weiten, die die Erde nicht kennt. Mit dem Strahl seiner Augen leitete er Strme,
die ihn, er mu nicht wissen wohin, ins Gute reien. Er ist eine schnelle und
eine tchtige Katze, er pat scharf, und er versteht es, Wild zu sein. Gott hat
ihm Augen gegeben, zu lieben und zu verdauen. Dem Drachen aber den Wanst.
    Beobachtung! Beobachte dich selbst und du nimmst zu! Unter deinem Blicke
schwillt der Muskel. Du entwickelst dich von dir zu deiner Technik, von deinen
Wnschen zu deiner Art, vom Vergngen zur Lust, von deiner Hast zur Pace. Und
die Pace ist gut. Haben wir sie verloren, so wollen wir sie uns wieder holen.
Wir reisen. Wir bezwingen den Wilden, indem wir ihn sehen kommen. Und nun holen
wir uns wieder, was wir fr unser Gehirn eingetauscht hatten, aber wir geben den
Tausch nicht auf. Wir behalten, was wir besitzen. Denn unser Gehirn ist unser
Messer, eine feine Klinge der Beobachtung, die wir nicht vom Leibe geben. Es ist
unsere Pupille in der Nacht, unsere Nster wider den Wind, unsere Sehne zum
sezierten Glied. Frigide Dichter, die Ruhe statt der Lust suchten und
schwchliche Beobachter waren, haben uns die Analyse verleidet. Ein guter
Beobachter aber freut sich seines Sehens. Er sieht nichts, das er nicht gerne
sieht. Er sieht, auf da etwas zu sehen sei. Denn der moderne Mensch ist jener,
der solange hrt, bis das Gras davon wchst. Es geht ihm gut dabei und er legt
sich darin auf den Rcken und singt in den Himmel, wenn es soweit ist.
    Auf der anderen Seite aber sehe ich im Hintergrunde den Takt der
Arrieregarde, das gerettete berbleibsel und den Ruin von uralten Lsten, die
tanzende Phalanx der Brger, eine Humpelmaschine, lustlos und verdrielich. Fade
verlngern sie den Hohlraum der Schdel mit steifen Bruchen und verschnern
ihre Frauen mit engen Symbolen, deren Gleichniskraft erlosch. Das frohe Treiben
alter Wildheiten und die freudige Kunst der Verrenkungen zieht sich langwierig
und unntz durch die Gesittung. Ein schbig gewordener Rhythmus zupft noch
galvanisch an ihren Leichen, raunt noch verblate Musiken zu ihrem Tun und lt
sie hohlzahnige Lieder singen. Darum sollt ihr Verlorenen und Vergessenen den
Brger mit dem steifen Helm guter Mchte nicht schelten! Aber ihr, Wildlinge und
Urwaldseelen, scheltet ihn doch, und lachet lustig, wenn die alte Phalanx tanzt.
Denn eine neue Brgerlichkeit mu kommen! Eine neue strenge Sitte und Zucht,
harte Gesetze und frohe gottgewollte Abhngigkeiten! Lasset die Pace klappern
und freut euch. Die Eingeweide lechzen danach und schon knurren euch die Geister
hungrig ...
    Stille war um mich her und ein weies Licht. Strahlte so der Geist? Ich lag
an der Grenzschneide zwischen Intellekt und Vegetation, ich fhlte, wie hart und
lebendig hier alles war, fhlte diese Formen weien Lichtes, die sich willig
banden und lsten. Ich trumte, oh es war so gut, eine Wirklichkeit war's
zwischen zwei Wirklichkeiten, hhere und gltigere Wahrnehmungen aus dem
Lebensgefhle. Und ich kam innerhalb dieses Zustandes zu dem Schlusse, da jede
Wirklichkeit, je strker, desto trumerischer sei.
    Da nahte ich wieder, wenige Sekunden waren es, da ich sie verlassen hatte,
den bunten Schwrmereien des versinnlichten Traumes. Zana war an den Htten
vorbeigeschlichen. Ich schaute ins leere Sternenlicht. Drauen in der Savanne,
gegen den Djungle zu, erscholl der Heulschrei einer brnstigen Hndin. Ein paar
der Mnnchen im Lager schlugen an. Der Schrei der Hndin ging meinem
traumbeschwerten Herzen aus irgendeinem Grunde nahe. Ich sah Zana, mit
gefesselten Fen in die Knie gesunken, die Arme hinterm Genick verschrnkt. Da
fhlte ich meine mnnliche Unzulnglichkeit. Wie Schuppen fiel es mir von den
Augen: all diese Huld konnte mir gelten; auch mir, wenn ich ein anderer wre,
mit ebeneren Gliedmaen und einer entsprechenden Haltung. Die Kleider, die mir
grotesk um den Leib hingen, mifielen; ich ahnte Zanas abfllige Blicke darauf
gerichtet. Man mte - ha, es war ein vortrefflicher Gedanke, dieser Gedanke von
den Kleidern. Im Traume merkte ich, da ich leis und zufrieden vor mich hin
lchelte. Mein Krper sprte ein gutes Wohlsein. Das Lcheln wurde breiter, es
kam aus dem Hirn, aus den Eingeweiden, es nahm den ganzen Krper ein und lste
sich endlich als klingendes Lachen aus meinem Halse los. Hallo? Eine Vorstellung
war mir durch den Kopf geschossen. Ich sah in der Ferne einen Mann vorbergehen,
den ich van den Dusen nannte. Ein guter alter Bekannter, eine gelufige Figur
meiner Phantasie, ein Standard meiner kritischen Beschftigungen, der Typus des
Durchschnittseuropers. Er kam aus einer Htte, die weiter oben an der
Wegbiegung lag. Seine Gestalt war feist und schwerfllig und bewegte sich
verzagt vorwrts. Aber noch etwas war an ihr, das mich lachen machte, das mich
zum Biegen brachte vor Lachen, tiefem, donnerhnlichem Lachen. Mein Rcken
schmerzte, er krachte, sprhte vor rieselndem Schmerz, ich fand pltzlich, da
mein rechter Arm eingeschlafen war und zog ihn auf Umwegen zu einiger Ttigkeit
heran. Der Himmel stand voller Sterne. Sie gingen in Paaren und koppelten und
bildeten wurmstichige Monde. Ich lag am Rcken und schwelgte in der Schrfe, mit
der ich sah und dachte. Da berkam mich das Lachen, ich lachte fanatisch - - - -
- - - - - - - und drben kam van den Dusen in einer weiblaugestreiften Badehose
aus seiner Htte. Ich hatte die Wirklichkeit getrumt!


                                      XIX

Am nchsten Tage schien die Sonne so hell wie je zuvor. Wilde Gerchte
durchsprengten das Dorf. Der Gott war in der letzten Nacht von seinem Standplatz
in der Htte, den er nun schon seit langem nicht mehr verlassen hatte, gen
Himmel aufgefahren. Er hatte ungeheuerlich gesprochen, hatte zu Herzen gehend
gebht und getutet und war in die sternenhelle Nacht hinaus verschwunden. Vor
den Augen der groen Jger war es geschehen. Als er wiederkam, hatte er mit den
Weien gerungen und sie mit Untersttzung Luluacs furchtbar besiegt. Er hatte
die helle Haut mit unauslschlicher Verachtung und berlegenheit ins Feuer
geworfen. Zana hatte getanzt wie noch nie. Es waren Zeichen, und groe Dinge
mochten bevorstehen. Es war ein guter Tag fr eine indianische Seele. Aber fr
die Nerven war es ein unerklrlicher Tag, denn alles kam sich unerklrlich vor.
Es war einer jener Tage, an dem Frauen mit ihren Mnnern zetern und die beiden
Geschlechter ihre Rollen getauscht zu haben scheinen, weil sie mivergngt ber
die Abwesenheit ihrer natrlichsten Sehnsucht sind. Ein kalkweies drres
Sonnenlicht fllte den Raum, ohne von den Dingen Schatten zu werfen. Das
Geschwtz war obenauf. berall aus den Htten ertnten aufgeregte Stimmen, die
Mnner waren trumerisch und faul und die Weiber fhrten das groe Wort. Nein,
sagte ich zu van den Dusen, indem ich ihn mit einem neugierigen Blicke ansehen
mute, seh' ein anderer, wie er aus diesem Dilemma herauskommt, ob er sich fr
Glauben oder Zweifel, fr Mystik oder Pferdeverstand entscheidet. Ich habe von
dieser Nacht genug. Da warf er mir einen rtselhaften Blick zu und ich begann
zu zittern und wute nicht, warum. Es kam durch die Schwche in meinen Gliedern,
die von Schmerzen zermrbt waren. Und dann dachte ich grndlich und sonnig ber
manches, ber soviel, ja soviel Sachen nach.
    Meine Nerven blieben sachlich und ohne Verschwommenheit. Es war ein durchaus
vernnftiger Tag; und ein allgemeines Naturgefhl erlebt fremde Zonen ungefhr
mit dem Eindrucksvermgen des Eingeborenen. Ich habe die Dmonen der Exotik nie
kennen gelernt. Als ich diesen Morgen erwachte, empfand ich Ha, nichts als
wilden Ha gegen die gleienden Schauer, die von oben kamen, gegen das
ungemnzte lautere Triefgold, gegen die Trivialitt dieser steten steifen
Blondigkeit des Raumes. Es war hei, sehr hei; aber die poetischen Schwlen und
Feurigkeiten dieses Daseins, die uns die Dichter vorgeredet haben, suchte ich
vergebens. Stimmung, dies ist keine Stimmung in gebundener Form, ein fertiger
Sinn von ein paar netten anschaulichen Stzen. Stimmung ist vielmehr eine
Unsumme Kleinigkeiten, mit denen man je nach Anlage vertraut ist. Vterliches
klopft mir im Reisen auf die Schulter und fremde Lnder sind mir oft allzu
verwandt. Ich entdecke mit Entsetzen, da die Welt drauen so ist, wie ich bin,
aber nicht sein mchte; eine milde hnlichkeit mir entgegenbringt, die mich
berrascht; whrend die Heimat strenge zu mir ist und stets anders als ich. Ich
ziehe aus, um den Helden zu finden; die vollstndige Neuheit und Andersartigkeit
auf dem Gebiet des Menschlichen; aber ich entdecke stets wieder den einen und
denselben, und nun mu ich schon annehmen, da hier auch alle Heldenhaftigkeit
beschlossen liegt. Die Kreatur in mir, die so allmchtig und stark ist, kehrt in
alte Jagdgrnde zurck. Broadways, Boulevards und Ringstraen sind exotisch,
seltsam und mystisch bewegt. Aber der quator ist eine schnurgerade gemtliche
Empfindungspassage. In den Rippen der Kordilleren hat man ungefhr die
Hemmungen, Sorgen und Symptome von Laune wie in der Gloria der grandiosen
Porphyrleiche der Dolomiten. Und der wirkliche Weltmann empfindet die
Anwesenheit der Pittoreske wenig, ob sein Zug von einer Schar verhungerter
Tramps mitten in der texanischen Prrie zum Stillstand gebracht wird, im
Whitechapel znftige Taschenzieher ihn nach allen Regeln der Kunst in einem
Erdgescho an den Kamin knebeln, oder halbwchsige Plcher in einer Vorstadt
Wiens mit dem Feitel bedrohen. Whats the difference? wrde Slim gesagt haben,
und das war die erlsende Haltung.
    Traun, ich war ausgebrochen, um das subjektive Land, die subjektive Stimmung
und den subjektiven Menschen zu sehen, wobei es sich natrlich immer um mein
eigenes hbsches Subjekt handelte. Aber ich entdeckte nichts, das gerade fr
mich dagewesen wre; denn es war alles fr mich da, und statt des wunderbaren
duftigen Landes entdeckte ich einen allgemeinen und gewhnlichen alten Planeten,
die Erde. Wie ich hier wieder einmal in meiner Htte lag, unruhig dem tropischen
Morgen trotzend, der mit einer schnurrenden Lebensuerung des geweckten
Djungles anhob, unterschied ich deutlich das wirkliche Ergebnis meiner
Forschungsreise vom herkmmlichen; ich hatte nicht Brasilien, auch nicht den
brasilianischen Kaiser entdeckt, sondern die brasilianische Seele des Planeten.
Was war meine ganze Reise bisher mit ihren Abenteuern, denen der gewnschte
schngeistige Zug des Heldenhaften emprend mangelte, anderes gewesen als ein
kurzer Abri gattungshafter Erfahrungen? Wohin anders reisen wir, als nach
rckwrts in unser eigenes Gedchtnis? Mit erhellterem Kopfe sah ich mich in die
Chancen unmndiger Zustnde tauchen, in wilde Ureigentmlichkeiten und
Katzbalgereien, in die Morste meines Blutes und des pflanzenhaften
Glcksbetriebes. Und langsam reifte die Genesis wieder zu mir heran, ein
Doppelgnger der Entwickelung entstand durch die Spiegelungen meines Gehirns in
einem hheren Kreise, einem unsinnlichen Mittel, in einem anderen Phantoplasma.
Mein Gehirn machte noch einmal den ganzen Weltproze durch, veranstaltete eine
brennpunktkleine Neuausgabe von ihm. Aber whrend es die Entwickelung spiegelte,
reifte es sie aus. Man mu nicht nur des Kurzen dorther kommen, woher man
eigentlich des Langen kommt, sondern mu auch darum wissen, darum irren, ja,
vielleicht sogar darum lgen. Was ich tat, war zweierlei in einem, soviel war
klar. Ich tat eine Reise mit sinnlichen Erlebnissen, halb banaler und halb
bedeutsamer Art; und tat eine Reise der abstrakten Erkenntnis, unter der jeder
geographische Boden schwand und ein Fleck des Planeten so gut war wie der
andere. Und ohne da ich selbst geschult und tatkrftig die Fden in der Hand
hielt, blo, indem ich mich mir und dem Leben hingab, schlug sich das Leitmotiv
in der Verquickung der Wirklichkeiten endlich nachdrucksvoll durch. Von der
Zelle bis zur Selbstbespiegelung: dies ist ein langer Weg, ist der Amazonenstrom
der Menschenseele, ist ein brasilianisches Urwald- und Flusystem des Gemtes!
    Beobachtung, bitte, das ist mein Haupttrumpf, ist Postulat. Der
Schpferische sieht, hrt, schmeckt, riecht und tastet in die Weltdinge hinein,
und siehe da, sie werden unter seinen Sinnen wirklich. Man knnte diese Formel
auch umkehren, sozusagen eine zyklische Vertauschung vornehmen, und an ihrem
Werte wre nichts gendert. Man knnte nmlich sagen, alles Erkennbare sei
bereits als Masse vorhanden, und die Analyse sei nur die rstige Pickel, die den
Abbau betreibt. In dieser Form gibt es der selbstverstndlichen Ansicht
Ausdruck. Aber hier setzt ein anderer Gedanke ein. Von zwei Auslegungen wird die
reichere und unbestimmtere die bessere sein. Und die reichere war offenbar jene,
nach der mein Drang sich neigte. In jenem hheren Kreise der Vernunft, wo die
stoffliche Welt ein vertauschbarer Schein war und nur ihre Wirkung als Gedanke
zhlte, waren beide Auslegungen berholt und das alte Symbol vom Wasserrad fand
seine Anwendung. Innerhalb des einmal bevorzugten Phantoplasmas konnte man sich
an die Norm oder an das Paradox halten. Das Paradox war richtiger, so oft es
sich als fruchtbarer erwies. Wahrheit war Fortbildungsfhigkeit, Stillstand
allein war Lge. In meinem Falle war, wie schon so oft, das Paradox auf meiner
Seite, es war von Leuchtkraft fr ein ganzes Jahrhundert, und, war es auch
vorlufig wie alle Ergebnisse des Denkens, so ging doch eine mchtige Freude von
ihm aus fr alle, die guten Willens waren. Es erfordert Kraft, einen Widerspruch
auszudenken, ohne ihn zu lschen oder zu reimen. Ich war nicht in jeder Stunde
trefflich, meine eigenen geistigen Hchstleistungen nachzuahmen. Es gehrte der
Gewaltakt dazu, und er war oft unratsam, wenn die Krfte nur zur Norm reichten.
Was aber bewies dies? Da zum hochnormierten Denken nicht blo die Unrichtigkeit
gengte, sondern da auf die Beziehungen, die im Phantoplasma gegeben waren,
Rcksicht genommen werden mute: sie muten berwunden, nicht umgangen werden.
    Aufgepat! sagte ich mir, und mein Gesicht war vom Schmerz des Nachdenkens
qualvoll wie bei einem Weinenden zusammengezogen, gleichsam auf sein Mindestma
reduziert. Aufgepat, Beobachtung ist Postulat. Forschung ist Konstruktion. Ich
trete den Beweis an. Wir haben an der Hand einer emsig betriebenen Beobachtung
mit einer Anzahl von Weltbildern und Weltgefhlen abgewirtschaftet, die frher
bombenfest Gemeingut waren. Sie gestalteten das Leben weder sicherer noch
unsicherer als heute. Was man nicht wute, machte nicht hei. Was aber hei
machte, wute man um so inniger. Gott war so viel wert wie ein
Universittsprofessor. Kulturen ohne Psychologie des Ichs und seiner Objekte
verankerten das Menschenkind in seiner Wohlfahrt nicht schlechter als die
unbeschrnkteste Aufklrung. Dies beweist, da durch unsere Analyse, unsere
Skepsis und unsere Aufklrung nicht Dinge entdeckt wurden, die frher bersehen
waren, sondern da die Beobachtung selbst Ungeheuerliches hervorbrachte. Der
Gedanke des Fortschrittes als des Abbaues einer goldhaltigen Mine ist das
Geschpf einer fortschreitenden Kultur, einer Seele mit einer Bewegung und einer
Dimension mehr. Aber die Dimension ist erst durch die Seele da, der Fortschritt
erst durch die Kultur; sie schreitet fort, aber sie ist nicht selbst ein
Fortschritt zu anderen Kulturen. Da Moki durch die Lfte fliegt, ist nicht mehr
und nicht weniger sicher, wie da unsere Aviatiker sich die Knochen brechen.
Aber wir beobachten diesen letzten Umstand mit Hilfe von Zeitungsreportern, und
darum ist er wirklich. Nun aber kann man, und dies ist hchst mystisch und
schwindelerregend, Beobachtungen mitteilen, man kann eine ganze Versammlung, ein
ganzes Publikum beobachterisch infizieren, wie brigens beobachtet wurde. Und so
knnte man wohl auch einem Indianer einreden, da soeben ein berhmter Aviatiker
auf den Kopf gefallen sei. Und er wrde sich diesem religisen und kulturellen
Ereignis wohl kaum entziehen knnen. Alle beobachten es, und nun beobachtet er
es desgleichen. Man knnte vermuten, da die Beobachtung ein Dichter ist, der
sein Buch aus dem eigenen Kopfe abschreibt. Je besser der Beobachter, desto
grer das Plagiat seines Ichs. Ich sehe Morste, Raubtiere und Jgermenschen
nur darum, weil alles in mir nach der Gestaltung dieser Erscheinungen drngt.
Ich finde dieses Prinzip in mir vor, und es wird mir der Schlssel zur
Auenwelt. Nun beobachte ich den Beobachter, ich falle ihm in den Rcken, ich
recke und turne mich an meinem Gesichtswillen empor und betrete Schritt vor
Schritt erst dmmernde, dann hartgestampfte Dimensionen ... Die gedankliche
Abhngigkeit aber, die zwischen mir und der beobachteten Umwelt entsteht, wirkt
auf mein Wohlergehen zurck. Zwischen den transzendenten und den epidermalen
Vorgngen besteht die wichtigste, nchste, nein, die einzigste Beziehung. Darum
sind Gehirn und Eingeweide einander in der Formation hnlich, und was dazwischen
liegt, ist nur die Treibung und Verrumlichung endgltigerer und einziger
Lebenswahrheiten. Dieses Zwischending mit den vielen mglichen Dimensionen habe
ich das Phantoplasma getauft. Es ist in Paris anders als am Urwaldflu, heute
anders, als es vor Jahrtausenden war. Gehirn und Eingeweide aber sind die
gleichen. Das kommende Phantoplasma aber, ber dessen Gnstigkeit vor anderen
jene letzten menschlichen Tiefen allein Rechenschaft ablegen, die noch jngst
einer sthetischen Lebensgarnitur den Vorzug geben, dieses zu erwartende
Lebenssystem ist die Welt des Jger- und Beobachtermenschen. Ich kreiere seinen
Typus. Aber vor meinem Wunsch war die Botschaft schon in mir bereitet. Er wird
mit dem Spiegel geboren werden. Und sein Kopf, diese nackte Spiegelflche,
dieses an sich Wesenlose, wirft sein verkleinertes und vergrertes, sein
vergrbertes und verdichtetes Bild auf alles, was ihm begegnet. Wozu reist
dieses Geschlecht? Um den Menschen in sich zu erreisen. Man reist nicht in ferne
Lnder mit seltsamen Klimaten und verblffenden Erlebnissen: tte man's, man
wre enttuscht, nichts als Spiebrgerlichem und Ernchterndem zu begegnen, zu
dem man nie die Rusche gehabt hat. Aber der Weltmann, der Vorlufer des neuen
Menschen, ist bei seinen Reisen auf andere als impressionistische Ausbeute
bedacht. Scheinbar reist er rckwrts in seine Erfahrung, in die Weltgeschichte,
in die Biologie und nimmt noch die Urzelle als Maske vors Gesicht. Aber auch
dies ist schon ein alter, verjhrter Standpunkt. Rund um ein Problem macht er
sich Bewegung, und einer Figur zuliebe, die vielleicht erst in hundert Jahren
mit beiden Beinen im Leben stehen wird, kreuzt er den Ozean. Er hat mrderische
Duelle mit dem Paradox und verwendet Riesenkrfte an die berwindung der
Dimensionen. Denn er wei, da die Richtung, in der er denkt, halb ist. Geht das
reine Denken nicht im Widerspruch vor sich, an jener hheren Grenze, die ber
den zureichenden Grnden der Phantoplasmen verluft? Immer denkt er in die halbe
Dimension, in Traum oder Wachleben, und nie in ihre hhere Einheit. Rund ist die
Welt, und was ist oben, was unten, was links, rechts und hoch und tief? Lngs
der Beobachtung luft er in wunderbare Urgrnde zurck - aber, ahnt er, da er
nach vorwrts strmt? Sein Hirn ist unantastbar spiegelblank. Die Vergangenheit?
Verzeihung! Die Zukunft! Die Vergangenheit ist ein Buch mit sieben Siegeln. Das
Gedchtnis zeigt in die Zukunft. So ahnt er die Zusammenhnge, die innerhalb des
Phantoplasmas zu liegen scheinen, als eine Abschichtung von Instanzen, deren
niedrigste das Phantoplasma selber ist. In ihr macht er sich eine Vergangenheit,
da sie ein Gleichnis seiner Zukunft sei. Birgt er Widersprche in sich, der
Mann, die ihm ein Kind nachrechnen knnte? Ein Kind vielleicht, doch ein
Erfahrener, Erfahrteter wohl nicht. Was tut's? Die Hygiene des Denkens gibt ihm
Kraft, Lust und Recht. Zum prmiierten Denken gehrt der Widerspruch. Ahnt man
eine spte ungestckelte Dimension, in der das Physische sich transzendental
uert? Die Zeit ist als vierte Dimension entlarvt. Gibt es keine fnfte, und
kann man jene nicht bewegen? Ha, ich probier's! Ich stemme mich mit beiden
Schultern gegen die Zeit, ich suche sie aus ihrer Bahn zu drngen, ich fordere
mich zum Gewaltakt heraus. Eine Linie, aus sich selbst gedrngt? Eine Flche,
gut! Wenn ich nun denke - ich ahne es schon! - und zu gleicher Zeit dawider
denke - hurra, da haben wir's! Denken ist zeitlich. Wenn ich nun denke und
zugleich dawider denke, so verschiebe ich die Zeit in einer hheren
Anschauungsform, die nicht Zeit ist. Die Zeit wird senkrecht zu sich selbst
gebracht. Ich erhalte eine neue Dimension. Der Block Zeit hat sich gerhrt, er
schweigt zitternd, eine Dmmerung von Ruck, ein Hauch von Erfolg ist es gewesen.
Pat auf, wir kriegen die Zeit noch herum! Knnen Sie um die Ecke sehen? Wir
aber, wir denken um die Ecke. Wir denken in Winkeln, Kanten und Kristallen. Und
wir werden es, verlassen Sie sich darauf, dahinbringen, da wir sozusagen in
Dodekaedern denken, wo der Gedanke zu gleicher Zeit einen ganzen Korb von Malen
gegen sich verschoben hat! Uff, wie es anstrengt!
    Ich richtete mich auf. Vor der Tr lag der von unzhligen Tritten
festgewordene Lehmboden im weien Lichte. Als ich des bewut wurde, kam mir der
bellaunige Drang zu schreien. Ich sprte den Eigensinn bis in die Gliedmaen,
die nervs waren und jede einen anderen Plan zu haben schienen. Dabei stellte
sich ein unbehagliches Gefhl der Zerstckelung ein. Ich dachte nach. Was war
geschehen? Und glaubte, mich beruhigen zu knnen. Noch war ich im Vollbesitze
meiner geistigen und leiblichen Gter. In der Htte war alles in bester Ordnung.
Es fiel mir ein, da ich zusammenpacken knnte, denn nach all dem, was gestern
vor sich gegangen war, wrde Slim mit seinen Absichten nun wohl endlich Ernst
machen! Hurra, da gab es dann doch wieder Abwechslung! - Dieser Ausdruck eines
Aufschwungs an Laune kam aber gleichsam etwas dnn heraus. Na, aber doch. Also?
Tja - nein, es ging nicht. Da kam ich nicht herum. Und weil ich mich mit mir
selbst nicht auskannte, traten mir boshafte Trnen in die Augen. Es war zwar
nichts Besonderes los, aber meine Glcksfhigkeit war doch erheblich vermindert.
Ich fhlte meinen Rcken; es stach noch heftig, in Flchen zuckte der Schmerz
das Kreuz hinab. Es war die deutliche Erinnerung daran, da ich mich vor Zana
blogestellt hatte. Denn darber konnte jetzt kein Zweifel mehr bestehen: mit
peinigendem Gedchtnis erinnerte ich mich an den Gesichtsausdruck der
verschiedenen Personen, die es mit angesehen hatten, und zwar mit einer Schrfe,
die meine gestrige Dreistigkeit und Nonchalance in bezug auf meine Umgebung
Lgen strafte. Durfte ich zugeben, da ich um Zana litt? Ich litt. Aber es war
nicht Liebeskummer, sondern Geschlechtsgram. Ich wute mein Geschlecht
beeintrchtigt, mein Selbsterhaltungstrieb in den Lenden war herausgefordert,
und man bestritt mir meine Mnnlichkeit. Die Verneinung als Geschlechtswesen
wird wie leibliche Tyrannei empfunden. Ich wollte toben, das Stroh
herunterreien, mit Checho anbinden. Ich war hysterisch.
    Was jetzt? Ich begehre zu wissen, warum man reist. Reist man vielleicht, um
sich zu drcken? Es hat keinen Nutzen. Denn, lieber Hans, willst du auch in
einem neuen Lande und unter andersartigen Menschen endlich das gesunde
Verhltnis zu deiner Umgebung finden, verlierst du dich doch von neuem. Nimmt
einer Reiaus, um in fremde Lnder zu gehen, und schlgt sein Zelt in einem
weltverlassenen Dorfe im Djungle auf: gleich tritt die Aufgabe an ihn heran,
sich eine Position zu schaffen. Er sieht sich der tanzenden Phalanx der Brger
gegenber, den geschlossenen Kreisen, den Wrden und Schnheiten und
Schmuckstcken, mit einem Worte: der Pace. berallhin trgt er seinen inneren
Menschen mit, fr den es keine Geographie gibt. Und exotischer denn eine
brasilianische Wildnis ist die Strae im Verkehrszentrum einer groen Stadt. Ein
freier und glcklicher Mensch wei in smtlichen Gesellschaften der Welt die
Gleichgewichtslage inmitten der Konventionen einzunehmen, ohne sich und sie zu
stren. Ein schofler Kerl mit einem niedertrchtigen Gemte wird sich berall
belauert finden, annehmen, da er kaltgestellt wurde und da seine wrdige
Person nicht ins richtige Licht gerckt ist. - Nun mag es Seelen geben, die
berall als Gste auftreten, nirgends mit anpacken, sondern sich hofieren
lassen. Sie sind von mchtigem persnlichen Zauber, ihre Erwartungen sind
hochgespannt und gleichsam naschhaft; kein Land wird wagen, sie zu enttuschen,
und ihnen die seltensten Impressionen bieten. Diese gastierende Truppe von
Weltreisenden reist ohne Persnlichkeit. Menschen, die nie bei sich sind, finden
berall das andere. Wer aber in sich daheim ist, sieht berrascht, wie der
Djungle ihm dieselben ewigen Notwendigkeiten mit freigebiger Hand vorstreckt und
nichts anderes zu vergeben zu haben scheint. Er ist der Abkmmling jenes
nordischen Geschlechts, dem man eine Horde Lwen entgegenjagte - die erschlugen
sie mit ihren Kntteln und glaubten, es wren blonde Hunde gewesen. Und immer
wieder werden, wenn die alten, rassigen Kulturtrger faul werden und das Leben
nur mehr zu einem aufregenden Zirkusspiel gestalten, wenn die Lust der
Beobachtung greisenhaft zu kindischen Anfngen zurckkehrt und der Jgerinstinkt
zur Behaglichkeit des Varietzuschauers verderbt, diese alten Knttel in unserem
Blute lebendig. Das Leben ist ein solcher Lwe und das Geschlechtliche und die
fremden Lnder und alle die bissigen Dinge, die man uns jngst noch vorgesetzt
hat. Dann ist es Zeit, dann tritt einer unter uns auf und verkndet die blonden
Hunde, wir treten den Gegenstnden unserer Beobachtung ehrlich Aug' in Auge
gegenber, stellen uns einer Wirklichkeit und schlagen die neuen Lwennamen
hundetot.
    Gesetzt, in einer europischen Gesellschaft wrde das Thema angeschnitten.
Was ist's mit den indianischen Djunglen, hoho, erzhlen, erzhlen! - Meine Damen
und Herren, es tut mir leid, da ich Sie werde enttuschen mssen. Mit den
indianischen Djunglen ist es nmlich nichts. Es gibt sie kaum. Ich rate Ihnen zu
irgendeinem Kohlenweiler, oder doch zu einem Kaffeehause. Man hat Ihnen die
Tropen in einer falschen Tonung zur Kenntnis gebracht. Bilden Sie sich nicht
ein, Sie knnten dort auf die Pantherjagd gehen; dort erdrosselt man das
Raubtier genau mit einer Kette von Treibern, und das kommt auch bei uns in den
besten Familien vor. Die Gefahren werden aufgerieben, und unter dem sdlichen
Kreuze hausen Sie langweiliger als unter der elektrischen Birne Ihres
Hotelzimmers. Wrde ich von dem Djungleleben erzhlen, seinen Sitten und
Situationen, Sie wrden mich in Verdacht bekommen, ich triebe Spa und erlaubte
mir eine Satire auf Ihre Kosten. Frulein Zauner - und hier verneige ich mich
vor der Inhaberin dieses berhmten Namens und fordere die Herren und Damen zu
einem dreimaligen Hoch! auf die verehrte Freundin und Knstlerin auf! - so,
Frulein Zauner wrde es als eine persnliche Spitze empfinden, wenn ich von
meinen Erlebnissen mit einer ihrer Kolleginnen im fernen Sdwesten berichtete.
Und nun mu ich Ihnen in der Tat ein Gestndnis machen. Ich bin nicht der Held
und Abenteurer, fr den Sie mich halten. Ich danke fr Ihre zuvorkommende
Meinung - aber ich mu zugeben, da sie mich in eine schiefe Stellung drngt.
Sie zwingt mir eine Geste auf. Und wenn Sie so fortfahren, dann wird es nicht
lange dauern und ich werde mich selbst von dem, der ich in Ihren Augen bin,
nicht mehr unterscheiden knnen. Denn die Wahrheit ist, da ich auf meinen
weiten Reisen, die ich grndlicher und tiefer zurckgelegt haben mag als mancher
andere, nichts zugelernt, und, was wichtiger ist, nichts vergessen habe, wie
einst die bekannten Berufsknige. Alle meine Krfte und Sorgen, meine
Leidenschaften und Hemmungen, sind legitim geblieben. Es ist mir nicht, wie Peer
Gynt, dem Phantasten ohne Persnlichkeit, gegangen. Immer habe ich gewut, wo
mein Kaisertum unerledigt geblieben ist und wo die Arbeit und die Mission des
Lstebringers auf mich warten.
    Denn zutiefst im Menschen liegt der Hunger nach Lust. Dieses Lustmotiv ist
der Angelpunkt des gesamten vegetabilischen und animalischen Lebens. Es drfte
Ihnen kaum neu sein, dies zu erfahren. Aber neu ist Ihnen vielleicht das
Folgende: Im Animalischen hat es sich, je hher der Typus steht, einen desto
feineren und verwickelteren Apparat geschaffen, die Phantasie. Diese ist,
obschon sie auf dem Prinzipe der Spiegelung beruht, der Trger aller
Gestaltungs-und Schpferkraft. Sie beobachtet und reflektiert und holt scheinbar
aus dem Felsen des Bestehenden die Goldader der Erkenntnis; in Wirklichkeit
hrtet sie diesen Felsen, das Phantoplasma, erst mittels Erfahrung. Zu den
ewigen Gesetzen einer ewig gleichen Natur, die sich an uns erfllen, nein, deren
Erfllung wir wahrscheinlich sind, haben wir uns je einen Zirkel, ein System von
Grnden erfunden. Aber diese Grnde sind nie triftig, auch nicht fr unsere
Existenz. So wie wir hier versammelt sind, so sind wir auch die geborenen Lgner
und Heuchler, pathologische Schwtzer, die wir die Wirkungen flschen, die wir
aufeinander ausben. Unser wirklicher Verkehr findet durch organische Teile des
Krpers statt, die wir nicht kennen und kaum je kennen lernen werden. Wir
beeinflussen einander durch Paniken. Wie grauenvoll abgesperrt und einsam wren
wir fr einander, wenn nur der Bewutseinsakt allein uns vereinigen knnte! Und
nun sehen Sie, die Dinge, die ich auf meinen Reisen erlebt habe, waren so fade,
gemein und abgeschmackt, wie es nur je die Dinge unter Menschen sein knnen.
Aber mir war es gegeben, fr eine kurze Weile in ein fremdes Phantoplasma zu
reisen, einen fremden Lebensakt in mich einzuschalten und abzuspielen.
    Da war ein Indianermdchen namens Zana, von kleinem ausgeprgtem Wuchs. Ich
liebte sie, es war fr mich Gesetz, da ich sie liebte. Aber was wute ich von
ihr, was konnte ich von ihr wissen? Sie alle, die Sie hier meine Gste sind,
wren vor der fremden Welt so unklug, hilflos, voreilig oder planlos gewesen wie
ich. Die kleinen Reibungen der vielen Ichs in einer gegebenen Nachbarschaft
nehmen den Ablauf des Lebens ein hier wie dort und schaffen die Qual der Enge,
dann die Linderung oder schmerzhafte Klte der Trennung hier wie dort. Und
ihretwegen vermeide ich die ausfhrliche Berichterstattung, da niemand sich
getroffen fhle. Denn meine Erlebnisse sind stets so gewesen, da sie immer nur
Anspielungen auf die Grunderlebnisse meiner und Ihrer Kultur wren.
    Das Wesentliche bleibt berall unter den Gestirnen gleich. Alles, was
Abwechselung in die Monotonie des Reisens bringt, ist die genderte
Anschauungsform, die vage Erinnerung an uralte Zustnde; das fremde
Phantoplasma. Niemand von Ihnen, wenn ich so die Tafel hinabblicke und mir die
vollzhlig erschienenen Typen unserer Kultur beim Namen nenne, wird sich von
dem, was ich wirklich zu erzhlen htte, eine Vorstellung machen knnen. Ihre
Anschauung ist zu einseitig, selbst zuviel hherer Djungle und zu organisch, als
da sich in ihr ein anderes weitaus primitiveres und unmittelbareres
Phantoplasma spiegeln knnte. Wie kann ich Ihnen Existenzen des Djungles vor
Augen rcken - vielleicht, sage ich, knnte ich eine schriftstellerische
Lebensaufgabe daraus machen, ein Erziehungsproblem, eine Modernisierung Ihrer
Vorstellung ins Werk setzen. Denn ich ahne voraus, da sich Zukunft und
Urvergangenheit berhren. Sie aber, meine Damen und Herren, befinden sich
augenblicklich gleich weit von beiden entfernt. Und doch wre es wert,
jedermanns Aufmerksamkeit auf die wichtige Tatsache zu lenken, da er vom
Djungle abstammt und da das moderne Leben alle die alten Tugenden von ehemals
wieder in ihm zu entfesseln strebt.
    Nun setze ich voraus, da Sie alle meiner gewagten, aber uerst
gleichniskrftigen Behauptung zustimmen, wenn ich unsere Kultur in ihrem
Hochstande eine solche der fnften Dimension nenne. Das ist ein Gleichnis, denn
merken Sie wohl, auch ich spreche hier nur als ein Geschpf des Phantoplasmas,
und die realen Wirkungen, die ich mit Hilfe meiner Dialektik auf Sie auszuben
scheine, sind schlechterdings nichts anderes denn eine logische Umschmelzung von
Vorgngen, die unserer Aufsicht entrckt sind. - Hm. Geben Sie acht! Der
Djunglemensch hat ein Phantoplasma. Es entrollt sich in der zweiten Dimension.
Nur die tchtigsten Kpfe unter uns begreifen die fnfte Dimension; diese
eigentmliche Verschiebung des Denkens innerhalb der Zeit. das organisierte
Denken, das, mchte ich sagen, sich zum anorganischen Denken verhlt, wie der
dualistische Geschlechtsakt zur Parthenogenese. Derer, die so denken knnen,
sind ganz wenige. Der Djunglemensch aber kennt nicht einmal die vierte
Dimension, die Zeit, den fortgerissenen Raum. Denn erst die Idee des
Fortschrittes konnte den Begriff der Zeit vollstndig mit einem
Anschauungsmomente decken. Der Djunglemensch sieht kleine und groe Organismen,
junge und alte Kreaturen, er kennt ein Wachstum und begreift es als leibliche
Wohlfahrt. Aber er kennt keine Schichtungen und keine Entwickelung. Er bleibt
stationr von der ersten Minute seines Atmens bis zur letzten. Bilden Sie sich
nicht ein, der Djunglemensch wrde, wenn Sie als Vertreter einer reiferen Rasse
bei ihm eintreten, ein Einsehen mit Ihrer berlegenheit haben. Er hat die Zeit,
die in Ihnen vorgespart liegt, nicht begriffen. Er lebt in der Ewigkeit, im
seienden Raum, der ihm niemals unter den Fen fortbewegt wurde zu einer hheren
Existenzform, zu technischen Umgestaltungen oder geistigen Manvern. Nur wer die
Ewigkeit verliert, entdeckt die Zeit - wir verloren und entdeckten.
    Haust der Djunglemensch also in der dritten Dimension? Nein. In der zweiten.
Sein Leben spielt sich in der Flche ab. Er ist noch nicht einmal beim Raume
angelangt. Mein Beweis ist kurz: er hat keine Tiefe. Sie werden behaupten, das
sei ein Wortspiel. Und ich erwidere Ihnen, da ich gelernt habe, meine
berzeugung aus Wortspielen zu holen. Die Sprache ist verllich, oh wie
verllich! Alle Philosopheme und Weltanschauungen sind aus Worten geboren, die
man spter einmal als Irrtmer bezeichnet hat. Spter einmal, das heit zu spt.
Sie kennen das Sprichwort vom Brechen der blhenden Rose, vom Schmieden des
glhenden Eisens. Zurecht kommen zu einem Schpfungsakt, nicht trge, sondern
pnktlich sein, dabei sein - das ist alle Wahrheit! Denn sehen Sie, zur
Richtigkeit gehrt etwas anderes als Freiheit von Irrtmern: der Takt, die Pace.
Nur Wahrheiten, die Pace haben, gelten.
    Und die Gebilde des Wortes besitzen Takt. Aus ihnen entsteht dem, der dazu
neigt, ein herrliches Phantoplasma. Der Djunglemensch jedoch hat keine Sprache
in unserem Sinn: sie ist ihm nicht eine Anschauung hheren Ranges wie uns. Bei
ihm sind noch die primren Knste daheim: Musik, Tanz und Malerei, und sein
Dasein, seine Wurzelexistenz spiegelt sich in ihren Erregungen. Er beobachtet
sozusagen mit anderen Organen, als wir es tun. Seine Beobachtung ist
zweidimensional. Er beobachtet in die Flche. Wir beobachten in die Tiefe, in
die Entwicklung und in die Inversion. Unsere Beobachtung erstreckt sich
letzterdings auf uns selbst. Wir sind introspektiv, er ist grausam. Neugierig
sind wir beide.
    Einen Augenblick, bitte. Ich mu zurckgreifen, um Sie mitzunehmen. - Was
erlebt der moderne Reisende? Nicht nur die wunderbaren und abenteuerlichen
Exzesse seines sensiblen Nervensystems, sondern auch die Worte und das
Bewutsein hierzu. Kommen Sie aber davon ab, gehen Sie noch um einen Grad weiter
in Ihrem Denken, nehmen Sie eine Umstlpung, eine Inversion des zeitlichen
Denkens in die fnfte Dimension vor und denken Sie sich zu diesem kolossalen
verantwortungsvollen Bewutsein einen bildnerischen Gesichtssinn, so haben Sie
einen Maler, der scheinbar zu den Ursprngen der Malerei zurckgekehrt ist, und
der der Malerei gibt, was ihrer ist: die Flche - und der trotz seiner Betonung
des Physischen, trotz seiner urhaften Ausdeutung des Beobachtenden im Menschen
als des Grausamen, der geistigste, wissenschaftlichste und ichgewandtste
Figureur aller bisher gewesenen Knstler ist. Und Sie verstehen, da ich somit
wiederum nicht etwa Kelwa meine, den Djungleartisten, von dem ich Ihnen ein paar
Brocken hingeworfen haben drfte, sondern unseren verehrten Malererfinder und
Freund: ich erhebe mich von meinem Sitze und toaste auf unseren Roroschkin,
diesen Lionardo unserer Rasse, das gotische Genie, den Knstler jener letzten
und jngsten Dimension, in die wir eben eingetreten sind. Wir, die Beweger und
berwinder von Zeit, Logik und Denken ins hhere Denken! Vivat Roroschkin!
    Sehr gut, meine Damen und Herren. Nun bitte ich wieder um etwas Ruhe. Ihre
Zustimmung fr mich und Ihr Jubel fr Roroschkin freuen mich. Sie sind mir ein
gutes Zeichen. Mag der Widerhall aus unserer fnften Dimension auch das
Durchschnittsgemt des heutigen Geschpfes unserer Kultur betuben, ich bin
glcklich, da ich doch wieder einen Takt sehe, der mit eisernen Klammern die
Ichs umfriedet. U mfriedet! Die Kultur unserer Dimension ist sozusagen
hochaufgeschossen, vieles, das sich der Djunglemensch organisch erhalten hat,
wird von uns jetzt nachgeholt werden. Die Hauptsache ist, da wir ber die
Beilegung dieses Versumnisses einig sind. Wir mssen physischer werden - und
schon sind wir es. Der Takt fliegt uns zu, die Pace legt sich uns ins Schreiten.
Noch gibt es Gelegenheit, noch knnen wir stark und glcklich werden. Ich
verglich einmal den Laut aus unserem Kulturleben dem fernen unartikulierten
Schleifen von Fen vor den Vitrinen, Blgen und anderen Velleitten eines
Museums. Aber ich hre das Signal. Wir geben eine Parole aus, scharen uns um den
neuen Menschen, fgen uns langsam aber zunehmend aus allen Teilen der
Weltwandelgnge in eine neue Pace. Kurz, wir geben diese Pace aus und
verfestigen uns in unserem Phantoplasma. Neue Menschheitsgter sind im Anmarsch.
Es ist die hchste Lust, die Pace auszugeben!
    Und um die Lust handelt es sich doch wohl, und wie ich von ihr ausgegangen
bin, so kehre ich zu ihr zurck. Sie ist der Punkt, das Leben an und fr sich,
das Element aller Dimensionalitt. Ihr Wesen ist in uns ein Spiegelapparat. In
fnfmaliger Endlichkeit brechen sich ihre Strahlen. Denn jede Bewegung einer
Dimension zu ihrer nchsthheren ist eine rckbezgliche. Und sind nicht alle
Anschauungen und Stufen der Beobachtung, ob sie jetzt im Phantoplasma des
paradoxen Menschen oder jenem des Djunglemenschen wirksam sind, oder in jenem
Phantoplasma, da wir mit seiner vollstndig anderen Urschlichkeit Traum
nennen, ein mehr oder weniger verschrnktes System von Spiegeln? Alles was
gespiegelt, bis ins Unendliche gespiegelt wird, alles, dem zu Zwecken Raum und
Zeit und Hheres gebildet sind, ist die Lust. Ich habe sie in barbarischen
Kulturen gefunden, reichen Systemen der Physis mit einer gebundenen Pace, und
finde sie in der asiatischen Intellektkultur, zu der wir uns zhlen. ber ein
Primat kann hier die Entscheidung nicht gefllt werden. Kultur ist Kultur und
als solche unvergleichbar. Die Idee der Entwicklung ist erst innerhalb unseres
Phantoplasmas gegeben. Keine andere Kultur wird den Fortschritt zugeben oder
auch nur fassen knnen; es sei denn, da sie verderbt und entselbstet ist. Nur
das eine Bezeichnende ist gewi: jene Kulturen sind physisch, diese ist
intellektuell. Das Spiegelprinzip, die Beobachtung erstreckt sich bei jenen,
welche die Tiefe und die Ferne nicht kennen, auf das nicht ins Innere
gegliederte uere. Die Neugier ergtzt sich als Grausamkeit. Unsere Vivisektion
aber heit Wissenschaftlichkeit. Wir gehen in die Tiefe, kommen in die Dimension
der Zeit, Bewegung und Schnelligkeit, und wenden uns gleichsam in der letzten
Dimension des Paradoxen wieder nach auen: wir sind scheinbar positiv und
physisch, scheinbar primitiv an Anschauung und schlichtdimensional geworden. Die
Wahrheit ist, da wir erst jetzt wieder zu einem endgltigen Ergebnis in unserer
intellektuellen Entwicklung gediehen sind. Der Geist ist tot; es lebe der Geist!
Der Geist - - -

                                       XX


Hier wurde ich von Checho gestrt. Ich erhob mich von der Matte und meinem Lager
aus Palmstroh, trat vor die Tre und sah in die gleiende Vormittagssonne.
Drauen stand Zana. Ich blickte sie ruhig und mit kalten Augen an. In der
Ruhestellung erschien ihre kleine Gestalt mager und unschn. Sie konnte mir
nichts anhaben. Ich hatte meine Seele verloren, sozusagen um einer Djungleseele
willen aufgegeben; nun hatte ich sie wiedergewonnen. Ich hatte meine Pace in
mir; ich wute, da drauen, ungefhr wo die Sonne seit morgens herkam, wartete
eine Gesellschaft befrackter Herren und pompser Damen auf mich. Ihrer Art
konnte ich mich anschlieen. Wir hielten Seancen, versetzten uns in die Trance
und konzipierten den neuen Menschen. Wir hatten die Pace, die neue Pace, und
jeder einzelne von uns hatte das Heil. Das Gift der Analyse war zu Ruschen
gewendet. Alles Glck der Zukunft mute darin liegen, da man mit den Trieben
seiner Neugier in Frieden lebte ...
    Die magere Gestalt der braunen Tnzerin rhrte sich nicht; auch dann nicht,
als ich, aus der Tre tretend, mich an ihr vorbeizwngen mute. Sie sah mich mit
flaumigen Blicken an. Whrend ich mit einem pltzlich emporbrausenden
Energiestrom meinen Blick streng und zwingend auf die schmalen firnisbraunen
Ovale zu strzen suchte, die sie mir tierisch wie eine elastische Kraft
entgegenhielt, und ich vergeblich gegen diesen verfilzten Blick aufzukommen
suchte, drngte ich sie behutsam mit der Hfte beiseite. Da geschah etwas
Unerwartetes. Sie lehnte sich mit dem ganzen wesenlosen Gewichte ihres leichten
Krpers gegen mich und versperrte mir den Austritt, stemmte sich mit ihren
krftigen Muskelchen dagegen, das ganze Persnchen lang Jauchzen und Triumph wie
ein kleines Raubtier, das zur bung seines Spieltriebes jede entgegenkommende
Bewegung bereitwillig als Aufforderung deutet. Jenes abttende Gefhl, der
Schmerz der Beherrschung, befiel mich wieder wie damals, als wir den entzckten
Mttern zuliebe die Anhnglichkeit ihrer Bengels duldeten. Die Unkraft dieses
Angriffes, der mit einem Bruchteil des Elans, den ich selbst als gegenwirksames
Mindestma htte verwenden mssen, erfolgte, benahm mir meine neugewonnene
Energie. Wir sind der Kleinheit einer Aufgabe nicht gewachsen, weil wir uns
Schwierigem angepat haben. Wre hier Luluac selbst gestanden, ich htte mich
besinnungslos auf ihn gestrzt, so blitzschnell und schlagsicher waren meine
Fuste, in die Wut das Blut gepret hatte. Die Gefahr htte ich in diesem
Augenblicke sehnlichst gewnscht und ohne Umschweife ins Auge gefat. Das
rgernis aber fand mich schwach und verlegen. Ich gab nach und zog mich in die
Htte zurck, wo Checho an unserem Gepck hantierte.
    Aber was war das? Kaum sah Zana, da ich den Kampf aufgab, als sie sich
trotzig wie ein Gassenjunge in den Nacken warf und den Dingen ringsumher Fratzen
schnitt. Es galt nicht mir, es galt den Dingen, die es mitangesehen hatten, wie
ich sie beleidigte. Mit feiner Wut reagierte sie auf die Erniedrigung, die in
meiner Ablehnung lag. Nun wrde ich sie vershnen, wuten wir beide. Und
lcherlich, wie die Situation war, fiel auch die Shne aus, racheschtig
frischte ich den bitteren Humor des Augenblickes auf. Hurtig griff ich nach
einer der groen Bouteillen Eau de Cologne, die Checho soeben aus einem Pack des
Hollnders zwischen Wschestcken herausgeschlt hatte. Der Zerstuber sa noch
von Rio her daran. Ich drckte den Ball und sprhte das Zeug dem Mdchen gerade
ins Gesicht. Und nun schien es, als ob Zana doch noch ans Ziel ihrer Sehnsucht
gelangen wrde. Sie wollte etwas Gutes erfahren und sie erfuhr es. Als sie die
Khle des thers auf ihrer Haut sprte, erschrak sie, schrie leicht auf und trat
Rckzug gegen die Tre hin an. Aber das khle Feuer ging in ein wohltuendes
Prickeln ber. Ein Sturzbad von Khle war auch fr eine hartgesottene
Tropenbewohnerin keine ble Sensation. Sie hielt die wohlriechenden Hnde vor
die Nase und schnupperte den fremden, bltenhaften Duft mit verstndigen Zgen
ein. Einen Augenblick spter hatte ich sie wieder auf dem Halse. Ich mute mich
ihr mehrmals entwinden und hllte sie von allen Seiten in einen tauigen Duft,
wie sie, ausweichend und nach mir greifend, das Gesicht schtzend gegen die
Brust drckte. Schlielich ri ich den Zerstuber samt der Kapsel weg und
duschte sie in schiefen, schleunigen Quellgssen mit dem letzten Inhalt der
Flasche. Lachend zerrten wir uns beide ber das Gepck und die Strohlager der
Htte hin und her. Sie fate mich beim Rocke, beim Arme, und suchte mir
strmisch wie ein Mannsbild das Gelenk auszudrehen. Sie mhte sich, eigensinnig
auf die Zehen gestemmt. Immerhin, es schmerzte, so da ich bse wurde und rauh
nach ihren eigenen Gelenken griff. An diesen hielt ich sie kategorisch im
Abstande von mir weg. Sie wand sich, verzog ihr Gesicht und ringelte den
nervigen, geblhten Hals mit dem Kopfe ber die Achseln, Brste und den Nacken
hin nach meinen Pulsen, schob die blogelegten Kiefer, tragend wie eine Viper,
ber den eigenen Leib hinaus gegen die Angriffsstellen vor. Jede Bewegung ihres
Systems, das unabnderlich auf die beiden Berhrungspunkte an ihren Kncheln
eingenietet war, kostete sie heftigen Schmerz. Hals und Kopf quollen ber den
Achseln frmlich vor wie ber den Rand eines Gefes, brodelnd vor Wut und Ha
wie das Schaumgekrse einer giftigen Flssigkeit. In diesem Augenblicke hrte
sie auf, Mensch zu sein. In ihren Gebrden war das dmonisch Formlose und
Voraussetzungslose der von engen Instinkten bewegten Masse. Sie war ein
wesenloser Krper mit einem einzigen stumpfen Bewutsein, der Selbsterhaltung.
Als in ihren entstellten und zu unmglichen Vorstellungsformen zerlegten Leib
pltzlich das jhe, zngelnde, flatternde Leben kam, war es so gespenstisch, wie
wenn ein faltiger Lumpen wutentbrannt ber sich selbst hinausstrzte. Es lag
etwas von dem Ha des Frhorganischen und Elementaren in ihrem Treiben, ein
katzendumpfes Reagieren, gleichsam ein linienlanges, direktes Dasein, eine
formlose, primitive Seinserstreckung. Ihr Kopf wawerte erbost und nach Auswegen
suchend zwischen den Achseln, whrend ich durch den schmerzhaften Druck auf die
Nerven ihrer Handgelenke die Muskeln ihres Rumpfes steif und schachmatt erhielt.
Es dauerte eine Weile, ihre Augen versanken in einer Art von beranstrengung
oder hchster Wonne in bluliche Schatten, als sie diese pltzlich weit aufri
und mit einem namenlos schmachtenden Blicke auf mich richtete. Zugleich fhlte
ich ihre Muskeln erschlaffen. Sie seufzte tief. Ihre Knchel lagen willenlos in
den Ringen meiner Hnde, an deren Innenflchen ich es prickeln fhlte. Unter der
glatten Haut des Mdchens schmiegten sich milde die strhnigen Sehnen und zarten
Knochen des Armes in das sensitive Fleisch meiner Daumenballen. Ich stand von
Entzckung ergriffen. Aber noch immer lauerte es hinter ihrer Sigkeit wie eine
Drohung, mir mit einem Bi an den Bauch zu springen, und so hielt ich sie von
mir ab, wie sie so zu mir herstrebte. Checho stand schrg hinter meinem Rcken
ber das Gepck gebeugt; ich sah ihn nicht deutlich; nur ein unscharfes und
gebrochenes Bild fing sich von ihm am uersten Ende meines Sehfeldes. Trotzdem
wute ich genau, da er uns beiden den Kopf zuwandte. In seinem Gesichte mute
ein Lcheln liegen, das Unwillkommenes ausdrckt. Ich sprte dieses Grinsen mir
im Nacken brennen. Meine Reizbarkeit war in diesem Augenblicke peinlich und ich
fhlte mich geniert. Aber da war ich auch schon, bevor ich noch einen Entschlu
gefat hatte, zurckgesprungen. Ich hatte zugestoen. Zana taumelte gegen die
Tre. Ich brach zurck, Chechos gebckte Figur floh in meinen Sehkreis. Da war
das Lcheln, peinlich und neidvoll. Zana schrie auf. Hinter ihr auf dem
lehmgelben Grunde des Trausschnittes stand ein hoher Schatten. Slim bckte den
Kopf, trat ein und schob Zana unwirsch vor sich her. Sie zeigte sich bockig, er
aber schlug eine Lache auf. Ein paar Worte bewirkten, da sie sich an die Wand
drckte. Slim stand hart und hoch im Raume und fllte ihn mit einem groen,
kalten Dasein aus.
    Morgen reisen wir, sagte er ruhig und stellte sich neben Checho zum
Gepck. Das Luder kommt mit. Sie wei es schon.
    Lieblich wie Entspannung legte es sich ber mich. Ich sah auf Zana. Ihre
braunen Ovale schaukelten mich elastisch an wie Tierblicke. Wie ein Schleier
umwand mich das Grauen der Hoffnung.
    Eine Viertelstunde, nachdem Slim die Indianerin weggeschickt hatte,
schritten wir durch das Dorf. Vor Kelwas Htte fhlten wir uns angehalten. Aus
dem umfriedeten Vorhof ertnte Lrm und Zanken. Eine sprde Rachenstimme hatte
die Fhrung. Hier war nicht alles in Ordnung. Auch sonst zeigte sich an den
Mnnern, die auf den Wegen des sonnversengten Dorfes dahinschlichen, eine
gewisse Ducknackigkeit. Die Weiber hatten ihre reizende Demut abgelegt und
schalteten mit der Gleichmtigkeit um das Wohl der Familie. Das Leben schien um
einen Grad gewhnlicher und leerer; der Nimbus des Exotischen war gefallen und
ich sprte eine krftige Gleichgestelltheit mit dieser mich sonst beherrschenden
Umgebung. Ha, hatte ich endlich den richtigen Ton in mir angeschlagen und die
eigene Pace gewonnen? Stellte sich endlich die alte Siegerlaune ins
Gleichgewicht und wrde ich nun dennoch zu meinen Eroberungen gelangen? Morgen
brechen wir auf! Nun, da ich wieder mit einem Bein in der Ferne, im Reisen, in
seinen Mhen und seiner Arbeit stand, erwachte mein gutes Selbstgefhl. Die
Weibergeschichten waren abgetan - was etwa noch Angenehmes von dieser Seite zu
erwarten war - ich dachte an Zana und war frhlich gestimmt - konnte als
wnschenswerte Zugabe mitgenommen werden. Denn nun ging es wieder los. Los, los,
los! Vielleicht entdeckten wir den Schatz - einen richtigen Schatz. Und dann
wartet auch ein Abenteuer nach dem anderen fidel auf uns. - Also, was sagte Slim
da zu dieser Xantippe von Knstlersgattin? Ich stie mit dem Kopfwirbel in die
Richtung des Lrmes hin.
    Jerusalem! schrie Slim auf, das Nest ist verkatert! Hier sehen Sie den
originren und wirklichen Katzenjammer. Wenn dieses Katzenpack einmal in
vollster Seligkeit dahingesponnen hat, dann kollert's ihm den nchsten Tag genau
so im Rckenmark wie dem dekadentesten Boulevardier. Auch hier ist die
Aufnahmsfhigkeit fr das Glck nur eine beschrnkte. Sie werden noch Sehnsucht
nach der gemigten Zone kriegen, Johnny. Das wirkliche Glck, das der
Organismus braucht, spiegelt sein Bewutsein, und sei es noch so niedrigstehend,
nicht wider. Darber und ber seinen Konsum ist nichts bekannt. Auch der
Katzenjammer ist eine Art Lebensfreude. Die Demut und die Selbstverachtung und
die Krankheit sind zur Befriedigung just so ntig wie die geraden Krfte. Diese
Kessel- und Rhrensysteme aus Zellgewebe, die Sie da herumunken und tuten und
aus allen Lchern der Qual des Lebenmssens pfeifen hren, sind heute
ungefhrliche Leute. Ich habe damit gerechnet. Mnner und Weiber tauschen fr
eine Weile ihre Reize - es liegt vielleicht eine weise Regel aus dem Haushalt
der Natur dahinter verborgen. Wie gesagt, ich wute, da es so kommen wrde und
habe meinen Plan gemacht. Heute sind sie mrbe. Heute bekommen wir die
Expedition zusammen - und Zana geht mit. Wenn wir bis morgen vor Tagesanbruch
nicht aus dem Dorfe raus sind, wird es uns bel bekommen. Denn gestern abend -
htten wir eigentlich verspielt. Es war nicht ntig, da Sie Purzelbume
schlugen. Sie haben uns lcherlich gemacht. Sagen Sie, was ist Ihnen eigentlich
eingefallen? Ich glaube, Sie vertragen das Mandioka nicht?
    Nun, da irren Sie aber grndlich, platzte ich rgerlich heraus. Zuerst
hatten seine Worte meinen Humor geweckt. Seine Ausdrcke fr eine Erscheinung,
die mir menschlich nicht fremd war, schienen zutreffend. Aber da er damit
gerechnet htte, glaubte ich nicht. Das war aufgelegte Prahlerei. Jedenfalls war
er schlau, es so auszulegen. Ich durchschaute ihn. Er war smart, der Amerikaner.
Sein war die Tat, die krftige Aktion, mein aber waren Sprsinn und das
aufgeweckte Bewutsein. Er hatte eine Menge Ideen geuert, die von mir waren;
er war beeinflubar. Wei der Kuckuck ... Er verstand es, sich einen Anschlag in
die Hand spielen zu lassen und dann weiter zu konzentrieren. Ein bichen
beklemmend war es. Soll man, whrend Slim sich fr meine Idee begeistert und mir
die Bedenken durch den Kopf schieen, mit einem Empfindungsresultate enden, das
nahe an die Verachtung Slims streift? Nein, es empfiehlt sich, auf kleine
Genugtuungen zu verzichten. Vor Grenwahnsinnigen und Plagiatoren verleugnet
man seinen Selbsterhaltungstrieb. Was glauben Sie wohl, sagte ich, ich bin
Senior einer deutschen Burschenschaft. Mensch, Sie wissen nicht, was ein solcher
Kerl vertragen kann. Allen Ernstes; ich nehme solche Reden krumm. Sehen Sie
denn, ich bin treuherzig: bitte, lassen Sie das. Kleine Beleidigungen sind
schwer zu bergehen. Also, wenn wir gut Freund sein sollen -
    Well, sagte der Amerikaner und fgte wie beilufig hinzu, whrend er sich
Mhe gab, ber die Strohpalisade in Kelwas Hof zu blicken, Selbstpersiflage
oder Selbstbertreibung sind auch eine Methode, um eine neue Situation zu
berbrcken ... brigens schwrt der Dutchman, der auch von keiner
trinkschwachen Rasse ist, in ganz der gleichen Weise auf seine Gurgel. Und nun
sehen Sie sich den Kerl mal an. Heute nacht hat er sich verpflichtet gefhlt,
den Indianer zu spielen. Er hat im Djungle irgend etwas angestellt. Zana scheint
irgend etwas dabei zu tun gehabt zu haben; aber - -
    Van den Dusen?
    Yes, Sir. Aber das wei ich: das Mdchen rhrt mir keiner an! Ich habe eine
Patrone fr ihn im Lauf!
    Slim hatte breite Knochen und ein solides Gestell. Was geschah, wenn ich ihm
an die Kehle sprang? Ich habe gegen Drohungen nichts einzuwenden. Aber
Abgeschmacktheiten und bertreibungen gehen mir wider den Strich. Nun konnte ich
einem Unvorbereiteten, auch wenn er krftiger war als ich, mit der nchsten
Bewegung den Kopf eingeschlagen haben. Slim, Slim, das war nicht nur
unverschmt, das war auch dumm. Im Grund gab es ja kein Mittel gegen mich,
sobald ich mich ernst nahm - Ja, Donnerwetter, rief ich, was ist denn los mit
ihm? Wo ist er denn?
    Er liegt in seinem Bau und ist lebensberdrssig, denn der Djungle hat ihn
nchtlicherweise geschunden. Vielleicht war es auch das Weibsbild. Er ist
verrckt. Wir wollen ihm nachher einen Besuch abstatten.
    Da hatte mir Slim seine berlegenheit kurzerhand klargemacht und das Mdchen
verboten, bevor ich noch Atem geschpft hatte. Und jetzt war er pltzlich
vergngter Laune und beantwortete die Zurufe Kelwas, der uns inzwischen bemerkt
hatte, mit Witzen. Beide unterhielten sich drastisch, whrend wir in den Hof
eingelassen wurden.
    Die Bildwerke, die hier herumstanden, lenkten mich ab. Der Hundegenius mit
seinem langschnauzigen sffisanten Gesichte - es war in der Tat ein Gesicht -
beroch noch mit der gleichen Schleckrigkeit einen Liebesakt und das Leben. Die
leidende Kreatur daneben schien mir bekannt. Es war offenbar ein Puma, der sich
in Hunger oder Geschlechtsnot verzehrte. Sein Unterleib war sackartig geblht,
die Kopf- und Schulterteile waren mager. Sein Maul war bis zu den Speicheldrsen
jaunend aufgerissen und gen Himmel gestreckt, dnn gewlbt wie ein Vokalzeichen.
Es beherbergte einen markerschtternden Schmerzensschrei. Neben den Tierbildern
machten sich die gewohnten Rckeleien von Leibern breit, Gestaltungen von zwei
und drei ineinander gepfropften Akten. Ich mute Slim ansehen. Er sprach, vor
den Tafeln stehend, lebhaft mit Kelwa und klopfte ihm auf die Schultern. Da kam
mir eine Idee. Hier stand er wohl und begeisterte sich fr das Ganze, weil er
einen Teil begriff ? Wer konnte denn diesem Seelenleben, diesem so
grundverschiedenen Phantoplasma, dieser nach schweren Umwlzungen berlebten Art
von Anschauung in die Nhe kommen? Es war eine Verzweiflungstat, gottverdammte
Dialektik, das war es! Vielleicht machte das Blut, das Blut, das durch das
Hirngebirge rieselt, etwas aus. Wer war nun der eigentliche Maler? Dieser
internationale und raffiniert erfahrene Abenteurer, der das Bewutsein dieser
Anschauungsformen motivierte und sich eigentlich schon auf einer Retourkutsche
befand, oder Kelwa, der Eingeborene, der einfach malte, vermge des Kontaktes
zwischen seinem Hirn und seinem Handmuskel?
    Ich starrte auf dieses Nebeneinander von Farben, das sich wie ein Rtsel im
letzten Augenblicke, da man's zu fassen glaubt, verwirrte. Und pltzlich schien
es zu meinen Gunsten verschoben. Der Eindruck von Wirklichem schnellte aus der
Tafel, und als ich soweit gekommen war, hatte ich zum zweiten Male das Gefhl
der Wandlung. Sah ich mit dem Rassenbewutsein eines Indianers? Eine Formenwelt
erffnete sich mir, die technisch tief stehen mute. Aber in ihrer Deutung war
das Walten der Wesen nicht weniger erklrt, denn in der verwickeltsten
plastischen Gruppe. Hier war alles entsprechend und befriedigend, restloser denn
je ein Versuch der Natur, heroischer gleichsam als das Urbild. Alles war: Bild.
Ja, gab es berhaupt einen Fortschritt der Technik oder war es nicht vielmehr
das genderte Bewutsein, das eine genderte Anschaulichkeit nach sich zog?
Anschauen, beobachten heit wollen. Wir unterziehen uns einer groartigen
Suggestion. Das Wissen von Formen und Dingen ist vor der Wahrnehmung da. Im
wesentlichen liegt allem das undimensional Gestaltete zugrunde. Was ist der
einzelne Mensch? Eine Symbiose von Tieren. Dieser Kelwa besa ein Phantoplasma,
das seiner Art von Jgerleben entsprach. Seine Art Augen heulten und
schnupperten in meinem Kopfe wie Hunde, fr sie lag das Menschliche in so
wohlgeflliger Hlichkeit ausgebreitet wie etwa auf diesem Bilde. Hat man den
Hund schon gefragt, wie die Welt aussieht? Wrde er die Frauen Lionardos als
Menschenportrte erkennen und wrde er berhaupt Verstndliches darin vorfinden?
Wohlan, ich votierte fr Kelwas Sehen. Was wir aus dem Sein analytisch
herauskriegen, ist nur eine Synthese dessen, was wir zu unserer Lust brauchen.
Kelwas Leben ist ein vollstndiges System - eine Kultur. Kehre ich in der von
mir erfundenen fnften Dimension gelegentlich zu ihm zurck, gut, so ist mir das
Leben nach dreiig Generationen wieder einmal Jagd. Ich sehe Mensch und Tier
unter der verwandten Form - denn die Form ist ein Vorwand fr meinen
Lebenswillen. Alle Lste dieses Daseinszustandes versammle ich in dem Blicke,
mit dem ich sie beschenke. In meiner Dimension ist eine enthalten, die
Entwickelung heit, das Substitut der Zeit. Suchen wir der Zeit ihre Kunst.
Denn jede Dimension habe ihre Kunst. Die Musik ist das Undimensionale, der
Punkt, das Sein an sich und der springende Punkt: die Lust. Wir haben ja jetzt
Gott sei Dank entdeckt, da die Lust auch bei Disharmonien nicht aufhre und da
sie mit einem Worte allgegenwrtig sei. In der ersten Dimension haben wir die
Kunst der Linie, die Architektur. Sie ist bei den frhesten Vlkern zu Hause.
Die Schwerkraft ist die Urlinie. Hat man nicht durch alle Zeiten geahnt, da die
Architektur der nchste Blutsverwandte der Musik sei? O wie sich alles klrt!
    Kelwa ist ein groer Knstler, denn er gibt durch seine auerordentliche
dimensionale Reinlichkeit das sinngeme Weltbild wieder. Ich werde seinem
braunen Weibe den Hof machen. Wer die Liebe aus diesem Quell schpft ... Es ist
begreiflich, da Kelwa den geschrften Blick frs menschliche Prototyp hat! Wie
sie herbersieht! Es ist die Rhrung selbst in ihren Augen. Er mu,
Konterstimmungen abgerechnet, ein glcklicher Gatte und Knstler sein - -
    Mit khler Studienlust fra ich mich in die simple Symbolistik der Bilder
ein. Der schreiende Puma in seiner Leibesnotdurft mochte ein Stammeszeichen
sein. Ich bemerkte ihn in blauer Ttowierung auf dem Bauche von Madame Kelwa.
Ich schlug mich in ihre Nhe und wies, um eine Unterhaltung anzuknpfen, mit
stummem Finger und bertrieben deutenden Blicken auf das, was an ihrem Leibe
mein Interesse anzog. Ich frug nach dem Puma. Da ereignete sich eine hchst
peinliche Szene. Das Weib warf sich pltzlich, mit einem Ausdruck unnennbaren
Grauens im Gesicht, rcklings auf den Boden und blhte bei gespreizten Beinen
den bemalten Krperteil zu gespenstischem Volumen auf. Es war, als ob der
gesamte Unterleib erigierte, der Bauch nherte sich in einer Art magnetischer
Elevation meiner Fingerspitze. Aber diese Nhe war, wie ich hinterher nach der
Lsung des Kontaktes begriff, nur eine eingebildete. Mein Finger wurde nicht
angezogen und festgehalten, ich hielt ihn, trotzdem ich das Gegenteil erlebte,
freiwillig auf sein Ziel gerichtet. Das Frchterliche, ja nahezu Lcherliche an
dieser Szene war, da ich whrend der ganzen Dauer der Faszination, die von
meinem Finger auf das rchelnde, schielende Frauenzimmer und umgekehrt ausging,
meinen schrgen Finger nicht um einen Zoll von dem Bauche abwandte. Der Dmon
einer solchen Sinnlichkeit zwang mich zu einem malosen Erstaunen, meine
Verwunderung kannte keine Grenzen und war schwer wie ein Alpdruck. Als ich zu
mir kam, mute ich tief und unbndig seufzen. Da ich den Finger nicht aus
seiner Starre rhrte, war seltsam. Aber ich erinnerte mich in jenem Augenblicke
gar nicht an mich, obzwar ich mich ber die Tatsache selber, da ich so unbewegt
dastand, nicht genug wundern konnte. Ich war mir vollstndig klar darber, da
ich es nicht tun mute, und da es keine irgendwie geartete Kraft auf Erden gab,
die mich dazu zwang. Um so rtselhafter bleibt mir dieser Vorgang, den ich unter
jener Sonne mehrmals erlebte. Ist unser Wille so schpferisch, da er reale
Wirkungen eingebildeter Krfte in die Beobachtung rckt; oder verschleiert unser
Bewutsein redliche Wirkungen der Natur mit Hilfe eines bildlichen Willens? Ist
unser Wille Urheber oder Begleiterscheinung? Dieser Gedanke tauchte damals zum
ersten Male in mir auf. Er verschwand wieder. Er htte das gedankliche
Gesamtresultat der letzten Tage vernichtet. Die Sache war die, meine Besinnung
und mein Entschlu waren theoretisch; praktisch dagegen hatte ich in jenen
Sekunden rein auf mich vergessen. Ich nahm die Wirkung eines Posenwechsels in
Gedanken ruhig vorweg; in der Tat aber war ich, mit dem Finger schrg auf den
gewlbten Bauch vor mir weisend und mit Augen, wie Saugnpfe starrend,
dagestanden. Ich war geistig frei; mein Krper war gebannt. Und dann war ich
wieder im praktischen Besitz meiner Krfte. Noch stand ich still; mit einer
leisen und nicht ganz zweifelsfreien Neugier nahm ich mir vor, abzutreten -
jetzt! und bevor ich es dachte, sank meine Hand, eine Spannung lie in mir nach;
doch ermangelte allen diesen Empfindungen etwas, das ich Ernst nennen mchte. Da
war alles bedacht und seelisch motiviert, da war nichts von der illegitimen
Einwirkung geheimer Krfte. Nur das Verhalten der Indianerin widerrief die
Gewhnlichkeit des Vorgangs.
    Sie lag drei Schritte vor mir. Ihr Bauch stand da wie eine Schwangerschaft,
eine groe reife Frucht, geschwellt, gleichsam vielleicht von meinem Finger
angestochen. Als ich zurcktrat und die Hand fallen lie, schwoll er sichtlich
ab. Der Kopf der Frau mit den stellenweise tonsurartig ausgerupften, sonst
schulterlangen Haaren war zurckgebogen, aber seine Augen kletterten kurz unter
den Lidern speergerade auf mich zu. Der Mund zwischen den vollen Backen stand
offen, ich sah in seine violette Hhlung mit den felsigen, trapezfrmigen
Kiefern. Ein unregelmiges Keuchen drang mit dnnem Knattern an den
Schleimhuten vorbei und brachte schnarchende Gerusche mit sich. Der Leib
streckte alle viere vor, mit dem in trber Sehnsucht blickenden Unterleibe als
Mittelpunkt bewegte er sich in den dumpfen, niedrigen Sphren, die ich schon an
Zana beobachtet hatte. Whrend das Gehirn wieder in seine Herrschaft trat,
arbeitete sich das menschliche Wesen allmhlich ins Lichtere empor, eine
berauschende Liebenswrdigkeit und Demut zeichneten sich in die fremdartigen
Mienen der Frau ein. Sie rollte sich zusammen und lauschte. Slims und Kelwas
Gesprche kamen von hinter der Htte her. Ich stand ruhig, mit groer Wrde, und
lie mir die beschuhten Fe kssen. Meine Hand legte ich in ihr seifiges Haar,
ohne Ekel zu spren. Ich sprach nichts und nickte blo mit dem Kopfe. Sie
schnarrte einiges in ihrer Sprache. Ich nickte wieder. Und nun stand sie auf und
entfaltete sich zu einem kleinen, merkwrdig gebauten Frauenzimmer. Der
Oberkrper war mager, die Bste flach mit langen Brsten, die Schultern wie
gezimmert, die Schlsselbeine hervortretend als knochige Ornamente, die Arme mit
nach auen gesenkten Unterarmen, in der Ellbogengegend nahe am Krper liegend.
Die Hften aber waren wellig und nicht reizlos. Die Wirbelsule, vibrierend wie
eine gebumte Schlange, glitt mit einer Schweifung zurck und verschwand in der
Doppelwoge von festem, plastischem Fleisch. Das rotblaue Schrzchen aus Beeren
und Perlen, das sich verschoben hatte, fiel jetzt mit Zucht ber den
dreizinkigen Schattenstern.
    Sie sprach zu mir, als knnte ich nicht umhin, den natrlichen Ausdruck
ihrer unfeindlichen Gesinnung zu verstehen. Vertrauensvoll sah sie mich von
unten an. Da gewahrte ich, da sie groe, vollstndig braune Augen hatte, die
erwrmten. Die Oberlider waren gebrochen wie unsymmetrische Giebel. Unter der
Nase prangte unvermeidlich ein zieres Eberzhnchen. Die Folge davon war, da sie
die verkrzte Oberlippe stets offen hielt und ihre guten gelben Zhne wies. Ihr
Teint war nicht mehr frisch, aber sanft und samten. Die Babutschen, die aus
allen Ecken des Hofes und dem Innern der Htte sich vernehmbar machten, waren
ihre Kinder.
    In diese Htte verschwand sie. Als sie wiederkam, trug sie einen mannsgroen
Schild in Hnden. Sie brach ihn auseinander. Da begriff ich unser gemeinsames
Geheimnis. Es war jener Schild, den ich tags vorher mitten durchgeschossen
hatte. Drei meiner Schsse hatten ihn getroffen. Er brach entzwei, das obere
Teil krachte herab - nun stand meine liebenswrdige Indianerin da und hielt mir
den Rest mit unterwrfigem Blicke entgegen.
    Sie stand ganz nahe bei mir. Ihr Ellbogen berhrte mich an der Hfte. Ich
roch ihre lige, bronzene Haut, die mit einem fremden, flachschmeckenden Parfum
getrnkt war, einer Blumensalbe, die ganz zutiefst einen vermischten angenehmen
Reiz aufwies, in ihrer stumpfen Penetranz aber abstie. Es vermengte sich mit
dem leimigen Duft ihrer leicht echauffierten Achselhhlen. Dies war die
Ausdnstung eines wilden Tieres oder einer geilen, feuchten Djunglepflanze,
krftig und unfeststellbar wie der Geruch von Protoplasma. Meine Organe
weigerten sich gegen ihn. Ich blieb hflich und standhaft am Platze und empfing
den leichten Druck ihrer Gestalt. Indem ich an die Gesundheit dieses
transpirierenden Fleisches dachte, strkte ich mich. Trotz der auerordentlichen
Magerkeit der Schultern zog sich die Haut glatt und gespannt ber das Skelett.
Mein Auge tastete ber Mulden und elfenbeinartig gemilderte Hckerchen. Und
sofort verhielt ich mich passiv, wehrte mich nicht mehr gegen diese Ausdnstung
und empfand sie vertraut. Ich stemmte den rechten Arm in die Seite. Er berhrte
ihren sehnigen Rcken leicht. Sie lehnte sich daran.
    Rulc! sagte sie in ihrer Schlucksprache. Sie hie also Rulc. Schnell fuhr
sie auf dem Bild ein paar Konturen nach. Mhelos gelang es ihr, sich ihrer
leiblichen Identitt zu erinnern. Langsam kam ich nach, ihr Finger wiederholte,
dem Lauf einer Linie wie auf einer Landkarte folgend. Ich fate zusammen, sie
hie Rulc, und ich hatte ihr Konterfei entzweigeschossen. Ob es sehr geschmerzt
hatte? Sie stand jetzt beinahe in meinem Arm, in einer skizzierten Umarmung, wie
ein europisches Mdchen. Soso, wunderbar, sagte ich englisch, weil ich mich
nicht stumm verhalten wollte. Und pltzlich begann ich, zu ihr zu reden, obwohl
ich wute, da sie mich nicht verstand. Ich erzhlte ihr, pltzlich voll innerer
Ausgelassenheit, da sie reizend sei, und lste meine Faust von der Hfte, sie
gleichsam zum Nachdruck einer sehr wichtigen Mitteilung in das Fleisch ihrer
Taille bettend. Da versprte ich ein ziehendes Unwohlsein im Nacken. Ein
Gegenstand von packendem Interesse suchte mich von rckwrts her nach sich hin
zu lenken. Es drehte mir den Kopf herum, da folgte ich aus tausend Grnden.
Zuletzt in diesem Bruchteil von Sekunde war wirklich ich es, der mit dieser
Bewegung endigte, nicht das andere. Es war eine uralte Bewegung, deren Grnde
dem Gefhl nach eine Spanne von Ewigkeiten zurcklagen. Ich erinnerte mich an
sie, wie an eine lang vergessene Pflicht. Und ich sah Slims Gesicht hinter der
Htte hervorlugen.
    Er mute den Kopf etwas vorstrecken, denn seine Figur blieb verdeckt; er zog
ihn auch nicht mehr zurck, sondern trat vollends hervor. Er lchelte; es schien
wohlwollend und konnte bse sein. War er eiferschtig? Er hatte ein schnes,
tiefliegendes, ein wenig hartes Auge. Es war etwas Scham- und Scheuloses in
diesem Auge, es war frech, lie nichts unbelastet, machte nicht Platz,
beanspruchte den ganzen Raum. Ich wei nicht, warum mir dies gerade jetzt
auffiel.
    Slim lachte flegelhaft und ich erinnerte mich, da er ein Yankee sei. Er
trat herzu, dozierte, und wurde mir so mystisch und unbegreiflich wie je. Ah,
Sie studieren bei Rulc Malerei? Das ist gut, Sie knnen hier lernen. Lassen Sie
sich lehren, alles dies ist elementarer, als was eure Malerei bis jetzt fertig
gemacht hat. Kelwa lebt in jenem seelischen Stadium, da man noch Schragen sieht.
Die Natur hlt keine schnen Reden. Wo aber sind in euren schnen Kunstwerken
die Schiefheiten, Einseitigkeiten, Zuflligkeiten? Wer sieht so aus, wie ihr ihn
beschreibt, zeichnet, malt? Eure besten und idealsten Knstler sind sliche
Sudler gewesen. In diesen Bildern eines Barbaren liegt die einzige Humanitt.
Sie erfassen lebendige Form und die Dinge, die wahrhaft dahinter liegen. Denn,
Johnny, merken Sie sich eins: Was wir wahrnehmen, sind Entschuldigungen unserer
Sinne. Die tieferen Grnde der Reaktionen von Mensch auf Mensch liegen auf einem
anderen Planeten als diese Erde ist oder liegen um Ewigkeiten von Zukunft hinter
den Scheingrnden verfrht. Und den Urgrnden ist Kelwa nher als Sie und
Ihresgleichen - er hat die Zeit und die Entwicklung noch nicht entdeckt.
    In diesem Augenblick fand ich ihn unausstehlich. Gedanken, die ich zart und
zweifelnd in mir trug, gab er einen derben Ausdruck. Er fuhr fort. Sie werden
dies noch nicht verstehen, nach diesen wenigen Bruchstcken meiner Anschauung.
Ich habe Ihnen zwar schon davon erzhlt. Mittlerweile ist aber in mir ein ganzes
System entstanden. Wenn sie wollen ...
    O doch, unterbrach ich ihn gierig, ich verstehe schon. Dies ist ... ich
will sagen, in einer Manier von Landkarten gemalt. Aber wollen Sie behaupten,
da ich so aussehe ... scheulich, einfach scheulich, mute ich lachen.
    No, Sir, sagte Slim, das ist es eben. Sie verstehen nicht ber,
beziehungsweise unter den Horizont Ihrer Sprache zu blicken. Unter Sprache
verstehe ich jetzt das gesamte bildliche Ausdrucksvermgen. Die Sprache des
Indianers ist seine Malerei; auch seine Wortsprache ist nur malerisch, nicht
begrifflich. Die avancierte Sprache und Philosophie sind eins. Ist es Ihnen
entgangen, da die Welt auf deutsch bereits anders aussieht als auf franzsisch
oder englisch? Die avancierte Sprache reagiert in der fnften Dimension. Darber
haben wir schon gesprochen, wie? brigens, was Sie da ber die Landkarte gesagt
haben, ist richtig, es stammt ja von mir.
    Nein, sagte ich verwundert, das tut es nicht. Denn ich erinnere mich ganz
deutlich an die Entstehung des Wortes. Ich knnte schwren, da es von mir
stammt. Ich habe es im Verlauf von Sekunden erobert, immerhin durch
Beobachtungen erobert.
    So? sagte Slim gedehnt und sah mich lchelnd an. Er war malos eitel. Er
schien mir wie ein Vampir, der die Gedanken und Ideen der anderen an sich
saugte. Wiederum fiel es mir bei: Wer war hier der eigentliche Maler? Kelwa, das
naive Genie, oder Slim, dem es vermge seiner eigenen Durchdringungssphre
seines vielrassigen Ichs mglich war, in die Gedankenlufe anderer einzubiegen?
    Wie meinen Sie? sagte Slim feurig. Seine Augen ergrauten in Verwunderung
ber meinen Widerstand. Er wurde nachdenklich. Oh, nichts, sagte ich schnell.
Aber ich bemerkte, da ich doch sehr gegen Kelwa war. Darum fing ich zu sticheln
an; denn mager, abgttisch mager fand ich seine Gestalten. Zugegeben, es ist,
physiologisch genommen, ein eigentmlicher Menschenschlag; meinetwegen eine
Hochrasse; ihr reproduzierender Knstler ist auch ein Teilchen wahrhaftig in
seinem Sehen. Aber diese bertreibungen? Es ist unbeholfen, um Gott nicht
knstlerisch, bitte sehr, nicht knstlerisch!
    Slim fuhr sich durch seinen guterhaltenen Haarschopf. Es war nicht
auszuhalten mit mir! Rulc verschwand in die Htte. Und vor uns bewegte sich
ebenmig, klein und gelb der indianische Knstler, gerundet wie eine Statuette,
voll, wie ein gutgenhrter Knabe, mit einem zierlichen Wanste und tadellosen
Fen und Hnden. Dies war der Mann, dessen Ideal im rachitischen, verrenkten
Krper gipfelte.
    Slim lie seinen Haarschopf fahren. Ich war sicherlich noch dmmer als ich
aussah. Er schien eines gewissen Einwandes von meiner Seite gewrtig, legte
seine groe Hand auf die Schulter des Mnnchens und sagte:
    Knstler, nun ja, Knstler brauchen nicht selbst ihren Idealen zu gleichen.
Knstler schaffen Rassigkeiten, sind sozusagen das Ahnungsorgan einer Rasse. Sie
werden das natrlich besser verstehen, wenn ich Sie einmal mit meiner ganzen
Lehre vertraut gemacht habe. Knstler sind Maschinen zur Erzeugung neuer - -
    Phantoplasmen, sagte ich zufrieden und gelassen. Ach nein,
Phantoplasmen? machte Slim, besann sich aber sofort und sagte: Phantoplasmen,
doch, das ist gut. Ich verstehe, Phantasie, Plastik. Das ist ausgezeichnet. Er
sah mich aufmerksam an. Das ist besser als Phantomien. Phantomien ist nmlich
das Wort, das ich dafr geprgt habe. Es ist doch merkwrdig, wie man auf
dieselben Gedanken kommt, wenn man in der Einsamkeit sich gegenseitig ausgesetzt
ist! sagte er mit steinernem Gesichte. Man durchdringt sich frmlich. Ich
errtete unter seinem Vorwurf. Seine gedankenvolle, nahezu weise Stirne schien
der Ausdruck hchster Ironie. Er hate mich, weil ich das bessere Wort gefunden
hatte.
    Ja, fuhr er fort, das ist es wohl. Knstler schaffen Glckstypen und
Schicksalsgensse. Auch eure rechten Knstler tun nichts anderes, sie schaffen
die Glckstypen eurer Zeit. Der Glckstypus eurer westarischen Kultur ist der
wissenschaftliche Mensch. Das Schicksal, das euch s erscheint, ist die Plage
der Analyse. Man hat Entwicklung. Es ist leicht mglich, da man einmal ber die
Analyse hinauskommt und wieder zu stationren Typen gelangt, wie der Chinese.
Aber hinter diesem - Phantoplasma von der Entwicklung vollzieht sich ewig gleich
und unbeirrt das physische Urschicksal, das wir nicht kennen, das wir nur
deuten, zu dem unsere Existenzen nur Symbol - wittern Sie die Kunst? - sind, und
dem Kelwa durchaus nicht nher steht als ihr - nein, ich will sagen: wir.
Durchaus nicht. Habe ich einmal etwas hnliches behauptet, so mit einem anderen
funktionellen Werte als jetzt; nur bildlich, innerhalb eines Raumgleichnisses.
Denn Kelwa hat ohne das Motiv der Entwicklung sein Phantoplasma, seine
Rassenglcke und seine Dialektik. Seine Sprache ist unfhig, mich und meine
Gedanken auszudrcken. Aber ahnen Sie schon, da bei ihm das bloe Lustvermgen
an den Farbenvorstellungen seiner Bilder genau so zureichende Erklrungen des
Urempfindens einschliet wie unsere waghalsigsten Theorien? Er kann niemals
denken wie ich und vielleicht - - -
    - - - vielleicht, rief ich jubelnd, ist dieser Kelwa nur eine Ausdeutung
des Urempfindens aus Ihrem eigenen Phantoplasma heraus!
    Glauben Sie? sagte Slim mit einem Zuge um die Augen, der alles bisher
Gesagte frmlich zurcknahm. Meine allzu bereitwillige Zustimmung mochte ihn
genieren. Ich verstand, da er bereits die Einschrnkung ntig empfand. Aber
was bewiese das? Da meine Theorie rund ist, sich selbst als Theorie behandelt,
also vollkommen alle Chancen auf Wirklichkeit erschpft!
    Hier hatte man den ganzen Slim. Einen sublimen Spitzbuben. Intelligenz ist
Gaunerei hchsten Grades. Ich sah zu Kelwa hinber, der ein Gesicht aufbewahrte,
das mich rgerte; die Zge der mnnlichen Sphinx, des Knstlers. Der Knstler,
da war er: eine Mischung aus Idiotenhaftigkeit und Rassenahnung. Ein schweres
unverdauliches Widerstreben stieg in mir empor. Und ich dachte: Wer war ich? Der
Spitzbube oder der Idiot?
    Aus der Htte zankte eine weibliche Stimme. Kelwa bekam es pltzlich eilig.
Slim rief ihm herausplatzend noch etwas nach. Ich wollte doch sehen, sagte ich;
ging hin und steckte den Kopf hinter die Matte. Gleich darauf war ich mit beiden
Nasenlchern wieder an der frischen Luft. Bohemewirtschaft! nickte Slim. Wir
gingen zusammen in die Pampas hinaus.
    Ich bin ein guter Leiter! begann Slim. Er schien mit einem Gedanken, der
ihm schwer nachgehangen hatte, sein Geschft abgeschlossen zu haben. So? sagte
ich, ein guter Leiter, wieso? Pltzlich fiel mir etwas ein. Funkelnd vor
Bosheit setzte ich den Einfall hin, mit der bescheidensten und sachlichsten
Miene von der Welt. Sie meinen wohl ein gutes Medium; das scheint mir auch,
Slim. Slim schnappte nach Luft, denn er hatte bereits etwas anderes sagen
wollen. Ach, Medium, sagte er mit einer Stimme voller Plage, warum denn immer
diese unoriginellen Worte. Ich sage Leiter, denn es ist etwas Neues und wir
brauchen einen neuen Terminus dafr. brigens trifft es den Nagel auf den Kopf.
    Also Leiter. Wie meinen Sie denn das?
    Sehen Sie, ich meine das so. Ein paar Anhaltspunkte gengen mir, um sofort
mitten in ein Phantoplasma - wie Sie das herrlich genannt haben - versetzt zu
sein. Sie mokieren sich natrlich darber, da ich kein Indianer bin, aber doch
schon ein ganzes System ber Indianertum zusammengestellt habe. Ist das so
merkwrdig? Ich bin kein intellektueller Gauner. Geben Sie mir Kredit. Nein,
geben Sie der Sprache Kredit. Ich schaffe Neues, vollstndig Neues, mit keinem
anderen Mittel als dem der Sprache. Ich brauchte das derbe materielle Erlebnis
gar nicht. Ich denke; ich bin spekulativ veranlagt. Und ich habe die
erschtternde Erfahrung gemacht - es war die ersten Male eine wirkliche
Erschtterung - da ich die Dinge alle so erlebte, wie ich sie erdacht hatte.
Ich habe mein ganzes Leben zwischen vierzehn und zwanzig erlebt, als Seekadett,
in eine Hngematte, eine Kabuse, ein Schiff eingesperrt. Damals wute ich, wie
jeder Seemann, nichts von der Welt. Nachher aber, als ich in die Welt kam, habe
ich nichts mehr erlebt. Oder vielmehr, immer das Gleiche, immer wieder diese
sechs Jahre persnlicher Einsamkeit, immer wieder diesen Inhalt von Erdachtem.
Ich habe seither ein wildes Leben gefhrt, by Jove. Aber, von reifenden Ideen
abgesehen, habe ich nichts Neues erlebt. Es war alles schon in mir, bevor ich
noch seine Bekanntschaft machte. Ich wei auch, warum es so ist. Es ist keine
Schwche, wie ich einmal dachte. Es ist eine merkwrdige Kraft, ja, Johnny, eine
herrische Kraft, die mich anderen gegenber oft in Verlegenheit bringt. Die
Menschen laufen vor mir ohne eigene Gesichter herum, wie Brocken von meinem Ich.
Ich besitze die Witterung, die Beobachtung, die Kombinationsgabe des Jgers. Ich
habe aber in meinem Kcher Worte, Worte, nichts als Worte. Und ich bringe mein
Wild zur Strecke, unabnderlich - lassen Sie sich sagen, da die Jagdlust selbst
das wichtigste Wild bedeutet, und da Sie nicht von der Beute, sondern von der
Jagd leben. Sie ist das einzige, erste und letzte physiologische Ereignis, und
darauf kommt es an. Die Beute ist nur technisch da. An der Tatsache knnt Ihr
verhungern - ich lebe von der Theorie. Ihr seid Trumer und beruft Euch auf den
Augenschein. Just Ihr habt ihn nicht; Ihr habt ihn nie gehabt. Glaubt Ihr, da
Ihr sehen knnt? Ihr sehet ganz schwchlich. Ich halte mich an die Abstraktion.
Ich stehe auerhalb des Lebens - ich denke das Leben, erschaffe es nach meinem
Denken. Euch ist gesagt, Ihr sollt Euch kein Bildnis machen, nicht von Euch,
nicht von ihm, von nichts - dies war der Apfel der Erkenntnis, der Euch
verweigert wurde, eben dies! Ich aber mache mir dies Bildnis und die Realitt
prangt. Ich wechsle Sein und Denken, der Erfolg ist, da ich lebe. Als Rest
bleibt ein Schatz. Ein Schatz, Johnny, fr den jeder andere nur Vorwand ist. Ich
floriere, ich stehe hell in Blte. Mir widerfhrt das Wunder, und mein drrer
Stab schlgt aus. Ich erhalte physische Botschaft und hhere Besttigung meines
Denkens: Ich bin auf jenem menschlichen Maximalgrad von Existenz angelangt, der
Glauben heit; welcher Art mein Glaube ist, knnen Sie vielleicht erraten; ich
will es Ihnen auch ein anderes Mal erklren. Nun fordere ich Sie auf zu lcheln,
ich werde eine Antithese gebrauchen: ich habe Praxis im Erkennen. Sie sehen in
mir das Endglied mehrerer Rassen von Jgern und Abenteurern, von
Beobachternaturen. Ich habe wahrscheinlich ein Training von Jahrtausenden
genossen - bitte, sofort drfen Sie reden - hnlich dem buddhistischer Fakire,
die ihren Organismus in einer uns unverstndlichen Weise beherrschen und sich
nach vierundzwanzig Stunden Totenstarre und Begrbnis exhumieren lassen. Auch
ich bin begraben und lebe. Ich bin der typische Lebenslaie; da ich trotzdem im
Leben stehe und erlebe, ist mein Spezialvergngen, aber es ist unwesentlich. Ich
knnte geradesogut in einem Pariser Hotel sitzen und Bcher schreiben oder
Bilder malen. Der Jeweilslaie ist der Beobachter, er ist der Schpferische. Er
kann ...
    Unsinn, sagte ich; er hielt betroffen inne. Ich mu zugeben, ich bin
Ihren Behauptungen gegenber hilflos, denn ich konnte sie nicht alle fassen. Ich
bin Ihren Anschauungen gegenber wahrhaftig ein Laie; was folgt daraus? - aber
ich wei trotzdem ganz bestimmt, da das alles dialektisch ist. Es liegen
Druckfehler vor; ich vermag sie nicht alle zu bersehen -
    Well, sagte Slim, also dialektisch, if you please. Das ist gut. Was aber
ist nicht Dialektik? Alle Institutionen der brgerlichen Gesellschaft beruhen
auf dialektischen Resultaten. Staat, Ehe, Patriotismus. Das sind Dinge, die es
nicht gibt. Aber man rechnet mit ihnen. Dialektisch sind die bildenden Knste,
sie sind Schnredereien, Lgen, Tricks. Aber darum nicht wertlos, Johnny, nicht
wertlos. Sie entsprechen einer gewissen Dimension, ich habe Ihnen das schon
erklrt. Euer Empfinden lebt ja in einer gewissen Dimension ...
    Und das Ihre? schob ich schnell den Fu vor.
    Das meine noch ber dem Euren. Ich lebe in der Dimension des Paradoxen, des
ewig Kontrren. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen gestern abend expliziert habe.
Oder haben Sie es verschlafen?
    Gestern abend?
    Nun ja, gestern abend, nach dieser merkwrdigen Seance, bei der Moki seine
alten Kunststcke auffhrte. Wir stritten doch darber, ob er wirklich
aufgeflogen sei - was ganz lcherlich ist - oder ob es sich hier um ein
suggestives Sehen handelte, das ich Ihnen erklrte. Ich erkenne wohl, da Sie
Ihre ganze betrunkene und glubige Seele von gestern abend verschwitzt haben!
    O nein, sagte ich halbtot, denn kein Gedanke war weit und breit in meinem
Kopfe, ich erinnere mich wohl. Ja, und - und ... da erklrten Sie mir also
irgendwie Ihr System, wie ... ja, natrlich, ich erinnere mich schon. Das ist
aber merkwrdig.
    Was ist merkwrdig, sagte Slim grinsend; Sie waren sehr betrunken,
Johnny, ich wei. Aber Sie haben verdammt gescheit gesprochen, obwohl Sie mich
immer mit Checho anredeten, als Sie beweisen wollten, da der Gott auf und davon
geflogen sei. Ich hatte alle Achtung vor Ihrer Beobachtung und Spitzfindigkeit.
Sie sind heute wesentlich dmmer. Was ist denn so merkwrdig ...?
    Merkwrdig, ja, nun, nun natrlich Ihr System. Es hat aber etwas fr sich.
Ich erinnere mich schon. Sagen Sie mal, habe ich Ihnen vielleicht auch etwas
erzhlt?
    Erzhlt? machte Slim und sah mir gerade ins Gesicht. Ja, Sie haben mir
von Ihrer Braut erzhlt, jenem sprden deutschen Mdchen, sie ist Soubrette,
glaube ich, haben Sie gesagt. Jawohl, darber haben wir oben im Zusammenhang mit
meinem System der Dimensionen und den verschiedenen Phantomien gesprochen. Ich
akzeptiere brigens Ihr Wort, Phantoplasma, es ist besser. Sie haben offenbar
darber nachgedacht. Ich fand es sehr schn von Ihnen, da Sie mir aus Ihrem
frheren Leben erzhlten. Ihre Bemerkungen dazu waren durchaus interessant. Und
nun fhle ich mich Ihnen gegenber gewissermaen verpflichtet; ich mchte, da
wir ja nun einmal im Urwalde Freunde geworden sind, nicht, da Ihnen an mir
etwas dunkel sei; Sie wrden es, wie es dem Menschen nun eben geht, gewi ins
Schlechte deuten.
    Keineswegs, sagte ich, schmchtig an Gefhl. Mein Physiologismus, fuhr
Slim fort, ist Geistigkeit. Greifen wir zur Physik, Herr Ingenieur. Um das
Fluidum zu erzeugen, auf das es jeweils ankommt, ist es gleichgltig, ob Sie den
Krper im Strahlungsfelde des Magneten bewegen, oder ob das Feld am Krper
vorbeispaziert. Nehmen Sie die Inversionsstrme! All right, das ist mein
Vergleich! Ich bewege einmal zur Abwechslung sozusagen nicht die letzte uns
fabare Dimension, das ist die Zeit, sondern fhre eine leere objektive Bewegung
gegen sie aus. Das Fluidum, das derart erzeugt wird, ist dann ungefhr diese
meine Dimension; da ich in ihr auf alte, uralte niedrigdimensionale
Lebensformen zurckgreife, ist eben ihr, wollen sagen, reaktionres Wesen. Hren
Sie ... und er begann sich ber das zu verbreiten, was er seine dimensionalen
Theorien nannte. Wir schritten in eifrigem Gesprche in die Savanne hinaus und
wieder zurck. Als erst die Hlfte erledigt und geklrt war, standen wir schon
wieder an der ersten Htte. Ich fand bei mir zu allen diesen Eindrcken das
lsende Wort, da Slim eine ungeheure synthetische Intelligenz besitze, aber
sich in ihr bernhme.
    Sie sind ein Ursprung, sagte ich hflich, wie mir's vor Uneigenheit zumute
war. Das Gesprch endete, als wir zu van den Dusens Htte traten. Ich ertappte
mich bei dem Gedanken, da ich wohl ein guter Leiter sein msse. Irgend etwas
mu der Mensch doch sein, irgendeinen Ehrgeiz mu er zufriedengestellt finden.
Mein Kopf war whrend dieser Tage nichts als eine Filiale des phnomenalen
Denkorganismus, den Slim in seinem Schdel barg. Er ahnte in diesem Augenblicke
meine Botmigkeit, behaupte ich, denn pltzlich traf er Anstalten, sich zu
revanchieren - dies durchschaute diesmal ich - fhlte sich aber von meiner
Hflichkeit geplagt und suchte sich aller lstigen Verpflichtungen zu
entledigen, indem er sich mit objektiver Eisesklte bis ans Herz hinan wappnete.
Er sagte nmlich, hchst unlustig und gleichsam als Maregel, den guten
rcksichtslosen Takt unseres Verkehrs festlegend: Johnny, Sie sind ein
interessanter Mensch. Eigentlich. Aber wie kommt es, da Sie trotz Ihres hheren
Intellekts stets mehr Unrecht in Ihren Meinungen haben, als irgendein anderer
Mensch von tieferstehender Intelligenz? Bei diesen Worten richtete er seine
Augen geradeaus auf die Htte Dusens, der dort im Schatten sa und aus einer
kurzen Pfeife qualmte. Es kommt daher, da Sie ein Deutscher sind und sich auf
keine Realitt geeinigt haben. Die Deutschen sind stets um einen Grad klger als
andere Menschen auf Gottes Erdboden. Ja ja, sehen Sie mich nicht so hilflos an.
Es ist der Natur mit dieser berlegenheit blutig ernst. Die Natur liebt den
Deutschen offenbar, sie gibt ihm Talente, Chancen zu unerhrter Macht und zu
Glck, aber er geht daran vorbei. Der Deutsche ist universell und liebt die
Nuance; allein die Vorstellung fremder Hautfarben ist fr ihn erregend und macht
ihn ehrgeizig. Er liebt den Chinesen und mchte am liebsten selbst einer sein,
weil er feine Seide trgt und inmitten eines Systems uralter Weisheit lebt.
Eines Systems; man stelle sich vor, was das fr einen Deutschen ist. Er liebt
den Neger, weil er ihn musikalisch ahnt. Er erwartet nichts weniger als die
endgltige Veredelung der Welt, herbeizufhren durch die Verschmelzung der
Deutschen und der afrikanischen Musik. Und er liebt den Indianer, diesmal mit
den besten Grnden. Denn der rote Mann erinnert ihn unter den fremden Rassen am
nchsten an seine eigene Art und Mythologie. Aber der Deutsche nimmt nicht, was
zu ihm pat. Das empfnde er als unethisch. Er hat eine verfluchte ordinre
Askese im Blute, ein gottverdammtes Stck dieser Sklavenrassen, die in ihm
aufgegangen sind. Kein Volk lebt so wenig, was es denkt und sehnt, wie der
Deutsche. Er ist der interterritoriale Mensch, wie ihn der liebe Gott geschaffen
hat. Aber unter den groen Vlkern ist er heute der territorial Beschrnkteste.
Keiner kennt die Fremde, das Fremde, so wie er, denn er ist der
Phantasievollste; aber wo hat man schon gesehen, da er Phantasie genug besa,
eine Fremde zu regieren? Denn dies ist meiner Meinung nach die hchste
phantasiemige Spannung: eine Fremdartigkeit organisch zu regieren; es ist der
Ausflu hchsten und edelsten Herrschersinnes. Aber der Deutsche schmt sich
seiner schnsten gewaltttigen Triebe: die alte Sklavenseele rumort in ihm. Er
hat die wahnsinnige Knechtsidee, der Geist wrde durch die Tat geschmlert oder
gar verneint! Als ob der Geist durch uerlichkeiten berhaupt zu
beeintrchtigen sei! Der Deutsche verfllt sofort der fremden Umgebung: soviel
Phantasie, soviel mehr Phantasie als andere Nationen besitzt er; aber nicht
genug Phantasie, um diese Umgebung zu beherrschen. Alles in der Welt hat der
Deutsche erfunden; so sehr, da man von allen frheren Erfindungen sagen kann,
ihre Urheber seien geradezu nur vorweggenommene Deutsche gewesen: aber die
anderen haben seine Ideen eingefhrt ...
    Die Amerikaner? warf ich ein, halb lustvoll, halb peinlich berhrt.
    Slim ri seinen Rock auf. Auf sein Hemd waren Sterne und Streifen eingenht.
Seine Brust war breit. Und sie war beschtzt von einem unpassenden kleinen
Silberkreuze, das er um den Hals trug. Es fiel mir aber nicht weiter auf, denn
in den sdamerikanischen Republiken pflegen die Mnner dieser mehr zur Toilette
gehrenden Gewohnheit unbedenklich zu huldigen. Er sah mich hart an. Ich bin
Amerikaner mit Leib und Seele. Ich bin mit dem Stars and Stripes am Leibe
aufgewachsen, in einer schneidigen und patriotischen Schule. Aber obwohl ich das
gesndeste United States zwischen Seattle und Galveston fluche, kann ich von den
Liedern und Erzhlungen der alten Frau trumen. Die alte Frau ist meine
Gromutter. Sie war eine Deutsche. Well, Johnny, ich, der Amerikaner, sage
Ihnen: mit dieser Nation ist es nichts. Es gibt sie kaum mehr. Die Hoffnungen,
zu denen ein Washington und Lincoln berechtigten, sind als schon erfllt und
verjhrt zu betrachten. Der heutige Amerikaner ist ein Verfallstypus. So schnell
und unmotiviert, wie die Blte kam, ist sie auch verwelkt. Die Grundlagen waren
zu hastig erschpft. Und, ich mu es sagen: Es sind zuviel Menschen meiner
Herkunft unter diesem Volke; und nur ein wenig gewisses Blut ist gefhrlich, es
fehlt an Ausgleich und ergibt ruinierte, einseitige und charakterlose Figuren
...
    Die Englnder? sagte ich dringend.
    Er lachte. Geben Sie sich keine Mhe, Johnny. Verbergen Sie den Stolz Ihres
Herzens nicht hinter solchen Hflichkeiten. Johnny, wenn ich blo daran denke,
da statt der Englnder die Deutschen in Indien sen ... Das Herz geht mir auf.
Was htte das fr die Zukunft zu bedeuten; ich wrde mir vor dieser Tatsache
wirklich erlauben, allen Respektes von Menschheit und dergleichen zu faseln.
Aber die Deutschen? Johnny, gestehen Sie's nur, Sie sind ein Deutscher - an
Indien haben Sie so berhaupt in Ihrem Leben noch nie gedacht! Haha! Charles
Darwin in allen Ehren; den haben wir jetzt grndlich verbreitet. Ich aber
erwarte noch alles, sogar die Eroberung Indiens, von der Nation, die den
Freiherrn von Mnchhausen gezeugt hat. Dieser Mann wrde sich am Fue des Pamir,
wo die Berge bis in den Himmel phantasiert sind, erst wieder daheim fhlen.
    Was Sie ber den Amerikaner sagen, sagte ich, kann ich verstehen. O
bitte, bemerken Sie nichts! fiel er mir ins Wort. Ich knnte es nicht hren.
Wenn einer seine eigene Nation kritisiert, so klingt das anders, als wenn er
dasselbe aus fremdem Munde hrt. Ja, wenn ich ganz fein auf Sie eingehe, mu ich
Sie sogar um Entschuldigung bitten. Auch ein bertriebenes Lob einer Nation
spricht sich leichter aus, als es sich von deren Angehrigen anhrt. Denn im
Grunde enthlt es eben wieder einen boshaften Vergleich, eine Kritik. Was aber
den Amerikaner betrifft, so kann ich dies wiederum klar bekennen. Der
amerikanische Typus, wie er als moderner Standardmensch in den Begriffen lebt,
stirbt in Amerika aus. Er scheint dafr auf Europa, ich will gerne sagen, auf
Deutschland berzugehen. Er sah mir lchelnd ins Gesicht. Aber Ihnen, Johnny,
fehlt noch manches dazu. Sind Sie nicht ein wenig romantisch? Nicht ein wenig
berhitzt? Haben Sie nicht, wenn ich Sie recht durchschaue, zu sehr das
kleinliche Bedrfnis, zu stilisieren, alles zu dem zu machen, was Ihr Poesie,
berlebensgre, nennt? Nein? Nun, es kommt mir eben doch so vor. Mein Lieber,
elementarisieren Sie, seien Sie pur in ihrem Erleben! Nicht steigern, um Gottes
willen nicht steigern! Verfluchte deutsche Sucht! Sie haben gewi schon
Augenblicke gehabt, in denen Sie annahmen, da ich gro bin. Sie errten. Sehen
Sie, ich will Ihnen hiermit noch nicht beweisen, da ich nicht gro, sondern nur
eitel und brutal bin. Denn beweisen kann ich es nicht; ich mte mich mit
Bekenntnissen berstrzen und ber Worte verfgen, die so schnell
aufeinanderfolgen wie Herzschlge und Nervenstrme. Ich kann's nur einfach
aussprechen. Ich bin nicht gro. Laden Sie mir nicht derlei Verpflichtungen auf.
berhaupt, nehmen Sie mir's nicht bel. Ich fhle Wrme fr Sie. Aber lieben Sie
mich nicht. Lassen Sie mich allein. Umgeben Sie mich nicht mit sich. In dem
Augenblicke, wo ich zu beobachten anfange, sind Sie fr mich eine Leiche. Ich
bin immer auf der Jagd. Ich bin ohne Bosheit. Aber ich kann nicht schonen. Ich
kann nicht. Es fehlt mir an Talent hierzu. Und ich kann mich nicht einmal
darber grmen. Bewundern Sie das nicht. Das ist etwas ganz Einfaches. Sie sind
ja kein Frauenzimmer, Johnny, wie? - Hallo, van den Dusen, wie geht's, was ist
denn los?
    Der Hollnder sa gedrckt auf seinem Feldstuhl und wimmerte uns entgegen.
Slim lachte krftig auf, ganz unmetaphysisch, beinahe gutmtig. Dem Kranken
gegenber erschien er von einer wahnsinnigen Gesundheit. Dieser aber wurde
krnker. Und pltzlich wurde Slims bermacht widerwrtig. Etwas in mir kippte
um; ich wurde stolz auf meine Schwche, ich loderte in heller Begeisterung auf
fr die Hemmungen, die mein Hirn wie ein Gebirge umstellten. Gleich darauf
lachte auch ich und rgerte mich, wie gesund es klang; es war noch ein
Schwcherer da als ich. Van den Dusen machte einen so klglichen Eindruck, da
man noch vom Tode aufstehen mute, wenn man ihn ansah. Er war eine Kur gegen
Schwchen und wankelmtige Launen.
    Er war unrasiert und hatte seinen Tropenhelm tief in die Stirne geschoben.
Hurra, schrie er grmlich und sah mich zwinkernd an, ich bin ein Schlagwort
los! Nieder mit den Schlagwrtern! Nieder mit dem Wasserrad! Wasserrad,
Wasserrad, hu, wie es sich in meinem Kopfe dreht!
    Wasserrad? He, was ist los mit Ihnen, Dusen? frug Slim. Wo haben Sie denn
heute nacht gesteckt? Was haben Sie sich heute nacht denn da drauen geholt?
He?
    Wissen Sie, was ein Wasserrad ist? schrie van den Dusen. So haben John
und ich eines Tages die Erscheinung getauft, da Sie Tatsachen umkehren knnen,
ohne ihre Wirkung zu verndern. Dies tut seine Arbeit und Ihnen bleibt das
Vergngen, die Dinge aus- und einschnappen zu lassen wie ein schlapp gewordener
Gong. Behalten Sie das! Und nun denken Sie sich einen Menschen, einen gut und
vernnftig angezogenen Europer, gleichsam einen umgekehrten Adam, er nascht vom
Baume der Erkenntnis - und siehe, da ward er gewahr, da er zuviel angezogen
sei. Und - Und was weiter, erkundigte sich Slim ruhig, ohne eine Miene zu
verziehen.
    Nun ja - ach Unsinn, nichts. Das sind eben diese verfluchten Umdrehungen.
Man kann praktisch nichts mit ihnen anfangen. Sie knnen sich doch nicht etwa
hinstellen und nackt vor den Frauenzimmern herumtanzen, blo weil diese glauben,
da unsereins schlecht angezogen sei? Na, erlauben Sie aber - abstrakt, nichts
als abstrakt. Vollstndig abstrakt! Er sprach es aus, als habe er die Absicht,
die grte Beleidigung zu formulieren.
    Slim ging, schmunzelnd und die Hnde in den Hosentaschen. Ich wollte mich
anschlieen, um unsere Gesprche fortzusetzen. Der Hollnder aber rief mich
geheimnisvoll und verlegen zurck. Grunzend zog er mich in die Htte und
entledigte sich der Bekleidung seines Oberkrpers bis auf die Haut. Ich
entfernte ihm mit dem Federmesser eine Anzahl Dornen aus dem weien
Rckenfleische, die auf geheimnisvolle Art dorthin gekommen waren, und legte ihm
Pflaster auf lange Riwunden, die wie Peitschenhiebe ber den Nacken geschnalzt
verliefen. Indessen gab mein Mann umstndliche Schwre ab, da das Paradoxon
nichts fr ihn sei.

                                      XXI


Dornen in van den Dusens Walrorcken fhrten mich in dieser blauen Nacht zu
einem merkwrdigen Abenteuer aus, das nicht ohne unaufgeklrte Hlichkeit enden
sollte. Es gibt viel Schlangen im Djungle. Ich werde niemals wieder bei Nacht in
den Djungle schleichen, weil mir langweilig ist oder die galanten Taten meiner
Begleiter mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Moki allein wei es, was
gefhrlicher ist, ein vergiftetes Messer in den Hnden des eiferschtigen,
lauernden Weibes oder der Stobi einer jener dnnen, langen Schlangen, deren
Schuppen beschleimt im Mondlicht glnzen!
    Die Langeweile soll mich nicht mehr verfhren. Ich bleibe brav in meiner
Htte oder im Bereich des Lagerfeuers, rauche trumerisch aus meiner Pfeife und
sehe mit Sehnsucht zu Aruki hinber, wenn sie das Kleine mit den Fingerchen an
den langen Brsten kneten und mit dem Schnuzchen sugen lt. Die Langeweile,
die tropische Langeweile, dieses Geschenk des Waldteufels, dieses Schicksal
einer Rasse, die Zeit und Entwicklung noch nicht entdeckt hat, die ewige,
glnzende, grnende, ppige Langeweile hat an jenem Abende auf mir gelastet.
    War das die Pracht des sdlichen Himmels oder war es ein trivialer
Sternenhimmel ohne Stimmung, ohne Poesie? Es war ein Himmel mit seiner Bewegung
und mit Witzen, ein geistvoller Himmel, an dem es in Figuren zusammenrann, in
lange Ketten zusammenschmolz, in Lettern und Signalen sich strubte wie
amerikanische Beleuchtungsreklamen. Es war gewi ein Himmel, der Geist hatte
statt Schnheit und Stimmung. Ich aber entbehrte die Stimmung, und dieser
Himmelsgeist sttigte meine Sehnsucht nicht. Lange sa ich in Gedanken.
    Schon war das groe Abendgebet des Djungles verrauscht, das Krhen, Singen
und Brnsten, das Schleifen und Schlpfen durchs Laub, das Kreuzen horniger
Insekten in den Wipfeln; und in endlosen Zgen waren fulose Wesen ber den
modrigen Humus zum Stillstand gekrochen.
    Nun hatte die Nacht nichts Ahndevolles. Im Dorfe erscholl Lrm, die Hunde
waren unruhig, ihr Gebell verlngerte gleichsam den Tag. Und doch wurde gerade
diese Nacht wild und grausig und erlste die Taten, deren Keime in all diesem
bermigen Fleische rings um mich schlummerten. Der Mond hing voll im Zenit.
Eine Gestalt ging vorbei, klein, mit plumpen Schritten. Sie fielen von einem
Paar stmmiger Waden ab, die wie Ballons aufgegangen waren. An den Gelenken
waren sie dnn wie Tten. Eine Sehnsucht entstand in mir, und ich sah, da es
Rulc war. Ich stand auf und ging ihr nach. Sie wandte sich um und lief rasch
weiter. Vor der Htte van den Dusens schritt sie vorber, sie nickten einander
zu und sprachen kurz. Ich schlug dem Hollnder in Gedanken den Kopf ein, feuerte
sechs Schsse gegen ihn ab, trat ihn in den fetten Bauch und stellte ihn so
allen Frauen des Dorfes aus. Schnell lief ich zurck. Es war mir etwas
eingefallen. In dieser Nacht konnte man seine Waffen brauchen! Ich steckte die
groe Mauserpistole zu mir, mit der man einen ... Puma totschieen kann, wenn
man ihn an die Stirn oder in die Herzgrube trifft. Als ich zu van den Dusens
Htte kam, zitterte ich und tippte an die Pistole. Ich tippte aber blo. Den
Grund fand ich darin, da er nicht mehr da war, so da man also tippen durfte.
    Gleich darauf aber geschah noch etwas, das ich als Verwicklung empfand. Ich
ging jetzt nicht mehr die Kreisstrae entlang, sondern hatte mich seitwrts in
einen der achsenlang fhrenden Wege geschlagen. Hier lag Unrat, schlechte und
gerucherte Luft von den Mndungen der Feuerstellen hing sich an die
geschwrzten Palmstrohwnde. Darum war es der Schleichweg der nchtlichen
Liebesgnger. Pltzlich tauchte vor mir eine Gestalt auf und verschwand. Es
htte Zana sein knnen. Ein heftiger Widerstreit von Verlangen entstand in mir,
einen Augenblick lang war ich todmde vor Unlust. Dicke Beine sind die Snde des
Weibes! Rulc? Ich entschied fr Zana. Weil ich aber unlustig war, ging ich
mechanisch weiter bis zum letzten Ringe der kleinen Indianerhlle. Wie ich ging,
wehte mich mit einem Male etwas Schnes an. Eine Erregung befiel mich, eine se
innere Pein. Es entwickelte sich langsam ins Bewutsein. Und dann war der zarte
amne Hauch eine gedmpfte rhythmische Vibration, dster und im Beginn lind und
unmateriell wie ein Geruch. Es wurde strker, blieb aber pianissimo. Es war der
raffinierteste und beunruhigendste Kitzel, dessen ich mich entsinnen kann. Bommm
- brr, bommbomm - brr ... melodisches Holz. Es war Nochnichtmusik,
Raubtiermelodik, eine stumpfe, organische Sigkeit, die das Blut erhitzte. Ah,
hier war ich unter die Musiker geraten, war unter den armen Teufeln, den Parias
und Mischlingen, den Kastenlosen, denen mit der Sehnsucht, denen am Auenposten!
Nur diese konnten ihr Leben in solche Laute zusammenraffen! Diese waren die
Halbfremden, die Derassinierten, die Sucher, die wehmtigen Selbstbehaupter, und
sie empfingen mich, sie spielten unseren Verkmmerungsmarsch, sie tremolierten
unsere Blutzweiheit, unsere Lebensfremdheit! Nein! es war nur der Stabstrommler,
der nchtliche Fingerbungen vornimmt und sich mit Musikerflei seine Technik
erwirbt! Vielleicht war es auch der Musikhauslehrer bei einem Prinzen, der
Nachtstunden nimmt, weil er in der offiziellen Schule nicht den gemeinen
Pariaflei uert ... aber dann machte die spte, abgeschlossene Stunde doch
wieder den privaten Knstler kenntlich. Auch dies mute ein Irrtum sein. Es
waren wste, heimliche Orgien, eine Privatseance unter der hiesigen Boheme mit
einer Nackttnzerin Zana II., die ich noch nicht kannte - - - ah, da schmerzte
etwas. Man soll das nicht tun. Man soll lyrische Gedanken sein lassen. Ich
suchte die Musik abzuschtteln, wie den Bi von Schlangen. Aber das Gift sa
schon in mir, es kreiste ber mich hinaus, es begann den Himmel wie eine
furchtbare, smaragden durchbrochene Scheibe zu drehen. Das Lebensgefhl der Welt
schwoll an zu lauter Honig des Daseins. Der Himmel, der trockene, gesprenkelte
Himmel der Tropen, zu hei, um Stimmung zu haben, zu klar, um Phantasie zu
entfachen, wurde quellend und gleichwohl vielversprechend. Ereignisse aus meinem
Blute stimmten ihn szenisch. Er kam frisch aus der Rumpelkammer meiner
Bedrfnisse. Heida, ich brauchte einen tropischen Himmel, einen galanten, etwas
lsternen Himmel, bitte, etwas Schwle und Fieber, Ansteckung, den Fra, Fra im
Blute! Und schon war es da. Ich war von Glck und hoffender Unruhe verseucht.
Die Vibrationen der erotischen Hchstmusik hinter den Strohwnden schwchten
sich ab, als ich den Ring verlie und ber das mondbeschienene Stck Savanne
gegen den Djungle zulief. Aber ich nahm die Vision davon mit mir, wie ein Egel
haftete die Erregung an meiner Seele und saugte. Ich fhlte, wie ich leichter
ward. Groe Unternehmungenslust berkam mich. Heute oder nie wird es sich
ereignen. Ich bekomme ein Weib oder ich pulvere das Dorf zusammen. Wozu bin ich
Meisterschtze? Wozu habe ich Rulc bereits moralisch erschossen, leiblich
gezweiteilt sozusagen und mir zu eigen gemacht? Ich nahm die Pistole vom Gurt
und lie die erste Patrone in den Lauf schnappen. Dann trat ich ruhig auf.
Niemand hatte mir hier etwas zu sagen. Ich ging einfach spazieren, wenn es
jemanden interessieren sollte, und es war ein wunderschner Abend. Warum war ich
darauf nicht schon all die langweiligen Tropenabende verfallen, warum erst
heute, nun wir vielleicht schon morgen wieder abzogen?
    Aber ich hatte noch eine kleine Krise zu bestehen, bevor ich zu dem kam, was
mir tckisch im Blute brannte. An der Grenze bei den Farnen, die ber hundert
Schritt hin den Djungle einleiteten, bewegte sich eine schwere Figur. Ich wute,
dies wre van den Dusen. Im Mondlicht mute ich ihm ebenso deutlich sein wie er
mir. Wenn die Zikaden heute nicht berlaut gelrmt htten, htte ich seinen
ungepflegten Gang hren mssen. Noch jetzt vernahm ich ihn an dem, was ich nicht
hrte. Irgendein Organ in mir war fein genug fr ihn. Als er mich bemerkte, gab
er seine Umgehungsversuche lngs der Farnlisiere auf und kam mir entgegen. Wir
trafen uns mit entbten Kpfen in der Mitte des Endchens Savanne, gerade unterm
Monde. Er war bis an die Zhne bewaffnet und schien's auch in der Stimme. Ich
bemerkte nicht weniger an ihm als eine geladene Bchse, die er schubereit
unterm Arm trug, zwei Repetierpistolen und eine dnne, verschliffene Machetta,
die er in der Faust hielt. Man kommt nicht durch ohne das, sagte er
entschuldigend, die weie Klinge der ondulierenden, feurigen Schneide ins
Mondlicht haltend. Er brummte, da er mde sei und sich schlafen legen wolle,
brigens spre er Schmerzen im Rcken. Ich sagte: Bei diesem Abende la lalla
lallera, lalla ... Ich sang, um mich zu verbessern, um gleichsam den geheimen
Klang meiner Worte zu verwischen. Denn mittendrin fiel mir etwas ein. Da sagte
ich, aufs Geratewohl, obwohl ich es ja gar nicht bestimmt wute. Ja, wissen Sie
es schon, morgen ziehen wir also ab, schon recht zeitig in der Frhe. Ich habe
es als ganz bestimmt erfahren. Wir sind hier in Gefahr. - - Sie tun vielleicht
wirklich besser daran, sich niederzulegen und auszuruhen. Tue ich auch, sagte
er zurck und funkelte, bewaffnet wie er war und glatthaarig, im Mondenschein.
Tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie da nicht hinein; es wimmelt drin von
diesen Biestern! Was fr Biestern? frug ich kalt. Nun, diesen
Indianerweibchen! bemerkte er. Aber ich war nicht zu halten, seinen schlimmen
Erfahrungen zum Trotze. Ich drohte ihm lchelnd mit dem Finger. Etwas Seltsames
und Aufgeregtes war an ihm. Ich glaube, er wurde zuletzt eitel; und er erklrte,
er gehe mit. Nein, sagte ich mit ehrlichem Gesichte, sehen Sie, auf das
knnte ich mich nie einlassen. Das widerstrebt meiner Natur. Mit solchen Krten!
Wie kann man sich als Weier so weit vergessen! Ich brchte den Geruch nicht bis
an mein Ende aus der Nase! Ich begreife Slim nicht, sagte er. Was ist an
dieser Zana? Gewi, sie hat Talent dazu! Dazu! Talent dazu haben alle diese
Weiber. Aber ich kenne doch anderes. Die Kreolinnen in Rio zum Beispiel ...
Wieso Zana? frug ich. Er zeigte, da er es geflissentlich berhre, sah mich
mit heimlichem Gesichte an, zwinkerte und sagte: Mein Lieber, lassen wir die
Nasen. Ich kann Sie aber wirklich nicht begleiten. Werden wir also morgen
losgeeist werden, mit Verlaub zu fragen? Ich wnsche es wahrhaftig. Buonas
Noces, Sennor! Er lief mit der Bchse wie ein Fuchsjger im Arm auf das Dorf zu
und verschwand hinter einer Bude.
    Ich stand am Rande des Farnwaldes. Aus dem Dorfe erscholl das engbrstige
Gebell der Hunde. Einer der dnnen, rudigen Kter flog sausend ber die
Httenmarke hervor, blieb stehen und bellte pflichteifrigst in die Savanne
hinaus, seine Schnauze nach allen Richtungen steuernd. Er war unaufmerksam,
heuchelte Ernst und dachte bereits an Gott wei was. Endlich glaubte er seines
Amtes Genge getan zu haben und zog sich zurck; es herrschte Stille. Eine
weite, hallose Nacht sickerte aus Millionen von Poren ber die Erde. Schnell
wandte ich mich in den Farn und drang in das schulterhohe, dichte Kraut ein.
    Ich blieb stehen. Meine Sinne streckten lange Fhler vor. Sie witterten
einen Menschen, obwohl kaum etwas wahrzunehmen war. Schnell sprang ich seitwrts
und im Zickzack wieder vor. Vorne knackte es. Irgend etwas brach, nein, platzte,
kapselartig, etwas Grnes, Saftiges, Faseriges. Und vor mir sah ich da eine
hockende Figur, deutlich erkennbar hinter dem Spitzenvorhang der Farne. Ich
richtete mich rasch auf, um ber die schulterhohen Krautbume wegzugehen. Dort
vorne hockte Rulc. Der Mond stieg steil herab, und ich erkannte ihren Kopf, der
bei den birnfrmigen Backen am breitesten war. Sie bewegte sich nicht und sah
mir steif in die Augen, beinahe unberhrt. In dieser Gleichgltigkeit lag
vollkommene Hingabe. Ich konnte auf sie zuspringen, sie schlagen, wrgen, morden
und lieben. Aber ihre Haltung bannte mich zurck: sie flog auf und weiter ins
flutende Farnkraut hinein. Wie selbstverstndlich, zu ihrer Panik gehrig, ri
es mich hinterher. War dieser Typ weiblichen Versagens nach dem Zugestndnis
Furcht oder Lockung? Ich selbst war Jagd und Liebe. Da kam die groe,
physiologische Gte ber mich, die Grausamkeit der Natur, der Geschmack des
Wilden und Jgers. Als Rulc stehen blieb, in die Knie brach und die Hnde
hinterm Nacken verschrnkte, erkannte ich, da sie herausforderte. Sie lie
Wasser. Ich scheuchte sie, nahm sie und warf sie zurck. Unsere Umarmungen
glitten ineinander, ihr weicher Krper nahm mich auf, ich hrte ihre Rachenlaute
und sprte ihre geilen Bisse. Ihr Atem quoll dick auf mich und roch nach
Pflanzen.
    Dann sahen wir vershnt und friedlich in den Mond. Ich streichelte die Flle
ihrer Wangen und umspannte ihre Knchel. Wir kannten uns, wie gut wir uns
kannten! Hatten wir uns je anders gekannt als in diesem Zustande? Waren es nicht
Ewigkeiten, die wir bereits miteinander verlebt hatten, waren wir nicht diese
Ewigkeiten mit Tier und Pflanze zusammen in Lust und Vershnung untergetaucht?
War ich Ich, und war sie, Rulc, ein Anderes? War ich ein Mann aus einer fremden
Zone mit einem anderen Gehirn und konnten wir uns nimmer, nimmer verstehen? Wir
sprachen nicht, aber wir summten uns tiefe Dinge zu. Sie erklrte mir ihre Liebe
durch die Nase und rundete ihre vollkommen braunen Augen unter den hohen,
giebeligen Lidern. Ich nannte sie in unbestimmten Artikulationen meine Se,
mein Tierchen, meinen Panther. Aber einmal, da sie an meiner Brust lag, sah ich
ihre Maske vor mir und stockte. Ich hatte in ein wildfremdes, unsympathisches
Gesicht gesehen. Unter der glatten Haut, weich wie konsistentes l, mit dem
feinen Porennetze, prete sich ein fremder Schdel durch. Die Oberlippe war
geschrzt, man sah gelbe, schneidige Zhne, ein Eberhauer wuchs unter der
Nasenbasis hervor. Ich wurde kalt, verlor meine Sinnlichkeit, meine Gte, meinen
Wunsch, Lust und Leid anzutun, mein Interesse. Schon wollte ich mich mit
Herzenshflichkeit entfernen, mich mit Anstand empfehlen, als das Wildeste
dieses Abends geschah.
    In diesem Augenblicke hrten wir ein eiliges Streifen durchs Kraut. Ein
Tier, ein Mensch? Rulc fuhr aus meinen Armen empor und arbeitete sich geduckt
gegen die Savanne hin durch. Khl blieb ich sitzen; es fiel mir nicht einmal
ein, an die Pistole zu denken. Ein paar Sekunden verstrichen, ich hrte ein
Rauschen von Halmen. Es war, als ob sich von mehreren Seiten Wesen nherten. Und
da, jetzt gab es einen Klang, einen Klang wie von einer Metallgabel, aber
unbestimmter und dnner, und gleich darauf erzitterte ein Seufzer. Aber dieser
Seufzer hatte keinen Vokal, es war kein Laut, nur ein starker, deutlicher Hauch.
Ich stand auf. Das Gerusch, das ich verursachte, ging in dem schneidenden
Brechen und Knallen von frischen Farnstengeln unter, wurde von einem lngeren
Prasseln und Knistern bertnt. Ha, da ist es! Was geschah hier? Was ereignete
sich hier Wildes, Unheimliches?
    Zehn Schritte vor mir stand eine kleine, schmale Person von wunderbarer
Gestrecktheit. Die Haare hingen ihr in gleichlangen, gestutzten Bscheln bis auf
die Schultern. Das Mondlicht flimmerte auf ihnen. Der Krper war eigentmlich
gelenk von innenher, daumendicke Schnre von grnem und metallischem Glanze
schnrten sich um Oberarme, Schultern und Brste. Diese Schnre waren in
stndiger, schraubender Bewegung, stlpten sich zu Schlingen und Knoten aus,
phosphoreszierten wie metallische Walzen, und pltzlich scho ein muskulser
Teil wagerecht ins Licht hinaus und blieb dort schillernd und vibrierend stehen.
Es waren Vipern, die sich zahm um Zanas feine Knochen wanden. Vor Zana war das
Farnkraut auseinandergefaltet. Dort mute ein ansehnlicher Krper liegen, ein
Frauenkrper, der Krper einer ppigen Frau. Und nun hob Zana die Hnde hoch wie
eine Tnzerin und rang eine der zuckenden, sich steifenden Bestien behend vom
Arme, hielt den rotierenden Leib und den grnen Glaskopf mit den bsen, steten
Augen in den krftigen Hnden und bckte sich nieder.
    Aber rasch, whrend sie sich bckte, tauchte eine andere Gestalt hinter ihr
auf, die Gestalt eines Mannes, dessen wilde Frisur und dessen Kinnbart im Lichte
wei und furchtbar waren wie ein Fell. Zana schnellte mit einem leichten Schrei
empor. Sie griff mit den Hnden unter die Achsel, zerrte sich eine der lebenden
Schnre herab - ihre Schulter war jetzt nackt und kindlich - und schlug mit ihr
nach Slim wie mit einer Peitsche. Slim duckte sich, bekam etwas zu fassen und
sprang zurck. Er stie an die holzigen Rhren alter Farne, es klang metallisch.
Zana schleuderte die Schlange, die sie in Hnden hielt, auf ihn, flocht sich die
brigen vom Leibe, einmal, zweimal, und suchte die Gebumten vor Slims Fe zu
werfen. Aber Slim fing sie mit dem, was er in der rechten Hand schwang, auf. Es
war eine blechdnne Machetta, fein wie ein Degen. Er fhrte schnelle, gierige
Hiebe, er fing die Tiere im Fluge und trennte sie in blitzschneller
Aufeinanderfolge entzwei. Die fleischigen Fragezeichen kollerten gleich
Uhrfedern herab. Es klang sprde, wenn er traf. Als Zana ihn beschftigt sah -
ihr Kampf war rhythmisch wie ein Tanz gewesen, eine Schlangenschlacht, ein
Gottesurteil -, floh sie. Aber Slim holte sie ein und berwltigte sie.
    Ich wurde der Zeuge eines wunderbaren Geschehnisses. Die Leiber der
Geschlechter sind zu einer unfabaren, rhrenden Harmonie ineinandergepat. Es
ist die letzte Entfaltung und Erlsung des Tanzes. Die Tnzerin Zana ging mit
ihrem Leibe in ein einziges menschliches Ornament auf, zeigte die zweckmige
Fgung fr den Sinn und das Zusammensetzspiel eines hchsten, tierischen
Organismus, der vollstndig war, erlst, entrtselt und die vegetative Unschuld
der krperlichen Einheit wie eine verlorene und wiedergefundene Seligkeit
erlangte. Der Wilde, barbarische Zauber, der in den Sinnen des Mannes und des
Weibes verschmolz, war ber alle Maen schn. Wieder stand ich inmitten des
Farnwaldes, Jahrtausende hinter mir zurck. Zeit, Entwickelung, sie waren nicht.
Ich war hier, in der Frische und Anstndigkeit dieses Ereignisses, reifer, den
Lustkern der Phantoplasmen zu begreifen, als auf der Hhe meiner gesteigerten
Kultur. Dieses Bild vor mir, mit den Menschengliedern als Ornamenten einer
groen, regsamen Blume, war ein einziges, einheitliches Geschpf ...
    Dies waren die Gedanken, die mir kamen, als ich im Halbschlummer in der
Htte lag und mir in Erwartung eines kommenden Aufbruches allerlei Theorien
machte. Ich hatte wahrhaftig Reisefieber! Es hie ja, da Gefahr im Anzug sei.
Ich dachte vieles und sann merkwrdig scharfe Bilder aus. Morgens schmerzte mich
mein Kopf. Zwei Stunden nach Mitternacht war Slim erschienen. Wir gehen, sagte
er, sind Sie auch so konfus wie der Hollnder, Johnny? Er will fort, und zwar
strmisch; er zittert aber frmlich, wei der Teufel, ob das Trennungsschmerz
ist. Kurz darauf waren wir unterwegs, den Flulauf entlang eilend und mit
Blicken uns den Rcken frei wnschend. Denn ich hatte nicht beziehungslos
getrumt. Etwas Unerklrliches hatte sich ereignet.

                                      XXII


Wieder blitzten die Machettas. Slim in der Vorhut fhrte einen dnnen, stark
verbrauchten Stahl, der unter seiner Reckenarbeit nicht aus dem Sumsen kam. Er
fhrte ihn mit krftiger Hand, arbeitete mit angestrengter Umsicht und fegte
ste, Bnder und Bschel hinweg, die uns wie Peitschenschlge und Wimpelklatsche
entgegenschnellten. Er hatte die feine Waffe eines Tages dem Hollnder verehrt;
jetzt sah ich sie wieder in seinen Hnden, sie wuchs aus seiner Faust, er
strzte vor, und Zana lief geduckt wie ein Pantherweibchen hinter ihm und stie
begeisterte Rachenlaute aus, wenn er mit blitzschnellen Streichen ein Hindernis
erledigte. Sie gehrte ihm mit Haut und Haaren. Sie schrie: Achi, achi! In ihren
Augen sa ein beseligtes Grauen. Slim kmmerte sich nicht um sie. Es war nichts
an ihm zu bemerken als eine vage Unrast. Wir gingen wie auf einer Flucht,
parallel zum Flusse, talab.
    Alle waren von Reisefieber besessen, von der Lust des Wanderns nach soviel
Tagen der trgen Ruhe. Aber in dieser Nervositt wirkte noch ein anderes Gift,
eine Art Angst und Besorgnis. Dieser Zustand sa seit dem Morgen in uns. Ein
ungnstiges Vorzeichen fr unsere Reise war uns entgegengetreten und unsere fnf
Indianer von der Kste hatten sorgenvolle Mienen. Im Farnwald, mit dem der
Djungle und unsere Reise begann, war Checho pltzlich, vom Geruch gefhrt, auf
eine Leiche gestoen. Es war ein totes Weib. Als wir hinzukamen, lag feist wie
ein Schlauch eine geringelte Schlange in dem gepreten Scho, erhob sich und
stand steif wie ein Stecken auf dem Endchen Schwanz, tanzte frmlich vor Wut und
Furcht wie auf einem einzigen Beine. Es war ein langes, warziges Tier mit
rauhgelben Huten, die feucht umspannen schienen. Bei Nacht mochte es schner
sein. Ich hatte so meine Gedanken darber, dachte, es knnte wohl so sein
vermge einer inneren Eigenstrahlung. Es hatte einen kleinen, dummen Kopf, ein
winziges Kistchen, dessen Deckel oben etwas klaffte. Slims Machetta tat ihr
Werk. Sie fuhr wie Bleistiftgekritzel durch die steife Linie dort ber dem Bauch
der Frau, es schnalzte zwei-, dreimal, und dann wanden sich die Bestandteile des
eiterspeienden Schlauches auf der gelblichen Unterlage des Leichnams. Der Kopf
war durch eine humoristische Bewegung Slims van den Dusen an die Brust
gesprungen. Dieser wurde so bleich, da ich mich bel fhlte. Der Schlangenkopf
war zwischen den Rockschlssen stecken geblieben. Als der Hollnder sich gefat
schttelte, fiel es wie eine reife Pflaume heraus, und whrend es am Boden lag,
bewegte es mit zarter Andeutung seine Kiefer. Warum Slim dies tat und gerade in
diesem Augenblicke, wo wir einer Leiche gegenberstanden, mit einer gewissen
Schadenfreude tat, blieb mir rtselhaft. Ich gestehe, da es wieder einmal kein
gutes Licht auf unseren Freund Slim zu werfen droht, und dies ist mir an dieser
fortgeschrittenen Stelle meiner Erzhlung nicht mehr so gleichgltig oder gar
erwnscht wie frher. Man schien sich berhaupt angesichts dieser bedauerlichen
Tatsache nicht richtig zu benehmen; man htte fr die Leiche doch eine kleine
Christlichkeit tun sollen. Das Merkwrdigste aber blieb, da eigentlich niemand
so recht berrascht schien, sondern sich wie vor einer bekannten und
berschlafenen Tatsache benahm. Checho fand die Leiche; er behauptete, sie zu
riechen. Ich merkte aber weder einen Geruch, noch ein Anzeichen von Verwesung,
die Vergiftungserscheinungen abgerechnet.
    Die Indianer erklrten, diese Frau sei von der Schlange gettet worden. Es
waren in der Tat zwei Bistellen sichtbar. Eine kleine stichartige Wunde in der
Herzgrube, aus der die rostigen Spuren eines Blutstrahles ber den Leib liefen,
der hart und gelb wie Bernstein schien, und eine grere Wunde im Unterleib,
knapp ber den Schenkeln. Dieser Unterleib war rund aufgeschwollen wie eine
Blase, seine Haut war stellenweise durch die Expansion schbig geworden und
zeigte faulfarbige lila Schatten, ockergelbe Striemen oder Flecke von gnzlicher
Farblosigkeit. Der gedunsene Leib mit dem nahtig verengten Geschlecht, dieser
beinahe mtterliche Leib sah so traurig aus in dem Mysterium seines
Stillstandes, da ich htte weinen mgen. Ich behauptete, Rulc, die Gattin
Kelwas, des Malers, zu erkennen, aber ich gab zu, da ich mich irren knne, denn
schlielich waren alle diese Gesichter nicht genau zu unterscheiden. Indes
stimmte Slim mir bei. Es war Rulc, sicherlich Rulc, er wte es ganz genau, ob
ich ein so schlechtes Physiognomiengedchtnis htte. Schrecklich schlecht,
sagte ich. In diesem Augenblicke fhlte ich, da van den Dusen mich ansah. Da
beteuerte ich, da ich in der Tat Gesichter nur sehr schwer behalten knne. Erst
nach einer genaueren Bekanntschaft, nach einem sozusagen intimeren Verkehr wre
ich imstande, mir einen Menschen zu merken. Ich mte mal erst meinen Klemmer
aufsetzen - so, ja ja, allerdings, das wre also Rulc, hm ...
    Ich sah auf und entdeckte, da der Hollnder wieder vollauf mit sich
beschftigt war. Das machte mich etwas ruhiger. Er war der einzige von uns, der
vielleicht trauerte. Er war eine gute Seele von einem Manne. Er schien absolut
keine Lebenslust zu besitzen, er war vollkommen entuert, er war ein
ungefhrlicher Mann und gewi kein Traumdeuter oder Gedankenleser.
    Slim schlug zu meiner Verwunderung ein Kreuz ber das Opfer und hielt eine
kurze Leichenrede, die aber vorzglich unserer eigenen Sicherheit galt. Er sagte
es zuerst den Indianern und dann auf englisch zu uns. Nu aber man raus! war
ungefhr der Sinn seiner Worte. Er war dicht an Zana, in Griffweite und mit dem
Blicke auf ihr. Zana stand die ganze Zeit ber mit verhngten Brauen und sehr
ruhig dabei. Die Arme war gelangweilt, sie hatte ganz und gar kein Interesse an
Leichen. Es war ihr deutlich anzusehen, da sie fort wollte. Das Leben war doch
sowieso nicht amsant. Hier sehen Sie ein indianisches Eifersuchtsdrama, fuhr
Slim fort und starrte unausgesetzt und nachdenklich den Hollnder an, der ihm
zufllig gegenberstand und kein Auge von der Leiche wandte. Es ist das Werk
einer Nebenbuhlerin. Rulc wurde erstochen. Ein kachiertes Verbrechen; hchst
merkwrdig und schlau. Diese Schlange ist angesetzt worden, sozusagen direkt in
die Wunde getaucht, nachdem bereits zwei Stiche gefhrt worden waren. Bitte,
hier, sehen Sie, warum zeigt nicht auch die Brustwunde
Vergiftungserscheinungen? Sein Blick bekam einen triumphierenden Glanz. Er
wartete, da jemand von uns beiden widersprche. Als dies nicht geschah, fuhr er
fort: Es sind zwei Wunden, beide sehr tief. Sie rhren von einem langen sehr
dnnen Messer her. Es ist ziemlich krftig gestoen worden. Betreffs der
Schlangen mag ich mich brigens irren. Es gibt sie hier herum in groer Anzahl
und es ist wohl mglich, da sich die eine oder die andere gerade an die Wunde
verirrt hat. Ich mchte mich jetzt lieber zu dieser Ansicht bekennen und sogar
noch weitergehen. Es ist wahrscheinlich, da die Leiche mehreren Schlangen
ausgesetzt war. Hier - und hier - vielleicht auch hier, aber das ist undeutlich,
zeigt sie eingetrocknete Verschleimungen. Es scheint also inzwischen jemand hier
gewesen zu sein, der die Schlangen fortnahm, jemand, der gegen sie gesichert
ist. Warum - das kann ich natrlich nicht sagen. Vermutlich aus Piett. Oder
auch aus Spielsucht. Es ist gleichgltig. Viel interessanter wre es, zu wissen,
ob die Schlangen angesetzt wurden und von wem, vom Mrder, oder von einer
gleichgltigen spter eintreffenden Person, oder von beiden gemeinsam - - -
diese Doppelheit ist es, die mir am interessantesten scheint. Was konnten - was
durften, jawohl durften diese zwei miteinander zu tun haben? Denn nun bin ich
wieder berzeugt, da die Schlangen angesetzt wurden. Es sammeln sich nicht so
schnell so viele Schlangen an einem Orte, auch nicht an einer Leiche. Was meinen
Sie, van den Dusen?
    Der Hollnder nickte nur. Der Anblick einer Leiche schien ihn zu schwchen.
Slim lachte pltzlich seltsam und sagte: Die Indianer werden glauben, da es
die Schlange getan hat. Aber das ist gleichgltig fr uns. Wir mssen eilen.
Wenn es entdeckt wird, ist es ihnen ein Wink des Schicksals. Es gibt Aufruhr im
Dorf. Vorwrts, Zana, marsch! Er schlo seine groe Hand rckwrts um ihren
Hals, sie folgte ihm demtig wie unter einem Joche.
    Ich verstehe das nicht, gestand ich ihm, wie knnen Sie Zana so ohne
weiteres mitnehmen? O, das ist meine Sache, sagte er, ich habe sie in der
Hand. Er sah glcklich und gesund aus, als er das sagte.
    Die Machettas sprengten einen Pfad in den ewigen Djungle, in diese fhlbare
Rumlichkeit. Die harte Arbeit erzeugte in uns eine gewisse berreizung. Ich
konnte beobachten, wie sich unter uns Weien eine erregte Nervengemeinschaft
bemerkbar machte. Eine nahe das Grauenvolle streifende Gleichfrmigkeit unserer
Einbildungskraft machte uns mitrauisch gegeneinander. Und ich gewahrte, wie ich
selbst von den anderen beobachtet war. Ihr Dasein in mir, der Umstand, da sie
gleichsam an mir partizipierten, machte mich matt. Vom ersten Tage an, von der
Minute an, wo wir die Leiche des toten Weibes getroffen hatten, zerfra ich mich
in peinlichen Analysen. Ein panischer Schrecken bebte in mir nach. Und ich sah
dieses selbe Symptom an uns allen wiederkehren, planvolle Ausdeutungen,
willkrliche Vervollstndigungen der Geschehnisse, die harmlos und zufllig um
uns herum vor sich gingen. Es war ein Irresein, ein ungeheuerliches
Synthetisieren. Seit jenem Abende nach dem Tanze Zanas, nach jener aus meinem
Gedchtnis verdrngten Unterredung waren mir Zweifel und eine bengstigende Art
des Trumens haften geblieben. Ich verwechselte die Welten; ich legte zwei
verschiedene Talente meiner Gehirnzellen sozusagen kreuzweis und vertauschte die
Fhigkeit zur Analyse und zum Erkennen mit jener der Phantasie und Formkraft -
oder sollte ich im Ernste an meinen Satz glauben, da die beiden sich deckten,
und da das, was war, nur das war, was ich sann? An jenem Abende, der vor
unserem pltzlichen frhen Aufbruch lag, hatte ich einen berdeutlichen Traum
voll schwerer Lust gehabt. Er war von einer furchtbaren Klarheit und Sicherheit
gewesen. Der Gegenstand solcher berstarker Sensationen ist nie wirklich; die
Wirklichkeit ist stets verschwommener als der Traum; und, wie ich es auch drehen
mochte, ich konnte mich nicht entschlieen, jene Wirklichkeit anzunehmen, es war
mir physisch unmglich, an etwas anderes als an einen Traum zu glauben. Ich
erwachte damals - Slim weckte mich pltzlich, ich besinne mich darauf - ich
erwachte mit einem ganz voraussetzungslosen Kopfe. Nur da wir sofort und ohne
zeremonisen Abschied, gleichsam fluchtartig aufbrechen sollten, machte mich
nicht erstaunt. Es kam mir nicht einmal berraschend vor, sondern einfach wie
eine Verabredung. Wir ziehen aus, geruschlos und ohne Abschied; pltzlich
stehen wir mitten im Farn vor einer toten Frau. Checho hat uns gerufen. Ja, dies
ist Rulc, ich erkenne sie auf den ersten Augenschein, Rulc, die gestern abend
noch an meiner Htte vorbeigekommen ist, der ich sehnschtige Blicke nachgesandt
habe, Rulc, die schon einmal mit brennendem Scho, in einem unnatrlich steifen
und gedunsenen Zustand vor mir gelegen hatte. Und in demselben Augenblicke
wiederholt sich die Erinnerung an diese elevatorische Erscheinung, ich habe mit
einem Male eine klare Vision. Ich sehe, was mit Rulc, vor deren Leiche wir
stehen, vorgegangen sein mag. Ein kurz zurckliegender Traum fllt mir ein, der
Traum, aus dessen reflektierten Auslufern Slim mich zur Reise aufgeweckt. - - -
In diesem Traume habe ich einen Teil des Verlaufs geschaut. Merkwrdig, Slim
sagt, man habe Rulc ermordet ... Hrst du den unbestimmten dnnen Klang ...
hrst du die Machetta vibrieren?
    Wie konnte Slim das wissen?
    Die Machettas blinken, wir schlagen wieder die tagelange Schlacht gegen den
Djungle, wir plnkeln uns durch ihn hindurch, wir siegen und wir sind krank vor
Tatkraft. Wie einen Wirbel von Leben in der ungeheuren Lagune des Urwalds lassen
wir hmische Rufe und havolle Blicke zurck. Vgel und Affen senden uns ihr
weinerlich imitiertes Geschrei nach. Ein bsartiges Schimpfen in Naturlauten ist
die Fama, die hinter uns dreinzieht und uns dem Walde da vorne schlecht
empfiehlt. Unser Renommee scheint unerquicklich, wir gewinnen Einblick in
verlassene Affensitzungen und abgebrochene Zelte, hin und wieder stellt sich ein
Stamm der Handfler uns kriegerisch entgegen, bespritzt uns mit Jauche und
schleudert das nchstbeste Mobiliar auf uns herab. Ein paar Pistolenschsse
schaffen uns Respekt; wir wenden sie wieder bei der geringsten Kleinigkeit an,
um des Abwechslung bietenden Knalles, der kleinen Liebhaberei der Massage
willen, die dem Schtzen in die Hand fhrt. Denn die Arbeit ist und bleibt
einfrmig. Hin und wieder ergeben sich Zwischenflle. Pltzlich windet sich
einer der beiden Hunde, die zugleich mit Zana sich der Expedition angeschlossen
und bisher ngstlich und vorsichtig zwischen unseren Beinen aufgehalten haben,
heulend am Boden. An seinem Hals und Rumpf liegt ein dicker Ring. Zana springt
herzu und fhrt eine rasche Bewegung aus. Da baumelt eine lange krtenhautige
Schlange lngs ihres Armes, Zana vollzieht rhythmische Schraubungen und hlt das
schnauzige Gesichtchen des Tieres dicht vor das ihre. Und nun steht es wieder
klar vor mir. Ich sehe sie im Traum wieder am Werke, sehe Rulc breit im
Farnkraut liegen. Der ganze Tatbestand ist in meinem Gehirn, es wird mir immer
durchsichtiger, da ich den Vorgang der Mordgeschichte ungefhr ahne. Ich habe
ein zweites Gesicht. Ein zweites Gesicht!
    Vermittelst meiner automatischen Sprnase und meines Traumlebens bin ich
imstande, mir den Hergang teilweise zu rekonstruieren. brigens knnte ich mir
Gewiheit verschaffen, ich brauchte nur den Hollnder so nebenbei einmal zu
befragen, was er denn an jenem schnen Abende vor unserem Aufbruche getrieben
habe, und ob er sich nicht entsinnen knnte, was wir drauen auf der Savanna
miteinander gesprochen htten; ob er dann gleich schlafen gegangen sei - - -
oder in diesem Sinne. Ich zweifelte nicht, da er darber sehr erstaunt gewesen
wre und gesagt htte: Aber, Mensch, Sie scheinen zu trumen. Ich htte mir
diese Sicherheit doch holen sollen. Aber arglos und ohne vor mir den Verdacht
aufkommen zu lassen, da es mir im Grund gar nicht so sehr darum zu tun sei,
verbummelte ich die Gelegenheit, so oft sie sich bot. Ich frchtete die
Aufklrung. Meine Ungewiheit war eine Existenzfrage. Ich fhlte mich in dieser
Beziehung Jungfrau.
    Dies war nicht alles, was in mir kmpfte. Ich trug eine starke Neugierde
bezglich der anderen mit mir herum. An diesem Punkte begegneten wir uns. Aber
wir sprachen kein Wort ber die Sache. Slim sah mich manchmal an. Wir hatten
einen gemeinsamen Gedanken; nmlich, da wir jeder des anderen Zustand kannten,
einander frmlich in Trance erhielten. Ich htte darauf geschworen, da seine
verlegen kalten Augen es ausdrckten. Slim mute seltsame Trume haben. Er
brauchte zum Beispiel nur die Leiche einer Frau zu sehen, die natrlicherweise,
etwa durch Schlangenbisse, ums Leben gekommen war; und sofort entstand in ihm
innerhalb weniger Sekunden ein Bild des Hergangs. Dieses Bild war natrlich
falsch. Es war eine sehr plausible und zureichende Erklrung des Falles. Aber es
war eben doch nur die Erinnerung an einen ehemaligen Traum, der durch die
Effekte der Wirklichkeit scheinbar besttigt wurde. O ich kannte das. Ich wute,
wie berraschend diese Manier war. Ich wute aber auch, da Slim um sie wute.
Von ihm stammte ja grtenteils dieses abstrakte System, das er sich darber
zurechtgelegt hatte. Es gab also ixbeliebig viele Gesichte, nicht nur ein
zweites; und jedes war zureichend, irgendwelche Effekte, die in Erscheinung
traten, zu motivieren? Ich konnte da nicht mitgehen, denn ich sah den Grund dazu
nicht ein. Wenn ich recht vermutete, erging es Slim just ebenso. Aber er, der
Mann der fnften Dimension, war imstande, etwas zu glauben, aus geistiger
Eigenwilligkeit zu glauben, auch wenn es einfach nicht zu glauben war und er
dies wute. Denn ich kannte meinen Slim genau, ganz genau, ich kannte ihn
wortwrtlich, ich konnte ihn memorieren!
    Ich kannte ihn so genau, da sich zwischen uns beiden ein Analogieverhltnis
herausbildete. Slim war ein mutiger Mann. Als eines Tages vor uns im Gebsch ein
Panther pfauchte, auf einen Baum sprang und auf seinen krummen Gliedmaen, die
ihn wie geschmeidige Arme in Pelzhandschuhen beliebig lancierten, zum Sprunge
zurckwippte, geschah nichts anderes, als was zu erwarten gewesen war. Slim
scho seine langlufige Coltpistole ab und ttete das Tier, whrend es
herunterpurzelte, mit dem fnften Schu. Aber ich wute, da Slim spter an
diesem Tage Kopfweh hatte, obwohl er vortrefflich aufgelegt war. Und als ich
eines Tages mit einem sonnengesichtigen alten Pavian eine Balgerei bestand, der
mit beiden Hnden in die Schneide meiner Machetta griff und einen gnzlichen
Mangel an Absicht zeigte, loszulassen, bis sie ihm die Sehnen und Nerven bis zum
vollstndigen Kraftverlust durchschnitt, da wute ich, da Slim nun von mir das
gleiche denke wie ich damals von ihm. Aber dies stimmte bei mir nicht. Ich
konnte mich also damals ebenfalls verrechnet haben. Jedenfalls kannte ich Slim
doch so genau, da ich ebensogut annehmen konnte, er habe bei dergleichen
Angelegenheiten weder Kopfweh noch gute Laune, sondern eine Art Scham und
Katzenjammer ber das Abenteuer zu empfinden. Irgendwie war ich doch im Rechte
ber ihn. Das nchste Mal, als wir gegen eine Affenhorde demonstrierten, kam mir
die Erleuchtung, da Slim nun gewi wte, ich dchte, da er Ekel vor diesem
Handwerk empfnde. Mglicherweise machte es ihm aber auch Spa und hinterlie
lediglich einen kleinen Druck im Hinterkopfe, wie von einem groen Schrecken.
Sicherlich stellte er dieselbe Alternative fr mich auf, zugleich wute er aber
auch, da er damit denselben Gedanken ber sich in mir produziere. Wir lasen
einer den anderen von der eigenen Seele ab.
    Slim machte sich Gedanken ber die Geschichte mit Rulc. Er freute sich ber
sein Witterungsvermgen. Htte ich ihm gesagt, was ich selber nicht glaubte,
aber zu diesem Zwecke gern zu glauben probiert htte, da das, was er fr Ahnung
gehalten hatte, einfach eine Erschtterung seines Gedchtnisses darstelle, und
da er wirklich erlebt habe, was ihm ertrumt schiene, er htte sicherlich
geschluchzt und mir geradeheraus gesagt, das htte er auch gewut und er htte
es mir ebensogut sagen knnen, jedenfalls sei es eine Plattheit von mir und er
brauche sich das nicht bieten zu lassen. Denn ich fhlte, da er sich mir
gegenber mit demselben Experimente trug. Im Grunde waren wir beide darber
einig, da wir jeder dem anderen Selbsttuschungen zutrauten. Auf diesem Wege
mute ich zu dem Schlusse kommen, da Slim sich doch etwas ungemtlich fhle.
Denn es war nicht ausgeschlossen, da der Auftritt und die Ermordung Rulcs vor
seinen eigenen Augen stattgefunden hatten. Nun war dieser Umstand fr einen
Menschen wie Slim von keiner tragischen Bedeutung. Unheimlich war allein das
Seelische an der Sache, diese seltsame Unklarheit der Erinnerung, gewissermaen
eine Erscheinung von Gedchtnisschwund, ein Irrsinn, eine Bewutseinstrbung bei
intakter, ja vielleicht gesteigerter Denkfhigkeit. Aller dieser Zweifel konnte
Slim zum Beispiel berhoben sein, wenn er geradewegs auf mich zuging und frug:
Sagen Sie doch, Johnny, sind Sie an diesem Abende, wissen Sie, diesem hellen
Abende vor unserem Abmarsch nicht in der Savanna gewesen? Worauf ich ihm, der
Wahrheit gem und mit teuflischer Berechnung gesagt htte - das konnte er sich
an den Fingern abzhlen - Ja, lieber Slim, wo haben Sie denn Ihre Gedanken? Ich
will nicht indiskret sein, Sie verstehen. Aber ich habe in jener Nacht zwei
Mnner hintereinander aus dem Farn kommen sehen. Dies war kurz nach dem Seufzer
Rulcs, kurz nach diesem stumpfen Metallklang, der mir so schrecklich im Ohr
haftet, und nach dieser Szene - das alles spielte sich ja so rasch ab. Einer
jener Mnner waren Sie. Erinnern Sie sich, Sie haben weggesehen, und haben damit
gleichsam ein Zeichen gegeben, da Sie nicht erkannt sein wollen. Die Folge
davon ist, da ich auch wirklich nicht genau hingesehen habe; vielleicht ist es
auch van den Dusen gewesen; aber den hatte ich schon vorher am Rckweg
gesprochen. Vielleicht aber haben Sie doch recht. Dann ist das alles nur unsere
Einbildung; wir suggerieren uns das auf eine Art, wei der Teufel, wie wir beide
in diesen Zusammenhang kommen. Das ist Ihnen doch nicht sehr angenehm?
    Auf diese Weise konnten wir beide einmal ins Reine kommen. Nicht ber die
Tatsache, denn die war schlechterdings nicht festzustellen, ja destoweniger
festzustellen, je strenger unsere Gedanken im Akkord abliefen. Aber dieser
Akkord selbst war noch zu beweisen. Es war nicht unbedingt ntig, ihn durch eine
Aussprache zu realisieren. Der Glaube an ihn war ohne sinnfllige Mittel fr uns
beide erwiesen. Aber ich hatte das Bedrfnis, Slim bei mir in Audienz zu
empfangen. Er und ich stellten ja eine Panik dar. Es wre schn von ihm gewesen,
wenn er sich Gewiheit darber verschafft htte, aber ich roch genau, da er
Furcht davor hatte. Ich meinerseits frchtete mich, ihn dafr zu verachten, ich
hatte begreiflicherweise berhaupt Angst vor allen Gefhlen, die sich auf ihn
bezogen. Denn sie muten alle Gefhle vermehren, denen ich selbst Gegenstand
war. Mglicherweise war dieser Gedanke aber schon nicht mehr Ursache, sondern
Folge. Slim hatte ihn gewi schon vorausgedacht. Seine Blicke wurden immer
problematischer. Ich bemerkte bei aller Antipathie, die sich darin gegen mich
auftat, einen Schimmer von Schwermut. Ich habe solche Blicke sonst nur bei
Wahnsinnigen gesehen. Und da kam mir ein Gedanke: es war eine Art gegenseitigem
Verfolgungswahnsinns, unter dem wir litten. Wir waren auf der Flucht. Wir lieen
unsere seelischen Schnittpunkte zurck, wir strebten mechanisch Raum und Zeit
zwischen uns zu legen, wir suchten durch Entwickelung voneinander loszukommen.
Aber an jenem Punkte, dem gemeinsamen Traume, an der Leiche Rulcs, deckten sich
unsere Wesenskerne nach wie vor. Unsere Gehirne lebten wie die siamesischen
Zwillinge, sie haten sich, aber sie waren so gleich wie ein Ei dem anderen. In
der Wut dieses Schicksals sah ich Slim mit verdoppelter Heftigkeit vorwrts
eilen. Es schien, als wolle er fliehen, fliehen vielleicht vor mir. Da kam
Berserkerstrke ber mich. Ich war nach dieser Seite hin nicht nur der
Gebundene. Ich war auch Anteilhaber an einem greren Betriebe. Ich sah meine
seelischen Krfte auf Slim berstrmen. Jetzt war auch er nicht mehr allein vor
sich. Auch ihm sah jemand bei seiner Seelenttigkeit zu. Wir entwickelten uns
wie eine Lawine, wir multiplizierten uns gegenseitig in unendlicher Reihenfolge.
Wir flohen, aber wir flohen nicht allein innerhalb des Lokales, wir flohen vor
einem berreizten und gleichsam sich schuldig fhlenden Denken. Wir hatten die
brausende Empfindung zeitlichen Ablaufs, des Denkens. Aus dem Raum, dem
fhlbaren Raum in Gestalt eines dickichtverschanzten dicken Waldes in die
streckenlose Zeit! Der Raum wurde von uns entfhrt. Wir schleppten den Raum.
    Es war ein Wort Slims: Wir schleppten den Raum und liefen Sturm wider die
Zeit. Wir lebten uns widereinander, lebten uns jeder wider sein eigenes Leben.
Wo begann es, wo hrte es auf? Wo war Wirklichkeit und wo Einbildung? Gewiheit
und Zweifel waren behoben. Die Gesichte bestanden fr uns nebeneinander. Slim
schlief, aber als Nummer zwei war er unterdes zugegen und lie es zu, da Rulc
von Zana erstochen wurde. Wie ihn das qulen mute! Ungefhr wie es mich qulte,
diese unermeliche Leere meines Gehirnes an einer wichtigen Stelle des
Begebnisses. Denn es qulte mich, um es kurz zu sagen, da Rulc auf so
sonderbare Weise erstochen worden war. Ich fhlte eine geheime Schuld, da ich
frmliche Anklagen gegen meine Gefhrten trumte, gerade als gebrauchte ich
Ausreden ber ein Verbrechen, das ich heimlich und unbewut selbst begangen
htte. Alles war so merkwrdig klar wie etwas Ausgeklgeltes, ausgenommen dieser
eine Punkt, der Todessto. Es bedeutete einen glcklichen Anhaltspunkt fr meine
Logik, da ich niemals im Besitze einer besonders dnnen, verschliffenen
Machetta war. Denn manchmal hatte es mir scheinen wollen, als wre jene
Traumgestalt, die ich in ihrem waffenstarrenden, komischen Aufzuge van den Dusen
nannte, eine Transformation gewesen. Was es war, konnte ich nicht sagen; aber es
war damals eine tiefe, selbstqulerische Unruhe in mir.
    Aber dies alles war vielleicht wirklich nur eine allzu genaue Probe auf ein
abstraktes System, das die Tropensonne in uns ausgegoren hatte. Hatte man's
nicht schon erlebt, welche grotesken Ordnungen und Mechanismen sie im Gehirn des
Orientalen zeugen konnte? Welche rhythmisch und tief geklgelten Fiktionen,
welche mathematisch und equilebristisch richtigen Gebude von Trugschlssen
ppig aus ihrer Hitze quollen und aus Entbehrungen und Strapazen, wenn die
Nerven arischer Menschen ihnen ausgesetzt waren? Zeit und Raum waren, um mit
Slims Worten zu sprechen, fr uns nur Skelett, Technik, um zu unserem eigenen
Leben, dem Widersinnlichen und Unsinnlichen, zu kommen. Indem wir eine saftige
Bresche in den rumlichen Widerstand des Waldes schlugen, eroberten wir die
fnfte Dimension. Unsere Indianer krabbelten ber das Leben wie ber ein Laken.
Denn der rote Mann hat den Raum nicht, das Gleichzeitige vieler Flchen. Er
bewegt sich ewig in der Wagerechten. Man sieht ihn wie ein Tier mit der Stirn
vorausrennen. Er beugt den Kopf in den Schultern. Das ist der Energische, der
Geradewegsmensch, der geistlose Tatkrftige. Er fhlt die Zeit nicht wirklich,
das Gleichzeitige vieler Rume. Er ist nicht zugleich als dieser und jener Typus
auf der Welt, ohne Breitegrad und Erstreckung, und er hat den Gedanken nicht,
das Gleichzeitige vieler Zeiten. Wir aber sind im Gedanken! Fr uns ist die
Realitt, ein Urwald zum Beispiel, eine Kleinigkeit: wir bewltigen sie linker
Hand, wir ministrieren sie a latere, wir erschauen sie aus einer Perspektive (da
es sich als wesentliche Erleichterung zeigt). Wir sind die Shne der fnften
Dimension und zwei ist eins, und eins ist hier zwei. Alles zerfllt zu seiner
Gnze. Vorwrts, schwinget die Machettas, durch, durch, durch ... da, durch
diesen Busch - ah, durch!
    Am siebenten Tage spren wir eine Vernderung. Etwas in der Luft ist
verndert. Das Tastgefhl unserer Hand reagiert darauf gleichsam wie auf ein
mattes Tnen. Dnneres liegt in der Atmosphre. Wir atmen die Lichtung.
    An den Abenden, wenn die groe, schwebende Unruhe des Waldes unsere Arbeit
pltzlich abstellt, sinken wir mde am Lagerfeuer nieder. Zana, die nie spricht,
sieht trge und ohne einen Finger zu rhren, zu, wie unsere Indianer die
Mahlzeit rsten. Wir essen schweigend, niemand erfreut sich ihrer Gunst. Aber
wenn sie tanzt, pltzlich aufsteht und vom Flecke weg tanzt, whrend wir
rhythmisch in die Hnde klatschen, dann sieht sie nicht etwa mich oder Slim oder
Checho an: aus einem unbegreiflichen Grunde hlt sie sich an den Dutchman, der
wieder mager geworden ist und unter der Hemdbrust und an den Gelenken sein
rosenrot gegerbtes, haariges Fell sehen lt. Er ist mrrisch und widersetzlich
in seinen Meinungen, wenn wir, Slim und ich, unser Dimensionensystem feststellen
und ausbauen. Wir sprechen dann in deutscher Sprache weiter, ohne ihn zu
bercksichtigen. Slim behauptet, er knne manches derlei nur deutsch sagen. Zana
tanzt im Feuerschein ihre primitiven Tnze, ohne groartige Figuren, aber mit
edlen, praktischen Bewegungen, idealisierten Bruchstcken ihrer
Alltagserfahrung, und mit stark physischer Einbildungskraft. Das Repertoire
ihrer Hingabe ist nicht gro. Aber immer wieder entzckt sie durch eine neue
Idee, durch eine neue, schlagende Zote, die ihr gottesdienstlich vorkommt, von
dem Hollnder aber mit Grinsen aufgenommen wird. Sie deutet Liebesberhrungen an
und schttelt ihren Kindscho. Slim schlgt sie, sie streiten, dann kauert sie
sich verschchtert zum Feuer und starrt in die Glut. Wir alle mchten sie
schlagen.
    Die Ermdung zwingt uns bald in den Schlaf. Pltzlich erwache ich vom Ohre
her. Ich habe brnstige Laute vernommen und finde, da meine Augen na sind.
Mein Herz brennt. Ich habe keine Scham, in dem groen, verschluckenden Walde bin
ich vor der Scham versteckt, aber dnne braune Glieder, die ein anderer besitzt,
sind meinem Fleische ein Stachel. Ich bin aus Eifersucht erwacht, mein Gehirn
hat sich die Laute gemerkt, mit denen meine Sehnsucht umgeht. Ich sehe zu dem
Himmelsausschnitt empor und fixiere einen Stern. Er sollte herabfallen und das
Paar zermalmen. Ich knabbere mit den Augen an ihm herum, ob er sich nicht
loslsen lassen wolle. Und siehe da, pltzlich spre ich es lau in meinem Munde
und meine Kaumuskeln sind gleichsam befreit, und eine Sternschnuppe segelt ber
das Firmament. Ich habe sie ausgehaucht, mein Atem ist feurig von verhaltenen
Kssen. Wie eine laue Kugel quillt meine Sehnsucht mir aus dem Munde, da hre
ich mich seufzen. In diesem Augenblicke werde ich gewahr, da das Band zu Slim
gerissen ist. Ich fhle mich allein, bin eine gesunde Persnlichkeit mit
bohrendem Lebenstrieb. Und gleich darauf erledige ich die Angelegenheit ein fr
allemal. Hier unter diesem strahlend guten Himmel, mit der Brunst eines
Raubtieres im Herzen, kommt mir das Gedchtnis wieder. Ich gebe jetzt zu, da
ich mich noch immer irren und meine Meinung wieder ndern kann. Aber entweder
habe ich bisher berhaupt nicht gelebt, dann ist alles nur ein Traum gewesen,
oder es mu stehen bleiben, da ich diesen Atem zweier Menschen, genau diesen
selben Atem, schon einmal gehrt habe. Dann habe ich mit Slim ein Erlebnis,
keinen Traum gemeinsam, und nichts bindet mich an ihn. Und ich habe und habe sie
gehrt: in jener Nacht vor dem Aufbruche!
    Sofort sprte ich mich in einem Zustand der Schwebe. Eine bernatrliche
Grelligkeit umgab mich. Es war, als ob ich den Ballast, den ich im Kielraum
meiner Seele verstaut hatte, verlre, mein Empfindungsleben war von einer
berraschenden Wachheit und Lauterkeit. Der geringste Ton und die unbestimmteste
Farbe berhrten mich mit ser Macht. Es war die ungestillte, schmerzlich
gesteigerte Sehnsucht, die mich zart machte. Ich befand mich in einer
exaltierten Wonne, regte mich nicht, sah mit ungeblendeten Augen gerade vor mich
hin. Ich hrte ein Schnauben, einen starken Luftzug aus einer Nase und erkannte
Slims Atem wieder. Ich hrte einen unbestimmten, schluchzenden Ton, es war Zanas
Liebesschrei. Der Schmerz ber das fremde Glck erregte in mir eine scharfe
Hellsinnigkeit. Auerdem machte ich noch folgende Entdeckungen.
    Das Feuer fra an einem frischen Stck Holz, ich hrte wie seine lange,
gewundene Sgelippe mit den winzigen Zhnen jede einzelne der grnen Zellen in
sich kaute. Es war das Zischen tausender kleiner Zhne, die an der Arbeit waren.
Zugleich war ich von einer bernormalen Empfindlichkeit fr einen Vorgang zu
meiner Seite, den ich nicht genau sehen konnte, weil ich mein Auge nicht aus der
Richtung des Himmelsausschnittes herausdrehte. Dieser Vorgang spielte sich auf
einem stark verstelten Baume ab, der von anderen Bumen teilweise verdeckt war,
und war eigentlich unbedeutend. Der Baum aber war so auerordentlich geformt und
zeigte innerhalb seines Systems eine so unerwartete Bewegung, da sie mich von
ihrer schiefen Richtung her frmlich faszinierte. Die Konvulsionen schoben sich
rhythmisch weiter. Ein grner Schimmer, intensiv wie Kathodenstrahlen, fllte
den oberen Raum, und hier breitete sich eine knorrige, aus Knien und Gelenken
gestckelte Palmenart aus, zwischen deren Gliedern ein lebendiges Riesengedrm
in Knueln hing. Die unendlich langsame Faltung, die daran emporzitterte, schien
aus dem Nichts zu kommen und in das Nichts zu mnden. Das Ding war stark wie ein
Mannsschenkel und prall wie ein voller Balg aus grner Seide. In dieser
Selbstfortpflanzung eines Lebewesens war die Grundsensation, die
Einheitsanschauung des Wortes rcken gekennzeichnet. Dieses Tier war bloer
Rcken, fiel mir ein, seine Bewegung, sein Leben war analysiert im Ruck, durch
Serien von Chocks, sie waren ihm zugleich Fortbewegung und Verdauungsleistung.
Als ich eine Zeitlang, die ewig schien, aus einem Teile des Gehirnes dieser
Bewegung gefolgt war, kam sie mir erst in einem Wetterbruch von Gedanken klar zu
Bewutsein. Ich bemerkte jetzt in einem das grnfalbe Licht, das aus seinem
Innern auf das Tier strahlte und in dem Sternenreflex unterm Laub eine sachliche
Begrndung erfuhr, ferner ebensowohl die sensationelle Langeweile des
motivischen Ruckes und einen pltzlich als Zweck der Bewegung vorgestemmten
Schlangenschdel. Der Schdel war flach und wie eine Faust um die kalten, grnen
Augen geschlossen. Da fhlte ich, wie von einem unsichtbaren Drahtfaden zwischen
den Augen des Tieres und den meinen die grne Strahlung ausglhte, die von den
Sternen herzurhren schien. Die ankerfrmige Zunge, scharf wie eine gespaltene
Locke, wurde von den gasigen Sten aus dem Innern in rasender Perpendikulation
gehalten. Sie schmeckte den brenzlichen Geruch des Feuers und schnellte zurck,
gleich darauf legte sich der Kopf treu und lotrecht an den Stamm und der Marsch
nach oben begann.
    Das Tier kannte den Raum nicht. Es marschierte buchstblich mit der Stirne
am Boden, es war imstande, sich wie ein Balken ber einen Abgrund hinzurecken,
sein Medium war allenthalben die Flche. Dieser lange, langweilige Muskelsack
berwltigte die Schwerkraft, oder, was dasselbe bedeutet, er kannte sie nicht.
Von dieser eigentmlichen, ungereimten Beobachtung fiel eine Lehre ab. Der Raum
ist ein Produkt der Erkenntnis der Schwerkraft. Je mehr Schwerkrfte im Leben,
desto hochartiger die Verrumlichung und Dimension. Das Tier kannte nicht die
Zeit, vielleicht starb es nicht, starb nicht im menschlichen Sinne. Denn der Tod
ist die Schwerkraft innerhalb der Zeit. Durch ihn erst, durch den Widerstand und
die Verneinung, wird die menschliche Zeit. Denn erst was wird, ist erkannt. Es
wird durchs Erkanntwerden. Die Sensation der Schwerkraft ist eine Schwchung und
Fhigkeitsminderung, aber Hemmung schafft hhere Dimension. Erst durch das
Dawiderdenken entstand das hhere Denken, mit dem Tode des Gedankens nhre ich
ihn hher, in der Schwerkraft einer Realitt beschwinge ich die nchste. Meine
Sicherheitsfhigkeiten, meine Stabilitt sind vermindert. Aber meine Erkenntnis
ist gemehrt. Fr jeden Schwindelanfall gewinne ich mir eine neue Dimension ein.
Fr jede Direktion, auf die ich im Leben verzichte, erhalte ich eine
Perspektive. Ich kann nicht mit meinen Haaren gehen und mit meinen Flanken
bergab an einem Baumstrunk kleben. Ich mu Verzicht leisten auf diese einfachen
Krfte und Gensse. Der tierische Kopf ist ein Wegweiser nach vorne, immer zeigt
er nur in die Horizontale. Der Kopf des Menschen aber ist eine Pfeilspitze nach
oben, hinaus in den unendlichen Raum, und deutet an, da die lanzenschdligen
unter den Menschen die menschlichsten sind, die Gotiker, die Hochbaurassen. Die
Erde ist rund und ein Raum und eine Rckkehr, und wenn man ganz weit gekommen
ist, ist man wieder dort, wo man ausging. In der Erde als Raum ist der
Widerspruch ausgesprochen, und gewi ist sie kein Servierbrett zu Fra und
Sumpfglck. Ich bin abgekommen von meinen frheren Sentimentalitten. Lasset
Tieren und Wilden ihre Glckseligkeiten. Sie liegen sicher in uns aufgestapelt.
Um den Baum des Gekrses ringelt sich konvulsivisch die Darmschlange, fhrt ein
dummes, seliges Leben auf einem Seitenaste der Entwicklung. Am Ende bist du eine
Abnormitt, ein Auswuchs von einer Schlange, der es schlecht gegangen ist, und
die es weit gebracht hat. Auch den Wilden trgst du in dir, den Paniker, den
Typus mit der Duplikatseele, die in jedem das Gleiche trumt und einen Gottpfahl
lcherlich gemeinsam beschwingt. Ich aber bin davon abgekommen; in diesem
Augenblicke bin ich davon abgekommen, wei Gott, welche Einbue ich hiermit
wieder erlitten habe, welche neue Schwere mir die Anmut beeintrchtigt, und was
ich habe zahlen mssen fr diese Sekunde der Erkenntnis. Ich bin wieder Ich
selbst, ich habe mich gefunden, ich hnge meine Sentimentalitt und
Tropenschwrmerei an den Nagel. Denn ich halte es mit Schwerkraft und
widersprchlichem Denken. Gute Nacht, Slim, es wird dir auch wohltun, da diese
Geschichte jetzt zwischen uns erledigt ist. Ich gebe dich frei. Schlafe du mit
Zana - ich liege hier und darbe, ich verbrenne mein Herz wie einen Ketzer, ich
leide, wenn andere braune Glieder lieben, aber ich schaffe mir Gedanken und
modle Leid in Lust. Lget nicht: Das Gehirn ist kein schlechterer Mechanismus
als die Natur selbst. Ich bin jetzt frs Gehirn eingenommen, ich gebe mich mit
aller Leidenschaft dem hin, was am notwendigsten ist: Schwerkraft, Tod und
Verkehrung! Werdet schwerer, mordet die Realitt und tut ewig Bue um eure
Gedanken, kehret um und kehret euch wider euch in euren Gedanken. Vertite,
vertite, anachoreite!
    Die grne Schlange lste sich aus ihrer Verstrumpfung, der Knoten streckte
sich zu einer langen Linie. Ich fhlte mich einsam und klar, inmitten der
zartesten Lebensvorgnge von greller Auffassungsgabe. Drben bei Slim und Zana
war das Geflster erstorben. Ich wandte den Kopf nicht. Kaum sprte ich das
hmische Nagetier der Verliebtheit, das auf meinem Magen hockte; ich ftterte es
mit den spirituellen Gluten selber, die mir das Grauen vor ihm erweckte, und
machte es zutraulich. Gequltes Herz macht scharfen Sinn. Meine Gedanken waren
von Slim befreit, sie lebten nicht mehr mit den seinen in einer Symbiose. Ich
vermochte klar und einsam zu denken. Whrend die Riesenschlange tastend ihren
ungeheuren langweiligen Kreuzzug fortsetzte, schlief ich ein.
    Am nchsten Morgen erwachten wir gut. Ich traf auf die Augen Slims, der
glcklich und froh erschien. Er reckte sich und sagte freundlich: Nun, heute
ist ein guter Tag. Sie fhlen sich wohl recht frisch? Heute kommen wir an den
Strom, jawohl!
    Hurra durch! - am achten Tage kam es heraus, da der eigentmliche Gehalt
der Atmosphre Tne waren. Die Luft in dieser Gegend mute damit gleichsam
chemisch gesttigt sein. Die Vibrationen waren vielleicht ungeheuer kleine
Bestandteile. Unter Qualen der Erinnerung kam es mir zur Gewiheit, da ich
dieses Phnomen bereits einmal vorausgetrumt haben mute. Irgendwann ...
Richtig, das war wieder jener problematische Traum vor dem Aufbruch. Seine
prophetische Art machte mich unruhig. Es war also mglich, da man zu
Erfahrungen, die nachkommen, das Schulbeispiel, das Prinzip voraustrumte? Wie
mchtig war der Geist! In diesen Stunden harter Gedankenarbeit, whrend wir uns
durch den Djungle hindurchschlugen, begann ich an ein Schicksal zu glauben. Wir
haben so und so viele Leiden und Leidenschaften zu erschpfen - woran wir sie
erschpfen, bleibt gleichgltig. Hier tritt das Phantoplasma, das innere Gesicht
in Kraft.
    Bisher hatten wir uns, Zanas Orientierungssinn vertrauend, parallel zum
Flulauf gehalten. Manchmal waren wir auf ihn gestoen, wenn er uns ein Knie
oder eine Schlinge vorgelagert hatte. Dann waren wir so knapp als mglich
ausgebogen. Und nun hrten wir ein Brausen. Zana verkndete, da es die
Wasserflle seien. Obwohl wir uns dem praktischen Ziel dieser Reise gegenber
ziemlich skeptisch verhielten, berfiel uns doch eine kleine Unruhe. Wie, wenn
wir wirklich auf ein altes spanisches oder portugiesisches Lager trfen? Der
Flu weitete sich zu einem Trichter. Seit zwei Tagen waren wir, langsam vom
Hochplateau dieser Region abfallend, ins Gebirge gekommen. Hgel bildeten, Tler
vertieften sich; das Plateau franste in Hhenzgen aus, schob wie ein
Wurzelblock Auslufer und Fe voraus. Der Lauf des Flchens war steiler
geworden, jetzt stauten sich seine Wasser und wurden grnlich und trge. Um die
Mittagsstunde, als die Sonne sich im Zenith befand, waren wir an unserem Ziel.
    Das Gestirn lag mitten in einem glatten Spiegel wie eine ovale strahlenlose
Scheibe. Die Reflexion des Wassers zog sein Bild auseinander. Zweihundert
Schritte unterhalb der Einmndung unseres Flchens in das grere Wasser war
ein natrliches Wehr von Felsblcken abgetrmt. Das hurtig gewordene Wasser
eilte mit groen Bauschen in drei verschieden breiten Bndern darber hinaus und
fiel etwa vierzig Meter tief in einen brodelnden felswimmelnden Tmpel hinab.
Das mittlere der Bnder war das grte; wie eine ungeheure schimmernde Walze
drehte und drehte es sich vom Scheitel herab und lud weie Gischtmassen in das
Becken ab. Der Fall sah nicht hoch aus. Aber die Wasser hatten guten Schwung.
Wir warfen einen Blick in das Becken. Wer in diesen Fall geriet, war gerichtet.
Er mute mit zertrmmertem und ausgedrehtem Krper unten landen.
    Unter Zanas Fhrung machten wir uns sogleich an die Arbeit, ohne zu rasten.
Das Band der Wasser war zweimal von je einem breiten natrlichen Felsobelisken
zerschnitten. Er bi wie ein groer Zahn in die Flutmassen. Auf der
flachgesplten fluabwrts gekehrten Seite waren mit plumpen Werkzeugen Figuren
in den Stein geritzt. Sie stimmten ungefhr zu denen, die Slim auf einem Ziegel
vorwies, den er mit sich fhrte. Sie stellten das topographische
Erkennungszeichen dar. Eine Weile sahen wir den tuschenden Drehungen der
Riesenwalze, dem ewigen glatten Gleiten des Wasserfilms zu; dann sprangen wir
von Stein zu Stein und traten, wo ber uns der Steinobelisk das Wasser abhielt,
hinter den milchig durchschienenen Glast ein. Wir waren jetzt in einer Hhle,
die durch das schrge Zurckfallen der Wand entstand. ber uns und vor uns
rollte der hautige Vorhang vorbei. Ein Donnern, das jeden anderen Laut
erstickte, splitterte im Raum - er war leer. Nur hie und da hockten schnittige
Blcke, ber die wir klettern muten. Feuchtigkeit tropfte in Rinnsalen an der
zackigen Wand entlang. Da haben wir uns stumm und mit Bosheit in den
enttuschten Mienen angesehen. Wir schmten uns voreinander. Slim stand
spreizbeinig auf zwei Steinen und ffnete und schlo abwechselnd den Mund. Er
sah sonderbar aus. Pltzlich ging es mir ein, da er lachte und sprach. Indes
war kein irgendwie deutbarer Laut zu vernehmen.
    Wir alle standen im Halbdunkel mit verstiegenen Haltungen da, hielten uns
gegenseitig Reden und wirkten so aufreizend auf unsere Lachlust, da wir in ein
frchterliches lautloses Prusten und Brllen ausbrachen. Die Felsenecke war von
einem feinen Wasserstubchenregen umsprht. Elemente von Regenbogen hielten sich
eine Weile in der Luft auf, wurden Augenblicke lang gleichsam materiell und
verschwanden pltzlich, wenn die Dichtigkeit des Wasserschleiers in einem
rhythmisch wiederkehrenden Verhltnisse ab- und zunahm und den eindringenden
Lichtschimmer nach Graden abblendete. Ein apfelgrnes Licht beherrschte den
Raum. Die Situation, die derart geschaffen wurde, war uerst merkwrdig. Sie
wurde gespenstisch, und ich sah es an den verdutzten Gesichtern der anderen, da
sie ihnen nicht geheuer war. Wir bemerkten an unserem Wesen sofort einen Abzug.
Irgend etwas an uns war weggegeben, wir fhlten uns getragen, ein wenig
entkrperlicht. Die Wirkung war die gleiche, wie wenn hier herum irgendwo eine
Quelle von Lustgas ausgestrmt wre. Wir fhlten uns auerordentlich wohl, aber
vergebens suchte mein Gehirn gegen das Aufgedrungene dieses Zustandes
anzukmpfen. Das Lachen in meiner Kehle war ein Element; die anderen lachten
mit, Zana und selbst die wrdigen Indianer schttelten sich, wir alle bogen uns
in unhaltbaren Stellungen umher. Aber zugleich lag etwas Beunruhigendes in
dieser Erscheinung, das apfelgrne Licht. Ich drckte das Gehirn zusammen,
drckte mit den geschlossenen Augpfeln tief nach rckwrts: Langsam
rekonstruierte sich eine lange, grne, sich emportrmende Schlange. Rings um sie
war gehobenes Licht. In diesem Augenblicke befanden wir uns selbst schier
gewichtlos in diesem Medium; die verlorene Hrfhigkeit hatte einen
Gewichtsverlust zur Folge. Das Grn ging wie Kathodenstrahlen oder siderische
Einwirkungen durch uns hindurch. Es war kein Licht, sondern eine fhlbare dichte
Flut. In dieser Flut schwammen Regenbogenelemente, sie sanken, sie flossen und
stiegen, sie waren tastbar, man konnte sie wie Strhnen durch die Finger gleiten
lassen. Zana legte die Hand in ihr zartes Gewebe; geknickt und aller Prgung
gehorsam flo es darber hin. Die grnen Hauptstrahlen aber drangen durch uns
hindurch. Sie hafteten nicht an der Haut, sondern brachen organisch aus dem
Fleische hervor, sie gestalteten um, materialisierten den Krper neuerdings in
einem zweiten Medium. Der Raum, den unsere Leiber fllten, entstand auf neuen
Grundbedingungen. Ich erinnerte mich flchtig, da ich dieses Licht in einer
Vision gleichsam aus meinen eigenen Augen hatte hervorbrechen sehen. ber diese
Vorahnung erschrak ich, da es gleichsam von Bedeutung war fr diese Hhle, in
der sich die geeignete Stelle fr ein Ereignis oder einen Anblick bot, deren
Bild allerdings in meinem Kopfe noch nicht vorhanden war. Ich hatte die
peinliche und trichte Empfindung, da diese fortgesetzten Anspielungen meiner
migen Trume schlielich doch einen Sinn besen, und dies war vielleicht der
Grund, warum ich alles mit geschrften und halluzinierenden Sinnen aufnahm. Eine
schleichende Vernderung ging mit uns vor. Wir wechselten Stoffe aus, bildeten
die Strukturen um und traten an die Stelle duftigerer Wesen. Aber dieser Wechsel
kostete unserem Bewutsein ein taubes Schmerzgefhl, wir vermochten unser
Entsetzen mehr oder minder nicht zu verbergen, und darum lachten wir, da wir in
unserer rationalen Art den Vorgang absurd fanden. Pltzlich beugte sich Zana vor
und sah van den Dusen ins Gesicht. Es war apfelgrn, eine groe apfelgrne
Aureole, lcherlich und lyrisch und in seiner Lyrik noch lcherlicher bis zum
Schmerz. Diese Panik war ein hherer Grad von sich selbst, sie war Entsetzen. Es
bemchtigte sich unser in einem tollen, widerstandslosen, verrckten Lachen.
    Sonderbar war der Umstand, da es keinem von uns einfiel, aus dieser Sphre
zu flchten. Als Slim in einem Spalte eine Entdeckung machte, waren wir so
betubt, da wir dessen gar nicht achteten. Was er emporhielt, mochte ein langes
Stck Eisen sein. Es fiel mir ein, da wir ja wegen des Schatzes hergekommen
waren, und nun hatte Slim etwas in Hnden. Mein Herz stand still. In diesem
Augenblicke waren tausend Hoffnungen auf mich eingestrmt. Und obwohl ich
felsenfest und unromantisch das Nichts erwartete, erlaubte ich mir in dieser
Spanne Zeit dennoch wie der Delinquent, dem der Tod bestimmt ist, allerlei
Khnheiten. Slim hielt wirklich einen Augenblick lang ein Stck in die Hhe;
dann begann es, ihn zu jucken, und er warf es weg. Unsere kleine Gesellschaft
geriet in Bewegung. Und nun gewahrten wir nicht mehr und nicht weniger als ein
Lager von altem Eisen. Es waren Gabelbchsen von uralter Konstruktion, Helme,
Panzer, Hellebarden und Lederzeug. Aber das Leder war durch die Nsse verfault
und zu Asche zusammengesunken. Die Waffen und ein paar metallene Nutzgegenstnde
aus einem frheren Jahrhundert waren teils von wolkigem Grnspan gesprengt und
berzogen; teils machte das apfelgrne Licht eine pelzige Schimmelkruste, ein
feistes Gewebe aus Grnspan aus ihnen. Es war kein Schatz. Die Besitzer dieser
Gegenstnde waren arme Teufel gewesen wie wir, Soldaten, Globetrotter,
Erdteilentdecker und Schatzsucher wie wir. Das Gewaffen bestand aus schartigem
Eisen, die Griffe der Schwerter und Degen bleckten skelettiert ihren einzigen
langen Stozahn vor. Wir wandten dem freudlosen Anblick den Rcken, nachdem wir
vergebens mit den Fuspitzen einige Unruhe und den Verfall in diesem Stilleben
erregt und fette Moder- und Schimmelschichten entblt hatten.
    Die physischen Anstrengungen der Lachepidemie und die Inanspruchnahme des
Bewutseins innerhalb dieser Lichtexistenz entkrfteten uns. Wir bestanden in
dieser Sphre als Lichterscheinungen, wir waren lediglich eine Spezialitt und
Verdichtung des grnen Lichtes, das hier Herr war. Der Gehrsinn war
ausgeschaltet. Das Tosen drhnte so laut, da wir unser eigenes fischgleiches
Lachen nicht vernahmen. Es war nmlich noch eine berraschung zu verzeichnen.
Unser Tastsinn und unser Gesicht verschmolzen. Licht und Materie wurden
identisch und die Folge war, da wir raumlos dastanden, gleichsam an die grne
Wand gemalt, plattgedrckt von der rumlichen Herrschaft des grnen Lichtes. Ich
sah die anderen die Kiefer bewegen und mit Lchern aus grnen Masken schauen.
Der Mensch war hier ein gendertes Wesen. Zanas Haare flossen in grnem Geringel
auf ihre Schulter wie Nymphenhaare. Waren wir Symbole der Wasserwelt? Waren wir
Typen von Wassergeistern? Unsere organische Heiterkeit machte unserem
menschlichen Bewutsein scharfe Mhe. Es war eine Dissonanz in unserer
Anwesenheit und wir litten unter ihr. Die Indianer waren weniger ergriffen als
wir. Bei ihnen gelang die Illusion. Da sie reine Physis waren, hatten sie nicht
gegen die selbstherrlichen Krfte des Gehirnes anzukmpfen. Das Problem der
Mythologie war gelst, der Undinentypus war gerettet. Zana lehnte sich leicht an
van den Dusen. Da ging Slim pltzlich fort, er sprang ber die klitschigen
Klippen und verschwand in dem Ri des opalisierenden Wasservorhanges, der
unaufhrlich von oben nach unten glitt, drhnend und zitternd wie eine
Stahlplatte.
    Wir drngten ihm nach. Hier war der Spalt. Als wir drauen standen, ging ein
Wechsel mit uns vor. Die sachliche Tageshelle, die uns umgab, war uns
willkommen, nicht uns, aber doch einem gewissen Teil unseres Sinnes. Sie war
seine Heimat. Wir erkannten uns mitten in der Sonne, mit dem zhen
quecksilbernen Wasserfladen im Rcken, wieder. Was war das? frug der
Hollnder.
    Der zweite Leib! sagte Slim. Wenn man einmal den ersten vermit, - kann
man hier immer noch in der Reserve hausen!
    Ach ja, sagte ich, gerade das habe ich mir auch gedacht!

                                     XXIII


Der Spitzhund, der drauen auf einer Klippe gewartet hatte, weil er sich vor dem
Wasser und dem schumenden Fall frchtete, empfing uns mit Zeichen von Unruhe.
Er unterlie ein Freudegebell, das er sozusagen schon auf der Zunge hatte,
beroch uns vielmals und auf verschiedene Arten, um seinem Mitrauen Genge zu
tun, und warf uns verdrehte, gespenstische Blicke zu. Vielleicht rochen wir zu
sehr nach Feuchtigkeit, nach Moder und Schimmel, nach apfelgrnem Licht, nach
Gift. Wir schienen ihm nicht vertrauenerweckend und seine Liebe und sein
Lebensgefhl welkten sichtlich dahin. Wir beide zumal machten einen starken
Eindruck aufeinander. Er mied mich, nachdem er mich beschnffelt hatte, wie
einen Kranken. Ich aber fate pltzlich einen scharfen Ha gegen ihn, den ich
mit einem tckischen Futritte einleitete. Er war zu feige gewesen, in die Hhle
zu gehen. Gewi blieb er nun allein von der ganzen Expedition unversehrt. Er
heulte auf und bellte mich aus der Ferne an, ohne mich jedoch anzusehen; er
dirigierte seinen Protest vielmehr in eine durchaus neutrale Richtung, als ob er
wei Gott welches Stck in der Natur fr diesen Unfug verantwortlich machte. Und
von nun an war mir dieser Hunderest, ein bettelarmes, rudiges Tier,
interessant, ich lie es nicht aus den Augen. Unsere Leben standen im
Zusammenhang. Denn er wrde gerettet werden.
    Ich blieb nicht allein. Auch den Hollnder und Slim rgerte das Tier. Sie
behandelten es schlechter als bislang, darauf wollte ich schwren. Da wir alle
recht schweigsam lebten, wurde der Hund ein Gegenstand der Beobachtung. Und
eines Tages war es fr mich erkennbar, da wir uns seit geraumer Zeit in einem
Niedergangszustande befanden. Die Enttuschung ber den miglckten Schatzfund
demoralisierte uns. Wir lagen zusammen in einer der Hhlen am Ufer und
faulenzten liebe Tage lang. Die Indianer taten hin und wieder ein paar
Handgriffe. Sie richteten die Mahlzeiten her, die aus mitgebrachten Vorrten
bereitet wurden, und pflckten Frchte vom Rand des Djungles. Aber wir Weie und
Zana lieen die Zeit verstreichen und taten nichts. Die Steine, ungeheuere
kantige Blcke, die das Wasser vom Tafellande abgesgt hatte, gaben uns
Schatten. Agaven wuchsen ber unseren Kpfen schrg hinweg. In diese Hhlen kam
nie ein Schppchen Sonne, sie blieben immer noch verhltnismig khl. Drauen
aber tanzte die fiebernde Luft ber dem Flubett. Wir vermieden es, da
hinauszutreten. Eine schwergerstete Trgheit war ber uns gekommen.
    Nachts aber, wo es frischer gewesen wre, erschien die Gegend zu gefhrlich.
Die Indianer zndeten Feuerkreise an, und jenseits hrten wir die Tiere bei
Tag-und Nachtanbruch zur Trnke ziehen. Das Leben ging dort seinen
unbarmherzigen Gang. Vor Anbruch des flinken Abends spielten sich auf diesen
Fhrten und Karawanenstraen der Tierwelt blutige Schlachten ab. Man hrte die
Schreie von Sterbenden, Kommandorufe und Fluchtmahnungen. Wir lagen hinter dem
Feuer und lauschten diese Viertelstunde lang mit gespanntem Ohre. Ein Panther,
der im Trabe ber uns herangekommen sein mochte, sah pltzlich unser Feuer vor
sich. Es war noch knapp vor Torschlu, er nahm seinen blindlings angesetzten
Sprung zurck, seine Hinterpfoten glitten am Steine aus, wir hrten ihn kratzen
und atmen und sahen einen Schweif. Einer der Indianer sprang auf, um ihn mit
einem brennenden Scheit zu schlagen. Das verlieh ihm ungeheuere Energie, an
einem Minimum von Widerstand und Halt arbeitete er sich, rasend vor Angst,
empor.
    Und Tag auf Tag blieb das gleiche Bild vor uns haften. Die Sonne war ein
glhendes Bronzestck, das lanzenweise Hitze verscho, in grellen Bndeln, in
schlohweien Zacken. Warum standen wir nicht auf und gingen fort, was hatten wir
hier zu suchen, was ging vor mit uns? In Augenblicken tauchte dieser Gedanke in
uns auf und wurde ausgesponnen. Was wir htten unternehmen sollen? Wir htten
auf der Stelle aufbrechen knnen, nichts htte uns daran gehindert! Aber wir
verschlampten unsere Willen, wir nahmen uns nicht mehr ernst, wir fanden unsere
Energielosigkeit selbstverstndlich. Waren wir krank? Kalte und warme Schauer
liefen mir vom Scheitel bis zu den Zehen. In meinen Pulsen war trotz aller
Behbigkeit Jagen und Unrast. Ich betrachtete die Gefhrten. Ihr Blick lag blde
zwischen den halbgeschlossenen Lidern. Und Slim stand auf, untersuchte die
Apotheke und holte eine Trockendose hervor. Darauf begannen wir an diesem Tage
Chinin zu fressen.
    Aber das Fieber, das uns gepackt zu haben schien, war nicht der einzige
Grund, warum wir nicht vom Flecke kamen. Zana weigerte sich, uns irgendwohin, wo
Slim hinwollte, zu fhren. Sie hatten Auftritte. Er begann sie zu schlagen. Sie
beugte sich demtig und lie mit undeutbaren, verhlichten Mienen alles ber
sich ergehen. Sie wollte zurck. Slim wollte nicht. Er behauptete, es wrde
unsere Kpfe kosten. Wir htten die Schlangen auf Rulc gehetzt. Moki selbst
knne uns nicht gegen das Gesetz der Dmonen schtzen. So blieben wir denn und
warteten ab, ob Zana anderen Sinnes wrde.
    Sie wurde es nicht. Sie lag mit ihrem praktischen Krper zwischen runde
Steine wie zwischen Kissen gebettet, klaubte Asche und Abfall mit den Hnden
rings um sich her auf und warf es hinaus in das Flubett. Den Hund hetzte sie
hinterher. Aber er benahm sich dumm. Er war zu keinem kultivierten Apport
erzogen. Mit seinen von der Sonne verdorbenen Augen rannte er an dem Gegenstande
vorbei und Zana grinste. Unbestrzt vor der Sonne, die ihn anprallte, sooft er
sich im Jagdeifer hinausbegab, flog er hin und her. Wenn er etwas gefunden zu
haben glaubte, das man ihm seiner Meinung nach als allegorische Beute zumuten
durfte, ohne den Respekt vor seiner Urteilskraft zu verletzen, legte er sich mit
seinem schier enthaarten, violetten Bauche auf die heien Steine und hielt das
Ding gemtlich zwischen den Vorderpfoten. Als ich ihn einmal in dieser Lage sah,
berkam mich die Sehnsucht, ihm eine Kugel in seinen dummen, glcklichen Bauch
zu jagen. Der Revolver lag dicht bei mir. Meine Finger lechzten nach seiner
handlichen Form, ein schmackhaftes Vorgefhl bemchtigte sich meiner. Ja ja, ich
wollte doch wieder einmal schieen hren, ich wollte einen kleinen Todeskampf
mitanschauen, ich wollte endlich wieder einmal ein menschenwrdiges Erlebnis
haben. Fiebrig griff ich nach der Waffe und wog sie kennerisch. Das, was nun
geschehen wrde, kam mir als von ungeheuer differenziertem Geschmacke vor, es
schmeichelte mir, da ich solche Gelste hatte, es lag eine gewisse, originelle
Romantik in der Sache. Zufllig sah ich zu Zana hinber. Ihre Augen grinsten
erwartungsvoll. Dieser Umstand machte mich kalt, er entgeisterte mich. Es war
mir unappetitlich, den Genu zu teilen. Und so wrde ich den Hund denn nicht
erschieen. Um aber auf meine Rechnung zu kommen, fhrte ich doch einen kleinen
Coup aus. Ich brannte die Pistole gegen ein x-beliebiges Ziel ab. Neunmal
hintereinander krachte der Schu. Die Hlsen hpften energisch ber uns weg. Ein
leichter, blauer Dunst lag vor der Sonne, die Detonation klang betubend von den
Steinen zurck, und ich dachte, nun singt das Blut in ihren Ohren. Ich fhlte
aber auch etwas anderes, eine neue, frische Belebung. Ich stand schnell auf und
machte Bewegung.
    Ich war voll Teufelei und Unternehmungslust. Zwar wtete ein Ozean von
Kopfweh an meinen Schlfen und meine Glieder waren nicht ganz sicher. Aber ich
fhlte den Rausch der Tat. Heute wollte ich mal spazieren gehen. Marsch hinaus!
Auf da! Reise, Reise, Reise ...! fort mit dem faulen, aasigen Luderleben!
Schwankend, aber unbekmmert um meinen Zustand, galoppierte ich das Flubett
abwrts entlang. Ich lud die Pistole und entleerte sie auf mige Ziele. Da, an
den Seiten, etwas ber dem Lehmbruch des Flubettes, starrte der Djungle. Er war
fremd und gefhrlich. Konnte man in ihn eindringen? War es mglich, ihn ohne
furchtbare Todesstrafe zu betreten? Eine Angstvision erfate mich bei der
Vorstellung eines Lebens zwischen seinen Tieren und Pflanzen, und es wurde mir
unerinnerlich, wie ich es jemals hatte ertragen knnen, ohne vor Furcht zugrunde
zu gehen. Ich vermied es, ihm nahe zu kommen. Ich war ein Ausgeschlossener, der
trbe Betrachter eines berlegenen und gesperrten Geheimnisses. Hatte ich
wirklich jemals den Djungle von innen gesehen oder war es ein sanfter und
harmloser Traum? Alles verwirrte sich. Alles wuchs ins Riesengroe. Ich fhlte
mich dem Walde gegenber gefhrdet in meiner Schwche, ich erkannte seine
moralische berlegenheit, seine Gre, seine Dmonie und sein Elementares
zaghaft an. Nein, ich war nicht fr den Djungle und ein poweres Geschpf vor dem
Djungle, zu schlecht und zu elend, um meinen Fu in ihn zu setzen. Das geziemte
nur Riesen und Unerschrockenen wie Slim, oder einem Indianer, braun, stark und
wild und mit einem Herzen von Eisen. Lockte es mich? Zurck in deinen Winkel,
schleimiger, weier Mann, altes, schwankes Fieberro! Ein Ekel fate mich vor
meiner weien Haut, ein Abscheu vor meinem talgigen, widerstandslosen Fleische.
Soll ich, mu ich, darf ich in den Djungle? Ich kapituliere. Ich gebe mich
geschlagen. Ich bin die letzte Lehmknolle in Gottes Natur. Ich bin ein Paria
gegen den Djungle. Retraite, altes Fieberro!
    Ich war vor ungefhr zehn Minuten aufgestanden und nicht so sonderlich weit
gekommen, als ich glaubte. Und nun wurde mir trbe zumute, das Elend packte mich
in seiner heillosesten Form. Krperlich ging es mir keineswegs schlechter, der
Rausch der Aktion drngte sogar das Kopfweh zurck. Aber der Zustand war seltsam
genug, mir war einfach fade, ich war in dieser Sekunde das Opfer einer
trostlosen Langeweile. Ich warf mich nieder und weinte. Und hob in purer,
schlechter Laune, im Zorn, im Exze der Langeweile einen mannschweren Block auf
und zertrmmerte ihn an den Klippen. Nach diesem Erfolge affektierte ich Freude.
Meine physischen Krfte waren keineswegs geschwcht! Aber nun wollte ich nicht
mehr weiter. Ich hatte des Gehens genug. Ich war des Anblickes dieses Flubettes
und des starren, undurchdringlichen Djungles mit seiner imponierenden Teufelei
mde. Eine heftige Unlust, die Beine zu bewegen, in denen ich doch zu gleicher
Zeit die Kraft von Maschinenkolben fhlte, ergriff mich. Ich hatte gerade noch
genug Willenskraft zurckzukehren. Slim und van den Dusen empfingen mich
lchelnd. Die Indianer schliefen. Der Hund drckte sich schielend beiseite. Der
Fieberhauch, der von mir ausging, imitierte ihn. Oder ahnte er meine
menschlichen Bosheiten?

                                      XXIV


Die Sonne stach mit einem steifen durchdringenden Lichte herab; die Landschaft
stand, mit bitterem Realismus in diese schrge angegilbte Wand vor unseren
Stirnen hineingesetzt, da. Fluch allen Malern und Flschern! Das Leben war eine
Zeichnung, und Bitterkeit steigt aus den trockenen zhen Stengeln auf, die, eng
und planlos zusammengepackt, den Djungle darstellten. Alles Wesen war
erschreckend sachlich in diesem Lichte, befangen im nchternen Ernste seines
Daseins. Blten von unerhrter Farbe, ereignislos, reihten sich buschig auf, sie
waren ohne eigenen Glanz und Ton, gefressen waren sie von dem alles
verschluckenden, alles einschmelzenden Lichte. Bunte Arasvgel steckten ihre
Kpfe mit den wilden erregten Federgeweihen durchs Laub und fixierten uns
gehssig; lauernd vor Bosheit duckten sie sich wagrecht auf ste nieder und
fhrten mit ihren angelfrmigen Schnbeln einen verzweifelten Phantasiekampf,
ein leidenschaftliches Scheingefecht gegen unsere verhate Anwesenheit aus. Ein
Storchenpaar stolzierte in den Wassertmpeln abseits vom Stromgerinne und
harpunierte in der Frhe und am Nachmittag Frsche, Frsche als Vor- und
Nachspeise und Frsche zur Verdauung. Diese Sparsamkeit angesichts der
mutmalichen Delikatessen des Djungles war heroisch. Aber sie lag in der Natur.
Sie bestimmte den Stil, die Entfaltung. Die unerhrtesten Mittel wurden hier nur
einer andeutungsweisen, gleichsam fleckenden Verwendung fr wert gehalten. Ein
magisches Verwischen aller letztlich doch so brutalen Triebe zeichnete den Wald
aus, eine redselige Heimlichtuerei nutzte oberflchlich alle die mystischen und
tiefen Krfte seines Getriebes. Die Natur war berschssig, gleichsam
geistreich; darum brauchten es hier die Menschen nicht zu sein und nicht das
Faultier, das da oben mit menschlichen Gebrden, zu trge selbst zu einer
Grimasse seines ewig schnauzigen Gesichtes zwischen den dreimannshohen Stengeln
mit Bedacht emporkroch. Die Natur als Totalitt war geistreich. Darum brauchten
es ihre Geschpfe nicht zu sein. Sie durften auer Betrieb gesetzt im Schatten
liegen und ghnen und wei Gott wie es zuwege bringen und keinen verstndigen
Gedanken mehr produzieren.
    Herrgott, diese Strche speisten Frsche mit Leib und Seele, und indes war
der Djungle, ein Riesenbraten, fr sie aufgetragen. Und so war diese Natur,
sparsam trotz groen Reichtums; sie war nun einmal eben gar nicht, wie man auch
denken knnte, Stil, sondern ganz Wesen, ganz Sache. Es war eine durchaus
praktische, unsthetische Natur, sie kmmerte sich keinen Schimmer um den Effekt
ihrer Schnheit, sondern war ganz auf Glck eingestellt, ja, auf das Glck
sommerlicher Krper. Ich aber protestierte heftig gegen die Partei, die sie
nahm. Ich wurde krank an ihr und fhlte schwere Hemmungen aus ihren Rckstnden
an Phantasie und Romantik aufsteigen. Denn in mir herrschten Frhling und
Herbst, in mir war kein Sommersein, wohl aber Frhlingswerden, ich reifte zum
Blonden, zum Prinzip des Blonden, nur Sommerglck war nicht in mir. Darum zehrte
mich der rger auf, das rgerfieber, wogegen es Chininpastillen gab, die ich mit
Ausdauer schluckte. Aber es war doch immer dasselbe Bild; wieder drckten sich
die polsterigen Brste feistleibiger Vgel durchs Laub, sie entfalteten mchtige
Garnituren von Federn in allen Farben, steckten ihre Schwanzstutzen aus dem
Busch heraus und schlugen Rder. Aber diese Schnheit war ein gelftetes, ein zu
durchsichtiges Geheimnis; es war eine magazinierte Schnheit, sozusagen
kaufmnnisch, aber ein bichen unsolid ausgestellt, ich konnte mich mit ihrem
nchternen Zuge nicht befreunden. Der Schauer fehlte. Das war es.
    Alles war ein gelstes Rtsel. Alles war klar. Ich begriff alles. Ich
begriff es, wenn eines Tages pltzlich zwei Kakadumnnchen aufeinander
loszusbeln begannen, bis das Gehirn des einen blogelegt war. Das langweilte
mich. Es langweilte mich auch - ich erinnerte mich schwach, da das nicht immer
der Fall gewesen war - sa der Gekpfte in einem letzten Sterbeschauer ein ses
Piepsen ausstie, whrend er in gesnderen Zeiten eine schnurrende Stimme hatte
hren lassen.
    Die Klarheit, die auf Stadien der Verwirrung gefolgt war, wurde lhmend.
Mittendrein begann ich unruhig zu werden, die Angst kam schwl an mich heran und
ich sprang auf. Das heit, nein, ich sprang eigentlich nicht auf, ich wollte nur
aufspringen und es stand mir sehr augenscheinlich vor Augen, was dann geschehen
wrde. Ich wrde flchten, wrde die Freunde verlassen und mich irgendwohin
zurckziehen, um allein zu sein, nur um allein zu sein. Denn in dieser Zeit
machte sich wieder der Kontakt mit Slim bemerkbar. Ich wute, da er sozusagen
stets mit mir dachte, mit den Krften meines Gehirns gleichsam seine Gedanken
und Leidenschaften dachte. Das war vielleicht auch die Erklrung, da nichts von
alledem, was mir durch den Kopf ging, geschah. Ich verbrauchte die ganze
Handlung in der Anschauung und Slim zehrte mit. Mein Vegetieren war ein
schbiger Rest von Wirklichkeit. Alles andere fand allein in meinem Gehirn
statt. Ich dachte ein feines Ding von Vergngen aus, ein bis zum Zerreien
dieses s gespannten Gehirnes verfeinertes Ding. Und blieb an Ort und Stelle
liegen, obwohl die Leidenschaft mich durchwhlte und die Frste der Langeweile
mich aufjagten.
    
    Mein Zustand war bekannt. Das Wort Tropenkoller fiel mir wie ein
Gnadengeschenk zu. Damit konnte ich arbeiten, erklren. Jetzt also wute ich,
woran ich war. Ich wrde schleunigst Abhilfe schaffen, aufstehen, arbeiten,
sozusagen ein anstndiges Leben fhren und so praktisch wie mglich mich den
gegebenen Verhltnissen anpassen. Eingerichtet werden mute das Leben! Hatte ich
nicht die Mglichkeiten einer unendlichen, natrlichen Praxis vor mir, das weie
Blatt einer unbeschriebenen Robinsonade? Ich konnte ein Kanoe bauen und mich den
Flu hinabbegeben. Oder mit Zana durchbrennen, sie heiraten und das Leben eines
Djunglemenschen fhren. Meine ungeheure Assimilationsfhigkeit, mein
Rckbildungsgenie kamen mir hier zugute. War ich nicht voll guten
vertrauensvollen Willens?
    Nach einer Stunde der khnsten Unternehmungen und Aufpeitschungen war mir
der Begriff Koller so fade wie nur je ein Wort. Mit hysterischer Lust glitt ich
in die Tiefen meines Zustandes. Ich war eitel auf mich; ich war es auf mein
Affengesicht; auf meinen Mangel an Willenskraft und Persnlichkeit, das heit,
auf meine geniale Assimilationsfhigkeit: denn, in der Tat, wenn ich die anderen
um mich her betrachtete, so wute ich, da wir bereits Affengesichter besaen.
Wir verzwickten die Gesichter, weil die Sonne uns blendete. Das Tierische in
Zanas glatten Zgen reizte mich zu einer prickelnden Nachahmung. Ich buhlte um
den Ausdruck ihrer Lste; diese Lste mssen erschlichen werden, man mu unter
einer Art Mimikry an sie herankommen. Wohlan, prparieren wir uns im Hinblick
auf den Indianer! Wenn Zana mein Weib ist, werde ich sie bei den Haaren ziehen
und auf ihrem Gesichte spazieren gehen. Ich habe infame Plne mit ihr vor. Ich
nehme keine Rcksichten mehr. Ich halte mich an die ltere Humanitt; was die
Lust der Rassen anbetrifft, geht es nach Anciennitt.
    Mit den Vorstzen war es getan. Die Natur produzierte hier, drauen und in
meinem Hirn, in berschwenglichem Mae. Aber sie verlumpte die Million aus
Sparsamkeit, um Bewegung zu sparen und die alten Formen zu schonen, die sonst zu
schnell ausstarben. Diese Natur war nicht auf den Europer berechnet, auf nichts
Avanciertes, Humanes, Intelligibles. O, sie hate die Maschine, diesen paradoxen
Vogel des Nordens, und ihre andersartige konomie. Sie hatte es eilig wie ein
Krsus, der so schnell als mglich zum Bettler avanciert, um vom guten Leben
nicht draufzugehen und gengsam sein zu knnen. Diese Natur war, wie gesagt,
geistreich, geistreich als solche, obwohl ihrer Geschpfe Mangel gerade in
diesem Punkte auffiel. Sie war darum in ihrer Flle auch ein Dichter, ein
solcher Praktiker, der das Leben lieber schnell theoretisch absolviert, um nur
ja sich selbst aufzusparen und nicht in Stcke zu gehen. Der Dichter ist ja
bekanntlich der feinste Kaufmann, er kauft alles und bezahlt mit Phantasie. Ein
solcher Dichter, ein solches Stck Tropennatur, bitte zu bemerken, ein solcher
Verfertiger von Tropen bin ich. Ich habe Zana schon lngst glcklich geheiratet,
aber gleichwohl, ich liege noch immer hier. Da sieht sie her, so schmachtend wie
mglich, mit einem Blick, als wrde ich ihr sofort, auf der Stelle, mit einem
Messer den Bauch schlitzen. Ich aber liege hier, bin faul wie ein Alligator und
von meinen Knochen fllt langsam das Fleisch ab.
    Die Zeit hatte die Auszehrung, und wir verstorben an galoppierender
Langeweile. ber unseren Kpfen zog ein Storchenprchen seine Kreise. In diesem
Zeichen stand unsere Lage; es war eine wirkliche Lage, die wir nun in der Welt
einnahmen, und das Kreiseln ber uns war der Singsang unseres Blutes. Die zwei
Strche stiegen herab, ach, da hatten sie lange rote Schnbel, und so rot waren
ihre Schnbel, da einem wirklich bei ihrer Betrachtung nichts anderes einfiel,
als da sie rot waren. Zwei wunderschne rote Griffel, die rapide klapperten,
waren das, zwei Zinnoberstempel aus elegantem, einfrmigem Farbstoff, zwei
grelle Blutfasern in der Lichttafel, die uns vor den Stirnen schwamm. Sie
beschftigten die Phantasie, anderseits aber waren sie so anschaulich, da sie
ganz sie selbst waren, ganz Sache, ganz Schnbel, rote Storchenschnbel, eine
praktische Angelegenheit, zum Klappern etwa! Ich wei nicht, warum wir ber den
Unsinn soviel nachdachten, warum wir insbesondere ber diesen roten Schnabel
soviel Wesens machten, der uns gar nichts anging. Das Rot war so eigen, und es
erregte uns anscheinend mchtig. Es hing den Vgeln ein dnner erstarrter
Fleischlappen mitten aus dem Gesichte und machte uns sieden. Vielleicht weil wir
kollerig waren. Ich dachte an den zerstckelten Kopf des piepsenden
Arasmnnchens, an seinen blutenden Kamm. Es ist merkwrdig, da es Tiere gibt,
die mit dem Zeichen ihrer Blutgier unverhllt umherlaufen. Aber das ist gar
nicht merkwrdig. Bei den Sugetieren sind es die Lippen, Blutfetische, und die
Geschlechtsorgane, in ihnen tritt die grundlegende Blutsympathie der Leiber
nackt zutage. Ha, wie wir morden, wenn wir kssen! Wie wir dieses se
berbleibsel eines Bisses schlauerweise ungestillt lassen, in unserer
unerhrten, listigen konomie der Lust! Der Ku der Vgel nhert sich dem
lteren Ideal. Wenn der Kakaduhahn das Huhn unter Geflatter belegt, fhrt er
flagellantische Hiebe gegen die roten Teile ihres Gesichtes, markierte Hiebe, er
kraut sie leidenschaftlich an den feinen roten Huten ber den Nasenlchern. Ich
blickte seitwrts. Da prangten Zanas knstlich aufgestlpte Lippen, sie
enthllten ein breites Stck Rot wie eine Blutorange; zwei Eberzhne waren durch
das Nasenbein gebrochen, und die Narben zerrten die Lippen hoch. Nun mute ich
finden, wer von den Mnnern die verfnglichsten Lippen hatte. Slim besa dnne,
herbe Exemplare, scharf wie zwei Messer. Damit schied er aus der Konkurrenz aus.
Der Hollnder hatte ein paar himbeerfarbener unter seinem Struppbarte. Ich
erschrak tdlich, als ich es bemerkte. Im gleichen Augenblicke hatten wir uns
auf den Mund gesehen. Es war erklrlich, da er sich der offenen Aufmerksamkeit
Zanas erfreute. Sie schielte wie eine ffin mit schrg gestellten Blicken zu ihm
hinber. Slims Gesicht, das unter einem rtlichen Barte vollstndig gelb war,
drckte in diesem Augenblicke eine Katastrophe aus.
    Die Sonne fuhr wie ein weiglhendes Projektil ber den zwlfstndigen
Himmel dahin, Tag um Tag den Weg, den wir verfolgen konnten. Zur Linken unserer
Robinsonade tnte fern das Zischen der Flle. Vor uns lag der weie Flusand im
halbberieselten Bette, gegenber brodelte der Djungle, die Luft dazwischen war
vor Hitze in bestndigem Flittern begriffen und zerfranste farbig. Wir hatten
schmerzliche, eintnige Erlebnisse, oh. Ich sagte wir in jener Zeit, hm. Die
Langeweile rotierte, und dann scho das Storchenprchen in Kreisen, Schrauben
und Korkenziehern ber uns hin. Und dann stand Slim pltzlich auf, es kam Leben
in ihn, er kommandierte die Indianer, man schlug einen Baum und begann ein Boot
auszuheben. Ich aber stand nicht auf und half. Ich hate die Tat und alle Tat.
Die Energie Slims machte mich schwcher, whrend er sich gleichsam an der
Ursprnglichkeit des Unternehmens berauschte. Er schlug ein Kanoe. Er entfernte
sich mit meiner Lebenskraft, verbrauste mein Vermgen und lie mich mit Passiven
zurck. Und ich hate ihn, diesmal vielleicht zum ersten Male aus vollem Gemte,
ohne dialektische Umwege, aus dem vollen Gemtshasse des Beraubten. Er jedoch
gedieh dabei. Er begann am Lagerfeuer Debatten zu erffnen und traktierte seine
Lieblingsidee, seine funkelnagelneue Dimensionenlehre. Warte Mal, ich gebe ihm
den Todessto. Sie sind ein Dialektiker, sagte ich drohend. Ich war ein groer
Entlarver. Dabei schttelte mich das Fieber, und meine Pulse evaporierten, sie
rauchten frmlich vor Arbeit.
    Da geschah das Unerwartete, da der Hollnder zu sprechen begann. Er ergriff
meine Partei. Er war ein gerader Kerl, und ich mute eine schwrmerische
Vorliebe fr derlei Charaktere in mir vorfinden. Ich berschttete ihn innerlich
mit Dankbarkeit und schwur ihm Treue und Solidaritt. Die Situation war nicht
unangenehm, wir waren jetzt zu zweit und marschierten siegreich aufs Ziel los.
Aber eine kleine Verlegenheit trat doch ein. Slim fiel es mitten im Debattieren
ein, nach seiner Coltpistole zu greifen. Er wog sie in der Hand, fhlte
gleichsam seine eigene Solidaritt und kostete das Vertrauen aus, da auch er zu
zweit da war. Sein gelbes, brtiges Gesicht bekam einen lasziven, geradezu
lasterhaften Zug, er sah nicht nach uns, sondern nach Zana, und so war es
ungewi, wem von seinen beiden Gegnern die Worte galten. Er sprach gutmtig;
aber ich htte gewettet, da in seiner Stimme etwas ungeschickt verbissene
Gereiztheit, eine Art falscher Gesang zu hren war. Am merkwrdigsten war, da
er das englische du gebrauchte, als ob er eine Art Bibeltext sprche, etwas
besonders Herzergreifendes, vielleicht Verchtliches. Er sagte:
    Ich weigere mich, mit dir zu debattieren, my boy. Du bist langweilig. Ich
bin dir viel zu sehr Problem. Du beschftigst dich zuviel mit meiner Person,
jedenfalls mehr als anstndig und gesund wre. Das geht nicht; wir sind
freinander einfach unmglich. Aber das kann ich dir sagen, du bist vollstndig
irrsinnig, du bist toll, du hast den Koller. Denn das, was du dir einbildest,
gibt es nicht. Es gibt keinen Parallelismus zwischen zwei Menschen. Das ist die
Spiegelmanie deines Gehirns. Wie du mich krank machst! Er stand auf und ging
hinaus und kam erst am folgenden Morgen wieder zurck. Um Mitternacht fiel ein
Schu und das Klagegeschrei von Affen scholl lange fort.
    Am dritten Tage wurde die Arbeit am Boote eingestellt. Die alte traumselige
Monotonie beherrschte unser kleines Lager zwischen den Fluklippen im Schuttloch
wieder. Slim war es eingefallen, da wir Futter brauchten. Er nahm wortlos seine
amerikanische Bchse auf und lockte den Hund an. Dieser gehorchte
schwanzwedelnd, trabte dreiig Schritte hinter ihm her, machte aber pltzlich
kehrt und kam mit gedruckter Miene zur Hhle zurck, wo er sich an seinem
Stammplatz zwischen gewisse groe Steine legte. Slim rief und kommandierte, Zana
warf mit Steinchen und Erdknollen nach ihm und gebrdete sich, als htte sie nie
im Leben ein wichtigeres Sittengesetz zu verteidigen gehabt. Das Tier erhob sich
mit lassen Gliedern und drckte seine Augpfel mit sterbenstraurigem Appell an
unsere Barmherzigkeit in die eine Ecke, whrend es mit seiner Schnauze bang in
die Luft hinausschnffelte. Slim ging geradewegs an das gegenberliegende Ufer,
wo der Djungle am schttersten schien, und verschwand mit dem Hunde in den
Bschen.
    Unter den Zurckbleibenden entstand eine eigentmliche Bewegung. Uff,
sagte der Hollnder ungewi, nun ist doch eine Seele weniger im Raume oder in
der Zeit oder, was wei ich, in welcher Dimension! Er sagte nichts weiter
darber, schien aber boshaft vergngt, da er das Drama unseres Zusammenlebens
angedeutet hatte.
    Einige Zeit spter, whrend ich mit mdem Kopfe die Vorgnge um mich herum
anreihte, waren van den Dusen und Zana in ein entzckendes Spiel verwickelt. Sie
bewarfen sich, mit was immer ihnen locker in die Hand kam, gerieten zufllig
nahe aneinander, und ich hrte Zana eigentmlich lachen, als ob sie gekitzelt
wrde. Ich vermied es, schrg hinter mich zu sehen. Glhende Trume von
brasilianischer Urwaldzrtlichkeit wucherten in meinem Hirne, das wie eine
Sonnenlandschaft aus der Vegetation von Glutbrocken bestand. Im Paroxysmus der
Wnsche, Hemmungen und Leiden ber mein tatenloses Dasein krampfte ich mich zu
einem Bndel zusammen und drckte mich mit voller, wahnwitziger Kraft rcklings
an die Erde; ich folgte dem instinktiven Drange, mich zu begraben, mich vor dem
Lichte, hei, dem weien Lichte, vor dem meine Ohnmacht so kra blolag, in den
ewigen Schatten hinabzudrcken. Aus meinen Absichten wird nie und nimmer etwas
werden. Nie und nimmer werde ich Zanas dnne Glieder umfassen drfen, nie und
nimmer werde ich ein Indianerprinz werden wie Luluac. Ich konnte das Rtsel
nicht lsen. Es mu geheime natrliche Reize geben, denen das Weib sich unbewut
erschliet, oder doch solche, an die ein Europer nicht zu denken wagt - denn
mir fielen gewisse Sigkeiten von den indianischen Gemlden ein, natrliche
geschlechtliche Reflexe, die aus meinem Hirn gewaltsam weggestaut sein muten.
Ich habe das Rtsel auch spter nie gelst. Dieser Satz fiel mir damals ein;
ich wrde ihn zuknftig denken. Ich habe Frauen aller Lnder gesehen und
genossen, aber immer wieder mute ich mich an dieses seltsam hliche Geschpf
voll verwickelter Reize erinnern. Der natrliche Egoismus eines anmutigen und
starken Menschen hat saugende Kraft; die schwchere Seele wird leidend in ihn
verarbeitet, schrieb ich in Gedanken nieder. Hlich - habe ich Zana wirklich
jemals schn gefunden, wie oft ich sie auch so nannte? Zana, nein, besa
keinerlei von bleichgesichtigen Idealen und Knstlern her beeinflute Schnheit.
Sie war abnorm dnn, fltenhaft dnn, die Knochen sprangen unter ihrer braunen
Haut durch wie Drhte, aber diese Haut war glatt und knapp und folgte
geschmeidig dem Ornament des Baues. Immer wieder habe ich auch dies Rtsel
gefunden, da das Geschlecht des Mannes einen originelleren Geschmack in seiner
Wahl zeigt, als das an Prinzipien und Einmaligkeiten gewhnte Kulturhirn. Ich
erinnerte mich nmlich in die Zukunft, ich nahm mit meinen Worten alles Kommende
voraus; es war mir mit einem Male gewi, da ich diese Phrasen einst mit gutem
Gewissen wrde gebrauchen knnen. Pltzlich klangen Schsse aus dem Djungle,
abgeschwcht vom Laube. Wir horchten. Van den Dusen sagte: Nun wird er bald da
sein. Er roch ihn gleichsam und wurde mimutig.
    Und Slim kam, ohne Beute und ohne Hund. Niemand verlor darber ein Wort. Und
auch ich will darber kein Wort verlieren, denn ich kann diese tiefen und bsen
Dinge nur andeuten, wenn ich sie nicht entkrften will. Alle atmeten auf. Der
Hund war nicht mehr berlebender, die Ahnungen waren lgengestraft. Schlange,
erzhlte Slim lakonisch in dieses Schweigen, und alle lchelten in sich hinein.
Sofort empfanden alle anders. Wir fhlten das Lcherliche dieser nutzlosen
Handlungen, diese karikaturartigen uerungen pltzlicher Lebenslust. Ein noch
so langweiliger Slim mit symmetrischen Lebenskrften war ein Ding, das Respekt
einflte. Ein kapriziser Slim aber fiel unserer Verachtung anheim.
    Er kam mit harten Schritten und breit gehobenen Schultern ber das Gerlle
daher. Van den Dusen war bla. Was konnte Slim wissen? Alles. Wir lasen einander
die Gedanken ja vom Kopfe ab, wir wuten, da jemand gegenber im Djungle
versteckt dagestanden und zu uns herberspioniert haben konnte. So weit waren
wir schon, da wir alle zusammen mit unseren Einbildungen an der Leimrute einer
allgemeinen Stimmungskrankheit kleben blieben. Nun trat die Katastrophe ein.
Slim ging mit dem geladenen Gewehr in der Richtung auf den Hollnder zu. Ich
hrte es knacken; er hatte die Patrone im Lauf nachgesehen. Mitten im siedenden
Kessel dieser Atmosphre packte mich der Frost, zwei, drei Sekunden lang hatte
ich eine deutliche Wahrnehmung des Fiebers, das sonst rhythmisch in mir
dahinflutete. Ha, jetzt kam die Geschichte zum Klappen, jetzt entlud sich aller
aufgestapelter Ha, jetzt gab es Blut und Befreiung von dieser gefhrlichen
Gemeinsamkeit. Und nun - - -
    - - - und nun begann Slims Schritt auf dem Kies schwach und gewhnlich zu
werden. Es waren Dutzendschritte, die da herankamen, nicht Slims Kraftschritte.
O ber die Armseligkeit dieser Schritte! Ich dachte an die Triumphe, die Slim
mit seinem Gange gefeiert hatte, an meine knabenhafte Verzagtheit vor diesem
machtvoll scheinenden, gleichmigen Tempo. Um es nur zu sagen, ich war
kleinlich geworden in seiner erdrckenden Nhe und auf eine Bagatelle von
berlegenheit erpicht. Nun, Slim machte schlapp; er bte seine Haltung ein, als
er unser ansichtig wurde, sein Zorn wurde zu einem Brei von Leidenschaft und
versagte wie nasses Pulver. Er sank mit vertretenen Fen in das Flugerll ein
und sah uns wenig an. Slim pflegte in seiner Brutalitt oder Gutmtigkeit gut
auszusehen; aber seine Symmetrie war verschoben, das Charakteristische seiner
Haltung entwrdigt, wie er sich mit dem Flugerlle abmhte, und nun sah er im
Widerstreit seiner Empfindungen lcherlich aus. Ein Gedanke stieg in mir auf,
ich blickte scharf auf seine Fe: Slim zitterte in den Knien!
    Und so kam es denn, da auer einem einzigen Worte Slims nichts gesprochen
wurde. Nach dieser Demtigung Slims htte man ein ehrliches Wort sprechen, das
bel abstellen und einander von mancher Last befreien knnen. Aber dies Wort kam
keinem von uns dreien ber die Lippen. Slims Gesicht bewegte sich beinahe
schmerzhaft in Grimassen, er lachte aus Scham und Gott wei was fr Gefhlen,
als er mit den Sandbnken im Flubett kmpfte. Und angesichts dieses Lachens,
das alles leugnete, wurden uns die braven und tapferen Worte, verstockt und
elend wie wir waren, auf der Zunge dick. Unsere Gesichter verschieften sich
gleich dem Slims, wurden unsymmetrisch wie unser Inneres. Ha, wir liebten und
wir haten einander, wir waren aufeinander angewiesen und waren doch
unertrglich freinander. Wir konnten einander nichts mitteilen, aber unsere
Gedanken lagen offen wie geschlitzte Drme da. Wir platzten vor innerlichen
Freisen, unsere Seelen waren wund und geschwollen und schon die Nhe der Fremden
schmerzte. Im Hhepunkt dieser Erregtheit wollte ich schreien, blo furchtbar
und tricht herausschreien; aber ich hielt mich am letzten Haar zurck, denn ich
wre daran gestorben. Ich htte mich totgeschrien.
    Diese Krise, whrend der wir uns aufmerksam und mit leisen Spuren von
Spannung beobachteten, dauerte nur Sekunden. Es waren Zeitmae voll von einer
ungeheuren langsamen digkeit. Als diese epileptische Anwandlung sich
abschwchte, nahm Slim mit deutlichen Anzeichen der Erschpfung einen der
umherliegenden Menagebeutel und stampfte brummend nach rechts davon.
    Da tat ich denn desgleichen und marschierte nach links ab. Ich war ihm mit
dem Blicke gefolgt, wie er ber den weien Schotter paddelte. Nun wute ich mich
selbst darber hinpflgend, fhlte den Schmerz und die Wrme am Knchel und sah
die grelle Flche unter mir. Einmal blickte ich um, ich hatte ein peinliches
Gefhl im Rcken versprt. Es war alles in Ordnung. Niemand hatte ein
Schieeisen in Hnden. Im Verhltnis zu dem schweren Kies waren meine Beine zu
zerbrechlich, zu leicht und zu massearm waren sie. Es ging immer zher und
zher, und als ich bei der groen schnblhenden Distel stand, die von der
Robinsonade noch ersichtlich sein mute, berkam mich die Sehnsucht. Mein Herz
tat weh, ich liebte meine liebe alte Hhle mit dem wunderbaren Schatten, ich
verlangte gierig nach van den Dusen, meinem weien Freunde, nach Zana und den
Indianern. Und da lag ich auch unter ihnen und war hchst peinlich berhrt von
der Anwesenheit eines anderen Weien. Denn ich war erst gar nicht fortgewesen
und legte das Gewehr, mit dem ich nachdenklich gespielt hatte, wieder an seine
Stelle. Slim war ungefhr so weit, wie ich gerade in Gedanken gekommen war. Er
hatte sich umgesehen. Er bog ein und verschwand von der Bildflche.
    Was war die Grundstimmung dieses Strategems? Ja, ich hatte aparte Plne. Ich
wollte mir eine Robinsonade auf eigene Faust grnden. Dort wollte ich leben und
schlafen und arbeiten. Ich wollte jagen und mir mein Brot verdienen. Wie
kstlich war es, des Morgens einsam zu erwachen, den ganzen Tag ber sozusagen
nur einmal statt dreimal auf der Welt zu sein, unbeobachtet und unverantwortlich
fr die Gedanken anderer, und mit der Aussicht, sich gehen lassen zu drfen, wie
man wollte? Ach Gott, Einsamkeit ist die Gunst des Schicksals. Besser, laute
nutzlose Rede fhren und in die Luft singen, statt das Tiefste, das man zu sagen
htte, verschweigen zu mssen. Einsam die Elegie dieser Einsamkeit bis zur Neige
genieen, im schnen Singsang der Unbegrenztheit des eigenen Ichs die Zeit
verbringen zu knnen! Ferne du, du selten gehaltenes Versprechen der Einsamkeit.
Dich gedachte ich mit der geringen Distanz von fnfhundert Schritten zu erobern!
    So hausten wir an Ort und Stelle, whrend unsere Gedanken sich um Slim
drehten. Seine Abwesenheit hinterlie in unserem kleinen Haushalte eine
klaffende Lcke. Wre der Hollnder nicht mit einem Schlage so seltsam geworden,
so htte ich gerne eine kleine Unterhaltung ber dieses Thema angeknpft. Es war
nicht hbsch von ihm, da er Slim auf diese Weise hinausgeekelt hatte. Alles in
allem genommen war Slim doch ein kapitaler Mensch, ein seltenes und gelungenes
Exemplar von einem Manne. Man konnte ihm gut sein. Wie kam der faule
gedankenlose Hollnder dazu, ihm das bichen Lebensfreude, das man hier hatte,
zu vergllen? Schon hatte ich eine Apostrophe auf den Lippen und gedachte eine
lngere Rede zu entwickeln, ein Mordsstckchen Rhetorik, zu dem mir in meinem
rastlosen Kopfe bereits die Worte und ein Arsenal von Grnden in ihnen
eingefallen waren. Ich begann diplomatisch mit einer Fragestellung. Was wohl
Slim treibt? sagte ich. Da setzte sich van den Dusen auf und platzte in
weinerlichem Tone heraus: Fort ist er, in eine andere Hhle ist er hin. Nun
sehen Sie wohl, Sie htten ihn nicht derart vertreiben sollen. Sie haben
natrlich unrecht mit Ihren Behauptungen. Sie sind kein metaphysischer Kopf,
berlassen Sie das doch Slim! Er ist nicht der Mann, der solchen Unsinn
vertrgt. Man knnte wirklich aus der Haut fahren bei Ihnen.
    Ich sthnte. Mir ist todbel, sagte ich statt aller Replik. So? sagte
er, na ja, da haben wir's ja. Sie sind den Strapazen nicht gewachsen. Sie
vertragen das tropische Klima einfach nicht. Nun ist die ganze Expedition durch
Sie in Frage gestellt! Ich fiel todmatt zurck.
    An demselben Tage noch kam es ber van den Dusen. Er konnte es nicht mehr
lnger ertragen. Er stand auf und begann nach links hin fortzulaufen, seine
traurige, nunmehr stark ramponierte Gestalt zog wie ein gebrochenes Herz ber
den weien Fluschotter. Wie ein gebrochenes Herz, jawohl, hing der gute Kerl
ber, die Kleider schlotterten an seinem abgemagerten Leibe und er schlingerte
mit schwankenden Knien. Alles an ihm war Trbnis. Einmal sah er sich halb um,
mit einem kurzen scheuen Ruck und rollte weiter. Da kmpfte ich einen wilden
verzweifelten Kampf mit dem unschuldigen Gedanken, der tckisch an mich
heranschlich, ein Monstrum von Gedanke, das ich nicht denken wollte, das aber
glatt und geschwind sich gegen meine Vertuschungsversuche behauptete. Wieviel
Schritte? Dreihundert, innerhalb Treffsicherheit. Van den Dusen kam
unangefochten fort. Erstarrt blickte ich ihm nach. Gleich mute er meinem
Gesichtskreis entschwinden. Da war er bei dem schnen blhenden Distelbund
angelangt.
    Ich begann zu singen. Aus Schmerz oder aus Freude? Ein hysterisches Ringen
entspann sich in mir. Ich war einsam. Allein unter Indianern, ein einzelner
Weier, lag ich von Sonne und Fieber von auen und innen her gekocht am Ufer
eines brasilianischen Flusses! - Da wandte sich van den Dusen langsam um.
Langsam kam er wieder zurck, dann schneller, bevor ich wrde schieen knnen,
heia, wie schnell, zuletzt aber verlangsamte er das Tempo, er setzte sich der
Gefahr eigensinnig aus! Wie weh mir sein Verdacht tat! Sein Gesicht war zur Erde
gekehrt; Ja, sein glattes muskulses Schauspielergesicht war von einem Dutzend
kleiner Hcker und Wellen geteilt, es war vor physischem Schmerze zersprungen
und spiegelte das Elend seiner Seele. Meine Seele aber empfing ihn im
brutlichen Schmucke. Wir werden zusammen dieses Wiedersehen feiern und einen
ewigen Pakt der Freundschaft schlieen. Wir lassen die Feuer unserer
Menschlichkeit lodern, wir werden uns im Geiste schlicht und ohne Pathos
umarmen, wie es einem Kameradenpaare geziemt. Slim aber wird als Festopfer
serviert. Denn Slim trug an allem Schuld. Slims ungemtliche Art des Verkehrs
hatte unsere Nerven imitiert und zu einer knstlichen berempfindlichen Funktion
gebracht. Slim war ein Ketzer wider die Natur, ein Phantast, ein vollstndig
verdrehter Querkopf. Er verzauberte des Exempels wegen unsere Gehirne, er
gebrauchte uns als Versuchskarnikel fr telepathische Wirkungsgesetze. Ah,
dieser Slim! Man mte ihm den Schdel einschlagen, just so einschlagen, da
sein berentwickeltes Gehirn mit der rohesten Wirklichkeit in Berhrung kme.
Charlie, der es fertig gebracht hatte, bis zum Horizonte dieser kleinen Welt zu
marschieren, der leibhaftige fnfhundert Schritte hin und her zurckgelegt
hatte, er war Slim mglicherweise doch gewachsen. Nicht wahr, Charlie, wir beide
verstehen uns auf diesen Slim? Die Methode Mister Slims ist uns ein offenes
Geheimnis. Eines Tages jedoch mu die Rache kommen! - Mein fiebernder Kopf war
in festlicher Stimmung. Jetzt kam das groe Verbrderungsfest, jetzt endlich war
die groe historische Intrige fllig! Mein Schdel brummte von
marktschreierischen Gedanken.
    Van den Dusen war in der Sonne stehen geblieben. Er schien zu kmpfen.
Pltzlich schlo er die Augen und bekam einen Schwindelanfall, bei dem er
taumelte. Nun bildete er sich ein, es htte ihn jemand angeschossen. Wie ein
Schlafender stand er da und drohte umzustrzen. Oder er hatte Hemmungen, der
Arme, und war sich selbst zuwider, weil er so schnde hatte handeln und von mir
fortgehen wollen. Er kmpfte sichtbar mit dem Ekel; der Gedanke, da er beinahe
da drauen irgendwo abseits von diesem Mittelpunkte des Daseins htte hausen
sollen, erschtterte ihn. War diese Robinsonade nicht doch das Liebste und
Beste, das es fr uns verlorene Weltenbummler noch auf Erden gab, und war es
nicht ein Geschenk, in diesem Schatten zu liegen, den Gott oder Moki oder sonst
ein anbetungswrdiger Geist gespendet hatte?
    Van den Dusen trat nahe an mich heran. Ich suchte sein Gesicht zu erkennen.
Es war eine zusammengeballte Hand, die Innenseite einer Faust, eine Hohlfaust!
Es war rot von der Sonne und wulstig und verkrampft. Um Gottes willen, Mensch,
haben Sie den Sonnenstich? Giftig schnffelte er umher und nun, er ffnete den
Mund, nun sollte die Liebeserklrung kommen. Er sagte:
    Hier kann man nicht bleiben. Hier kann es kein Mensch aushalten. Sie sind
ja krank. Sie haben einen schlechten Atem, ich rieche es bis hierher. Sie
sollten eigentlich anderswohin. Es ist nicht auszuhalten neben Ihnen! Bei
diesen Worten legte er sich drei Schritte von mir in den fettesten Schatten
neben Zana und steckte das verbissene weinerliche Gesicht in die Arme.
    Ich bin tot, ich bin gestorben, addio. Der Hollnder hat mich gemordet. Er
hat mir sein Gift ins Herz getrieben und ich bin daran verreckt. Ich werde nie
wieder aufkommen, ich bin nur ein namenloses Etwas, das keine Kraft mehr hat. Da
fllt mir ein, dies ist riesig bedauerlich, denn ich werde das Buch, das ich
ber meine Erfahrungen vom Verkehr und der Wirkung von Mensch auf Mensch
schreiben wollte, nie mehr schreiben. Ich htte es die Tropen genannt; nicht
nur dem Milieu zuliebe und gleichsam der hypertrophischen und deutlichen
Entfaltung aller menschlichen Beziehungen wegen, die hier rein und ungehemmt,
tropisch sozusagen ins Kraut schieen; nicht nur, weil das gesamte menschliche
Gefhlsleben auf sein Vegetatives zurckgefhrt ist: sondern aus Hinterlist, aus
Spitzfindigkeit, weil alles Gegebene immer nur eine poetische Methode, ein
Tropus ist, und weil mich dieses seltsame Gewchs reizt, das wie eine Vegetation
von purem Stoff haushoch, elefantiasisartig anschiet, mir unter die Fe wchst
und meinen Standpunkt hebt, und dessen Sfte doch immer wieder mein eigenes
rollendes Blut sind und nichts Fremdes. Ha, wie ich dieses Buch geschrieben
htte, flott und frstlich und berlegen und ohne die Sentimentalitt jener
Demtigungen, die es mir eingaben! Jetzt ist es zu spt, mein Gehirn ist noch
zrtlich wie ein indianischer Sommer, aber ohne Kraft. Ich bin tot und werde es
nie schreiben; tot wenigstens zum Bcherschreiben, denn meine Schmerzen haben
mich weise gemacht und ich kann schweigen. Ich habe keine Aufmerksamkeit mehr
dafr, verborgenen Zusammenhngen nachzuspren, und menschliche Tiefen und
geistreiche Falschheiten sind mir selbstverstndlich geworden. Ich will ein
einfaches Leben fhren, ohne Einflle und Beobachtungen, ohne Entdeckungen in
Raum und Zeit, ohne europisches Indianertum und Erotik. Ich pfeife auf alle
Weiber unter der Sonne, wenn ich sie nicht haben und jeder dahergelaufene
Duselkopf und Rohling sie gewinnen kann. Ich habe der wirklichen Tropensonne ins
Gesicht gesehen und bemerkt, da sie noch immer dieselbe ist wie daheim in
meinen Knabenjahren. Ich verzichte daher auf sich drehende Maschinenhallen in
Hochglut und kollerige Eisenstangen, ich verzichte aber auch auf meine eigene
Erfahrung und ihre Bcher, auf jede Lebensbettigung, die ein Surrogat fr das
Tropenleben in unserem Blute ist, und whle eine bescheidene und sinngeme
Existenz. Vielleicht habe ich bis zu diesem Augenblicke nicht daran gedacht,
dieses sogenannte Buch zu schreiben. Aber meine Bekanntschaften mit Menschen,
Dingen und Gedanken gehen im Galopp, sie rasen wie ein Kienspan in Sauerstoff
und sind nach der ersten Sekunde seit je gewesen. Ich habe nicht die Ehrfurcht
vorm Neuen und werde nur allzubald intim. Ein Buch, das mir in einem gesegneten
Momente einfllt, habe ich nachtrglich seit je geschrieben. Solche Momente sind
whrend ihrer Passage uralt und ehrwrdig und wir sind einander nicht fremd. Ich
habe kein Gedchtnis an Nichtgewesenes. Nichts kommt ja aus dem Menschen, das
nicht schon irgendwie in ihm dagewesen wre, und nichts ist fr ihn da, das
nicht in ihm da wre. Was spreche ich da viel von den Tropen? Der Wilde kennt
sie nicht, nur der Nordlnder, sie sind ihm ein Tropus fr seine Glut und das
verzehrende Fieber in seinen Nerven. Er erfindet sie, um sich ein Gleichnis zu
setzen. Aber sie sind nicht vorhanden, sondern nur eine langweilige monotone
Wachstumsbeziehung. Es ist berhaupt nichts da, als diese Wachstumsbeziehung.
Was wir nicht mit Leidenschaft erfassen, gibt es nicht. Ich glaube nicht an ein
Buch, das ich nicht als eine Notwendigkeit, als ein nicht zu ersetzendes Faktum
angesehen htte, und ich glaube nicht an Leser, in die ich nicht
leidenschaftlich verliebt bin. Alles ist erst in der Leidenschaft und die ist
ein Diktando unserer Eingeweide. Meine Schilddrse ist mit Ihnen nicht
einverstanden, Frulein Leserin. Sie kennt Sie nicht, sie liebt Sie nicht; sie
leugnet, zu Ihnen in irgendwelchen nheren Beziehungen zu stehen. Ich kann also
nichts tun und mu dieses Buch unterlassen. Ich bin ber das Buch
hinausgewachsen. Es ist immer eine schmutzige Sache, wenn einer Bcher schreibt,
zumal aber solche ber die Tropen. Denn die Tropen sind die Kinderschuhe der
Menschheit. Wer sie ausgetreten hat, wre reif und dichtete sie nicht. Die
Tropen sind die Pubertt eines jungen Europers. Aber das ist nun der Fluch, den
wir aus unserer Herkunft mitgebracht haben: wir reifen eine Zeit und dann ist es
aus, die Reife tritt zugleich mit dem Untergange ein. Nun, ich bin reif; ich
entsage Weib, Beruf und Buch. Welch herrliches Leben knnte ich mit diesem
seelischen Reichtum an Entsagungen fhren, wie knnte ich in Primitivitten
prassen und mir durch diese Migung das Leben versen? Aber da ich mich nun
einmal entschlossen habe, tot zu sein, will ich es auch durchsetzen. Wie spt
ist es? Ist es Morgen oder Abend? Fliegen die Strche zum Morgenspaziergang oder
holen sie sich bereits die Abendration? Jetzt nimmt die Sonne den hchsten
Buschen des Urwaldes ins Maul und kaut mit roten Kiefern sich in ihn hinein. Es
ist Abend und es ist Zeit. Ich, auf dem Gipfelpunkte meiner Einsicht angelangt,
werde ein kleines Harakiri vollziehen. Strche mit roten Schnbeln sind ein
Zeichen; rote Schnbel sind Blutzeugen von des Menschen Herkunft, Sehnsucht und
Hingang. Soll es eine Browningpistole oder ein Mauserrepetierstutzen sein? Ich
whle den Stutzen - und schiee.
    Der Storch stand einige fnfzig Schritt vor mir im Flusande und sondierte
in den berwucherten Wasserlchern am gegenberliegenden Ufer. Er war auf den
Schu hin umgefallen, lag einige Sekunden wie tot da, bekam Zuckungen, als ich
pltzlich in wilder Pein und mit energischer Reue in der Herzgrube auf ihn
zulief, und erhob sich geduckt auf beide Beine. Du erbarmungswrdiger Mensch!
Nun war es also doch geschehen, nun hatte der Eigensinn meiner Phantasie doch
recht behalten. Bei Gott, ich hatte es nicht gewollt, bei Gott und allem
Familienschmerze schwre ich, ich habe es nie gewollt! Ich habe nie die Absicht
gehabt, eine Storchenwitwe zu versorgen, dieweil ich ihr den Ernhrer mordete,
niemals habe ich im Ernste an das Vergngen gedacht, meine Schiekunst an einem
Storchenschnabel zu beweisen. Aber das ist es eben, mein Lieber. Du zielst auf
eine Sache auer dir, auf einen schnen, roten Fetisch, auf ein rotes Ideal, und
zuletzt hast du doch dich gemeint. Aber wenn du eines Tages den frmlichen
Beschlu fat, dir ein Leides anzutun, dann ist die Zerstreutheit dazu da, du
irrst dich ein wenig und tust es deinem Nchsten. Deine Selbsthinrichtungen
vollziehst du an einer Puppe - Mensch, du bist mir verdchtig, mir deucht, du
bist ein unheilbarer Dichter. Exponierte Tode mit beschaulichem Weh und anderen
fragwrdigen Begleiterscheinungen haben den Vorteil, da sie die Energie sthlen
und die Lebenslust ein wenig aufpulvern. Jahrelang kannst du in der Schaukel
deiner wogenden Gefhle liegen, abgedriftet im Auf und Nieder seelischer
Gezeiten; aber wenn du beschlossen hast, wie dir gebhrt und besser wre, mit
dem Mhlstein um den Hals dich zu ersufen, wo es am tiefsten ist, da erst
schnellst du in die Hhe und bekommst Kurs. Siehe da, ist dir der Mhlstein, die
steife Krause, nicht ein Rettungsgrtel gewesen? Hast du dich nicht trgerischen
Hoffnungen hingegeben ber die Schwere deiner Missetaten, und hast du den
Auftrieb deines Elends niemals unterschtzt, um nicht schwimmen zu mssen? Wie
schwach du dennoch bist in deiner Strke. Es bedarf nur des Anstoes, und du
rollst unaufhrlich wie ein Satellit. Dein Gesetz ist die Trgheit. Zum Fixstern
bist du zu dumm; zu feige, um dich durch das fallen zu lassen, was du im Symbol
Weltraum heit. Hoiohoho, wie du springst, das Opfer deines Symbolismus zu
beweinen! Nichts ist kstlicher, als Reue ber angetanes Leid. Nichts ist
raffinierter als Humanitt. Nichts ist praktischer, um das Leben zu steigern.
Schiee einen Storch, und du kommst noch einmal zur Welt. Opfere nach gutem,
altem Brauche, und der Satan fhrt aus dir in die Sue, die du nun dichten mut.
Verschweine die Hlle, das ist Dichterhandwerk, du Liebling der Phantasie. Die
Hlle ist der Schmerz. Wenn du ihn aber protegierst, wird er eine
Altersversorgung. Und du und wir - ach, wir alle wollen trotzdem leben, obwohl
wir zuviel Phantasie haben. Aus Phantasie vergessen wir den Schmerz, aus
Phantasie fhlen wir ihn, aus Phantasie leugnen wir ihn. Aber er ist dennoch!
Was sitzt, Mensch, hier in diesem Augenblick vor dir? Welche Unendlichkeit? Der
Schmerz - ein zerschossener Vogel!
    Da stand er auf seinen schrgen zwei Rhren, die in der Mitte Auswchse
trugen, geschweite Stellen, und benahm sich seltsam genug. Die Federn an seinem
torpedofrmigen Leibe, der unter einem gewissen Winkel sichtbar wurde, waren wie
eine groe Krause aufgestlpt. Ha! dachte ich, bist du nicht eigentlich selbst
ein Fisch, du Fischverspeiser? Willst du besser sein als ich? Bin ich deinen
Leidenschaften und deinen Askesen auf den Grund gekommen? Ich habe doch mich in
dir getroffen. Du verschmhst die ppige Tafel eines brasilianischen Djungles
und hltst dich an die Lanzetten, die kleinen Torpedos, die reizvollen Elipsoide
in der Zoologie, du hast einen persnlichen Geschmack und bleibst noch dort
selbst du, wo du dich in deinen hchsteigenen Abbildern verzehrst. Du bist mir
eine Maschine, die sich von ihren eigenen Bestandteilen nhrt, in dir habe ich
das Symbol aller Entwicklung und aller Lebenstechnik entdeckt. Dein Schnabel ist
praktisch genommen ein Futteral fr einen lnglichen Fisch. Dein Hals hat sein
individualisiertes Vorbild in einem Wurm, dein Rumpf aber hat einmal einem
kecknasigen Eisfisch als Figur gedient. Deine dnnen Beine beziehst du von der
Wasserspinne, die du so sehr liebst; als ersten Gang ein halbes Dutzend vor
Tische. Du gibst dich nach deinen Atavismen. Du wirfst keinen Blick auf die
brasilianische Menukarte, die dir zur Verfgung steht, sondern trachtest, in
Form zu bleiben, und wenn dein Verdauungshorizont auch keineswegs weit ist, so
mu man ihm doch zugeben, da er Rasse hat. In deine gastrischen Verhltnisse
spielt das erotische Prinzip der hnlichkeit hinein, das wir schon kennen. Du
hltst etwas auf erbliche Schnheit, sie allein steht dir zugleich zu Gemte und
zu Magen. brigens habe ich in dir einen Typus getroffen. Er pflegt, aus einem
Mangel an Unternehmungsgeist und einem zu rassigen Appetite, die aufgelegte
Speisekarte des Lebens beiseite zu schieben und hlt sich an reine Formalitten.
Er akzeptiert nur Dinge und Geschpfe, die ihm hnlich sind, oder solche, die in
ihm enmaschiniert wurden. Obwohl er selbst eine technische Fusion niedrigerer
Organismen darstellt, ist er einer Weiterbildung nicht mehr fhig. Denn, merkt
euch das alle, ihr Strche auf stolzem Einbein, mit den Aristokraten ist es
heute vorbei. Sie haben ausgespielt, sie sind ein berlebter Typus. Denn nun ist
die Reihe an den Grobrassigen, den Eroberern, den Kolonisatoren und Entwicklern
mit dem schlechten Geschmacke und der Initiative des Hungers. Aus dem Chaos, aus
dem Djungle werden neue Sattheiten herausgearbeitet. Gifte stellen sich als
harmlos und nahrhaft heraus. Morste erweisen sich als ergiebig. Aus Bohrlchern
brechen unterirdische Quellen, und die Drste werden mehr von dem brenzlichen
Beigeschmack des Vulkanischen, des Erdinnersten und Tiefen gestillt, denn vom
khlen Wasser. Die Formen hierfr sind vorlufig Nebensache; sie kommen noch
frhe genug. Denn all dies ist das Werk der Mischrassigen und Geschmacklosen,
der Entwicklungsbedrftigen, der Formlosen, der kecken Abenteurer und losen
Schnbel. Sie greifen zu und haben das Leben. Sie nhren sich nicht nur vom
Gebotenen, sondern auch vom Bietenden und werden von Speisekarten fett;
Programme sind ihr Salz; denn es sind auch Dichter darunter, eine Art Dichter
wenigstens mit sehr gesunder oder doch hchst gesunder Verdauung. Wenn sie
Krmpfe haben und sich erbrechen, befinden sie sich eben erst am Gipfelpunkte
ihrer Behaglichkeit. Vor den anderen heit dieser Zustand Poesie, und alle
gedeihen sie daran. Sie bilden und vereinigen sich zu ungeheuren Organisationen,
grozgigen Kriegs- und Kpfmaschinen, bei denen der einzelne genau so
verschluckt wird wie ehedem. Aber das tut nichts; das Glck hat sich
mitentwickelt. Mit den antiquierten und prde eingehaltenen Formen, aus denen
der Mensch besteht, wird kehraus gemacht. Es gibt weitaus entwickeltere Grade
von Leid, keine krftige Seele, die auf dem Hhepunkte ihrer Zeit ist, sollte
sich vom Schreckgespenst eines leidenden Storchen in Entsetzen verwickeln
lassen, was immer Faszinierendes daran sein mag. Kusch, Seele, von einem
Menschen. Welches Schauspiel, ein vom Mitleide verlaustes Jgertemperament! Habe
Ehrfurcht vor dem Gesetze der hheren Kraft!
    Das Tier ringelt den Hals und duckte ihn in den Kropf zurck, durch dessen
Haut man den Puls pochen sah. Die blassen Lider waren herabgelassen, dahinter
zuckten bluliche Schatten; es waren die Augpfel. In den Winkeln stand eine
dicke, schmutzige Zhre. Wehe, der Storch weinte! Den Schnabel hielt er offen
und spreizte ihn gegen den Himmel, wo die Strchin kreisend und mit entsetzt
herabgebogenem Halse wie an einem Faden hing. Der Vogel unten bot ein Bild
vollstndiger Verlassenheit. Ein Streifschu hatte den oberen Deckel des
Schnabels ldiert, das Ende war abgesprengt. Diesen Span reckte er mit
steinerner Geste zum Himmel. Als ich ganz nahe war und ihm einen Puff mit dem
Gewehrkolben gab, begann er wie verrckt mit seinem Instrument zu knattern, aber
es gab keinen Laut mehr. Diese Erregung wirkte schdlich. Er machte
Schlingbewegungen und bergab sich. Bei dieser Gelegenheit wurde in seinem
Schnabel ein kleines Fischlein sichtbar, es war eingeklemmt und scho von Zeit
zu Zeit Reflexe, es lag dort und bewegte sich wie eine kleine Mine von Leben.
Diese explosiven Reize mochten unter andern Umstnden einen trefflichen Kitzel
ausmachen, eine Art motorischen Pfeffers. Jetzt waren sie aber berflssig, das
bewies die Haltung des Blessierten. Ich stellte schnell meine Diagnose. Heftige
Kopfschmerzen, Gehirnerschtterung, vermutlich Irrsinn und Versagen des
Sensoriums. Ich stupste den Vogel, als er bereits wieder mit seinem Spachtel
stumm zum Himmel sang. Er bediente sich immerhin zweier Beine, er, der Dnne,
hatte das aristokratische Dicketun in diesem ernsten Augenblicke aufgegeben.
Solange meine Rippenste zart blieben, rhrte er sich nicht; erst auf eine
heftigere Attacke hin reagierte er mechanisch nach dem Gesetze der Schwerkraft
und verlegte seinen Standpunkt nach rckwrts. Durch sein gestrubtes Gefieder
sah ich ihm unter einem Winkel bis auf die warzige Haut. Ich scho ihm eine
Kugel durch und durch. Er brach mit laffen Gliedern zusammen, nachdem er kurz
nach dem ersten Chock versucht hatte, die Flgel zu spannen. In seiner
Zerstreuung versuchte er den gewohnten Aufstieg, verga fr den Bruchteil einer
Sekunde aufs Sterben, gab aus Gedankenlosigkeit einer alten, lieben Gewohnheit
nach. Aber in diesem Stckchen Sekunde mute sich in ihm eine rapide Entwicklung
vollziehen. Die Stadien seines Seelenlebens prasselten aneinander vorbei. Und
unter dem Hochdruck dieser Schnelligkeit hatte er sich einmal umgedreht, war
einmal kurz und rund um sein ganzes Storchendasein herumgekommen und zu Boden
gestolpert. Sein zerspnter Schnabel stand noch immer voll ungeklapperter
Klagelaute offen.
    Pltzlich hrte ich einen Laut, ein Geheimnis von einem Schrei, das Sigel
einer menschlichen Stimme, wie ich es deutete. Als ich mich emporrichtete,
geriet ich in die Flugbahn eines Dings, das von oben auf mich zukam. Es war die
Strchin, die mit an den Busen geknallten Beinen ihren roten Schnabel nach mir
dehnte. Schne Geschichte das! Ich zielte. Sie kam einige Schritt von ihrem
Gatten zu liegen. Unter den Leichen kroch jetzt der Blutwurm hervor, es machte
mir aber nicht wohl. Ich sah schnell weg. Meine Empfindlichkeit war krankhaft
geworden. Kaum aber sah ich weg, juckte es mich, wieder hinzusehen.
    Im brigen schien mein Fieber ausgetobt zu haben. Nach diesem Coup kam Leben
in mich. Hungrig strzte ich mich in den Djungle, mein ganzes Nervensystem war
wie eine Vergrerungslinie, die die feinsten Vorgnge und Effekte des
gepferchten Lebens aufnahm. Die tatzengroen Bltter schlugen hinter mir
zusammen, ich trat in ungewisse Lcher und balancierte ber schlpferige Stmme.
Ha, war das der Djungle, der mich einmal so schaurig grn angestarrt hatte wie
das Gespenst einer lnderlangen Schlange? Dieses Gewimmel kam mir bekannt vor.
Ach, ich war krank gewesen, hinfllig an Krper und Seele, und ich hatte die
Philosophie eines Schwchlings gehabt. Es gab doch nichts ber einen lustigen,
allezeit appetitanregenden Positivismus! Alte Plne tauchten in mir auf und
Sehnsucht nach Urlterem. Ich wollte all meinen Lebensrest der prchtigen
Existenz unter breitbltterigen Pflanzen weihen, wollte ohne die Hemmungen der
Zivilisation meinen reinen menschlichen und tierischen Trieben opfern; ja, ich
wollte mir ein Weib nehmen und als ebenbrtiger Sohn der Tropen gebotene
Sigkeiten auskosten. Mit den Ideen wird Schlu gemacht, ich verlege mich ganz
auf die benachbarte Realitt, ich ziehe mich in die tiefstmgliche Dimension
zurck. Ich werde mein Buch nie schreiben, denn es ist niemand da, fr den ich
es schreiben mchte. Da ich wei, da die Welt dadurch nicht verndert wird, da
ferner die Dinge schn sind, auch ohne da ich davon erzhle, werde ich dieses
Buch nie schreiben. By Jove, das war die verrckteste Idee von mir, das mit dem
Bcherschreiben. Wie mochte ich alter Mechanikus nur auf diese Idee verfallen?
Die Antwort steckt in meiner Geburt; ich bin aus dem literarischesten Volke der
Welt geboren. Dies kommt davon, da die gotischen Sprachen ein wahrer
Teufelsspuk von Formen und Ideen sind, ein umgebautes Mnster in Bestandteilen,
eine unerhrte Verfhrung fr das arme Menschenkind, zu dichten und zu denken.
Jetzt aber ist die Affre beigelegt und jetzt erst ist mir ein Dom vom Herzen
gefallen. Hurra, ich habe ewige Ferien, ich kann den Gedanken schwnzen und vom
Nichtstun leben. Ist es nicht meine eigentliche Bestimmung? Der lustige Bruder
hat mir seit je im Blute gesteckt, soweit ich zurckdenke, bin ich nie was
anderes als ein besserer Vagabund gewesen. Ich nehme mir ein Weib. Heute noch
gehe ich mit Zana durch, wir leben als Adam und Eva und zeugen ein vollstndig
neues Geschlecht von Menschen. Das letzte war etwas verpfuscht. Da wir keine
Hemmungen kennen, gibt es bei uns auch keinen Sndenfall. Damit erlschen auch
die hygienischen Verkehrtheiten, Syphilis, Schwindsucht und Konsorten sterben
aus, denn von nun an leben wir naturgem. Zana ist ein gesundes Mdel. Wenn sie
sieht, was fr ein Kerl ich jetzt bin, sticht sie um meinetwillen zehn andere
tot. Ich bin der beste Schtze des brasilianischen Urwaldes. Hrt! hrt! Ich
treffe - oho, was ist los?
    Von der Seite her nahte sich ein Brechen und Knacken von Zweigen. Eine
Bewegung glitt durchs Unterholz. An den Spitzen der Bume, die sich schttelten,
konnte man ihr Fortschreiten beobachten. Es war ein Tier, schon begann ich
Farben zu sehen, vorwiegend Wei, das zwischen dem Netz von Blttern auftauchte.
Konnte es ein Panther sein? Ich stieg auf den nchsten hheren Ast und
verschaffte mir eine Position. Es war ein kleines panthergroes Tier, es
prschte sich aber mit auffallendem Lrm und kunstlos durch den Djungle heran.
Sein Kurs lief an mir vorber schrg zum Flusse hinab und mute ungefhr
gegenber unserer Lagerstelle mnden. Nun war es einige zwanzig Schritte vor
mir, aber ber sein Wesen war ich noch nicht im klaren. Es wandte einen
menschenhnlichen Kopf hin und her, es war wei, fr ein Faultier war es aber
trotzdem zu schnell. Donnerwetter, es hatte einen verdammt menschlichen Kopf,
war es ein weier Affe? - - - Hahahaha, hahaha, das war es? Also das war es,
nein, hoho, das war doch - - - Bis zum letzten Augenblicke sah es her wie ein
verhltnismig kleines Tier, so gro war der Djungle, so gro und stark waren
die Bume. - Nmlich, es war das Lachen, das weie blanke Lachen. Es war das
Lachen im Urwalde, eine ganze Symphonie von Lustigkeit, es war ein homerisches
Gebrll der Natur ob ihrer berlegenheit ber den schmchtigen Menschen. Die
Natur lachte, der Djungle lachte, meine Seele aber lachte mit. Denn dieses
Weie, dies kleine weie Tier da - - -
    Es lag wirklich ein unerschpfliches Lachen in Slims Haltung. Er sah so
klein aus inmitten dieser Umgebung, so untergeordnet. Er ging mit heftigen
Bewegungen ins Zeug, ich konnte einen Augenblick sein Gesicht sehen, es zeigte
den Ausdruck von Spannung. Dieser Mann folgte einer Sehnsucht. In bbischer
Haltung sa er dann endlich hinter dem Buschwerk an der Lisiere und starrte mit
kranken Augen zu unserem Lagerfeuer hinber. Er hielt ein Binokel vor die Augen
und sah und sah sich satt. Das tat er eine Viertelstunde lang. Dann kroch er
langsamer, als er gekommen war, den Weg zurck. Ich sa still. Er kam ganz nahe
an mir vorbei, warf mir seine Traurigkeit ins Gesicht, aber er erfate meine
Anwesenheit nicht. Ich horchte den Lauten der Gewaltsamkeit, mit denen hier
jedes Weiterkommen verbunden war, gedankenvoll nach. Warum hatte ich ihn nicht
angerufen?

                                      XXV


Die Indianer strichen den lieben Tag lang unntz am Flusse herum oder lagen im
tropischen Halbschlafe. Zana pflegte desgleichen, wenn sie nicht die Wirtschaft
besorgte. Nun, und am dritten Tage traf Slim bei uns ein. Er war voll Leben, sah
ungeheuer vergngt aus und schlug gleich einen energischen Ton an. Die Indianer
wurden an das halbfertig im Stich gelassene Boot geschickt. Das ist geradezu
unsittlich, ihr faulenzt ja nach Noten! sagte Slim. Ja, ich habe nun einen
Plan. Wenn wir von hier fluab gehen, mssen wir an den Amazonas kommen, das ist
klar. Und lat uns nur einmal dort sein: dann bekommt die Sache noch immer ein
gemtliches Gesicht.
    Am Abend saen wir innerhalb des Feuerkreises und knabberten an den Grten
eines Fisches, der eine Beute von Chechos Geschicklichkeit geworden war. Slim a
mit verzcktem Gesicht. Er blinzelte; um seine Augenwinkel war ein Kranz von
lustigen Falten. Er hatte etwas Lallendes in den Zgen, den Ausdruck eines
sonderbaren Zustandes, etwas Neues und Unerklrliches. Ich dachte an die
komische Situation im Walde und lchelte in mich hinein. Wie seltsam das Leben
war! Da saen wir drei mit langen Brten, die Gesichter dicht beieinander im
Feuerschein, wackelten mit den Kpfen und - hahaha, es war zum herausplatzen.
Ich wollte ein Wort darber fallen lassen. Da erstarrte ich pltzlich bis ins
Mark. Ein Gedanke war in mir aufgetaucht. Ich betrachtete Slim. War es mglich,
war er nun irrsinnig oder nicht?
    Mein entsetzter Blick hatte eine verwirrende Folge. Slim unterbrach sich im
Kauen, sah mich mit nackter Verwunderung an und begann vergngt zu nicken. Sein
Blick besa einen so klaren naiven Glanz, da ich ihn nicht vertrug. Ich sah
weg, sah zu van den Dusen hinber. Dieser a mit trgen Bewegungen, seine Augen
schielten kreuzweis bers Nasenbein auf das Skelett, das er in der Hand hielt,
und aus dem er mit seinen Fingern das Fleisch herausbohrte. Slims Augen
wanderten von mir zu ihm. Als der Hollnder bemerkte, da wir uns mit ihm
beschftigten, hob er seine Blicke zu uns auf, aber langsam, in Etappen, als ob
sie eine Wendeltreppe emporgingen. Dabei fuhr er mit der gleichen trgen
Gelassenheit fort zu kauen und das Fleisch zu seinem Munde zu fhren. Er sah
tierisch aus und aus seinem Kopfe blickte der Schdel einer Katze oder einer
Schlange. In seinen Augen war gleichsam eine fremdartige Tageszeit, nicht die
milde menschliche Nacht und vertrauter Lagerschein. Im gleichen Augenblicke, da
ich dies erfate, fhlte ich ein warmes zwanghaftes Gefhl auf meinem Gesichte.
Es war, als ob mir eine fremde Maske aufgedrckt wrde, mein Gesicht nahm
krampfhafte Formen an, mein Hals wurde dick und meine Augen schoben sich wie auf
Stielen vor. Sie wurden mir von einem Magneten fortgezogen und ich konnte ihnen
nicht folgen. Whrend ich zu van den Dusen hinflog und unsere Augen sich
ineinanderschraubten, erwartete ich ngstlich die Kollision unserer Stirnen.
Aber wir kamen einander nicht nher. Der Hollnder lenkte seinen Blick langsam
auf Slim ab. Schlielich wandte er sich fort, er zeigte uns den Rcken und
atmete mit starken Hebungen des Brustkorbs. In der Hand hielt er eine Portion
Fisch, die ekelhaft zerpflckt und zerquetscht war. Sein Gesicht gewann einen
Zug unendlicher Qual.
    Wir sind irrsinnig, berlegte ich. Ein Wohlgefhl berkam mich. Ich befand
mich auf der Hhe meiner Pflicht. Ich grinste, ich fletschte die Zhne, ich
stie schnalzende Laute aus. Wir waren irrsinnig! Wir waren smtlicher
Verantwortlichkeiten los und ledig! Wenn uns jetzt jemand sehen knnte, wenn
doch ein einziger dagewesen wre, uns zu bewundern! Die Indianer verstanden es
nicht. Wir waren die Helden unseres Berufes, unsere Tropenfahrt hatte uns
irrsinnig gemacht, der Djungle hatte uns durch Gemtserschtterungen aus dem
Gleichgewichte gebracht! Wir armen Seelen, wie hoch standen wir ber dem
gesunden Durchschnittsma! Wir waren den entgegengesetztesten Affekten
zugnglich ...
    Ja, wir Irre sind ein schlaues Volk. Wir sind doppelt so schlau als die
Klgsten unter den Menschen. Wir wissen im Grunde unserer Seele sehr wohl, da
wir nicht eigentlich irrsinnig sind, sondern da wir das Ganze nur aus Vergngen
betreiben. Wer dumm genug ist, nicht zu wissen, welcher Spa Irrsinn ist! Immer
noch einen Schritt sind wir vor dem Dutzendverstande voraus. Wir Narren halten
alle zum Narren. Wir sind die Geschpfe der Sprache, die Windhunde des
Begriffes; wir sehen die Welt mit Worten und durchdringen die Wahrheit im System
der Laute. Wir knnen uns zurcknehmen; aber wir nehmen uns niemals zurck. Ihr
knnt uns keinen Ersatz bieten fr den Rausch unserer spitzfindigen Logik und
die Schadenfreude unserer krassen Schlsse. Die Komdie, mit der wir unsere
Lste fristen, geht nicht in euer Hirn. Darum sind wir Narren, wir perfekte und
menschlichere Menschen, am Ende nur die Klgeren. Wir denken das, wozu wir Lust
haben. Wir lassen uns tief in unsere Seligkeit fallen. Ein recht fideler
Trbsinn, wie der van den Dusens, ist ein Stck wohlgeflliger bung inmitten
der Einsamkeit zu dreien. Recht so, lat uns irrsinnig sein, lat uns die
Langeweile und die Furcht vorm Dasein durch phantasievolle Grimassen vertreiben!
Strzen wir uns kopfber in alle verkehrten Methoden, hngen wir das Leben und
seinen Verstand bei den Beinen auf! Ah, wie ich sie alle durchschaute, sie und
mich, wie ich mich mit ihnen auf derselben Staffel bewegte und mit ihren
Sensationen im Schritt blieb! Irrsinnig wollten sie nun zur Abwechselung einmal
sein und waren es auch, und irrsinnig wollte auch ich sein, und, Gott verdamme
mich, die Geschichte entwickelte sich! War es nicht an und fr sich schon eine
verrckte Idee, Irrsinn zu simulieren! Es geht, es geht! Endlich sind wir vom
Verstande erlst! Wir lsen uns in das wildeste Denken auf. Die Worte tanzen wie
Gtter, jeder Klang hat einen meilenweiten Geruch nach Himmel oder Hlle, der
Wortegeist ist in uns gefahren, im Wortschwall sprudeln wir die Welt noch einmal
hervor. Und dennoch sind wir nicht irrsinnig. Wollt ihr es bewiesen sehen? Wir
knnen vernnftig sein. Doch scheint es uns nicht wnschenswert. Wir sind
seliger im Irrsinn. Adieu, Rson, ffne dich, flackernde Nacht der Intellekte!
Auf Erden geschieht alles nur aus Angst vor der Langeweile! Die Erde, nein, ist
das Fiebern eines Gottes! Er ist durstig, er will saufen; er will leben und
alles ist de; da schneidet er seine Kehle auf, einen zweiten groen, einen
greren Mund, und er hrt sein Blut quellen und glaubt eine Oase damit zu
trnken, er hrt es in der groen Stille, die um ihn ist, klirren wie Metall,
seine Rhythmen schlagen gegeneinander und er tanzt, tanzt Worte, da sie wie
rote Kugeln von ihm fliegen, und fngt mit den Lippen durstig auf, was dunkel
aus seinem eigenen Munde an der Kehle brach. Er nhrt, schluckt und verdaut sich
selbst, der Gott der Erde, welcher ist gleich dem Gotte des Irrsinns und der
Worte! Sein Fieber ist Erde, und darum werde ich ein Buch schreiben und es
Fieber heien, ein Buch fr alle jene, die nicht dabei sind, wenn ich
irrsinnig bin und in Lauten rase!
    In meinem pythischen Wahnsinn ist Tiefe. Die Nacht ist still, die Lagerfeuer
kreisen. Auf Slims brtigem Gesicht liegt das Lcheln s und frisch wie bei
einem Naturkinde. Und er wandte sich an mich: Dieser melancholische Dutchman
kann mich nicht ausstehen. Ich mache ihn krank, er kann mein Gesicht nicht
verknusen. Eines Tages wird er mir im Schlafe den Kopf abschneiden. Ich kenne
ihn; er ist harmlos, das ist stets gefhrlich. Er kann wtend werden, dieser
Trbselige; und, sehen Sie, Johnny, das kann unsereiner nicht. Wir haben
Phantasie. Wir tun keinem Vogel was zuleide, sofern es nicht gerade praktisch
ist. Aber als Praktiker sind dann wir gefhrlich. Wir Phantasien haben das
Pulver erfunden. Man traut uns nichts zu. Aber wir sind es, die den Ansto
geben. Wir haben's als erste herausbekommen, da es keine Realitt gibt, und wir
sind auch die ersten, die alle jeweils neuen erfinden!
    Ach, Slim, Sie sind doch kein Phantast. Ich denke, Sie sind gerade das
Gegenteil. Ich habe Sie wohl einmal unter dieser Marke beschimpft. Aber damals
war ich schlechter Laune. Das mssen Sie mir zugute halten, Slim, ich bin jetzt
manchmal recht nervs. Ich wei nicht, was das ist. Ich glaube, es fehlt mir an
Anregung. Oder ist es die Hitze? Ich wei nicht - gerade vorhin habe ich einen
solchen Anfall gehabt. Ihr beide waret so merkwrdig, ich hielt euch fr
irrsinnig, geradeheraus gesagt. Das lag aber wohl nur an mir. Ich kann brigens
bemerken, da wir alle unter dieser berreizung leiden. Auch Sie, Slim, was
sagen Sie dazu?
    Slim lchelte und starrte versonnen ins Feuer. Als van den Dusen die
Harmonie gewahrte, die sich zwischen uns anspann, zog er sich verletzt in die
Interieurs des Lagers zurck und demonstrierte das Opfer. Der arme van den
Dusen! Da saen die zwei und machten Partei gegen ihn!
    Die schlechte Lebensart des Hollnders brachte uns unwillkrlich einander
nher. Slim bekam einen biederen Ton in die Stimme, der mich anheimelte. Sie
sind ein pedantischer Geist, sagte er gutmtig, Sie versuchen eine
kleinherzige Ordnung in Dinge zu bringen, die in einer greren sinnvoller
aufgehoben sind. Sie denken zuviel und zu wahllos. Trumen Sie stark? ... Ja ja,
ich wei, Sie verachten den Traum. Sie mitrauen den Resten, die davon in Ihrer
Erfahrung zurckgeblieben sind. Das tut jeder. Aber tun Sie es nicht. Es wird
Ihnen dann manches selbstverstndlicher werden und Sie werden sich unerklrliche
Dinge von innenheraus geschmeidig machen.
    Das ist es, was ich Ihnen nicht glaube, Slim. Sie sind gar nicht so -
fraulich, htte ich beinahe gesagt, wie Sie sich oft uern. Aber fraulich ist
nicht das richtige ...
    Ursprnglich? half Slim aus. Sie meinen, ich bese wohl gar nicht diese
anmutige Weichheit des Geistes, wie sie - nun, sagen wir - den Wilden
auszeichnet? Hm, das ist wohl mglich. Sie entschuldigen, wenn ich darauf
berhaupt nicht eingehe. Aber es wre beinahe ein Zeichen dieser Anmut, da ich
mir gar nicht ber sie, beziehungsweise ber mein Verhltnis zu ihr und ihre
Echtheit an mir klar werden will: jedenfalls ist es ein Zeichen ihrer
Abwesenheit, sobald jemand sich in dieser anmaenden und mitrauischen Weise mit
sich selbst beschftigt. Es liegt etwas Sklavisches und Furchtsames darin. Der
herrische Geist kritisiert sich nicht; es wre ihm vermutlich gleichgltig, sich
auf Lgen oder Lcken draufzukommen; er ist vertrauensvoll durch sein Dasein.
Ich bin bereit zuzugeben, da Ursprnglichkeit und geistige Hingabe bei mir
Programm sind: aber da mich diese Erkenntnis nicht erschttern wrde, entfllt
sie. Denn eine seelisch so wirkungslose Erkenntnis ist berhaupt keine. Sie
verstehen das Wesen des Glaubens nicht. Ihnen ist der Glubige ein Dummkopf.
Aber das ist er gar nicht. Er beherrscht Biologie und hhere Mathematik. Es ist
diese ganz unuerliche und der logischen Plzung entratende Stabilitt - ich
sehe mich auerstande, Ihnen dies auch nur entfernt anzudeuten. Sie haben es
nicht. Und der es hat, hat es. Damit ist die Sache entschieden. Ein Sklave kann
ein Freigelassener werden - aber kein Herr. Haben Sie bemerkt, da alle
Herrennaturen glubig waren und da der Skeptizismus aus dem Geist der Sklaven
kommt: ja, aus dieser hmischen Kammerdienerseele vor dem Schlsselloche, he?
Ich will gleich sagen, die Anwesenden sind ausgenommen, hehe ...
    Danke schn. - Aber wie meinen Sie das nun: Sie glauben - woran? An Trume
- -?
    Nein. Ich glaube nicht an Trume. Ja, ja. Das ist so eine Sache. Ach, ich
kann es nicht erklren. Es ist ganz anders, als so gerade drauflos. Nein ich
erklre es Ihnen doch. Der Traum ist nicht unlogisch. Seine Logik ist im
Gegenteile strenger. Ein Spazierstock, der im Boden steckt, kann etwas
Furchterregendes, er kann das Grauenvolle selbst sein. Denn es ist unmotiviert,
da er dasteht. Er steht ein wenig schief: und dieser stumpfe Winkel hat eine
infame Bedeutung, er kann eine Katastrophe versinnbildlichen. Eine ganz
schbige, flchtige, gemeine Handlung kommt in ihm zum Ausdruck. Es ist eine
sthlerne Logik darin. Nur der Traum ist rational. Er kennt nichts Zuflliges
oder Wirkungsloses.
    Aber er ist doch nur etwas Sekundres, sagte ich. Er ist ein Anhngsel
zum Leben, ein Nebengebude.
    Nein, sagte Slim rasch, Sie irren. Was Sie im Traum erleben, erleben Sie
in einer anderen Welt; aber es gehrt zur Totalsumme Ihrer Erlebnisse; jetzt
leben Sie. Sie wissen nichts vom Traum. Sie trumen: Sie wissen nichts vom
Leben, Sie erinnern sich daran wie an einen Traum. Beide Erlebnisse sind real,
nur der Akzent ist gendert. Solange Sie wachen, scheint Ihnen die Wachlogik die
kompaktere; im Traum aber zweifeln Sie keinen Augenblick an der Traumlogik. Was
ist schlielich jede logische Deutung: etwas Unlogisches, eben eine Deutung,
eine Dichtung. Nehmen Sie allein den Fall an, da Sie sich whrend eines
unruhigen Schlafes den Rcken an der Bettkante verletzt haben; Sie trumen im
gleichen Augenblick, da Sie jetzt jemand, und zwar auf der Stelle, in den
Rcken stoen wird. Vermutlich ist beides eine Ausrede; aber jedes ereignet sich
in einer logischen Welt fr sich, an der Sie teilhaben ...
    Ja, aber wie erklren Sie das? Es mu doch eine Erklrung geben?
    Nein, ich erklre es gar nicht. Ich gestehe Ihnen hier, und mit einigem
Stolze, da ich absolut kein Bedrfnis nach solchen Erklrungen habe. Das
Wunderliche an den Dingen ist fr mich genau so befriedigend wie das
Erklrliebe. Das Erklren ist eine brgerliche Konvention und man wird es
berwinden, wie man die brgerliche Moral berwunden hat. Der vollstndig
voraussetzungslose Mensch ist glubig; aberglubisch wenn Sie wollen; aber gewi
in einem stark menschlichen und reifen Sinne. Erklren? Erklren mu man das,
was man nicht einordnen kann. Aber ich ordne das Seltsame ein; ich begreife es
so rund und innig, wie ich etwas Begrndetes begreife. Es ist gar kein Trieb zur
Erklrung in mir; es macht mich nicht zwiespltig. Das Seltsame ist das
Vollendete. Es ist gerade und rstig wie eine Tatsache.
    Tatsache?
    Tatsache! Warum miverstehen Sie mich? Ich leugne ja die Tatsachen nicht,
vor allem nicht ihren Wert. Im Gegenteil; ich bin ein solcher Liebhaber von
Tatsachen, da ich sie verkrzt finde. Es gibt viel mehr Tatsachen, als deren
hingenommen werden. Es gibt Wachtatsachen und Traumtatsachen. Und was ich nun
behaupte, ist dies: da beide fr das Individuum konstitutiv sind. Der Mensch
besteht nicht nur aus dem, was er im Wachzustande, sondern auch aus dem, was er
im Traume erlebt. Wir geben zu, da er sich krperlich im Schlafe entwickelt.
Aber auch seine Traumerfahrungen, dem Wachbewutsein nur selten gelufig,
gehren zu seinem seelischen Wachstum. Haben Sie das noch nicht bemerkt? Ich
dchte, Sie wten dergleichen schon. Ich habe Sie eine Zeitlang beobachtet. Sie
sind empfindlich, analytisch und hellseherisch. Ich berechne dies aus Ihrem
Verhalten. Ich wei, da Sie den Hund erschieen wollten. Da ich dieselben
Eigenschaften an mir habe, kann ich gewisse Handlungen mit einer nahezu exakten
Methode zurckdatieren. Sie haben schwere Trume. Ich habe Beweise dafr. Es
wrde mich wundern, wenn Ihnen meine Gedankengnge zu schwer fielen - aber
vielleicht sind Sie doch ein konventionellerer Geist als ich annahm!
    Ich war konventionell, aber ich sagte: Ich verstehe Sie!
    Ja, fuhr er fort, nun, sind Sie nicht auch der Meinung, da der Traum
rational ist? Es ist ganz seltsam. Was er nicht versteht, quittiert er mit
Grauen. Ich habe jetzt zum Beispiel fters einen Traum. Da steckt eine Klinge im
Boden, sowie ich es vorhin von dem Spazierstock erzhlt habe. Es ist eine dnne
stark verschliffene Machetta. Sie steckt inmitten eines Farndickichts. Wer hat
sie dorthin gesteckt? Es ist merkwrdig, wie sie da steckt, und es beschftigt
mich. Gleich daneben liegt ein Krper, der Krper einer toten Frau. Dieser
Krper ist mir gleichgltig; ich frchte mich nicht vor Leichen. Aber das
Geheimnis, das in dieser schrgen Klinge steckt, erregt mir ein Grauen. Es mu
etwas Furchtbares in der Nhe sein, etwas Harmloses, Dummes, Durchschnittliches
von einer sinnlosen Leidenschaft. Die Leiche knnte mich beruhigen, denn nun ist
die Drohung, die aus dieser Klinge schielt, schon ausgefhrt. Aber der Urheber
ist unerkennbar. Dies beunruhigt mich im Traume. Sie sehen, wie grndlich und
logisch, ich mchte beinahe sagen, wie moralisch der Traum verfhrt!
    Ich zitterte. Eine unerklrliche Angst berlief mich. Wieso haben Sie denn
gerade diesen Traum? sagte ich.
    Ich glaubte zu sehen, da Slim lchelte. Kennen Sie ihn? frug er. Es
entstand eine Pause. Pltzlich sagte er mit betontem Leichtsinn in der Stimme.
Johnny, sagen Sie mal, hatten Sie an jenem Abende etwas mit Rulc zu tun?
    Ich erstarrte. Mein Gehirn stand still. Eine Erinnerung wollte sich formen
und versagte.
    Erinnern Sie sich, drngte Slim, es war die Nacht vor dem Aufbruch. Eine
Erschtterung ging durch mein Gehirn, ich befand mich in blauem Lichte und wurde
von einem schnen weichen Wehen getragen. Es war der Klang melodischer Hlzer.
Ich wei es nicht! schrie ich auf.
    Sie wissen es nicht?
    Nein, um Gotteswillen, ich wei es nicht. Ich hatte damals eine erregte
Nacht. Ich schlief schlecht. Ich verstehe Ihre Frage nicht. Ja, es ist mglich,
da ich bei Rulc war. Aber ich habe den Verdacht, da ich es mir whrend meines
Fiebers nur zusammengereimt habe. Meine Phantasie arbeitet rastlos. Ich habe die
Feuchtigkeit des Waldes nie recht vertragen. Sie wissen, wie das im Fieber ist:
eine Kleinigkeit, ein Wort, ein Anblick gengen, um Selbsttuschungen daran zu
spinnen!
    Slim nickte unmerklich. Erinnern Sie sich, wiederholte er und sah mich
ohne Hrte, aber ruhig an, leise drckend wie ein Hypnotiseur. Er lchelte;
dieses Lcheln war das Entsetzliche. Erinnern Sie sich. Sie haben die Machetta
in den Boden gesteckt. Sie taten dies aus zwei Grnden: es ekelte Sie, denn Sie
sind zart, und Sie steckten die Klinge in die reine Erde. Sie haben guten
Geschmack: Sie wrden aus gutem Geschmack eine besonders leidenschaftliche Tat
unterlassen - oder dann vergessen. Ihr Gedchtnis will nicht aufbewahren, womit
Sie sich vor sich brsten knnten. Sie frchten Ihren Heroismus, denn Sie wrden
selbst dann nicht an ihn glauben, wenn er erwiesen wre. Zweitens: Sie steckten
die Klinge in den Boden, damit sie nicht so leicht gefunden wrde. Dies war
natrlich falsch. Denn wenn jemand an die Leiche heranlief, weil er einen ganz
tonlosen Seufzer gehrt hatte, der ihm auffiel, so mute er daran stoen; es gab
einen zitternden metallischen Klang, er bckte sich und bekam das Ding in die
Hand - - -
    Er flsterte und schielte mich mit kreuzweis gerichteten Augen ber das
Stirnbein an. Da lste sich der Draht, den er von seinen Augen aus um meine
Stirne gedreht hatte. Ich mute innerlich befreit lachen. Ich verstehe Sie
nicht, konnte ich kalt sagen. Ich habe mit dem Messer nichts zu tun gehabt. Es
ist ja das Ihre. Ich habe es bei Ihnen gesehen - - -
    Ja, es war einmal das Meine, antwortete er nachdenklich, sich aus seiner
zusammengefaten Haltung streckend, ich hatte es lange Zeit bei mir gefhrt -
und nun ist es wieder in meinen Hnden. Jaja, so habe ich es mir auch gedacht.
Ich war aber nicht ganz sicher. - Nun sagen Sie mal, rief er freudig, da haben
Sie gleich eine dieser sonderbaren Beziehungen zwischen den Wach- und
Traumerfahrungen. Diese Machetta, mit der ich tagsber den Wald dranchiere,
kehrt in meinen Trumen wieder. Warum sollte also ich nicht noch einmal
vorkommen?
    Dies ist ein Fehlschlu! lachten wir beide, eine vershnliche Stimmung
verpflichtete uns und wir besprachen diese seltsame Erscheinung des heftigen
Traumes. Tja, das ist sehr merkwrdig, ging Slim von diesem Ausbruch der
Heiterkeit zum Ernst der Debatte ber. Das Unerklrliche ist wohl ebenso vital
wie das Erklrliche. Es ist unntz, es verdrngen zu wollen. Ich werde dieses
Rtsel der Machetta aus meinem Traum wohl nie lsen. Als Tatsache kommt es fr
mich kaum in Betracht; denn alles was um diese Machetta herum vor sich gegangen
ist, kann kein Problem sein. Das Problem liegt allein im Ethischen mchte ich
sagen, im Unerklrlichen, im Seltsamen; in dem Umstnde, da eine immerhin
energische Tat so unvorhergesehen und vielleicht von der dazu gerade
ungeeignetsten Person ausgefhrt wird. Diese Verwunderung des natrlichen
Geschehens ber sich selbst kommt in meinem Trume durch die eigentmliche
Stellung der in den Boden gesteckten Machetta zum Ausdruck: ja, der Traum
wundert sich ber die Unlogik des Wachzustandes. Er findet ihn schlecht
motiviert und von widersinnigen Zufllen beherrscht. Er ist mit ihnen durch
Gemeinsamkeiten verknpft; es ist zum Beispiel mglich, da zwei Individuen sich
sowohl im Traume wie im Wachzustande treffen; es wre vielleicht der Beweis fr
eine Art seelischer Identitt. Aber soweit will ich nicht gehen; es
beranstrengt unseren Glauben und verletzt die Konvention unserer Erfahrungen
allzusehr.

                                      XXVI


Er warf mir einen langen sprechenden Blick zu und sagte dann: Wissen Sie,
Johnny, Sie sind schon ein gesundes Kind, Ihnen kann ich das also sagen. Als ich
diese Tage her von euch fortlief, machte ich eine ganz auerordentliche
Bekanntschaft. Es war ein Gedanke. Er heit die Gravitation der Intellekte.
Darin liegt die mechanische Erklrung fr so manches - - -, er hielt inne,
schlo die Augen und schien sich eine Reihe von Erinnerungen vergegenwrtigen zu
wollen.
    O, Gravitation der Intellekte, sagte ich und Schauer der Begeisterung
khlten mir den Rcken. Es ist schon ein Genu, das zu hren. Das ist ja sehr
interessant. Und wie meinen Sie das nun? Gravitation der Intellekte - das ist
schon als Worterfindung ein Coup. Nun ...?
    Ja ja, das finden Sie also wirklich? Well, das ist die Lehre von der
Anziehung der Geister. Es ist eine ganz neue Lehre. Eigentlich ist es nur der
Schlustein zu meiner Dimensionenlehre, verstehen Sie. Aber es ist noch nicht
ganz eingearbeitet. Ich bin noch nicht ganz im Material und da geht es vorerst
ein wenig zh. Wenn ich wieder in die Staaten hinaufkomme - ja, was ja doch
anzunehmen ist, wenn ich heil zurckkehre, baue ich eine Universitt, die sich
ausschlielich mit dieser Disziplin beschftigt. Wollen Sie mitkommen? Ich
stelle Sie als Professor an. Wollen Sie?
    Mir wurde sehr khl zumute. Mit diesem Menschen sa ich jetzt mitten im
Kontinent, wie sollte ich ohne ihn nach Rio kommen? Ich hatte ja selbst eine
Lebensaufgabe vor mir. Ich wollte ein Buch schreiben, das mute Irrsinn
heien. Slim war darin die Hauptperson, das heit, der reprsentative Typus. Zu
diesem Zwecke schien es ja schn, da er irrsinnig war. Aber die Frage stand so:
wie kam ich mit oder ohne ihn an die Kste zurck?
    Selbstverstndlich! rief ich schwungvoll, das nehme ich ohne weiteres an.
Ich freue mich schon darauf. Knnen wir nicht gleich morgen aufbrechen? Es wre
das Beste. Wir verlieren sonst soviel Zeit, und, Slim, am Ende vergessen Sie
dann die Hlfte dieses Ideenelixiers, wenn Sie sich hier mit anderem Zeug
abplagen. Das wre jammerschade. Wann brechen wir also auf?
    Ideenelixier, Ideenelixier, das lt sich hren. Nun haben Sie auch ein
Wort gefunden. Ich habe immer gewut, da Sie ein feiner Kerl sind, Johnny.
Gestatten Sie mir, da ich von diesem Worte in meinem nchsten Buche Gebrauch
mache? Sie mssen nmlich wissen, ich wlze ein Buch im Kopfe. Es ist eine
verdammt metaphysische Geschichte; ich will damit dem rein und ordinr
geschftlich interessierten Positivismus, dem, was man Amerikanismus nennt, das
Genick brechen und einen neuen geistigeren Standpunkt aufstellen. Es handelt
sich um eine neue Gesundheit. Das Leben erobern, kneten, biegen und brechen, das
ist ungefhr mein Typus, natrlich ideal - denn Sie verstehen schon, my boy, da
ich eigentlich ganz anders bin. Ich bin, so wie Sie mich hier sehen, das Produkt
eines Trainings. Denn Rasse besitze ich nicht; das heit, ich habe alle Rassen
in mir, ich bin eigentlich, was der Franzose einen deracin nennt. Dies ist
meine Rtselhaftigkeit; das Beunruhigende an mir fr Leute, wie Sie sind.
Training ist ein verkrztes Verfahren fr Rasse. Rasse hat die Hndin Zana und
jedes Tier hier im Walde. Ich aber habe Training - ja, also was ich sagen
wollte, das Buch soll in Berlin erscheinen. Just in Berlin - in Paris oder
Newyork sind sie zu dumm dafr. London gibt es in dieser Beziehung berhaupt
nicht. Sie knnen mir dabei helfen, Johnny; mein Deutsch ist nicht ganz
tadellos; ich mchte brigens gerne wissen, wie Sie schreiben. Sie mssen eine
krftige und gesunde Sprache haben, denke ich. Ahem, Berlin ist der mglichste
Ort der Welt, gegenwrtig, heit das. Es ist der Erbe von Rom und Paris. Die
Hlfte von all dem, was jetzt als Amerikanismus das Leben ausfllt, ist in
Berlin gemacht worden. Beherrschen Sie das Englische in der Schrift?
    Selbstverstndlich, sagte ich, auf seine Irrfahrten eingehend. Was sollte
das nun fr ein Buch sein?
    Ach, ich sagte Ihnen doch schon, es handelt sich um eine Rassigkeit. Nehmen
wir an, ich bin der moderne Parven. Ich habe, so wie ich da sitze, noch keine
Kulturvergangenheit. Ich bin nichts Geschlossenes. Ich habe natrlich eine Menge
Instinkte gesammelt, mein Blut hat alle mglichen alten Praktiken, ich reiche
sehr weit zurck, vermutlich bis zu den Azteken und vielleicht sogar bis zu den
gyptern; das ist so mit uns Amerikanern. Sie kennen doch die Atlantistheorie?
Wir haben vieles von den indianischen Urmttern. Vielleicht haben wir auch
Negerblut in uns. Unsere schlenkerigen Bewegungen deuten darauf hin. Dazu kommt
aber nun, da ich einen Fundus deutsches Europa in mir habe. Dies alles wirkt
auf die Phantasie. Es ergibt aber, zusammengenommen, keineswegs das, was man
Rasse nennt. Diesen ausschlaggebenden Mangel ersetze ich durch Training. Ich
bringe jede, auch die heterogenste Saite in mir zu einem Klingen. Ich bin ein
Urweltmensch in einem Londoner Hotel erster Klasse, der ein metaphysisches Buch
- wie gesagt, alles an mir ist irrsinnig entwickelt. Meine vielen Talente sind
verdorben, weil sie sich kreuzen. Ich bin der Amerikaner, der Parven, der sich
aber zugleich berwunden hat. Ist es Ihnen nicht aufgefallen - doch, sehen Sie
sich die Literatur der letzten Generation nur einmal an. Der reprsentative
Typus ist der Parven. Diese Mnner, Dichter und Denker, kamen nie aus guten
Familien her. Sie waren Bauern, Arbeiter und Juden. Pltzlich marschieren sie
mit ihrem phnomenalen Kopfe an der Spitze. Da tut sich eine Salontr vor ihnen
auf, sofort verwickeln sie sich in den ersten Teppich, der erste Hauch eines
Parfms macht sie ohnmchtig. Und jetzt ertnt ein Lachen, dieses Lachen, das
sie entmannt. Die erste beste Figur, die dieses Lachen, dieses Parfm, diesen
Teppich reprsentiert, ist strker als sie. Sie fallen irgendeinem Typus
Frauenzimmer aus diesen Sphren anheim. Sie schreiben ungeheure Schnheiten, sie
schreiben sie unter dem Druck ihrer Sehnsucht. Sie nehmen einen ungeheuren
Liebesschatz in all ihre Betrachtungen mit - und niemals ist das Leben um so
viele Beobachtungen bereichert worden, wie in dieser Zeit. Diese Menschen waren
hypersensibel, wie ein Wilder in einem fremden Walde - sie standen, was auf
jeden Fall gnstig ist, mit beiden Beinen in einer Fremdheit. Die Kultur war fr
sie etwas Kontagises, ein Bazillus, nichts, das sich einverleiben lie. Ihr
ungeheurer Appetit konnte dadurch nicht beeintrchtigt werden; aber es zeitigte
Strungen. Und so kam denn die Welt, das Weltenglck, das panische Glck, das
gerade sie anstrebten, nicht vom Flecke. Diese ewig Rekonvaleszenten haben feine
Beobachtungen gemacht, die nicht einzuholen sind; wir besitzen davon nur mehr
die Methode. In ihrer Sehnsucht nach Eleganz und gutem Geschmack wurden sie
unpraktisch, nichts ging ihnen von der Hand, sie waren nie glcklich, es blieb
immer bei dem Haschen nach den zierlichen Unterrcken, sie kriegten nie ein
solides Frauenstck in die Faust. In der Sehnsucht erfanden sie wieder dieses
alte Eisen, die Ferne. Ferne Lnder, exotische Landstriche, seltsame
Erfahrungen. Und darin haben wir sie heute berholt. Wir haben die Sehnsucht
berwunden; mit ihr wohl auch die Beobachtungen, all das, was man unter der
Etikette der Analyse verstand. Wir sind zu einer synthetischen Lebensform
gekommen. Den Kombinationen ist freier Spielraum gelassen, die Kombination ist
das Merkmal dieser Zeit. Es ist eine im letzten Grunde artistische Zeit; aber
nicht dem Geschmack, sondern dem Wesen nach; denn dem Geschmack nach sind wir
natrlich. In dieser Zusammenstellung haben Sie gleich wieder den
kombinatorischen Zug. Die groe Synthese bricht an. Wir stlpen Asien und Europa
und Amerika aufeinander. Und was entsteht, ist eine Menschheit. Nicht nur
Amerika ist jung; Europa ist noch viel jnger; viel jnger und seltsamer! Man
sollte Forschungsreisen nach Europa antreten, nach dem wirklichen Europa! Sehen
Sie, wir, die wir die Sehnsucht berwunden haben, wir kennen auch die Ferne
nicht. Fr uns ist das eine Frage des Kurriers. Erst, wenn Sie sich den Djungle
wie einen etwas altertmlichen Boulevard vorstellen, werden Sie sich darin
zurechtfinden. Wir stolpern ber keinen Teppich mehr, lassen uns von keinem
Parfm imponieren und werden von keinem Frauenzimmer aufgebraucht. Wir sind ein
neues Geschlecht. Wir haben die Sehnsucht berwunden. Wir verstehen unsere
Vorgnger, die wir selbst einmal gewesen sind, nicht mehr. Wir lesen diese
Bcher. Nein, wir verstehen sie nicht. Sie rgern uns. Es ist eine vorstdtische
Noblesse, den guten Geschmack, nach dem sie sich so sehr sehnten, besaen sie
nie, denn nie besaen sie ihren eigenen. Sie waren zu wenig hart und trainiert.
Diese Menschen haben wir aus Instinkt und bewutermaen berholt. Wir stellen
einen neuen Typus auf, wir tragen Sorge fr einen neuen Geschmack. Wir schreien
Zeter und Mordio ber die alte Eleganz, wir schreien uns heiser und lassen uns
als irrsinnig auf der Gasse auspfeifen, aber weil wir ohne Sehnsucht sind und
aus praktischen Motiven handeln, weinen wir nicht nachts in unsere Polster und
machen Gedichte; sondern wir schlafen gut und stehen am Morgen mit gestautem
Blut in den Fusten auf. Wir sind Handwerker, Meister und Zimmerleute; wir haben
Ideen, um eine ganze Generation neu einzurichten. Unsere Eleganz ist etwas
vierschrtig und solid. Knnen Sie sich unsere Frauen vorstellen? Sie sind wild,
grozgig und brutal angezogen, sie haben Kittel an und krftige Schuhe an
breiten Fen mit schlanken Fersen. Ein solches Geschlecht kennt die Sehnsucht
nicht, aber es lebt gut. Diesem Geschlecht will ich seine Gesnge singen. Wir
werden nicht mehr aus Sehnsucht produktiv. Wir wollen nicht besser sein, als wir
sind, aber just so gut, als wir es von uns verlangen drfen. Wir glauben mit
Vergngen an geriebene Deutungen dieser sichtbaren Welt, Metaphysik ist wieder
unsere Leidenschaft. Aber, Sehnsucht, nein, aus Sehnsucht tun wir nichts. Meine
Haltung als Schriftsteller ist durchaus praktisch: erste Hilfe bei
Unglcksfllen! Als Erzhler gebe ich dann diese Unglcksflle. Sie sind
gleichsam das Exempel. In dieser Art soll mein Buch sein, Johnny. Es soll Tropen
heien!
    Soso, Tropen, sagte ich, das klingt sehr gut. Nein, das ist einfach
fabelhaft, das ist ja ein gefundenes Stck. Das hat so was Vielsagendes. Man
knnte eigens um diesen Titel herum ein Buch schreiben.
    Ja, finden Sie? entgegnete Slim mit sichtlicher Genugtuung. Ich denke das
auch. Ich habe dabei eine verschlagene Absicht. Das Wort hat noch einen
Nebensinn. Und das Schnste ist dies, ich lasse die ganze Geschichte von einem
erzhlen, der gar nie in den Tropen gewesen ist. Das ist nmlich die Pointe. Es
stellt sich heraus, da er, der Nordlnder, die Tropen in sich hat. Er braucht
gar nicht erst an den quator zu gehen, er hat ihn in sich. Sein Gehirn, mit
einer ppigen Vegetation von Tropen und Gleichnissen angefllt, ist aus den
Rckstnden seiner Abstammung zu erklren. Inmitten der kalten Zone ist er ein
klimatisches Residuum. Dieser Mensch, den ich dort zeige, ist bei aller Kultur,
die er besitzt, gleichsam ein neuer Wilder. Die Verhltnisse, denen er begegnet,
sind Transplantationen seiner nchsten Umgebung, die Tropen mit all ihren
Einzelheiten sind also gleichsam ein Schlsselbegriff. Ich werde sogar so weit
gehen, eine diesbezgliche Gebrauchsanweisung einzuflechten - - -
    Aber nein, das ist doch wirklich - - na ja, aber ist es nicht doch ein
bichen zu verwegen? Ich glaube, dieser Djungle ist fr den Leser unzugnglich.
Bewegen Sie sich denn whrend der ganzen Erzhlung auf solchen Schleichpfaden?
    Ja, sehen Sie, sagte Slim gierig, pltzlich seine ganze Neigung fr dieses
offenbar fesselnde Gesprch preisgebend, das ist es eben. Mein Mann ist ja ein
Typus. Und es gilt, diesem Typus sich etablieren zu helfen. Auch ein solcher
vertrackter Kerl kann leben, und wie, das sollt ihr einmal sehen. Die Analyse
hat ihn nicht gelhmt. Ihr seid ja schlielich doch immer noch der Meinung, da
sie krankhaft sei. Eure ganze Lyrik besteht aus den Seufzern, die euch euer
Kraftballast kostet. Aber er, der Neue, ist stahlhart dabei geworden. Die
Analyse als Affekt hat er berwunden. Er ist ganz unsentimental. Er hat keine
Sehnsucht. Nicht einmal die nach der Sehnsucht, die ihr alle doch bis vor kurzer
Zeit noch gehabt habt. Er weint ihr keine lyrische Trne nach. Er ist ganz klar,
ganz unromantisch, und die Analyse verdirbt ihm keine eingefleischten Rusche.
Seine Rusche sind ganz anderer Art -
    Ich errate es; sie sind vermutlich sehr alt und primitiv -
    Well, so erscheinen sie euch. Er wei, da sie fr ihn sehr neu sind. Darum
wei er auch, da sie einmal wieder alt und reizlos werden knnen. Er wei das
am besten. Er setzt es voraus. Er stt sich selbst bereits fortlaufend um. Und
eben diese feine Fhigkeit, in der Bewegung zu leben, ohne unglcklich zu
werden, ist neu. Er will gar nichts Ewiges schaffen. Er leistet der Zukunft
Vorschub, that's all.
    Ich wei. Er ist sentimental nach vorwrts!
    Was? - je nun - - doch, das kann man sagen. Das wrde stimmen. berhaupt
kann man alle Umdrehungen famos auf ihn anwenden. Das Wichtigste ist stets:
eppur si muove! So oder so gefahren, die Bewegung zhlt. Gravitation beruht auf
Gegenseitigkeit. Ich habe Ihnen zum Beispiel klargemacht, da er die Analyse
berwunden hat und seiner Bewegung nach Synthetiker ist. Ich mu hinzufgen, er
ist es so stark, da das Kritische und Kombinatorische in ihm identisch sind.
Damit wird er, der doch eigentlich praktischer Physiologe ist, zum Metaphysiker.
Er hat Organ fr die schwebende Realitt. Er praktiziert das Gesetz von der
Durchdringlichkeit der Realitt!
    Wie?
    Wo eine Realitt ist, kann auch die andere sein. Realitt ist ein Plus; ein
Deposit. Darum ist Analyse dasselbe wie Synthese. Der Natur etwas abbeobachten,
heit ihr etwas zuschpfen. Sehen und Produzieren ist das Gleiche. So wie ein
Buch entsteht: man schreibt es ab. Wei der Teufel woher. Es ist scheinbar schon
dagewesen, man reproduziert blo eine Beobachtung. Der Skribent ist ein
Forscher. Niemand ist neugieriger als der Produktive. Das leuchtet doch ein?
    Tja. Das mit der Realitt - -
    Mit der Realitt?
    - - mhm, das - das kommt mir bekannt vor. Woher haben Sie das?
    Woher? Sie meinen - ach ja, vielleicht habe ich es von Ihnen. Das wre doch
nicht unmglich. Sind Sie mde? Sie sehen so verwirrt aus. Wissen Sie, ich bin
nicht eiferschtig. Wenn ein anderer meine Gedanken hat - never mind! Es ist
dann ein Beweis fr das Zwingende an ihnen. Wenn man lange und enge miteinander
verkehrt, ist man stets ein wenig gleichstimmig, man verfllt auf dieselben
Ideen. Man wird einander Haustier. Das ist ja eben meine Gravitation der
Intellekte.
    Sie sind so fruchtbar. Was ist das nun eigentlich?
    Das ist das System der Gehirne. Sie stehen in gegenseitigem Banne. Slim
beugte sich vor, er schien einen peinlichen Punkt zu berhren. Sie wissen doch,
da es gewisse Strme von Mensch zu Mensch gibt? frug er nach einer kleinen
Stockung.
    Strhhhme - tja, zum Beispiel diesen da vor uns. Ich wnschte, ich wre
schon bei den Menschen, zu denen es ihn gibt. Wir gehen doch morgen ab?
    Slim lchelte pltzlich, sah nachdenklich, beinahe mitleidig ins Feuer und
nickte ein paarmal kurz mit dem Kopfe. Sieh da, er wurde also nicht ernst
genommen? Johnny, sagte er, dein bersetzertemperament in Ehren: Du wirst
morgen Bume fllen. Alle Rechte bis auf weiteres vorbehalten. Diesmal hast aber
du recht!
    Er rieb sich mit der Hand ber das brtige Gesicht. Ach, es war nicht in der
Ordnung, abweisend gegen ihn zu sein. Ja, Slim, was ich noch fragen wollte: Hat
Ihr neuer Mensch etwas mit der Gravitation zu tun? frug ich schnell.
    O ja, sagte er, nichts anderes, als da es eben eine seiner verrckten
Ideen ist!
    Wir lachten beide. Er war damals wohl noch ganz gesund, nur ein wenig
berspannt. Good night, my boy! sagte er und gab mir krftig die Hand. Wir
standen beide vorm Feuer. Aber in den Tropen wird er doch gewesen sein? sagte
ich des Abschlusses halber. Es sieht gut aus, wenn man sein Interesse ber das
Ende eines Gesprches hinaus nachschleppen lt. Wer? frug er, der Neue?
Ja! Well, war die Antwort, aber dann wr's kein Kunststck. Er soll ja ein
Tausendsassa der Analyse - Pardon, der Synthese sein. Ich gehe sonst des ganzen
Beweises seiner phnomenalen Schnffelnase verloren!
    All right, Slim. Danke fr den schnen Abend. Man ist stets froh, wenn man
seinen Frieden mit einem gemacht hat, den man eine Zeit hindurch unter die
Unvernnftigen rechnete.

                                     XXVII


Viel seltsame und berraschende Dinge sind auf meiner Reise vor sich gegangen.
Aber es hat sich fr alle eine rationale und logisch gerechtfertigte Erklrung
finden lassen.
    Es ist gefhrlich, in den Djungle zu gehen und den Rcken des Vordermannes
bestndig vor der eigenen Bchsenmndung zu haben. Ein paarmal hrte man
schieen. Slim und der Hollnder wrden heute gute Beute bringen! Macht flott,
ihr Jungens, wann wird das Boot fertig sein? Hallo, Zana? Wie geht es dir, rotes
Mdchen? Nun, nun, koche nur zu. Heute ist ein feiner Tag, alles klappt, alles
ist frisch, alles geht wie am Schnrchen und mit dem alten Jeremias in uns ist
es vorbei. Hier sind wir sicher wie auf einem Boulevard; hier beginnen wir ein
neues Leben und gondeln einen Strom hinunter in die Zivilisation. Wir kommen als
Frischlinge. Habt acht, ihr Vlker, wir bringen euch ein unverbrauchtes, herbes
Glck. Eine nackthutige, sonnverbrannte Weisheit bringen wir. Was da, Tropen!
Einmal eins ist eins, und die Erde kann nicht zweierlei sein. Es ist eine Erde,
die uns trgt, es ist eine Erde, die uns abgeschuppt hat, und Berlin mal
Amazonas, wir stehen auf beiden Sohlen, und unsere Kpfe sind heute frei!
    Ich hatte die Zimmerung eines zweiten Bootes zu beaufsichtigen. Das erste
lag mittels eines groen Steins ins seichte Flubett versenkt, um Wasser zu
ziehen. Es hatte sich als zu klein erwiesen und trug nur drei Personen, es war
ein ungeschicktes Ding ohne Konstruktion, das bei einem kleinen Balanceversto
sich wie eine Walze wasserwrts legte. Wenn die fnf braunen Bootsbauer nicht
stramm unter Kurs gehalten wurden, trieben sie gleich arbeitsab und zerstreuten
sich mit allerhand leichteren Lebensbeschftigungen.
    Da kam van den Dusen zurck. Es fehlte irgend etwas an ihm. Aber, Charlie,
wie sehen Sie denn aus? Er sagte nichts, war sichtlich krank und bleich und
schlich sich sofort als Marodeur ins Lager. Zana prsentierte eine mimische
Neuheit in Verachtung, sie blies aus ihren Lippen Luft aus und tat, als ob kein
Mensch am Krepieren wre. So, jetzt war die Reihe an mir, und ich stellte meine
berschssige Gesundheit an sichtbarer Stelle zur Verfgung. Ich suchte van den
Dusen allerlei Geflligkeiten zu erweisen, ich Kraftbursche konnte mir das jetzt
ja erlauben, und fand eiligst das Chinin fr ihn aus dem Gepck; aber Kranke
sind launisch und undankbar, und so erntete ich denn zu meinem grten
Mrtyrerstolze nichts als ein hchst unmusikalisches Grollen. Er delirierte und
erzhlte in rasendem Tempo auf hollndisch. Ich nahm ihm die Kartusche ab. Aber
Menschenskind, wo haben Sie denn Ihre Bchse? Die Bchse war fort. Er hatte sie
nicht mehr mitgebracht.
    Slim kam dster zurck und warf ein paar geschossene Vgel ins Lager. Er
machte kurze Angaben ber van den Dusen. Dieser war von irgendeinem
Djunglebewohner retiriert; pltzlich hatte er die Bchse in seiner Hast fallen
lassen, sie verschwand in den Lcken einer natrlichen Bambuspalissade und war
nicht mehr zu finden. Um Gottes willen, was kann das fr ein Tier gewesen sein?
Ach, wahrscheinlich hatte er Krach mit einem alten Affen wegen eines
Sittlichkeitsdeliktes, begangen durch Flirt mit einer extravaganten Haremsdame
aus kniglichem Besitz. Slim schien aber im brigen nicht spahaft aufgelegt.
    Sicherlich hatte er den Kopf mit neuen Gedanken ber einen Reformdjungle
oder dergleichen voll, was ihm hnlich gesehen htte. Gott sei's gedankt, da
sie beide halbwegs heil zurck waren. Um die Bchse war's schade. Wir hatten
keinen Ersatz. Wie man nur eine Bchse verlieren konnte! Es war zum
Kopfabschtteln. Slim schien diesmal fr diese arge Einbue gar kein Interesse
zu haben; es war natrlich, da er den kranken Leichtsinnigen schonte, aber er
tat auch sonst keinerlei darauf bezgliche Bemerkungen. Fing er wieder an, in
sich hineinzubrten? Fffft - wenn Slim krank wrde! Aber er wrde es am letzten
werden, er hatte eine Indianernatur.
    Wir sannen viel und schwer ber gewisse Dinge nach. Groe Theorien
beschftigten unseren Geist. Am Abend vereinigte uns das Lagerfeuer zu langen
Debatten, auf die wir den ganzen Tag ber wie auf Weltereignisse gewartet
hatten.
    Haben Sie darber nachgedacht? frug Slim. In diesem Augenblicke machte van
den Dusen eine Bewegung. Bisher war bis auf das Geprassel des Feuers kein Laut
vernehmbar gewesen. Die Indianer lagen in tiefem Schlafe, den Alten ausgenommen,
der ins Feuer blinzelte. Als van den Dusen sich regte, mute ich zu ihm
hinblicken. Er sah mit groen Augen auf uns herber, die wir die Urwaldstille
strten. Er fixierte Slim; es war etwas wie Erstaunen in seiner Art; er hatte
nicht erwartet, den Mann hier zu sehen. Er lie sich zurckfallen und wir
sprachen leise fort.
    Und in die groe Stille, die jetzt eintrat, in diese hohle flaumige
Windstille schlugen unsere Stimmen wie Widerhaken in Seide. Sie kratzten auf
einem feinen Instrument, das sie gleichsam nicht zu behandeln wuten. Irgendeine
anmutige, aber wilde Sanftheit, die ber der Welt lag, wurde durch sie verletzt.
Wir selbst fhlten uns gestrt. Wir sprachen mit breiten Mndern und zischenden
Stimmen, die Laute streiften den Rachen. Das Leben im Walde gab uns die Kehlen
von
    Indianern.
    Nun? sagte Slim. Was denn? machte ich zurck. Nun, was denken Sie also?
ber - na, ber unser Buch?
    Entschuldigen Sie, sagte ich, Sie sagen da unser Buch - das geht nicht,
das ist eine Beleidigung. Ich erkenne Ihre Hflichkeit an, hehe, - aber es ist
stets verletzend, wenn man dem anderen etwas zuerkennt, das ihm nicht zukommt.
Nicht wahr?
    Sicher, sagte Slim gedehnt, das ist es eben, Johnny. Es ist so
merkwrdig. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen - - -?
    Was?
    Nun, diese stacheligen Fragen - im Verkehr zwischen Menschen. Es gibt ganz
feine Beziehungen zwischen ihnen. Da sind Dinge, die auf der Goldwage gemessen
werden mssen. Superbe Kleinigkeiten - aber sie machen den ganzen Mechanismus
aus. Kennen Sie das nicht? Doch, das mute ich zugeben. Also, sehen Sie, das
ist nun auch eine meiner Sorgen. Diese Technik mu gefunden werden. Wie kommt
das heraus? Wie stelle ich das hin? Man mu das gestalten, es soll nicht mir
nichts dir nichts vom Stapel gelassen werden wie fertige Wissenschaft. Es mu
Bau haben. Es mu sich kristallisieren - verstehen Sie es?
    Ja! sagte ich.
    Ich spreche natrlich von meinem Buche! sagte er. Ja, ja! sagte ich
wieder, vielleicht ein wenig unentschieden. Er sah mich von der Seite her an. Er
dachte nun entweder scharf nach und die Augenverdrehung kam ihm dabei zu Hilfe -
oder sie war ein Zeichen seines Mitrauens. Interessierte mich das vielleicht
alles nicht? War ich ein Leimsieder und wollte lieber schlafen gehen ... Das
mu sehr schwer sein, sagte ich. Sehr schwer; soviel ich davon verstehe - kann
man nicht einfach die Resultate hinschreiben? Einfach von der Leber weg
sprechen, einen Berichtzettel abgeben?
    Nein, das geht nicht. Man mu erfinderisch Rechenschaft ablegen,
heimtckisch motivieren, die seelischen Vorgnge im Flu erstarren lassen und
dennoch nie das Gefrorene daran zur Empfindung bringen. Man mu die logischen
Verbindungsglieder vernachlssigen, wie sie die Wirklichkeit vernachlssigt, und
die Verlaufskette erst nachtrglich lckenlos schlieen. Ein Kunstwerk soll es
nun nicht eben sein, bloe Kunstwerke sind zwar sehr erfreulich, aber doch auch
recht unwesentlich fr die Menschheit. Aber eine Geschichte soll doch wirksam
und berzeugend sein und nur das Gute hat diese Eigenschaften. Man mu also
gestalten. Und ich mu also den neuen Menschen hchsteigens auftreten lassen, es
mu sich so beilufig herausstellen, da er es ist, den ich meine. Er soll nicht
nur rezensiert werden, er soll auch singen und handeln. Ich mu die
Verbindungslinien zu den anderen ziehen, auch die ganz zarten. Der intimste
Menschenverkehr mu sich vor aller Augen ergeben, zugleich aber soll er doch
auch das bleiben, was er ist, ein Apparat von Ahnungen. Meinen Sie nicht auch?
    Jawohl, Slim. Ich verstehe Ihren Ehrgeiz vollkommen. Man mu sagen, was man
nicht sagen darf, ohne es zu verderben. Der Mensch ist so seltsam.
    Ei ja; es handelt sich, wie gesagt, darum: mit meinem neuen Menschen steht
es ganz eigentmlich. Er ist sonst ein gesundes Kind. Aber er hat eigentmliche
Dispositionen. Gerade er - was sagen Sie zu diesem Einfall: er geht
beispielsweise eines Tages mit einem Freunde auf die Jagd, einem Menschen, der
ihm gleichgltig ist, wenn er auch gewisse unausgesprochene Antipathien gegen
ihn hat. Und da geschieht es ihm, da er den Mann, als dieser zufllig vor
seinen Bchsenlauf gert, gerade fr jene Gleichgltigkeit und jene gewissen
Antipathien, auf die er sonst keinen Wert gelegt hat - -
    Aber Slim, pfui Teufel! Ihr neuer Mensch ist doch ein Muster von
Selbstdisziplin und ein anstndiger Kerl, wie ich ihn kenne, er ist doch
hoffentlich - - -
    Kein Meuchelmrder? No, eben nicht. Er tut ja nichts und er kme ganz
unangefochten ber dieses Phantasiestckchen hinweg. Aber er hat eine andere
Eigenheit. Er denkt laut.
    Er denkt laut?
    Ja, er denkt laut. Er denkt suggestiv. - Kennen Sie das brigens?
    Nein! sagte ich stark mit meiner ganzen normalen Stimme und schaute Slim
dabei in die Augen. Das heit, ich heftete dabei die meinen auf sein Gesicht. Er
aber sah nicht mich an, sondern blickte ins Feuer, wie - hm, als ob er nicht ins
Feuer blickte. Er spiegelte die Vorgnge in einer intensiv empfindlichen
Unschrfe seines Blickes. Er sah mit Blicklosigkeit. Soso, fuhr er fort und
verzog ein wenig gemacht den Mund. Nun stellen Sie sich aber folgendes
Experiment vor - mein neuer Mensch hat immer Experimente, bei denen es ihm ganz
egal ist, inwieweit er sich selbst exportiert - stellen Sie sich vor, der
andere, der vor dem Flintenlauf, erweist sich fr diese Gedankensprache
empfnglich. Er hrt die Drohung so deutlich, da er in panischem Schrecken
davonluft - er glaubt nichts anderes, als da das Ende gekommen ist und springt
und wirft alles von sich, um leichter weiter zu kommen - es wre aber nie etwas
geschehen. Das kennen Sie also nicht?
    Und da sagte ich endlich keck: O ja, gewi, das kenne ich. Ist es nicht zum
Beispiel derselbe Fall: statt in die Augen zu sehen, starrt einer in - einen
Spiegel, und der Blick, der durch diesen Spiegel geht, wirkt in dieser Weise
auerordentlich gewaltsam, whrend der gewhnliche Blick aus Fleisch und Blut
gewi viel weniger, ja vielleicht gar nicht gewirkt htte? Ist es nicht das?
    Einen Augenblick herrschte Stille. Dann sagte Slim sehr hoch: Ah? - Und was
sagen Sie dazu?
    Oh, ich enthalte mich jedes moralischen Urteils, wenn Sie das meinen. Ich
finde es blo sehr raffiniert. Es ist ein meisterhafter Umweg - eine Analogie
gibt es vielleicht nur beim Geschlechte und in der Kunst. Hier ist bekanntlich
jeder Umweg ein Zeitgewinn. Ein sichergestelltes Verfahren. Nein?
    Slim nickte lchelnd und sah ins Feuer. Er sagte: Sie kennen das also. So.
Ich sage immer, Johnny, Sie haben Chancen. Wir verstehen uns. Wir wollen aber
nicht stolz sein, nicht wahr, und zusammen arbeiten. Sie haben Ihren Anteil an
der Idee, so oder so, von welcher Seite auch die Idee datieren mag. Er schwieg,
sprach fort: Aber das geht nicht ohne Pflichten ab. Sie sind zum Zuhren
verurteilt. Sollte ich zufllig die Kste nicht mehr erreichen, so wissen Sie,
was zu tun ist. Sehen Sie, gerade dies, dieser merkwrdige Kontakt zwischen
Mensch und Mensch, mu in das Buch. Diese Einzelzge sind die Molekle, die
zusammengespart werden mssen. Rcken Sie sich geflligst die Schwierigkeit vor
Augen, einen Menschen nicht als Haut, sondern als System zu erzhlen. Ihn just
aus diesen Partikeln heraus aufzubauen. Denn, unter uns gesagt, was ist der
Mensch denn anderes, als eine Schnittlinie im jeweiligen Augenblick
losgelassener, noch unerkannter Einzelvorgnge? Es gibt doch keine Charaktere
mehr. Das heit, man ist dieser Formel draufgekommen und hat auch sie zerteilt.
Es gibt keine Charaktere, keine groen und keine kleinen. Nehmen Sie unseren
neuen: Er ist ein Kraftmonstrum, alles an ihm ist Training, er hat sich so lange
das Zopfige abgeschnitten, bis er nach rckwrts kahlrasiert dasteht. Aber nein,
jetzt hngt ihm der Zopf nach vorne, er ist einseitig fr die Zukunft
eingenommen, er ist baufllig nach vorwrts, gebrechlich wie alles Menschliche.
Er ist gar nicht positiv, sondern er ist nur eine radikale Ausweitung des
bisherigen Prinzipes, er ist ein Negativ vom Negativ und seine Lebenskraft ruht
im Paradoxen. Aber er ist ein Charakter! wird man sagen. Nun ja, er ist
lebenszh. Aber Charakter, Charakter - das gibt es ja nicht. Es gibt nur
Situationen, es gibt nur diese Beziehungen zwischen den Menschen, Ausflsse
magnetischer Art, von denen der Europer bis heute noch immer weniger wei, als
zum Beispiel ein halbgebildeter Inder. Da ist eine Schablone, ein Arrangement
von erteilten Krften: in jedem Winkel, wo Menschen hausen, ist es dasselbe. Die
Positionen bleiben konstant; es ist aber nicht stets derselbe Mensch, der sie
einnimmt; im Gegenteil, bald sieht er sich selbst, wo er einmal war, und wenn er
kein schlechtes Gedchtnis hat, kann er sich dergestalt von allen Seiten
beschauen. Das Ganze beginnt sich wie ein Kreisel um ihn zu drehen, er macht den
Kursus durch, behlt ihn gut im Kopfe, speit, flucht und reitet auf sich herum,
ist demtig und erhaben, wandelt sich in allen Tonarten ab und landet bei der
vorgeschriebenen Verzweiflung - halt, jetzt ist es nmlich Zeit fr das
Neuartige. Denn wenn er diesen Kursus durchgemacht hat, sein Stolz und sein
Selbstgefhl in alle Windrosen gezerrt, gestreckt und gemahlen sind, wenn ihm
die Drehkrankheit aus den Augen schaut, dann ist er fr die Neuheit und fr eine
ewige Jugend reif. Er verzweifelt mitnichten, er wird weder Pessimist noch
Dichter, nein, er trachtet sich und seinesgleichen, seinen Nchsten und
Fernsten, fest auf die Erde zu pflanzen. Er ist vollstndig gewissenlos, er
kennt die gespannten Hhne in sich, die wohl nie faktisch losgehen, aber auf
einem raffinierten Umwege denselben Meuchelmord versenden - und er sagt nicht:
Schlaf! dazu, sondern: Wach auf, Junge, und hte das Zndel! Er wei, da er
kein Charakter, sondern blo ein anstndiger Mensch ist. Im brigen ist er eine
Nummer in einer Situation und nicht immer die hchste. Er entsteht eigentlich
erst durch die Dispositionen der anderen, durch die anderen Nummern, und er hat
eine gewisse Ehrfurcht, vielleicht seine einzige, vor diesen Zahlen. Vergessen
Sie diese Zge nicht an ihm. Ich will es Ihnen einprgen, wenn ich darber
spreche. Nun soll ein Buch entstehen, in dem er alle Nummern vorbergehend
besetzt, auch diejenige, die eine Einsicht ber sein zahlenhaftes Dasein deckt,
er soll in diesem Buche, in dem alles an ihm demonstriert wird, auch schlielich
selbst an sich demonstriert werden, er soll nicht blo Figur, er soll auch
Abhandlung sein. Er mu in der Rezension aufatmen wie in der Handlung. Das mu
mit bestialischen Finessen geschehen. Das Buch soll Ideen haben, die spazieren
gehen. Damit man erkenne, aha, so funktioniert man also! Man gibt im Buch wohl
noch Charaktere, aber nur als Trger von Ideen. Mein Buch soll das Epos der
Ideen sein, die Komdie der Gedanken; es handelt sich letzten Endes um die
Entwickelung von Ideen, eine dramatische Entwicklung mit Expositionen und
Peripetien. Es wird ein indisches Buch sein. Das ist hchst modern. Was sagen
Sie dazu, Johnny?
    Tja - ich habe das schon bemerkt. Ihr neuer Mensch ist wohl selbst eine
Ihrer Ideen?
    Slim sah mich etwas gereizt an. Ach so, sagte er. - Nun, das habe ich
eigentlich nicht gemeint. Ich dachte dabei an das andere.
    An das andere?
    Ja, nmlich an die Gravitation der Intellekte.
    Mhm.
    Das soll sozusagen im Anschauungsunterricht gezeigt werden.
    Sie machen alles so schwierig. Gravitation -
    Nun, eben diese Abhngigkeit der Geister voneinander, diese sublimen
Kontakte, die den Verkehr von Mensch zu Mensch bestimmen - Sie wissen, was ich
meine?
    Ja!
    All right! das ist die Achse; darum dreht sich die Erde des Erlebens mit
ihren Kontinenten des Charakters.
    Es entstand eine Pause. Danach sagte Slim: Hren Sie doch, wie unsere
Stimmen sprde tnen! - Indianer sprechen leise und harsch, wie es der Djungle
verlangt. In unserem Gesprch klingt der Tonfall der einsamen Jger nach. Sind
wir nicht auch Jger im Gebiet des Geistes? Ist nicht alles ewig Symbol fr ein
und dasselbe: den Menschen?
    Ist der neue Mensch Okkultist?
    Nein; aber er hat die Methode und das Genie seiner Urvorgnger. Er ist
Beobachter. Sein Gehirn ist Trommelfell und Linse und empfngt Eindrcke ohne
den Umweg ber die Sinne. Die Reizschwelle der Organe liegt so tief, da sie fr
das Bewutsein begraben bleibt. Er ist suggestibel; seine Ausstrahlung - -
    Slim? - - -
    Slim begann pltzlich zu lachen; aber er lachte ungern. Er schlug sich auf
die Schenkel und rieb sich die Hnde vergngt ber dem Feuer. Er schlug sogleich
einen lustigen Ton an und sagte: Sehen Sie, Johnny, ich habe Ihnen schon
gesagt, der Zopf hngt ihm nach vorne, nach vorne. An ihm zieht er sich nmlich
aus der Affre. Er versuchte, mich fr seine Heiterkeit und seine gesunde
Ironie zu gewinnen.
    Van den Dusen starrte mit aufgerissenen Augen zu uns herber. Wir gingen
still schlafen. Statt voll weltlicher Abenteuer hatten wir den Kopf voll von
Theorien. Das tropische Klima begnstigt das Entstehen abstrakter und
weltfremder Systeme. Unsere Seele wiederholte den geschichtlichen Typus des
orientalischen Heiligen und Ekstaten. Slim hat sich aber niemals mehr des
nheren ber seine Gravitation ausgesprochen.

                                     XXVIII


Auf zum Fischfang!
    Das Boot rollte, als wir es bestiegen.
    Oho, sagte Slim und zog die Augenbrauen in die Hhe. Das kann gut werden.
Wenn es nur nicht schief geht. Das ist eine faul gemachte Sache. Und zu van den
Dusen: Donnerwetter, geben Sie acht, geben Sie acht - - -
    Van den Dusen wandte ihm sein kupferiges Gesicht mit roten lodernden Flecken
an den Backen und an der Stirne zu. Er wollte etwas erwidern, aber pltzlich
verlor er die Energie. Slim fuhr fort: Das Dickchen kommt achteraus. Er wird
uns, wenn er einmal verstaut ist, vermittelst seines Tiefganges die ntige
Stabilitt verleihen. Sie, Johnny, besetzen am besten den Vordersteven. Und ich
- -
    Er nahm die Mitte des Kanoes ein und wir paddelten in den Flu hinaus; wir
befanden uns auf der seeartigen Ausweitung oberhalb der Wasserflle, wohin wir
das Boot hatten bringen lassen. Der Spiegel lag geglttet vor uns. Kleine
Kreissysteme fltelten ihn, wo ein Fisch nach Beute geschnappt hatte. Jeden
Augenblick flitzte ein groer Kerl aus dem stilliegenden hutigen Wasser. Die
Ruder, die herzfrmige Bltter an langen Stielen darstellten, verursachten
kleine Wirbel. Der Strom zwngte hier mchtige seebreite Buchten ins Land. Dort
wo der Trichter des Baches, der hier einmndete, herzukam, schlossen hohe grne
Djunglemauern diese glatte Wasserarena im gerumigen Rund ein. Die Natur hatte
hier die Bhne fr ein Menschendrama errichtet, sie hatte aus Wald und ziehenden
Wassern eine Falle aufgestellt. Diese Falle war nach der vierten, sdstlichen
Seite, die fluab verlief, von der natrlichen Felsenschwelle begrenzt, ber die
der zhe weischimmernde Reifen der Wasser mit ununterbrochener Eile dahinglitt.
    Wir trieben hinaus und schon begann die Strmung leise, ganz leise aber
beharrlich wie eine mystische Kraft am Boote zu ziehen. Wir muten sicher und
mit solidem Schlag rudern, wenn wir dort in die Tiefen oberhalb der Felsenkante
wollten, wo die allerschnste Beute, krftige elastische Fischjungfern mit
vielversprechenden Leibern, sirenengleich ber den Spiegel emporschnellten. Aber
wir waren aufgeregt und machten Fehler. Der Hollnder hatte heute seinen lieben
Tag; er patzte ein paarmal mit dem Steuerruder und das Kanoe neigte sich zu
stark: wir faten Wasser. Slim schnalzte ungeduldig mit der Zunge. Im
Wasserspiegel vor mir konnte ich ihn sehen. Sein Gesicht war vom Spiegel
geflscht, bla und mit einem Zug des Staunens oder der Angst. Vorsichtig warfen
wir die mitgebrachten Reusen aus, Zanas widerwillige Fleiaufgabe aus biegsamen
Ruten. Was war das doch? Wenn man in die glitzernde Sonne hinterm Wasserspiegel
sah, raubte es einem berlegung und Gedchtnis. Man mute alle Krfte
zusammennehmen, um bei Bewutsein zu bleiben. Leise schaukelte das Boot und eine
schwere Trgheit fesselte die Gedanken.
    Der Gedanke fing sich in den Reusen und glitt mit ihnen zu Boden. Die
Reusen! Zana hatte Prgel ihretwegen bekommen. Heraus mit der Vorstellung! Zana
und - Prgel? Gut. Was weiter? O, Zana wollte nicht heran, die Prinzessin war
faul und vornehm und wollte keine Fischreusen fr die weien Scheusale machen.
Sie legte sich auf den Boden und trotzte. Lieber wollte sie da verhungern und
verdorren, bevor sie hlfe, einen Fisch zu fangen. Da hatte Slim die
entbltterten Ranken, die zusammengebracht worden waren, pfiffig geprft, eine
kurze schmale Gerte ausgesucht und Zana ber die Beine geschlagen. Als es zu weh
tat, schlich sie demtig und mit einem Tierblick an die Arbeit. Binnen eines
Vormittags hatte sie mit Hilfe der Mnner mehrere Reusen hergestellt; aber die
Maschen saen schlampig und es war nicht viel Hoffnung, da wir damit einen
groen Fang machen wrden. Die Stimmung war gedrckt. Langsam verankerten wir
die Reusen, an denen sozusagen Zanas Blut und Schwei hingen. Vielleicht knpfte
sich das Jagdglck gerade daran, es hatte sonderbare Launen. Hoffen wir das
Beste! Die Strmung wurde strker. Dort war der weischaumige Scheitel des
Falles. Aufgepat da!
    Die gleichmig samtene Oberflche bekam Flicken, zerdehnte reiende
Stellen, lange eilige Streifen mit glotzenden Schaumaugen, die dahinschossen.
Wenn das Kanoe hineingeriet, zog es wie Gummibnder an ihm. Hallo, Johnny, was
ist los mit Ihnen, wo steuern Sie denn hin? Krftig, Jungens - Zurck! Zurck!
Schaut nur, da ihr kehrt macht, wir kippen um! Man war ein wenig dumm von all
dem Glanz und Reflex. Es benahm die Gedanken und den Lebensernst, es gehrte
moralische Anstrengung dazu, die Lage nicht fr nebenschlich zu halten und
geradewegs die schumende Wirklichkeit da vorne hinabzusausen. Der Himmel im
rosafarbenen Wasser war eine ungeheure weie erhitzte Scheibe, die irritierte.
Ich sah mich selbst in bernatrlicher Schrfe der Umrisse wieder, erkannte mich
in mehrmals bertriebener Wirklichkeit, stach mit meinem Gegenber zugleich und
taktmig auf den Strich nieder, an dem wir trennend verwachsen waren und
starrte fasziniert das Doppelgngerbild an, das mich unten mit seiner
verfluchten Klarheit bannte. Und pltzlich spielte sich da unten etwas
berraschendes ab, dessen traumhafte Sicherheit und Schrfe mich schwanken
macht, so oft ich daran als an etwas Wirkliches zurckdenke.
    Ah, Charlie, you fool, hrte ich Slim pltzlich schreien. Sind Sie
verrckt? Ich sah im Wasser seinen Kopf hinter meinem verschwinden und
erscheinen; das andere sank in eine Verkrzung zusammen. Da erhob sich weiter
rckwrts ein mannshoher Schatten, der in den imaginren Himmel hinabragte. Ich
hrte Slim rufen und fhlte, da das Boot sich zu drehen begann. Ich starrte auf
das Wasser. Irgend etwas stieg blitzschnell wie ein Projektil aus dem Grunde
auf, so schnell, da es kaum wahrzunehmen und mglicherweise nur eine Tuschung,
eine dunklere Stelle im Wasser selbst war - sie senkte sich schnurgerade auf
Slims Scheitel nieder. Ein Ton sang mir in den Ohren. Im gleichen Augenblicke
rollte das Boot links, dann rechts, und zog einen dicken faltigen Wasserschwaden
in seinen Bauch ein. Noch immer hafteten meine Augen gebannt an der Welt unter
mir; mit einem aufdmmernden Instinkt fr die Gefahr sah ich zu den grnen
Bnken unterm Wasserspiegel, die ihn weit drauen einrahmten. Klatsch - mir war,
als wre jemand ins Wasser gefallen. Ich neigte mich sitzend in eine laue
fhlbare Umgebung hinein, die Welt stieg an meinem Ohr empor, ich streckte die
Hand aus, und schwamm. Zugleich gewahrte ich, wie ein Mann kopfber aus dem
verschwindenden Boote ins Wasser flog, ich sah ihn krftig schwimmen und
erkannte den Hollnder. Ha, ich fhlte mich getragen, unter die Arme gegriffen;
es war die Strmung, die mich bugsierte und mit sich nahm. Ich arbeitete mich
heftig gegen das Ufer hin, im Winkel zur Strmung, die mich an Backbord aufhob.
Sie trieb mich abwrts und prete mich an die Klippe, die kahl und hart vor mir
aufstieg. Sie spaltete den Strom. Als ich nach oben geklettert war, tauchte an
der Klippe gegenber im Strome der Hollnder auf.
    Wo war Slim? Ich ergrndete den Kanal zwischen den beiden strategischen
Punkten, die wir besetzt hielten. Ich war beranstrengt, rote Wolken stiegen mir
vor den Augen auf und trbten mir den Blick ins Wasser. Ich hatte zu lange in
die gleitende Scheibe im Wasserspiegel gesehen. Aber Slim - mein Gott, was war
das? Slim hing wie ein geschlachtetes Tier an der Felsenkante, die eilende
Wassermassen im Schu bersprangen. Sein nasses Hinterteil stand in die Luft,
Kopf und Beine waren von schumenden Wassern umbrandet. Ein paar Sekunden
vergingen; dann drehte der Strom die Beine wie ein Steuer herum und hob den
Krper ber die Zinke. Slim scho den steilen Bogen mit dem Wasserschwall in die
Tiefen hinab.
    Wir trugen unsere Pistolen am Leibe und erffneten ein andauerndes Schieen,
bis die Indianer mit dem halbfertigen zweiten Boot und geflickten und gedrehten
Lianenstrngen uns holten. Als van den Dusen und ich am Lande standen, sahen wir
uns wortlos an und sahen schnell weg. Der Hollnder lachte. Das Wasser hatte ihn
erfrischt.
    Wir verloren kein Wort ber das Ereignis. Kein Wort des Bedauerns kam ber
unsere Lippen, wenn wir an Slim dachten. Wir dachten gar nicht an ihn. Trge
blickten wir in das heie Wetter. Wir waren von dem Ereignisreichen der letzten
Stunde gesttigt, unsere Einbildungskraft besa keinen Spielraum mehr. Unser
Gemt behandelte die Angelegenheit als glatte Rechnung.

                                      XXIX


Van den Dusen trug seit neuestem schwarze Augenglser, groe Reliefe an
Gummizgen. Es flimmerte ihm vor den Augen. Er sah fette rote Wolken aufsteigen
und getragen dahingleiten. Er hatte entschieden zuviel in das gleiende Trugbild
der Wasser gesehen, als wir damals mit Slim oberhalb des Wasserfalles mit den
Reusen ausgezogen waren.
    Auch ich hatte seit damals einen Klaps weg. Die Hitze war gro und unsere
Organe erlitten Strungen. Ich fhlte einen seltsamen Ton im Ohre sitzen, einen
unaussprechlichen Klang, der mich qulte. Wenn ich in mich versunken eine
mechanische Arbeit verrichtete, ertappte ich mich pltzlich auf der Anstrengung,
ihm eine Form zu geben. Es milang. Ich trumte ihn. Er schien von allem
auszugehen. Mir graute; alles schien ihn nachzuahmen. Die Enge, Einsamkeit und
Hitze dieses Daseins brtete die geringste irrationale Empfindung zu einem
Monstrum von Erscheinung aus.
    Es war, mu ich sagen, ein niedertrchtiger Ton. Er hatte etwas von dem
Singsang einer lax gewordenen Saite. Auf irgendeinem Umwege des Gefhls brachte
ich ihn brigens mehr oder weniger willkrlich mit van den Dusen in
Zusammenhang. Unser gegenseitiges Verhltnis verschrfte sich wieder. Wir waren
eben beide von erheblicher Nervositt; wir verloren den Kopf, denn Slim fehlte
an allen Ecken und Enden, und der Bau eines neuen Bootes ging nur langsam
vonstatten. Es irritierte mich, da van den Dusen eine pechschwarze Brille trug.
Er hatte schlechte Augen! Gut. Das war eins. Es gab aber noch ein zweites.
Dieses zweite war, da er die Glser nur aufnahm, um mich dahinter zu belauern.
Er war kindisch geworden, der Alte, in diesem Mangel an Abwechselung. Ich wute,
da seine Augen sich schmten; wie durch Schiescharten suchten sie mich aus
ihrem schwarzen Schatten hervor, auch wenn er mit seinen Ovalen in eine andere
Richtung blickte. Er spielte Verstecken wie ein kleiner Junge, er bildete sich
gleichsam etwas auf ein Sondergeheimnis ein, dessen geheimnisvoller Ausdruck die
halb verhllenden, halb verrterischen schwarzen Glser waren. Er machte
fhlbar, da er unsichtbare Augen bese. Ich war im Rechte, es ihm zu verbeln.
Er aber war bereits so verwildert, da ihm diese Koketterie ein
auerordentliches Vergngen bereitete. Er trug das Ding wie ein Eingeborener,
der sich damit noch begraben lassen wrde. Darum standen wir auf unfreundlichem
Fue und unsere Gesprche waren voll von Launen.
    Am wenigsten verstand er, da ich an jenem Tage, als Slim ins Wasser fiel
und ertrank, so schwchlich geblieben war. Ich hatte aber auch rein gar nichts
gerudert! - Ich fhlte, wie er mich wieder von der Seite her ansah, whrend die
dunklen Linsen an mir vorbeizublicken schienen. Das Blut stieg mir in den Kopf.
Wir waren zu weit herabgerudert, die Strmung hatte uns fortgetrieben und wir
hatten uns zu wenig gewehrt - van den Dusen sagte nur, da ich zu wenig gerudert
htte. Er sagte sonst wirklich nichts. Und es legte sich mir aufs Herz, da er
vielleicht recht htte. Der Zusammenhang wurde drohend und deutlich klar. Ich
stand auf, um mich nicht zu vergreifen.
    Wie ist eigentlich alles gekommen? Wissen Sie's? Nein. Und Sie? Ich auch
nicht. Er verstand es nicht, wie Slim ertrinken konnte. Da das Boot umkippte,
gut, das war also auf unsere Nachlssigkeit zurckzufhren. Aber Slim, war Slim
nicht ein vorzglicher Schwimmer? Er fate nichts, rein gar nichts, er zuckte
mit den Achseln und gestand, da ihn sein gewohnter Scharfsinn hier verlasse.
Nun war die Reihe an mir. Aufs Geratewohl setzte ich ihm zu; ich qulte ihn, bis
sein Gesicht zuckte und der arme Mensch aufstand und mich allein lie. Er war
rckwrts gesessen - ja; aber er hatte genug mit sich selber zu tun gehabt, als
er kopfber ins Wasser sprang und mit ein paar krftigen Sten aus der Strmung
herausschwamm. Er konnte es ja nicht ahnen, da Slim Hilfe brauchte; Slim,
dieser Mordskerl; und Slim hatte auch kein Wort mehr gesagt, kein
Sterbenswrtchen mehr, man bekam weiter gar nicht Notiz von ihm, bis er da vorne
an den Zinken hing. Wenn man wenigstens von der Leiche etwas zu sehen bekommen
htte! Das Boot war zersplittert unten angelangt und wurde Strecken abwrts ans
Land gesplt. Die Leiche aber blieb im Wasserwirbel zurck. Dort hielt sie
vermutlich der Fall unter einem steifen Drucke fest, trat sie immer wieder
zurck, wenn sie Auftrieb bekam, und spielte, ein formloser Sack Knochen, wie
sie sein mochte, Fangball mit ihr bis in alle Ewigkeit.
    Van den Dusen legte Wert auf die naturalistische Beschreibung ihres
Zustandes. Man erkannte, da er ein gutes und gesundes Gewissen besitzen mute.
Er ging hflich und voll Zartheit von mir hinweg. Aber ich sah wohl, da er mich
belauerte. Durch hundert Kleinigkeiten wurde er zum Verrter an sich; und
anderseits lie sein Benehmen keine Zweifel darber, da er mich durchschaue.
Und dann gab es diese berraschungen, wenn wir einander auf dieselben Gedanken
kamen.
    Ich gehe heute jagen, sagte ich. Kommen Sie mit? Nun ja, warum nicht?
gab er zur Antwort, aber sie kam unbehaglich aus ihm heraus. Ich nahm Bchse und
Kartusche um. Na, wissen Sie, John, ich habe eigentlich heute keine Lust dazu.
Bleiben Sie lange aus? Bis Abend, so? Also, ich bleibe lieber doch hier! Ich
schulterte und drang an irgendeiner Stelle in den Djungle ein.
    Aber ich jagte nicht. Ich kauerte mich in das Gebsch und sphte sorgsam auf
den Lagerplatz hinaus. Dort kam nach einer Weile van den Dusen zum Vorschein.
Man konnte bemerken, da er sich ber die Bagage beugte und mit den Hnden
tastete. Ich sa auf altbewhrtem Posten, schien es mir. Wo und wann war ich
genau an dieser Stelle hier im Gebsch gesessen und hatte die Flubank
ausspioniert? Meine Augen blinzelten, und dieses Blinzeln machte mich
aufmerksam. Richtig; damals mute ich etwas vor den Augen gehabt haben. Den
Zwicker? Vielleicht; oder ein Fernglas? Oder -? Halt, ein Binokel! Die
Erinnerung konzentrierte sich auf die Augen, die Nerven dort herum stellten sich
auf einen alten Reiz ein; ich sprte zwei Rundungen vor den Augenhhlen,
pltzlich wuchs daraus das Bild eines Binokels hervor. Ach, damals war es Slim
gewesen! Wie sich alles im Leben wiederholt, wie du doch immer wieder in die
gleiche Situation gertst! Da sa ich und fhrte denselben moralischen Kampf mit
mir wie damals Slim. Denn schon seit einiger Zeit, da ich hier sitze, greift die
Unruhe nach mir, und nun habe ich mich gegen irgend etwas zu verteidigen. In
diesem Augenblicke richtet sich van den Dusen drben in die Hhe. Slims Gewehr
ist nicht zu finden. Unbegreiflich, wohin es verschwunden ist? Hh! Merkwrdig!
Am Ende hat es einer von den Indianern genommen, h, und darum mu man diese
Burschen nher in Augenschein nehmen, ob nicht einem von ihnen etwa das Gewehr
aus der Tasche hervorstnde? He? Van den Dusen richtete seine beiden schwarzen
Ovale deutlich wie Kanonenrohre auf die Indianer, die ihr Mittagsschlfchen
hielten. Und doch htte ich gewettet, da er in diesem Moment einen Blick zu mir
herberschnellte, einen knappen dichten Blick, den ich ahnen sollte, um ihn
nachdrcklicher wahrzunehmen. Er war beraus berechnend. Um mich zu betrgen,
berlie er es mir, ihn zu erraten. Als er die Bchse nicht fand, schritt er
rechter Hand den Flu hinauf, gegen die Wasserflle zu. Er schob den Revolver
vor den Bauch, rckte den Grtel praktisch zurecht. Jeder, der nun zum Beispiel
schurkisch genug war, ihn im Gebsch zu beaufsichtigen, war gewarnt.
    Und nun wollen wir einmal rechnen. Aufgepat, ihr, die ihr in Gebschen
sitzt und eure Mitmenschen belauert. Jetzt werdet ihr erleben, wie van den Dusen
mit einem Revolver oben beim Wasserfall Jagd machen geht. Der Hauptspa kommt
aber erst. Ihr hinter dem Gebsche, ihr schmutzigen Buschleute, habt jetzt in
eurer Blamage nichts Eiligeres zu tun, als schleunigst von eurem schandbaren
Posten zu verschwinden! Wartet! Tausend gegen eins, da ihr jetzt Hals ber Kopf
zu den Wasserfllen hinausgaloppiert. Aber dort werdet ihr van den Dusen nicht
vorfinden. Van den Dusen kennt eure Rsonnements, er riecht eure
Indianerschliche; und kommt er jetzt wieder am Lager vorbei, so seid ihr schon
lngst auf und davon und treibt euch nutzlos am oberen Flulauf herum.
    Hm. Da wre also wieder das Lager und unser Mann. Er sieht strapaziert aus,
er hat Gedanken. Verdammt, denkt er; sitzt hier nun einer im Busch oder nicht?
Vielleicht habt ihr Buschleute doch zu wenig Gewissen gehabt, um euch aus eurer
schmachvollen Position wegzurhren, da ihr nun einmal durchschaut seid. Dann
sitzt so ein Lauerfritze jetzt da im Busch und schiet dem armen, gehetzten
Charlie, weil er ein bichen superklug im Rechnen ist, ein Loch in die Kleider.
Vielleicht aber hattet ihr im Gegenteil soviel Gewissen, da ihr nicht einmal
die bsen Gedanken des anderen rechtfertigen wolltet und euch gar nicht im
oberen Teil des Djungles herumtreibt, sondern nach dem unteren ausgerissen seid,
gleichsam vor euch selbst und vor der Versuchung. Je nun, Gewissen habt ihr
keines; damit kann man rechnen; wohl aber Schlauheit statt des, eine Schlauheit,
die euch berechnet, da der andere euch trotz eurer Schlauheit, gleichsam als
aus Feinheit derselben, im Verdacht von Gewissen hat. Unter solchen Umstnden
wret ihr schon Meilen weit ber die Berge fluab, und die Luft hier herum wre
rein. Vorausgesetzt, euer Gewissen ist nicht derart verfeinert, da ihr einen
mglichen irrtmlichen Zusammensto vermeiden wollt, der aus einem Schritt mehr
oder weniger im Denkproze des Gegners folgen kann. Das aber mu vermieden
werden. Ihr knnt nicht ein Gewehr gegen eine Pistole konkurrieren lassen. Das
Ganze ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, he? Da sich die Berechnungen zweier
Menschen ber ihre gegenseitigen Unternehmungen decken, ist einmal
wahrscheinlich; da der eine dem anderen aber um einen Punkt voraus oder zurck
ist, ist beide Male wahrscheinlich. Die Chancen liegen also hier. Jemand, der
sich zum Buschklepper talentiert wei, flchtet sich aus Gewissensfeinheit
weitab vom Ort der Verfhrung. Er streicht freiwillig die letzte Mglichkeit, da
er nicht erwartet, da es der andere tut. Bei dieser Logik siegt der, der dem
anderen den Vorsprung lt; denn er hat ihn berechnet. Angenommen, ihr sitzt
hier hinter dem Busch, so sitzet ihr gewi nicht dahinter, denn ihr knnt es
euch an den Fingern abzhlen, da man von euch erwartet, ihr sitzet dahinter. Da
ihr aber gewi nicht dahinter sitzet, mu man, um euch nicht zu treffen, sich
dorthin begeben, wo ihr nach aller Wahrscheinlichkeit hingelaufen seid. Also
los, Aufbruch fluab, um den armen Snder nicht in Versuchung zu bringen, der
hier, um den Gesetzen seines Triebes und vielleicht seines Fatums zu trotzen,
hinter dem Busch sitzt. Man mu Rcksicht nehmen auf solche Veranlagung und ein
bichen entgegenkommend sein. Vorwrts marsch!
    Da hatten wir das Malheur. Van den Dusen ging ein Stck Weges fluab, kehrte
sich pltzlich um und schwankte auf das Gebsch zu. Was war geschehen? Hatte er
eine Masche in seinen Berechnungen ausgelassen oder zuviel aufgenommen? Wie ein
ertappter Dieb flog er ins Gebsch herein, arbeitete rasend mit Hnden und Fen
und sah sich mitrauisch nach rckwrts hin um. In der nchsten Sekunde stand er
vor mir. Verdammt. Was war da zu machen?
    Ach, guten Morgen, sagte ich. Es war drei Uhr nachmittags. Sein Gesicht
war aschfahl. Er zitterte und bekmpfte eine Schwche in den Knien. Ja, sagte
ich, ich bin es wirklich. Sie sehen mich hier auf der Lauer nach unseren roten
Spitzbuben. Ich mchte wissen, was das Gesindel treibt, wenn es unter sich ist.
Unser Gepck nimmt reiend ab. Auerdem, haben Sie es schon bemerkt, stecken
Checho und Zana stets zusammen.
    Van den Dusen betrachtete mich mit Kennermiene, er schob seine Ovale wie auf
Fhlhrnern vorwrts. Ach so? sagte er. Da fllt mir ein, Slims Bchse ist
verschwunden. Die hat gewi das Pack geklaut.
    Slims Bchse, wieso - ach ja, richtig, das ist mir auch schon aufgefallen.
Das ist aber wirklich - es ist jammerschade, es war solch ein gutes Stck!
    Ja, nicht wahr. Sie war ja ein unheimliches Prachtstck. Aber sie ging so
leicht los. - Es war etwas nicht ganz in Ordnung damit. - Es war, glaube ich,
gefhrlich, damit zu hantieren - - - Slim selbst war ja vorsichtig. Aber wenn
nun jemand dabei in der Nhe ist - stellen Sie sich vor, da die Geschichte mir
einmal aus der Hand gelaufen wre, whrend wir zusammen jagten - ja, nicht wahr,
denn schlielich wre sie ja doch an mich gefallen! Wir lachten beide laut und
angeregt ber seine verwegenen Spintistereien und schttelten uns die Hnde. Es
wurde beschlossen, da wir aufwrts zum Wasserfall hinaufgingen. Eine kleine
Flupromenade, ein Stckchen Naturschnheit, nicht wahr, haha. So lenkten wir
denn unsere Schritte im Flubett aufwrts.
    Van den Dusen sah sich fter um. Gegen das Ende des Weges zu wurden seine
Schritte immer langsamer. Eigentlich war es hier ein bichen fade! Er ging nicht
gern herauf seit Slim tot war! Was war das fr ein merkwrdiges Gebsch? Er
blickte alles aufgeweckt an, suchte nach Einfllen zu einem Gesprch und
bertrieb. Das Leiden hatte ihn bermig geschrft; seine Phantasie war von
Gewissensbissen gedrngt und konstruierte intellektuelle Ereignisse, unechte
Tatsachen, die sein Schuldgefhl weckten. War nun der Djungle wirklich so rot?
Er beklagte sich, da er unausgesetzt Prozessionen von roten Ringen und Ballen
vor Augen sehe. Das kme vom Magen. Merkwrdig ist das mit Slim doch
zugegangen, sagte er mittendrin. Denken Sie, ich bin beinahe berzeugt, da
die Leiche trotzdem irgendwo ans Land gesplt ist. Sie kann doch nicht immer im
Wirbel geblieben sein, sie mu einmal einen faulen Augenblick benutzt haben, um
aufzutreiben. Vermutlich ist der ganze Krper zertrmmert, der Kopf ist
wahrscheinlich stark von Brchen und Schrfungen entstellt. Ich sehe das vor mir
- Sie nicht auch? Geht es Ihnen nicht auch so? Es kommt mir fters in die
Vorstellung. Wissen Sie, was ich mir in der letzten Zeit schon oft gedacht habe?
Ich nehme an mir so etwas wie eine hellseherische oder telepathische Kraft wahr.
Ich habe gehrt, da es das gibt. Manche Menschen sehen entfernte Personen vor
sich; sie wittern sie von einer bestimmten Stelle im Raume ...
    Das ist die Wirkung der Sonne. Es drfte nur auf die verschrfte
Innerlichkeit des Erlebens zurckzufhren sein. Die Inder behaupten diese
Disposition zu besitzen. Aber es konnte nirgends bewiesen werden.
    Das habe ich frher auch gedacht. Aber es beschftigt mich nun schon seit
mehreren Malen. Ein anderer Fall ist zum Beispiel die Leiche. Sie geht mir nicht
aus dem Kopfe. Glauben Sie, da die Leiche unversehrt ist - das heit, sie ist
natrlich verquollen und aufgeschwemmt, aber ich meine, glauben Sie, da der
Krper intakt sein knnte? Das Ruder, das ich gefunden habe, sah ganz gut - - -
    Ah, Sie haben ein Ruder gefunden?
    Ein Ruder? - Nun ja, allerdings. Ich sah es eines Tages da vorne am Sand
liegen. Es war ganz erhalten, und man htte es vielleicht auch bentzen knnen;
aber, aufrichtig gestanden, es hat mich davor ein bichen gefroren. Es ist
vielleicht kindisch, ich kann mir aber nicht helfen, und so habe ich es denn
wieder in den Flugang geworfen. Vielleicht ist es weiter unten im Seichten
wieder aufgefahren. Man knnte es also noch finden!
    Als wir ein Stck weitergegangen waren, begann van den Dusen abermals von
Slim zu sprechen. Es ist doch seltsam, wenn man sich vorstellt, da Slim tot
ist; da es fix und fertig ist mit ihm; da er doch ein Mensch voll Lebenskraft
war - man kann es kaum fassen. Ich mu sagen, ich habe ihn eigentlich sehr gerne
gehabt. Er war ein sympathischer Mensch, ein guter Kamerad und ohne alle
Hinterlist. Und dann hatte er auch brillante Ideen. Er war eine wirkliche
Jgernatur, in jeder Beziehung. Finden Sie nicht?
    O ja; ich denke es auch. Es htte was aus ihm werden knnen. Es ist
lcherlich, da er so zugrunde ging. Er war besser als irgendein Mensch, er war
stets sehr bertrieben, aber dabei besa er doch eine eigentmliche Harmonie. Er
hatte soviel berwunden. Und das Beste war, man konnte ihn hinstellen, wo man
wollte, er pate berall hinein. Ich speziell - -
    Ja, seine Harmonie war wohl da; er sprach wenigstens immer davon. Aber er
war doch auch sehr zerrissen, wie man so sagt, so kompliziert, er hatte eine
Neigung zum Paradoxen. - Was ich noch sagen wollte: er hat da zum Beispiel diese
eine Idee von den Tropen gehabt. Damit war er sicher im Rechte. Sie kennen sie
doch, er sagte, der moderne nervse Mensch sei eigentlich nur eine Art Wilder,
ein Mensch mit geschrften Jgerinstinkten. Ich glaube, er hatte recht. Sollten
Sie diese Zustnde nicht kennen?
    Nun ja. Ich wei nicht recht. Ich kenne es mglicherweise schon, aber ich
lege dem kein Gewicht bei. Sie berschtzen mich wahrscheinlich, haha, ich bin
ein ganz simpler, normaler Kadaver mit Durchschnittsnerven. Ich bin Ingenieur,
wie Sie wissen, also Realist, bei uns gibt es derlei Verwicklungen des
praktischen Lebens nicht. In mir sehen Sie einen ehrlichen, geraden Kumpan mit
menschlichen Instinkten, einen, der keinem Kfer was Bses tut, einen, der lebt
und leben lt. Das, was Slim ber derlei Sachen dachte, ist gewi sehr fesselnd
und amsant - ich fr mein Teil habe aber durchaus keine Prtention zum
Nervenmenschen. Sie fhlen sich also krank. Das kommt vom Magen, Charlie, wie
Sie vorhin sehr richtig gesagt haben. Sie vertragen einfach diese langweilige
Kost auf die Dauer nicht.
    Van den Dusen sagte: Aber Johnny, Sie sind ein Unglcksmensch, wenn Sie so
gesund sind. brigens ist das erst die Frage. Jetzt wollte ich Sie dekorieren,
ich glaube Slim aufs Wort, da Nervositt ein Gradmesser der natrlichen
Intelligenz ist. Der moderne Mensch luft durchs Leben wie ein Indianer. Er ist
immer am Sprunge. Er ist immer in Fhlung mit den Dingen. Er ist gleichsam der
Scharfschtze - er hat den entferntesten Reiz wie eine Kugel im Lauf, er hat
schon getroffen, bevor es noch losgeht. Sie verstehen, was ich meine. Fr einen
guten Schtzen ist sein Gewehr zusamt der Flugbahn des Geschosses nur gleichsam
ein langer Arm, er beherrscht die ganze Distanz wie ein Organ; wenn er zielt,
wippt er mit der Distanz wie mit einem Peitschenende - so geht es auch dem
Nervenmenschen. Er hat alle Geschosse im Lauf - er ist ungeheuer voll mit
Mglichkeiten, mit Treffern; er hat die Distanz in der Faust. Und nur ein
solcher Kerl konnte das entwickeln, was wir Intelligenz nennen, nur ein solcher
konnte die distanzberwindende Maschine erfinden. Wollen Sie das nicht zugeben?
Das ist doch klipp und klar?
    Ach Gott, ja, sagte ich, ich bin doch selbst vom Bau, ich mte das doch
auch wissen. Ich bin in derlei Sachen ziemlich skeptisch. Woher wissen Sie denn
das alles, wenn ich fragen darf? Wozu denn eine einfache Tatsache durch
meilenweite Erklrungen romantisch gestalten? Ich bin prinzipiell dagegen. Woher
nehmen Sie das alles?
    Woher? Wenn Sie damit meinen, da ich es von Slim habe - na ja, das ist
wieder so ein Fall. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, da man im Leben die
Standpunkte innerhalb einer Situation wie Handschuhe wechselt? Es ist
unerklrlich, aber es ist doch so. Ich habe da frher, als Slim noch lebte,
seinen Ideen stets den Rcken gezeigt. Aber auf einmal denke ich darber ganz
anders und ich bin berrascht, da ich bei Ihnen auf so prinzipiellen Widerstand
stoe. Ich dachte nmlich bestimmt, Sie knnten das auch. Denn seit ich es
kenne, und das ist nun schon ziemlich lange her, habe ich darber nachgedacht.
Die Maus zum Beispiel lebt in steter Angstneurose. Bei einem Pferde ist es
ausgemacht, da seine Scheubarkeit in geradem Verhltnis zu seiner Gte steht.
Nun sehen Sie aber mal in einen Djungle hinein: wieviel krankhafte
Aufmerksamkeit und Wachsamkeit hier herrscht. Wie hier alles auf den Zehen und
als wandelndes Arsenal von Beobachtungen geht. Ein solches Tierherz hat keinen
Augenblick Ruhe, es kommt aus dem Pochen nicht heraus. Es riecht, ja riecht
berall den Feind. Es hat einen ganz subtilen, nahezu schon bersinnlichen, ja
telepathischen Apparat in seinen verflixten Nerven. Und genau so wie diese
Bestie aus den Tropen lebt heutzutage der Mensch, ein aufreibendes, gefhrdetes,
wildes Leben. Es sollte mich wundern, wenn Sie das nicht verstehen!
    Nicht verstehen, davon ist keine Rede. Ich verstehe es wohl. Ich kann es
aber nicht billigen. Ich finde, das ist alles - Jgerlatein.
    Jgerlatein, ja, das ist es wohl. Da haben Sie einen Fund gemacht. Es gibt
heute mehr Jgerlatein als je. Ich werde berhaupt ein Buch schreiben, das
Jgerlatein heit. Das fgt sich gut, Sie treten mir doch das Wort ab? Das ist
es ja gerade; gerade weil heute das Jgerblut durchschlgt, gibt es auch mehr
Jgerlatein, das gehrt mit zur Sache. In diesem Worte haben Sie vielleicht den
ganzen Slim. Seine Harmonie bestand darin, da er alle diese negativen Dinge,
dieses Krankhafte, Neurasthenische, Sinnliche und Barbarische in uns betonte. Er
war einfach das gotische Prototyp.
    Charlie, um Ihre Nerven zu beruhigen, schreiben Sie schnell ein Buch, das
die Goten heit.
    Die Goten sind nmlich die blonden Indianer. Ist die hnlichkeit dieser
knochigen, langen, mit scharfen Nasen versehenen Profile denn ein Zufall? Ist
die von den Rmern bemerkte Schrfe der Augen denn ein Zufall? Ist es ein
Zufall, da sie beide lange federnde Knochensysteme haben? Ich wage die
Behauptung, ein hnlich sinnliches Volk, wie die Goten, hat es vorher nur als
Indianer gegeben. Schauen Sie sich die alten germanischen Yankees, bevor die
heutige Keltisierung noch eingesetzt hatte, an. Da ist gar kein Unterschied mehr
bis auf den Teint. Und wenn Sie eine Reise mitten in die Tropen unter ein
indianisches Volk hineintun, was erleben Sie da anders als eine Art Gotik? He?
Ich frage einen Menschen, ob das nicht auffallende Dinge sind? Die Goten sind
ein nervses Volk von Urbeginn an. Als sie nach Europa kamen, Johnny, nehmen Sie
Ihre Schulvergangenheit zusammen, was fanden sie da? Ja, da fanden sie den
Brger, den Ureuroper, den Flachschdel, verstehen Sie? So lange sie sich
rassekrftig hielten, hatten sie eine prachtvolle wilde Kultur, ein
wunderschnes edles Ding von Leben. Dann aber ging die Rasse der Langschdeligen
mit den monstrsen Gehirnbildungen in der der Flachkpfe unter. Ihre hysterische
Kultur versank in einem apathischen Mittelma. Aber die Zeit ist jetzt wieder
vorber. Die gotische Jgerrasse setzt sich siegreich im Mischblut der
Kontinente durch. Slim, frwahr, ist trotz seiner Unzen Afrika und Peru ein
solcher Gote gewesen!
    Zweifellos, zweifellos, das ist alles nicht unsympathisch. Ich glaube Ihnen
auch gerne, da Sie ein solcher Nervenmensch, ein solch gotischer Nervenmensch
sind. Ich kann das ja nicht wissen, ob Sie an Angstzustnden leiden oder nicht.
Und Slim ist zweifellos ein schwerer Hysteriker gewesen. Er hat es mir selbst
einmal gesagt, er hat eine fabelhafte Berechnung fr die seelischen Prozesse
seiner Umgebung gehabt. Aber es ist mir unverstndlich, was das mit diesen
Indianern zu tun hat. Das ist alles Aas. Das faulenzt - wo bleibt die
Entwickelung, die Technik, das Geistige?
    Ich sehe wohl, sagte van den Dusen, hier fehlt es mir an Studium. Ich
wei das noch nicht. Aber wissen Sie etwas von dem Sittensystem dieser Leute,
von ihrer Erotik, ihrer Kunst - - das alles mag sich ja nach einer anderen
Richtung entwickelt haben, durch einen Zufall aber berhaupt nicht. Und dann
sind Sie diesmal ein schlechter Psychologe. Der Indianer wre zu stolz, um den
Goten etwas abzunehmen, das nicht aus ihm selber kommt. Unterschtzen Sie diesen
Stolz nicht. Nehmen Sie blo den einen Fall an: zwei Menschen gehen
nebeneinander und der eine hat einen Einfall, der andere hat ihn nicht und
erkennt ihn deswegen als fr sich ungltig an. - - Oder der andere hat ihn auch,
jetzt geschieht aber das Unglck, da der andere ihn frher uert - -
    Sie sind ein Schler Slims!
    Mhm! das mag sein. Ich habe Slim vielleicht beerbt. Es gibt doch ganz
merkwrdige Beziehungen. Adieu, Johnny! Ich kehre jetzt um, ich glaube, ich
bekomme wieder Fieber. Am besten ist es, Sie gehen gleich hier in den Djungle.
Beim Wasserfall mten Sie ber die Felsen. - Bessern Sie sich, Johnny!
    Wir sahen uns an. Ich trat als wurmartiges tintenfarbiges Wesen mit einem
kugelrunden Kopfe in seine Ovale. Sein Mund schien schmerzlich verzogen. Er ging
mit eigenen Schritten den Weg zurck, mit parallel gestellten Fen und
gewlbten Schenkeln, so da die Hosen prall anlagen. Es war etwas Neuartiges in
seinem Gang, etwas Schleichendes, das an Slim erinnerte. Und nun sah ich ihm
gleichsam von hinten her sein Gesicht an, es war brtig, aber hinter dem Bart
hatten sich lange strhnige Falten gebildet. Es war das Gesicht, wie es rasch
lebende, gespannte, hysterische Rassen besitzen. In der Tat, er hatte jetzt
einige hnlichkeit mit Slim.

                                      XXX


Als ich ber mehrere Kanle gesprungen war, von einem Fuhalt mich zum anderen
schwingend, stand ich seitlich links vom herabrauschenden Wasservorhange vor der
groen Spaltklippe, die ich suchte. Ich mute hinter sie treten, weil vornean
das Wasser in einer Art Rcksto an ihrem Fue emporschumte; dahinter aber war
es still und seicht und drehte langsam einige weie Flocken im Kreise. Hier
turnte ich mich noch ein Stck in die Hhe und griff mit der Rechten in den
Spalt - nichts war zu spren. Ich schob den Kopf in Spalthhe - sie war weg. Die
Bchse war weg.
    Slims Bchse war weg. Oh, ohoh! Das Wasser ging rund in elipsenfrmiger
Strmung. In der Mitte ragten zwei niedrige Klippen auf, zwischen denen ein
gekenterter Balken stak. Ich konnte mich nicht entsinnen, die Klippen bereits
bei meinem ersten Besuche entdeckt zu haben; aber whrend ich das Lokale
instinktiv nach den Indizien des Bchsendiebes besichtigte, erregte gerade diese
Vernderung meine Aufmerksamkeit. Die Klippen waren unregelmige Pyramiden, mit
zehn bis zwanzig Zentimeter die Wasserflche berragend. An der hheren der
beiden waren deutlich zwei Feuchtigkeitsschichten abgesetzt. Das Wasser mochte
also seit den letzten drei Tagen im Abschwellen begriffen sein, irgendwo am
Oberlauf war eine natrliche Schleuse entstanden und der Wasserstand nahm darum
an diesem Platze ab. Als ich die Umgebung auf diese Beobachtung hin noch einmal
musterte, schien sie sich berhaupt verndert zu haben. Der breite schleimige
Wasservorhang zeigte Trennungen, er war schmchtiger geworden und hatte sich
stellenweise zu Tropfen und langen Zacken zersetzt. Kein Zweifel, das Wasser war
weniger geworden. Und jetzt wurde es auch erklrlich, warum dort zwischen den
Klippen ein Stck ausgehhlten Balkens, ein Getrmmer unseres einstmaligen
Bootes, feststak. Der Wirbel, der nicht mehr genug Nahrung erhielt, war in
seiner Kraft eingegangen und hatte die mitgefhrten fremden Bestandteile an
ihren Auftrieb zurckgeben mssen. Die Holzstcke kamen an die Oberflche und
trieben seitab.
    Die Holzstcke! Der Eingang in die Hhle hinter dem Wasserfall war leichter
denn je. Nach einigen taktischen Flankenbewegungen hatte ich die strkste Zone
der Sprhregen hinterm Rcken. Durch den feinen Nebel hindurch flossen die
zarten Sulen eines Spektrums und berzogen die Objekte, die sie streiften, mit
einer Schicht in der Art bunten Schimmels. Ich bckte mich, um das eine, das
gleich vorne beim Eintritt mein Interesse festhielt, anzusehen. Es war ein gut
erhaltenes Ruder, wie es Indianer schnitzen. Um allen Zweifel zu beseitigen, sah
ich an der Stange hinauf; dicht vor dem kreuzartigen Endknauf bestand die
Struktur aus drei charakteristisch parallelen Schlangenlinien. Diese Laune der
Faserung heimelte mich an. Ich hielt ein bekanntes Stck in Hnden. Kaum war ich
zu diesem Schlusse gelangt, war ich reif fr die Entdeckung einiger anderer
nicht mehr ganz geheurer Dinge. Hier war sozusagen ein Bndel Ruder abgeworfen
worden, sie lagen, ihrer Stcke drei, wie ich jetzt erst nach der Aufnahme des
obersten sah, mit ihren Mittelpunkten sternfrmig bereinander. Es war ein
merkwrdiges Spiel des Wassers, das sie in dieser Lage ans Feste geschwemmt
hatte und ich ziehe daraus den Schlu von einer Art Anziehungskraft des Holzes,
vielleicht des feuchten Holzes. Es war die komplette Garnitur eines kleinen
Bootes, zwei Ruder und ein Steuerruder; sie waren schwer und mit Wasser
vollgesogen. Im brigen schien die Stelle, wo sie wahrscheinlich eine Zeitlang
im Wirbel rotierten, sehr tief und klippenlos gewesen zu sein, denn die Ruder
waren intakt, bis auf das etwas lngere Steuerruder, dessen eine Kante eine
zahnige Scharte aufwies. Wenn man nun bedachte, da diese Gegenstnde bei ihrem
Fall nicht zerschmettert wurden, weil sie im Wasser auf keinen harten Widerstand
trafen, konnte man Hoffnung hegen, da auch der Krper eines Menschen keinen
Schaden genommen haben mute. Unbegreiflich war es, warum sonst auch nicht ein
Span von dem infolge seiner Gre zerspellten Boote hier gestrandet war. Die
Ruder lagen ganz allein in ihrer friedlichen Formation am Grunde einer Senkung
des rissigen Felsenbodens. Aber dort lag ja, wie ich in dem grnlichen Scheine,
der trotz der Lcken des Wasservorhanges die Hhle umflorte, erkennen konnte,
ein Etwas, dessen Form mir im ersten Augenblicke undefinierbar schien. Es war
ein grauer Sack und lag auf einem Terrain, das wir schon beim ersten Besuche der
Hhle betreten haben muten. Whrend die Ruder dort lagen, wo frher Wasser
gestanden hatte, schien hier das Wasser niemals hergedrungen zu sein. Der Sack
lag nahe am Grunde der schiefwandigen Hhle. Aber ein Umstand sprach doch dafr,
da in der Zeit zwischen dem ersten Besuch und meinem heutigen hier Wasser
eingedrungen und wieder zurckgetreten war. Denn ein pestilenzartiger Brodem
stieg von dem mit allerlei Stagnationsresten berzogenen Felsenboden auf. Ja,
der Geruch war diesmal strker, als ich ihn das erstemal hatte beobachten
knnen. Es lagen also alle Anzeichen dafr vor, da der Wasserfall und die
Wassermenge stieg und fiel, sei es nach innewohnenden Gravitationsgesetzen, sei
es aus rein uerlichen Grnden, Niederschlgen, Dammbrchen grerer Becken
oder dergleichen. Gewi war dadurch die Hoffnung auf eine knftig einmal grere
Wassermenge befestigt, deren erstes Auftreten ich in meinem frheren
Fieberzustande nicht bemerkt hatte. In Zukunft konnte uns diese Spezialitt des
Flusses fr eine Verschiffung sdwrts tauglich werden. Nun, und jener Sack
dort, was hatte es mit ihm fr eine Bewandtnis?
    Es war ein grauer ballonartig geblhter Sack, der an dem einen Ende in einen
mit langen Haaren versehenen Kopf, ja einen Kopf, auf der anderen in ein Paar
aufgedunsener langschaftiger Rubberstiefel ausmndete. Der Kopf war, trotz
seiner abnormen Kugelform, ein Menschenkopf. Die Modellierung des Gesichtes war
unter er Expansion der Haut verloren gegangen. Das Haupt- und Barthaar hing in
langen flossigen Strhnen darber hin; der Anblick enthielt nichts
Schreckliches, sondern mehr etwas Lcherliches, denn an dieser Leiche war nichts
Menschliches mehr zu erkennen. Ich zndete ein Streichholz an, zwei, drei, sie
verlschen sofort, aber in den Augenblicken ihres Aufflammens sah man ber der
linken Schlfe einen dicken roten Fleck, eine starke Schwellung dieses
Kopfteiles. Der Kopf erhielt dadurch eine blde unsymmetrische Form. Ich hielt
mir das Schnupftuch vor Nase und Mund und sah neugierig in dieses Gesicht, um
etwas Bekanntes darin zu finden. Aber es war auch nicht ein Zug darin, der mich
an etwas erinnert htte. Es war das Gesicht einer stupiden groen Katze, mit
grnlich blasser Haut und Zottelhaaren. Die Augen stachen falsch und kalt unter
den ungleich geschlossenen Lidern hervor. Diese selbst waren verletzt, sie waren
zerrissen und krustig vom Blute. Sonst hatte das Wasser von auen und die
Fulnis im Innern allen Charakter und alle Seele aus diesen Muskeln unter der
Haut verbannt, und was geblieben war, war nichts als ein stumpfes groes
Tiergesicht, das kein Mitleid erregte.
    Ich holte das lange Steuerruder und versuchte den Oberkrper durch eine
Hebelvorrichtung in den Sitz zu heben. Da fiel der Kopf mitten in den Ballon,
versank darin wie in einem Luftkissen, whrend an dem breit gewordenen Hautsack
die Knochen sich wie Holzscheite durchdrckten. Wirbelsule und Brustkorb muten
in tausend kleine Splitter zerschellt sein, die Lngsachse der Leiche bot keinen
Widerstand. Ja, das war der ganze Mensch da, dieser Hautsack. Mit dem Steuer war
ich an die schwammig gewordene Kleidung angestriffen, sie ri nicht, sie schabte
sich ab wie eine graue sulzartige Schicht. Darunter kam wieder die blanke Haut
zum Vorschein. Es mute ein Loch an der linken Seite unter der Achselhhle
gewesen sein, denn dort war der Stoff weggeschlt. Eine eigentmlich geschwrzte
Beule in der Farbe von versengtem Fleisch, eine Wunde mit aufgeworfenen Rndern
zeigte an, da der Krper dort einen heftigen Aufsto erhalten hatte.
    Ich sah mich um und verlie die Hhle schnell. Es roch nach Verwesung. In
der dampfigen Atmosphre war ein Wehen und Wogen, das Spektrum blinzelte im
Nebel, wenn der Wasserfall sich verdnnte, an den Wnden klopfte es mit harten
sprden Lauten. Die weie singende Luft drauen trieb mir einen Wirbel Blut in
den Kopf, rote Gebirge trmten sich vor den geschlossenen Lidern auf. Ich stand
nach einigen Sprngen vor jener Klippe, in der Slims Bchse stecken mute. Hatte
ich jetzt getrumt, oder war es wahr, war das alles wahr - - heda, was ist mit
der Bchse? Ich griff in den Spalt, tastete, sah hinein: der Spalt war leer!
    Das Wasser ging hier Kreise, aber es ging jetzt schneller als zuvor, wie mir
schien. Konnte sich das so schnell ndern? Ich sah zum Wasserfall hin: das Tor,
durch das ich eingedrungen bin, ist schmler geworden. Die Zacken laufen lngs
der Felsenkante zusammen, sie wachsen ineinander und stoen in langen Zapfen
herab, pltzlich fllt es wie ein glattes Tuch, die ffnung ist geschlossen, der
Wasserfall wchst! Er wchst nach den Seiten hin, sein Brausen wird heftiger, wo
er auffllt, ballt sich der Schaum zu weien Fusten, die emporzucken. In der
Mitte einer Stromstille wird ein Balken flott, das Wasser hebt ihn von den
beiden tragenden Klippen, er geht drei-, viermal in der Strmung um und wieder
um, pltzlich saust er wie abgepfiffen einer neuen Kraft nach. Ich sehe zu, wie
er dahingeht, es knnte ein Stck von unserem ehemaligen Boote sein, auf dem
Slim in den Tod fuhr, hoiho! Der Strom schwillt! Wie lange und er wird das
seichte gebleichte Bett fllen, in dem wir so lange hausten, und wir werden mit
seiner Hilfe abwrts eilen, dem Sden und dann dem Osten zu, an die Kste, an
die Kste, unter den Bug eines mchtigen Ozeandampfers!
    Wie sich das denkt, wie alles sich denkt! Trume ich, oder bin ich berwach?
Fhle ich die Wollust des Lebens, oder bin ich im Fieber und strzen Wahne ber
mir zusammen und purpurene Gebirge? Auf! Spring in den Flu, klammere dich an
Balken und schwimme mit dem Wasser, es geht ostwrts ins Meer und ist die groe
Ader der Bewegung. Gib acht, du strzest, es ist alles glatt und rot - ja wenn
man wte, was Traum ist, was Fieber und was rstiges Leben! Wenn man wte, ob
das Leben klare rinnende Bewegung ist oder grnlicher Dampf und eine verhexte
Spektrengrotte!

                                      XXXI


Auf dem Rckwege fhlte ich ein Unwohlsein. Der Aufenthalt in der giftigen Hhle
tat nicht gut. Der Kopf war mir hei vor tiefen Gedanken. Als ich so
hinunterging, gegen unser Lager zu, beobachtete ich meinen Gang. Richtig, wenn
man von dem Schwanken absah, das ein beginnendes Fieber in mir hervorrief,
konnte man merken, da ich bereits so dahinging, wie zuvor der Hollnder. Wie
wir in diesem Zusammensein einander hnlich geworden waren!
    Als ich ins Lager kam, lag van den Dusen am Rcken und chzte. Sein Gesicht
war gedunsen, seine Lider waren gesenkt, aber ungleichmig und aus den Spalten
kam ein kalter, stechender Blick. Die Lider sahen brigens durch kleine,
violette derchen wie verletzt aus; sie frbten sich rot und schienen eiterig am
Augapfel zu kleben. Und dieser Umstand verunstaltete das Gesicht. Ich kannte es,
es war nicht lange her, da hatte ich es gesehen - es war ein kaltes, gemeines
Katzengesicht.
    Ein Stck von dem Hollnder entfernt lagen seine Brillen. Ich ergriff sie
und setzte sie zum Spae auf; dabei sah ich van den Dusen scharf in die Augen.
Sofort wurde die lichte Welt eine violette Grotte. Meine Kindereien machten den
Kranken jedoch nervs, er bog in Verzweiflung den Hals zurck, das Gesicht nach
hinten - es war das einer Leiche. Ein tiefer Seufzer sprengte seinen
verschnrten Gaumen. Dieser Seufzer brachte mich auf einen Gedanken.
    Was ist das fr eine komische Manier, Charlie, ha? erkundigte ich mich
teilnahmsvoll. Jetzt wei ich doch, wo ich diesen Ton her habe. Er wollte mir
eine Zeitlang gar nicht aus dem Kopfe. - Sie seufzen wohl oft so des Nachts? Was
ist denn los mit Ihnen, he, alter Knabe, reden Sie!
    Er sagte aber nichts und wir schwiegen. Ich untersuchte das Gepck. Das
Chinin ist fort!, rief ich pltzlich. Das war ein bser Fall, aber ich bekam
kein Wort aus ihm heraus. Er hatte sichtlich einen schlimmen Tag.
    Ich war mit meinen Gedanken auf mich angewiesen. Das Chinin war alle! Wenn
jetzt einer von uns krftig das Fieber bekam - ach, da doch Slim noch dagewesen
wre! Dummes Zeug; ein solcher Kerl und mute auf diese stupide Art und Weise
zugrunde gehen. Da er aber nicht schwimmen konnte - es war unverstndlich.
Merkwrdige Dinge! Charlie, sagen Sie mal, sagte ich wieder, Vielleicht haben
Sie schon etwas davon gehrt - nmlich feuchtes Holz, nicht wahr, oder Holz in
einem Wasser sagen wir, das zieht doch an - nicht, scheint Ihnen das nicht
plausibel? Er schwieg. Es gibt so Gravitationsgesetze, von denen wir noch
nichts wissen, fgte ich als Erklrung hinzu. Das heit, ich meine nur so. Ich
kann mich mglicherweise auch irren. - Soll ich Ihnen Wasser bringen, Charlie?
    Nicht vom Flu߫, sagte er. Warum denn nicht? Aber Charlie, sonst ist ja
keines hier rund herum! Ich wei nicht; lassen Sie mich. Ich wei nichts.
Seine Stimme war scharf, sein Gesicht verzerrt. Die Augenlider klafften und
entblten einen grauen, verschleierten Blick. Aber ich verstehe Sie nicht,
Mensch, wir haben doch den Filter, warum wollen Sie es denn nicht aus dem
Flusse?
    Es ist ja Leichengift darin, Sie Dummkopf, verstehen Sie denn nicht?
schrie er. Er richtete sich auf und sah mich triumphierend an.
    Ach so, sagte ich. Na ja, ich glaube, das macht nichts. Wir haben ja
frher auch schon immer dieses Wasser getrunken!
    Er lachte. Ich war offenbar ein unerhrter Idiot. Mit flsternder Stimme
sagte er: Man mu die Leiche aus dem Wasser herausziehen. Das Wasser ist jetzt
kleiner, der Wirbel gibt jetzt alles von sich, was er gefressen hat. Man mu die
Leiche in die Hhle bringen, ja - Slim war ja ein groer Mann hh, er hatte
dort so ein - eine Art von Mausoleum - - - Sie sind ein Dummkopf, Mann. Was
sehen Sie mich denn so an? Sie verstehen nichts. Gar nichts verstehen Sie.
Verstehen Sie etwa das, da Slim doch ein Hhlenbewohner ist, ein Urmensch, und
da er jetzt in die Hhle gehrt? Der neue Mensch und der Urmensch. - Sie, Sie -
- - das ist Symbolismus. Haben Sie eine Ahnung, Mann? Sie halten mich fr
verrckt. Ich bin auch verrckt. Aber darum denke ich doch scharf. Ich denke
ungefhr zehnmal schrfer, zehnmal mikroskopischer, sagen wir in zehnfacher
Vergrerung! - Haben Sie noch nie bemerkt, da Verrckte Sprachfatalisten sind?
Passen Sie auf, Mann. Die Zuflligkeiten der Sprache sind die Schicksale des
Gedankens - - - die Leiche des neuen Menschen gehrt also in die Hhle! Man mu
die Leiche in die Hhle bringen. Sie vergiftet den Flu!
    Ach, meinen Sie, sagte ich sanft, das knnte ja sein. Aber vielleicht ist
sie schon in der Hhle. Vielleicht ist sie gar nicht mehr im Flusse!
    Man sollte die Leiche wirklich in die Hhle bringen. Aber man mu acht
geben - fuhr er fort - sie nicht ganz zu zerbrechen. Kein Knochen ist ganz im
Leibe. Man mu sie mit den Rudern heraufschleifen - - -
    Ja, mit den Rudern.
    Er warf mir einen Blick zu und hielt inne, als ob er sich auf etwas besnne.
Mit den Rudern, sagte er langsam. Woher wissen Sie das? Haben Sie das etwa
getrumt? Ich habe es heute getrumt. Man bentzt die Ruder als Tragbahre - der
Wirbel gibt seine Beute jetzt wieder her. Es ist wenig Wasser da; das Gift
verbreitet sich in diesem wenigen Wasser zu schnell. Verstehen Sie? Er legte
sich zurck und zerrte mit den Hnden pantomimisch etwas vom Halse weg, das ihn
dort wrgte. Sein Gesicht stand nach oben. Das Gewehr mu auch dazu, sagte er
pltzlich; man mu ihn rituell begraben, er war ein groer Jger; man mu ihm
eine Kugel geben, er ist an einer Kugel gestorben. Unsinn, ein Mann wie Slim
kann nicht ersaufen. Er stirbt kriegerisch, die Kugel geht mitten durchs Herz.
Puff, da liegt er. Dann haben Sie ihn erschossen. - Geben Sie zu, Sie haben ihn
erschossen? Sie brauchen ihn nie wirklich erschossen zu haben. Aber Sie haben so
einmal unter der Hand daran gedacht, so nebenbei, zum Vergngen, hh. Der
Gedanke allein ttet. Die Kugel kommt dann spter. Gestehen Sie also, haben
nicht vielleicht Sie ihn gettet? Sie glauben natrlich, ich sei ein Narr, oder
ich triebe meinen Spa mit Ihnen. Aber Sie sind kein moderner Mensch; Ihre Sinne
sind nicht scharf. Riechen Sie zum Beispiel hier - dort, riechen Sie nicht, da
das Wasser nach Leiche schmeckt? Es schmeckt ganz bestimmt danach. Was sage ich
Ihnen?
    Sein Gesicht erhielt einen Zug von bsartiger Schlauheit, es drckte eine
erschreckende, verwickelte Intelligenz aus. Er lchelte, seine Lider fielen
herab und bekamen rote und violette Kntchen, darunter kroch glasig sein Blick
hervor. Seine Gedanken waren offenbar mit einem bestimmten Bilde beschftigt. Er
lchelte immerfort und lie mich nicht aus den Augen. Sein Gesicht wechselte die
Farbe, sein Lcheln verkrampfte sich, Angst und Ironie erhellten seine Zge
etwas und lieen sie einen Augenblick ganz vernnftig erscheinen, seine
Versponnenheit wich. Wir kmpften mit Blicken um den Vorrang! Da verdrehte er
die Augen. Im nchsten Augenblick hatte er aufgeheult. Der Speichel flo ihm
ber die Lippen. Was sehen Sie mich so an? Gehen Sie weg. Weg, weg von hier.
Ich kann Sie nicht ertragen. Sie schleichen sich in meine Gedanken ein, Sie
stehlen mir meine Seele, Sie - weg, gehen Sie weg von hier!
    Aber, was ist denn los, sagte ich; beruhigen Sie sich doch. Ich tue Ihnen
ja nichts. Ich will Ihnen doch helfen. Ich suche schnell noch einmal nach,
vielleicht ist doch noch etwas Chinin da. Ich hatte mich zu ihm herabgebeugt
und die Hand auf seine Schulter gelegt. Er krmmte sich zusammen und entzog sich
der Berhrung. Um Gottes willen, tun Sie das nicht, weinte er. Rhren Sie
mich nicht an. Ich erbreche, wenn Sie mich berhren. Ich hasse Sie. Nein, ich
hasse Sie ja nicht. Ich habe gar nichts gegen Sie. Ich kann Sie vielleicht ganz
gut leiden. Aber ich vertrage Sie nicht, ich gehe zugrunde, wenn Sie nicht
fortgehen. Ihre Nhe demoralisiert mich, sie braucht das Mark auf, das noch in
mir ist. Wie Sie Slim hneln! Wenn Sie ahnten, wie Sie ihm hnlich sind! Alle
sind wir derselbe geworden, seit wir so zusammenleben mssen - ich ertrage es
nicht mehr, ich werde Sie tten, gehen Sie fort, lassen Sie mich verkommen,
lassen Sie mich um Gottes willen verkommen! Er lag schief auf der Hfte wie ein
Blessierter, dicke Trnen rannen ihm in den Bart. Ich entfernte mich ein Stck
und blieb ratlos stehen. Wohin sollte ich denn gehen? Gehen Sie, Hund! schrie
er mir nach. Ich fhlte einen stechenden Schmerz am Herzen, ich war tief
traurig, ich hatte das paradoxe Bedrfnis umzukehren, um mit ihm zu schluchzen.
Ich entschlo mich niederzuknien und ihn um seine Liebe zu bitten, ich ging aber
schnell weiter, hinaus in die heie Luft und empfand sofort eine groe, monotone
Klarheit gegenber meiner letzten Sentimentalitt. Er war geistesgestrt. Aber
ich hatte damals kein Ma fr Menschliches, ich hatte keine Exemplare zum
Vergleiche, ich nahm ihn also fr voll.

                                     XXXII


Das Fieber brach ins Lager ein und die Hungersnot kam ihm zuhilfe. Wir beiden
Europer lagen hilflos in uns begraben. Unsere Macht ging nicht ber unsere
Fingerspitzen hinaus und unter unseren Leuten hauste die Emprung. Ein wster
Tumult war unter ihnen ausgebrochen. Einer der Mnner lag von Messerstichen
zerfleischt neben uns; Zanas weibliche Natur kam zum Durchbruch, sie nahm sich
seiner an und heilte ihn mit den Knsten der Priesterin. Sie sprach viel und in
erregtem Ton: sie hatte eine Rolle unter den Mnnern. Pltzlich scho mir, der
ich alle diese Dinge im Zustand des Halbbewutseins wahrnahm, der Gedanke durch
den Kopf: wie, wenn sie nun den Vorschlag gemacht htte, die beiden hchst
berflssigen Europer aus dem Wege zu rumen?
    Zuzeiten konnte man sie jetzt singen hren. Sie sang einfrmige tiefe
Lieder, eine natrliche singvogelartige Schwermut lag in ihnen. Vielleicht
besang sie ihr Heimatdorf, vielleicht waren diese halben Noten die Sehnsucht
nach dem Stamme und nach den Tnzen des herrlichen, allgewaltigen Moki? Ach, ich
hatte die se Emanzipierte nie gehabt! Mit allen war sie auf behenden Kncheln
in den Djungle geschlpft, allen hatte sie sich in ihrer wilden Lust gezeigt,
rings herum hatte sie ihre Liebe verschenkt und niemand hatte sie richtig
gewrdigt. Ich aber, der ich allein Verstndnis fr die Art ihrer Leidenschaft
gehabt htte, ich hatte sie niemals besessen. Ich war an ihr verdorben und
verhungert. Denn jetzt war es Zeit, jetzt kam es zutage: drr und unbefruchtet
war meine Mnnlichkeit geblieben. Es war die alleinige Ursache aller meiner
Schwchen gewesen. Meine Herren, Sie wissen, das bringt herunter - und ich hatte
ja Zana nie gehabt! Erfolglosigkeit untergrbt den besten Charakter, in der
Liebe aber ist es eine unmgliche Position. Slim hat behauptet, unser Geschlecht
kenne die Sehnsucht nicht mehr. Dies bleibe dahingestellt. Sicher ist, da es
tausend Grnde fr einen Mann gibt, sich zu verlieren, und diese tausend Grnde
sind oft nur ein Weib. Ich habe Zana nie bekommen. Das gengt, um alle diese
Verwickelungen zu erklren und eine Geschichte zu schreiben.
    Es gengt, um sich in Trumen zu nehmen, was einem in der Wirklichkeit
versagt ist. Die Zwiebackkaissons waren erbrochen, die Konservenbchsen geleert
und eingetreten. Niemand brachte Wildbret ins Lager. Aber je strker der Hunger
sich meldete und je dnner ich um die Hften wurde, desto unwiderstehlicher
wurde die gleichfalls magere Schnheit Zanas, diese Hungerschnheit, diese
krankhafte asketische Zrtlichkeit, die in ihren Krperformen festgehalten war.
Ich liebte Zana mit dem Geschmacke, ihr Anblick zerlief mir am Gaumen. In meinen
Hungerdelirien beschftigte ich mich mit den Reizen ihrer Knochen, ber denen
die Haut gespannt lag. In meiner eigenen Bauchhhle wurden die edlen Organe
muskuls, ich konnte sie gebrauchen wie dressierte Bestien, und ich gebrauchte
sie, um mir auf Grund ihrer originellen Krfte die unerhrtesten Zrtlichkeiten
fr Zana vorzustellen. Der Zusammenhang zwischen den primitiven Nten der
Menschheit war hergestellt. Jawohl, ich schmeckte damals den Liebreiz Zanas. Ich
umarmte sie mit meinen Eingeweiden, ich bewegte mein Herz aus dem Brustkasten
und legte es sanft an ihre Wange, ich lie es eine Weile stillstehen vor Jubel
und lie es wieder tanzen zum Preise Zanas, ich zog meinen Krper in Demut zu
einem einzigen sehnigen Splitter zusammen und sprengte ihn in die Luft durch
einen einzigen heftigen Willensakt. Dies alles tat ich und viel andere
Muskelkunststcke mehr um Zanas willen, und weil der Hunger mir die Mnnlichkeit
zurckgab, die ungestillte Liebe mir genommen hatte.
    Trume kamen und Tage. Sie glichen sich und enthielten einander. Aber dann
kam ein Tag, und an diesem Tage bekam ich Zana doch. Nichts hatte ich im Magen,
ich war nchtern bis auf die Knochen aber voll Glut, und ich erfate die
scharfsinnigsten Dinge im Fluge. Es war die leere Wrme, mit der mein Mastdarm
sich beschftigte. Doch dieser Dunstumschlag von innen her tat gut, er bewirkte
eine einigermaen lebhafte Verdauung, so da ich meine eigenen Gifte zu
schlucken und zu fressen anhub. Am zweiten Tage, da ich nichts gegessen hatte,
war ich soweit, da ich mich inmitten der lustigen Hitze, die mich umgab, zu
dehnen und zu strecken begann, Herz, Leber, Darm und Milz einzeln springen lie,
wie gesagt, und einen deutlichen Aufschwung meiner Energie wahrnahm. Dies war
der Hhepunkt, mute ich mir sagen. Die Hitze war gut aufgelegt, sie krachte,
sie sprudelte vor Klapperdrre. In diesen Tagen hatte ich keine Empfindungen. Es
war, als wre ich an eine Vergrerungsvorrichtung angeschnallt, so unermelich
und ewig war der Ausschlag, den alle Reize in ihrer Art hervorriefen. In diesen
Tagen fiel die Sonne vom Himmel zur Erde herab. Dort lag sie am Buckel wie eine
ungeheure vollgesogene Wanze und zappelte mit tausend Beinen, stach mit tausend
Rsseln und konnte sich nicht mehr erheben. Ich fhlte nun genau, wie sie am
Rcken lag und nicht mehr aufkonnte. Ich fhlte sie am eigenen Leibe, ihre
Verlassenheit und Breitspurigkeit, es war eine ungeheuer wirkliche Mitempfindung
trotz ihrer Seltsamkeit, die mir brigens nicht weiter auffiel. Manchmal fhlte
ich, ich selbst wre die Sonne. Als aber whrend des Tages die bissige
Riesenwanze sich doch einmal zusammenraffte und langsam in den Schatten hinter
der grnen Laubwand kroch, kam eilig der Mond gefedert und wurde immer
deutlicher und schwerer. Zuletzt spiete er sich an einen hervorragenden Ast und
beutelte sich zu Tode wie ein kleiner Vogel. In ein paar Zuckungen war es getan.
Der flockige Seidenballon platzte entzwei und daraus schlpfte zart eine dnne
weie Frau, die sich bald in Zanas schmachtende Formen verwandelte.
    Sie wechselte die Farbe und wurde rot. Wolken dampfenden Sonnenunterganges
brachen aus ihr hervor und hllten sie ein. Ich entsinne mich dieser Vision
genau. Pltzlich gingen diese Wolken auf und nieder. Sie trugen etwas dahin, sie
waren Wasser, und was sie trugen, war der Krper eines brtigen Mannes. Ich
strengte mich an, das Bild zu verfolgen. Und da es Abend war und mein Kopf sich
scharf und klar fhlte, gelang es mir, lckenlose Verlufe zu bilden von Dingen,
die das unberauschte Gehirn nur als Fragmente und Rtsel erlebt. Atemlos folgte
ich den Bewegungen des Krpers, indem ich mich mit Spannung wie in Erinnerungen
verlor. Der Krper tauchte ein paarmal auf und nieder und kam dann wieder ber
Wasser. Man konnte sehen, da er lebte. In mich gehend stellte ich mir vor, was
nun geschehen mte. Der Mann im Wasser streckte die eine Hand empor und ballte
sie zu einem Griffe. An seiner linken Schlfe klaffte eine lange Wunde, aus der
Blut flo. Diese Wunde speiste das umliegende Wasser mit einem trben Rot. Dann
kam eine kleine Verwirrung, ein Rudel von Bewegungen, das ich nicht zergliedern
konnte, weil es zu schnell aufeinander folgte. An diesem Punkte war meine
Phantasie etwas weniger exakt. Ich hatte immerhin Zeit genug, zu bemerken, da
von irgendwoher aus der Luft der Schaft eines Ruders sich lste und mit Vehemenz
auf die linke Schdelseite des Mannes herabsenkte. Der Getroffene hatte einen
Seufzer ausgestoen, einen unbedeutenden melodischen Schrei, der alle Tne einer
Brust umfate. Diesen Ton kannte ich, hihi. Es ist das Liebesflten des
Kakaduweibchens, wenn der leidenschaftliche Herr und Gebieter von ihm Besitz
nimmt, wenn sein scharfer Schnabel die Geliebte am Halse, an den Augen, an der
groen Schlagader kitzelt. Diesen tiefen Brunstschrei stie der Mann aus, dann
sah ich ihn ruhig im Boote sitzen.
    Dort sa ich selbst. Das Boot glitt ber zwei Welten dahin. In der einen
konnte ich nur vorwrts und nicht hinter mich sehen. Die untere Welt aber
erffnete mir ungeheure Mglichkeiten von Teilnahme. Ich war bei verschiedenen
Dingen, zum Beispiel bei mir selbst, gegenwrtig, ich konnte eine ganz
eigenartige reichhaltige Kontrolle ber das Leben ausben. Dort sa ich und
hielt einen groen berhmten Monolog ber Spiegelungen und Phantoplasmen.
Inzwischen kamen die Sterne zu mir herab, sie dufteten warm und waren rot und
grn und blulich, sie bewirkten eine sanfte Harmonie, whrend sie flogen.
Manche aber hatten einen giftigen Atem, sie stieen mich an und bissen mich ins
Blut. Ich schlug sie mit der flachen Hand tot. Dann gab es einen lauten Klatsch,
sie erhoben sich jedoch und verlieen mich in meiner Undankbarkeit. Wenn ich
munter und fr Augenblicke khler wurde, wischte ich mir die blutigen Leichen
zerschmetterter Moskitos von Kinn und Hnden. Ich hatte sie unglckseligerweise
mitgetroffen, whrend ich nach bsen Sternen jagte.
    Das war der Zauberer Hunger. Er machte mich zur Vergrerungslinie fr
Ereignisse des Lebens unbedeutender und brutaler Art. Er strzte mich ins
tiefste Elend und in die schmutzigste Schmach. Zugleich aber gaukelte er Trug
vor mich hin, und als ich am tiefsten in mich und meinen Niedergang getaucht
war, da ri er mich empor in die Ekstase und gab mir verzweifelte Krfte. Eine
groe, schwarze Sammethummel brummte, und da war es wieder wie vor Jahren, als
ich ein Bub war und lag daheim zwischen hohen Grsern in der Wiese. Das
Hummelchen in dem schnen, schwarzen Pelze mit den goldenen Tressen brachte
seinen kleinen, krftigen Krper vor einer Blte zum Stillstand und summte eine
Honigweise. Der Bub lauschte; es war wie die Stimme einer alten Frau hinterm
Walde. Da wute er, da er allein sei und ein zrtliches Gefhl zog ihm ber den
Magen herauf Alle die Heimlichkeiten seines Krpers kamen da ber ihn, seine
Intelligenz wurde scharf und findig, und er erkannte, wer er war. Er erkannte
sich als einen Krper.
    Wenn man die vielen seltsamen Dinge, die man an seinem Krper erlebt,
erzhlen knnte, welches Mrchen, welche wunderbare, unglaubliche Geschichte
wrde das werden, welches wichtige Werk fr die Menschheit! Gibt es Abenteuer?
Alle Abenteuer sind nur Abenteuer der Nerven. Hier lag ich unter dem glhenden
Himmel, dessen ich mich damals in meinen Trumereien gleichsam entsonnen hatte.
Nun war da wirklich jenes Blhen und Gedeihen, das mir der heimische Wald nur
ahnungsvoll versprochen hatte. Ein summendes Insekt, ein mystischer Mechanismus,
wie eine kleine fellige Hand, die durch die Luft fliegen und Blten ergreifen
konnte, hatte die Stimmung der Hummel wieder. Hier war das Original knabenhafter
Wollust der Ahnung. Und nun kamen alle die himmlischen Gefhle wieder und
rumorten in meinen Eingeweiden. O, mein nchterner Magen war schwer von Liebe!
Ich war mager wie ein Asket, aber meine Nerven waren so fein, da ich an der
Art, wie das Leinen meines Anzuges sich an ihnen scheuerte, mich ber meine
dnnen Sehnen unterrichten konnte, die gute Kraft beherbergten. Ich war biegsam
wie ein Fakir und ekstatisch wie nur ein Hungernder. In diesem Zustande hatte
ich dann mit mir und meinen Nerven ein Abenteuer, das mir bis heute nicht
gengend aufgeklrt erscheint, um Schlsse fr die Wirklichkeit daran zu
knpfen.
    Mir ist, als htte ich Zana doch bekommen. Ich fhle mich frei und bereue
nichts. Ich habe nicht die Empfindung, als wre diese Reise in irgendeiner Art
ein Minderwertigkeitsbeweis fr mich geworden. Wre ich unbefriedigt, so drfte
ich daraus wohl schlieen, da ich Zana niemals bekam. Ich fhle mich aber wohl,
und es geht mir gut. Ich mchte es hier gleichwohl nicht als Tatsache
hinschreiben, da ich Zana bekam. Denn ich wei ber diese letzten Ereignisse so
wenig, wie ber die wichtigsten ueren Ereignisse whrend dieser Fahrt
berhaupt. Sie sind fr mich in einen undurchdringlichen Schleier gehllt, den
ich noch heute oft genug zu lften mich bemhe. Aber ich habe nichts behalten
als die Erinnerung an Gedanken und unerklrliche Vorgnge, die mich seelisch
beeinfluten. Man mu in Rechnung ziehen, da ich wahrscheinlich von allem
Anfange an bereits unter dem Fieber litt, ohne es in bestimmender Weise zu
merken. Ich erzhle, was ich erfuhr und dachte. Die einzelnen Vorgnge durch ein
sachliches und detektivartiges Schlieen zu verbinden, liegt nicht in meinem
Interesse. Ich kann und darf nicht die letzten Konsequenzen aus den Vorgngen
ziehen, so wie sie sich mir eingeprgt haben. Ich gelangte sonst zu Ergebnissen,
die mich abhalten mten, dieses Buch zu schreiben. Auf der anderen Seite habe
ich mir bei meiner Berichterstattung schonungslose Aufrichtigkeit zur Pflicht
gemacht. Ich halte es daher fr einen wesentlichen Teil dieser Geschichte, meine
damaligen Zustnde und Empfindungen in ihrer ganzen Verschwommenheit
festzuhalten.
    Van den Dusen wlzte sich von einer Seite auf die andere, erhob sich und
blickte mich starr aus roten Augen an, als ahne er, was in mir vorging. Er hielt
um diese Zeit lange Selbstgesprche, in denen geheimnisvolle Stze vorkamen. Er
war irr, und ich gebe sie hier nicht wieder. Ich sprang auf und lief hinaus an
die Sandbnke des Flusses. Dort stand Zanas lange Gestalt. Sie stand mit beiden
Fen im Wasser. Der Strom war im Steigen und berflutete die verwischten Dnen.
Ein heller Ton, ein Klingen lag in der Luft, an verschiedenen Stellen rieselte
ein seichtes Geflle ber das Gerll, haha, hoho! und Zana stand mit den Fen
im Wasser. Ihr im Rcken lagen verstreut einige Blcke. Dahinter duckte ich mich
und pirschte mich an. Bei dem letzten Stein hatte ich eine Begegnung. Dort sa,
Zana zugewandt, unsere alte Rothaut. Der alte Kerl sa ziemlich welk und
vergrmt da und sang leise, sah zu, wie Zana im Wasser stapfte. War vielleicht
verliebt und besang ihre Beine, der alte Herr. O Gott, sie waren jetzt so dnn
wie sein eigener alter Arm. Ich sprang unversehens hervor und verursachte fr
Zana ein kleines Bad, sie zeigte sich aber durchaus nicht erschrocken, als ob
sie mich geahnt htte. Was hat er denn? frug ich, auf den alten Indianer
weisend, dessen Anwesenheit mich ein wenig enttuschte. Ich frug es englisch und
eigentlich nur, um einen Anknpfungspunkt zu finden, obwohl alle Verstndigung
mit solchen brgerlichen Mitteln hier hoffnungslos war. Zana verstand es aber
nun doch, antwortete zischend und fauchend und legte die Hand auf den Magen,
indem sie ihn einzog.
    Ein darbender Greis! Die Jungen verlieen ihn, seine alten Knochen waren
nicht mehr rstig genug zur Jagd, nun siechte er dahin und gab in Hungerstimmung
seine letzte Lebensweisheit preis. Wer wei, vielleicht machte es ihn produktiv,
und er erfand neue Themen ber das Leben eines Indianers oder neue Behandlungen,
was das gleiche ist. So wie er dasa, schien er zu seinem Stein zu gehren, ein
Stck Urgebirge, die Verwitterung selbst, ein Abbild alles dessen, was in der
Wildnis an dem Menschen zehrt. Und weil es nun schon einmal sein Schicksal
wollte und weil auch ich mit Hunger gesegnet war, lie ich ihn dort sitzen, wo
er sa, und nahm Zana bei der Hand. Ich inszenierte eine regelrechte Entfhrung,
rekonstruierte gleichsam das Urbild aller Liebesehen. Zana wog federleicht, als
ich sie auf meine Arme nahm. Ich rannte ein Stck stromauf, bis sich eine
Gelegenheit ergab, dort flogen wir in die Bsche. Sie ri mir die Kleider vom
Leibe, sie selbst war nackt, sie bi mir die Lippen wund und geiferte mir ins
Gesicht vor Liebe. Sie sthnte und fhrte Tnze auf, whrend sie in meiner
Umarmung hing. Ich sah das Weie ihrer Augen durch einen Spalt, ich hielt mit
rasendem Entzcken ihre dnnen Knochen in meiner Hand ... da krachte ein Schu.
    Kurz darauf folgte ein zweiter und ein dritter. Die Kugeln vibrierten einen
Augenblick ber unseren Kpfen und trafen dann klatschend in fleischige Stengel.
Der Knall war stoartig und dnn und stammte aus einem leichten Gewehr. Den
Knall kannte ich. Zana entsprang mir aus den Armen, ich folgte ihr und befhlte
mein Gewehr, ob es auch das meine war. Denn in diesen Zeiten, da so allerlei
Sonderbares vor sich ging - - -
    Ah, Zana war s in ihrer Liebe, und es ist fraglich, ob ich sie jemals
anders bekam, als in den schwlen Trumen des Fiebers. Und doch ist es
sonderbar, wie alle diese Visionen von damals in mir haften blieben, whrend ich
mich auch nicht der kleinsten Tatsache folgerichtig entsinnen kann. Ich
schluchze vor Freude, ich habe noch jenes innige Gefhl von damals in der
Magenhhle, wenn ich mir die Sigkeit Zanas aus jenen Zwischenzustnden ins
Gedchtnis rufe, die Wirklichkeit und Ausgeburt zu einem untrennbaren Erlebnis
verschmolzen. Wie anmutig ist sie damals gewesen, als wir unseren Freund van den
Dusen mit allem Pomp der Zrtlichkeit fr seine sinnige Art, auf uns zu
schieen, durch brausende Gunstbezeugung glcklich machten! Ich scho ihm eine
Kugel durch und durch, sie traf ihn auch richtig an einer kitzlichen Stelle in
die Eingeweide, wo die Liebe wohnt. Aber dann httet ihr Zana sehen sollen! Ich
entbrannte lichterloh, ich fand sie reizend wie nie, als sie ihm die Nase
abschnitt und nichts zurckblieb, als ein merkwrdiges, interessantes Gehuse,
das einer entkernten Pflaume hnlich sah. Ich war verliebt bis zum Wahnsinn, als
sie mit den Fen auf den Bauch trat, und ich tat mein mglichstes, ihr darin
beizustehen. Aber du mein Gott, mein Talent dazu erwies sich als gering, ich war
europisch verzrtelt, und auerdem war es ja nur ein Traum, in dem allerlei
Hemmungen die Ttigkeit zu beschweren pflegen - - -
    Ja, es hatte in der Tat einmal jemand auf uns geschossen, dessen kann ich
mich als bestimmt erinnern. Und gerade als wir, erfreut ber diese Zutat zu
unserem Liebesidyll, aus dem Busch herausstrmen, will es der Zufall, da wir
dem Hollnder in die Arme laufen. Wir brechen wie ein Sturmwind ber ihn herein,
wie eine zahlreiche und siegestrunkene Armee, wir erschossen, erstachen und
erdrosselten ihn, wir schlugen ihn aus Zufall auf den Kopf, und sofort entstand
dort oberhalb der linken Schlfe eine groe mystische Beule, die das Gesicht ins
Schiefe verzog. Haj, wie war Zana reizend, als sie ihm mit den Fingern die
Augpfel aus den Hhlen zog, diese kleinen Globusse mit den merkwrdigen,
graubestrahlten Polarfeldern inmitten quarzweier Ozeane und Landkarten roter
Adernstrme! Der Pol strahlt khl und abgeblendet und in spektraler Auflsung
wie ein Nordlicht. Schon ist das Auge eine Erfindung der Vernrdlichung, Wesen,
denen es gut geht, die noch mit Urzustnden sich verstehen, haben keine Augen
und die einfachsten Organe gengen zum Glcke. Ich wei nicht mehr, ob just dies
unter den obwaltenden Umstnden damals meine Gedanken waren; aber ich habe sie
gefhlt, ich habe das ein wenig Befremdende, um nicht zu sagen Schauerliche des
Vorganges durch diese Theorie intimer gestaltet. Zana hatte damit noch nicht
genug. Sie besa gengend Erfindungsgabe, sie ri ihm also die Kleider in Fetzen
vom Leibe und brachte ihm eine bse Verletzung an seiner Mannbarkeit bei.
Sogleich fhlte ich einen brennenden Schmerz. Solche Liebkosungen waren
unerlaubt und ich wurde eiferschtig. Die ganze Lustigkeit spielte sich in
selbstverstndlicher Art und Weise ab, wie es nun schon einmal mit Trumen geht.
Alle moralischen Hemmungen fallen hinweg, dafr aber treten solche mechanischer
Natur hinzu. Diese waren nun im gegebenen Falle durch eine schwere Last und
einen bsen Druck am Halse dargestellt, der sich erst langsam, dann aber
pltzlich lste. Ich schliee die Augen und vermag mich noch jetzt an diesen
Druck zu erinnern. Er enthielt etwas Grauenhaftes, die unerwartete Erfllung von
etwas Erwartetem. Wie wenn man lange Zeit hindurch und oft daran gedacht htte,
da sich eine Mrderhand einem um die Kehle schliee ... und nun tritt es
pltzlich ein, und man sprt das Unglaubliche sich nahen. Dieser bloe,
grauenhafte Druck wurzelt so tief in meinem Bewutsein, da die Zeit ihn nicht
hat verwischen knnen. Ja, ich schliee die Augen und denke angestrengt nach,
ich suche das Traumbild heraufzubeschwren, das diesen wahrscheinlich durch
Blutstauungen und durch eine Schwellung des verdursteten Halses erzeugten Druck
begleitete. Langsam dmmert in mir eine Vorstellung. Sie ist entsetzlich genug,
entsetzlicher dadurch, da ich nicht wei, ob sie dem Traum angehrt oder doch
der Wirklichkeit. Ja, es mu wohl so gewesen sein. Er lag zuerst auf mir, er war
ein schwerer Mann, er hatte sich mit seinem ganzen Krpergewicht auf mich
geworfen, whrend wir rangen, und mir mit seinen Hnden den Hals zugeschnrt.
Zana befreite mich, indem sie ihn bsartig auf den Kopf schlug. Ja, das war es,
jetzt erinnere ich mich auch der anderen Kleinigkeiten. Sie war es, sie schlug
ihn auf den Kopf, links oben; und es entstand eine groe Beule, die sein Gesicht
lcherlich viereckig erscheinen lie. Er stie einen langen, piepsenden Laut
aus, als ob ein Vogel in seiner Brunst sich meldete. Dann rollte er von mir
herab, und der Druck lie nach. Wir versten ihm seinen Todeskrampf. Jetzt erst
begingen wir feierlichst Slims Todesopfer, wie es gute Sitte ist. Es wurde nach
altbewhrtem Geschmacke unter einem Segen von Schnheit vollzogen. Zana sah bei
dieser Gelegenheit entzckend aus, wie gesagt. Ich wunderte mich ber nichts,
das ich sah, und erstaunte das erstemal in Rio, als ich aus meinem wochenlangen
Fieber erwachte und gedankenvoll in die Dmmerung meiner Phantasien zurckging.
    Ich mu mich erinnern, wie sie da vor mir stand, wirklich und ein Wesen von
Fleisch und Blut, oh, welchen Blutes, und doch auch in einem Rahmen der
Einbildung und der Halluzination! Sie stand gleichsam nach der Tat als Tterin
vor mir da. Und obwohl sie klein war und mir bis zu den Achseln ging, der ich
kein Riese bin, schien sie mir doch gro und prchtig. Gro und siegestrunken
sah ich sie, und jeder Knochen an ihr schien mir wertvoll; wertvoller als
irgendein anderes Stckchen Mensch. Ich bemerkte nun, da ihre Fe und Hnde
keineswegs klein zu nennen waren, wie ich sie aus herkmmlicher schlechter
Poesie gemacht hatte. Sie waren im Gegenteile gro und lang, hager, wie alle
ihre Gliedmaen, und es war eine edle Kraft in ihnen. Ich, der ich krank und
schwach auf dem Rcken lag whrend unserer tagelangen Talabfahrt im Boote, ich
vergtterte diese langen Gelenksketten, ich fhlte meine Minderwertigkeit vor
dieser praktischen fieberlosen Schnheit, ich war bis ber die Ohren in das
Skelett ihres Rumpfes verliebt. Man sah, wie weise und sparsam sie erbaut war,
ganz auf Funktion eingestellt wie der Rumpf eines Raubtieres. In diesen Tagen
nderte sich mein Blick.
    Ich bekam einen neuen Blick. Verbraucht, wie ich war, kam ich auf der
anderen Seite des Lebens frisch auf die Welt. Meine Nerven waren zerrttet, ich
litt unter Hunger, ich verdaute die Pflanzen und Bltterkost, die mir Zana
verabreichte, schlecht; ich war immer schlaflos und immer schlfrig; vielleicht
waren in den Speisen auch opiathnliche Chemikalien enthalten. Kurz, es brach
eine regelrechte Rebellion unter meinen Sinnesorganen aus. Erst jetzt, in diesem
Zustande hchster Nervositt, war ich bei dem geschrften Sinnesleben der
Urvlker angelangt. In diesem Zustande von Hypersthesie kam ich dem
Ausgangspunkte funktionellen Lebens nher, ich empfand, was jener Urmaler hatte
verknden wollen, eine wahrscheinliche sinn- und zeitgeme Schnheit, die kein
Abfall von mehr oder weniger Zeichentechnik war, sondern bei der sich's leben
und genieen lie. Hatte ich nicht Zana, die menschliche Wildkatze, immer schon
geliebt? Pltzlich war es mir klar, da ich seit je unter dem Banne dieses ganz
andersartigen originalen Knochensystems gestanden hatte, ohne es recht anders
als literarisch zu wissen. Jetzt aber brach die Leidenschaft grn aus mir hervor
und all mein Vegetieren waren Gesnge zum Preise dieses Geschpfes, das ich mit
pflanzenkhlen Umarmungen beglckte. Zana, wir sprangen ins Boot und fuhren
fluab, als der Strom eines Tages anschwoll; wir gingen deinen Leuten durch, die
sich untereinander spieten und brieten: Hunger litt ich, aber wir liebten uns
wie Gtter und ich lebte weiter dank deiner herrlichen Geschenke. Einen Wechsel
noch hatte ich zu bestehen, ich, der Kranke und Fiebernde bekam den gesunden
Geschmack und verlor erst jetzt die klebrigen poetischen Vorurteile meiner
Kulturherkunft.
    Mit Seelenruhe sah ich Zana ins Gesicht ihres Totenschdels. Ich kte ihre
Hnde, wenn sie nicht rein waren und gab mich hin vor dem Pflanzengeruche aus
ihrem Munde. Sie war eine glhende wilde Sdlnderin, echte Rasse mit
guterhaltenen Naturinstinkten. Sie war tausendmal besser und begabter als die
schnen und eleganten Kreolinnen, die ich spter in den Salons von Rio und an
Bord des Doppelschraubendampfers Albatros kennen lernte. Ich liebte Zana nicht
um therischer Eigenschaften willen, sie war eine treue Seele und eine Bestie,
sie rettete mich und brachte mich allein in einem kleinen Nachen nach der Kste
und sie schikanierte mich mit tausend weiblichen Abgefeimtheiten. Ich aber
liebte eine gewisse Rundung an diesem Knochen und die Verapfelung eines Gelenkes
am anderen, und htte knnen Hymnen singen auf ihren weien schmelzenden Blick
zwischen den langsamen Schlitzaugen. Ich war weit zurckgegangen, ich hatte das
Urweib gesucht, damit es mir, dem neuen Menschen, zur Seite stnde, wenn ich aus
den Tropen, dem Urdasein der Menschen, in das ich studienhalber zur Synthese
einer Zukunft verschwunden war, wieder auftauchte. Denn es war nicht gut, da
der neue Mensch allein sei - - und ich wre auch ohne alle Hilfe nie nach Rio
gekommen, abgesehen davon, da mich meine Leute am Ende doch noch verspeist
htten!
    Je lnger ich nachdenke, desto mehr kommt Ordnung in meine verstreuten
Erinnerungen. Ich bekomme Fahrwasser und alles wird sinnvoll, ich sehe mit
Bewegung, wie Tatsachen und Symbole sich ergnzen und aufs selbe hinauslaufen.
Meine Kameraden sind tot und ich habe sie beerbt. Slim, den ich so lange ber
mich stellte, hat mir sein Erbe hinterlassen. Ich bin dazu bestimmt, der neue
Mensch zu werden, und ich habe mir das Weib gesucht, das zu mir passe, das Weib
mit den gut erhaltenen Urinstinkten seiner Sinnlichkeit. Wir sind ein neues
Erdenpaar, wir sind Adam und Eva und gondeln einsam einen verlassenen Flu
hinab. Nachts wimpeln uns grne Sterne zu, wenn wir einander in den Armen liegen
und eine neue Menschheit grnden, tagsber zischt die Sonne auf unser Fell und
sprengt Kniffe in unsere Systeme, da wir hart wrden, wie es uns gezieme. Denn
die Menschheit soll hinfort mager sein wie ein Indianer.
    Slim also ist tot. Er starb einen pltzlichen, etwas unlogischen Tod, an den
niemand gedacht htte. Van den Dusen ist tot - er war verschwunden, als ich
damals wieder im Lager lag und einen Ausweg aus dem Labyrinthe suchte. Ich aber,
dem er ein Doppelgnger gewesen war, war Slims Nachfolger geworden. Slims groes
furchtbares Erbe war mir zugefallen: ich besa eine Art zweiten Gesichts. Und
wenn ich auch die Geschehnisse in meinen Halluzinationen etwas verschob und
meine Person durch den eigenartigen Verfolgungswahnsinn, der uns alle, Slim
nicht ausgenommen, an einem gewissen Grade unseres Kollers ergriff, zu sehr in
den Mittelpunkt rckte, so da ich vieles urschlich auf mich zurckfhrte, das
von anderen getan worden war - so ist doch auch gewi, da sich die Ergebnisse
meiner Visionen mit den Tatsachen deckten. Da hatte ich von dem Tode des
Hollnders phantasiert; und nun blieb van den Dusen wirklich aus, er war
verschollen. Dies steigerte meine Erregung zu krampfhaften Ausbrchen, ich
wollte mich erheben und ihn suchen, unterlie es aber aus irgendeinem Grunde. Es
fand erst ein Ende, als ich beschlo, mit Zana aufzubrechen, eine Angelegenheit,
in der wir uns mhelos erreichten.
    Wie das eigentlich geschah, ist mir allerdings nicht ganz klar. Die wenigen
Spuren, die ich zu den Ereignissen besitze, sind in meinen Visionen enthalten.
Ich wei, da ich mich mit Zana auf die Suche machte. Was war es - - - doch, es
waren die Ruder, die sie in eben jenem eigentmlichen Augenblicke aus dem Wasser
gezogen hatte, als ich sie damals im Flu stehend antraf. Der Anblick dieser
harmlosen Gegenstnde hatte mich unbegrndeterweise in einen solchen Zustand des
Grauens versetzt, da ich einen meiner schwersten Anflle bekam. In diesem
Zustande ahnte ich den furchtbaren Untergang des Hollnders voraus. Ja, ich
erinnere mich klar an diesen Zusammenhang, der mir zuzeiten verwischt erscheint.
Damals entdeckte Zana die angeschwemmten Ruder und zog sie ans Land. Zwei von
ihnen lagen zwischen den Klippen, auf denen damals der Alte sa. Wir htten mit
diesen beiden genug gehabt, da wir ja niemand mehr mitnehmen wollten. Aber es
war doch besser, wenn wir alle beschlagnahmten; zu Ersatzzwecken konnten wir
vielleicht auch das dritte gebrauchen.
    Wir liefen, whrend wir danach ausschauten, ein Stck stromauf und hielten
uns am Rande des Djungles. Unsere Sinne waren so geschrft, da wir ungefhr die
Stelle errieten, wo wir es finden knnten. Ich ging ein Stck ins Laub hinein -
hier mute eine Stelle kommen, auf die eine vage Vorstellung mich aufmerksam
machte - ah, da war es ja! Und da lag nun ein toter Mann mit einem dicken
schiefen Kopfe, und seine Nase war abgeschnitten und war die Herberge von einem
Dutzend fragwrdiger Kriechtiere geworden. Die Leiche roch stark; an der unteren
Seite war eine Legion von Insekten bemht, den Rcken zu Mulm zu zermehlen. Sie
waren zu Tausenden in das Innere eingedrungen, ihre lebhafte Minierarbeit
erregte eine gespenstische Lebendigkeit in dem langhingestreckten System, der
Brustkasten ging langsam wie atmend auf und nieder, der Bauch rotierte in Rucken
und die Muskeln zuckten leise wie in Traumbewegungen. Ich lief, dnkt mich,
rings um den Platz herum, auf dem sichtlich ein Kampf stattgefunden hatte. Es
wre interessant gewesen, zu wissen, auf welche Weise hier ein Mensch ums Leben
gekommen war! Sieh da, war das nicht eine Bchse? Ei, eine Bchse! Es war Slims
Bchse. Seltsam. Nun kam sie pltzlich wieder zum Vorschein. Whrend ich sie
betrachtete, kam jemand durch das Gebsch. Ich fllte den Lauf, ich drckte los,
in meinem Leichtsinn drckte ich los - - - der krankhafte, hemmungslose
Leichtsinn war ja das Charakteristische unserer damaligen Zustnde. Da trat Zana
hervor und hielt das Steuerruder in Hnden. Und nun ging etwas in mir vor, das
alle Psychologen interessieren wird. Kaum wurde ich ihrer ansichtig, als ich
pltzlich meine leichtsinnige Tat motivierte: ich hatte das Bedrfnis,
geschossen zu haben, um mir gleichsam eine Mitwisserin vom Leibe zu schaffen.
Dieses Gefhl war natrlich unsinnig, da ich kein schlechtes Gewissen zu haben
brauchte. Es ist ein Beweis fr die Tatsache, da wir sinnlose Handlungen
nachtrglich oft knstlich begrnden.
    Ich war aber durchaus nicht verlegen. Ich handelte ja whrend dieser Epochen
oft grundlos und empfand nachher keine Reue. Wir brachten die drei Ruder
stromaufwrts zum Wasserfall. Dort wollten wir uns einschiffen. Nun muten wir
zuerst das Boot den Katarakt hinabflen und im Bassin flott machen.
    Als wir aber nahe an die Stelle kamen, wo das neue gerumigere und stabilere
Boot hatte gebaut werden sollen, hielten wir mitten im Lauf ber die Klippen,
die bereits den Fall ankndigten, inne. Da lag ja das Boot! Es war ziemlich
unfertig und selbst nach indianischen Begriffen noch roh. Es lag hier vllig
unerwartet. Nicht weit davon entfernt war eine Feuerstelle, aus der noch ein
dnner brenzlicher Rauch aufstieg. Merkwrdige rotrnstige Lappen und Stcke
siedelten sich hier umher. Manche hatten das Aussehen von menschlichen Fen und
Hnden. Es stank nach Blut wie auf einer Schlachtbank, ein rostiger Geruch hielt
sich hier zwischen den Steinen auf. Einer dieser Steine besa eine
aufsehenerregende Form. Ich stie danach mit einem Ruder, er fiel um; da war es
ein menschlicher Schdel mit geffneten Augen und Lippen. Sah dieses Gesicht
nicht Checho hnlich? Ach, der kleine Checho war der Hungersnot zum Opfer
gefallen!
    Zana hatte auch nicht ein Augenzucken fr alle diese Dinge. Sie stie das
Boot ins Wasser und wir fuhren hinaus. Vorne stand das Ding in die Luft, ach
Zana, sei doch mal so gut und begib Dich soweit als mglich von achter weg, will
ich Dir mit meinen Gesten sagen. Das Kanoe ist eben doch nicht recht stabil, wir
werden es vornean belasten mssen. Ich hob einen schweren Stein herauf und legte
ihn im Vorderteil des Bootes nieder. Ach so, hier ist ja ein Hindernis, auf das
wir schon aufgefahren sind. Doch, das werden wir gleich haben. Ich handhabte das
Ruder, die graue Masse unten schwankte, senkte sich und bekam wieder Auftrieb.
Wir fuhren an ihr vorber. Es war die gnzlich verquollene und unkenntliche
Wasserleiche eines weien Mannes in Rubberschuhen. Das Boot drehte sich ein
paarmal aus dem Kurs, um ins Bassin zurckzulaufen. Dann hatten wir es ber die
Klippen weg, wir kamen in die seichte Strmung. A-hooi-i- nun lassen wir das
Fieberlager zurck und fahren der Kste zu. Auf zum Amazonas!
    Wir passierten das Lager, es war leer. Wie die Dinge da lagen, schafften wir
sie ins Kanoe. Es war gut, wenn wir Tiefgang bekamen. Wir trieben weiter. Da sa
mitten in der Sonne auf seiner Klippe der alte Indianer und zuckte mit keiner
Wimper, als wir vorbeifuhren. Heute sang er nicht, er hatte einen vollen Bauch
und sah befriedigt in die Welt, die er berlebt hatte. Er hatte die Sehnsucht
zwar nicht berwunden, aber ersichtlich mit Futter geheimnisvoller Herkunft
gestillt. Er sa und verdaute und Zanas hbsche Beine stimmten ihn nicht mehr
lyrisch. Er hielt an sich und unterdrckte jedes sentimentale Adi. Vielleicht
schwrmte er seit neuem fr Knaben in jenem Alter, das die Zartheit des
Fleisches bereits mit Kraft vereint.
    Von den brigen Indianern haben wir nichts mehr gehrt noch gesehen.
Vielleicht waren sie tot, vielleicht hatten sie sich untereinander aufgespeist,
vielleicht lauerten sie sich in diesem Augenblicke erst irgendwo auf, um nur das
nackte Leben zu retten. Ich mu sagen, dieser Urbetrieb der Menschenjagd, der
zuletzt unter dem Zwange des Hungers ausbrach, ist das einzige, dem ich keine
gute Erinnerung bewahre. Ich bin fr die raffiniertere und seelischere Art, wie
man sie in dem Verkehr zwischen mir und meinen Reisekameraden hat bemerken
knnen. Die Methoden, einander zu tranchieren, haben sich verfeinert und das ist
gut so. Wir treiben in den Kaffeehusern Analyse ber den Nchsten wie ber uns
selbst. Es macht alle Kultur aus und unsere Werkzeuge sind in dieser Beziehung
hochentwickelt. Ich hoffe es bewiesen zu haben. Der Mensch der Zukunft verfgt
ber eigentmliche Krfte, um in das Leben seiner Mitmenschen einzugreifen. Es
ist das eine der Lehren, die ich aus dieser Reise gezogen habe.
    ber Slims Tod wei ich nichts zu sagen. Er ertrank, das ist die ganze
Geschichte seines Endes. Seltsam und tragisch genug bleibt es, denn ich wei,
da er unter den wenigen war, die den Niagara-Fall berschwommen haben. Es ist
die Tragikomdie alles Groen. Aber Slim hat dennoch nicht umsonst gelebt, denn
nun habe ich alle seine Ideen geerbt, ich werde meine schwachen Krfte
verwenden, um ihnen zur Blte zu verhelfen und ich will Sorge tragen, da mit
meinem Tode diese Richtung nicht erlischt. Darum habe ich ja dieses Buch
geschrieben, nicht aus Eitelkeit, noch um mich fr sie zu strafen, noch um mich
im Glanz von Abenteuern zu zeigen, sondern um die Kleinheit und Kleinlichkeit
des Menschen an seinen Mglichkeiten zu messen und doch dieser froh zu werden.
    Auch ber den Tod van den Dusens ist mir nichts Zuverlssiges bekannt. Aber
hier habe ich so meine Vermutungen. Ich selbst habe whrend der Anflle von
Tropenkoller, die sich in der letzten Zeit meines Aufenthaltes in dem sicherlich
nicht ganz gesunden Flulager immer heftiger einstellten, ein Stadium kennen
gelernt, in dem die Urtriebe des Menschen, Hunger und Liebe, bis zu einem
gewissen Grade sich als identisch einstellten. Meine gesteigerte Nervositt
mobilisierte alles, was an Uranlagen in mir vorhanden sein mochte. Sie warf
Hemmungen um, die Jahrtausende von Kultur aufgerichtet und an der
dreiiggliederigen Generationskette verankert hatten. Mein Zustand, dessen
spezifische Verwischung der Grenzen zwischen traumhafter Wirklichkeit und
wirklichkeitsartiger Vision meiner Vernunft wohl bewut, meinem Willen aber
unbotmig war, hat mich bei diesen letzten Erfahrungen ber die menschliche
Seele auch an einen Punkt gefhrt, von dem aus ich einen Rckschlu auf den
Untergang des Hollnders ziehen zu knnen glaube. Der Kontakt, der seit letzter
Zeit zwischen uns bestand, hatte zur Folge, da ich in einer symbolischen Vision
seinen Todeskrampf miterlebte. Es ist ja leicht mglich, da ich mich in bezug
auf den Zusammenhang meiner Eindrcke irre und da ich gewisse Vermutungen ber
den Vorgang erst gewann, als meine Phantasie Gelegenheit hatte, aus meiner
persnlichen Augenzeugenschaft ber vorhandene Verstmmelungen der Leiche sich
ein Bild des Kampfes zu machen. Ich selbst mchte, ohne Beweise dafr anfhren
zu knnen, schwren, da der Mann noch nicht ganz gestorben war, als man ihm die
Nase abschnitt, und da es ein Akt von grenzenloser Roheit und von Leichtsinn
gewesen sein mu, mit dem man ihn seines Lebens beraubte. Er fiel auf die Seite
und sthnte noch einmal, es war ein rhrender piepsender Laut, der seine Brust
zum letztenmale hob. Es war ein vogelartiger Laut, es war der Liebeslaut der
Organismen, jener Laut, den das Vogelweibchen im Orgiasmus ausstt, wenn es vom
Mnnchen belegt wird. Es war aber auch der Todeslaut. Die Beziehung auf den
Liebesakt kehrt also nicht nur beim Hunger, sie kehrt auch bei anderen
Erscheinungen wieder, und wer wei, vielleicht ist dieser Liebesakt so sehr
Mittelpunkt alles irdischen Geschehens, da alle Variationen und Mglichkeiten
des Lebens schlielich nur seine Symbole darstellen? Der Hollnder also, nehme
ich mit Bestimmtheit an, legte sich auf die Seite und starb. Wer aber ist der
Mrder gewesen? so frage ich. Ich revidiere meine gesamte tropische Erfahrung
und gelange auf den Hunger. Wer hat sich an dem hbschen liebenswrdigen Checho
vergriffen? Wer anders als jener selbe, der vielleicht sein Glck zuerst an
einem Weien versuchte; aber dann aus irgendeiner unberwindlichen Antipathie
gegen weie Menschen seine ursprngliche Absicht aufgab? Ich stelle mir zum
Beispiel einen alten hartgesottenen roten Snder vor, der sich nahe vor
Torschlu seinem aufdmmernden Selbsterhaltungstriebe berlt. Ich stelle mir
sein befriedigtes Lcheln vor, wie er da satt und weise mitten in der Sonne auf
einem Steine sitzt. Und ich erinnere mich der Gefahr, in der ich mglicherweise
selbst geschwebt habe, damals, als ich mit Zana im Busch lag und ihre runden,
kleinen Brste kte - - - ist es denn ausgeschlossen, da dieser Vision, wie
ich sie im Gedchtnis habe, eine recht wirkliche Tatsache entsprche? Was immer
man darber fr Hypothesen aufstellen mag, die Sache bleibt vage und auf
Spielereien gegrndet. Aber man mge sich darber nicht den Kopf zerbrechen,
denn tot ist tot und in der Wildnis gibt es keine Justiz, nur eine Moral der
Triebe und Krfte, die Reise ist zu Ende und ich sitze nun in Rio de Janeiro, in
Paris und in Berlin herum und habe die Tasche voll Ideen, mit denen ich zur
Aufklrung der Menschen beitragen will.
    Ich habe gelernt, alle Sentimentalitt dranzugeben und bin im Begriffe,
falsche Gemtswerte auszurotten. Die Sehnsucht sinkt zunehmend im Kurse, ich
helfe ihr hierin und setze ihre Schwindsucht in Galopp. Gibt es eine Sehnsucht
nach fernen Lndern, nach anderen Lndern, nach wunderbaren Dorados und
Schlupfwinkeln des Abenteuers? Es gibt sie nicht! Was immer der Mensch findet,
er findet es in sich, und wenn er sdwrts wandert, dann merkt er mit Befremdung
und Erkltung, da er, der Nordlnder, viel sdlicher ist in seinen Trieben als
die sdlichste Rasse, und er lernt einsehen, da der Mensch berhaupt bereits
eine Vernrdlichung ist und eigentlich die Tropen in sich trgt. Er ist das
Vehikel der Natur, in dem sie die langsam aussterbenden Tropen konserviert. Die
Tropen sind das Fundament seines Organismus und seiner Krfte, er ist nach dem
Prinzip der Tropen aufgebaut, alles wiederholt sich bei ihm im kleinen - - man
knnte sagen, er selbst, der Mensch, sei im Verhltnis zu den Tropen ein Tropus.
Wenn man aber nun den Menschen nach seiner Bestimmung entwickeln will, und das
wollen wir ja heute schon alle, so ist es immerhin gut, einen Rckblick auf alle
diese Dinge zu tun, von wannen er kommt. Aber dann, bitte, ohne alle Sentiments;
denn wenn Rechenschaft gegeben wird, lse sichs vielleicht wie eine flotte
Parodie auf die Sehnsucht: und dies war die Absicht nicht, also ist es falsch.
Wenn es aber vielleicht doch des Reisenden Absicht war und er seine eigentliche
Meinung in der Kapsel behlt, dann ist es erst recht falsch geworden. Denn eine
Parodie auf die Sehnsucht ist die sehnschtigste und sentimentalste
Angelegenheit von der Welt. Nun aber, wir wollen doch Maregeln ergreifen gegen
die Sehnsucht, dieses nordische Erbbel. Der Mensch der Zukunft will etwas
hchst Verfeinertes sein, alle Barbaren aber sind Sentimentaliker. Slim war
nicht eigentlich sentimental, sondern dialektisch, ob er gleich anders aussah.
Aber obwohl er ein Sport von einem Manne war, kann doch kein Zweifel bestehen,
da er die Form des neuen Menschen nicht rein verkrperte. Dazu war er sich
seiner Entwickelung noch zu bewut. Man mu nicht wissen, woher man kommt; man
mu es gewut haben. Slim war noch zu frisch, darum war seine Aufrichtigkeit
nicht immer vollkommen; war sie doch fr ihn unmglich. Zur Aufrichtigkeit
gehrt ein gesundes Gedchtnis, das auch vergessen kann. Gewi ist, der Mensch
der Zukunft wird so voll Hrte sein, wie es seine Ureltern in den Tropen waren.
Je klter es auf dem Erdball wird, desto hitziger wird es in ihm zugehen. Schon
ist der Grostdter ein Wilder von Gemt, wie wir das ein paar Breitegrade
sdlicher nennen. Ich will ein Beispiel sagen. Es wird viel Geschrei sein ber
die paar Toten, die in meinem Buche vorkommen, man wird hin und her raten, wer
die Mrder seien, und besonders geschickte Psychologen werden zuletzt den
Verdacht auf mich lenken wollen: und dies alles, obwohl meine Toten nur durch
das Einschlagen bloer Menscheninstinkte das geworden sein mgen, was alle zum
Schreien veranlat. Wenn aber der elektrische Funke, dieser Urtrieb der Erde,
einen Mann totschlgt, wird dieser in aller Seelenruhe der groen Stadt, die ihn
ermordet hat, begraben, und kein Redakteur wird sein Schicksal besonders
unmenschlich finden. Doch der Wilde, der seinen Nebenmenschen durchlocht, hat
seine Hand durchaus nicht nher im Spiele, als der Chauffeur, der ein Kind
berfhrt. Wenn man daher Schienenstrnge durch die Tropen legt und die groen
Katzen ausrottet, so bedeutet das nicht, da die Phantasie und die Jugend jetzt
dahin sind: im Gegenteil, jetzt wird die mrderische Gefhrlichkeit erst
eingepflanzt. Das Faustrecht, wo jeder sich gegen jeden feind wute, war eine
gemtliche Einrichtung zu den Verfolgungen, die eine Gesellschaft heute gegen
einen einzigen loslt. Man kann sich auch nicht beklagen, da wir in
Grausamkeiten und Verstmmelungen zurck sind. Bald stehe ich wieder bei meinen
Maschinen, sie sind Kannibalen, auf Ehre! Darum, weil ich jung bin und nun
einmal untrstlich wre ber eine brave Welt, schwrme ich fr dieses tropische
Europa, in dem man sich nicht langweilt. Wenn ich unter die Rder komme, werde
ich Au! schreien, ganz wie ein anderer. Immerhin ... Tod und Leben sind keine
Widersprche, so wenig wie Liebe und Leben. Es ist auch mglich, da ich wie
Slim den allerlcherlichsten Tod finde. Dann springt der Dichter ein, dann ist
es Zeit fr den Dichter, die Tragikomdie liegt fix und fertig vor ihm da. Wenn
man aber den Menschen der Zukunft fragen wird, ob er schon in den Tropen gewesen
sei - ah, was Tropen, sagt er, die Tropen bin ich!
