
                                Meyrink, Gustav

                                   Der Golem

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                                 Gustav Meyrink

                                   Der Golem

                                   Ein Roman

                                     Schlaf

Das Mondlicht fllt auf das Fuende meines Bettes und liegt dort wie ein groer,
heller, flacher Stein.
    Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine rechte
Seite fngt an zu verfallen, - wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht,
zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, - dann bemchtigt sich meiner
um solche Zeit des Nachts eine trbe, qualvolle Unruhe.
    Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner
Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehrtem, wie Strme von verschiedener Farbe
und Klarheit zusammenflieen.
    Ich hatte ber das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich
niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von vorne
beginnend durch meinen Sinn:
    Eine Krhe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stck Fett aussah, und
dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krhe dort nichts
Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krhe, die sich dem Stein
genhert, so verlassen wir - wir, die Versucher, - den Aszeten Gotama, da wir
den Gefallen an ihm verloren haben.
    Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stck Fett, wchst ins
Ungeheuerliche in meinem Hirn:
    Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flubett und hebe glatte Kiesel auf.
    Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, ber die ich nachgrble und
nachgrble und doch mit ihnen nichts anzufangen wei, - dann schwarze mit
schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche eines Kindes, plumpe,
gesprenkelte Molche nachzubilden.
    Und ich will sie weit von mir werfen, diese Kiesel, doch immer fallen sie
mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht bannen.
    Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen auf
rings um mich her.
    Manche qulen sich schwerfllig ab, sich aus dem Sande ans Licht
emporzuarbeiten - wie groe schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut
zurckkommt, - und als wollten sie alles daran setzen, meine Blicke auf sich zu
lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen.
    Andere - erschpft - fallen kraftlos zurck in ihre Lcher und geben es auf,
je zu Worte zu kommen.
    Zuweilen fahre ich empor aus dem Dmmer dieser halben Trume und sehe fr
einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fuende meiner
Decke liegen wie einen groen, hellen, flachen Stein, um blind von neuem hinter
meinem schwindenden Bewutsein herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend,
der mich qult - der irgendwo verborgen im Schutte meiner Erinnerung liegen mu
und aussieht wie ein Stck Fett.
    Eine Regenrhre mu einst neben ihm auf der Erde gemndet haben, male ich
mir aus - stumpfwinklig abgebogen, die Rnder von Rost zerfressen, - und trotzig
will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um meine aufgescheuchten
Gedanken zu belgen und in Schlaf zu lullen.
    Es gelingt mir nicht.
    Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine
eigensinnige Stimme in meinem Innern - unermdlich wie ein Fensterladen, den der
Wind in regelmigen Zwischenrumen an die Mauer schlagen lt: es sei das ganz
anders, das sei gar nicht der Stein, der wie Fett aussehe.
    Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.
    Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebenschlich, so
schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder auf und
beginnt hartnckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber doch nicht der
Stein, der wie ein Stck Fett aussieht. -
    Langsam beginnt sich meiner ein unertrgliches Gefhl von Hilflosigkeit zu
bemchtigen.
    Wie es weiter gekommen ist, wei ich nicht. Habe ich freiwillig jeden
Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich berwltigt und geknebelt, meine
Gedanken?
    Ich wei nur, mein Krper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind
losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. -
    Wer ist jetzt ich, will ich pltzlich fragen, da besinne ich mich, da ich
doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen knnte; dann frchte
ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das endlose Verhr
ber den Stein und das Fett beginnen.
    Und so wende ich mich ab.

                                      Tag


Da stand ich pltzlich in einem dsteren Hofe und sah durch einen rtlichen
Torbogen gegenber - jenseits der engen, schmutzigen Strae - einen jdischen
Trdler an einem Gewlbe lehnen, das an den Mauerrndern mit altem
Eisengermpel, zerbrochenen Werkzeugen, verrosteten Steigbgeln und
Schlittschuhen und vielerlei anderen abgestorbenen Sachen behangen war.
    Und dieses Bild trug das qulend Eintnige an sich, das alle jene Eindrcke
kennzeichnet, die tagtglich so und so oft wie Hausierer die Schwelle unserer
Wahrnehmung berschreiten, und rief in mir weder Neugierde noch berraschung
hervor.
    Ich wurde mir bewut, da ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung zu
Hause war.
    Auch diese Empfindung hinterlie mir trotz ihres Gegensatzes zu dem, was ich
doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt, keinerlei
tieferen Eindruck. - -
    Ich mu einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und
einem Stck Fett gehrt oder gelesen haben, drngte sich mir pltzlich der
Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer emporstieg und
mir ber das speckige Aussehen der Steinschwellen flchtige Gedanken machte.
    Da hrte ich Schritte die oberen Treppen ber mir vorauslaufen, und als ich
zu meiner Tr kam, sah ich, da es die vierzehnjhrige, rothaarige Rosina des
Trdlers Aaron Wassertrum gewesen war.
    Ich mute dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rcken gegen das
Stiegengelnder und bog sich lstern zurck.
    Ihre schmutzigen Hnde hatte sie um die Eisenstange gelegt, - zum Halt - und
ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trben Halbdunkel
hervorleuchteten.
    Ich wich ihren Blicken aus.
    Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lcheln und diesem wchsernen
Schaukelpferdgesicht.
    Sie mu schwammiges, weies Fleisch haben wie der Axolotl, den ich vorhin im
Salamanderkfig bei dem Vogelhndler gesehen habe, fhlte ich.
    Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwrtig wie die eines Kaninchens.
    Und ich sperrte auf und schlug rasch die Tre hinter mir zu. - -
    Von meinem Fenster aus konnte ich den Trdler Aaron Wassertrum vor seinem
Gewlbe stehen sehen.
    Er lehnte am Eingang der dunklen Wlbung und zwickte mit einer Beizange an
seinen Fingerngeln herum.
    War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte keine
hnlichkeit mit ihr.
    Unter den Judengesichtern, die ich Tag fr Tag in der Hahnpagasse
auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stmme unterscheiden, die sich
so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen verwischen
lassen, wie sich l und Wasser vermengen wird. Da darf man nicht sagen: die dort
sind Brder oder Vater und Sohn.
    Der gehrt zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was
sich aus den Gesichtszgen lesen lt.
    Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trdler hnlich she!
    Diese Stmme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der sogar
die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, - aber sie verstehen
ihn geheimzuhalten vor der Auenwelt, wie man ein gefhrliches Geheimnis htet.
    Kein einziges lt ihn durchblicken, und in dieser bereinstimmung gleichen
sie haerfllten Blinden, die sich an ein schmutzgetrnktes Seil klammern: der
eine mit beiden Fusten, ein anderer nur widerwillig mit einem Finger, alle aber
von aberglubischer Furcht besessen, da sie dem Untergang verfallen mssen,
sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben und sich von den brigen trennen.
    Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch abstoender ist,
als der der andern. Dessen Mnner engbrstig sind und lange Hhnerhlse haben
mit vorstehendem Adamsapfel.
    Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie unter
brnstigen Qualen, diese Mnner, - und kmpfen heimlich gegen ihre Gelste einen
ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von immerwhrender widerlicher Angst um
ihre Gesundheit gefoltert.
    Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina berhaupt in verwandtschaftliche
Beziehungen mit dem Trdler Wassertrum bringen konnte.
    Nie habe ich sie doch in der Nhe des Alten gesehen oder bemerkt, da sie
jemals einander etwas zugerufen htten.
    Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drckte sich in den dunklen
Winkeln und Gngen unseres Hauses umher.
    Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner fr eine nahe Verwandte oder
zumindest Schutzbefohlene des Trdlers, und doch bin ich berzeugt, da kein
einziger einen Grund fr solche Vermutungen anzugeben vermchte.
    Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreien und sah von dem offenen
Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpagasse.
    Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefhlt, wandte er pltzlich sein
Gesicht zu mir empor.
    Sein starres, grliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der
klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.
    Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berhrung ihres
Netzes sprt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
    Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?
    Ich wute es nicht.
    An den Mauerrndern seines Gewlbes hngen unverndert Tag fr Tag, jahraus
jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.
    Mit geschlossenen Augen htte ich sie hinzeichnen knnen: hier die verbogene
Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier gemalt, mit den so
sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine Girlande verrosteter Sporen an
einem schimmligen Lederriemen und anderes halb vermodertes Germpel.
    Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so da niemand die
Schwelle des Gewlbes berschreiten kann, eine Reihe runder eiserner
Herdplatten. -
    Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier und
da einmal ein Vorbergehender stehen und fragte nach dem Preis des einen oder
anderen, geriet der Trdler in heftige Erregung.
    In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippen mit der Hasenscharte
empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverstndliches in einem gurgelnden,
stolpernden Ba hervor, da dem Kufer die Lust weiter zu fragen verging und er
abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
    Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen abgeglitten
und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen Mauern, die vom
Nebenhause an mein Fenster stoen.
    Was konnte er dort nur sehen?
    Das Haus steht doch mit dem Rcken gegen die Hahnpagasse, und seine Fenster
blicken in den Hof! Nur eines ist in die Strae gekehrt.
    Zufllig schienen die Rume, die nebenan in derselben Stockhhe wie die
meinigen liegen - ich glaube, sie gehren zu einem winkligen Atelier - in diesem
Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hrte ich pltzlich eine
mnnliche und eine weibliche Stimme miteinander reden.
    Unmglich konnte das aber der Trdler von unten aus wahrgenommen haben! - -
    Vor meiner Tr bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch
Rosina, die drauen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, da ich sie doch
vielleicht zu mir hereinrufen wolle.
    Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,
halbwchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tr ffnen
werde, und ich spre frmlich den Hauch seines Hasses und seine schumende
Eifersucht bis herauf zu mir.
    Er frchtet sich, nher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er wei
sich von ihr abhngig wie ein hungriger Wolf von seinem Wrter und mchte doch
am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die Zgel schieen lassen!
- - -
    Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und
Stichel hervor.
    Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig genug,
die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.
    Das trbe, dstere Leben, das an diesem Hause hngt, lt mein Gemt nicht
still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.
    Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr lter als
Rosina.
    An ihren Vater, der Hostienbcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr
erinnern, und jetzt sorgt fr sie, glaube ich, ein altes Weib.
    Ich wute nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im Hause
wohnen wie Krten in ihrem Schlupfwinkel.
    Sie sorgt fr die beiden Jungen, das heit: sie gewhrt ihnen Unterkunft;
dafr mssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen oder erbetteln. -
    Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken, denn
erst spt abends kommt die Alte heim.
    Leichenwscherin soll sie sein.
    Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft harmlos im
Hof zu dritt spielen.
    Die Zeit aber ist lang vorbei.
    Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmdel her.
    Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden kann,
dann schleicht er sich vor meine Tr und wartet mit verzerrtem Gesicht, da sie
heimlich hierher komme.
    Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste drauen in dem
winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick horchend
vorgebeugt.
    Manchmal bricht dann durch die Stille pltzlich ein wilder Lrm.
    Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine ununterbrochene
wahnsinnige Gier nach Rosina erfllt, irrt wie ein wildes Tier im Hause umher,
und sein unartikuliertes heulendes Gebell, das er, vor Eifersucht und Argwohn
halb von Sinnen, ausstt, klingt so schauerlich, da einem das Blut in den
Adern stockt.
    Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet - irgendwo in einem
der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt - in blinder Raserei, immer von
dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen sein zu mssen, da nichts
mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.
    Und gerade diese unaufhrliche Qual des Krppels ist, ahnte ich, das
Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern
einzulassen.
    Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwcher, so ersinnt Loisa immer
wieder besondere Scheulichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu entfachen.
    Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen und
locken den Rasenden heimtckisch hinter sich her in dunkle Gnge, wo sie aus
rostigen Fareifen, die in die Hhe schnellen, wenn man auf sie tritt, und
eisernen Rechen - mit den Spitzen nach oben gekehrt - bsartige Fallen errichtet
haben, in die er strzen mu und sich blutig fllt.
    Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs uerste anzuspannen,
auf eigene Faust etwas Hllisches aus.
    Dann ndert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als fnde
sie pltzlich Gefallen an ihm.
    Mit ihrer ewig lchelnden Miene teilt sie dem Krppel hastig Dinge mit, die
ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich dazu eine
geheimnisvoll scheinende, nur halbverstndliche Zeichensprache ersonnen, die den
Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von Ungewiheit und
verzehrenden Hoffnungen verstricken mu. -
    Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so heftigen
Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, da ich glaubte, jeden
Augenblick wrde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.
    Der Schwei lief ihm bers Gesicht vor bermenschlicher Anstrengung, den
Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilungen zu erfassen.
    Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf den
finsteren Stiegen eines halb versunkenen Hauses, das in der Fortsetzung der
engen, schmutzigen Hahnpagasse liegt, - bis er die Zeit versumt hatte, sich an
den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.
    Und als er spt abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte, hatte
ihn die Pflegemutter lngst ausgesperrt. - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ein frhliches Frauenlachen drang aus dem anstoenden Atelier durch die
Mauern herber zu mir.
    Ein Lachen? - In diesen Husern ein frhliches Lachen? Im ganzen Ghetto
wohnt niemand, der frhlich lachen knnte.
    Da fiel mir ein, da mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler Zwakh
anvertraute, ein junger, vornehmer Herr htte ihm das Atelier teuer abgemietet -
offenbar, um mit der Erwhlten seines Herzens unbelauscht zusammenkommen zu
knnen.
    Nach und nach, jede Nacht, mten nun, damit niemand im Hause etwas merke,
die kostbaren Mbel des neuen Mieters heimlich Stck fr Stck hinaufgeschafft
werden.
    Der gutmtige Alte hatte sich vor Vergngen die Hnde gerieben, als er es
mir erzhlte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt angefangen
habe: keiner der Mitbewohner knne auch nur eine Ahnung von dem romantischen
Liebespaar haben.
    Und von drei Husern aus sei es mglich, unauffllig in das Atelier zu
gelangen. - Sogar durch eine Falltre gbe es einen Zugang!
    Ja, wenn man die eiserne Tr des Bodenraumes aufklinke, - und das sei von
drben aus sehr leicht, - knne man an meiner Kammer, vorbei zu den Stiegen
unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang bentzen ...
    Wieder klingt das frhliche Lachen herber und lt in mir die undeutliche
Erinnerung an eine luxurise Wohnung und an eine adlige Familie auftauchen, zu
der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren Altertmern kleine Ausbesserungen
vorzunehmen. -
    Pltzlich hre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche erschreckt.
    Die eiserne Bodentr klirrt heftig, und im nchsten Augenblick strzt eine
Dame in mein Zimmer.
    Mit aufgelstem Haar, wei wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff ber die
bloen Schultern geworfen.
    Meister Pernath, verbergen Sie mich, - um Gottes Christi willen! - fragen
Sie nicht, verbergen Sie mich hier!
    Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tr abermals aufgerissen und
sofort wieder zugeschlagen. -
    Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trdlers Aaron Wassertrum wie eine
scheuliche Maske hereingegrinst. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Schein des
Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fuende meines Bettes.
    Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der Name
Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.
    Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? - Athanasius Pernath?
    Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo
meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, da er mir so genau passe,
wo ich doch eine hchst eigentmliche Kopfform habe.
    Und ich sah in den fremden Hut hinein - damals und - - ja, ja, dort hatte es
gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem weien Futter:

                              ATHANASIUS PERNATH.

    Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefrchtet, ich wute nicht warum.
    Da fhrt pltzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer von
mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe, auf mich los
gleich einem Pfeil.
    Schnell male ich mir das scharfe, slich grinsende Profil der roten Rosina
aus, und es gelingt mir auf diese Weise, dem Pfeil auszuweichen, der sich
sogleich in der Finsternis verliert.
    Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch strker als die stumpfsinnige
plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in meinem Zimmer in der
Hahnpagasse geborgen sein werde, kann ich ganz ruhig sein.

                                       I


Wenn ich mich nicht getuscht habe in der Empfindung, da jemand in einem
gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe heraufkommt, in der
Absicht, mich zu besuchen, so mu er jetzt ungefhr auf dem letzten
Stiegenabsatz stehen.
    Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine Wohnung
hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur des oberen
Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.
    Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, mu er,
mhsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Trschild lesen.
    Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
Eingang.
    Da ffnete sich die Tre, und er trat ein.
    Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab, noch
sagte er ein Wort der Begrung.
    So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fhlte ich, und ich fand es ganz
selbstverstndlich, da er so und nicht anders handelte.
    Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.
    Dann bltterte er lange darin herum.
    Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von
Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefllt.
    Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf.
    Das Kapitel hie Ibbur, die Seelenschwngerung, entzifferte ich.
    Das groe, in Gold und Rot ausgefhrte Initial I nahm fast die Hlfte der
ganzen Seite ein, die ich unwillkrlich berflog, und war am Rande verletzt.
    Ich sollte es ausbessern.
    Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in alten
Bchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dnnen Goldes zu bestehen, die
im Mittelpunkte zusammengeltet waren und mit den Enden um die Rnder des
Pergaments griffen.
    Also mute, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten sein?
    Wenn das der Fall war, mute auf der nchsten Seite das I verkehrt stehen?
    Ich bltterte um und fand meine Annahme besttigt.
    Unwillkrlich las ich auch diese Seite durch und die gegenberliegende.
    Und ich las weiter und weiter.
    Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
deutlicher. Und es rhrte mein Herz an wie eine Frage.
    Worte strmten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen auf
mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie buntgekleidete
Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie schillernder Dunst in
der Luft und gaben der nchsten Raum. Jede hoffte eine kleine Weile, da ich sie
erwhlen wrde und auf den Anblick der Kommenden verzichten.
    Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
schimmernden Gewndern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.
    Manche wie Kniginnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider gefrbt, -
mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit hlicher Schminke
verdeckt.
    Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt ber
lange Zge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewhnlich und ausdrucksarm, da
es unmglich schien, sie dem Gedchtnis einzuprgen.
    Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und riesenhaft
wie ein Erzkolo.
    Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu mir.
    Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Krper, und sie deutete stumm auf
den Puls ihrer linken Hand.
    Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fhlte, es war das Leben einer ganzen
Welt in ihr.
    Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.
    Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen, und
immer nher brauste der Zug.
    Jetzt hrte ich den hallenden Gesang der Verzckten dicht vor mir, und meine
Augen suchten das verschlungene Paar.
    Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und sa, halb
mnnlich, halb weiblich, - ein Hermaphrodit - auf einem Throne von Perlmutter.
    Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
darein hatte der Wurm der Zerstrung geheimnisvolle Runen genagt.
    In einer Staubwolke kam eilig hinterdreingetrappelt eine Herde kleiner,
blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem Gefolge
fhrte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.
    Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde strmten,
etliche, die kamen aus Grbern, - Tcher vor dem Gesicht.
    Und blieben sie vor mir stehen, lieen sie pltzlich ihre Hllen fallen und
starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, da ein eisiger Schreck mir
ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurckstaute wie ein Strom, in den Felsblcke
vom Himmel herniedergefallen sind - pltzlich und mitten in sein Bette. -
    Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte es
ab, und sie trug einen Mantel aus flieenden Trnen. -
    Maskenzge tanzten vorber, lachten und kmmerten sich nicht um mich.
    Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurck.
Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es ein
Spiegel.
    Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
zgernd, bald blitzschnell, da sich meiner ein gespenstiger Trieb bemchtigt
ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern, mit den Achseln zu zucken und die
Mundwinkel zu verziehen.
    Da stoen ihn ungeduldig nachdrngende Gestalten zur Seite, die alle vor
meine Blicke wollen.
    Doch keines der Wesen hat Bestand.
    Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen Tne
nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Mund entstrmen.
    Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine Stimme,
die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich mich auch abmhte.
Die mich qulte mit brennenden, unverstndlichen Fragen.
    Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und ohne
Widerhall.
    Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie
jegliches Ding einen groen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch diese
Stimme hatte keine Echos mehr, - lange, lange schon sind sie wohl verweht und
verklungen. - - -
    Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den Hnden,
da war mir, als htte ich suchend in meinem Gehirn geblttert und nicht in einem
Buche! - -
    Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor meinem
Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich blickte auf.
    Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?
    Fortgegangen!?
    Wird er es holen, wenn es fertig ist?
    Oder sollte ich es ihm bringen?
    Aber ich konnte mich nicht erinnern, da er gesagt htte, wo er wohne.
    Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedchtnis zurckrufen, doch es
milang.
    Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? - Und welche
Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?
    Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. - Alle Bilder, die ich
mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
zusammenzusetzen vermochte.
    Ich schlo die Augen und prete die Hand auf die Lider, um einen winzigen
Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.
    Nichts, nichts.
    Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tr, wie ich es
getan - vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt biegt er um die
Ecke, jetzt schreitet er ber den Ziegelsteinboden, liest jetzt drauen mein
Trschild Athanasius Pernath und jetzt tritt er herein.
    Vergebens.
    Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
wollte in mir erwachen.
    Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wnschte mir im Geiste die Hand
dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.
    Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblt gewesen, ob
jung oder runzlig, mit Ringen geschmckt oder nicht, konnte ich mich entsinnen.
    Da kam mir ein seltsamer Einfall.
    Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.
    Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den Gang
und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurck in mein Zimmer.
    Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und als ich die Tr
ffnete, da sah ich, da meine Kammer voll Dmmerung lag. War es denn nicht
heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?
    Wie lange mute ich da gegrbelt haben, da ich nicht bemerkte, wie spt es
ist!
    Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und konnte
mich an sie doch gar nicht erinnern. -
    Wie sollte es mir auch glcken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.
    Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.
    Meine Haut, meine Muskeln, mein Krper erinnerten sich pltzlich, ohne es
dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht wnschte und nicht
beabsichtigte.
    Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehrten!
    Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, als ich ein
paar Schritte im Zimmer machte.
    Das ist der Gang eines Menschen, der bestndig im Begriffe ist, vornber zu
fallen, sagte ich mir.
    Ja, ja, ja, so war sein Gang!
    Ganz deutlich wute ich: so ist er.
    Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen
und schaute aus schrgstehenden Augen.
    Ich fhlte es und konnte mich doch nicht sehen.
    Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in die
Tasche und holte ein Buch hervor.
    Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. -
    Da pltzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin ich.
Ich, ich.
    Athanasius Pernath.
    Grausen und Entsetzen schttelten mich, mein Herz raste zum Zerspringen, und
ich fhlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn
herumgetastet, haben von mir abgelassen.
    Noch sprte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Berhrung. -
    Nun wute ich, wie der Fremde war, und ich htte ihn wieder in mir fhlen
knnen - jeden Augenblick -, wenn ich nur gewollt htte; aber sein Bild mir
vorzustellen, da ich es vor mir sehen wrde Auge in Auge - das vermochte ich
noch immer nicht und werde es auch nie knnen.
    Es ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren
Linien ich nicht erfassen kann - in die ich selber hineinschlpfen mu, wenn ich
mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewut werden will - -
    In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; - in diese
wollte ich das Buch sperren und erst, wenn der Zustand der geistigen Krankheit
von mir gewichen sein wrde, wollte ich es wieder hervorholen und an die
Ausbesserung des zerbrochenen Initialen I gehen.
    Und ich nahm das Buch vom Tisch.
    Da war mir, als htte ich es gar nicht angefat; ich griff die Kassette an:
dasselbe Gefhl. Als mte das Tastempfinden eine lange, lange Strecke voll
tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewutsein mndete, als seien
die Dinge durch eine jahresgroe Zeitschicht von mir entfernt und gehrten einer
Vergangenheit an, die lngst an mir vorbergezogen!
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    Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit dem
fettigen Stein zu qulen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich nicht gesehen.
Und ich wei, da sie aus dem Reiche des Schlafes stammt. Aber was ich erlebt,
das war wirkliches Leben, - darum konnte sie mich nicht sehen und sucht
vergeblich nach mir, fhle ich.

                                      Prag


Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dnnen, fadenscheinigen
berziehers aufgeschlagen, und ich hrte, wie ihm vor Klte die Zhne
aufeinanderschlugen.
    Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte ich
mir, und ich forderte ihn auf, mit hinber in meine Wohnung zu kommen.
    Er aber lehnte ab.
    Ich danke Ihnen, Meister Pernath, murmelte er frstelnd, leider habe ich
nicht mehr so viel Zeit brig; - ich mu eilends in die Stadt. - Auch wrden wir
bis auf die Haut na, wenn wir jetzt auf die Gasse treten wollten - schon nach
wenigen Schritten! - - Der Platzregen will nicht schwcher werden!
    Die Wasserschauer fegten ber die Dcher hin und liefen an den Gesichtern
der Huser herunter wie ein Trnenstrom.
    Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drben im vierten Stock
mein Fenster sehen, das, vom Regen berrieselt, aussah, als seien seine Scheiben
aufgeweicht, - undurchsichtig und hckerig geworden wie Hausenblase.
    Ein gelber Schmutzbach flo die Gasse herab, und der Torbogen fllte sich
mit Vorbergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten wollten.
    Dort schwimmt ein Brautbukett, sagte pltzlich Charousek und deutete auf
einen Strau aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser vorbeigetrieben kam.
    Darber lachte jemand hinter uns laut auf.
    Als ich mich umdrehte, sah ich, da es ein alter, vornehm gekleideter Herr
mit weiem Haar und einem aufgedunsenen, krtenartigen Gesicht gewesen war.
    Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurck und brummte etwas vor
sich hin.
    Unangenehmes ging von dem Alten aus; - ich wandte meine Aufmerksamkeit von
ihm ab und musterte die mifarbigen Huser, die da vor meinen Augen wie
verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.
    Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!
    Ohne berlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden
dringt.
    An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden berrest
eines frheren, langgestreckten Gebudes, hat man sie angelehnt - vor zwei, drei
Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rcksicht auf die brigen zu nehmen. Dort
ein halbes, schiefwinkliges Haus mit zurckspringender Stirn; - ein andres
daneben: vorstehend wie ein Eckzahn.
    Unter dem trben Himmel sahen sie aus, als lgen sie im Schlaf, und man
splte nichts von dem tckischen, feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen
ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt und ihr leises,
kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft.
    In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in mir
festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden des Nachts
und im frhesten Morgengrauen fr sie gbe, wo sie erregt eine lautlose,
geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fhrt da ein schwaches Beben durch
ihre Mauern, das sich nicht erklren lt, Gerusche laufen ber ihre Dcher und
fallen in den Regenrinnen nieder, - und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen
achtlos hin, ohne nach ihrer Ursache zu forschen.
    Oft trumte mir, ich htte diese Huser belauscht in ihrem spukhaften
Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, da sie die heimlichen,
eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fhlens entuern und
es wieder an sich ziehen knnen, - es tagsber den Bewohnern, die hier hausen,
borgen, um es in kommender Nacht mit Wucherzinsen wieder zurckzufordern.
    Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen, wie
Wesen - nicht von Mttern geboren, - die in ihrem Denken und Tun wie aus Stcken
wahllos zusammengefgt scheinen, im Geiste an mir vorberziehen, so bin ich mehr
denn je geneigt zu glauben, da solche Trume in sich dunkle Wahrheiten bergen,
die mir im Wachsein nur noch wie Eindrcke von farbigen Mrchen in der Seele
fortglimmen.
    Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem
knstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger
Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem gedankenlosen automatischen
Dasein berief, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zhne schob.
    Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in der
die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so mten auch,
dnkt mich, alle diese Menschen entseelt in einem Augenblick zusammenfallen,
lschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein nebenschliches Streben,
vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem einen, bei einem andern gar nur ein
dumpfes Warten auf etwas gnzlich Unbestimmtes, Haltloses - in ihrem Hirn aus.
    Was ist dabei fr ein immerwhrendes, schreckhaftes Lauern in diesen
Geschpfen!
    Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie frh
beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem Atem - wie auf
ein Opfer, das doch nie kommt.
    Und hat es wirklich einmal den Anschein, als trte jemand in ihren Bereich,
irgendein Wehrloser, an dem sie sich bereichern knnten, dann fllt pltzlich
eine lhmende Angst ber sie her, scheucht sie in ihre Winkel zurck und lt
sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.
    Niemand scheint schwach genug, da ihnen noch so viel Mut bliebe, sich
seiner zu bemchtigen.
    Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe genommen
ist, sagte Charousek zgernd und sah mich an. -
    Wie konnte er wissen, woran ich dachte? -
    So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, da sie imstande sind, auf
das Gehirn des Nebenstehenden berzuspringen wie sprhende Funken, fhlte ich.
    - - - wovon sie nur leben mgen? fragte ich nach einer Weile.
    Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionr!
    Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!
    Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.
    Fr einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen gestockt, und
man hrte blo das Zischen des Regens.
    Was er nur damit sagen will: Mancher unter ihnen ist ein Millionr!?
    Wieder war es, als htte Charousek meine Gedanken erraten.
    Er wies nach dem Trdlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des
Eisengermpels in flieenden, braunroten Pftzen vorbeisplte.
    Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionr, - fast ein Drittel der
Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr Pernath?!
    Mir blieb frmlich der Atem im Mund stecken. Aaron Wassertrum! Der Trdler
Aaron Wassertrum Millionr?!
    Oh, ich kenne ihn genau, fuhr Charousek verbissen fort, und als htte er
nur darauf gewartet, da ich ihn frage. Ich kannte auch seinen Sohn, den Dr.
Wassory. Haben Sie nie von ihm gehrt? Von Dr. Wassory, dem - berhmten -
Augenarzt? - Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt begeistert von ihm
gesprochen, - von dem groen - - Gelehrten. Niemand wute damals, da er seinen
Namen abgelegt und frher Wassertrum geheien hat. - Er spielte sich gerne auf
den weltabgewandten Mann der Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede
kam, warf er bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, da sein Vater
noch aus dem Ghetto stamme, - sich aus den niedrigsten Anfngen heraus unter
Kummer aller Art und unsglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten mssen.
    Ja! Unter Kummer und Sorgen!
    Unter wessen Kummer und unsglichen Sorgen aber und mit welchen Mitteln, das
hat er nicht dazu gesagt!
    Ich aber wei, was es mit dem Ghetto fr eine Bewandtnis hat! Charousek
fate meinen Arm und schttelte ihn heftig.
    Meister Pernath, ich bin so arm, da ich es selbst kaum mehr begreife; ich
mu halbnackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin doch Student
der Medizin, - bin doch ein gebildeter Mensch!
    Er ri seinen berzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, da er weder
Hemd noch Rock anhatte und den Mantel ber der nackten Haut trug.
    Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmchtigen,
angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, - und noch heute ahnt keiner, da ich,
ich der eigentliche Urheber war.
    Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der seine
Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord getrieben hat. -
Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich Ihnen. Ich allein habe den
Plan erdacht und das Material zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und
leise und unmerklich Stein um Stein in dem Gebude Dr. Wassorys gelockert, bis
der Zustand erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghettos mehr
vermocht htten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen
Anstoes bedurfte, abzuwenden.
    Wissen Sie, so - so wie man Schach spielt.
    Gerade so wie man Schach spielt.
    Und niemand wei, da ich es war!
    Den Trdler Aaron Wassertrum, den lt wohl manchmal eine furchtbare Ahnung
nicht schlafen, da einer, den er nicht kennt, der immer in seiner Nhe ist und
den er doch nicht fassen kann, - ein anderer als Dr. Savioli - die Hand im
Spiele gehabt haben msse.
    Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu schauen
vermgen, so fat er es doch nicht, da es Gehirne gibt, die auszurechnen
imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren, vergifteten Nadeln durch solche
Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold und Edelsteinen vorbei, um die
verborgene Lebensader zu treffen.
    Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.
    Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er Dr.
Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!
    Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. - Diesmal
wird es ein Knigslufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen Zug bis zum
bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche Entgegnung wte.
    Wer sich mit mir in ein solches Knigslufergambit einlt, der hngt in der
Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fden, - an Fden,
die ich zupfe, - hren Sie wohl, die ich zupfe, und mit dessen freiem Willen
ist's dahin.
    Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.
    Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, da Sie so voll Ha
sind?
    Charousek wehrte heftig ab:
    Lassen wir das - fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen hat!
- Oder wnschen Sie, da wir ein andres Mal darber sprechen? - Der Regen hat
nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?
    Er senkte seine Stimme, wie jemand, der pltzlich ganz ruhig wird. Ich
schttelte den Kopf.
    Haben Sie jemals gehrt, wie man heutzutage den grnen Star heilt? - Nicht?
- So mu ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau verstehen, Meister
Pernath!
    Hren Sie zu: Der grne Star also ist eine bsartige Erkrankung des
Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
Fortschreiten des bels Einhalt zu tun, nmlich die sogenannte Iridektomie, die
darin besteht, da man aus der Regenbogenhaut des Auges ein keilfrmiges
Stckchen herauszwickt.
    Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche Blendungserscheinungen,
die frs ganze Leben bleiben; der Proze des Erblindens jedoch ist meistens
aufgehalten.
    Mit der Diagnose des grnen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.
    Es gibt nmlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurcktreten, und in solchen Fllen darf
ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch niemals mit
Bestimmtheit sagen, da sein Vorgnger, der andrer Meinung gewesen, sich
notwendigerweise geirrt haben msse.
    Hat aber einmal die erwhnte Iridektomie, die sich natrlich genauso an
einem gesunden Auge wie an einem kranken ausfhren lt, stattgefunden, so kann
man unmglich mehr feststellen, ob frher wirklich grner Star vorgelegen hat
oder nicht.
    Und auf diese und noch andere Umstnde hatte Dr. Wassory einen scheulichen
Plan aufgebaut.
    Unzhlige Male - besonders an Frauen - konstatierte er grnen Star, wo
harmlose Sehstrungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die ihm
keine Mhe machte und viel Geld eintrug.
    Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehrte zum
Ausplndern auch keine Spur von Mut mehr!
    Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene
Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft seine Opfer
zerfleischen konnte.
    Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! - Begreifen Sie?! Ohne das geringste wagen
zu mssen!
    Durch eine Menge fauler Verffentlichungen in Fachblttern hatte sich Dr.
Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen verstanden und
sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anstndig waren, um ihn zu
durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewut.
    Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die natrliche
Folge.
    Kam nun jemand mit geringfgigen Sehstrungen zu ihm und lie sich
untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tckischer Planmigkeit zu Werke.
    Zuerst stellte er das bliche Krankenverhr an, notierte aber geschickt
immer nur, um fr alle Flle gedeckt zu sein, jene Antworten, die eine Deutung
auf grnen Star zulieen.
    Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frhere Diagnose vorlge.
    Gesprchsweise lie er einflieen, da ein dringender Ruf aus dem Auslande
behufs wichtiger wissenschaftlicher Manahmen an ihn ergangen sei und er daher
schon morgen verreisen msse. -
    Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie mglich.
    Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!
    Wenn das Verhr vorber und die bliche bange Frage des Patienten, ob Grund
zur Befrchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen ersten
Schachzug.
    Er setzte sich dem Kranken gegenber, lie eine Minute verstreichen und
sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:
    Erblindung beider Augen ist bereits in der allernchsten Zeit wohl
unvermeidlich!
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    Die Szene, die naturgem folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute in
Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung zu Boden.
    Das Augenlicht verlieren, heit alles verlieren.
    Und wenn der wiederum bliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie Dr.
Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar keine Hilfe mehr
gbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und verwandelte sich selbst in
jenen - Gott, der helfen konnte!
    Alles, alles in der Welt ist wie ein Schachzug, Meister Pernath! -
    Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
einzige, was vielleicht Rettung bringen knne, und mit einer wilden, gierigen
Eitelkeit, die pltzlich ber ihn kam, erging er sich mit einem Redeschwall in
weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die alle mit dem vorliegenden
eine ungemein groe hnlichkeit gehabt htten, - wie unzhlige Kranke ihm allein
die Erhaltung des Augenlichts verdankten und dergleichen mehr.
    Er schwelgte frmlich in dem Gefhl, fr eine Art hheren Wesens gehalten zu
werden, in dessen Hnde das Wohl und Wehe seines Mitmenschen gelegt ist.
    Das hilflose Opfer aber sa, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen vor
ihm, Angstschwei auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die Rede zu
fallen, aus Furcht: ihn - den einzigen, der noch Hilfe bringen konnte - zu
erzrnen.
    Und mit den Worten, da er zur Operation leider erst in einigen Monaten
schreiten knne, wenn er von seiner Reise wieder zurck sei, schlo Dr. Wassory
seine Rede.
    Hoffentlich - man solle in solchen Fllen immer das Beste hoffen - sei es
dann nicht zu spt, sagte er.
    Natrlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklrten, da sie unter
gar keinen Umstnden auch nur einen Tag lnger warten wollten, und baten
flehentlich um Rat, wer von den andern Augenrzten in der Stadt sonst wohl als
Operateur in Betracht kme.
    Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag
fhrte.
    Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des
Grams und lispelte schlielich bekmmert, ein Eingriff seitens eines andern
Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges mit elektrischem
Licht, und das msse - der Patient wisse ja selbst, wie schmerzhaft es sei -
wegen der blendenden Strahlen geradezu verhngnisvoll wirken.
    Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, da so manchem von ihnen gerade
in der Iridektomie die ntige bung fehle - drfe, eben weil er wiederum von
neuem untersuchen msse, gar nicht vor Ablauf lngerer Zeit, bis sich die
Sehnerven wieder erholt htten, zu einem chirurgischen Eingriff schreiten.
    Charousek ballte die Fuste.
    Das nennen wir in der Schachsprache Zugzwang, lieber Meister Pernath! - -
Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, - ein erzwungener Zug nach dem andern.
    Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr. Wassory,
er mge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise verschieben und die
Operation selber vornehmen. - Es handle sich doch um mehr als um schnellen Tod,
die grauenhafte, folternde Angst, jeden Augenblick erblinden zu mssen, sei ja
das Schrecklichste, was es geben knne.
    Und je mehr das Scheusal sich strubte und jammerte: ein Aufschub seiner
Reise knne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto hhere Summen boten
freiwillig die Kranken.
    Schien schlielich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und fgte
bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken konnte, den
Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren Schaden zu, jenes
immerwhrende Gefhl des Geblendetseins, das das Leben zu stetiger Qual
gestalten mute, die Spuren des Schurkenstreiches aber ein fr allemal
verwischte.
    Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht nur
seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch jedesmal
gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, - es befriedigte gleichzeitig
seine malose Geldgier und frnte seiner Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an
Krper und Vermgen geschdigten Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und
ihn als Retter priesen.
    Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen,
unscheinbaren, jedoch unberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von Kindheit an
gelernt hat, auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der jeden Menschen in der
Stadt kannte und bis ins kleinste seine Beziehungen und Vermgensverhltnisse
erriet und durchschaute, - nur ein solcher - Halbhellsehender mchte man es
beinahe nennen, - konnte jahrelang derartige Scheulichkeiten verben.
    Und wre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch, wrde es
bis ins hohe Alter weiterbetrieben haben, um schlielich als ehrwrdiger
Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren, knftigen
Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu genieen, bis - bis
endlich auch ber ihn das groe Verrecken hinweggezogen wre.
    Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener
Atmosphre hllischer List gesttigt, und so vermochte ich ihn zu Fall zu
bringen, - so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen, - wie aus
heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.
    Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der Entlarvung, -
ihn schob ich vor und hufte Beweis auf Beweis, bis der Tag anbrach, wo der
Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory ausstreckte.
    Da beging die Bestie Selbstmord! - Gesegnet sei die Stunde!
    Als htte mein Doppelgnger neben ihm gestanden und ihm die Hand gefhrt,
nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich absichtlich in
seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehenlassen, als ich selbst
ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche Diagnose des grnen Stars zu
stellen, - absichtlich und mit dem glhenden Wunsche, da es dieses Amylnitrit
sein mchte, das ihm den letzten Sto geben sollte.
    Der Gehirnschlag htte ihn getroffen, hie es in der Stadt.
    Amylnitrit ttet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
Gercht nicht aufrechterhalten werden.
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    Charousek starrte pltzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein tiefes
Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel nach der Richtung,
wo Aaron Wassertrums Trdlerladen lag.
    Jetzt ist er allein, murmelte er, ganz allein mit seiner Gier und - und -
und mit der Wachspuppe!
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    Mir schlug das Herz bis zum Hals.
    Ich sah Charousek voll Entsetzen an.
    War er wahnsinnig? Es muten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
erfinden lieen.
    Gewi, gewi! Er hat alles erfunden, getrumt!
    Es kann nicht wahr sein, was er da ber den Augenarzt Grauenhaftes erzhlt
hat. Er ist schwindschtig, und die Fieber des Todes kreisen in seinem Hirn.
    Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine Gedanken
in eine freundliche Richtung lenken.
    Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung das
Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in mein Zimmer
mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tr hereingeschaut hatte.
    Dr. Savioli! Dr. Savioli! - ja, ja, so war auch der Name des jungen Mannes
gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flsternd anvertraut als den des
vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier gemietet hatte.
    Dr. Savioli! - Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine Reihe
nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit schreckhaften
Vermutungen, die auf mich einstrmten.
    Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzhlen, was ich
damals erlebt, da sah ich, da ein heftiger Hustenanfall sich seiner bemchtigt
hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden, wie er sich mhsam
mit den Hnden an der Mauer sttzend in den Regen hinaustappte und mir einen
flchtigen Gru zunickte.
    Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, - fhlte ich, - das
unfabare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen schleicht Tag
und Nacht und sich zu verkrpern sucht.
    Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Pltzlich schlgt es sich
nieder in einer Menschenseele, - wir ahnen es nicht, - da, dort, und ehe wir es
fassen knnen, ist es gestaltlos geworden und alles lngst vorber.
    Und nur noch dunkle Worte ber irgendein entsetzliches Geschehnis kommen an
uns heran.
    Mit einem Schlage begriff ich diese rtselhaften Geschpfe, die rings um
mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs Dasein von
einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt - - so, wie vorhin das Brautbukett
in dem schmutzigen Rinnsal vorberschwamm.
    Mir war, als starrten die Huser alle mit tckischen Gesichtern voll
namenloser Bosheit auf mich herber, - die Tore: aufgerissene schwarze Muler,
aus denen die Zungen ausgefault waren, - Rachen, die jeden Augenblick einen
gellenden Schrei ausstoen konnten, so gellend und haerfllt, da es uns bis
ins Innerste erschrecken mte.
    Was hatte zum Schlu noch der Student ber den Trdler gesagt? - Ich
flsterte mir seine Worte vor: - Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit seiner
Gier und - - seiner Wachspuppe.
    Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?
    Es mu ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, - eines jener
krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu berfallen pflegt, die man nicht
versteht, und die einen, wenn sie spter unerwartet sichtbar werden, so
tieferschrecken knnen wie die Dinge von ungewohnter Form, auf die pltzlich ein
greller Lichtstreif fllt.
    Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck, den
mir Charouseks Erzhlung verursacht hatte, abzuschtteln.
    Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten: Neben
mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich gelacht hatte.
    Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenber.
    Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zgen zuckte vor
Erregung.
    Unwillkrlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, da sie wie gebannt an
der rothaarigen Rosina hingen, die drben jenseits der Gasse stand, ihr
immerwhrendes Lcheln um die Lippen.
    Der Alte war bemht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, da sie es wohl
wute, aber sich benahm, als verstnde sie nicht.
    Endlich hielt es der Alte nicht lnger aus, watete auf den Fuspitzen
hinber und hpfte mit lcherlicher Elastizitt wie ein groer schwarzer
Gummiball ber die Pftzen.
    Man schien ihn zu kennen, denn ich hrte allerhand Glossen fallen, die
darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch um den
Hals, mit blauer Militrmtze, die Virginia hinter dem Ohr, machte mit
grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
    Ich begriff nur, da sie den Alten in der Judenstadt den Freimaurer
nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen wollten,
der sich an halbwchsigen Mdchen zu vergehen pflegt, aber durch intime
Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. - - -
    Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drben im Dunkel des Hausflures
verschwunden.

                                     Punsch


Wir hatten das Fenster geffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen Zimmer
strmen zu lassen.
    Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mntel, die an
der Tre hingen, da sie leise hin und her schwankten.
    Prokops wrdige Haupteszierde mchte am liebsten davonfliegen, sagte Zwakh
und deutete auf des Musikers groen Schlapphut, der die breite Krempe bewegte
wie schwarze Flgel.
    Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
    Er will, sagte er, er will wahrscheinlich - - -
    Er will zum Loisitschek zur Tanzmusik, nahm ihm Vrieslander das Wort
vorweg.
    Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klngen, die die dnne
Winterluft her ber die Dcher trug.
    Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als zupfe er
die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und gespreizter
Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:

An Bein-del von Ei-sen
recht alt
An Stran-zen net gar
a so kalt
Messinung, a' Rucherl
und Rohn
und immerrr nurr putz-en - - -

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Wie groartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht! und
Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:

Und stok-en sich Aufzug
und Pfiff
Und schmallern an eisernes
G'sff.
Juch, -
Und Handschuhkren, Harom net san - -

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim Loisitschek der meschuggene
Nephtali Schaffranek mit dem grnen Augenschirm, und ein geschminktes Weibsbild
spielt Harmonika und grlt den Text dazu, erklrte mir Zwakh. Sie sollten auch
einmal mit uns in diese Schenke gehen, Meister Pernath. Spter vielleicht, wenn
wir mit dem Punsch zu Ende sind, - was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen
Geburtstages?
    Ja, ja kommen Sie nachher mit uns, sagte Prokop und klinkte das Fenster
zu, - man mu so etwas gesehen haben.
    Dann tranken wir den heien Punsch und hingen unsern Gedanken nach.
    Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
    Sie haben uns frmlich von der Auenwelt abgeschnitten, Josua, unterbrach
Zwakh die Stille, seit Sie das Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein
Wort gesprochen.
    Ich dachte nur darber nach, als vorhin die Mntel so flogen, wie seltsam
es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt, antwortete Prokop schnell, wie um
sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: Es sieht gar so wunderlich aus,
wenn Gegenstnde pltzlich zu flattern anheben, die sonst immer tot daliegen.
Nicht? - Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu, wie groe
Papierfetzen, - ohne da ich vom Winde etwas sprte, denn ich stand durch ein
Haus gedeckt, - in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als
htten sie sich den Tod geschworen. Einen Augenblick spter schienen sie sich
beruhigt zu haben, aber pltzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung ber
sie, und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drngten sich in einen Winkel
zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und schlielich hinter
einer Ecke zu verschwinden.
    Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem Pflaster
liegen und klappte haerfllt auf und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und
als schnappe sie nach Luft.
    Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
Lebewesen auch so etwas hnliches wren wie solche Papierfetzen? - Ob nicht
vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher Wind auch uns hin und her treibt
und unsre Handlungen bestimmt, whrend wir in unserer Einfalt glauben unter
eigenem, freien Willen zu stehen?
    Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wre als ein rtselhafter
Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weit du, von wannen er kommt
und wohin er geht? - - - Trumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen in tiefes
Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist geschehen, als da ein
kalter Luftzug unsere Hnde traf?
    Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen? sagte
Zwakh und sah den Musiker mitrauisch an.
    Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzhlt wurde, - schade, da Sie
so spt kamen und sie nicht mit anhrten, - hat ihn so nachdenklich gestimmt,
meinte Vrieslander.
    Eine Geschichte von einem Buche?
    Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah. -
Pernath wei nicht, wie er heit, wo er wohnt, was er wollte, und obwohl sein
Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch nicht recht
schildern.
    Zwakh horchte auf.
    Das ist sehr merkwrdig, sagte er nach einer Pause, war der Fremde
vielleicht bartlos, und hatte er schrgstehende Augen?
    Ich glaube, antwortete ich, das heit, ich - ich - wei es ganz bestimmt.
Kennen Sie ihn denn?
    Der Marionettenspieler schttelte den Kopf: Er erinnerte mich nur an den
Golem.
    Der Maler Vrieslander lie sein Schnitzmesser sinken:
    Golem? - Ich habe schon so viel davon reden hren. Wissen Sie etwas ber
den Golem, Zwakh?
    Wer kann sagen, da er ber den Golem etwas wisse?, antwortete Zwakh und
zuckte die Achseln. Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines Tages
in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn pltzlich wieder aufleben lt.
Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die Gerchte wachsen ins
Ungeheuerliche. Werden so bertrieben und aufgebauscht, da sie schlielich an
der eigenen Unglaubwrdigkeit zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht
wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurck, sagt man. Nach verlorengegangenen
Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen knstlichen Menschen - den
sogenannten Golem - verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die Glocken
in der Synagoge luten, und allerhand grobe Arbeit tue.
    Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes,
halbbewutes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heit, auch das nur tagsber und
kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hinter den Zhnen stak und
die freien siderischen Krfte des Weltalls herabzog.
    Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
Munde des Golem zu nehmen versumt, da wre dieser in Tobsucht verfallen, in der
Dunkelheit durch die Gassen gerast und htte zerschlagen, was ihm in den Weg
kam.
    Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
    Und da sei das Geschpf leblos niedergestrzt. Nichts blieb von ihm brig
als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drben in der Altneusynagoge
gezeigt wird.
    Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen worden
sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht haben, warf
Prokop ein, moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu einer Laterna magica
bedient.
    Jawohl, keine Erklrung ist abgeschmackt genug, da sie bei den Heutigen
nicht Beifall fnde, fuhr Zwakh unbeirrt fort. - Eine Laterna magica!! Als ob
Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen Dingen nachging, einen so plumpen
Schwindel nicht auf den ersten Blick htte durchschauen mssen!
    Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurckfhren lt,
da aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesen
treibt und damit zusammenhngt, dessen bin ich sicher. Von Geschlecht zu
Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt, und niemand kann wohl auf mehr
erlebte und ererbte Erinnerungen an das periodische Auftauchen des Golem
zurckblicken als gerade ich!
    Zwakh hatte pltzlich aufgehrt zu reden, und man fhlte mit ihm, wie seine
Gedanken in vergangene Zeiten zurckwanderten.
    Wie er, den Kopf aufgesttzt, dort am Tische sa und beim Scheine der Lampe
seine roten, jugendlichen Bckchen fremdartig von dem weien Haar abstachen,
verglich ich unwillkrlich im Geiste seine Zge mit den maskenhaften Gesichtern
seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
    Seltsam, wie hnlich ihnen der alte Mann doch sah!
    Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
    Manche Dinge der Erde knnen nicht loskommen voneinander, fhlte ich, und
wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorberziehen lie, da schien es mir
mit einemmal gespenstisch und ungeheuerlich, da ein Mensch wie er, obschon er
eine bessere Erziehung als seine Vorfahren genossen hatte und Schauspieler htte
werden sollen, pltzlich wieder zu dem schbigen Marionettenkasten zurckkehren
konnte, um nun abermals auf die Jahrmrkte zu ziehen und dieselben Puppen, die
schon seiner Vorvter kmmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre
ungelenken Verbeugungen machen und schlfrigen Erlebnisse vorfhren zu lassen.
    Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben mit
von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich in Gedanken
verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und ruhelos gemacht, bis
er wieder heimkehrte. Darum hlt er sie jetzt so liebevoll und kleidet sie stolz
in Flitter.
    Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzhlen? forderte Prokop den Alten auf
und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen Wunsches
seien.
    Ich wei nicht, wo ich anfangen soll, meinte der Alte zgernd, die
Geschichte mit dem Golem lt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin sagte:
er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch knne er ihn
nicht schildern. Ungefhr alle dreiunddreiig Jahre wiederholt sich ein Ereignis
in unsern Gassen, das gar nichts besonders Aufregendes an sich trgt und dennoch
ein Entsetzen verbreitet, fr das weder eine Erklrung noch eine Rechtfertigung
ausreicht:
    Immer wieder begibt es sich nmlich, da ein vollkommen fremder Mensch,
bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus, aus der Richtung der
Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehllt, gleichmigen
und eigentmlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornber
fallen, durch die Judenstadt schreitet und pltzlich - unsichtbar wird.
    Gewhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
    Ein andermal heit es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben und
sei zu dem Punkte zurckgekehrt, von dem er ausgegangen: einem uralten Hause in
der Nhe der Synagoge.
    Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie htten ihn um eine Ecke auf sich
zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich entgegengeschritten, sei er
dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt sich in weiter Ferne verliert, immer
kleiner und kleiner geworden und - schlielich ganz verschwunden.
    Vor sechsundsechzig Jahren nun mu der Eindruck, den er hervorgebracht,
besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich - ich war noch ein ganz
kleiner Junge -, da man das Gebude in der Altschulgasse damals von oben bis
unten durchsuchte.
    Es wurde auch festgestellt, da wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
Gitterfenster vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
    Aus allen Fenstern hatte man Wsche gehngt, um von der Gasse aus einen
Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur
gekommen.
    Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem Strick
vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nhe des
Fensters gelangt, da ri das Seil, und der Unglckliche zerschmetterte sich auf
dem Pflaster den Schdel. Und als spter der Versuch nochmals wiederholt werden
sollte, gingen die Ansichten ber die Lage des Fensters derart auseinander, da
man davon abstand.
    Ich selber begegnete dem Golem das erste Mal in meinem Leben vor ungefhr
dreiunddreiig Jahren.
    Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast
aneinander.
    Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein mu.
Man trgt doch um Gottes willen nicht immerwhrend, tagaus tagein die Erwartung
mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
    In jenem Augenblick aber, bestimmt - ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und im
selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, und jener
Unbekannte ging an mir vorber. Eine Sekunde spter drang eine Flut bleicher,
aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen bestrmten, ob ich ihn
gesehen htte.
    Und als ich antwortete, da fhlte ich, da sich meine Zunge wie aus einem
Krampfe lste, von dem ich vorher nichts gesprt hatte.
    Ich war frmlich berrascht, da ich mich bewegen konnte, und deutlich kam
mir zum Bewutsein, da ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlags
lang - in einer Art Starrkrampf befunden haben mute.
    ber all das habe ich oft und lange nachgedacht, und mich dnkt, ich komme
der Wahrheit am nchsten, wenn ich sage: Immer einmal in der Zeit eines
Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die Judenstadt,
befllt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der uns verhllt bleibt,
und lt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines charakteristischen Wesens
erstehen, das vielleicht vorjahrhunderten hier gelebt hat und nach Form und
Gestaltung drstet.
    Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde fr Stunde, und wir nehmen es
nicht wahr. Hren wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht,
bevor sie das Holz berhrt und es mitschwingen macht.
    Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
innewohnendes Bewutsein, - ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein Kristall nach
stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswchst.
    Wer wei das?
    Wie in schwlen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur Unertrglichkeit
steigert und endlich den Blitz gebiert, knnte es da nicht sein, da auch auf
die stetige Anhufung jener niemals wechselnden Gedanken, die hier im Ghetto die
Luft vergiften, eine pltzliche, ruckweise Entladung folgen mu? - eine
seelische Explosion, die unser Traumbewutsein ans Tageslicht peitscht, um -
dort den Blitz der Natur - hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang
und Gehaben, in allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren
mte, wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstnde?
    Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes anknden, so
verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen
jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abbltternde Bewurf einer alten Mauer
nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen
am Fenster bilden sich Zge starrer Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders
zu fallen als sonst und drngt dem argwhnischen Beobachter den Verdacht auf,
eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hlt, werfe ihn
herab und be sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse
hervorzubringen. - Ruht das Auge auf eintnigem Geflecht oder den Unebenheiten
der Haut, bemchtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, berall mahnende,
bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Trumen ins Riesengroe auswachsen.
Und immer zieht sich durch solche schemenhaften Versuche der angesammelten
Gedankenherden, die Wlle der Alltglichkeit zu durchnagen, fr uns wie ein
roter Faden die qualvolle Gewiheit, da unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht
und gegen unsern Willen ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms
plastisch werden knne.
    Wie ich nun vorhin Pernath besttigen hrte, da ihm ein Mensch begegnet
sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der Golem vor mir, wie ich
ihn damals gesehen.
    Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
    Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklrliches nahe
bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich schon einmal
in meinen Kinderjahren versprt, als die ersten spukhaften uerungen des Golem
ihre Schatten vorauswarfen.
    Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knpft sich an einen Abend,
an dem der Brutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und in der Familie
der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
    Es wurde damals Blei gegossen - zum Scherz - und ich stand mit offenem Munde
dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, - in meiner wirren,
kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem Golem, von dem ich
meinen Grovater oft hatte erzhlen hren, und bildete mir ein, jeden Augenblick
msse die Tr aufgehen und der Unbekannte eintreten.
    Meine Schwester leerte dann den Lffel mit dem flssigen Metall in das
Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
    Mit welken, zitternden Hnden holte mein Grovater den blitzenden
Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
hinzudrngen, aber man wehrte mich ab.
    Spter, als ich lter geworden, erzhlte mir mein Vater, es wre damals das
geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt gewesen, -
glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von unheimlicher hnlichkeit
mit den Zgen des Golem, da sich alle entsetzt htten.
    Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der
Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus Kaiser
Rudolfs Zeiten, darber. Er hat sich mit Kabbala befat und meint, jener
Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaen sei vielleicht nichts anderes als ein
ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall der bleierne Kopf. Und der
Unbekannte, der da umgehe, msse das Phantasie- oder Gedankenbild sein, das
jener mittelalterliche Rabbiner zuerst lebendig gedacht habe, ehe er es mit
Materie bekleiden konnte, und das nun in regelmigen Zeitabschnitten, bei den
gleichen astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden -
wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben geqult.
    Auch Hillels verstorbene Frau hatte den Golem von Angesicht zu Angesicht
erblickt und ebenso wie ich gefhlt, da man sich im Starrkrampf befindet,
solange das rtselhafte Wesen in der Nhe weilt.
    Sie sagte, sie sei felsenfest berzeugt gewesen, da es damals nur ihre
eigene Seele habe sein knnen, die - aus dem Krper getreten - ihr einen
Augenblick gegenbergestanden und mit den Zgen eines fremden Geschpfes ins
Gesicht gestarrt htte.
    Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemchtigt, habe sie
doch keine Sekunde die Gewiheit verlassen, da jener andere nur ein Stck ihres
eignen Innern sein konnte. - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es ist unglaublich, murmelte Prokop in Gedanken verloren.
    Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grbeln versunken.
    Da klopfte es an die Tre und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
bringt und was ich sonst noch ntig habe, trat ein, stellte den tnernen Krug
auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
    Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber noch
lange Zeit sprach niemand ein Wort.
    Als sei ein neuer Einflu mit der Alten zur Tr hereingeschlpft, an den man
sich erst gewhnen mute.
    Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen sieht,
sagte pltzlich Zwakh ganz unvermittelt. Dieses erstarrte, grinsende Lcheln
kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die Gromutter, dann die
Mutter! - Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug anders! Derselbe Name Rosina;
- es ist immer eine die Auferstehung der andern.
    Ist Rosina nicht die Tochter des Trdlers Aaron Wassertrum? fragte ich.
    Man spricht so, meinte Zwakh, - - Aaron Wassertrum aber hat manchen Sohn
und manche Tochter, von denen man nicht wei. Auch bei Rosinas Mutter wute man
nicht, wer ihr Vater gewesen, - auch nicht, was aus ihr geworden ist. - Mit
fnfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und war seitdem nicht mehr
aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord zusammen, soweit ich mich
entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause begangen wurde.
    Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals sie den halbwchsigen Jungen im Kopfe.
Einer von ihnen lebt noch, - ich sehe ihn fter, - doch sein Name ist mir
entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine, sie hat sie alle
frhzeitig under die Erde gebracht. Ich erinnere mich aus jener Zeit berhaupt
nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene Bilder durch mein Gedchtnis
treiben. So hat es damals einen halbbldsinnigen Menschen gegeben, der nachts
von Schenke zu Schenke zog und den Gsten gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus
schwarzem Papier schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine
unsgliche Traurigkeit, und unter Trnen und Schluchzen schnitzelte er, ohne
aufzuhren, immer das gleiche scharfe Mdchenprofil, bis sein ganzer
Papiervorrat verbraucht war.
    Aus Zusammenhngen zu schlieen, die ich lngst vergessen, hatte er - fast
als Kind noch - eine gewisse Rosina, wohl die Gromutter der heutigen, so heftig
geliebt, da er den Verstand darber verlor.
    Wenn ich die Jahre zurckzhle, kann es keine andere als die Gromutter der
jetzigen Rosina gewesen sein.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zwakh schwieg und lehnte sich zurck. - - - - - -
    Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder zum
selben Punkt zurck, fuhr es mir durch den Sinn, und ein hliches Bild, das ich
einmal mit angesehen - eine Katze mit verletzter Gehirnhlfte im Kreise
herumtaumelnd - trat vor mein Auge. - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Jetzt kommt der Kopf, hrte ich pltzlich den Maler Vrieslander mit heller
Stimme sagen.
    Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu
schnitzen.
    Eine schwere Mdigkeit legte sich mir ber die Augen, und ich rckte meinen
Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.
    Das Wasser fr den Punsch brodelte im Kessel, und Josua Prokop fllte
wiederum die Glser. Leise, ganz leise klangen die Klnge der Tanzmusik durch
das geschlossene Fenster; - manchmal verstummten sie vollends, dann wiederum
wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs verlor oder zu uns von der
Gasse emportrug.
    Ob ich denn nicht anstoen wolle, fragte mich nach einer Weile der Musiker.
    Ich aber gab keine Antwort, - so vollkommen war mir der Wille, mich zu
bewegen, abhanden gekommen, da ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu
ffnen, verfiel.
    Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich meiner
bemchtigt hatte. Und ich mute hinber auf Vrieslanders funkelndes Messer
blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Spne bi, - um die Gewiheit zu
erlangen, da ich wach sei.
    In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzhlte wieder allerlei
wunderliche Geschichten ber Marionetten und krause Mrchen, die er fr seine
Puppenspiele erdacht.
    Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin
eines Adeligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu Besuch
komme.
    Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums hhnische, triumphierende
Miene. -
    Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,
berlegte ich, - dann hielt ich es nicht der Mhe fr wert und fr belanglos.
Auch wute ich, da mein Wille versagen wrde, wollte ich jetzt den Versuch
machen zu sprechen.
    Pltzlich sahen die drei am Tisch aufmerksam zu mir herber, und Prokop
sagte ganz laut: Er ist eingeschlafen, - so laut, da es fast klang, als ob es
eine Frage sein sollte.
    Sie redeten mit gedmpfter Stimme weiter, und ich erkannte, da sie von mir
sprachen.
    Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf, das
von der Lampe niederflo, und der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen.
    Es fiel ein Wort wie: irr sein, und ich horchte auf die Rede, die in der
Runde ging.
    Gebiete, wie das vom Golem sollte man vor Pernath nie berhren, sagte
Josua Prokop vorwurfsvoll, als er vorhin von dem Buche Ibbur erzhlte,
schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich mchte wetten, er hat alles
nur getrumt.
    Zwakh nickte: Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem Lichte
eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tcher Decke und Wnde
bespannen und der drre Zunder der Vergangenheit fuhoch den Boden bedeckt; ein
flchtiges Berhren nur und schon schlgt das Feuer aus allen Ecken.
    War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst vierzig
sein, sagte Vrieslander.
    Ich wei es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen mag
und was frher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein
altfranzsischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem Spitzbart. Vor
vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter Arzt gebeten, ich mchte
mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine kleine Wohnung hier in diesen
Gassen, wo sich niemand um ihn kmmern und mit Fragen nach frheren Zeiten
beunruhigen wrde, aussuchen. - Wieder sah Zwakh bewegt zu mir herber. - Seit
jener Zeit lebt er hier, bessert Antiquitten aus und schneidet Gemmen und hat
sich damit einen kleinen Wohlstand gegrndet. Es ist ein Glck fr ihn, da er
alles, was mit seinem Wahnsinn zusammenhngt, vergessen zu haben scheint. Fragen
Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in seiner
Erinnerung wachrufen knnten, - wie oft hat mir das der alte Arzt ans Herz
gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so eine gewisse Methode;
wir haben seine Krankheit mit vieler Mhe eingemauert, mchte ich's nennen, - so
wie man eine Unglckssttte einfriedet, weil sich an sie eine traurige
Erinnerung knpft. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein Schlchter
auf ein wehrloses Tier und prete mir mit rohen, grausamen Hnden das Herz
zusammen.
    Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, - ein Ahnen, als wre mir
etwas genommen worden und als htte ich in meinem Leben eine lange Strecke Wegs
an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler. Und nie war es mir
gelungen, die Ursache zu ergrnden.
    Jetzt lag des Rtsels Lsung offen vor mir und brannte mich unertrglich wie
eine blogelegte Wunde.
    Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse
nachzuhngen, - dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende Traum,
ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzugnglicher Gemcher gesperrt, - das
bengstigende Versagen meines Gedchtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit
betrafen, - alles das fand mit einem Male seine furchtbare Erklrung: ich war
wahnsinnig gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das - Zimmer
verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemchern meines Gehirns bildete, und
mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens gemacht.
    Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!
    Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,
vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, - nie wrde ich sie erkennen knnen:
eine verschnittene Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden Wurzel
sprot. Gelnge es mir auch, den Eingang in jenes verschlossene Zimmer zu
erzwingen, mte ich nicht abermals den Gespenstern, die man darein gebannt, in
die Hnde fallen?!
    Die Geschichte von dem Golem, die Zwakh vor einer Stunde erzhlte, zog mir
durch den Sinn, und pltzlich erkannte ich einen riesengroen, geheimnisvollen
Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne Zugang, in dem jener
Unbekannte wohnen sollte, und meinem bedeutungsvollen Traum.
    Ja! auch in meinem Falle wrde der Strick reien, wollte ich versuchen, in
das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.
    Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas
unbeschreiblich Erschreckendes fr mich an.
    Ich fhlte: es sind da Dinge - unfabare - zusammengeschmiedet und laufen
wie blinde Pferde, die nicht wissen wohin der Weg fhrt, nebeneinander her.
    Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden kann, -
ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen durch die Gassen
tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu tragen! - - -
    Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte unter
der Klinge des Messers.
    Es tat mir fast weh, wie ich es hrte, und ich sah hin, ob es denn nicht
bald zu Ende sei.
    Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als habe er
Bewutsein und sphe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine Augen lange auf
mir, befriedigt, da sie mich endlich gefunden.
    Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte unverwandt
auf das hlzerne Antlitz.
    Eine Weile schien das Messer des Malers zgernd etwas zu suchen, dann ritzte
es entschlossen eine Linie ein, und pltzlich gewannen die Zge des Holzklotzes
schreckhaftes Leben.
    Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch
gebracht.
    Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine
Sekunde gedauert, und ich sprte, da mein Herz zu schlagen aufhrte und
ngstlich flatterte.
    Dennoch blieb ich mir - wie damals - des Gesichtes bewut.
    Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Scho und sphte umher.
    Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte meinen
Schdel.
    Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Miene und hrte seine Worte:
um Gottes Willen, das ist ja der Golem!
    Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt das
Schnitzwerk entreien, doch der wehrte sich und rief lachend:
    Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar milungen. Und er wand sich los,
ffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.
    Da schwand mein Bewutsein, und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die
von schimmernden Goldfden durchzogen war, und als ich, wie es mir schien, nach
einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hrte ich das Holz klappernd auf das
Pflaster fallen. - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Sie haben so fest geschlafen, da Sie nicht merkten, wie wir Sie
schttelten, - sagte Josua Prokop zu mir, der Punsch ist aus, und Sie haben
alles versumt.
    Der heie Schmerz, ber das, was ich vorhin mitangehrt, bermannte mich
wieder, und ich wollte aufschreien, da ich nicht getrumt habe, als ich ihnen
von dem Buche Ibbur erzhlte - und es aus der Kassette nehmen und ihnen zeigen
knne.
    Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung allgemeinen
Aufbruches, die meine Gste ergriffen hatte, nicht durchdringen.
    Zwakh hngte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:
    Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre
Lebensgeister erfrischen.

                                     Nacht


Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterfhren lassen.
    Ich sprte den Geruch des Nebels, der von der Strae ins Haus drang,
deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren einige
Schritte vorausgegangen, und man hrte, wie sie drauen vor dem Torweg mitsammen
sprachen.
    Er mu rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum Teufelholen.
    Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bckte und die
Marionette suchte.
    Freut mich, da du den dummen Kopf nicht finden kannst, brummte
Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht leuchtete
grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen - wie er das Feuer eines
Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
    Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte sich
noch tiefer hinab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:
    Still doch! Hrt ihr denn nichts?
    Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte
horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und lauschten in
den Schacht hinab.
    Nichts.
    Was war's denn? flsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch sofort
packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.
    Einen Augenblick - kaum einen Herzschlag lang - hatte es mir geschienen, als
klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte - fast unhrbar. Wie ich eine
Sekunde spter darber nachdachte, war alles vorbei; nur in meiner Brust hallte
es wie ein Erinnerungsecho weiter und lste sich langsam in ein unbestimmtes
Gefhl des Grauens auf.
    Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.
    Gehen wir; was stehen wir da herum! mahnte Vrieslander.
    Wir schritten die Huserreihe entlang.
    Prokop folgte nur widerwillig.
    Meinen Hals mcht' ich wetten, da unten hat jemand geschrien in
Todesangst.
    Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fhlte, da etwas wie leise
dmmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.
    Bald darauf standen wir vor einem rotverhngten Schenkenfenster.

                              SALON LOISITSCHEK.
                            Heinte groes Konzehr

stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen
Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.
    Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, ffnete sich die
Eingangstr nach innen, und ein vierschrtiger Kerl mit gewichstem schwarzem
Haar, ohne Kragen - eine grnseidene Krawatte um den bloen Hals geschlungen und
die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszhnen geschmckt - empfing uns mit
Bcklingen.
    J, j, das sin mir Gsth. - - - Pane Schaffranek, rasch einen Tusch!
setzte er, ber die Schulter in das von Menschen berfllte Lokal gewendet,
hastig seinem Willkommensgru hinzu.
    Ein klimperndes Gerusch, wie wenn eine Ratte ber Klaviersaiten liefe, war
die Antwort.
    J, j, das sin mir Gsth, das sin mir Gsth. Da schaut man, murmelte
der Vierschrtige immerwhrend eifrig vor sich hin, whrend er uns aus den
Mnteln half.
    Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir
versammelt, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene, als im
Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Gelnder und eine zweistufige
Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar vornehme junge
Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.
    Schwaden beienden Tabakrauches lagerten ber den Tischen, hinter denen die
langen Holzbnke an den Wnden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten waren:
Dirnen von den Schanzen, ungekmmt, schmutzig, barfu, die festen Brste kaum
verhllt von mifarbigen Umhngetchern, Zuhlter daneben mit blauen
Militrmtzen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhndler mit haarigen Fusten
und schwerflligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine stumme Sprache der
Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen Augen und blatternarbige
Kommis mit karrierten Hosen.
    Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schn ungestrt
sein, krchzte die feiste Stimme des Vierschrtigen, und eine Rollwand, beklebt
mit kleinen, tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den Ecktisch, an den wir
uns gesetzt hatten.
    Schnarrende Klnge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer
verlschen.
    Eine Sekunde eine rhythmische Pause.
    Totenstille, als hielte alles den Atem an.
    Mit erschreckender Deutlichkeit hrte man pltzlich wie die eisernen
Gasstbe fauchend die flachen herzfrmigen Flammen aus ihren Mndern in die Luft
bliesen - - dann fiel die Musik ber das Gerusch her und verschlang es.
    Als wren sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame Gestalten
aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.
    Mit langem, wallendem, weien Prophetenbart, ein schwarzseidenes Kppchen -
wie es die alten jdischen Familienvter tragen - auf dem Kahlkopf, die blinden
Augen milchblulich und glsern - starr zur Decke gerichtet - sa dort ein
Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit drren Fingern wie mit
Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm in speckglnzendem, schwarzen
Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an Hals und Armen - ein Sinnbild
erheuchelter Brgermoral - ein schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem
Scho.
    Ein wildes Gestolper von Klngen drngte sich aus den Instrumenten, dann
sank die Melodie ermattet zur bloen Begleitung herab.
    Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und ri den Mund weit auf,
da man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der Brust herauf
rang sich ihm, von seltsamen hebrischen Rchellauten begleitet, ein wilder Ba:
    Roo - n - te, blau - we Stern - -
    Rititit (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die
keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)
    Roonte blaue Steern
    Hrndlach ess i' ach geern;
    Rititit
    Rotboart, Grienboart
    allerlaj Stern - -
    Rititit, rititit.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Paare traten zum Tanze an.
    Es ist das Lied vom chomezigen Borchu, erklrte uns lchelnd der
Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlffel, der sonderbarerweise mit
einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. Vor wohl hundert Jahren oder mehr
noch hatten zwei Bckergesellen, Rotbart und Grnbart, am Abend des Schabbes
Hagodel das Brot - Sterne und Hrnchen - vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben
in der Judenstadt hervorzurufen; aber der Meschores - der Gemeindediener - war
infolge gttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen und konnte die
beiden Verbrecher der Stadtpolizei berliefern. Zur Erinnerung an die wundersame
Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die Landonim und Bocherlech jenes
seltsame Lied, das wir hier jetzt als Bordellquadrille hren.
    Rititit - Rititit
    Roote blaue Steern - - - - immer hohler und fanatischer erscholl das
Gebell des Greises.
    Pltzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmhlich in den Rhythmus des
bhmischen Schlapak - eines schleifenden Schiebetanzes - ber, bei dem die
Paare die schwitzigen Wangen innig aneinander preten.
    So recht. Bravo. h da! fang, hep, hep! rief von der Estrade ein
schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem Harfenisten zu,
griff in die Westentasche und warf ein Silberstck in der Richtung. Es erreichte
sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es ber das Tanzgewhl hinblitzte; da war es
pltzlich verschwunden. Ein Strolch - sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich
glaube, es mu derselbe gewesen sein, der neulich bei dem Regengu neben
Charousek gestanden - hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tnzerin, wo
er sie bisher hartnckig ruhen gehabt, hervorgezogen - ein Griff in die Luft mit
affenhafter Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und
die Mnze war geschnappt. Nicht ein Muskel zuckte im Gesicht des Burschen auf,
nur zwei, drei Paare in der Nhe grinsten leise.
    Wahrscheinlich einer vom Bataillon, nach der Geschicklichkeit zu
schlieen, sagte Zwakh lachend.
    Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom Bataillon gehrt, fiel
Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem Marionettenspieler
zu, da ich es nicht sehen sollte. - Ich verstand gar wohl: es war wie vorhin,
oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich fr krank. Wollten mich aufheitern. Und
Zwakh sollte etwas erzhlen. Irgend etwas.
    Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir hei vom Herzen in
die Augen. Wenn er wte, wie weh mir sein Mitleid tat!
    Ich berhrte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine Worte
einleitete, - ich wei nur, mir war, als verblute ich langsam. Mir wurde immer
klter und starrer, wie vorhin, als ich als hlzernes Gesicht auf Vrieslanders
Scho gelegen hatte. Dann war ich pltzlich mitten drin in der Erzhlung, die
mich fremdartig umfing, - einhllte, wie ein lebloses Stck aus einem Lesebuch.
    Zwakh begann:
    Die Erzhlung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon.
    - - - No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller Warzen und
krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jngling kannte er nichts als Studium.
Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er sich durch Stundengeben mhsam
erwarb, mute er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie grne Wiesen aussehen
und Hecken und Hgel voll Blumen und Wlder, erfuhr er, glaube ich, nur aus
Bchern. Und wie wenig von Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fllt, wissen
Sie ja selbst.
    Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich
selbstverstndlich.
    Nun, und mit der Zeit wurde er ein berhmter Rechtsgelehrter. So berhmt,
da alle Leute - Richter und alte Advokaten - zu ihm fragen kamen, wenn sie
irgend etwas nicht wuten. Dabei lebte er rmlich wie ein Bettler in einer
Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof schaute.
    So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner
Wissenschaft wurde allmhlich Sprichwort im ganzen Lande. Da ein Mann wie er
weichen Herzensempfindungen zugnglich sein konnte, zumal sein Haar schon anfing
wei zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem als von
Jurisprudenz sprechen gehort zu haben, hatte wohl keiner geglaubt. Doch gerade
in solchen verschlossenen Herzen glht die Sehnsucht am heiesten.
    An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als
Hchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: - als nmlich Seine
Majestt der Kaiser von Wien aus ihn zum Rector magnificus an unserer
Universitt ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich mit einem
jungen, bildschnen Frulein aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt.
    Und wirklich schien von da an das Gluck bei Dr. Hulbert eingezogen zu sein.
Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf
Hnden, und jeden Wunsch zu erfllen, den er ihr nur irgend von den Augen
abzulesen vermochte, war seine hchste Freude.
    In seinem Glck verga er jedoch keineswegs, wie es wohl so mancher andere
getan htte, seine leidenden Mitmenschen. Mir hat Gott meine Sehnsucht
gestillt, soll er einmal gesagt haben, - er hat mir ein Traumgesicht zur
Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir hergegangen ist seit Kindheit
an: er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trgt. Und
so will ich, da ein Schimmer von diesem Gluck, soweit es in meiner Macht steht,
auch auf andere fllt. - - -
    Und so kam es, da er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm wie
seines eigenen Sohnes. Vermutlich in der Erwgung, wie wohl ihm selbst ein solch
gutes Werk getan hatte, wre es ihm am eigenen Leib und Leben in den Tagen
seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun auf Erden manche Tat, die
dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich zieht gleich der einer
fluchwrdigen, weil wir wohl doch nicht richtig unterscheiden knnen zwischen
dem, was giftigen Samen in sich tragt und was heilsamen, so begab es sich auch
hier, da aus Dr. Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid fr ihn selbst
spro.
    Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten, und
ein erbarmungsloses Schicksal wollte, da sie der Rektor gerade in dem
Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen seiner Liebe
mit einem Strau Rosen als Geburtstagsprsent zu berraschen, in den Armen
dessen antraf, auf den er Wohltat ber Wohltat gehuft hatte.
    Man sagt, da die blaue Muttergottesblume fr immer ihre Farbe verlieren
kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter
verkndet, pltzlich auf sie fllt; gewi ist, da die Seele des alten Mannes
fr immer erblindete an dem Tage, wo sein Gluck in Scherben ging. Am selben
Abend noch sa er, er, der bis dahin nicht gewut, was Unmigkeit ist, hier
beim Loisitschek - fast bewutlos vom Fusel - bis zum Morgengrauen. Und der
Loisitschek wurde seine Heimsttte fr den Rest seines zerstrten Lebens. Im
Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaus, im Winter hier auf den
hlzernen Bnken.
    Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte belie man ihm
stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst berhmten
Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, da man rgernis nhme an seinem Wandel.
    Allmhlich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der
Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Grndung jener seltsamen
Gemeinschaft, die man noch heutigentags das Bataillon nennt.
    Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk fr alle die,
denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein entlassener
Strfling daran zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf
den Altstadter Ring - und das Amt auf der sogenannten Fischbanka sah sich
gentigt, einen Anzug beizustellen. Sollte eine unterstandslose Dirne aus der
Stadt gewiesen werden, so heiratete sie schnell einen Strolch, der
bezirkszustndig war, und wurde dadurch ansssig.
    Hundert solcher Auswege wute Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenber stand
die Polizei machtlos da. - Was diese Ausgestoenen der menschlichen Gesellschaft
verdienten, bergaben sie getreulich auf Heller und Kreuzer der gemeinsamen
Kassa, aus der der ntige Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals lie sich
auch nur einer die geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, da
angesichts dieser eisernen Disziplin der Name das Bataillon entstand.
    Pnktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglcks jhrte, das den
alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim Loisitschek eine
seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrngt standen sie hier: Bettler,
Vagabunden, Zuhlter und Dirnen, Trunkenbolde und Lumpensammler, und eine
lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. - Und dann erzhlte ihnen Dr.
Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die beiden Musikanten sitzen, gerade
unter dem Krnungsbilde Seiner Majestt des Kaisers, seine Lebensgeschichte: -
wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben und spter Rektor magnificus
geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in der Hand
ins Zimmer seiner jungen Frau trat, - zur Feier ihres Geburtstages und zugleich
zum Gedchtnis jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen und sie
seine liebe Braut geworden war, - da versagte ihm jedesmal die Stimme, und
weinend sank er am Tisch zusammen. Dann geschah es wohl zuweilen, da irgendein
liederliches Frauenzimmer ihm verschmt und heimlich, damit es keiner sehen
sollte, eine halbwelke Blume auf die Hand legte.
    Von den Zuhrern rhrte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen sind
diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten
unsicher die Finger.
    Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der Moldau.
Er wird, denke ich, erfroren sein.
    Sein Leichenbegngnis sehe ich noch heute vor mir. Das Bataillon hatte
sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie mglich zu gestalten.
    Voran ging der Pedell der Universitt in vollem Ornat: in den Hnden das
purpurne Kissenpolster mit der gldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen
in unabsehbarer Reihe - - das Bataillon barfu, schmutzstarrend, zerlumpt und
zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher: Leib,
Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
    So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
    Auf seinem Grabe, drauen im Friedhof, steht ein weier Stein, darein sind
drei Figuren gemeielt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Rubern. Von
unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau habe das Denkmal
errichtet. - - - - - - - - - -
    Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, danach
bekommt jeder vom Bataillon mittags beim Loisitschek umsonst eine Suppe; zu
diesem Zwecke hngen hier am Tisch die Lffel an den Ketten, und die
ausgehhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die
Kellnerin und spritzt mit einer groen, blechernen Spritze die Brhe hinein und,
wenn sich einer nicht ausweisen kann als vom Bataillon, so zieht sie die Suppe
mit der Spritze wieder zurck.
    Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die
ganze Welt. - - - - -
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    Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie. Die
letzten Stze, die Zwakh gesprochen, wehten ber mein Bewutsein hinweg. Ich sah
noch, wie er seine Hnde bewegte, um das Vor- und Zurckschieben eines
Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die Bilder, die sich rings um uns
abrollten, so rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer
Deutlichkeit an meinem Auge vorber, da ich in Momenten ganz mich selbst verga
und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk. Das Zimmer war ein
einziges Menschengewhl geworden. Oben auf der Estrade: dutzende Herren in
schwarzen Frcken. Weie Manschetten, blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit
Rittmeisterschnren. Im Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen
Strauenfedern.
    Durch die Stbe des Gelnders stierte das verzerrte Gesicht Loisas hinauf.
Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war da und schaute
unverwandt hinauf, mit dem Rcken dicht, ganz dicht, an der Seitenwand, als
presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
    Die Gestalten hielten pltzlich im Tanzen inne: der Wirt mute ihnen etwas
zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch, aber leise;
sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fhlte es deutlich. Und doch
lag der Ausdruck hmischer wilder Freude in dem Gesicht des Wirtes.
    - - - - In der Eingangstr steht mit einem Mal der Polizeikommissr in
Uniform. Er hatte die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen. Hinter ihm
ein Kriminalschutzmann.
    Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke. Sie
kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!
    Es klingt wie Kommandos.
    Der Vierschrtige gibt keine Antwort, aber das hmische Grinsen bleibt in
seinen Zgen.
    Blo starrer ist es geworden.
    Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
    Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
    Die Gesichter sind pltzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen
erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
    Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen herab
und geht langsam auf den Kommissr zu.
    Die Augen des Kriminalschutzmannes hngen gebannt an den heranschlendernden
schwarzen Lackschuhen.
    Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben und
lt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Fen und wieder
zurckschweifen.
    Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich ber das Gelnder
gebeugt und verbeien das Lachen hinter ihren grauseidenen Taschentchern.
    Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstck ins Auge und spuckt einem
Mdchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
    Der Polizeikommissr hat sich verfrbt und starrt in der Verlegenheit
immerwhrend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
    Er kann den gleichgltigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten,
unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.
    Er bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
    Die Totenstille im Lokal wird immer qulender.
    So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Hnden auf den
Steinsrgen liegen in den gotischen Kirchen, flstert der Maler Vrieslander mit
einem Blick auf den Kavalier.
    Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: h - Hm. - - - er kopiert
die Stimme des Wirtes: J, j, das sin mir Gsth - da schaut man. Ein
schallendes Gejohle explodiert im Lokal, da die Glser klirren; die Strolche
halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche fliegt an die Wand und
zerschellt. Der vierschrtige Wirt meckert uns erluternd und ehrfurchtsvoll zu:
Seine Durchlaucht Exzellenz Frst Ferri Athenstdt.
    Der Frst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der rmste nimmt
sie, salutiert wiederholt und schlgt die Hacken zusammen.
    Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen
wird.
    Der Kavalier spricht wieder:
    Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, - h - sind meine
lieben Gste. Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlssigen Armbewegung auf
das Gesindel, wnschen Sie, Herr Kommissr, - h - vielleicht vorgestellt zu
werden?
    Der Kommissr verneint mit erzwungenem Lcheln, stottert verlegen etwas von
leidiger Pflichterfllung und rafft sich schlielich zu den Worten auf: Ich
sehe ja, da es hier anstndig zugeht.
    Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund auf
den Damenhut mit der Strauenfeder zu und zerrt im nchsten Augenblick unter dem
Jubel der jungen Adligen - Rosina am Arm herunter in den Saal.
    Sie schwankt vor Trunkenheit und hlt die Augen geschlossen. Der groe,
kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa Strmpfe und
- einen Herrenfrack auf dem bloen Krper.
    Ein Zeichen: Die Musik fllt ein wie rasend - - - Rititit - Rititit - - -
und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir, als er
Rosina gesehen, an der Wand drben ausgestoen hat. - - - - - -
    Wir wollen gehen.
    Zwakh ruft nach der Kellnerin.
    Der allgemeine Lrm verschlingt seine Worte.
    Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
    Der Rittmeister hlt die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam mit
ihr im Takt.
    Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
    Dann murmelt es von den Bnken: Der Loisitschek, der Loisitschek, die
Hlse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch
seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit langem
blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt wie eine Dirne
und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, - hngt schmachtend an
der Brust des Frsten Athenstdt.
    Ein slicher Walzer quillt aus der Harfe.
    Wilder Ekel vor dem Leben schnrt mir die Kehle zusammen.
    Mein Blick sucht voll Angst die Ture: der Kommissr steht dort abgewendet,
um nichts zu sehen, und flstert hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas
einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
    Die beiden sphen hinber auf den blatternarbigen Loisa, der einen
Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelhmt - das Gesicht kalkwei und
verzerrt vor Entsetzen - stehen bleibt.
    Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das Bild,
wie Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, - ber das Kanalgitter
gebeugt - und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und
biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzhne, da es wie ein Klumpen
meinen Gaumen erfllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
    Ich kann die Finger nicht sehen, wei, da sie unsichtbar sind, und doch
empfinde ich sie wie etwas Krperliches.
    Und klar steht es in meinem Bewutsein: sie gehren zu der gespenstischen
Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpagasse das Buch Ibbur gegeben
haben.
    Wasser, Wasser! schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und
leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.
    In seine Wohnung schaffen, Arzt holen - der Archivar Hillel kennt sich aus
in solchen Dingen - - zu ihm bringen! - beraten sie murmelnd.
    Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und
Vrieslander tragen mich hinaus.

                                      Wach


Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen, und ich hrte, wie Mirjam, die
Tochter des Archivars Hillel, ihn ngstlich ausfragte und er sie zu beruhigen
trachtete.
    Ich gab mir keine Mhe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und
erriet mehr, als ich es in Worten verstand, da Zwakh erzhlte, mir sei ein
Unfall zugestoen und sie kmen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten und mich
wieder zu Bewutsein zu bringen.
    Noch immer konnte ich kein Glied rhren, und die unsichtbaren Finger hielten
meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefhl des Grauens
hatte von mir abgelassen. Ich wute genau, wo ich war und was mit mir geschah,
und empfand es nicht einmal als absonderlich, da man mich wie einen Toten
hinauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels niedersetzte und - allein
lie.
    Eine ruhige, natrliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach
einer langen Wanderung geniet, erfllte mich.
    Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich die
Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der von der
Gasse heraufschimmerte.
    Alles kam mir selbstverstndlich vor und ich wunderte mich weder darber,
da Hillel mit einem jdischen siebenflammigen Sabbatleuchter eintrat, noch, da
er mir gelassen Guten Abend wnschte wie jemandem, dessen Kommen er erwartet
hatte.
    Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas Besonderes
bemerkt hatte, - trotzdem wir einander oft drei- bis viermal in der Woche auf
den Stiegen begegnet waren, - fiel mir pltzlich stark an ihm auf, wie er so hin
und her ging, einige Gegenstnde auf der Kommode zurechtrckte und schlielich
mit dem Leuchter einen zweiten, gleichfalls siebenflammigen anzndete.
    Nmlich: sein Ebenma an Leib und Gliedern und der schmale, feine Schnitt
des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.
    Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerzen sah, nicht lter sein als
ich: hchstens 45 Jahre zhlen.
    Du bist um einige Minuten frher gekommen, - begann er nach einer Weile -
als anzunehmen war, sonst htte ich die Lichter schon vorher angezndet. - Er
deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre und richtete seine dunklen,
tiefliegenden Augen, wie es schien, auf jemand, der mir zu Hupten stand oder
kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und
sprach lautlos einen Satz.
    Sofort lieen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der Starrkrampf
wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich: Niemand auer
Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.
    Sein Du und die Bemerkung, da er mich erwartet habe, hatten also mir
gegolten!?
    Viel befremdender als diese beiden Umstnde an sich wirkte es auf mich, da
ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darber zu
empfinden.
    Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lchelte freundlich, wobei er
mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen Sessel wies, und
sagte:
    Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die
gespenstischen Dinge - die Kischuph - auf den Menschen; das Leben kratzt und
brennt wie ein hrener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen Welt sind
mild und erwrmend.
    Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm htte erwidern sollen. Er
schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir gegenber und
fuhr gelassen fort: Auch ein silberner Spiegel, htte er Empfindung, litte nur
Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glnzend geworden, gibt er alle
Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne Leid und Erregung.
    Wohl dem Menschen, setzte er leise hinzu, der von sich sagen kann: Ich
bin geschliffen. - Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und ich hrte ihn
einen hebrischen Satz murmeln: Lischuoscho Kiwisi Adoschem. Dann drang seine
Stimme wieder klar an mein Ohr:
    Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach gemacht. Im
Psalm David heit es:
    Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist es,
welche diese Vernderung gemacht hat.
    Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagersttten, so whnen sie, sie
htten den Schlaf abgeschttelt, und wissen nicht, da sie ihren Sinnen zum
Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden, als der
war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein wahres Wachsein und das ist
das, dem du dich jetzt nherst. Sprich den Menschen davon und sie werden sagen,
du seist krank, denn sie knnen dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und
grausam, ihnen davon zu reden.

Sie fahren dahin wie ein Strom -
Und sind wie ein Schlaf,
Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird -
Das des Abends abgehauen wird und verdorret.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir das
Buch Ibbur gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?, wollte ich
fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken in Worte fassen
konnte:
    Nimm an, der Mann, der zu Dir kam und den Du den Golem nennst, bedeute die
Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf Erden ist
nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
    Wie denkst Du mit dem Auge? Jede Form, die Du siehst, denkst Du mit dem
Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.
    Ich fhlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen, sich
losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer.
    Ruhevoll fuhr Hillel fort:
    Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind
dasselbe.
    - - kann nicht mehr sterben? - ein dumpfer Schmerz ergriff mich.
    Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des
Todes. Du hast das Buch Ibbur genommen und darin gelesen. Deine Seele ist
schwanger geworden vom Geist des Lebens, hrte ich ihn reden.
    Hillel, Hillel, la mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den des
Sterbens!, schrie alles wild in mir auf.
    Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
    Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des Todes.
Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: Ehe Gott die Welt schuf,
hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie die geistigen Leiden des
Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen die einen die Leiden auf
sich. Die anderen aber weigerten sich, und diese strich Gott aus dem Buche der
Lebenden. Du aber gehst einen Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, -
wenn Du es jetzt auch selbst nicht mehr weit: Du bist berufen von dir selbst.
Grm' dich nicht: allmhlich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.
Wissen und Erinnerung sind dasselbe.
    Der freundliche, fast liebenswrdige Ton, in den Hillels Rede ausgeklungen
war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fhlte mich geborgen wie ein krankes
Kind, das seinen Vater bei sich wei.
    Ich blickte auf und sah, da mit einemmal viele Gestalten im Zimmer waren
und uns im Kreis umstanden: Einige in weien Sterbegewndern, wie sie die alten
Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und Silberschnallen an den Schuhen -
aber Hillel fuhr mir mit der Hand ber die Augen, und die Stube war wieder leer.
    Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende Kerze
mit, damit ich mir hinaufleuchten knne in mein Zimmer. - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam nicht,
und ich geriet stattdessen in einen sonderbaren Zustand, der weder Trumen war,
noch Wachen, noch Schlafen.
    Das Licht hatte ich ausgelscht, aber trotzdem war alles in der Stube so
deutlich, da ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei fhlte
ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen qualvollen Unruhe, die
einen foltert, wenn man sich in hnlicher Verfassung befindet.
    Nie vorher in meinem Leben wre ich imstande gewesen, so scharf und przis
zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit durchstrmte meine Nerven
und ordnete meine Gedanken in Reih' und Glied wie eine Armee, die nur auf meine
Befehle wartete.
    Ich brauchte blo zu rufen, und sie traten vor mich und erfllten, was ich
wnschte.
    Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu schneiden
versucht hatte, - ohne damit zurecht zu kommen, da sich die vielen zerstreuten
Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszgen decken wollten, die ich mir
vorgestellt, - fiel mir ein, und im Nu sah ich die Lsung vor mir und wute
genau, wie ich den Stichel zu fhren hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu
werden.
    Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrcke und Traumgesichter, von
denen ich oft nicht gewut: waren es Ideen oder Gefhle, sah ich mich jetzt
pltzlich als Herr und Knig im eigenen Reich.
    Rechenexempel, die ich frher nur mit chzen und auf dem Papier htte
bewltigen knnen, fgten sich mir mit einem Mal im Kopf spielend zum Resultat.
Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fhigkeit, das zu sehen und
festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen, Gegenstnde oder Farben.
Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch derlei Werkzeuge nicht zu lsen
waren: - philosophische Probleme und hnliches -, so trat an Stelle des inneren
Sehens das Gehr, wobei die Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers
bernahm.
    Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
    Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloes Wort an meinem Ohr hatte
vorbergehen lassen, stand wertgetrnkt bis in die tiefste Faser vor mir; was
ich auswendig gelernt, erfate ich mit einem Schlag als mein Eigentum. Der
Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen nackt vor mir.
    Die hohen Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrtlich biederer
Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab behandelt
hatten, - demtig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze und entschuldigten
sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin Krcken fr - einen noch
frecheren Schwindel.
    Trumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel
gesprochen?
    Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
    Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und selig
wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich berzeugt hat, da der
wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist, whlte ich mich
wieder in die Kissen.
    Und wie ein Sprhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen
Rtsel, die mich rings umgaben.
    Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurckzugelangen, bis zu
dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus - glaubte ich - knnte es mir
mglich sein, jenen Teil meines Daseins zu berblicken, der fr mich, durch eine
seltsame Fgung des Schicksals in Finsternis gehllt lag.
    Aber wie sehr ich mich auch bemhte, ich kam nicht weiter, als da ich mich
wie einst in dem dsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch den Torbogen
den Trdlerladen des Aaron Wassertrum unterschied - als ob ich ein Jahrhundert
lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt htte, immer gleich alt und
ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!
    Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schrfen in den
Schchten der Vergangenheit, da begriff ich pltzlich mit leuchtender Klarheit,
da in meiner Erinnerung wohl die breite Heerstrae der Geschehnisse mit dem
gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge winzig schmaler Fusteige, die
wohl bisher den Hauptpfad stndig begleitet hatten, von mir jedoch nicht
beachtet worden waren. Woher, schrie es mir fast in die Ohren, hast du denn
die Kenntnisse, dank derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich
Gemmenschneiden gelehrt - und Gravieren und all das andere? Lesen, schreiben,
sprechen - und essen - und gehen, atmen, denken und fhlen?
    Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein Leben
zurck.
    Ich zwang mich in verkehrter aber ununterbrochener Reihenfolge zu berlegen:
was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und
so weiter?
    Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt - - jetzt! Jetzt! Nur ein
kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem Vergessen trennte,
mute berflogen sein - da trat ein Bild vor mich, das ich auf der Rckwanderung
meiner Gedanken bersehen hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit der Hand ber die
Augen - genau wie vorhin unten in seinem Zimmer.
    Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.
    Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der
Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch zu sein
scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die verlorene Heimat
zurckfhren: das, was mit feiner, kaum sichtbarer Schrift in unserem Krper
eingraviert ist, und nicht die scheuliche Narbe, die die Raspel des ueren
Lebens hinterlt, - birgt die Lsung der letzten Geheimnisse.
    So, wie ich zurckfinden knnte in die Tage meiner jugend, wenn ich in der
Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornhme von Z bis A, um dort anzulangen,
wo ich in der Schule zu lernen begonnen, - so, begriff ich, mute ich auch
wandern knnen in die andere ferne Heimat, die jenseits allen Denkens liegt.
    Eine Weltkugel an Arbeit wlzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules trug
eine Zeitlang das Gewlbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir ein, und
versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und wie Herkules
wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas bat: La mich nur
einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit mir die entsetzliche Last
nicht das Gehirn zersprengt, so gbe es vielleicht einen dunklen Weg - dmmerte
mir - von dieser Klippe weg.
    Ein tiefer Argwohn, der Fhrerschaft meiner Gedanken weiter blind zu
vertrauen, beschlich mich pltzlich. Ich legte mich gerade und verschlo mit den
Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die Sinne. Um jeden
Gedanken zu tten.
    Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur
einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon mstete
sich der nchste an seinem Fleische. Ich flchtete in den brausenden Strom
meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem Fu; ich verbarg mich im
Hmmerwerk meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie hatten mich entdeckt.
    Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte: Bleib
auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlssel zur Kunst des Vergessens gehrt
unseren Brdern, die den Pfad des Todes wandeln; du aber bist geschwngert vom
Geiste des - Lebens.
    Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf: der
eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mchtig, gleich einem
Erdbeben, - der andere in unendlicher Ferne: der Hermaphrodit auf dem Thron von
Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz.
    Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand ber meine Augen,
und ich schlummerte ein.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                     Schnee


            Mein lieber und verehrter Meister Pernath!
        Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und hchster Angst.
        Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, - oder
        besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. - Ich htte keine Ruhe
        sonst.
        Sagen Sie keiner Menschenseele, da ich Ihnen geschrieben habe. Auch
        nicht, wohin Sie heute gehen werden!
        Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir - neulich - (Sie werden durch
        diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren,
        erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich frchte mich, meinen
        Namen darunter zu setzen) - so viel Vertrauen eingeflt, und weiter,
        da Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, - alles
        das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen,
        der noch helfen kann, zu wenden.
        Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche
        auf dem Hradschin.

                                                       Eine Ihnen bekannte Dame.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Wohl eine Viertelstunde lang sa ich da und hielt den Brief in der Hand. Die
seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her umfangen gehalten,
war mit einem Schlag gewichen, - weggeweht von dem frischen Windhauch eines
neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam lchelnd und verheiungsvoll -
ein Frhlingskind - auf mich zu. Ein Menschenherz suchte Hilfe bei mir. - Bei
mir! Wie sah meine Stube pltzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte
Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte
Leute, die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
    Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum und
Glanz.
    So sollte der morsche Baum noch Frchte tragen?
    Ich fhlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher schlafen
gelegen in mir - verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschttet von
dem Gerll, das der Alltag huft, wie eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn
der Winter zerbricht.
    Und ich wute so gewi, wie ich den Brief in der Hand hielt, da ich wrde
helfen knnen, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die
Sicherheit.
    Wieder und wieder las ich die Stelle: und weiter, da Ihr lieber seliger
Vater mich als Kind unterrichtet hat - - - - - -; - mir stand der Atem still.
Klang das nicht wie Verheiung: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein?
Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk
entgegen: die Rckerinnerung, nach der ich drstete, - wrde mir das Geheimnis
offenbaren, den Vorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit
geschlossen hatte!
    Ihr lieber seliger Vater - -, wie fremdartig die Worte klangen, als ich
sie mir vorsagte! - Vater! - Einen Augenblick sah ich das mde Gesicht eines
alten Mannes mit weiem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner Truhe auftauchen -
fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; - - dann kamen meine Augen
wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens schlugen die greifbare Stunde
der Gegenwart.
    Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit vertrumt? Ich blickte auf die
Uhr: Gott sei Lob, erst halb fnf.
    Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt die
Treppen hinab. Was kmmerte mich heute das Geraune der dunklen Winkel, die
bsartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von ihnen aufstiegen:
Wir lassen dich nicht, - du bist unser, - wir wollen nicht, da du dich freust
- das wre noch schner, Freude hier im Haus!
    Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gngen und
Ecken her um mich gelegt mit wrgenden Hnden: heute wich er vor dem lebendigen
Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels Tr.
    Sollte ich eintreten?
    Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders heute,
- so, als drfe ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des
Lebens vorwrts, die Stiegen hinab. - -
    Die Gasse lag wei im Schnee.
    Ich glaube, da viele Leute mich gegrt haben; ich erinnere mich nicht, ob
ich ihnen gedankt. Immer wieder fhlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch
bei mir trge:
    Es ging eine Wrme von der Stelle aus. - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengnge auf dem Altstdter
Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing,
hinber ber die steinerne Brcke mit ihren Heiligenstatuen und dem Standbild
des Johannes von Nepomuk.
    Unten schumte der Flu voll Ha gegen die Fundamente.
    Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehhlten Sandstein der heiligen
Luitgard mit den Qualen der Verdammten darin: dicht lag der Schnee auf den
Lidern der Benden und den Ketten an ihren betend erhobenen Hnden.
    Torbogen nahmen mich auf und entlieen mich, Palste zogen langsam an mir
vorber, mit geschnitzten, hochmtigen Portalen, darinnen Lwenkpfe in bronzene
Ringe bissen.
    Auch hier berall Schnee, Schnee. Weich, wei wie das Fell eines riesigen
Eisbren.
    Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
teilnahmslos zu den Wolken empor.
    Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vgel war.
    Wie ich die unzhligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so breit,
wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um Schritt die Stadt mit
ihren Dchern und Giebeln vor meinem Sinn. - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Schon schlich die Dmmerung die Huserreihen entlang, da trat ich auf den
einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der Engel.
    Futapfen - die Rnder mit Krusten aus Eis - fhrten hin zum Nebentor.
    Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Tne eines
Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Trnentropfen der Schwermut fielen sie
in die Verlassenheit.
    Ich hrte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentre
mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer
Ruhe herber zu mir durch den grnen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes, das
durch die farbigen Fenster auf die Betsthle niedersank. Funken sprhten aus
roten, glsernen Ampeln.
    Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
    Ich lehnte mich in eine Bank. Mein Blut ward seltsam still in diesem Reich
der Regungslosigkeit.
    Ein Leben ohne Herzschlag erfllte den Raum - ein heimliches, geduldiges
Warten.
    Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
    Da! - Aus weiter, weiter Ferne drang das Gerusch von Pferdehufen gedmpft,
kaum merklich an mein Ohr, wollte nherkommen und verstummte.
    Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufllt. - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine zarte,
schmale Damenhand hatte leicht meinen Arm berhrt.
    Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt mir,
hier in den Betsthlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen mu.
    Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nchterner Klarheit. Der Tag
hatte mich pltzlich angefat.
    Ich wei gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, da Sie mir
zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht haben.
    Ich stotterte ein paar banale Worte.
    - - Aber ich wute keinen andern Ort, wo ich sicherer vor Nachforschung und
Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns gewi niemand
nachgegangen.
    Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
    Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen
vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpagasse flchtete. Ich war auch nicht
erstaunt darber, denn ich hatte niemand anderen erwartet.
    Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dmmerung der Mauernische
wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schnheit
benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am liebsten wre ich vor
ihr niedergefallen und htte ihre Fe gekt, da sie es war, der ich helfen
sollte, da sie mich dazu erwhlt hatte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, - wenigstens solange wir
hier sind - die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben, sprach sie
gepret weiter, ich wei auch gar nicht, wie Sie ber solche Dinge denken - -
    Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben war
ich so vermessen, da ich mich Richter gednkt htte ber meine Mitmenschen,
war das einzige, was ich hervorbrachte.
    Ich danke Ihnen, Meister Pernath, sagte sie warm und schlicht. Und jetzt
hren Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder
wenigstens einen Rat geben knnen. - Ich fhlte, wie eine wilde Angst sie
packte, und hrte ihre Stimme zittern. - Damals - - im Atelier - - - damals
brach die schreckliche Gewiheit ber mich herein, da jener grauenhafte Oger
mir mit Vorbedacht nachgesprt hat. - Schon durch Monate war mir aufgefallen,
da, wohin ich auch immer ging, - ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -
- - mit - mit Dr. Savioli, - stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses
Trdlers irgendwo in der Nhe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen verfolgten
mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er
vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann wirft er mir
die Schlinge um den Hals!
    Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein armseliger
Trdler wie dieser Aaron Wassertrum berhaupt vermchte - schlimmsten Falles
knnte es sich nur um eine geringfgige Erpressung oder dergleichen handeln,
aber jedesmal wurden seine Lippen wei, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne:
Dr. Savioli hlt mir etwas geheim, um mich zu beruhigen, - irgend etwas
Furchtbares, was ihn oder mich das Leben kosten kann.
    Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: da ihn der
Trdler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat! - Ich wei es,
ich spre es in jeder Faser meines Krpers: es geht etwas vor, das sich langsam
um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. - Was hat dieser Mrder dort
zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschtteln? Nein, nein, ich sehe
das nicht lnger mit an; ich mu etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den
Wahnsinn treibt.
    Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie lie mich
nicht zu Ende sprechen.
    Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwrgen droht, immer
greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist pltzlich erkrankt, - ich kann mich nicht
mehr mit ihm verstndigen - darf ihn nicht besuchen, wenn ich nicht stndlich
gewrtigen soll, da meine Liebe zu ihm entdeckt wird -; er liegt in Delirien,
und das einzige, was ich erkundigen konnte, ist, da er sich im Fieber von einem
Scheusal verfolgt whnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: -
Aaron Wassertrum!
    Ich wei, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher - knnen Sie sich
das vorstellen? - wirkt es auf mich, ihn jetzt gelhmt vor einer Gefahr, die ich
selbst nur wie die dunkle Nhe eines grauenhaften Wrgengels empfinde,
zusammengebrochen zu sehen.
    Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu Dr.
Savioli bekenne, alles von mir wrfe, wenn ich ihn doch so liebe -: alles,
Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber - sie schrie es frmlich heraus, da es
widerhallte von den Chorgalerien, - ich kann nicht! - Ich hab' doch mein Kind,
mein liebes, blondes, kleines Mdel! Ich kann doch mein Kind nicht hergeben! -
Glauben Sie denn, mein Mann liee es mir?! Da, da, nehmen Sie das, Meister
Pernath - sie ri im Wahnwitz ein Tschchen auf, das vollgestopft war mit
Perlenschnren und Edelsteinen - und bringen Sie es dem Verbrecher; - ich wei,
er ist habschtig - er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind
soll er mir lassen. - Nicht wahr, er wird schweigen? - So reden Sie doch um Jesu
Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, da Sie mir helfen wollen!
    Es gelang mir mit grter Mhe, die Rasende wenigstens so weit zu beruhigen,
da sie sich auf eine Bank niederlie.
    Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, zusammenhanglose
Stze.
    Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so da ich selbst kaum verstand, was
mein Mund redete, - Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum da sie
geboren waren.
    Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mnchsstatue in der
Wandnische. Ich redete und redete. Allmhlich verwandelten sich die Zge der
Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger berzieher mit hochgeklapptem
Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen und hektischen
Flecken wuchs daraus empor.
    Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mnch wieder da. Meine Pulse
schlugen zu laut.
    Die unglckliche Frau hatte sich ber meine Hand gebeugt und weinte still.
    Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als ich
den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals bermchtig erfllte, und ich
sah, wie sie langsam daran genas.
    Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe, Meister
Pernath, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. Es waren ein paar
Worte, die Sie mir einmal gesagt haben - und die ich nie vergessen konnte die
vielen Jahre hindurch -
    Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
    - - Sie nahmen Abschied von mir - ich wei nicht mehr, weshalb und wieso,
ich war ja noch ein Kind, - und Sie sagten so freundlich und doch so traurig:
    Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je im
Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, da ich es
dann sein darf, der Ihnen hilft. - Ich habe mich damals abgewendet und rasch
meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, damit Sie meine Trnen nicht
sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote Korallenherz schenken, das ich
an einem Seidenband um den Hals trug, aber ich schmte mich, weil das gar so
lcherlich gewesen wre. - - -
    Erinnerung!
    - Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer wie
aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich - unvermittelt
und schreckhaft: Ein kleines Mdchen in weiem Kleid und ringsum die dunkle
Wiese eines Schloparks, von alten Ulmen umsumt. Deutlich sah ich es wieder vor
mir. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich mute mich verfrbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
fortfuhr: Ich wei ja, da Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds
entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und - und ich danke Ihnen dafr.
    Mit aller Kraft bi ich die Zhne zusammen und jagte den heulenden Schmerz,
der mich zerfetzte, in die Brust zurck.
    Ich verstand: Eine gndige Hand war es gewesen, die die Riegel vor meiner
Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewutsein geschrieben,
was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herbergetragen: Eine Liebe, die fr
mein Herz zu stark gewesen, hatte fr Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht
des Irrsinns war damals der Balsam fr meinen wunden Geist geworden.
    Allmhlich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins ber mich und khlte die
Trnen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch
den Dom, und ich konnte freudig lchelnd der in die Augen sehen, die gekommen
war, Hilfe bei mir zu suchen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wieder hrte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
Hufe. - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
    Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus geschichteten
Bergen von Tannenbumen raunte es von Flitter und silbernen Nssen und vom
kommenden Christfest.
    Auf dem Rathausplatz an der Mariensule murmelten bei Kerzenglanz die alten
Bettelweiber mit den grauen Kopftchern der Muttergottes ihren Rosenkranz.
    Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von
schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bhne eines Marionettentheaters.
    Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und daran
an der Schnur einen Totenschdel, ritt klappernd auf hlzernem Schimmel ber die
Bretter.
    In Reihen fest aneinandergedrngt starrten die Kleinen - die Pelzmtzen tief
ber die Ohren gezogen - mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt den
Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund Zwakh da drinnen im
Kasten sprach:

Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
Der Kerl war mager wie ein Dichter
Und hatte bunte Lappen an
Und torkelte und schnitt Gesichter. - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mndete. Dicht,
Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem
Anschlagszettel.
    Ein Mann hatte ein Streichholz angezndet, und ich konnte einige Zeilen
bruchstckweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewutsein ein paar Worte
auf:

                                    Vermit!
                               1000 fl Belohnung
        lterer Herr ........... schwarz gekleidet .......
        ................................ Signalement:
        ........... fleischiges, glattrasiertes Gesicht ....
        ........................... Haarfarbe: wei ...............
        ......... Polizeidirektion ........ Zimmer Nr. .....

    Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein in
die lichtlosen Huserreihen.
    Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen Himmelsweg
ber den Giebeln.
    Friedvoll schweiften meine Gedanken zurck in den Dom, und die Ruhe meiner
Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz herber, schneidend
klar - als stnde sie dicht an meinem Ohr - die Stimme des Marionettenspielers
durch die Winterluft:

Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hing an einem Seidenbande,
Und funkelte im Frhrotschein. - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                      Spuk


Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir das
Gehirn zermartert, wie ich ihr Hilfe bringen knnte.
    Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen, ihm
zu erzhlen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber jedesmal
verwarf ich den Entschlu.
    Er stand im Geist so riesengro vor mir, da es eine Entweihung schien, ihn
mit Dingen, die das uere Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder kamen
Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in Wirklichkeit alles das
erlebt htte, was nur eine kurze Spanne Zeit zurcklag und doch so seltsam
verblat schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen des
verflossenen Tages.
    Hatte ich nicht doch getrumt? Durfte ich - ein Mensch, dem das Unerhrte
geschehen war, da er seine Vergangenheit vergessen hatte, - auch nur eine
Sekunde lang als Gewiheit annehmen, wofr als einziger Zeuge blo meine
Erinnerung die Hand aufhob?
    Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel lag.
Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in persnlicher
Berhrung gewesen!
    Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie umfassen
und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, da ein unsgliches Weh an meinem Herzen
fra?
    Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da lie ich wieder los; ich sah
voraus, was kommen wrde: Hillel wrde mir mild ber die Augen fahren und - - -
nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung zu begehren. Sie
vertraute auf mich und meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie sich fhlte,
mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen mochte, - sie empfand sie
sicherlich als riesengro!
    Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit - ich zwang mich, kalt und
nchtern zu denken; - ihn jetzt - mitten in der Nacht zu stren? - es ging nicht
an. So wrde nur ein Verrckter handeln.
    Ich wollte die Lampe anznden; dann lie ich es wieder sein: der Abglanz des
Mondlichts fiel von den Dchern gegenber herein in mein Zimmer und gab mehr
Helle, als ich brauchte. Und ich frchtete, die Nacht knnte noch langsamer
vergehen, wenn ich Licht machte.
    Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuznden, nur
um den Tag zu erwarten, - eine leise Angst sagte mir, der Morgen rcke dadurch
in unerlebbare Ferne.
    Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender
Friedhof lagen die Reihen verschnrkelter Giebel dort oben - Leichensteine mit
verwitterten Jahreszahlen, getrmt ber die dunklen Modergrfte, diese
Wohnsttten, darein sich das Gewimmel der Lebenden Hhlen und Gnge genagt.
    Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu
wundern begann, warum ich denn nicht aufschrke, wo doch ein Gerusch von
verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang.
    Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze chzen
der Dielen verriet, wie seine Sohle zgernd schlich.
    Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde frmlich kleiner, so
prete sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hren. Jedes
Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.
    Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig abbrach.
Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr eigener Verrter
ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
    Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrckt, das drohende Gefhl in
der Kehle, da drben einer stand, genauso wie ich und dasselbe tat.
    Ich lauschte und lauschte:
    Nichts.
    Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
    Lautlos - auf den Zehenspitzen - stahl ich mich an den Sessel bei meinem
Bett, nahm Hillels Kerze und zndete sie an.
    Dann berlegte ich: Die eiserne Speichertre drauen auf dem Gang, die zum
Atelier Saviolis fhrte, ging nur von drben aufzuklinken.
    Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenfrmiges Stck Draht, das unter meinen
Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlsser springen leicht auf. Schon
beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
    Und was wrde dann geschehen?
    Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, - vielleicht
in Ksten whlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen, legte ich
mir zurecht.
    Ob es viel ntzen wrde, wenn ich dazwischentrat?
    Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare
Warten auf den Morgen zerfetzen!
    Und schon stand ich vor der eisernen Bodentre, drckte dagegen, schob
vorsichtig den Haken ins Schlo und horchte. Richtig: Ein schleifendes Geruch
drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
    Im nchsten Augenblick schnellte der Riegel zurck.
    Ich konnte das Zimmer berblicken und sah, obwohl es fast finster war und
meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem schwarzem Mantel entsetzt
vor einem Schreibtisch aufsprang, - eine Sekunde lang unschlssig, wohin sich
wenden, - eine Bewegung machte, als wolle er auf mich losstrzen, sich dann den
Hut vom Kopf ri und hastig damit sein Gesicht bedeckte.
    Was suchen Sie hier! wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:
    Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg! Die Stimme kam mir
bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trdlers Wassertrum.
    Automatisch blies ich die Kerze aus.
    Das Zimmer lag halbdunkel da - nur von dem schimmrigen Dunst, der aus der
Fensternische hereindrang, matt erhellt - genau wie meines, und ich mute meine
Augen aufs uerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten, hektischen Gesicht,
das pltzlich ber dem Mantel auftauchte, die Zge des Studenten Charousek
erkennen konnte.
    Der Mnch! drngte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit einem
Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! Charousek! Das war der Mann, an
den ich mich wenden sollte! - Und ich hrte seine Worte wieder, die er damals im
Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: Aaron Wassertrum wird es schon erfahren,
da man mit vergifteten, unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an
dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will.
    Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wute er ebenfalls, was sich
zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewhnlicher Stunde lie fast darauf
schlieen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten.
    Er war ans Fenster geeilt und sphte hinter dem Vorhang hinunter auf die
Gasse.
    Ich erriet: er frchtete, Wassertrum knne den Lichtschein meiner Kerze
wahrgenommen haben.
    Sie denken gewi, ich sei ein Dieb, da ich nachts hier in einer fremden
Wohnung herumsuche, Meister Pernath, fing er nach langem Schweigen mit
unsicherer Stimme an, aber ich schwre Ihnen - -
    Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
    Und um ihm zu zeigen, da ich keinerlei Mitrauen gegen ihn hegte, in ihm
vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzhlte ich ihm mit kleinen Einschrnkungen,
die ich fr ntig hielt, welche Bewandtnis es mit dem Atelier habe, und da ich
frchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in Gefahr, den erpresserischen
Gelsten des Trdlers in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen.
    Aus der hflichen Weise, mit der er mir zuhrte, ohne mich mit Fragen zu
unterbrechen, entnahm ich, da er das meiste bereits wute, wenn auch vielleicht
nicht in Einzelheiten.
    Es stimmt schon, sagte er grbelnd, als ich zu Ende gekommen war. Habe
ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren, das
ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material beisammen. Weshalb
wrde er sich sonst noch hier immerwhrend herumdrcken! Ich ging nmlich
gestern, sagen wir mal: zufllig durch die Hahnpagasse, erklarte er, als er
meine fragende Miene bemerkte, da fiel mir auf, da Wassertrum erst lange -
scheinbar unbefangen - vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als
er sich unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und
tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heit, ich klopfte bei Ihnen an, und
dabei berraschte ich ihn, wie er drauen an der eisernen Bodentr mit einem
Schlssel herumhantierte. Natrlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam,
und klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen brigens nicht zu
Hause gewesen zu sein, denn es ffnete niemand.
    Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich, da
jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier heimlich
ein Absteigequartier bese. Da Dr. Savioli schwerkrank liegt, reimte ich mir
das brige zurecht.
    Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um
Wassertrum fr alle Flle zuvorzukommen, schlo Charousek und deutete auf ein
Paket Briefe auf dem Schreibtisch; es ist alles, was ich an Schriftstcken
finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr vorhanden. Wenigstens habe ich
in smtlichen Truhen und Schrnken gestbert, so gut das in der Finsternis
ging.
    Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben
unwillkrlich auf einer Falltre am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel,
da Zwakh mir irgendwann erzhlt hatte, ein geheimer Zugang fhre von unten
herauf ins Atelier.
    Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.
    Wo sollen wir die Briefe aufheben?, fing Charousek wieder an. Sie, Herr
Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die Wassertrum harmlos
vorkommen, - warum gerade ich, das - hat - seine - besonderen - Grnde, - (ich
sah, da sich seine Zge in wildem Ha verzerrten, wie er so den letzten Satz
frmlich zerbi -) und Sie hlt er fr - - Charousek erstickte das Wort
verrckt mit einem raschen, erknstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte
sagen wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefhl, ihr helfen zu knnen, machte
mich so glckselig, da jede Empfindlichkeit ausgelscht war.
    Wir kamen schlielich berein, das Paket bei mir zu verstecken, und gingen
hinber in meine Kammer.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Charousek war lngst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht
entschlieen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte an
mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fhlte ich, aber
was? was?
    Einen Plan fr den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen htte?
    Das allein konnte es nicht sein. Charousek lie den Trdler sowieso nicht
aus den Augen, darber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Ha
dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
    Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
    Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur
Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich verstand
nicht.
    Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reien am Zgel sprt
und nicht wei, welches Kunststck er machen soll, den Willen seines Herrn nicht
erfat.
    Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
    Jede Faser in mir verneinte.
    Die Vision des Mnchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der
Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab
mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefhle nicht ohne weiteres zu
verachten. Geheime Krfte keimten in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewi:
ich empfand es zu bermchtig, als da ich auch nur den Versuch gemacht htte,
es wegzuleugnen.
    Buchstaben zu empfinden, sie nicht nur mit den Augen in Bchern zu lesen, -
einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir bersetzt, was die Instinkte
ohne Worte raunen, darin mu der Schlssel liegen, sich mit dem eigenen Innern
durch klare Sprache zu verstndigen, begriff ich.
    Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hren nicht, fiel mir
eine Bibelstelle wie eine Erklrung dazu ein.
    Schlssel, Schlssel, Schlssel, wiederholten mechanisch meine Lippen,
derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich
pltzlich.
    Schlssel, Schlssel - -? Mein Blick fiel auf den krummen Draht in meiner
Hand, der mir vorhin zum ffnen der Speichertre gedient hatte, und eine heie
Neugier, wohin wohl die viereckige Falltr aus dem Atelier fhren knnte,
peitschte mich auf.
    Und ohne zu berlegen, ging ich nochmals hinber in Saviolis Atelier und zog
an dem Griffring der Falltre, bis es mir schlielich gelang, die Platte zu
heben.
    Zuerst nichts als Dunkelheit.
    Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.
    Ich stieg hinunter.
    Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Hnden die Mauern entlang, aber es
wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, - Windungen,
Ecken und Winkel, - Gnge geradeaus, nach links und nach rechts, Reste einer
alten Holztre, Wegteilungen und dann wieder Stufen, Stufen, Stufen hinauf und
hinab.
    Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde berall.
    Und noch immer kein Lichtstrahl. -
    Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen htte!
    Endlich flacher, ebener Weg.
    Aus dem Knirschen unter meinen Fen schlo ich, da ich auf trockenem Sand
dahinschritt.
    Es konnte nur einer jener zahllosen Gnge sein, die scheinbar ohne Zweck und
Ziel unter dem Ghetto hinfhren bis zum Flu.
    Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen
Zeiten auf solchen unterirdischen Luften, und die Bewohner Prags hatten von
jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
    Das Fehlen jeglichen Gerusches zu meinen Hupten sagte mir, da ich mich
immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist,
befinden mute, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. Belebtere Straen
oder Pltze ber mir htten sich durch fernes Wagenrasseln verraten.
    Eine Sekunde lang wrgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise
herumging!? In ein Loch strzte, mich verletzte, ein Bein brach und nicht mehr
weiter gehen konnte?!
    Was geschah dann mit ihren Briefen in meiner Kammer? Sie muten unfehlbar
Wassertrum in die Hnde fallen.
    Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines Helfers
und Fhrers verknpfte, beruhigte mich unwillkrlich.
    Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und
hielt den Arm in die Hhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls
der Gang niedriger wrde.
    Von Zeit zu Zeit, dann immer fter stie ich oben mit der Hand an, und
endlich senkte sich das Gestein so tief herab, da ich mich bcken mute, um
durchzukommen.
    Ptzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.
    Ich blieb stehen und starrte hinauf.
    Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum
merklicher Schimmer von Licht.
    Mndete hier ein Schacht, vielleicht aus irgendeinem Keller herunter?
    Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Hnden in Kopfeshhe um mich
herum: die ffnung war genau viereckig und ausgemauert.
    Allmhlich konnte ich darin als Abschlu die schattenhaften Umrisse eines
wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir, seine Stbe zu
erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwngen.
    Ich stand jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
    Offenbar endeten hier die berbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn
mich das Gefhl meiner Finger nicht tuschte?
    Lang, unsagbar lang mute ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden
konnte, dann klomm ich empor.
    Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshhe ber der
andern.
    Sonderbar: die Treppe stie oben gegen eine Art horizontalen Getfels, das
aus regelmigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein herabschimmern lie,
den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
    Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung besser
unterscheiden zu knnen, wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen,
da sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf den Synagogen findet,
bildeten.
    Was mochte das nur sein?
    Pltzlich kam ich dahinter: es war eine Falltr, die an den Kanten Licht
durchlie! Eine Falltr aus Holz in Gestalt eines Sternes.
    Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drckte sie aufwrts
und stand im nchsten Moment in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfllt
war.
    Es war ziemlich klein, vollstndig leer bis auf einen Haufen Gerumpel in der
Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.
    Eine Tre oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben
bentzt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern immer
wieder von neuem absuchte.
    Die Gitterstbe des Fensters standen zu eng, als da ich den Kopf htte
durchstecken knnen, so viel aber sah ich:
    Das Zimmer befand sich ungefhr in der Hhe eines dritten Stockwerks, denn
die Huser gegenber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer.
    Das eine Ufer der Strae unten war fr mich noch knapp sichtbar, aber
infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe
Schlagschatten getaucht, die es mir unmglich machten, Einzelheiten zu
unterscheiden.
    Zum Judenviertel mute die Gasse unbedingt gehren, denn die Fenster drben
waren smtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur im Ghetto
kehren die Huser einander so seltsam den Rcken.
    Vergebens qulte ich mich ab herauszubringen was das wohl fr ein
sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
    Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentrmchen der griechischen
Kirche sein? Oder gehrte es irgendwie zur Altneusynagoge?
    Die Umgebung stimmte nicht.
    Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten
Aufschlu gegeben htte. - Die Wnde und die Decke waren kahl, Bewurf und Kalk
lngst abgefallen und weder Nagellcher, noch Ngel, die verraten htten, da
der Raum einst bewohnt gewesen.
    Der Boden lag fuhoch bedeckt mit Staub, als htte ihn seit Jahrzehnten kein
lebendes Wesen betreten.
    Das Germpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in tiefer
Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es bestand.
    Dem ueren Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knuel geballt.
    Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
    Ich tastete mit dem Fu hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen Teil
davon in die Nhe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer bers Zimmer
warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da langsam aufrollte.
    Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
    Ein Metallknopf vielleicht?
    Allmhlich wurde mir klar: ein rmel von sonderbarem, altmodischem Schnitt
hing da aus dem Bndel heraus.
    Und eine kleine weie Schachtel, oder dergleichen lag darunter, lockerte
sich unter meinem Fu und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.
    Ich gab ihr einen leichten Sto: Ein Blatt flog ins Helle.
    Ein Bild?
    Ich bckte mich: ein Pagad!
    Was mir eine weie Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel.
    Ich hob es auf.
    Konnte es etwas Lcherlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem
gespenstischen Ort!
    Merkwrdig, da ich mich zum Lcheln zwingen mute. Ein leises Gefhl von
Grauen beschlich mich.
    Ich suchte nach einer banalen Erklrung, wie die Karten wohl hierhergekommen
sein knnten, und zhlte dabei mechanisch das Spiel. Es war vollstndig: 78
Stck. Aber schon whrend des Zhlens fiel mir etwas auf: Die Bltter waren wie
aus Eis.
    Eine lhmende Klte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket geschlossen in
der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so erstarrt waren meine
Finger. Wieder haschte ich nach einer nchternen Erklrung:
    Mein dnner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den
unterirdischen Gngen, die grimmige Winternacht, die Steinwnde, der
entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinflo: - sonderbar
genug, da ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in der ich mich die
ganze Zeit befunden, mute mich darber hinweggetuscht haben. -
    Ein Schauer nach dem andern jagte mir ber die Haut. Schicht um Schicht
drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Krper ein.
    Ich fhlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen Knochens
bewut wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch festfror.
    Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Fen und nicht das Schlagen
mit den Armen. Ich bi die Zhne zusammen, um ihr Klappern nicht zu hren.
    Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hnde auf den Scheitel
legt.
    Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betubenden Schlaf des
Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel einhllen kam.
    Die Briefe, in meiner Kammer, - ihre Briefe! brllte es in mir auf: man wird
sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in
meine Hnde gelegt! - Hilfe! - Hilfe! - Hilfe! -
    Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die de Gasse, da es
widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
    Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben, durfte
nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen Knochen
schlagen sollte, um mich zu erwrmen.
    Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich strzte darauf zu und
zog sie mit schlotternden Hnden ber meine Kleider.
    Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von uraltmodischem,
seltsamem Schnitt.
    Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
    Dann kauerte ich mich in dem gegenberliegenden Mauerwinkel zusammen und
sprte meine Haut langsam, langsam wrmer werden. Nur das schauerliche Gefhl
des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen. Regungslos sa ich da
und lie meine Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen, - der Pagad, -
lag noch immer inmitten des Zimmers in dem Lichtstreifen.
    Unverwandt mute ich sie anstarren.
    Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in
Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den hebrischen
Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfrnkisch gekleidet, den grauen
Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben, whrend der andere
abwrts deutete.
    Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame hnlichkeit mit meinem,
dmmerte mir ein Verdacht auf? - Der Bart - er pate so gar nicht zu einem
Pagad, - - ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke zu dem Rest des
Germpels, um den qulenden Anblick los zu sein.
    Dort lag sie jetzt und schimmerte - ein grauweier, unbestimmter Fleck - zu
mir herber aus dem Dunkel.
    Mit Gewalt zwang ich mich zu berlegen, was ich zu beginnen htte, um wieder
in meine Wohnung zu kommen:
    Den Morgen abwarten! Unten die Vorbergehenden vom Fenster aus anrufen,
damit sie mir von auen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne
heraufbrchten! - Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gnge
zurckzufinden, wrde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende Gewiheit. -
Oder, falls das Fenster zu hoch lge, da sich jemand vom Dach mit einem Strick
- -? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wute ich, wo
ich war: Ein Zimmer ohne Zugang - nur mit einem vergitterten Fenster - das
altertmliche Haus in der Altschulgasse, das jeder mied! - schon einmal vor
vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um
durchs Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und - Ja: ich war in dem
Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!
    Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht
einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkmpfen konnte, lhmte
jedes Weiterdenken und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
    Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da so
eisig aus der Ecke herberwehte, sagte es mir vor, schneller und schneller, mit
pfeifendem Atem - es half nicht mehr: dort drben der weiliche Fleck - die
Karte - sie quoll auf zu blasigem Klumpen, tastete sich hin zum Rande des
Mondstreifens und kroch wieder zurck in die Finsternis. - Tropfende Laute -
halb gedacht, geahnt, halb wirklich - im Raum und doch auerhalb um mich herum
und doch anderswo, - tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer -
erwachten: Gerusche, wie wenn ein Zirkel fllt und mit der Spitze im Holz
stecken bleibt!
    Immer wieder: Der weiliche Fleck - - - der weiliche Fleck - -! Eine Karte,
eine erbrmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir ins Hirn
hinein - - - umsonst - - jetzt hat er sich dennoch - dennoch Gestalt erzwungen -
der Pagad - und hockt in der Ecke und stiert herber zu mir mit meinem eigenen
Gesicht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Stunden und Stunden kauerte ich da - unbeweglich - in meinem Winkel, ein
frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! - Und er drben: ich
selbst.
    Stumm und regungslos.
    So starrten wir uns in die Augen - einer das grliche Spiegelbild des
andern. - - - - - - - - - - - - -
    Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter Trgheit
ber den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der
Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und fahler werden? -
    Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, da er sich
auflsen wollte in dem Morgendmmerschein, der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam.
    Ich hielt ihn fest.
    Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben - um das Leben,
das mein ist, weil es nicht mehr mir gehrt. - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in sein
Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinber zu ihm und steckte ihn in
die Tasche - den Pagad.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Immer noch war die Gasse unten d und menschenleer.
    Ich durchstberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte lag:
Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge
und doch so merkwrdig bekannt.
    Und auch die Mauern - wie die Risse und Sprnge dann deutlich wurden! - wo
hatte ich sie nur gesehen?
    Ich nahm das Kartenpckchen zur Hand - es dmmerte mir auf: hatte ich die
nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
    Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebrischen Zeichen. - Nummer 12 mu der
Gehenkte sein, berkam's mich wie halbe Erinnerung. - Mit dem Kopf abwrts?
Die Arme auf dem Rcken? - Ich bltterte nach: Da! Da war er.
    Dann wieder, halb Traum, halb Gewiheit, tauchte ein Bild vor mir auf: Ein
geschwrztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mrrisches Hexengebude, die linke
Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus verwachsen. - - - Wir sind
mehrere halbwchsige Jungen - ein verlassener Keller ist irgendwo - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dann sah ich an meinem Krper herab und wurde wieder irre: Der altmodische
Anzug war mir vllig fremd. - - -
    Der Lrm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch als ich
hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen an
einem Eckstein.
    Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
    Zwei alte Weiber kamen langsam die Strae dahergetrottet, und ich zwngte
den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.
    Mit offenem Mund glotzten sie in die Hhe und berieten sich. Aber als sie
mich sahen, stieen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
    Sie haben mich fr den Golem gehalten, begriff ich.
    Und ich erwartete, da ein Zusammenlauf von Menschen entstehen wrde, denen
ich mich verstndlich machen knnte, aber wohl eine Stunde verging, und nur hie
und da sphte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf zu mir, um sofort in
Todesschreck wieder zurckzufahren.
    Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen
Polizisten kamen - die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?
    Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gnge ein
Stck weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.
    Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht
hinab?
    Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern gekommen
war, fort - ber ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene
Keller - erklomm eine Treppenruine und stand pltzlich - - im Hausflur des
schwarzen Schulhauses, das ich vorhin wie im Traum gesehen.
    Sofort strzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bnke,
bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plrrender Gesang, ein
Junge, der Maikfer in der Klasse loslt, Lesebcher mit zerquetschten
Butterbroten darin und der Geruch nach Orangenschalen. Jetzt wute ich mit
Gewiheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. - Aber ich lie mir keine Zeit
nachzudenken und eilte heim.
    Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein
verwachsener alter Jude mit weien Schlfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt,
bedeckte er sein Gesicht mit den Hnden und heulte laut hebrische Gebete
herunter.
    Auf den Lrm hin muten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Hhlen gestrzt
sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los. Ich drehte
mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter Gesichter
sich mir nachwlzen.
    Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: - ich trug noch immer die
seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her ber meinem Anzug, und die
Leute glaubten, den Golem vor sich zu haben.
    Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und ri mir die modrigen
Fetzen vom Leibe.
    Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stcken und geifernden
Mulern schreiend an mir vorber.
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                                     Licht


Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Tre geklopft; - es lie mir
keine Ruhe: ich mute ihn sprechen und fragen, was alle diese seltsamen
Erlebnisse bedeuteten; aber immer hie es, er sei noch nicht zu Hause.
    Sowie er heimkme vom jdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter sofort
verstndigen. -
    Ein sonderbares Mdchen brigens, diese Mirjam!
    Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.
    Eine Schnheit, so fremdartig, da man sie im ersten Moment gar nicht fassen
kann, - eine Schnheit, die einen stumm macht, wenn man sie ansieht, und ein
unerklrliches Gefhl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit in einem erweckt.
    Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein
mssen, ist dieses Gesicht geformt, grbelte ich mir zurecht, wie ich es so im
Geiste wieder vor mir sah.
    Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich whlen mte, um es als Gemme
festzuhalten und dabei den knstlerischen Ausdruck richtig zu wahren: Schon an
dem rein uerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und der Augen, der
alles bertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. - Wie erst die unirdische
Schmalheit des Gesichtes sinn- und visionsgem in eine Kamee bannen, ohne sich
in die stumpfsinnige hnlichkeitsmacherei der kanonischen Kunstrichtung
festzurennen!
    Nur durch ein Mosaik lie es sich lsen, erkannte ich klar, aber was fr
Material whlen? Ein Menschenleben gehrte dazu, das passende zusammen zu
finden. - -
    Wo nur Hillel blieb!
    Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.
    Merkwrdig, wie er mir in den wenigen Tagen - und ich hatte ihn doch,
genaugenommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, - ins Herz gewachsen
war.
    Ja, richtig: die Briefe - ihre Briefe wollte ich doch besser verstecken. Zu
meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal lnger von zu Hause fort sein sollte.
    Ich nahm sie aus der Truhe: - in der Kassette wrden sie sicherer aufbewahrt
sein.
    Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht
hinschauen, aber es war zu spt.
    Den Brokatstoff um die bloen Schultern gelegt - so wie ich sie das erste
Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flchtete aus Saviolis Atelier - blickte sie
mir in die Augen.
    Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung unter
dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:
    Deine Angelina.
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    Angelina!!!
    Wie ich den Namen aussprach, zerri der Vorhang, der meine Jugendjahre vor
mir verbarg, von oben bis unten.
    Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu mssen. Ich krallte die Finger in
die Luft und winselte, - bi mich in die Hand: - - nur wieder blind sein, Gott
im Himmel, - den Scheintot weiterleben, wie bisher, flehte ich.
    Das Weh stieg mir in den Mund. - Quoll. - Schmeckte seltsam s, - wie Blut.
- -
    Angelina!!
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    Der Name kreiste in meinen Adern und wurde - zu unertrglicher
gespenstischer Liebkosung.
    Mit einem gewaltsamen Ruck ri ich mich zusammen und zwang mich - mit
knirschenden Zhnen - das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr darber wurde!
    Herr darber!
    Wie heute nacht ber das Kartenblatt.
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    Endlich: Schritte! Mnnertritte.
    Er kam!
    Voll Jubel eilte ich zur Tr und ri sie auf.
    Schemajah Hillel stand Strauen und hinter ihm - ich machte mir leise
Vorwrfe, da ich es als Enttuschung empfand - mit roten Bckchen und runden
Kinderaugen: der alte Zwakh.
    Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath, fing
Hillel an.
    Ein kaltes Sie?
    Frost. Schneidender, erttender Frost lag pltzlich im Zimmer.
    Betubt, mit halbem Ohr, hrte ich hin, was Zwakh, atemlos vor Aufregung,
auf mich losplapperte:
    Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir
davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf. Vrieslander hat
ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer, mit einem Mord
begonnen - Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?
    Zwakh schttelte mich: Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath? Unten
hngt doch gromchtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den dicken Zottmann, den
Freimaurer - na, ich meine doch den Lebensversicherungsdirektor Zottmann, - soll
man ermordet haben. Der Loisa - hier im Haus - ist bereits verhaftet. Und die
rote Rosina: spurlos verschwunden. - Der Golem - der Golem - es ist ja
haarstrubend.
    Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich so
unverwandt an?
    Ein verhaltenes Lcheln zuckte pltzlich um seine Mundwinkel.
    Ich verstand. Es galt mir.
    Am liebsten wre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.
    Auer mir in meinem Entzcken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was zuerst
bringen? Glser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur eine.) Zigarren? -
Endlich fand ich Worte: Aber warum setzt ihr euch denn nicht!? - Rasch schob
ich meinen beiden Freunden Sessel unter. - - -
    Zwakh fing an, sich zu rgern: Warum lcheln Sie denn immerwhrend, Hillel?
Glauben Sie vielleicht nicht, da der Golem spukt? Mir scheint. Sie glauben
berhaupt nicht an den Golem?
    Ich wrde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor mir
she, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. - Ich verstand den
Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.
    Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: Das Zeugnis von hunderten Menschen
gilt Ihnen nichts, Hillel? - Aber warten Sie nur, Hillel, denken Sie an meine
Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt geben! Ich kenne das. Der
Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft hinter sich her.
    Die Hufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares, erwiderte
Hillel. Er sprach im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die Scheiben
hinab auf den Trdlerladen - Wenn der Tauwind weht, rhrt sich's in den
Wurzeln. In den sen wie, in den giftigen.
    Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.
    Wenn der Rabbi nur reden wollte, der knnte uns Dinge erzhlen, da einem
die Haare zu Berge stnden, warf er halblaut hin.
    Schemajah drehte sich um.
    Ich bin nicht Rabbi, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur ein
armseliger Archivar im jdischen Rathaus und fhre die Register ber die
Lebendigen und die Toten.
    Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fhlte ich. Auch der
Marionettenspieler schien es unterbewut zu empfinden, - er wurde still, und
eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.
    Hren Sie mal, Rabbi -, verzeihen Sie: Herr Hillel, wollte ich sagen, -
fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang auffallend ernst,
ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen mir ja nicht drauf zu
antworten, wenn Sie nicht mgen, oder nicht drfen - - -
    Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas - er trank nicht;
vielleicht verbot es ihm das jdische Ritual.
    Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.
    - - Wissen Sie etwas ber die jdische Geheimlehre, die Kabbala, Hillel?
    Nur wenig.
    Ich habe gehrt, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala lernen
kann: den Sohar - -
    Ja, den Sohar - das Buch des Glanzes.
    Sehen Sie, da hat man's, schimpfte Zwakh los. Ist es nicht eine
himmelschreiende Ungerechtigkeit, da eine Schrift, die angeblich die Schlssel
zum Verstndnis der Bibel und zur Glckseligkeit enthlt -
    Hillel unterbrach ihn: - nur einige Schlssel.
    Gut, immerhin einige! - also, da diese Schrift infolge ihres hohen Wertes
und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugnglich ist? In einem einzigen
Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie ich mir habe erzhlen
lassen? Und berdies chaldisch, aramisch, hebrisch - oder was wei ich wie -
geschrieben? - Habe ich zum Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese
Sprachen zu lernen oder nach London zu kommen?
    Haben Sie denn alle Ihre Wnsche so hei auf dieses Ziel gerichtet? fragte
Hillel mit leisem Spott.
    Offen gestanden - nein, gab Zwakh einigermaen verwirrt zu.
    Dann sollten Sie sich nicht beklagen, sagte Hillel trocken, wer nicht
nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, - wie ein Erstickender
nach Luft, - der kann die Geheimnisse Gottes nicht schauen.
    Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem smtliche Schlssel zu den
Rtseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige, scho es mir durch den Kopf,
und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich immer noch in der
Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden konnte, hatte Zwakh sie
bereits ausgesprochen.
    Hillel lchelte wieder sphinxhaft: Jede Frage, die ein Mensch tun kann, ist
im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt hat.
    Verstehen Sie, was er damit meint?, wandte sich Zwakh an mich.
    Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels Rede
zu verlieren.
    Schemajah fuhr fort:
    Das ganze Leben ist nichts anderes als formgewordene Fragen, die den Keim
der Antwort in sich tragen - und Antworten, die schwanger gehen mit Fragen. Wer
irgend etwas anderes drin sieht, ist ein Narr.
    Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:
    Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder anders
versteht.
    Gerade darauf kommt es an, sagte Hillel freundlich. Alle Menschen ber
einen Lffel zu - kurieren, ist lediglich Vorrecht der rzte. Der Fragende
erhlt die Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur den Weg ihrer
Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jdischen Schriften sind blo aus Willkr
nur in Konsonanten geschrieben? - Jeder hat sich selbst die geheimen Vokale dazu
zu finden, die ihm den nur fr ihn allein bestimmten Sinn erschlieen, - soll
nicht das lebendige Wort zum toten Dogma erstarren.
    Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:
    Das sind Worte, Rabbi, Worte! Pagad Ultimo will ich heien, wenn ich daraus
klug werde.
    Pagad!! - Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor Entsetzen
beinahe vom Stuhl.
    Hillel wich meinen Augen aus.
    Pagad ultimo? Wer wei, ob Sie nicht wirklich so heien, Herr Zwakh! -
schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Man soll seiner Sache
niemals allzu sicher sein. - brigens, da wir gerade von Karten sprechen: Herr
Zwakh, spielen Sie Tarok?
    Tarok? Natrlich. Von Kindheit an.
    Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen knnen, in dem die
ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst Tausende Male in der Hand gehabt
haben.
    Ich? In der Hand gehabt? Ich? - Zwakh griff sich an den Kopf.
    Jawohl, Sie! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, da das Tarokspiel
zweiundzwanzig Trmpfe hat, - genausoviel, wie das hebrische Alphabet
Buchstaben? Zeigen unsere bhmischen Karten nicht zum berflu noch Bilder dazu,
die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der Teufel, das Letzte Gericht?
- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, da Ihnen das Leben die
Antworten in die Ohren schreien soll? - - Was Sie allerdings nicht zu wissen
brauchen, ist, da tarok oder Tarot soviel bedeutet wie die jdische Tora = das
Gesetz, oder das altgyptische Tarut = die Befragte, und in der uralten
Zendsprache das Wort: tarisk = ich verlange die Antwort. - Aber die Gelehrten
sollten es wissen, bevor sie die Behauptung aufstellen, das Tarok stamme aus der
Zeit Karls des Sechsten. - Und so, wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist,
so ist der Mensch die erste Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner
Doppelgnger: - - der hebrische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des
Menschen gebaut, mit der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwrts:
das heit also: So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist
es auch oben. - Darum sagte ich vorhin: Wer wei, ob Sie wirklich Zwakh heien
und nicht: Pagad - Berufen Sie's nicht, - Hillel blickte mich dabei unverwandt
an, und ich ahnte, wie sich unter seinen Worten ein Abgrund immer neuer
Bedeutung auftat - berufen Sie's nicht, Herr Zwakh! Man kann da in finstere
Gnge geraten, aus denen noch keiner zurckfand, der nicht - einen Talisman bei
sich trug. Die berlieferung erzhlt, da einmal drei Mnner hinabgestiegen
seien ins Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur
der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich selbst
begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst begegnet, z.B.
Goethe, gewhnlich auf einer Brcke, oder sonst einem Steig, der von einem Ufer
eines Flusses zum andern fhrt, - hat sich selbst ins Auge geblickt und ist
nicht wahnsinnig geworden. Aber dann war's eben nur eine Spiegelung des eigenen
Bewutseins und nicht der wahre Doppelgnger: nicht das, was man den Hauch der
Knochen, den Habal Garmin nennt, von dem es heit: Wie er in die Grube fuhr,
unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des Letzten Gerichts. -
Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen - Unsere Gromtter sagen
von ihm: er wohnt hoch ber der Erde in einem Zimmer ohne Tre, nur mit einem
Fenster, von dem aus eine Verstndigung mit den Menschen unmglich ist. Wer ihn
zu bannen und zu - - verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst. -
- - Was schlielich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: fr jeden
Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trmpfe richtig verwendet, der
gewinnt die Partie - - -. Aber kommen Sie jetzt, Herr Zwakh! Gehen wir, Sie
trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus, und es bleibt nichts mehr brig
fr ihn selbst.

                                      Not


Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten die
Schneesterne - winzige Soldaten in weien, zottigen Mntelchen - hintereinander
her an den Scheiben vorber - minutenlang - immer in derselben Richtung, wie auf
gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders bsartigen Gegner. Dann hatten sie
das Davonlaufen mit einemmal dick satt, schienen aus rtselhaften Grnden einen
Wutanfall zu bekommen und sausten wieder zurck, bis ihnen von oben und unten
neue feindliche Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel
auflsten.
    Monate schien mir zurckzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
erlebt hatte, und wren nicht tglich einigemal immer neue krause Gerchte ber
den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben lieen, ich glaube,
ich htte mich in Augenblicken des Zweifels verdchtigen knnen, das Opfer eines
seelischen Dmmerzustandes gewesen zu sein.
    Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach in
schreienden Farben hervor, was mir Zwakh ber den noch immer unaufgeklrten Mord
an dem sogenannten Freimaurer erzhlt hatte.
    Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir nicht
recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht abschtteln konnte, -
fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus dem Kanalgitter ein
unheimliches Gerusch gehrt zu haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim
Loisitschek gesehen. Allerdings lag kein Anla vor, den Schrei unter der Erde,
der berdies geradesogut eine Sinnestuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf
eines Menschen zu deuten. - - - -
    Das Schneegestber vor meinen Augen blendete mich und ich fing an, alles in
tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die
Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht entworfen hatte,
mute sich vortrefflich auf den blulich leuchtenden Mondstein da bertragen
lassen. - Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, da sich etwas so
Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix
von Hornblende gab dem Stein gerade das richtige Licht und die Konturen paten
so genau, als habe ihn die Natur eigens geschaffen, ein bleibendes Abbild von
Mirjams feinem Profil zu werden.
    Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die den
gyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des Hermaphroditen aus
dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender Deutlichkeit ins
Gedchtnis zurckrufen konnte, regte mich knstlerisch stark an, aber allmhlich
entdeckte ich nach den ersten Schnitten eine solche hnlichkeit mit der Tochter
Schemajah Hillels, da ich meinen Plan umstie. - - - - - - - - - - - - - -
    - Das Buch Ibbur! -
    Erschttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfabar, was in der kurzen
Spanne Zeit in mein Leben getreten war!
    Wie jemand, der sich pltzlich in eine unabsehbare Sandwste versetzt sieht,
wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroen Einsamkeit bewut, die
mich von meinen Nebenmenschen trennte.
    Konnte ich je mit einem Freund - Hillel ausgenommen - davon reden, was ich
erlebt?
    Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nchte die Erinnerung
wiedergekehrt, da mich all meine Jugendjahre - von frher Kindheit angefangen -
ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem jenseits aller Sterblichkeit
Liegenden, bis zur Todespein gefoltert hatte, aber die Erfllung meiner
Sehnsucht war wie ein Gewittersturm gekommen und erdrckte den Jubelaufschrei
meiner Seele mit ihrer Wucht.
    Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
Geschehene in seiner vollen markverbrennenden Lebendigkeit als Gegenwart
empfinden mute.
    Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genu auskosten:
Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!
    Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinber zu gehen in mein
Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk
der Unsichtbaren, lag!
    Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berhrt, als ich Angelinas Briefe
dazuschlo!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dumpfes Drhnen drauen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehuften
Schneemassen von den Dchern hinab vor die Huser warf, gefolgt von Pausen
tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut verschlang.
    Ich wollte weiterarbeiten, - da pltzlich stahlscharfe Hufschlge unten die
Gasse entlang, da man's frmlich Funken sprhen sah.
    Das Fenster zu ffnen und hinauszuschauen, war unmglich: Muskeln aus Eis
verbanden seine Rnder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hlfte
wei verweht. Ich sah nur, da Charousek scheinbar ganz friedlich neben dem
Trdler Wassertrum stand - sie muten soeben ein Gesprch mitsammen gefhrt
haben - sah, wie die Verblffung, die sich in ihrer beider Mienen malte, wuchs
und sie sprachlos offenbar den Wagen, der meinen Blicken entzogen war,
anstarrten.
    Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. - Sie selbst konnte es
nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren - in der Hahnpagasse! -
vor aller Leute Augen! Es wre hellichter Wahnsinn gewesen. - Aber was sollte
ich zu ihrem Gatten sagen, wenn er's wre und mich auf den Kopf zu fragte?
    Leugnen, natrlich leugnen.
    Hastig legte ich mir die Mglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte sein.
Er hat einen anonymen Brief bekommen, - von Wassertrum - da sie hier gewesen
sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht: wahrscheinlich, da
sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir bestellt habe. - - - Da! wtendes
Klopfen an meiner Tr und - Angelina stand vor mir.
    Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied war aus.
    Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich brachte
es nicht fertig, zu glauben, da das Gefhl, ihr helfen zu knnen, mich belogen
haben sollte.
    Ich fhrte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und sie
verbarg, todmde wie ein Kind, ihren Kopf an meiner Brust.
    Wir hrten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie der
rote Schein ber die Dielen huschte, aufflammte und erlosch - aufflammte und
erlosch - aufflammte und erlosch - - -
    Wo ist das Herz aus rotem Stein - - - klang es in meinem Innern. Ich fuhr
auf: Wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?
    Und ich forschte sie aus, - vorsichtig, leise, ganz leise, da sie nicht
aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht berhre.
    Bruchstckweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es mir
zusammen wie ein Mosaik:
    Ihr Gatte wei - -?
    Nein, noch nicht; er ist verreist.
    Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; - Charousek hatte es richtig
erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie
hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff ich.
    Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit Drohungen
und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.
    Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?
    Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, da - -
da - er wollte, da sich Dr. Savioli - - ein Leid antue.
    Sie kenne jetzt auch die Grnde von Wassertrums wildem besinnungslosem Ha:
Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod
getrieben.
    Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunterlaufen, dem
Trdler alles verraten: da Charousek den Schlag gefhrt hatte - aus dem
Hinterhalt - und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war - - -. Verrat!
Verrat! heulte es mir ins Hirn, du willst also den armen schwindschtigen
Charousek, der dir helfen wollte und ihr, der Rachsucht dieses Halunken
preisgeben? - Und es zerri mich in blutende Hlften. - Dann sprach ein Gedanke
eiskalt und gelassen die Losung aus: Narr! Du hast es doch in der Hand!
Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und
sie dem Trdler durch die Gurgel zu jagen, da die Spitze hinten zum Genick
herausschaut.
    Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich forschte weiter:
    Und Dr. Savioli?
    Kein Zweifel, da er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht rettete.
Die Krankenschwestern lieen ihn nicht aus den Augen, hatten ihn mit Morphium
betubt, aber vielleicht erwacht er pltzlich - vielleicht gerade jetzt - und -
und - nein, nein, sie msse fort, drfe keine Sekunde Zeit mehr versumen, - sie
wolle ihrem Gatten schreiben, ihm alles eingestehen, - solle er ihr das Kind
nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn sie htte Wassertrum damit die einzige
Waffe aus der Hand geschlagen, die er bese und mit der er drohe.
    Sie wolle das Geheimnis selbst enthllen, ehe er es verraten knne.
    Das werden Sie nicht tun, Angelina! schrie ich und dachte an die Feile und
die Stimme versagte mir in jubelnder Freude ber meine Macht.
    Angelina wolte sich losreien: ich hielt sie fest.
    Nur noch eins: berlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trdler so ohne
weiteres glauben?
    Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht auch
ein Bild von mir, - alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier versteckt
war.
    Briefe? Bild? Schreibtisch? - ich wute nicht mehr, was ich tat: ich ri
Angelina an meine Brust und kte sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf die
Augen.
    Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.
    Dann hielt ich sie an ihren schmalen Hnden und erzhlte ihr mit fliegenden
Worten, da der Todfeind Wassertrums - ein armer bhmischer Student - die Briefe
und alles in Sicherheit gebracht htte und sie in meinem Besitz seien und fest
verwahrt.
    Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Kte
mich. Rannte zur Tr. Kehrte wieder um und kte mich wieder.
    Dann war sie verschwunden.
    Ich stand wie betubt und fhlte noch immer den Atem ihres Mundes an meinem
Gesicht.
    Ich hrte wie die Wagenrder ber das Pflaster donnerten und den rasenden
Galopp der Hufe. Eine Minute spter war alles still. Wie ein Grab.
    Auch in mir.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Pltzlich knarrte die Tr leise hinter mir, und Charousek stand im Zimmer:
    Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen es
nicht zu hren.
    Ich nickte nur stumm.
    Hoffentlich nehmen Sie nicht an, da ich mich mit Wassertrum vershnt habe,
weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen? - Charouseks hhnisches Lcheln
sagte mir, da er nur einen grimmigen Spa machte. - Sie mssen nmlich wissen:
Das Gluck ist mir hold; die Kanaille da unten fngt an, mich in ihr Herz zu
schlieen, Meister Pernath. - - Es ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme
des Blutes, setzte er leise - halb fr sich - hinzu.
    Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich htte etwas
berhrt. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in mir.
    Er wollte mir einen Mantel schenken, fuhr Charousek laut fort. Ich habe
natrlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut genug. - Und
dann hat er mir Geld aufgedrngt.
    Sie haben es angenommen?!, wollte es mir herausfahren, aber ich hielt noch
rasch meine Zunge im Zaum.
    Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:
    Das Geld habe ich selbstverstndlich angenommen.
    Mir wurde ganz wirr im Kopf!
    - an - genommen?, stammelte ich.
    Ich htte nie gedacht, da man auf Erden eine so reine Freude empfinden
kann! - Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. - Ist
es nicht ein erhebendes Gefhl, im Haushalt der Natur Mtterchens Vorsehung
konomischen Finger allenthalben in Weisheit und Umsicht walten zu sehen!? - Er
sprach wie ein Pastor und klimperte dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -
wahrlich, als hehre Pflicht empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von
milder Hand, auf Heller und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke
zuzufhren.
    War er betrunken? Oder wahnsinnig?
    Charousek nderte pltzlich den Ton:
    Es liegt eine satanische Komik darin, da Wassertrum sich die - Arznei
selber bezahlt. Finden Sie nicht?
    Eine Ahnung dmmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg, und
mir graute vor seinen fiebernden Augen.
    brigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die
laufenden Geschfte. Vorhin, die Dame, das war sie doch? Was ist ihr denn
eingefallen, hier ffentlich vorzufahren?
    Ich erzhlte Charousek, was geschehen war.
    Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Hnden, unterbrach er mich
freudig, sonst htte er nicht heute morgen abermals das Atelier durchsucht. -
Merkwrdig, da Sie ihn nicht gehrt haben!? Eine volle Stunde lang war er
drben.
    Ich staunte, woher er alles so genau wissen knne, und sagte es ihm.
    Darf ich? - als Erklrung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch, zndete
sie an und erluterte: - Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tr ffnen, bringt die
Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabakrauch aus der Richtung. Es ist
das vielleicht das einzige Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und fr
alle Flle hat er in der Straenmauer des Ateliers - das Haus gehrt ihm, wie
Sie wissen - eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art
Ventilation, und darin ein rotes Fhnchen. Wenn nun jemand das Zimmer betritt
oder verlt, das heit: die Zugtr ffnet, so merkt es Wassertrum unten an dem
heftigen Flattern des Fhnchens. Allerdings wei ich es ebenfalls, setzte
Charousek trocken hinzu, wenn's mir drum zu tun ist, und kann es von dem
Kellerloch vis--vis, in dem zu hausen ein gndiges Schicksal mir huldreichst
gestattet, genau beobachten. - Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar
ein Patent des wrdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren gelufig.
    Was fr einen bermenschlichen Ha Sie gegen ihn haben mssen, da Sie so
jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie sagen! warf
ich ein.
    Ha? Charousek lchelte krampfhaft. Ha? - Ha ist kein Ausdruck. Das
Wort, das meine Gefhle gegen ihn bezeichnen knnte, mu erst geschaffen werden.
- Ich hasse, genaugenommen, auch gar nicht ihn. Ich hasse sein Blut. Verstehen
Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen von seinem
Blut in den Adern eines Menschen fliet, - und - er bi die Zhne zusammen -
das kommt zuweilen vor hier im Ghetto. Unfhig weiter zu sprechen vor
Aufregung lief er ans Fenster und starrte hinaus. - Ich hrte wie er sein
Keuchen unterdrckte. Wir schwiegen beide eine Weile.
    Hallo, was ist denn das? fuhr er pltzlich auf und winkte mir hastig:
Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?
    Wir sphten vorsichtig hinter den Vorhngen hinunter:
    Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trdlerladens und bot,
soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen kleinen
blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf an. Wassertrum
fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine Hhle zurck.
    Gleich darauf strzte er wieder hervor - totenbla - und packte Jaromir an
der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. - Mit einem Mal lie Wassertrum
los und schien zu berlegen. Nagte wtend an seiner gespaltenen Oberlippe. Warf
einen grbelnden Blick zu uns herauf und zog dann Jaromir am Arm friedlich in
seinen Laden.
    Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig werden
zu knnen mit ihrem Handel.
    Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging
seines Weges.
    Was halten Sie davon?, fragte ich. Es scheint nichts Wichtiges zu sein?
Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand versilbert.
    
    Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
Tisch.
    Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr nach
einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
    Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. - Unterbrechen Sie mich, Meister
Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine
besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst nachher wie
Ernchterung. Ein Mensch mit Schamgefhl soll in khlen Worten reden, nicht mit
Pathos wie eine Prostituierte oder - oder ein Dichter. - Seit die Welt steht,
wr's niemand eingefallen, vor Leid die Hnde zu ringen, wenn nicht die
Schauspieler diese Geste als besonders plastisch ausgetftelt htten.
    Ich begriff, da er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe zu
bekommen.
    Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervs lief er im Zimmer auf und ab,
fate alle mglichen Gegenstnde an und stellte sie zerstreut zurck an ihren
Platz.
    Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
    Aus den kleinsten unwillkrlichen Bewegungen eines Menschen verrt sich mir
dieses Blut. Ich kenne Kinder, die ihm hnlich sehen und als seine gelten, aber
doch sind sie nicht vom selben Stamme - man kann mich nicht tuschen. Jahrelang
erfuhr ich nicht, da Dr. Wassory sein Sohn ist, aber ich habe es - ich mchte
sagen - gerochen.
    Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
Beziehungen Wassertrum zu mir steht, - sein Blick ruhte eine Sekunde forschend
auf mir, - besa ich diese Gabe. Man hat mich mit Fen getreten, mich
geschlagen, da es wohl keine Stelle an meinem Krper gibt, die nicht wte, was
rasender Schmerz ist, - hat mich hungern und dursten lassen, bis ich halb
wahnsinnig wurde und schimmlige Erde gefressen habe, aber niemals konnte ich
diejenigen hassen, die mich peinigten. Ich konnte einfach nicht. Es war kein
Platz mehr in mir fr Ha. - Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen
getrnkt damit.
    Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan - ich will damit
sagen, da er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie
beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb: ich wei das
genau, - und doch richtete sich alles, was an Rachsucht und Wut in mir kochte,
gegen ihn. Nur gegen ihn!
    Merkwrdig ist, da ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack gespielt
habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurck. Aber stundenlang
konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustr versteckt, durch die
Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor unerklrlichem
Hagefhl schwarz vor den Augen wurde.
    Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das
sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berhrung
komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich mu wohl jede seiner Bewegungen:
seine Art, den Rock zu tragen und wie er Sachen anfat, hustet und trinkt, und
all das Tausenderlei damals unbewut auswendig gelernt haben, bis sich's mir in
die Seele fra, da ich berall die Spuren davon auf den ersten Blick mit
unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstcke erkennen kann.
    Spter wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstnde von
mir, blo weil mich der Gedanke qulte, seine Hand knne sie berhrt haben, -
andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie Freunde, die ihm
Bses wnschten.
    Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins Leere
blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.
    Als dann ein paar mitleidige Lehrer fr mich gesammelt hatten und ich
Philosophie und Medizin studierte - - auch nebenbei selbst denken lernte -, da
kam mir langsam die Erkenntnis, was Ha ist:
    Wir knnen nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von uns
selbst ist.
    Und wie ich spter dahinter kam, - nach und nach alles erfuhr: was meine
Mutter war - und - und noch sein mu, wenn - wenn sie noch lebt, - und da mein
eigener Leib - er wendete sich ab, damit ich sein Gesicht nicht sehen sollte, -
voll ist von seinem eklen Blut - nun ja, Pernath, - warum sollen Sie's nicht
wissen: er ist mein Vater! - da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. - - -
Zuweilen kommt's mir sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, da ich
schwindschtig bin und Blut spucken mu: mein Krper wehrt sich gegen alles, was
von ihm ist, und stt es mit Abscheu von sich.
    Oft hat mich mein Ha bis in den Traum begleitet und zu trsten gesucht mit
Geschichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich ihm zufgen durfte, aber
immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack des -
Unbefriedigtseins in mir hinterlieen.
    Wenn ich ber mich selbst nachdenke und mich wundern mu, da es so gar
niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, - ja nicht einmal als
antipathisch zu empfinden imstande wre, auer ihn und seinen Stamm, -
beschleicht mich oft das widerliche Gefhl: ich knnte das sein, was man einen
guten Menschen nennt. Aber zum Glck ist es nicht so. - Ich sagte Ihnen schon:
es ist kein Platz mehr in mir.
    Und glauben Sie nur ja nicht, da ein trauriges Schicksal mich verbittert
hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich berdies erst in spteren
Jahren) - ich habe einen Freudentag erlebt, der weit in den Schatten stellt, was
sonst einem Sterblichen vergnnt ist. Ich wei nicht, ob Sie kennen, was innere,
echte, heie Frmmigkeit ist, - ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt - als
ich aber an jenem Tage, an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden
unten stand und sah, wie er die Nachricht bekam, - sie stumpfsinnig, wie ein
Laie, der die echte Bhne des Lebens nicht kennt, htte glauben mssen, -
hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
Hasenscharte nur ein ganz klein bichen hher ber die Zhne gezogen als sonst
und den Blick so gewi - - so - so - so eigenartig nach innen gekehrt, - - - -
da fhlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des Erzengels. - - Kennen Sie
das Gnadenbild der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich
nieder und die Finsternis des Paradieses hllte meine Seele ein. -
    - - - Wie ich Charousek so dastehen sah, die groen, trumerischen Augen
voll Trnen, da fielen mir Hillels Worte ein von der Unbegreiflichkeit des
dunklen Pfades, den die Brder des Todes gehen.
    Charousek fuhr fort:
    Die ueren Umstande, die meinen Ha rechtfertigen oder in den Gehirnen der
amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen knnten, werden Sie
vielleicht gar nicht interessieren: - Tatsachen sehen sich an wie Meilensteine
und sind doch nur leere Eierschalen. Sie sind das aufdringliche Knallen der
Champagnerpfropfen an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige fr das
Wesentliche eines Gelages hlt. - Wassertrum hat meine Mutter mit all den
infernalischen Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu
Willen zu sein, - wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann - - nun ja -
und dann hat er sie an - ein Freudenhaus verkauft, - - - so etwas ist nicht
schwer, wenn man Polizeirte zu Geschftsfreunden hat, - aber nicht etwa, weil
er ihrer berdrssig gewesen wre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel seines
Herzens: an dem Tage hat er sie verkauft, wo er sich voll Schrecken bewut
wurde, wie hei er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da
scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen
quietscht auf, sowie jemand kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner
Trdlerbude gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den Zwang des
Hergebenmssens. Er mchte den Begriff haben am liebsten in sich hineinfressen
und knnte er sich berhaupt ein Ideal ausdenken, so wr's das, sich dereinst in
den abstrakten Begriff Besitz aufzulsen. - -
    Und da ist es damals riesengro in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
Angst: seiner selbst nicht mehr sicher zu sein, - nicht: etwas an Liebe geben
zu wollen, sondern geben zu mssen: die Gegenwart eines Unsichtbaren in sich zu
ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er mchte, da es sein Wille sein
sollte, heimlich in Fesseln schlug. - So war der Anfang. Was dann folgte,
geschah automatisch. Wie der Hecht mechanisch zubeien mu, - ob er will oder
nicht - wenn ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorberschwimmt.
    Das Verschachern meiner Mutter ergab sich fr Wassertrum als natrliche
Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier
nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. - - - Verzeihen Sie, Meister
Pernath, - Charouseks Stimme klang pltzlich so hart und nchtern, da ich
erschrak, - verzeihen Sie, da ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn
man an der Universitt ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bcher unter
die Hnde; unwillkrlich verfllt man dann in eine teppenhafte Ausdrucksweise.
-
    Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lcheln; innerlich verstand ich gar
wohl, da er mit dem Weinen kmpfte.
    Irgendwie mu ich ihm helfen, berlegte ich, wenigstens seine bitterste Not
zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffllig die
Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und
steckte sie in die Tasche.
    Wenn Sie spter einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf als
Arzt ausben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek; sagte ich, um
dem Gesprch eine vershnliche Richtung zu geben, - machen Sie bald Ihr
Doktorat?
    Demnchst. Ich bin es meinen Wohlttern schuldig. Zweck hat's ja keinen,
denn meine Tage sind gezhlt.
    Ich wollte den blichen Einwand machen, da er doch wohl zu schwarz sehe,
aber er wehrte lchelnd ab:
    Es ist das beste so. Es mu berdies kein Vergngen sein, den
Heilkomdianten zu mimen und sich zu guterletzt noch als diplomierter
Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. - - Andererseits, - setzte er mit
seinem galligen Humor hinzu, - wird mir leider jedes weitere segensreiche
Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein fr allemal abgeschnitten sein. Er griff
nach seinem Hut. Jetzt will ich aber nicht langer stren. Oder wre noch etwas
zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich
jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hngen einen
Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, da ich Sie besuchen soll. Zu mir in den
Keller drfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum wurde sofort Verdacht
schpfen, da wir zusammenhalten. - Ich bin brigens sehr neugierig, was er
jetzt tun wird, wo er gesehen hat, da die Dame zu Ihnen gekommen ist. Sagen Sie
ganz einfach, sie htte Ihnen ein Schmuckstck zu reparieren gebracht, und wenn
er zudringlich wird, spielen Sie eben den Rabiaten.
    Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die Banknote
aufzudrngen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und
sagte: Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stck die Treppen hinunter. - Hillel
erwartet mich, log ich.
    Er stutzte:
    Sie sind mit ihm befreundet?
    Ein wenig. Kennen Sie ihn? - - Oder mitrauen Sie ihm, - ich mute
unwillkrlich lcheln - vielleicht auch?
    Da sei Gott vor!
    Warum sagen Sie das so ernst?
    Charousek zgerte und dachte nach:
    Ich wei selbst nicht warum. Es mu etwas Unbewutes sein: so oft ich ihm
auf der Strae begegne, mchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und
das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie trgt. - Sehen Sie,
Meister Pernath, da haben Sie einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil
von Wassertrum ist. Er gilt z.B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie
immer, so auch in diesem Fall falsch informiert sind, als Geizhals und
heimlicher Millionr und ist doch unsagbar arm.
    Ich fuhr entsetzt auf: arm?
    Ja, womglich noch armer als ich. Das Wort nehmen kennt er, glaub' ich,
berhaupt nur aus Bchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem Rathaus
kommt, dann laufen die jdischen Bettler vor ihm davon, weil sie wissen, er
wrde dem nchsten besten von ihnen seinen ganzen krglichen Gehalt in die Hand
drcken und ein paar Tage spter - samt seiner Tochter selber verhungern. -
Wenn's wahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: da von den
zwlf jdischen Stmmen zehn verflucht sind und zwei hellig, so verkrpert er
die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern zusammen. - Haben Sie noch nie
bemerkt, wie Wassertrum smtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorbergeht?
Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, solches Blut kann sich gar nicht
vermischen; da kamen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, da die Mtter
nicht schon frher vor Entsetzen strben. - Hillel ist brigens der einzige, an
den sich Wassertrum nicht herantraut; - er weicht ihm aus wie dem Feuer.
Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unentrtselbare, fr
ihn bedeutet. Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.
    Wir gingen bereits die Stiegen hinab.
    Glauben Sie, da es heutzutage noch Kabbalisten gibt - da berhaupt an der
Kabbala etwas sein konnte?, fragte ich, gespannt, was er wohl antworten wrde,
aber er schien nicht zugehrt zu haben.
    Ich wiederholte meine Frage.
    Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tr des Treppenhauses, die aus
Kistendeckeln zusammengenagelt war:
    Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jdische aber arme
Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,
Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit den
kleinen Mdchen, kommt der Rappel ber ihn: dann bindet er sie an den Daumen
zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwngt sie in einen alten Hhnerkfig
und unterweist sie im Gesang, wie er es nennt, damit sie spter ihren
Lebensunterhalt selbst erwerben knnen, - das heit, er lehrt sie die
verrcktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstcke, die er irgendwo
aufgeschnappt hat und im Dmmer seines Seelenzustandes fr - preuische
Schlachthymnen oder dergleichen hlt.
    Wirklich tnte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein
Fiedelbogen kratzte frchterlich hoch und immerwhrend in ein und demselben Ton
die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendnne Kinderstimmen sangen dazu:

Frau Pick,
Frau Hock,
Frau Kle - pe - tarsch,
se stehen beirenond
und schmusen allerhond - -

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mute wider Willen hellaut
auflachen.
    Schwiegersohn Schaffranek - seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt
Gurkensaft glschenweise an die Schuljugend - luft den ganzen Tag in den Bros
herum, fuhr Charousek grimmig fort, und erbettelt sich alte Briefmarken. Die
sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die zufllig nur am Rande
gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und schneidet sie durch. Die
ungestempelten Hlften klebt er zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs
blhte das Geschft und warf manchmal fast einen - Gulden im Tag ab, aber
schlielich kamen die Prager jdischen Groindustriellen dahinter - und machen
es jetzt selber. Sie schpfen den Rahm ab.
    Wrden Sie Not lindern, Charousek, wenn Sie berflssiges Geld htten?
fragte ich rasch. - Wir standen vor Hillels Tr und ich klopfte an.
    Halten Sie mich fr so gemein, da Sie glauben knnen, ich tte es nicht?,
fragte er verblfft zurck.
    Mirjams Schritte kamen nher, und ich wartete, bis sie die Klinke
niederdrckte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche: Nein, Herr
Charousek, ich halte Sie nicht dafr, aber mich mten Sie fr gemein halten,
wenn ich's unterliee.
    Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschttelt und die Tr
hinter mir zugezogen. Whrend mich Mirjam begrte, lauschte ich, was er tun
wrde.
    Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging langsam
mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am Gelnder
halten mu. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war das erstemal, da ich Hillels Zimmer besuchte hatte.
    Es sah schmucklos aus wie ein Gefngnis. Der Boden peinlich sauber und mit
weiem Sand bestreut. Nichts an Mbeln als zwei Sthle und ein Tisch und eine
Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wnden. - - -
    Mirjam sa mir gegenber am Fenster, und ich bossierte an meinem
Modellierwachs.
    Mu man denn ein Gesicht vor sich haben, um die hnlichkeit zu treffen?,
fragte sie schchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.
    Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wute nicht, wohin die
Augen richten in ihrer Qual und Scham ber die jammervolle Stube, und mir
brannten die Wangen von innerem Vorwurf, da ich mich nicht lngst darum
gekmmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.
    Aber irgend etwas mute ich doch antworten!
    Nicht so sehr, um die hnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob man
innerlich auch richtig gesehen hat, - ich fhlte, noch whrend ich sprach, wie
grundfalsch das alles war, was ich sagte.
    Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man msse die uere
Natur studieren, um knstlerisch schaffen zu knnen, stumpfsinnig nachgebetet
und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere
Schauen aufgegangen: das wahre Sehenknnen hinter geschlossenen Lidern, das
sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlgt, - die Gabe, die sie alle zu
haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.
    Wie konnte ich auch nur von der Mglichkeit sprechen, die unfehlbare
Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins
nachmessen zu wollen!
    Mirjam schien hnliches zu denken, nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu
schlieen.
    Sie drfen es nicht so wrtlich nehmen, entschuldigte ich mich.
    Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.
    Es mu unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu
bertragen?
    Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.
    Pause.
    Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist? fragte sie.
    Sie ist doch fr Sie bestimmt, Mirjam.
    Nein, nein; das geht nicht, - - das - das - -, - ich sah, wie ihre Hnde
nervs wurden.
    Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?, unterbrach
ich sie schnell, ich wollte, ich drfte mehr fr Sie tun.
    Hastig wandte sie das Gesicht ab.
    Was hatte ich da gesagt! Ich mute sie aufs tiefste verletzt haben. Es hatte
geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.
    Konnte ich es noch beschnigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?
    Ich nahm einen Anlauf:
    Hren Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. - Ich schulde Ihrem
Vater so unendlich viel, - Sie knnen das gar nicht ermessen - -
    Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.
    - ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.
    Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmchtig wurden? Das war doch
selbstverstndlich.
    Ich fhlte: sie wute nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknpfte.
Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er
ihr verschwieg.
    Weit hher als uere Hilfe, dchte ich, ist die innere zu stellen. - Ich
meine die, die aus dem geistigen Einflu eines Menschen auf den andern
berstrahlt. - Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? - Man kann
jemand auch seelisch heilen, nicht nur krperlich, Mirjam.
    Und das hat - -?
    Ja, das hat Ihr Vater an mir getan! - ich fate sie an der Hand, -
begreifen Sie nicht, da es mir da ein Herzenswunsch sein mu, wenn schon nicht
ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie, irgendeine Freude zu
bereiten? - Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! - Gibt's denn
gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfllen knnte?
    Sie schttelte den Kopf: Sie glauben, ich fhle mich unglcklich hier?
    Gewi nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen
abnehmen konnte? Sie sind verpflichtet - hren Sie! - verpflichtet, mich daran
teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern traurigen
Gasse, wenn Sie nicht mten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und - -
    Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath, unterbrach sie mich lchelnd,
was fesselt Sie an das Haus?
    Ich stutzte. - Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich
konnte es mir nicht erklren, was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir
geistesabwesend. Ich konnte keine Erklrung finden und verga einen Augenblick
ganz, wo ich war. - Dann stand ich pltzlich entrckt irgendwo hoch oben - in
einem Garten - roch den zauberhaften Duft von blhenden Holunderdolden, - sah
herab auf die Stadt - - -
    Habe ich eine Wunde berhrt? Hab' ich Ihnen weh getan? kam Mirjams Stimme
von weit, weit her zu mir.
    Sie hatte sich ber mich gebeugt und sah mir ngstlich forschend ins
Gesicht.
    Ich mute wohl lange starr dagesessen haben, da sie so besorgt war.
    Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's pltzlich
gewaltsam Bahn, berflutete mich, und ich schttete Mirjam mein ganzes Herz aus.
    Ich erzhlte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes
Leben beisammen war und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich stand und
auf welche Weise ich aus einer Erzhlung Zwakhs erfahren hatte, da ich in
frheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit
beraubt worden war, - wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in
jenen Tagen wurzeln muten, immer hufiger und hufiger, und da ich vor dem
Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreien
wrde.
    Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mute: - meine
Erlebnisse in den unterirdischen Gngen und all das brige, verschwieg ich ihr.
    Sie war dicht zu mir gerckt und hrte mit einer tiefen atemlosen Teilnahme
zu, die mir unsglich wohl tat.
    Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen
konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. - Gewi wohl: Hillel
war ja noch da, aber fr mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken, das kam und
verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.
    Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er
ihr Vater war.
    Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm - und doch bin ich wie
durch eine Glaswand von ihm getrennt, vertraute sie mir an, die ich nicht
durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. - Wenn ich ihn als Kind im
Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters:
die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue
leuchtende Strahlen gingen von seinen Schlfen aus. - Ich glaube, seine Liebe
ist von der Art, die bers Grab hinausgeht, und zu gro, als da wir sie fassen
knnten. - Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich ber ihn
sprachen. - - Sie schauderte pltzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte
aufspringen, aber sie hielt mich zurck: Seien Sie ruhig, es ist nichts. Blo
eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, - nur ich wei, wie er sie geliebt hat,
ich war damals noch ein kleines Mdchen, - glaubte ich vor Schmerz ersticken zu
mssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte
aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelhmt war in mir - und - und da
- - - - mir luft's wieder eiskalt ber den Rcken, wenn ich daran denke - - sah
er mich lchelnd an, kte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand ber die
Augen. - - - - Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, da ich meine
Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Trne konnte ich
vergieen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes
am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging
hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lchelte er jedesmal
leise und ich fhlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.
    Und sind Sie glcklich, Mirjam? Ganz glcklich? Liegt nicht zugleich etwas
Furchtbares fr Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das
hinausgewachsen ist ber alles Menschentum?, fragte ich leise.
    Mirjam schttelte freudig den Kopf:
    Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. - Als Sie mich vorhin fragten,
Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen htte und warum wir hier wohnten, mute ich
fast lachen. Ist denn die Natur schn? Nun ja, die Bume sind grn und der
Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schner vorstellen, wenn ich
die Augen schliee. Mu ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? - Und
das bichen Not und - und - und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch
die Hoffnung und das Warten.
    Das Warten? fragte ich erstaunt.
    Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein
ganz, ganz armer Mensch. - Da das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch
der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl
frher ein paar Freundinnen - Jdinnen natrlich, wie ich -, aber wir redeten
immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich
von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spa, und als sie merkten,
wie ernst es mir war und da ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die
Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmige Wachsen des Grases
und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, - htten sie mich am liebsten fr
verrckt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, da ich ziemlich
gelenkig bin im Denken, hebrisch und aramisch gelernt habe, die Targumim und
Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebenschlichkeiten mehr sind.
Schlielich fanden sie ein Wort, das berhaupt nichts mehr ausdrckt: sie
nannten mich berspannt.
    Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, da das Bedeutsame - das Wesentliche
- fr mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das Wunder und blo das
Wunder sei und nicht Vorschriften ber Moral und Ethik, die nur versteckte Wege
sein knnen, um zum Wunder zu gelangen, - so wuten sie nur mit Gemeinpltzen zu
erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, da sie aus den
Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im brgerlichen Gesetzbuch
stehen knnte. Wenn sie das Wort Wunder nur hrten, wurde ihnen schon
unbehaglich. Sie verlren den Boden unter den Fen, sagten sie.
    Als ob es etwas Herrlicheres geben knnte, als den Boden unter den Fen zu
verlieren!
    Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hrte ich einmal
meinen Vater sagen, - dann, dann erst fngt das Leben an. - Ich wei nicht, was
er mit dem Leben meinte, aber ich fhle zuweilen, da ich eines Tages so wie:
erwachen werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand
hinein. Und Wunder mssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.
    Hast du denn schon welche erlebt, da du fortwhrend darauf wartest? fragten
mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie pltzlich froh
und siegesgewi. Sagen Sie, Herr Pernath, knnen Sie solche Herzen verstehen?
Da ich doch Wunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, - winzig kleine -, -
Mirjams Augen glnzten, - wollte ich ihnen nicht verraten, - - - - - -
    Ich hrte, wie Freudentrnen ihre Stimme fast erstickten.
    
    - aber Sie werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate, - Mirjam wurde
ganz leise - haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr im Hause
war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wute ich: jetzt ist die Stunde da! -
Und dann sa ich hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr
atmen konnte. Und - und dann, wenn's mich pltzlich zog, lief ich hinunter und
kreuz und quer durch die Straen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im
Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und - und jedesmal fand ich Geld. Einmal
mehr, einmal weniger, aber immer soviel, da ich das Ntigste einkaufen konnte.
Oft lag ein Gulden mitten auf der Strae; ich sah ihn von weitem blitzen und die
Leute traten darauf, rutschten aus darber, aber keiner bemerkte ihn. - Das
machte mich zuweilen so bermtig, da ich gar nicht erst ausging, sondern
nebenan in der Kche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot
vom Himmel gefallen sei.
    - Ein Gedanke scho mir durch den Kopf, und ich mute aus Freude darber
lcheln. -
    Sie sah es.
    Lachen Sie nicht, Herr Pernath, flehte sie. Glauben Sie mir, ich wei,
da diese Wunder wachsen werden und da sie eines Tages -
    Ich beruhigte sie: Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn!
Ich bin unendlich glcklich, da Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder
Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's - wir rufen in solchen
Fallen: Gott sei Dank! - einmal anders kommt.
    Sie streckte mir die Hand hin:
    Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, da Sie mir - oder
uns - helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, da Sie mir die Mglichkeit, ein
Wunder zu erleben, rauben wrden, wenn Sie es tten?
    Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.
    Da ging die Tr, und Hillel trat ein.
    Mirjam umarmte ihn; und er begrte mich. Herzlich und voll Freundschaft,
aber wieder mit dem khlen Sie.
    Auch schien etwas wie leise Mdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten. -
Oder irrte ich mich?
    Vielleicht kam es nur von der Dmmerung, die in der Stube lag.
    Sie sind gewi hier, mich um Rat zu fragen, fing er an, als Mirjam uns
allein gelassen hatte, in der Sache, die die fremde Dame betrifft - -?
    Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:
    Ich wei es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse an,
weil er mir merkwrdig verndert vorkam. Er hat mir alles erzhlt. In der
berflle seines Herzens. Auch, da - Sie ihm Geld geschenkt haben. Er sah mich
durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf hchst seltsame Weise, aber
ich verstand nicht, was er damit wollte:
    Gewi, es hat dadurch ein paar Tropfen Glck mehr vom Himmel geregnet - und
- und in diesem - Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, aber -, er dachte
eine Weile nach, - aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit.
Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! Da wre
es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlsen. - Oder glauben Sie nicht?
    Geben Sie denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?
fragte ich.
    Er schttelte lchelnd den Kopf: Mir scheint, Sie sind ber Nacht ein
Talmudist geworden, da Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da
ist freilich schwer streiten.
    Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand
ich nicht, worauf er eigentlich wartete.
    brigens, um zu dem Thema zurckzukommen, fuhr er in verndertem Tone
fort, ich glaube nicht, da Ihrem Schtzling - ich meine die Dame -
augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heit
zwar: der kluge Mann baut vor, aber der Klgere, scheint mir, wartet ab und ist
auf alles gefat. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, da Aaron Wassertrum
mit mir zusammentrifft, aber das mu dann von ihm ausgehen, - ich tue keinen
Schritt, er mu herberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgltig, - und
dann will ich mit ihm reden. An ihm wird's sein, sich zu entscheiden, ob er
meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hnde in Unschuld.
    Ich versuchte ngstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentmlich
drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen,
tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.
    Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns, fielen mir Mirjams Worte
ein.
    Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drcken und - gehen.
    Er begleitete mich bis vor die Tre und, als ich die Treppe hinaufging und
mich noch einmal umdrehte, sah ich, da er stehen geblieben war und mir
freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen mchte und
nicht kann.

                                     Angst


Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine
Wirtsstube Zum alten Ungelt essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander
und Prokop bis spt in die Nacht beisammen saen und einander verrckte
Geschichten erzhlten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von
mir ab, - wie wenn mir Hnde ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe
getragen, abgerissen htten.
    Es lag eine Spannung in der Luft, ber die ich mir keine Rechenschaft geben
konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf
weniger Sekunden derart heftig auf mich bertrug, da ich vor Unruhe anfangs
kaum wute, was ich zuerst tun sollte: Licht anznden, hinter mir abschlieen,
mich niedersetzen oder auf und ab gehen.
    Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt? War's
die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich ansteckte? War
Wassertrum vielleicht hier?
    Ich griff hinter die Gardinen, ffnete den Schrank, tat einen Blick ins
Nebenzimmer: - niemand.
    Auch die Kassette stand unverrckt an ihrem Platz.
    Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen, um
ein fr allemal die Sorge um sie los zu sein?
    Schon suchte ich nach dem Schlssel in meiner Westentasche - aber mute es
denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen frh.
    Erst Licht machen!
    Ich konnte die Streichhlzer nicht finden.
    War die Tr abgesperrt? - Ich ging ein paar Schritte zurck. Blieb wieder
stehen.
    Warum mit einem Male die Angst?
    Ich wollte mir Vorwrfe machen, da ich feig sei: - die Gedanken blieben
stecken. Mitten im Satz.
    Eine wahnwitzige Idee berfiel mich pltzlich: Rasch, rasch auf den Tisch
steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und dem den Schdel damit
von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, - - wenn - wenn es
in die Nhe kam.
    Es ist doch niemand hier, sagte ich mir laut und rgerlich vor, hast du
dich denn je im Leben gefrchtet?
    Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dnn und schneidend wie
ther.
    Wenn ich irgend etwas gesehen htte: das Grlichste, was man sich
vorstellen kann, - im Nu wre die Furcht von mir gewichen.
    Es kam nichts.
    Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:
    Nichts.
    berall lauter wohlbekannte Dinge: Mbel, Truhen, die Lampe, das Bild, die
Wanduhr - leblose, alte, treue Freunde.
    Ich hoffte, sie wrden sich vor meinen Blicken verndern und mir Grund
geben, eine Sinnestuschung als Ursache fr das wrgende Angstgefhl in mir zu
finden.
    Auch das nicht. - Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr fr das
herrschende Halbdunkel, als da es natrlich gewesen wre.
    Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst, fhlte ich. Sie trauen
sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.
    Warum tickt die Wanduhr nicht? -
    Das Lauern ringsum trank jeden Laut.
    Ich rttelte am Tisch und wunderte mich, da ich das Gerusch hren konnte.
    Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! - Nicht einmal das! Oder das
Holz im Ofen aufknallen wollte: - das Feuer war erloschen.
    Und immerwhrend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft - pausenlos,
lckenlos, wie das Rinnen von Wasser.
    Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
verzweifelte daran, es je berdauern zu knnen. - Der Raum voll Augen, die ich
nicht sehen, - voll von planlos wandernden Hnden, die ich nicht greifen konnte.
    Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lhmende
Schrecknis des unfabaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm Denken die
Grenzen zerfrit, begriff ich dumpf.
    Ich stellte mich steif hin und wartete.
    Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht lie es sich verleiten und
schlich von rckwrts an mich heran - und ich konnte es ertappen?!
    Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.
    Dasselbe markverzehrende Nichts, das nicht war und doch das Zimmer mit
seinem grausigen Leben erfllte.
    Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?
    Es wrde mit mir gehen, wute ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit.
Auch, da es mir nichts ntzen knnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, -
dennoch suchte ich so lange nach dem Feuerzeug, bis ich es gefunden hatte.
    Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen nicht
heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich
endlich doch ein schwindschtiges Dasein erkmpft hatte, blieb sie glanzlos wie
gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war die Dunkelheit noch besser.
    Ich lschte wieder aus und warf mich angezogen bers Bett. Zhlte die
Schlge meines Herzens: eins, zwei, drei - vier ... bis tausend, und immer von
neuem - Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken wurden
und das Haar sich mir strubte: keine Sekunde der Erleichterung.
    Auch nicht eine einzige.
    Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge kamen:
Prinz, Baum, Kind, Buch - und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie
pltzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir
gegenberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken mute, in ihre Bedeutung
zurckzufinden: P-r-i-n-z? - B-u-ch?
    War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? - Ich tastete an mir herum.
    Aufstehen!
    Mich in den Sessel setzen!
    Ich lie mich in den Lehnstuhl fallen.
    Wenn doch endlich der Tod kme!
    Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fhlen! Ich - will -
nicht - ich will - nicht!, schrie ich. Hrt ihr denn nicht?!
    Kraftlos fiel ich zurck.
    Konnte es nicht fassen, da ich immer noch lebte.
    Unfhig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor mich
hin.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Weshalb er mir nur die Krner so beharrlich hinreicht?, ebbte ein Gedanke
auf mich zu, zog sich zurck und kam wieder. Zog sich zurck. Kam wieder.
    Langsam wurde mir endlich klar, da ein seltsames Wesen vor mir stand -
vielleicht schon, seit ich hier sa, dagestanden hatte - und mir die Hand
hinstreckte:
    Ein graues, breitschultriges Geschpf, in der Gre eines gedrungen
gewachsenen Menschen, auf einen spiralfrmig gedrehten Knotenstock aus weiem
Holz gesttzt.
    Wo der Kopf htte sitzen mssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus fahlem
Dunst unterscheiden.
    Ein trber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
Erscheinung aus.
    Ein Gefhl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung. Was
ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, drngte sich
jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form geronnen.
    Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich wrde wahnsinnig werden vor
Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen knnte, - warnte
mich davor, schrie es mir in die Ohren - und doch zog es mich wie ein Magnet,
da ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin
forschte nach Augen, Nase und Mund.
    Aber so sehr ich mich auch abmhte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
glckte es mir, Kpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wute
ich, da sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.
    Sie zerrannen auch stets - fast in derselben Sekunde, in der ich sie
geschaffen hatte.
    Nur die Form eines gyptischen Ibiskopfs blieb noch am lngsten bestehen.
    Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, zogen
sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen
Atemzgen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, die zu
bemerken war. Statt der Fe berhrten Knochenstumpen den Boden, von denen das
Fleisch - grau und blutleer - auf Spannenbreite zu wulstigen Rndern
emporgezogen war.
    Regungslos hielt das Geschpf mir seine Hand hin.
    Kleine Krner lagen darin. Bohnengro, von roter Farbe und mit schwarzen
Punkten am Rande.
    Was sollte ich damit?!
    Ich fhlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir - eine
Verantwortung, die weit hinausging ber alles Irdische, - wenn ich jetzt nicht
das Richtige tat.
    Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebudes,
schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich - auf welche von beiden ich
ein Stubchen warf: die sank zu Boden.
    Das war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. Keinen Finger rhren!
riet mir mein Verstand, - und wenn der Tod in alle Ewigkeit nicht kommen sollte
und mich erlsen aus dieser Qual. -
    Auch dann httest du deine Wahl getroffen: du httest die Krner abgelehnt,
raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurck.
    Hilfe suchend blickte ich um mich, ob mir denn kein Zeichen wurde, was ich
tun sollte.
    Nichts.
    Auch in mir kein Rat, kein Einfall, - alles tot, gestorben.
    Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
furchtbaren Augenblick, erkannte ich. - -
    Es mute bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wnde meines Zimmers
nicht mehr unterscheiden.
    Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hrte, da jemand Schrnke
rckte, Schubladen aufri und polternd zu Boden warf, glaubte Wassertrums Stimme
zu erkennen, wie er in seinem rchelnden Ba wilde Fluche ausstie; ich horchte
nicht hin. Es war mir belanglos wie das Rascheln einer Maus. - Ich schlo die
Augen:
    Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorber. Die Lider
zugedrckt - starre Totenmasken: - - mein eigenes Geschlecht, meine eigenen
Vorfahren.
    Immer dieselbe Schdelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so
stand es auf aus seinen Grften, - mit glattem gescheiteltem Haar, gelocktem und
kurz geschnittenem, mit Allongepercken und in Ringe gezwngten Schpfen - durch
Jahrhunderte heran, bis die Zge mir bekannter und bekannter wurden und in ein
letztes Gesicht zusammenflossen: - das Gesicht des Golem, mit dem die Kette
meiner Ahnen abbrach.
    Dann lste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum auf,
in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wute, vor mir der graue
Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.
    Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden Kreisen,
die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:
    Die des einen Kreises gehllt in Gewnder mit violettem Schimmer, die des
anderen mit rtlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von hohem,
unnatrlich schmchtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden Tchern
verborgen.
    Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, da der Zeitpunkt der Entscheidung
gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Krnern: - und da sah ich, wie ein
Zittern durch die Gestalten des rtlichen Kreises ging. -
    Sollte ich die Krner zurckweisen?: Das Zittern ergriff den blulichen
Kreis; - ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da - in derselben
Stellung: regungslos wie frher.
    Sogar sein Atem hatte aufgehrt.
    Ich hob den Arm, wute noch immer nicht, was ich tun sollte, und - schlug
auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, da die Krner ber den Boden
hinrollten.
    Einen Moment, so jh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
Bewutsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu strzen, - dann stand ich fest
auf den Fen.
    Das graue Geschpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rtlichen Kreises.
    Die blulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet; sie
trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und hielten stumm -
es sah aus wie ein Schwur - zwischen Zeigefinger und Daumen die roten Krner in
die Hohe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus der Hand geschlagen hatte.
    Ich hrte, wie drauen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und brllender
Donner die Luft zerri:
    Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste ber die Stadt
hinweg. Vom Flu her drhnten durch das Heulen des Sturms in rhythmischen
Intervallen die dumpfen Kanonenschsse, die das Brechen der Eisdecke auf der
Moldau verkndeten. Die Stube loderte im Licht der ununterbrochen
aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fhlte mich pltzlich so schwach, da mir die
Knie zitterten und ich mich setzen mute.
    Sei ruhig, sagte deutlich eine Stimme neben mir, sei ganz ruhig, es ist
heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschtzung. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Allmhlich lie das Unwetter nach, und der betubende Lrm ging ber in das
eintnige Trommeln der Schloen auf die Dcher.
    Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, da ich nur mehr mit
stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:
    Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:
    Den ihr suchet, der ist nicht hier.
    Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.
    Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name

                                    Henoch

vor, aber ich verstand das brige nicht: der Wind trug das Sthnen der
berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herber.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dann lste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die
Hieroglyphen auf seiner Brust - sie waren dieselben Buchstaben wie die der
brigen - und fragte mich, ob ich sie lesen knne.
    Und als ich - lallend vor Mdigkeit, - verneinte, streckte er die Handflche
gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf meiner Brust in Lettern,
die zuerst lateinisch waren:

                            CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
                   - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. - - - Und ich fiel in
einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht, in der Hillel mir
die Zunge gelst, nicht mehr gekannt hatte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                     Trieb


Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, da ich mir
Zeit zu den Mahlzeiten lie.
    Ein unwiderstehlicher Drang nach uerer Ttigkeit hatte mich von frh bis
abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.
    Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind darber
gefreut.
    Auch der Buchstabe I in dem Buche Ibbur war ausgebessert.
    Ich lehnte mich zurck und lie ruhevoll all die kleinen Geschehnisse der
heutigen Stunden an mir vorberziehen:
    Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu mir
ins Zimmer gestrzt kam mit der Meldung, die steinerne Brcke sei in der Nacht
eingestrzt. -
    Seltsam: - Eingestrzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die Krner -
- - nein, nein, nicht daran denken; es knnte einen Anstrich von Nchternheit
bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir vorgenommen, es in meiner
Brust begraben sein zu lassen, bis es von selbst wieder erwachte, - nur nicht
daran rhren!
    Wie lange war's her, da ging ich noch ber die Brcke, sah die steinernen
Statuen - und jetzt lag sie, die Brcke, die Jahrhunderte gestanden, in
Trmmern.
    Es stimmte mich beinahe wehmtig, da ich nie mehr meinen Fu auf sie setzen
sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr die alte,
geheimnisvolle, steinerne Brcke.
    Stundenlang hatte ich, whrend ich an der Gemme schnitt, darber nachdenken
mssen, und so selbstverstndlich, als htte ich es nie vergessen gehabt, war es
lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind und auch in sptern Jahren zu dem
Bildnis der heiligen Luitgard und all den andern, die jetzt begraben lagen in
den tosenden Wassern, aufgeblickt hatte.
    Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen
genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste - und meinen Vater und meine Mutter
und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich gewohnt, konnte ich mich
nicht mehr erinnern.
    Ich wute, es wrde pltzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten
erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.
    Die Empfindung, da sich mit einemmal alles natrlich und einfach in mir
abwickelte, war so behaglich.
    Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, - es war so
gar nichts Erstaunliches daran gewesen, da es aussah, nun, wie eben ein altes,
mit wertvollen Initialen geschmcktes Pergamentbuch aussieht - schien es mir
ganz selbstverstndlich.
    Ich konnte nicht begreifen, da es jemals gespenstisch auf mich gewirkt
hatte!
    Es war in hebrischer Sprache geschrieben, vollkommen unverstndlich fr
mich.
    Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen wrde?
    Die Freude am Leben, die whrend der Arbeit heimlich in mich eingezogen war,
erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und verscheuchte die
Nachtgedanken, die mich hinterrcks wieder berfallen wollten.
    Rasch nahm ich Angelinas Bild - ich hatte die Widmung, die darunter stand,
abgeschnitten - und kte es.
    Es war das alles so tricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von -
Glck trumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran freuen, wie
ber eine Seifenblase?
    Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfllung gehen, was mir da die
Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmglich, da ich
ber Nacht ein berhmter Mann wurde? Ihr ebenbrtig, wenn auch nicht an
Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbrtig? Ich dachte an die Gemme Mirjams:
wenn mir noch andere so gelangen wie diese - kein Zweifei, selbst die ersten
Knstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen.
    Und nur einen Zufall angenommen: der Gatte Angelinas strbe pltzlich?
    Mir wurde hei und kalt: ein winziger Zufall - und meine Hoffnung, die
verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dnnen Faden, der stndlich
reien konnte, hing das Glck, das mir dann in den Scho fallen mte.
    War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von
denen die Menschheit gar nicht ahnte, da sie berhaupt existierten?
    War es kein Wunder, da binnen weniger Wochen knstlerische Fhigkeiten in
mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit ber den Durchschnitt erhoben?
    Und ich stand doch erst am Anfang des Weges!
    Hatte ich denn kein Anrecht auf Glck?
    Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?
    Ich bertnte das: Ja in mir: - nur noch eine Stunde trumen - eine Minute
- ein kurzes Menschendasein!
    Und ich trumte mit offenen Augen:
    Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen
Seiten mit farbigen Wasserfllen. Bume aus Opal standen in Gruppen beisammen
und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau schillerte wie der Flgel
eines gigantischen Tropenschmetterlings, in Funkensprhregen ber unabsehbare
Wiesen voll heiem Sommerduft.
    Mich drstete, und ich khlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bche,
die ber Felsblcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.
    Schwler Hauch strich ber Hnge, berst mit Blten und Blumen, und machte
mich trunken mit den Gerchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen, Seidelbast - -
-
    Unertrglich! Unertrglich! Ich verlschte das Bild. - Mich drstete.
    Das waren die Qualen des Paradieses.
    Ich ri die Fenster auf und lie den Tauwind an meine Stirne wehen.
    Es roch nach kommendem Frhling - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Mirjam!
    Ich mute an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte
halten mssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzhlen gekommen, ein Wunder
sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstck gefunden in dem
Brotlaib, den der Bcker vom Gang aus durchs Gitter ins Kchenfenster gelegt. -
- -
    Ich griff nach meiner Brse. - Hoffentlich war es heute nicht schon zu spt,
und ich kam noch zurecht, ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern!
    Tglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie es
nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfllt war sie von dem Wunder
gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewhlt und, wenn
ich mir vorstellte, wie sie manchmal pltzlich ohne uern Grund - nur unter dem
Einflu ihrer Erinnerung - totenbla geworden war bis in die Lippen, schwindelte
mir bei dem bloen Gedanken, ich knnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet
haben, deren Tragweite bis ins Grenzenlose ging.
    Und wenn ich mir die letzten, dunklen Worte Hillels ins Gedchtnis rief und
in Zusammenhang damit brachte, berlief es mich eiskalt.
    Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung fr mich, - der Zweck
heiligt die Mittel nicht, das sah ich ein.
    Und was, wenn berdies das Motiv: helfen zu wollen nur scheinbar rein
war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lge dahinter verborgen?:
der selbstgefllige, unbewute Wunsch, in der Rolle des Helfers zu schwelgen?
    Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.
    Da ich Mirjam viel zu oberflchlich beurteilt hatte, war klar.
    Schon als die Tochter Hillels mute sie anders sein als andere Mdchen.
    Wie hatte ich nur so vermessen sein knnen, auf solch trichte Weise in ein
Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch ber meinem eigenen stand!
    Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten
gyptischen Dynastie pate und selbst fr diese noch viel zu vergeistigt war,
als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, htte mich warnen mssen.
    Nur der ganz Dumme mitraut dem uern Schein, hatte ich irgendwo einmal
gelesen. - Wie richtig! Wie richtig!
    Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, da ich
es gewesen war, der die Dukaten Tag fr Tag ins Brot geschmuggelt hatte?
    Der Schlag kme zu pltzlich. Wrde sie betuben.
    Ich durfte das nicht wagen, mute behutsamer vorgehen.
    Das Wunder irgendwie abschwchen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, es
auf die Treppenstufe zu legen, da sie es finden mute, wenn sie die Tr
aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes wrde
sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem Wunderbaren
allmhlich wieder ins Alltgliche herberlenkte, trstete ich mich.
    Ja! Das war das Richtige.
    Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die
Schamrte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug, wenn alle
andern Mittel versagten.
    Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versumen!
    Ein guter Einfall kam mir: Ich mute Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem
bewegen, sie fr ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reien, da sie
andere Eindrcke bekam.
    Wir wrden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte uns
denn, wenn wir das Judenviertel mieden?
    Vielleicht interessierte es sie, die eingestrzte Brcke zu besichtigen?
    Oder der alte Zwakh oder eine ihrer frheren Freundinnen sollte mit ihr
fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden wrde, da ich mit dabei sei.
    Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen. - - - - - -
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    An der Trschwelle rannte ich einen Mann beinahe ber den Haufen.
    Wassertrum!
    Er mute durchs Schlsselloch hereingespht haben, denn er stand gebckt,
als ich mit ihm zusammengestoen war.
    Suchen Sie mich?, fragte ich barsch.
    Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmglichen Jargon;
dann bejahte er.
    Ich forderte ihn auf, nher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb am
Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe Feindseligkeit,
die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus seinem Gesicht und
jeder seiner Bewegungen.
    Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nhe gesehen. Seine
grauenhafte Hlichkeit war es nicht, die einen so abstie; (sie machte mich
eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschpf, dem die Natur selbst bei
seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fu ins Gesicht getreten hatte) -
etwas anderes, Unwgbares, das von ihm ausging, trug die Schuld daran.
    Das Blut, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.
    Unwillkrlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem Eintritt
gereicht hatte.
    So wenig auffllig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben, denn
er mute sich pltzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des Hasses in seinen
Zgen zu unterdrcken.
    Hbsch ham Se's hier, fing er endlich stockend an, als er sah, da ich ihm
nicht den Gefallen tat, das Gesprch zu beginnen.
    Im Widerspruch zu seinen Worten schlo er dabei die Augen, vielleicht, um
meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, da es seinem Gesicht einen
harmloseren Ausdruck verleihen wrde?
    Man konnte ihm deutlich anhren, welche Mhe er sich gab, hochdeutsch zu
reden.
    Ich fhlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was er
weiter sagen wrde.
    In seiner Verlegenheit griff er nach der Feile, die - wei Gott wieso - noch
seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber unwillkrlich sofort wie von
einer Schlange gebissen zurck. Ich staunte innerlich ber seine unterbewute
seelische Feinfhligkeit.
    Freilich, natrlich, es gehrt zum Geschft, da man's fein hat, raffte er
sich auf, zu sagen, wenn man - so noble Besuche bekommt. Er wollte die Augen
aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte auf mich machten, hielt es
aber offenbar noch fr verfrht und schlo sie schnell wieder.
    Ich wollte ihn in die Enge treiben: Sie meinen die Dame, die neulich hier
vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!
    Er zgerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und zerrte
mich ans Fenster.
    Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich daran,
wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine Hhle gerissen
hatte.
    Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:
    Was glauben Sie, Herr Pernath, lat sich da noch was machen?
    Es war eine goldene Uhr mit so stark verbeulten Deckeln, da es fast aussah,
als htte sie jemand mit Absicht verbogen.
    Ich nahm ein Vergrerungsglas: die Scharniere waren zur Hlfte abgerissen
und innen - stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr leserlich und noch
berdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen zerkratzt. Langsam entzifferte
ich:

                                K-rl Zott-mann.

    Zottmann? Zottmann? - Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann? Ich
konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?
    Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:
    Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehuse, da
stinkt's.
    Braucht man nur gerade zu klopfen - hchstens ein paar Ltstellen. Das kann
Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr Wassertrum.
    Ich leg' doch Wert darauf, da es eine solide Arbeit wird. Was man so sagt:
knstlerisch, unterbrach er mich hastig. Fast ngstlich.
    Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt -
    Viel daran liegt! Seine Stimme schnappte ber vor Eifer. Ich will sie
doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemandem zeig', will ich sagen
knnen: schauen Sie mal her, so arbeitet der Herr von Pernath.
    Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwrtigen
Schmeicheleien frmlich ins Gesicht.
    Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.
    Wassertrum wand sich in Krmpfen: Das gibt's nicht. Das will ich nicht.
Drei Tag. Vier Tag. Die nchste Woche is Zeit genug. Das ganze Leben mcht' ich
mir Vorwrfe machen, da ich Ihnen gedrngt hab'.
    Was wollte er nur, da er so auer sich geriet? - Ich machte einen Schritt
ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas Photographie lag
obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu - fr den Fall, da Wassertrum
mir nachblicken sollte.
    Als ich zurckkam, fiel mir auf, da er sich verfrbt hatte.
    Ich musterte ihn scharf, lie aber meinen Verdacht sofort fallen: Unmglich!
Er konnte nichts gesehen haben.
    Also, dann vielleicht nchste Woche, sagte ich, um seinem Besuch ein Ende
zu machen.
    Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und
setzte sich.
    Im Gegensatz zu frher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit offen
und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. - -
    Pause.
    Die Duksel hat Ihnen natrlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen machen,
wenn's herauskommt. Waas? sprudelte er pltzlich ohne jede Einleitung auf mich
los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
    Es lag etwas merkwrdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er von
einer Sprechweise in die andere bergehen - von Schmeicheltnen blitzartig ins
Brutale springen konnte, und ich hielt es fr sehr wahrscheinlich, da die
meisten Menschen, besonders Frauen, sich im Handumdrehen in seiner Gewalt
befinden muten, wenn er nur die geringste Waffe gegen sie besa.
    Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tr setzen, war mein
erster Gedanke; dann berlegte ich, ob es nicht klger sei, ihn zuvrderst
einmal grndlich auszuhorchen.
    Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum; - ich
bemhte mich, ein mglichst dummes Gesicht zu machen. Duksel? Was ist das:
Duksel?
    Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen? fuhr er mich grob an. Die Hand
werden Sie aufheben mssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht. Verstehen
Sie mich?! Das sag ich Ihnen! - Er fing an zu schreien: Mir ins Gesicht hinein
werden Sie nicht abschwren, da sie von da drben - er deutete mit dem Daumen
nach dem Atelier - zu Ihnen heribber geloffen is mit en Teppich an und - sonst
nix!
    Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und
schttelte ihn:
    Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die
Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?
    Aschfahl sank er in den Stuhl zurck und stotterte:
    Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch blo.
    Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte
nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.
    Dann setzte ich mich ihm dicht gegenber, in der festen Absicht, die Sache,
soweit sie Angelina betraf, ein fr allemal mit ihm ins reine zu bringen und,
sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich die Feindseligkeiten
zu erffnen und seine paar schwachen Pfeile vorzeitig zu verschieen.
    Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf den
Kopf zu, da Erpressungen irgendwelcher Art - ich betonte das Wort - miglcken
mten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit Beweisen erhrten knnte
und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es wre berhaupt im Bereiche der
Mglichkeit, da es je zu einer solchen kme) - bestimmt zu entziehen wissen
wrde. Angelina stnde mir viel zu nahe, als da ich sie nicht in der Stunde der
Not retten wrde, koste es, was es wolle, sogar einen Meineid!
    Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis zur
Nase auseinander, er fletschte die Zhne und kollerte wie ein Truthahn mir immer
wieder in die Rede hinein: Will ich denn was von die Duksel? So hren Sie doch
zu! - Er war auer sich vor Ungeduld, da ich mich nicht beirren lie. - Um
den Savioli is mir's zu tun, um den gottverfluchten Hund, - den - den -, fuhr
es ihm pltzlich brllend heraus.
    Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich ihn
haben wollte, aber schon hatte er sich gefat und fixierte wieder meine Weste.
    Hren Sie zu, Pernath; er zwang sich, die khle, abwgende Sprechweise
eines Kaufmanns nachzuahmen, Sie reden fort von der Duk - - von der Dame. Gut!
sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem - mit dem jungen
Lauser. Was hab' ich damit zu tun? Er bewegte die Hnde vor meinem Gesicht hin
und her, die Fingerspitzen zusammengedrckt, als hielte er eine Prise Salz darin
- soll sie sich das selber abmachen, die Duksel. - Ich bin e Weltmann und Sie
sin auch e Weltmann. Wir kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu
meinem Geld kommen. Verstehen Sie, Pernath?!
    Ich horchte erstaunt auf:
    Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?
    Wassertrum wich aus:
    Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.
    Sie wollen ihn ermorden! schrie ich.
    Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.
    Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komdie vorspielen! Ich
deutete auf die Tr. Schauen Sie, da Sie hinauskommen.
    Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum Gehen.
Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren ich ihn nie fr
fhig gehalten htte:
    Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht.
Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbchel ist voll. Wenn Sie
gescheit gewesen wren -: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? Jetzt - mach -
ich - mit - Ihnen allen dreien - er deutete mit einer Geste des Erdrosselns an,
womit er es meinte - Precolleeh.
    Seine Mienen drckten eine so satanische Grausamkeit aus und er schien
seiner Sache so sicher zu sein, da mir das Blut in den Adern erstarrte. Er
mute eine Waffe in Hnden haben, von der ich nichts ahnte, die auch Charousek
nicht kannte. Ich fhlte den Boden unter mir wanken.
    Die Feile! Die Feile! hrte ich es in meinem Hirn flstern. Ich schtzte
die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch - zwei Schritte bis zu Wassertrum -
- ich wollte zuspringen - - - da stand wie aus dem Boden gewachsen Hillel auf
der Schwelle.
    Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.
    Ich sah nur - wie durch Nebel -, da Hillel unbeweglich stehen blieb und
Wassertrum Schritt fr Schritt bis an die Wand zurckwich.
    Dann hrte ich Hillel sagen:
    Sie kennen doch, Aaron, den Satz: Alle Juden sind Brgen freinander?
Machen Sie's einem nicht zu schwer. - Er fgte ein paar hebrische Worte hinzu,
die ich nicht verstand.
    Was haben Sie das netig, an der Tre zu schnffeln? geiferte der Trdler
mit bebenden Lippen.
    Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kmmern! - wieder
schlo Hillel mit einem hebrischen Satz, der diesmal wie eine Drohung klang.
Ich erwartete, da es zu einem Zank kommen wrde, aber Wassertrum antwortete
nicht eine Silbe, berlegte einen Augenblick und ging dann trotzig hinaus.
    Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen.
Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf den Gang
hinaus. Ich wollte die Tre schlieen gehen: er hielt mich mit einer
ungeduldigen Handbewegung zurck.
    Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des Trdlers
wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel hinaus und
machte ihm Platz.
    Wassertrum wartete, bis er auer Hrweite war, dann knurrte er mich
verbissen an:
    Geben Se mer meine Uhr zorck.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                      Weib


Wo nur Charousek blieb?
    Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer lie er sich nicht
blicken.
    Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder sah
er es vielleicht nicht?
    Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, da der Sonnenstrahl, der
darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner Kellerwohnung fiel.
    Das Eingreifen Hillels - gestern - hatte mich ziemlich beruhigt. Bestimmt
wrde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wre.
    berdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden zurckgekehrt, -
ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er unbeweglich hinter seinen
Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon frhmorgens gesehen. - - -
    Unertrglich, das ewige Warten!
    Die milde Frhlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem Nebenzimmer
hereinstrmte, machte mich krank vor Sehnsucht.
    Dies schmelzende Tropfen von den Dchern! Und wie die feinen Wasserschnre
im Sonnenlicht glnzten!
    
    Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fden. Voll Ungeduld ging ich in der
Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.
    Dieses schtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es
wollte nicht weichen.
    Die ganze Nacht ber hatte es mich geqult. Einmal war es Angelina gewesen,
die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar ganz harmlos mit
Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam abermals Angelina und kte
mich; ich roch den Duft ihres Haares, und ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am
Hals, rutschte von ihren entblten Schultern - und sie wurde zu Rosina, die mit
trunkenen, halbgeschlossenen Augen tanzte - im Frack - nackt; - - - und alles in
einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie Wachsein. Wie ein ses,
verzehrendes, dmmeriges Wachsein.
    Gegen Morgen stand dann mein Doppelgnger an meinem Bett, der schattenhafte
Habal Garmin, der Hauch der Knochen, von dem Hillel gesprochen, - und ich sah
ihm an den Augen an: er war in meiner Macht, mute mir jede Frage beantworten,
die ich ihm stellen wrde nach irdischen oder jenseitigen Dingen, und er wartete
nur darauf, aber der Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die
Schwle meines Blutes und versickerte im drren Erdreich meines Verstandes. -
Ich schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und es
schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben Aleph, wuchs wieder empor, stand da als
das Koloweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche Ibbur gesehen, mit
dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich ber mich, und ich atmete den
betubenden Geruch ihres heien Fleisches ein.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Kam denn Charousek immer noch nicht? - Die Glocken sangen von den
Kirchtrmen.
    Eine Viertelstunde wollte ich noch warten - dann aber hinaus! Durch belebte
Straen voll festtgig gekleideter Menschen schlendern, mich in das frohe
Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schne Frauen sehen mit
koketten Gesichtern und schmalen Hnden und Fen.
    Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufllig, entschuldigte ich mich
vor mir selbst.
    Ich holte das altertmliche Tarokspiel vom Bcherbord, um mir die Zeit
rascher zu vertreiben. -
    Vielleicht lie sich aus den Bildern Anregung schpfen zum Entwurf einer
Kamee?
    Ich suchte nach dem Pagad.
    Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?
    Ich bltterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken
ber ihren verborgenen Sinn. Besonders der Gehenkte, - was konnte er nur
bedeuten?:
    Ein Mann hngt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf nach
abwrts, die Arme auf den Rcken gebunden, den rechten Unterschenkel ber das
linke Bein verschrnkt, da es aussieht wie ein Kreuz ber einem verkehrten
Dreieck?
    Unverstndliches Gleichnis.
    Da! - Endlich! Charousek kam.
    Oder doch nicht?
    Freudige berraschung: es war Mirjam.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wissen Sie, Mirjam, da ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und Sie
bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen? Es war nicht ganz die Wahrheit,
aber ich machte mir weiter keine Gedanken darber. - Nicht wahr, Sie schlagen
es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im Herzen, da Sie, gerade
Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen mssen.
    - spazierenfahren?, wiederholte sie derart verblfft, da ich laut
auflachen mute.
    Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?
    Nein, nein, aber - -, sie suchte nach Worten, unerhrt merkwrdig.
Spazierenfahren!
    Durchaus nicht merkwrdig, wenn Sie sich vorhalten, da es Hunderttausende
von Menschen tun - eigentlich ihr ganzes Leben nichts anderes tun.
    Ja, andere Menschen! gab sie, immer noch vollstndig berrumpelt, zu.
    Ich fate ihre beiden Hnde:
    Was andere Menschen an Freude erleben drfen, mchte ich, da Sie, Mirjam,
in noch unendlich viel reicherem Mae genieen.
    Sie wurde pltzlich leichenbla, und ich sah an der starren Taubheit ihres
Blickes, woran sie dachte.
    Es gab mir einen Stich.
    Sie drfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam, redete ich ihr zu,
das - das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen - aus - aus
Freundschaft?
    Sie hrte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.
    Wenn es Sie nicht so angriffe, knnte ich mich mit Ihnen freuen, aber so?
Wissen Sie, da ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? - Um - um - wie soll ich
nur sagen? - um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es nicht wrtlich auf,
aber -: ich wollte, das Wunder wre nie geschehen.
    Ich erwartete, sie wrde mir widersprechen, aber sie nickte nur in Gedanken
versunken.
    Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam? Sie raffte sich auf:
    Manchmal mchte ich beinahe auch, es wre nicht geschehen.
    Es klang wie ein Hoffnungsstrahl fr mich. - Wenn ich mir denken soll, sie
sprach ganz langsam und traumverloren, da Zeiten kommen knnten, wo ich ohne
solche Wunder leben mte - - -.
    Sie knnen doch ber Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr -,
fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich das Entsetzen
in ihrem Gesicht bemerkte, - ich meine: Sie knnen pltzlich auf natrliche
Weise Ihrer Sorgen enthoben werden, und die Wunder, die Sie dann erleben, wrden
geistiger Art sein: - innere Erlebnisse.
    Sie schttelte den Kopf und sagte hart: Innere Erlebnisse sind keine
Wunder. Erstaunlich genug, da es Menschen zu geben scheint, die berhaupt keine
haben. - Seit meiner Kindheit, Tag fr Tag, Nacht fr Nacht, erlebe ich - (sie
brach mit einem Ruck ab, und ich erriet, da noch etwas anderes in ihr war, von
dem sie mir nie gesprochen hatte, vielleicht das Weben unsichtbarer
Geschehnisse, hnlich den meinigen) - aber das gehrt nicht hierher. Selbst,
wenn einer aufstnde und machte Kranke gesund durch Handauflegen, ich knnte es
kein Wunder nennen. Erst, wenn der leblose Stoff - die Erde - beseelt wird vom
Geist und die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
mich sehne, seit ich denken kann. - Mir hat einmal mein Vater gesagt: es gbe
zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die sich niemals zur
Deckung bringen lieen. Wohl knne die magische die abstrakte an sich ziehen,
aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische ist ein Geschenk, die andere kann
errungen werden, wenn auch nur mit Hilfe eines Fhrers. Sie nahm den ersten
Faden wieder auf: Das Geschenk ist es, nach dem ich drste; was ich mir
erringen kann, ist mir gleichgltig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken
soll, es knnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese
Wunder leben mte, - ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
Jammer zerfleischten mich, - ich glaube, ich sterbe jetzt schon angesichts der
bloen Mglichkeit.
    Ist das der Grund, weshalb auch Sie wnschten, das Wunder wre nie
geschehen?, forschte ich.
    Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich - ich - , sie dachte einen
Augenblick nach, war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser Form zu
erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen erklren? Nehmen Sie einmal an, blo
als Beispiel, ich htte seit Jahren jede Nacht ein und denselben Traum, der sich
immer weiter fortspinnt und in dem mich jemand - sagen wir: ein Bewohner einer
andern Welt - belehrt und mir nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und
seinen allmhlichen Vernderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife,
ein Wunder erleben zu knnen, entfernt bin, sondern: mir auch in
Verstandesfragen, wie sie mich einmal tagsber beschftigen, derart Aufschlu
gibt, da ich es jederzeit nachprfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein
solches Wesen ersetzt einem an Glck alles, was sich auf Erden ausdenken lt;
es ist fr mich die Brcke, die mich mit dem Drben verbindet, ist die
Jakobsleiter, auf der ich mich ber die Dunkelheit des Alltags erheben kann ins
Licht, - ist mir Fhrer und Freund, und alle meine Zuversicht, da ich mich auf
den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren kann in Wahnsinn und
Finsternis, setze ich auf ihn, der mich noch nie belogen hat. - Da mit einem
Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat, kreuzt ein Wunder mein Leben! Wem
soll ich jetzt glauben? War das, was mich die vielen Jahre ber ununterbrochen
erfllt hat, eine Tuschung? Wenn ich daran zweifeln mte, ich strzte kopfber
in einen bodenlosen Abgrund. - Und doch ist das Wunder geschehen! Ich wrde
aufjauchzen vor Freude, wenn -
    Wenn - - -? unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie selbst das
erlsende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.
    - wenn ich erfhre, da ich mich geirrt habe, - da es gar kein Wunder war!
Aber ich wei so genau, wie ich wei, da ich hier sitze, ich ginge zugrunde
daran; (mir blieb das Herz stehen) - zurckgerissen werden, vom Himmel wieder
herab mssen auf die Erde? Glauben Sie, da das ein Mensch ertragen kann?
    Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe, sagte ich ratlos vor Angst.
    Meinen Vater? Um Hilfe? - sie blickte mich verstndnislos an, - wo es nur
zwei Wege fr mich gibt, kann er da einen dritten finden? - - Wissen Sie, was
die einzige Rettung fr mich wre? Wenn mir das geschhe, was Ihnen geschehen
ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was hinter mir liegt: mein ganzes Leben
bis zum heutigen Tag - vergessen knnte. - Ist es nicht merkwrdig: was Sie als
Unglck empfinden, wre fr mich das hchste Glck!
    Wir schwiegen beide noch eine lange Zeit. Dann ergriff sie pltzlich meine
Hand und lchelte. Beinahe frhlich.
    Ich will nicht, da Sie sich meinetwegen grmen; - (sie trstete mich -
mich!) - vorhin waren Sie so voll Freude und Glck ber den Frhling drauen,
und jetzt sind Sie die Betrbnis selbst. Ich htte Ihnen berhaupt nichts sagen
sollen. Reien Sie es aus Ihrem Gedchtnis und denken Sie wieder so heiter wie
vorhin! - Ich bin ja so froh -
    Sie? Froh? Mirjam?, unterbrach ich sie bitter.
    Sie machte ein berzeugtes Gesicht: Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu Ihnen
heraufging, war ich so unbeschreiblich ngstlich, - ich wei nicht warum: ich
konnte das Gefhl nicht loswerden, da Sie in einer groen Gefahr schweben, -
ich horchte auf - aber, statt mich darber zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu
treffen, habe ich Sie angeunkt und - -
    Ich zwang mich zur Lustigkeit: und das knnen Sie nur gutmachen, wenn Sie
mit mir ausfahren. (Ich bemhte mich, so viel bermut wie mglich in meine
Stimme zu legen:) Ich mchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es mir nicht
gelingt, Ihnen die trben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen:
Sie sind noch lange kein gyptischer Zauberer, sondern vorlufig nur ein junges
Mdchen, dem der Tauwind noch manchen bsen Streich spielen kann.
    Sie wurde pltzlich ganz lustig:
    Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie noch
nie gesehen! - brigens Tauwind: bei uns Judenmdchen lenken bekanntlich die
Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen es natrlich auch. Es
steckt uns schon so im Blut. - Mir ja nicht, setzte sie ernsthafter hinzu,
meine Mutter hat bs gestreikt, als sie den grlichen Aaron Wassertrum
heiraten sollte.
    Was? Ihre Mutter? Den Trdler da unten?
    Mirjam nickte. Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. - Fr den
armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.
    Armer Mensch, sagen Sie? fuhr ich auf. Der Kerl ist ein Verbrecher.
    Sie wiegte nachdenklich den Kopf: Gewi, er ist ein Verbrecher. Aber wer in
einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, mu ein Prophet sein.
    Ich rckte neugierig nher:
    Wissen Sie Genaueres ber ihn? Mich interessiert das. Aus ganz besonderen -
-
    Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen htten, Herr Pernath, wten
Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich als Kind
sehr oft drin war. - Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ist denn das so
merkwrdig? - Gegen mich war er immer freundlich und gtig. Einmal sogar,
erinnere ich mich, schenkte er mir einen groen blitzenden Stein, der mir
besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. Meine Mutter sagte, es sei ein
Brillant, und ich mute ihn natrlich sofort zurcktragen.
    Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann ri er ihn mir aus
der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch gesehen, wie
ihm dabei die Trnen aus den Augen strzten; ich konnte auch damals schon genug
Hebrisch, um zu verstehen, was er murmelte: Alles ist verflucht, was meine Hand
berhrt. - - Es war das letzte Mal, da ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat
er mich seitdem aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich wei auch warum: Htte ich
ihn nicht zu trsten versucht, wre alles beim alten geblieben, so aber, weil er
mir unendlich leid tat und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. -
- - Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so einfach: er ist ein
Besessener, - ein Mensch, der sofort mitrauisch, unheilbar mitrauisch wird,
wenn jemand an sein Herz rhrt. Er hlt sich fr noch viel hlicher, als er in
Wirklichkeit ist, - wenn das berhaupt mglich sein kann, und darin wurzelt sein
ganzes Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau htte ihn gern gehabt,
vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele
Leute. Der einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. berall
wittert er Verrat und Ha.
    Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, da er ihn vom
Suglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder Eigenschaft
von Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie zu einem Punkte
gelangte, wo sein Mitrauen htte einsetzen knnen, oder ob es im jdischen
Blute lag: alles, was an Liebesfhigkeit in ihm lebte, auf seinen Nachkommen
auszugieen - in jener instinktiven Furcht unserer Rasse: wir knnten aussterben
und eine Mission nicht erfllen, die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns
fortlebt, - wer kann das wissen!
    Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung seines
Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen rumte er dem Kinde jedes Erlebnis
aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissensttigkeit htte beitragen knnen,
um ihm knftige seelische Leiden zu ersparen.
    Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzuerung ein
mechanischer Reflex.
    Aus jedem Geschpf so viel Freude und Genu fr sich selbst herauspressen
wie nur irgend mglich, und dann die Schale sofort als nutzlos wegzuwerfen: das
war ungefhr das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems.
    Da das Geld als Standarte und Schlssel zur Macht dabei eine erste Rolle
spielte, knnen Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er selbst den eigenen
Reichtum sorgsam geheim hlt, um die Grenzen seines Einflusses in Dunkel zu
hllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem Sohn hnliches zu ermglichen, ihm
aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar rmlichen Lebens zu ersparen: er
durchtrnkte ihn mit der infernalischen Lge von der Schnheit, brachte ihm die
uere und innere Gebrde der sthetik bei, lehrte ihn uerlich: die Lilie auf
dem Felde heucheln und innerlich ein Aasgeier sein.
    Natrlich war das mit der Schnheit wohl kaum eigene Erfindung von ihm -
vermutlich die Verbesserung eines Ratschlags, den ihm ein Gebildeter gegeben
hatte.
    Da ihn sein Sohn spter verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er
niemals bel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur Pflicht: denn seine Liebe war
selbstlos, und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte: - von der Art,
die bers Grab hinausgeht.
    Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre Gedanken
stumm weiterspann, hrte es an dem vernderten Klang ihrer Stimme, als sie
sagte:
    Seltsame Frchte wachsen auf dem Baume des Judentums.
    Sagen Sie, Mirjam, fragte ich, haben Sie nie davon gehrt, da Wassertrum
eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich wei nicht mehr, wer es mir
erzhlt hat, - es war vielleicht nur ein Traum - -
    Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroe Wachsfigur
steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten Germpel, auf seinem
Strohsack schlft. Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer abgewuchert,
heit es, blo weil sie einem Mdchen - einer Christin - hnlich sah, die
angeblich einmal seine Geliebte gewesen sein soll.
    Charouseks Mutter! drngte es sich mir auf.
    Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?
    Mirjam schttelte den Kopf. Wenn Ihnen daran liegt, - soll ich mich
erkundigen?
    Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgltig, (ich sah an
ihren blitzenden Augen, da sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte nicht
wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) aber was mich viel mehr interessiert,
ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flchtig sprachen. Ich meine das vom Tauwind.
- Ihr Vater wrde Ihnen doch gewi nicht vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?
    Sie lachte lustig auf:
    Mein Vater? Wo denken Sie hin!
    Nun, das ist ein groes Glck fr mich.
    Wieso? fragte sie arglos.
    Weil ich dann noch Chancen habe.
    Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu lassen, da
sie rot wurde.
    Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:
    Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich mssen Sie einweihen,
wenn's einmal so weit ist. - Oder gedenken Sie berhaupt ledig zu bleiben?
    Nein! nein! nein! - sie wehrte so entschlossen ab, da ich unwillkrlich
lchelte - einmal mu ich ja doch heiraten.
    Natrlich! Selbstverstndlich!
    Sie wurde nervs wie ein Backfisch.
    Knnen Sie denn nicht eine Minute ernsthaft bleiben, Herr Pernath? - Ich
machte gehorsam ein Lehrergesicht, und sie setzte sich wieder. - Also: wenn ich
sage, ich mu doch einmal heiraten, so meine ich damit, da ich mir zwar bis
jetzt den Kopfber die nheren Umstnde nicht zerbrochen habe, den Sinn des
Lebens aber gewi nicht verstnde, wenn ich annehmen wrde, ich sei als Weib auf
die Welt gekommen, um kinderlos zu bleiben.
    Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren Zgen.
    Es gehrt mit zu meinen Trumen, fuhr sie leise fort, mir vorzustellen,
da es ein Endziel sei, wenn zwei Wesen zu einem verschmelzen, - zu dem, was - -
haben Sie nie von dem gyptischen Osiriskult gehrt? - zu dem verschmelzen, was
der Hermaphrodit als Symbol bedeuten mag.
    Ich horchte gespannt auf: Der Hermaphrodit -?
    Ich meine: Die magische Vereinigung von mnnlich und weiblich im
Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! - Nein, nicht als Endziel,
als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist - kein Ende hat.
    Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden, fragte ich erschttert,
den Sie suchen? - Kann es nicht sein, da er in einem fernen Land lebt,
vielleicht gar nicht auf Erden ist?
    Davon wei ich nichts; sagte sie einfach, ich kann nur warten. Wenn er
durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, - was ich nicht glaube, weshalb wre
ich dann hier im Ghetto angebunden? - oder durch die Klfte gegenseitigen
Nichterkennens - und ich finde ihn nicht, dann hat mein Leben keinen Zweck
gehabt und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Dmons. - Aber, bitte,
bitte, reden wir nicht mehr davon, flehte sie, wenn man den Gedanken nur
ausspricht, bekommt er schon einen hlichen, irdischen Beigeschmack, und ich
mchte nicht -
    Sie brach pltzlich ab.
    Was mchten Sie nicht, Mirjam?
    Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:
    Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!
    Seidenkleider raschelten auf dem Gang.
    Ungestmes Klopfen. Dann:
    Angelina!
    Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurck:
    Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes - Frau Grfin -
    Nicht einmal vorfahren kann man mehr. berall das Pflaster aufgerissen.
Wann werden Sie einmal in eine menschenwrdige Gegend siedeln, Meister Pernath?
Drauen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, da es einem die Brust
zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie ein alter Frosch,
- - brigens wissen Sie, da ich gestern bei meinem Juwelier war und er gesagt
hat: Sie seien der grte Knstler, der feinste Gemmenschneider, den es heute
gibt, wenn nicht einer der grten, die je gelebt haben?! - Angelina plauderte
wie ein Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden,
blauen Augen, die kleinen Fe in den winzigen Lackstiefeln, sah das kaprizise
Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen Ohrlppchen.
    Sie lie sich kaum Zeit auszuatmen.
    An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause zu
treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen? Wir fahren
zuerst - ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst einmal - warten Sie - -
ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz: irgendwohin ins Freie, wo man so
recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen
Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann essen Sie bei mir, - und dann schwtzen wir
bis abends. Nehmen Sie doch Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? - Eine warme,
ganz weiche Decke ist unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und
kuscheln uns zusammen, bis uns siedhei wird.
    Was sollte ich nur sagen?! Soeben habe ich mit der Tochter meines Freundes
eine Spazierfahrt verabredet - -
    Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe ich
aussprechen konnte.
    Ich begleitete sie bis vor die Tr, obschon sie mich freundlich abwehren
wollte.
    Hren Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht so
sagen, wie ich an Ihnen hnge - - und da ich tausendmal lieber mit Ihnen - -
    Sie drfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath, drngte sie, adieu
und viel Vergngen!
    Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah, da
der Glanz in ihren Augen erloschen war.
    Sie eilte die Treppe hinunter, und das Leid schnrte mir die Kehle zusammen.
    Mir war, als htte ich eine Welt verloren.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wie im Rausch sa ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab durch
die menschenberfllten Straen.
    Eine Brandung des Lebens rings um mich, da ich, halb betubt, nur noch die
kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorberhuschte, unterscheiden
konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke Zylinderhte,
weie Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa Halsschleife, der klffend in die
Rder beien wollte, schumende Rappen, die uns entgegensausten in silbernen
Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnren und
funkelnden Geschmeiden, - Seidenglanz um schlanke Mdchenhften.
    Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, lie mich die Wrme von
Angelinas Krper doppelt sinnverwirrend empfinden.
    Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn wir
an ihnen vorberjagten.
    Dann ging's im Schritt ber das Quai, das eine einzige Wagenreihe war, an
der eingestrzten steinernen Brcke vorbei, umstaut vom Gewhl gaffender
Gesichter.
    Ich blickte kaum hin: - das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, - alles, alles war mir unendlich viel
wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrmmer dort unten den antaumelnden
Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. -
    Parkwege. Dann - gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter den
Hufen der Pferde, nasse Luft, bltterlose Baumriesen voll von Krhennestern,
totes Wiesengrn mit weilichen Inseln schwindenden Schnees, alles zog an mir
vorbei wie getrumt.
    Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgltig, kam Angelina auf Dr.
Savioli zu sprechen.
    Jetzt, wo die Gefahr vorber ist, sagte sie mit entzckender, kindlicher
Unbefangenheit, und ich wei, da es ihm auch wieder besser geht, kommt mir
alles das, was ich mitgemacht habe, so grlich langweilig vor. - Ich will mich
endlich einmal wieder freuen, die Augen zumachen und untertauchen in dem
glitzernden Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es
blo nicht ein. Oder sind sie so dumm, da sie es selbst nicht wissen. Meinen
Sie nicht auch? Sie hrte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. brigens
sind mir die Frauen vollstndig uninteressant. Sie drfen es natrlich nicht als
Schmeichelei auffassen: aber - wahrhaftig, die bloe Nhe eines sympathischen
Mannes ist mir im kleinen Finger lieber als das anregendste Gesprch mit einer
noch so gescheiten Frau. Es ist ja schlielich doch alles dummes Zeug, was man
da zusammenschwtzt. - Hchstens: das bichen Putz - na und! Die Moden wechseln
ja nicht gar so hufig. - - Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?, fragte sie
pltzlich kokett, da ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen mute,
nicht ihr Kpfchen zwischen meine Hnde zu nehmen und sie in den Nacken zu
kssen, - sagen Sie, da ich leichtsinnig bin!
    Sie schmiegte sich noch dichter an und hngte sich in mich ein.
    Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten
Zierstauden, die aussahen in ihren Hllen wie Rmpfe von Ungeheuern mit
abgehauenen Gliedern und Huptern.
    Leute saen auf Bnken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
steckten die Kpfe zusammen.
    Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war Angelina
doch so vollstndig anders, als sie bisher in meiner Einbildung gelebt hatte! -
Als sei sie erst heute fr mich in die Gegenwart gerckt!
    War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche getrstet
hatte?
    Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.
    Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.
    Der Wagen bog ber eine feuchte Wiese.
    Es roch nach erwachender Erde.
    Wissen Sie, - - Frau - -?
    Nennen Sie mich doch Angelina, unterbrach sie mich leise.
    Wissen Sie, Angelina, da - da ich heute die ganze Nacht von Ihnen
getrumt habe?, stie ich gepret hervor.
    Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus meinem
ziehen, und sah mich gro an. Merkwrdig! Und ich von Ihnen! - Und in diesem
Moment habe ich dasselbe gedacht.
    Wieder stockte das Gesprch, und beide errieten wir, da wir auch dasselbe
getrumt hatten.
    Ich fhlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich an
meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus. - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weien, duftenden
Handschuh zurck, hrte, wie ihr Atem heftig wurde, und prete toll vor Liebe
meine Zhne in ihren Handballen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    - - Stunden spter ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel hinab der
Stadt zu. Planlos whlte ich die Straen und ging lange, ohne es zu wissen, im
Kreise herum.
    Dann stand ich am Flu ber eisernes Gelnder gebeugt und starrte hinab in
die tosenden Wellen.
    Noch immer fhlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne
Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander genommen
vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblttern darin, und sie
wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den Kopf an meine Schulter
gelehnt, stumm durch den frsteldnen, dmmrigen Park ihres Schlosses.
    Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
trumen.
    Die Wasser brausten ber das Wehr und ihr Rauschen verschlang die letzten,
aufmurrenden Gerusche der schlafengehenden Stadt.
    Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und aufblickte,
lag der Flu in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von der schweren Nacht
erdrckt, schwarzgrau dahinstrmte und der Gischt des Staudamms als weier,
blendender Streifen schrg hinber zum andern Ufer lief.
    Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurck zu mssen in mein trauriges
Haus.
    Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich fr immer zum Fremdling in
meiner Wohnsttte gemacht.
    Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mute das
Glck vorber sein - und nichts blieb davon als eine wehe, schne Erinnerung.
    Und dann?
    Dann war ich heimatlos hier und drben, diesseits und jenseits des Flusses.
    Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das Schlo
werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das finstere Ghetto ging.
- - - Ich schlug die Richtung ein, aus der ich gekommen war, tappte mich durch
den dichten Nebel an Huserreihen entlang und ber schlummernde Pltze, sah
schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhuser und die
Schnrkel von Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu
riesigen, phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst
heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in der
Luft.
    Mein Fu tastete breite, steinerne Stufenflchen, mit Kies bestreut. Wo war
ich? Ein Hohlweg, der steil aufwrts fhrt?
    Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen ste eines Baumes hngen
herber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich hinter der
Nebelwand. -
    Ein paar morsche, dnne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen Abgrund, der
mir meine Fe verbirgt.
    Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne - irgendwo -
rtselhaft - zwischen Himmel und Erde. - - -
    Ich mute fehlgegangen sein. Es konnte nur die alte Schlostiege sein
neben den Hngen der Frstenbergschen Grten - - -
    Dann lange Strecken lehmiger Erde. - Ein gepflasterter Weg.
    Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen, steifen
Zipfelmtze: die Daliborka = der Hungerturm, in dem Menschen einst
verschmachteten, derweilen Knige unten im Hirschgraben das Wild hetzten.
    Ein schmales, gewundenes Gchen mit Schiescharten, ein Schneckengang, kaum
breit genug, die Schultern durchzulassen - und ich stand vor einer Reihe von
Huschen, keines hher als ich.
    Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dcher greifen.
    Ich war in die Goldmachergasse geraten, wo im Mittelalter die
alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglht und die Mondstrahlen
vergiftet haben.
    Es fhrte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.
    Aber ich fand die Mauerlcke nicht mehr, die mich eingelassen, - stie an
ein Holzgatter.
    Es ntzt nichts, ich mu jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt, sagte
ich mir. Sonderbar, da hier ein Haus die Gasse abschliet - grer als die
andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht entsinnen, es je bemerkt zu
haben.
    Es mu wohl wei getncht sein, da es so hell aus dem Nebel leuchtet?
    Ich gehe durch das Gatter ber den schmalen Gartenstreif, drcke das Gesicht
an die Scheiben: - alles finster. Ich klopfe ans Fenster. - Da geht drinnen ein
steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand, durch eine Tr mit
greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die Stube, bleibt stehen, dreht
langsam den Kopf nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben an der
Wand, starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet
dann seinen Blick unverwandt auf mich.
    Der Schatten seiner Backenknochen fllt ihm auf die Augenhhlen, da es
aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.
    Er sieht mich offenbar nicht.
    Ich klopfe ans Glas.
    Er hrt mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
Zimmer.
    Ich warte vergebens.
    Klopfe ans Haustor: niemand ffnet. - - - - - - -
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    Es blieb mir nichts brig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang aus
der Gasse endlich fand.
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    Ob es nicht am besten wre, ich ginge noch unter Menschen, berlegte ich. -
Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins alte Ungelt, wo sie
bestimmt sein wrden -, um meine verzehrende Sehnsucht nach Angelinas Kssen
wenigstens fr ein paar Stunden zu bertuben? Rasch mache ich mich auf den Weg.
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    Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten Tisch
herum, - alle drei: weie dnnstielige Tonpfeifen zwischen den Zhnen, und das
Zimmer voll Rauch.
    Man konnte kaum ihre Gesichtszge unterscheiden, so schluckten die
dunkelbraunen Wnde das sprliche Licht der altmodischen Hngelampe ein.
    In der Ecke die spindeldrre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem
ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben Entenschnabelnase!
    Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Tren, so da die Stimmen der
Gste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms
herberdrangen.
    Vrieslander, seinen kegelfrmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem Kopf,
mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem
Auge, sah aus wie ein ertrunkener Hollnder aus einem vergessenen Jahrhundert.
    Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken gesteckt,
klapperte unaufhrlich mit seinen gespenstisch langen Knochenfingern und sah
bewundernd zu, wie sich Zwakh abmhte, der bauchigen Arakflasche das
Purpurmntelchen einer Marionette umzuhngen.
    Das wird Babinski, erklrte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. Sie wissen
nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzhlen Sie Pernath rasch, wer Babinski war!
    Babinski war, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von seiner
Arbeit aufzusehen, einst ein berhmter Raubmrder in Prag. - Viele Jahre
betrieb er sein schndliches Handwerk, ohne da es jemand bemerkt htte. Nach
und nach jedoch fiel es in den besseren Familien auf, da bald dieses, bald
jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken lie.
Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die Sache gewissermaen ihre guten Seiten
hatte, indem man weniger zu kochen brauchte, so durfte wiederum nicht auer acht
gelassen werden, da das Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und
man ins Gerede kommen konnte.
    Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Tchter
handelte.
    berdies verlangte die Hochachtung vor sich selbst, da man auf ein
brgerliches Zusammenleben in der Familie nach auen hin das ntige Gewicht
legte.
    Die Zeitungsrubriken: Kehre zurck, alles ist verziehen wuchsen immer mehr
und mehr, - ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die meisten
Berufsmrder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, - und erregten
schlielich die allgemeine Aufmerksamkeit.
    In dem lieblichen Drfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der
innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit durch seine
unverdrossene Ttigkeit ein kleines, aber trautes Heim geschaffen. Ein Huschen,
blitzend vor Sauberkeit, und ein Grtchen davor mit blhenden Geranien.
    Da es ihm seine Einknfte nicht gestatteten, sich zu vergrern, sah er sich
gentigt, um die Leichen seiner Opfer unauffllig bestatten zu knnen, statt
eines Blumenbeetes - wie er es gern gesehen htte - einen grasbewachsenen und
schlichten, aber, den Umstnden angemessen: zweckmigen Grabhgel anzulegen,
der sich mhelos verlngern lie, wenn es der Betrieb oder die Saison
erforderte.
    Auf dieser Weihesttte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last und
Mhen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf seiner Flte
allerlei schwermtige Weisen zu blasen. - -
    Halt! unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlssel aus der
Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:
    Zimzerlim zambusla - deh.
    Waren Sie denn dabei, da Sie die Melodie so genau kennen?, fragte
Vrieslander erstaunt.
    Prokop warf ihm einen bitterbsen Blick zu: Nein. Dazu hat Babinski zu frh
gelebt. Aber was er gespielt haben kann, mu ich als Komponist doch am besten
wissen. Ihnen steht darber kein Urteil zu: Sie sind nicht musikalisch. - -
Zimzerlim - zambusla - busla - deh.
    Zwakh hrte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlssel wieder einsteckte,
und fuhr dann fort:
    Das bestndige Wachsen des Hgels erweckte allmhlich Verdacht bei den
Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der gelegentlich von
weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der guten Gesellschaft
erwrgte, gebhrt das Verdienst, dem selbstschtigen Treiben des Unholdes ein
fr allemal Schranken gesetzt zu haben:
    Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.
    Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden Umstandes
eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den Strang und beauftragte
zugleich die Firma Gebrder Leipen - Seilwaren en gros und en detail - die
ntigen Hinrichtungsutensilien, soweit diese in ihre Branche fielen, unter
Anrechnung ziviler Preise einem hohen Staatsrar gegen Quittung auszuhndigen.
    Nun fgte es sich aber, da der Strick ri und Babinski zu lebenslnglichem
Gefngnis begnadigt wurde.
    20 Jahre verbte der Raubmrder hinter den Mauern von Sankt Pankraz, ohne
da je ein Vorwurf ber seine Lippen gekommen wre; - noch heute ist der
Beamtenstab des Institutes voll Lob ber seine vorbildliche Auffhrung, ja, man
gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres Allerhchsten Landesherrn ab
und zu die Flte zu blasen; -
    Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlssel, aber Zwakh wehrte
ihm.
    - infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe
nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pfrtners im Kloster der Barmherzigen
Schwestern.
    Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging ihm
dank der groen, whrend seines frheren Wirkungskreises erworbenen
Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so da ihm
hinlnglich Mue blieb, Herz und Geist an guter, sorgfltig ausgewhlter Lektre
zu lutern.
    Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.
    So oft ihn die Oberin Samstagabends ins Wirtshaus schickte, damit er sein
Gemt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pnktlich vor Anbruch der Nacht nach
Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral stimme ihn trbe und
soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte mache die Landstrae unsicher,
da es fr jeden Friedliebenden ein Gebot der Klugheit sei, rechtzeitig die
Schritte heimwrts zu lenken.
    Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte
eingerissen, kleine Figrchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle umhngen
hatten und den Raubmrder Babinski darstellten.
    Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.
    Gewhnlich aber standen sie in den Lden unter Glasstrzen, und ber nichts
konnte sich Babinski so empren, als wenn er eines derartigen Wachsbildes
ansichtig wurde.
    Es ist im hchsten Grade unwrdig und zeugt von einer Gemtsroheit
sondersgleichen, einem Menschen bestndig die Verfehlungen seiner Jugendzeit vor
Augen zu fhren, pflegte Babinski in solchen Fllen zu sagen und es ist tief zu
bedauern, da von Seiten der Obrigkeit nichts geschieht, so offenkundigem Unfug
zu steuern.
    Noch auf dem Totenbette uerte er sich in hnlichem Sinne.
    Nicht vergebens, denn bald darauf verfgte die Behrde die Einstellung des
Handels mit den rgerniserregenden Babinskischen Statuetten. - - -
    - - - Zwakh tat einen mchtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle drei
grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach der farblosen
Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Trne im Auge zerdrckte.
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    - Na, und Sie geben nichts zum besten, auer - natrlich - da Sie aus
Dankbarkeit fr den berstandenen Kunstgenu die Zeche berappen, wertgeschtzter
Kollege und Gemmenschneider?, fragte mich Vrieslander nach einer langen Pause
allgemeinen Tiefsinnes.
    Ich erzhlte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.
    Als ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weie Haus erblickt
hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den Zhnen, und als ich
schlo, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch und rief:
    Das ist doch rein - -! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath am
eigenen Kadaver. - A propos, der Golem von damals - Sie wissen: die Sache hat
sich aufgeklrt.
    Wieso aufgeklrt? fragte ich baff.
    Sie kennen doch den verrckten jdischen Bettler Haschile? Nein? Nun also:
dieser Haschile war der Golem.
    Ein Bettler der Golem?
    Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittag ging das Gespenst
seelenvergngt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berchtigten altmodischen
Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse spazieren, und da hat es
der Schinder mit einer Hundeschlinge glcklich eingefangen.
    Was soll das heien? Ich verstehe kein Wort! fuhr ich auf.
    Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, hre ich, vor
lngerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. - brigens, um auf das weie Haus
auf der Kleinseite zurckzukommen: die Sache ist furchtbar interessant. Es geht
nmlich eine alte Sage, da dort oben in der Alchimistengasse ein Haus steht,
das nur bei Nebel sichtbar wird, und auch da blo Sonntagskindern. Man nennt es
die Mauer zur letzten Laterne. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen
groen, grauen Stein, - dahinter strzt es jh ab in die Tiefe in den
Hirschgraben, und Sie knnen von Glck sagen, Pernath, da Sie keinen Schritt
weiter gemacht haben: Sie wren unfehlbar hinuntergefallen und htten smtliche
Knochen gebrochen.
    Unter dem Stein, heit es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem
Orden der Asiatischen Brder, die angeblich Prag gegrndet haben, als Grundstein
fr ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der Tage ein Mensch
bewohnen wird - besser gesagt ein Hermaphrodit - ein Geschpf, das sich aus Mann
und Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen im Wappen tragen, -
nebenbei: der Hase war das Symbol des Osiris, und daher stammt wohl die Sitte
mit dem Osterhasen.
    Bis die Zeit gekommen ist, heit es, hlt Methusalem in eigener Person Wache
an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn mit ihm zeugt:
den sogenannten Armilos. - Haben Sie noch nie von diesem Armilos erzhlen hren?
- Sogar wie er aussehen wrde, wei man - das heit, die alten Rabbiner wissen
es, - wenn er auf die Welt kme: Haare aus Gold wrde er haben, rckwrts zum
Schopf gebunden, dann: zwei Scheitel, sichelfrmige Augen und Arme bis herunter
zu den Fen.
    Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen, brummte Vrieslander und suchte
nach einem Bleistift.
    Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glck haben sollten, ein Hermaphrodit zu
werden und en passant den vergrabenen Schatz zu finden, schlo Prokop, dann
vergessen Sie nicht, da ich stets Ihr bester Freund gewesen bin!
    - Mir war nicht zum Spamachen zumute, und ich fhlte ein leises Weh im
Herzen.
    Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wute, denn er kam
mir rasch zu Hilfe:
    Jedenfalls ist es hchst merkwrdig, fast unheimlich, da Pernath gerade
eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so eng verknpft
ist. - Da sind Zusammenhnge, aus deren Umklammerung sich ein Mensch anscheinend
nicht befreien kann, wenn seine Seele die Fhigkeit hat, Formen zu sehen, die
dem Tastsinn vorenthalten sind. - Ich kann mir nicht helfen: das bersinnliche
ist doch das Reizvollste! - Was meint ihr?
    Vrieslander und Prokop waren ernst geworden, und jeder von uns hielt eine
Antwort fr berflssig.
    Was meinen Sie, Eulalia? wiederholte Zwakh, zurckgewendet, ist nicht das
bersinnliche das Reizvollste?
    Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte,
errtete und sagte:
    Aber ghn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.
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    Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag ber, fing
Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte, nicht
einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwhrend hab' ich an die Rosina
denken mssen, wie sie im Frack getanzt hat.
    Ist sie wieder aufgefunden worden? fragte ich.
    Aufgefunden ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch fr ein lngeres
Engagement gewonnen! - Vielleicht hat sie dem Herrn Kommissr - damals beim
Loisitschek, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt - fieberhaft ttig und
trgt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in der Judenstadt bei. Ein
verflucht dralles Mensch ist sie brigens schon geworden in der kurzen Zeit.
    Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann blo dadurch, da
sie ihn verliebt sein lt in sich: es ist zum Staunen, warf Zwakh hin. Um das
Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu knnen, ist der arme Bursche, der Jaromir,
ber Nacht Knstler geworden. Er geht in den Wirtshusern herum und schneidet
Silhouetten fr Gste aus, die sich auf diese Art portrtieren lassen.
    Prokop, der den Schlu berhrt hatte, schmatzte mit den Lippen:
    Wirklich? Ist sie so hbsch geworden, die Rosina? - Haben Sie ihr schon ein
Kchen geraubt, Vrieslander?
    Die Kellnerin sprang sofort auf und verlie indigniert das Zimmer.
    Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig ntig, - Tugendanflle! Pah!, brummte
Prokop rgerlich hinter ihr drein.
    Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und
auerdem war der Strumpf gerade fertig, beschwichtigte ihn Zwakh.
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    Der Wirt brachte neuen Grog und die Gesprche fingen allmhlich an, eine
schwle Richtung zu nehmen. Zu schwl, als da sie mir nicht ins Blut gegangen
wren bei meiner fiebrigen Stimmung.
    Ich strubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschlo und an
Angelina zurckdachte, um so heier brauste es mir in den Ohren.
    Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.
    Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprhte feine Eisnadeln auf mich, war
aber immer noch so dicht, da ich die Straentafeln nicht lesen konnte und von
meinem Heimweg um ein geringes abkam.
    Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hrte ich
meinen Namen rufen:
    Herr Pernath! Herr Pernath!
    Ich blickte um mich, in die Hhe:
    Niemand!
    Ein offenes Haustor, darber diskret eine kleine, rote Laterne, ghnte neben
mir auf, und eine helle Gestalt - schien mir - stand tief im Flur darin.
    Wieder: Herr Pernath! Herr Pernath! Im Flsterton.
    Ich trat erstaunt in den Gang, - da schlangen sich warme Frauenarme um
meinen Hals, und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam
ffnenden Trspalt fiel, da es Rosina war, die sich hei an mich prete.
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                                      List


Ein grauer, blinder Tag.
    Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewutlos, wie
ein Scheintoter.
    Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.
    Kalte Asche lag im Ofen.
    Staub auf den Mbeln.
    Der Fuboden nicht gekehrt.
    Frstelnd ging ich auf und ab.
    Widerwrtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel,
meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.
    Ich ri das Fenster auf, schlo es wieder: - der kalte, schmutzige Hauch von
der Strae war unertrglich.
    Spatzen mit durchntem Gefieder hockten regungslos drauen auf den
Dachrinnen.
    Wohin ich blickte, mifarbene Verdrossenheit. Alles in mir war zerrissen,
zerfetzt.
    Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl - wie fadenscheinig es war! Die Rohaare
quollen hervor aus den Rndern.
    Man mute es zum Tapezierer schicken - - ach was, sollte es so bleiben -
noch ein des Menschenleben hindurch, bis alles zu Germpel zerfiel!
    Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen an
den Fenstern!
    Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!
    Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
sehen, und der ganze graue, zermrbende Jammer war vorber - ein fr allemal.
    Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.
    Heute noch.
    Jetzt noch - vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. - Ein ekelhafter
Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In der nassen Erde
liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu haben.
    Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen wollte und ihre freche Lge von der
Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!
    Nein! ich lie mich nicht mehr narren, wollte nicht lnger der Spielball
sein eines tppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann wieder
in Pftzen stie, blo damit ich die Vergnglichkeit alles Irdischen einsehen
sollte, etwas, was ich lngst wute, was jedes Kind wei, jeder Hund auf der
Strae wei.
    Arme, arme Mirjam! Wenn ich ihr wenigstens helfen knnte.
    Es hie, einen Entschlu fassen, einen ernsten, unabnderlichen Beschlu,
bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen konnte und mir neue
Trugbilder vorgaukeln.
    Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich des
Unverweslichen?
    Zu nichts, zu gar gar nichts.
    Nur dazu vielleicht, da ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die Erde
als unmgliche Qual empfand.
    Da gab es nur noch eins.
    Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen hatte.
    Ja, nur so ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!
    Alles, was ich besa - die paar Edelsteine in der Schublade dazu, -
zusammenschnren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre wenigstens
wrde es die Sorge ums tgliche Leben von ihr nehmen. Und einen Brief an Hillel
schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie stand mit dem Wunder.
    Er allein konnte ihr helfen.
    Ich fhlte: ja, er wrde Rat wissen fr sie.
    Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn ich
jetzt auf die Bank ging - in einer Stunde konnte alles in Ordnung gebracht sein.
    Und dann noch einen Strau roter Rosen kaufen fr Angelina! - - - - es
schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. - Nur noch einen Tag, einen
einzigen Tag mchte ich leben!
    Um dann abermals dieselbe wrgende Verzweiflung mitmachen zu mssen?
    Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie Befriedigung ber
mich, da ich mir nicht nachgegeben hatte.
    Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?
    Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, - wollte sie
fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon vorgenommen.
    Ich hate die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wre zum Mrder geworden
durch sie.
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    Wer kam mich denn da wieder stren?
    Es war der Trdler.
    Nur en Augenblick, Herr von Pernath, bat er fassungslos, als ich ihm
bedeutete, da ich keine Zeit htte. Nur en ganz en kurzen Augenblick. Nur 
paar Worte.
    Der Schwei lief ihm bers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.
    Kann man hier auch ungestrt mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich
mcht' nicht, da der - der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch lieber
die Tr ab, oder geh'mer besser ins Nebenzimmer, - er zog mich in seiner
gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.
    Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flsterte heiser:
    Ich hab mir's berlegt, wissen Sie, - das von neilich. Es is besser so. Es
kommt nix hereaus dabei. Gut. Vorber is vorber.
    Ich suchte in seinen Augen zu lesen.
    Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne, solche
Anstrengung kostete es ihn.
    Das freut mich, Herr Wassertrum, sagte ich, so freundlich ich konnte, das
Leben ist zu trb, als da man es sich gegenseitig noch mit Ha verbittern
sollte.
    Rein, als ob man ein gedrcktes Buch reden hrt, grunzte er erleichtert,
whlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den verbogenen
Sprungdeckeln hervor, und damit Sie sehen, ich mein's ehrlich, mssen Sie die
Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.
    Was fllt Ihnen denn ein, wehrte ich ab, Sie werden doch wohl nicht
glauben -, da fiel mir ein, was Mirjam ber ihn gesagt hatte, und ich streckte
ihm die Hand hin, um ihn nicht zu krnken.
    Er achtete nicht darauf, wurde pltzlich wei wie die Wand, lauschte und
rchelte:
    Da! Da! Hab' ich's doch gewut. Schon wieder der Hillel! Er klopft.
    Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurck und zog zu seiner Beruhigung die
Verbindungstr hinter mir halb zu.
    Es war diesmal nicht Hillel. Charousek trat ein, legte, wie zum Zeichen, da
er wisse, wer nebenan sei, den Finger an die Lippen und berschttete mich in
der nchsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich sagen wrde, mit einem Schwall
von Worten:
    Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur die
Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrcken, da ich Sie allein und wohlauf zu
Hause antreffe. - - - Er sprach wie ein Schauspieler, und seine schwlstige,
unnatrliche Redeweise stand in so krassem Gegensatz zu seinem verzerrten
Gesicht, da ich ein tiefes Grauen vor ihm empfand.
    Niemals htte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu Ihnen
zu kommen, in dem Sie mich gewi schon des fteren auf der Strae erblickt
haben, - doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft huldreich die Hand
gereicht.
    Da ich heute vor Sie hintreten kann mit weiem Kragen und in sauberem
Anzug, - wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider - ach -
meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rhrung bermannt mich, wenn ich seiner
gedenke.
    Selber in bescheidenen Verhltnissen, hat er dennoch eine offene Hand fr
Arme und Bedrftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem Laden stehen
sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu treten und ihm stumm
die Hand zu drcken.
    Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorberging, schenkte mir Geld
und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung einen Anzug
kaufen zu knnen.
    Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltter war? -
    Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt hat,
welch goldenes Herz in seinem Busen schlgt: Es war - Herr Aaron Wassertrum! -
-
    - - Ich verstand natrlich, da Charousek seine Komdie auf den Trdler, der
nebenan lauschte, gemnzt hatte, wenn mir auch unklar blieb, was er damit
bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe Schmeichelei geeignet, den
mitrauischen Wassertrum hinters Licht zu fhren. Charousek erriet offenbar aus
meiner bedenklichen Miene, was ich dachte, schttelte grinsend den Kopf, und
auch seine nchsten Worte sollten mir wahrscheinlich sagen, da er seinen Mann
genau kenne und wisse, wie dick er auftragen drfe.
    Jawohl! Herr - Aaron - Wassertrum! Es drckt mir fast das Herz ab, da ich
ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin, und beschwre
Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, da ich hier war und Ihnen alles erzhlt
habe. - Ich wei, die Selbstsucht der Menschen hat ihn verbittert und tiefes,
unheilbares - ach, leider nur zu gerechtfertigtes Mitrauen in seine Brust
gepflanzt.
    Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefhl sagt mir, es ist am besten: Herr
Wassertrum erfhrt nie - auch aus meinem Munde nicht - wie hoch ich von ihm
denke. - Es hiee das: Zweifel in sein unglckliches Herz sen. Und das sei
ferne von mir. Lieber soll er mich fr undankbar halten.
    Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglcklicher und wei von Kindesbeinen
an, was es heit, einsam und verlassen in der Welt zu stehen! Ich kenne nicht
einmal den Namen meines Vaters. Auch mein Mtterlein habe ich niemals von
Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie mu frhzeitig gestorben sein - Charouseks
Stimme wurde seltsam geheimnisvoll und eindringlich, - und war, wie ich
bestimmt glaube, eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen
knnen, wie unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum
gehrt.
    Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter - ich
trage das Blatt bestndig auf der Brust - und darin steht, da sie meinen Vater,
obschon er hlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie wohl noch nie ein
sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.
    Dennoch scheint sie es nie gesagt zu haben. - Vielleicht aus hnlichen
Grnden, weshalb ich z.B. Herrn Wassertrum nicht sagen knnte - und wenn mir das
Herz darber brche - was ich fr ihn an Dankbarkeit fhle.
    Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur
erraten kann, denn die Stze sind fast unleserlich vor Trnenspuren: mein Vater,
wer auch immer er gewesen war - sein Andenken mge vergehen im Himmel und auf
Erden! - mu scheulich an meiner Mutter gehandelt haben.
    - Charousek fiel pltzlich auf die Knie, da der Boden drhnte, und schrie
in so markerschtternden Tnen, da ich nicht wute, spielte er noch immer
Komdie oder war er wahnsinnig geworden:
    Du Allmchtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier auf
meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei mein Vater
in alle Ewigkeit!
    Er bi das letzte Wort frmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang mit
aufgerissenen Augen.
    Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als htte Wassertrum nebenan
leise gesthnt.
    Verzeihen Sie, Meister, fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft
erstickter Stimme fort, verzeihen Sie, da es mich bermannt hat, aber es ist
mein Gebet frh und spt, der Allmchtige wolle es fgen, da mein Vater, wer
immer er auch sein mge, dereinst das grlichste Ende nehme, das sich ausdenken
lt.
    Ich wollte unwillkrlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach mich
rasch:
    Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen
vorzutragen habe:
    Herr Wassertrum besa einen Schtzling, den er ber die Maen ins Herz
geschlossen hatte, - es drfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heit sogar,
es sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn sonst htte er
doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hie er: Wassory, Dr.
Theodor Wassory.
    Die Trnen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe. Ich
war ihm aus ganzer Seele zugetan, als htte mich ein unmittelbares Band der
Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknpft.
    Charousek schluchzte, als knne er vor Ergriffenheit kaum weitersprechen.
    Ach, da dieser Edeling von der Erde gehen mute! - Ach! Ach!
    Was auch der Grund gewesen sein mag, - ich habe ihn nie erfahren, - er hat
sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe gerufen
wurden - - ach, ach, zu spt - zu spt - zu spt! Und als ich dann allein am
Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit Kssen bedeckte, da - warum
soll ich es nicht eingestehen, Meister Pernath? - es war ja doch kein Diebstahl
- da nahm ich eine Rose von der Brust der Leiche und eignete mir das Flschchen
an, mit dessen Inhalt der Unglckliche seinem blhenden Leben ein schnelles Ende
bereitet hatte.
    Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:
    Beides - lege - ich - hier - auf - Ihren Tisch, die verdorrte Rose und die
Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen Freund.
    Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod
herbeiwnschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach meiner
toten Mutter, spielte ich mit diesem Flschchen, und es gab mir einen seligen
Trost, zu wissen: ich brauchte nur die Flssigkeit auf ein Tuch zu gieen und
einzuatmen und schwebte schmerzlos hinber in die Gefilde, wo mein lieber, guter
Theodor ausruht von den Mhsalen unseres Jammertales.
    Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, - und deswegen bin ich
hergekommen - nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.
    Sagen Sie, Sie htten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory nahestand,
dessen Namen Sie jedoch gelobt htten, nie zu nennen, - vielleicht von einer
Dame.
    Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures
Andenken fr mich war.
    Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es ist
alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird jetzt ihm
gehren, und dennoch ahnt er nicht, da ich der Geber bin.
    Es liegt darin zugleich auch fr mich etwas unendlich Ses.
    Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel
tausendmal bedankt.
    Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flsterte mir, als ich noch immer
nicht verstand, kaum hrbar etwas zu.
    Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stckchen hinunterbegleiten,
sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von seinen Lippen las, und ging mit
ihm hinaus.
    Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und ich
wollte mich von Charousek verabschieden.
    Ich kann mir denken, was Sie mit der Komdie bezweckt haben. - - Sie - Sie
wollen, da sich Wassertrum mit dem Flschchen vergiftet! Ich sagte es ihm ins
Gesicht.
    Freilich, gab Charousek aufgerumt zu.
    Und dazu, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?
    Durchaus nicht ntig.
    Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie vorhin!
    Charousek schttelte den Kopf:
    Wenn Sie jetzt zurckgehen, werden Sie sehen, da er sie bereits
eingesteckt hat.
    Wie knnen Sie das nur annehmen?, fragte ich erstaunt. Ein Mensch wie
Wassertrum wird sich niemals umbringen, - ist viel zu feig dazu - handelt nie
nach pltzlichen Impulsen.
    Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht, unterbrach mich
Charousek ernst. Htte ich in alltglichen Worten geredet, wrden Sie
vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich vorher
berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche Hundsftter! Glauben Sie
mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Stze htte ich Ihnen hinzeichnen knnen.
- Kein Kitsch wie es die Maler nennen, ist niedertrchtig genug, als da er
nicht der bis ins Mark verlogenen Menge Trnen entlockte - - sie ins Herz
trifft! Glauben Sie denn, man htte nicht lngst smtliche Theater mit Feuer und
Schwert ausgetilgt, wenn es anders wre? An der Sentimentalitt erkennt man die
Kanaille. Tausende armer Teufel knnen verhungern, da wird nicht geweint, aber
wenn ein Schminkkamel auf der Buhne, als Bauerntrampel verkleidet, die Augen
verdreht, dann heulen sie wie die Schlohunde. - - Wenn Vterchen Wassertrum
vielleicht auch morgen vergessen hat, was ihm soeben noch - Herzjauche kostete:
jedes meiner Worte wird wieder in ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen,
wo er sich selbst unendlich bedauernswert vorkommt. - In solchen Momenten des
groen Misereres bedarf es blo eines leisen Anstoes, - und fr den werde ich
sorgen - und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es mu nur zur Hand
sein! Theodorchen htte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst, wenn ich's ihm
nicht so bequem gemacht htte.
    Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch, rief ich entsetzt. Empfinden
Sie denn gar kein - - -
    Er hielt mir schnell den Mund zu und drngte mich in eine Mauernische!
    Still! Da ist er!
    Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand sttzend, kam Wassertrum die
Stiege herunter und wankte an uns vorber.
    Charousek schttelte mir fluchtig die Hand und schlich ihm nach. - -
    Als ich in mein Zimmer zurckgekehrt war, sah ich, da die Rose und das
Flschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte Uhr des
Trdlers auf dem Tisch lag.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Acht Tage msse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen knne; es sei das die
bliche Kndigungsfrist, hatte man mir auf der Bank gesagt.
    Man solle den Direktor holen, denn ich sei in grter Eile und gedchte in
einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.
    Er sei nicht zu sprechen und knne an den Gepflogenheiten der Bank auch
nichts ndern, hie es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich mit mir an
den Schalter getreten war, hatte darber gelacht.
    Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!
    Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. - - -
    Ich war so niedergeschlagen, da ich mir gar nicht bewut wurde, wie lange
ich schon vor der Tre eines Kaffeehauses auf und nieder geschritten sein
mochte.
    Endlich trat ich ein, blo um den widerwrtigen Kerl mit dem Glasauge los zu
werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer in meiner Nhe
hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden herumsuchte, als habe er
etwas verloren.
    Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
speckglnzende Hosen, die ihm wie Scke um die Beine schlotterten. Auf seinem
linken Stiefel war ein eifrmiger, gewlbter Lederfleck aufgesteppt, da es
aussah, als trge er darunter einen Siegelring auf der Zehe.
    Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und lie sich an einem
Nebentisch nieder.
    Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
Portemonnai, da sah ich einen groen Brillanten an seinen wulstigen
Metzgerfingern aufblitzen.
    Stunden und Stunden sa ich in dem Kaffeehaus und glaubte vor innerer
Nervositt wahnsinnig werden zu mssen, - aber wohin sollte ich gehen? Nach
Hause? Herumschlendern? Eines schien mir grlicher als das andere.
    Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
trockene, unaufhrliche Gerausper eines halbblinden Zeitungstigers mir
gegenber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase bohrte
oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel den Schnurrbart
kmmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafter, verschwitzter, schnatternder
Italiener um den Kartentisch in der Ecke, die bald unter gellem Gekreisch ihre
Trumpfe mit dem Faustknochel hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins
Zimmer spuckten. Und das alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu
mssen! Es sog mir langsam das Blut aus den Adern. -
    Es wurde allmhlich dunkel und ein plattfuiger, knieweicher Kellner tastete
mit einer Stange nach den Gaslstern, um sich endlich kopfschttelnd zu
berzeugen, da sie nicht brennen wollten.
    So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
Wolfsblick des Glasugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine Zeitung
versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die langst ausgetrunkene
Kaffeetasse tauchte.
    Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestlpt, da ihm die Ohren fast
waagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.
    Es war nicht mehr auszuhalten.
    Ich zahlte und ging.
    Wie ich die Glastr hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die Klinke
aus der Hand. - Ich drehte mich um:
    Wieder der Kerl!
    rgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt zu,
da drngte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.
    Da hrt denn doch alles auf! schrie ich ihn an.
    Nach rechts geht's, sagte er kurz.
    Was soll das heien?
    Er fixierte mich frech:
    Sie sind der Pernath!
    Sie wollen wahrscheinlich sagen: Herr Pernath?
    Er lachte nur hmisch:
    Alsdann keine Faxen jetz! Sie gah'n Sie mit!
    Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?, fuhr ich auf.
    Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurck und zeigte vorsichtig auf
einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.
    Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.
    So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?
    Sie werden sich's schonn erfahrrhn. Auf dem Dpartemnt, erwiderte er
grob. Alla marsch jetz!
    Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.
    Nix da!
    Wir gingen zur Polizei.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ein Gendarm fhrte mich vor eine Tr.

las ich auf der Porzellantafel.
    Sie knnen sich eintrtten, sagte der Gendarm.
    Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufstzen standen einander
gegenber.
    Ein paar verkraxte Sthle dazwischen.
    Das Bild des Kaisers an der Wand.
    Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.
    Sonst nichts im Zimmer.
    Ein Klumpfu und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen Hosen
hinter dem linken Schreibpult.
    Ich hrte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in bhmischer Sprache und
gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten Schreibtisch auf und
trat vor mich hin.
    Er war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
Manier, bevor er anfing zu reden, die Zhne zu fletschen wie jemand, der in
grelles Sonnenlicht schaut.
    Dabei kniff er die Augen hinter den Brillenglasern zusammen, was ihm den
Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.
    Sie heien Athanasius Pernath und sind - er blickte auf ein Blatt Papier,
auf dem nichts stand - Gemmenschneider.
    Sofort kam Leben in den Klumpfu unter dem anderen Schreibtisch: er wetzte
sich an dem Stuhlbein, und ich hrte das Rauschen einer Schreibfeder.
    Ich bejahte: Pernath. Gemmenschneider.
    No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr - - - Pernath, - jawohl Pernath.
Ja wohl ja. - Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von erstaunlicher
Liebenswrdigkeit, als htte er die erfreulichste Nachricht von der Welt
bekommen, streckte mir beide Hnde entgegen und bemhte sich in lcherlicher
Weise, die Miene eines Biedermannes aufzusetzen.
    Also, Herr Pernath, erzhlen Sie mir einmal, was treiben Sie so den ganzen
Tag?
    Ich glaube, da Sie das nichts angeht, Herr Otschin, antwortete ich kalt.
    Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr blitzschnell los:
    Seit wann hat die Grfin ihr Verhltnis mit dem Savioli?
    Ich war auf etwas hnliches gefat gewesen und zuckte nicht mit der Wimper.
    Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprche zu
verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse schlug, ich
verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurck, da ich den Namen Savioli
nie gehrt htte, mit Angelina von meinem Vater her befreundet sei, und da sie
schon fter Kameen bei mir bestellt habe.
    Ich fhlte trotzdem genau, da der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn belog,
und innerlich schumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu knnen.
    Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich, deutete
warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flsterte mir ins Ohr:
    Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie retten,
Athanasius! Aber Sie mssen mir alles sagen ber die Grfin. - Hren Sie:
alles.
    Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. Was meinen Sie damit: Sie
wollen mich retten?, fragte ich laut.
    Der Klumpfu stampfte rgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde aschgrau
im Gesicht vor Ha. Zog die Lippe empor. Wartete. - Ich wute, da er gleich
wieder losspringen wrde; (sein Verblffungssystem erinnerte mich an Wassertrum)
und wartete ebenfalls, - sah, da ein Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfues,
lauernd hinter dem Schreibpulte auftauchte - - dann schrie mich der Polizeirat
pltzlich gellend an:
    Mrder.
    Ich war sprachlos vor Verblffung.
    Mimutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurck.
    Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten ber meine Ruhe,
versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich
aufforderte, Platz zu nehmen.
    Sie verweigern also, ber die Grfin die von mir gewnschte Auskunft zu
geben, Herr Pernath?
    Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem Sinne,
wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und dann bin ich
felsenfest berzeugt, da es eine Verleumdung ist, wenn man der Grfin nachsagt,
sie hintergehe ihren Gatten.
    Sind Sie bereit, das zu beeiden?
    Mir stockte der Atem. Ja! Jederzeit.
    Gut. Hm.
    Eine lngere Pause entstand, whrend der der Polizeirat angestrengt
nachzugrbeln schien.
    Als er mich wieder anblickte, lag ein komdiantenhafter Zug von
Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkrlich mute ich an Charousek denken,
wie er dann mit trnenerstickter Stimme anfing:
    Mir knnen Sie es doch sagen, Athanasius, - mir, dem alten Freund Ihres
Vaters, - mir, der Sie auf den Armen getragen hat - ich konnte das Lachen kaum
verbeien: er war hchstens zehn Jahre lter als ich - nicht wahr, Athanasius,
es war Notwehr?
    Das Bockgesicht erschien abermals.
    Was war Notwehr?, fragte ich verstndnislos.
    Das mit dem - - - Zottmann! schrie mir der Polizeirat einen Namen ins
Gesicht.
    Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der Name
Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.
    Ich fhlte, wie mir alles Blut zum Herzen strmte: Der grauenhafte
Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf mich zu
lenken.
    Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zhne und kniff die
Augen zusammen:
    Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?
    Das ist alles ein Irrtum. Ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen hren
Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklren, Herr Polizeirat - -!, schrie ich.
    Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Grfin,
unterbrach er mich rasch: ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre Lage
damit.
    Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Grfin ist
unschuldig.
    Er bi die Zhne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:
    Schreiben Sie: - Also, Pernath gesteht den Mord an dem Versicherungsbeamten
Karl Zottmann ein.
    Mich packte eine besinnungslose Wut.
    Sie Polizeikanaille! brllte ich los, was unterstehen Sie sich?!
    Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.
    Im nchsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir
Handschellen angelegt.
    Der Polizeirat blhte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:
    Und die Uhr da?, - er hielt pltzlich die verbeulte Uhr in der Hand, -
hat der unglckliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten, oder nicht?
    Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu Protokoll:
    Die Uhr hat mir heute vormittag der Trdler Aaron Wassertrum - geschenkt.
    Ein wieherndes Gelchter brach los, und ich sah, wie der Klumpfu und der
Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch auffhrten.
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                                      Qual


Die Hnde gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett, mute
ich durch die abendlich beleuchteten Straen gehen.
    Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber rissen
die Fenster auf, drohten mit Kochlffeln herunter und schimpften hinter mir
drein.
    Schon von weitem sah ich den massigen Steinwrfel des Gerichtsgebudes mit
der Inschrift auf dem Giebel herannahen:

Die strafende Gerechtigkeit ist
die Beschirmung aller Braven.

    Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach Kche
stank.
    Ein vollbrtiger Mann mit Sbel, Beamtenrock und -mtze, barfu und die
Beine in langen, um die Knchel zusammengebundenen Unterhosen, stand auf,
stellte die Kaffeemhle, die er zwischen den Knien hielt, weg und befahl mir,
mich auszuziehen.
    Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand, und
fragte mich, ob ich - Wanzen htte.
    Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es sei
gut, ich knnte mich wieder ankleiden.
    Man fhrte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gnge, in denen
vereinzelt groe, graue, verschliebare Kisten in den Fensternischen standen.
    Eiserne Tren mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten, ber
jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand entlang. Ein
hnenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwrter - das erste ehrliche Gesicht
seit Stunden - sperrte eine der Tren auf, schob mich in eine dunkle,
schrankartige, pestilenzialisch stinkende ffnung und schlo hinter mir ab.
    Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.
    Mein Knie stie an einen Blechkbel.
    Endlich erwischte ich - der Raum war so eng, da ich mich kaum umdrehen
konnte - eine Klinke, und stand in - einer Zelle.
    Je zwei und zwei Pritschen mit Strohscken an den Mauern.
    Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.
    Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand lie den matten
Schein des Nachthimmels herein.
    Unertrgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfllte den
Raum.
    Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewhnt hatten, sah ich, da auf drei
der Pritschen - die vierte war leer - Menschen in grauen Strflingskleidern
saen; die Arme auf die Knie gesttzt und die Gesichter in den Hnden vergraben.
    Keiner sprach ein Wort.
    Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.
    Eine Stunde.
    Zwei - drei Stunden!
    Wenn ich drauen einen Schritt zu hren glaubte, fuhr ich auf:
    Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
vorzufhren.
    Jedesmal war es eine Tuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die
Schritte auf dem Gang.
    Ich ri mir den Kragen auf - glaubte, ersticken zu mssen.
    Ich hrte, wie ein Gefangener nach dem andern sich chzend ausstreckte.
    Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?, fragte ich voll
Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner eigenen
Stimme.
    Es geht net, antwortete es mrrisch von einem der Strohscke herber.
    Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett in
Brusthhe lief quer hin - - - zwei Wasserkrge - - - Stcke von Brotrinden.
    Mhsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstben und prete das
Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu atmen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintniger, schwarzgrauer
Nachtnebel vor meinen Augen.
    Die kalten Eisenstbe schwitzten.
    Es mute bald Mitternacht sein.
    Hinter mir hrte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu knnen:
er warf sich hin und her auf dem Stroh und sthnte manchmal halblaut auf.
    Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.
    Ich zhlte mit bebenden Lippen:
    Eins, zwei, drei! - Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mute die
Dmmerung kommen. Es schlug weiter:
    Vier? fnf? - Der Schwei trat mir auf die Stirn. - Sechs!! - Sieben - - -
es war elf Uhr.
    Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen
hren.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Allmhlich legten sich meine Gedanken zurecht:
    Wassertrum hat mir die Uhr des vermiten Zottmann zugespielt, um mich in
Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. - Er mute also selbst der
Mrder sein; wie htte er sonst in den Besitz der Uhr kommen knnen? Wrde er
die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt haben, htte er sich bestimmt
die tausend Gulden Belohnung geholt, die fr die Entdeckung des Vermiten
ffentlich ausgesetzt waren. - Das konnte aber nicht sein: die Plakate klebten
noch immer an den Straenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefngnis
gesehen hatte. - - -
    Da der Trdler mich angezeigt haben mute, war klar.
    Ebenso: da er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter
einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhr wegen Savioli?
    Andererseits ging daraus hervor, da Wassertrum Angelinas Briefe noch nicht
in Hnden hatte.
    Ich grbelte nach - - -
    Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als
wre ich selbst dabei gewesen.
    Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in der
er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit seinen
Polizeikomplizen meine Wohnung durchstberte, - konnte sie nicht sogleich
ffnen, da ich den Schlssel bei mir trug und war - - - vielleicht gerade jetzt
daran, sie in seiner Hhle aufzubrechen.
    In wahnsinniger Verzweiflung rttelte ich an den Gitterstben, sah
Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen whlte - -
    Wenn ich nur Charousek benachrichtigen knnte, da er Savioli wenigstens
rechtzeitig warnen ging!
    Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung msse
bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein, und ich
vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen seine infernalische
Schlauheit kam der Trdler nicht auf; Ich werde ihn genau in der Stunde an der
Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den Hals will, hatte Charousek schon
einmal gesagt.
    In der nchsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst packte
mich: Wie, wenn Charousek zu spt kam?
    Dann war Angelina verloren. - - -
    Ich bi mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, da ich
die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; - - - ich schwor es mir zu,
Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen, wo ich wieder auf
freiem Fu sein wrde.
    Ob ich von eigener Hand starb oder am Galgen - was lag mir daran!
    Da der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben wrde, wenn ich ihm die
Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums Drohungen erzhlte,
- keinen Augenblick zweifelte ich daran.
    Bestimmt morgen schon mute ich frei sein; zumindest wrde das Gericht auch
Wassertrum wegen Mordverdachts verhaften lassen.
    Ich zhlte die Stunden und betete, da sie rascher vergehen mchten; starrte
hinaus in den schwrzlichen Dunst.
    Nach unsglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und zuerst
wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein kupfernes, riesiges
Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten Turmuhr. Doch die Zeiger
fehlten; - neuerliche Qual.
    Dann schlug es fnf.
    Ich hrte, wie die Gefangenen erwachten und ghnend eine Unterhaltung in
bhmischer Sprache fhrten.
    Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett
herunter und - sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche, gegenber der
meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.
    Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und musterten
mich geringschtzig.
    Defraudant? Was?, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stie ihn
mit dem Ellenbogen an.
    Der Gefragte brummte irgend etwas verchtlich, kramte in seinem Strohsack,
holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.
    Dann schttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
bespiegelte sich darin und kmmte sich mit den Fingern das Haar in die Stirn.
    Hierauf trocknete er das Papier mit zrtlicher Sorgfalt ab und versteckte es
wieder unter der Pritsche.
    Pan Pernath, Pan Pernath, murmelte Loisa dabei bestndig mit aufgerissenen
Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.
    Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerk, sagte der Ungekmmte, dem
dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen Wieners und machte
mir spttisch eine halbe Verbeugung: Erlaubens mich vorzustellen: Vssatka ist
mein Name. Der schwarze Vssatka. - Brandstiftung, setzte er eine Oktave tiefer
stolz hinzu.
    Der Frisierte spuckte zwischen den Zhnen durch, blickte mich eine Weile
verchtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:
    Einbruch.
    Ich schwieg.
    No, und zweng wos fr einen Verdacht sin Sie hier, Herr Graf? fragte der
Wiener nach einer Pause.
    Ich berlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: Wegen Raubmord.
    Die beiden fuhren verblfft auf, der spttische Ausdruck auf ihren
Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie riefen
fast wie aus einem Munde:
    Rschpkt, Rschpkt.
    Als sie sahen, da ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die
Ecke zurck und unterhielten sich flsternd miteinander.
    Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prfte schweigend die
Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschttelnd zu seinem Freund zurck.
    Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
haben? fragte ich Loisa unauffllig.
    Er nickte. Ja, schon lang.
    Wieder vergingen einige Stunden.
    Ich schlo die Augen und stellte mich schlafend.
    Herr Pernath. Herr Pernath! hrte ich pltzlich ganz leise Loisas Stimme.
    Ja? - - - Ich tat, als erwachte ich.
    Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, - bitte - bitte, wissen Sie nicht,
was die Rosina macht? - Ist sie zu Hause?, stotterte der arme Bursche. Er tat
mir unendlich leid, wie er mit seinen entzndeten Augen an meinen Lippen hing
und vor Aufregung die Hnde verkrampfte.
    Es geht ihr gut. Sie - sie ist jetzt Kellnerin beim - - alten Ungelt, log
ich.
    Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Zwei Strflinge hatten auf einem Brett Blechtpfe mit heiem Wurstabsud
stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten nach
einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher fhrte mich zum
Untersuchungsrichter.
    Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab
schritten.
    Glauben Sie, ist es mglich, da ich heute noch freigelassen werde?,
fragte ich den Aufseher beklommen.
    Ich sah, wie er mitleidig ein Lcheln unterdrckte. Hm. Heute noch? Hm - -
Gott, - mglich ist ja alles. -
    Mir wurde eiskalt.
    Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tr und einen Namen:

    Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen
Aufstzen.
    Ein alter, groer Mann mit weiem, geteiltem Vollbart, schwarzem Gehrock,
roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.
    Sie sind Herr Pernath?
    Jawohl.
    Gemmenschneider?
    Jawohl.
    Zelle Nr. 70?
    Jawohl.
    Des Mordes an Zottmann verdchtig?
    Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter - -
    Des Mordes an Zottmann verdchtig?
    Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber - -
    Gestndig?
    Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch
unschuldig!
    Gestndig?
    Nein.
    Dann verhnge ich Untersuchungshaft ber Sie. - Fhren Sie den Mann hinaus,
Gefangenwrter.
    Bitte, so hren Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, - ich mu
unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen - -
    Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.
    Der Herr Baron schmunzelte. -
    Fhren Sie den Mann hinaus, Gefangenwrter.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch sa ich in der
Zelle.
    Um zwlf Uhr durften wir tglich hinunter in den Gefngnishof und mit
anderen Untersuchungsgefangenen und Strflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis
herumgehen auf der nassen Erde.
    Miteinander zu reden, war verboten.
    In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde
ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.
    An den Mauern wuchsen kmmerliche Ligusterstauden, die Bltter fast schwarz
vom fallenden Ru.
    Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit
blutleeren Lippen herunterschaute.
    Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grfte zu Brot, Wasser und
Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen.
    Erst einmal war ich wieder vernommen worden:
    Ob ich Zeugen htte, da mir Herr Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt
habe?
    Ja: Herrn Schemajah Hillel - - das heit - nein (ich erinnerte mich, er
war nicht dabei gewesen) - - aber Herr Charousek - nein, auch er war ja nicht
dabei.
    Kurz: also niemand war dabei?
    Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.
    Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:
    Fhren Sie den Mann hinaus, Gefangenwrter! - - -
    Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der
Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mute, war vorber. Entweder Wassertrums
Racheplan war lngst geglckt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.
    Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.
    Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, da sich das
Wunder erneuere, - wie sie frh am Morgen, wenn der Bcker kam, hinauslief und
mit bebenden Hnden das Brot untersuchte, - wie sie vielleicht um meinetwillen
vor Angst verging.
    Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das
Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte
mich in dem Wunsch, meine Gedanken mchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr
schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlsen von der Qual des Hoffens auf
ein Wunder.
    Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die
Brust fast zersprang, - um das Bild meines Doppelgngers vor mich zu zwingen,
damit ich ihn zu ihr schicken knnte als einen Trost.
    Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben:
Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte
aufschreien vor Jubel, da jetzt alles wieder gut wrde, aber er war in den
Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen.
- - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Da ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!
    Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine
Zellengenossen.
    Sie wuten es nicht.
    Sie htten noch nie welche bekommen - allerdings wre auch niemand da, der
ihnen schreiben knnte, sagten sie.
    Der Gefangenwrter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. - -
    Meine Ngel waren rissig geworden vom Abbeien und mein Haar verwildert,
denn Schere, Kamm und Brste gab es nicht.
    Auch kein Wasser zum Waschen.
    Fast ununterbrochen kmpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war mit
Soda gewrzt statt mit Salz. - - Eine Gefngnisvorschrift, um dem
berhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen. - -
    Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintnigkeit.
    Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual.
    Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo pltzlich einer
oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein wildes
Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und
stumpfsinnig weiter zu warten - zu warten - zu warten.
    Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen ber die
Wnde und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Sbel und Unterhosen
mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer htte.
    Frchtete man vielleicht im Landesgericht, es knne eine Kreuzung fremder
Insektenrassen entstehen?
    Mittwoch vormittags kam gewhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut
und zuckenden Hosenbeinen: der Gefngnisarzt Dr. Rosenblatt, und berzeugte
sich, da alle vor Gesundheit strotzten.
    Und wenn einer sich beschwerte, gleichgltig worber, so verschrieb er -
Zinksalbe zum Einreiben der Brust.
    Einmal kam auch der Landgerichtsprsident - ein hochgewachsener,
parfmierter Halunke der guten Gesellschaft, dem die gemeinsten Laster im
Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob - alles in Ordnung sei: ob sich
noch immer kaner derhenkt hobe, wie sich der Frisierte ausdrckte.
    Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen
Satz hinter den Gefangenwrter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. -
Was ich denn wolle, schrie er mich an.
    Ob Briefe fr mich da seien, fragte ich hflich. Statt der Antwort bekam ich
einen Sto vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite
suchte. Auch der Herr Prsident zog sich zurck und hhnte durch den
Trausschnitt: - ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekme ich in diesem
Leben keine Briefe.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich hatte mich lngst an die schlechte Luft und die Hitze gewhnt und
frstelte bestndig. Selbst, wenn die Sonne schien.
    Zwei der Gefangenen hatten schon einige Male gewechselt, aber ich achtete
nicht darauf. Diese Woche waren es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das
nchste Mal ein Falschmnzer oder ein Hehler, die hereingefhrt wurden.
    Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.
    Gegen das Whlen der Sorge um Mirjam verblaten alle ueren Begebenheiten.
    Nur ein Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprgt - es verfolgte mich
zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.
    Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren,
da fhlte ich pltzlich, da mich ein spitzer Gegenstand in die Hfte stach, und
als ich nachsah, bemerkte ich, da es die Feile gewesen war, die sich mir durch
die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie mute schon lange dort
gesteckt haben, sonst htte sie der Mann in der Flurstube gewi bemerkt.
    Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.
    Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte keinen
Augenblick, da nur Loisa sie genommen haben konnte.
    Einige Tage spter holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock tiefer
unterzubringen.
    Es drfe nicht sein, da zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
Verbrechens beschuldigt wren, wie er und ich, in der gleichen Zelle sen,
hatte der Gefangenwrter gesagt.
    Aus ganzem Herzen wnschte ich, es mchte dem armen Burschen gelingen, sich
mit Hilfe der Feile zu befreien.

                                      Mai


Auf meine Frage, welches Datum denn wre - die Sonne schien so warm wie im
Hochsommer und der mde Baum im Hof trieb ein paar Knospen - hatte der
Gefangenwrter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflstert, es sei der 15.
Mai. Eigentlich drfe er es nicht sagen, denn es sei verboten, mit den
Gefangenen zu sprechen, - insbesondere solche, die noch nicht gestanden htten,
mten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden.
    Drei volle Monate war ich also schon im Gefngnis und noch immer keine
Nachricht aus der Welt da drauen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wenn es Abend wurde, drangen leise Klnge eines Klaviers durch das
Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.
    Die Tochter des Beschlieers unten spiele, hatte mir ein Strfling gesagt. -
-
    Tag und Nacht trumte ich von Mirjam.
    Wie es ihr wohl ging?!
    Zuzeiten hatte ich das trstliche Gefhl, als seien meine Gedanken zu ihr
gedrungen und stnden an ihrem Bette, whrend sie schlief, und legten ihr
lindernd die Hand auf die Stirne.
    Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem andern
meiner Zellengenossen zum Verhr gefuhrt wurde, - nur ich nicht, - drosselte
mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.
    Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder nicht,
krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich aus dem
Strohsack ri, sollte mir Antwort geben.
    Und fast jedesmal ging es schlecht aus, und ich whlte in meinem Innern
nach einem Blick in die Zukunft; - suchte meine Seele, die mir das Geheimnis
verbarg, zu berlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage, ob wohl fr
mich dereinst noch ein Tag kommen wrde, wo ich heiter sein und wieder lachen
knnte.
    Immer bejahte das Orakel in solchen Fllen, und dann war ich eine Stunde
lang glcklich und froh.
    Wie eine Pflanze heimlich wchst und sprot, war allmhlich in mir eine
unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich fate es nicht, da ich
so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden knnen, ohne mir damals schon klar
darber geworden zu sein.
    Der zitternde Wunsch, da auch sie mit gleichen Gefhlen an mich denken
mchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewiheit,
und wenn ich dann auf dem Gange drauen einen Schritt hrte, frchtete ich mich
beinahe davor, man knnte mich holen und freilassen und mein Traum wrde in der
groben Wirklichkeit der Auenwelt in nichts zerrinnen.
    Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, da ich auch
das leiseste Gerusch vernahm.
    Jedesmal bei Anbruch der Nacht hrte ich in der Ferne einen Wagen fahren und
zergrbelte mir den Kopf, wer wohl dann sitzen mchte.
    Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, da es Menschen gab da
drauen, die tun und lassen durften, was sie wollten, - die sich frei bewegen
konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als unbeschreiblichen
Jubel empfanden.
    Da auch ich jemals wieder so glcklich werden wrde, im Sonnenschein durch
die Straen wandern zu knnen - - ich war nicht mehr imstande, es mir
vorzustellen.
    Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem
lngstverflossenen Dasein anzugehren; - ich dachte daran zurck mit jener
leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlgt und
findet dann welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat.
    Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend fr Abend mit Vrieslander und Prokop
beim Ungelt sa und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte?
    Nein, es war doch Mai - die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten durch
die Provinznester zog und auf grnen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart
spielte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich sa allein in der Zelle. - Vssatka, der Brandstifter, mein einziger
Gefhrte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter
geholt worden.
    Merkwrdig lange dauerte diesmal sein Verhr.
    Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tr. Und mit freudestrahlender
Miene strmte Vssatka herein, warf ein Bndel Kleider auf die Pritsche und
begann, sich mit Windeseile umzukleiden.
    Den Strflingsanzug warf er Stck fr Stck mit einem Fluch auf den Boden.
    Nix hamms mer beweisen knna, d Hallodri. - Brandstiftung! - Ja doder er
zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. Auf den schwarzen Vssatka
sans jung. - Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi fest blimm. Den kennens iazt
eispirrn, wanns'n derwischen - den Herrn von Wind. - No servus heit abend! - Do
werd aufdraht. Beim Loisitschek. - Er breitete die Arme aus und tanzte einen
G'strampften. - Nur einmahl im Lebhn blie-het der Mai. Er stlpte sich mit
einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen blaugesprenkelten
Nuhherfeder darauf ber den Schdel. - Ja, richtig, das wird Ihna intrissirn,
Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, der Loisa, is ausbrochen! - Grad hab
i's erfahrehn oben bei die Hallodri. Schon vurigen Monat - gegen Uldimoh hat er
das Weide gesucht und ist lngst ieber - pbhuit - er schlug sich mit den
Fingern auf den Handrcken - ieber alle Bergh. -
    Aha, die Feile, dachte ich mir und lchelte.
    Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf, der Brandstifter
streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, da Sie mglichst bei Zeithn
freikommen. - Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen Sie sich nur beim
Loisitschek nach dem schwarzen Vssatka. - Kennte mich jedes Mdel durten. So! -
Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.
    Er stand noch in der Tre, da schob der Wrter schon einen neuen
Untersuchungsgefangenen in die Zelle.
    Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der Soldatenmtze,
der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpagasse gestanden
hatte. Eine freudige berraschung! Vielleicht wute er zufllig etwas ber
Hillel und Zwakh und alle die andern?
    Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem grten
Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und
bedeutete mir, ich solle schweigen.
    Erst als die Tr von auen abgesperrt und der Schritt des Gefangenwrters
auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.
    Mir schlug das Herz vor Aufregung.
    Was sollte das bedeuten?
    Kannte er mich denn, und was wollte er?
    Das erste, was der Schlot tat, war, da er sich niedersetzte und seinen
linken Stiefel auszog.
    Dann zerrte er mit den Zhnen einen Stpsel aus dem Absatz, entnahm dem
entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, ri die anscheinend nur
locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin. -
    Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im
geringsten zu achten.
    So! Einen schnen Gru vom Herrn Charousek.
    Ich war so verblfft, da ich kein Wort herausbringen konnte. -
    Brauchens' blo Eisenblechl nhmen und Sohlen ausanand brechen in der
Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. - Ise nmlich hohl inewndig - erklrte
der Schlot mit berlegener Miene, und finden Sie sich drinn eine Brieffel von
Herrn Charousek.
    Im berma meines Entzckens fiel ich dem Schlot um den Hals, und die Trnen
strzten mir aus den Augen.
    Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:
    Missen sich mehr zusammennhmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht eine
Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, da ich in der
falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjh die Nummern
mitsamm vertauscht. -
    Ich mute wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot fuhr
fort:
    Wann Sie das auch nicht versthn, macht nix. Kurz: ich bin hier, Pasta!
    Sagen Sie doch, fiel ich ihm ins Wort, sagen Sie doch, Herr - - Herr - -
-
    Wenzel, - half mir der Schlot aus, ich hei' der schne Wenzel.
    Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht es
seiner Tochter?
    Dazu ist jetz keine Zeit nicht, unterbrach mich der schne Wenzel
ungeduldig. Ich kann ich doch im nxen Augenblick herausgeschmissen werden. -
Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab - -
    Was, Sie haben blo meinetwegen, und um zu mir kommen zu knnen, einen
Raubanfall begangen, Wenzel? fragte ich erschttert.
    Der Schlot schttelte verchtlich den Kopf: Wenn ich wirklich einen Raub
auf all begangen htt, mecht ich ihm doch nicht eingesthen. Was glauben Sie von
mir!?
    Ich verstand allmhlich: - der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um mir
den Brief Charouseks ins Gefngnis zu schmuggeln.
    So; zuverderscht - er machte ein uerst wichtiges Gesicht - mu ich
Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gben.
    Worin?
    In der Ebilebsie! - Gbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles
genau! - Alsdann schaugens hr: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen; - er
blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie jemand, der sich den Mund
aussplt - dann kriegt me Schaum vorm Maul, sengen S' so: - er machte auch
dies. Mit widerwrtiger Natrlichkeit. Nachhe drehte ma die Daumen in die
Faust. - Nachhe kugelt me die Augen raus - er schielte entsetzlich - und dann
- das ise sich bisl schwr - stot me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: B -
b - b, und gleichzeitig fallt me sich um. Er lie sich der Lnge nach zu
Boden fallen, da das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:
    Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert gottslig
beim Bataljohn gelernt hat.
    Ja, ja, es ist tuschend hnlich, gab ich zu, aber wozu dient das alles?
    Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!, erklrte der schne
Wenzel. Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kan Kopf
mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich pumperlgesund! - Nur
vor die Ebilebsie hat e' an Viechsrschpkt. Wann aner daas gut kann: gleich ise
drieben in der Krankenzelle. - - Und da ise sich das Ausbrechen dann ein
Kinderspielzeug; - er wurde tief geheimnisvoll - den Fenstergitter in der
Krankenzelle ise nmlich durchgesgt und nur schwach mit Dreck zusammengepappt.
- Es ise sich das ein Geheimnis vom Bataljohn! - Sie brauchen dann blo ein paar
Nchte scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis
vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht
aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen Ihnen hinauf
aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Straen. -
Pasta.
    Weshalb soll ich denn aus dem Gefngnis ausbrechen? wandte ich schchtern
ein, ich bin doch unschuldig.
    Das ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!, widerlegte mich der
schne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.
    Ich mute meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen Plan,
der, wie er sagte, das Resultat eines Bataillons beschlusses war, auszureden.
    Da ich die Gabe Gottes von der Hand wies und lieber warten wollte, bis
ich von selbst freikommen wrde, war ihm unbegreiflich.
    Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das
allerherzlichste, sagte ich gerhrt und drckte ihm die Hand. Wenn die schwere
Zeit fr mich vorber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen
erkenntlich zu zeigen.
    Ise gar nicht ntig, lehnte Wenzel freundlich ab. Wann Sie ein paar Glas
Pils zahlen, nhmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise
jetz Schatzmistr vom Bataljohn hat e' uns schon erzhlt, was Sie fr ein
heimlicher Wohltter sin. Soll ich ihm was ausrichten, wenn ich in paar Tg
wieder herauskomm?
    Ja, bitte, fiel ich rasch ein, sagen Sie ihm, er mchte zu Hillel gehen
und ihm mitteilen, ich htte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter
Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. - Werden Sie sich den
Namen merken?: Hillel! 
    Hirrl?
    Nein: Hillel.
    Hillr?
    Nein: Hill-el.
    Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem fr einen Tschechen unmglichen
Namen, aber schlielich bewltigte er ihn doch unter wilden Grimassen.
    Und dann noch eins: Herr Charousek mge - ich lasse ihn herzlich drum
bitten - sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der vornehmen Dame - er
wei schon, wer darunter zu verstehen ist - annehmen.
    Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was da Gspusi
ghabt hat mit dem Niemetz - dem Dr. Sapoli? - No, die hat sich doch scheiden
lassen und ise mit dem Kind und dem Sapoli frt.
    Wissen Sie das bestimmt?
    Ich fhlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen
freute, - es krampfte mir doch das Herz zusammen.
    Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt - - - war ich
vergessen.
    Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmrder.
    Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.
    Der Schlot schien mit dem Feingefhl, das verwahrlosten Menschen
seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten zu
haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete nicht.
    Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Frulein
Mirjam geht? Kennen Sie sie?, fragte ich gepret.
    Mirjam? Mirjam? - Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten -
Mirjam? - Ght sich die fters in der Nacht zum Loisitschek?
    Ich mute unwillkrlich lcheln. Nein. Bestimmt nicht.
    Dann kenn ich sie nicht, sagte Wenzel trocken.
    Wir schwiegen eine Weile.
    Vielleicht steht in dem Briefchen etwas ber sie, hoffte ich.
    Da den Wassertrum der Deiwel g'holt hat, fing Wenzel pltzlich wieder an,
wrden Sie sich wohl schon gehrt haben?
    Ich fuhr entsetzt auf.
    No ja. - Wenzel deutete auf seine Kehle. - Murxi, murxi! Ich sag ich
Ihnn; es war Ihnn schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil er
sich paar Tg nicht hat segen lassen, war ich natierlich der erschte drin; - wie
denn nicht! - Und da hat e' durten g'sssen, der Wassertrum, in einem dreckigen
Lhnsessel, die Brust voller Blut und die Augen wie aus Glas. - - - Wissen S',
ich bin ich ein handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedrht, sag ich Ihnn,
und ich hab' gemeint, ich hau ich ohnmchtig hi-iin. Furt' a furt' hab' ich mir
vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht auf, es
is doch blo ein toter Jud. - Er hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und
im Laden war sich alles umedum geschmissen. - Ein Raubmord natierlich.
    Die Feile! Die Feile! Ich fhlte, wie mir der Atem kalt wurde vor Grausen.
Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!
    Ich wei ich auch, wer's war, fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut fort.
Niemand anders, sag ich Ihnn, als der blattersteppige Loiso. - Ich hab' ich
nmlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und rasch
eing'stckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. - Er ise sich durch einen
unterirdischen Gang in den Laden - - - er brach mit einem Ruck seine Rede ab
und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt, dann warf er sich auf die
Pritsche und fing an, frchterlich zu schnarchen.
    Gleich darauf klirrte das Vorhngeschlo und der Gefngniswrter kam herein
und musterte mich argwhnisch.
    Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.
    Erst nach vielen Pffen richtete er sich ghnend auf und taumelte, gefolgt
von dem Wrter, schlaftrunken hinaus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:

Den 12. Mai.
    Mein lieber armer Freund und Wohltter!
    Woche um Woche habe ich gewartet, da Sie endlich freikommen wrden, - immer
vergebens, - habe alle mglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial fr
Sie zu sammeln, aber ich fand keins.
    Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber
jedesmal hie es, er knne nichts tun - es sei Sache der Staatsanwaltschaft und
nicht die seinige.
    Amtsschimmel!
    Eben erst, vor einer Stunde, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir den
besten Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, da Jaromir dem Wassertrum eine
goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders Loisa in
dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.
    Beim Loisitschek, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht das
Gercht, man htte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann - dessen Leiche
brigens noch immer nicht entdeckt ist - als corpus delicti bei Ihnen gefunden.
Das brige reimte ich mir zusammen: Wassertrum et cetera!
    Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben - - Ich lie
den Brief sinken, und die Freudentrnen traten mir in die Augen: nur Angelina
konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop, noch
Vrieslander besaen so viel Geld. - Sie hatte mich also doch nicht vergessen! -
Ich las weiter:
    - 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit mir
sofort zur Polizei ginge und eingestnde, die Uhr seinem Bruder zu Hause
entwendet und verkauft zu haben.
    Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel bereits
an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.
    Aber seien Sie versichert: es wird geschehen. Heute noch. Ich brge Ihnen
dafr.
    Ich zweifle keinen Augenblick, da Loisa den Mord begangen hat und die Uhr
die Zottmanns ist.
    Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, - nun, dann wei Jaromir, was er zu
tun hat: - Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene agnoszieren.
    Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei sein
werden, steht vielleicht bald bevor.
    Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?
    Ich wei es nicht.
    Fast mchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu
Ende, und ich mu auf der Hut sein, da mich die letzte Stunde nicht berrascht.
    Aber eins halten Sie fest: wir werden uns wiedersehen.
    Wenn auch nicht in diesem Leben und nicht wie die Toten in jenem Leben, aber
an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, - wo, wie es in der Bibel steht, der HERR die
ausspeien wird aus seinem Munde, die lau waren und weder kalt noch warm. - - -
    Wundern Sie sich nicht, da ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen ber diese
Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort Kabbala berhrten, bin ich Ihnen
ausgewichen, aber - ich wei, was ich wei.
    Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen Sie,
ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedchtnis. - - Einmal,
in meinen Delirien, glaubte ich - ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen. - Mag
sein, da ich wach getrumt habe.
    Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, da ich
gewisse Erkenntnisse gehabt habe - innerlich! - fast schon von Kindheit an, die
mich einen seltsamen Weg gefhrt haben; - Erkenntnisse, die sich nicht decken
mit dem, was die Medizin lehrt oder Gott sei Dank noch nicht wei; hoffentlich
auch nie erfahren wird.
    Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren
hchstes Ziel es ist, einen - Wartesaal auszustaffieren, den man am besten
niederrisse.
    Doch genug davon.
    Ich will Ihnen erzhlen, was sich inzwischen zugetragen hat:
    Ende April war Wassertrum so weit, da meine Suggestion anfing zu wirken.
    Ich sah es daran, da er auf der Gasse bestndig gestikulierte und laut mit
sich selbst sprach.
    So etwas ist ein sicheres Zeichen, da die Gedanken eines Menschen sich zum
Sturm rotten, um ber ihren Herrn herzufallen.
    Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.
    Er schrieb!
    Er schrieb! Da ich nicht lache! Er schrieb.
    Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wute ich, was er oben
machte: - er machte sein Testament.
    Da er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht. Ich
htte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergngen, wenn's mir
eingefallen wre.
    Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an dem
er noch etwas gutmachen knnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn berlistet.
    Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich wrde ihn segnen, wenn ich mich nach
seinem Tode durch seine Huld pltzlich als Millionr she, und dadurch den Fluch
wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhren mssen.
    Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.
    Rasend witzig, da er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im
Jenseits geglaubt hat, whrend er sich's das ganze Leben lang mhselig ausreden
wollte.
    Aber so ist's bei allen den Ganzgescheiten; man sieht es schon an der
wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt. Sie
fhlen sich ertappt.
    Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, lie ich ihn nicht mehr aus
dem Auge.
    Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede
Minute konnte die Entscheidung fallen. -
    Ich glaube, durch Mauern hindurch wrde ich das ersehnte schnalzende
Gerusch gehrt haben, wenn er den Stpsel aus der Giftflasche gezogen htte.
    Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war vollbracht.
    Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.
    Lassen Sie sich das Nhere von Wenzel erzhlen, mir wird es zu bitter, alles
das niederschreiben zu mssen.
    Nennen Sie es Aberglaube, - aber, wie ich sah, da Blut vergossen worden war
- die Dinge im Laden waren befleckt davon, - kam es mir vor, als sei mir seine
Seele entwischt.
    Etwas in mir, - ein feiner, untrglicher Instinkt - sagt mir, da es nicht
dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt oder von eigener: - da
Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde htte nehmen mssen, dann erst wre
meine Mission erfllt gewesen. - Jetzt, wo es anders gekommen ist, fhle ich
mich als Ausgestoener, als ein Werkzeug, das nicht wrdig befunden wurde in der
Hand des Todesengels.
    Aber ich will mich nicht auflehnen. Mein Ha ist von der Art, die bers Grab
hinausgeht, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergieen kann, wie
ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf Schritt und
Tritt. - - -
    Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich drauen bei ihm
auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.
    Ich glaube, ich wei es bereits, aber ich will noch warten, bis das innere
Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. - Wir Menschen sind unrein,
und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir das Flstern unserer Seele
verstehen. - - -
    In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt, da
mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.
    Da ich fr mich keinen Kreuzer davon anrhre, brauche ich Ihnen wohl nicht
zu versichern, Herr Pernath. - Ich werde mich hten, ihm - fr drben eine
Handhabe zu geben.
    Die Huser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstnde, die
er berhrt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert sich dann
ergibt, fllt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. -
    Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann Sie
beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmiges Eigentum mit Zinsen und
Zinseszinsen. Schon lange wute ich, da Wassertrum vor Jahren Ihren Vater und
seine Familie um alles gebracht hat, - erst jetzt bin ich in der Lage, es
aktenmig nachweisen zu knnen.
    Ein zweites Drittel wird unter die zwlf Mitglieder des Bataillons
verteilt, die den Dr. Hulbert noch persnlich gekannt haben. Ich will, da jeder
von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager - guten Gesellschaft.
    Das letzte Drittel gehrt zu gleichen Teilen den nchsten sieben Raubmrdern
des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen werden mssen.
    Ich bin das dem ffentlichen rgernis schuldig.
    So. Das wre wohl alles.
    Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie
zuweilen
                        Ihres
                                                      aufrichtigen und dankbaren
                        Innocenz Charousek.

    Tief erschttert legte ich den Brief aus der Hand. Ich konnte mich nicht
freuen ber die Nachricht von meiner bevorstehenden Enthaftung.
    Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kmmerte er sich um mein Schicksal.
Blo, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch
die Hand drcken knnte!
    Ich fhlte: ja, er hatte recht; der Tag wrde nie kommen.
    Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindschtigen
Schultern, die hohe, noble Stirn.
    Vielleicht, da alles ganz anders gekommen wre, wenn eine hilfreiche Hand
rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen htte.
    Noch einmal las ich den Brief durch.
    Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er berhaupt irrsinnig war?
    Ich schmte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet
zu haben.
    Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie
Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, ber den die eigene Seele Gewalt gewonnen
hatte, - den sie durch die wilden Schluchten und Klfte des Lebens emporfhrte
in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.
    Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner da,
als irgendeiner von denen, die nasermpfend umhergehen und angelernte Gebote
eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben?
    Er hielt das Gebot, das ihm ein bermchtiger Trieb diktierte, ohne an eine
Belohnung hier oder jenseits auch nur zu denken.
    Was er getan hatte, war es etwas anderes als frmmste Pflichterfllung in
des Wortes verborgenster Bedeutung?
    Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische - eine
Verbrechernatur - ich hrte frmlich, wie das Urteil der Menge ber ihn lauten
mute, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele hineinzuleuchten
kme, - dieser geifernden Menge, die nie und nimmer begreifen wird, da die
giftige Herbstzeitlose tausendfach schner und edler ist als der ntzliche
Schnittlauch. - - -
    Wieder ging das Trschlo drauen, und ich hrte, da man einen Menschen
hereinschob.
    Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfllt von dem Eindruck
des Briefes.
    Kein Wort ber Angelina, nichts von Hillel stand darin.
    Freilich: Charousek mute in grter Eile geschrieben haben, die Schrift
verriet es mir.
    Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich berbracht werden wrde?
    Ich hoffte heimlich auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der
Gefangenen im Hof. - Da war es noch am leichtesten, da mir irgendeiner vom
Bataillon etwas zusteckte.
    Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grbeleien:
    Wrden Sie gestatten, mein Herr, da ich mich Ihnen vorstelle? Mein Name
ist Laponder. Amadeus Laponder.
        Ich drehte mich um.
    Ein kleiner, schmchtiger, noch ziemlich junger Mann in gewhlter Kleidung,
nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich korrekt vor mir.
    Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine groen, hellgrn
glnzenden, mandelfrmigen Augen hatten das Eigentmliche an sich, da, so
geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu sehen
schienen. - Es lag so etwas wie - Geistesabwesenheit darin.
    Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich
wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden, so
fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lcheln, das die aufwrts
gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen bestndig seinem Gesicht
aufdrckten.
    Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit seiner
faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mdchenhaft schmalen Nase und den zarten
Nstern.
    Amadeus Laponder, Amadeus Laponder, wiederholte ich vor mich hin.
    Was er wohl begangen haben mag?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                      Mond


Waren Sie schon beim Verhr, fragte ich nach einer Weile.
    Ich komme soeben von dort. - Hoffentlich werde ich Sie hier nicht lange
inkommodieren mssen, antwortete Herr Laponder liebenswrdig.
    Armer Teufel, dachte ich mir, er ahnt nicht, was einem
Untersuchungsgefangenen bevorsteht.
    Ich wollte ihn langsam vorbereiten:
    Man gewhnt sich allmhlich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten,
schlimmsten Tage vorber sind. - - -
    Er machte ein verbindliches Gesicht.
    Pause.
    Hat das Verhr lange gedauert, Herr Laponder?
    Er lchelte zerstreut:
    Nein. Ich wurde blo gefragt, ob ich gestndig sei, und mute das Protokoll
unterschreiben.
    Sie haben unterschrieben, da Sie gestndig sind? fuhr es mir heraus.
    Allerdings.
    Er sagte es, als ob es sich von selbst verstnde.
    Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar keine
Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell oder etwas
hnliches.
    Ich bin leider schon so lange hier, da es mir wie ein Menschenleben
vorkommt; - ich seufzte unwillkrlich, und er machte sofort eine teilnehmende
Miene. Ich wnsche Ihnen, da Sie das nicht mitzumachen brauchen, Herr
Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald wieder auf freiem Fu
sein.
    Wie man's nimmt, antwortete er ruhig, aber es klang wie ein versteckter
Doppelsinn.
    Sie glauben nicht?, fragte ich lchelnd. Er schttelte den Kopf.
    Wie soll ich das verstehen? - Was haben Sie denn gar so Schreckliches
begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, -
lediglich Teilnahme, da ich frage.
    Er zgerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken:
    Lustmord.
    Mir war, als htte er mich mit einem Stock ber den Kopf geschlagen.
    Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.
    Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das
leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lchelnden Gesicht verriet, da er
ber mein pltzlich verndertes Benehmen verletzt gewesen wre.
    Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. - - -
    Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er sogleich
meinem Beispiel, entkleidete sich, hngte sorgsam seine Kleider an den
Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen Atemzgen
zu schlieen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu sein.
    Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.
    Das bestndige Gefhl, ein solches Scheusal in meiner nchsten Nhe zu haben
und dieselbe Luft mit ihm atmen zu mssen, war mir so grlich und aufregend,
da die Eindrcke des Tages, Charouseks Brief und all das erlebte Neue tief in
den Hintergrund traten.
    Ich hatte mich so gelegt, da ich den Mrder bestndig im Auge behielt, denn
ich wrde es nicht haben ertragen knnen, ihn hinter mir zu wissen.
    Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdmmert, und ich konnte
sehen, da Laponder regungslos, fast starr, dalag.
    Seine Zge hatten etwas Leichenhaftes bekommen, und der halbgeffnete Mund
erhhte diesen Eindruck.
    Viele Stunden hindurch nderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.
    Erst spt nach Mitternacht, als ein dnner Mondstrahl auf sein Gesicht fiel,
kam eine leise Unruhe ber ihn und er bewegte unaufhrlich die Lippen, wie
jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu sein, - ein
zweisilbiger Satz vielleicht, - so wie:
    La mich. La mich, La mich.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die nchsten paar Tage vergingen, ohne da ich Notiz von ihm genommen htte,
und auch er brach niemals das Schweigen.
    Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswrdig. So oft ich auf und ab
gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog hflich, wenn er auf der Pritsche
sa, die Fe zurck, um mir nicht im Wege zu sein.
    Ich fing an, mir Vorwrfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte aber
den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.
    So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nhe gewhnen zu knnen, - es ging
nicht.
    Selbst in den Nchten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde verbrachte
ich im Schlaf.
    Abend fr Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete
respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte sie
pedantisch in Falten, hngte sie auf, und so weiter und so weiter.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eines Nachts - es mochte um die zweite Stunde sein - stand ich schlaftrunken
vor Mdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den Vollmond, dessen Strahlen
sich wie glitzerndes l auf dem kupfernen Gesicht der Turmuhr spiegelten, und
dachte voll Trauer an Mirjam.
    Da hrte ich pltzlich leise ihre Stimme hinter mir.
    Sofort war ich wach, berwach, - fuhr herum und horchte.
    Eine Minute verging.
    Schon glaubte ich, ich htte mich getuscht, da kam es wieder. Ich konnte
die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:
    Frag' mich. Frag' mich.
    Es war bestimmt Mirjams Stimme.
    Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat an
das Bett Laponders.
    Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich
unterscheiden, da er die Lider offen hatte, doch nur das Weie der Augpfel war
sichtbar.
    An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, da er im Tiefschlaf lag.
    Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.
    Und allmhlich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zhnen
hervordrangen:
    Frag' mich. Frag' mich.
    Die Stimme war der von Mirjam tuschend hnlich.
    Mirjam? Mirjam? rief ich unwillkrlich, dmpfte aber sofort den Ton, um
den Schlfer nicht zu erwecken.
    Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann wiederholte
ich leise:
    Mirjam? Mirjam?
    Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:
    Ja.
    Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.
    Nach einer Weile hrte ich Mirjams Stimme flstern - so unverkennbar ihre
Stimme, da mir Klteschauer ber die Haut liefen.
    Ich trank die Worte so gierig, da ich nur den Sinn begriff. Sie sprach von
Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glck, da wir uns endlich gefunden htten -
und uns nie wieder trennen wrden - hastig - ohne Pause, wie jemand, der
frchtet, unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausntzen will.
    Dann wurde die Stimme stockend - erlosch zeitweilig ganz.
    Mirjam? fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem, Mirjam,
bist du gestorben?
    Lange keine Antwort.
    Dann fast unverstndlich:
    Nein. - Ich lebe. - Ich schlafe. - -
    Nichts mehr.
    Ich lauschte und lauschte.
    Vergebens.
    Nichts mehr.
    Vor Ergriffenheit und Zittern mute ich mich auf die Kante der Pritsche
sttzen, um nicht vornber auf Laponder zu fallen.
    Die Tuschung war so vollstndig gewesen, da ich Mirjam momentelang
tatschlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen
mute, um nicht einen Ku auf die Lippen des Mrders zu drcken.
    Henoch! Henoch! - hrte ich ihn pltzlich lallen, dann immer klarer und
artikulierter: Henoch! Henoch!
    Sofort erkannte ich Hillel.
    Bist du es, Hillel?
    Keine Antwort.
    Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, da man Schlafenden, um sie zum Reden
zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen drfe, sondern gegen das
Nervengeflecht in der Magengrube richten msse.
    Ich tat es:
    Hillel?
    Ja, ich hre dich!
    Ist Mirjam gesund? Weit du alles? fragte ich schnell.
    Ja. Ich wei alles. Wute es lngst. - Sei ohne Sorge, Henoch, und frchte
dich nicht!
    Kannst du mir verzeihen, Hillel?
    Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.
    Werden wir uns bald wiedersehen? - Ich frchtete, die Antwort nicht mehr
verstehen zu knnen; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht worden.
    Ich hoffe es. Ich will warten - auf dich - wenn ich kann - dann mu ich -
Land -
    Wohin? In welches Land? - ich fiel beinahe auf Laponder - In welches
Land? In welches Land?
    - Land - Gad - sdlich - Palstina -
    Die Stimme erstarb.
    Hundert Fragen schssen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum nennt er
mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, Charousek.
    Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen, kam es pltzlich wieder
laut und deutlich von den Lippen des Mrders. Diesmal in Charouseks Tonfall,
aber hnlich so, als htte ich selbst es gesagt.
    Ich erinnerte mich: es war wrtlich der Schlusatz aus Charouseks Brief. -
    Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die
Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mute es aus der Zelle
verschwunden sein.
    Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:
    Der Mrder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider
geschlossen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich machte mir die heftigsten Vorwrfe, alle die Tage ber in Laponder nur
den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. -
    Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler - ein
Geschpf, das unter dem Einflu des Vollmonds stand.
    Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dmmerzustand begangen.
Bestimmt sogar. -
    Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zgen gewichen und
hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.
    So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem
Gewissen hat, sagte ich mir.
    Ich konnte den Moment, wo er aufwachen wrde, kaum erwarten.
    Ob er wohl wte, was geschehen war?
    Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur Seite.
    Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: Verzeihen Sie mir, Herr
Laponder, da ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war das
Ungewohnte, das -
    Seien Sie berzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen, unterbrach er
mich lebhaft, da es ein scheuliches Gefhl sein mu, mit einem Lustmrder
beisammen zu sein.
    Reden Sie nicht mehr davon, bat ich. Es ist mir heute nacht so mancherlei
durch den Kopf gegangen, und ich werde den Gedanken nicht los, Sie knnten
vielleicht - - - ich suchte nach Worten.
    Sie halten mich fr krank, half er mir heraus.
    Ich bejahte: Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schlieen zu drfen. Ich
- ich - darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?
    Ich bitte darum.
    Es klingt etwas merkwrdig, - aber - wrden Sie mir sagen, was Sie heute
getrumt haben?
    Er schttelte lchelnd den Kopf: Ich trume nie.
    Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.
    Er blickte berrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er bestimmt:
    Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben. - Ich gab
es zu. Denn wie gesagt, ich trume nie. Ich - ich wandere, setzte er nach
einer Pause halblaut hinzu.
    Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?
    Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es fr
angezeigt, ihm die Grnde zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn zu dringen,
und erzhlte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.
    Sie knnen sich fest darauf verlassen, sagte er ernst, als ich zu Ende
war, da alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen habe. Wenn
ich vorhin bemerkte, da ich nicht trume, sondern wandere, so meinte ich damit,
da mein Traumleben anders beschaffen ist als das - sagen wir: normaler
Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein Austreten aus dem Krper. - - So
war ich z.B. heute nacht in einem hchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang
von unten herauf durch eine Falltr fhrte.
    Wie sah es aus? fragte ich rasch. War es unbewohnt? Leer?
    Nein; es standen Mbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem ein
junges Mdchen schlief - oder wie scheintot lag, - und ein Mann sa neben ihr
und hielt seine Hand ber ihre Stirn. - Laponder schilderte die Gesichter der
beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und Mirjam.
    Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.
    Bitte, erzhlen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?
    Sonst noch jemand? Warten Sie - - - nein: sonst war niemand mehr im Zimmer.
Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. - Dann ging ich eine
Wendeltreppe hinunter.
    Sie war zerbrochen? fiel ich ein.
    Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
seitlich eine Kammer ab, darin sa ein Mann mit silbernen Schnallen an den
Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen gesehen
habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrgstehenden Augen; - er war vornber
gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen Auftrag vielleicht.
    Ein Buch, - ein altes groes Buch haben Sie nirgends gesehen?, forschte
ich.
    Er rieb sich die Stirn:
    Ein Buch sagen Sie? - Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es war
aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem groen, goldenen A fing die
Seite an.
    Mit einem I, meinen Sie wohl?
    Nein, mit einem A.
    Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein I?
    Nein, es war bestimmt ein A.
    Ich schttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder im
Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander
gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und den unterirdischen Gang.
    Haben Sie die Gabe zu wandern, wie Sie es nennen, schon lang?, fragte ich.
    Seit meinem 21. Jahr - - -, er stockte, schien nicht gern davon zu reden;
da nahm seine Miene pltzlich den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens an, und er
starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas she.
    Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und bat
- fast flehentlich:
    Um Himmels willen, sagen Sie mir alles. Es ist heute der letzte Tag, den
ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde werde ich
abgeholt, um mein Todesurteil anzuhren - -.
    Ich unterbrach ihn entsetzt:
    Dann mssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwren, da Sie
krank sind. - Sie sind mondschtig. Es darf nicht sein, da man Sie hinrichtet,
ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie doch Vernunft an!
    Er wehrte nervs ab: Das ist doch so nebenschlich, - bitte, sagen Sie mir
alles!
    Aber was soll ich Ihnen denn sagen? - Reden wir doch lieber von Ihnen und -
-
    Sie mssen, ich wei das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben, die
mich nah angehen, - nher als Sie ahnen knnen; - - ich bitte Sie, sagen Sie mir
alles!, flehte er.
    Ich konnte es nicht fassen, da ihn mein Leben mehr interessierte als seine
eigenen, doch wahrhaftig gengend dringenden Angelegenheiten; um ihn aber zu
beruhigen, erzhlte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem geschehen war.
    Bei jedem greren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine Sache
bis zum Grund durchschaut.
    Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir gestanden
und mir die schwarzroten Krner hingehalten hatte, konnte er es kaum erwarten,
den Schlu zu erfahren.
    Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm, murmelte er sinnend. Ich
htte nie gedacht, da es einen dritten Weg geben knnte.
    Es war das kein dritter Weg, sagte ich, es war derselbe, wie wenn ich die
Krner abgelehnt htte.
    Er lchelte.
    Glauben Sie nicht, Herr Laponder?
    Wenn Sie sie abgelehnt htten, wren Sie wohl auch den Weg des Lebens
gegangen, aber die Krner, die magische Krfte bedeuten, wren nicht
zurckgeblieben. - So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen. Das heit:
sie sind hiergeblieben und werden von Ihren Vorfahren so lange gehtet, bis die
Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Krfte, die in Ihnen jetzt noch
schlummern, lebendig werden.
    Ich verstand nicht: Von meinen Vorfahren werden die Krner behtet?
    Sie mssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben,
erklrte Laponder. Der Kreis der blulich strahlenden Menschen, der Sie
umstand, war die Kette der ererbten Iche, die jeder von einer Mutter Geborene
mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts Einzelnes, - sie soll es erst
werden, und das nennt man dann: Unsterblichkeit; Ihre Seele ist noch
zusammengesetzt aus vielen Ichen - so, wie ein Ameisenstaat aus vielen Ameisen;
Sie tragen die seelischen Reste vieler tausend Vorfahren in sich: - die Hupter
Ihres Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie knnte denn ein Huhn, das aus
einem Ei knstlich erbrtet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen,
wenn nicht die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stke? - Das Vorhandensein des
Instinkts verrt die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der Seele. - Aber,
verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.
    Ich erzhlte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam ber den Hermaphroditen
gesagt hatte.
    Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, da Laponder wei geworden
war wie der Kalk an der Wand und Trnen ber seine Wangen liefen.
    Rasch stand ich auf, tat, als she ich es nicht, und ging in der Zelle auf
und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben wrde.
    Dann setzte ich mich ihm gegenber und bot meine ganze Beredsamkeit auf, ihn
zu berzeugen, wie dringend ntig es wre, den Richtern gegenber auf seinen
krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.
    Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden htten!, schlo ich.
    Aber ich mute doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt, sagte er
naiv.
    Halten Sie denn eine Lge fr schlimmer als - als einen Lustmord?, fragte
ich verblfft.
    Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewi. - Sehen Sie: als ich
vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestnde, hatte ich die Kraft,
die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu lgen oder nicht zu
lgen. - Als ich den Lustmord beging - - bitte, ersparen Sie mir die Details: es
war so grlich, da ich die Erinnerung nicht wieder aufleben lassen mchte - -
als ich den Lustmord beging, da hatte ich keine Wahl. Wenn ich auch bei
vollkommen klarem Bewutsein handelte, so hatte ich dennoch keine Wahl: Irgend
etwas, dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war
strker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben wrde, ich htte
gemordet? - Nie habe ich gettet - nicht einmal das kleinste Tier, - und jetzt
wre ich es schon gar nicht imstande.
    Nehmen Sie an, es wre Menschengesetz: zu morden, und auf der Unterlassung
stnde der Tod - hnlich, wie es im Krieg der Fall ist, - augenblicklich htte
ich mir den Tod verdient. - Weil mir keine Wahl bliebe. Ich knnte ganz einfach
nicht morden. Damals, als ich den Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.
    Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fhlen, mssen Sie
alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!, wandte ich ein.
    Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: Sie irren! Die Richter haben
von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie mich
vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder bermorgen wieder das
Unheil losbricht?
    Nein; aber in einer Heilanstalt fr Geisteskranke sollte man Sie
internieren. Das ist es doch, was ich sage!
    Wenn ich irrsinnig wre, htten Sie recht, erwiderte Laponder gleichmtig.
Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes, - etwas, was dem
Irrsinn sehr hnlich sieht, aber gerade das Gegenteil ist. Bitte, hren Sie zu.
Sie werden mich sogleich verstehen. - - - Was Sie mir vorhin von dem Phantom
ohne Kopf - ein Symbol natrlich: dieses Phantom; den Schlssel knnen Sie
leicht finden, wenn Sie darber nachdenken - erzhlten, ist mir einst genauso
passiert. Nur habe ich die Krner angenommen. Ich gehe also den Weg des Todes! -
Fr mich ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in
mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch fhren mag: ob
zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum. Niemals habe ich
gezgert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war.
    Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.
    Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
und was der Herr von dir fordert,?

    Wrde ich gelogen haben, htte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die
Wahl hatte; - - als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur die
Wirkung einer in mir schlummernden, lngst gelegten Ursache, ber die ich keine
Gewalt mehr besa, wurde frei.
    Also sind meine Hnde rein.
    Dadurch, da das Geistige in mir mich zum Mrder werden lie, hat es eine
Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, da mich die Menschen an den Galgen
knpfen, wird mein Schicksal losgelst von dem ihrigen: - ich komme zur
Freiheit.
    Er ist ein Heiliger, fhlte ich, und das Haar strubte sich mir vor Schauder
ber meine eigene Kleinheit.
    Sie haben mir erzhlt, da Sie durch den hypnotischen Eingriff eines Arztes
in Ihr Bewutsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen hatten,
fuhr er fort. Es ist das das Kennzeichen, - das Stigma - aller derer, die von
der Schlange des geistigen Reiches gebissen sind. Es scheint fast, als mten in
uns zwei Leben aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden
Baum, ehe das Wunder der Erweckung geschehen kann; - was sonst durch den Tod
getrennt wird, geschieht hier durch Erlschen der Erinnerung - manchmal nur
durch eine pltzliche innere Umkehr.
    Bei mir war es so, da ich scheinbar ohne uere Ursache in meinem 21. Jahr
eines Morgens wie verndert erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen, erschien
mir mit einemmal gleichgltig: Das Leben kam mir dumm vor wie eine
Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Trume wurden zu Gewiheit -
zu apodiktischer, beweiskrftiger Gewiheit, verstehen Sie wohl: zu
beweiskrftiger, realer Gewiheit, und das Leben des Tages wurde zum Traum.
    Alle Menschen knnten das, wenn sie den Schlssel htten. Und der Schlssel
liegt einzig und allein darin, da man sich seiner Ichgestalt, sozusagen seiner
Haut, im Schlaf bewut wird, - die schmale Ritze findet, durch die sich das
Bewutsein zwngt zwischen Wachsein und Tiefschlaf.
    Darum sagte ich vorhin: ich wandere und nicht: ich trume.
    Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen die
uns innewohnenden Klnge und Gespenster; und das Warten auf das Knigwerden des
eigenen Ichs ist das Warten auf den Messias.
    Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der Hauch der Knochen
der Kabbala, das war der Knig. Wenn er gekrnt sein wird, - dann reit der
Strick entzwei, mit dem Sie durch die ueren Sinne und den Schornstein des
Verstandes an die Welt gebunden sind.
    Wieso es kommen konnte, da ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben ber
Nacht zum Lustmrder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist wie ein
Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben nur die eine.
Ist die Kugel rot, heit der Mensch: schlecht. Ist sie gelb, dann ist der
Mensch: gut. Laufen zwei hintereinander - eine rote und eine gelbe, dann hat man
einen ungefestigten Charakter. Wir von der Schlange Gebissenen, machen in einem
Leben durch, was sonst an der ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die
farbigen Kugeln rasen hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu
Ende sind - - dann sind wir Propheten, - sind die Spiegel Gottes geworden.
    Laponder schwieg.
    Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betubt.
    Weshalb fragten Sie mich vorhin so ngstlich nach meinen Erlebnissen, wo
Sie doch so viel, viel hher stehen als ich?, fing ich endlich wieder an.
    Sie irren, sagte Laponder, ich stehe weit unter Ihnen. - Ich fragte Sie,
weil ich fhlte, da Sie den Schlssel besitzen, der mir noch fehlte.
    Ich? Einen Schlssel? O Gott!
    Jawohl Sie! Und Sie haben ihn mir gegeben. - Ich glaube nicht, da es einen
glcklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin.
    Drauen entstand ein Gerusch; die Riegel wurden zurckgeschoben, - Laponder
achtete kaum darauf:
    Das mit dem Hermaphroditen war der Schlssel. Jetzt habe ich die Gewiheit.
Schon deshalb bin ich froh, da man mich holen kommt, denn bald bin ich am
Ziel.
    Vor Trnen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich hrte
nur das Lcheln in seiner Stimme.
    Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und denken Sie: das, was man
morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schnste erffnet, -
das Letzte, was ich noch nicht wute. Jetzt geht's zur Hochzeit - - -, er stand
auf und folgte dem Gefangenwrter - es hngt mit dem Lustmord eng zusammen,
waren die letzten Worte, die ich hrte und nur dunkel begriff.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer
wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes liegen
zu sehen.
    In den nchsten Tagen, nachdem er weggefhrt worden war, hatte ich ein
Hmmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdrhnen hren, das manchmal
bis zum Morgengrauen dauerte.
    Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor
Verzweiflung.
    Monat um Monat verflo. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden des
kmmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus den Mauern
drang.
    Wenn mein Blick bei den Rundgngen auf den sterbenden Baum fiel und das
eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich unwillkrlich
jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders Gesicht in mich eingegraben
hatte. Bestndig trug ich es in mir herum, dieses Buddhagesicht mit der
faltenlosen Haut und dem seltsamen, immerwhrenden Lcheln.
    Ein einziges Mal noch - im September - hatte mich der Untersuchungsrichter
holen lassen und mitrauisch gefragt, wie ich es begrnden knne, da ich bei
dem Bankschalter gesagt, ich msse dringend verreisen, und warum ich in den
Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig gewesen wre und meine smtlichen
Edelsteine zu mir gesteckt htte.
    Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu
nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch hhnisch gemeckert. -
    Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen Gedanken,
meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fhlte, lngst tot sein mute, und
Laponder und meiner Sehnsucht nach Mirjam nachhngen.
    Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten Gesichtern,
dickwanstige Bankkassierer, - Waisenkinder, wie der schwarze Vssatka sie
genannt haben wrde, - und verpesteten mir die Luft und die Stimmung.
    Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrstung zum besten, da vor geraumer
Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Glck htte man den Tter
sogleich erwischt und kurzen Proze mit ihm gemacht.
    Laponder hat er geheien, der Schuft, der gottserbrmliche, schrie ein
Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmihandlung zu - 14 Tagen
Gefngnis verurteilt worden war, dazwischen. Auf frischer Tat habn's'n g'fat.
Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer is ausbrennt. Die Leich'
von dem Mdel is dabei so verkohlt, da mer bis zum heutigen Tage noch nt hat
rausbringen knnen, wer sie eigentlich war. Schwarze Haar hat's g'habt und a
schmal's G'sicht, ds is alls, was mer wei. Und der Laponder hat net ums
Verrecken rausg'rckt mit ihrem Namen. - Wann's nach mir gangen wr, i htt ihm
d'Haut ab'zogen und Pfeffer drauf g'streut. - Ds san halt die feinen Herren!
Mrder san's, alle z'samm. - - - - Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann
aner a Mdel los sein wll, setzte er mit zynischem Lcheln hinzu.
    Die Wut kochte in mir, und am liebsten htte ich den Halunken zu Boden
geschlagen.
    Nacht fr Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen. Ich
atmete auf, als er endlich freigelassen wurde.
    Aber selbst da war ich ihn noch nicht los: seine Rede hatte sich wie ein
Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.
    Fast bestndig, hauptschlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der
grausige Verdacht, Mirjam knnte das Opfer Laponders gewesen sein.
    Je mehr ich dagegen ankmpfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem
Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde.
    Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es
besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann lebendig
machen, und das tiefe Gefhl fr ihn verscheuchte mir die Qual, - aber nur zu
oft kamen die grlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im
Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den Verstand verlieren zu mssen.
    Die schwachen Anhaltspunkte, die ich fr meinen Verdacht hatte, verdichteten
sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, - zu einem Gemlde voll
unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.
    Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und die
Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Hhepunkt erreicht, da ich mich, um
nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbi wie ein verdurstendes Tier,
ffnete pltzlich der Gefangenwrter die Zelle und forderte mich auf, mit ihm
zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich fhlte mich so schwach, da ich mehr
taumelte als ging.
    Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu drfen, war
lngst in mir gestorben.
    Ich machte mich darauf gefat, wieder eine kalte Frage gestellt zu bekommen,
das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hren und dann zurck in die
Finsternis zu mssen.
    Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein
alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.
    Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen wrde.
    Es fiel mir auf, da der Gefangenwrter mit hereingekommen war und mir
gutmtig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als da ich mir
ber die Bedeutung alles dessen htte klarwerden knnen.
    Die Untersuchung hat ergeben, fing der Schreiber an, meckerte, stieg auf
einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bcherbord nach Schriftstcken, ehe
er fortfuhr: hat ergeben, da der in Frage kommende Karl Zottmann vor seinem
Tode anllich einer heimlichen Zusammenkunft mit der unverehelichten ehemaligen
Prostituierten Rosina Metzeles, die damaliger Zeit den Spitznamen die rote
Rosina fhrte, dann spter von einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher
Aufsicht stehenden Silhubettenschneider namens Jaromir Kwnitschka aus dem
Weinsalon Kautsky losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner
Durchlaucht dem Frsten Ferri Athenstdt im gemeinsamen, wilden Konkubinate als
Maiteresse lebt, von hinterlistiger Hand in ein unterirdisches, aufgelassenes
Kellergewlbe des Hauses Nummer conscriptionis 21873, gebrochen durch rmisch
III, der Hahnpagasse, laufende Numero sieben, gelockt, dortselbst
eingeschlossen und sich selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder
Erfrieren berlassen wurde. - - Der obenerwhnte Zottmann nmlich, erklrte der
Schreiber mit einem Blick ber die Brille hinweg und bltterte ein paarmal um.

    Die Untersuchung hat weiters ergeben, da der obenerwhnte Karl Zottmann
allem Anscheine nach - nach eingetretenem Ableben - seiner smtlichen bei ihm
getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub faszikel rmisch P gebrochen
durch Bh beigeschlossenen doppelmanteligen Taschenuhr - der Schreiber hob die
Uhr an der Kette in die Hhe - beraubt wurde. Der eidesstattlichen Aussage des
Silhubettenschnitzers Jaromir Kwnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 Jahren
verstorbenen Hostienbckers gleichen Namens: die Uhr im Bette seines inzwischen
flchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhndler und
mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen Realittenbesitzer Aaron
Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert veruert zu haben, konnte
mangels Glaubwrdigkeit kein Gewicht beigelegt werden.
    Die Untersuchung hat weiters ergeben, da die Leiche des erwhnten Karl
Zottmann in der rckwrtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch
bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor erfolgtem Ableben
mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung des Tters durch die k.k.
Behrden erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte.
    Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge auf
den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdchtig
gewordenen Loisa Kwnitschka, zurzeit flchtig, gelenkt und unter einem
verfgt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath, Gemmenschneider,
dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das Verfahren gegen ihn
einzustellen.
    Prag im Juli
                        gezeichnet
                                                  Dr. Freiherr von Leisetreter.

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    Der Boden schwankte unter meinen Fen, und ich verlor eine Minute das
Bewutsein.
    Als ich erwachte, sa ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwrter klopfte
mir freundlich auf die Schulter.
    
    Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich und
sagte zu mir:
    Die Verlesung der Verfgung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr Name
mit einem Ph beginnt und naturgem im Alphabet erst gegen Schlu vorkommen
kann. - Dann las er weiter:
    berdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
setzen, da ihm laut testamentarischer Verfgung des im Mai mit Tod abgegangenen
stud. med. Innocenz Charousek ein Drittel von dessen gesamter Verlassenschaft
ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur Unterfertigung des Protokolles hiermit
anzuhalten.
    Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing an zu
schmieren.
    Ich erwartete gewohnheitsmig, da er meckern wrde, aber er meckerte
nicht.
    Innocenz Charousek, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.
    Der Gefangenwrter beugte sich ber mich und flsterte mir ins Ohr:
    Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat sich
nach Ihnen erkundigt. Er lt Sie viel-vielmals gren, hat er g'sagt. Ich hab's
natrlich damals nicht ausrichten drfen. Es ist streng verboten. Ein
schreckliches Ende hat er brigens genommen, der Herr Dr. Charousek. Er hat sich
selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem Grabhgel des Aaron Wassertrum, auf der
Brust liegend, gefunden. - Er hat zwei tiefe Lcher in die Erde gegraben gehabt,
sich die Pulsadern aufgeschnitten und dann die Arme in die Lcher gesteckt. So
ist er verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char -
- -
    Der Schreiber schob geruschvoll seinen Stuhl zurck und reichte mir die
Feder zum Unterschreiben.
    Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
freiherrlichen Vorgesetzten:
    Gefangenwrter, fhren Sie den Mann hinaus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Sbel und Unterhosen
im Torzimmer seine Kaffeemhle vom Scho genommen; nur da er mich diesmal nicht
untersuchte und mir meine Edelsteine, das Portemonnaie mit den zehn Gulden
darin, meinen Mantel und alles brige zurckgab. - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Dann stand ich auf der Strae.
    Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Widersehen! - Ich unterdrckte
einen Schrei wildesten Entzckens.
    Es mute Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler
Messingteller hinter Dunstschleiern.
    Das Pflaster war mit einer zhen Schicht von Schmutz bedeckt.
    Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten fast den
Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte - auf empfindungslosen Sohlen
wie ein Rckenmarkskranker. - -
    Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie knnen, in die Hahnpagasse 7! -
Haben Sie mich verstanden?: - Hahnpagasse 7.

                                      Frei


Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.
    Hahnpagass, gn' Herr?
    Ja, ja, nur rasch.
    Wieder fuhr der Wagen ein Stck weiter. Wieder blieb er stehen.
    Um Himmels willen, was gibt's denn?
    Hahnpagass, gn' Herr?
    Ja, ja. Ja doch.
    In die Hahnpagass kann me doch nicht fahrrhn!
    Warum denn nicht?
    Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch
assaniert.
    Also fahren Sie eben, soweit Sie knnen, aber jetzt rasch geflligst.
    Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann
gemchlich weiter.
    Ich lie die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die
Nachtluft ein.
    Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Huser, die
Straen, die geschlossenen Lden.
    Ein weier Hund trabte einsam und migelaunt auf dem nassen Trottoir
vorber. Ich sah ihm nach. - Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz vergessen,
da es solche Tiere gab. - Vor Freude kindisch rief ich ihm nach: Aber, aber!
Wie kann man nur so verdrossen sein. - - -
    Was Hillel wohl sagen wrde!? - Und Mirjam?
    Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich
aufhren, an ihre Tr zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.
    Jetzt war ja alles gut - all der Jammer dieses Jahres vorber! -
    Wrde das ein Weihnachten werden!
    Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.
    Einen Augenblick lhmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des
Strflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte Gesicht - der
Lustmord - aber nein, nein! - Ich schttelte es gewaltsam ab: nein, nein, es
konnte, es konnte nicht sein. - Mirjam lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus
Laponders Mund gehrt.
    Nur noch eine Minute - eine halbe - - und dann -
    Die Droschke hielt vor einem Trmmerhaufen. Barrikaden aus Pflastersteinen
berall!
    Rote Laternen brannten darauf.
    Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.
    Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte umher,
versank bis ans Knie.
    Das hier, das mute doch die Hahnpagasse sein?!
    Mhsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.
    Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?
    Die Vorderseite war eingerissen.
    Ich kletterte auf einen Erdhgel; tief unter mir lief ein schwarzer,
gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie riesige
Bienenzellen hingen die blogelegten Wohnrume nebeneinander in der Luft, halb
vom Fackelschein, halb von dem trben Mondlicht beschienen.
    Das dort oben, das mute mein Zimmer sein - ich erkannte es an der Bemalung
der Wnde.
    Nur noch ein Streifen davon war brig.
    Und daranstoend das Atelier - Saviolis. Mir wurde pltzlich ganz leer im
Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! - Angelina! - - So weit, so unabsehbar fern
lag das alles hinter mir!
    Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein mehr
auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trdlerladen, die
Kellerwohnung Charouseks - - - alles, alles.
    Der Mensch geht dahin wie ein Schatten - fiel mir ein Satz ein, den ich
einmal irgendwo gelesen.
    Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt wohnten,
die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar Schemajah Hillel kenne.
    Nix daitsch, war die Antwort.
    Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch, konnte
mir aber keine Auskunft geben.
    Auch von seinen Kameraden niemand.
    Vielleicht, da beim Loisitschek etwas zu erfahren wre?
    Der Loisitschek sei gesperrt, hie es, das Haus wrde renoviert.
    Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! - Ging das nicht?
    Weit a breit wohnt sich keine Katz, sagte der Arbeiter; weil ise
behrdlich verbotten. Von wgen Typhus.
    Der Ungelt? Der wird doch offen haben?
    Ungelt ise sich geschlossen.
    Bestimmt?
    Bestimmt!
    Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Hcklern und
Tabaktrafikantinnen, die in der Nhe gewohnt hatten; dann die Namen Zwakh,
Vrieslander, Prokop - -
    Bei allen schttelte der Mann den Kopf.
    Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwnitschka?
    Der Arbeiter horchte auf.
    Jaromir? Ise sich taubstumm?
    Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.
    Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?
    Schneid 'e sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?
    Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?
    So umstndlich wie mglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcafhaus in der
inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.
    ber eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte ber
schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straen
versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwste, als htte ein
Erdbeben die Stadt zerstrt.
    Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand ich
mich endlich aus dem Labyrinth heraus.
    Ein paar Huserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.
    Cafe Chaos stand darber geschrieben.
    Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum gengend Platz lie fr die
paar Tische, die an die Wnde gerckt waren.
    In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
schnarchte.
    Ein Marktweib, mit einem Gemsekorb vor sich, sa in der Ecke und nickte
ber einem Glas Caj.
    Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
wnschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich vom Kopf bis zu Fu musterte,
kam mir erst zum Bewutsem, wie abgerissen ich aussehen mute.
    Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und wirrem,
langem Haar starrte mir entgegen.
    Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
bestellte schwarzen Kaffee.
    Woa net, wo er so lang bleibt, war die geghnte Antwort.
    Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.
    Ich nahm das Prager Tagblatt von der Wand und - wartete.
    Die Buchstaben liefen wie Ameisen ber die Seiten, und ich begriff nicht ein
einziges Wort von dem, was ich las.
    Die Stunden vergingen, und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
verdchtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendmmerung fr ein Lokal
mit Gasbeleuchtung anzeigt.
    Hie und da sphten ein paar Schutzleute mit grnlich schillernden
Federbschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder weiter.
    Drei bernchtig aussehende Soldaten traten ein.
    Ein Straenkehrer nahm einen Schnaps.
    Endlich, endlich: Jaromir.
    Er hatte sich so verndert, da ich ihn anfangs gar nicht wiedererkannte:
die Augen erloschen, die Vorderzhne ausgefallen, das Haar schtter und tiefe
Hhlen hinter den Ohren.
    Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu sehen,
da ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand fate.
    Er benahm sich auerordentlich scheu und blickte immerwhrend nach der Tre.
Durch alle mglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen, da ich mich
freute, ihn getroffen zu haben. - Er schien es mir lange nicht zu glauben.
    Aber, was fr Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.
    Wie konnte ich mich nur verstndlich machen?!
    Halt! Eine Idee!
    Ich lie mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die Gesichter
von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.
    Was? Alle nicht mehr in Prag?
    Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebrde des Geldzhlens,
marschierte mit den Fingern ber den Tisch, schlug sich auf den Handrcken. Ich
erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von Charousek Geld bekommen und zogen
jetzt als kaufmnnische Kompagnie mit dem vergrerten Marionettentheater durch
die Welt.
    Und Hillel? Wo wohnt er jetzt? - Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus dazu
und ein Fragezeichen.
    Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; - er konnte nicht lesen, aber er
begriff, was ich wollte, - nahm ein Streichholz, warf es scheinbar in die Hhe
und lie es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.
    Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?
    Ich zeichnete das jdische Rathaus auf.
    Der Taubstumme schttelte heftig den Kopf.
    Hillel ist also nicht mehr dort?
    Nein! (Kopfschtteln.)
    Wo ist er denn?
    Wieder das Spiel mit dem Streichholz.
    Er meint halt, da der Herr weg ist, und niem'd wei nicht, wohin, mischte
sich der Straenkehrer, der uns die ganze Zeit ber interessiert zugesehen
hatte, belehrend ein.
    Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! - Jetzt war
ich ganz allein auf der Welt. - - Die Gegenstnde im Zimmer fingen vor meinen
Augen an zu flimmern.
    Und Mirjam?
    Meine Hand zitterte so stark, da ich ihr Gesicht lange nicht hnlich
zeichnen konnte.
    Ist Mirjam auch verschwunden?
    Ja. Auch verschwunden. Spurlos.
    Ich sthnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, da die drei Soldaten
einander fragend anblickten.
    Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemhte sich, mir noch etwas anderes
mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf auf den Arm, wie
jemand, der schlft.
    Ich hielt mich an der Tischplatte: Um Gottes Christi willen, Mirjam ist
gestorben?
    Kopfschtteln. Jaromir wiederholte die Gebrde des Schlafens.
    War Mirjam krank gewesen? Ich zeichnete eine Medizinflasche.
    Kopfschtteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. - - -
    Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer
konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.
    Ich gab es auf. Dachte nach.
    Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frhe auf das jdische
Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit Mirjam
gereist sein knne.
    Ich mute ihm nach. - - -
    Wortlos sa ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.
    Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, da er mit einer Schere
an einer Silhouette herumschnitt.
    Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt ber den Tisch
herber, legte die Hand auf die Augen und - - weinte still vor sich hin. - -
    Dann sprang er pltzlich auf und taumelte ohne Gru zur Tr hinaus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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    Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben und
nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls mitgenommen, denn
auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit jener Zeit, hatte man mir auf
dem jdischen Rathaus gesagt. Das war alles, was ich erfahren konnte.
    Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.
    Auf der Bank hie es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag
belegt, man erwarte aber tglich den Bescheid, es mir auszahlen zu drfen.
    Also auch die Erbschaft Charouseks mute noch den Amtsweg gehen, und ich
wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles aufzubieten,
Hillels und Mirjams Spur zu suchen.
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    Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt, und
mir zwei kleine, mblierte, aneinanderstoende Dachkammern in der Altschulgasse
- die einzige Gasse, die von der Assanierung der Judenstadt verschont geblieben,
- gemietet.
    Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage
ging, der Golem sei einst darin verschwunden.
    Ich hatte mich bei den Bewohnern - zumeist kleine Kaufleute oder Handwerker
- erkundigt, was denn Wahres an dem Gercht von dem Zimmer ohne Zugang sei,
und war ausgelacht worden. - Wie man einen derartigen Unsinn denn glauben knne!
    Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefngnis die
Blsse eines lngst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in ihnen nur
noch Symbole ohne Blut und Leben, - strich sie aus dem Buch meiner Erinnerungen.
    Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hrte, als se er mir
gegenber wie damals in der Zelle und sprche zu mir, bestrkten mich darin, da
ich rein innerlich geschaut haben msse, was mir ehedem greifbare Wirklichkeit
geschienen.
    War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen
hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar meine
alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop! - - -
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    Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten
Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und Lichterglanz um
mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem Wachs.
    Ehe das Jahr noch zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und
suchte in Stdten und Drfern, oder wohin es mich innerlich ziehen wrde, nach
Hillel und Mirjam.
    Alle Ungeduld, alles Warten war allmhlich von mir gewichen und alle Furcht,
Mirjam knne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wute ich, ich wrde sie
beide finden.
    Es war ein bestndiges glckliches Lcheln in mir, und wenn ich meine Hand
auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus. Die
Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt und die Trme
seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfllte mich auf ganz sonderbare
Weise.
    Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum
Weihnachtsabend zu mir zu holen. - Er habe sich nie mehr blicken lassen, erfuhr
ich, und schon wollte ich betrbt wieder gehen, da kam ein alter Tabulettkrmer
herein und bot kleine, wertlose Antiquitten zum Kauf an.
    Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhngseln, kleinen Kruzifixen,
Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus rotem Stein an einem
verschossenen Seidenbande in die Hand, und ich erkannte es voll Erstaunen als
das Andenken, das mir Angelina, als sie noch ein kleines Mdchen gewesen, einst
beim Springbrunnen in ihrem Schlo geschenkt hatte.
    Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als she ich in einen
Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. -
    Lange, lange stand ich erschttert da und starrte auf das kleine, rote Herz
in meiner Hand. - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich sa in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln, wenn
hie und da ein kleiner Zweig ber den Wachskerzen zu glimmen begann.
    Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo in
der Welt seinen Marionettenweihnachtsabend, malte ich mir aus, - und
deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines Lieblingsdichters Oskar
Wiener:

Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hngt an einem Seidenbande.
O du, o gib das Herz nicht her;
Ich war ihm treu und hatt' es lieb,
Und diente sieben Jahre schwer
Um dieses Herz, und hatt' es lieb!

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Eigentmlich feierlich wurde mir pltzlich zumute.
    Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch. Rauch
ballte sich im Zimmer.
    Als ob mich eine Hand zge, wandte ich mich pltzlich um und:
    Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgnger. In einem weien
Mantel. Eine Krone auf dem Kopf.
    Nur einen Augenblick.
    Dann brachen Flammen durch das Holz der Tr, und eine Wolke erstickenden
heien Qualms schlug herein:
    Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ich reie das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.
    Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.
    Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.
    Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie die
Dmonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das Feuer.
    Glas klirrt und rote Lohe schiet aus allen Fenstern.
    Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Strae liegt voll davon,
Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.
    In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich wei nicht
warum. Das Haar strubt sich mir.
    Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die
Flammen greifen nach mir.
    Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt.
    Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als Knabe
beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des Hauses hinab.
-
    Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:
    Drin ist alles blendend erleuchtet.
    Und da sehe ich - - - da sehe ich - - - mein ganzer Krper wird ein einziger
hallender Freudenschrei:
    Hillel! Mirjam! Hillel!
    Ich will auf die Gitterstbe losspringen.
    Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.
    Einen Augenblick hnge ich, Kopf abwrts, die Beine gekreuzt, zwischen
Himmel und Erde.
    Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.
    Ich falle.
    Mein Bewutsein erlischt.
    Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein
Halt:
    der Stein ist glatt.

                              Glatt wie ein Stck
                                     Fett.

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                                     Schlu


- - - wie ein Stck Fett!
    Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stck Fett.
    Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und mu
mich besinnen, wo ich bin.
    Ich liege im Bett und wohne im Hotel.
    Ich heie doch gar nicht Pernath.
    Habe ich das alles nur getrumt?
    Nein! So trumt man nicht.
    Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist halb
drei.
    Und dort hngt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin
verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank sa.
    Steht ein Name darin?
    Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weien Seidenfutter
den fremden und doch so bekannten Namen:

                               ATHANASIUS PERNATH

    Jetzt lt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe die
Treppe hinunter.
    Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren.
    Wohin, bitt schn?
    In die Judenstadt. In die Hahnpagasse. Gibt's berhaupt eine Strae, die
so heit?
    Freilich, freilich - der Portier lchelt malitis - aber in der
Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu gebaut,
bitte.
    Macht nichts. Wo liegt die Hahnpagasse?
    Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: Hier, bitte.
    Und die Schenke Zum Loisitschek?
    Hier, bitte.
    Geben Sie mir ein groes Stck Papier.
    Hier, bitte.
    Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwrdig: er ist fast neu, tadellos sauber
und doch so brchig, als wre er uralt. -
    Unterwegs berlege ich:
    Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, habe ich im Traum
miterlebt, in einer Nacht mitgesehen, mitgehrt, mitgefhlt, als wre ich er
gewesen. Warum wei ich denn aber nicht, was er in dem Augenblick, als der
Strick ri und er Hillel, Hillel! rief, hinter dem Gitterfenster erblickt hat?
    Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich.
    Ich mu diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage und drei
Nchte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor. - - - - - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Also das ist die Hahnpagasse?
    Nicht annhernd so habe ich sie im Traum gesehen! -
    Lauter neue Huser.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Eine Minute spter sitze ich im Caf Loisitschek. Ein stilloses, ziemlich
sauberes Lokal.
    Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgelnder; eine gewisse
hnlichkeit mit dem alten getrumten Loisitschek ist nicht zu leugnen.
    Befehlen, bitt' schn?, fragt die Kellnerin, ein dralles Mdel, in einen
rotsamtenen Frack buchstblich hineingeknallt.
    Kognak, Frulein. - So, danke.
    - - - - -
    Hm. Frulein!
    Bitte?
    Wem gehrt das Kaffeehaus?
    Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. - Das ganze Haus gehrt ihm. Ein sehr
feiner reicher Herr.
    - Aha, der Kerl mit den Schweinszhnen an der Uhrkette! erinnere ich mich. -
    Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:
    Frulein!
    Bitte?
    Wann ist die steinerne Brcke eingestrzt?
    Vor dreiunddreiig Jahren.
    Hm. Vor dreiunddreiig Jahren! - ich berlege: der Gemmenschneider Pernath
mu also jetzt fast neunzig sein.
    Frulein!
    Bitte?
    Ist hier niemand unter den Gsten, der sich noch erinnern kann, wie die
alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und
interessiere mich dafr.
    Die Kellnerin denkt nach: Von den Gsten? Nein. - Aber warten S': der
Billardmarqueur, der dort mit einem Studenten Carambol spielt, - sehen Sie ihn?
Der mit der Hakennase, der Alte, - der hat immer hier gelebt und wird Ihnen
alles sagen. Soll ich ihn rufen, wenn er fertig ist?
    Ich folgte dem Blick des Mdchens:
    Ein schlanker, weihaariger, alter Mann lehnt drben am Spiegel und kreidet
seine Queue. Ein verwstetes, aber seltsam vornehmes Gesicht. Woran erinnert er
mich nur?
    Frulein, wie heit der Markr?
    Die Kellnerin sttzt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch, leckt
an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen unzhlige Male auf die
Marmorplatte und lscht ihn jedesmal mit nassem Finger rasch wieder aus.
Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder sengende Glutblicke zu; - je nachdem
sie ihr gelingen. Unerllich ist natrlich das gleichzeitige Emporziehen der
Augenbrauen, denn es erhht das Mrchenhafte des Blickes.
    Frulein, wie heit der Markr?, wiederhole ich meine Frage. Ich sehe ihr
an, sie htte lieber gehrt: Frulein, warum tragen Sie nicht nur einen Frack?
oder etwas hnliches, aber ich frage es nicht; mir geht mein Traum zu sehr im
Kopf herum.
    No, wie wird er denn heien, schmollt sie, Ferri heit er halt. Ferri
Athenstdt.
    So so? Ferri Athenstdt! - Hm, - also wieder ein alter Bekannter.
    Erzhlen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Frulein, girre ich, mu
mich aber sofort mit einem Kognak strken, Sie plaudern gar so herzig! (Ich
ekle mich vor mir selber.)
    Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im Gesicht
kitzeln, und flstert:
    Der Ferri, der war Ihnen frher ein ganz ein Geriebener. - Er soll von
uraltem Adel gewesen sein - es ist natrlich nur so ein Gerede, weil er keinen
Bart nicht trgt - und furchtbar viel Geld g'habt habn. Eine rothaarige Jdin,
die schon von Jugend auf eine Person war - sie schrieb wieder rasch ein paarmal
ihren Namen auf - hat ihn dann ganz ausgezogen. - Punkto Geld mein' ich
natrlich. No, und wie er dann kein Geld nicht mehr gehabt hat, ist sie weg und
hat sich von einem hohen Herrn heiraten lassen: von dem ... - sie flsterte mir
einen Namen ins Ohr, den ich nicht verstehe. Der hohe Herr hat dann natrlich
auf alle Ehre verzichten mssen und sich von da an nur mehr Ritter von Dmmerich
nennen drfen. No ja. Aber da sie frher eine Person g'wesen ist, hat er ihr
halt doch nicht wegwaschen knnen. Ich sag immer -.
    Fritzi! Zahlen! ruft jemand von der Estrade herab. -
    Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da hre ich pltzlich ein
leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.
    Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:
    Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so klein
wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthnden sitzt ganz in sich
zusammengesunken - der blinde, greise Nephtali Schaffranek in der Ecke und
leiert mit der winzigen Kurbel.
    Ich trete zu ihm.
    Im Flsterton singt er konfus vor sich hin:
    Frau Pick,
    Frau Hock.
    Und rote, blaue Stern
    die schmusen allerhand.
    Von Messinung, an Rucherl und Rohn.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Wissen Sie, wie der alte Mann heit?, frage ich einen vorbeieilenden
Kellner.
    Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst hat
ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110 Jahre alt! Er
kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.
    Ich beugte mich ber den Greis, - rufe ihm ein Wort ins Ohr: Schaffranek!
    Es durchfhrt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend
ber die Stirn.
    Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?
    Er nickt.
    Passen Sie mal gut auf! Ich mchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit. Wenn
Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich hier auf den
Tisch lege.
    Gulden, wiederholt der Greis und fngt sofort an, wie ein Rasender auf
seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.
    Ich halte seine Hand fest: Denken Sie einmal nach! - Haben Sie nicht vor
etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?
    Hadrbolletz! Hosenschneider! - lallt er asthmatisch auf und lacht bers
ganze Gesicht, in der Meinung, ich htte ihm einen famosen Witz erzhlt.
    Nein, nicht Hadrbolletz: - - Pernath!
    Pereles?! - er jubelt frmlich.
    Nein, auch nicht Pereies. - Per-nath!
    Pascheies?! - er krht vor Freude. - -
    Ich gebe enttuscht meinen Versuch auf.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Sie wollten mich sprechen, mein Herr?, - der Markr Ferri Athenstdt steht
vor mir und verbeugt sich khl.
    Ja. Ganz richtig. - Wir knnen dabei eine Partie Billard spielen.
    Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.
    Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markr.
    Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gickst, macht ein rgerliches
Gesicht. Ich kenne das: er lt mich bis 99 kommen, und dann macht er in einer
Serie aus.
    Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:
    Entsinnen Sie sich, Herr Markr: vor langer Zeit, etwa in den Jahren, als
die steinerne Brcke einstrzte, in der damaligen Judenstadt einen gewissen -
Athanasius Pernath gekannt zu haben?
    Ein Mann in einer rotweigestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und
kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und eine
Zeitung liest, fhrt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.
    Pernath? Pernath? wiederholt der Markr und denkt angestrengt nach -
Pernath? - War er nicht gro, schlank? Braunes Haar, melierten
kurzgeschnittenen Spitzbart?
    Ja. Ganz richtig.
    Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie - -, Seine Durchlaucht starrt
mich pltzlich berrascht an. - Sie sind ein Verwandter von ihm, mein Herr?!
    Der Schielugige bekreuzigt sich.
    Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. - Nein. Ich interessiere mich nur fr
ihn. Wissen Sie noch mehr?, sage ich gelassen, fhle aber, da mir eiskalt im
Herzen wird.
    Ferri Athenstdt denkt wieder nach.
    Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit fr verrckt. - Einmal behauptete
er, er hiee - warten Sie mal, - ja: Laponder! Und dann wieder gab er sich fr
einen gewissen - Charousek aus.
    Kein Wort wahr! fhrt der Schielugige dazwischen. Den Charousek hat's
wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm geerbt.
    Wer ist dieser Mann?, fragte ich den Markr halblaut.
    Er ist Fhrmann und heit Tschamrda. - Was den Pernath betrifft, so
erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens - da er in spteren Jahren
eine sehr schne, dunkelhutige Jdin geheiratet hat.
    Mirjam! sage ich mir und werde so aufgeregt, da mir die Hnde zittern und
ich nicht mehr weiterspielen kann.
    Der Fhrmann bekreuzigt sich.
    Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?, fragt der Markr
erstaunt.
    Der Pernath hat niemals nicht gelebt, schreit der Schielugige los. Ich
glaub's nicht.
    Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprchiger wird.
    Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer, rckt der
Fhrmann endlich heraus, er is, hr' ich. Kammschneider und wohnt auf dem
Hradschin.
    Wo auf dem Hradschin?
    Der Fhrmann bekreuzigt sich:
    Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: an der
Mauer zur letzten Latern.
    Kennen Sie sein Haus, Herr - Herr - Tschamrda?
    Nicht um die Welt mcht' ich dort hinaufgehen!, protestiert der
Schielugige. Wofr halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!
    Aber den Weg hinauf knnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr
Tschamrda?
    Das schon, brummte der Fhrmann. Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr frh;
dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat Ihnen ab! Sie strzen in den
Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige Muttergottes!
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    Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her. Ich
fhle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.
    Pltzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.
    Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter, die
fettig glnzenden Steinsimse - alles, alles!
    Wann ist dieses Haus abgebrannt?, frage ich den Schielugigen. Es braust
mir in den Ohren vor Spannung.
    Abgebrannt? Niemals nicht!
    Doch! Ich wei es bestimmt.
    Nein.
    Aber ich wei es doch! Wollen Sie wetten?
    Wieviel?
    Einen Gulden.
    Gemacht! - Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. Ist dieses Haus
jemals abgebrannt?
    I woher denn! Der Mann lacht. -
    Ich kann und kann es nicht glauben.
    Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin, beteuert der Hausmeister, ich mt's
doch wahrhaftig wissen.
    - - - Sonderbar, sonderbar! - - - - - - - - - - - -
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    Der Fhrmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten Brettern
besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen ber die Moldau. Die gelben
Wasser schumen gegen das Holz. Die Dcher des Hradschins glitzern rot in der
Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefhl ergreift Besitz von mir. Ein
leise dmmerndes Gefhl wie aus einem frheren Dasein, als sei die Welt um mich
her verzaubert - eine traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren
Orten zugleich.
    Ich steige aus.
    Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?
    Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen htten rudern, - htt's zwei Kreuzer
'kost.
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    Denselben Weg, den ich heute nacht im Schlaf schon einmal gegangen, wandere
ich wieder empor: die kleine, einsame Schlostiege. Mir klopft das Herz und ich
wei voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen ste ber die Mauer
herbergreifen.
    Nein: er ist mit weien Blten best.
    Die Luft ist voll von sem Fliederhauch.
    Zu meinen Fen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der
Verheiung.
    Kein Laut. Nur Duft und Glanz.
    Mit geschlossenen Augen knnte ich mich hinauffinden in die kleine, kuriose
Alchimistengasse, so vertraut ist mir pltzlich jeder Schritt.
    Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weischimmernden Haus gestanden
hat, schliet jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes Gitter die Gasse
ab.
    Zwei Eibenbume ragen aus blhendem, niederem Gestruch und flankieren das
Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang luft.
    Ich strecke mich, um ber das Strauchwerk hinberzusehen, und bin geblendet
von neuer Pracht:
    Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Trkisblau mit goldenen,
eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des gyptischen Gottes Osiris
darstellen.
    Das Flgeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hlften, die
die Tre bilden, - die rechte weiblich, die linke mnnlich. - Er sitzt auf einem
kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter - im Halbrelief - und sein goldener Kopf
ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die Hhe gestellt und dicht aneinander,
da sie aussehen wie die beiden Seiten eines aufgeschlagenen Buches. -
    Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht ber die Mauer herber. - - -
    Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als trte eine
fremde Welt vor mich, und ein alter Grtner oder Diener mit silbernen
Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von links
hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stbe, was ich wnsche.
    Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.
    Er nimmt ihn und geht durch das Flgeltor.
    Wie es sich ffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus und
auf seinen Stufen:

                               ATHANASIUS PERNATH

und an ihn gelehnt:

                                    MIRJAM,

und beide schauen hinab in die Stadt.
    Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lchelt und flstert
Athanasius Pernath etwas zu.
    Ich bin gebannt von ihrer Schnheit.
    Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.
    Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt stehen:
    Mir ist, als she ich mich im Spiegel, so hnlich ist sein Gesicht dem
meinigen.
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    Dann fallen die Flgel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den
schimmernden Hermaphroditen.
    Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt - ich hre seine Stimme wie aus
den Tiefen der Erde -:

    Herr Athanasius Pernath lt verbindlichst danken und bittet, ihn nicht fr
    ungastfreundlich zu halten, da er Sie nicht einldt, in den Garten zu
    kommen, aber es ist strenges Hausgesetz so von alters her.
        Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm die
        Verwechslung sofort aufgefallen sei.
        Er wolle nur hoffen, da der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen
        verursacht habe.
