
                                  Braun, Lily

                                  Lebenssucher

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                                   Lily Braun

                                  Lebenssucher

                                 Erstes Kapitel

          Wie Konrad Hochse zuerst das Leben suchte, und was er fand

Es gibt Jahre, in denen der Frhling nicht frhlich ist; die wenigen Blumen, die
er ber die Wiesen streut, sind bla und welken rasch; nur zgernd, fast als
frchteten sie sich, kriechen die jungen Bltter an den Bumen aus der braunen
Hlle; das drr raschelnde Herbstlaub im Walde wird kaum jemals ganz von einem
frischen Moosteppich verdrngt, und auch der klarste, blaue Himmel trgt einen
feinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der letzten Weihe.
    Solch ein Frhling strich mit seiner schlaffen, weichen Luft ber die Hhen
des frnkischen Jura, spielte im Vorberstreifen flchtig mit der zerbrochenen
olsharfe auf dem grauen Turm von Hochse, tanzte ein wenig ber dem
ausgetrockneten, zwischen Nesseln trumenden Ziehbrunnen, um schlielich die
schmale Wange und die blonden, glatten Haarstrhnen des schlanken Knaben kosend
zu streicheln, der auf der alten efeuumsponnenen Mauer sa und unbewegt in das
Land hinausstarrte. Weithin breitete es sich aus vor ihm, von dem engen Tale an,
das drunten schlief, eingewiegt vom Murmeln und Pltschern des breiten Baches
und dem Klappern der Wassermhle, deren Rder er trieb. Blasse Wiesen schmiegten
sich sehnschtig an den zrtlichen Freund, als erwarteten sie von seiner
Umarmung ihr buntes Blumenleben, und in zahllosen Windungen umschlang er sie,
als ob er zgere, sich von ihnen zu trennen; Strucher von wilden Rosen,
Schlehen und Rotdorn, die zum Himmel empor ihre stchen streckten, nach heier
Sonne verlangend, die ihre Blten wecken sollte, umkrnzten sie, ehe die
Bergwnde steil emporstiegen.
    Buchen und Eichen, Tannen und Eschen berzogen alle Hnge bis zum Gipfel
hinauf. Ihre Stmme, vom silbernen Grau bis zum tiefsten Schwarz, standen gegen
den matten Himmel wie Marmorsulen. Da und dort aber wich der Wald zurck;
Felsmauern und Trme berragten ihn finster drohend in wild-verwitterten
Gebilden. Zwischen ihnen, so hatte der Knabe einst getrumt - und die Erinnerung
daran zauberte ein verlorenes Lcheln auf seine Zge -, hausten die Gtter und
Helden der Vorzeit, und Sonntagskindern zeigten sie sich in Maiennchten. Sie zu
suchen, war er einmal heimlich ausgezogen, ein kleines Bbchen noch, dorthin, wo
in gewaltigen Quadern, wie von Zyklopen erbaut, die Riesenburg silbern in der
Sonne leuchtete. Sein Auge blieb an ihr haften: wie war damals sein Atem
geflogen im steilen weglosen Anstieg, wie hatte sein Herz geklopft im Glauben an
das Groe, das seiner wartete. Und dann - unwillkrlich hob er die geballte
Faust wider die fernen Felsen -, dann, als das mchtige Tor sich ber ihm wlbte
und fiebernde Erwartung die Brust zu sprengen drohte, hrte er Mdchenkichern
und die dozierende Stimme des Lehrers, der die bunte Schar auf gebahnten Wegen
emporgefhrt hatte, sah um den Rand des hchsten Felsens, der ihm als unnahbarer
Wachtturm erschienen war, ein schmchtiges Drahtgitterlein gespannt, sah ein
Fhnchen hoch oben flattern, darunter eine Bank, mit hundert Namen bedeckt, -
und in einer der schmalen Felsenhhlen barg er seine Verzweiflung. Dort hatte er
die Nacht erwartet, ach, die gtterlose Nacht!, war dann hinaufgeklettert, hatte
die Fahnenstange mit Anspannung all seiner von der Wut gesteigerten Krfte aus
der Erde gerissen und hinab geschleudert, hatte die wurmstichige Bank zum Kippen
gebracht und sich am Drahtgelnder die kleinen Hnde blutig gerissen. In
Gedanken an die erste, bitterste Enttuschung seiner Kindheit zog grausamer
Spott ber sich selbst seine Mundwinkel abwrts, so da er sekundenlang ganz alt
erschien.
    Ein Blick in die sonnenberglnzte Ferne verklrte sein Antlitz wieder. Er
folgte dem Bach und dem sich weiter und weiter dehnenden Tal, wo die Wiesen in
buntgestreifte Felder sich verwandelten, wo, in Obstgrten gebettet, von
Kastanien berragt, rote behbige Dcher und alte kunstvolle Fachwerkbauten mit
spitzen Giebeln um schlankturmige Kirchen sich scharten. Er sah die Schlsser
auf den Hhen, die dem toten Felsen gleich gewesen wren, wenn ihre Fenster
nicht in der Sonne wie lebendige Augen gefunkelt htten. Und ganz, ganz fern im
Nebelgrau, wie ein phantastisches Traumgebilde, am Flu gelagert, sich mit
Mauern und vielen Trmen zu den Hgeln emporstreckend, lag sie, die Stadt - die
groen, schwarzen Augen des Knaben verdunkelten sich noch mehr, seine sehr
blassen Hnde krampften sich ineinander, so da die Fingerspitzen sich rteten
-, die Stadt, deren strahlender Glanz die Nacht und ihre Gespenster besiegte,
deren brausender, auf- und abschwellender Ton die unheimlichen Stimmen der
Stille verschlang; die Stadt, ber die der Dom, einer Knigsfeste gleich, sich
erhob und tote Kaiser in seinen hohen Hallen dem Raunen alter, in goldene Roben
gehllter Priester und dem hellen Gesang weigekleideter Chorknaben lauschten.
    An einem Pfeiler stand eine steinerne Madonna. Der Knabe faltete die Hnde,
seine Augen glnzten wie von innen erhellt. Heimlich dachte er an sie und betete
zu ihr, wenn sie ihn Sonntags drunten im Dorf in die kahle lutherische Kirche
fhrten. Und an einem anderen stand auf hohem Ro der gekrnte Ritter, dessen
Namen er trug - -
    Konrad! rief eine Stimme, die klang, als klopfe jemand an ein
zersprungenes Glas. Der Knabe hob ein wenig den Kopf, der Lehrer, dachte er
und sah wieder regungslos sinnend ins Land hinaus. Vor dem dunklen Bilde des
Ahnherrn droben im Saal hatte der Fhrer seiner Kindheit ihn heute feierlicher
als sonst an das Heldenbeispiel dieses Mannes mit dem groen schwarzen Kreuz auf
dem weien Mantel erinnert. Er reckte seine schlanke Gestalt, als prfe er ihre
Muskeln: ein Ritter wie jener wrde er sein - wenn sie nur erst vor ihm stnden,
die Feinde!
    Konrad! rief es noch einmal; seltsam, wie die letzte Silbe in einem hohen
Vogelton lange nachzitterte. Ein weiches Lcheln, wissend und gtig, fast wie
das eines reifen Mannes, berflog die Zge des Knaben, und seine rasche
Phantasie, fr die eine Farbe, ein Ton gengte, um den Vorhang vor einer Welt
der Mrchen und Wunder emporschnellen zu lassen, zauberte ihm im gleichen
Augenblick all die Bilder vor Augen, die jene Stimme, so lange er denken konnte,
heraufbeschworen hatte: weie, von ppigen Rosen umsponnene Schlsser unter
dunkelblauem Himmel, schwarzugige Frauen in kniglichen Slen, eine Stadt von
Palsten, bewohnt von einem Volk der Mediceer, und seine heie Sehnsucht spannte
ihre Flgel weit - weit.
    Er glitt von der Mauer herunter.
    Die Gromutter, flsterte er im Weitergehen.
    Konrad! klang es zum dritten Male. Und wieder eine andere Stimme, wie das
Meckern einer Ziege. Jetzt aber lachte der Gerufene hell auf und war mit ein
paar Stzen - die Muskeln der langen, schlanken Beine spielten unter den dnnen
Strmpfen wie die eines Vollblutpferdes - unter den Kastanien, an denen die
roten Blten leuchteten, vor dem Haus.
    Bin ich zu spt, Giovanni? Der Angeredete, ein spindeldrres Mnnchen, um
dessen krummgezogenen Krper die ausgewaschene Sommerjacke in tausend Falten
schlotterte, meckerte frhlich auf, seine Augen, winzige schwarze Kohlenpunkte
im braungelben, verknitterten Pergament des Gesichts, umfaten den Knaben mit
einem Ausdruck leidenschaftlicher Zrtlichkeit.
    Tut nix, tut nix, bambino mio, sagte er und streichelte seinen Arm mit
jener scheuen Bewegung, mit der der Sammler seinen kostbarsten Schatz zu
betasten pflegt, wir trumten einmal wieder?
    Konrad streckte die Arme mit gespreizten Fingern weit aus, als gelte es, die
Welt zu umarmen.
    Vom Frhling, nicht wahr? flsterte der Alte mit einer vor Erregung
vibrierenden Stimme, von unserem Frhling? Von heier Sonne und roten Rosen?
Von - daheim?!
    Von daheim! wiederholte Konrad mit einem verlorenen Blick. Dann strich er
sich mit den langen schlanken Hnden ber die Stirn und lachte auf. Nein, nein!
Ich dachte nur an morgen. Dann bin ich fort, fort in der Stadt bei den vielen
Buben, die alle jung sind wie ich, mit denen ich toben kann und mich balgen, und
tanzen und reiten und schwimmen. Wo ich nicht immer allein sein werde wie hier
zwischen lauter - lauter -
    Er stockte und senkte, bergossen von Schamrte, die Stirn.
    Zwischen lauter Alten! ergnzte Giovanni; sein Kopf nickte ruckweise wie
der einer Marionette, er zog das dnne Rckchen fester um die Schultern, als
frre ihn. In der Stadt hrt freilich das Trumen auf. Da arbeiten sie und
schwitzen ber den Bchern. Da sind auch die Jungen alt.
    Auf dem Antlitz des Knaben erlosch die Freude; er warf einen ngstlich
fragenden, scheuen Blick auf den Gefhrten, der mehr zu sich selbst, als zu ihm
zu sprechen schien. Niente - niente, bambino mio - du wirst frieren, noch mehr
frieren als hier, wirst sehen, wie sie in den Straen hin und her laufen, um
warm zu werden; wie sie alle suchen - und lngst vergessen haben, was sie
suchen. Nur Trume leben -
    Seine Stimme verlor sich in ein heiseres Flstern und verklang wie ein ferne
pltschernder Bach. ber Konrads Zge flog ein halb selbstbewutes, halb
mitleidiges Lcheln.
    Einen Sack voll Trume, die ich erlebte, bringe ich dir mit wenn ich
heimkomme, sagte er berlaut mit seiner noch unschn mutierenden Knabenstimme,
als wollte er durch den starken Ton den Eindruck des gehrten Geflsters
berwinden. Neckend zupfte er den in sich Versunkenen an den sprlichen
Haarlckchen; den Krper des Alten durchzuckte es. Er reckte sich auf und strich
sich, beglckt ber diese Liebesbezeugung, ber den spitzen Schdel.
    Konrad! klang die weiche Frauenstimme noch einmal. Der Gerufene lief ihr
entgegen.
    Ein echter Savelli, murmelte Giovanni stolz, den schnen Knaben mit den
Blicken zrtlich verfolgend, ein echter - und er verstummte jh. Gerade hatte
ein Sonnenstrahl Konrads Haupt getroffen, die Haare blitzten goldig auf.

Zweierlei Blut - zweierlei Blut! -
Das tut nicht gut - das tut nicht gut -

zischelte er kopfschttelnd. Seine Gestalt knickte wieder zusammen. Hinter dem
Ziehbrunnen verschwand er. Dann chzte und knarrte noch von ferne die Turmtr.
    Auf der Terrasse, wo in groen weien Kbeln runde Lorbeerbume standen und
sehnsuchtkranke Glyzinen an der Hauswand mhsam emporkletterten, sa die Grfin
Savelli, in viele weiche, bunte Kissen geschmiegt, am Teetisch.
    Verzeih', Gromama - mit der Gebrde aufrichtiger Hingabe beugte sich der
Knabe ber die dargebotene Hand. Wei und schmal und schmucklos, mit
perlmutterglnzenden Ngeln an den spitzen Fingern, streckte sie sich ihm
entgegen. Wie schn sie ist! sagte er erstaunt, als she er sie zum erstenmal,
und verga darber den Ku. Die alte Frau zog ihn an sich, so da der Duft ihrer
weichen weien Haare ihn umschmeichelte. Dann warf sie einen raschen
triumphierenden Blick auf den kleinen Kreis um sich. Die beiden
glattgescheitelten Damen neben ihr, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, -
sie trugen sogar dieselben grauen, schwarz-getupften Satinkleider auf den drren
langen Gestalten, dieselben schwarzen Zwirnhandschuhe ber den mageren
breitkuppigen Fingern - sahen einander mit hochgezogenen Brauen an. Der alte
Schulmeister, der trotz des Jahrzehnts, das er hier oben verlebt hatte, nicht
anders als auf der uersten Kante des Stuhles zu sitzen vermochte, lchelte
pflichtschuldigst.
    Unsere letzte Teestunde, Konrad, hub die Grfin an, und ber ihre
schwarzen noch immer lang umwimperten Augen legte es sich wie ein Schleier. Dem
Knaben stieg das Blut in die Schlfen: durfte er seiner Seligkeit Ausdruck geben
oder mute er Abschiedsschmerz heucheln?
    Dummer Junge, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, als empfnde sie seine
Gedanken, und ihre Augen blickten wieder klar, sind wir sentimental wie die
Deutschen? Ihre Worte pfiffen wie ein Peitschenhieb ber den Kpfen der
anderen; die beiden grauen Frulein senkten die hellen blonden Scheitel.
    Er ist und bleibt ein Hochse, sagte die eine von ihnen scharf, ohne den
Blick zu erheben. Die Grfin lachte, ein helles klingendes Mdchenlachen.
    Kein Zweifel, Tante Natalie, kein Zweifel! Und dann mit geschrzten
Lippen: Sind wir nicht alle stolz auf die Mischung? Natalie rusperte sich
vielsagend. Elise, ihre Schwester, setzte mit lauterem Gerusch, als es der
guten Form entsprochen htte, ihre Tasse auf den Tisch.
    Kommt er nicht in eine deutsche Pension? Hat er nicht in unserm lieben
Habicht einen echten deutschen Schulmeister gehabt? frug die Grfin halb
spttisch, halb gelangweilt, es war in den acht Jahren, seitdem sie Konrads
Erziehung allein zu leiten hatte, nicht das erste Gesprch der Art, und zwei
deutsche Tanten, die, wenn man's ihnen nicht auf das bloe Ansehen hin glauben
wrde, ihre Reinheit von jedem Tropfen welschen Blutes bis ins zwlfte
Jahrhundert hinein nachweisen knnen!
    Und - -, Tante Elisens Stimme zitterte.
    Ich wei - ich wei, lachte die Grfin, und eine italienische Gromutter,
die alles wieder verdirbt!
    Nein, o nein! widersprach Natalie mit betonter Hflichkeit, aber einen
italienischen Komdianten, der dem Jungen nichts als phantastische Geschichten
in den Kopf gesetzt hat und seine evangelische Seele mit Heiligenlegenden
vergiftet.
    Konrad wurde noch einen Schein blasser. Er warf einen heien Blick voll Ha
auf die grauen Tanten. Seiner Gromutter schne Hnde, die auf der Armlehne
ruhten, schlossen und ffneten sich abwechselnd, und ihre Fuspitze ging im
gleichen raschen Takt auf und nieder.
    Der arme Giovanni! Die Grfin schien vollkommen ruhig, whrend ihr Blick
sich ganz in der Ferne verlor. Verget ihr immer wieder, da er meiner Lavinia
letzte Freude war? Unter den Kastanien lag sie in Decken gewickelt, ganz
ausgestreckt, schon vom Tode gezeichnet und freute sich doch wie ein Kind, als
der gelbe Kasten mit dem schwarzugigen Volk in den Hof rumpelte. Die hellen
Trnen liefen ihr ber die blassen Wangen, als sie unsere Lieder, unsere weichen
sehnschtigen Lieder sangen! Was wit ihr davon, wie das unsereinem tut - es
sind gar keine Tne, es sind die Schlge unseres Herzens, die Stimme unseres
Blutes! - Und die Tnze dann! Nicht euer stumpfsinniges Drehen mit gesenkten
Lidern, sondern ein Kampf zwischen Mann und Weib -
    Aber meine Beste! tnten wie aus einem Munde die scharfen Stimmen der
alten Fruleins.
    Ach so - das Kind! sagte die Grfin; der spttische Ton, den sie
anschlagen wollte, gelang ihr nicht. Sie erhob sich rasch. Gehen wir, es wird
khl.
    Aber schon war der Knabe, der inzwischen unruhig hin und her gerckt war,
aufgesprungen und hatte sich mit beiden Hnden auf den Tisch gesttzt, da die
Glser leise klirrten.
    Jetzt - jetzt mu ich es sagen, brach es mit rauher Stimme tief aus seiner
Brust hervor.
    Konrad! mahnte der Lehrer; ein verweisender Blick der Tanten traf ihn; nur
die Gromutter schaute ihn an, eine groe, heie Erwartung in den Augen.
    Dann aber, als sie ihn zittern sah, legte sie ihm mit rasch aufsteigender
Angst die Hand beruhigend auf den Arm. Seit der Arzt ihr gesagt hatte, da des
Enkels Herz schwach sei, verdoppelte sich ihre Sorge um ihn.
    Ich mu es - weil ich morgen gehe. Weil ihr Giovanni nicht leiden knnt,
weil - weil - seine Knabenstimme berschlug sich, in den Schlfenadern pochte
sichtbar das Blut, whrend die Wangen nur um so tiefer erblaten, ich leide es
nicht, da ihr ihn hhnt und zankt. Mit seinen Spen und Kunststcken hat er
die Mutter lachen gemacht. Ich hatte es nie, nie gehrt. Ich horchte verwundert
auf, und ich lachte mit ihr; zum allererstenmal lachte ich mit meiner Mutter!
Dann brachte man sie in ihr Zimmer hinauf, in ihr weies, groes, kaltes Bett,
ein Schluchzen drohte ihm die Stimme zu ersticken, aber er bezwang sich, die
Kunstreiter zogen davon - nur Giovanni blieb. Er spannte ein Seil vom Turm ber
den Hof bis zum Torweg. Da konnte die Mutter vom Bett aus sehen, wenn er seine
Sprnge machte, seine Gesichter schnitt. Wie sie lachte; wie sie froh sein
konnte! Der Vater -, ein harter Zug grub sich mit tiefen Falten in das weiche
Knabenantlitz - der Vater war nicht da -
    Konrad, du versndigst dich - Tante Natalie stand drohend dicht vor ihm.
    Weil ich sage, was ihr wit, so gut wie ich: da der Vater nicht da war,
als - als -, seine Stimme erstickte in wildem Weinen.
    Grfin Savelli zog ihn an ihr Herz. Mio caro amore - sie berschttete ihn
mit Schmeichelnamen, aber sein Krper zuckte, von der Erregung geschttelt, in
ihren Armen.
    Guten Abend, sagten Elise und Natalie und verschwanden nach einigem
geruschvollen Sthlercken hinter der Glastr des Gartensaales.
    Guten Abend, sagte der Schulmeister; er hatte feuchte Augen und strich mit
einer bebenden Hand ber seines Zglings blondes Haupt.
    Nun waren die beiden allein. Vom Tale her stiegen in feinen Schleiern die
Nebel auf.
    Konrad warf einen zgernden Blick um sich, um gleich darauf die groen
angstvoll aufgerissenen Augen fragend der Gromutter zuzuwenden.
    Willst du mir nicht sagen - jetzt am letzten Abend sagen - wie es kam, da
- da er nicht da war?
    Die Grfin richtete sich gerade auf; in ihren Augen entzndete sich ein
grausamer, gelber Funken wie in der Pupille der Lwin, die, zum Sprunge bereit,
vor dem Feinde ihrer Jungen auf der Lauer liegt. Sie sprach, wie immer, wenn sie
mit dem Knaben allein war, italienisch, aber ihre Stimme kam tief und rauh aus
der Kehle, so da die vollen Laute von den Zhnen, durch die sie gepret wurden,
zerrissen schienen.
    Drben auf dem Eckartshof war er zur Jagd geladen. Bleibe bei mir, Manfredo
- nur heute verla mich nicht, flehte Lavinia - sie war an jenem Tage so wei
wie das Linnen, das sie deckte, nur ihre Haare lagen um sie wie ein schwerer,
schwarzer Trauerschleier - und ich sah, da dem Mann, der den ganzen
Frhlingsduft der Erde mit sich hineintrug, vor ihr grauste. Ich kann nicht,
sagte er geqult, kte ihr flchtig die kalte, kraftlose Hand und ging. Sie
aber lag von da an regungslos in den Kissen; die Trnentropfen allein, die
unaufhaltsam unter den langen Wimpern ihrer geschlossenen Lider hervorquollen,
bewiesen mir, da sie noch lebte. Giovanni spannte indessen sein Seil vor ihren
Fenstern. Aber sie sah seine Sprnge und Grimassen nicht. Da begann er den Tanz
mit Gesang zu begleiten, und sie schlug die Augen gro auf. Welche Augen! Als
laure der Tod in ihrer Tiefe!
    Ich schickte nach dem Eckartshof. Aber sie saen an der Frhstckstafel und
lieen sich nicht stren. Da ging ich selbst. Und geradenwegs, an den
verblfften Dienern vorbei, in den Saal. Blond und wei, mit Rosen auf den
Lippen und den Wangen, sa die Hausfrau neben ihm. Lavinia stirbt, rief ich in
ihr Gelchter und wandte mich wieder zum Gehen. Ich sah, wie das Blut, das eben
noch von Lebenslust gepeitschte, aus den Gesichtern wich, und fhlte die Stille,
die ich zurcklie.
    Er folgte mir - langsam, widerwillig, er, der sich einmal verzweifelnd mir
zu Fen gewunden hatte, als ich ihm Lavinia versagte!
    Wir stiegen stumm den Berg hinauf. Pltzlich aber scho er an mir vorbei,
der helle Schwei stand ihm auf der Stirne, es war, als jage ihn der Schrecken.
Meine Hoffnung begleitete seinen Lauf. Erwachte nicht vielleicht mit der Liebe
das Leben wieder?!
    Ich betrat den Hof. Er war voller Menschen. Sie schwiegen alle, den
entsetzten Blick auf einen Punkt geheftet, da lag Giovanni unter dem Seil in
seinem Blut. Lavinia aber war tot.
    Die Grfin Savelli schwieg. Sie war nun ganz zusammengesunken und sah sehr
klein und sehr alt aus. Der Knabe zitterte, da die Zhne ihm aufeinander
schlugen.
    Sieh dort hinaus! mahnte die Gromutter; ihre weie, in die unbestimmte
Ferne weisende Hand schimmerte wie von innen erleuchtet; und nicht zurck! Dort
suche das Leben!

Am nchsten Morgen fuhr der alte, wappengeschmckte Wagen den letzten Junker von
Hochse zum Hoftor hinaus nach dem Bahnhof. Es regnete, ein lautloser,
gleichmiger Regen, von einem gleichmig weigrauen Himmel herab. Unter der
Haustr standen die Tanten; in den mageren schwarzbehandschuhten Hnden hatten
sie weie Tchlein, die aber nicht recht wehen wollten, als sie sie hochhoben;
der alte Lehrer stand hinter ihnen und schluchzte. Giovanni hatte sich in sein
Turmzimmer eingeschlossen.
    Die Grfin Savelli begleitete den Enkel in die Stadt und ging mit ihm hinauf
in den Dom, um dessen Sulen und Arkaden die Dmmerung ihren feinen Schleier
wob. Sie sprachen kein Wort miteinander; aber zu dem kniglichen Jngling
erhoben sich zu gleicher Zeit ihre Blicke, den ein unbekannter Knstler in Stein
gemeielt hatte, ein Vorbild reiner Ritterschaft. Konrad war, als she er sich
selbst im Spiegel und als lchle der Doppelgnger ihm freundlich zu. Stumm
drckten Gromutter und Enkel einander die Hnde.
    Dann gingen sie. Und die Grfin Savelli bergab ihn mit ein paar
freundlich-khlen Worten dem Gymnasialdirektor Professor Traeger und seiner
Ehefrau, deren behbige Flle und betonte Matronenhaftigkeit von seinen langen
drren Gliedern und sorgfltig frisierten Haaren seltsam abstachen. Die allzu
tiefen und allzu hufigen Bcklinge, mit denen beide die Gromutter
bewillkommneten und dann zur Tre geleiteten, als sie ging, hatten Konrads
Urteil ber sie unwiderruflich festgelegt.
    Das war seine erste Enttuschung. Denn in seinen Trumen war ihm der
Direktor als ein Mann von Wrde erschienen.
    An der Abendtafel sah er die anderen Pensionre zum erstenmal. Sie kamen ihm
klein und drftig vor; der eine hatte zerbissene Ngel, der andere hliche rote
Pnktchen im Gesicht, der dritte kratzte sich bei jedem Wort, das er sprach, den
dicken Schdel mit den gelben Borstenhaaren, und alle miteinander berboten sich
in lcherlichen Dienstleistungen gegenber dem Ankmmling.
    Das war seine zweite Enttuschung.
    Nur der vierte Schler - ein Judenjunge! flsterte ihm augenzwinkernd sein
Tischnachbar zu - hatte kaum einen Gru fr ihn. Damit gewann er sein Interesse.

Drei Jahre blieb Konrad Hochse in der Pension.
    Als er zum erstenmal zu den Ferien nach Hause kam, strzten ihm bei
Giovannis ngstlich fragendem Blick die hellen Trnen aus den Augen. Der
Gromutter gegenber lchelte er; nur als ihre Hand beim Willkommen kosend ber
seine Haare strich, zuckte es schmerzlich um seine schmaler gewordenen Lippen.
Eines Tages forderte ihn Giovanni mit einem geheimnisvollen Lcheln zu einem
Spaziergang auf. Sie gingen weit durch den Park, bis er sich im Walde verlor. Da
lag ein haushoher Felsblock, dessen Fu von Brombeerranken dicht umwuchert war.
    Willst du mich daran erinnern, da ich einmal als kleiner Knirps da oben
sa und verzweifelt heulte, weil ich nicht zurck konnte? lachte Konrad.
Damals wute ich nicht, da es ein unfehlbares Mittel gibt, um von allen Hhen
hinunterzukommen: fallen! fgte er mit dunklerer Stimme hinzu.
    Unsinn! Unsinn! antwortete frhlich meckernd der Alte. Wozu ist denn der
alte Seiltnzer da? Der holt noch immer den Buben herab oder hlt den Sack auf,
wenn er abstrzt! Aber jetzt, jetzt heit's kriechen - nicht klettern. Den
Tanzsaal der Mondgeister hat der alte Giovanni fr sein Goldkind gefunden - den
Tanzsaal der Mondgeister! Und er bog weit die stachligen Ranken auseinander,
hinter denen der Fels eine dunkle Spalte aufwies.
    Eine Hhle! jauchzte Konrad, eine Hhle, die keiner kennt!
    Eine Zauberwelt voll phantastischer Tropfsteingebilde ffnete sich ihm, die
des Alten Blendlaterne mit hin und her flackerndem Licht seltsam beleuchtete.
Sie wurde von nun an der Schlupfwinkel seiner Trume, die geheimnisvolle
Erweckerin allen Frohsinns. Hohe gelbe Kerzen von Wachs, wie die Bauern sie
alljhrlich in psalmodierenden Prozessionen nach Vierzehnheiligen zu tragen
pflegen, stellte Konrad hier unten auf; ein altes holzgeschnitztes Heiligenbild,
es mochte wohl eine Magdalena gewesen sein - eine vor der Bue, denn die langen
Haare deckten nur sprlich den jungen blhenden Mdchenkrper - das Giovanni in
einem Bodenwinkel gefunden hatte, prangte in der groen Nische hinter der einen
gewaltigen Sule, die das ganze Gewlbe zu tragen schien. Ihr zu Fen breitete
ein schwarzes Brenfell sich aus - Konrads Lager, wenn er all die schwlen
Bcher mit den bunten Umschlgen verschlang, durch die seine Pensionskollegen
die steife Zurckhaltung des hochmtigen Junkers endlich berwunden hatten. Um
ihretwillen hatte er sich sogar herbeigelassen und war Arm in Arm mit dem, der
sich die Ngel bi, ber den Grnen Markt gegangen; um ihretwillen hatte er mit
dem hlichen Dickschdel auf der Altenburg Schmollis getrunken und die
rothaarige Kellnerin unter dem Beifallsgebrll der anderen in den Arm gekniffen.
    Als er das zweitemal den heimatlichen Boden betrat, hatte sich eine feine
Falte zwischen seinen Brauen eingegraben. Walter Warburg, der Judenjunge,
begleitete ihn. Professor Traeger hatte den jungen Mann als den klgsten und
anstndigsten unter seinen Schlern bezeichnet; daraufhin hatte die Grfin
Savelli, nicht ohne starkes inneres Widerstreben, dem Wunsche Konrads, ihn
mitzubringen, nachgegeben.
    Die beiden strichen von frh bis spt ber Berg und Tal; sie suchten Steine
und Pflanzen und Tiere und saen an Regentagen unermdlich ber ihren
Sammlungen. Fr Giovanni, dessen Haut nur noch wie ein zerknittertes Pergament
in tausend Falten ber seinen Knochen hing, schien Konrad keine Zeit zu haben.
Einmal fing er den heien Blick tckischen Hasses auf, mit dem der Alte seinen
Freund durchbohren zu wollen schien, als dieser gerade, entzckt vom kstlichen
Fang, einen groen Trauermantel auf das Spannbrett spiete.
    Ein seltsames Gefhl, aus Scham und Zorn gemischt, zwang Konrad von nun an,
dem greisen Seiltnzer noch mehr aus dem Wege zu gehen. Es kam sogar vor, da er
es wie eine Erleichterung empfand, wenn die Tanten ihm von Giovannis gestrtem
Geist allerlei Hliches glauben machen wollten. Aber auch von der Gromutter
zog er sich mit aufflliger Absicht zurck und behandelte sie mit der fremden
Hflichkeit eines wohlerzogenen jungen Mannes. Die Freunde schienen vllig
ineinander aufzugehen und der anderen nicht zu bedrfen. Und doch hatte Konrad
ein Geheimnis vor Walter: seine Hhle. Es kam vor, da er nachts aus dem
Schlosse schlich, um bei Kerzenglanz vor der heiligen Magdalena mit sich allein
zu sein. Nur zwei Augen, zu alt, um des Schlafs noch viel zu bedrfen, kleine
schwarze Augen verfolgten ihn; sie sahen, da er keine Bcher mehr in sein
Versteck trug, wohl aber eine kranke Sehnsucht, die mde aus seinen umrnderten
Augen sprach.
    Der Kummer um des Enkels verndertes Wesen trieb die Grfin Savelli bis in
Giovannis Turmstbchen. Erschrocken durch den ungewohnten Besuch, sprang er von
seinem alten Lehnstuhl auf, so da selbst die stillen kleinen Eulen auf der
Stange ber dem Ofen unruhig mit den Flgeln schlugen und die groe gelbe Katze,
die er getreten hatte, zu seinen Fen klglich aufschrie.
    Was ist's nur mit dem Konrad, Giovanni?! und seufzend setzte sie sich auf
den dreibeinigen Schemel, ohne zu bemerken, wie eifrig ihr der Alte den bequemen
Sessel anbot.
    Frau Grfin, stotterte er, die Finger verlegen aneinander reibend, der
junge Herr Baron - unser - unser bambino - Er stockte, das gelbe Gesicht
blutbergossen, um in einem gezwungenen geschftsmigen Ton, die Worte
berstrzend, wobei der charakteristische Kehllaut des Florentiner Dialekts, der
die Grfin von Anfang an so heimatlich berhrt hatte, besonders stark
hervortrat, rasch fortzufahren: Wenn Frau Grfin vielleicht jetzt des Mllers
Liese in Dienst nehmen wollten, - sie ist ein hbsches Ding, und gesund, ganz
gesund. Die Schweitropfen standen dem Alten auf der Stirn wie nach schwerer
Arbeit; er bckte sich und las eine Feder vom Boden auf. Die Grfin war
aufgestanden, sie atmete schwer.
    So - so - sagte sie gedehnt, in Gedanken verloren. Sie wute es: das war
der Brauch in Italien; wenn die Shne mannbar wurden, sorgten die Mtter fr -.
Sie schttelte sich. In ihrer Eltern altem Palast war es nicht anders gewesen;
sie erinnerte sich der Marietta recht gut, des kleinen Kchenmdchens, die ihres
Bruders Geliebte geworden war; eines schnen Tages war sie pltzlich
verschwunden gewesen, um dann nach ein paar Monden als blhende Bauersfrau mit
dem Sugling an der straffen Brust, von dem ltlichen Gatten begleitet, der
Mutter einen Dankbesuch abzustatten. Der Bruder aber, der Giulio, war trotzdem -
oder deshalb?! - ein Schrzenjger geworden. Nein - nein! Niemals wrde sie mit
eigener Hand ihren lieben Jungen, ihren Konrad, in den Sumpf hinabstoen! Und
die Liese, das se, junge Ding! War es wirklich jemals mglich gewesen, ein
Weib zu opfern, um einem Mann ber ein paar qualvolle Monde hinwegzuhelfen?!
    Nein, Giovanni, erklrte die Grfin bestimmt, das ist des Landes hier
nicht der Brauch! Und erhobenen Hauptes schritt sie zur Tr hinaus.
    Nicht der Brauch - nicht der Brauch, wiederholte der Alte kopfschttelnd.
Als er wieder im Lehnstuhl sa in der Dmmerung und die Augen der kleinen Eulen
ber dem Ofen zu glhen begannen, bewegten sich seine Lippen noch lange in
endlosem Selbstgesprch: Und htt' ich selbst eine Tochter - mit eigener Hand
fhrte ich sie ihm zu - ihm, Monna Lavinias Sohn.
    Am gleichen Abend, Konrad war eines verstauchten Fues wegen zu Hause
geblieben, strmte Walter, in einer ihm sonst ganz fremden Erregung, die Treppen
hinauf in sein Zimmer. Atemlos schttelte er den vollen Sammelsack auf dem Tisch
vor dem Freunde aus. Dann gab er ihm scherzend einen Schlag auf die Wange.
    Duckmuser du, elender Heuchler! rief er lachend, solch einen Schatz,
eine Fundgrube kostbarster Dinge, deinem Intimus zu verstecken! Er merkte im
Eifer gar nicht, da Konrads Augen grer wurden und seine Lippen zitterten.
Hier - das ist unzweifelhaft ein Brenknochen - ein einziger aus einem ganzen
Haufen, den ich fand! Hier, sieh nur diese Pfeilspitze - wie scharf der Stein
geschliffen ist! Und da - er hob mit beiden Hnden ein groes Stck weigrauen
Tropfsteins hoch empor - welch unvergleichlicher Stalaktit! Ich habe ihn selbst
- Aber schon hatte ihn Konrad an den Armen gepackt, so da der Stein mit
drhnendem Gepolter seinen Hnden entfiel; glhende Augen funkelten wild dicht
vor dem erblaten Antlitz Walters.
    Du - du hast es gewagt, schrie eine rauhe fremde Stimme ihn an, hast
meine Sulen zerschlagen, bist in deiner ekelhaften, schnffelnden Neugier in
mein Heiligtum eingedrungen? Jetzt, jetzt wei ich, was fr ein Teufel du bist:
setzst Kfer in Spiritus und hast nie einem Vogellied zugehrt, klebst mit
genauester Klassifizierung Blumen in dein Herbarium und hast den Wald niemals
gesehen, suchst Brenknochen und entweihst mein Letztes - das, wohin ich mich
flchtete mit meinen Trumen, meinem letzten bichen Frommsein! Tempelschnder!
Und er hob, seiner nicht mchtig, die Hand - Walter rhrte sich nicht; er sah
den Wtenden an, sehr bla, sehr ruhig. Und die Hand, die ihn hatte schlagen
wollen, fiel zurck.
    Walter ging, wortlos, zog leise die Tre ins Schlo und schritt, eine
Viertelstunde spter, den Rucksack ber den Schultern, ber den Hof, den Berg
hinab. Konrad sah ihm nach, wie er auf der hellen Strae neben dem schimmernden
Bach krftig ausschritt, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Ein
nicht mehr zu unterdrckendes Schluchzen erschtterte des Zurckgebliebenen
schlanken Krper.
    Den Rest der Ferien wurde er immer blasser, immer unzugnglicher. Seine
Sammlungen warf er auf den Kehrichthaufen; vor den schmalen Hhleneingang
spannte er ein dichtes Netz von Stacheldraht. Dann sa er in dem feuchten,
sonnenlosen Ahnensaal, der von den vielen Folianten auf den braunen Regalen so
seltsam nach Moder roch. Den Ordensritter mit dem weien Mantel und dem groen
schwarzen Kreuze darauf starrte er mit brennenden Augen an. Warum bin ich nicht
seinesgleichen, dachte er ingrimmig, und hab' eine Fahne, der ich folgen, fr
die ich leben und sterben kann? Jeden Kongoneger beneide ich um seinen Gtzen!
    Die Grfin grmte sich um ihn und scheute sich doch, durch ein
unvorsichtiges Wort das leicht verletzbare Gemt noch tiefer zu verwunden.
    Nur zuletzt vor seiner Abreise zog sie ihn in ihr Zimmer - einen dunkel
getfelten Raum mit schweren alten Renaissancembeln und groen rotsamtenen
Sthlen, wie Sitze fr Knige oder Condottieri - und er trumte wieder zu ihren
Fen wie einst, wenn sie dem atemlos Horchenden von der fernen sonnigen Heimat
und dem stolzen alten Palazzo der Savelli erzhlte.
    Was fehlt dir, Konrad? Sag' mir, was ist's? frug sie ihn.
    Nichts - nichts! und er wich ihren forschenden Augen aus.
    Du bist der Alte nicht mehr!
    Ein hartes Nein kam von seinen Lippen, und er sprang auf. Da drauen,
Gromutter, zieht man uns eine Haut nach der anderen ab, bis es auf unserem
Krper keine Stelle mehr gibt, die nicht jeder Luftzug mit Messerschrfe
schmerzhaft trfe. Und er ging mit groen Schritten hinaus, ohne eine Antwort
abzuwarten.
    Als die alten Fchse das drittemal den schaukelnden Landauer mit dem jungen
Gebieter darin den Schloberg aufwrts zogen, stand die grade Falte tief
eingemeielt wie eine Narbe zwischen seinen Brauen. Die Gromutter war krank.
Sehr wei, sehr durchsichtig sa sie tagaus, tagein in ihrem roten hohen Sessel;
sie war stets in ganz weiche, spinnwebdnne, schneeige Wollentcher gewickelt
und leuchtete vor den finsteren Wnden und schwarzen Schrnken, wie der irrende
Schatten einer Ahnfrau nchtlicherweile in den dunklen Gngen alter Schlsser
leuchten mochte. Aber ihr Geist lebte das intensivste Leben. Sie sprach nur noch
in knappen Worten, als htte sie zu langen Stzen keine Zeit mehr.
    Wir haben viel zu tun miteinander, sagte sie ihrem Enkel statt jeder
zrtlichen Begrung. Sie lie ihm kaum Zeit, sich umzukleiden. Dann sa er
stunden- und tagelang vor ihr an dem groen, mit Papieren voll endloser
Zahlenreihen bedeckten Eichentisch und hrte mit einem Staunen, das sich immer
mehr zur Bewunderung steigerte, von der Arbeit ihres Lebens.
    Aus tiefster Zerrttung hatte diese schne Frau mit den weien Hnden, von
der er, wenn sie in ihren Gemchern verborgen geblieben war, nichts anderes
geglaubt hatte, als da sie sich in ihre geliebten Dichter vergrub oder ihren
Krper pflegte, der nie eine Altersspur verriet, den groen Besitz der Hochse
zu neuer, ungeahnter Blte emporgefhrt. Dokumente um Dokumente legte sie dem
Enkel vor und erklrte sie mit sachlicher Khle. Ein sarkastisches Lcheln
kruselte nur einmal ihre Lippen, als auf die regelmigen Auszahlungen an die
Tanten die Rede kam. Sie blieben stets gleich niedrig trotz des wachsenden
Reichtums.
    Natalie und Elise Hochse߫, sagte sie, hten seit fnf Jahrzehnten die
hohen Traditionen dieses Hauses. Sie haben niemals ihre Kleider, niemals ihre
Zimmer, niemals ihre Gesinnungen gendert. Sie werden dir die Wscheschrnke des
Schlosses, die ich ihrer Verwaltung berlie, in tadelloser Ordnung, mit stets
erneuten Hkelspitzen geschmckt, bergeben. Sie haben auch bereits, um dir alle
Mhe zu sparen, in der kleinen Hilde Rothausen die Schlofrau fr dich
ausgesucht. Sie werden sich zu ihren Vtern versammeln ohne einen Flecken auf
ihrer jungfrulichen Ehre, ohne eine Narbe auf ihren Herzen. Auch ohne eine
Schwiele, die von harter Ackerarbeit zeugte, an ihren Hnden. Von dem, was ich
geschaffen habe, ich, der sie jedes Kleid heimlich als einen Raub an der Familie
Hochse nachrechneten, wissen sie nichts - brauchen sie nichts zu wissen.
    Konrad nickte nur. Seit seiner Kindheit hatte ihn nichts so sehr entsetzt
wie die Fledermuse, die abends lautlos den Turm umkreisten und, wenn der
Vollmond hell am Himmel stand, groe schwarze Schatten warfen. In seinen Trumen
vermischte sich das Bild der Nachtgeschpfe mit dem der Tanten. Er spielte nie
mit den Geschenken, die von ihnen kamen. Und so verstand er die Gromutter nicht
nur, er dankte ihr fr ihr Verstndnis.
    Whrend seines Aufenthaltes erholte sich die Grfin Savelli zusehends. Sie
erschien wieder wie einst auf der Terrasse unter den Lorbeerbumen. Noch um
einiges drrer geworden und noch steifer im Rckgrat saen die Tanten am
Teetisch, die schmalen Lippen fest zusammengekniffen, - ein lebendiger Vorwurf.
Von der Einweihung Konrads in die Geschfte des Hauses hatte man ihnen weder
eine Mitteilung gemacht, noch waren sie, wie es Familienrcksicht geboten htte,
zugezogen worden. Der alte Schulmeister, der auf dem Schlosse das Gnadenbrot a,
erfuhr von dem Ereignis durch Konrads harmlose Bemerkungen und erzhlte es
ihnen. Er war ein guter lutherischer Christ und hatte sich seit seines Zglings
Fortzug den Fruleins von Hochse, die allsonntglich in der Dorfkirche saen
und jeden Karfreitag pnktlich zum Abendmahl gingen, auch nicht versumten,
tglich in ihrem Wohnzimmer mit den blank gescheuerten Dielen und der sehr
bunten Kopie der Sixtina an der Wand eine Andacht zu lesen, mehr und mehr
angeschlossen und sa auch jetzt mit der Wahrung respektvollen Abstandes
zwischen ihnen.
    Es ist Ihnen, Frau Grfin, als einer Auslnderin, wohl unbekannt
geblieben, begann Natalie spitz, da es der Tradition frnkischer
Adelsgeschlechter widerspricht, einen Knaben von achtzehn Jahren in die
Geschfte einzufhren.
    Noch dazu ohne Beisein der Schwestern seines in Gott ruhenden Vaters,
ergnzte Elise. Hektische rote Flecke malten sich dabei auf ihren spitzen
Backenknochen.
    Die Grfin lehnte sich noch tiefer, noch behaglicher in ihre Kissen zurck,
und lie ihre schwarzen Augensterne sichtlich belustigt von einer zur anderen
wandern.
    Der Knabe, sagte sie und griff Konrad unter das Kinn, ja, seht ihn nur
genauer an: er knnte so brtig sein wie seine Vter - ist, so viel ich wei,
der Herr von Hochse und hat ein Recht auf die von mir vermittelten Kenntnisse.
Auch wollte ich, als Auslnderin - es bedurfte Ihrer freundlichen Ermahnung
nicht, um meine Erinnerung daran lebendig zu erhalten - nicht lnger allein alle
Verantwortung tragen. Es kann jeden Augenblick mit mir zu Ende gehen -
    Ein halb bedauerndes, halb berraschtes Oh der Schwestern unterbrach sie,
whrend der Schulmeister sein Gesicht in feierliche Falten legte. Die Grfin hob
spttisch abwehrend die Rechte.
    Bitte, verschwenden Sie Ihre liebevolle Teilnahme nicht zu frh. Der Sommer
und diese Jugend neben mir hielten mich noch einmal von der Italienreise
zurck.
    Von der Italienreise?! frug Konrad erstaunt.
    Ich mchte nicht gern im Ausland begraben sein, antwortete sie in fast
geschftsmigem Ton, doch das nur nebenbei. Es hat keine aktuelle Bedeutung.
Ich bin gesund. Ich habe mir selbst ein Mittel verschrieben, das mich dem lieben
Familienkreise noch lange erhalten wird.
    Darf man wissen -? Natalie stellte die Frage, ohne die Augen von ihrer
Hkelarbeit zu erheben; nur das leichte Zittern ihrer Finger verriet, da eine
Ahnung sie folterte.
    Man darf! Frohlockend wie bei einer Siegesbotschaft klang die Stimme der
Grfin. Wollen Sie mir folgen? Ich glaube, wir sind alle sehr lange nicht auf
dem Turm gewesen! Damit erhob sie sich und schritt, auf den Arm des Enkels
gesttzt, hoch aufgerichtet voraus.
    Auf ihr Klopfen ffnete Giovanni die immer noch kreischende Pforte.
Gegenber dem hellen Tage drauen, erschien hier alles in nchtiges Dunkel
gehllt. In engen Windungen stieg die Treppe empor.
    Ich habe sie gekehrt und das Gelnder befestigt, krchzte der Alte aus der
Finsternis.
    Fhre uns! antwortete die Grfin.
    Mit hart aufklappenden Sohlen, deren Ton vom Gerusch seines sthnenden
Atems begleitet wurde, stieg er voran. Das Seidenkleid der Grfin rauschte ber
die Steinfliesen, dahinter klang das asthmatische Hsteln der Fruleins und des
Schulmeisters breiter schwerer Tritt. Nur Konrad schien unhrbar emporzusteigen.
Er ging auf den Fuspitzen, dem Licht entgegen, das oben durch die schmale
offene Falltr schrg, wie mignstig, hereinbrach. Unter den vorspringenden
Sparren und Balken hingen reihenweise die grauen Leiber zahlloser Fledermuse.
    In blendender Klarheit ffnete sich oben der Himmel ber den Kommenden. Von
pltzlichem Schwindel ergriffen, setzten sich die Tanten mit dem Rcken gegen
die blaue Ferne auf die oberste der Stufen. Der Schulmeister steckte nur den
Kopf ins Freie hinaus. Giovanni stand dicht am Rande der Plattform; der Wind
klebte ihm die Kleider um die Glieder und strubte seine grau-grnen Haare rings
um den Schdel. Die Grfin lehnte die linke Hand nur leicht auf des Enkels
Schulter.
    Schwindelt dich? frug sie lchelnd.
    Er reckte sich in seiner ganzen, schlanken Gre krftig empor.
    Auf der Hhe - in der Sonne - vor solch einem Ausblick - wie sollte mir
schwindeln? sagte er.
    Gedachten Sie durch diesen seltsamen Spaziergang nur Ihre Krfte an den
unseren zu messen, um sich des vollen Triumphs bewut zu werden, Frau Grfin?
Natalie knpfte sich bei der spitzen Frage das graue Wolltuch fester um die
frstelnden Schultern.
    Nein, meine Lieben, antwortete die Angeredete freundlich. Ich erbat Ihre
Begleitung, um mir nicht wieder Ihren Tadel zuzuziehen, denn nur von hier aus
kann ich Ihnen zeigen - falls Sie die Gte htten, auf einen Augenblick Umschau
zu halten -, um welch kostbaren Besitz ich das Eigentum meines Enkels, Ihres
Neffen, habe vergrern drfen. Sie von der Freude daran auszuschlieen, wre
bitteres Unrecht gewesen!
    Nun standen die beiden grauen Gestalten eng aneinander gedrngt doch auf dem
Turm, und in ihre farblosen Augen stieg ein Funke von Neugier.
    Siehst du dort im Tal, dicht an der Grenze unseres Waldes, das rote Dach
mit den vier dnnen Trmchen an jeder Ecke? wandte sich die Grfin an Konrad,
ohne die brigen von da ab noch der geringsten Beachtung zu wrdigen.
    Eckartshof, antwortete Konrad und grub gleich darauf die Zhne heftig in
die Unterlippe.
    Eckartshof - Giovanni wiederholte es, nhertretend. Er streckte dabei die
gelben Hnde vor, sie zu Krallen spreizend, als ob er das friedliche Bild da
unten zwischen ihnen zermalmen wollte.
    Von heute ab ist es dein, mit einem langgezogenen Vogelton tnte dies
dein der Grfin Savelli in die Ferne.
    Ah! ein tiefer Atemzug hob Konrads Brust.
    Und der Freiherr? - Und die Baronin? stieen die Schwestern mehr entsetzt
als erfreut hervor.
    Sind ruiniert! Er hat sich zugrunde gespielt und getrunken. Ich kndigte
ihm als Konrads Vormund das Darlehen seines Vaters. Das selige Lcheln, das der
Grfin Antlitz verklrte, lie sie um Jahrzehnte jnger erscheinen. Sie legte
den linken Arm um des Enkels Schultern, und ihr heier Atem umhllte ihn ganz,
whrend sie sich flsternd zu seinem Ohre neigte. Auf den Knien lag sie vor
mir, die weie Schlange - auf den Knien!
    In diesem Augenblick nherte sich ihnen Giovanni und zog in demtiger
Gebrde die weie Schleppe der Grfin an seine Lippen.
    Nun lchelt Madonna Lavinia, sagte er vertrumt, und all seine Falten
schienen sich zu gltten.
    Wortlos schlichen die Fruleins die Wendeltreppe herab. Sie frchteten sich.
    Das war vor dem Examen Konrads letzter Besuch in Hochse.

                                Zweites Kapitel



                         Von der Fahrt in die Freiheit

In der Bahnhofshalle von Bamberg brtete die Septembersonne in breiten, heien
Strahlen. Sie schien die kurzen Minuten verzauberter Stille benutzen zu wollen,
um jeden Rest von Rauch herauszudrngen; sie tanzte lustig ber alles Blanke und
lie selbst auf den Steinplatten des Perrons Millionen winziger Sternchen
strahlen.
    Drei Mnner traten hinaus; mit elastischem, raschen Schritt der eine, so wie
sorglose Menschen gehen, mit schweren an der Erde klebenden Sohlen der andere,
wie solche, die unsichtbare Lasten tragen, und hastig trippelnd der letzte, als
wre er ein Greis oder ein Kind.
    Eine halbe Stunde zu frh! Verrckt! brummte der zweite, eine untersetzte
Gestalt mit den typischen feinen Zgen des Semiten von alter Kultur.
    Weise, sehr weise, mein Freund! entgegnete lachend der erste, ein
hochgewachsener blonder Jngling, der, gewohnt, sich zu allen anderen
niederbcken zu mssen, die Schultern ein wenig nach vorn fallen lie, und zwar
nach deiner eigenen Theorie, lieber Walter. Heit es nicht, die Vorfreude
auskosten bis aufs letzte, wenn wir hier in steigender Erwartung die Minuten
verstreichen sehen?
    Ein leise meckerndes Lachen antwortete ihm. Rasch wandte er sich nach dem
anderen Gefhrten um.
    Jetzt steht der Mensch wahrhaftig hinter mir wie eine Leibwache! rief er
halb rgerlich, halb belustigt.
    Euer Gnaden haben geruht, mich als Kammerdiener mitnehmen zu wollen,
antwortete der Alte mit einem tiefen Bckling, whrend seine schwarzen uglein
zrtlich zu ihm aufblinzelten.
    Damit du vor der Welt ein Amt hast, Giovanni, du weit, ein Kerl ohne
Titulatur hat keine Existenzberechtigung! Aber unter uns, und ber des
Jnglings gebruntes Antlitz huschte ein weiches Kinderlcheln, unter uns bist
du, was du immer warst: mein Freund. Der Alte drckte die drren Hnde flach
aneinander wie zu einem Gelbnis.
    Wollen wir nicht wenigstens aus der Sonne gehen? sagte Walter, noch immer
voll Mimut.
    Freu' dich doch, da sie scheint! Sieh nur, wie sie selbst diesen den Bau
in einen Mrchenpalast verwandelt!
    Trumer!
    In diesem Augenblick schien das Leben erwacht: Dort rasselte schwerfllig
ein langer Lastzug vorber, hier rangierte mit schrillem Pfeifen eine
Lokomotive, drben klingelte gellend der Telegraph, dazwischen sauste ein
Exprezug stolz durch die Halle, da sie bis in ihre Fundamente erbebte; das
alles kreischte und fauchte und drhnte und schrie den Harrenden und Hinund
Widerhastenden in gleichem Allegrotempo sein Vorwrts - Vorwrts entgegen,
whrend dunkle Rauchschwaden alle Sonne verschluckten.
    Es lutete. Um den langsam hereinstampfenden Personenzug drngten sich die
Landleute. Eine grauhaarige Alte, die schwer bepackte Kiepe auf dem krummen
Rcken, keuchte im letzten Augenblick auf den Perron. Mach rasch, Mutter! rief
ein junger Bursche rgerlich aus dem Coupfenster.
    Konrad Hochse' Stirnadern schwollen. Bande! knirschte er zwischen den
Zhnen und sprang hilfreich zu, die Last der armen Frau mit beiden Hnden
sttzend, als sie die Stufen des Waggons emporstieg.
    Wirst du nun einsehen, da das weibliche Geschlecht sich in keinen
einheitlichen Begriff zusammenfassen lt? sagte Walter; es gibt Damen und
Lasttrgerinnen - von alters her.
    Glaubst du, ich werde jemals eine Tatsache als berechtigt anerkennen, nur
weil sie die sogenannte Wrde des Alters fr sich hat? brauste Konrad heftig
auf. Die Wrde des Alters! Ach! er schttelte sich wie im Ekel, ich brauche
blo an unseren Magister zu denken: er predigte uns mit eindringlicher
Spekulation auf unsere Trnendrsen Enthaltsamkeit und betrank sich, da seine
arme Dicke ihn nchtlicherweile auf der Treppe auflesen mute!
    Was ereiferst du dich?! Seine Predigten waren nichts anderes als
Schuldbekenntnisse!
    Ein Schwchling ist noch ekelhafter als ein Heuchler.
    Es lutete abermals: der Eilzug. Hinter den Freunden klappten die Couptren
auf und zu. Da lief ein Mdchen mit langen wehenden Zpfen und glhenden Wangen,
ein kleines, von Seidenpapier umhlltes Paketchen in der ausgestreckten Hand,
ber den Bahnsteig. Sie suchte. Vergebens. Niemand sah hinaus. Keiner schien fr
die Stadt, aus der der Zug ihn entfhrte, einen Abschiedsblick zu haben. Nur
hinter einem Fenster tauchte etwas auf wie eine Fratze: gelb, faltig, mit tief
heruntergezogenen Mundwinkeln, wie nur unauslschlicher Gram sie zeichnet. Das
Mdchen ri bei diesem Anblick entsetzt die hellen blauen Augen auf und starrte
noch auf denselben Fleck, als der Zug sich schon in Bewegung setzte; erst der
gelle Pfiff brachte sie zu sich. Und pltzlich schien sie entdeckt zu haben, was
sie suchte: ein scharfgeschnittenes Profil - schwarze, gerade gezogene
Augenbrauen, weiche rote Lippen - blonde Haare. Aber der Kopf, an dem ihre
Blicke sehnschtig hingen, wandte sich ihr nicht zu, obwohl sie atemlos neben
dem schon rascher fahrenden Zuge herlief. Da warf sie ihr Paketchen gegen das
Fenster: das Seidenpapier lste sich, eine blasse Rose fiel unter die Rder.
    Walters dunkler Kopf bog sich einen Augenblick lang hinaus. Das Klrchen!
sagte er, zu dem Freunde gewandt.
    Ich wei, stie er zwischen den Zhnen hervor.
    Und hast keinen Gru fr sie? Gabst du nicht frher dein ganzes Taschengeld
fr ihre Eitelkeit aus, machtest Fensterpromenaden und Liebesgedichte?!
    Der andere warf dem spottenden Freunde einen Blick zu, dessen drohender
Ausdruck zu dem Geschehenen in keinem Verhltnis zu stehen schien.
    Erinnere mich nicht. Du weit so gut wie ich, da sie sich an den Egon, den
dummen Bengel, hngte -
    Ganz einfach: weil er, der Durchgefallene, in Bamberg blieb, und du nicht
rasch genug den Ranzen packen konntest. Erwartetest du etwa ewige Treue von dem
Mdchen, oder gedachtest du, Konrad Freiherr von und zu Hochse, das Frulein
Klrchen Werber als dein ehelich Gemahl heimzufhren?!
    Der junge Mann berhrte diesmal den Spott.
    Ich hatte sie lieb, flsterte er wie im Selbstgesprch. Wie oft wre ich
davongelaufen, aus Ekel ber die Gemeinheit der Bengels um mich, aus Wut ber
den den Stumpfsinn, den man uns als aller Weisheit letzten Schlu
eintrichterte, aus Sehnsucht - ich wute selbst nicht, wonach! -, wenn die
Kleine nicht gewesen wre. Kaum, da ich ihr die Hand zu drcken wagte - Esel,
der ich war! -, nur da sie in einer Stadt mit mir lebte, da ich sie hier und
da sehen, gren, ein paar Worte mit ihr wechseln konnte, gengte mir.
    Er schwieg minutenlang, ein Lcheln um die Lippen, um dann, aufgerichtet,
den Kopf dem Freunde abgewandt, als wre er allein mit sich, in steigender
Erregung weiter zu reden.
    Gib uns armen, hinausgestoenen, mutterlosen Buben solch eine Liebe,
gtiges Geschick, la uns solch einem sen, zarten Ding begegnen, und es bedarf
all eurer Strafpredigten nicht, liebwerte Priester und Professoren! Wenn ich
halbwegs gerade wuchs in diesen Jahren - dem Klrchen verdank' ich's. Nicht,
weil sie mich mit guten Ratschlgen ftterte - wei Gott nicht! - nur weil sie
da war.
    Er setzte sich wieder, die Ellbogen auf den Knien, das Kinn in die Hnde
gegraben, dem Freunde gerade ins Gesicht starrend: Und schlielich stie sie -
sie! - mich in den Schmutz, da ich mich vor mir selber graue! Aufsthnend
schlug er die Hnde vor das Gesicht.
    Konrad - Konrad! und der Freund suchte vergebens, sie zu lsen, um ihm ins
Antlitz zu schauen, wie kannst du dem unschuldigen Mdel daran die Schuld
zuschieben!
    Der junge Mann sah auf, mit Augen, die erloschen schienen. Glaubst du, ich
wre jemals mit den anderen gegangen, wenn ich ihrer sicher gewesen wre?! Ich
wre solch ein Schweinigel gewesen, unsere Liebe zu beschmutzen?! Gelacht htt'
ich, wie bisher, triumphierend gelacht, wenn die Kameraden den heiligen Konrad
gehnselt htten.
    Frher oder spter mute es kommen, meinte der andere zgernd, ohne
aufzusehen.
    Es mute - meinst du?! Mit bitter geschrzten Lippen sah er auf. Aus
hygienischen Grnden wohl, wie die Gelehrten sagen?! Neulich hat sich einer das
Leben genommen, als er von einer Dirne kam. Ich versteh's! Nur, da ich auch
dafr zu schwach bin.
    Oder zu stark, warf Walter mit Betonung ein.
    Du glaubst?! Konrad zuckte die Achseln. Pah! Schtteln wir's ab! Wie
alles brige! Jetzt geht's in ein neues Leben.
    Und sie schwiegen beide.
    Walter sah zum Fenster hinaus. Die Trme des Doms! unterbrach er lebhaft
die Stille. Dort, ganz fern - zum letztenmal! So schau doch hinaus!
    Nein, ungewhnlich hart kam es ber die weichen Lippen, denn nichts, aber
auch gar nichts hat diese Stadt mir gegeben, was sie nicht mit Wucherzinsen
wieder genommen htte, wenn es nicht dieser erste Tag reiner Freude ist, und
jener andere vielleicht vor drei Jahren, als ich sie, alle Wunder von ihr
erwartend, zuerst betrat.
    Und dankst ihr doch so viel an Wissen und Werden - um mit unserem wrdigen
Professor zu sprechen.
    Konrad lachte, aber es war sein frohes Lachen nicht. Ins Gesicht htt' ich
ihm springen mgen, als er all sein Pathos auf diese unvergleichliche
Alliteration verwendete. War nicht das Wissen, mit dem er und seinesgleichen
unser Hirn belastete und unser Herz einschnrte, der mrderische Feind allen
Werdens? Wie reich war ich, als ich zum erstenmal, aller Andacht, alles
Wunderglaubens voll, da droben vor dem Hochaltar stand, zu Fen des steinernen
Reiters, um dessen ritterliches Haupt ich meine Mrchentrume spann! Und jetzt
-
    Er brach ab. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich.
    Jetzt, fiel Warburg ein, jetzt hat man uns in die Welt und in die
Freiheit entlassen, um das eigene Leben zu erkmpfen.
    Mit der Reifeprfung in der Tasche und doch unreifer als je! spottete
Konrad.
    Warburg nickte: Selbstverstndlich. Denn jede Altersstufe hat ihre eigene
Reife, die uns niemand fix und fertig mit auf den Weg geben kann. Oder hast du
erwartet, sie wrde dir sauber verpackt und etikettiert, wie irgendein
Apotheker-Elixier, mit auf den Weg gegeben werden?!
    Konrads Stirn rtete sich. Wenn du's denn wissen willst: ja! Ein Elixier -
eins, das als Wrme durch die Adern rinnt, als Kraft die Muskeln schwellt, - das
hab' ich, unbewut vielleicht, erwartet. Nicht goldvortuschendes, dreckiges
Papiergeld, das nur den Hunger von alten Geizhlsen stillen kann. Freilich,
fuhr er mit einem sarkastischen Lcheln fort, die meisten unserer lieben
Kameraden, das stellten wir ja erst neulich fest, sind alt geboren, darum konnte
ihnen der Wust trockner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur Weltanschauung
werden, darum geraten sie in Ekstase - Begeisterung ist ein viel zu edles Wort
dafr! - ber jede neueste Luftschiffkonstruktion, verwechseln stndig Technik
mit Kultur, machen den Beruf zum letzten Lebensideal -
    Und, ergnzte Warburg, sind doch vielleicht beneidenswert um den festen
Boden unter den Fen, das klare Ziel vor Augen.
    Konrad schttelte heftig den Kopf. Unser alter Streit! Wozu ihn aufwrmen?!
Du weit: lieber verlier' ich mich in den Wolken und strze zerschmettert hinab,
als da ich jenen festen Boden betrete, solch klares Ziel fr das meine
erklre.
    Er lehnte sich mit geschlossenen Lidern in die Kissen zurck.
    Beide schwiegen. Eintnig ratterte der Zug.
    Stunden vergingen. Es dmmerte schon, als der alte Giovanni vor der Tr
auftauchte.
    Frische Orangen, ganz frische Orangen, Herr Baron, sagte er und hielt dem
jungen Mann ein Krbchen voll blutroter Frchte entgegen. Sie leuchteten
frmlich. Konrad griff mit beiden Hnden danach und hob sie empor.
    Sieh nur die Pracht! rief er strahlend. Die pfel der Hesperiden! Die
ewige Jugend! Komm, Walter, la uns wieder glauben, da wir Gtter sind!
    Walter warf einen mitrauischen Blick auf Giovanni. Wo der Kerl nur die
wieder her hat? brummte er. Aber der Italiener war ebenso leise verschwunden,
wie er gekommen war.

Die Freunde hatten beschlossen, die erste Nacht ihres Berliner Aufenthalts in
einem Hotel nahe am Bahnhof zuzubringen und sich gleich am nchsten Morgen nach
geeigneten Quartieren umzusehen. Da Konrad den Gedanken an eine gemeinsame
Wohnung auch nicht einen Augenblick zu erwgen schien, hatte Walter gekrnkt. Er
war berempfindlich und um so mehr geneigt, eine absichtliche Zurcksetzung
seiner Person anzunehmen, als er noch immer nicht zu glauben vermochte, da
Konrads Freundschaft an seiner Abstammung keinen Ansto nahm. Es erschien ihm
darum nunmehr als gewi, da die uere Trennung das erste Zeichen der inneren
sei. Je nher sie dem Ziele kamen, desto mimutiger und einsilbiger wurde er,
whrend Konrad, ohne eine Ahnung von den Empfindungen des Gefhrten, in
wachsender Erregung von Fenster zu Fenster lief.
    Wie allmhlich aus dem Dunkel der Nacht die Lichter Berlins auftauchten, in
glnzender Perspektive ganze Straenzge da und dort sich ffneten und der
schwarze Himmel sich allmhlich mit einem rosigen Glanz berzog, als strahle von
den Husermassen zaubrische Helle aus, da klopfte sein Herz immer ungebrdiger.
Weit, so weit, als wre es seine eigene nicht, lag die Vergangenheit hinter ihm;
diese Lichter leuchteten seiner Zukunft.
    Er sprang als erster aus dem Zuge und atmete die rauchgeschwngerte Luft,
die ihm entgegenschlug, mit demselben Entzcken wie der Bergsteiger den reinen
Hauch der Gipfel. Traumbefangen lief er die Bahnhofstreppen hinab, kaum
bemerkend, da der Freund alle praktischen Erfordernisse der Ankunft fr ihn
erledigt hatte. Sie standen schon vor dem nahen Gasthaus, als er zu sich kam.
    In den Hhnerstall?! lachte er, und gleich jetzt? Hast du wirklich in
diesem Augenblick nichts anderes zu denken! In dieser Nacht sieht mich kein
Hotel! Wir wollen frei sein, Walter!
    Morgen, wenn wir gegessen und geschlafen haben, - du solltest brigens
nicht vergessen, da der Arzt dich vor beranstrengungen warnte.
    Pedant! Du machst dich zum Sklaven der Uhr, als gingen wir noch ins
Gymnasium, und willst mich zum Sklaven einer dummen Muskel machen, die nicht
ganz vorschriftsmig funktioniert.
    Ich bin mde, und das Herz ist mehr als eine dumme Muskel.
    So geh' schlafen! lachte Konrad, morgen frh weck' ich dich, Philister!
Und schon bog er mit groen, elastischen Schritten in die Kniggrtzer Strae
ein.
    Da Giovanni ihm hastig trippelnd folgte, whrend seine lebhaften schwarzen
uglein unruhig hin und her fuhren, schien er vergessen zu haben. Mitten auf dem
Potsdamer Platz blieb er stehen. Um ihn brauste die Weltstadt. Eine endlose
Kette leuchtender Perlen, hingen die Bogenlampen der wie Sternzacken nach allen
Richtungen weisenden Straen am dunklen Himmel; unten flogen gelbe, braune und
weie Autos mit groen Lichtaugen vorber; von den Hhen der Huser warfen
glhende Schriften, bunte Pfeile, kreisende Ringe ihre wechselnden Farben auf
das Gewhl der Wagen, der Pferde und Menschen unter ihnen.
    Wie der Schwimmer, dem das Meer zum vertrautesten Element geworden ist, sich
jauchzend immer hheren Wogen entgegenwirft, so eilte Konrad leichtfig durch
die abwechselnd sich stauenden und sich vorwrts schiebenden Massen, keines
warnenden Zurufs achtend. Pltzlich aber sah er auch seinen Schritt gehemmt,
denn alles um ihn schien durch einen einzigen Wink des die Strae beherrschenden
Polizisten gefesselt, und in den leeren Raum vor ihm ergo sich, von der anderen
Richtung kommend, der Strom von Menschen und Wagen. Schon suchte er, dem jede
Unterordnung unter allgemeine Gesetze verhat war, sich dem Zwang zu entziehen,
als der schlanke, wie Firnschnee schimmernde Leib eines Autos langsam und fast
unhrbar dicht an ihm vorberkam; zu gleicher Zeit flammte in seinem Innern das
Licht auf und umstrahlte schmeichelnd die ppige Gestalt eines Weibes, das
lssig in den blauen Polstern lehnte. Die Menschen, die Wagen, die Pferde
drauen verschluckte die Nacht. Nur sie leuchtete: ihr Goldhaar und die
Perlenschnre darin, die Haut ihres entblten Halses, das lockende, grnlich
schillernde Augenpaar, der volle, sehr rote Mund, der sich ber starken weien
Zhnen lchelnd ffnete. Konrad starrte sie an, selbstvergessen, - war sie ein
Fabelwesen? Dem Schoe der schillernden Stadt entsprungen? Im nchsten
Augenblick erlosch das Licht, die Nacht schlug ihren Mantel um sie, mit einem
langgezogenen Klageton wie der Sturm, wenn er durch alte Kamine heult, glitt der
weie Wagen vorber.
    Vorwrts schoben sich alle Rder; um Konrad tobte aufs neue der Lrm der
Stadt. Widerstandslos lie er sich weitertreiben. Durch lange Straen, an hellen
groen Fenstern vorbei, hinter denen dichtgedrngt an kleinen Tischen die
Menschen saen.
    Sein Gang verlor an Elastizitt, sein Blick wurde nchtern: diese bunten
Reklamelichtbilder waren doch eigentlich ein dummer, kindischer Witz, und wie
mde sahen im Grunde die Menschen aus; das Lcheln auf den Gesichtern der Damen,
die ihm begegneten, war doch nur ein Grinsen. Ach, auch er war mde! Und
irgendeinen Ton hatte er im Ohr, der ihn strte, den er los werden mute: etwas
wie einen unregelmigen und doch niemals aussetzenden Schritt hinter sich.
Zuweilen hatte er sich danach umgedreht, sein Blick war aber immer nur
gleichgltigen, ausdruckslosen Gesichtern begegnet. Er hastete vorwrts, durch
eine lange Strae, die das Licht der groen Bogenlampen auf halber Hhe der
Huser ganz zu verschlucken schien, whrend der Menschenstrom unten schwarz
dahinflutete, nur hie und da von den Lampen eines Restaurants grell erleuchtet,
- so grell, da auch die jngsten Gesichter, die rotgeschminktesten Wangen von
fahler Leichenfarbe berzogen waren.
    Ich habe einen meiner schweren Trume, dachte Konrad und strich sich
mechanisch mit der kalten Hand ber die Stirn. Dann lachte er hell auf, so da
die neben ihm Schreitenden ihn ngstlich ansahen. Hunger, nichts als Hunger!
und er bog mit raschem Entschlu in das nchste Kaffeehaus ein, aus dem heitere
Musik und wirrer Stimmenlrm ihm entgegenklang. Wie gut es tat, still zu sitzen
und bei Essen und Trinken zur Wirklichkeit zurckzukehren! Wohin hatten seine
Trume ihn wieder einmal getrieben? Die Nixe in der blauen Woge - eine
geschminkte Dirne wrde Freund Walter gesagt haben. Sein ausdrucksvoller Mund
zuckte schmerzhaft. Herr Gott, wie allein er doch eigentlich war! Wo war einer,
ein einziger, der ganz mit ihm gefhlt, ihn ganz verstanden htte?! Seine Scheu
vor dem Leben und seine groe Sehnsucht nach ihm, sein Wnschen ins Weite und
sein Erschrecken, wenn das Ferne nahe kam, sein Liebesverlangen und seine
rasche, grliche Ernchterung! Was wird die groe, fremde, in diesem Augenblick
von ihm fast als feindselig empfundene Stadt aus ihm machen? Er brachte sich ihr
dar; war er Marmor, fr dessen Gestaltung der Knstler schon lebte, oder ein
Opfer, bestimmt, auf den Altren fremder, wilder Gtter zu bluten? Wer einen
Menschen htte, nur einen einzigen Menschen in dieser Wirrnis!
    Einen Menschen! Wo war Giovanni?! Er erschrak: hatte er den alten Mann, mit
dem geheimnisvolle Fden des Erlebens, des Trumens und Erinnerns ihn
verknpften, schon am ersten Abend im Gewhl verloren? Er sah sich suchend um;
sein Blick tauchte in zwei kleine schwarze Augensterne, die mit einem Ausdruck
mtterlicher Liebe und sklavischer Ergebenheit unverwandt, ohne die Lider zu
bewegen, auf ihm ruhten. Er sprang auf. Giovanni - verzeih, und beide Hnde
streckte er ihm entgegen. Der lchelte nur.
    Jetzt suchen wir uns eine Schlafstelle, damit schob er, des Tuschelns
ringsum nicht achtend, seinen Arm unter den des Alten.
    Sie traten ins Freie. Es war tief in der Nacht. Und noch ratterten die
Autos, rollten die Wagen, strmten die Menschen auf und ab. Gab es in dieser
Stadt keinen Schlummer?
    Ein paar Mdchen mit hochgeschlitzten Kleidern und hauchdnnen Strmpfen,
durch die das rosige Fleisch leuchtete, strichen dicht vorbei.
    Hast dir wohl den Urjrovater als Jardedame mitjenommen? lachte die eine
keck, das blitzende Gebi eines jungen Raubtieres zeigend.
    Du - die Blumenjule dort nimmt ihn dir jerne ab, flsterte die andere, die
sehr gro und gertenschlank war, dicht an seinem Ohr; ihr Mantel schlug
sekundenlang auseinander, die weie schimmernde Brust enthllend, aus der eine
Woge starken Duftes emporstieg. In Konrads Schlfen pochte das Blut.
    Ein blutjunges, schmchtiges Ding, mit groen bernchtigen Augen, um die
das Laster schwere schwarze Ringe gezogen hatte, in einem schmalen
Kindergesichtchen, vertrat ihm den Weg, sich wortlos anbietend. Er schob sie
beiseite.
    Ach, so einer sind Sie - sooo einer! knirschte sie rachschtig. Zwei junge
Mnner, noch ganz knabenhaft, die Schirmmtzen ber das lockige Haar keck nach
hinten geschoben, drngten sich dazwischen; ein langer, vielsagender Blick aus
vier Augen von unten herauf streifte Konrad, von einem gedehnten na - -?! und
einer Bewegung begleitet, die ihn beinahe zwang, mit der Faust in die frechen
Gesichter zu fahren. Fluchend stob das Paar auseinander.
    Er hastete weiter, ihm war, als msse er dumpfer, stickiger Luft entfliehen.
Aber sie folgte ihm: Die Nebenstraen, die Mietshuser, die Torbogen hauchten
sie aus; und alles, was sich schmte und ngstigte, kroch hervor: Kinder mit
fahler, sonnenentwhnter Haut, Streichhlzer in den dnnen Hnden, die sie
automatenhaft einem jeden entgegenhielten; alte Weiber, aus deren faltigem
Antlitz rot umrnderte, lidlose Augen schauten. Von Ekel gepackt, gegen das
vergebens sein Mitleid kmpfte, machte Konrad einen weiten Bogen um sie. Schon
atmete er auf; hier endlich war die Strae breit und leer.
    Pltzlich aber stand eine neben ihm, gro und schattenhaft, grau umhllt.
Trug sie heimlich die Peitsche der Furien unter dem Tuche? Konrad drngte
vorwrts. Der Alte dagegen - war es Neugierde, war's Erschpfung? - hielt ihn
zurck.
    Komm, Giovanni, komm! rief er ungeduldig und wollte an der Grauen vorber,
die ihn schaudern machte.
    Doch Giovanni hrte nicht; er stand jetzt dicht vor ihr.
    So kriechen sie auch daheim des Nachts auf den Straen, flsterte er und
griff nach seinem Beutel.
    Da schlug die Graue das Tuch auseinander, ein winziger Kopf, braunrot,
verschrumpft, wie das Greisenhaupt eines Erdgeistes, zeigte sich; aus einem
klaffenden Mund drang ein Gewimmer in schneidendem Falsett, aus ausdruckslosen
Augen strmten Trnen, als ob der ganze winzige, elende Kinderkrper sich
auflsen wollte in ihrer Flut. Giovannis Augen weiteten sich; mit verstrtem
Blick starrte er die Mutter an und den Sugling, whrend seine Hand den Arm
Konrads umkrampfte.
    So schlich die Mutter umher mit mir -, kam es wie in verhaltenem
Schluchzen aus seiner Kehle.
    Schon sammelten sich Vorbergehende um die Gruppe mit jener lsternen
Neugierde der Grostdter, die fr ihre schlaffen Nerven in jedem Ereignis eine
aufpeitschende Sensation zu wittern pflegen. Aber ehe sie noch Zeit hatten,
ihrem Spott ber das Schauspiel verletzenden Ausdruck zu geben, hatte Konrad den
Alten in den nchsten vorberkommenden Wagen gezogen.
    Er brachte den ganz Verstrten vorsorglich bis hinauf in sein Hotelzimmer
und stand, von der Sorge um ihn erfllt, noch minutenlang lauschend an der Tre.
O madre mia! murmelte leise weinend eine Greisenstimme, dann war es still.

Helle Herbsttage, die in Berlin wie junger Frhling wirken, so mild, so
bltenreich sind sie, verscheuchten alle Nachtgespenster. Ihrer Klarheit schien
nur das Wirkliche stand zu halten. Konrads Seele, die einem See geglichen hatte,
dessen Tiefe von jedem Luftzug aufgewhlt wurde, so da die Bilder der Auenwelt
sich in seinen Wellen und Kreisen und Strudeln nur verwischt und verzerrt
wiedergaben, wurde mehr und mehr zu einem Spiegel, der alles ihm Begegnende
scharf umrissen zurckwarf.
    La mich zunchst nur sehen, nichts als sehen, sagte er zu Walter, der nun
schon seit Wochen in Arbeit und Studium steckte und ihm seine Unttigkeit zum
Vorwurf machte.
    Du wirst verliedern, wenn du dir kein Ziel steckst, da das Leben dir leider
keins aufzwingt, antwortete der.
    Im Augenblick wei ich kein schneres als glcklich sein, meinte Konrad.
Sie saen zusammen vor einem Kaffeehaus des Westens, und die Sonne tanzte in
lauter goldenen Strahlen ber die bunten Bume, ber den blinkenden Asphalt,
ber die vielfarbigen Kleider der vorberwandernden Frauen. Und nun warf sie
einen Schatten ber den weien Tisch, der in seiner pltzlichen Khle an den
Herbst erinnerte. Zwei Menschen, ein Mdchen und ein Mann, waren herzugetreten,
Walter begrend. Des Mdchens ernste, ruhige Augen hatten sich Konrad
zugewandt. Es gibt nur ein wrdiges Ziel allen Strebens: glcklich machen,
sagte sie herb. Konrad erhob sich, halb erstaunt, halb verlegen.
    Herr Pawlowitsch, Frulein Gerstenbergk - mein Freund, Baron Hochse,
stellte Walter Warburg vor. Sie kamen rasch ins Gesprch. Das Mdchen hatte, mit
einer gewissen Absichtlichkeit, wie es schien, den Rcken der Strae zugewandt.
    War es der Ausdruck einer Laune oder der einer berzeugung, der Sie vom
schnsten Ziel, dem Glcklichsein, sprechen lie? begann sie. Ihre Frage
verletzte Konrad ebensosehr wie ihre erste Anrede. Wie kam dieses fremde Mdchen
dazu, alle Stufen und Stationen des Bekanntwerdens zu berspringen, die solchen
Unterhaltungen vorangehen mten? Dabei lag nichts Aufdringliches, nichts intim
sein Wollendes in ihrem Wesen.
    Keines von beiden, entgegnete er zurckhaltend, sondern der eines
momentanen Wohlbefindens. Eine leise Enttuschung malte sich in ihren Zgen.
Sie antwortete nicht, sondern sah von nun an an ihm vorbei.
    Ich wrde den Ausspruch des Herrn Barons als berzeugung hochschtzen und
mit Ihrem Ziele fr identisch halten, meinte Pawlowitsch mit dem scharfen
Akzent des Russen zu Else Gerstenbergk gewandt, Ihr Glcklichsein ist glcklich
machen.
    Unser alter Streit, rief sie lebhaft, Sie wollen negieren, was gro und
stark ist: Aufopferung, Selbstverleugnung, Hingabe.
    Negieren - nein! Nur ihrer Erhabenheit entkleiden.
    In Elses blasse Wangen stieg das Rot der Erregung. Wollen Sie vielleicht
behaupten, da die Jahre auf der Peter-Pauls-Festung, die Ihre Gesundheit
untergruben, da der Aufenthalt Ihrer Freunde und einstigen Kampfgefhrten in
Sibirien, da der Tod von Tausenden fr die Sache der Freiheit nichts als Folgen
egoistischer Handlungen sind?!
    Egoistisch! Sie lieben es, Worte zu brauchen, deren Inhalte feststehen wie
Bronzegu in der Form, entgegnete mit einem fast geringschtzigen Achselzucken
Pawlowitsch, wir sollten andere suchen, solche, denen erst der Inhalt Form zu
verleihen vermag.
    Die beiden Freunde hatten zuhrend dabeigesessen.
    Sie gehen, wie mir scheint, Frulein Gerstenbergks Frage aus dem Wege,
warf Warburg dazwischen. Pawlowitsch sah mit vielsagendem Blick ringsum; der
enge Garten mit den dicht aneinander gerckten Tischen hatte sich gefllt; man
berhrte den Nachbarn mit Rcken und Ellenbogen.
    Sie kennen das Sprichwort von den Perlen und den Suen, spottete Else, es
gehrt zu den wenigen Grundstzen von Pawlowitsch.
    Ich hasse es, fiel Konrad mit so starker Betonung ein, da sich aller
Blicke ihm zuwandten. Von Perlen verstehen die Schweine nichts, was schadet es
also den Perlen, wenn sie vor ihre Fe fallen? Aber vielleicht wre ein armer
Dichter Hungers gestorben, wenn er sie nicht im Vorbergehen gefunden htte? Wer
nicht verschwenden kann wie die Natur, die Milliarden von Lebenskeimen
verstreut, damit Hunderte aufgehen, der, - er stockte, es schien ihm unhflich,
seiner feindseligen Stimmung gegen den Russen Ausdruck zu geben.
    Nun?! lchelte Pawlowitsch sarkastisch, Sie strafen Ihre eigene Theorie
Lgen, wenn Sie die letzte Ihrer Perlen verschlucken.
    - ist selbst ein Bettler, vollendete Konrad scharf.
    Der Russe ma ihn statt aller Antwort von oben bis unten und wandte sich mit
einer Wendung, die den Stuhl ins Wanken brachte, an Warburg.
    Sie sind stets der Klgere: Sie schweigen, sagte er. Kommen Sie morgen
abend in meine Vorlesung? Nicht um ihrer selbst willen. Ich spreche ber
deutsche Literatur. Eine alte Liebe; aus meiner Berliner Studentenzeit. Aber
eigentlich eine Unverschmtheit von einem Auslnder. Trotzdem wird Sie's
interessieren. Wegen des Publikums. Ich habe ein paar klare Kpfe unter den
Hrern. Arme Grostadtjungens. Mit festen Zielen, ohne Trume.
    Warburg nickte: Gern. Jede neue Welt, die sich erffnet, ist eine
Bereicherung.
    Das htten Sie nicht tun sollen, flsterte Else indessen Konrad zu. Er
opferte alles seinen Idealen, und was er jetzt zuweilen sagt, enthllt nur sein
verbittertes Gemt. Gerade Ihnen knnte er vieles geben.
    Konrads Stirn rtete sich. Er bereute seine Schroffheit. Mit welchem Recht
hatte er sich ein Urteil herausgenommen, er, der nichts, gar nichts war!
    Wie meinen Sie das? frug er in aufrichtiger knabenhafter Bescheidenheit.
    Ich sehe nur, da Sie sehr jung sind, antwortete sie.
    Und tricht und leer, wollen Sie sagen.
    Tricht - vielleicht! Aber wie einer, der nach Weisheit verlangt. Und leer
wie einer, der ganz erfllt sein mchte.
    Die Worte fielen ruhig, fast geschftsmig von des Mdchens blassen,
schmalen Lippen und wirkten trotzdem auf Konrad wie ein pltzlich aufgerissener
Fensterladen auf die bernchtigen Augen des Kranken. Wer war sie? Forschend
strich sein Blick an ihr entlang. Sie war nicht hbsch; klein, zart und bla,
und eine Khle umgab sie, die sich abwehrend zwischen sie und alle anderen
schob. Ihre Hnde aber, die bereinandergelegt auf der weien Tischplatte lagen,
schienen ihr ganzes Wesen Lgen zu strafen; an ihnen blieb Konrads Blick haften.
Sehr weich und wei waren sie, wie knochenlos; die Ngel an den spitzen Fingern
so durchsichtig zart wie ein Rosenblttchen im Sptherbst - Hnde, zum
Streicheln geschaffen. Empfanden sie wie ein Mdchen, das arglos seine Schnheit
enthllt und sich pltzlich fremden Augen gegenber sieht, Konrads Staunen? Sie
glitten vom Tisch und versteckten sich in nonnengrauen Kleiderfalten. Konrad sah
auf.
    Erfllt sein, so erfllt von einem einzigen groen Gedanken, einem einzigen
beherrschenden Gefhl, da nichts anderes Platz hat daneben, da es nur einen
Weg, ein Ziel gibt - wie herrlich mu das sein! sagte er.
    Pawlowitsch, der kaum zugehrt zu haben schien, wandte sich ihm ebenso rasch
wieder zu, als er sich abgewandt hatte.
    Die grte Grausamkeit ist es. Selbstmord. Nur ein hirnloser Spieler setzt
alles auf eine Karte.
    Oder ein Held! rief Konrad lebhaft.
    Pawlowitsch schnitt eine Grimasse, wie einer, dem eine Mcke aufs Augenlid
sticht.
    Held! Vermeiden wir doch die groen Worte! brigens: wenn Ihr Held alles
verliert?!
    Er behlt sich selbst und hat damit im Grunde nichts verloren. In
Pawlowitsch' Augen blitzte es flchtig auf. Er streckte Konrad ber dem Tisch
die Hand entgegen.
    Sie scheinen ja wer zu sein, sagte der Russe, nicht blo ein Krnchen
mehr, das unsere groe Mhle in den allgemeinen Mehlbrei stampft. Aber was, zum
Teufel, hat Sie in der Blte Ihrer Jugend in diese Hlle verdammt?!
    Die Sehnsucht nach dem Leben, entgegnete Konrad.
    Als ob er des Freundes pathetische Frage ins alltglich Verstndliche
bersetzen mte, fgte Warburg hinzu: Schon seit zwei Jahren waren wir
entschlossen, gemeinsam in Berlin zu studieren. Sie ahnen wohl kaum, wie schwer
die Luft einer Stadt wie Bamberg auf jungen Kpfen lasten mu.
    Einbildung, nichts als Einbildung! rief Pawlowitsch. Bamberg, eine Stadt,
bis zum Rande gefllt mit Traditionen, voll ehrwrdiger Schnheit und
Heimlichkeit, mit stillen Winkeln zum Trumen! Was fr ein Kerl knnte aus einem
Menschen werden, der in solch einem Neste wurzelt! Aber Berlin - die Grostadt -
der die jngsten der Gelbschnbel jetzt ihre Maienlieder singen! Haben Sie
einmal von der afrikanischen Zauberschlange gehrt? Sie rollt ihren gleienden
Leib in der Sonne zusammen, wenn sie Hunger hat, streckt den zierlichen Kopf in
die Hhe, lt die groen funkelnden Augen rollen und das spitze feuerrote
Znglein spielen, whrend ihrem Krper ein berauschender Duft entstrmt, wie -
In diesem Augenblick ging drauen mit einem leichten Wiegen der ppigen Hften
eine Frau vorber; ein weier Seidenrock umspannte eng ihre Formen, whrend der
faltige schwarze Tll, der darber fiel, wie der Schleier der Trkin wirkte,
der, statt zu verhllen, nur zum genaueren Sehen verlockt. Pawlowitsch stockte
sekundenlang, zog den Hut ein wenig lssig und lchelte ihr zu, um dann, whrend
sie ganz langsam weiterging, mit lauter Stimme fortzufahren: Ein Duft, wie von
der Haut eines sehr reifen, sehr ppigen Weibes. Alles Getier taumelt der
Schlange, solange sie hungert, von selber zu. Und Berlin hungert immer.
    Er schwieg, sichtlich zerstreut. Die Sonne hatte sich gesenkt. Frstelnd und
um einen Schein blsser erhob sich Else. Wir wollen gehen, sagte sie. Keiner
achtete darauf.
    Konrad starrte mit groen Augen die Strae herunter: das weie Auto, die
Nixe mit den Perlen im Haar?! Nein - nein! Wie konnte er die Schne nur durch
diesen Vergleich beleidigen!
    Pawlowitsch stand auf. Else erhob sich zu gleicher Zeit, als wre das
selbstverstndlich.
    Kann ich Sie beide morgen abend erwarten? frug er, nun wieder ganz Herr
seiner selbst. Gewerkschaftshaus. Kleiner Saal. Fragen Sie nur nach dem
Vortragskurs: Literaturgeschichte. Die Freunde nickten zustimmend. Am Ausgang -
Konrad hielt die weiche Hand Elsens in der seinen - schien sie zu zgern, den
Mund zu einem Wort ffnen zu wollen. Es blieb unausgesprochen.
    Als sie gegangen waren, wandte sich Konrad fragend an Warburg: Wie stehen
die zueinander?
    Sie ist, so sagt man, seine Frau. Eine der vielen freien Ehen, die hier
gang und gbe sind. Nur, da fr den weiblichen Teil, wie mir scheint, und er
knipste sich nachdenklich ein paar Brotkrmchen vom rmel, die Freiheit
illusorisch ist!
    In diesem Augenblick betrat eine Gruppe junger Leute den Garten; sie waren
fast alle im Tennisdre, hatten schlanke, oft berschlanke Gestalten, bartlose,
gebrunte Gesichter. Einer, der stattlichste von ihnen, fuchtelte mit dem Racket
in der Luft herum, auf das voranschreitende Mdchen lebhaft einsprechend.
    Warburg zog vor der Nherkommenden den Hut. Im Kolleg des berhmten
Mediziners war sie seine Nachbarin.
    Sie sind es! rief sie lebhaft, ihm die Hand kameradschaftlich
entgegenstreckend. Sie stellte ihn ihren Begleitern vor. Mein
Gesinnungsgenosse! fgte sie triumphierend hinzu, um, zu Warburg gewendet,
erklrend fortzufahren. Eben haben sie noch das Blaue vom Himmel herunter
geredet, um mir zu beweisen, da Frauenstudium ein Widerspruch in sich ist. Ich
bin schon ganz heiser vor lauter Verteidigung, denn Mnner mssen, wenn sie sich
mit unsereinem streiten, mehr berschrien als berzeugt werden. Jetzt berlasse
ich Ihnen die Waffen. Sie haben schon gestern nach dem Kolleg bewiesen, da Sie
fechten knnen.
    Warburg fhlte sich sichtlich befangen, denn aller Augen ruhten nicht ohne
leisen Spott auf ihm.
    Ich finde die Frage so einfach, da ich sie als solche gar nicht mehr
ansehen kann, sagte er zgernd. Wenn die Frauen etwas leisten, und das haben
sie in der Medizin zum Beispiel schon bewiesen, so kann die Berechtigung zum
Studium ihnen nicht mehr abgesprochen werden.
    Der, den die Studentin als Rolf Eulenburg vorgestellt hatte, lachte. Sie
machen sich's leicht, mein Lieber! Ich werde nchstens im Seminar nach Ihrem
Beispiel die These verfechten: weil die Weiber im Bergbau unzweifelhaft mal was
geleistet haben, mssen sie wieder in die Erde kriechen. Nein - das ist alles
Blech - fuhr er dann, ernster werdend, fort, fadenscheinige Beweise. Sehen Sie
sich nur das Mdel an, teuerster Frauenlob. Vor zwei Jahren sprangen wir
zusammen als fidele Wandervgel ber das Johannisfeuer: ich ein schlaksiger
blasser Bengel, sie eine rote Herzkirsche. Und jetzt?! Ich bin - er reckte die
Arme, da der breite Brustkasten hervortrat und drehte den Kopf mit der
gebrunten Stirne, den frischen Lippen und hellen Augen siegesbewut nach allen
Seiten, sie aber ist kreidewei, hat mit ihren zwanzig Jahren schon so'n Stich
um den Mund wie die Frauenrechtlerinnen, wenn sie die Mnner begeifern, und
fngt an - nimm's mir nicht bel, Hedwig - dem schlaksigen Bengel von damals
verdammt hnlich zu sehen.
    Deine Beweise zeugen von echtester Mnnerlogik, rief sie mit blitzenden
Augen, wenn ich, wie du, die Hrsle nur von auen betrachten wrde, meine Tage
beim Reiten und Schwimmen, bei Tennis und Fuball vertrdelte, dann wre ich die
zu einem bloen Muskelmenschen passende Kuhmagd -
    Also: ein Weib, warf Eulenburg heftig ein.
    Dafr aber bedanken wir uns! klang ihre scharfe Entgegnung; wir wollen
erobern, was bisher euer alleiniges Besitztum war und was ihr gering schtzen
lerntet, weil es euch niemand streitig machte: das Reich der Wissenschaft. Aus
dem berschu brachliegender geistiger Kraft heraus ringen wir um unsere
Menschwerdung.
    Und wir?! der Mann und das Mdchen standen sich einen Augenblick lang wie
zwei sprungbereite Raubtiere gegenber, aus dem berschu unserer
brachliegenden Krperkrfte um die unsere! Wir haben es satt, bloe
Gehirnmenschen zu sein, das heit: Vter von Trotteln. Hedwig Mendel wandte
sich ab, whrend Eulenburg, zu den anderen gewendet, ruhiger weiter sprach: Da
habt ihr ihn wieder, den unheilvollen Gegensatz der Geschlechter: whrend wir
uns endlich unserer Mnnlichkeit erinnern, werden die Weiber - Er vollendete
nicht.
    Es entwickelt sich naturgem ein anderer, geistiger, in seiner Art
schnerer Frauentypus, sagte Warburg, durch einen dankbaren Blick Hedwigs
belohnt.
    Waren Sie schon mal auf einem Frauenkongre?! frug der starrkpfige
Widersacher. Warburg schttelte den Kopf. Na also! meinte der andere
sarkastisch.
    Sie reden wie'n Tauber vom Fltenspiel, sekundierte ihm ein schmchtiger
Jngling, sich mit den langen Fingern, an denen die Ngel auffallend glnzten,
durch die sprlichen blonden Haare fahrend. Eine denkende Frauenstirn wird
faltig, ein Frauenmund, der doziert, wird herb.
    Die Studentinnen, die ich bisher gesehen habe, beweisen das Gegenteil,
erwiderte Warburg sehr bestimmt.
    Glauben Sie denn, da der Norden seine Erfahrungen an Ort und Stelle
gesammelt htte?
    Der wei nicht mal, wo die Universitt ist, lachte es vielstimmig
durcheinander. Eine allgemeine Unterhaltung entspann sich. Diesen Augenblick
schien Eulenburg erwartet zu haben. Er wandte sich ganz dem Mdchen zu und
beugte im Eifer der Rede den Oberkrper immer weiter vor, whrend seine Stimme
zu einem Flstern herabsank.
    Weit du, woran du dich zur Mitschuldigen machst? An einer Snde wider die
Natur, so einer, die nicht vergeben werden kann. Ihr wollt unsre Kameradinnen
sein, unsre Arbeitskollegen, - sei's drum! Das gelingt vielleicht. Wir werden
mit euch ber Gott und Welt debattieren, euch unsre Seelenkmpfe anvertrauen -
mit heiem Kopf, aber mit kaltem Herzen! Er sah sich um. Die anderen waren so
vertieft im Gesprch, da sie seiner kaum noch achteten. Er rckte ihr ganz nahe
und schien sie mit den Augen zu umfassen, denn lieben, weit du, lieben - in
die Arme nehmen und kssen und herzen, werden wir die anderen: die dummen,
weichen, runden Mdels.
    Sie bog sich mit einer energischen Gebrde weit zurck, ihre Augen
funkelten: Fr dich und deinesgleichen magst du recht haben, sagte sie
hochmtig und ohne die Stimme zu senken, so da die Tischgesellschaft
unwillkrlich aufhorchte, wer von uns wrde euch aber auch eine Trne
nachweinen. Und sie wandte sich, die Mglichkeit einer Antwort abschneidend, an
Konrad, den einzigen, der bisher stumm geblieben war: Sie denken in der
Frauenfrage wie Ihr Freund? Es entspann sich eine Unterhaltung ohne inneren
Anteil; Konrad fhlte, da sie ihr eine Hilfe war, und ging mit erzwungener
Lebhaftigkeit darauf ein.
    Kellner, einen Whisky! rief Rolf Eulenburg grimmig, und strzte das
Getrnk, sobald es ihm gereicht wurde, hastig hinunter. Dann stand er
geruschvoll auf, ohne da Hedwig es zu beachten schien, stie heftig seinen
Stuhl zur Seite und wandte sich, die Hnde in den Hosentaschen, zwei Mdchen zu,
die mit vielsagendem Lcheln und langen Blicken schon lngst die Verbindung mit
den jungen Leuten am Tisch vor ihnen hergestellt hatten.
    S ist die Nini heute, hatte Konrad den blassen Jngling mit den breiten
Nasenlchern neben sich flstern hren.
    Totschick, sekundierte ein anderer, das reizende Persnchen gegenber in
dem engen feuerroten Kleid von den schmalen Lackschuhen und dnnen Strmpfen bis
zu der kecken Zipfelmtze ber dem Bubengesicht sachkundig musternd. Und sie
reckte und streckte sich, fuhr mit der gepflegten, nur etwas zu kurzen Hand ber
die runde Hfte, wippte mit den ein wenig zu breiten Fchen, so da das
ebenmige Bein, das nur an der Fessel htte schlanker sein mssen, bis zu den
Knien sichtbar wurde; nestelte dann an dem tiefen Ausschnitt ihrer Bluse, bis
die beobachtenden Augen drben dem Spiel ihrer Finger folgten und den Leberfleck
entdeckten, der herausfordernd zwischen dem Ansatz ihrer Brste sa.
    Man unterhielt sich ber sie, zuerst leise, dann lauter; es klang aufreizend
wie das Gesumme eines Bienenschwarmes:
    Jetzt hat sie der Grote -
    Und tanzt mit ihr Tango -
    Und fttert mit Versen das hungrige Mulchen -
    Die se Muse erotischer Dichtung -
    Man lachte, zwinkerte mit den Augen, paffte Zigarettendampf in breiten
Ringen in die nach Welken und Modern duftende Herbstluft. Dann fiel leise
Eulenburgs Name - einmal - ein zweites Mal. Und man lachte wieder.
    Ihnen widerstrebt also der Gedanke an eine gelehrte Frau? sagte Hedwig mit
einem abwesenden, gezwungenen Lcheln; ihre Hnde spielten nervs mit der
Schleife an ihrem Grtel, ihre Stimme zitterte leise.
    Meiner Empfindung, gewi, antwortete Konrad geqult; - er hatte die
Unterhaltung krampfhaft aufrecht erhalten, um das Mdchen von der Szene
abzulenken, die sich vor ihm abspielte - wenn auch nicht meinem Verstande. Das
sind stets die beiden unvershnlichen Gegner in mir.
    Doch sie hrte nicht mehr, was er sagte. Sie stand auf, wobei sie mit dem
Knie gegen den Tisch stie. Glser und Tassen klirrten aneinander. Sie ging,
ohne sich umzusehen. Die jungen Mnner senkten die Kpfe, einige errteten wie
ertappte Snder. Eulenburg, der bisher am Tisch nebenan berlaut geschwatzt und
gelacht hatte, verstummte, warf ein paar bse Blicke hinber und rief: Hat ihr
einer von euch weh getan?
    Wer anders als du selbst, klang es dagegen.
    Ich hab' ein Recht dazu, da ihr's wit, aber ihr - ihr - er stand jetzt
mitten unter ihnen und hob die Faust - htet euch!
    Mit einem spttischen Lcheln sah der Sommersprossige dem Zornigen in das
rote Gesicht.
    Du bist mir gar der Rechte, sie auszulachen! fuhr Eulenburg fort, lufst
als ein Sportsmann, also als ein Nichtstuer herum und hast keinen Respekt vor
einem armen Mdel, das sich schindet. Ich werd' ihn dir beibringen, hrst du?
Die anderen suchten ihn zu beruhigen: er aber machte mit Ellenbogen und
Schultern ein paar verchtliche Bewegungen.
    Soupier' noch mal mit dem Grote, Nini, rief er mit einer halben Wendung
des Kopfes, und streckte gleich darauf Warburg die Hand entgegen. Sie standen
ihr bei, und zu Konrad gewandt: Sie auch. Ich danke Ihnen. Er sah ihm gerade
ins Gesicht. Wie wohltuend jung Sie sind! Kommen Sie! Ich mu mir den rger
verlaufen.
    Und sie gingen, als wren sie alte Freunde. Eulenburg sprach wie ein
entfesselter Sturzbach: Ich zanke mich immer mit ihr - immer! Aber ich wte im
Grunde nur gegen mich selbst, weil ich nicht los kann. Ist es nicht ein gltiger
Beweis fr den teuflischen Ursprung unserer Weltordnung, da zwei, wie wir ein
Dutzend Prachtexemplare der Menschheit in die Welt setzen knnten - Konrads
halb erstaunter, halb verletzter Blick traf ihn. Er lachte. Ach so! Bei Ihnen
spricht man noch augenverdrehend von Rosen und Vergimeinnicht, wenn man liebt?!
Wir sind wahrhaftig geworden, brutal, wenn Sie wollen, wie die Wirklichkeit, die
scheuliche Wirklichkeit, die das Mdel wie ein saftloses Blatt - er stie mit
dem Fu an einen Haufen raschelnden Herbstlaubs - vom Baum des Lebens fallen
lt und den Mann zwingt, sich an perverse Frauenzimmer wegzuwerfen.
    Zwingt?! wiederholte Konrad gedehnt.
    Und Warburg meinte bedchtig: Ist es nicht ein Zeichen von Dekadenz, den
Regungen der Sinne so haltlos folgen zu mssen, sie berhaupt so wichtig zu
nehmen?
    Ganz im Gegenteil! antwortete der andere. Was als Dekadenz erscheint -
Sie haben wohl auch drauen im Reich von braven Philistern, die die eigentlich
dekadenten sind, schaudernd von ihr reden hren?! - ist nur franzselnder
Firnis, krampfhaft eingefhrt, weil wir nun mal Narren der Kultur sind und
alles, was drben glnzt, mit ihr verwechseln. Unsere erwachte Sinnenfreude ist
Bejahung des Lebens. Da wir dabei ber die Strnge schlagen, ist auch nur ein
Zeichen von Kraft - einer berschssigen leider, weil uns in dieser dummen Welt
nirgends Gelegenheit geboten wird, sie in Leistungen umzusetzen.
    In diesem Augenblick strmten den Wandernden aus den langsam sich
schlieenden Kauf- und Bureauhusern die Scharen der mnnlichen und weiblichen
Angestellten entgegen.
    Wie! rief Warburg, unwillkrlich stehen bleibend, in dieser Stadt
rastloser Arbeit klagen Sie um den Mangel an Leistungsmglichkeiten!
    Die verschiedenen Methoden grostdtischen Gelderwerbs sind doch keine
Leistungsmglichkeiten in meinem Sinn, antwortete Eulenburg. Glauben Sie, da
die Mdels durch Leistungen, die ihren natrlichen Wnschen und Fhigkeiten
entsprchen, bleichschtig und schmalbrstig wrden wie die da?! Und sich nun
denken zu mssen, da solche wie die Hedwig sich in die Unnatur auch noch
krampfhaft hineinsteigern! Wenn der Verstand den letzten Rest von Instinkt auch
in den Weibern vernichtet hat und sie umherlaufen wie wohlkonstruierte
Rechenmaschinen, deren Exempel immer stimmt, dann mcht' ich, bei Gott, an dem
Ast da baumeln und dem gesamten Kurfrstendamm die blau angelaufene Zunge
entgegenstrecken.
    Es war dunkler geworden. Die drei Gefhrten standen abschiednehmend auf dem
Platz vor dem groen Kaufhaus, hinter dessen Spiegelscheiben es von Seide und
Spitzen, Blumen und Federn gleite und glnzte. Sie tauschten, in der Absicht
hufigen Verkehrs, ihre Adressen aus.
    Bei der Wanda Fennrich wohnen Sie? sagte Eulenburg sichtlich berrascht zu
Konrad. Wie gefllt es Ihnen?
    Ich soll es selbst noch erfahren, antwortete dieser. Bis jetzt war ich im
Hotel. Eulenburg zwinkerte vielsagend mit den Augen: Na - wohl bekomm's!
sagte er.
    Sie trennten sich. Konrad nahm ein Auto und fuhr in die innere Stadt. Die
neugierige Ungeduld, die ihn, je weiter er kam, desto strker beherrschte, lie
Vergangenes und Gegenwrtiges mehr und mehr als Nebelbilder erscheinen, die
schlielich am Horizont seiner Gedanken trumerisch ineinander verschmolzen.
Sein eigenes Heim erwartete ihn - nach Wochen unruhigen Hotellebens zum
erstenmal. Er hatte Giovanni, der sich mit erstaunlicher Schnelle in Berlin
zurechtfand, das Suchen danach berlassen und ihn von da ab kaum mehr gesehen.
Zuweilen nur entdeckte er ihn, irgendwo im Straengewhl, wie er sich eilig und
scheinbar ohne rechts und links zu sehen hindurchwand. Hie und da erschien er am
frhen Morgen an seinem Bett, um ihm nichts als ein niente achselzuckend
zuzuflstern.
    Heute aber war er wie ein Sieger gekommen, das ganze Gesicht von Lachen
erhellt, und hatte alle Kammerdienerallren vergessen, als er dem noch
Verschlafenen in berstrzender Hast von seiner Entdeckung erzhlte: eine
bildsaubere Wirtin, schwarz und stattlich - und wie sie sich freute! Nicht wie
die anderen alten Hexen, die einen schon an der Tre musterten, als wre man ein
Strolch! Nur ein paar komische kleine Hunde hat sie - der Mann ist tot - und
eine Tochter. Die Zimmer mit groen Sthlen und breitem Bett. Gut sollst du's
haben, bambino mio, - sehr gut. Dabei hatte er Konrad, als wre er der Knabe
von einst, den blonden Kopf gestreichelt. Der hatte kaum hingehrt und von allem
Geschwtz nur eins verstanden: da der stille Winkel gefunden war, nach dem er
sich sehnte.
    Jetzt - endlich! - wrde er zu sich selber kommen. Er war sich bewut, da
dies eine Notwendigkeit war, wenn er den Wirbelwinden Berlins nicht zum
haltlosen Spielzeug werden sollte.
    Irgend etwas, dessen er sich nicht bewut wurde, lie ihn aus seinen Trumen
auffahren; es war wohl die Stille, nachdem eben erst der Lrm der Stadt in
Rderrollen, Klingeln, Tuten und Traben um ihn getobt hatte; hier, auf dem
schmalen Platz, in den die groe Strae pltzlich mndete, spielten kleine
Kinder, grere umkreisten ihn auf Rollschuhen, und vor den Vorgrten saen
rundliche Frauen, die Hnde im Scho verschlungen, und behbige Mnner, die Fe
in gestickten Pantoffeln behaglich von sich streckend. Sie sahen alle auf -
verwundert, erschrocken, ja gergert, als die Hupe des Autos, das Konrad
brachte, ihre Feierabendruhe unterbrach. Noch ehe er ausstieg, fiel sein Blick
auf den groen, tiefen Garten, der den Platz erst zu einem Platze machte, denn
sein Gitterwerk mit den hohen Bschen dahinter war wie ein Damm, an dem der
Strom der Strae sich brach, gezwungen, zurckzufluten, woher er gekommen war.
Die Sternwarte, sagte der Chauffeur. Aus dem Grnen ragte eine groe Kuppel
hervor, die hell erleuchtet war; alle anderen Huser standen ringsum in ihren
einfachen, glatten grauen Kleidern und sahen aus vielen kleinen Lichtaugen in
ehrfrchtigem Staunen auf sie.
    Giovanni kam seinem Herrn entgegen. Er schien hier schon ganz heimisch, denn
die Kinder unterbrachen ihr Spiel, als sie ihn sahen, und drngten sich um ihn.
    Ein Kunststck, Onkel, qulten sie, das mit dem Ball. - Nein, mit den
Karten. - Oder dem Groschen. Und ein kleines Ding hielt ihm in glubiger
Bitte die zerbrochene Puppe entgegen: mach' sie wieder ganz. Aber er schob sie
von sich - vorsichtig, vterlich, um keines zu verletzen - und fhrte Konrad ins
Haus, die Treppen hinaufeilend wie ein Junger.
    Ist das die Himmelsleiter, Alter? rief dieser ihm lachend zu, Jakob hat
sie sicher weniger hoch getrumt!
    Oben ffnete sich eine Tr, die Silhouette einer brnetten, ppigen Frau
stand scharf umrissen vor dem hellen Hintergrunde. Aber noch ehe Konrad sie
begrt hatte, schlpfte eine Gestalt aus der Tiefe des Flurs, an der sein Blick
hngen blieb; etwas zwerghaft Kleines in ein buntes Tuch gehllt, ein schmales,
sehr weies Gesicht, aus dessen Oval zwei groe traurige Augen strahlten, die
sich entsetzt zu weiten schienen, als sie des Gastes ansichtig wurden.
    Gina! rief die Frau an der Tre drohend; das kleine Wesen zuckte
schmerzhaft zusammen und machte eine Bewegung wie zu rascher Flucht, aber die
Fe schleppten sie nur langsam rckwrts; dabei fiel das Licht der Lampe auf
einen Hcker, den es als schwere Last ber den Schultern trug. Zwischen zwei
Vorhngen, die es mit einer weileuchtenden Kinderhand nur ein wenig zur Seite
schob, verschwand es.
    Meine Tochter, sagte die Frau nach sekundenlanger verlegener Stille wie
entschuldigend, und ffnete eilfertig die nchste Tre, hinter der das Licht
aufflammte. Sie war vorausgegangen und wandte im gleichen Augenblick, als wre
die Wirkung der pltzlichen Helle im voraus berechnet gewesen, den Kopf; ihr
blhend schnes Gesicht, von dem rosigen Schimmer der Wangen, dem feurigen Rot
der Lippen, dem Aufblitzen der goldbraunen Augen durchleuchtet, war Konrad so
nahe, da er das Ausstrahlen seines Glanzes wie prickelndes Feuer zu fhlen
meinte; aber zu gleicher Zeit hatte er den harten Ton noch in den Ohren, vor dem
die kleine Bucklige davongeschlichen war. Die Frau empfand: mit dem frmlichen
Dank, den der junge Mieter aussprach, war sie entlassen.
    Jetzt erst sah er sich um: ein Zimmer voll alter Teppiche. In sattem Grn
hing einer an der Wand wie ein Blick in Waldestiefe; in verblichenem Blau lag
ein anderer auf dem Boden wie sehr stilles, flaches Gewsser; in mattem Gelb
deckte ein dritter den Diwan wie am Frhlingsabendhimmel der ferne Horizont.
Ganz dunkle, schwere Schrnke standen dazwischen, und mitten im Zimmer, gro und
breit wie der Altar eines fremden Gtzen, der den ganzen Raum mit seiner
grotesken Form beherrschte, ein mchtiger Schreibtisch. Zu gigantischen
Frauenbrsten wlbten sich seine geschnitzten Laden, um die Schlangen und
Eidechsen sich ringelten und schmiegten, die spitzen Znglein saugend an der
harten Kuppe. Nur die Phantasie eines Wahnsinnigen konnte dieses monstrse Werk
geschaffen haben.
    Ein dunkler Blick aus Konrads Augen traf Giovanni, fragend, fast
vorwurfsvoll.
    Fennrich war Bildhauer, Herr Baron, sagte der unterwrfig, und mit leisem
Kichern und vielsagendem Augenaufschlag: die Frau sein Modell; dann hob er den
grnen Teppich: Das Schlafzimmer.
    Hier schien alles wei und glatt und khl. Es ist gut, nickte Konrad mde,
um gleich darauf, als besnne er sich, in hellerem Tone fortzufahren: Du bist
und bleibst ein Hexenmeister, Giovanni. Hab' Dank. Ich htte dergleichen nie
gefunden. Doch hast du fr dich gesorgt?
    Der Alte ffnete eine Tapetentr: Hier! Konrad sah in einen schmalen Raum,
dessen Wnde mit Krnzen und welken Blumen behngt waren wie eine Totenkammer.
So wirf doch zuerst das Zeug heraus, sagte er rgerlich.
    Giovanni schien nicht hinzuhren. Er fuhr mit der Hand wie kosend ber die
raschelnden Bltter.
    Die Sehnsucht meiner Jugend war's, einmal unter solchen Trophen zu
schlafen. Da es die Zeugen der Triumphe einer toten Tnzerin sind, was tut's?!
Und er lachte leise.
    Das alles - ist auch von ihr? frug Konrad, indes seine Augen von
irgendeiner dunklen Erinnerung gebannt an den Seidenfetzen hingen, die aus der
alten Truhe neben dem Bette hervorquollen.
    Das?! Des alten Mannes Stimme berschlug sich, um dann zur Tonlosigkeit
herabzusinken. Das?! Er zog den Anzug ganz hervor: ein Pierrotkostm, vergilbt
vom Alter, die rmel zerrissen, mit groen grauen Flecken beset, an vielen
Stellen wie von der tzenden Farbe zerfressen. Darin tanzte ich, als Monna
Lavinia starb ... Gute Nacht!
    Konrad war, als ob er dem Eindruck entfliehen msse, in das Zimmer mit den
Teppichen und den Fratzen zurckgekehrt. Gedankenlos ffnete er die Schrnke und
Laden. Da stand und lag in guter Ordnung, was er von Hochse und Bamberg
mitgenommen hatte und vielerlei liebgewonnene heimatliche Dinge daneben, die
seine Gedanken dankbar und gerhrt zu der alten weihaarigen Frau wandern
lieen, deren Gte und Treue noch immer seines Herzens einziger Reichtum war.
    Er wollte ihr schreiben - gleich, heute noch, dachte er in berquellender
Empfindung. Er suchte sein Briefpapier, das mit dem Wappen, der roten Rose im
silbernen Felde, und griff nach der Lade des Sekretrs. Um den aufwrts
gerichteten Schlangenleib legten sich seine Finger und berhrten das
seidenglatte gewlbte Holz darunter. Es war ganz khl; seine Hand aber war sehr
hei; er drckte ihre ganze Flche dagegen, dann lehnte er sich in den Stuhl
zurck, und seine Finger glitten trumerisch streichelnd ber das Holz. Und
wrmer und weicher wurde es.
    Seine Gedanken verwirrten sich. Alles Erlebte wirbelte in wstem Reigen um
seinen heien Kopf:
    Berlin - das Weib im weien Wagen - Wanda, die Wirtin -
    Er ri die Augen auf - krampfhaft, gewaltsam. Da es ihn stets aufs neue
packte! Da das heimlich schwelende Feuer seiner Sinne immer wieder auflodernd
ber ihm zusammenschlug! Aber er wollte nicht daran verbrennen - wollte nicht!
Nur seine Kraft entznden und seinen Willen. Er reckte sich gerade auf, um im
nchsten Augenblick wieder mde zusammenzusinken; das Warum?, das Wofr?
drckte ihn mit Zentnerschwere nieder. Da, - wer hatte ihm diesen Streich
gespielt? - stand das Bild seines Vaters vor ihm auf dem Schreibtisch, ein
Gesicht, kraftstrotzend, lebenslustig, mit dem Siegerlcheln in den lachenden
Augen. Noch lagen seine Finger auf der Wlbung der Lade, doch ihm schien, als
fasse er Stellen, die rauh, andere, die klebrig waren. Er bckte sich, die
elektrische Lampe herunterziehend: die braune Beize war vielfach abgerieben -
von allzu vielen Hnden gestreichelt - betastet -
    Ein Frsteln durchlief seinen Krper.
    Er sah das Zimmer wieder vor sich mit den roten Plschsofas, den
Rokokosthlchen und der Batterie geleerter Flaschen auf dem Tisch - das Zimmer,
in das sie ihn, den halb Betrunkenen, grhlend geschleppt hatten: Weil er ein
Mann werden sollte -
    Er sprang auf, von Ekel geschttelt. So mochte auch sein Vater zum Manne
geworden sein!
    Er ri das Fenster auf: Die Kuppel der Sternwarte leuchtete noch immer
einsam durch die Herbstnacht. An ihren Glaswnden zeichnete sich der Schatten
eines groen, dunklen Rohres ab und dann der eines Mannes. Das Licht erlosch:
Dort drben sa nun wohl ein stiller Forscher und erhob sich zu den Sternen.
    Mit khler Hand strich die Nacht ber Konrads Stirne. Tiefe Ruhe berkam
ihn.
    Auch er wollte neue Welten suchen und im Dunkel dem Lichte nachgehen.
    Aufatmend whlte er sich in die weien Kissen. Und das ferne leise Weinen
eines Kindes sang ihn ein.

                                Drittes Kapitel



        Vom Suchen nach Erkenntnis, und von der kleinen Gina Vollendung

Gleich am nchsten Tage - er konnte den Beginn seines Studiums kaum mehr
erwarten - besuchte er einen der Professoren, an die er empfohlen worden war,
und dessen Rat er einzuholen gedachte. Der alte Herr stellte ihn gleich nach der
Begrung vor die Frage, auf welchen Beruf er sich vorzubereiten wnsche.
    Darauf soll mir die Universitt die Antwort geben, erwiderte er freimtig,
wenn auch in seinem Eifer ein wenig abgekhlt durch die geschftsmige Art des
Gelehrten. Ich mu erst finden, wofr es sich lohnt, das Leben einzusetzen.
    Der Professor lchelte belustigt, im Grunde berzeugt, einen jener
begterten jungen Leute vor sich zu haben, die das Studium zum Vorwand fr
einige ungebundene Jahre Grostadtlebens benutzen, und war innerlich mit dem
jungen Gelbschnabel fertig, der noch dazu so groe Worte brauchte, um seine
Absichten zu beschnigen. Die Antwort bestand denn auch nur in der Empfehlung
einiger bekannten Dozenten. Tout Berlin besucht ihre Vorlesungen, besonders der
weibliche Teil, soweit er hbsch und berufslos ist, fgte er schmunzelnd hinzu,
durch sein weiteres Schweigen bekundend, da er nichts mehr zu sagen habe.
Konrad verbeugte sich steif und ging.
    Irgendeine klassische Erinnerung an das Verhltnis des Meisters zum Jnger
mochte ihm vorgeschwebt haben, als er die Treppe zu dem berhmten Mann
emporgestiegen war, und nun war er erledigt, weil er sich nicht von vornherein
in ein abgestempeltes Fach einschachteln lie; nicht einmal der Versuch eines
nheren Eingehens auf seine Wnsche und Fhigkeiten war gemacht worden.
    Eulenburg, dem er davon erzhlte, lachte ihn aus: Die Leute werden dafr
bezahlt, da sie uns Kenntnisse beibringen; sie haben, wenn sie halbwegs
anstndig sind, genug damit zu tun, und sollten sich noch mit unseren
Seelenleiden beschftigen!
    Daraufhin begann er, die erste kleine Enttuschung rasch abschttelnd, sich
auf eigene Faust ein Programm zu machen. Er belegte, ohne Warnung und Rat
Wohlwollender irgend zu beachten, eine Menge verschiedener Vorlesungen:
philosophische, nationalkonomische, literarische und kunsthistorische, ja
naturwissenschaftliche sogar, fr die er durch Warburgs Berichte Interesse
gewann, und mit dem ganzen Hochgefhl eines Pilgers, der an der Schwelle des
Heiligtums steht, von dem er das Wunder erwartet, betrat Konrad Hochse das
ehrwrdige Gebude der Frideriziana Wilhelma.
    Er htte sich fr den Schwung seiner Seele die Kuppel eines gotischen Doms
gewnscht; die niedrigen grauen Decken drckten ihn nieder, und als er in den
Hrsaal trat, wo eine dichtgedrngte Schar von Studenten des berhmten
Professors harrte, dessen philosophische Vorlesungen ihm ber Deutschlands
Grenzen hinaus einen Namen gemacht hatten, da erinnerte ihn der Anblick des
weigetnchten Raums, der braungestrichenen Pulte, der schwarzen Tafel und des
Katheders darin so schmerzhaft an die den Klassenzimmer, da es ihm eiskalt
ber den Rcken kroch.
    Lautes Getrampel empfing den Dozenten. Alle Blicke richteten sich auf sein
Mephistoantlitz; ein paar elegante Damen hielten die langgestielten goldenen
Lorgnetten vor die Augen. Dann begann er zu sprechen: sehr leise und langsam
zuerst; schlielich mit wachsender scharfer Betonung der Konsonanten, was seine
Stimme ungewhnlich hart erscheinen lie, und begleitet von seltsam verrenkten
Arm- und Handbewegungen. Es war, als msse er den Faden seiner Gedanken mhsam
auseinanderwickeln und ziehen, und diese Anstrengung beschftigte manche der
Zuhrer mehr als ihre Resultate.
    Konrad verstand wenig; die fr sein Ohr geknstelte Sprechweise strte ihn,
und die vielen geistreichen Bemerkungen, auf die alles mit glnzenden Augen
wartete, um sie dann trampelnd zu quittieren, schienen ihm der Wrde der Sache
nicht angemessen. Er fhlte sich leer und mde, als er herauskam. Wie hungrig
war er gekommen, wie berhungert ging er fort!
    Auf dem Gang begegnete ihm Else Gerstenbergk. Er freute sich, inmitten der
Scharen Unbekannter, die sich, nach ihren Gesprchen zu schlieen, jetzt schon
auf Grund ihrer Berufe sonderten, jemanden zu treffen, dem er sich mitteilen
konnte.
    Professor Grne ist ein Gehirnequilibrist, dessen fabelhafter
Geschicklichkeit zuzusehen die Nerven angenehm aufpeitscht, sagte sie. Da Sie
jedoch zunchst nicht Seiltanzen lernen wollen, sondern gerade gehen, rate ich
Ihnen frs erste zu weniger glnzenden Namen und weniger vollen Hrslen; und
mit warmer Anteilnahme gab sie ihm ihre Ratschlge.
    Sie studieren wohl schon lange? frug er sie, erstaunt ber ihre
Sachkenntnis.
    Ja und nein, entgegnete sie mit einem Lcheln; als ich noch den Dr. phil.
als letztes Ziel all meines Strebens ansah, war ich von unstillbarem
Wissenshunger erfllt und verzichtete lieber auf alles, Ruhe, Vergngen, Freude,
als da ich eine meiner Vorlesungen versumt htte. Sie machte eine kleine
Pause. Jetzt komme ich nur noch, wenn Pawlowitsch nicht kommen kann. Sehen Sie,
hier, und sie zeigte ihm ein mit statistischen Berechnungen geflltes Heft,
ich schreibe diese Zahlen fr ihn nach. Ein Glockenzeichen schreckte sie auf.
So spt schon! - und mit einem eiligen Hndedruck lief sie davon. Da sie so
wenig Zeit fr ihn hatte! Gerade in diesem Augenblick htte er sich an sie
klammern mgen wie ein ermatteter Schwimmer.
    In der nchsten Vorlesung traf er der Verabredung gem Warburg. Er fand
ihn, wie stets, wenn er ihn wiedersah, in steigendem Mae erfllt von der Freude
an seinem Studium. Das reizte ihn zu einem Gefhl, gemischt aus Neid und
Enttuschung. Jede neue Tatsache, die der Dozent vom Katheder herunter mit
monotoner Stimme aus dem abgegriffenen, vielfach benutzten Manuskript vorlas,
hinterlie einen hellen Glanz auf dem farblosen Gesicht des Freundes, und
lebhafter, als es sonst seine Art war, sprach er nach dem Kolleg, whrend sie
Arm in Arm vor der Universitt auf und nieder schritten, von der quellenden
Flle des Wissens, die von diesem ehrwrdigen Hause seit einem Jahrhundert in
die Welt strme und durch die groen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte an
Reichtum immer noch zugenommen habe.
    Das Unglck ist nur, da des Geistes Gef zu eng ist, um alles
aufzunehmen, schlo er enthusiastisch.
    Und selbst, wenn es gro genug dafr wre, meinte Konrad, was httest du
davon, jeden Stern benennen, die Liebesregungen jedes Wurms beobachten, die
Wirkungen jedes Elements berechnen zu knnen?
    Was ich davon habe, du griesgrmiger Trumer?! rief Walter, was ich wei,
besitze ich; zum Herrn der Welt macht mich die Erkenntnis.
    Die Erkenntnis vielleicht! Aber du begeisterst dich nur fr Kenntnisse -
    Walter blieb mitten auf der Strae stehen, um dem Freunde gerade ins Gesicht
zu sehen. Versuch's einmal, Konrad, sagte er eindringlich, versuch's
ernsthaft, konsequent, dir diese gering geachteten Kenntnisse anzueignen, die
aller Erkenntnis Grundlage sind. Man mu berall von der Pieke auf dienen, wenn
man etwas Tchtiges werden will; du hast nach einem Gipfel strmen und die
ermdende Talwanderung vermeiden wollen.
    Ganz richtig, antwortete Konrad heiter - der goldene Herbstglanz in der
Luft, der die Baumreihen der einzigen kniglichen Strae Berlins umspielte,
hatte auch an seinem Himmel die Wolken verscheucht, so da er in der Ferne,
traumhaft, die siegkndende Gttin ber dem Sulentor verheiungsvoll leuchten
sah - mit achtzig Pferdekrften durch die Tler sausen, nur auf die Gletscher
und Felsen zu Fu, das entsprche meiner Begierde. Aber du weit ja, ich fge
mich, da dieses Zeitalter das der Herden ist, und marschiere in Reih und Glied.
Er bltterte in seinem Notizbuch und zog den Freund mit sich fort. Rasch - ich
versume den Anschlu: Einfhrung in die Nationalkonomie.
    Er wurde ein ungewhnlich fleiiger Student, der seinen Lehrern auffiel,
aber es lag etwas Krampfhaftes in seinem Flei, und wenn Warburg, erstaunt ber
die Zhigkeit, die er entwickelte, seiner Freude darber Ausdruck gab, sah er
ihn mit spttisch gekruselten Lippen und einem eigenen Lcheln an, hinter dem
eine wesenlose Trauer sich zu verbergen schien. Eulenburg erklrte ihm in seiner
derben Weise wiederholt, da es ein Zeichen beginnenden Irrsinns sei, morgens
Philosoph, mittags Nationalkonom, nachmittags ein Sozio-, Physio-, Zoo-, oder
sonst ein Loge zu sein - statt dem Feuergott lieber in irgendeiner Form
persnlich zu dienen - und nachts infolgedessen eine Schlafmtze. Seine
dringenden Einladungen, ihn in die Bars und Kabaretts zu begleiten, schlug
Konrad ab; statt dessen sa er zu Hause ber den Bchern, die er sich fast
tglich, wenn irgendein neues Thema ihn gepackt hatte, aus den Bibliotheken
heimbrachte, oder besuchte, von Pawlowitsch angeregt, die Bildungskurse der
Arbeiter, wobei ihn, wie er ehrlich gestand, die Zuhrer mehr interessierten als
die Vortrge, und der Vortragende mehr als das, was er vortrug.
    Gleich an jenem ersten Abend, zu dem er durch den Russen eingeladen worden
war, hatte er sich in seinen tiefgewurzelten Neigungen verletzt gefhlt, und der
Aufruhr, in den er dadurch geraten war, hatte ihn die eigenartige Umgebung, in
der er sich befand, fast vergessen lassen.
    Pawlowitsch sprach ber die deutsche Literatur nach Goethe und kritisierte
dabei die Romantiker als reaktionre, aller Wirklichkeit abholde Trumer, die,
von ungreifbaren Sehnschten erfllt, zu schwach, um sich kmpfend den elenden
Verhltnissen der Zeit entgegenzuwerfen, in der Weltflucht ihr Heil gesucht und
das Leben zum Spiel gemacht htten. Das Bild des alten Habicht, seines in
Hochse fast ein wenig geringschtzig behandelten Lehrers, tauchte in Konrads
Erinnerung auf, wie er dem Knaben zuerst mit vor Rhrung zitternder Stimme
Hlderlins Hyperion vorgelesen hatte. Seitdem war der Dichter ihm ein Freund
geworden, die ganze Periode der Romantik eine so vertraute, da er sich unter
den Schlegel und Tieck, den Brentano und Hardenberg heimisch fhlte und ihre
Bcher ihn in der Bamberger Pension die kalte Fremde der Gegenwart oft genug
verschmerzen lieen. Und Pawlowitsch kannte einen Hlderlin kaum, und die
Gestalten einer Bettina Arnim, einer Caroline Schlegel erschienen in seiner
Schilderung wie Typen berspannter Weiber.
    Kaum hatten sie sich nach dem Vortrag im Speisesaal des Gewerkschaftshauses
wieder zusammengefunden - einem beraus nchternen, schlecht erleuchteten und
noch schlechter gelfteten Raum, der an jenem Tage infolge des endlos
pltschernden Regens drauen, und der vielen tropfenden Kleider und Schirme
drinnen, besonders dster und ungastfreundlich war, - als Konrad seiner
Empfindungen nicht mehr Herr blieb und ihnen lebhaften Ausdruck geben mute.
Pawlowitsch lchelte berlegen.
    Die neue Jugend! sagte er, sie hnelt verzweifelt der von mir nach Ihrer
Ansicht so bel behandelten von damals. Aber selbst, wenn Sie recht htten, wenn
ich mich wirklich einer Geringschtzung groer Knstler schuldig gemacht htte
-, was ich bestreite, denn es kommt auch in der Kunst nicht auf Inhalte, sondern
auf Wirkungen an, - und Sie mich davon berzeugen knnten, ich wrde meinen
Vortrag nicht um einen Satz ndern.
    Also gegen Ihre berzeugung sprechen, unterbrach ihn Konrad entrstet.
    Pawlowitsch machte eine abwehrende Handbewegung: Ruhe, Ruhe, junger Freund!
Geschmack hat, noch dazu, wenn er schlecht ist, mit berzeugung nichts zu tun.
Wohl aber stehen meine Vortrge wie unsere ganze Bildungsarbeit innerhalb des
Proletariats berhaupt im Dienste einer berzeugung: der des Sozialismus, der
des Klassenkampfes. Besser, hundertmal besser - seine Augen begannen zu funkeln
und sein Gesicht verlor den Ausdruck versteinter Ruhe, der es sonst beherrschte
-, ich vermittle meinen Hrern einen schlechten Geschmack, als da ich sie auch
nur einen Augenblick lang an ihrer Weltanschauung irre mache.
    Ein paar Arbeiter, die dem Vortrag beigewohnt hatten, traten, von der
lebhaften Unterhaltung angezogen, hinzu; man rckte zusammen, und sie setzten
sich.
    Ganz richtig, ganz richtig, nickte der eine, ein lterer Mann mit harten
Fusten und verwitterten Zgen, Kunst und Dichtung sind fr uns Mittel der
Zerstreuung, Gensse fr die Feierstunden statt der Kneipe oder der blden Witze
der Possenreier. Es ziemen uns nicht mehr die Laster der Unterdrckten, noch
die migen Zerstreuungen der Gedankenlosen, sagt schon Lassalle. Er hatte
langsam und dozierend gesprochen, ohne Wrme. Konrad wandte sich ihm zu.
    Grade von diesem Gesichtspunkt aus: da Sammlung statt Zerstreuung,
Anregung statt Einlullung des Geistes notwendig ist, sagte er, drften Ihnen
Dichter wie Hlderlin nicht vorenthalten werden. Eine Erhebung der Seele, eine
Bereicherung des Gemts geht von ihnen aus -
    Bleiben Sie uns doch mit dem Gemt vom Leibe, warf Pawlowitsch heftig ein,
diesem Alpdruck des Deutschtums, der auf allem lastet, was sich aus Schlaf und
Traum befreien will! Gemt! - Die Fessel am Fu, an der ihr die Traditionen und
Sitten der Vergangenheit mit euch schleppt. Gemt! - das euch an Scholle und
Familie, an Kirche und Krone kettet! Wissen Sie nun, warum ich die Romantiker
ablehne, ablehnen mu? All unsere Bildungsarbeit wird durch die Erfordernisse
des Klassenkampfs bestimmt. Was ihn schwchen kann, darf keine Rolle spielen.
    Wieder nickte der Arbeiter. Nur solche Wissensgebiete sind fr uns von
Bedeutung, die uns unsere Stellung im Klassenkampf besser erkennen lehren, uns
fr ihn fhiger machen, dozierte er.
    Aber Wissen und Kunst sind doch zweierlei, haben im Grunde gar nichts
miteinander zu tun, sagte Konrad lebhaft, wobei er sich bittend nach Warburg
und Else Gerstenbergk umsah, die bisher geschwiegen hatten. Beide lchelten ihn
auch jetzt nur wortlos an, der eine in seiner versonnenen Art, die andere mit
einem leisen Kopfneigen, wie dem der Zustimmung.
    Ich verstehe den Herrn nicht, mischte sich jetzt der jngere Arbeiter ins
Gesprch, ein blasser, schmalbrstiger Mensch mit zusammengekniffenen Lippen.
Was ist uns heute zum Beispiel anderes vermittelt worden als Wissen; und was
will der Herr anders, als da wir auch von den Dichtern, die er liebt, etwas
erfahren, also noch mehr wissen sollen?
    Konrad blieb die Antwort schuldig. Er sah eine Kluft vor sich aufgerissen,
viel breiter und tiefer, als die, welche er als zwischen den Klassen bestehend
angenommen hatte. War sie wirklich nur ein Abgrund zwischen zwei Bergen
derselben Erde, oder der Weltraum zwischen zwei Sternen?
    Die Freunde verabschiedeten sich. Es regnete noch immer. Auf der Strae, vor
dem roten Hause standen die Wasserlachen; schwarz und trge flo der Kanal
vorber; selbst ber den Laternen hing der Regen wie ein Trauerschleier.
    Diese Vergtterung des Verstandes ist die Entgtterung der Erde, sagte
Konrad. Warum schweigst du brigens immer? Du wenigstens httest mir beistehen
knnen, dann htte ich auch nicht schmhlich die Flucht ergriffen.
    Mich packte das Schauspiel zu sehr, als da ich Mitwirkender htte sein
mgen.
    Bequeme Ausrede!
    Diese bewute Beschrnkung, diese berzeugungstreue, die sich selbst zur
Einseitigkeit verdammt, hat etwas Grandioses, fuhr Warburg unbeirrt fort.
    In Konrads Kopf klopfte das Blut: Und das sagst du?! du, der du all deine
Klugheit, all deine Verstandeskhle daran setztest, um mich den Frevel bewuter
Beschrnkung, einseitiger berzeugungstreue einsehen zu lehren, auf der die
katholische Kirche ihre Geisteszwingburg baute?!
    Noch freue ich mich, da es gelang, entgegnete Warburg, trotzdem werde
ich, historisch betrachtet, auch die Groartigkeit ihrer Politik anerkennen.
Vielleicht, fgte er in zgerndem Nachdenken hinzu, ist sie die notwendige
Voraussetzung allen Erfolgs.
    Damit gibst du zu, da von Rechts wegen eine Tyrannis die andere abzulsen
htte, rief Konrad.
    Ich hte mich wohl vor solch voreiligen Schlufolgerungen. Ich konstatiere
nur Tatsachen, meinte Warburg, der, die Arme im Rcken verschrnkt, den Kopf
vorgebeugt, mit den gesenkten Augen gleichsam an der Erde suchend neben dem
Freunde herging, dessen Blicke hin und her flackerten, sich hier an einem
Gesicht, dort an einem Wolkengebilde festsaugend, um es rasch wieder
loszulassen.
    Jetzt blieb Konrad mit einem leichten Aufstampfen des Fues stehen. Erstaunt
sah Warburg auf.
    Zum Teufel mit deiner Objektivitt! berla doch so was den Mummelgreisen,
die, weil sie selbst eine Brille auf der Nase tragen, das kalte Auge der
Wissenschaft preisen. Ich will nicht anschauen; ich will erleben - erleben! Ich
forsche nicht nach dem Ding an sich, sondern danach, was es fr mich ist, fr
mich sein kann.
    Warburg lchelte ein wenig berlegen. Darum bist du ja auch, wie ich schon
immer sagte, von Natur awissenschaftlich, sagte er, httest ein Kriegsmann
oder ein Knstler werden sollen.
    Konrad schwieg verletzt und grub die Zhne tief in die Unterlippe. Der
Freund, dachte er, htte wissen mssen, da er eine seiner wundesten Stellen
traf. Soldat! - Das hatte ihn zeitenweise in Trume von Krieg und Ruhm verwoben,
ihm als kstlichstes Ziel vorgeschwebt, aber dann sah er die Wirklichkeit:
Uniformprotzen, Rekrutendriller, die Wunsch und Sehnsucht rasch erstickte.
Knstler! - Leidenschaftlich hatte er ein paar Jahre lang Geige gespielt, - mit
viel Talent, sagten die Lehrer, - um das Instrument schlielich, als er sich
ohne Erfolg mit einer eigenen Komposition geqult hatte, fast mit einem Gefhl
von Ekel beiseite zu legen. Auch Gedichte hatte er gemacht, - er betonte, wenn
er davon sprach, sich selbst verhhnend, das gemacht, - und htete sich spter
ngstlich, irgendeinen rhythmischen Einfall zu Papier zu bringen, weil er nicht
geworden und gewachsen war.
    Die Freunde trennten sich ernstlich verstimmt und sahen sich in der nchsten
Zeit nur flchtig.
    Auf Konrads Schreibtisch, der ihm im khlen Lichte dieser Tage nicht einmal
grotesk erschien, sondern in seiner absurden Hlichkeit einen beinahe
lcherlichen Eindruck machte, huften sich danach Bcher sozialistischen
Inhalts. Lange Zeit hindurch stand er unter dem berauschenden Einflusse
Lassalleschen Pathos. Er wlzte abenteuerliche Plne im heien Kopf: Die
Gefesselten befreien, die Entrechteten zur Wrde sich selbst bestimmenden
Menschentums erheben - welch eine Aufgabe wre das! Doch wenn er dann, ganz
erfllt, mit vor Tatenfieber klopfenden Pulsen andere sozialistische Zeitungen
und Broschren zur Hand nahm, oder in Versammlungen ging, bei deren Besuch er
sich allmhlich von Pawlowitsch emanzipierte, der ihn zu leiten, ja zu
beherrschen suchte, so wurde der Eindruck immer strker, da das reine Gold der
ursprnglichen groen Ideen auf der einen Seite gegen die Kupfermnzen
alltglicher Sorgen und Erlsungen, auf der anderen Seite gegen die
abgegriffenen gedruckten Anweisungen auf illusorische Schtze eingetauscht
worden war.
    Ideen werden altersschwach, sobald man sie auf die Flaschen des sogenannten
gesunden Menschenverstandes zieht, sagte er einmal in einer Stunde tiefer
Depression zu Pawlowitsch; so geht das Christentum am Protestantismus
zugrunde.
    Und der Sozialismus - woran? frug der Russe, whrend sein rechter
Mundwinkel sich sarkastisch in die Hhe zog.
    Das vermag ich nicht zu bezeichnen; es ist auch wohl vermessen, angesichts
der Millionen seiner Anhnger vom Zugrundegehen berhaupt zu sprechen,
entgegnete Konrad, nur - es wirkt so entmutigend, ernchternd, wenn man die
Nachkommen seiner Helden und Mrtyrer sieht: trockne Schulmeister, korrekte
Beamte.
    Entmutigend?! Ernchternd?! wiederholte Pawlowitsch mit hartem Auflachen.
Sie sind sehr mavoll, Herr Baron! Eher sollte der Sozialismus ganz zugrunde
gehen, als da er nach den Idealen jener Schulmeister und Beamten etwa in
Konsumvereinen und Baugenossenschaften seine sogenannte Erfllung fnde! Aber
noch sind wir da - wir! und ein triumphierendes Leuchten glitt ber seine Zge.
    Wir, das war der Freundeskreis des Russen, eine Gruppe radikaler
Sozialdemokraten, fast nur Slawen und Juden, mit der auch Konrad zuweilen
zusammenkam. Hier war Leidenschaft, hier war Emprung, - aber jene kalte und
verbissene, die nur das Resultat einer ununterbrochenen Kette von
Unterdrckungen sein knnen; hier war berzeugungstreue, aber eine, die
religise Wrme in die Eisluft grausamen Fanatismus wandelt. Hier war Sehnsucht,
aber vor allem jene negative der Hassenden, deren deutlichstes Ziel Rache ist
und Zerstrung.
    Stets war es ein Gefhl des Frstelns, das Konrad aus dieser Umgebung
heimwrts trieb. Mit einem erleichterten Aufatmen pflegte er dann nach seinen
geliebten Dichtern zu greifen, bald alles um sich her vergessend; in
rhythmischem Tonfall, fast ein wenig psalmodierend wie die katholischen
Priester, las er erst leiser, dann lauter und lauter sprechend die tnenden
Verse vor sich hin, im Takt im Zimmer auf und nieder schreitend. Wenn Giovanni
ihm den Tee servierte - eine alte Hochsesser Gewohnheit, die er wieder
aufgenommen hatte -, unterbrach er sich kaum; das Summen der Flamme, das Brodeln
des Wassers erschien ihm vielmehr wie die Begleitung seiner Melodien.
    Einmal - Giovanni war in ein Variettheater gegangen, Erinnerungen an die
eigene Kunst schienen ihn immer hufiger hinzuziehen, was Konrad lchelnd
geschehen lie, gnnte er doch dem alten Manne dies bichen wiedererwachende
Lebensfreude - brachte Gina, die Bucklige, den abendlichen Imbi; vergebens
hatte sie vorher an der Tre geklopft, er hatte, von den musikalischen Akkorden
Georgescher Verse hingerissen, ihr Pochen berhrt. Leise, da nichts dazwischen
klirrte, deckte sie den Tisch, mit den feinen Fingerchen Glas und Porzellan,
Brot und Obst zierlich ordnend. Erst als das Wasser im Kessel zu rauschen
begann, bemerkte Konrad die Kleine. Sie stand bewegungslos, die blassen Lippen
halb geffnet, die groen Augen auf ihn gerichtet, in ihrem roten Kleidchen an
den grnen Teppich gelehnt; die braunen, lockigen Haare bedeckten barmherzig den
Hcker, so da sie einem Elflein glich, das dem Walde entsprungen war, um der
tiefen Menschenstimme zu lauschen.
    Du, Gina? sagte Konrad lchelnd. Wie gut pate dies hauchzarte Kind in die
Stimmung des Abends. Sie stammelte eine Entschuldigung, um gleich darauf, aus
dem Erstaunen erwachend, den nunmehr am Tisch Sitzenden mit ruhiger Grazie zu
bedienen. Ihre Fchen versanken lautlos im Teppich, und jede Bewegung schien
bei all ihrer Natrlichkeit doch von groer Kunst diktiert, denn niemals wandte
sie dem jungen Mann den verunstalteten Rcken zu. Eine wohlige Behaglichkeit
breitete sich um ihn aus; die Mahlzeit dauerte lnger als sonst, denn Konrad
mute immer wieder auf die zarten Hnde, in das strahlende Gesichtchen, auf die
weichen Locken des Mdchens schauen, in denen Goldreflexe spielten, und es trieb
ihn, den wehmtigen Mund lcheln zu sehen.
    Liebst du Gedichte? frug er sie.
    Ich hrte sie nie, sagte sie.
    Auch nicht in der Schule? forschte er weiter.
    Nie ging ich zur Schule - voll Beschmung den Blick gesenkt, gestand
sie's. Nach dem Sturz war ich jahrelang krank; erst jetzt lernt' ich gehen.
    Dem Sturz?! Wann war das und wie?
    Noch tiefer fiel ihr Kpfchen auf die schmale Brust, die Haare glitten zur
Seite und enthllten den Hcker. Ich lernte turnen auf ihren Schultern,
flsterte sie stockend, oh, sie war bse damals! Sie hatte so sehr auf die neue
Nummer gehofft!
    Die Mutter? staunte er.
    Sie nickte. Doch nun ist sie gut, weil Sie hier sind, ein schwrmerischer
Blick heftete sich auf ihn, weil Giovanni ihr mit den Hunden eine neue, viel
schnere Nummer lehrt.
    Darum also war der Alte stundenlang bei Frau Wanda im Zimmer, aus dem dann
ein vielstimmiges Konzert von Hundegebell, Weibergekreisch und dem Gelchter
eines zahnlosen Mundes hervordrang!
    Konrads Schweigen rief in des Kindes Zgen den Ausdruck jher Angst hervor.
Sie werden doch nicht fortziehen? murmelte sie, die Hnde ineinander ringend,
weil die Mutter eine Jongleuse ist?
    Er strich ihr beruhigend die Haare aus dem Gesichtchen; seltsam, wie hei es
war und doch unverndert schneewei. Ich bleibe und wenn du willst, lehr' ich
dich lesen.
    Oh! wie heller Jubel klang's, von einem groen dankbaren Blick begleitet.
    Von nun an brachte sie ihm regelmig den Tee, ohne da der sonst so
eiferschtige Giovanni sie daran gehindert htte. Er schien in den Unterricht
der gelehrigen Schlerin, in die Beobachtung ihrer Erfolge auf der Bhne ganz
vertieft; er vernderte sich aber auch zusehends im ueren, indem er auf seine
Toilette grere Sorgfalt verwendete und sich krampfhaft gerade zu halten
suchte. Eines Tages entdeckte Konrad sogar, da er sich die Haare wieder gefrbt
hatte. Das widerte ihn an, und um so lieber lie er sich des Kindes Dienste
gefallen. Eine Atmosphre zarter Sorgfalt verbreitete sich um ihn, mit der nur
die Zrtlichkeit eines Weibes den Geliebten zu umgeben vermag. Sie lernte um
seinetwillen die Treppen gehen und erschien, wovor sie sich stets so sehr
gefrchtet hatte, ohne Scheu unter dem aufkreischenden Kindervlkchen des
Enckeplatzes, um tglich mit frischen Blumen seine Tafel zu schmcken; ja, sie
wagte es schlielich sogar, bis zur Markthalle zu gehen, um mit sicherem Blick
die schnsten Frchte fr ihn auszusuchen. Blieb er dem Hause fern, so kauerte
sie vor seinem Schreibtisch, eifrig Lettern malend und buchstabierend, bis sie
ihn eines Abends strahlend mit dem Vorlesen eines Gedichtes berraschte, seinen
Tonfall und seinen Rhythmus genau nachahmend. Und jede Nacht, er mochte
heimkommen, wann er wollte, kroch sie, vom leisesten Gerusch seines Schritts
erwachend, aus dem Bett, warf sich ihr rotes Kittelchen ber und brachte ihm
frisches Wasser. Sie hatte bemerkt, da er es sich sonst selbst zu holen
pflegte.
    Alle Ereignisse ihres kurzen Lebens vertraute sie ihm allmhlich an,
Erlebtes und Getrumtes dabei seltsam durcheinander mischend.
    Wer der Vater eigentlich gewesen war, wute sie nicht; so viele Mnner seien
immer aus und ein gegangen, lrmende Leute, die alle Sprachen durcheinander
schwatzten, Kunstreiter und Clowns. Ein alter Mann mit einem bsen Gesicht -
vielleicht war's der Vater gewesen - habe sie einmal alle hinausgeworfen, die
Treppe hinunter, ganz gewi! Sie erinnere sich genau, wie sie hinabgekollert
wren, einer ber den anderen, und wie der Clown schlielich grinsend auf den
Hnden gegangen sei. Und dann war die Tnzerin dagewesen, die einzige, die die
kleine Gina lieb gehabt hatte! Sigkeiten brachte sie ihr mit und nhte Kleider
fr ihre Puppen und kte sie - ach, seitdem sie den Hcker hatte, mochte sie
niemand mehr kssen, niemand! Sie sei gestorben, sagten die Leute, aber sie
wisse es besser: mit eigenen Augen habe sie gesehen, wie die Gute, Schne in
heller Mondnacht in ihren vielen, vielen, weien Rckchen zum Fenster
hinausgeflogen sei, - zu den Sternen, die der alte weie Zaubrer drben in sein
groes Glashaus fangen kann.
    Konrad hrte ihr zu und strte sie mit keinem Wort in ihren Trumen. Er
wute, wie weh das tut, und er war doch ein gesundes Kind gewesen!
    Manchmal, wenn es dunkelte, fuhr er mit ihr durch die Stadt in den
Tiergarten. Sie hatte niemals andere Bume gesehen als die des Gartens der
Sternwarte, nie andere Straen als die dunklen, schmutzigen der nchsten Nhe.
Er schmte sich vor sich selbst, da er am hellen Tage das Gelchter der anderen
ber seine seltsame Gefhrtin frchtete, aber er fhlte bald, wie die Dunkelheit
auch das Kind vor den zudringlich mitleidigen Blicken schtzte, die sie roh aus
der Traumwelt, in die sie versetzt wurde, gerissen haben wrden. Jetzt war ihr
der Tiergarten eine Welt voller Wunder, die schwarzen kahlen Bume verhexte
Riesen, die stillen Wasser der Nixenpalste schimmernde Dcher und die bunten
Lichter der Stadt der Nacht kostbares Geschmeide.
    Mehr als er es sich selbst gestand, erfllte dies Kind sein Leben und lie
ihn das unstillbare Sehnen vergessen, das ihn so oft zu verzehren gedroht hatte.
    Wie seine reine Seele sich vor ihm erschlo, sein unbeirrbarer Verstand sich
entwickelte, sein Herz, gleich einer Wasserrose, die auch aus dem tiefsten
Schlamm in weiem Gewande leuchtend emporsteigt, ihm entgegenblhte, - das alles
ward ihm zur tglichen Freude, zu um so grerer, als er sie tief in sich
verschlo.
    Niemand, auch Warburg nicht, wute von seinem Umgang. Gina verkroch sich,
sobald Konrad Gste hatte. Seine gleichmigere Stimmung, die Heiterkeit seines
Wesens, die auch trbe Stunden durchleuchtete, schob der Freund auf die
Befriedigung, die das Studium ihm mehr und mehr gewhrte, auch auf den
anregenden Umgang, der sich allmhlich entwickelt hatte.
    Trotz aller Gegenstze, oder vielleicht grade um ihretwillen - denn das ist
der Unterschied der Jugend vom Alter, da sie Widerstnde aufsucht, die das
Alter zu vermeiden sucht, wie sie aus lauter Kraftgefhl Felsen erklettert,
statt gebahnte Wege zu gehen -, hatten sich die Beziehungen zu Pawlowitsch mehr
und mehr zu freundschaftlichen gestaltet. Sie saen oft stundenlang debattierend
beieinander, besuchten sich auch bald in ihren Wohnungen, wobei Konrad die
Entdeckung machte, da der Russe, dessen freie Ehe mit Else Gerstenbergk bekannt
war, nicht mit ihr zusammenwohnte. Er hauste in ein paar Stuben von
puritanischer Einfachheit, die erst bei nherem Zusehen den bizarren Geschmack
des Bewohners merken lieen: an den Wnden hingen neben Photographien
Rubensscher Gemlde - die ppigsten Frauenleiber leuchteten in hundert
verschiedenen Stellungen daraus hervor -, Radierungen von Kte Kollwitz, aus
denen das Elend grinste und der Blutrausch schrie; und ber dem schmalen
Feldbett befand sich eine goldumrahmte Kopie der schwarzen russischen Madonna,
an der die Opfergabe eines silbernen Herzens hing.
    Glauben Sie, sagte Pawlowitsch, ich wrde so heftig gegen Gemt und
Traditionen wettern, wenn ich sie nicht noch in mir zu bekmpfen htte? Das da
gehrte meiner Mutter. Dies Herz opferte sie um meinetwillen, als ich mich von
ihr und ihrem frommen Glauben schied. Sie starb, whrend ich auf der
Peter-Paulsfestung war. Nicht einmal ihren letzten Wunsch, mich segnen zu
drfen, erfllte man ihr. Darum laufe ich wohl auch - schlo er mit rauhem
Lachen - als ein Gezeichneter durch die Welt.
    Zuweilen lud er die Freunde zu Else Gerstenbergk ein; dann wuten sie im
voraus, da er in jener seltenen weichen Stimmung war, die einen anderen
Menschen aus ihm machte.
    Mit einem freudigen Rot auf den Wangen, das sie fast schn erscheinen lie,
trat ihnen dann die Hausfrau entgegen, sie in das Zimmer fhrend, das sie mit
den alten Mbeln ihrer verstorbenen Eltern ungemein behaglich eingerichtet
hatte. Familienbilder, die verrieten, da die Bewohnerin einer Sippe von Beamten
und Offizieren entstammte, hingen an den Wnden, auf den Fensterbrettern blhten
Hyazinthen, der Nhtisch davor zeugte von vieler Benutzung.
    Sie htte zu Ihrer Zeit leben mssen, sagte Pawlowitsch, den Arm um ihre
Schultern gelegt, als er Konrad das erstemal bei ihr willkommen hie, das heit
zur Zeit der Schlegel und Tieck natrlich! Und sollte eigentlich um irgendeinen
kniglich preuischen gefallenen Freiheitshelden trauern. Statt dessen ist sie
im Zorn des Himmels eines lebendigen Revoluzers Liebste geworden. Eine tapfere
Liebste! fgte er, ihr ritterlich die Hand kssend, hinzu.
    An jenem Abend war er besonders mitteilsam. Drauen tanzten die
Schneeflocken gegen die Fensterscheiben, um sich auf der Strae in nagrauem
Schmutz aufzulsen; in dem altmodischen Kachelofen, der breit und behbig eine
Ecke des Zimmers vllig einnahm, brannte das Feuer. Der Russe lehnte daran,
whrend Else ab und zu ging, um das Abendessen aufzutragen.
    Wie gemtlich es bei Ihnen ist! sagte Warburg.
    Pawlowitsch lachte: Wenn es nicht Winter wre, ich wrde imstande sein, Sie
auf Ihr liebenswrdiges Urteil hin, das ich leider als berechtigt anerkennen
mu, ohne Umstnde der gtigen Wirtin allein zu berlassen. Wissen Sie, warum
die Englnder trotz aller Demokratie so fest mit ihren Traditionen verwachsen
sind, warum die Deutschen trotz aller umstrzlerischen Ideen Philister bleiben
und die Russen trotz der leidenschaftlichsten Freiheitsbegeisterung die
Revolution nicht durchgefhrt haben? Weil der lange Winter die husliche
Gemtlichkeit gezeitigt hat, weil das Herdfeuer, ein wahres Symbol besonders des
Germanentums, die Menschen von der schmutzigen Strae und der rauhen
ffentlichkeit weg in den Scho der Familie zieht. Ein alter allgemeiner Brauch
besttigt meine Auffassung: im Frhling freit der Bauer, damit er im Winter
unter Dach und Fach ist.
    Else kam mit der Obstschale und bat zum Essen. Sie setzten sich um den
runden Tisch.
    Auch den Liebesknsten dieser Frau ist der Winter der beste Bundesgenosse
gewesen, sagte Pawlowitsch, sie mit einem zrtlichen Lcheln betrachtend.
Erfroren, innerlich und uerlich, kam ich aus Ruland. Diese Frau ffnete mir
die Tr zum warmen Zimmer. Es bedurfte des ganzen Restes meiner Energie, um mich
dem Sturme drauen nicht ganz zu entwhnen.
    Danach wre die Ehe die kostbarste Waffe des Staates im Kampfe gegen die
Revolution, meinte Warburg.
    Sicherlich, erwiderte der Russe mit scharfer Betonung, sie ist das Mittel
fr alle Unterdrckung, geistige und physische: der junge Mann, der eben noch,
strotzend von Kraft, glhend von Begeisterung, eine Welt zu erobern oder eine zu
vernichten gedachte, wird in ihren Armen zum gesitteten Brger, der vor jedem
Idol staatlicher Macht den Rcken krmmt und mit saurem Schwei jedem rollenden
Pfennig nachluft; und die junge Frau wird unter ihrer Peitsche zur Sklavin, die
ihre Liebe fr das Brot und das Bett verkauft und in stndiger Prostitution
Kinder gebrt.
    Und der Weg, um diese Wirkungen aufzuheben? frug Konrad, obwohl er die
Antwort voraussah. Es lag ihm aber an der Fortsetzung dieses Gesprchs.
    Die freie Ehe natrlich - unsere Ehe! rief Pawlowitsch und legte die
breite Faust auf die weiche kleine Hand Elsens, die neben ihm auf dem Tisch
ruhte und unter der seinen nun vllig verschwand.
    Konrad verlangte danach, mehr zu hren: Wrde nicht, von Ausnahmen
abgesehen, fr die Masse eine Zgellosigkeit ohnegleichen die Folge sein?
    Pawlowitsch lachte hell auf: Nun sind Sie fast ein halbes Jahr in Berlin,
atmen sogar die vergiftete Luft, die ich um mich verbreite, und reden noch wie
ein frnkischer Landpfarrer! Zgellosigkeit! - Wann werden verstndige Leute
aufhren, erotische Bedrfnisse unserer Physis und ihre Befriedigung mit
moralischem Mastab zu messen und krperliche Treue der seelischen - jener
einzig notwendigen Folge wahrer, das heit geistiger Gemeinschaft zwischen Mann
und Weib - nicht etwa nur berzuordnen, sondern sie sogar fr die Treue an sich
zu erklren! Wenn ein Weib einen Mann erotisch entflammt und er ihren Leib
begehrt, den er erkannte, mu er dann zugleich ihre Seele lieben, von der er
nichts wei? Oder soll er verzichten wie ein Wstenheiliger und sie und sich um
eine Stunde rasenden Rausches betrgen, der vielleicht in seinem Hirn ein
unsterbliches Werk erzeugt, in ihrem Scho einen Helden?
    Er war aufgestanden, seine Brust hob und senkte sich, auf seinen
Backenknochen, die breit aus den eingesunkenen Wangen herausstachen, brannten
rote Flecken, und die kleinen Augen sprhten. Minutenlang war kein anderer Laut
im Zimmer zu hren als das Verknistern der letzten Flamme im Ofen. Else sa
still vor dem verwsteten Tisch, den Reste der Mahlzeit bedeckten; ihre Augen
hielt sie gesenkt, ihren Mund fest geschlossen, aber ihre Hand, die noch immer
auf dem weien Tischtuch neben dem Teller lag, ihre Hand sprach: zuerst
durchlief sie ein Zittern, das jeden Finger einzeln ergriff, dann ballte sie
sich, wie von schmerzhaftem Krampf zusammengezogen, um schlielich nach einem
wehen Zucken sich lang auszustrecken, bla und mde wie eine Sterbende.
    Erst die Stimme des Russen belebte sie wieder. Sing uns ein Lied, sagte er
rauh. Schwankend wie nach schwerem Traum erhob sie sich, trat ans Klavier und
schlug, noch bla vor Erregung, ein paar Akkorde an, die allmhlich voller und
voller anschwollen, whrend ihre Stimme immer sieghafter darber schwebte. In
leidenschaftlicher Melodie schien ihr ganzes Wesen sich aufzulsen. Das war das
blasse Mdchen nicht mehr, das die Roheit des Mannes traf wie die Wiesenblume
der Herbststurm, das war das Weib, dessen entfesselte Leidenschaft sie in den
Purpurmantel der Herrscherin hllte. Wie schn sie war! Mit einem Blick
strmischen Verlangens, den sie mit einem zrtlichen Aufleuchten in ihren Augen
beantwortete, beugte sich Pawlowitsch ber sie.
    Als die Freunde sich verabschiedet hatten, verfolgte sie noch lange das Bild
des Paares, wie es zuletzt unter dem weien Flurlicht vor ihnen gestanden hatte:
der starke groe Mann mit dem Arm um die Schulter der schlanken Frau, beide
strahlend im Glck vollen Besitzes.
    Eiskalt schlug der Schnee den Wandernden ins Gesicht. Sie schwiegen lange.
    Vor dem groen Weinhaus in der Leipziger Strae, dessen Drehtren sich trotz
der spten Stunde noch unaufhrlich bewegten, blieb Konrad stehen.
    Die Kehle ist mir wie ausgedrrt, als ob ich allein die Kosten der
Unterhaltung getragen htte, sagte er, gezwungen lachend; komm, wir wollen
noch ein paar Flaschen die Hlse brechen. Warburg suchte einen versteckten
Platz in einem der stillen oberen Sle, aber Konrad zog ihn in die dichteste
Menge der Tafelnden. Mitten darin wollen wir sein, wo sie lachen und lieben.
Er bestellte weien Burgunder: Napoleons Wein! Und als der goldne Trank in den
Glsern glnzte, meinte er grbelnd: Pawlowitsch hat unrecht: Dieser, der
grte der Helden, wurde im Bett der Ehe gezeugt!
    Und doch gewi im Rausch der Leidenschaft, sagte Warburg; Carlo Bonaparte
war ein Korse, mehr an die freie Luft, als an den warmen Ofen gewhnt.
    Du stimmst Pawlowitsch' Theorien zu? frug Konrad mit gespanntem Ausdruck,
die dunklen Augen voll auf den Gefhrten gerichtet.
    Sie scheinen mir zunchst in grerem Einklang mit den Forderungen der
Natur zu sein als die strengen Gesetze der Treue, die wohl nur ein Ergebnis
moralischer berlegungen sind, entgegnete Walter vorsichtig.
    Das bedeutet eine Zerreiung des Menschen in Geist und Krper, eine
Erniedrigung der Liebe auf das Niveau des Tierschen - und heftig, da der Wein
in aufleuchtenden Perlen berflo, setzte Konrad das Glas zum Munde.
    Du vergit, da wir unsere erotischen Bedrfnisse mit den Tieren gemeinsam
haben, unsere geistigen dagegen nicht; die Spaltung in uns ist daher von
vornherein gegeben.
    Damit ffnest du der Freiheit der Gelste Tr und Tor.
    Der Freiheit, - nicht der Zgellosigkeit, die wiederum nur eine
ausschlielich menschliche, der Natur fremde Verirrung ist.
    Du statuierst aufs neue Gesetze, die doch zu vage sind, um brausendes Blut
am berschumen zu hindern. Wo, wenn Freiheit die Norm sein soll, hrt sie auf,
Freiheit zu sein? Und, wenn der von Natur Nchterne mit zwei Glas Wein die
Freiheit, zu trinken, auskostet, wie steht's mit dem, dessen Durst jeder Tropfen
nur steigert, dessen Glut nur immer verzehrender um sich greift, weil, was fr
die anderen lschendes Wasser, fr ihn jenes Feuerwasser ist, das, wenn es
brennend in khle Quellen fliet, ihren ganzen Lauf in lodernde Flammen
wandelt?!
    Konrad -! rief Walter, erschrocken durch die Leidenschaft, die ihm
entgegenschlug, die aus des Freundes sprhenden Blicken noch wilder als aus
seinen Worten sprach.
    Jener lchelte: Du whntest, jene Kette des Wissens aus Zahlen und Namen,
Regeln und Theorien geschmiedet, mit der ich mhsam Tag fr Tag meine Glieder
umschnre, habe mein ungebrdiges Selbst in Fesseln geschlagen?! Immer rascher
leerte er sein Glas und fllte es wieder -. Ich will dir etwas anvertrauen,
etwas, das ich mir selbst nur in den dunkelsten Stunden sage: Meine Angst ist's,
jene grlichste Angst, die es gibt, die vor sich selbst. Bist du dir nie wie
dein eigenes Gespenst erschienen? Hast du dich nie vor den fremden wilden
Mchten in dir gefrchtet, wie der Vesuv sich vor dem Feuer in seinem Innern
frchten mu, das ihn zu zerreien, zu verbrennen droht? Es ist in uns immer
etwas, das hungert. Wir mssen der Bestie von Zeit zu Zeit blutigen Fra
vorwerfen, oder sie einsperren - ganz fest - ganz fest. Du siehst: Die Feigheit
macht mich sittsam wie einen Philister, und - der Ekel! Wieder und wieder
setzte er das volle Glas zum Munde.
    Konrad -! Walter legte die Hand mahnend auf Konrads heie Rechte. Der sah
ihn an mit einem weiten, leeren Blick, als she er an ihm vorbei, durch ihn
hindurch in die Ferne: Oder des blassen Kindes silberweie Reinheit, die selbst
alles andere Wei schmutzig erscheinen lt -
    Ein Gelchter, gell und mitnend, schlug an sein Ohr. Durch den Dunst von
Menschenatem, Zigarrenrauch, dampfenden Speisen und sen Gerchen vieler Weine
blickten Gesichter, unwahrscheinlich in roter Gedunsenheit, verzerrt durch
freches Grinsen, Mnner und Frauen, die am Tage korrekt und gesittet hinter dem
Ladentisch standen, an der Nhmaschine oder auf dem Drehstuhl saen, Rekruten
kommandierten oder Kinder erzogen. Wie sie einander lstern betrachteten, wie
die Augen der Mnner an den durchsichtigen Blusen der Mdchen, an den krachenden
Seidentaillen allzu ppiger Frauen forschend hngen blieben! Da lag ein Arm ber
einer Stuhllehne, an die sich schmachtend der runde Rcken eines Weibes lehnte,
- sicherlich eine tugendhafte Gattin und gute Mutter bei Tage -, dort unter dem
Tisch zerdrckte eine rote Hand das dnne Gelenk einer blassen Jungfer, drben
versanken zwei Augenpaare verzehrend ineinander, und das feiste Knie eines
Glatzkpfigen zwngte sich an das der kokettierenden Nachbarin. Und ber alledem
das Gelchter - gell und mitnend! Grhlten irgendwo kleine Teufel
triumphierend ber die Demaskierung da unten? Oder waren es vielleicht doch nur
die alten Herren mit weien Brten und blauroten Wangen, die sich an dem langen
Tisch unter der blanken Sule mit flackernden Augen unsaubere Geschichten
erzhlten?
    Konrad hrte nur noch, wie sie frhlich waren, sah nur noch Blicke, von
Liebe trunken, fhlte nur noch die groe Glut, die ber allen zusammenschlug.
    Als er nach Hause kam, lauter als sonst den Schlssel im Schlo drehend,
drang ein Lichtstreif aus dem Zimmer der Wirtin und Flstern, Lachen,
Hundewinseln. Unbezhmbare Neugierde beherrschte Konrad pltzlich, angestachelt
durch das Bild Frau Wandas, das er in seinem dunklen Reiz so greifbar deutlich
vor sich zu haben meinte, wie er es in Wirklichkeit nie gesehen hatte. Er stie
die Tre auf und sah in einen roten Nebel, aus dem zuerst Giovannis schwarze
Gestalt hervorkroch.
    Der Herr Baron, grinste er mit einem tiefen Bckling, und nach rckwrts
gewandt im Tone eines Befehlshabers: Schrei nicht, Wanda - wir wiederholen die
Probe: - Chin - Mao - Sem - Ysi - Jo - hierher! Eine Peitsche pfiff durch die
Luft, aufheulend strzten fnf winzige, schwarzgraue Hunde, von jener nackten
Rasse mit den bergroen vorstehenden Augen, aus dem Hintergrund, wo sie
nebeneinander, Konrad steif anglotzend wie Gtzen, gesessen hatten, und unter
der groen runden Lichtkugel aus rotem Glas, die von der Decke herabhing, reckte
sich der Krper der Jongleuse, von oben bis unten in rotem Trikot, der ihre
vollen Formen eng umschlo.
    Auch die Lichteffekte versuchten wir heut - krhte des Alten Stimme, dann
kauerte er sich mit hochgezogenen Knien auf das breite Bett im Hintergrund,
griff nach dem Tamburin, das darauf lag, und schlug es im Takt mit den
knchernen Fingern.
    Mit kleinen schwarzen Kugeln spielte das Weib. Sie leuchteten; sie sahen sie
an; sehnschtig, wenn sie ber ihrem Kopfe tanzten, trunken, wenn sie an ihr
niederrieselten; - waren es nicht Pupillen, herausgerissen aus den Augenhhlen
Lebendiger? Das Tamburin drhnte einen Siegesmarsch. Und zu Fen der Spielerin
hockten die Hunde zusammengedrngt und starrten sie an, unbewegt. Da klingelten
die Glckchen an Giovannis Instrument, und eilig, wie hungrige Affen, kletterten
sie von allen Seiten an der roten Gestalt empor, bis sie oben auf Brust und
Schultern hingen, die schwarzen, feuchten Schnuzchen dicht an ihrem Gesicht.
Mit einer Bewegung hingebungsvoller Ermattung lie sie die Kugeln fallen, sie
schlugen klingelnd auf, dann lagen sie vor ihr, aufwrts schauend, erloschenen
Blicks. Die Hunde aber wurden immer lebendiger: auf ihrem Kopf sa der eine und
whlte den nackten Krper in das ppige Nest ihrer schwarzen Haare; aus ihren
Armhhlen lugten zwei andere mit hngenden Zungen hervor; um ihre Hften hpften
die letzten, der eine den glatten langen Schwanz des anderen im Maul. In
rasendem Rhythmus drhnte das Tamburin.
    Und in Konrads Kopf brausten die Geister des Weins, in seinen Adern pochte
das Blut. Im nchsten Augenblick wrde er die eklen schwarzen Geschpfe von den
prangenden Gliedern reien und wrgen!
    Da ffnete sich die Tr hinter ihm - klirrend fiel etwas zu Boden - Glas
splitterte - Wasser rieselte dazwischen. Die Hunde sprangen zur Erde und
bellten.
    Du - du! schrie die Spielerin, mit erhobenen Fusten vorwrtsstrmend.
    Konrad wandte den Kopf: Todblassen Gesichts, in dem nichts lebte als die
haerfllten Augen, den frostschauernden mageren Krper nur von ihrem weien
Nachtgewand umhllt, stand die kleine Bucklige vor ihm. Und das Blut ebbte
zurck, die Geister des Weins entflohen. Mit einem Schritt war er zwischen dem
Kinde und der wtenden Mutter. Sie rhren das Mdchen nicht an, oder - bei
Gott! - und er griff nach der Peitsche am Boden.
    Das alles war nichts als ein wster Traum gewesen, dachte er am nchsten
Morgen. Aber Gina war krank, und als er an ihr Bettchen trat und die Hand auf
ihre Stirne legte, fhlte er das Fieber. Wanda schlug, als er kam, mit einem
bsen Blick die Tre hinter sich zu. Es mute also doch wohl wahr gewesen sein.
Am liebsten wre er umgezogen - sofort, aber die Augen des Kindes, die eine
Bitte waren, hielten ihn fest. Stundenlang sa er an ihrem Bettchen und las ihr
vor, whrend ihr schmales Gesichtchen von unbeschreiblicher Seligkeit strahlte.
Waren es Goethes Gedichte, die sie nicht oft genug hren konnte, so flsterte
sie leise mit; es klang wie zweistimmiger Gesang aus der Ferne.
    Du wirst einmal eine schne Stimme haben, Gina, sagte er.
    Wirklich? lchelte sie glcklich und summte trumerisch das Lied vom
Heidenrslein vor sich hin. Es ist viel schner wie das vom Monde, meinte sie.
    Warum denn? frug der Jngling.
    Rslein wehrte sich und stach - mut es eben leiden - sang sie, und zwei
schelmische Grbchen erschienen wie kleine Kobolde in ihren Wangen. Glauben Sie
nicht, Herr Konrad, fuhr sie dann ernsthaft fort, da das Rslein sich nur zum
Scheine wehrte? Es litt doch diesen Tod so gerne! Der andere aber, der vom Monde
sang: - rausche, rausche, lieber Flu! Nimmer werd' ich froh; so verrauschte
Scherz und Ku und die Treue so -, der hat nie, nie mehr gelacht, und wenn er
ber die Strae geht, weinen die Kinder, die ihn sehen.
    Sie richtete sich jh in den Kissen auf, geschttelt von Angst.
    Es war ein Knig von Thule, gar treu bis an das Grab - klang tief,
gleichmig, beruhigend Konrads Stimme, whrend seine Hand sie vorsichtig
bettete und seine Augen auf ihr ruhten. Noch ein Aufseufzen, und sie schlief
ein.
    Niemand wute, was ihr fehlte. Es kamen Tage, wo sie aufzustehen vermochte
und sich's nicht nehmen lie, wie frher, Konrads Tisch zu decken. Dann aber
trug ihr Giovanni die Teller und Schsseln, die ihre mageren rmchen nicht mehr
heben konnten, zu, und brachte ihr sogar heimlich Blumen zum Schmuck, fremde,
farbenfrohe, die lange gereist waren, um hier im Norden zu sterben.
    Seit jenem Abend hatte der Alte sich verwandelt. Er ging umher wie ein
Schuldbeladener. Stumm, in steter Dienstbereitschaft, bettelte er um Konrads
Gunst. Frau Wanda ging er scheu aus dem Wege. Abends war er stets zu Haus und
spielte mit dem kranken Kinde, wenn es allein war. Sein Jauchzen hatte Konrad
einmal in ihr Zimmer gelockt: da stand der Alte hinter einem Wandschirm, ber
dem er auf seinen Fingern mit bunten Lappen geschmckte Puppen agieren lie -
ein improvisiertes Kasperltheater, das Gina entzckte. Konrad war in sein
frhliches Knabenlachen ausgebrochen und hatte ihm mit einem liebevollen: Du
bist ein guter Kerl die runzlige Wange gettschelt. Von da an konnte sich
Giovanni nicht genug tun, um der Kleinen Freude zu machen.
    Nur zuweilen, wenn keiner ihn sah, und das Kind, was immer hufiger vorkam,
auf seinem Stuhle eingeschlafen war, wobei das Kpfchen ihm tief auf die Brust
sank und der Hcker hoch hervortrat, streifte es sein Blick voll Abscheu, und
des Nachts drckte er sich verstohlen hinter die Falten des Flurvorhangs, um,
wenn Wanda aus dem Theater nach Hause kam, die Sekunde zu erhaschen, wo sie
seine Augen mit dem Ausdruck verzehrenden Schnheitshungers umfassen konnten.
    Konrad, der sich der kleinen Kranken in der ersten Zeit ganz gewidmet hatte,
ging nun, da er sie wohler und gut aufgehoben glaubte, mit lebhaftem Eifer und
wachsender innerer Anteilnahme seinen Studien nach. Jener Wissensdurst hatte ihn
allmhlich ganz in seinen Bann geschlagen, der der Neugierde so nahe verwandt
und darum so spezifisch jugendlich ist. Jede neue Kenntnis, die er erwarb, trug
schon die Frage nach einer weiteren in sich, nur da diese Jagd nach Wissen die
dumpfe, in keine Formeln zu fassende Sehnsucht nach hheren Zielen nicht zu
unterdrcken vermochte.
    Wenn er sich mit Warburg darber aussprach, pflegte ihn dieser immer wieder
darauf hinzuweisen, da ein Beruf, ein Plne und Gedanken auf sich
konzentrierendes Ziel, ein Mittel sei, dem unruhigen Hin-und Herflattern seiner
Seele abzuhelfen. Der aber emprte sich stets aufs neue gegen diese Auffassung:
    Schlimm genug, wenn der Beruf das Ziel zu ersetzen vermag! sagte er.
Schlimmer noch, wenn der Mensch es ntig htte, wozu das Tier nur gezwungen
werden kann, in Kfige gesperrt zu werden, und ohne sie in der Freiheit - und
sei es selbst die Freiheit der Wste - nicht imstande wre, sich die Nahrung zu
erkmpfen, deren Geist und Seele bedarf!
    Pawlowitsch dagegen suchte mit allen Mitteln seines Verstandes und seiner
berredungskunst diesem unbestimmten Sehnen im Sozialismus Ziel und Richtung zu
geben, und seine Vortrge, denen Konrad regelmig beiwohnte, schienen ihrem
Inhalt nach oft nur fr diesen Adepten bestimmt zu sein. Nachher debattierten
sie.
    Die Jugend von heute ist von Geburt an altersschwach, polterte
Pawlowitsch, als Konrad wieder einmal, ganz khl und von nichts als von Zweifeln
und Widersprchen beladen, mit den Freunden aus dem Gewerkschaftshaus trat, die
frische, schon frhlingsduftige Luft in tiefen Zgen einatmend.
    Oder so stark wie Jung-Siegfried, der sich sein eigenes Schwert schmieden
mute, antwortete er dem Russen.
    Sie fuhren nach dem Westen hinaus bis zu dem Caf, wo sie sich an jenem
Herbstnachmittag zuerst getroffen hatten. Pawlowitsch bestand darauf, obwohl
Else Gerstenbergk die Freunde zu sich gebeten hatte.
    Der Tisch ist schon fr euch gedeckt, wagte sie noch einmal mit einem
schchternen Lcheln, das ihr sonst so fremd war, einzuwenden.
    Wir werden die Freiheit unserer Entschlieung doch nicht einem gedeckten
Tisch opfern, rief der Russe unwirsch, und sie fgte sich stumm.
    Am Ziele angelangt, knpfte er den Faden des Gesprchs aufs neue an und
erzhlte, sich immer mehr an der Glut der eigenen Erinnerung erwrmend, von
jener Zeit im Anfang der neunziger Jahre, wo er als junger Mensch zum erstenmal
nach Berlin gekommen sei - auch einer wie Sie, zum Revolutionr nicht geboren
- und in den starken, alles mit sich fortreienden Strom sozialistischer Ideen
hineingetrieben worden wre.
    Damals besaen wir den kostbaren, durch nichts zu ersetzenden Schatz eines
Ideals, fr das Titel, Vermgen, Vergangenheit und Zukunft wegzuwerfen, nicht
nur kein Opfer, sondern eine Seligkeit war. Whrend Sie und Ihresgleichen! - er
schrzte verchtlich die Lippen: Zugvgel seid ihr, die das Ziel verloren haben
und, umherirrend, schlielich kraftlos ins Meer strzen.
    Sie vergessen nur, da seitdem zwei Jahrzehnte verflossen sind, da die
Trume von damals Wirklichkeiten von heute wurden, warf Konrad ein.
    Unsinn, Unsinn - wehrte Pawlowitsch ab, haben wir vielleicht den
Sozialismus?
    Nein. Aber wir machten, scheint mir, viele Schritte in seiner Richtung und
sehen mehr und mehr, da der Weg nicht nur gangbar, sondern notwendig ist.
    Pawlowitsch trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.
    Die Bourgeoisshnchen waren also nur gerade krftig genug, sich fr eine
Idee zu begeistern, um das Proletariat jetzt, wo es zhe Arbeit, gnzlich
unromantische Anstrengung gilt, im Stich zu lassen?
    Verzeihen Sie, antwortete Konrad sehr ruhig dem Erregten, es handelt sich
doch wohl um zwei verschiedene Generationen, von denen Sie sprechen. Die eine -
die Ihre! - ist, so kommt es mir vor, gerade diejenige, die den Rausch der
Jugend berwunden hat und jetzt nchtern fr all jene Einzelziele kmpft - deren
Notwendigkeit ich gar nicht bestreiten will - fr die Sie uns, die neue Jugend,
aber um so weniger begeistern knnen, als - Sie mssen auch diese Offenheit
entschuldigen! - Sie selbst nicht mehr begeistert sind. Pawlowitsch bi sich
heftig auf die Lippen und warf ihm unter gerunzelter Stirn einen bsen Blick zu.
Fr Sie, fgte Konrad, der ihn ruhig auffing, hinzu, ist doch das alles nur
noch ein Rechenexempel -
    Und das letzte Ziel: die Aufhebung der Klassenherrschaft, die
Sozialisierung der Welt? frug Pawlowitsch, mechanisch in dem Glase lffelnd,
das vor ihm stand.
    Konrad zgerte mit der Antwort: Deren Voraussetzung die Diktatur des
Proletariats sein soll - nicht wahr? Pawlowitsch nickte spottend: Haben Sie
vielleicht dagegen etwas einzuwenden?
    Ja, entgegnete Konrad bestimmt.
    Wie?! rief Else mit einem Ungestm einfallend, das ihrem Interesse bei
diesen Fragen gar nicht zu entsprechen schien, und einem ngstlich flehenden Zug
um den Mund, den Konrad nicht verstand. Wie?! Sie knnten den Glauben von
Millionen zerstren wollen? Und ihre Augen suchten die des Russen, der
hartnckig in den Scho sah.
    Wer ihn wirklich besitzt, dem wird er durch einen jungen Menschen, der kaum
die Nase in die Welt gesteckt hat, auch nicht zerstrt werden knnen, meinte
Konrad, ich aber hab' ihn nicht - leider! - ich kann seine Verwirklichung nicht
einmal fr wnschenswert halten. Vielleicht - vielleicht wre sogar - zwischen
jedem Wort entstand eine Pause, und seine Augen richteten sich aufwrts, glitten
wie suchend ber die Kpfe der Menschen hinweg in die Ferne - der Kampf dagegen
ein - Ziel, wenn man dabei zugleich fr etwas kmpfen knnte.
    Er erwartete einen heftigen Angriff, aber statt dessen wandte Pawlowitsch
das Gesicht, in das sich zwischen Mund und Nase zwei tiefe Falten gegraben
hatten, Elsen zu und sagte mit einer von Wehmut leise durchzogenen Ironie:
Schau ihn dir an, Else, diesen Knaben aus den frnkischen Wldern mit der
groen Sehnsucht im Blut. Kein Vorurteil hat ihn von vornherein krummgebogen,
keine Grostadtdekadenz hat ihn abgestumpft; all meine berredungskunst, die
freilich greisenhaft genug geworden sein mag, verwandte ich auf ihn, und doch -
kann er nicht glauben! Genau wie bei uns, wo dieselbe Generation, die sich vor
wenigen Jahren fr die Revolution massakrieren lie, sich heute hchstens ber
Fragen der Erotik den Kopf - nicht einmal das Herz! - zerbricht! Seine Stimme
sank. Er lie es sich ruhig gefallen, da Else seine groe Hand zwischen die
ihren nahm.
    Du mut einlenken, mahnte Warburg leise, whrend Konrad den starken Mann
sich gegenber erschttert ansah und vor dem wehen, vorwurfsvollen Blick Elsens
beschmt den seinen senkte. Alles war er zu tun bereit, um den Eindruck, den er
gemacht hatte, wieder zu verwischen. Schon ffnete er den Mund, doch der Russe
fiel ihm ins Wort: Still! Nehmen Sie keine Rcksicht auf solche Rckflle in
die Gemts-Krankheit! Erklren Sie mir lieber, nicht etwa die Grnde Ihres
Unglaubens, - das interessiert mich nicht! - sondern, warum Sie die
Verwirklichung unserer Ideen nicht fr wnschenswert halten.
    Konrad errtete heftig: Das alles, was ich sage, lieber Herr Pawlowitsch,
sind doch nur Augenblickseindrcke! Ich bin wirklich nicht so vermessen, meine
Ansichten fr irgendwie feststehende zu halten. Else dankte ihm mit einem
warmen Blick.
    Gewi, gewi - das glaub' ich gern! Sie mssen mir aber demgegenber
gestatten, gerade von den ersten Eindrcken hellugiger Jugend oft mehr zu
halten als von den spteren schablonenhaften Resultaten sogenannt tiefgrndiger
Studien. Also?
    Wenn Sie es denn durchaus wissen wollen - aber, nicht wahr, Sie glauben mir
ohne weiteres, da ich all Ihren Gegenargumenten zugnglich bin? Pawlowitsch
nickte ungeduldig. Sehen Sie, mir scheint, da uns, den physisch Satten, das
Proletariat als die Klasse geistig Saturierter gegenbersteht. Freilich, sie
scharen sich durstig um jeden kleinsten Born des Wissens. Aber was ihnen
zufliet, ist ihnen ein Hchstes, ein Evangelium. Sie sind Besitzende, die stolz
auf ihren geistigen Geldscken ruhen. Erinnern Sie sich, wie neulich Ihr Freund,
- ein fhrender Genosse war es, glaube ich, - unter dem drhnenden Beifall der
Menge erklrte: von allen alten Banden der Religiositt, von all jenen
mystischen Phantasien und Sehnschten, die nur diejenigen beschftigen knnen,
welche zu faul oder zu feige sind, sich realen Dingen zu widmen, haben wir uns
endgltig frei gemacht, und wie man ihn umjubelte, als er schlielich ausrief:
auch Likrtrinken ist schn und gehrte einst zum Leben, wir wissen aber, da
wir ohne das auskommen, und dasselbe gilt von allen geistigen Schnpsen, die uns
Pfaffen, Philosophen und sthetiker vorsetzen. Solche Menschen, die fr alle
Fragen schon die Antwort wissen, die weiter hinaus, ins Unbekannte keine
Sehnsucht mehr haben - solche Menschen knnen uns weder Fhrer, noch drfen sie
der Zukunft Herrscher sein. Sie wrden mehr Fesseln anlegen als brechen, mehr
Saat zertreten als sen.
    Konrad brach ab; er frchtete, schon wieder zu weit gegangen zu sein, und
sah erwartungsvoll zu dem Russen hinber. Der aber lchelte nur gutmtig: Ist
das Ihre ganze Sorge, junger Mann? Doch selbst, wenn Sie recht htten, glauben
Sie, die Menschheit wre nicht Manns genug, sich solcher Fhrer wieder zu
entledigen? Und glauben Sie wirklich, die Befreiung von Millionen armer Menschen
aus Not und Elend wge nicht reichlich die paar sogenannten Kulturgter auf? Man
ist ja heute von trnenreicher Sentimentalitt in bezug auf sie, die vielleicht
im Strudel der groen Umwlzung verloren gehen werden. Er unterbrach sich und
sah nach der Uhr. Wir werden die Fortsetzung unseres Gesprches auf ein anderes
Mal verschieben mssen, sagte er. Ich habe noch eine Verabredung.
    Auf der Strae trennten sie sich. Else war sehr bla, und beim Aufstehen
schien es Konrad, als habe sie geschwankt. Ich mchte Sie nicht allein gehen
lassen, sagte er besorgt. Sie nahm wortlos seine Begleitung an.
    Ihm fiel ein, was ihm in letzter Zeit von Pawlowitsch vielfach zu Ohren
gekommen war, - mit den Grundstzen, die er entwickelt hatte, stimmte es berein
-, da er ein wstes Leben fhre, mit der und jener stadtbekannten Schnen
gesehen worden sei und gegenwrtig mit einer verheirateten Frau ein Verhltnis
habe. Er sah Else an, wie sie gesenkten Hauptes neben ihm schritt, und sein Herz
krampfte sich zusammen. Hatte er sie nicht krzlich erst voll strahlenden Glcks
gesehen?
    Bis vor die Tr ihres Hauses schwiegen beide. Ich habe Angst um Sie,
Frulein Else, sagte er schlielich. Ich auch, erwiderte sie, wehmtig
lchelnd. Und dann: Kommen Sie, mein Tisch ist noch gedeckt. Ich frchte heute
die Einsamkeit. Er folgte ihr.
    Ein kleiner Teller mit Erdbeeren stand zwischen den anderen Schsseln auf
dem runden Tisch. Sie schob sie dem Gaste zu: Nehmen Sie, bis morgen sind sie
welk. Sie waren fr ihn bestimmt. Die ersten! Zwei groe Trnen rollten ber
ihre Wangen. Konrad griff nach ihrer Hand und fhrte sie an die Lippen: Else,
liebe Else! flsterte er. Mit einer mtterlichen Bewegung strich sie ihm die
Haare aus der Stirn: Groes Kind!
    Dann saen sie vor dem Ofen, dessen Feuer sie rasch noch einmal entzndet
hatte, denn sie fror trotz der Frhlingsluft.
    Das ist: die freie Ehe, begann sie leise und schwieg wieder.
    Sie sind allein - zu viel allein, meinte er. Ein verlorenes Lcheln
spielte um ihren blassen Mund: Eheleute, meinen Sie wohl, mten immer
beieinander sein?! Da die Ehe sie dazu zwingt, ist ihr Fluch. Ich glaube,
aneinandergekettete Sklaven mssen sich schlielich hassen, selbst wenn sie die
zrtlichsten Brder gewesen waren. Auch ich will frei sein, wie ich seine
Freiheit achtete, nur, ganz vergrmt sah sie in die spielenden Flammen, um erst
nach sekundenlangem Verstummen aufs neue fortzufahren: Sie kennen seine
Grundstze - er hat keine, die er nicht lebte, die das Leben ihm nicht zuerst
diktiert htte. Er liebt mich, er kann nicht los von mir. Er kommt immer wieder
zu mir zurck - immer wieder - seit Jahren. Vielleicht hat er recht - in allem!
Mein Verstand sagt ja. Aber mein Herz wird niemals aufhren, nein zu sagen,
nein!
    Sie glauben auch an die - andere Treue? frug er. Wie seltsam ihm zumute
war: Die dunkle Nacht, das dmmrige Zimmer, allein mit dem Mdchen, die im
Schein der kleinen verhngten Lampe vor ihm sa, ein ses Traumbild. Nur auf
ihren Hnden, den kleinen weichen Hnden, deren Berhrung auf seinem Haar er
noch sprte, lag das volle Licht.
    Glauben? Wie sollte ich? spottete sie wehmtig. Ich wei nur, da ich sie
halten mu, da Liebe Eins ist fr mich, vielleicht fr alle Frauen. Das ist ja
gerade das Grliche, ber das ich nie hinweg kann: ist sie wirklich beim Manne
zwiespltig, ist fr ihn ein Spiel, eine Befriedigung flchtigen Begehrens, was
fr uns Gipfel ist und Erfllung, dann gibt es nur den Kampf und nie die
glckliche Einheit der Geschlechter.
    Ich mchte glauben, meinte er in Erinnerung an seine Kmpfe, seine
Niederlage und seinen Sieg, dunkel errtend, da wir uns zu Ihrer Auffassung
erziehen knnten und - mten. Sie sah auf, neuen Glanz in den Augen:
    Und das sagt ein Mann wie Sie, in der Blte der Jugend! Nun stockte sie
wieder.
    In ihm tobte es von den widerstreitendsten Gefhlen: wie ein Bruder htte er
sie an sich ziehen, mit linden Worten um ihres Leidens willen trsten mgen, wie
ein Liebender wnschte er sehnschtig ihr Stirn und Hnde - die schnen, schnen
Hnde! - zu kssen, ach, und wie ein Kind verlangte er danach, den Kopf in ihrem
Scho, alles sagen zu drfen, was er litt! Er streckte die Hnde aus, die
gewlbten Handflchen nach oben, wie ein Bettler: Wenn Sie mich ein wenig lieb
haben knnten!
    Sie schttelte den Kopf: Mit ein wenig Liebe sollten Sie sich nie begngen.
Ganz und gro mu sie sein; dann ist sie, selbst, wenn sie ins tiefste Elend
fhrt, doch immer Glck - das einzige Glck gewesen! Manchmal, wie vorher, bin
ich schwach - weibisch; vergessen Sie's bitte! Selbst wenn er - nicht
wiederkme, bin ich doch reich, berreich gewesen.
    Er sah sie an, Mdigkeit und Trauer auf dem jungen Gesicht: Sie fhlen es
doppelt gegenber meiner Armut.
    Erlebe die Liebe, selbst wenn du vorher weit, da du an ihr zugrunde gehst
- mchte ich jedem sagen. Und wenn ich es sage, ich, die sich nicht einmal,
sondern hundertmal kreuzigen lt - ihre Augen umdunkelten sich, von Leid
berschattet - so mu es wohl wahr sein. Wre die Liebe nur Glck, sie wre
wenig. Aber sie ist Erlsung, Menschwerdung, ist Sonne, die alle geschlossenen
Blten wach kt, ist Regen, der alle verborgenen Keime zum Sprieen bringt,
Gewittersturm, unter dem die verschmachtete Erde zu neuem Leben erwacht. In ihr
findet alle Unruhe Gleichma, alle Sehnsucht Erfllung. Gott ist die Liebe,
sagen die Frommen und wissen nicht, was sie tun, wenn sie den verdammen, der da
sagt: Die Liebe ist Gott. Sie war aufgestanden, leuchtend in der eigenen
Begeisterung.
    Da ich ein Weib wie Sie zu finden vermchte, rief Konrad hingerissen.
    Ein Schatten flog ber ihr Gesicht: Einmal stand einer vor mir, wie Sie:
jung und schn und gut, murmelte Else nachdenklich, und Pawlowitsch sagte zu
mir: beglcke ihn. Ich weinte drei Tage lang vor Verzweiflung -
    Und der Jngling?
    Nahm eine Kokotte.
    Sie schwiegen beide. In die Stille hinein schlug die Uhr.
    Sie mssen gehen, sonst ben Sie die Nachtwache mit einem mden Tag,
sagte das Mdchen; aber vorher will ich Ihnen etwas zeigen - mein Geheimnis.
    Sie fhrte ihn ins Nebenzimmer. Da lagen auf Tischen und Sthlen viele
Puppen mit runden Kindergesichtern, von denen keines dem anderen glich; vom
stupsnasigen Bauernbbchen bis zum bllichen Stadtschulmdchen schienen alle
Physiognomien vertreten. Else machte eine wegwerfende Bewegung: Das ist nichts.
Mittel zum Erwerb, und auf seinen fragenden Blick, wir mssen leben - alle
beide - und er hat keine Ahnung vom Geldverdienen, desto mehr aber vom Ausgeben.
Als ich anfing, tat ich's aus Herzensdrang; ich arbeitete fr mein Kind, gab den
Puppen Gesichter, wie ich sie mir fr mein Mdel oder meinen Jungen ertrumte,
dann - sie brach ab und trat vor einen groen Glasschrank, den sie ffnete,
jetzt ist mein Geheimnis hier.
    Mit mattblauem Samt waren Wnde und Regale ausgeschlagen, von denen die
hellen Figuren davor sich duftig abhoben. Waren es Puppen, Elfen, verzauberte
Mrchengestalten? Sie trugen Kleider von Brokat und vergilbter Seide und
Spinnwebentll; Schleier und Kronen, Blumenkrnze und Nonnenhauben auf dem
flachsgelben Seidenhaar; ihre Gesichter waren bla, krnklich, bernchtig, mit
groen stummen Augen und mattrosa Lippen; ihre mageren Arme liefen in
langfingrige Hnde aus - solche Hnde, die nichts mehr halten knnen, so schwach
sind sie - und ihre Beine waren schlank und dnn in den Fesseln, da
Generationen von Knigen ntig gewesen sein muten, um diese Feinheit
hervorzubringen. Nie htten diese Frauen Mtter, diese Mnner Krieger sein
knnen. Sie waren nur schn, von letzter, vergeistigter Schnheit. Mitten unter
ihnen, als wre sie die Herrscherin, sa auf hochlehnigem Stuhl ein Prinzechen
in kurzem Spitzenkleid, goldbraune ppige Locken, von zartem Perlenkrnchen
geschmckt, umrahmten das Gesicht, das noch blasser, noch schmaler war als das
der anderen, und die Beinchen waren auch viel, viel dnner als die der Knige
und Kniginnen ringsum; das Prinzechen war viel zu vornehm, um ihre Fe mit
der rauhen Erde in Berhrung bringen zu knnen; sie war die letzte Blte des
alten Stammes.
    Konrads Blick blieb allein an ihr hngen. Vorsichtig nahm er sie in die
Hand, drehte und wendete sie sanft wie etwas sehr Liebes. Gina! flsterte er
selbstvergessen. Dann erst entsann er sich der Schpferin dieser Traumwelt. Mit
einem Blick, der Frage und Staunen und Bewunderung zugleich ausdrckte, sah er
sie an.
    Mu nicht jeder Mensch, wenn er nicht verarmen will, sich auf diesem allzu
hellen, allzu lauten Planeten einen Winkel schaffen, in dem seine verfolgte
Phantasie Alleinherrscher ist? Mssen wir nicht den Quellen in uns, denen die
Blumenwiese versagt wurde, die sie trnken sollten, irgendwo einen Brunnen
schaffen, damit sie uns nicht zersprengen? antwortete sie ihm; er hielt noch
immer das Prinzechen auf dem roten Stuhl in der Hand. Mgen Sie die Kleine?
Er streichelte mit dem Finger ber das Kpfchen und den Rcken: Ihr fehlt nur
der Hcker. Else sah ihn verwundert an: Der Hcker? Und nun erzhlte er ihr
von Gina und von allem, was ihm das weie Kinderseelchen war.
    Gleich morgen besuch' ich sie und bring' ihr meine Puppen, sagte Else
gerhrt; und die kleine Perlengekrnte gehrt Ihnen.
    Wie gut Sie sind!
    Ich glaube, Sie sind besser -
    An der Tre, zu der sie ihn begleitet hatte, drehte er sich noch einmal um:
Ich mu Ihre Hnde kssen, Ihre Zauberhnde. Aber er kte sie nicht nur, er
legte sie sich auf die Stirn, auf die Augen, auf das Herz.

Als Else Gerstenbergk am nchsten Morgen in Frau Wanda Fennrichs Wohnung trat,
erfuhr sie schon am Eingang von der heulenden Frau, da die Kleine in der Nacht
krnker geworden war. Sie fand Konrad mit bernchtigen Augen an ihrem Bettchen.
    Sie schrie nach mir, sagte er leise. Giovanni hat mich vergebens gesucht.
Jetzt, seit ich ihren Kopf gestreichelt habe, schlft sie.
    Nein, Herr Konrad, nein, tnte ein feines Stimmchen aus den Kissen, wie
knnt' ich schlafen, wenn du mich streichelst - ich trume nur - und ein Paar
fieberglnzende, kranke Augen richteten sich auf ihn.
    Gina! flsterte er erschttert.
    Leise war Else nhergetreten, ein paar ihrer Kinderpuppen in den Hnden.
Konrad schlang sttzend den Arm um die Kranke: Sieh nur, was du bekommen
sollst! Die Augen des Kindes bohrten sich in Elses Antlitz:
    Wer ist die fremde Frau?
    Eine liebe Freundin -
    Um die Lippen der Kleinen zuckte es, whrend ihre Augen noch immer an der
Besucherin hingen, prfend, feindselig. Ich spiele nicht mehr mit Puppen,
sagte sie hart und schlo die Lider, sich ins Bett zurckfallen lassend.
    Es ist wohl besser, ich gehe, meinte Else. Konrad erhob sich und reichte
ihr die Hand: Haben Sie Dank, tausend Dank, da Sie kamen. Jetzt erst bemerkte
sie, wie elend er aussah. Sie erschrak: Ich komme wieder, heute noch, nur um
nach Ihnen zu sehen.
    Ein wimmernder Wehlaut lie sie verstummen. Gina sa hoch aufgerichtet in
den Kissen, ihre Augen dunkle Brunnen eines Stroms von Trnen, der ber die
eingefallenen Wangen flo.
    Konrad war im gleichen Augenblick wieder neben ihr, whrend Else die Tre
leise hinter sich zuzog. Rausche, rausche, lieber Flu - nimmer werd' ich froh
- kam es stoweise von Ginas Lippen. Konrads Hand lag wieder wie vorhin auf
ihrem Kpfchen, das langsam, langsam zurcksank.
    Es wurde ganz still im Zimmer. Frau Wanda war angstgeschttelt in die Kche
geflohen; die Hunde sprangen ihr schmeichelnd auf den Scho; Giovanni hockte
zusammengesunken an der Tre.
    Konrad blieb allein mit dem Kinde. Es atmete schwer. Von Zeit zu Zeit
ffnete es die Augen und sah ihn an. Jedesmal war ihr Ausdruck reifer, tiefer,
als entfalte sich das kleine Geschpf in diesen Minuten zum Weibe.
    Ksse mich! hauchte es sehnschtig. Und seine Lippen ruhten auf den ihren,
vom Fieber zerrissenen. Der glhende schmchtige Krper zuckte in seinen Armen.
    Ein seliges Lcheln verklrte das zarte Gesichtchen. Mut - es - eben -
leiden - tnte es fast unhrbar an des Jnglings Ohr.
    Und Gina war tot.

                                Viertes Kapitel



                          Vom groen Hoffen ohne Ziel

Am Waldrand im Tale der Wiesent blhte der Rotdorn, die weien Schlehen und die
wilden Rosen; von gelben Butterblumen leuchteten die Wiesen, als habe der Himmel
mit vollen Hnden sein Gold verstreut. Konrad fuhr heim. Er sa auf dem hohen
Selbstfahrer und lenkte die beiden feurigen Fchse, mit denen er am Bahnhof
berrascht worden war. Die Obstbume an der Chaussee waren lauter ppige
Bltenstrue; sie standen ganz still und steif, wie geputzte Kinder in der
Kirche; jedes stchen, durch sein weies Kleid breit und voll geworden, spreizte
sich in seiner Pracht. Von ferne flatterte vom Turme die Fahne der Hochse: im
weien Felde die leuchtend rote Rose, und ber dem verwitterten Torweg prangte
ein Eichenkranz, und die Kastanien im Hof glnzten im Schmuck roter
Bltenkerzen.
    Ein Gefhl befreiten Aufatmens schwellte Konrads Brust. Ihm war, als sei
hinter ihm eine schwere eiserne Kerkertr ins Schlo gefallen.
    Da standen sie alle und warteten seiner: der alte Habicht, die welken Wangen
in dem freundlichen, von langem Prophetenbart umrahmten Greisengesicht freudig
gertet; die beiden Tanten, vertrocknete Mumien, deren heruntergezogene
Mundwinkel seine Ankunft doch zu etwas hoben, das einem Lcheln glich; und sie -
die Gromutter - die immer Schne! In weichen Falten, von keiner Mode mehr
beeinflut, umflo das weie Gewand ihre hohe Gestalt, ber dem vollen
silberglnzenden Haar lag ein duftiger Schleier, ein paar Brillanten blitzten in
den kleinen Ohren, auf den schlanken Fingern, und die nachtdunklen Augen
leuchteten, vom Alter ungetrbt, aus all dem Wei, wie zwischen Firnschnee der
tiefe See der Alpen.
    Er sprang vom Bock, kaum da die Pferde, noch unruhig stampfend, standen; er
umarmte sie alle, strmisch, leidenschaftlich, so da dem alten Mann die Trnen
in die hellen blauen Augen traten, die Tanten mit zitternden Knochenhnden dem
Ungestm wehrten und die Grfin Savelli, all ihre vornehme Reserve vergessend,
ihn minutenlang nicht loslie.
    Sie fhrte ihn in sein Zimmer. Er sah sich staunend um: nichts war
verndert, nichts vom Platz gerckt, und doch erschien ihm alles neu, fremd,
fast feierlich. War er wirklich immer von diesen schnen, schweren,
bronzebeschlagenen Mahagonimbeln umgeben gewesen? Hatten diese goldenen,
ernsten Sphinxe immer die Sessel getragen, hatten sich immer diese
Lorbeergirlanden um die Schrnke gerankt?
    Du hast sehen gelernt, mein Junge, sagte die Grfin auf eine staunende
Bemerkung von ihm und streichelte zrtlich sein blasses Gesicht. Er sah sie gro
an. Wie verndert seine Augen waren! Und leben auch! fgte sie langsam hinzu.
Leben?! wiederholte er fragend. Ich wei nicht, Gromutter. Denn leben heit
schaffen, und ich - Schaffst du zunchst nicht dich selbst? entgegnete sie,
ihm mit gtigem Lcheln leise die Wange streichelnd.
    Am nchsten Tage, - die Rckkehr des jungen Hochse wurde in der
Nachbarschaft um so mehr als ein Ereignis betrachtet, als sie fr eine
endgltige gehalten wurde - war der Vetter Rothausen vom Greifenstein der erste,
der mit seinem Viererzug vorfuhr.
    Natrlich, dachte Konrad geringschtzig, vier armselige Klepper statt
zweier anstndiger Gule! und ihm fiel ein, wie der Greifensteiner sich vor
fnf Jahren den Tanzsaal seines Schlosses, der eben noch ein Heuboden gewesen
war, von einem Malermeister aus Forchheim mit altdeutschen Figuren hatte bemalen
lassen, die er stolz als eine Renovierung entdeckter Fresken ausgab; die
Touristen verfehlten dann auch nicht, sie gegen eine Mark Eintritt
pflichtschuldigst zu bewundern. Fortschritt - Fortschritt, meine Herrschaften,
pflegte er den Eingeweihten lachend zu versichern. Mit der Plempe in der Faust
lockten meine biederen Vorfahren den wandernden Koofmichs im Tal die Batzen aus
der Tasche. Wir machen's milder.
    Bist ja ein fescher Bursch geworden, damit begrte er Konrad, whrend
dieser den Damen aus dem Wagen half: der dicken, asthmatischen Baronin, deren
Beiname das Klageweib von ihm stammte, und dem Tchterchen, der Hilde.
    Bist ja ein ses Mdel geworden, htte er beinahe, ein Echo des Vaters,
ausgerufen, wenn ihm nicht rechtzeitig zum Bewutsein gekommen wre, da dieses
blonde, weie, schlanke Ding nach den Wnschen der Tanten seine Frau werden
sollte. Schlielich stieg der Stammhalter vom Bock. Potsdamer Gardeulan, der
eben auf Urlaub war.
    Ihnen ist wirklich zu dem Enkel Glck zu wnschen, liebe Grfin, sagte die
Baronin, nachdem sie sich, schwer atmend, auf einen der tiefen Sessel des Salons
hatte fallen lassen. Denken Sie nur, wie grlich - eben erst schrieb mir's
meine Cousine, die Vicky Heimburg -: Der armen Prinze Lyck ihr ltester mu nun
auch nach Amerika! Wenn den eine gute Partie nicht rausreit! Und doch ist's ein
Jammer, da amerikanische Schweinezchter immer wieder den Stammbaum verderben!
Sie hatte selbst eine bedenkliche Lcke in der Ahnenreihe - eine ehemalige
Kuhmagd oder so etwas -, und suchte sie durch Ahnenstolz um so eifriger
auszugleichen, als ihre Erscheinung einen peinlichen Atavismus darstellte.
    Indessen versuchte Alex, der Sohn, mit Konrad Berliner Erfahrungen
auszutauschen: Weiber - Kneipen - Pferde - der Vetter reagierte nicht. Ein
Stiesel oder ein Duckmuser, dachte der junge Offizier geringschtzig. Laut
aber sagte er mit gnnerhaftem Lcheln: Warum besuchst du mich nicht? Knnte
dich berall einfhren. Wre doch standesgemer als dein Umgang. Was weit
denn du davon? meinte Konrad. Gott, man munkelt so allerlei, antwortete der
andere ausweichend, fr unsereins, der berall soviel beschftigungslose Tanten
und Onkels herumsitzen hat, ist die Weltstadt doch nur ein Klatschnest.
    Warum hinterm Berge halten, Junge, mischte sich der alte Baron ins
Gesprch und fuhr, Konrad derb auf die Schulter klopfend, fort: Du bist nicht
staupefrei, mein Bester, und ich mchte dir gleich, noch ehe der Hochsesser
Keller sich auftut, ein bichen auf den Zahn fhlen.
    Bitte, lachte der Angeredete, wobei sein tadelloses Gebi sich enthllte,
alle zweiunddreiig stehen dir zur Verfgung!
    Ja, wenn's noch Weibergeschichten wren, wie bei meinem Bengel, erwiderte
Rothausen, das machen wir schlielich alle durch, ohne uns ernsthaft zu
verplempern. Aber statt Frauenzimmer zu karessieren, was doch die reizvollste
Beschftigung ist, - er schnalzte mit der Zunge und verdrehte die Augen -,
fraternisierst du mit den Roten.
    Bin ich dir, teurer Vetter, wirklich das Goldstck wert, mit dem du den
Detektiv auf meine Fersen heftest? spottete Konrad.
    Nee, mein Junge, dafr gie' ich mir lieber einen Pommery hinter die Binde!
Doch, Scherz beiseite, ich hab's von meinem Sprling. Berghof von unserer
Gesandtschaft sprach mir davon, warf Alex etwas verlegen ein. Und der Alte fuhr
erregter fort: Man hat dich in zweifelhafter Gesellschaft gesehen, mit einem
Russen vor allem, dem die politische Polizei stndig auf den Fersen ist, whrend
du unsere Kreise geradezu vermeidest. Ich wrde dir nicht so ohne weiteres mit
der Tr ins Haus fallen, wenn wir nicht gerade in Bayern Exempel von Beispielen
htten, und das lebhafteste Interesse daran haben, da der letzte Hochse ein
tadelloser Edelmann bleibt.
    Konrad stieg das Blut in die Stirn. Dafr zu sorgen, lieber Onkel, wirst du
gtig mir selber berlassen, sagte er scharf. Im brigen gehen, wie ich sehe,
unsere Ansichten zu sehr auseinander, als da wir uns verstndigen knnten, denn
ich glaube bei meinem Verkehr die Wrde meines Standes besser zu wahren als die
- anderen bei Suff und Spiel und Frauenzimmern.
    Der junge Rothausen hatte eine heftige Erwiderung auf den Lippen, aber das
etwas gezwungene Gelchter des Vaters schnitt ihm das Wort ab.
    Die Baronin rusperte sich vernehmlich. Sie kannte ihren Mann: ahnte er nur
das rote Tuch, so strmte er blindlings vorwrts, gleichgltig, was fr mhsam
gezogene Hoffnungspflanzen dabei zertrampelt wurden.
    Du entziehst uns den lieben Hausherrn, sagte sie zu ihm, ihre harte Stimme
zu den sanftesten Fltentnen zwingend, und zu Konrad gewandt: Er hat Sie
sicher ins Gebet genommen! Gott, er hat so strenge Grundstze -! Konrad
unterdrckte ein Lcheln. Der Skandal mit Hildens Gouvernante fiel ihm ein, der
selbst ihm, dem Knaben, nicht verborgen geblieben war. Aber die Jugend von
heute will austoben, nicht wahr? fuhr sie fort, natrlich ohne die ehrenhaften
Traditionen der Familie zu verletzen.
    Konrad sah unwillkrlich zu den Tanten hinber: Die Traditionen der
Familie! bei dem geringfgigsten Anla hatte er sie ber dies Thema predigen
hren. Sein Blick blieb an der Gruppe hngen: die beiden drren Gestalten mit
den farblosen Gesichtern und Hilde, das blhende Leben, zwischen ihnen. Doch im
Augenblick, da er sich an dem Gegensatz weiden wollte, war ihm, als fiele ein
Schleier von seinen Augen: sie waren ja Blten von einem Stamm, die Natalie, die
Elise und die Hilde! Nur, da die eine im Frhling des Lebens stand. Die
niedrige Stirne, die leeren, grnen Augen, der schmale Mund, das zurckfliehende
Kinn, die schlanke Gestalt - nehmt ihnen die Farbe und die weiche Rundung der
Jugend, und es bliebe nichts - nichts als: Fledermuse!
    Die Baronin war Konrads Augen gefolgt; sie lchelte vielsagend zu ihrem Mann
hinber.
    Nun aber sind Sie wieder der Unsere und werden das Erbe der Vter
bernehmen, das Ihnen die liebe Grfin so treulich verwaltet hat, sagte sie
salbungsvoll, ihm die kurze runde Hand auf den Arm legend. Es war wie eine
Besitzergreifung.
    Nein, Frau Baronin, antwortete er und lchelte die Gromutter an, die
eben, da die Flgeltren zum Esaal sich ffneten, den Arm in den Rothausens
legte, dafr sind wir beide noch zu jung - die Gromutter und ich.
    Fr die nchsten zehn Minuten schien der Redestrom der Baronin versiegt.
Konrads gute Laune sprudelte dafr ber. Er fhlte sich auf einmal stark und
reich, ein Gewachsener, ein Freier vor allem, fr den keiner dieser Menschen
irgendeine Bindung bedeutete. Auch da er sich von der Heimat frei fhlte, ganz
frei, kam ihm zu frohem Bewutsein. Selbst die ruhige Hilde - man hlt fr
vornehme Zurckhaltung, was oft Dummheit ist, dachte er - wurde lebendiger.
    Und Rothausen, schon gertet vom Wein, spielte der Grfin Savelli gegenber
den Galanten, was sie mit einem gndigen ein ganz klein wenig spttischen
Ausdruck entgegennahm, whrend sich auf den Gesichtern der Tanten die seit
zwanzig Jahren nie berwundene Entrstung ber die kokette Italienerin
spiegelte.
    Welch eine Knstlerin ist die Sonne Italiens, sagte er, ihre Hand an die
Lippen ziehend, da sie den Frauen unsterbliche Lilienfinger wie diese wachsen
lt -
    Und Trauben, wie jene, lchelte die Grfin, zur Tre weisend, in der
Giovanni, der sein Amt als Kellermeister wieder angetreten hatte, erschien,
einen flachen Korb mit zwei alten Flaschen Chianti im Arm. Er trug ihn zrtlich,
als wre ein Kind darin, und entkorkte die Flaschen langsam, andachtsvoll, und
lie den dunkelgoldenen Wein feierlich in die Glser flieen, so da er zuletzt
niedertropfte, schwer wie l. Rothausen verstummte, in den Anblick des
kstlichen Trankes versunken. Erst als Giovanni gegangen war, hob er ihn an die
Lippen und frug, nachdem er, den Genu vorbereitend, den sen Duft gesogen
hatte: Die schnsten Knaben von Capri sollten seine Schenken sein! Warum sind
Sie in diesem einzigen Falle so stillos, Frau Grfin, und whlen dafr den
widrigen Zigeuner?
    Das Ausbleiben der Antwort, ein vorwurfsvoller Blick seiner Gattin schienen
ihn an das Gespenst in diesem Hause pltzlich zu erinnern: an den mysterisen
Zusammenhang zwischen der Grfin Lavinia und dem Seiltnzer. Er wrgte mit
einigen Bissen Brot seine Verlegenheit hinunter, um bald darauf um so
gesprchiger und lauter zu werden, so da jede andere Unterhaltung notgedrungen
verstummte. Die ganze Nachbarschaft wurde durchgehechelt, kein Ruspern, kein
vielsagender Blick auf die Tochter und die Baronessen, die alle drei krampfhaft
auf ihre Teller sahen, vermochte seinem Redeschwall Einhalt zu tun; die Grfin
Savelli verstand es schlielich mit der groen Kunst ihrer
Gesprchsbeherrschung, ihn abzulenken. An den Bericht einiger toller Streiche
junger Majoratserben knpfte sie an.
    Abenteuerlust liegt nun einmal im Blute des Adels, sagte sie, und findet
heute so selten einen erlaubten Ausweg.
    Alex, der sich bisher ganz in die Gensse der Tafel vertieft hatte, sah mit
einem aufleuchtenden Blick zur Grfin hinber.
    Nanu! brummte der alte Rothausen, verwirrt durch die Abschweifung, uns
fehlt's doch nicht an Mglichkeiten, ihr zu frnen: die Aeronautik, der Sport -
    Wobei man Courage lernt und wei nicht wozu, und die Muskeln sthlt und
wei nicht warum! rief Alex mit unterdrckter Erregung aus. Oder ist's
vielleicht ein unserer wrdiges Ziel, in der Luft oder auf dem grnen Rasen eine
neue Art Clown vor dem gaffenden Mob zu spielen?!
    Konrad nickte und bat dem Vetter in der Stille ab, was er an Groll gegen ihn
empfunden hatte. Wobei der Clown auch noch ein Geschftsmann ist, ergnzte er,
und aus einstmals heldischen, an idealen Aufgaben sich erprobenden
Eigenschaften Kapital schlgt.
    Ich sympathisiere durchaus mit meinen jungen Freunden, sagte die Grfin,
das alles ist ein fr uns lebensgefhrlicher Amerikanismus, der, wenn er nicht
noch durch irgendein Machtgebot mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu werden
vermag, uns des Besten und Hchsten berauben kann, was wir haben - wir: damit
meine ich alles, was wahrhaft vornehm ist - der Fhigkeit nmlich, uns fr eine
groe Sache nur um ihrer selbst willen einzusetzen. Jenen
Abenteuermglichkeiten, die Sie vertreten, lieber Baron, damit wendete sie sich
wieder ihrem ein wenig verdutzt dreinschauenden Nachbarn zu, fehlt die
Hauptsache, ein fernes, traumhaft verschwimmendes Ziel, wie es zum Beispiel die
Kreuzfahrer hatten.
    Rothausen unterbrach sie mit schallendem Gelchter. Verzeihen Sie, teuerste
Grfin, verzeihen Sie, sagte er dann, sich die Trnen aus den Augen wischend,
whrend sie ihn sehr khl und sehr von oben herab betrachtete, ohne es zu
wissen, haben Sie Ihrem Enkel eine kostbare Waffe zur Verteidigung etwaiger
spterer Seitensprnge geliefert und die rote Couleur unserer liebwerten
Standesgenossen, der Vollmar und Haller, erklrt. Der Zukunftsstaat ist gewi
ein noch traumhafter verschwimmendes Ziel, als die Eroberung des Heiligen Grabes
es jemals gewesen ist.
    Konrad war pltzlich ernst geworden: seine unbestimmte Sehnsucht, sein
Suchen, ohne recht zu wissen wonach; seine Ernchterung, sein Sichzurckziehen,
sobald irgendein dunkel geahntes Ziel in greifbare Nhe geriet - war das
Abenteuerlust - nichts weiter? Kreuzfahrer und Sozialisten haben ein
Gemeinsames: da sie aus einer gefestigten berzeugung in den Kampf gehen,
whrend Abenteurer nur das Erlebnis suchen. Das bersiehst du, glaube ich,
Gromutter, sagte er nachdenklich.
    Das klingt schner, heldischer - zweifellos, antwortete sie, aber fr
Raubritterblut wird Abenteuerlust stets das Primre sein. Sie vergaen
brigens, damit wandte sie sich Rothausen zu, jener anderen Kategorie unserer
Standesgenossen, die Ihnen am nchsten liegt: der Vertreter konsequenter
Reaktion. Sie sind desselben Geistes. Oder wre Patriarchalismus und
Absolutismus fr uns Heutige nicht auch ein Mrchen? Echte Adlige werden Sie
immer in den Extremen sich bewegen sehen.
    Sie anerkennen in einem Atem, warf Rothausen erheblich ernchtert ein,
Reaktionre und Revolutionre. Wenn das mehr ist als ein neues Zeichen Ihrer
unvergleichlichen Liebenswrdigkeit, Ihres ausgleichenden Taktes als Wirtin, so
-
    Denken Sie beim Kaffee auf der Terrasse darber nach, lieber Baron,
entgegnete die Grfin aufstehend, wir wollen uns doch den schnen Abend da
drauen nicht entgehen lassen.
    Beim Hinausgehen drckte Konrad die Hand des Vetters besonders herzlich.
Ich begreife nur eines nicht, sagte er dann, da du bei deinen Ansichten
Offizier werden konntest. Man lernt Courage und wei nicht wozu, man strkt die
Muskeln und wei nicht warum - gilt das heute nicht in erster Linie fr das
Soldatsein?
    Im Augenblick knnt's fast so aussehen, antwortete Alex, und doch ist's
immer noch der einzige Edelmannsberuf. Denn siehst du - dabei legte er im
Weitergehen vertraulich den Arm in den Konrads - er ist der einzige, fr den
man nicht bezahlt wird. Bei den paar hungrigen Krten, die ein Offizier bekommt,
wrde selbst ein geborener Hungerleider darben. Man gibt nicht nur sich selbst,
man gibt auch seinen Mammon. Und dann, seine wasserblauen Augen verdunkelten
sich, wir haben die Hoffnung auf das Groe, auf das Abenteuer, wie deine
Gromutter sagt, auf Sbelgeklirr und Kugelgepfeif. Dabei wr's mir
gleichgltig, ob's gegen deine Freunde, die Roten, oder gegen Franzosen und
Briten ginge.
    Und wenn deine Hoffnung am Revisionismus der Roten und am Pazifismus
Europas, lauter Symptomen der Altersschwche, zuschanden wird?
    Alex zuckte die Achseln: dann bleibt unsereinem als Lebensinhalt, worber
du erhaben zu sein behauptest, antwortete er, die Karten, der Wein, die
Weiber.
    Klgliche Surrogate fr Todesmut, Siegesjubel, Blutrausch!
    Klglich?! Na - und mit einem amsierten Seitenblick auf den puritanischen
Vetter lachte Alex vielsagend. Dann erzhlte er ihm frivole Geschichten. Als sie
schlielich im Park die anderen wiederfanden, begannen die banalen, allgemeinen
Unterhaltungen aufs neue.
    Der Rothausensche Wagen stand schon vor der Tre, aber noch gab es eine
phrasenreiche Auseinandersetzung zwischen den Tanten und der Baronin.
    Lassen Sie uns doch das Hildchen, Cousine! flehten wie aus einem Munde
Elise und Natalie.
    Unmglich! Unmglich, Liebste! Sie ist auf eine so gtige Einladung doch
nicht im mindesten vorbereitet! lautete die Antwort. Was macht das? meinte
Natalie, den Arm um die Schulter des Mdchens legend, solch ses Kind bedarf
doch nicht grostdtischer Toilettenknste, ein Kamm, ein Nachthemd findet sich
schon fr sie, und die Kinder htten dann Zeit, ihre alte Freundschaft zu
erneuern.
    Nach langem Zieren, dem erst der rauhe Befehl des Vaters ein Ende machte:
Die Pferde werden unruhig! - ach, sie standen mit krummen Knien muschenstill!
- bergab die Baronin ihr Kleinod den Tanten. Es zeigte sich, da sie doch
nicht so ganz unvorbereitet gewesen sein mute, denn Hildes Pompadour enthielt
sogar die Brennschere, mit der sie in ihre straffen Haare kleine regelmige
Wellen zu brennen pflegte.
    Konrad seufzte. Er erinnerte sich der leersten Stunden seiner Kindheit mit
dieser Freundin. Das Wahnsinnigste hatte er behauptet, nur um sie zum
Widerspruch zu reizen, und immer war ihre Antwort, von glubigem Augenaufschlag
begleitet, dasselbe Ja gewesen. Sie schien sich in Gegenwart von Mnnern ihrer
eigenen Nichtigkeit in einem Mae bewut zu sein, da alles Persnliche in ihr
auslschte.
    Die alten Nachteulen! dachte er grimmig, mssen sie mir auch noch das
Zuhausesein verderben!
    Er kmmerte sich nur soweit um sie, als es die Hflichkeit notwendig machte,
aber es strte ihn schon, wenn sie nachmittags mit ihrer unvermeidlichen
Weistickerei am Teetisch sa und jeder Aufblick ihrer runden Augen ihm galt.
    Auf den Mann ist es dressiert, das Gnschen, sagte er eines Abends
verrgert zur Gromutter.
    Mut es dem Mdchen nicht nachtragen, Konrad, meinte diese, nicht sie,
sondern die Eltern haben das zu ihrem einzigen Lebensinhalt gemacht. Sie werden
es einmal grlich ben mssen! Ihr Gesicht versteinte sich frmlich in
rckschauendem Leid.
    Von da an widmete er ihr hier und da ein freundliches Wort, was ihm stets
ein verlegenes Lcheln eintrug. Nur als er entdeckte, da die Greifensteiner mit
dem Karren der Botenfrau einen Reisekorb fr das Frulein herberschickten, der
auf eine Verlngerung ihres Aufenthaltes schlieen lie, erstarb all sein guter
Wille, und er zog sich hartnckiger als vorher von ihr zurck.
    Auf dem Turm sa er und trumte in die Welt hinaus. Im Walde, unter den
groen Buchen lag er und horchte in sich hinein. Wie oft er Elses gedenken
mute, ohne Sehnsucht freilich und ganz ohne Verlangen, aber mit einer weichen
Zrtlichkeit, die ihm das Herz warm machte! Er sah ihr zartes Gesicht, unschn,
im Vergleich zu dem der Greifensteinerin, und doch durch sein lebhaftes
Mienenspiel, seinen wechselnden geistig belebten Ausdruck von unerschpflichem
Reiz. Warum sie nicht antwortete? Schon zweimal hatte er ihr geschrieben! Ob es
das Glck war, das ihr keine Zeit dazu lie, oder der Kummer, der sie verstummen
machte? Er bat Warburg, der den ganzen Sommer in Berlin bleiben wollte, selbst
die Einladung nach Hochse ablehnend, sich nach ihr umzusehen. Aber auch dieser
schrieb zunchst nicht. Es war, als sollte jene Welt fr Konrad ganz versinken.
    An einem glutheien Maientag sa er beim alten Giovanni, der neuerdings
allerlei seltsames Getier in seinem Stbchen zchtete und dressierte. Eine groe
exotische Eidechse, der zuliebe er jetzt sogar den Ofen heizte, beschftigte ihn
besonders; sie sa am liebsten auf des Alten Schulter oder kletterte auf seine
Glatze, von wo aus sie mit der langen blauen Zunge Fliegen fing. Auch eine
Schildkrte hatte er, mit einem sonderbar verstndigen alten Menschengesicht;
sie watschelte schwerfllig auf Giovanni zu, sobald er sie beim Namen rief, und
schttelte wehmtig den Kopf, wenn ihr ein anderer als sein Herr Futter zu
reichen versuchte. Und in einem Winkel des Zimmers gab es ein groes Gestell aus
alten Scheiben und Medizinflaschen, in dem ein Volk fleiiger Ameisen
unermdlich hin und her kroch.
    Bei den Tieren erholt sich so einer wie ich, der nicht sterben kann, von
den Menschen, murmelte der Alte vor sich hin, Konrad scheinbar keinerlei
Beachtung schenkend. Zuerst mchte man die ganze Welt umarmen, dann wird einem
ein Ameisenhaufen zur ganzen Welt.
    Ist dies das Alter? dachte Konrad geqult. Wer suchte dann nicht als
Jngling den Tod? Und laut sagte er: Du willst am Ende noch einmal auf den
Jahrmarkt gehen? - Und die Tiere den Menschen vorfhren?
    Nein! dazu sind sie mir zu schade, antwortete Giovanni, die Blicke
zrtlich auf die Eidechse richtend, die gerade langsam an seinem Arm emporkroch,
whrend die Schildkrte geduldig mit eingezogenen Gliedern als Fubank vor ihm
lag.
    Da klang aus der Ferne Gitarrenton. Der Alte fuhr auf, so da die Eidechse
herunterrutschte. Konrad lachte: Musik -, und Giovannis Menschenverachtung war
verflogen. Nher und nher kam es. Sie gingen beide ber den Hof bis zum
Torbogen und sahen die Strae hinab. Dort - dort - ein gelber Wagen -
Kunstreiter sind's, rief Giovanni aufgeregt und prete beide Hnde auf das wild
klopfende Herz. Ich sehe nichts - gar nichts; ich hre nur, antwortete Konrad.
    Da kam's um die Ecke, ein bunter Zug von Mdchen und Knaben, helle Stimmen:
Es steht ein Baum im Odenwald, der hat viel drre st' ...
    Eine ging voran, kraftvoll ausschreitend im flatternden blauen Kleid mit
weier Schrze, am gelben Band die Laute ber der Schulter; die sonnengebrunte
Rechte spielte darauf; ber dem runden Gesicht, glhend wie reife Pfirsiche,
wehten, von keinem Hut und keinem Kamm gehalten, die roten Haare.
    Gr Gott, Herr Junker! rief sie lustig, vor Konrad stehen bleibend.
    Gr Gott, Herr Junker! echote die ganze Schar.
    Gibt's frisches Wasser und Mittagsschatten fr uns hier droben? frug das
Mdel, mit blitzenden Augen den vor ihr Stehenden freimtig musternd. Arm sind
wir am Beutel, doch reich an Gesang! Der soll's Euch vergelten!
    Wenn das alles ist, was ihr wollt! lachte er frhlich - es war ihm auf
einmal, als wehe wrzige Bergluft durch das altersgraue Tor in die Schwle -
dort habt ihr's beieinander: den Brunnen und die Kastanien.
    Und singend zogen sie ein.
    Alle Schlobewohner liefen zusammen: die Mgde aus der Kche, die dicke
Mamsell, noch mit dem Schaumlffel in der Hand, von dem die Sahne wei
heruntertropfte; die Burschen aus den Stllen, Halfter und Striegel in den
Fusten; die Tanten aus dem Garten mit echauffierten Gesichtern, die sich beim
Anblick der sich lagernden Jugend zu abwehrender Entrstung verzogen.
    Wer erlaubte den Leuten - rief Natalie. Sie sprach nicht zu Ende. Ich!
antwortete Konrad. Und sie duckte den Kopf mit bsem Augenblinzeln.
    Jetzt kam auch Hilde Rothausen aus der Haustr, ganz wei, ohne Fleckchen
und Fltchen, den groen Mullhut auf dem Scheitel, Halbhandschuhe an den Hnden.
Mit erhobenen Armen trat ihr Elise entgegen: Geh, Kind, geh! da du mit der
Gesellschaft nicht in Berhrung kommst! Sie wollte schon gehorchen, warf nur
noch auf Konrad einen fragenden Blick. Aber er sah an ihr vorber; nie war ihm
das Mdchen in seiner tadellosen Wohlerzogenheit so lcherlich vorgekommen.
Gesenkten Kopfes folgte sie den Tanten.
    Da erschien die Grfin unter der Haustr, mit einem Blick das Bild vor ihr
umfassend: Welch frhliche Gste haben wir heute, sagte sie freundlich. Und
sie sprangen alle auf; sie fhlten die Herrin. Die Rothaarige trat aus dem
Kreise; wohlgefllig blieben die Blicke der gtigen Frau auf ihr ruhen.
    Woher, wohin, ihr fahrenden Snger? fragte sie lchelnd.
    Das Mdchen griff in die Saiten der Laute, und brausend fiel der Chor der
jungen Stimmen ein:

Ob Forchheim bei Kirchehrenbach
Woll'n wir zu Berge steigen,
Dort schwingt sich am Walpurgistag
Der Franken Mainachtsreigen -

Indessen brachten die Mgde Krbe mit Erdbeeren und Schsseln voll ser Sahne.
Jubelgeschrei empfing sie.
    Fahrende Snger zu bewirten, ist alter Brauch auf Hochse, damit wehrte
die Grfin allzu strmischem Dank, und gerade fr euch, scheint mir, lie die
Sonne so rasch unsere ersten Frchte reifen.
    Noch heut bis nach Kirchehrenbach? staunte Konrad, whrend die ganze
Schar, behaglich gelagert, schmauste.
    Wenn's sein mu, bis Nrnberg auch! rief keck ein Brschlein mit vollem
Mund, und eine schwarzhaarige Kleine fiel ihm ins Wort: Geleit uns!
    Wenn's erlaubt ist! entgegnete Konrad.
    Fahr' die Mdchen hinber, wandte sich die Grfin an ihn.
    Doch die Rote erhob sich rasch: Schnen Dank, gnd'ge Frau, doch wir
wandern! Und mit einem lachenden Blick auf Konrad: Wer mit uns tanzen will,
der wandert mit! Sie streckte ihm die Hand entgegen, er schlug ein; der feste
Druck eines Kameraden war's, den er sprte.
    Durchs Tor hinaus, mit Sang und Klang, zog die Schar; die roten Locken, das
blaue Kleid flatterten wieder voran.

Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Wer lange sitzt, mu rosten;
Den allersonnigsten Sonnenschein
Lt uns der Himmel kosten - - -

Giovanni lehnte an der grauen Mauer; bis weithin erkannte er noch an der hohen
Gestalt und dem federnden Gang den Konrad. Jugend! flsterte er mde und
schlich zum Turm zurck, zu den Eidechsen und der Schildkrte.

Drum reicht mir Stab und Ordenskleid
Der fahrenden Scholaren,
Ich will zur guten Sommerzeit
Ins Land der Franken fahren ...

Droben am Fenster stand die Grfin Savelli. Sie lauschte. Am vollen Ton erkannte
sie unter allen Stimmen die ihres Enkels. Jugend! lchelte sie, und
traumverloren glnzten die dunklen Augen.
    Mit einem letzten aufleuchtenden Blick, der des Tages Glanz in eine Glut
zusammenfate - so wie Liebende sich trennen, deren Abschied die ganze Wonne des
Erinnerns, die ganze Vorfreude des Wiedersehens spiegelt, - war die Sonne
untergegangen, als auf dem sagenumwobenen Walberla, der einsam und steil aus dem
Tal emporstieg, das Leben erwachte. Allerlei Landvolk nahte sich der kleinen
Kapelle der heiligen Walpurgis, mit deren Grndung die ersten Verknder des
Gekreuzigten den Kult des Sonnengottes an dieser uralten Weihesttte zu
vernichten glaubten. Und von der anderen Seite, das Graubachtal bergauf, kamen
die Hochsesser Gste. Immer lauter mischte sich ihr Lied in das Gebetemurmeln
der Frommen, bis sie es zuletzt jubelnd bertnten.
    Konrad war der erste, der auf der kahlen Kuppe erschien und sich aufatmend
ins Gras warf. Nicht aus Mdigkeit, denn drunten an der kleinen Mhle, deren
Rder die silbernen Wellchen der Wiesent wie lustig spielende Kinder bewegten,
hatten sie lange gerastet. Aber da waren die Stimmen, die im Gesang harmonisch
zusammenklangen, im Gesprch schrill genug aneinander geraten. Und nun verfiel
Konrad in mimutiges Grbeln ber all das Bunte, Widersprechende, das er gehrt
und durch das die Feierstimmung jh unterbrochen worden war.
    Einer hatte das Signal zum ersten Geplnkel gegeben: So lat doch endlich
das Gegrl und Gezupfe, hatte er bellaunig gerufen, gerade, als ob wir nichts
anderes knnten.
    Danach war der Streit ber Ziel und Inhalt der Jugendbewegung, als deren
Glied sie sich betrachteten, losgebrochen. Fr die Freiheit der Persnlichkeit,
fr gemeinsame Erziehung der Geschlechter, fr freie Schule, fr Bodenreform und
Abstinenz waren die Fnfzehn- und Sechzehnjhrigen gegeneinander eifernd
eingetreten, und das Erstaunen ber ihr Wissen und Nachdenken hatte Konrad
zunchst den Vorgngen nur wie ein Zusehender folgen lassen. Dann aber wurde der
Sturm zum Orkan: gegen die Lehrer, gegen die Eltern, gegen Juden und
Sozialdemokraten, gegen Schule und Religion tobten sie und berschrien einander,
jeder, das rote Tuch, gegen das er wtete, fr den Feind an sich erklrend,
gegen den alle sich verbinden sollten.
    Jetzt lachen und singen sie wieder, dachte Konrad, verstimmt ber sich
selbst, nur mein Lebensgefhl wirft jeder verquere Wind aus dem Sattel.
    Hallo, Sie Faulpelz! rief eine lustige Stimme neben ihm, wer nicht Holz
zum Scheiterhaufen trgt, mu zusehen, wenn wir tanzen!
    Er sprang auf die Fe und schichtete den Reisig um die Wette mit den
anderen. Das lief und hpfte im Dunkel herum, das verkroch sich im Buschwerk und
tauchte daraus hervor, das kletterte auf die Bume und flog hinunter, wie ein
Vlkchen aufgescheuchter Nachtalben. Stumm sah das Landvolk, das von der Kapelle
aus neugierig zusammenlief, dem Treiben zu, bis es sich, angesteckt vom Eifer
der anderen, munter hineinmischte.
    Hoch ragte bald der schwarze Holzsto; dann ein Schwelen, ein Knistern;
kleine Flammenzungen leckten gierig empor, als wollten sie erst die Speise
versuchen, die ihnen winkte. Und pltzlich, entfesselt, stieg aus der Mitte,
siegreich lodernd, die Flamme. Mit roter Glut malte sie die jungen Gesichter, in
aller Augen spiegelte sie sich.
    Und jetzt schleppte ein jeder noch die letzten schwarzen Scheite heran.
    Die Schulmeister! - Die Philister! - Die Protzen! - Die
Vaterlandslosen! - Die Ausbeuter! - Die Dirnen! - Bei jedem Ruf prasselte
drres Holz ins Feuer und der ganze Chor rief schmetternd: Sie brennen!
    Dann sprang einer hervor, den ganzen Arm voll raschelnder Zweige. Er
schleuderte sie, weit ausholend, in die Flammen.
    Die Intellektuellen! schrie er. Sie brennen - brennen! jubelte es
ringsum. Dann ward es still. Andchtig hoben sich die jungen Gesichter zu der
himmelan steigenden Feuersule, und die Augen strahlten von innen erleuchtet
durch eine Begeisterung, die siegestrunken die schwarze Himmelskuppel zu
durchbrechen strebte.
    Lodre empor! Allen Nachtalben ein Schrecken! klang es schlielich
feierlich durch die Runde wie die in einem Ton verschmolzene Stimme aller.
    Die Feuerrede, ging's flsternd von Mund zu Mund, und um den Sprecher,
einen Knaben noch, mit schmaler Brust und langen Gliedern, der bisher kaum
gesprochen, aber mit groen Augen alles um sich her in sich gesogen hatte,
sammelten sie sich.
    Wir haben uns gestritten, wer wohl unserer Feinde rgster sei! Und haben
uns eben vereint, sie gemeinsam zu vernichten. Sammeln wir weiter trockene
Scheite, drre Bltter, die junge Keime zu ersticken drohen. Nehme jeder den
Feind aufs Korn, dem er gewachsen ist, und wir, die groe Armee der Jugend, ber
die schwarz-rot-gold die deutsche Fahne weht, schlagen sie alle! - Konrad
horchte auf: sollte vom Munde des Unmndigen ihm kommen, was er ersehnte? -
Wider Knuten und Ketten kmpfen wir. Wider Autoritten, die uns, wie die
Grtner den jungen Obstbaum, in ihre Formen, an ihre knstlichen Spaliere
zwingen wollen. Und Ungeziefer und Giftpflanzen rotten wir aus: die jdische
Gesinnung, die uns dem Golde statt der Ehre nachjagen, den welschen Geist, der
uns Wollust statt Freundschaft whlen lt. Aber mit dem Namen der rgsten
unserer Feinde das Feuer dieser Sonnwendnacht zu schren, blieb dem letzten der
Sprecher vorbehalten, und wie sein Reisig in die Gluten fiel, so fiel sein Ruf
in unsere Seelen, da sie hellauf loderten: die Intellektuellen! Wie sie die
Krfte der Natur in Kessel und Flaschen und Drhte bannten, so handeln sie an
unseren Seelen. Wehe, wenn wir ihnen zum Opfer fallen! Dann ist des Germanentums
letzte Stunde gekommen. Wir sind zhe Arbeiter - aber wir werden an der Arbeit
zugrunde gehen, wenn wir verlernen, freudig Feiernde zu sein. Wir verstehen, zu
erwerben, und werden auf unserem Golde bei lebendigem Leibe verfaulen, wenn wir
uns zu opfern nicht mehr vermgen. Wir sind tiefe Grbler - und leer, leer und
arm und kraftlos hinterlt uns all unsere Weisheit, wenn wir nicht groe
Glubige sind -
    Glauben - woran! sagte jemand sehr leise. Konrad war's, als wre es seine
Stimme gewesen.
    Der Redner brach ab. Man kicherte verstohlen. Die Flamme sank. Der Kreis
lste sich da und dort, um dem Feuer neue Nahrung zu holen.
    Geloben wir einander in dieser Stunde - war das nicht der Tonfall des
Oberlehrers an Kaisers Geburtstag? Konrads Stirnader schwoll: da jeder
Steigende heute vor dem Gipfel zum Absturz kam! War's Schwche, Feigheit,
Verhngnis? Geloben wir: Keuschheit, Treue - mit einem Wort: Deutschsein.
    Nur wenige hatten noch zugehrt: vereinzelt ertnte ein beiflliges Wort;
verletzt, beschmt, verlor sich der Redner unter den Bumen. Konrad folgte ihm;
irgend etwas hatte das Dunkel seiner Seele pltzlich erhellt wie der Blitzstrahl
in der Nacht, der dem Verirrten den Weg zeigt. Er reichte dem Knaben, in dessen
Wimpern noch eine Trne des Zornes hing, die Hand, und ein paar andere, die ihm
aus dem Wege gegangen waren, wie das Publikum stets dem Erfolglosen, gesellten
sich zgernd und neugierig wieder zu ihm.
    Lassen Sie sich's nicht anfechten, sagte Konrad, es geht uns allen nicht
anders: wir mchten das Groe sagen, das wahrhaft Begeisternde, Richtunggebende,
aber: - wir kennen es selbst noch nicht. Und dann kommen uns die Worte zu Hilfe
- die leeren Worte. Statt des brausenden Wassersturzes, den alles erwartete, das
ausgetrocknete Flubett.
    Sicher, sicher, meinte einer der Umstehenden eifrig; das ist's ja, warum
wir immer wieder auseinander kommen.
    Die leeren Worte - nickte traurig der Knabe.
    Das drfte uns nicht entmutigen, fuhr Konrad fort, denn sehen Sie, und
keine alte Weisheit ist's, sondern eine, die ich in Ihrem Kreise - eben erst!
lernte, da wir, da die ganze Jugend diese Leere fhlt, ist doch schon ein
ungeheurer Gewinn. Wissen, Persnlichkeit, Freiheit - das war die Parole von
gestern. Wir suchen Unterordnung, Unterordnung unter eine Idee. Freilich: wir
haben sie nicht, doch da wir sie suchen, eint uns.
    Es war zuletzt wie ein Selbstgesprch; er fhlte, da ihn die anderen kaum
noch verstanden. Sie schauten schon wieder nach oben, wo, von vielen Armen
hineingeschleudert, Holzbndel in die Gluten prasselten. Nur der Redner von
vorhin stand noch wie angewurzelt neben ihm.
    Durch Himmel und Hlle such' ich sie, ich schwr's! rief er dann, sich ihm
leidenschaftlich in die Arme werfend.
    Hochauf, strahlender als zuvor, denn wie schwarzer Samt stand jetzt der
Himmel dahinter, zngelten die Flammen. Und in das Knistern hinein tnte eine
helle Mdchenstimme:
    Ein Gelbnis forderte er wie der Priester vom Firmling, wie der Kriegsherr
vom Rekruten? Euer aller Antwort sei: Nein - nein - nein! Steigt zum Firmament
unser Feuer empor, weil es gelobte, nicht zu fallen? Breitet die Eiche ihre
schwarzen Zweige aus, weil sie versprach, gro und stark zu sein? Und zog der
Kirschbaum sein Bltenkleid an, weil er den Schwur leistete, fruchtbar zu
werden? Nein - nein - nein! Noch einmal sag' ich's. Nur wir lat uns sein, nur
wir! Keine Sklaven, auch die eines Eides nicht. Und nicht nchtern, sondern
allzeit berauscht - berauscht vom Leben!
    Tosender Beifall, Zuruf und Hndegeklatsch umbrausten das Mdchen. Krftige
Jnglingsarme hoben sie hoch empor.
    Lotte - die rote Lotte!
    Ihre Locken wehten, dem Feuer vermhlt.
    Vorsicht! rief irgendein ngstlicher.
    Ich und die Flamme sind Freunde! jauchzte sie.
    Dann sprang sie zur Erde und fhrte den Reigen, der in bacchantischem
Taumel, getaucht in rotes, gelbes und blaues Licht, den Scheiterhaufen wild
aufjubelnd umtoste.
    Keiner entzog sich dem Kreise. Vergessen waren die Martern der heiligen
Walpurgis.
    Atemlos, mit klopfenden Pulsen, standen die Tanzenden still. An den Hnden
hielten sich noch die einen, Arm in Arm, die Schultern zrtlich
aneinandergeschmiegt, standen die anderen, und manch ein Bauernbursch hatte
seinen Schatz umschlungen. Mainachtluft, keine Hochsommerschwle, umwehte die
heien Wangen, zarte Frhlingsliebe, nicht die verzehrende Glut letzter
Sommertage, glnzte aus den hellen jungen Augen.
    Mit einem Lcheln voll siegreicher Lebenslust sah die rote Lotte sich um:
Wer springt mit mir durchs Feuer? Ich - ich - ich, tnte die vielstimmige
Antwort. Doch sie zog den Junker von Hochse aus der Menge: Du! und ihre roten
Lippen wlbten sich ber den weien Zhnen.
    Von irgendwoher aus dem Dunkel klang die Laute aufs neue:

Schatzkind, halt Grtel fest und Kleid -
Juchheisa - durch das Feuer!

    Die Paare sammelten sich hinter Konrad und Lotte. Sie flogen voran; einen
Augenblick lang waren ihre Krper eins mit den Flammen.
    Einen Ku zum Dank, da ich dich nicht brennen lie, Walpurgishexe, rief
bermtig der Jngling. Und das Mdchen bot ihm lachend den frischen Mund.
    Schau den da drben, sagte sie dann, als sie nebeneinander im taufrischen
Grase saen, den langen Braunen. War er's nicht, der drunten in der Mhle mit
sauertpfischer Miene von der Erziehung zur Kameradschaft sprach? Jetzt macht er
der Frieda zrtliche Augen!
    Was hltst denn du von der Kameradschaft? frug er neckend und zog an der
ungebrdigen Locke, die ihr tief auf die glhende Wange hing.
    Gar nichts, antwortete sie lustig, und dann, mit ernstem Gesicht:
Liebhaben sollen wir uns, ohne Getue - liebhaben knnen, ohne da die Mdel
kokett und die Jungens gemein werden.
    Fern im Osten frbte sich der Himmel. Das war die Schlferin, die Sonne,
die, ausgeruht, ihr rosiges Antlitz erhob und mit noch traumbefangenem Lcheln
die Bergspitzen grte. In vielen jungen Augen fing sich ihr erster Strahl und
blieb beglckt von den klaren Spiegeln seiner Schne in ihnen hngen. Das
Opferfeuer der Nacht zog scheu und beschmt vor dem ewigen Licht ber ihr seine
letzten Flmmchen in die schwarze Asche.

Vom Himmel hoch, o Englein, kommt!
Kommt, singt und klingt, kommt, pfeift und tromt!

tnte es feierlich in der Runde.
    Hndeschttelnd, als glt's einen Abschied von alten Freunden, ging Konrad
von einem zum anderen. Vor der Lotte, die niedergeschlagenen Auges am Bande der
Laute nestelte, blieb er stehen.
    Lebwohl! sagte er einfach. Sie legte ihre Hand in die seine und hob die
Lider. Ihre Augen waren feucht: Lebwohl -
    Und nach Ost und nach West stiegen sie ab zu Tal.
    Konrad schritt krftig aus. Kein Schlaf hatte ihn je so frisch und froh ins
Freie entlassen.

Zwei Briefe warteten seiner. Von Else - dachte er. Aber so stark wie seine
Erwartung gewesen war, empfand er im Augenblick ihre Erfllung nicht. Als htte
er eben auf einem Berghange voll blhender Alpenrosen gestanden und trte
pltzlich in ein Treibhaus blasser Azaleen.
    Nur um uns vor schmerzhaftem Miverstehen zu bewahren, schreibe ich Ihnen
heute, las er; aber Sie mssen sich an diesen wenigen Zeilen gengen lassen.
Wer mchte einen lieben Freund, der sich des blhenden Sommers freut, an
vereiste Seen und entlaubte Bume erinnern. Sollte Ihnen Warburg, der mich
neulich in meiner Klause berfiel, allerlei Sentimentalitten von mir erzhlen,
so schenken Sie dem keine allzu groe Beachtung. Er ist selbst verndert,
wrmer, ich mchte fast sagen menschlicher und sieht mit anderen Augen -
Konrad, dessen volles Interesse wieder erwacht war, ri den Umschlag von dem
anderen Brief. Warburg schrieb:
    Fr Deine und Deiner verehrten Frau Gromutter Einladung danke ich von
Herzen. Aber ich mchte in diesem Sommer hier bleiben. Ich will die Ferien
benutzen, um mich mit einer Frage nher zu beschftigen, die, je mehr sie
auerhalb meines Studiums liegt, um so mehr meine Empfindung gefangen nimmt: dem
Zionismus. Frau Sara Rubner - Du erinnerst Dich vielleicht der jungen Frau mit
dem interessanten Mongolentypus aus dem Simmel-Kolleg - gewinnt mich mehr und
mehr dafr. Fr uns moderne Juden, die wir uns immer strker unserer seelischen
Heimatlosigkeit bewut werden, bietet sich hier vielleicht - vielleicht - ein
neuer Wurzelboden. Also auch er, dachte Konrad verwundert, auch er, den das
Studium, der kommende Beruf so ganz zu erfllen schienen, bedurfte noch eines
anderen Lebensinhalts! Doch nicht dies ist der Grund meines heutigen Briefes.
Ich htte wohl noch lange mit ihm gezgert, wenn mein Besuch bei Else
Gerstenbergk mich nicht fast zu einem Telegramm an Dich bewogen htte. Es mu
etwas fr sie geschehen. Pawlowitsch scheint sie verlassen zu haben, wenigstens
lie er seit Monaten nichts von sich hren - man behauptet, er sei mit Frau
Renetta Veit an der Riviera gesehen worden - und sie leidet unsglich. Jedes
Lcheln, zu dem sie sich zwingt, denn kein Wort der Klage kommt ber ihre
Lippen, schneidet ins Herz. Man sollte sie der Einsamkeit, der sie sich
widerstandslos ergibt, gewaltsam entreien, und Du, an dem sie mit rhrendem
Vertrauen hngt, wrst der rechte Mann dafr. Lade sie statt meiner nach
Hochse. Mache es recht dringend, als wre ihr Kommen in Deinem Interesse
notwendig.
    Konrad legte den Bogen erregt beiseite. Gewi, es mute geholfen werden, er
mute helfen. In Erinnerung an den, um dessentwillen sie zugrunde ging, ballte
er unwillkrlich die Hnde. Seine Freundschaft mute ihm dies Opfer entreien.
Freundschaft!? Lachte ihn nicht eben wieder die rote Lotte an?! - Mit raschem
Entschlu, jedes Bedenken weit von sich weisend, ging er zur Gromutter. Er war
nicht ohne Sorge, ob sie sich wrde gewinnen lassen.
    Rckhaltlos erklrte er ihr die Lage Elsens, zeigte ihr auch Warburgs Brief.
Die Grfin antwortete zunchst nicht. Sie ging ein paarmal im Zimmer auf und
nieder, um schlielich, vor dem Enkel stehen bleibend, einen langen forschenden
Blick auf ihn zu werfen.
    Sie ist nicht deine Geliebte? fragte sie langsam.
    Nein, Gromama, antwortete er, ihrem Blick begegnend.
    So mag sie kommen, lautete gleich danach der Bescheid. Strmisch zog
Konrad die Hnde der Greisin an seine Lippen. Ein Ausdruck pltzlich
aufsteigender Besorgnis huschte ber ihr Antlitz. Sie beherrschte sich jedoch
rasch. Ich schreibe selbst, sagte sie dann, sich vor den Schreibtisch setzend.
    Wie gut du bist! er beugte sich ber sie, ihre weien Haare mit einer
Bewegung scheuer Ehrfurcht streichelnd.
    Sie sah auf: Gut?! Sie ist eine anstndige Frau, denke ich, und wrde, nur
von dir geladen, nicht kommen.
    Die nchsten Tage verlebte Konrad in wachsender Ungeduld, bis schlielich -
endlich! - der Brief mit der bekannten Schrift auf dem Teetisch lag. Schon als
sie den Bogen auseinanderfaltete, erhellte sich das Antlitz der Grfin: diese
zarten, ein wenig fallenden Schriftzge - eine Wiese, deren feine Halme sich
unter dem Abendwind leise senken - gefielen ihr weit besser als jene groen
steilen, mit denen die dmmsten Frauen Originalitt vorzutuschen vermochten.
Und auch der Inhalt befriedigte sie sichtlich.
    Ein liebes Geschpf, warmherzig und einfach, sagte sie, Konrad den Brief
hinberreichend, du wirst sie am besten morgen selbst abholen.
    Die Tanten horchten auf. Ich erwarte einen Gast, fuhr die Grfin fort,
eine mir sehr empfohlene junge Dame, Frulein Gerstenbergk, die sich ein paar
Wochen bei uns erholen soll.
    Die Tanten wechselten einen ihrer vielsagenden Blicke, nicht ohne Hilde
dabei bedauernd zu streifen. Von den schsischen Gerstenbergs auf
Heiligensuhl? frug Natalie interessiert, eine der besten Familien! Und durch
die Mutter, eine Vierort, sehr vermgend, ergnzte Elise voller Genugtuung.
Hilde senkte den Kopf noch tiefer auf ihre Arbeit.
    Ganz und gar nicht, meine Lieben, entgegnete die Grfin mit jenem
spitzbbischen Lcheln, das ihrem Gesicht einen oft kindlichen Ausdruck verlieh;
es handelt sich um ein einfaches Frulein Gerstenbergk, eine Studentin, und
sie weidete sich an den langen Gesichtern der beiden Damen.
    Eine Emanzipierte! rief Natalie entsetzt.
    Da wird unsere liebe Hilde wohl Platz machen mssen, klagte Elise.
    Haben wir nicht genug Fremdenzimmer? meinte die Grfin mit bewutem
Miverstehen; der Umgang mit dem klugen Mdchen wrde Ihnen, liebe Hilde, ber
manche leere Stunde hinweghelfen.
    Die Angeredete sah errtend auf: Gewi, Frau Grfin; ich bleibe mit
Freuden, wenn -
    Nataliens spitze Stimme schnitt jedes weitere Wort ab: Du wirst jedenfalls
die Erlaubnis deiner Mutter einholen mssen, liebes Kind. Nach deutschen
Begriffen - sie betonte das deutschen mit Nachdruck - ist eine Person, die
mit Mnnern zusammen studiert, oder zu studieren behauptet, kein erwnschter
Umgang fr junge Damen unserer Kreise. Und alle drei standen auf.
    Am nchsten Tage fuhr Konrad Hochse mit seinen beiden Fchsen den Gast in
den Hof. Hinter den Gardinen ihrer Fenster sah er die Gesichter der Tanten sich
an die Scheiben drcken, und hinter der Kchentr verschwand, im Augenblick, als
er Else vom Wagen half, Hilde Rothausens weies Kleid.
    Er lchelte wehmtig: sie mochten beruhigt sein, alle drei! Die Gefrchtete
war wie das Silberwlkchen droben am Himmel, das ein krftiger Ost jeden
Augenblick auflsen konnte. Selbst die rasche Fahrt hatte ihre farblosen Wangen
nur ein ganz klein wenig zu rten vermocht. Sie wre eine ihrer Mrchenpuppen
gewesen, wenn sich nicht allmhlich in den Augen ein Lebensfunke entzndet
htte.
    O, der Lindenbaum! - Und dort die Schwalben! - Wie das Wasser
schwatzt! - Wie die Rosen blhen! - hatte sie zwischen langen Pausen mit
immer hellerer Stimme ausgerufen. Ganz zuletzt hatte sie Konrads Arm leise
berhrt und ihm, als wr's ein groes Geheimnis, mit einem verirrten Lcheln um
die Mundwinkel zugeflstert: Seit zehn Jahren war ich immer in Berlin, immer!
    Gerhrt schlo die Grfin das blasse Mdchen in ihre Arme, auch der letzten,
leisen Besorgnis enthoben. Das war keine, die auszog, Herzen zu brechen, ihr
eigenes vielmehr mochte wohl schon gebrochen sein.
    Es kamen jene stillen Sommertage, erfllt von weicher, warmer Luft, die sich
nur wie ein leises Atmen der Erde sanft bewegt, berwlbt vom immer gleichen
milden Blau des reinen Himmels. Das ferne Dengeln der Sensen, das Pltschern des
Bachs, Bienengesumm, Grillengezirp, Waldesrauschen und verhallendes
Vogelgezwitscher vereinigten sich, von den Wellen der klaren Luft getragen, zu
einem einzigen Schlummerlied der Seele, und am Abend fielen im Chor die tiefen
Stimmen der Unken und der Frsche wie Orgelbegleitung ein.
    Das ist die groe Feierzeit des Jahres; die Zeit, die selbst auf harte
Gesichter einen Zug von Frommsein malt.
    Auch ber Else kam das Wunder.
    Die Sonne malte das krankhafte Wei ihrer Haut mit durchglutetem Braun, die
Luft wischte die schweren salzigen Tropfen aus ihren Augen, und der Gesang der
Natur lullte die Strme des Herzens ein. Sie ging umher wie der lebendige Geist
dieser Tage, hell und still. Einem jeden wurde warm ums Herz, der sie in ihrem
schlichten Kleide durch Hof und Garten wandeln sah.
    Es hielt sie nie lange im Zimmer. Noch ehe die Mgde am Morgen mit den
klappernden Milcheimern zu den Stllen gingen, war sie schon auf weichen Sohlen
leise hinausgeschlpft. Und noch ehe die Grfin, die nach Art alter Leute keinen
langen Schlaf hatte, ihr Wohnzimmer betrat, war sie wieder heimgekehrt und hatte
die schlanken, vielfarbig schimmernden venetianischen Glser auf den Tischen mit
blauen Glockenblumen gefllt. Selbst in die nchternen Stuben der Tanten mit den
gescheuerten Bden und stets blank polierten, stubchenlosen gelben Holzmbeln
wagte sie sich hinein und gab ihnen mit ein paar Struchen von Heckenrosen ein
frohes Gesicht.
    Hilde, die dem neuen Gast zunchst keine Beachtung geschenkt hatte, erwachte
allmhlich aus ihrer Lethargie. Sie fhlte die Woge voll Wohlwollen, die der
Fremden entgegenkam. Und sie fing an, ihr nachzugehen, sie zu imitieren. Es
kamen Morgenstunden, in denen Hildens Stimme im Wechselgesprch mit der ihren zu
den offenen Fenstern der noch Schlummernden emporklang. Die Weistickerei ruhte
verstaubt im Krbchen. Die enge, dumpfe Welt, um die ihre kleinen Gedanken, wie
kaum flgge Vgel um das Nest, ngstlich geflattert hatten, erweiterte sich. Gab
es wirklich fr ein Mdchen, das auf den Mann wartete, etwas anderes zu tun, als
still bei der Handarbeit zu sitzen? Sie horchte auf, wenn Else erzhlte, und das
einzige, fr das sie bisher ein wenig Interesse gezeigt, eine gewisse
spielerische Ttigkeit entfaltet hatte, der Garten, erschien ihr sogar im Lichte
einer ernsten Arbeit.
    Aber auch allerlei Lustiges gab es zu tun, das freundliche Worte und Blicke
eintrug: im Walde Erdbeeren pflcken, die mittags berraschend im weien Weine
dufteten; im Garten die sich erschlieenden Knospen von den verwelkenden
Nachbarinnen befreien, und zuweilen heimlich, ganz frh, wenn es niemand sah, in
das Knopfloch des Rocks, der vor Konrads Tre hing, die allerschnste stecken.
    Zuerst hatte er sich wohl verwundert, wenn er sie sah, hatte sie sogar
rgerlich beiseite geworfen, da sie von Else nicht kommen konnte, die sich kaum
um ihn kmmerte. Dann aber kam auch ber ihn eine so seltsam weiche Stimmung,
die ihm gebot, niemandem weh zu tun, und er lie sich den Morgengru gefallen,
mit der Geberin harmlos darber scherzend. Er bemerkte nicht, wie ihre fahlen
Blauaugen dabei aufleuchteten, wie sie sich bemhte, durch allerlei kleine
Aufmerksamkeiten, die sie Elsen ablauschte, noch mehr Beachtung zu finden.
    Wenn Konrad von Ritten und Wanderungen heimkam, fehlte ihm das Gefhl, das
ihn sonst in Gedanken an den Kreis um den Teetisch, an die Tanten, die
Fledermuse, die dem Himmel die Sonne nicht gnnten, beschlichen hatte. Jetzt,
das wute er, schwebte siegreich ber ihrem bsesten Stirnerunzeln, ihrem
bittersten Mundverziehen das frohe Gesprch der anderen.
    Einmal aber fauchte in die Nachmittagsstille wie Gewittersturm der
berraschende Besuch der Baronin Rothausen. Die Baronessen und die Frau Grfin
wolle sie sprechen, sagte sie mit rchelndem Atem dem Diener, der sie melden
wollte. Von der Terrasse herein kamen die drei mit erstaunten Gesichtern.
    Ich will mein Kind, mein armes mileitetes Kind, rief sie ihnen entgegen,
so da Konrad, Else und Hilde es drauen hren konnten. Das mu ja eine
merkwrdige Dame sein, Frau Grfin, die Sie meiner Tochter zur Gesellschaft so
dringend empfohlen haben! Macht das Kind aufsssig, lt sie aller Wrde
vergessen, die sie ihrer Geburt schuldig ist. Sie schpfte Atem.
    Aber - begann die Grfin, doch die Aufgeregte sprach bereits weiter:
Grtnerin will sie werden - Grtnerin! Ist so etwas je erhrt gewesen?! Eine
Rothausen, die Dung karrt und Kartoffeln buddelt! Der Atem ging ihr aufs neue
aus. Ich will mein Kind zurck, mein armes mileitetes Kind! schrie sie mit
berschnappender Stimme.
    Wir sind unschuldig, sagte Natalie achselzuckend. Ganz unschuldig,
wiederholte Elise mit einem schmerzbewegten Augenaufschlag.
    Ich wei von der ganzen Sache nicht das mindeste, liebe Frau Baronin,
sagte die Grfin khl. Es wird wohl das beste sein, Sie sprechen Ihre Tochter
selbst. Drauen auf der Terrasse beruhigte sich die Erregte etwas. Elsens
unscheinbare Erscheinung - Hilde hatte von ihr in einer Weise geschwrmt, die
sie als eine bedenkliche Konkurrentin erscheinen lie - und Konrads freundliche
Ritterlichkeit, mit der er Hilde verteidigte, dmpften ihren Zorn.
    Wir haben ja gar nichts dagegen, lieber Baron, fltete sie, da unser
Kind sich unter der Leitung unseres Grtners und unserer Wirtschafterin ber all
die Dinge nher orientiert, die eine tchtige Gutsfrau wissen sollte. Aber eine
Schule! Eine Gartenbauschule!! Unmglich, unmglich! Das Frulein - und sie
lorgnettierte Else neugierig - ist sich natrlich nicht klar geworden, wen sie
vor sich hat.
    Ganz klar, Frau Baronin, sagte Else ruhig, ein Mdchen wie viele, das in
Gefahr steht, vor lauter geschftigem Nichtstun ein unglcklicher Mensch zu
werden.
    Wie knnen Sie sich erlauben - fuhr Frau von Rothausen auf, sie nahm sich
aber rasch wieder zusammen; vor solchen Leuten durfte man sich keine Blen
geben! Sie lehnte sich steif in den Stuhl zurck und sagte feierlich: Den
einzigen Beruf der Frau wird meine Tochter in der Ehe finden, mein Frulein, und
auch ihr einziges Glck. Und nun, mein Kind, damit wandte sie sich an Hilde,
die abwechselnd rot und bla geworden war, bedanke dich bei deinen gtigen
Gastgebern, packe dein Kfferchen und komm. Der Vater kann deine Rckkehr gar
nicht erwarten.
    Das Mdchen stand auf, krampfte die Hnde ineinander, sah sich wie
hilfeflehend nach allen Seiten um und sagte dann: Wenn ich noch bleiben drfte!
Frulein Gerstenbergk ist - ist so viel fr mich. Nie - nie ist ein Mensch so
gut zu mir gewesen.
    Unerhrt! schrie die Baronin, fassungslos, und das sagst du mir - mir,
deiner Mutter!
    Hilde brach in Trnen aus. Ich meinte doch nicht dich, nur die fremden
Menschen, schluchzte sie.
    Das ist Dankbarkeit, sagte Natalie spitz.
    Gott - das ist doch auch nur eine veraltete Tugend, nicht wahr, Frulein
Gerstenbergk? meinte Elise.
    Die aber hatte sich Hilden, die nun noch verzweifelter weinte, zugewandt.
Geh, Hilde, gehorche deiner Mutter, flsterte sie ihr zu; beweise ihr, wenn
du zu Hause bist, da du nicht verdorben wurdest. Dann erreichst du weit eher,
was du willst.
    Hilde starrte Else an, entgeistert. Ihre Trnen waren versiegt. So etwas
rtst du mir! rief sie, du, die mir predigte, stark zu sein! Du! Und ihr
nichtssagendes Gesicht verzerrte sich pltzlich vor Ha und Hohn, whrend ihr
Blick zwischen Else und Konrad hin und her flog.
    Ich werde selbstverstndlich den Wnschen meiner Eltern Folge leisten. Es
war jetzt wieder die wohlerzogene junge Dame, die aus ihr sprach. Else bot ihr
beim Packen ihre Hilfe an. Danke, ich habe dem Mdchen geklingelt, war die
hochmtige Antwort. Und sie fuhr fort, ohne ihr noch die Hand zu geben.
    Von da ab schlug die Stimmung in Hochse um. Waren es die sich mehr und mehr
zusammenziehenden Gewitterwolken, die schwer auf allen lasteten? War es die
elektrische Spannung der Luft, die in gereiztem Wesen, in ngstlichkeit und
Unsicherheit zum Ausdruck kam? Die Tanten benutzten jeden Anla zu spitzen
Bemerkungen gegen Else; sie begegnete ihnen mit schwer zu versteckender
Verletztheit.
    Hufiger als sonst kamen die Nachbarn nach Hochse.
    Langweilen Sie sich auch nicht? frugen die Herren augenzwinkernd und
schnurrbartdrehend den jungen Hausherrn, der die Faust in der Tasche ballte. Und
dann, wenn Else kam, musterten sie das junge Mdchen, prfend, abschtzend.
    Der Klatsch ging um in der Gegend. Auf dem Greifenstein war er zur Welt
gekommen, das schattenhafte, gromulige Ungeheuer ohne Knochen und Muskeln. Es
wand sich durch alle Tler, es kroch zu den Bergen hinauf, es schlpfte,
zusammengezogen, durch alle Tren, um sich in den Zimmern breit und behbig
auszubreiten.
    Konrad fhlte, da irgend etwas die Freundin bedrohte, kaum, da sie von der
alten Last befreit worden war. Der Wunsch, sie zu schtzen, ihr zur Seite zu
stehen, wurde immer strker, wrmer. Er, der sonst gern in den Tag
hineintrumte, horchte, von der ersten Dmmerstunde an, auf ihren leichten
Schritt im Flur.
    Zuerst folgte er ihr nur von ferne.
    Er sah ihr Kleid um die Baumstmme wehen, sah, wie sie auf den schmalen
Fen elastisch von Stein zu Stein stieg, wie ihre Arme sich in feiner Rundung
hoben, um einen bltenschweren Ast zu sich niederzuziehen, wie der Krper sich
bog, bei aller Schlankheit weiche Formen verratend, um die Blumen am Bach zu
erreichen. Und einmal sah er auch hinter Bschen versteckt ihre Augen, in
Trumen verloren, ihren Mund in Erinnerung lchelnd. Galten Trume und
Erinnerungen wohl immer noch ihm, dem Ungetreuen?
    Es hielt ihn nicht lnger. Frulein Else, sagte er leise.
    Konrad - Sie?! und ein heller Schein flog ber ihre Zge. Wre sie nicht
vor mir erschrocken, wenn sie an Pawlowitsch gedacht haben wrde? fuhr es ihm
befreiend durch den Sinn.
    Sie gingen nun oft miteinander, ganz offen, vor den Augen der Tanten. Ihm
war, als wre sie jetzt erst angekommen. Zu ihm. Von der Vergangenheit sprach
keiner von den beiden.
    Auf ihren gemeinsamen Wanderungen, die sie mit eigensinniger Beharrlichkeit
ber die Grenzen des Gutsbezirks nicht ausdehnen wollte, wurde sie mehr und mehr
die Fhrende, weil sie die Unterrichtete war. Besser als er kannte sie Weg und
Steg, hatte sich mit offnen Sinnen und liebevollem Eingehen in die
Eigentmlichkeiten der Natur, in die Bedingungen und Forderungen des Grund und
Bodens, in das Leben und Treiben der dnn gesten Bevlkerung versenkt, und mit
einem aus Scham und Staunen gemischten Gefhl lernte er durch sie die Heimat
kennen, die ihm vor lauter gewohnheitsmig gleichgltigem Anschauen im Grunde
die Fremde gewesen war. In ihrem Eifer und ihrer Entdeckerfreude bemerkte sie
zunchst wenig davon, nur manchmal entfuhr ihr ein Ausruf komischen Entsetzens,
wenn er ihr ber den eigenen Besitz und seine Bewohner so gar keine Auskunft zu
geben vermochte.
    Sie gehen wie ein Gast im eigenen Hause umher, sagte sie bei einer solchen
Gelegenheit. Der grte Teil der Menschheit krankt daran, da er entwurzelt
ist, da seinem Lebensatem die natrliche Nahrungsquelle fehlt, und Sie besitzen
dieses unschtzbare Gut und wissen es nicht.
    Sie vergessen: ich hatte nie ein ungeteiltes Heimatsgefhl. Im Lande meiner
Mutter lebte stets meine Phantasie; dorthin fhrte mich meine Sehnsucht,
entgegnete er. Erst jetzt war ihm, was er sagte, zu vollem Bewutsein gekommen.
Den Spuren der Gromutter, ihrer Tatkraft, ihrem Ordnungssinn, begegnete er in
Haus und Dorf, in Wald und Feld; aber ihm wehte dabei etwas Khles,
Unpersnliches entgegen. Und Else, die mehr und mehr auch sein Schweigen
verstand, meinte: Wie eine fremde Knigin ist sie, die das Reich treulich
verwaltet, ohne sich ihm jemals zu eigen zu geben. Und doch, fgte sie nach
einer kleinen nachdenklichen Pause hinzu, mte es Seligkeit sein, sich mit den
jungen Buchen dort um die Wette - tief in diesen Boden zu senken!
    Konrads Auge begegnete dem aufleuchtenden Blick, den sie zu ihm erhob. Es
strmte ihm hei zum Herzen. Und leise und zrtlich schob er seinen Arm in den
ihren, als gehrten sie zueinander.
    Die Landleute lchelten, wenn sie die Wandernden sahen. Sie fhlten sich dem
schlichten blonden Mdchen vertraut, dessen Blick so warm war, dessen Hndedruck
keinen Handku forderte. Ihre Anteilnahme an ihrem Ergehen war ohne Neugierde,
ihr Mitleid mit ihren Nten keine Ankndigung verletzender Almosen. Das wird
eine gute Frau, sagten sie.
    In jedem, auch dem rmsten Oberfranken, lebt etwas von echter
Edelmannsgesinnung. Er bettelt nicht, er darbt lieber, und wenn er der kahlen
Hochebene entstammt, so ist er rauh und unzugnglich wie sie. Konrad entsann
sich nicht, hier oben je anders als zu Wagen oder zu Pferde gewesen zu sein.
Wie ein Grandseigneur, nicht wie ein Landesvater, meinte Else mit leisem
Vorwurf, als sie miteinander ber die einsame Halde schritten. Hier, wo
Kalkstein und Dolomit die Oberflche bilden und weder Teiche noch Bche
vorhanden sind, vermag selbst hrteste Arbeit dem Boden nur wenig abzuringen.
Neben den vereinzelten kleinen Husern wird das Regenwasser in Lehmgruben
gesammelt, um wenigstens einen armseligen Kchengarten erhalten zu knnen.
Wetterdisteln und blasse Waldanemonen wachsen zwischen dem sprlichen Rasen;
schwarz und einsam richten dazwischen hier und da Wacholderbsche ihr Haupt
empor.
    Wie ein Totenacker! sagte Konrad schaudernd.
    Wenn man Wasser hinaufzuleiten vermchte, um wie Faust einem freien Volk
den freien Grund zu erobern, entgegnete sie, wre das nicht eine Aufgabe,
wert, sich dafr einzusetzen?
    Fr diesen drren Boden - das blhende Leben?! rief er abwehrend aus.
    Beschrnkung ist berall unser Los, warf sie leise und wehmtig ein.
    Gewi, gewi, nickte er eifrig, aber erst nachdem wir fr unser
beschrnktes Wirken den hheren, allgemeineren Zweck und Sinn gefunden haben.
Wie in einem Gefngnis wrd' ich ersticken, wenn ich dem Warum meines Lebens
nicht auf den Grund gekommen wre!
    Es war ein weicher Sommerabend damals mit silbergrau verhngtem Himmel. Sie
schwiegen lange. Bis sie wieder leise zu plaudern begann. Er hrte kaum, was sie
sagte, aber der Ton ihrer Stimme fiel, wie sanfter Regen nach dem Sturm auf
Busch und Baum, beruhigend auf seine bewegte Seele. Sie sprach von der Gegenwart
und nur von ihr, als wre die Vergangenheit ganz und gar vergangen; sie sprach
von Hochse, als wre dies Stckchen Erde die Welt. Und er wurde ganz still. Ihm
war auf einmal, als wchse eine Mauer um die Grenzen seines Guts, ber die kein
Suchen und Sehnen jemals hinber zu steigen vermchte. Er und sie - das war
Ausgang und Ziel. Das war Glck.
    Liebe, liebe Else! sagte er und legte den Arm um ihre Schultern.
    War es der trbe Abend, der ihre Zge so bleich erscheinen lie? -
    Dann saen sie zu dritt vor dem groen Kamin im Zimmer der Grfin, denn ein
Wetter, das in der Ferne noch grollte, hatte die Luft erheblich abgekhlt, und
die alte Dame benutzte gern jeden Vorwand, um Hnde und Fe, die sich immer
schwerer erwrmen wollten, der belebenden Wirkung des Feuers auszusetzen. Ihre
Augen hingen an dem Relief des Kamingesimses, einem feinen Gerank, das das Bild
einer an den Felsen geschmiedeten Ariadne leicht umkrnzte. Der stark
herausgearbeitete Krper der Gefesselten wurde im Schein des Feuers lebendig.
    Ist sie nicht ein antikes Symbol der Knechtschaft, aus der Sie die Frauen
befreien wollen? sagte sie und spann, als keine Antwort kam, den Faden ihres
Gedankens weiter; Sie sollten nur nicht vergessen, da es zwar ein Mann gewesen
ist, der die Schne ihrer Freiheit beraubte, aber auch ein Mann, der ihr
Befreier war. Sie geht immer nur von einer Hand in die andere.
    Auch jetzt blieb es still.
    Nun, Sie schweigen -? und sie hob ein wenig den Schirm der vor ihr
stehenden Lampe, um Elsen ins Gesicht zu sehen. Was ist Ihnen, mein Kind? rief
sie, ihn wieder fallen lassend, und beugte sich besorgt zu dem Gast hinber.
    Ich sprte die Druckstellen meiner Ketten wieder, sagte Else, whrend ein
Frsteln ihren Krper durchlief.
    Der gesprengten, nicht wahr? frug die Grfin, die kleine Hand des Mdchens
leise streichelnd. Es war das erstemal, da sie das Schicksal ihres Gastes
berhrte. Wunden, das wute sie, mssen erst vernarbt sein, ehe man ihre
schtzende Hlle lften darf.
    Der gesprengten - ja! antwortete Else mit ungewhnlich heller Stimme.
    Wirklich? fiel Konrad ein.
    Forschend sah die Grfin zu ihm hinber. War es nur die Teilnahme des
Freundes, die seinem Ton eine so warme Frbung gab? Aber Else schien ihn zu
berhren. Mit trnenschimmernden Augen fhrte sie die Hand der Grfin an ihre
Lippen.
    Alles danke ich Ihnen - alles! Ich war erfroren, war leblos. Der Schmerz,
der das Herz zerreit, uns die wildesten Gedanken der Selbstzerfleischung ins
Hirn hmmert, ist ein gtiger Freund, ist eine Art Reaktionserscheinung der
Seele - wie das Fieber etwa fr den Krper - im Vergleich zu dem Gift, das sie
zerstren will. Nur die vollkommene Fhllosigkeit, jenes grliche Leersein in
Kopf und Herz, jenes sich selbst zum Gespenste werden, das ist die Hlle. Ihr
Brief - der Brief einer Frau, der ich fremd war, der mein ganzes Denken, Fhlen
und Sein fast wie etwas Feindseliges erscheinen mute, und die mich dennoch zu
sich lud, und das in einem Augenblick, wo ich ganz verlassen war - Ihr Brief war
der erste Sonnenstrahl auf das Eis, unter dem mein Leben schlief. Und jeder Tag,
ach, was sage ich: jedes gtige Lcheln, das mir galt, jeder Hndedruck, der
mehr sagte, als hundert teilnehmende Worte sagen knnten - Worte, deren Tonfall
schon zu beleidigen vermag! - lockten aus dem erstarrten Boden neue Blten
hervor. Und nun - nun, in leidenschaftlicher Bewegung war sie der Grfin zu
Fen gesunken, lebe ich wieder!
    Zwei Hnde legten sich um ihre Schlfen, zwei Lippen ruhten auf ihrer Stirn.
Im Scho der Mutter, dachte sie und meinte zu fhlen, wie von Hnden und
Lippen ein Strom von Ruhe ausging, sie umflo und durchdrang. Sie hob den Kopf.
Zwei Augen trafen sie, - dunkel wie Weiher in der Nacht, in deren Tiefen goldene
Schtze glhen. Sie starrte sie an, selbstvergessen: waren es die der Grfin,
die Konrads?!
    Mit einem Lcheln, das ihr eigenes nicht war, erhob sie sich und sagte -
fast frhlich sollte es klingen: Und nun ist es Zeit, da ich gehe.
    Es blieb still in dem Zimmer. Jeder erwartete wohl vom anderen, da er
antworten wrde. Die Uhr, die sonst niemand hrte, tickte pltzlich ganz laut.
    Ich mu arbeiten, ich be sonst die Winterauftrge ein, fuhr Else zgernd
fort. Dann griff sie pltzlich, wie von einem Schwindel gepackt, nach der
Stuhllehne hinter sich. Konrad sprang zu, um die Wankende zu sttzen.
    Sie sehen selbst: da es nicht Zeit ist - noch lange nicht - von uns zu
gehen, sagte er sehr weich. Mit geweiteten Augen sah die Grfin von einem zum
anderen; in jenem Ton klang Mannesliebe, jene echte, reine, schtzende.
    Else hatte sich schon wieder in voller Gewalt.
    Nur da ich heute sprach, von mir sprach, hat mich so erschttert, sagte
sie. Gestatten Sie mir, Frau Grfin, da ich mich ein wenig frher
zurckziehe?
    Noch ein Handku, ein freundliches, ein wenig zerstreutes Gute Nacht, und
Else ging.
    Ganz still, mit gesenkten Lidern - als wolle sie niemanden durch die Fenster
ihrer Seele schauen lassen - sa die Grfin zurckgelehnt in ihrem tiefen Stuhl.
    Willst du halbe Arbeit tun, Gromutter? frug Konrad leise; willst du sie
wieder frieren lassen? Sie sah nicht auf. Sie hrte nur: welch rhrend zartes
Beben war in dieser Stimme!
    Es klopfte einmal, zweimal. Giovanni erschien unter der Tre. Was ist's so
spt? herrschte ihn Konrad an. Er machte einen tiefen Bckling.
    Der Wind ri die Fahne vom Turm. Ich sagte lngst, da die Stange morsch
ist.
    Und damit erschreckst du uns jetzt?!
    Damit Frau Grfin morgen frh nicht erschrecken. Er verschwand wieder.
    Grfin Savelli sah ihm nach; auch als er schon gegangen war, hafteten ihre
Blicke noch in derselben Richtung. Was war es doch, was der Alte ihr einmal vor
Jahren geraten hatte? Die Liese hatte sie ins Haus nehmen sollen, des Mllers
Liese, als der Knabe zum Jngling gereift war. Pfui!
    Gromutter, ich bitte dich, mir zuliebe, wenn du es um ihretwillen nicht
tun magst: halte die Else fest! drngte Konrad.
    Um deinetwillen - gut! Sie erhob sich, ihm die Hand reichend. Und nun
kein Wort mehr darber. Eine fremde Hrte lag auf ihrem Gesicht.

In dieser Nacht fand Konrad Hochse keinen Schlaf. Er konnte es nicht erwarten,
ihr zu sagen, da sie bleiben drfe, bleiben msse! Er lauschte angestrengt;
jedes Knacken im Holz, jedes Rascheln der Gardinen, jedes Knarren des
Fensterladens lie ihn auffahren: war es ihre Zimmertre, ihr Kleid, ihr
Schritt?
    Aber auch als der Morgen dmmerte, wartete er umsonst. Schweiperlen standen
auf seiner Stirne: war sie nicht totenbla gewesen gestern abend, als sie
schlafen ging? Vielleicht war sie ber Nacht erkrankt, lag hilflos und in
Schmerzen allein in ihrem Zimmer! Oder sie hatte sich gar nicht niedergelegt,
hatte heimlich das Haus verlassen!
    Er sprang aus dem Bett und fuhr hastig in die Kleider. Dann schlich er
hinaus. Den langen Flur ber die Galerie der Diele bis zum anderen Flgel, wo
die Fremdenzimmer lagen, mute er hinuntergehen, an der Wohnung der Tanten, an
der des alten Habicht vorbei. Vor jeder Pforte horchte er, ob nicht ein Laut das
Wachen der Bewohner verriete. Doch alles war still.
    Aus den groen Fenstern der Galerie sah er auf den Hof hinab: nichts bewegte
sich. Drckende Sommerschwle lie jedes Blatt am Baum reglos schlafen. Schwer
hing das Fahnentuch von der niedergerissenen Stange am grauen Gemuer des Turms.
Wie bla die rote Rose auf dem weien Grunde aussah! Von der Sonne ausgezogen,
vom Regen verwaschen - verwelkt.
    
    Ein Fest wollen wir feiern, ein groes Fest und eine neue Fahne hissen, mit
einem strahlenden Symbol des Glcks, dachte er freudig erregt und meinte Else
vor sich zu sehen, im weien Kleid mit Blumen im Haar, wie ihre kleine Hand mit
silbernem Hammer das Tuch an die starke Stange nagelte.
    Else! Das Herz schnrte sich ihm zusammen. An ihrer Tre stand er jetzt!
    War es der Ton des brausenden Blutes in seinen Ohren, oder bewegte sich
etwas hinter ihr?
    Gewiheit - um Gottes willen, Gewiheit!
    Er drckte die Klinke herunter -
    Wer ist da? - eine gengstigte Stimme.
    Ich, und schon stand er vor ihr.
    Sekundenlang dunkelte es ihm vor den Augen. Dann sah er: ein unberhrtes
Bett - einen halb gepackten Koffer und sie - sie!
    Du bleibst - bleibst! ein erstickter Schrei war's.
    An jenem Morgen gab sie sich ihm.

Die Grfin Savelli sa an ihrem Frhstckstisch; nachdenklich zerbrckelte sie
das Brot zwischen den Fingern und berflog abwesenden Blicks die Postsachen, die
ihr eben gebracht worden waren.
    Ist der Herr Baron schon auf? frug sie den Diener.
    Als ich eben den Kaffee brachte, schlief der Herr Baron noch, antwortete
er.
    Sie nickte.
    Also wute Else noch nicht, da sie ihrem lngeren Bleiben zugestimmt hatte.
Ein befreiender Atemzug hob ihre Brust. Wie hatte sie nur einen Augenblick lang
so grausam, so unmenschlich sein knnen! Dieses Mdchen mute gehtet, nicht
preisgegeben werden.
    Der Diener erschien schon wieder. Frulein Gerstenbergk, meldete er.
    Ich lasse bitten. Mit ausgestreckter Hand ging sie ihr entgegen. Mitten im
Zimmer aber stockte ihr Fu.
    Schwebenden Schritts, als htte ihr Krper keine Schwere, war Else ber die
Schwelle getreten. Ihr Antlitz leuchtete. Ob es auch bleicher und schmaler war
als sonst und die Augen dunkel umschattet. Es war nicht der Glanz eines Sieges,
nicht das Strahlen genossener Lust. Es war wie alte Marienbilder, aus Holz
geschnitzt, in dunklen Kapellen ber der ewigen Lampe leuchten.
    Ich mchte fort, gleich jetzt, Frau Grfin, sagte sie, ohne da ihr
Ausdruck sich nderte.
    Die Angeredete war zu benommen, als da sie htte antworten knnen. Sie sah
das Mdchen nur an.
    Sie haben mich lnger behalten wollen, fuhr Else fort.
    Sie wissen?! Der Blick der Grfin war eine erstaunte Frage.
    Ein Lcheln, das weich ihren Mund umspielte, ein groer, freier
Augenaufschlag begegnete ihr. Und die Blicke der beiden Frauen tauchten tief
ineinander. Bis sich die dunklen Sterne der Grfin, trnengefllt,
niedersenkten.
    Setzen Sie sich zu mir - so - ganz nah, mein liebes Kind, flsterte sie,
Else an sich ziehend.
    Ich mchte fort, ehe Konrad erwacht, sagte das Mdchen mit bittend
erhobenen Hnden auf dem Fuschemel kauernd. Er soll nicht wissen, niemals
wissen, wohin ich ging.
    Heit das nicht zu grausam sein? Er - liebt Sie, Else, antwortete die
Grfin. Das junge Antlitz vor ihr leuchtete noch heller.
    Er liebt mich. Mit einer rhrenden, zarten Liebe, frhlingshaft. Er gab mir
den Glauben wieder, den Glauben an die Menschen, an mich! Soll ich nun die weie
Wiesenlilie seiner Liebe selbstschtig und tricht in einen Scherben verpflanzen
und die Hoffnung nhren, sie wrde den Herbst berdauern? Ihren Duft will ich
mit mir nehmen, reuelos.
    Und - er?!
    Des Mdchens Lippen zuckten. Wird leiden - murmelte sie, um gleich darauf
festen Tons fortzufahren: Aber ein lebenslanges Unglck wrde es, wenn ich
bliebe. Er verliee mich nicht - aus Gte, aus Mitleid. Es wrde eine jener Ehen
sein, die wie mit einem Henkerschwert das Leben vom Krper trennten. Er aber
soll leben, soll das Leben erst finden, das er so sehnschtig sucht. Ich will
ihm die Tre ffnen, nicht zusperren. Darum mu ich fort - gleich fort! Jetzt
bin ich stark, in einer Stunde knnte ich schwach sein.
    Mir aber werden Sie nicht verheimlichen, wo Sie sind? frug die Grfin,
aufs tiefste erschttert.
    Elsens Lippen schlossen sich fest zusammen, was ihren Zgen den Ausdruck
starren Willens verlieh. Doch - immer, entgegnete sie.
    Auch, wenn Konrads Liebe Ihnen mehr bedeuten sollte als - eine Erinnerung?
Ein warmer mtterlicher Blick umfate sie, deren Wangen sich dunkel frbten.
    Auch - dann!

Der gelbe Postwagen rollte ber den Hof - durch das graue Tor - ins Tal hinab.
    Konrad ffnete die Augen, um sie gleich darauf, selig lchelnd, wieder zu
schlieen.

                                Fnftes Kapitel



              Von Konrads Hllenfahrt und den Geieln der Berolina

In der Bar Aux Trois Grces spielten rotbefrackte Zigeuner; sie saen in einem
schmalen langgestreckten Raum, der ganz in eine Farbe getaucht war: dasselbe
giftige Grn leuchtete von den Tapeten, den Teppichen, den Bezgen der tiefen
Sthle um die kleinen Tische.
    Es war leer, - Mitternacht, - noch viel zu frh fr den Betrieb hier. Das
Garderobenfrulein schlummerte an der Tre; ihre schlaffen grauen Wangen hingen
herunter, als wre die Dreiigjhrige eine alte Frau. Die Kellner standen mit
zusammengeknickten Knien hinter den Portieren und ghnten.
    Jetzt hrten die Musikanten zu spielen auf; ihre Oberkrper fielen mde
vornber. Das schlummernde Garderobenfrulein, - die knickebeinigen Kellner an
den Portieren, - es war als grinste die grne Farbe schadenfroh ber den Opfern
ihres Gifts.
    Da schlugen die Tren. Das Frulein fuhr auf. Rasch die Puderquaste. Eine
weie Wolke stubte ber ihre Zge, die Lippen zogen sich ber das falsche Gebi
zurck - das war ein Lcheln. Geschftig liefen die Kellner hin und her und
grinsten verbindlich; mit khner Knstlerbewegung warfen die Musikanten die
schwarzen Haarstrhnen aus der Stirne und polierten mit ein paar Gedanken an
frstliche Trinkgelder die matten Augen.
    Der grne Raum fllte sich: Damen in Reiherhten und Pelzmnteln, unter
denen die Chiffonschleppen wie bunte Schlangen ber dem grnen Teppich
zngelten; Mdchen in hochhackigen Bnderschuhen, vorn gehobenen, ber den
Hften bauschigen, unten ganz engen Rckchen, so da ihre Gestalten aussehen wie
die der Frauen Holbeins, die stolz ber dem gesegneten Leib die Hnde kreuzen.
Und dann die Herren im Cutaway, im Frack, im Smoking, sehr schlank, von
gewollter Sehnigkeit, mit aus der Stirn gestrichenen Haaren, die noch die
Schrfe und Fleischlosigkeit der glattrasierten Zge betonten.
    Sie begrten einander von Tisch zu Tisch, freundlich, gehalten. Sie
konversierten - das deutsche Wort sprechen htte einen zu lauten Ton vermuten
lassen - mit den Damen und tranken gelbe und rote, grne, bunte und weie
Flssigkeiten aus phantastisch geformten Glsern, ohne dabei lauter zu werden.
    Eine Gruppe neuer Gste erschien. Unter ihnen ein kleiner, weibrtiger
Alter, den selbst das Garderobenfrulein mit verklrtem Lcheln empfing, und
Konrad Hochse, dessen Gesicht jede Erinnerung an die Knabenzge verloren hatte.
    Man grte die Eintretenden lebhafter als bisher. Der alte Herr besonders
war rasch umringt.
    Ihr habt mich wohl schon zu den Toten versammelt? lachte er, den sie
Hofrat titulierten.
    Sie unterschtzen unsere Intelligenz! sagte ein kleiner Kerl mit einem
runden Kindergesichtchen. Wir wuten Sie, und wenn Sie sich noch so
geheimnisvoll gebrden, mitten im Leben.
    Von dem Sie wieder einmal bufertig zurckkehrten, um sich in unserem
Krhwinkel auszuruhen, ergnzte ein anderer.
    Verflucht ntig haben Sie's, meinte ein dritter, den kleinen Alten
betrachtend, der, ernster geworden, die Zigarette zwischen den Fingern drehte.
    Ihr habt natrlich, wie immer, alle recht, antwortete er, whrend sein
rechtes Auge nervs zu zucken begann. Ungemtlich ist's drauen, ekelhaft
ungemtlich! In Paris, in Rom, in London: berall dieselben giftigen Blicke und
hmischen Bemerkungen, die unsereinem folgen. Man prft unwillkrlich in jedem
Spiegel Rock und Krawatte, ob sie nicht dreckig sind.
    Bankrott des Europertums, Hofrtchen, mischte sich Eulenburg ins
Gesprch, der eben an den Tisch getreten war, totaler Bankrott. Weil wir's
nicht von selber gelernt haben, wird's uns von den zrtlichen Nachbarn
eingeprgelt: national zu werden.
    Besser noch: chauvinistisch, warf hitzig ein blutjunger blablonder
Jngling ein.
    Antisemitisch! sekundierte spttisch einer, der sichtlich ein Jude war.
    Eulenburg drehte sich auf dem Absatz um und sah ihn an. Sicher. Was
brigens unserer persnlichen Freundschaft, lieber Breslauer, keinen Eintrag
tut. Juden und Sozialdemokraten haben in den letzten Jahrzehnten unseren
internationalistischen Charakter geprgt.
    Barer Unsinn, unterbrach ihn der Angeredete, er ist ein Ergebnis rein
wirtschaftlicher Erscheinungen: der Industrie, des Verkehrs, der Mode.
    Der Hofrat lachte hell auf, so da alles sich nach ihm umsah. Nun ist mir
wieder wohl, Kinder, ganz wohl! sagte er, denn ich fhle, da ich zu Hause
bin. Wer anders als der Deutsche knnte - so dekadent er sich gebrdet - so
urgesund sein, um sich nachts um die zweite Stunde ber Weltprobleme zu
erhitzen?! Der Englnder ist um die Zeit ein Schwein, der Franzose ein Faun, der
Russe ein Narr. Wirklich: in diesem Krhwinkel mu der zerschundenste Raubritter
wieder zu Krften kommen.
    Schade! brummte in komischer Verzweiflung der Kleine mit dem
Kindergesicht. Ich hatte schon den ehrenvollen Auftrag, Ihnen ein Denkmal zu
setzen.
    Der Hofrat klopfte ihm beruhigend auf die Schulter: Fhren Sie's aus,
teurer Meister! Ich habe unsere Berhmtheiten immer bedauert, da sie bei ihrer
Verewigung nicht mehr mitreden knnen. Sie htten gewi irgendein Symbol ihrer
Lebensempfindung der eigenen Visage vorgezogen. Ich jedenfalls, und er begrte
ringsum mit heiterem Nicken die Mdchen, wnsche mir die Bar-Muse - nichts als
Schwanenhals und Giraffenbein natrlich.
    Ein Mdchen, das Lockenhaar hochgetrmt ber der freien Stirne, den
Oberkrper bis zur Taille, die eine breite Schrpe mehrfach umwand, in
durchsichtigen Chiffon gehllt, legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter:
    Papachen, blamier' dich nicht, neckte sie, dreiviertel Jahr fern von
Berlin, bedeutet ein halbes Jahrhundert in der Kultur zurck sein.
    Bist wohl immer noch die einzige, die so etwas wie Geist hinter dem
sndigen Fleisch zu besitzen scheint? antwortete er und ging langsam, da und
dorthin grend, durch die Reihen, um sich schlielich am Ende des Ganges, neben
den Musikanten, die tiefe Bcklinge machten, niederzulassen.
    Tango, kommandierte er. Das Mdchen, das ihm gefolgt war, lachte hell auf.
    Vieux jeu, sagte sie.
    Sei still, Leonie, mahnte er; noch merkt es selbst ein Berliner, da du
Lene heit und mit Spreewasser getauft bist. Der da aber, dem deine Augen
bereits Treue bis zum Grabe schwren -, und er nickte zu Konrad hinber,
brigens: Baron Hochse, Mademoiselle Leonie Doris - ist ein Franke von
unbestechlicher Tugend.
    Die Rotbefrackten setzten den Bogen an. Tanze lieber. Deine Beine sind
impressionabler als dein Geist und deine Augen.
    Leonie stand auf, mit der Bewegung eines Automaten, ein anderes Mdchen,
dessen Gesicht violetter Puder einen durchsichtigen Mondscheinglanz verlieh, kam
ihr entgegen. Sie senkten die Augen ineinander in stummem Gru. Unter dem
Einflu weicher klagender Molltne schienen ihre Glieder, ihre Mienen zu
erstarren, bis ein jh einfallender starker Akkord sie leise erbeben lie. Sie
schritten vorwrts. Das Instrument des Primgeigers klagte - es schrie -, und nun
hmmerte hart ein rhythmischer Takt dazwischen. Ein wenig rascher gleitender -
voneinander - zueinander - bewegten sich die Tanzenden.
    Der alte Herr sah ihnen zu, ungeduldig, stirnrunzelnd. Ruhe! donnerte er
mitten in einer Variation die Geiger an. Die Melodie ri ab. Sagt ich's euch
nicht hundertmal: Raub und Mord sind uerungen der Tugend im Vergleich zur
einzigen Todsnde: der Geschmacklosigkeit, rief er. Walzer und Polka und
hnliche neckische Dinge mgt ihr untereinander tanzen, der Tango ist eine
Angelegenheit zwischen Mann und Weib. Denkt an Cowboys und Gauchos und
Straenmdel - die Polizei ist ja nicht hier! - So was mu fhlbar hinter der
Larve des gesitteten beherrschten Mitteleuropers stecken, sonst kehrt doch
lieber gleich zur Quadrille und zum Konter zurck.
    Alles lachte ber des kleinen Mannes Erregung. Aber im gleichen Augenblick
traten zwei Herren zu den Tnzerinnen, Eulenburg und Bernhard, der Bildhauer.
Die Geigen schluchzten von neuem, noch schmelzender als zuvor, und barscher,
leidenschaftlicher fiel der hmmernde Ton ein; die Musik sang das Duett, das die
Fe, nein, die Krper tanzten.
    Jetzt bewegte der Herr sich langsam auf einem Fleck, die Dame, sich seinem
Arme fast entwindend, den Oberkrper weit zurckgelehnt, so da die Brste sich
aus dem Mieder hoben, tanzte im Bogen um ihn, wehrend und verfhrerisch lockend
zugleich, und aufreizend stritt sich dazu auf den Geigen Dur und Moll. Dur
siegte drhnend: der Herr, die Armmuskeln gestrafft, zog die Entfliehende an
sich - die Musik rauschte auf, - ganz dicht, Leib an Leib standen die Tnzer nun
voreinander, und zwischen ihre nur leise gleitenden Fe schoben sich tanzend
die seinen. Man applaudierte strmisch.
    Ausgezeichnet, sagte der Hofrat, sich befriedigt zurcklehnend. Sie haben
sich kolossal entwickelt, Eulenburg. Wenn der Rhythmus Ihrer Verse so gut wre
wie der Ihrer Beine! Und Leonie hatte vollkommen recht, wenn sie mich auslachte.
Euer pltzliches Bekenntnis zum Unterleib, meine Lieben im gerafften Rckchen
und Cutaway, predigt die Rckkehr zur Natur.
    Man lachte schon lauter an den Tischen. Leonie sa auf der Armlehne von
Konrads Stuhl.
    Sie mten tanzen knnen, sagte sie, jedes Wort mit einem langen Blick
begleitend.
    Nimm ihn in die Lehre, mein Tubchen, spottete der Hofrat.
    Es war ein rauher Ton in Konrads Lachen, mit dem er einfiel: Machen wir's
ab, Frulein Leonie! in acht Tagen tanzen wir beide zusammen!
    Vom Tisch gegenber klang wieherndes Lachen und Hndeklatschen. Ein Mdel
mit einer Pagenfrisur um das freche Bubengesicht hatte sich eben beineschwenkend
hinaufgeschwungen. Los - los, Nini! krhte einer. Berlin! schrie sie, alle
bertnend.

Die Friedrichstrae trgt auf Stein
Die blassen Gewsser des Lichtes -

Unsinn! Olle Kamellen, unterbrach sie ein anderer und deklamierte salbungsvoll
weiter:

Die Dirnen umstehen mit Hirschgeweihn
Die Circe meines Gesichtes.

Sie begann aufs neue, noch lauter:

Auf faulen Straen lagern Huserrudel,
Um deren Buckel graue Sonne hellt,
Ein parfmierter, halbverrckter Pudel
Wirft wste Augen in die groe Welt -

Du, fr den Blech sind wir noch zu nchtern, klang es ihr mit lallender Stimme
entgegen.
    La mich ausreden, du Dussel - antwortete sie und fuhr im Ton eines
skandierenden Schulbuben fort:

In Rummelpltzen, wo Athleten ringen,
Wird alles unklar und ungenau.
Ein Leierkasten heult, und Kchenmdchen singen.
Ein Mann zertrmmert eine morsche Frau.

Bravo, bravo! lachten die Zunchstsitzenden.
    Wer ist denn die? fragte jemand.
    Nini Kops, die jngste Muse -
    In einer Ecke debattierte man ber moderne Lyrik:
    Sollen wir Stdtegeborenen ewig verdammt sein, den Frhling zu besingen,
den wir nicht kennen, und die Nachtigallen, die wir nie gehrt haben?
    Nieder mit der verlogenen Rhrseligkeit vergimeinnichtblauer
Neoromantiker!
    Diese zusammengesuchten Fllsel lyrischer Hausputen sind bei weitem nicht
so gefhrlich wie das weltfremde Pathos der Priester an des heiligen Georges
Altar -
    Im Griechentempel aus bemalter Leinwand -
    Ein blasser Langer, der bisher still neben einem therischen Mdchen, das
ein Gewand statt eines Kleides trug, gesessen hatte, benutzte die Sekundenstille
und sagte ruhig: Ist die Religionslehrerlyrik monistischer Gemeinden, die uns
mit unendlichem Weltgefhl erfllen will, indem sie Haeckels smtliche gelste
Weltrtsel in Reime bringt, vielleicht hhere Kunst?!
    Man schwatzte durcheinander, heftig, ironisch, feierlich. Irgendwo fiel der
Name eines eben Gestorbenen. Er machte alle verstummen. Bis der blonde Lange im
Weggehen den Kopf wandte und sagte: Man braucht blo eines unnatrlichen Todes
zu sterben, um heute ein groer Dichter zu sein, auch wenn man nichts war als
ein reimeschmiedender Primaner.
    Allgemeiner Tumult.
    Der Kerl htte nur noch vom gewachsenen statt gemachten Gebild, vom
Gestalteten statt blo Geredeten deklamieren mssen, rief ihm Eulenburg nach.
    Was ereifert ihr euch eigentlich? meinte Konrad achselzuckend; setzt
denen da lieber ein Hheres entgegen, das die Traumgre ihres Griechentums
bertrumpft. Aber ihr habt nichts, darum schreit ihr. Konrads Worte fielen wie
der Funke in ein Pulverfa. Alles ereiferte sich und sprach durcheinander, ohne
sich auf eine Diskussion von Argumenten noch einzulassen.
    Das Erleben des intellektuellen Stdters wre nichts? die Offenbarung
unseres bewuten Nervenlebens in all seiner Kompliziertheit - nichts?! rief
einer.
    Dann schlug nur noch ein Strom sich berstrzender Worte an Konrads Ohr:
Hhe der wissenschaftlichen Erkenntnis, - Energetik, - Monismus, -
Weltanschauung.
    Er stand mit verschrnkten Armen an die grne Wand gelehnt und lchelte. Die
Musik spielte einen Gassenhauer.
    Mokieren Sie sich nur, sagte der Hofrat, denn alle liefern Ihnen den
Beweis, da Sie recht haben.
    Leider; ich wre Ihnen fr das Gegenteil dankbar gewesen, entgegnete
Konrad.
    Ein Wortwechsel an der Tre bertnte ihn:
    Was, zu spt? - Zu frh, meint ihr wohl?! - Die Polizei?! - Unsinn; noch
nie scherte mich Preuens heilige Hermandad, antwortete eine erregte
Mnnerstimme auf das eifrige Geflster einer anderen.
    Pawlowitsch trat mit langen Schritten herein. Ohne rechts und links zu
sehen, ging er auf Konrad zu, der ihm mit einem feindseligen Aufblitzen in den
Augen entgegensah.
    Ich suche Sie, Herr Baron, sagte der Ankmmling laut.
    Ich bin Ihnen nicht aus dem Wege gegangen, antwortete Konrad ebenso.
    Ein Skandal?!
    Die angeheiterten Gste horchten auf.
    So spielt doch weiter, zum Donnerwetter! schrie der Hofrat die Musikanten
an. Die Geigen warfen eine kreischende, wilde Melodie in den grnen Saal. Die
mit der Mondscheinhaut, jetzt so bla wie ein weier Nachtschmetterling, rankte
und bog und wandte den geschmeidigen Krper in dem schmalen Gang zwischen den
Tischen, bis es nur noch wenige gab, die ihr Anblick nicht bannte.
    Wo ist Else? zischte Pawlowitsch Konrad an.
    Hat der ein Recht zu fragen, der sie verlie? entgegnete dieser schroff.
    Ihnen lief sie nach. Mein - mein war sie! Die Zge des Russen sahen in
diesem Augenblick wie verfallen aus.
    Sie war frei! Konrad erhob die Stimme ein wenig, als er das sagte. Und
blieb es, fgte er langsam hinzu.
    Wo ist sie? wiederholte Pawlowitsch, sein verzerrtes Gesicht dicht vor dem
des anderen, so da sein heier Atem ihn traf.
    Fort.
    Der Russe hob die Faust: Sie haben meine - meine Frau ver-
    Der alte Hofrat, der die beiden nicht aus dem Auge gelassen hatte, trat
dazwischen: Ihr werdet eure ernste Sache doch nicht zum Getratsch dieses
Gesindels machen. Pawlowitsch wich einen Schritt zurck.
    Ich stehe Ihnen morgen zur Verfgung, sagte Konrad mit erzwungener Ruhe.
    Die Musik brach ab, das Mdel mit der Pagenfrisur sa wieder auf dem Tisch.
Sie schwankte. Die Augen blinzelten in dem aufgeschwemmten Bubengesicht. Sie
grhlte laut:

Wer wei, in welche Welten dein
Erstarktes Sternenauge schien,
Stahlmasterblte Stadt aus Stein
Der Erde weie Blume - Berlin.

Pawlowitsch lie nichts mehr von sich hren. Seine alte Wohnung hatte er schon
seit langem aufgegeben. Um ihn zu finden, beschlo Konrad schlielich, die Hilfe
der Polizei in Anspruch zu nehmen.
    Da legte sich der Hofrat ins Mittel: Machen Sie den armen Kerl, dem das
Herz mit der Theorie durchgegangen ist, nicht unglcklicher, als er ist, sagte
er; der Polizei ist er sowieso verdchtig, hetzen Sie sie ihm nicht noch auf
die Fersen.
    So lie Konrad die Sache auf sich beruhen, und der Russe blieb fr ihn
verschwunden.
    Auch Else Gerstenbergk hatte er nach ein paar vergeblichen Versuchen, die er
gegen den dringenden Rat der Gromutter unternommen hatte, zu suchen,
aufgegeben. Er vermochte nicht anders, als ihre Flucht trotz allem, was die
Grfin ihm von dem Mdchen berichtet hatte, als Untreue aufzufassen. In einem
Zustand, der zwischen vlliger Apathie und gereizter Nervositt wechselte, war
er zurckgekommen, sich kopfber in den Strudel strzend, nicht um wie frher
als Suchender das ihm geme ruhige Fahrwasser schlielich zu erreichen, sondern
um die Pein seines Erinnerns zu betuben. Die Gromutter, durch Warburgs
Freundesbriefe untersttzt, hatte ihm nahegelegt, nach einer anderen
Universittsstadt berzusiedeln. Vergebens. Was war es nur, das ihn an Berlin
fesselte? Die verborgene Hoffnung, Else vielleicht doch noch wiederzufinden, die
selbstqulerische Freude, dem Schatten der kleinen Gina zugleich mit dem
Erinnern an sie nahe zu sein, oder gar jener rtselvolle Magnetismus, den der
starke Moschusduft der weien Blume Berlin auf alle, die einmal in ihrem
Bannkreis flattern, ausbt?
    Er fand Warburg in einem Zustand des Befriedigtseins wieder, der ihn die
eigene Zerrissenheit nur noch strker empfinden lie. Des Freundes Leben schien
ausgefllt von der Vorbereitung zu einem ihm gemen Beruf, von der Neigung zu
einer geistig hochstehenden Frau und der Begeisterung - wenn sich die ruhige
Wrme seines Interesses mit diesem Wort vielleicht auch nicht bezeichnen lie -
fr die Ideen des Zionismus.
    Eine Heimat fr die Heimatlosen, ein Vaterland fr die in jeder Nation sich
nur als Geduldete fhlenden, ist, selbst wenn es ein unerreichbares Ideal wre,
als Ziel von so zusammenschweiender Kraft, da keine Arbeit dafr umsonst sein
kann, sagte er einmal, als Konrad ein wenig spttisch von seinem Utopismus
sprach.
    Es war in Frau Sara Rubners Salon, in den ihn Warburg eingefhrt hatte,
einem stillen, harmonischen Raum, wo alles Holz von silberigem Grau, aller Stoff
von verblichenem Grn war, und matte Gobelins, die beide Farben in sich
vereinigten, zwischen den Tren hingen. Das ganze Licht in dieser
Winterdmmerstunde ging von einer hohen gelben Kerze aus, die wie in einem
Heiligenschrein, einsam in einer Nische des Zimmers brannte.
    Wir sollten niemanden an seinem Utopismus irre machen, und wenn es der
nrrischste wre, meinte die Hausfrau, er gibt dem Leben ein Ziel, dem Streben
Stetigkeit.
    berrascht wandte sich Konrad ihr zu. Diese kleine Frau in dem
gro-blumigen, phantastischen Seidenkleid, mit den gebauschten, glanzlosen
schwarzen Haaren um das weie Negergesicht war ihm bisher kaum interessant, ja,
in ihrer typischen stlich-jdischen Rassenerscheinung wenig anziehend
erschienen. Jetzt sprach sie wie aus seiner Seele, denn sein zur Schau
getragener Skeptizismus dem Freunde gegenber war von heimlichem Neide gezeugt.
    In Ihrem Tone liegt Resignation, gndige Frau, sagte Konrad, und doch
waren Sie es, die Walter fr diesen Utopismus gewonnen hat.
    Gewi. Und ich freue mich dessen, entgegnete sie, er ist glcklicher als
ich, er hat die groe Begeisterungsfhigkeit, die nicht wie ein Feuerwerk
verpufft.
    Sie irren, liebe Freundin, fiel Walter ein - noch nie, schien es Konrad,
hatte seine Stimme einen so vollen, weichen Ton gehabt - nur weil ich weniger
begeisterungsfhig bin als Sie, und noch von keinem Spaziergang die Entdeckung
neuer Welten erwartete und auf keinem Stern das Paradies zu finden glaubte, habe
ich ein starkes Beharrungsvermgen.
    Sie lachte. Denken Sie nur, sagte sie zu Konrad, dieser Mann hat den Zank
und Streit und kleinlichen Hader auf dem letzten Zionistenkongre, der mir
zuerst Trnen der Wut, dann Trnen unauslschlichen Gelchters erprete, als
eine Strke der Bewegung zu verteidigen vermocht!
    Natrlich, besttigte Warburg. Einigkeit ist wie Friede oft nur ein
Zeichen der Stagnation, des Alterns.
    Wenn das auch fr den einzelnen gilt, rief sie aus, so kann ich mich
trsten. Denn stets bin ich im Streit mit mir.
    Im Laufe des Gesprchs erzhlte sie mit lchelnder Selbstverhhnung von
ihren Lebensversuchen. Schon als Backfisch begann ich zuerst heimlich, dann
mit rcksichtsloser Offenheit mich allen Bewegungen begeistert in die Arme zu
werfen und fand, unglcklicherweise mit allzu scharfem Verstand begabt, unter
meinen Gefhrten mehr Maulhelden als Helden, mehr Leute, die im Trben fr sich
fischen, als im Hellen fr andere bauen wollten. Einem, der sich besonders
radikal gebrdete und mit Feuer und Schwert gegen die Laster der
kapitalistischen Gesellschaft zu Felde zog, wre ich in meiner Begeisterung fr
die Tugend fast nachgelaufen, wenn ich nicht rechtzeitig erfahren htte, da
dieser Cato zu gleicher Zeit durch Herausgabe pornographischer Schriften zum
Krsus wurde.
    Dann hatte sie nach kurzer Ehe in bitterster Enttuschung ihren Mann
verlassen - leider hatte selbst die Liebe mich nicht mit Blindheit geschlagen
-, hatte es mit der Malerei versucht und Kunstgeschichte und Philosophie
studiert, aber - und das ein wenig leichtfertige Lcheln auf ihrem Gesicht
erstarb dabei - wir haben Talente, aber kein Talent, Wnsche, aber keinen
Willen.
    Sagten Sie nicht neulich, mischte sich Warburg wieder in das Gesprch - er
sa jetzt ganz im Schatten, so da nur seine Stimme die innere Bewegung verriet
-, da den Frauen wohl nur eines beschieden sei, worin ihr Denken und Fhlen
und Sein zu reiner Harmonie sich entfalten knnen: die Liebe?
    Sie schwieg einen Augenblick. Dann legte sie ihre brunliche Hand, die zu
breit war, um schn zu sein, mit einer gtigen und beschwichtigenden Geste auf
die seine und sagte:
    Den Frauen - ja! Doch nur so lange, als der kritische Verstand ihren
Instinkt nicht verdorben hat.
    Seltsam, meinte Konrad, als die Freunde aus dem stillen Salon miteinander
auf die Strae traten, das Lachen dieser Frau klingt nach Trnen. Und warum nur
diese feierliche Kerze brannte?
    Ein jdischer Brauch, antwortete Warburg ruhig, sie feiert damit das
Gedchtnis ihrer Schwester, die sich vor Jahren, ein halbes Kind noch, das Leben
nahm. Aus - Lebensberdru! All diese Menschen, denen das Leben nichts versagte,
sind wie ohne Hnde geboren. Sie verhungern, indessen alles um sie voll Frchte
hngt.
    Konrad sah dem Freunde ins Gesicht. Gezeichnete sollte man meiden, sagte
er. Der andere lchelte, ganz ruhig und aufrichtig, ein Lcheln, das von innerer
Helle widerstrahlte: Oder sie erlsen.
    Mit einem Hndedruck, wrmer noch als sonst, gingen sie voneinander.
    Konrad wohnte nicht weit in einem der groen Hotels am Kurfrstendamm, das
erst krzlich seine prunkvollen Rume dem immer neuheitshungrigen gaffenden
Publikum erffnet hatte. Ganz oben, so hoch ihn der Aufzug fahren konnte, hatte
er sich ein paar helle Zimmer gewhlt, mit jenem knstlerischen
Intellektualismus ausgestattet, der alle phantastischen Trume verbannt.
    Die kleine gekrnte Wachspuppe auf dem roten Stuhl, die einsam auf der
spiegelnden Platte des Schreibtisches stand, betonte nirgends so stark ihren
Charakter einer verwunschenen Prinzessin.
    Hier war alles modern, praktisch, hchste Kultur des naturwissenschaftlich
gebildeten aufgeklrten Verstandesmenschen.
    In dieser Umgebung, hatte Konrad, sich selbst ob dieser Wahl verspottend,
bei Warburgs erstem Besuch gesagt, mu jeder Dichter zum Journalisten, jeder
Knstler zum aktuellen Illustrator, jeder Verliebte zum Mitgiftjger, jeder
Phantast zum Brsenspekulanten werden.
    Statt Giovanni, des Seiltnzers, bediente ihn das Muster eines Kellners, das
heit, eine namen- und individualittslose Maschine, und die Krone
wohlgeschulter Hotelmdchen, das sich fr ein Trinkgeld zu jedem Dienst mit
demselben Gleichmut bereit finden wrde.
    Die Bekanntschaft mit Frau Sara hatte Konrad bis ins Innerste aufgewhlt.
Wie in einem Spiegel glaubte er sich selbst begegnet zu sein. Talente, kein
Talent - Wnsche, kein Wille, klang es ihm, halb khle Feststellung einer
unabnderlichen Tatsache, halb bitterer Vorwurf einer Schuld, noch in den Ohren.
Sollte er durch den kalten Regen und den fauchenden Sturm weiterwandern, um
wieder ruhig zu werden?
    Im breiten Lichtstrahl des Hotelportals blieb er stehen. Zahllose Wagen und
Autos rollten heran. Herren und Damen in groer Toilette schritten an ihm
vorber in die Halle. Alle Birnen brannten, die groen Glastren zu den
Festrumen standen weit offen, eine bunte Menge bewegte sich hinter ihnen.
    Er wandte sich an den betreten Trhter: Was gibt's hier heut abend?
    Kostmfest Berolina, zum Besten des Suglingsheims, antwortete der, und
fgte mit jenem aus Hochachtung und Vertraulichkeit gemischten Ausdruck, den
gewiegte Hotelangestellte anzunehmen pflegen, wenn von groen Kokotten,
vornehmen Glcksrittern und reichen Parvens die Rede ist, hinzu, mit einer
Wendung des Kopfes hinberdeutend: Der Kommerzienrat Siegmund Veit spielt den
Wirt. Veit?! dachte Konrad; der Portier kam seiner Frage entgegen: Frau
Renetta Veit ist die Grnderin des Heims.
    Renetta Veit - die Nixe im weien Auto - die Geliebte des Russen!
    Ohne nachzudenken, mit der Sicherheit eines Schlafwandelnden, lie Konrad
sich in sein Zimmer fahren, vertauschte rasch den Smoking mit dem Frack, um sich
wenige Minuten spter, die Eintrittskarte in der Hand, vor den offenen Tren
wiederzufinden.
    Ein kleiner Herr mit glnzender Glatze ber dem farblosen Gesicht, das zwei
kluge, unruhig flackernde Augen belebten, empfing ihn.
    Baron Hochse߫ - Kommerzienrat Veit. Eine sehr weie Hand, deren
Gepflegtheit ihre ungewhnlich viereckige Form nur noch schrfer hervortreten
lie, legte sich khl, weich und flchtig in die seine, die Augen glitten
sekundenlang forschend an ihm herab, um sich gleich danach mit den schweren
Lidern zu bedecken.
    Wir kennen einander, Herr Baron, sagte dann eine Stimme, fein und
knarrend, wie aus einem Grammophon, durch unseren gemeinschaftlichen Freund
Pawlowitsch.
    Pawlowitsch? unterbrach ihn Konrad, ist er heute abend hier?
    Wie, Sie wissen noch nicht? Der arme Kerl, der eine Erholung dringend ntig
hatte, war mit uns - er unterstrich die letzten drei Worte, so da niemand an
seiner Generositt zweifeln konnte - in Ostende. Whrenddessen ging seine -
seine Mtresse durch!
    Konrad richtete sich in seiner ganzen Gre auf: Die Dame war seine Frau,
sagte er schroff.
    Nun, nun, begtigte der Bankier, was man heute so Frau nennt, natrlich,
natrlich! Meine Renetta macht den Rummel dieser Titulaturen selbstverstndlich
auch mit; aber in der Sache - na, wir verstehen uns! Ein malitises Lcheln
kruselte seine schmalen, blutleeren Lippen, und mit einem gnnerhaften Nicken
wandte er sich einem neuen Gaste zu, ehe Konrad zu einer Erwiderung Zeit
gefunden hatte. Ein Gefhl tiefen Unbehagens bemchtigte sich des jungen Mannes.
Ob er nicht lieber umkehren sollte?
    Da traf er unter der Menge seine Kaffeehausbekannten. Sie lachten ihn aus,
als sie seine Eintrittskarte sahen.
    Was, rief ihm einer von ihnen entgegen, Sie zahlen noch fr das Opfer?
Der Olle kann froh sein, da wir ihm gegen Sektpullen unsere Tanzbeine zur
Verfgung stellen.
    Und seiner schnen Frau unsere Berhmtheit fr einen zrtlichen Blick,
sagte ein anderer.
    Fr - mehr nicht?! frug Konrad mit verchtlich geschrzten Lippen.
    Man lchelte bedeutungsvoll, zuckte die Achseln, deutete allerlei an - auch
der Name Pawlowitsch fiel.
    Ob er ein Verhltnis mit ihr hatte?! meinte jemand.
    Offen gestanden: ich glaub's nicht. Sie ist zu klug, zu khl, - will sich
erst eine gesellschaftliche Position schaffen, die ihre Vergangenheit vergessen
lt.
    Ihre Vergangenheit?! Konrad wurde neugierig.
    Gott - es ist ja ffentliches Geheimnis: der alte Halsabschneider kaufte
sie irgendwo in der Polackei einem verkrachten Kollegen ab. Daher hat sie auch
die miese dunkelgehaltene Tochter.
    Und Sie meinen, Pawlowitsch -?
    So'n russischer Revolutionr, ein verkappter Frst noch dazu, wie man sagt,
ist ein unentbehrliches Salonrequisit, gerade so wie ein ahnenreicher Aristokrat
und ein berhmter Dichter, zu dem sie den Eulenburg jetzt dressiert.
    Eulenburg? wiederholte Konrad erstaunt. Ist er nicht neuerdings
Antisemit?
    Der andere lachte: Und kmpft fr Rassenreinheit! Aber, was wollen Sie?!
Eine schne Frau steht immer jenseits von Gut und Bse -
    Besonders wenn sie wie unsere Renetta den Druck der Eulenburgschen echt
nationalen Lyrik bezahlt, spottete ein dritter.
    Frau Berolina verschlingt alle -, mit einem tiefen tragischen Tonfall
sagte es irgendwer.
    Konrad hrte kaum mehr zu; was ging der Klatsch ihn an? Nur eins
interessierte ihn noch: Fhrt sie ein auffallend weies Auto?
    Gott bewahre! Ein gelbes, natrlich ein gelbes! Damit der Berliner aus dem
Zweifel nicht herauskommt: ist's S. M. oder S. V.!
    Ein paar Gardeuniformen leuchteten zwischen den schwarzen Frcken.
    Alex Rothausen! rief Konrad berrascht, seinen Vetter, den Gardeulanen,
erkennend, was suchst du denn hier?!
    Erbinnen! lachte dieser, und du?
    Nichts, entgegnete Konrad achselzuckend, das Totschlagen einer leeren
Stunde vielleicht!
    Ich dachte schon - meinte der junge Offizier gedehnt.
    Was denn? frug Konrad.
    Na - du weit doch, lautete die Antwort, von forschenden Blicken
begleitet, das Weib - die Veit!! Kein Zweifel, da sich der kleine Prinz
Linsingen von den Gardedragonern ihretwegen eine Kugel durch den Kopf jagte! Und
der Alte!! - Dem Herbert Wandlitz auf Vorberg hat er so lange hilfreich unter
die Arme gegriffen, bis er ihn glcklich aus seiner Klitsche heraushob! Ein
feudales Schlo hat er sich jetzt darauf bauen lassen. Der Adel wird wohl auch
nicht ausbleiben: Veit von Vorberg - nicht bel, was?! und er lachte.
    Und bei deiner Meinung von den Leuten bist du hier?!
    Ein Wohlttigkeitsfest! Das verpflichtet zu nichts. Und bietet Chancen -
    Du suchst in diesem Milieu eine Frau?!
    Alex verzog den Mund. Hast recht, Vetter, sagte er mit einem unterdrckten
Seufzer, es ist ekelhaft! Aber seit die Millionen, besonders die amerikanischer
Provenienz, hoffhig und ebenbrtig machen und die alten guten Familien im
Winter lieber auf ihrer Klitsche sitzen bleiben, als sich von Schweineoder
Guano-Prinzessinnen in den Winkel drcken zu lassen, - seitdem mu ein nur mit
Ahnen gesegneter Gardeleutnant an eine Aufmischung der Rasse denken, um mich
gelehrt auszudrcken.
    Mir scheint, entgegnete Konrad nicht ohne Heftigkeit, der Adel wenigstens
sollte vor dem Gelde nicht zu Kreuze kriechen.
    Du bist wirklich noch jnger als deine Jahre! spottete Alex. Alle adligen
Eigenschaften sind auer Kurs. Die Gesinnung des Industrieritters, im besten
Fall die des Kaufmanns herrscht. Es gibt blo eine Hoffnung: da groe
Ereignisse, umwlzende meinetwegen, die aristokratischen Tugenden wieder
notwendig machen.
    In diesem Augenblick kam der Bankier im Gesprch mit einem Herrn vorbei, der
in devoter Haltung neben dem Kleinen ging. Man hrte etwas von orientalischen
Wirren - Balkanbahn -
    Retzau, vom Auswrtigen Amt, der trgt ein Ereignis mit sich herum,
flsterte Rothausen erklrend, und berall hat der Alte seine Hnde drin -.
    Veit wandte den Kopf, dem Ulanen freundlich zunickend, um gleich darauf sein
Gesicht wieder in wrdevolle Falten zu legen und die Augen zu senken, wie es
stets seine Gewohnheit war, wenn er von Geschften sprach.
    Es war inzwischen gedrngt voll geworden. Bekannte Berliner Persnlichkeiten
tauchten auf; Knstler, Literaten, Gelehrte. Und man medisierte: Dieser habe von
Veit ein Stipendium bekommen, jener eine Reiseuntersttzung; den Maler dort habe
er durch das Portrt seiner Frau lanciert, den Bildhauer hier durch den Brunnen
in seinem Schlopark. Der Bankier schien sich zu vervielfltigen - berall
grend, vorstellend. Trotz seiner Kleinheit blieb er stets sichtbar. Vielleicht
weil alles den Rcken bog, oder trotz dem Gedrnge ein leerer Luftraum um ihn
blieb, wo er auftauchte? Konrads Hochmut emprte sich: da sich Geist und Adel
so widerlich vor dem Gelde krmmte! Hier war sein Platz nicht. Schon strebte er
dem Ausgang zu.
    Da intonierte das Orchester einen Marsch.
    Renetta Veit! - Wenigstens sehen wollte er sie noch! Der kleine Bankier
schien pltzlich aller Wrde beraubt zu sein.
    Achtung, Achtung, meine Herren! rief er, mit den kurzen Beinchen durch den
Saal chassierend. Er schwitzte vor Aufregung.
    Die Wand, die den einen Saal von dem anderen trennte, schob sich
auseinander. Auf blanken Rdern fuhr eine Schar junger Mdchen, als
Messenger-Boys verkleidet, herein:
    Platz fr Berlin! Platz fr Berlin! schrien sie, in weitem Bogen die
Neugierigen rckwrts drngend. Und hinter ihnen lief und stie und berpurzelte
sich's: Lauter Jugend! Pfadfinder und Pfadfinderinnen in Soldatenschritt, bunte
Wandervgel mit ihren Gitarren, Straenkehrer und Milchmdchen. Dann in
karikierten Masken bekannte Berliner Typen: Knstler und Theaterdirektoren,
Dichter und Kritiker, Varietsterne und Tnzerinnen, mit einem Dutzend
stirnrunzelnder Polizisten auf den Fersen.
    Eine kurze Pause entstand. Man wandte sich gelangweilt ab.
    Stets derselbe Kitsch, sagte einer ungeniert. Nu fehlt nur noch Santa
Berolina mit den sen Kinderchen unter dem schtzenden Mantel, spottete ein
anderer. Alles lachte. Die Musik ging in einen Walzer ber.
    Auf hochhackigen Schuhen, die schlanken Krper von leichten,
grnschillernden Schleiern umgeben, die Perlenketten wie flieende Wassertropfen
zu halten schienen, bunte Lockenpercken ber den Gesichtern, flutete, wie
getragen vom Rhythmus, eine Schar lachender, kokettierender Frauen in den Saal,
- Spreenixen, tnte es ihnen hundertfach entgegen.
    Aber schon im nchsten Augenblick war es, als wehe durch den Raum ein
eisiger Lufthauch, der die Lippen schlo:
    An klirrenden Ketten zogen junge Mnner im Frack und Damen in Balltoilette,
verlumpte alte Weiber, humpelnde Bettler, aufgetakelte, grell bemalte Dirnen und
barfige kleine Kinder ein graues, von schwarzen Fensterhhlen durchbrochenes,
hoch aufragendes Gemuer herein, und ganz oben, so da das goldene Haar die
Kristallkugeln des Kronleuchters fast berhrte, sa sie - die Herrscherin -
Berolina; den Krper in Spinnwebschleiern, durch die das blhende Fleisch an
Hals und Beinen lockend durchschimmerte, weit vorgebeugt, wie ein ruhendes
Raubtier, die nackten Ellbogen auf die Knie sttzend, und das Kinn in die Hnde
vergraben, die, von groen Ringen geschmckt, mit langen, schimmernden
Krallenngeln die schneebleichen Wangen umschmiegten. Unter vollen, blutroten
Lippen blitzten starke Zhne hervor, die breiten Nstern der Nase bewegten sich
beutelstern, die Perlmutteraugen schillerten in allen Farben des Regenbogens.
Von den ppigen, tief entblten Schultern wallte in kniglichen Falten ein
Mantel weien Hermelins. So sa sie und starrte gierig, unbeweglich, ein
Gtzenbild.
    Es war totenstill im Saal. Auch die Musik hatte aufgehrt. Man hrte nichts
als den keuchenden Atem der Gefesselten.

Konrads Augen brannten auf der Sphinxgestalt; er kannte sie, lange schon - seit
jenem ersten Abend, wo sie gespensterhaft neben ihm aufgetaucht war - in
flieendem Wasserkleid, mit Perlen im Haar - eine Nixe - eine Seelenlose -
    Er wrde sie haben - heute noch - als sein Spielzeug fr ein paar leere
Stunden, sie: Frau Berolina, vor der die anderen alle als Sklaven winselten.
    In Nischen von Lorbeerbumen und Fcherpalmen, aus denen phantastische
Lichtorchideen, hundertfach opalisierend, glhten, waren kleine Tische gedeckt.
Um die Bffette, auf denen die Delikatessen sich huften, drngten sich die
Gste. Jene wsten Schlachten entstanden, die verhungerte Proletarier vor
gestrmten Bckerlden nicht anders htten liefern knnen. Man sah ergraute
Berhmtheiten um Hummern und Austern kmpfen, sah tantiemenreiche Dramatiker in
Winkeln sitzen und gierig verschlingen, was sie in beladenen Tellern vor sich
auf den Knien hielten, und Gruppen junger Literaten entdeckte man, die sich fr
Wochen im voraus satt zu essen schienen. Mit scheuen Blicken, wie Diebe in der
Nacht, schlichen andere mit Sektflaschen unter den Armen in halbdunkle
Nebenrume; es gengte ihnen nicht, da die Kellner ohne Unterbrechung die
Glser fllten.
    Am Arme von Konrad Hochse schritt Frau Renetta Veit durch die Sle. Von
ihren Tellern und Glsern sahen selbst die Versunkensten sekundenlang auf: ihr
Hermelinmantel fegte den Boden, aus ihrem vorgestreckten Gesicht hhnte der
Blick ihrer hellen Augen ber der Menge. Sie erreichte mit ihrem goldgepuderten
Scheitel die Stirne ihres schlanken Begleiters, der sie hochmtig erhobenen
Hauptes geleitete.
    Wohin fhren Sie mich? frug sie, die Lider hebend.
    Wohin es mir gefllt, sagte er. Und sie sahen wieder ber die
Ballgesellschaft.
    Kulturtrger! stie sie wie im Selbstgesprch verchtlich zwischen den
Zhnen hervor.
    Was geht das uns an? antwortete er.
    Atemlos kam in diesem Augenblick Eulenburg hinter ihnen hergelaufen: Ich
habe einen Tisch fr Sie reserviert, gndigste Frau, rief er. Sie hatten mir
doch versprochen -
    Was?! gab sie ber die Schulter weg zurck. Sie sehen, da ich engagiert
bin.
    Des Abgewiesenen groe breite Gestalt knickte frmlich zusammen, whrend das
Blut sein Gesicht dunkelrot frbte. Aber nachher darf ich - bettelte er.
    Vielleicht! warf sie ihm achselzuckend zu.
    Konrad sah sie an, spttisch lchelnd: Behandeln Sie so Ihre Gnstlinge?!
    Wenn sie sich's gefallen lassen!
    In einem kleinen, nur matt erhellten Rokokosalon, der am uersten Ende der
Zimmerreihe lag, und, allzu weit von den Tafelgenssen, von den Gsten gemieden
worden war, rckte er ihr einen Sessel an ein winziges Tischchen.
    Was befehlen Sie?
    Obst und Sekt - nichts weiter. Er stand auf, drckte den Klingelknopf und
gab dem Kellner seine Befehle.
    Sie sind eigenmchtig, meinte sie berrascht.
    Kein Bedienter, wie Sie hoffentlich gleich bemerkt haben werden,
entgegnete er, sich neben sie setzend. Vor deinen Wagen, Berolina, spannst du
mich nicht, aber ich - und mit einem eisernen Griff umklammerte seine Rechte
ihr Handgelenk, so da sie leise aufschrie - ich nehme dich!
    Herr Baron, Sie sind -
    Der Kellner kam mit dem Eiskbel und entfernte sich wieder.
    Nicht betrunken, ergnzte Konrad lchelnd. Der eine hat dich gekauft, die
anderen hast du gehabt. Ich wei, ich wei! Aber ich, hrst du, ich habe dich -
lange schon -
    Mit weit offenen Augen starrte sie ihn an, die Finger um die Armlehne
krampfend, wie zum Aufspringen bereit.
    Er erwiderte ihren Blick mit einem spttisch-berlegenen Lachen.
    Ach so! Wir sind wohlerzogene Europer, und - er lachte sein Knabenlachen
- auf einem Wohlttigkeitsfest! Verzeihen Sie also, gndigste Frau, wenn ich im
Sinne Ihrer heutigen Rolle Komdie spielte.
    Komdie?! wiederholte sie unsicher. Er go ihr Sekt in das Glas und stie
mit ihr an, nur flchtig an dem seinen nippend. Dann frug er nach Pawlowitsch.
    Ein Verhr?! frug sie, sich mit einem leisen Lcheln in den Sessel
zurcklehnend, die Arme hinter dem Kopf verschrnkt, so da die roten Haare
unter ihren Achselhhlen aufleuchteten.
    Sie irren, sagte er unbewegt. Es interessiert mich nur, von welchem
Standpunkt aus Sie an ihm Gefallen fanden.
    Ich liebe die Liebe, antwortete sie, aus halbgeschlossenen Lidern einen
Blick auf ihn werfend, lang und greifend, wie die Zunge des Chamleons, die sich
nach dem Schmetterling streckt. Es berlief ihn hei. Etwas erwachte in ihm, auf
das er nicht gerechnet hatte. Und ein erster leiser Triumph blitzte in ihren
Augen.
    Ich brauche als Lebensluft die von Mnnerleidenschaft gesttigte
Atmosphre, und darum - rasch entschlossen stand sie auf, wobei ihr bloer Arm,
wie zufllig, seine Wange streifte - bin ich schon viel zu lange hier allein
mit Ihnen.
    Er trat ihr in den Weg. Auge in Auge standen sie einander gegenber.
    Sie sehnen sich wirklich nach jenen, die vor Fressen und Saufen Ihre
Herrlichkeit zu vergessen vermochten? flsterte er, whrend die berlegen-khle
Haltung, die er zuerst gewahrt hatte, ihn mehr und mehr verlie, nach jenen,
die bestenfalls keuchend und angekettet an Ihrem Wagen ziehen, - vor Wonne
winselnd, wenn Ihre Peitsche sie trifft?!
    Sie senkte den Kopf, demtig wie eine Bezwungene, so da das Licht der
Lampen auf ihrem weien Nacken glnzte.
    Du bist ein Weib, Renetta, das Weib! hauchte sein heier Atem an ihr Ohr.
Du willst den Mann, nicht den Knecht. Ich wei es, seit dein Blick mich zum
erstenmal streifte - damals in der Herbstnacht - aus dem weien Auto -
    Sie schreckte auf, brennende Glut flog flchtig ber ihre Wangen; aber er
sah nichts mehr, auch nicht den kalten Blitz, der sekundenlang aus ihren Augen
brach.
    Er fhlte nur das weiche Nachgeben ihres Krpers, und mit der Linken bog er
ihren Kopf nach vorn, seine Zhne in ihren Nacken grabend - -
    Sie gingen den Weg zurck, den sie gekommen waren, Arm in Arm, hoch
aufgerichtet. An der Schwelle des groen Saales zog er den Hermelinmantel ber
ihre Schultern: Bedecke dich - du bist von mir gezeichnet, sagte er, und mit
einem Lcheln zrtlicher Hingabe tat sie, was er befahl.
    Wieherndes Gelchter, von kreischendem Aufschreien und wollstigem Gekicher
unterbrochen, empfing sie. In dem Boskett ihnen zunchst sa eine rundliche
Schriftstellerin auf den dnnen Beinen eines Kritikers, und ein athletischer
Dichter schleppte eben ein ausgelassen zappelndes Mdchen in die Fensternische
daneben. Drben kniete schweitriefend die dicke lyrische Augenblicksberhmtheit
vor der schlanken Frau des bekannten Bildhauers, der selbst, eng umschlungen,
zwischen zwei Pfadfindermdchen sa. In der Mitte tanzten sie, verlassen von
allen Grazien, nur beherrscht von entfesselter Geschlechtlichkeit.
    Aus dem Rauchzimmer gegenber trat der Kommerzienrat, sehr khl, sehr ruhig.
Ein kaum merklicher Zug von Hohn und berlegenheit prgte sich um seine
Mundwinkel, als er mit einem Blick das Bild vor sich streifte.
    An die Kristallscheiben der Tren aber preten sich die Gesichter der
Kutscher und Chauffeure, mit einem Ausdruck von Neid und Gier ihre Herren
betrachtend.

Von jenem Abend an fehlte Frau Renetta Veits glnzende Erscheinung auf den
Karnevalsfesten des Winters. Sie sei leidend, meinten bedauernd die einen; die
anderen lchelten vielsagend.
    In ihrem meerblauen Boudoir war Konrad Hochse ein tglicher Gast.
    Unter hundert Schleiern mcht' ich dich verstecken, hinter hundert Tren
verschlieen, hatte er ihr bebend in ungezgelter Leidenschaft zugeflstert,
als sie ihn das erstemal empfing. Und: ich will nur dich - dich! hatte sie
ihm, berwltigt von der Glut seines Besitzergreifens, erwidert.
    Von Berolina, der Herrscherin, dem gierigen Raubtier, schien jede Spur in
ihr ausgelscht. Sie lebte nur fr ihn, fr die Blicke aller anderen in ihren
Gemchern verborgen, eine Odaliske. Er aber trug, wo er ging und stand, wie
einen unsichtbaren Mantel den schwlen Duft ihrer Liebesstunden um sich. Und ein
Gefhl von Lebensflle beherrschte ihn wie die Julisonne den Sommertag. Die
sprudelnde Heiterkeit, die er zuerst an den Tag legte, entwickelte sich bald zu
einem ausgelassenen, fast genialischem Humor. Er machte die Nacht zum Tage, ein
jubelnd begrter Gast in den Bars, in den Ballokalen, wo er mit dem Gelde um
sich warf, nur um berall strahlenden Gesichtern zu begegnen. Die schne Leonie,
so meinte man vielfach, sei seine Geliebte, denn er versagte ihr kaum einen
Wunsch, und beide wurden in jenem Winter zum bekanntesten Tangopaar. Aber es war
nur der berstrmende Reichtum seines Glcks, den er verschwenderisch auf alles,
was ihn umgab, ausstreuen mute. Die Quelle, aus der er schpfte und die ihn wie
Champagner, je mehr er trank, um so durstiger machte, versteckte er als
kostbares Geheimnis vor aller Welt und bemerkte in dem Rausch, aus dem er nie
erwachte, die von Neid und Spott gemischten Blicke nicht, die ihm folgten.
    Warburg mied er, denn er war der einzige, vor dem ihn ein unbestimmtes,
peinigendes Gefhl von Scham beschlich. Bis der alte Freund ihn eines Tages in
eigenen Angelegenheiten dringend zu sprechen verlangte und ein Ausweichen
unmglich war.
    Du schwnzest die Schule, versuchte Warburg zu scherzen, als er bei ihm
eintrat und mit einem Blick das immer noch unbewohnt erscheinende Hotelzimmer
berflog.
    Vielleicht bin ich nur in eine - andere Klasse versetzt, entgegnete Konrad
ebenso, vor den forschenden Augen ihm gegenber die seinen senkend.
    Unruhig schritt Warburg im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor ihm stehen,
ihm leise, als berhre er einen sehr Wunden, die Hand auf die Schulter legend.
Was soll nur daraus werden?! sagte er aufrichtig bekmmert.
    Mu denn immer aus allem, was ist, etwas werden? meinte Konrad mit seinem
strahlendsten Lcheln, hat denn fr euch ewig Nchterne nur einen Wert was
Zweck, was Zukunft hat?!
    Nun, warf Warburg ein, die natrlichste Folge einer so alles
beherrschenden Leidenschaft scheint mir doch der Wunsch nach dauernder
Vereinigung zu sein, statt - er stockte.
    Sprich es nur ruhig aus, fuhr Konrad, ernst geworden, fort, statt nach
dauerndem Ehebruch, wolltest du sagen. Warburg nickte. Von einem Ehebruch aber
ist doch nur die Rede, wenn eine - Ehe besteht. Das aber gilt fr Renetta und
den Mann, dessen Namen sie trgt, nicht, - Warburg sah unglubig auf -, hat
nie gegolten; aus Mitleid kaufte er sie von einem Schurken frei.
    Warburg lachte: Der - und Mitleid?!
    Konrad hob ungeduldig die Schultern: Aus Eitelkeit denn, wenn du willst.
Sie hat ihm dafr eine gesellschaftliche Position geschaffen.
    Du denkst also nicht an eine knftige Heirat? frug Warburg vorsichtig.
    Konrad lchelte mit berlegener Heiterkeit: Spannt man Vollblutpferde vor
einen Pflug? Soll ich die Gttin dieser Liebe in das Kleid einer Dienstmagd
stecken?
    Warburg schwieg, ohne den Ausdruck kummervollen Grbelns los zu werden.
Konrad, in seiner verfeinerten Empfindlichkeit fr fremdes Leid, dachte an des
Freundes stille Neigung.
    Bist du mir bse, weil ich Frau Sara Rubner so lange gemieden habe? Er
begleitete seine Frage mit dem wrmsten Freundesblick. Weit du, wer Sonne
gewhnt ist, meidet den Schatten. Der graue Salon, das Totenlicht und die reine
Geistigkeit dieser Frau -
    Warburgs Gesicht war ganz hell geworden.
    Gerade dies wre ein Gegengewicht. Doch, ehrlich gestanden, es ist am Ende
besser so. Ich wre vielleicht eiferschtig geworden. Irgendein Rest von -
verzeih! - barbarischem Lebensdurst zeigt sich zuweilen auch bei ihr. Und jetzt
- er legte die Hand ber die Augen, als wolle er einen zu deutlichen Ausdruck
seiner Hoffnungen verbergen, jetzt hrt sie mit mir naturwissenschaftliche
Vorlesungen.
    Konrad war nachdenklich geworden: Ob nicht Frauen nur aus unterdrcktem
Lebensdurst studieren? meinte er. Warburg blickte erstaunt.
    Mu ich dich an - Else erinnern?! sagte er leise.
    Else - Konrad wandte sich ab, tief erblat, und sah lange zum Fenster
hinaus auf den wirbelnden Schnee, der sich auf der Strae unten in schwarzen
Schmutz wandelte.
    Eine pltzliche Sehnsucht nach weiem, frostkrachendem Winter berkam ihn.
    Ob wir beide uns nicht irgendwo im Gebirge Hirn und Herz durch
Gletscherwind khlen lassen sollten? sagte er. Aber der Freund machte eine sehr
heftige Abwehrbewegung: Mitten im Semester?! Und ich wei, Sara liebt das
Gebirge nicht.
    Ihn aber lie der Gedanke nicht los. In einem verschneiten Dorfe, einsam,
fern aller Welt, trumte er sich mit Renetta. Und ein Erlebnis, das ihn
strmisch erregte, bestrkte ihn in seinem Plan. Sie hatte eigensinnig darauf
bestanden, den Besuch Eulenburgs zu einer Stunde anzunehmen, die sonst nur ihm
allein gehrte, und hatte ihm fr ein Gedicht, das in glhenden Farben ihre
Reize pries, ein Lcheln geschenkt aus Dank, Eitelkeit, Verheiung gewoben -
    Was hast du mit dem Menschen? rief er, als Eulenburg nach einem, wie ihm
schien, allzu bedeutungsvollen Handku gegangen war. In ihren Augen blitzte es
auf; sie fhlte, wie der Geliebte, ihr Herr bisher, an der Kette der Eifersucht
lag wie ein Sklave. Und pltzlich berwltigte sie ein fassungsloses Weinen. Mit
einem langen, fremden Blick sah sie ihn an, als er die vermeintlich durch seinen
unsinnigen Verdacht Gekrnkte mit Anklagen seiner selbst und Bitten um ihre
Verzeihung zu beruhigen suchte. Ihre Trnen versiegten. Merkwrdig, wie sie, in
einer Empfindung von Schreck und Staunen gemischt, ihr eigenes Ich aus sich
selbst heraustreten sah und neugierig betrachtete: Eine Eishand prete ihr Herz
zusammen, bis der letzte Tropfen roten Blutes daraus entwichen war. Mit
absichtsvoller Bewutheit schmeichelte sie seine Erregung hinweg und schien
widerspruchslos, ja mit freudigem Nachgeben auf seine Wnsche einzugehen.
    Versunken in dem Gedanken an die neuen, fremdartigen Reize, die ihrem
Liebesleben bevorstanden - er sah sich mit ihr auf gleitenden Hlzern ber weite
Schneeflchen fliegen, trumte von einsamen Nchten auf verlassenen Htten -
ging er von ihr, heimlich durch Nebenstraen schleichend, um, noch ganz im Bann
ihrer Nhe, kein anderes bekanntes Gesicht sehen zu mssen. Da ein Neues,
Fremdes zwischen ihnen gewesen war, da in ihre Hingabe etwas wie Emprung sich
eingeschlichen, das Weibliche ber das Mnnliche triumphiert hatte, kam ihm nur
wie ein dumpfer, vom Morgengrauen ausgelschter Traum zum Bewutsein.
    Auch da unter ihrem Schmeicheln das einsame Bergdorf zu einem
Wintersportplatz geworden war.
    Und nun sa er im gleichen Coup mit der ganzen Familie, denn auch das Kind,
ein kleiner, dnngliederiger Backfisch mit khlen, geschlitzten Augen in dem
gelben Gesicht, war mitgenommen worden. War ihm schon die Gegenwart des Bankiers
eine Qual, so steigerte sie sich durch die Anwesenheit der Tochter zur
Unertrglichkeit. Die schne junge Frau, Gattin dieses Mannes, das war schon
eine Karikatur. Aber Renetta, als Mutter dieses Mdchens, bei dessen Anblick
seine Phantasie ihm das Bild des unbekannten scheulichen Vaters heraufbeschwor
und die widerlichen Liebesstunden der Eltern, deren Frucht sie war, brachte ihn
fast in einen Zustand von Raserei.
    Warum diese Begleitung? stie er wild hervor, als der Bankier mit seiner
Stieftochter im Speisewagen verschwunden war.
    Er sagte, er tte es nicht anders, antwortete sie gleichgltig, man msse
die Dehors wahren.
    Die Dehors wahren?! Das schien ja fast, als wisse er -
    Sie kamen an Bamberg vorbei.
    Ihre Heimat, Baron, sagte Renetta lchelnd. Wie schn mu das sein!
    Konrad blickte mit gefurchter Stirne hinaus; er dachte an den steinernen
Reiter im Dom und an seine keusche Ritterlichkeit. An die alte Frau dachte er,
droben auf Hochse, und errtete jh; niemals wrde er Renetta Veit ihr zufhren
knnen!
    Als er sich umwandte, sa sie, weit vorgeneigt, die Arme auf die Knie
gesttzt, in die Hnde mit den glnzenden spitzen Ngeln an den beringten
Fingern das Kinn vergraben, und starrte ihn an mit jenem Blick der thronenden
Berolina, voll Klte und Feuer, voll Ha und Leidenschaft.

In dem groen Hotel des Wintersportplatzes sammelte sich ein internationales
Publikum um den Sport als den Mittelpunkt allen Interesses. Bis ber die
Teestunde hinaus waren die weiten Schneeflchen drauen belebt von Menschen, fr
die es kein Alter mehr zu geben schien: der sehnige, graubrtige Alte, der in
weitem, khnem Bogen vom Berg herunterscho, gab an Kraft und Schnheit dem
Jngling nichts nach, der auf seinen Flgelbrettern aufjubelnd vom Sprunghgel
in die Tiefe flog; und die reife Frau, die auf dem spiegelnden Eise auf
blitzendem Stahl kunstvolle Kreise zog, war um nichts weniger schn und
reizvoll, als das junge, schmalhftige Mdchen, das in sausender Fahrt den
kleinen Schlitten zu Tale lenkte.
    Renetta Veit pate nicht hierher. Ihre Grazie versagte, wenn es galt, sie
mit Kraft und Mut zu paaren. Und wenn sie im strahlenden Wintermorgen, der
grausam aller knstlichen Schnheitsmittel spottet, hilflos mitten im Schnee auf
Skiern stand, das Gesicht unter den Goldhaaren blau gefroren, dann konnte sie
sogar hlich sein. Sie fhlte das bald und gab alle weiteren Versuche, es den
anderen gleich zu tun, auf; es htte sie ja auch nur eins gereizt: sie zu
bertreffen. Konrad fuhr allein, befreit, voll starkem Kraftbewutsein zu den
Hhen empor und wieder hinab in die Tiefen.
    Renetta sah ihm nach, mit verschleiertem Blick und geneigtem Nacken, wieder
ganz das lauernde Tier. Drohte er ihr zu entgleiten?! Und sie ballte im
Bewutsein ihrer Kraft die weien Hnde.
    Es kamen Tage, wo Konrad, heimkehrend, sie nicht wie sonst, seiner wartend,
im Hotel fand. Statt ihrer begegnete ihm Nana, die Tochter, in der Halle.
    Mama ist mit Mr. Morton - einem schwerreichen Amerikaner - fortgefahren,
sagte sie das eine Mal mit spttisch verzogenem Munde. Graf Pechlarn - der
Typus eines flotten sterreichischen Offiziers - hat sie im Schlitten
abgeholt, erklrte sie, von grausamer Freude strahlend, das andere Mal und
fgte halb frech, halb altklug leise hinzu: Sie sollten doch wissen, Herr
Baron, Mama ist aus Prinzip untreu.
    Von wtender Eifersucht geqult, gab er seine einsamen Fahrten auf und wich
kaum noch von ihrer Seite. Und mit der Freude eines Vogelstellers, der mit
girrendem Pfeifen und Trillern und mit grausamen Leimruten seine Opfer ins Netz
lockt, peitschte sie seine Leidenschaft mit heimlichen Hndedrcken und
gewhrenden Blicken und reizte ihn durch raffinierte Koketterie mit anderen
Mnnern.
    Zhneknirschend und doch von der Angst gefoltert, sie an einen der vielen
anderen verlieren zu knnen, unterwarf er sich tglich mehr ihren Launen. Da
etwas in ihr, das Beste, der Rest unverdorbenen Weibtums, sich danach sehnte,
ihrer selbst fast unbewut, unterworfen zu werden, da ihre Seele, je mehr sein
Widerstand schwand, um so verzweifelter am Totenbett ihrer sterbenden Liebe
weinte, das sah er nicht. Um das Wissen von ihren Seelen hatten sie nie Zeit
gehabt, sich zu kmmern.
    Abends, wenn er mit ihr allein zu sein hoffte, hatte sie stets einen
Hofstaat um sich, und am Tage mehrten sich die Sportsleute, die Skier und
Bobsleigh um ihretwillen vergaen.
    Einmal gelang es ihm, sie im Schlitten der Schar ihrer Bewunderer zu
entfhren. Ich ertrag's nicht lnger, sagte er, ihr Handgelenk umklammernd,
wie an jenem ersten Abend, willst du mich wahnsinnig machen?
    Warum wahnsinnig? entgegnete sie mit einem dankbaren, fast demtigen
Aufblick. Sagte ich es dir nicht gleich: ich liebe die Liebe, und als er sich
mit finsterer Miene von ihr wandte, fgte sie, den Kopf an seine Schulter
legend, so da ihre Haare seine Wangen streichelten, leise und schmachtend
hinzu: Bin ich nicht dein - nur dein?! Sind die anderen mir mehr als ein
Spielzeug?
    Er erzhlte ihr, noch immer voll Mitrauen, von dem kecken Ausspruch ihrer
Tochter. Sie lachte hell auf: Das Mdchen ersetzt durch Verstand, was ihr an
Schnheit abgeht! Sie besttigt nur, was ich vorhin sagte: Spielzeug zerbricht
man oder wirft's weg, wenn es langweilt.
    Und - ich?! frug er bebend, mit seinem brennenden Blick die Rtsel ihres
Gesichts durchforschend.
    Du?! sagte sie verwundert, den Arm zrtlich um seine Schultern schlingend.
Du bist mein Geliebter. Und sie zog seinen Kopf heran, um ihn zu kssen. Was
hat Liebe mit Treue zu tun? fuhr sie dann fort. Wer liebt, ist treu - ohne
weiteres. Treue aber ohne Liebe ist eine hndische Tugend.
    An jenem Tage fuhren sie weit und blieben bis tief in die Nacht in einem
kleinen Dorfwirtshaus, dessen lustige Wirtin das junge Paar mit
freundlich-derben Witzen empfing, und sie in der Gaststube, wo der groe, grne
Kachelofen glhte, im Glasschrank neben dem Myrtenkranz gemalte Tassen und bunte
Gnadenbilder glnzten und das hochaufgetrmte Bett in getfelter Nische stand,
ihre Mtzen und Mntel ablegen lie. Als die Kunde von den leutseligen Fremden,
die ein Fchen Tiroler hatten anstechen lassen, sich im Dorf verbreitete,
fllte sich das Wirtshaus mit Burschen und Mdchen; und sie jodelten und tanzten
um die Wette und sangen ihre neckenden Liebeslieder im Weggehen zu den Fenstern
der Gaststube hinauf, die noch lange glnzend in die Schneenacht sahen.
    Von da an wurden die Stunden unvergifteten Glcks immer seltener. Die
Leidenschaft, die sie jetzt zueinander ri, hatte etwas von der feindseligen
Gewalt des Hasses.

Als sie nach Berlin zurckkehrten, fegte der Mrzwind durch die Straen, und an
den Bschen im Tiergarten streckten schon vorwitzige Frhlingstriebe ihre grnen
Fingerchen aus.
    Mde und abgespannt, mehr einer Gewohnheit als einem Wunsche folgend, ging
Konrad noch am Abend seiner Ankunft in das Stammcaf seines Freundeskreises. Als
er eintrat und durch Wolken Zigarettenrauchs die bekannten Gesichter auftauchen
sah, erschrak er. War er verwhnt durch den Anblick luftgebrunter,
sonnengerteter Haut, oder waren es wirklich Gespenster, die ihm aus
tiefliegenden bernchtigen Augen entgegensahen?
    Leonie war die erste, die ihm sichtlich erstaunt eine blutleere Hand
entgegenstreckte.
    Endlich! sagte sie.
    Sind Sie krank gewesen? frug er, mit einem Blick auf ihren Teint, der
allen Puders zu spotten schien.
    Tangokrank, spottete einer.
    Ihr tanzt immer noch? staunte Konrad.
    Immer! antwortete das Mdchen. Aber bilden Sie sich nur nicht ein, Baron,
da Sie besser aussehen als wir. Sie zog ihn auf den leeren Stuhl neben sich
und fuhr leiser fort: Warum bleiben Sie nicht bei uns? Aus den Hnden der
anstndigen Frauen - sie schnitt dazu eine Straenjungengrimasse - kommt ihr
alle so ksebleich. Er machte eine rgerliche Bewegung. Na, nicht bse sein!
Ich bin eine ehrliche Haut und sage, wie ich's meine: Was nehmt ihr die dumme
Liebe so tragisch.
    Dumme Liebe?! wiederholte er belustigt.
    Was denn sonst? antwortete sie, eine ganz nette Belustigung, vielleicht
sogar eine Notwendigkeit wie Essen und Trinken, aber doch nicht wert, sie
wichtig zu nehmen. Man lachte ringsum.
    Was gibt's denn Wichtigeres, Frulein Leonie? frug der alte Hofrat, eine
neue Zigarette in den Mundwinkel schiebend.
    Sie sah nachdenklich vor sich hin und meinte dann langsam: Wenn ihr's fr
euch selbst nicht wit, die ihr euch ber hunderterlei Ismen allabendlich die
Kpfe blutig schlagt, schlimm genug fr euch! Soweit mich's angeht, wei ich's.
Da ist zum Beispiel die Lia - ihr kennt sie ja - sie ist krank, liegt den ganzen
Tag zu Bett, whrend ihre alte Mutter ihre paar Fhnchen zusammenflickt, um sie
abends wieder auf neu ausputzen zu knnen, wenn sie ausgeht.
    Na - und? rief der Hofrat ungeduldig, eine sehr banale Geschichte!
    Meinen Sie?! sagte Leonie giftig; ist's vielleicht banal, da dies fidele
Mdel mit den glnzenden Augen und dem leichtfertigen Leben nur eure Dummheit
ausnutzt, um in ein paar Jahren - sofern sie's aushlt bis dahin! - mit der
Mutter irgendwo in ein Huschen ins Grne zu ziehen - das ist nmlich fr sie
das wichtigste - und auf die ganze sogenannte Liebe zu pfeifen!
    Die um den Tisch Sitzenden waren ernst geworden.
    Da soll sie sich nur jetzt an ihren Freund, den Eulenburg, halten, sagte
jemand, pat auf, der wird noch heuer der tantiemenreichste Dichter!
    Wird ihr wenig helfen, lachte Leonie mit einem Seitenblick auf Konrad,
jetzt, wo Frau Renetta Veit wieder hier ist und die Premiere seines Dramas vor
der Tre steht.
    Nimm dein Mundwerk in acht, fuhr sie Konrad an.
    Fllt mir nicht ein, antwortete sie achselzuckend. Jemand unter euch wird
doch wohl noch sagen drfen, was er denkt. Der Eulenburg ist fllig.
    Leonie! Konrad packte sekundenlang ihren Arm.
    Au! machte sie und fuhr gleichmtig fort: Als der arme kleine Prinz sich
erschossen hatte - grlich mu es brigens gewesen sein, die Nini erzhlte mir
erst neulich davon, wie das weie, blutbesudelte Auto mit dem Toten durch die
Straen raste -
    Konrad sah fragend auf: Ein weies Auto?!
    Mit blauseidenen Sitzen - ja! Aber was hast du denn?! rief das Mdchen, in
das blasse Gesicht des Mannes starrend.
    Er ging hinaus, ohne Antwort. Sie war also damals, als er sie das erstemal
sah, von ihrem Geliebten gekommen! Warum qulte ihn der Gedanke? Ich liebe die
Liebe - er wute es ja lngst - von ihr selbst.
    Von da an mied Konrad die Tafelrunde.
    Auch zur Erstauffhrung von Eulenburgs Werk zu gehen, das besonders in der
dem Kommerzienrat Veit nahestehenden Tagespresse schon wochenlang vorher als das
kommende Ereignis angekndigt und besprochen wurde - man verriet sogar mit
geheimnisvoller Miene Toilettendetails der mitwirkenden Knstlerinnen -
vermochte er sich nicht zu entschlieen. Er erfuhr aus den Zeitungen von dem
groen Erfolg und zugleich von Frau Renetta Veit, die im Kreise der Sterne des
geistigen Berlins die Proszeniumsloge inne hatte und deren berckende Schnheit
im Glanz unzhliger Brillanten mit dem genialen Werk unseres hoffnungsvollen
Dichters wetteifernd um die Aufmerksamkeit des Publikums rang.
    Er mied nun auch die Geliebte, sich selbst einredend, der Stolze,
Zurckhaltende zu sein, whrend sein Verlangen nach ihr ihn folterte und er, nur
um ihren Duft zu spren, die violetten, von steilen groen Schriftzgen
bedeckten Bogen, mit denen sie ihn frher berschttet hatte, wenn er einmal
nicht zur verabredeten Zeit gekommen war, vor sich ausbreitete. Jetzt - und er
war schon eine volle Woche fern geblieben - - hatte sie keine Zeile fr ihn! Er
ertrug's nicht lnger und suchte sie auf. Sie lie sich wegen einer Migrne
verleugnen. Er meinte hinter der Tre die Tochter boshaft kichern zu hren.
Mde, empfindungslos ging er wieder.
    Ein Schimmer von hellem Grn lag wie ein Schleier ber der langen Allee, die
er durchschritt, und die Luft war erfllt von jener weichen, warmen Feuchtigkeit
der Glashuser fr Tropenpflanzen. Im neuesten Frhlingsputz promenierte die
elegante Welt ber die Straen, den Schausttten migen Lebens. Arm in Arm, in
kurzen Rcken, kecke Lckchen vor dem Ohr auf den weichen Wangen, kamen die
Mdchen vorber; ihre Augen, glnzend von bewutem Begehren, hingen sekundenlang
an allem Lockenden: Kleidern, die leise rauschten, Reihern, die wie weisende
Fahnen wehten, Mnnerblicken, die auf der Suche waren. Frauen traten aus den
Kaufhusern und Kaffeehusern, erregt vom pikanten Klatsch, oder hei vom
galanten Abenteuer der letzten Stunde, und andere, deren erfrorenes Lcheln auf
geschminkten Lippen gleiche Erlebnisse wenigstens vortuschen sollte. Kleine
Mdchen mit langen, bloen Beinen, von Bonnen begleitet - alten, verbitterten
und jungen, denen der Lebenshunger aus den Gesichtern sprach -, bten sich schon
in der Kunst der Koketterie und fingen bereitwillig die Blicke der Knaben auf.
Blasse Gymnasiasten mit blauen Rndern unter den Augen stolzierten hinter
hochbusigen Spreewlderinnen, die langsam die weien Kinderwagen vor sich
herschoben, whrend ihre weiten Rcke um die runden Beine schwenkten.
    Konrad fhlte einen schweren Druck auf dem Kopf und strebte rascher
vorwrts. Baron Hochse! Eine bekannte Stimme hielt ihn auf, er sah in Frau
Rubners erstaunt auf ihn gerichtete Augen. Sie verrieten, wie viel sie in seinen
Zgen entdeckten, aber ihr Mund schwieg davon.
    Kommen Sie mit, sagte sie heiter, ich gehe zum Bostonklub. Auch Warburg
wird dort sein.
    Warburg? Bostonklub? Er verstand nicht. Sie lachte hell auf ber die
Verblffung, die aus seinen Mienen sprach.
    Ja - auch mich hat's gepackt. Ich tanze, erklrte sie. Gerade wir
Gehirnmenschen sollten uns immer wieder unseres Krpers erinnern. Sonst
vergessen wir, da wir jung sind. Und mit elastischem Schritt eilte sie
vorwrts.
    Es war ein privater Zirkel, an dem sie teilnahm. Man bte unter Leitung
einer ehemals berhmten Tnzerin die neusten choreographischen Schlager. Die
Schler waren meist ltere Leute, viele ppige Damen darunter, die fr Krper
und Herz offenbar eine zweite Jugend suchten. Zu seinem Erstaunen traf Konrad
den Hofrat unter den Zuschauern.
    Fr das Studium modernen Lebens, sagte ihm dieser nach einem
freundschaftlichen Hndedruck, ist die Kenntnis dieses Klubs unentbehrlich.
Sehen Sie nur die Frauen an: Frau Rubner zum Beispiel, von der ich heute eine
glnzende russische bersetzung der Simmelschen Philosophie des Geldes bekommen
habe, und Hedwig Mendel, die eben ihren Doktor gemacht hat und auf allen
Frauenkongressen das groe Wort fhrt, sie tanzen mit grerer Hingebung als
unsere Mdels.
    Warum sollten sie nicht?! meinte Konrad, eine gesunde
Reaktionserscheinung.
    Sicherlich, nickte der andere, nur vergessen Sie, mit wem sie tanzen, wem
sie sich so hingebungsvoll in die Arme schmiegen. Der da, Frau Rubners Partner,
ist Gerhard Fink, - der reine Apoll, nicht wahr? hat aber nicht mal das
Einjhrige machen knnen - jetzt, wie Sie wissen werden, unser preisgekrnter
Flieger. Jener dort, mit dem das Frulein Doktor walzt, war bis vor einem Jahr
Chauffeur bei den Mercedeswerken; irgendeine Prinzessin hat ihn mit ihrem Auto
gekauft und auf einigen Auslandsreisen so gut erzogen, da er jetzt in allen
internationalen Rennen seinen eigenen Wagen lenkt. Und drben der mit dem
Zigeunergesicht ist im Tattersall erster Stallmeister. Ja, ja - und er lachte
verchtlich - die intellektuellen Weiber, denen die geistigen Mnner nicht mehr
imponieren, suchen sich solche, die ihnen durch ihre Krperlichkeit berlegen
sind! Sie glauben nicht, mit welch einem Gefhl der Erleichterung ich von hier
zu unsern Mdels zurckkehre!
    Konrad wollte heftig erwidern - mochte sein Nachbar auch vielfach recht
haben, Frau Rubner, das wute er, was ber solchen Verdacht erhaben -, als
Warburg eintrat. Frau Sara lie ihren Tnzer ohne weiteres stehen, um den Freund
mit besonderer Herzlichkeit zu begren. Er strahlte noch vor Freude darber,
als er Konrad entgegentrat.
    Ist sie nicht wundervoll? flsterte er ihm zu; es war das erstemal, da er
sein Entzcken in dieser Weise aussprach. Konrad berlegte noch, ob er Hedwig
Mendel, um ihr einen peinlichen Augenblick zu ersparen, nicht besser ignorieren
solle, als sie ihm im Vorbertanzen unbefangen zunickte.
    Auch Sie wundern sich?! frug sie dann lchelnd. Ich dachte, Sie wrden
begreifen, da wir studierten Frauen nicht blo auf dem Katheder stehen und am
Schreibtisch sitzen wollen.
    Ich wundere mich ja auch nicht, da Sie tanzen, sondern mit - wem Sie es
tun, Frulein Doktor, antwortete Konrad mit bewuter Schrfe.
    Des Mdchens Augen in dem schmal und spitz gewordenen Gesicht verdunkelten
sich. Meinen Sie, ich sollte dem nachlaufen, der vor einer Renetta Veit seine
Kunst prostituiert?! flsterte sie. Und laut sagte sie, zu ihrem bescheiden
abseits stehenden Tnzer gewendet: Nicht wahr, Wendrutzki, jeder sucht das
Leben nach seiner Neigung. Wir tanzen - Und mit einer fast ekstatischen
Leidenschaft, die den ganzen bermig schlanken Krper in Schwingung versetzte,
wirbelte sie davon.
    Frau Sara Rubner ging mit den Freunden nach Hause, nachdem sie Gerhard Fink
flchtig vorgestellt hatte. Mgen Sie ihn? frug Konrad, um ein Gesprch
anzuknpfen; die Worte Hedwigs klangen noch schmerzhaft in ihm nach.
    Er ist der beste Tnzer Berlins, antwortete Warburg statt ihrer, also fr
Frau Saras neuste Leidenschaft gerade gut genug. Sie konsumiert Menschen, wie
Sie wissen: je einen fr jede Neigung.
    Ich glaube, Sie unterschtzen meinen Tnzer, fiel sie ruhig lchelnd ein,
freilich, er hat nicht viel gelernt, versteht auch keine geistreiche
Konversation zu machen, dafr ist er eine so beruhigend unkomplizierte Natur und
ersetzt durch Innerlichkeit, was ihm an Wissen abgeht. Dann brach sie das
Gesprch ab.
    Konrad erfuhr nur noch, da sie sich als Autofahrerin ausbilden wollte und
den Besuch der Universitt daher zunchst aufgeben wrde. Zwischen den drei
Wandernden trat eine beklemmende Pause ein wie immer, wenn jeder eigenen, ihn
weit von den anderen entfernenden Gedanken nachhngt. Warum ging er hier,
grbelte Konrad, zwecklos und unfroh? Whrend Renetta vielleicht -. Eine wtende
Sehnsucht, durch qulende Zweifel nur gesteigert, packte ihn.
    Er verabschiedete sich rasch und unvermittelt; nur die Blsse seines
Freundes fiel ihm auf, oder war es der Widerschein des gelben Gaslichts gewesen?
    Mit immer schnellerem Schritt strmte er durch die Straen. Sehen - nur
sehen mu ich sie! dieser eine Gedanke bohrte sich in sein Hirn und hetzte
seinen Herzschlag. Er stand vor ihrem Hause. Wie?! Alle Fenster erleuchtet?!
    Gesellschaft?! Und er wute von nichts?! Und heute nachmittag hatte sie ihn
abgewiesen?!
    Lachende und lrmende Gste kamen die Treppe hinab; das Mdchen schlo auf;
er drckte sich in den Schatten des Torwegs.
    Ein gttliches Weib! hrte er sagen. Das war Eulenburg. Sein Blut siedete.
Mit einem Sprung stand er an der Tre.
    Die Herrschaften erwarten mich noch, schrie er das verdutzte Mdchen an,
das eben absperren wollte, und jagte die Treppe empor. Die Flurtre stand offen.
    Er hrte die Stimme des Hausherrn - khl, geschftsmig: Ich bin zufrieden
mit dir, mein Kind. Du lernst es allmhlich, mein Haus auf das Niveau zu heben,
das der Position, die ich mir eroberte, entspricht.
    Die beiden traten in das Licht der Lampe. Sie blieben stehen. Des kleinen
Mannes Augen hafteten an dem halbentblten Busen der junonischen Frau neben
ihm, ein gieriges Feuer entzndete sich in ihnen, weitete sie. Du httest nicht
ntig gehabt, Eulenburgs Rosen mit so beziehungsvoller Geste in den Ausschnitt
zu stecken, sagte er, und seine breite weie Hand legte sich auf ihre Schulter,
glitt bebend ber ihren Hals. Sie regte sich nicht. Ihr Blick nur musterte
hhnisch den vor ihr Stehenden, den die Anstrengungen des Abends besonders
greisenhaft erscheinen lieen, whrend ein hartes, spttisches Lachen in dem
engen Raume widerklang. Der Glanz in seinen Augen erlosch, seine Lider senkten
sich, er trat einen Schritt zurck, kte ihr mit der Hflichkeit des Weltmanns
die Fingerspitzen und ging.
    Konrad stand vor ihr keuchenden Atems. Sie schrie auf, um ihn im nchsten
Augenblick, die Schritte des Mdchens auf der Treppe hrend, mit sich in den
dunklen Salon zu ziehen. Nur die Glhlampen von der Strae warfen breite
Lichtbndel durch die Fenster.
    Was willst du? zischte sie.
    Du lt dir von dem Eulenburg hofieren, stie er hervor, sie mit der
Linken an sich reiend, so da sie wie in einem Schraubstock in seinem Arm lag,
und trgst seine Rosen - er ri den Strau duftender Blumen vom Ausschnitt
ihres Kleides, so da die Dornen rote Striemen auf ihrem weien Halse zogen.
Umbringen werd' ich dich, umbringen -
    Mit ngstlich flackernden Augen, whrend ihre Rechte heimlich nach seinen
Taschen griff - er sah entsetzlich aus und hatte doch vielleicht eine Waffe, sie
aber frchtete sich grlich vorm Sterben, so sehr wie vor der Armut! - sprach
sie, die Worte berstrzend, auf ihn ein. Er hrte nicht hin. Er sah nur den
schimmernden Nacken, den Rcken mit dem weichen Einschnitt zwischen den
Schulterblttern, die weien Arme, die, vom Licht getroffen, glnzten, als wren
sie Strahlen von ihm.
    Sei still - still, sthnte er, rede nicht! Ich wei, da du lgst! Wenn
diese Hnde gemordet htten, ich frge nicht danach! Nur lieben sollst du mich -
mich allein!
    Und whrend er neben ihr zusammensank, den Kopf an ihre Knie gedrckt,
reckte sie sich empor. Alle Angst war aus ihrem Antlitz verschwunden; zu einem
verchtlichen Lcheln ffnete sich der groe, blutigrote Mund.

ber Nacht war es Frhling geworden. Aber Konrad scheute die hellen Tage drauen
wie einer, der keine reinen Kleider anzuziehen hat. Wie gut es war, da niemand
sich um ihn kmmerte, niemand, auch Warburg nicht. Eines Abends trat er doch
berraschend in sein Hotelzimmer. Konrad setzte sich ihm gegenber, so da sein
Gesicht beschattet blieb, denn er schmte sich seiner bernchtigen Zge.
Warburg indessen achtete seiner nicht. Er sah selbst gealtert und mde aus.
    Ich wollte dir nur sagen, damit du es von anderen nicht zuerst erfhrst,
begann er stockend, da Sara Rubner sich - verlobt hat, - verlobt: mit Gerhard
Fink -
    Seltsam, dachte Konrad, wie stumpf ich bin, wie des Freundes Unglck mich
kalt lt! Und laut sagte er: Und du hast sie ihm so ohne weiteres, so kampflos
berlassen?
    Warburg sah auf; seine Augen erzhlten von der Tiefe seiner Qual, aber seine
Stimme war ganz ruhig, und sein Mund lchelte sogar, als er antwortete: Sie
gehrte mir nie, - wie htte ich sie halten knnen? Ich werde nicht aufhren,
ihr Freund zu sein und immer wnschen, fgte er mit einem leisen Seufzer hinzu,
da sie meiner Freundschaft nicht bedrfen wird.
    Als Konrad die offizielle Anzeige der Verlobung erhalten hatte, besuchte er
Frau Rubner aus bloer Hflichkeit. Wie konnte diese Frau ihm jemals
interessant, ja bedeutend erschienen sein, fr die eine triviale Ehe mit einem
Durchschnittsmenschen die Lsung ihrer inneren Konflikte, die Erfllung ihrer
Sehnschte bedeutete?! Ihr Anblick jedoch berraschte und fesselte ihn aufs
neue. Das Gesicht hatte einen ganz weichen, fast demtig kindlichen Ausdruck
angenommen, und aus ihren einst so khlen, klugen Augen leuchtete nichts als
reines Glck.
    Man wird fromm, wenn man liebt, sagte Frau Sara, nachdem sie die ersten
konventionellen Redensarten gewechselt hatten, fromm wie die Kinder, denen ihr
Heiland das Himmelreich verheit. Man glaubt alles, hofft und duldet alles.
Selbst das Schwerste: da ich meinen besten Freund so tief verwunden mute. Ein
fragender Blick traf ihn dabei.
    Warburg leidet sehr - gewi, entgegnete Konrad, aber er gehrt nicht zu
den Menschen, die an getuschter Neigung zugrunde gehen.
    Nein, besttigte sie mit tiefernstem Gesicht. Starke Menschen gehen nur
zugrunde, wenn sie sich selbst in ihrer Liebe tuschten, nicht wenn sie
getuscht worden sind. Ich wei das, denn wir sind von gleicher Art, darum htte
ich auch nie seine Frau werden knnen, ebenso wie ein normales Weib nicht ihres
Bruders Gattin werden kann.
    Vor dem Abschied erzhlte sie ihm noch, da sie bald heiraten und im eigenen
Auto die Hochzeitsreise machen wrden. Heute ist er bei seinen Eltern, fgte
sie lchelnd hinzu, alten, einfachen Pfarrersleuten, um sie fr unsere
Verbindung gnstig zu stimmen. Und bermorgen, wenn er heimkehrt, wird er sein
neues Flugzeug zum ersten Male steuern. Wie froh wird er sein! Und sie
klatschte in die Hnde vor Freuden wie ein seliges Kind.
    Konrad ging langsam, von Schwermut beladen, von der glcklichen Frau.
Starke Menschen gehen nur zugrunde, wenn sie sich selbst in ihrer Liebe
tuschten, klang es ihm wieder und wieder in den Ohren, wie eine Melodie, die
man nicht los wird. Und der Freund und Frau Sara waren vergessen. Es stand fr
ihn fest: Um das Weib, von dem er nicht lassen konnte, zu ringen, wenn es sein
mute, auch gegen sie selbst. Noch war sie ja sein - sein. Er durfte, er wollte
nicht zweifeln. An dieser Gewiheit hing der Rest seiner persnlichen Wrde.
    Gerade heute, das wute er, gab sie ein Fest. Ihren Bitten gegenber, daran
teilzunehmen - die brigens nicht allzu dringende gewesen waren, dachte er
bitter -, war er, wie schon hufig, standhaft geblieben. Er hielt es nicht mehr
aus, nur einer unter vielen zu sein, - einer am Wagen Frau Berolinas!
    Aber wenn er jetzt in die Bar ging, dann wrde er wohl - so nebenbei - von
einigen ihrer Gste hren knnen, wie sie ausgesehen hatte, wer wohl heute der
Begnstigte gewesen war. Das Blut stieg ihm in die Schlfen: wie ekelhaft das
war, wie unwrdig, die anderen auszuhorchen, wo es die Geliebte galt!
    Nein - so ging's nicht mehr weiter. Ihm grauste vor sich selbst. Morgen
wrde er vor sie hintreten mit der einzigen Forderung, die allen Schmutz, unter
dem er erstickte, abzuwaschen imstande wre: Scheidung -

In der Bar Aux trois Grces spielten rotbefrackte Zigeuner.
    Die Geigen schluchzten, - ein hmmernder Ton fiel ein - aufpeitschend -
    Leonie lief Konrad entgegen. Bist du auch betrunken wie die andern? Und
ihr Blick forschte in seinem glhenden Antlitz.
    Nein, sagte er laut; ihm war pltzlich, als wrde er sich seiner
berschumenden Kraft wieder bewut wie einst, da er Frau Berolina zuerst umarmt
hatte.
    Schau nur den Kerl, den Eulenburg, flsterte Leonie, er wird sie
umbringen.
    Eulenburg?! Konrads Gesicht verfinsterte sich. Ihm gegenber sa er und
hielt die kranke Lia auf dem Scho, ihr ein groes Glas Sekt in den offenen Mund
schttend.
    Du, Konrad - grhlte er, stell dir vor: fr jeden Ku verlangt dieser
Fratz ein blankes Goldstck. Merk dir's, mein Junge, und tausch' beizeiten
deinen rosenroten Idealismus gegen ein Stck handfesten Erfolges ein. Er setzte
die Flasche an den Mund und trank in vollen Zgen. brigens, Kinder, wozu der
nicht alles gut ist! Die schnsten Beine und die schmachtendsten Augen erreichen
nicht, was er erreicht! Nicht blo so 'ne kleine Nachteule geht ihm auf den Leim
- Er schnalzte mit der Zunge und rlpste. Die anderen drngten sich um ihn.
    Raus mit der Sprache, Gevatter, schrien sie durcheinander.
    Warum so zimperlich! -
    Frh um viere ist keine Zote zotig genug -
    Konrad war wei geworden, er wute selbst nicht warum. Leonie lie ihn nicht
aus den Augen.
    Eulenburg schttelte sich vor Lachen, einen violetten Briefbogen, von
groen, steilen Schriftzgen bedeckt, in der erhobenen Hand haltend. Wit ihr,
was das ist, ihr Affen? Ne! -
    Konrad war aufgesprungen, sich mit beiden Hnden zitternd auf den Tisch
sttzend. Eulenburg lallte, so da nur die allernchsten ihn noch verstanden:
Zwischen Knackmandeln und - und Kaffee - hab' ich heut - heut - die - die
schnste Frau von Berlin -
    Mit einem raschen Griff entri ihm Konrad den Zettel: Mein Dichter ...
Deine Renetta ... er brllte auf wie ein zu Tode Getroffener, und strzte sich
auf den Rivalen.
    Eulenburg starrte ihn an, verstndnislos, mit glsernen Augen, - sah zwei
Fuste - duckte sich heulend -
    Mit einer Kraft, die niemand dem Mdchen zugetraut htte, ri Leonie den
Wtenden auf den Stuhl zurck.
    Haltung! zischte sie dicht an seinem Ohr, um so ein Weibsstck Mord und
Totschlag?!
    Und zu den andern sagte sie laut: Ihr seid alle miteinander besoffen!
Schert euch nach Hause!
    Sie senkten wie geschlagene Hunde die Kpfe.
    Langsam, als wre nichts geschehen, versuchte Konrad sich eine Zigarette
anzuznden, doch seine Finger zitterten zu sehr. Da hielt ihm Leonie das
brennende Streichholz hin. Die Zigarette glhte auf; gleich darauf zerfiel ein
Stck violetten Papiers in Asche.
    Aus, sagte Konrad mit fester Stimme, und, zu Leonie gewandt: Was meinst
du, wenn wir morgen, beide zusammen, Frau Berolina und der dummen Liebe den
Rcken kehrten?

                                Sechstes Kapitel



                       Vom Suchen nach der neuen Religion

Eine feuerrote Scheibe, glhte die Sonne durch silbergraue Nebelschleier. In der
Ferne grollte der Donner.
    Wer einmal wieder in sich selbst Donner und Blitz erleben knnte! murmelte
Konrad vor sich hin. Er lag auf dem Rasen ber den Nymphenburger Terrassen und
sah den kunstvoll gebndigten Wasserspielen zu. Leonie sa neben ihm, lange
grne Grashalme durch die Zhne ziehend.
    Armes Mdel! sagte er dann laut, nachdem er sie eine Weile betrachtet
hatte, du hast dir unsere Vergngungsreise auch anders vorgestellt! - Willst du
heim? Oder willst du irgendwo vor dem internationalen Gesindel, das in dieser
Stadt zusammenstrmt, deine Knste produzieren und eine bessere Gesellschaft
finden, als ich es bin? - So rede doch endlich! - Wei Gott, ich nehm's dir
nicht bel, wenn es dir lngst schon leid tut, bei mir die barmherzige Schwester
zu spielen! Knnte ich's, ich liefe mir selbst davon.
    In ihrem Gesicht kmpfte es; sie kniff die Augen krampfhaft zu, um die
aufsteigenden Trnen zu verbergen.
    Du mchtest mich nur los sein, was? entgegnete sie, ihren Kummer mit
grober Rede verkleidend, um dann ungestrt, wie gestern, im Morgengrauen an den
greulichen schmutzigen Flu zu schleichen, wo sie die Selbstmrder fischen. -
Puh!
    Zwei dicke Trnen, denen sie nicht mehr wehren konnte, rollten ber ihre
Wangen.
    Aber Leonie! rief er und griff nach ihrer Hand, die er leise streichelte;
wer wird denn weinen! Um so einen wie mich noch dazu, der all deine Aufopferung
gar nicht verdient.
    Jetzt lachte sie, ein helles, klingendes Lachen, so da ein paar Soldaten,
die vorbergingen, lustig einstimmten. Du hast recht, vollkommen recht.
Verdienen tust's nicht, da ich in Sack und Asche neben dir herlaufe und deine
Schritte bewache wie eine zimperliche Gromama das Enkelchen. Jung, gesund,
reich und so'n Jammerlappen! - Er wollte antworten, aber sie hielt ihm, noch
immer lachend, den Mund zu. Nun hr' schon zu Ende, du weit, wenn ich mal im
Schwatzen bin, dauert es seine Zeit. Also: gerad' weil du's nicht verdienst,
freut's mich so, dir was sein zu knnen!
    Bist eine gute Seele, Leonie, meinte er mit einem Anflug aufrichtiger
Rhrung in der Stimme.
    Hat sich was: gut! sagte sie rgerlich. Gute Menschen sind immer
grlich; sie protzen mit ihrem Gutsein, indem sie durch ihre Leidensmiene
zeigen, wie schwer es ihnen fllt. Nein: ich bin nicht gut, gar nicht! Mal
ntzlich zu sein - freiwillig - kein Possenreier oder Vergngungsobjekt gegen
bare Bezahlung - ein Hochgenu ist's fr unsereinen! Wie ich in Stellung war, -
ja, guck mich nur an: keine fnf Jahr ist's her, da wohnte ich noch in
herrschaftlichen Dienstbotenlchern und putzte die Stiefel vom Herrn und lie
mich von der Gndigen kujonieren, - hielt ich's nur aus, wenn ein paar kleine
Wrmer da waren, denen ich hinter dem Rcken der grmlichen Mademoiselle etwas
zustecken konnte, oder ein verliebter Backfisch, dem ich die Liebesbriefe
besorgte. Dafr bezahlte mich keiner, das erinnerte mich daran, da ich nebenbei
auch noch ein Mensch geblieben war.
    In diesem Augenblick flog ein Ball, von ein paar rotbckigen Buben
geschleudert, in Leoniens Scho; verlegen, mit verlangenden Augen blieben sie
vor ihr stehen. Neckend deutete sie an, ihn konfiszieren zu wollen, als einer
von ihnen sich auf sie strzte, um ihn ihr zu entreien. Sie sprang empor, ein
regelrechtes Ringen entstand, das schlielich zu wildem Spiele wurde; sie
entwickelte dabei ausgelassene, ursprngliche Heiterkeit und konnte sich
schlielich der zudringlichen kleinen Bande nicht anders erwehren, als indem sie
sich atemlos dicht neben Konrad ins Gras warf, bei ihm Schutz suchend.
    Eigentlich bist du ein Stiesel, da du nicht mitspielst, meinte sie.
    Und du ein rechtes Kind, sagte er.
    Weil ich nie eins habe sein knnen, wahrscheinlich, entgegnete sie mit
pltzlich verfinsterten Zgen. Er sah sie teilnahmsvoll an. Ach so! fuhr sie,
die Lippen spttisch schrzend, fort, du denkst, weil ich so schon beim
Beichten war, kann's nun weiter gehen. Aber lassen wir's lieber. Er gibt
Mdchen, die in Schauergeschichten schwelgen. Ich nicht.
    Sie erhob sich, ein paarmal tief Atem holend: Es war scheulich - einfach
scheulich!
    Und jetzt ist es besser? frug er, sich gleichfalls erhebend.
    Besser? wiederholte sie. Dumme Frage! Man merkt's: der Herr Baron ist
niemals Dienstbote gewesen. Ich wundere mich, da es berhaupt noch welche gibt!
Wegen dem bichen sogenannter Anstndigkeit, meinst du wohl?! Wobei man
verhutzelt und verkommt und sich in den Bettelmantel des Tugendstolzes als des
einzigen Lohns fr eine zerqulte Jugend hllen kann!
    Er hrte ihr zu, ohne da sein Interesse ein allzu lebhaftes gewesen wre.
Seine Gedanken waren, seit seiner fluchtartigen Abreise von Berlin wie ein
versprengter Bienenschwarm, der, seiner Knigin beraubt, zweck- und ziellos, hin
und her summt.
    Es klang daher khl und abwesend, wenn er, das Gesprch fortsetzend, sagte:
Aber vielleicht tauschest du, um die Schrecknisse der Vergangenheit los zu
werden, Schrecknisse der Zukunft ein?
    Sie betrachtete ihn sekundenlang prfend von der Seite, whrend ein leichter
Schatten sich ber ihre Zge legte. Dann zog sie seinen Arm durch den ihren und
erwiderte, krftig ausschreitend:
    Kuponschneidende Philister meinen, da armen Proleten, die jahrzehntelang
in unentwegter Tugendhaftigkeit Invalidenmarken kleben, das trockene Brot, fr
das sie sie bestenfalls einmal eintauschen, wie Himmelsmanna schmecken wird. Ich
versichere dich aber, da, wer schon mit dem Glauben an die ewige Seligkeit
aufgerumt hat, sich mit solch irdischer Zukunftshoffnung sicher nicht beruhigen
lt. Fr uns gibt's nur eins: den Luxus der Zukunftsplne und Sorgen euch zu
berlassen. Seitdem ich bei dir bin, kommt er mir nicht einmal beneidenswert
vor. Du spielst nie mit, wenn's gerade lustig ist, wie vorhin -
    Und beneide dich hinterher, meinte er trbsinnig.
    Sie gingen unter alten rauschenden Buchen, an einem Bach entlang, der ganz
leise flo, als frchte er sich, den Abendfrieden zu stren.
    Mit dem sinkenden Tag mehrten sich die Wandernden; rmliche Leute meist,
die, als wre es ein Geschenk von heute, mit frhlichen Gesichtern von dem alten
vertrumten Garten Besitz ergriffen. Leonie lchelte wie sie.
    Die Zukunft der Armen ist immer nur der nchste Tag, sagte sie
unvermittelt. Ihr elastischer Gang - als fhre er einer groen Freude entgegen
-, ihr erhobener Kopf betonten noch die strahlende Zuversicht, mit der sie
sprach. Seine Hand ruhte pltzlich fester auf ihrem Arm, whrend ein Gefhl der
Beschmung ihn beschlich. Wie hatte sie doch vorhin gesagt: Jung, gesund, reich
und so ein Jammerlappen. An seinem Ohr war es vorbeigeklungen. Jetzt,
nachtrglich, traf es ihn.
    Was ist denn dein nchster Tag? frug er.
    Dir helfen, frhlich zu werden, antwortete sie, ohne eine Spur von
Sentimentalitt.
    Ihm wurde warm ums Herz, und die Empfindung, da wieder ein Stck seiner
Seelenzwangsjacke von ihm fiel, lie seinen Schritt sich federnd dem ihren
anpassen.
    Durch alte Laubengnge kamen sie jetzt ber breite, in ppiger
Raumverschwendung, als gelte es, csarischen Prunkaufzgen Platz zu schaffen,
sich dehnende Terrassen. Liebespaare, in jener naiven Lebensfreude
aneinandergeschmiegt, die nichts von Schamlosigkeit an sich hat, kamen vorber.
Aus ppigem Buschwerk, das die Schere des Grtners lngst nicht mehr zu starren
Formen bndigte, lugten lchelnd Dianen und Amoretten auf ein Volk, das von
ihnen nichts mehr wute; und stille, von grauem Sandstein gefate Wasserflchen,
in denen sich einst gepuderte Kpfchen eitel spiegelten, warfen neckend die
bunten Kattunrckchen kleiner Vorstadtmdchen zurck.
    Der Himmel war jetzt wolkenlos; von einem matten Blau, das fern am Horizont,
wo der Park sich in die Felder verlor, in zartes Rosa berging. Nichts Grelles,
nichts Schreiendes war in diesem Bilde, selbst unten der kleine See mit den
feierlich und lautlos schwimmenden Schwnen hatte nichts Leuchtendes, nur einen
Ton wie von altem Silber, und das kleine, zart geschwungene Rokokoschlchen mit
den geschlossenen Fenstern, hinter denen verborgene Geheimnisse trumen muten,
lugte wie der verirrte Geist alter Zeiten zwischen den Stmmen hervor: halb
ngstlich, weil die Welt so anders war wie einst, halb glcklich, weil er
heimgefunden hatte. Und hinter ihm drngte sich's in ppigem Blttergerank, und
ber ihm wlbten die ste sich zrtlich schirmend zum Dach.
    Und nun bog der Weg wieder ins Helle, und vom freien Platze aus berflog das
Auge noch einmal die grne Pracht vom saftigen Rasen ber die Hecken bis zu den
hohen Bumen hinber. Grn! War die Sprache so arm, da sie fr die vielfachen
Farben des Frhlings nur ein einziges kleines Wort besa? Silberne und goldene,
schwarze, blaue und rote Tne strahlten von den Buchen und Eichen, den Tannen,
Eschen und Ahornen, - es war wie ein Konzert in Farben, wie eine Mozartsche
Melodie.
    Konrad schwieg, erfllt von jener Schnheit, die zwar alle unbewut
empfinden, die aber nur wenigen zu schauen vergnnt ist, wie etwa die
Vornehmheit eines Menschen allen wohltut, die sich ihm nhern, aber nur
einzelne, nur gleiche sie zu erkennen vermgen. Leonie sah ihn von der Seite an,
verwundert, fast furchtsam. Sie fhlte immer, wenn er weit fort war von ihr, und
lernte rasch, da jedes Wort aus ihrem Munde ihn dann verletzte.
    Er bemerkte, wie sie zgernd hinter ihm zurckblieb, wie sie bemht war,
sich vllig auszulschen, nur um sein Fhlen und Schauen, dem sie nicht zu
folgen vermochte, nicht zu stren. Arme Leonie! dachte er.
    War sie nicht viel, viel rmer als er? Waren es nicht dieselben, durch eine
lange Ahnenreihe von Herren immer mehr verfeinerten Fhlfden der Seele, die ihn
zu einem berschwenglich Genieenden machten wie zu einem so tief zu
Verletzenden?
    Sie fuhren im Wagen zurck, denn er war ganz pltzlich sehr mde geworden.
Leonie sa neben ihm; ihre Hnde ruhten lssig, handschuhlos, auf ihrem Schoe.
Sie waren gro und krftig wie die antiker Gttinnen, dabei sehr wei. Es
frappierte ihn, da sie - nackt waren. Er betrachtete die seinen: schlanke,
nervse Hnde mit sehr langen spitzen Fingern, - Hnde, die, wenn er blind
gewesen wre, Schnheit tastend htten empfinden knnen, aber keine Hnde zum
Zupacken oder Waffenfhren. Er seufzte verstohlen - selbst ein teilnehmender
Blick seiner Nachbarin, der immer gleich von einem Helfenwollen sprach, wre ihm
verletzend gewesen. Aber nun verstand er auch, warum die Weie ihrer starken
Hand ihm fast schamlos erschien.
    Du hast schne Hnde, Leonie, aber sie sollten braun sein, wollte er
sagen, als sie pltzlich wie erschrocken aus ihrem langen Stummsein auffuhr.
    Herr Gott, rief sie, da fllt mir ja ein, da ich eine alte Bekannte
besuchen knnte! So ist das Whlen in der Vergangenheit, zu dem deine Fragen und
mehr noch deine Schweigsamkeit mich wider Willen veranlat haben, doch zu
irgendwas gut gewesen! Und sie suchte eifrig in einem Notizbuch, das sie in
ihrem Tschchen bei sich trug, bis sie eine schmale Karte fand und ihm
hinberreichte.
    Frau Sabine Brandis, las er, wer ist das?
    Das entzckendste Geschpf, das du dir denken kannst, antwortete sie
enthusiastisch. Sie gab in Berlin franzsische Stunden - um fr das
Universittsstudium Geld zu verdienen, wie sie mir erzhlte - und kam auch zu
meiner Gndigen. Das war, als meine heimliche Tanzerei im Lunaballhaus von dem
jungen Herrn, einem ekelhaften Bengel, den ich auf seine Frechheiten hin mal
gehrig heimgegeigt hatte, entdeckt worden war, und man mich einfach hinauswarf.
Sie half mir damals. Zur Mutter traute ich mich nicht. Volle vier Wochen lang
teilte sie ihre mageren Mahlzeiten mit mir und gab mir berdies alles, was ich
an Bildung habe; - auch das bichen Franzsisch, ber das du dich immer
mokierst.
    Das ist aber doch Jahre her, meinte Konrad, kennst du denn ihre Adresse?
    Damals wohnte sie -, Leonie stockte und suchte wieder in ihrem Notizbuch.
Frhlingsstrae - ich hab's! Vielleicht wei man dort noch was von ihr.
    Am selben Abend - sie war in ihrem Eifer nicht zurckzuhalten - begleitete
er sie in den fernen Stadtteil.
    Frau Sabine Brandis, sagte der dicke Grnkramhndler, der vor der Tre
sa; ei freilich, die wohnt hier, lange schon. Fnf Treppen hoch, links.
    Konrad lie Leonie allein und versprach, sie in einem kleinen Biergarten an
der Reichenbachbrcke zu erwarten. Schon brannten die Laternen matt im
Dmmerlicht, als er sich an einen der Tische setzte, die in dem winzigen
Grtchen standen. Die brigen Gste - sein Tisch war der letzte freie gewesen -
genossen lebhaft schwatzend den milden Abend; Handwerker, Arbeiter, kleine
Beamte mochten es sein, nach den Gesprchsfragmenten zu urteilen, die er
auffing. Von ihren persnlichen Freuden und Leiden sprachen sie, vom Streik der
Bauarbeiter, von den internen Angelegenheiten des Stadtviertels, - der Zukunft
von morgen, ber die ihr Hoffen und Frchten nicht hinausging.
    Kirchturmpolitik, dachte er, aber ohne jene spttische Selbstberhebung des
gebildeten Europers, die von der Hhe seines Standpunktes zeugen soll und dabei
allzu oft nur seine Leere verrt.
    Die Zeit verrann. Er sah nach der Uhr. Wo nur Leonie blieb? Sollte sie einen
falschen Weg gegangen sein? Er fing an, sich zu sorgen; dabei sezierte er sein
Gefhl; es htte kein anderes sein knnen, wenn sie ein Kind oder ein Freund
gewesen wre. Die Laternen glnzten durch den grauen Abend, khl und fremd.
Feuchtwarme Luft stieg von der Isar empor, die ihre gelben Fluten langsam
vorberwlzte. Warum sitze ich eigentlich hier? dachte er; um auf ein Mdchen zu
warten, das ich nicht liebe, um die Freunde in Berlin glauben zu machen, da ich
mich amsiere und Renetta Veits Untreue mich gleichgltig lt? Sie lt mich ja
auch wirklich gleichgltig, - mehr als das: leer - leer. Wie er den Bengel am
Nebentisch beneidete, der leuchtenden Auges davon erzhlte, da der Kampf um
Lohnerhhung in seiner Fabrik von morgen ab seine Wocheneinnahme um eine ganze
Mark erhht habe, oder gar das zierliche Mdchen, die eben vorbeiging und ihrer
Freundin die neue Bluse beschrieb, in der sie morgen - morgen! - den Geliebten
entzcken wrde.
    Auf Wiedersehen morgen! hrte er eine Stimme voll weichen Wohlklangs neben
sich. Und dieses Morgen durchleuchtete ihn pltzlich mit dem Glanz aufgehender
Sonne: da er leer war, bedeutete zugleich frei sein. Und offen fr neue Flle!
Waren das nicht einmal Elsens Worte gewesen?
    Du bist nicht bse, ich seh's, sagte Leonie, sich zu ihm beugend. Auch
nicht, da ich von dir erzhlte, nicht wahr? Sie erwartet uns beide - morgen.

Man mute steile fnf Treppen steigen, um zu Sabine Brandis zu kommen, und durch
einen dunklen, engen Flur, an einer winzigen Puppenkche vorbergehen bis in das
Zimmer, dessen ganze Auenwand ein breites Fenster war. Hielten sich drei
Menschen darin auf wie zu jener Nachmittagsstunde, da Konrad und Leonie bei ihr
waren, schien es voll zu sein, denn es standen viele gefllte Bcherregale und
mit Heften und Manuskripten beladene Tische umher.
    Manchmal sind wir unserer zwanzig und merken im Eifer des Gesprchs die
Enge kaum, sagte lchelnd die kleine zarte Frau, whrend sie ihren Gsten den
Tee einschenkte und ein Pltzchen frei machte, um die Tassen hinzustellen. Es
ist schade, da Sie nur zum Vergngen hier sind, fgte sie nach einer kleinen
Pause hinzu, trotz allen schlechten Rufs, den man uns macht, lt es sich fr
den, der arbeiten will, nirgends so gut leben wie hier. Von den Fremden und dem
Jahrmarktstreiben, das veranstaltet wird, um die Hotels zu fllen, sind wir
durch Wlle und Mauern geschieden. Das Leben nach auen zerfetzt uns hier nicht
wie in Berlin, darum vermgen wir um so intensiver nach innen zu leben.
    Konrad fhlte die Verpflichtung, sich vor dem klugen durchdringenden Blick
dieser Frau von dem Odium der bloen Vergngungsreise rein zu waschen.
    Sie taxieren uns doch zu gering, sagte er, ich kam ohne Vorsatz, also
auch nicht mit dem des Vergngens, eigentlich nur aus dem instinktiven Gefhl
heraus, mit der Flucht aus der alten Umgebung mir selbst zu entfliehen; und
Leonie gar begleitete mich unter Verzicht auf alles Amsement als eine Art
seelischer Krankenwrterin.
    Leonie wehrte scheinbar rgerlich und doch vor Freude errtend das Lob
Konrads ab: Du willst immer oben hinaus, auch fr andere. Als ob es nicht fr
ein Mdel wie mich, die nie aus Berlin heraus kam, Vergngen genug wre,
berhaupt hier zu sein.
    Sie hat recht, ganz recht, meinte Sabine, ihr zunickend, und ich wrde es
lieber hren, Sie, Herr von Hochse, kmen aus ganz brutaler Vergngungssucht
hierher, die jedenfalls eine Lebensbejahung ist, als aus dieser
lebenverneinenden Fluchtempfindung heraus. Die Welt ist doch so berreich an
Schnheit, und - was weit herrlicher ist! - so berreich an unbeackertem,
fruchtbarem Boden!
    Zeigen Sie ihn mir! rief er in jugendlich ungestmer Aufwallung, und
diese beiden Hnde, die noch von keiner Arbeit zeugen, stell' ich in seinen
Dienst.
    Sind Sie denn blinden Auges durchs Leben gegangen?! sagte sie erregt, ist
Ihnen seelisches und geistiges Leid, Sorge, Furcht und Verlassenheit nie
begegnet?! Das der einzelnen, das der Lebensalter, der Geschlechter, der
Klassen, der Rassen, der Vlker, der Welt?!
    Er errtete dunkel. Ich habe darber nachgedacht, entgegnete er zgernd,
mir schienen aber alle Theorien, auch die des Sozialismus, mit denen die groe
Not der Menschheit bekmpft werden soll, so unzulnglich, so zweifelhaft. Seine
Stirn frbte sich noch tiefer. Er fhlte, wie jmmerlich es klingen mute, was
er sagte. Es war eine Art Selbstverteidigung, wenn er noch fortfuhr: Auch
schien mir, da man erst selber etwas sein, selbst eine geschlossene Einheit
darstellen mu, ehe man sich erlauben darf, in das Leben und Leiden anderer
einzugreifen.
    Und weil Sie den Bettler nicht zum sorgenlosen Bankier machen knnen,
versagten Sie ihm das Brot fr - morgen! meinte sie bitter, um dann rasch, mit
einem fast abbittenden Lcheln hinzuzufgen: Freilich haben Sie recht, da man
erst selbst etwas sein mu, denn nirgends ist sentimentaler Dilettantismus
schdlicher als in der Lebens- und Weltreform -
    Es klingelte strmisch. Sabine ffnete. Kathi, du? hrte man sie rufen.
Um Gottes willen, was ist? - komm, setz' dich! Und sie fhrte eine totenblasse
Frau hinein, der die Knie schwankten. Rasch, ein Glas Tee! Leonie sprang
hilfreich herzu. Konrad wollte stillschweigend gehen. Bleiben Sie nur! Damit
drckte ihn Sabinens kleine feste Hand auf den Stuhl zurck.
    Die Eingetretene kmmerte sich um niemanden. Ich habe Nachricht von
Johannes - endlich! Endlich! Aus dem Spital ist er entlassen. Er mchte heim!
stie sie mit der ersten Mglichkeit freien Atemholens heraus, whrend ihr die
Trnen in Strmen ber die eingefallenen Wangen liefen. Sabine streichelte und
kte die wild Erregte.
    Nun gilt es, ihn so rasch als mglich hier zu haben, sagte sie dann
nachdenklich.
    Aber wie - wie?! schrie die Frau verzweifelt auf. Er ist noch so schwach,
da er die Fahrt im Zwischendeck nicht aushalten wrde! Ach, und ihr alle habt
euch schon bisher fast das Hemd ausgezogen, um zu helfen! Sie weinte
herzbrechend.
    Wenn ich - flsterte Konrad leise Sabinen zu. Ihr Gesicht leuchtete. Sie
wollte sprechen, doch mit bittender Gebrde legte er den Finger auf den Mund.
Sie nickte.
    Sei still, Kathi, ganz still, sagte sie dann, wir haben keine Zeit zu
weinen, wenn wir handeln mssen.
    Die Schluchzende sah mit gerteten Augen auf.
    Geh schnell und telegraphiere ihm - sie suchte das ntige Geld in einem
sehr mageren Beutelchen - da er warten soll, bis das Reisegeld da ist.
    Kthchen starrte die Sprechende entgeistert an: Du - du, kam es
schlielich rauh aus ihrer Kehle, whrend sie Sabinens Hnde an die Lippen zog.
    So mach' doch schnell! sagte diese, sie ihr entziehend. Haben wir uns
noch je mit Danken aufgehalten? Gibt's etwas Selbstverstndlicheres, etwas, das
allen Dank mehr in sich schlsse, als helfen, wenn man kann? Und sie schob sie
fast gewaltsam zur Tre hinaus, sich Konrad rasch wieder zuwendend.
    Johannes Wolters ist von seinen Eltern aus dem Hause geworfen worden, weil
er sich zur Sozialdemokratie bekannte, sagte sie mit einem langen, fragenden
Blick, und mute den Soldatenrock um seiner berzeugung willen ausziehen.
    Einer also, ergnzte er ruhig, einer der Reichen, Starken, der einer Idee
lebt. Sie reichte ihm die Hand zu festem Druck.
    Verzeihen Sie, wenn ich Sie vorhin verkannte, sagte sie mit einer so
weichen Stimme, da Konrad meinte, sie wie ein Streicheln auf der Wange zu
fhlen. Sie wissen ja schon, worauf es ankommt: Hingabe an eine Idee, oder -
und sekundenlang trumte sie mit groen Augen vor sich hin - an einen Menschen!
Auf das Uralt-heilige, Mystische: Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen!
    Sie erledigten rasch das Geschftliche seiner Hilfeleistung, whrend sie von
Kathi erzhlte, die ihr Elternhaus freiwillig verlassen hatte und seit zwei
Jahren unter Entbehrungen grausamster Art arbeitete und darbte, keine Demtigung
scheuend, unter keiner Enttuschung zusammenbrechend, nur das eine Ziel im Auge,
ihren Bruder zu untersttzen und seine Rckkehr zu ermglichen.
    Ihres Bruders?! unterbrach sie Konrad erstaunt. Sabine nickte lchelnd:
    Nicht ihres Geliebten! Johannes ist fr sie die Personifizierung allen
Heldentums.
    Als Konrad und Leonie von ihr gingen, sagte er zu ihr: Freust du dich
nicht, deine Ansicht ber die Liebe, die dumme Liebe, einmal in dieser Weise
besttigt zu finden?
    Sie lchelte ironisch ein wenig: Vielleicht, da diese Kathi sie wirklich
mit mir teilt -
    Dann unterbrach sie sich selbst, und Konrad frug nicht weiter. Als er ihr
jedoch, im Hotel angekommen, Gute Nacht sagte, zgerte sie einen Augenblick an
ihrer Schlafzimmertre und sagte sehr langsam und mit gesenktem Blick: Ich wei
auch gar nicht, ob das mit - mit der dummen Liebe so ganz richtig gewesen ist.

Sie besuchten Sabine Brandis immer hufiger. Konrad fhlte den belebenden
Einflu dieser stets prickelnden geistigen Champagneratmosphre. Menschen der
verschiedensten Art und Herkunft drngten sich in ihrem Vogelbauerzimmer:
Mnner, mit bewuter Betonung des Naturburschentums, und junge Elegants; Frauen,
sentimental-phantastisch in flieende Gewnder gehllt, und solche, die mit
koketter Grazie die Mode von bermorgen trugen; junge Leute, allem Bestehenden
gegenber von einem wahren Vernichtungsfieber ergriffen; Grauhaarige daneben,
deren suchende Seelen, endlich ermdet im Schoe des Katholizismus Ruhe gefunden
hatten, oder sich in den Mysterien orientalischer Kulte verloren; andere
dazwischen, denen Hysterie und Neurasthenie aus den flackernden Blicken, aus den
wechselnden Stimmungen sah.
    Knstler und Studenten der verschiedensten Nationalitten maen ihre
Temperamente und Ansichten aneinander. Alle Richtungen waren vertreten, nur die
gewhnlichen, nur die herrschenden nicht. Der Sozialismus wurde hier schon als
eine bourgeoise Weltanschauung angesehen, die bestenfalls eine Etappe zum
Anarchismus sein knne. Alle knstlerischen Ausdrucksformen, auch der nchsten
Vergangenheit erschienen hier veraltet, und selbst in den wahnsinnigsten
Versuchen, neue zu gestalten, wurde mit jener Sehnsucht, die sich bei dem einen
als gesunde Hoffnung, bei dem anderen als der Durst des Fieberkranken uerte,
nach den ersten Zeichen der Zukunftsentwickelungen gesucht. Mit dem
leidenschaftlichsten Hasse aber wurde alles verfolgt, was sich knstlerisch als
Naturalismus, philosophisch als Materialismus kennzeichnen lie. Man anerkannte
eher die wildesten Farbenphantasien eines berhmten alten Meisters, man duldete
eher die Verteidigung des unsinnigsten spiritistischen Gaukelspiels als etwa die
der Ideen Haeckels.
    Da ihr Deutschen, ihr Dichter und Denker, euch die wachsende Ausbreitung
des Monismus gefallen lat, rief ein leidenschaftlicher Sdfranzose, ist ein
Zeichen eures kulturellen Niedergangs.
    Er beweist nichts als den Bankrott des Philisters, schrie eine Stimme in
den allgemeinen Tumult hinein, der heute schon eine Karikatur der Vergangenheit
ist, und den morgen die Guillotine unserer metaphysischen Weltanschauung
beseitigen wird.
    Das Zeitalter des Intellektualismus und der Technik ist zugleich das des
Amerikanismus und der Anglomanie, polterte ein lterer Mann mit langem Bart und
kurzen Hosen. So lange wir die Bande, die Mnchen verseucht und unsere
Oberammergauer Bauern zu ihren Affen macht, nicht mit Feuer und Schwefel
ausruchern, werden wir auf die Epoche des Instinkts und der Phantasie, die
naturgem auch das Ende des Kapitalismus bedeuten mu, vergebens warten.
    Und ein Italiener rief ekstatisch: Wir Romanen werden es sein, die wieder,
whrend Deutsche und Amerikaner eine Fabrik um die andere bauen und durch die
schwarzen Rauchschwaden ihrer Schornsteine den Himmel verdunkeln, lichte Tempel
errichten, in denen Fromme vor lodernden Opferfeuern beten.
    Zu welchen Gttern? frug Konrad sehr ernst. Alles schwieg. Zu feierlich
hatte seine Frage geklungen, als da man mit irgendeiner inhaltslosen Phrase zu
antworten vermocht htte. Schlielich klang ein Name leise, wie mit tastendem
Versuch gewagt, in die Stille und wurde da und dort lauter und freudiger
wiederholt.
    
    Wie weit er wohl sein mag? sagte der eine.
    Er zeigt sich nie mehr, meinte ein anderer. Man drngte sich schlielich
dichter, mit fragenden Mienen um Sabine, die mit ihrem weichsten Lcheln um sich
sah.
    Jrun Egil, sagte sie, und der Name formte sich auf ihren Lippen wie zu
einer unsichtbar geheimnisvollen Kostbarkeit, ist versenkt in sein Werk. Ich
sehe ihn selten und finde ihn immer nur leuchtender vor innerer Klarheit.
    Er spricht nicht davon? lie sich eine zweifelnde Stimme vernehmen; ein
Dutzend Augen durchbohrten fast den Sprecher, als habe er sich an einem
Heiligtum vergangen.
    Er spricht mit niemand davon, entgegnete Sabine, seit jenem Novembertag
vor einem Jahr, wo er mitten unter uns zusammenbrach. Ein einziger tiefer
Seufzer schien gleichmig jede Brust zitternd zu heben.
    Habt Geduld mit mir - Geduld - Ich hre sein Schreien noch heute, murmelte
jemand dicht neben Konrad.
    Und nun ist's unsere Geduld, die ihn aufrecht hlt, rief eine junge,
helle, freudige Stimme ganz laut.
    Wer mchte zweifeln? ergnzte eine andere in tiefem, schwerem Mollton. Die
frher durcheinander schreienden Stimmen schienen in ihm zu erlschen.
    Wer ist's? frug Konrad leise, whrend er sich scheu in den Flur zurckzog.
    Kathi, die neben ihm stand, sah ihn verwundert an und sagte dann mit kaum
hrbarerer Stimme: Jrun Egil, - der die neue Religion verknden und die
Erlsung bringen wird -
    Es war ganz still im Zimmer. Nur die Kastanienzweige pochten in rhythmischem
Takt an das Fenster.
    Der blecherne Klang der Klingel, neue, lrmende Gste durchbrachen erst den
Bann; man wurde wieder laut wie vorher, nur auf dem Antlitz Sabinens blieb der
stille Glanz, den der Name entzndet hatte.
    Man sprach und stritt so heftig, da der unbeteiligte Zuhrer den bergang
zu Ttlichkeiten jeden Augenblick htte erwarten mssen. Und doch waren es
nichts als geistige Dinge, um die der Kampf sich drehte. Alle Fragen platzten
hier aufeinander wie Feuerwerkskrper, die sich gegenseitig entzndeten. Man
fhrte keine geistreichelnden Gesprche ber die Dinge, sondern stand mit
persnlicher Anteilnahme mitten in ihnen. Nicht durch schwchere Grnde, sondern
durch mattere Verteidigung schien eine Idee der anderen zu unterliegen. Die
Ideale des Weltbrgertums, des ewigen Friedens, gestern noch revolutionr fr
die Masse, verblaten gegenber dem Feuer rein nationaler Ideale, dem
Kraftbewutsein, das sich in der Furchtlosigkeit vor dem kommenden Kriege, dem
nicht zu vermeidenden, aussprach; die Ideale der Gleichstellung der
Geschlechter, obwohl noch lngst nicht verwirklicht, wurden wie nicht mehr zu
errternde Realitten angesehen, aber von einer geradezu brutal
leidenschaftlichen Betonung ihrer Verschiedenartigkeit bertrumpft. Frauen mit
dem Doktordiplom ereiferten sich weit weniger darber, ob sie pldieren und
predigen, dozieren oder whlen wrden, als darber, ob ihre Weibheit verkmmern
oder zur hchsten Entwicklung zu gelangen vermchte. Ehe oder freie Liebe war
unter diesen Menschen nicht mehr die Fragestellung, sondern die Entwicklung der
Rasse unter den Bedingungen neuer Erkenntnisse und Willensrichtungen. Aber wie
ein brausender Wasserfall, dessen Wellen sich gegenseitig zu berstrzen, zu
verschlingen scheinen, schlielich im Tal zu Ruhe und Gleichma kommt, so liefen
alle Gesprche immer wieder in dem einen geheimnisvoll dunklen Born mystischen
Hoffens zusammen.
    Fast ganz schweigsam, meinte Konrad mit allen Poren zu hren. Zuweilen war
ihm wie einem, der im Hochgebirge, von Wolkenmauern dicht umgeben, gestiegen und
immer gestiegen ist und pltzlich durch sie hindurch in die leuchtende Ferne
sieht.
    Aber die Nebel zogen sich wieder zusammen. Er fhlte eine verborgene innere
Einheit in all dem Vielfachen der Ideen, - doch sie war namenlos. Er empfand
eine verschleierte Zielgleichheit fr all diese Hingabe, - aber niemand kannte
sie. Wie all seine Sehnsucht nach dem Leben erwachte, nach dem Leben, das sich
nicht mehr in bloem Erleben - und wenn es das geistigste gewesen wre! -
erschpfen lie, sondern, wie die Natur selber, ein immer neues Schaffen von
Leben sein mute!
    Sollte auch er nur ein Armer sein, der sich mit der Hoffnung auf morgen,
mit der Zukunft des nchsten Tages begngen mute?
    An Hnden und Fen wrde er gefesselt bleiben, unfhig zu irgendeinem Werk,
wenn er nicht die innere Einheit zu finden vermchte, durch die selbst die
kleinste Tat, der leiseste Gedanke zu notwendigen Gliedern in der Kette des
Ganzen werden muten.
    Jrun Egil -. Er lchelte skeptisch und doch mit einem ganz, ganz leisen,
seinem Bewutsein noch fernen Schimmer von Hoffnung. Es konnte doch in einer
Zeit, die, erschttert von unaufhrlichem, geheimem Beben, auch durch die
strkste Feste drohende Risse zog, Einer kommen, der aus Trmmern und Spalten
mit einem gttlichen Es werde! das neue Leben erweckte.
    In Trumerei versunken, verga er minutenlang die kleine Welt um sich her.
    Sabine Brandis drckte eben die kleine, weie Strohkappe auf ihre braunen,
eigensinnig geringelten Locken.
    Lat euch nicht stren, liebe Freunde, sagte sie, in zwei Stunden bin ich
zurck. Dann rief sie Kathi und zeigte ihr ein paar Bchsen ber dem Herd:
Hier gibt's noch Tee und Zucker und Kakes. Sorge einstweilen fr die Gste.
Wenn du frher gehst, fgte sie leiser hinzu, nimm meine schwarze Jacke aus
dem Schrank. Mit dem Fhnchen kannst du bei dem Wetter nicht ber die Strae.
    Lachend verstellten ihr ein paar Mdchen die Flurtre. Wohin willst du so
spt? rief sie.
    Ihr wit doch: die Stunde bei der Lenz, entgegnete sie, sich Platz
schaffend.
    So spt: eine Stunde? staunte Konrad, aus der Versunkenheit jh erwachend.
    Sie ist Modell und hat nur abends Zeit! rief Sabine und lief schon die
Treppe hinunter.
    Modell - ich verstand wohl falsch, sagte er mit einem fragenden Blick.
    Doch - doch! entgegnete lebhaft einer der Gste. Resi Lenz ist der neuste
Typ ihrer Gattung: sie hat den Bildungshunger, seitdem sie physisch satt ist.
Sie mu doch mitreden knnen, wenn ihre verschiedenen Liebhaber mit ihr
dinieren, und bereitet sich jetzt, vor der Festspielzeit, selbstverstndlich auf
irgendeinen Nabob vor, mit dem sie mindestens franzsisch schwatzen will.
    Und zu solchem Bildungsunterricht mu Frau Brandis sich hergeben? meinte
er entrstet.
    Mit gerteter Stirn und blitzenden Augen wandte Kathi den Kopf nach ihm:
Sie mu - gewi! Wie wir alle mssen. Aber nicht wegen des bichen Lebens!
Keiner von uns mchte wie die Bourgeois reich werden wollen, um reich zu sein.
Nur dann ist die Arbeit wundervoll, alle Arbeit, selbst die schmutzigste, wenn
sie einer Sache dienstbar gemacht werden kann.
    Die Eitelkeit einer Kokotte ist doch wohl kaum eine Sache in Ihrem Sinn,
antwortete Konrad gereizt.
    Wohl aber Jrun Egils Existenz! sagte einer. Und wieder folgte dem Namen
Kirchenstille.
    Ehe Sabine zurckkam, wute er um ihre Hingabe: sie erwarb den
Lebensunterhalt jenes Mannes, auf den sie alle ihre Hoffnung setzten. Vielleicht
war sie auch seine Geliebte. Niemand wute es. Und jetzt, wo der Sommer vor der
Tre stand, arbeitete sie mit doppelter Anspannung ihrer Krfte. Jrun Egil war
leidend. Wer ihn zuletzt gesehen hatte, sprach vom Fieberglanz seiner Augen, vom
Zittern seiner Hnde, von der durchsichtigen Weie seiner Haut. Einen langen
Aufenthalt in freier Luft, unter weitem Himmel, mit dem Blick auf irgendeinen
blauen Wasserspiegel wollte Sabine ihm schaffen.
    Warum sie nicht immer mit ihm lebte, frug Konrad.
    Er braucht Einsamkeit fr sein Werk, lautete die Antwort; tagelang
verschliet er sich vor jedem Menschen. Und er schien vllig wunschlos bis
jetzt, wo ihn die Sehnsucht nach Bergen und Seen pltzlich erfate.
    Mit ehrfrchtigem Neigen kte Konrad Sabinen an diesem Abend
abschiednehmend die Hand. Sie erriet den Beweggrund seines Gefhls.
    Nicht doch, wehrte sie ab. Sind wir nicht bereingekommen: Hingabe ist
das grte Glck, ist der eigentliche Inhalt des Lebens; Hingabe an eine Idee
oder an einen Menschen. Bei mir ist es beides. Also ein doppeltes Glck.
    Als er die halbdunkle hohe Treppe hinunterschritt, sah er Kathi zwischen
zwei Mnnern vor sich hergehen. Sie schttelte gerade die Hand des einen von
ihrem Arm.
    La das, zischte sie, die Dummheiten haben ein Ende -
    Nachdem du mir die letzten Groschen aus der Tasche locktest, um den Bruder
zu fttern, entgegnete eine grollende Stimme.
    Eine Ehre fr dein schmutziges Geld, sagte das Mdchen, den Kopf in den
Nacken werfend.
    Doch jetzt ist er krank - flsterte ihr anderer Begleiter mit einem
zrtlichen Blick und klimperte dabei in der Tasche mit den Mnzen.
    Ich brauch' euch nicht mehr - keinen von euch! rief sie wild.
    Und mit groen Stzen sprang sie die letzten Stufen hinab.
    Leonie sah zu Konrad auf mit einem ganz verwirrten Blick: Sie opferte sich
- ganz und gar - fr ihren Bruder! sagte sie.
    Konrad schwieg. Das Herz zog sich ihm zusammen.

Trotz aller Bitten, ihn besuchen zu drfen, die Sabine zu untersttzen
versprach, blieb Egil fr Konrad unsichtbar.
    Er ist leidender denn je, sagte sie eines Tages bekmmert.
    Sie selbst wurde immer schattenhafter. Leonie hatte sie's gestanden, als sie
ihr einmal begegnet war, wie sie sich mhsam in der Junihitze durch die Straen
schleppte - selbst den Groschen fr die Straenbahn sparend -, da ihre Krfte
bei einer oft zwlf- und mehrstndigen Arbeit zu erlahmen drohten. Da entschlo
sich Konrad, ihr den Plan vorzulegen, den er seit jenem Abend mit sich
herumtrug.
    Ich mchte fort, begann er, die Luft der Stadt lastet mir auf dem Kopf.
Auch Leonie, die alle Farbe verlor, bedarf der Erholung. Nun hat mir ein Agent
ein Haus zur Miete angeboten - am Walchensee, nicht weit von Urfeld.
    Oh! machte sie berrascht, dort soll es herrlich sein!
    Wrden Sie und Ihr kranker Freund uns begleiten wollen? Das Haus ist
gerumig. Wir wrden einander nicht stren. Ihr Schweigen steigerte seine
Verlegenheit. Hatte er doch ihren Stolz verletzt?
    Endlich hob sie die Lider von den feucht gewordenen Augen. Ich danke Ihnen
- danke Ihnen von ganzem Herzen!
    Er lachte hell auf: Wissen Sie nicht, wie dumm das Danken ist? Besonders
hier, wo ich nichts gebe, nichts als dieses gemeine abgegriffene Tauschmittel
fr die groen Werte, die ich empfangen will, - am Ende sogar fr das Leben
selbst: die Idee fr meine Hingabe?
    Sie geben Kraft, Gesundheit, Zukunft vielleicht fr eine neue Welt!
entgegnete sie erschttert.
    Leonie, die er erst jetzt mit der bevorstehenden bersiedelung bekannt
machte, musterte ihn lange mit einem finster forschenden Blick, ehe sie eine
einsilbige Antwort fand. Er hatte sich in letzter Zeit so wenig mit ihr
beschftigt, da er erst jetzt ihren merkwrdig vernderten Ausdruck bemerkte.
Es fiel ihm schwer aufs Herz, da er ihren Wnschen so gar nicht Rechnung
getragen hatte.
    Verzeih, Leonie, sagte er schuldbewut, da ich dich und deine
Bedrfnisse so wenig bedachte! Du langweilst dich, armes Kind! Aber sei ruhig:
du sollst entschdigt werden. Unser Huschen bietet die Mglichkeit zahlloser
Ausflge. Wir werden wandern und reiten und fahren, du wirst sehen, wie schn
die Welt ist. Und wir wollen froh miteinander sein.
    Wir - wir?! unterbrach sie ihn, durch Trnen lachend, und legte beide Arme
zrtlich um seinen Hals, die Zukunft von morgen - da hab' ich sie wieder!
    Von da an konnte sie, den ganzen Tag trllernd und lachend, die Zeit der
Abreise kaum mehr erwarten.
    Konrad rgerte sich ber die oberflchliche Vergngungssucht, die bei ihr
wieder zum Vorschein kam, und ber sich selbst, da er sich rgerte. Ich hatte
wirklich vergessen, ganz vergessen, aus welchem Milieu sie ist, dachte er, -
ein Dienstmdchen! Nur ein Dienstmdchen!

Am Ostufer des Walchensees, da wo die Fahrstrae sich bei dem Drflein
Sachenbach ins Land hinein der Jachenau zuwendet, strecken zwei Halbinseln sich
in das grne Wasser, sie umfassen es wie die offenen Haken einer Zange, und
schwarz und still, als traure es ber seine Gefangenschaft, liegt es zwischen
ihnen, selbst wenn drauen die Sonne ber dem weiten Seespiegel glitzert, oder
der Sturm seine Wogen peitscht. Gelbe Mummeln blhen in diesem Winkel, und im
Schilf schluchzen leise die kleinen gekruselten Wellchen. Ein winziges,
einsames Haus steht auf der sdlichen der beiden Halbinseln; irgendeiner, der
die Menschen floh, baute es vor Jahrzehnten unter die dunklen Tannen, die ihre
ste hoch emporrecken und tief zur Erde senken, so da kein Sonnenstrahl
hindurchdringt. Es ist fast immer verschlossen; die khle Luft, die aus seinen
Rumen dringt, wenn Fenster und Tren sich ffnen, verscheuchte noch jeden. An
der sdlichen Front hten zwei zerbrochene Sandsteinengel die ausgetretene
Steintreppe, die zur breiten Terrasse emporfhrt; Kletterrosen haben ihnen
Krnze aufs Haar gedrckt und verdecken barmherzig die abgeschlagenen Hnde, die
gestutzten Flgel. Hier stehen seit Tagen schon Fenster und Tren weit offen,
und durstig trinken die vom langen Schlaf erwachenden Rume Luft und Licht, denn
weit, weit dehnt sich die schimmernde Flche des Wassers und die blaue Kuppel
des Himmels vor ihnen, bis fern am Horizont grne Matten, dunkelumwaldete Hhen
und die weien Riesenhupter der Berge sie begrenzen.
    An der Nordfront des Hauses aber wird es nicht wrmer; da starren sonnenlose
Zimmer auf die schwarze Bucht, und das Efeugerank, das sie umschattet, kriecht
mit dicken sten wie lebendiges Gewrm weiter ber den Boden bis hinber zu der
seltsam geduckten Kapelle, an deren zerbrckelndem Fundament das Wasser
anschlgt, grausam, regelmig, tiefe Furchen hineinfressend. Der Efeu
umklammert den kleinen Turm mit starken Stmmen; er hlt ihn aufrecht und gibt
ihm mit seinem stets sich erneuernden Frhlingsgrn fast ein junges Gesicht. Von
der morschen Kanzel darin predigt niemand mehr; niemand betet mehr vor dem
kahlen Altar; die Kapelle ist baufllig. Nur der Efeu bewahrt sie vor dem
Zusammensturz.
    Unter den Heckenrosen, die von den Engeln empor sich rankten und ber der
Terrasse zu rotleuchtendem Dache sich wlbten, erwarteten Konrad und Leonie ihre
Gste. Droben, im hellsten Zimmer des Hauses, aus dessen Fenstern der Blick ber
den See hinweg bis zu den weien Firnen schweifen konnte und die Lichter vom
jenseitigen Ufer die Scheiben blitzend trafen, sollte der Leidende wohnen;
daneben, mit der Aussicht in den Tannenwald und ber die dahinter ansteigenden
Wiesen, Sabine.
    Die Rder des Landauers, der sie bringen sollte, knarrten ber den Kiesweg.
Seltsam, da er geschlossen war, trotz des leuchtenden Tages! Er hielt. Sabine
sprang leichtfig zu Boden, hastig mit dem Tchlein ber die heie Stirn
fahrend.
    Es war ein wenig warm im Wagen, sagte sie mit einem begrenden
Hndeschtteln; dann wandte sie sich um, Jrun Egil beim Aussteigen helfend.
Seine Hand, die sich ihr zuerst, eine Sttze suchend, entgegenstreckte, war sehr
mager: jede einzelne Ader trat in scharfen blauen Strngen auf ihr hervor. Als
er unten stand - eine schmalschultrige, gebeugte Gestalt -, hob er diese Hand
hastig ber die Augen.
    Es blendet so, lie sich eine glockentiefe Stimme vernehmen, deren Klang
niemand von der eingefallenen Brust erwartet htte.
    Erst unter dem Rosendach enthllte er sein Gesicht. Fast wrde Leonie
aufgeschrien haben, wenn Konrad nicht rechtzeitig ihren Arm umklammert htte. Es
war von grnlicher Blsse; die fast weien Lippen darin zitterten, um die
dunklen Augen, von schweren Lidern fast ganz beschattet, zogen sich tiefe
schwarze Ringe. Ein paar dnne blonde Haarstrhnen klebten an der feuchten
Stirn.
    Konrad fhlte, da dieser leichenfahle Mann in das helle, freudige Zimmer
nicht passen wrde. So lie er ihn selbst das ihm behaglichste whlen. Erst ganz
zuletzt fand er es: einen Raum im Parterre, den Konrad unbewohnt hatte lassen
wollen, denn die Wnde erschienen ihm feucht, um das einzige schmale Fenster zog
sich dichter dunkler Efeu, und der Blick, nach beiden Seiten durch dunkle Tannen
beengt, sah nichts vor sich als die Bucht.
    Egil, durch dessen Krper ein Zittern ging - er mochte sich beim
Treppensteigen vielleicht beranstrengt haben, dachte Konrad -, sank in den
Sessel am Fenster.
    Wie schn das ist, - wie froh ich bin! sagte er, zu Konrad aufschauend.
Welche Augen! Sie straften die Wrme der Worte Lgen. Wer vermochte zu
entrtseln, ob sie von kalter Mdigkeit oder von grausamer Hrte waren. Er
schien den Eindruck, den sie erweckten, zu kennen, denn er senkte rasch die
Lider ber sie. Gib mir meine Schatulle, Sabine, flsterte er dann, und lat
mich allein.
    Sie gehorchten stumm.
    Die Reise hat ihn sehr mitgenommen, sagte Sabine erschttert; auch die
pltzliche Helle nach der Dunkelheit seines teppichverhangenen Zimmers. Nicht
einmal Konrad vermochte ein hfliches Wort der Erwiderung hervorzubringen.
    Kaum eine Stunde spter klang die Stimme des unheimlichen Gastes voll und
klar bis zu der Rosenterrasse hinaus, wo zum Essen gedeckt war, und er trat in
die Trffnung, ein vollkommen Gewandelter, mit erfrischter Haut, gerteten
Lippen, feurigen, offenen Augen. Er war in diesem Augenblick nichts als ein
junger glcklicher Mensch, vor dessen strahlendem Lcheln selbst Leonies
ngstliche Scheu verflog.
    Als sie sich vom Tisch erhoben, stand der Mond hoch am Himmel.
    Wir wollen zum See hinab, sagte Sabine mit verhaltenem Jubel in der
Stimme, so beglnzt soll es dir entgegenleuchten, das Wasser, deine Wiege!
    Egil aber zuckte zusammen und wurde aschfahl im Gesicht. Was er sagte, klang
wie ein Sthnen: Nein, nein, noch nicht - heute noch nicht! Und er schritt
hastig zur anderen Seite des Hauses. Dann lchelte er wieder, ein seliges
verzcktes Lcheln. Seine Augen hingen unverwandt an dem Efeuturm der Kapelle,
der sich schwarz gegen die Silberhelle der Nacht abhob.
    So wchst meine Kirche, flsterte er vor sich hin, aus dem nhrenden
Boden der Mutter Erde und umschlingt die Tempel alter Gtter und zerdrckt sie
mit starken lebendigen Armen! Ich sage euch, der Tag ist nicht fern, wo die
Mauern unter ihr, an denen sie aufwrts wuchs, zerbrckeln werden, und sie
allein ihren sonnendurchleuchteten Turm, in dem die Snger des Himmels nisten,
triumphierend zu den Sternen erhebt!
    War er ein Wahnsinniger? Ein Seher? Mit ausgebreiteten Armen - regungslos -
stand er auf dem weischimmernden Rasenplateau, auf dem sein Schatten wie ein
schweres schwarzes Kreuz sich streckte.
    Leonie schauerte zusammen und schmiegte sich an Konrads Schulter. Sabine
starrte, die Hnde ineinander verschlungen, zu Egil empor, und als sie ihn
zittern, die ekstatisch aufgerichtete Gestalt kraftlos zusammensinken sah,
schlang sie den Arm um ihn und fhrte den Willenlosen behutsam in das Haus
zurck.
    Am nchsten Morgen, als sie die Freunde begrte, lag in ihren Augen der
Ausdruck unendlichen Flehens. Da kte Leonie sie zrtlich auf die zuckenden
Lippen, und Konrads Blick senkte sich in den ihren. ngstige dich nicht, du
arme Seele! sagte er, whrend der Mund schwieg, wir werden nicht fragen, nicht
forschen, dir unsere ahnungsvolle Furcht nicht verraten - und sie drckte
dankbar die Hnde der beiden.
    Von demselben Gefhl getrieben, eine Last abschtteln zu mssen, wanderten
Konrad und Leonie am Ufer entlang nach Urfeld, dem freundlichen Weiler an der
uersten Nordspitze des Walchensees, den die groe von fauchenden Automobilen
belebte Kesselbergstrae so schmerzhaft aus seiner einstigen Vertrumtheit - zu
der Zeit, da nur wenige Wagen mhselig ber den alten steilen Weg zu klettern
wagten - aufgeschreckt hatte. Von den Hngen blinzelten kleine Huschen immer
noch erstaunt auf das Leben unten, als wrden sie sich nie daran gewhnen
knnen, whrend die beiden Wirtshuser wie rechte Wegelagerer alles packten, was
vorberkam. Sie waren sogar schon zu Hotels geworden und wrden sich gewi, wie
Konrad lachend sagte, binnen kurzem vom Mittagessen zum Lunch, vom
Nachmittagskaffee zum Afternoon-Tea entwickelt haben. Jetzt waren sie noch von
jenen Sommergsten gefllt, die sich an Orten wie Urfeld, wo es noch keine
Kurmusik und keine Tanzkrnzchen gibt - der Gebildete nannte sie Reunions -, aus
Brgerfamilien, die ihren Ferienaufenthalt auf Grund der niedrigen Preise
whlen, und aus Natur- und Ruhebedrftigen zusammensetzen, bei denen die
Abgeschiedenheit den Ausschlag gibt.
    Konrad und Leonie lieen sich im Wirtsgarten nieder. Es war ein heier
Sommertag. Der See atmete nur leise, vom funkelnden Regen des Sonnenlichts
bersprht; viele Segelboote durchzogen ihn, wie stolze Schwne die weien
Flgel blhend; sehr fern, duftigen Traumbildern gleichend, verschwammen die
Berge mit den Wlkchen am Horizont. Eine Schar frhlicher Kinder pltscherte mit
bloen Beinen im Wasser; weit hinaus tauchten die Kpfe Schwimmender auf. Aus
den kleinen Kabinen stiegen Frauen - angezogener als im Ballsaal - in die klare
grne Flut. Mnner sonnten sich auf den Holzstufen. Aufgeschwemmte Rentiers, an
deren Krper das schwammige Fleisch bei jeder Bewegung schwankte, enthllten
sich ebenso rcksichtslos wie spindeldrre Jnglinge mit hervorstechenden
Schulterblttern und eingefallenem Brustkasten.
    Leonie schrzte verchtlich die vollen Lippen. Schamlos sind doch nur die
Mnner, sagte sie, es ist, als wten sie, da ihre Mannheit trotz aller
Hlichkeit stets gleich hoch im Preise bleibt.
    Grotesker als sie find' ich die Frauen, meinte Konrad, die sich Kleider
anziehen, um ins Wasser zu gehen. Wenigstens sollte das nur den Garstigen
erlaubt sein.
    Und denen, die sich selbst nicht mehr gehren, fuhr Leonie fort,
nachdenklich zur Erde blickend, wo sie mit dem Schirm Kreise in den Sand zog.
    In diesem Augenblick tnte von der Strae her in das Knattern und Fauchen
eines langsam und ruckweise fahrenden Autos das Gerusch erregter
Menschenstimmen. In englisch-deutschem Kauderwelsch zankte eine hohe
Mnnerstimme und suchte sich vergebens verstndlich zu machen. Konrad erhob sich
hilfsbereit. Vor dem Gasthaus hielt ein eleganter Wagen, der eine kleine
amerikanische Flagge trug; ein Herr in verstaubtem Automantel, das kantige
Gesicht vom rger gertet, stand dabei. Konrad bersetzte dem bayrischen, vor
sich hinfluchenden Chauffeur die Wnsche und Vorwrfe des Scheltenden und diesem
die Auskunft des Fahrers, wobei es sich herausstellte, da der Schaden einen
Aufenthalt von einigen Tagen notwendig machte.
    Wie unangenehm, seufzte der Fremde, in zwei Tagen wollte ich schon in
Sulden sein. Was macht man nur in diesem Nest?
    Es knnte Ihnen vielleicht eine sensationelle Bekanntschaft vermitteln, die
der Natur, meinte Konrad ironisch.
    Der andere lachte; dann gingen sie zusammen in den Garten, wo ihnen Leonie
entgegentrat. Konrad stellte vor: Mr. Macheart - Frulein Leonie Doris. Die
khlen grauen Augen des Amerikaners hafteten berrascht auf der schnen blonden
Frau und wie in flchtiger Frage auf ihrem Begleiter. Dann kte er Leonie die
Hand, lnger, als er es einer Dame gegenber gewagt htte. Eine sensationelle
Bekanntschaft, Herr Baron, - Sie hatten recht, sagte er mit leichtem Lcheln.
Leonie erblate und sah erstaunt zu Konrad hinber. Die der Natur stellte ich
Ihnen in Aussicht - keine andere, entgegnete er scharf. Sie verabschiedeten
sich rasch.
    Vor der kleinen Verkaufsbude drauen blieb Konrad stehen Ein paar einfache
Badetrikots lagen zwischen dem bunten Kram billiger Andenken. Er wandte sich
an seine stumme Begleiterin: Was meinst du, wenn wir uns vor der Heimkehr noch
durch ein Bad erfrischten?
    Sie runzelte die Stirn. Haben Sie kein Kostm? frug sie die Verkuferin.
    Konrad schien berrascht. Warum das? meinte er lchelnd, ich denke, du
bist fehlerlos!
    Mchtest du, da sie mich alle begaffen? entgegnete sie mit einem
forschenden Blick, den er nicht verstand, denn er sagte harmlos: Wie knnt' ich
ihnen solch einen Anblick mignnen?! Sie war erblat und hatte sich so heftig
auf die Lippen gebissen, da ein Blutstropfen aus der Wunde rann. Schlielich
nahm sie, den Kopf in raschem Entschlu aufwerfend, wie er, ein kurzes schwarzes
Trikot.
    Ich werde - nackt sein! sagte sie gedehnt auf dem Wege zu den Kabinen und
richtete wieder den Blick auf ihn.
    Um so schner, lachte er.
    Als sie sich entkleidete, strzten ihr die Trnen ber die Wangen, aber
Konrads bewunderndes: Wie schn du bist im Augenblick, da sie hinaustrat,
verwischte auch ihre letzten Spuren, obwohl ihr geschrftes Ohr nicht berhrte,
da er eine Statue mit demselben Tonfall htte beurteilen knnen. Ihre
Erscheinung erregte fast einen Aufruhr. Die Frauen empfanden sie wie eine
persnliche Beleidigung und tuschelten erregt miteinander; die Mnner kamen von
weit her allmhlich zurckgeschwommen, einer nach dem anderen, wie von
magnetischer Gewalt gezogen. Nach wenigen Minuten verschwand Leonie
frostgeschttelt wieder in der Kabine. Im Garten begegnete ihnen der Amerikaner.
Er versenkte hastig ein Opernglas in der Tasche und grte tief.
    Du bist nicht eiferschtig?! frug Leonie, als sie sich dem Hause nherten
- sie waren bis dahin einsilbig nebeneinander hergegangen.
    Aber ganz und gar nicht, gab er zurck, dann wrde ich ja meiner lieben
Lehrmeisterin Schande machen! Mit brderlich zrtlicher Gebrde legte er den
Arm um ihre Schultern, kte ihre weiche Wange und fgte hinzu: fr die dumme
Liebe bist du mir zu gut.
    Sie machten von da an weite Ausflge in die Berge hinauf, und berall wute
der Amerikaner ihnen zu begegnen. Ich habe die Bekanntschaft der Natur gemacht,
sie lt mich nicht mehr los, sagte er, als Leonie sich beziehungsvoll nach dem
Stande der Autoreparatur erkundigte. Sie segelten oft halbe Tage lang, wobei es
Leonies grtes Vergngen war, durch geschicktes Manvrieren Macheart zu
entschlpfen, dessen Boot ihr Kielwasser suchte.
    Sabine schien sich des Alleinseins besonders zu freuen. Sie sa unter dem
Rosendach, unermdlich an einer bersetzung arbeitend, fr die ihr ein
erhebliches Honorar in Aussicht gestellt worden war. Egil blieb den ganzen Tag
in seinem Zimmer. Er sa am Fenster in einem tiefen Lehnstuhl, auf dem Tisch vor
sich die geheimnisvolle Kassette. Meist schien er zu schlafen. In der
Zwischenzeit aber bedeckte er in fliegender Eile kleine weie Zettel mit einer
kritzligen Schrift. Nur im Zwielicht des spten Nachmittags kam er hinaus. Es
wiederholten sich dann die Anflle eines bis zur Ausgelassenheit sich
steigernden Frohsinns, einer bis zur Ekstase wachsenden Begeisterung.
    Eines Nachts kamen Konrad und Leonie sehr spt nach Hause. Der Amerikaner,
der zum Mittelpunkt der kleinen Sommerfrische geworden war - der weibliche Teil
der Gste berbot einander pltzlich an hinterwldlerischer Toilettenpracht, und
der mnnliche sa nchtlicherweile mit heien Gesichtern mit ihm am Spieltisch
und lie die Goldstcke rollen -, hatte ein Fest gegeben. Und mit khlem
Gleichmut, als wre sie nie etwas anderes gewhnt gewesen, hatte Leonie die
Rolle seiner Knigin gespielt - einer unnahbaren Knigin, die selbst den Tanz
verschmhte, um nicht vom Arm eines Mannes berhrt werden zu mssen.
    Als sie, zurckgekehrt, unter dem Rosendach standen, wandte sie ihr Gesicht,
tief erglhend, Konrad zu: Sag' du mir auch, da ich schn war, flsterte sie
hei. Das Blut stieg ihm in die Schlfen.
    Ach - die Sommernacht und das blhende Weib! -
    Da hrte er hinter sich im dunklen Garten ein irres Kichern. Mit einem
entsetzten Aufschrei flog Leonie die Treppe hinauf, whrend er ebenso rasch die
Steinstufen abwrts sprang und um die Fliederbsche bog. Dicht an der Bucht, die
wie polierter schwarzer Marmor regungslos da lag, nur hier und da gelb gefleckt
von den Wasserrosen, sa Egil, die spitzen Knie so hoch gezogen, da sein Kopf
zwischen ihnen hindurch sah. Er stierte auf eine Mummel, die sich, ihren Kelch
weit geffnet, dem groen Kfer darzubieten schien, der an ihren Staubfden
nagte. Bei Konrads Nhertreten wandte er ruhig den Kopf, als wre dessen
Spaziergang zu dieser Stunde etwas Selbstverstndliches.
    Kommen Sie nur, Baron, kommen Sie, sagte er, aber leise - vorsichtig,
damit Sie dies kostbare Beobachtungsobjekt nicht stren. Und er zog ihn am Rock
zu sich hinunter. Was sehen Sie hier? fuhr er dann fort, die Augen auf ihn
richtend, dieselben kalten, grausamen Augen, die Konrad bei ihrer ersten
Begegnung zurckschrecken lieen.
    Einen Kfer - was sonst? entgegnete er.
    Was sonst?! wiederholte der andere hhnend, um dann Konrad noch nher
rckend, im Tone eines letzte Geheimnisse verkndenden Priesters leise weiter zu
sprechen: Sie sind ein Mann. Ich werde es Ihnen sagen - Ihnen allein. Aus
schwarzem Schlamm, der aus Milliarden verrotteter Lebewesen besteht, - also aus
Leichen, aus nichts als aus Leichen! - saugt diese strahlende Wunderblume ihre
Schnheit und ihre Kraft. Und der Kfer, der hliche schwarze Kfer in ihrem
gttlichen Scho frit ihr das Herz aus. Dort aber - schauen Sie nur: das groe,
dicke, grne Tier mit den Glotzaugen, wie es lauert, bis der Schwarze dick und
voll ist - dann springt er auf ihn - klatsch! - und schluckt ihn hinunter. Auf
unserem Dach jedoch sperren fnf junge Strche die Schnbel auf. Noch bevor der
Morgen graut, werden sie den Grnen, den ihnen der Vater holt, schonungslos
auseinandergerissen und stckweise verspeist haben. Egil schnellte auf, mit der
Knochenhand hinber zu den Bergen weisend: Drben kreist lngst schon der Adler
- die kleinen Strche hier, die Gutgenhrten, werden seine Beute sein! Ihn aber
trifft eine Kugel mitten ins Herz, und seinen Kadaver verschlingen die Fische,
- seine Stimme wurde heiser, schneller und schneller und immer eintniger stie
er die Worte hervor - und die Fische fressen wir und nhren mit Totem, mit
Gemordetem den tiefsten Gedanken in unserem Hirn! Er schwieg erschpft, um dann
aufs neue die Stimme zu erheben, bis sie zu ihrem vollsten Glockenton anschwoll:
Aus unserem Kot wachsen die Blumen, reifen die Frchte. Von Leichen lebt alles
Leben! Weisheit und Kraft und Schnheit sind stinkender Kadaver giftgezeugte
Frucht!
    Und er lachte - lachte gellend - da er sich die Seiten halten mute.
    Konrad fhlte, wie etwas Kaltes, Weiches an seinem Krper emporkroch, als
htte eine Schar unsichtbarer Krten, mit eklem, klebrigem Schlamm an den
Beinen, von ihm Besitz ergriffen. Mhsam nur zwang er sich zur Ruhe. Das sind
bekannte naturwissenschaftliche Tatsachen, Herr Egil, sagte er.
    Richtig, - vortrefflich! antwortete dieser, naturwissenschaftliche
Tatsachen! - Und zur Beruhigung furchtsamer Gemter sprechen die Herren
Gelehrten vom Kreislauf des Lebens, obwohl es der des Todes ist. Jetzt aber
merken Sie gut auf, denn das, was nun kommt, hat Ihnen berhaupt noch keiner
gesagt, auch nicht mit anderen Worten. Da Kot und Kadaver Bedingungen allen
Lebens sind, erkennen Sie an. Naturgesetze aber machen nirgends halt, ihnen ist
alles untertan, was lebt und stirbt. Und so sind auch Vlker nur fr andere
Vlker, Klassen nur fr andere Klassen der Dung. Wir aber mit den Ergebnissen
unseres auch nur durch Tote geftterten Hirns gedenken dieses Gesetz aufzuheben!
- Es gibt Leute, die nicht mehr von Gettetem leben wollen. Sie essen Pflanzen
statt Klber und Schweine. Als ob sie nicht auch, die gezeugt werden und
wachsen, blhen und sterben, Lebendige wren! Konsequenterweise also mte
verhungern, wer von nichts leben will, das lebte. Was meinen Sie - und er
lachte schneidend auf - was wrde aus dieser ganzen, von den Qualen Gemordeter
und Verfolgter, vom Tode der Schwachen sich nhrenden Welt, wenn die Blasen
unseres Gehirns, so wir Gedanken nennen, die Naturgesetze besiegten?! - Es gibt
Leute, die an Gott glauben als den Gesetzgeber. Wer also Menschenliebe predigt,
ruft zum Kriege auf wider Gott - wider Gott!
    Das Lachen, in das er ausbrach, verklang in bldem Kichern. Mit groen
Schritten wandte er sich, ohne Konrad noch zu beachten, dem Hause zu und schwang
sich, am Efeu emporkletternd, in sein Zimmer. Konrad blieb noch lange wie
angewurzelt stehen.
    Er ist wahnsinnig -, sagte er vor sich hin, sich selbst zu trsten
versuchend. Trotzdem bohrte sich der Gedanke immer schmerzhafter in sein Gehirn:
Erlsung der Menschheit aus Knechtschaft und Jammer ist gleichbedeutend mit
ihrem Todesurteil.
    Ihm grauste von nun an vor jeder Begegnung mit dem Gast. Als daher Macheart
seine Aufforderung, ihn mit Leonie nach Oberammergau zu begleiten, wiederholte,
sagte er ohne Besinnen zu. Es war eine feige Flucht, er fhlte es, und nicht nur
eine Flucht vor Egil, sondern vor sich selbst. Da Leonie nur mit einem
demtigen ganz wie du willst auf seine Mitteilung von der Autofahrt reagierte,
bemerkte er nicht. Wie fern war sie ihm, wie weltenfern!
    Sie fuhren mit Eilzugsgeschwindigkeit bergauf, bergab. Wenn Konrad an
irgendeinem schnen Punkte langsamer zu fahren oder gar auszusteigen begehrte,
so lchelte Macheart spttisch ber die deutsche Sentimentalitt, oder
ereiferte sich ber den deutschen Mangel an Geschftssinn, weil hier noch kein
groes Hotel die gute Gelegenheit zum Geldverdienen ausnutzte. Als es sich
herausstellte, da die Bergstrae ber Ettal fr den Autoverkehr gesperrt war,
entrstete er sich ber dies drastische Zeichen von Unkultur, und ihm fehlte
jede Spur von Verstndnis fr Konrads gegenteilige Auffassung, der den Schutz
der Wege vor dem Gestank und Spektakel der Kraftwagen, wie den Schutz schner
Gegenden vor Fabrikschornsteinen gerade als Kultur betrachtete. Sie gerieten
unter Wahrung der hflichsten Formen in eine lebhafte Auseinandersetzung, die
Konrad schlielich kurz abbrach, als der Amerikaner begeistert als Kulturtaten
seiner Heimat die Erfindung des Parlographen, des Grammophons, die
Vervollkommnung des Telephons und anderes mehr aufzhlte, und Konrad sah, da es
zwischen ihnen keine Brcke gab.
    Er beschlo, whrend Macheart in weitem Bogen um die Berge fahren mute, die
alte Rmerstrae zu Fu zu gehen, Leonies Begleitung mit fast feindlicher
Schroffheit ablehnend. Er wollte die heimlichen Wege suchen, wo Feld und Wasser
und Wald alte Geschichten erzhlen, wo die Armen und Andchtigen wandern, denen
der Weg nach Oberammergau eine Wallfahrt ist.
    Links durch die Schlucht fhrt die Strae zum Berg hinauf. Wie manchen
Felsblock mgen die blonden Bajuvaren von oben hinab in die Tiefe gerollt haben,
um die andringenden Feinde darunter zu begraben; wieviel Rmerblut hat der
brausende Bach getrunken, ehe es sich droben siegreich und friedlich mit dem
Blut der Germanen mischte, dachte Konrad. Und dieselbe Strae ritt vor
Jahrhunderten Ludwig der Bayer, jenes seltsam leuchtende Wunderbild im Mantel,
das ihm einst auf der Romfahrt, wie er in heiem Gebet die Wendung seines
Geschickes von der Gottesmutter erflehte, ein eisgrauer Mnch als von Gott
gesandt zum Troste anbot. Unter den groen Tannen auf dem Berge strzte sein
Pferd dreimal, und er grndete dort das Kloster Ettal. Von nun an ward die
Strae belebt: weltliche und geistliche Herren, frstliche Jger und kecke
Edelfrauen kamen daher, hoch zu Ro; fromme Pilger mit Kutte und Stab, krank an
Seele oder Leib, zogen Gebete murmelnd zur wunderttigen weien Frau.
    Der Abend dmmerte schon, als Konrad den prunkhaften Barockbau betrat, die
letzte Wandlung des ehrwrdigen Mnsters, auf dessen Hochaltar die kleine zarte
Gestalt aus weiem Stein noch immer steht, die vor sechs Jahrhunderten der
kaiserliche Pilger in die Wildnis trug. Aus indischem Porphyr, sagt man, sei sie
gebildet; dunkle, eingesetzte Augen beleben das leise schimmernde Antlitz.
    Eine andere heilige Mutter ist's, die das Bild ursprnglich darstellte,
las ein alter Mann mit eintniger Stimme aus einem braunen Buche dem Kinde vor,
das er an der Hand fhrte. Isis, die urlteste Verkrperung der allen Zeiten
und Vlkern heiligen Mutter Natur -
    Auf ihren Knien steht ein Kind, von Kraft und Leben strotzend - sollte sich
auf dem Wege von gypten ber Rom ein Bacchus zu ihr verirrt haben? Auf dem
runden Gesichtchen spielte das Licht der Altarkerzen; war es nicht, als wolle
der Kleine jedem stillen Betrachter sprhende Lebenslust in das Herz lachen -
das Beste, was der Gott einem Irdischen geben kann?
    Aber Konrads Herz blieb verschlossen. Er wandte sich ab. Es war jene
schwermtige Stunde zwischen Tag und Nacht. An seinem Wege reckten sich
gespenstisch die Kreuze mit dem blutigen Bilde des Erlsers.

Behbig, mit gemalten Husern und geschnitzten Galerien, breitet sich das Dorf
an der Ammer aus, vom spitzen Kofel berragt. In den Straen brennen Bogenlampen
wie in der Grostadt; aus den zahllosen Wirtshusern dringt vielfacher
Stimmenlrm. Es wird berall englisch gesprochen; selbst die Kellnerinnen
bemhen sich mit eitlem Lcheln, die fremde Sprache zu radebrechen.
    Konrad fand Macheart und Leonie im Speisesaal des Wittelsbacher Hofs ruhig
miteinander plaudernd, und freundlicher als sonst trennte sich das Mdchen von
dem Amerikaner.
    Du hast mich ihm berlassen, sagte sie mit leisem Vorwurf in der Stimme,
als er gegangen war.
    Verstehst du denn nicht, mein Kind, da ich auch einmal gern allein bin?
entgegnete er geqult, um, die jhe Angst, die sich in ihren Augen spiegelte,
bemerkend, in aufrichtiger Besorgnis fortzufahren: er ist dir doch nicht zu
nahe getreten?
    Sie schttelte den Kopf und sagte khl: Selbst eine anstndige Frau knnte
sich seine Huldigung ruhig gefallen lassen.

Eine bunte Menge strmte zum Spielhaus durch die Dorfstraen, an den Lden
vorber mit den Holzschnitzereien, die nur in der Technik die Werke alter Zeit
bertrafen, sonst aber in kalter Konvention stecken geblieben waren. Keine
Rhrung strmte mehr aus den Wunden Christi, dem Lcheln Mari; zu keinem
Hndefalten zwang mehr der Anblick der Mrtyrer, keine Seele erhob sich mit den
geflgelten Himmelsbewohnern.
    Auf den Schaufenstern klebten Zettel: English spoken, auf den Tren frisch
geputzter Bauernhuser: Tearoom.
    Der Zuschauerraum, eine mchtige Eisenhalle, stimmungslos wie ein Bahnhof,
fllte sich rasch: Da waren die stereotypen Englnder mit lstern-frmmelnden
Mienen, die ebenso sattsam bekannten Berliner Parvens: Frauen, die auf dem Dorf
mit seidenen Kleidern rauschen, Mnner, mit breiten Ringen auf kurzen, dicken
Fingern, beide mit sffisantem Gesicht, ohne eine Spur innerer Anteilnahme; da
war die ganze internationale Bummlergesellschaft, die ihre Bildung nach der Zahl
der Kirchen, Museen und Theater taxiert, die sie in der krzesten Zeit
abzumachen vermochte. Da waren schlielich die Landbewohner der Umgegend,
krftige Mnner, frh gealterte Frauen, die sich mit wenigen Ausnahmen zur Feier
des Tages in stdtische Kleidung zwngten. Aber whrend die anderen
rcksichtslos schwatzten und lachten, saen diese von Anfang an still mit
gefalteten Hnden da, eine heilige Handlung erwartend.
    Mit dem tiefen Orgelton seiner Stimme sprach der Chorfhrer, mit hellem
Klang, rein und fromm, fiel der Gesang der Kinder ein; Gestalten voll naiver
Ausdrucksfhigkeit, in wundervolle, farbenglhende Gewnder gehllt, stellten in
Bildern Christi Leben und Leiden dar.
    Leonie weinte leise, als die Passion zu Ende war.
    Das vermag nur ein Volk, das noch mitempfindet und glaubt, was es
darstellt, sagte Konrad tief ergriffen.
    Der Amerikaner lchelte berlegen: Wie lange wird es dauern, und sie sind
Schauspieler geworden und die Bhne Oberammergaus aus einem frommen Werk ein
kapitalistisches Unternehmen?!
    Drauen lieen sich die Engel und frommen Frauen von alten und jungen Snobs
umschmeicheln, und schwrmerische Stadtbackfische, hysterische alte Jungfern und
abenteuerlustige Frauen belagerten die gelockten Propheten und Apostel.
    Eine alte Bauersfrau in faltigem Seidenrock, die traditionelle Pelzmtze auf
dem Kopf, zwischen den runzligen, braunen Hnden den Rosenkranz drehend, ging
mit abwesendem Blick durch die Menge. Engel waren's, Ahndl, wirkli Engel?!
sagte der barfige Bub, der an ihrer Schrze hing, die glnzenden braunen Augen
auf sie gerichtet.

Machearts Auto sauste durch die Nacht, ein Urweltungeheuer. Die schneidende Luft
nahm den Insassen fast den Atem. Keiner sprach.
    Als sie vor dem Hause hinter dem Efeuturm hielten und Leonie ber die
Rosenterrasse verschwunden war, bat der Amerikaner den schweigsamen Gefhrten um
eine kurze Unterredung.
    Meine Verehrung fr Madame Leonie, begann er ruhig, wird Ihnen, Herr
Baron, nicht unbekannt geblieben sein. Ich htte keine Veranlassung, darber zu
sprechen, wenn nicht meine Gefhle ernstere geworden wren und ich vor der Frage
stnde, mich in vollkommener Respektierung lterer Rechte zurckzuziehen, oder
-
    Konrad fuhr auf. Madame Leonie ist Herrin ihrer selbst, entgegnete er
schroff. Mister Macheart machte eine korrekte Verbeugung und ging.
    Am Abend danach fand Leonie mit der Karte des Amerikaners ein versiegeltes
Paket auf ihrem Zimmer, dem sie eine Perlenkette entnahm.
    Was meinst du dazu? sagte sie langsam, das Schmuckstck in leise
zitternden Fingern Konrad hinhaltend.
    Er ist sehr reich, antwortete er ausweichend mit gepreter Stimme.
    Geschenke wie dieses sind Anzahlungen auf - murmelte sie, mde in den
Sessel sinkend, whrend sie die Kette durch die Finger zog. Was rtst - du
mir?!
    Minutenlanges Schweigen. Unten knarrte ein Fenster, im Efeu raschelte es.
Leonie starrte Konrad an, entgeistert, und schleuderte die Perlen, aufspringend,
zu Boden.
    Das Gerusch weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er hob den gesenkten Kopf.
Die Falte auf seiner Stirn stand schwarz zwischen seinen Brauen, zwei scharfe
Striche zogen sich an Mund und Nase hinab.
    Du bist - Herrin deiner selbst. - In diesem Augenblick kam er sich so
verchtlich vor, da er dankbar gewesen wre, wenn das Mdchen, aus deren weit
aufgerissenen Augen wilde Verzweiflung sprach, einen Revolver gezogen und ihn
niedergeschossen htte.
    Aber sie schrie nur auf. Laut und gellend. Und flog die Treppe hinab - an
die Bucht.
    Eine lange, schwarze Gestalt richtete sich jh empor vor ihr, sie mit beiden
Armen wie mit Eisenklammern umfassend.
    Nur wer fr andere stirbt, hat ein Recht zu sterben, sagte eine
glockentiefe Stimme.
    Die Arme lsten sich - Schritte verklangen - ihr Kopf lag schwindelnd an
Konrads Schulter.
    Leonie - mein lieber Kamerad - sthnte er.
    Sie sah auf, wehmtig lchelnd: Verzeih, da ich - ich! - dir Bses antun
wollte!
    Heiter, als wre die Nacht nichts als ein Traum gewesen, erschien sie am
nchsten Tage unter den Hausbewohnern.
    Nur Sabine fiel irgend etwas Fremdes an ihr auf: Hast du nicht ein wenig zu
viel Rot aufgelegt? meinte sie nach einem freundlich prfenden Blick. Als sie
Konrads bernchtige Zge gesehen hatte, forschte sie nicht weiter.
    Am Abend gab Macheart wieder ein Fest, sein Abschiedsfest, wie er sagte. Der
Wagen, der Konrad und Leonie hinberfahren sollte, stand vor der Tre.
    Willst du mir noch einen groen Gefallen tun, Sabine, sagte Leonie leise,
sich vor die Freundin niederkauernd.
    Noch?! meinte sie erstaunt.
    Sage Egil, da ich ihm immer danken werde!
    Und Leonie, deren Stimme unmerklich gezittert hatte, erhob sich rasch. Ihr
Mantel verschob sich dabei ein wenig und enthllte eine Schnur mattschimmernder
Perlen, die Sabine noch nie an ihrem Halse gesehen hatte.

Aus allen Orten der Gegend waren Landleute und Sommergste an jenem Abend nach
Urfeld gestrmt. Man erzhlte sich Wunderdinge von all den Herrlichkeiten, die
der goldne Stab des amerikanischen Hexenmeisters in das kleine, weltverlorene
Nest gezaubert hatte. Und der Gasthof war berfllt von seinen Freunden, die aus
Mnchen und Oberammergau, aus Garmisch und Innsbruck seiner Einladung gefolgt
waren. Der Wirt strahlte. Die weiblichen Hotelgste saen schon seit Stunden
aufgeregt vor dem Spiegel und putzten sich.
    Vor dem Landungssteg schaukelte die Segeljacht Machearts, von
Blumengirlanden umkrnzt, bunt gewimpelt, mit Hunderten vielfarbiger Lmpchen
bis in die Masten hinauf geschmckt; zahllose groe und kleine Boote schaukelten
um sie, und ein Weg, von lodernden Pechfackeln erleuchtet, fhrte vom Eingang
des Gartens bis zu ihr. Eine Via triumphalis war es, durch die Leonie, von
Macheart geleitet, schritt; auf ihren gelbseidnen Mantel, den sie um den Krper
zog, als wte sie von jeder Falte, was sie betonen, was verhllen sollte,
warfen die Flammen abwechselnd zngelnde rote Lichter und schwarze Schatten.
Bewundernd und staunend, hmisch und neidisch starrten ihr von rechts und links
Hunderte von Augen entgegen. Macheart lchelte wie ein Sieger ber seine Beute.
    Ob ich sie ihm doch wieder entreien sollte, mit dem einzigen Recht, das
ich besitze, dem der Freundschaft? dachte Konrad geqult.
    Als sie das Schiff betraten, krachten Raketen und prasselten Leuchtkugeln
gen Himmel; der milde Glanz der Sterne erlosch vor all den glnzenden
knstlichen Feuern; die Berge verhllten ihr Antlitz; vor dem Knallen der
Champagnerpfropfen verstummte das leise Geflster der Wellen. Die Natur schmte
sich.
    Aus seidenen Kissen und seltenen Blumen hatte Macheart fr Leonie einen
erhhten Sitz errichten lassen, auf dem sie mit erfrorenem Lcheln thronte,
still und bleich, eine Siegesbeute. Ein wundervoller Teppich - Hunderte
lebendiger Alpenrosen in ein Netz geflochten - hing vom Schiff hinab in das
Wasser wie eine Krnungsschleppe.
    Mit leisem Gren dorthin, wo Konrad sa, hob sie den gefllten Becher. Aber
er trank keinen Tropfen, denn der Wein widerstand ihm. Was er tun wollte, mute
nchtern getan werden, ganz nchtern.
    Als die anderen alle in seligster Selbstvergessenheit nicht mehr wuten, was
um sie her geschah, und der stets gleich beherrschte Amerikaner das Umlegen der
Segel beaufsichtigte, um den Landungssteg wieder zu erreichen, Leonie aber mde
mit geschlossenen Lidern in ihren Kissen lehnte, trat Konrad dicht an sie heran
und sagte:
    Gib ihm die Kette zurck, an der er dich fortfhren wollte, Leonie, mein
lieber Kamerad.
    Ein traurig-zrtliches Lcheln umspielte ihre Lippen, whrend sie
antwortete:
    Ich kann dein Kamerad nicht sein, Konrad, mein Geliebter. Die dumme Liebe -
du weit! rcht sich ob meines Hohns. Wohl bin ich nur ein armes Mdel - ein
Dienstmdchen war ich in deinem Dienst -, kann den Krper geben fr Perlen -
gleichgltig, wie man einem Bettler eine Mnze zuwirft. Aber meine Liebe fr -
Freundschaft, fr Barmherzigkeit am Ende gar - das - das kann ich nicht -
    Das Schiff stie an den Steg, der Anker rasselte. Leonie stand, den Kopf in
den Nacken geworfen, neben dem Amerikaner, mit der Miene der Herrin vom Platze
der Hausfrau Besitz ergreifend, und reichte jedem der Gste die Fingerspitzen
zum Abschied. Keiner wagte ein Wort, das die Grenze der Ehrerbietung
berschritten htte.
    Konrad allein verneigte sich tief und stumm, ohne ihre Hand zu berhren.

Glutheie Nchte kamen. Bleiern, wolkenlos spannte sich der Himmel ber dem
stillen See. Die Bsche an der Chaussee waren grau vor Staub, der Efeuturm und
die Bucht dahinter waren noch schwrzer als sonst.
    Konrad hatte Sabine rckhaltlos, keine Selbstanklage scheuend, erzhlt, was
sich begeben hatte. Sie hatte nur genickt: Egil wute es. Und als der stille
Gast abends erschien, hatte er ihm warm die Hand geschttelt und gesagt:
Schicksal ist keine Schuld. Lge aus Mitleid aber eine unverzeihliche
Grausamkeit. Dann sprachen sie nicht mehr davon. Konrad mied den Weg nach
Urfeld.
    Er dachte an seine Abreise. Nach Hochse wollte er. Ohne da sie je ein
Verlangen nach seiner Gegenwart geuert htte, fhlte er aus den Briefen der
Gromutter, ihren andeutenden Bemerkungen ber die Alterserscheinungen, die sich
mehr und mehr bemerkbar machten, da sie wnschte, ihn um sich zu haben. Wenn er
trotzdem noch zgerte, so geschah's, weil der merkwrdig vernderte Zustand
Egils eine fast ganz begrabene Hoffnung wiedererweckte. Seine Angstzustnde, die
bisweilen an den Beginn des Verfolgungswahnsinns erinnert hatten, seine
verworrenen und von tiefer Verbitterung zeugenden Selbstgesprche, die Konrad
hie und da vom Fenster aus belauschte, waren gewichen und hatten einer stillen,
selbstsicheren Ruhe Platz gemacht; oft schien er sogar von starker
Siegeszuversicht erfllt. Nur da er sich noch immer am Tage nicht zeigte, und
aus lebhaftestem Gesprch pltzlich erschlafft in sich zusammenfiel, bewies, da
er nicht vllig genesen war.
    In einer jener Nchte, die keinerlei Khlung brachte, ging Konrad zum
Strande hinunter, um zu baden. Als er mit ein paar krftigen Sten
hinausgeschwommen war, bemerkte er einen nicht weit vor sich, der dieselbe
Erfrischung suchte. Er schwamm mit erstaunlicher Sicherheit und Gewandtheit, so
da Konrad es aufgab, ihm zu folgen. Pltzlich tauchte der Fremde unerwartet
dicht neben ihm auf.
    Egil! rief Konrad berrascht.
    Eine alte Wasserratte! Auf einem Kutter bin ich zur Welt gekommen,
antwortete der lachend. Allnchtlich werfe ich mich wieder in die Arme meiner
ersten Liebe und lasse mir von alten Seegreisen Geschichten erzhlen.
    Wei Sabine? frug Konrad, als sie miteinander den Hgel aufwrts gingen;
er dachte unwillkrlich, da sie sich sorgen msse.
    Gewi! sagte Egil; und nach einer Weile, wobei seine Stimme wieder den
Tonfall feierlicher Rede annahm: Das Wasser, das mich geboren hat, wird mich
erlsen.
    Eines Abends - schon fingen die ersten gelben Bltter an, von den Bumen zu
fliegen - trat der Gast frher als sonst auf die Terrasse, um die nun keine
Rosen mehr blhten. Ein feines Rot frbte seine eingefallenen Wangen und gab
seinem schmalen Antlitz etwas Knabenhaftes. Freudig erregt kam Sabine ihm
entgegen, und zrtlich und vorsichtig, als wre die zierliche Gestalt sehr
zerbrechlich, legte er den Arm um sie: Ja, du Beste, Treuste, sagte er in
einfacher Herzlichkeit, nun wirst du mich bald - bald nicht mehr zu pflegen
brauchen.
    Sie hob die Arme, um mit beiden Hnden seinen Kopf umfassen zu knnen, dabei
leise fragend: Aber immer lieben?!
    Immer! hrte ihn Konrad inbrnstig beteuern, whrend er leise
davonschlich, die beiden ihrem Glck berlassend.
    Spter, als die Nacht sich tief herabgesenkt hatte, und alle drei durch den
Garten gingen, blieb Egil am Tor der alten Kapelle stehen. Meine Kirche, sagte
er andchtig und drckte die eiserne Klinke nieder. Sie gab nach. Sie drehte
sich, als wre sie immer benutzt gewesen, lautlos in den Scharnieren. Er trat
ein.
    Sabine legte in pltzlicher Angst die Hand auf seinen Arm: Wenn sie ber
dir zusammenstrzt!
    Mit einem groen fremden Blick sah er sie an. Bauflliges mu strzen,
damit Lebendiges wachse, sagte er und ging mit festen Schritten, die in dem
leeren Raum dumpf widerhallten, dem Altar zu. Es raschelte und knarrte in dem
dunklen Gotteshaus. Vor den Fensterhhlen hing der Sternenhimmel wie ein
Vorhang.
    Da erhob sich seine Glockenstimme, vor der jeder andere Laut verstummte:
    Wahrlich, ich sage euch, die Zeit ist nicht mehr ferne, da ihr weinen mt,
wenn die Grillen friedlich in euren Feldern zirpen, von keines Feindes
eisengeschientem Fue zertreten.
    Ihr wollt den Frieden und sucht die Sattheit? Wehe, wenn ihr sie finden
werdet!
    Von der Seligkeit des Leids predige ich euch! Vom Schmerz, der groen, ewig
fruchtbaren Mutter -
    Behaltet eure klingenden Rechenpfennige des Glcks, ihr Armen!
    Den verborgenen Schatz des Leids will ich heben.
    Weihe deinen Sohn dem Kampf, du Gebrende!
    Und deinen Geliebten der blutigen Wahlstatt, tanzendes Mdchen!
    Die Glockenstimme schwieg. Eine andere, sthnende, klanglose schien es zu
sein, die fortfuhr:
    Ihr wartet, da ich euch das Ziel gebe fr eure Gte und den Geist fr euer
Streben - ihr wartet umsonst -
    Und da ich euch den Gott offenbare, den unbekannten Gott, dem eure Altre
schon rauchen -
    Sabinens Hand krampfte sich in Konrads Arm. Die Stimme, die aus dem Dunkel
kam, war kreischend geworden. Etwas fiel polternd zu Boden, - Konrad strzte
nach vorn, stolpernd und schwankend, Sabine hinter ihm -
    Ich kann es nicht - ich kann es nicht! schrie es gellend.
    Egil lag lang ausgestreckt auf dem Boden. Sie brachten ihn ins Haus.
Tagelang verschlo er sich wieder in sein Zimmer. Bis er eines Nachts wieder
heimlich aus dem Fenster kletterte. Konrad hrte das Gerusch und schlich ihm
nach. Egil aber wandte sich um und ging ihm entgegen.
    Gut, da Sie kommen, es ist Zeit; - sein Gesicht, das fahl und eingefallen
war wie ein Totenkopf, verzerrte sich vor Entsetzen. Mit den Hnden, an denen
die Adern wie Stricke schwollen, wies er um sich: Sehen Sie - sehen Sie, wie
sie mich verfolgen und verhhnen, flsterte er heiser, Buddha und Christus und
Mohammed. Weil ich nichts - nichts wei - was sie nicht schon gewut haben - Und
dort - dort - er schlug sthnend die Hnde vor das Gesicht - dort lauert das
ausgemergelte Heer der Hungernden, dem ich - ich das Brot versprach!
    Ein Weinen, wie das eines wimmernden Kindes, erschtterte seinen Krper.
    Jrun Egil, sagte Konrad mitleidig und suchte ihn fortzufhren.
    Das Weinen verstummte. Die verzerrten Zge gltteten sich. Er folgte ruhig.
    Konrad aber fand von da an keinen Schlaf mehr.
    Sabine, die sich allmhlich von dem Schrecken der nchtlichen Predigt zu
erholen begann, wagte er von seinem Erlebnis nichts mitzuteilen, um so weniger,
als Egils Verhalten ihr gegenber sie zu neuen frohen Hoffnungen berechtigte. So
verurteilte er sich denn selbst zu der Rolle des geheimen Aufsehers. Er lie
Egil nicht aus den Augen; er folgte ihm des Nachts, ohne sich von seiner
scheinbaren Ruhe und Beherrschung tuschen oder von seinem Zorn einschchtern zu
lassen. Sabine vor dem schrecklichsten Erleben zu schtzen, sah er als die
Aufgabe an, die er hier noch zu erfllen hatte.
    Es war ein milder Septembertag mit mattem Sonnenschein. Silberne Nebel
wogten vom See herber und legten sich bald fest wie ein Mantel um Huser und
Bume, bald flatterten sie wie graue Fahnen von Dchern und Wipfeln. Den
Kirchturm umschlangen sie besonders zrtlich: oft schien's, als leuchteten weie
Arme unter ihrem zarten Gewebe hervor, als zeigten sich winkende Hnde.
    Die Schleier der Seejungfern, sagte Egil, der schon am Nachmittag das
Zimmer verlassen hatte; immer, wenn ich mde war, umhllten sie mich; in keinem
Daunenbett schlft es sich besser. Und er sah mit groen, offenen Augen in die
Ferne. Freudestrahlend betrachtete ihn Sabine.
    Das Licht tut dir nicht mehr weh, Jrun? frug sie zrtlich.
    Selbst blendende Helle kann ich vertragen, entgegnete er, sie auf die
Stirne kssend. Ich htte Lust, mit Ihnen spazieren zu gehen, wandte er sich
an Konrad, wir kennen uns noch zu wenig.
    Und sie gingen im Walde einsame Wege, auf deren weichem Boden der Ton des
Schrittes erstarb.
    Sie verfolgen mich, Baron, begann Egil, als sie auer Hrweite waren.
Warum?
    Um Sie zu schtzen!
    Vor wem?!
    Vor sich selbst!
    Egil zuckte lchelnd die Achseln. Und wenn sie berzeugt werden knnten,
statt eines guten Werkes, ein bses zu tun? Seine groen glnzenden Augen
bohrten sich frmlich in seines Begleiters Antlitz.
    So wrde ich es unterlassen, entgegnete Konrad fest.
    Kennen Sie die Legende von den beiden Propheten?
    Konrad schttelte den Kopf. Und der andere erzhlte im Weitergehen, wobei
seine Schritte den Rhythmus der Rede skandierten.
    Es lebten einmal zwei Weise im Morgenlande. Sie kannten alle heiligen
Bcher und wuten um alle Geheimnisse. Viel Volks folgte ihnen, Offenbarung und
Wunder erwartend. Und der eine trat auf den Felsen und predigte laut. Da er aber
geendet hatte, lachten, die ihm zuhrten, und schrien: Er versprach uns
Enthllung der Tiefen des Seins und redet wie andere Priester. Sie zogen darauf
jenem nach, der noch immer schwieg. Denn sie lechzten sehr nach Erkenntnis. Er
aber entwich, hauste in Hhlen und kasteite sich. Und viele, die ihm
nachgegangen waren, wurden irre an ihm und suchten wieder den anderen, der
inzwischen die Knste der Magier und Taschenspieler gelernt hatte und der
wachsenden Menge seiner Jnger Kiesel gab fr Edelsteine.
    Nach den Tiefen des Seins grub indessen der Einsiedler mit blutigen Hnden.
Und er fand nichts, als was er schon kannte: Erde und Wrmer. Der Hoffenden vor
seiner Hhle wurden immer weniger. Sie jammerten ihn, denn ihr Leid war gro.
Sollte er sie in Glaskugeln blicken lassen und ihre Sehnsucht betrgen mit eitel
Blendwerk? - Danach, als die Nacht kam, wurde es sehr still in der Hhle und die
Wartenden hatten groe Furcht. Und eine aus ihrer Schar sah, da der Krug, den
sie an den Eingang zu stellen pflegte, - denn sie liebte den Heiligen sehr und
schleppte ihm Wasser und Brot zu durch die brennende Wste, - voll blieb und der
Korb unberhrt. Und sie trat mit ihrer Lampe tiefer in das Dunkel und fand, da
er, dessen sie harrten, gestorben war - -
    Sie schwiegen beide, der Erzhler und der Zuhrende. Bis Egil pltzlich
hnderingend aufsprang und schrie: Und wenn ich alle - alle betrgen knnte, -
sie nicht - sie nicht!
    Sie sind noch jung, sagte Konrad gepret, Sie haben noch Zeit, noch Kraft
-
    Nein, nein! rief der andere, ich gehre zu denen, die alt geboren wurden!
Und dann - seine Stimme sank zum Flstern hinab, und in seine Zge trat jener
Ausdruck, halb Wildheit, halb Bldsinn, wie in der Nacht, da er von seinen
Verfolgern sprach. Er drngte sich dicht an Konrads Ohr: In die Wnde des
Zimmers haben sie Lcher gebohrt und glotzen hindurch mit runden Glasaugen. Auf
der Strae folgen sie mir und brllen: Betrger! Und aus dem See steigen die
Geister empor mit den Polypenarmen -
    Jrun Egil! mahnte Konrad. Der Phantasierende zuckte zusammen und kam
langsam wieder zu sich.
    Sie sind gut - ein Mensch - und stark, murmelte er. Dann legte er ihm
schwer beide Hnde auf die Schultern und sagte laut: Graben Sie nie - nie - als
bis zu den Wurzeln der Eintagspflanzen!
    Sie gingen den Weg zurck am Ufer in dichtem Nebel. Da, wo er zur Kapelle
umbog, blieb Egil noch einmal stehen, zog ein Etui aus der Tasche, dem er eine
kleine Spritze entnahm, und ein Flschchen mit einer kristallhellen Flssigkeit.
Kokain, - sagte er mit bitterem Lcheln; davon lebe ich. Wie htte ich sonst
die letzten Jahre ertragen knnen. Der erste Tropfen davon ist Rausch - der
letzte, Wahnsinn. Wissen Sie nun, da Sie mich nicht mehr verfolgen drfen?
    Statt aller Antwort umklammerte Konrads Rechte die seine. Und so, Hand in
Hand, gingen sie bis nach Hause.
    Am Morgen darauf war Egil verschwunden.
    Eine alte Frau hatte ihn in der Nacht zum See hinuntergehen sehen, und ein
Fischer, der im Morgengrauen hinausgesegelt war, hatte einen einsamen Schwimmer
verfolgt, bis er versank. Der See gab seine Leiche nicht zurck.
    Als Konrad, der die verzweifelnde Sabine nicht einen Augenblick verlassen
hatte, in Mnchen von ihr Abschied nahm, einen letzten, langen, sorgenden Blick
auf sie werfend, sagte sie, zum erstenmal den schmerzverzogenen Mund zu einem
Lcheln zwingend: Frchten Sie nichts fr mich, lieber Freund. Ich glaube an
das Geheimnis, das er mit sich genommen hat. Ich werde weiter den Menschen
dienen.

Unterwegs erreichte Konrad Hochse die Nachricht der schweren Erkrankung der
Grfin Savelli.

                               Siebentes Kapitel



         Von Konrads Pilgerfahrt und den Wundern der heiligen Fiorenza

Ein feuchter, khler Vorfrhlingstag. Auf der Chaussee von Hochse nach
Ebermannstadt - der nchsten Eisenbahnstation - die ber das kahle Hochplateau
hinberfhrte, standen kleine, schmutzige Wasserlachen; langsam fielen schwere
Tropfen von den sprlichen bltterlosen Bumen am Wege; in ihren Wipfeln saen
die Krhen und kreischten. Der Wind pfiff und fauchte hier oben ungefesselt ber
den steinigen, drren Boden, den nur eine drre Grasnarbe berzog. Das klgliche
Blken der Schafe, die die de ein wenig belebten, klang dazwischen.
    Aus den Drfern liefen die Leute zusammen; sie standen und warteten, die
Frauen in Tcher gehllt, bla, die Augen blau umrndert, die Mnner in dicken
Jacken, in deren Taschen sie die roten Fuste vergruben.
    Mrzklte ist unbarmherziger als Dezemberfrost; sie ist ein aszetischer
Mnch, dessen Zerstrungswut keine Schnheit widersteht; unter ihrer Berhrung
wird alles hlich.
    Von fern her bimmelte ein Glckchen, ein zweites, ein drittes antwortete. Es
klang nicht, wie sonst Glocken klingen: jubelnd, trstend, feierlich; es klang
wie gleichgltiges Geschwtz.
    Sie kommen! Sie kommen! rief ein pockennarbiger Bub und sprang vom
Apfelbaum im Wirtsgarten, auf dem er gesessen hatte. Der Straenschmutz spritzte
hoch auf um ihn. Und die Neugierde erhellte die mimutigen Gesichter. Neugierde
- sonst nichts. Die Grfin Savelli in dem Sarge dort, der sich in riesiger
Silhouette vom Grau der geraden Chaussee und des bleiernen Himmels nher und
nher kommend abhob, war ja nur eine Fremde gewesen!
    Vor rund zwanzig Jahren kam sie her, ich wei es wie heute, sagte ein
alter Mann, sich umstndlich in sein groes, rotes Sacktuch schnuzend, schn
war sie und stolz wie eine Knigin, schner als de Frau Baronin, die schon
damals kein Pfund Fleisch mehr auf dem Krper hatte.
    Grad' hier an derselben Telegraphenstange stand ich, fiel die dicke Wirtin
ein, als der Herr Baron sie vom Bahnhof holte. Mit vier Fchsen, rot wie sein
Bart, fuhr er und knallte mit der Peitsche, da mir vor Schreck der Korb aus den
Hnden fiel, und alle pfel ihm unter die Rder rollten.
    Er hat sie dir wohl mit ser Mnze bezahlt - was?! johlte ein junger
Bursche, das eitel und vielsagend lchelnde Weib in die wulstig hngenden Wangen
kneifend.
    Das Lachen der Umstehenden verstummte jh. Schwer schwankte der
Leichenwagen, von sechs schwarz gedeckten Pferden gezogen, vorber. Von Krnzen
war er umhngt; die armen Blumen darin, die, wenn sie noch dem Erdreich
verbunden sind, den Regen freudig aufblhend als sehnschtig erwartete Nahrung
empfanden, aber unter seiner Berhrung zum zweiten Male sterben, sobald sie
gebrochen wurden, hingen welkend die Kpfchen. Ein zweiter Wagen folgte. Sonst
nichts. Irgendwo bimmelte ein Glckchen, - blechern und gefhllos.
    Ist auch der Mhe wert gewesen, brummte eins der Weiber; die anderen
nickten, zogen die Tcher frstelnd enger um die Schultern und trotteten davon.
Nur ein paar Kinder steckten noch eifrig tuschelnd die Kpfe zusammen.
    Habt ihr's gesehen, sagte der Groe mit den Pockennarben grinsend, der
Satan selbst fuhr hinterdrein in der Kutsche! Die Kleinen sahen ngstlich
hinab, wo die schwarzen Wagen Schritt vor Schritt sich weiter bewegten.
    Grasaff', dummer! sagte ein Mdchen, der alte Giovanni war's mit dem
jungen gndigen Herrn.
    Ist's etwa nicht der Gottseibeiuns, der grausliche Welsche? meinte eine
andere und ri die Augen weit auf, wie mrchentrunken. Von wo km's denn
sonsten, das schrecklich viele Geld auf Hochse? Die Grete, die Magd vom Schlo,
hat dem Vater erzhlt, in Tonnen htt's der Alte aus dem Keller hinaufgetragen,
als die Frau Grfin gestorben ist, und die Baronessen seien kalkwei geworden
vor Schrecken.
    Der Kaufpreis ist's fr Herrn Konrads Seele - lachte drhnend der
Pockennarbige, - er war ein Aufgeklrter und glaubte schon lngst nichts mehr.
Die Kinder stoben auseinander.
    Ein Mdchen mit flachsblondem Kraushaar und Augen, blablau wie das
Stckchen Himmel, das eben mit zgerndem Lcheln zwischen den sich ballenden
Wolken hervorsah, blieb allein zurck. Sie war eine Katholische und ein lediges
Kind obendrein, und die anderen Dorfbuben und -mdchen, die Standesunterschiede
strenger aufrecht erhalten als Schloherren und Damen, stieen sie stets
beiseite. Mit zuckenden Lippen blickte sie noch einmal den Wagen nach, die fern,
wie schwarze Punkte, im Nebel schwankten. Wie der Erzengel Michael schaut er
aus, flsterte sie und prete die verfrorenen Finger aufeinander, Heilige
Mutter Gottes, rette seine arme Seele.

Durch die Nacht ratterte der Zug. An schlafenden Drfern, die in den Armen ihrer
Felder und Wiesen friedlich ruhten, an Stdten mit zahllosen, immer noch
wachenden, wei, rot und gelb glnzenden Fensteraugen sauste er vorbei. Mit
triumphierendem Fauchen - denn er, das hliche Ungeheuer, hat sie alle
bezwungen: die starren Felsen, die schimmernden Gletscher, die trumenden Tler,
die drohenden Schlnde - kroch er durch die Berge, schwang er sich ber die vom
schmelzenden Alpenschnee gelb schumenden Wasser. Seine Rder aber sangen, als
ob die grlich gigantische Schlange eine Seele habe.
    Wir tragen die Toten zu Grabe - zu Grabe, klang es Stunden um Stunden
unablssig in Konrads Ohren.
    Ob das Prchen nebenan, das sein junges Liebesglck unter Italiens Himmel
fhrte, dasselbe hrte, oder ob sein kosendes Gezwitscher die Trauerhymne
bertnte, die der Grfin Savelli kalten Krper in die Heimat geleitete?
    Konrad lag lang ausgestreckt auf dem schmalen Bett des Schlafwagens, das
Fenster weit offen. In schwarzen Schatten, schmalen, gestreckten, und wuchtigen,
breiten, flog die Landschaft drauen an seinen mden Augen vorber; nur der
Himmel stand still, und die Sterne sahen in ruhigem Ernst auf das hastende Leben
tief unten.
    Langsam stieg der Zug zur Hhe des Passes empor; die Maschinen sthnten, die
Rder vergaen ihr Lied; vor Anstrengung heulten sie.
    Konrad richtete sich auf; ein Frostschauer lie ihn zusammenfahren; er sah
hinaus. Um dunkle Berggipfel, die sich immer dichter und drohender
zusammenschoben, strichen Wolken wie tanzende Gigantengespenster.
    Das steigt und steigt, in der Hoffnung, droben der Sonne nher zu sein,
dachte er, und ist die Hhe erreicht, so hat sie nichts als Eis und
Einsamkeit.
    Der Zug hielt. Er mute Atem schpfen. Dichte Schneeflocken umtanzten ihn.
Wer von den Reisenden sie gesehen haben mochte, sank sicherlich rasch in die
Kissen zurck, sich nur noch fester in die Decken wickelnd. Konrad allein stieg
aus. Wie wundervoll still es war! So weich und sanft, so lind und liebevoll sank
der Schnee, als breitete ber ihr schlummerndes Kind die Hand einer Mutter die
Daunendecke aus. Ein wildes Schluchzen, jh und ursprnglich, da der Wille, es
niederzuzwingen, zu spt kam, drang aus Konrads Kehle. Eine Mutter! Er hatte
niemand, - niemand mehr! -
    Er sah sie in Gedanken vor sich, die mit ihm fuhren: Die jungen, verliebten
Hochzeiter, das alte Ehepaar mit dem zufriedenen Lcheln derer, die einen
sorgenlosen Lebensabend erreichten, die beiden im berschwang des Daseinsgefhls
strahlenden Freunde - sie waren alle zu zweien, Freude und Sehnsucht glnzte auf
allen Gesichtern; Strme von Lebensflle schien dies ferne Land an sich zu
ziehen, das einmal im Leben gesehen zu haben, jedes Deutschen Sehnsucht war. Nur
er war allein, nur ihm schlug das Herz in der Brust wie eine aufgezogene
Maschine, nur er geleitete eine Tote.
    Eine Hand berhrte seinen Arm; Giovannis faltiges Antlitz tauchte neben ihm
auf.
    Rasch, Herr Baron, wir fahren weiter! - Und jetzt - jetzt geht es hinab!
Ein gurgelnder Ton, wie von erstickten Trnen, klang in der alten Stimme. Konrad
sah ihn an, ehe er in den Wagen sprang; das Leuchten heller Verklrung lag ber
dem gelben Gesicht und gab den Augen den Glanz der Jugend wieder. Unten blhen
die Mandelbume!
    Seltsam, wie jetzt das Lied der Rder anders tnte. Unten blhen - die
Mandelbume! wiederholten sie. Und es war wie ein Tanz in die Tler hinab.
    Konrad schlief ein; rosenrote Blten sah er vom Himmel gaukeln, sie mischten
sich leise unter die Winterflocken, sie wurden dichter, immer dichter, sie
verdrngten den Schnee, sie hllten die ganze Erde in ein Festkleid von Seide.
    Und weiter und weiter ging die rasende Fahrt. Schon wurden die Linien der
Berge starrer, feierlicher, wie von eines klassischen Knstlers Hand gezogen;
die romantische Zerklftung wich und mit ihr die Lieblichkeit der Drfer im Tal.
Es waren nicht die roten Giebeldcher mehr, die zwischen Obstbumen und
Fliederbschen behaglich hervorlugen; grau, wie gewachsene Felsen, drngten sich
die Huser eng zusammen, jeder Ort eine Burg. Breiter wurde das Tal. In
schweren, gelben Fluten rauschte die Etsch bergab. Die Berge, die finster
drohenden, treuen Wchter am Zaubergarten Europens traten zurck. Der blaue
Himmel umschlang zrtlich die grne Ebene. Wie sie sich dehnte und reckte, wie
sie siegreich die letzten Hgel zur Seite drngte - ein einziges
hoffnungsstarkes Sehnen! Soweit das Auge reichte: saftige Wiesen, von niedrigen
Weiden und Maulbeerbumen gleichmig durchzogen, die Ranken sprossenden Weins
in anmutigem Schwung miteinander verknpften; dazwischen kleine Grtchen um
kleine Huser voll blauleuchtender Schwertlilien und Alleen kniglich stolzer
Pappeln.
    Konrad ri Fenster und Tre auf. Fuhr er wirklich mit einer Toten?!
    Ich werde dich nach Hause fhren, hatte sie wieder und wieder gesagt, laut
und angstvoll, leise und hoffnungsfroh, whrend das Fieber ihre Sinne verwirrte
und ihr Krper, leidenschaftlich an das Leben sich klammernd, mit dem letzten
berwinder rang. Sie hatte gelacht, triumphierend, wie eine siegende Amazone
gelacht haben mochte, als sie ihn in die Flucht geschlagen zu haben glaubte, und
die Krankheit wich. Doch heimtckisch war er durch Hintertren wieder
eingeschlichen, hatte sich einen eisigen, sturmdurchtobten Winter und einen
grauen, nassen Frhling zu Helfern geholt, und die stolze Frau, da er sie in
offener Schlacht nicht hatte treffen knnen, wie ein Meuchelmrder rcklings
berwltigt.
    Ich werde dich - nach Hause fhren, waren ihre letzten Worte gewesen. Und
fhrte sie ihn nicht heute? War sie nicht neben ihm und in ihm? Oder war es nur
das mtterliche Blut, das in ihm aufrauschte und in seinen Ohren brauste und
sang? Ihm war, als sprnge pltzlich ein Eisenband ber seiner Brust, das er,
von Geburt an daran gewhnt, niemals gesprt hatte.
    Verona - der Zug hielt: ein kleiner, der Bahnhof, die Stadt sehr fern, in
blendendes Licht getaucht, hinter ihr ein gestreckter Hgel, und aufsteigend an
ihm in geraden schwarzen Strichen zwei Reihen dunkler Zypressen. Fhrten sie
vielleicht zu Julias sagenumwobenem Sarkophage? Oder liegt sie tief und heimlich
im Arm des Todes wie einst an der Brust des Geliebten?
    Wie hatte doch einmal jener berhmte Berliner Kritiker doziert, als sie nach
einer Vorstellung von Shakespeares Liebesdrama im Kaffeehaus saen und Konrad
seinem rger ber den Darsteller Romeos, der die klingenden Verse des Dichters
heruntergeschwatzt hatte, als gelte es, in einem parfmierten Salon von Berlin W
geistreiche Konversation zu machen, Ausdruck gab.
    Mit solch einer Gestalt kann ein moderner Mensch berhaupt nichts mehr
anfangen. Mutet uns nicht die ganze Geschichte an, als ob man Erwachsenen ein
Weihnachtsmrchen vorspielen wollte? Die Zeit drfte nicht mehr fern sein, wo
ein moderner Mensch fr die Sentimentalitten der Liebe nur noch ein Lcheln
brig hat, wo man sich des sogenannten Bedrfnisses nach ihr entledigt wie
anderer animalischer Funktionen, und mit ruhiger Bewutheit Kinder zeugt auf
Grund wissenschaftlicher Untersuchungen und Prognosen.
    Niemand widersprach ihm damals; wenn er sich zu so einer langen Rede
herbeilie, galt, was er sagte, wie ein Orakelspruch. Dunkle Schamrte stieg
Konrad in Erinnerung daran in die Stirne, - denn auch er hatte geschwiegen!
    Wie weit lag sie hinter ihm, die entgtterte Welt!
    Die Sonne stand jetzt im Zenit. In breiten silbernen Wassern spiegelte sie
ihr glhendes Angesicht. Es war, als verlange sie sehnschtig danach, in der
geheimnisvoll stillen Tiefe zu versinken. Schwere, dunkle Mauermassen stiegen
aus ihnen empor. Mit vergitterten Fenstern - geschlossenen Pforten. Graue
Palste; die Steine wie von harten Fusten grimmig aufeinandergefgt: Mantua.
    Verse Virgils - lngst vergessene Verse - zogen im gleichmigen Takt des
Hexameters durch Konrads Erinnern. Unter dem hellen Licht, das drauen von
Himmel und Erde strahlte, sanken die Lider ihm tiefer ber die Augen.
    Er sah Isabella d'Este, die gttliche. Ob sie hinter den verschwiegenen
Mauern dort, in einer heimlichen, heien Stunde nicht doch dem Allbesieger
Cesare zu eigen geworden war? Gehrten sie nicht zusammen, dieses Weib und
dieser Mann? Wog eine Stunde berstrmender Lust, die ihnen gemeinsam gehrte,
nicht die krglichen Freuden eines ganzen Lebens auf? Durch die geschlossenen
Lider meinte er an ihren weien Hnden die grnen Smaragde wie Schlangenaugen
leuchten zu sehen.
    Feucht und hei strich die Luft der Murnen um seine Stirne. Tief in ihrem
Moorgrund stand die Totenurne Livias, der groen Hetre: unter den Kssen ihres
Geliebten war sie gestorben, in ihr Todesrcheln hatten sich die Seufzer
beseligter Liebe gemischt.
    Konrad hrte das Rattern der Rder nicht mehr. Schwer lag die Hitze auf
seinen Gliedern und lullte ihn ein. Auch seine Trume waren schwer, - er hrte
die Tote mit harten Kncheln an den Sargdeckel stoen. In einen Schrein aus Glas
bei offenen Fenstern htte man sie betten sollen, denn ihre Augen, ihre groen
Augen suchten sehnschtig das Licht.
    Und dann saen sie pltzlich neben ihm - alle drei: Else, hauchdnn und
zerbrechlich, den ganzen Arm voll weier Puppen mit goldenen Krnchen im
Flachshaar, - Renetta, im Ballkleid, die weie Seidentaille voll schmutziger
Fingerspuren; Leonie, als wre sie eben aus dem Bade gestiegen, das Wasser hing
noch in silbernen Perlen an ihrem schwarzen Trikot. Was wollten die?! Er war ja
fort - weit fort - mit einer Toten -.
    Ein tiefer Seufzer der Befreiung hob seine Brust. Er erwachte. Bologna!
klang es kreischend von drauen an sein Ohr, und hin und her eilende Schritte
und Gelchter und Geschrei! Er sah auf: wie frhlich bewegt hier die Menge war!
Auf einem deutschen Bahnhof setzte jeder eine geschftsmigtrbselige Miene
auf.
    Chianti, Herr Baron! In der einen Hand das volle Glas, in der anderen die
strohumsponnene Flasche, stand Giovanni vor ihm. Seine Augen blickten verklrt,
seine zusammengeschrumpfte Gestalt schien sich mit jeder Station mehr gereckt zu
haben. Jedem Vorberhastenden warf er ein paar Worte zu und lchelte entzckt,
wenn er als Antwort immer wieder die gleichen Laute der eigenen geliebten
Sprache vernahm.
    In langen Zgen trank Konrad den roten Wein. Hatte er nicht einmal jedwedem
Alkohol abschwren wollen - aus sozialen Grnden, des guten Beispiels wegen? Wie
unlebendig, wie nicht zu ihm gehrig, erschien das alles, - Staub, der, alle
bunten Erdenfarben verhllend, auf Blttern und Blten lag, und den der
hervorbrechende Sturzbach des Lebens hinwegsplte. Er hob das Glas. Die Menschen
auf dem Bahnhof lachten ihm zu. Eviva Bologna la grassa! rief ein alter
Packtrger lustig.
    Bologna? Hatten sie nicht hier Knig Enzio, den jungen, bis an sein Ende,
fast drei Jahrzehnte lang, gefangen gehalten? Ein prunkender Palast, dessen hohe
Sle von seinen Liedern widerhallten, war sein Kerker gewesen, die rosigen Arme,
die blauschwarzen Haare Lucia Viadagolas seine Ketten! Und hatte nicht hier
Novella d'Andrea die Rechte gelehrt, deren Schler in Liebeswahnsinn rasten,
wenn sie nur einmal den Schleier von den brennenden Augen hob?
    Konrad strich sich ber die Stirne: er geleitete eine Tote, und Bilder
heien Lebens verfolgten ihn. Die Luft schien erfllt von jenem Frhlingszauber,
dem sich alles Lebende unterwirft, jeder Strahl der Sonne ein Pfeil des
allbeherrschenden Gottes.
    Giovanni stand auf dem Gang vor dem Coup seines Herrn. Er ri unermdlich
die Fenster hinauf und herab, je nachdem der Zug im Dunkel der Tunnel verschwand
oder wieder emportauchte. Von einer einzigen Farbe goldigen Grns berzogen,
leuchteten die Berge; sie waren vor kurzem kahl gewesen wie Greisenhupter,
jetzt sproten sie von jungen Eichen, stolz der gesicherten, mit festen Wurzeln
in ihrem ppigen Schoe ruhenden Zukunft. Aufblitzend wie Traumbilder zwischen
den Tunneln ffneten sich tiefe Tler, schwangen sich in khnem Bogen hohe
Viadukte ber brausenden Bergbchen. Weie Huser, graue Wehrgnge um alte
Schlsser, eng wie Lmmer einer Herde zusammengeschmiegte Htten tauchten
minutenlang auf und verschwanden wieder.
    Giovanni kannte jeden Weg, jeden Ort; er erzhlte und merkte kaum, wie die
Menge der Zuhrer um ihn her wuchs.
    Dort hatte die blasse Lina, des Lehrers Tochter, ihm selber den Wein
geschenkt fr sein Spiel mit den Glaskugeln; dort hatte die stolze Marquesa ihm
einen Sack voller Silberstcke zugeworfen, als er den schwindelnden Weg um die
alte Schlomauer in langen Stzen zurckgelegt hatte; dort, dicht unter dem
Holunderstrauch gab ihm die braune Loretta den ersten Ku fr den kecken Tanz
durch die Messer. O, er war ein schmucker, schlanker Bursche gewesen! Es gab
eine Zeit, da schlief er teine Nacht in dem gelben Wagen, da betteten ihn
zrtliche Hnde auf weiches Moos, unter Rosenhecken und Glyzinenlauben, auf
buntgewrfeltes Bettuch und auf spitzenberste Daunenkissen -.
    Hier verstummte er jh - in Trume versunken. Pltzlich belebten sich seine
Zge wieder; sein Auge, unruhig flackernd, haftete an einem fernen weien Punkt.
Er unklammerte Konrads Arm mit den harten Knochenfingern.
    Dort - kam es aus seiner Kehle, dort strzte ich zum erstenmal! - Der
Gendarm, der Schurke, hatte mein Weib um die Hften gefat! Und dicht an
Konrads Ohr: Mein linker Arm zerbrach - mit der rechten Hand sprang ich ihm an
die Kehle, da das Blut ihm aus Mund und Nase troff und die Augen ihm aus den
Hhlen traten -.
    Der nchste Tunnel verdunkelte wieder das ferne Bild; scheu und erschreckt
waren die Passagiere wieder zu ihren Sitzen zurckgegangen.
    Konrad streichelte des Alten eingesunkene Wange. Wann war das, Giovanni?
frug er leise.
    Wann? Wann?! - Er richtete sich straff auf, ein irres Lcheln um die
schmalen blutleeren Lippen. Vor hundert Jahren vielleicht! Sie haben mich ja zu
schwerem Kerker verurteilt. Sitzen wir nicht beide drinnen - du und ich?!
    Lange blieb es stumm zwischen ihnen. Der Alte schien zu schlummern.
Pltzlich fuhr er empor, - der Zug hatte sich wieder tief in die Berge gebohrt.
    Bambino mio, rief er, nun werden wir sie wiedersehen - - sie! Und er ri
im ersten Strahl neuen Lichts das Fenster hinunter.
    Santa Fiorenze! schrie er auf und sank in die Knie.
    Hoch oben hielt der Zug; er schien zu zgern, als habe auch er ein sehendes
Auge, ein pochendes Herz, denn unten im Tal, vom nahenden Abend in feine
violette Schleier gehllt, lag sie, die Unsterbliche, die ewig Sieghafte. Die
Hgel wlbten sich, den Linien ihres Krpers folgend, weich um sie; ein Band von
Gold umschmeichelte sie der Flu, und, anbetende Ritter, knieten die Berge vor
ihrer lchelnden Schne.
    Kein Wort mehr fiel zwischen den beiden Reisenden. Sie waren nicht Herr und
nicht Diener. Nur zwei betende Pilger an der Schwelle des Heiligtums.

Wenn Konrad in spteren Jahren an seine Ankunft und die ersten Stunden seines
Aufenthalts in Florenz zurckdachte, so war ihm, als erinnere er sich nur
einzelner Bilder eines Traums, deren Zusammenhnge seinem Gedchtnis vollkommen
entschwunden waren: er sah, wie die schwarzvermummten Gestalten der Brder von
der Misericordia - deren Kpfe unter spitzen Kapuzen, deren Gesichter unter
seidenen Masken verschwanden - den schweren geschnitzten Sarg davontrugen; er
fhlte, wie er mit geschlossenen Augen in der Ecke des Wagens sa, so
berwltigt von der Empfindung, in Florenz, der Stadt seiner Ahnen, seiner
Kindheitstrume, seiner tiefen, ihrer selbst fast unbewuten Sehnsucht zu sein,
da er auerstande war, in diesem Augenblick ihr lebendiges Bild in sich
aufzunehmen. Und dann war ihm gewesen, als schliefe er, ein kleiner Knabe noch,
im Arm der Mutter und hrte ihre Stimme, die lngst verklungene, leise, leise
singen:

Fata la nanna ch possa dormire!
Il letto gli sia fatto di viole
Ce lenzuola di quel panno fine
A la coltrice di penne di pavone.

Bis ihn eine Empfindung, halb Wonne, halb Entsetzen, emporgerissen hatte, denn
greifbar deutlich klang es ihm jetzt ins Ohr:

Fata la nanna ch possa dormire! -

In einer schmalen Strae fuhren sie; dstere Palste faten sie zu beiden Seiten
ein; geschlossene Fenster starrten wie tote Augen. Und pltzlich stand hinter
einer sehr hohen Mauer, drohend wie die Lanze eines Riesen, eine einsame
Zypresse vor dem dmmernden Abendhimmel. Die Mauer aber wuchs, der Garten
dahinter sandte nur wenige bltenlose Zweige ber ihre schwarze Wand in die
ghnende Tiefe der Strae.
    Und dann, wo sie am engsten war, hatte der Wagen mit einem harten Ruck
stille gestanden: Zu mchtigem Bauwerk schichteten sich gewaltige, rauh behauene
Steine, ein dsterer Torweg ffnete sich dazwischen wie ein Hllenrachen, und
ganz oben ber dem finsteren Kondottieri-Antlitz des Hauses ragte das schwarze
Dach wie ein Eisenhelm.
    ber einen Hof war er gekommen mit gedrungenen Sulen unter gewlbtem
Kreuzgang und finsteren Schatten, die wie Klageweiber in den Winkeln hockten; -
durch Flure - hoch wie Kamine - in ein Zimmer, das vier Lampen nicht zu erhellen
vermochten.
    Das Zimmer der Grfin Lavinia Savelli -, hatte irgendeiner gesagt. Seiner
Mutter Zimmer! Weie und rote Fliesen deckten den Boden, schwarz zogen sich an
der Decke die Balken hin, unter dem gewaltigen Kamin kauerten Karyatiden. Er
kannte alles - er mute es schon einmal gesehen haben! Auch den Blick aus den
Fenstern mit der verwitterten Sandsteinfigur - ein Erzengel oder ein Kriegsgott?
- auf der Mauer drben, die aus der Tiefe der Strae stieg, dem verwilderten
Garten, den Dchern ferner Huser dahinter und dem Hgel, dessen Umri im
dunklen Blau des Himmels verschwamm, kannte er.
    Aber wo waren nur die Gobelins an den Wnden mit Andromedas Geschichte, die
sich durch der Mutter Mdchentrume gezogen hatte, mit dem rotblonden Befreier
Perseus, der seines Vaters Zge trug? -
    Er hrte noch den Widerhall der Schritte in vielen matterleuchteten leeren
Rumen, durch die man ihn gefhrt hatte, und sah den Saal mit dem verschlissenen
roten Damast an den Wnden, den ldruckbildern ber seinen Lchern und den
dnnbeinigen Goldsthlchen vor den Kaminen, die das Spielzeug mit hhnisch
aufgerissenen Mulern zu verschlingen drohten. -

In Marmorsulen spiegelte sich das rote Licht von hundert gelben Kerzen, durch
Weihrauchnebel blinkte in der Nische des hohen Chors das aus Tausenden bunter
Steine zusammengesetzte Bild des Gottessohnes; wie lauter Regenbogen leuchtete
durch Fenster aus orientalischem Alabaster die Morgensonne auf den dunklen Sarg,
um den in weien Gewndern viele kniende Nonnen beteten.
    Sie hatten Psalmen gesungen mit hellen Knabenstimmen wie Hymnen Apolls. Und
die Priester hatten gesprochen wie Seher in fremden Zungen, deren Tonfall nur, -
ein Rauschen und Raunen aus der Tiefe - ins Ohr drang. Und in das dunkle Gewlbe
der Krypta war der Sarg verschwunden zwischen den zierlichen Sulen, die einst
der Demeter Tempeldach getragen hatten. In stillem Gebet waren sie alle in die
Knie gesunken - alle, die der Grfin Savelli das letzte Ehrengeleit gegeben
hatten: Mnner mit Gesichtern wie aus altem Elfenbein geschnitzt, Frauen, deren
matte Haut die Sonne Italiens durchglutete. ber Jahrzehnte des Fernseins und
des Vergessens spannten sich zwischen ihnen und der Toten die uralt heiligen
Bande des Bluts.
    Und als der Enkel, der groe, blonde, der ihre Augen hatte, allein,
versteint, die Stufen zum Schiff der Kirche, aus deren geschlossenen Pforten die
Nacht noch nicht gewichen war, wieder aufwrts stieg, folgten sie dem
Voranschreitenden, eine Geleitschaft in das Leben.
    San Miniato al Montes Bronzetren - aus dem Heiligtum Jupiters an das
sonnengeweihte Heiligtum Christi versetzt - sprangen auf.
    Und von da an wachte Konrad Hochse.
    Als wolle sie triumphierend von allem Lebendigen wieder Besitz ergreifen,
strmte die Sonne in die Finsternis, und, gebadet in ihrem Licht, lachte die
selige Stadt zu denen empor, die ihrem Schoe die Tochter zurckgegeben hatten.
    Konrad stand wie betubt, bis eine Stimme in den Lauten der eigenen Sprache
- aber mit dem weichen Akzent des Italienischen - zu ihm sagte:
    Ihr Mutterland!
    Norina Camaldoli war es, die mit ihm redete.

Graf Savelli, der Neffe der Begrabenen, der nach dem Tode ihres ohne mnnliche
Nachkommen verstorbenen Gemahls den alten Palazzo in der Via del Bardi
bernommen hatte, und mit seinen Kindern, dem Grafen Carlo - Leutnant im
Regiment Torino - und seiner verwitweten Tochter, der Marchesa Norina Camaldoli
bewohnte, stellte den deutschen Vetter den Verwandten vor. Seinem Vater waren
sie, soweit sie ihn persnlich gekannt hatten, nicht freundlich gewesen. Er war
ein Fremder, ein Protestant. Mehr noch, als da Lavinia die Seine geworden war,
hatte es sie gewurmt, da ihm der Reichtum der Grfin Savelli, den diese ihrem
Gatten als Contessa Buondelmonte mit in die Ehe gebracht hatte, zufiel. Aber
Konrad war ein anderer, Konrad war ihres Bluts, und seine schlanke Schnheit,
seine tief gebrunte Haut, seine dunklen Augen zeugten davon, und erinnerten in
nichts an den deutschen, bauernhaft derben Ritter, als der ihnen sein Vater
erschienen war.
    Die Buondelmonti waren besonders zahlreich erschienen. Viel Blondheit war
unter ihnen, viele, ein wenig wsserige blaue Augen. Der jetzige Senior der
Familie hatte eine Amerikanerin geheiratet, die ihre Verwandten um sich hatte,
ein zierliches Mdchen unter ihnen, das Konrad mit khlen, sehr neugierigen
Augen fast zudringlich musterte, whrend Carlo Savelli sich lebhaft bemhte,
ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
    Als Konrad allen die Hand geschttelt, mit allen ein paar Worte gewechselt
hatte - wahrhaftig, Sie beschmen uns durch Ihr vollendetes Italienisch; wir
lernen leider nur wenig fremde Sprachen, - sagte ihm dabei jemand, und er hatte
lchelnd erwidert: Sie vergessen, da es meine Muttersprache ist, - fhrte ihm
Norina Camaldoli einen kleinen alten Mann in schbigem Rock und altmodischem
Zylinder zu, den die anderen ngstlich zu meiden schienen.
    Der Marquis Ritorni hat Ihre Mutter gekannt, sagte Norina.
    Ich habe sie sehr geliebt, flsterte er mit zitternder Stimme, Konrad eine
welke Hand reichend, Sie haben ihre Augen. Und ohne eine Antwort abzuwarten,
trippelte er eilig, fast ngstlich davon.
    Auf der Heimfahrt sagte der alte Graf vorwurfsvoll zu seiner Tochter: Wie
konntest du Ritornis Taktlosigkeit, unter uns berhaupt zu erscheinen, auch noch
untersttzen?
    Ist's eine Schande, da er arm ist? entgegnete sie, nicht ohne Schrfe.
    Aber - fiel der Bruder ein.
    Ich wei, unterbrach sie ihn, was du sagen willst: er wurde es durch
eigene Schuld, hat sein eigenes Vermgen und das anderer verspielt und
vertrunken. Ist er, der die Folgen seiner eigenen Taten zu tragen hat, nicht
bemitleidenswerter als einer, der sich als unschuldiges Opfer gebrden kann?
    Ich werde ihn besuchen, sagte Konrad rasch, Norinas blasse, schmale Wangen
berzogen sich mit einem feinen Rot.
    Das wird kaum angehen, meinte der alte Graf. Ich will nicht davon
sprechen, ob er Ihnen noch einen Stuhl wrde anbieten knnen, - seit Jahren
versucht er vergebens, seinen Palazzo zu verkaufen; man wird heute nur durch
alte Villen reich, um so mehr, als sie natrlich alle Mediceervillen sind! -
aber seine Huslichkeit ist doch - nun, sagen wir milde: etwas merkwrdig.
    Ich glaube, man spricht in Deutschland offen von diesen Dingen, Papa,
sagte Norina lebhaft, sich dann an Konrad wendend. Ritorni lebt mit der Frau,
die, als er jung war, seinen Ruin herbeifhren half. Er ist ihr und sie ihm treu
geblieben.
    Der Wagen hielt. Im Aussteigen sagte Konrad zu Norina: Ihre Mitteilung hat
meinen Vorsatz nur bestrkt. Sie stand jetzt neben ihm, so gro wie er; sie
konnte ihm, ohne den Blick zu heben, gerade in die Augen sehen, und tat es mit
einer offenen Wrme, die sich sonst so tief hinter dem Ausdruck hochmtig
abweisender Klte verbarg, da ihr Vorhandensein bezweifelt werden konnte.
    Sie gingen ber den Hof, der selbst unter dem blauen Mittagshimmel dmmerig
war. Konrad fuhr streichelnd ber die khle, glatte Flche einer der Sulen.
Wie schn sie ist!
    Nicht wahr! lchelte Norina, und mit mtterlicher Kraft und Gte trgt
sie, was ihr auferlegt wurde.
    Sie ging weiter die Steintreppe mit den niedrigen, breiten Stufen hinauf.
Hut und Mantel hatte sie abgenommen; das Licht spielte in blauen Reflexen auf
ihrem schwarzen Haar, das, schlicht gescheitelt, das schmale Oval ihres Gesichts
umgab, und sich hinten ber dem sehr weien, vielleicht ein wenig allzu langen
Hals in einen schweren Knoten schlang. Das lange, schwarze Kleid hatte sie etwas
gehoben; mit hoher Biegung des Spanns traten die schlanken Fe darunter hervor.
Ihr im Steigen geneigter Oberkrper gab eine so weiche Linie, wie sie nur dann
mglich ist, wenn er nie eines knstlichen Halts bedurfte. Konrad sah das alles
nicht. Sein Auge hing mit einem erkennenden Staunen an ihrem Antlitz: der
ungewhnlich hohen Stirn, den fein gezogenen Augenbrauen, der kleinen Nase, die
vielleicht etwas zu breit, dem vollen Munde, der vielleicht etwas zu gro war.
Das kannte er doch alles! Das hatte er gesehen! Und mehr als das: erlebt,
empfunden! Er verfiel wieder in den dumpfen Traum des ersten Tages.
    Da hrte er einen Schrei - und gleich danach einen zweiten: Giovanni, der
eben zur Tre am Ende der Treppe herausgetreten war, lag zu Fen Norinas, den
Saum ihres Kleides an die Lippen pressend.
    Monna Lavinia! rief er, Monna Lavinia, einmal und noch einmal; die ganze
Skala menschlicher Empfindung lag in seinem Schrei: Entsetzen und
Glckseligkeit, Hingebung und Leidenschaft.
    Norina hatte im ersten Schreck beide Hnde an das Herz gepret.
    Mein alter Diener, rief er ihr zu, - er entsann sich dunkel, gestern, am
Abend der Ankunft, jenem seltsam verworrenen, unwirklichen Abend, von ihm
erzhlt zu haben, - Ihr wit!
    Und sie beugte sich barmherzig ber den Knienden und sagte: Steht auf,
Giovanni! Ich bin's, Norina Camaldoli - die Richte Eurer toten Herrin.
    Er erhob sich mhsam, dicke Trnen rollten durch die Furchen seiner Wangen.
So gtig war auch Monna Lavinia zu mir armen, alten Narren, murmelte er, der
schnen Frau nachstarrend, wie sie, ihm noch einmal freundlich zunickend, hinter
der Tre verschwand.
    Gebeugter als sonst, mit ganz vergrmten Zgen, erschien er am Abend bei
seinem Herrn. Stumm und seufzend schlich er zwischen den Koffern und dem Schrank
- einem nubaumartig polierten Mbel mit Muschelaufsatz, das verloren an einer
Wand des riesigen Raumes stand - hin und her, um Konrads Abendkleidung zurecht
zu legen.
    Fehlt dir etwas? frug ihn dieser. Er schttelte den Kopf. Erst nach einer
Weile, whrend er den rmel Konrads gedankenverloren stets an derselben Stelle
brstete, fand er die Sprache wieder.
    Die Pferde vor dem Wagen, der uns holte, begann er stockend, gehren dem
- Droschkenkutscher nebenan. Und der Portier mit dem weien Bart hat - im
Souterrain des Palazzos seine - Schusterwerkstatt!
    Konrad legte dem Alten die Hand auf die Schulter: Wir werden davon - nichts
bemerken, Giovanni! sagte er eindringlich. Der sah auf, seine kleinen uglein
sprhten frmlich. In Goldbrokat sollte Monna Lavinia gehen und unter einem
Thronhimmel aus blauer Seide sitzen! rief er pathetisch.
    Auf der Suche nach dem roten Salon, den Carlo Savelli die Hall zu nennen
pflegte, verirrte sich Konrad in den vielen Gngen und Zimmern zwischen auf und
nieder fhrenden Treppchen und Stufen.
    Als vor Jahrzehnten die Uferstraen am Arno geschaffen wurden, bte der
Palast, um an seiner Rckseite der Via Torrigiani Platz zu machen, einen guten
Teil seines Umfangs ein, und es entstanden seltsame Winkel und Kammern in seinem
Innern. An einer davon, deren Tre offen stand, kam Konrad vorbei. Sie war
dreieckig, zwei ihrer Wnde waren mit farbenleuchtenden Fresken bemalt, von
deren Gestalten man freilich nur die untere Hlfte sah, denn eine neue Decke war
quer durch den Raum hindurchgefhrt, so da den Menschen Kpfe und Oberkrper,
den Pferden die Hlse, den Bumen die Kronen fehlten. Durch den ppigen Leib
eines liegenden Weibes war ein Fenster gebrochen, in den Brsten nackter Nymphen
staken eiserne Riegel mit alten Kleidungsstcken daran; auf schmaler
Feldbettstelle aber lag der alte Graf Savelli und schlief. Ein dickes, altes
Weib go frisches Wasser in den kleinen Blechnapf auf dem Waschstnder.
    Konrad eilte vorber. Im Salon, den er endlich erreichte, erwarteten ihn die
Geschwister. Sie schienen eine Auseinandersetzung gehabt zu haben, denn Norina
war still und bla; Carlo dagegen sehr rot und von forcierter Lustigkeit.
    brigens traf ich Vanrosendahls beim Tee, sagte er; sie baten darum, ob
du und Papa sie morgen nachmittag empfangen wollt, was ich natrlich ohne
weiteres zusagte.
    Natrlich! wiederholte Norina hochmtig. Wie alles fr uns natrlich sein
mu, was diese hergelaufene Gesellschaft wnscht! Vanrosendahl! Wie das klingt!
Der Vater, den sie dunkel halten, hie sicher Rosenthal und stammt aus
Galizien.
    Konrad suchte einzulenken, denn er sah, da der kleine, lebhafte Graf sich
nur mhsam beherrschte.
    Nach dem Wenigen, was ich durch die Gromutter wei, sagte er, hat
Florenz den Englndern und Amerikanern einiges zu verdanken -
    Eine Grfin Savelli, entgegnete sie rasch, sollte das behauptet haben?!
Ich glaube, Sie wollen nur meinen Bruder schtzen! Oder halten Sie es fr
dankenswert, da jedes Stubenmdchen ein paar Brocken englisch lernt, da jede
Osteria sich in einen Tearoom zu verwandeln droht, da ein Knstler von der
Wrde und Tiefe wie Fra Angelico in der ganzen Welt mit der frchterlichen
Bezeichnung s abgestempelt wird, weil er auch ein paar goldhaarige
Engelskpfchen malte, da Botticellis tragische Madonnen mit dem
sentimental-verlogenen Ausdruck der Schnen eines Burne-Jones auf Broschen und
Grtelschnallen prangen, da die Sttten, wo ein Palla Strozzi, ein Magnifico,
ein Boccaccio lebten - um aus der Masse nur diese wenigen herauszuheben -
Italien von ihnen gestohlen wurden! -
    Aber Norina, fuhr der Bruder auf. Ihre Brust hob und senkte sich in
strmischen Atemzgen, und sie fuhr fort, im Saale, den ihre Stimme ganz
erfllte, hin und her gehend:
    Meinst du, es heit weniger stehlen, wenn man einem Lande seine Heiligtmer
mit Goldstcken abschachert? Und die ehrwrdigen Denkmale unserer heroischen
Vergangenheit - die nicht die der Mediceer, sondern die der Ritter vor ihnen
gewesen ist -, die Ruinen auf den Felsen und Bergen, die Zyklopen errichteten,
aus dem Instinkt von Schnheit und Gre heraus, bauen sie mit Hilfe ihrer
gelehrten Architekten - armseliger Grundrischnffler - zu leeren
Theaterdekorationen wieder auf, sie mit alten Gerten fllend, denen sie bis in
die Huser der Bauern nachgehen, und die fr sie nichts sind als Schaustcke
ihrer Eitelkeit, fr jene aber heilige Erinnerungen an die Vter.
    Konrad lauschte entzckt dem Pathos ihrer Rede, konnte sich aber der
kritischen Einwendungen nicht erwehren. Sie vergessen, Frau Marchesa, sagte
er, da Italien sich die Heiligtmer entreien lie!
    O, ich wei, ich wei, rief sie, vor ihm stehen bleibend. Wir waren wie
die Kinder, die sich reich, sich glcklich fhlen und nicht wissen warum! Wenn
jene erwachsenen Fremden wirklich das Groe und Schne, das wir besaen,
erkannten - in Ehrfurcht erkannten, nicht in Habsucht! -, weshalb kamen sie
nicht, wie viele Deutsche es taten, und wurden die Erzieher dieser Kinder?
    Wieder stand sie vor ihm mit dem wundervoll belebten Antlitz, aus dem die
ganze Heftigkeit der Antwort heischenden Frage sprach.
    Vielleicht ist die Ursache ihrer Weltmacht, ihrer brutalen Vergewaltigung
anderer Vlker, antwortete er nachdenklich, gerade in dem zu suchen, was ich
mit Ihnen auf das Tiefste verabscheue: dem Mangel an Ehrfurcht.
    Besuche kamen, das Gesprch unterbrechend. Auch der alte Graf erschien
wieder. Der rote Salon fllte sich bis in all seine Winkel. Die lebhafteste
Unterhaltung kam rasch in Gang. Konrad, der nur zerstreut zuhrte und sich nur
aus Hflichkeit daran beteiligte, zog unwillkrlich Vergleiche mit den
Hochsesser Nachbarschaftsvisiten. Hier wie dort dieselbe Klatschsucht, dieselbe
Oberflchlichkeit; nur da man daheim die Blen der Bildung als Mangel empfand
und zu verbergen suchte, whrend man sie hier mit naiver Selbstverstndlichkeit
zur Schau trug, ja sich beinahe ihrer freute.
    Gott, wir haben es doch nicht ntig, das zu wissen, wir wohnen ja in
Florenz! sagte eine braunugige, grazise Schne, als er nach dem Erbauer eines
Palastes frug, der ihm auf der Fahrt aufgefallen war.
    Um Norinas Lippen zuckte jener hochmtige Spott, der sie sichtlich auerhalb
der Intimitt der andern stehen lie. Konrad aber sagte, mehr zu ihr als zu
jener gewandt: Sie haben so unrecht nicht. Wer die Kultur einer groen
Vergangenheit in sich aufnahm, hat sicherlich mehr getan, als wer nur die Namen
ihrer Trger behielt.
    Norina lachte mit unbeherrschtem Hohn. Sie sind allzu liebenswrdig oder -
allzu gut erzogen, Baron sagte sie, kulturelle Traditionen sind noch keine
Kultur; sie befhigen nur dazu, Kultur in sich aufzunehmen.
    Frchte und Wein, Eis und Kuchen wurden gereicht. Der alte Giovanni, der um
den Dienst wie um eine groe Gunst gebeten hatte, trug mit einer gewissen
Feierlichkeit die silbernen Tablette mit dem Wappen der Savelli.
    Es bildeten sich immer kleinere Gruppen. Man flsterte und kokettierte. Die
sprechenden Augen, die nicht imstande zu sein schienen, etwas anderes
auszudrcken als alle Grade der Leidenschaft, vom ersten Entflammtsein bis zum
letzten Verzichten, erhoben das Liebesspiel aus dem khlen Bereich bloen
Flirts, und die Grazie, die es umgab, gab ihm seltene Schnheit.
    Nur Norina blieb abseits von allem. Wie kommt es, da Sie so anders sind?
frug Konrad mit einem bewundernden Blick auf ihre knigliche Erscheinung, den
sie ruhig annahm, weil er von jeder Schmeichelei fernblieb.
    Meine Mutter starb frh, sagte sie einfach, ich hatte eine deutsche
Erzieherin, die vieles, das in uns allen verborgen liegt, aufschlo, wohl auch
die tiefere Empfnglichkeit fr den Schmerz.
    Vergi nicht, fiel der Bruder lachend ein, der mit hellem Ohr zugehrt
hatte - er schien berhaupt den deutschen Vetter und seine Schwester aufmerksam
im Auge zu behalten -, Vittorio Tenda, den Jugendfreund, der ein Raffael werden
wollte und jetzt vielleicht in Chicago Wnde streicht!
    Sie warf ihm einen finsteren Blick zu.
    Als die Gste gegangen waren, bat Konrad, ihn am nchsten Tag entschuldigen
zu wollen. Ich mu anfangen, mir mein Mutterland zu erobern, erklrte er mit
einem warmen Blick auf Norina.
    Meine Tochter wird Ihnen eine glnzende Fhrerin sein, meinte der alte
Graf freundlich.
    Ich bedaure, sagte sie in einem so schroffen Ton, da Konrad die Absicht,
ihn verletzen zu wollen, herauszuhren meinte und erstaunt in ihrem Gesicht nach
der Ursache zu forschen suchte. Aber sie hielt den Kopf hartnckig gesenkt.
    Sein Stolz emprte sich. Auch ich ziehe es vor, eine solch intime
Bekanntschaft ohne Zeugen zu machen, kam es sehr khl von seinen Lippen.
    Graf Carlo begleitete ihn bis zu seinem Zimmer. Erst als sie miteinander vor
der Tre standen, sagte er mit einer Verlegenheit, die seinen leeren Zgen einen
fast kindlichen Ausdruck verlieh: Wrden Sie mir den Gefallen tun, nachmittags,
wenn die Vanrosendahls kommen, hier zu sein? Sie sehen, meine Schwester ist
unzugnglich, wenn sie nicht will. Und Mi Maud ist so sehr gebildet. Sie
knnten mir beistehen, nicht wahr?
    Konrad drckte ihm die Hand: Aber mit Vergngen, lieber Vetter.
    Norina stand noch lange mit fest aufeinandergepreten Lippen an ihrem
Fenster; sie lehnte die Stirne an die khlen Scheiben und schaute mit starren
Augen hinber auf den schwarzen Flu mit der blinkenden Lichterreihe, die sich
in ihm spiegelte.
    Da Giovanni vorbeischlich, merkte sie nicht. Leise und eintnig vor sich
hinmurmelnd, schlug er dreimal das Kreuz ber ihrer Tre. Dann kauerte er sich
nieder und kte inbrnstig ihre Schwelle, wie der fromme Beter die Reliquie des
Heiligen.

Wenn die Sonne sich aus dem Morgenbade des Adriatischen Meers erhoben hat, dann
steigt sie, ein jugendfrischer Wanderer, ber die kahlen Bergkuppen der
Apenninen und lt ihre breiten Strahlen, selig ob des lustigen Spiels, um die
hohen, ernsten Tannenwipfel des Prato magno tanzen und zaubert mit ihrem Licht
seine grauen Buchenstmme zu schimmernden Marmorsulen. Dann aber sieht sie
erstaunt ihr Gtterantlitz aus der Tiefe des Tals sich entgegenlcheln, und
nicht mde, die eigene Schnheit stets aufs neue zu bewundern, folgt sie von
oben freudig den hundert und aberhundert Krmmungen und Windungen des
smaragdgrnen Wasserspiegels, den ihr der Arno, die holde Freundin grend,
entgegenhlt.
    Und pltzlich treffen neugierige, nach neuen Spielen suchende Strahlen eine
gewaltige Kuppel; unter ihr rauscht es von Orgelklang. Hier gibt's keinen
neckischen Tanz wie um zitternde Zweige - ehrfrchtig streichen die Abgesandten
der Sonne an ihr entlang und hllen den marmorweien Leib von Santa Maria del
Fiore in ein Gewand gesponnenen Goldes.
    Doch von drben lockt der Glockenturm mit seinen vielen steingehauenen
Menschenbildern die frhlichen Strahlen, und der andere hoch ber dem Wehrgang
mit seinem roten, rostigen Kupferhelm. Es ist, als ob die Sonne jauchzte ber
jeden neuen Fund, und weiter und weiter suchend vordringt.
    Die Sonne ist gut. Sie kt nicht nur Berggipfel, Baumwipfel und
Kirchentrme, die sich ihr stolz und fordernd und sehnschtig entgegenheben, sie
streichelt auch mitleidig die ihrer ragenden Hupter durch Feuer und
Feindesgeschosse beraubten Trutztrme der Palste, ja sie wirbt schmeichelnd um
die sich grimmig von ihr abwendenden schwarzbraunen Dcher der Huser und wirft
Bndel um Bndel flssigen Silbers auf die breiten Steinfliesen der Pltze, auf
das graue Pflaster der Gassen.
    Sie liebt diese Stadt mit der fordernden Liebe der Geliebten, mit der
hingebungsvollen Treue der Mutter.
    Und die Stadt weiht sich ihr zum Altar, von dem statt des Geruchs brennender
Opfertiere die berauschenden Dfte blhender Rosen gen Himmel steigen.
    Konrad hatte im ersten Dmmer des Morgens von San Miniato aus, wo er sich
dem Traume hingab, da die hier Schlummernde erwacht sei und neben ihm stnde,
das Kommen der Sonne erwartet. Nun stieg er die breite Treppe zwischen hohen
Zypressen und blhenden Lilien hinab und ging ziellos durch die erwachende
Stadt, bei jedem Schritt mehr berwltigt von der vergangenheitgesttigten
Gegenwart.
    Es waren ja nicht nur berhmte Namen, wie sie das Reisehandbuch dem
bildungsschtigen Europer vermittelt, die vor ihm auftauchten, es war nicht nur
eine Epoche der Weltgeschichte, deren berquellender Reichtum an Form und
Gestalt ihm vor Augen trat, - es war die Lebendigkeit fortwirkender Kultur,
deren er sich immer deutlicher bewut wurde.
    Gab es berhaupt Tote in Florenz?!
    Der Atem dieser Stadt ist der Atem unsterblichen, ewig wirkenden Geistes.
Was wre unsere ganze Kultur ohne sie?
    Huser und Straen und Pltze vergegenwrtigten ihm immer lebendiger ihre
groen Shne. Es htte ihn nicht berrascht, dem leidverwsteten Antlitz
Michelangelos, dem ganz zu Geist gewordenen Leonardos pltzlich
gegenberzustehen; dem scharfen Profile Dantes, dem Spttergesicht Boccaccios,
dem lockenumwallten Haupte Picos, der in ihrer Hlichkeit prachtvoll schnen
Erscheinung des Magnifico zu begegnen. Der Kunst, der Wissenschaft, dem Staat
hatten sie ihr Leben geweiht; aber war es nicht doch die Einheitlichkeit einer
umfassenden Idee gewesen, die ihren Werken Gestalt und Dauer verlieh, wuchsen
sie nicht aus einem gemeinsamen Boden zu einem Himmel empor?
    Er war noch in Grbelei ber die Antwort auf diese Frage versunken, als er
sich einem freien Platze nherte. Das Denkmal Dantes, das ihm entgegensah - mit
all jener frostigen Theatralik, die ein Kennzeichen der modernen italienischen
Plastik ist - htte ihn fast scheu zurckgetrieben, wenn eine altertmliche
Kirche dahinter ihn nicht wieder gefesselt htte.
    Santa Croce, sagte ihm jemand auf seine Frage. Er trat ein. Und
unwillkrlich legten sich seine Hnde ineinander. Ganz still und menschenleer
war es. Achteckige Pfeiler, in ihrer Gestalt so kraftvoll ernst, als wten sie
um ihre Bestimmung, tragen den Dachstuhl, der die schlichte Schnheit seines
Geblks unverhllt zeigen darf; durch die hohen, bunten Glasfenster des Chors
strmt gedmpftes Licht und umgibt das khle Grau des Steins, das Braun der
Balken mit milder Wrme, whrend es zugleich aus den tiefen Kapellen ein leises
Leben lockt. Die Gestalten an ihren Wnden erwachen. Aber sie sehen nicht hinab
zu den Menschen, als bedrften sie ihrer. Denn sie sind weitab von der Welt.
    Da thront in einfacher Majestt der Sultan, das Antlitz voll ernster Trauer
seinen weigewandeten Priestern zugekehrt, die nicht wagen wollen, was der Mann
in der schlichten Kutte des Franziskanermnchs tut, ohne die Pathetik des
Heldentums: durch die Flamme zu schreiten. Und dort weinen die Brder am
Totenbette ihres Heiligen - in Leid und Liebe, aber ohne die Geste der
Verzweiflung; denn ihnen ist offenbar, was die Unglubigen erst von der groen
Lehrmeisterin, der Zeit, lernen werden: da der heilige Franziskus lebt, ob er
gleich gestorben ist.
    Auf der anderen Seite erwartet des Tufers Mutter, still ergeben in ihr
gottgewolltes Frauenlos, gestreckt auf weien Linnen ruhend, die Geburt
Johannis, und Frauen, den Krper in faltige Gewnder keusch verhllt, tragen das
schicksalgezeichnete Kindlein dem priesterlichen Segen zu. Am Pfeiler aber steht
Ludwig, der heilige Knig, mit frommem, in sich gekehrtem Blick ber die Last
der Aufgabe sinnend, die ihm Gott der Herr mit der Krone auf das Haupt gedrckt
hat.
    Das ist weder entfesselte Leidenschaft, noch knstliche Bndigung.
    Das ist nur die groe Ruhe des Frommseins.
    Konrad wandte sich wieder dem Ausgang zu. Und nun erst sah er die Denkmler
und Grabsttten an den Wnden der Seitenschiffe: Michelangelo und Macchiavelli,
Marsupino, Aretino und Dante, - ein Dach berschattet sie, deren Denken und Tun
so weit auseinanderging, eine Mauer umspannt sie, die selbst Welten umfaten:
    Frommsein.
    War das die innere Einheit, aus die ihrer aller Strke wuchs? Nicht Hingabe
an eine Idee, sondern Unterwerfung unter einen Glauben, den christlichen?
    Nein! sagte Konrad laut, als ob er vor ihnen allen sein Ketzertum bekennen
msse.
    Zu den Hhen der alten Etruskerstadt Faesulae zog es ihn hinauf, als ob er
da oben das Licht suchen msse. Verschlungene Wege ging er: zwischen Mauern,
durch graue Olivenhaine, an geheimnisvoll lockenden, grn bersponnenen Toren
vorber, whrend da und dort der Blick sich ffnete, ein Bauernhaus mit
gewlbter Loggia, eine Villa mit eckigem Turm erschien.
    Wie schmiegten sich daheim Drfer und Gehfte demtig zu Fen der Hgel,
der Felsen, der Bume, noch berdies unter spitzgiebelige Dcher versteckt, -
hier stand das Haus des rmsten aus starken Mauern von gewachsenem Stein stolz
auf der Hhe, ein Herr, ein Herrscher.
    Widersprach nicht die Lehre dieses Wegs unter freiem Himmel der Lehre aus
der dmmernden Halle von Santa Croce - vom heiligen Kreuz?
    Den steilsten Weg aufwrts, wo zuletzt zwischen den dunklen Stmmen einer
Allee von Zypressen das weite Tal lchelnd hindurchschaut, erreichte Konrad die
Hhe von Fiesole, und sah die Stadt wieder vor sich, fr die jeder Hgel
ringsum, als Ausblick zu ihr geschaffen schien. Sie schwamm in einem Meere
blendenden Lichts.
    Die Sonne umschlang sie ganz und versteckte ihre heie Umarmung unter
Silberschleiern.

Es war spt am Nachmittag, als Konrad die enge Via Calzaioli durchschreitend
heimwrts ging. Da tnte ihm aus der Nebenstrae von der Piazza Vittorio
Emanuele aus Lrm und Geschrei entgegen. A basso il tedeschi! grhlte eine
sich berschlagende Knabenstimme, von Jubel umtost. berrascht trat er nher.
Studenten, sagte auf seinen fragenden Blick einer der Umstehenden, den die
improvisierte Straenversammlung belustigte wie irgendein anderer Spektakel. Auf
einer kleinen Holztribne tobte ein sehr blasses tiefbrnettes Kerlchen mit
lebhaften Gebrden seine strmische Leidenschaft aus. Er sprach pathetisch von
den geknechteten Brdern im Alpenland; von den unerlsten Kindern der
heiligen Mutter Italien, - Trient und Triest. Konrad lachte unwillkrlich hell
auf: so wenig wuten diese Studenten von der historischen Vergangenheit! Bse
Blicke trafen ihn; ein feindseliges Gemurmel entstand; ein leerer Raum bildete
sich um ihn her. Betroffen von dem Unerwarteten, verletzt durch ein Geschehen,
das das Groe, das er eben innerlich erlebte, zu verwischen drohte, wandte er
sich langsam zum Gehen.
    Als Konrad sich dem Palazzo Savelli wieder nherte, hielt ein Auto vor der
Tre. So waren die amerikanischen Gste, die ganz Italien darin abmachten,
schon da.
    Ungerufen erschien Giovanni, sobald er in sein Zimmer trat. Die Frau
Marchesa hat heute geweint, sagte er in vorwurfsvollem Ton.
    Bin ich daran schuld? frug Konrad, sich zu einem gleichgltigen Lcheln
zwingend, whrend er fhlte, wie nahe Norinas Leid ihm ging.
    Ja, entgegnete Giovanni mit einem fast feindseligen Blick auf ihn. Der
Herr Graf tobte, weil die Frau Marchesa den Herrn Baron abgewiesen hat. Und nun
fiel es wie ein Schleier ber des Alten Zge, whrend er kopfschttelnd vor sich
hinmurmelte: Was konnte mein Bambino von Monna Lavinia haben wollen?!
    Konrad stieg das Blut siedend hei ins Gesicht: war das der Grund ihrer
schroffen Abwehr gestern abend, da man sie zwingen wollte - entgegenkommend zu
sein?! Zu Giovanni sagte er erregt: Du hast gehorcht, - ich verbiete es dir!
    Der Alte zuckte zusammen. Dann schob er mit der Linken den rmel von seinem
rechten fleischlosen Arm weit zurck: viele breite Narben zogen sich ber die
braune Haut. Aus diesen Wunden blutete ich fr Monna Lavinia, flsterte er,
und Blut - Blut bindet ewig!
    Monna Lavinia starb, Giovanni, suchte Konrad den Verwirrten mit
liebevoller Stimme aus dem Traum zu erwecken. Der aber warf kopfschttelnd einen
verstndnislosen Blick auf ihn.
    Bambino mio, sagte er dann, die Hnde flehend zu ihm erhoben, hilf du,
da sie nicht mehr weint! Ich - ich habe - und er zog mit verlegenem Lcheln
ein abgegriffenes Bchlein aus der Tasche, das er zrtlich streichelte - fr
mein Begrbnis, mit vielen Priestern, und Chorknaben und Gesang, allerlei
zusammengespart in den langen Jahren - Ihr seid auf Hochse immer sehr gut, sehr
gndig gewesen zu dem alten Giovanni! - Die Frau Marchesa - geqult von der
eigenen Verwirrung sah er auf - ist zu stolz - sie nhme es nicht von mir! Nur
da sie dem Schurken, dem Battisto die - die goldene Schlange mit den roten
Augen wieder fortnimmt! Der Alte schlug die Hnde vor das Gesicht und
schluchzte.
    Das Armband?! Was ist's damit?! forschte Konrad.
    Er zeigt's in der Osteria drben - der Hund - er prahlt damit -
    Entsetzt umklammerte Konrad des Alten Arm. Sprich weiter - sprich! rief
er, whrend ein grlicher Verdacht ihn zittern machte. Die kleinen Augen des
Alten leuchteten triumphierend auf. Mit dieser Faust hab' ich ihm das Maul
gestopft, sagte er, und fgte, den gebrechlichen Krper aufrichtend und das
Gesicht in wildem Ha verzogen, fast kreischend hinzu: Kalt gemacht htt' ich
ihn, wenn er noch ein einziges Wort gesagt htte.
    Konrad verstummte. Er wollte nichts mehr hren - nichts. Mit seinen eigenen
Augen mute er sich berzeugen.
    Als er dem roten Saale nher kam, tnte ihm das laute Geschwtz der
Amerikaner schon entgegen. Mi Maud hob die goldene Lorgnette an ihre hellen
blauen Augen, als er eintrat. Er verbeugte sich steif. Norina sa sehr gerade
auf einem der kleinen dnnbeinigen Sthlchen, die so gar nicht fr ihre stolze
Gre paten. Man fhlte frmlich die Distanz, die sie zwischen sich und ihren
Gsten aufrecht erhielt. Die kleine Amerikanerin streckte ihm die Hand entgegen
und begann mit ihrer hellen modulationslosen Stimme erregt auf ihn einzureden.
Sie wollte wissen, ob er auch im Bargello die entzckenden Putten Donatellos
gesehen habe und im Palazzo Pitti das furchtbar interessante Bildnis Luigi
Cornaros; dann frug sie ihn unvermittelt, ob es wahr wre, da er eine wirkliche
alte deutsche Ritterburg bese, und ri die runden Augen vor Entzcken ber
seine bejahende Antwort noch weiter auf.
    Konrad bemerkte, wie Carlo Savelli unruhig wurde. Ach so, - er hatte vllig
vergessen, da er dem Vetter seine Hilfe versprochen hatte!
    Kann man Ihre Burg besichtigen? forschte Mi Maud, rot vor Eifer.
    Sie ist fr Fremde nicht zugnglich, antwortete er schroff, sich im
stillen ber den Grad der Unhflichkeit wundernd, den er sich abgentigt hatte.
Carlos dankbarer Blick traf ihn zugleich mit einem Aufleuchten aus Norinas
dunklen Augen. Er zwang sich dazu, es nicht zu bemerken.
    Die Amerikaner rsteten zum Aufbruch.
    Sie haben mir versprochen, Graf Savelli, uns Ihren Palazzo zu zeigen,
erklrte Mi Maud.
    Es ist wenig an ihm zu sehen, sagte Norina, sich erhebend.
    Und wohl auch schon zu dunkel, fgte Konrad rasch hinzu, der ihre
Empfindung verstand.
    Oh, ich habe gute Augen, meinte die Amerikanerin, und - dabei traf ein
langer koketter Blick den jungen Grafen, dem die Freude darber das Antlitz
dunkler frbte - ich liebe es so sehr, mit meiner Phantasie so wundervolle
Rume einzurichten.
    Schon ffnete Carlo Savelli die Tre.
    Du gestattest wohl, da ich euch hier zurckerwarte, sagte Norina kalt
und, zu Konrad gewendet, mit sprechender Bitte in den Augen: Sie wissen ja auch
Bescheid -
    In diesem Augenblick erschien Battisto. Sein Mund war geschwollen. Er rumte
Teller und Glser fort. Norina wrdigte ihn keines Blicks. Eine Empfindung
tiefster Beschmung ergriff Konrad. Wie hatte er sie auch nur mit einem leisen
Gedanken verdchtigen knnen! -
    Die Amerikanerin war wie ein Wirbelwind. Sie ffnete eigenmchtig alle
Tren. Wohlttiges Dmmerlicht verhllte, was des Verhllens wert war, und lie
die Rume selbst nur noch gewaltiger erscheinen, so da Mi Maud ihr
zwitscherndes Wundervoll! nicht oft genug wiederholen konnte. Mrs.
Vanrosendahl uerte sich kaum; nur einmal sagte sie zu Konrad: Mit einigen
tausend Dollars liee sich hier eine frstliche Umgebung schaffen.
    Ihre Tochter durchstberte indessen alle Winkel. Ehe Graf Savelli hindernd
dazwischenspringen konnte, hatte sie eine weitere Tr aufgerissen. Helles Licht
strmte in den Flur.
    Meiner Schwester Zimmer, sagte der Graf in sichtlicher Verlegenheit.
    Konrad htte sich am liebsten rcksichtslos den Eingang wehrend in den
Rahmen der Tr gestellt. Aber schon tnte ihm Mi Mauds Ah und Oh entgegen.
Er war gentigt, so sehr er sich davor scheute, sich umzusehen.
    Es war kein Zimmer. Es war ein Atelier. Kopien alter Meister hingen an den
hellen Wnden, stets dasselbe Motiv in seinen hundert Variationen - die Madonna
mit dem Kinde - wiederholend, Skizzen italienischer Landschaften, mit einem Mut
zur Farbe gemalt, wie er Frauen sonst zu fehlen pflegt, lagen auf schweren,
alten Renaissancetischen, oder lehnten in den verblichenen Seidenbezgen hoher,
in ihrem Holz vom Alter schwarz gewordener Sthle. Was aber dem Raum seinen
eigentlichen Charakter verlieh, ihn wie einen Mrchengarten erscheinen lie, den
zu betreten nur Berufenen erlaubt sein drfte, - Konrad empfand sein Hiersein
wie eine Entweihung, und das der Amerikaner fast wie ein Sakrileg - das war die
Flle der Blumen: Aus hohen Vasen und breiten Tontpfen wuchsen sie empor, von
Konsolen und Regalen rankten sie sich hinunter, mit ihren Dften und ihren
Farben die ganze Luft erfllend.
    Selbst das schwatzhafte Mdchen fand minutenlang keine Worte, bis sie dicht
ans Fenster vor die Staffelei trat, die eben erst verlassen zu sein schien.
    Sieh nur, Mutter, sieh, schrie sie auf, das ist ja fast derselbe Stoff,
den wir heute morgen im Palazzo Strozzi gekauft haben!
    Konrad sah, wie Savelli erblate und die Zhne in die Unterlippe grub. Er
trat nher: wie Mondlicht schimmernde Seide war ber die Leisten gespannt, und
Blumen voll farbenglhenden Lebens hatte der Pinsel eines groen Knstlers
darauf geworfen. Konrad erschrak, war aber rasch wieder Herr seiner selbst.
    Er lchelte die beiden Damen an und sagte: So wissen Sie noch nicht, da
die Florentiner Modedamen, soweit sie nur den Pinsel fhren knnen, es als eine
Eitelkeitspflicht betrachten, sich die Stoffe ihrer Soireetoiletten selbst zu
malen? Man versteckt dabei sorgfltig das gewhlte Muster vor den Augen der
Freundinnen, um vor jeder Kopie sicher zu sein.
    Oh, ich verstehe, ich verstehe! rief Mi Maud, in die Hnde klatschend,
das mu ich auch lernen - gleich! -, Graf Savelli, Sie werden mir die Adresse
eines Lehrers verschaffen - heute noch!
    Mit einem erlsten Aufatmen versprach er es.
    Aber Sie mssen eine Bedingung stellen, lieber Vetter, wandte sich Konrad
scheinbar scherzend an ihn, da die Damen von ihrem heimlichen Einbruch in das
Atelier der Frau Marchesa nichts verraten. Sie wrde sicher untrstlich sein.
    Mi Mauds Gesicht berzog ein tiefes Rot, und mit dem Ausdruck eines
gescholtenen Kindes, das in seiner Natrlichkeit viele seiner Taktlosigkeiten
vergessen lie, schnitt sie des Grafen Antwort ab, indem sie hastig
hervorsprudelte: Ich wollte Sie gerade um dasselbe bitten. Es ist meine Schuld,
durchaus meine Schuld, wenn wir hier eindrangen. Die Frau Marchesa wrde mich,
erfhre sie es, noch weniger leiden knnen, und das wre mir sehr, sehr
unangenehm.
    Konrad empfand, wie ein Gefhl von Freude sein Herz erwrmte: so hatte er
Norina doch ein wenig schtzen knnen!
    Am nchsten Tage kaufte er, was an gemalter Seide noch zu haben war - er
erkannte auf den ersten Blick Norinas Kunst - und betrachtete dabei mit einer
Empfindung, die zwischen Trauer und Staunen hin und her schwankte, die
wundervollen Sle des Palazzo Strozzi: Ein Schlo fr ein Geschlecht geborener
Herrscher, die den Raum verschwenden durften wie die Wlder der Apenninen, deren
Stmme einst in diesen Kaminen glhten, um ihre Fe zu wrmen. Und jetzt?!
Angefllt mit kostbarem Hausrat der Vter, aus allen Adelspalsten Italiens
zusammengetragen und fr fremde Emporkmmlinge zum Kauf gestellt!
    Mgen sie es eintauschen fr blanke Mnzen, dachte er, von einem
vorbergehenden Gefhl mder Ergebung in das Unvermeidliche beherrscht, mgen
sie! Niemals werden sie besitzen, was sich nur besitzen lt, wenn es mit der
Erinnerung der Generationen verwuchs.
    Kurze Zeit spter sah er die goldene Schlange mit den roten Augen wieder am
Arme Norinas.
    Er hatte tagelang vermieden, sie allein zu sehen; zuweilen, wenn er frh
fortging und abends wiederkam, sah er sie berhaupt nicht. Auch sie ging ihm
sichtlich aus dem Wege; und immer wieder, vor allem dann wenn der alte Graf
besonders freundlich war, hatte sie Momente einer fast abstoenden Klte. In ihm
aber wuchs ein Gefhl, wie er es in seiner Zwiespltigkeit selbst nicht
verstand: sie erschien ihm fremd und fern - ganz fern, und doch so vertraut, als
wre ihre stolze Seele ein Gef von Kristall; und ihr zu dienen hatte er das
Bedrfnis, so wie der Ritter in Kampf und Turnier die Farben seiner Dame trgt,
die jeder unedle Gedanke, jede feige Tat beschmutzen, als wren sie seine Ehre;
dabei wurde sein Wunsch immer strker, so da er die Gewalt imperatorischen
Willens annahm, ihr ein Beschtzer zu sein, eine Mauer um sie zu bauen, wie der
Rosenzchter um seinen Garten, und allem zu wehren, das ihr Schaden zu tun
vermchte. Sie identifizierte sich ihm tglich mehr mit der Stadt, um die er auf
allen seinen Wegen warb; nicht, um sie in ihrer Krperlichkeit zu besitzen -
welch wahnwitzig trichter Gedanke! -, sondern um sie in sich aufzunehmen, eins
zu werden mit ihrem Geiste, - einem Geiste, der ihm mehr und mehr der des Lebens
zu sein schien, das er auch in den Zeiten tiefster Verirrung nie aufgehrt hatte
zu suchen.
    Eines Abends - sie waren seit langem zum erstenmal allein miteinander,
Norinas Vater, allmhlich zu den alten Gewohnheiten zurckkehrend, die er des
Gastes wegen geglaubt hatte, aufgeben zu mssen, war in seinem Klub, Carlo
begleitete die Amerikaner auf einer Autofahrt - begann er, von seiner Eroberung
von Florenz, wie er es lchelnd bezeichnete, zu erzhlen. Sie hrte aufmerksam
zu, in den schn gebauten, schlanken Hnden, die ihr Wesen konzentriert zum
Ausdruck brachten, - seinen Stolz und seine Vornehmheit, seine Zartheit und
seine Kraft -, eine jener kunstvoll feinen Spitzenarbeiten, die heute fast nur
noch aus den schwindschtigen Fingern unglcklicher Heimarbeiterinnen
hervorgehen.
    Wie schn es ist, dachte er, sich mit dem Gefhl einer Stille, die Krper
und Seele umgab, in den Stuhl zurcklehnend, vor einer Frau zu sitzen, die
zuhrt, whrend ihre weien Hnde sich rhythmisch bewegen.
    Als er vom Suchen des Lebens ein flchtiges Wort fallen lie, sank ihr die
Arbeit in den Scho, und sie sah nachdenklich auf.
    Wenn ich glauben werde, da ich zu leben gelernt habe, werde ich zu sterben
gelernt haben, erklrte Leonardo einmal, sagte sie langsam. In diesem Suchen
besteht wohl das Leben, und nur wer nicht sucht, lebt nicht.
    Dann zog sie wieder die dnne Nadel durch die Fden und schwieg. Auch er
verstummte. Neben Norina zu verstummen, ist ein Genu, ging es ihm durch den
Sinn; Schweigen wirkt nicht wie lhmender Druck, sondern wie inneres, weit
intimeres Weiterreden.
    Waren Sie schon in der Mediceerkapelle? frug sie.
    Peinlich berhrt sah er auf; das klang ja doch wie - Konversation.
    Wiederholt, entgegnete er, aber auch dort fhle ich nur Rtsel. Tag und
Nacht, Abend und Morgen, welch triviale Bezeichnungen fr Sphinxe.
    Also auch Sie empfinden sie als solche? meinte sie erfreut und fgte ein
wenig zgernd, mit einem leise aufsteigenden Rot in den Wangen hinzu: Sie
lehren vieles vom Leben, wie ja auch die Sphinx der griechischen Sage das Rtsel
des Lebens lsen wollte. Ich mchte, falls es Ihnen recht ist, einmal mit Ihnen
hingehen.
    Mit einer Freude, die zu zeigen er sich nicht scheute, nahm er ihren
Vorschlag an, und freier, rckhaltloser, als wre eine Schranke gefallen
zwischen ihnen, sprach er sich aus ber alles, was er gesehen und empfunden
hatte. Ihre Augen begannen zu leuchten, die Arbeit lag vergessen auf dem kleinen
Tisch.
    Sie sind ja einer, der erlebt, was er sieht! sagte sie freudig berrascht.
    Dann erzhlte er, langsam und mit umwlktem Blick, von der
Studentenversammlung und dem Ha, der ihm allzu fhlbar aus ihr
entgegengeschlagen war. Sie runzelte die Stirn: sterreich ist unbeliebt,
meinte sie; wir haben zu sehr, besonders hier in Toskana, unter seiner
Herrschaft gelitten. Traditionelle Antipathien sind nicht leicht auszurotten.
    Italien ist sterreichs Bundesgenosse wie der unsere, warf er ernsthaft
ein; ich verstehe nicht, wie Staat und Stadt solche Aufreizungen zur
Treulosigkeit, die im Grunde schon Treubruch sind, dulden knnen.
    Norina lchelte ihn an, halb nachsichtig, halb belustigt: Wie deutsch Sie
sind! Mu man jugendliche berschwenglichkeiten so tragisch nehmen?! Unsere
Regierenden wissen, da man unserem Volk wie den Kindern billiges Spielzeug
lassen mu, damit sie nicht, um sich die Zeit zu vertreiben, als Unreife nach
ernsteren Dingen greifen. Freilich, fgte sie nachdenklicher werdend hinzu,
gibt es Leute, die meinen, da auch dies Spiel den Kindern schon bezahlt wird.
Doch ich glaub' es nicht, will es nicht glauben!
    Schon vom nchsten Morgen an gingen sie miteinander aus. Norina war die
Fhrende. Ich will Ihnen zeigen, was mir das Liebste und Tiefste ist, hatte
sie gesagt, ehe sie das Haus verlieen. Giovannis altes Gesicht prete sich an
die Scheiben des Kchenfensters, als sie die Steintreppe in den Hof hinunter
gingen. Sie bemerkten ihn nicht.
    Norina fhrte durch die Museen nicht wie eine Lehrende, die etwa Epochen
historisch zusammenfat, auch nicht wie ein Kunstliebhaber, der in jedem Saal
seine Lieblinge vorweist. Sie zeigte vereint, was sich ihr innerlich durch
Fhlen und Erleben verknpfte. Daher kam es, da sie hufig, nur um eines
einzigen Bildes willen, von einem Museum zum anderen gingen.
    Man hat meine Art einmal als echt weiblich bezeichnet, sagte sie lchelnd,
und eine Freundin von mir meinte, ich msse mich dadurch beleidigt fhlen. Als
ob es nicht gerade das Schnste wre, zu sein, was man ist. Das Elend so vieler
Frauen besteht doch gerade darin, da sie es nicht sein drfen.
    Sie standen im Botticellisaal der Uffizien.
    Kein Knstler hat Seligkeit und Tragik des Weibes so tief empfunden, wie
er, meinte sie. Schauen Sie diese Madonnen; es sind nicht die frommen Mgde
nordischer Knstler - denken Sie nur an den Van der Goes drben! - es sind nicht
die Himmelskniginnen der Alten; es sind Mtter, die das ganze Mutterschicksal
ahnungsvoll vorempfinden - das grliche Schicksal, das ihr Fleisch und Blut
erbarmungslos von ihnen reit. Und nun sehen Sie in das Antlitz dieser den
Fluten eben entsteigenden Gttin der Liebe und der Schnheit: Sie wei, mit dem
Augenblick, da ihr Fu die Erde betritt, wird sie Weib - wird sie Madonna. Und
Schwerter werden durch ihre Seele gehen!
    Sie schwieg und senkte die Lider tief ber die Augen.
    Bald darauf zeigte sie ihm in der Akademie Giottos thronende Mutter Gottes:
Das ist eine Knigin, aber nicht die der Christen, denn Giotto ist, obwohl er
einer der Frmmsten und Glubigsten war, der Antike weit nher als der Kirche.
Diese dort ist nicht Christi Mutter, die erst der Sohn krnt, sie ist Demeter,
die mtterliche Erde selbst, in sich ruhend, durch sich vollendet. Sie mte
nicht ein Kind, sie mte viele auf ihrem breiten Schoe halten.
    Und mit verklrten Zgen sah sie dann zu Botticellis Primavera auf, als ob
sein Frhling in ihr widerstrahle.
    Das ist aber das Hchste, sagte sie leise, und nur wenigen spreche ich
davon. Andere Knstler sehen in keuschen Mdchen die Verkrperung des Lenzes.
Hier streut die Frhlingsgttin ihre Blumen auf den Weg der gesegneten Frau, die
Grazien tanzen vor der werdenden Mutter, und der kleine Liebesgott, dessen Pfeil
sie so tief getroffen, flattert verheiungsvoll vor ihr her.
    Wer sagte Ihnen das? frug Konrad betroffen, dem sich das rtselvolle Bild,
dessen Gestalten ihm so zusammenhanglos erschienen waren, pltzlich in seiner
Herrlichkeit offenbarte.
    Mein Herz, antwortete sie einfach.
    Alles Empfinden schien bei dieser kinderlosen Frau ihrer Mtterlichkeit zu
entspringen.
    Sie sprachen auf dem Heimwege von vielem anderen. Aber bei ihr schienen sich
Gedanken innerlich immer weiter aneinander zu knpfen, denn pltzlich sagte sie
- einen Satz mitten durchbrechend: Glauben Sie, bitte, nicht, da ich so
tricht wre, anzunehmen, ein Knstler, wie Botticelli zum Beispiel, htte in
seine Werke hineingelegt, was ich herauslese. Nein: nur, weil er so reich ist
wie die Natur, so unbewut schaffend wie sie, gibt er wie diese, was wir
brauchen.
    Zwischen Konrad und Norina entstand eine seelische Intimitt, die allmhlich
zu einer gegenseitigen Einfhlung fhrte, deren uerungen ihnen selbst fast
unheimlich erschienen: Der eine setzte unwillkrlich den unausgesprochenen
Gedanken des andern fort oder gab einer Empfindung deutlichen Ausdruck, die sich
dem anderen noch nicht in Worte hatte fassen knnen.
    Aus den Vormittagen, die sie zuerst miteinander zubrachten, wurden lange
Tage. Sie bemerkten nicht mehr, was sie im Anfang noch verletzen, ja gegenseitig
erklten konnte, da der alte Graf sie mit einer gewissen Absichtlichkeit allein
lie, da die Dienstboten ihnen mit vielsagendem Lcheln nachsahen, und da
Giovannis Geist sich mehr und mehr zu verwirren schien.
    Lavinia Norina, murmelte er oft verstrt vor sich hin, Lavinia ist doch
Bambinos Mutter?! Keinen Abend lie er vorbergehen, ohne die Schwelle der
Marchesa zu kssen.
    Sie empfing Konrad schon lngst in ihrem Atelier, statt im roten Saal. Ihre
Seele erschlo sich ihm; aber je tiefer der Einblick war, den sie ihm gewhrte,
desto unergrndlicher erschien sie ihm, und desto sehnschtiger verlangte ihn
danach, sich ganz in sie zu versenken.
    Einmal fand er sie in dsterem Schweigen versunken am Fenster stehen, kaum
den umflorten Blick nach ihm wendend, als er eintrat. Schon wollte er die Tre
wieder hinter sich zuziehen, als sie ihn anrief.
    Bleiben Sie, sagte sie, und in ihrer Stimme lag eine weiche Bitte,
bleiben Sie und helfen Sie mir, Gespenster zu bannen.
    Leiden Sie auch unter Gespenstern? frug er.
    Gespenstern der Vergangenheit - ja! Wer litte nicht unter ihnen?!
entgegnete sie. Dort drben - und sie wies zum jenseitigen Ufer des Arno,
sprang einer ins Wasser um meinetwillen. Dann schwieg sie, die dunklen Augen
starr ins Weite gerichtet und lie es geschehen, da Konrad ihre schlaff
herabhngende Rechte leise zwischen seine Hnde nahm. Vittorio Tendo, fuhr sie
schlielich fort, als sprche sie ins Leere, war mein Spielkamerad und ich sein
erstes Modell, dessen Kopf er berall hinzeichnete - auf die Fliesen im Hof, auf
die Mauer der Strae, auf jeden Fetzen Papier. Er war es aber auch, der mich die
Schnheit meiner Vaterstadt sehen lehrte, der mir zeigte, mit Stift und Farbe
wiederzugeben, was ich sah. Ihre Stimme wurde leise, die Lider senkten sich
ber die Pupillen, als schaue sie nun ganz in sich hinein. Er liebte mich. Und
ich - lie es mir gefallen. Ich spielte. Nicht mit ihm, aber mit meinem eigenen
Gefhl. Denn mich erfllte zu jener Zeit verzehrende Sehnsucht, unnennbar, ohne
Gegenstand, ohne Ziel. Als Vittorios Leidenschaft ihn zu strmischen
Bekenntnissen hinri, empfand ich sie wohlig wie einen Mantel von rotem Samt auf
meinem Krper. Doch als er dann meiner begehrte, warf ich dem Handwerkerssohn
meine ganze Entrstung ins Gesicht. Er sprang in den Arno. Sie seufzte tief
auf, ein mdes Lcheln umspielte flchtig ihre Lippen. Carlo wrde nun spottend
erzhlen, da dieser Selbstmordversuch am hellen Tage an der Uffiziengalerie vor
sich ging, und einer der kleinen Dampfer gerade unten an der Treppe hielt, als
das Wasser ber seinem Kopfe zusammenschlug. Die Rettung war nicht schwer;
vielleicht selbstverstndlich. Trotzdem: ich war aufs tiefste erschttert. Viel
mehr ber das grausame wilde Tier, das ich pltzlich in mir entdeckt hatte, als
ber Vittorios Tat. Ich hate ihn - hate ihn leidenschaftlich, denn er hatte
mich lcherlich gemacht, und wnschte doch nichts mehr, als ihm dienen zu knnen
wie eine Magd, um seiner groen Liebe willen. Ein gut Teil meines kleinen
mtterlichen Erbteils gab ich hin, um ihm die Reise ins Ausland zu ermglichen -
nicht aus Gromut, nicht weil ich ihn als Knstler frdern wollte, wie man
rhrend von mir erzhlte, sondern weil ich seine Gegenwart nicht ertrug.
    Sie strich sich mit beiden Hnden die vollen Scheitel aus der Stirn und sah
Konrad mit einem Blick, der zugleich flehte und forschte, ins Gesicht:
Verstehen Sie das?
    Wir haben Untiefen in uns, antwortete er langsam, die unser lebendiges
Selbst zu verschlingen drohen, wenn -
    Wenn?! wiederholte sie; ihre Augen saugten sich frmlich fest an ihm.
    Wenn -, fuhr er fort, wir nicht den groen Lebensinhalt finden, der alle
Untiefen ausfllt.
    Oder die groe Sehnsucht, unterbrach sie ihn lebhaft, die uns auf weiten
Flgeln ber sie hinwegtrgt.
    Von da an erlaubte sie, was sie ihm bisher verwehrt hatte, da Konrad ihr
Zimmer tglich mit frischen Blumen fllte. In unsrer materialistischen Zeit,
erklrte sie ihr Verhalten, mit man den Wert einer Gabe an ihrem Preis. Ich
habe das nie verstanden. Ich wrde kostbare Edelsteine von einem Fremden eher
annehmen als Blumen.
    Jetzt begannen die Rosen zu blhen. Ganze Stmmchen, berst mit roten und
gelben Knospen, blhten um ihren Stuhl, nickten ihr zu Hupten ber dem Diwan.
Die Madonnen mit ihren lieblichen Knaben wurden zu lauter Madonnen im Rosenhag.
    Wie das Mutterproblem Sie beschftigt, sagte er, als er an einem
regnerischen Nachmittag bei ihr sa und ein Skizzenbuch durchbltterte, das das
Bild der Mutter aus allen Klassen des Volks stets variierte. Lange und forschend
lag ihr jetzt ganz umschattetes Auge auf ihm.
    Auch ich bin einmal Mutter gewesen, kam es dann wie ein zitternder Hauch
von ihren erblaten Lippen.
    O! rief er betroffen, ihre Hand zwischen die seinen pressend; ich wute
nicht! Verzeihen Sie, da ich so Wehes berhrte.
    Mit einem matten Lcheln erwiderte sie seinen Blick.
    Ich habe nichts zu verzeihen, sagte sie, ich habe Ihre Bemerkung fast
provoziert. Und es ist gut, wenn ich einmal auch davon rede. Sie senkte den
Kopf tief auf die Brust - in meinem Leibe starb mein Kind!
    Ohne noch ein Wort miteinander zu wechseln, erwarteten sie zusammen das
letzte Dmmern des Abends.
    Dann stand er auf.
    Norina! sagte er ganz leise. Es war ihr, als lege eine zarte Hand einen
sehr weichen Verband auf eine offene Wunde.

In den nchsten Tagen schien sie krampfhaft jede Anknpfung an ihr Gestndnis
unmglich machen zu wollen. Mit fieberhaftem Eifer betrieb sie ihre Wanderungen
und vermied es dabei, irgend etwas zu berhren, das eine Erinnerung daran
hervorrufen knnte. Erst als ihr deutlich wurde, da er sie darin untersttzte,
kehrte ihre schne Ruhe voll zurck.
    Heute, rief sie ihm entgegen, als er an einem klaren Maimorgen ins Zimmer
trat, heute wollen wir nach San Lorenzo.
    Ein kaltes, blasses Licht herrschte in der Mediceerkapelle, als sie
eintraten. Unwillkrlich berkam sie beide, die wohltuende Wrme hinter sich
lieen, gleichzeitig ein Klteschauer.
    Alle Hhen sind eisig, meinte er. Die Erinnerung an die Totenfahrt ber
die Berge packte ihn wieder.
    Darum verstehen wir sie so schwer, die wir alle in der Tiefe wohnen,
ergnzte sie. Sie traten vor Lorenzos Grabmal.
    Hier, sagten Sie einmal, seien die Rtsel des Lebens verborgen? frug er.
    Sie nickte nur, die Augen gro auf den ruhenden Giganten geheftet, der mit
dem weiten Blick in die Ewigkeit selbst zu schauen scheint, whrend der Mund wie
in einer Maske verschlossen liegt.
    Und Sie - ahnen die Lsung?
    Sie schttelte heftig den Kopf und schaute zu der Gefhrtin des Giganten auf
der anderen Seite des Sarkophags empor, die mit tief gesenktem Haupt, so da das
Antlitz ganz im Schatten liegt, vom Schlummer umfangen ist.
    Ich sehe nur, da jene dort, sagte sie leise, die sie die Nacht nennen,
die vollen Brste der Sugenden hat, und da ihr wunderbarer Krper die Zeichen
vieler Mutterwehen trgt; und ihr tifer, tiefer Schlaf voll der unergrndlichen
Geheimnisse der Fruchtbarkeit ist. Alles, alles Leben, glaub' ich, kommt aus der
Tiefe des Schlafs, des Nichtwissens. Pero non mi destar, deh! parla basso, wrde
sie sagen, wie ihr Meister, wenn einer sie wecken knnte. Und ich sehe, da
jener dort, ihr zur Seite, unter dessen Simsonfusten dieses Heiligtum
einstrzen mte, erhbe er sich, von aller Erkenntnis gesttigt ist und nicht
sagen kann, was er sieht.
    Schwatzende Menschen kamen, darunter ein Bebrillter, der zu dozieren begann.
Norinas Finger, die fieberhaft glhten, umfaten Konrads Hand und zogen ihn
hinaus.
    So bliebe alles Letzte, alles, wonach unsere heieste Sehnsucht strebt,
Geheimnis? sagte er, als sie drauen im engen Gange standen. Sie sah ihn an und
erstaunte, wie bei der Frage seine Zge erschlafften.
    Und sie entgegnete langsam:
    Ich wei nichts von philosophischen Systemen, ich kenne keine andere
Religion als die meine, mein Denken ist nur ein Fhlen, und so fhle ich auch
nur, da die Tiefe des Geheimnisses gerade seine Schnheit ist. Nur in Bildern
und Symbolen nhern wir uns ihm. Das Warum war fr Michelangelo eine drre,
durch dichte Finsternis tastende Gestalt, mit vielen Schlsseln am Grtel, von
denen keiner in das Schlo pat.
    Sie gingen die breite Treppe hinab in die Krypta von San Lorenzo.
    Eine ungeheure, gedrungene Sule erhebt sich in ihrer Mitte, atlashaft.
    Cosimo der Alte liegt hier begraben, erklrte Norina, der Vater des
Vaterlandes.
    Der Vater des Vaterlandes -, wiederholte Konrad gedankenvoll.
    Er wollte kein anderes Grabmal, sagte sie.
    Aus ihm wuchs der florentinische Staat empor, er trug ihn, Schpfer und
Diener zugleich, sprach Konrad wie zu sich selber redend weiter; er ist nur
noch Asche in seiner Gruft, aber die Sule steht. Der Staat zerstubte, aber
sein Geist erfllt eine Welt.
    Als sie an diesem Tage nach Hause kamen, lag ein so heller Glanz auf ihren
Gesichtern, da die Dienstboten im Souterrain kichernd die Kpfe
zusammensteckten und der alte Graf sich befriedigt die Hnde rieb.
    Giovanni aber schlich Norina nach und pochte an ihrem Zimmer. Da stand er
lange vor ihr, verlegen stotternd, mit einem flehenden Blick, den er auf ihre
Zge heftete. Es bedurfte eines langen freundlichen Zuredens, ehe er ein paar
zusammenhanglose Worte ber die Lippen brachte.
    Schon einmal blutete Giovanni fr Monna Lavinia, sagte er und verstummte
minutenlang wieder.
    Pltzlich warf er sich, ihre Knie leidenschaftlich umklammernd, ihr zu Fen
und schrie: Die Wolken streichen kalt um den Turm von Hochse, und graue
Fledermuse flattern statt der Vgel, - die Fruleins aber haben den bsen Blick
-
    Es durchlief sie ein Zittern. Sie knnen bei uns bleiben, Giovanni, sagte
sie, sich sanft aus seiner Umklammerung lsend.
    Sie - Sie sagt Monna Lavinia zu dem Seiltnzer - Sie?! Er erhob sich, sah
Norina gro an, machte eine linkische Verbeugung und bat mit ganz vernderter
ruhiger Stimme: Verzeihung, Frau Marchesa! Dann ging er.
    Am Nachmittag kehrte Carlo Savelli zurck, schon von weitem durch seinen
lachenden Mund verkndend, da er seinem Ziele nahe sei.
    Maud und ich sind einig, erzhlte er glckstrahlend, in den nchsten
Tagen wird Mister Vanrosendahl erwartet, und dann -
    Wirst du am Ziel deiner Wnsche sein, unterbrach ihn Norina schroff, und
einen Schwiegervater haben, der deine Schulden bezahlt.
    Carlos Augen blitzten. Und unser Geschlecht vor dem Untergange retten,
entgegnete er, das solltest du, die Stolze, nicht vergessen.
    Lieber untergehen, als sich mit solchem Blute mischen, rief sie heftig.
    Aber Frau Marchesa, mischte sich Konrad begtigend ein, doch sie lie ihn
nicht weitersprechen.
    Haben Sie vielleicht schon gesehen, was aus solchen Ehen entsteht? brauste
sie auf. Das Bauern-und Proletarier- und Protzenblut triumphiert ber das
unsere! Die Kinder sind keine Italiener mehr, sondern Amerikaner. Und wenn sie
es vielleicht im Aussehen nicht sind, so in den Lebensgewohnheiten, in der
Gesinnung -
    Sie lie sich nicht beruhigen, am wenigsten dadurch, da Konrad von der
welthistorischen Notwendigkeit allmhlicher Volkserneuerungen sprach.
    Sehen Sie sich um bei uns, sagte sie. Wert hat allmhlich nur noch, was
sich kaufen lt. Das erzieht unser ritterliches Volk zu Betrgern. Der Bauer
lernte schon, sein armseliges Haus als einstige Mediceervilla anzupreisen, weil
es dann teurer bezahlt wird, und jeder kleine Graf stammt mindestens von den
Gonzagas ab, - das bringt ihm eine um ein paar Millionen schwerere Mi ein.
    Sie sind sehr hart, meinte Konrad, er stimmte ihr innerlich zu, glaubte
aber die Erregte beruhigen zu mssen.
    So hart, wie nur die tiefste Liebe machen kann, entgegnete sie leise, um
dann in steigender Leidenschaft fortzufahren: Das sind noch verhltnismig
kleine Fehler. Aber die Korruption des Amerikanismus - ich habe keine andere
Bezeichnung fr den Geist, der umgeht - greift um sich verderblicher als der
schwarze Tod. Nicht nur die Campagna versumpft, zu einem dland wird der ganze
Sden, denn der Edelmann jagt in der Stadt nach der guten Partie, und hat er sie
erobert, so verlangt die fremde Frau, fr die dieses Land nichts ist als ein
Tummelplatz ihrer Vergngungssucht, nur nach weiteren Amsements; und den Bauer
zieht's in die Fabrik, wo er mehr verdient und die Kneipe nher hat, als auf der
harten, schwarzen Scholle. So tauscht man gegen die ekelhafte, durch Millionen
schmutziger Hnde gegangene Mnze die Liebe zum Vaterlande ein und schlielich
auch - die Gesinnung.
    Sie verstummte. Und die Rettung? frug Konrad.
    Vielleicht ein groes Unglck - etwas, das sich zwischen uns und der Fremde
aufrichten mte wie eine unbersteigliche Mauer, damit wir einmal ganz auf uns
selber angewiesen sind, sagte sie. Beide schwiegen gesenkten Hauptes. Dann sah
sie auf mit einem weichen Lcheln. Ich bin kein Politiker, kein
Nationalkonom, sagte sie mit einem bittenden Tonfall, als msse sie sich
entschuldigen, nur eine Frau! Nur eine Frau! wiederholte Konrad und zog ihre
Hand ehrerbietig an die Lippen.
    Die Verlobung fand statt; mit lautem Spektakel, - wie das Narrenvorspiel zu
einer Tragdie, flsterte Norina Konrad zu.
    Des alten Vanrosendahls wuchtige Schritte klangen das erstemal auf den
Steinstufen des Palazzos. Er kam nicht mit der verlegenen Scheu des
Nichtdazugehrigen, noch mit der Ehrerbietung des Emporkmmlings gegenber dem
alten Adel, sondern mit der Selbstverstndlichkeit des Eroberers. Die kurze
Gestalt, der Stiernacken, die niedrige Stirn, die breiten Hnde mit den
abgehackten Fingerkuppen, - alles deutete auf den Mann der harten Arbeit. Jede
Sentimentalitt lag ihm fern und ebenso seiner Tochter. Kein Tag verging ohne
lrmende Feste im Hotel, im Palazzo, bei den knftigen Verwandten; in der
Zwischenzeit bestimmten Vater und Tochter khl und geschftsmig ber die Rume
des alten Hauses, ihren Umbau, ihre Einrichtung, als wren sie kraft des Geldes,
das sie hineinsteckten, auch seine rechtmigen Besitzer. Es gehrte fr Norina
alle Verstellung und Selbstberwindung dazu, um die Situation ertragen zu
knnen. Immer hufiger und lnger zog sie sich in ihre Rume zurck.
    Konrad fand sie einmal gegen ihre sonstige Gewohnheit unttig im Sessel
zurckgelehnt mit rot umrnderten Augen.
    Sie haben geweint, Norina, sagte er erschttert.
    Mde neigte sie den Kopf.
    Ich gebe mein Leben darum, Ihnen helfen zu knnen -, seine Stimme bebte in
unterdrckter Leidenschaft.
    Sie schien ihn zu berhren, denn sie sprang auf, ging zum Fenster und
umfate mit einem langen Blick das Bild, das sich ihr bot: unter ihr der grne
Flu, der in feierlicher Ruhe vom Ponte alle Grazie hinberstrmte zum Ponte
Vecchio mit seinen phantastischen Huschen, aus denen bis in die tiefe Nacht die
vielen ber fleiigen Goldarbeiterhnden glhenden Lmpchen leuchteten, und
drben die im Sommersonnenglanz flimmernde Silhouette der Stadt, mit dem
schlanken Glockenturm von Santa Croce, dem zinnengekrnten des Palazzo Vecchio,
den offenen Arkaden der Uffizien. Darber die Wlbung des Himmels, tiefblau und
doch durchscheinend, als msse sich der ganze Weltenraum mit dem Auge
durchdringen lassen.
    Es war wie ein Abschied.
    Aufschluchzend sank sie in den Stuhl zurck.
    Ich ertrag es nicht, ertrag es nicht, flsterte sie zwischen den Zhnen,
whrend ihre Hnde krampfhaft an dem weien Tchlein zerrten, das na von ihren
Trnen war. Sie treiben mich heraus! Wo bleibt mir noch eine Heimat?!
    Konrads Herz klopfte zum Zerspringen, er beugte sich ber sie, denn er htte
laut nicht zu sprechen vermocht:
    
    Ich - ich wte eine Heimat fr Sie, Norina!
    Ihre Trnen versiegten im Augenblick; sie richtete das bis in die Lippen
erblate Antlitz zu ihm auf, ein: O, nicht doch - nicht doch! mhsam
hervorstoend. Ihre Augen waren ganz erfllt von Angst.
    Da zog er die Tre leise hinter sich zu und ging in sein Zimmer. Sein
Zimmer?! dachte er bitter. Schon hatte Mi Maud die Mbel dafr gewhlt. Ihr
Schlafzimmer sollte es werden. Das neue Geschlecht der Savellis, blauugig, mit
derben Knochen, wrde darin das Licht florentinischen Himmels erblicken.
    Die ganze de Kahlheit des Raumes legte sich ihm erkltend aufs Herz. Dort
stand sein Koffer - ob es nicht das beste wre, gleich zu gehen?
    Hochse erwartete die leitende Hand des Herrn.
    Ihm grauste, wenn er an das Schlo seiner Vter dachte, wo niemand ihn
empfangen wrde als die grauen Fruleins.
    Und er konnte nicht fort - konnte nicht! Zu tief hatten Herz und Geist hier
Wurzel geschlagen.
    Er mute sie mit sich nehmen knnen, - auf diesen beiden starken Armen! Sie
unlslich mit sich verbinden: Fiorenza - Norina! Sie zur Mutter seiner Kinder
machen: eines neuen Geschlechts der Hochse, durchglht von dem ewigen Lichte
dieser Stadt.
    Ihre Abwehr war keine Ablehnung, nur berraschung gewesen! Ihre Angst nur
ein Erschrecken! Vielleicht auch ein Erschrecken darber, da die neue Heimat,
die er ihr bot, mit einer Trennung von der alten gleichbedeutend war.
    Er lag die ganze Nacht wach, grbelnd, rechnend, bis er gegen Morgen mit
einem Lcheln auf den Lippen einschlief.
    Sein Entschlu war gefat: Sie sollte die Heimat nicht verlieren.
    Er ging frh aus, ohne zu sagen, wohin, und erzhlte bei Tisch, als wre es
die gleichgltigste Sache der Welt, da er soeben den Palazzo Ritorni gekauft
habe. Erstaunt lie der alte Graf Messer und Gabel sinken, gro und dunkel
ruhten Norinas Augen auf ihm, die kleine Maud dagegen, die eine Trennung von
ihrem Carlo immer weniger aushielt und regelmig zum Lunch aus dem Hotel
herbergelaufen kam, hrte nicht auf, zu lachen und zu kichern.
    Ich bin nun doch einmal zur Hlfte Florentiner, sagte Konrad ruhig, und
brauche darum eigenen Boden unter den Fen.
    Man besprach die Angelegenheit mit grtem Eifer. Nur Norina beteiligte sich
nicht an der Unterhaltung.
    Wir wollten morgen nach Montebuoni, Frau Marchesa, redete Konrad sie an,
als sie sich nach Tisch in der dunkelsten Ecke des roten Saales niedergelassen
hatte.
    Sie berhrte seine Bemerkung. Wie wird der alte Ritorni dieses letzte
Opfer ertragen? frug sie, ganz in der Haltung einer Dame, einem vllig Fremden
gegenber.
    Jedenfalls besser, als wenn er seinen Palazzo morgen den Glubigern htte
berlassen mssen, entgegnete Konrad verletzt und wandte sich ab.
    Sie sprachen an diesem Tage nicht mehr miteinander. Erst am Abend - Konrad
wollte sich mit einer gemessenen Verbeugung eben verabschieden - streckte sie
ihm die Hand entgegen und sagte mit offenem Blick: Nicht wahr, wir gehen morgen
nach Montebuoni?
    Statt aller Antwort drckte er einen langen Ku auf ihre schmale Rechte und
fhlte dabei, wie ihre Pulse klopften.

Es war die zweite Nacht, in der Konrad nicht schlief. Er meinte sogar, noch nie
so wach gewesen zu sein, denn Tageshelle lag auf dem Wege vor ihm.
    Immer wieder sah er nach den Sternen, ob auch keine Wolke sie verdeckte, und
als der Morgen zu grauen begann, frchtete er stets aufs neue, an der Blue des
Himmels zweifeln zu mssen. Und dann, als der erste Sonnenstrahl bis hinab in
die dunkle Tiefe der Strae sprang, konnte er das Wunder kaum fassen. ber
Nacht, so schien es ihm, hatte sich auch der Garten drben verwandelt; das Wei
runder Schneeballen wetteiferte mit dem flieenden Gelb des Goldregens, und
ppig blhende Zweige dunkelroter Rosen fielen furchtlos ber die schwarze
Mauer.
    Er rief Giovanni. Wenn wir fort sind, - die Frau Marchesa und ich, sagte
er, so besorge so viel an Rosen, als du bekommen kannst, mein guter Alter. Ihr
Zimmer soll eine Laube sein, wenn sie heimkehrt.
    So viel der alte Giovanni bekommen kann? wiederholte der, als htte er
nicht recht verstanden. Sieben Rosen fand ich, nur sieben Rosen, - schneeweie.
Die legt' ich Monna Lavinia in die gefalteten Hnde. Jetzt gibt es keine mehr.
    Mitleidig streichelte ihm Konrad den armen Kopf. Er hat heute seinen wirren
Tag, dachte er und ging selbst noch rasch zum Blumenhndler.
    Am frhen Nachmittag - die Luft bebte von der Glut, die sie erfllte -
fuhren sie fort. Sie kamen an der Certosa vorber, wo die weien Mnche in ihren
Zellen wohnen, aus Erkerfenstern die strahlende Ferne betrachten und zwischen
Mauern ihr eigenes kleines Grtchen bestellen oder unter schattenden Kreuzgngen
hin und wieder wandernd, schweigsam meditieren.
    Warum es fr die Mnchszeiten des Lebens, die jeder hat oder haben sollte,
nicht berall solche Zufluchtssttten gibt? sagte Konrad.
    Norina lchelte ihn an: Nicht wahr?! Wie oft schon dachte ich's! Fr
schwangere Frauen baut man schon stille Heime, wo sie ihr grtes Erlebnis in
Ruhe erwarten knnen; warum baut man keine fr Mnner, deren Geist groer
Gedanken und Werke schwanger ist?
    Wir -, er stockte, dunkel errtend und verbesserte sich rasch: Ich knnte
in Hochse einen kleinen Versuch der Art machen.
    Und, fuhr sie fort, freudestrahlend, im Palazzo Ritorni, wenn Sie fern
sind!
    Wir haben so oft Gedanken, die einander ergnzen, meinte er, seine Hand
ganz leise auf die ihre legend, die sie ihm nicht entzog.
    Als wren wir eines Geistes, sagte sie trumerisch.
    In Tavernuzzo, da, wo zwei Wege sich teilen - die breite, alte Rmerstrae,
die um den Monte del Diavola rechts herumfhrt, und der steile Steig, der
geradeaus den Berg emporklimmt - verlieen sie den Wagen.
    Dort mssen wir hinauf, sagte sie. Wie gern und wie gut die Vorfahren
steigen konnten!
    Ohne das langsame bequeme Zickzack - immer gerade drauf los! antwortete er
frhlich, ihr den Arm reichend.
    Eine deutsche Frau wrde wohl Ihre Hilfe nicht annehmen? frug sie, den
Schritt in rhythmischer Bewegung dem seinen anpassend. Ich sah einmal eine
Deutsche, die mit der stolzen Bemerkung selbst ist das Weib ihren Mantel einen
solchen Berg in die Hhe schleppte. Der Italiener neben ihr schmte sich.
    Dann schwiegen sie. Denn hei stand die Sonne ber ihnen. An den Mauern zu
beiden Seiten des Weges liefen, glnzend wie Smaragden, grne Eidechsen; die
Bltter der Olivenbume dahinter waren fast wei im Licht und standen ganz still
in der Luft, als ob ihre Glut sie trge.
    Montebuoni, sagte Norina, Atem schpfend, als sie droben zwischen den eng
aneinander gerckten Husern standen. Sie bogen rechts ein paar Schritte hher,
zur Kirche. Hier, fuhr sie fort, soll die Burg gestanden haben.
    Sie setzten sich auf die niedrige Estrade; aus dem Tale empor leuchtete
Florenz.
    Dort unten liegt sie wieder, die schne Frau, und badet sich in der Sonne;
- die Zauberin, die meine rauhen Vorfahren glaubten erobern zu knnen, und die
sie schlielich zu sich hinabzog, sagte Konrad.
    Sie kennen die Geschichte? frug Norina.
    So recht nicht, meinte er. Und sie begann im Ton der alten Chronik:
    Im Jahre des Herrn 1135 stand hier die starke Feste von Montabuoni, den
Cattani von Buondelmonti zugehrig, seit Urzeiten Herren des Landes, da die Burg
unberwindlich war und die groe Strae der Rmer an ihr vorberfhrte. Die
Florentiner aber, die unten am Flusse wohnten, wollten nicht lnger die
kriegerischen Nachbarn auf dem Berge dulden. Also sammelten sie viel wildes
Kriegsvolk, strmten die Festung, zerstrten ihre Mauern bis auf den Grund und
zwangen die Ritter Cattani von Buondelmonti, zwischen den Brgern zu wohnen. Sie
taten desgleichen mit den anderen Bergfesten ringsumher, und die Gemeine von
Florenz wuchs durch Gewalt. Aber der Tag war nicht ferne, wo sie fr ihre Tat
blutig zahlen mute. Im Jahre des Herrn 1215 ritt Messer Buondelmonti, ein
Nachkomme jenes Besiegten, auf weiem Zelter, angetan in silbergestickte Seide,
aus seinem Palazzo, um eine Edle aus dem Hause Donati zu freien. Am Ponto
Vecchio aber, da, wo die Statue des Kriegsgottes stand, die ein Heiligtum der
heidnischen Florentiner gewesen war, berfielen ihn die Uberti, die Amedei und
Gangalandi, denn er hatte eine ihres Geschlechts verfhrt. Sie rissen ihn vom
Ro, da sein Festgewand voll des Kotes wurde, und erstachen den Wehrlosen mit
vielen Dolchen. Die Edlen und die Brger aber, die den Buondelmonti verwandt,
befreundet und untertan waren, rchten mit neuen Mordtaten seinen Tod. Also
entstand um eines Weibes willen, wie weiland der Trojanische Krieg, der Kampf
der Guelfen und Ghibellinen, und ein Meer von Blut berschwemmte die gute Stadt
von Florenz.
    Konrad hatte die Augen geschlossen, whrend Norina erzhlte. Ich wute das
alles, flsterte er, als sie schwieg; es lebte in mir wie mein Blut - oder ich
hrte es, als meine Seele noch schlief. Alles um ein Weib!
    Er sah Norina an, wie sie dasa, den groen, dunklen Blick suchend in die
Ferne gerichtet, die vollen Lippen zusammengepret, die hohe Stirne ganz glatt
und glnzend in der Sonne - so nah und so fern, so begehrt und so gefrchtet.
    Alles um das Weib, wiederholte er noch einmal.
    Sie gingen durch das Dorf in den jenseitigen schmalen Taleinschnitt hinab,
durch den frhlich pltschernd, wie ein schwatzendes Kind, die Greve fliet. Ein
schwerer Duft von Akazien schlug ihnen entgegen.
    ber die Steinbrcke, die zu wuchtig fr das Flchen schien, fhrte der
Weg. Eine einsame Mhle, in der das Rad stille stand, lag am anderen Ufer. Auf
der kleinen Wiese davor tummelten sich Kinder zwischen rosigen Schweinchen, und
drben, wo der Fupfad zwischen Akazien und schwarzen Piniendchern
weiterfhrte, kletterte eine Herde blkender Schafe den Berg hinauf. Es war, als
gbe es keine Stadt weit und breit, sondern nur friedliche Wildnis.
    Blumen in allen Farben blhten auf dem Rasenhang, um sie tanzten und buhlten
hunderte bunter Schmetterlinge, ihre geflgelten Ebenbilder. Konrad griff nach
einer groen weien Calla, die wie erstaunt aus dem saftigen Grsergrn in das
Gewirr der Zweige emporsah.
    Lassen Sie, wehrte Norina, mir ist, als wren sie alle beseelt.
    Als sie die Hhe erreichten, zeigte sich pltzlich ihnen zur Seite ein
Berghang, berst von blhenden Ginsterbschen. Die Sonne stand darauf und
wandelte alles in funkelndes Gold, whrend der Himmel dahinter sich veilchenblau
wlbte.
    In stummem Staunen standen die beiden Wandernden. Dann sanken sie wortlos in
das weiche Gras. Sie waren wie verzaubert. Bis drben der Glanz erlosch.
    Dann erwachten sie. Und kletterten, die Strae suchend - denn das Sinken der
Sonne erinnerte an den Heimweg - gerade hinauf, wobei Konrad jeden Stein dankbar
grte, weil er ihm den Vorwand bot, Norinas Hand zu umfassen.
    Wir sollten uns strken vor dem Heimweg, meinte er, sobald sie die Strae
erreicht hatten.
    Strken? Wo? lachte sie. Glauben Sie, hier gbe es alle hundert Schritte
ein Wirtshaus?! Da mssen wir schon bis nach Tavernuzze zurck!
    Er sah sich um. Jenseits, auf der hchsten Hhe, entdeckte er Mauerwerk
zwischen Weinspalieren. Und die Kinder, die unten am Wasser mit den rosigen
Schweinchen gespielt hatten, kamen die Strae herauf und bogen um die Mauer in
der Richtung auf jenes versteckte Haus.
    Habt ihr da droben zu trinken? sprach Konrad die kleinen Burschen an. Sie
lachten lustig aus braunen Schelmenaugen. Wir haben Wein, sehr guten Wein,
meinte der lteste stolz und winkte dazu mit den schmutzigen Hndchen.
    Konrad und Norina folgten ihm. Sie kamen an ein Haus mit gewlbter, auf
mchtigen Pfeilern ruhender Loggia. In schweren, dichten Trauben umspannten
ppige Girlanden blauer Glyzinen ihre Bogen; auf der einen Seite fllte sie
hochgetrmt duftendes Heu, um das ein ganzes Hhnervolk gackerte, auf der
anderen sa auf geflochtenem Strohstuhl eine sehr alte, weihaarige Frau mit
einem kleinen, nackten Kinde auf dem Schoe. Als unsere Wandernden, von den
Knaben angekndigt, sich nherten, traten aus der Tre im Hintergrund ein paar
hochgewachsene Weiber, aus dem Garten liefen noch andere Kinder herzu, und
langsam, mit arbeitsmdem Schritt, kamen die Mnner aus dem Stall und von der
Wiese. Einer, der letzte, ein dunkel gebrunter Geselle, trug ber den breiten
Schultern schwere Kupferkessel. Er hob sich im Schreiten in groer Silhouette
vom Abendhimmel ab, der jetzt einem stillen, grnen Meere glich. Sie scharten
sich, wie um ihres Lebens Mittelpunkt, um die Alte, die, whrend die anderen
alle die Fremden grten, mit einer fast abweisenden Wrde ihnen entgegensah.
    Norina aber neigte sich vor ihr.
    Es soll Frauen geben, sagte sie dann zu Konrad, die hhnend davon reden,
da man sie zu einer Gebrmaschine erniedrigen wolle. Was kann ein Weib mehr
erhhen, als am Ende ihres Lebens ihres ganzen Geschlechtes Mutter zu sein?!
    Sie streichelte den Kindern die braunen und schwarzen Kpfchen und sprach
lchelnd mit den Frauen, whrend Konrad vom Bauer erfuhr, da Wein und l,
sieben Eier und ein Laib alten Brotes alles sei, was er im Hause habe. Gern,
so sagte er freundlich, steht es den Gsten zur Verfgung.
    Im Kamin loderte alsbald, von Holzblcken genhrt, ein mchtiges Feuer auf,
am Kesselhaken darber hing die Eisenpfanne, in der in brodelndem l Mehl und
Eier zu kstlichen Kuchen brieten. Die roten und blauen Flammen erleuchteten den
dunklen Raum, tauchten die vielen Gesichter, die sich um die am Tische sitzenden
Fremden reihten, in ihre Glut. Schon lag ein reines Tuch ber der geschwrzten
Platte, als von drauen einer der Knaben hereinlief und einen Strau duftender
Rosen in ihre Mitte stellte. Dann trug der Bauer die groe, strohumflochtene
Flasche herzu, die Mdchen brachten Teller und ungefge eiserne Gabeln und
Messer, und schlielich setzte die Buerin stolz den dampfenden Kuchen vor ihre
Gste.
    Die Flammen im Kamin sanken zusammen. In tiefem Violett, das nur die Sterne
durchbrachen, sah der Himmel durch das einzige kleine Fenster.
    Norina und Konrad hoben die Glser, um ihren Gastgebern zuzutrinken.
    Sie dankten freudig.
    Dann aber fllte der Bauer noch einmal die Becher:
    Madonna segne den Scho der Frau! sagte er feierlich.
    Und Konrad zog, als knnte es nicht anders sein, Norinas Kopf an seine
Schulter und kte sie auf die Stirn.
    Als sie in die Loggia hinaustraten, sa die Greisin noch immer auf ihrem
Sessel. Das Kind auf ihrem Schoe schlief.
    Norina neigte sich abermals tief vor ihr. Deinen Segen, Mutter, bat sie.
    Und die alte Frau hob ihre zitternde, von eines langen Lebens Arbeit rauh
gewordene Rechte und legte sie auf den Scheitel der jungen.
    Noch einen Blick auf das alte Haus, und sie gingen dem Tale zu.
    Die Nacht lag dunkel darin. Aber Miriaden Leuchtkfer wetteiferten mit den
funkelnden Sternen, um sie hell zu machen.
    Wein Weib! flsterte Konrad, ihre Lippen suchend. Nur ganz leise gaben sie
den Druck der seinen zurck.
    Als sie wieder durch die schmale Gasse von Montebuoni kamen und den Aufgang
zur Kirche erreicht hatten, ffnete sich in dem Hause vor ihnen eine Tr.
Chorknaben erschienen, vermummte Gestalten dann mit brennenden Kerzen in den
Hnden, - ein Zug, der kein Ende nahm; und schlielich: ein schwarzer Sarg. -
    Norina erbebte. Konrad aber hatte den Arm fest um sie geschlungen.
    Mein Weib! flsterte er noch einmal. Da schmiegte sie sich an ihn, Schutz
suchend.
    Der Zug verschwand durch die Kirchenpforte. Ihr Weg war wieder frei.
    Aber noch lange tnten die Totenlitaneien ihnen nach.

                                 Achtes Kapitel



   Wie Konrad das Glck und das Ziel zu finden glaubte und wie es entschwand

Vom Domturm zu Bamberg luteten die Glocken, - die kleinen, die eine se, helle
Stimme haben, als sngen pausbckige Englein ber dem Christuskind in der Wiege;
die groe, deren dunkler, tiefer Ton, getragen von den Wellen der Luft und vom
Winde, bis weit ber die Stadt hinaus in Wldern und Wiesen widerklingt wie die
Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit.
    Aus all den vielen engen Straen, die von der Stadt hinauf zum Domplatz
fhren, strmten die Kirchgnger, alte Weiblein, die die Gewohnheit eines langen
Lebens fhrte, schon auf dem Wege den Rosenkranz gedankenlos drehend; junge
Mdchen, sich ihres weien Kleides freuend, das fr sie des Festtags frohes
Zeichen und wichtigstes Ereignis war; wrdige Mnner, fr die diese Teilnahme an
der Sonntagsmorgenandacht einen stets erneuten Beweis fr ihre staatserhaltende
Gesinnung bedeutete; dazwischen Kinder und Soldaten, die dem Befehle gehorchten,
whrend ihre Gedanken auf den Spielpltzen und in den Wirtsstuben waren.
    Sie gingen alle mit gesenktem Kopf; erfllt von ihren Werktagssorgen, die
nur hier und da auf jungen Gesichtern eine kleine, dnne Sonntagshoffnung
verklrte. So kamen sie ber die Regnitzbrcke, die einst eine kraftvolle
Brgerschaft khn ber den Flu gespannt hatte, in dessen Mitte, eine stolze
Trutzwehr wider die befestigte Domburg droben, sie ihr Rathaus als ein
uneinnehmbares Wasserschlo auf Pfahlroste setzten. Kein dankbarer, kein
bewundernder Blick sah zu ihm auf, keiner verlor sich nach drben zu den
winkeligen Fischerhusern am Flu mit den braunen Booten davor, ber denen
zwischen hohen Stangen die Netze trockneten. Niemand blieb in der schmalen Gasse
stehen, um sich in die Terrassengrten zu trumen, die hinter den Mauern und
Balustraden am Stephansberg aufwrts steigen, oder staunend an dem alten
Patrizierhaus daneben empor zu schauen, dessen Masse eines Knstlers reiche
Phantasie aufgelst hatte in ein Gewoge von Ranken und Muscheln und bewegten
Gestalten. Und keiner der Kirchgnger dachte daran, angesichts seines Ziels, des
hohen, viertrmigen Domes, auch nur einmal den Kopf zu wenden, um, rckwrts
blickend, ber die zackigen Giebel und Trme der Stadt hinweg seine Gedanken zu
den waldigen Hhen drben wandern zu lassen, die in leichter Wellenbewegung den
Horizont begrenzten. Sah sich einer oder der andere um, so reichte Blick und
Gedanke nicht weiter als bis zum Kleide oder bis zum Hute der Nachbarin oder zum
neuen Ordensband im Knopfloch des nchsten.
    Nur zwei, die mitten unter ihnen desselben Weges gingen, trugen das Haupt
erhoben, die Augen offen, um allen Zauber ringsum in sich aufzunehmen.
    Fremde! meinte ein wenig geringschtzig, wer ihr Stehenbleiben, ihre
Freude, ihr Staunen bemerkte. Wer mte sich solcher Gefhlsuerungen nicht
schmen, wenn es ein Einheimischer wre! Sich niemals verwundern, ist das
eigentliche Kennzeichen kleinbrgerlicher Bildung.
    Konrad Hochse aber war kein Fremder. Er kannte hier jeden heimlichen
Winkel, jede verborgene Gasse, jeden altertmlichen Hof, und er fhrte Norina,
seine junge Frau, in alles ein, was ihm heimatlich war, da es auch ihr eine
Heimat werden mchte.

Seit der stillen Trauung in Florenz waren sie langsam, berall auf dem Wege
Tage, selbst Wochen weilend, nordwrts gezogen. Von Carlo Savellis lrmendem
Hochzeitsfest hatten sie Nachricht erhalten, als sie angesichts der Dolomiten
hoch oben auf weichem Bergmoosteppich, unter hellgrnen Lrchen den Sommer
vertrumten. Nur ganz flchtig hatte sich dabei Norinas Stirn in finstere Falten
geschoben. War es das Glck, in das Konrads Liebe sie hllte wie in einen
Panzer, waren es die weileuchtenden oder rotglhenden Felsentrme, die sich
zwischen sie und die Heimat geschoben hatten? - Sie wute nicht, was es war, sie
fhlte nur, da kein Weh sie mehr berhrte.
    Am stillen, westlichen Ufer des Tegernsees, diesem lieblichsten unter allen
Seen Bayerns, in dessen hellem, blauem Spiegel die Gebirgslandschaft zu einer
Idylle wird, hatten sie zuletzt viele Wochen zugebracht, ganz glcklich, ohne
jede Berhrung mit der Welt nur sich selbst leben zu knnen. Von da aus war
Konrad einmal allein nach Hochse gefahren, um zum Empfang der Herrin alles
vorzubereiten. Dabei hatte er auch durchgesetzt, da die Tanten in den seit dem
Fortzug der freiherrlichen Familie leergebliebenen Eckartshof hinunterzogen.
Obwohl ihnen nunmehr ein ganzes Haus allein zur Verfgung stand, fhlten und
gebrdeten sie sich doch wie gewaltsam Vertriebene: Sie, die auf Hochse
Geborenen, muten der Fremden - wieder einer Fremden, wieder einer Katholikin! -
weichen. Es konnte nicht ausbleiben, da hinter Konrads Rcken die ganze
Nachbarschaft gegen ihn und seine Frau Partei nahm. Er empfand davon nichts,
denn die kurze Zeit, die er in Hochse blieb, war mit berlegungen und
Anordnungen fr eine Norinas wrdige Einrichtung des Schlosses ganz ausgefllt
gewesen, und lie seine Ttigkeit ihm Stunden der Mue, so waren Gedanken und
Gefhle so ganz bei ihr, da er alles um sich her verga. Die Tage der ersten
Trennung zeigten ihm, was er bis dahin nicht gewut hatte: da sein Glauben ein
Glauben an Norina, sein Leben ein Leben in ihr geworden war; da seine Sehnsucht
sie - nur sie - immer suchen wrde. Sie war nicht wie andere Frauen, deren erste
Hingabe eine Preisgabe ist, die dem Manne allzu rasch nichts mehr zu wnschen,
nichts mehr zu entrtseln brig lassen; sie mute stets aufs neue erobert
werden; um ihren Besitz wrde er immer ringen mssen. Ihrer Ehe drohte nicht die
Gefahr, jene Alltagsgewohnheit zu werden.
    Um einen Tag frher, als Norina erwartet hatte - jede weitere Stunde fern
von ihr dnkte ihm wie ein Raub an seinem Leben - war er zurckgefahren. Und als
er spt am Abend wieder in Tegernsee angekommen war, hatte er geglaubt, sein
Herz msse zerspringen vor Freude: drben ber dem Wasser, mit dessen kleinen
Wellchen die letzten Sonnenstrahlen schkerten, entdeckten seine scharfen Augen
das Huschen, und in dem Huschen wute er sie, sein Weib!
    Sie mute seine Heimkehr geahnt haben; mit einem jubelnden: Ich wute, da
du kommen wrdest, kommen mutest! war sie ihm in die offenen Arme geflogen.
Noch nie hatte er sie jubeln hren, noch nie war sie so zrtlich gewesen! Als
ringsum alles schlief, auch die vielen Lichter des jenseitigen Ufers erloschen
waren, und nichts vom Leben Zeugnis gab als das kichernde Pltschern der Wellen,
hatte sie sich an ihn geschmiegt, ganz dicht - wie damals in Montebuoni, als der
Schreck sie Schutz suchen lie bei ihm, - und wie ein Hauch war es ber ihre
Lippen gekommen: Mutter werd' ich sein - Mutter!
    Von da an ging sie umher wie eine, die eine unsichtbare Krone trgt. Nichts
vermochte mehr das se Lcheln um ihren Mund zu verscheuchen, nicht einmal Maud
Savellis Brief, der ihren baldigen Besuch ankndigte. Ihre Abreise nach Hochse
konnte sie nicht mehr erwarten.
    Unter dem Eindruck der Heimat soll mein Kind sich entwickeln, hatte sie zu
Konrad gesagt, ihre Wange schmeichelnd an die seine lehnend. Denn sie war
zrtlich zu ihm geworden - weich und zrtlich und von einem so lebendigen Eifer
beseelt, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen, da er nur immer Mhe hatte,
ihrem Dienenwollen zu wehren. Und doch war es so schn, sie dienen zu sehen:
ihre Demut schien sie noch mehr als ihr Stolz zur Knigin zu erheben.
    Konrad wre in dieser Zeit restlos glcklich gewesen, wenn nicht ein Wort
wie ein Pfeil sich ihm immer wieder ins Herz gebohrt htte:
    Mein Kind, sagte sie zehnmal, hundertmal am Tage. Mein Kind. Niemals
unser Kind! Htte er sie mit einer Frage nach dem Warum krnken sollen?
Vielleicht wre dann, wenn auch nur fr eine Sekunde, ihr Lcheln erstorben! Er
schwieg.
    Die letzte Etappe vor der Heimkehr war der Besuch eines Mnchener Arztes
gewesen, zu dem die Sorge um Norina Konrad getrieben hatte.
    Was wollen Sie eigentlich bei mir? hatte der alte joviale Herr lachend
ausgerufen, sobald sie vor ihm standen. Sie wurden wohl nach allen Regeln der
Eugenik freinander ausgesucht?
    Erst nachdem ihm Norina von ihrem ersten Unglck leise und zitternd erzhlt
hatte, war er ernster geworden.
    Ist Ihr erster Gatte gesund gewesen? frug er.
    Ich glaube - nein, antwortete sie zgernd. Er starb nach einem Jahr.
    Na, also! rief der Professor erleichtert. Und nun sehen Sie sich den da
an - und er lchelte Konrad zu; wenn Sie nicht gerade den Anspruch machen, da
Ihre Kinder Ackergule werden - Seine kleinen klugen Augen waren prfend von
einem zum anderen gewandert. Dann hatte er sich selbst unterbrochen und in etwas
gedehnterem Ton gesagt: Sie haben beide dieselben Augen?
    Wir sind verwandt, Herr Professor, war Konrads Antwort gewesen.
    Nahe?
    Unsere Grovter waren Geschwister.
    Hm, hm! machte der Professor. Alte Familie?
    Sehr alt - so wie die Hochse ungefhr.
    Der alte Herr hatte gelacht - ein wenig gezwungen, wie es Konrad vorgekommen
war -: Deren erster nachweisbarer Ahnherr bekanntlich Jesum Christum in den
Sattel half, als er in Jerusalem einzog. Dann hatte er sich Norina zugewandt,
die ihn mit tiefernstem Frageblick nicht aus dem Auge gelassen hatte. Keine
Sorge, Frau Baronin, keine Sorge. Ich freue mich schon des strammen
Stammhalters, zu dem ich werde gratulieren drfen.
    Auf Norinas Glcksglanz war ein Schatten gefallen, wie schon eine kleine
Wolke am blauen Himmel ihn auf die blhende Wiese wirft. Aber wie die leise
erschauernden Blumen ihre Kelche wieder der Sonne ffnen, sobald sie lachend
unter dem scherzend vorgezogenen Schleier hervorsieht, so verflog jede
Erinnerung daran unter dem Einflu von ihres Herzens strahlender Seligkeit.
    Kurz ehe sie weitergereist waren, kam ihnen die Nachricht, da der alte
Giovanni, den sie im Palazzo Ritorni als Trhter zurckgelassen hatten, und der
damit sehr zufrieden gewesen zu sein schien, verschwunden sei. Niemand wisse,
wohin er sich begeben habe; nur Battisto gegenber habe er am Abend vorher
geuert, da es Zeit sei, die Fledermuse aus dem Turm zu jagen, sonst wrden
sie sich in Monna Lavinias Haare hngen.
    Konrad war ernstlich beunruhigt um den Alten.
    Ich wei gewi, da er in Hochse sein wird, wenn wir kommen, sagte Norina
berzeugt.
    Wutest du denn von seiner Absicht? Hattest du Nachricht von ihm? frug
Konrad, nicht wenig erstaunt ber die Bestimmtheit ihrer Aussage.
    Nein, gab sie lchelnd zur Antwort, aber ich kenne unser Volk: je
geringer seine Bildung ist, desto sicherer fhrt der Instinkt es seinen Weg. Und
solch ein Schwachsinn wie der Giovannis ist vielleicht nur die Entwicklung eines
hheren Sinns!
    Du wrdest ihn auch nicht um unseres Kindes willen frchten?
    Sie lachte hell auf, ihre Arme zrtlich um seinen Hals legend. O du
aufgeklrter Deutscher! rief sie, was bist du tricht! Keinen besseren Schutz
wt' ich fr mein Kind als ihn!

Und nun luteten vom Domturm zu Bamberg auch ihnen die Glocken - die kleinen mit
den hellen Kinderstimmen, die groen mit dem Posaunenton.
    Sie waren schon in vielen deutschen Kirchen miteinander gewesen. Nirgends
hatte Norina zu beten vermocht, wie sie es in Florenz tglich zu tun gewohnt
war. So dster sind eure Kirchen - als wre Religion nur fr Ber und
Leidtragende, hatte sie erklrt, sie drcken nieder, und dann am meisten, wenn
ihre Spitzbgen alle Schwere des Steins aufgelst zu haben scheinen. Sie machen
es genau wie eure spitzen Kirchtrme - die wir auch nicht kennen - sie weisen
alle nach oben, von der Erde fort, als htten wir hier unten nichts zu suchen.
    Und ist nicht der Inhalt und Sinn aller Religion ein Fhren und Weisen nach
oben, ber uns hinaus? hatte Konrad gefragt.
    Nein, nein, hatte sie erwidert, um dann nachdenklich, die Augen ins Weite
gerichtet, fortzufahren: Wie der Mann sich ein Haus baut, wenn er eine Familie
grndet, Mauern um sein Leben errichtet, seinem Umherschweifen ein Ende
bereitend, seiner Arbeit einen bestimmten Kreis anweisend, seine Freiheit, die
ihn vielleicht bisher ber alle Grenzen hinweg, ziellos umhertrieb, freiwillig
beschrnkend, so bauen wir wohl auch ein Haus fr unsere Seele, die sich im
Weiten verlor, denn was sie fand, wenn sie suchte, das waren doch immer nur neue
Weiten gewesen. Ein Haus zur Ruhe, zur Sammlung - eins der bewuten Beschrnkung
vielleicht auch hier - eines, in dem jeder die Symbole dessen errichtet, was
seinen Hoffnungen und Sehnschten als das Hchste erschien. Meinst du nicht -
und sie hatte dabei jenes demtige Lcheln, das ihr, seitdem sie sich Mutter
fhlte, einen so wundervollen neuen Reiz verlieh - da dies Religion ist?
    Er hatte ihr damals, betroffen von einer Auffassung, die ihn um so
schmerzvoller berhrte, als sie ihm richtig erschien, nur ausweichend
geantwortet. Heute war ihm als sngen die Glocken, was sie gesprochen hatte,
aber es klang ihm nicht wie Unterwerfung, sondern wie Sieg und Jubel.
    Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit - -
    Ewigkeit - ein Geheimnis, dessen dunkle Pforte er nie zu berhren gewagt
hatte, aus Angst, nur eine Spalte knne sich ffnen und der Blick durch sie ihn
zerschmettern.
    Sind wir nicht selber ewig? dachte er jetzt. Und mit einem seligen Blick
umfate er seines Weibes Gestalt, whrend sie an ihm vorber durch das offne
Portal des Domes schritt.
    Sie traten leise zwischen die groe Menge der Betenden, hinter den
Sarkophag, der Kaiser Heinrichs II., des letzten und grten Sachsenkaisers, und
seiner Gemahlin, der heiligen Kunigunde, Gebeine trug. Rechts und links von
ihnen knieten in Reihen betende Nonnen. ber sehr jungen, unschuldigen
Gesichtern trugen die einen groe, weie Flgelhauben; mit schwarzen Schleiern
deckten die anderen ihre grauen Scheitel; und goldene Kreuze glnzten ber den
breiten, schneeigen Schulterkragen. Auf den Gesichtern aber lag ein Frieden, der
sich bei den einen als ein Auslschen alles Lebens, bei den anderen als ein
Erwachen tieferen und reicheren Lebens offenbarte.
    Die Litaneien wechselten mit dem Gesang. Viele Priester standen droben auf
dem hohen Chor, fernab der Gemeinde, so da nur das Wei und das Rot und das
Gelb ihrer Gewnder erkennbar war und ihr feierliches Hin- und Wiederschreiten,
Beugen und Aufrichten. Einer trat in ihre Mitte mit weiem Haar; Chorknaben
trugen seinen schweren, goldgestickten Mantel, andere schwangen Weihrauchfsser,
so da sein ehrwrdiges Haupt aus lichten Wolken hervorschien. Und er trat weit
vor auf der hchsten Stufe des Altars und hob die goldene Monstranz.
    In breiten Strahlen leuchtete in diesem Augenblick die Morgensonne durch die
Fenster ber ihm. Zu einem lichten Schleier wurde der Weihrauch, des Priesters
weie Haare zu einem Heiligenschein, zu einer Flamme die Monstranz;
niedergezwungen von frommem Entzcken und heiliger Scheu sanken die Andchtigen
in die Knie. Norina mit ihnen; und tief, ganz tief, als knne sie sich an der
Gebrde vollkommener Hingabe nicht genug tun, beugte sie noch den Kopf auf die
gefalteten Hnde.
    Eine Flut weien Lichtes fllte das Schiff der Kirche, streckte ihre
mchtigen grauen Pfeiler, weitete ihre Wlbung.
    War's nicht, als zuckten die Lider des schlummernden Kaiserpaars? Reckte der
steinerne Reiter drben sich nicht im Sattel? Gro und staunend, die Unterlippe
mibilligend vorgeschoben, richtete sich der Blick des ritterlichen Knigs auf
sein Ebenbild, das da unten allein noch aufrecht stand.
    In Konrads Stirn stieg die Glut der Beschmung.
    Sie alle hatten die Mauer um sich gebaut und ihr Allerheiligstes
hineingetragen.
    Brausend setzte die Orgel ein. Der Gesang der Frauen mischte sich in ihre
vollen Akkorde. Eine Stimme darunter - es war die der jngsten der Nonnen mit
den Flgelhauben - erhob sich jauchzend wie ein Lerchenlied ber allen:

Jungfrau Maria, wir gren dich,
Heilige, gnadenreiche -

Und Konrad Hochse kniete neben Norina, seinem gesegneten Weibe.

Sie fuhren mit vier Fchsen durch das Wiesental. Ein frischer Oktoberwind
schttelte die Bume ber ihnen, da es goldene Bltter regnete. Und was der
Himmel der Tochter Italiens an Farben schuldig blieb, das gab ihr der Wald in
mrchenhafter Flle. Immer wieder mute der Kutscher die erregten jungen Pferde
bndigen, denn Norinas Augen wurden nicht satt, zu sehen. In allen
Schattierungen von Braun und Gelb und Rot leuchteten die Hhen. Zu Ehren der
Einziehenden trugen sie ihr Festgewand.
    Es war Sonntag heute. Von Wandernden war die Strae belebt. Aus allen
Wirtshusern am Wege schallte Musik; die hellen Kleider der Mdchen, die bunten
Schrpen der Kinder belebten die Wiesengrnde wie groe Blumen. Und je nher sie
dem Tale der Hochse kamen - sie fuhren nicht ber die kahle Hochebene, denn nur
der schnste Weg sollte Norina in die Heimat fhren -, desto mehr sammelten sich
die Landleute an der Strae, das junge Paar neugierig erwartend.
    Im Wirtsgarten von Gasselsdorf unter der riesigen Kastanie, deren ste sich
ber ihn und noch weit ber die Strae reckten, - ein Dach von schimmerndem
Golde heut -, stand die dicke Wirtin, einen Korb rotbackiger pfel in den Wagen
reichend.
    Gottes Segen zum Einzug, sagte sie.
    Norina begriff nicht, warum Konrad ihr kaum Zeit lie zum Danken.
    Am nchsten Dorf, wo das Schulhaus fr die Hochsesser Jugend lag, stand der
Lehrer, umringt von Buben und Mdels, die Fahnen schwenkten und Hurra riefen; -
Norina in ihrer Freude htte am liebsten jedem einzelnen die roten Wangen
gekt.
    Dann wurde das Tal ganz still, ganz eng und heimlich. Hier war kein Platz
fr ein Haus. Ernsthaft, schon im beginnenden Abenddmmern, standen die waldigen
Hhen, die zerklfteten Felsen, dem leise sich selbst in den Schlaf singenden
Bchlein zur Seite, wie treue Wchter an der Wiege des Thronerben.
    Norinas Kopf lehnte an Konrads Schulter.
    O, du - du, flsterte sie, whrend ihre Augen durch Trnen der Seligkeit
glnzten, wie schn, wie wunderschn ist unsres Kindes Heimat!
    Unsres Kindes! Ein erstickter Schrei war's, mit dem Konrad sie an sich
zog, ihre Stirn, ihre Augen, ihre Lippen mit Kssen bedeckend, um schlielich
den Mund in heier Leidenschaft auf den Nacken zu pressen, da, wo der Ansatz der
blauschwarzen Haare ihn am weiesten erscheinen lie.
    Konrad, Konrad! mahnte sie leise, dunkel erglht nach dem Kutscher
weisend.
    Der Johann?! lachte er bermtig auf, der hat an die Fchse zu denken und
dann, - meinst du nicht, da er wei, was ein junger Ehemann tut, der eine
wunderschne Frau hat?! Er versuchte sie wieder zu kssen; sie aber bog sich
weit zurck, du weit doch, Konrad -, mit leisem Vorwurf sagend.
    Ich wei! entgegnete er, sie frei gebend, - eine unsichtbare Hand schien
die Falte zwischen seinen Brauen wieder tief in die Stirne zu modellieren; -
ich wei, da du nur dem Kinde gehren willst. Um dann, als bereue er den Ton
von Unmut, den er angeschlagen hatte, mit innigem Ausdruck in Stimme und Gebrde
hinzuzufgen: Unserm Kinde!
    Ein Seitensprung der beiden Vorderpferde ri ihn aus dem Sitz empor.
    Was stehst du da, dummes Gr, und erschrickst die Gule, schimpfte der
Kutscher, der die Tiere rasch wieder in seine Gewalt bekam. Norina hatte sich
herausgebogen. Ein blondes Mdchen mit hellen, zrtlichen Blauaugen stand am
Wege, einen groen Strau bunter Herbstblumen, den ihre beiden Hnde kaum zu
umklammern vermochten in den Wagen hineinstreckend. Ich habe zur heiligen
Jungfrau gebetet - alle Tage -, flsterte sie aufgeregt und lie ihn auf
Norinas Scho fallen, ber dem die Blumen sich breiteten wie ein Teppich. Sie
wollte danken, doch die Kleine war auf und davon.
    Der Greislerin ihr lediges Kind, brummte der Kutscher rgerlich.
    Der Weg stieg an. Schon grte von der flatternden Fahne die rote Rose von
Hochse. Und die untergehende Sonne spiegelte ihre Glut in allen Fenstern des
Schlosses.
    Lauter Rosen leuchten dir! rief Konrad selig. Sie aber wandte ihm das
Antlitz zu. Es war todbla. Es sind Rosen, nicht wahr?! kam es bebend von
ihren Lippen. Kein Blut? - Kein Blut?!
    Sie muten an Eckartshof vorber. Konrad hatte nicht gewagt, durch ein
Verbot des Empfangs den rger der alten Damen noch mehr zu steigern; mit
erleichtertem Aufatmen sah er nun die geschlossenen Tren, die verhngten
Fenster. Schon waren sie am Garten vorbeigefahren, als Norina, die Menge der
Dahlien darin bewundernd, sich nochmals umwandte; da saen auf der Hecke zwei
Kpfe wie krperlos, jeder ein Abbild des anderen: graue Scheitel um farblose
Gesichter - hmisch herabgezogene Mundwinkel, graugrn von Neugierde, oder von
Ha - oder von beidem? - funkelnde Augen. Sie bohrten sich alle vier in Norinas
Antlitz.
    Mal oggio! schrie sie auf, das Gesicht mit beiden Hnden bedeckend.
    Sie lie es ruhig geschehen, da Konrad sie in die Arme nahm und ihr
zuredete wie einem verngstigten Kinde.
    Er erzhlte von den Tanten als verbitterten alten Jungfern, die schon auf
dem Leben der Gromutter gelastet htten, das ihre aber nicht verfinstern
drften. Darum bat ich sie, von Hochse hinunter, hierher zu ziehen, wo du
ihnen nur begegnen wirst, wenn du willst, schlo er. Mit einem beruhigten
Lcheln richtete sie sich auf.
    Wie gut das ist! sagte sie. Nun liegt es an mir, den Bann des bsen
Blickes zu brechen und wieder gut zu machen, was du in blinder Sorge um mich
schlecht gemacht hast. Morgen schon bitt' ich sie, wieder droben zu wohnen.
    Sie nherten sich dem Schlotor. Pechfackeln leuchteten an seinen beiden
Seiten. Lichtergirlanden berspannten den ganzen Hof. Und als Norina den Fu auf
die Schwelle der Haustr setzte, krachten Bllerschsse, zehnfaches, weithin
hallendes Echo weckend, vom Schloturm. Mit einem Lcheln, das ihr alle Herzen
gewann, so sehr ihre hohe Gestalt und ihre knigliche Haltung auch
ehrfurchtgebietend erschien, wollte sie an Konrads Arm an den Reihen der
Bediensteten vorber in die hell erleuchtete Halle treten. Da vertrat eine
groteske Erscheinung, halb Clown, halb Gespenst, ihr den Weg: in gelbem,
fleckigem, vielfach geflicktem Pierrotkostm ein uralter Mann. Sie schwankte,
entsetzt nach dem Herzen greifend.
    Giovanni, was sollen die Possen! drhnte Konrads zornige Stimme. Fort mit
dir! Und er packte ihn an beiden Armen. Der Alte aber sah ihn nicht und fhlte
ihn nicht; seine Augen hingen wie gebannt an Norina.
    Mein Seil ist gespannt, Monna Lavinia, sagte er mit der klanglosen Stimme
der Greise, soll ich nun tanzen, damit Ihr lacht?!
    Wtend wandte sich Konrad an die Diener: Was haltet ihr Maulaffen feil?!
Schafft ihn fort! Schon sprangen sie vor, sich des lustigen Spaes freuend, als
Norina, wieder ganz beruhigt, den Blick lchelnd zu Konrad erhob.
    Schilt ihn nicht, Liebster, bat sie weich; er hat mich lieb. Er kommt aus
der Heimat. La ihn mir! Und sie legte die schlanke Rechte schtzend auf den
Kopf des Alten. Der aber sank unter dieser Berhrung zusammen; mit einem
knarrenden Tone aufweinend wie ein kleines Kind, kauerte er, sich in die Falten
ihres weiten, weien Mantels vergrabend, ihr zu Fen.
    Stumm starrten die Diener. Anbetend umfate Konrads Blick die geliebte Frau.
Die Bogenlampe ber der Tre warf ihr mildes, weies Licht auf Norina und den
Narren.

Die Monde, die kamen, von mildem Herbsthimmel berdacht, von Schneewinterflocken
eingesponnen, waren geweiht von einem einzigen stillen Warten. Eine in
Mutterseligkeit verklrte Frau, ging Norina durch Haus und Hof. Selbst die
Knechte und Mgde in Stllen und Scheunen sprten etwas von dem Glanz und dem
Frieden, der von ihr ausging. Sie vergaen ihres Zanks und migten ihre lauten
Reden, wenn sie auch nur von ferne vorberkam.
    Mit sauersem Lcheln waren die Tanten, - die ihr Mrtyrertum nicht selbst
in Frage stellen wollten, und sich darum nicht merken lieen, wie sie sich im
Grunde ihres Lebens auf dem Eckartshof gefreut hatten, wie die Teilnahme der
Nachbarschaft an ihrer Verbannung ihnen zur Daseinsbereicherung geworden war -
in ihre alten Hochsesser Rume wieder eingezogen.
    Durch tgliche kleine Aufmerksamkeiten warb Norina frmlich um sie, und wenn
sie nachmittags mit ihnen am Teetisch sa - sie hatte die Gewohnheiten der
Grfin Savelli wieder aufgenommen -, und zarte Spitzen um all die vielen
winzigen Hemdchen und Jckchen setzte, dabei den guten Ratschlgen der alten
Fruleins freundlich zuhrend, wurden selbst die Zge Nataliens und Elisens
stundenweise ganz weich.
    Eine Zauberin bist du! sagte Konrad zu ihr. Sie schttelte lchelnd den
Kopf: Nur eine ganz von Liebe Erfllte.
    Zu Fu und zu Wagen machten sie tglich weite Ausflge. Ich mu meines
Kindes Land entdecken wie du dein Mutterland, versicherte Norina. Aber ihr
Entdecken war zugleich ein Erobern. Denn die Flle ihrer Liebe lie sie im
rmlichsten Hause Eingang finden und mit den geschrften Blicken der Liebenden
die versteckteste Not entdecken.
    Wie eine fremde Knigin kam sie und berschttete mit Gaben, was litt und
darbte.
    Ich will meinem Kinde die Wege bereiten, sagte sie leuchtenden Auges, die
Welt soll ihm entgegenlachen, wohin es blickt.
    Mein Kind! - Es traf ihn immer wieder wie ein Nadelstich. Er entsann sich
nicht, da sie das unser Kind je wiederholt htte, und es gab Augenblicke, wo
etwas wie Ha gegen dieses Kind, das nicht eine innigere Bindung, sondern eine
Schranke zwischen ihnen zu werden drohte, in ihm aufstieg.
    Er liebte Norina. Seit sie sein Weib geworden war, begehrte er sie immer
leidenschaftlicher. Und immer mehr versagte sie sich ihm.
    Eines Abends berraschte er sie, wie sie vor dem Spiegel ihre Haare kmmte,
aus deren schwarzer Flle Hals und Schultern wie Mondlicht leuchteten. Kaum da
sie den heien Blick seiner Augen sah, als sie sich, dunkel errtend, wie ein
scheues Mdchen in die Falten des herabgeglittenen Kimonos wickelte.
    Sag mir die Wahrheit, Geliebte, flehte er, ihre beiden Hnde umklammernd,
und wenn sie noch so bitter ist. Liebst du in mir nur den Vater deines Kindes?
    Da lchelte sie ihr unbeschreibliches, seliges Mutterlcheln. Nur, sagst
du, nur?! flsterte sie und lehnte den Kopf an seine Schultern, weit du denn
nicht, da das die allergrte Liebe ist?
    Als im Sptherbst Carlo und Maud Savelli nach Hochse kamen - sie hatten
gleich nach ihrer Hochzeit die Saison in Deauville mitgemacht und waren dann in
Paris geblieben - beschlich ihn ein leises Gefhl von Neid. Sie waren ein
Liebespaar. Maud unterstrich mit allen Mitteln der Koketterie diesen Eindruck.
    Grlich, verheiratet zu sein, rief sie gleich am Abend ihrer Ankunft und
schttelte sich, nichts hat mehr den entzckenden Reiz des Unerlaubten!
Wenigstens hab' ich es so weit gebracht, da man mich berall fr seine Mtresse
hlt. Dabei schaukelte sie auf Carlos Scho, der sie lachend in die Wange
kniff.
    Die Perfektion, mit der sie ihre Rolle spielt, sagte er, ist so gro, da
ein verrckter Amerikaner tatschlich meine Erlaubnis einholen wollte, um sie -
werben zu drfen.
    Macheart doch nicht etwa? frug Konrad berrascht.
    Ach richtig! sagte Carlo gedehnt und zwinkerte lustig mit den Augen; ihr
kennt euch ja!
    Inzwischen zog Maud die Schwgerin in eine Ecke.
    Schon jetzt, du Arme? - ein bedeutungsvoller, erstaunt mitleidiger Blick
ruhte bei der Frage auf Norinas Gestalt -. Konrad htte sich wirklich in acht
nehmen knnen! Norinas Freude ber ihre Hoffnung verblffte sie frmlich.
    brigens, flsterte indessen Carlo Konrad zu, die Leonie Doris lt dich
gren. Ein Prachtweib, sag' ich dir. Aber nicht zu bezahlen. Nur darum mute
Macheart sie abtreten. Irgendeinem Grofrsten, erzhlt man sich.
    Leonie! War's nicht die Geschichte eines anderen, an die ihn dieser Name
erinnerte? Er sah nur Norina.
    Denke dir, Carlo, hob das Vogelstimmchen Mauds wieder zu zwitschern an,
sie wollten das Kind!! Na, chaqu'un  son got! Wir gnnen uns den notwendigen
Stammhalter erst, wenn wir aufgehrt haben werden, ineinander verliebt zu sein.
Ihr macht's umgekehrt, was? Bei euch soll der Rausch der Liebe nachher kommen?!
Dann denk' ich mir freilich ein Kind als Zeugen und Anhngsel uerst
unangenehm!
    Norina schwieg hartnckig. Als sie sich getrennt hatten, sagte sie zu
Konrad: Du siehst, wie weltenfremd wir einander sind. Mir km's wie Entweihung
vor, mit ihr von meiner Liebe zu reden.
    Konrad zog sie in die Arme: Liebst du mich denn, Norina? All seine
brennende Sehnsucht lag in seiner Frage.
    Wre ich sonst dein Weib? antwortete sie weich, dem Druck seiner Arme
nachgebend -.
    Am nchsten Morgen, als sie erwachte, schien die helle Sonne auf das Antlitz
des schlafenden Mannes neben ihr. Wie vergrmt es aussah! Wie tief die Falte
zwischen seinen Brauen stand! Sie erschrak so sehr, da ihr Herz wild zu pochen
begann. Hatte sie ihm wehgetan? Ihr blasses Gesicht berzog sich mit dunklem
Rot. War sie ihm irgend etwas schuldig geblieben? Was hatte Maud gesagt? - Der
Liebesrausch, der vor dem Kinde kommt, oder nach ihm kommen mu! Auch sie hatte
einmal Trume gehabt - heie Trume, als sie noch ein kleines Mdchen gewesen
war! Und hatte sich dann dem ersten Manne vermhlt, ganz gleichgltig. Darum war
wohl auch das Kind in ihrem Leibe gestorben! Aber dieses Kind wrde leben -
leben! Denn ich liebe ihn, sagte sie unwillkrlich laut, als msse sie es vor
sich selbst bekrftigen. Die ganze Zeit, die sie einander kannten, erwachte vor
ihr: wie ein sonnenheller Frhlingstag war sie.
    Wie ein Frhlingstag - wiederholte sie langsam, vor sich hinstarrend. Kein
Sommer! Und ihre Liebe, die Frucht tragende Liebe, war sie nicht eine wilde Rose
mit ihren fnf kleinen Blttchen, den blassen, leicht zerflatternden; der
Liebesrausch aber, den sie nicht kannte, den er ersehnte - sie wute es
pltzlich, als htte er es selbst gesagt -, war er jene wundervolle gefllte
Gartenrose, die um ihrer Schnheit willen keine Frchte tragen darf?!
    So hab' ich ihn nicht genug geliebt?! schrie es auf in ihrem Herzen; gib
mir ein Zeichen, ein einziges Zeichen deiner Gnade, heilige Mutter Gottes!
    Da hpfte das Kind in ihrem Leibe, ganz deutlich, zum erstenmal. Mit einem
seligen Lcheln sank sie wieder in die Kissen zurck, den Kopf an Konrads
Schulter, und schlief ein.
    Am nchsten Tage - sie trug ein Kleid aus dunkelgrner Seide, das in tiefen
Falten an ihr niederfiel, nur mit einem Kragen alter Spitzen geschmckt - war
sie so schn, da selbst Maud, die sonst viel zu sehr mit sich beschftigt war,
um fr den Reiz anderer Frauen einen Blick brig zu haben, in hellstes Entzcken
geriet.
    So, gerade so mtest du dich malen lassen, rief sie aus; alle Frauen
wrden bersten vor Neid angesichts eines solchen Bildes! Strahlst du doch wie
verklrt zu einer Zeit, wo sie samt und sonders scheulich sind!
    Und wir htten auch schon den rechten Maler fr dich, warf Carlo ein.
Vittorio Tenda!
    Norina sah verwundert auf: Vittorio Tenda lebt?!
    Carlo nickte lchelnd: Vittorio Tenda - ja! Er lebt nicht nur, er ist sogar
ein Maler geworden! Wie wr's, Konrad, willst du Norinas ersten Verehrer zu
ihrem Portrtisten machen?!
    Warum nicht? entgegnete der, auf den Scherz eingehend, bin ich doch
sicher, da es ein abgewiesener Freier war.
    Carlo lachte hell auf: Freier! Ausgezeichnet! - Der Sohn des alten Lucca
vom Ponto Vecchio der Freier der Contessa Savelli!
    Maud wurde neugierig: Das ist ja schrecklich romantisch! Erzhle, Norina -
bitte, bitte, wie war's? qulte sie.
    Es ist nichts zum Lachen, Maud, antwortete Norina ablehnend.
    Und Konrad kam ihr zu Hilfe, indem er, zu Carlo gewendet, frug: Was weit
du von ihm? Am Ende wre dein Scherz ernsthaft zu erwgen?
    Ich sah bei einem Kunsthndler ein paar Portrts mit seinem Namen
gezeichnet, begann der Graf.
    Wit ihr, so ganz verrckte, unterbrach ihn Maud lebhaft, Menschen mit
grnen Backen und blauen Haaren.
    Konrad notierte sich die Adresse. Ich werde mich nach ihm erkundigen
lassen, sagte er, und fgte, mit einem Blick auf Norina, hinzu: Was meinst du,
wenn er der erste Anwrter auf eine unserer Klosterzellen wre?
    Klosterzelle?! Maud horchte auf, und Konrad erzhlte ihr von dem Plan, den
Eckartshof erholungs-und ruhebedrftigen Knstlern zur Verfgung zu stellen. Sie
klatschte vergngt in die Hnde. Norina als Knigin eines Musenhofes -
wundervoll! rief sie, aber nicht wahr, ihr ladet mich ein, wenn schne Frauen
unter die edlen Snger die ersten Krnze verteilen?
    Und scherzend gingen sie auseinander, ohne des Malers noch einmal Erwhnung
zu tun.
    Ich danke dir, sagte Norina warm, als sie allein mit Konrad war; Mauds
Gelchter und Carlos Spott vertrag' ich nicht immer.
    Konrad drckte ihr die Hand. Ich verstehe, entgegnete er zrtlich. Was
meinst du: wollen wir deinem alten Freunde weiterhelfen? Ein dankbarer Blick
lohnte ihn.
    Als sie aber dann allein in ihrem Zimmer war, das nur ein paar Kerzen
flackernd erleuchteten, und vor den Spiegel trat, sah ihr ein Gesicht entgegen,
vor dem sie erschrak. Waren das ihre Augen, die so unruhig flackerten? War es
ihr Herz, das aus ihnen sprach? Und was pochte pltzlich so ungestm in ihren
Adern, da sie an den Schlfen in blauen Strichen scharf hervortraten? -
Vittorio Tenda, der Handwerkersohn, der die brennende Glut seines Herzens im
Arno lschen wollte, - der Bettler, dem sie Geld hinwarf statt ihres Herzens,
und der es nahm?! Sie wollte eben die Lippen hochmtig schrzen, den Kopf stolz
in den Nacken werfen, als die Trnen ihr aus den Augen strzten, unaufhaltsam.
Warum nur, warum?
    Whrend des Aufenthalts der Savellis, der nicht unbekannt blieb - die Tanten
hielten einen brieflichen Verkehr mit den Nachbarn um so eifriger aufrecht, je
mehr der persnliche unterbrochen war -, machten die Greifensteiner ihren
Gegenbesuch. Sie hatten ihn lang genug aufgeschoben, waren doch die Hochsesser
von der alten Tradition abgewichen, indem sie ihre Antrittsvisite nicht
angekndigt und einfach ihre Karten zurckgelassen hatten, und man sich
notgedrungen - man war ja so gar nicht in Toilette gewesen! - verleugnen lassen
mute! Die Baronin Rothausen hatte bei dem nach diesem Ereignis rasch zusammen
geladenen Teebesuch der Nachbarn energisch erklrt, da man der hochmtigen
Auslnderin beweisen wrde, wie wenig gespannt man auf ihre Bekanntschaft sei.
In der Tat war die Bezhmung der allgemeinen Neugierde nur das Resultat
uerster Selbstbeherrschung. Sie wre unmglich gewesen, wenn man nicht durch
die alten Fruleins so genau ber alle Details der jungen Ehe unterrichtet
gewesen wre, und sie hatte jetzt - wo die Kunde von der amerikanischen
Milliardrin und ihren fabelhaften Toiletten berall verbreitet war - ihre
uerste Grenze erreicht.
    Wie Sie Ihrer verstorbenen Frau Schwiegermutter hnlich sehen! fltete die
Baronin nach beraus zrtlicher Begrung der lieben, jungen Nachbarin, und
fgte augenverdrehend hinzu: da die Arme ein so trauriges Ende nehmen mute!
    Vergebens erwartete sie - was bisher von keinem jungvermhlten Paar umgangen
worden war - den Rundgang durch Haus und Wirtschaft. Norina dachte gar nicht
daran, fremden Menschen einen weiteren Einblick in ihre Huslichkeit zu
gewhren, als den in ihre Empfangsrume, und da sie sich ebenso in ihnen bewegte
wie in den groen hohen Slen des Palazzo Savelli, so war das Urteil ber sie,
das binnen kurzem das Urteil der ganzen Nachbarschaft sein wrde, rasch gefllt:
hochmtige, kaltschnuzige Pute, dachte Frau von Rothausen bissig und setzte
sich ostentativ zu den alten Fruleins.
    Norina versuchte indessen, Hilden in ein Gesprch zu ziehen. Das junge
Mdchen, die in den wenigen Jahren, seit Konrad sie nicht gesehen hatte, rasch
gealtert war - wie Frauen altern, die nichts haben als ihre Jugend -, tat ihr
leid. Sie wute, da sie Konrad bestimmt gewesen war; vielleicht hatte sie ihn
sogar geliebt, so geliebt, wie sie sich erinnerte von ihrer Erzieherin gehrt zu
haben, da deutsche Mdchen lieben: bis zur vlligen Aufopferung ihrer selbst.
Sie versuchte alle Tasten auf der Klaviatur des Herzens anzuschlagen, vergebens.
Wie verstimmt dieses Instrument sein mu, dachte sie, bis Hilde pltzlich aus
fast peinlicher Einsilbigkeit heraus, von ihrer Kinderfreundschaft mit Konrad,
ihrem letzten lngeren Besuch auf Hochse - wo alle Fden sich zwischen uns
wieder anknpften, wie sie geziert bemerkte -, eifrig zu erzhlen begann.
    Was wohl aus dem Frulein geworden sein mag, meinte sie dann, ihre Stimme
erhebend, die mich damals durch ihr taktloses Benehmen zwang, meinen Aufenthalt
abzubrechen? Wie hie sie doch?! Ach ja - Gerstenbergk - glaube ich, oder
Gerstental.
    Gerstenbergk? wiederholte Norina fragend.
    In den matten Augen Hildens zuckte es triumphierend auf: Sie wute also
offenbar nichts von ihr.
    Ja, Else Gerstenbergk, entgegnete sie dann; ein Mdchen, die fr
irgendein Geschft Puppen anzog, und die in unbegreiflicher Gte von der alten
Frau Grfin zu ihrer Erholung hierher geladen worden war. Sie war wohl in
Berlin, wo dergleichen mglich sein soll, Ihrem Herrn Gemahl nahe getreten.
    Norina lchelte. Gewi, Konrad erzhlte mir von ihr, sagte sie, den Kopf
hochmtig in den Nacken werfend, und ich freue mich, auch von Ihnen besttigt
zu hren, da die Grfin Savelli uns mit gutem Beispiel voranging. Wir werden
den ganzen Eckartshof nunmehr Erholungsbedrftigen zur Verfgung stellen. Damit
lie sie das Mdchen stehen und ging in Konrads Zimmer, wo Maud als einzige Dame
zigarettenrauchend zwischen den Herren sa. Sie sah nur noch, wie Alex Rothausen
Konrad lachend auf die Schulter schlug und hrte, als er sagte:
    Spiel doch nicht den Sulenheiligen, Vetter! Du wirst doch nicht leugnen
knnen, Frau Renetta Veit auf Mord den Hof gemacht zu haben.
    Wurden alle Gespenster wieder wach? dachte Konrad mde.
    Da trat Norina an den Tisch. Alex schwieg betreten; eine Verlegenheitspause
trat ein, die Mauds Lachen unterbrach. Was die Deutschen komisch sind! sagte
sie; Norina ist doch kein Kind mehr. Sie wei so genau wie ich, da alle Mnner
vor der Ehe ihre Aventren haben. Und Norina stimmte in ihr Gelchter ein.
    Nur Konrad sah ihre Blsse und da sie seinen Blicken auswich. Warum hatte
er ihr auch nicht frher von seiner Vergangenheit erzhlt, - seiner
Vergangenheit, die ihm gar nicht mehr gehrte, seitdem Gegenwart und Zukunft und
die ganze Ewigkeit nur unter einem Namen stand: Norina.
    Endlich gingen die Gste, nachdem sie wiederholt auf gute Nachbarschaft
angestoen und von dem reizenden Abend, dem entzckenden Zusammensein
gesprochen hatten.
    Wie mde du bist, Liebling, sagte Konrad, als er danach in Norinas vllig
erschlaffte Zge sah. Sie nickte nur. Wenn er sie doch jetzt allein lassen
wollte! Aber er ging ihr nach.
    Hast du noch ein wenig Zeit fr mich? frug er zrtlich. Wie htte sie
nein sagen knnen, - sie wollte ihn ja nicht verletzen. Sie nickte wieder.
    Und vor dem Kamine sitzend, vor dem er so oft mit der Gromutter gesessen
hatte, erzhlte er ihr von Renetta - kurz und khl, ohne sich anzuklagen oder
sich zu entschuldigen, eine fremde Geschichte.
    Norina schwieg, den Fuchsschwanz des Pelzes, der um ihre Schultern lag,
immer wieder durch die Hnde ziehend. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
Sie wute genau, wie tricht es war. Was gingen sie Konrads vergangene Neigungen
an? sagte ihr Verstand deutlich genug. Dennoch! - Sie dachte ihres ersten
Mannes, von dessen leichtfertigem Leben sie zu spt erfuhr, - als die rzte das
tote Kind ihrem qualvoll zuckenden Leibe lngst entrissen hatten, und Wochen der
Verzweiflung, der Selbstvorwrfe hinter ihr lagen. Alle Dirnen von Florenz
rhmte er sich besessen zu haben! Sie sah mit scheuem Blick zu Konrad hinber.
Warum sprach er nicht weiter? Dieses Weib wird das einzige nicht gewesen sein!
    Er hatte die Lippen fest aufeinander gepret. An Else dachte er. Durfte er
Geheimnisse preisgeben, die die ihren waren? Den Schleier heben, den von ihren
Trnen geweihten, den sie selbst darber gelegt hatte?
    Wer war Else Gerstenbergk? fragte ihn in diesem Augenblick Norinas hart
gewordene Stimme.
    Da erzhlte er auch von ihr. Und Norina hrte auf, den Fuchsschwanz durch
ihre Hnde zu ziehen; sie lagen ihr ganz still im Scho.
    Und - du weit nichts von ihr? Gar nichts? frug sie dann.
    Nein - nichts!
    Norinas dunkle Augen starrten sekundenlang ins Feuer. Ob sie ein Kind haben
mag von dir? flsterte sie vor sich hin.

Es wurde einsam auf Hochse. Die Gste reisten ab. Der Winter kam. Und immer
mehr schien Norina sich in sich selbst zurckziehen zu wollen. Konrad fhlte es,
aber er bemhte sich, jedes Gefhl der Krnkung zurckzudrngen. Er suchte sie
zu verstehen, ihren unausgesprochenen Wnschen Rechnung zu tragen, auch wenn sie
sich oft heimlich davonschlich, um allein in den Wald zu gehen. Und so folgte
ihr nur sein sehnschtiger Blick, so oft ihre hohe Gestalt in den Zobelmantel
gewickelt den Windungen der Hgel entlang auf den verschneiten Parkwegen
schritt, oder drunten im Tal dem Lauf des vereisten Baches folgte. Er neidete es
dem alten Giovanni, da er ihr keine Strung war, wenn er, ein treuer Hund,
jedem ihrer Schritte leise nachging. Und er atmete erleichtert auf, sah er sie
von ihm begleitet in einsame Wege biegen. Er wute: war des Alten Hand auch zu
schwach, sie zu schtzen, sein bloes Erscheinen gengte, um alles in die Flucht
zu schlagen. Bei den Aufgeklrten galt er fr wahnsinnig; die meisten aber -
auch solche, die es nicht Wort haben wollten - glaubten ihn im Besitz hllischer
Krfte und Knste.
    War es nicht seltsam, da er berall erschien, wie aus dem Boden gewachsen,
wo Norinas Name anders als in tiefster Ehrerbietung genannt wurde? Da er den
Greifensteinern auf ihren abendlichen Spaziergngen pltzlich begegnete, so da
sie entsetzt zusammenfuhren, und mitten in den intimsten Unterhaltungen der
alten Fruleins auftauchte, ihnen mit einem Grinsen, das hflich sein sollte,
irgendeinen verlorenen Handschuh berreichend? Und niemand wagte, sich ber ihn
zu beklagen, kam er doch immer nur dann, wenn das Gesprch vor dem Hochsesser
sich nicht htte verteidigen lassen. Krzlich - so erzhlten sie sich in allen
Gesindestuben - war sein Schatten, klein und krumm und schwarz, an den Fenstern
des Pfarrhauses vorbergeschritten, als der Herr Pastor just am Schreibpult
stand, um der Frau Baronin auf ihre Bitte, das kleine Gotteshaus auch auerhalb
der Predigt offen zu halten, ablehnenden Bescheid zu geben. Greulich gekichert
habe er. Der wrdige Geistliche sei darob tief erschrocken gewesen! Und nun
grbe er allnchtlich im flackernden Lichte einer Bergmannslaterne den
verschtteten Eingang der alten Hhle aus, in der vor Zeiten die alte
italienische Grfin zu ihren Heiligen gebetet habe. Die Greislerin, die
katholische, wute es ganz genau und erzhlte es trumphierend: Da unten vor dem
holzgeschnitzten Bild eines nackten Weibes, hatte der Konrad heimlich die erste
Taufe empfangen; ihre Mutter selig wute den Zug der Priester und der Chorknaben
noch gut zu beschreiben, der in der Mainacht leise von Vierzehnheiligen herber
durch die Wlder gewandelt sei. Gewi: auch das Kind, das Norina unter dem
Herzen trug, wrde dort unten der allein seligmachenden Kirche geweiht werden.
    Norina ging nicht mehr - nachdem sie es zweimal getan hatte - in die
protestantische Kirche. Der Herrensitz in dem weigetnchten Raum unter dem
groen braunen Kruzifix blieb leer. Aber zwei Stunden weit in das nchste
katholische Pfarrdorf fuhr sie immer hufiger, der Herr Baron mit ihr und der
welsche Teufel auf dem Bock. Und der Pastor unten predigte schon von der Gefahr
der Seelen. Und die Tanten prophezeiten heimlich den Untergang der Hochse
durch die Abkehr vom rechten Glauben.
    Norina wute von all dem Geflster nichts, denn Giovanni verschlo in sich,
was er hrte.
    Der Wald ist wie ein Dom aus Alabaster, sagte sie einmal, als sie an einem
weien Wintermorgen in Konrads Zimmer trat, komm mit! und bittend erhob sie
den Blick zu ihm. Mit tausend Freuden! rief er. An diesem Tage blieb Giovanni
im Turm. Die beiden aber standen andchtig, Arm in Arm, unter den schneeschweren
Zweigen, die in zitternden Sonnenstrahlen erglnzten.
    Nun kommt bald der Tau und zerstrt meine Kirche, meinte Norina betrbt.
    Und dann kommt der Frhling und baut sie aus Blttern und Blumen fr unser
Kind, flsterte er ihr zu.
    Und in dieser Kirche, nur in dieser, wollen wir es dem Hchsten weihen!
rief sie begeistert. Da unten, mein' ich, wohnt er nicht! Und sie zeigte auf
den spitzen Turm, der dunkel aus den weien Wldern ragte.
    Zu Hause, am Kamin, spann sie ihre Gedanken weiter. Hast du wohl bemerkt,
um wieviel frhlicher die Menschen in den katholischen Drfern sind? sagte sie.
Selbst ihre Kleider sind bunter!
    Er nickte besttigend: Man glaubt vielfach, es sei das leichtere
Wendenblut, das sich bemerkbar mache!
    Ich wei eine andere Erklrung, entgegnete sie, bei euch herrscht der
Gekreuzigte. In allen Kirchen eine Mahnung an den Tod. Bei uns die Mutter - in
jedem Bauernhaus, wo unter ihrem Bilde das Lmpchen glht, eine Mahnung an das
Leben!
    Warum sprichst du von euch und uns, meinte er mit einem tiefen ernsten
Blick, haben wir - du und ich - nicht ein Symbol des Heiligsten?
    Sie schmiegte sich an ihn, so zrtlich wie seit Monden nicht. Ich wei,
sagte sie, und darum bitt' ich dich: la unser Kind nicht unter dem schwarzen
Kreuze taufen.
    Unser Kind! jubelte er: am liebsten trg' ich's nach San Miniato - mitten
hinein in Glanz und Licht.
    Von jenem Abend an hrten Norinas einsame Winterwanderungen auf. Im Schlosse
aber entstand ein reges Leben. Maurer und Zimmerleute gingen aus und ein; es
wurde geklopft, geweit, gehmmert
    Die Kapelle der Baronin! flsterten sich die Leute vielsagend zu. Und die
Gesichter der alten Baronessen wurden lang, ihre Augen verloren wieder jeden
freundlichen Schimmer. Giovanni schlug das Kreuz, wenn er sie sah.
    Wir sind die letzten, die die Traditionen der Hochse aufrecht erhalten,
erklrten sie, nachdem sie schon tagelang dem Nachmittagstee ferngeblieben waren
und sich nun feierlich zu einer wichtigen Unterredung bei Konrad eingefunden
hatten. Wir fordern Rechenschaft. Willst du, der Nachkomme eines der ersten
evangelischen Ritter Frankens, dein Kind zu einem Abtrnnigen machen?
    Abtrnnig aller Finsternis - ja! sagte er, die Stirne runzelnd, um, als
sie verstndnislos von einem zum andern sahen, mit leichtem Spott hinzuzufgen:
Besnftigt euren Zorn, liebe Tanten, und den des Herrn Pastors: er mag den
Staatstalar fr die Taufe ruhig aus dem Schranke nehmen.
    Aber die Leute tuschelten einander trotzdem weiter zu: Die Kapelle der
Baronin, und die Katholiken triumphierten, als von dem Muttergottesbilde die
Kunde kam, auf das der leere Raum ber dem Altar wartete.
    Norina malte in der Kapelle. An den vier runden Sulen rankten sich
phantastisch ihre Blumen empor bis in die blaue Wlbung mit den Goldsternen. Aus
den Nischen in den Wnden blickten Madonnen; Jesuskinder lchelten vom Schoe
der heiligen Mtter. In den kleinen, bunten Fenstern leuchtete dunkelrot die
rote Rose von Hochse.
    Indessen bte unten in der Dorfschule der Kinderchor alte Marienlieder.
    Und in der Akademie von Florenz sa vor Giottos Demeter-Maria ein junger
Maler und suchte das Wunderwerk auf seiner Leinwand zu wiederholen, - Vittorio
Tenda.
    Ohne Norina davon zu sprechen, hatte Konrad ihn, nachdem die eingeholten
Ausknfte die besten gewesen waren, mit der Arbeit beauftragt, indem er ihm
zugleich im Palazzo Ritorni die Wohnung anwies.

Und nun taute der Schnee selbst auf den Hhen; zum Wildbach wurde die Quelle;
mit Geschrei und Gezwitscher suchten die heimkehrenden Vgel die alten Pltzchen
fr ihr Nest. Der Frhlingssturm peitschte die Fahne und sang in den Kaminen
sein Schlachtlied.
    Norina legte die Pinsel fort. Sie ging durch den Garten und streichelte
leise die kleinen, braunen Knospen an den Struchern und bckte sich nach den
blassen Schneeglckchen.
    Wenn Konrad sie nicht sah, wute er, wo er sie finden wrde: im hellen
Zimmer droben vor der weien Wiege, an deren Decken und Bettchen noch immer
irgend etwas zu zupfen und zu nesteln war. Kam er, so schmiegte sie sich stumm
in seine Arme. Sie sprach berhaupt kaum mehr. Es gab keine Worte fr ihr
Empfinden. Nur ihre Augen vermochten ihm noch Ausdruck zu geben.
    Die Kapelle war fertig. Nur der Platz ber dem Altar war noch leer. Der alte
Giovanni hatte sich selbst zu ihrem Wchter gesetzt. Er lie keinen hinein und
war immer da; seine Tiere in der Turmstube verga er. Niemand wute, ob er wohl
jemals schlief. An einem der ersten Tage waren die Tanten gekommen, herrisch
Einla begehrend. Der Herr Pastor wollte wissen, ob es auch mit seinem Glauben
vereinbar sein wrde, dort zu taufen. Ein krhendes Gelchter antwortete ihnen
von innen, als sie den Trgriff niederdrckten. Sie fuhren entsetzt zurck. So
oft sie auch wiederkamen, stets stand Giovanni davor, den Eintritt hindernd. Bei
einem heftigen Wortwechsel zwischen ihnen kam Konrad dazu.
    Mach Platz, Giovanni! gebot er, und versuchte, den schwachen, alten Mann
beiseite zu schieben. Der aber klammerte sich verzweifelt an die Trpfosten, in
seiner Muttersprache laut schreiend: La die bsen Augen nicht herein! Als er
schlielich berwltigt beiseite taumelte, fllte sein Schluchzen den ganzen
Raum. Die Fruleins aber standen khl und gerade mitten darin, nur ihre Blicke
bewegten sich hin und her, spttisch, mibilligend, und die Mundwinkel ihrer
farblosen Lippen zogen sich tief herab. Von da an brannten Tag und Nacht
geweihte Kerzen in der Kapelle, und Giovanni fhrte noch erbitterter den Kampf
gegen die Neugierde. Sobald er von innen die Fenster ffnete, stellten sie von
auen Leitern an, um hineinzusphen. Lie er sie geschlossen, so flog ber Nacht
ein Stein durch die Scheiben, ohne da der frevelhafte Schleuderer zu entdecken
war.
    Gerade ber dem Altar befand sich ein kleines Fenster, aus blauem und rotem
Glas kunstvoll zusammengestellt, das aus der oberen Galerie der Halle sein Licht
empfing.
    Es sollte vergittert werden, sagte Giovanni zu Norina, als sie ihrer
Gewohnheit gem in der Frhe in die Kapelle ging.
    Sie wandte sich lchelnd nach dem Alten um:
    Warum gerade dies, das noch niemand zerbrach?
    Es sollte vergittert werden, beharrte er hartnckig.
    Jeden Morgen nach der stillen Andachtsstunde trat sie ins Freie hinaus und
betrachtete sehnschtigen Blickes Bume und Strucher. Es war ihr erster
Frhling im Norden. Und sie, erfllt von der Erinnerung an seinen raschen
Siegeslauf daheim, wo Rosen und Lilien unter jedem seiner Schritte blhen,
erkannte ihn nicht.
    Wie lange das dauert! flsterte sie vor sich hin, und aller Glanz wich aus
ihren Zgen.
    Hier kommt er nie, hrte sie hinter sich sagen und erschrak.
    An einem Apriltag, als der Westwind Schnee und Regen gegen die Fenster
peitschte und die Flammen im Kamin nur mhselig schwelten, sa Norina an der
Sttte ihrer Muttertrume. Sie hatte die Lden zugezogen, um das Wetter nicht zu
sehen, und im Licht der Lampen Hemdchen und Jckchen ausgebreitet, um sie
Schwester Theresa, der kleinen Nonne mit der groen Flgelhaube, zu zeigen, die
seit gestern im Schlosse war und mit immer gleichem Lcheln und gleichem leisen
Schritt ordnend und vorbereitend im knftigen Reiche des Kindes hin und her
ging.
    Sie waren beide so vertieft in ihr Tun und so weit ab von allem Lrm des
Hofs und der Wirtschaft, da die fernen Gerusche kaum an ihr Ohr drangen. Mit
jenen weichen, zrtlichen Stimmen, die alle Frauen haben, wenn sie dem Wunder
neuen Lebens nahe sind, sprachen sie miteinander.
    Cosimo soll er heien, antwortete Norina auf eine Frage der Schwester.
    Cosimo! wiederholte sie lchelnd; und wenn es ein Mdchen ist?
    Fiore - wie ein Seufzer der Sehnsucht kam der Name ber Norinas Lippen;
auf den Hgeln und Feldern um Florenz steht jetzt alles voll bunter Blumen,
fuhr sie langsam fort, die Hnde um die Knie gefaltet, und sah ins Weite. Ein
aufheulender Windsto antwortete ihr.
    Sie schwiegen. Rder rollten schwer ber den Hof. Pferdegestampf -
Peitschengeknall. Dann Stimmen - die Konrads zuerst - eine fremde dann. Aber
Norina war viel zu mde, als da sie htte hinausgehen und aus dem Flurfenster
blicken mgen. Dann hrte sie noch ein Hmmern - wie von der Kapelle herauf -
    Das Bild?! rief sie Konrad voll freudigen Verstehens entgegen, als er nach
geraumer Zeit zur Tre hereintrat. Er nickte lchelnd. Dann - und ihre Finger
schlangen sich wie zum Gebet ineinander, ist alles bereit fr mein Kind!
    In der Kapelle brannten viele gelbe Kerzen, aber es schien, als zge das
Bild auf dem Altar alles Licht an sich, um dann wie durch sich selbst allein zu
leuchten. Die wundervolle mtterliche Frau in dem schimmernden weien Hemd, das
die vollen nhrenden Brste ahnen lt, dem schweren blauen Mantel darber, der
den breiten Scho, die kraftvollen Knie deckt, ohne sie zu verhllen, erfllte
den ganzen Raum in ihrer einfachen, beherrschenden Gre. Konnte sie in anderer
Umgebung noch Maria sein, hier war ganz und allein Demeter - das Kindlein auf
dem Scho nichts als ein Symbol ihrer Fruchtbarkeit.
    Norina sprach kein Wort; ihre Augen begegneten sich mit der Allmutter
stillem, groem Blick. Sie fhlte ihn, wie sie keines Priesters Segen gefhlt
haben wrde.
    Dann erst sah sie die Menge der bunten Frhlingsblumen, deren Duft sich mit
dem der Kerzen zu sen Opfergerchen mischte. Der ganze Altar war bedeckt mit
ihnen. Fiorenze, flsterte Norina, ihr Antlitz tief in die blhende Flle
pressend. Trnen hingen ihr in den Wimpern, als sie es wieder hob.
    Du weinst?! Konrad schlang besorgt den Arm um sie.
    Sie lchelte: Vor Freuden.
    Und du fragst nicht einmal nach dem Knstler, dem wir dies Werk verdanken?
meinte Konrad lchelnd, als sie die Kapelle verlieen.
    Die Kopie ist so glnzend, da sie den Kopisten vergessen macht,
entgegnete sie, immerhin: wer ist's?
    Vittorio Tenda.
    berrascht blieb Norina stehen. Vittorio Tenda?! wiederholte sie und fgte
mit dem Ton aufrichtigen Bedauerns hinzu: Also ist er doch kein groer Knstler
geworden!
    Fragend sah Konrad sie an. Wer in einer Kopie mit keinem Strich sich selbst
verrt, erklrte sie, kann doch ein Eigener nicht sein!
    Vielleicht hast du recht, sagte er, aber ihm selbst mut du es nicht
verraten.
    Ihm selbst?! Es klang wie ein Schrei.
    Er bat mich, da er sowieso nach Berlin zu reisen gedachte, das Bild
persnlich berbringen zu drfen.
    Sie betraten die Halle; aus einem der tiefen Ledersthle erhob sich die
Gestalt eines Mannes. Norina fuhr zusammen, den Fremden anstarrend wie eine
Erscheinung, whrend sie sich schwer auf Konrads Arm sttzte.
    Kennst du ihn nicht mehr, Norina? sagte dieser, Vittorio Tenda, der fr
dich Demeter-Maria malte.
    Der Fremde verbeugte sich. Mit einem scheuen, flchtigen Blick sah sie ihn
an und schttelte kaum merklich den Kopf.
    Sie glauben mir nicht, gndige Frau? klang eine Stimme wie der tiefe Alt
einer Frau.
    Ich danke Ihnen, sagte sie mit einem leichten Neigen des Hauptes und
wandte sich der Pforte zu.
    Konrad, erstaunt ber ihre ablehnende Khle, hielt sie sanft zurck. Auch
die Blumen, die dich so entzckten, sind von ihm, erklrte er in
zuredend-eindringlichem Tone.
    Von Ihnen, wirklich von Ihnen? rief sie aus, und ihre Hand, wei leuchtend
im Kerzenlicht, streckte sich ihm entgegen.
    Ich bin derselbe, ganz derselbe, der sie Ihnen einst gepflckt, dem Sie
erlaubten, sie Ihnen zu schenken, sagte er mit dem vollen Pathos des
Italieners, der jedem Worte durch den Ton erst den Sinn verleiht. Dabei zog er
ihre Hand sehr langsam an seine vollen, roten Lippen.
    Mit der Geste einer Knigin ging sie an ihm vorber, ohne ein weiteres Wort
mit ihm zu wechseln. Am Abend bat sie den Gatten, auf ihrem Zimmer speisen zu
drfen.
    Ich vertrage fremde Menschen nicht mehr, sagte sie, beide Arme um seinen
Hals legend, mit einem freien Blick in sein Gesicht; la mich diese Tage ganz
allein mit dir sein.
    Aber Abschied wird er doch von dir nehmen drfen? meinte Konrad voll
zrtlichen Dankes fr dies Zeichen ihrer Liebe.
    Abschied?! sie atmete wie erleichtert auf. Er mag kommen! Ich frchtete
schon, du hieltest ihn lnger zurck.
    Wie knnte ich?! Und er kte sie zrtlich auf die Augen, wo wir - seiner
warten, der uns vollenden soll!
    Zur Dreieinigkeit, ergnzte sie leise.
    Als Vittorio Tenda in ihr Zimmer trat, sa sie am Kamin, die schmalen Fe
dicht an der Flamme.
    Wie Sie frieren mssen! sagte er, lebhaft auf sie zutretend, statt aller
Begrung.
    Sie zog die Fe zurck, warf den Pelzkragen von den Schultern und
entgegnete hochmtig: Gar nicht!
    Ich habe Sie nie vergessen, Norina, fuhr er fort, den Stuhl nher rckend,
whrend seine Augen die ihren suchten. Sie wich ihnen aus wie ein gejagtes Wild
den Hunden, die auf seinen Fersen sind. Dann ma sie ihn von oben bis unten mit
einem khlerstaunten Blick.
    Ich wurde an Ihre Existenz erst erinnert, als mein Bruder von Ihnen
erzhlte; - hart fielen die Worte von ihren Lippen.
    Sie haben auch hier Klosterzellen fr - Verbannte, nicht wahr? Darf ich
kommen, Norina? sprach er unbeirrt weiter; wieder versuchte sein Blick, sie zu
bannen. Es war wie ein stummer Kampf. Pltzlich griff sein Auge zu, eine
Diebeshand. Sie erblate, erhob sich und - mit der Rechten auf der Stuhllehne
sich sttzend, als frchte sie zu fallen - sagte sie ruhig:
    Es ist spt, Herr Tenda. Es wre mir peinlich, Sie vor Ihrer Abreise Ihrer
Nachtruhe beraubt zu haben.
    Noch eine stumme Verbeugung, und er ging. Als aber die Tre sich ffnete,
prallte er zurck, und schreckhaft zuckte Norina zusammen: Giovanni richtete
sich auf vor ihm, als habe er auf der Schwelle gelegen.

In der Nacht darauf gab Norina einem Knaben das Leben. Nicht einen Wehlaut hatte
sie ntig gehabt, auszustoen. Keinen Augenblick lang war der Ausdruck
lchelnder Freude von ihrem Antlitz gewichen. Das Kind aber war am Krper ganz
wei, hatte den Kopf voll geringelter, goldener Lckchen und schlug ernst und
stumm ein Paar groe tiefblaue Augen auf. Whrend des ganzen folgenden Tages
blieben sie offen mit einem groen, fremden Staunen und qulenden Grbeln, als
mte das Seelchen, das sie belebte, in diesen Stunden des Daseins Rtsel lsen.
Erst als die Sonne, gelb und feindselig, hinter matten Frhlingsnebeln erlosch,
legte sich ein dunkler Schleier ber sie. Das Kind war tot.

Und die Mutter wollte sterben. Aber das Leben hielt sie unerbittlich in seinen
Krallen. Tage- und nchtelang sa Konrad an dem Bett der Fiebernden. Sie
erkannte ihn nicht. Kerkermeister, flsterte sie flehend, whrend er sorgsam
die Eisblasen auf ihrem Kopfe wechselte, nimm mir die Krone vom Haupt. Ich bin
keine Madonna. - Kerkermeister, kam es mit rhrendem, verhaltenem Jubel von
ihren Lippen, whrend er ihren abgemagerten Krper aus dem Bette hob, trag'
mich hinaus - hinaus zu meinem Kinde!
    Immer rannen ihr die Trnen ber die blassen Wangen wie aus einem
unerschpflichen Born. Einmal schlpfte Giovanni, den Konrad sorgfltig
ferngehalten hatte, weil sein Verstand ganz verwirrt war und er die Kranke
hartnckig Lavinia nannte, unbemerkt in seinem alten fleckigen Pierrotkostm in
Norinas Zimmer und tanzte vor ihrem Bett. Da lachte sie hell auf. Von nun an
durfte er tglich zu ihr. Er war sehr komisch: er spielte auf der Gitarre
lustige Melodien und krhte wilde Liebeslieder dazu, er machte Harlekinsprnge
mit seinen dnnen, zitternden Beinen und deklamierte dabei Erklrungen glhender
Leidenschaft. - Und Norina lachte. Man wrde den Alten gerufen haben, wenn er
nicht stets, seiner Stunde wartend, schon vor der Tre gestanden htte.
    Konrad hatte verschiedene Autoritten an das Lager des geliebten Weibes
geholt und alle empfohlenen Mittel und Methoden versucht, obwohl einer der rzte
dem anderen stets widersprach. Dann schrieb er an Warburg. Der Freund lie ihn
nicht lange warten. Als er kam, brach Konrad zum erstenmal zusammen. Bis dahin
hatte er sich beherrschen mssen, jetzt endlich, endlich durfte er verzweifeln!
Er sprach rckhaltlos von allem: von seiner Liebe und seiner Enttuschung,
seiner unerlsten Sehnsucht, seinem Hoffen, das nun seines Lebens einziger
Inhalt sei. Und mit jener stummen Anteilnahme, die wohltuender ist als Worte,
die dem Leidenden immer nach Phrasen klingen und als Fragen, die immer wie
Neugierde wehe tun, hrte Warburg zu. Dann sagte er, des Freundes Hand fest in
der seinen haltend: Erinnerst du dich eines Ausspruchs von Pawlowitsch und
deiner Antwort darauf? - Konrad schttelte den Kopf. - Nur ein sinnloser
Spieler setzt alles auf eine Karte, sagte er, oder ein Held, antwortetest du.
Und ein Held, mein lieber Konrad, wird immer siegen. Auch wenn er untergeht,
ergnzte dieser ernst.
    Warburg untersuchte und beobachtete Norina lange, ehe er ein Urteil abgab.
Ich glaube, sie wird dir erhalten bleiben, sagte er schlielich. Ein Ausruf
des Glcks drngte sich auf Konrads Lippen, aber ein Blick in des Freundes
ernste Zge wandelte rasch seine Freude. Du verheimlichst mir etwas? frug er
besorgt.
    Nein, denn jede Verheimlichung wre in diesem Augenblick ein Unrecht gegen
dich, entgegnete Warburg ruhig. Des Fiebers wird ihre starke Natur Herr
werden, besonders wenn wir den alten verrckten Seiltnzer entfernen. Aber nach
allem, was ich von dir wei, schliee ich, da sie, die ganz auf die Erfllung
ihres Muttertraums eingestellt war, sich seelisch schwer erholen und - du
siehst, ich bin bis zur Hrte offen - dich als eine der Ursachen ihres Unglcks
ansehen wird.
    Sage nur ruhig: als die Ursache, erwiderte Konrad, aber sein Blick blieb
hell, fast froh dabei. Ich werde sie zurckerobern, und wenn ich meine Krfte
verdoppeln sollte.
    Warburg sah ihn prfend an: All deine Krfte, deine reichen Krfte fr -
ein Weib, murmelte er mit leisem Tadel.
    Konrad lchelte wehmtig: Du hast anderes von mir erwartet, ich wei. Ich
sollte ein Krieger werden, einer, der um Menschheitsgter kmpft. Gibt es die
Gter nicht - oder bin ich kein Krieger, - wer kann es entscheiden?! Eins nur
wei ich: da mir Norina die Verkrperung alles Grten und Schnsten wurde, da
meine Unrast in ihr Ruhe, meine Sehnsucht in ihr Erfllung findet; da
vielleicht, und dies mag dir zum Troste dienen, durch sie der Krieger in mir
erwacht, und ich mit ihr die Gter finde, um die das Leben einzusetzen sich
lohnt.
    Aber trotz des Freundes Zuversicht wurde Warburg die Sorge nicht los und
beschlo, zunchst in seiner Nhe zu bleiben. Seiner khlen Ruhe gelang, woran
Konrad immer wieder scheiterte, weil er Norina keine Freude zu rauben vermochte:
Giovanni nicht mehr zu ihr zu lassen. Wohl tobte der Alte und drohte mit Gewalt.
Hundert Jahre dien' ich um Monna Lavinia, schrie er, nun will ich meinen
Lohn: ihre schwarzen Haare und ihre weien Fe. Der Tod dem, der ihn mir
raubt! - Aber Warburg nahm ihn mit einem einzigen festen Griff beim Arm und
fhrte ihn in sein Turmzimmer, ihn in den alten wurmstichigen Lehnstuhl
niederdrckend. Aus dem staubigsten Winkel des vllig verwahrlosten Raums kroch
eine groe Schildkrte mit verrunzeltem Greisengesicht unter des Seiltnzers
Fe, und ein klglich miauender Kater, der graue Haare hatte, rieb den krummen
Buckel an seinem Arm. Mit den beiden unterhielt sich Giovanni von da an
unablssig. Denn sie antworteten ihm, obwohl es niemand hrte.
    Konrad besuchte ihn oftmals am Tage, um sich zu versichern, da er noch da
war. Der Alte lachte ihn stets lustig an und erzhlte, was er von den Tieren
erfahren haben wollte. Signor Tenda, flsterte er einmal geheimnisvoll,
whrend ein gelbes Funkeln sich in seinen kleinen Augen entzndete, geht des
Nachts durch den Park auf leisen Sohlen, und seine Seufzer schweben wie groe,
schwarze Nachtschmetterlinge durch Monna Lavinias Fenster -
    Signor Tenda?! wiederholte Konrad berrascht, du irrst, Giovanni, er ist
lngst in Berlin.
    Der Alte kicherte: Willst du klger sein, Bambino mio, als der Kater?! Der
schlich auf der Terrasse den vielen Whlmusen nach, die das Haus unterhhlen,
und sah den Fremden leibhaftig. Giovanni rutschte vom Sessel auf die Knie und
hob flehend die drren Greisenhnde zu seinem Herrn. La den alten Seiltnzer
frei, bettelte er, da er dir Monna Lavinia htet.
    Mit einem peinlichen Gefhl, das er nicht zu bannen vermochte, verlie ihn
Konrad. Er forschte nach dem Maler. Vergebens. Und erleichtert atmete er auf.

Norina erholte sich zusehends. Als das Fieber gewichen war und die wirren
Phantasien verstummten, begann sie langsam, mit scheuer, fremder Khle, an dem
Geschehen um sie her wieder Anteil zu nehmen.
    Du wirst viel Geduld haben mssen, sagte Warburg zu Konrad.
    Der nickte: Meinst du, ich wte das nicht?! Mit zarter Sorgfalt, jede
leidenschaftliche Aufwallung, die sie verletzen knnte, unterdrckend, umgab er
Norina. Und sie war wie ein ungeschicktes, verlegenes Kind im stillen Dank, den
sie uerte.
    Aber wenn er nur ihre Hand berhrte, wurden ihre schmalen Wangen fahl. Und
wenn er sie sanft mit einer brderlichen Gebrde auf die Stirn kte, preten
sich ihre Lippen krampfhaft zusammen.
    Sie verlangte nach Giovanni; er spricht toskanisch, meinte sie schchtern,
als msse sie sich um ihrer Bitte willen entschuldigen. Von da an schenkte der
Alte wieder wie einst den Wein in die Glser. Und jeden Mittag prangte ein
Strau frischer fremder Blumen vor ihrem Teller, die er irgendwo in einem
sonnigen Winkel heimlich gezogen hatte. Er strahlte, wenn er sie sah, zitterte,
wenn sie ihm dankte, und mit tiefem, unheimlichen Feuer verfolgten sie seine
Augen, wo sie ging und stand.
    Frchtest du ihn nicht? frug Warburg sorgenvoll, als sie eines Abends,
nachdem Norina sich wie gewhnlich frh zurckgezogen hatte, zusammensaen.
Konrad lachte: Der arme Narr! Er wrde sich eher vierteilen lassen, als da er
uns etwas zuleide tte.
    Sie kamen auf die verschiedenen Formen menschlicher Liebesleidenschaften zu
sprechen, und ihre Unterhaltung wurde allmhlich intimer.
    Je differenzierter wir werden, um so seltener scheint die eine groe Liebe
zu sein, die uns ganz ausfllt, Seele, Geist und Krper in gleicher Weise
ergreift, sagte Warburg.
    Ich glaube, du bist ein lebendiger Widerspruch deiner Theorie, antwortete
Konrad, zum erstenmal seit ihrem Zusammensein eine Anspielung auf Walters nie
erloschene, gleichmig tiefe Neigung wagend.
    Du irrst, lieber Freund, antwortete der, denn ich bin nicht
differenziert, bin vielmehr eine einfache Natur - ein Alltagsmensch, sozusagen.
Darum liebt sie mich auch nicht, sie, deren Wesen so gar nichts vom Alltag
wei.
    Wie aber konnte sie jemals einen Gerhard Fink liebgewinnen! rief Konrad
aus.
    Ich gebe mich als der ich bin; in ihn, der seine Beschrnktheit als einen
Theatermantel um sich zu drapieren verstand, konnte sie alles mgliche
hineingeheimnissen.
    Sie konnte, sagst du? - Ist ihre Ehe wieder getrennt? frug Konrad
berrascht.
    Sie wurde niemals geschlossen.
    Wie?!
    Warburg lachte bitter. Die Eltern Finks nahmen Ansto an der Jdin und an
dem schlechten Ruf, den sie haben soll! Er aber - zu allem kraftlos, sowohl zum
Widerstand den Eltern wie zum Bruch Frau Sara gegenber - fgte sich.
    So ist es eine freie Ehe?
    Ich - wei es nicht, entgegnete Warburg zgernd. Ich wei nur, da sie
leidet - sehr leidet. Aus allen Enttuschungen des Herzens und Geistes flchtete
sie in diese Liebe. Vielleicht - und er schlo die Augen mit einem wehen
Lcheln - flchtet sie noch einmal, Schutz vor sich selber suchend, zu mir.
    Erstaunt, fast verletzt, sah Konrad ihn an: Und ein solches Geschenk
knntest du nehmen?!
    Warburg erhob sich und legte die Hand auf die Schulter des ihn weit
berragenden Freundes, whrend ein mder, gespannter Zug sich um seine
Mundwinkel grub. Wir werden uns alle bescheiden mssen, sagte er, keine
unserer Jugendhoffnungen hat sich erfllt. Unsere Ideale sind schal geworden.
    Dann nickte er versonnen und ging durch das groe Zimmer, das die
verlschende Glut im Kamin nur noch mit leise flackernden blauen Flammen
sprlich erhellte, hinaus, wo der dunkle Flur ihn verschlang.
    Konrad starrte ihm nach. Unsere Ideale sind schal geworden, wiederholte er
sehr langsam. Jedes der fnf Worte bohrte sich ihm wie ein Pfeil ins Herz.
    Da ffnete sich die Tre wieder. Bambino, zischte es, er ist wieder da -
er - der Maler!
    Konrad fuhr auf und ging dem Voranschleichenden nach. Wahrhaftig: Drauen
auf der Terrasse, auf die Norinas Fenster still und dunkel herabsahen, drckte
sich Vittorio Tendas Gestalt in den Schatten der Lorbeerbume.
    Mit einem festen Schritt stand Konrad vor ihm und bohrte seinen funkelnden
Blick in das erblassende Antlitz des Italieners.
    Was suchen Sie hier bei Nacht und Nebel wie ein Einbrecher?! Er dmpfte
die Stimme um Norinas willen, wo er sie am liebsten zum Brllen gesteigert
htte.
    Tenda rhrte sich nicht. Ebenso leise, die haerfllten Augen auf den
anderen gerichtet, sagte er: Nichts.
    Noch nher trat Konrad dem Ertappten, so da er seinen heien Atem zu spren
glaubte, whrend Giovanni geduckt, beide Hnde gespreizt, zum Zuspringen bereit,
sich dicht neben ihm hielt.
    Durch ihre nchtlichen Spaziergnge kompromittieren Sie meine Frau.
    Tenda warf den Kopf in den Nacken: Ich bin zu jeder Genugtuung bereit.
    Mit einem Blick eisigen Hochmuts ma ihn Konrad von oben bis unten: Damit
durch das romantische Ereignis Dienstbotenklatsch zum Skandal der ganzen Gegend
wird und Sie sich in Ihrem Heldentum sonnen?!
    Soll ich ihn wrgen, Bambino mio?! schrie in diesem Augenblick Giovannis
Stimme grell dazwischen.
    Still! zischte Konrad. Der Alte prallte zurck. Sie horchten sekundenlang
alle drei zu den Fenstern hinauf. Nichts rhrte sich.
    Sie kommt zuweilen und schluchzt in die Nacht hinaus, murmelte Tenda vor
sich hin, mich bemerkte sie nie.
    Das wei ich, sagte Konrad laut und hart, sie htte Sie sonst
davongejagt. Dann nahm seine Stimme wieder den Ton beherrschter Ruhe an: Sie
sind von morgen ab auf dem Eckartshof mein Gast. Ich werde Sie, um jedes Gerede
im Keime zu ersticken, ein paar Tage lang an meinem Tische dulden und dann - er
machte eine verchtliche Gebrde, die nicht mizuverstehen war.
    Tenda zuckte zusammen und ballte die Fuste.
    Ohne einen Gru, erhobenen Hauptes, wandte sich Konrad dem Hause zu.
    Norina empfing die Nachricht von dem Gast mit steinerner Ruhe. Ich werde
auf meinem Zimmer essen, sagte sie. Ich wnsche das nicht, entgegnete Konrad
kurz und fest. Sie neigte den Kopf tief auf die Brust. Erschttert von dieser
Bewegung eines Gehorsams, der nichts als Gehorsam war, versuchte er sie behutsam
an sich zu ziehen. Es war nur eine Bitte, Geliebte, flsterte er. Sie entzog
sich ihm nicht, aber sie blickte ihn an, gro und fremd, als she sie ihn zum
erstenmal.
    Als der Gast gekommen war und sie ins Zimmer trat, blieb sie sekundenlang in
der Tre stehen; ihr weies Gesicht leuchtete wie der blasse Mond in dunklen
Herbstnchten aus dem Schwarz ihrer Haare, ihrer Gewnder. Tenda starrte sie an,
selbstvergessen, mit einem Ausdruck so schmerzreicher Liebe, da Konrads Zorn
vor diesem Anblick langsam zu weichen begann. Was konnte der Arme dafr, da er
sie liebte, hoffnungslos liebte - fast wie er?! Und er versuchte, etwas wie ein
Gesprch in Gang zu bringen. Es fiel ihm nicht schwer, denn Tenda bernahm alle
Kosten der Unterhaltung. Er erzhlte. Von Paris zuerst. Aber nicht von seinem
Glanz und seinen Freuden, sondern von der stillen Schnheit seiner Grten mit
ihren grauen Bildsulen und gelbroten Pflanzenkbeln, von dem melancholischen
Reiz des linken Seineufers mit den verstaubten alten Bchern und Bildern auf den
verwitterten Ufermauern, vom Park von St. Cloud mit seinen geraden
Kastanienalleen, die sich im Himmel verlieren, und dem Blick auf die ferne
ruhende Stadt, die die silberne zitternde Luft zrtlich umhllt. Er sprach, als
male er. Norinas Blick wurde um ein weniges heller. Sie sah seine Bilder.
    Von Trouville erzhlte er dann, wo um die hochhackigen Schuhe geschminkter
Frauen der weiche weie Seesand sich schmiegt, in berladenen Kasinoslen das
Gold ber die grnen Tische rollt, wo der Wind wtend das nordische Meer mit
seinen immer graugrnen kalten Wellen peitscht und an den Schleiern der Schnen
unwirsch zerrt, wo von den prunkenden Villen auf der Hhe enge schmutzige Gassen
herunterfhren, in denen die teuersten Dirnen der Welt sich ausstellen.
    Er machte eine Pause und sah zu Norina hinber. Ihr Mund verzog sich - aber
sie lauschte.
    An Italiens Meer, Signora, floh ich von dem strengen Gestade, fuhr er
fort, dahin, wo seine dunkelblauen Wogen San Marcos heilige Fe kssen, wo
groe Knstler, voll Ehrfurcht vor der Natur, nicht wagten, im Angesichte ihrer
Majestt etwas anderes zu bauen als Dome und Palste. Und Italiens Frauen sah
ich wieder, vom sonnendurchglhten Wasser die schlanken Glieder umschmeichelt,
geschmckt mit der Flle unserer Blumen - Er verstummte, von der eigenen
Leidenschaft erschttert. Auf Norinas Wangen lag purpurne Rte. Da brach ein
Glas klirrend entzwei; Giovannis zitternde Hnde hatten es beim Einschenken
umgestoen.
    Spter als es ihre Gewohnheit war, zog sich Norina an jenem Abend zurck,
und es war, als ob ihr Fu noch auf der Schwelle zgere. Auf dem Flur schlich
ihr der Alte nach, und im Augenblick, da sie die Tre ihres Schlafzimmers ffnen
wollte, warf er sich ihr, wild aufheulend, in den Weg.
    Hundert Jahre diente ich, Monna Lavinia - hundert Jahre - schluchzte er,
ihre Knie umklammernd.
    Ein Gefhl, aus Ekel und Mitleid gemischt, kruselte ihre Lippen. Armer
Narr - sagte sie und befreite sich mit einer einzigen Bewegung von den drren
Armen, die ihr den Eingang wehrten. Kaum war sie hinter der Tre verschwunden,
als er sich chzend aufrichtete. Armer Narr, sagst du - murmelte er, whrend
die tausend Falten auf seinem Gesicht sich verzerrten und seine Gestalt sich
reckte, weh mir, da ich weiser bin als alle.
    Am nchsten Tage bediente er nicht bei Tisch. Da und dort hatte man ihn im
Schlosse schlrfen hren, aber niemand bekam ihn zu Gesicht.
    Auch Norina blieb auf ihrem Zimmer. Fhlst du dich nicht wohl, geliebte
Frau? frug Konrad, dem sie ihren Entschlu ohne Begrndung hatte mitteilen
lassen.
    Mit einem langen zrtlichen Blick - dem ersten seit vielen Wochen - sah sie
ihm gerade ins Gesicht.
    Ich darf mich nicht so viel erinnern, Konrad, und ganz schwer, wie
belastet von Gedanken, fiel jedes Wort aus ihrem Munde. Seit mir das Kind nicht
blieb, bin ich so fremd geworden - mir selbst - dir - allen! Hilf du mir, -
flehend und wie von Angst geweitet, ruhten ihre Augen auf ihm, - da ich nicht
noch weiter fort mu. Von ungeweinten Trnen geschttelt, barg sie den Kopf an
seiner Schulter. Und er prete sie an sich, von neuer, heier Hoffnung
durchstrmt, da sie ihm wieder gehren wrde.
    Warburg atmete frmlich auf, als er erfuhr, da Norina zum erstenmal von
ihrem Unglck gesprochen hatte. Jedes Redenknnen ist schon eine Befreiung,
sagte er, nur das tiefste Leid, das noch unerlste und nicht zu erlsende,
bleibt stumm.
    Whrend Konrad mit seinen Gsten bei Tische sa - eine gequlte Tafelrunde,
bei der schlielich keiner mehr sich die Mhe gab, ein Gesprch
aufrechtzuerhalten - betrat Norina die kleine Kapelle. Die Tre knarrte im
Schlo, irgendwo knirschte der Fuboden. Sekundenlang hob sie in erschrecktem
Lauschen den Kopf. Niemand sollte ihr folgen. Sie mute allein sein. Alles blieb
still; was sie noch hrte, war wohl nur das Klopfen ihres eigenen Herzens
gewesen. Die Luft im Innern des geweihten Raumes schlug ihr atembeklemmend
entgegen, denn seit dem Tage vor der Geburt des toten Kindes war die Kapelle
nicht mehr geffnet worden, und vor Demeter-Maria standen noch in ihren Schalen
die armen, welken Frhlingsblten Italiens; ihre feuchten, faulenden Stengel,
ihre trockenen, verwesenden Bltter breiteten einen Geruch nach Sumpf und Moder
aus. Norina aber griff mit einem Blick sehnschtigen Verlangens mit beiden
Hnden in das drre Laub und prete es krampfhaft an ihr blasses Gesicht; in
grauen Staub zerfallend, zerrann es zwischen ihren Fingern.
    An dem kleinen Fenster ber dem Altar raschelte es. Wie lebendig funkelnd
die roten und blauen Glser niederstarrten!
    Es sollte vergittert werden - hatte das nicht einmal irgendwer gesagt?
    Ihre Augen, um die sich tiefe Ringe legten, wanderten durch den Raum: wer
hatte die bunten Blumenbilder um die Sulen geschlungen? Gab es noch eine Erde,
der sie lchelten?! Wer hatte die blaue Wlbung mit den goldenen Sternen darber
gespannt? Gab es noch einen Himmel, der also leuchtete?! Vom Schoe
Demeter-Marias schien der ppige Knabe die ganze Welt jubelnd umarmen zu wollen
- er hatte die Augen so blau wie die Adria und Haare wie die Sonnenstrahlen,
wenn sie Santa Maria del Fiore kten. Norina brach lautlos zusammen.
    Das Fenster ber dem Altar splitterte. Sie hrte es nicht. Rote und blaue
Scherben regneten herab. Sie merkte es nicht. Ein faltiges Greisengesicht
erschien in der ffnung, mit Pupillen in den Augen wie gelber Bernstein. Sie sah
es nicht.
    Von drauen her klangen Schritte. Da horchte sie auf, die Hnde krampfhaft
ineinander verschlungen.
    Sie erreichen den direkten Zug nach Italien, sagte Konrads Stimme; die
hflich-khle Warburgs danach: Werden Sie sich aufhalten unterwegs? Und
schlielich Vittorio Tendas weicher Bariton: Nein. Wie knnte ich auch nur eine
Stunde verlieren wollen? -
    Norina war aufgesprungen, mit fliegenden Pulsen, glutheien Wangen - schon
griff sie nach der Tre, da zuckte ihre Hand, als htte sie in Feuer gefat,
zurck, ihre Augen starrten entgeistert. Der Kopf zwischen dem Fensterrahmen
ber dem Altar verschwand. Ein Strom fahlen, weien Lichtes zerschnitt die warme
Dmmerung der Kapelle. Aufsthnend schwankte Norina dem Altar zu. Hart schlug
ihr Kopf auf die Stufe.
    Und die Pforte sprang auf mit beiden Flgeln. Und ein Etwas strzte herein
-, und im Nacken Norinas sa ein Dolch.
    Und rot sprang ihr Blut wie ein Quell ber ihre lange, schwarze Schleppe - -
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                                Neuntes Kapitel



                               Vom groen Sterben

Die Vgel sangen am frhen Morgen in Busch und Baum, der Bach im Tale rauschte
zu ihrer hellen Melodie die tiefe Begleitung. Das war Norinas Grabgesang.
    Sechs Mnner trugen den blumenberschtteten Sarg durch die Parkalleen. Die
kleinen Chorknaben von Vierzehnheiligen mit den Weihrauchbecken schritten voran;
vier greise Priester folgten, wie fremde Knige anzuschauen in den langen,
gestickten Gewndern der ehrwrdigen Wallfahrtskirche, und eine Schar
schneeweier Nonnen dann, wie sanfte, verflogene Vgel. Dahinter einer, der
allein ging. Es war wie ein weiter, leerer Raum um ihn. Er sah geradeaus mit
dunklen, glanzlosen Augen, die still unter den Lidern standen wie die der
Blinden. Seine blonden Haare waren hell geworden von den weien Fden, die sie
durchzogen.
    Als der lteste unter den Priestern ihn trsten wollte, weil sie ihm
entrissen worden war, hatte er ihm staunend ins Antlitz gesehen und gesagt: Ich
bin es ja, der gestorben ist. Und in der schwarzen Menschenschlange, die sich
zum Geleit der Toten langsam hinter ihm durch die grnen Laubgnge schob, war,
was er sagte, flsternd von Mund zu Mund gegangen mit einem einzigen Beben des
Grauens.
    Erde fiel auf den Sarg - dreimal und wieder dreimal und noch einmal und so
ins Unendliche fort.
    Noch monatelang hrte Konrad das Pochen, und meinte die schwarze Scholle zu
fhlen, die ber ihn rieselte, bis er ganz und gar unter ihrer Decke verschwand.
    Nur sein Herz wollte zu schlagen nicht aufhren.

Trbe Herbstabenddmmerung lag in Frau Sara Rubners grauem Salon. In einen
dunkelrot geblmten Kimono gewickelt, hockte sie im Winkel des Sofas und folgte
mit den merkwrdig geschlitzten Augen in dem Mongolengesicht dem unruhig auf und
nieder schreitenden Warburg.
    Vom Drama auf Hochse hatte er erzhlt. Jetzt stockte er, tief aufatmend.
    Und dann? frug sie mit gespannter Miene.
    Die Leute im Hof bemerkten noch, wie die Fahne auf dem Turme sank, aber als
sie den Alten suchten, war er verschwunden, antwortete Warburg.
    Vergebens durchforschte die Gendarmerie die ganze Gegend. Er hat sich gewi
in irgendeinem Winkel umgebracht. Und wieder durchma er rastlos das Zimmer.
    Wollen Sie sich nicht endlich setzen, lieber Freund, sagte sie geqult.
Ihre Unruhe wirkt wie eine Peitsche auf meine Nerven.
    Er lie sich gehorsam ihr gegenber in einem der tiefen Sessel nieder.
Verzeihen Sie, ich dachte einen Augenblick nicht an Ihre bergroe
Empfindlichkeit. Sie leiden mehr als sonst, Frau Sara? Sein forschender Blick
blieb auf ihr haften.
    Sie machte eine rasche, abwehrende Bewegung: Sprechen wir nicht von mir.
Das ist zwecklos. Erzhlen Sie mir lieber mehr von Konrad. Ist es Ihr Verdienst,
da er noch lebt?!
    Warburg legte die Hand ber die Augen. Den herben Spott, der in ihrer Frage
lag, versuchte er zu berhren. Er lebt nur - so seltsam das klingt -, um
Norina zu neuem Leben zu erwecken. Sie darf nicht sterben - wiederholte er immer
wieder. Zuerst wurde Tenda telegraphisch zurckgerufen. Er machte eine Skizze
von der Toten und danach ein Bild, das ein wundervolles Kunstwerk ist: eine
schwarzgekleidete Frau mit einem zarten weien Schleier ber dem Kopf, den Blick
sehnschtig und doch entsagungsvoll in eine weite, lachende Landschaft
gerichtet. Es ist vielleicht kein Portrt, doch Norinas Erscheinung und ihr
Wesen ins Typische, fast Klassische erhoben. Whrend der Arbeit wich Konrad
nicht aus dem Atelier; die beiden Mnner befreundeten sich, und Norina war immer
bei ihnen. Mir schien's zuweilen, als verscheuchte ich ihre lebendige Gegenwart,
- dennoch glaubte ich um Konrads willen bleiben zu mssen.
    Frau Sara Rubner sa noch immer auf demselben Platz. Sie hatte die Arme um
die hochgezogenen Knie geschlungen und starrte vor sich hin. Wir alle, die wir
uns selbst zum Mittelpunkt wurden, gehen daran zugrunde, sagte sie mit
abwesendem Ausdruck und fgte leise hinzu, als msse sie einem unausgesprochenen
Einwurf begegnen: Denn die wir lieben, als gehrten sie uns, sind doch auch nur
wir selber.
    Drauen ging die Eingangspforte. Sie sprang auf, und sah mit kaum
beherrschter sehnschtiger Erwartung zur Tre. Auch Warburg erhob sich.
    Gerhard Fink trat ein. Pardon - ich stre wohl, sagte er mit einer
korrekten Verbeugung; keine Muskel in seinem glatten, schmalen Sportmannsgesicht
zuckte.
    Bitte - ich war im Begriff zu gehen, entgegnete Warburg eisig.
    Lassen Sie sich ja nicht stren, um so weniger, als ich mich nur
verabschieden wollte, warf der andere ein.
    Frau Rubner prete ihre groen weien Zhne in die Unterlippe: Sie fahren?
    Zu den Eltern, heute abend noch, und mit abermaliger leichter Verbeugung,
wobei ein fast unmerklicher, prfender Blick von einem der Zurckbleibenden zum
anderen flog, ging er wieder.
    Sie trat zurck, Warburg den Rcken drehend, und zerzupfte langsam die
gelben Blten einer langstieligen Orchidee, die in brauner Bronzevase auf dem
Tische stand.
    Wird er -?! frug Warburg leise.
    Sie nickte: Ich habe eine Entscheidung verlangt. Ob er sie bringen wird?! -
Sagte ich Ihnen schon, da die Albatrowerke ihm einen glnzenden Posten
angeboten haben? Und sie lachte rauh und mitnig.
    Sie wissen, da Sie immer auf mich rechnen knnen - immer! rief Warburg,
einen leidenschaftlich-pathetischen Klang in der Stimme, der ihm sonst fremd
war.
    Sie wandte sich ihm wieder zu: Ich wei, ihre Hand streckte sich ihm
entgegen, aber im Allerheiligsten der Seele und im Schwersten des Erlebens
bleibt man doch immer allein. Dann wechselte sie rasch, wie auf der Flucht vor
intimerem Gesprch, den Ton: Baron Hochse kommt morgen, wie Sie sagten?
    Er hat sich jedenfalls fr einen dieser Tage bei Bernhard angemeldet, um
seine Denkmalsentwrfe zu sehen.
    Es zuckte spttisch um ihren Mund. Sagen Sie selbst, lohnt sich ein Leben,
das nur noch mit solchen Nichtigkeiten erfllt ist? sagte sie, um nach einer
kurzen Pause hastig fortzufahren: Nun aber gehen Sie, lieber Freund, gehen Sie!
Wir geraten sonst in Gefahr, Ausgrabungen vorzunehmen, in denen man Welten
erwartet und Scherben findet. Und fast gewaltsam schob sie ihn zur Tre hinaus.

Auf den Wegen der Erinnerung ging Konrad Hochse; er ging allein. Denn niemand
wute, da er in Berlin war, und keiner htte ihn erkannt, der ihm begegnet
wre. Er war noch nicht dreiig Jahre, aber seine Zge hatte das Schicksal so
herb und hart gemeielt, als bliebe nun nichts mehr brig, in sie einzugraben.
    Seltsam, wie alles, was er sah und hrte, ihm fern und fremd und tot
erschien, whrend nur Eins ihm wahrhaft lebte: die Tote. Es gab Augenblicke, wo
er vor sich hinlchelte in Gedanken an die Armen ringsum, die nicht wuten, wie
reich er war in ihrem Besitz. Dann freilich gab es andere, wo ihn die ungeheure
Einsamkeit berkam, jene erhaben-frchterliche Einsamkeit der Gletscher, die
nichts kennt als Fels und Eis und Schnee, und zuweilen den Schrei des Adlers um
ihre Gipfel.
    Whrend der vergangenen Monate hatte er Zeiten gehabt, wo er meinte, das
Leben riefe nach ihm, und ein Fahnenflchtiger, der Ehre und der Freiheit
verlustig, wrde er sein, wenn er sich dem Befehl widersetzte. Nun sah er mit
einem Gefhl, aus Selbstqual und Genugtuung gemischt, da ihn das Leben nicht
hatte rufen knnen, - weil es nicht da war.
    Beim Wandern zu den Sttten seines vergangenen Daseins kam er dorthin, wo
Gina glubigen Herzens den alten Zauberer gesehen hatte, der die Sterne in
seiner groen Kuppel fing. Aber der kleine stille Platz war nicht mehr, und der
alte Garten, der einst die Sternwarte dicht umschlossen hatte, lag begraben
unter den schweren Pflastersteinen und dem grauen Asphalt der neuen Strae. Hier
suchte niemand mehr nach den Sternen. Also war das Leben tot.
    Irgendwo in der Stadt fesselte ihn die Auslage eines Spielwarengeschftes:
groe Kinderpuppen, wie Else sie einmal geschaffen hatte. Er ging hinein und sah
genauer zu: sie hatten gleichgltige Fabrikwarengesichter, und irgendeine Firma
lieferte sie. Sollte er sich nher erkundigen? Aber was war ihm Else als eine
wehmtige Erinnerung mehr, und was, vor allem, vermochte er ihr noch zu bieten.
Denn das Leben war tot.
    Er geriet immer mehr in das Gewhl der Straen. War es stets das gleiche
gewesen, oder bemerkte er nur zum erstenmal, wie die Menschen
durcheinanderhasteten mit sorgenvollen Gesichtern, als ob jeder sich frchte,
der andere knne ihm die Beute abjagen, der er nachlief? Wozu blhten die
leuchtenden Herbstblumen auf den Beeten der Pltze; wozu glnzte der grne Rasen
wie ein Smaragd; wozu wlbten die Baumkronen ihr Bltterdach? Niemand achtete
der Pracht, niemand lie sich Zeit, in ihrem Schatten zu ruhen. Niemand?! Doch:
die Kinder! Konrad blieb wie angewurzelt stehen: da sa ein blondes Bbchen auf
dem Sandhaufen und griff mit der kleinen, weichen Hand nach dem Sonnenstrahl,
der durch die Bltter fiel und auf seinem Blecheimerchen glitzerte, und lachte
den verspteten Schmetterling an, der ber der roten Aster neben ihm gaukelte.
Durchtrnkt von Leben war das Kind, und Leben strmte aus von ihm. Konrads Herz
krampfte sich zusammen. Er strich ihm mitleidig ber den Lockenkopf: es wrde
auch einmal bei lebendigem Leibe sterben. Wie gut, da sein Sohn vorher gegangen
war!
    Am Tiergarten kam er entlang. Dort drben hatte ein schlichtes, vornehmes
Haus gestanden wie eine verirrte Edelfrau zwischen Marktgesindel. Er suchte es.
An seiner Stelle erhob sich jetzt ein Palast in groen, starken Linien, eines
Herrschers wrdig. Veit von Voberg stand in groen Lettern am Granitpfeiler
des Torwegs. Konrads Stirnadern schwollen; er schmte sich: da er, der Norina
lieben durfte, sich jemals so hatte verlieren knnen. Dann aber war ihm
pltzlich, als schaue er durch die Wnde dieses Hauses, das der Knstler nicht
fr den kongenialen Bauherrn, sondern fr den Meistbietenden gebaut hatte. Die
drinnen wohnten, lebten nicht, ob sie gleich von frh bis spt in Bewegung
waren. An der Spitze zahlloser Vereine stand Renetta, das wute er durch die
Zeitungen; aus Sitzungen, Wohlttigkeitsfesten, Flirts und Schneiderproben
setzte sich die Hetzjagd ihres Daseins zusammen; und nichts haftete mehr an ihr
als der Handschuh, den sie trug. Eben stieg eine Dame die Freitreppe am
Seitenflgel des Gebudes hinab dem harrenden Auto zu; sie hatte rostbraune
Haare und eine gelbliche Haut; nur die meergrnen Augen verrieten noch, wer sie
war. Konrad musterte sie wie eine vllig Fremde. Sie wrden auch ihre Augen
wechseln, wenn sie knnten, diese Menschen von heute, dachte er, die niemals
vom Leben zur Einheit geformt worden sind.
    Eines Abends lie er sich durch ein groes Plakat verleiten, in eine
Arbeiterversammlung zu gehen, in der jener junge Arbeiter, den er einmal in
Pawlowitschs Bildungskursen kennen gelernt hatte, ber den Balkankrieg und seine
Folgen sprechen sollte. Der mit verstaubten, im Luftzug der auf- und zugehenden
Tren trocken raschelnden Girlanden vom letzten Tanzfest her geschmckte Saal
war kaum halb gefllt. Zwischen dem Redner, der den Eindruck eines
Privatdozenten machte und sehr nchtern und leidenschaftslos begann, indem er
die Entwicklung des Balkankrieges bis zu seinem Abschlu, dem Zusammenbruch der
europischen Trkei schilderte, und dem Publikum kam es nicht zu jenem geistigen
Zusammenflieen des Gebens und Nehmens, aus dem allein Lebendiges zu entstehen
vermag. Erst als er den Militarismus im allgemeinen angriff und einige scharfe
Bemerkungen gegen den preuisch-deutschen im besonderen hineinverflocht, der
dem Volke soeben neue, unertrgliche Lasten auferlegt hatte, spendeten die
Zuhrer ihm lebhaften Beifall und warfen hhnend ein Zabern! - Kruppskandal!
- Knittel! - dazwischen, an all jene Skandalgeschichten erinnernd, in die
Offiziere verwickelt gewesen waren, und die in einem Augenblick die ffentliche
Meinung bis tief in die brgerlichen Kreise hinein erregt und entrstet hatten,
wo die Regierung mit neuen Militrforderungen vor den Reichstag trat. Die
Ansprche der Offizierkaste haben Dimensionen und Formen angenommen, die nicht
blo fr die arbeitenden Klassen, sondern auch fr die Masse des Brgertums
verletzend, ja gefhrlich sind - rief der Redner, und der Agitator brach
pltzlich aus dem Privatdozenten hervor. Das Publikum johlte. Dann fiel er
wieder in das Dozieren zurck, keine der bekannten sozialdemokratischen
Wendungen von den wirtschaftlichen Ursachen allen Geschehens, vom nahen
Zusammenbruch des kapitalistischen Staats, von der alles und alle erlsenden
Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln auer acht lassend; er
leierte sie herunter wie der Kantor den Katechismus. Niemand hrte hin.
    Auch hier sind die Ideale schal geworden, dachte Konrad; das Leben ist tot.
    Er wollte sich leise entfernen und gelangte bis zur Tre. Es hatte sich
inzwischen ein wenig mehr gefllt, und er kam an Gruppen von Arbeitern vorber,
die sich im Hintergrund hielten und sich eifrig ber gewerkschaftliche
Angelegenheiten, ber die Ereignisse des letzten Zahlabends und hnliches
unterhielten. Halt's Maul, rief ein Junger mit fanatischen Augen einem zu, der
lauter wurde, so da die an sich schwache Stimme des Redners ihre letzte Wirkung
verlor.
    Gott's Donner, das Hemd ist einem nher als der Rock, brummelte der
Angefahrene in den struppigen Bart.
    Aber die Haut drfte dir noch nher sein, hhnte der Junge, und ob du die
zu Markte tragen willst, davon ist hier die Rede. Jetzt verstummten die
Umstehenden und hefteten ihre Blicke, in denen mehr Neugierde als Anteilnahme zu
lesen war, dem Redner zu. Auch Konrad blieb noch einmal stehen.
    Nichts ist in diesem Augenblick so billig wie die Weissagung vom kommenden
Weltkrieg, tnte es lauter durch den Saal. Serbien, dem der Bund der
siegreichen Balkanstaaten zur Seite steht, drngt zum greren Serbien, das bis
ans Meer reicht, unwiderstehlich hin. Gegen diese Aspiration mu sterreich das
Schwert ziehen. Ruland aber kann nicht zugeben, da sein Schutzstaat zerstampft
wird. Und Deutschland wieder kann seinen Bundesgenossen nicht im Stich lassen.
Ist es aber einmal in einen Krieg auf Tod und Leben verwickelt, so naht fr
Frankreich die gute Gelegenheit, seine alte Rechnung mit dem Todfeind zu
bereinigen - natrlich auch fr England, das den Augenblick nicht vorbergehen
lassen wird, um den unbequemen Konkurrenten ins Mark zu treffen. Dasselbe gilt
sterreich gegenber fr Italien -. Die Stimme des Redners wurde heiser, er
gestikulierte heftig, auf seiner Stirn standen die Schweitropfen. Unwillkrlich
scharten sich die wenigen Zuhrer dichter um ihn. Im Hintergrund klafften die
Flgeltren breit auf. Die Girlanden an den Wnden hoben und senkten sich, vom
Luftzug bewegt; drre Bltter wehten hinab. Unsere Stunde aber ist gekommen, -
der groe Augenblick, an dem die internationale Sozialdemokratie sich bewhren,
ihre Macht in die Wagschale ungeheuren Weltgeschehens zu werfen hat. Mit dem
Dampfhammer, den Marx einmal beschreibt, hat man unsere Bewegung verglichen. Er
vermag mit leichten Schlgen kleine Ngel in weiches Holz zu treiben. Strzt er
aber, seine ganze Schwere ausnutzend, wuchtig ab, so splittert Granit zu Staub
unter ihm. Behalten wir Besinnung, Bewutheit, Einigkeit! Der internationale
Sozialismus ist der Friede.
    Erschpft fiel der Redner in den Stuhl zurck. Man applaudierte lebhaft.
Hoch die internationale Sozialdemokratie! rief einer mitten im Saal. Aber
alles geschah wie nach einem Schema, ohne innere Anteilnahme. Der Weltkrieg! Wie
oft wurde davon geredet! Von nchternen Politikern und spiritistischen
Schwrmern; von Imperialisten, die Deutschlands berragende Weltmachtstellung,
von Sozialisten, die die Weltrevolution von ihm erwarteten. Da er kommen werde,
kommen mute, war zur Formel geworden, wie das Warten auf den Messias bei den
Juden zur Formel geworden war. Nichts Lebendiges, nichts, das Krfte zeugt oder
steigert, lag mehr darin.
    Konrad aber fhlte sich seltsam aufgewhlt: Krieg - konnte das mehr sein als
die Rauferei von ein paar wilden Tieren um die Beute, als das Niederkntteln von
Schwcheren durch der Strkeren Habgier, als ein Spektakelstck auf einer der
tausend Weltbhnen, bei dem der Gebildete halb gelangweilt, halb mitleidig
zusieht? Krieg - verbarg sich unter diesem Namen noch eine Macht, die den
einzelnen sich selbst entreien, in die Sintflut eines einzigen Geschehens
hineinzuschleudern vermchte, so da er wieder ein Teil wrde, sich als Teil
empfnde, erlst von der Grausamkeit eigenen Lebens? Das wre - Leben!
    Die Flamme, die flchtig in ihm aufgeschlagen war, sank rasch in sich
zusammen. Tor, der ich bin, dachte er, mit der drastischen Darstellung ewiger
Hllenstrafen suchten noch immer kluge Pfaffen die ihnen entweichenden Seelen
wieder zu kdern. Die Schrecken des Kapitalismus verfangen nicht mehr, seitdem
man anfing, sich mit Hilfe von Genossenschaften und Gewerkschaften und sozialer
Gesetzgebung halbwegs bequem in ihm einzurichten, jetzt versucht man's mit dem
neuen Gespenst.
    Sehr mde, wie immer, wenn er geschlafen hatte, - denn das Erwachen zur
Wirklichkeit erschpft den Unglcklichen mehr als das stete wache Bewutsein
ihres Schreckens - entschlo sich Konrad am nchsten Morgen endlich, die
Menschen aufzusuchen, die er sehen wollte. Den kleinen Bildhauer zuerst. Er war
inzwischen eine Berhmtheit geworden, und von ihm erhoffte Konrad jenes Denkmal,
das Norinas wrdig wre: einen schlichten antiken Grabstein trumte er sich mit
der Gestalt einer Frau, die ruhevoll in tiefem Sessel lehnt, die Augen auf einen
zu ihren Fen spielenden Knaben gerichtet und in Ausdruck und Gebrde wie
Norina htte sein mssen, wenn das Kind nicht gestorben wre. So sollte man,
meinte er, alle Toten ehren: indem die Kunst vollendete, was das Schicksal
stmperhaft unterbrach.
    Als er vor Bernhards Villa trat, leuchtete ihm aus dem herbstlich bunten
Garten jene Statue entgegen, die des Bildhauers Ruf begrndet hatte: ein nacktes
Weib, sehr schmal, sehr schlank, von der keuschen Unnahbarkeit gotischer
Heiligen. Er vergewisserte sich daran aufs neue, da Bernhard schaffen wrde,
was er hoffte, und nun berkam ihn wieder jene freudige Gewiheit von Norinas
Nhe, von dem Vollbesitz ihres Wesens.
    Der Knstler begrte ihn mit bertriebener Herzlichkeit und vielem
Geschwtz, das offenbar irgend etwas verdecken sollte. Sie kamen ins Atelier. Da
saen und standen und lagen dieselben Frauen wie die im Garten, nur da die
Oberkrper noch kleiner, die Beine dafr noch lnger und schlanker geworden
waren. Das war nicht knstlerische Entwicklung, sondern Manier. Bernhard
errtete unter Konrads fragendem Blick und lachte gezwungen.
    Sie sehen, sagte er, ich bin bereits in jenes Stadium der Berhmtheit
getreten, die es mir erlaubt, mich selbst zu wiederholen, ja gewissermaen zu
karikieren.
    Schade, meinte Konrad trocken und sehr ernchtert.
    Was wollen Sie? fuhr Bernhard fort. Das groe Publikum gewhnt sich am
raschesten an bestimmte Ausdrucksformen und liebt den Knstler, den es durch sie
immer wieder erkennt. Unbequem, fast suspekt ist ihm einer, der stets aufs neue
Probleme stellt.
    Das groe Publikum! rief Konrad gereizt, was geht es den groen Knstler
an!
    Der andere lchelte berlegen: Der groe Knstler will leben, lieber Baron.
Und seitdem ich mir dies Haus baute und dazu den Luxus einer armen Frau
gestattete, ist die Erfllung dieses berechtigten Wunsches nicht leicht.
berdies: was hat man sonst vom Dasein, wenn das bichen uerliche
Behaglichkeit nicht wre?
    Dann zeigte er Konrad einige kleine Modelle fr das Grabmal: gemeielte
Tragdien - kein Bildwerk. Konrad fhlte, da fr ihn hier nichts zu erwarten
war. Sie trennten sich khl und verstimmt. Auf dem Wege zum Gartentor sprachen
sie noch flchtig ber alte Bekannte. Auch Eulenburgs Name wurde erwhnt.
    Wissen Sie noch nicht, da er geheiratet hat, - Veits Stieftochter, ber
deren Hlichkeit ihn ihre Millionen trsten sollten? spottete der Bildhauer.
    Verdiente er nicht viel? Brauchte er sich in so ekelhafter Weise zu
verkaufen? frug Konrad in unbeherrschter Emprung.
    Viel, - aber nicht genug! brigens hat sich der arme Kerl greulich
verrechnet. Fr Papa Veit ist das Dichten so was wie ein Makeln mit
Brsenpapieren, und das Herstellen von Material fr Druckerschwrze nicht viel
anders wie das Weben von Lein wand, das man nach der Elle mit und bezahlt. Sein
Zuschu an den Schwiegersohn richtet sich nach dessen prompter Lieferung von
Geistesprodukten. Darum ist er jetzt bis zum Zirkus und zum Kino gelangt -
darum, mein lieber Baron, - und der kleine Bildhauer, der sich offenbar lange
im Zaum gehalten hatte, wurde feuerrot, kommen wir alle auf den Hund.
    Konrad atmete auf - also lebte doch noch etwas in dem Knstler - und drckte
ihm freundschaftlich die Hand. Darum werden wir mit Gewalt aus diesem Sumpf
gerissen werden, sagte er mit ungewhnlicher Zuversicht.
    Oder sanft in ihm ersaufen; wenn er auch dreckig ist, so ist er doch mollig
und warm, ergnzte Bernhard in bitterer Selbstironie.

Als er im Bedrfnis, sich auszusprechen, zu Warburg kam und an der Tre schon
wieder umkehren wollte, da er die rztliche Sprechstunde zu stren vermeinte,
trat der Freund ihm entgegen, - sehr bla, mit Augen, die tief und glanzlos in
den Hhlen lagen.
    Bleib nur, sagte er mde, die Sprechstunde wird uns' nicht stren, ich
habe meine Kassenpraxis aufgegeben und meine Ttigkeit auch sonst erheblich
eingeschrnkt. Nur solchen Leuten helfen zu knnen, die sich Essen und Trinken,
Luft und Licht, Ruhe und Bewegung zu bezahlen vermgen, und nicht imstande zu
sein, denen, die es am ntigsten brauchen, diese Bedingungen allen Gesundens zu
verordnen, das pat mir nicht, das ist ein Hohn auf meine Wissenschaft und meine
Ideale. Doch das nur nebenbei.
    Und er erzhlte, da Gerhard Fink seine Beziehungen zu Sara Rubner endgltig
gelst habe. Sie hatte ihn vor die Wahl gestellt zwischen sich und den Eltern.
Da spielte er zuerst den schmerzvoll Entsagenden vor ihr, den gehorsamen Sohn,
der Vater und Mutter nicht unglcklich machen drfe. Es mu darauf zu einer
bsen Szene gekommen sein, nach dem zu schlieen, was Sara noch bebend vor Zorn
und Aufregung mir andeutete. In ihrem Verlauf hat er die Haltung vllig verloren
und scheint ihr - ich habe auch das aus ihren wilden Reden nur herausgefhlt -
zynisch erklrt zu haben, da er, Warburgs Stimme sank und das Blut scho ihm
jh in die Stirn, nicht mehr ntig habe, sie zu heiraten.
    Elender Schurke! stie Konrad zwischen den Zhnen hervor.
    Sie ist ganz vernichtet, fuhr Warburg fort. Von Ausbrchen elementaren
Hasses und pathetischer Verzweiflung wird sie hin- und hergerissen.
    Man mu sie vor sich selber retten, ihr die Hand bieten, da sie
zurckfindet, warf Konrad lebhaft ein, eine Aufgabe, die in diesem Augenblick
niemand erfllen kann als du.
    Warburg nickte. Ich habe von Anfang an eine Katastrophe kommen sehen; wie
eine Schildwache habe ich darum immer vor ihrem Leben gestanden. Nur, da der
Kerl sie einmal so - so wegwerfen knnte, - er brach ab, um nach einer Pause
leise und langsam fortzufahren: Sie fhlt sich vor sich selbst und vor der Welt
- entehrt.
    Konrad sprang so heftig auf, da der Stuhl zu Boden krachte. Weil ein
Schuft sich als solcher enthllte, - entehrt?! rief er.
    Warburg hatte sich gleichfalls erhoben, schritt ein paarmal stumm mit
gesenktem Kopf im Zimmer auf und ab und blieb dann dicht vor dem Freunde stehen,
ihm fest ins Auge blickend.
    Ich will ihr dienen, Konrad, dienen wie bisher, sagte er leise,
vielleicht - vielleicht - und er legte die Hand ber die Augen.
    Armer Freund, murmelte Konrad.
    Dann ging er, um, von einem unbewuten Entschlu getrieben, Frau Sara Rubner
aufzusuchen.

Er erschrak, als sie ihn empfing. Sie war bla und schmal geworden. Die breiten
Backenknochen standen scharf aus ihrem Gesicht.
    So sehen wir uns wieder -, sagte sie. Er beugte sich ber die dargebotene
Hand, um sie zu kssen. Sie entzog sie ihm hastig. Sie wissen nicht?! Er
nickte.
    Auch, da ich - besudelt bin? und ihre dunklen, fieberglhenden Augen
richteten sich auf ihn.
    Sie - besudelt?! Er lchelte ein wenig. Frau Sara lie ihn nicht
weitersprechen.
    Ich warf mich immer weg, begann sie mit krampfhaftem Versuch, einen
ruhigen, berlegen-spttischen Ton anzuschlagen, an eine Sehnsucht, die in den
Sumpf fhrte, an ein Ideal, das sich als Fata Morgana erwies, an einen Menschen,
der ein Schurke ist. Meinen Sie, man knne dabei reinlich bleiben? Man kme
nicht schlielich um vor Ekel?
    Das ist, wie mir scheint, bertriebene Selbstqual; es kommt doch wohl nur
darauf an, sich nichts vorwerfen zu mssen, meinte er, die ganze Klglichkeit
seines phrasenhaften Einwurfs, den er an Stelle eines Trostes fand, peinlich
empfindend. Ihr Lachen verletzte ihn darum nicht.
    Gibt es einen strkeren Vorwurf gegen sich selbst, einen deutlicheren
Beweis fr die eigene Nichtigkeit, als solche Sehnschte, solche Ideale und
Neigungen zu haben? antwortete sie. Wahrhaft groe, starke Menschen verlieren
sich nicht! Er suchte vergebens nach einer Erwiderung, - er war sich noch nie
so hilflos vorgekommen. Sie empfand offenbar seine Verlegenheit. Was plagen Sie
sich, Baron, sagte sie, es tut mir wohl, da Sie mir nichts sagen knnen, -
ich sehe daraus, da Sie mich verstehen, und das brauche ich mehr als alles.
Doch genug, bergenug der Gestndnisse.
    Auf ihren Glockenruf brachte das Mdchen den Tee, und sie saen einander
gegenber als korrekte Gesellschaftsmenschen, die Konversation machen, auch wenn
sie wissen, da sie eine unwiederbringliche Stunde verpassen, in der sie
einander so viel zu sagen gehabt htten.
    Konrad erzhlte ihr von den Eindrcken der letzten Tage. Sie hrte
aufmerksam zu und sagte dann: Schon lange fhl' ich's: es liegt ein groes
Sterben in der Luft.
    Aber auch eine groe Sehnsucht nach Auferstehung, meinte Konrad.
    Ein ironisches Lcheln flog um ihren Mund: Glauben Sie? Mir scheint
vielmehr, da Ideen und Menschen sich noch im Grabe wehren wrden, wenn ein
grausamer Gott sie aus dem Schlafe wecken wollte. Und rasch, als frchte sie
jede Mglichkeit einer Vertiefung, lenkte sie das Gesprch wieder in die
ausgefahrenen Gleise der Konvention.
    Konrad verlie sie nicht weniger enttuscht, als er vorher Warburg verlassen
hatte.
    Aber schon am nchsten Tage bat sie ihn schriftlich um seinen Besuch. Ich
habe gezgert, ob ich es tun sollte, schrieb sie. Wir lieben uns nicht, sind
nicht einmal befreundet, - die bliche Schlufolgerung daraus wre, da wir
einander Fremde sind. Es gibt jedoch, wie mir scheint, Situationen, in denen
dies Fremdsein zum grten Nahesein berechtigt und befhigt, weil keine
Empfindung Blick und Urteil trbt und zu Schonung und Lge verleitet. Ich mu
jemanden haben, der offen und unbestechlich ist wie das, was mich in der Wirrnis
der letzten Tage im Stiche lie: mein Gewissen ...
    Konrad eilte zu ihr.
    Eine einzige, groe, gelbe Kerze brannte in Frau Saras grauem Salon.
Darunter lag ihre schwarz gekleidete Gestalt lang ausgestreckt auf dem niedrigen
Diwan. Ihre Lider waren gertet, zwei dunkle Flecken brannten auf ihren Wangen.
    Ich habe keine Zeit zu verlieren, sagte sie. Erst jetzt bemerkte er die
Unordnung auf ihrem Schreibtisch, in ihrer Umgebung. In wirrem Durcheinander
befanden sich Bcher und Papiere.
    Sie wollen fort? frug er, umschauend, dabei fiel sein Blick auf die Kerze,
die feierlich, wie in einer Altarnische, in der einen Ecke des Zimmers stand und
mit den zarten Rauchschleiern den feinen Duft frischen Wachses um sich
verbreitete.
    Vielleicht, antwortete sie gleichmtig und dann, seinem Blicke folgend:
Meiner Schwester Todestag, - im vorigen Jahre verga ich, ihn zu feiern. Um so
inbrnstiger geschieht es heut. Sie kmpfte mit den Trnen. Er streichelte
unwillkrlich ihre Hand wie einem kranken Kinde. Nicht weich werden, Baron,
bitte nicht, fuhr sie fort, wenn Sie mir helfen wollen, mssen wir Fremde
bleiben. Denn eine deutliche Antwort erwarte ich - keine Ausrede - auf das, was
ich Sie fragen will. Ich brauche Grausamkeit, keinen Trost.
    Und mit einem jh hervorbrechenden Schluchzen vergrub sie den Kopf in die
Hnde.
    Sprechen Sie, sagte er erschttert, wenn Ihnen Wahrheit helfen kann, wie
knnte ich sie Ihnen vorenthalten?
    Sie hob den Kopf: Ich danke Ihnen. Dann fuhr sie mit vollkommen
gefestigter Stimme fort: Nach meiner Frage, Baron Hochse - das wird Ihnen,
sobald ich sie gestellt habe, ohne weiteres verstndlich sein -, werden wir uns
nicht wiedersehen. Sie drfen mir, mag Ihre Antwort so oder so ausfallen, mag
ich ihre Richtigkeit durch mein Handeln anerkennen oder nicht, danach nicht mehr
begegnen. Und nun merken Sie gut auf: es strzte sich jemand nchtlicherweile,
in Fieberhitze glhend und fast erlschend vor Durst, in dunkles Wasser, das ihm
Erlsung schien. Dann erst, im Tageslicht, entdeckte er, da es schmutzig war
und hliche Zeichen davon auf seinem Krper hinterlie. Und er lief weit fort.
Und Scham und Verzweiflung liefen mit ihm. Trotzdem trieben ihn Fieber und Durst
immer wieder zurck nach dem Wasser -
    Drauen knarrte die Eingangspforte; es ging ein Schritt. Sara schnellte
empor, starrte mit reglosen Pupillen zur Tre, und ein Schrei tiefster
Verzweiflung entrang sich ihrer Brust: Wenn er kme, wenn er in diesem
Augenblick kme, er, an dem ich mir selbst zum Spott und zur Verachtung geworden
bin, - ich strzte ihm in die Arme - ich kte seine Fe -
    Sie sank zusammen. Drauen war es still. Konrad hatte sich abgewandt, bis
Saras rauh gewordene Stimme sein Ohr traf. Kann so jemand weiter leben, Baron
Hochse? frug sie laut und scharf. Er ffnete schon den Mund zu rascher,
beschwichtigender Antwort, als sein Auge dem der gequlten Frau vor ihm
begegnete. Aus seiner dunklen Tiefe flehte eine in Ketten schmachtende reine
Seele um Erlsung. Da verstummte er, verbeugte sich tief und ehrfurchtsvoll,
ohne da er gewagt htte, auch nur die Fingerspitzen derjenigen, von der er
Abschied nahm, noch zu berhren und ging.
    In derselben Nacht erscho sich Frau Sara Rubner. Die groe, gelbe Kerze
brannte noch immer ihr zu Hupten, als man sie fand.
    Konrad legte Warburg ein rckhaltloses Gestndnis von allem ab, was sich
zwischen ihm und ihr begeben hatte. Du wirst verstehen, sagte ihm dieser mit
jener Khle, die er jetzt stndig wie eine Maske trug, da auch wir geschieden
sind.
    Auf dem Totenbett, wohin er blasse Sptherbstrosen trug, sah er Frau Sara
zum letztenmal. Man hatte ihr nach jdischem Brauch die dichten, schwarzen Haare
in kleine, feste Zpfchen geflochten; zwei alte, hliche Klageweiber plrrten
Gebete und aen dazwischen ihr Frhstck aus fettigem Zeitungspapier. Und nicht
einmal mit Blumen durfte man das Lager bedecken. Das war gegen die rituellen
Gesetze.
    Lange stand Konrad neben der Toten, verloren in Phantasien. Das war ja gar
nicht Frau Sara, die dort geschlossenen Auges ruhte, jedes Reizes beraubt, den
sie einst besessen hatte, fast unschn. War das die Zeit, die sich aus Ekel vor
sich selbst entleibt hatte, - die Vergangenheit, die an ihren unerfllten
Sehnschten verwelkt war? Und waren die drauen, die noch herumliefen und
lrmten, als lebten sie, nichts als ihre Gespenster?
    Schon am nchsten Tage fuhr er nach Hochse zurck, glcklich, mit der
wieder allein zu sein, die ihm einzig noch lebte. Da er weder einen Bildhauer
noch einen Baumeister fr das Werk, durch das er sie verewigen wollte, gefunden
hatte, lie er von einem alten Maurer aus dem Dorf aus unbehauenen heimischen
Dolomitblcken ber ihrem Grabe im Part einen kleinen Tempel errichten. Nur eine
Platte brauchte man in seinem Innern hochzuheben, um ihn zu ihr herabzulassen.
Da es nicht lange dauern wrde, wute er. Was konnte dem Leben an ihm noch
liegen, nachdem ihm am Leben nichts mehr lag?
    Im Laufe des Winters starben die Tanten, ohne viel Gerusch zu machen.
    Nun war er ganz allein auf Hochse. Am Wechsel der Jahreszeiten allein
merkte er, da sich die Zeit bewegte.

Unablssig fiel der Schnee. Die Hochebene der Langen Meile, wo die schwarzen
Wacholderbsche verstreut auf der de stehen, wie zerzauste Lebensbume auf
vergessenen Grbern, und die kleinen, einsamen Huser, die im Herbst, wenn in
den drftigen Grtchen davor alles Blhende kahl und welk geworden ist, mit der
Schamlosigkeit des Bettlers ihre Wunden und Blen enthllen, hatte er schon in
den weien Samt seiner kniglichen Herrschaft geborgen. Und nun schlug er
glitzernde Sternenschleier um die Bume auf den Bergen und breitete unten im Tal
die prunkende Schleppe seines Brautkleides aus. Er duldete nichts Dunkles. Wenn
Wagenrder, Pferdehufe, Menschentritte sein Festgewand befleckten, so lschte er
in einer Nacht jede Spur davon; wenn der Schneepflug mhselig durch die
Dorfstraen knirschte und der Landmann sich chzend Fusteige grub, so
triumphierte er, ein Herrscher von Gottes Gnaden, schon in den nchsten Stunden
ber die Krrner. Und danach gaben sie ihren Widerstand auf, saen mit
gefalteten Hnden hinter den eisblumigen Scheiben und sahen zu, wie die Flocken
fielen.
    In der offenen Sulenhalle ber Norinas Ruhesttte bedeckten blhende Blumen
den Boden. Sie blieben lange Zeit hindurch das einzig Farbige. Bis der Schnee
eines Nachts den Wind zuhilfe gerufen und auch diesen letzten Gegner berwunden
hatte. Nun war alles weie, reine Unendlichkeit.
    Und eine groe Stille kam und verschlang jeden Laut.

Unwirklich erschien Konrad der Frhling, als er danach wieder begann, wie eine
Komdie mit gemalten Kulissen.
    Allmhlich stellten sich die Nachbarn bei ihm ein, um ihn zu trsten,
herauszureien, dem Leben zurckzugewinnen.
    Er htte ihnen am liebsten ins Gesicht gelacht, als sie davon sprachen. Ihr
Leben: Wirtschaftssorgen, Familientratsch, Parteihader, und daneben - um dieses
unheilvolle Dreigestirn vergessen zu lassen - offene und versteckte, von Spiel,
Wein und Weibern beherrschte Amsements! Als ihm berdies Hilde Rothausen, die
Verblhte, Verbitterte, mit deutlicher Absicht wieder zugefhrt wurde, zog er
sich in fast verletzender Weise zurck. Da er der letzte seines Stammes war, -
das wute und das wollte er. Nachkommen in die Welt zu setzen, denen nur ein
Erbe, in diesem mechanisierten Leben aber keine Aufgabe mehr zufiel, die mehr
bedeutete als ein bloes Erhalten dieses Lebens, - wie htte er das verantworten
knnen?

Die Kletterrosen um Norinas Tempel begannen zu blhen. Das war der Sommer, der
kam. Noch nie war er so reich an Blumen und Erntehoffnung gewesen. Aber eine
bleierne Schwle lag in der Luft, die lastete schwer auf allem, was wachsen
wollte, die verschleierte den Himmel, dmpfte die Farben und lie die kleinen
nesterbauenden Vgel unruhig flattern. Als in der Johannisnacht die Feuer von
den Hhen flammen sollten - es war zum Brauch geworden, da die Jugend sie
berall schrte, ein Fanal ihres Frohsinns und ihrer Hoffnungen -, und die
entfachte Glut schon zu knistern begann, brach ein Unwetter aus, und Strme
rauschenden Regens erstickten jeden Funken, wenn er auch noch so hartnckig zu
znden begehrte.
    Ein paar Tage spter sprengte ein Reiter in den Hof von Hochse: Alex
Rothausen. Er war hei und rot und berhrte vllig Konrads gemessene Begrung.
    Weit du schon? rief er, sein Pferd zgelnd. Eben telegraphierte der
Amtsrichter an den Vater: Ein Attentat! - Der sterreichische Thronfolger ist
ermordet! Beim Einzug in Serajewo von einem Russophilen, wie es scheint! Das ist
das Signal -
    Zum Kriege! fiel ihm Konrad ins Wort; sein Antlitz strahlte - nun hat das
groe Sterben ein Ende!
    Entgeistert sah der Reiter den Schloherrn an: sollte die Nachbarschaft
dennoch recht haben, wenn sie nur noch vom verrckten Hochse sprach?! Er hatte
keine Zeit, darber nachzudenken.
    Ich trag's weiter, um alle Schlafmtzen wach zu rtteln, rief er lachend
und stob zum Tore wieder hinaus.
    Danach stand der letzte des alten frnkischen Ritterstamms vor dem Bilde
dessen, der auf dem weien Mantel das groe schwarze Kreuz trug, und hielt
Zwiesprache mit ihm.
    Vom nchsten Morgen ab aber bestellte er Haus und Hof, war von frh bis spt
auf Feld und Flur zu finden, den Knechten und Mgden ein strenger Herr, den
Bauern ein Vorbild. Alles regte wetteifernd die Hnde, als gelte es zu schaffen
und zu bergen auf mehr als ein Jahr hinaus. Und er selbst hite auf dem Turm von
Hochse wieder die Fahne.

                                Zehntes Kapitel



                              Von der Auferweckung

In der Sommerschwle unter den hohen Kastanien auf dem Hof von Hochse summten
und surrten Fliegen und Wespen, und die Pferde vor dem leichten Selbstfahrer am
Portal stampften ungeduldig. Konrad stand auf der Schwelle, der alte
Greifensteiner neben ihm.
    Es bleibt mir wohl kaum noch etwas zu sagen brig, begann er, mit einem
raschen, hellen Blick, der wie von Zrtlichkeit glnzte, um sich schauend.
    Nur, da ich noch immer nicht begreife, brummte der andere.
    Ein Lachen, klar und froh, wie sorglose Jugend zu lachen pflegt, unterbrach
ihn: Nenn's eine Schrulle - eine neue Verrcktheit -, wie du willst! Hochse
steht auf zwei Augen. Da ist's immerhin gut in diesen romantischen Zeitluften,
ein Paar andere in die Verhltnisse einzuweihen.
    Du tust, als wrst du ein fahrender Ritter und wolltest dich vom
sterreichischen Bundesbruder zum Kampf gegen die Serben und sonstige dreckige
Balkanvlker werben lassen, erwiderte Rothausen noch immer voll Mimut.
    Noch einmal lachte Konrad: Das Schlechteste wr's nicht! um dann ernster
hinzuzufgen: Besinnst du dich auf die Verwandtschaft zwischen Adel und
Abenteurer, die die Gromutter einmal definierte? Der alte Kreuzritter droben
zog auch aus keiner anderen als der inneren Berufung ins Preuenland wider die
Polen. Im brigen: du kennst ja meine Ansichten ber die Weltlage. Und er sprang
elastisch auf den Bock, noch einmal die Hand herunterreichend.
    Krftig in sie einschlagend, sagte der Greifensteiner: Gott verzeih' mir
meine Schnauze, die ich in der letzten Zeit nicht im Zaume hielt, wenn sie ber
dich herzogen; bist doch ein Kerl vom alten Schrot und Korn, Konrad. Wir sehen
uns vielleicht noch in Berlin, wenn du recht behltst und es wirklich losgeht, -
mssen doch auch von dem Jungen, dem Alex, Abschied nehmen. Leb' wohl indessen
und Glck auf den Weg!
    Die Pferde zogen an. Da fiel Konrads Blick auf den Turm mit der flatternden
Fahne. Er wandte sich noch einmal um. Ich verga - rief er zurck, seine
Stimme hallte laut unter dem Torweg - da sie mir keiner herunterholt - jetzt
blhen die Rosen!
    In scharfem Trabe ging es den Berg hinab. Erst unten zgelte Konrad die
Fchse. Denn vom Parkhgel leuchtete, berschttet von brennenden
Bltenbscheln, Norinas Tempel ins Tal. Und langsam, ganz langsam, gesenkten
Kopfes, als schritten sie im Trauerkondukt, zogen die Pferde den Herrn vorber.
    Und nun umfing ihn der Wald, und es war, als ob die Bume mit ihrem trauten,
tiefen Schatten ihn wie mit zrtlichen Armen halten wollten. Dann kam die Wiese
und lachte ihn an, und der Bach, der sie durchzog, lud ihn zum Plaudern. Doch
immer nur rascher griffen die Pferde aus.
    Da - welch ein Hindernis? Noch rasch zog der Fahrer die ungebrdig sich
bumenden Tiere zurck. Vor dem Wirtshaus von Gasselsdorf unter dem
Kastaniendach stauten sich die lndlichen Gefhrte, die vom Markte kamen, und um
einen, der vorlas, drngten sich Mnner und Frauen mit heien Gesichtern. Kaum,
da jemand dafr Gedanken hatte, beiseite zu treten. Hallo! - rief Konrad.
Hallo! sekundierte der Reitknecht, der neben ihm sa, mit gewohntem rauheren
Tonfall. La das, Johann, verwies ihn der Herr, heut hat jeder ein Recht auf
die Strae.
    Der Hochse ist's, schrie einer erregt.
    Der fhrt schon?! fiel eine zitternde Weiberstimme ein.
    Gibt's Krieg, Herr Baron? und ein Alter mit schlohweiem Haar, die
Greisenhnde ber der Brust gefaltet, trat vor. Konrad beugte sich nieder und
reichte ihm die Hand.
    Bist noch einer von Siebzig, Vater Lorenz, und frchtest dich? sagte er.
    Der Alte warf den Kopf in den Nacken: Frchten?! Ne! - Nur da ich im
Winkel hock' - und er wischte sich mit der rissigen Faust ber die Augen.
    Jetzt umringten junge Burschen den Wagen. Sie riefen alle durcheinander:
Wann geht's los? -
    Bald! -
    Da machten sie mit einem Hurra die Strae frei.
    Nur ein blondhaariges Mdchen - mute sie immer am Wege sein, wenn er kam? -
lehnte am Zaun und weinte.
    Auf dem Bahnhof in Bamberg liefen die Reisenden hin und her, viele Frauen
und Kinder darunter, die mit Koffern und Schachteln und Struen beladen, aus
den Bergen kamen. Aller Mienen schienen gespannt, alle Augen eine Frage. Nur
langsam setzte sich die unendliche Wagenreihe des Zuges in Bewegung. Weich und
zrtlich schmiegten sich die Umrisse der frnkischen Hhen an den in der
flirrenden Hitze silbern glnzenden Horizont, whrend die vier Trme des Doms
sich seltsam nah und schwarz in den Himmel streckten wie Lanzenspitzen. Konrad
sah ihnen nach, bis eine Biegung des Zugs sie verschwinden lie. Da ihn das
pltzlich so schmerzen konnte, als wren sie etwas Lebendiges, etwas, das ihm
gehrte!
    Er schlo die vom grellen Licht geblendeten Augen. Wirbelnde Funken und
Sterne und Kreise sah er. Sie schmolzen ineinander, verdichteten sich. Und dann
war es, als ritte der steinerne Ritter vom Dom vor ihm her im leeren, im
pechschwarzen Raume, wei und leuchtend, - bis er kleiner und kleiner wurde -
immer kleiner - ein gleitender Schwan - ein schwebender Vogel - zuletzt nur noch
ein Stern - und im nachtdunklen Meer der Unendlichkeit versank.

Es wetterleuchtete fern am Horizont. Aber in den abendlichen Straen der Stadt
brtete die Glut des Tages; jede Mauer strmte die Hitze der Sonne aus, die sie
stundenlang in sich gesogen hatte. Und wo Menschen in Gruppen beieinander
standen, war es, als wre eine unsichtbare Flamme mitten unter ihnen. Man sprach
nicht viel - man lauschte mit gespannten Nerven - selbst im Rollen der Rder lag
ein gedmpfter Ton.
    Da: - von fern her ein Ruf, unverstndlich zunchst, dann deutlicher:
sterreich macht mobil! Und unten, am Ende der Strae, flutete es hervor mit
schwarz-gelben Fhnchen, in festem Schritt, dem der Gesang den Rhythmus gab:
Gott erhalte Franz den Kaiser -
    Konrad war bis zum Potsdamer Platz vorgedrungen, als der Zug sich nherte.
Die Bogenlampen berstrmten ihn jetzt mit ihrem weien Licht: es war Jugend,
lauter Jugend, rundbckige Knabengesichter darunter, Jugend, durch die Wonne des
Erlebens allein beseligt. Singend verlor sie sich wieder, rasch bertnt von
entfesselten Stimmenfluten ringsum, die vom nchsten Caf aus brausten und
prasselten, sich selbst berstrzend. Konrad ging vorber. Nieder mit Serbien!
klang es. Hoch sterreich! vom nchsten Tisch, und die Bierseidel klapperten
aneinander. Expansionspolitik - Platz an der Sonne - fing er weitere
Gesprchsfetzen auf. Er eilte weiter; in allen Nebenstraen war es leer, - an
den Ecken standen Dirnen und lachten ihm ins Gesicht - Bettler traten aus
dunklen Tren. Sein Schritt wurde schneller. War er gekommen, um Gespenster von
einst zu sehen?
    Da und dort, wie die letzten Raketen eines Feuerwerks, stiegen noch
abgerissene Klnge gen Himmel.
    Und der nchste Tag erwachte, noch leuchtender als der vorangegangene. Aber
niemand in der Stadt hatte irgendeinen Sinn fr seine blaue, glhende
Sommerstille. Die Straen, die Cafs waren von frh an berfllt. Aber nicht
mehr von jener Jugend, die sich in der Nacht zuvor an dem ersten groen Ereignis
ihres Daseins berauscht hatte. Reife Mnner waren es, die in aller Frhe von der
Sorge von ihrem Lager getrieben worden waren, und mit bernchtigen Gesichtern
berall beieinander standen, um ihre Ansichten und Befrchtungen ber die
politische Lage auszutauschen. Wenn sich auch die Hoffnungen vieler an die
Friedensbemhungen des Kaisers knpften, von denen die Presse erfllt war, so
schienen die meisten am Kriege kaum noch zu zweifeln.
    Krieg! - Wer von der Generation der Gegenwart wute noch etwas von ihm? Der
ngstlichen Gemter bemchtigten sich fast mittelalterliche Vorstellungen.
Besonders die Frauen schienen einen Zusammenbruch des gesamten wirtschaftlichen
Lebens fr mglich zu halten und suchten mit einer Aufregung, die oft an
Paroxismus grenzte, Einkufe fr den Haushalt zu machen, als gelte es, sich fr
eine Belagerung vorzubereiten. Aber auch ruhige Mnner wurden vom Fieber
ergriffen.
    Krieg! - Fr die Generation des Friedens bedeutete dieses Wort ein dunkles
Rtsel, erfllt von tausend Schrecknissen.
    Konrad gehrte zu den Zuschauern dieses Schauspiels. Er frchtete nichts. Er
hoffte nur. Wie der Landmann angesichts der durstenden Felder den schwarzen
Wolken hoffend entgegensieht, die sich drohend am Himmel ballen.
    Je hher die Sonne stieg, desto mehr schien sie die Luft zwischen den
Husern zu etwas greifbar Schwerem zusammenzupressen. Sie lastete frmlich auf
den Kpfen und beengte den Atem.
    Die Schatten schrumpften verngstigt zusammen.
    Auch der Tiergarten, in den Konrad einbog - den alten Weg zu Walter Warburg
ging er -, bot keine Khle. Kein Luftzug regte sich. Jedes Blatt am Baum stand
wie gebannt im blendenden Glast der Mittagshitze.
    Ich suche den Arzt, wenn ich den Freund nicht finde, sagte Konrad, als
Warburg, den unerwarteten Patienten erkennend, mit rasch verhrtetem
Gesichtsausdruck vor ihm zurcktrat.
    Bitte, erwiderte er khl, ihn mit flchtig einladender Handbewegung zum
Sitzen ntigend.
    Du weit, begann der Ankmmling, mit einem Blick voll Schmerz und
Mitgefhl des Arztes durchfurchtes Antlitz streifend, da ich seinerzeit wegen
eines Herzfehlers fr dienstuntauglich erklrt wurde. Jeder, der was auf sich
hielt, bereitete sich damals - und er lchelte leise - mittels einer
durchschwrmten Nacht wirkungsvoll auf die Untersuchung vor. Jetzt - mit einer
energischen Gebrde richtete er den Oberkrper auf - wnsche ich nichts mehr,
als gesund zu sein und hoffe, deine Untersuchung wird das ergeben.
    Warburg hielt den Blick hartnckig gesenkt, keine Muskel in seinem Gesicht
zuckte. Er kramte zwischen den Notizen auf seinem Schreibtisch und sagte dann
geschftsmig wie zu einem vllig Fremden: Hier ist die Adresse eines
Militrarztes, der fr diese Frage allein in Betracht kommt. Er umging
sichtlich jede Anrede, um das du nicht aussprechen zu mssen.
    Konrad sprang auf, er atmete schwer, und die drohende Falte zwischen seinen
Brauen strafte den freundlichen Ton, mit dem er sich zu sprechen zwang, Lgen.
    Danke. Ich werde zu ihm gehen - nachher. Mit deinem Attest - dem meines
Hausarztes, verstehst du? - Warburg hatte mit einem Bleistift gespielt, jetzt
warf er ihn heftig auf die Tischplatte, aber er antwortete nicht. Und
eindringlicher fuhr Konrad fort: Kleine Unregelmigkeiten, die etwa noch an
meinem Herzschlag zu spren sein sollten, wird er weniger beachten, wenn ich ihm
dein Attest vorlegen kann. Er machte eine Pause. Als der andere beharrlich
schwieg, nherte er sich mit einem raschen Schritt und sagte laut, jedes Wort
betonend: Denn ich mu felddienstfhig sein - ich mu!
    Warburg lachte kurz auf. Ach so! erwiderte er mit schneidender Schrfe,
du gehrst neuerdings zu den stheten, den Expressionisten und Futuristen, die
den Weltbrand schren helfen, um der neuen unerhrten Sensation willen, die auch
die schlaffsten Nerven aufzupeitschen vermag!
    Walter! rief Konrad vorwurfsvoll. Er kam nicht weiter. Es war als
durchbrche eine lang zurckgehaltene Leidenschaft alle Dmme; Warburg, der
sonst so gehaltene, fast steife, Warburg, der nie so recht jung gewesen zu sein
schien, geriet auer sich.
    Der Krieg ist's, den ihr wollt, ihr Verfeinerten, ihr, die ihr Krmpfe
bekommt, wenn ein Tischtuch nicht zur Tapete pat, fuhr er los, wit ihr denn
nicht, was er ist, was er bedeutet?!
    Not und Tod, - Hunger und Pestilenz, sagte Konrad tiefernst; aber wir
sind es nicht, die ihn heraufbeschwren. Nur frchten wir ihn nicht, nur aus dem
Wege gehen wir ihm nicht.
    Wir sollen ihm aber aus dem Wege gehen, wenn nicht anders, so mit der
Preisgabe von irgendeinem Stck dummen Stolzes; wir sollen ihn frchten, auch
auf die Gefahr hin, da irgendein Narr uns feige schilt, begann Warburg aufs
neue, denn alles steht auf dem Spiele, nicht nur Leben und Gesundheit, - alles,
was wir jahrzehntelang mhsam bauten an Vlkerverstndigung, an innerer und
uerer Kultur. Das mut du doch einsehen, Konrad, gerade du! Und seiner selbst
unbewut lag der alte vertraute Ton der Freundschaft in seinen letzten Worten.
Ein warmer Blick aus Konrads Auge streifte den Sprecher.
    Wir sind reich geworden, aber nicht glcklich; klug, aber nicht weise,
geschickt, aber nicht schpferisch, antwortete er. Ein Teich, der in der Tiefe
liegt, wohin der Wind nicht trifft, versumpft, und Schilf und Entenflot tuscht
nur Kurzsichtigen eine blhende Wiese vor. Es bedarf des aufwhlenden Sturms, um
ihn rein und klar zu machen - auch wenn dabei den Libellen die Flgel zerrissen,
den Wasserrosen die Bltter befleckt werden.
    Dein Bild ist vortrefflich, warf ihm Walter heftig entgegen, nur, da der
Sturm, von dem du Reinigung erwartest, statt des Blhens, das er zerstrt, die
Verwesung, den Schmutz der Tiefe an die Oberflche trgt. Alle rohen Instinkte
werden wie Verbrecher die Kerkertren sprengen. Schon feiert engherzigster
Nationalismus seine Orgien; er ist wie eine schwrende Krankheit, die pltzlich
am Krper Europas ausbricht.
    Und darum - das solltest du als Arzt besser wissen als ich - seine
Gesundung herbeifhrt, wandte Konrad ein. Aber den Gedankengang Walters schien
nichts aus der Richtung zu bringen.
    Hast du heut nacht gehrt, wie sie ihr Heil durch die Straen brllten, all
die Germanen, die nicht einmal ihres Vaters Herkunft zu kennen pflegen?!
spottete er. Unter jedem ihrer Rufe hrte ich ein: nieder mit den Juden -! Ich
sage dir, wenn dieser Krieg Wahrheit wird, es wird im eigenen Land ein
moralisches Morden geben ohnegleichen!
    Konrad schttelte den Kopf: Wie kannst du nur die in solchen Augenblicken
natrlichen berhitzungen Unreifer tragisch nehmen und nationale Gesinnung mit
dem Fanatismus der Rassenpuristen identifizieren?! National empfinden heit doch
nur, sich mit Bewutsein wieder einordnen in die Gemeinschaft.
    Und im Namen dieser Gemeinschaft den niederknallen, der einer anderen
angehrt, und dir nichts getan hat; oder als Arzt dazu verurteilt sein, den
Getroffenen mit allen Mitteln unserer Kunst schleunigst zu heilen, damit er
wieder fhig ist, auf andere, auf die Feinde zu zielen! rief Warburg
leidenschaftlich.
    Du hast recht, wenn du das im Namen der Gemeinschaft strker betonen
wolltest, antwortete Konrad. In ihr hren wir auf, einzelne zu sein, sind
nicht mehr die Tter unserer Taten, nicht mehr die Opfer persnlicher
Schicksale. Wir sind Werkzeuge, Trger einer hheren Idee.
    Warburg hob ungeduldig die Schultern: Eine hhere Idee: andere
niederzukntteln!
    Alles Leben nhrt sich vom Tode, lehrte mich Jrun Egil - sagte Konrad
versonnen. Sollen wir um des Friedens willen tatenlos dabeistehen, wenn die
Kosaken unsere Felder zertrampeln, wenn die Franzosen im Rhein ihre Rosse
trnken, wenn die Englnder unseren Handel, unsere Kolonien schmunzelnd in ihren
weiten Geldsack stecken?
    Er sah, da Warburg allmhlich mde in sich zusammensank, und umfate leise
seine nervse, blutleere Hand, die auf der Stuhllehne lag. Walter, sagte er,
in seine Stimme alle Weichheit seines Empfindens legend, wir haben beide viel,
haben alles verloren. Meinst du nicht, da wir zu allererst diesem Leben, das
einen subjektiven Wert fr uns nicht mehr besitzt, einen tieferen Inhalt geben
sollten, da wir ja sagen sollten zum Schicksal, rckhaltlos ja? Ich glaube, wir
haben noch etwas zu tun. Und auch etwas zu finden, das wir wie arme Blinde
suchten: Die Lsung des Zwiespalts zwischen uns und der Welt, die innere Einheit
allen Lebens. Die alten Ideale sind schal geworden - weit du noch, da du mir
das sagtest? Es gilt, fr neue, die vielleicht die kommenden Geschlechter zu
gttlicher Begeisterung berauschen werden, die Trauben zu keltern. Er stockte.
Walters Kopf senkte sich tief.
    Kannst du mir heute nicht verzeihen, da ich dich einmal krnkte? Sieht
nicht aller persnlicher Hader, an dem Ungeheuren gemessen, beschmend klein
aus? In diesem Augenblick fhlte er, wie des Freundes Hand sich mit festem
Druck um die seine schlo. Er atmete auf wie befreit. Und nun erfllst du auch
die Bitte, die mich zu dir gefhrt hat, nicht wahr?
    Warburg nahm das Hrrohr und erhob sich. Du willst -?! frug er, den Blick
seiner Augen suchend, als traue er der Sprache des Mundes nicht.
    Den Tod suchen? Nein! antwortete Konrad; das wre vermessen, wo das Leben
jedes einzelnen einen hheren Wert, eine tiefere Bedeutung bekommen hat. Aber
mich ihm stellen - gewi!
    Und nun schwiegen beide. Ohne auf Konrads steigende Ungeduld acht zu geben,
untersuchte ihn Warburg grndlich. Endlich steckte er die Instrumente ein. Du
bist gesund, sagte er, bis auf -
    Aber Konrad lie ihn nicht weitersprechen. Gesund! wiederholte er jubelnd,
nun aber komm, komm! Viel zu lange waren wir zu zweien, wo man nur noch zu
Hunderten sein darf!

Jene groe Strae, - die einzige der jungen Weltstadt, die gesttigt ist von
Erinnerungen, und sonst selbst an Sonntagen die knigliche Wrde, die sie wahrt,
auf die Strme derer bertrgt, die sie durchwandern - lag heute wie ein Kranker
im Fieber. Es entfesselte in jenen Gruppen dort, die einander in kreischender
Erregtheit zu berschreien versuchten, wilde Phantasien; es lste in den
Menschenzgen, die sich aus den Nebenstraen ergossen, heldische Begeisterung
aus; es schlug andere, die beiseite schlichen, mit stumpfer Apathie; es erfllte
schlielich die ganze Atmosphre mit einer Unruhe, vor der nichts mehr zu
schtzen vermochte. Sie packte die Mnner bei der Arbeit, die Frauen am Herd,
selbst die Kinder beim Spiel; die Werksttten, die Zimmer, die Hfe wurden ihnen
zu eng; schwer wie ein Alp lag's auf der Brust eines jeden. Nur hinaus - hinaus,
wo man atmen konnte, - und einer lief dem anderen nach, getrieben von einer
Macht, die keinen Namen hatte.
    Aber nichts ereignete sich, gar nichts. Das erlsende Wort blieb
unausgesprochen. Der Abend kam. Doch wer htte es vermocht, heimzukehren in die
Stube, ins Bett, whrend drauen der unsichtbare gigantische Wrfel noch immer
rollte! Das Volk wartete weiter. Und fern aus den Vorstdten entlieen die
Fabriken neue Scharen, die sich schwarz und schwer zum Zentrum wlzten. Da und
dort lsten sich zwei oder zwanzig von der Menge ab, die ohne Kommando wegsicher
ihre Strae zog, und verschwanden hinter den Pforten der Versammlungssle.
    Konrad und Walter, die sich bisher vom Strom hatten treiben lassen, blieben
unwillkrlich vor einer von ihnen stehen und lasen das groe Plakat, das daran
hing: Was haben wir Frauen zu tun? Irgendein unbestimmter Wunsch nach einer
Pause, mehr als der nach einer Antwort auf die gestellte Frage, lie sie
eintreten. Auf der Rednertribne stand eine hagere Frau, die mit berschriener
Stimme den Landsturm unserer Schwestern in allen Lndern gegen den einzigen
Feind, den Krieg zu entfachen und zu verknden versuchte. Aber ihr
leidenschaftlicher Appell, verhallte fast wirkungslos; und die nach ihr
sprachen, schlugen einen ganz anderen, milderen Ton an.
    Frulein Dr. Mendel, begann die eine, hat uns zu einer Stellungnahme zu
berreden versucht ...
    Frulein Dr. Mendel - Hedwig Mendel? flsterte Konrad fragend einer neben
ihm Sitzenden zu. Sie nickte. Und allmhlich erkannte er in dem spitzen Gesicht
die Zge der einstigen frischen Studentin wieder. Er verlor sich fr Augenblicke
in ferne Erinnerungen.
    Mgen wir noch so sehr fr die Erhaltung des Friedens sein, schlo die
Rednerin eben ihre Polemik, gegen den Krieg zu protestieren, wre nur dann mehr
als eine schne Geste, wenn wir die Macht unseres politischen Einflusses
zugleich in die Wagschale zu werfen vermchten. Darum mu unser A und O im Krieg
wie im Frieden immer dasselbe bleiben: her mit dem Frauenwahlrecht!
    Auch auf diesen Ton schienen die Zuhrer nicht gestimmt, nur wenige
klatschten Beifall.
    Frau Berg hat das Wort, verkndete die Vorsitzende. Und eine
weigekleidete, schlanke Gestalt stieg die Stufen empor, um, oben angekommen,
ein von aschblonden Scheiteln weich umrahmtes Gesicht der Menge zuzukehren.
    Konrad packte Walters Arm, Else! berrascht hervorstoend. Else
Gerstenbergk, besttigte dieser.
    In diesem Augenblick, dnkt mich, sollten wir weder richten noch fordern,
begann sie, und ihre volle, tnende Stimme schien die Wogen der Erregung zu
gltten, sondern nur daran denken, bereit zu sein. Denn eines ist gewi: mu
der Mann hinaus, um Haus und Hof zu verteidigen, wie es seit undenklichen Zeiten
seines Geschlechts Recht und Aufgabe war, so werden auch wir Frauen uns wieder
derjenigen zu erinnern haben, die die Natur selbst uns gestellt hat, und sie auf
uns nehmen nicht wie eine Last, unter der wir uns nur widerwillig beugen,
sondern wie eine heilige Verpflichtung, in der wir uns selbst erfllen werden.
Die Wunden, die ein Krieg schlgt, solch ein Krieg, wie er zwar noch verhllt,
aber doch in dem Tritt seiner eisernen gigantischen Sohlen sich schon
ankndigend, hinter dem Vorhang der Weltbhne erscheint, sind nicht nur die in
die Krper der Kmpfer grausam gerissenen, die unsere Hnde verbinden und heilen
sollen. Wo der Mann ins Feld zieht und die Seinen zurcklt, werden Not und
Armut nach unserer Frsorge schreien; wo die Arbeit stockt, werden wir
eingreifen mssen; ach, und wo die vielen, vielen Kinder darben, werden wir
keinen Augenblick mehr Zeit haben, etwas anderes zu sein als Mtter!
    Ein Murmeln freudigen Beifalls unterbrach sie, alle Mienen belebten sich, in
Augen, die verschleiert gewesen waren, kehrte ein Glanz von Hoffnung, von Mut
und Glauben zurck. Sie stand da, verklrt von einer Aureole demtig-stolzer
Weiblichkeit. Konrads Blick hing an ihr. Ein Gefhl von tiefer, innerer
Zusammengehrigkeit bermannte ihn, das er sich nicht zu deuten wute, da es mit
Liebe, mit verlangender Mannesliebe gar nichts zu tun hatte.
    Im weiteren Verlauf ihrer Rede entwickelte Else jeden einzelnen ihrer
Gedanken und entwarf in groen Zgen den Plan einer Organisation, die alle den
Kriegsdienst der Frau in sich schlieenden Ttigkeitsgebiete umfassen sollte.
Immer lebhafter wurde der Ausdruck der Zustimmung von allen Seiten. Da schien
sie pltzlich zu stocken. In diesem Augenblick war es Konrad, als habe ihr Auge
ihn entdeckt, als erblasse ihr Antlitz wie vor einer Erscheinung, als zucke ein
jhes Erschrecken durch ihren Krper.
    Wir wollen fort, flsterte er Warburg zu; sie ist gewi eine glckliche
Frau. Es wre ein Verbrechen, wenn ich sie durch meinen Anblick entsetzen
wollte.
    Aber schon klang ihre Stimme, nur fester und voller noch, wieder an sein
Ohr, und ihre Augen waren ber alle Kpfe hinweg mit einem Ausdruck des
Ergriffenseins in die Ferne gerichtet.
    Eine alte Geschichte, die in uns allen vergessen ruht, wie so viele
Geschichten aus heiligen Bchern, fr die wir keine Feierstunde mehr hatten,
wei ich noch. Als die Stunde der groen Not aufgegangen war ber seinem Volke,
kam Mardochai, der Prophet, zu Esther, der Knigin, und forderte von ihr, da
sie um der Bedrohten willen hintrete vor den Knig. Sie aber zauderte. Denn mit
dem Tode wurde bestraft, wer ungerufen den Stufen des Thrones sich nherte. Doch
Mardochai sagte zu ihr: Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Knigin
geworden, o Esther. Da schmckte sie sich mit allen Kleinodien, salbte ihren
Krper, flocht Perlen in ihr Haar, wie damals, als sie erhoben wurde, und ging
...
    Und abermals suchte das Auge der Rednerin den stillen Mann in der Menge.
Ganz leise, als wollte sie nur zu seinem Ohre sprechen, wiederholte sie:
    Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Knigin geworden, o
Esther.
    Sie traten schweigend in die Nacht hinaus, die beiden Freunde.
    Die Gedanken der Fernsten klingen heut zusammen. Es ist eine groe
Harmonie, sagte Konrad schlielich.
    Stimmengewirr, Pferdegetrappel, Rufe, Geschrei - schienen im gleichen Moment
seine Worte widerlegen zu wollen. Ein Zug von Arbeitern kreuzte die Linden -
waren es Hunderte, Tausende? Lie nur die Nacht ihn so endlos erscheinen?
Nieder der Krieg! tnte es vorn - nieder der Krieg! klang das Echo vier-,
fnfmal, weit am Ende der Strae verhallend. Und berittene Polizisten
durchbrachen die Reihen. Die blanke Scheide eines Sbels blitzte. Konrad und
Walter sahen sich in einen Torweg gedrngt, ein Haufen Verfolgter schob nach, so
da sie bis in einen engen, dunklen Hof gelangten, ber den als einziges Licht
der Schein einer kleinen Lampe lag, die im Erdgescho hinter rot verhangenem
Fenster brannte. Die Versprengten sprachen leise mit dem verhaltenen Zischen
uerster Heftigkeit, bis einer, der den anderen bekannt zu sein schien, auf ein
umgestrztes Fa stieg und Ruhe gebot.
    Bewahrt euch euren Zorn und euren Eifer auf die Stunde, wo es not tut,
rief er.
    Unsere Shne sind kein Kanonenfutter, kreischte eine Frauenstimme aus dem
Dunkel.
    Noch fordert sie keiner, suchte der erste Sprecher sie zu beruhigen.
berall sind unsere Genossen an der Arbeit. In Ruland bedroht die Revolution
die Hetzer, in Frankreich schtzt unser Freund, der grte Apostel des Friedens,
dessen Stimme selbst unsere Feinde nicht berhren, die Sicherheit des
arbeitenden Volkes: Jean Jaurs!
    Hoch, hoch Jaurs! Laut klang es und prallte an den hohen Mauern ab und
hallte wieder. Der Vorhang des erleuchteten Fensters bewegte sich ein wenig.
Dann erlosch die Lampe. Man suchte stolpernd den Ausgang. Da bahnte sich einer
von drauen her mit den Ellenbogen einen Weg durch die Masse:
    Jaurs ist tot!
    Keiner rhrte sich mehr vom Fleck.
    Wer sagt das?!
    Ein weies Papier schien ber den Kpfen zu flattern bis zu dem, der gefragt
hatte. Nun blitzte ein Streichholz auf, beleuchtete unsicher ein Gesicht, eine
knochige Hand:
    Ermordet! -
    Noch ein einziger Aufschrei. Dann Stille - und tiefe, schwarze Finsternis.
    Auf die Strae trat alles, stumm, mit gesenkten Kpfen, denn das Licht der
Bogenlampen blendete.
    Der Traum ist aus, sagte ein Alter und nickte Konrad zu, wie einem
Freunde, dann fiel ihm der Kopf tief auf die Brust.
    An der nchsten Ecke lehnte todmde eine Zeitungsfrau. Sie schrie mit rauher
Stimme: Eine russische Patrouille in Eydtkuhnen eingeritten - das Postamt von
Schmidden verbrannt -
    Kanaillen -, Mordbrenner -. Es waren junge Burschen, die als letzte aus
dem Torweg traten und nun mit blitzenden Augen schrien: Nieder mit dem Zaren -
mit dem Knutenregiment! Und sie liefen dem Zuge nach, der eben, die ganze
Breite der Strae beherrschend, alles mit sich fortri.
    Deutschland, Deutschland ber alles - brauste es in vieltausendstimmigem
Chor. Aus den Fenstern winkten sie berall mit weien Tchern, aus den
Wirtshusern strmten sie hinaus, und Geschrei und Gesang erfllte die ganze
Stadt.
    Da schlug es ein Uhr, schwer, weithin schallend. Es war, als kme der neue
Tag, ein Herold, belastet mit groer Kunde.
    Es gibt Stdte, die schlafen des Nachts wie Kinder: frh und fest und ohne
Traum; wer im Dunkel durch ihre Gassen geht, der dmpft den Schritt und hlt den
Atem an. Aber Berlin schlft nie. Denn erst wenn der rohe Lrm des Tages
schweigt, kommt der Rausch des Lebens ber die Menschen: die Geister erwachen um
Mitternacht wie in alten Gespenstergeschichten, Gedanken bekommen Gestalt,
Gefhle Glut. Grau und fahl und frostig kommt mit dem ersten blassen Tageslicht
die Nchternheit. Wer dann des Morgens, sein eigener Schatten, scheu durch die
Straen heimwrts schleicht, der begegnet denen mit den rauhen Fusten, die der
Daseinskampf in den Dienst des Tages zwingt. Und feindselig fast schaut einer
den anderen an; es gibt kaum ein Verstehen zwischen ihnen.
    In jener letzten Julinacht aber, die gewitterschwl ber dem Lande lag,
hatten selbst die verschlafensten Stdte unruhige Trume, und viele Fensteraugen
in den Drfern glnzten furchtsam ber erntereife Felder. Berlin schlief nicht;
doch in seinem Wachen war etwas von Schlaf, der die Glieder zur Einheit bannt,
den Atem zu einem Rhythmus bndigt. Nicht der Rausch in seinen tausend
sinnverwirrenden Formen, nicht die Sorge in ihren zahllosen, qulenden Gestalten
hielt die Augen der Millionen offen. Es war ein Gefhl, ein Gedanke - unnennbar
noch - tief und hei, von dem Glanz ferner Sternenwelten erhellt wie die
Sommernacht. Und als dann der Morgen kam und die Menschen auf den Straen
einander begegneten, lag ein gutes Gren in jedem Blick, als wren sie Brder
geworden.
    Konrad verbrachte den Vormittag mit den notwendigsten Geschften und den
Vorbereitungen zu seinem Eintritt in die Armee. Viele, sehr viele, weit mehr als
er irgend erwartet hatte, begegneten ihm mit den gleichen Absichten, und sie
betrachteten einander jetzt schon wie Kameraden. Und die Nachrichten und die
Kommentare und die Vermutungen flogen von Mund zu Mund: von Frankreich, das ohne
Kriegserklrung die Grenzen nicht mehr respektierte, von der verrterischen
Haltung Rulands, dessen Patrouillen schon plnderten und sengten, whrend der
Kaiser mit dem Zaren noch Friedensdepeschen wechselte. Von Friedensmglichkeiten
sprach niemand mehr; die Sehnsucht nach Entscheidung, nach der erlsenden Tat
beherrschte alle.
    Und nicht nur einzelne Zge waren es heute, die singend die Straen
beherrschten. Aus stillen Husern kam es wie Ameisengewimmel, um die
elektrischen Wagen schwirrte es, ein Schmetterlingsschwarm, es ergo sich wie
ein Wasserfall ber die Treppen der Bahnhfe und kroch, eine endlose, schwarze
Schlange, aus den Erdlchern der Untergrundbahn. Und der gleiche Gedanke, das
gleiche Ziel schufen den gleichen Rhythmus des Schritts.
    Noch immer hatte Konrad die Menge als die grte Einsamkeit empfunden; heute
fhlte er sich weder als einer allein, noch als einer unter vielen; sein Ich
schien ihm in all die Tausende geteilt, die mit ihm gingen, und in seinem Ich
schienen sie wieder wie in eins zu verschmelzen. Wie lange wanderte er schon im
Takt ihrer Fe auf und nieder? Wie lange schon warf die Sonne ihre
Strahlenbndel ber all die heien Hirne? Wlbte sich nicht seit einer Ewigkeit
der gleiche silbergraue Himmel ber ihm - still, feierlich, unerbittlich? Oder
war er eine riesige rotierende Kugel, die ihren ganzen Inhalt zu einer Masse
zusammenwirbelte? Und was war er, Konrad Hochse, in diesem Augenblick noch, das
ganz er selber war?
    Da - er sprte etwas wie einen elektrischen Schlag, der den ungeheuren
Krper, als dessen winziger Teil er sich bewegte, irgendwo weit vorn getroffen
hatte. Und es war, als ob ein Wind sich erhbe, die Bltter an den Bumen aus
ihrer Starrheit zu rtteln.
    Das Trompetensignal einer Autohupe durchschnitt schmetternd die bleierne
Luft. Und der Wind ward zum Sturm, in den Kronen unsichtbarer Wlder rauschend.
Vor dem grauen Wagen her, der sich in die Menge bohrte, sie auseinanderri, zur
Seite warf und einen zuckenden Schweif hinter sich herzog, gellte die
aufpeitschende Fanfare der Hupe. Aber eine junge, starke Menschenstimme
bertnte sie:
    Krieg!
    Und zum Orkan ward der Sturm. Er drang in alle Gassen, in alle Hfe, er
schlug Fenster und Tren auf, und wer noch verborgen im Winkel schlief, den
schnellte er auf die Fe. Wo ein Feuer in Herzen und Hirnen glhte, fachte er
es zur lodernden Flamme. Er ri von gebeugten Schultern die staubige Last der
Tagesmhen, da sie sich reckten, er sprengte die eisernen Ringe ber der Brust
der Hassenden, da sie frei wurden, und vor seinem Atem zerstoben die Schleier,
die Sorge und bersttigung zwischen Welt und Mensch gewoben hatten.
    Und ihre Befreiung und ihre Kraft, ihren Zorn und ihre Zuversicht trug der
brausende Ruf der Masse gen Himmel.
    Ihre Fe aber waren beschwingt. Unbekannte fhrten einander vertraut an den
Hnden. Kinder schwebten auf Armen und Schultern fremder Mnner, damit sie, die
Kommenden, ihre Augen sttigten mit dem Licht dieses Tages.
    Sie zogen zum Schlo in breiten, alles mit sich fortreienden Scharen. Es
bedurfte keines rauhen Kommandoworts, um jedes Rderrollen von diesen feierlich
Bewegten fern zu halten. Und dann standen sie, Kopf an Kopf, ein Menschenmeer,
das den riesigen Platz erfllte, das an die grauen Mauern der ehrwrdigen
Knigsburg schlug, das emporflutete ber die Stufen des Doms und in mchtiger
Woge des alten Museums hohe Freitreppe berschwemmte, dessen Brandung bermtig
aufwrtsschumte bis in die ste der Bume. Waren es Tausende? Hunderttausende?
    Und es sang, es rief, es jubelte. Von den Kandelabern herunter, auf die sie
geklettert waren, sprachen junge Studenten. Auf den Stufen des Doms stimmte ein
Chor weigekleideter Mdchen alte fromme Lieder an, und unter dem Kaiserdenkmal
erzhlte einer, der sehr alt war, von den Taten der Ahnen. Unsichtbar wandelten
sie, von den Verzckten dieser Stunde heraufbeschworen, unter der Menge: die
Luther und Goethe, die Fichte und Kant, die Bismarck und Nietzsche.
    Auf der Treppe des Museums stand Konrad. Geschlossenen Auges hrte er die
Tne, die aus der Tiefe aufwrts rauschten; beschwingte Fabelwesen der Vorzeit
waren es, deren Flgelschlag er zu hren meinte. Dann pltzlich tiefe Stille -
er schlug die Augen auf: hatte der Zauberstab des unsichtbaren Dirigenten die
ungeheure Sinfonie der Masse gewaltsam unterbrochen? Auf dem weiten, von der
Abendsonne goldberstrmten Platz standen sie Kopf an Kopf regungslos, mit dem
Boden verwurzelt, und schwiegen.
    Der Kaiser spricht, flsterte jemand.
    Konrad hrte nichts; niemand htte von hier zu hren vermocht, was weit
drben am Schlo, wo die Gestalten kaum zu erkennen waren, geredet wurde. Und
doch hielt jeder den Atem an. Und Konrad fhlte das Lauschen der
Hunderttausende. Eines Mysteriums Zeuge erschien er sich: denn in diesem
Augenblick nahm das Volk einen Herrscher, um den der blendende Glanz der Krone
einen weiten leeren Raum, eine groe Fremdheit geschaffen hatte, in sich auf.
Und einen Herzschlag lang, der, mag er auch nur Sekundendauer haben, in der Wage
der Zeit schwerer wiegt als viele Jahre, waren alle Menschen Brder.
    Da huben die Glocken des Doms zu luten an; ihre Stimmen von Erz wurden die
Sprache dieser Stunde. Die Menge erwachte aus tiefer Versunkenheit. Auch Konrad
hob den Kopf.
    War es nicht Else, die ber ihm im weien Kleid an der brunlichen Sule
lehnte? Und sagte sie nicht laut, da es mchtiger als die Stimme des Kaisers
ber den Platz bis zum Schlo hinberschallte: Vielleicht bist du um dieses
Tages willen Knigin geworden, o Esther?
    Er fuhr sich mit der Hand ber die Stirne; stundenlang hatte er in der
glhenden Sonne gestanden. Haben wir wieder heie Trume gehabt, bambino mio?
hrte er eine alte Stimme mit zrtlichem Tonfall sagen. Er sah sich um. Es war
leer geworden auf der Treppe. Langsam strmten unten die Menschenfluten zurck.
Rosig frbte sich der Abendhimmel ber ihnen mit langgestreckten weien Wolken
darauf wie Kometenschweife.
    Und im Schritt mit den anderen ging er unter den Bumen der groen Strae.
    War sie da nicht schon wieder dicht vor ihm, die Weie? Mute er ihr
begegnen und vielleicht ihren Frieden stren? Frau Berg, dachte er, sie
scheint mehr als glcklich, sie scheint - und vergebens suchte er nach einem
Ausdruck fr das, was er bezeichnen wollte - erfllt zu sein, Erfllung
gefunden zu haben. Es wurde ihm warm ums Herz, denn der Gedanke, sie knne
leiden, vielleicht gar einsam sein und verlassen, hatte ihn oft geqult. Er
sprte sogar etwas wie Neugierde; gern htte er den Mann gesehen, dem sie
gehrte. Und er ging unwillkrlich rascher.
    Konrad! rief ihre Stimme, ganz deutlich. Er prallte zurck. Aber sie sah
sich nicht um nach ihm.
    Konrad! klang es noch einmal, ein wenig ngstlicher. Da strmte ein
schlankes Bbchen, das wohl zu weit vorangeeilt war, der Rufenden entgegen, die
es lachend auffing. Blonde, wehende Haare hatte es - tiefe, nachtdunkle Augen.
Der Mann, der jetzt dicht hinter der Frau mit dem Kinde stand, schwankte wie von
pltzlichem Schwindel gepackt. Hatte er Fieber, gingen Geister um?! Dieser Knabe
war doch kein anderer, als - er selber!
    Die Umstehenden wurden auf ihn aufmerksam. Er ri sich zusammen. Mutti -
sagte in diesem Augenblick eine se Kinderstimme, und die dunklen Augen
hefteten sich weit und erstaunt auf ihn. Da wandte auch die Frau den Kopf. Das
Blut wich aus ihren Wangen. Aber sie fate sich rasch, denn schon fhlte sie,
wie die Neugierde ringsum sich auf sie richtete. Baron Hochse, sagte sie
frmlich.
    Er verbeugte sich korrekt: Ich freue mich, Sie zu sehen, Frau ...
Gerstenbergk, ergnzte sie rasch, wie immer.
    In seinen Schlfen hmmerte das Blut.
    Gestatten Sie mir, einen Wagen zu nehmen? brachte er stockend heraus. Sie
gingen ber die Strae. Eine kleine warme Kinderhand schob sich in die seine.
Fest, ganz fest klammerte er die Finger um sie. In wilden Schlgen pochte sein
Herz.
    Wohin? frug er, das Kind in den Wagen hebend. Seine Stimme klang rauh, er
zitterte wie unter einer ungeheuren Last, als die Wrme des jungen Krpers sich
ihm mitteilte.
    Nach dem Wannseebahnhof, sagte sie.
    Unterwegs unterhielten sie sich ber das Nchstliegende, den Krieg, da des
Kindes Gegenwart jede Berhrung dessen, was ihnen im Augenblick das Herz
bewegte, unmglich zu machen schien. Allmhlich schwand die Spannung zwischen
ihnen. Konrad erzhlte, da er sie gestern habe sprechen hren; die Bewunderung,
die er ihr zollte, lehnte sie bescheiden ab, denn ihre Rede sei nicht der
momentane Ausdruck einer spontanen Stimmung gewesen, sondern entsprche ihren
praktischen Vorschlgen nach den Richtlinien, welche ein groer Teil der
organisierten Berliner Frauenbewegung seit dem ersten Auftauchen der
Kriegsgefahr als fr ihre knftige Ttigkeit magebend anerkannt habe.
    Frulein Dr. Mendel steht offenbar auf anderem Standpunkt? sagte er, ohne
mit einem Gedanken bei seiner Frage zu sein, denn seine Augen hingen verloren an
dem Knaben ihm gegenber, der hartnckig schwieg, hier und da einen verstohlenen
Blick, so erstaunt wie der erste gewesen war, auf ihn werfend.
    Sie gehrt zu den Verbitterten und Enttuschten wie fast alle Frauen, die
in ihrem Heiligsten, in ihrer Liebe verraten wurden, entgegnete Else.
    Er wandte sich ihr mit einer raschen Wendung des Kopfes wieder zu, und es
lag etwas Gequltes in seinem Ausdruck, als er frug: Und - Sie?
    Ein helles Lcheln verklrte ihre Zge. Ich? Sie sah ihn an, gro und
gtig. Bin ich verraten worden?! Ich whlte freiwillig meinen Weg, und ich habe
- ihre Stimme sank zu fast unhrbarem Flstern - unser Kind.
    Sie schwiegen lange. Da er mit ihr und dem Knaben den Zug bestieg, der nach
dem westlichen Vorort hinausfuhr, wo sie wohnten, da er, dort angekommen, mit
ihnen ging, des Kindes Hand nicht aus der seinen lassend, schien wie
selbstverstndlich. Als sie auf der geraden Strae durch den Ort gingen, - einen
jener Niederlassungen, die ihre unorganische Hlichkeit dem Umstand verdanken,
da sie aus einem abgelegenen Dorf zu einem Auenteil der Weltstadt wurden -
erzhlte sie von ihrem Leben. Mit einer bewuten Khnheit, der viele ein bses
Ende prophezeiten, hatte sie eine Werkstatt gegrndet, in der die Herstellung
der Puppen, die ihre Erfindung waren und ihr frher eine Nebeneinnahme
sicherten, im groen betrieben wurde. Sie hatte sie, dank der auch aus dem
Ausland rasch zunehmenden Bestellungen mehr und mehr vergrern mssen.
Freilich, schlo sie lchelnd, so hbsch wie frher sind meine Puppen nun
nicht mehr. Sie sehen einander immer hnlicher. Sie haben auch Soldaten werden
mssen und verteidigten tapfer unser Leben gegen Kummer und Not und eroberten
uns Frieden nach innen, Unabhngigkeit nach auen. Nun kann ich sogar fr den
Buben Prinzen und Prinzessinnen machen - nicht wahr, Konrad?
    Der Kleine nickte. Sie hatten die Strae verlassen. Vor ihnen dehnte sich
die gerade, schattige Allee. Da und dort lugte ein anspruchsloses Sommerhuschen
oder ein einstiges Bauerngehft mit tiefem Dach aus dem Grn der Grten heraus,
dann kamen Felder und Wiesen.
    Noch weiter? frug Konrad.
    Ein wenig, sagte Else, unter freiem Himmel und hohen starken Bumen wuchs
er auf. Darum ist er so gesund! Und ein zrtlicher Blick umfate den Knaben.
    Glutrot war die Sonne versunken. Ihr letzter Abendgru wandelte das weite
reife Roggenfeld in ein wogendes Meer flssigen Goldes, hinter dem der Wald in
groen dunklen Konturen feierlich aufstieg. Zwischen den weien Marmorsulen
junger Birken, die sich nach oben zu lichten Spitzbogen wlbten, fhrte der Pfad
in die mchtige Halle brauner Eichenstmme, die mit groen weitverzweigten
geschwungenen sten ein Dach wie von durchsichtigem Smaragd gen Himmel hoben.
    Hatte sich der Frieden in dieses Heiligtum geflchtet? Versunken war die
Welt fr den, der eintrat. Hier wohnt Gott, sagte Konrad leise und entblte
unwillkrlich das Haupt. Der Knabe an seiner Seite, der jede seiner Bewegungen
aufmerksam verfolgte, jedes seiner Worte einsog, tat desgleichen. Des Mannes
Seele aber ward pltzlich erfllt von groer Sehnsucht. Durch den weien
Winterwald-Dom von Hochse sah er sich mit Norina wandern. Und nun - sann er
darauf, ihr die Treue zu brechen, angesichts der grnen Kirche?!
    Wer kann treulos werden, der liebt?!
    Aber eine andere Liebe hatte der Krieg, dieses Erdbeben, das so viele
verschttete Keime blolegte, so viele morsche Stmme niederri, im
verstecktesten Winkel seines Herzens aufgedeckt und nun in der Treibhausluft der
neuen Zeit, die in Tagen wachsen und reifen lie, wozu die Vergangenheit
Jahrzehnte brauchte, zu ppiger Blte sich entfalten lassen: Die Liebe zur
Heimat. Waren die vielhundertjhrigen Stmme ihres Waldes nicht gewachsen mit
seinem Geschlecht? War es nicht heiliges Korn, das die Vter geset und geerntet
von je und je? Fester fate seine Hand des Kindes weiche Finger. Siehe, ich
ziehe das Schwert fr dich, meine Heimat, sprach seine Seele, damit kein
Fremder deinen Boden entweihe; und ich gebe dir den, dessen tiefstes Sein im
geheimnisvollen Urgrund allen Lebens mit den Wurzeln deiner Bume verwachsen
ist.
    Sie kamen zu einem kleinen Hause, das zwischen Erlen und Weiden am Rande des
Eichenwaldes lag. In seinen niedrigen Fenstern spiegelte sich der helle
Abendhimmel, so da sie waren wie lebendige freudestrahlende Augen. Hohe Malven
wuchsen davor, deren Spitzen das weit berhngende graue Dach fast erreichten,
und Dahlien, deren bunte Bltenkpfe den Eintretenden freundlich willkommen
nickten.
    Jetzt ri das Kind sich von Konrad los und lief voran durch den kleinen,
wohlig khlen Flur in das Zimmer mit den alten Birnbaummbeln. Vor einem Bilde,
das an der Wand neben dem Schreibpult hing, stand es, als die Mutter mit dem
fremden Manne nher trat.
    Mein Bild! dachte Konrad berrascht; nach dem Gedchtnis mute es Else
gezeichnet haben. Er wandte sich ihr zu, eine Frage auf den Lippen.
    Da ffnete der Knabe zum erstenmal den Mund, der trotz aller kindlichen
Weiche schon die herbe Festigkeit des werdenden Mannes verriet, und sagte laut,
den Fremden vor ihm mit dem vertrauten Bilde vergleichend:
    Bist du mein Vater?
    Mein Sohn! jauchzte Konrad, ihn mit beiden Armen zu sich emporhebend, und
seine Ksse bedeckten die runden Wangen, die dunklen Augen, das seidige Haar.
    Else hatte sich leise in die dmmernde Tiefe des Zimmers zurckgezogen.
    Aber schon sprang der lebhafte Kleine aus den Armen des Gefundenen und
strmte hinaus, wo ihm freudig bellend ein groer Wolfshund entgegenlief; den
umfate er mit beiden Armen und rief glckselig: Denk' nur, Rolf: der Vater ist
wiedergekommen! Dann tollte er durch den Flur in die Kche, und wenn er gleich
die Tre krachend ins Schlo warf, so drang seine helle Stimme doch bis zu den
beiden Zurckgebliebenen, die einander in tiefer Bewegtheit gegenberstanden:
Marie - Marie - so hr' blo - welch' ein Glck: Der Vater ist wiedergekommen!
    Das Kind hat entschieden, Else, sagte Konrad, ihre Hand ergreifend, ehe
ich bat, und ehe du antworten konntest.
    Entschieden?!
    Er berhrte die Frage, in der viel Zweifel, viel Ablehnung lag.
    Ich kann nicht zu dir sprechen, wie ich sprechen sollte, begann er, und
dich einfach bitten: gib mir das Recht, meines Sohnes Vater zu sein. Denn was
ich dir bieten kann, ist sehr, sehr wenig: nur meine Bruderliebe - nur meine
Freundschaft -, nur mein Name. Und du tauschst deine stolz verteidigte Freiheit
dafr ein.
    Sie schwieg, tief in dem alten Sessel zurckgelehnt, und der Abend hllte
barmherzig ihr blasses Antlitz in seine Schleier.
    Ich liebe - fuhr er leiser fort, ich liebe mit jener Liebe, die, wenn sie
den Menschen begnadete, immer eine einzige ist. Sie ergreift nicht nur das Herz,
die Sinne, sie erfllt nicht nur die Gedanken, die Erinnerung, sie nimmt restlos
vom ganzen Sein und Wesen Besitz. Sie ist nicht nur wie ein roter Streifen im
Tuch, verwoben mit dem ganzen Geschick, sie ist das Leben, sie ist der rote
Saft, der durch die Adern fliet, der Nerv, der das Hirn bewegt. Darum ndert es
auch nichts an ihr, ob der Mensch, der sich also dem anderen vermhlte, lebt
oder ob er gestorben ist. Darum kann solch ein Liebender auch nicht vergessen.
Fr ihn gibt es keine Untreue, weil es auch keine Treue fr ihn gibt. Um den zu
berwinden, der in ihm lebt, gibt es nur ein Mittel: Die letzte Vereinigung mit
ihm - den Tod.
    Er atmete tief auf; nun mute sie sprechen. Und ihre Stimme kam aus dem
Dunkel wie krperlos:
    Ich wei das alles, Konrad.
    Du weit? machte er berrascht.
    Von Warburg - ja. Ich traf ihn zuweilen, und mute doch jemanden haben, der
von dir sprach.
    Und er sagte mir nichts?!
    Ich bat ihn darum, - es war fr dich besser, da ich nichts als ein Traum
fr dich blieb, antwortete sie mit verschleierter Stimme. brigens: von
unserem Kinde wute er nichts. Ich nahm ja auch vor der ffentlichkeit einen
anderen Namen an, um mich zu verstecken, und - aus einer letzten, unberwundenen
Schwche heraus - die Stimme aus dem Dunkel wurde noch leiser -, damit das
Kind seine Mutter nicht Frulein nennen hrte.
    Else! -
    Der wiederkehrende Knabe, das Mdchen, das mit der Lampe das einfache
Abendbrot brachte, unterbrachen das Gesprch, und des Kindes lebhaftes Geplauder
half den beiden ber die unausgeglichene Stimmung hinweg. Von all seinen Freuden
und Leiden, seinem Spiel und seinen Trumen erzhlte es, als habe es fr diese
Stunde den Schatz seines Erinnerns aufgespeichert, um all seinen Reichtum dem
Ersehnten, lange Erwarteten zu Fen zu legen. Da Else dem Sohne vom Vater
gesprochen, Liebe und Vertrauen zu ihm von frh an in sein Herz gepflanzt hatte,
hrte Konrad aus allem mit tiefer Rhrung heraus.
    Und nun gehst du nicht wieder fort, nun bleibst du immer bei uns, nicht
wahr, Vater? schlo der Kleine, auf des Mannes berschlanke Rechte sein festes
Fustchen legend, whrend seine Augen mit ngstlicher Frage auf ihm ruhten.
Konrad sah im Augenblick nur die Kinderhand; sein Antlitz strahlte.
    Sieh nur, Else, sagte er, jedes Fingerchen zrtlich streichelnd, wie der
einmal wird fassen und halten knnen!
    Nicht wahr, Vater, du bleibst? wiederholte dringlicher das Kind.
    Konrads Blick umflorte sich. Mute er dem Sohne gleich beim ersten Begegnen
so wehe tun? Er zgerte mit der Antwort.
    Bist du nicht heut in Berlin gewesen? hrte er Else sagen, und weit, da
die Russen und die Franzosen uns heimtckisch berfallen haben, gerade wie der
Bussard, wenn er im Eichwald auf die friedlichen, nesterbauenden Vgel stt?
Der Kleine nickte ernsthaft.
    Ich wei, Mutti, ich wei, sagte er eifrig, da jeder Mann ein Soldat
sein mu.
    Und ist dein Vater nicht auch ein Mann? frug sie, ihm mit der Hand, die so
weich und zart war wie einst, ber den Blondkopf streichelnd. Sein Blick wandte
sich wieder Konrad zu und fllte sich, je lnger er ihn ansah, mit Trnen.
    Nicht weinen, mein Junge, sagte dieser, einer, der ein Mann werden will,
weint nicht, wenn sein Vater tut, was nicht zu tun Schmach und Schande wre. Er
zog den Kleinen auf seine Knie und drckte sein Kpfchen an seine Brust, wo es
still, von dem allzu reichen Tage ermdet, liegen blieb. Whrend ich drauen
bin und die bsen Feinde verjage, wirst du mit der Mutter im Hause deines Vaters
wohnen, das dein Haus ist. Und aus dem alten Turm ber der verwitterten Mauer
wirst du die Fledermuse vertreiben und dafr sorgen, da die groe Fahne darauf
feststeht. Wenn dann die Soldaten unten im Tal mit lautem Siegesgesang heimwrts
marschieren - dein Vater mitten unter ihnen -, wirst du der erste sein, der sie
sieht, und ich werde von der wehenden Fahne wissen, da du ein treuer Wchter
gewesen bist.
    Da legten sich des Knaben Arme um seinen Hals, und sein Stimmchen flsterte
schlaftrunken: Die Fahne - und die Fledermuse - Vater, ich pa auf!
    Sie brachten ihn gemeinsam zur Ruhe. Als sie wieder am runden Tisch vor der
Lampe saen, erschrak Konrad vor Elsens verndertem Aussehen. Sie war wei im
Gesicht, und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen.
    Du bist schon einberufen? frug sie, das Zittern ihrer Stimme mhsam
unterdrckend.
    Er sah sie verwundert an: Einberufen? Nein! Aber ich gehe freiwillig mit -
selbstverstndlich! Du hast es ja eben statt meiner dem Kinde erklrt.
    Ich wollte ihm dein Scheiden begreiflicher und - weniger schmerzhaft
machen, murmelte sie, ohne ihn anzusehen.
    So bist du entschlossen, meine Bitte - abzulehnen? zgernd, angstvoll kam
ihm die Frage von den Lippen.
    Sie vergrub den Kopf in die Hnde und schwieg.
    Ich werde mich fgen mssen, Else, begann er tief aufseufzend aufs neue,
das Opfer ist doch wohl zu gro fr dich, - ich kann nicht verlangen, da du
Nonne wirst um meinetwegen. Ich habe keinerlei Recht auf dich. Aber ich habe es
auf meinen Sohn, und vor allem: er hat ein Recht auf seinen Vater und auf sein
Erbe. Hochse ist Majorat; ich kann es ihm nicht einfach hinterlassen; ich mu
ihn anerkennen als mein Fleisch und Blut. Nur, da ihn das, wenn die Mutter
Frulein Gerstenbergk bleibt, frher oder spter in schweren Zwiespalt strzen
mte. Er sah, da sie weinte; vielleicht lsten die Trnen ihre Starrheit; und
hoffnungsvoller fuhr er fort: Ich werde fort sein, sehr lange vielleicht, und
Hochse bedarf eines Herrn, der es liebt, so wie ich jetzt - eben jetzt erst -
es zu lieben lernte. Weit du noch, wie du wnschtest, da auf die kahlen Hhen
Wasser geleitet werde, um sie fruchtbar zu machen? Damals schon liebtest du das
Land, whrend ich - er stockte sekundenlang, und tief, ganz tief stand die
Falte zwischen seinen Brauen.
    Wir alle hatten keinen Boden mehr unter den Fen. Jetzt wirft uns das
Schicksal gewaltsam an die Brust der verlassenen Mutter Erde. Und sie - reicht
uns in ihrer Allgte die Nahrung, die wir verschmhten, und an der wir gesunden
und erstarken werden. Er strich sich ber die Stirn; Else sah ihn gro an, ihre
Trnen waren getrocknet. Verzeih, fuhr er fort, ber den Tisch hinweg ihre
Hand ergreifend, wenn ich abschweifte. Die Luft ist jetzt so erfllt von neuen
Erkenntnissen! - Das Vaterland wird jeden Fubreit Boden brauchen. Aus dland
fruchtbare Erde zu machen, mit gefllten Scheuern die Dankesschuld an diejenigen
einmal abzutragen, die unsere Heimat vor der Brandfackel der Feinde schtzten, -
wre das nicht eine Aufgabe, wrdig deiner Kraft?! Und ich wei nicht, ob ich
wiederkehre - Sie fuhr auf. Er machte eine freundlich abwehrende Handbewegung.
Niemand wei das! - Dann wre, was von mir bleibt - das Land der Vter -
verlassen und wrde vielleicht verkommen, bis der kleine Konrad es zu bernehmen
vermchte. Und es wrde ihm fremd sein, - nicht lieb haben wrde er es.
    Mit einer raschen Bewegung erhob sich Else, ihre Wangen hatten sich gertet,
ihr Krper schien gestrafft. Ich will, was du willst, Konrad, sagte sie
einfach. Und er kte sie auf die Stirn: Nie wirst du dich dessen zu schmen
haben.

Er ging allein den Weg zurck, den sie zusammen gekommen waren. Durch den
nachtdunklen Wald, zwischen seinen feierlichen Baumpfeilern, an dem Felde
vorbei, das tief im Schlafe lag. Vorsichtig, als ob er sie zu wecken sich
frchtete, strich er ber die vollen, gerade um ihres Reichtums willen demtig
gesenkten hren am Wege. Du heiliges Leben! flsterte er mit der Inbrunst
eines Betenden.
    Erst unterwegs fiel ihm ein, da er fr heute abend eine Zusammenkunft mit
Warburg verabredet hatte. Fr heute?! Und war es denn wirklich gestern, da sie
zuletzt zusammen gewesen waren? Dies Gestern - war es nicht Jahrzehnte alt?!
    Er sah nach der Uhr. Bald Mitternacht. Noch hoffte er, ihn zu treffen. Sein
Herz war so bervoll, er mute dem Freunde sagen, was ihm begegnet war, und ihn
gleich - dabei lchelte er ein wenig verwundert, als ob man ihm die
unwahrscheinliche Geschichte eines anderen erzhlte - zum Trauzeugen bitten.
    Der niedrige Saal des Cafs mit den vielen kleinen Tischchen war dicht
gefllt. Tuschte ihn sein Ohr oder sprach man wirklich ringsum gedmpfter als
sonst? Kein schrilles Schreien, kein Gelchter, das mit frecher Deutlichkeit dem
unbeteiligten Hrer seine Ursache verrt, machte sich bemerkbar. Selbst die
Mdchen, die ihm begegneten, bewegten sich mit stiller Wrde, ihre untermalten
Augen suchten nicht einmal mehr.
    In einer Ecke fand Konrad den Freund, bei ihm einen Kreis alter Bekannter.
Wie belebt sie waren und wie ausgelscht von der Tafel ihrer Interessen, worber
sie sich frher gestritten, worber sie sich erhitzt hatten. Man sprach von
Kriegsaussichten und Hoffnungen, und allmhlich mischten sich alle Umsitzenden
in die Unterhaltung. Es war, als ob das mit katastrophaler Pltzlichkeit zum
Ausbruch gekommene Zusammengehrigkeitsgefhl in jeder Lebensuerung nach
Ausdruck verlangte; und so abweichend voneinander auch die Ansichten im
einzelnen sein mochten, so entsprangen alle dem gleichen, erdhaft festen
Grundgefhl, wie die verschiedenartigsten Pflanzen dem gleichen Boden
entspringen: furchtloser Siegeszuversicht.
    Als der frhe Sommermorgen zu dmmern begann, wurden die Gesichter ringsum
seltsam fahl und die Lippen stumm.
    Erster Mobilmachungstag, sagte jemand.
    Da und dort standen die Gste auf und gingen schweren Schritts hinaus. Auf
Wiedersehen! riefen sie. Auf Wiedersehen! tnte es vielstimmig nach. Keines
der Worte, das zwischen den Kaffeehausgsten noch gewechselt wurde, klang
pathetisch.
    Und kurz und phrasenlos erzhlte Konrad dem Freunde, als sie miteinander
durch die Straen gingen, von seinem Sohn und von Else und dem, was er zu tun
beschlossen hatte. Auch Warburg, der zwar im ersten Augenblick ein leises
Erschrecken vor neuen Lebenskonflikten fr den Freund in sich aufsteigen fhlte,
war rasch beruhigt und machte nicht viele Worte. Persnliche Erlebnisse, die
sonst erschtternd wie ein Schicksal gewirkt und schwere uere und innere
Kmpfe zur Folge gehabt htten, waren auf einmal so einfach geworden.
    Auf deine vterliche Freundschaft fr meinen Sohn rechne ich auf alle
Flle! sagte Konrad schlielich mit einem langen, ernsten Blick auf Walter.
    Es bedarf wohl nicht der Versicherung zwischen uns, antwortete der, dann
rteten sich seine Wangen ein wenig, und er fuhr fort, als gelte es etwas
Beschmendes einzugestehen: Ich habe mich auch gestellt. Beim Sanittskorps.
Mein altes begrabenes Ideal ist ber Nacht wieder auferstanden: die
Wissenschaft. Ich brauche jetzt nicht mehr den einzelnen zu retten fr sich
selbst, fr seine eigene klgliche Lebensmisere - die, wei Gott, oft genug der
ganzen Anstrengung nicht wert war! -, sondern als Glied des Ganzen, als Werkzeug
fr Deutschlands Existenz. - Ich habe mein Vaterland gefunden, Konrad.
    Statt aller Antwort prete ihm der Freund bewegt die Hand. Erst nach einer
Weile, als sie abschiednehmend vor dem Hotelportal standen, sagte er: Also
trennt uns nichts mehr?
    Nichts.

Konrad warf sich aufs Bett. Aber nur seine Glieder waren mde und schwer wie
Blei und erzwangen sich einen kurzen Schlummer. Doch die Seele wachte. Stand
nicht Konrad, der kleine, auf dem Turm von Hochse und winkte mit der Fahne, die
nicht nur eine Rose trug, sondern von Hunderten, lebendig blhender, umwunden
war? Er hatte wohl gar Norinas Tempel geplndert? Denn er erhob sich, nur im
Schmuck der eigenen Schne leuchtend, in die Luft und wuchs und wuchs; der
kleine Raum weitete sich, die Sulen stiegen empor, strahlend wlbte sich die
gewaltige Kuppel ber dem lichterschimmernden Altar. Santa Maria del Fiore?
    Brausend setzte die Orgel ein. ber ihren tiefen Akkorden schwebten die
hellen Stimmen des Knabenchors. Ein Schlachtlied sangen sie statt des frommen
Chorals.
    Und ein mystischer Glanz erfllte das mchtige Schiff der Kirche. Er
breitete sich aus, er verdichtete sich - von ihm getragen schwebte die
Gottesmutter mit dem blauugigen Kinde lchelnd hernieder. Die Gottesmutter?!
Nein! Demeter - Norina - die heilige Mutter der Welt. Und er war ihr Kmpe und
trug des Kreuzritters weien Mantel und beugte die Knie vor ihr. In Scharen
folgten ihm seine Gefhrten. Er hrte die Hufe der Rosse ihrer Reisigen und den
dumpfen, hallenden Tritt ihres Trosses; aus dem blendenden Kreis der Aureole
aber grte ihn die weie Hand der Heiligen -
    Da schlug er die Augen auf. Hell schien die Sonne ins Zimmer.
    Durch die Straen marschieren Soldaten, traben Reiter, rasseln Kanonen;
Trainkolonnen drngen sich dazwischen, Autos, ber Nacht in Grau gekleidet wie
die Mnner, sausen vorbei. Und Hupensignale, Gesang und Geschrei, Gepfeif und
Getrommele erfllen die Luft. Sie treffen sich, von allen Seiten strmend, auf
dem Platze, wo die Straen sternfrmig zusammenlaufen. Mit bunten Blumen sind
sie geschmckt, die Mnner, die Pferde, die Geschtze; aus den Gewehrlufen
funkeln die Rosen, von den Spitzen der flatternden Fhnchen gren blaue
Vergimeinnicht. Im Takt der Musik, die lauter und lauter schwillt, schieben sie
sich ineinander, auseinander, jetzt zum Chaos geballt, dann harmonisch zu Zgen
nach dahin, und dorthin entwirrt, als wre das ganze eine riesige, lang
vorbereitete Quadrille.
    Es klopfte: ein Telegramm. Vom Regiment, das sich Konrad gewhlt hatte:
Angenommen. Angenommen! wiederholte er jauchzend, und der kleine Bote lachte
dazu; er verstand, um was es sich handelte und hatte in diesen wenigen Tagen die
unerschtterliche Wrde der guten Hotelerziehung schnell abgestreift.
    Wie der Knabe von einst, der mit den langen schlanken Beinen zwei und drei
Stufen auf einmal nahm, strmte Konrad die Treppe hinunter. Jetzt galt es, keine
Zeit zu verlieren, jeder Tag, jede Stunde war kostbar. Und so vieles, so
wichtiges war noch vorzubereiten und auszufhren: die Nottrauung, die
Anerkennung des Kindes und - es durfte nichts versumt werden, obwohl das Leben
ihm pltzlich nicht nur wertvoll, sondern unverlierbar erschien - das Testament.
    Er kam auf die Strae. Vergebens versuchte er zwischen dem Schwarm von
Menschen, der die Strae bevlkerte, rascher vorwrts zu kommen. Dort blieben
sie in Gruppen mitten auf dem Wege stehen, um einem vorberfahrenden Omnibus,
der bis zum Dach hinauf mit Soldaten besetzt war, zuzujubeln. Hier drngten sie
sich um einen, der das Neuste, Allerneuste eben erfahren hatte. Und dann kamen
sie ihm entgegen in Scharen, und fast berall wiederholte sich das gleiche Bild:
der Mann, mit dem Jungen an der Hand, der nie so stolz auf den Vater geblickt
hatte wie heute, als er in den Krieg zog, die Mutter, beladen mit all dem Guten,
was sie im letzten Moment noch rasch fr ihn zusammengekauft hatte; mit fast
brutlicher Zrtlichkeit hing ihr Auge an ihm, vergessen und verwunden war, was
der Alltag der Ehe an grauem Staub ber ihre Liebe geweht hatte.
    Aber trotz aller Hindernisse gelang es Konrad, seine Geschfte allmhlich zu
erledigen, denn wohin er auch kam, berbot sich ein jeder in zuvorkommender
Hilfsbereitschaft. Er befand sich schon auf dem Rckweg, als ihm Alex begegnete,
von einem jungen Mdchen in der Tracht der Rotekreuz-Schwestern begleitet:
Hilde. Kaum, da er sie wiedererkannt htte, so milde leuchtete ihr Gesicht mit
dem schlicht zurckgestrichenen Haar unter dem weien Hubchen hervor. Sie
schien die heitere Frische ihrer ersten Jugend wieder erlangt zu haben und kam
ihm freimtig, ganz ohne die Scheu, mit der sie ihm sonst begegnet war,
entgegen. Ihr ganzes Wesen schien gehoben. Freudig erregt berichtete sie von der
Ttigkeit, die ihr bevorstand.
    Ich habe den lngeren Ausbildungskursus gewhlt, erzhlte sie, nicht ohne
einen Anflug von Stolz auf die Selbstndigkeit ihrer Handlungsweise, das andere
kommt mir vor wie Spielerei, und ich mchte doch wirklich ntzen knnen, nachdem
ich so alt geworden bin, ohne fr irgend etwas in der Welt da zu sein.
    Alex bertraf sie noch in der Gehobenheit seiner Stimmung.
    Man kam sich selbst nachgerade lcherlich vor mit dem ewigen
Kriegsgespiele, sagte er, darum verfielen auch so viele von uns auf den
grten Bldsinn. Man mute doch mit irgend etwas die Zeit ausfllen, seine mit
allen Mitteln entwickelte Kraft, seinen grogezogenen Wagemut an irgend welche
Ziele setzen. Jetzt endlich wissen wir, wozu wir da sind und werden's beweisen,
so da die ltesten Mummelgreise noch kniefllig Abbitte leisten! - Na - und
du?!
    In seiner Frage lag eine nicht zu unterdrckende Miachtung, denn da der
Vetter nicht Offizier geworden war, sich sogar vor dem Einjhrigendienst zu
drcken gewut hatte, erschien ihm heute ganz besonders als ein Makel.
    Statt aller Antwort reichte ihm Konrad das am Morgen erhaltene Telegramm.
    Angenommen als Kriegsfreiwilliger. Kulmer Infanterieregiment 141.
Graudenz, las Alex laut. Er war zuerst sprachlos. Dann lachte er gezwungen und
sagte:
    Wie kamst du nur auf diese verrckte Idee?! Kriegsfreiwilliger bei
irgendeinem obskuren tausendneunundneunzigsten Regiment in einem Drecknest der
Wasserpolackei, wo die vornehmsten Kavallerieregimenter es sich zur Ehre
gerechnet htten, den Freiherrn von Hochse als Fahnenjunker aufzunehmen!
Unglaublich, unglaublich!
    Meine Beweggrnde, antwortete Konrad mit khler Ruhe, wirst du ja wohl
nicht ganz zu wrdigen wissen, ich will sie aber trotzdem rckhaltlos
aussprechen. Die Infanterie whlte ich, weil sie, wie mir Sachverstndige
sagten, diejenige Waffe ist, an die der Krieg aller Voraussicht nach die grten
Anforderungen stellen wird. Die Stadt suchte ich mir aus - ihr drft ruhig
meiner Phantasterei spotten, sie liegt mir nun einmal im Blut! -, weil vor mehr
als einem halben Jahrtausend ein Hochse gen Preuen zog, um, angetan mit dem
weien Mantel des Kreuzritters, wider Polen, Russen und Tartaren die ferne
Ostmark zu verteidigen. Er wurde Komtur der Feste Graudenz und verschwand
spurlos, als er an Witort, dem verrterischen Grofrsten, die Schandtaten
seiner ruberischen Horden rchen wollte. Die Sage erzhlt, er sei gefangen
worden und habe sich, als man ihn just im Triumph der schnen Polenknigin
zufhrte, die Pulsadern aufgebissen. Ihr seht also - und Konrad lchelte ein
wenig -, es blieb mir mit den stlichen Nachbarn noch eine alte Rechnung zu
begleichen brig! Und Kriegsfreiwilliger wurde ich - seine Augen sahen
versonnen in die Ferne, und was er sprach, schien nicht mehr an die gerichtet,
die neben ihm gingen -, weil ich untertauchen will, restlos untertauchen in
dieser Zeit und in diesem Geschehen. Es gibt Menschen, die wollten Quellen
werden, Quellen fr drstende Hhenwanderer, Quellen, die Felsen durchbohren,
und sind doch nur Wellen im Meer. Ich will sein, was ich bin.
    Die Geschwister schwiegen zunchst. Dann schob Alex vertraulich seinen Arm
in den Konrads und meinte mit einem unsicheren Lcheln:
    Weit du, im Grunde ist mir das alles zu hoch. Aber - was fr sich hat es
ja, stramm zum Kommis zu gehen. Eine neue respektable Sorte Verdrehtheit. Und
einen Sparren haben die Hochse ja alle. Wer wei: vielleicht wirst du sogar
noch zu denen gehren, die den Marschallstab im Tornister tragen.
    Ehe sie sich voneinander verabschiedeten, versuchte Alex vergebens, den
Vetter zu bewegen, mit ihnen und ihren Eltern den Abend zu verbringen. Konrad
schtzte eine andere Verabredung vor, war aber auerstande, zu sagen, welcher
Art sie war. Hilde schien indessen den Faden ihrer Gedanken leise
weitergesponnen zu haben, denn zum Schlusse sagte sie, ber den neuen Mut eigene
Gedanken zu uern, dunkel errtend: Ich verstand Sie vorhin so gut, Vetter.
Und mir fiel dabei ein, wie oft man doch solch Wasserwellchen, das nur mit den
vielen Gefhrten zusammen schumen und sprudeln kann, in eine Schssel schpft,
wo es trb und still wird.
    Sie trennten sich so herzlich wie noch nie nach einem Zusammensein.
Vielleicht sehen wir uns drauen wieder, meinte Alex. Da werde ich vor dem
Herrn Leutnant stramm stehen mssen, lachte Konrad. Oder ich vielmehr vor dem
Kreuzritter, antwortete Alex ernst und beziehungsvoll mit einem festen
Hndedruck.

Konrad eilte zum Bahnhof hinauf, um zu erfahren, da der Zug, den er benutzen
wollte, erst mit starker Versptung abgehen knne, weil ein Militrzug vorher zu
expedieren sei.
    Schon wollte er den Ausgang wieder erreichen, als der Anblick, der sich ihm
ringsum bot, ihn fesselte.
    Da standen sie in Scharen, die Reservisten, die Zge erwartend, die sie
ihrem Bestimmungsort zufhren sollten; sie waren noch alle in Zivil; selbst der
einfachste Mann, dessen derbe Fuste sein hartes Handwerk verrieten, trug den
Sonntagsanzug, und Feiertagsstimmung war in ihnen; keiner sang, niemand lachte
mehr; der Ernst der Stunde lag auf allen Gesichtern und vergeistigte auch die
ausdruckslosesten. Und nicht einer unter allen war allein; Eltern und
Geschwister, Frauen und Kinder, Brute und Freunde geleiteten sie. Es war sehr
still unter ihnen. Aber das Zucken der Lippen, das Zittern der Hnde, die
blassen Wangen, die krampfhaft aufgerissenen, unnatrlich glnzenden, und die
tief gesenkten, verschleierten Augen sprachen jene Sprache des Leids, fr die es
keine Worte gibt.
    Da war ein altes Mtterchen, das unablssig mit der runzligen Hand den rmel
ihres Sohnes streichelte und immer noch ein Flckchen und ein Federchen von
seinem sauber gebrsteten Kittel ablas; er sah sie nicht an, aber er hielt ganz,
ganz still. Da war eine schne vornehme Frau, die den schlanken Jungen neben
sich fest an der Hand hielt wie zur Zeit, da es galt, seine ersten Schritte zu
lenken, und mit einer Zrtlichkeit, in der sich die anbetende des Sohnes mit der
schtzenden des Mannes schon paarte, hingen seine Augen an ihr. Und da war einer
mit groben Zgen, - wie roh hatte er wohl hhnen und schimpfen knnen! -, in
dessen heiem flehenden Blick, der das verhrmte Weib vor sich nicht los lie,
eine Welt von Reue und Liebe lag. Ein anderer stand neben ihm, auf jedem Arm ein
Kind, und Stolz und Sorge, und Freude und Leid spiegelten sich in seinen Zgen.
Dicht aneinander geschmiegt waren zwei, seine Hand spielte mit den blonden
Lckchen auf ihrem Nacken, whrend ihre bebenden Finger ihm noch eine Rose, eine
se, knospige, ins Knopfloch nestelten. Und ein Mann und ein Weib hielten sich
fest an beiden Hnden und tauchten die Blicke ineinander, sterbensbang und
lebensdurstig. Niemand sah sie spttisch oder gar beleidigt an. In tiefer
Andacht verharrte die Menge bei dieser groen Liebesfeier.
    Der Krieg ist wie das Senkblei des Seefahrers, das Tiefen ergrndet, von
denen vorher keiner wute, und wie die Wnschelrute des Quellensuchers, die
sprudelnden Reichtum entdeckt, wo vorher Sand und Felsen war.
    Der Zug brauste in die Halle. Bewegung kam in die Erstarrten. In
verzweifeltem Aufschrei, in wildem Schluchzen, in leisem Weinen brach sich das
herzzerfleischende Weh einer Trennung Bahn, die eine Trennung auf immer sein
konnte. Und aus manchem Auge tropfte langsam, widerwillig jene Manneszhre, die
an Leid schwerer ist als zahllose Frauentrnen. Viele aber weinten nicht. Das
alte Mtterchen und die schne, vornehme Frau waren darunter. Hab' nur keine
Bange, mein Hanseken, sagte die eine, ich halt' gut aus, werd' auch den
Hhnerstall selber machen und - und deinen Csar und deine Karnickel fttern. -
Die andere sagte nichts als: Lebe - wohl! in jedem Wort lag ihre ganze Seele.
    Und dann setzte sich die lange Kette der Wagen, gefllt mit der Kraft und
der Hoffnung des Volkes, in Bewegung. Von den Zurckbleibenden winkten welche,
so lange sie noch einen Schatten von ihnen sehen konnten, andere standen
erstarrt auf demselben Fleck, als sie lngst verschwunden waren; einige strzten
fort, kaum, da der Zug anzog, mit beiden Hnden vor dem Gesicht. Die Vielen
aber schlichen davon wie eine graue Wolke, die schwermtig ber den Abendhimmel
zieht, den Tag verdunkelnd, noch ehe es Nacht wurde.
    Ja sagen zum Schicksal - auch dann! sagte Konrad zu sich selbst, gewaltsam
die mitfhlende Trauer von sich schttelnd, denn der Pflug mu die Erde
durchwhlen, damit sie neue Frucht trage. Wenige Minuten spter fuhr er zu Else
hinaus.

Wie eine Alm auf der Hhe, fernab vom Lrm der Welt und von den Nebeln der Tiefe
war der Abend bei Else und seinem Sohn. Von Hochse und dem, was dort ihrer
wartete, sprach er mit ihr; von den Vtern und der Burg seines Geschlechts
erzhlte er dem aufhorchenden Knaben. Als er der Stadt wieder zufuhr, war seine
Seele voll Frieden.
    Am nchsten Morgen wurden Konrad und Else in der alten Dorfkirche, die
geduckt unter den hohen Linden liegt, getraut. Fern waren ihrer beider Seelen
vom frommen Kinderglauben dieser Sttte, aber tiefes Bedrfnis war es ihnen
gewesen auch unter den Zeichen, die ihnen nur ehrwrdiges Symbol des Heiligsten,
stammelnde Laute fr das Unnennbare waren, eins zu sein mit ihrem Volke.
    Und bedurfte es sonst der feierlichen Worte, des erhebenden Gesangs, um
solch einer Stunde die Weihe zu geben, so waren heute die Herzen so erschlossen,
die Seelen so erhoben, da die schlichte Formel zur ergreifenden Predigt wurde.
    Fr den Abend desselben Tages hatte Else ihre Abreise vorbereitet, der
erprobten Dienerin die letzte Regelung ihrer huslichen Angelegenheiten
berlassend. Konrad schien nicht zur Ruhe zu kommen, ehe er den Knaben in der
Hut von Hochse, und Hochse erfllt wute vom Dasein des Sohnes. Und sein
unausgesprochenes Empfinden, das Else rasch erriet, kam ihrem Wunsche entgegen.
Das Wiedersehen mit ihm hatte den Tempel der Ruhe, den sie in jahrelangem Ringen
Stein fr Stein um sich errichtet hatte, jh zusammengerissen. Schwer genug war
es ihr geworden, als sie damals von ihm ging, aber grlicher als jeder Abschied
war diese Trennung im Vereinigtsein. Sie hatte kurze, helle Stunden, in denen
die Hoffnung sie beherrschte, ihn wieder zu gewinnen, und lange, immer lngere,
die es ihr zur Gewiheit machten, da es unmglich war. Sie fhlte sich am Ende
ihrer Kraft. Und frchtete doch mit allen Qualen der Verzweiflung den Abschied,
- diesen Abschied! Sie war in diesen Tagen bla und schmal geworden, und in
tiefer Bewegtheit kte Konrad, als er sie aus dem kleinen Hause
hinausgeleitete, das ihre Zuflucht gewesen war, ihre mden, bernchtigen Augen.
    Des Kindes freudig erregtes Geplauder half ihnen ber die letzten Stunden
hinweg. Es kannte noch keine Furcht vor den Rtseln der Zukunft, kein
Trennungsweh. Und auch Konrads Seele war so erfllt von starkem Lebensgefhl,
da er von seiner Heimkehr aus dem Kriege wie von etwas sprach, an dem zu
zweifeln nicht mglich wre.
    Da du mir nicht allein in die Hhlen kriechst, mahnte er mit scherzend
erhobenem Zeigefinger, denn zum Schlosse des Zwergenknigs findest du nur mit
mir den Weg. Und auch auf dem Fuchs mit der weien Blsse werde ich dich erst
reiten lehren - wenn ich dir nicht lieber ein kleines Russenpferdchen mitbringe.
Pa nur auf, wie wir dann ber die Felder fliegen! Jauchzend klatschte das Kind
in die Hnde.
    Else stand dabei; nur mit fest zusammengepreten Lippen meinte sie den
Schrei zurckhalten zu knnen, der sich immer ungestmer ihrer Seele entreien
wollte.
    Du wirst es sehr schwer haben, Else, sagte Konrad mit einem warmen
mitleidigen Blick auf ihr verhrmtes Gesicht.
    Kann es noch etwas geben, das schwer ist?! antwortete sie.
    Sie reichten einander zum Abschied die Hand, fast wie Fremde. Dann stieg sie
ins Coup. Der Knabe stand allein am Fenster, grend und winkend; Konrad
verfolgte bis zuletzt mit zrtlichen Blicken sein blondes Kpfchen, - da der
Elsens fehlte, hatte er nicht einmal bemerkt. Und sie, die sich tief in den
jenseitigen Sitzwinkel gedrckt hatte, wute es.

In der Nacht danach schlief Konrad ruhig und traumlos. Als er erwachte, stand
die Sonne hoch am Himmel; nur langsam kehrte er zur Wirklichkeit zurck, ihm
schien, als sei er sehr, sehr weit weg gewesen. Er erinnerte sich, da dies hier
sein letzter Tag war; ein tiefes Gefhl von Andacht kam ber ihn. Und als er
sich schlielich unten im Strome der Menschen wiederfand, waren sie alle wie
Kirchgnger an einem jener seltenen groen Feiertage, wo auch der rmste Sklave
des Alltags den grauen Strflingsrock von seiner Seele zieht. Aber nicht in die
Huser, in denen die Kirchen den Dienst Gottes gebannt zu haben glaubten, zog es
sie; sondern in jenen groen grauen Palast mit der goldenen Kuppel zwischen dem
ragenden Siegesdenkmal einstiger Kriege und dem stolzen Triumphtor zur Ewigkeit
ihres Gedenkens heimgegangener Sieger.
    Die Menge staute sich vor den Tren ohne Ungeduld, drngte die Treppen
hinauf ohne Hast und schob in die braunen Bnke hinein so vorsichtig und so
leise, als wre jedes Gerusch Entweihung.
    Und nicht wie sonst bei den groen Tagen des Parlaments drang erregtes
Stimmengewirr vom Saale herauf zu den Tribnen. Ruhig und ernst schritten die
Abgeordneten zu ihren Sitzen. Nur hie und da flsterte jemand, und wenn einer in
Feldgrau erschien, gab es in seiner Nhe ein freundlich grendes Gesumme
gedmpfter Stimmen.
    Unter den Zuhrern frug keiner wie sonst neugierig, als befnde er sich im
Theater, nach den Namen der bekannten Akteure. Heute galt der einzelne nichts,
die Masse alles. Konrad gedachte jener nun ganz historisch gewordenen Zeit des
letzten Krieges und all der Groen von damals, der Lenker des Staates, der
Fhrer der Parteien, der Sprecher des Volkes. Ein Gefhl nicht zu bannenden
Unbehagens befiel ihn. Warum fehlten sie heute? Wie eine Sphinx mit dem Antlitz
der Meduse war das Schicksal vor Deutschland erschienen. Wrde es an den Mnnern
fehlen, sein Rtsel zu lsen, seinem todbringenden Blicke stand zu halten?
    Der Saal hatte sich ganz gefllt. Auf der Estrade hinter dem Stuhle des
Prsidenten und denen der Minister standen ihrer viele in glnzender Uniform.
Aber jede Farbe verschwand im einheitlichen Schwarz ihrer Umgebung, als sollte
hier nichts und niemand hervorragen, sich absondern.
    Dann kam der Prsident, schlicht, weihaarig, nur einer von den vielen aus
dem Saale. Nchtern und sachlich, als wre es ein Tag wie jeder andere, wurden
geschftliche Dinge erledigt.
    Und dann kam der Kanzler.
    Kein Bismarck mit dem wuchtigen Schritt des an die Reiterstiefel Gewhnten,
mit dem hochmtigen Blick des zum Befehlen Geborenen.
    Ein Brger im schwarzen Rock. Ein Denker mit gefurchter Stirn. Ein Mann. Und
ein Preue.
    In knappen Stzen sprach er. Von der langgenhrten Feindschaft, die von
Osten und Westen ber uns hereinbrach. Und da Ruland die Brandfackel an unser
Haus gelegt habe.
    Da brach der erste strmische Beifall aus. Widerspruchslos.
    Er sprach weiter. Ohne Pathos. Doch durchglht vom Bewutsein der ungeheuren
Stunde.
    Wir haben den Krieg nicht gewollt - alle Kpfe neigten sich zu feierlicher
Bejahung - aber ein lngeres Warten, bis etwa die Mchte, zwischen die wir
eingekeilt sind, den Moment zum Losschlagen whlten, wre ein Verbrechen wider
Volk und Vaterland.
    Er setzte sekundenlang aus - nicht wie ein routinierter Redner, der den
Beifall dadurch herauszufordern wei, sondern fast unwillig, weil er ihn
brausend unterbrach.
    Und ruhig - nur die nervse Linke krampfte sich zur Faust zusammen - fhrte
er den Nachweis, wie der Krieg mit Lug und Trug ber uns heraufbeschworen worden
war.
    Dann erhob sich seine Stimme. Die hohe, schlanke Gestalt reckte sich auf:
Das ist die Wahrheit! - Die Faust fiel auf den Tisch.
    Das ist die Wahrheit! - ein ganzes Volk legte durch seinen Mund den Eid
ab.
    Und danach bekannte er sich und versuchte mit keinem Wort das Unrecht zum
Recht zu machen, zum Bruch der belgischen Neutralitt.
    Ein tiefes Atemholen, einem Seufzer gleich, ging durch das Haus. Niemand,
der nicht mit ihm die schwere Notwendigkeit auf sich genommen htte.
    Aber wer so bedroht ist wie wir, und um sein Hchstes kmpft, der darf nur
daran denken: wie er sich durchhaut!
    Ein Jubel erhob sich, wie ihn der Saal noch nicht erlebte. Von allen Seiten
rauschte er auf. Und das Blatt Papier, das der Kanzler hielt, zitterte
unmerklich. Von nun an war es, als sprche die dunkle, geschlossene Masse im
Saale mit ihm. Sie wiederholte, sie unterstrich mit nicht endendem Beifall, was
er sagte.
    Die groe Stunde der Prfung hat geschlagen, aber mit heller Zuversicht
sehen wir ihr entgegen. Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist
kampfbereit. Und hinter uns steht - wie durchleuchtet erschien in diesem
Augenblick das ernste Antlitz des Kanzlers, und seine Stimme fand einen Ton, wie
er dem ruhigen Manne sonst vllig fremd war - das ganze deutsche Volk.
    Er schwieg, bermannt von der eigenen Bewegung. Und es war, als erschttere
rollender Donner den Saal. Da hob er noch einmal den Kopf, streckte die Hand
weit aus zu den Bnken der Linken hinber und wiederholte emphatisch in die
pltzliche feierliche Stille hinein: Das ganze deutsche Volk ...
    Kein alles berragender hatte gesprochen, aber es war die Stimme der Nation
selber gewesen. Niemand erhob sich im weithin leuchtenden Glanz des Genies ber
der Menge, aber sie selbst war gesttigt von Kraft, - fruchtbare Erde, berufen
und befhigt, das Groe und die Groen hervorzubringen.
    Tiefe Andacht erfllte das Haus.
    Das war die groe Feierstunde des Vaterlandes, die Weihe der Waffen.

Am Abend reiste Konrad ab. Der Zug war berfllt mit Soldaten und Reservisten
und schob sich nur langsam aus der lichterstrahlenden Stadt in das dunkle Land.
Unterwegs schien er sich unaufhrlich zu vervielfachen. Auf allen
Schienenstrngen tauchten neue glhende Augen auf, fauchte der heie Atem der
Lokomotiven. Die Rder rollten und rollten durch die Nacht, als speie die
Unterwelt ihre Drachenbrut wider die drohenden Feinde aus.
    Konrad behielt einen Ton im Ohr wie von fernen Trommeln und Pauken. Dann
mischte sich ein anderer anschwellend hinein.
    Die Pfade und Wege und Straen ringsum waren lebendig geworden vom rastlosen
Gehen vieler Menschen. Sie schlngelten sich vorwrts wie Flsse. Sie trugen die
vielen den Zgen zu, die an allen Stationen ihrer warteten.
    Und die Drfer in den Tlern, die Htten auf den Hhen, die Gehfte im Hag,
die Weiler im Wald entlieen aus weitgeffneten Toren und Tren ihre streitbaren
Mnner.
    Es war das Wandern eines Volkes. Die harten Tritte der Millionen hallten
drhnend gen Himmel, da aller Schlummer die Erde floh.

                                 Elftes Kapitel



                       Wie Konrad Hochse das Leben fand

Breit und majesttisch wlzt sich der Strom der Weichsel durch das grne, flache
Land; er ist wie ein Herrscher, der stets voll kniglicher Ruhe zu schreiten
gewohnt ist. Und an Graudenz, der kleinen Stadt an seinem Ufer, fliet er stolz
vorbei, ihrer nicht achtend Sie ist ja auch nur eine arme Magd, die sich mit
weit von ihm abgewendeten Straen scheu und schmig vor ihm zurckzieht. Sie
wei, da sie zu hlich ist, um sich ihm anzubieten wie die groen Stdte, die
an breiten Flssen liegen und ihnen ihre schnsten Huser, ihre gepflegtesten
Grten herausfordernd zukehren. Sie wurde in Dienstbarkeit geboren, denn
Troleute des Deutschen Ritterordens, Handwerker und kleine Krmer waren es, die
sie grndeten, nicht als knftige Handelsherren, die dem Wasserlauf ihre
beladenen Schiffe zur abenteuerreichen Fahrt ins Weite anvertrauen wollten,
sondern als arme Dienstmannen, die ihre Huschen geduckt unter den Schloberg
bauten, in dessen Schutz und unter dessen Herrschaft sie standen. Hochmtig
erhob er sich ber sie, ein von der Natur selbst gebauter Thron, von dem aus die
Ordensburg meilenweit in das Land sah und mit den Feuern ihres Wartturms allen
Gleichen ringsum ihre Kriegszeichen gab. Ihr zu Fen schmiegte sich auch der
Strom wie ein gebndigter Riese, ja, wenn die Sonne ihn in seine schimmernde
Silberrstung hllte, schien es, als ob er sie schmeichelnd umwerbe.
    Und ob auch die frommen Ritter, hingestreckt von Russen und Tartaren, aus
dem grlichen Morden der Tannenberger Schlacht nicht wiederkehrten, die
polnischen Vgte aber, denen die Burg danach untertan war, sie in
dreihundertjhriger Herrschaft zur schmutzigen Herberge verkommen lieen, und
der Sturm, den der korsische olus ber Europa entfesselte, ihre morschen Mauern
zusammenstrzte, - der Strom blieb ihr treu. Denn der Burgfried hielt allen
Unbilden stand und spiegelte sich weiter in seinen Fluten, und der Brunnen im
Burghof senkte sich immer noch tief, tief hinab und saugte an seinen Wassern.
    Zu jeder freien Stunde, die er hatte, wanderte Konrad hier hinauf.
Heimatliche Gewohnheit war es ihm, von hoher Warte in die Lande zu lugen, und
da man heute in Tlern und Stdten so viele Trme baute zum bloen Zierat, war
ihm stets als ein Zeichen dafr erschienen, wie ganz und gar die Bestimmung
alles Hochragenden, nach Wetter und Wolken Ausschau zu halten und das Nahen
feindlicher Mchte zuerst zu sehen und zu knden, vergessen worden war, und wie
die Menschen verlernt hatten, nach Sehnsucht zu verlangen. Denn nur, wer auf
Bergen und Burgen steht, und wer sieht, wie Himmel und Erde sich berhren, der
lernt das Sehnen, den vermag keine friedliche Enge mehr zu befriedigen.
    Die Briefe Elsens, die ihm tglich von seinem Sohn erzhlten und oft von ein
paar ungefgen Buchstaben seiner Kinderhand begleitet waren, las er am liebsten
hier oben. Dann wurde ihm das Bild des kleinen Konrad am lebendigsten, dann sah
er fast greifbar deutlich das praktische und umsichtige Walten Elsens, unter
deren weichen Fingern alles gedieh. Und er freute sich dessen von Herzen. Aber
er war ganz auerstande, sich vorzustellen, da er dabei sein knne, wenn Else
dieselben Wege ging, die Norina gegangen war, und das lebensprhende Kind die
Rume mit seiner Gegenwart erfllte, wo Norinas Sohn die blauen Wunderaugen
aufgeschlagen und wieder geschlossen hatte.
    Er war so weit weg - wie der Bewohner eines anderen Sterns, der von dort aus
seine eigne Erdenvergangenheit betrachtet. Denn wenn sonst Gegenwart fast
unmerklich zur Vergangenheit wurde, so war jetzt eines vom anderen gewaltsam
losgerissen.
    War ich wirklich gestern noch Konrad von Hochse? frug er sich oft, wenn
er im ersten Morgengrauen vom Strohsack sprang und seine beiden Stubenkameraden
- Kriegsfreiwillige wie er -, die mit ihren siebzehn Jahren noch einen
Kinderschlaf hatten, aus den Betten rttelte. Und er wiederholte verwundert die
gleiche Frage, wenn er, der die Respektlosigkeit gegenber Lehrern und
Vorgesetzten einmal zum Prinzip erhoben hatte, sich widerspruchslos - nicht
einmal seiner Empfindung gestattete er, sich aufzulehnen - selbst den scheinbar
kleinlichsten Befehlen und Anordnungen grober Unteroffiziere fgte. Wenn seine
beiden jungen Kameraden, die eben erst von der Schulbank und aus dem Elternhaus
kamen, sich beklagten, und er, der eine Art vterlichen
Verantwortlichkeitsgefhls ihnen gegenber besa, sie zu trsten sich bemhte,
entwickelte er in der Verteidigung des Militarismus Grnde, die das Ergebnis
fester berzeugungen zu sein schienen und doch nichts als die rasche Folge des
wuchtigen Anschauungsunterrichts waren, den der Krieg tagtglich erteilte.
    Nach der Kriegserklrung war noch nicht eine Woche verflossen, als Lttich
fiel, obwohl die Besatzung allein grer gewesen war als das Heer der Angreifer
und die ganze Bevlkerung des Landes, selbst die Frauen, in dem beraus
ungnstigen Berg- und Waldgelnde aus dem Hinterhalt auf unsre Truppen feuerten.
Wenige Tage spter wurden die Siege von Mlhausen und Lagarde gemeldet und die
Abwehrkmpfe der Grenzbesatzungen gegen die von allen Seiten einbrechenden
Russen. Und das alles geschah, ohne da der Aufmarsch der mobilen Truppen
vollendet war, von Heeren in schwacher Friedensstrke.
    Dann kam die Nachricht vom heldenhaften Untergang des kleinen Dampfers
Knigin Luise. Es war ein altes, friedliches Schiff gewesen, das frhliche
Badegste bei geruhiger See von Swinemnde nach Rgen zu geleiten pflegte. Und
pltzlich hatte das Kriegsfieber es gepackt und war mit nur hundertundzwanzig
Mann Besatzung keck wie der jngste Draufgnger bei Nacht und Nebel an Englands
Ksten entlang geschlichen, um die See, die verschwiegene, die nicht einmal dem
Beherrscher der Meere ihr Geheimnis verriet, sondern im stillen dem
Wagemutigsten ihre Gunst gewhrte, mit Minen zu spicken. An der Mndung der
Themse erst, dicht vor der Hauptstadt, die sich damit brstete, da seit
Jahrhunderten kein Feind sie betreten, hatte es sein Schicksal ereilt, aber auch
da noch hatte es einen britannischen Kollegen mit in die Tiefe gezogen.
    Sobald der Jubel ber die ersten Siege nachlie und die Begeisterung ber
den Handstreich sich in stille, heie Freude verkehrte, brach bei Konrads jungen
Freunden in noch strkerem Mae als vorher der Zorn ber den Tagesdienst aus.
    Widersinnig ist's, grollte Hans Gerwald, der einzige Sohn eines bekannten
Berliner Malers, jetzt Stiefel zu putzen und Stuben zu scheuern, wo es allein
auf Schieen und Strmen ankommt.
    Unerhrt -, sekundierte Fritz Ewert, eines ostpreuischen Gutsbesitzers
ltester - Griffe zu kloppen und Parademarsch zu ben, als ob nichts als ein
Kaisermanver uns erwartete.
    Und sie ergingen sich beide in heftigen Anschuldigungen eines Drillsystems,
das nur ein langer, fauler Frieden htte entwickeln knnen. Die Enttuschung
ber den Beginn der so hei ersehnten Heldenlaufbahn klang aus ihrem
jugendlichen Unmut heraus.
    Konrad liebte sie um dieser Ungeduld willen. Ihm selbst aber konnte die
Vorbereitung zu der groen Aufgabe, die zu erfllen war, gar nicht streng, gar
nicht entsagungsvoll genug sein, und es bedurfte keiner besonderen
berredungskunst, um die beiden Kameraden fr seine Auffassung zu gewinnen. Sie
waren wohl beide Gymnasiasten gewesen, die wie die anderen ihre weichen Gemter
mit dem Panzer der Skepsis und Khle umkleidet hatten, um ja nicht fr
unmnnlich zu gelten; der Krieg hatte ihn gesprengt; die Tore ihrer Seelen
standen weit offen allem, was rein und gro war. Konrad htte sie in Erinnerung
an seine eigenen siebzehn Jahre beneiden knnen, wenn die Erkenntnis ihres
Wesens, von dem die Zeit alles absplte, was ihm an Alltag schon angehaftet
hatte, ihn nicht mit so stolzer Zukunftszuversicht erfllt htte.
    Alle, die sich einer groen Sache opferten, sagte er einmal zu ihnen,
haben sich vorher kasteit, um jener Entsagung willen, die das ganze Ich auf
einen einzigen Punkt konzentriert: die heilige Tat. Und von da an erinnerten
sie einander, wenn der Unmut sie wieder zu bermannen drohte, scherzend an die
Pflicht der Kasteiung.
    Weniger leicht war es, sie von der praktischen Notwendigkeit vieler
untergeordneten Manahmen und bungen zu berzeugen.
    Er stie auf stets erneuten Widerspruch, wenn er erklrte, da ohne einen
Drill bis ins kleinste, der jeden unbedeutenden Handgriff so lange einbt und in
alle brigen einordnet, bis er zu einem vllig mechanischen wird, ohne eine
pedantische Ordnung, die jedem Dinge den unverrckbar gleichen Platz anweist, so
da keine Sekunde Zeit unntz verloren geht, ohne eine eiserne Disziplinierung,
die sich auf jede einzelne Handlung, ja auf jede Krperbewegung erstreckt, ohne
einen Gehorsam, der dadurch gebt wird, da er die persnliche Neigung in
scheinbar nebenschlichen Dingen bndigt, ein Heer niemals zum unbedingt
zuverlssigen Werkzeug in der Hand des Feldherrn zu werden vermchte.
    Das mag frher richtig gewesen sein, warf Hans Gerwald ein, dessen
Schulwissen kein bloes Gepckstck war, das er mitschleppte, sondern sich in
ihm zu etwas Lebendigem geformt hatte, wo die Armeen klein und bersichtlich
gewesen sind, jetzt, wo Millionen im Felde stehen, kann der einzelne nicht nur
ein Werkzeug, sondern mu ein denkender Kopf, ein lebendiger Wille sein.
    Ganz gewi! antwortete Konrad, aber es war eben einer der grten
Trugschlsse der Vergangenheit, da die Freiheit im ueren Freiheit im Inneren
bedeutet. Erst die Mechanisierung des Daseins im Nebenschlichen, die unbedingte
Herrschaft ber alles Technische, befreit die Krfte der Seele von allen
Bindungen, sichert die Unerschtterlichkeit des Muts, der Ausdauer, der
Siegeszuversicht.
    Allmhlich berzeugten sich die beiden jungen Soldaten von der Richtigkeit
seiner Auffassung, aber weniger infolge seiner berredungskunst - denn so leicht
es auch war, ihr Gefhl zu entflammen, so schwer war es andererseits, ihrem
kritischen Verstand eine andere Richtung zu geben -, als infolge der Einsicht,
die ihnen die Ereignisse der Nhe und der Ferne vermittelten.
    So klein der Kreis ihres Gesichtsfeldes war - er reichte zunchst ber den
Kasernenhof und den Exerzierplatz nicht hinaus und erweiterte sich nach und nach
auf die in ein Feldlager verwandelte Stadt - so deutlich erkannten sie doch die
ungeheure Maschinerie des Krieges, in der das winzigste Rdchen seinen Platz und
seine Funktion hatte und fr das Ganze so unentbehrlich war wie der Motor
selbst.
    Und sie wurden alle drei - mit vollem Bewutsein aus vertiefter berzeugung
- zu einem Zahn solch eines winzigen Rdchens und fhlten, wie Kraft und Wille
dabei wuchs.
    Das Regiment war lngst im Felde. Vom ersten Tage an war es in Grenzgefechte
verwickelt. Die daheimgebliebenen jungen Soldaten hrten nicht viel davon; in
den Zeitungen stand nichts. Nur manchmal, wenn die lteren Leute, die Feldwebel
und die Unteroffiziere vom Ersatzbataillon mit ernsten Gesichtern
zusammenstanden, dann ahnten sie, da wieder etwas, irgend etwas geschehen sei.
Und zuweilen bekam der und jener einen Brief von einem, der drauen war; dann
drngten sie sich abends in der Stube um ihn und horchten zu, mit brennenden
Wangen und flackernden Augen, wenn er vorlas: von den Kosaken, den verfluchten
Schimmelreitern, die die Drfer in Brand steckten, die Huser ausraubten, die
Bewohner tteten oder entfhrten, von den langen Mrschen und den Kmpfen in der
Nacht, von der vierfachen bermacht der grimmen Gegner. Eins zu vier - sagten
sie untereinander mit strahlenden Gesichtern und strafften die Muskeln. Eins zu
vier - mit dem Gedanken rckten sie am anderen Morgen in den Dienst und waren
noch einmal so ausdauernd und so rhrig als sonst.
    Fritz Ewert, der Kriegsfreiwillige, war eines Abends beim Lesen
hinausgegangen und nicht wiedergekommen. Man tuschelte hinter ihm her. Sollte
das Kind sich frchten? Warum lie man auch Knaben zur Mnnerarbeit zu? In der
Nacht hrte Konrad, wie er sich schlaflos hin und her warf; als der Morgen
graute und der Schlummer ihn endlich bezwungen hatte, hingen zwei schwere Trnen
an seinen Wimpern.
    An einem Sonntage war es - die frommen Brger der Stadt kamen gerade im
Feierkleide aus der Kirche -, da schob sich vom Bahnhof her ein Huflein mder,
verstaubter Menschen zwischen sie. Alte Mnner trugen chzend schwere bepackte
Krbe auf dem Rcken; Frauen schleppten todmde Kinder mit sich, die nur noch
leise zu wimmern vermochten.
    Konrad hatte Fritz Ewert fast gewaltsam mit sich ins Freie genommen; sein
junger Kamerad war so still, so traurig geworden, da es ihn ngstigte. Aber
kaum, da er jetzt die Wandernden bemerkte, als er schon mitten unter ihnen war:
    Woher kommt ihr? frug er, vor Aufregung heiser.
    Aus dem Neidenburgischen, sagte ein Alter einsilbig.
    Von Osterode - murmelte ein mattes Weib.
    Und nun sprachen sie alle durcheinander: Die Kosaken sind hinter uns her,
mit Lanzen und Peitschen, - - jammerte eine gebckte Greisin. Sie spieen
unsre Kinder, - heulte eine andere hysterisch auf, mit entsetzten Augen um sich
blickend.
    Die Kirchgnger sammelten sich um sie. Sie griffen in die Taschen, sie
beratschlagten ber ihre Unterkunft. Die Gesichtszge der Flchtlinge belebten
sich. Des jungen erregten Soldaten achtete kaum einer mehr. An einen jeden
richtete er drngend die gleiche Frage: Wit ihr von Klauen nichts?!
    Ein halbwchsiger Bursche zuckte schlielich vielsagend die Achseln: Die
Russen sind berall.
    Und nun endlich schien sich Ewerts erstarrte Angst in einem Strom von Worten
zu lsen. Dicht dabei bin ich zu Hause, am Druglin-See, erzhlte er hastig.
Die Meinen sind daheim. Der Vater und die Mutter wrden standhalten, bis
zuletzt, das wei ich. Weil man den Posten nicht verlt, auf den Gott einen
stellte. Weil die Heimat ihnen mehr gilt als das Leben. Und ich - ich konnte das
Gut nicht leiden, weil ich frei sein wollte. Was hat der Vater getobt und die
Mutter geweint ber mich! Und nun: mein ganzes Leben will ich mich freudig von
ihm fesseln lassen, wenn ich es gerettet, wenn ich die Eltern, die ich fast zu
hassen vermeinte und doch so zrtlich liebe, in Sicherheit wte! Ach -, er
umkrampfte Konrads Arm - und die Schwestern - zwei junge hbsche Dinger - seit
einer Woche bin ich ohne jede Nachricht!
    
    Es beruhigte ihn etwas, da Konrad mit ihm gemeinsam alles zu tun versprach,
um Nheres in Erfahrung zu bringen. Aber bei allen Erkundigungen stieen sie auf
das gleiche Nichtwissen oder auf die durch die militrische Lage erzwungene
Verschwiegenheit, whrend unbestimmte, wilde Gerchte ber das Schicksal
Ostpreuens die Stadt durchschwirrten.
    Eines Tages - Konrad war gerade zur Bahnhofswache kommandiert - kamen die
ersten Verwundeten. Bahn um Bahn in endloser Reihe. Unter den weien Linnen
lugten aschfahle Gesichter mit geschlossenen Lidern hervor, und rote,
fieberglhende, von Bandagen umwickelte Kpfe, die nichts als schreckhaft groe
Augen hatten, lagen reglos auf hartem Pfhl; und bei anderen lag die Decke ganz
flach und leer, da wo sich die Beine unter ihr abzeichnen sollten. Die Menge
derer, die noch gehen konnte, folgte: welche, denen das Kinn oder die Stirn, die
Nase oder die Augen verbunden waren, oder die sich humpelnd vorwrts bewegten;
einer, der nur auf einem Beine hpfte, von zweien unter den Schultern gehalten,
von denen selber jeder einen Arm in der Binde trug. Dann ein Kleiner, Blasser,
der einen schlichten grauen Offizierskoffer zwischen den groben Fusten
schleppte, whrend die Schweitropfen ihm unter der schmalen Kopfbandage
hervorperlten; er hielt sthnend inne und sah sich um. Da flog ihm ein junges
Weib entgegen; der Koffer polterte zu Boden; er fing eine Ohnmchtige auf. Sein
Leutnant fiel, - das ist die Frau, sagte ein Verwundeter zum anderen. Der
nickte langsam: Kein Offizier ist von meiner Kompagnie brig geblieben, sagte
er.
    Der Bahnhof war schon leer; nur eine schlanke Frau schritt noch immer
angstvoll suchend am Zuge auf und ab. Da kamen ihr zwei entgegen: ein schmaler,
junger Sanitter und ein breitschultriger Rittmeister, der mit den hohen
Stulpenstiefeln seltsam schleppend ging, mit starren Blicken unentwegt geradeaus
sah und sich von seinem Begleiter an der Hand fhren lie, als wre der Riese
ein kleines Kind. Die Wartende trat ihm entgegen. Arthur! schrie sie auf. Er
sah sie an, stumpf, gleichgltig. Er erkannte sie nicht.
    Konrad stand, ohne ein Glied zu rhren, angewurzelt. Aber es war trotz aller
Erschtterung kein rhrseliges Mitleid, das er empfand. Es war Ehrfurcht.
    Angesichts all dessen, was sie nun vor Augen sahen und was die erhitzte
Phantasie aus den Erzhlungen der Verwundeten und der Flchtlinge gestaltete,
wuchsen die Besorgnisse der Bevlkerung. Und als pltzlich Arbeiter zu Tausenden
die Umgebung berschwemmten, ganze Wlder niederschlugen, um die Stmme die
Kreuz und die Quer ber den Boden zu werfen, die Erde zu tiefen Schtzengrben
aushhlten und dichte Stacheldrahtverhaue zogen, da steigerten sie sich immer
mehr.
    Die Siege in Belgien und Frankreich, auf die sich im Reich das Interesse zu
konzentrieren schien, vermochten hier, so nahe der Grenze, nicht mehr den
gleichen Jubel hervorzurufen.
    Ein Gespenst, unfabar, namenlos, kroch die Angst durch die in der
Sommerschwle still glhenden Straen.
    Bis sich von Westen ein wetterschwangerer Wind erhob, der sie vor sich
hertrieb, und, wie er den Himmel mit blitzgeladenen Wolken bedeckte, die Geister
aufpeitschte zu kraftgesttigter Emprung.
    Das war der Ha der Welt wider uns; das war die Lge und die Verleumdung,
die am hchsten bezahlten Sldner im Dienst unserer Widersacher.
    Hans Gerwald, der als Schler dem Jungdeutschlandbund angehrt hatte und ihm
seine aller ungesunden Grostadtkultur fremde natrliche Frische und kraftvolle
Krperlichkeit verdankte, brauste bei einer der abendlichen Stubengesprche mit
den Kameraden immer wilder auf, wenn von diesem Vernichtungskrieg der Feinde die
Rede war.
    Wie eine Spinne sitzt England in der Mitte des Netzes, das es ber die Erde
spann, rief er erregt, aber das Gift, das diesem greulichen Tier seine
verheerende Wirkung verleiht, ist nichts anderes als der von Juden gezeugte
Geist des Krmers - ein uns Germanen so in tiefster Seele entgegengesetzter, da
es ihm gegenber nur zweierlei geben kann: ihn gewaltsam abzustoen, oder sich
ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben.
    Konrad lachte den Hitzkopf an, denn mochte er auch noch so hufig mit seinen
Ansichten in die Irre gehen, da er berhaupt welche hatte und strmisch
verteidigte, war erfrischend im Gegensatz zu der Zerfahrenheit seiner eigenen
Jnglingsjahre. Du vergit, mein Junge, sagte er - auch sie hatten
untereinander das Du der Soldaten lngst angenommen - da gerade England von
Juden am wenigsten beeinflut sein kann, weil es ihrer nur wenige hat, und
berdies den Krmergeist, von dem du sprichst, schon zu einer so frhen Zeit
besa, wo von jdischem Einflu noch gar keine Rede sein konnte.
    Auch verstehe ich nicht, warf Fritz Ewert ein, der anfing, seine
Teilnahmlosigkeit angesichts alles dessen abzustreifen, was sein persnliches
Unglck nicht berhrte, was die infamen Verleumdungen, die England ausstreut,
mit dem jdischen Geist zu tun haben knne.
    Herr Gott, bist du vernagelt! entfuhr es dem Leidenschaftlichen. Wer sein
Lebtag schachert und im bervorteilen des anderen die modernste und hchste
aller Tugenden sieht, ist auf trgen und lgen angewiesen und wird der
Sicherheit seines Systems unbedingt mehr vertrauen als den Waffen, die er zu
fhren verlernte.
    Diese Folgerungen sind richtig, antwortete Konrad rasch, aber nicht das
Judentum, sondern der Kapitalismus ist die Prmisse. Nur ein Volk, das ihn in
Fleisch und Blut aufnahm, kann eines so niedrigen Hasses, der nichts, aber auch
gar nichts, mit unserem heiligen Zorn zu tun hat, gegen den Weltkonkurrenten
fhig sein, kann sich kaltbltig der Waffe der Verleumdung bedienen, um ihn zu
berrennen.
    Gerwald ri die Augen auf: Donnerwetter! - Du bist am Ende gar ein Sozi?!
    Nein! lachte Konrad, belustigt ber das Entsetzen des jungen Soldaten, und
fuhr zugleich bewegt von dem befreienden Gefhl, da sich ihm jetzt die Gedanken
so leicht zu festen Ansichten formten, ernster fort, wenn du mich recht
verstanden httest, wrdest du wissen, da ich es im Sinne der heutigen
Sozialdemokratie nicht sein kann, - die brigens vielleicht am 4. August neu
geboren wurde, so da man ber die noch in den Windeln liegende nicht viel zu
sagen vermag. Auch sie hat sich vom Geist des Kapitalismus, der zugleich der
Geist des Materialismus ist, weil er das Materielle zu Ursache und Zweck erhebt,
verseuchen lassen, sonst htte sie nicht so verblendet sein knnen, das
Kuckucksei des Internationalismus, das der Kapitalismus ihr ins Nest legte, fr
ihr eigenes zu halten. Segnen wir den Krieg, da er unseren kleinen Finger, den
wir dem Teufel schon gegeben hatten, ihm wieder entri. Segnen wir Ha und
Verleumdung, die uns beweisen, da wir noch anderen Geistes sind, da wir Gut
und Blut fr nichts achten und die Idee von Staat und Vaterland fr alles.
    Die beiden Stubengenossen verstanden ihn offenbar nicht ganz, aber um so
strker fhlten sie, da sie im Tiefsten ihres Wesens auf einen Ton gestimmt
waren. Und diese Harmonie, die aus der gemeinsamen Entrstung wider den
offenbarten fremden, seiner ganzen Natur nach feindlichen Geist der Gegner zum
deutlichen Ausdruck kam, wurde in allen - den Soldaten, den Brgern, den Mnnern
und den Frauen - zur Kraft.
    Und doch war die Angst noch nicht vllig vertrieben. Im Schatten hockte sie
noch immer und zog mit den langen drren Armen an sich, wer nicht sicher im
Hellen ging.
    Da kam die groe Mittagsgttin, die in alle Winkel leuchtete: Die Wahrheit.
Ihr Kleid, die Sprache, das eben noch ein buntes phantastisches Gewand gewesen
war, in das sie sich oft fast versteckte, flo in weien strengen Falten an ihr
herab. Niemand htte sie mehr zu verkennen, niemand an ihr zu zweifeln vermocht.
    In den kurzen markigen Worten des Generalquartiermeisters stand jedes
Ereignis wie gemeielt da.
    Furchtbar konnte es sein; grauenhaft war es nicht mehr.
    Ringsum an den Grenzen flammten die Stdte und Drfer gen Himmel, da der
Horizont in der Nacht rot zu glhen begann. Mochten die Augen entsetzt das
grliche Schauspiel gewahren, der Wille der vielen schmolz in der Lohe zu einem
Unteilbaren zusammen.
    Auch Konrads junger Kamerad wute nun, da Haus und Hof eingeschert, da
die Schwestern entflohen, die Eltern von den Mordbrennern fortgeschleppt waren -
wer wei wohin. Aber er weinte nicht mehr, er ballte nur die Fuste und bekam
schon jetzt den harten Zug um den Mund, den alle, die ihn erlebten, wie das
Brandmal des Krieges tragen.
    Weit, immer weiter entfernte sich ein jeder von der Fessel einstiger
physischer und seelischer Heimat. Die Gegenwart versank ihnen allmhlich, wie
schon die Vergangenheit versunken war, und nur eines lebte: die Zukunft.
    Verzehrend wurde in den Kasernen unter der jungen Mannschaft der Durst nach
Taten. Sie sprachen nicht mehr viel miteinander. Mde vom strengen Dienst, mder
noch von der getuschten Erwartung, warfen sie sich abends aufs Bett und
erwachten in der Frhe mit Augen voll Hoffnung: Heute -!
    Immer mehr Reserven wurden herausgeschickt, einmal zehn, dann zwanzig, dann
dreiig Mann. Sie strahlten, wenn sie gingen, als wren sie schon heimkehrende
Sieger.
    Und eines Morgens traf es Hans Gerwald, Fritz Ewert und Konrad Hochse: Um
vier Uhr marschbereit. Nichts weiter. Mit einem schmetternden Hurra aus zwei
jungen Kehlen machte sich die berstrmende Freude Luft. Singend packte Hans
seinen Tornister, und von den Kameraden abgewandt, heimlich, da keiner es sehen
sollte - nur Konrad erhaschte es mit flchtigem Blick -, strich er zrtlich den
letzten Brief der Mutter glatt und verwahrte ihn in seiner Brusttasche, und
steckte, ein groes Stck Brot opfernd, den gelben s duftenden Kuchen von zu
Haus in den Brotbeutel; Fritz dagegen entledigte sich mit aszetischer Hrte
aller Dinge, die ihm berflssig oder gar sentimental erschienen. Zuletzt legten
sie ein paar Bcher obenauf: ein kleines Bndchen Goethescher Gedichte der eine,
Goethes Faust der andere und Nietzsches Zarathustra alle beide. Ihr Barbaren!
sagte Konrad lachend. Er beschwerte sich nicht; ihm schien, als knnten
gedruckte Worte ihm auf diesem Wege nichts mehr geben, was nicht an lebendig
Gewordenem in ihm war.
    In der letzten Viertelstunde ging er noch rasch den Schloberg hinauf. In
Frieden gebreitet, mit ppigen Feldern glnzte das Land, ein ahnungsloses Kind.
Und die Wellen des Flusses, seines frhlichen Spielgefhrten, trugen das
Sonnenlicht, das sie tranken, strahlend weiter. Nur der Turm ragte finster gen
Himmel. Wie vor Jahrhunderten sah er in der Ferne lodernde Flammen, die den
zahllosen, aus dem stlichen Horizont, dem schmalen Strich zwischen Himmel und
Erde, schwarz hervorquellenden Horden, die Wege wiesen.

Das Regiment marschierte. Und vom Himmel brannte die Sonne und es war, als ob
die weie Chaussee von dem langen grauen, von Gewehren stacheligen Tier mit den
vielen Menschenfen allmhlich verschlungen wurde.
    An stillen blauen Seen ging es vorbei, die zwischen nickenden Bumen tief in
den Mulden lagen. Dann sonderte sich wohl der oder jener ab, ri die Kleider vom
Leibe und tauchte minutenlang den ermatteten Krper in die frische Flut, um
gleich danach wieder in Sprngen den Zug zu erreichen. Und da und dort standen
Bauerngehfte am Wege, mit roten Dchern und strotzenden Scheunen. Dann liefen
Frauen und Kinder mit gefllten Eimern zwischen den Reihen hin und her, als
mten sie gerade diesen Soldaten mit einem frischen Trunk dafr danken, da der
Krieg sie noch nicht berhrte. Die Mdchen zierten sich nicht, wenn ihnen einer
im Vorbergehen die roten Lippen kte, und die Kinder jauchzten, wenn ein
Brtiger sie zrtlich zu sich emporhob. Sie waren ja keine Fremden mehr, sie
waren alle eine Familie.
    Das Regiment marschierte. Ein Hne war darunter, der zuweilen aus dem Gliede
trat und neugierig musternd, seine Kompagnie an sich vorberziehen lie. War der
eine zu wei im Gesicht oder der andere zu rot, so nahm er ihm fast mit Gewalt
den Tornister vom Rcken und legte ihn ber den seinen auf den eigenen Buckel.
Und der jngste Leutnant in einem anderen Bataillon trug mit einem Gesicht, das
wie ber den besten Witz der Welt frhlich lachte, oft ber jeder Schulter ein
Gewehr. Konrad sah besorgt, wie Hans und Fritz, seine Nachbarn, in den Knien
zusammenknickten oder in den Armen zu zittern begannen. Aber eine Frage, ein
teilnehmendes Wort spannte ihre Krfte aufs neue. Sie duldeten keine Hilfe. Der
Oberst, um die ungebteren unter seinen Leuten besonders besorgt, ritt hufig
zurck, immer die gleiche Frage - will einer schlapp werden? - vterlich
wiederholend. Aber das Nein, Herr Oberst! klang stets gleichmig krftig,
wenn es auch oft zwischen zusammengebissenen Zhnen hervorkam. Konrad wute: Die
da drben, die Feinde mit den niedrigen Stirnen, und den seit Generationen an
Lasten gewhnten, stiernackigen Rcken, waren solcher Marschleistungen nicht
fhig. Und wir, die Nervenmenschen?! Wie kam das nur? So war auch hier, dachte
er beglckt, die Idee der Materie berlegen, der eiserne Wille und das klare
Bewutsein von dem, was auf dem Spiele stand, strker als die bloe brutale
Kraft.
    Das Ganze halt! tnte das Signal. Und im Augenblick lagen sie dicht
aneinandergedrngt in den Grben am Rande des Weges, von tiefem Schlaf
bermannt. Niemand war in das reife Roggenfeld hinbergesprungen, wo es sich im
Schatten der hren sicher gut schlummern lie, - niemand, auch die nicht, die es
sonst ruhig zertrampelt htten um einiger Kornblumen willen. Sie wuten auf
einmal etwas von der Heiligkeit des Lebens, diese Krieger, die den Tod in den
Lufen ihrer Gewehre trugen.
    Marsch! - Sie schttelten sich. Die Tornister klapperten. Sie sprangen auf
die Fe. In der Heimat - in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn, sangen sie
aus schmetternder Kehle.
    Das Regiment marschierte.
    Und nun mndeten von allen Seiten die Straen wie Nebenflsse in die groe
Chaussee und brachten immer neue und neue Massen. Die Marschkolonnen
verdoppelten sich: Infanterie auf der einen, Artillerie mit polternden Kanonen
auf der anderen Seite; dazwischen ein schmaler Raum, auf dem Motorrder
vorberknatterten, Automobile sich schnaufend durchzwngten.
    
    ber ein kleines Flchen hinweg, das in zahllosen Windungen, als strube es
sich mit aller Gewalt, von dem stillen, reizenden Tale Abschied zu nehmen, die
Wiesen durchzog, stieg die Chaussee zu den waldigen Hhen empor. Da ging es
pltzlich wie ein Sto durch die Reihen, denn oben, ihnen entgegenflutend,
erschien ein anderes Heer, in ununterbrochener Kette sich langsam
vorwrtsschiebend. Feinde? Unmglich; denn das Kommando, auszuweichen, wurde von
Zug zu Zug weitergegeben.
    Ein hochbeladener Leiterwagen machte den Anfang. Neben den schweitriefenden
Pferden ging ein Bauer mit weiem Stoppelbart und finster drohendem Antlitz, das
nicht rechts noch links sah. Oben auf den Betten und Kisten thronte eine alte
Frau, nornenhaft. In Strhnen hingen die grauen Haare um die durchfurchten Zge;
ihre tiefen Augen sahen die Begegnenden an und sahen sie nicht; um sie her ein
Krabbeln und Schreien von Kindern; hinter ihr am Wagen zwei Fohlen, die unruhig
an den Ketten zerrten, und eine Kuh, die mhselig vorwrts stapfte. Allem
anderen Fuhrwerk, das folgte, gab dieses Eine Tempo und Richtung an; von ihm
schien erstarrt Verzweiflung wie eine lange, schwarze Fahne ber alles zu wehen,
das nachkam. Da waren kleine Karren, von Mann und Frau gezogen, drftiger
Hausrat darauf und blasse Kinder. Dann ein Hundegespann, darin in Betten gepackt
eine Wchnerin mit dem wimmernden Sugling an welker Brust. Elegante Landauer
mit alten Arbeitsgulen an der Deichsel, von halbwchsigen Stallburschen
gelenkt, dicht besetzt mit verhrmten Frauen, verngstigten Kindern, folgten
Schritt vor Schritt in qualvoller Langsamkeit; denn viele, viele, die nicht
berrannt werden durften, gingen zu Fu. Zuweilen schritten schlanke, blonde
Frauen in seidenen Kleidern, Mdchen in zarten, gestickten Mullrcken mitten
unter ihnen, und Alte in straenstaubigem Anzug, werdende Mtter, die geflickten
Schrzen gespannt ber dem gesegneten Leibe, saen in ihren Kutschen. Fast alle
aber schleppten irgend etwas: lauter tote Gewichte, die den Gang ihrer Fe
beschwerten, letzte armselige Erinnerungen an die verlorene Habe. Die wenigen
Befreiten schritten stark aus und berholten die anderen; ihre Augen bekamen
neuen Glanz; sie wuten, da sie nichts hatten, gar nichts, aber das Leben! Nur
- nur! - das Leben! Und viele, die zuerst mitleidig, dann neidisch blickten,
warfen mit raschem Entschlu die Lasten von sich - Spiegel und Kaffeemhlen,
Kfferchen und Krbe bezeichneten ihren Weg -, und wiedergewonnene Kraft ging
aus von ihnen.
    Alle schwiegen. Selbst die Hunde, die mit hngenden Zungen dazwischen
trotteten, hatten das Bellen verlernt. Keine Klage wurde laut, keine Bitte.
Verstummt war wie auf Kommando das Singen der Soldaten, das Trommeln und Pfeifen
und Trompeten der Musik. Und zwischen den Fliehenden und den Marschierenden flog
kaum ein Gru hin und her. Marsch - marsch - wider den Feind, hie es bei den
einen; vorwrts - auf unseren Fersen ist er - bei den anderen.
    Nur den Kindern warfen die Feldgrauen da und dort ein Pckchen Schokolade
zu; seinen schnen, duftenden, schon ein wenig brckelig gewordenen Kuchen
reichte Hans Gerwald mit einem zrtlichen Abschiedsblick einem blassen Bbchen,
das mit wunden Fen auf wackeligem Karren sa.
    Fritz Ewerts Zge nahmen indessen einen immer gespannteren Ausdruck an;
seinen Blicken schien nichts zu entgehen. Jeden Wagen durchforschten sie, in
jedem Antlitz bohrten sie sich fest, als ob sich doch unter der Kruste von
Schwei und Staub, hinter der tragischen Maske, die der Jammer darber gezogen
hatte, ein altes, bekanntes Gesicht verbergen knnte.
    Pltzlich durchschnitt ein langgezogener Klageruf die Stille und bertnte
laut das unaufhrliche Rollen der Rder, das Trampeln der Tritte. U-uhh - u-uhh
- heulte es aus der Tiefe des Tals. Da standen die Herden, buntfleckig, dicht
gedrngt, und schrien, von der Qual bervoller Euter gefoltert, den Menschen
nach, die sie verlassen hatten. Zu Sklaven machtet ihr, schienen sie zu sagen,
die freien Tiere der Felder. Was sind wir nun ohne euch?! Fra der Raben! Und
sie fingen an, sich vorwrts zu bewegen am Rande der Strae den Fliehenden nach,
ein drittes Heer, laut brllend in seiner unfabaren Not.
    Der Abend kam. Die Armee zog sich wie ein Fcher weit auseinander. Auf einem
schmalen Landweg unter einem Dach hoher Linden marschierte das Regiment dem
Dorfe zu, das, als wre es vor der Zeit schlafen gegangen, lautlos zwischen zwei
blauen Seen lag, die es wie freundliche Augen bewachten. Nach dem Marsch des
heien Tages sehnten sich die Soldaten nach Stunden der Ruhe. Aber kein Hund
schlug an, den Bewohnern ihr Kommen kndend, kein neugieriges Kindervolk sprang
ihnen wegweisend entgegen. Einladend glhten rote Geranien unter dem Giebel mit
den geschnitzten Pferdekpfen des ersten Bauernhauses am Wege, aber auf Pochen
und Rufen antwortete keiner. Sie traten die Tre ein. Seltsam: wie leer der
groe Flur ghnte. Da klangen aus dem Stall daneben wimmernde Laute: Verblutend
lag auf dem Stroh eine edle Stute, von einer Lanze roh durchbohrt, das langsam
sich verschleiernde Auge mit einem Ausdruck menschlichen Mutterwehs auf das
hochbeinige Fllen gerichtet, das klglich nach Nahrung winselte. Einer zog den
Revolver und gab ihnen beiden den Gnadenschu. Dann warfen sie sich in der
Scheune daneben aufs Heu.
    Die Tre des nchsten Hauses stand weit offen. Auf dem Tisch in der Stube
lag ein Strickzeug; in der Kammer standen noch volle Milchsatten auf den
Wandbrettern. Und doch suchte keiner, der eintrat, nach der Hausfrau. Wie aus
einer Gruft schlug es jedem entgegen, atembeklemmend. Dann kam eins, da wehten
wie hilfeflehend die weien Vorhnge aus zerbrochenen Fenstern, und zu Haufen
geschichtet, sinnlos zerschlagen, zertrampelt, beschmutzt lag der Hausrat auf
den Dielen; im Garten dahinter stand ein frisches, roh zusammengenageltes
Holzkreuz. Danach aber, wo die Huser sich dichter scharten, ragten nur noch
rauchgeschwrzte Mauern in die Luft, Haufen verkohlter Holzbalken versperrten
den Weg, ein beizender Geruch angebrannter Kadaver schwebte darber. Aber
bermannt von Ermdung warfen sich die Soldaten achtlos in die Mauerwinkel. Die
kleine Kirche drben lockte noch; sie stand nicht zwischen den Husern wie
ihresgleichen, sondern recht wie ein Feiertag, ber den Werktag erhoben, auf
einem Hgel.
    Dorthin, sagte Konrad zu seinen beiden Gefhrten; die drei hatten immer
getreulich zusammengehalten. Sie kletterten ber den Kirchhof, ber umgestrzte
Kreuze, geborstene Steinplatten, an kreisrunden, tiefen Kraterlchern vorbei -
als ob dieser Krieg selbst den Toten ihren Frieden nicht gnnte - und erkannten
erst dicht vor dem Gotteshause stehend, da eine Granate das Dach
heruntergerissen hatte. In das trmmerbedeckte Schiff lugte dster der
Nachthimmel, und die alten Bume ringsum streckten anklagend kahle, geschwrzte
ste empor zu ihm. Aber die drei Mden suchten nicht lnger.
    Hat die Erschpfung mich stumpf gemacht, dachte Konrad, als er sich in den
Mantel gewickelt auf die Altarstufen streckte, sind diese neben mir, die jetzt
schon in tiefem Kinderschlaf liegen, von Natur so hart, da alle Trmmer von
Menschenglck, die wir sahen, uns weniger erschttern als eine
Shakespeare-Tragdie auf der Bhne? Nein - es war nicht Hrte und nicht
Erschpfung, es war eine neue Abschtzung der Werte, die sich aller bemchtigte.
Da Huser und Scheunen, Khe und Klber jemals als Inhalt des Glcks hatten
erscheinen knnen - mute man darber heute nicht nachsichtig lcheln, wie reife
Menschen ber Kindertrume? Konrad sah noch einmal zu seinen Kameraden hinber:
ein hoher Ernst, eine fast aszetische Strenge lag auf ihren stillen, jungen
Gesichtern. So meielt das Schicksal die Kpfe derer, die bestimmt sind, die
Zukunft zu bauen. Und der Neid, der sich seiner bemchtigen wollte, wandelte
sich in andchtige Liebe, in starke Hoffnung.
    Das Regiment schlief, als htte es nur einen Atem. Gleichmig, einlullend
klang von der Chaussee herber noch immer das Rollen der Flchtlingswagen.
    Drei Stunden der Ruhe. Dann Alarm - ohne Signal -, dessen Flstern
aufpeitschender war als die Trompete. Kein Licht durfte gebrannt werden, kein
Streichholz entzndet; schattenhaft huschten die Gestalten in der Finsternis. Zu
essen gab's ein wenig Brot und Speck; man mute sparsam sein mit den Rationen;
die Feldkchen und die Bagage hatten bei diesen Eilmrschen den Anschlu nicht
mehr innezuhalten vermocht.
    Und nun harte, gedmpfte Kommandostimmen: Antreten - Gewehre in die Hand -
das Gewehr ber - ohne Tritt - marsch!
    Viele schliefen im Gehen. Gefhl und Gedanken lagen unter einer dunklen
Decke. Nur die Beine bewegten sich wie eine aufgezogene Maschine.
    Da setzte aus der Ferne ein dumpfes Grollen ein, wie das Knurren gefangener
Lwen, die ihren Fra erwarten. Und die Kpfe hoben sich, der Schritt wurde
elastisch, in die Krper kehrte die Seele zurck.
    An einem Gutshof irrlichterte es - abgeblendete Laternen - Gemurmel - in der
Finsternis riesenhaft erscheinende Planwagen. Von einem Licht flchtig
getroffen, glhte ein rotes Kreuz phantastisch auf. Im Walde wurde es lebendig.
Verschlafene Vgel flatterten unruhig ber den sten. Leise drckten sich
Pferdehufe in den Sand des Wegs: Lanzenreiter. Oder Ritter der Vorzeit in grauer
Eisenwehr, die der Alarm aus den Grften schreckte? Aus Erdhgeln streckten sich
die offenen Muler schwerer Geschtze, beutegierig. Und darber ein Rauschen
schwerer Flgel, die riesige Gestalt eines Urweltvogels.
    Konrad sah empor, als msse er diesem beschwingten Ungeheuer Abbitte
leisten. Die Mutter dieses Fabeltiers hatte er allzeit gering geachtet; wie
hatte sie pltzlich Sinn und Wert bekommen, seitdem sie nicht mehr Selbstzweck,
Sport und Spielzeug war, sondern im Dienste stand wie sie alle.
    Vorber marschierte das Regiment.
    Im Morgengrauen befand es sich oberhalb einer weiten Talmulde, die ringsum
von wellenfrmigen Hgelketten umrandet war, whrend sie in ihrer Tiefe blaue,
im Grn hohen Schilfrohrs sich verlierende Wasserflchen barg und verstreute
Gehfte, von Bumen beschtzt, und hie und da ein Drfchen, das in seinem
besonderen kleinen Hgelbettchen lag wie ein Kind in der Wiege.
    Das Knurren der eisernen Raubtiere von drben wurde zu einem wtenden
Wolfsgeheul.
    Die Massen der Marschierenden lsten sich auf.
    Kompagniekolonne in der Richtung auf den Sturzacker halblinks vorgehen! -
klang es an Konrads Ohr. Endlich! Wer war noch mde, wer hungrig?! Sie strmten
vorwrts.
    Und nher, immer nher pirschen sich die russischen Granaten.
    Sie sausen ber die Kpfe, wie die gespenstische wilde Jagd:
    Hu-i-ch-sch-ach!
    Und die Antwort kommt, ein Hexenritt in der Walpurgisnacht:
    Pu-uh-uh -
    Zerrissen, zerwhlt ist der Acker ringsum. ber niedrigem Feuerstrahl
steigen da und dort dicke, braune Erdvulkane auf.
    Ohne Tritt - marsch - halt - Gewehr ab - hinlegen - wie ein Uhrwerk,
ruhig, gleichmig, wiederholen sich die Kommandos.
    Viertelstunde um Viertelstunde vergeht.
    Da: ein verlassener russischer Schtzengraben, wst wie ein zerstrtes
Vorstadtwarenhaus. Hemden, Hosen, Gewehre, Kochgeschirre - alles haben sie im
Stiche gelassen in haltloser Flucht.
    Und der Donner von drben rollt wie zwischen den Felswnden des
Hochgebirges.
    Und die Blitze entznden die Gehfte ringsum, lodernde Fackeln zum
furchtbaren Feste des Kriegsgottes.
    Dann pltzlich Stille.
    Nur in den Ohren braust und saust es noch, und der Herzschlag hmmert wild
den Takt dazu. Sie fallen um wie die Toten, da wo sie stehen; ein Schlaf von
Minuten, der in seiner Tiefe wie eine Ewigkeit lang ist.
    S-s-s-it - bum. S-s-s-it - bum - und am Himmel kringeln sich zarte
Lmmerwlkchen.
    Das ist Schrapnellfeuer in der Flanke.
    Hinter der Schtzenlinie rasen zwei herrenlose Gule mit offenen Leibern,
aus denen die Eingeweide quellen - sie fallen - acht Beine recken sich zuckend
empor.
    Pl-rr-rr - das sind die Gewehre des Regiments - wie ein Wagen auf
holprigem Pflaster.
    Ting - von drben wie ein Klirren am Drahtzaun.
    Im eiligen Vormarsch ist offenbar ein seitlicher Graben bersehen worden.
    Sprung auf - marsch - marsch! - sie fliegen in Sprngen ber das ebene
Feld.
    O-o-h! schreit einer neben Konrad. Ein Krper rollt ihm vor die Fe.
Instinktiv bckt er sich, um ihn aufzurichten. Gebrochene Augen stieren ihn gro
an. Die Nase ist ganz spitz und wei, - die ganze Brust eine klaffende Wunde.
Weiter!
    Ach! - wieder einer. Wie ein gefllter Baum strzt er.
    Hinlegen! Es ist, als ob die Erde sie schtzend in ihre Arme nimmt.
    Pl-rr-rr knattert es. Diesmal blieb die Antwort aus.
    Aus dem feindlichen Schtzengraben kroch ein groer erdbrauner Mann mhsam
hervor. Durch die Kruste von Staub, die sein Gesicht bedeckte, sickerte von der
Stirn herab ber das rechte Auge ein Rinnsal roten Blutes. Er sttzte sich
schwer auf den Degen und lie mit der Linken mhsam ein Stck weien Linnens
flattern.
    Konrad war der erste, der ihm entgegentrat. Mit einer einzigen Handbewegung
wies er in den Graben hinter sich. Da standen sie aneinandergedrngt, an die
Schanze gelehnt, mit zerrissenen Gliedern, durchlcherten Schdeln,
zerschossener Brust, die Waffe noch immer von den erstarrten Fingern umkrampft.
    Das Vaterland - sagte der Offizier in stockendem Deutsch, Konrads
staunendem Blicke folgend. Da salutierten die preuischen Wehrmnner ringsum,
ehe sie ihn und die wenigen briggebliebenen abfhrten.
    Das Bataillon hinter das Dorf - vorwrts marsch! Es war keine Zeit, um
sich des Grausens und der Bewunderung klar zu werden.
    Die Kmpfer sammelten sich. Viele fehlten. Und nun schritten sie wieder aus;
im Takt klappten die Sohlen auf dem harten Boden. Hans Gerwald lachte Konrad an,
Fritz Ewert drckte ihm stumm die Hand. Sie gehrten zur Spitzenkompagnie.
    Wir sind gefeit - alle drei, sagte Hans, und das Dorf da unten ist
verschont geblieben, als wre es fr uns bestimmt.
    Im gleichen Augenblick prasselte ber ihre Kpfe hinweg eine deutsche
Granate mitten hinein.
    Also hat die Drachenbrut sich drinnen festgesetzt, brummte Fritz.
    Und schweigend ging es weiter.
    Dicht vor dem Dorfe stehen sie. Waren noch Menschen in den Husern?! Eine
alte Frau mit einem weinenden Kinde an der Hand luft ihnen entgegen. Hinter ihr
aus der braunen Scheune sprhen im Augenblick glhende, funkenstreuende Garben.
    Nehmt das Kind! schreit sie heiser. Die Nchststehenden wollen beide
zurck hinter ihre Linien zerren. Aber mit bermenschlicher Anstrengung reit
sie sich los: Ich sterbe, wo ich geboren bin, und in rote Glut taucht sie
unter. Das Kind fliegt von Arm zu Arm - meine Puppe! schluchzt es auf. Sie ist
ihm entfallen, schon zngelt ein Flmmchen nach ihr. Hans Gerwald springt hinzu
und schleudert sie der Kleinen nach, die jetzt tief in einem Kellerloch steckt.
    Hans! ruft Konrad.
    Der lacht hell auf: Wenn die Puppe ihr Lebensglck ist - Dann bricht er
zusammen: Mein Fu! und ein langer Blick, wie gequlte Tiere ihn haben, die
nicht reden knnen, trifft den Kameraden. Es kracht und prasselt von allen
Seiten. Schon hat ihn Konrad auf den Armen wie ein kleines Kind. Der aber wehrt
sich mit versagenden Krften: So la - mich - doch liegen!
    Doch Konrad hlt ihn umklammert. Ihm ist auf einmal, als rettete er etwas
sehr Kostbares, Unersetzliches - ein Stck der Jugend, die aufbauen sollte, was
jetzt in Trmmer fiel. Und wie Christoforos stark fhlt er sich.
    Sie kommen zu einem Chausseewrterhuschen. Er stt mit dem Fu die Tre
auf. In dem engen Raum dahinter liegen sie schon, die Verwundeten, dicht
geschart, Mann an Mann. Sie wimmern leise. Der Sanitter wei kaum, wem er
zuerst helfen soll. Aber der Eintritt der neuen Gste lt sie verstummen. Aller
Augen richten sich auf sie, eine einzige Frage, die keines Worts bedarf. Und
Gerwald hebt den Kopf - er lacht schon wieder -: Wie's steht, wollt ihr wissen,
Kameraden? sagte er mit ganz heller Stimme, nun gut - wie anders als gut. Bis
die Sonne sinkt, ist Preuen frei! Dann wird er sehr bla.
    Hm, macht der Sanitter, als er ihm den Stiefel aufgeschnitten hat. Konrad
sieht ihn ngstlich an. Er schttelt den Kopf: Ein Dum-Dum-Gescho offenbar.
Wird lange dauern - sagt er ganz leise.
    Noch ein Hndedruck, den der Verwundete heftig erwidert. Sptestens
bermorgen bin ich doch wieder heil? hrt er ihn noch instndig flehen. Dann
ist er wieder auf der Strae und jagt dem Dorfe zu.
    Ein einziger brennender Trmmerhaufen empfngt ihn.
    Nach der Feuerlinie entwickeln - eine nicht mehr menschliche Stimme brllt
es aus Rauch und Flammen.
    Lhmendes Entsetzen - nur einen Atemzug lang - versteint alles. Dann:
vorwrts - hinein!
    Jeder Gedanke erlischt. Jedes Gefhl schrumpft zusammen.
    Beizender Rauch beklemmt den Atem. Er wirbelt empor, verhllt den Himmel,
als wollte er dem freundlich strahlenden das Grliche nicht schauen lassen, um
dann, hohnlachend ber das eigene Mitleid, aus den Dchern auszubrechen und die
schwarzen Schwaden triumphierend mit gelbem und blauem Licht zu zerreien.
Danach streckt er sich schmal, wei, langsam, wie die Seelen der Toten, aus
berstenden Fenstern.
    Quer ber die Strae jagen Tiere mit wahnsinnigem Gekreisch. Sie entfliehen
dem brennenden Stall, sie prallen jenseits entsetzt zurck vor
zusammenkrachenden Balken. Sie fallen. Und ber verendete Leiber springt die
strmende Truppe wider die Menschenmauer, die ihren Weg versperrt.
    Das ganze Orchester der Hlle spielt dem satanischen Tanze auf: Kugeln,
Granaten, Schrapnells - ein Pfeifen und Knattern, Heulen und Sausen.
    Die lebendige Mauer zerreit - fllt auseinander - bricht in sich zusammen.
Berge von Toten und Sterbenden hufen sich.
    Noch ein Bogenstreich des geigenden Teufels - das letzte Gekreisch der
Getroffenen.

Sptnachmittag war es. An einem weileuchtenden Tag im August.
    Da fand Konrad Hochse sich wieder unter einer einsamen Pappel am Weg. Er
sah an ihr empor. Gedankenlos. Ihre Spitze war verdorrt. Richtig - alle Pappeln
gehen ein - fuhr es ihm durch den Sinn - alle, die zu den Zeiten korsischer
Weltherrschaft gepflanzt worden sind.
    Er begann langsam zu sich zu kommen. Warum lag er hier? Er mute doch -
    Dort unten am See war ein Menschengewhl - am See, der grnlich-blaue
Hexenaugen hatte - Augen, die verraten, wenn sie lcheln.
    Dort kmpfen Kameraden -!
    Er sprang auf - und sank chzend zusammen. Was war das nur fr eine Faust,
die ihn festhielt?
    Er besann sich: mit dem Kolben hatte er um sich geschlagen in die breiten,
gelben Fratzen, die rechts und links um ihn aufgetaucht waren. Und dann hatte
ihm jemand einen Sto vor die Brust gegeben.
    Jemand? - Wer?
    Sehr gro war er gewesen - riesenhaft. Hatte einen Stab in der Hand gehabt -
oder einen Speer. Und eine lange, graue Haarstrhne ber dem linken Auge -
    Konrad lchelte matt: Wie dumm die Mdigkeit machte! Und da ihm just jenes
vergessene Bild einfiel, - der einugige Germanengott -, das ber seinem
Kinderbettchen gehangen hatte!
    Seltsam: immer mehr Bilder kommen, lebendig gewordene. War jener dort nicht
der ruhende Gigant aus der Mediceerkapelle, der alle Erkenntnis besa und nicht
sagen konnte, was er wute? Er hatte sich erhoben, war entwichen, um vor ihm den
verschlossenen Mund zu ffnen - fast htte er mit seinem marmornen Fu die
Wasserrose zertreten - Jrun Egils Wasserrose mit dem Kfer darin. -
    Da der Prophet, der die neue Religion suchte, in den See gegangen war, weil
- weil der Kfer die Blume fra! Warum hatte er nicht bis heute gewartet?
    Jrun Egil - wie tricht bist du! Siehst du denn nicht, da es den Tod nicht
gibt? Da Tod und Leben nichts sind, wie das Auf und Ab der Wellen? Freilich -
wenn du nur den Kfer siehst - nichts als den Kfer!
    Konrads Kopf sank zurck. Wie gut, da die Erde sich so weich wie ein Kissen
hinter ihm wlbte! Und wie es leuchtete ber ihm: gelb, rosa, violett - war es
der Himmel Toskanas? Er schlo beseligt die Augen. Norina hauchte sein blasser
Mund. Ein Klingen und Singen und Jauchzen war ihm im Ohr und ein Mittnen der
Erde wie von tanzenden Fen. Zu Busch und Wiese, zu Wald und Dorf kehrten sie
wieder in Scharen, die vertriebenen guten Gtter der Erde, die Genien des
Hauses, die Nymphen der Flur. Nun war alles, alles belebt, was tot gewesen war,
oder - seziert, wie Leichen. Selbst aus der sterbenden Pappel ber ihm lachte
noch eine freundliche Dryade.
    Ob wohl sein Junge mit Nix und Elfe spielte? Und zur groen Mutter beten
lernte? Wie gerne wrde er -
    Krampfhaft ri er die Augen auf. Seine Gedanken waren jetzt klar, ganz klar.
    Ich sterbe, sagte er laut, und eine Frmmigkeit, wie er sie nie empfunden,
weitete und erhellte seine Seele.
    Andchtig sog sein Auge das Bild ringsum ein: das von Geschossen zerrissene
Feld, das seine Wunden trug, um einst im Frieden von lebendiger Liebe umhegt,
nur um so vollere Frchte zu tragen. Denn Kanonendonner war der
Hochzeitsglockenklang gewesen, unter dem sich der Mensch wieder der Erde
vermhlte.
    Ihm schwindelte - als wre es Mitternacht und der ganze sternfunkelnde
Himmel snke auf ihn -
    Und pltzlich stand er in Reih und Glied mitten unter den Kameraden.
Verzweifelt verteidigten die Russen den Damm, der dort, wo der See am schmalsten
war, hinberfhrte in ihre letzten Stellungen. Sie sanken wie hren vor dem
Schnitter, doch aus jedem Korn wuchs im Augenblick ein neuer Riese hervor - sie
fhrten Kolben mit Eisenstacheln und Peitschen mit Bleikugeln - sie schleuderten
Felsen durch die Luft -
    Gibt es eine Waffe und eine bermacht, die den bezwingen knnte, der
unsterblich ist, - weil das Sterbliche in ihm aufging im Ewigen, der Idee? -
    Dann war er wieder unter der Pappel. Die gute Dryade wischte ihm mit einem
khlen Tchlein den Schwei von der Stirn und bedeckte mit weichen Hnden seine
Ohren, damit er den furchtbaren Schrei von unten nicht hre, wo der See gierig
die Russen verschlang, die nicht weichen und sich nicht ergeben wollten.
    Und lchelnd huschte sie davon. Schade! Sie hatte tiefe, dunkle Augen gehabt
wie -
    Hurra - hurra -! Das ganze Tal hallte wider -
    Konrads Antlitz leuchtete.
    Wie schn ist es doch, zu sterben am Sptsommerabend - wenn die Sonne sinkt
- fr den, der das Leben fand!
