
                                  Boy-Ed, Ida

                                  Vor der Ehe

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                                   Ida Boy-Ed

                                  Vor der Ehe

Die Tagesarbeit war abgeschlossen. Nun sa Frau Sophie an ihrem Teetisch und
zgerte noch, sich mit der Post zu beschftigen. Es tat so wohl, den Nerven eine
kurze Schonung zu gnnen. Es war so notwendig, sich diesem Zustand hinzugeben,
der Erschpfung nach groer geistiger Anstrengung zu sein schien. Sophie kannte
das aber wohl, wie sich gerade in dieser Ruhe die noch undeutlichen Anregungen
aus den letzten Arbeitsstunden zu klaren Erkenntnissen fr das Schaffen des
nchsten Tages gestalten konnten.
    Gerade ber ihrem Kopf, im vierten Stockwerk, wute sie ihr Atelier. Es lag
nun verlassen, vom Abend des frh geendeten Novembertages erfllt, auskltend
und kahl. Es war streng eingerichtet, nur fr den Arbeitszweck. Und in ihrer
Phantasie sah Sophie von der Staffelei her das altersbleiche Gesicht und die
klugen, milden Augen der frstlichen Greisin, deren Bildnis sie eben malte,
gleich einem blassen, schwach erkennbaren helleren Fleck im Dunkel des Raumes.
Sie malte in ihren Gedanken immer noch daran weiter. Nichts strte sie in dieser
rckblickenden Vertiefung. Um sie war eine so behtete Stille, da sich die
Nerven davon geliebkost fhlten. Und wie angenehm war die sanfte Beleuchtung fr
die Augen, die den ganzen Tag ihren Beruf, zu schauen, mit der grten
Anspannung erfllt hatten.
    Sophie seufzte tief auf, in einer ganz einfachen, unbeschreiblichen
Zufriedenheit. Aus allen Ecken und Winkeln des Zimmers schien die Ruhe auf sie
zuzukommen und sie in ihre Arme zu nehmen. Und sie dachte: das ist nun auch
einer von den Genssen, die die Jungen und die Berufslosen nicht kennen, diese
Hingegebenheit an den Augenblick, der einmal nichts von einem fordert!
    Freilich, da lag ein Brief von ihrem Aeltesten. Und sie wute vorweg: er
schrieb nicht einfach. Seine Worte hatten Gehalt, oft schwerer Art.
    Aber erst kam der Tee. Der duftete ihr fein entgegen. Er war ihr
Lebenstrank, ihr Anreger, ihr Erretter aus jeder Abspannung, ihr Laster, wie
sie scherzend zu sagen pflegte. Und der Eine, dem ihr Dasein kostbar war, der
schalt wohl gelegentlich ber die vielen Tassen Tee, die sie sich nach
arbeitshartem Tag gern gnnte. Wie beglckend war der Gedanke an diese
Strafpredigten. Mit einem seligen Lcheln geno sie diese Erinnerung an seine
Frsorge; und das Lcheln wurde beinahe zum deutlichen Lachen, als sie nach
Frauenart den Vermahnungen zuwiderhandelte und sich die dritte Tasse eingo. Um
mich fr Allerts Brief zu rsten, dachte sie entschuldigend. Und fhlte sich nun
auch so frisch, um die schwierigsten Debatten gegen den Brief des Sohnes
auszufechten. Denn seine Briefe waren wie ein wichtiger Mensch, mit dem man sich
sehr genau ber alle Fragen auseinandersetzen will und mu, koste es noch so
viele Mhe des Herzens und Verstandes.
    Er kmpfte ja einen prachtvollen, harten Arbeitskampf, von dem man noch
nicht wute, wie er ausgehen wrde. Aber Sophie glaubte: gut! Sie dachte:
eiserner Wille, starkes Knnen! Das gibt Sieg. Freilich mit Kapital war er
beengt. Das machte es so schwer.
    Knnte ich ihm geben - knnte ich doch! wnschte sie. Aber wo sollte sie es
hernehmen? Solche Summen? Kleine taten es ja nicht. Allert schrieb:

Liebe Mutter!
    Es freut mich auerordentlich, da Du die alte Durchlaucht malen darfst. Das
fnfte Portrt dieses Jahr. Und immer feine Kpfe, angesehene, ja erste
Persnlichkeiten. Du kannst also, so nahe dem Abschlu des Jahres, wieder einmal
auf knstlerisch und finanziell lohnende Resultate zurcksehen. Die ersteren
sind freilich wohl wieder strker als die letzteren. Es erbittert mich immer
neu, wenn ich erfahre, da Deine mnnlichen Kollegen, mgen sie Dir auch
knstlerisch nachstehen, doch hhere Honorare erhalten. Aber Du behauptest Dich
in der Front der Schaffenden. Und das ist die Hauptsache. Raspe und ich sind
stolz auf Dich. Wenn ich bedenke, wie spt erst Du Dir Deines Talentes recht
bewut wurdest, wie Du in der Sorgenzeit nach Vaters Tod den Mut hattest, Deine
Begabung auszubilden und zum Beruf zu whlen, so kann dies meine Bewunderung fr
Deine Erfolge nur steigern.
    Damit hast Du uns viel gegeben, gibst uns jeden Tag. Wir sehen Dich von der
eigenen Kraft jeden Tag, unabhngig von Stimmungen und krperlichen
Beeintrchtigungen, das Aeuerste fordern! Wie mir das hilft - wenn mir unmutige
Augenblicke kommen wollen! Ja, Mutter, dann hilft es mir, an Dich zu denken. Und
darum mu es Dich nicht bedrcken, da Du mir nicht mit Kapital beistehen kannst
und sollst. Denn das bichen, was Du Mavolle von Deinen Einknften nicht
brauchst und zurcklegst, mu zur Sicherung Deines Alters dienen. In die
Industrie darfst Du es nicht hineingeben.
    Sorge Dich, bitte, nicht. Ich hege die Hoffnung, einen Kommanditisten zu
finden. Die Einblicke, die ich einem Geldgeber - sei es ein Privatmann oder eine
Bank - gewhren kann, sind ff. Wer die Dinge zu beurteilen vermag, mu erkennen,
da mein Unternehmen blhen will - blhen wird, falls man es nur mit etwas mehr
Kapital beweglicher macht. Es wird sich finden. Sei ruhig.
    An Onkel Just will ich nicht herantreten. Er gab mir vor vier Jahren das
erste Geld. Das war schn von ihm, wenn er's auch mit borstigem Wesen gab. War
ja voll Aergernis und Gegenmeinung, weil ein Hellbingsdorf Fabrikant und
Kaufmann geworden war und bleiben wollte. Komisch: da durch ganz Danzig seine
hellblauen Milchwagen fahren mit der Aufschrift: Hellbingsdorfer Meierei,
Vollmilch, Magermilch, Fettkse usw., findet er ganz selbstverstndlich. Das
vereinbart sich mit dem feudalen Charakter eines landwirtschaftlichen Betriebes.
Aber Blechbchsen mit dem Aufdruck: Farbwerke Allert von Hellbingsdorf, sind ihm
ein greulicher Anblick, und die Lackfarben dieses Werkes knnten noch so
vorzglich sein - er mchte nicht, da in seiner Remise ein Leder damit gelackt
wrde!
    Er gibt nicht zu, da zwischen den Produkten der Scholle und denen der
Industrie nur ein Art-, kein Rangunterschied sei. Jawohl, solche Anschauungen
kommen immer noch vor. Und es ist um so putziger, als doch die Maschine auch in
der Landwirtschaft triumphiert.
    Er begreift immer noch nicht, da der Adel, teils durch eigene Schuld, teils
gedrngt, heute in eine Stellung gekommen ist, wo er sich verteidigen mu, um
sich zu behaupten. Das einzige, modernste und erfolgreichste Verteidigungsmittel
ist aber doch Arbeit!
    Ich bin ein Edelmann und denke es zu bleiben und finde es zeitgem, da
auch ein solcher sich am industriellen und kaufmnnischen Kampf beteiligt und
sich dann durchzufechten versucht. Frher focht man mit Lanze und Schwert. Die
Waffen haben gewechselt. Das ist alles.
    Also um nicht ganz von Onkel Just abzukommen: Deiner leise vorbeugenden
Anspielung htte es nicht bedurft; ich klopfe nicht bei ihm an. Da er mir
berhaupt zur Etablierung verhalf, habe ich ja nur Dir zu verdanken. Sein
ungeheurer Respekt vor Deiner Haltung hat da gesprochen. Er mag damals, nach
unseres Vaters Tod, Angst genug gehabt haben, da nun ihm alle Lasten zufallen
wrden. Und er sah: Du nahmst es allein auf Dich. Und er hrt, wenn er mal nach
Berlin kommt, gerade in den Kreisen, die er allein als Welt kennt und anerkennt,
so rhmlich von Dir sprechen. Da konnte, da wollte er sich nicht lumpen lassen,
als wir das erstemal kamen. Und er mag auch gedacht haben: schlielich ist mir
die Mutter gut dafr, wenn der Sohn Pech hat.
    Soll ich noch auf Deine andere Anspielung eingehen? Haben wir das Thema
nicht schon manchmal errtert?
    Ich soll wohlhabend heiraten, hoffst Du. Seltsam, da bei solcher Frage die
zartestempfindenden Frauen ihren Zartsinn vergessen knnen. Oder habt Ihr Mtter
die naiv-fanatische Ueberzeugung, da Eure Jungens ber die Maen liebens- und
begehrenswert seien? Da die reichen Erbinnen nur so in den Ballslen an der
Wand sitzen und sehnlichst warten, wir sollen sie whlen? Ja und wenn! Ich zum
Beispiel, liebe Mutter, will nicht nur ersehnt und geliebt werden, ich will
selbst wnschen und lieben und aus eigener innerster Notwendigkeit mir meine
Gefhrtin whlen. Und ich denke mir, so fhlen alle gesunden Kerls meines
Schlags. Aus vollem Herzen will ich mal glcklich werden. Nicht nur aus vollem
Verstand.
    Aber das ist ein weites Feld. Da spielen auch noch zahllose andere Fragen
hinein, auer denen des Gefhls. Kulturstrmungen. Gegenwartsnte. Und
Unklarheiten ber das Weib von heute. Ihre Umrisse schwanken. Es gibt jetzt zu
viele Spielarten. Und sie sind nicht sicher bestimmbar.
    Lassen wir diese Frage um so vlliger auf sich beruhen, als ich zurzeit ja
ungefhr vor lauter Arbeit und Kampf in der Lage jener Mnner bin, die
annoncieren: Wegen Mangels an Gelegenheit von Damenbekanntschaft usw. usw. Soll
ich? Nein, das wre mir doch zu bunt: sauer ums Vorankommen kmpfen und mich
nebstbei schon behngen und behemmen mit einem Eheproblem!
    La Dich nicht verstimmen. Vielleicht hat Raspe mehr Bereitwilligkeit. Und
in seiner Umwelt findet er auch eher - falls er suchen mag.
    Nun schliee ich. Immer nehme ich ungern Abschied von Dir. Wenn es auch nur
im Brief ist. Ich scheine bei Dir zu sein, wenn ich schreibe. Und dann bist Du
nicht so allein. Der Gedanke ist mir immer so schwer, da Du Dich, mhsam
arbeitend, einsam dem Herbst nherst. Darber darf ich aber nicht nachdenken.
Dann komme ich in eine Stimmung, da ich, um Dich sorglos lcheln zu sehen, eine
Gould oder Vanderbilt heiraten knnte, falls sie mich nhme.
    Ich ksse Deine lieben Hnde.
                                                                   Dein Allert.

Ueber den Brief war sie ein wenig bse, ein wenig enttuscht, sehr davon
unterhalten und im ganzen doch sehr glcklich.
    Und dann wunderte sie sich, da Allert von einsam sprach. Er wute doch
... Nein, Kinder wissen nie und verstehen nie ganz. Sie schtzen die Stellung
der Mutter zu ihren Mitmenschen nie ganz richtig ein. Besonders nicht, wenn der
hauptschlichste Mitmensch der Mutter ein treuer Freund ist. Die Mutter kann vor
den Shnen nicht ihr Innerstes beleuchten und durchsprechen, als sei das ein
wissenschaftlich und genau zu errterndes Objekt. Und auerdem: Kinder sind auch
immer eiferschtige Egoisten und gnnen der Mutter alles, wenn sie selbst
einbeschlossen sind, und nichts, wenn es sie ausschliet.
    Sophie dachte an ihr Glck. Ein leises, feines, karges war es - aber Glck
genug fr ein bescheidenes Herz. Leidgewohnte, deren Haar bereift ist, sind
bescheiden.
    Junge Menschen wissen gar nicht, da auch Alternde lieben und glcklich sein
knnen, in Empfindungen von einer keuschen Zartheit, geheimnisvoll verwandt den
Trumen der ersten, noch begierdelosen Jugend.
    So lt die Natur auf dem Feld im Sptherbst noch einmal die eine und andere
Frhlingsblume wieder zur Blte kommen ... Welch tiefes Sinnbild ...
    Sophie schreckte auf. Die wundervolle Stille sollte ihr gestrt werden? Ihre
treue alte Tyrannin Therese verstand doch sonst so bestimmt die Tr zu
verteidigen. Nein, sagte sie schon ganz rgerlich zu dem Gerusch drauen,
nein, ich habe zu denken, habe Verlangen nach Schweigen, will Briefe schreiben
- - da mich keiner mit seinem Besuch belstigt!
    Da ffnete sich ein wenig die Tr, und Therese lchelte in der Spalte.
    Herr Geheimrat! sagte sie und machte gleichsam Tr und Tore weit, mit
jener froh-feierlichen Geste, die sie immer hatte, wenn sie diesen Mann
hereinlie. Denn sie wute es aus ihres ergebenen Herzens Ahnungsgefhl heraus:
sein Kommen war ein Fest fr ihre Herrin und heute ganz gewi ein unerwartetes.
    Sophie kam in die Hhe - frmlich ein wenig zitternd und in ihrer Hast durch
den Tisch gehemmt, hinter welchem sie auf ihrem kleinen Ecksofa gesessen hatte.
    O! sagte sie nur, in einem stillen und dankbaren Glcksgefhl. Sie
streckte ihm beide Hnde hin. Aber mit diesen ihren beiden Hnden mute sie
begngsam seine Rechte umfassen. In der Linken trug er eine groe Aktenmappe.
    Leise, mit einer scheuen Hingebung lehnte Sophie ihre Stirn einen Augenblick
gegen seine Schulter. Dann sah sie zu ihm empor.
    Der stattliche, grauhaarige Mann lchelte sie gtig an. Sein kluges Gesicht,
von einer gewissen stolzen Regelmigkeit der Zge, schien sehr bleich. Eine
Falte, wie von Mattigkeit oder Leiden, ging scharf von seinen Mundwinkeln herab.
In seinen dunklen Augen war nicht das strahlende Feuer, das sonst dies ganze
Angesicht wie ins Licht stellte.
    Was ist Dir? fragte sie, aufmerkend. Denn sie kannte sein Gesicht in jedem
Ausdruck und sah es nur zu oft verfinstert von Aergernissen und hatte so oft die
Beglckung, da es hell wurde in ihrer Nhe.
    Unbehaglich ist mir - und darum komme ich. Gib mir eine Tasse Tee - ja -
hier ist es warm und still und milde ...
    Er sah sich um. Dieses Zimmer war ja seine Zuflucht. Die sanfte Helle ber
dem Ecksofa, das so bequem war - und der gut abgemessene Tisch mit dem
zierlichen Teegert davor - alles andere lag im Halbdmmer: Bilder und ruhige
Mbel. Er dachte an grell bestrahlte Rume voll Prunk und an eine Frau, die nur
von Vergngungen und Eitelkeiten wute.
    Es schien, als frre ihn.
    Ja, was hast Du denn? fragte sie wieder.
    Sie wute, wieviel er zu tragen hatte in einer Ehe, die zu lsen seine Frau
sich, halb aus Gehssigkeit, halb aus Instinkt der Selbsterhaltung, seit Jahren
weigerte. Denn sie war eine schlechte Wirtschafterin, und seine Umsicht mute
immer die Angelegenheiten ordnen, die ihre Luxusbegierden verwirrten. Und sie
fhlte vielleicht, da sie, aus seiner lenkenden Hand entlassen, in Ruin kommen
knne. Wie oft kam er, ermdet von Szenen, um in diesem friedlichen kleinen
Eckchen seine Nerven zu beruhigen.
    Heute hatte Sophie den Freund nicht erwartet. Er kam zumeist am Donnerstag.
In seltenen Fllen trafen sie sich auch in der Gesellschaft, der Sophie sich aus
Klugheitsgrnden nicht entziehen konnte. Ihr alter Name hatte ihr doch geholfen,
gleich in Kreise zu kommen, in denen sie Auftrge fand. Sie wute genau: der
erste war ihr vor zwlf Jahren geworden, wie ein verstecktes Almosen. Ihre
Cousine Lucie, die Gattin des Ministers von Eggebeck, hatte sich bei ihr malen
lassen. Lucie war gutmtig, eitel und mig bemittelt. Sie sah die Gelegenheit,
sich fr eine geringe Ausgabe in ihrer schnsten Hoftoilette malen zu lassen.
Das Portrt gelang, wurde ausgestellt und hatte Erfolg. Erfolg hatte auch die
Malerin, die man von da an im Salon der Exzellenz zuweilen traf. Mit jedem neuen
Auftrag erweiterte sich dann Sophiens geselliger Kreis.
    Im Eggebeckschen Hause hatte Sophie auch den Mann kennen gelernt, dessen
Freundschaft ihr arbeitsames Leben hob und mit freudigem Mut fllte. Ihre
Verbindung war der Welt ein vollkommenes Geheimnis. Was sie einander gaben, war
auch nicht von der Art, das Interesse der Welt zu erregen. Frieden wollten sie
und das bichen stille Glck, sich Hand in Hand von dem lauten Leben drauen
auszuruhen und sich darber auszusprechen. Es bedurfte, zumal von Sophiens
Seite, gar keiner besonderen Vorsicht oder Vorstze, ihre Neigung zu verstecken.
Kein Mensch in der Weltstadt kmmerte sich darum, da der Geheimrat Rositz
Donnerstag nachmittags Frau von Hellbingsdorf besuchte. Rositz freilich war mit
Bedacht behutsam. Seine Frau htte ihm diese Erquickung mignnt und gestrt,
wre auf den Gedanken gekommen, da er sich Sophiens wegen scheiden lassen
wollte, whrend er in der Tat schon lange, bevor er die Freundin kannte, um
seine Freiheit rang.
    Sophie schenkte ihm Tee ein und bediente ihn pflegsam und beobachtete dabei
mit immer wachsender Sorge sein schlechtes Aussehen.
    Wie komme ich heute zu der Freude? fragte sie.
    Ich hatte Geschfte in der Nhe. Geldsachen. Und bin auf dem Wege zu meinem
Bankier. Sollte ich an Deiner Wohnung vorbeifahren? Als Egoist kam ich herauf.
Mir ist irgendwie nicht wohl - kann sein, da gestern die Austern - na, das ist
vorbergehend - sprechen wir nicht davon! Ein Mann, der lamentiert!
    Und er lchelte ber sein schlechtes Befinden.
    Ein Brief von Allert? fragte er dann, und sein Blick deutete auf die
vielen Bltter, die noch nicht wieder zusammengefaltet worden waren.
    Ja. Und wie immer: bunt durcheinander, voll Freude und Aerger fr mich. Er
will nichts davon wissen, da ich ihm meine Ersparnisse ins Geschft gebe.
    Das ist sehr richtig von ihm.
    Aber, begann sie sehr eifrig, wozu mache ich sie denn? Du weit es doch,
Lieber: Ich begann nach meines Mannes Tod so verzweifelt zu studieren und zu
arbeiten, um mein Haus nicht sinken zu lassen! Die knstlerische Freude kam ja
erst hinterdrein und wuchs von Jahr zu Jahr. Wie ein Lohn war das. Aber anfangen
tat ich doch nur um des Geldes willen. Ich hatte zufllig das Talent, mit ein
paar Bleistiftstrichen die Menschen sprechend hnlich abkonterfeien zu knnen.
Und ich dachte: daraus kann ich Broterwerb machen. Wieviel darin steckte in dem
Talent, wut' ich doch damals selbst nicht; das hat sich doch im Lernen und
Arbeiten erst entwickelt. Ich fr meine eigene Person htte mich mit dem bichen
Geld, das nachblieb, als wir Muschenfelde verkaufen muten, schon
durchgehungert. Aber ich sah ein: ich wollte und mute kmpfen, um unsere
Familie zu behaupten. Mein Ziel war ja erst, so viel zu erwerben, da wir unser
Gut zurckkaufen knnten. Das wnschten sich damals auch die Jungens so glhend.
Na - in zwlf Jahren ndert sich mancherlei - und das Kapitalisieren durch
Sparen geht nicht mit Motorgeschwindigkeit, sondern geduldig schrittweise.
Allert wurde Kaufmann - erst auch nur mit dem Ziel: rasch verdienen. Und dann
sah er doch - das geht nicht so flink. Und er sah, da es sich da noch um viel
wichtigere Dinge handelt als blo ums Verdienen - um Kulturaufgaben! Nun, das
kann ja keiner besser beurteilen als Du in Deiner Stellung. - Ich seh' nun nicht
ein: weil doch nicht mehr fr Muschenfelde gespart wird - warum Allert mein
bichen nicht in sein Geschft nehmen will. Er mu es freier und leichter haben.
Wenn einem so die Ellbogen festgehalten werden vom Schicksal - das ist doch
emprend.
    Sie werden den meisten Menschen festgehalten. Dem einen so, dem andern so.
    Trstend streichelte sie ihm die Hand. Sie wute doch, woran er dachte.
    Wenn man sieht, da alle Vorbedingungen zum Erfolg da sind - und nur Geld
fehlt - das ist doch ein noch plumperes Festgehaltenwerden als so in anderen
Lebensverhltnissen, wo auch Seelisches hineinspielt.
    Er hatte nachgedacht.
    Wieviel braucht Allert?
    Brauchen? Am liebsten zwei, drei Hunderttausend. Aber mit hundert bis
hundertfnfzig knnte er schon viel machen.
    Annhernd in der Hhe knnte ich ihm dienen.
    Sophie wurde rot vor Schreck. Nein. O nein - nie. Wenn Deine Frau das
erfhre - unmglich.
    Sie wrde das nicht. Sie ahnt gar nicht, da ich ein kleines Vermgen fr
mich allein habe. Ihre groen Einknfte kommen ja aus fideikommissarischen
Besitzen. Sie sind oft genug fr ein halbes Jahr und mehr voraus verbraucht, und
meine aufreibende Arbeit ist, in nchtlichen Stunden immer ausgleichende
Berechnungen aufzustellen, mit Lieferanten Abzahlungen zu vereinbaren, Gelder
aufzunehmen, Ordnung zu schaffen. Wenn ich meine Frau friedlich und
rcksichtsvoll gestimmt finde, wei ich im voraus: sie ist in einer Klemme, und
ich soll alles einrenken.
    Er machte eine Pause. Sophie schien es, als atme er mhsam. Und wie elend er
aussah! Doch fuhr er fort:
    Wenn nun Lyda wte, da ich Kapital habe! Vor zehn Jahren Tante Rositz
beerbte! Da sndigte sie noch toller darauf los und dchte und sagte immer: Du
hast ja Geld - Du machst es wohl in Ordnung. Jeder Begriff von Zahlen und
Grenzen fehlt ihr. Und Du weit, Sophie - ich ringe um meine Freiheit ... Dafr
hte ich dies Geld ... Ich denke dabei auch an meine Tochter ... Wenn sie sich
bei einer Scheidung fr den Vater entschiede ... dann soll sie es doch bei ihm
etwas reichlicher finden, als sein Beamtengehalt allein gestattete ... Und ich
denke auch an eine teure Frau ...
    Er drckte der neben ihm Sitzenden fest die Hand.
    Sie schwiegen bewegt. Sie fhlten es beide mit einer schmerzlichen Gewiheit
voraus, da es ihnen niemals beschieden sein werde, ein Bndnis des
Abendfriedens zu schlieen.
    Wenn ich nur einmal Deine Tochter sehen knnte, sprach Sophie leise.
    Du wrdest Freude haben - auch Sorge. - Sie wird nicht erzogen. - Und ich -
ich kann mich wenig um sie kmmern, - wie viel Zeit hab' ich denn fr mein Leben
- mein Dasein ist des Staates. - Ja, Du sollst sie kennen lernen - den Winter,
denke ich, macht es sich. Sie fngt an auszugehen. Die Mutter hat sie bermig
lange zurckgehalten, wollte immer jung bleiben - erwachsene Shne, die auswrts
sind, scheinen fr das Alter einer Frau offenbar kein solcher Gradmesser wie 'ne
Tochter. Ja - sobald Du das Bild der Frstin Siegstein ausstellst - ja, dann mu
man Lyda suggerieren, da es Mode und schick sei, sich von Dir malen zu lassen.
Und vielleicht, wenn Tulla Dir sitzt ... Du wirst mit ihr sprechen - sie knnte
Dich lieb gewinnen. Du knntest ihr zur Wohltterin werden, wie Du es dem Vater
geworden bist ...
    Viktor, sagte sie ergriffen.
    Er nahm sich zusammen.
    Nun - also vermittle das mit Allert - Du wirst es ihm schon plausibel
machen, woher gerade ich das Vertrauen zu ihm habe ...
    Nein, unterbrach sie ihn mit fester Stimme. Kein Geld von Dir. Ich wei,
ich bin Dir die Nchste auf der Welt. Aber unseres Lebens wirtschaftliche Formen
teilen wir ja nicht - seelische Anrechte soll man nicht verquicken mit diesen
brutalen Dingen. Allert wird Auswege finden - er schreibt von Banken - gewi,
alles wird gut werden ...
    Sei keine unpraktische Idealistin, schalt er.
    Ich bin es nie. Meine Existenz, bescheiden zwar, doch wohlgegrndet, zeigt
es. Aber in dieser Frage la mich's sein.
    Ueberlege! Wenn wir uns wiedersehen, komme ich darauf zurck ... Das heit,
ich meine Donnerstag - bermorgen bei den Daisters kann man dergleichen nicht
behandeln.
    Welche kindliche Freude ich habe, in eine Gesellschaft zu gehen, wenn ich
wei: Du bist da - man spricht und sieht sich doch - ist's auch manchmal nur ein
kurzer Augenblick. Weit Du wohl noch, es war auch bei den Daisters, wo ich die
Freude hatte, bei einem Diner Dich als Tischherrn zu bekommen ... Denke Dir,
wahrscheinlich hngt da ein Auftrag in der Luft. Eine Verwandte von Frau Daister
ist bei ihr zum Besuch - die will sich malen lassen - oder hat eine Tochter, die
gemalt werden soll - ich verstand nicht ganz am Telefon die dringliche Mahnung
von Thea Daister, jedenfalls zu kommen ...
    Sophie lachte in sich hinein.
    Als ob man mich mahnen mte! Wo ich Aussicht habe, Dich zu treffen. Wir
haben ohnehin so wenig Huser zusammen. Und ich wei wohl, Du bringst mir Opfer,
wenn Du ausgehst ...
    Wenn ich nur mehr Zeit htte! Das Amt frit einen auf. Ja - bermorgen -
ich denke - das kleine Unwohlsein wird dann berwunden sein - - Liebe, darf
Therese mir nicht ein Auto von der Ecke heranrufen - mir ist, als knnte ich
nicht mal die paar Schritte gehen.
    Sophie erschrak von neuem. Ihr schien, da der Ausdruck von Elend sich auf
seinem Gesicht verschrft habe.
    Aber doch - er sprach ja von bermorgen - dachte in Gesellschaft zu gehen.
    Heute solltest Du Dir Ruhe gnnen, bat sie dringend, gleich einen Arzt
fragen - wenn Du Verdacht hast, da eine Auster - -
    Du hast recht, sagte er, ich will nach Hause fahren - Geschfte Geschfte
sein lassen. Hier, bewahr' mir das ... Ein paar Tage - morgen komm' ich
keinesfalls - vormittags Konferenz, nachmittags Vortrag bei Majestt - abends
habe ich die Herren meines Ressorts zu Tisch - bermorgen die Deputation
rheinlndischer Textilindustrieller - wegen der neuen Zlle auf Kunstseidenfden
- nachmittags treffen die Vettern meiner Frau ein - Rcksprache ber die
Finanzverwaltung des Familienbesitzes - abends bei den Daisters ... Ja, so
wird's gerade der Donnerstag, bis ich das abhole ...
    Sie legte die Hand auf die Mappe, im schweigenden Versprechen, sorgsam das
Anvertraute zu bewahren.
    Und - nicht wahr? - Du lt sofort Czermack rufen! beschwor sie ihn.
    Da mute er doch lcheln.
    Was Czermack wohl dazu sagte, wenn man ihn wegen eines verstimmten Magens
belstigte! Ich denke, mein guter, alter Kummerfeld reicht mit seinem Wissen fr
den Fall.
    Und ich bekomme morgen ein Wort. Eine Depesche ... Eine Zeile ...
    Ganz bestimmt, wenn sich ein Unwohlsein entwickelt, das mich etwa gar
bermorgen von Daisters fernhlt - aber sei unbesorgt - ein kleines drastisches
Mittel, und alles ist morgen vergessen.
    Ich hoffe! sagte sie zuversichtlich.
    Adieu, Liebe!
    Er kte ihr die Stirn.
    Spter bildete sie sich immer ein, er habe es in einer seltsam wehmtigen,
feierlichen Art getan.
    Jetzt stand sie und dachte voll Angst nach. Aber ihre mutige Natur kmpfte
gegen die Angst.
    Sie dachte: wir Frauen sind gleich so erschrocken, wenn groen, stattlichen
Mnnern etwas fehlt. Es scheint wider des Mannes Wesen zu sein, da er brchig
aussieht. Man liebt so die Ganzheit der Kraft am Manne. Und er selbst, der Mann,
hat den naiven Anspruch, da ihm nichts fehlen drfe, da die kleinen Leiden des
Krpers unser weibliches Teil seien; das macht ihn zum unleidlichen Patienten
...
    Und aus diesen Gedanken erwuchs ihr dann der Kummer, da sie ihn nicht hegen
und pflegen drfe - ach, alle Unleidlichkeiten und alle seine Ungeduld wrde sie
mit Entzcken ertragen haben, um ihm wohltun zu drfen.
    Es ging ihm vielleicht schlecht. Und dann hatte er niemand um sich als diese
Dienerschaft, die zahlreich, aber schlecht war, weil sie alle paar Wochen
wechselte ...
    Ob seine Tochter wohl die Geschicklichkeit besa, einen Leidenden zu
pflegen? Den Wunsch gewi. Denn er sprach oft davon, da seine Tochter ihn liebe
und nur von der Mutter frmlich mit Gewalt von ihm fortgeleitet werde ...
    Aber wahrscheinlich bedurfte er gar keiner Pflege - morgen war das kleine
Unwohlsein vergessen.
    Austern? Hm - von Austernvergiftungen hrte man ja zuweilen. Aber wo er
Austern geno - in seinem Hause - in der Gesellschaft - da kam doch nur das
Kostbarste und Frischeste auf die Tafel.
    Sie hatte auch wohl bemerkt - die fast gierig verlangte Tasse Tee setzte er
gleich vom Mund ab, mit einer mhsam verborgenen, unwillkrlichen Miene des
Widerwillens. Wie jemand, dem bel ist.
    Was half das Denken und Grbeln? Es hie, sich in das Schwerste
hineinzwingen, das es fr einen temperamentvollen Ttigen gibt: in geduldiges
Warten.
    Das gelang ihr nur fr kleine Zeitspannen, die von Sorge und trben
Vorstellungen unterbrochen wurden. Dies Auf und Ab der zuversichtlichen und
beunruhigten Stimmungen machte, da sie sich selbst schlielich ganz unleidlich
vorkam.
    Erst als am andern Morgen die Frstin Siegstein zur Sitzung kam, fand Sophie
mehr innere Haltung.
    Die ungemeine Menschenkenntnis und das gtige Wesen der greisen Durchlaucht
machten die Stunden der Sitzung fr Sophie zu reichem Gewinn.
    Ob ich jemals zu der Abgeklrtheit und Harmonie komme, die alle an Eurer
Durchlaucht bewundern? fragte sie klagend.
    Um Gottes willen! Nur ja nicht. Abgeklrtheit ist Alter. Grung ist Jugend.
Und Sie sind Knstlerin und mssen jung bleiben. Sie wissen wohl, ich meine
nicht im Gebaren, sondern im Herzen. Denken Sie daran, wie jung unsere drei
Giganten blieben! Goethe, Bismarck, Wagner. Bis zum Tod noch, dicht neben
senilen Zgen: gttliche Jugend. - Aber - liebste Hellbingsdorf - ein bichen
was davon spukt auch noch in mir herum! Da Sie nicht etwa einen steifleinenen
Bonzen aus mir machen!
    Ich hoff', Durchlaucht werden zufrieden sein, sagte Sophie lchelnd.
    Als sie nach der Sitzung in ihre Wohnung hinunterlief, fand sie keinen Brief
und keine Depesche.
    Das war beruhigend. Auch am Nachmittag nichts. Immer leichter wurde ihr ums
Herz. Und sie stellte ihn sich vor, wie er, vielleicht ein wenig angegriffen,
doch in gewohnter Beherrschung von Menschen und Dingen, sein bermig beladenes
Arbeitsprogramm abwickelte.
    Sie fing an, sich der Vorfreude hinzugeben auf morgen!
    Wie leicht lieen sich die Stunden ertragen bis dahin. Und am Mittwoch
Nachmittag kamen und gingen, wie immer, eine Menge Menschen bei ihr aus und ein.
Zwischen Teeanbieten und Plaudern und all der Unruhe solcher Empfangsstunden
hrte sie doch Trstliches: zwei Damen sprachen von dem groen Ballfest, das
Frau Geheimrat Rositz gbe - die Tochter sollte offiziell eingefhrt werden. Es
schien aus dem Gesprch hervorzugehen, da die Einladungen gestern erst versandt
worden seien. Jemand sagte: Na endlich - die Tochter mu mindestens achtzehn
Jahre alt sein. - Und eine Dame fragte: Rositz wird wohl nchstens Exzellenz?
- Ja, hie es, sie kann es kaum noch erwarten, sie hat gelitten - Frau Rositz
- das war ihr grlich - sie, eine geborene Freiin von Buschke. - Ach Gott,
sagte da die Grfin Bretten mit einem impertinenten Lcheln, so sehr kann die
gute Lyda ja noch gar nicht an die sieben Zacken gewhnt gewesen sein. Sie war
ja schon beinahe erwachsen, als die Buschkes aufhrten, selber Kohlen zu
schaufeln - ja, so Kohlenbergwerke - und dann mal 'ne groartige Stiftung - das
ist heut der Weg ...
    Sonst war es Sophie schrecklich, wenn des teuren Mannes Frau durchgehechelt
wurde. Jetzt aber horchte sie mit ganzer Seele. - Wenn man aus dem Hause Rositz
gestern Balleinladungen versandt hatte, mute es ihm gut gehen ...
    Und Freude im Herzen schmckte sie sich fr den Abend. Sie whlte ein Kleid,
von dem er einmal flchtig bemerkt hatte, es sei sehr schn und so vornehm
einfach. Nichts putzte den weichen Stoff als eine alte Spitze.
    Sophie ging zu Fu. Von ihrer stillen Nebenstrae war der Weg nicht weit bis
zum Kurfrstendamm, wo die Daisters in einem palastartigen Haus ein Stockwerk
bewohnten. Der Novemberabend war trocken und nicht kalt.
    Immer neu drang das Phnomen der Weltstadtstrae auf Sophie ein. Nur im
Bewutsein hatte man es: Abend und Winter. Eigentlich verschlang das stark
flutende Leben auf diesen Brgersteigen, Fahrdmmen und Mittelwegen alle
Erscheinungen des Wechsels. Aus breiten Ladenfenstern brach Tageshelle; sie
zitterte blulichwei herab aus groen Bogenlampen, sie huschte blitzend
vorber, wie jagende groe Sterne, an den Autos und Wagen. Sie ttete die Nacht,
die hoch droben, nicht gefhlt und nicht beachtet, als schwarzer Himmel ber der
durchflimmerten Unruhe stand. Und Wrmestrme hauchten aus den Tren der
Restaurants und der Lden.
    Zwischen dem Gewhl der aneinander vorbeidrngenden Menschen konnte sich
keine Klte, still um sich wirkend, ausbreiten. Der stetig gleiche Lrm der
Strae, dieser Zusammenklang von hundert kleinen, harten, hellen und hundert
starken, dunklen Tnen, wurde wie ein Strom - alles flo in ihm zu einem
Gerusch durcheinander, das die Luft aufnahm, sich ganz damit anfllend. Man
fhlte sich einem Etwas dahingegeben, das strker war als man selbst. Man verlor
gleichsam sein Eigendasein und wurde zum Atom - ein Pnktchen wurde man, in
einem Riesenbilde.
    Das tat den Nerven manchmal wohl. Das trug einen. Alles sprach: die Welt
steht ja noch - geht weiter - schiebt auch dein Teilchen Leben auf dem Wege
voran.
    Manchmal aber tat es weh, verschlang zu sehr, wollte nicht gestatten, da
man sich behaupte. Schrie einem so mitleidslos zu, da man allein stehe unter
den Millionen.
    Sophie ging sehr langsam. Sie wnschte nach ihm anzukommen, geno vorweg das
Glck, ihn gleich beim Eintreten unter den andern Gsten zu bemerken. Seine Frau
wrde natrlich nicht da sein; es war ihre Gewohnheit, immer in letzter Stunde
abzusagen, wo ihr Mann zugesagt hatte. Seit vielen Jahren hatte das Ehepaar sich
nicht zusammen in Gesellschaft gezeigt; den Geheimrat traf man berhaupt nur
selten.
    Aber als sie die Rume betrat, sah sie ihn nicht. In den beiden sehr groen
Zimmern, die strahlend von Licht und prangend von Blumen waren, befanden sich
nur etwa dreiig Menschen. Sophie kannte fast alle. Und alle Welt, die Hausfrau
zumeist, begrte sie mit einer besonderen Art von Freudigkeit. Sie empfand
wohl, da man ihr herzliche Gesinnungen schenkte, aber ber den Grad ihrer
Beliebtheit hatte sie noch nie nachgedacht. Sie war sich der grazisen Wrde
ihres Auftretens nicht bewut und noch viel weniger des naiven Zaubers, den ihr
die lebhaft gezeigte Anteilnahme an Leid und Freud' der Mitmenschen gab. Sie war
wirklich etwas in der Mode, und man fand sie entzckend.
    Man sprach auf sie ein, und sie sprach zu andern. Und hatte dabei doch immer
die Tr im Auge. Sie sprte wohl: es wurde gewartet. Man ging noch nicht zu
Tisch. Vielleicht wartete man auf ihn. Sie wagte nicht zu fragen. Whrend sie
mit dem Neffen der Frstin Siegstein von der mtterlichen Gte seiner Verwandten
sprach, hrte sie deutlich, da neben ihr eine Dame zur andern sagte:
    ... dann noch Einladungen zu verschicken!
    Sieht ihr hnlich. Czermack soll es sehr ernst ansehen ... man sagt ...
    Das versetzte Sophie den Atem. Von wem sprachen diese beiden? Groer Gott,
von wem?
    Sie lie den jungen Siegstein stehen. Da war die Hausfrau - ihrer Gewohnheit
nach immer ein wenig eilig und unruhig unter ihren Gsten und jetzt von dem
rgerlichen Zweifel hingenommen: sollte man warten oder nicht? Der Geheimrat
Rositz fehlte, und es fehlte noch ihre Tante, die Senatorin Amster mit
Pflegetochter - eben die junge Dame, die Sophie malen sollte. Sie schalt vor
Sophiens Ohren auf die unpnktliche Senatorin; Sophie aber hatte nur dies eine
gehrt: man erwartete ihn also doch! Jene Worte der beiden Damen konnten sich
nicht auf ihn beziehen!
    Jetzt ffnete sich die Tr. Eine stattliche Frau kam herein, in stolzer,
sicherer Haltung, blond, elegant, mit klugen, etwas scharfen Zgen.
Gewissermaen in ihrem Gefolge erschien auch eine junge Dame in Wei, die man
aber wegen des bedeutenden Auftretens der lteren Dame kaum beachtete.
    Na endlich! sagte Thea Daister. Ja, die Senatorin hatte keine Schuld. Man
wute doch, wie sie Unpnktlichkeit hate, wo jede Minute des Tags kostbar und
eingeteilt war. Aber eine Panne - es war rgerlich gewesen und aufregend dazu.
Und zugleich, whrend sie dies erklrte, ging ihr lebhafter Blick ber die
Gesellschaft hin, eigentlich mehr gleichgltig als neugierig. Ganz sachlich sich
auch des ihr hier einzig Wichtigen erinnernd, sagte sie dann:
    Ich sollte Sophie von Hellbingsdorf kennen lernen.
    Thea Daister machte die Damen miteinander bekannt.
    Theas Bild hat meinen Schwager und meine Schwgerin entzckt, teilte die
Senatorin mit, es ist sprechend. Die ganze muntere, etwas unruhige und
zrtliche Art Theas ist darin. Aehnlichkeit zu geben und zugleich das
Individuelle, ist ja schwer - wie vielen Malern entschlpft beim Bestreben, das
letztere zu offenbaren, die genauere Linie der ersteren.
    Sophie merkte gleich: die Senatorin mochte gern sprechen und war sich
bewut, auch etwas zu sagen.
    Ich mchte Sie nun bitten, meine Tochter zu malen - hier ist Marieluis -
wissen Sie, gerade im gegenwrtigen Stadium ihrer Entwicklung mchte ich sie
festgehalten sehen - wie interessant kann das spter werden - wenn sie geistig
weiter geht - wenn das Bild und das Modell sich voneinander entfernen. Sie
mssen wissen, ich hatte keine Kinder. Als leidenschaftliche Erzieherin mute
ich mir eins annehmen.
    Sophie sagte einiges darber, da Wahl oft fester binde und tiefere Liebe
erwachsen lasse als natrliche Bande. Und dabei sah sie immer nach der Tr und
fhlte die Minuten bleiern werden.
    Das junge Mdchen stand dabei und hrte zu. Sie war offenbar gewohnt, da
unbefangen vor ihr das Praktische und Seelische ihres Verhltnisses zur
Pflegemutter errtert wurde. Jetzt hatte Sophie keinen Blick fr ihr
demnchstiges Modell. Marieluis war ein wohlgewachsenes Mdchen, beinahe gro
von Gestalt, mit gekraustem Blondhaar, das Stirn und Schlfe wellig umgab. In
dem schnen Gesicht fiel der intelligente Ausdruck auf und eine gewisse
entschlossene Klarheit des Blicks. Nein, das sah Sophie nicht. Sie sah nur die
Tr, die sich nicht mehr ffnete ...
    Meine Tochter, erzhlte die Senatorin, soll kein leeres Luxusleben
fhren, wie Thea das tat. Marieluis soll und will lernen. Sie arbeitet! Thea
durfte so blind drauf los ihren Wandsbeker Husaren heiraten - unfertig wie sie
war - ungeprft - denn wie wenig kannte man sich eigentlich! Man war blo
verliebt. So was ist nicht in unserm Programm - nicht, Kind? Nun, es ist ja gut
abgelaufen mit Thea und Kurt. Es steckte mehr in ihm, als man ahnen konnte. Sein
Uebertritt in die Diplomatie hat mich auch recht gefreut. Ich bezweifle auch
nicht, da er sein diplomatisches Examen gut besteht. Nur wundert es mich, da
Daisters dabei so gesellig leben knnen - wenn man im Auswrtigen Amt arbeitet
und sich vorbereitet - auf ein Examen!
    Welche Mhe mute Sophie sich geben zuzuhren. Um sie herum war frohes
Stimmendurcheinander; beglnzte Seidenfalten schimmerten warm und prunkvoll,
edle Steine strahlten wie Tautropfen im Sonnenlicht. Aber das Zimmer war fr
Sophie leer und dunkel, weil der eine noch nicht da war, auf den sie wartete.
    Nun kam aber aus dem Munde der Senatorin die Bitte, die Sophie aufhorchen
machte.
    Ich mchte keinen lngeren Aufenthalt in Berlin nehmen. Sie haben wohl
manchmal davon gehrt - Art der Stdte - Art der Menschen zu verschieden - ich
fhl' mich hier nicht behaglich. Zu wenig Tradition. - Also kurz: ich mu Sie
schon einladen, nach Hamburg zu kommen. Versprechen kann ich's natrlich nicht,
aber ich zweifle nicht daran: Marieluis wird nicht das einzige Portrt bleiben.
    Nach Hamburg - wo zwischen ragenden Schornsteinen, hlichen, bestaubten und
verrucherten Mauern und Dchern, an Wasserlufen, die Lastkhne trugen,
irgendwo in einer Vorstadt ihr Allert sein junges Unternehmen zum Erfolg zu
fhren sich mhte ... Oh ja, wie gern nach Hamburg ...
    Fort von hier, wo der Freund lebte, dem sie, der ihr ntig war. Alternde
Menschen sollen einander nicht berauben - um keine Stunde darf das Schicksal sie
betrgen, die hell und trstlich und voll sanfter Freude sein knnte - denn zu
nahe ist jene eine Stunde, wo alles in Dunkelheit mndet ... Oh nein - nicht
nach Hamburg ...
    Sie konnte nicht antworten. Nicht einmal zgernde, hinausschiebende Worte
suchen. Denn Thea Daister kam wieder heran, eilig und noch unruhiger.
    Das begreife, wer kann! Rositz hat nicht abgesagt und kommt nicht und
telephoniert nicht. - Ich denke, man geht zu Tisch - es ist nur - er sollte Dich
fhren ...
    Die Senatorin machte ein rgerliches Gesicht. Sie unterhielt sich gern mit
bedeutenden Mnnern. Der Vortragende Rat im Handelsministerium Rositz, von dem
es hie, er werde selbst mal Minister - der wre ihr gerade als Tischherr recht
gewesen. Sein Amt hatte ihn hie und da in Berhrung mit Hamburger Handelsherren
und Schiffsreedern gebracht. Es fehlte also nicht an Beziehungen.
    Jetzt trat der kleine elegante Herr von Daister zu seiner ihn berragenden
Gattin, mit einem ernsten Ausdruck, der wie eine durchsichtige Maske ber seinem
flotten, siegessicheren Husarengesicht lag.
    Wir knnen zu Tisch gehen. Rositz kommt nicht. Grfin Bretten sagt mir
eben, er sei sehr krank. Blinddarm. Nun, die Art Sachen kuriert Czermack ja
glnzend. - Also ich meine doch ...
    Sophie begriff sich nicht - sie vermochte es, sich zu halten, unauffllig zu
bleiben, zu sprechen, am Tisch zu sitzen, zwischen Menschen, die ihr wie
Phantome erschienen, whrend ihr selbst war, als trume sie.
    Ihr einzig klarer Gedanke war: die Grfin Bretten zu fragen, was die wute.
Weit weg von ihr an dem dritten der groen runden Tische im Speisesaal sa die
Grfin. Sophie behielt immer den braunen Haarschopf im Auge, den ein Pfeil mit
Brillanten durchstach - auf ganz altmodische, doch hchst kleidsame Art.
    Aber nach Tisch, als Sophie sich umsah, war die Grfin verschwunden. Irgend
jemand wute: sie hatte noch auf den Ball der schwedischen Gesandtschaft gewollt
...
    Gleich darauf schlich Sophie sich davon.
    Der Diener begleitete sie hinab - da standen Autos - sie sagte ihre Strae
und Hausnummer. - Und kaum, da das Gefhrt davonbrauste, so drckte sie an dem
Gummiballon, der dem Fhrer Halt! zupfiff.
    Sie nannte ihm die Wohnung des Freundes ...
    Sie dachte gar nicht: was will ich da? Sie fhlte nur: es war schon etwas,
das Licht hinter seinen Fenstern sehen - Licht ist wie der Strahl des Lebens -
wie Sinnbild des Seins - das Unerloschene wrde zu ihr sprechen, als sei es
Trost.
    Sie wute: die beiden Fenster links von der Ecke des ersten Stockwerks - das
waren seine Fenster. Zuweilen, wenn sie, von einer Gesellschaft in spter
Nachtstunde heimkehrend, noch die Tiergartenstrae entlang fuhr, so sah sie in
warmem, mildgelblichem Licht diese Fenster hell, und das war ein Zeichen: er
arbeitete noch.
    Nun hielt das Auto - nicht vor der Gitterpforte, sondern, wie Sophie dem
Fhrer befohlen hatte, an der gegenberliegenden Seite, neben dem Reitweg, am
Rande des Tiergartens. Warten Sie!
    Sophie sah das Licht, nach dem sie sich gesehnt hatte ... und noch viel mehr
Licht - aus allen Fenstern brach es - schien die Mauerpfeiler wegzudrngen, die
ganze Front in Helle aufzulsen - so blendend schrie dies viele Licht in die
Nacht, wie ein prunkendes Fest oder - wie die Angst vor der dsteren Nhe des
Todes.
    Sophie stand am hohen Gitter, zwei von den eisernen Stben umklammernd, die
in Reih und Glied aus der gemauerten Basis emporstiegen.
    Sie starrte zu seinen Fenstern empor. Alles war still. Keine Schatten
glitten ber die Vorhnge.
    Sie hrte gleich einer melancholischen Musik den Wind in den Wipfeln des
Tiergartens. Kein Brausen und Rascheln und Whlen in Bltterflle. Nur jenes
feine Sausen und Schwingen, als seien all die kahlen Reiser Peitschen geworden
und schlgen die Nachtluft. Sternenlos, von schweren Schneewolken verhangen,
stand der Himmel.
    Wie eine Bettlerin lauerte sie am Gitter, sie, die dem Mann, der droben lag
und litt, die Nchste war - und an seinem Lager wachte vielleicht jene, deren
Anblick und Wesen ihm noch seine Sterbestunde vergllen wrde ...
    Ein Gerusch ... Fauchen ... Rollen ... Der mitnige, rasch hintereinander
viermal wiederholte Schrei einer Hupe - wie ein Signal. - Das Auto kam heran,
bog durch die weitgeffnete Gitterpforte - stie seinen Benzinatem aus - fuhr
den Weg hinan und hielt unter dem Glasbaldachin seitwrts am Hauseingang.
Strahlendes Licht beglnzte die Stelle. Und Sophie sah ...
    Gerade als das Auto hielt, kam auch schon ein Diener aus dem Portal ... Er
ri die Tr auf, und zwei junge Herren stiegen aus. Auf der Stelle wute Sophie:
seine Shne! Der eine stand als Regierungsreferendar bei der Regierung in
Breslau. Der andere war Leutnant in einem Dragonerregiment. Beide bedeuteten dem
Vater Sorge ... Sophie konnte auf das deutlichste die Gesichter erkennen. - Die
kleinen Bartstreifen auf dem hochmtig-gleichgltigen Gesicht des Referendars -
die Aehnlichkeit des Dragoners mit dem Vater ...
    Sie schienen etwas zu fragen - der Diener, ob er sich zwar schon mit dem
Handgepck der Angekommenen beschftigte, wute seiner Haltung doch einen
ernsten Ausdruck zu geben - seine Auskunft mute sehr bedeutungsvoll sein.
    Sekundenlang blieben die beiden jungen Herren regungslos. Dann fragte der im
Militrmantel noch etwas.
    Und da hrte Sophie deutlich - deutlich durch die Stille der Nacht ...
    ... vor einer Stunde!
    Und sie wute: Er war tot.

Die mit Krnzen gehen und in schwarzen Flren, das sind nicht immer die
wirklichen Leidtragenden.
    Sophie hatte kein Recht, an der mit pomphaften Trauerzeichen ausgestatteten
Totenfeier teilzunehmen.
    Whrend man den teuren Freund begrub, stand sie im Arbeitskittel und malte.
Die letzte Sitzung fr das Bildnis der alten Frstin - gottlob! Es eilte Sophie
damit; etwas peitschte sie - sie mute mit diesem Bilde fertig werden, es war,
als gehre es noch in das Stck Leben, das nun zu Ende war.
    Und dann fort - fort aus diesem Heim, das der eine niemals mehr betreten
wrde. -
    Liebste Hellbingsdorf - Sie sehen elend aus - das hat Sie angegriffen.
    Die Frstin meinte die kleine Reise in dringlichen Geschften, mit der
Sophie sich fr drei Tage entschuldigt hatte - drei Tage, in stumpfer
Verborgenheit und schwerem Ringen verbracht. Sophie war das Lgen nicht gewohnt
- den erfundenen Vorwand hatte sie vergessen.
    Es geht wieder gut, sagte sie, es war nur ein leichter Influenzaanfall.
    Die alten klugen Augen sahen sie durchdringend an. Und als Sophie dem
forschenden Blick begegnete, kamen ihr unversehens Trnen - sie selbst
berraschend, so da sie sich nicht gegen ihre Weichheit hatte wappnen knnen.
Nun bi sie die Lippen zusammen ...
    Weinen Sie nur - weinen Sie, sprach die Greisin, die Trnen, die nach
innen flieen, versalzen uns das Wesen ... Dann fragte sie:
    Wie alt sind Sie?
    Neunundvierzig.
    Jung - jung, meinte die fast Achtzigjhrige, zu jung, um so allein zu
stehen. Sie haben Shne?
    Zwei, Durchlaucht.
    Kinder. Na ja. - Aber wenn wir in unserm tiefsten Weibtum irgendwie leiden
- da knnen Kinder blitzwenig trsten - die wohnen sozusagen in 'ner andern
Herzensabteilung - wissen Sie, als mein Mann starb - einst hatt' ich ihn blo
aus Gehorsam, fast mit Abneigung genommen - der liebe Gott hat's aber gut mit
uns gemeint - ich gewann meinen Mann ber die Maen lieb - er mich - ja, als der
Tod das zerri - trostlos war ich - das konnten mir die Kinder nicht ersetzen.
Na - man findet sich mit der Zeit - weil alles zeitlich ist.
    Sophie kte der Greisin die Hand. Sie fhlte sich wunderbar verstanden.
Dies alte Herz erriet: sie litt. Und ohne zu wissen und zu fragen, fand es
rechte Worte.
    Einen Augenblick dachte sie daran, sich der Frstin zu offenbaren - denn
neben dem Gram stand ja noch eine groe Sorge ...
    Der nun Dahingegangene hatte ihr etwas anvertraut - diese Mappe, die er nach
zwei Tagen holen wollte. - Er, der niemals mehr kam!
    Aber sie bezwang sich. Sie wute: es ist immer klger, die Gte
Hochstehender nicht sogleich mit Gestndnissen zu beantworten. Aber sie konnte
nun weiterarbeiten. Und von ihrem erhhten Sitz her, wo sie in einem goldenen
Barockstuhl, voll Alterswrde, in den schweren Falten ihres dunklen Samtkleides
sa, spann die Frstin die Unterhaltung fort.
    Offiziere, die Shne?
    Der zweite, Durchlaucht. Mein Aeltester ist Kaufmann.
    Der weie Kopf machte eine lebhafte Bewegung.
    Dernburg! sagte sie bestimmt. Das hat frmlich fixe Ideen erzeugt. Wenn
ein Kaufmann pltzlich Minister werden kann - und ein brgerlicher Kaufmann -
welche Sessel mssen da adeligen Kaufleuten erklimmbar sein!
    Ach nein, Durchlaucht! Nicht Dernburg. Er ist schon vor zwlf Jahren
Kaufmann geworden. Mein Allert dachte als Knabe, das Familiengut komme mal an
ihn - als er sein Abiturium hatte, war's gerad' so weit, da alles anders lag -
mein Mann starb - Muschenfelde lie sich nicht halten - es hie, an Erwerben
denken ...
    Da brauchte er doch nicht gleich Zucker und Kaffee zu verkaufen, meinte
die Frstin mifllig. Ein Hellbingsdorf!
    Sophie sprte: sie hatte keine Ahnung - sah in ihrer Phantasie vielleicht
einen deklassierten Aristokraten, der hinterm Ladentisch Tten fllte.
    Durchlaucht - soll ich all die Standesherren aufzhlen, die Brennereien,
Brauereien, Sgereien haben? Die Holz, Milch, Vieh, Korn, Wild verkaufen?
    Ih - ja - das knnte klingen. Ist aber doch anders! Betrieb auf eigener
Scholle - mein Neffe Rudi hat an seinem Waldbach 'ne Sgerei und 'ne Kornmhle.
- Liebste - eigene Scholle! Und er klopft und sgt und mahlt nicht selbst,
sagte sie amsiert.
    Mein Sohn steht wohl auch nicht selbst an den Retorten und Oefen der
Fabrik.
    Ach Gott ja - die neue Zeit, sagte die Greisin so ins Unbestimmte hinein,
alles bekommt andere Taxen.
    Und dann lenkte sie von diesem Gebiet, auf dem sie sich gnzlich unsicher
fhlte, pltzlich auf das ihr bequeme ab.
    Wen will denn Ihr Sohn so mal heiraten - wenn er sich in so 'ne andere Welt
'rein begab? Passen Sie auf, was er Ihnen da mal bringt - vielleicht irgend 'ne
Brsenprinze - hm - vielleicht nicht bel - jedenfalls nicht ungewhnlich. Wir
haben ja manche Familien, die nicht mehr fortgekonnt htten ohne solche
Neuvergoldung ...
    Ja, Durchlaucht, die Frage beschftigt mich bestndig. Aber es ist eben
eine ernste Frage. Kopf und Herz sollen bei der Beantwortung bereinstimmen. Das
findet sich schwer.
    Unsinn. Unsinn. Kopf und Herz, eiferte die Frstin. Das Herz kommt nach,
wenn der Kopf durchaus wei: so ist's vernnftig, so mu es sein. Es ist viel
angeborene Neigung und Bedrfnis in einem, zu lieben, sich anzuschlieen. Das
hilft nach, sobald der Verstand einen unabnderlichen Lebenszustand etabliert
hat. Und dann die Gewohnheit! Beste Hellbingsdorf, die gute Hlfte von dem, was
man so fr Verstndnis und Liebe hlt, ist ja blo Gewohnheit. Das mssen Sie
Ihren Shnen klarmachen.
    Jetzt kam die Gesellschaftsdame der Frstin zurck, eine ltliche Person von
strengem Ausdruck und hochmtiger Haltung. Die beiden Damen vertieften sich in
ein Gesprch ber die Besuche und Besorgungen, die Frulein v. Rothenkrug
inzwischen hatte machen mssen. Sophie hrte der seltsamen Unterhaltung, die
fast ein Kampf war, nicht zu. Immer fand die Greisin, da ihre Rothenkrug zu
karg mit den Worten, der Zeit, dem Gelde gewesen war, alles htte gtiger und
freigebiger eingerichtet werden sollen. Nein, sagte die Rothenkrug bestimmt,
man darf die Leute in der Not nur sttzen; nie so weit gehen, da sie ihre
Hilfsbedrftigkeit als den bequemeren Zustand empfinden. Das wre keine richtige
soziale Politik.
    Oh Gott! klagte die Greisin unwillig. Jetzt hrt man bei jeder
Gelegenheit Worte, die alles ins Allgemeine setzen. Was denn? Die Leute mit
ihren vielen kranken Kindern brauchen Hilfe - unsereins hat Pflicht zu helfen -
dafr ist mein Wohlttigkeitsbudget da -
    Gerade als die Rothenkrug ihrer Herrin den Pelz umlegte, fllte ein grauer
Schatten das Atelier. Drauen war die Luft voll Schnee - der erste Schnee.
    Der fllt schon auf sein Grab, dachte Sophie. Und als sie endlich allein
war, stand sie lange an den breiten, hohen Scheiben und sah hinaus.
    Und am Nachmittag sa sie, wie an allen drei vorangegangenen Tagen, wieder
vor der Mappe. Von brunlichem Leder war sie und vielfach abgegriffen. Sie hatte
kein verschliebares Schlo, sondern nur eines, das man auf- und zuschieben
konnte. Es war Sophie unter den Fingern aufgegangen. Sie kannte die Mappe, hatte
sie schon einmal gehtet - in ihrem eisernen Kasten, der ihr bichen Schmuck und
ihre Versicherungspolicen und dergleichen enthielt, und den sie in ihrem
Kleiderschrank verbarg. Damals hatte er am Donnerstag zu lange und so kstlich
behaglich bei ihr verweilt und den vorgehabten Weg zu seinem Rechtsanwalt nicht
mehr machen knnen; die Brostunde war vorber. Und er wute ohne Bitte und
Wort, die unverschlossene Mappe wrde ihr unantastbar sein, als lgen eiserne
Bnder wohlvernietet herum. Damals hatte Sophie dasselbe Gefhl gehabt wie vor
einigen Tagen: er will die Mappe nicht mit nach Hause nehmen. Vielleicht war er
dort nicht ohne Mitrauen gegen die Sicherheit seiner Schlsser.
    Schon in den ersten betubenden Schmerz hinein war ihr schreckhaft die
Erinnerung an die Mappe gekommen.
    Sie fragte sich: Was ist darin? Wem soll ich sie zustellen?
    Und sie fhlte vor allem eines: da sie es dem Toten schuldig war, sich ber
den Inhalt zu unterrichten. Dieser Inhalt mute dann bestimmen, was sie zu tun
habe. Vielleicht waren es Papiere, deren Kenntnis nach seinem Tode den Ha
vergrern konnte, der zwischen ihm und seiner Frau bestanden. Sophie wute: er
hatte gewisse Beweise gesammelt. Aus Liebe zu seiner Tochter zgerte er immer
noch, mit diesen Beweisen zum Schlage gegen die Frau auszuholen, die ihn so voll
Feindschaft und Feigheit zugleich festhielt. Sophie war vorweg entschlossen: sie
wrde dergleichen verbrennen. Sie fhlte dazu ein heiliges Recht. - Dieser ihr
noch unbekannte Inhalt der Mappe war wie ein Vermchtnis! Vor Gott und ihrem
Gewissen gestand sie sich das Recht zu, damit zu verfahren, in Andacht vor dem
Verstorbenen, nach ihrem Ermessen!
    Aber als unter ihren zgernden, unsicheren Fingern das Schlo sich wie von
selbst ffnete, erlitt Sophie ein Entsetzen, das ihr eine Ohnmachtsanwandlung
zuzog. - -
    Geld sah sie - Geld - Geldwerte! Ein breites, flaches Paket bildeten diese
braun und weien und grn und weien Bogen, mit den feierlichen Aufdrucken von
Zahlen, imposanten Schuldtiteln, faksimilierten Unterschriften - Staatspapiere
waren es - Preuische Konsols. -
    Seither hatte Sophie sie gezhlt - es waren einundachtzigtausend Mark, in
Stcken von fnf-, zwei- und eintausend Mark. Wahrscheinlich, nein gewi, ein
Teil seines eigenen, vor der Frau verheimlichten Vermgens ...
    Was hatte Sophie alles gedacht seit dieser Entdeckung!
    Welche Mglichkeiten erwogen!
    Die Mappe zu seinem Bankier bringen? Sophie kannte nicht den Namen der
Firma, deren er sich in der letzten Zeit bedient hatte. Sie erinnerte sich: er
sprach zuweilen davon, da er seinen Bankier gewechselt habe. Wie nun in dem
ungeheuren Berlin die groe Bank oder die Bankierfirma herausfinden, die gerade
eine Zahlung von 81 000 Mark vom Geheimrat Rositz zu erwarten gehabt hatte?
    Aber vielleicht hatte niemand eine Zahlung erwartet. Vielleicht hatte er nur
irgendwo ein Depot erhoben, um es an irgendeiner anderen Stelle neu verwahren zu
lassen. Fllige Zahlungen lt man doch berweisen.
    Wie unbegreiflich und rtselvoll erscheinen Handlungen, wenn ihr Ablauf und
Fortgang unterbrochen wird. Sophie sah ein, sie wrde niemals erfahren, wohin er
diese Mappe hatte tragen wollen, und auch nicht, wo er den Inhalt entnommen.
    In welche Hnde sollte Sophie nun den Nachla legen?
    Wie erklren, da er in ihrer Verwahrung sich befand?
    
    Wie berhaupt beweisen, da diese Papiere des Verstorbenen Eigentum gewesen
seien?
    Und wie weiter, da der Inhalt der Mappe unberhrt sei?
    Sophie erglhte und zitterte, als habe sie Unredlichkeiten begangen. - -
    Wie nah sie dem Toten gestanden, so nah, da er ihr unverschlossen ein
Vermgen zum Aufbewahren gab - das mute sie nun erzhlen - einem Anwalt, oder
einer Bankierfirma, oder seiner Frau ...
    Welchen unaussprechlich peinlichen oder vielleicht erniedrigenden
Errterungen setzte sie sich aus! Sie mute von dem ernsten, weihevollen und
adligen Bund sprechen, der ihre Seele mit der seinen verbunden hatte. - All dies
der Entweihung, der Mideutung preisgeben. Und inmitten dieser furchtsamen und
ratlosen Gedanken befiel sie die Erinnerung: er bot ihr Geld fr Allert an; ganz
gewi hatte er dabei gerade dieses Geld gemeint - er drang es ihr frmlich auf -
er wre glcklich gewesen, ihren Sohn frdern zu drfen!
    Sie brach in Trnen aus. Und ein bitteres Lcheln ber die grausamen Ironien
des Lebens ging ihr dabei um den Mund.
    Htte ich ja gesagt!
    Dann war dieses Geld fortab einem Zweck zugewandt, der ihn freute und ihrem
Sohn Segen brachte.
    Whrend jetzt? - - Wie rasch wrde die Frau es vertun, in deren Hnde es
fiel. - -
    Ob er wohl auf dem Krankenbett an die Mappe und ihren Inhalt dachte? Oder ob
das jhe Elend, das ihn rasch befiel und schnell ganz hinwarf, ihm alle Gedanken
genommen hatte?
    Wenn die Sterbenden immer wten, da sie an der letzten Schwelle stehen!
Mit aller Kraft wrden sie sich noch einmal umwenden, und ihre deutende Hand
wrde noch zeigen: so soll mein Nachla geordnet werden! Und sie wute es in
heiliger Gewiheit: diese Mappe mit dem wertvollen Inhalt wrde er fr sie
bestimmt haben. - - Solange man ihm noch nicht die Ehren der Begrbnisfeier
erwiesen, eilte ja nichts, Sophie fhlte, alles durfte ruhen. Aber nun war es
vorbei. Die schonende Stille, die Gnadenfrist fr das verwundete Gemt war zu
Ende: es hie, sich wieder dem Leben aussetzen und seinen Rauheiten.
    Auch in seinem Hause wrde neue Lebendigkeit einsetzen - jener grausame
Betrieb mute dort nun beginnen, der selbst dort, wo Liebe wohnt, unvermeidlich
ist. - Und bei ihm und den Seinen hatte keine Liebe gewohnt. Mit harten und
gleichgltigen Hnden wrde in seinem persnlichsten Nachla gewhlt werden - in
seinen Schrnken, seinem Schreibtisch. -
    Und jetzt erst, jetzt fielen Sophie ihre Briefe an ihn ein. Wenn er auf
Reisen war, schrieben sie sich; aber auch hier in Berlin flog manchmal ein
Blttchen hin und her, wenn sie verhindert waren, sich zu sehen.
    Sophie dachte nach, bemhte sich, das in Ruhe zu tun. - Drauen fiel der
Schnee voll Gelassenheit und sehr dicht vom Himmel - das gab solche wunderbare
Lautlosigkeit - spann ein - wies nach innen.
    Sie konnte ohne Errten an ihre Briefe denken; nichts war darin als die
Wrde und Tiefe eines seltenen seelischen Verstehens. Und wahrscheinlich erriet
nie ein Mensch, von welcher Frau sie kamen. Ein S. zeichnete sie - vielleicht
kam hier und da ein Name vor - aus der groen, so unendlich verzweigten Welt,
darin sie gelebt hatten - aber eben weil diese Welt so gro, so konventionell,
so unbersehbar und hinter all ihren Formen und Verknpfungen so
undurchdringlich war - eben deshalb wrde seine Frau, wenn sie auch die Briefe
fand, doch die Schreiberin nie finden.
    Trotz dieses Gefhls, nur wie ein Wesen ohne Greifbarkeit und Krper zu
bleiben, war es ihr doch schrecklich, da neugierige und verstndnislose Augen
ihre einst an ihn gerichteten Worte lesen wrden.
    Und in diesem Schmerz erschien ihr der Fall mit der Mappe viel leichter.
Eine Erkenntnis kam ihr pltzlich und wurde sogleich in Tat umgesetzt. Sie
schrieb ein Telegramm an ihren Sohn Raspe, der in Magdeburg stand. Komm, rief
sie, es ist dringend, komm!
    Am andern Mittag trat er bei ihr ein. Und die Frau fhlte sich wie ein
beschtztes Kind und ganz beruhigt in den Armen dieses Mannes, der ihr Sohn war.
Raspe berragte seine Mutter weit. Er trug seine hohe Gestalt mit einer gewissen
stolzen Festigkeit, die sehr soldatisch und zuweilen ein wenig steif wirkte.
Sein ernstes, offenes Gesicht bekam einen weichen Ausdruck, als er seine Mutter
so schutzbedrftig fand.
    Der Sohn wute ja: die Freundschaft mit dem bedeutenden Mann hatte seiner
Mutter seelisch und geistig viel gegeben. Jetzt, aus dem leidenschaftlichen
Vortrag des Erlittenen und der Lage, sprte er, da diese Beziehung wohl einen
noch viel greren Platz im Leben seiner Mutter eingenommen habe, als er
vermutet. Aber dieses Begreifen lie nun keine Eifersucht mehr aufkommen. Er
fand Worte der Verehrung und Dankbarkeit fr den Verstorbenen.
    Und sah auch zugleich, wie man, ohne zu lgen, doch in durchaus
begreiflicher Darstellung, der Familie alles erklren knne. Vollends leicht
gestaltete sich die Sache, wenn der ltere Sohn des Geheimrats, der Dragoner,
noch im Trauerhause weilte. Dann konnte Raspe als Kamerad zum Kameraden gehen.
Glcklicherweise war Raspe auch in Uniform gekommen.
    
    Nun hie es sofort handeln. Er schlug die Mappe in ein Papier, siegelte und
lie die Mutter darauf schreiben: Eigentum des Herrn Geheimrat Rositz.
    Und dann ging er. Sophie drckte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe und sah
unten, drben auf dem Brgersteig, den Sohn, der noch heraufgrte.
    Er ist wundervoll, dachte sie entzckt, ihrer alten Schwche untertan, immer
am begeistertsten von demjenigen Sohn zu sein, der gerade bei ihr war. In der
Tat hatten die Shne auch bestndig alles getan, durch ihr Wesen und ihre
Leistungen der Mutter das Leben zu erleichtern und zu verschnern; sie durfte
mit Achtung und Dankbarkeit an alle beide denken.
    Jetzt sann sie mit Rhrung und Bewunderung ber Raspe nach. Sie wute, das
Wort, das ein groer General einmal als Richtschnur fr preuische Offiziere
ausgesprochen hatte: Gro denken und klein leben! - das war der Wahlspruch ihres
Jungen geworden. Und wenn sie zuweilen ber seine Anspruchslosigkeit und die
Kleinheit der Zulage - er nahm nur das Ntigste - klagte, so wute er ihr
klarzumachen, da sein Beruf nun einmal Entsagungen fordere und da es auf
einige mehr nicht ankomme. Offizier sein, sagte er, heit fortwhrend groe
Opfer bringen. Das ist unser Stolz. Und vielleicht kommt bald einmal die Stunde,
wo das Volk das wieder mehr wrdigt, als jetzt in der langen Friedenszeit
mglich ist.
    Unterdessen ging Raspe Hellbingsdorf den Kurfrstendamm entlang, berschritt
die Corneliusbrcke und kam durch die Friedrich-Wilhelm-Strae bis zum
Tiergarten. Der Schnee, der seit gestern mittag bis heute frh unaufhaltsam
gefallen war, machte die Straenbilder glnzend und lachend. Der Tiergarten war
ein weies Feld, aus dem das dunkle Heer der Bume starr und hart aufragte. In
den Gabelungen der Aeste nisteten kleine Schneemengen. Wenn irgendeine Bewegung
durch die Luft ging und die Zweige sacht anblies, rieselte weie Streu herab.
Das war alles so freundlich.
    Und Raspe ging hchst gelassen seinem Ziele zu. Er sah keinerlei Ursache,
nervs zu sein. - Es war ein ungewhnlicher, in mancher Hinsicht unerklrlicher
Fall - nun ja. Aber unter ehrenhaften Menschen findet man sich auf Treu und
Glauben auch in das Ungewhnliche.
    Das war also das Rositzsche Haus. Vielmehr schon ein kleines Palais. Ein
weier, prunkvoller Barockbau, mit schwarzblauem Dach, auf dem die
Nachmittagssonne grell gleite. Dem Hochparterre war eine Terrasse vorgelagert.
Ein wenig stieg der Weg von der Gitterpforte her an bis zum seitlichen Eingang,
den ein Glasbaldachin schirmte.
    Der Bediente gab die Auskunft, da Herr Leutnant Rositz allerdings noch
nicht abgereist seien und sich zu Haus befnden.
    Raspe ermunterte den leisen, vornehm zgernden und wichtigen Menschen zu
strafferer Beflissenheit, indem er etwas befehlshaberisch sagte, es handle sich
um eine wichtige und dringliche Sache. Darauf verlor sich der Mann in
Trauerlivree im Hintergrunde des breiten, mit dicken Teppichen und alten Truhen
und Sitzbnken ausgestatteten Korridors.
    Es lag nicht in Raspes Gewohnheiten, den Reichtum anderer Leute zu bewundern
und einer prchtigen Umgebung, falls sie nicht gerade sehr knstlerisch wirkte,
Beachtung zu schenken. Er bemerkte kaum, wie kostbar hier alles war; auch in dem
Raum, in den man ihn fhrte und zwei Minuten zu warten bat, sah er sich nicht
genau um.
    Es schien ein Festsaal. Die Breitseite mit den groen Fenstern an der Front
des Hauses. Reiche Stuckwnde, hellgrau und gold, vom Plafond eine riesige
glitzernde Kristallkrone und gelbseidene Sessel an den Wnden hingereiht. In der
Mitte unter der Krone ein Rundsofa, das von einer Marmorgestalt gekrnt war.
Raspe sprte nur: dies schien ja eigentlich kein Raum fr eine ernste, gemessene
Unterhaltung.
    Er ging auf und ab. Die zwei Minuten waren lang. Aber der Diener hatte
murmelnd, noch im Bann von Raspes Befehlshaberton und vielleicht auch der
Uniform, angedeutet, da gerade der Rechtsanwalt der Familie ... und
wahrscheinlich Nachlasachen ... kurz, vorweg die zwei Minuten dehnbar gemacht.
    Die Sonne schien, die Kristalle der Krone blitzten, es gleite die gelbe
Seide des Rundsofas, geziert hob die marmorne Figur ihre Arme zum Haar empor,
das in steinernen Strhnen ihre stumme Stirn krnzte; der weie Stein schimmerte
krnig. Und Raspe ging auf und ab.
    Mit einem Mal ffnete sich eine der Flgeltren, die einander gegenber in
den Schmalseiten des Saales standen. Eine junge Dame kam herein, in dem stumpfen
Schwarz der neuen Trauerkleidung. Sie stand berrascht. Raspe machte groe
Augen.
    Ach! - dachte er - es war eine nicht zu klaren Gedanken sich formende,
aufwallende Bewunderung.
    Das junge Mdchen sah ein wenig bleich aus, vielleicht im Kontrast zu der
ganz schwarzen Kleidung, vielleicht von den Anstrengungen der letzten Tage.
Braunschwarze Augen blickten ihn gro und lebhaft an. Und der Ausdruck in ihrem
feinen, lnglichen Gesicht war so deutlich: Wer sind Sie? - Was wollen Sie hier?
- da Raspe sich verbeugte.
    Hellbingsdorf. - Oberleutnant von Hellbingsdorf. Ich bin Herrn Leutnant
Rositz gemeldet und erwarte ihn.
    Ach so ... Mutter und die Brder haben gerade mit Justizrat Kahler zu
sprechen, sagte sie.
    Ihr Herr Bruder will mich aber doch empfangen. Ich warte eben.
    Sie stand ein wenig unsicher. Was sollte sie tun? Vielleicht war dies ein
guter Freund und Kamerad ihres Bruders. Dann konnte man ihn doch nicht fremd und
ungastlich hier allein im Tanzsaal stehen lassen. Sie war zufllig
hereingekommen, den Raum als Durchgang benutzend.
    Sie sah ihn immer gerade an. Er gefiel ihr so gut, wie ihr noch nie ein
Mensch auf den ersten Blick gefallen hatte. Was fr ein fester, gtiger Ausdruck
in seinen blauen Augen!
    Sind Sie ein Freund von Viktor? Ich habe Ihren Namen nie gehrt. Aber das
will nichts sagen - ich wei nichts von Viktors Leben - Sie haben wohl erraten -
ich bin seine Schwester Mathilde - Tulla sagen ja immer alle zu mir ...
    Raspe verbeugte sich.
    Nein, sagte er, ich bin kein Freund Ihres Herrn Bruders, nicht einmal
sein Bekannter. Ich habe es nur bernommen, einen sehr wichtigen Auftrag an ihn
zu berbringen.
    Viktor wird gewi gleich kommen.
    Der Wunsch, ein Gesprch zu beginnen, hier zu bleiben, bewirkte nun gerade,
da ihr gar nichts einfiel, was sie sagen knnte. Auerdem: es schickte sich
doch nicht, da sie einem fremden Offizier Gesellschaft leistete, den Viktor
nicht mal kannte.
    Sie haben sehr Schweres erlebt, gndiges Frulein, sagte Raspe, darf ich
Ihnen meine Teilnahme ausdrcken? Ich hatte einigemal das Glck, im Hause meiner
Mutter Ihrem Herrn Vater zu begegnen, und war voll Bewunderung fr seine
ausgezeichnete Persnlichkeit.
    Oh, sprach sie, oh, Sie kannten Papa? - Er htte noch nicht fort drfen
...
    Mehr konnte sie nicht hervorbringen.
    Sie sah ein paar Sekunden schweigend vor sich hin. Und dann schlug sie
pltzlich gro die Augen auf und sah Raspe an.
    Sie dachte: aber ich mu doch wohl fortgehen. Besonders, weil ihr Bruder
Viktor gleich hereinkommen knne. Und das war ihr, sie wute nicht warum, jetzt
und hier unangenehm - als msse sie dann verlegen werden.
    Und zgernd ging sie, nach einer kleinen, ernsthaften Neigung des Kopfes.
Langsam schritt die schmale, schwarze Gestalt durch den Raum, dessen Leere etwas
Festliches hatte, schon durch die Gre und durch das Glitzern des durchsonnten
Kristalls ber dem gelben Rundsofa.
    Der feine Kopf der zgernd Davongehenden war von merkwrdig vielem dunklen
Haar umgeben. Ihr ganzer Krper schien zart und schlank.
    Raspe sah ihr nach und fand es schade, da sie ging.
    An der Tr wendete sie sich noch einmal um, die Hand auf dem Griff.
    Sehr ernsthaft, fest und lange sahen sie einander in die Augen ...
    Das war merkwrdig! dachte Raspe, als sie dann wirklich ging.
    Und fast laut sagte er noch einmal vor sich hin: Merkwrdig ...
    Er verfiel in solches Grbeln unbestimmter Art, da er darber gar nicht
sprte, wie aus zwei Minuten eine Viertelstunde wurde.
    Dann kam Viktor Rositz hastig herein.
    In Zivil; mit der grten Sorgfalt drckte dies Zivil die frische, tiefe
Trauer aus.
    Starke Familienhnlichkeit mit der Schwester, dachte Raspe, aber mit einem
weniger sympathischen Zug -
    Sie haben eine wichtige Angelegenheit, Herr von Hellbingsdorf? Wichtig fr
Sie? - Fr mich? - Fr einen Dritten? Darf ich erfahren? Aber bitte ...
    Und er ffnete die Tr, durch welche vorhin seine Schwester so berraschend
hereingekommen war.
    Die Herren traten in ein Zimmer, das vielleicht der Salon der Hausfrau sein
konnte. Es schien bervoll von zierlichen Mbeln, und helle Himbeerfarbe drngte
sich dem Auge auf. In einem winzigen Sofa und einem Lehnsessel, dessen niedere
Rundlehne kaum bis zu den Schulterblttern des Sitzenden ging, nahmen sie Platz,
ein Tischchen zwischen sich, auf das Raspe die Mappe legte.
    Die Angelegenheit, Herr Kamerad, ist fr Sie und die Ihren nicht ohne
Interesse. Ich habe Ihnen etwas zu bringen, das man wohl als Hinterlassenschaft
Ihres Herrn Vaters ansprechen darf.
    Meines Vaters? Sie kannten ihn?
    Ja. Wenig. Doch meine Mutter hatte die Freude, ihn nher zu kennen ...
    Ihre Frau Mutter?
    Sie trafen sich seit Jahren da und dort bei gemeinsamen Freunden,
vornehmlich auch seinerzeit bei dem Vetter meiner Mutter, Exzellenz von Eggebeck
...
    Ach, das ist Ihr Vetter?
    Gelegentlich sprach Ihr Vater wohl auch bei meiner Mutter vor, die als
namhafte Portrtmalerin ja mannigfach das Interesse ihres Kreises geniet.
    Portrtmalerin?
    Diese Art, rasch hervorgestoene Fragen ins Gesprch zu streuen, die manche
Menschen haben, war Raspe immer unleidlich. Es machte ihn aber nicht nervs,
sondern nur ein wenig frmlicher in der Haltung und vielleicht auch etwas
trockener im Ton.
    Vorigen Montag - ja, gestern vor acht Tagen, besuchte Herr Geheimrat meine
Mutter. Er sprach mit ihr davon, da sie seine Tochter portrtieren solle ...
    Ach nee? Tulla?
    Sobald sie das Bild der Frstin Siegstein vollendet haben wrde.
    Was? Die Frstin Siegstein?
    Im Laufe des Besuchs wurde Ihr Herr Vater ganz offenbar von einem ernsten
Uebelbefinden befallen. Er bat, da man ihm ein Auto hole. Ob er nun das Gefhl
hatte, ihm knne unterwegs etwas zustoen - genug, er schien ungern diese Mappe
mitnehmen zu wollen und bat meine Mutter, sie ihm aufzubewahren. Gewi hoffte
er, sie am nchsten Tag abholen zu knnen.
    Der Leutnant Rositz verlie jetzt seine Fragemanie und diesen Tonfall, der
etwas Zweifelndes hatte, der immer zu unterstellen schien, da der andere doch
nicht ganz glaubwrdig sei.
    Papa ist dann in der Tat im Auto bewutlos geworden. Als sein Fahrgast hier
vor dem Gittertor nicht ausstieg, sah der Chauffeur mal nach ... na, und
alarmierte dann das Haus -
    Also war seine Vorsicht leider nur zu gerechtfertigt. Wie leicht htte die
Mappe ihm entgleiten, unbeachtet liegen bleiben, abhanden kommen knnen. Meine
Mutter befand sich aber dann in einer peinlichen Lage ...
    Wieso? In einer peinlichen Lage?
    Sie wartete. Vielleicht konnte eine Nachricht kommen. Jemand konnte die
Mappe holen. Aber niemand kam. Und Donnerstag hrte sie: es sei zu Ende. Sie
wartete noch bis zum Tage der Bestattung. Und dann berief sie mich, damit ich
der Familie die Mappe bergbe.
    Deswegen? Gott, wie umstndlich! Warum nicht einfach per Post schicken?
    Und er streckte die Hand nach dem verschnrten und versiegelten Paket aus,
das zwischen ihnen auf dem Tisch lag.
    Der wichtige Inhalt verbot es, denn ...
    Ihre Frau Mutter hat sich mit dem Inhalt beschftigt?
    Ich bitte Sie, die Manahmen meiner Mutter durchaus zu respektieren, sagte
scharfen Tones Raspe, sie sind in jedem Fall die richtigen gewesen.
    Leutnant Rositz verbeugte sich hchst verbindlich.
    Die Mappe war nicht verschlossen. Der Inhalt konnte einen Anhalt geben,
wohin der Verstorbene sie hatte bringen wollen. Aber es fand sich keinerlei
Anhalt, keine Notiz. Nichts. Nicht einmal beweisen kann meine Mutter, da diese
Mappe Ihrem Herrn Vater gehrte. Der Inhalt ist der unpersnlichste von der
Welt. Aber er hat doch auch Beweiskraft in sich, durch seine Art ...
    Beweiskraft?
    Ja. Es ist nmlich Geld. Preuische Konsols. Dreiig Stck. Im Gesamtwert
von einundachtzigtausend Mark.
    Nun ffnete Leutnant Rositz leicht den Mund. Aber keine hastige Frage kam
heraus. Er schien ganz verdutzt. Raspe lie ihm Zeit und setzte frmlich hinzu:
Sie begreifen, da meine Mutter Wert darauf legte, mich mit dieser Mission zu
betrauen.
    Aber gewi! Gott, wir sind Ihnen enorm dankbar! Wir hatten schon gesehen
aus Abrechnungen, Bankzetteln und so - da mute noch Geld sein, von dem wir
nichts wuten. Ein Depotschein war da - ber eine annhernde Summe - Deutsche
Bank - ja - aber da mute mehr sein. - Offenbar - Papa hat die Papiere irgendwo
weggeholt, um sie anderswo zu verwahren - Gott ja - wir sind Ihnen enorm dankbar
- Ihrer Frau Mutter natrlich in erster Linie auch.
    Das kam alles in raschestem Tempo heraus. Raspe hrte - ein freudiger Ton
klang mit und wurde im Laufe der Rede immer deutlicher. - - Wie ihn das
verletzte! Seine Aufgabe war zu Ende. Sie hatte sich leicht erledigen lassen. Er
erhob sich. Viktor Rositz begleitete ihn hinaus - ber den prchtigen Korridor
bis zur Garderobe neben der Eingangstr, und Raspe hatte noch eine Menge rasch
heruntergehaspelter Verbindlichkeiten hren knnen, und wie der jngere Kamerad
sich freue, durch diese so ernste und ungewhnliche Angelegenheit einen
scharmanten Kameraden kennen gelernt zu haben. Aber Raspe dachte nur: ob die
Schwester nicht noch einmal zufllig des Weges kme ... Nichts rhrte sich im
Korridor. Da war nur der Diener, den Viktor mit einer Handbewegung in den
Hintergrund gescheucht hatte, um Raspe selbst in den Mantel zu helfen.
    Mit einer seltsamen Empfindung verlie er das Haus. Versonnen ging er, fast
zgernd, auf die Pforte zu. Und als er am Gitter entlang schritt, sah er sich
noch einmal die stattlich heitere Front des weien Barockbaues an. Da bemerkte
er oben an einem Fenster ein weies Gesicht ... Er grte hinauf ... Und er
konnte sich selbst nicht begreifen. - Das war ja wie etwas Erwartetes und
Schnes.
    Seine Mutter war dann wehmtig glcklich, als sie vom Verlauf des Besuches
hrte. Raspe verschwieg ihr nicht, da er die Tochter gesehen und gesprochen
habe. Und das feine Ohr der Mutterliebe hrte wohl: es war Interesse in seinem
Ton - fast Befangenheit. Sie seufzte in sich hinein. Mglichkeiten stiegen vor
ihr auf, die zugleich schon vergingen. - Wnsche blitzten und erloschen. - Ja,
wenn der Tod nicht dazwischen gekommen wre. - Wenn der teure Freund ihr noch
die Tochter htte bringen knnen - vielleicht, da Tulla und Raspe sich kennen
gelernt htten - kennen und lieben. - -
    Wenn Menschenhnden Macht und Recht wrde, die Leben zusammenzuknpfen, die
eine schne Verbindung bedeuten knnten. -
    Aber so geht oft und oft ein Wesen am andern vorber - man streift sich -
staunt einander an - im raschen Blick leuchtet ein Verstehen und Erkennen auf -
und schon ist es vorbei. - Man hat keine Mglichkeit und Form, dem andern zu
sagen: warte, damit wir uns nher in die Augen sehen knnen. -
    Raspe meinte, die ganze Angelegenheit habe fast etwas Romanhaftes gehabt.
    Ach nein, sagte seine Mutter, das Leben bringt so viel seltsamere Dinge
zustande, als die Phantasie eines Dichters erfinden darf. Von ihm fordert man
unaufhrlich das Wahrscheinliche, Begrndete, und die Begrenzung durch Form. Und
das Leben selbst ist ein Komponist, der sich in bizarren Anhufungen von
Unwahrscheinlichkeiten und Grausamkeiten gefllt. Bedenk' allein das sinnlose
Geben und Nehmen, darin das Schicksal frmlich wie toll ist! Und wie es uns
erbittert. Im Roman findest Du doch noch immer etwas, das die Erbitterung
lindert und lst - das trgt die Kunst hinein - im Leben ist es nicht.
    Es erging ihr wie allen, die nicht klagen und nicht schwach sein wollen -
dann erleichtert es doch das Gemt ein wenig, wenn man dem Leben seine
Grausamkeiten im allgemeinen anschreibt.
    Kaum eine Stunde nach Raspes Heimkehr fuhr schon Leutnant Rositz vor. Aber
Therese sagte eigenmchtig, aus ihrem Sprsinn heraus, da die Herrschaften
nicht zu Hause seien. Als sie dann die beiden Karten hereinbrachte, nachtrglich
doch ein wenig besorgt ber ihr Handeln, war Sophie zufrieden. Sie sagte sich,
es wre ein qualvoll konventionelles Begegnen gewesen. -
    Sie verbrachten dann einen stillen Nachmittag und Abend. Raspe brauchte erst
am andern Morgen in seine Garnison zurckzukehren. Und es tat der Mutter doch
wohl, sich ber ihre nchsten Plne auszusprechen. Sie wollte ja nach Hamburg,
schon in wenigen Tagen. Da hatte sie dann Arbeit und ihren Sohn Allert. Wenn die
Hoffnung der Senatorin Amster sich verwirklichte, wrden sich in Hamburg mehr
Auftrge finden, vielleicht genug fr den ganzen Winter. Und Raspe mute zu
Weihnachten hinkommen. Das stand fast vor der Tr - drei Wochen noch. Er sah
wohl: seiner Mutter war zumut wie jemand, der sich an einer Daseinswende fhlt.
Mit einer unendlichen Melancholie gedachte sie des Verlorenen, aber der neue
Abschnitt, karger an Reizen, wie er sein wrde und immer bleiben mute, forderte
volle Sammlung von ihr, und sie war entschlossen, sich dazu emporzuringen.
    Ja, das ist eine merkwrdige und eigentlich eine furchtbare Stimmung: man
steht mit leeren Hnden und wei nicht, ob das Schicksal jemals wieder etwas
hineinlegen will, das wert ist, festgehalten zu werden. Man steht ganz einsam,
die Welt empfindet man als eine undeutliche Oede um sich herum. Man hat das
Gefhl: hoch oben irgendwo ist doch noch Licht und Freude - aber wie soll man da
je hinauf gelangen, ohne Hilfsmittel als die eigene Kraft, die ermdet ist? ...
    Dergleichen empfand Sophie.
    Die einzige Freude, sagte sie, die mir noch werden kann, wre, wenn Ihr
mir liebe Schwiegertchter brchtet - Allert und Du. Schwiegertchter, die Glck
und Wohlstand ins Haus tragen, ihm neue Blte und Bestand geben.
    Wie gern, Mutter, sprach Raspe lchelnd, wie gern! Wenn Du mir das
Mdchen bringen kannst, das mir Glck garantiert.
    Garantiert? rief sie. Oh - ein Mann wagt. Und erzwingt sich's.
    Lt sich Glck erzwingen, Mutter? - Du - Du hattest doch den Willen zum
Glck in Deiner Ehe und die tgliche Selbstaufopferung, zu versuchen, ob es sich
denn nicht erzwingen lasse ...
    Still! - Das soll Euch kein Beispiel sein - es gibt doch auch, gottlob,
noch schne, innige Ehen - eine solche ist doch wie vollendetes Menschentum. -
Wie sollte es mich beseligen, Euch darin zu sehen! Und ber den Wunsch hinaus,
ber das Verlangen, das Recht, das Eigenleben so voll ausgestalten zu knnen,
gibt's noch viel andere Grnde zum Heiraten. Gibt's die nicht? Denke doch! Der
Staat! Jawohl, Dir, mir und dem Volk bist Du's schuldig, zu heiraten.
    Nun mute Raspe lachen.
    Mutter, geh nicht ins Volkswirtschaftliche! Der Staat - Du kommst mir
sozusagen mit Tabellen - schielst nach Frankreich. -
    Wie ihn das amsierte.
    Hast Du schon mal einen Menschen gesehen, der aus Pflichtgefhl gegen den
Staat geheiratet htte?
    Sie mute auch lcheln. Aber weil sie doch auch gern das letzte Wort haben
mochte, sagte sie:
    Das gesteht sich natrlich selten ein Mensch ein und andern wohl nie. Aber
als halbbewute Unterstrmung -
    Sie unterbrach sich. Therese kam herein. Und sie hatte schon an der Tr jene
ihr eigentmliche Handbewegung, die zugleich Neugier zu wecken und diskret zu
beschwichtigen schien. Dann streckte sie auch lchelnd das etwas geneigte
Gesicht vor, und Sophie sah es ihr an der Nasenspitze an, da drauen etwas
Ungewhnliches los sei. Ein verlumpter Kollege, der Untersttzung wollte, oder
ein ganz hoher Besuch - jedenfalls etwas ber, unter oder auer Theresens Taxe
vom Normalen.
    Ganz nah an den Tisch vorm Ecksofa, wo Mutter und Sohn gemtlich saen, kam
sie heran und berichtete fast flsternd:
    Es ist 'ne Dame da. Karte hat se keine. Ich sagte, da jn Frau woll nicht
annimmt - wo wir doch jleich zu Abend essen sollen. - Aber sie bat - ich soll
mal fragen - tiefe Trauer trgt sie - ja und dann - es hinge mit Herrn Jeheimrat
zusammen, sagt se.
    Mutter und Sohn sahen sich an. Sophie dachte: seine Frau?!
    Kam sie vielleicht, um ihr selbst noch zu danken? - Wollte sie Fragen
stellen? Sich von der letzten Stunde erzhlen lassen, die der Verstorbene
auerhalb seines Hauses verbrachte?
    Aber Raspe dachte: Sie!
    Sie!
    Denn in seiner Gedankenwelt spielte eine Frau des Verstorbenen gar keine
Rolle - er kannte nur eine Tochter. -
    Was gab es da zu besinnen! Sophie sagte:
    La mich allein mit ihr - zuerst - aber komm nach zehn Minuten. - Ich
mchte, da Du sie shest - mir Dein Urteil sagtest - also ja, Therese, fhren
Sie die Dame hier herein.
    Herzklopfend stand sie mitten im Zimmer. Oh, sie wute, nun wrde gleich
eine sehr, sehr schne Frau hereinkommen, wunderbar jugendlich erhalten, mit
kstlichem braunen Haar, dem in den letzten zwei, drei Jahren ein kupferroter
Schimmer gegeben worden war. Sie sah ja diese Frau in ihrer rauschenden,
geschmeidigen Eleganz, mit ihren weien Schultern und dem bandartigen
Halsschmuck von Perlen zuweilen auf ganz groen Festen.
    Nun kam eine schmale schwarze Gestalt herein, deren Kopf durch einen runden
groen Hut von Krepp und einen dichten Schleier ganz versteckt war. Aber gleich
wurde der Schleier zurckgeschlagen, und Sophie erriet auf der Stelle: seine
Tochter!
    Warm wallte in Sophiens Gemt eine Bewegung auf - Rhrung - fast Freude. Am
liebsten htte sie diesem jungen, von Trauerfloren umwallten Geschpf ihre Arme
entgegengebreitet.
    Tulla stand und sah sich, noch von der Schwelle her, rasch um - sah, da der
Gobelin, der vor der Trffnung hing, die zu einem andern Zimmer fhrte, sich
noch ein wenig bewegte, so, als sei dort eben jemand hinausgegangen.
    Schon aber war die Frau neben ihr und erfate ihre Hand und fhrte sie
frmlich ins Zimmer.
    Tulla fhlte ein liebevolles Entgegenkommen.
    Schickt Ihre Mutter Sie zu mir? fragte Sophie in jenem schonenden Klang,
den die Stimme Leidenden und Trauernden gegenber annimmt.
    Nein - ach Gott - nein - ich bin heimlich hier - ganz allein bin ich
gekommen - zu Fu, sagte Tulla und nahm den Platz im Ecksofa ein, dabei sah sie
unverwandt Frau Sophie ins Gesicht. Und dachte: ach ja - sie sieht gut aus -
    Allein auf der Strae? Heimlich? Und wenn man Sie vermit?
    Kein Mensch vermit mich. Ich hab' Mademoiselle mein rosa Chiffonkleid
geschenkt - sie soll Mama sagen, ich liege mit Kopfweh zu Bett - wenn Mama
berhaupt nach mir fragt - aber sie wird schon nicht - sie liegt selbst zu Bett
- aus Langerweile und liest, und vielleicht mu Mademoiselle ihr Karten legen -
das kann Mademoiselle groartig -
    Sie sprach wie ein unreifes Kind - aber nicht im Ton der Klage, sondern in
vollkommener Einfachheit, wie von den gewohntesten Zustnden.
    Und was fhrt Sie her? fragte Sophie, etwas zurckhaltender - weniger
liebevoll - ohne es selbst zu wissen - abwartend und erstaunt.
    Ich mute Sie etwas fragen. - Ihr Herr Sohn hat heute Viktor was gebracht -
ich hab' Ihnen vielleicht auch was zu bringen - - Sie zgerte einen Augenblick
- in einer pltzlichen Verlegenheit - fingerte an dem Bgel ihrer Handtasche -
und stie endlich heraus: Gehrt das Ihnen? Sind die von Ihnen?
    Und sie ffnete ihre Tasche und nahm ein Pckchen heraus ...
    Sophie fhlte sich erblassen.
    Ihre Briefe. In der Hand seiner Tochter. Tausend Fragen berstrzten sich in
ihrem Kopf.
    Mit zitternder Hand nahm Sophie das Pckchen.
    Wie kommen Sie dazu, liebes Kind? Und woher wissen Sie ...?
    Das junge Mdchen besann sich ein wenig. Es war so schwer, anzufangen. Sie
sa mit geneigtem Kopf. Und da fiel der schwere Krepp wieder herab und hing wie
eine Trauerfahne vor ihrem Gesicht. Sophie wollte ihr dann behilflich sein, all
diese Schleierberflle auf den Hut zurckzuschlagen - dabei waren sich die
beiden Gesichter sehr nahe - sie blickten sich in die Augen - in einer scheuen,
zrtlichen Neugier....
    Sophie sagte: Nehmen Sie doch den Hut ab - diesen schrecklichen Hut ...
    Und das junge Mdchen zog gehorsam sofort die Nadeln heraus und legte den
Hut auf den nchsten Stuhl, den ihre ausgestreckte Hand erreichen konnte.
    Nun sah Sophie mit ihren Maleraugen und mit den Augen der liebevollen,
mtterlichen Frau den feinen jungen Kopf und fand die Zge des Toten darin -
seine dunklen Augen mit dem Feuer starken Lebens ...
    Nun sagen Sie - woher wissen Sie ...
    Sie haben ihn verstanden - Sie! Verzeihen Sie mir - ich habe die Briefe
gelesen - alle ...
    Und pltzlich fiel sie Sophie um den Hals und weinte - weinte. -
    Das Herz der alternden Frau, dies verarmte und noch blutende Herz erriet:
das waren die ersten Trnen, die seine Tochter trstlich weinte - die ersten,
ihren jungen Gram lsenden und mildernden Trnen. - Vielleicht hatte sie bisher
allein, verborgen, ohne Mitgefhl zu sehen, weinen mssen. Und Sophie nahm dies
verwaiste arme Kind in ihre Arme und lie ihr Zeit, sich zu fassen. Dann hob
Tulla von selbst an zu erzhlen.
    Wie sie gleich gesehen: der Vater sei sterbenskrank. Aber die Mama wollte es
nicht glauben und pochte auf seine gute Natur, die sich rasch erholen werde, und
verschickte noch die Balleinladungen, weil sie doch schon ausgeschrieben gewesen
seien und adressiert.
    Und dann kam Exzellenz von Czermack und sagte, es sei zu spt zum Operieren,
es sei einer von den Fllen, wo von vornherein jeder Eingriff unmglich gewesen
sein wrde.
    Und weiter erzhlte sie, immer leidenschaftlicher, immer hinstrmender im
starken Gefhl und beschwingten Wort, eine, die lange hat schweigen mssen und
nun endlich alles aussagen darf - wie sie ihren Vater kaum verlassen, nicht Tag
noch Nacht, ob auch gleich die Wrterinnen und die Mama schalten und ihr
Dortsein unntz fanden. Und er habe sie manchmal erkannt und dann ihr
zugelchelt. Und einmal habe er sie mit der Rechten zu sich herabgezogen - ganz
schwach - sie habe aber gleich gefhlt, was seine Geste wollte. Er habe ihr
etwas Wichtiges mitteilen wollen, nur mhsam habe er sich noch verstndlich
machen knnen und ihr zugeflstert:
    Schreibtischschlssel nehmen - Briefe nehmen - verbergen - nicht Mama -
und die brigen Worte wurden zu undeutlich - viele hatte er noch gemurmelt. -
Aber Tulla wute, was sie nun durfte und mute: sie mute den
Schreibtischschlssel aus dem Bund heraussuchen, das neben Papas Uhr auf dem
Nachttischchen lag. Und sie durfte in seinem Schreibtisch stbern, um
irgendwelche Briefe zu finden, die er ihr und ihr allein anvertrauen wollte. -
    Es war ja Nacht. Die beiden Wrterinnen sahen, die eine stumpfsinnig, die
andere ein bichen interessiert zu, wie sie die Schlssel nahm ...
    Mama schlief. Mamas Nerven konnten Nachtwachen nicht vertragen. - -
    Und da ging Tulla nach nebenan und drehte das Licht auf. Es war ihr
schrecklich und unheimlich, so in Papas Sachen zu kramen. Ihr kam es dabei vor,
als sei er schon tot. Und sie hoffte doch noch und hatte Exzellenz Czermack so
dringend gebeten, Papa am Leben zu erhalten.
    Viel Geld sah sie, Gold und Silber, in einer offenen, in Fcher geteilten
Kassette von grnem Draht. Ganze Bndel von Abrechnungen von Banken waren da.
Ein groes Anschreibebuch. Und Briefe von Viktor und Harald. Die handelten alle
von Bitten um Geld - Erklrungen ber Geldverbrauch - Versprechungen. - Aber
Tulla sagte sich: diese Briefe konnte Papa nicht gemeint haben, darin stand
nichts, was Mama zu verbergen ntig war. Die Eltern stritten sich ja so oft vor
Tullas Ohren ber den Geldverbrauch von Viktor und Harald. Mama verzog und
verwhnte die Brder an allen Ecken und Enden, aber wenn sie um Geld schrieben,
rgerte Mama sich doch, und Papa sagte, das sei inkonsequent.
    Dies alles erzhlte Tulla mit einer Vertraulichkeit, die ihr dieser Frau
gegenber das natrlichste von der Welt schien. Und dann berichtete sie, da sie
endlich, ganz hinten, in einem alten Kasten ohne Deckel, diese Briefe, lose
durcheinanderliegend, gefunden habe. Als sie dann den ersten, obersten las, da
wute sie es: die hatte Papa gemeint! Sie trug den offenen Kasten in ihr eigenes
Zimmer und verwahrte ihn dort in der kleinen Boulekommode, die ihr Papa zum
letzten Geburtstag geschenkt. Dann legte sie das Schlsselbund wieder neben
Papas Uhr. Die Wrterinnen guckten erst sie und dann einander an. - Und Papa lag
wieder wie schlummernd - so, wie er dann bis zuletzt gelegen hatte. Sie
vermochte ihm nicht mehr zu sagen: es ist besorgt.
    Sophie sa erschttert. Seine letzten klaren Gedanken hatten ihren Briefen
gegolten - Gott allein wute, was der Inhalt all jener weiteren Worte gewesen,
die sein Kind nicht mehr verstand. Vielleicht dachte er auch an die Mappe und
das, was sie enthielt, und sagte noch, geistesklar und willenskrftig, wem sie
gehren solle. - Sophie ahnte wohl: mir! Aber sein Krper war schon in Verfall.
Wie oft hat ein Sterbender nicht mehr die Kraft, seinen allerletzten, klaren
Willen auch klar auszusprechen. Wie trstlich aber war es, zu denken, da er in
dem Wahn entschlummerte, sich noch verstndlich gemacht zu haben. - Denn das
Kind sagte es: auch den undeutlichen Worten habe sie mehrfach versprechend
zugenickt: Ja, Papa - ja - ja ...
    Tulla fuhr dann fort:
    Nicht wahr - Sie vergeben mir, da ich die Briefe las - was konnte ich
machen? Ich hatte nicht den Befehl bekommen, sie zu vernichten. Es konnte doch
sein, da viel daran lag, da die Schreiberin sie zurckerhielt?
    Gewi, sagte Sophie, gewi.
    Ich dachte auch: Gott, wenn die Frau, die diese Briefe schrieb, nun von
Papas Tod hrt! Wie schrecklich sie sich wohl um ihre Briefe ngstigt - wer die
findet! Wer die liest! Und ich wollte ihr zu gern sagen: blo ich. Und ich hab'
wohl verstanden: das ist was Schnes und Heiliges fr Papa gewesen. Eine
groartige Freundschaft!
    Was Tulla nicht aussprach, war dies: sie hatte aus der Art der Aufbewahrung
den Schlu gezogen: Liebesbriefe sind es natrlich nicht. Sie dachte nicht an
himmelblaue Bnder und Geheimfcher. - Das freilich nicht. Aber ein alter,
deckelloser Kasten - das war ihr doch zu profan.
    Die Frau, die mit Papa so befreundet war, die wollte ich doch gern auch
liebhaben - nicht wahr? Aber so viel ich auch las und mir ausdachte - bekannte
Namen kamen ja vor - Anhalt gaben sie doch nicht. S - ich dachte: Selma, Sara,
Sophie?
    Nun haben Sie mich doch gefunden - und so rasch? sagte Sophie fragend.
    Das junge Mdchen antwortete nicht gleich. Sie sah auf den Gobelin - der
wurde an der rechten Seite gefat und gehoben - Raspe kam herein. Und Tullas
Gesicht bekam einen ganz hellen Ausdruck.
    Oh, wir kennen uns schon! sagte sie und reichte ihm die Hand entgegen.
    Mit vollkommener Beherrschung der Situation - einer Gewandtheit, die im
Gegensatz stand zu der vorhin gezeigten kindlich unreifen Art, sah sie nun
Sophie lebhaft an und fragte:
    Darf ich in Gegenwart Ihres Herrn Sohnes weiter erzhlen?
    Bitte. Raspe wei um meine Freundschaft mit Ihrem Vater. Das gndige
Frulein bringt mir meine Briefe an ihn. Ich bin ihr sehr dankbar.
    Heut mittag - das heit, es war ja eigentlich noch vor Tisch - fr uns -
wir essen um vier - heut mittag waren Sie ja bei uns - lieferten Viktor eine
Mappe aus mit Geld - davon sprachen die Brder bei Tisch noch immerfort mit Mama
- Sachen, wie in diesen Tagen endlos - das ist wohl so nach einem solchen
Todesfall - Geld und die Erbschaft - aber Mama sagte, alles komme von ihr, sie
sei die Besitzerin, und nun meinten die Brder, dies andere Geld gehre aber
uns. Mama bestritt das. Sie wurden etwas heftig gegeneinander.
    Sie schwieg einige Augenblicke. Und Raspe und seine Mutter achteten dies
Schweigen, das ihnen schmerzlich schien. Sie fhlten, zart war im Trauerhause
mit der Stimmung dieses holden Kindes offenbar nicht umgegangen worden.
Vielleicht litt sie in Erinnerungen und verlor sich eben hinein - deshalb
warteten sie stumm.
    Aber Tulla litt nicht eigentlich. Sie rgerte sich nur nochmals und konnte
das doch nicht erzhlen - wie die Mama gesagt hatte: Hchst eigenartige
Geschichte. - Und welche Garantie hat man, da es nicht ein paar Stck Konsols
mehr waren ... Da fuhr sogar Viktor auf und rief scharf: Mama! Und Harald
machte sein Gesicht.
    Sie seufzte aus Herzensgrund. Ach, wie war es schn, hier zu sitzen. Sie
blickte mit freiem Auge Mutter und Sohn an und fuhr fort, lchelnd:
    Mama und Viktor und Harald hatten sich alle drei furchtbar um das bichen
Geld - schlielich sagte Mama nmlich, es sei nur ein bichen - und der
Justizrat sollte entscheiden, wem es zukomme. Und Mama meinte, Viktor msse doch
sofort einen Besuch bei Ihnen machen, ehe er abreise. Petzold mute das
Adrebuch hereinbringen. Und da suchte Viktor denn herum, bis er vorlas: Sophie
von Hellbingsdorf, Portrtmalerin, und die Strae und das Haus. Sophie! Ich
fhlte auf der Stelle: sie mu es sein. - Und ich dachte: geh mal hin und
frage. -
    Nun war sie stolz und von einem glcklichen Wichtigkeitsgefhl ganz erhoben.
Sie hatte den Wunsch des Sterbenden erfllt. Und ihr achtzehnjhriges Herz war
auch voll von einer jh entstandenen Begeisterung fr diese Frau, die ganz
sicher der Inbegriff von allem Edlen und Hohen war. Allein schon, weil sie
solchen Sohn hatte ...
    Sophie schlo sie noch einmal in ihre Arme - ebenso sehr aus Mitleid wie
voll Dankbarkeit.
    Dann sprach Raspe davon, da er unter gar keinen Umstnden das gndige
Frulein allein nach Hause gehen lassen, sondern sie heimfahren werde.
    Darf ich noch etwas hier bleiben - ach, darf ich? bat Tulla.
    Wenn Ihre Mademoiselle sich nicht ngstigt?
    Fllt ihr gewi nicht ein - wenn Mama sie nicht mehr braucht, geht sie
todsicher noch aus - ihr Brutigam wartet abends auf sie. - Das hab' ich lngst
'raus. - Und Papa ist ja nicht mehr da - wenn er irgend, irgend konnte, sah er
abends noch nach mir ...
    Sophie dachte daran, wie er gesagt hatte, er hoffe, sie knne seiner Tochter
Wohltterin werden. Und sie begriff, wie sehr diesem Kind eine mtterliche
Freundin ntig war.
    Gewi konnte Tulla dableiben - es pate vortrefflich - drauen in der Pfanne
briet ja festliches Geflgel, und Therese hatte eine kstliche Speise gemacht,
bezglich deren sie an dem Wahn festhielt, es sei Raspes Lieblingscreme, whrend
er lngst gleichgltig gegen Sigkeiten geworden war. - Das erzhlte sie voll
Heiterkeit. - Und Tulla, die die Traulichkeiten und Niedlichkeiten einer so
stillen kleinen Wirtschaft nicht kannte, wo das bichen umstndlichere Tafeln
wegen eines lieben Gastes schon Freude bedeutet, Tulla fand alles entzckend und
poetisch.
    Als Sophie ins Ezimmer ging, um ein drittes Gedeck aufzulegen, und Raspe
mit Tulla allein lie, fhlte diese sich nicht befangen. Sie sagte:
    Mir ist ganz wunderbar - so, als kenne ich Ihre Mutter schon ewig lang. Und
ich komm' mir hier ganz gemtlich vor ...
    Raspe meinte:
    Weil Sie wissen, meine Mutter kennt Sie aus den Erzhlungen Ihres Vaters.
    Tulla sagte:
    Ihre Mutter htte mich malen sollen. Ich lasse Mama keine Ruh - Sie mu
Ihrer Frau Mutter den Auftrag geben...
    Sie stockte. Ihr fiel ein, Viktor hatte gesagt La Dich bei der Frau malen,
wie Papa es vorhatte - das ist denn so 'ne Art Belohnung - Portrtmalerin! -
Gott, die haben's meist sehr ntig -
    Viktor war manchmal schrecklich plump.
    Durch die Wendung Auftrag geben und das pltzliche Verstummen fhlte sich
Raspe irgendwie unangenehm berhrt. Ihm ahnte, da und wie man den Fall im Hause
Rositz besprochen haben mochte - denn schon waren die Wnde dieses Hauses wie
Glas fr ihn, und er sah darin einen Geist walten, der ihm gnzlich zuwider war
- -
    Meine Mutter, sagte er khl und mit jener etwas steifen Haltung, die er
annahm, wenn er Verletzendes auch nur von fern witterte, wre nicht in der
Lage, einen etwa dahinzielenden Wunsch jetzt zu erfllen. Sie reist in den
nchsten Tagen nach Hamburg und bleibt lange dort.
    Sie reist weg! rief Tulla in einem ganz naiven und offenkundigen Schreck.
    Hier kam Sophie herein.
    Sie reisen weg? wiederholte Tulla. Und ich dachte - weil ich Sie gefunden
habe, drft' ich Sie oft besuchen - oh, das wr' zu schn gewesen. Grade jetzt
...
    Die nchste Zeit ghnte sie ja frmlich an. Was sollte sie nur anfangen?
Keinen netten, lieben Menschen wute sie.
    Es war auch Sophie leid. Mehr, als sie aussprach.
    Als man dann zu dritt um den kleinen Tisch sa, fhlte Sophie geradezu Reue
ber ihren Hamburger Plan, der sich nun nicht mehr rckgngig machen lie. Ihr
war, als sei das nun ihre nchste, ihre Hauptpflicht, sich dieses Mdchens
anzunehmen. Und sie sah ja auch - wie die dunklen Augen ihren Raspe anstrahlten
- Fden spannen sich da an - sie wrden gleich wieder zerreien, wenn nun jede
Gelegenheit fehlte zum Begegnen. - Wenn ich doch wenigstens erst nach
Weihnachten zu reisen brauchte, dachte sie. Weihnachten kam Raspe doch auf
Urlaub. Aber Aufschub war auch undenkbar. Allert freute sich schon. Und die
Senatorin Amster hatte schon Tag und Stunde der ersten Sitzung bestimmt. -
Sophie sprte wohl, das war eine Dame von scharfer Pnktlichkeit, ein
Programmensch; man mute sich auf sie einstimmen, wenn man durch sie Auftrge
und Verdienst erhoffte.
    Und dabei verstrkte alles, was Tulla ganz offenherzig erzhlte, in der
mtterlichen Frau das Gefhl: sie braucht noch Anleitung, Herzlichkeit und viel
Verstndnis.
    Tulla klagte nicht, gar nicht, sie berichtete einfach. Man konnte denken,
sie ahne nicht, wie viel ihr fehle.
    Zur Schule war sie nicht gegangen. Sie hatte mit Fiffi v. Samelsohn und
Lille v. Parwitz zusammen Privatstunden gehabt, die Mtter der beiden waren
Freundinnen von Mama, das heit: gewesen. Wenigstens habe sich Mama mit Fiffis
Mama erzrnt, und Mademoiselle sagte, es sei wegen des Barons Legaire, den die
Samelsohn dem Jour der Mama abspenstig gemacht haben solle. Und Fiffi sei ihr
verhat, denn alles wisse sie und knne alles besser, und wenn man sich mal
freue, redete sie so rasend klug, warum es nicht der Mhe wert sei, sich zu
freuen. Lille sei aber verboten dumm. Und dermaen faul und eitel, und gbe
einem bestndig zu verstehen, da nur blonde Menschen das Recht htten, schn
gefunden zu werden.
    Warum sie eigentlich immer noch mit beiden verkehrte? Was sollte man machen?
Die Mamas hatten einen noch nicht brauchen knnen. Allein mopste man sich tot.
    Ein Jahr waren sie auch alle drei in Pension gewesen, in einer rasend
vornehmen englischen. Da habe man gelernt, sich in jeder gesellschaftlichen Lage
absolut sicher zu benehmen. Nun htte das Leben recht anfangen sollen. Aber
jetzt war vorerst alles aus. Papa war dahin. Und man sa in tiefer Trauer. Da
glnzten ihre Augen wieder in Trnen.
    Raspe sah sie durchdringend an.
    Es tut Ihnen leid, da Sie diesen Winter nicht tanzen und in die Welt
knnen? fragte er langsam.
    Ach nein, sagte sie aufrichtig und tupfte sich die Trnen ab, fr mein
ganzes Leben wollt' ich wohl auf alles verzichten - wenn ich damit Papa nur
lebendig machen knnte. Er fehlt mir furchtbar. Und ich wei auch wohl: ich war
sein Verzug - wenn er auch ganz verrgert war, mich lie er's nie entgelten. Er
hatte ja viel Aerger. Im Amt. Von der Presse - die wute immer, wie er es anders
htte machen sollen, sagte er - von den Brdern - Viktor, das ging ja noch, der
hat auch so 'n strengen Oberst - aber Harald! Mit Harald kann ich mich gar nicht
vertragen. Wenn Sie nur wten, was er fr 'n ekliges Gesicht machen kann! Gerad
so, als ob alles, was alle Anwesenden sagen und tun und denken, Unsinn und tief
unter ihm sei. Papa wurd' immer so gereizt durch das Gesicht, blo Mama lachte
...
    Wenn die offenherzigen Erzhlungen des jungen Mdchens bei dem Wort Mama
hielten, entstand eine Stockung im Gesprch.
    Sophie wute wohl, warum sie dann stumm blieb. Sie kannte ja die Frau genau
- nach und nach hatte der Mann sie ihr gezeigt. - Sophie wnschte,
schonungsvoll, nicht von ihr mit der Tochter zu sprechen. Mit keiner einzigen
Frage wollte sie das Kind ntigen, Ungnstiges von der Mutter zu erzhlen.
    Tullas Gedanken kehrten zu Raspes Frage zurck.
    Mit einem Male sagte sie lchelnd und strahlend:
    Solcher Abend - wie dieser - das ist doch schner als Blle und Theater. -
Haben Sie mich ein bichen lieb, wegen Papa?
    Und sie beugte sich vor, sah Sophie flehend und schmeichelnd in die Augen
und kte ihr dann pltzlich die Hand.
    Gewi. Nicht nur wegen Ihres Vaters. Um Ihrer selbst willen, sagte Sophie
gerhrt. Sehen Sie mich als Ihre mtterliche Freundin an. Wie gern will ich
Ihnen helfen, das Leben zu nehmen.
    Das Leben zu nehmen ... wiederholte sie nachdenklich und wute nicht, was
sie aus dem Wort machen sollte.
    Knnte ich Ihnen doch eine Pflicht geben, eine Arbeit zeigen, einen Inhalt
...
    Tulla faltete die Hnde an der Tischkante und schttelte im rtlichen Schein
der Hngelampe ihren Kopf. Hoffnungslos, sagte sie mit dem anmutigsten
Ausdruck, kein Talent! Fiffi will noch Kunstgeschichte treiben und spter
Kritiken schreiben und vielleicht Novellen. Lille hat 'ne Stimme, hoch wie 'ne
Flte - ich find' ja, sie singt oft falsch, aber sie wei kolossal Bescheid, wie
all die groen Sngerinnen es eigentlich machen sollten. Ich kann nichts. Ja,
wissen Sie, wenn ich eine ganz kleine Schwester htte - das wre reizend. Nicht?
Lille und Fiffi lachten sich halbtot, als ich das neulich mal sagte, und Fiffi
schrie ...
    Sie schwieg und wurde rot. Diese grliche Fiffi hatte erklrt, das sei
Mutterschaftsinstinkt, so 'n Wunsch. -
    Nein, solche unpassende Aeuerung konnte sie nicht erzhlen. Etwas scheu sah
sie zu Raspe hinber.
    Und da sah sie einen Blick voll leuchtender Wrme und Gte. Das machte sie
ganz verwirrt vor Glck. Ein wunderbares Schweigen breitete sich aus. Es schien
ganz voll von den herrlichsten Ahnungen.
    Das junge Mdchen wagte kaum zu atmen und hrte nur ihr Herz klopfen - ganz
geschwinde - ganz geschwinde - als eilten alle Schlge einer unnennbaren
Seligkeit entgegen.
    Sie sprang auf. Sie mute jemand liebhaben, greifbar mit Kssen und
Umarmung. Und deshalb fiel sie der Frau um den Hals, die ihre mtterliche
Freundin sein wollte, und rief:
    Papa mte bei uns sein.
    Dafr war die Frau ihr dankbar aus Herzensgrund. An dem dunklen Kopf vorbei
suchte sie mit fragendem Blick das Gesicht ihres Sohnes.
    Und sie fand auf den sonst so beherrschten, mnnlichen Zgen einen Ausdruck
von Weichheit und Feierstimmung, da ihr beinahe ebenso bewegt zumute ward wie
diesem aufgeregten Kinde.
    Ein wenig spter mute Frau Sophie leider daran erinnern, da es gleich halb
zehn sei, und da sie durchaus wnsche, Tulla treffe noch vor zehn Uhr zu Hause
ein, ganz gleich, ob dort jemand ihr Ausbleiben bemerke oder nicht. -
    Tulla erhob keine Einwendungen. Mit vollkommenem Gehorsam brach sie sogleich
auf. Sie nahm mit leidenschaftlichen Dankesbezeigungen Abschied und bat, vor der
Abreise nach Hamburg noch einmal vorsprechen zu drfen. Auf dem Korridor nickte
sie sehr freundlich der scharf aufmerkenden, diplomatisch dreinschauenden
Therese zu, denn sie hatte gesehen, da die ltliche Person hier eine
Vertrauensstellung einnahm. Und in ihr war eine Stimmung, die sie antrieb, sogar
der Dienerin den Hof zu machen.
    Gleich nachdem die beiden jungen Menschen die Wohnung verlassen hatten, lief
die Mutter ans Fenster. Sie ri es auf, sie beugte sich in die Nacht hinaus. Der
Schneeatem, der ihr kalt und klar ins Gesicht hauchte, lie sie nicht frsteln.
Wie aus der Vogelperspektive sah sie's: Da unten ging ein hoher Mann in stolzer,
ruhiger Haltung, und neben ihm, mit ihrem breiten Hut, von dem noch rckwrts
der schwere Krepp herabwallte, das schlanke Mdchen. Eigentlich konnte man die
Wirkung ihrer Gestalten von hier oben durchaus nicht beurteilen. Aber Sophie
dachte entzckt: sie sehen groartig nebeneinander aus.
    Auch als sie das Fenster wieder geschlossen hatte, weil sich die
Davongehenden in der Straenperspektive zwischen anderen Passanten verloren,
auch da sah Sophie die beiden noch im Geist immer vor sich und sah sie mit
zrtlichem Lcheln wie etwas schon Vereintes. Denn eine wundervolle Hoffnung war
in ihr gro geworden, so jh in die Hhe gestiegen wie die Pflanzen, die
indische Fakire binnen wenig Stunden unter mystischen Verschwrungen aus einem
Samenkorn hervorschieen lassen. Ihr heier Wunsch war der Zauberer, der diesen
herrlich grnenden Hoffnungsbaum so mrchenhaft wachsen lie, und Myrtenzweige
durchrankten ihn.
    Sie war eine Mutter, die kraft ihres unvergessenen Weibtums alle Wonnen und
Leiden junger Liebe nachempfinden konnte. Viel mehr als nachempfinden: fr und
mit ihrem Sohn sie selbst erleben - mit jedem Nerv sprend, was in diesen jungen
Herzen vorging -.
    Und sie dachte inbrnstig: mchten sie sich finden! Den Sohn verheiratet zu
sehen und das Kind des verlorenen Freundes als Tochter in ihre Arme nehmen zu
drfen, war ihre dringliche Sehnsucht.
    Vergangenheit und Zukunft geno ihre Phantasie.
    Sophie sah sich wieder als junge Frau, nach rasch ernchtertem Liebeswahn
bestrebt, doch noch irgendwie sich ein wenig Glck aufzubauen. Ihr Trost waren
ihre beiden Knaben und das Leben mit ihnen in der stillen Zartheit der Natur.
Wie liebten sie den tiefschattigen Garten, der sich an das Herrenhaus schlo.
Auf den Treppenstufen seines Giebels saen im Herbst die Raben, und wenn Allert
sie zhlen wollte, flogen sie schon, ehe die Zhlung begonnen war, hinber zu
den drei Pappeln, die mitten auf dem Rasen im Garten standen. Sie liebten auch
den Graben, dessen Wasser man nicht flieen sah, und der zwischen Krauseminze
und Vergimeinnicht stand. Ein Brett, auf Pflcken ruhend, ragte ber ihn
hinaus, und da durften Allert und Raspe mit ihren kleinen Giekannen Wasser
aufholen und dem Gartenknecht helfen, die Sellerieknollen zu begieen. - Drben
dehnten sich die Wiesen, und die schwarz-weien Khe lebten da ihr
schwerbewegliches, wiederkuendes, plump-beschauliches Leben auf dem grnen
Grunde. Und irgendwo im Garten gab es eine Stelle, wo Allert und Raspe als
Sechs- und Siebenjhrige ihren Phylax begraben hatten. Vater Meyns, der abends
mit seinen weien Haaren und seinem runzligen Diplomatengesicht, getrockneten
Waldmeister rauchend, vor der Stalltr sa, machte ihnen aus schmalen, flachen
Brettern ein Kreuz. Und Allert schrieb mit seinen ersten, steifen
Kinderbuchstaben darauf: Hier ruht in Gott der treue Filacks.
    Mit Oelfarbe zogen sie dann die Bleistiftbuchstaben nach, und dadurch wurden
sie beinahe ganz unleserlich ...
    Oft in ihrem Kampf ums Vorwrtskommen hatte Sophie voll vergehender
Sehnsucht an all diese Sttten gedacht. - Sie wiederzuerwerben, sie ihren
Kindern zurckgeben zu knnen, die alte Scholle der Familie in neuem Glck und
Leben bessere Frucht tragen zu sehen, einen verheirateten Sohn, von Kindern
umgeben, dort zu wissen, wenn sie einmal strbe - das war ihr Ziel. Sie wute
lngst, allein konnte sie das nicht. Dazu wuchsen die Ersparnisse zu langsam.
Allert hatte einst versprochen: ich helfe dir. Aber er lernte rasch begreifen,
da ein kaufmnnisches Geschft, ob es sich mit Fabrikation oder mit Handel
befate, gerade war wie ein Erdboden: sollte es ertragskrftig werden und in
immer wachsendem Mae bleiben, so wollte es auch gedngt sein - mit Gold. Auf
viele Jahre hinaus mute jeder Gewinn hineingesteckt werden. Anders war es
ungesund.
    Da baute sie sich eine andere Hoffnung auf: wenn Raspe eine Frau nimmt, die
er liebt, und die wohlhabend ist! Eine Frau ist ja glckselig, wenn sie das
Ihrige dem geliebten Mann in die Hnde legen darf.
    Und jetzt - heute abend - jetzt trat die Hoffnung aus dem fernen,
unbestimmten Dunst klarer heraus - schien sichtbare Gestalt zu werden. Ihr
Mutterherz ertrug kaum diese glckliche Unruhe, von der sie erfat wurde.
    Geschlossenen Auges stand sie in der Stille und sah und hrte:
    Sommerabend war es, und zwischen den Bschen des Gartens hatte sich, vom
sonnigen Tage her, die Wrme verfangen. Vom fernen Graben her kam das leise
plaudernde Gequake der Frsche. Der Himmel im sanften Grau dunkler Perlen stand
voll unendlichen Friedens. Und durch diese liebliche Abendruhe ging sie. Und
neben ihr schritt ein glckseliges junges Paar.
    Oh, wenn sich dieses Hoffen zu einem Erleben gestalten sollte! Es war
Sophie, als ob sie dann fr alles Glck, was ihr selbst versagt worden war, ganz
entschdigt sein wrde.
    Sie lchelte strahlend ...
    Die beiden jungen Menschen gingen indes durch das lebhafte Treiben der
winterlichen Weltstadtstraen. Tulla sagte gleich: Nicht fahren - bitte. Wir
kommen trotzdem zur rechten Zeit hin - vor zehn - das mssen wir - weil doch
Ihre Mutter es wollte.
    Er merkte: ihr lag daran, durchaus dem Wunsch seiner Mutter zu gehorchen.
    Das war nun ein merkwrdiges Zusammenwandern: auf Tritt und Schritt
abgestimmt. Und die Gleichmigkeit des Ausschreitens gab irgendwie ein sicheres
Gefhl - als gehre man von jeher zueinander.
    Tulla merkte nichts von all den Menschen, die an ihnen vorbeikamen, nichts
von Gedrhn der vorberfauchenden Autos, nicht den Schnee, der als schon
angebrunte Schanze sich zwischen Brgersteigen und Fahrdamm hinzog, nicht den
grellen und ungleichen Glanz der tausendfltigen Belichtung.
    In ihr sang und klang das junge Leben rasch emporgeflammter Liebe. Sie hatte
es sich immer gedacht: auf den ersten Blick msse es kommen. Und da es sich so
erfllte, machte sie wie berauscht vor Glck.
    Herrlicher htte es gar nicht sein und werden knnen. Ganz gewi wrde Papa
mit tausend Freuden alles gebilligt haben. Der Sohn der von ihm so unendlich
verehrten Frau! Wem htte er seine Tochter lieber geben sollen als diesem.
    Ja, man konnte geradezu sagen: durch Papa war es so gekommen. Er hatte sie
diesen unvergleichlichen Menschen zugefhrt. Er hatte ihr die Briefe anvertraut
- vielleicht sogar in dem bestimmten Wunsch, da sein Kind ihr Glck durch einen
der Shne seiner Freundin finde. Tulla war, als ihr dieser Gedanke kam, durchaus
geneigt, anzunehmen, da Papa es so gemeint habe ...
    Und Mama? Gott, Mama war so mit sich beschftigt - und Tulla konnte sich
eigentlich gar nicht vorstellen, wie sie nun, als erwachsene Tochter, mit und
neben Mama leben solle. Es schien einfach so, als ob neben Mama kein Platz sei.
- - Es wrde ihr ganz gewi hchst angenehm sein, die Tochter in einer frhen
Heirat gleich untergebracht zu wissen. Zweifellos gab das auch allerlei
Unterhaltung fr Mama, gerade im ersten Trauerjahr - noch heute mittag hatte sie
gesagt: wenn ich nur erst wte, was man jetzt anfngt, am besten wird es sein,
man geht auf Reisen. -
    So sah Tulla gar keine Hindernisse.
    Und auf das merkwrdigste mischten sich bei ihr in den seligen Rausch erster
Liebe all diese Erwgungen. Sie dachte sogar daran, da Mama sehr reich sei, und
freute sich dessen, denn falls der geliebte Mann, wie sie vermutete, nicht viel
oder gar nichts habe, so machte das nichts aus. Einer mute Geld haben,
natrlich. Aber wer - das war egal. Fiffi v. Samelsohn hatte noch neulich
gesagt: das kann unsereiner wenigstens haben - wir knnen heiraten, wen wir
wollen - -
    Eine jubelnde Sicherheit war in ihr. Nichts blieb in dmmernder,
beklemmender Angst.
    Sie wunderte sich zuerst nicht einmal, da Raspe in ernstem Schweigen neben
ihr ging. Sie fhlte: auch in ihm strmten die Gedanken ...
    Mitten in ihrer grenzenlosen Aufregung fiel ihr etwas ein. Hatte sie nicht
etwa durch diese und jene Bemerkung bei Raspe und seiner Mutter Vorurteile gegen
Mama erweckt? Das war gewi nicht ihr Wille. Und sie sagte:
    Witte, seien Sie offen - mir kommt es beinahe so vor - es hat doch nicht
ausgesehen, als wollt' ich Mama kritisieren? Oder lebte nicht in Frieden mit
ihr?
    Allerdings, antwortete Raspe ehrlich, hatte ich den Eindruck, als ob Ihr
Vater Ihnen nher gestanden habe.
    O ja - natrlich - das tat Papa natrlich. - Und das ist wohl so - man
kritisiert ja doch die Eltern immer 'n bichen - sie sollten mal Lille hren -
Papa war wundervoll. Lieb und geduldig und immer vornehm. Mama hat eben mehr
Temperament - und schn ist Mama! Oh, Sie werden staunen. Immer, wenn sie mit
Viktor oder Harald ausgeht, denken die Leute, sie sei die Schwester - so schne
Menschen, die drfen ein bichen egoistischer sein - nicht? Mama ist oft
bezaubernd, Sie glauben nicht wie. Wenn sie lustig ist und da Dinge oder
Menschen sind, die sie unterhalten. Mann kann ihr dann gar nicht widerstehen ...
Ich hab' Mama ganz gewi ebenso lieb, wie andere Kinder ihre Mutter haben,
versicherte sie.
    Ihr Ton wurde nach und nach zitternd, weinerlich - zum Schlu beschwrend.
Die Art, wie er sie sprechen lie, schien ihr pltzlich so abwartend, so
bedrohlich.
    Wie ein Blitz fiel die Furcht in ihr Herz und verbannte sofort alle jubelnde
Zuversicht ... Gewi, er hielt sie fr unkindlich und kaltherzig - er, der so
innig mit seiner Mutter stand.
    Ihr Ton verriet so genau, was in ihr vorging. Raspe verstand es, und es
rhrte ihn. Er beruhigte sie: Wie sollte ich daran zweifeln drfen. Und das ist
ja eine bekannte Sache, von der man oft hrt: die Tochter steht dem Vater, der
Sohn der Mutter nher. Darin ist wohl ein tiefer Sinn ...
    Ja, sagte Tulla eifrig, ja - ich stand Papa wirklich nher ...
    Es kam ihr zum Bewutsein, da sie schon in der Friedrich-Wilhelm-Strae
waren. Ihre Fe wurden ihr schwer. Sie ging immer langsamer. Mit jedem Schritt
vorwrts entschwand das sichere Glcksgefhl mehr und mehr. - - All diese
ueren Dinge, die ihr gleich so gegenwrtig gewesen, versanken - das ganze
Leben lste sich in schreckhafte Unbestimmtheiten auf. - Noch fnf Minuten - und
man mute sich trennen. - Mit welchem Wort wrde es sein?
    Raspe zgerte auch. - Er fhlte wohl: es war ein unreifes, junges Geschpf,
das da an seiner Seite ging, ihm zugewandt mit sehnschtigem Blick und
erwartendem Herzen.
    Aber was ist Unreife. Ein holder Zauber mehr, wenn alle Mglichkeiten zur
Reife da sind ... Waren sie es?
    An Gemt und Verstand, an Anmut des Wesens und des Krpers fehlte es dem
Mdchen nicht -
    Ein rechter Mann konnte wohl alles aus ihr machen. Konnte er?
    Eine schwere, ernste Frage - nicht im jhen Sturm daherbrausender Liebe zu
erwgen - sondern in langsamer Prfung - -
    Die dunkeln Augen sahen ihn flehend an - rhrende Demut stand jetzt in dem
feinen Gesicht, das so wei schien, weil der feierliche Trauerpomp der schwarzen
Schleier seinen Hintergrund und Rahmen bildeten.
    Er nahm sich zusammen - als ein rechter Mann, der er war.
    Denn auch fr ihn war dies kein Winterabend voll Schnee und Klte und
Weltstadthelle und Lrm -
    Eine wunderliche Stimmung wollte ihn bezwingen -
    Noch niemals hatte er sich so erhoben, so voll Stolz und Kraft gefhlt -
Frhlingsfreude war in ihm - die berauschende Empfindung, als brche eine neue
Lebensjahreszeit an. -
    Nun waren sie schon bei dem ersten der hohen Sandsteinpfeiler, die das
Eisengitter sttzten und gliederten, und hinter dem verschneiten Vorgarten erhob
sich das prchtige Haus. Zwei Fenster im ersten Stock waren von einer sanften
Helligkeit erfllt. Alle andern von weien Stores fest verhangen. Aber selbst in
diesem Schweigen, in dieser Ruhe wirkte es wie ein Bau hochmtigen Reichtums.
Man sah es diesen Mauern an, da sie Luxus umschlossen und glnzende
Lebensgewohnheiten. - -
    Kein Haus fr einen deutschen Offizier, der andere Ideale hat, als in
breitstrmender Ueppigkeit genieend mitzugleiten. -
    Hier sind wir, sagte Raspe. Sein Ton war gedrckt. Er fhlte wohl, es war
ein seltsam inhaltsschwerer Augenblick.
    Ein zitterndes junges Herz erwartete ein Abschiedswort, darin irgendeine
Verheiung verborgen sein solle - irgendeinen Blick - eine Andeutung - an die
sich Hoffnungen klammern konnten.
    Und sein Gewissen verbot ihm, sich zu verraten.
    Am liebsten htte er ja dieses feine, liebe Gesicht zwischen seine Hnde
genommen und die dunkeln Augen gekt, um die bangen Fragen, die darin standen,
zrtlich zu bejahen.
    Wie konnte er? Wie durfte er?
    Kenne ich sie? Kennt denn sie mich? dachte er.
    Sie standen schweigend. Vielleicht, nein, gewi nur ein paar Sekunden lang.
    Und sie sahen sich an ... War denn das mglich, da sie gestern noch nichts
voneinander gewut hatten? War denn nicht von jeher jede schne Stunde ihres
Lebens schon eine gemeinsame Freude gewesen?
    Das Wunder dieser Nhe, dies Gefhl von uralter Zusammengehrigkeit benahm
sie ganz.
    Raspe dachte: ich bin der Mann - ich mu ein Ende machen. - Sie standen
gewi schon eine unermeliche Zeit ...
    Tulla zitterte. Sie hatte eine qualvolle Angst. Wenn sie jetzt
auseinandergingen, ohne ein Wort der Hoffnung, war es dann nicht eine so
furchtbare Trennung, als risse man Zusammengewachsenes auseinander?
    Leben Sie wohl, sagte Raspe, ich fahre morgen frh in meine Garnison
zurck.
    Tulla legte ihre Hand in die seine - diese schmale, kalte Hand - die ihn
rhrte, die sich so in die seine legte, als gehre sie dahin.
    Sehe ich Sie wieder? Bald? ... fragte sie.
    Sie dachte: bald? Ach, seine Mutter geht ja fort - es kann nicht bald sein.
    Und sie setzte hinzu: Aber einmal - spter - einmal?
    Sie wute selbst nicht, wie flehend es klang.
    Und er sagte herzlich, dennoch aber in voller Selbstbeherrschung alles
niederringend, was ihn fortreien wollte: Ich hoffe.

Nun kam Sophie in eine ihr ganz neue Welt hinein. Das war es gerade, was ihr
Gemt gebraucht hatte. Und anstatt von dem erlittenen Schmerz zerbrochen zu
werden, erhob sie sich daran, ordnete ihn ihrem Wesen und seelischen Besitz ein
und erstarkte zu reiferer und mutvollerer Arbeit. Denn in jeder Frauenarbeit,
besonders in der Kunst, steckt ein gut Teil Trotz gegen das Schicksal.
    Anfangs benahm ihr Hamburg ganz den Atem.
    Das war ja ein verblffender Unterschied gegen Berlin. In Berlin sah man die
gewaltige, endlose, fast betubende Bewegung des Handels im Kleinverkehr -
dieses Kleinverkehrs, der die Massenanhufung von Waren in phantastischer
Schnelligkeit aufzehrte und immer neue Unmengen verlangte und verschlang. - Es
war gerade, als wrfe die Fabrikation von allen Gebieten des Bedarfs her einem
Riesenungeheuer immer neue Millionen von Kleidungsstcken, Ewaren und
gewerblichen Gegenstnden aller Art zu, die das Ungeheuer unersttlich in sich
aufnahm. Man hatte immer den Eindruck, als she man eine Milliarde sich in
Pfennig- und Markstcke auflsen und durch die Straen rollen. Das bloe Zusehen
bei diesem Schauspiel war schon erschpfend.
    Vom Grohandel sah man in Berlin nichts. Er verbarg sich in Kontoren und
Hfen von Straen, in die man nie hinkam, und beherrschte selbst da nicht das
Bild des Lebens.
    Aber in Hamburg sah man eigentlich nur ihn, empfand nur ihn - fhlte die
reichen Lden in einigen Straen der Alstergegend nicht als hervorstechendes
Merkmal - der Hafen triumphierte, dieses wogende Gebreite von Wasser, im
strmischen Grau der Wintertage, gro und dster - mit all diesen
unbersehbaren, sich verzweigenden kanalartigen Armen - flutenden Straen
gleich, auf denen statt der Wagen Schiffe den Verkehr besorgten; flink keuchende
Fahrzeuge, mit dicken, aus Hanfstreifen geflochtenen Ballen an ihren Borden,
Prall und Sto abzudmpfen; Motorboote, die puckerten und an Menschen
erinnerten, die mit kurzen Schritten vorwrts hasten; Dampfpinassen, die
zuweilen einen greulichen Heulton ausstieen; Schlepper, die vorsichtig
dahinrauschten, um nicht zu hohe Wellen zu erzeugen; Verkehrsboote voll von
Menschen. Und an den Dckdalben und Landungsbrcken Namen, wie Straenschilder.
Ja, eine Verzweigung von Wasserwegen. Und sie fhrten alle zu den Teilen des
Hafens, wo die Ozeandampfer lagen und ihre Leiber entlasten und fllen lieen.
Aufgereiht waren die Schiffsriesen gleich einem Heer, das alle seine Regimenter
hat einzeln Stellung nehmen lassen. An der Front eines jeden glitt auf unruhig
bewegten Wogen der Hafenverkehr vorbei. Von den unbersichtlichen, wunderfein
ineinandergegitterten Linien der Taue und des Mastwerks flatterten hoch die
Flaggen, an deren Farben und Zeichen man erkannte, welcher Gesellschaft diese
Gruppe gehrte, welche fernen Hfen ihre Bestimmung waren. Der Ozean, der ihr
Feld war, schien sie zu umwittern - wie einen Knig die Majestt umgibt, auch
fern von seinem Thron.
    An den Kais huften sich die Warenballen und Fsser zu wundervollen
Pyramiden oder hohen Schanzen. Das drhnende Rasseln der schweren Lastfuhrwerke,
die aus allen Straen den Ufern zulenkten, hrte den ganzen Tag nicht auf. Dampf
und Elektrizitt gaben eisernen Hebebumen die Kraft und Leistungsfhigkeit von
hundert Menschenarmen - aber auch die Faust griff zu, und man sah, wie
Stiernacken sich unter dem Gewicht von schweren Scken neigten.
    Jeder dieser groen Dampfer schien eine Welt fr sich, voll atemlosen
Lebens, voll Eile, voll krachenden Getns, rasselnden Kettengeklirrs. Sprde
Laute zogen durch die Luft, als ob auf hunderttausend Bratschen zugleich die
tiefe E-Saite gestrichen wrde.
    Es war ein merkwrdiges Durcheinander aller Vlkerschaften. Da und dort sah
man auf den Verdecken Chinesen rasch und still ihrer Dienerpflicht nachgehen.
Mit ihren schwarzen Wollkpfen und grellen Augen im tiefgrauen Gesicht stachen
die Neger zwischen dem herumhastenden Arbeitsvolk hervor. An der Reling der
Westindienfahrer lungerten kreolische Matrosen.
    Aus vielen Warenschuppen drang der Geruch des grnen Kaffees streng und
wrzig heraus. An andern Stellen hauchte einen der Atem des Sdens an, und viele
tausend Kisten mit Orangen wurden in die ragenden Speicher geschafft. Ganze
Reihen von Loren, voll von Stabeisen, aus den rheinischen Industriegebieten
kommend, wurden entleert, und hellkrachend, als zerberste jedesmal ein ganzes
Haus voll Glaswaren, fielen die Eisenstangen neben das Gleis der Hafenbahn; die
ganze Luft wurde von diesem klingenden, brutalen Lrm erschttert.
    Und zuweilen zerri der traurige, dunkle Schrei einer Sirene diesen Lrm.
Der Abschiedsgru irgendeines Dampfers, der Anker auf ging.
    Ja - das war der Grohandel - und die Salzluft des Ozeans war darin. Der
Begriff der Ferne war ausgelscht - da stand die Kultur und bediente sich der
Hand des Kaufmanns und lie die Erzeugnisse der Vlker hin und her tauschen -
ihre Unterschiede ausgleichend, ihre Mngel ergnzend, ihren Ueberflu
verteilend - -
    Sophie begriff, da ihr Sohn seinem Beruf mit leidenschaftlicher Hingabe
gehrte.
    In diesem ungeheuren Teil volkswirtschaftlichen Lebens mitzuringen, sich nur
zu behaupten, vielleicht sogar in die erste Reihe zu kommen - das war wohl
rechte Arbeit fr ein Manneshirn und eine Manneskraft.
    Ihr Sohn Allert hatte sie mit einer freudigen Nachricht empfangen. Sein
Suchen nach Kapital war von Erfolg gewesen, wenn auch anders, als es eigentlich
in seinem Plan gelegen. Ein Kompagnon hatte sich ihm zugesellt. Ein Chemiker mit
Vermgen, der sich mit einer Viertelmillion beteiligte, war nun Mitinhaber der
Farbwerke Allert v. Hellbingsdorf, und der Firma war im Handelsregister wie auf
den Etiketten aller ihrer Erzeugnisse das Zeichen ;& Cie. zugefgt worden.
Allert sagte, es passe gut; es selbst sei der kaufmnnische, sein Teilhaber der
wissenschaftliche Geist.
    Er lobte den Doktor Dorne - so, wie er zu loben pflegte, mit dem klugen
Vorbehalt, der lange sagt es scheint, ehe er wagt festzustellen es ist.
    Und nicht wahr, Mutter, der Frau Dorne nimmst Du Dich wohl an, soweit Deine
Interessen und Verpflichtungen es zulassen. Du bist ja auch nicht zum Miggehen
hier. - Weit Du - das ist das Groartige in diesen Hafenstdten: das Arbeiten!
Ich glaub' wohl, es macht die Geselligkeit ein bichen enger und strenger, und
es heit, die Weiber htten zu sehr das Prsidium darin - weil eben alle Mnner
so arbeiten - aber da ist kein Grandseigneur zwischen diesen brgerlichen
Aristokraten, und htt' er noch so viele Millionen, der nicht arbeitete mit
aller Anspannung - fr sich und dabei auch noch fr den Staat, in zahlreichen
Ehren- und Verwaltungsmtern.
    Also ich soll nett mit Frau Dorne sein? Gut. Kann geschehen. Auch wenn ich
sie nicht leiden mag. Hoffentlich ist es mir mglich, Dir auch noch sonst zu
ntzen. Ich werde Dich wohl bald bei Frau Senator Amster einfhren knnen. Und
von da aus kommst Du dann in die Gesellschaft.
    Allert lachte.
    Gib Dir keine Mhe, Mutter. Ich bin noch nichts und gelte noch nichts.
    Du bist ein Hellbingsdorf, sagte seine Mutter.
    Er lachte noch mehr.
    Das ist hier ganz egal. Hier gelten nur die hanseatischen Patrizier, und
was sonst herankommt, mu sich erst durch Erziehung, Leistung und Vermgen
allmhlich ausweisen. Das macht's ja gerade so frei und schn - sich hier
heraufzuarbeiten, wo alles arbeitet und man wei, was das ist: Industrie und
Handel. Hier kann es mir nicht passieren, da mich einer anredet - wie vor'n
paar Monaten mal in Berlin Dein Grovetter Baron Bray - Du weit wohl - der von
den Gardekrassieren. - Na, sagte er, was, Allertchen, es geht die Sage: Kofmich
biste jeworden? Legste denn nu 'n Adel ab, oder lte sieben Zacken uf de Tten
drucken?
    Seine Mutter rgerte sich. Als Frau stand sie doch nicht ganz ber solchen
Kleinigkeiten. Aber Allert amsierte sich wieder. Und er machte Bray in Ton und
Miene sehr echt nach.
    Ja, Allert hatte Humor. Gottlob. Wie ihm das half in all den neuen
Verhltnissen, mit denen er durch keine Tradition verknpft war. Tradition ist
solche Hilfe und solcher Halt, dachte Sophie.
    Sie fand ihren Aeltesten ein bichen amerikanisiert in seiner Erscheinung.
Aber sie sah bald, das war so hnlich die Art all der Handelsherren, die in
vornehmer Haltung, dunkel gekleidet, mittags zur Brse gingen.
    Allerts offenes, regelmiges Gesicht war fast bartlos, denn die winzigen
Streifen vor den Ohrmuscheln erschienen eigentlich nur als Verlngerung der
Schlfenhaare. Er war etwas blonder als sein Bruder Raspe und, bei gleicher
Gre, ein wenig voller. Die gleichen blauen, fest blickenden Augen hatte er.
    Und ernsthaft, Mutter, sagte er noch, da Du mich nicht da bei den
Amsters als empfehlenswerte gesellschaftliche Akquisition anpreisest! Ich habe
vor der Hand noch viel zu schwer zu arbeiten, um mich in Verkehr und
Vergngungen einlassen zu knnen.
    Aber wenn Du nicht in die Gesellschaft kommst, hast Du auch nie Gelegenheit
zu ...
    Zu heiraten! ergnzte Allert vergngt. Nee, Mutter - hab' auch noch keine
Zeit dazu - nicht eher, als bis ich meine wirtschaftliche Lage aus allen Kmpfen
heraus ins Gesicherte bugsiert habe -
    Aber das kann doch ...
    Kann lange dauern. Jawoll, Mutter. Sieh Dich mal um, mit recht offenen
Augen - wieviel Mnner kommen vor lauter Arbeit und Kampf ums Brot heutzutage
gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Heiraten! Wenn sie dann so weit sind, Frau
und Kind auskmmlich und standesgem ernhren zu knnen, sind sie grauhaarig
und zu mde, um so bedenkliche Lebensvernderungen noch zu unternehmen. Ich sage
mit Absicht: standesgem! Nicht, Mutter? Ehe man mit Frau und Kindern ins
Jammertal kmmerlicher Beschrnkungen hinabsinkt - auf eine Daseinsstufe kommt,
an die man nicht gewhnt ist - besser bleibt man allein - schon blo aus
sthetischen Grnden.
    Aber wenn Du eine wohlhabende Frau ...
    Allert schlo seine Mutter in die Arme.
    Gern, wenn ich mich besinnungslos in sie verlieben kann. Und nun fang'
nicht noch einen vierten Satz mit Aber an.
    Du gehst respektlos mit mir um, lachte sie glcklich. Und ausreden lt
Du mich nie.
    Doch! behauptete Allert, immer wenn Du was sehr Kluges sagst, und das
tust Du ja meistens. Und nun schicke ich Dir die Dornes, sie brennen darauf, Dir
einen Besuch zu machen. Oder wahrscheinlich brennt nur Frau Julia - Lia -
Juliana - so dergleichen heit sie, glaub' ich - denn er, der Doktor Dorne,
sieht und denkt nur an seine Frau und seine Wissenschaft - die letztere, kommt
mir vor, lt ihm keinen Raum zu Kritik und Unabhngigkeit - Madame hat die
Zgel. Als Chemiker ist er groartig. Sollst mal sehen, der erfindet noch was
Fabelhaftes. Wie man aus Selterwasser Schmierl machen kann - oder sonst was ...
Dann werden wir Millionre, ich zahl' Onkel Just aus - Mutter, wenn Du wtest,
was das so ist fr 'nen Kaufmann, ohne fremdes Geld arbeiten - na und denn kauf'
ich Dir Muschenfelde zurck. Bis dahin empfehle ich die Firma Allert von
Hellbingsdorf &amp; Cie. Deiner gndigen Nachsicht.
    Sie sah ihm lchelnd nach. Die Frische seines Wesens war so wohltuend. Man
hatte so das Gefhl: er spielt mit den Mhseligkeiten des Lebens Fangball. Das
sind Siegernaturen. - -
    Auf Allerts Rat hatte Frau Sophie sich nicht verlassen knnen bei ihrer
Niederlassung in Hamburg. Er gestand offen, da er aus jener Gegend da drauen
bei Hammerbrook nur mal in Geschftsangelegenheiten in die Stadt kme, und nie
nach Harvestehude oder Uhlenhorst oder in die sonstigen Villen- und Wohnviertel.
Seine Fabrik und sein Kontor befanden sich da, wo die Bille ihre ganze liebliche
Wald- und Wiesenvergangenheit verleugnete und sich mit dem graugelben
Riesenstrom in die Arbeit teilte, ein ganzes Netz von Kanlen zu speisen, bis
sie sich dann durch den Billhafen und Oberhafen endlich in die Elbe warf, um in
ihr zu ertrinken. Und zwischen all diesen Kanlen zogen sich die Straen der
Arbeit, des Lrms, der zischenden Dampfpfeifen und der grauen und weien und
gelblichen Staubwolken hin, wo Allert sogar, nur auf das Praktische und Sparsame
bedacht, sich auch seine Wohnung genommen hatte.
    So lie Sophie sich denn gern von Frau Senator Amster beraten, die, wie man
leicht merken konnte, es als etwas ihr Zukommendes empfand, andern Menschen die
Marschroute zu geben. Zum Atelier war ein groes, nach Norden gelegenes Zimmer
im Amsterschen Hause bestimmt worden. Dies lag am Mittelweg in Harvestehude,
behauptete aber in der Reihe der zum Teil prunkvollen Bauten und Grten einen
fast bescheidenen, soliden und altertmelnden Charakter. Es sei schon viele
Generationen in der Familie, sagte die Senatorin, und dereinst nur Gartenhaus
gewesen. Aber nach dem groen Brand von 1842, als das Stadthaus der Amsters
gesprengt wurde wie so manches Haus, um dem Brand Einhalt zu tun, da baute der
Grovater es wohnlich aus. Seitdem war nur ab und zu der ntige moderne Komfort
hinzugefgt worden.
    In einer der Straen, die vom Mittelweg zum Seebassin der Auenalster
hinabfhren, fand Sophie dann die ihr empfohlene Pension Hammonia und zwei
angenehme Zimmer darin.
    Wo man arbeiten kann, fhlt man sich sofort zu Hause, sagte die Senatorin
Amster.
    Und darin hatte sie wohl recht, denn als Sophie vor der Staffelei sa, kam
ihr die Umwelt ganz vertraut vor.
    Jetzt begriff sie auch nicht, wie sie an jenem Abend so flchtig ber ihr
Modell hatte hinsehen knnen. Sie meinte, selbst in ihrem gespannten
Seelenzustand htte ihr dieses Mdchen gleich zu denken geben mssen.
    Marieluis gefiel ihr. Wie gern sah man ihr in das kluge, klare Auge von
unbestimmter Farbe. Ihr Gesicht und ihre Gestalt waren wohlgebildet, die Zge
wie die Glieder wurden von einer bemerkbaren Harmonie getragen. Vielleicht war
ihr Ausdruck zu reif fr ihre zweiundzwanzig Jahre.
    Die Pflegemutter war oft zur Gesellschaft dabei. Es kamen und gingen auch
andere Damen. Offenbar hatte sie fr die Portrtangelegenheit das Interesse
ihres Kreises erweckt. Sophie bemerkte bald, da die Senatorin fr all ihre
Unternehmungen und Beschftigungen sich gewissermaen ein Publikum zu bilden
pflegte; dies mute eine zustimmende und lobende Haltung einnehmen, das war -
unbewut - die Voraussetzung.
    Ich habe noch niemals eine so verstndige Familie gesehen, sagte Sophie,
als ihr Sohn sie am Sonntag zum Essen abholte. Das war so ziemlich die einzige
Zeit, in der er die Gegenwart seiner Mutter genieen konnte. Alles, was sie
tun, mu man billigen.
    Und wie ist es mit der Herzenswrme?
    Oh, die fehlt nicht! meinte die Mutter in bestimmtem Ton. Aber dabei kam
ihr das Gefhl: irgend was fehlt doch. Sie konnte sich aber nicht klarmachen,
was. Unbestimmbarkeiten.
    Da nun die Senatorin sich bewut war, Frau v. Hellbingsdorf hierherberufen
zu haben, folgerte sie daraus die Pflicht, sich der hier Fremden eifrig
anzunehmen. Sie war auch von ihr entzckt. Eine vollkommene Dame und so
einsichtig, sagte sie, woraus der Senator schlo, da die Malerin sich
widerspruchslos von seiner Frau bevormunden lie.
    Es wre ihm aber niemals eingefallen, seine Frau mit derlei zu necken.
    Sophie wurde oft zum Diner geladen, das erst halb sieben begann, wenn der
Senator seine kaufmnnischen und Regierungsgeschfte erledigt hatte. Oft riefen
ihn diese aber sogleich nach Tisch noch zu spten Kommissionssitzungen wieder
fort.
    Als sie den Verkehr der Gatten miteinander einigemal beobachtet hatte,
dachte Sophie: eine solche Sachlichkeit, wie zwischen den beiden herrschte,
ordne doch das Leben in der geschmackvollsten und ntzlichsten Weise.
    Marieluis sa meist schweigend, in unbefangener Haltung aufmerksam und
freundlich mit am Tische und antwortete nur auf Anreden. Ab und zu fehlte sie.
Dann hie es: sie ist zum Kursus. Oder: heut' ist Abendschule. Sophie erfuhr
gelegentlich, da Marieluis einen Kursus besuche, in dem zwei Professoren
abwechselnd kulturgeschichtliche Vortrge hielten, mit besonderer
Bercksichtigung der Volkshygiene in allen Zeiten und bei allen Vlkern. Und die
Abendschule war von einer Frauengruppe begrndet und unterhalten, die sich die
Erziehung unehelicher Kinder zur Pflicht gemacht hatte.
    Immer war die Senatorin voll des Lobes ber die praktische Anstelligkeit,
den raschen Verstand und die glckliche Hand ihrer Pflegetochter.
    Mit immer wachsendem Interesse beobachtete Sophie das Mdchen. Ohne einen
verschlossenen oder auffallend stillen Eindruck zu machen, schien sie doch ihr
Innenleben fr sich zu haben und zu beschweigen.
    Einmal fragte Sophie: Ist Marieluis Ihre Blutsverwandte?
    Nein, antwortete die Pflegemutter und setzte gleich auseinander: Aber
natrlich: kein schlechtes Blut! Wie htten wir ein Wesen von ungewisser Rasse
mit unserem Namen decken wollen! Denn das war ja von vornherein Absicht: wenn
sie sich nach Wunsch entwickelt, adoptieren wir sie, sobald mein Mann fnfzig
wird. Das ist denn auch vor vier Jahren geschehen. Der Vater von Marieluis war
ein junger Arzt, der Letzte eines arm gewordenen, vornehmen hanseatischen
Geschlechts - er fing gerade an, leidliche Praxis zu bekommen. Da zog er sich
eine Blutvergiftung zu und starb. Die Frau stand dicht vor der Geburt des
zweiten Kindes. Infolge der Aufregung ging die Sache nicht gut aus. Mutter und
Kind starben. Die Frau war aus dem Hannverschen, aus einer soliden,
bescheidenen Gutsbesitzersfamilie. Wir haben uns genau nach allem erkundigt!
    Wie traurig, sagte Sophie, wie unaussprechlich traurig.
    Gott, meinte die Senatorin, fr Marieluis ist es schlielich ja ein Glck
geworden. Vielleicht htte sie mit entsetzlich vielen kleineren Geschwistern es
knapp und unruhig gehabt. Nun kann sie ihre Individualitt ausbilden. Und
versorgt ist sie auch, wenn sie ledig bleibt. Natrlich beerbt sie uns nicht
voll. Meine und meines Mannes Geschwisterkinder sind auch noch da. Aber
immerhin: sie hat reichlich zu leben und kann wirken.
    Die bewegliche Natur und Intelligenz meiner Frau brauchte Aufgaben, sagte
der Senator, da gab ich ihr die Pflegetochter. Und ein Budget fr ihre sozialen
Bestrebungen. Um die Details dieser kann ich mich nicht kmmern. Sie
interessieren mich auch nicht. Ich habe andere Pflichten. Wenn meine Frau die
Formen und das Budget innehlt, kann sie machen, was sie will.
    Beides versteht sich ja wohl von selbst, sprach seine Frau sehr stolz und
entschieden.
    Als der zweite Sonntag herannahte, bat die Senatorin: Sie machen uns das
Vergngen? Wir essen Sonntags schon um vier. Wegen der Dienstboten, damit die
Kche frher entlastet wird. Meines Mannes Bruder und Frau, Sie wissen, Thea
Daisters Eltern, werden Sie dann kennen lernen.
    Sie verzeihen und verstehen, wenn ich ablehne. Sonntags widme ich mich
meinem Sohn, er hat in der Woche keine Zeit.
    Nun war aber die Senatorin erstaunt. Davon hatte Sophie von Hellbingsdorf
noch nichts gesagt.
    Lassen Sie ihn doch bei uns Besuch machen, sagte sie, ganz einfach ber
Allert bestimmend.
    Danke - wie liebenswrdig - mir schien aber - ja, er will, glaub' ich,
zunchst ganz ungesellig leben.
    Ach - wie verkehrt! Das reden Sie ihm aus. Die gesellschaftlichen
Beziehungen bringen oft genug Nutzen fr den Beruf. Das ist allerwrts so.
    Ja, Sophie wollte ihm die gtige Erlaubnis bermitteln. Sie rgerte sich
manchmal ber sich selbst - Regentennaturen hatten es ihr gegenber so leicht;
es schien gar nicht zu ihrer selbstndigen Lebenslage zu passen: aber einem
Herrscherton antwortete sie immer etwas zu bescheiden.
    Am Sonntag klagte sie es Allert vor. Aber sie bat ihn auch, bei Amsters
Karten abzugeben. Erstens konnte es ihm wirklich ntzlich werden, vielleicht
traf er da Mnner, deren Ansichten und Verbindungen ihm frderlich sein konnten.
Und dann: Frau Amster war geradezu fr sie ein Agent. Sie hatte es richtig schon
erzielt, da Sophie weitere Auftrge bekam: die beiden schnen Knaben einer Frau
Haimbrugk sollte sie als Doppelportrt malen und eine sehr elegante, bermig
schlanke Amerikanerin mit wunderbarem Haar, die sich krzlich mit einem Vetter
der Frau Amster verheiratet hatte, als Halbfigur. Diese Bilder sollten ebenfalls
in dem Nordzimmer gemalt werden, das die Senatorin zum Atelier bestimmt hatte.
    Das mute man doch auch bedenken. Und somit versprach Allert seufzend, was
ihm doch nur Strung bedeutete.
    Wer Geld verdienen will, ist schlielich abhngig, sagte er.
    Wer keins mehr zu verdienen braucht, weil er zu viel hat, ist es noch viel
mehr.
    Es lebe der kleine Rentner, rief Allert.
    Von dem Rositz immer sagte, er sei der Feind der Entwicklung.
    Rositz - Gott ja - der arme Rositz. Hrst Du wohl mal was von seiner
Familie?
    Oft schreibt mir die Tochter. Sie hat sich rhrend zrtlich an mich
angeschlossen.
    Ja, Mutter, dazu ldst Du ein. Hoffentlich tut es Julia Dorne auch. Du bist
so mtterlich-weiblich. Du httest zehn Tchter haben sollen.
    Bin zufrieden, wenn ich nur zwei Schwiegertchter bekomme.
    Das ewige Thema. Und sie lachten.
    Dorne hat doch auch Zeit gehabt, sich zu verheiraten, sagte die Mutter.
    Das lag anders fr ihn. Er hat ein Vermgen von annhernd einer halben
Million. Er war also unabhngig. Und doch - da er der geborene Arbeiter ist -
weit Du, es gibt so viele Sorten von Arbeitern - solche von der Art der
Bohrwrmer, still, pausenlos, unbemerkbar - andere wie Pferde, stolz, khn,
rasch - dritte wie Stiere, kraftvoll, aber plump - na, Dorne ist Bohrwurm.
Gnzlich. So'n Mann htte eigentlich nicht heiraten sollen. Pa auf - Du wirst
schon sehen.
    Dornes und Allerts Mutter hatten Besuche ausgetauscht und sich verfehlt. Nun
wnschte Frau Julia durchaus eine Begegnung am dritten Ort. Sie war noch nicht
mit ihrer Einrichtung fertig, konnte noch keine Gste haben und war doch voll
Ungeduld, die Bekanntschaft von Allerts Mutter zu machen. Sie strte die Herren
ab und an mit ihrem Besuch, kam am Kontor vorgefahren und lie sich von Allert
immer wieder die Fabrik erklren. Er dachte: die langweilt sich. Und er dachte
weiter, es sei besser, ein kleines Zeitopfer zu bringen, damit ihr Wunsch
erfllt werde. Morgen nun war ihr Geburtstag. Sie hatte sich ausgebeten, da man
ihn feiere. Man wollte auswrts essen. Die Zeit, fnf Uhr, war Sophie angenehm,
dann hatte sie sich lngst von der Arbeit erholt. Jetzt an den kurzen
Dezembertagen konnte man keine Sitzungen nach ein Uhr mehr abhalten.
    Als Allert am andern Nachmittag das Kontor verlie, um sich umzukleiden, war
er eigentlich wtend. Mitten aus der schnsten Arbeitszeit heraus! Aber er
trstete sich damit: gleich nach dem Essen, wenn das Geburtstagskind ihren
Ehemann noch ins Theater verschleppte, konnte er sich wieder ber seine Bcher
und Korrespondenzen hermachen.
    Es war ein greuliches Wetter. Nebel. Dieser Hamburger Nebel, der ein Bruder
des Londoner ist. Allert stand einen Augenblick im Einfahrtstor. Hinter ihm lag
die Fabrik, mit ihren Schuppen, Maschinenhaus, Kontor und Lager und all dem
Nebenkram von Karren, Kisten, Abfallhaufen. Es war ein feuchtes, verschwommenes
Bild von dsterm Graugelb. Lichtflecken standen darin wie verwischt von nassen
Pinseln, der Schein verflo in das Grau hinein. Und durch diese dicke, stechende
Luft klang allerlei Gerusch: Pfeifen, Pusten, das dumpfe Stoen von Kolben, das
Plappern von Maschinenrdern, das Zischen von Dampf.
    Vor ihm zog sich die Strae entlang, schmutzig, na, ekel und
unbersichtlich. Hinauf, hinab in einen graugelben Schlund verlaufend, die
Laternen von dichten Nebelfloren umhllt. Und jeder Atemzug schmeckte nach
Kohlen.
    Die Menschen schienen zum Nibelungengeschlecht geworden, das verdammt war,
in unterirdischen Hhlen das Gold zu schmieden. Und in Allerts Ohr formte sich
das Gerusch, das ringsum aus den schaurig umhllten Arbeitssttten drang, zum
Gehmmer der Zwerge Alberichs. Er pfiff den Rhythmus vor sich hin und ging dem
Brgersteige nach, um seiner Wohnung zuzustreben.
    Als er um die Ecke bog, hrte er seltsame Laute - Lachen, kurz und roh - den
Schrei einer Frauenstimme - er sah niemand und nichts. Aber dem Klang nach war
das in der Richtung seines Weges. Er beschleunigte seine Schritte nicht. Denn
das gab es hier drauen alle Augenblicke: Balgereien zwischen betrunkenem
Mannsvolk und liederlichem Weibszeug. Das prgelte sich und vertrug sich.
    Aber nun, wo er dem Stimmenklang nher kam, zeigten sich auf dem Brgersteig
im feuchten Nebel Umrisse ... Mnner, die auf ein weibliches Wesen einzudringen
schienen - nein, waren es nicht zwei? - Und im verflieenden Licht einer
umnebelten Laterne hob sich ein Arm - wieder ein Schrei - und im gleichen
Augenblick, als Allert das Gefhl bekam, da da doch Frauen gegen Mnnerroheit
zu schtzen seien, rannte auch schon eine weibliche Gestalt daher und gegen ihn
an und weiter - wie besessen. Taumelnd hinter ihr drein ein Mensch - Allert
schob ihn bei Seite - plump schlug der hin - schwer, wie Krper tun, die alle
Macht ber ihre Bewegung verloren haben. So blieb er liegen und schimpfte
lallend ber die nassen Straensteine weg. Zugleich sah Allert auch schon, da
da an der Hausmauer sich eine Gestalt lehnte - mit dem Rcken sich feststemmend
- den gebogenen rechten Arm erhoben, ihn wie zum Schutz vor ihr Gesicht haltend,
mit der Linken den Mann abwehrend, der auf sie eindrang. -
    Een ltten Sten - eenen ltten Sten ..., sagte der heiser.
    Schon war Allert neben dem Kerl und stie ihn mit starker Faust zurck. Auf
diese ganz unverhoffte Erschtterung seines Gleichgewichts war der Angetrunkene
nicht gefat gewesen - mit groteskem Tappen, die Arme in die Luft
hineinschlagend, versuchte er sich vor dem Fall zu bewahren. Er hatte auf der
Stelle das weibliche Wesen vergessen und war voll Wut auf den Sto und rohrte
allerlei Unklares und Bedrohliches vor sich hin und kreuzte schwankend auf dem
Brgersteig, und war entschlossen, sich sowas nicht gefallen zu lassen - und
berhaupt so'n Kerl - was unterstand der sich hier - stie einen weg - wenn man
blo mal eben mit 'ner hbschen Deern 'n bschen ndlich sein wollte - nee, so
was braucht man sich nich gefallen zu lassen - in 'n Leben nich. - Und sein
Zorngemurmel verlor sich - die mit den Armen nach Halt ausgreifende, hin und her
vagabundierende Gestalt verschlang der Nebel.
    Allert stand vor dem jungen Mdchen - oder war es eine Frau? Gehrte sie in
diese Gegend? Sie trug einen sehr einfachen langen Paletot - ihr Hut war von der
grten Unscheinbarkeit - dennoch hatte Allert sofort das Gefhl: eine Dame.
    Hoffentlich ist Ihnen nichts geschehen? fragte er hflich.
    Nein. Danke. Man ist ja immer mal Zudringlichkeiten ausgesetzt. Aber diese
beiden Betrunkenen waren grlich.
    Sie bckte sich ein wenig und schlug ihren Mantel ab. Durch Allerts Hirn
blitzte ein Gedanke: ein Hallelujahmdchen? Aber nein, das war nicht die
Kleidung der Heilsarmee.
    Und Dory ist weggelaufen, stellte die Dame nun erst fest, es scheint ...
    Ja, mir lief eine Dame in die Arme und vorbei - aber der Mensch da fiel hin
- ich sah - Sie hatten mich ntiger!
    Danke. Ja - Sie kamen zur rechten Zeit ... Aber Dory? Sie schien zu
berlegen.
    Hinterdreinlaufen wre nicht ratsam, sagte Allert.
    Und rufen unntz, meinte das junge Mdchen. Und nach einem kurzen Besinnen
fgte sie hinzu:
    Ich will ein wenig hier warten. Wenn meine Freundin in einigen Minuten
nicht zurckkommt, mu ich annehmen, da sie nach der Amsinckstrae gerannt ist,
um die Bahn zu erreichen.
    Sie erlauben, da ich mit Ihnen warte, sagte Allert sehr hflich und sehr
bestimmt. Er verstand es, eine uerste Zurckhaltung merken zu lassen und
zugleich auf eine herrische Art zu zeigen, da es nicht seine Sache sei, eine
junge Dame unbeschtzt zu lassen. Ja, sein Ton war beinahe unfreundlich. Er
fhlte ungefhr: sie soll um Gottes willen nicht denken, da sie vom Regen in
die Traufe kam.
    Solch stattliches Mdchen! Was tat die hier in den dstern Straen?
    Nun sah er gewi, es war eine Dame. Das klare, graue, sicher blickende Auge
stand in einem Gesicht, dessen Zge sehr gewinnend waren. Besonders den Mund
fand Allert wunderhbsch - so klug und in den tiefen Winkeln versteckt ein
liebliches Lcheln. - Wenn er das doch htte hervorrufen drfen! Aber er
begriff, er mute barsch und fern und streng bleiben.
    Auf seine Erklrung, mitwarten zu wollen, neigte sie zustimmend ein wenig
den Kopf, verbindlich ohne jede Verlegenheit. Gerade so, als stnde man auf dem
Parkett unter strahlender Krone zusammen und nicht auf der nassen Strae im
graugelben Nebel, der den Himmel von der Erde schied und auf allem Lebendigen
lastete, als sei ein Riesenkessel darbergestlpt, unter dessen Rand heraus nun
der ble Brodem nicht entweichen knne. Die Stadt rumorte darin, und die Lichter
glommen - alles flo ineinander, Tne, Strahlen, Formen, Farben - alles war wie
zusammengewischt von einem feuchten, grauschwarzen Lumpen. -
    Sie warteten - vielleicht so lange, wie man bis hundert zhlt, schweigend.
    Das war sehr lange.
    Ein paar Schritte weiterhin, auf dem Fahrdamm, den Kantstein des
Brgersteigs als Kopfkissen benutzend, lag der Kerl. Er schlief.
    Man sah ihn eigentlich nur, weil man wute, da lag er. Der Nebel umhllte
ihn bis zur Undeutlichkeit.
    Es mte gleich zur nchsten Polizeiwache telefoniert werden, sagte die
Dame, der Mann kann sich den Tod holen.
    Keine Sorge. Betrunkene nehmen keinen Schaden.
    Dieser Alkohol ..., sprach sie bedauernd.
    Und so sachlich, als flgen ihre Gedanken zugleich ber das ganze Gebiet der
Bewegung gegen den Schnapsteufel. Jetzt kamen ein paar Jungen vorbei; der eine
schlampte auf Holzpantoffeln, es klappte hell. Sie blieben dann bei dem
Betrunkenen stehen - stieen ihn an - lachten - riefen ein Schimpfwort und
gingen weiter.
    Was ihnen Entsetzen sein sollte, ist ihnen ein Jux, sagte die Dame.
    Ja, bemerkte Allert, das ist wohl die schwierigste Aufgabe der
Volkserziehung, das Laster als Laster begreiflich zu machen.
    Aufgabe - noch fr Jahrzehnte, gab sie zu.
    Sie sah immer nach der Richtung hinaus, die ihre Gefhrtin bei der Flucht
genommen hatte. Aber in dem sprlichen Leben der Strae erschien die Erwartete
nicht. Um den Betrunkenen bildete sich nach und nach eine kleine
Zuschauergruppe.
    Die Dame scheint nicht umgekehrt zu sein, sagte Allert.
    Nein wirklich, ich glaube auch, sie kommt nicht zurck.
    Und dann erwog sie laut: Es wird fr mich am besten sein, nach der
Amsinckstrae zu gehen und die Ringbahn zu nehmen - wir waren noch nicht fertig
- aber allein - das sollen wir nicht ...
    Sie gestatten, da ich Sie begleite, sprach er wieder in seinem bestimmten
Ton.
    Sehr gtig. Ich habe keine Furcht.
    Er hielt sich neben ihr. Und er dachte: ich werde nicht fragen - sie wird
vielleicht von selbst etwas erklren - eigentlich mte ihr Gefhl ihr das
eingeben.
    Sie sprte vielleicht aus seinem taktvollen Schweigen seine Erwartung
heraus. Denn pltzlich sagte sie:
    Sie haben wohl erraten - meine Freundin und ich waren auf Wegen sozialer
Bemhungen.
    So was dergleichen dacht' ich mir - Armenpflege - Frauenverein - fromme
Ermahnungen.
    Die letzteren nicht. Der Verein, dem meine Mutter vorsteht, verquickt nicht
kirchliche Propaganda mit rein menschlichen Pflichten. Wir beschftigen uns vor
allem mit der Rettung gefallener Mdchen und unehelicher Kinder.
    Sehr schn, sagte Allert, aber es ist fr Damen immer milich, sich in
die Industrieviertel zu wagen und obenein in solchen dunklen Nachmittagsstunden
und in solchem Nebel.
    Wir gehen immer zu zweien. Und ich bin nun einmal Montags von vier bis
sechs an der Reihe. Wetter und Licht kann man sich nicht aussuchen. Im Frhling
ist es freilich leichter.
    Gndige Frau, sprach er warm, es ist sehr schn, wenn Damen am sozialen
Ausgleich mitarbeiten - ich habe nicht die Ehre, Sie, Ihren Verein und seine
Arbeitsmethoden zu kennen - aber ich hab' zu oft gesehen: das Dilettieren in der
sozialen Frage erbittert oft die Betroffenen mehr, als da es sie erhebt.
    Unser Verein hat schon viel Segen gestiftet und besonders durch Aufklrung
die heranwachsende weibliche Jugend geschtzt. Ich glaube sagen zu drfen, da
wir taktvoll vorgehen. Wir vermeiden sogar, durch unsere Kleidung Neid zu
erwecken.
    Aber da waren sie nun. Die Strae, zur Linken von weiten Pltzen, noch in
der Umwlzung begriffenen Anlagen, von groen Bauten, Planken und
Bahnberfhrungen flankiert, war voll Leben, das aus dem Nebel auftauchte und
wieder darin verschwand.
    Sie muten auf dem Rand des Brgersteigs einige Minuten warten, bis die
richtige Bahn kam. Zwei-, dreimal glhten die Laternenaugen elektrischer Wagen
heran, und oben, vorn ber ihren Stirnen, erhob sich im transparenten Licht ihre
Zahl. Die erhellten Fensterreihen glitten vorber, und man sah drinnen all die
Rckseiten dieser Menschen, die einem fremd waren, von deren Fahrt und Ziel man
nichts wute, und die doch da, hell und warm und gesellig, ein Stck des eigenen
Lebens auszumachen schienen.
    Allert htte ja nun gehen knnen. Hier stand die Dame sicher. Aber
irgendeine Empfindung hielt ihn an ihrer Seite fest. Er erwog, ob er sich
vorstellen solle. Nein. Das erschien ihm zwecklos, fast zudringlich. Wozu einen
Namen hersagen, den sie vielleicht nicht verstand oder nicht behielt und nach
einer halben Stunde ihrem Mann, wenn sie ihm dieses Abenteuer erzhlte, nicht
einmal mehr richtig wiedergeben konnte.
    Sie hatte die Anrede gndige Frau nicht zurckgewiesen. Vielleicht, nein
gewi, weil sie zutreffend war. Aber es konnte auch sein, weil sie dem fremden
Herrn keinerlei Annherung zeigen und gestatten wollte. Wenn man in solcher Lage
sagt, wer man ist, kann ein Taktloser gleich viel fragen ...
    Ihre Haltung war von einer ganz ungewhnlichen Sicherheit. -
    Allert verstand wohl: beste Erziehung.
    Sie brauchen sich meinetwegen nun wirklich nicht lnger zu bemhen, sagte
sie.
    Er dachte rasch: wenn Mutter nun nicht auf mich wartete, knnte ich flunkern
und tun, als wenn dies eben mein Weg gewesen wre, und als wenn ich genau auf
diese Bahnlinie selbst warte.
    Aber ihm blieb nichts anderes brig, als sehr frmlich und ernsthaft den Hut
zu lften.
    Ach - meine Bahn, rief sie gleichzeitig.
    Und nickte unwillkrlich dem noch fernen Wagen zu, der heranglitt, ein
beweglicher Glaskasten voll Licht und Gestalten. Und der durchhellte dicke Nebel
spann um ihn einen Schein.
    Ich danke Ihnen nochmals, sagte sie noch rasch und sehr freundlich. Es
war, als ob diese allerletzte Sekunde, die gleich, gleich abgeschnitten ward vom
fast schon haltenden Wagen, ihr die sachliche Art und die strenge Zurckhaltung
etwas nahm.
    Und ihre grauen, klaren Augen strahlten ihn warm an - das war wie ein Husch.
- Da griff schon ihre Hand nach der Stange des Trittbretts, und sie wurde
frmlich hineingezogen in das Gedrnge von Menschen, die den Hinterperron
fllten. - Besetzt! schrie der Fhrer - der Wagen glitt schon weiter -
    Vorbei.
    Allert kam sich ein bichen dumm vor, als er nach ein paar Herzschlgen
merkte: er stand noch immer da ...
    Er begann wieder pfeifend vor sich hinzusummen und schritt schleunigst den
Weg zurck. Er mute doch in seine Wohnung und sich umkleiden - in diesem
Vorhaben unterbrach ihn ja das Abenteuer der Dame. Hm - Abenteuer? Sie schien es
gar nicht als solches aufzufassen. Welche Gelassenheit sie sofort zeigte.
Vielleicht hatte sie sich kaum mal gengstigt - whrend ihre Freundin mit einem
Schrei davonlief. Eine khle, tapfere Seele? Oder so erfahren? Lief vielleicht
jahraus, jahrein in den Hfen, Gngen und dsteren Straen umher, als Engel der
Barmherzigkeit? Oder war eine von denen, die bewut halb, halb uneingestanden
ein lsternes Interesse an den Nachtseiten des Lebens haben? Konnte auch eine
von den sozialen Priesterinnen sein, die sich einbilden, mit etlicher
Ellbogenkraft, Broschren, Versammlungen und Geschrei lasse sich alles
ausgleichen? Die mit dem Wohltun und der Sittlichkeit gleich die Vorherrschaft
der Frau befestigen wollen?
    Wer konnte das wissen. Vielleicht von alledem ein Gemisch - wie meistens - -
    Schne Augen hatte sie und ein kluges, liebes Gesicht. Und eine Gestalt ...
Donnerwetter! dachte Allert.
    Und als er lngst in seiner Wohnung war und sich mit seinem Kragenknopf
herumschlug, weil vor lauter Eile seine Finger tapsig waren und das Knopfloch im
Halsbndchen des Manschettenhemdes schikans zusammengeplttet schien - selbst
mitten in diesen Umkleidergernissen dachte er immerfort an dies kluge,
beherrschte Gesicht.
    Ob der Mann das wohl mag? fragte er sich.
    Wenn sie einen Mann hatte.
    Aber doch wahrscheinlich. Schon die Zwecke des Vereins, die sie mit kurzen
Worten streifte, schienen das zu verbrgen. - Ein Verein, der die heranwachsende
weibliche Jugend durch Aufklrung vor dem sittlichen Fall bewahrte - durch
sexuelle Aufklrung natrlich - denn wie sonst?
    Und Allert hatte alsbald einen humoristischen Gedanken dazu: und weil der
Verein wohl sprte, da Aufklrung hier und da ermunternd wirken konnte, sorgte
er auch gleich fr die unehelichen Kinder.
    Unwillkrlich fiel ihm seine selige alte Tante Malwine Patow auf Welsin ein.
Die lie ganze Massen von Kattunkleidern fr die Patagonier nhen, um sie
Keuschheit zu lehren und in ihnen den Begriff der Unanstndigkeit des Nackten zu
erwecken. Und wie Tante Patow dann entsetzt war, als ihr irgendein Globetrotter
zuschwor, die Patagonier gingen infolge der Bekleidung ein. Frher waren sie
blo mit Fett beschmiert gewesen, da troff das Meerwasser, in dem sie sich zur
Nahrungssuche aufhalten muten, perlend von ihnen ab. Jetzt klebten die nassen
Kattunkleider ihnen am Leib, und darin konnten sie dem rauhen Klima nicht
trotzen. Sie bekamen Schwindsucht, Erkltungsepidemien und starben wie die
Fliegen. Von da an legte Tante Patow jeder Sendung von Kattunkitteln viele
Pakete Kamillentee, Brustbonbons und sogar Antipyrin bei.
    Allert lachte in sich hinein.
    Wenn sich ein Erlebnis in Humor auflst, sollte es eigentlich berwunden
sein.
    Aber auf der Fahrt zu seiner Mutter fielen ihm immer wieder die grauen Augen
ein und der reizende Mund.
    Ein Mund zum Kssen.
    Reue wollte ihn anwandeln. Er htte, bei aller formvollen Haltung,
unternehmender sein sollen - sich doch vorstellen - oder wenigstens durch eine
Frage irgendwie es herausbekommen mssen, Frau? - Frulein? -
    Frulein - Frulein? dachte Allert kopfschttelnd. Ja, wer konnte das
wissen. Heutzutage! Wo stolze Englnderinnen Minister verprgeln, um ihnen ihr
Stimmrecht begreiflich zu machen. Wo junge Damen in ffentlichen Versammlungen
Vortrge ber Prostitution halten. Wo in Frauenkpfen die Schamhaftigkeit von
der Wissenschaftlichkeit verdrngt ward und zarte Tchter aus vornehmen Husern,
ohne Erwerbsnot, sich zum Studium aller Mnnerberufe drngten - -
    Ja, ja, man kann nicht wissen - - Die Umrisse schwanken.
    Pltzlich fiel ihm ein: Wenn der Kerl so weit gekommen wre, seine Begier zu
befriedigen ... Allert hrte frmlich mit dem Gedchtnis seines Ohres nochmals
diese lallend heisere Stimme brllen: en ltten Sten ...
    Er konnte schon etwas Platt. Er wute, da das Volk den Ku einen Sen
nannte ...
    Ja, wenn der Kerl seinen gierigen Willen gekriegt htte ...
    Und bei der Vorstellung stieg ihm das Blut zu Kopf vor Zorn - eine
wunderliche, schreckliche Art Eifersucht, in Angst verkleidet, packte ihn ...
    Viel mehr war das als das bloe Beschtzergefhl des Mannes, der kein Weib
antasten sehen mag ...
    Und aus diesem Zorn und Ekel heraus ber den Angriff, dem sie ausgesetzt
gewesen, sagte er sich entschlossen: Sie kann keinen Mann haben ...
    Welcher Mann mchte sein Heiligtum solchen Gefahren aussetzen?
    Er wurde traurig. Irgendein unbegreifliches, weil unbestimmtes Gefhl legte
sich wie ein Druck auf seine frohe Laune.

Bei seiner Mutter fand er Besuch. Er erkannte die Dame sofort, er hatte ihr Bild
auf der Staffelei bei seiner Mutter gesehen als einen schon ausgefhrten Kopf,
der auf der groen, sonst noch weien Leinwand sich abhob, whrend die Linien
der Gestalt nur von ein paar Kohlestrichen angedeutet waren.
    Und Thea Daister sagte, da sie sich fr seine Unpnktlichkeit bedanke,
sonst wrde sie ihre geliebte Frau von Hellbingsdorf nur fr fnf Minuten gehabt
haben. Jetzt aber erhob sie sich eilig und zog unruhig und zerstreut ihren
Pelzschal hher um die Schultern und kam doch nicht so recht zum knappen,
letzten Wort.
    Ja, und was ich ganz vergessen hab', sagte sie hastig, es interessiert
Sie doch? - Sie schtzen doch den Mann? O Gott, diese Frau! Fabelhaft. Die
Kleine war vorgestern bei mir und gab mir noch tausend Gre an Sie auf und
erzhlte, da sie, so wie heute, nach Sankt Moritz abreisen wollten. Da sei dann
doch Leben und Unterhaltung, an der man trotz der Trauer teilnehmen knne.
    Sophie erriet, da von der Frau und Tochter des verstorbenen Freundes die
Rede sei.
    Und Tulla meinte, viel lieber fhre sie mit mir nach Hamburg - ich htt'
sie gern eingeladen, mitzukommen - bei meinen Eltern ist ja Platz in Hlle und
Flle - aber so 'n fremdes Element - und gerad' so Weihnacht - das mgen Pa und
Ma nicht. Und auerdem, wir wollen ja gleich nach Neujahr selber 'n kleinen
Rutsch nach Sankt Moritz machen - ja - -
    Sie atmete wie eine, die beim Laufen die Luft verloren hat, und schlo:
Aber nun mu ich wirklich gehen.
    Abhaltung ber Abhaltung, schalt Allert. Aber er sagte nicht, welcher Art
die seine gewesen sei.
    Natrlich saen die Dornes schon in bler Laune in der Halle des Hotels
Atlantic, wo zwischen den riesigen Sulen, auf dicken Teppichen, die
verschiedenen Sitzgelegenheiten von sanftem Licht bestrahlt wurden und rechter
Hand ein kleiner Wintergarten mit weien Gartenmbeln eine geknstelte
Frhlingsstimmung hervorzurufen versuchte.
    Aber im Augenblick, wo Frau Julia Dorne Allert sah, strahlte ihr Gesicht
auf.
    Sie ging ihm und seiner Mutter entgegen. Fast mit Leutseligkeit. Jedenfalls
mit der Verbindlichkeit einer, die von sich die hohe Meinung hat, andere durch
ihr Wesen und Dasein zu erfreuen. Das war so bemerkbar, da Sophie stutzte.
    Und berhaupt war sie erstaunt: sie hatte ein junges Paar erwartet. Dieser
Mann mute ber vierzig, die Frau ber dreiig sein. Der Mann sah ein wenig
gebckt aus. Seine Augen waren hell und ausdruckslos. Doch belebten sie sich und
glimmerten weilich, wenn er sprach. Das Haupt war fast kahl, die Zge
regelmig und angenehm. Einen kurzen, trockenen Husten, der an ihm auffiel,
konnte man fr eine gedankenlose Angewohnheit nehmen.
    Wie der Mann so war, verschwand er durchaus neben der auffallenden und sehr
betonten Erscheinung seiner Frau. Sie wirkte, wie sie lchelnd in der
vorteilhaft gedmpften Beleuchtung stand, sehr reizvoll. Sophie mit ihren
scharfen Beobachteraugen sah es rasch: das war eine von jenen bleichen, nervsen
Frauen, die je nach ihrer Stimmung unwiderstehlich anziehend oder
bemitleidenswert verblht erscheinen knnen. Von jener gefhrlichen,
unregelmigen Schnheit, deren Einzelzge man immer vergit, weil die Augen in
dem Gesicht triumphieren. Gro und schwarz waren diese Augen, und sie strahlten
und flammten, als brche ein sprhendes, geheimes Innenleben unaufhaltsam daraus
hervor.
    Als man dann, nach Erklrungen, Entschuldigungen, Glckwnschen, im groen
Speisesaal an einem runden Tisch sa, vor der Hauptwand, in der Reihe vieler
anderer solcher Tische, da kam eigentlich nicht die unbefangene Lebhaftigkeit
der Unterhaltung auf, wie man von der Gelegenheit und zwischen vier gescheiten,
durch Interessengemeinschaft verbundenen Menschen htte erwarten drfen.
    Frau Julia roch zuweilen an den Rosen, die Allert ihr, dem Geburtstagskind,
mitgebracht hatte, und sah ihn dann dabei immer mit einem tiefen Glanz in den
Augen besonders vertraulich an.
    Auf einige halb fragende Bemerkungen Sophiens hin erzhlte Doktor Dorne, da
er bisher ein stilles Gelehrtenleben gefhrt habe, in seinem Laboratorium
forschend und experimentierend - auch habe er einige Erfindungen gemacht und
Patente darauf genommen - aber zur rechten Ausnutzung sei nichts gekommen - er
habe immer zgernd gewartet - sich nicht in das hochgesteigerte Konkurrenzleben
der chemischen Industrie hineinbegeben mgen - indessen, die Anforderungen heute
seien sehr gro - eine Rente mit dem Charakter der festen Grenze im Finanziellen
werde oft unbequem - die Tchter wuchsen heran - und so entschlo er sich, sein
Geld arbeiten zu lassen. - Der gemeinsame Bekannte, der ihm vorgeschlagen hatte,
sich Allerts jungem Unternehmen anzuschlieen, war ihm autoritativ.
    Sophie sprach den Wunsch aus, die Verbindung mge beiden Teilen zum Segen
gereichen. Aber es kam nur ganz hflich aus ihrem Munde, fast zerstreut.
    Ich stellte meinem Mann vor, sagte Frau Julia Dorne - sie sprach oft etwas
stockend, als suche sie den besten Ausdruck und wolle nichts bereilt oder in
nachlssiger Form sagen - da er geradezu ein Unrecht begehe, wenn er seine
Wissenschaft, die ich bewundere, nicht ausnutze. So bedeutende Veranlagungen und
so unerhrte Kenntnisse darf man heute nicht als Privatgenu kultivieren. Die
Allgemeinheit hat ein Recht daran.
    Und ihr Mann sah sie aufmerksam und mit einem leisen dankbaren Lcheln an.
    Im Grunde nahm nun die Frau das Gesprch in die Hand.
    Allert hrte zu. Er sah wohl, die schwarzen Augen hatten viel Gte fr ihn -
er empfand das von fern - wie ein Schauspiel - kein neues, kein ungewhnliches -
auch diese kleine Tafelrunde hier und die sacht huschenden Kellner, die leisen
Gste an den andern Tischen - die still glhenden Lichter zwischen den Prismen
sprte er. - Vor seinem geistigen Auge war ein anderes Bild: klebrig, graugelber
Nebel, stechende Feuchtigkeit ringsum, Kohlengeschmack in der Luft, trb
umflorte Laternen und mitniges Grlen. Und dazwischen das kluge, liebe
Angesicht, blonde Haare und klare, graue Augen. - -
    Das hab' ich getrumt! dachte er.
    Aber dies hier war Wirklichkeit: Die schne Frau, die aufblhte wie eine
Jerichorose und, im Vergngen, gefallen zu wollen, von allen Seiten beachtet zu
werden, immer reizender wurde ...
    Erzhlen Sie mir doch etwas von der Hamburger Gesellschaft. Ihr Sohn sagt,
Sie seien so scharmant aufgenommen worden. Wir mssen uns orientieren - mit
Vorsicht whlen - bis Ingeborg und Dolores erwachsen sind, mit einem Lcheln
darber, da man ihr ja doch nie die erwachsenen Tchter glauben werde, sagte
sie es - ja, bis dahin mssen wir einen festen Kreis haben. - Man kann ja nicht
exklusiv genug sein - es heit, eine Auslese treffen ...
    Auslese treffen? wiederholte Sophie, etwas benommen von all dem
Selbstgefhl, ich glaube - es scheint mir - es ist nicht so ganz leicht,
hineinzukommen.
    Nun, sagte Frau Julia mit einem Siegerlcheln, es gilt nur die ersten
Anknpfungen - dann sehen ja die Leute, mit wem sie es zu tun haben.
    Gndige Frau fhlen sich offenbar vorderhand als Prinzessin Inkognito,
meinte Allert neckend.
    Durchaus, und ich ernenne Sie zu meinem Ritter und ersten Kammerherrn.
    Dabei leuchteten die schwarzen Augen ihn funkelnd an. Allert verbeugte sich.
Ihr Mann lchelte nachsichtig.
    Ihre Tchter aber werden traurig sein, da sie am Geburtstag der Mama nicht
mitessen durften, sagte Sophie.
    O, Ingeborg und Dolores drfen noch nicht ins Restaurant, erklrte Doktor
Dorne, meine Frau ist mit Recht dagegen.
    Sehr richtig, dachte Sophie, aber dann bleibt man an solchen Tagen bei den
Kindern zu Haus - mit uns, das htte ja keine Eile gehabt - oder lag der Frau so
beraus viel an Allerts Gesellschaft? Fast schien es so. Doch Sophie suchte nach
einer Erklrung: vielleicht wollte die Frau das Ihre tun, zwischen den beiden
Mnnern, die nun doch durch die allerwichtigsten Interessen miteinander
verbunden waren, das Verhltnis recht gut zu gestalten - und tat dies auf ihre
Art. -
    Sie fragte: Sie gaben Ihren Tchtern so schne Namen? Nordisch und
spanisch.
    Als Ingeborg geboren wurde, erinnerten mein Mann und ich uns so lebhaft an
eine herrliche skandinavische Reise, wo wir mit einem Freunde meines Mannes
Stunden wundervoller Poesie erlebten. Weit Du noch?
    Er nickte und berichtigte mit Genauigkeit: Das heit, Herr von Adlerbjerg
war eigentlich Dein Bekannter, Du stelltest ihn mir vor.
    Aber Du gewannst ihn rasch sehr lieb und schtztest ihn als einen der
vornehmsten Menschen, die je ...
    Freilich, nickte er, sehr vornehm.
    Sophie fragte mit noch mehr Interesse weiter: Und Dolores?
    Dolores? Ja, wie kamen wir doch darauf? Ich wei nicht mehr.
    Es war Dein Wunsch, erinnerte ihr Mann. Weit Du noch, wie Bredarez in
der Stadt war und Deinen Kopf mehrfach zeichnete - Du gewannst damals eine wahre
Schwrmerei fr alles Spanische. - Bredarez entdeckte auch, da meine Frau ein
ausgesprochenes Maltalent habe, und gab ihr Unterricht - schade - da Du's so
ganz liegen lt. -
    Bredarez! dachte Sophie gengstigt. Bredarez, der geniale Hund - der
fabelhafte Maler und unbedenkliche Frauengenieer?
    Ach ja, sagte die schne Frau lchelnd, aber wie man doch vergit - - wie
hbsch war das damals. Und wie gut, da man ab und zu eine Beschftigung fr die
Phantasie hat, sonst wrde man sich und andern langweilig.
    Ihr Mann sah sie bewundernd an. Und ganz von fern wollte sich in ihm eine
schwere Erinnerung rhren, wach werden - an die Eifersucht, die er damals, tief
verhehlt, empfunden hatte. Nun wieder sah er's: zu Unrecht! Denn sie hatte jene
Vorliebe fr das Spanische vllig vergessen ... Das konnte doch wohl sie nicht
und keine Frau, wenn dieser Bredarez ... O, fort mit der Erinnerung - es lag
eben im Naturell seiner Frau, dies Bedrfnis, sich in der Anbetung zu spiegeln -
- eigentlich auch das Recht einer so schnen Frau. - - Es wre so verkehrt,
darin nicht billig zu sein ...
    Nach Tisch wollte Frau Julia durchaus Mutter und Sohn noch mit in die Oper
nehmen. Als Sophie ablehnte, ergab sie sich rasch und hflich darin. Aber um
Allert zu gewinnen, machte sie mit neckischen Herrinnenallren noch Versuche. Er
wehrte sich lachend.
    Nachher seufzte Sophie ein wenig. Und stand noch ein paar Minuten in der
Halle, ehe sie sich in den schrecklichen Nebel hinaus begab. Sie meinte, etwas
Mhe werde es sie kosten, nett zu sein - sie sei nicht ganz ihr Genre, diese
Frau Julia ... Und Allert hrte auch heraus, da die stark draufgehende
Koketterie seiner Mutter rgerlich war.
    Dies amsierte ihn auerordentlich. Da war wieder die typische Mutter, die
noch ihre Mann-Shne ngstlich am Rock festhalten mchte, damit sie ihr an Leib
und Seele nicht zu Schaden kmen.
    Er ttschelte ein bichen ihre Hand, die er abschiednehmend zwischen seinen
Hnden hielt: Ich will mich nicht als Joseph aufspielen, sagte er vergngt,
aber Du ahnst nicht, wieviel verbrauchte Mittel und Posen in der Koketterie
dieser Potiphar sind - da fallen nur grne Jnglinge darauf rein - uralte
Methode ... Gott und der gute Dorne ... Von himmlischer Vertrauensseligkeit ...
Nee, Mutter, die Augen, die mich in Flammen setzen sollten, mten andere
Couleur und andere Blicke haben. ...
    Grau mten sie sein - grau und klar ... dachte er ...
    Und setzte gleich gegen sich selbst streitend hinzu: Aber in den Schmutz
des Lebens mte sie nicht geschaut haben.

Nun bekamen die Tage flinke Fe und ungeordnete Manieren und liefen aufs
Weihnachtsfest zu. Alle Menschen hetzten sich bis zur Erschpfung, und die
nobelsten Leute wurden ihre eigenen Laufburschen und Dienstmnner. Mit Paketen
Beladene rempelten einander an, und selbst die verbindlichsten Herren hatten
dann keine Hand frei, entschuldigend den Hut zu lften. Auf den Pltzen
etablierten sich bewegliche Tannenbaumwlder. An den Straenecken standen
Hndler, breite, flache Kasten an Riemen um die Schulter tragend und mit
vorgestrecktem Bauch der Balance nachhelfend. Sie lieen an Schnren den
drolligsten Spielzeugkram schwebend auf und ab schnurren, und man sah
weltbekannte politische Persnlichkeiten als blanke, bunte Blechfigrchen,
zwischen Straensteinen und Kastenwand zappelnd, hinab und hinauf turnen. Der
Verkehrslrm wlzte sich mit Brausen durch die Straen. Das Wetter wurde gut.
Dies schien ganz Hamburg wie ein Geschenk, fast wie ein Wunder anzusehen, und
alle Menschen sahen vergngter aus. Das Stadtbild um die Binnenalster war in
jenen feinen, blulichen Duft gehllt, der nur Kstengegenden zu umzrteln
vermag, denn er wirkt seine dnnen Schleier aus dem Atem des Meeres und des
Riesenstromes.
    Der geregelte Lauf des gesellschaftlichen und Geschftslebens kam aus dem
Gleise; der eine wurde ganz matt und blieb wartend am Wege stehen, bis seine
Bahn wieder frei werde; der andere hatte offenbar eine Riesenpeitsche hinter
sich. Die Gebude festester Programme kamen aus den Fugen, und selbst die
Senatorin Amster sah sich gentigt, ihre stets vorher auf lange hinaus bestimmte
Tagesordnung auszuschalten, zugunsten eines Zwischenzustandes von Pflichten, die
alljhrlich einmal um diese Zeit auch erfllt sein wollten.
    Sie hielt keine ausfhrliche Entschuldigungsrede darber. Frau von
Hellbingsdorf hatte Verstand. Gut. Demnach mute sie ohne weiteres einsehen, da
alle Armen, Kranken, Wchnerinnen, Kinder und moralisch Verbesserungsbedrftige,
die der Verein unter seine weitgespannten Flgel zu nehmen pflegte, in der
Festzeit enorm viel Mhe, Zeit und Geld kosteten. Sie, die Senatorin, arbeitete
ja nur fr einen Verein, den von ihr gegrndeten, dem sie vorsa. Mit anderen
Vereinen mochte sie nichts zu tun haben, es gab zu viel trichte und
rechthaberische Frauen darin, himmelschreienden Dilettantismus im Sozialen. Aber
in ihrem Verein sollte vorbildliche Arbeit geleistet werden - auch gerade in der
Art der Weihnachtsfeier. Keine Massenbescherung mit Gesang, Ansprache,
Verlegenheit und Stiefelgeruch. Nein, individuell! Jedem das ins Stbchen
bringend, was gerade ihm Freude und Nutzen bedeutete. Das war nicht so einfach
...
    Sophie sah, wie von ihr erwartet wurde, vllig ein, da Marieluis vom
zwanzigsten Dezember ab nicht mehr sitzen konnte. Es war ihr selbst so lieb.
Erstens wegen des Bildes. Wenn sie acht Tage nicht daran arbeitete, bekam sie
mehr Ferne dazu. Es war doch immer die Gefahr, sich so hineinzumalen, da die
Selbstkritik schlafenging. Die zeitweise Trennung vom werdenden Werk verbrgte
das Wiedererwachen der Selbstkritik. Es lag Sophie so viel an dem Bild, wie noch
an keinem - es sollte ein Meisterwerk werden. Immer mehr interessierte sie sich
fr dieses Mdchen. Welch fester und ganz in sich abgeschlossener Charakter. Ein
Wesen, das ber sich selbst Bescheid wute und mit sich im reinen war. Bedeutend
vielleicht sogar. Khl? Nein, das glaubte Sophie nicht. Aber doch wohl eine
Verstandsnatur. Wenn die dann einmal von einer Leidenschaft erschttert werden!
Das kann ernste Kmpfe geben ... Und Sophie bildete sich ein, da diese
Marieluis ein stilles Gefhl des Wartens mit sich herumtrage - eine Art
verschwiegener Neugier, die sich manchmal fragte: Was ist mir noch aufbewahrt?
Hab' ich schon die unerschtterliche, dauernde Form fr mein inneres Sein
gefunden?
    Es war also der Malerin lieb, ber ihre Arbeit und ihr Modell, fern von
beiden, nachdenken zu knnen.
    Und die Mutter freute sich auch der gewonnenen Zeit. Raspe kam doch. Und in
ihrem gerumigen Zimmer wollte sie den Shnen einen kleinen Aufbau machen, damit
sie ein bichen brenzligen Tannenduft rchen.
    Allert hatte auch mehr Mue als sonst in der eigentlichen Weihnachtswoche.
Sein Geschft wurde von den starken Wogen der Weihnachtsansprche ja nicht
bewegt, hatte nichts damit zu tun, vielmehr sprte es eine gewisse
Ferienlssigkeit, die zu hohen Festzeiten selbst Industrie, Grohandel und
Politik erfat.
    Das war eine Freude, als kleine, beschtzte, schwesterliche Mutter zwischen
zwei groen Shnen durch die bunten Straen zu gehen und ein bichen in den
Hamburger Dom hineinzugucken. Eine volksfestliche Veranstaltung, die sich von
riesigen Schtzenfesten und Vogelwiesen eigentlich nur dadurch unterschied, da
sie mit weihnachtlichen Dekorationen aufgeputzt war. In der Winterklte fhrte
der Dom sein Dasein halb bei knstlicher Beleuchtung im Freien, wo der Tag
schon gegen vier Uhr endete, halb in phantastisch ausgestatteten Prunkslen. Das
gab ihm etwas Mittelalterliches, Rembrandtsches, aus dsterer Ungewiheit und
grellem Trubel seltsam gemischt. Und man konnte sich so leicht in die Zeit
zurckdenken, wo Buden aus grauer Zeltleinwand, von Schnee umwirbelt, mit einem
baumelnden Oellaternchen kmmerlich erleuchtet, sich um den Dom scharten -
versunken lngst die Kirche, verndert die Gebruche, geblieben nur ein Name,
und dennoch ein Stimmungsfest des historischen Zaubers.
    Und wenn sie so in der fremden Stadt, die nicht ihre Heimat war, unter der
unbekannten Menge sich vom Strom des Lebens mittragen lie, kamen ihr
weitgespannte Empfindungen.
    Und am Abend des Festes gab sie ihnen Ausdruck. Nach einem wundervollen
Spaziergang am blaugrau verdmmernden und von Millionen Lichtern besternten
Hafen kamen sie heim. Auf dem Tisch stand das Teegeschirr neben einem kstlichen
Korb voll Orchideen, den Tulla Rositz geschickt hatte, und in der Ecke brannte
der Tannenbaum. Es war das Zimmer einer Pension. Zwar besa Sophie die Kunst,
die Gemtlichkeit berall mit hinzunehmen. Aber man sprte ja doch: dies war
kein Heim. Gerade auch der Charakter des Provisorischen in der Umwelt steigerte
noch die Kraft ihrer Betrachtungen.
    Wie ein Blatt vor dem Winde bin ich, sagte sie zu den Shnen; spurlos
verweht der einzelne Mensch aus der Menge. Sie wei nicht, da er da ist, sie
vermit ihn nicht und wird nicht geringer, wenn er stirbt. Man mte verzweifeln
ber die Tragdie des Sandkornschicksals in der Menschenwste, dieser
Getrenntheit von allem Zuknftigen, wenn es nicht Fden gbe, die auch ein
bescheidenes Dasein hinberleiten knnen in das Kommende und ihm eine Art
Unsterblichkeit sichern. Wer ein Stck Erdboden hat - ein eigenes Dach - einen
Besitz, den er Shnen und Enkeln weitergeben kann - die ihn erhalten und pflegen
- ja, der lebt weiter. Denkt doch: wie viel Generationen war unser Gut, die
eigene Scholle, zugleich die Unsterblichkeit der Vorfahren. - Was sie gebaut,
gepflanzt hatten, lie sie fortleben, und die Steine der Mauern sprachen von
ihnen, und die Bume rauschten ihre Namen.
    Ja, Mutter - Du leidest - das wissen wir wohl - nicht Dein Kampf ums Brot
war Dir hart - nur der Verlust des eigenen Daches - Gott - ja, vielleicht kommt
es wieder, sprach Allert.
    Sie neigte sich ber den runden Tisch noch nher zu den Shnen und sprach
halblaut, voll Leidenschaft: Und das andere Band, das ist die Nachkommenschaft
- Tchter, Shne, Enkel - oh, welch ein wunderliches Gefhl, feierlich,
verantwortlich, schaurig - erhebend. - Ja, es ist Unsterblichkeit - wenn ich mir
vorstelle: mein Talent, vielleicht auch meine Fehler - diese Linie meiner Braue
- diese Form meiner Wange - eines Tages, nach Generationen, besitzt das ebenso
ein Urenkelkind. Und es heit: Das hast Du von Deiner Ahne, so ist sie gewesen.
- Welch ein seltsames Wunder - mein Blut rinnt fort in spten Geschlechtern -
ich lebe in ihnen - mein Herz schlgt darin - es ist ein ewiges
Wiedergeborenwerden - meine Wesenheit wirkt weiter. - Seht, wenn Mtter oft so
eine beharrliche Art haben, den Shnen zu predigen: Heiratet! - das sieht
manchmal geschmacklos aus, plump vielleicht sogar. Begreift: das ist der
geheimnisvolle Instinkt des Menschen, der sich gegen das Vergehen wehrt - die
unbewute Begier nach Unsterblichkeit - das berechtigte Verlangen des Weibes,
nicht umsonst geboren und gelitten zu haben - das knigliche Stammgefhl der
Mutter, die stolz vorausschauen will auf Nachkommenschaft, die durch sie ward.
Als Bindeglied fhlt sie sich - ihre Hnde reichen den vergangenen und den
knftigen Geschlechtern die Hand - und deshalb soll man keine Mutter schelten,
wenn es der beherrschende Wunsch ihrer Seele ist, die Kinder zu verheiraten. Das
sind nicht die banalen, bespttelten Begierden der Frauen, zu kuppeln, Ehen zu
stiften. Das sind heilige Forderungen -
    Die leidenschaftliche Erregung ihrer Mutter wirkte auf die Shne - sie saen
ernst - von Gedanken bestrmt. Fast zaghaft sprach Raspe: Dir, Mutter, ist doch
eine andere Art Dauer gesichert - sieh mal - Du hast schon mehr als ein Bild
malen drfen, das in einem Schlo, in einer Galerie eine bedeutende
Persnlichkeit noch nach Jahrhunderten zeigt. Und der Name der Malerin wird
nicht vergessen. Und wenn Du nun, wie Du sagst, da es mglich ist, auch von
Lichtwark aufgefordert wirst, fr die Sammlung Hamburger Portrte irgendeinen
wichtigen Kopf zu malen, dann hast Du abermals ...
    Sie lie ihn nicht ausreden.
    Welche Ueberschtzung! Was ist das gro. Ach du meine Gte. Vielleicht in
Zukunft, bei irgendeiner Gelegenheit schreibt ein Forscher oder ein
Feuilletonist etwas ber ein Schlo, ein altes Adelsgeschlecht - und stellt da
nebenbei fest: Die Malerin dieses Portrts hie Sophie von Hellbingsdorf. So
eine Art Fortleben des Namens ist wie das Aufbewahren von hbschem Germpel in
den Truhen alter Familien - vielleicht kommt mal jemand darber, der was draus
macht, es ans Licht zerrt - vielleicht zerfllt es und wird ganz vergessen.
Nein, so nicht - das Fortleben, das ich meine, darauf ich ein Recht habe, weil
ich bin, weil ich atme, weil ich Kinder gebar, das ist durch Nachkommen - oh,
tut es mir nicht an - bleibt nicht ledig!
    In ihren Augen standen Trnen. Und die Shne schwiegen. Sonst, wenn sie von
diesem ihrem Wunsch gesprochen, obenhin und bevormundend oder mit genauen
Angaben, wie sie sein solle, was sie auch haben msse - wie eben zrtliche
Mtter tun - sonst nahm das Gesprch sofort eine Wendung zum Lustigen und endete
mit Lachen und Necken. Aber jetzt schwiegen die Shne und sahen vor sich hin.
    Aus diesem Schweigen bertrug sich der Mutter ein Gefhl - wie eine Warnung
war es - ein scheues Ahnen. All ihre leidenschaftliche Erregung wallte pltzlich
zurck.
    Sie atmete auf und sagte fest und ernst: Wir wollen nie mehr davon
sprechen.
    Allert stand auf, ging zu seiner Mutter und kte sie auf die Stirn.
    Lange war es ganz still im Zimmer, wo in der Ecke am grnen Baum friedvoll
die kleinen Lichter brannten und nach Wachs rochen. Dieser Geruch und diese
flimmernden Flmmchen zwischen den Tannenzweigen hatten Wunderkraft. Sie schoben
sacht die Wnde fort und zeigten Bilder ... Jedem der drei Menschen ein anderes
... Vor der Mutter stand ein altes Herrenhaus mit Treppengiebeln. Rot und hoch,
mehr wrdig als stolz ragte es aus dem Schnee, der das Gelnde dick belastete
und die Aeste der Bume verbrmte.
    Die Luft war voll von einer kstlichen Klte, die auf den Gesichtern brannte
und die Krper auffrischte. Der hellgraue Himmel stand still. Eine feierliche,
unbegreifliche Lautlosigkeit war ber den weiten Feldern. Das machte sogar die
halbwchsigen Knaben andchtig. Ihre Handschlitten hinter sich herziehend,
stampften sie durch den weien Puder heim. Es war ja bald Bescherungszeit, und
vorher sollte noch der Nachmittagskaffee mit dem frischen Kuchen verschmaust
werden. Die Mutter, in ihr weies Wolltuch gewickelt, stand schon wartend im
Portal. Und hinter der Fensterscheibe der Leutestube zeigte der Vater Meyns, aus
seiner Pfeife getrockneten Waldmeister rauchend, sein verrunzeltes
Diplomatengesicht und wunderte sich, wo die Junker blieben. - Ach, da das
Schicksal ihr Leben so leite - sie zurckfhre in diese friedliche Stille, zu
knftigen Weihnachtsfesten, mit Kindern, mit Enkeln, auf dem alten, dem eigenen
Besitz ... Vielleicht, so dachte sie in einer Wehmut, die ber ihre Seele
hinflo wie Trnen, vielleicht bekomme ich niemals wieder ein eigenes Heim - als
jene vier Bretter, die auf uns alle warten - das letzte Haus ...
    Und Raspe sah einen hellen, leeren, durchsonnten Tanzsaal. Prismen sandten
Regenbogenreflexe aus. Und vorbei an den gelbseidenen, gleienden Sthlen
schritt ein schlankes, schwarz gekleidetes Mdchen. - Er sah, wie sie an der Tr
stehenblieb und sich mit den Blicken zu ihm wandte - fragend, wie von irgend
etwas Unerklrlichem bezwungen, noch vor der Schwelle zurckgehalten ...
    Was vor Allert erstand, kam nicht aus zurckliegenden Erinnerungen herauf.
Erst gestern vormittag hatte er es erlebt. - Er war auf einem Geschftsgang mit
einem Kopf voll Sorgen. Seinen bisherigen chemischen Assistenten entlie er im
Augenblick, da Dr. Dorne als Teilhaber in die Arbeit eintrat. Wenn nun auch die
Grundlagen ihrer Fabrikation die gleichen blieben, denn all diese zahllos
abschattierten Farben zum Gebrauch fr die Textilindustrie und allerlei
technische Zwecke gingen ja aus erstaunlich wenigen Ausgangsprodukten hervor, so
war Dr. Dorne doch wenig zufrieden mit der Art, wie der Entlassene gearbeitet
habe. Auch wollte Dorne das Alizarin, das sie bisher in den gelbroten Kristallen
fertig bezogen hatten, durchaus selbst aus dem Anthrazen herstellen, was den Bau
neuer Oefen und einer neuen Abteilung fr das Laboratorium ntig machte. Sodann
war Dorne, von den Erfolgen der Professoren Graeke und Liebermann, die das
knstliche Alizarin entdeckt hatten, angestachelt und seit langem mit dem
Experiment beschftigt, das Kampescheholz in seine Grundstoffe aufzulsen, um
auch fr dieses Produkt der Natur, wenn mglich, knstlichen Ersatz zu finden.
Er war aber mit der Qualitt des Kampescheholzes und der Fustik nicht zufrieden.
Das heit, Dr. Dorne sagte natrlich: des Haematoxylon campeschianum und der
Maclura aurantiaca; denn dem Mann der Wissenschaft wre es zu unbequem gewesen,
die gebruchlichen deutschen Namen zu benutzen. - Und nun hatte Allert es auf
sich genommen, einmal mit dem Lieferanten dieser auslndischen Farbhlzer scharf
zu sprechen. Kontor und Lager der Firma Waller u. Nu befanden sich in einer
Nachbarstrae. All diese, zu zweien oder dreien gleichlaufenden kurzen Straen
waren von Kanlen fast quadratisch eingefat. Und hinter den Speichern und
Lagerpltzen entlang klemmten sich die Leichter und die Oberlnder Khne
bordseits an die Mauern und Kais. Sie schafften die Rohprodukte heran und
fhrten die Waren fort, sie besorgten die Verbindung zwischen diesem
Fabrikviertel und dem groen, weiten Hafen drauen in den Elbarmen. Allert hatte
eine Weile mit dem Holzimporteur in dessen Kontor herumgeredet; dann gingen
beide Herren hinaus, um auf dem Lagerplatz hinter dem Hause die Hlzer zu sehen,
die gerade ausgeladen wurden. Gestern war der Pelos aus Honduras angekommen,
und der Leichter brachte soeben die erste Ladung.
    Der rundliche Herr Waller trug einen Kneifer, was durchaus nicht in den
Charakter seines bartlosen, von Kahlkpfigkeit gekrnten Vollmondgesichtes
pate. In seine tiefen Mundwinkel kam beim Anblick der Hlzer ein frmlich
seliges Schmunzeln. Noch nie, sagte er, noch nie, selbst nicht zu Lebzeiten
seines Teilhabers Nu, der einer der ersten Farbholzkenner gewesen sei, noch nie
habe sein Haus eine Sendung von solcher Vorzglichkeit empfangen und an seine
Klientel weitergeben knnen. Und mit frohen und berredenden Worten erklrte er,
da nur die Rcksicht auf die Jugend des von Hellbingsdorfschen Unternehmens ihn
bestimmen wrde, von diesen Hlzern an Allert abzugeben.
    Neue Firmen, wenn sie von fixen, kapitalkrftigen Mnnern gegrndet sind,
zu frdern, das ist immer das Prinzip meines seligen Freundes Nu gewesen. Ich
halte daran fest.
    Allert hrte die bezwingenden Worte, die den zahlenden Kufer fast zum
Almosen- oder Geschenkempfnger machten. Und er hrte auch wieder nicht.
    All der Lrm, die ganze Sinfonie der Maschinengerusche, das Rattern und
Rollen von der Strae her, das Fauchen und Pfeifen auf dem Wasser - alles
verklang fr sein Ohr - alles schien sich in spannungsvolle Stille aufzulsen.
Denn er sah etwas Auerordentliches. Das heit fr andere Menschen wre es etwas
hchst Gewhnliches gewesen. Aber es kommt ja in keiner Hinsicht auf die
Erscheinungen an, sondern vllig auf ihre Bewertung durch den Zuschauer. Und was
der lig redende Herr Waller berhaupt gar nicht bemerkte, nahm Allert den Atem.
    Eine Jolle glitt auf dem schmalen Kanal dahin. Sie hatte ihren Weg in der
Mitte, wo das Wasser frei war; denn hben und drben lagen die langen Khne an
die Ufer gedrckt. Die lehmfarbene Flut sah schmutzig aus, Obstschalen,
Strohhalme, Holzsplitter trieben darin. In der Jolle saen drei Personen. Der
Fhrer, der sich bald vorwrts bog, bald zurcklegte, benutzte mit Kraft und
Vorsicht seine Ruder zugleich als Steuer; dann waren da ein ltlicher Mann oder
Herr, der mit Paketen beladen war, und eine junge Dame.
    Wie oft hatte Allert schon geglaubt, wenn eine weibliche Gestalt auf der
Strae heranschritt: sie ist es! Vorgestern, als er mit seiner Mutter und Raspe
im Schauspielhaus war, durchzuckte es ihn: Da, in der dritten Parkettreihe, das
ist sie! Die Sehnsucht - nein, vielleicht nur die Neugier auf ein
Wiederbegegnen, war die Schpferin solcher Irrtmer, die immer sofort wieder
sich in Enttuschungen auflsten. Und all diese kleinen Tuschungen waren nur
wie Vorspiele gewesen, um das wirkliche, das zweifellose Erkennen desto strker
empfinden zu lassen.
    Nun sah er sie! Das war ihr stolz getragenes Haupt - das ihr blonder
Haarknoten unter dem Rande des dunklen Hutes ... Eine unbegreifliche Erregung
berraschte ihn. Er versuchte nicht einmal, ihrer Herr zu werden. Er starrte zur
Jolle hinber, die da unten auf dem schmutzigen Wasser vorberglitt. Er sah ihr
nach. Er wute nicht genau: hat sie hergesehen? Aber er glaubte es. Er redete
es sich ein. Ja - da wandte sie noch einmal den Kopf zurck. Wirklich nur, um
dem auf dem Bankbrett hinter ihr sitzenden lteren Manne etwas zu sagen? Nicht,
um nach ihm, der hier oben am Kai des Holzlagerplatzes stand, noch zu sehen?
Vielleicht auch sich fragend: Ist es der? ... Weiter fuhr das kleine Ding von
Schiff, langsam weiter.
    Die Luft war ja nicht klar. Wie konnte sie es hier sein, wo mit dem Dunst
des Wassers sich das ganze Jahr der von tausend Stoffen geschwngerte Atem der
Schornsteine und Oefen vermengte. Aber doch - heller und durchsichtiger als
sonst war es schon. Er folgte mit dem Blick, sah die Jolle unter einer Brcke
fortschaukeln - dachte nach: Wohin geht es da - wo mu die Jolle dort anlegen -
ihre Fahrt enden?
    Herr Waller sprach ergriffen weiter. Nichts in der Welt schien die Phantasie
und den Enthusiasmus eines Menschen so anregen zu knnen wie das Kampescheholz.
    Und pltzlich, als Herr Waller schon andeutete, da es den Niedergang der
jungen Firma bedeute, wenn sie sich nicht sofort diese eben angekommene Sendung
sichere, pltzlich ri Allert aus. - Ganz einfach - jungenhaft. - Er murmelte
nur etwas von 'ner halben Stunde wiederkommen. Herr Waller sah ihm voll
Siegerruhe nach. Ihm war es klar: Hellbingsdorf lief erst in seine Fabrik
zurck, um dem Kompagnon zu sagen: Dorne, wir mssen die Hlzer von Waller u.
Nu nehmen, anders stehen wir uns im Licht.
    Allert hatte den richtigen strategischen Ueberblick gehabt. Er kam gerade am
Kai des Mittelkanals an, als die kleine Jolle dort anlegte. Eine schmale Brcke
unten am Fu der Kaimauer bot Gelegenheit dazu; schrg an der Mauer, ihr
abgespart, gingen ein paar Stufen hinauf.
    Allert sah, da die Dame - sie heit Isolde oder Katharina, dachte er - er
sah also, da sie den Jollenfhrer bezahlte und einige kleinere Pakete an der
blichen Verschnrung sich ber die Finger der Linken gehngt hatte. Der Mann
trug grere Pakete. Mann? Herr? Allert konnte es nicht bestimmen. Er war
gediegen gekleidet und hielt sich voll Wrde. Allert dachte einen Augenblick:
Missionar? Oder doch ein Beamter der inneren Mission? Aber sie hatte ja
gesagt, da ihr Verein keine kirchliche Propaganda mit seiner rettenden und
wohltuenden Ttigkeit vereine. Na, egal - was ging ihn der Mann an ...
    Er mute mit ihr sprechen. Was Form! Was Schicklichkeit! Alles zwang ihn ...
    Er wartete oben an der Treppe. Und als sie emporstieg, erglhte ihr Gesicht.
Das war fr ihn ein herrlicher Anblick. Er lftete den Hut.
    Guten Tag, gndiges Frulein! sagte er.
    Ich dachte doch - ich glaubte eben - sprach sie, aus aller Sicherheit des
Auftretens gerissen.
    Sie glaubten mich vor drei Minuten auf dem Lagerplatz von Waller u. Nu
gesehen zu haben? Das stimmt. Ich erkannte Sie und berechnete, da Ihre Jolle
hier landen msse.
    Sie sah sich wie hilflos um. Der ltere Mann mit den Paketen wartete auf der
vorletzten Treppenstufe, unbeweglich, mit einer vollkommen ernsthaften
Ausdruckslosigkeit im bartlosen Gesicht.
    Blo ein Mitbruder in Christo oder in Charitas, dachte Allert flink, kein
Onkel, Vater, Bruder, Vetter - blo von der Gelegenheit ihr angeheftet als
Schatten.
    Das ist aber ...
    Sagen Sie nicht, da das zudringlich ist, gndiges Frulein! fiel Allert
ihr ins Wort. Seine frohe Laune triumphierte ber seine Erregung. Es kam ihm
vor, als habe er die Situation vllig in der Hand. Er war so froh, ihm lachte
die ganze Seele, als sei dies ein glckliches Erlebnis. Ich mu Sie doch
fragen, ob Ihnen die neuliche unangenehme Erfahrung nicht den Geschmack an
diesen heiklen Gngen verdarb. Obschon dies eine hchst berflssige Frage ist.
    Freilich. Denn Sie sehen ja, ich erflle weiter meine Pflicht. Gerade
dieser Bezirk hier ist einer von denen, wo unsere soziale Ttigkeit nur zu viel
Aufgaben findet. Wenn Sie hier bekannt sind, mssen Sie das auch wissen.
    Ich bin hier bekannt, sagte er. Ich wei es. Ich arbeite hier. Ich wohne
sogar hier. Jawohl. Aber ich finde: Ueberlassen Sie doch Mnnern und hlicher
lterer Weiblichkeit die Seelenrettung und was an Apparat von wollenen Socken
und Pfefferkuchen dazu gehrt.
    Was erlauben Sie sich ...
    Sie geben sich Mhe, ein hochmtiges, ablehnendes Gesicht zu machen, aber
Sie lachen ja eigentlich, gndiges Frulein. Ich hoffe aber, da Sie nicht ber
mich lachen, sondern in frhlich zustimmender Erkenntnis. Ach, wie schade, da
ich Ihnen neulich nicht das Leben gerettet habe! Da ich blo dem betrunkenen
Kerl einen Schubs gab, berechtigt mich ja noch nicht, Ihnen Ratschlge zu geben.
Sehen Sie, wenn es mir vergnnt gewesen wre, Sie zum Beispiel aus dem Kanal zu
ziehen, stnde mir moralisch das Recht zu, Ihnen zu sagen: Gehen Sie
vorsichtiger mit sich um!
    Meine Mutter und ich, wir wissen genau, wie ich mit mir umzugehen habe!
sprach sie und neigte den Kopf. Das war so deutlich Abschied nehmend - sie
schritt sogar schon weiter. Allert wollte neben ihr bleiben.
    Sie erlauben, da ich mich vorstelle.
    Nein - bitte! Das kam so ngstlich abwehrend heraus. Und mit einer kurzen
Kopfbewegung winkte sie dem lteren Mann, und nun ging sie sehr rasch.
    Allert fhlte sofort, mehr durfte er nicht wagen. Er blieb stehen. Alles
Lachen, das ihn eben noch ganz erfllt hatte, wandelte sich in tiefe
Verstimmung. Er erriet, was dies ablehnende Nein - bitte! hie. Das war die
wohlerzogene, stolze, junge Dame aus gutem Hause, die es verweigerte, auf der
Strae eine Bekanntschaft zu machen, die vor ihren Eltern, Freundinnen, vor
ihrem ganzen gesellschaftlichen Kreis doch niemals sagen konnte: Ich lernte ihn
auf der Strae kennen. Lachhaft! Einen Ehrenmann von Familie, dachte Allert,
der ja immer alles ein bichen mit seinem Humor durchmengte, einen uerst
famosen, empfehlenswerten jungen Kerl wie mich drfte sie um die Welt nicht auf
der Strae aufgabeln. Aber verderbten Mdels in zweifelhaften Quartieren die
Folgen auerehelichen sexuellen Verkehrs klarmachen, das darf sie.
    Er sah ihr nach. Nun ging der ltere Mann - es war doch wohl ein kleiner
Beamter des Vereins, denn seine Haltung als stummer Zuschauer und Zuhrer
verriet wie von selbst die Gewohnheit einer Hintergrundstellung - nun also ging
der Mann neben ihr, und sie sprach mit ihm. Dann bogen sie um die Ecke.
    Warum bin ich eigentlich dem dicken Waller ausgekniffen? dachte Allert
niedergeschlagen. Ja, warum? So etwas tut man nicht mit klaren Vorstzen. Da
kommt das berhmte, von allen psychologischen Forschern als vorhanden
konstatierte Unterbewutsein hervor und benimmt sich auf der Bhne des Lebens
wie eine handelnde Person. Und diese aus den geheimsten Grnden seines Wesens
aufgetauchte hypothetische Person hatte sich wahrscheinlich eingebildet, dem
wundervollen Mdchen etwas befehlen zu knnen. Ihr zu sagen: La ab! Deine junge
keusche Weiblichkeit leidet ja doch Schaden. Wo bleibt die Poesie bei zu viel
kennen, zu viel wissen? - Ja, diese sozialen Bestrebungen! Diese neuen Frauen!
Diese Unsicherheit ihnen gegenber ... Und Allert schalt sich selbst aus: Wei
Gott, es war hchst kindlich und hchst berflssig ...
    Wenige Minuten nachher wandte er seine auerordentliche Beredsamkeit an, um
nun seinerseits Herrn Waller schwindelig zu machen und in den Schmelz und die
Begeisterung des Verkufers die bitteren Tropfen des Zweifels und Unterbietens
hineinzusprengen.
    Dabei dachte er immer:
    Nun seh' ich sie nie wieder - nie!
    Das sagte ihm ein Vorgefhl. Zum drittenmal wiederholt sich dergleichen
nicht. Und wer wute, ob sie sich nicht fortan einen andern Bezirk anweisen
lie. Nur, um einem so aufdringlichen Menschen nicht nochmals zu begegnen ...
    Trotzig fhlte er:
    Und das ist auch sehr gut - sehr!
    So genau aber lebte jedes Wort, jede Miene, das ganze Bild in ihm weiter,
da er hier, vom Lehnstuhl aus zum Tannenbaum in der Ecke hinbertrumend, alles
vor sich sah: den schmutzigen Kanal, auf dem gerade eine halb ausgeprete
Zitrone vorberschwamm, die Leichter und Khne bordseits an die Ufer geklemmt,
die Luft, die einem blulichgrauen Flor glich, und das hochgewachsene Mdchen
mit dem klugen, lieben Gesicht ...
    Pltzlich schreckten die drei versonnenen Menschen auf. Ein weies Licht
purzelte von seinem blanken Blechleuchtersitz und nahm durch die raschelnden
Tannenzweige seinen Sturz hinab zum Teppich ...
    Gerade am Tage, ehe Raspe abreiste, kam ein groer Brief aus St. Moritz. Man
sah ihm schon von auen an, da eine Photographie darin sein mute. Voreilig
sagte Sophie:
    Gewi ein Bild von Tulla Rositz! Und sie vermied es, ihren Sohn Raspe
dabei anzusehen.
    Aber es zeigte sich, da es kein groes Bild von Tulla war, sondern vier
Momentphotographien, an den Ecken leicht auf die groe weie Pappe geklebt.
    Whrend seine Mutter den Brief las, nahm Raspe das steife Blatt in die Hand
und sah sich aufmerksam alle Dargestellten an. Ein Gruppenbild zeigte sechs
Personen. Alle waren im Sportdre. Wei wie der Schnee um sie herum. Da stand
Tulla und hatte die Arme in die dnne Taille gestemmt, und unter der dicken
weien Mtze sahen die groen dunklen Augen so beredt hervor - wie Augen tun,
die es zum Ausdruck bringen wollen, da whrend des Photographiertwerdens an
jemand sehr intensiv gedacht wurde. Eine sehr schne Frau, viel schner als
Tulla in ihrer noch etwas herben Anmut, ziemlich voll, war auf dem Bild zu
sehen, und dicht neben ihr stand ein sie etwas berragender Mann, den man fr
einen Italiener oder Sdfranzosen halten konnte. Raspe erkannte auch den
Leutnant Viktor Rositz wieder, der hier, im Vordergrund der Gruppe, mit
weitauseinandergespreizten Beinen, die Hacken in den Schnee gestemmt, auf einem
Bobsleigh sa und mit riesig frechem, vergngtem Gesicht zu einer jungen Dame
hinauflachte, die ihm mit einem Tannenzweiglein gerade die Nase kitzeln zu
wollen schien. Die Dame war eine ppige, kleine Person von etwas orientalischem
Typ.
    Auf einem andern Bild sah man Tulla in tiefschwarzer Straenkleidung mit
ihrem Bruder, der auch Trauer, aber Kniehosen, Strmpfe und Schnrstiefel trug.
Wie zwei kohlendunkle Gestalten standen sie grell vor dem weien Hintergrund.
    Und noch einmal die schne, volle Frau; neben ihr wieder der romanisch
aussehende Herr. Das vierte Bild zeigte nur drei Kpfe in einer Reihe, lachend
unter den wollenen, ber die Ohren gezogenen Mtzen, vor einem ungewi
verschwimmenden hellen Grund: Viktor Rositz in der Mitte, rechts Tulla, links
die junge Dame, die Kirschenaugen hatte und einen kleinen, schwellenden Mund.
    Sehr, sehr nachdenklich sah Raspe alle diese Gesichter an. Die schne Frau
anlangend, so taxierte er: die Mutter. Und zuletzt sah er nur noch die dreifache
Abbildung der jungen Tulla. Ihm war, als htte sie wohl an ihn gedacht und
wollte es ihn erkennen lassen durch die tiefen, bedeutungsvollen Blicke. Auch
hatte sie es sich genau ausrechnen knnen, da die Bilder noch kurz vor Ende
seines Urlaubs ankmen.
    Whrend er so das Blatt in der Hand hielt, las seine Mutter vor:

Liebe innigverehrte, gndige Frau!
    Hoffentlich haben Sie meinen kleinen Blumengru am 24. richtig bekommen.
Thea Daister versprach mir, Orchideen zu besorgen. Wte ich doch, welches Ihre
Lieblingsblumen sind, dann htte ich sie gewhlt. Sie haben ganz gewi schne,
stimmungsvolle Feststunden verlebt mit Ihren Herren Shnen. Von unserer
Weihnachtsfeier kann ich das eigentlich nicht sagen. Wir trinken sonst immer den
Tee nachmittags in der Halle unten, wo es ja sehr unterhaltend ist. Heiligabend
nahmen wir ihn in Mamas kleinem Salon, und Mama beschenkte uns. Wir waren aber
nicht allein: der Baron Legaire ist hier und Frau von Samelsohn mit Fiffi. Ich
habe ein reizendes Halsband bekommen aus kleinen Perlen, dnnen Ketten und
Saphiren, das ich natrlich erst nchsten Winter tragen kann. Spter nahmen wir,
wie immer, das Diner im groen Speisesaal. Da brannten in allen vier Ecken groe
Tannenbume, das Orchester spielte Weihnachtslieder, die Tische waren mit
Mistelzweigen geschmckt, und die Toiletten fabelhafter noch als sonst. Die
anderen waren sehr vergngt. Ich mute aber doch oft an den armen Papa denken.
    Es ist hier sehr schn. Wir machen viel Sport, auch Mama, die immer fr
Viktors und meine Schwester gehalten wird oder hchstens mal fr unsere
Schwgerin. Man kommt eigentlich kaum zur Besinnung. Erstens sind wir ja sowieso
schon zu sechsen, und dann sind riesig viel Bekannte hier. Es ist Mama gerade
recht; denn sie sagte, bekmmert dazusitzen und sich in Einsamkeit Gedanken zu
machen, wie alles gewesen ist oder noch htte werden knnen, das htte keinen
Zweck. Mama hat sich mit Frau von Samelsohn wieder ganz ausgeshnt. Sie sagt, wo
Herr von Samelsohn doch ihr Bankier ist und auch die Buschbeckschen Werke
mitzuberaten hat, sei es klger. Deshalb mu ich mich auch mit Fiffi vertragen.
Ich glaube aber, nicht blo deshalb. Denn Mama will wohl gern, da es was mit
Fiffi und Viktor wird. Er macht ihr auf Tod und Leben den Hof. Aber Fiffi lacht
ihn vor der Hand noch aus. Sie sagt: Dein Bruder soll sich man keine
Schwachheiten einbilden; erstmal will ich noch zwei Jahre die edle Mnnerwelt
studieren, und dann wollen wir mal sehen, wem wir huldvollst die Hand reichen.
Unter neun Zacken fr mich und zwlf Ahnen fr meine knftigen zwei Gren tu
ich's nicht; das kann ich fr meine drei Millionen verlangen. Frech, nicht? Und
dann sagte Fiffi: wenn mein Papa auch noch lebte, und wir Exzellenz geworden und
erblich geadelt worden wren! das sei ihr doch nicht genug. Sie will mal bei Hof
eine Rolle spielen, und sie sagt: Minister und Exzellenz an sich, das imponiere
der alten Hofgesellschaft nicht, man mte einen historischen Namen haben. Und
das mit der Kunstkritik und dem Novellenschreiben hat Fiffi fallen lassen. Sie
sagt: Mzenin und Knstler protegieren, das sei noch interessanter.
    Ach, verzeihen Sie, liebe, gndige Frau, da ich so viel von Fiffi schreibe.
Sie hat kein Herz. Aber das von Viktor wird wohl auch nicht brechen, wenn sie
ihn abfallen lt.
    Den Baron Legaire hasse ich. Mama und Frau von Samelsohn sind immer neu
entzckt von ihm, was ich nicht begreifen kann. Wenn ich seine schwarzen Haare
sehe, mu ich an einen Friseur denken, und bei seinen Augen an Likr, trotzdem
er natrlich keine Karikatur ist, sondern bester Geschmack. Leider bleibt er
noch unabsehbare Zeit bei uns und will offenbar auch nachher mit nach Nizza.
    Viktors Urlaub ist in acht Tagen zu Ende. Ende Januar reist Fiffi zu
Verwandten nach Paris, worauf sie sich rasend freut. Sie sagt, da allein ist
Kultur und da allein kann man als anstndiger Mensch sich kleiden und essen.
Wenn Fiffi und Viktor fort sind, bin ich ein recht berflssiges Anhngsel der
Reisegesellschaft. Mama sagt schon: Was fangen wir mit Tulla an? Ich hindere
ja wohl auch Mama und Frau von Samelsohn, sich ungeniert zu unterhalten, was
ganz natrlich ist, denn Mtter haben was anders zu sprechen als Tchter. Sie
wollen zusammen nach Nizza und sind froh, da der Baron Legaire mit will, weil
es ohne Kavalier dort schwierig sein soll.
    Am liebsten bte ich Mama, da sie mich dann bei Ihnen malen lt (wenn Sie
berhaupt ein so unbedeutendes Wesen wie mich malen mgen), und wenn Sie dann
noch in Hamburg sind, knnte ich ja ebenfalls in der Pension Hammonia wohnen
und unter Ihrem Schutze stehen. Aber ich mag Mama nicht eher bitten, als bis ich
wei, ob es Ihnen so recht ist.
    Bitte, liebe, gndige Frau, schreiben Sie mir, ob Sie es, um Papas willen,
wollen. Geht es nicht, mu ich eben mit nach Nizza fahren, wo es ja freilich
sehr schn ist; ich bin schon zweimal dort gewesen. Aber lieber komme ich zu
Ihnen.
    Auf Thea Daister freue ich mich. Sie kommt in acht Tagen. Sie kann mir gewi
von Ihnen erzhlen, und ich hoffe, manchmal mit ihr zusammen zu sein, obgleich
Mama sie nicht gern mag. Sie sei so fahrig, sagt Mama, und mache die Menschen
nervs und sei zu kindisch verliebt in ihren Mann.
    Ich schliee mit den allerinnigsten Wnschen zum neuen Jahr. Und mit der
Bitte, mir weiter Ihre Gte zu schenken. Ihre Sie verehrende
                                                               Mathilde Rositz.

Unwillkrlich wurde Sophies Stimme leiser und zgernder beim Lesen. Nach einer
kurzen Pause legte dann Raspe sacht das Blatt mit den Photographien auf den
Tisch.
    Schade, sagte er.
    Was schade? fragte seine Mutter.
    Da sie in dieser Umwelt von Luxus und zwecklosem Dahinleben aufgewachsen
ist. Ein Mdchendasein, wie es Tausende in dieser ppigen Gesellschaft fhren -
die glaubt, die gute zu sein. Solche Eindrcke wurzeln zu fest - solche
Bedrfnisse sind zur zweiten Natur geworden, sprach er ernst.
    Ich wei nicht, was Ihr eigentlich fr Mdchenideale habt, meinte seine
Mutter etwas ungeduldig, gestern hielt Allert aus mir vllig unbegreiflicher
Veranlassung eine seiner dahinstrzenden Reden. Er war gegen allerlei Richtungen
der modernen, sozialen Frauenarbeit. Er wurde sogar poetisch und sagte was von
seelischer Entbltterung und Entzauberung, wenn man junge Mdchen mitarbeiten
lasse, wo es sich um traurige und schmutzige Dinge handle. Und Du gabst ihm doch
recht, warst seiner Ansicht. Und jetzt hast Du wieder was dagegen, wenn junge
Mdchen, die doch nun mal in wohlhabende Familien hineingeboren sind, sorglos
und froh in den Tag hineinleben.
    
    Ja, Mutter, eigentlich sieht man heute zumeist Extreme. Die einen sind ganz
und gar die verwhnten Tchter, die sich erst kritisch besinnen, ob sie
berhaupt 'n Mann nehmen und beglcken wollen und ihn hinterher ganz naiv mit
Ansprchen erdrcken. Und die andern haben sich mit blindem Eifer in einen Beruf
hineingesetzt, um fr alle Flle vom Mann unabhngig zu sein. Bekommen sie dann
doch einen, so bringen sie, aus dem Gefhl ihrer Unabhngigkeit her, viel
schwierige Nebenempfindungen mit in die Ehe hinein, wo das
Sichaneinanderanpassen schon nicht so leicht ist.
    Die Liebe, mein alter Junge, versicherte die Mutter mit zrtlich
schmeichelndem Tonfall, ist die groe Lehrmeisterin und Ausgleicherin.
    Wenn sie immer in dem Hitzegrad ihrer ersten Flammen bliebe! In der Ruhe
der Ehe erheben dann die alten Gewohnheiten wieder ihr Haupt und haben einen
groen Mund, aus dem es von Vorwrfen und Forderungen nur so quillt.
    Die Mutter schalt Raspe einen Pessimisten, und auf dem Bahnhof, beim
Abschied, versuchte sie mit heiteren Worten seine Gedanken zu vertreiben.
    Als sie dann allein heimging, berdachte sie die mancherlei Gesprche der
letzten Tage und ihr war etwas mutlos ums Herz.
    Sie wute es ja selbst: Es war jetzt ein so seltsames Gemenge von
Frauenwesen aller Art; die Farben flossen durcheinander, und alle Linien
verschlangen sich. Vernunft und Extravaganz, Recht und Ueberforderung,
angeborene und anempfundene Begabung, gesunder und berspannter Wille - alles
stand dicht beieinander, wirkte ineinander hinber.
    Wie sollte dem Mann nicht ein unsicheres, ja ein beinahe furchtsames Gefhl
kommen, wenn er sich aus dieser wogenden, grenden Menge die eine heraussuchen
wollte, der er seinen Herd und auch seinen Frieden allezeit anvertrauen konnte.
- Ueberhaupt, es war immer nur von den Frauen, ihrer neuen Entwicklung und ihren
Ansprchen die Rede. Und nie davon, wie das den Mann berhrte, und wie er sich
in seinem wichtigsten Innenleben zu dem allen stellte. - Das kam wohl, weil so
viele von den Vorkmpferinnen unverheiratet und kinderlos waren und keine Shne
zu Mnnern erzogen hatten. Das machte sie so schrecklich einseitig. Und so taub
und blind fr die Bedrfnisse, Ideale, Poesien des Mannes. - Was soll auch die
Frau vom Manne wissen, die keinen Sohn gebar und erzog?
    Auf der andern Seite diese Mtter, die aus Gedankenlosigkeit oder verkehrter
Liebe den Tchtern die Jungmdchenzeit zu einem glnzenden Fest machten und sie
an all die Ausgaben gewhnten, die sie nachher auch vom Ehemann erwarteten. -
Ein reicher Papa hat aber meist ein greres Portemonnaie als so ein junger
Gatte ...
    Das sind schwierige Sachen, dachte Sophie. Aber sie wehrte sich doch
dagegen, allzu bedrckt zu werden. Und als sehr weibliche Frau hatte sie gleich
eine Menge grundloser und unlogischer Hoffnungen zur Hand. Zunchst tat sie das
ihre und schrieb an Mathilde Rositz, da sie ihr jeden Tag als liebe
Pensionsmitbewohnerin willkommen sein solle, und was das schon vom teuren
Verstorbenen gewnschte Portrt anlange, so werde es in jedem Fall gemacht, auch
wenn Mathildes Mama keine Neigung habe, einen formellen Auftrag zu erteilen.
    Wie kannst Du so was schreiben, Mutter, schalt Allert; solchen Frauen
gegenber sind noble Gesten hchst unangebracht. Du kannst sicher sein, da die
Rositz, die ja immer in Geldklemme ist, auf diese Andeutung hin ihre Tochter
gratis von Dir malen lt. Reiche Leute sind oft wunderbar naiv in der Annahme
von Diensten.
    Und wenn ... sagte Sophie still. Sie dachte an einen, der nicht mehr war.
Und in der Gebundenheit der Menschen, die sich nie das vllige Verschwinden
eines Lebens vorstellen knnen, war ihr, als erfreue sie ihn noch damit.
    Allert kam von Amsters. Er hatte dort heute, am Sonntag, der dicht vor den
Jahreswechsel fiel, Besuch gemacht. Seine Mutter wollte genau wissen, wie alles
ihm gefallen hatte: Mann, Frau, Tochter, Haus ...
    Er antwortete:
    Frau und Tochter nicht anwesend. Haus von bestem Geschmack. Voll solider
Mbel und Familiengeschichte. Hausherr verbindlich. Allmhlich mehr als das.
Erwrmte sich, indem er von Dir viel Bewunderndes sagte. Sprach dann von
allerlei Zeiterscheinungen. Kluges. Vor allen Dingen ber die Pflicht des Adels,
sich den sozialen Umwertungen anzupassen. Na, das sehen die Drauenstehenden ja
immer klarer ein als die, die unter den alterstrben Kronen sitzen und sich
wunder wie vorkommen. Jedenfalls merkt' ich: Er findet, da ich auf verstndigem
Wege bin. Na und dann sprach er von England. Gott - das ist ja nun das ewige
Gesprch. Geht es los, oder geht es nicht los? Fangen wir an, oder fangen sie
an? Ist unsere Flotte schon stark genug zu erfolgreicher Defensive? Und die
Deutschenfurcht drben und die Englnderfurcht hben. Und ich sagte: Es kme mir
allmhlich vor, wie Papageno und Monostatos in der Zauberflte, die voreinander
so bange sind, da sie gleichzeitig vom Schauplatz verschwinden. Hiermit machte
sich Dein Sohn, nachdem er den Senator hchst geistreich unterhalten hatte,
einen brillanten Abgang und schied wie Csar aus dem Hause Amster mit dem
Gefhl: veni, vidi, vici oder fenefedefize, wie unsere alte Therese mal sagte.
    Ich hoffe, Du hast den Senator nicht schwindlig geredet, sagte die Mutter
lchelnd, und ich denke, Du wirst noch zu dem Fest am 8. Januar eingeladen.
    Vielleicht geht dieser Kelch doch noch an mir vorber.
    Und dann sagte er pltzlich in einem ganz andern Ton - wre Sophie nicht so
unbefangen gewesen, htte sie vielleicht finden knnen, in einem lauernden Ton:
Das Haus scheint sehr gut aufgezogen - da war so ein leiser Diener - einer von
der patriarchalischen Sorte - aber abgedmpft - kein weilockiger
Lustspieldiener mit Vertraulichkeit und protegierendem Kopfnicken ...
    Was? fragte seine Mutter erstaunt, Du hast Lurch bemerkt.
    Mein phnomenaler Beobachterblick fr Gesichter. Von Dir geerbt, prahlte
lustigen Tones Allert und dachte: Bin gerade so klug wie vorher. Wenn ich auch
nun wei, da der Mann Lurch heit, wei ich damit doch noch nicht, ob es der
mit den Paketen in der Jolle war.
    Als er das Amstersche Haus betrat und seine Karte auf das silberne Brettchen
legte, stutzte er. Dieser ltliche, bartlose Diener kam ihm irgendwie bekannt
vor ... Und ihm schien, als ob durch dessen Auge auch ein leises Aufblitzen
gehe. - Aber wie? Wo? Wann? Na, das hat man ja manchmal. Manchmal? Qulend oft.
Man sieht ein Gesicht. Begrbelt es, knnte darauf schwren: das ist ein
Bekannter. Ist besorgt, durch unterlassenen Gru verletzt zu haben. Und
schlielich war es vielleicht blo jemand, der einem mal lange in der Bahn
gegenbersa, oder ein Kellner in Zivil oder ein Beamter aus irgendeinem Bureau.
Aber diese bekannten Unbekannten strahlen eine unbestimmte Beunruhigung aus.
    Als der Diener dann zurckkam und hflich sagte: Herr Senator lassen
bitten, und ihm half, den Paletot ausziehen, da wute Allert es dann doch ganz
gewi: Den kenn' ich - den sah ich schon mal wo ...
    Und er dachte pltzlich an die Jolle und sah das schne Mdchen unterhalb
der Kaimauer auf der schmalen Brcke stehen und den Jollenfhrer bezahlen,
whrend dieser Mann sich, noch im kleinen Nachen, nach den Paketen bckte.
Wirklich dieser Mann? Es konnte eine tuschende Aehnlichkeit sein. Vielleicht
noch nicht mal eine tuschende, sondern nur eine flchtige. Ein Mensch im
brgerlichen, dicken Winterberzieher, mit einem steifen Rundhut auf dem Kopf,
ist eine andere Erscheinung wie ein Mensch, der einen famos sitzenden braunen
Frack mit silbernen Knpfen und Gamaschen trgt und seine kurzgeschorenen Haare
unbedeckt zeigt. -
    Seine Mutter hatte ihm nie genauer von Marieluis erzhlt. Er wute nicht
einmal den Vornamen der Amsterschen Tochter, die seine Mutter malte. Er hatte
auch nie darber nachgedacht, weshalb sie so wenig davon sprach. Vielleicht war
die junge Dame nicht sehr anziehend. Seine Mutter mute ja die Auftrge nehmen,
wie sie fielen. Sie hatte einmal eine in lteren Malerkreisen zirkulierende
Strophe nachgesprochen:

Maler von Stilleben
Kann nicht und will leben;
Landschaft, Historie,
Ganz wie der vorige;
Portrtmaler,
Portemonnaiemaler.

Allert war gar nicht der Gedanke gekommen, da seine Mutter aus Vorsicht von
Marieluis schwieg. Sophie wute genau: Erzhl' ich ihm, wie fesselnd und schn
sie ist, so denkt er gleich, ich hoffe, da sie eine Frau fr ihn werden knnte,
und dann setzt er nie seinen Zylinder auf und macht nie da Besuch. Das sollte er
aber; denn ihr war klar, da Allert von dieser Familie aus in die Gesellschaft
hinein msse.
    Jetzt mit einemmal fand Allert es hchst auffallend, da seine Mutter so
wenig von der jungen Dame sprach.
    Wie gern htte er gefragt - aber er konnte nicht. Das wollte nicht
unbefangen ber die Lippen. Irgendeine Angst tat seinem raschen Munde Zwang an
und machte ihn stumm.
    Dieser Lurch beunruhigte ihn sehr.
    Wenn das der Mann mit den Paketen war, mute oder konnte die junge Dame die
Tochter des Hauses sein.
    Diese Mglichkeit machte ihn traurig. Sie niemals wiederzusehen - das war
fast seine Hoffnung geworden, sein Wunsch. - Es war sehr schn, an sie zu denken
- wie an einen Traum - wie an eine Gegend, die man von fern bewundert -
vielleicht ist sie in der Nhe sehr nchtern. Fernduft ist bezaubernd. -
    Am liebsten wr's mir, die Leute lden mich nicht ein. Vielleicht hab' ich
auf den Senator auch blo als Schwadroneur gewirkt, hoffte er.
    Er war entschlossen: Ich sage ab. Aber das ging ja nicht wegen seiner
Mutter.
    Am andern Morgen lag die Einladungskarte auf seinem Tisch. Er besah sie
lange. Ein Gefhl von Unbehagen, ja fast von Furcht bedrckte ihn.

Allert war eigentlich wtend. Drei Jahre hatte er in Frieden gelebt. Das heit,
vllig unabhngig wie ein Stier gearbeitet - einen neu zu bestellenden Acker fr
knftige Ernten vorzubereiten getrachtet.
    Nun zog sich ein Gewlk von Verpflichtungen ber seinem Haupte zusammen. Die
Sonntage gehrten ja zum Teil der Mutter. Und das war schn, war ausruhend,
anspornend. Aber jetzt gab es auch eine Frau Julia Dorne fr ihn in der Welt.
Daran mute er nun wohl oder bel denken und auf sie schon ihres Mannes wegen
Rcksicht nehmen.
    Es war fabelhaft, was fr Anliegen sie immer hatte. Allert htte eitel
werden knnen, weil er ihr unentbehrlich schien. Allein er dachte nur: Ich bin
der einzige, den sie kennt! Sie mu schleunigst einen Kreis bekommen. Auswahl,
damit sie einen andern vor ihren Wagen spannen kann. Das tut not.
    Ein eiliges Briefchen flehte ihn an, jedenfalls nach Kontorschlu zu ihr zu
kommen. Es war dicht vor dem Amsterschen Fest. Dr. Dorne war tief in seine
Experimente versunken und verlie bis in die Nacht hinein sein Laboratorium
nicht, wo es nach scharfen Suren und Salzen schweflig und teerig roch.
    Die reizende Julia konnte Briefe voll seltener Anmut schreiben. Ihre
kleinen, regelmigen Buchstaben tauchte sie in lila Tinte. Und sie formte
Stze, in denen Inhalt war. Allert dachte: Schlielich arbeitet der Mann fr
mich ja mit - wenn Dorne die Entdeckung glckt, der er auf der Spur zu sein
glaubt! Ja, das konnte was bringen! Donnerwetter! Na also, da mute man sich fr
die Frau, die ja wirklich viel allein sa, schon mal die Viertel- und
Halbstndchen stehlen.
    In einer wichtigen Sache mchte ich Sie heute abend sprechen. Wichtigkeit
ist ein relativer Begriff - was mir eine ist, braucht Ihnen keine zu sein. Aber
ich denke doch, der Ritterlichkeit eines Mannes ist das Anliegen einer etwas
vereinsamten Frau immer wichtig. Sie wissen, zurzeit ist mein Gatte, dessen
Arbeit ich bewundere, einer neuen chemischen Entdeckung auf der Spur, und dann
geht es ihm wie den Heineschen Grenadieren: Was schiert mich Weib, was schiert
mich Kind.
    So schrieb sie, und ihre Anrede lautete: Lieber Freund!
    Bin ich das schon? Das geht ja flink, dachte Allert.
    Die Dornesche Wohnung, eine gerumige zweite Etage am Alsterufer, war seit
kurzem fertig eingerichtet. Alle Wohnrume wurden aber tags wie abends in
Halbbeleuchtung gehalten. Die Sonne kam durch dnne seidene rosa Stores, das
elektrische Licht war immer rotgelb umschleiert. In dieser Beleuchtung erschien
Frau Julia in ihrer Anmut und mit ihren dunklen Feueraugen von mdchenhafter
Jugendlichkeit. Und Allert bewunderte ganz objektiv die Kunst dieser Frau, sich
zu dekorieren.
    Auch an diesem Abend verfhrte ein mildes, warmes Licht Augen und Nerven.
Man war sofort in eine Sphre vollkommener Weltabgeschlossenheit versetzt. Und
im leisen rtlichen Schein bewegte sich Frau Julia. Ihr fast unwahrscheinlich
dnnes Chiffongewand hatte einen Saum von dicken, graugelben Spitzen. Hals und
Arme schimmerten durch den dnnen Stoff. Allert sah sonst keine Frauenkleidung.
Er verstehe nichts davon, behauptete er. Aber dies hier fiel ihm durch die
Schnheit und das Raffinement doch auf. Und in ihm wollte sich der kleine Spott
rhren, den Mnner haben knnen, wenn sie kalten Sinnes dringliche Bemhungen
bemerken.
    Sie haben befohlen, meine gndigste Frau, hier bin ich.
    Ja. Ich habe das Gefhl, Ihrer Billigung zu bedrfen zu einem Schritt, den
ich getan habe, sagte sie, sich malerisch, schmchtig, schmiegsam in einen
Sessel drckend.
    Was Sie tun und lassen, hat doch nur Ihr Mann zu billigen, und da es sich
um etwas schon Geschehenes handelt, kme es auch nur auf eine nachtrgliche
Billigung hinaus wie beim Reichstag nach Etatsberschreitungen.
    Nein, nein. Es geht schon ein wenig Sie an. Oder Ihre Mutter. Es knnte so
aussehen, als wollte ich mich mit Vorsatz gerade da in die Hamburger
Gesellschaft hineinlancieren, wo auch Ihre Mutter offene Tren fand. Ich
wnschte Ihnen zu erklren, da es Zufall ist.
    Ich verstehe kein Wort, versicherte Allert, der bemerkte, da Frau Julia
hellgrne Seidenstrmpfe in ebensolchen Schuhen trug. - Fabelhaft geschmackvoll,
dachte Allert, und fabelhafte Vergeudung - falls dies fr mich ist.
    Frau Julia erzhlte in ihrer stockenden, die Satzbildung bedenkenden Weise:
    Mein Mann sowohl als auch ich haben einige Beziehungen zu hier wohnenden
Menschen oder knnten Beziehungen schaffen. Aber Sie wissen: jede Umwelt hat
ihre besonderen Matadore, und wer in X. eine magebende Persnlichkeit ist, wird
eine unbrauchbare Nebenfigur, wenn er nach Z. zieht. Und ich habe festgestellt,
da die Personen und Familien, an die wir hier geraten knnten, nicht zur
allerersten Gesellschaft gehren. Geradezu bei den Spitzen Besuche zu machen,
dazu ist hier der Rahmen zu gro. Wir haben noch kein eigenes Haus, kein Auto.
Mein Mann, dessen Klugheit ich bewundere, sagt, man mu den Gang der Geschfte
abwarten. Da dachte ich denn, auf irgendeine andere Weise anzuknpfen. Es gibt
ja so viele Wege. Zum Beispiel durch literarische, musikalische, wohlttige
Vereine. In den letzteren findet man erfahrungsgem eher die Damen der ersten
Gesellschaft als in den literarischen. Eine auswrtige Freundin riet mir, mich
an den Verein der Senatorin Amster anzuschlieen.
    So, hat die einen Verein? fragte er trocken. Aber er merkte scharf auf.
    Ja, zur Rettung gefhrdeter Mdchen aus dem Volke, zum Schutz unehelicher
Kinder und so dergleichen. Ich bin gestern zu ihr gefahren, lie mich in
Vereinssachen melden, wurde angenommen und gern als Mitglied akzeptiert. Wie
kann man eine Vorsitzende besser bestricken, als wenn man Vereinsmitglied mit
vierfachem Beitrag wird. Ich brachte ihr auch einen Gru von meiner, ihr
freilich weiter nicht bekannten Freundin, die ein gerettetes Mdchen vom Verein
bezogen hatte, und es interessierte die Senatorin sehr, zu hren, da jenes
Mdchen doch gleich wieder weggelaufen sei. - Da mein Mann Ihr Kompagnon ist,
kam natrlich zur Sprache. - Ja - und nun werde ich im Verein tchtig
mitarbeiten - allmhlich wird man bekannter - es werden sich gesellschaftliche
Beziehungen daraus entwickeln lassen, wenn man es klug anfngt.
    Ich habe das Vertrauen, da Sie alles klug anfangen, sagte er, whrend er
ganz benommen dachte: dann war es doch dieser Lurch - der mit den Paketen -
    Kluge Frauen sind bei Euch Mnnern nicht beliebt. Es war eine jhe Wendung
- mehr im Ausdruck und im Ton als in den Worten selbst. So ein gewisses Etwas,
das sich heraussprte wie: die Vorrede ist erledigt.
    O doch. Wenn sie auch Gefhle haben. Bei den Dummen frchtet man die
Sentimentalitt.
    Sentimentalitt ist schrecklich. Sie bedroht den Mann in der Liebe mit
Szenen. Alle sentimentalen Frauen sind zh und anklebend. Ich habe noch nie eine
gesehen, die es verstand, sich in das Ende einer Liebe zu finden, plauderte
Julia.
    Das verstehen auch die Klugen nicht. Jede Frau denkt, sie ist die Eine, die
Auserwhlte, die Liebe ohne Ende erwecken kann.
    Oh, sagte sie mit funkelnden Augen, es gibt auch Frauen, die die Poesie
und die beglckende Schnheit eines Rausches begreifen - die nach dem Erwachen
nicht klagen, sondern danken. Die das Wort Lebewohl ohne Bitterkeit sprechen.
Die wissen, das Glck ist des Schmerzes wert. Die fhlen, durch Vorwrfe und
Jammer entweiht man, was doch gttlich war - -
    Sie schwieg. Eine lange Pause entstand.
    Allert sah ihr in die Augen - eine Welt von Sinnlichkeit schwamm darin.
    Er schwieg sehr lange. Nun schien sie das Gesprch ndern zu wollen -
vielleicht, um es auf einem Umwege wieder zu schwlen Errterungen zu bringen.
Denn sie wute wohl: es gibt keine bequemere Brcke als Redensarten ber die
Psychologie der Liebe.
    Ich bin sehr viel allein. Mehr eigentlich, als erlaubt ist. Aber ich
bewundere den Flei meines Mannes.
    Ja, er ist ein leidenschaftlicher Arbeiter.
    Seine Blicke wanderten umher - er fhlte sich nervs, unfhig zu einem
vernnftig sich fortspinnenden Gesprch. Er fragte gedankenlos nach einer Bste,
an der seine Blicke zufllig hngenblieben -
    Julia stand auf - er mute ihr folgen; denn sie lud ihn mit einer
Handbewegung ein, das Kunstwerk in der Nhe zu besichtigen. Mit einigem guten
Willen erriet man, da es den Dr. Dorne vorstellte. Julia legte die Rechte an
den Sockel; so neben der Sule mit dem Bildwerk nahm sie sich im rotgelben Licht
sehr schn aus.
    Es ist von mir selbst. Ich modellierte eine Zeitlang eifrig. Knud Mohr war
mein Lehrer. Er war auch mein Freund - er war es, der mein Talent entdeckte -
aber so ohne Mitarbeiter, ohne gleichgestimmten Freund hat man keine
Inspiration. - Ach, es war schn damals - ich denke so gern daran zurck! -
    Allert sah und hrte ja, was das alles war. Eine von den Frauen war sie, die
immer ihre geistige Richtung vom Mann bestimmen lassen, mit dem sie ein
Verhltnis haben, die sogar in ihrer Anpassungsfhigkeit, die ihnen die Begierde
gibt, ein dem seinen verwandtes Talent in sich aufblhen sehen. - Er wute, das
war das Satyrspiel zu einem tiefen, groen Naturwillen.
    Er sah ja auch, die Frau war auf der Suche.
    Wenn sie nicht gerade seines Teilhabers Frau gewesen wre. - Kein Mann
spielt gern eine Stockfischrolle. - Und einen Augenblick kecken Genieens - bei
solchen Frauen vorwurfsfrei mitzunehmen - warum nicht ...
    Inzwischen, sprach sie halblaut weiter, inzwischen habe ich auch
begriffen, da in unserer Zeit viel wichtigere Aufgaben im Vordergrund der
Beschftigung auch fr die Frau stehen mssen. Ich versuche, mich mit den
industriellen und merkantilen Fragen und der gegenwrtigen wirtschaftlichen Lage
Deutschlands vertraut zu machen. Aber ich sehe schon, ich begreife nichts, alle
Mhe wird verloren sein, wenn Sie mir nicht ein wenig dabei helfen.
    Leider bin ich ja ein mit Arbeit berhufter Mensch -
    Aber wenn ich Sie bitte? Und ist es nicht auch eine Arbeit, die sich lohnt,
einer Frau, die sich weiterbilden will, zu helfen?
    Sie streckte ihm die Hand hin, die er nahm, um sie ausfrlich zu kssen.
    Er dachte nicht an eine schroffe Haltung und an ein plump beschmendes
Ablehnen. Gerade hier mute das ja mit einer gewissen Grazie gemacht werden.
    In diesem Augenblick hrte man deutlich drauen vor der Tr den kurzen
Gewohnheitshusten des Doktors Dorne. Und ganz unwillkrlich nderten Allert und
Julia ihre Stellung.
    Mein Mann! sagte sie grenzenlos und sehr rgerlich erstaunt.
    Und dann kam er auch schon herein und reichte Allert nebenbei die Hand und
hatte einen hastigen Ausdruck in seinen hellen Augen und erzhlte etwas zu
ausfhrlich, da er sich doch noch entschlossen habe, seine Arbeit fr eine
Stunde zu unterbrechen, um zu Hause zu Abend zu essen. Er lud Allert ein,
mitzuspeisen. Der aber lehnte ab und ging.
    Nimmst Du Herrn von Hellbingsdorf nicht etwas zu oft in Anspruch? fragte
der Mann ngstlich.
    Er sah, wie schn seine Frau geschmckt war, und das beunruhigte ihn immer.
    Aber nein. Er ist doch scharmant. Ich mute ihm loyalerweise das mit der
Amster sagen. - Und dann - er braucht ein wenig der zarten, letzten Abschliffe
durch Frauenhand - Du weit, ich erziehe gern ...
    Er war verwundert; gerade Allerts Formen hatte er so sicher und angenehm
gefunden, und die Mutter war so fein - Menschen aus guten Kinderstuben. - Aber
Julia sagte:
    Schlielich ist die Mutter doch Berufsfrau. Und die Art Frauen haben weder
Zeit noch Blick, ihren Shnen die letzte Modellierung des Wesens zu geben. Das
bleibt dann die Aufgabe, die uns ganz weiblichen Frauen zufllt. Und weit Du -
ich denke - zwar ist Ingeborg erst fnfzehn - aber Allert von Hellbingsdorf wre
doch mal eine Partie fr sie -
    Der Ehemann streichelte ihr ganz sacht die durchsichtig bekleidete Schulter.
Ja, so war nun seine Frau - voller mtterlicher Instinkte, wo sie sah, da sie
lenken und veredeln konnte. -
    Er begriff selbst nicht mehr, was ihn so hergejagt hatte - - und nicht diese
qualvolle Nervositt, die ihn immer antrieb, drauen zu husten. -
    Unterdes ging Allert voll Ingrimm an der Alster entlang, unter der
Bahnberfhrung hindurch, wo gerade ein gewaltiger, hellerleuchteter D-Zug ber
seinem Kopf hindonnerte, und dann wartete er an der Esplanade auf die Ringbahn.
    Ausdrcklich hatte er seinem Teilhaber erzhlt: Ihre Frau wnscht mich zu
sprechen, ich fahre fr eine Viertelstunde zu ihr hinaus.
    Und trotzdem war's ja gerade, wie der Gatte unverhofft kam, als sei man
ertappt. Ein scheuliches und, gottlob! grundloses Gefhl. Aber was so eine
unbedenkliche Frau alles anordnen kann: ein bichen rosa Licht, ein bichen
sonderbar schne Kleidung, uralter Aufwand von entgegenkommenden Blicken und
Worten, dazu die Ritterlichkeit des Mannes, der nicht mit plumpkeuscher
Tugendgeste seinen Mantel aus ihren Hnden reien mag - und die erste Szene ist
gestellt! Daraus dann nach und nach in sorgsamem Aufbau das vieraktige
Sittenstck weiterzuentwickeln, wrde sich Julia schon zutrauen. Das heit, alle
Sittenstcke sind ja eigentlich Unsittenstcke ...
    Heimfahrend dachte Allert ganz frauenfeindliche Sachen: Das sind so die
Weiber, die einen auch ehescheu machen knnen! Das hat sich doch einst aus Liebe
oder meinetwegen blo aus Verstand geheiratet. Wie auch immer: man hat sich die
ersten Jahre gut vertragen. - Da sind die Kinder - man war sich jedenfalls klar
und ist es sich noch, da Interessen, Ehre, Empfindungen gemeinsamer Kult sein
sollte. - Und doch! Die Frau, vielleicht mannstoll veranlagt oder so schamlos
eitel, da sie sich am Verlangen und der Bewunderung der Mnner nicht sttigen
kann - die Frau macht aus ihm einen Narren. Und er - so'n wissenschaftlich
gebildeter Mann! - Unruhig ist er wohl, will aber blind sein, lt sich dumm
machen - warum? In der verfluchten Hrigkeit, in die jeder von uns hineingeraten
kann! Wer darf sich vermessen, er sei dagegen gefeit? Das kommt ganz darauf an,
was fr 'ner Frau man in die Hnde fllt ...
    Schade, da es keine Statistik gibt ber die Mnner, die Junggesellen
bleiben, weil sie bei 'ner verheirateten Frau zu genauen Unterricht hatten ...
    Und er lie alle Riesen und Helden von Herkules und Simson an vor seinem
Gedchtnis Revue passieren, von denen Sage und Geschichte erzhlen, da sie
Frauenknechte und -opfer waren.
    Whrend er sich mit solchen unterhaltenden und erbitternden Schulbeispielen
gegen die Ehe strkte, fiel ihm noch ganz etwas anderes pltzlich ein - viel
Naheliegenderes. -
    Seine Teilhaberschaft mit dem Doktor Dorne bekam einen starken
Schlagschatten. Klug war der Mann, ein Chemiker von Rang. Geld hatte der Mann
genug, um mit seinem Anteil dem Geschft Aufschwung und neue Lebenskraft zu
sichern. Aber grnseidene Strmpfe und Schuh und spinnwebene Kleider kosten Geld
und - Talente kosten Geld, wenn man immer neue entdeckt und immer andere
Lehrer dazu braucht. - - Und schlielich war Dorne blo wohlhabend; kein Krsus.
Und dann ein Mann, der innerlich gehetzt ist! Und es sich nicht eingestehen
will, was ihn hetzt! Hie es nicht fr einen Aufstrebenden: Du sollst keinen
Gtzen haben neben dem Geschft? ... Und Allert sah Gewlk heraufsteigen. -
    Dann kam ja das Fest bei den Amsters. Allert holte die Mutter ab. Sie sprte
gleich: er war zerstreut und verstimmt. Er schob es auf Geschfte. Von der
Spannung, die in ihm brannte, sagte er nichts. Stumm sa er im Auto, das im
Halbrund des Weges innerhalb des Vorgartens nur langsam vorrckte, denn ein
abscheuliches Schneetreiben erschwerte Auffahrt und Aussteigen der Gste.
    In der Herrengarderobe war dann wieder dieser ltliche Diener, dieser Lurch
-
    Allert empfing auch die kleine weie Karte, auf welcher der Name der Dame
stand, die er zu Tisch fhren sollte: Frulein Marieluis Amster. Ganz
selbstverstndlich, weil er zum erstenmal als Gast hier war und immerhin schon
weit die gesellschaftliche Rangstufe der jungen Dchse von Referendaren,
Leutnants, Volontren und anderem Tanzgebein berragte. Aber er fhlte sein Herz
klopfen.
    Dann waren da zwei groe, sehr volle Rume, in denen nichts zu sein schien
wie Menschen und Kristallkronen - so waren alle Mbel vom Gedrnge verdeckt. Und
voll Wrde gleich vorn bei der ersten Tr der ihm schon bekannte Senator, der
ihn seiner Frau vorstellte. Die blonde Frau mit den hbschen, aber scharf
gewordenen Zgen und der bedeutenden Haltung lchelte sehr verbindlich und sagte
ihm ein Dutzend sehr schmeichelhafter Worte ber seine Mutter und berlie ihn
dann seinem Schicksal und seinem Stern, weil auf seinen Hacken schon andere
Gste warteten, um ihrer Begrung teilhaftig zu werden.
    Sein Stern nun war seine Mutter. Er sah, wie bekannt sie hier schon mit
allen Menschen schien, und mit welcher liebenswrdigen Heiterkeit sie sich
bewegte. Na ja, das war ihr Feld - aus diesem Boden wuchsen ihr die Auftrge zu.
- Sie sagte ihm: Ich stelle Dich vor - auch der Tochter des Hauses. -
    Nun mute er sich da und dort verbeugen und sechsmal die Frage: Sind Sie
bei Ihrer Mutter zum Besuch? beantworten: Ich lebe hier, habe mich hier
niedergelassen. Und achtmal hren: Haben Sie schon das Bild von Marieluis
Amster gesehen? Es wird fabelhaft. Drei Leute fragten ihn auch, ob er sich
schon eingelebt habe. Und dann kam sehr eilig, elegant, hoch und schmal Thea
Daister herangerauscht und nahm ihn unter ihre Fittiche, wie sie es nannte. Und
weil gerade seine Mutter vom Generalkonsul Haimburgk festgehalten wurde, dessen
beide Knaben sie ja malen sollte, bat sie rasch Thea Daister: Bringen Sie ihn
zu Marieluis.
    Das war Allert lieb. Seine Mutter hatte ihm zu feine Ohren, zu scharfe Augen
fr das, was vielleicht gleich kam.
    Und da war es auch schon. - Er hatte sie schn und ernst und gelassen und
berlegen und gereift und - und - er wute nicht, was alles - gefunden - im
langen Mantel, im dunkeln Hut. Nun sah er: Es war die Verkleidung einer
Prinzessin gewesen. Hier stand ein Wesen, das einen merkwrdigen und doch
stillen Glanz auszustrahlen schien - ein hochgewachsenes Mdchen mit blondem
Haar und feinen Zgen - klug und grau die Augen - Schultern, Arme - ach, Allert
fehlte der vernnftige Vergleich dafr. Und er hatte auch einen unbestimmten,
allgemeinen Eindruck von blablauer Seide und groen, dunkeln Veilchenstruen.
    Seine Fhrerin strebte emsig durch die Menschen auf diese junge Frstin zu.
Wenn Thea Daister jemand so geleitete, hatte es etwas Pflichtvolles, Genaues,
hchst Dringliches. Am liebsten htte Allert sie am Arm fest- und
zurckgehalten.
    Und nun sah auch Marieluis ihn und erglhte in vlligster Ueberraschung.
    Auf Wiedersehen, sagte Thea Daister, ich mu noch flink oben an der Tafel
mal zusehen, wo mein Mann seinen Platz hat - ich bin Ihre Tischnachbarin links -
hier Marieluis: der Sohn von Frau Hellbingsdorf.
    Marieluis, die ihre gewhnliche Farbe schon wieder hatte, reichte ihm die
Hand. Ich habe rasch eine groe Verehrung fr Ihre Mutter gewonnen.
    Das macht mich stolz. Ich werde viel zu tun haben, um hier fr mehr
angesehen zu werden als blo fr einen Sohn.
    Marieluis lchelte ein wenig.
    Den Eindruck hab' ich eigentlich nicht bekommen, da Sie das Talent haben,
unbemerkt zu bleiben.
    So? Also ich hab' vordringlich gewirkt? Vielleicht haben Sie Ihren Eltern
schon eine entsprechende Schilderung von jenem Mann gegeben, der Ihnen beistand?
Dann bitt' ich: Schonen Sie mein Charakterbild, damit es nicht in der Geschichte
schwankt wie das mancher Helden, und decken Sie meine Identitt nicht auf.
    Ich habe zu keinem Menschen von jenem Vorfall gesprochen.
    Das machte ihn irgendwie glcklich.
    Ich auch nicht, sagte er leise.
    Es war mir zu nebenschlich, fgte sie hochmtig hinzu.
    Gott - diese jungen Mdchen! dachte er.
    Dory, erlaubst Du: Herr von Hellbingsdorf - Frulein Dory Vierbrinck.
    Er verneigte sich vor einer zierlichen jungen Dame, die einen uneingefaten
Kneifer trug, einen schmalen Rosenkranz auf kastanienfarbenem Haar und
entzckende Grbchen hatte.
    Dory! Zum Unterschied von Laura, Fanny, Mimi, Evelyn und Helene Vierbrinck,
die hier ebenfalls anwesend sind. Vierbrincke, teils vom Senator, teils von
Vierbrinck Sohn &amp; Compagnie, teils vom Konsul Vierbrinck, sagte sie munter.
    Ich bin schon lange genug in Hamburg, um diesen hier so viel bedeutenden
Namen zu wrdigen, sagte Allert, und darf ich fragen: Von welchem Zweige
dieser ansehnlichen Familie?
    Vierbrinck Sohn &amp; Compagnie.
    Sie lachten. Und er dachte: Dory? Das war also die Dory, die an jenem Abend
davonlief. Sie aber konnte ihn gar nicht erkennen. Das war ihm lieb. Es lag ihm
im Gefhl: Das mu zwischen ihr und mir bleiben. - Er wartete - horchte auf. -
Nein, Marieluis sagte nichts. - Wenn es ihr sonst zu nebenschlich war, gerade
Dory nun zu erklren: Denke Dir, es ist Herr von Hellbingsdorf, der mir damals
beistand - das htte sich doch fast von selbst verstanden ...
    Wie viel Nhe hatten sie schon zueinander - das berauschte ihn. -
    Welche Kluft war zwischen ihnen - er fhlte es in der nchsten Stunde mit
Erbitterung. -
    Man sa bei Tisch. Alles ist bester Stil, dachte Allert, vornehm, nicht
protzig, trotz der Menge alten Silbers und edlen Kristalls - trotz der erlesenen
Speisen - wie sind sie sicher und bedacht zusammengestellt.
    In zwei Slen saen etwa hundert und mehr Personen. Die ungezwungene
Frhlichkeit, das lebhafte Gesprch brachte jenes gleichmtige, ununterbrochene
Gerusch hervor, das dem einzelnen gestattet, vom Nachbar ungehrt zu bleiben.
Aber zunchst kam Allert nicht zu seiner Aussprache mit Marieluis. Seine andere
Tischnachbarin war voll Unruhe. Sie lie ihre Serviette fallen und dann ihre
Handschuhe, und whrend ihr Tischherr sich bckte, fragte sie Allert was und
hrte nicht seine Antwort. Dann fragte sie ihren Tischherrn und achtete nicht
auf seine Auskunft, sondern wollte wieder etwas von Allert.
    Knnen Sie meinen Mann entdecken? fragte sie in ihrer geschwinden Sprache.
Aber - Sie kennen ihn ja nicht - pardon, wie dumm von mir - ich bin furchtbar
mucksch mit meinem Mann, aber aufpassen mu ich doch, ob er nicht zu nett mit
seiner Dame ist. Wenn man sich mit dem Gatten grndlich erzrnt hat - nicht
wahr? So seid Ihr Mnner! Er ist imstande, einer anderen den Hof zu machen.
    Und sie bog ihren langen Hals nach rechts, nach links. -
    Was denn? Erzrnt mit Ihrem Mann? fragte Allert. Wenn ich mir eine
indiskrete Bemerkung gestatten darf: Ich habe von Ihnen wie von Turteltauben -
natrlich in moderner Variante, sprechen hren.
    Bleib mal einer Turteltubchen, sagte Thea Daister, wenn man pltzlich
hrt: wir knnen nur acht Tage in St. Moritz bleiben, es kostet zu viel, und
unser Leben in Berlin schluckt alles. - Pa und Ma sind immer vier Wochen mit mir
hingegangen ... Und im Frhling knnen wir nicht nach Cannes. - Ich bin starr. -
Mut ich da nicht mal auftrumpfen?
    Wie recht hatte Raspe, dachte Allert, die Ansprche nehmen sie aus den
Elternhusern mit in die Ehe ...
    Sie knnen sich hinter Ihre Eltern stecken, gndige Frau, trstete Allert,
wenn man so vorsichtig in der Wahl seines Vaters gewesen ist ...
    Marieluis sprach mit vorsichtiger Stimme hinein, aber doch nur zu ihm: Die
Eltern haben den Etat so gro bemessen, da er nicht berschritten werden darf.
Thea hat ja Geschwister.
    Die junge Frau bemhte gerade ihren Tischherrn mit der Entdeckung des Gatten
und hrte nicht, was ihre Cousine sagte.
    Nun, die Verstimmung wird nicht ernst sein, uerte Allert. Es
interessierte ihn wenig.
    Er fhlte die Nhe dieses Mdchens wie ein beklemmendes, betubendes Glck.
Fr ihn war sie das hchste Bild von Frauenschnheit; seine Natur wollte sie -
sie! Ganz und gar sie - wie sie da sa, in beherrschter Haltung, mit vollen
Schultern, schlanken Armen und diesem fein geformten Kopf, den kstliche, blonde
Haare locker umgaben. - Diesem ernsten Gesicht mit den klugen, groen Augen und
den tiefen Mundwinkeln. -
    Es kommt mir ganz phantastisch vor, wenn ich Sie so sehe - in diesem Rahmen
- in diesem Kleid - wenn ich auch nichts davon verstehe - es scheint mir
kstlich und das Geschmackvollste von der Welt - ich mchte mich an den Kopf
fassen: Sind Sie es wirklich, die ich im klebrig-schwarzgelben Nebel von einem
grlenden Trunkenbold bedrngt sah?
    Ja - bei der Arbeit gibt's eben mal andere Situationen.
    Es ist keine Arbeit fr Sie! sagte er mit Entschiedenheit.
    Barmherzigkeit? Keine Frauenarbeit? Welche ist es mehr? sprach sie und sah
ihn mit groen Augen an.
    Es gibt Dinge, begann er erregt, ber die man sich kaum mit Worten
verstehen kann. So wie die Empfindungen sich zu Gedanken bilden - nicht wahr:
Denken und Worte - das ist dasselbe - alles Denken ist stummes Sprechen - ja,
gleich sind schon die Schwierigkeiten da. Wie sollte Barmherzigkeit nicht
Frauenarbeit sein?! Sie ist die allererste! Keine Legende ist rhrender als die
vom Rosenwunder, das der heiligen Elisabeth geschah.
    Nun also ...
    Und doch ... Sehen Sie, frher waren die Frauen auch barmherzig - jede,
sofern sie ein echtes Weib war - wirkte in ihrem Kreis, mit offenen Hnden und
offenem Herzen - nur mit dem Herzen. - Und solche Frauen gibt es gewi auch
berall heute - die nichts anderes wollen als wohltun. Aber da sind die vielen,
die arbeiten - ja, sie nennen es Arbeit - was liegt oft in dem Wort, in diesem
Zusammenhang! - Und ich sehe im Geist in ihren Hnden vor allem die Tabellen und
Statistiken. Und wo frher die Trne des Mitleids rann, hrt man jetzt das Wort
soziale Pflicht.
    Ist es nicht ein Fortschritt, da Pflicht wurde, was frher Gnade war?
fragte sie.
    Ja. Mein Gott - ich frchte, Sie werden mir nichts, gar nichts entgegnen,
wozu mein Verstand nicht ja sagen mte, fuhr er immer eindringlicher fort;
aber das Holde, das Ergreifende, das die Mildttigkeit hatte - dem Ausbenden
eine Gloriole verleihend - dem Empfangenden das Herz erweichend und den Gram
lsend - hat sich dies Ergreifende nicht da und dort verflchtigt? Hat die
Barmherzigkeit nicht einen doktrinren, sozialpolitischen Zug bekommen? Wenn sie
so von Vereins wegen nach Prinzipien, in umrissenen Grenzen ausgebt wird?
    Es gibt keine menschliche Institution, der nicht auch Mngel anhaften.
    Und die Hauptsache - sehen Sie - die Hauptsache - man mu auch das
Menschenmaterial gegeneinander abwgen - wie kann man ein schnes, hochbegabtes,
junges Mdchen auf ein Gebiet hinaussenden, wo ihr Gefahren drohen? - Ich selbst
hab' Sie in einer solchen gesehen - welcher Schaden wre grer, wenn Ihnen
Furchtbares zustiee? Furchtbares - nicht Auszusprechendes! Oder wenn ein doch
entartetes Kind oder sonstiges Wesen aus der Unterschicht mal keine Kleider und
Vermahnungen bekme?
    Wenn mir bei Erfllung meiner Pflichten etwas zustiee, wre es wie mit dem
Heldentod meines Vaters: er infizierte sich, als er eine Operation ausfhrte,
und starb. Sollte er nicht Arzt werden, weil ihm Gefahren vom Beruf drohten?
    Ihr Vater? fragte Allert verdutzt.
    Ich bin das Adoptivkind von Amsters, sagte Marieluis ruhig, und ich bin
meiner Mutter unendlich dankbar, da sie mir, sehr frh schon, den Blick ffnete
fr die Notwendigkeit, an der Ausgleichung sozialer Ungerechtigkeiten
mitzuarbeiten. Da sie mir groe Ziele zeigte. Da sie mir vor einigen Jahren
offenbarte, wie viel Unglck nicht aus Leichtsinn, sondern aus Unkenntnis
entsteht. Das macht milde und gerecht. Wie zahllose junge Mdchen wurden durch
die Roheit und Gewissenlosigkeit der Mnner ins Elend gebracht, nur weil sie gar
nicht wuten, welche Gefahren ihnen vom Manne drohen.
    Allert wute ja: mit Worten lie sich hier nicht fechten. Ihre Worte waren
unwiderleglich. Sein Verstand, seine soziale Einsicht gaben ihr wohl recht. Und
doch ...
    In uns Mnnern, sagte er, wenn wir Frauen in dieser Art wirken sehen -
ja, da kommen zwiespltige Empfindungen auf. Die Frau zu behten, sie vor der
Berhrung mit dem Hlichen, vor dem zu genauen Wissen vom Schmutz mglichst zu
bewahren, das ist nun mal unser tief angeborenes, ritterliches Bedrfnis.
    Sie sind sehr konservativ und vorurteilsvoll, sprach sie und hatte einen
bitteren Zug um den Mund.
    Nein! Ich? Nein! Meine Ttigkeit, die ich frei whlte, beweist, da ich es
nicht bin. Mein Geschlecht hat nur Offiziere, Diplomaten und Grundbesitzer
gesehen. Ich wurde Kaufmann, weil ich die Zeit und bald auch den Beruf ganz
verstand - in seiner kulturellen Bedeutung. Noch sind die adeligen Kaufleute wie
weie Raben - das wissen Sie ja auch. - Ich lasse mir nicht sagen, da ich
vorurteilsvoll bin - von niemand. - -
    Er sah sie fest an, mit einem herrischen Blick vielleicht. Und sie hielt
diesen Blick aus. Ihre Augen wurden dunkel und gro, ihre Nasenflgel bebten -
es war ein stummes Kmpfen.
    Ich nenne es aber vorurteilsvoll, wenn man ein berkommenes Gefhl nicht
durch Erkenntnis berwinden kann. Unsere Zeit legt eben auch der Frau die
Pflicht zur Mitarbeit auf und lehrt sie zugleich, sich selbst zu schtzen. -
    Er dachte natrlich an den Kerl, der schon nahe daran gewesen war, sie zu
umfassen, zu kssen. - Und es schien, als lse sie diese Gedanken von seinem
lebendigen Gesicht - sie brach ab und errtete ein wenig.
    Und dann kam wieder Thea Daister dazwischengefahren und fragte Allert, ob
sie Tulla Rositz von ihm gren solle.
    Ich habe gar nicht die Ehre, diese junge Dame zu kennen.
    Ach Gott - nein - pardon - ich bin so zerstreut - das ist ja Ihr Bruder -
der Oberleutnant - sie lachte ein wenig, wobei sie sich auch drolligerweise
bckte, als msse sie sich zum Lachen kleiner machen, ich will mal indiskret
sein - Raspe von Hellbingsdorf, das war so Tullas zweites Wort. - Vllig hin ist
sie - passen Sie mal auf - das kann was werden - und trotz der unordentlichen
Finanzwirtschaft der Frau - sicheres Geld ist ja da - das kann 'n Offizier immer
brauchen - Ihr Bruder soll sich nur dazuhalten ...
    Junge Mdchen schwrmen heute und vergessen morgen, sagte Allert in einer
verallgemeinernden, sehr khlen Ablehnung.
    Und er dachte: Sie zeigen ihr Herz auf dem Markt herum - und locken die
taktlosen Zuschauer heran, die durch indiskrete Bemerkungen die Seele des Mannes
verletzen und ihn verscheuchen.
    Wenn sein zurckhaltender und stolzer, sein vorsichtiger Bruder dies gehrt
htte! Es wre gengend gewesen, ihn fr immer von Tulla abzuwenden.
    Nachher wurde Allert noch von der Hausfrau mit einem kurzen Gesprch
bedacht. Sie bewachte mit Feldherrnblick den Ablauf des Festes und ob die Gste
auch stets richtig gruppiert und unterhalten seien.
    Wissen Sie schon, die Frau von Ihrem Teilhaber ist unserm Verein
beigetreten. Ich bin ganz entzckt von der Distinktion dieser Frau. - Und welche
Einsicht! Sie sagte mir, da sie hauptschlich durch die intensive
Erziehungsarbeit an ihren heranwachsenden Tchtern darauf gekommen sei, sich
vorzustellen, wie doch zahllose arme Mdchen schutzlos dem Elend und der
Verfhrung preisgegeben wrden. Sie will uns tchtig helfen, und nicht blo
Krfte, auch Geld will sie opfern. - Ja, solche Mitglieder kann ich brauchen -
aber - Gott! - Da steht meine Kollegin Vierbrinck ganz allein - verzeihen Sie,
und im Fortgehen wandte sie noch rasch das Herrscherhaupt und ordnete an:
Suchen Sie sich nur schon meine Tochter, das Tanzen kann gleich beginnen.
    Somit war er der Antwort berhoben, und das bedeutete immerhin eine
Erleichterung. Was htte er sagen sollen, wenn man ihn um nhere Ausknfte ber
die intensiven Erziehungsarbeiten angegangen wre. Hchstens konnte er uern,
da er noch keine Gelegenheit gehabt habe, Frau Julia auf diesem Gebiet
beobachten zu knnen ...
    Nur auf andern! dachte er amsiert. Und er stellte noch bei sich in bezug
auf Julia fest: Es gibt da paradoxe Sachen - das ganz Plumpe und Gewhnliche
kann wieder wirken, wenn eine Frau es khn und mit Geschick handhabt - deshalb
spreche nie einer von verbrauchten Mitteln.
    Und eine Viertelstunde nachher walzte er mit Marieluis. In seiner
bedrngenden Arbeit war ihm ein wenig das Jugendgefhl und der Sinn fr
Vergngungen abhanden gekommen. Deshalb hatte es fast etwas Unwahrscheinliches
fr ihn, da er hier, ein wundervolles junges Weib im Arm, im Takt umherglitt -
dasselbe Weib, mit dem er sich in schweren Augenblicken und ernsten Gesprchen
gemessen - das gab ihm ein Gefhl, als stehe man in einer Doppelexistenz. - Der
khne Gedanke kam, ihr zu sagen: Du gehrst mir. Du bist nicht geschaffen, mit
dem Laster und Elend zu ringen; Du bist nicht geschaffen, hier in prunkvoller
Geselligkeit mit zu statistieren; es ist Deine einzige Bestimmung, das kluge,
liebende, geliebte Weib eines Mannes zu werden. Mein Weib - - Oder war es schon
zu spt - war sie schon unfhig, ihre Gedanken, ihre Pflichten auf einen zu
konzentrieren? War sie schon eine von denen, die im stillen Frauentum nicht mehr
genug Aufgaben fr ihre Krfte finden?
    Wie schn sie war. Voll blhenden Lebens. Und wie ihre Gestalt und die seine
zusammenpaten - sich in der Umschlingung des Tanzes aneinanderfgten - als
seien sie freinander gewachsen.
    Wie htte sein feuriges Empfinden nicht auf sie hinberwirken sollen! Jeder
Nerv wurde zur elektrischen Leitung - ein fast qualvolles Gefhl von Glck war
in ihnen.
    Sie hob den Blick zu ihm, und eine Unendlichkeit von Liebe, Verlangen,
Bitten kam wie ein Strom von Glut aus seinen Augen. -
    Fnf Minuten gehrten sie einander mit ihren Wnschen, Hoffnungen - mit
jedem Schlage ihrer Herzen. - Dann zerri dieser Zauber - hart brach die Musik
ab - andere Menschen waren um sie her - nahmen sie einander fort - all diese
dummen Gesetze, von denen die augenblickliche Szene beherrscht ward, behaupteten
sich. -
    Allert haspelte den Rest des Abends auch ganz ordentlich seine Rolle als
Figur ab - er vermied es, sich noch einmal der einen zu nhern, vermied auch ihr
Auge, fhlte nur von fern, wie man im Gesichtsfelde des Augenwinkels die Dinge
wahrnimmt, ohne hinzusehen, da sie da war. - Es wre ihm eine Profanierung
gewesen, eine Wiederholung jener Minuten voll leidenschaftlicher und zugleich
tief geheimnisvoller Zusammengehrigkeit zu suchen.
    Alle Frauen und Mdchen fand er hchst uninteressant. Nur mit Dory
Vierbrinck beschftigte er sich ziemlich viel. Das war ja ihre Freundin. Was man
so nennt - wenn man zusammen aufwuchs und auf den gleichen Bllen tanzte. Aber
nein - diese beiden gingen ja auch sonst auf gleichen Wegen - da, wo er sie
getroffen hatte ...
    Das kaum mittelgroe Persnchen hatte etwas sehr Anziehendes. Die Grbchen
gaben dem Gesicht Heiterkeit und Anmut; dazu tat der Kneifer eine entschieden
naseweise Note. Und Temperament besa Dory! Es sprudelte aus ihren Worten und
Mienen.
    Und er hatte, als er in einer lngeren Tanzpause neben ihr sa, ein Gesprch
mit ihr, davon manches Wort sich schmerzlich fest in sein Gedchtnis einbrannte.
    Bitte, was haben Sie sich bei Tisch mit Marieluis erzhlt? Ich sa
schrgber und dachte: Die sagen einander lauter Bissigkeiten. -
    Wir waren verschiedener Meinung ber die Ausbung der Vereinsttigkeit, der
Frulein Amster sich mit Eifer hingibt.
    Mit Eifer? sagte Dory, der das Wort viel zu klein war, mit Leidenschaft!
Sind Sie wohl auch wie mein Bruder John?
    Ich habe nicht die Ehre, zu wissen, wie Ihr Herr Bruder ist.
    Sonst entzckend. Nur von unserer sozialen Ttigkeit will er nichts wissen.
Er prophezeit immer, uns passiert noch mal was. Ich graule mich ja auch
manchmal, und es riecht immer schlecht bei solchen Leuten. Aber Marieluis wrde
mich verachten, wenn ich nicht einshe, da man sich an der moralischen Hebung
der Gefhrdeten und Gefallenen beteiligen mu. Wissen Sie - Marieluis ist mein
Schwarm - sie imponiert mir kolossal, trotzdem sie uns immer wegen Flei und
Benehmen als Muster vorgehalten wurde - gegen solche kriegt man manchmal Ekel
und Wut. Nicht? Aber Marieluis ist wirklich fabelhaft. Ach Gott, und die Figur!
    Sie schlo die nachdrckliche Erklrung, die durch viele, stark betonte
Worte wirkte, mit einem ergebenen Seufzer, der ungefhr verriet: Man darf nicht
neidisch sein, das ist klein.
    Ich wre also geneigt, die Furcht Ihres Bruders zu teilen, sagte Allert
und fragte hinterlistig: Ist Ihnen denn noch nie etwas passiert?
    Sie sah ihn durch ihre glatten, uneingefaten Kneiferglser prfend an. Sie
mochte ihn sehr gern leiden; als er zum zweitenmal mit ihr tanzte, fiel es ihr
schon freudig auf - und nun war sie bereits auf dem Wege, sich in ihn zu
verlieben. Sie fand ihn auch so vertrauenswrdig und rckte ihm nun ein bichen
nher, wobei sie verga, ihre Eiscreme weiterzulffeln.
    Doch! erzhlte sie flsternd, doch! Schon zweimal. Wenigstens beinahe....
Aber Marieluis sagte, wir mten nicht wie kleine alberne Mdchen alles unsern
Mttern vorklagen, sondern lernen, mit allem selbst fertig zu werden, wenn es
auch fatal sei. Einmal - ja, das war vorigen Winter - da sollten wir eine
schlimme Frau, das heit einen Mann hatte sie aber nicht - die sollten wir
bewegen, da sie ihre zwei Kinder in die Nachmittagsschule gbe. Oh, die war
gemein! Was die uns alles sagte! Nein, das kann ich Ihnen wirklich nicht
wiedererzhlen. Und gerade als Marieluis ihr zurief, sie solle sich schmen, da
kam noch ein Kerl aus der Kche und - ja, ich behaupte steif und fest, er wollt'
uns prgeln - er hatte Marieluis schon am Rock erfat. Und wie gemein die
Weibsperson dazu lachte. Aber Sie glauben es nicht, groartig war Marieluis,
entri ihm ihr Kleid - beinahe ruhevoll - und sah ihn an. Nein, was fr ein
Blick! Und der Kerl war einen Moment baff. Da sagt ich: Komm! und zog sie mit
aus der Tr. Ja, es war schrecklich. Aber natrlich, riesig interessant war es
auch.
    Und ein Ausdruck ganz naiver, unbewuter Lsternheit war auf ihrem pikanten
Gesicht.
    Und das andere Mal? fragte Allert scharf.
    Sie drfen aber niemand von diesen Sachen was wiedersagen. Versprechen Sie
es?
    Mein Wort! sagte er einfach und fest.
    Das andere passierte vor ein paar Wochen. Da wollten zwei Betrunkene auf
uns los - und der eine packte mich - oh, er war schon mit seinem Mund an meinem
Hals - grlich roch er nach Schnaps - ich schrie wie wahnsinnig und gab ihm
einen Schubs - da er, glaub' ich, hinfiel - ich lief und lief - o ja ...
    Und Ihre Freundin? fragte er seltsam kurz und trocken.
    Wie es ihr ergangen ist, wei ich eigentlich nicht. Gott, ja, es war
treulos von mir, so auszureien. Marieluis sagt, sie habe auch heil die
Elektrische erwischt - aber irgend etwas mu sie da doch noch erlebt haben - sie
war so anders nachher. - Aber sie sagt ja, das sind eben die Gefahren auf dem
Felde der Berufsehre. Und meine Mutter meint, die Barmherzigen stehen in Gottes
Hut.
    Sein geduldiges Zuhren, das doch durchaus nur Anteilnahme fr sie sein
konnte, wurde ihr immer wichtiger. Sie stellte bei sich fest: Mit keiner Dame
hat er sich so viel beschftigt wie mit mir! Sie setzte sofort auch bei ihm ein
rasch aufwachsendes Interesse voraus, und mit der Fixigkeit, die manche junge
Mdchen in der Entwicklung von Liebe und Hoffnun haben, war sie schon nicht mehr
ganz unbefangen.
    Wissen Sie, Herr von Hellbingsdorf, fuhr sie fort, das seh' ich ja ein:
man mu was tun. Blo so Blle und Sport - nein, das ist nicht mehr zeitgem.
Ein ntzlicher, vernnftiger Lebensinhalt mu sein. Und gerade wir, die nicht
fr Broterwerb zu arbeiten brauchen, mssen auf sozialem Gebiet Pflichten
suchen. Tante Amster hat es uns groartig klargemacht. Aber wenn ich mal
heirate, tret' ich aus 'm Verein. Das steht bombenfest. Dann krieg ich ja andere
Pflichten. Und wer wei, vielleicht denkt mein Herr und Gebieter in spe so wie
mein Bruder John und ist berhaupt dagegen. Wir sind darin total verschiedener
Ansicht, Marieluis und ich. Und sie sagt, sie nimmt nur einen Mann, der in
diesen Fragen eines Sinnes mit ihr ist. Sonst will sie ja gar nicht heiraten und
sich der Hebung der Sittlichkeit und der Rettung vaterloser Kinder widmen. Wer
hat recht: Marieluis oder ich?
    Dabei lchelte sie ihn an, die reizenden Grbchen erschienen, und hinter den
Glsern strahlten die Augen.
    Er umging die Antwort. Die Art, wie sie von knftiger Heirat sprach, gab ihm
glcklicherweise die Gelegenheit zu einer ablenkenden Frage:
    Sie sind verlobt, gndiges Frulein?
    Da wurde Dory Vierbrinck ganz rot und lachte etwas fieberisch.
    Ach Gott, nein - keine Spur - wieso kommen Sie darauf? - Ich will keinen
von all diesen jungen Leuten, mit denen man irgendwie vervettert oder
verschwgert ist - die kenn' ich ja auswendig. - -
    Sie brach ab. Sie fhlte pltzlich: das knne er vielleicht wie einen Wink
auffassen. Nein, das wollte sie denn doch nicht. Das vertragen die Mnner auch
nicht - das wre eine zu verkehrte Taktik. Aber entzckend war er - das stand
fest - und man sah sich ja wieder - Papa mute ihn auffordern, Besuch zu machen.
Ach, wie schn wrde das Leben, wenn da ein Mensch war, an den man mit Spannung
denken konnte. Es war ja auch schon gerade zum Verzweifeln gewesen: den vierten
Winter immer dasselbe.
    Nun hrte man Musik.
    Hier, Lurch, sagte Dory und reichte dem gerade mit einem Tablett
Vorbergehenden ihr ungeleertes Cremeschlchen hin.
    Dieser Mann im braunen Frack - Allert sah wieder, wie er sich in der Jolle
herumbckte nach den Paketen. Alle Bilder muten ausgelscht werden in der
Erinnerung - auch der heutige Abend. Das war besser ...
    Sie wollte ja keinen Mann, als einen, der sie ihren Weg weitergehen lie,
dem es zusagte, da sie mit dem Schmutze rang, dem es gefiel, da ihre Ohren und
Augen mit Unkeuschheiten vertraut waren.
    Und ihm - ihm war das eine Qual - eine Beleidigung ihrer feinen, hohen
Weiblichkeit. Vorbei - unmglich. - -
    Dory stand auf.
    Ja, sagte sie zgernd, nun kommt die Quadrille, die hab' ich mit
Oberleutnant Sger - die drei andern Paare sind auch schon fest. -
    Ihr Bedauern war doch offenbar. Und Allert sagte hflich: Schade.
    Sie seufzte, besann sich eine Sekunde und sagte:
    Das war 'n ernstes Ballgesprch.
    Ja, ein sehr ernstes, antwortete er.
    Ernster als Du denkst, Du kleines, ehrliches warmbltiges Ding, dachte er.
    Und er mute alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, um auf sein Gesicht den
Ausdruck von freundlicher Angeregtheit zu zwingen, der hier von ihm erwartet
wurde.
    Eine Einladung ist schlielich auch wie ein Geschft, ist ein Tauschhandel;
der Einladende fhlt: Du nahmst meine Einladung an, dafr mut Du nun mir auch
fortwhrend zeigen, da Du Dich amsierst. -
    Gerade kam die entschlossene Herrin des Hauses an ihm vorbei. Bemerkte sie
einen unfreien, erzwungenen Ausdruck? Sie blieb eine halbe Minute stehen.
    Nun, Herr von Hellbingsdorf, wie sind Sie denn mit uns Hamburgern
zufrieden? Unterhalten Sie sich?
    Glnzend, gndige Frau.

Hoch in siegreicher Gewalt stieg die Flamme empor, Rauchschwaden auftreibend,
die sich zu rtlich bestrahltem Gewlk sammelten und den nchtlichen Himmel
verhngten. Mit einer erhabenen Ruhe und Unbezwinglichkeit loderte sie aus dem
dsteren Chaos. Dem ersten lrmvollen Treiben um die Sttte war lngst das
feierliche Grauen gefolgt, in dem die Zuschauermassen nah und ferner gebannt
standen. Um die Wagenburgen der Dampfspritzen und Lschgerte hantierten rasche,
dunkle Gestalten mit blitzenden Messinghelmen. Dicke kristallene Strahlen nahmen
in hohem Bogen ihren sausenden Weg auf die berhellen Dcher und Wnde der
verschiedenen Gebude, die, alle von geringer oder kaum mittlerer Hhe, sich um
zwei Schornsteine zu gruppieren schienen. Der eine stand als hohe, glhend
beleuchtete Sule. Die krzere vierkantige Esse, die, von einer gedrungenen
Basis aufsteigend, sich nach oben verjngte, stie auch aus ihrem eigenen
Mundloch Rauch aus. Zuweilen gab es mitten in dem hllischen Durcheinander von
schwelendem Geblk, glimmenden Wnden, dunklen Rauchwolken, zngelnden
Flmmchen, zusammensinkenden Brettern einen Knall. Dann flog, einem Ballon
gleich, ein unbestimmbarer Krper durch die hohe Flamme hinauf - in ihrem Kern
einen Herzschlag lang sichtbar - wie ein khner Vogel, den es zu hherem Fluge
treibt - und was in der Flamme eine dunkle Form gewesen, ward droben ber ihr
eine glhende Kugel, und die sauste weiter in die Nacht hinein - als ein Gescho
der Gefahr - das Feuer wahllos hinzutragen, wohin der Wind wollte. - Oder ein
Zischen entstand, und wunderbares, farbiges Gewlk, Stichflammen von
Mrchenpracht fuhren aus dem Chaos empor und wurden wieder vom Feuer
verschlungen - gingen in seiner brnstigen Glut auf. Funken stiegen zur Hhe,
leicht und spielend, gleich klingenden Tnen, helle Punkte ber dem bedrohlichen
Gewoge des Brennens. Daran vorber zog sich die Strae, die fast schon ein
Schlammstrom war. Zu schwarzen Silhouetten wurden vor der unruhig flackernden
Sttte die Mnner, die mit harter und sicherer Kraft ihre Arbeit taten.
    Aber hinten - an der Grenze des Grundstcks - da war dieses Schauspiel noch
phantastischer. Planken hatte man niedergeschlagen, um ber einen ausgedehnten
Lagerplatz weg vom Kanalufer den ungehemmten Weg zum Feuer zu gewinnen. Dort lag
der offene, wuchtige, kleine Dampfer mit der Hafenspritze. Er war in sonst
verbotener, rasender Fahrt herangesaust, unter Brcken seinen Schornstein
flachlegend, an Kaimauern die Wellen erregt aufschlpend, durch die bloe Eile
seines unaufhaltsamen Vorwrtsdringens allen Schiffern, die an der nchtlichen
Flut unter stilltrumendem Backbordlicht Wacht hielten, verkndend: Gefahr! -
Und nun kamen die kalten, glsernen Wasserlinien vom Schiffe her durch die
Nachtluft und begossen die Dcher der Nachbarschaft und vermhlten sich mit dem
Rauch, durch den sie ihren Weg nehmen muten, von dem sie oft verschluckt zu
werden schienen.
    Der Kanal war zum Stromband der Hlle geworden und seine Flut rotglhender
Eisenflu, von schwarzen Schatten grausig berworfen, in wilden, groen
Willkrlichkeiten, die allem Bestehenden die Gewiheit nahmen. Und in diesem
Formen auflsenden Durcheinander von roter Glut und dsteren Finsternissen
verwischte noch der Rauch alle Grenzen.
    Huschendes Leben war berall auf dem Wasser, wachsam sprangen an den Borden
der Leichter und Oberlnder Khne die Menschen hin und her, den fallenden Funken
wie bsem Getier nachjagend. Die Pinasse der Hafenpolizei, heulende
Sirenenschreie ausstoend, kam rauschend gefahren. - - Sandscke wurden in
rasender Eile ausgeladen, und den hastigen Mnnern nahm der immer neu
daherfahrende Rauch fast den Atem.
    Und immer, vom Wasser und von der Strae, immer zogen die hohen kristallenen
Strahlenbogen ihre reinen Linien auf das Geloder zu - gleichsam eine Verbindung
herstellend zwischen den sich mhenden Menschen und der grausigen Einsamkeit der
hinaufsteigenden Flamme.
    Allert stand, bleich, durchnt, beschmutzt, und sah dem furchtbaren
Schauspiel zu - was zu retten gewesen war an Bchern, Papieren - das lag schon
in seiner nahen Wohnung - anderes war im feuersicheren Geldschrank. Immer noch
schien es Allert, als trume er, so roh hatte ihn das tolle Bumsen an die Tr
seines Hauses, dann seiner Wohnung geweckt. Und der Schrei: Feuer!
    Feuer - ja Feuer - wie war es entstanden? Man wute es nicht. Vielleicht
Selbstentzndung. Und wenn ein Element sich sttigen konnte an dem Material der
Fabrik, so war es das Feuer - da waren die Lacke und die Aether - all diese
Suren und Oele - all diese Hlzer und Harze.
    Auch Dorne kam - natrlich mit groer Versptung - bis man durch das Telefon
ihn in seiner entlegenen Wohnung aufgeschreckt hatte - bis er, in der
Winternacht um vier Uhr, ein Auto fand - da war ja aber auch die Frau - Allert
bemerkte ihre Nhe erst kaum.
    Bei kurzem Hin- und Herreden mit Dorne hatte er wohl gefhlt: So nah geht es
dem nicht! Nein, nicht sehr nah! Man war vllig versichert, Dorne lie gleich
ein trstendes Wort fallen, da der Zwang eines Neubaues viele Vorteile habe,
manche bisher ungnstige Anlage konnte nun zweckmiger eingerichtet werden. Er
sah fr seine Experimente, seine Arbeit bessere Bedingungen voraus. Er war ja
auch erst seit ein paar Wochen mit diesem allen verbunden.
    Aber fr Allert sanken hier viele Erinnerungen in den Staub. Drei harte
Anfngerjahre - viele Stunden voll schwerer Sorgen - zahlreiche, nicht
umzubringende Hoffnungen - alles, was einen Menschen an die Sttte bindet. Dach
ist nicht Dach - Tisch nicht Tisch - Wand nicht Wand. - Der Verstand wei es
wohl: es gibt stolzere Dcher, kostbarere und bequemere Dinge als diese, die nun
von der Glut verzehrt werden. Aber was sie adelte, was den eigenen, gewohnten
Besitz doch zum kstlichsten macht, das war, da er ein Stck Leben sah, Zeuge
gewesen und so, durch stummes Mitspielen im Dasein, ein beseeltes Teil von ihm
war. Es zerri Allert fast das Herz, da sein Kontorstuhl, sein Schreibtisch
mitverbrannten. -
    Und dann - als Kaufmann fhlte er ja auch den Schaden als Schlag, gegen den
man sich nicht versichern kann. - Die Unterbrechung der Fabrikation und der
Lieferungen - wie leicht konnten da mhsam angeknpfte Verbindungen fr immer
zerreien - die Konkurrenz berholt eilig und lachend den, der wider Willen
aufgehalten wird. Erster zu werden ist das Ziel - auch ein Rennen. -
    Er bi sich auf die Lippen.
    Da fhlte er eine sanfte Hand die seine ergreifen und liebevoll pressen. Er
sah zusammenschreckend neben sich. Da stand Julia - im grauen Pelz, auf dem Kopf
die graue Pelzmtze, unter der das schwarze Haar hervorbauschte - er sah,
seltsam das Geringste und Nebenschlichste genau erfassend, da an dieser grauen
Pelzmtze ein Veilchenstrau befestigt war - und wie ein Blitz huschte eine
Vorstellung durch ihn hin - ein dicker, dunkler Veilchenstrau auf blablauer
Seide, an weien Schultern. Und dies jetzt - hier! - Aber es war schon vorbei.
Er sah die Flamme wieder steigen und die Rauchwolken aufquellen und hrte das
emsige Raunen pruzelnder, sausender, brodelnder Gerusche.
    Und mitten in seine bitterlich schmerzenden Gedanken hinein, so, als htte
er sie ihr genau erzhlt, sagte Julia:
    Ja, Ihr seid genau versichert. Mein Mann sagte es mir unterwegs. Aber was
hier alles gerade fr Sie mitverbrennt, das kann Ihnen keine Versicherung
ersetzen. - Alle Erinnerungen an Ihre ersten Arbeitsjahre. An Ihre erste
Selbstndigkeit - Gott, mu das ein wichtiges und verantwortliches Gefhl
gewesen sein. - Sie war doch fr Sie ein Stck Lebensgeschichte geworden, die
Fabrik. Mein Mann, dessen Fassung ich bewundere, wird Ihnen gewi eine groe
Sttze sein - aber dies versteht er nicht. Ich versteh' es - ja, ich ...
    Windelweich war ihm zumute. Die Worte sprachen zu ihm.
    Sie hat doch ein warmes Herz. - Da ist doch mehr in ihr, fhlte er.
    Er drckte in heier Dankbarkeit die Hand wieder, und es genierte ihn nicht,
da die schwarzen Augen in den seinen den feuchten Schimmer sahen.
    Und gleich danach geschah es, da der eine der leitenden Feuerwehrmnner sie
bat - weit, weit zurckgehen - und da Julia sich voll Angst an seinen Arm
klammerte. Er legte die Rechte um ihren Pelz und fhrte sie weiter fort. Und da
kamen sie schon in die Front der Zuschauer, die die Strae fllten. Und all
diese Gesichter, dies Gehuf von Menschen zwischen den Mauern der nchtigen
Strae, ber die bald greller Schein hinflog und bald ein schwarzer
Rauchschleier, das hatte etwas Furchtbares - wie Lemuren, die am Eingang einer
Unterwelt lauernd sich zusammenhufen. - -
    Und die zarte Frau schien von allem Mut verlassen, in dem sie sich hergewagt
- sie lehnte an Allert, und er mute sie halten.
    Wo war der Mann? Allert sah ihn nicht. Der Befehl des Feuerwehrmannes hatte
sie, planlos, blind gehorchend, nur so fortgejagt. Nun dehnte sich vor ihnen der
abgesperrte Straenteil. Ja, wer mochte wissen, wo Dorne war. - Und hilflos
stand man hier und sah den Tempel der Arbeit zusammenstrzen, und mit den
aufquellenden Rauchwolken schienen die Geister der Sttte zu entfliehen.
    Er dachte: Ich sollte fortgehen - die Frau wegfhren. Was tun wir hier. Man
war nur ein tatenloser Zuschauer wie all diese Tausende, die sich im Schlunde
aller Gassen hben und drben preten.
    Er hatte nicht einmal das Recht, sich zu bettigen - da arbeitete die Wehr -
die nur ihre geschulten Krfte an ihre Maschinen heranlie - da war die Polizei,
die sogar den Besitzer fortwies. Hier waren keine Menschenleben in Gefahr, die
man mit heldischem Mut htte retten wollen und knnen. Hier galt es die hchste
Umsicht und die rasendste Arbeit, das Feuer nicht weiterspielen und -tanzen zu
lassen - zu verhten, da ein groes Fabrikviertel, da zahllose Schiffe ein
einziges groes Feuerwerk wurden, da sich Lagersttten voll von Millionenwerten
in prasselnde Scheiterhaufen, Raketen und Glhbomben auflsten.
    Ja - fort - die Qual des Zusehens war zerrttend.
    Julia flsterte: Ich mchte fort - bringen Sie mich nach Haus. - -
    Er verstand nicht. Trotzdem man das Gefhl hatte, inmitten einer grandiosen,
andachtsvollen Stille zu sein, durch die nur Kommandorufe hallten, war in der
Tat die Luft voll von Geruschen, die durcheinander sausten und zischten.
    Sie mute es noch einmal sagen.
    Ja, sagte er, gewi. -
    Und nun fhlte er: es hielt ihn hier mit bezwingender Gewalt fest - es war
ein Opfer, die Frau zu geleiten. - Ganz rasch machte er sich aber klar: In einer
Viertelstunde kann ich wieder hier sein.
    Er versuchte, Julia durch das Gedrnge zu bringen. Jeder wollte gern vor ihm
zurckweichen, denn viele kannten ihn als den Besitzer der brennenden Farbwerke,
und andere errieten, da er es sei. Das teilnahmvolle Platzmachen war aber
schwer, denn jeder Gefllige, indem er sich bewegte, drckte schon mit seinem
Rcken gegen die Brust eines Hintermannes.
    Endlich kamen sie aber doch durch diese lang sich hinstreckende,
zusammengekeilte Menge. Und da war auch ein Auto. Sie stiegen ein. Julia fiel,
wie in halber Ohnmacht, mit ihrem Kopfe gegen seine Schulter. Mit ihren beiden
Hnden umklammerte sie seinen Arm, ging, wie suchend, mit ihren Fingern abwrts,
bis sie seine Rechte fand, und umprete sie mit heftigem Druck. Und rasch schien
sie sich zu erholen. Sie sprach - in abgebrochenen Worten - aber jedes kam aus
seinem eigenen Gemtszustand - sagte ihm, wie ihm zumute war; sein tiefstes
Innere, so wie es in dieser Stunde war, schien auf ihren Lippen sich in die
rechten, erlsenden Reden zu kleiden.
    Das tat ihm wundervoll wohl. Er war ja nicht schwach und nicht zerbrochen.
Aber er war weich, erregt, nervs. Und dieser Weichheit war es Trost, so mit
verstehenden, zarten Worten gestreichelt zu werden ...
    Das schien nicht die Frau mit dem deutlich versucherischen Wesen.
    Das war das Mitleid, das war das Verstndnis in Person - vor allem dies
letztere. - So klein und einsam vor dem gewaltigen Ereignis hatte er gestanden -
so ganz in menschliche Nichtigkeit aufgelst. - Und man ist nicht mehr in der
zermalmenden Einsamkeit vor der Naturmacht, man ist nicht mehr eine Nichtigkeit
voll Ohnmacht, wenn eine verstehende Seele sich zu einem neigt: Ich leide mit
Dir, weil ich wei, da Du leidest. - -
    Und immer traulicher schmiegte sie sich in seinen Arm.
    Da hielt das Auto - droben im Haus glnzten erhellte Fenster in die Nacht
hinaus. - -
    Dank, sagte er mit unsicherer Stimme, Dank fr all Ihr Mitgefhl. - -
    Und da neigte sie sich zu ihm - so nah - da ihre schwarzen, flehenden Augen
dicht vor seinem Gesicht waren.
    War sie es, die zum Ku seine Lippen berhrte - war er es, der die ihren
suchte? -
    Ein kurzer Augenblick ...
    Dann Stimmen - der Chauffeur, der die Tr aufri - helle Rufe von droben aus
den Fenstern - Gerusche drinnen an der Haustr. -
    Julia stieg die drei, vier granitenen Stufen zu ihr empor. -
    Und er, der im Auto sa, das sofort wendete - er sah nicht das Siegerlcheln
auf ihrem Gesicht. -
    Allert jagte zurck. Dieser kurze Augenblick war rasch abgetan - mit einer
Handvoll vernnftiger Worte, die er sich sagte: die arme Frau war auer sich -
gleich ihm jh mit dem Donnerwort aus dem Schlaf gejagt - er wute ja, wie einen
das umwarf - und dann die Furchtbarkeit des Brandes - das war ein Schauspiel,
das die Nerven fieberischer erbeben macht als jedes andere. - Ein zartes Weib
hat das Verlangen, sich zu halten - es ist das natrliche Begehren nach Schutz,
das sie sich an den Mann schmiegen heit, der zufllig neben ihr ist. -
    Und gerade alles, was an Ritterlichkeit in ihm war, erklrte und
entschuldigte ihre Hingegebenheit - und er entschuldigte auch sich selbst. -
    Es gibt Stimmungen und Augenblicke, die einen ber die Grenzen fhren. -
Aber er war sich bewut, jenseits der Grenzen nichts Unerlaubtes empfunden zu
haben.
    Eine Aufwallung der reinsten Menschlichkeit - zwischen zweien, die in diesem
Augenblick nicht Mann und Weib waren. -
    Und am andern Vormittag weinte seine Mutter an seiner Brust. Und er mute
und konnte ihr auch trstend sagen: Wr' ich ein Mann, wenn mich so ein
Rckschlag umwrfe? Ein Zwischenspiel, das aufhlt - jawohl. - Mehr aber nicht.
    Das war im Amsterschen Hause. Dort suchte Allert seine Mutter; vorher zu ihr
in die Pension zu kommen, war ihm unmglich gewesen; bis zum Mittag konnte er
nicht warten, er durfte es nicht darauf ankommen lassen, da ein Zufall oder
eine Zeitung ihr die erste Nachricht gbe.
    Lurch, der ihn ja nun als den Sohn der hier tglich anwesenden und von
seiner Herrschaft sehr geehrten und geliebten Malerin kannte, lie ihn sogleich
in das erste der groen Zimmer, wo er vor vier Wochen Marieluis als Tochter
dieses Hauses erkannt hatte. Droben im improvisierten Atelier malte seine Mutter
jetzt die beiden Haimbrugkschen Knaben, und in Gegenwart dieser Kinder, in
Gegenwart von vielleicht deren Erzieherin und Atelierbesuchern mochte Allert
seine ernste Neuigkeit nicht mitteilen. Er lie seine Mutter herunterbitten.
    Als er das Zimmer betrat, erschrak er.
    Vor acht Tagen, als er zum Sonntagsessen hier mit seiner Mutter zuletzt
gewesen war, stand das Bild noch nicht hier. - Er hatte es noch nie gesehen -
nun war es hier aufgestellt, ehe es, dem Wunsche der Senatorin gem, zur
Empfehlung der Malerin bei Commeter ausgestellt wurde. - Da es ein wirklich
bedeutendes Kunstwerk sei, erkannte und bedachte er in diesen Minuten nicht.
    Das war sie ganz! Dies schne, gereifte Wesen, ernst und klug und khl und
beherrscht - mit dem reizvollen Mund, in dessen Winkeln mehr Heiterkeit und
Temperament sich versteckten, als man in Sprache, Blick und Geste je erriet. Das
blabluliche Gewand trug sie auf dem Bild, und die dunklen Veilchenstrue in
kraftvoll lila Tnen wirkten hchst malerisch. - Und wie das duftige Haar ihn
entzckte - man htte mit den Hnden hineinfahren mgen. - Ach, und diese
Schultern und Arme. - Vollkommen! dachte er. Und dachte es zornig - erbittert.
    Dann kam die Mutter. Und nach dem ersten groen Schreck, den ersten Trnen
und seinen gefaten Worten rief sie nach Lurch. Ja, man mute doch die Senatorin
wissen lassen ... Sie war gerade im Atelier gewesen. - Vielleicht hatte sie es
sogar schon gewut und beherrscht geschwiegen. - Jetzt meinte Sophie es
durchaus: Ja, unbefangen war sie nicht. - Und als Lurch meldete: Herr von
Hellbingsdorf wnschen seine Frau Mutter dringlich zu sprechen, da hatte sie
gesagt: Gehen Sie nur rasch. - Es sah wohl der Senatorin hnlich, ihr Wissen
zu verbergen, um dem Sohn nichts vorwegzunehmen. - Das nackte Wissen ohne
Kenntnis der nheren Umstnde ist oft noch viel grausamer als die genaue
Wahrheit. -
    Und es zeigte sich, da die kluge Frau wirklich durch eine Telefonnachricht
ihres Gatten vom Brande der Hellbingsdorfschen Farbwerke unterrichtet worden war
- schon um halb zehn. - Aber sie war der Ansicht: Nicht mir kommt es zu, die
kahle Tatsache einem erregbaren Mutterherzen mitzuteilen.
    Jetzt aber, da sie mit ihrer Tochter erschien, nahm sie die ihr geme
Haltung an. Sie beherrschte mit Fragen, Mitteilungen, Ansichten das Gesprch.
    Es war Sophie lieb. Sie fhlte sich vom Schreck geschlagen, litt um ihren
armen, lieben Jungen und bewunderte ihn auch zugleich. - Und dies
Bewundernknnen tat ihr wohl wie der beste Trost.
    Frau Amster erzhlte zunchst, was ihr der Senator kurz telefoniert habe,
und begrndete ihr Verschweigen der Unheilsnachricht als logisch und gerecht.
Auf diesen beiden Leitworten ihres Lebens ruhte sie ein wenig aus, voll Gefallen
an sich und ihrer Freiheit von dem gewhnlichen, weibischen Mitteilungsdrang.
Dann aber wollte sie alles wissen.
    Und Allert erzhlte. Und der Schlu seiner Erzhlung lautete:
    Es war so ttend - so unntz - dazustehen - zu warten, bis endlich diese
schreckliche, hochsteigende Flamme in sich zusammenfiel - nochmals stieg und
sank, bis das Ganze nur ein wster Haufen schien, aus dem zuweilen Flammen
zuckten. - Und bis endlich alles schwarz war - diese trostlose nasse Schwrze,
ja - die hatte was wie vom Grab. - Der Himmel wurde grau - die Menschen verloren
sich - andere kamen - die Stockung in den Straen hrte auf. - Ich hatte
eigentlich gar keinen Gedanken mehr, als ganz blde und dumm: jetzt ist der
Himmel schon grau. - Und mich fror - Dorne war schon lngst nach Hause gefahren.
Ich htte auch gehen sollen. Aber das war wie 'ne fixe Idee - ich mute durchaus
aufpassen, wie der Himmel langsam hell wurde. Endlich sagte der Brandmeister was
zu mir - da man erst nach einigen Stunden wrde nachsehen knnen, ob der
Geldschrank standgehalten habe - Geld ist ja natrlich nicht viel drin. - Das
gibt's heutzutage nicht mehr - aber die Bcher. - Da kam ich denn ein wenig zu
mir selbst und fhlte mich zerschlagen. - Du fielst mir ein, Mutter, und die
zahllosen Tassen Tee, mit denen Du Dich lebendig machst, wenn Dich was
umgeworfen hat. - Na - ich ging in meine Wohnung, und nach dem vielen starken
Tee ward mir famos zumute - ganz khn sozusagen. - Nun erst recht! fhlt ich so
ungefhr. Man sollte Ereignisse niemals vor dem Frhstck beurteilen. Und ich
beschftige mich mit der Frage: Sollte Mut keine Charaktersache sein? Sollte er
latent in Tee- und Kaffeekannen stecken? Wie Teein und Koffein? Das mu Dorne
mal untersuchen!
    Die Senatorin lchelte wohlgefllig.
    Sie selbst war eine gnzlich humorlose Natur. Gerade deshalb war ihr Allerts
scherzhafter Ton unterhaltend, und sie sprte auch, da er ihn zuweilen wie eine
Art von Waffe und Wehr brauchte, um seine eigentlichen Empfindungen dahinter zu
verbergen, und vor allen Dingen, um seiner Mutter zu suggerieren, er nhme das
Leben leicht.
    Und Frau Doktor Dorne? Haben Sie etwas von ihr gesehen? Hat sie sich
aufgeregt?
    Sie war in der Nacht mit zur Stelle. Nachher mute ich sie rasch nach Hause
bringen. Der Gatte hatte sich im Gewhl verloren. Die Gattin war ziemlich aus
der Fassung, doch voll Verstndnis.
    Du hast keins! Offenbar gar keins! dachte er grollend zu Marieluis hinber,
die schweigend sa, das Fenster voll Vormittagssonne im Rcken, so da ihr
Gesicht gnzlich im Schatten und um ihr blondes Haar eine goldschimmernde Kontur
war. Sie hatte ihm nur die Hand gereicht - hchst flchtig.
    Solche schreckhaften Ereignisse hatten wohl nicht auf Teilnahme von ihr zu
rechnen - dabei gab es ja keine sittlich Verwahrlosten zu retten. - Dabei konnte
ja keine hebende und ausgleichende Ttigkeit entfaltet werden. - Und ein warmes,
gutes Wort an einen zu richten, der immerhin Schweres erlebte - der noch lange,
lange an dem Schlag zu tragen haben werde - dazu stand man diesem einen wohl zu
feindlich gegenber.
    Whrend er diese zornigen Gedanken an Marieluis richtete, bemerkte die
Senatorin lobend: Das gefllt mir an Frau Dorne. In solchen Stunden gehrt die
Frau zum Mann! Man hat doch wiederholt immer die besten Eindrcke von ihr.
    Es gefiel auch Allerts Mutter. Sie war immer so froh, wenn sie etwas
Lobendes ber Julia sagen und damit ihr Gefhl und ihre Vorurteile widerlegen
konnte. Und was fangt Ihr nun an? fragte sie sorgenvoll.
    Wenn man nicht selber das Objekt wre - fast Spa htt's einem machen
knnen - auch das Pech bringt Konjunkturen fr Geschftsleute. - Man kann den
Satz aufstellen: Es gibt keinen Schaden! Alles, was sich ereignet, ist irgend
jemandes Nutzen - alles ist Umsatz: Tod und Feuersnot und Wasser, Krieg und
Pestilenz - blo Umsatz.
    Und ich finde, sprach die Senatorin angeregt, da gerade das dem
wirtschaftlichen Leben der Neuzeit einen so intelligenten, ausgleichenden,
rastlosen und sicheren Charakter gibt. Dies beinahe unwahrscheinliche
Ineinanderverflochtensein aller Interessen bewahrt uns vor allzu groen
Erschtterungen.
    Sie fing an, von der groen Geldkrisis zu sprechen, die 1857 in Hamburg alle
Geschfte lahmgelegt, und wie, nach den Erzhlungen ihres Vaters, die Leute in
Freudentrnen ausbrachen, als die bekrnzten Lokomotiven auf dem Berliner
Bahnhof, damals dem ersten und einzigen noch, einfuhren; diese kleinen
Lokomotiven mit den groen Schornsteinen, die uns heute, wenn man Bilder von
ihnen sieht, beinahe anmuten wie Modekupfer aus vergangenen Tagen. Sie brachten
Silbergeld aus Oesterreich, diese Lokomotiven, und das sollte in die leeren,
stockenden Adern des wirtschaftlichen Lebens flieen.
    Ja, so etwas konnte man sich gar nicht mehr als mglich vorstellen.
    Und weil sie doch einmal beim Erzhlen war, kam sie auf ihres Vaters
Berichte vom Hamburger Brand im Mai 1842, und wie die Leute auf den Knien lagen
und beteten, whrend der flammende Kirchturm sich neigte, und das von der Hitze
bewegte Glockenspiel mit hallenden Tnen in die Feuersglut hineinsang: Allein
Gott in der Hh sei Ehr'.
    Sie sprach lebhaft und gut, und diese jeden Hamburger bewegenden
Erinnerungen lenkten ganz von Allert und seinen Sorgen ab. Sophie, die sich in
Gegenwart der Senatorin immer an die Wand gedrckt fhlte, ohne dadurch im
mindesten verletzt zu sein, denn es war unwillkrlich und entsprach dem Wesen
beider, Sophie htte zu gern nachgefragt. Aber sie wollte nicht unhflich sein.
    Mit einem Mal, in eine knappe Atempause hinein, fragte aber Marieluis:
    Sie wollten uns erzhlen - vielleicht, wie Ihre Lage andern Leuten zum
Vorteil wird? - Ich verstand -
    Da Marieluis ihre Mutter unterbrochen hatte, ehe diese ihren Vortragsstoff
bis aufs letzte Krnchen vor den Zuhrern ausgeschttet gehabt, war wohl noch
nicht dagewesen. Wenigstens Allerts Mutter und er selbst hatten es noch nicht
erlebt. Und nun klopfte ihm sofort das Herz wegen dieser Zwischenfrage, als ob
sie etwas ganz Besonderes sei.
    Die Senatorin schien ein wenig verdutzt - wie ein Husch ging ein derartiger
Ausdruck ber ihr Gesicht. Aber sie schlo sofort ein ermunterndes: Also? -
an.
    Drei Makler waren schon Punkt neun zur Stelle. Jeder schwor, da er uns am
vorteilhaftesten unter Dach und Fach bringen knne. Wir werden wohl die
leerstehenden Gebude einer verkrachten chemischen Fabrik am Nagelsweg mieten -
Dorne meint, da lt sich der provisorische Betrieb in krzester Frist
einrichten. Und ein Vertreter einer Baufirma, deren Spezialitt Fabrikbauten
sind, fand sich mit Vorschlgen ein. Und dann ein Mann, der ein Angebot auf Kauf
und Abfuhr der Trmmer machte. Und ein Agent von Safes, falls unser sthlernes
das Feuer nicht sollte ausgehalten haben. -
    Fabelhaft! sagte die Senatorin.
    Sophie war ganz erleichtert.
    Sachverstndig fragte die Senatorin weiter: Und die Lieferungen?
    Gerade gestern - 'n bichen Glck hab' ich ja immer irgendwie doch - ja, da
haben wir 'n ganzen Leichter mit Blechbchsen befrachtet - Farbstoff fr 'ne
groe schsische Spinnerei und Baumwolldruckerei - soll die Elbe rauf. - Und zur
Bahn kam gestern auch gerade noch vielerlei. - Ich mu die andere Kundschaft
bitten, sich zu gedulden - zu der wichtigsten reise ich selbst ...
    Er fhlte die herzlichste Anteilnahme der klugen Frau. - Pltzlich dachte
er: Wie so ein auergewhnliches Ereignis die Menschen gleich nher aneinander
bringt. -
    Und die Hausfrau sagte jetzt auch, da sie darauf bestehe! Allert und seine
Mutter mten hier heute abend essen, Allert sollte durchaus auch noch mit dem
Senator sich aussprechen, den alles sehr interessieren wrde. - Sein Haus habe
doch unter seinem Grovater auch die Erschtterung durch einen Brand aushalten
und berwinden mssen. Damals freilich seien nicht gleich Makler und Agenten mit
Hilfsmitteln aus dem Boden aufgeschossen. - Alles sei schwerer gewesen, nicht
nur weil das Unglck so viele traf und die ungeheure Ausdehnung hatte, sondern
weil man damals diese auf Gelegenheit lauernden Allesvermittler im
Geschftsleben noch nicht kannte.
    Allert nahm die Einladung an. Er wute selbst nicht, ob ungern oder mit
heier Freude. Er dachte: Ich sollte ihr aus dem Wege gehen - jetzt - jetzt auch
das noch - diese Qulerei. - Das lenkt ab! Das darf nicht sein. - Ich habe
Sorgen - Arbeit. -
    So viel von beiden, da er die nchsten Wochen manchmal dachte, es wrde
sich nicht bezwingen lassen, es gehe ber seine Kraft. Und alle Augenblicke mal
zu kurzen Reisen auf und davon - trotz Telefon und Draht, in gewissen Dingen war
die Ueberredungskunst doch die beste Art zu verkehren.
    Und darber kam es ihm eigentlich gar nicht zum Bewutsein, da er pltzlich
fr einen kleinen Kreis von Menschen eine Hauptperson und ein Mittelpunkt
geworden war.
    Bei Dornes wuten es sogar schon die Dienstboten: das Kommen und Gehen des
Herrn von Hellbingsdorf bestimmte die Toiletten der gndigen Frau und die
Gerichte auf dem Tische. Oft, wenn er am spten Abend von einer Reise zurckkam,
suchte er noch seinen Teilhaber auf, um sich mit ihm zu besprechen. Dorne,
unfhig, nach auen hin auch nur den kleinsten Schritt fr ihr Unternehmen zu
tun, arbeitete in seinem Laboratorium mit desto leidenschaftlicherem Eifer. So
schienen sie sich auf das glcklichste zu ergnzen. Wenn diese kaum verhehlbaren
Unruhen nicht gewesen wren, von denen Dorne oft mitten bei der Arbeit befallen
ward! - Und Frau Julia machte immer ein groes Wesen davon, wenn er so abends,
manchmal etwas abgespannt, noch in wichtigen Sachen vorsprach. Dann tat sie, als
sei es ihre Pflicht, sich in seiner Pflege zu erschpfen, und als habe er zu
ihrer aller Besten ungefhr Herkulesarbeit hinter sich.
    Es war ihm peinlich, da seine Ttigkeit zu berschwenglichem Verdienst
aufgebauscht wurde. Es genierte ihn vor dem Manne, der mit Worten beistimmte, in
dessen helle Augen aber dann immer der seltsam schimmernde Funke trat. -
    Im Hause Amster war Allert auch pltzlich der liebe junge Freund geworden.
Auf das ernsthafte Gesicht des Senators kam ein heller Schein, wenn er mit ihm
sprach, und die klugen, scharfen Zge der Hausfrau milderten sich zur
Zufriedenheit, so oft er sich bei ihnen als Gast, natrlich besonders
eingeladen, zum spten Mittagessen einfand. Seine Mutter geno es glckselig,
ihrem Sohn die Achtung und Vorliebe dieser beiden hochstehenden Kpfe und Herzen
zugewendet zu sehen - denn schlielich - sie hatten ja auch Herz. -
    Wie viel, das wute Allert noch gar nicht. Aber seine Mutter, die hatte es
erfahren.
    Nicht nur durch all die nahezu leidenschaftliche Protektion. Diese schtzte
Sophie in ihrer feinen Menschenkenntnis sehr richtig ein. Da sprach das
Herrscherbedrfnis der Senatorin. Sie hatte diese Malerin gewhlt und hierher
gebracht, nun sollten alle Menschen durchaus im Urteil und Geschmack mit ihr
bereinstimmen, und indem sie der von ihr geladenen Knstlerin Auftrag ber
Auftrag verschaffte, bewies sie sich und anderen ihren machtvollen Einflu.
    Nein, die Mutter hatte zur Mutter gesprochen. Etwa drei Wochen nach dem
Brand.
    Es war nach einer Sitzung. Die kleinen Haimbrugks hatten mit ihrer Mama, der
Erzieherin und einer lteren Schwester einen ziemlich geruschvollen Abgang
genommen. Sophie knpfte sich gerade die Malschrze ab. Da betrat die Senatorin
das Atelier. Sie war im Hut und Pelzpaletot, vornehm und stattlich sah sie aus.
Sie kam aus einer Vorstandssitzung. Dann war sie immer besonders angeregt; sie
hatte dann ihre Ueberlegenheit voll ausgekostet und war mit sich zufrieden.
    Wir haben Frau Doktor Dorne zur zweiten Schriftfhrerin ernannt - sie
glaubt, da sie sich dazu besser eignet als zur Ttigkeit drauen - ja, dazu
gehrt eine besondere Begabung - keine von meinen Damen kommt da Marieluis
gleich.
    Es ist doch eine Freude fr Sie, da die angenommene Tochter so ganz Ihr
Kind geworden ist.
    Und ob! Aufrichtig - ich mchte mal ein vertrauliches Wort ber Marieluis
mit Ihnen sprechen; dabei zog sie mit Sorgsamkeit ihren kostbaren Mantel aus
und legte ihn, voll Respekt vor seinem Wert, schonlich ber den nchsten Stuhl.
    Sophie wurde etwas unruhig zumute. Vertrauliche Worte ber Marieluis?! Und
von dieser Frau, die trotz aller Gesprchigkeit und aller Lebhaftigkeit ihres
Verstandes niemals eine vertrauliche Art hatte? Die ganz, ganz geheimen Wnsche,
deren Sophie sich bewut war, gaben ihr pltzlich das Gefhl, als habe sie ein
schlechtes Gewissen.
    Sie wissen, begann die eine Mutter zur andern zu sprechen, da Marieluis
so erzogen ist, da sie nicht zu heiraten braucht. Weder aus finanziellen noch
aus ethischen Grnden. Sie ist versorgt und hat Lebensinhalt, gottlob! das darf
ich sagen: Ich hab' die Pflichten, die ich bernahm, erfllt.
    Sie lehnte in dem weien Korbsessel, in dem der kleine Haimbrugk in seinem
weien Matrosenkleidchen gemalt wurde. Den Ellbogen hatte sie auf die leicht
geflochtene Lehne gesttzt und sah Sophie nachdenklich an. Und hinter ihr stand
das Stck weigrauer Papierleinwand, das Sophie da hatte hinspannen lassen.
    Ihr gegenber, neben der Staffelei, hockte Sophie auf dem Malerschemel und
hielt die Hnde auf den Knien.
    Niemand kann sich vorstellen - ich denke mir, besonders keine natrliche
Mutter kann das -, wie ein erworbenes Mutterrecht ist! Sie werden es nicht
glauben, die andern Mtter, da solche erworbenen Rechte leidenschaftlicher
empfunden werden und noch tiefer wurzeln. Wissen Sie, die ersten zwlf Jahre
hatte ich sehr gelitten. Mein Mann nicht so sehr. Es gibt ja Shne bei seinem
Bruder, das Haus blht weiter. Aber ich - ich fhlte durchaus: Ich kann
erziehen, bilden, ein junges Wesen ganz und gar mit dem meinen durchwirken, mich
hinopfern. Und dann bekam ich Marieluis. Sie war zwei Jahre alt - also ich habe
ihre ganze Jugend in der Hand gehabt! Wollen Sie es wohl glauben: Mit jeder
Erziehungsmhe erkaufte ich mir, was andern Mttern von Natur zusteht! Ich habe
alles darangesetzt, aus Marieluis ein kluges, klardenkendes, gerechtfhlendes,
hochgebildetes Wesen zu machen. Das kostete Hingabe. Und ich verwuchs ganz mit
ihr, ganz! Ich darf sagen: Mein Ziel ist erreicht. Wenn ich mir so all die
andern Mdchen ansehe - keine reicht an meine Tochter. Sie ist ganz mein. Und
doch - sehen Sie - da ist dennoch ein Stachel! Vielleicht scheint sie nur ganz
mein. Eines Tages vielleicht wird sie, wenn sie liebt und heiratet, sich daran
erinnern, da in ihren Adern ja nicht mein Blut fliet. Das trfe mich wie ein
Schlag. Wenn eigene Kinder sich gegen die Mutter wenden, ist es entsetzlich.
Wenn ein so zu eigen gewordenes Kind die Mutter verliee, wre es furchtbar.
    Das wird Marieluis niemals tun, sagte Sophie fest. Und fgte nach einer
ganz kurzen Pause tastend hinzu:
    Auch deshalb wnschen Sie nicht, da Marieluis heiratet?
    Die Senatorin fuhr auf:
    Nehmen Sie es nicht bel, liebe Verehrte, aber Ihr andern Frauen versteht
Euch allesamt nicht aufs Zuhren und auf logische Gedankengnge. Wann htte ich
je gesagt, da Marieluis nicht heiraten soll? Ich sagte nur, sie ist so erzogen,
da sie es nicht braucht! Aber natrlich wnsch' ich es ihr. Gott, Liebste, wenn
ich denke, ich bekme Enkelkinder - erlebte da das Wunder, das mir selbst nicht
beschieden ward - - -
    Sie stockte. Und wahrhaftig: die scharfen Zge bekamen den Glanz einer
wunderbaren Weichheit. Aber das durfte nicht sein: Fassung, Selbstbeherrschung,
Haltung - und wieder ganz berlegene, sichere Dame.
    Ja - aber die Wahl des Mannes! Natrlich - sie soll frei whlen! Das
versteht sich. Ihr Herz und ihr Verstand sollen whlen. Und knnen es, mit
Bewutsein - knnen prfen - sich bedenken. Denn Marieluis ist ja sexuell
aufgeklrt - wei in jeder Richtung, was sie tut. Ich wei auch, hoffe
wenigstens, ihr wird nie eine Leidenschaft ber dem Kopfzusammenschlagen und sie
blind machen. Ich wei auch, sie wird nie einen Mann nehmen, der sie
zurckschrauben will, der alles ausstreicht und weglscht, was ich sie an
Erkenntnissen und Pflichten gelehrt.
    Sie besann sich einen Augenblick. Nun kam ja erst das, was eigentlich gesagt
werden sollte. Und sie fuhr fort:
    Ein Weilchen dachte ich an John Vierbrinck. Sie wissen, den lteren Bruder
der allerliebsten kleinen Dory. Ich bin eine geborene Vierbrinck - wie gern
htte ich Marieluis in meine Familie eintreten sehen. Aber John ist ganz
rckstndig. Er hat es ja sogar durchgesetzt bei meinem Vetter, da Dory nicht
mehr fr meinen Verein ttig sein darf. Er hat den trichten Ausspruch getan,
seine Schwester sei nicht dazu berufen, die soziale Frage zu lsen. Das sollte
witzig sein. Also ja - ich denke: Shne, die eine Mutter haben, die arbeitet,
die wirtschaftlich auf sich selbst gestellt ist - die wissen, da eine Frau
heute nur bestehen kann, wenn sie gelernt hat, dem Leben allein Trotz zu bieten
- ja, solche Shne sind Mnner, die unsere soziale Arbeit verstehen werden.
    O gewi - gewi! murmelte Sophie. Und sie raffte sich, ihren
spannungsvollen Vorgefhlen zum Trotz, sogar zu der Bemerkung auf:
    Es wrde ja wohl bei den heutigen wirtschaftlichen Verhltnissen keinem
vernnftigen Menschen mehr einfallen, die Frau unter allen Umstnden im Rahmen
der Familie festhalten zu wollen.
    Die Senatorin nickte befriedigt. Und war sich schlielich doch nicht bewut,
da diese allgemeinen Redensarten und Gemeinpltze hier gar nichts zu bedeuten
haben mochten.
    Sie nderte ihre Haltung nicht, sondern sah immerfort fest in Sophiens
Gesicht.
    Ihr Sohn ist meinem Mann und mir vom ersten Augenblick an sehr angenehm
gewesen, begann sie, gleichsam in einen neuen Abschnitt des Gesprches tretend.
Aber seit dem groen Brande seiner Fabrik haben wir viel Respekt vor ihm
bekommen. Der frhliche Mut, der in ihm ist, diese klare Uebersicht, die er hat,
die zhe Energie, mit der er trachtet, den Schaden auszugleichen - ja, mein Mann
sagt, solche Charaktere sind zuverlssig.
    Welche Mutter wre nicht beseligt von solchem Lobe.
    Ja, murmelte sie, ich darf es auch sagen, so ist er.
    Es kommt mir vor, sprach Frau Senator, als ob Marieluis und Ihr Sohn in
eine bestimmte Atmosphre von Beunruhigung geraten sind. Zwar - Marieluis ist
nicht das Mdchen, etwas ber ihr Innenleben zu verraten - auch mir nicht. Das
acht' ich, das lieb' ich an ihr - das hab' ich ihr ja anerzogen, sich stolz zu
beschweigen. Aber ich sah sie zweimal errten! Natrlich ahnt sie nicht und soll
es nicht ahnen, da ich es sah. Und dann sonst noch Zeichen - Sie haben es kaum
bemerkt: Am Tage nach dem Brande - Marieluis fiel mir in die Rede - das konnte
nur die starke Begierde sein, Ihren Sohn weitererzhlen zu hren. Und so
allerlei. Und er! Ja, ich finde, sein Humor wird wohl gelegentlich forciert, von
versteckter Gereiztheit, wenn Marieluis lange schweigend dasitzt. Und so
allerlei ...
    Sie meinen ...? stammelte Sophie.
    Ich meine: es pate! Die beiden zusammen. Uns. Ihnen. Ich hoffe doch, auch
Ihnen.
    Sophie wurde dunkelrot.
    Ich wrde glckselig sein, sagte sie, und Trnen traten in ihre Augen. Sie
hatte das dringliche Bedrfnis, der andern Mutter um den Hals zu fallen. Aber
die sa sachlich und voll uerlicher Ruhe da und lud nicht zu solcher Rhrung
ein. Aber nun wute Sophie es ja doch: unter all dieser verstndigen
Beherrschtheit verbarg sich ein warmes Herz. Und hinter all dieser sozialen
Ttigkeit, die vor dem Kampf um sittliche Hebung auf den dunkelsten Gebieten
nicht zurckschreckte, hinter dieser sehr modernen, moralischen Khnheit lebte
der ganz frauliche, uralte, rhrende Mutterwunsch, das Kind glcklich zu
verheiraten. -
    Die beiden Frauen waren sich dann klar: dies Gesprch mute ihr Geheimnis
bleiben, und man konnte nicht zart und nicht unbefangen genug sein. Aber
immerhin wute man nun beiderseits: solch Bndnis wrde hben und drben Freude
bedeuten. Auch konnten sie als kluge und taktvolle Frauen viel frdern, ohne da
es sprbar ward.
    Sophie merkte aus kleinen unwillkrlichen Wendungen schlielich auch ein
wenig das Hochgefhl der Hamburger Patrizierin heraus, die sich bewut war,
vorurteilslos zu sein, indem sie sich bereit erklrte, die Tochter einem
Anfnger ohne Vermgen zu geben. Aber es beleidigte nicht - gar nicht. Sophie
war solche weiche Natur. Eine von denen, die das Bedrfnis haben, alle Schwchen
bei andern zu entschuldigen; denen ein Ohr gegeben ist, das Liebevolle doch am
strksten zu hren. Sie empfand vor allem dann das grenzenlose Vertrauen, das
ihrem Sohn geschenkt ward. Und das erfllte sie mit begeisterter Dankbarkeit.
Von dieser Unterredung an lebte sie in Stimmungen - himmelhochjauchzend, zum
Tode betrbt - als hnge ihr eigenes Herz an den spinnwebenen Fden solcher
Hoffnungen, die ein Windhauch zerreien kann.

An Vergangenes und Begrabenes ward Sophie in schmerzlichster Weise gemahnt. Zu
ihrer grenzenlosen Ueberraschung erhielt sie einen Brief von Frau Geheimrat Lyda
Rositz, geborenen Freiin von Buschke. Der Brief war verbindlich und schien sogar
warm. Und dennoch versprte Sophie, auf Grund ihrer genauen Kenntnis dieser
Frau, da die naivste Unverschmtheit ihn eingegeben hatte.

Hochverehrte, liebe, gndige Frau!
    Gleich nach dem Tode meines teuren Gatten haben Sie uns einen groen Dienst
geleistet. Ihm selbst auch, indem Sie die Papiere fr ihn verwahrten, die sonst
verloren oder gestohlen worden wren. Ich war damals zu zerbrochen, um Ihnen
gleich persnlich zu danken. Dann erfuhr ich, da Sie abgereist seien, und bald
ging ich ja auch hierher. In St. Moritz kommt man zu nichts. Deshalb hoffe ich
auf Ihre Nachsicht. Nun wollen wir nach Nizza, und Tulla liegt mir in den Ohren,
da sie nicht mit will, und hat die fixe Idee, da der Wunsch des Vaters erfllt
werden msse, und beichtete mir, da sie sich gewissermaen schon mit Ihnen
verstndigt hat, und da Sie so gern mein Tchterlein zu Ihrem Vergngen malen
mchten. Was soll ich dagegen einzuwenden haben!
    Tulla darf gern nach Hamburg reisen, meine Jungfer knnte sie hinbringen.
Wenn Sie in der Pension Tulla unter Ihre Fittiche nehmen wollten, fnde ich es
entzckend. Schreiben Sie mir nur, wieviel Geld Tulla da wohl wchentlich
braucht. Sie kann bis ber Ostern bleiben.
    Ich wute frher gar nicht, da Sie eine so genaue Freundin meines Mannes
waren. Wie finde ich es nett, da er manchmal zu Ihnen kommen und mit Ihnen
plaudern durfte. Unwillkrlich schreib' ich Ihnen wie einer alten Bekannten.
Aber wenn man auf so ungewhnliche Weise durch so ernste und wichtige Dinge in
Beziehung trat, macht sich das wie von selbst.
    Bitte, meine gndige Frau, schreiben Sie mir gleich wieder, weil ich gern
meine Abreise nach Nizza bestimmen mchte.
                                                           Ihre dankbar ergebene
                                               Lyda Rositz, geb. Freiin Buschke.

    P.S. Tulla kt Ihnen respektvoll die Hand.
    P.S. Wahrscheinlich bitte ich Sie spter, auch mich zu malen.

Fr Sophie stand zwischen den Zeilen: ich will Tulla gern fr ein paar Wochen
los sein, sonst wre es mir nie eingefallen, dir zu schreiben! Und dann diese
glatte Unverfrorenheit, mit der die reiche Frau ihr zuschob, Tulla umsonst zu
malen. Wie Allert es vorausgesagt hatte! Und am rgsten war der plumpe Hinweis
auf den spteren, mglichen Auftrag. -
    Also sie braucht mich! dachte Sophie.
    Ihre Antwort war knapp und steif.

Hochverehrte Frau Geheimrat! Sehr gern werde ich Ihre Tochter fr einige Wochen
betreuen. Doch bin ich im Begriff, hier eine eigene Wohnung zu nehmen. Viele
Auftrge halten mich hier fr ein, zwei Jahre noch fest. Frulein Mathilde mte
also in der Pension Hammonia, gleich einigen jungen Auslnderinnen, unter dem
Schutz der Inhaberin leben. Sie kann aber auch, als mein Gast, bei mir wohnen.
Ich habe allerlei Pflichten in der hiesigen Gesellschaft, ich habe auch einen
Sohn hier, und mein auswrtiger Sohn kommt wohl einmal auf Urlaub. Jeder
Vormittag ist der Arbeit gewidmet. Ich knnte Frulein Mathilde demnach nicht so
viel Zeit widmen, als es in ihrem Interesse und meinen Wnschen lge. Wollen Sie
hiernach entscheiden.

Anstatt eines Briefes kam einfach ein lngeres Telegramm.
    Nun, sagte Allert, das nenn' ich Mutterpflichten per Draht erfllen.
Glatt alles angenommen! Und Du hast unversehens eine Pflegetochter fr ein paar
Wochen. Das kann schwierig werden.
    Es kann sehr hbsch werden, meinte Sophie begtigend, ich will versuchen,
dem Mdchen etwas Lebensinhalt zu geben - sie Pflichten lehren ...
    Die einen haben zu wenig, die andern zu viel! bemerkte er mokant.
    Sophie aber war voll geheimer Glckseligkeit. Ihre leidenschaftlichen
Wnsche schienen sich der Erfllung zuzuneigen - noch schwankte ja alles, war
wie ferne Mglichkeiten. Aber ihre Phantasie eilte gern voraus und sah schne
Bilder. Wenn sie auch vernnftig versuchte, sich zu zgeln - Mtter knnen nur
leben, wenn sie hoffen - als Weib kann man resignieren und tapfer bleiben - eine
Mutter, die fr ihre Kinder nichts mehr hoffte - die zerbrche - fhlte sie.
    Dann kam eine Zeit bser Unbehaglichkeit. Die treue Therese, die von sich
behauptete: Beinahe Moos hab' ich angesetzt, wurde von ihrem Hteramt befreit
und mit den Mbeln nach Hamburg bergefhrt, die angenehme Wohnung, drei Treppen
hoch An der Alster, rasch eingerichtet.
    Von nun an war das Atelier im Amsterschen Hause, sehr zum Bedauern der
Senatorin, berflssig. An das neue Heim stie ein Flgel, wo ein Photograph
seine Werksttte gehabt hatte; dort konnte nun Sophie ihre Staffelei aufstellen.
    Weit ber die Alster blickte man von den Vorderfenstern der Wohnung hinaus.
Gerade gegenber war das Alsterufer, wo die reizende Frau Julia wohnte. Am
Tage konnte man, jetzt im Winter zumal, von Fernduft berhauchte Huserreihen
nur bla erkennen. Die breite Wasserflut wogte zwischen hben und drben. Aber
am Abend leuchteten deutlich all die Fenster. Das sah, im Verein mit den
Lichtern der Uferstraen, wunderhbsch und gesellig aus. Selbst Therese meinte,
so janz bel wr's nich.
    Nach wenig Tagen schon konnte Sophie ihrem Sohn telefonieren: komm und i
zum erstenmal wieder an meinem eigenen Tisch bei mir. Froh sagte er zu. Aber es
war ihm nicht beschieden, seine gute Laune ungetrbt zur Mutter zu tragen -
einen leisen Ri bekam diese gute Laune und verlor dabei ihren klaren Klang.
    Er kam aus der Dresdner Bank. Unter dem Portal des prachtvoll-wuchtigen
Hauses stehend, sah er nach der Uhr und dachte, ob er sich auch lieber ein Auto
nehmen msse oder den Dampfer benutzen knne, der drben vom Jungfernstieg nach
der in der Nhe der mtterlichen Wohnung befindlichen Anlegebrcke fuhr.
    In diesem Augenblick kam ein Offizier vorber - ein ziemlich groer Mann,
blond und stattlich, von einer deutlichen Aehnlichkeit mit Allert. Es war ein
Infanterist, im grauen Mantel mit Biberkragen und im Helm, wie jemand, der
Besuche zu machen hat. Der Zufall oder dies rasche, blitzartige, unwillkrliche
Sehen bewirkte, da der Offizier und Allert sich ins Auge faten und stutzten.
Zugleich blieb der eine auch schon stehen, whrend der andere die Stufen aus dem
Portal hinab und auf den Brgersteig trat.
    Nein - so was! Mensch! Fritz! Bist Du ins Sechsundsiebenzigste versetzt?
    Der Baron von Patow war zgernd, zurckhaltend. Er wute nicht genau: was
stellt denn dieser Vetter hier vor? In der weiteren Familie hatte man nur hchst
unklare Vorstellungen - man war leise von Sophie abgerckt, als es hie, sie
knne das Gut nicht halten. Und es war ja auch Hellbingsdorfsche Sache, den
Familienzweig zu sttzen, falls er dessen bedurfte. Allert war Kofmich
geworden. Na ja, warum nich. Fing ja fast an Mode zu werden. Sein frherer
Regimentskamerad, Prinz Hartenburg, arbeitete jetzt als Volontr in 'ner Bank -
wenn man fix Geld machen konnte! Aber das wute kein Mensch, ob Allert das wohl
tat. Sa er im Fett? Schrapte er sich kmmerlich durch? War er Umgang fr 'n
Offizier? Eklig, so 'ne Unsicherheit. Unntzerweise verletzen will man nich.
Voreilig familir sein erst recht nich. - Hm - gentil aussehen tat er ja, der
Allert Hellbingsdorf. Man mute mal auf 'n Busch kloppen.
    Ein ganz klein wenig von oben herunter antwortete Patow nach diesen rasch
durch seinen Kopf huschenden Erwgungen:
    Sechsundsiebenziger? Nee. Zum Stab in Altona kommandiert. Brigadeadjutant.
Dja - man macht so sachteken seinen Weg oberhalb der Ochsentour. Na und Du? Und
wie geht es Deiner Mutter? Gott - wie man doch so auseinander luft - wenn ich
denk', wie frher so die ganze Sippe in den Ferien um Grotante Malwinens
Fleischtpfe auf Welsin hockte. - Was sagst Du, Deine Mutter wohnt hier? Aber
nee - also meine schnsten Empfehlungen, und wenn ich mal Zeit hab' - na, und
Du? Hast 'ne auskmmliche Stellung?
    Allert hatte die Ohren seiner Mutter und konnte gromtig und durchaus
berlegen weghren, vorbei an den Menschlichkeiten des lieben Nchsten.
    Fabrikbesitzer! sagte er wohlgelaunt. Groindustrieller - wenn Du willst.
Firma: Farbwerke A. von Hellbingsdorf u. Kompagnie. Kompagnon ein wohlhabender
Chemiker. Mein Umgang also nicht genierlich. Kreditfhiger, junger Mann. Erste
Referenzen. In die angesehensten Familien eingefhrt. Verleugnung
verwandtschaftlichen Zusammenhangs nicht vonnten.
    Red' keine Makulatur - na, darin warst Du ja schon als Junge gro. - Und
Deine Mutter? Was macht sie?
    Dasselbe wie in Berlin. Da malte sie einen ganzen Teil der Hofgesellschaft
- hier ist es im Handumdrehen in den ersten Kreisen Mode geworden, sich bei Frau
von Hellbingsdorf malen zu lassen.
    Sie waren ber den Fahrdamm gegangen und schritten jetzt auf den Quadern
dahin, die die Kaistrae oberhalb der Binnenalster breit pflasterten. Die Mwen
flatterten, die Sonne schien, die groartigen Husermassen standen, von
durchglnztem Duft milde berhaucht, um das frhlich wogende Wasser. Es war
schon Vorahnung des Frhlings.
    Sag mal, im Ernst: Ihr seid hier schon gut bekannt?
    Meine Mutter fabelhaft. Ich erst wenig. Hab' rasend zu tun. Jetzt noch mehr
als in den ersten drei Anfngerjahren. Vor ein paar Wochen abgebrannt! Na ja -
man war versichert! Aber wie viel Schaden, Aufenthalt, Rckschlag - es heit
schuften. Vorwrts will ich, soll ich, mu ich - wegen Mutter - wegen Onkel
Just, von dem ich hunderttausend Mark habe - wegen meiner eigenen, mir hchst
werten Person.
    Mensch, warum heiratest Du denn nicht reich? Hier ist doch Gelegenheit in
Hlle und Flle.
    So? fragte Allert naiv. Ich hab' noch keine Zeit gehabt, mich danach
umzutun.
    Sage mal: ich hab' da so 'ne kleine Liste - von 'nem Kameraden entworfen,
der hier sein Glck machte - ist zur Diplomatie bergegangen ...
    Aha! dachte Allert. Sein Vetter holte aus dem breiten Aermelaufschlag unter
seinem Mantel einen Zettel hervor. Er warf einen Blick hinein und begann sein
Verhr.
    Kennst Du Vierbrincks?
    Davon gibt's viele.
    Ja. Aber nur zwei sind so gestellt, da se sich 'n Schwiegersohn meiner Art
leisten knnten. Vierbrinck Sohn u. Kompagnie - Seniorchef Meno F. Vierbrinck
mit Tochter Dory. Und Konsul F. M. Vierbrinck mit Tchtern Fanny und Mimi.
    Alle drei entzckend! sagte Allert, und sein Vetter wute wieder nicht, ob
es ernst oder mokant gemeint sei.
    Kennst Du Ruhlos? Tochter soll 'ne schneidige Sportsdame sein. Das pate
ja.
    Stimmt.
    Und Amsters?
    Die Tochter ist doch schon verheiratet, an Herrn von Daister.
    Wei - wei - Daister von der Kriegsschule her alter Kamerad, ja, Freund
von mir - hat mir extra gesagt: Onkel seiner Frau, Senator, habe schne Tochter
- soll 'ne grandiose Erscheinung sein. Aber hier hr' ich nu ...
    Was hrst Du? fragte Allert hart dazwischen.
    Das soll so 'ne Art Hallelujahmchen sein, bekmpft Prostitution,
Mdchenhandel, Unsittlichkeit, schimpft auf den Mann als den Schuldigen, wenn wo
Kinder kommen, mit denen es standesamtlich nicht propper ist - na, ganz kolossal
modern. Das pate ja nu nich. Mit Weibern, die mit allem Bescheid wissen, hat
man ja genug zu tun gehabt. Wenn man heirat't, will man 'ne holde Unschuld - vom
Lande braucht se nich grade zu sein, und 'ne runde Mitgift nimmt auch der holden
Unschuld keinen Zauber. - Sage mal, kennst Du die Leute? Bei diesen Hanseaten
ist das so komisch. Bei uns sagt der Name alles. Hier kennt man die Namen ja
nich. Und in 'n Kaffeeladen mcht' ich och nich grade 'reinschliddern - das
nimmst Du woll nich bel - Du hast ja keinen -
    Frage einen Heiratsvermittler, sagte Allert schneidend. Und hier steig
ich ein. Du kostest mich ein Auto. Sonst htt' ich den Dampfer genommen - soll
bei Mutter essen - wir haben uns gegenseitig an Pnktlichkeit gewhnt.
    Du - halt - wo wohnt Deine Mutter? rief Patow.
    Aber Allert schlug schon die Tr zu.
    Wie beleidigt es, wenn andere uns die Karikatur unserer Empfindung zeigen,
dachte er bse. Das macht sie uns nicht unsicher. Aber es dmmert einem so auf,
wie schwer man die eigene Empfindung verteidigen, beweisen, klarmachen kann - -
-
    Er gab sich alle Mhe, bei seiner Mutter die gewohnte frohe Zuversicht zu
zeigen. An der Tr bekam Therese ihr Scherzwort, das sie strahlend machte. In
den Zimmern fand er alles wunderhbsch - aber, was liee sich einer Mutter
verbergen. Er erzhlte von Fritz Patow, wie der offenbar mit dem festen Vorsatz
umhergehe, hier eine reiche Partie zu machen.
    Ich habe noch keinen Offizier gesehen, der davon nicht als von einem
feststehenden Programm gesprochen htte. Aber ich habe sehr wenige gesehen, die
sich wirklich verkauften. Herz und Ehre triumphieren ber alle solche Programme.
So wird es auch mit Fritz gehen.
    Allert hrte zerstreut zu. Endlich fragte die Mutter dann: Hast Du es
schwer im Geschft?
    Nun ja. Aber das war zu erwarten - Und dann - Wie mich die Frau da drben
aufhlt - Er trat ans Fenster, um sich nochmals zu vergewissern, da man die
Hausfront in der Huserreihe jenseits des Wassers erkennen konnte. Alle paar
Tage kommt sie hinausgefahren und sieht nach, wie der Neubau vorschreitet. Und
dann lt sie mich holen, und ich mu erklren. Aber heut' hab' ich mal grob
sagen lassen, ich sei verhindert. Es ist gerade, als sei ihr der Brand apropos
gekommen ...
    Heute morgen und an allen Tagen sonst war es ihm nebenschlich oder ein
bichen zum Bespotten gewesen. Nun wurde es ihm der Haken, daran er vor den
Augen der Mutter seine Verstimmung hngen konnte, damit sie nur glaube: aha,
deshalb ...
    Seiner Mutter wurde immer leicht ums Herz, wenn er sich kritisch ber Frau
Julia uerte. Dann dachte sie: nein, sie ist ihm keine Gefahr.
    Nun erzhlte sie, da Frau Dorne fr Sonntagnachmittag zum Tee geladen habe,
sie she dann auch zum erstenmal die Familie Amster bei sich. Sie habe es so
klug verstanden, sich mehr und mehr anzufreunden, und man drfe sich berzeugt
halten, da die schne Frau nach einigen Monaten bereits so weit sein werde,
eine Rolle zu spielen.
    Meinetwegen! sagte Allert. Aber es war ihm doch aus unbestimmbaren Grnden
nicht angenehm. Er mochte sich Marieluis nicht in nahem Verkehr mit Frau Julia
vorstellen.
    Als Allert am Abend gerade dieses Tages in seine so schmucklose
Junggesellenstube trat, da drauen in den hlichen Fabrikstraen, wo alles
grau, herbe, unfroh aussah, selbst die Wohnungen in den angeschmutzten Husern,
da stand er wie versteinert. Seine Wirtin, eine brave Zollbeamtengattin, hatte
ihm schon an der Tr gesagt: Es ist etwas fr Sie abgegeben.
    Und dies Etwas war ein wundervoller Korb voll Maiblumen. Sie dufteten
durch das Zimmer und machten seine Nchternheit ganz kra. Auf derlei Dinge war
er freilich nicht gefat.
    Er nahm das Briefchen, das im Korbgriff hing. Die feinen, lila Buchstaben in
ihrer anmutigen Regelmigkeit kannte er.
    Von einer, die zeigen mchte, da sie viel zu einsichtig ist, die heute
morgen erfahrene Abweisung belzunehmen.
    Und wenn sie es belgenommen htte! dachte er gergert.
    Er setzte sich, noch mit dem Hut auf dem Kopfe, hin und schrieb:

Wollen Sie, hochverehrte, gndige Frau, doch Ihre Gte, fr die ich dankbar
bin, nicht an mich und mein hliches Zimmer verschwenden. Mann und Raum sind zu
hilflos prosaisch, als da man solche poetischen Sendungen an sie richten
drfte. Ich ksse Ihnen gehorsamst die Hand und bin Ihr verehrungsvoller A. v.
Hellbingsdorf.

Es war ein wenig stark, einer schnen Frau so zu schreiben. Aber er sah im
Geiste merkwrdig deutlich den Mann vor sich und den glimmenden, weien Funken
in den hellen Augen. Dieser Mann war sein Mitarbeiter. Dieser Mann litt an
verborgenen Eifersuchtsqualen und Unruhen. Das mute das Entscheidende sein. Der
abenteuerlsternen Frau konnte eine schroffe Zurckweisung nicht schaden -
selbst fr den Fall, da sie gar nicht ernsthaft abenteuerlstern war, sondern
nur dies kecke Spiel mit Mnnern liebte, um ihre Eitelkeit zu sttigen, um sich
kleine Sensationen zu machen.
    An den Sonntag dachte er aber doch mit Unbehagen. Er kam sich so plump vor.
Er frchtete auch, sie wrde ihm die Zurckweisung nachtragen, sich dafr
rchen, indem sie ihren Mann gegen ihn einzunehmen verstehe. Ja, wei Gott,
diese Teilhaberschaft hatte auch ihre Stacheln. - -
    Am Sonntag vormittag kam dann endlich Mathilde Rositz an. Die Nachtfahrt
hatte sie nicht ermdet. Glcklich hing sie an Sophiens Hals und dankte immer
wieder, da sie habe kommen drfen. Sie brachte auch viele Gre von Mama mit.
Aber in einem merkwrdigen, stillschweigenden Verstehen gingen Sophie und das
junge Mdchen jedem nheren Gesprch ber diese Mama zunchst aus dem Wege. Der
Vormittag verlief recht ungemtlich. Erstaunlich viel Gepck sollte
untergebracht werden, und dann war da diese allzu gewandte Jungfer, durch deren
Person sich Therese auf irgendeine unerklrliche Art schwer beleidigt fhlte.
Da die Jungfer schon am Abend die Rckreise zu ihrer Dame antreten mute,
machte Therese ja aufatmen, reizte sie aber auch wieder. Ja, da dieses flinke,
glatte, sichere Wesen von ihrer Dame sprach, whrend sie selbst immer meine
jn' Frau sagte, erschien Theresen affig. Am meisten reizte sie es aber, da
die Jungfer, ohne Worte zwar, aber mit Deutlichkeit zu zeigen verstand, wie
klein sie die Wohnung und besonders das Zimmer fr ihr gndiges Frulein fnde.
Therese nahm sich vor, hiervon nichts zu sagen. Sie hatte ein angeborenes
Zartgefhl. Aber sie zog Schlsse und Vorurteile daraus - nahm von vornherein
an, da die junge Herrin nicht minder anspruchsvoll sein wrde.
    Bei Tisch konnte Allert den Gast seiner Mutter dann kennen lernen. Tulla
interessierte ihn nicht wenig. Er hatte ja aus den Erzhlungen seiner Mutter,
trotzdem sie von delikater Vorsicht waren, genug erraten, und auch ohne die
krftigen Bemerkungen der Frau v. Daister wute er, da Tulla seinen Bruder
liebe. Da Raspe sehr hingenommen gewesen war und sich immer noch mit ihr
beschftige, wute er auch. Und nun dachte er: Das verstehe ich doch nicht! Ganz
wie alle Mnner, die jede Art von Frauenschnheit, die nicht in den Rahmen des
eigenen Ideals pat, mit ein paar kritischen Worten abzutun pflegen.
    Dies berschlanke, dunkelhaarige, braunugige Mdchen erschien ihm so
unreif, so herbe. Er fand das schwarze Kleid sehr ungnstig. Zu dieser
Erscheinung htte ein schchternes, verschlossenes Wesen gepat - dachte er - so
ein wenig: verstoene Tochter, darbendes Gemt. Vielleicht hatten auch die
gelegentlichen Bemerkungen der Mutter ihn dazu gebracht, etwas Aschenbrdeltum
und ein aus Mangel an Liebe verbittertes Wesen zu erwarten.
    Tulla aber war lebhaft, etwas aufgeregt lebhaft sogar. Das mochte an der
neuen Situation liegen. Und von St. Moritz und dem dortigen Leben erzhlte sie
recht vergngt. Allert hrte unbefangen zu und hrte wohl heraus, da von der
groen Winternatur und den erhabenen Eindrcken am wenigsten die Rede war. Sehr
viel hingegen von den Toiletten der Frau von Samelsohn und anderer Damen, die
auch seiner Mutter von Berlin her bekannt schienen. Von den Sportsiegen, Bllen,
denen man nur von der Galerie aus hatte zusehen knnen wegen der Trauer.
    Wie seine Mutter auf alles einging! Das rhrte Allert geradezu. Er verstand
wohl: um des teuren Verstorbenen willen wnschte seine Mutter, da dieses
Mdchen ihre Tochter werde. Da kam zu Raspes Neigung, zum allgemeinen Wunsch der
Mutter, die Shne sich verheiraten zu sehen, noch ein tiefes Gefhl. Die Shne
wuten es ziemlich deutlich, wie die zrtliche Freundschaft zu dem bedeutenden,
gtigen Mann ihrer Mutter das Leben geadelt und reich gemacht hatte.
    Welch herrliches Erbe konnte diese Tulla da antreten. Ob sie dessen wrdig
war? Ob die Bemhungen seiner Mutter, den Gedanken des verwhnten Weltkindes
wichtigeren Inhalt zu geben. Erfolg haben wrden? Allert bezweifelte es
einstweilen durchaus. Umwelt kann sogar auf Reife und Gefestete noch abfrben.
Einem Kind, einem jungen Geschpf bestimmt sie, vielleicht fr immer, die
Richtung!
    Wenn sein Bruder Raspe das bedachte, war der Konflikt nicht klein fr ihn.
Und er unterdrckte einen Seufzer mit vielen Nebengedanken. - -
    Am Nachmittag ging man zu Fu zu den Dornes. Die Tage waren schon viel
lnger, und der Weg an der Alster, ber die groe Lombardsbrcke, zum
jenseitigen Wohnquartier, gab Gelegenheit, Tulla das groe Stadt- und Wasserbild
in schnster Beleuchtung zu zeigen. Sie bewunderte alles, aber es schien fast,
als ob sie nur aus Geflligkeit bewundere.
    Unterdes erwartete Frau Julia ihre Gste. Die Nerven waren ihr von einer
rgerlichen Spannung erregt. Dieses Briefchen von Allert hatte sie enttuscht.
Seit jener Autofahrt durch die Nacht glaubte sie ihn zu haben. Da ein Mann, dem
sie entgegenkam, sich ihr entzog, das hatte sie nur erlebt, wenn solch ein Mann
von einer Liebe beherrscht war. So stand es fr sie fest, da Allerts Herz
beschftigt war. Womit? Dem forsche mal einer nach. Ein Mnnerleben ist, wenn
der Mann es so will, fr ein neugieriges Frauenauge undurchdringlich. Als dann
Frau von Hellbingsdorf am Telefon die Erlaubnis erbat, Frulein Mathilde Rositz
mitbringen zu drfen, und dabei erklrte, da die junge Dame, die Tochter eines
verstorbenen teuren Freundes, einige Wochen hier leben werde, da war fr Julias
Phantasie alles klar. Dies junge Mdchen war ihr die Ursache von Allerts sprder
Haltung - vielleicht war das gar eine heimliche Braut - -
    Nun sah sie ein Wesen vor sich, aus dem sie nicht recht etwas zu machen
verstand. Sie bemerkte wohl, wie zrtlich und tchterlich dieses Frulein in
Trauer sich an Frau von Hellbingsdorf mit Blick und Wort wandte. Aber ihr
fraulicher Instinkt sagte ihr sofort, da das schlanke, dunkle Kind, so
weltgewandt es auftrat, so herzlich frei es Allert ansah, ganz unmglich eine
Rolle in seinem Empfindungsleben spiele oder spielen werde. Und nun begriff sie
vollends nicht ... Sie war in einer merkwrdig gereizten, unruhigen Stimmung.
Und ihr Mann, obschon er sich sehr vertieft und respektvoll mit Sophie
unterhielt, lie manchmal einen raschen, prfenden Blick ber sie gleiten. - Sie
ahnte ja selbst nicht, wie genau er jeden vernderten Klang ihrer Stimme hrte -
wie er jede Geste kannte - das Flackern ihrer Augen - wie von Glas sie fr ihn
war - und da er nur nicht sehen wollte.
    Dann kamen Amsters. Es gab ein, zwei Minuten das allgemeine Durcheinander
von Begrungen und Vorstellungen. Die Herren hatten sich bei Besuchen verfehlt;
Tulla Rositz war der Familie vllig unbekannt. Mit ihrer lchelnden Anmut
vermittelte Julia alles. In jeder Situation war ihr erstes und hauptschlichstes
Bedrfnis, bewundert zu werden. Sie betrug sich auf das reizendste, schien
vllig unbefangen und nur die glckliche Hausfrau, die freudig die Ankunft sehr
lieber Gste wrdigt. Und dennoch hatte sie genau gesehen: im Augenblick, wo
Marieluis eintrat, stieg ein rasches Rot in Allerts Gesicht ... Und - ja - auch
Marieluis errtete.
    Man sa in einem zwanglosen Kreise, von schn verhlltem Licht sanft
berhellt. Das Gesprch flo ruhevoll, aber ohne Mhseligkeit, wie zwischen
hflichen Menschen, die miteinander doch vielerlei Interessen haben. Frau Julia
in ihren purpurseidenen Schuhen und blalila, leisen Stoffalten bewegte sich
voll Grazie umher und bot selbst den Tee an. Die Mnner und Frau Amster sprachen
ber die Politik drauen und drinnen, ber die wirtschaftliche Lage und den
Neubau der Fabrik. Wenn die Senatorin eine Ansicht uerte, war es sicher eine
von verwegener Fortschrittlichkeit, und ihr Gatte machte eine objektive
Bemerkung darber, da Frauen, wenn sie links stnden, dies gleich bis zum
Extrem tten, und da, falls man die Frauen zur aktiven Mitarbeit in der Politik
erst zulasse, wie seine Gattin hoffe, da es bald geschhe, man sie nur zwei
Parteien bilden sehen wrde: ultrakonservative und radikale; eine weibliche
Mittelpartei wrde man nie erleben.
    Sophie und Marieluis hrten schweigend zu. Es stand zu vermuten, da Tulla
sich langweile, aber sie lchelte manchmal der von ihr vergtterten Frau zu.
    Das ganze Bild sah so durchaus landlufig und friedlich aus. Aber die sacht
umhergleitende, lieblichdienende Frau lie ihre flammenden Blicke lauernd ber
die zwei Menschen gleiten, deren Errten sie gesehen ... Und sie sprte, mit
welcher Vorsicht, mit welcher Befangenheit Allert und Marieluis sich vermieden.
Sie sprachen nicht miteinander. Aber scheu und flchtig suchte sein Auge
zuweilen das beherrschte, schne Gesicht. - Sehr aufrecht sa Marieluis und
hielt die Hnde leicht im Scho gefaltet.
    Allert empfand, gleich vielen Menschen in einer groen Gefhlsfeinheit,
immer bald, wenn er beobachtet ward. Und es zwang ihn frmlich etwas, dann dem
Blick des Beobachters zu begegnen. So sah er nun Frau Julia an - in einer
stolzen Frage. Sie lchelte ihm vielsagend, mit funkelnden Augen zu. Und da
zwang ihn wieder sein Gefhl, sogleich nach dem Mann hinberzublicken. - Wie
unangenehm war es ihm, da er das helle Auge auf die Frau gerichtet fand - und
nun wandte sich dieser stechende Blick ihm zu ... Und wieder erging es Allert
wie so vielen: das Mitrauen eines anderen macht unfrei; wirkt hinber auf den
Beargwhnten und gibt ihm ein rgerliches Gefhl von schlechtem Gewissen ...
    Kein Wort war gesprochen worden, aber nun wute Allert es ganz gewi, da
dieser Mann von der Angst gepeitscht war, die Frau an ihn zu verlieren.
    Ich kann ihm doch nicht ins Gesicht sagen, da er ruhig sein darf, dachte
er. Er sollte mich doch zur Genge kennen, um zu wissen, da sein Verdacht
unbegrndet ist.
    Von diesem Nachmittag an schien sich zwischen der schnen Frau und Marieluis
ein nheres Verhltnis anzuspinnen. Sie gingen zusammen zu den Schtzlingen des
Vereins. Sie besuchten Allerts Mutter gemeinsam im Atelier, wo nun, neben dem
unvollendeten Bild eines hamburgischen Staatsmannes, das Portrt der jungen
Tulla im Werden war. Frau Julia nahm auch einige Male die neue Freundin mit
auf den Fahrten zum Bau. Und da traf Allert die beiden Damen. Er sah es wohl, in
ihrer merkwrdigen, verschlossenen Beherrschtheit war Marieluis die Umworbene,
Abwartende. Aber immerhin: sie lie sich doch umwerben, gab sich und ihre Zeit,
von der es immer hie, sie sei den ganzen Tag ausgefllt, den Ansprchen der
Frau hin.
    Was steckte dahinter?
    Seine Mutter erkannte es rasch. Aber alles verbot ihr, davon zu ihm zu
sprechen. Sie als Frau wute ja, da es Frauen gibt, die, ganz entgegen dem
veralteten Gerede von der weiblichen Lust am Heiratsstiften, durchaus ihre
Freude und ihr Interesse daran haben, Heiraten zu hindern. Vielleicht nur, weil
sie frchten, aus ihrem engsten Kreis einen angenehmen Kavalier zu verlieren. -
Oft genug auch, weil sie einen Verehrer nicht entlassen wollen.
    Sie sprte: Julia wollte belauern, hetzen, zerstren - mit feinen Worten,
mit leisem Lcheln - wie eben eine kluge Egoistin zerstren kann, wenn sie will.
Und zugleich hatte sie in Marieluis' Person ein Mittel, Allert fters noch
heranzuziehen. Wenn er ihr selbst auch vielleicht ausweichen wollte: er blieb
gewi nicht fort, wenn sie sagte: Sie treffen Frulein Amster.
    Und was wollte Marieluis? Vielleicht ward sie von jener unbewuten Neugier
getrieben, unter deren Zwang ein liebendes und doch noch schwer mit sich
kmpfendes Herz steht. - Vielleicht bildete sie sich ein: Julia kennt ihn genau.
Und dann: durch die Vermittlung dieser Frau sah sie ihn ja hufiger, als es
sonst der Fall gewesen wre.
    Das freilich fiel aus den so bestimmten und klaren Linien von Marieluis'
Wesen. Schien so sehr die Art aller verliebten Mdchen. Aber gerade deshalb
bewies es wohl viel.
    Und aus Herzensgrund hoffte die wartende Mutter, da Frau Julia im Grunde
frdere, was sie zu hindern sich vielleicht vorgenommen. Sie konnte brigens
auch nur sehr von fern dieser Beziehung zusehen und nicht genau nachprfen,
welcher Kitt die zusammenhielt. Denn sie war sehr in Anspruch genommen von ihrem
jungen Gast, der ihrer Aufmerksamkeit in besonderem Mae bedurfte.

Wie schnell verfliegt eine Rhrung - wie rasch flaut ein Enthusiasmus ab. Die
junge Tulla war vierundzwanzig Stunden glckselig, da sie bei der geliebten
Frau sein durfte, bei seiner Mutter.
    Aber nach dem ersten Freudenrausch des Wiedersehens kam ein sonderbarer
Zustand. Es war keine Enttuschung. Aber es war ein Warten! Auf irgend etwas
Frhliches, Unterhaltsames.
    Sie liebte in dieser rasch eintretenden Stille der Empfindungen die teure
Frau nicht weniger. Aber sie wunderte sich, wie so ganz anders doch dieses Leben
sei. Einen Tag war es sehr hbsch, im Atelier beim Malen zuzusehen. Aber es war
schlielich jeden Tag dasselbe. Lesen mochte Tulla nicht. Das erkannte Sophie
rasch: dies junge Leben war wirklich noch ganz leer. Man hatte es nur mit
Zerstreuungen und Vergngungen angefllt.
    Tulla wurde eigentlich nur lebhaft und froh, wenn sie von Raspe sprach.
Unermdlich htte seine Mutter von ihm sprechen drfen. Aber da war ja eine
gewisse Vorsicht geboten. Wie leicht konnte eine beredte und von ihrem Sohn
entzckte Mutter zu weit gehen, Hoffnungen erwecken ... Das durfte nicht sein
... dazu war sie nicht berechtigt - mute sich vielmehr hten, die eigenen
Wnsche zu verbergen. Wute sie denn, zu welchem Ausgang sich des Sohnes
Herzenskmpfe hindurch ringen wrden? Nein, nichts wute sie.
    Aber Sophie, in ihrer Zuversicht, da in der Tochter des teuren Verstorbenen
doch gewi viel von seiner Art verborgen sei, nahm sich vor, ihrem lieben Gast
auf jede Weise zu helfen. Vor allen Dingen begann sie gleich das Bildnis, um,
beim Malen plaudernd, sich rasch nher mit Tulla bekannt zu machen.
    Gern ging Tulla durch die Straen, besah sich die Lden und kam regelmig
mit irgendeinem hchst berflssigen Ankauf fr sich selbst oder Sophie heim.
    Liebes Kind, sagte die ihr endlich, lassen Sie das doch. Ich mu Ihnen
einmal vorrechnen, wieviel Geld Sie in einer Woche vertun. Sie werden selbst
erschrecken. Davon mu die Frau eines hheren Beamten oder Offiziers ihren
Hausstand bestreiten - so viel ist das.
    Tulla war betroffen. Sie konnte auch nicht gestehen, da ihre Mama ihr
befohlen hatte, sich durch Blumenspenden und elegante, kleine Aufmerksamkeiten
fr die Gastfreundschaft dankbar zu erweisen. Sie staunte es ehrlich und
berrascht an: diese ihre kleinen Nebenausgaben kamen dem Haushaltsgeld etwa
einer Offiziersdame gleich? O, wie schwer hatte es so eine Dame dann!
    Sie seufzte - ins Unbestimmte.
    Sie fand auch das Hauswesen rasch unbegreiflich eng und klein. Die ersten
Tage war sie entzckt davon. Keine groe Dienerschaft um einen herum, die lauert
und frech ist und nie zur Stelle, wenn man gerade was will. Aber das, was zuerst
wie ein Mrchen schien, wurde ihr rasch eine Art Verlegenheit - besonders, wenn
sie sich vorstellte: Fiffi von Samelsohn knne das alles hier beobachten.
    Und sie grbelte sich auch allerlei zurecht - nach Mdchenart. Wenn er
sich nichts, gar nichts aus ihr mache, wrde seine Mutter sie nicht eingeladen
haben. Und wenn er sie liebte und die groe, groe Glckseligkeit kme eines
Tages, dann brauchte man ja auch schlielich nicht so eng und klein zu leben,
wie Frau von Hellbingsdorf tat.
    Unter dieser Vorstellung erschien ihr der gegenwrtige Zustand wie eine Art
Prfungszeit. Diese Einbildung gab Tulla Mut und befhigte sie, zu verbergen,
da ihr die Tage im Grunde genommen schrecklich lang wurden. Aber Sophie sprte
es ja doch. Sie dachte: mit der Zeit! Und sie beschlo, fr mehr Abwechslung zu
sorgen.
    Abends ging man dann zuweilen ins Theater. Auch gab Sophie zweimal ein
kleines Abendessen. Es waren beide Male je vierzehn Personen. Obgleich
Hilfskrfte angenommen wurden, erwuchs der Dame des Hauses doch mancherlei Mhe.
Und Tulla dachte vergleichend daran, da die Mama bei Festessen von viel ber
hundert Personen nur eine Besprechung mit der Wirtschafterin habe, und sonst
nicht die geringste Mhe. Das hatte entschieden doch auch seine
Bequemlichkeiten.
    Aber - war nicht alles, alles egal? Wenn man liebte? Geliebt wurde? ...
    In dem Umgangskreis von Frau von Hellbingsdorf konnte Tulla das Gefhl von
Fremdheit durchaus nicht bezwingen. Marieluis hatte was Unnahbares. Frau Doktor
Dorne war ihr zuwider. Obschon in keiner Hinsicht der Mama hnlich, hatte Frau
Julia irgendeine Art zu lcheln - manchmal - die an die Art Mamas erinnerte. Und
das rgerte, reizte, schmerzte Tulla. Und sie wute nicht, warum ...
    Mit John Vierbrinck konnte sie etwas ber St. Moritz und Wintersport
sprechen. Er sah aus und tat wie ein Diplomat und unterhielt sich aus einer
groen Distanz.
    Die Senatorin Amster war einige Minuten sehr liebenswrdig zu ihr.
Programmig.
    Der Baron Fritz Patow, der hier nun als Vetter der Familie aus und ein ging,
der htte Tulla schon am besten gefallen. In seiner Hauptmannswrde machte er
sich imposant. Es war ein Gemisch von flotter Jugendlichkeit und gesetzter Reife
in ihm, das einem jungen Mdchen wohl zusagen konnte. Die Uniform erinnerte
Tulla auch - ach so deutlich! - an Raspe.
    Aber der Baron Patow beschftigte sich ausschlielich mit Dory Vierbrinck.
Auf der ersten Abendgesellschaft schien diese kleine Dory, die so allerliebst
naseweis und klug aussah, wovon mglicherweise nur der Kneifer die Ursache war,
etwas zerstreut. Nahm es so, als bemerke sie es wenig. Ja, es kam Tulla so vor,
als she Dory durch ihre Glser mit den lebhaften Augen oft forschend zu Allert
hinber. Aber an dem zweiten Abend lie sie sich vergngt und schlagfertig mit
Patow in endlose Neckerei ein. Und wenige Tage nachher begegnete Tulla schon
beiden. Sie ritten zusammen; der Bruder John, in vollendeter Haltung, das
vornehme Diplomatengesicht von einem zufriedenen Lcheln verklrt, war als
dritter dabei. Hinterdrein die Reitdiener. Eine kleine Kavalkade des Vergngens.
Sie waren so mit sich beschftigt, da sie Tulla gar nicht bemerkten.
    Sie kam sich pltzlich - obgleich ihr diese Menschen ja fast fremd waren -
wie ausgeschlossen vor. Wie in der Verbannung.
    Was tue ich hier eigentlich? dachte sie.
    Aber dann kam es ihr zum Bewutsein: ich warte.
    Auf das Glck! Auf den einen, Ersehnten. Ja, wenn er nur erst kme, wrde
auf der Stelle das Leben wieder leicht und unterhaltend und herrlich.
    Und das gab ihr dann immer von neuem eine zrtliche und frhliche Stimmung,
mit der sie im Hause seine geliebte Mutter in die Tuschung wiegte - ohne auch
nur im mindesten tuschen zu wollen - da sie sich diesem Leben anzupassen
beginne.
    So waren diese Wochen vor Ostern doch wie ein Idyll. Und zu Ostern hatte
Raspe Urlaub genommen - zehn Tage, lange - zehn Tage - ja, die knnen wohl eine
Ewigkeit von Glck werden.
    Aber noch vor Ostern kam in das Idyll eine schwere Strung.
    Doktor Dorne war fr einige Tage verreist. Das geschah sehr selten. Aber er
mute zur Frderung und Nachprfung seiner chemischen Versuche durchaus das
Laboratorium eines befreundeten Fachgenossen in Wien aufsuchen. Er hatte den
Reiseplan und die Zeit der Abwesenheit mit seiner Frau besprochen. Am Sonntag
nachmittag fuhr er nach Berlin, um dort den Nachtzug nach Wien zu nehmen. Die
Rckreise sollte ebenfalls mit mglichster Zeitersparnis ausgefhrt werden. Ja,
sogar die kurze Strecke von Berlin nach Hamburg wollte Dorne nachts zurcklegen,
und er versprach seiner Frau bestimmt, am Donnerstag frh sechs Uhr wieder
daheim zu sein. Sie sagte, sie habe eine zu groe Unruhe, wenn sie nicht mit
allen Gedanken einer solchen Reise folgen knne, Station fr Station; deshalb
mchte sie gern so genau wissen ... mchte das Kursbuch im Kopfe kontrollieren
... die Hotels wissen, wo er absteige, kurz - im Geiste mit ihm reisen. Und so
entsetzlich ihr es sei, frh aufzustehen: sie werde am Donnerstag morgen an der
Bahn sein. Dies scheine denn doch ihre einfachste Pflicht, als Dank fr all die
Arbeit, die sie bewundere, fr die er sich die Strapazen dieser hastigen Reise
auferlege.
    Die Augen des Mannes bekamen einen Glanz von Glck. Und er reiste lchelnd
ab.
    Schon am Montagmorgen erhielt Allert dann ein Eilbotenbriefchen:
    Lieber Freund! Nun fhle ich mich noch einsamer als sonst. Sie mssen mir
heute abend Gesellschaft leisten - nicht Sie allein - wie vielleicht Ihr
mnnlicher Grenwahn sich gleich einbildet - ich improvisiere einen kleinen
Kreis: Marieluis, Ihr Vetter Patow, der so liebenswrdig war, Karten bei uns
abzugeben, Dory Vierbrinck - ich wei noch nicht, ob mit oder ohne den vornehmen
Bruder. Also bringen Sie Ihren Vetter nicht in die entsetzliche Lage, der
einzige Mann zwischen drei Damen zu werden. Bitte eine Telefonnachricht! Ich
habe aber nur ein Ohr fr sie, wenn es ein Ja ist!
    Nun, dies war harmlos und nett und begreiflich. Es kostete Allert keine
Ueberwindung, am Telefon das gewnschte Ja nach dem Alsterufer hinzumelden.
    Vielleicht, nein gewi: seine schroffen Worte damals nach der Blumensendung
hatten ihr gezeigt, da sie niemals Glck damit haben werde, ihn zu ihrem Ritter
heranzubilden. Wie es mit dieser Ritterschaft auch gemeint sein mochte:
schuldvoll oder schuldlos! Zu einem Spiel mit Ehre und Ruhe hielt er sich zu
hoch; zu einem trichten Eitelkeitsdienst hatte er keine Zeit. Aber man mute
eben doch leidlich miteinander auskommen. Er hatte gedacht, sie werde sich
rchen fr den Abfall. So war er ihr fast dankbar, da sie den ganz ignorierte.
Und es war klug und berraschend vernnftig von der lebensgierigen Frau, da sie
sich nun einen Kreis jngerer Menschen zu bilden suchte. Innerhalb eines solchen
wollte er ihr gern jederzeit gesellige Opfer bringen.
    Und dann: er sah jetzt bei ihr auch die eine - die er zu meiden wnschte und
dennoch nicht meiden konnte. Er war nie mit ihr zusammen, ohne sich voll Zorn zu
geloben: ich will sie niemals wiedersehen. Und er war nie drei Tage von ihr
entfernt, ohne sich auf das qualvollste nach ihrem Anblick zu sehnen.
    Allert ging absichtlich recht spt. Und traf trotzdem die noch nicht, um
derentwillen er ja eigentlich kam. Da war Dory Vierbrinck, mit ihrem
hochmtigverbindlichen Bruder, der sich immer so benahm, als gehre er dem
englischen Oberhause an. Und da war auch Fritz Patow.
    Allert machte einige merkwrdige Beobachtungen. Der etwas steifen und sehr
vornehmen Haltung John Vierbrincks begegnete die Hausfrau mit einer vollkommenen
Art von sicherer, aber begrenzter Freundlichkeit. Ihre Koketterie schien sie mit
ihren bunten Schuhen in den Schrank geschlossen zu haben. Sie war wie immer sehr
schn gekleidet, aber doch hatte sie einige der raffinierten Einzelheiten
vermieden, mit denen sie sonst, in der Intimitt des Hauses, ihrem Anzug etwas -
ja, etwas - Einladendes zu geben wute. Wie klug diese Zurckhaltung! Sie sprte
wohl, da ein noch so leises Herausfallen aus der strengsten Korrektheit Herrn
John Vierbrinck veranlat htte, seinen Eltern zu sagen: diese Frau Dorne ist
kein Umgang. Sie sah das Geschwisterpaar zum erstenmal bei sich. Welche
Fhigkeit, sich auf die Menschen einzustimmen! Oder vielleicht die Erkenntnis,
da hier eine wrdige Zurckhaltung der einzige Weg zu gesellschaftlichen
Erfolgen war? Nun - hoffentlich.
    Und die andere Beobachtung war, da Dory Vierbrinck und sein Vetter, der
Baron Patow, sich auf das offenkundigste miteinander beschftigten ... Im Januar
war es doch Allert vorgekommen, als ob die lebhaften Augen hinter den Glsern
ihm mit besonderem Blick begegneten ... Und es hatte ihm manchmal geschienen,
als ob das Gesicht mit den reizenden Grbchen sich ganz verklrte, wenn er sich
ihr zuwandte. Das hatte ihn mit Verlegenheit, fast mit leisem Schmerz erfllt.
Und nun? So rasch war, was da keimte, schon hingewelkt? Eine Erleichterung.
Gewi. Und so lehrreich. Er wute wohl: das ist das Herzensleben von tausend
Mdchen. Sie harren, warten - ihre Seelen sind geffnet und bereit fr die Liebe
- und sie wenden sich sofort dem zu, von dem sie hoffen oder sicher spren: er
ist der Bewerber! All ihr Lieben ist nur Gegenliebe. Blte eines Triebes.
    Er sah auch, wie ein Mann den andern durchschaut, da Fritz Patow wirklich
verliebt war. Die Liste auf seinem Zettel war ja lang gewesen; beim prfenden
Ueberblick ber all die junge Weiblichkeit in den Ballslen und an den
Festtafeln mute sich dann doch wohl seine innere Stimme - die man auch eine
Herzensstimme nennen konnte, wenn man wollte - fr Dory entschieden haben.
    Da da allerehestens eine Verlobungsanzeige gedruckt werden wrde, war klar.
Sonst htte der formvolle John nicht dieses Zusammensein durch seine Gegenwart
gebilligt.
    Glckliche Naturen! So rasch, so unbesorgten Gemtes, so voll frohen Sinnes
auf die hchste Stufe gemeinsamen Menschentums zueilen zu knnen.
    Allert mute sich zusammennehmen, um sich nicht in zu schwere Grbeleien zu
verlieren. Er beschlo seine Neigung dazu mit dem Gedanken: Gottlob, da auf
diese Weise alle Tage noch zahllose Ehen geschlossen werden, sonst she es auch
schlimm aus um den Staat.
    Das Gewhnliche hat auch seine soziale Wichtigkeit.
    Wo in aller Welt bleibt Marieluis? fragte John die Hausfrau.
    Wir werden ein Viertelstndchen zu warten haben mit dem Essen. Marieluis
hat Abendschule und mu dann erst nach Hause, sich umzukleiden, erklrte Frau
Julia.
    John machte eine leise mibilligende Kopfbewegung.
    Tante Amster ist mir unverstndlich. Nun gottlob, da ich ihr Dory
entrissen habe, sagte er.
    Ich selbst, nun ich nher in diese Art Arbeit hineinsehe, mu gestehen, da
sie mir zu unweiblich ist. Frau Julia sah nur John bei ihren Worten an, schien
sich in keiner Weise an Allert zu richten. Sie glauben nicht, was man alles
kennen lernt. Lebensverhltnisse, Gewohnheiten, naive Sicherheit im
Unmoralischen, Liederlichkeit, die aus den Wolken fllt, wenn man ihr vorstellt,
da sie Liederlichkeit ist - nein - Sie glauben gar nicht, Herr Vierbrinck! Und
von diesen Dingen hat man ja gar keine Ahnung gehabt, das lernt man alles durch
die Vereinsttigkeit kennen. Und ich meine auch, wenn sich Frauen so daran
gewhnen, all diese Dinge mit dem richtigen Namen zu benennen, verliert sogar
die Sprache schon den feinen Zauber der Weiblichkeit. Und mit welchen
Vorstellungen wird die Phantasie junger Mdchen getrbt, die sich in solche
sozialen Unterschichten hinabbegeben.
    Sehr richtig, meine gndige Frau.
    Ich bewundere die Opferfreudigkeit und den Verstand von Frau Senator
Amster, sie ist eine der bedeutendsten Frauen, die ich kenne, nur aus
unbegrenztem Respekt vor ihr mag ich mich nicht so rasch wieder von der
Mitarbeit zurckziehen. Wo sie selbst mit solchem Fanatismus unermdlich dabei
ist.
    Ja, sagte John, Tante und Marieluis sind wirklich fanatisch. Sie sollen
mal sehen, an Marieluis erleben wir noch was.
    Allert hrte zu; jedes Wort stie ihn in sein Herz ... Es wurde ihm aber
erspart, zu vernehmen, von welcher Art das sein sollte, was John sich noch an
peinlichen Ueberraschungen versprach.
    Denn die Tr tat sich auf, und Marieluis trat herein. Schn und freundlich,
von sicherem Wesen - sie hatte ja vorher gewut, da sie Allert trfe, und sich
darauf gerstet.
    Man ging sogleich in das Ezimmer, und um den kleinen runden Tisch wurde es
alsbald lebhaft.
    John sagt, Du bist fanatisch, berichtete Dory lachend.
    Das ist mir lieb zu hren. Ich mchte nicht lau sein, in gar nichts, sagte
Marieluis.
    Weshalb dauerte die Abendschule denn so lange? fragte Julia.
    Es war nachher noch eine Sitzung. Frulein Doktor Marya Mller will hier
zweimal sprechen. Vortrge, mit sich anschlieenden Debatten. Wir haben sie
nicht eigentlich herberufen, aber wir sttzen die Sache finanziell. Und fr den
einen Vortrag treten wir auch als Einberufende heraus.
    Was fr Vortrge? fragte Allert.
    Und Dory, aus ihrem hie und da noch aufflackernden Gewohnheitsinteresse
heraus, das aber kein wohlwollendes mehr, sondern im Handumdrehen ein kritisches
geworden war, fragte fast zugleich:
    Warum blo fr einen?
    Der zweite Vortrag wird von den Forderungen sprechen, die das uneheliche
Kind an die Gesellschaft und das Gesetz hat, erzhlte Marieluis, das ist ja
durchaus unsere Sache. Der erste soll das Stimmrecht der Frau behandeln. Mutter
ist ja leidenschaftlich dafr und hofft es auch zu erleben, da sie zur Urne
gehen darf. Sie steht doch auch mit einigen englischen Fhrerinnen der Bewegung
in lebhaftem Briefwechsel. Aber hier ffentlich dafr eintreten - das kann sie
ja leider nicht. Wegen Vater, weil er doch zur Regierung gehrt, es wre nicht
taktvoll.
    Aha! sagte John und lchelte bedeutungsvoll.
    Marieluis sah ihn khl an.
    Und Sie, fragte Allert, Sie werden sich an den Versammlungen beteiligen?
    Aber doch selbstverstndlich. Hoffentlich auch an der Debatte.
    Ach, Marya Mller! sagte Patow vergngt. Die habe ich mal gesehen,
ulkiges Weib, das heit: mehr Mann als Weib, gnzlich maskuline Toilette, wenn
man da von Toilette sprechen darf; ohne das bichen schwarzen Kleiderrock unterm
langen Paletot 'raus htt' ich taxiert: Mann!
    Nun, bemerkte Marieluis, das Ueberma ihrer wichtigen und groartigen
Ttigkeit lt ihr keine Zeit, sich zu putzen. Sie whlt eben die bequemste
Tracht. Das mu jeder machen, wie er will.
    Ich sehe Dich im Geiste auch schon so herumlaufen, prophezeite John.
    Marieluis zuckte die Achseln.
    Es sollte mir einfallen, mit Dir ber diese Fragen zu sprechen, sagte sie.
    Nun, nun, wehrte John ab, bitte, nicht so von oben runter. So ganz ohne
Einsicht bin ich ja nicht. Soziale Arbeit - richtig, wichtig, famos. Aber ich
meine: lat das, soweit es eben Weiber machen sollen, wollen, mssen, die Alten,
Hlichen, die Unverheirateten, die Kinderlosen, Enttuschten tun, und lat die
Jungen, Schnen, Holden, Zarten, Zrtlichen nach wie vor uns beglcken, ihr
einziges Ziel darin suchen, eines Mannes Weib zu sein!
    Er sagte es mit Pathos, und die Tischgenossen lachten auch, selbst
Marieluis, die schon weit darber hinaus war, sich durch Verulken rgern zu
lassen.
    Diese kstliche Teilung aller Weiblichkeit in zwei Gruppen wird Ihnen wohl
nicht gelingen, sagte Allert, und er fhlte, da seine Stimme gereizt klang,
und konnte ihr trotz des Willens zur Selbstbeherrschung keinen festen Klang
geben. Es wird wohl immer Frauen geben, die zgernd auf der Grenze zwischen
beiden Gruppen stehen. Solche, die sich einbilden, ihre Pflichten gegen einen
Gatten, gegen die eigenste, engste kleine Welt ihrer Familie mit den Pflichten
gegen die Allgemeinheit vereinen zu knnen. Frauen, denen es ihrer Vorbildung
und ihren geistigen Bedrfnissen nach ein Opfer wre, wenn der Schauplatz ihres
Wirkens nur die Huslichkeit sein sollte. Das sind die Frauen, die in das Leben
des Mannes, der sie liebt, der sie vor der Berhrung mit dem Unreinen hten
mchte, schwere Konflikte bringen.
    Und sie sahen einander fest an, zwei stumme Kmpfer, von denen keiner die
Schwachheit haben wollte, den Blick zu einer Bitte zu mildern.
    Was Konflikt! sprach der Hauptmann. Ein rechter Mann hat die Kraft, das
Weib ganz zu sich herberzuziehen.
    Und Dory und er lchelten sich offenherzig zu, in Erinnerung an ein Gesprch
ber Dorys vormalige Ttigkeit. Patow bildete sich nmlich fest ein, da sein
bloes Erscheinen an Dorys Lebenshorizont gengt habe, sie sofort von ihrer
frheren Richtung abzubringen. Und Dory war im Grunde genommen auch schon dieses
Glaubens.
    Es liee sich doch auch der Fall denken, da es einer Frau gelnge, auf die
rckstndigen Ansichten des Mannes klrend einzuwirken und aus ihm ihren
Mitarbeiter zu machen. Ganz bla war Marieluis, als sie das sagte, aber sie sah
nun an Allert vorbei.
    Rckstndig. Da war es schon wieder, dies ble, dies nichtssagende Wort, mit
dem man gar nichts machen kann, und das gerade deshalb so schwer besieglich ist.
- Allert sprach, mit Mhe nur allzu hrbare Bitterkeit vermeidend:
    Sie und Ihre Mitkmpferinnen sind sehr rasch mit diesem Wort bei der Hand.
Und ich frchte, es trifft - in Ihrem Sinn - auf die meisten von uns zu! Wir
haben uns eben noch nicht so ganz auf die neue Frau eingerichtet. Wir sind
gewissermaen bei diesen Entwicklungen und Uebergngen ganz vergessen worden!
Niemals haben sich all diese Frauen gefragt: was sagt der Mann dazu? Berauben
wir ihn nicht? Dadurch, da wir sein Leben der machen und rmer an Illusionen
und Poesie? Ganz einfach: der leidende Teil sind wir, jawohl, das sind wir, mag
uns unser Verstand noch so viel Einsichtsvolles vorpredigen, da das edel und
gro und ntig sei, was viele von diesen rastlosen, aufopferungsfhigen Frauen
tun. Aber unsere Empfindung sagt nun mal dagegen: von meiner Frau mag ich solche
Arbeit nicht getan sehen. Meine Frau soll mir stillen Frieden und Glck ins Haus
bringen, sie soll sich allein mit mir und ihren, meinen Kindern beschftigen.
Und wenn dies Egoismus ist, kann man vielleicht sagen, es ist der gesunde
Egoismus. Der unbewut ber den Bestand der Familie wacht, deren Grndung immer
schwerer wird, ja wohl auch dank der neuen Frau.
    Nur Frau Julia fhlte, wute, da hier zwei leidenschaftliche und starke
Menschen miteinander fochten, um den Weg zueinander zu finden. Sie werden ihn
nicht finden! dachte sie triumphierend. Die anderen Zuhrer dachten, es sei ein
kleines Wortgefecht.
    Meine Mutter zeigt, da man beides, soziale Arbeit und vlligste
Pflichterfllung in der Familie, vereinen kann. Zum Beispiel ist es ihr doch
auch ein Opfer, nicht auch ffentlich fr Marya Mllers Vortrag ber Stimmrecht
einzutreten. Sie bringt das Opfer der Stellung ihres Mannes und begngt sich, in
der Stille ihrer Ueberzeugung frderlich zu dienen.
    Dies endete das Gesprch, schlug ihn einfach auf den Mund. Was sollte ein
Mann von Takt hierauf antworten vor Zeugen?
    Oh, knnte ich sie nur einmal allein sprechen, wie wollte ich die Worte
finden, ihr zu sagen, da dieser sachliche, kluge Friede im Leben ihrer
Pflegeeltern etwas anderes ist als das Glck, von dem ich trume.
    Aber Allert sah und sprach sie ja nie allein. Und er wagte nicht, ihr eine
Mglichkeit dazu vorzuschlagen - solche in der Wohnung seiner Mutter
herbeizufhren - das wre nicht gegangen, ohne eine vorherige Verabredung mit
seiner Mutter. Der bloe Gedanke an etwas derartig Inszeniertes war ihm schon zu
plump. Das Feinste, Zarteste, Keuscheste auf der Welt mute in Verschwiegenheit
wachsen, wohin es wollte, der Blte oder dem Untergange zu. -
    Nicht einmal nach einem geselligen Zusammensein wie diesem konnte er den
Heimweg zu ungestrtem Sprechen benutzen. In den meisten Fllen sah er Marieluis
mit den Eltern zusammen, oder da war ein Auto, sie zu holen, oder, an ganz
schnen Abenden, so wie heute, Lurch, der hinter seiner jungen Herrin wachsam
und in Hrweite ging.
    Allert fand es ja beinahe sinnlos und sah ein ganz naives Betonen einer
Doppelexistenz darin, da Marieluis sich auf ihren werktgigen Gngen allen
mglichen Anrempelungen und Gefahren aussetzen durfte, ja, mute, aber da sie
andererseits innerhalb der Formen ihrer Gesellschaftsklasse sich nicht von einem
jungen Herrn allein nach Hause bringen lassen durfte.
    Frau Julias fnf Gste brachen gemeinsam auf; alle schienen in der besten
Stimmung. Mit Allert hatte sie sich beinahe gar nicht beschftigt; er fhlte es
befriedigt. Vielleicht hoffte sie nun, John Vierbrinck zum Ritter heranzubilden.
Mochte es ihr gelingen.
    Unten vor der Haustr gab es noch einen kurzen Aufenthalt. Da stand die
Vierbrincksche Equipage, und John sagte:
    Ja, Auto kann jeder reichgewordene Bcker haben, von Pferden mu man was
verstehen.
    Und es sah im hellen Straenlicht vornehm aus, wie der imposante, bartlose
Kutscher auf seinem hohen Sitz unbeweglich thronte, die Zgel in den straff
vorausgestreckten Hnden. Patow klopfte sehr wohlgefllig den dunkelglnzenden
Tieren die Kruppe und lobte:
    'n paar famose Norfolktrotter.
    John und Dory konnten den Baron Patow einladen, mitzufahren, sie kamen, auf
ihrem Wege nach der Flottbeker Chaussee, beinahe an der Wohnung des Hauptmanns
vorbei.
    Marieluis lchelte in sich hinein. Es war fr Allert nicht schwer, zu
erraten, da dies dem drolligen Schauspiel galt, das ein eifriger Bewerber und
eine willig entgegenkommende Umworbene dem Zuschauer immer bieten.
    Nun gingen sie zusammen die Uferstrae dahin, Lurch auf den Hacken. Also
gebunden in jedem Wort, mit jeder Geste. Und doch, es war immer ein bichen
karges Glck, immer eine Gelegenheit, um zu versuchen.
    Allert hatte sich ja lngst in das ergeben, was nun nicht mehr auszulschen
war, in all ihr Wissen von den Dsterheiten des Lebens in seinen Niederungen. Er
hoffte wenigstens, da sein Gefhl das berwinden werde, vergessen knne. Wenn
nur fortan - -
    Die Nacht war wundervoll weich, von allerlei Dften durchhaucht, diesem
starken Atem der Frhlingserde, der sich mit dem reinen und feuchten Geruch des
Wassers mischte. Auf ihm schlief alles Leben Die kleinen Dampfer rauschten nicht
mehr in eiliger Fahrt hin und wieder; nichts pflgte mehr die sich schaukelnden,
von blitzenden Reflexen beworfenen Wellen auf. Von den Lichtern aus den Anlagen
her spannen sich Strahlen hinaus auf die bewegliche Flche. Am Ufer die Bsche
und Bume ffneten schon ihre harten Knospen. Ostern stand ja vor der Tr, ein
Ostern im April, in der raschen Werdezeit. Alle Reiser schienen voller und
schmiegsamer, als sie es noch vor wenigen Tagen gewesen waren, die neuen Sfte
kreisten.
    Und dort, auf der khlen Flut, wirklich noch ein einsamer Schwan; langsam
glitt er dahin, schien sich nur treiben zu lassen, ein Trumer, um ihn das
schwarze, berglitzerte Wasser, ber ihm ein dunkler, melancholischer Himmel
ohne Sterne.
    Und in das feierliche Schweigen hinein, das die Vorfrhlingsnacht ihnen
aufzwang, sagte Allert endlich leise, bittend - noch kein Weib, nicht einmal
seine Mutter hatte aus dieses Mannes Mund solchen Ton der innigsten Bitte gehrt
-:
    Sie werden die Versammlung nicht besuchen, nicht an den Debatten
teilnehmen?
    Sie antwortete nicht gleich. Und er wartete schweigend. Denn er fhlte in
einer groen, beglckenden Gewiheit, was in ihr vorging. Da sie mit sich
kmpfte, gleich ihm.
    Jeder Nerv in ihm war Spannung, sein Herz klopfte. Dieses genaue
Voneinanderwissen, nur aus dem Gefhl heraus, hatte etwas Bezwingendes, schien
ihnen aufzudrngen: begreift, da ihr eins seid.
    Es war dasselbe vollkommene Hinberwirken von einem zum andern wie damals,
als beim Tanz ihr gesundes, starkes Blut in gleicher Leidenschaft aufwallte.
    Da sagte sie leise und flehend:
    Doch! - Aber Sie - ich mchte - ja, ich will Sie bitten - kommen Sie hin -
versuchen Sie zu verstehen.
    Er antwortete nicht. Er hatte ein dumpfes Gefhl davon, da er irgend etwas
unsinnig Glckseliges getan haben wrde, wenn sie ihm versprochen htte - -
    Er begriff auch: dieser flehende Ton. Das war viel von ihr. Das brach nicht
ungehemmt aus den Fugen ihres stolzen, festen Wesens hervor, das hatte sie etwas
gekostet.
    Aber antworten, versprechen konnte er nichts.
    Am bernchsten Morgen sah er wieder die kleinen ebenmigen lila
Buchstaben. Und diesmal schrieb Frau Julia:

Mein Mann kommt schon heute abend. Wie ich ihn kenne, wird ihm daran liegen,
Sie gleich zu sprechen, Ihnen von den Resultaten seiner Reise erzhlen zu
knnen. Aber mit dem Abendessen werden wir nicht warten. Wenn ich das Kursbuch
recht verstehe - es ist fr mich Sanskrit, Hottentottisch, Tungusisch -, so kann
mein Mann erst halb zehn zu Haus sein. Ich bitte Marieluis, mit uns zu essen;
sie ist frei heute abend, das wei ich gewi. Vielleicht debattieren Sie dann
mit ihr weiter. Sie ist herrlich in ihrer leidenschaftlichen Ueberzeugung fr
die Sache. Ich komme daneben in den Schatten. Macht nichts. Im Schatten ist es
ganz bequem. Ihre Julia Dorne.

Allert war berrascht. Dorne hatte doch vorgehabt, am Dienstag Abend Wien zu
verlassen, in Berlin am Mittwoch Vormittag einzutreffen, den Tag dort noch
eifrig auszunutzen und dann gegen Mitternacht den Zug nach Hamburg zu nehmen,
der hier morgens sechs Uhr eintraf.
    Nun, es pate gut. Seine Mutter wollte mit Tulla in die Oper. Er pflegte
jetzt an freien Abenden bei der Mutter zu essen. Indem er dann so Dornes Reise
berdachte und das, was seine Mutter fr den Abend vorhatte, verbarg er vor sich
selber, da seine erste, einzige Aufwallung gewesen war: ich kann sie heute
sehen.
    Wieder, wie am Montag, war Marieluis noch nicht anwesend; dafr fand er aber
bei seinem Eintritt ein anderes, hchst berraschendes Bild. Das Zimmer schwamm
in rotgelbem Licht, Frau Julia war wie immer von weiem Chiffon zart umflossen,
unterm Saum schauten die Spitzen der hellila Schuhe hervor. Eher Bajadere als
Mutter! dachte Allert. Denn sie hatte ihre beiden Tchter neben sich, von deren
kluger, bedachter Erziehung man so viel hrte, und die man so selten zu sehen
bekam. Es war ein liebliches Bild stillen Familienlebens. Die dunkelugige
Dolores hatte ein Buch auf dem Scho und lehnte das schwarzhaarige Kpfchen an
die Schulter der neben ihr sitzenden Mutter. Und Ingeborg, blond, fade von
Farben, mit jenem Unglcksgefhl der Fnfzehnjhrigen, zu lange und zu viele
Arme und Beine zu haben, stand mit einer Wollstrhne ber den Gelenken und
wickelte an einem Knuel, der ihr rund und rot zwischen den Fingern lag. Bei
Allerts Herannahen fiel ihr vor Verlegenheit der Knuel aus den Hnden und
rollte unter ein Schrnkchen. Nun bckte man sich und lachte, und der Faden ri.
Und dann sagte Frau Julia, die Kinder mten Gutenacht sagen. Es war nun einmal
ihr Prinzip: Kinder gehren nach acht Uhr nicht mehr in den Salon.
    Durch dieses kleine Vorspiel bekam das Zusammensein etwas unbeschreiblich
Harmloses.
    Allert mochte nicht fragen. Aber Marieluis kam nicht - kam nicht ... Frau
Julia bat zu Tisch ... Da war fr drei gedeckt ...
    Ich hoffe, mein Mann kommt doch noch, whrend wir unser Hhnchen
verschmausen.
    Also war das dritte Gedeck fr den Gatten? Nicht fr Marieluis?
    Wenn er schon um halb sechs von Berlin gefahren sein sollte ... Aber das
wrde mich doch sehr berraschen ... Er hat dringend dort zu tun. - Ich denke,
vor elf Uhr kann er nicht eintreffen ... Mir hat er berhaupt bestimmt gesagt
gehabt, da er sich fr Mittwoch Abend noch mit Professor Rdels verabredet
habe.
    So? fragte sie, whrend sie von der Schssel ein besonders gutes Stck
Geflgel aussuchte und ihm auf den Teller legte, sollte ich das so vllig
falsch verstanden haben?
    Ihre Unbefangenheit war vollkommen. Und doch fhlte er so etwas wie Aerger
leise in sich aufsteigen - aber nur aus dem einzigen Grund, weil sie so gar
nicht das Ausbleiben von Marieluis erklrte. Er sprte darin weibliche
Hinterhltigkeit - ein spttisches kleines Rachegefhl -, denn er ahnte, da sie
erraten hatte, da er in Aufruhr sei ... Er nahm sich vor, auch seinerseits zu
schweigen - der Frau nicht den Gefallen zu tun, nach der Ausgebliebenen zu
fragen. So ging die Tischzeit hin, in sehr lebhaftem Gesprch. Aber sie wuten
doch beide, es war ein verstecktes Gefecht. Julia hoffte, ihm die Frage nach
Marieluis abzuzwingen, und er blieb entschlossen, zu tun, als denke er nicht an
diesen Namen.
    Dann kehrte man in das weiche Traumlicht des Salons zurck, und Allert
sprach etwas zerstreut vom Kursbuch und da doch wohl Doktor Dorne nunmehr erst
um 11 Uhr 2 Minuten kme, und da er, am Bahnhof fast vorbeikommend, an den Zug
gehen wolle. Fast klang es, als ob er Frau Julia jetzt sich selbst berlassen
wolle. Sie sagte flink, das wre sehr aufmerksam von ihm, und sie ginge
vielleicht sogar mit. Sie lie sich auf die Chaiselongue in der dmmerigsten
Ecke nieder, den Ellbogen in das Kissengehuse am Kopfende gebohrt, das
interessante Haupt in die Hand gesttzt.
    Und immer noch hatte Allert nicht nach Marieluis gefragt. Da sah sie dann
ein: er hat einen zu harten Kopf! Und ganz rasch, um wenigstens das Vergngen zu
haben, ihn zu berrumpeln, sagte sie:
    Marieluis konnte nicht, ihre Mutter hat Migrne oder so dergleichen;
Marieluis mu fr sie korrespondieren - ich glaube - ich verstand es nicht recht
am Telefon. Telefon macht mich nervs.
    Pltzlich hatte Allert doch das Gefhl: sie hat Marieluis gar nicht
eingeladen - sie wute auch, da der Mann nicht hier sein konnte -
    Aber nein! Das reizende Bild von vorhin wirkte nach, wie sie hier mit ihren
Kindern sa. Und da war doch das Gedeck fr den Mann auf dem Tisch gewesen. -
Die Dienstboten, die Kinder wuten demnach auch: er htte kommen knnen - -
    Als ob Frau Julia ihm an der Stirn ablese, da da unbehagliche Gedanken sich
zu sammeln begannen, so fing sie nun an, auf das munterste zu plaudern.
    Dabei machte sie es sich auf ihrer Chaiselongue immer fauler und kuschelte
sich immer weiter in all diese Kissen hinein; eigentlich lag sie mehr, als da
sie sa. Allert, auf dem Stuhl daneben, etwas vorgebeugt, die Hnde zwischen den
Knien gefaltet, sah aufmerksam zu ihr herab - dies Exemplar von Frau betrachtend
und bedenkend: so was von versucherischer Koketterie, von unbekmmertstem Evatum
hat sich doch nur durch mnnliche Schwachheit entwickeln knnen.
    Ja, sagte sie mit einem Seufzer, der durchaus offen fr geknstelt
genommen werden sollte, nun mssen wir uns auf die Seite der Englnder
schlagen.
    Der Englnder?
    Na ja. Als ich Marieluis einlud, dachte ich mit den Franzosen: le troisime
fait la conversation, und hoffte, da sie, als die unterhaltende Dritte, uns mal
allerlei aus ihrer sozialen Ttigkeit beichten solle. Ich sage Ihnen, da gibt es
gewagte Situationen und die heikelsten Geschichten. - Aber das ficht Marieluis
nicht an. Ich habe sie ja dabei beobachten knnen. Bewundernswert, sage ich
Ihnen. Eine heilige Priesterin, die gewissermaen mit vollen Hnden in den
Schlamm greift, um da irgendein Individuum herauszufischen und zu subern.
    Das war fr ihn gesagt. Er ahnte es. Und er konnte sich doch nicht dagegen
wappnen. Es schmerzte. Sie fuhr angeregt fort:
    Das ist nun mal ihre Mission. Ich glaube schon, da sie wahrmacht, was sie
vorhat: ihr ganzes Leben sich dieser Ttigkeit zu widmen - o Gott - das knnte
ich nicht - einen beglcken - ja. Aber so Volksbeglckung - sie schttelte sich
ein bichen. Und aus dem schmeichlerischen Dmmerlicht leuchteten die Augen
heraus, mit glutvollen Blicken - sie waren wie Schauspieler, diese Augen, und
fhrten fr sich allein eine ganze Komdie der Lockung auf.
    Allert schwieg. So merkwrdig versagte ihm, dieser Frau gegenber, immer
sein flinkes, frhliches Reden.
    Also nun mssen wir sehen, ob die Englnder recht haben: two are company,
three are no. Zwei sind eine Gesellschaft, drei nicht! Wunderlich - dieses Wort
sollte doch viel eher von den Franzosen kommen als das vom Dritten, der die
Konversation macht. Zweisamkeit - das Bezauberndste zwischen zwei Menschen, die
sich verstehen ...
    Und ganz jh den leichten Plauderton verlassend, sagte sie voll bebender
Leidenschaft:
    Eine Zweisamkeit mit mir ist Ihnen Last - ja, ich wei es - Sie verstehen
mich auch nicht ...
    Aber, gndige Frau ...
    Wie durften Sie meine armen Blumen so mihandeln!
    Also doch! dachte Allert und unterdrckte den Seufzer starken Aergers. Nun
wute er, da dieser ganze Abend auch nur eine genau vorherbedachte, klug
angeordnete Szene gewesen war.
    Er sagte klter noch, als er selbst wute:
    Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich. Wie kann, wie darf ich Zeichen solcher
Gte von Ihnen annehmen ...
    So - und jene Nacht - wo wir vom Feuer heimfuhren - da dacht' ich doch - da
durfte ich glauben ...
    Nichts, als da Erregung der allermenschlichsten Art, da Weichheit,
Nervositt - mich in Ihnen eine schwesterlich Mitfhlende sehen lie.
    Wenn Sie wten, wie ich oft leide ... Und sie warf sich, pltzlich
aufschluchzend, herum und versteckte ihr Gesicht in den Kissen ...

Unterdessen war schon vor einer Stunde ein blasser, reisemder, berarbeiteter
Mann aus den Wagen gestiegen, die der D-Zug von Berlin in rasender Fahrt nach
Hamburg gebracht.
    Es war Dornes fester Vorsatz gewesen, in Berlin noch den Abend mit seinem
Studienfreund Professor Rdels allerlei Fachmnnisches durchzusprechen. Auf der
Nachtfahrt von Wien nach Berlin hatte er wenig geschlafen. - Sein Gehirn
durchsiebte rastlos alles, was es aufgenommen hatte - verglich eigene Resultate
mit den in Wien gesehenen, ging bohrend und konzentriert all diesen unerhrt
schwierigen Formeln und Zahlen und Zeichen der chemischen Versuche nach. - - Und
dann - ganz jh fuhr, wie ein Blitz, der Gedanke an die vergtterte Frau
dazwischen. - Und sein erschpftes Hirn hatte einen tollen Gedanken ... Wenn er
wte - wenn es eine Wissenschaft gbe - das geheimste Leben solcher Frau zu
erforschen - auseinanderzulegen - wie eine chemische Verbindung. - - Weil es
seine Frau war, und weil sie sich auch gerade vor ihm mehr verbarg als vor
anderen Mnnern, sah er sie als etwas Geheimnisvolles. - Zuweilen - -
    In Berlin gnnte er sich kaum rechte Mue zu Mahlzeiten und dachte: Heute
abend werde ich mit Rdels vortrefflich essen und in Ruhe mit ihm sprechen ...
So bei Tisch - das ist keine Anstrengung mehr. - Und inmitten aller Hetze kam
ihm dann immer die Vorstellung: sie will morgen so frh aufstehen ... Das rhrte
ihn ... Das wollte er ihr ersparen ... Und pltzlich fragte er sich: was sie
wohl heute abend tut? Montag hatte sie einige Gste, da sie sich die
zusammenbitten wollte, erzhlte sie noch, ehe er ging ... Aber Dienstag abend?
Und heute abend? - Oh, und das frhe Aufstehen ... Morgen frh halb sechs Uhr
schon an die Bahn ... Solch ein Unsinn ... Aber sie machte manchmal solche
trichte Aufopferungen - nur um ihm zu zeigen, wie teuer er ihr war ... Und ganz
aus den dunkelsten Grnden seiner Erinnerungen kam so etwas herauf wie Schreck -
eine Beobachtung meldete sich - - Immer fielen diese Beweise von Zrtlichkeit in
Zeiten, wo er voll Unruhe war - wo es ihm schien, als stehe ein anderer Mann an
seinem Wege und wollte seine Strae als Ruber kreuzen ...
    Aber welche Tollheit ... Nein! Und er zwang das nieder - wie so oft -
schmte sich - bat den fernen schwarzen Augen alles ab ...
    Und fnf Minuten vor fnf depeschierte er doch an Professor Rdels, da er
sogleich nach Hamburg weiterreisen msse und am Abend nicht mit ihm zusammen
sein knne ...
    Whrend er die Depesche schrieb, quoll ihm die Gte, die weiche Sehnsucht
nach der Frau als Rhrung im Herzen hoch. Nein, sie sollte nicht frh in den
rauhen Morgen hinaus. - Diese ersten Apriltage steigen oft mit solcher Herbheit
aus der Nacht empor. Das wollte er ihr ersparen - er wollte sie berraschen. - -
    Und seltsam - als er sich jh vorstellte: sie nimmt die Ueberraschung
vielleicht unfreundlich auf - da siedete so etwas wie Ha ber das weiche Gefhl
hin - und lie ihn erbeben. - -
    Die Fahrt wurde fiebrische Ungeduld. Sie sank aber in feigste
Unschlssigkeit zusammen im Augenblick, wo er den Fu auf den Asphalt des
Hamburger Bahnsteigs setzte.
    Wo war sie? Einsam und friedlich zu Haus? Mit den neuen Bekannten im
Theater? Hatte sich jemand der Strohwitwe angenommen und sie fr den Abend
eingeladen? Vielleicht war Frau von Hellbingsdorf so gtig gewesen. Oder lud sie
sich irgendeine Gesellschaft ein? Marieluis? Oder - oder Allert? ...
    Der Mann fhlte: sein Mut versank ihm, wie Boden unter den Fen beim
Erdbeben ...
    Pltzlich dachte er, da er zunchst zu seinem Teilhaber gehen und ihm von
den wichtigen Erlebnissen der Wiener Reise berichten wolle. Allert selbst war
darin so aufmerksam: kam er heim von einer Geschftstour, mde, abgespannt, so
trat er doch noch oft spt bei dem Arbeitsgenossen ein und sprach von seinem
Erfolg. Es erschien mit einemmal als die nchste Pflicht: zuerst zu
Hellbingsdorf. Der war ja nun, seit seine Mutter hier wohnte, jeden Abend bei
ihr. Auerdem: Frau von Hellbingsdorf war so gtig, nahm sich Julias an,
obgleich sie sie nicht mochte - ganz seltsam hellseherisch begriff er das mit
einem Male. - Ja, wahrscheinlich - Julia war dort. - - Also dahin - gleich -
zuerst. - -
    Und er schleppte, vllig wie verbohrt in seine Gedanken, seinen Handkoffer
selbst mit sich ... Vom Hauptbahnhof nach An der Alster - wenige Minuten ...
    Dann treppan - treppan. - Und der schrille, zitternde Klang der elektrischen
Glocke fuhr ber seine Haut als Frsteln. Therese ffnete.
    Ih, Jotte doch, der Herr Doktor Dorne - nee, das wird die Herrschaft aber
bedauern ... Was meine j'n Frau is, die is mit Frulein Rositz in de Oper ...
Herr von Hellbingsdorf? Ih nee, wenn die j'n Frau nich zu Haus sind, kommt er
nich hier Abend essen ...
    Darf ich einen Augenblick eintreten, bat er.
    Aber jewi doch - darf ich 'n Ilas Wein bringen? Oder 'n Happen Butterbrot
- Herr Doktor seh'n flau aus ...
    Danke, danke ..., wehrte er ab.
    Therese fand es ja ein bichen wunderlich, da er in das groe Wohnzimmer
vorn eintrat und ihr abwinkte, als sie das Licht aufdrehen wollte ... Aber was
wollte sie machen? Wo es doch eben Herr Doktor Dorne war ...
    Er trat in dem dunklen Zimmer ans Fenster. Es war matt durchhellt vom Licht,
das die Rume einer Weltstadt immer fllt, das in Straen und auf Pltzen die
Nacht vertreibt und noch bis zu den hchsten Stockwerken hinauf seinen Schein
sendet.
    Er sah hinaus und hinber ...
    Die Nacht war klar. Schwarzblank flutete da unten das Wasser, und das
Verkehrsleben zog drber hin. Erleuchtete kleine Dampfer krochen, gleich
Riesenglhwrmern, hin und her - begegneten sich, zogen in geraden und
geschweiften Linien aufeinander zu und wieder auseinander - ruhten an Brcken
zwei Minuten aus und rauschten weiter ... Der Himmel stand schwarzblau und mit
Sternen beset ber ihm. Kein Lftchen regte sich.
    Drben, hinter den Anlagen des jenseitigen Ufers, sah er die Huser. In
ihren Fronten waren die erhellten Fenster wie lngliche viereckige, unregelmig
aufgeklebte Stckchen Glanzpapier auf dunklem Grund.
    Und er sah so deutlich zwei, die rotgelb schimmerten. - Vielleicht sah er
sie nicht wirklich - oder nahm irgendwelche hellen Flecke dafr. - - Ja, so
deutlich sah er sie - da er dahinter, durch die Seide und den Tll der
Vorhnge, eine Frau auf umdmmerten Kissen sich dehnen sah - und sie war nicht
allein ...
    Therese kam aus ihrer Kche heraus. Sehr eilends und erschreckt. Da war doch
eine Tr hart ins Schlo geworfen worden? Und sie ging nach vorn. Nein - das!
Weg war der Doktor, und da stand wahrhaftig sein Handkoffer ...
    Der Mann lief treppab - er rannte an der Uferstrae hin und rannte Menschen
an - er kam an die Lombardsbrcke - seine Fe wurden schwer - immer langsamer
ging er. - Und ob er gleich endlich nur noch schlich - einmal kam er doch an ...
Er ging auf und ab vor dem Hause - lange. Dann schritt er ber den Straendamm
und betrat die Anlagen am Ufer, die die Strae jenseits einfaten. Von da konnte
er an der Front des Hauses emporsehen. Und nun sah er sie wirklich, diese beiden
sanften, von rotgelbem Licht so warm und lockend erfllten Fenster, und sah die
dicht zusammengezogenen Vorhnge, durch die all dieser wohltuende Schimmer kam
...
    Die Feigheit fiel von ihm ab wie ein gelster Panzer - er war pltzlich
kalt, entschlossen, sicher. - Dies friedlich schne Licht war ihm wie ein Ruf. -
Er lie sich davon rufen ... Schnell ging er ins Haus - auf den Treppenstufen
mit dem kleinen, sthlernen Schnepper fingernd ... Und stumm - ohne da ihm wie
sonst dieser nervse, trockene Hustenreiz kam, der wie ein Heroldsgerusch war -
stumm und rasch trat er ein ...
    Da lag in der dmmerigsten Ecke des Zimmers, tief eingebettet in all diese
phantastischen, farbigen Kissen ein Weib, von dnnen, weien Stoffen war der
schlanke Krper straff umspannt -
    Und neben ihr sa vornbergebeugt ein Mann und schien zu der Weinenden zu
sprechen ...
    Allert erhob sich auf der Stelle - peinlich betroffen - jh von dem Gefhl
erschreckt, da ein Rasender ihn beschlichen habe - da der ihn falsch she -
mideutend -
    Dorne! sagte er; also doch noch. Ich hoffte Sie hier zu finden. Und da
Sie nicht gekommen zu sein schienen, besprachen wir schon, da wir Sie um elf
Uhr am Zug empfangen wollten.
    Das ist Lge, sprach der andere Mann. Sie sind ein Lgner und ein
Schuft.
    Allert erbleichte.
    Herr - - brauste er auf ...
    Sie wuten, da ich erst morgen frh halb sechs ankme. Und sie - sie wute
es auch ...
    Ich bitte Dich! rief seine Frau dazwischen - und welche kalte, herrische
Verachtung war in ihrem Ton. - Was fllt Dir ein ... bleibe doch
geschmackvoll.
    Wir haben uns wohl in diesem Augenblick nichts mehr zu sagen, fuhr der
Mann fort - in einer furchtbaren, stillen Sammlung - ein Besessener, der nicht
tobt - ich bitte Sie, mich mit meiner Frau allein zu lassen.
    Allert, mit einem vor Zorn entstellten Gesicht, versuchte sich zu sammeln.
Er begriff - er mute es sich versagen, jetzt mit diesem Mann zu streiten. Das
Briefchen der Frau, das ihn hergelockt, trug er bei sich - er konnte, er durfte
sich nicht auf Kosten des Weibes reinigen von Verdacht. Nach diesen
Beleidigungen hatte er dem anderen den Glauben an seine Ehre mit
nachdrcklicheren Mitteln einzuschrfen, als es Worte sind - -
    Ich gehe, sprach er ruhig, Sie verstehen von selbst, da ich meine
Antwort auf Ihre Beschimpfung zu geben wissen werde ... Die Rcksicht auf die
Dame gebietet mir aber noch, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, da ...
    Der Mann erhob unterbrechend, abwehrend die Hand - es war eine gebieterische
Geste des Schmerzes - in den hellen Augen glimmte ein gesammelter, kalter Ha. -
Das gab ihm Gre, diese kurzauf zngelnde Gre, die dem Wahn die Gewalt gibt,
sich ber die Wahrheit zu setzen ...
    Und Allert gehorchte. Er ging. Nicht ohne von der Schwelle her eine
frmliche Verneigung in der Richtung zu machen, wo er die weie Frauengestalt
sah. -
    Du bist toll! sprach sie und zuckte die Achseln. Die Szene verzeih ich
Dir nie. Du hast Dich lcherlich gemacht.
    Ich bin nicht toll. Ich habe nur endlich den Mut zu sehen ...
    Aber mein Himmel - - Er gab Dir doch sein Ehrenwort.
    Ehrenworte in diesen Dingen sind immer Lgen.
    Wenn ich Dir doch schwre - -
    Deine Schwre sind auch Lgen ...
    Sie sah ihn an. Sie kannte die Mnner von Grund aus. Auch den ihren. Und
hatte ihn tief verachtet, weil er mit sich spielen lie ... Nun war sie
betroffen, sah etwas Rtselhaftes - das sie nie - auch in ihrem ganzen knftigen
Leben nicht begriff. So oft war er blind gewesen - hatte blind sein wollen - aus
Hrigkeit - und diesmal - diesmal, wo er keinen Grund zur Eifersucht hatte - -
Diesmal?? ... Unfalich war es - ganz unfalich. -
    Wie sie so, einige Herzschlge lang, mit jagenden Gedanken, ihm in die Augen
blickte, quoll leise ein neues, furchtbares Gefhl in ihr auf ... Angst vor
diesem Feigling. Was ist Angst vor einem Zornigen? - Was Zittern vor der
Mannhaftigkeit? - Nichts, nichts - - aber wenn die Feigen hassen! -
    Ich will Dir Beweise geben, sprach sie langsam.
    Wie knntest Du!
    Doch. Ich will Dir das einzige Briefchen geben, das ich von ihm habe.
    Es kann eine Lge sein - wie alles - -
    Nein. Du wirst sehen - ich schickte ihm einmal Blumen - er ist so plump -
sah Gott wei was drin - wies sie zurck - -
    Sie ging an ihren Schreibtisch. Sie schlo auf. - Da hinten im Fache - wie
viel Briefe - sauber in Bndeln - umbunden mit kleinen Goldlitzen. - Und vorn
allerlei Papiere durcheinander - Rechnungen - dazwischen noch Allerts Zeilen im
Umschlage, darauf die Adresse von seiner krftigen Schrift. - Sie hatte nicht
gleich gesprt, da ihr Mann herankam - schleichend fast - und hinter sie trat.
- Gerade hatte sie Allerts Brief in der Hand, und nun wandte sie sich rasch um,
mit ihrem Krper den Blick auf das offene Schubfach zu hindern. - Ein jhes
Gefhl trieb sie warnend, - sonst trat ja dieser Mann schonend hinweg, wenn sie
in seiner Gegenwart einmal an ihren Schreibtisch ging - als scheue er den Blick
- wolle Diskretion zeigen. - Und nun kam er so nah heran? -
    Zu spt - er stie sie fast hinweg - er umkrallte den Rand des offenen
Schiebefaches ...
    Was willst Du? ... Hier ist Allerts Brief ..., schrie sie.
    Er dachte nicht mehr an Allert - oder nicht mehr an ihn allein - da waren
andere Handschriften - in Bndeln, wohlgehuft, lagen sie da - das Herz und Hirn
seiner Frau spiegelten sie - hineinsehen konnte er nun - wissen, wissen, wissen
- -
    Sie rang mit ihm. Umsonst.
    Und endlich kauerte sie, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in den
Hnden, auf dem Rand des Ruhebettes. Nicht mehr eine Verfhrerin, sondern ein
fr den Augenblick geschlagenes Weib, das nun trachtete, sich zu sammeln, seine
Hilfskrfte zu bedenken, sich klarzumachen, wie der Mann dennoch zu besiegen sei
... Dieser bettelhafte Mann. Oder war er nicht mehr der gierig Verlangende, von
ihrer Gnade Lebende - vor ihrem Blick Zitternde? - Nicht mehr?
    Er sa vor dem Schreibtisch - ber die aufgezogene Schublade geneigt - die
wie ein Stck entbltes, aufgewhltes Dasein war. Feine Goldfden wurden
zerrissen - sauber geordnete Briefbndel glitten auseinander, als seien sie in
lauter kleine Schollen aufgelst worden - aus ihren glatten, stillen, weien,
flachen Lagern standen die Worte wieder auf, die ihr Leben nur durch die Augen
haben, die sie liest - die nicht sind, wenn das Papier nicht entfaltet wird,
darauf sie sich hinreihen.
    Hier waren aber kalte, feste Finger, die aus dem Spaltenmund dereinst in
fiebernder Wonne geffneter Umschlge nun die zusammengelegten Bogen nahmen.
    Hier waren stechende Blicke, die in furchtbarer Ruhe lasen. - -
    Die Minuten liefen. Auer dem Rascheln der Papiere kein Laut. Die Frau
seufzte nicht einmal - sie horchte - sie dachte - sie erwog. -
    Und da stand er auf. Befreit. Ein Mann.
    Er fhlte keinen Schmerz - noch nicht - in dieser Stunde noch nicht. Ganz
wunderbar beschwingt und erlst war ihm. Er hatte seine Hrigkeit zerbrochen.
Nicht einmal Liebesha war in ihm - nur das Gefhl, da irgend etwas Ungeheures
von ihm genommen, da Schimpfliches zu Ende sei. Eine Schmach beendet.
    Er ging auf die Frau zu. Sie erhob ihr Gesicht aus den Hnden und sah ihn
an.
    La mich Dir sagen ...
    Nichts! unterbrach er sie; Du wirst zu tun haben, was ich Dir befehle. Es
mag jetzt halb elf - elf sein - in einer halben Stunde kannst Du das Ntige
gepackt haben. Um Mitternacht gehen Zge - einerlei wohin - nach Kln, nach
Frankfurt - oder Du kannst nach Altona hinber fahren, im Hotel bleiben, morgen
frh reisen - -
    Aber la doch mich ...
    Nichts! sagte er. Und er sah sie an - mit seinen hellen Augen - fest, kalt
- erstaunt fast - und langsam quoll nun doch etwas in ihm auf - als Vorbote
knftigen Grames: ein furchtbarer Zorn gegen die Frau, die auch Mutter war ...
Er sah diese arme, junge, hochaufgeschossene Ingeborg, die immer verlegen war
und sich berflssig fhlte neben der schnen Mutter - und er sah das
dunkelugige Kind mit dem spanischen Namen und dem tollen Temperament - -
    Sie erkannte einen Wechsel in seinem Auge. Da da was aufglomm. Es wirkte
furchtbar. Und eine wahnwitzige Idee zuckte durch ihr Hirn. Wenn er hate, sich
rchen, sich von ihr befreien wollte ... Er brauchte nicht Dolche und Kugel. Er
beherrschte eine frchterliche Wissenschaft - sie machte ihn, wenn er wollte,
zum Herrn ber Leben und Tod - leise, unentdeckbar, konnte er hinwegrumen, was
seiner Rache verfallen war. Sie fror vor Angst.
    Und wenn sie auch in dieser Stunde so lange rang und flehte und log und
verfhrte, bis ihr Sieg ward. - - Er konnte morgen, in wiedererwachendem Ha,
ihre Speisen mischen und ihr jeden Trunk zu einem schleichenden Todesurteil
machen.
    Dieser Wahnsinn - diese Furcht vor der Rache eines, den sie feige gekannt,
brach ihren Willen - gab ihm die neue Richtung: nur fort - fort - - um ihr Leben
schien es zu gehen - nur fort. - -
    Sie erhob sich. Mit ihrer letzten Kraft versuchte sie Hochmut zu heucheln.
    Geh, sagte er.
    Und sie ging.

Allert war von jener merkwrdigen Gefatheit wie gebunden, die so oft einem
groen Schreck nachfolgt. Ganz erstaunlich kaltbltig und ruhig fhlte er sich,
als er langsam die Treppen hinunterging. Er ging nach Hause. Es war weit. Das
gelassene Dahinschreiten tat gut.
    Er fragte sich: und jetzt?
    Das nchste war klar: an Patow schreiben: Komme sofort und stehe mir in
einer Ehrensache bei. Von heute auf morgen lie die sich natrlich nicht
abwickeln. Wen hatte denn Dorne? Hier keinen Menschen. Er gehrte einer
schlagenden Verbindung an. Er mute sich einen von seinen alten Korpsbrdern
herbeizitieren. Also das gab eine Verzgerung.
    Und die schien zunchst das allerrgerlichste. Eine Beleidigung soll sofort
abgewaschen werden - solange sie es nicht ist, brennt sie wie Feuer weiter -
    Der Kerl war verrckt! dachte Allert krftig. Nun, das sind die Sinnlosen ja
immer. Aber ihre Taten ziehen die Besonnenen mit in den Wirbel und Abgrund.
    Allert fhlte voll Emprung, da er nicht die mindeste Lust habe, sich
totschieen oder schwer verwunden zu lassen.
    Wegen so einer Frau! Das war denn doch zu toll. Ihm fiel ein weiser
Ausspruch ein, den Fritz Patow frher mal getan: Bei wirklich schuldvollen und
gefhrlichen Geschichten hat man viel mehr Sicherheit als bei bloen
Unvorsichtigkeiten! Schuld meidet eben den Schein, die Unbefangenen tappen oft
zu dumm in was 'rein.
    Und hier konnte ja nicht einmal von Unvorsichtigkeit und dummem Hineintappen
die Rede sein. Auf welche Weise htte er sich denn diesem Zusammensein entziehen
sollen? Er war doch an den Mann gekettet. Da lie es sich schwer einrichten, die
Frau zu meiden.
    Da die Eifersucht des Mannes sich so jh gegen ihn gewendet hatte, war
Allert nicht sehr verwunderlich. Da hatte eine Zndschnur lange geglimmt und das
Feuer des Argwohns sich allmhlich herangefressen an den Sprengstoff. Dem armen
Menschen konnte man aber jetzt seinen bsen Irrtum nicht klarmachen. Vor der
Hand handelte es sich einzig um seine eigene verletzte Ehre und darum, die
erfahrene Beschimpfung abzuwehren.
    Allert schttelte den Kopf. Es gibt wahnwitzige Sachen, dachte er. Wie
lange, wie oft war dieser Ehemann wohl blind gewesen. Und nun - ausgerechnet
diesmal, wo keine Ursache war ...
    Es htte nicht viel gefehlt, da Allert auflachte. In allem ist auch immer
eine verborgene Komik. Die sprte Allert stets deutlich heraus, dazu hatte er
ein frmliches Talent.
    Aber diese Geschichte ging ihn denn doch zu peinlich nah an, als da er sich
wohlgefllig am Grotesken darin htte erbauen knnen ...
    Ihm kam die Frage: wie die zwei nun wohl miteinander abrechnen? Welcher
Genu fr die Frau, welche famose Chance, als unschuldig Angeklagte
aufzutrumpfen! Um danach und dadurch sich desto sicherer als Herrin dieses
hrigen Sklaven zu fhlen. Na, immer zu. Jeder Mann hat die Frau, die er
verdient ... Man kann zu einer kommen, die man nicht verdient hat - aber was man
dann behlt, das ist eben nicht mehr Sache des Schicksals, sondern des
Charakters.
    Seine Gedanken verlieen das Ehepaar und begannen wieder die Regelung der
Ehrenfrage zu umkreisen. Allert wute, da er von dem Augenblick an, wo er Patow
bitten mute: nimm das in die Hand - ordne das! eigentlich willenlos wurde. Dann
hatte er sich ganz einfach in das zu fgen, was seine Sekundanten ausmachten ...
    Eine rasende Ungeduld stieg in ihm auf. Da man nicht gleich und ganz
primitiv sich selbst seine Genugtuung nehmen konnte! - Er beneidete dem Mann aus
dem Volke sein Faustrecht. - Dem Beleidiger auf der Stelle einbluen drfen: was
unterstehst Du Dich! Wie entladend, wie herrlich entspannend mute das sein.
    Nun hie es schwle Tage voll qualvoller Stimmungen ertragen.
    Allert dachte daran, da sein Dasein doch gerade in diesem Augenblick sehr
reich sei - Kampf um Erfolg - Kampf um ein Weib. Ja, rechtes Mannesleben war
das.
    Und nun?
    Sollte eine Ironie des Schicksals all das enden? Sollte er, gerade er seine
Brust den Schssen darbieten, die zukmmlichere Ziele bei anderen Gelegenheiten
htten finden knnen?
    Nein. Ein unzerstrbares Vorgefhl sagte ihm, da er nicht an einer
Albernheit scheitern wrde.
    Die Geschichte wrde sich ordnungsgem abwickeln; man schsse vielleicht
ein paar Lcher in die Luft - hben und drben - denn der zur Besinnung
gekommene Dorne wrde ja wohl nicht an ihm zum Mrder werden wollen, und er
selbst hatte nicht die mindeste Lust, dem Gatten der lsternen Frau Julia das
Leben zu nehmen.
    Also das mute nun mit anstndiger Haltung - zu der vor allem Geduld gehrte
- durchgemacht werden.
    Und dann Schlu -
    Er kam so, in berlegener Fassung, in seine Wohnung. Die paar Zeilen an den
Vetter Hauptmann waren rasch entworfen - ein Ruf, da Fritz so schleunig als
mglich sich herbeibemhen mge.
    Schererei fr Fritz, dachte er. Sekundant sein, ist immer lstig - freilich,
es gibt auch da freudige Spezialisten - aber so einer war ja Fritz Patow nicht.
Nun, er wrde aber die Situation mit Wrde beherrschen.
    Pltzlich fiel Allert ganz etwas anderes ein. Und er blieb wie versteinert
stehen - gerade vor dem Briefkasten, in den er das Schreiben an Fritz werfen
wollte - die nchtliche Strae war so einsam - und durch ihre Stille kamen
deutlich die Gerusche - wie sich wenige Figuren von einem leeren Hintergrunde
genauer abheben als vor einem Menschengewhl - das pnktliche Stampfen
irgendeiner Maschine - das rasche, puffende Ausstoen von Dmpfen aus einem
Ventil - wie aus keuchender Menschenbrust kam das. Allert hrte ein Weilchen zu,
wie um den Gedanken, die ihn so schreckhaft berfallen hatten, erst noch
Sammlung zu gnnen.
    Ein greller Pfiff, den eine Dampfpfeife irgendwo auf dem Kanal oder in einer
Fabrik hinausschrie, ri ihn dann aus dieser Pause -
    Was hie das: und dann Schlu!? -
    Er konnte ja gar nicht mit dem Manne Schlu machen. Solche Teilhaberschaft
lst sich nicht von heute auf morgen! Ganz abgesehen von dem schlechten Eindruck
in der Geschftswelt ... Ende November hatte man sich zusammengetan - im April
lief man wieder auseinander? Nein - ganz einfach - das war unmglich. Das htte
die Firma in einen zweifelhaften Ruf gebracht - das hiee, alles an junger Ehre,
erwachendem Ansehen, aufsprieender Ernte preisgeben, was man in vier Jahren
sich blutsauer erkmpft ...
    Und viel mehr noch: nicht nur um des Ansehens willen, des moralischen
Kredits halber konnte er sich nicht von diesem Teilhaber trennen.
    Da war ja dies Geld! Dieses so bitter ntige Kapital - um dessentwillen er
sich ja doch berhaupt mit Dorne zusammengetan hatte.
    Und wenn sich das Unternehmen noch auf der gleichen Basis befunden htte!
Noch begrenzter und kleiner, wie vor Dornes Eintritt - wie vor dem groen
Brande!
    Vor Allerts Erinnerung stieg die hohe Flamme wieder auf, die so prachtvoll
und furchtbar in die Winternacht emporloderte ...
    Nach dieser groartigen Vernichtung hatte man begonnen, das Dichterwort wahr
zu machen und neues Leben aus den Ruinen blhen zu lassen.
    Die Neubauten - schon waren sie im Rohen und Aeueren vollendet, und drinnen
begannen die Monteure und Installateure die betriebstechnischen Einrichtungen -
diese Neubauten waren fr eine doppelt so groe Fabrikation, fr einen stark
erhhten Umsatz angelegt worden ...
    Und mit dem Gelde dieses Mannes ...
    Ich kann nicht von ihm los! dachte er.
    Aber man kann sich doch heute nicht mit jemand schieen, der einen Lgner
und Schuft genannt hat, und morgen mit diesem selben, friedlich und von den
gleichen Interessen beseelt, geschftliche Dinge beraten?
    Allert fhlte einen furchtbaren Widerwillen gegen den Mann und sein still
vornehmes Gesicht mit den hellen, stechenden Augen in sich emporkommen. Dieser
Mann - begabt, tchtig, fleiig - dieser Mann: feig, sklavisch, blind, unwrdig
verliebt -
    Und er dachte bitter: ein Mann, der ernste Pflichten hat, der mit seinem
Kapital, seiner Arbeitskraft, seinem Unternehmungsgeist sich in das groe
volkswirtschaftliche Getriebe hineinbegab, der darf sich nicht durch ein Weib
aus der Richtung werfen lassen. - Nun, das drfte natrlich kein Mann. Aber fr
einen, der kmpft, ist das alles schwerer - man steht nicht allein, man steht
nicht sicher - die eigene Unruhe gefhrdet andere - der eigene Sturz reit
andere mit ...
    Was sollte nun werden?
    Konnte er sich denn berhaupt mit einem Mann schlagen, mit dem er dann
gleichen Tags zusammen weiterarbeiten mute?
    Unmglich - ganz unmglich -
    Aber wie sollte sich dies lsen? Hie es, sich einfach gleich zufrieden
geben, wenn der Beleidiger kam und um Verzeihung bat?
    Weil Geldinteressen zur bereitwilligen Nachsicht zwingen?
    Ging es etwa in dieser Welt so zu - in dieser, fr seinen Stand neuen Welt?
    Hab' ich eine andere Ehre bekommen? Eine von lockeren Linien - die sich
dehnen lassen - die man gelegentlich nicht zu streng ziehen darf?
    Und er wog den Brief zweifelnd in der Hand ...
    Nein - tausendmal nein - Edelmann - Kaufmann - Ehre bleibt dasselbe.
    Und er schob entschlossen das Schreiben in den Kasten - die Drahtzhne des
Kastenmundes klapperten - nun war es geschehen.
    Allert ging heim. Das gab eine Nacht ohne Schlaf. Zwei Gewiheiten sprachen
immerfort laute, deutliche Worte zu ihm. Diese: Du kannst mit dem Mann nicht
mehr zusammen arbeiten.
    Und dann dagegen, ebenso bestimmt: Du kannst nicht ohne ihn arbeiten.
    Allerlei Geschichten fielen ihm ein, von feindlichen Teilhabern, die nie
direkt ein Wort zusammen sprachen, sondern sich alles durch eine Mittelsperson
sagten, und die in Ha, Gift, Groll doch zusammenblieben, weil ihr Unternehmen
blhte und weil sie das Geld hereinstrmen sahen.
    Nein, dachte Allert, das wre nichts fr mich.
    An solchen Verhltnissen wrde seine Lebensenergie, sein Humor versiegen.
Arbeit mu in Frhlichkeit getan werden, dann allein ist sie eine beglckende
Kraftbung. Arbeit in Groll - die verbittert - zehrt auf.
    Aber woher Kapital nehmen? Die Frage stand vor einem halben Jahr erst vor
ihm. Dornes Eintritt in die Fabrik lste sie - scheinbar glcklich.
    Nun war diese elendeste aller Fragen abermals da ... Aber sie stellte sich
mit hrteren Zgen hin und sah Allert bser an ...
    Dem Morgen ging er entgegen, als steige da ein Schicksalstag herauf - -
    Er brachte aber viel Peinlicheres als Schlag und Krach. Er brachte unklare
Stille.
    Fritz Patow kam. Und alles bichen Typische - diese kleinen Gewohnheiten,
die an der Grenze stehen und sich so leicht besptteln lassen, die waren wie
weggewischt. Ernst, sachlich nahm er die Mitteilung entgegen ... Allert war ja
Reserveoffizier - die Angelegenheit mute dem Ehrenrat unterbreitet werden -
zugleich aber auch mute Patow sich von Doktor Dorne dessen Sekundanten nennen
lassen ... Das hatte alles seinen vorgeschriebenen Gang.
    Das Unfaliche schien Allert nur, da er in sein Bro gehen msse ... Man
wrde suchen, sich zu vermeiden - aber gab nicht jeder Tag zehnmal die
Gelegenheit und Notwendigkeit zu Begegnungen und Besprechungen?
    Aber er hrte dann: Herr Doktor Dorne war nicht in seinem Laboratorium. Der
junge Assistent, den Dorne sich vor kurzem genommen, kam mit Fragen zu Allert.
Dieser riet: telefonieren Sie ...
    Und bald danach kam aus der Dorneschen Wohnung die Nachricht: die gndige
Frau sei heute nacht, der Herr Doktor mit beiden Tchtern heute morgen
abgereist.
    Das auskunftgebende Mdchen schien zu glauben, da eine Schwester des Herrn
schwer erkrankt und da die Familie zu ihr gereist sei. Spter brachte der
Bursche des Hauptmanns von Patow einen Brief, der krzer hnliches berichtete:
    Ganze Familie Dorne von der Bildflche verschwunden. Soweit ich verstand:
Madame allein in der Nacht; der Mann frh mit den Tchtern. Ich deponiere mein
Ersuchen somit schriftlich in seiner Wohnung. Es heit also seine Rckkehr
abwarten. Fataler Zustand. Aber das ist so oft in diesen Sachen, da die so
erwnschte prestissimo Abwicklung sich nicht erzwingen lt.
    Warten - warten. Das war in dieser Lage unertrglich.
    Und dazu kam eine dumpfe Unruhe. Da die Frau in der Nacht allein abgereist
sei, lie einfache Erklrungen zu. Es war zwischen den Gatten zum Bruch
gekommen. Vielleicht hatte er ein groes, ein furchtbares Gericht gehalten. Wenn
erst einmal so ein Bau zusammenstrzt, den nur Betrug und geweltsame
Selbsttuschung so lange aufrecht erhalten! Wie aus einer Versenkung
emporgekommen, mochten da vergangene Geschichten und Namen auf der Szene
erschienen sein. Und freiwillig oder davongejagt - sie war gegangen.
    Aber der Mann ...
    Und mit den Tchtern ... Es frstelte Allert. Die qualvolle Vorstellung von
entsetzlichen Mglichkeiten beschlich ihn ... Konnte denn dieser unselige Mann
berhaupt noch leben, wenn er den Glauben an das Weib hatte einben mssen?
    Da diese ganze Sache sich seiner Mutter nicht verbergen lassen knne, sah
er ein.
    Aber da war ja Tulla Rositz. Diese junge Tulla, die er immer von neuem als
etwas ganz Fremdes empfand. - Welche Strung.
    Er telefonierte an seine Mutter: Schaffe Tulla fr heute abend fort, ich
mu allein mit Dir sein. Und ganz ahnungslos erwog seine Mutter laut am
Telefon, ob sie Frau Doktor Dorne bitten knne, mit Tulla ins Theater zu gehen.
    Was? - Die ist verreist? So, das wute ich nicht - ja - dann - mir scheint,
so einfach Marieluis bitten, sich ihrer anzunehmen, das knnen wir uns nicht
erlauben ... Oder meinst Du?
    Hierzu schwieg er vollkommen. Und es war gerade, als ob dies starre
Schweigen durch das Telefon zur Mutter hinberwirkte, denn sie sagte unfrei:
    Nun - ich mu mal sehen ...
    Als Allert dann am Abend kam, zeigte es sich, da seine Mutter keinen andern
Ausweg gefunden hatte als den, Tulla allein in die Oper zu schicken. Gegen den
Versuch, da man ihr Marieluis als Gesellschaft einlade, wehrte sie sich. Lieber
wolle sie allein in Ada sitzen. Frulein Marieluis Amster sei ihr zu ... ja,
sie wisse nicht was ... zu bedeutend vielleicht ... so berlegen.
    Merkwrdig, sagte Allert gergert, sonst sieht man junge Mdchen allzu
flink dicke Freundschaften schlieen. Und mit diesen beiden will es gar nicht.
    Sie sind sehr verschieden, begtigte Sophie. Und beinahe htte sie gesagt:
Raspe und Du - Ihr seid auch verschieden.
    Nun hie es, der Mutter, die in eigenen Sachen so tapfer, aber so vllig
verngstet war, wenn es die Shne anging, alles Vorgefallene berichten.
    Natrlich klammerte sie sich mit ihren Gedanken zunchst an das
Unabnderliche. Aber wie konnte er nur. Wie durfte er glauben, da Du ...?
    Und da der Mann ihren Sohn eines Verrates fr fhig gehalten, war ihr
zunchst die Hauptsache.
    Er wurde etwas ungeduldig.
    Das alles wird ja in den gegebenen Formen ausgeglichen werden.
    Ein Duell?
    Was denn sonst?
    Nun ja. Sie dachte nach. Sie stellte sich ihren groen, kraftvollen,
stattlichen Sohn vor - sah den ihm so familienhnlichen Fritz Patow als
Sekundanten daneben - sah auch den gebckten, stillen Mann mit den hellen Augen.
Das Bild erschreckte sie nicht. Die Edelfrau in ihr hob voll Stolz den Kopf
hher. Sie frchtete nichts. Und diese Reise, fluchtartig. Vielleicht vor einem
Duell davongelaufen?
    Nein, sagte Allert, er gehrte einer schlagenden Verbindung an - er trgt
die Farben eines sehr angesehenen Korps - er wird niemals kneifen. Das wird sich
klren mit der Reise. Der Mann ist wohl sinnlos.
    Und weiter?
    Da sagte er es denn, da ihm der Gedanke furchtbar, mit dem Manne weiter
verbunden zu bleiben in gemeinsamer Arbeit. Aber wie auseinanderkommen? Das
Lsemittel hie: viel Geld! Wo es hernehmen? Nach dem Brande hatte man alles so
gro, in bedeutend erweiterten Dimensionen angelegt. Die besten, teuersten
Maschinen und Apparate waren bestellt. Die Fabrik sollte in ihrer neuen Gestalt
etwas Vollkommenes, Vorbildliches werden, alle Konkurrenz bertreffend ... Ohne
das Feuer befnde man sich noch in bescheidenerem Rahmen. Aber nun. Fast wie
eine gnstige Schicksalsfgung hatte er, nach Ueberwindung der ersten
Rckschlge, den Brand ansehen gelernt. Voll heier Vorfreude war er gewesen und
voll Stolz. Ja, es wrde sich vorwrts arbeiten lassen ... Und jetzt? ...
    Es zerri Sophie das Herz. Sie sah, wie ihr Sohn litt, wie er sich daran
erbitterte, da ihm sein Arbeitsleben so verwirrt wurde, da das Schicksal
Hemmnisse hineinschob.
    Was sollte werden?!
    Htte ich Kapital! Ich zahlte ihn in aller Stille aus. Aber dazu gehrten,
nach dem augenblicklichen Stande des Neubaues und aller Bestellung und
Vorarbeiten und fr den vergrerten Betrieb, mindestens hundertfnfzigtausend
Mark ... Woher sie nehmen ... Man knnte ja sagen: ich solle mich zurckziehen.
Er knne mich nun auszahlen! Dann bekm' ich das Geld heraus, was Onkel Just mir
gab, und vielleicht eine Bagatelle darber. Aber - Mutter - verstehst Du das
wohl? Das zerrisse mir schlechtweg das Herz. Ich hab' das alles gegrndet. Ich
hab' schlaflose Nchte drum durchgemacht. Ich hab' meinen Namen der Firma
gegeben - ich hab' das alles lieb - das ist ein Stck von mir - glaub nur - ein
Kaufmann liebt sein Haus wie ein Edelmann seine Scholle. Oder sollen wir
liquidieren? Und dann soll ich von vorn anfangen? O nein - es gibt ja doch wohl
noch Gerechtigkeit in der Welt.
    Sophie sah, wie leidenschaftlich erregt er war. Sie fhlte den Ernst der
Stunde.
    Und sie wute: eine Lsung lag nah - eine beglckende Lsung. -
    Marieluis ...
    Sie sah ihren Sohn an. So beredt, so ganz von dem Wunsch durchzittert, er
mge in ihren Augen das lesen, was sie nicht laut sagen durfte.
    Was siehst Du mich so an? fragte er.
    Ich denke, begann sie zgernd, da er fhlen mute, sie habe eine Flle
von Gedanken und whle sehr vorsichtig aus, was davon sie laut werden lassen
knne. Ich denke - wenn Rositz noch lebte. Er wrde uns raten - mehr: er wrde
uns helfen. Aber wir haben auch hier Freunde - sehr sachverstndige in
kaufmnnischen Fragen. - Wenn Du mit Amster sprchest? Und ganz geschwind
schlo sie an: Ich meine - ihn um Rat btest - nur um Rat.
    Und dachte dabei: er liebt sie doch - und sie ihn - ich wei, ich fhle es.
Und Marieluis' Mitgift, die Hlfte des ihr zugedachten Amsterschen
Vermgensanteils, war noch mehr als die Summe, deren er bedurfte.
    Konnten Herz und Verstand in vollerem Einklang stehen als hier? Allert wurde
rot wie ein Knabe.
    Nein, sagte er kurz.
    Und dieses knappe Nein verriet der Mutter, da ihre Hoffnungen noch weit von
Erfllungen entfernt waren. Das machte ihr Herz traurig.
    Ein kurzes Schweigen entstand. Und sie, in der tiefen Innigkeit, die sie
verband, fhlten einander frmlich all die Gestndnisse ab, die der Mund
verschweigen mute.
    Wie kann ich denn um sie werben! grollten seine Gedanken, ich liebe sie -
aber schwere Fragen sind noch unbeantwortet zwischen ihr und mir - und die
Bedenken, die mich gestern abhielten, ihr zu Fen zu strzen, soll ich heute
vergessen, weil ich ihr Geld brauchen knnte?
    Und die Mutter flehte ihn an - ihr ganzes Gemt war ja voll von diesem
Wunsch, diesen Gedanken:
    Habe doch den Mut! Das, was zwischen ihr und Dir steht, wirst Du in der Ehe
und gerade nur in der Ehe besiegen. Denke auch daran, da ein liebendes Weib
beglckt ist, wenn ihre Hand dem Manne Hilfe bringen darf ...
    Aber sie wute wohl, sie mute das beschweigen. Und dies Zwischenspiel von
zrtlichen Wnschen, das sich so unversehens unter die rauhen Sorgen
geschlichen, schlo sie mit einem Seufzer ab.
    Ihr ganzes Wesen verwandelte sich pltzlich in Energie und in mtterliche
Autoritt, und sie sprach:
    So wirst Du nun meine Ersparnisse in Dein Geschft nehmen. Sie reichen
nicht ganz - aber das Fehlende gibt dann doch vielleicht Onkel Just oder eine
Bank ...
    Nein. Du hast gespart, damit wir unsere Heimat wieder erwerben knnen -
einst - wenn Du so weiter verdienst und sparst, kannst Du es in fnf Jahren
erreichen. Gibst Du mir Dein Geld, verschiebt sich alles in ungewisse Ferne -
wird vielleicht unmglich - selbst bei gutem Geschftsgange - erst hiee es
doch, Onkel Just ausbezahlen.
    Ich habe es lngst aufgegeben, fr Muschenfelde zu sparen, sagte Sophie
tapfer.
    Du sagst es - uns - Dir selbst! Aber Du weit doch gut: tief unter unsern
Worten sitzen noch Dinge, die man nicht heraufkommen lassen will. Und das ist
bei Dir die ewige Sehnsucht nach der eigenen Scholle -
    Sophie wurde ein wenig bla.
    Aber noch strker ist mein Wunsch, Dich sorglos emporkommen zu sehen; noch
grer wre mein Glck, wenn Du das wirst, was Du nun doch einmal werden
wolltest: der Beherrscher eines groen Unternehmens, das weithin Ansehen geniet
- Du bist ein Hellbingsdorf - unser Zweig hat Unglck gehabt - bring' ihm die
Blte zurck, auf neuem Felde - und nimm mein bichen Geld.
    Er nahm dankbar die Mutter in die Arme. Fr diesen Augenblick mute alles
unabgeschlossen bleiben.
    Aber er fhlte so ganz die Wohltat, mit einer klugen, warmherzigen,
arbeitenden Frau seine Sorgen teilen zu knnen ...
    Als er es sagte, meinte sie - vielleicht ein wenig heuchlerisch, denn im
tiefsten Grunde denken Mtter ja doch: Keiner versteht ihn wie ich -
    Und ich bin nur die Mutter - ein Weib - o, das ist doch noch ein ganz
anderes Teilen.
    Ja, wenn die Frau all ihre Gedanken und all ihre Zeit dem Mann und dem
Gedeihen des gemeinsamen Lebens widmet! - Wenn sie nicht in Spelunken und
schlechten Gassen die Sittlichkeit heben mu߫ -
    Nun - nun - nicht so kra! warnte sie schmeichelnd und streichelte ihm die
Schulter.
    Er trat aber sprde hinweg - er wollte nicht umschmeichelt sein. Und er sah
sich sehr genau das Bildnis des Papstes Julius II. an, das seine Mutter mal
kopiert hatte, und das nun hier, ber der Barockkommode aus Familienbesitz, an
der hell gestreiften Wand hing.
    Nun kam auch Tulla heim und wurde von ihrer mtterlichen Gastgeberin auf das
sorgsamste mit einem spten Imbi bedient. Und Tulla sah sehr hbsch aus, in
schwarzen Spitzen, die den Hals frei lieen, und mit einer glitzernden,
schwarzen Jettspange im Haar. Das gab Allert sich zu. Aber es rgerte ihn
irgendwie, da seine Mutter das junge Ding so frsorglich verpflegte. Es kam ihm
vor, als mache seine Mutter ihr beinahe den Hof. Er war nicht unbefangen, er sah
nicht, da seine Mutter nicht mehr tat, als selbst dem jungen Gast gegenber am
Platze war, er verga, da dann immer alles bei seiner Mutter gleich eine solche
Note von Wrme und Hingabe hatte. Er dachte wirklich geradezu: Mutter hofiert
sie per procura Raspe.
    Tulla sprach von der Oper. Es war ziemlich voll gewesen. Bekannte? O ja -
Dora Vierbrinck und der Hauptmann Fritz von Patow und eine Dame dabei, die
vielleicht Dorys Mutter sein konnte. Rtliche Haare? Sehr glatt gescheitelt? Ja.
Und es sah so aus: Verlobte, die von der befriedigten Mutter geleitet werden.
Tulla hatte herangehen wollen. Aber die Herrschaften waren so umdrngt gewesen -
und sie hatte im Vorbeigehen genau gehrt, da die Dame mit den glatten,
rtlichen Scheiteln abwehrend gesagt hatte: Glckwnsche werden durchaus noch
nicht angenommen ... Und rund herum hatte alles gelacht - ja, sehr vergngt
waren sie gewesen in der Gruppe.
    Und man hrte heraus, da Tulla sich fremd und allein im Zwischenakt
gelangweilt habe ... Das war so begreiflich. Sophie war voll Mitleid und
trstete: es solle auch nie wieder vorkommen. Heute hatte es sich so gefgt - es
waren ernste Sachen zu besprechen gewesen - Geschfte, und davon mgen junge
Mdchen nichts hren.
    Zu entschuldigen brauchte Mutter sich auch nicht gerade, dachte Allert.
    Und die Oper selbst? Oh, ganz nett - aber Tulla hatte Caruso als Radames
gehrt, und sie fand auch die Amneris der Gtze besser - ja, Mama hatte jenesmal
fr den Platz achtzig Mark bezahlt - aber schn war es gewesen ... Und es klang
ein leises, fernes bichen Blasiertheit und Protzentum heraus - ganz unbewut -
    Am andern Tage sagte Tulla: Sie haben Sorgen, liebe, gndige Frau - ganz
gewi - irgendeinen Kummer haben Sie - ach, ich kenne Ihr Gesicht so genau -
    Das rhrte nun Sophie.
    Ja, liebes Kind. Dumme Sorgen.
    Sorgen? sprach das junge Mdchen in einem Ton des Widerwillens. Das hngt
immer mit Geld zusammen.
    Kann sein - auch hier - in zweiter Linie. Ich will es Ihnen lieber sagen:
es scheint, in der Familie Dorne sind Katastrophen eingetreten ...
    Wegen der grlichen Frau?
    Sophie stand verdutzt. Welches Urteil hatte denn die junge Tulla ber diese
Frau? Wie konnte sie berhaupt ein Urteil haben?
    Wie kommen Sie darauf, Kind -?
    Tulla zuckte die Achseln.
    Ach, sagte sie in einem Gemisch von Naivitt und Erfahrung, ich wei
nicht - die kommt einem nicht geheuer vor ...
    Das war unbestimmt - ganz ins Blaue hinein gesprochen. Sophie htete sich
aber, nher nachzuforschen.
    Was eigentlich vorgegangen ist, wissen wir nicht. Nur dies ist klar: Allert
wird noch ernste Auseinandersetzungen haben und mchte sich von Doktor Dorne
trennen. Dazu gehrt viel Geld. Und so haben wir allerlei zu bedenken.
    Jetzt gerade, wo bald Ihr Sohn Raspe kommt! sprach Tulla und bekam eine
weinerliche Stimme.
    Seit Wochen war sie nun hier und wartete geduldig auf die schne Osterzeit.
Und nun kamen Sorgen? Oh, Tulla wute gut: Sorgen - Geld - Verstimmung - Streit
- das hing zusammen. Das war ihre Erfahrung aus dem Leben der Mama. Seit Papas
Tod gab es ja seltener Streit, denn Onkel Karl von Buschke, Mamas Bruder, der
Junggeselle, hatte solche Schwche fr die jngere Schwester und schickte immer
Geld, wenn sie festsa. Aber wenn Harald und Viktor schrieben, fuhr Mama im
Zimmer umher und schimpfte ... Also von nun an wurde es hier auch so ungemtlich
...
    Sie ging in ihr Zimmer und starrte lange auf die Hfe und Hinterhfe hinaus
und auf die Wipfel, in die der Frhling grne Pnktchen hineinwirkte, und die
sich zwischen den Mauern wie Gefangene ausnahmen oder wie vergessene Ueberreste
der Natur ...
    Diese Aussicht machte sie noch bekmmerter. Sie dachte an ihr Zimmer in
Berlin - an den groen Raum voll weier Lackmbel und blau und weier
Libertyseide.
    Aus einem dumpfen Gefhl heraus schrieb sie einen Brief an Fiffi v.
Samelsohn und dachte: sie ist doch ganz nett - und man war so aneinander
gewhnt, von klein an.
    Es wurde ein sehr tiefsinniger Brief, voll von Betrachtungen ber die
Schwierigkeiten des Daseins, und wie besonders doch die Liebe Opfer fordere. Ja,
an den Opfern, die man bringe, knne man erst recht ermessen, wie gro eine
Liebe sei.
    Tulla weinte aus einem ihr selbst nicht erklrbaren Grund ber diesen ihren
Herzensergu. Dann fgte sie noch ein P.S. hinzu:
    Wie war es denn in Paris? Bist Du schon in Nizza? Wie gefllt es Dir? Hast
Du Dich in Paris verliebt? Ist der Baron Legaire noch bei unsern Mamas? Schreibe
bald Deiner Tulla.
    Und das bald unterstrich sie fnfmal.
    Hiernach wurde ihr pltzlich wieder sehr mutvoll ums Herz. Sie holte aus
ihrer Schmuckkassette das Bild Raspes hervor, das sie - ihrem Glauben nach
heimlich, dennoch von seiner Mutter wohl beobachtet - sich aus einem Kasten mit
Photographien gestohlen hatte. Es war sehr hnlich. Ein Kabinettbild und Raspe
in Uniform darstellend.
    Sie versank in den Anblick. Ja, er war der stattlichste, wundervollste Mann,
den sie je gesehen. Ihre Verliebtheit schwoll hoch an - flutete als
Glckseligkeit ber ihr junges Herz und lie sie alles vergessen. Sie kte das
Bild voll Andacht - ganz und gar liebende, bescheidene Demut.
    Dann sah Tulla in den nchsten Tagen wohl ein, da ihre Voraussetzung, es
gbe hier nur Streit und Verstimmungen, nicht zutraf. Ganz im Gegenteil schien
dieses liebevolle Verstehen zwischen Mutter und Sohn noch inniger. Sie gingen so
herzlich miteinander um, als knne Gte ihnen helfen - aber da die Stimmung
sehr ernst war, sah Tulla wohl.
    Und sie sah ja auch: wenn Allert abends kam, zog er sich mit der Mutter
immer erst fr einige Minuten zurck.
    Sie hrte auch: er verzweifelte beinahe, weil die Lage dunkel blieb. Der
abgereiste Doktor Dorne schrieb nicht. Man wute nicht, wohin er gereist war.
Man konnte gar nicht nachforschen. Das vorsichtige Anfragen bei den Dienstboten
schien schon fast zu viel riskiert. Man wollte, durfte kein Aufsehen machen.
Skandal war zu vermeiden. Der Mann konnte doch unerwartet zurckkehren. Oder
schreiben. Die Leute in der Wohnung wuten nichts ...
    In der Fabrik sagte Allert, da sein Teilhaber in wichtigen
Familienangelegenheiten verreist sei. Die wissenschaftliche Arbeit mute
inzwischen der Assistent weiterfhren, der, das sah Allert gleich, ein tchtiger
und selbstndiger Mann war.
    Schon sprach Allert mit seiner Mutter davon, ob man sich mit der Polizei in
Verbindung setzen wolle ...
    Sechs Tage schlichen so hin -
    Und Raspes Ankunft stand vor der Tr.
    So klagte Tulla es denn laut der Mutter des geliebten Mannes vor:
    Diese Geschichte wird ihm seinen Osterurlaub verderben. Und sie geht ihn
doch gar nichts an.
    Nun, die Sorgen des Bruders gehen ihn wohl an, sagte Sophie. Aber sie
dachte selbst voll Bekmmernis daran: Er kam, vielleicht das Herz voll Spannung
und Vorfreude - vielleicht sollte er sich ber sein ganzes zuknftiges
Mannesleben entscheiden - in festlichen Frhlingstagen sich prfen, ob junge
Liebe und seliges Hoffen zu herrlicher Wahrheit werden knnen.
    Und da drngten sich diese hlichen Sachen dazwischen. Die Furcht vor
Aufsehen, die Allerts geschftlichen Ruf doch immer ein wenig trben konnte -
wie, wenn der unselige Mann sich ein Leid angetan? - Wenn das alles in die
Presse kme? Allert in solchem Zusammenhang genannt zu sehen - welch ein
Gedanke!
    Sophie dachte daran: am besten wrde es sein, mit Tulla und Raspe zusammen
fortzugehen. An Vorwnden fehlte es nicht. Sie war berarbeitet, sie durfte das
Bedrfnis nach einer Ausspannung wohl geltend machen. Man konnte in die
Lneburger Heide gehen - malerische Studien versuchen und den herben nordischen
Frhling skizzieren. Aber Tulla, das verwhnte Prinzechen, wrde in den
einfachen Wirtshusern der Heidedrfer vielleicht zu viel entbehren. Doch
Helgoland? Sophie kannte es nicht. Als sie den Gedanken laut erwog, schien Tulla
entzckt. Sie war mal dagewesen - als ganz kleines Kind, mit Papa und Mama, in
den Zeiten, als es noch vorkam, da Papa und Mama zusammen reisten. Sie konnte
sich jedoch beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie es dort aussah. Ja, ja,
nach Helgoland. Und sie ward so belebt von der Aussicht auf diese kleine Reise,
da Sophie wohl herausfhlen mute: es hatte schon an Abwechslung gefehlt. Sie
war es ja auch nicht anders gewhnt: immer Vernderung, Vergngen. Neues
Vorhaben tauchte schon auf, wenn ein Programm noch nicht ganz zu Ende genossen
war ...
    Es gab nun einen Kampf fr das Mutterherz. Sie wnschte so hei, ihrem
lteren Sohn in dieser schweren Zeit der Ungewiheit zur Seite zu bleiben. Aber
sie wnschte nicht minder dringlich, dem jngeren Sohn die bevorstehenden Tage
zum Fest zu machen.
    Aber da kam ein im Grunde fr sie ja recht nebenschliches Ereignis und
verhalf zur Entscheidung. Dory Vierbrinck verlobte sich mit dem Baron von Patow.
Er war der Sohn von Sophiens verstorbenem Bruder. Wie htte sie sich der
Teilnahme an all den Festlichkeiten entziehen knnen? Das neue Brautpaar sollte
in der Osterzeit durch viele Diners gefeiert werden. Einladungen fr sie und
ihre Shne kamen gleich reichlich ins Haus. Dies alles mitmachen und den jungen
lieben Gast dann immer allein lassen, htte geheien, die ganze Urlaubszeit
Raspes um ihren eigentlichen, unausgesprochenen Zweck bringen.
    Und wie wenig war der Mutter nach Festen zumute, jetzt, wo so schweres
Gewlk ber dem Leben ihres Sohnes stand.
    Allert selbst riet: reise ab, nimm Raspe und Tulla mit Dir, ich will
versuchen, ab und an die Familie zu vertreten; und brigens wei ja Fritz
ziemlich Bescheid und kann mir's nicht verargen, wenn ich nicht allemal dabei
bin, wo er und seine Braut angefeiert werden. Es schien ihm selbst fast
willkommen, ein paar Tage allein zu sein.
    Er fhlte tglich mehr: alles ertrgt sich gut, ja besser zu zweien. Nur
gerade nicht Ungewiheiten - deren Peinlichkeit steigert sich beim Besprechen.
    So war es denn beschlossen. Am Dienstag nach Palmsonntag wollte man sich
einschiffen und am Ostermontag zurck sein.
    Und Sophie fuhr am Montag spt nachmittags zur Bahn, um Raspe abzuholen.
    Tulla blieb in der Wohnung zurck - ganz aus aller Haltung vor fieberhafter
Spannung. Zweimal zog sie sich um, und Therese mute ihr die Kleider im Rcken
schlieen. Das nahm Therese bel, denn sie war nicht gewohnt, in ihrer Arbeit so
oft gestrt zu werden. Tulla wollte wissen, welches Kleid ihr besser stehe, und
bekam die Antwort:
    Beides ejal. Schwarz steht jn Frulein nu mal nich.
    Und Mamas Jungfer hatte doch immer bewundert, wie vorteilhaft die
Trauerkleidung fr Tulla sei! Sie weinte beinahe. Sie zog ein drittes Kleid an.
Das aus schwarzen Spitzen, das den Hals freilie. Und gengstigt von Theresens
Kritik, suchte sie sich heller aufzuputzen. Sie legte ihre Perlenschnur um den
Hals.
    Sie starrte in den Spiegel und kam sich nun schner vor. Aber in ihr war
doch eine groe Ungewiheit: bin ich eigentlich hbsch oder nicht? Wenn man so
sah, wie die meisten Frauen ber diesen Punkt sich unglaublicher Selbsttuschung
hingaben! ... Ja, es war offenbar schwer, es zu wissen. Und sie htte so gern
schn sein mgen - fr ihn!
    Sie sah nach der Uhr - jeden Augenblick konnte er hier sein. Sie lief nach
vorn. Ihr Herz klopfte hart und schnell. Sie ri ein Fenster auf und bog sich
hinaus. Da fuhr gerade unten ein Auto vor.
    Sofort schlug sie das Fenster wieder zu und rannte in ihr Zimmer zurck. Da
sa sie mit heiem Gesicht und wartete.

Das Leben im Hafen tnte als grandioser Rhythmus durch die Morgenfrhe. Vom
hellen Dunst leise berschleiert lag das gewaltige und in steter Bewegung sich
verschiebende Bild. Vom hohen Gelnder herab, ber begrntem Hang und knospenden
Baumriesen her, sah das ungeheure Haupt aus Granit. Die ganze hellgraue
Riesengestalt Bismarcks hatte fast den gleichen Farbenton wie der Himmel. Und so
wurde das Ueberlebensgroe zu einer unbeschreiblichen Feinheit und
Mrchenhaftigkeit - der Stein verlor seine Hrte, die Gre das Erdrckende -
einer Geistererscheinung gleich stand der Mann aus Granit und bewachte den
groen Strom und die Nhe wie die Ferne und begrte alle, die hereindampften,
und entlie alle, die hinaussegelten, mit einer Mahnung.
    Von der Sankt-Pauli-Landungsbrcke ging der Salondampfer Prinz Heinrich
Anker auf. Es frstelte die Reisenden. Ein Apriltag - acht Uhr morgens - der
konnte keine einschmeichelnden Temperaturen hergeben. Aber Raspe und seine
Mutter freuten sich an der herben Luft. Denn man sprte wohl: der Ozean blies
von weit her hinein. Und das noch nicht Gesehene, erst noch zu Erschauende
lockte. Die Gewiheit, neue Eindrcke erleben zu drfen, gab der reifen Frau
jedesmal Kinderfreudigkeit zurck.
    Auf der Reise bin ich immer ganz jung, behauptete sie. Und Raspe war, in
diesen Augenblicken wenigstens, auch von der ungetrbten Genugtuung erfllt,
eine erfrischende kleine Fahrt antreten zu knnen. Er war so wenig verwhnt.
Ganz hell war seine Seele in ihrer schnen, aufrechten Einfachheit. Und wenn
eine Freude, ein gesunder Genu ihm geschenkt wurde, nahm er das mit einer
gewissen dankbaren Sammlung in sich auf.
    Tulla aber hatte seit gestern nachmittag so viel in sich erlebt, da sie vor
Verworrenheit und Aufregung gar nicht wute, ob sie sich nun eigentlich freue
oder nicht.
    Sie ging mit Raspe auf Deck spazieren, stand auch wohl mit ihm an der Reling
still, wenn er einem vorbeifahrenden Schiffe nachsehen wollte. Aber im Grunde
bemerkte sie nichts von dem bunten Wechsel der Dinge auf dem wuchtig meerwrts
flutenden Strom. Die hohen Ufer zur Rechten zogen sich hin, prunkvoll, von
Villen gekrnt, von prachtreichen Grten behangen. Zur Linken verdmmerte das
weite, flache Land. Schiffe kamen ihnen entgegen, an deren ragenden Borden sich
heimkehrfrohe Menschen drngten. Die grten die hamburgische Flagge mit hellem
Jauchzen - man sah, sie waren erregt vor Ungeduld und fieberten der nahen Minute
der Landung im deutschen Hafen entgegen. Sie winkten mit Mtzen und wehenden
Tchern. Die kleine Zahl der Passagiere auf dem Prinz Heinrich grte wieder,
und auch Raspe nahm unwillkrlich die Mtze ab und lchelte hinber zu diesen
Menschen, die auf der langen Seefahrt gleich Gefangenen geworden und nun vorweg
schon im Befreiungstaumel lachten und gerhrt waren.
    Scharf vor dem Winde, der in ihren schweren Segeln rauschte, schnitten
Fischereikutter durch die graugelben Fluten. Schleppdampfer mit schwarzwolkigen
Rauchfahnen oben an ihren plumpen Schornsteinen arbeiteten hart gegen den Strom
und zogen ein Gefolge von kleineren Schiffen hinter sich drein. Von Bord einer
Kuff her, die sich mit gerefften Segeln so hafenwrts gleiten lie, klffte ein
schwarzer Spitz; er stand auf den bleichen Brettern der hochgehuften Holzladung
und verzehrte sich in Zorn ber diese Dinge, die da respektlos vorberzogen,
ohne da er ihnen an die Beine htte fahren knnen.
    Man kam spter auch an Inseln vorbei. Lang und schmal lagen sie da, stille
Gelnde, rasig und von Pappeln und Eschengruppen berragt, zwischen denen wohl
auch ein groes, tieflastendes Dach hervorschimmerte. So wenig erhoben sie ihre
Erde ber das sie unruhig und in groer Bewegung umsplende Stromwasser, da man
sich vorstellen konnte, wie jede Flut und jeder Sturm Ueberschwemmungsgefahr
bedeutete, und wie die einsam Lebenden vom Marschfieber geschttelt wurden.
    Und der Himmel wurde blauer, er schien sich frmlich zu heben, und das gab
den Reisenden drunten auf dem rasch vorwrts whlenden Dampfer ein Gefhl von
grerer Leichtigkeit des Lebens. Das Unterwegssein war flotter, vergnglicher.
Dann kam auch noch die Sonne. Mit einem Male bewarf sie die Flut mit so viel
Licht, da es aussah, als seien hunderttausend Spiegelsplitter verstreut und das
Wasser schaukele sie.
    Raspe hatte das Gefhl: man bekommt grere Augen vor so gewaltiger
Sehflche. Er empfand: alles in einem weitet sich mit der Weite des Bildes, der
Flle aller bedeutenden Bewegung.
    Er machte mit einem frohen Wort, einem raschen Ausruf Tulla zur Gefhrtin
dieser Freudigkeit. Er wollte sie zur Gefhrtin machen - denn nach und nach
sprte er wohl: die Welt zog an ihr vorber - ungewrdigt - kaum gesehen - sie
war so zerstreut, antwortete kaum.
    Und Raspe mute an seine Mutter denken, die alternde Frau - die ganz gewi
voll Glckseligkeit war und wie berauscht von jeder Segelsilhouette, die in
kecker Linie und khner Raschheit vor dem Horizont vorbeisauste - und gewi
stumm vor Bewunderung ber die Feinheit des dunstigen Lichtes, in dem das
Flachland verschwamm. Und dankbar und ferienfroh, dies Wandelbild von Gre und
Raumunermelichkeit berhaupt genieen zu drfen ...
    Ja - die Mutter! Vielleicht nahm er zu sehr den Mastab nach ihr ... Sie war
immer so ganz Kind mit den Kindern gewesen - schien immer gerade das Alter, die
Interessen und Begeisterung der Shne zu haben - sich mit ihnen entwickelnd -
sich ihnen ganz anpassend. Solche Mtter stehen vielleicht, ohne da sie es
wollen oder auch nur ahnen, zwischen dem Sohn und seinem Mut zur Ehe.
    Sophie sa auf der Bank an der Steuerbordreling und hatte ihre Hnde warm in
die weiten Aermel ihres Mantels von links nach rechts, von rechts nach links
gesteckt. Alle Sorgen waren weggehuscht wie Nachtgetier vorm Licht; alle
Hoffnungen waren so gut wie erfllt. - In einer so gttlich groen, erhabenen,
von Sonne durchfluteten, von frhlichem Wellengewoge erfllten Welt mute es
auch noch Glck geben! Jedes dahinschieende Segelboot verbrgte es ihr; die
stolz heranziehenden Dampfer brachten es mit; der lachende Himmel schttete es
herab ... Sie geno die ganz grundlose, reine Daseinswonne, die Natur zu
verschenken vermag - und nur sie ...
    Sophie sah auch immer wieder den Anblick vor sich, den die junge, holde
Tulla gestern gewhrt. - Mtterlich ging sie in das Zimmer der Wartenden und
sagte so unbefangen wie mglich: Nun, liebe Tulla, wollen Sie denn nicht nach
vorn kommen? Mein Sohn ist da.
    Und als Tulla dann auf der Schwelle stand, war es ein Erlebnis.
    Sophie wute wohl: Frauen - alte wie junge - alle, alle knnen einen
begnadeten Augenblick haben, der ihre Schnheit verklrt, ihre Erscheinung adelt
- eine geheimnisvolle Erhebung ist das - sie reicht auch der Bescheidensten eine
Krone.
    Und die herbe Anmut der jungen Tulla war zu rhrendstem Reiz verklrt, als
sie da zgernd stand - die Augen fast schwarz vom Feuer des Glcks - auf den
schmalen Lippen ein Lcheln voller Poesie der Jugend - die ganze schlanke
Gestalt verkrperte Erwartung und keusches Zgern zugleich -
    Sie, die Mutter, sie sprte es auch, obschon sie vermied, den Sohn gerade
anzusehen: ber sein mnnliches Gesicht ging der Glanz einer groen,
beglckenden Ergriffenheit.
    Es war ein Augenblick voll Andacht gewesen.
    Nachher freilich schien da irgendeine Hemmung zu sein - der Glanz losch
hinweg aus Tullas Wesen -
    Vielleicht trug der Brief schuld daran, den sie noch mit der Abendpost aus
Nizza bekommen hatte ...
    Sophie durfte ihn lesen. Und er verletzte auch ihr Herz - und ihr war, als
wolle man einen teuren Toten beleidigen. Der Brief war die Antwort von Fiffi v.
Samelsohn auf Tullas letztes Schreiben. Eine eilige Antwort, denn Fiffi hatte
eigentlich keine, keine Minute Zeit, man wollte gleich zum Blumenkorso fahren.
Sie teilte aber doch genau mit, da ihre Mama und Tullas Mama den Wagen ganz mit
weien Rosen verkleidet haben wrden. Dann flo noch eine neckische Bemerkung
ein:
    Wollen wir wetten, Tulla? Noch ehe das Trauerjahr ganz vorbei ist, bekommst
Du einen Stiefpapa. Meine Mama fnde es nicht sehr geschmackvoll, sagt sie, weil
doch der Baron Legaire zwei Jahre jnger ist als Deine Mama. Aber er hat ja ein
Schlo in der Touraine - wenn's auch recht verkommen sein soll. Dies finde ich
himmlisch! Obschon ich sonst nicht romantisch bin. Aber ein Schlo in der
Touraine!
    Jetzt, wie Sophie hier sa und sich an dem gewaltigen Schauspiel erhob, das
der in riesenbreiter Majestt sich dem Meere hingebende Strom ihr bereitete,
jetzt dachte sie: der Brief kam zur rechten Stunde - er wird helfen, Tulla
erkennen zu lassen, wo die wahren Werte des Lebens liegen.
    Sie konnte von ihrem Platz aus manchmal die beiden sehen, wenn sie auf und
ab schritten oder stehenblieben und hinausblickten - und sie sah auch wohl - die
Unterhaltung flo sprlich.
    Aber versteht man sich nicht oft am tiefsten im Schweigen?
    Da die Gedanken ihres Sohnes vergleichend sie suchten, ahnte sie nicht.
    Tulla fror eigentlich, trotzdem sie ihre Persianerjacke anhatte und den
Kragen hochgeschlagen. Sie war so herabgestimmt und wute doch nicht genau
warum. Fiffis Mitteilung schmerzte natrlich ein wenig. Nur ein wenig. Denn im
Grunde genommen dachte sie doch bald nach Papas Tod schon: Mama heiratet gewi
noch mal wieder. Auch Viktor hatte in St. Moritz dergleichen geuert und noch
scherzhaft gesagt: Meine Einwilligung dazu mte Mama aber mit der Verdoppelung
meiner Zulage erkaufen.
    Fiffis Prophezeiung berraschte sie also nicht so sehr. Und sie fhlte
deutlich: wenn ich nur selbst glcklich werde, kann es mir ja egal sein, was
Mama tut. - Und wenn Mama wieder heiraten will, ist sie gewi vergngt, mich
rasch los zu sein, und knappt nicht mit dem Zuschu ...
    Ach nein, die Mglichkeit, da Mama den Baron Legaire heirate, lag nicht so
auf ihr - drckte nicht so seltsam allen Jubel nieder.
    Was fr eine merkwrdige Ueberraschung war es gestern abend gewesen. Raspe
in Zivil! Wie verwirrend. Ein vornehmer, stattlicher Mann, auch im schwarzen
Gehrock - Aber man mute sich erst daran gewhnen ...
    Und Tulla sah auch: das Zivil war sehr gut gehalten - aber der Rock hatte
solche Schals mit Seidenaufschlgen, die vor zwei Jahren Mode gewesen waren -
Herrenmoden kannte sie genau von Viktor und Harald her, die sich glnzend
kleideten - selbst Fiffi gab zu, da Viktors Zivil auf der allerhchsten Hhe
sei - ja, Tulla rgerte sich ber sich selbst, da sie berhaupt so etwas sah -
und sah es eben doch.
    Heute aber, auf der Reise, hatte er einen weiten Paletot an, der unter allen
Umstnden fertig gekauft war ... Wie Viktor sich wohl darber mokiert htte - -
    Aber - das war doch kleinlichste Nebensache - Und dann: sie war doch reich.
Spter brauchte Raspe nicht sparsam mit Zivil zu sein ...
    Nun tat sich das Meer auf - grn und glasig drngte es sich in beginnender
Flut dem Ufer zu, dem ausgehenden Strom entgegen. Die Wellen stiegen an und
zerwarfen ihre Spitzen beim Fallen zu weiem Geschum. Schwarz und gro kam der
Schiffsleib eines Ozeandampfers auf dem Wasser daher, das die Farbe dunkelbraun
durchstrmter Smaragde hatte; die Mwen, des Schiffes durcheinanderschieendes
Gefolge, flatterten kreischend ber dem Strudel seiner Schrauben. Die Sonne traf
ab und zu einen Flgelschlag, dann blitzten weie Linien auf und verhuschten
sofort wieder.
    Groartig! sagte Raspe voll Andacht.
    Aber der Golf von Neapel ist viel schner, sprach Tulla; und all die
eleganten Menschen da an Bord - und die Mandolinenspieler - die so komisch
bertrieben singen - ach ja - wenn man so nach Capri fhrt - ich wei nicht:
dies ist gar nicht wie Vergngen - so ernst ist es ...
    Er schwieg.
    Nun kamen ein paar Tage, die aussahen, als liefen sie gelassen ab, und die
Mutter lobte immer von neuem, da sie ihr wohltten, weil sie nichts von ihr
forderten.
    Und forderten doch etwas sehr Mhsames fr ihr lebhaftes Temperament und ihr
vor Erwartung klopfendes Mutterherz. Nmlich die Maske der vollkommensten
Unbefangenheit. Sie mute ihren Augen jeden beobachtenden und fragenden Blick
verbieten. Sie mute sehr viel Takt und sehr viel Kunst aufbieten, um das junge
Paar sich selbst zu berlassen, ohne da eine Absicht dabei sprbar ward. Sich
selber mute sie vor dem Gefhl bewahren, da sie das Handwerk einer
Ehestifterin be ... Sie wollte ja auch keine Ehe stiften ... Aber ihre Seele
war erfllt von dem innigen Hoffen, da die junge Liebe dieser beiden sich
festige und klre. -
    Denn sie sah rasch: diese Liebe nahm nicht den schnellen und sicheren
Werdegang zu einem Bndnis. - Da waren auch keine strmischen Kmpfe - viel
Bengstigenderes wuchs da: eine stille, trbe Schwere ...
    Sie sah: die Wage schwankte auf und ab ...
    Und in ihrem erfahrenen Herzen dachte sie inbrnstig dem Sohne zu: Knnt'
ich dir doch das Beste, das Notwendigste hineinlegen in die Seele - den Mut, den
Glauben -
    Es war sehr merkwrdig, auf diesem Eiland zu sein. Es glich einem von Waffen
starrenden Kriegsschiff, einem von phantastischen, zyklopischen Formen und
Gren, das eines Zauberes Riesenfaust hier verankert hatte. Mitten in dem
flutenden Meer, in der gewaltigen Einsamkeit der Wasser stand dieses Wunderwerk
- Krper gewordene Drohung! Durch das Gestein seiner roten Felsen fhrten
geheime Gnge von umschtzten Landungsstellen aus hinauf zum Oberland. Und von
seiner ragenden, kahlen, windumtobten Hhe richteten die Geschtze ihre
schlanken Lufe meerwrts. Die Bauten und feinen Linien von Telefunkenstationen,
Signalvorrichtungen, allerlei fremdartigem und fr den Laien unbegreiflichem
Gestnge ragten aus dem roten Felsenrcken. Der Leuchtturm, einst in Oede und
feierlicher Stille der einsame Wchter, war nur noch ein Teil der
geheimnisvollen, mchtigen Sprache, die durch die Wundermittel der Elektrizitt
ihre Sprche und Warnungen weit hinausrief. Aber er stand in ehrwrdiger Feste
und blinzelte abends aus seinem roten Strahlenauge scharfe Blicke hinaus ber
das dunkelwogende Meer.
    Zu Fen der nordwestlichen Felsschroffen, unten an den jhen Abstrzen,
wuchs neues Land an.
    Was der Ozean vor Jahrhunderten dem Knochenbau der Felsen vom Erdkrper
abgerissen, so da sie kahl und karg stehenblieben, nicht mehr umschmiegt von
lieblichen Gelnden - das schien nun die groe Dienerin der Macht und der
Vlkerblte, die Kriegskunst, der Insel wieder zurckerobern zu wollen.
    Ein pochendes, unaufhrliches, streng bewachtes und geleitetes Arbeitsleben
war um die Insel. Bagger kreischten in Ketten und strudelten klatschend sandigen
Inhalt in umhegte Reviere; Barkassen schossen hin und her. Ein Kreuzer, grau und
eisern, ankerte auf der Reede; die weie Kriegsflagge mit dem Reichsadler in dem
rechten obern Viertel strich der Wind glatt aus.
    In den engen Straen, die das Husergehocke zwischen Fels und Strand am
sdwestlichen Ende der Insel durchschnitten, war jeder zweite Mensch ein Matrose
in der blauen Uniform der Kriegsmarine. Und man erriet es wohl, da der
eingeborenen Bevlkerung Daseinsbedingungen anderer Art aufgezwungen sein muten
- nicht mehr der Badegast war fr sie der hauptschlichste Geldgeber - nicht
mehr der Fischfang und die Seefahrt nhrten zumeist ihr Leben - die Kriegsmarine
hatte ihre eisernen Fuste auf das rote Eiland gepret - und aus diesen ehernen
Hnden empfing es nun seine ungeschriebenen Gesetze, seine Arbeit, seinen
Gewinn. -
    Dies alles hatte fr Raspe geradezu etwas Berauschendes. Er bewunderte, er
staunte, er war stolz, als Deutscher, als Soldat. Die khne Arbeit, die hier
getan wurde, im Kampf mit tosenden Strmen und brausenden Wogen, bedeutete ihm
eine Schnheit der grten Art: die der Technik, die des Mutes. -
    Tulla war immer von neuem in ihn verliebt, wenn er straff und stolz neben
ihr einherschritt und mit einem stillen, groen Leuchten in den Augen auf all
diese Mannestaten sah.
    Von Herzen gern wollte sie mitbewundern. Aber sie verstand nun wirklich
nicht, was daran zu bewundern sei.
    Sie sah so reizend aus, in der weien dicken Wolljacke und in dem weien
Wollmtzchen, das bis ber die Ohren herabgezogen war. Und wenn der Wind sie
packte, mute sie Raspe manchmal am Arm halten; es sah aus, als wrde sie sonst
davongeweht werden. So jung, so schutzbedrftig, ganz seiner festen Hand
anheimgegeben war sie dann ... Und sie hatte ein glckliches Gefhl davon, und
ihre Augen strahlten zu ihm empor ...
    Am ersten Tage, als man zur Dne hinberfuhr, sagte Tulla:
    Hier ist es hbscher.
    Das verstand Raspe wohl. Das Idyll der sandigen Dne mute dem holden Kinde
beruhigender und vergnglicher erscheinen als drben der fr das Grauen einer
Seeschlacht so furchtbar gerstete Felsen.
    Auch die Mutter breitete beglckt die Arme aus.
    Sonne wrmte den weien Sand und tuschte eine andere Jahreszeit vor; die
von Salz gesttigte Luft prickelte wie Hitze auf der Haut. - Man konnte sich
hinlegen und mit geschlossenen Lidern dem Rauschen der heranflutenden Wogen
zuhren und dem Rhythmus ihres Zurckrinnens.
    Jeden Tag, gleich nach dem Essen, lieen sie sich hinberbringen - segeln
mochte Tulla nicht, so mute gerudert werden. Viktor und Harald hatten einmal in
Montreux beim Segeln beinahe umgeworfen - sie sagten zwar immer: Mama und Tulla
htten es sich in ihrer unntzen Angst blo eingebildet. Aber seither war Tulla
doch eben zu furchtsam. -
    Nun - daran lag ja nichts -, ob man nun ruderte oder segelte. Drben war es
immer gleich schn. Der Himmel wollte ihnen so wohl. Es blieb sonnig-strmisch
bei blauem Himmel. Als die Mutter das pries, sagte Tulla:
    Bei schlechtem Wetter mte es hier auch zum Auswachsen sein.
    Oh - ich mchte, wir erlebten hier groes Unwetter, - meinte Raspe.
    Was sollten wir dann wohl machen? fragte sie naiv, im Hotel sitzen und
uns langweilen? Das haben wir mal im Hangensfjord gehabt - ich sage Ihnen, es
war schrecklich. Mama weinte beinahe. Na, Mama hatte ja mehrere Bekannte mit
sich - die Gesellschaft spielte dann schlielich Poker und verga den Regen -
aber ich? Es war ttend.
    Sie ist schon allerwrts gewesen, dachte Raspe, und das machte ihn
unbestimmt traurig.
    Sie sind eine weitgereiste junge Dame, sprach er.
    Ich? fragte sie unschuldig und erstaunt, ach, gar nicht. Im Sommer nahm
Mama mich immer einmal mit und einmal auch im Winter - aber auf allen anderen
Reisen mute ich zu Hause bleiben - Papa sagte, es werde sonst zu viel. - Ich
bin noch nicht mal in Aegypten und in Konstantinopel gewesen - Fiffi sagt, es
sei so amsant, wegen der Basare, dort kann man so nett kaufen. - Wenn ich mal
heirate, mach' ich meine Hochzeitsreise nach Assuan. - Das steht fest.
    So? fragte er scherzend, und wenn es nun ein Mann ist, der dazu keine
Zeit htte?
    Ach - die nimmt man sich - Mama sagt: alles ist Geldfrage.
    Es gibt auch noch andere Fragen in der Welt, antwortete er kurz und sah
mit gerunzelter Stirn hinaus, als ob da irgendwo etwas Besonderes zu beobachten
sei.
    Hab' ich was Dummes gesagt? fragte Tulla sich bestrzt.
    Raspe merkte auch, da die Dne ihr am zweiten Tag schon Langeweile bedeutet
htte - ohne ihn. -
    Und er dachte schwer:
    Nicht alles Leben, nicht alle Freude mu einem Mdchengemt vom Manne kommen
- es mu auch seinen eigenen Reichtum haben - an dem es den Mann teilnehmen lt
- mit dem es ihn bereichert ...
    Und er suchte mit liebevollem Bemhen nach solchen Reichtmern. - Er dachte:
vielleicht ist sie doch innerlich so abgelenkt, weil man ihr das von der Mutter
geschrieben hat. Und er wagte es, ihr davon zu sprechen.
    Sie saen im Sande der Dne, im Windschutz einer Mulde. Nicht fern von
ihnen, aber doch auer Hrweite, sa die Mutter und versuchte sich an einer
Wellenstudie. Sie hielt eine Papptafel auf den Knien, den oberen Rand mit den
Fingern der linken Hand haltend, und die Palette lag neben ihr, auf dem
Malkasten. Sie rang sehr mhselig mit dem ihrer Begabung gar nicht liegenden
Versuch, und schien den Sohn und das Pflegetchterchen vergessen zu haben.
    Der Himmel glnzte, das Wasser war durchleuchtet und grn, der feine Sand
gleite. Vom Horizont zog unter schwarzem Dampf eine Torpedobootsflottille
vorbei.
    Und in dieser groartigen Freiheit der Natur sprach Raspe zu Tulla:
    Darf ich Sie etwas fragen?
    Tulla bekam rasendes Herzklopfen.
    Er will mich fragen, ob ich ihn liebhabe, fhlte sie.
    Aber in ihren seligen Schreck mischte sich auch eine sie selbst ganz
berraschende Beklommenheit.
    Bin ich Ihr Freund? Hab ich als solcher das Vorrecht, auch Dinge berhren
zu drfen, die vielleicht Ihnen schmerzlich sind?
    Schmerzlich? dachte sie. Und eine groe Enttuschung ernchterte sie. Dies
war doch offenbar und gewi nicht das Vorwort zu einer Liebeserklrung.
    Sie wurde ganz rot.
    Oh - Sie, sagte sie, ja Sie drfen ber alles mit mir sprechen - zu
keinem Menschen in der Welt hab' ich so viel Vertrauen ...
    Es liegt in diesen Tagen irgendetwas auf Ihnen. - Da ist so etwas wie eine
geheime Unruhe. - Nein, Unruhe ist schon zu viel gesagt. - - Es ist, als ob
irgend etwas Sie verhinderte, sich an dieser groen Welt zu freuen.
    Mein Gott, dachte Tulla ganz betroffen, man kann sich doch nicht immerzu
ber Helgoland begeistern.
    So? ... fragte sie nur unsicher.
    Und da hab' ich mir gedacht: es schmerzt Sie, da Ihre Freundin Fiffi Ihnen
solche Sachen schrieb. Vielleicht ist es gar nicht wahr.
    Ach, sprach Tulla hchst gleichgltig, es wird schon wahr sein.
    Er schwieg. Sie glaubte: verstimmt! Und pltzlich fielen ihr allerlei
Nebenumstnde und Beziehungen zu dem Thema ein. Sie beeilte sich, ihn zu
beruhigen.
    Natrlich - das ist Unsinn, was Fiffi schrieb - da Mama das Trauerjahr
nicht abwarten wrde - solche Taktlosigkeit macht sie nicht - was wrden die
Leute davon denken! - O nein. - Und fr die Brder und mich wr's auch kein
Unglck. - Mama stellt uns ganz bestimmt sehr unabhngig. Ganz bestimmt.
    Und er hrte genau heraus, weshalb sie ihm diese beruhigende Versicherung
gab - ihre Gedankengnge lagen offen vor ihm da - er sah hinein, in diese naive
Abhngigkeit vom Gelde, die sie auch bei ihm vermutete. Er fragte:
    Tut es Ihnen nicht weh, da Ihr Vater so bald vergessen wird. Er war ein
ausgezeichneter Mann.
    Ja - Gott - gewi - sehen Sie, ich - ich kann so was nicht begreifen - ich
trstete mich nie, wenn ich den Mann verlre, den ich liebe.
    Das glaubt jedes Herz von sich.
    Aber Mama und Papa waren schon seit vielen Jahren nicht mehr glcklich.
Warum soll sie nicht ein neues Glck suchen? Nur - ich mchte dann nicht mehr im
Hause sein.
    Tulla sagte es mit leiser Stimme. Sie fhlte selbst: es war wie eine Bitte:
Bewahre, rette du mich davor! ...
    In all diesen Tagen erinnerte sie sich oft, da Fiffi gesagt hatte: Einem
armen Bewerber mu man entgegenkommen, sonst traut er sich nicht ... So was war
leicht gesagt! Wie soll man entgegenkommen? ... Tulla fhlte immer von neuem:
das kann ich nicht - alles, was von Feinheit in ihr war, wehrte sich dagegen ...
... Aber eben, jetzt - ja jetzt war sie entgegengekommen ...
    Und sie sa herzklopfend und wartete auf den Erfolg.
    Sie sind aber sehr verwhnt - verwhnter, als Sie selbst wissen, sagte er,
es wrde Ihnen schwer werden, sich einem engeren Leben anzupassen - zum
Beispiel in einer Ehe, wo es mit einem festen, bescheidenen Einkommen rechnen
heit.
    Trockenes Brot knnte ich essen und glcklich sein! versicherte Tulla
begeistert.
    Er lchelte - er sah ein wenig melancholisch aus - welche Kindlichkeit in
diesem Ausruf ...
    Aber das brauche ich ja auch gar nicht, sprach sie weiter und war ganz
eifrig, das wre doch Unsinn - Mama ist doch reich. Weshalb soll man auf so
viel Schnes verzichten, wenn man's haben kann ...
    Ein Schweigen entstand. Tulla wute nicht, was es zu bedeuten hatte.
    Er war wie benommen von einem Gedanken ...
    Von jener Frau Geld annehmen? ...
    Und dann diese Mdchen, die aus einem Millionenhaus kommen, dereinst nur
einen Bruchteil erben, aber die Ansprche und Gewohnheiten nach dem Rahmen des
Ganzen haben ...
    In dies Schweigen hinein, das fr Tulla so schrecklich war, da sie beinahe
geweint htte, kam dann die Mutter mit ihrer Skizze ...
    Tulla fand sie aufrichtig schn. Aber Raspe sagte, das Meer she aus wie
Milch, in die ein wenig Spinatwasser gegossen sei. Und darber lachte Sophie
dann und war guter Dinge.
    Am Abend war man in dem groen, verandaartigen Raum des Kurhauses. Da und
dort an den Tischen saen Marineoffiziere oder -beamte, auch einige Ausflgler,
die hier ihre Osterferien verbrachten. Man konnte sich vorstellen, wie anders,
wie gedrngt und lrmend hier im Sommer der Verkehr sein mute. Hart an einem
der groen Fenster wollte Sophie mit den beiden jungen Menschen speisen. Auf das
Meer drauen sank die Abendstille nieder. Es wurde sehr langsam dunkel. Und dies
allmhliche Versiegen aller Farben und aller Helle war sehr feierlich. Es war
wie ein Abbild vom einstigen Erlschen allen Lebens. Die Nacht auf der Erde ist
Friede. Die Nacht auf dem Meer ist Grauen und Unendlichkeit. Die eine nimmt den
Menschen still in ihre Arme, die andere macht ihn zum armseligen Geschpf in der
Finsternis - -
    Dergleichen empfand Sophie. Sie starrte hinaus. Raspe sa still und war voll
Andacht. In diesen Minuten gab ihm die Nhe des holden Mdchens ein zartes
Glcksgefhl. Mancher lhmenden Enttuschung widersprach sein Herz. Eine
glubige Zuversicht wollte siegen. Er sah alle lieblichen Wesenszge, er fhlte
Mut aufwallen. Liebe kann ja Wunder tun, warum nicht auch das: ein zur
Oberflchlichkeit und zu Ansprchen erzogenes Geschpf zur Tiefe und Einfachheit
erziehen.
    Tulla winkte dem Kellner.
    Ziehen Sie doch endlich die Vorhnge zu ... so ... Und sie drehte
hausfraulich vorsorglich die Tischlampe auf. Das ist ja langweilig, so ins
Dunkle zu gucken.
    Die Suppe kam; es war hell und warm, und Tulla schien sehr frhlich.
    Auf die Heimfahrt morgen freue ich mich. In Hamburg ist es doch amsanter.
Aber nicht wahr, wir haben morgen frh noch Zeit, ich mu doch Therese etwas
mitbringen ... helfen Sie mir einkaufen?
    Dazu war Raspe gern bereit. Tulla erwog: eine ausgestopfte Mwe und ein paar
Tonfiguren, Bewohner in Landestracht vorstellend. Das wird ihr sehr ntzlich
sein, spottete Raspe, und Tulla lie sich gern auslachen.
    Nachher stellte sie Betrachtungen an ber die Marineoffiziere, und sie
bedauerte die armen Frauen.
    Beruf! sagte Raspe. Die Frau, die den Mann liebt, achtet seinen Beruf,
bringt ihm Opfer.
    Ach bewahre - sie sieht den Beruf als ihren Feind an!
    Warum?
    Na - er nimmt ihr doch den Mann fast den ganzen Tag weg - eigentlich konnte
man sich nicht wundern, da Mama mit Papa ganz auseinander kam. Was hatte sie
denn von ihm?
    Die Mutter sah sie aufmerksam an.
    Eine Frau, die liebt, hat Ehrgeiz fr den Mann, nimmt Teil an den Sorgen,
Freuden, Aussichten seiner Arbeit - ist stolz auf sie - hilft ihr - und wenn
nicht anders als dadurch, da sie die Huslichkeit auf die Anforderungen seines
Berufes glatt und behaglich einzustellen wei.
    Es ist immer blo vom Mann die Rede, debattierte sie eifrig.
    Ich finde im Gegenteil, es ist heutzutage immer blo von der Frau die
Rede.
    So? Sie sind doch schlankweg der Ansicht, da die Frau sich in den Beruf
des Mannes zu fgen hat.
    Unter allen Umstnden, sprach Raspe.
    Ach nein, meinte Tulla naiv, doch wohl nur, wenn die Verhltnisse so sind
... Ich meine - viele mssen doch verdienen und einen Beruf haben - aber wer es
sich leisten kann ohne - wenn ich mal heirate, mte mein Mann den Abschied
nehmen - mich so liebhaben, da er mir allein leben wollte -
    Ihr Papa hat doch auch gearbeitet, sagte er.
    Gott - ja - er wollte doch auch Exzellenz werden - das erwartete Mama
bestimmt ...
    Sie brach jh ab. Es war gerade, als lege ihr jemand eine Hand auf den Mund.
Sie fhlte, sie war im Begriff gewesen, etwas Taktloses zu sagen, beinahe
offenherzig zu wiederholen, da Mama von Jahr zu Jahr rgerlicher ber den
fehlenden Adel gewesen war und auf die Exzellenz als auf einen Ausgleich
gewartet hatte -
    Wenn ihr das entschlpft wre! Groer Gott! Dann htte Raspe noch gar
gedacht, sie mache sich um seines Uradels willen so viel aus ihm. Und sie, sie
htte ihn auch geliebt, wenn er nur Schulz oder Mller geheien htte - es war
ihr ganz egal - oder doch beinahe ... Wegen der Mama, den Brdern, der Welt und
vor allen Dingen wegen Fiffi war es natrlich sehr schn, auf einen alten Namen
pochen zu knnen. Aber sonst? ... Ja, ganz egal. Rasend liebte sie ihn - ber
alle Maen.
    Und deshalb mute er auch spter durchaus den Abschied nehmen.... Tulla war
sehr mit sich zufrieden, da sie ihm vorweg angedeutet habe, er brauche nicht
mehr abhngig zu sein. Das mute ihn doch freuen - war doch eine herrliche
Aussicht fr ihn! Welcher Mensch htte sich das nicht gewnscht! Nur noch Freude
am Leben! Gar keine Plage mehr! Wenn sie nur erst verheiratet wren.
    Ach, es konnte dann zu schn werden - Reisen - Sport - vielleicht auch mal
in Frankreich auf dem romantischen Schlo des knftigen Gatten der Mama - wo sie
schon alles aufs groartigste herrichten wrde. Und kein Dienst mit frhem
Aufstehen mehr, keine scharfen Vorgesetzten, keine bevormundende Kommandeuse -
Viktor, der es doch wissen mute, sagte auch immer, es sei Schinderei.. Und
Viktor nhme auch am liebsten den Abschied - aber er konnte sich ja nicht ein
bichen einschrnken und mute deshalb erst eine wahnsinnig reiche Frau finden.
Sie aber und Raspe, sie wrden bequem mit dem auskommen, was Mama und Onkel
Buschke ihnen bewilligten - deshalb brauchten sie noch immer nicht so betrbend
sparsam zu leben wie die arme Frau von Hellbingsdorf ...
    An diesem Abend, als Tulla sich ganz gehorsam hatte zu Bett schicken lassen
- sie schwelgte frmlich im Gehorsam vor seiner Mutter - ging Sophie noch mit
ihrem Sohn auf die Brcke hinaus.
    Schwarz waren Himmel und Meer. Vom Kriegsschiff herber glnzte Licht.
Droben auf der Hhe glhten Strahlen auf und loschen hin im regelmigen
Wechsel. Das Vaterauge des Leuchtturms ffnete sich und schlo sich - immerfort
- in rhythmischer Bewegung von Licht und Dunkelheit.
    Eng schmiegte sich die Mutter an den Sohn, der den Arm um sie gelegt hatte.
Sie saen auf einer der Bnke; unter ihnen, um die klobigen Holzfundamente der
Brcke, schlpte das Wasser.
    Sie sprachen zusammen - ganz wenige Worte - aus der Flle ihres Verstehens
heraus - als htten Gestndnisse sie vorbereitet - und alles war doch bisher mit
Schweigen umhllt gewesen.
    Vielleicht ist es meine Schuld, sagte die Mutter leise und traurig, zu
sehr habe ich Euch fr die Familie erzogen - fr ihre Stille - ihren gengsamen
Frieden - ihre Wichtigkeit - -
    Und ganz schchtern fragte sie vor sich hin, beinahe wie an sich zweifelnd:
Sie ist doch noch immer das Wichtigste? ...
    Er drckte ihr fest und kurz die Hand zur Antwort.
    Das arme Kind - glaubst Du nicht, da Erziehung ...
    Nein, Mutter, sagte er, nein, da ist nicht blo Angewhntes, da ist
Angeborenes -
    Armes Kind ...
    Kaum. Sie fhlt ja keine Leere. Und wenn sie den rechten Mann bekommt - ich
meine, solchen, der den gleichen Geschmack hat -
    Raspe, flsterte sie, wir wollen doch hoffen..
    Er lchelte schmerzlich in sich hinein.
    Die Frstin Siegstein sagte mal zu mir, erzhlte Sophie sich ermutigend,
um dadurch den Sohn zu ermutigen, sie sagte: Das Herz kommt nach, wenn der Kopf
durchaus wei: es ist vernnftig. Es ist so viel angeborenes Bedrfnis in einem
zu lieben. Das hilft denn nach, wenn der Verstand mal 'ne unabnderliche
Lebenslage etabliert hat. Und dann die Gewohnheit. Die gute Hlfte von dem, was
man fr Liebe hlt, ist Gewohnheit, sagte die Frstin. Sie heiratete ihren Mann
mit vielen Bedenken und war nachher so glcklich.
    Es war da wohl umgekehrt: der Kopf war einverstanden, das Herz wurde nicht
gefragt. Es gibt ja auch Flle, Mutter - Flle - wo das Herz wohl mchte - und
wo es sehr weh tut, wenn der Kopf nein sagt ...
    Das war sein Fall - sie wute es, und ihre Seele weinte.
    Der Kopf ist auch manchmal eigensinnig, schmeichelte sie.
    Was hab' ich als bescheidener Mann denn anders, als im Einklang mit mir
selbst zu sein. Darin liegt meine Wrde, Mutter - tut sie nicht?
    Sophie fhlte eine Trne in ihrem Auge - Hoffnungen begraben tut weh. - Und
gerade diese. - Auf der der Segen eines teuren Verstorbenen zu liegen schien.
    Noch weher aber tat es, den Sohn in schmerzlichen Kmpfen zu wissen ...
    Um Allert hab' ich auch Sorgen, sagte sie vor sich hin.
    Ich wei es, Mutter.
    Und dann schwiegen sie und hrten dem groen Rauschen des Meeres zu, das in
rastloser Bewegung gegen das Hindernis anbrauste, als welches das rote
Felseneiland in seiner Breite stand. -
    Auf der Heimreise war Tulla sehr unruhig. Sie dachte: heute ist sein Urlaub
zu Ende. Und sie begriff sein Schweigen nicht. Und ganz allmhlich berkam es
sie: auch sein Wesen begriff sie nicht.
    So gtig - so ernst. Ja, wie ein Schleier von Traurigkeit lag's darber ...
Warum nur? Sie zermarterte ihren Kopf ... Ganz gewi - er dachte, er knne es
nicht wagen.
    Er war einer von den wenigen Mnnern, die durchaus nicht in den Verdacht
kommen wollen, da sie an das Geld und nicht an das Herz des Mdchens denken ...
Oh, wie sollte sie es ihm nur zeigen, da sie ganz felsenfest an seine
Uneigenntzigkeit glaubte - da sie darauf schwor: ihr Geld sei ihm Nebensache -
da sie wisse: er knne, wenn er nur nach Geld heiraten wolle, so viel Partien
machen.
    Natrlich war es ganz unmglich, ihm das zu sagen. Aber in ihrer zitternden
Aufregung zeigte sie ihm, ohne zu wissen, ganz unverhllt die Sehnsucht ihres
jungen Herzens.
    Und er sprte es. Sein Gemt war ihm schwer. Er empfand es als Grausamkeit
vom Schicksal, da es ihm Glck vorgaukelte, das bei ernstem Betrachten nur
brchig aussah.
    Wie viel Reiz hatte dies schlanke junge Geschpf, mit den dunklen,
bettelnden Augen im schmalen Gesicht ... Und das Verlangen wallte in ihm auf,
sie in seine Arme zu nehmen und sie herauszuretten aus ihrem leeren Luxusleben.
    Nein - stark sein - ein Mann bleiben. Und als rechter Mann nicht nur auf die
Stimme des Blutes hren, sondern auch auf die Stimme der Vernunft.
    Er glaubte nicht an sein Glck mit ihr. Er sah es - er fhlte es: sie
standen auf verschiedenen Ufern - von den ernsten Eichenhainen des seinen
fhrten keine Brcken zu den goldenen Grten des ihren. Es gibt Naturen, die
nicht kraftvoll genug sind, um verpflanzt werden zu knnen. Dies liebliche Kind
wrde niemals seine Anschauungen begreifen ...
    Als man sich der Landungsbrcke nherte, der weltberhmten Alten Liebe von
Cuxhaven - dieser Sttte, an welcher der Vlkerverkehr vorbeiflutet - die den
Schmerz der Ausreisenden und die Wonne der Heimkehrenden kannte, die alle
Hoffnungen und alle Enttuschungen auf ihren Balken hatte flstern und weinen
hren - da wurde Tullas Herz von Angst ganz fassungslos.
    Und sie bat:
    Bleiben Sie noch - verlngern Sie Ihren Urlaub.
    Nein, sagte er, es ist unmglich.
    Er war ernst und bla.
    Der Dampfer legte an - die Unruhe des Von-Bord-Gehens kam - zur Rckfahrt,
elbaufwrts wollten sie ja die Bahn benutzen. Ein heimlichholdes Wort - eine
Frage, die man nur ohne Zeugen ausspricht - das war nun nicht mehr mglich.
    Und Tulla wute: er wird nichts sagen ...
    Warum nicht? O Gott - wie schwer, wie schrecklich! Warum nicht? Sie hatte
ihm doch so viel, als mglich war, Beruhigendes ber die Verhltnisse gesagt!
Warum sprach er nicht? Es war schlielich doch wohl wegen der Mama, und es pate
ihm doch wohl nicht, da die Mama wieder heiratete ... Tulla fand und fhlte
keinen Grund ... Der Jammer in ihrem Herzen wurde immer grer. Nun sank alles
zusammen. Die Minuten, die verrannen, schienen alles Leben, alle Hoffnungen mit
sich fortnehmen zu wollen ... Gleich war man in Hamburg. Auf dem Bahnhof kam der
Abschied. Raspe mute sofort umsteigen in den Zug nach Wittenberge ... Dann war
alles aus - das wute Tulla - schied er jetzt, stumm - in diesem unbegreiflichen
Schweigen, dann sah sie ihn nie mehr - nie.
    Sie hatte beinahe Furcht davor, ihn anzusehen.
    Sie sttzte den Arm auf die schmale Fensterbank des Fensters und sah starr
in die Marschlandschaft hinaus, die flach und braun drauen lag. Sie waren
allein im Abteil. Und sie schwiegen fast auf der ganzen Fahrt.
    Sophie war traurig. Statt eines Aufblhens hatte sie ein Abwelken erlebt -
ein seltsam niederdrckendes Schauspiel. Vorwrts strmende, wagemutige
Jugendtollheit wre fast natrlicher gewesen. Aber gewi war es gut so, da ihr
Sohn besonnen blieb. Ihr war, als sei die heutige Jugend vielleicht im
allgemeinen reifer als die der vorigen Generation. Vielleicht.
    Sie sah, da Tulla verwirrt vor Schmerz und Enttuschung war. Es tat ihr
leid ... Eine innere Stimme sagte ihr: das Kind wird vergessen ...
    Aber ihr Sohn? Der feste, ernste Raspe - mit der klaren Tiefe seines Wesens?
Da blieb eine Wunde im Herzen. Und ein Zweifel, eine Unsicherheit, ein Zgern -
jedem neuen Gefhl gegenber, das ihn etwa bestricken wollte ...
    Sie mute sich bezwingen, um nicht zu weinen.
    Und je nher sie Hamburg kamen, desto unruhiger eilten ihre Gedanken auch
Allert entgegen. Sieben lange Tage hatte sie nichts von ihm gehrt.
    Was konnte in dieser Zeit alles geschehen sein? Sein Duell mit dem
vielleicht zurckgekehrten Dorne konnte stattgefunden haben - mit einem Male sah
Sophie es nicht mehr so hochgemut an ... wie, wenn Allert verwundet daniederlag.
Oder vielleicht war Dorne immer noch verschwunden und Allert hatte sich an die
Polizei wenden mssen - seine Firma war in aller Mund - schreckliche
Katastrophen konnten eingetreten sein.
    Endlich sprach sie von ihren Aengsten.
    Aus ihren bangen Vorstellungen heraus wollte sie Zuspruch und
Wahrscheinlichkeiten von Raspe hren, der ihr doch auch nichts, gar nichts sagen
konnte. Aber, um sie zu beruhigen, sprach er:
    Vielleicht hat sich alles umgekehrt zum Harmlosen gewendet. Und wir finden
vielleicht Allert glcklich und von allen Sorgen befreit.
    Ach - das konnte ja nur auf eine einzige Weise mglich sein ... Marieluis
... Die Mutter dachte es voll Inbrunst. Ja - vielleicht. Sie hatten sich in den
letzten Tagen gewi manchmal gesehen - bei den Festen fr Dory und Fritz. Und es
ist so ein wahres altes Wort: Verloben steckt an. Der Anblick von Glck erzeugt
Sehnsucht nach Glck - das ist so natrlich.
    Und die rasche Phantasie Sophiens verlie alle dsteren Bilder und baute ein
neues auf: wie, wenn am Bahnhof zwei Glckselige auf sie warteten? Wenn dem
lteren Sohn inzwischen die Trume zur Wirklichkeit geworden waren, die der
jngere hatte zerflieen sehen? ...
    Da fuhren sie in die Halle ein ...
    Auf dem Bahnsteig standen ziemlich viele Menschen, ihr Durcheinander machte
es nicht ersichtlich, ob etwa Allert zur Stelle sei ...
    Aber Tulla schrie auf - berrascht - auer sich -
    Mein Bruder!
    Und ein paar Augenblicke darauf hing sie am Hals eines jungen Mannes, den
Sophie nie gesehen hatte. Aber Raspe erkannte ihn: es war der Leutnant Viktor
Rositz ...
    Tulla brach in leidenschaftliche Trnen aus. Sie konnte sich nicht
beherrschen. Eine jammervolle Traurigkeit schluchzte heraus ...
    Na nu? sagte Viktor.
    Ich freu' mich so, Dich wiederzusehen, stammelte Tulla und hatte auch, in
aller Aufregung, ein solches Gefhl - es flo in ihren Gram hinein. Sie hatte
selbst nicht gewut, da ihr der Bruder, mit dem sie auf dem Kriegsfu lebte, so
teuer sei ... Wenigstens kam es ihr in diesem Augenblick so vor, als habe sie
ihn unmenschlich lieb ...
    Sophie stand verlegen und bestrzt. Was sollte der Leutnant Rositz von der
Gemtsverfassung seiner Schwester denken!
    Aber Viktor Rositz war nicht der Mann, sich durch irgend etwas aus seiner
gesellschaftlichen Gltte herausbringen zu lassen.
    Nervs? Ja, die kleinen Mdchen. Herr von Hellbingsdorf - bitte mich der
gndigen Frau vorzustellen ...
    Und er beugte sich ber Sophiens Hand.
    Gndige Frau sind erstaunt, mich zu sehen? Ich war in Ihrer Wohnung, dort
erfuhr ich, da Sie mit diesem Zuge aus Helgoland zurckkehrten. Wir hatten von
der Reise keine Ahnung - Tulla schreibt ja nie. Darf ich gndige Frau nachher
eine halbe Stunde in Anspruch nehmen?
    Aber natrlich ... Kommen Sie doch zum Abendessen - mein Sohn reist gleich
weiter - ein wenig mssen Tulla und ich uns erst nach der Reise besinnen ...
    Zum Abendessen? Danke gehorsamst. Um acht Uhr? Danke sehr - ja. Und Sie
reisen gleich weiter, Herr von Hellbingsdorf? Schade. Na und Du, Tulla? Willste
morgen mit mir nach Haus? Mama ist seit Palmsonntag in Berlin. Ewig kannste ja
nicht die Gastfreundschaft der gndigen Frau in Anspruch nehmen ...
    Ja, sagte Tulla, ja, ich fahr' morgen mit Dir.
    Und nun mute Raspe sich verabschieden - sein Zug wartete auf einem andern
Bahnsteig.
    Alles war hastig, unfrei - kein inniges Wort zwischen Sohn und Mutter mehr
mglich - die Minuten drngten.
    Er reichte Tulla noch die Hand. Und sie sah ihn mit einem so schmerzlichen
Blick an, als wollte sie eine groe Schuld an ihrem jungen Leben auf sein Herz
laden.
    Raspe erwiderte den Blick - von schwerem Ernst war sein Ausdruck, aber fest
und klar.
    Das fauchende, rollende Gelrm des Bahnhofs erfllte die Ohren und
bertubte jedes Wort.
    Und so ging ein Traum unter ... Das brausende Leben machte keine Pause -
gnnte der Minute dieses Abschieds nicht einmal die Andacht der Stille.

Mit der Frage, was die berraschende Ankunft von Viktor Rositz zu bedeuten habe,
konnte Sophie sich nicht befassen. Ihre Unruhe war zu gro. Allert hatte sie
nicht vom Bahnhof geholt? Obgleich er wute, da er dort noch seinen Bruder
einen kurzen Augenblick sehen konnte? Sollte ihm etwas zugestoen sein?
    Und in der Wohnung hatte Sophie gleich Hausfrauenunruhe. Therese war nicht
so leistungsfhig, da man ihr alles Weitere htte berlassen knnen. Sie
brauchte Zeit und Sammlung fr ihre meisterlichen Kochknste, und ihre Gedanken
waren auf die Regelmigkeit des Arbeitsganges eingestellt. In der Kche fand
also eine Beratung statt. Und Tulla steckte den Kopf zur Tr hinein und fragte,
ob Therese ihr nicht packen helfen drfe. Aber das war unmglich - sie mute
doch fr das Abendessen sorgen, zu dem der Bruder erwartet wurde.
    Tulla erklrte dann weinerlich, sie habe noch nie, in ihrem ganzen Leben
nicht, selbst einen Koffer gepackt und kme gewi nicht damit zustande - und es
war zum erstenmal ein leiser Ton von Ungeduld in ihrer Stimme.
    Begtigend versprach Sophie ihr, am spten Abend ihr zu helfen, es wrde
schon gehen. Und Tulla zog sich zurck, in einem Gemisch von Beschmung und -
Erleichterung ... Morgen wrde sie ja wieder so viel Bedienung haben, wie sie
wollte ...
    Sophie aber, indem sie nun rasch die Zimmer durchsah, ihre eigenen Sachen
auspackte, gestand sich zum erstenmal: Tulla war doch ein recht mhsamer Gast
gewesen - immer anspruchsvoll, ohne es zu ahnen - durch ihr bloes Dasein -
reizend - lieblich - eine kleine Prinzessin, die sich darin gefiel, einmal
brgerliches Leben zu kosten -
    Wo nur Allert blieb?
    Sie telefonierte an. Es wurde von der Fabrik aus geantwortet, da Herr von
Hellbingsdorf soeben mit dem Auto zur Stadt gefahren sei.
    Also gottlob - er war gesund - lag nicht etwa zerschossen und elend
danieder.
    Und wenige Minuten spter hatte sie ihn dann auch vor sich - er schien der
alte - er tat lebendig und humorvoll wie immer.
    Er hatte mit dem besten Willen nicht an den Zug kommen knnen, so sehr es
ihn verlangte, Raspe noch die Hand zu drcken ... Da war gerade ein
Geschftsfreund gewesen - es handelte sich um den Abschlu groer Lieferungen.
    Aber sein Gesicht war bewlkt, trotzdem er von bedeutenden Bestellungen
sprach, die erheblichen Gewinn verhieen. Und seine Farben waren unfrisch, ja,
versorgt sah er aus - ermdet - unfroh.
    Sophie wollte wissen ...
    Ach, sagte er, Du hast ja keine Zeit, und gleich kommt Tulla herein ...
    Nein, sie kommt gewi nicht herein. Sie hatte das bestimmte Gefhl: Tulla
wird sich, gleichsam versteckt, in ihrem Zimmer halten, bis ihr Bruder kommt -
der bedeutet ihr in ihrem Schmerz so etwas wie einen Schutz, einen Halt ...
    Und nun fragte sie sich doch laut: Was kann denn Viktor Rositz von mir
wollen?
    Gleichgltig sagte Allert: Ach - irgend was Taktloses. Sie sind vielleicht
auf den Gedanken gekommen, da sie Dir Tullas Bild doch noch honorieren mten.
    Im Grunde war es auch ihr gleichgltig. Des Sohnes wichtige Angelegenheiten
drngten heran und wollten besprochen sein.
    Allert sa auf dem Koffer seiner Mutter und sah zu, wie sie, rasch und sacht
sich hin und her bewegend, ihre Sachen an den zukommenden Stellen einordnete. Er
hatte die Arme verschrnkt, und es war eine gewisse Ruhe in seiner uerlichen
Haltung. Die Mutter sah wohl: Bitterkeit, die auf dem Weg ist, sich in die
herbsten Enttuschungen zu fgen.
    Dorne? Ja, Mutter - der ist wieder da. Als ich Sonnabend vormittag in mein
Bro trete, sitzt er da - an meinem Schreibtisch - noch flauer, fader, schlapper
anzusehen als sonst. Ich kann Dir nicht beschreiben, Mutter, was fr'n
Widerwillen mich packte. Bei Gott, in mir kribbelte so was - ich htt' ihn
schlagen mgen. Na, nachher kam denn das Mitleid - als er mit scheuem Blick, wie
'n mihandeltes Tier zu mir aufsah ... Und wie er leise sagte: Ich war
wahnsinnig - knnen Sie mir verzeihen - ja, von Sinnen - ich bitte Sie um
Verzeihung - ich hab' Patows Brief gefunden. Gewi - natrlich - ich bin zu
jeder Genugtuung bereit - wenn meine Reue Ihnen keine ist ... Und wie er dann so
beschrieb - immer leise vor sich hin - wie er seine Tchter zu seiner Schwester
gebracht habe und dann weggereist sei - er wisse nicht wohin - tags in der Bahn
- nachts in der Bahn - kreuz und quer - blde. Oh, das war schrecklich, einen
Menschen so reden zu hren ... Und was sollt' ich da viel antworten. Ich wrde
die Sache mit Patow besprechen.
    Und was sagte Fritz?
    Da der Ehrenrat wohl entscheiden wrde, ich drfe mich mit so 'ner Art
Erklrung zufrieden geben. Der Ehrenrat sei ja schlielich eingesetzt, nicht um
Duelle zu frdern, sondern um sie, wo mglich, zu hindern. Na, und der Mann war
ja tatschlich sinnlos - was so einer tut und sagt, darf man wohl nicht anders
bewerten als die Aeuerung eines Betrunkenen. Aber diese Duellfrage ist ja so
nebenschlich -
    Mir nicht! sagte Sophie aus Herzensgrund und gab sich erst jetzt zu, da
sie zu viel und mit Sorge daran gedacht hatte.
    Das wre so 'ne kurze Szene gewesen - meinetwegen mit 'nem kleinen
Denkzettel - das ist wie Theater: Spannung, Aufregung, Schlu - vorbei. Aber
nun?
    Und er brach los. Er stand von seinem burschikosen Sitz auf dem Koffer auf
und rannte hin und her in dem vollen Raum und stie eine Hutschachtel aus seinem
Weg und setzte mit Nachdruck einen Stuhl von einer Stelle zur anderen.
    Fortan alle Tage - Jahr um Jahr den Mann sehen - sprechen - mit ihm
arbeiten! Meine Arbeit wird mir ja zum Ekel. Und was das grlichste ist - Du
sollst sehen, Mutter - eines Tages verzeiht er ihr! Das wetterleuchtete schon
durch seinen Gram - die Tchter, die haben geweint, sagte er, - aber es ist
nicht das allein - ich hab's gesprt, Mutter, als htt' er mir's haarklein
beschrieben - als er heimkam und der Duft ihrer raffiniert gepflegten Person
noch in den Zimmern war - als er in die Kleiderschrnke hineinsah, wo ihre
weien Flre hingen und ihre bunten Schuhe standen. Oh, ich hab's erraten - er
wird sie aufnehmen, wenn sie wiederkommt. Und ob sie wiederkommt - das hngt ja
blo davon ab: findet sie einen, der ihr Dasein auf sich nimmt und mit mehr Geld
sttzen kann - nein, Mutter - so einen Mann kann ich nicht achten.
    Nun sa Sophie auf dem Koffer, ganz erschreckt und geschlagen.
    Und da ist kein Loskommen - das seh' ich ... Er sprach von der gemeinsamen
Weiterarbeit als etwas Notwendigem. Dieser Brand - und danach die Neuanlagen -
so vergrert - nach seinen Ideen, mit seinem Gelde. Das schmiedet mich an ihn -
das ist die Kette, die mich bindet. Er wei es, er sagt es sich selbst - ganz
still und ergeben - da ich nicht die Mittel habe, ihn auszuzahlen - da er auch
keinen Grund she, falls ich die Bitte um Verzeihung annhme, da doch die
gemeinsame Arbeit gedeihe. Und ich kann ihm nicht ins Gesicht sagen - da ich
ihn verachte, da all sein tchtiges Wissen ihn mir nicht zum Manne macht!
Mnnlichkeit erochst man sich nicht auf Universitten, und sie sitzt nicht im
Gehirn - die sitzt im Blut - im Charakter ... Ja, siehst Du, selbst wenn ich ihm
nicht verzeihe - Fritz sagt, ich mu es - aber wenn ich vorschtze, als knne
ich's nicht ber mich bringen - selbst das kann ich ja nicht mal zum Vorwand
nehmen ... Ich bin an ihn geschmiedet - oder ich mu meine Schpfung verlassen.
    Hast Du mit Senator Amster ber die Sache gesprochen? fragte Sophie
dazwischen.
    Ueber Allerts Gesicht flog eine helle Rte.
    Nein. Aber - es wollte ihm nicht rasch von den Lippen - aber mit
Marieluis - ich hab' es ihr erzhlt - wir waren ja dreimal zusammen diese Woche
- es ist fabelhaft, wie Fritz in Glck und Festen schwimmt und wie Dory glnzt
- -
    Und was sagte Marieluis?
    Da sie es mir ganz nachfhlt - da ich mit dem Manne nicht weiterarbeiten
knne - drfe ...
    Ah ... sprach Sophie und wartete ... Aber es schien, da Allert nichts
mehr zu sagen habe. So setzte sie denn hinzu: Das hab' ich von Marieluis
erwartet, da sie nicht den Ntzlichkeits- und Geldpunkt als Hauptsache ansieht.
Sie - ja, sie ist von unserer Art und unsern Sinnes!
    In vielem, Mutter, sagte er, in sehr vielem - aber in groen Fragen - in
Fragen, die ihr nebenschlich sein sollten und daran sie beinahe ihr Leben hngt
- da nicht.
    Er strich sich ber die Augen, schien pltzlich ganz abgelenkt, als denke er
an Gott wei was, und sagte dann: Mir scheint, Du hast eingekramt - wir knnen
ja wohl bald essen - ach so - dieser Leutnant Rositz kommt noch - und was ich
noch erzhlen wollte: ich gehe morgen in die Versammlung - hre Doktor Marya
Mller - tja - so is man nun - sie bat - ja - sie bat ...
    Doktor Marya Mller? fragte Sophie grenzenlos erstaunt.
    Ach nee - Unsinn - kenn' ich ja gar nicht - Marieluis, die bat - immer
wieder bat sie ... Er war verlegen und setzte hinzu: Es war nicht ganz
mnnlich von mir, es zu versprechen.
    O doch! rief seine Mutter. Ihr Mnner mt nicht gleich denken, wenn Ihr
'n bichen Euren Eigensinn lockert, das sei schwach.
    Na denn ... Und kommst Du mit?
    Aber natrlich! Ihre Stimme klang aufjubelnd. Das war ihr ein Zeichen -
eine Verheiung -
    Um noch ein Wort von Dorne zu sagen, fgte sie in einer blitzschnellen
Ideenverbindung hinzu, Du zahlst ihn allmhlich aus und nimmst dazu vorerst
meine Ersparnisse. Das weitere findet sich.
    Er soll, er mu ein Gefhl der Unabhngigkeit haben, dachte sie - damit ihn
der Gedanke an Marieluisens Geld nicht hemmt -
    Ich soll Dich berauben?!
    Du sollst mich beruhigen!
    Ein krftiges Klopfen tnte in diesen Wettstreit hinein.
    Wenn es nicht das Pochen des Schicksals ist, ist es Theresens Knchel.
Beide klopfen mit gleicher Hrte, sagte Allert.
    Herr Leutnant Rositz waren da und hatten befohlen, seine Schwester noch
nicht zu benachrichtigen, sondern allein erst die gndige Frau. Aber Sophie
hatte in keiner Hinsicht Verlangen nach einer Zwiesprache mit Viktor Rositz und
bat Allert, mit nach vorne zu kommen.
    Tullas Bruder zeigte eine gewisse feierliche Gemessenheit. Er reichte Allert
die Hand und betonte, da es ihm ein Vergngen sei, auch den lteren Sohn von
Frau von Hellbingsdorf kennen zu lernen, fr die seine Familie eine unbegrenzte
Verehrung und Dankbarkeit empfinde wegen aller Gte, die sie dem Verstorbenen
wie auch nun der jungen Tulla bewiesen habe. Es war gar nicht mglich, dies
alles konventioneller zum Ausdruck zu bringen, als er es tat.
    Und dann brachte er die Frage an, ob er in Gegenwart des Herrn Sohnes
sprechen drfe ...
    Aber Sophie sagte schnell in seine Frage hinein, da es gar nichts gbe und
nichts an sie herankommen knne, was sie nicht mit ihren Shnen teile ...
    Viktor Rositz fhlte sich ein bichen unfrei. Er dachte: man kennt ja das
Terrain nicht ... Sa ihm da in diesem stattlichen Mann, mit dem offenen Gesicht
und den beinahe unangenehm klugen Augen ein knftiger Schwager gegenber? Mama
hatte es bestimmt behauptet: Tulla ist offenbar in einen der Shne von der
Hellbingsdorf verliebt. Der Oberleutnant Raspe war es nicht! Das stand fr
Viktor fest. Der Abschied am Bahnhof war bestimmt keiner wie zwischen Verliebten
und heimlich Verlobten gewesen. Also war's dann der Kaufmann? Egal, ob der
Oberleutnant oder der Kaufmann. Es pate Mama nicht. Die wollte fr Tulla 'n
reichen Mann, damit ihr nicht etwa 'ne Offiziersmenage bestndig auf der Tasche
liege; und wenn schon 'n Offizier ohne Vermgen, dann doch Garde, aber nicht
Linie. Und so Kaufleute! Fabrikanten! Die brauchen Kapital. Das wute Mama - sie
kam ja aus der Groindustrie. - Mama hatte gedacht: wenn da Tulla mit den Shnen
ein bichen flirtet - immerzu - dann langweilt sie sich nicht. Aber was Ernstes?
Und das schien doch aus Tullas Brief an Fiffi - aus dem Fiffi Bezeichnendes
mitgeteilt hatte - hervorzugehen. Natrlich, wenn Tulla sich schon gebunden
hatte! Viktor hielt es fr undenkbar, da nicht einer der beiden Hellbingsdorf
sich das Goldfischchen gefangen htte - dann war nichts mehr zu wollen. Er hatte
der Mama auch seine Meinung gesagt! Um Tulla im Moment los zu sein, machte sie
sich nicht klar, da man ein Risiko lief. Na, und da hatte Mama denn gemeint:
reise hin, sondiere, und ist es zu spt, handle gleich ab und bereite darauf
vor, da ich nicht sehr freigebig zu sein denke.
    Das wre ja eine greuliche Aufgabe gewesen. Denn feindselig und knickerig
mochte Viktor durchaus nicht wirken.
    Aber dieser unerwartete Fund in Papas Archiv erleichterte doch alles. Dies
Testament - das gab ja Handhabe und Mglichkeiten - entlastete Mama im Fall
einer ihr nicht zusagenden Heirat Tullas und besonders einer Heirat mit einem
Hellbingsdorf ...
    Viktor kam sich ungeheuer verantwortlich vor und nahm mit ernster Miene
Platz.
    Wenn Sie, meine gndige Frau, alles mit Ihren Herren Shnen teilen, bedaure
ich, da Herr Oberleutnant nicht ebenfalls zur Stelle ist. Er war es, der mir
damals in Ihrem Auftrage Papas Mappe brachte, mit dem wertvollen Inhalt - wie
sehr wrde es gerade ihn interessiert haben, da ich heute komme, um einen Teil
jenes damals Ueberbrachten zurckzuerstatten - nur einen kleinen Teil, fgte er
flink den feierlich langsamen Worten an.
    Mir? fragte Sophie und schttelte in vollem Unverstndnis leise den Kopf.
    Ist es Ihnen erstaunlich? Ja, es gibt so Sachen - schlielich nicht mal
wunderlich - -
    Nun hatte er die Verpflichtung zum Feierlichen berwunden und geriet
zwanglos hinein in das flotte Tempo seiner gewohnten, fragenden Sprechart.
    Nicht wahr? Gibt es nicht Verhltnisse ...? Sie kennen Mama nicht? Aber -
ich kann's ja wohl ohne Respektverletzung sagen? Nicht? Sehr innig war das
Verhltnis zwischen Papa und Mama nicht. Das werden Sie wissen? So hatte Mama
keine blasse Ahnung, da Papa eigenes Vermgen besa. Viel war es ja nicht ...
Woher sollte es auch kommen? Es war das bichen Erbschaft von Tante Laura Rositz
... Wir merkten es dann an den Abrechnungen und einem Depotschein im
Schreibtisch - und dann kam ja Ihr Herr Sohn mit der Mappe ... Und dann gab es
Zank. Wem gehrte das nu? Mama sagte: ihr. Wir sagten: uns. Ist bei so was nicht
immer Zank? Und es hie: da mu doch 'n Testament sein. Man fand nichts. Kehrte
den ganzen Schreibtisch um - nee - keins zu finden. Glauben Sie wohl?
    Sophie sa ganz still. Eigentlich nicht sehr voll Spannung. Doch aufmerksam.
Und auch im Gemt bewegt, da ihr der Verlust des Freundes durch diesen Sohn und
seinen Bericht wieder so deutlich vor die Seele trat.
    Mama ist gttlich! Da, wo sie htt' suchen mssen, suchte sie nicht. Papa
hatte eine Art Schrank - inwendig lauter Fcher - Genealogisches. Die Rositz
sind ja alte preuische Beamtenfamilie - standesamtliche Scheine - all solche
Sachen. Er nannte das sein Archiv. Mama war mit dem Inhalt nicht bekannt. Wie
sollte sie? Nicht wahr? Bei dem Wort Archiv hat sie blo immer an den Staat und
was Wissenschaftliches gedacht - na, und wir reisten denn bald nach
Sankt-Moritz, und es hie, das Geld von Papa kme denn wohl uns Dreien zu ...
Aber nu kamen wir ja Palmsonntag zurck. Und Mama meinte: jetzt msse alles fort
aus den Zimmern. Mama will sie anders einrichten - als Gastlogis. Mama erwartet
bald einen wichtigen Besuch - ich glaub' den Baron Legaire - der will mit
Berliner Architekten den Durchbau seines alten Schlosses in der Touraine
besprechen. Viktor rusperte sich. Und fuhr dann fort:
    Mama warf die Frage auf, ob das Archiv wohl dem Ministerium auszuliefern
sei, und hatte solche kindliche Vorstellung. Da sagt' ich denn, wir wollten erst
mal nachsehen. Und Harald konnte doch alles beurteilen als Jurist! Und so fand
es sich denn: es waren lauter Privatpapiere in dem Archiv - von grtem
Interesse fr unsere Familiengeschichte. Die Rositz sind mal adlig gewesen.
Irgendein Vorfahr, der in Not war, hat das von abgelegt. Harald sitzt nu und
bffelt sich da 'rein und sagt, wir knnen es beweisen und dann wieder aufnehmen
- ja, und da war denn auch das Testament an seinem ordnungsmigen Platz.
    Er lachte.
    Wissen Sie, was Harald sagte? Harald sagte: Mama, Du httst es lngst
jefunden, wenn's an 'ner verrckten Stelle versteckt jewesen wre, aber an der
richtgen haste natrlich nich jesucht - ja so was kann blo Mama machen.
    Und das Testament? fragte Allert. Was geht es uns an.
    Gleich, gleich, sagte Viktor Rositz beschwichtigend, denn er nahm an, da
Mutter und Sohn vor Spannung vergingen und sich schon darauf vorbereiteten,
Krsusschtze entgegenzunehmen. Da hie es erst vorweg abwiegeln.
    Papa, berichtete er, hat in der Hauptsache sein kleines Vermgen Tulla
vermacht. Sie soll es ausbezahlt bekommen, wenn sie heiratet. Es sind etwa
hundertsechzigtausend Mark. Und Mama sagt: Gut - das ist dann ihre Mitgift -
damit mu dann ihr Erwhlter zufrieden sein - so lang ich lebe, gibt's nicht
mehr - sagt Mama. Na, Tulla wird Augen machen! Sie wissen, reiche Leute denken
immer ganz naiv, da andere Menschen weniger Bedrfnisse und weniger Verbrauch
haben als sie, und sind flink bei der Hand mit dem Wort einschrnken fr andere!
Na - so is Mama eben auch. Und denn is sie eine von den Mttern, die nu mal fr
Opfer nich zu haben sind - und sie sagt, wo in aller Welt steht denn
geschrieben, da Mtter sich was versagen sollen, blo damit 'n Schwiegersohn in
largere Umstnde kommt - So! dachte er. Nu wissen se Bescheid - -
    Weder Sophie noch ihr Sohn begriffen aber im mindesten den Zweck dieser
Auseinandersetzung. Doch sagte Sophie freundlich: Tulla war ein wenig ihres
Vaters Liebling, wie oft einzige Tchter - -
    Und jetzt glaubte Viktor mit diplomatischer Feinheit alle Vorreden erledigt
zu haben. Er ging zu dem ber, was seine Zuhrer am meisten anging.
    Papa hat auch Ihrer gedacht, meine gndige Frau. Er hat Ihnen ein Legat von
fnfzigtausend Mark vermacht. Ich habe das Testament hier.
    Sophie errtete tief. Ihr erstes Gefhl war, mit raschem Blick das Auge des
Sohnes zu suchen. Der sah sie herzlich an, nickte leise. - - Sie nahm das
Testament. Viktor hatte es etwas umstndlich aus seiner Brusttasche geholt.
    Ihre Hand war unsicher. Ein Frsteln lief ihr ber die Haut. Die Schrift
eines Toten! Und im Ohre wachte der Klang seiner Stimme auf. Es war Sophie, als
sprche er laut, was sie nun mit tiefer Rhrung las:
    Meine teure, langjhrige Freundin, Frau Sophie von Hellbingsdorf, geborene
Freiin von Patow, bitte ich, ein bescheidenes Legat von mir anzunehmen. Durch
die Summe von fnfzigtausend Mark beraube ich die Meinen nicht. Ich bin mir auch
bewut, dadurch das Vermgen von Frau von Hellbingsdorf nicht wesentlich zu
vermehren. Von ganzem Herzen wnsche ich nur, ihr zu zeigen, da ich auch in der
ernsten Stunde ihrer denke, da ich meinen Nachla ordne.
    Und geschrieben war dies am Tage vor seinem Zusammenbruch. Vielleicht hatte
das Gefhl, da irgend etwas unheimlich und zerstrerisch heranschleiche, ihn
gengstigt, das Empfinden krperlichen Elends ihn schon bedrckt.
    Und die Krfte hatten dann am anderen Tage nicht mehr gereicht; er vermochte
seine Geschfte nicht zu Ende zu fhren ...
    Sophie erinnerte sich, da er in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins
Geld fr Allerts Unternehmen angeboten. Sie wute auch, wie ihre Gedanken dieses
Geld dann umkreisten, wie ihr Herz, ihre Phantasie dem Toten gleichsam den
Vorsatz untergeschoben: es ihr fr ihren Sohn zu gnnen. Es erschtterte sie,
nun zu erkennen: sie habe seinen Wunsch ahnend und richtig gefhlt.
    Und ganz gewi hatten alle jene Worte, die er, nicht mehr Herr einer
deutlichen Sprache, der Tochter noch zuflsterte, von diesem Testament gehandelt
- waren vielleicht Gre gewesen - und eine Bitte: sag' ihr, sie soll mir das
nicht verweigern. -
    Aus dem groen ewigen Dunkel her streckte er noch seine Hand zu ihr aus - so
empfand sie es - gerade in der trbsten Lage wollte er ein wenig helfen ...
    Kann ich das annehmen? fragte sie mit Trnen in den Augen.
    Aber, gndige Frau ...
    Unbedingt, Mutter, sagte Allert ruhig.
    Viktor Rositz war doch baff, mit wie wenig Worten das abgemacht wurde. Er
hatte viel erwartet: Ausrufe, schlecht verhehlten Jubel, schne Redensarten,
Lobpreisungen des Edelmutes seines Vaters. - -
    Und er sah nur eine stille Wrde, die sich sogar bemhte, die Ergriffenheit
zu verbergen.
    Es imponierte ihm. Guter Geschmack, dachte er. Und er dachte auch an seine
Mama. Den Seufzer, der ihm da aufquellen wollte, unterdrckte er.
    Der Abend wurde berraschend nett. Tulla kam und war aufgeregt vergngt. Und
fand ihren Bruder so wohltuend elegant. Und er brachte die ganze vertraute
Atmosphre mit, die solche Sicherheit gab. Das Leben schien leichter. Es war
doch beinahe, als sprchen nicht alle Menschen die gleiche Sprache.
    Und Viktor war schon bei dem Vorgericht seiner Sache sicher: Tulla hatte mit
diesem Allert ganz gewi kein heimliches Verlbnis angebandelt. Komische Kerls,
diese beiden Hellbingsdorfe: lieen sich 'ne brillante Partie entschlpfen. Mama
konnte mit Knapsen und Knausern drohen, aber die reiche Zukunft blieb. Na, das
war Sache dieser Herren ...
    Und er meinte, da Tulla sich groartig rausgemacht habe in den Hamburger
Wochen und wirklich entzckend sei.
    Er bekam auch ihr Portrt zu sehen und fand es fabelhaft. Es sei
geschmeichelt, sagte er, sonst ein Kunstwerk ersten Ranges. Geschmeichelt?
fragte Sophie und sann dem Wort nach.
    Sie hatte in das feine, dunkelugige Gesicht vielleicht all ihre eigenen
Gedanken und Trume hineingemalt; das junge Wesen so dargestellt, wie sie
inbrnstig hoffte, da es sich entwickle. - -
    Dann bat Sophie, das Bild der Familie Rositz bersenden zu drfen; auf
Wunsch des teuren Verstorbenen sei es gemalt, als Andenken an ihn mchte sie es
seiner Gattin und seinen Shnen widmen. Und Viktor nahm es mit einer ergebenen
Verbeugung an. - -
    Am andern Morgen reisten die Geschwister ab. Sophie geleitete sie an den
Zug. Eine tiefe Traurigkeit war in ihr. Nun erst, mit diesem Abschied verlor sie
den heimgegangenen Freund ganz und verlor eine schne Hoffnung. Auch Tulla
schien ganz auer sich zu sein ...
    Sie warf sich in die Arme der Frau, die sie frmlich umworben hatte, um
durch die Mutter den Sohn zu erobern. Sie hatte sie auch lieb, ja, von ganzem
Herzen. Mit einem Male fhlte sie: da war Wrme und Liebe fr sie ... Aber sie
hatte nicht hinbergekonnt zu diesen teuren Menschen. Und Tulla dachte: ich
begreif es nie! ... Niemals versteh' ich, warum er schwieg! -
    Von neuem kam Verzweiflung ber sie. Und sie meinte: dies sei ein Unglck,
das ihr das Leben zerbrche. Die Frau aber, an deren Schulter sie weinte, wute
in ihrem erfahrenen Herzen: du wirst dich trsten. Denn sie hatte gestern abend
wohl gesprt, wie der Bruder sie rasch hinberri in die gewohnten Anschauungen,
wie es gleichsam erwachend durch Tullas Wesen ging.
    Und weiter dachte sie: eines Tages, zurckdenkend, wirst du ihn pltzlich
verstehen und dich sehen, wie du bist - oder wenn du nie erkennst, warum er dir
entsagen mute, dann ist eben dein Leben ganz ins Flache hineingeglitten.
    Der letzte Ku - das letzte Winken. - Der Zug fuhr davon - rasch - sacht -
ein langer, dunkler, beweglicher Krper im blulichen Dunst des
Frhlingsmorgens.
    Sophie stand noch eine Weile sinnend unter dem Schmerzgefhl einer groen
Leere.
    Wenn eine Hoffnung unerfllt abstirbt, das ist beinahe wie das Sterben eines
Menschen, eine Lcke entsteht, aus ihr heraus scheint einen Entmutigung
anzuwehen.
    Aber da war die Arbeit - Sophie hatte halb zehn eine Sitzung - der uralte
Senior der Familien aller Vierbrincks kam dann, von seinem Diener gesttzt, die
vielen Treppen herauf, immer stolz, dies noch leisten zu knnen; immer in der
Erwartung, da Sophie diesen Beweis seiner Jugendfrische mit vielen,
bewundernden Worten preise. Sie versuchte vorweg, sich zu sammeln, stellte das
feine, kluge, unendlich durchfltete Greisengesicht vor sich hin. - Vergebens -
sie dachte zu viel zurck und voraus - Heute abend! Ja, sie ahnte: diese Stunden
heute abend konnten ber das Herzensleben ihres ltesten Sohnes entscheiden ...
    Sie kam an einer Anschlagsule vorbei und sah ein groes Plakat ... Wei,
nur mit krftigen, schwarzen Buchstaben bedruckt, stand es voll sachlichen
Ernstes zwischen all den bunten Flchen, auf denen sich da ein berschlanker
Frauenleib in grasgrnem Kleid auf rotem Grunde verrenkte, dort ein Clownkopf
mit knalligen Backen und gelber Spitzmtze vor Behagen ber eine neue
Zigarettensorte grinste - -

Das uneheliche Kind und die sexuelle Aufklrung Vortrag von Doktor Marya Mller

    Und darunter der Saal, die Zeit, der populre Eintrittspreis. Und tief am
schwarzen Rande, gleich einer Unterschrift: Frauenvereinigung zur Hebung der
Sittlichkeit.
    Ihre Gedanken wurden schwerer. Sie wnschte unwillkrlich, da Allert dies
Plakat nicht zu Gesicht bekme. Aber man mute ja darauf gefat sein, da es
gerade in seiner Gegend, als Ruf an alle Fabrikmdchen, vielfach angeschlagen
werden wrde. Und obschon kein Name darauf stand auer dem der Vortragenden,
wrden fr Allert sich all diese Buchstaben zu dem einen Namen formen, und dies
ganze Plakat wrde ihm entgegenschreien:
    Marieluis - - - -
    Sie hrte ihn sagen, was er ihr einmal geantwortet hatte:
    Das ist alles sehr richtig, Mutter. Aber begreif' doch: mich verletzt das.
Nimmt mir so viel Zuber aus dem Leben fort - Sieh mal, ich glaube, da fhl' ich
mich eins mit tausend, tausend Mnnern: das sind zarte Dinge! Wir wollen sie
nicht so laut besprochen haben. Wir wollen, da das unberhrte Weib in scheuer
Ahnung, in unbewutem, heiligem Trieb - gehorchend der ewigen Stimme der Natur,
zu uns kommt. - Wissend? Nicht wissend? - Das mag verborgen bleiben. - Ja,
Mutter, in diesen Dingen wird immer und allezeit die Empfindung des einzelnen
gegen das sich auflehnen, was der Verstand fr gewisse Schichten als richtig
zugibt. - -
    Die Mutter konnte zu allen diesen Kmpfen nur bekmmert seufzen. - Das war
ja eine schwchliche und unverbindliche Art, an den Strmungen teilzunehmen - -
Sophie wute es wohl.
    Und wie sie nun durch den frischen, nebelig leise durchdunsteten Morgen auf
ihre Wohnung zuging, fhlte sie sich recht klein und unsicher. Sie wute nicht,
bei wem das Recht war ... Sicherlich auf beiden Seiten. Aber das sind ja immer
die hilflosesten Flle.
    Sie selbst, sie war keine Kmpferin und in nichts fanatisch als fr das
Glck ihrer Kinder. -
    Aber sie sah nun: auch da kommt der Augenblick, wo das Schicksal einem eine
abwartende und machtlose Stellung anweist. - -
    Es lag in ihrer Natur das Bedrfnis, zu hoffen. Und so versuchte sie ihre
Gedanken von dem Plakat abzulenken und ganz gesammelt auf die Ueberraschung des
gestrigen Abends zu richten. Neue Rhrung ber das Vermchtnis des Freundes
ergriff sie. Jetzt konnte Allert sich, mit diesem Geld und ihren Ersparnissen
zusammengenommen, von dem ihm verchtlich gewordenen Teilhaber befreien. -
    Dies Wissen hie fr ihn: der Geliebten unbefangen gegenberstehen.
    Aber wenn sie sich finden, dachte Sophie ganz eifrig, dann - ja dann braucht
Allert mich nicht mehr, und ich kann bald - oh vielleicht schon nchstes Jahr -
die Heimat wieder erwerben ... Marieluis wird es gar nicht anders wnschen. -
    Und sie sah sich schon mit Enkelkindern unter den Bumen dahinschreiten, aus
deren Rauschen die Namen der Vorfahren klangen, sah ihre frauliche Bestimmung
erfllt: als Vermittlerin und Fortzeugerin von Generationen der Vergangenheit
und Zukunft die Hnde hinzustrecken.
    So ging ihr der Tag vorber - in einem Auf und Ab der Hoffnung - dieser ewig
schwingenden Schaukel der Seele. Die Dmmerung des Abends sank hernieder, als
Allert kam und sie holte.
    Und sie wanderten in gutem Gleichma des Schrittes dahin unter dem
wundervollen Aufbau des kniglichen Stadtbildes um das flutende Wasser. Schon
glhten die rtlichen und bleichen Lichtpunkte der Laternen rings an den
Uferstraen durch das friedvolle Grau. Von diesem Grau ging solche feierliche
Stille aus, trotz all dem Getn des Lebens ringsum. Und hoch ber den Firsten
der Dcher begann die Geisterschrift elektrischer Flmmchen aufzuzucken -
huschend erschienen die Namen von Firmen und Waren - liefen gleich feurigen
Tierchen ihre Zeile oder ihren Kreis entlang, verloschen, begannen sogleich von
neuem ihr gespenstiges Schreiben vor dem Hintergrund des Abendhimmels, hoch ber
dem Treiben der Straen, auf die hinaus die vom Zwange der Geschfte befreite
Menge strmte.
    Der Saal, wo der Vortrag stattfinden sollte, lag in einer der engen Straen
der Altstadt. Da keilte sich in das Gedrnge von Geschftshusern und Speichern,
von schmalen, immer mit Verkehr berlasteten Gassen ein Bau, der Festsle und
Vereinstheater und Geschftsrume enthielt. Und im Vestibl drngte sich die
Menge, trotzdem es noch frh war.
    Der Saal, oben von einer Galerie mit Logen umgeben, glnzte in der gleichen
festlichen Helle wie bei den Konzerten berhmter Dirigenten - aber das Publikum
zeigte eine andere Frbung. Es sah gewissermaen dunkler aus. Denn die
Abendkleider und der Prunk von lichter Seide und Chiffon und Schmuck fehlten
ganz - die Damen hatten sich in Straenkleidern eingefunden. Und da diese
Scharen von Frauen, zwischen denen man nur ganz wenige Mnner sah, von einer
wunderlichen Unausgeglichenheit der Erscheinung waren, bemerkte Allert sofort.
Viele Gesichter erkannte er - viele Frauen in der strengen und gediegenen
Unaufflligkeit; in sehr kostbaren und sehr einfachen Schneiderkleidern saen
sie da oder standen in Gruppen und unterhielten sich. Und zwischen ihnen
drngten sich weibliche Wesen in modischen, billigen Jacken mit flotten Hten,
darauf unechte Federn wogten ... Andere waren von bescheidener, sauberer
Drftigkeit der Kleidung, und sie saen still und etwas duldend auf ihren
Sthlen.
    Seine Mutter wurde im Vorbeigehen angeredet: Auch aus Rcksicht auf Frau
Senator Amster hier, gndige Frau? Und: Sind Sie nicht auch riesig gespannt?
Es kann sehr pikant werden. Oder: Na, gottlob, endlich haben wir mal Marya
Mller hier, das wird uns weiterbringen. Dann eine, rgerlich: Die Geschichte
ist nicht richtig organisiert - man hat zu viel Freibillette verteilt - jetzt
hab' ich nur noch ganz hinten einen Platz bekommen.
    Als sie ihre Pltze gefunden hatten, fragte Sophie: Wollen wir die
Amsterschen Damen im Vorstandszimmer begren?
    Nein, sagte er kurz.
    Er hatte Marieluis schon gegrt - heute morgen - auf eine besondere Art -
und das sollte sein eigenstes Geheimnis bleiben ...
    Er hatte ihr in der Frhe Veilchen geschickt - dunkle und dicht gedrngte
Strue in einem Binsenkorb, den eine blablaue Schleife schmckte - und er
dachte - da diese Blumen, diese Farben vielleicht noch beredter zu ihr sprechen
sollten als seine Worte, die er dazu schrieb:

Ich erflle Ihren Wunsch, und heute abend bin ich in der Versammlung. Ich wei
es nicht, ob ich das Recht habe, Sie um etwas zu bitten. Htte ich es, ich bte
Sie, mit aller Wrme und aller Kraft, deren mein Herz fhig ist: sprechen Sie
nicht laut mit in der Oeffentlichkeit von diesen Dingen, die das Plakat nennt.
Vielleicht sagen Sie wieder: Vorurteile! Ja, und wenn?! Es gibt Vorurteile, in
denen sich die Sorge um Erhabenes verbirgt.
                                                                   Ihr A. v. H.

Den ganzen Tag hatte er gewartet: vielleicht kommt ein Wort, ein Zeichen -
Liebe, die trsten und beruhigen will, findet Worte und Zeichen.
    Aber es war alles stumm geblieben - ein Tag war es gewesen wie alle: er rann
ab im hastigen Treiben der Geschfte.
    Und nun sa er hier - mit trockenem Munde - vor Spannung wie gelhmt. Es
war, als sei sein ganzes Wesen gebunden und erst der Ablauf der nchsten Stunde
knne es wieder lsen.
    Wenn sie seiner Bitte willfahrte! Was sagte sie ihm damit alles. Heies
Glcksgefhl wallte in ihm auf, wenn er sich das vorstellte.
    Oh, das sagte ihm: Ich will dein sein, und eine Gemeinsamkeit mit dir soll
mir fortan die grten Aufgaben bringen - die nchsten - die heiligsten.
    Nun wrde er es bald wissen, ob ihre Zartheit, ihr Geschmack, ihr keusches
Empfinden, ihre Mdchenscheu vor ihm, gerade vor ihm, der sie liebte, ob dies
alles strker war als ihr kmpferischer Fanatismus.
    Wenn es wre - wenn es wre!
    Auf dem Podium in der Mitte vorn an der Rampe stand ein Rednerpult. Rechts
und links davon schmale, grn verhangene Tische. Hinter jedem drei Sthle. Fr
die Schriftfhrer, Stenographinnen, Vorstandsdamen, vermutete Allert und war nur
gespannt, ob dort auch die Senatorin Amster Platz nehmen werde. Aber nein. Da
kam sie aus der Tr, die unten, neben dem Podium, aus den Zimmern der
Vortragenden in den Saal fhrte.
    Rasch und herrisch schritt sie an der ersten Stuhlreihe entlang und nahm auf
dem Stuhl an der Ecke des Mittelganges Platz. Da sa sie nun mit erhitztem
Gesicht, in imperatorischer Haltung und versuchte ihre Nerven zu beruhigen. Sie
hatte hinter den Kulissen mit der erst vor einer Stunde in Hamburg
eingetroffenen Doktor Marya Mller einen Punkt der Uebereinkunft gesucht und
nicht gefunden!
    Sie sagte: Es ist klger, gerade fr meinen Verein, mavoll, sthetisch in
der Form und vorbereitend aufzutreten.
    Doktor Marya Mller sagte: Ich bin es unserer Sache schuldig, energisch,
wahrhaftig und rcksichtslos zu sprechen, und was im Reichstage gerade ber
mancherlei Hamburger Einrichtungen gesagt wurde, werde ich ja wohl auch noch
vorbringen drfen.
    Die Senatorin, durchaus gewohnt, als Befehlshaberin fast in jeder Lage und
besonders in den ihren Verein angehenden Dingen aufzutreten, und von dem naiven
Anspruch getragen, da vor ihrer Ansicht Widerspruch zu verstummen habe, fhlte
sich sehr gereizt.
    Schlielich hatte doch der Verein diese Vortrge finanziell untersttzt! Und
wenn dies Bewutsein auch nur Nebenempfindung war: sie spielte mit.
    Am meisten aber: die Senatorin hatte sich zum Gesetz gemacht, den modernen
Bestrebungen mit so viel gutem Geschmack als mglich zu dienen. Und diese Marya
Mller sah nicht nach gutem Geschmack aus. Die Senatorin dachte still
entsetzt: die hat ja was Anarchistisches; obschon ihr die Sachkenntnis fehlte
und sie noch nie einen lebendigen Anarchisten gesehen hatte ...
    Wenn sie auf dem Podium so losdonnerte wie im Knstlerzimmer? Welcher Stoff
fr die Presse!
    Das konnte doch fatal werden! Wenn ihr Mann davon lse! Wenn man ihn darauf
ansprche! Wenn er sagte, es sei von ihr taktlos gewesen, sich Schulter an
Schulter mit Doktor Marya Mller in der Oeffentlichkeit zu zeigen!
    Der Vorwurf der Taktlosigkeit aus dem Mund ihres Mannes! Der bloe Gedanke
machte sie nervs.
    Allert konnte ja nicht ahnen, was in ihr vorging. Er sa mit seiner Mutter
in der dritten Reihe. Und er konnte schrg vor ihm das Gesicht der stolzen,
klugen Frau im Profil sehen - es war hei und rot - ein erstaunlicher Anblick.
    Nun ffnete sich droben die Tr, die aus dem Knstlerzimmer auf das Podium
fhrte.
    Allerts Herz klopfte so, da er in seinem Kopf ein Rauschen versprte -
Sturm schien ihn zu umbrausen.
    Drei weibliche Gestalten kamen zuerst - unscheinbare, sachliche Wesen. Sie
setzten sich links vom Rednerpult und legten sich ihre Schreibstifte zurecht.
    Und dann drei andere Gestalten: die Vizeprsidentin, die Kassenfhrerin und
die Schriftfhrerin des Vereins.
    Allert kannte sie alle drei - in ganz einfache, dunkle Kleider hatten sie
sich gehllt - er erriet auch, weshalb die Vizeprsidentin, die alte Frau
Ramsburg mit ihrem milden Gromuttergesicht, ihrer Nichte Amster den Vorsitz fr
heute abgenommen und sich aufgeladen hatte. Wer war Frau Ramsburg? Eine
gutmtige, auerhalb ihres Familienkreises gnzlich unbekannte und neutrale
Persnlichkeit. Der Sitzredakteur, dachte Allert in einem flchtigen Blitz
seines Humors.
    Er erkannte auch die Schriftfhrerin - eine Stellung, die die schne Frau
Julia ein paar Wochen bekleidet gehabt. Nun war es das lteste, beinahe
vierzigjhrige Frulein Vierbrinck, eine Grocousine Dorys. Sie trug auch einen
Kneifer und hatte auch Grbchen, aber kupferige Wangen und einen scharfen,
eifervollen Blick hinter den Glsern.
    Neben ihrem dunklen, glatt gescheitelten Haar sah man das blonde Haupt.
    Duftig und schn geordnet lag das Haar um Stirn und Schlfen - das edle
Angesicht schien ein wenig bleich - doch khl und klar der Ausdruck wie immer.
    In vielen Kleidern und Farben hatte Allert sie gesehen. Aber die behielt er
nicht im Gedchtnis - die sah er nicht, wute er nicht. Vor ihm stand sie immer
in jenem blablauen Gewand mit den dunklen, starken Veilchenstruchen - die an
der weien, blhenden Pracht ihrer Schultern lagen.
    Er suchte ihren Blick zu erzwingen.
    Und nun sah sie ihn. Ihr Auge schien dunkler, grer zu werden.
    Sein Blick sprach zu ihr - beredt, eindringlich, seine Nasenflgel bebten.
Oh, er htte sein ganzes Ich in seinen Ausdruck legen mgen. Und er wartete auf
ein Zeichen, da sie ihn verstehe - eine Verheiung - eine Bejahung all der
brennenden Bitten, die seine Blicke zu ihr hinbersandten.
    Und es war, als sei auch in ihren Augen ein besonderes Licht.
    Was strahlte es ihm zu? Er verstand es nicht. War es der unbesiegbare
Eigenwille, der mit stolzem Leuchten trotzte: ich tue, was mir richtig scheint?
    Nun senkte sie die Lider. War es ihr unertrglich, die leidenschaftliche
Bitte zu sehen, die auf seinem Gesicht geschrieben stand?
    Dann eine groe, allgemeine Bewegung - auch Marieluis wandte ihr Gesicht
Doktor Marya Mller zu.
    Die trat rasch ein. Ganz und gar vertraut mit der Oeffentlichkeit - gewohnt,
mit sachlichem Blicke vielen Hunderten von Gesichtern zu begegnen.
    Mittelgro war sie, und zu einem kurzen, schwarzen Rock trug sie eine dunkle
Weste, ein Flanellhemd mit Klappkragen und ein dunkles Jackett. Die Kleidung
strebte offenbar mnnlichen Charakter an.
    Allert dachte: Gegenspiel zu den bunten Schuhen und weien Flren der Frau
Julia - zwei Sorten von Grenzberschreitungen - welche war ihm fataler? Er hatte
keine Zeit, sich diese Frage eingehender vorzulegen. Denn Doktor Marya Mller
erhob ihr scharfes Gesicht, das unter dem kurzverschnittenen, graumelierten Haar
an einen Predigerkopf amerikanischer Art erinnerte.
    Diese Kopfbewegung hatte die gleiche Wirkung wie das Emporheben des
Dirigentenstabes in der Hand eines berhmten Kapellmeisters: vollkommene Stille
trat ein.
    Und dann hingen die vielen hundert Augenpaare eine Stunde lang gefesselt an
diesem ausdrucksvollen Gesicht, und alle Ohren lauschten angestrengt, um nur ja
keine Silbe von diesen kunstvoll vorgetragenen, hart dreinfahrenden, khnen,
auch die heikelsten Dinge offen nennenden Worten zu verlieren. Und die
fanatischen, brennenden braunen Augen im Gesicht der Rednerin hatten eine
hypnotische Macht - da war niemand im Saal, der nicht das Gefhl gehabt htte:
sie sieht mich an. Jedem wute sie das Gefhl zu suggerieren, da es schimpflich
sein wrde, in der Aufmerksamkeit nachzulassen. Welche Kraft war in diesem
Weibe. -
    Allert hrte und erfate alles - das ganze Bild des Elends, der
Versuchungen, der moralischen Versumpfung in den Unterschichten rollte sie auf,
das jedem denkenden Mann, der nicht blind und fhllos durch die sozialen
Grungen der Zeit schritt, wohlbekannt war.
    Vielen weiblichen Zuhrerinnen erzhlte sie damit wohl ihnen bisher
unbekannt Gebliebenes.
    Doktor Marya Mller kannte aber nur einen Schuldigen: den Mann!
    Es gab fr sie keine geschichtlichen Rckblicke, und sie schien nicht zu
wissen, da manche Krankheitserscheinungen, da Verbrechen aus tollgewordenem
Kraftberschu so alt waren wie das Menschengeschlecht, und so unabnderlich wie
migeformte und abfaulende Bltter in der Flle reich belaubter Wipfel. Sie
schien auch gar nichts von wirtschaftlichen Evolutionen, vom Arbeitsmarkt, von
der Einwirkung schlimmer Umwelt, vom ererbten Hang zum Liederlichen zu wissen.
    Der Mann war ihr die Ursache allen Uebels.
    Oder: durchaus wahrscheinlich: es lag in ihrem Vorsatz und heutigen
Programm, alles nur von einer Seite zu beleuchten. Denn als unerhrt
zielbewute, kluge Kmpferin wute sie wohl, welche Gewalt solche Einseitigkeit
gibt; wie hell, wie grell, wie den Blick blendend sich die Dinge ausnehmen, wenn
ein Scheinwerfer sie bestreicht.
    Allert hrte sachlich zu. Diese Einseitigkeit hatte etwas Imponierendes. Und
diese Keulenschlge trafen oft genug auf den rechten Fleck ... Nur schade, da
gerade die Mnner hier nicht zuhrten, die am meisten davon htten betroffen
sein mssen: der rohe, trunkene Kerl der abendlichen Gassen - der frhreife
Bengel der Hinterhuser - ja, diese hrten dem Vortrag von Doktor Marya Mller
nicht zu.
    Und die vielen vornehmen Frauen in der strengen Eleganz unaufflliger
Schneiderkleider - die hrten gewi mit einem schaurigen, brennenden Interesse -
so wie Kinder den Robinson Crusoe lesen - gespannt durch die fr sie selbst nie
erlebbaren Gefahren und Begebenheiten. -
    Und whrend Allert hrte, sah er zugleich. Er sah das schne, blonde,
geliebte Haupt. Fr ihn trug sie kein dsteres Schwarz. Sa sie nicht da, von
blablauer Seide umgleit - mit dunklen lila Veilchen an den herrlichen
Schultern - stolz und rein?
    Ihre Augen hingen an der Rednerin - ihr Gesicht war bleich. Schien es ihm
nur so? Hob sie den Kopf auf eine besondere Art - wie kritischer Hochmut tut?
Oder war es die Geste der Erhobenheit - des Triumphes fr diese Genossin im
Kampfe? Wenn er in ihre Seele htte hineinblicken knnen!
    Mit einem Male sah er wieder jene hliche Szene - sah sie in der abendlich
dsteren Strae, die der klebrige Nebel fllte, und er hrte wieder die grlende
Stimme des Trunkenboldes, der sie bedrngte -
    Er fhlte einen bitteren Schmerz in sich aufsteigen.
    Mute nicht auch sie daran denken - gerade jetzt?
    Begriff sie wohl, da dieses Mannweib da oben ganz andere Zwecke und Ziele
hatte? Da da die Arbeit zur Hebung der Sittlichkeit nur das Mittel war, die
Frau in die Front und in die Politik zu bringen?
    Jetzt schlo die Rednerin, und ihre letzten Worte flammten ber die atemlos
Lauschenden hin wie eine Fackel ber Gase - und zngelnd lohte die Begeisterung
und der Jubel ihr zu. Besonders vielleicht jauchzten alle die Herzen, die vom
Mann Uebles oder - gar nichts erfahren hatten; und die allgemeine Schuld der
Mnner machte es so viel leichter, dem Mann entsagen zu mssen.
    Ja, eher knnte man wohl all die vielen spinnwebfeinen Hanffden eines
armdicken Schiffstaues auseinanderwirren als das, was sich hier verflicht und
wie einhellige Zustimmung aussieht, dachte Allert.
    Auf dem Programm war angezeigt: Nach dem Vortrag findet eine Debatte statt;
Anfragen werden erbeten und beantwortet. Deshalb blieb man sitzen.
    Eine Pause ... Die Begeisterung mute erst abschwellen und sich vom Jubel
und Beifallklatschen zum leisen Flsterton mit der Nachbarin verebben. Das war
sehr merkwrdig - gemahnte an das Zurcksinken einer knstlich aufgepeitschten
Woge. Die Hte neigten sich hin und her. Das Licht lie Reflexe aufblitzen auf
den Steinen von Hutnadeln und den Brillanten an Ohrlppchen. Dann stockte die
Bewegung der vielen Kpfe. Und es wurde wieder still.
    Mitten in der Versammlung stand eine Dame auf. Sie fragte mit scharfer
Stimme, laut und unbefangen, ob nicht in den Volksmdchenschulen fr sexuelle
Aufklrung gesorgt wrde.
    Doktor Marya Mller gab einen kurzen Ueberblick, wie weit die bezglichen
Bemhungen Erfolg verhieen.
    So ging es weiter ... Da und dort in der Versammlung erhob sich ein Arm und
eine gespreizte Hand, oder ein Zeigefinger - in Schulgewohnheit - meldete, da
man zu sprechen wnsche. Und mit groer Gewandtheit wute die Frau vom
Rednerpult aus jede der sich Meldenden nach und nach zu Worte kommen zu lassen.
Die Stimmen fragten hell und keck, schchtern und heiser - Doktor Marya Mller
antwortete in nie versagender Autoritt.
    Und Allert fhlte immerfort sein Herz pochen - rasch und hart - jeder Nerv
in ihm war gespannt.
    Er dachte: Vieles ist vernnftig - das sind viele Wahrheiten. Ein Bruchteil
von dem allem ist durchfhrbar und kann ntzen ... Und doch? ... Bin ich die
Reaktion? Es ist mir furchtbar ... Ich mchte allen diesen Frauen zurufen: Halt
- besinnt Euch - geht Euch fr das, was Ihr ntzt, nichts anderes verloren, das
vielleicht noch wichtiger ist? ... Hab' ich unrecht? - Versteh' ich die Zeit
nicht? - Ich, der Edelmann, der Kaufmann ward - das moderne Leben begreifend -
bin ich die Reaktion?
    Und ein Gefhl war in ihm, das er nicht niederringen konnte. Der feste
Glaube: So denke nicht ich allein - so empfinden tausend, aber tausend Mnner. -
Sind wir Mnner nicht vielfach die Benachteiligten - ist dies nicht alles
Uebergang - und wir die Erleidenden?
    Fabelhaft, was fr ein fertiges sozialpolitisches Urteil all diese Frauen
hatten - wie verwegen sie Dinge beim richtigen Namen nannten, von welchen ehedem
die Frauen nur flsterten. Oder die in einer gewissen naiven Unbefangenheit
genommen wurden - wie auf dem Lande, wo das Natrliche weniger verhllt ist.
    Warum verletzte es ihn hier so? Etwa, weil man sich so wissenschaftlich und
sozialpolitisch gebrdete? Oder weil so viele vor aller Ohren laut davon
sprachen? Er wute es nicht. Er dachte: wenn nur sie - sie - sie nicht
mitspricht.
    Sein Blick hing an ihr. Die Minuten, die verrannen, ohne da Marieluis ein
Zeichen gab, hoben seine Hoffnungen.
    Wenn sie seiner Bitte, nicht mitzusprechen, nachgab! Seligstes Gestndnis
durfte es ihm bedeuten. Sein ganzes Wesen war erschttert von diesem Gedanken
...
    Nun hrte er die klangvolle Stimme der mannhaften Frau am Rednerpult
ausrufen: Ja, groe Entwicklungen sind wie ein Adlerflug ...
    Und er dachte: Aber die Adlerflgel werfen ihre Schatten auf das Gelnde,
ber das sie wegfliegen - kann schon sein, da manch einer sich gerade nur vom
Schatten gestreift fhlt.
    Wie still seine Mutter neben ihm sa. Er ahnte: benommen und zweifelnd - hin
und her gerissen. Auch ihre Blicke heften sich an Marieluis und nur an sie.
    Ihm schien: noch blasser war die Geliebte geworden - in ihren Augen funkelte
eine fremde, seltsame Energie - die der Hingegebenheit? Die der Abkehr? Oh, wenn
er es wte!
    Wrde auch sie gleich ihre Hand erheben, um sich zum Wort zu melden?
    Ihm schien - ja - sie bewegte schon die Finger - wie voll Ungeduld - zgerte
noch - vielleicht, weil so viel andere Hnde sich erhoben ...
    Wrde er gleich das Schauspiel erleben, da die geliebte, schne Hand sich
emporreckte? ...
    Allert hrte nichts mehr von den Fragen und Antworten - all diese Stimmen
waren leeres Gerusch geworden. Er sah nur noch. Er wartete. Er fhlte - an den
nchsten Sekunden hing sein Schicksal. - -
    Zgerte sie, weil sie mit sich kmpfte?
    Zgerte sie, weil die Raschheit der Anmeldungen zum Wort ihr die Lcke zum
Einfallen nicht lie?
    Er griff nach der Hand seiner Mutter - Sophie schrak frmlich zusammen -
fhlte auf der Stelle, ihrem Sohn war das Wesen aus den Fugen. Sie ahnte seine
Spannung - teilte sie - sprte: sein Geschick war in der Schwebe. Ihre Nerven
waren krank vor Ungeduld. Wenn doch dies ein Ende nhme - wenn man doch diese
Sitzung schlsse - ehe - ja ehe Marieluis auch ihre Stimme erhob. Warum griff
Marieluis noch nicht ein? Warum lie sie die Debatte sich weiter wlzen? Diese
mitnige, gewagte Debatte. Wartete sie, um ein besonders starkes Wort, eine ihr
gewichtigste Frage noch zuallerletzt hineinzuwerfen?
    Was ging in ihr vor?
    Aufrecht sa sie und sah zuweilen Doktor Marya Mller an und zuweilen ihre
Mutter - es schien, als miede sie Allerts Blick. Und ihre Mutter, die Senatorin,
erhitzt, nervs, mit einer Haltung, die beinahe etwas gewaltsam Stolzes hatte,
hing mit ihren Blicken am Gesicht der Tochter. -
    Sie hatte keine Zeit gefunden, ehe sie zornig das Vorstandszimmer verlie,
der Tochter zuzuraunen: Beteilige Dich um Gottes willen nicht an der Debatte!
Und nun zitterte sie in Erinnerung daran, da sie noch auf der Herfahrt ermutigt
hatte: Beteilige Dich nur jedenfalls an der Debatte; es ist die beste
Gelegenheit, mal zu versuchen, ob man ffentlich sprechen kann.
    Wie hatte sie auch ahnen knnen ... Ihr war ja gerade, als sei dies alles
eine Karikatur dessen, was sie gedacht und gewollt. Und wie anders hrte sich
das alles in der schrecklichen Oeffentlichkeit an ... Und immer sah sie ihren
vornehmen, mavollen Gatten ... Wenn sie sich vor dem blamiert fhlen mte!
Wenn er ihr Vorwrfe machte! - -
    Die Demtigung zerbrche ihr Leben. Sie wollte, sie mute vor ihrem Manne
die kluge, taktvolle, ungewhnliche Frau bleiben. Die Atmosphre der
Hochachtung, in der sie lebten, hatte ihnen ja - unbewut - das Glck der Herzen
ersetzt. Sie fhlte: ging des Gatten Hochachtung in die Brche, setzte sie sich
seinem Tadel, seinem Lcheln aus, so wrde sie aus aller Harmonie kommen. Und
wie war das noch zu verhten ... Die Oeffentlichkeit war ja pltzlich in ihr
Dasein gekommen, hatte ihre Bestrebungen mit in den groen Strom der sogenannten
Frauenbewegung gerissen. Wie noch vorbeugen? ...
    Pltzlich zuckte ein sehr kluger Gedanke durch ihr Hirn: Ja, vorbeugen,
indem man bekennt, so hatte ich's nicht gewollt. Diese Geister dacht' ich nicht
zu rufen. - Vorerst tat dieser kluge Gedanke noch weh. Aber er lie sie nicht
los.
    Wie bleiern die Minuten schlichen! Hrten denn diese plumpen Fragen gar
nicht auf? Nun schleuderte wieder eine Stimme diese Worte in den Saal:
    Knnte nicht eine Statistik versucht werden ber die Zahl der Mdchen, die
aus Mangel an sexueller Aufklrung fielen?
    Daran schlo sich eine weitere Debatte.
    Wenn Marieluis nun doch noch das Wort nhme? Die Senatorin hatte eine jhe
Erkenntnis: das ertrge Allert nicht. Da sa er - vielleicht auch gespannt -
vielleicht gar schon abgekhlt. Und sie vermochte ihre Begierde nicht zu
bezwingen: rasch sah sie schrg zurck. Sie sah den Mann, sein vor Erregung
scharfes und bleiches Gesicht. Die Blicke der beiden Mtter trafen sich, und
beinahe - ja beinahe wre das Ungeheuerliche geschehen: die Senatorin mute ihre
uerste Selbstbeherrschung aufbringen, um einen nervsen Trnenausbruch
niederzuzwingen.
    Und Marieluis sa da oben, in der beherrschten, verschlossenen Haltung, die
ihrer Art gem war und die Erziehung ihr gefestigt hatte von Jugend an.
    Sie konnte der Mutter kein Zeichen geben - sie konnte nicht in ihre Blicke
legen, was in ihr aufflammte.
    Vor Hunderten von Zuschauern sa sie ja, und jede Geste wre ihr schon wie
eine Mitteilung an die Oeffentlichkeit vorgekommen; an diese furchtbare
Oeffentlichkeit, die sich ihr zum erstenmal in ihrem Leben offenbarte.
    Und sie begriff, wie in ihrer grellen Helligkeit, in ihrer unwillkrlichen
Schamlosigkeit, in ihrer krassen Genauigkeit, in ihrem unabgetnten Lrm sich
alles ganz anders darstellte, als man es in stiller Wirksamkeit gedacht. Der
Unterschied zwischen dem gelesenen oder vertraut gesprochenen Wort und dem
fanatisch hinausgeschrienen ging ihr auf ...
    Mit Erstaunen hrte sie schon vorhin, da dieses fremde, geschmacklose
Mannweib sich gegen die Bitten und Ratschlge ihrer Mutter wendete - das hatte
Marieluis noch nie gehrt, da jemand sich erlaubte, einer Ansicht ihrer Mutter
in dieser Art zu trotzen - die schlechte Form verletzte sie. Sie dachte:
vielleicht hat Doktor Marya Mller recht, aber sie mte Mama nicht so
niederschreien.
    Es war ja nur eine Aeuerlichkeit. Aber das stimmte die zitternde Erwartung
auf den Vortrag so herab.
    Und tief in ihrem Herzen war ein heier Wunsch gewesen ... Der wrdige,
ernste, sittlich erhebende, begeisternde Verlauf dieses Abends sollte den einen
bekehren, ohne den sie sich doch keine Zukunft mehr denken konnte. Diese Stunden
sollten ihn zu ihrem Mitarbeiter machen.
    Und aus dieser Hoffnung heraus hatte sie kein Wort auf seinen Veilchengru
und seine beschwrenden Zeilen geantwortet. Sie kte die Veilchen, sie war
glckselig mit den zarten kleinen Blumen, die von ihm kamen. Und sie hoffte.
    Und als sie ihn sah, drunten, zwischen den vielen, vielen Frauen er einer
der wenigen Mnner, da grte ihn ihr Auge, und ihre Blicke glnzten. Noch
hoffte sie, trotzdem dies Vorspiel so beklemmend gewirkt hatte und all ihr
Taktgefhl litt, weil eine Plumpe ihre stolze Mutter niederzankte.
    Dann begann der Vortrag, und die scharfen, starken Worte, in ihrem
verwirrenden Durcheinander von gerechten Klagen und ungerechten Anklagen,
schnitten wie Schwerter durch die Luft ...
    Und was das allerrtselhafteste war: Ansichten, Stze, Ausdrcke, die sie
selbst sich erworben, nachgesprochen, unbedenklich gebraucht hatte, nahmen einen
ganz andern Sinn und Klang an, nun da alles aus dem Munde der fanatischen Frau
wie durch Glut gegangen und umloht kam.
    Und all dies hrte auch er. Klang ihm nicht ihre Stimme aus den Reden dieser
Frau?
    Der Gedanke lie Marieluis erzittern ... Sah er nicht ihr Wesen gesteigert
in dem Wesen dieser Frau?
    Und pltzlich sah sie sich wieder in der abendlichen Strae, die der
graugelbe Nebel fllte; sie sprte die klebrige Schmutznsse wieder unter ihren
Sohlen, und in ihrem Ohr die grlende Stimme des Betrunkenen. - -
    Schleier zerrissen vor ihren Augen - sie verstand jetzt - erst jetzt und in
diesem Augenblick klar, was sie gewagt, welchen Gefahren sie sich ausgesetzt
hatte, an welchen Abgrnden sie in unbefangener Mdchenwrde dahingegangen.
    Und sie begriff, wie er, der geliebte Mann, um sie gebangt haben mute! Wie
tief es seine Seele verletzte, da sie in den Schmutz hinabstieg.
    Und ihre Ernten? Die ihrer Mutter? Wo waren sie? Man hatte gearbeitet,
gesprochen, sich mit den widrigsten Verhltnissen und dem minderwertigsten
Menschenmaterial abgegeben. Wuten sie denn gewi, ob sie irgendwo dauernden
Nutzen geschaffen? Diese Fragen tauchten in ihr auf - verwirrten sie. -
    Ueber all das sie Bedrngende erhob sich die eine groe Erkenntnis: es gibt
fr mich ja nur eine Aufgabe - eine!
    Die, des teuren, starken, klugen Mannes Weib zu sein - im Glanz seiner Liebe
als Frau zu wirken und ihm das Leben tragen zu helfen - in Arbeit und Glck.
    Aber vielleicht war das verloren. In eigensinnigem Schweigen hatte sie sein
zrtliches verstecktes und doch so deutliches Werben hingenommen. Er konnte
nicht wissen, da sie seine Veilchen geliebkost und sich in Glckseligkeit ihrer
gefreut. Er sah ja nur: sie hatte keines von den Struchen an ihrem Kleid
befestigt.
    Htt' ich das doch getan - wenigstens das, dachte sie in leidenschaftlicher
Reue vergehend. Es wre doch wie ein Zeichen gewesen. Es htte ihn vielleicht
vershnt. -
    Mute er nicht ganz zurckgestoen sein? Jetzt - nach diesen Stunden.
    Sa sie nicht da, in Reih' und Glied mit der anmutlosen Frau, aus deren Mund
die unkeuschen Worte und die grellen Anklagen kamen? Mute er nicht denken, da
sie die Gesinnungsgenossin dieser vor Zorn schumenden Sprecherin war, die doch
tat, als sprche sie im Geist und Namen aller anwesenden Frauen?
    Und wieder hrte Marieluis mit Entsetzen: Worte wurden hinausgerufen mit
wildem Pathos. Worte, die sie selbst zuweilen ausgesprochen. Ansichten, fr die
sie gegen den Geliebten in eifriger Rede gefochten. - -
    Er mute sich doch daran erinnern - jetzt - hier. Und er mute glauben: sie
sei eins mit der Rednerin.
    Anders konnte es nicht sein. Ah, mit welcher Klte, mit welcher
Feindseligkeit sich sein Herz nun fllte. Darin konnte keine Liebe weiterleben.
    Sie litt. Sie fhlte: es ist aus! Er geht von dieser Sttte und meidet mich
fr immer - ber diese Stunden kommt er nicht weg - vor seiner Erinnerung sitz'
ich nun ewig neben Doktor Marya Mller - eine Kmpferin gleich ihr - aller
weiblichen Zartheit entkleidet.
    Ich habe ihn verloren. - -
    Wenn nur dies alles ein Ende nhme - wenn sie nur htte fliehen knnen. - -
    Aber die Stimmen erhoben sich immer neu. Marieluis empfand jede wie einen
Schmerz - alles zerrte an ihren Nerven.
    Sie dachte zuletzt wie gehetzt:
    Ich kann nicht mehr - ich will fort ...
    Fassungslos war sie und hatte die Empfindung, als werde sie hier gefoltert,
und alle lchelten hhnisch dazu - und am meisten er - er!
    Dort sa er. Unklar sah sie das geliebte mnnliche Gesicht - die offenen
Zge - das Gesicht eines Mannes, der immer wute, was er wollte ...
    Sie dachte, noch kaum Herrin ihrer selbst:
    Und wenn Mama es mir nie verzeiht! - - -
    Und zugleich erhob sie sich - ohne zu fhlen, da sie Aufflliges tte. Sie
dachte nicht an den Saal, an all diese Menschen, die sich fragen muten: Was tut
sie? - Warum steht sie auf? - Ist ihr nicht wohl? Nichts. Nur an dieses eine:
Ich kann nicht mehr so dasitzen vor seinen Augen - seinem Spott - seiner
Feindseligkeit. - -
    Sie wute nicht, da sie mit unsicheren Schritten ging. Sie kam an die Tr -
ffnete - da waren ein paar Stufen - sie fhrten hinauf in das Zimmer, wo
Knstler oder Vortragende sich aufhielten, bis das Podium rief.
    Nun war es leer, ganz leer. Welche Wohltat, welche Erlsung.
    Sie setzte sich in einen der tiefen Lehnsthle, die einen groen runden
Tisch umstanden.
    In ihrem Kopf brauste Lrm - hunderttausend Marya Mllers keiften
durcheinander.
    Sie war nicht ohnmchtig - aber in einer Schwche, die ein Ueberma von
tdlicher Traurigkeit - von Hoffnungslosigkeit - von grenzenloser Angst war,
legte sie ihre Arme verschrnkt auf den Tisch und neigte ihr Gesicht in dies
Versteck hinab. -
    Sie weinte nicht. Ihr war, als fragten Stimmen in ihr - lautlose und doch so
furchtbar eindringliche Stimmen: Ist nun alles aus? Vorbei? Verloren?
    Und andere Stimmen schienen zu rufen: Ja - verloren.
    Ihr Wahn, mit ihren schwachen, reinen Mdchenhnden den Schmutz aus der
menschlichen Gesellschaft hinwegrumen zu knnen, war verflogen. Und zugleich
wute sie: dieser Wahn hatte sie ihr Glck gekostet ...
    Oede war das Leben geworden. Wie sollte man es weiter tragen?
    Sie horchte, matt vor Zerschlagenheit, immerfort, wie ihr Blut schwer
rauschte und in den Schlfen hmmerte. Und darber hrte sie nicht, da eine Tr
sich ffnete -
    Sie schrak auf: eine Hand legte sich auf ihr Haar - eine Hand ... Sie hob,
wie unter einer Last, unter einem Hindernis, ihren Kopf - scheu und doch in
jher Seligkeit. Schon fhlend, wissend - noch ehe sie sah.
    Und als sie ihr Gesicht emporwandte, sah sie in seine Augen. - -
    Sie sprachen nichts. Nicht ein Wort. In einem groen, ergriffenen Schweigen
sahen sie sich an.
    Wie viel Liebe, wie viel Gte und Mitleid war in seinen Blicken. Und nichts,
gar nichts von Triumph und Spott, der Geschlagene noch verwunden will. Nichts
von dem Hochgefhl des Mannes, der es als seinen Sieg empfindet, wenn dem Weibe
ein schief erbaut gewesenes Stck Welt zusammenbricht. Nur heie Liebe. Nur ganz
einfach der Trost: nun bin ich Dein ...
    An der Tr die beiden Mtter wagten erst nicht sich zu rhren. Aber doch:
Sophie konnte ihre Glckstrnen nicht mehr meistern - ihre Augen strmten ihr
ber, und sie prete das Taschentuch an den Mund.
    Da erhob sich Marieluis - Allert mute ihr ein wenig helfen - und er hielt
ihre Hand fest.
    Sie wollte auf ihre Mutter zugehen, sich entschuldigen - etwas erklren.
    Aber diese auerordentliche Frau hatte sich inzwischen ganz gefat. Herrin
der Lage war sie geworden wie immer, und der kluge Gedanke hatte so sehr
gesiegt, da er nicht nur nicht mehr schmerzte, sondern eine neue Form von
Triumph versprach.
    Mein Kind! sagte sie und schlo die Tochter in ihre Arme, ich verstand
Dich! Nun wollen wir nach Hause fahren, und ich werde meinem Mann sagen, da mir
diese Sachen denn doch zu geschmacklos sind ...
    Allert kte ihr die Hand.
    Und wie wre es, wenn Sie Ihrem Gatten gleich einen Schwiegersohn
mitbrchten?
    Da lachte sie hell und glcklich auf.
    O Gott ja, Kinder - wir Mtter haben schon lange genug darauf gewartet ...
    Wollen Sie mich ein wenig liebhaben? bat Marieluis leise.
    Ach, was sollte die kleine zrtliche Mutter darauf antworten - was
versprechen? Ihr ganzes Leben war ja Liebe, und seit langer Zeit hatte ihr Herz
diesem Augenblick entgegengezittert. So konnte sie nichts, wie ihrem neuen Kind
mit innigen Kssen sagen: Du bist nun auch mein ...
    Drauen im Saal brach ein seltsames Gerusch los - hnlich dem Knattern von
Gewehrsalven. Der Beifall. -
    Fort! sagte Allert, rasch. Ganz einfach: Flucht ...
    Und aus der Rhrung fhlten sie sich jh hinbergerissen in jenen Uebermut,
der auch die Reifsten und Nchternsten in seltenen Stunden erfassen kann.
    Auf irgendeine Weise gelang es ihnen, sich vor allen Menschen hinaus ins
Freie zu retten.
    Und dann gingen die beiden Frauen voran und sprachen sich grndlich und
beglckt aus. Die Senatorin klar und voll Verstand alle Punkte beleuchtend, die
fr diesen Bund sprachen. Sophie nur ganz schlicht gerhrt. Ja, der eine von
ihren beiden lieben groen Jungen - der hatte die Blte seiner Liebe hinwelken
sehen. Die war dem leeren Boden des trichten Luxusdaseins entwachsen - da
konnten fr einen Mann wie Raspe keine Frchte reifen. Aber mit dem ernsten
Willen zum Groen und Guten, den Marieluis hatte, konnte ein Mann ringen.
Irrtmer gibt es, die wie Vorschulen fr heilige Wahrheiten sind. Was Sophie
aber der andern Mutter, die sich nur ein Kind erworben hatte, die keines von
eigenem Blute besa, nicht sagen konnte, war dies: wunderbar feierlich und
beseligend, alles Glck noch bertnend, fhlte sie, als sei nun erst ihre
Bestimmung als Weib und Mutter auf dem Wege der Erfllung. Ihr Dasein sollte
nichts ins Leere mnden - zwischen den vergangenen Geschlechtern und den
kommenden stand sie als Mittlerin. Ihr Haus sollte blhen - sie wurde nicht
dieser geheimnisvollen Unsterblichkeit beraubt, die einer Mutter gttliches Teil
ist, wenn sie ihr Blut, ihr Wesen in knftigen Generationen weiter wirken sieht.
Ihrer Umwelt kaum bewut, schritten sie weiter durch die laue Frhlingsnacht.
    So kamen sie aus dem Gewirr der alten engen Straen heraus. Nun war Helle
und Leben um sie. Das Leben des Abends, der immer fr Tausende wie ein Fest und
ein Gelage scheint. Aus den Fenstern der groen Restaurants glnzten oberhalb
der Scheibengardinen die Birnen der elektrischen Kronen. Drben am Kai des
Jungfernstiegs lag der Pfahlbau des Alsterpavillons ber dem Wasser.
    Dann gingen sie den stilleren Alten Jungfernstieg entlang, neben den
knospenden Lindenbumen, hart am Gitter, das das dunkelflutende Wasser
umschtzte.
    Hinter den beiden emsig redenden und erregten Mttern schritten die beiden
jungen Menschen Arm in Arm.
    Sie schwiegen. Die grenzenlose, heilige Beglcktheit in ihnen war noch wie
ein Bann - Worte durften ihn noch nicht brechen.
    Und sie wuten es auch ohne Worte, wie schwer sie sich zueinander gekmpft
hatten, und da sie nun vllig eins waren in dem, was fr sie Arbeit und Glck
bedeutete.
