
                             Keyserling, Eduard von

                               Abendliche Huser

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                             Eduard von Keyserling

                               Abendliche Huser

                                 Erstes Kapitel

Auf Schlo Paduren war es recht still geworden, seit so viel Unglck dort
eingekehrt war. Das groe braune Haus mit seinem schweren, wunderlich
geschweiften Dache stand schweigsam und ein wenig mimutig zwischen den
entlaubten Kastanienbumen. Wie dicke Falten ein altes Gesicht durchschnitten
die groen Halbsulen die braune Fassade. Auf der Freitreppe lag ein schwarzer
Setter, streckte alle vier von sich und versuchte sich in der matten
Novembersonne zu wrmen. Zuweilen ging eine Magd oder ein Stallbursche ber den
Hof langsam und lssig. Hier schien es, hatte niemand Eile. In der offenen
Stalltre lehnte Mahling, der alte Kutscher mit dem weien Bart, und ghnte. In
der offenen Gartenpforte stand Garbe, der Grtner, und verzog sein
glattrasiertes Sektierergesicht und blinzelte in die Sonne. Dann begannen die
beiden Mnner aufeinander zuzugehen, mitten zwischen Stall und Garten blieben
sie stehen, sprachen einige Worte zueinander, schwiegen, spuckten aus, lieen
wieder einige Worte fallen.
    Auf der anderen Seite des Hauses wurde eine Glastr geffnet, die geradewegs
in den Garten fhrte, und der Schloherr, der Baron von der Warthe, wurde in
seinem Rollstuhl von seinem Diener Christoph hinausgefahren. Dicht in seinen
Pelz gehllt, eine Pelzmtze auf dem Kopfe, schwankte die in sich
zusammengebogene Gestalt im Stuhle sachte hin und her. Das Gesicht war sehr
bleich und in seiner strengen Regelmigkeit von einer mden Ausdruckslosigkeit,
nur die hervortretenden Augen waren noch wunderlich klar und blau. Neben dem
Rollstuhl schritt die Schwester des Barons, die Baronesse Arabella, hin, gro
und hager in ihrem schwarzen Mantel und dem wehenden Trauerschleier, das Gesicht
schmal und messerscharf zwischen den gebauschten weien Scheiteln. So ging es
die feuchten Herbstwege des Parks entlang, auf denen die Herbstbltter
raschelten. Von den Bumen fielen Tropfen, und die Wipfel waren voll lrmender
Nebelkrhen. Christoph steckte das Kinn tiefer in den aufgeschlagenen Kragen des
Livreemantels und schnaufte ein wenig in der Anstrengung des Stoens. Dann hielt
er pltzlich still, sein Herr hatte ein Zeichen mit der Hand gemacht, der Baron
sah zu seiner Schwester auf und sagte mit einer Stimme, die rgerlich und
geqult klang: Sag' mal, Arabella, was ist die Dachhausen fr eine Geborene? -
Birkmeier, die Fabrikantentochter, erwiderte die Baronesse ruhig und wie
mechanisch. Befriedigt lie der Baron den Kopf sinken, und Christoph schob den
Stuhl weiter.
    Und doch vor wenigen Wochen noch war Paduren die Hochburg des adeligen
Lebens in dieser Gegend gewesen, und der Baron Siegwart von der Warthe hatte
hier eine stille, aber unbestrittene Herrschaft ber seine Standesgenossen
ausgebt. Der kleine rundliche Herr mit dem strengen, feierlichen Gesicht, das
von dem weien Haar und weien Backenbart wie von einem silbernen Heiligenschein
umrahmt wurde, war das Gewissen dieses Adelswinkels gewesen. ffentliche mter
mochte er nicht bekleiden, in Versammlungen schwieg er. Ich bin kein
Tribnenlufer, pflegte er zu sagen, aber seine Ansicht war dennoch stets die
ausschlaggebende, und in jeder wichtigen Sache war es die Hauptfrage: Was sagt
von der Warthe? In Sachen der Politik und der Landwirtschaft, in
Familienangelegenheiten und Ehrenhndeln, berall sprach er das wichtigste Wort
mit. Er lieh Geld denen, die es ntig hatten und die er dessen wrdig hielt, und
wachte streng darber, da gute altedelmnnische Sitte hier nicht in Verfall
geriet. Wenn der Baron von der Warthe die greisen Augenbrauen in die Hhe zog,
mit der flachen Hand durch die Luft von oben nach unten fuhr, als machte er
einen Sargdeckel zu, und leise sagte: Hm, - ja, schade, aber der Mann ist
erledigt, dann war der Mann fr diese Gegend wirklich erledigt. Der Baron war
sich seiner Stellung wohl bewut, und er geno sie, und sie war vielleicht die
einzige wirkliche Freude seines Lebens. Immer wohlwollend wrdig zu sein,
geachtet und ein wenig gefrchtet zu werden, mag ein groes Gut sein, es macht
jedoch einsam und ist nicht gerade heiter. Das gab dem Baron wohl auch den
feierlichen, ein wenig ungemtlichen Ausdruck; er sah aus, als drfe er sich nie
gehen lassen und als sei ihm dieses selbst zuweilen unbequem. Dietz von Egloff,
der es liebte, von lteren Herren respektlos zu sprechen, meinte: Dem Gesicht
des alten Warthe wrde ich es gnnen, sich einmal eine Stunde lang nach
Herzenslust verziehen zu drfen, um sich von der ewigen Wrde grndlich erholen
zu knnen. Der Baron liebte es, wenn es heiter um ihn her war, seine Jagden und
sein Rotwein waren berhmt, aber er konnte sich nicht verhehlen, da die Leute
sich gerade dann am besten unterhielten, wenn er zufllig nicht zugegen war. Das
mochte ihn zuweilen ein wenig melancholisch machen, aber er gestand sich das
selbst nicht ein und war berzeugt, da er das bessere Teil erwhlt habe, die
Weisheit, die Wrde und die Macht. Die jungen Leute liebten ihn nicht, lachten
ber ihn, wenn sie unter sich waren, und nannten ihn den Baron Mibilligung.
Allein sie frchteten ihn, und wenn sie in Schwierigkeit gerieten, wandten sie
sich stets an ihn. Die alten Herren bewunderten ihn und lauschten seinen Worten
wie einem Evangelium.
    Am Kamin bei der Nachmittagszigarre liebte es der Baron, zu seinem alten
Freunde, dem Baron Port auf Witzow, von seinen Grundstzen zu sprechen:
Ansichten, die jungen Leute wollen jetzt allerhand Ansichten haben. Nun ja, ich
bestreite ja nicht, es mag allerhand Ansichten und Grundstze geben, die ganz
gut und richtig sind fr andere. Man braucht ja schlielich kein Edelmann zu
sein, aber fr uns gibt es gewisse Ansichten und Grundstze, die richtig und
wahr sind, nicht weil jemand sie uns bewiesen hat, sondern weil wir wollen, da
sie richtig und wahr sind. Mir braucht man nichts zu beweisen und zu erklren.
Ich will, da das und das wahr und richtig ist, weil, wenn das falsch ist, ich
nicht mehr der von der Warthe bin, der ich bin, und du nicht von Port bist, der
du bist, weil wir sonst beide alte Narren wren. Siehst du, das sage ich.
    Als sein Freund zu sprechen anfing, hatte der Baron Port sich aus der
leichten Nachmittagsschlfrigkeit aufgerttelt. Er beugte den schweren
Oberkrper nach vorn, legte die Hand an das Ohr und hrte aufmerksam zu. Als die
Rede zu Ende war, schlug er dem Baron von der Warthe mit der flachen Hand auf
das Knie und meinte: Da hast du wieder recht, Bruder. Dann lehnten die beiden
Herren sich in ihre Sessel zurck und sogen befriedigt an ihren Zigarren.
    Vorbildlich wie die Ansichten und die Landwirtschaft des Baron von der
Warthe fr seine Nachbarn waren, so war es auch sein Haus, die hohen Zimmer voll
weitlufiger, schwerer Mahagonimbel, groer Kachelfen, voller Ahnenbilder und
alten Silbers, in denen sich ein Leben geregelter Wohlhabenheit behaglich
abspann. Unsere Vornehmheit ist schlicht, pflegte der Baron zu sagen. Er
liebte das Wort schlicht und fuhr gern, wenn er es aussprach, mit der flachen
Hand waagerecht durch die Luft. Da die beiden Kinder des Barons in Paduren,
Fastrade und Bolko, Vorbilder fr alle Kinder der Nachbarschaft waren, das wute
jedes Kind der Gegend. Die Baronin von der Warthe war bei der Geburt ihres
zweiten Kindes gestorben, die Baronesse Arabella stand dem Haushalt ihres
Bruders vor und erzog die Kinder, und auch diese Erziehung wurde allgemein
bewundert. Da war der Hauslehrer, Herr Arno Holst, der Bolko auf die hheren
Gymnasialklassen vorbereiten sollte und die eben erwachsene Fastrade noch in
Literatur und Kunstgeschichte einfhrte. Ein schmalschulteriger junger Mann mit
kurzsichtigen braunen Augen, blonden Locken und einem hbschen Mdchengesicht.
Er war sehr musikalisch, sang mit einer schnen Baritonstimme, las Schillersche
Dramen vor und war von einer fast knabenhaft schwrmerischen Begeisterung fr
alles Schne. Der Padurensche Hauslehrer war in der ganzen Nachbarschaft
berhmt. Es ist toll, sagte Baron Port zu seiner Frau, wenn der Warthe sich
was anschafft, so ist es unfehlbar erster Gte. Wie er das nur macht? Hat er
einen Hhnerhund, so ist der hasenreiner als alle unsere Hunde, nimmt er sich
einen Hauslehrer, so ist das gleich ein ungewhnlich scharmanter Kerl.
    Krnklich scheint er mir, sagte die Baronin, die es nicht liebte, die
Schattenseiten an Menschen und Sachen zu bersehen. Um so greres Erstaunen
erregte die Nachricht, Herr Holst habe das Schlo pltzlich verlassen. In
Paduren tat man so, als sei nichts Besonderes geschehen, es sei eben an der
Zeit, Bolko auf das Gymnasium zu schicken. Allein ein Gercht, niemand wute,
woher es kam, wollte nicht verstummen, es erzhlte von wunderlichen Dingen,
welche sich in Paduren ereignet haben sollten. Hatte sich Herr Holst in Fastrade
verliebt? Hatte Fastrade sich in den hbschen Hauslehrer verliebt? Hatten sie
sich verlobt, und hatte es einen bsen Familienauftritt gegeben? Niemand glaubte
so recht daran, dennoch wurde auf den benachbarten Gtern eifrig darber
geflstert, und es war, als sei den meisten der Gedanke nicht angenehm, da es
auf Paduren auch nicht immer so einwandfrei hergebe, wie es scheinen wollte. Von
Warthes war natrlich nichts zu erfahren. Bolko kam auf das Gymnasium, der Baron
war wrdig und voll Autoritt wie immer, die Baronesse Arabella schwieg, und
Fastrade sah man wie sonst auf ihrem kleinen Schimmel die Waldwege entlang jagen
im blauen Reitkleid. Unter der weien Knabenmtze flatterte blondes Haar um das
runde, ber und ber rosa Gesicht, auf den Lippen ein stetiges Lcheln, als
lchelte sie dem scharfen Luftzuge der tollen Bewegung zu. Auch in Gesellschaft
war sie wie sonst das unbefangene heitere Mdchen mit dem hinreienden Lachen.
Sie bog dann den Kopf zurck, ffnete die Lippen ein wenig weit, und die Augen
wurden glitzernd und feucht. Die Augen der kleinen Warthe machen mich durstig,
hatte Dietz von Egloff gesagt, auf der ganzen Welt habe ich nach einem Getrnk
gesucht, so stark blau und ganz durchsichtig, aber das gibt es nicht.
    Zwei Jahre vergingen, Bolko bezog die Universitt, Fastrade feierte ihren
einundzwanzigsten Geburtstag, als wiederum eine Nachricht die Gegend in
Aufregung versetzte. Fastrade, hie es, verlasse ihr vterliches Haus, um fern
irgendwo, in Hamburg sagte man, im Krankenhause die Krankenpflege zu erlernen.
Die Nachricht besttigte sich und war doch so unglaublich. Wie oft hatten nicht
alle es von dem Baron von der Warthe gehrt: Unsere Tchter gehren in unser
Haus, bis sie ihr eigenes beziehen. Tochter eines adeligen Hauses zu sein ist
ein Beruf, der ebenso wichtig ist, wie jeder andre Beruf. Und noch letzthin,
als die zweite Tochter der Ports nach Dresden ging, um ihre Stimme auszubilden,
hatte der Baron das eine Desertion genannt. Und nun desertierte seine einzige
Tochter, lie die beiden alten Leute allein. Was war geschehen? In Paduren
schwieg man darber wie immer. Man glaubte zu bemerken, da der Baron nach der
Abreise seiner Tochter strenger und unnachsichtiger in seinen Urteilen war, da
er ungeduldig wurde, wenn man ihm widersprach, aber sonst war keine Vernderung
bemerkbar. Groe Jagden wurden in Paduren abgehalten, bei denen er nervs die
Jugend zur Heiterkeit aufmunterte. Ja, er selbst bemhte sich, heiter zu sein,
sprach viel von Bolko, von dem Studentenleben, erzhlte aus der eigenen
Studentenzeit verschollene Studentenstreiche, ber die nur er und der Baron Port
lachen konnten.
    An einem Novemberabend trat die Baronesse Arabella in das Arbeitszimmer
ihres Bruders, sie fand ihn in seinem Sessel sitzend, den Kopf zurckgelehnt,
das Gesicht grau und wie zerfallen, die Augen geschlossen, in der Hand hielt er
ein Telegramm. Mein Gott! Siegwart! rief die Baronesse. Matt reichte er ihr
mit der einen Hand das Telegramm, mit der anderen winkte er. Er wollte allein
sein. Das Telegramm meldete, Bolko sei im Duell gefallen. Die Baronesse ging, um
sich in ihr Zimmer zu verschlieen und zu weinen. Im Schlosse wurde es eine
Weile ganz still, als die Nacht aber hereingebrochen war, begannen Schritte
unablssig durch die lange Zimmerflucht zu irren, und wenn sie an der Tr der
Baronesse vorberkamen, glaubte diese etwas wie ein leises Wimmern zu hren. Den
nchsten Morgen war der Baron bleich und gefat, traf die Vorbereitungen fr die
Bestattung seines Sohnes und empfing die Trauerbesuche. Er war feierlich und
wrdevoll wie immer, nur schien es zuweilen, als gerieten diese Feierlichkeit
und diese Wrde ins Schwanken, als mte er sie gewaltsam festhalten wie einen
schweren Mantel, der von den Schultern herabzugleiten droht.
    Nach dem harten Schlage, der sie getroffen, zeigten die Einwohner von
Paduren sich nicht in der Nachbarschaft. Sie blieben zu Hause und gingen recht
schweigsam in den groen Rumen nebeneinander her. Einmal sagte die Baronesse
Arabella zu ihrem Bruder: Unsere Fastrade, soll unsere Fastrade nicht kommen?
Er aber winkte rgerlich ab. Die Nachbarn trauten sich nicht recht in das so
still gewordene Schlo, nur der Baron Port besuchte seinen Freund. Dann saen
sie beide wie sonst am Kamin bei der Nachmittagszigarre, und der Baron von der
Warthe sprach von seinen Grundstzen und den falschen Ansichten der jungen
Leute, er wollte sich wieder an den eigenen schnen und vernnftigen Worten
erfreuen, aber es war, als schmeckten sie ihm nicht mehr, die Stimme begann zu
zittern, wurde kleinlaut und mutlos und versiegte endlich ganz. Dann beugte sich
der Baron Port vor und klopfte seinem alten Freunde sanft auf das Knie. - Der
Warthe ist nicht mehr der alte, berichtete Baron Port seiner Frau, er hlt
sich, er hlt sich, aber das mit dem Sohn ist fr ihn doch zu stark gewesen.
    Ja, es war fr ihn zu stark gewesen. Als Christoph eines Nachmittags in das
Arbeitszimmer seines Herrn trat, wo dieser auf einem groen Sessel seine
Nachmittagsruhe zu halten pflegte, fand er ihn auf dem Fuboden liegend. Der
kleine Herr lag da, Hnde und Fe hilflos von sich gestreckt, das Gesicht grau
und wie von einer Qual verzerrt inmitten des silbernen Heiligenscheines der
Haare und des Backenbartes. Ein Schlaganfall hatte ihn getroffen, hatte den
armen Baron Mibilligung in einem Augenblick all seiner Feierlichkeit und
seiner schnen Haltung entkleidet und ihn zu einem hilflosen alten Manne
gemacht.

                                Zweites Kapitel


Die Baronesse Arabella hatte sich entschlossen, am Nachmittage einen Besuch bei
der Baronin Port zu machen. Die Krankenstubenstille des Schlosses qulte sie wie
eine Krankheit. Sie wollte Menschen sehen und sprechen, vor allem sprechen. So
fuhr Mahling sie in der groen Kalesche nach Witzow hinber. Die Herbstwege
waren schlecht, das Wetter feucht und kalt unter einem niedrigen grauen Himmel,
der Wind whlte im feinen Gezweige der Hngebirken wie in feuchtem roten Haar.
Zwischen den Schollen der aufgepflgten cker lag hier und da schon ein wenig
Schnee. Alles sah unreinlich aus und als ob es friere. Aber die alte Dame
blickte mit einem liebenswrdigen und angeregten Lcheln auf die Landschaft
hinaus. Sie machte schon jetzt ihr Besuchsgesicht, denn sie freute sich wirklich
herzlich auf ihren Nachmittag. Das weie Witzowlandhaus mit der niedrigen
Treppe, vor dem sie jetzt hielten, erschien ihr heute besonders anheimelnd, auch
der groe Flur, der stets nach feuchtem Kalk roch und in dem die Baronesse
jedesmal dachte: Die gute Karoline kann sagen, was sie will, das Haus ist doch
feucht.
    Sylvia, die lteste Tochter des Hauses, ein schlankes, ltliches Mdchen mit
einem bleichen Gesicht und einem gefhlvollen, ein wenig mitleidigen Lcheln,
empfing die Baronesse. Sylvia hatte eine Art, die Leute zu begren, als seien
sie krank und bedrften der Teilnahme und der Schonung. Und das tat der alten
Dame heute wohl. Im Wohnzimmer auf dem groen Sofa mit der zu steifen Rcklehne
sa die Baronin Port, eine sehr starke Dame, das Gesicht stets rot und erhitzt
unter der weien Blondenhaube. Nun, meine gute Arabella, sagte sie mit einer
lauten, tiefen Stimme, da sind Sie, ich habe an Sie schon wie an eine
Verstorbene gedacht. Die Baronesse lchelte wehmtig: Ach ja, zuweilen mchte
man wirklich schon gestorben sein.
    Na, na, es kommen wieder bessere Zeiten, beschwichtigte die Baronin,
setzen Sie sich, und erzhlen Sie, wie geht es bei Ihnen?
    Immer das gleiche, erwiderte die Baronesse, doch nein, eine gute
Nachricht habe ich, unsere Fastrade kommt, ich habe an sie geschrieben, und sie
kommt.
    So. Die kleinen Augen der Baronin wurden blank vor Neugierde, und sie
lftete die Blondenhaube ein wenig an den Ohren, um besser hren zu knnen. So,
die kommt also, jetzt erst.
    Die Baronesse zog traurig die greisen Augenbrauen empor und meinte: Bisher
hatte es der Vater nicht gewollt, aber jetzt -. Und immer wegen des jungen
Menschen? fragte die Baronin gespannt. Die Baronesse nickte, sie schwieg einen
Augenblick, lehnte den Kopf zurck. Sie wute, jetzt wrde sie ber alle diese
Dinge sprechen, ber die sie so lange hatte schweigen mssen. Aber sie konnte
nicht anders. Sylvia ging leise ab und zu und servierte den Tee. Die Baronin
nahm eine Strickarbeit mit klappernden elfenbeinernen Nadeln, wie beruhigt
darber, da sie ihren Besuch jetzt dort hatte, wo sie ihn haben wollte.
    Ach ja! Was man nicht erlebt, begann die Baronesse, und denken Sie sich,
ich hatte doch von allem nichts gemerkt, ich merke so etwas nie. Erst als eines
Tages die beiden sich an der Hand faten und in das Schreibzimmer meines Bruders
gingen, da packte mich der Schrecken, die Knie zitterten mir so, da ich mich
setzen mute.
    Also einfach eine Verlobung, bemerkte die Baronin sachlich.
    Ja, erwiderte die Baronesse, die armen Kinder dachten sich wohl so etwas,
aber mein Bruder machte dem allen schnell ein Ende.
    Wie ertrug es Fastrade? inquirierte die Baronin weiter.
    Die Baronesse seufzte, diese langverschwiegenen Dinge herauszusagen, ergriff
sie so stark. Fastrade, Sie kennen sie ja, ist ein so starkes und mutiges
Mdchen, wenn sie gelitten, hat sie es uns nie gezeigt. Und wie die Zeit
verging, glaubte ich, sie htte ihn vergessen. Da kommt nun dieser Geburtstag,
an dem sie dem Vater erklrt, sie mu fort in ein Krankenhaus, sie ist
volljhrig, sie hat Geld von ihrer Mutter; was gesprochen wurde, wei ich ja
nicht, Sie kennen meine Feigheit; wenn so etwas in der Luft liegt, verkrieche
ich mich in mein Zimmer. Da kommt nun das Kind, wei wie ein Tuch und sagt: Ich
reise. Liebes Kind, sage ich, nur eins mchte ich wissen, ist es seinetwegen?
Sie sieht mich ruhig an und sagt klar und fest: Er ist krank und in Not, da mu
ich bei ihm sein. Was konnte ich da sagen, ich habe ja nie recht was zu ihr
sagen knnen. Als sie noch ein kleines Mdchen war, fhlte ich, da sie von uns
beiden immer die Klgere und Strkere war. So reiste sie denn. Es war gute
Schlittenbahn, ich stand im groen Saal am Fenster und hrte noch den Schellen
ihres Schlittens zu, die man bei uns ja so weit von der Landstrae hrt, da kam
mein Bruder aus seinem Zimmer, setzte sich an den Kamin, stocherte mit der Zange
in den Kohlen herum und murmelte so vor sich hin: Auf dem Posten bleiben will
keine. Das ist wohl auch schwerer, ein Frulein von der Warthe zu sein, als so
etwas anderes.
    Also sie fuhr direkt zu dem jungen Menschen, sagte die Baronin scharf.
    Nun ja, erwiderte die Baronesse zgernd, er war krank, lag im
Krankenhaus, da hat sie ihn wohl gepflegt und dann, dann starb er.
    Die Baronin lie die Arbeit sinken und blickte berrascht auf: Er starb?
Gott sei Dank!
    Wollen wir uns nicht versndigen, liebe Karoline, meinte die Baronesse
wehmtig, der arme junge Mensch! Vielleicht war es so besser.
    Viel besser, besttigte die Baronin, berhaupt, die Sache ist dann nicht
so schlimm, aber das kommt von der Geheimtuerei, da denkt man gleich wer wei
was.
    Und dann, liebe Karoline, versetzte die Baronesse und lchelte gerhrt,
unserer Fastrade kann man dies alles nicht anrechnen, sie hat ein zu heies
Herz. Als unser kleiner Hund umkam, sie war noch ein kleines Kind, da hat sie
doch die ganze Nacht geweint und geradezu gefiebert. Und spter, als die alte
Wrterin Knaut starb, - mein Bruder hatte gewnscht, da die Kinder bei der
Beerdigung mit auf den Friedhof genommen werden, sie sollten sich frh an solche
Pflichten gewhnen, sagte er -, nun gut, am Abend, es war im Juni, ist Fastrade
fort. Man sucht sie und wo findet man sie? Sie sitzt auf dem Friedhofe in der
Abenddmmerung am Grabe der Knaut, sie will die Knaut nicht allein lassen. So
war sie immer.
    Von ihrem Sitz aus konnte die Baronesse die dmmerige Zimmerflucht entlang
sehen, an deren Ende jetzt die breite Gestalt des Baron Port erschien und
langsam herankam. Er war von seinem Nachmittagschlafe aufgestanden und schien
verstimmt, er begrte die Baronesse kurz und setzte sich an den Tisch. Wir
sprechen von der Fastrade, sagte die Baronin, sie kommt endlich nach Hause.
    Der Baron machte eine abwehrende Handbewegung und beugte sich ber die
Teetasse, welche seine Tochter vor ihm hingestellt hatte.
    Und Ihre Gertrud kehrt ja auch wieder zu Ihnen zurck, versetzte die
Baronesse.
    Da begann der Baron zu sprechen, heiser und undeutlich, als lge ihm nichts
daran, da er verstanden werde: Ja, zurck kommen sie alle, aber wie? Die
Nerven kaputt, zerzaust wie die Hhner nach dem Regen, der arme Warthe hatte
ganz recht, keine will auf dem Posten bleiben. Frher hatten die adeligen
Frulein nie solche Talente, die ausgebildet werden muten, das ist auch so die
neue Zeit. Dieses knarrende Schelten schien ihm wohlzutun, er fuhr daher fort,
verbi sich in seinen rger: So bin ich gestern bei Dachhausens zu Mittag. Na,
da es dort nach Finanz riecht, dafr knnen sie nichts, sie ist ja eine
Fabrikantentochter, aber er ist ein braver Junge, und einer der Unseren. Gut, es
wird also ein Rehbraten serviert, einer unserer ehrlichen, heimatlichen Bcke,
aber ringsum auf derselben Schssel liegen so halbe Orangeschalen voll
Orangegefrorenem, so das se Zeug, das man beim Konditor kriegt.
    Ist das gut? fragte die Baronesse teilnehmend.
    Der Baron zuckte mit den Schultern: Gut! In Berlin und Paris versucht man
mal so abenteuerliches Zeug, aber hier bei uns - ich kann mir nicht helfen, mir
kommt so was pervers vor. Na und unser anderer Nachbar, der Egloff in Sirow, da
er sein Haar gescheitelt trgt wie ein Mennonitenprediger, ist seine Sache, das
soll amerikanisch sein. Also vorigen Tag war ich Geschfte wegen bei ihm, da
stellte er mir so einen kleinen Kerl vor, schwarz wie ein Tintenfa, der ist ein
portugiesischer Marquis, und einen langen Grauhaarigen mit einer blauen Brille,
der ist wieder ein polnischer Graf. Und die Gromutter, die alte Baronin, sieht
diese unheimlichen Leute strahlend an und freut sich, da ihr Dietz so vornehme
Bekannte hat. Und wenn sie abends in ihrem Zimmer sitzt und sich von dem
Frulein Dussa die frommen Bcher vorlesen lt, dann horcht sie hinaus auf das
Toben der Herren im Spielzimmer und ist glcklich, da ihr Dietz sich so gut
unterhlt dort am grnen Tisch, wo er das Familienvermgen riskiert.
    Der Baron schttelte sich wie von Widerwillen bermannt und schlo dster:
Eins wei ich, ich werde diese Komdie nicht mehr lange anzusehen haben, mein
Parkettsitz wird bald leer sein.
    Alle schwiegen; die Dmmerung war vollends hereingebrochen. Als ihr Vater zu
sprechen begonnen, hatte Sylvia sich erhoben und ging lautlos die Zimmerflucht
auf und ab, zuweilen blieb sie an einem Fenster stehen und schaute hinaus auf
den schwefelgelben Streifen, der am Abendhimmel ber dem schwarzen Walde hing.
Eine, die bleich und nachdenklich auf ihrem Posten geblieben war.
    Da die Dunkelheit kam, machte die Baronesse sich auf den Heimweg. Als sie im
Wagen sa, sagte sie sich, da es dort bei Ports nicht eben heiter gewesen war,
aber sie hatte sprechen knnen, und das empfand sie wie eine Erleichterung nach
allem Schweigen.

                                Drittes Kapitel


Es war reichlich Schnee gefallen, die Abenddmmerung lag blau ber der weien
Decke. Die Baronesse Arabella hatte zwei Lampen im groen Saal anznden lassen
und ging nun unablssig dort auf und ab, die eingefallenen Wangen leicht
gertet. Oft blieb sie stehen und lauschte hinaus auf ein Schellengelute, das
fern von der Landstrae herbertnte. Solchem Schellengelute zuzuhren, wie es
von der Strae herklang, an den Biegungen schwcher wurde, wie es sich entfernte
oder nher kam, war ihr stets eine gewohnte Beschftigung an stillen
Winterabenden gewesen, und wie bedeutungsvoll war dieses Gelute zuweilen, an
dem Abend, da Fastrade von ihnen fuhr, und wiederum an jenem Abend, da die
Glocke der Estafette immer nher kam, welche die Nachricht von des armen Bolko
Tode brachte. Seitdem schien es der Baronesse, als knnte sie aus den Stimmen
der Schellen etwas von dem heraushren, was dort auf der Landstrae zu ihr
herankam. Heute, glaubte sie, heute klngen die Schellen besonders hell und
erregend, es war Fastrade, die da kam. Die alte Dame freute sich, aber in dieser
Freude lag eine Aufregung, die sie fast schmerzte.
    Jetzt war das Geklingel ganz nahe, es machte einen groen Bogen im Hofe und
hielt vor der Freitreppe. Geruschvoll ffnete Christoph die Haustre. Die alte
Dame stand regungslos da und horchte auf die Schritte im Flur. Fastrades Stimme
mit ihrem metalligen Schwingen sagte. Guten Abend, Christoph, wie unverndert
Sie sind, nur grau sind Sie geworden. - Wir sind hier alle grau geworden,
gndiges Frulein, erwiderte Christoph. Jetzt ffnete sich die Tr, und
Fastrade stand da in ihrer hbschen, aufrechten Haltung. ber dem schwarzen
Trauerkleide nahm sich der blonde Kopf, das runde, von der Fahrt leicht gertete
Gesicht wunderbar hell und farbig aus. Sie lchelte ihr Lcheln, das ihr so
leicht auf die Lippen stieg, und die Augen, von der Dmmerung verwhnt,
blinzelten in das Licht. Die Baronesse stand noch immer wie hilflos da und
weinte. Erst als Fastrade sie in ihrer bekannten schtzenden Art in die Arme
nahm, den alten zerbrechlichen Krper hielt und leitete, da fhlte die Baronesse
wieder die ganze Wrme dieser Gegenwart, nach der ihr alle Jahre hindurch
gefroren hatte.
    Fastrade fhrte die Baronesse zum Sofa, lie sie dort niedersitzen, setzte
sich neben sie und hielt die beiden alten Hnde in den ihren. Die Baronesse
weinte still vor sich hin, Fastrade sa ruhig da und lie ihre Blicke im Zimmer
umherschweifen, suchte die Sachen an ihren gewohnten Pltzen auf. Es stand alles
dort, wo es einst gestanden, alles war unverndert, und dennoch schien es ihr,
als sei es verblater, farbloser als das Bild, welches sie die ganze Zeit ber
in ihrer Erinnerung herumgetragen, das Getfel schien dunkler, die Seide der
Mbel verschossener, die Kristalle des Kronleuchters undurchsichtiger. All das
erschien Fastrade wie eine Sache, die wir sorgsam verschlieen, und wenn wir sie
endlich wieder hervorholen, wundern wir uns, da sie in ihrer Verborgenheit alt
und bla geworden ist. Und auch die Tne des Hauses waren die altbekannten. Aus
dem Zimmer ihres Vaters hrte man die fette, knarrende Stimme des Inspektors
Ruhke dringen, aus dem Ezimmer klang das Klirren von Glsern, das Klappern von
Tellern herber, und endlich im kleinen Kabinett neben dem Saale sang eine ganz
dnne, zitternde Stimme eine hpfende Melodie leise vor sich hin. Das war die
uralte Franzsin Couchon, die schon die Lehrerin der Baronesse gewesen war. Sie
sa an der grn verhangenen Lampe in sich zusammengebogen, das Gesicht ganz
klein unter der enganliegenden grauen Sammethaube, legte ihre Patience und
trllerte leise ihre verschollene franzsische Melodie. Das ergriff Fastrade so
stark, da sie laut sagen mute: Ah, Ruhke ist bei Papa, und Christoph deckt im
Ezimmer den Tisch, und Couchon sitzt noch bei ihrer Patience und singt.
    Ja, Kind, sagte die Baronesse, wir haben nichts anderes zu tun, als zu
sitzen und zu warten, bis eines nach dem anderen abbrckelt.
    Fastrade erhob sich schnell von ihrem Sitz, als wollte sie etwas
abschtteln: Ich will Couchon begren, sagte sie und ging in das Kabinett
hinber. Die alte Franzsin hob ihr kleines Gesicht zu Fastrade auf, lchelte
mit dem lippenlosen Munde und sagte: Te voil, ma fillette,  la bonne heure.
Dann wandte sie sich wieder ihren Karten zu. Jetzt beschlo Fastrade, zu ihrem
Vater hineinzugehen. Auch dort erhellte eine Lampe mit grnem Schirm das Zimmer
nur matt, der Baron sa auf seinem Sessel sehr gebeugt, der Kopf war ihm auf die
Brust gesunken, er schien zu schlafen, das schne Silberhaar war fort, und das
Lampenlicht lag auf der blanken groen Glatze. In der Ecke stand der Inspektor
Ruhke unfrmlich gro und dick, und eine Atmosphre von Schnee und Transtiefeln
umgab ihn. Fastrade kniete vor ihrem Vater nieder und sagte: Hier bin ich
wieder, Papa. Der Baron erhob seinen Kopf und sah sie an, die Augen waren noch
immer klar und blau, aber das bleiche Gesicht schien zu mde zu sein, um einen
Ausdruck zu haben. So, so, sagte der Baron und versuchte matt zu lcheln,
deine Tante sagte mir, du wrdest kommen. Dann strich er mit der Hand ber
Fastrades Wange. Kalte Wangen, bemerkte er, so, so, setze dich dort hin,
Kind, Ruhke ist noch nicht zu Ende, es ist gut, wenn du das mitanhrst. Nun,
Ruhke, also die lkuchen. Der Baron lie wieder den Kopf auf die Brust sinken,
Fastrade setzte sich in einen der groen Sessel, Ruhke rusperte sich verlegen
und begann dann wieder mit der fetten, knarrenden Stimme zu sprechen, sprach von
lkuchen, die von der Station abgeholt werden sollten, von einem Stier, der
krank zu sein schien, von Brettern, die gesgt werden sollten, er sprach
eintnig und mechanisch wie einer, der wei, da niemand ihm zuhrt, und endlich
schwieg er ganz. Wie vom Stillschweigen geweckt, schaute der Baron auf und
sagte: Das ist alles? Nun, dann guten Abend, Ruhke. - Guten Abend, erwiderte
der Inspektor und schob sich zur Tr hinaus. Jetzt wurde es ganz still im Zimmer
mit seiner grnen Dmmerung, der Baron lie wieder den Kopf sinken und
schlummerte, einmal sah er auf und fragte: Viel Schnee auf der Landstrae? -
Ja, Papa, erwiderte Fastrade. Darnach schwiegen sie wieder. Fastrade sa da,
die Hnde im Scho gefaltet, die Augen weit offen und auf dem Gesicht ein
Ausdruck, als trumte sie einen schweren Traum. Drauen im Saal begann die groe
Uhr langsam und tief neun zu schlagen, Christoph kam, um seinen Herrn zu Bette
zu bringen. Ich gehe jetzt schlafen, sagte der Baron, du kommst dann wieder,
Kind, und liest. Und es kam in das bleiche Gesicht etwas wie Heiterkeit, als er
hinzufgte: Es ist gut, wenn man wieder beisammen ist.
    Im Esaal saen die Baronesse und Fastrade sich gegenber, und auch hier kam
das vergangene Leben mit jedem Gerte und jeder Speise mchtig ber Fastrade.
Das Porzellan mit dem schwarzen Monogramm, der silberne Samowar, der Geschmack
der Koteletten und der Semmel, alles schien das Leben gerade da wieder
anzuknpfen, wo sie es vor Jahren verlassen hatte, und mechanisch wie frher
stand Fastrade von ihrem Stuhle auf, um sich vor den Samowar zu stellen und den
Tee zu machen. Die Baronesse erzhlte unterdessen, erzhlte gelufig und klagend
von all dem Traurigen, das sich in den Jahren ereignet hatte. Nach dem Essen
mute Fastrade zu ihrem Vater gehen und vorlesen, sonst war es die Baronesse,
die dort im Schlafzimmer die Memoiren des Herzogs de Saint Simon vortrug, bis er
eingeschlafen war. Fastrade fand ihren Vater im Bette liegend mit geschlossenen
Augen, er ffnete die Augen auch nicht, als sie eintrat, und murmelte nur ein
leises so, so. Als sie sich jedoch an den Tisch mit der grnverhangenen Lampe
setzte und das Buch zur Hand nahm, hrte sie die Stimme ihres Vaters klar und in
dem frher gewohnten, belehrenden Tonfall das Wort Pflichtenkreis sagen. Sie las
nun. Im Hause war es ganz still geworden, vom Bett her klang das schwere und
mhsame Atmen des alten Mannes herber, und all das war so furchtbar bedrckend,
da Fastrade es hrte, wie ihre eigene Stimme zuweilen zitterte und fast
versagte, whrend sie die langwierige Geschichte von dem Streit der
franzsischen Herzge um den Vortritt vortrug. Endlich ffnete Christoph leise
die Tr und machte ein Zeichen, da es genug sei.
    Als die Baronesse Fastrade in ihr Zimmer fhrte, weinte sie wieder und
sagte: Kind, nach all diesen Jahren werde ich zum ersten Male wieder mich
glcklich zu Bett legen.
    Als sie allein war, blieb Fastrade mitten in ihrem Zimmer stehen und lie
die Arme schlaff herabhngen. Eine dunkele Traurigkeit machte sie todmde. All
das still zu Ende gehende Leben um sie her schwchte auch ihr Blut, nahm ihr die
Kraft weiterzuleben; wir sitzen still und warten, bis eines nach dem anderen
abbrckelt, klang es wie eine leise Klage in ihr Ohr, und dann bumte sich
etwas in ihr auf, sie htte die Traurigkeit von sich abreien mgen wie ein
lstiges Kleid. Schnell ging sie zum Fenster, ffnete die schweren Fensterlden,
stie das Fenster auf und schaute in den Garten hinab. Im Scheine groer,
unruhig flimmernder Sterne lag die Winternacht da, wei und schweigend, die Luft
schlug ihr feucht und kalt entgegen, Bume ragten wie groe weie Federn gegen
den Nachthimmel auf, und an ihnen vorber konnte Fastrade in eine Ferne sehen,
die von einer weien Dmmerung verschleiert unendlich schien. Hier war Raum,
hier konnte sie atmen, hier in der Khle schlief das groe, starke Leben, zu dem
sie gehrte. Und wie sie so hinausschaute in all das Weie, mute sie an das
Krankenhaus denken mit den langen, weien Korridoren, den weien Tren, hinter
denen das Leiden und die Schmerzen wohnten, aber die Leiden und der Schmerz dort
waren etwas wie eine berechtigte Einrichtung, man diente ihnen, man lebte fr
sie, und auch das Mitleid war eine Einrichtung, man trug es leicht wie an einer
Gewohnheit und stand nicht hilflos davor wie hier als vor einer groen Qual.
Wenn sie dort aus den Krankenstuben kam, fand sie drauen in den Korridoren
geschftiges Leben, eilige rzte in weien Kitteln rannten an ihr vorber, man
rief sich etwas Heiteres zu, man lachte und man fhlte sich tapfer und ntzlich
in diesem frischen, fast munteren Kampfe gegen die Feinde des Lebens. Fastrade
fror, aber sie empfand wieder, da sie warmes junges Blut in ihren Adern hatte,
empfand die Kraft ihres Krpers, und sie fhlte ihr Leben wieder als etwas, auf
das sie sich trotz allem freuen durfte. Schnell schlo sie das Fenster, jetzt
wollte sie schlafen.

                                Viertes Kapitel


Es war noch ganz finster, als Fastrade erwachte. Es mute Zeit sein, die
Nachtwache abzulsen, dachte sie und setzte sich im Bette auf, aber als sie
hinaushorchte, herrschte drauen tiefes Schweigen, statt des Ab- und Zugehens
leiser Schritte, das im Krankenhause nie verstummte. Da erinnerte sie sich, sie
war zu Hause. Sie lehnte sich wieder in die Kissen zurck, hob die Arme empor,
faltete die Hnde ber dem Scheitel und starrte in die Finsternis hinein.
Anfangs war es ein Gefhl starken Wohlbehagens, liegen bleiben, schlafen zu
drfen, wie oft hatte sie sich im Krankenhause das gewnscht, allein der Schlaf
kam nicht, und die Bilder von gestern abend stiegen wieder auf, das bleiche
Gesicht ihres Vaters, die schmale, schwarze Gestalt der Tante Arabella, wie sie
mitten in dem groen Saale stand und hilflos weinte. Sie fuhr auf, nein, diese
schmerzhafte Hoffnungslosigkeit, die sie gestern abend krank gemacht, sollte
nicht wieder ber sie kommen. Sie zndete die Kerze an und begann sich
anzukleiden. Das erfrischte sie; sie dachte an Kinderzeiten, wenn die kleine
Fastrade es vergessen hatte, den franzsischen Aufsatz zu machen, und sich
frierend am Wintermorgen bei Kerzenschein ankleidete, whrend alles um sie her
noch schlief.
    Drauen in der langen Zimmerflucht herrschte noch Finsternis. Ab und zu ging
eine Magd mit lautlosen Schritten, ein Lichtstmpfchen in einem Leuchter in der
Hand, und die kleine Flamme lie groe Schatten die Wnde entlang irren. Vor den
mchtigen Kachelfen hockten graue Gestalten, schichteten Holz in das Ofenloch,
zndeten es an, und die feuchten Scheite begannen laut und rgerlich zu
prasseln. Verwundert und fast ngstlich wie auf ein Gespenst schauten die Mgde
Fastrade an, als sie da pltzlich unter ihnen erschien und langsam durch die
Zimmer ging. Es war Fastrade, als knnte sie alle diese Gemcher jetzt, da sie
in der Finsternis oder im flackernden Ofenschein zu schlafen schienen, leise
beschleichen, um in ihnen all das wiederzufinden, was sie einst gekannt und
geliebt hatte. Das Kabinett neben dem Saal war hell vom Ofenfeuer erleuchtet,
vor dem Ofen sa Merlin, der alte Setter, und schaute ernst in die Flammen; als
Fastrade eintrat, wandte er den Kopf nach ihr um und schaute sie ruhig an.
Merlin, sagte Fastrade, da stand er langsam auf, ging zu ihr hin und rieb
seinen Kopf sanft gegen ihr Knie; Fastrade mute an die stille, mde Art denken,
in der Tante Arabella sie gestern begrt hatte. Komm, Merlin, wir wollen uns
wrmen, sagte sie und setzte sich auf einen Sessel am Ofen nieder; Merlin sa
neben ihr und beide starrten jetzt in die Glut, und es war Fastrade, als wre
sie nie fort gewesen, als htte sie nie aufgehrt, zu diesem wunderlichen, alten
Hause zu gehren, in dessen dunklen, verschlafenen Ecken berall eine stumme
Klage zu wohnen schien.
    Aber das Sitzen in der Wrme machte schlaff, dazu trug Merlins schwarzes
Gesicht, trugen seine braunen Augen, die im Ofenschein glashell wurden, einen so
hoffnungslos beruhigten Ausdruck zur Schau, als knnte sich im Leben nie mehr
etwas ereignen. Ungeduldig stand Fastrade auf, ging wieder durch die Zimmer, die
Fensterlden waren geffnet worden, ein weier, dunstiger Wintermorgen schaute
durch die Fenster. Fastrade blickte in den Hof hinab, die Stlle und das
Gesindehaus standen da mit der unfreundlichen Deutlichkeit, die das Licht vor
Sonnenaufgang den Gegenstnden gibt. Es mute sehr kalt sein; aus der offenen
Stalltre dampfte es, auf die Treppe des Gesindehauses trat Ruhke heraus,
unfrmlich gro und dick, ganz in einen langen Schafpelz gehllt, das Gesicht
bleich und gedunsen. Mimutig schaute er den Weg zu den Wohnungen der Instleute
hinab, und auf diesem Wege kam ein langer Zug grauer Gestalten langsam und
widerwillig daher; fahle, mifarbene Flecken in all dem Wei. Es fror Fastrade;
wie entsetzlich freudlos schien dieser graue Zug, mute denn hier alles so
freudlos sein, mute denn hier alles, was man anschaute, wehe tun, konnte man
denn hier nie von diesem Mitleid loskommen? Sie wandte sich ab, im Saal
begegnete sie einem kleinen Dienstmdchen; in seiner rosa Kattunjacke, das rote
Tuch auf dem Kopfe, stand es da, die Wangen weinrot vom Frost, die kleinen Augen
blank. Als das Mdchen Fastrade sah, lachte es, ffnete den breiten, roten Mund
und zeigte die weien Zhne. Fastrade lachte auch. Trine, du bist es, sagte
sie, du bist gro geworden, und du bist hbsch geworden. Trine errtete ber
das ganze Gesicht, sie straffte ihren Krper unter dem dnnen Kamisol und
schttelte ihn ein wenig, als fhlte sie das Grosein und Hbschsein als etwas
Angenehmes und Warmes. Es wird heute kalt, fuhr Fastrade fort, nur um das
Mdchen noch zu halten, um dieses Junge, Farbige und Lachende noch vor sich zu
sehen. Ja, Frulein. - Aber es wird heute schn. - Ja, Frulein. Jetzt
ging die Sonne auf, rosenrotes Licht strmte in den Saal, glitt ber das dunkele
Getfel, verfing sich in den Kristallen des Kronleuchters. Trine stand da, ganz
rosig bergossen, und lachte ihr breites Lachen. Fastrade fhlte, wie auch das
Licht ber sie hinflo, fhlte auch sich jung und hbsch. Da ist die Sonne,
sagte sie. - Ja, nun kommt sie, meinte Trine und lief kichernd aus dem Zimmer.
    Jetzt begann es sich im Hause zu regen, Christoph kam und deckte den
Frhstckstisch, Frulein Grn, die Mamsell, erschien und trug auf einem Brette
die frischen Brtchen herein, sie begrte Fastrade mit lauter Stimme: Unser
gndiges Frulein wird uns wieder regieren, das ist gut fr uns, wir
verschimmeln ja hier. Ja, Fastrade wollte hier wieder regieren; sie machte sich
daran, wie frher den Frhstckstisch zu ordnen, legte die Brtchen in den
Brotkorb, stellte sich vor den Samowar, um den Tee zu machen. Es sollte, es
mute hier wieder behaglich werden. Als die Baronesse Arabella in das Ezimmer
trat, war sie so berrascht, da sie die Hnde faltete und zu weinen begann,
aber Fastrade wurde ungeduldig. Hier gibt es doch nichts zu weinen, Tante,
komm, setz dich, der Tee ist fertig. Als die alte Dame an ihrem Platz sa,
wischte sie sich die Augen und sagte nachdenklich: Sieh, Kind, ist das nicht
seltsam, sonst, wenn ich mich so allein an meinen Platz setzte, fror mich immer
so stark, heute friert mich gar nicht.
    Der Wintertag war sehr hell geworden, die Zimmer waren voll gelben
Sonnenscheins, der Baron erschien, um an Christophs Arm langsam seine Promenade
durch die Zimmerflucht zu machen, er blieb vor Fastrade stehen, sah sie streng
an und sagte: Mein Kind, hast du deinen Pflichtenkreis gefunden?
    Ich wei nicht, Papa, erwiderte Fastrade und errtete.
    Der Baron dachte ein wenig nach und fragte dann: Gehst du heute zu den
Khen?
    Zu den Khen? Fastrade wunderte sich; sie war sonst nie zu den Khen
gegangen.
    Gut, lassen wir es zu morgen, fuhr der Baron fort, aber des Herrn Auge
mstet das Vieh. Als er weiterging, fgte er noch hinzu: brigens essen wir um
Punkt eins, der Arzt hat es so verordnet.
    Einen Pflichtenkreis hatte Fastrade offenbar noch nicht. Sie trieb sich in
den Zimmern umher, rckte an den Mbeln, als wollte sie dieselben wecken und
ihnen melden, da sie da sei. Endlich ging sie in das Kabinett, das ihr als
Schreibzimmer diente, und setzte sich dort nieder. Da war ihr Schreibtisch, da
standen ihre Sachen und Bcher, aber sie sagten ihr noch nichts, sie hatte noch
kein Verhltnis zu ihnen. Sie war es nicht mehr gewohnt, einen Tag vor sich zu
haben, ber den sie selbst bestimmen konnte. Dort im Krankenhause zwang ja jede
Minute zu einer bestimmten Arbeit. Was tat ich frher um diese Zeit? fragte sie
sich. Da stieg wieder die Erinnerung jener frheren Zeit in ihr auf und mit ihr
Arno Holsts hbsche, schmchtige Gestalt. Wie deutlich entsann sie sich jetzt
des Abends, an dem sie zuerst gewut hatte, da sie Arno Holst liebte, oder sich
entschlossen hatte, ihn zu lieben. Sie sa am Klavier und spielte Mendelssohn,
Arno Holst stand hinter ihr und hrte zu. Als sie geendet hatte, lie sie die
Hnde in den Scho sinken, er lehnte sich an das Klavier und begann von seiner
Mutter zu sprechen; sie hatte auch so schn diese Mendelssohnschen Lieder
gespielt. Er erinnerte sich dessen sehr gut, obgleich er noch ein Knabe gewesen
war, als sie starb, deshalb wohl waren diese Melodien fr ihn der Inbegriff des
Heimatlichen und Geborgenen, denn mit dem Tode seiner Mutter war er heimatlos
und einsam geworden, und einsam zu sein war wohl sein Schicksal. Das hatte
Fastrade ergriffen. Sie war in den Park hinausgegangen; sie erinnerte sich
deutlich dieses Vorfrhlingsabends: ein lauer Wind fuhr in die laublosen Bume,
eine ganz silberne Mondsichel hing am Himmel, die Parkwege waren na, berall
rannen und plauderten kleine Wasser, und es roch stark nach feuchter Erde. Dort
nun war das Mitleid um Arno Holst ganz stark ber sie gekommen, nicht ein
Mitleid, das schmerzt, sondern eines, das berauscht. Nein, sie wollte nicht, da
er einsam sei, und dann war ihr eingefallen, da das wohl Liebe sein knne, und
das hatte sie beglckt. Sie hatte es pltzlich empfunden, da dieses Mdchen,
das da auf den feuchten Parkwegen gegen den Frhlingswind ankmpfte, in diesem
Augenblicke etwas ganz Bedeutsames geworden war, das Schicksal und das Glck
eines anderen. Sie hatte an jenen Abend lange nicht gedacht, denn ein anderes
Bild hatte die Erinnerung verwischt, das Bild des armen Arno Holst, wie er im
Krankenhause im Bette lag mit eingefallenen Wangen, fieberblanken Augen und
todesmatt von den furchtbaren Hustenanfllen, die ihn schttelten. Er hatte nur
wenig zu ihr gesprochen, die kurzsichtigen, braunen Augen hatten sie erregt und
hungrig angesehen, und wenn sie etwas fr ihn tat, hatte er matt und dankbar
gelchelt. Nur in einer der letzten Nchte, als sie an seinem Bette sa, hatte
er pltzlich deutlich, und als sei er bse, gesagt: Du darfst nicht so treu und
so mitleidig sein, das bringt zu viel Leid.
    Christoph kam und meldete das Mittagessen. Der Baron sa schon in einem
Sessel bei Tisch; er hatte sich von Christoph in seinen schwarzen Rock
einknpfen lassen, anders htte ihm das Essen nicht geschmeckt. Auch Couchon sa
an ihrem Platz und beugte den Kopf mit der grauen Samthaube tief auf ihren
Teller nieder. Die Baronesse legte die Suppe vor. Whrend des Essens wurde von
der Nachbarschaft gesprochen. Bei Ports, meinte die Baronesse, ist es auch
nicht recht gemtlich, die Gertrud mu ihre Singschule aufgeben und nach Hause
kommen, und der Vater brummt, weil sie fortgegangen ist, und brummt, weil sie
wiederkommt, er wird in letzter Zeit berhaupt recht schwierig. Nun, und die
Egloffs, die alte Baronin wird mit jedem Tag vornehmer, sie spricht nur noch von
den Zeiten, da sie Palastdame war, und ihr Enkel, der Dietz, wird mit jedem Tage
wilder, tobt herum, ladet allerhand fremde Leute ein, gibt Gesellschaften,
Jagden, Schlittenpartien, und des Nachts sitzt er am grnen Tisch und spielt und
spielt, es ist recht schade um das schne Gut und das schne Vermgen. Und dann,
ich wei es ja nicht, aber die Leute erzhlen, er soll jetzt viel bei
Dachhausens sein und der kleinen Frau ganz den Kopf verdrehen. Das wrde mir fr
den guten Dachhausen leid tun. Nun, von ihr will ich nichts Schlechtes denken,
aber bei diesen Damen, die nicht von Familie sind, wei man ja nie. Ach ja, es
ist recht traurig, so ein junger Mensch, der kein Gewissen hat.
    Fastrade lehnte sich in ihren Stuhl zurck, als machte das Essen ihr keine
Freude mehr, und sagte: Also etwas gemtlich und glcklich zu sein, das
versteht hier keiner.
    Liebes Kind, meinte die Baronesse, es hat eben jeder seine Sorgen. Da
legte der Baron die Gabel fort, richtete sich auf und sagte streng und ein wenig
mhsam. Es gengt nicht, als Edelmann geboren zu sein, man mu auch Edelmann
sein wollen.
    Du hast sehr recht, lieber Bruder, unterbrach ihn die Baronesse, die
frchtete, da er sich aufrege. Couchon beugte ihren Kopf tief auf den Teller
nieder und murmelte: Un bel homme tout de mme!
    Am Nachmittage, wenn der Baron und die Baronesse sich in ihre Zimmer
zurckgezogen hatten, war von jeher eine schlfrige Stille ber das Haus
gekommen. Fastrade mute an den armen Bolko denken, der als Knabe stets gesagt
hatte: Um diese Stunde zieht es einen in allen Gliedern, man mu, mu etwas
Unerlaubtes tun. Sie liebte auch nicht diese Zeit des grellen
Nachmittagssonnenscheins und der niedergelassenen Fenstervorhnge. Wenn das
Licht rtlich zu werden begann und die Sonne tief ber dem Walde stand, dann
wich etwas wie ein Druck von dem Hause, und auch Fastrade fhlte neue
Unternehmungslust. Sie ging hinaus in den Wald, es war hbsch, so bei
Sonnenuntergang durch eine ganz rosa Welt zu gehen, die Wege glnzten wie buntes
Glas, die ganze Luft war voll Farbe, alles in ihr bekam eine gefhlvolle
Zartheit, selbst die grauen Gestalten der Arbeiter und die grauen Huschen, zu
denen sie langsam und mde heimgingen. Aber in diesem Lichte sah nichts traurig
aus, und Fastrade meinte, sie seien in diesem einen farbigen Augenblicke so
getrstet, wie sie selbst. Als sie in den Wald gelangte, war die Sonne
untergegangen, alles stand wieder still und wei um sie her, der frische Schnee
lag wie Polster unter den Stmmen, auf groen gespreizten Hnden wurde er
vorsichtig von den Tannenzweigen gehalten, und unheimlich still war es hier, wo
die groen ruhigen Baumgestalten eintrchtig nebeneinander standen in ihrer
schweigenden Schnheit, einschchternd fast, meinte Fastrade in ihrer
Vornehmheit. Ein leiser Ton erwachte, als huschten Schritte ber Wolle, und ein
Hase setzte ber den Weg, tauchte in die weien Schneepolster unter und wieder
auf, es mute gut tun, dachte Fastrade. Ja, sie htte gern auch wie einer dieser
Bume regungslos in der Dmmerung gestanden, eingehllt in all dies khle Wei,
und teilgenommen an diesem geheimnisvollen Schweigen und Trumen. Aber wenn sie
tiefer zu ihnen hinein wollte, lieen die Tannen ihre Schneelast fallen, im
Wipfel einer Fhre erwachte ein Rabe und flog mit lautem Flgelschlage auf. Es
kam Unordnung hinein, sie fhlte sofort, da sie ein Eindringling sei. Sie war
eine Waldschneide entlang gegangen, jetzt kam sie an einen Bestand alter Fhren,
auf hohen ganz geraden Stmmen hoben die Bume ihre beschneiten Schpfe zu den
Sternen auf. Hier konnte Fastrade ungehindert zwischen ihnen hingehen, hier war
es so feierlich, so heilig, da ein kleiner Eindringling wie sie nicht stren
konnte. Sie lehnte sich an einen der kalten Stmme und schaute empor, in einem
der hohen regungslosen Fhrenschpfe schien die Mondsichel zu hngen. Wie oft
hatte Fastrade sie dort hngen gesehen, wie gut kannte sie diese Bume, in allen
Jahreszeiten und Tageszeiten war sie bei ihnen gewesen, im Frhling, wenn der
Wind in die alten Schpfe fuhr, da sie tief und metallig rauschten, als ob sie
pltzlich miteinander stritten, oder an heien Mittagsstunden, wenn es hier so
stark nach den besonnten Nadeln duftete und ber den Wipfeln der Falke revierte,
ein bewegliches Stck Silber im grellblauen Himmel. Fastrade drckte ihre Wange
gegen den Stamm, jetzt erst fhlte sie ganz deutlich, da sie daheim war.
    Vom Hgel, auf dem die Fhren standen, schaute sie auf eine Schonung junger
Tannen nieder, das war das Ende des Padurenschen Waldes, dahinter begann der
Sirowsche Wald, allein dort war alles verndert, frher hatte da eine
geschlossene Wand alter Tannen gestanden, jetzt war es ein wster, leerer Platz,
die groen Balken waren am Boden hingestreckt, halb von Schnee verhllt, wie
Tote in ihren Leichentchern, die Zweige waren berall verstreut, die
Baumstcke, von Schnee bedeckt, ragten auf wie kleine weie Grabhgel, und das
alles hier mitten in der vornehmen Stille des Waldes sah aus, als sei ein
Verbrechen verbt worden, als sei hier etwas Hohes und Stolzes roh besiegt
worden. Dieser Anblick verdarb Fastrade die ganze Feierlichkeit ihrer Stimmung,
sie ging den Hgel hinab wieder dem Tannendickicht zu. Hier war es schon fast
ganz finster geworden, und pltzlich war es ihr, als wohnte in dieser
Dunkelheit, in der schweigend die groen weien Bume standen, eine Einsamkeit,
die ihr fast bange machte. Sie eilte den Waldweg entlang, um auf die Landstrae
zu gelangen, hier war es heller, hier konnte sie den Mond wieder sehen, und
pltzlich war der Wald voll von einem hellen, munteren Schellengelute. Eine
Reihe von Schlitten fuhr an Fastrade vorber, voran ein Schlitten mit einem
groen schwarzen Pferde, darin sa ein Herr, neben ihm eine Dame, deren weier
Schleier wehte. Fastrade hrte den Herrn lachen, und seine Stimme klang klar in
den Winterabend hinein: Ja, das ist es eben, wir sind zu klug geworden, um uns
zu verirren, schade!
    Andere Schlitten folgten, Herren und Damen saen darin, alle plauderten, der
leichte Wind brachte den Duft einer Zigarre bis zu Fastrade, und eine
Frauenstimme sagte, als ein Schlitten nah an ihr vorberfuhr: Wer steht da so
dunkel, wie unheimlich.
    Die Einsamkeit selbst, antwortete eine Herrenstimme und lachte. Dann waren
sie vorber, nur das Schellengelute, hell und geschwtzig, war noch lange
vernehmbar. Fastrade schlug den Heimweg ein, das klingende Leben, das da an ihr
vorbergefahren war mit seinem Lachen, mit dem Wehen von Schleiern, mit dem
Zigarrenduft und Schellengelute, das hatte ihr ganz warm gemacht. Gut, da
alles noch da war, zu Hause htte sie das fast vergessen knnen.
    Als sie daheim wieder in dem Zimmer ihres Vaters sa und zuhrte, wie Ruhke
mit fetter, knarrender Stimme von lkuchen und Klbern sprach, und der Baron den
Kopf auf die Brust sinken lie und schlummerte, whrend der Lampenschein auf die
groe blanke Glatze fiel, da klang das helle Lachen der Schlittenschellen mitten
im verschneiten Walde ihr in das Ohr und erinnerte sie dran, da da drauen
jenseits der stillen Stuben mit den grn verhangenen Lampen das Leben lustig die
Straen entlang fuhr.

                                Fnftes Kapitel


Einige Tage spter, als Fastrade von ihrem Spaziergange in der Abenddmmerung
heimkam, sagte die Baronesse zu ihr: Liebes Kind, dein Vater hat nach dir
gefragt, du weit, er will jetzt, da du bei allen Geschften, die das Gut
betreffen, dabei bist. - Ja, ja, meinte Fastrade, wenn ich nur etwas davon
verstnde. Bisher bin ich bei diesen Geschften doch nur eine dekorative Figur.
Was gibt es denn?
    Der junge Egloff ist da, berichtete die Baronesse, es ist da etwas mit
der Waldgrenze nicht in Ordnung, glaube ich.
    Fastrade seufzte: Ach Gott, an die Waldgrenze habe ich noch nie gedacht.
Gut, ich gehe. Sie strich sich mit den Handflchen ber das von den Abendnebeln
feuchte Haar, und wie ich ausschaue! meinte sie.
    Im Zimmer ihres Vater fand sie Dietz von Egloff, sie kannte ihn schon lange,
sie waren ja Nachbarskinder und Jugendgespielen gewesen, und auf den ersten
Blick schien es ihr, als habe er sich nicht viel verndert. Die Gestalt war noch
jugendlich schlank und biegsam, das in der Mitte gescheitelte blonde Haar gab
der Stirn, gab dem ganzen schmalen Gesichte den jugendlichen Ausdruck, und die
Augen waren noch immer so seltsam dunkel. Als er aufstand und Fastrade die Hand
drckte, lchelte der schne Mund noch das ein wenig schiefgezogene spttische
Lcheln, das sie am Knaben gekannt hatte. Sonst war er sehr frmlich, verbeugte
sich tief und sagte im gleichgltigsten Tone der Hflichkeit: Es freut mich,
mein gndiges Frulein, da Sie wieder in unserer Gegend sind.
    Ja, ach ja, mich auch, erwiderte Fastrade und errtete. Sie fhlte sich
befangen und fgte daher etwas hinzu, was ihr mifiel, als sie es aussprach:
Also hier handelt es sich um Geschfte? Ja, sagte der Baron, setze dich,
mein Kind, Egloff kommt wegen der Waldgrenze. Egloff, erklren Sie es ihr.
    Egloff lchelte wieder, wurde aber dann ernst und berichtete in ruhigem
Geschftston, indem er seine Fingerspitzen vorsichtig aneinander legte: Es
handelt sich also um folgendes. Ich habe einen greren Waldverkauf gemacht und
schlage jetzt an der Padurenschen Grenze.
    Das habe ich gesehen, entfuhr es Fastrade in einem Tone der Entrstung.
    Sie haben es gesehen? fragte Egloff und schaute Fastrade aufmerksam an.
Dabei fiel es ihr auf, da sein Gesicht doch nicht mehr ganz das lustige Gesicht
ihres frheren Spielkameraden war, es war sehr bleich, war schrfer und
gespannter, die helle, ungezogene Heiterkeit von frher war fort. Gewi, ich
habe es gesehen, erwiderte Fastrade, es sieht aus wie ein Schlachtfeld.
    Egloff zuckte die Achseln: Ja, schn sieht das nicht aus, meinte er
nachdenklich, und es ist auch keine schne Sache, ein Schlachtfeld, sagen Sie,
also eine Schlacht, in der wir ber den Wald gesiegt haben. Aber wenn wir dann
endlich so ber den ganzen Wald gesiegt haben, dann sind wir doch die
Geschlagenen.
    Der Baron schaute auf, sah Egloff unzufrieden an und sagte dozierend: Die
Wlder sind in unseren Familien recht eigentlich das, was die Generationen
verbindet, wir genieen, was unsere Vorfahren gehegt und gepflanzt, und wir
hegen und pflanzen fr die kommenden Generationen. Der Schlu der Rede klang
mde und nicht mehr so eindringlich, der Baron lie seinen Kopf wieder auf die
Brust sinken. Egloff hatte andchtig zugehrt, wie es die Gewohnheit aller
jungen Leute der Gegend war, wenn der alte Baron sprach, dann sagte er, und
Fastrade hrte aus seinen Worten wieder den ungezogenen Ton des Knaben heraus:
Nun, ich bin jetzt eben in der Lage, das genieen zu mssen, was meine
Vorfahren pflanzten, aber, wandte er sich an Fastrade, Sie haben sich in der
kurzen Zeit Ihr Gut schon genau angesehen.
    Vorigen Abend war ich in den Wald hinausgegangen, antwortete Fastrade,
und als ich auf dem Fhrenhgel stand, fehlte mir gegenber die schne Wand
alter Tannen.
    Ja, hm, die ist fort, meinte Egloff, zog die Augenbrauen zusammen und sah
auf seine Ngel nieder, als sei ihm das ernstlich unangenehm, dann schaute er
auf und lchelte: Dann waren Sie es wohl, die am Abend so schwarz am Waldrande
stand, als wir im Schlitten vorberfuhren.
    Ja, das war ich, erwiderte Fastrade, und ein Herr in einem Schlitten
sagte: Da steht die Einsamkeit selbst.
    Oh, das war der Graf Betzow, rief Egloff, er will immer etwas Poetisches
sagen und sagt dann jedesmal eine Dummheit. Warum sollen Sie die Einsamkeit
sein? Wir waren doch sehr gesellig in unserer Jugend. Erinnern Sie sich der
Quadrillen, die wir auf der Waldwiese zu reiten versuchten, Sie, Gertrud Port,
Dachhausen und ich. Dachhausen war gerade Fhnrich und mir dadurch unendlich
berlegen, er machte auch mehr Eindruck auf die Damen; das schmerzte mich, und
ich wollte ihn fordern, er sagte aber ganz vterlich: Mach' dich nicht
lcherlich, lieber Junge.
    Fastrade lachte: Ja, ja, und mein Paris hatte gar kein Talent fr die
Quadrille.
    Richtig, meinte Egloff, Paris hie Ihr kleiner Schimmel, weil er schn
und furchtsam war. Was ist aus ihm geworden?
    Paris steht noch im Stall, erwiderte Fastrade, aber der Arme ist alt und
melancholisch geworden, er hat schlechte Zhne und kann den Hafer und das Heu
nicht recht beien.
    Egloff machte ein ernstes Gesicht, als schmerzte ihn diese Nachricht: Das
ist schlimm, sagte er, Hafer und Heu nicht mehr beien zu knnen, ist fr ein
Pferd die groe Lebenskatastrophe und, wie ich die Pferde kenne, wrden sie,
wenn sie knnten, sich erschieen, statt wie die Menschen, wenn sie Hafer und
Heu nicht mehr -.
    Ach, was sprechen Sie, unterbrach ihn Fastrade unwillig, wer sagt Ihnen
denn, ob Paris nicht noch seine guten Stunden hat im Sonnenschein auf dem
Kleefelde, und seine friedlichen Altersgedanken und manche kleine Lebensfreude.
    Und Pflicht, ertnte pltzlich die Stimme des Barons.
    Fastrade und Egloff schwiegen erschrocken, sie hatten geglaubt, der alte
Herr schlummre, und nun hatte er zugehrt. Sie sahen einander an und machten
angstvolle Gesichter wie frher in der Kindheit, wenn sie sich frchteten,
lachen zu mssen. Eine Pause entstand. Da jedoch der Baron nichts mehr sagte,
begann Egloff wieder zu sprechen: Bei Pflicht fllt mir ein, wir sollten ja von
Geschften reden.
    Ach ja, versetzte Fastrade, was war es denn mit Ihrem armen Walde?
    Nein, um Ihren Wald handelt es sich, verbesserte Egloff sie, das
Unterholz hat die Grenzlinie so verwischt, da ich frchte, mit dem Schlagen in
Ihren Wald hineinzugeraten. Es wre daher gut, an Ort und Stelle die Karten zu
vergleichen und die Linie neu durchschlagen zu lassen.
    Das kann ich verstehen, sagte Fastrade, da wird dann wohl Ruhke mit der
Karte hinfahren mssen.
    Jetzt hob der Baron wieder seinen Kopf und sagte laut und krftig: Grenzen
sind heilige Sachen, ein Besitzer mu seine Grenzen kennen. Daher wre es
besser, mein Kind, du wrest auch dabei.
    Ist das ntig? fragte Fastrade erstaunt. - Ihr Herr Vater hat gewi
recht, meinte Egloff, nur dadurch bekommt der Akt der Grenzfestlegung seine
Feierlichkeit. Der Baron nickte: So wre also das abgemacht, murmelte er. Da
erhob Egloff sich, um sich zu verabschieden. Als er Fastraden die Hand drckte,
lchelte er sein spttisches Lcheln und sagte: Also wir sehen uns in
Geschften, sozusagen als Gegner. Dann ging er.
    Fastrade setzte sich in ihren Sessel zurck, ihr Vater schlummerte wieder,
und das Schweigen dieses Zimmers mit seiner grnen Lampendmmerung erschien ihr
heute besonders tief.
    Egloff stieg die Freitreppe herunter zu seinem Schlitten, der dort wartete,
hllte sich in die Pelzdecken und berlie dem Kutscher die Zgel. Nach Hause,
sagte er.
    Nach Hause? fragte der Kutscher verwundert.
    Zum Teufel ja, nach Hause, schrie Egloff ungeduldig, und der Rappe setzte
sich in Trab. Die Nacht war dunkel, es schneite ganz ruhig, die Schneeflocken
waren nicht sichtbar in der Finsternis, aber Egloff fhlte dieses stille Fallen
um sich her, das ihn langsam in etwas Kaltes einhllte. Er hatte allerdings
nicht nach Hause fahren wollen, er war sehr verstimmt von zu Hause weggefahren,
die Zeiten waren schlecht, er hatte stark im Spiel verloren, dann war da dieser
Waldverkauf, der ihn anekelte, die Geschftsfahrt zum alten Padurenschen Baron
erschien ihm lstig und langweilig, darum hatte er beschlossen, von Paduren nach
Barnewitz zu Dachhausen zu fahren, um sich dort mit der kleinen Frau die Zeit zu
vertreiben, Dachhausen war nicht zu Hause, und sie hatte ihm an seinem letzten
Besuch die Reise ihres Gatten mitgeteilt und dabei ihre schamlos sen Augen
gemacht. Und nun, als er auf die Padurensche Freitreppe hinausgetreten war, war
die Lust zu dieser Fahrt vergangen gewesen, und er fuhr nach Hause. Gott ja,
diese Fastrade war doch immer das aufrechte, hbsche Mdel von frher. Sehr
warme Augen, schneidig war sie immer gewesen, er erinnerte sich, da er als
Knabe einmal in ihrer Gegenwart seinen Hund schlug, da war sie ganz rot
geworden, hatte mit ihrer kleinen Faust ihn krftig vor die Brust gestoen und
Pfui! gesagt, ein Pfui, das wie ein Peitschenhieb klang. Seitdem hatte sie ihn
nicht recht leiden mgen. Ja, sie war immer riesig gut gewesen, diese Fastrade,
aber diese Art Mdchen verliebt sich gewhnlich in Hauslehrer, schade! Immerhin
hatte sie viel Leben in sich, und es mute hart fr sie sein, dort in dem Hause
zu wohnen, wo man nicht lebte, sondern nur umging. Er zog seinen Pelz fester um
sich, er fror, es war nicht angenehm, so sachte, sachte in dieses kalte, weie
Laken eingehllt zu werden, auch hauchten die groen weien Tannenwnde,
zwischen denen sie jetzt hinfuhren, eine eisige Klte aus. Gut, dachte Egloff,
er wrde heute also den Abend zu Hause verbringen, aber was wrde er tun? In
letzter Zeit war ihm das Alleinsein mit sich selbst qualvoll geworden, seine
Gromutter und Frulein von Dussa heute zu sehen, war kein angenehmer Gedanke,
also er wrde in seinem Zimmer auf dem Sofa liegen, Rotwein trinken und sich vom
Diener Klaus Geschichten erzhlen lassen. Wenn er nur diese Geschichten von all
den Mdchen der Umgegend nicht schon gekannt htte, auch log der Kerl jetzt, und
er log nicht unterhaltend. Trbe Aussicht. Wenn noch jemand da gewesen wre, mit
dem er htte Karten spielen knnen, das war noch das beste Mittel gegen graue
Stimmungen. Es war eigentlich seltsam und schwer zu erklren, aber dieses Mittel
versagte nie, wenn er sich an den grnen Tisch setzte und die Karten zur Hand
nahm, dann kam es unfehlbar, dieses erregte Gefhl, das wie eine krperliche
Wohltat in das Blut ging und angenehm bis in die Fingerspitzen hinein kitzelte.
Das lie sich nur mit der hbschen Erregung des Moments vergleichen, wenn man
eine schne Frau zum ersten Male so von hinten sachte um die Schultern fat und
nicht wei, wird sie emprt sein oder stille halten.
    Der Rappe machte einen groen Seitensprung, der Kutscher rief wtend: Ho!
ho! Wer ist da, versteht ihr nicht den Weg zu kehren? Ein kleines Pferd, ein
niedriger Schlitten, auf dem verschneite Pakete lagen und eine verschneite
Gestalt sa, mhten sich, durch den tiefen Schnee zur Seite auszubiegen.
Laibe, rief Egloff, bist du das? - Ja, Herr Baron, Laibe, antwortete eine
freundliche Stimme.
    Was tust du hier im Walde? fragte Egloff.
    Mir ist es schlecht gegangen, ertnte leise eine klagende Stimme,
verfahren habe ich mich im Walde, und jetzt fahre ich mit der Deichsel in den
Schabbes hinein, ai ai, was kann man machen!
    Das kommt vom Schmuggeln, meinte Egloff, aber du kannst zu mir auf den
Hof kommen, und deinen Schabbes empfangen. Fahr' zu, Kutscher.
    Danke, danke, Herr Baron, rief Laibe ihm nach.
    Auch ein Leben, dachte Egloff, so in der Dunkelheit einsam durch den Wald
zu kriechen, na, vielleicht ist das aber nicht bel, sich so herumzuschlagen,
wenn man nur daran zu denken hat, ob man im Dunkeln den rechten Weg findet und
wo ein Feuer sein kann, vielleicht, da man dann an alle mglichen widerwrtigen
Dummheiten nicht zu denken braucht.
    Jetzt fuhren sie in den Sirowschen Hof ein, nur wenig Fenster des groen
Hauses waren erleuchtet. Aha, keiner erwartet mich, sagte Egloff. Sie hielten
vor der Freitreppe, Egloff stieg zur Haustre hinan, ffnete sie laut und rief
ein schallendes und rgerliches: Holla! Hunde begannen im Flur zu bellen,
Lichter liefen die dunkle Fensterreihe entlang, Klaus und Joseph, mit Lichtern
in der Hand erschienen und stammelten: Ah, der Herr Baron, wir haben nicht
gewut. Natrlich habt ihr nicht gewut, sagte Egloff und warf seinen Pelz
ab, du Klaus, ich gehe gleich in mein Zimmer, der Kamin mu angeheizt werden,
und du, Joseph, meldest der Frau Baronin, da ich nicht zum Essen kommen werde,
ich bin mde und gehe schlafen. Auerdem bringst du mir eine Flasche Burgunder
aufs Zimmer. So, vorwrts. Er ging in sein Zimmer hinber, kleidete sich aus,
lie sich von Klaus den Krper mit klnischem Wasser abreiben, hllte sich dann
in seinen Schlafrock und streckte sich in seinem Schreibzimmer auf dem Sofa aus.
Joseph brachte den Burgunder, im Kamin brannte das Feuer, es wurde behaglich
warm. Egloff zndete sich eine Zigarre an, so, nun konnte es gemtlich sein, es
gehrte nur noch dazu, da angenehme Gedanken kamen, Gedanken, die nicht
unversehens grob an eine wunde Stelle stieen. Was also? Da war dieser Jude, der
durch den dunklen verschneiten Wald irrte und betete und nach einem fernen Licht
aussphte, das war etwas, woran hier am Kaminfeuer eine Weile zu denken seinen
Reiz hatte. Allein das reichte nicht aus, die Gedanken irrten zu anderem. Was
mochte wohl die kleine Frau in Barnewitz jetzt tun? Sie erwartete ihn, er sah es
deutlich, wie sie sich fr ihn ankleidete. Allzu sehr schmcken durfte sie sich
nicht, denn keiner im Hause wute ja, da sie ihn erwartete, sie zog wohl das
dunkelviolette Wollenkleid an und legte die Perlenschnur um. Dann bestellte sie
das Abendessen, zndete im Saal die Lampen an mit den schrecklichen hellrosa
Gazeschirmen, Frauen aus jenen Kreisen glauben immer, da, wenn sie verliebt
sind, sie Lampen haben mssen mit hellrosa Gazeschleiern. Da sa sie im rosa
Lampenschein, das hbsche Wachspuppengesicht ganz feierlich, das Haar glnzend
schwarz, in ihrem violetten Kleide wie ganz in weiche Veilchen eingehllt, und
wartete auf ihn. Und es wird immer spter, und das Wachspuppengesicht wird immer
starrer und endlich weint sie, wie nur die kleine Lydia Dachhausen weinen kann,
ganz mhelos einen Strom von Trnen ber das Gesicht schttend, das sich nicht
verzieht, das unbewegt bleibt, sie weint, wie Puppen weinen wrden, wenn sie
weinen knnten. Egloff lchelte, der Gedanke an die einsam unter ihren rosa
Lampen um ihn weinende Frau tat ihm wohl, und dann pltzlich mute er an
Fastrade denken, an die Fastrade der Kindheit, an das kleine Mdchen, das ihn
mit der geballten Faust vor die Brust stt und Pfui! sagt. Unruhig drehte er
sich auf die Seite, griff nach dem Glase und trank, endlich drckte er auf den
Knopf der elektrischen Klingel. Als Klaus erschien, befahl Egloff: Der Jude
Laibe soll zu mir heraufkommen, wenn er seine Zeremonien beendet hat.
    Zu Befehl, sagte Klaus. Egloff legte sich wieder zurck, zog an seiner
Zigarre und wartete ungeduldig auf den Juden Laibe.
    Nach einer Weile wurde die Tr vorsichtig geffnet, und der Jude Laibe schob
sich in das Zimmer, er war fest in seinen grngrauen Rock eingeknpft, das graue
Haar und der dichte, graue Bart waren glatt gestrichen, und sein Gesicht verzog
sich zu einem unendlich liebenswrdigen, freundlichen Lcheln. Er verbeugte sich
mehrere Male, rieb sich die Hnde und sagte: Gut Schabbes, Herr Baron, gut
Schabbes. - Du kannst dich da an den Kamin stellen und wrmen, bedeutete ihm
Egloff, wenn du willst, kannst du dich auch auf den kleinen Stuhl dort setzen.
Laibe setzte sich, legte die Handflchen auf die Kniescheiben und fuhr fort,
sein ses Lcheln vor sich hin zu lcheln. Egloff betrachtete ihn aufmerksam.
Was ist denn geschehen, fragte er dann, eben noch kriechst du durch den
Schnee im dunklen Walde wie ein klagender Hase und jetzt kommst du herein,
reibst dir die Hnde wie ein Ballherr und machst ein Gesicht, als ob du Hochzeit
halten solltest.
    Ein Dach berm Kopfe, Herr, sagte Laibe, ist was Gutes, und eine warme
Stube ist auch was Gutes, warum soll ich mich dann nicht freuen?
    Ist das alles? meinte Egloff.
    Laibe wurde ernster, strich mit der Hand ber seinen Bart und rollte seine
blanken, sirupfarbenen Augen. Das nu versteht der Herr Baron nicht, das ist
unsere Religion, heute mu man froh sein, ob man will oder nicht.
    So, so, nur weil es befohlen ist, sagte Egloff.
    Weil es befohlen ist, besttigte Laibe, die ganze Woche schindet man sich
und frchtet sich, und an einem Tag erinnert man sich, da alles einmal ganz gut
werden wird. Versprochen ist es, nun, und man wartet.
    Wartet, wiederholte Egloff hhnisch.
    Was kann man anders tun, man wartet, versetzte Laibe mit Bestimmtheit.
    Egloff richtete sich ein wenig auf und sagte pltzlich ungewhnlich heftig:
Und dieses Warten macht uns alle zum Narren, man wartet und wartet, man tut
dies und das, um sich die Zeit zu vertreiben, aber das Groe, die Hauptsache,
die soll noch kommen. Und die Zeit vergeht, und nichts kommt, und wir sind die
Narren.
    rgerlich lie Egloff sich in die Kissen zurckfallen, der Jude warf einen
schnellen ngstlichen Blick auf den Baron, krmmte den Rcken und sagte leise
und demtig: Das Warten ist nichts fr die groen Herren, ein Edelmann hat
hitziges Blut, der wartet nicht gern, aber ein armes Judchen hat nichts
anderes.
    Du hast doch dein Geld, warf Egloff ein, das macht dich doch glcklich.
Wenn du einen Bauer betrogen hast, dann bist du glcklich, wenn du was ber die
Grenze geschmuggelt hast, dann bist du glcklich, wenn du ein Kalbsfell unterm
Preise gekauft hast, dann bist du glcklich.
    Laibe wiegte bedchtig seinen Kopf: Glcklich, Spa, ein schnes Glck.
Dann ist der auch glcklich, der recht hungrig ist, und um ihn herum stehen
lauter Braten, und die dampfen und die riechen gut, und er darf sie alle riechen
und keinen anrhren. Glcklich, wenn ich immer nur an dem Geld der anderen
vorbergehen und vorberfahren mu. Und da fahre ich durch den Wald, schne,
groe Stmme, reines Geld, aber nicht mein Geld. Komme ich an einer Scheune
vorber, die ist ganz voll mit Geld, aber nicht mein Geld. Das ist auch so'n
Glck. Laibe lachte hhnisch in seinen Bart hinein.
    Sag' mal, begann Egloff nachdenklich, hast du immer an Geld gedacht? Du
bist doch auch jung gewesen, und in der Jugend hat man doch auch andere Gedanken
im Kopf, da gibt es doch lustige Sachen. Aber Laibe lachte wieder sein leises,
hhnisches Lachen: Ei, ei, meine Jugend, lieber Herr, was war das schon fr
eine Jugend. Ich war ein Bocher von fnfzehn Jahren, als der Vater mir das
Bndel auf den Rcken hing und sagte: Geh verdienen. Nun, und ich ging, und auf
der Landstrae hatte ich Angst vor den Gendarmen und vor den Grenzreitern und im
Walde vor den Waldhtern, und wenn es dunkel wurde im Walde, dann kamen groe
schwarze Vgel, flogen ganz niedrig und bliesen - die Angst! Und wenn ich dann
zum Bauern kam, hatte ich Angst, an die Tr zu klopfen, und wenn ich doch
klopfte, der Bauer kam aufmachen, hatte ich wieder Angst. Und ich glaubte, der
Kaiser und die Minister und die Herren und die Bauern, alle sind nur dazu da, um
dem armen Judenbocher Angst zu machen.
    Aber dachtest du nicht manchmal, unterbrach ihn Egloff, dachtest du nicht
an Mdchen, an solche Sachen?
    Mdchen waren schon da, erwiderte Laibe. Wenn ich Sonntags in eine
Bauernstube kam, dann saen sie da am Tisch, die Mdchen in ihren guten
Kleidern, reingewaschen, die Gesichter wie die roten pfel, und Jungen waren da
und spaten mit ihnen, und ich sa am Ofen und sah zu, wie einer ein Bild
ansieht, er kann nicht in das Bild hinein, und das Bild kann nicht zu ihm
herauskommen. Ach Gott, meine Jugend! Auf der einen Seite steht das bichen
Verdienst und auf der anderen Seite steht die groe Angst.
    Beide schwiegen jetzt, Laibe schaute sorgenvoll vor sich hin und strich mit
den Hnden sanft ber seine Knie, als wolle er sich selber trsten. Egloff zog
nachdenklich an seiner Zigarre. Hm, sagte er endlich, nicht schlecht. Der
Judenjunge im dunklen Walde, ganz klein unter den hohen Bumen, und die groen
schwarzen Vgel, die vor sich hinblasen. Aber mit eurer ewigen Angst habt ihr
vielleicht recht. Ihr behaltet die gefhrliche Bestie immer im Auge, wir
anderen, wir frchten uns nicht, und uns fllt sie hinterrcks an.
    Bitte, Herr Baron, fragte Laibe einschmeichelnd, was ist das wohl fr
eine Bestie? Egloff seufzte: Ach, mein lieber Laibe, Sinn fr das, was man so
ein poetisches Bild nennt, hast du nicht. Was soll denn die Bestie sein? Das
Leben ist diese Bestie.
    Sehr hbsch, bemerkte Laibe und machte sein liebenswrdigstes Gesicht,
aber ich habe nicht einen feinen Kopf wie der Herr Baron, ich habe nur einen
armen Judenkopf voller Sorgen, der kann nicht so feine Gedanken denken.
    Gut, gut, unterbrach ihn Egloff, du wirst uninteressant, mein Lieber, es
ist Zeit, da du schlafen gehst, gute Nacht. Laibe erhob sich, rieb sich die
Hnde, verbeugte sich und sagte: Eine sehr gute Nacht, Herr Baron. Dann ging
er.
    Egloff blieb noch eine Weile liegen, die Wrme des Kaminfeuers hatte ihn
ganz schlaff gemacht, und der Burgunder gab ihm einen angenehmen, leichten
Schwindel. Man wird schlafen knnen, dachte er, und dann klang ihm pltzlich
Fastrades Stimme im Ohr, das sieht aus wie ein Schlachtfeld, hatte sie vom
Walde gesagt, und das klang so zornig wie das Pfui! damals, als er den Hund
schlug. Er lchelte vor sich hin. Dieses Mdchen einmal so bse zu machen, da
es ganz hei und wild wird, das mte hbsch sein. Dann schellte er nach Klaus,
um zu Bette zu gehen.

                                Sechstes Kapitel


Am Nachmittage zur Teestunde war in Sirow Besuch. Die Baronesse Arabella kam, um
der Baronin Egloff Fastrade nach der langen Abwesenheit wieder vorzustellen, und
die Baronin Port war da mit ihren beiden Tchtern Sylvia und Gertrud. Die Damen
saen im Wohnzimmer der Baronin, in diesem Zimmer mit dem dicken Smyrnateppich,
den schweren, dunkelblauen Vorhngen, in das das bleiche Licht des
Winternachmittags nur gedmpft und fast schlfrig eindrang. Die Luft hier war
schwer, denn es war stark geheizt worden, und es roch nach Tee und einem sehr
sen Parfm, das die Baronin liebte. Die Baronin thronte auf ihrem Sessel recht
stattlich im schwarzen Seidenkleide und der Mantille nach der Mode der sechziger
Jahre, das Gesicht sehr wei mit regelmigen Zgen, an jeder Schlfe drei graue
Lckchen, und auf dem Kopfe ein Spitzentuch, das mit dicken, goldenen Nadeln
befestigt war. Sie strickte an einer pfauenblauen Strickerei und sprach deutlich
und ausdrucksvoll, sie liebte es zu sprechen und verlangte, da man ihr
andchtig zuhrte. Sie wandte sich an die beiden alten Damen und erzhlte von
der Groherzogin, bei der sie frher Palastdame gewesen war. Die Groherzogin
war so genau, da, wenn die Kammerfrau ihr am Morgen ein Hemd prsentierte, das
nicht die folgende Nummer des am vorigen Tage getragenen Hemdes zeigte, sie es
zurckwies und sehr ungehalten war. Und so war es mit allem, mit den
Taschentchern und so weiter. Eine ganz seltene Frau. Sehr interessant,
bemerkte Baronesse Arabella, so von den Intimitten der hohen Herrschaften zu
hren. Oh, da knnte ich viel erzhlen, sagte die Baronin. Die anderen nahmen
an dem Gesprche nicht teil, Gertruds kleines Figrchen versank ganz in dem
groen Sessel, sie sttzte den Kopf mit den wirren blonden Lckchen an die
Lehne, das weigepuderte Gesichtchen mit den zu feinen Zgen und dem zu roten
Munde drckte eine stille Qual aus. Ja, sie lag da im Sessel und sehnte sich
krampfhaft nach einer Zigarette. Fastrade und Sylvia schienen mit ihren Gedanken
sehr weit fort zu sein, und Frulein von Dussa hantierte mit dem Teegeschirr
leise und vorsichtig, um die Baronin in ihrer Erzhlung nicht zu stren. Haben
Sie die Dewitzens in Dresden gekannt? wandte sich die Baronin pltzlich streng
an Gertrud und sah sie dabei mibilligend an. Gertrud fuhr auf, machte ein
erschrockenes Gesicht: Nein, sagte sie hastig. Dann lehnte sie ihren Kopf
wieder zurck und begann mde und fast berlegen zu sprechen: Ach nein, ich
lebte ganz meiner Kunst, ich hatte nur einen kleinen Kreis von Freundinnen und
Freunden, meistens Knstlerinnen und Knstlern. Die Kunst nimmt einen ja so
hin.
    So, meinte die Baronin und klapperte mit den elfenbeinernen Nadeln ihrer
Strickerei, diese Kreise kenne ich nicht. In unserer Jugend schien es uns, als
seien diese Kreise von uns meilenweit entfernt, sozusagen in einer anderen Welt,
man wute einfach nichts von ihnen.
    Die Baronin Port, die besorgt diesem Gesprche zugehrt hatte, bemerkte:
Ja, wie die Zeiten sich ndern, die Kinder lernen und erfahren jetzt Dinge, von
denen wir Alten nichts wissen, man kommt sich ganz dumm vor.
    Baronin Egloff schaute von ihrer Strickerei auf und sagte scharf: Ich wei
nicht, ich komme mir trotz allem noch lange nicht dumm vor. Und auf all die
Dinge, welche unsere Jugend jetzt wissen will, bin ich gar nicht neugierig.
    Eine peinliche Pause trat ein, drauen hrte man die Haustr auf- und
zugehen, die Baronin und Frulein von Dussa sahen sich bedeutungsvoll an, und
Frulein von Dussa flsterte: Der Baron. - Nun ja, berichtete die Baronin,
mein armer Dietz ist jetzt so beschftigt mit dem Waldverkauf, er mu immer in
den Wald reiten bei diesem Wetter. Liebe Dussa, bereden Sie ihn doch, da er
kommt, eine Tasse Tee nehmen, das wird ihn erwrmen.
    Frulein von Dussa ging hinaus, um ihren Auftrag auszurichten, und die
Unterhaltung wurde zerstreut und matt. Die Baronin erzhlte von Katarrhen, die
ihr Dietz frher gehabt hatte, alle aber warteten. Als dann Frulein von Dussa
mit Dietz zurckkehrte, ging ein allgemeines angeregtes Sichaufrichten durch die
Gesellschaft. Dietz war kalt von seiner Fahrt und schien heiter, er begrte die
Damen, sagte: Hier ist aber ein warmes Nest, und seine Stimme klang laut und
rcksichtslos in diesem Raume, in dem die ganze Zeit ber nur gedmpft
gesprochen worden war. Er setzte sich zu Gertrud, lie sich Tee einschenken,
erzhlte vom Walde und den Holzjuden. Alle hrten ihm zu, das strenge Gesicht
der Baronin Egloff wurde ganz milde, whrend ihre Augen auf ihrem Enkel ruhten.
Du kannst dir ruhig deine Zigarette anznden, sagte sie, die Damen haben
nichts dagegen.
    Raucht eine der Damen? fragte Dietz, indem er sein Zigarettenetui
hervorzog.
    Oh, ich bitte, rief Gertrud leidenschaftlich, und als sie die Zigarette
zwischen den Lippen hielt und den Rauch vor sich hin blies, versank sie in einen
seltsamen Ausdruck unendlichen Behagens. Dietz lchelte: Sie waren wie ein
Durstiger in der Wste, Baronesse, bemerkte er. Die Baronin aber zog die
Augenbrauen in die Hhe und meinte: Ach ja, ich vergesse immer, da so etwas
jetzt Sitte ist. Dietz begann sich mit Gertrud ber das Theater zu unterhalten,
die alten Damen nahmen gedmpft ihr Gesprch wieder auf, und da es finster zu
werden begann, wurden die Lampen gebracht. Ich denke, sagte die Baronin, wir
haben noch ein Stndchen Zeit fr unser Bezique. - Unterdessen wird die
Baronesse Gertrud uns vorsingen, schlug Dietz vor, im Flur sah ich die Noten.
Die alten Damen und Sylvia Port setzten sich an den Kartentisch, im Musikzimmer
wurden Lichter auf das Klavier gestellt, und Frulein von Dussa schickte sich
an, Gertrud zum Gesange zu begleiten. Fastrade und Egloff setzten sich an das
andere Ende des Zimmers und warteten.
    Das ist immer das erste, sagte Dietz leise, wenn man sich mit der Kunst
einlt, so trgt man keine Kleider mehr, sondern Gewnder. Er sah dabei
Gertruds schmchtiges Figrchen an, das ein hellgraues Kleid von zeitlosem
Schnitte mit lang niederhngenden rmeln trug. Fastrade erwiderte nichts, sie
wollte nicht mit ihm ber die arme Gertrud lachen. Nun begann Gertrud zu singen:

Rauschender Strom
Brausender Wald
Starrender Fels
Mein Aufenthalt.

    Ihr ganzer Krper bebte, sie hob sich auf die Fuspitzen, ihr Gesicht nahm
einen schmerzvollen Ausdruck an, als tten ihr diese groen, dunklen,
leidenschaftlichen Tne weh, die sie hinausrief, die da in das stille Haus
klangen, als wre hier pltzlich ein groes tragisches Ereignis erwacht.

Wie sich die Welle
An Welle reiht,
Flieen die Trnen
Mir ewig erneut.

    Dietz beugte sich zu Fastrade vor und flsterte: Das hlt sie nicht aus,
diese Stimme bringt sie um.

Hoch in den Kronen - wogend sich's regt,
So unaufhrlich - mein Herze schlgt.
Und wie des Felsens - uraltes Erz,
Ewig derselbe - bleibet mein Schmerz,

klagte Gertruds Stimme weiter, und als sie dann schwieg, hatte selbst diese
Stille noch eine zitternde Erregung.
    Gertrud lehnte mde am Klavier, und Frulein von Dussa begann ruhig und
gelufig auf sie einzureden. Aus dem Nebenzimmer klang das leise Klappern der
Spielmarken herber, und Fastrade konnte von ihrem Sitz aus Sylvias bleiches
Gesicht sehen, wie es nachsichtig und resigniert in die Karten schaute. Was
hilft es? sagte Egloff leise, da hat die arme Kleine sich an einem Schmerz und
einer Leidenschaft berauscht, und mit dem letzten Akkord ist alles aus, und sie
ist wieder nur Gertrud Port, die eine Nervenkrankheit hat, nicht weiter
studieren kann und von ihrem Vater angebrummt wird.
    Aber sie hat doch dieses Erlebnis gehabt, versetzte Fastrade, und ihre
Stimme klang so erregt, da Egloff berrascht aufschaute. Fastrades Gesicht war
ber und ber na von Trnen. Sie weinen? fragte er. - Es ist nur die Musik,
erwiderte sie und lchelte.
    Egloff schaute wieder auf seine Hnde. Nun ja, begann er langsam, aber
fhlen Sie nicht, wie hier in diesem Zimmer alles Leidenschaftliche und
Lebensvolle gleich verklingt, totgeschlagen wird vom - wie soll ich sagen -
Abendlichen, Gromtterlichen, Sirowschen? Am Beziquetisch klappern sie mit den
Marken, es riecht nach dem vom Kamin heigewordenen Teppich, und Frulein von
Dussa hlt einen Vortrag, Goethe und Schubert sind ganz weit. Gott, dieses
Sirowsche, wie ich es sehe, ich mu es wirklich einmal als Kind gesehen haben,
wie es durch die Zimmer geht und alles Leben, das sich regen wollte, zum
Schweigen bringt. Es trgt ein fufreies braunes Kleid, eine lila Haube, hat ein
kleines, graues Gesicht und legt eine kleine graue Hand vor den Mund und ghnt.
Er wartete einen Augenblick, ob Fastrade etwas sagen wrde, als sie jedoch
schwieg, fuhr er fort: So ist es bei Ports, so ist es auch bei Ihnen, und das
kommt daher, da unsere alten Herrschaften strker sind als wir. Sie wollen
ruhig und melancholisch ihren Lebensabend feiern, gut, aber wir wurden in diesem
Lebensabend erzogen, wir mssen ihm dienen, wir mssen in ihm leben, wir fangen
sozusagen mit dem Lebensabend an. Das ist ungerecht. Er hielt wieder inne und
schaute auf. Fastrade sa sehr ernst da und schob ein wenig die Unterlippe vor,
wie sie es tat, wenn sie unzufrieden war. Was ich da sage, mifllt Ihnen?
fragte Egloff.
    Ja, erwiderte Fastrade, es klingt unangenehm und lieblos.
    Lieblos? wiederholte Egloff nachdenklich, ach nein, dieses Abendleben
macht uns im Gegenteil zu reizbar und gefhlvoll. Ich wurde hier einsam ohne
Kameraden von meiner Gromutter erzogen, ich wurde ein unertrglich weicher
Bengel. Einmal ging ich in den Park hinaus in der Sommerdmmerung. Ich kam an
einen Platz, wo auf langen Leinen Wsche aufgehngt war, eine ganze Reihe groer
Mnnerhemden hing dort, der Abendwind fuhr in sie hinein, schaukelte sie sanft
hin und her, und sie hoben ihre Arme langsam in die Hhe und lieen sie wieder
mde sinken, was soll ich Ihnen sagen, das rhrte mich, ich stand da und heulte,
tatschlich.
    Gertrud sang wieder, sie sang ein Lied von Mendelssohn, hob sich auf die
Fuspitzen, rang die Hnde ineinander.

Schon sinket die herbstliche Sonne,
das wird mein Trumen wohl sein.

Ihr ganzer kleiner Krper wurde wieder von der sen Melancholie der Tne
geschttelt, und als sie zu Ende war, sank sie auf einen Stuhl nieder und atmete
tief. Frulein von Dussa wandte sich sogleich zu ihr und begann eifrig ber
Mendelssohn auf sie einzusprechen. Egloff hob einen Finger in die Hhe und sagte
leise zu Fastrade: Jetzt geben Sie acht, Sie werden es spren, wie jetzt gleich
das Sirowsche durch die Zimmer geht, um Mendelssohn hinauszufegen.
    Fastrade zog ihre Augenbrauen empor und meinte fast ungeduldig: Ich wei
nicht, worber Sie sich beklagen, Ihr Leben ist doch gewi nicht abendlich und
melancholisch. Egloff zuckte die Achseln: Man tut, was man kann, nur das
Sirowsche ist strker. Gewi, ich locke zuweilen Menschen hierher, oder ich gehe
auf Reisen, oder ich fahre in das Stdtchen in den Klub und trinke, oder ich
spiele Karten, gewi, gewi, aber das Sirowsche wohnt bei mir zu Hause und
gehrt zu mir. brigens, und er dachte einen Augenblick nach, brigens, man
hat Ihnen wohl gesagt, da ich ein Spieler bin.
    Fastrade zog die Augenbrauen zusammen und machte ihr eigensinniges Gesicht.
Warum kommt er mir mit seinen Fragen und Gestndnissen so nahe, dachte sie,
danach sagte sie fast unwillkrlich: Warum mssen Sie denn spielen?
    Warum? erwiderte Egloff sinnend, ich wei nicht, vielleicht, weil im
Spiel immerfort sich schnell etwas entscheidet, so etwas wie ein ganz eilig
laufendes Schicksal. Im Leben entscheidet sich ja sonst alles so langsam. Wenn
ich heute auf etwas hoffe, erfllt es sich erst nach so langer Zeit, da ich
dann keine Freude daran habe, man lebt ja, als ob man eine Ewigkeit Zeit htte.
Er hielt inne und betrachtete Fastrade. Sie, sagte er dann, sollten auch mehr
Eile haben.
    Ich! Fastrade sah ihn mit blitzenden Augen feindselig an. Was wissen Sie
von mir?
    Egloff verneigte sich leicht. Entschuldigen Sie, gewi zu wenig, um einen
Rat erteilen zu drfen.
    Ich, fuhr Fastrade hastig fort, ich diene sehr gern der - der - wie
sagten Sie doch, der Abendstimmung all derer, die ich liebe und - und - ich
werde mir schon meinen Tag zu machen wissen. Sie war sehr erregt, denn sie
fhlte, da es unwahr war, was sie sagte. Egloff lchelte.
    Sie haben sich wieder ber mich gergert, sagte er, berhaupt sind Sie
heute, wie es mir scheint, gegen mich.
    Heute? wiederholte Fastrade erstaunt, war ich denn schon fr Sie?
    Egloff lachte: Sehr wahr. Fr mich zu sein, ist hier in der Gegend ja wohl
berhaupt nicht Sitte.
    Die Damen am Kartentische brachen auf. Drauen vor der Treppe klingelten die
Schlittenschellen. Man fuhr fort. Als es im Hause wieder still und leer war,
stand Egloff eine Weile sinnend im Musikzimmer, dann rief er Klaus und befahl:
Mein Schlitten soll angespannt werden, ich fahre noch in die Stadt zum Klub.
    Die Baronin und Frulein von Dussa saen wieder friedlich im Wohnzimmer bei
der Lampe, die Baronin strickte ihre pfauenblaue Strickerei, Frulein von Dussa
hatte ihren Kneifer aufgesetzt und ein Buch aufgeschlagen, sie lehnte aber ihren
Kopf auf die Lehne des Sessels zurck. Als die Schellen von Egloffs Schlitten
von drauen hereinklangen, sagte die Baronin: Er fhrt wieder aus. - Ja,
sagte Frulein von Dussa. Er ist jetzt wieder sehr unruhig, meinte die
Baronin. - Sehr unruhig, besttigte Frulein von Dussa, dann fgte sie klagend
hinzu, wenn er die rechte Frau fnde. Ja, wissen Sie denn eine? fragte die
Baronin gereizt. Frulein von Dussa schttelte den Kopf. Diese beiden Mdchen
da, mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen, sind gewi nicht die rechten. Die
Baronin sah von ihrer Strickerei auf und sagte scharf: Gertrud ist eine Nrrin
geworden und Fastrade mag ein gutes Mdchen sein, nur schade -.
    Ja, sehr schade, wiederholte Frulein von Dussa und beugte sich auf ihr
Buch nieder.

                               Siebentes Kapitel


Es war am Morgen beim Frhstck, da die Baronesse Arabella die greisen
Augenbrauen besorgt in die Hhe zog und zu Fastrade sagte: Ich habe die ganze
Nacht nicht schlafen knnen, der Gedanke, da du heute nachmittag in den Wald
fahren wirst dieser Grenze wegen, lie mir keine Ruhe. So geht das nicht. Frher
htte dein Vater das nie gestattet. Ich mit meiner Erkltung kann dich nicht
begleiten, Ruhke zhlt nicht, und da sollst du nun mit diesem verrufenen jungen
Manne zusammentreffen.
    Verrufen? fragte Fastrade. Ist er denn wirklich verrufen? Und sie
lchelte dabei ein wenig verachtungsvoll.
    Nun ja, fuhr die Baronesse erregt fort, einen guten Ruf hat er nicht, man
hrt doch allerhand. Jedenfalls ein guter Mensch ist er nicht.
    So war es hier immer, versetzte Fastrade, den Menschen wurden die
Etiketten ganz schnell aufgeklebt, und dann hie es: dieser ist ein schlechter
Mensch, und er wird ein fr allemal in den Giftschrank gestellt. Fastrade
wunderte sich selbst ber die Schrfe ihrer Worte, und die eingefallenen Wangen
der Baronesse rteten sich leicht. Ich, liebes Kind, sagte sie, habe ihm
seinen bsen Ruf nicht gemacht, jedenfalls schickt es sich nicht, da du allein
dort bist, ich schreibe an Gertrud Port und bitte sie, sich auch dort
einzufinden, dann seid ihr wenigstens zu zweit.
    Ach ja, meinte Fastrade, ich hatte vergessen, da ich wieder das
wohlbehtete Mdchen bin, das verteidigt werden mu und bewacht und beschtzt,
auf das berall Gefahren lauern.
    Wie das in der groen Welt ist, erwiderte die Baronesse streng, wei ich
nicht, hier haben wir unsere Gesetze und da schickt sich so was nicht. Ich
schreibe an Gertrud Port.
    Am Nachmittag kutschte Mahling Fastrade in den Wald, Ruhke fuhr hinterher,
den Schlitten voller Karten. Es war ein frostiger heller Wintertag, Mahling
vermochte den groen Braunen kaum zu halten, das Hinsausen auf dem glatten Wege
machte dem Tiere zu groes Vergngen. Fastrade, fest in ihre Winterjacke
eingeknpft, die Otterfellmtze in die Stirn gedrckt, empfand das leichte
Brennen der Frostluft auf den Wangen, das Blitzen der Nachmittagssonne auf dem
Schnee, die schnelle Bewegung der Fahrt wie etwas, das ihr Blut kstlich
aufpeitschte. Sie hatte sich kindisch auf diese Ausfahrt gefreut, die Tage zu
Hause waren ja so ereignislos, da man kaum merkte, da man lebte. Hier mitten
in diesem Blitzen und Wehen war es einfach unmglich, daran zu glauben, da es
so etwas gab wie die Couchon an ihrem Kartentisch. Jetzt bogen sie in einen
Waldweg ein, es ging unter schwer verschneiten Tannen hin, lange weie Korridore
entlang, es roch stark nach Schnee und Harz, und berall funkelte und knisterte
es, als ginge die Fahrt durch eine Welt von weiem Brokat. Auf der Anhhe
standen die alten Fhren steif und grell gegen einen rein blauen Himmel. Als sie
die Anhhe umfahren hatten, arbeiteten sie sich auf einer kurzen Strecke einen
engen Weg durch die junge Tannenschonung hindurch, dann hielten sie. Vor ihnen
lag ein Platz, der voll Menschen und Pferden war. Groe Balken wurden auf
Schlitten gebunden, struppige Pferde mit bereiften Mhnen wurden mit lauten
Zurufen angetrieben, berall standen Mnner, graue vermummte Gestalten mit
groen Pelzmtzen und rotgefrorenen Nasen. Und mitten unter ihnen schlenderte
Egloff umher, die Pelzmtze im Nacken, die Hnde in den Taschen seines kurzen
Jagdpelzes, sehr schmchtig unter all den plumpen Gestalten und anscheinend sehr
sorglos und mig hier mitten unter der lauten, angestrengten Arbeit. Als er
Fastrades Schlitten erblickte, kam er heran, grte: Ah, unsere
Geschftsgenossen, rief er und lachte offenbar nur, weil er sich freute. Er
half Fastraden aus dem Schlitten. Sehen Sie, sagte er, dies hier nun ist mein
Reich. Hlich? Was?
    Ja, sagte Fastrade, das ist hlich.
    Das fhle ich gewi am meisten, fuhr Egloff fort, es ist sogar
widerwrtig, schmutzig. Sehen Sie den dort. Er wies auf einen Herrn im
stdtischen Pelzpaletot, der mitten unter den Arbeitern stand, ein Notizbuch in
der Hand, er schien sehr zu frieren, sein Gesicht war blaurot, der rote Bart
bereift, aber die grellbraunen Augen verfolgten mit einer ruhigen, kalten
Wachsamkeit, was ringsumher vorging.
    Das ist Herr Mehrenstein, sagte Egloff, soll ich ihn Ihnen vorstellen?
    O nein, erwiderte Fastrade, der ist doch der Feind. Egloff lachte: Sehr
wohl, Mehrenstein ist der Feind, wo Mehrenstein erscheint, da wird aus einem
Wald ein Zahltisch. Wie bses Ungeziefer frit sein Geld den Wald auf. Ich kann
mir denken, da ein Grauen die Bume schttelt, wenn Mehrenstein durch einen
Wald geht.
    Unwillkrlich schaute Fastrade zurck auf die Fhren des Padurenschen
Waldes. Egloff lachte. Sie sehen Ihre Fhren an, sagte er. - Oh, die frchten
sich nicht, erwiderte Fastrade. - Ich wei nicht, meinte Egloff, wo
Mehrenstein erscheint, ist keine Sicherheit. Allerdings die da oben sehen heute
verdammt vornehm auf meinen Marktplatz herunter, sie haben sich alle ganz
frische Wsche angezogen und hauchen ordentlich eisig kalt ihre Verachtung auf
alle uns dreckige Arbeitsmenschen nieder. brigens steht Herr Ruhke dort, wir
mssen sehen, ob ich Ihrem Walde nicht zu nahe getreten bin. Fr Sie ist der
Schnee dort zu tief.
    Wozu bin ich aber hier? wandte Fastrade ein.
    Um die Sache zu heiligen, erwiderte Egloff, und das geschieht ebensogut,
wenn Sie hier auf uns warten. Damit ging er zu Ruhke hinber und beide
verschwanden im Dickicht.
    Fastrade setzte sich auf einen Baumstamm, vor ihr luden die Leute einen
groen Balken auf kleine Schlitten, banden ihn fest, trieben die Pferde mit
Geschrei an, Herr Mehrenstein trat hinzu, klopfte mit dem silbernen Bleistift
auf den Balken und schrieb etwas in sein Notizbuch. Wie eine magische Formel sah
das aus, durch die das, was einst ein Baum gewesen, endgltig tote Sache wurde.
Mitten auf dem Platze brannte ein Feuer aus trockenem Reisig, groe Rauchwolken
erhoben sich dort und breiteten einen ruigen Schleier ber den ganzen Platz.
Graue bereifte Gestalten standen um das Feuer, streckten ihre frierenden Hnde
aus, um sich zu wrmen, und sprachen so laut, als wren sie weit voneinander
entfernt.
    Ob er es wei, da er verrufen ist, dachte Fastrade, und ob ihn das
schmerzt, aber dann wrde er nicht dieses leichtsinnige Lcheln haben.
    Auf dem kleinen Wege am Waldrande erschien jetzt ein Schlitten, Gertrud
grte schon von weitem, dann sprang sie heraus und kam ber den glatten Schnee
mit unsicheren Schritten auf Fastrade zu. Sie hatte sich schn angezogen, trug
ein dunkelrotes Pelzjackett, ein Pelzbarett und lachte ber das ganze Gesicht.
    Oh, wie ist das hier schn, Fastrade, rief sie, wie habe ich mich
gefreut, als der Brief kam. Ich komme etwas spt, du weit, ich mute warten,
bis der Papa zu seinem Mittagsschlaf verschwunden war, sonst htte es natrlich
Fragen und Einwendungen gegeben. Ach, und der Wald, das reine Ballkleid. Und er,
wo ist er? Sie hielt inne und schpfte tief Atem, wie jemand, der einen zu
schnellen Trunk getan hat.
    Die Tante wollte, du sollst kommen, mich beschtzen, sagte Fastrade und
sah das bunte erregte Figrchen lchelnd und ein wenig mitleidig an. Gertrud
setzte sich auf einen Baumstamm und wurde ernst. Das ist auch gut, sagte sie,
ist er heute sehr dmonisch? und da Fastrade nicht antwortete, fuhr sie fort:
Der Papa sagte, er wird noch seinen ganzen Wald verspielen.
    Das ist seine Sache, erwiderte Fastrade ungeduldig.
    Nun ja, versetzte Gertrud, ich gehre eigentlich auch zu seiner Partei.
Ach, es war aber gerade eine Stimmung zu Hause, so grau, so grau! Ich hatte das
Gefhl, als klebten mir Spinnweben an allen Fingern. Da kam der gesegnete Brief,
jetzt ist alles gut, gleich wird die Sonne untergehen, es kommt schon rot durch
die Padurenschen Bume gekrochen. Sie sprang auf, sang eine laute helle
Notenfolge vor sich hin und begann auf dem von den Schlitten glattgefahrenen
Schnee hin- und herzugleiten.
    Auf dem Platze schickten die Leute sich an, ihre Arbeit einzustellen, erregt
liefen sie durcheinander, suchten ihre Sachen zusammen, jetzt hrte man den
einen oder anderen rauh lachen, sie warfen sich auf die kleinen Schlitten, um
abzufahren, Herr Mehrenstein steckte das Notizbuch in die Tasche und schlug
seinen Pelzkragen auf, der Platz leerte sich allmhlich. Dann begann Klaus
Pelzdecken heranzuschleppen und in der Nhe des Feuers auszubreiten, er holte
einen Teekessel heran und Tassen und fing an, Tee zu kochen und Weinflaschen
aufzuziehen. Tee bekommen wir auch, jubelte Gertrud. Aber da ist ja noch
jemand, rief sie, das sind ja Dachhausens, die hat sicherlich die Mama uns
nachgeschickt. Wirklich kam jetzt ein Schlitten mit hellem Schellengeklingel
aus dem Waldwege herangefahren und hielt auf dem Platze. Ja, es sind
Dachhausens, ertnte die freundliche Stimme des Baron Dachhausen. Er sprang aus
dem Schlitten und schwenkte seine Pelzmtze. Sein schner, brauner Vollbart war
ganz bereift und seine blauen Augen blank vor Lustigkeit. Meine Frau hat, ich
wei nicht wie, erfahren, da hier eine Zusammenkunft stattfindet und wollte
durchaus dabei sein. So sind wir hier. Komm, Liddy, ich hebe dich heraus.
    Die Baronin war ganz in weies Pelzwerk gehllt, wie in groe, weie
Schneeflocken, und ihr Gesicht sah rosa aus all diesem Wei heraus. Sie lie
sich aus dem Schlitten heben, begrte Fastrade und Gertrud, sie schien unsicher
und befangen. Wo ist Dietz? fragte Dachhausen, ah, da kommt er. Guten Abend,
Dietz, alter Junge, wir haben uns selbst zu deiner Soiree hier eingeladen.
    Dietz und Ruhke waren eben aus dem Dickicht aufgetaucht. So, so, meinte
Egloff, das ist ja gut, deine Gemahlin ist auch da. Schn, schn. Er sagte das
jedoch ziemlich khl und mimutig. Nun, ich denke, jetzt wird wohl niemand mehr
kommen, so knnen wir Tee trinken. Bitte Platz zu nehmen. Fritz, du warst immer
der Liebenswrdigere von uns beiden, du spielst ein wenig den Gastgeber statt
meiner. Ach was, liebenswrdig, meinte Dachhausen, so ein alter Ehemann, -
gleichviel, meine Damen, bitte sich zu setzen.
    Man lie sich auf die Pelzdecken nieder, Klaus reichte Tee herum, Dachhausen
go Portwein ein, sprach bestndig begeistert: Herrlich, meine Damen, herrlich.
Hier wird einem das Herz weit, nicht wahr? Was meinen Sie, Baronesse Gertrud,
fhlen Sie nicht, wie hier die Grostadtkruste oder, wie soll ich sagen,
Grostadtrinde -.
    Ach lassen Sie es, lieber Baron, sagte Gertrud, bog ihren Kopf ein wenig
zurck und sah Dachhausen gefhlvoll an, hier ist die Grostadt vergessen.
Nicht wahr, rief Dachhausen, was sind alle Opern gegen dieses Abendrot. Sehen
Sie, meine Herrschaften, die Fhren oben, wie im Feuer stehen sie. Das hat
Egloff gut gemacht.
    Entschuldigung, sagte Egloff, der beiseite stand und nachdenklich eine
Zigarette rauchte, das Abendrot gehrt nicht mir, es bleibt im Padurenschen
Walde, zu mir kommt es nicht herber.
    Ach, sagte Gertrud und starrte in das Abendrot hinein, die schnsten
Farben sind doch die schnste Musik. Sie seufzte tief, als tte das gewaltsame
Aufflammen der Farben ihr wehe. Ja, gewissermaen, besttigte Dachhausen
unsicher.
    Egloff hatte sich jetzt auch auf eine der Pelzdecken hingestreckt und trank
schweigend ein Glas Portwein. Endlich begann er halblaut mit Fastrade ber die
Grenze zu sprechen, dem Padurenschen Walde war kein Unrecht geschehen, es war
alles in Ordnung. Was er mit diesem Platze anfangen wrde? Mein Gott,
anpflanzen, aufforsten, aber fr wen? Fr Herrn Mehrensteins Enkel vielleicht.
    Sie sollten nicht so sprechen, unterbrach ihn Fastrade.
    Egloff zuckte die Achseln: Wer wei, wer nach hundert Jahren die Macht hat.
Fr die knftigen Generationen, sagt Ihr Herr Vater; aber ich habe keinen
historischen Sinn. Mir sagt es nichts, in der Zukunft eine lange Reihe von Dietz
Egloffs zu sehen, die Stcke meines Wesens hundert Jahre fortschleppen, so wie
sich hliche Mbel in alten Husern forterben.
    Sie knnen doch Kostbarkeiten vererben, wandte Fastrade ein.
    Ja, wer die hat, erwiderte Egloff, brigens, ich will mich selbst nicht
angreifen, aber das Dietz Egloffsche als hundertjhrige Einrichtung, daran habe
ich kein Interesse.
    Das Abendrot war erloschen, auf der anderen Seite stieg der Mond am
Waldrande auf, gro und rot. Der Mond, rief die Baronin Lydia, welche die
ganze Zeit still dagesessen war. Baron Egloff, der kommt auf Ihre Seite, der
gehrt nicht zum Padurenschen Walde.
    Ja, hm, erwiderte Egloff und sah unzufrieden auf den Mond hin, er sieht
auch recht jahrmarktmig aus, eine groe, rote chinesische Laterne. Na, wenn er
hher steigt, wird er eleganter werden. Man wird immer eleganter, wenn man
Karriere macht.
    Warum er das so unfreundlich sagt, dachte Fastrade, was hat die arme kleine
Puppe ihm getan? Jetzt einen Vorschlag, fuhr Egloff fort und stand auf. Wir
machen einen Besuch im Padurenschen Walde. Wenn wir an der kleinen Waldwiese
sind, wird der Mond schon hoch genug sein, das gibt dann einen weihevollen
Abschlu.
    Man rief nach den Schlitten, die Damen wurden wieder in die Pelzdecken
gehllt. Ich fahre Sie, wenn Sie gestatten, sagte Egloff und setzte sich zu
Fastrade. Er fhrte den Zug an und bog in einen engen Waldweg ein. Hier
herrschte die bleiche Dmmerung des Schneelichts, und unendliche Geborgenheit
unter den weien Bogen der verschneiten ste. Wie ein kleiner dunkler Schatten
huschte ein Hase lautlos ber den Weg, ein aufgescheuchtes Reh brach durch das
Dickicht, die Schellen der Schlitten klangen fremd und gespenstisch, und
aufgeschreckt von ihnen schlug ein Vogel mit den Flgeln im Wipfel einer Tanne.
Egloff und Fastrade schwiegen, nur einmal bemerkte Egloff: So allmhlich fhlt
man sich hier zugehrig. Der Waldweg fhrte auf eine kleine, runde Wiese, die
jetzt hell vom Monde beschienen war. Halt! kommandierte Egloff, hier wird
ausgestiegen, hier wird eine Quadrille getanzt. - Dietz, du bist ein famoser
Kerl, rief Dachhausen, natrlich wird hier eine Quadrille getanzt, man mu nur
darauf kommen. Darf ich bitten, Baronesse Gertrud. Liddy bleibt im Schlitten,
der Pelz ist zu schwer.
    Die Paare gingen nun ber den hartgefrorenen Schnee der Wiese. Wie das
hbsch leise kracht, sagte Gertrud, es ist, als ob wir ber den Zuckergu
einer Torte gingen. Antreten, antreten! rief Egloff, und die Paare stellten
sich auf, das Mondlicht gab den Bewegungen der Tanzenden etwas seltsam
Huschendes und Schattenhaftes, die Gestalten der Mdchen wurden wunderlich
schlank, wenn sie ber den weien flimmernden Boden hinglitten und dabei kleine
Schreie ausstieen wie in einem kalten Bade und als sei das Mondlicht eine
Welle, die ber sie hinrieselte. Chane, s'il vous plat, kommandierte Egloff
sehr laut, und aus den Tannen, die ernst um den Platz umherstanden, wiederholte
ein Echo ein geisterhaftes s'il vous plat. Grand galop, kommandierte
Egloff. Die beiden Paare drehten sich, entrstet begann ein Rehbock am Waldrande
zu schmlen, da hielten sie an, standen beieinander ganz atemlos und lachten
einander an.
    Das war schn, sagte Gertrud und lehnte sich schwankend an Dachhausens
Arm, was ist ein Ballsaal dagegen. Das wissen die Hasen schon lngst,
erwiderte Dachhausen munter. Aber jetzt mssen die Damen schnell wieder in die
Pelzdecken. Man ging zu den Schlitten zurck. Die Baronin Lydia sa dort in
ihrem Schlitten ganz in ihr weies Pelzwerk verkrochen. Ach, Liddy, es war
herrlich, sagte Gertrud, endlich mal wieder etwas, das zu erleben verlohnt.
Aber was hast du? Du weinst ja. Liddy weinte, weinte, da ihr ganzer Krper
geschttelt wurde. Nun kam Dachhausen und schalt und trstete: Ich sage es
immer, du vertrgst die groen Natureindrcke nicht, sie erschttern dich zu
sehr. Machen wir, da wir heimkommen.
    Sie ist eiferschtig auf mich, flsterte Gertrud Fastrade zu. Egloff, die
Hnde in den Taschen seines Pelzes, stand ruhig da und lchelte. Als man sich
nun trennen mute, wurde auch Gertrud gefhlvoll. Sie umarmte Fastrade. Wie
enge wird es jetzt zu Hause sein, flsterte sie, es wird dort nach Zwieback
riechen und der Papa wird unangenehme Bemerkungen machen. - Du kannst doch
singen, wandte Fastrade ein. - Ach, der Vater hrt das nicht gern, erwiderte
Gertrud, gleichviel, es war schn. Egloff ist dmonisch, und Dachhausen, glaube
ich, unglcklich in seiner Ehe.
    So fuhr man denn ab auf der blanken Landstrae, der Mondschein machte das
Land unendlich weit, und in der schnellen Bewegung schien das Licht an den
Fahrenden vorberzusausen wie etwas Flssiges und Eiliges. Auf der Ebene am
Kreuzwege trennten sie sich: Gute Nacht, Heil klang es von Schlitten zu
Schlitten, und ein jeder schlug seinen Weg ein. Aus der Ferne leuchteten die
Lichter der Gutshuser, rtliche Pnktchen inmitten des weien Mondscheins.
    Als Fastrade vor der Padurenschen Treppe hielt, sah sie an den Fenstern des
Esaals eine dunkle Gestalt erregt auf und ab gehen. Sie wurde also erwartet,
dachte sich Fastrade, und wirklich kam ihr die Baronesse klagend entgegen: So
spt, Kind, Ruhke ist schon lngst zu Hause, dein Vater fragt nach dir. Aber
Fastrade nahm die alte Dame in ihre Arme und wiegte den zerbrechlichen Krper
vorsichtig hin und her und sagte: Es war sehr schn. Wir haben Tee getrunken,
haben auf der Wiese getanzt, sind gefahren. Sag', Tantchen, hast du nie im Leben
gesungen? Ist es dir nie passiert, da du dich hier mitten im Saale hinstelltest
und aus Leibeskrften lossangst, da die Wnde zitterten?
    Kind, Kind, versetzte die alte Dame, was sprichst du da fr Sachen.
    Schade, meinte Fastrade, das wrde dich glcklich machen.
    Aber da wurde die Baronesse wieder elegisch und ernst: Ich brauche keinen
Gesang und ich brauche kein Glck mehr. Ich sitze still bei den Meinigen und
warte, bis ich abberufen werde. Und dann, Kind, warum sprichst du so laut?
    Fastrade lie die Arme sinken, ach ja, sie hatte einen Augenblick vergessen,
da man hier gedmpft wie in einer Krankenstube zu sprechen pflegte und da es
hier im Hause die Aufgabe eines jeden war, stillzusitzen, bis man abberufen
wurde. So wollte sie denn zu ihrem Vater hinbergehen. Unterwegs blieb sie noch
vor einem Fenster stehen und schaute auf die Mondnacht hinaus, wie auf etwas
Befreundetes und Verbndetes.
    Als Gertrud vor der Witzowschen Haustre hielt, war ihr Lebensmut wieder
gnzlich gesunken, und als sie im Hausflur stand und der wohlbekannte feuchte
Kalkgeruch ihr entgegenschlug, da fhlte sie sich nur noch als das junge
Mdchen, dessen Lebensplne gescheitert waren und das sich vor ihrem Vater
frchtete. Sylvia kam ihr besorgt entgegen und berichtete flsternd, der Vater
sei recht ungehalten. Gertrud zuckte die Achseln, sie war entschlossen, sich
nichts daraus zu machen. Als sie in das Wohnzimmer trat, sagte sie daher
mglichst unbefangen Guten Abend. Baron Port sa an der Lampe und las die
Zeitung, die Baronin sa neben ihm und strickte. Karo, der Hhnerhund, der zu
Fen seines Herrn schlief, erhob ein wenig seinen Kopf, der Duft von Schnee und
Wald, den Gertrud in ihren Kleidern mitbrachte, regte ihn auf. Guten Abend,
sagte der Baron und legte die Zeitung fort; er wartete, bis seine Tochter sich
gesetzt hatte, dann sah er sie ber die Brille hinweg an und begann zu sprechen.
Offenbar hatte er sich zurechtgelegt, was er sagen wollte, denn er sprach
gelufig und bertrieben ermahnend. Ich mchte wissen, wer diese neue Art der
Geselligkeit hier bei uns importiert hat. Hat die Fastrade sie aus dem
Krankenhause mitgebracht oder du aus der Singschule, oder hat der Dietz Egloff
sie von seinen Portugiesen und Polacken gelernt? Fr Krankenschwestern,
Sngerinnen und Portugiesen sind sie vielleicht passend, fr unsere Fruleins
passen sie mir nicht. Das wollte ich gesagt haben. Und dann, du bist ja
krnklich, du sollst auskuriert werden, wenn es sich um die Gesundheit meiner
Angehrigen handelt, spare ich nicht; aber ich verlange, da nicht unvernnftig
auf die Gesundheit losgewirtschaftet wird. Das wollte ich gesagt haben. Er
griff wieder nach seiner Zeitung. Gertrud sa schweigend da; sie htte gern
geweint, sie htte sich auch verteidigen knnen, statt dessen machte sie nur ein
hochmtiges Gesicht, starrte in die Lampe, als hrte sie nicht zu, sondern
dchte an ganz andere Dinge. Im Zimmer war es jetzt still, hei und beklommen;
sie hielt es nicht lnger aus, sie erhob sich und ging in die dunkele
Zimmerflucht hinber. Dort schritt sie langsam auf und ab, sie fhlte sich
gekrnkt und gedemtigt. Also krnklich sein, das war jetzt ihr Beruf, sonst
nichts. Wenn sie ging, lie sie die Arme schlaff niederhngen, bewegte den
ganzen Krper lssig hin und her, sie ging so, wie sie es zuweilen drben in
Dresden gesehen hatte an einer kleinen Sngerin, die das Leben rcksichtslos zu
genieen verstand. Wenn sie nach durchjubelter Nacht am Morgen in ihren
himmelblauen Morgenrock gehllt in das Wohnzimmer kam, dann hatte sie diese
sorglos mden Bewegungen gehabt, die Gertrud stets wie die beredteste Gebrde
der Verachtung aller Philistermoral erschienen waren. Allein jetzt so zu gehen
brachte Gertrud keine Erleichterung. Wenn sie singen knnte. Aber das durfte sie
ja nicht. Das einzige, was ihr jetzt helfen konnte, war ihr verboten. Und doch,
das Bedrfnis zu singen war zu stark, sie ging in den Flur hinaus und stieg dort
eine Treppe zum unteren Gescho des Hauses hinab. Hier befand sich der Raum, in
dem die Mgde zu spinnen pflegten; von weitem hrte sie schon das Schnurren der
Spinnrder und den schlfrig eintnigen Gesang der Mgde. Entschlossen ffnete
Gertrud die Tr. Der Raum war von einer trben Petroleumlampe erhellt; es roch
nach Wolle und den feuchten Holzscheiten, die im Ofen prasselten. In langer
Reihe saen die Mgde da, breite Gestalten in schweren Wollenkleidern; sie
drehten an ihren Rdern und sangen beruhigt und schlfrig vor sich hin. Als
Gertrud eintrat, blieben die Rder stehen, und die Kpfe hoben sich. Wartet,
sagte Gertrud ein wenig atemlos und befangen, ich singe euch etwas vor. Und
sie begann gleich, etwas ganz Ses mute es sein.

Auf Flgeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag ich dich fort.

    Sie rang wieder die Hnde ineinander, hob sich auf die Fuzehen, sang sich
alles Witzowsche von der Seele, berauschte sich an diesem Liebesgirren.

Dort wollen wir niedersinken,
Dort unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Wonne trinken
Und trumen manch seligen Traum.

    Die Mgde hrten zu, ihre Lippen verzogen sich zu einem starren Lcheln, die
Augen, die anfangs neugierig auf Gertrud gerichtet waren, wurden klar und
regungslos, und auf den groen Gesichtern lag es wie se Schlfrigkeit. Jetzt
war Gertrud zu Ende; ein wenig erstaunt schaute sie sich um, als erwachte sie
aus einem Traum, dann lachte sie verlegen. Die Mgde lachten auch, und die dicke
Liese als die lteste nahm das Wort und sagte: Das kann unser Frulein schn
herausschreien. - So, ja, meinte Gertrud, jetzt gute Nacht, und sie verlie
schnell das Zimmer. Das hatte ihr wohlgetan, nun wrde sie schlafen knnen; sie
wollte ein Schlafpulver nehmen und weiter trumen von schnen, sen Dingen.
    Dachhausen hatte versucht, auf der Heimfahrt beruhigend und heiter zu seiner
Frau zu sprechen. Was war denn geschehn? Nichts, nicht wahr? Sie war in letzter
Zeit ein wenig nervs, da mochte so eine Mondscheinpartie fr sie zu anstrengend
sein. Sie wrden nchstens bei Tage fahren, das war alles. Lydia aber sagte kein
Wort; erst zu Hause, als sie im Wohnzimmer vor dem Spiegel stand und ihr
erhitztes Gesicht und ihre verweinten Augen betrachtete, da begann sie zu
sprechen, mit einer Stimme so bse und klagend, als htten sie die ganze Zeit
ber schon miteinander gestritten. Natrlich, er fand in alledem nichts, fr ihn
war nie etwas geschehen, er tanzt auf der Wiese Quadrille, und sie mu im
Schlitten hocken. Aber du konntest doch nicht, Kind, wandte Dachhausen hilflos
ein; aber Lydia lachte hhnisch, oh! sie wute wohl, sie war immer die
Ausgeschlossene, ihr gab man zu verstehen, da sie nicht dazu gehrte. Warum
fuhr er nicht allein in den Wald, wenn er mit Gertrud tanzen wollte. Ihretwegen
konnte er den ganzen Tag mit Gertrud tanzen, o Gott, wie ihr das gleichgltig
war, aber es war seine Pflicht, ihr Demtigungen zu ersparen. Dachhausen war
verzweifelt. Demtigungen, rief er, ich mchte den sehen, der dich zu
demtigen wagt! Allein es machte auf Lydia keinen Eindruck. So, fuhr sie
fort, und hrtest du nicht, was Egloff vom Monde und der Karriere sagte? -
Nein, Dachhausen erinnerte sich nicht, und was es auch gewesen war, es hatte
gewi nichts mit Lydia zu tun. Lydia zuckte die Achseln: Natrlich, du
verstehst nichts, du siehst nichts, du hrst nichts, und als er besnftigend
ihre Hand fassen wollte, wandte sie ihm den Rcken, sagte, sie wolle allein sein
und ging in ihr Zimmer.
    Ratlos blieb Dachhausen im Wohnzimmer zurck; er verstand Lydia immer
weniger, sie war in letzter Zeit so gereizt, seine Ehe wurde so kompliziert, da
er sich in ihr nicht mehr zurechtfand. Hatte sie etwas gegen ihn? Aber das war
ja nicht mglich, niemand hatte etwas gegen ihn und nun noch seine Frau. Aber da
war nichts zu machen: zu ihr zu gehen wagte er nicht, so ging er in sein
Arbeitszimmer, streckte sich auf dem Sofa aus und zndete sich seufzend eine
Zigarre an.
    Unterdessen jagte Egloff auf der mondbeschienenen Landstrae weiter.
Weiterfahren, hatte er dem Kutscher befohlen. Zur Stadt? fragte dieser. Ach
was, Stadt, sagte Egloff rgerlich, nahm dem Kutscher die Leinen fort und fuhr
selbst. Er bedurfte des weiten Raumes, dieses Lichtes, dieser Bewegung, zu Hause
erwarteten ihn doch nur Geldsorgen und widerwrtige Gedanken. Hier brauchte er
nicht zu denken und konnte das wrmende, angenehme Gefhl erhalten, das ihm in
sich neu und wertvoll war. Also vorwrts, hinein in den Lichtnebel, vorber an
kleinen Katen, die still unter ihren Schneehauben schliefen, die leere
Dorfstrae entlang, auf der nur hie und da ein schlfriger Hund anschlug. Vor
einem Kruge hielt er an, um das Pferd einen Augenblick verschnaufen zu lassen.
Und in der niedrigen Krugstube qualmte eine Lampe ber dem Schenktisch; die
schwarze Lene, die Krgerstochter, hatte die nackten Arme auf den Tisch und den
Kopf auf die Arme gesttzt und schlief ganz fest. Auf einer Bank sa ein Bauer
im Pelz, die Peitsche in der Hand, vor seinem Schnapsglase und schlief auch. Am
Ofen aber kauerten nahe beieinander zwei Juden mit roten Brten und flsterten.
Lene, sagte Egloff und berhrte den Arm des Mdchens. Lene fuhr auf, das
Gesicht ganz rot vom Schlaf unter dem wirren, schwarzen Haar. Der Herr Baron,
stammelte sie und lchelte schlaftrunken. Auf auf! Schwarze, rief Egloff, gib
mir einen Gilka und bringe meinem Kutscher einen hinaus. Whrend das Mdchen
die Glser vollschenkte, sah Egloff sich in der Stube um und verzog sein
Gesicht, als ekele ihn. Da man berhaupt noch in diesen sogenannten Stuben, in
diesen Menschenlchern wohnen kann, ging es ihm durch den Sinn. Er fhlte sich
in diesem Augenblick ganz als zugehrig zu der weiten, mondbeschienenen Ebene.
Vor den Juden blieb er stehen und sagte: Juden, warum schlaft ihr nicht? Lt
euch das Geld nicht schlafen? Zwackt euch das Geld so, da ihr nicht schlafen
knnt? Die Juden sahen zu Egloff auf mit schnellen, wachsamen Blicken wie
sichernde Tiere, dann lchelten sie demtig, und der eine sagte: Uns lassen
unsere Sorgen nicht schlafen, den Herrn Baron lt nicht schlafen das wilde
Blut, so hat jeder, was ihn zwackt. Ach, was wit ihr vom Blut, meinte
Egloff, ihr habt ja keins. Er wandte sich ab, trank seinen Gilka und ging
hinaus. Vor der Tr stand Lene, die Arme in die Schrze gewickelt und starrte
zum Monde auf. Hell, hell, sagte sie. Ja, Lene, meinte Egloff, das ist eine
Nacht, ein anderes Mal nehme ich dich mit, und er stieg in seinen Schlitten und
jagte weiter. Er lenkte in eine lange Birkenallee ein, die nach Barnewitz
fhrte. Da lag auch das Schlo wei und schweigend, der Mondschein glitzerte in
den Fensterscheiben. Wie? dort in dem Arbeitszimmer war noch Licht. Sollte der
gute Fritz noch arbeiten, dachte Egloff, das wre neu. Aber dort auf dem anderen
Flgel in Lydias Schlafzimmer war auch noch Licht, also ein Ehestreit. Und als
er am Gartengitter mit seinem Schellengelute vorberjagte, ffnete sich dort im
Flgel ein Fenster, eine weie Gestalt beugte sich vor und horchte in die Nacht
hinein. Sie kennt meine Schellen, sagte sich Egloff befriedigt. Wie sie heute
im Walde weinte, die Kleine. Ach was, Puppenschmerzen. Er bog wieder in die
Landstrae ein auf Witzow zu. Dort schlief schon alles, an dem langen Hause mit
seinem plumpen Erker, der es wie eine riesige Stumpfnase berragte, waren alle
Fenster wohlverschlossen, nichts regte sich, nur der struppige Hofhund stand vor
der Haustr und bellte klagend den Mond an. Da drin liegt nun, dachte Egloff,
die arme Gertrud und trumt von irgendeiner groen Liebe. Was in diesen stillen
Husern die Mdchentrume wild sein mssen! Allons, vorwrts, trieb er seinen
Braunen an, und nun ging es wieder durch eine lange Birkenallee auf Paduren zu.
Dunkel stand das Schlo zwischen den weien Bumen, nur an einem Fenster stahl
sich ein schwacher Lichtschein durch die Vorhnge: Das mute die Nachtlampe des
alten Barons sein. Ein Haus der Zuendegehenden, fiel es Egloff ein, eine groe,
finstere Krankenstube, und mitten drin Fastrade mit ihrem jungen Schlaf. Ich
werde mir schon meinen Tag machen, klangen ihre Worte ihm nach. Hm, ja, das
mochte ja ein recht heller Tag werden, an dem konnte sich vielleicht auch ein
anderer, der gerade friert, wrmen. Ach was, - wie die Karten fallen, so ist das
Spiel.
    Jetzt fror ihn, und er war mde. Der Braune dampfte schon; so war es denn an
der Zeit, nach Hause zu fahren.

                                 Achtes Kapitel


Es war viel Schnee gefallen, im Padurenschen Hof und Park mute der
Schneeschlitten Wege einfahren, den ganzen Tag ber hingen hellgraue Wolken am
Himmel, und durch die windstille Luft fielen die Schneeflocken ruhig und stetig
nieder. Aber gegen Abend erhob sich stets ein Nordostwind, der die Wolken fr
eine Weile fortfegte, als wollte er Platz schaffen fr den Sonnenuntergang, der
mit viel Purpur und Gold am Himmel aufflammte. Dieser Augenblick erschien
Fastrade als das einzige Ereignis der kurzen Tage, die sonst grau und formlos
wie die Schneewolken waren. Sie eilte dann in den Park hinunter und ging die
schmalen Wege zwischen den Schneewllen auf und ab. Hier konnte sie sich wieder
auf etwas freuen, von dem sie nicht wute, was es war, hier konnte sie etwas
erwarten, das sie nicht kannte, hier fhlte sie ihren Krper und ihr Blut wie
eine Wohltat. Woran sollte sie denken? Gleichviel, nur recht weit fort denken
von der stillen Zimmerflucht da drinnen im Hause, und so dachte sie denn an
Egloff. Wie ruhelos er war! Der Kutscher Mahling hatte erzhlt, der Sirowsche
Herr fahre die Nchte hindurch hier in der Gegend herum. Ob er leidet? Ob seine
Geheimnisse ihn qulen? Sie waren alle gegen ihn, aber ihm schien das
gleichgltig zu sein. Wenn man zu zweien auf der einen Seite steht und die
anderen stehen alle auf der anderen Seite, das kann sogar lustig sein. Eine
kluge Frauenhand knnte in diesem armen, zerfahrenen Leben vielleicht Ordnung
schaffen, jedenfalls war er mit seiner Unruhe, seinen Geheimnissen, seinen
Sorgen und seiner Heiterkeit das Leben, und was waren die anderen hier?
    Vom Walde herber erklang pltzlich ein Jagdhorn, schmetterte keck und
triumphierend in den Winterabend hinein. Fastrade blieb am Gartengitter stehen
und horchte. Das war Egloff, der fr heute die Jagd schlo und diesen hellen Ruf
des Lebens zu ihr herbersandte. Fastrade stand am Gitter, bis das Jagdhorn
verstummte und bis das Abendrot verblat war, dann ging sie wieder in das Haus,
um im Zimmer ihres Vaters Ruhkes Bericht anzuhren, die Memoiren des Herzogs von
St. Simon zu lesen oder mit der Baronesse am Kamin zu sitzen.
    In diesen Wintertagen pflegte die Baronesse Arabella einen besonders
lebhaften Umgang mit ihren Erinnerungen. Sobald sie und Fastrade beisammen am
Kamin saen, begann sie zu erzhlen mit leise klagender Stimme, erzhlte von
ihrer Jugend, von lngst vergangenen Padurenschen Sommern, von lngst
gestorbenen Menschen, und Fastrade hrte dem zu, sah diese Menschen und diese
Sommer, wie wir alte Bilder sehen, ber deren Farben sich ein leichter
Staubschleier legt. Ein unendliches Gefhl der Vergnglichkeit, des Vorber
klang aus dieser Erzhlung und machte Fastrade traurig. Zuweilen sprach die
Baronesse auch von dem kommenden Feste, sprach von Gebcken und Geschenken mit
derselben klagenden Stimme, wie sie von ihrer Jugend sprach. Feste, dachte
Fastrade, knnen wir hier auch Feste feiern?
    Aber das Fest kam, ein Tannenbaum mit Lichtern stand auf dem Tisch, der
Baron lie sich seinen schwarzen Rock anziehen und sa im Saal erwartungsvoll
auf seinem Sessel. Knechte und Mgde sangen mit ihren schweren, lauten Stimmen
langsam und feierlich einen Choral. Und als sie fort waren, sa man beisammen
und sah zu, wie die Lichter am Baume niederbrannten. Die Baronesse weinte still,
der Baron hatte die Hnde gefaltet und starrte vor sich hin. Fastrade ging zu
ihm und kniete an seinem Stuhle nieder. Sie wute nicht, was in dem
schweigenden, alten Manne vorging, aber wenn ein Leiden ihn qulte, wollte sie
nahe bei ihm knien, als knne sie ihm beistehen.
    Als alles vorber war und Fastrade in ihrem Zimmer stand, fhlte sie sich so
wund und hilflos vor Mitleid und Wehmut, da sie sich sagte: Wenn ich zu Bette
gehe, bleibt mir nichts brig, als den Kopf in die Kissen zu drcken und zu
weinen. Das will ich nicht. Dagegen aber gibt es nur ein Mittel, die
Winternacht. Sie nahm ihre Pelzjacke und ihre Otterfellmtze und ging leise in
den Park hinaus. Hier hingen die weien Baumwipfel voll groer, sehr heller
Sterne, hier war es wunderbar geheimnisvoll, hier in der klaren Luft, ber der
knisternden Schneedecke lag es wie ein festliches Erwarten, man stand still und
geschmckt da, und die Freuden konnten kommen. Es machte Fastrade auch wieder
getrost, ihre Schmerzen und ihre Wehmut waren doch nur kleine abseits liegende
dunkele Winkel, das eigentliche Leben war dieses groe Flimmern, diese Weite,
dieses geheimnisvolle Versprechen und Erwarten. Sie blieb am Gartengitter stehen
und schaute auf das Land, auf die weie Flche, die im unsicheren Sternenschein
zu einem hellen Nebel zerrann, in den hie und da die Lichtpnktchen ferner
Huser gestreut waren.
    Auf der Landstrae, die am Parkgitter vorberfhrte, kam Schellengeklingel
heran, ein Pferd erschien und ein Schlitten gro und schwarz im unsicheren,
weien Lichte. Jemand sprang aus dem Schlitten und kam auf das Gitter zu. Ich
dachte es mir gleich, da Sie es sind, die hier steht, sagte Egloff und lachte.
Ja, ich bin noch ein wenig herausgekommen, erwiderte Fastrade. - Das will ich
glauben, meinte Egloff. Ich bin auch fortgefahren, um dem Sirowschen
Weihnachten zu entgehen.
    Sie fahren fters in der Nacht herum, hre ich, fragte Fastrade. Sie
wunderte sich nicht ber diese Unterhaltung am Gartengitter, sie erschien ihr
selbstverstndlich, als stnden sie beide in dem Sirowschen Wohnzimmer, nur da
es hier im Sternenschein unterhaltender und kameradschaftlicher war.
    So? Haben Sie das gehrt? fragte Egloff, ja, ich habe mir die Ebene hier
als eine Art Schlafsaal eingerichtet. Das ist sehr zutrglich. berhaupt bin ich
der Meinung, da unsere Entwickelung einen verkehrten Weg eingeschlagen hat. Wir
sind eigentlich Nachttiere wie all das andere Raubzeug. Am Tag schlft man im
Bau, und wenn es dann drauen still und dunkel wird, dann kriecht man heraus,
treibt sich herum, schleicht um die schlafenden Wohnungen und Hhnerstlle und
lebt dann so sein eigentliches Leben.
    Meinen Sie? sagte Fastrade. Ja, das mu zuweilen hbsch sein.
    Sie sollten auf solch einer Fahrt mitkommen, schlug Egloff vor.
    Fastrade lachte: Das wre doch wohl gegen unsere Gesetze hier.
    Glauben Sie an diese Gesetze? fragte Egloff.
    Fastrade zuckte die Achseln: Ich glaube nicht an sie, aber ich gehorche
ihnen.
    Da haben Sie unrecht, meinte Egloff, Sie knnen sich nicht denken, wie
befreundet man sich fhlt, wenn man so zu zweien ber die Straen jagt.
    Doch, ich kann es mir denken, versetzte Fastrade nachdenklich. Sie hatte
ihren Handschuh abgestreift und khlte ihre Hand in dem Schneestreifen, der sich
an das Gitter angesetzt hatte. Also fr diese Freundschaft bin ich zu feige.
    Feige sind Sie nicht, versicherte Egloff mit berzeugung. Sie haben nur
noch den Aberglauben an diese kleinen, triefugigen Gesetzesaugen, die von den
Schlssern in die Nacht hineingehen. Das da drben ist Barnewitz. Wie lcherlich
doch solch ein Licht neben den Sternen aussieht. Na, gleichviel, wenn die
Freundschaft so nicht zustande kommt, mu es anders gemacht werden. Mein Brauner
wird hllisch unruhig, gute Nacht.
    Sie reichten sich durch das Gitter hindurch die Hand, Egloff ging zu seinem
Schlitten, und Fastrade lief den Weg dem Hause zu. Sie glaubte, sie wrde jetzt
schlafen knnen, ohne weinen zu mssen.
    An einem der Feiertage kam Gertrud Port nach Paduren, um Fastrade zu
besuchen. Sie war wieder sehr schlank und schmchtig in ihrem Kleide von
zeitlosem Schnitt, das Gesichtchen, ber und ber wei von Puder, schien kleiner
geworden, die Augen waren unnatrlich gro. Sie klagte ber ihre Gesundheit;
das Leben vergeht in Mdigkeit und Melancholie, meinte sie. Als die beiden
Mdchen jedoch in Fastrades Zimmer am Kamin saen, begann Gertrud von Dresden zu
sprechen, und das belebte sie. Du weit, sagte sie, zu Hause darf ich davon
nicht sprechen, und wenn ich Sylvia einmal etwas erzhle, dann sehe ich es ihren
Augen an, zuerst, da es ihr nicht gefllt und dann, da sie nicht mehr zuhrt.
So erzhlte sie denn von der schnen Zeit, da sie tun konnte, was ihr beliebte,
ohne saure Bemerkungen hren zu mssen, da jeder Tag ein neues Erlebnis, eine
neue Emotion brachte. Sie erzhlte, wie man abends mit den Freundinnen und
Freunden im Caf gesessen und Zigaretten geraucht hatte. Siehst du, nicht nur
das Leben und die Menschen waren interessant, nein, man war selbst interessant.
Ein junger Knstler sagte mir: Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich aufstehe,
darauf, an diesem Tage wieder Ihre Augen zu sehen, wie man sich darauf freut, in
einem schnen Buche weiterzulesen. Bei uns zu Hause denkt doch nie jemand daran,
da ich Augen habe, zu Hause bin ich eine langweilige Fremde. Von ihren
Erinnerungen berwltigt schwieg sie jetzt und starrte vertrumt in das
Kaminfeuer hinein. - Im unteren Gescho des Hauses, in den Gesindestuben, wurde
getanzt. Gedmpft konnte man die schnurrenden Tne einer Violine hren, auf der
eintnig und unermdlich einige Walzertakte gespielt wurden. Du erzhlst aber
nicht von dir, fuhr Gertrud auf, du hast wohl auch nichts erlebt? Hast du
Egloff gesehen? Er soll verreist gewesen sein, erzhlte Dachhausen, er soll
gespielt haben und viel verloren, auch ein Duell soll er gehabt haben. Ein
wilder Mensch. Frulein von Dussa erzhlte, er sei so ruhelos und fahre die
Nchte hier in der Gegend herum. Der Papa sagte spter: Das ist wohl sein
schlechtes Gewissen, das ihn nicht schlafen lt. Der Papa urteilt berhaupt
sehr streng ber ihn.
    Ach ja, erwiderte Fastrade scharf, sie urteilen alle sehr streng ber
ihn, aber ich finde, jeder Mensch mte wenigstens einen Menschen haben, der ihn
verteidigt, der ihn verteidigt, auch wenn er meinetwegen unrecht hat. Wenn alle
ber einen herfallen, das ist hlich.
    Gewi, er ist mir auch sympathisch, versetzte Gertrud, und ihre Stimme
nahm einen seltsam lyrischen Klang an, und berhaupt, wenn wir nicht lieben,
was bleibt uns dann in diesem Leben?
    Lieben? fragte Fastrade erstaunt. Wer liebt? Liebst du denn? - Aber
Gertrud fuhr zu sprechen fort, als htte sie Fastrades Frage nicht gehrt: Und
wre es auch nur eine unglckliche Liebe.
    Ja liebst du denn unglcklich? fragte Fastrade wieder.
    Gertrud antwortete nicht, sie schaute ins Feuer und lchelte still vor sich
hin. Sie mochte es nicht sagen, da sie sich in den letzten Tagen dazu
entschlossen hatte, Dachhausen unglcklich zu lieben. Aus dem unteren Geschosse
drang wieder deutlich der schnurrende, freudlose Walzer der Violine herauf. Die
beiden Mdchen schwiegen eine Weile, da erhob sich Gertrud pltzlich und begann
sich auf dem Teppich vor dem Kamine nach dem Takte der Violine zu drehen, ernst
und eifrig, und ihr Schatten, lang und schmal, fuhr unruhig an den Wnden
entlang. Mein Gott, dachte Fastrade, man lebt doch hier, als ob man gleich
erwachen mte, um dann erst mit der Wirklichkeit zu beginnen.
    Gertrud war erschpft, sie warf sich auf das Sofa und atmete schnell. So,
sagte sie, das hat mir gut getan, jetzt will ich nach Hause fahren.

                                Neuntes Kapitel


Der Winter neigte sich seinem Ende zu. Fastrade hatte ber die schon feucht
gewordenen Wege ihren Abendspaziergang gemacht und kam nach Hause, wo der
gewhnliche Padurensche Abend sie erwartete. Couchon sa bei ihren Karten, und
es roch dort nach den Bratpfeln, die sie stets im Ofenrohr hielt. Im Saal waren
die Lampen noch nicht angezndet. Fastrade wollte, wie sie es jeden Abend tat,
in das Zimmer ihres Vaters gehen, aber sie wurde unterwegs von der Baronesse
Arabella aufgehalten, die im Dunkeln nach Fastrades Hnden griff und flsterte:
Der Egloff ist hier gewesen. - Oh, wirklich, sagte Fastrade. Das klang
gleichgltig, aber sie wute sofort, da sich etwas ereignet hatte, das diesen
gewhnlichen Padurenschen Abend fr sie mit einem Schlage zu etwas sehr
Bedeutsamem und Einzigem machte. Und denke dir, fuhr die Baronesse fort, er
hat bei deinem Vater um deine Hand angehalten.
    Der tolle Mensch, entfuhr es Fastrade.
    Nicht wahr? meinte die Baronesse. Dein Vater hat auch, glaube ich, sehr
ernst mit ihm gesprochen, er hat ihm auch wohl gesagt, da er diese Verbindung
nicht wnschen kann. Im brigen hat er alles von deiner Entscheidung abhngig
gemacht. Du weit, er entscheidet jetzt so ungern etwas allein. Aber ich freue
mich, liebes Kind, da du auch so denkst.
    Wie denke ich? sagte Fastrade schnell, ich wei gar nicht, wie ich
denke.
    Aber, liebes Kind, wandte die Baronesse ein, ein so leichtsinniger,
junger Mensch.
    Nein, nein, nein, ich wei nicht, wie ich denke, wiederholte Fastrade; sie
machte sich von der alten Dame los und setzte schnell ihren Weg zum Zimmer ihres
Vaters fort.
    Als Fastrade eintrat, richtete der Baron sich aus seiner gebckten Haltung
stramm auf. Komm, setze dich, meine Tochter, sagte er feierlich. Also der
Dietz Egloff hat um deine Hand angehalten, du bist alt genug, um zu
entscheiden. Er hielt inne und machte ein unzufriedenes Gesicht. Er war
enttuscht, da das, was er sagte, so mhsam und drftig herauskam. Nun ja,
fuhr er dann fort und gab seiner Stimme einen ernsteren, volleren Klang, ich
habe ihm gesagt, da ich nicht in der Lage bin, ihn fr den geeigneten Gatten
meiner Tochter zu halten. Ich habe ihm gesagt, da ich ihn sozusagen mibillige,
aber ich wrde dich fragen, und du wirst entscheiden. Er schwieg dann und
hustete, denn die Rede hatte ihn ermdet.
    Was sagte er? fragte Fastrade, und die Andeutung eines Lchelns zuckte um
ihre Lippen. - Er sagte nicht viel, erwiderte der Baron, er sagte, er sehe
deiner Entscheidung entgegen, dann stand er auf und ging fort. Nun, ich denke,
die Entscheidung kann dir nicht schwer fallen. Eine Pause entstand. Fastrade
hatte den Kopf auf die Lehne des Sessels zurckgebogen und schaute sinnend zur
Decke auf, die Lippen noch immer wie bereit zu einem Lcheln. Nun? fragte der
Baron endlich.
    Ich denke, sprach Fastrade endlich zur Decke hinauf, ich denke, ich
schreibe ihm, da er kommen kann.
    Der Baron antwortete eine Welle nicht, er hustete, rusperte sich, endlich
begann er zu sprechen, unsicher und mit Anstrengung: Das heit also soviel, da
du ihn nimmst, ganz ohne zu berlegen, einen Menschen, von dem du weit, da ich
ihn mibillige, einen leichtsinnigen Menschen, einen Spieler. Aber so warst du
immer, auf meinen Rat hrtest du ja nie, du mutest deinen Willen haben. Aber
Kind, Kind, die Stimme hob sich und wurde pathetisch, zu spt einzusehen, da
ich recht habe, das bringt Kummer ber alle. Du wirst sehen -. Aber er hatte
sich berschtzt, die Stimme brach pltzlich ab, er lehnte sich in seinen Sessel
zurck und schlo die Augen. Tue, was du willst, murmelte er kleinlaut und
mutlos, du willst ja nicht gehorchen.
    Fastrade beugte sich besorgt vor, legte ihre Hand auf die Hand ihres Vaters.
Doch, Papa, sagte sie, ich will gehorchen, aber wenn ich entscheiden soll,
entscheide ich so.
    Der Baron verzog rgerlich sein Gesicht: Gut, gut, tue, was du willst, geh
jetzt, ich bin mde. Fastrade stand auf und ging. Drben in ihrem Zimmer
begegnete sie dem kleinen Stubenmdchen Trine. Trine, sagte sie, liebst du
noch deinen Hans, deinen Stallburschen? Das Mdchen beugte verschmt den Kopf
und lachte ber das ganze Gesicht. Ach was, der, murmelte es. - Ja, liebe ihn
nur, fuhr Fastrade fort, er betrinkt sich zuweilen, nicht?
    Ja, mit dem Trinken, erwiderte Trine; aber Fastrade unterbrach sie: Das
schadet nichts, liebe ihn nur; die armen Mnner, sie stehen so im Leben, sie
wissen nicht, wie sie in all diese Sachen hineinkommen, wir knnen ihnen
vielleicht helfen. Trine hob ihr errtendes Gesicht zu Fastrade auf und sagte
treuherzig: Ach, Frulein, der Hans hat auch einen ganz freundlichen Rausch. -
So, so, meinte Fastrade, um so besser.
    An Egloff schrieb Fastrade: Sie drfen kommen. Fastrade.
    Am Nachmittage des nchsten Tages wurde Egloff erwartet. Die Baronesse
Arabella hatte ihr schwarzes Seidenkleid angezogen und ihre Scheitel frisch
gebauscht. Mit kummervoller Geschftigkeit ging sie durch die Zimmer und
ordnete. Sinnend blieb sie vor Fastrade stehen: Ich denke, wir machen das so,
sagte sie, ich lasse die Lampen im Saale frher anznden, du empfngst ihn
hier, ihr sagt euch das Ntige, ich bin bei deinem Vater, dann kommt ihr zu uns
herein. Lange drft ihr nicht bleiben, es regt deinen Vater auf und knnte ihm
schaden. Ich gebe euch das Zeichen, wann ihr gehen sollt. Gut, ihr geht dann in
dein Schreibzimmer und dort nimmt die Verlobung ihren weiteren Verlauf, bis
Christoph zum Abendessen ruft. Dein Vater gibt eine Flasche Chteau Pape Clment
und eine Flasche Roederer. Wir haben einen Fisch, Hhner und eine Charlotte, ich
denke, so wird es gehen.
    Also ein Fest, sagte Fastrade spttisch. Die alte Dame zuckte mit den
spitzen Schultern: Dein Vater meint, wie er auch ber die Sache denken mag, es
soll doch alles geschehen, was bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt.
Aber Fastrade schien das alles nicht zu gefallen und es klang gereizt, als sie
sagte: Es ist gewi sehr freundlich von Papa, da er seinen geliebten Pape
Clment opfert, aber ich finde, eine Verlobung ist ohnehin kein angenehmer
Augenblick und wenn nun noch eine Zeremonie daraus gemacht wird -.
    Das ist nicht zu ndern, meinte die Baronesse und wandte sich wieder ihren
Beschftigungen zu, jedes Ding hat seine Form.
    Es begann schon zu dmmern, als Egloff ankam. Fastrade stand mitten im Saal
in ihrem schwarzen Spitzenkleide, eine blasse Monatsrose im Grtel. Sie machte
ein etwas bses Gesicht, wie stets, wenn sie befangen war. Als Egloff eintrat,
lchelte er sein spttisches Lcheln, aber Fastrade sah sofort, da auch er
befangen war, und das gab ihr Mut. Er trat auf sie zu, nahm ihre Hand, kte sie
und behielt sie dann in der seinen. Fastrade bemerkte, da diese Hand sehr kalt
und sehr vorsichtig war, als frchtete sie, ihr wehe zu tun. Ich danke Ihnen,
sagte Egloff, ich hatte nicht geglaubt, da es solch eine Qual sein kann, auf
einen Brief zu warten, mit jeder Minute erschien mir mein Unternehmen gewagter,
aber ich kann nicht warten, ich spiele gern Vabanque.
    Fastrade zog ein wenig die Augenbrauen zusammen. Ach nein, nicht das,
meinte sie, ich mchte nicht einer dieser unangenehmen Gewinste sein.
    Egloff lachte: Nun gut, nennen wir es anders.
    Aber wie kamen Sie darauf? fragte Fastrade, wir kennen uns doch so
wenig. Das war eine Chance mehr fr mich, erwiderte Egloff, denn, wenn man
sich erst kennt -. Fastrade jedoch unterbrach ihn: Sie drfen heute nicht so -
gottlos sprechen. - Gottlos, wiederholte Egloff, nein, ich fhle mich heute
so fromm, wie es nur einer kann, an dem ein gutes Werk geschehen ist. Er kte
wieder Fastrades Hand, und dann schwiegen sie. Fastrade ging es durch den Sinn:
ich habe es gleich gedacht, da dabei eine lcherliche Situation herauskommen
wird. Endlich begann Egloff wieder zu sprechen: Sie sehen, dieses Haus
schchtert mich so ein, ich unterlasse wahrscheinlich wichtige Dinge. Sind da
nicht noch Formalitten zu erfllen?
    Wir mssen zu meinem Vater hineingehen, erwiderte Fastrade.
    Natrlich, versetzte Egloff, der vterliche Segen, natrlich. Mu man
dabei knien? - Das ist wohl nicht ntig, erwiderte Fastrade und ging voran in
das Zimmer ihres Vaters.
    Der Baron und Baronesse Arabella saen ernst und erwartend da. Als Egloff
eintrat, streckte der Baron ihm langsam die Hand entgegen und sagte:
Willkommen, meine Tochter hat fr Sie entschieden, so haben wir alles andere
der Vorsehung anheimzugeben. Setzt euch, Kinder. Er wartete, bis sie sich
gesetzt hatten, und fuhr dann fort: Meine vterlichen Befrchtungen und Sorgen
habe ich euch beiden mitgeteilt. Fastrade ist in dem Alter, selbst ber sich zu
bestimmen, so sei denn von dem allen nicht mehr die Rede. Und nach alter
Gewohnheit machte er mit der flachen Hand einen Querschnitt durch die Luft. Es
bleibt mir somit nur brig, des Himmels Segen auf euch herabzuflehen. Eine
Bedingung jedoch mchte ich noch machen, ich verlange eine Wartezeit, bis zum
nchsten Winter sagen wir. Sie knnen es mir nicht bel nehmen, wenn ich auf
solcher Probezeit bestehe, wenn ich wissen will, ob der knftige Gatte meiner
Tochter sich als meiner Tochter wrdig bewhrt. Der Baron war fertig, er lehnte
sich zurck, er hatte krftig und gelufig gesprochen, wie einst auf der
Kreisversammlung, und das befriedigte ihn. Egloff dagegen dachte, dies ist der
fatalste Augenblick meines Lebens, man sitzt und mu sich unangenehme Dinge
sagen lassen, und was antwortet man nun auf so etwas. Endlich fiel ihm eine gut
abgerundete Redensart ein, die er schnell und nachlssig hersagte: Ich bin mir
der groen Verantwortung wohl bewut, die mir dieses unverdiente Glck
auferlegt. Bei dem Worte Verantwortung horchte der Baron auf. Verantwortung,
wiederholte er, ganz richtig. Groe Verantwortungen erziehen den Menschen, das
ist ganz richtig. Jetzt gab die Baronesse das Zeichen, und Fastrade und Egloff
zogen sich zurck.
    In Fastrades Zimmer drckte Egloff sich fest in die Sofaecke, zog Fastrade
nahe an sich und sagte: So, das wre berstanden. Hier bei dir sitzt es sich
gut, wunschlos behaglich. Du Armer, meinte Fastrade, so streng mit dir zu
sein. - Egloff zuckte die Achseln: Das ist vorber, aber die Redensart mit der
Verantwortung brachte ich doch gut heraus, die pate so ganz in die Stimmung.
    Vor ihnen lag die stille Zimmerflucht, kein Ton regte sich im Hause, im
Kamine prasselte das Feuer, drauen an den Fensterlden rttelte der
Frhlingswind. Egloff hatte eine Weile geschwiegen, jetzt lachte er pltzlich
auf: Immer wenn ich sah, sagte er, da zwei Verlobte feierlich und
geheimnisvoll in einem Zimmer allein gelassen wurden, alles umher mute still
sein, niemand durfte sie stren, da sagte ich mir: was sprechen sie? Sie lernen
sich kennen, gut, wie machen sie das! Jetzt wei ich es. Sie sprechen gar nicht.
Man hat gar keine Lust zum Sprechen, man hat gehrt, was man hren wollte, da
man angenommen ist, nun ist man so wohltuend satt, da man vorlufig nichts zu
sagen braucht.
    Und ich dachte, versetzte Fastrade, wenn zwei Verlobte sich zurckziehen,
dann bekommt man viele ganz se Sachen zu hren.
    Ach ja, natrlich, meinte Egloff, diese sen Sachen sind immer zu haben,
aber es sind immer dieselben, wie die Bonbons beim Konditor Kitsch im Stdtchen.
Die einen sind rosa, die anderen sind gelb, und alle sind in Silberpapier
gewickelt.
    Ach ja, die habe ich sehr geliebt, gestand Fastrade, die einen schmeckten
nach Rosen und die anderen nach Zitronen, und sie waren so s, da, wenn man
sie a, einem die Luft verging und die Trnen in die Augen traten. Aber das ist
nichts fr uns, unsere Verlobung ist viel zu ernst.
    Egloff fuhr auf: Ernst? Warum soll unsere Verlobung besonders ernst sein?
Weil es hier im Hause gespenstisch still und feierlich ist, weil dein Vater
streng war und ich mich bewhren mu. Davon wird sich unsere Verlobung nicht
anstecken lassen. Ich werde ja natrlich hierherkommen, um zu zeigen, ob ich
mich bewhre, aber uns wirklich sehen, uns eigentlich sehen, wollen wir uns
drauen. Wenn ich hre, wie es da drauen blst und an den Fensterlden rttelt,
mchte ich dich gleich nehmen und hinaustragen.
    Fastrade lchelte: Wrde das nicht gegen das Gesetz sein, wie der Baron
Port sagt? Egloff schlug mit der flachen Hand auf die Sofalehne und lachte
laut: Gegen das Gesetz des Baron Port zu sndigen, wird eine Wohltat mehr
sein.
    Whrend sie sprachen, betrachtete Fastrade genau Egloffs Gesicht. So nahe
gesehen, war es ihr fremd, die eigensinnige Knabenstirn unter dem
glattgescheitelten Haar war ihr bekannt, aber da waren zwei sichelfrmige
Fltchen zwischen den Augenbrauen. Auch war die rechte Augenbraue ein wenig
hher als die linke, das gab wohl dem Gesichte den hochmtig spttischen
Ausdruck. Die Augen waren sehr dunkel, aber wenn sie in die auflodernde Flamme
des Kamins sahen, wurden sie braun wie die Flgel der groen, schwarzen
Herbstfalter, wenn die Sonne sie bescheint. Sie sah auf seine Hand nieder,
welche die ihre hielt, eine breite, weie Hand mit langen, schmalen Fingern, die
sich seltsam nervs zuspitzten. Fastrade dachte daran, gehrt zu haben, da
Egloff sehr stark sei. Von diesen Hnden genommen und in den Frhlingswind
hinausgetragen zu werden, mute vielleicht gut tun.
    Ach Gott, meine Erziehung, sagte Egloff, meine Erziehung war dumm, ich
wurde unmenschlich verwhnt, und doch war alles wieder verboten. Als ich mich
dann spter gierig auf meine Freiheit warf, enttuschte sie mich, ich hatte mehr
erwartet. berhaupt, an meiner ganzen Generation hier in der Gegend ist etwas
versumt worden. Unsere Vter waren kolossal gut, sie nahmen alles sehr ernst
und andchtig. Es war wohl dein Vater, der gern von dem heiligen Beruf sprach,
die Gter seiner Vter zu verwalten und zu erhalten. Na, wir konnten mit dieser
Andacht nicht recht mit, nach einer neuen Andacht fr uns sah man sich nicht um.
Und so kam es denn, da wir nichts so recht ernst nahmen, ja selbst die Vter
nicht, nicht einmal die Gromtter. Da entstand wohl auch die Lust, jedes brave
Ideal einmal an die Nase zu fassen.
    ber Fastrades Gesicht ging ein schmerzlicher Ausdruck, pltzlich wie eine
Vision, sah sie die weien Korridore des Krankenhauses, die Sle mit den Reihen
der Betten, in denen auf weien Kissen die bleichen Gesichter lagen, diese groe
Herberge der Leiden, in der sie numeriert und nach Klassen geordnet
aufgespeichert waren.
    Und es ist doch eine so furchtbare Sache, sagte sie leise.
    Das Leben? Natrlich, meinte Egloff ruhig, eine Bestie, die nicht zu
zhmen ist, da ist nichts zu machen. Frher lie ich die Bestie Bestie sein,
jetzt werde ich acht geben mssen, da sie dir nicht zu nahe kommt, und er
drckte Fastrade fester an sich. Sie lchelte wieder. Aber hier in Paduren,
sagte sie, darfst du niemanden an die Nase fassen.
    Aber das Portsche Gesetz, rief Egloff lustig, das fassen wir an die Nase,
wir wollen ein Brautpaar sein, ber das sie hier in der Gegend auf allen
Schlssern die Hnde ber dem Kopfe zusammenschlagen.
    In der Zimmerflucht begann es jetzt lebendig zu werden, Baronesse Arabella
ging hin und her, der Baron lie sich durchfhren, und endlich erschien
Christoph und meldete, es sei serviert.
    Im Ezimmer sa der Baron bereits am Tische, den Kopf gebeugt, das bleiche
Gesicht mde und kummervoll, Baronesse Arabella und Couchon standen wartend
hinter ihren Sthlen. Als Fastrade ihren Verlobten Couchon vorstellte, sah die
alte Franzsin mit ihren fast hundertjhrigen Augen kokett zu Egloff auf,
lchelte mit dem zahnlosen Munde und murmelte: Joli garon. Hier setzt man
sich mit Gespenstern zu Tisch, ging es Egloff durch den Sinn. Dann begann die
Mahlzeit. Die Baronesse fhrte eine fast fieberhaft angeregte Unterhaltung, es
war, als frchte sie, eine Pause knnte entstehen und Unliebsames bringen. Sie
sprach von den Egloffs, die sie gekannt hatte, von einer Frstin Coronat, Dietz
Egloffs Gromutter mtterlicherseits, sie machte Verwechslungen in der
Verwandtschaft, worber man dann lachen konnte. Als nun aber doch eine Pause
entstand, sah der Baron Egloff streng an und fragte: Wird noch viel Wald
geschlagen werden in Sirow? Fastrade blickte zu Egloff hinber, wirklich, er
errtete wie ein Knabe, als er antwortete: Ach nein, ich denke, das wird
gengen. Ja, unsere Wlder, fuhr der Baron mit erhobener Stimme fort, unsere
Wlder -, dann brach er jedoch mutlos ab, wie es ihm jetzt oft geschah, wenn er
den Anlauf dazu nahm, wie frher eine bedeutsam Ansicht auszusprechen. Die
Baronesse begann wieder schnell zu sprechen, sie sprach von dem Fisch, der eben
gegessen worden war, einem groen Schlei; die Schleie aus dem kleinen See dort
unten im Park waren ja berhmt ihres reinen Geschmackes wegen, und nun sprach
man auch von anderen Fischen. Die Hhner wurden serviert, als der Baron wieder
den Kopf erhob und fragte: Werden durch die Verwstung die Auerhhne nicht
gestrt?
    Dieses Mal antwortete Egloff ruhig und mit kaum merklichem Lcheln: O nein,
den Auerhhnen geschieht nichts. Der Baron nickte: Ja, ja, die korrekte Pflege
der Jagd ist auch ein Stck adeligen Idealismus.
    Christoph schenkte jetzt den Roederer ein, eine feierliche Pause entstand,
mit zitternder Hand erhob der Baron sein Glas und sagte mit bekmmerter Stimme:
Nun, Arabella, wir knnen unserem neuen Verwandten jetzt wohl das Du anbieten,
Gottes Segen ber euch, meine Kinder. Die Glser klangen aneinander, Christoph
stand hinter dem Stuhle seines Herrn, faltete die Hnde und machte ein Gesicht,
als wollte er weinen. Whrend die Charlotte verzehrt wurde, schleppte die
Unterhaltung sich nur mhsam hin, alle waren erleichtert, als Baronesse Arabella
die Tafel aufhob. Nach der Mahlzeit hielt man sich noch ein wenig im Saale auf,
um eine Zigarette zu rauchen, der Baron sprach vom Nutzen der Drainage, und dann
verabschiedete sich Egloff. Fastrade begleitete ihn ins Vorzimmer hinaus, sie
beugte den Kopf zurck, um ihm in die Augen zu sehen, und lachte. Das war ein
Prfungstag, sagte sie, wenn ich bei euch bin, ist die Reihe an mir. Es gibt
eben eine Gerechtigkeit, erwiderte Egloff, fate Fastrade um die Taille, hob
sie empor und kte sie. Christoph sah das mit malosem Erstaunen und wandte
sich ab.

                                Zehntes Kapitel


Egloff lag in der Auerhahnhtte auf dem einfach aus Brettern
zusammengeschlagenen Ruhebett. Er hllte sich in seinen Mantel, denn es war
kalt. Neben ihm auf dem Tisch standen eine Flasche Portwein und ein Glas, in
einem Messingleuchter brannte eine Kerze, deren Flamme im Winde, der durch die
Spalten des kleinen Holzbaues hereinblies, heftig hin und her flackerte. Auf
einem Stuhle sa der alte Frster Gebhard. Die grne Mtze tief in die Stirn
gezogen, das Gesicht halb in seinem groen Bart wie in einem grauen Schal
versteckt, so warteten sie beide, da es Zeit sein wrde, auf die Balz zu gehen.
Sprechen Sie, Gebhard, sprechen Sie, sonst schlafen Sie ein, sagte Egloff.
Gebhard ri seine kleinen Augen auf, die ihm zufallen wollten und begann
gehorsam zu sprechen. Ja, wenn ich so denke, was wir hier schon alles fr
Besuch gehabt haben, feine Damen und andere. Nicht davon, Gebhard, unterbrach
ihn Egloff, sprechen Sie von ruhigeren Sachen. Wenn Sie auch in meiner Jugend
mein Lehrer in allerhand Snden gewesen sind, so ist es doch nicht richtig,
davon zu sprechen. Ich spreche so nicht davon, murmelte Gebhard.
    Wenn Sie schon von Weibern sprechen mssen, fuhr Egloff fort, dann
sprechen Sie von guten, ruhigen, verheirateten Frauen. Gebhard kicherte in
seinen Bart hinein. Ja, da hab' ich nun meine drei. Die erste war nun so eine
kleine Dicke, dumm war sie, aber eine gute Frau. Schade, da die mir wegstarb.
Die zweite war die Kammerjungfer der Frau Baronin, die wollte Kopfschmerzen
haben wie die Frau Baronin und im Bett Kaffee trinken. Als dann das Kind kam,
war sie zu schwach und starb. Nun, und meine dritte Frau kennt der Herr Baron.
    Egloff richtete sich ein wenig auf. Mensch, sagte er, was sprechen Sie
da, was gehen mich Ihre Frauen an? Drei Frauen haben Sie gehabt, und alle drei
haben Sie genommen? Und warum? Was war denn an Ihnen besonders daran? Gebhard
zuckte mit den Schultern. Nun, nichts, meinte er, die Weiber wollen heiraten,
was nun auch daraus wird. Das ist so, wenn einer das Reisen liebt, geht er auf
die Reise, was ihm auf der Reise passiert, das ist abzuwarten. Egloff lie sich
wieder zurcksinken: Ach Gebhard, sagte er, Sie werden weise, dann schweigen
Sie lieber.
    Drauen um die Htte rauschten die groen Tannen ein ununterbrochenes
Brausen, das zeitweise anschwoll, dann wieder leise und weich wurde wie ruhiges
Atmen. Egloff schlo die Augen, er wollte sich von dieser groen, vertrumten
Stimme des Waldes einschlfern lassen. Drei Frauen hat der alte Snder gehabt,
dachte er, so ganz ohne weiteres, und ich komme mit dieser einen Verlobung nicht
zurecht. Wie unendlich einfach hatten ihm bisher die Weiber geschienen. Da war
er, der ein Weib besitzen mute, und da war ein Weib, das sich hingeben wollte,
wie einfach und selbstverstndlich sich so zwei Sinnlichkeiten
auseinandersetzen. Selbst mit Liddy, ihre Zusammenknfte vorigen Sommer im
nchtlichen Park von Sirow, es hatte ihn erregt, er hatte sich stets gefreut,
wenn er ihr weies Kleid zwischen den Bumen aufschimmern sah, oder wenn er sie
dann atemlos und zitternd in seinen Armen hielt. Aber niemals hatte ihn der
Gedanke beunruhigt, was Liddy von ihm denken knnte oder was in ihrer Seele
vorging, und jetzt bei diesem Mdchen kamen da pltzlich solche Unsicherheiten
ber ihn, die ihn ruhelos machten, so der Gedanke, warum liebt dich dieses
Mdchen? Sie sieht wohl einen anderen in dir, und das Miverstndnis wird sich
aufklren und du wirst sie verlieren. Und dann die bestndige Anstrengung,
dieser andere zu sein, den sie in ihm sah. Ach Gott, wute man denn mit solch
einem Mdchen, woran man war? Einmal war es einem ganz nahe und dann so seltsam
fern. Vorigen Abend hier im Walde, als der warme Sdwestwind wehte und es so
berauschend nach feuchter Erde und Knospen duftete, da war alles so
selbstverstndlich und klar gewesen, da gingen sie eng aneinander geschmiegt,
und ein jedes fhlte das Fieber im Blut des andern. Da waren keine Gedanken
ntig. Und dann gleich am nchsten Tage auf dem Spaziergang, war sie ganz wieder
das Schlofrulein, das ihn in Distanz hielt, das von der Welt sprach, als sei
sie ein wohleingerichteter Salon, in dem lauter gut erzogene Menschen unter
festen Gesetzen lebten, ja, sie drngte ihm den Edelmut, die feine Erziehung,
die Gesetze geradezu auf, legte sie in ihn hinein. Er konnte sie dann fast
hassen, er htte ihr dann gern etwas gesagt, was sie emprte und demtigte, aber
er war zu feige. Wenn die weit offen schillernden Augen ihn begierig ansahen,
als wollten sie etwas besonders Neues, Schnes aus ihm herauslesen, dann
frchtete er stets, sie wrden den uninteressanten Gesellen in ihm entdecken,
lauter ungewohnte, abspannende Gedanken. Er seufzte. Ach Gott, und was fr
unerbittliche Wirklichkeitsmenschen solche Mdchen waren. Jedes Erlebnis bekam
feste Konturen, stand so sachlich und deutlich da, als knnte es nie mehr
fortgewischt werden. Ein Erlebnis fallen lassen, wie wir eine angerauchte
Zigarette fortwerfen, das kannten sie nicht. Ihnen wurde jedes Erlebnis zu einem
Besitz, der mitzhlte, als mte es in ein Hauptbuch eingetragen werden fr
irgendeine knftige Abrechnung. So waren sie alle, von der schwarzen Lene im
Krug bis zu Fastrade. Er hatte seine Wirklichkeit nie so recht gefhlt, er war
sich stets ein Erlebnis gewesen, das ihm zufllig zuteil geworden war, das ja
zuweilen recht vergnglich war, aber zur Not auch fallen gelassen werden konnte.
    Er richtete sich auf, dieses Herumraten an sich und an Fastrade machte ihn
mde und unruhig zugleich. Er schenkte sein Glas voll, der alte Portwein hatte
zuweilen die Eigenschaft, Dinge, die verworren und schwierig aussahen, pltzlich
ganz einfach und klar erscheinen zu lassen. Der Zugwind wehte die Flamme der
Kerze hin und her. Gebhard schlummerte, sein Schatten, gro und unfrmlich,
hpfte unablssig auf der Wand. Drauen schien der Wind sich gelegt zu haben,
nur ein leises, verschlafenes Rauschen ging noch durch den Wald. Deutlich waren
jetzt all die kleinen Gewsser ringsum vernehmbar wie ein waches, eigensinniges
Lachen, das in die groe Ruhe der Nacht hineinspottete. Dann ertnte pltzlich
der klagende Ruf eines Kauzes, und ein anderer antwortete ihm noch aus der
Ferne. Die haben es gut, dachte Egloff, sich so in der khlen Dunkelheit
anzulocken, durch Zweige und Knospen zueinander zu fliegen, um ihre Liebesnacht
zu feiern - raffiniert. Er lehnte sich wieder zurck, er wollte nichts mehr
denken, nur Fastrade, Fastrade. Ja, da war es leicht, seine Wirklichkeit zu
fhlen, wenn man so knigliche Arme hatte und mit einem so kniglichen Krper
sich abends zu Bett legte und morgens wieder aufstand. Eine angenehme
Schlfrigkeit machte ihm jetzt die Glieder schwer, die Gedanken wurden
undeutlich, begannen zu Trumen zu werden, zu Trumen, in die das Rauschen des
Waldes, das Lachen der kleinen Gewsser hineinklangen, und das Rufen der
Kuzchen, die schon nahe beieinander waren.
    Egloff erwachte von einem kalten Windsto, der in das Zimmer fegte. Gebhard
hatte die Tr geffnet und schaute hinaus. Es wird Zeit sein zu gehen, sagte
er, der Himmel hinter den Bumen scheint mir schon so wei. Egloff sprang auf,
der kurze Schlaf hatte ihm gut getan, und er freute sich jetzt auf die Jagd. Er
nahm sein Gewehr und lschte die Kerze aus. Gehen wir, sagte er.
    Drauen war es noch finster, eine gute Strecke gingen sie auf einem bequemen
Waldpfade hin, bis sie an ein Sumpfland kamen, das wei von Nebel war. Die
Dunkelheit hellte sich ein wenig auf, sie wurde grauschwarz, und deutlich
standen Bume und Bsche in ihr. Egloff und Gebhard begannen vorsichtig zu
gehen, der Boden gab nach, jeder Tritt verursachte ein kleines, pltscherndes
Gerusch, dann kamen Strecken, die mit dichtem Moos bewachsen waren, in das der
Fu einsank wie in weiche Polster. Zuweilen blieben die Jger stehen und
horchten hinein in all die kleinen Gerusche des Waldes, das Lispeln und
Rauschen, um den einen Ton herauszuhren, auf den sie warteten. Der Boden wurde
jetzt fester, vor ihnen standen hohe, alte Fhren, in deren dunkelen Schpfen
ein leichter Wind metallisch knisterte. Gebhard blieb zurck und Egloff schlich
behutsam vorwrts. Eine kstliche Spannung regte ihm das Blut auf. Pltzlich kam
ein Ton, der ihm wie Schreck durch die Glieder fuhr. Er wartete, der Ton kam
noch einmal und dann begann dort oben in der Dunkelheit dieses seltsame Zischen
und Schnalzen, das fr Egloff alle anderen Tne des Waldes auslschte. Er
schlich und sprang, vorsichtig nach Deckung aussphend und immer hinhorchend auf
die Stimme des Vogels, der dort vor ihm leidenschaftlich und schamlos seine
Brunst in die Finsternis hineinrief. Schwieg der Hahn eine Weile, dann stand
Egloff wie festgebannt still und hrte sein Herz so laut klopfen, als liefe da
mit schweren Schritten jemand hinter ihm her. Endlich war er dem Hahne ganz
nahe, er sah ihn dort auf dem Fhrenzweige gro und schwarz in der Dmmerung mit
seinen wunderlichen steifen Bewegungen. Egloff legte an und scho, etwas fiel zu
Boden, man hrte Schlagen von Flgeln, dann wurde es still. Ein kstliches
Gefhl des Triumphes machte Egloff ganz hei, hinter sich hrte er Gebhard
heranlaufen. Alle Aufregung war vorber, sie gingen zur Schustelle, da lag der
schwarze Vogel mit seinen gebrochenen Augen friedlich da, nichts war an ihm mehr
vom Erregenden, das Egloff noch eben jeden Nerv angespannt hatte. Egloff setzte
sich auf einen Baumstumpf und zndete sich eine Zigarette an. Der Morgen graute,
die Bume und Strucher, die eben noch so bedeutungsvoll und wichtig erschienen
waren, standen nchtern und gleichgltig da. Jedesmal nach solcher Jagd hatte
Egloff dieses Gefhl der Niedergeschlagenheit und Ernchterung, wenn das
prchtige Raubtiergefhl des Heranschleichens und Horchens vorber war. Gehen
wir, sagte er zu Gebhard.
    Durch den aufdmmernden Morgen gingen sie nach Hause, der Tag versprach
schn zu werden, der Himmel war wei und dunstig, und zahllose Bekassinen
sandten von der Hhe ihre schrillen Triller nieder, und die Elstern schwatzten
in den Ellernbschen. Egloff dachte jetzt nur daran, wie wohlig es sein wrde,
sich in seinem Bette auszustrecken, alles andere war vorlufig gleichgltig. Auf
der Landstrae begegneten sie einem mit zwei Pferden bespannten Jagdwagen,
Doktor Hansius vom Stdtchen sa darin, sein groes Gesicht mit dem gelben
Bartgestrpp verschwand fast ganz in dem hohen Mantelkragen, die Augen hinter
den blauen Brillenglsern waren geschlossen, er schlummerte. Doktor! Doktor!
rief Egloff. Der Doktor fuhr auf und lie den Wagen halten. Ah, Baron Egloff,
sagte er, guten Morgen. Auf der Jagd gewesen? Na, ich sehe schon, gratuliere.
Danke, erwiderte Egloff, und blieb vor dem Wagen stehen, wo treiben Sie sich
so frh umher? Der Doktor machte eine mde, abwehrende Handbewegung: Ich, ich,
ach Gott, habe keine Ruhe. Gestern abend werde ich nach Witzow abgeholt.
Wackeln die alten Herrschaften dort? fragte Egloff. O nein, erwiderte der
Doktor, die Alten wackeln nicht, es sind immer die jungen, die Baronesse
Gertrud mit ihren Nerven. Na, und wie ich denn nachts nach Hause komme, finde
ich die Nachricht vor, ich soll sofort nach Barnewitz kommen, die Baronin hat
eine Nervenattacke. Nerven und Nerven, die sind auch solch eine moderne
Erfindung, von der unsere alten Herrschaften nichts wuten.
    Ja, ja, Doktor, meinte Egloff, Sie stehen immer auf seiten der Alten. Na,
guten Morgen, im Bette will ich an Sie denken. Der Doktor fuhr weiter. Also die
kleine Liddy ist krank, ging es Egloff durch den Sinn, whrend er an den Roggen-
und Weizenfeldern, die grau von Tau waren, dem Schlosse zuging, meinetwegen
vielleicht? Das ist jetzt gleichgltig, das mu jetzt aus sein, war wegen des
Fritz Dachhausen immer eine fatale Geschichte.
    Zu Hause ging er sofort ins Bett. Nach der Jagd sich ins Bett zu legen,
sagte er sich, ist ein ganz fragloses und volles Glck.
    Egloff schlief fest und traumlos weit in den Tag hinein, er erwachte davon,
da Klaus vor seinem Bette stand und meldete, es wrde bald Zeit zum Mittagessen
sein. Egloff blinzelte in den Sonnenschein hinein, der das Zimmer fllte, und
streckte sich, in den Gliedern war eine nicht unangenehme Steifigkeit von den
Anstrengungen der letzten Nacht zurckgeblieben. Also gutes Wetter,
konstatierte er. Gab es an diesem Tage etwas, worauf er sich freuen konnte? Ja,
er wollte am Abend mit Fastrade im Walde zusammentreffen. Nun, dann lohnte es
sich also, diesen Tag zu beginnen. Gibt es was Neues? fragte er. Herr
Mehrenstein war da, berichtete Klaus, als er hrte, da der Herr Baron noch
schlafen, fuhr er ab. Egloff verzog sein Gesicht. Mein Lieber, sagte er, ein
fr allemal, der Name Mehrenstein wird mir nie gleich beim Erwachen serviert,
dazu eignet er sich nicht. So, nun werde ich aufstehen. Als Egloff aus seinem
Zimmer herauskam, fand er seine Gromutter und Frulein von Dussa im Wohnzimmer
mit Handarbeit beschftigt. Sie lchelten ihm beide freundlich zu. Jetzt, wo er
verlobt war, zeigten die beiden Damen womglich noch mehr Freundlichkeit und
Rcksicht gegen ihn als sonst, aber in der Freundlichkeit lag etwas wie Wehmut,
etwas wie Schonung, die man einem erweist, dem man einen Fehltritt verziehen
hat. Egloff setzte sich zu den Damen, sprach von der Jagd, von dem Auerhahn, von
Doktor Hansius und erzhlte, da Gertrud Port und Liddy Dachhausen beide krank
seien. Die Baronin zog die greisen Augenbrauen in die Hhe und meinte: Die arme
Gertrud hat sich da drauen ihr Leben ruiniert und Liddy Dachhausen, mein Gott,
in den Familien, man wei nie, was da fr Krankheiten herrschen.
    Egloff lachte. Solche fremde Vlker, meinst du, bringen fremde Krankheiten
ins Land. Die Baronin lachte nicht, sondern sagte ernst: Fastrade, Gott sei
Dank, ist wenigstens gesund.
    Sie ist doch mehr als nur gesund, wandte Egloff ein. Die beiden Damen
beugten erschrocken ihre Kpfe auf die Handarbeiten nieder, und die Baronin
murmelte entschuldigend: Ich meine nur, Gesundheit ist eine wertvolle Gabe
Gottes. Ein ungemtliches Schweigen entstand, bis Frulein von Dussa wieder den
Kopf erhob, nachdenklich zum Fenster hinaussah, wie sie stets tat, wenn sie
etwas Geistreiches bemerken wollte und sagte: In dieser Baronin Dachhausen ist
etwas, das ich nie ganz verstehen kann. Ich will nicht sagen, da sie ein Buch
in fremder Sprache fr mich ist, sie ist eher ein Buch, das aus einer fremden
Sprache in meine Sprache bersetzt worden ist und in dem doch ein Rest von
Unverstndlichkeit zurckblieb.
    Ah, Sie meinen, versetzte Egloff, vom Birkmeierschen ins Dachhausensche
bersetzt. Aber die kleine Liddy ist doch nicht dazu da, damit man sie studiert,
sondern damit man sie ansieht.
    Allerdings, dieser Anforderung gengt sie, antwortete Frulein von Dussa
spitz. Dann ging man zum Essen. Bei Tisch wurde von dem Diner gesprochen, das
nchstens stattfinden sollte, in letzter Zeit wurde sehr viel von diesem Diner
gesprochen, und die Baronin holte ihre Erinnerungen an all die Hofdiners, die
sie mitgemacht hatte, heraus und sprach andchtig von Punch glac, Chevreuil 
la providence und Timbale  la Marie Antoinette. Als dieses Thema erschpft war,
kam die Rede auf Hyazinthen, welche in die Fenster gestellt werden sollten, und
die Baronin sagte ein wenig feierlich, wie sie das in letzter Zeit fters tat:
Solange ich hier etwas zu sagen habe, werden hier im Frhjahr immer Hyazinthen
in die Fenster gestellt werden. Spter, wenn ich meine alten Augen schliee,
mgen die anderen tun, was sie wollen.
    Nachmittags beim Kaffee rauchte Egloff still seine Zigarre, der gelbe
Nachmittagsonnenschein in den Zimmern, der schwle Duft des Rucherlmpchens auf
dem Kamine hatten von jeher seine Stimmung bedrckt. Die Damen arbeiteten
wieder, nur einmal kam es noch zu etwas lebhafterem Gesprch, als die Baronin
fragte: Fhrst du nach Paduren? Nein, erwiderte Egloff, ich soll ja da
hinkommen, um zu zeigen, ob ich mich bewhre, und noch habe ich keine Lust.
    Die Baronin errtete vor rger. Diese Warthes, sagte sie, waren von jeher
von einer unbegreiflichen Selbstgerechtigkeit. Sie taten immer so, als sei die
Tugend ein Vorwerk von Paduren.
    Egloff zuckte die Achseln und schwieg. Endlich beschlossen die Damen noch
ein wenig hinauszugehen, und da es so feucht war, wollte die Baronin in der
kleinen Wandelhalle im Garten auf und ab gehen. Du, mein Junge, sagte sie,
wirst wohl noch ein wenig ruhen. Ich werde dafr sorgen, da im Hause Stille
ist, da kannst du ruhig sein, solange meine alten Augen offen sind, wird immer
dafr gesorgt sein, da whrend deiner Nachmittagsruhe im Hause Stille herrscht.
Schon dein Vater hielt darauf.
    Egloff zog sich in sein Zimmer zurck, legte sich auf sein Sofa, lehnte den
Kopf zurck, so, jetzt war nichts mehr brig als still zu liegen und sich auf
den Abend zu freuen. Durch sein Fenster konnte er die kleine Wandelhalle im
Garten sehen, dort gingen die Baronin und Frulein von Dussa in schwarze Mntel
gehllt, schwarze Schale auf dem Kopfe mit kleinen gleichmigen Schritten auf
und ab. Seit seiner Jugend kannte er dieses Bild, die beiden schwarzen
Gestalten, die im Nachmittagsonnenschein dort auf und ab gingen, und immer hatte
es ihm bis zur Traurigkeit uninteressant geschienen. Gut, da das Leben doch
noch andere Dinge als die kleine, sonnige Wandelhalle hatte, dachte er.
    Die Sonne war schon untergegangen, als Egloff und Fastrade noch Arm in Arm
am Waldrande entlang gingen. Es war windstill, regungslos hoben die Birken und
Eichen ihre Zweige mit den geschlossenen Knospen und die Ellern ihre ber und
ber mit Bltentrauben geschmckten Wipfel zum bleichen, glashellen Himmel
empor. Unter dem Rasen flsterten und gurgelten unsichtbare Gewsser, und die
Luft war feucht und mild. Fastrade, fest in ihre blaue Frhjahrsjacke geknpft,
den blauen Filzhut auf dem Kopfe, ffnete ein wenig die Lippen, um den Duft der
Erde und der Knospen voll einzuatmen. Sie fhlte sich seltsam wohl und zu Hause
in dieser Frhjahrswelt. Egloff war heute nervs und gereizt, Fastrade sprte es
wohl, aber es machte sie stolz, das Unruhige und Wilde in diesem Manne neben
sich so in ihrer Gewalt zu haben.
    Natrlich habe ich an dich gedacht, sagte Egloff, in der Nacht dort
drunten in der Htte und zu Hause, wenn ich nicht gerade schlief. Angenehm ist
das nicht. Fastrade lchelte: O wirklich, ist das nicht angenehm? fragte sie.
    Wie soll das angenehm sein, erwiderte Egloff rgerlich, frher habe ich
mir ber meine Nebenmenschen nicht viel den Kopf zerbrochen, jetzt mu ich an
einem Mdchen herumrechnen, als glte es einen Monatsabschlu.
    Du Armer, sagte Fastrade bedauernd, aber bin ich denn ein so schweres
Exempel?
    Ja, ja, ich wei, hhnte Egloff, ihr wollt alle klar wie Kristall sein,
eine jede hlt sich fr den berhmten tiefen See, dessen Wasser so klar ist, da
man bis auf seinen Grund sieht. Dabei wei man von euch garnichts. brigens ist
das eine dumme Mnnerangewohnheit, alles zu Ende denken zu wollen. Ich wollte
dich zu Ende denken. Du wirst mir sagen, du hast auch an mich gedacht, ja, wie
ihr Frauen schon denkt. Da sind eine Menge kleiner, lcherlicher Sachen, die da
ebenso wichtig sind als unsereiner.
    Man braucht ja nicht immer aneinander zu denken, meinte Fastrade, man
fhlt einander. Wenn ich bei Papa sitze und die Memoiren lese oder Ruhke zuhre
oder die Ausgaben und Einnahmen anschreibe, oder wenn ich Tante Arabella helfe
den Wscheschrank ordnen, immer wei ich, da du da bist und da meine Gedanken
jeden Augenblick zu dir zurckkehren knnen.
    Gut, gut, sagte Egloff, das ist so wie eine Schachtel Pralinee im
Schreibtisch, man hat das frohe Bewutsein, jeden Augenblick herangehen zu
knnen, um ein Stck zu nehmen.
    Sie schwiegen eine Weile und hrten einem Star zu, der auf der Spitze einer
Tanne sa und mit Flgelschlagen und Pfeifen aufgeregt sein Abendlied beendete.
Als Egloff wieder zu sprechen begann, klang es bse und traurig: Was wei ich
denn von dir! Fastrade sah zu ihm empor und lchelte: Was willst du denn
wissen?
    Nun, erwiderte Egloff, und Fastrade hrte deutlich aus seiner Stimme
heraus, da er grausam sein wollte, da ist dieser Kandidat, hast du den
geliebt?
    Fastrade errtete, sah ihm aber fest in die Augen: Ja, erwiderte sie, so
wie ich damals lieben konnte. Ich hatte so tiefes Mitleid mit ihm, er war so
einsam, so leicht verwundbar und hilflos, ich wollte bei ihm sein und ihm Gutes
tun.
    Ich erinnere mich seiner, sagte Egloff leichthin, er hatte zu kurz
geschnittene Ngel und das Haar hing ihm hinten ber den Rockkragen. Das haben
alle Kandidaten.
    Dann erinnerst du dich seiner nicht, ereiferte sich Fastrade, er war
immer sehr gut angezogen.
    Wie sich eben Kandidaten anziehen, meinte Egloff, gleichviel, und du
reistest zu ihm.
    Ich reiste zu ihm, erwiderte Fastrade und ihre Stimme begann zu zittern,
weil er sterbend war und weil ich versprochen hatte, bei ihm zu sein, wenn er
mich braucht. Das kann dich nicht krnken, da ich ihm mein Versprechen gehalten
habe und ihm treu gewesen bin.
    Egloff zuckte die Achseln: Der Gedanke, da du einem anderen treu gewesen
bist, hat fr mich nichts Ansprechendes. brigens, du sagst Mitleid. Ist Mitleid
und Liebe denn dasselbe?
    Ich glaube, sie gehren eng zusammen, erwiderte Fastrade.
    Also hast du fr mich auch Mitleid? forschte Egloff eigensinnig und
gereizt weiter.
    Ja, sagte Fastrade und bemhte sich, ihrer Stimme einen festen und
tapferen Klang zu geben. Wenn ich sehe, da du unruhig und geqult bist, da
alle gegen dich sind, dann habe ich Mitleid mit dir, und dann mchte ich etwas
dazu tun, da es um dich klar wird und hell.
    O ich verstehe, meinte Egloff noch immer gereizt und spttisch, die
ordnungsliebende Dame, die in ein ungeordnetes Zimmer kommt und von der Passion
ergriffen wird zu ordnen. Du willst also bessern und erziehen, die Liebe ist bei
dir ein pdagogischer Trieb, ein - wie soll ich sagen - ein Gouvernantentrieb.
Das ist es, was du willst, nicht wahr?
    Sie waren stehen geblieben, Fastrade hatte Egloffs Arm losgelassen und
lehnte sich mit dem Rcken an den Stamm einer Birke. Sie fhlte sich elend und
verwundet. Nichts will ich, sagte sie matt, nur da wir zusammengehren.
Ihre Augen wurden feucht und Trnen rannen an ihren Wangen nieder. Egloff stand
vor ihr und betrachtete ernst und bewundernd das weinende Mdchengesicht. Dann
nahm er Fastrades Hnde: Unsinn, sagte er, da ist nichts zu weinen, man
spricht so allerlei, das ist doch nicht wichtig. Er zog sie an sich, und als er
das trnenfeuchte Gesicht kte, fhlte er, wie der Mdchenkrper in seinen
Armen schwer und willenlos wurde.
    ber dem Land dmmerte es stark, vom Boden stieg der Nebel auf wie weier
Rauch, und auf der groen Ebene erglommen in den Schlssern schon die
Lichtpnktchen. Fastrade wischte sich die Trnen aus den Augen und nahm wieder
Egloffs Arm. Es ist nichts, sagte sie, dies Frhlingswetter macht einen
schwach.
    Gott sei Dank, meinte Egloff, vom ewigen Starksein hat man auch nicht
viel.
    So schlugen sie wieder beruhigt und ein wenig nachdenklich den Heimweg ein.
    Als Fastrade nach Hause kam, lief sie in ihrem Zimmer hin und her, ordnete
ihre Sachen und begann hell und laut vor sich hin zu singen. Das war sonst nicht
ihre Gewohnheit, aber heute tat es ihr wohl. Baronesse Arabella war bei dem
Baron, und Ruhke stand vor ihm und berichtete. Ruhke schwieg pltzlich, und alle
drei horchten auf. Sie singt, sagte die Baronesse. Das ist neu, meinte der
Baron. Auch Couchon, die bei ihren Karten eingeschlummert war, fuhr auf, neigte
den Kopf auf die Schulter und lauschte.

                                 Elftes Kapitel


Fritz von Dachhausen sa am Morgen vor seinem Spiegel und seifte sich das Kinn
ein. Grnfeld, der alte Diener, stand hinter ihm und sah aufmerksam zu, wie sein
Herr sich rasierte. Also, sagte Dachhausen, was hrt man von der Nacht der
Frau Baronin? Grnfeld machte ein trauriges Gesicht, denn er merkte es wohl,
da sein Herr ihn im Spiegel anschaute. Die Amalie sagt, erwiderte er, die
Nacht der Frau Baronin ist nicht gut gewesen. In der Nacht hat die Frau Baronin
Licht gemacht und Briefe gelesen. Spter ist der Schlaf auch nicht gekommen,
vielleicht, meint Amalie, da die Briefe die Frau Baronin aufgeregt haben.
Briefe? fragte Dachhausen. Ja, Briefe, besttigte Grnfeld, die Amalie hat
sie heute morgen noch auf dem Tisch neben dem Bette gesehen. Unsinn, meinte
Dachhausen rgerlich, die Frau Baronin hat gar keine Briefe, die sie aufregen
knnten. Da Grnfeld darauf nichts zu antworten wute, begann Dachhausen sich
zu rasieren; da dieses seine ganze Aufmerksamkeit auf sich nahm, gingen ihm die
Gedanken nur stoweise durch den Kopf. Was fr Briefe? Die Briefe, die er Liddy
als Brutigam geschrieben? Aber die waren doch gewi nicht aufregend. Ob er
fragte, wie die Briefe ausgesehen haben? Ob es viele waren? Nein, das ging denn
doch nicht. Mit dem Rasieren war er fertig und setzte nun seine Toilette fort.
Da begannen die Gedanken eifriger zu arbeiten. Diese Nachricht von den Briefen
ffnete pltzlich eine ganze Schleuse unangenehmer Gedanken. Immerfort
begegneten ihm jetzt solche geheimnisvoll beunruhigende Dinge. Liddys ganze
Krankheit hatte doch etwas Unheimliches und Unerklrliches. Gut, man war nervs,
das kam bei Frauen vor, aber ein Hauptsymptom von Liddys Krankheit war, da sie
ihren Mann nicht recht vertragen konnte. Das ging nun schon seit Wochen. Wann
fing es denn an? Es war an jenem Abend, als Gertrud Port da war und Liddy den
Ohnmachtsanfall bekam. Gertrud hatte die Nachricht von Dietz Egloffs Verlobung
mit Fastrade gebracht. Hier hielten die Gedanken an, hier hatten sie in letzter
Zeit schon fters Halt gemacht, als frchteten sie etwas, als wollten sie sich
feige um etwas herumdrcken. Dachhausen war jetzt fertig, Grnfeld fuhr ihm noch
einmal sanft mit der Brste ber die Kleider, dann gingen sie beide in das
Frhstckszimmer hinaus.
    Es war ein freundlicher Tag, das Zimmer voller Sonnenschein und
Hyazinthenduft. Als Dachhausen sich an den Tisch setzte und sich den Tee
servieren lie, wurde ihm pltzlich ganz unertrglich wehmtig ums Herz. Wie
sehr hatte er stets diese Mahlzeit geliebt, wenn Liddy ihm hier gegenber sa,
rosa und frstelnd vom Morgenbade sich mit dem hbschen vernossenen Gesichtchen
ber ihre Tasse beugte. Ach Gott, das Leben mit dieser hbschen Frau war bisher
so unendlich unterhaltend gewesen, alles an ihr war so raffiniert, so
berraschend kaprizis und ergtzlich. Und nun pltzlich war alles gestrt.
Warum denn? Von wem? Er dachte diesen Gedanken, der alle diese Tage in ihm
gelegen, in ihm gearbeitet wie ein Maulwurf, warum fiel sie gerade damals in
Ohnmacht, als die Nachricht von Dietzes Verlobung kam? Ist Liddy in Dietz
verliebt? Der Tee, den er trank, schmeckte ihm bitter, ihm wurde krperlich
elend zumute, war denn das mglich? Er begann in seinen Erinnerungen
zurckzugehen und wirklich, es hatten sich in ihm eine ganze Menge kleiner
Erinnerungen aufgespeichert, die jetzt hervorkrochen und eine schmerzliche
Bedeutung annahmen. Da war ein Abend gewesen, an dem er Liddy und Dietz allein
gelassen hatte, weil jemand ihn zu sprechen wnschte. Als er zurckkam, war
Liddy seltsam erregt und rot und Egloff hatte sein spttisches Lcheln. Liddy
stand auf und verlie schnell das Zimmer, und dann hatte jemand einmal einen
Brief gebracht. Ah, von Gertrud, hatte Liddy gesagt. Wenn Dachhausen jetzt an
ihr Gesicht und an den Ton ihrer Stimme dachte, dann wute er, da sie gelogen
hatte. Und anderes noch fiel ihm ein, das er meinte damals nicht beachtet oder
vergessen zu haben, aber all das war in ihm da gewesen, er hatte es nur nicht zu
Worte kommen lassen. Endlich, warum traf es sich so hufig, da Dietz Egloff
nach Barnewitz kam, wenn er, Dachhausen, nicht zu Hause war? Liddy sagte dann
stets: Er hat sehr bedauert dich verfehlt zu haben, aber ich habe ihn doch zum
Abendessen behalten, ich bin so allein. Dachhausen schlug mit der Faust auf den
Tisch, nein, da wollte er nicht weiter denken, das war ja nicht zu ertragen. Er
befahl dem Diener, ihn bei der Frau Baronin zu melden, es kam jedoch die
Antwort, die Frau Baronin sei mde und wolle versuchen zu schlafen. Gut,
Dachhausen beschlo, wie er es jeden Morgen tat, den Rundgang in seiner
Wirtschaft zu machen.
    Es war ein hbscher Tag, Sonnenschein und blauer Himmel. Diese letzten
Wochen des April waren wunderbar, die Birken begannen auszuschlagen und die
Fliederbsche hatten dicke Knospen. Jedesmal wenn Dachhausen am Morgen die
Freitreppe hinab in den Hof stieg, hatte er ein angenehmes Herrengefhl, er
wute, sein Erscheinen war hier berall bedeutsam, gefrchtet und entscheidend.
Auch heute tat ihm das wohl, ihm wurde leichter ums Herz, schlielich, was war
denn geschehen? Er ging in die Schmiede hinber, der Schmied stand am Ambo und
hieb auf ein rotglhendes Stck Eisen ein. Sonst, wenn Dachhausen an eine Arbeit
herantrat, wute er sofort, wozu sie war, wohin sie gehrte, ob sie gut oder
schlecht war, er fhlte dann ordentlich mit Behagen, wie der praktische Sinn in
ihm schnell und genau funktionierte. Heute nun kamen ihm hier ganz ungewohnte,
phantastische Gedanken, es war ihm, als fhlte er den Zorn des Hammers, der auf
das rote, wunde Eisen niedersauste. War er denn verrckt? Schnell verlie er die
Schmiede, er ging in den Kuhstall. Es war Futterzeit, von der Deckluke ward das
Heu herabgeworfen, die Mgde standen und lieen lchelnd die grnen, duftenden
Heumassen auf sich niederregnen, dann faten sie sie mit den Armen und trugen
sie zu den Krippen. Wenn sie an Dachhausen vorberkamen, warfen sie scheue
Blicke auf ihn, denn sie sahen es gleich, der Herr war heute nicht guter Laune.
Dachhausen aber stand da, nagte an seiner Unterlippe und dachte an Dietz Egloffs
geheimnisvolle Abenteuer, von denen die Leute erzhlten, seinen nchtlichen
Ritten, und pltzlich stieg in Dachhausen ein Bedrfnis auf, sich ber jemand zu
rgern, laut zu schelten und zu schimpfen, er lief im Stall umher und suchte
nach einer Unordnung. Einen Augenblick blieb er vor dem Stier stehen, es gefiel
ihm zuzusehen, wie das Tier blies, die Augen rollte und wie der ganze mchtige
Krper von Bosheit geschwellt schien. Da er hier keine Unordnung fand, ging er
in den Pferdestall hinber. Jrgen, der Stallknecht, striegelte gerade den
Schimmel, auch er erkannte auf den ersten Blick, da der Herr heute in
gefhrlicher Stimmung war. Dachhausen ging nun von Pferd zu Pferd, musterte ein
jedes genau, ja, da hatte er es, der Rappe war am Hinterlaufe aufgerieben, warum
war er aufgerieben? Warum war es nicht gemeldet worden? Warum geschah nichts
dafr? es war eine unerhrte Unordnung. Dachhausen begann sehr laut zu sprechen,
der Zorn fuhr ihm hei in die Glieder, er fate Jrgen am Rockaufschlag und
schttelte ihn, der groe, blonde Bursche errtete und sah seinen Herrn
verwundert an, Dachhausen aber stampfte mit dem Fu, er tanzte ordentlich vor
Wut. Da zuckten die Lippen des Burschen in einem kaum merklichen Lcheln,
Dachhausen schwieg pltzlich, der Bursche lacht mich aus, fuhr es ihm durch den
Sinn, er wandte sich kurz um und verlie den Stall. Drauen kam der Inspektor
auf ihn zu, aber den mochte er jetzt nicht sprechen, drum schlug er eilig den
entgegengesetzten Weg ein. Ziellos irrte er zwischen den Feldern umher, der
Roggen war gut eingegrast und der Weizen auch. Wie die Lerchen heute dort oben
tobten, er blieb stehen und schaute hinauf, er wollte sie zhlen, eins, zwei,
drei, vier, aber wozu? Das hatte ja keinen Sinn, alles das hatte keinen Sinn. Es
war wohl Zeit, zum Frhstck nach Hause zu gehen, vielleicht wrde Liddy am
Frhstckstische sitzen wie sonst und ihn anlcheln. Eine starke, kindische
Hoffnung lie ihn eilen, aber, als er in das Speisezimmer trat, sah er, da nur
ein Gedeck aufgelegt war. Er seufzte. Wie lange war es denn schon, da er so
einsam wie ein Junggeselle seine Mahlzeiten einnahm. Das Frhstck war gut, der
Koch hatte da ein Fischgericht au gratin gemacht, das Dachhausen sonst sehr
anzuerkennen pflegte. Er verstand es ja so gut, die kleinen Freuden des Lebens
zu genieen, aber wenn man mit Sorgen allein bei Tische sitzt, dann wird einem
die beste Speise vergllt. Mein Gott, warum wurde denn gerade sein Glck
gestrt, er verlangte ja vom Leben nichts, als da es korrekt und heiter sei. Er
hatte stets seine Pflicht getan, frher im Regiment und jetzt als Gutsbesitzer.
Selbst der alte von der Warthe hatte seine Landwirtschaft gelobt. Er war kein
Spieler wie Dietz und war seiner Frau nicht untreu wie der Graf Btzow, warum
mute nun etwas Rtselhaftes kommen und gerade ihm das Liebste, das er hatte,
seine Ehe, stren. Er verstand das nicht.
    Gleich nach dem Frhstck ging er zu Liddy hinber. Er trat in das Zimmer
ein, ohne anzuklopfen, er wollte sich nicht wieder abweisen lassen. Lydia lag
auf der Couchette in ihrem hellrosa Morgenrock, das Haar hing in zwei langen
schwarzen Zpfen ber die Schultern hinber, das Gesicht war sehr wei, sie
regte sich nicht, als Dachhausen eintrat und schaute mit den blanken Augen
unverwandt zur Decke hinauf. Liddy, rief er im zrtlichsten Ton, den er
aufbringen konnte, wieder eine schlechte Nacht, was tun wir wohl, diese
verdammten Nerven! Er beugte sich ber sie und kte das regungslose Gesicht.
Wie fhlst du dich jetzt?
    Mde, erwiderte Lydia, ohne ihn anzusehen. Er zog einen Stuhl heran und
nahm ihre Hand, die schlaff in der seinen lag. Ja, ja, fuhr er fort, das ist
dieses Frhlingswetter, es sieht hbsch aus, aber es ist giftig. Alle spren
das.
    Lydia antwortete nicht, da wurde auch Dachhausen befangen. Was sollte er mit
dieser Frau beginnen, die tat, als sei er gar nicht da? Er fing an etwas zu
erzhlen: Ich war gestern in Witzow, die arme Gertrud ist auch leidend. Nun,
und die beiden Alten, die brummen so herum in gewohnter Weise. Die Baronin regte
sich darber auf, da Dietz und Fastrade jeden Abend lange Spaziergnge im Walde
machen, sie meinte, das mu wohl eine amerikanische Sitte sein. Aber der Alte
sagte: ob es amerikanisch ist, wei ich nicht, aber unschicklich ist es.
    Ein wenig Rte stieg in Lydias Wangen, und sie sprach feierlich zur Decke
hinauf: Ich finde es auch unschicklich.
    Unschicklich, wieso? entgegnete Dachhausen, in unseren Zeiten denkt man
darber doch freier. Jetzt sah Lydia ihn an und zwar ziemlich bse: Du hast
mir ja immer gepredigt, sagte sie, da man sich den Sitten und Gesetzen der
Gesellschaft, in der man lebt, fgen soll, warum knnen denn die beiden tun, was
sie wollen? Dann zog sie die Augenbrauen hoch und wandte das Gesicht ab: Ach
Gott, es ist ja auch so gleichgltig, was diese beiden tun, amsieren wird sich
der gute Egloff auf diesen Spaziergngen mit der langweiligen Fastrade nicht.
    Wieso langweilig? protestierte Dachhausen, Fastrade ist doch ein edles
und interessantes Mdchen.
    Vielleicht wegen dieser kitschigen Verlobung mit dem Hauslehrer, hhnte
Lydia. Warum hast du denn nicht sie geheiratet, wenn sie edel und interessant
ist? Ich bin weder edel noch interessant.
    Da wurde Dachhausen wieder zrtlich, er streichelte die kleine, schlappe
Hand, die in der seinen lag und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung bebte:
Weil ich dich geheiratet habe, weil du fr mich die Edelste und Interessanteste
bist. Sieh, Liddy, es kommt mir vor, als ob in der letzten Zeit wir einander
nicht recht nahe gewesen sind, es ist mir so, als ob dich etwas drckt, das du
mir verschweigst. Sprich dich aus, erstens, dazu ist man ja verheiratet, da man
alles teilt, und dann, es ist auch lcherlich, wie das, was einem Sorge macht,
vollstndig verschwindet, wenn man es ausspricht.
    Lydia sah wieder zur Decke empor, und es klang mde und schlfrig, als sie
antwortete: Ich verstehe dich nicht, ich habe nichts auszusprechen, nichts zu
sagen. Ich glaube, wir beide haben uns in letzter Zeit berhaupt wenig zu
sagen. Sie schlo die Augen. Ich denke, ich versuche ein wenig zu schlafen,
sagte sie.
    Dachhausen war bla geworden, er erhob sich schnell und ging, ohne ein Wort
zu sagen, aus dem Zimmer.
    Drben in seinem Zimmer setzte er sich auf einen Sessel, lehnte den Kopf
zurck und schlo die Augen. Nun war es klar, mit seiner Ehe stand es bel, aber
wissen wollte er, was sein Glck zerstrte. Er war es mde, kleine Ereignisse
aus seiner Erinnerung hervorzuholen, er wollte etwas haben, er wollte jemanden
haben, an den er sich halten konnte. So sa er lange kummervoll sinnend da.
Endlich klingelte er und bestellte einzuspannen, die Jagddroschke und die
Schimmel, er wollte nach Grobin, ins Stdtchen, fahren, dort wohnten seine
Mutter und seine Schwester Adine. Als Dachhausen heiratete, waren die beiden
Damen mit den alten Mbeln und den alten Dienstboten in das Stdtchen gezogen,
um der neuen Schloherrin, den modernen Mbeln und neuen Dienstboten Platz zu
machen. Fr Dachhausen war das Haus in der Stadt ein Stck des alten Barnewitz
seiner Jugend. Hier wehte die milde, verwhnende Luft, die ihn von Kindheit auf
umgeben hatte, dorthin fuhr er gern, wenn er verstimmt war und sich trsten
lassen wollte. Lydia liebte es nicht, ihre Schwiegermutter zu besuchen, sie
sind dort sehr freundlich, sagte sie, aber es ist eine Freundlichkeit, die
einem den Atem bedrckt. Frau von Dachhausen und Adine ihrerseits bewunderten
Lydia. Deine Lydia, wiederholten sie immer wieder, ist ja so hbsch und so
elegant, allein sie blieb ihnen fremd, sie war fr sie ein schnes Instrument,
auf dem sie nicht zu spielen verstanden.
    Die Fahrt durch den Frhlingsnachmittag war hbsch, die Birken standen
grellgrn am Waldesrande, weiter unter den Tannen fanden sich groe
Gesellschaften weier Anemonen zusammen und zitterten im Winde, der Wegrain war
mit kleinen gelben Blumen bedeckt, Kinder trieben Schafe auf die Weide, lagen
auf den Abhngen auf dem Bauch und sangen. Dachhausen, der sonst immer gern mit
dabei war, wo es frhlich zuging, konnte heute mit der Heiterkeit, die ber dem
Lande lag, nicht mit, sie machte ihn traurig und schwach. Ein Vers ging ihm
durch den Sinn, den die alte Marri, seine Wrterin, ihm vorgesungen hatte, als
er noch ein ganz kleiner Knabe war, und er mute ihn bestndig vor sich
hinsummen:

Weit du, was die Blume spricht?
Armes Fritzchen, weine nicht.
Sonnenschein lacht dir ins Gesicht,
Armes Fritzchen, weine nicht.

    Auch im Stdtchen sah es frhlingsmig aus, die Mdchen trugen helle
Blusen, lange Reihen von Gymnasiasten spazierten Arm in Arm durch die Straen.
Kommis standen in den offenen Tren der Lden und lieen die bleichen Gesichter
vom Frhlingswinde anwehen. Im Hause seiner Mutter wurde er von einem kleinen
listig aussehenden Dienstmdchen empfangen, er kannte das, seine Mutter nahm
stets solche Mdchen zu sich, um sie zu erziehen und zu bessern, und die
gerieten meist nicht sonderlich. Dann kam Adine, Ende der dreiig, klein und
stark, das Gesicht mute frher fein und hbsch gewesen sein, jetzt war es in
die Breite gegangen und die Zge verloren sich in ihm, aber die blauen
Dachhausenschen Augen belebten es freundlich. Adine verbreitete um sich eine
wohltuende Atmosphre von Behbigkeit und Herzlichkeit. In der Sofaecke sa Frau
von Dachhausen, klein und gebrechlich wie eine Motte, das Gesicht unter den
weien Spitzen der Haube, noch immer wei und rosa, war ganz
zusammengeschrumpft, aber die Falten standen ihm gut, es waren lauter
horizontale Falten der Freundlichkeit.
    Ach Fritzchen, setz' dich her, sagte sie und die Augen wurden ihr feucht;
jedesmal, wenn sie ihren Sohn wiedersah, wurden ihr die Augen feucht, und
Fritzchen sa nun da in dem altbekannten Lehnsessel, die Sonne schien durch die
Goldlackbsche im Fenster auf das blanke Parkett mit dem roten Lufer. Adine
ging ab und zu und richtete den Kaffeetisch her, brachte die groen weichen
Bretzeln, die auch von Barnewitz hier in die Stadt bergesiedelt waren.
Dachhausen begann es schon wohler zu werden, er fing an sich anzuklagen, sprach
von Liddys Krankheit, von seiner Einsamkeit, und die aufmerksame Teilnahme, mit
der seine Mutter und seine Schwester ihm zuhrten, machte ihn ganz weich. Hier
waren zwei, die unbedingt fr ihn Partei nahmen, die von jeher jedes
Migeschick, das ihn traf, als eine Ungerechtigkeit des Schicksals betrachteten,
hier brauchte er nicht mnnlich zu sein, hier konnte er sich nach Herzenslust
bedauern lassen. Der Kaffee kam, Adine und Frau von Dachhausen fingen nun an,
die kleinen Stadtgeschichten zu erzhlen, fingen an in ihrer milden und
gemtlichen Art zu klatschen, der Abendsonnenschein lag schon ganz rot auf den
Wnden, als Dachhausen noch immer dort sa, er wute, es war Zeit heimzukehren,
aber er konnte sich nicht dazu entschlieen, zu Hause erwartete ihn die
Einsamkeit und all das Feindliche, von dem er sich jetzt umstellt fhlte.

                                Zwlftes Kapitel


Der Mond stand schon hoch am Himmel, als Egloff und Fastrade noch zusammen die
Waldwege entlang gingen. Der Wind trieb kleine Wolken am Monde vorber und ber
den Mond hin, auch dem Walde lie der Wind keine Ruhe, er fuhr in die Bume, bog
sie hin und her, und die Krhen, die in den Wipfeln schlafen wollten, schlugen
immer wieder laut mit den Flgeln. Dazu waren die Windste ganz voll von
betubendem Duft der jungen Birkenbltter.
    Der Wald ist heute betrunken, sagte Egloff. - Ach ja, meinte Fastrade,
alles schwankt, als ob wir auf einem Schiffe spazieren gehen und denken, da
das Padurensche Frulein mit dem wilden Egloff noch um diese Zeit in einem
betrunkenen Walde spazieren geht, was werden die Schlsser sagen!
    Was die Schlsser sagen, ist unwichtig, erwiderte Egloff, das einzig
Wichtige bist du.
    Warum bin ich so wichtig? fragte Fastrade. Egloff schwieg einen
Augenblick, um einen lauten Windsto ausreden zu lassen, dann begann er sinnend:
Ich ging einmal um die Mittagszeit in Venedig durch die kleinen Straen; du
weit, gerade um diese Zeit gleichen diese Straen mehr denn je Korridoren eines
Armeleutehauses; die Leute sitzen da herum und essen; es riecht nach Zwiebeln
und Fischen, Wirte stehen in den Haustren und rufen: La minestra  pronta!
Kleine Jungen hocken in dmmerigen Torwegen und halten goldgelbe Polentaschnitte
- nun ja, und da kam ich an einen Platz, ich wei nicht, wie er heit, von der
einen Seite steht ein einzelner gotischer Turm, ganz mit Schnrkelwerk bedeckt,
als htte er Gromutters Spitzenmantille umgenommen. Ein kleines Wirtshaus ist
dort auch, vor das ich mich hinsetzte. ber den ganzen Platz aber waren Leinen
gezogen, auf denen Wsche hing, Bettcher und Hemden, grell wei in der
Mittagssonne, und im Winde flatternd. Venezianische Mdchen kamen ganz schlank
in ihren schwarzen Tchern, schne, bleiche, verhungerte Gesichter mit groen
Augen, und sie hoben die Arme auf und bogen die Kpfe mit dem schweren, dunklen
Haar zurck, standen da in all dem Wei und hingen noch mehr Wsche auf die
Leine. Das gefiel mir. An meinem Tisch sa ein kleiner, alter Mann mit einem
spitzen, grauen Bart, offenbar ein Deutscher, vielleicht ein Professor, denn er
hatte langes, graues Haar, das haben die Germanisten auch oft. Er sah mich bse
an und sagte in einem gereizten Tone, als htten wir uns die ganze Zeit
gestritten: Da laufen sie in Venedig herum und gaffen und bewundern lauter
Kitsch. Ich komme hierher, denn dieses hier ist wichtig. In dem Augenblicke
leuchtete mir das ein.
    Warum war das so wichtig? fragte Fastrade.
    Egloff lachte: Ja, das wei ich nicht, ebenso wenig wie ich es wei, warum
du mir so wichtig bist. Aber sieh, eigentlich ist das ein Zeichen von der
Unberhrtheit meiner Seele. Dir war schon mit vierzehn Jahren jeder Held eines
englischen Romans wichtig, ihr alle zehrt ja von Jugend auf von eurer Seele, ich
habe meine Seele gar nicht in Gebrauch genommen, ich habe bisher ohne Seele
gelebt und fr dich ziehe ich nun diese ungebrauchte, funkelnagelneue Seele
heraus, ich schneide sozusagen fr dich erst meine Seele an. Das will doch etwas
heien, wenn es auch nicht bequem ist.
    Ach ja, Lieber, tue das, sagte Fastrade.
    Jetzt gingen sie unter groen, alten Tannen hin, in denen das Mondlicht nur
hie und da wie silberne Funken sprhte; auf einer kleinen Lichtung aber hell
beschienen stand die Auerhahnhtte. Die wollte ich dir zeigen, sagte Egloff,
hier habe ich meine besten Stunden verbracht. Er ffnete die Tr, der Raum war
voller Mondlicht und groer schwankender Schatten der Tannenzweige. Er zog
Fastrade auf das Ruhebett nieder, hier habe ich dich immer am deutlichsten
gesehen, wenn du nicht da warst, hier habe ich dich am deutlichsten gefhlt, in
jedem Nerv habe ich dich gesprt, es ist, als ob du hier wohntest. Scheint es
dir nicht, als ob dir hier alles bekannt sei, da du hier schon oft gewesen
bist?
    Ja, sagte Fastrade sinnend, im Traume, glaube ich, habe ich dieses kleine
Zimmer gesehen, ganz gelb von Mondlicht.
    Du mut es kennen, meinte Egloff und drckte sie an sich und begann
langsam ihre Augen und ihren Mund zu kssen; er beugte sie zurck, seine Hnde
faten sie, da es ihr weh tat, ein Knopf ihrer Jacke sprang klirrend zu Boden.
Fastrade richtete sich auf, erhob sich von ihrem Sitz, machte einige Schritte,
dann lehnte sie sich gegen die Tr, breitete die Arme aus und sttzte die
Handflchen gegen die Bretterwand, als wollte sie jemand den Eintritt verwehren.
O nein, sagte sie schwer aufatmend. Egloff sa noch auf dem Ruhebette, ganz in
den Schatten zurckgebogen. Nein, wiederholte er leise und zischend,
natrlich, ihr seid die Reinen, die Unnahbaren, die Heiligen, nur da ihr die
Liebe dadurch zu etwas verdammt Lcherlichem und Verlogenem macht.
    Nein, nein, sagte Fastrade wieder, und das Schwingen in ihrer Stimme
zeigte, wie stark ihr Herz schlug. Ich bin nicht unnahbar, ich bin nicht
heilig, aber, wenn ich dir helfen soll, wenn ich neben dir stehen soll, dann -
dann darfst du mich nicht behandeln wie die anderen.
    Aber aus der dunkeln Ecke klang es leise und bse zurck: Ich will nicht,
da du mir hilfst, ich will, da du mich liebst.
    Ich will dir helfen, erwiderte Fastrade laut und klar, gerade das will
ich, das ist meine Art zu lieben.
    Beide schwiegen. Egloff schaute zu Fastrade hinber, wie sie an der Tr
lehnte mit ausgebreiteten Armen, hell vom Monde beschienen, das blonde Haar hing
ihr ungeordnet in die Stirne, eine flimmernde Haarstrhne fiel ber die
kindliche Rundung der Wangen, die Augen glitzerten, die Lippen waren ein wenig
geffnet, ja Egloff sah es deutlich, sie lchelten ein seltsam erregtes,
triumphierendes Lcheln.
    Endlich trat sie von der Tr fort an Egloff heran, legte die Hand auf seine
Schulter und sagte freundlich und mitleidig: Komm, gehen wir, deine
Auerhahnhtte gefllt mir nicht mehr. Sitze nicht so da.
    Egloff lachte kurz auf. Oh, du brauchst mir nicht zu sagen, meinte er,
wie ich dasitze, das wei ich wohl, also gehen wir.
    Sie traten wieder hinaus, drauen empfing sie das gewaltsame Wehen und
Duften, sie muten ordentlich gegen den Wind ankmpfen. Halte mich, halte
mich, rief Fastrade und lachte hell in das groe Rauschen hinein.
    Es war spt geworden, als Fastrade nach Hause kam. Sie beeilte sich zu ihrem
Vater hinber zu gehen, der sie schon erwarten mute; aber als sie den dunkeln
Saal durchschritt, war es, als versagten ihr pltzlich die Krfte, eine groe
Mattigkeit ergriff sie und ihre Knie zitterten. Sie mute sich auf einen Sessel
niederlassen. Vom Zimmer ihres Vaters her hrte sie die Stimme der Tante
Arabella, welche St. Simons Memoiren vorlas, auf der anderen Seite sang Couchons
zitternde Stimme ihr: Ah repondit Collette, osez, osez toujours.
    Vor den Fenstern jauchzte der Frhlingswind. Fastrade schlug die Hnde vor
das Gesicht und weinte, nicht aus Schmerz, es war nur ein unendlich wohltuendes
Sichlsen der groen Spannung ihrer Seele.

                              Dreizehntes Kapitel


In Sirow fand das groe Souper statt. Die Baronin ging durch die Zimmer, um
einen letzten Blick auf die Veranstaltungen zu werfen. Langsam zog sie ihre
Atlasschleppe ber das Parkett, vor einem Spiegel blieb sie stehen und rckte
die Diamantbrosche zurecht, ein Geschenk der hochseligen Groherzogin. Dann
setzte sie sich auf ihren Sessel und erwartete die Gste. Die Kerzen in den
Kronleuchtern brannten alle, obgleich drauen der Maiabend noch hell ber dem
Garten war. Die Glastren zur Veranda standen offen, und der Duft des Flieders
drang herein, der wie eine Mauer aus weiem und hellblauem Gewlke den Garten
einhegte.
    Die Baronesse Arabella und Fastrade waren die ersten, die anlangten. Mein
liebes Kind, du siehst gut aus, sagte die Baronin zu Fastrade mit dem milden
Ernst, den sie im Umgang mit ihrer knftigen Schwiegertochter anzuwenden liebte,
aber heute ruhten ihre Augen doch mit Wohlgefallen auf dem aufrechten, blonden
Mdchen, ber dessen rundem Gesicht, ber dessen Schultern und Armen ein so
wundersam warmer Jugendglanz lag. Fastrade trug ein weies Spitzenkleid und
einen Veilchenstrau an der Brust. Komm, meine Tochter, fuhr die Baronin fort,
setze dich zu mir, bis die anderen kommen, knnen wir uns ein wenig genieen,
und sie begann genau zu beschreiben, wie sie solche groe Gesellschaften zu
organisieren pflegte, wie sie alles im voraus genau bestimmte, so da das
Uhrwerk spter tadellos von selbst funktionierte. Eine Unterrichtsstunde, dachte
Fastrade und schob ein wenig die Unterlippe vor. Nun kamen auch die anderen
Gste, zuerst die von Teschens aus Rollow mit drei Tchtern in Rosa, Blau und
Lila. Die Frulein von Teschen waren immer in Rosa, Blau und Lila, in Rollow
hatte man zehn Kinder, mute mit dem Gelde sparen und ging nur wenig in
Gesellschaft. Wenn aber die drei Mdchen mit den kleinen braunen Augen in den
unregelmigen, erwartungsvollen Gesichtern einmal ausgefhrt wurden, dann
warfen sie sich mit Heihunger auf alles, was wie Unterhaltung aussah. Die
Grfin Btzow zog ein in rotem Samt, stattlich und streng, gefolgt von ihrem
kleinen, blonden Gemahl, der in einem breiten rosa Gesicht ein groes Monokel
trug. Die Ports kamen, die Baronin in stahlblauen Atlas gekleidet wie in eine
weitlufige Rstung. Gertrud trug ein weies Kleid mit griechischen rmeln, sie
hatte ihrem hageren, spitzen Gesichtchen ein wenig Rot aufgelegt und ihre
fieberblanken Augen vorsichtig mit dem Stifte unterstrichen. Sehen Sie doch
unsere Gertrud, sagte die Grfin Btzow zu Frau von Teschen, wenn die Mdchen
auch nur etwas mit dem Theater in Berhrung kommen, gleich hngt ihnen etwas
Komdiantenhaftes an. Frau von Teschen seufzte: Ach ja, das Theater ist eine
ansteckende Krankheit. Ich habe sechs Tchter, aber wenn Gott mir noch sechs
Tchter mehr gegeben htte, keine sollte mir aus dem Hause, ehe sie heiratet.
    Der Saal fllte sich, da waren auch die Herren aus der Stadt, der schne
Leutnant von Klette, der Referendar und Doktor Hansius. Es wurde Tee
herumgereicht, man stand beieinander und unterhielt sich ein wenig zerstreut,
weil ein jeder nach der Tr sah, um die Neuankommenden zu betrachten. Mit einem
Schweigen der Bewunderung wurde Lydia von Dachhausen empfangen, sie trug ein
schwarzes Samtkleid, an der Brust einen groen Strau pfirsichfarbener Rosen,
Gloire de Dijon; ihr schnes Gesicht, ihre Schultern, ihre Arme waren
alabasterwei, und die Augen hatten den intensiven Glanz der Edelsteinaugen
einer griechischen Marmorgttin. Das mu man sagen, flsterte der Referendar
dem Doktor Hansius zu, diese Baronin von Dachhausen, die ist Grostadt, die ist
Grandmonde.
    Und schlechte Nerven, brummte der Doktor.
    Durch das Gesumme der Stimmen im Saal klang deutlich und klar die Stimme der
Baronin Egloff, sie sprach mit der Grfin Btzow von den Hofsitten einst und
jetzt, sie fand, da die Hofsitten jetzt an Wrde, ja geradezu an Wrde verloren
htten. Frher, wenn die hochselige Kaiserin von Ruland in einen Saal trat,
dann ging eine Hoheit von ihr aus, da es einem kalt ber den Rcken lief. Auf
der anderen Seite des Saales aber wurde laut gelacht. Dachhausen hatte sich zu
den Fruleins von Teschen gesetzt und machte sie lachen, indem er selbst
bestndig lachte. Der Arme zwang sich heute zu einer gewaltsamen Heiterkeit, er
wollte nicht, da die Leute es merkten, wie elend ihm zumute war. Das rosa
Frulein von Teschen jedoch sprang pltzlich auf und rief: Da steht ja der
Leutnant von Klette, ich will gehen mit ihm flirten, ich flirte so furchtbar
gern und habe so selten Gelegenheit. Sie ging zum Leutnant hinber und stellte
sich vor ihm auf. Zuweilen ging eine der Damen auf die Veranda hinaus; der Abend
war milde, aber es lief doch ein Schauer ber die nackten Schultern. Wie schn,
wie wunderschn, sagte sie dann und lie die Worte gefhlvoll klingen; die Ruhe
der Abenddmmerung, die feierlich ber den Tulpen- und Narzissenbeeten lag,
ergriff sie.
    Ein fremder Herr fiel in der Gesellschaft besonders auf, ein russischer
Gardeoberst, der Graf Schutow, der seit einigen Tagen Egloffs Gast war, eine
groe, schwere Gestalt, Haar und Backenbart leicht ergraut, das regelmige
Gesicht bleich und schlaff, die schweren Augenlider mit den langen Wimpern, die
sich nur selten hoben, verdeckten graue, sentimentale Augen. Der Graf bewegte
sich mit einer trgen Sicherheit, begrte und lie sich vorstellen und musterte
dabei ruhig und genau die Reihen der Damen. Er liebte es nicht zu stehen, wenn
er aber sa, sa er gern neben der schnsten Frau der Gesellschaft. So ging er
auch auf Lydia zu und nahm neben ihr Platz. Leicht zur Seite gebogen sttzte er
sich auf die Armlehne des Stuhles, um dem schnen Arme nher zu sein, und begann
mit seiner singenden Stimme die Unterhaltung: Ich freue mich sehr, hier einmal
die Damen der Gegend kennenzulernen. Damen berhaupt sind ja fr jeden wichtig,
aber wir Russen, wir wren ohne Damen verloren.
    Wieso? fragte Lydia und verschanzte sich hinter ihrem Federfcher vor den
grauen Augen, die sie mit unheimlicher Grndlichkeit betrachteten.
    Ja, sehen Sie, fuhr der Graf fort, Ruland ist furchtbar gro, zu viel
Raum, ehe man es sich versieht, ist man allein. Man reist Tage und Tage, immer
allein. Man ist auf seinem Gut, die anderen Gter sind ganz weit. Man geht auf
die Jagd, nur die Steppe und kein Mensch. In der Nacht schlft man auf einem der
groen Heuhaufen, um einen alles ganz weit und still, ber einem der Himmel, -
nun ja, da fhlt man sich selbst so weit und leer wie eine groe, groe Blase.
Da sind nun die Damen ntig, die machen es wieder um einen eng und warm.
    Das mu schn sein bei Nacht auf den Heuhaufen, uerte Lydia.
    Ach ja, meinte der Graf, nur zu starker Duft, man wacht am Morgen mit
Kopfschmerzen auf, als ob man die ganze Nacht getrunken htte.
    Gertrud Port flatterte jetzt heran, sie wollte auch teilhaben an dem
interessanten Fremden. Nicht wahr, Herr Graf, fragte sie, man ist in Ruland
sehr musikalisch?
    O ja, erwiderte der Graf und lie seine Blicke einen Augenblick zerstreut
auf Gertruds spitzem Gesichtchen ruhen, wir singen viel, singen geht langsamer
als sprechen, aber wir haben so viel Zeit. Als aber Lydia sich mit einer Frage
an Gertrud wandte, entschuldigte sich der Graf, stand auf und ging zu Egloff und
dem Grafen Btzow hinber, die beieinander standen. Meine Herren, sagte er,
bis zum Souper ist wohl noch Zeit, Ihre Gste sind versorgt, Baron, wie wre es
mit einem kleinen Preferencechen?
    Sie haben Eile, Graf, bemerkte Egloff. Ach was, Eile, meinte der Graf,
ich habe nur bemerkt, da es nichts Besseres fr den Appetit gibt, als ein paar
Runden Preference kurz vor dem Essen. Sie gingen in das Spielzimmer hinber,
mit einem wohligen Seufzer setzte der Graf sich an den Kartentisch, breitete mit
seiner fetten, beringten Hand die Karten aus, damit die Pltze gezogen wrden,
und meinte: Hier ist man zu Hause. Egloff mischte nervs ein Kartenspiel, er
war schlechter Laune. Whrend der Graf sein Gast war, hatte er seit lngerer
Zeit wieder viel und hoch gespielt, und es rgerte ihn zu bemerken, da das
Spiel ihn strker erregte, ihm mehr auf die Nerven ging als frher. Der Baron
Port und Doktor Hansius, die sich in das Spielzimmer zurckgezogen hatten, um zu
rauchen, traten heran und schauten gespannt und mibilligend dem Spiele zu.
    Endlich war es Zeit, zum Souper zu gehen. Die Baronin Egloff nahm den Arm
des Baron Port, und in feierlichem Zuge begab man sich in den Speisesaal. Das
rosa Frulein von Teschen schauerte wohlig in sich zusammen, als es die
Serviette auseinanderfaltete. Sie finden es wahrscheinlich unpoetisch und
materiell, sagte sie zu ihrem Nachbar, dem Leutnant von Klette, wenn ein
junges Mdchen sich so stark auf das Essen freut, aber das Essen hier in Sirow
ist immer so herrlich. Durchaus nicht, erwiderte der Leutnant, ich liebe es,
wenn ich die Gefhle der Damen verstehen kann, und dieses verstehe ich.
    Am anderen Ende des Tisches klang wieder Dachhausens herzliches Lachen
herber, der mit dem lila Frulein von Teschen scherzte. Ihr Gemahl, sagte
Graf Schutow zu Lydia, hat ein so angenehmes Lachen, ich hre so gern lachen.
    Ja, sagte Lydia und zog die Augenbrauen ein wenig empor, er ist eine
heitere Natur. Aber Adine von Dachhausen, die gegenbersa, rief den Grafen mit
ihrer lauten, heiteren Stimme an: Lachen Sie selbst gern, Herr Graf?
    Ich lache zuweilen ganz gern, erwiderte der Graf zerstreut, aber ich hre
lieber, wenn andere lachen, dann habe ich das Vergngen und keine Mhe. Wie
meinen Sie? wandte er sich an den Diener, der ihm eine Schssel reichte. Ah!
Spielhahnpastete, und er wandte seine ganze Aufmerksamkeit der Pastete zu.
Egloff hatte ziemlich einsilbig und mimutig der Grfin Btzow zugehrt, die
ber das Befreiende, ja geradezu Moralische in Mozarts Musik sprach. In einer
Pause flsterte Fastrade ihm zu: Bist du unglcklich? Ich bin wtend,
erwiderte Egloff leise. Wozu diese Anhufung gleichgltiger Menschen und
Speisen? Am liebsten wrde ich jedem mit einer Grobheit antworten, wrde sagen:
O ja, gewi, Esel oder: Sie haben ja ganz recht, dumme Pute. Still, sagte
Fastrade und legte den Finger auf die Lippen. Egloff beugte sich wieder auf
seinen Teller nieder. Der eigentliche Grund, da er sich unglcklich fhlte, war
das Bewutsein, da er alle diese Menschen und die lange Mahlzeit nur deshalb
verfluchte, weil er ungeduldig war, wieder im Spielzimmer zu sitzen und das
Spiel fortzusetzen, und das fand er primitiv und gewhnlich.
    Jetzt erhob sich der Baron Port zu einer Rede, er sprach lange und ernst,
sprach davon, da es ein Segen sei, wenn die alteingesessenen Familien sich
miteinander verbinden, das sei ein Bollwerk gegen die neuen, zerstrenden Ideen,
alte bewhrte Traditionen werden auf junge Schultern gelegt, werden gestrkt und
zu neuer Blte gebracht. Die Baronin Egloff weinte, die anderen hrten mit
zerstreuter Andacht zu, als sen sie in der Kirche bei einer zu langen Predigt.
Um so lauter wurde Hoch gerufen, als die Rede zu Ende war.
    Die Mahlzeit ging ihrem Schlu entgegen; erhitzt lehnten sich die Gste in
ihre Sthle zurck, und die Unterhaltung flo nur trge. Das ist der Fehler der
guten Sirowschen Soupers, sagte der Referendar zu Adine von Dachhausen, da es
hier zu viel zu essen gibt. Ich habe das Gefhl, als seien die Speisen in der
bermacht. - Oh, ich lasse mich nicht so leicht einschchtern, erwiderte
Adine resolut. Doch war es allen willkommen, da die Baronin Egloff die Tafel
aufhob; die Herren setzten die Damen im Saale ab und eilten in das Rauchzimmer.
Die Damen saen beieinander und fchelten sich mit den groen Federfchern Luft
zu.
    Egloff ging auf die Veranda hinaus, er lehnte sich ber das Eisengitter und
schaute in den dunkeln Garten hinein. Stille und Dunkelheit, das war es, was ihm
jetzt nottat, und dann hoffte er, Fastrade wrde herauskommen und in der
Dmmerung der Maiennacht vor ihm stehen, aufrecht und wei wie die Narzissen
unten auf den Beeten. Das Rascheln einer Frauenschleppe lie ihn auffahren. Es
war Lydia. Sie blieb vor ihm stehen, ein Lichtstrahl vom Saal her traf ihre
Schultern und ihr Gesicht, in dem die Augen seltsam schwarz schienen. Sie begann
leise und klagend zu sprechen: Und ich, was wird aus mir? Sie legte dabei die
Hand auf die Brust, mitten in die Rosen hinein, eine Rose lste sich ab und fiel
zu Boden. Egloff bckte sich und hob sie auf. Ich denke, sagte er langsam,
indem er die Rose vorsichtig entbltterte, ich denke, wir kehren zu unserer
Pflicht zurck.
    Pflicht, wiederholte Lydia, wenn man, wie wir, gelogen und betrogen hat,
dann gibt es nur Pflichten, die wir gegeneinander haben. Es gibt doch so etwas
wie Treue von Spiegesellen.
    Sie sind geistreich, gndige Frau, bemerkte Egloff. - Du wunderst dich
darber, entgegnete Lydia, und Egloff wute nicht, war es ein Lachen oder ein
Schluchzen, das ihre Stimme zittern lie, du wunderst dich darber, aber wenn
wir in groer Not sind, dann werden wir alles, sieh, Dietz, es kann nicht aus
sein. Ich habe mein ganzes Leben in dieses eine Erlebnis hineingelegt, ich habe
sonst nichts.
    Ich glaube, gndige Frau, bemerkte Egloff, Sie berschtzen dieses
Erlebnis.
    Wie soll ich das? klagte Lydia, ich will ja weiter lgen und betrgen,
aber aus darf es nicht sein. Ich habe ja nichts, nichts als deine Liebe. Egloff
schwieg und sah diese Frau an, wie sie vor ihm stand, wie aus dem Dunkel des
Samtes und der Dmmerung ihre blasse Nacktheit hervorleuchtete, diese Frau, die
mit ihrer leidenschaftlichen Klage sich an ihn klammerte, sich ihm bedingungslos
hingab, das ergriff ihn. Aber es klang dennoch sehr khl und ruhig, als er
sagte: Ich glaube, gndige Frau, Sie berschtzen auch diese Liebe. Lydia
beugte den Kopf, beugte ihn auf die Rosen an ihrer Brust nieder, und Egloff sah,
wie die kleinen, spitzen Zhne sich in eine Rose eingruben wie in eine Frucht.
    Im Saale hatte sich der Baron Port zu Fastrade gesetzt, er wollte von ihr
erfahren, ob ihr Vater und Ruhke dieses Jahr mit der Grndngung ernst machen
wrden. Fastrade gab nur zerstreute Auskunft. Durch die offene Verandatr sah
sie ein Stck von Lydias Samtschleppe und dieses nahm ihre Aufmerksamkeit
seltsam stark in Anspruch. Und da war noch einer im Saal, der diese Schleppe
nicht aus den Augen lie: Dachhausen. Er hatte Lydia auf die Veranda folgen
wollen, aber die Grfin Btzow hielt ihn auf, sie wnschte seine Ansicht ber
die Pferde, die sie sich neulich gekauft hatte, zu hren, und der Arme stand da
und sprach ber Pferde, er wute selbst nicht, was, und starrte in groer
Erregung die Schleppe dort auf der Veranda an. Endlich gab die Grfin ihn frei,
da eilte er hinaus. Ihr geniet hier die Abendluft, sagte er in mglichst
natrlichem Tone. Lydia erwiderte nichts, wandte sich um und ging in den Saal
zurck. Ja, ein seltsam warmer Abend, meinte Egloff. Dann standen die beiden
Mnner da in der Dunkelheit schweigend beieinander. Jetzt mte ich etwas sagen,
dachte Dachhausen, das entscheidet, das Klarheit schafft, und Egloff war es, als
sprte er die Aufregung des kleinen Mannes, der unruhig vor ihm auf und ab zu
gehen begann. Will er etwas, wei er etwas? fragte sich Egloff. Da ertnte
wieder Dachhausens freundliche Stimme: Der Flieder duftet so stark. Ja, sehr
stark, erwiderte Egloff. Aus dem geffneten Fenster des Spielzimmers klang die
singende Stimme des Grafen Schutow herber. Meinen Rest, sagte sie. Ah, die
sind schon beim Quinze, bemerkte Egloff, kommst du auch? Nein, ich spiele
nicht, antwortete Dachhausen, ich bleibe noch ein wenig hier.
    Egloff ging ins Spielzimmer; dort saen die Herren am Kartentisch, Graf
Schutow, bleich und trge wie immer, Graf Btzow sehr rot, denn er war stark im
Verlust. Der Leutnant und der Referendar nahmen vorsichtig am Spiele teil. Wir
sind schon an der Arbeit, rief Graf Schutow. Gut, gut, sagte Egloff; er lie
sich ein groes Glas Sekt geben, trank es schnell und durstig herunter und
setzte sich an den Spieltisch.
    Drauen im Saale langweilten sich die Damen, da die Herren fast alle im
Spielzimmer waren, nur die lteren Herren gingen ab und zu, Baron Port, Herr von
Teschen, Doktor Hansius, sie kamen mit besorgten Mienen aus dem Spielzimmer,
flsterten da etwas von rasendem Spiel, unglaublich! und ber der Gesellschaft
lag das qulende Gefhl, als vollzge sich drben im Spielzimmer etwas
Unheimliches und Verhngnisvolles. Die Stimmung wurde unertrglich, und die
Damen bestellten ihre Wagen. Der Aufbruch war allgemein. Die Herren aus dem
Spielzimmer erschienen, um von den Damen Abschied zu nehmen. Egloff stand im
Flur und hielt Fastrades Mantel, sein Gesicht war leicht gertet, eine
Haarstrhne fiel ihm in die Stirn und seine Augen hatten einen seltsam
flackernden Glanz. Fastrade verabschiedete sich noch von Lydia. Sie erlauben,
da ich Sie ksse, sagte Lydia, ich mchte so gern, da wir uns nher kennen
lernen. Egloff lchelte, - die Lust an der Verstellung an sich, dachte er. Dann
hllte er Fastrade in den Mantel, er beugte sich vor und wollte sie kssen, aber
in einer unwillkrlichen Bewegung wandte Fastrade den Kopf, und ein Ausdruck der
Angst flog ber ihr Gesicht. Sofort richtete Egloff sich auf, er zog ein wenig
die Brauen zusammen, lchelte spttisch, kte Fastrades Hand und flsterte:
Ist das der Anfang der Erziehung? Fastrade erwiderte nichts, sie ging zur Tr,
dort aber wandte sie sich um, lchelte unendlich gtig und mitleidig. Armer
Dietz, sagte sie und bot ihm ihre Stirn zum Kusse hin.
    Die Herren gingen in das Spielzimmer zurck, die Baronin Egloff stand im
leeren Saale unter dem Kronleuchter, der Ausdruck ehrwrdiger Liebenswrdigkeit
war von ihrem Gesicht gewichen, es sah alt und angstvoll aus. Sie fate Frulein
von Dussas Arm, wies mit dem Kopfe zum Spielzimmer hin und sagte leise: Das
dort ist nicht gut. Frulein von Dussa nickt bekmmert mit dem Kopfe. Meine
Liebe, fuhr die Baronin fort, glauben Sie mir, dieser Russe ist der Satan.

                              Vierzehntes Kapitel


Egloff hatte sich nicht einmal ausschlafen knnen, der Graf Schutow fuhr am
Morgen fort, und Egloff mute aufstehen, um von ihm Abschied zu nehmen. Dann
setzte er sich an seinen Schreibtisch und rechnete. Er hatte gestern wie ein
Wahnsinniger gespielt, da ging ja wieder ein groer Teil des Sirowschen Waldes
darauf. Jetzt mute er einen Brief an Mehrenstein schreiben, damit dieser Geld
besorge. Am Nachmittag wollte Egloff ins Stdtchen fahren, um das Geld dem
Grafen Schutow zu bringen, der im Kronprinzen auf ihn wartete. Widerwrtig all
das! Heute war wieder solch ein Tag, wie er in seinem bewegten Leben immer
wiederkehrte, ein Tag, da alles um ihn her zu zerbrckeln schien, alles
ungeordnet und hlich war, und ein groer Ekel ihn schttelte. Und unntz war
das alles, er sah nicht ein, warum all solche Erlebnisse gerade zu ihm gehren
sollten, aber sie hngten sich an ihn wie ein lstiger Hund, den wir immer
wieder forttreiben, und der sich doch immer wieder an unsere Fersen heftet. Nun,
darber nachzudenken machte die Sache nicht ertrglicher.
    Am Nachmittage fuhr Egloff nach Grobin. Er hatte sich einen bequemen Wagen
bestellt, denn er wollte unterwegs schlafen, nichts denken und nichts sehen,
sondern schlafen. Er drckte sich in die Wagenecke und schlo die Augen. Es war
angenehm, wie in dem Halbschlummer, in den er verfiel, das Rauschen des Waldes,
durch den er fuhr, ein Amselschlag, das Bellen eines Hundes, der Gesang eines
Hterjungen hineintnten wie Klnge einer Welt, die sehr fern von ihm war. Das
Stoen des Wagens auf dem Stadtpflaster machte ihn wieder munter. Es war
Samstag, unter einem mit hellgrauen Wolken bedeckten Himmel sah das Stdtchen
alltglich genug aus, die Fenster der Huser waren geffnet, und Mgde standen
auf den Fensterbrettern und wuschen die Scheiben. Tchterschlerinnen gingen
langsam ber die Strae und schwenkten gelangweilt ihre Mappen. Adine von
Dachhausen kam aus einem Laden; sie hatte einen Sommerhut auf mit zu viel roten
Rosen; sie liebte stets das Auffallende. Egloff lie am Klub halten, er wollte
den Weg bis zu Mehrensteins Haus zu Fu zurcklegen.
    Alles an dem Mehrensteinschen Hause war ihm zuwider, die hellpolierte Tr,
der Kristallknopf der Hausglocke, ihr schriller, aufdringlicher Klang, der
dunkle Flur, in dem es nach Gewrzen und Kche roch. Mehrensteins Tochter kam
ihm entgegen, ein schnes, schweres Mdchen mit einem Wald schwarzer Haare auf
dem Kopfe und mit ganz groen, braunen Augen. Bitte, treten Sie nher, Herr
Baron, sagte sie ernst und traurig und ffnete die Tr zum Wohnzimmer. Egloff
trat in dieses Wohnzimmer, das er so gut kannte. Die Mbel mit dem hellblauen
Ripsbezug, all die vielen, ein wenig verstaubten Sachen, sie hatten sich seinem
Gedchtnis eingeprgt, wie es eben nur Sachen tun, die den peinlichen
Augenblicken unseres Lebens assistieren. Da war die Kommode mit den alten
silbernen Kannen und Leuchtern, da war die groe Landschaft an der Wand, ein
Kastell, Bume, ein Reiter, alles aus Kork geschnitzt und unter Glas. Bitte,
nehmen Sie Platz, sagte Frulein Mehrenstein ernst, sie blieb jedoch stehen,
als Egloff sich gesetzt hatte, mein Vater wird gleich kommen, er ist bei meiner
Mutter, unsere Mutter ist sehr krank. Oh, das tut mir leid, murmelte Egloff
und schaute in die groen braunen Augen; da lchelten die vollen Lippen des
Mdchens, ein mattes, gewohnheitsmiges Lcheln, aber das Gesicht wurde gleich
wieder kummervoll. Wir glaubten diese Nacht, es wrde aus sein, fuhr Frulein
Mehrenstein fort, und jetzt ist es sehr schlimm. Ihre Augen wurden feucht, und
zwei dicke Trnen rannen ihre Wangen entlang. Nun will ich den Vater holen,
schlo sie und verschwand hinter einem grnen Vorhang. Seltsam, Egloff hatte an
dieses Haus immer nur als an den Ort gedacht, an dem man Wechsel und ungnstige
Kontrakte unterschrieb, und nun wurde hier auch geweint und gestorben. Der grne
Vorhang raschelte wieder und Mehrenstein erschien. Er trug einen Hausrock und
Pantoffeln, auf denen groe rote Rosen gestickt waren. Feierlich und traurig
reichte er Egloff eine schlappe, feuchte Hand. Sie haben Sorgen, sagte Egloff.
Mehrenstein zuckte ein wenig die Achseln und seufzte. Eine entsetzliche Nacht,
murmelte er. Er ging zu seinem Geldschrank, holte ein Wechselformular herbei,
legte Tinte und eine Mappe auf den Tisch, setzte sich und begann zu schreiben.
Das Geld ist da, sagte er, es war schwer, in so kurzer Zeit eine so groe
Summe zu beschaffen. Er seufzte. Die Bedingungen wie immer? fragte er. Egloff
machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, ihm sei alles gleichgltig. Da
sah Mehrenstein auf und versetzte in vorwurfsvollem Tone: Ja, ich mu meine
Kinder sicher stellen, kommt der Waldverkauf zustande, so kann vielleicht
einiges von den Prozenten abgerechnet werden. Er schrieb weiter, nahm dann das
Sandfa und streute Sand ber das Geschriebene. Diese Nacht, meinte er,
erwarteten wir jeden Augenblick das Ende. Gegen Morgen trat ein wenig Ruhe ein,
aber Hoffnung ist keine. Bitte, Herr Baron, er schob Egloff das Formular hin
und reichte ihm die Feder. Whrend dieser unterschrieb, lehnte Mehrenstein sich
in seinen Stuhl zurck, seine Augen wurden feucht und seine Lippen zitterten.
Nach dreiigjhriger Ehe sich trennen zu mssen, sagte er, Sie wissen nicht,
was das ist, Herr Baron, und ich kann sagen, in diesen dreiig Jahren hat es
keine Minute gegeben, in der ich mit der Frau nicht zufrieden war, sie war eine
gute Frau. Er stand auf und ging zum Geldschrank, um ein Paket Banknoten zu
holen. Der liebe Gott wei, was er tut, fgte er seufzend hinzu. Langsam und
aufmerksam zhlte er das Geld auf den Tisch, schob es in ein Kuvert und legte es
vor Egloff hin. Ich habe getan, was ich konnte, nahm er mit leiser Stimme, als
sprche er in einem Krankenzimmer, die Unterhaltung wieder auf, ich habe nicht
gespart, was habe ich der Apotheke und den Doktoren Geld gezahlt, um das Geld
wre mir nicht leid, wenn es nur etwas geholfen htte. Egloff steckte das Geld
zu sich und erhob sich. Man mu die Hoffnung nie verlieren, sagte er, guten
Abend, Herr Mehrenstein. Mehrenstein schttelte traurig den Kopf und reichte
seine schlappe Hand hin. Wegen des Waldes, Herr Baron, komme ich zu Ihnen
hinaus, bemerkte er noch kummervoll.
    Egloff war froh, auf der Strae zu sein, diese Mischung von Tod, Geld und
Wechseln hatte ihn wie ein Alp bedrckt. Langsam schlenderte er dem
Kronprinzen zu. Dort erfuhr er, der Graf Schutow sei zwar im Bette, habe aber
den Befehl erteilt, Baron Egloff vorzulassen. Egloff fand den Grafen im Bett,
Tee trinkend. Ah, unser Baron, rief er ihm entgegen, ich hoffe, Sie haben
sich nicht meinetwegen inkommodiert. Ich bringe Ihnen hier meine Schuld,
sagte Egloff.
    Das hatte ja keine Eile, bemerkte der Graf und warf das Kuwert auf den
Tisch neben seinem Bette, aber wollen Sie Tee? Oder einen Kognak? nicht, hier
sind Zigaretten, so setzen Sie sich doch. Egloff zndete sich eine Zigarette an
und setzte sich: Sind Sie krank? fragte er. Der Graf lehnte sich behaglich in
seine Kissen zurck. Durchaus nicht, erwiderte er, es ist nur meine
Gewohnheit, nach einer durchspielten Nacht den folgenden Tag bis zum Abend im
Bett zu bleiben. So bin ich denn gleich zu Bett gegangen, als ich hier ankam.
Auf diese Weise holt man am besten die ausgegebene Nervenkraft wieder ein.
    Praktisch! bemerkte Egloff. Wer nur stets Zeit htte, sich so fr das
Spiel zu trainieren.
    Der soll auch nicht spielen, entgegnete der Graf etwas feierlich, mit
kranken Nerven zu spielen ist Dilettantismus, und der ist gefhrlich. Sie waren
gestern auch viel zu nervs und hitzig.
    Egloff blies nachdenklich den Rauch seiner Zigarette vor sich hin. Sagen
Sie, Graf, begann er, warum spielen Sie eigentlich? Um zu gewinnen? Dabei
klang ihm Fastrades Stimme im Ohr, wie sie an jenem Abend in Sirow dieselbe
Frage an ihn richtete. Der Graf verzog sein Gesicht: Erbarmen Sie sich, wie Sie
fragen, warum? Ich wei nicht, natrlich um zu gewinnen. Charles Fox sagte: Das
Beste im Leben ist im Spiel Gewinnen, das nchstbeste im Spiel Verlieren.
    Also dann ist es nicht das Gewinnen, wandte Egloff ein.
    Der Graf warf sich unbehaglich im Bette hin und her. Sie wollen
philosophieren, sagte er, ein Zeichen des schlechten Zustandes Ihrer Nerven.
Nun hren Sie, was ein Freund von mir, ein gewisser Klebajew, sagte. Er war ein
Narr, zuletzt verrckt und erscho sich. Er sagte also: Ich spiele jede Nacht,
weil es mich jede Nacht wieder interessiert, mich mit dieser geheimnisvollen und
unbegreiflichen Kanaille, die wir Glck nennen, herumzuschlagen.
    Ein wenig pathetisch, bemerkte Egloff, aber es lt sich hren. Warum
erscho er sich denn?
    Weil er verrckt war, entgegnete der Graf. In letzter Zeit sprach er
immer davon, er sei es gar nicht selbst, der jeden Abend spielte, das sei der
andere, und der andere spiele absichtlich schlecht, und er, Klebajew, msse
immer die Spielschulden des anderen bezahlen, und er habe es nun satt, die
Spielschulden des anderen zu bezahlen. Nun, und da scho er sich tot. Eben ein
Verrckter.
    Egloff schwieg eine Weile und sprach dann nachdenklich vor sich hin: Ja,
darauf kommt es immer heraus, die Schulden des anderen zu bezahlen.
    Der Graf richtete sich ein wenig auf und schaute Egloff verwundert und
besorgt an. Hren Sie, Baron, Sie sollten sich doch noch ein Zimmer nehmen und
zu Bett gehen, Sie tun ja so, als ob Sie das verrckte Zeug verstehen.
    Egloff lachte und erhob sich. Ein Spaziergang wird wohl dieselben Dienste
tun, meinte er, leben Sie wohl, lieber Graf, gute Besserung.
    Danke, danke, sagte der Graf, vielleicht kommen Sie heute abend in den
Klub, ich bin jeden Augenblick zur Revanche bereit.
    Ich wei nicht, erwiderte Egloff, ich frchte, die Kanaille, wie Ihr
Freund sagt, ist jetzt nicht auf meiner Seite.
    Unsinn, protestierte der Graf, also leben Sie wohl.
    Egloff ging hinaus, drauen nahm er seinen Hut ab, der Kopf schmerzte ihn;
er schlug den Weg zu den Stadtanlagen ein. Gewaltsam grn standen die Alleen
gegen den lichtgrauen Himmel, die Amseln lrmten in den Zweigen. Die Anlagen
waren um diese Zeit noch leer. Hie und da sa ein Gymnasiast mit einem Buche auf
einer Bank, und ein Kindermdchen schob schlfrig einen Kinderwagen vor sich
her. Wunderlich abgelst und wie nicht zu ihm gehrig, erschien Egloff diese
Umgebung heute wie eine Traumwelt, die wir ber uns ergehen lassen. Aber das
kannte er von frheren durchzechten und durchspielten Nchten, ja er selber, der
Herr im hellen Frhlingsanzuge, empfand sich als etwas nicht Zugehriges, als
etwas, das er ber sich ergehen lie.
    An einer Biegung des Weges blieb er stehen. Das war ja die echte Traumwelt,
in der das Unwahrscheinliche vor uns steht, wie selbstverstndlich. Da kam Lydia
Dachhausen auf ihn zu, im hellbraunen Frhjahrskostm, einen weien Flgel auf
dem grauen Hut, das Gesicht rosig, die Augen blank. Lchelnd blieb sie vor ihm
stehen und reichte ihm die Hand. Da sind Sie, sagte sie. Haben Sie mich denn
erwartet? fragte Egloff erstaunt.
    Ja, erwiderte Lydia, Adine sagte mir, Sie seien in der Stadt, und da
dachte ich, Sie wrden hier sein. Wollen Sie mich die Allee hier
hinunterbegleiten? und sie begann langsam neben ihm herzugeben.
    Wenn Sie darauf Gewicht legen, erwiderte Egloff nicht eben hflich.
    Gewi lege ich darauf Gewicht, versetzte Lydia. Ich mu es eben schon
frher gewut haben, da ich Sie hier treffen werde, denn ich wachte heute
morgen auf mit dem Entschlusse, in die Stadt zu fahren. Ich wute nicht warum,
aber es stand fest bei mir. Ja, so was gibt es, nicht wahr? Sie schaute
lchelnd zu ihm auf.
    Es freut mich, Sie so heiter zu sehen, bemerkte Egloff trocken.
    Ja, es ist seltsam, plauderte Lydia weiter, zuweilen wache ich am Morgen
auf und bin heiter. Es scheint mir dann, da alles, was traurig und schwierig
war, gut werden wird, das Leben ist pltzlich wieder angenehm, und ich freue
mich darauf ganz ohne Grund. Passiert Ihnen das nicht auch zuweilen? Da Egloff
nicht antwortete, fuhr sie fort: Dieses Licht bekommt mir auch gut, zu viel
Sonne vertrage ich nicht, aber heute geht man ja wie unter einem lichtgrau
seidenen Lampenschirm. Ach ja, denken Sie sich, die rosa Lampenschirme, ber die
Sie einmal gespottet haben, kommen fort, und ich schaffe mir lichtgrau seidene
an, die werden mit weier Seide gefttert, damit sie recht hell sind, das kann
hbsch sein, nicht wahr?
    Das kann hbsch sein, wiederholte Egloff. Dieses zuversichtliche Geplauder
beruhigte ihn, er wollte es weiter hren.
    Gertrud Port, berichtete Lydia, behauptet, das wrde den Teint bleich und
grau machen, aber sehen Sie doch, wie heute die Farben rein und deutlich sind.
Nun ja, die arme Gertrud ist immer besorgt, da sie nicht wie eine kleine Leiche
ausschaut.
    Am Ende der Allee stand ein Kiosk, in dem sich eine Konditorei befand,
Sthle und Tische waren davor aufgereiht. Ich werde hier ein wenig Gefrorenes
essen, sagte Lydia, und Sie werden mir assistieren.
    Sollte diese Situation besonders ratsam sein? versetzte Egloff khl.
    Lydia war erstaunt. Warum nicht? Da Sie zusehen, wie ich Gefrorenes esse,
dagegen knnen die Grobiner doch nichts haben. So setzten sie sich denn. Das
Konditorfrulein trat heran, bleich und blond, einen Kneifer auf der Nase, und
sagte mit einer Stimme, die in ihrer gleichgltigen Ruhe es zu unterstreichen
schien, da sie an der Situation nichts Auffallendes fand: Erdbeeren und
Vanille. Lydia bestellte Erdbeeren. Erdbeergefrorenes, erzhlte sie, war von
Jugend auf mein Lieblingsgefrorenes. Als kleines Mdchen, wenn es im Jahre
wieder zum ersten Male Erdbeergefrorenes gab, dann schlo ich beim ersten Lffel
die Augen und dachte, ich hatte ganz vergessen, da dies das Schnste auf der
ganzen Welt ist. Ich glaube, es wre sehr gut, wenn wir alles, was uns Vergngen
macht, von einem auf das andere Mal vergessen wrden, dann wre es immer neu fr
uns.
    Das Gefrorene kam; Lydia schob ihren Schleier zurck, um ihre Lippen zu
befreien, und begann langsam und mit Genu zu essen. Egloff sah ihr zu, das war
die Beschftigung, die seiner trgen, zerfahrenen Stimmung gerade wohltat. Was
sie nur vorhat? dachte er dabei.
    Als Lydia mit dem Essen fertig war, lehnte sie sich befriedigt in ihren
Stuhl zurck. Sie warf einen flchtigen Blick zum Konditorfrulein hinber;
dieses hatte einen Leihbibliothekenband aufgeschlagen und las. Da sagte Lydia
leise: Ich schlafe jetzt auch besser.
    Das freut mich, erwiderte Egloff und schaute erstaunt auf.
    Ja, fuhr Lydia fort, ich habe mir ein neues Schlafmittel erdacht. Wenn
die Nacht schn ist, gehe ich so um Mitternacht mit meiner Amalie in den Garten
hinaus. Ganz wie voriges Jahr schleichen wir leise durch den Wintergarten. Das
erinnert mich dann so an voriges Jahr, die Heliotrop und Oleanderbsche, an
denen wir im Dunkeln vorberkommen, und im Garten sitzen wir auf derselben Bank,
auf der ich voriges Jahr sa. Ich sitze da, als ob ich warte, und wenn ich mde
werde und ins Haus gehe, um mich zu Bett zu legen, dann kann ich schlafen.
    Egloff hrte aufmerksam und lchelnd zu. Die naive Schlauheit dieser Frau
berraschte ihn. Fllt das im Hause nicht auf? fragte er.
    Es fllt auf, erwiderte Lydia ruhig, man hat mich auch darnach gefragt,
nun, ich sagte, ich habe Bengstigungen in der Nacht, und ich mu hinaus. Man
ist eine Nacht auch hinausgegangen, Amalie und ich standen hinter einem Busch,
als er an uns vorberging. Aber jetzt hat man sich beruhigt.
    Der arme Junge, murmelte Egloff. Da sprhten kleine bse Lichter in Lydias
Augen auf. Mich bedauert niemand, sagte sie. Egloff zuckte leicht mit den
Schultern, da beruhigte sich Lydia gleich wieder, sie stand auf, legte Geld auf
den Tisch, zog ihren Schleier zurecht. Jetzt mu ich gehen, sagte sie, ich
werde bei meiner Schwiegermutter erwartet. Sie reichte Egloff die Hand. Ich
danke Ihnen fr Ihre Gesellschaft, besonders unterhaltend waren Sie nicht, aber
Sie hrten mir aufmerksam zu, das erkenne ich an. Sie sah ihm dabei mit der
unverhohlenen Koketterie, die ihr eigen war, in die Augen.
    Als sie gegangen war, setzte Egloff sich wieder. Es tat ihm fast leid, da
sie fort war; diese kleine Frau hatte ihn unterhalten. Wie sie stark wollen
konnte! Wie unbedenklich und eigensinnig sie festhielt!
    Die Anlagen fllten sich jetzt, die Grobiner Brger mit ihren Frauen und
Tchtern machten ihren Abendspaziergang, lieen sich wohlig von der Abendsonne
vergolden. Egloff sa noch da und dachte darber nach, ob er heimfahren oder in
den Klub gehen sollte. In den Klub zu gehen war natrlich tricht und
widersinnig, dennoch schien es ihm wahrscheinlich, da er da hingehen wrde.

                              Fnfzehntes Kapitel


Baron Port und Gertrud machten einen Abendbesuch in Paduren. Langsam ging der
Baron Port neben dem Rollstuhle des Barons Warthe hin, und die Herren sprachen
von Kreiswahlen. Fastrade und Gertrud folgten ihnen. Sie begaben sich zum
kleinen See unten im Park, denn es war die Gewohnheit des Barons Warthe, sobald
das Wetter es erlaubte, um Sonnenuntergang dort am kleinen See zu sitzen, um
zuzusehen, wie die Wildenten einfielen. Gertrud klagte ber ihre Gesundheit:
Der Frhling ist mir zu stark, er regt mich auf und macht mich wieder mde, und
die Erinnerungen werden um diese Zeit so laut und deutlich, ich freue mich auf
den Sommer; ich will mich um Mittagszeit ins Heidekraut legen, dort wird es dann
still und hei sein.
    An einer geschtzten Stelle des Seeufers waren Sthle hingestellt, und man
nahm dort Platz. Der Abend war windstill; regungslos standen die Inseln von
Schachtelhalm und Rhricht im dunklen Wasser, und die Abendsonne vergoldete ihre
Spitzen; regungslos umstanden die groen Bume den See, hie und da blhte schon
eine Kastanie in ihrer weien Feierlichkeit mitten unter den grn verschleierten
Birken. Die Amseln sangen ihr Abendlied, die Fische schnalzten im Wasser, und ab
und zu begann im Rhricht ein ungeduldiger Frosch zu quarren, der den
Sonnenuntergang nicht abwarten mochte. Die alten Herren sprachen jetzt von
Rben, Gertrud war bei ihren Erinnerungen. Sie erzhlte von einem jungen Manne
in Dresden, dessen ganzes Wesen sozusagen auf den Schmerz gestimmt war und der
ein Weib suchte, das ihm nicht Heiterkeit entgegenbrachte, sondern auch Schmerz,
aber gesnftigt und verklrt, sozusagen getrstet. Fastrade hrte nicht zu, sie
war unruhig. Dieser Besuch hielt sie davon ab, Egloff im Walde zu treffen, und
sie wute, er erwartete sie dort, sie wute, er hatte sie heute besonders ntig.
Seit jenem Abend in Sirow waren sie nicht beisammen gewesen, und sie sah immer
wieder sein Gesicht vor sich mit den flackernden Augen und dem fremden Ausdrucke
von Erregung und Qual. Sie sehnte sich darnach, bei ihm zu sein, Ordnung in ihm
zu schaffen, die Passion einer ordnungliebenden Dame hatte er ihre Liebe
genannt, ja, das wollte sie und sie glaubte, da sie das auch konnte. Mit
pfeifendem Flgelschlage kamen jetzt die ersten Enten heran und lieen sich
klatschend in das Rhricht ein. Die beiden alten Herren sahen sich lchelnd an,
und Baron Port setzte auseinander, da es frher mehr Enten gegeben habe und da
er nicht wisse, woher das komme. Ja, es war merkwrdig, bemerkte der Baron
Warthe, und dann saen sie still da und warteten auf die Enten.
    Gertrud sprach weiter mit ihrer dnnen klagenden Stimme: Und doch, ohne
diese Erinnerungen knnte ich nicht leben. Abends, wenn ich im Saal sitze und
durch die geffnete Tr zusehe, wie es im Garten zu dmmern beginnt, dann kommen
die Erinnerungen so stark, da ich ganz vergesse, wo ich bin, und wenn der
Diener kommt und die Lampe bringt und Papa ruft, damit wir Treitschke lesen,
dann ist es mir, als ob ich pltzlich in einem stillen dunklen Abgrund
versinke.
    Die Sonne war untergegangen, sie hatte ein wenig Rot in das dunkle Metall
des Wassers gemischt, und es war die klare farblose Dmmerung des Maiabends
gekommen. Du siehst wohl den Dietz Egloff hufig, nicht? fragte Baron Port.
    Ja, antwortete Baron Warthe, er kommt zuweilen her, ich sehe ihn dann zum
Tee, aber er gehrt zu jenen jungen Leuten, die sich nicht verstehen mit alten
Leuten zu unterhalten. Fastrade hrte das, sie errtete, beugte sich vor und
sagte: Er wrde es vielleicht besser verstehen, wenn er mehr ermutigt werden
wrde. Der Baron Warthe machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung. Ich bin
gegen alle meine Gste hflich, erklrte er, aber meine Freundlichkeit und
meine Achtung mssen erworben werden. Du, meine Tochter, hast ja ein gewisses
Recht, ihn zu verteidigen. Du hast dich mit ihm verlobt, und so ist ihn zu
verteidigen, sozusagen dein Beruf.
    Der Baron Port lachte laut darber, denn er hielt es fr einen guten Witz
seines alten Freundes. Es war bereits so finster geworden, da die Enten nur
noch wie groe schwarze Schatten in das Wasser fielen, und die Frsche begannen
ihr Abendlied. Gertrud erzhlte langsam und vertrumt weiter: Sylvia hat auch
ihre Erinnerungen und sie sagt, sie ist glcklich. Sie hat ihre
Kindererinnerungen, sie wei, wie das erste Musselinkleid mit einer Schleppe
aussah, das sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag bekam, aber mir wrde das nicht
mehr gengen.
    Hat Sylvia nie geliebt? fragte Fastrade leise.
    Der lteste Teschen machte ihr eine Zeitlang den Hof, erwiderte Gertrud,
und sie redete sich vielleicht ein, ihn zu lieben, aber es wurde nichts draus,
er ist ja auch so furchtbar hlich.
    Es wird feucht, sagte der Baron Warthe, und man machte sich auf den
Heimweg. Der niederrinnende Tau raschelte in dem Laube, ein starker, khler Duft
stieg vom Grase auf. Der Baron Port ging wieder neben dem Rollstuhl des Barons
Warthe hin, und die Stimmen der alten Herren sprachen ruhig und laut in die
Abendstille hinein. Sie sprachen vom Tau. Wenn wir den starken Tau nicht
htten, meinte Baron Port, so wre der Mai fast trocken. Ja, Ruhke meint das
auch, sagte der Baron Warthe, aber die Wiesen stehen gut. Die beiden Mdchen
folgten schweigend.
    Unterdessen ging Dietz Egloff am Waldrande hin und her, schlug mit seinem
Stocke die Bltter von den niederhngenden Zweigen und kpfte die
Lwenzahnblten am Wege, er war wtend, weil Fastrade ausblieb. Die Sonne ging
schon unter und sie war noch nicht da. Aber so war es immer, sie sprach von
Helfen und Beistehen, und jetzt, wo er sie ntig hatte wie das tgliche Brot,
jetzt kam sie nicht. Im Walde wurde es dunkel, am Himmel standen schon einzelne
Sterne. Es blieb ihm nichts brig, als heimzugehen.
    Zu Hause verschlo er sich in seinem Zimmer, er mochte keinen sehen. Er
setzte sich an seinen Schreibtisch mit dem Gefhl, da er zu rechnen oder
unangenehme Briefe zu schreiben habe. Er tat jedoch nichts, er lehnte sich in
seinen Stuhl zurck und fra seinen Grimm in sich hinein. Diese letzten Tage
waren gewi nicht darnach angetan, einem besonderen Appetit auf das Leben zu
machen. Lauter Widerwrtigkeiten. Nun, und dazu verlobte man sich doch, damit in
solchen Zeiten jemand da sei, der in das Leben wieder etwas Hbsches und Reines
bringe. Und gerade jetzt mute sie ausbleiben. Nach Paduren fahren wollte er
nicht, er hatte keine Lust, sich mit den Mibilligungsaugen des alten Warthe
ansehen zu lassen. So brtete er vor sich hin, bis es im Hause still wurde und
die Uhr elf schlug. Da klingelte er und befahl Klaus, Ali, den Rapphengst, zu
satteln. Klaus wunderte sich nicht, alle im Hause waren an die nchtlichen
Fahrten und Ritte des Herrn gewhnt.
    Als Egloff im Sattel sa, wurde ihm wohler, Ali begann munter zu tnzeln,
Egloff streichelte den blanken Hals des Tieres. Der war noch ein Kamerad, der
stets gut gelaunt bei allem dabei war. Manches Abenteuer hatten sie zusammen
unternommen, ja, Ali war die einzige Gesellschaft, die ihm nie Verdru bereitet
hatte. Nun vorwrts, mein Junge, rief Egloff, und der Hengst setzte sich in
Trab.
    Die Wiesen, an denen sie vorberkamen, hauchten eine kstliche Khle aus,
voller Duft, auf der Weide standen Pferde, groe dunkele Gestalten, die in den
weien Nebelstreifen zu waten schienen, die ber dem feuchten Klee lagen. Ali
begrte sie mit lautem Wiehern. In einem Birkenwldchen schtteten die Zweige
den Tau wie ein Duschebad auf sie nieder, irgendwo in den Erlen sang eine
Nachtigall, rief wach und erregt ihre Tne in das schlafende Land hinein. Dann
ging es an kleinen Dorfgrten vorber, aus denen es ganz s nach blhenden
Bohnen herausduftete. Auf den Trschwellen der Katen saen Burschen und spielten
Harmonika, die hellen Nchte lieen sie nicht schlafen. Pltzlich hielt Ali
still, es war vor dem Kruge, Egloff lachte. Alter Verfhrer, sagte er, gut,
gut, feiern wir Erinnerungen. Und er stieg ab. Die schwarze Lene trat aus der
Tr, sie lachte Egloff mit ihrem breiten Lachen an. Herr Baron sind wieder
unterwegs, meinte sie.
    Ja, Lene, erwiderte Egloff, nimm Ali, er will wieder bei dir bleiben. Wer
kann in diesen Nchten schlafen, dir lt das Blut wohl auch keine Ruh? Lene
hob die Arme empor und streckte sich. Kurios ist's in so einer Nacht, meinte
sie, dann griff sie nach dem Zgel des Pferdes, um es in den Schuppen zu fhren.
    Egloff ging langsam die Landstrae hinab, Barnewitz zu. Er wollte am
Gartengitter sehen, ob Lydia wirklich auf der Bank sitzt und wartet, und dann,
es war gleich, nach Hause konnte er nicht und etwas mute in einer solchen Nacht
unternommen werden. Die kleine, hintere Pforte des Parkgitters fand er wie
voriges Jahr offen. Er trat ein und ging die gewohnten Wege entlang. Da war der
kleine Springbrunnen mit seinem dnnen Strahle im Sandsteinbecken, die
geschorenen Buchsbaumhecken mit ihrem starken, bitteren Geruch, immer, wenn er
den Geruch von Buchsbaum sprte, mute er an Lydia denken. Er bog in die groe
Allee ein, und wirklich, auf der Bank unter dem Fliederbusche sa sie. Als er
vor sie hintrat, sprang sie auf, hing sich an seinen Hals, umschlang ihn, wie
Kinder zu umschlingen pflegen, mit dem ganzen Arm, hing an ihm leicht und
zitternd. Da bist du ja, flsterte sie mit einem tiefen Seufzer der
Erleichterung, schon vom Tore ab hrte ich dich kommen, schon als wir
herauskamen, wute ich, da du kommen wrdest. Ich sagte zu Amalie: Heute
geschieht etwas, der ganze Garten fiebert.
    Egloff hielt die kleine Gestalt so an sich emporgehoben und trug sie zu der
Bank, ber die der Flieder seine Blten niederneigte, wie eine weie, duftige
Gardine. Der Garten war so still, da man deutlich das Pltschern des kleinen
Springbrunnens hrte, wie eine flsternde, eifrig erzhlende Stimme.
    Was auch geschieht, sagte Lydia, als Egloff von ihr Abschied nahm, ich
sitze hier und warte. Egloff ging denselben Weg zurck, den er gekommen war, er
ging langsam und bemhte sich, dieses traumhafte Fhlen, das ihn die Zeit ber
beherrscht hatte, festzuhalten. Nur nicht ganz wach werden, sagte er sich,
nur das nicht. Als er in den von Buchsbaum eingehegten Weg einbog, kam mit
schnellen Schritten Dachhausen ihm entgegen. Die beiden Mnner standen sich in
der Dmmerung einen Augenblick schweigend gegenber. Egloff berlegte, da er
etwas sagen msse, als er hrte, wie Dachhausen ihm deutlich und zischend
Schuft! zurief. Dann gingen sie aneinander vorber.
    Dachhausen lauschte auf die Schritte, die sich entfernten, bis er wute, da
sie am Tore angelangt waren. Sein erstes Gefhl war das einer groen Befreiung,
jetzt hatte er Klarheit, Klarheit nach allem qualvollen Zweifeln, Wachen und
Spionieren. Jetzt hatte das Gespenst Fleisch und Blut angenommen, jetzt hatte er
einen, an den er sich halten konnte. Fast angenehm war es, wie der Zorn ihm hei
ins Blut fuhr, es war, als mache es ihn grer und breiter. Er richtete sich
gerade auf, und seine Schritte wurden hart und fest. Eilig ging er die Allee
hinunter, und als er Lydia auf der Bank sitzen sah, berraschte es ihn nicht und
ergriff ihn nicht. Als msse es so sein, trat er vor sie hin, reichte ihr seinen
Arm und sagte: Komm. Lydia erhob sich und nahm den Arm, so gingen sie
schweigend dem Hause zu, stiegen die Treppe hinauf und traten durch die Glastre
in den Saal, der nur von einer einzigen Kerze erhellt wurde. Dachhausen fhrte
Lydia zu einem Sessel, auf den sie niedersank, sie lehnte den Kopf zurck, die
Arme lagen schlaff auf den Seitenlehnen des Stuhles. Diese Liebesstunde, nach
der sie sich so hei gesehnt, hatte sie gebrochen, sie begann zu weinen in ihrer
stillen, unbewegten Art, nicht aus Schmerz oder Furcht, sondern wie Kinder
weinen, weil sie mde sind. Dachhausen stand vor ihr und sah sie an. Wie bleich
er ist, dachte Lydia, und wie es in seinem Gesichte zuckt, ob er mich schlagen
wird? Er jedoch wandte sich ab und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Lydia
bemerkte noch, da er seine trkischen Pantoffeln mit den auf gebogenen Spitzen
an den Fen hatte, dann schlo sie die Augen. Jetzt sprach er, anfangs leise
und mhsam, Lydia verstand ihn nicht; allmhlich wurde die Stimme lauter,
drohender, die Worte berstrzten sich: Hast du dich je ber mich zu beklagen
gehabt? Habe ich je einen anderen Gedanken gehabt als dich, dein Glck, deine
Stellung, dein Vergngen, deine Kleider, was wei ich? Und du bringst Schande
ber unser ganzes Haus, und mit diesem Buben von Egloff! Das geht wohl schon
lange so, jetzt ist mir alles klar, ich sah es nur nicht, weil ich an so viel
Gemeinheit nicht glauben konnte. Lydia ffnete die Augen wieder, Dachhausen
ging sehr schnell vor ihr auf und ab, zuweilen fuhr er mit beiden Armen heftig
durch die Luft, und neben ihm an der Wand lief sein Schatten hin und her, ein
kleiner, breiter Schatten, der die Fe hoch hob, an denen die Pantoffeln mit
den aufgebogenen Spitzen seltsam gro erschienen. Und die anderen, fuhr
Dachhausen fort, die anderen wissen es wohl schon lange, sie weisen wohl mit
den Fingern auf uns. Ich habe mein Leben immer rein und einwandfrei gehalten,
und nun kommst du und machst daraus eine Lcherlichkeit und eine Schande. Es
ekelt mir vor meinem Leben, vor dir, vor mir, vor diesem ganzen Hause. Er blieb
stehen und stampfte mit dem Fue auf, und hinter ihm blieb der kleine, breite
Schatten stehen und stampfte auch mit dem Fue auf.
    Das ist alles schrecklich und traurig, dachte Lydia, aber wenn es nur zu
Ende wre! Was auch kommen mag, jetzt nur ein wenig Ruhe.
    Dachhausen hatte eine Weile geschwiegen, nun blieb er vor Lydia stehen und
sagte mit einer Stimme, die pltzlich ganz ruhig tief und wrdevoll klang: Ich
gebe dir einen Tag Zeit, um deine Angelegenheiten zu ordnen. Ich fahre morgen
aus, ich mag dir nicht mehr begegnen. Wenn ich zurckkomme, wirst du das Haus
verlassen haben, du wirst zu deiner Mutter reisen und meine Dispositionen
abwarten. Er wollte gehen, aber er wandte sich noch einmal um, in seinem
Gesichte zuckte es. Wird er weinen? dachte Lydia. Lydia, sagte er mit
zitternder Stimme, mute das sein? Aber er schmte sich seiner Schwche und
verlie schnell das Zimmer.
    Lydia blieb in ihrem Sessel mit geschlossenen Augen liegen, die Stille tat
ihr wohl, schon begannen ihr die Gedanken zu vergehen, da hrte sie Amaliens
sanfte Stimme: Frau Baronin mssen jetzt schlafen gehen.
    Ja, Amalie, schlafen, sagte Lydia mit einem tiefen Seufzer der
Erleichterung.

                              Sechzehntes Kapitel


Fastrade konnte nicht schlafen, sie lag in ihrem Bette und horchte hinaus auf
die Tne, die in der nchtlichen Stille durch das Haus irrten, das leise Knacken
der Parkette, das Schlagen der Uhren. In einem Neste am Fenstersims zwitscherten
die Schwalben leise im Traume. Und die Gedanken wurden eigensinnig bohrend, wie
sie es in schlaflosen Nchten zu werden pflegen. Alles, an das sie sich hngten,
bekam ein drohendes und feindseliges Gesicht, das Leben schien sehr gefhrlich
und tckisch, und mitten in ihm stand Dietz Egloff mit seinem leichtsinnigen und
hochmtigen Lcheln, und doch lauerten gerade alle Gefahr und alle
Feindseligkeit auf ihn. Eine groe Angst ergriff Fastrade, eine Angst, wie sie
nur in dunkler Nacht und im Traume uns beschleicht und uns atemlos in unseren
Kissen auffahren lt. Gegen Morgen schlief sie ein, allein bald erwachte sie
wieder von einem Ton an ihren Fensterscheiben. Sie lauschte, da war er wieder,
es war ihr, als wrfe jemand etwas gegen ihr Fenster. Sie sprang aus dem Bette,
eilte zum Fenster und ffnete es. Es war noch vor Sonnenaufgang, der Garten
jedoch war schon ganz hell, und dort vor einem Beete roter Tulpen stand eine
Gestalt im grauen Mantel und grauen Schleier, Lydia Dachhausen. Fastrade
verstand nicht, aber da winkte Lydia mit ihrem Sonnenschirm und begann zu
sprechen. Ja, ich bin es, o bitte, kommen Sie zu mir herunter, ich mu Sie
sprechen, es ist seinetwegen.
    Gut, ich komme, rief Fastrade hinunter. Nach den ngsten der Nacht
erschien es ihr wie selbstverstndlich, da sie Dietz Egloff meinte, und da er
in Gefahr sei. Schnell hllte sie sich in ihren elfenbeinfarbenen Morgenrock,
warf einen Schal um, ging leise durch das schlafende Haus auf die Veranda hinaus
und stieg in den Garten hinunter.
    Lydia hatte sich auf eine Bank gesetzt, die Hnde im Schoe gefaltet, den
Oberkrper ein wenig vorgebeugt, starrte sie mit den Augen, die wie feuchte
Edelsteine glnzten, Fastrade angstvoll entgegen. Fastrade blieb vor der Bank
stehen. Was ist geschehen? fragte sie leise. Lydia begann zu weinen. Ach
Gott, es ist so viel Schreckliches geschehen, erwiderte sie, aber das ist ja
gleich, deshalb wre ich nicht zu Ihnen gekommen, aber ihm soll nichts
geschehen. Mein Mann wird ihn sicher tten, und das will ich nicht, nur das
nicht! Und Sie knnen ihn retten, Ihnen gehorcht er, Ihnen glaubt er, Sie kennen
ja auch die schrecklichen Gesetze der Herren hier. Ich, was kann ich tun?
    Fastrade war sehr bleich geworden, und sie sttzte sich mit einer Hand auf
die Rcklehne der Bank. Ihr Mann will Dietz Egloff tten, warum? fragte sie.
    Lydia rang ihre kleinen sorgsam in lichtgraue Handschuhe geknpften Hnde
ineinander und sah flehend zu Fastrade auf. Wie soll ich Ihnen all die
entsetzlichen Dinge erzhlen, rief sie, aber Fritz wird ihn sicherlich tten.
Ich fahre zu meiner Mutter, mein Wagen steht dort vor dem Tore, Fritz - ja,
Fritz hat mich aus dem Hause gewiesen, aber was liegt an mir. Sie werden ihm
verzeihen, Sie werden ihn retten, ich will nicht, da er um meinetwillen stirbt.
Mein Gott, verstehen Sie doch!
    Fastrade hatte verstanden; sie errtete, ihre Augen waren weit offen, eine
groe Qual und zugleich etwas Hartes und Gewaltsames sprach aus ihnen, die Hand
auf der Rcklehne der Bank zitterte, am liebsten htte sie dieses kleine,
bleiche Puppengesicht, das zu ihr aufschaute, geschlagen. Jetzt sind Sie bse,
klagte Lydia, und auf mich knnen Sie bse sein, aber ihn mssen Sie retten,
ich kann ja nichts tun. Ich glaubte, wenn ich tot wre, dann brauchte Fritz ihn
nicht zu tten. Ich habe auch ein Flschchen Opium, aber ich kann nicht, ich
kann nicht sterben, ich habe so furchtbare Angst. Sie bedeckte ihr Gesicht mit
den Hnden, wiegte sich hin und her und jammerte leise vor sich hin. Fastrade
war wieder ruhig geworden, sie schaute auf Lydia mit einer seltsamen Mischung
von Mitleid und Ekel nieder wie auf ein kleines wimmerndes Tier, dann setzte sie
sich zu ihr auf die Bank, legte ihre Hand auf Lydias ruhelose Hnde und sprach
zu ihr wie zu einem Kinde. Sie brauchen nicht zu sterben, das verlangt keiner
von Ihnen, Sie mssen sich jetzt beruhigen, ich kann da nicht helfen, die Mnner
haben ihre Gesetze, das mu getragen werden. Aber es mu ja nicht immer das
Schrecklichste geschehen, und dann wird er Ihnen ja beistehen, Sie schtzen, er
hat ja Ihr Leben zerstrt, er kann Sie nicht verlassen. Fastrades Stimme begann
zu zittern und dann zu versagen.
    Glauben Sie das? fragte Lydia, und das bleiche Gesicht begann sich zu
beleben, und es war fast ein Lcheln, das um ihre Lippen zuckte. Fastrade zog
ihre Hand von Lydias Hand zurck und rckte auf der Bank ein wenig von ihr ab.
Es lag so viel Widerwillen in dieser Bewegung, da Lydia gleich wieder ein
erschrockenes Gesicht machte und zu weinen begann.
    Sie mssen jetzt fahren, sagte Fastrade, wenn Sie zu Ihrem Zuge
zurechtkommen wollen. Gehorsam stand Lydia auf. Ja, ich will fahren, meinte
sie, wie gut Sie sind; und sie beugte sich ber Fastrades Hand, um sie zu
kssen, Fastrade jedoch entzog sie ihr so heftig, da Lydia befangen und
eingeschchtert einen Augenblick dastand. Ja, dann adieu, sagte sie leise und
ging mit den kleinen, leichten Rebhuhnschritten an den Blumenbeeten entlang dem
Parktore zu.
    Fastrade hatte sich auch von der Bank erhoben und machte einige Schritte,
vor dem Tulpenbeete aber blieb sie stehen, lie die Arme schlaff niederhngen,
als fehlte ihr der Mut zu jeder Bewegung. Die Sonne ging auf, der Tau, der grau
auf Rasen und Blumen gelegen hatte, sprhte Funken. In der dunklen Fassade des
Schlosses leuchteten die Fenster rosenfarben auf, als beginne es hinter ihren
Scheiben zu blhen, und rosenfarbenes Licht lag jetzt ber dem ganzen Garten; es
beschien die weie Gestalt am roten Tulpenbeete, das bleiche Gesicht, die lang
niederhngenden, blonden Zpfe. Mit weit offenen, trnenlosen Augen sah Fastrade
in die aufgehende Sonne; weinen konnte sie nicht, aber sie htte schreien mgen,
einen jener Schreie, wie ihn ein wild oder ein Vogel in der Waldesstille erhebt
und der das ganze Land zum Zeugen seines Schmerzes aufruft.
    Dieser Tag erschien Fastrade sehr lang, ein Padurenscher Sommertag mit
seinen kleinen Beschftigungen, dem Sitzen neben dem Lehnsessel des Vaters, den
Mahlzeiten, mit gelbem Sonnenschein in der stillen Zimmerflucht, den Gesprchen
mit Tante Arabella und den Gngen durch den Garten, von dem sie, die Hnde voll
weier Narzissen, heimkehrte, die in die Vasen geordnet werden sollten. Fastrade
war bleich und ruhig, ein Entschlu drngte alle Gedanken und Gefhle in den
Hintergrund, wo sie still darauf lauerten, da die Bahn fr sie wieder frei
werde.
    Gegen Abend lie sie den Braunen satteln und ritt in Begleitung des
Stallknechts in den Wald. Es war kurz vor Sonnenuntergang, berall wurde das
Vieh heimgetrieben, die Hter sangen laut, aus den Schornsteinen der Katen stieg
der Rauch der Abendsuppe auf und wurde rotgolden im Abendscheine. Eine
behagliche Heiterkeit klang durch diese letzte Abendstunde. Fastrade trieb ihr
Pferd an, sie hatte Eile, ans Ziel zu kommen. Im Walde vor der Auerhahnhtte
stieg sie ab, bergab ihr Pferd dem Stallknecht und ging in die Htte. Durch das
geffnete Fenster fiel der Abendschein voll in den kleinen Raum und vergoldete
ihn ber und ber. In den letzten Sonnenstrahlen tanzten die Mcken wie blonder
Staub, auf die kleine Waldwiese vor der Htte waren schon Rehe ausgetreten und
sten knietief im rotgoldenen Grase. Es war sehr ruhevoll, allein Fastrade lie
diesen Frieden, lie auch die Erinnerungen, die hier wohnten, nicht an sich
heran. Schmal und aufrecht in ihrem blauen Reitkleide stand sie mitten in dem
Zimmer und dachte an ihre Aufgabe. Sie hatte Dietz Egloff hierherbestellt, um
ihm zu sagen, da sie voneinander gehen muten, und sie wollte, da er auch
verstehe, warum. Jetzt hrte sie drauen Schritte, und gleich darauf trat Egloff
ein. Guten Abend, sagte er. Guten Abend, erwiderte Fastrade und reichte ihm
ihre Hand, die er hflich kte. Sie sah sofort, da er befangen war, und das
rhrte sie. Sie begann zu sprechen - schnell, atemlos, als frchtete sie, den
Mut zu verlieren, wenn sie zgerte. Ich habe dich gebeten, herzukommen, ich
wollte nicht so still von dir gehen, ich glaubte, es passe fr uns beide nicht,
uns zu trennen, ohne da es klar zwischen uns sei, und so - so kam ich.
    Eine leichte Rte stieg in Egloffs Gesicht auf, er wandte sich ab, nahm
einen Stuhl und schob ihn Fastrade hin. Als sie sich gesetzt hatte, setzte auch
er sich auf die Holzbank. Er sah Fastrade nicht an, sondern schaute auf die
Reitgerte nieder, mit der er spielte. Das ist ja gewi sehr korrekt, sagte er
langsam, das mu natrlich so sein, und ich htte es nicht anders erwarten
knnen. Ich habe es ja auch gewut, da es so kommen mute. Ein Skandal darf in
die Nhe von Fastrade von der Warthe nicht kommen, das ist denn alles ganz
ordnungsmig. Da sind alle dummen Erinnerungen nicht am Platz. Wenn ich daran
denke, wie du hier an der Tr standest und von Helfen und Beistehen sprchest,
so gehrt das wohl nicht hierher.
    Doch, es gehrt hierher, rief Fastrade leidenschaftlich, wenn du krank
wrest, oder arm, oder von allen verlassen, dann wrde ich bei dir stehen, das
wre der einzige Platz auf der Welt, der mir zukme, aber ich mte ein Recht
darauf haben, du mtest zu mir gehren. Nun aber gehrst du nicht mehr zu mir.
    Egloff schaute auf, seine Augen wurden dunkel und bse. Gehre ich zu Lydia
Dachhausen? fragte er.
    Sie war heute morgen bei mir, fuhr Fastrade fort, sie wei dich in
Gefahr, sie glaubte, ich knnte etwas tun, um dich zu retten. Das tut nur eine
Frau, die ein Recht auf dich hat.
    Egloff zuckte leicht mit den Schultern: Ich bin nicht so freigebig damit,
das Recht auf mich zu vergeben; diese kleine Frau, die sich an mich hngt, ist
ein Abenteuer, eine Gelegenheit, eine Snde, alles - nur kein Schicksal. Lydia
Dachhausen zhlt nicht, da du das nicht verstehst! Da du an der nicht vorber
kannst!
    Fastrade schttelte den Kopf: Nein, das werde ich nie verstehen, da eine
Frau, die dir zuliebe ihr ganzes Leben zerbricht, nicht zhlt, an der kann ich
nie vorber, es wrde mir sein, als ob ich auf etwas Lebendes trte.
    Die Sonne war untergegangen und in dem kleinen Zimmer dmmerte es, von der
Wiese und den groen Tannen wehte Khlung herein; eine Fledermaus hatte sich
durch das Fenster in das Zimmer hinein verirrt und zog unter der niedrigen Decke
unablssig ihre Kreise, zuweilen leise mit den Flgeln an die Wnde streifend.
Egloff hatte eine Weile geschwiegen, nun sprach er, und es klang verhalten und
dumpf, als mte er seine Stimme zur Ruhe zwingen: So habt ihr es immer hier
gemacht auf den Schlssern, Gromut, Mitleid, Stolz, Ehrlichkeit, all solche
Dinge muten in die Liebe hinein, Dinge, die nichts mit der Liebe zu tun haben,
an denen sie erstickt. Lydia wei von diesen Dingen nichts, die kommt an jeder
vorber.
    Das einzige Recht der armen Lydia ist das Recht auf dich, erwiderte
Fastrade ein wenig feierlich, und wenn ich noch etwas wnschen, wenn mich noch
etwas freuen knnte, so wre es, da du sie beschtzest und sie nicht
verlssest.
    Oh, ich kenne das, unterbrach Egloff sie heftig, immer wolltest du mich
mit deiner Tugend anputzen, damit deine Liebe sich vor sich selbst entschuldigen
konnte, da sie an einen solchen Gesellen geraten war. Aber es ist umsonst, ich
frchte, sie hatte keine Entschuldigung.
    Ach, lassen wir sie, sagte Fastrade mde, sie hat keinem helfen knnen,
sie zhlt nicht mehr.
    Leise, und als sprche er zu sich selbst, murmelte Egloff: Zhlt nicht -
na, sie wre noch das einzige gewesen, was in dieser verdammten Welt htte
zhlen knnen. Es war so finster geworden, da sie einander nicht mehr deutlich
sehen konnten. ber ihnen war noch immer das unermdliche leise Rauschen der
kleinen Flgel hrbar, pltzlich hatte die Fledermaus den Ausgang durch das
offene Fenster gefunden, sie stie einen schrillen Laut aus und flatterte in die
Dunkelheit des Waldes hinaus.
    Ich mu jetzt gehen, sagte Fastrade, lebe wohl, Dietz. Sie reichte ihm
ihre Hand, und er drckte sie schweigend. Fastrade wandte sich dem Tische zu,
auf dem ihre Handschuhe und Reitgerte lagen, sie blieb dort einen Augenblick
stehen und der leise, helle Ton fallenden Goldes wurde vernehmbar. Sie hatte den
Ring, den Egloff ihr gegeben, vom Finger gestreift und auf den Tisch fallen
lassen, dann ging sie hinaus.
    Zu Hause erfuhr sie von Christoph, da der Baron Port eben da gewesen und
fortgefahren sei. Whrend sie sich in ihrem Zimmer umkleidete, dachte sie: so
mu es ja kommen, jetzt ist die Geschichte von Lydia, Dietz und mir zu allen
Schlssern unterwegs.
    Fastrade ging zu ihrem Vater hinber. Der Baron und die Baronesse Arabella
saen nebeneinander auf dem Sofa und die bleichen Gesichter schauten gespannt
zur Tr hin. Guten Abend, sagte Fastrade, als sie eintrat. Guten Abend, mein
Kind, erwiderte der Baron feierlich, setze dich. Fastrade setzte sich,
faltete die Hnde im Scho, sah vor sich hin in das Licht der Lampe und wartete.
Der Baron schaute seine Schwester an, diese nickte kummervoll, da trocknete er
seine Lippen mit dem Taschentuche, rusperte sich und sprach offenbar mit
Anstrengung: Port war hier, er hat mit deiner Tante gesprochen, nun ja, und
deine Tante hat mit mir gesprochen. Er hat da Dinge erzhlt, die uns viel Kummer
bereiten. Er hielt inne und sah Fastrade erwartungsvoll an. Diese regte sich
nicht, sie schaute noch immer wie abwesend in die Lampe, aber sie sagte ruhig
und deutlich: Ich habe eben meine Verlobung mit Dietz Egloff gelst. Wieder
sahen die beiden alten Leute einander an, die Baronesse lchelte sogar kaum
merklich und der Baron nickte. So, so, meinte er, und das Reden wurde ihm
leichter, nun ja, ich habe von meiner Tochter nichts anderes erwartet. Ich
erinnere mich zwar nicht, da hier in Paduren eine Warthe schon einmal ihre
Verlobung aufgelst htte, das ist fr die Familie auch immer unangenehm, aber
unter diesen Umstnden bleibt uns wohl nichts anderes brig. Httest du
beizeiten meine Warnungen gehrt, so wre uns viel Kummer erspart worden. Aber
lassen wir das jetzt, dieser junge Mann ist erledigt. Und er fuhr mit der Hand
von oben nach unten durch die Luft, wie er es in solchen Fllen zu tun liebte.
Fastrade wollte auffahren, wollte gegen diese bleiche Greisenhand protestieren,
die ber Dietz Egloff den Sargdeckel zuzuschlagen schien, aber sie schwieg.
Nun, und du wirst bald darber hinwegkommen, fuhr der Baron heiterer fort, du
hast deine Heimat, deinen Wirkungskreis, wir sind ja hier recht gemtlich
beisammen, wer kann uns etwas vorwerfen, wer kann uns etwas tun, nun also. Die
Baronesse Arabella stand auf, ging zu Fastrade und kte sie auf die Stirn, der
Baron legte seine Hand auf Fastrades Hnde, sie aber richtete sich auf, als
tten diese Liebkosungen ihr wehe. Sollen wir nicht lesen? sagte sie und griff
nach St. Simons Memoiren. Nun ja, erwiderte der Baron, dem steht jetzt wohl
nichts im Wege. Lest, lest, meinte die Baronesse, ihr trnenfeuchtes Gesicht
lchelte, ich bringe euch Orangen, es ist eben eine neue Sendung angekommen.

                              Siebzehntes Kapitel


Spt am Abend kehrte Dietz Egloff von seiner Reise nach Hause zurck. Klaus
empfing ihn im Flur, nahm ihm seine Sachen ab, fragte nach seinen Befehlen und
tat das mit einer scheuen, traurigen Miene. Egloff entnahm daraus, da die
Nachricht vom Tode des armen Dachhausen ihm vorausgeeilt war. Im Saal kam ihm
die Baronin entgegen, sie umarmte ihn, sie hatte geweint, und auch in ihrer
Zrtlichkeit lag etwas Befangenes und Unsicheres. Du wirst hungrig sein, mein
Kind, sagte sie, du wirst gleich essen. Egloff dankte, schlafen wollte er,
nur das. Ja, ja, meinte die Baronin und streichelte seinen Rockrmel, schlaf
nur, mein Kind; niemand wird dich stren. Wein und etwas Kaltes lasse ich dir
auf dein Zimmer stellen, vielleicht da du spter etwas nimmst. Auch Frulein
von Dussa kam, und in ihrem Hndedruck lag etwas Pathetisches. Die beiden Damen
begleiteten Egloff bis an die Tr seines Zimmers, und als er dieselbe hinter
sich schlo, hrte er sie eine Weile noch miteinander flstern.
    Er streckte sich auf sein Sofa aus und schlo die Augen, er war wirklich
todmde, aber was half es, so war es ihm schon auf der Fahrt ergangen; sobald er
die Augen schlo, mute er das eben Erlebte wieder erleben. Es war wie eine
Besessenheit, gleich sah er wieder das flache, mit Erlengebsch bestandene Land
dort an der polnischen Grenze im Lichte des bewlkten Morgens, mitten darin das
Birkenwldchen, grell wei und grn wie ein neues Kinderspielzeug. Dort gingen
die Herren auf und ab, maen die Distanz, luden die Pistolen. Da war Btzow und
der Leutnant von Klette, der junge von Teschen und Doktor Hansius. Egloff ging
etwas abseits auf und ab, er hatte den Kragen seines Paletots aufgeschlagen,
denn ihn fror. Auf der anderen Seite sah er Dachhausen hin-und hergehen, und er
mute lcheln ber die breitspurige und wrdige Art, in der die kleine Gestalt
einherschritt. Ein guter Junge, dachte Egloff. Von Jugend auf kannten sie sich,
und Dachhausen hatte stets mit treuherziger, groer Bewunderung zu Egloff
aufgesehen. Welch eine widerwrtige Komdie, da man sich da hinstellen sollte
und aufeinander schieen, und wie wichtig der kleine Dachhausen sich vorkam.
Frulein von Dussa, in ihrer boshaften Weise, hatte einmal gesagt, Dachhausens
Augen haben mit den schnen Brauen und den langen Wimpern eine ganz tragische
Aufmachung, mitten drin aber sitzen doch nur die harmlosen blauen
Dachhausenschen Augen. Das war es, Dachhausen liebte das Pathos und hatte kein
Glck damit.
    Geschftig kam Btzow herangelaufen, das groe Monokel ganz beschlagen von
der feuchten Luft. Ich denke, wir fangen an, sagte er, es ist alles bereit.
So stellten sie sich denn auf. Als die Gegner einander grten, als ihre Blicke
sich begegneten, war Egloff versucht, dem alten Kameraden so vieler
Jugendstreiche zuzulcheln, allein Dachhausens Gesicht blieb starr und ernst.
Der Unparteiische begann zu zhlen, Egloff scho, er wute nicht, hatte er
gezielt, aber nach dem Schusse warf Dachhausen beide Arme empor, drehte sich und
fiel zu Boden. Doktor Hansius und die anderen Herren liefen auf ihn zu und
umgaben ihn. Egloff blieb auf seinem Platze stehen, er war sehr berrascht, das
hatte er nicht erwartet. Endlich kam Btzow zu ihm herber. Lungenschu, sagte
er leise, schlimm. Wir werden ihn zum Kruge bringen mssen. Kann ich helfen?
fragte Egloff. Nicht ntig, erwiderte Btzow, es sind Leute da, mein
Chauffeur und andere, fatale Geschichte, und er eilte wieder fort. Egloff sah
zu, wie die Leute kamen und Dachhausen forttrugen, und als er allein war, fing
er an mit kleinen Schritten auf und ab zu gehen, ber ihm im Laube flsterte es,
ein feiner Regen ging nieder. Er zog seinen Paletot an, weil ihn fror. Das erste
Gefhl, das ihn berkam, war eine Art Erleichterung, etwas war von ihm genommen.
ber den Ausgang solcher Affren denkt man ja nicht viel nach; aber auf dem
Grunde seines Bewutseins hatte die berzeugung geruht, da er fallen wrde, und
nun lebte er. Gleich darauf erfate ihn ein ungewohntes, qulendes Erbarmen mit
dem alten Freunde, der da so hilflos mit beiden Armen in die Luft gegriffen
hatte und zur Erde gefallen war. Wozu das? Das hatte er doch nicht gewollt.
Pfui Teufel, brummte er und spie aus. Langsam ging er jetzt den andern nach,
und seine Gedanken schlugen einen andern Weg ein. Wre ich gefallen, sagte er
sich, dann htte Fastrade um mich geweint, jetzt wird ihr Mitleid Dachhausen
gehren, und sie ist mir unerreichbarer denn je. Er mignnte Dachhausen dieses
Mitleid. Was hatte der dumme, kleine Dachhausen solche Geschichten zu machen? Im
Duelle fallen, das pate wirklich nicht zu ihm, das war eine dieser
Wichtigtuereien, ber die er ihn so oft als Knabe verspottet hatte. Egloff nahm
seinen Hut ab und lie sich das heie Gesicht vom Regen khlen. Nun war es ja
auch gleich, verspielt war verspielt. Die feuchten Erlenbltter um ihn her
dufteten stark, ein Hase setzte ber den Weg, und Egloff folgte ihm in
gewohnheitsmigem Interesse mit den Blicken.
    Vor dem Kruge angelangt, ging er in die Krugstube. Der Raum war unreinlich
genug, roch nach kaltem Tabak und Fusel, ein graubrtiger Jude stand hinter dem
Schenktische, ruhig und beschaulich, als sei nichts geschehen. Guten Morgen,
Herr Baron, sagte er freundlich, die Herren haben schlechtes Wetter, schade.
Doktor Hansius kam eilig in das Zimmer, um etwas zu bestellen. Wie steht es?
fragte Egloff. Hansius zuckte die Achseln. Nicht gut, meinte er und ging
wieder.
    Auch die Herren von Klette und Teschen kamen, eine Zigarette rauchen; sie
standen einen Augenblick bei Egloff und berichteten. Es sah schlimm aus, er war
nur selten bei Bewutsein, die Katastrophe konnte bald eintreten. Die
Unterhaltung verstummte jedoch, und die Herren fhlten sich behaglicher, als sie
sich in die Fensternische zurckzogen und miteinander flsterten. Die
sympathische Person bin ich hier nicht, ging es Egloff durch den Kopf. Hansius
erschien wieder in der Tr. Dieses Mal winkte er Egloff. Ich glaube, er will
Sie sehen, sagte er. Egloff folgte dem Doktor in ein kleines, wei getnchtes
Zimmer, in dem ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl standen. Dachhausen lag in
seinen Kissen mit geschlossenen Augen; sein Gesicht schien in der kurzen Zeit
seltsam gealtert, es war spitz und gelb geworden. Der Doktor beugte sich ber
ihn, da ffnete er die Augen, lie seinen teilnahmslosen, kalten Blick durch das
Zimmer irren, wandte den Kopf zur Seite und machte mit der Hand eine mde,
abwehrende Bewegung. Er schien etwas zu murmeln, Doktor Hansius beugte sich
nher zu ihm, richtete sich dann auf und flsterte Egloff zu: Ich denke, Sie
gehen. Was sagt er? fragte Egloff. Er sagt Lydia, erwiderte der Doktor.
Egloff verlie das Zimmer. Drauen stie Btzow zu ihm. Hier ist schlechte
Luft, meinte er, drauen wird es besser sein. Sie gingen hinaus und schritten
vor dem Hause in dem leise niederrinnenden Regen auf und ab. Btzow machte
anfangs Redensarten ber die fatale Affre, bald ging er auf die vielen Hasen
ber, die es hier geben mute und auf die kleinen, struppigen Bauernhunde, die
so glnzend auf der Hasenjagd waren. Ab und zu schauten sie zur Krugstre
hinber, als erwarteten sie eine Nachricht. Pltzlich blieb Btzow stehen.
Hren Sie, Egloff, sagte er, das ist nun so, wie es ist, aber essen mu der
Mensch, ich habe einen Wolfshunger, Sie nicht? Egloff hatte an seinen Hunger
bisher nicht gedacht. Gleichviel, beschlo der Graf, kommen Sie zu meinem
Wagen, dort habe ich was zu essen. Sie gingen zu Btzows Automobil und stiegen
hinein. Btzow packte seine Vorrte aus. Sehen Sie, da ist Leberpastete, da ist
kalte Pute, hier etwas Kaviar, da ist Schnaps und Rotwein; und sie begannen zu
essen, Egloff fhlte erst jetzt, da er hungrig war, und das Essen bereitete ihm
ein intensives Vergngen. Es war auch wirklich gemtlich hier in dem hbschen
gepolsterten Raume, der Regen knisterte an den Fensterscheiben, Btzow wurde
ordentlich heiter, er sprach von seinem Koch, der eine Perle war, kritisierte
das Essen auf den Schlssern. Bei Ports a man schlecht, aber sie hatten eine
Spezialitt, kleine Speckpasteten, die waren delikat. Bei Teschens war die
Fischsuppe gewhnlich gut. Egloff berichtete von Speisen, die er auf seinen
Reisen gegessen, von einer gefllten Pute, die in einem griechischen Haushalt
serviert worden war, gefllt mit Reis, Pistazien, Mandeln und trockenen Feigen.
Als die Mahlzeit jedoch beendet und Egloff satt war, fiel die gemtliche
Stimmung sofort wieder von ihm ab. Der Raum wurde ihm zu enge, und Btzow mit
seinem Geschwtz und seinem zu starken englischen Parfm war ihm unertrglich.
Steigen wir aus, schlug er vor. Drauen kam ihnen der Leutnant von Klette
entgegen, ernst und feierlich. Es ist aus, murmelte er. Man stand schweigend
beisammen, bis Btzow sagte: Sehr traurig, sehr traurig, aber dann knnen wir
wohl fahren, ich bringe Sie zur Station, Egloff. Allein Egloff wollte den Toten
sehen. Dachhausen lag da im kleinen Krugzimmer, das bleiche Gesicht hatte jetzt
wieder seinen friedlichen, harmlosen Ausdruck, an den Augen die Linien, welche
die freundlichen Falten seines stets bereiten Lachens eingegraben; es war wieder
das gute Gesicht, auf dem nichts von Leiden, nichts von einer Geschichte
geschrieben stand.
    Egloff schaute ihn an mit einer wunderlichen Mischung von Mitleid und
Verachtung. Es schien fast widersinnig, da er so streng und bleich dalag, der
arme Junge konnte selbst im Tode nicht ernst genommen werden. Egloff wandte sich
ab, verabschiedete sich von den Herren mit einem khlen Hndedruck und ging
hinaus, um zu Btzow in das Automobil zu steigen.
    Nun kam die Reise mit ihrem traumhaften Wiedererleben des Erlebten; es war
Egloff unmglich, an das zu denken, was kommen wrde, immer wieder stand das
Vergangene ihm vor Augen, und mitten darin immer wieder Dachhausen, Dachhausen
sich breit und wichtig auf die Mensur stellend, Dachhausen, wie er hilflos mit
den Armen durch die Luft fuhr und zu Boden fiel, Dachhausen, wie er bleich und
still im Bette lag. Und ein Ingrimm erwachte in Egloff, wie einfach und klar
wre die Lsung gewesen, wenn er, Egloff, gefallen wre. Ja, er wute es jetzt,
er hatte bestimmt darauf gerechnet, und nun kam dieser Mensch und verwirrte
alles wieder. Dort in der kleinen weien Krugstube wie Dachhausen dazuliegen,
welche Ruhe!
    Ja, welche Ruhe, Egloff streckte sich auf seinem Sofa. Drauen vom Saale her
klangen die Tne eines Harmoniums herber, Egloff entsann sich, es war heute
Sonnabend, und da pflegte stets eine Abendandacht mit den Leuten stattzufinden.
Er erhob sich und ging hinaus.
    Frulein Dussa sa am Harmonium, die Baronin neben ihr, die Bibel auf den
Knien, in der Tr standen die Mgde und die Diener und der Koch. Egloff setzte
sich am anderen Ende des Saales in einen Sessel, dort hatte er schon als Kind
whrend dieser Andachten gesessen, damals waren ihm die Augen vor Schlfrigkeit
zugefallen, und die Flammen der Kerzen hatten sich in krause Bndel kleiner
goldener Blitze aufgelst.
    Aus tiefer Not schrei ich zu dir, wurde angestimmt. Starke, ein wenig
heisere Stimmen riefen die feierliche Leidenschaftlichkeit der Melodie in den
Saal hinein und mischten in die Andacht die Schlfrigkeit des Feierabends. Wie
einst als Kind, empfand Egloff diese Tne als groe, ruhige Wellen, die ihn
nahmen, hoben und wiegten, und die krankhafte Spannung seiner Nerven lste sich.
Nach dem Choral las die Baronin den zweiten Psalm in ihrer klagenden,
ermahnenden Weise, nur da die Stimme zuweilen zu zittern begann und in einer
aufsteigenden Rhrung zu versagen drohte. Den Schlu machte ein gemeinsames
Gebet, ein gleichmiges Murmeln, das dem kleinen Dietz frher der Inbegriff des
Heiligen geschienen hatte. Egloff stand leise auf und ging in sein Zimmer
hinber. Das hatte ihm wohlgetan, es war stiller in ihm geworden. Er a ein
wenig, trank ein Glas Wein und setzte sich in seinen groen Sessel. Das
angenehme Gefhl, mit dem wir bemerken, da ein bohrender Schmerz, der uns
qulte, pltzlich nachgelassen hat, erfllte auch ihn, als er feststellte, da
er nicht mehr an Dachhausen zu denken brauchte. Er schlo die Augen und mute
eine Weile geschlafen haben, denn er trumte eine kurze Traumvision, Fastrade
kam in die Auerhahnhtte in ihrem blauen Reitkleide, das Gesicht rund und rosig,
das Haar unnatrlich golden, und mit ihr kam viel Sonnenschein in das Zimmer,
ein Sonnenschein so gelb, wie er ihn nur als Kind gesehen zu haben glaubte, wenn
der kleine Dietz morgens im Bette lag und die Wrterin die Fensterlden ffnete
und die Morgensonne hereinlie. Das Gefhl der Freude mute fr den Traum zu
stark sein, denn er erwachte. Still sa er da, um das Traumgefhl festzuhalten,
bis die Gegenwart unerbittlich und unentrinnbar alles verlschte. Da empfand er
ein Gefhl des Alleinseins, wie es ihn so stark noch nie ergriffen hatte.
Menschen waren ihm stets ein Bedrfnis gewesen, allein er hatte es nie recht
verstanden, ihnen nahe zu sein, jetzt jedoch schienen alle Fden, die ihn mit
den anderen verbanden, zerrissen, und die eine, in deren Gegenwart er sich nie
allein gefhlt, war ihm unendlich fern. Seltsam war es immerhin, da er mit
diesem Dietz Egloff bis an das Ende gehen sollte. Und vielleicht war es ein
Aberglaube, die Welt war doch so gro, konnte er nicht dort irgendwo weit fort
auftauchen, als ein anderer und Neuer? Das Leben Dietz Egloffs war zwar
verdorben und verspielt, aber das Leben ohne Dietz Egloff war ganz
uninteressant. So sank denn die Einsamkeit auf ihn nieder wie etwas
Krperliches, wie etwas Kaltes und Hartes, schnrte ihn ein wie eine Rstung.
Die kleine Uhr auf dem Spiegeltisch schlug elf mit ihrem dnnen, hellen Tolle,
der einer Kinderstimme glich.
    Egloff klingelte Klaus und befahl ihm, Ali zu satteln, ging darauf in sein
Ankleidezimmer, sich fr den Ritt umzukleiden. Als er fertig war und eben
hinausgehen wollte, blieb er einen Augenblick vor seinem Schreibtische stehen,
auf dem ein Paket Briefe lag, obenauf ein groer Brief von Mehrenstein. Mit Ekel
schob er sie beiseite, die sollten nur unerffnet bleiben.
    Ali war munterer denn je, und da Egloff ihn laufen lie, jagte er in vollem
Galopp die Landstrae entlang. Wieder kamen sie an Wiesen vorber, ber die der
Nebel hinspann, wieder schlug die Nachtigall in den Erlen, und Harmonikaklnge
irrten durch die Nacht, aber heute kam das Egloff nicht nahe, es zog vorber wie
das Leben, auf das wir aus dem Kupeefenster mit reisemden Augen herabsehen.
Aber Ali war so ausgelassen, da Egloff auf ihn achtgeben mute, und die Arbeit
am Pferde zerstreute ihn ein wenig. So jagten sie die Padurensche Birkenallee
hinab, und vor dem Parkgitter hielten sie. Dunkel und schweigend mit seinen
geschlossenen Fensterlden stand das alte Haus zwischen den groen
Kastanienbumen, die alle ihre Blten aufgesteckt hatten mitten in dem schwlen
Dufte seines Gartens, und der bleiche Reiter vor dem Parktor starrte lange durch
die Dmmerung zu ihm hinber. Ali jedoch war unruhig und lie sich endlich nicht
mehr halten. Geh, murmelte Egloff, und in tollem Ritte ging es jetzt ber die
Landstrae dem Walde zu. Im Walde war es dunkel und so stille, da die
Hufschlge des Pferdes widerhallten wie in verlassenen Kreuzgngen. Vor der
Auerhahnhtte blieb All von selbst stehen. Egloff stieg ab und fhrte das Tier,
das ganz in Schaum war, beiseite unter die Zweige einer groen Tanne. Tchtig
ausgelaufen, was, mein Alter, sprach er ihm liebevoll zu, er lste ihm den
Sattelgurt und den Kopfriemen, bedeckte leicht mit der linken Hand das Auge des
Pferdes, zog mit der rechten seinen Revolver heraus, drckte ihn gegen Alis Ohr
und scho ab. Ein Zittern ging durch den ganzen Krper des Tieres, dann brach es
mit allen vier Lufen zusammen, zuckte ein wenig und lag still da. Egloff beugte
sich zu ihm nieder, strich ihm mit der Hand ber die Mhne und murmelte: So,
mein Alter, mehr ist nicht daran, man streckt sich ein wenig und dann ist's aus,
mehr ist nicht daran. Er richtete sich auf und ging langsam zur Htte hinber.
Vor der Tr blieb er einen Augenblick stehen und schaute in die Nacht hinein.
Durch die schwarzen Tannenwipfel blitzten Sterne, auf der kleinen Waldwiese lag
Nebel, und ein Nachtvogel flog lautlos nahe der Erde durch die weien Schleier
hin. Egloff ffnete die Tr zur Htte und zog sie hinter sich zu. -
    Frh morgens wurde Fastrade von ihrem Mdchen geweckt. Der Frster aus Sirow
sei da, hie es, er wolle das gndige Frulein sprechen, es sei etwas mit dem
jungen Herrn geschehen, vielleicht wolle das gndige Frulein mitfahren, der
Frster habe seinen Wagen da. Gut, ich komme, sagte Fastrade, sie sprang aus
dem Bette und kleidete sich eilig an. Keine groe Erregung machte sie dabei
schwach, die letzten Tage hatten so viel Leid gebracht, da eine Art ruhiger
Schmerzbereitschaft in ihre Seele eingekehrt war. Sie erwartete es nicht anders,
als da noch mehr Schmerzvolles kommen wrde. Den Frster Gebhard fand sie sehr
verstrt. Ja, es war etwas Schlimmes geschehen mit dem jungen Herrn,
berichtete er, drben in der Auerhahnhtte. Er wre zuerst hierhergekommen.
Auch nach Doktor Hansius sei geschickt worden. Der Wagen stehe unten. Also
fahren wir, beschlo Fastrade. Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen,
und Fastrade mochte nicht fragen, es war ihr, als wte sie schon alles. Sie
stiegen in den kleinen Wagen, schweigend trieb Gebhard sein Pferd an, und aus
seinen kleinen, schlauen Augen rannen bestndig Trnen in den grauen Bart. Vor
der Auerhahnhtte hatten sich Leute versammelt, Waldhter und Bauern, die
Fastraden scheu und traurig grten. Sie stieg aus und ging in die Htte. Auf
der hlzernen Ruhebank lag Egloff ausgestreckt, sie hatten ihm die Satteldecke
unter den Kopf geschoben, sein Rock war offen, auf seinem Hemde war ein kleiner
Blutfleck wie ein rotes Siegel, die Zge des bleichen Gesichtes hatten eine
wunderbare Schrfe und Regelmigkeit, und der Ausdruck hochmtiger
Verschlossenheit lag auf ihnen.
    Er ist tot, kam es klagend von Fastrades Lippen, sie kniete nieder und
streichelte seine kalte Hand. Dann setzte sie sich auf die Bank, nahm seinen
Kopf in ihren Scho, beugte sich nah auf ihn nieder und sprach halblaut zu ihm:
Ganz allein, ganz allein mute er sterben, ich war nicht da, ich habe ihn ja
verlassen, ich habe ihm nicht geholfen, so ist er allein gestorben, niemand war
bei ihm, als er in Not war.
    Leute kamen in das Zimmer und gingen wieder, Fastrade bemerkte es nicht, sie
tat, als sei sie mit ihrem Toten allein. Endlich berhrte jemand ihre Schulter,
Doktor Hansius war es. Wir mssen ihn in das Schlo bringen, sagte er.
Fastrade sah ihn mit den weitoffenen, trnenlosen Augen an und sagte wieder
klagend: Er ist hier allein gestorben, denn ich habe ihn ja verlassen. Mnner
kamen mit einer Tragbahre, auf die der Tote gebettet wurde, Gebhard gab leise
Befehle, und sie trugen ihn hinaus. Kann ich Sie in meinem Wagen mitnehmen?
fragte Hansius Fastrade. Ich bleibe bei ihm, erwiderte sie. Sie ging hinaus,
und als der Zug sich in Bewegung setzte, schritt sie neben der Bahre her, ihre
Hand auf die Hand des Toten gelegt. Der Morgen war wundervoll hell, in den
Pappeln der Allee jubelten die Amseln so laut, als feierten sie heute ein
besonderes Fest. Am Ende der Allee stand das Schlo blendend wei in der hellen
Morgensonne. Ganz still, mit niedergeschlagenen Vorhngen, schlief es noch
mitten in dem bunten Blhen seines Gartens, whrend der stille Zug sich ihm
langsam nherte.

                              Achtzehntes Kapitel


Die Baronin Port hatte ihren Strickrahmen auf die Veranda hinaustragen lassen;
da sa sie mitten unter den Schatten des wilden Weines und arbeitete. Sie
stickte an einem jungen Hunde, der nach einer Wespe schnappt, auf hellblauem
Grunde. Auch Gertrud hatte sich hier in einem Liegestuhl ausgestreckt und sah
mig auf das Land hinaus. Sylvia aber las still fr sich einen englischen
Roman. Der Baron Port kam auf die Veranda heraus im Reitanzug, denn er war im
Begriff, seinen gewohnten Abendritt zu machen. Ihr sitzt hier ganz gut, meinte
er, ich wollte nur sagen, da ich in Paduren anreiten will und vielleicht
spter nach Hause komme. Tue das, erwiderte die Baronin, sieh etwas nach den
armen Padurenschen. - Ach was, arm, versetzte der Baron, ich finde, Warthe
ist in letzter Zeit sehr guter Laune. Nun, und Fastrade kommt allmhlich auch
darber hinweg, sagt mir die Tante. Vernnftiges Warthesches Blut. Es ist gut,
da auch die dmmsten Geschichten vorbergehen. Er stand noch einen Augenblick
da und schaute auf den Garten hinunter, ein Wetterchen, ein Wetterchen,
murmelte er, wenn das so weiter geht, kriegen wir ein Heu wie Zucker. Na ja,
dann auf Wiedersehen, und er ging.
    Sylvia, die, whrend ihr Vater sprach, ruhig weiter gelesen hatte, lie
jetzt das Buch sinken. Du weinst ja, sagte Gertrud. Sylvia lchelte und hatte
die Augen voller Trnen. Ja, erwiderte sie, die kleine Mary, die den Lord
liebt, stirbt an gebrochenem Herzen, das ist sehr rhrend. Gertrud lehnte sich
befriedigt in ihren Stuhl zurck. Gewi, das gibt es, meinte sie, und es ist
ein Trost, da solche schne, heie Sachen wirklich in der Welt passieren, wenn
sie auch nicht zu uns kommen. Mit dem armen Egloff und Fastrade und Lydia und
Dachhausen waren sie uns schon ganz nahe.
    Die Baronin hob den Kopf und sah ihre Tochter unzufrieden ber die Brille
hin an. Wie du wieder sprichst, sagte sie, danke Gott, da du hier ruhig und
glcklich leben kannst und da wir von deinen dummen, heien Sachen verschont
bleiben.
    Gertrud lchelte berlegen. Ich sage ja nichts, versetzte sie, aber ich
kann mich doch darber freuen, da es da drauen ein Leben gibt, in dem
Interessanteres sich ereignet, als da das Heu gut hereinkommt. Die Baronin
zuckte die Achseln und suchte in ihrem Wollkorbe nach einem passenden Faden.
Drauen, drauen, murrte sie, du warst ja drauen und die Fastrade auch, was
hat es geholfen? Ihr kommt ja doch zurck, ihr knnt dort ja doch nicht leben.
Vielleicht knnen wir es nicht, erwiderte Gertrud gereizt, aber ich kann mich
doch darber freuen, da es Menschen gibt, die das knnen.
    Unterdessen ritt der Baron Port auf seiner alten Schimmelstute gemchlich
zwischen seinen Feldern hin. Der Tag war sehr hei gewesen; von der Abendsonne
angeleuchtet, schwebte der Staub wie ein rtlicher Dunst ber der Landstrae,
das Korn war schon in hren, die Wiesen in ihrem vollen Blhen hatten einen
schnen Kupferglanz. Die Arbeiter kamen von ihrer Arbeit und grten den Baron,
und er nickte wohlwollend, rief dem einen oder anderen etwas zu: Hei gewesen
heute, was? und als sie schon vorber waren, behielt sein Gesicht noch eine
Weile das leutselige Lcheln. Er liebte es, auf seinen abendlichen Ritten nicht
nur seine eigenen Felder, sondern auch die Felder der Nachbargter zu
besichtigen. So schlug er den Weg nach Barnewitz ein. Als er am Hause
vorberkam, sah er die Baronin Dachhausen und Adine in ihren Trauerkleidern auf
der Hofestreppe stehen und zum Stall hinberschauen, in den gerade das Vieh
eingetrieben wurde, eine lange Reihe schner, schwarz und wei gefleckter Tiere,
die langsam vorberzogen und eine Atmosphre von Gemchlichkeit und Sattheit um
sich her verbreiteten. Der Baron grte hinauf, und die Damen winkten. Von
Barnewitz machte er einen Umweg ber Sirow. Die Felder standen auch dort gut.
Durch das Gartengitter sah er die beiden Frauen mit wehenden Trauerschleiern in
der kleinen Wandelhalle auf- und abgehen. Das kannte er, das hatte er oft schon
gesehen, wenn er vorberritt, nur fiel es ihm heute auf, da die Baronin
Frulein von Dussa den Arm gab und langsam zu gehen schien.
    Um Sonnenuntergang langte er in Paduren an. Die Herrschaften sind unten im
Park, meldete der Diener. Ich wei, ich wei߫, sagte der Baron Port und ging
zum kleinen See hinunter. Dort fand er den Baron Warthe in seinem Rollstuhle,
die Baronesse Arabella und Fastrade. Sie saen still beisammen und warteten auf
den Einfall der Enten. Kommen sie schon? fragte Baron Port. - Die kommen
schon, erwiderte Baron Warthe und lachte, nach dem heien Tage haben sie es
eilig. So, so, meinte Baron Port und setzte sich zu seinem alten Freunde.
Ja, ein Wetterchen, wenn das so fortgeht, so kriegen wir alle Arbeit zugleich
auf den Hals, und er erzhlte von den Witzowschen Feldern und von den
Barnewitzschen und Sirowschen Feldern, und sie sprachen von den frheren Ernten.
Wenn eine Schar Enten herangeflogen kam und sich rauschend in das Schilf
niederlie, dann hielten die alten Herren in ihrem Gesprch inne und lachten.
    Nichts Neues in der Gegend? fragte der Baron Warthe. Nein, nichts,
erwiderte der Baron Port, Gott sei Dank ist hier alles wieder ruhig. Das ist
gut, meinte der Baron Warthe in belehrendem Stimmtone, man hat im Leben ja
auch seine Unruhe gehabt, man hat seine Ttigkeit und seinen Wirkungskreis
gehabt, nun will man Ruhe im windstillen Winkel. Da hast du ganz recht,
Bruder, besttigte Baron Port.
    Fastrade sa schweigend da und schaute auf den See hinaus. Die behaglich
plaudernden Stimmen der Alten drangen zu ihr wie etwas, gegen das sie sich
wehrte. Alles wieder ruhig. War diese Ruhe nicht etwas Drohendes und
Feindliches? Sie hatte Angst um ihren Schmerz, der jetzt ihr heiligstes Erlebnis
war. Wrde er in dem windstillen Winkel stille werden, schlfrig werden,
untergehen?
    Die Dmmerung nahm zu, Enten kamen nicht mehr, der See wurde still, nur
zuweilen rauschte ein Flgel im Schilf, eine Ente schnatterte im Traum oder eine
Unke pltscherte leise auf ihrem Wege durch das seichte Wasser am Ufer. Irgendwo
im Rasen begann ein Erdkrebs seinen einsamen Liebesgesang. - In der Finsternis
still vor sich hinzuweinen tat Fastrade wohl, es tat ihr wohl, in sich
hineinzuhorchen auf das Schlagen ihres Herzens und das Fiebern ihres Blutes, sie
fhlte sich dann wunderbar eins mit dem verstohlenen Schluchzen, Liebkosen und
Seufzen, mit dem ganzen geheimnisvollen Leben, das durch die Junidmmerung
atmete. - Es wird dunkel, sagte der Baron Warthe, und man machte sich auf den
Heimweg. Am Parkgitter lie der Baron halten. Sieh, Port, meinte er, drben
bei dir haben sie schon Licht gemacht.
    Ja, erwiderte der Baron Port, und dort in Sirow auch. Und das dort ganz
weit sind die Lichter von Barnewitz.
    Die goldenen Lichtpnktchen blinzelten friedlich ber die Ebene hin, auf
deren Felder, fette Wiesen und stille Wege flsternd die Sommernacht herabsank.
Aber khl wird es doch abends, bemerkte Baron Port. Ja, khl, besttigte
Baron Warthe, da wird ein Glas von meinem Rotwein gut tun, du kennst ihn ja.
Den kenne ich gut, schmunzelte der Baron Port und die beiden alten Herren
lachten behaglich bei dem Gedanken an den guten Padurenschen Rotwein. -
