
                             Heyking, Elisabeth von

                                     Tschun

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                             Elisabeth von Heyking

                                     Tschun

                   Eine Geschichte aus dem Vorfrhling Chinas

Tschun war ein schmutziger kleiner chinesischer Junge. Er war nicht schmutziger
als andere kleine chinesische Jungen. Er war im Gegenteil etwas reiner. Denn
Tschuns Mutter war Christin. Und Christentum bedeutet in China unter anderem
auch gelegentliches Waschen.
    Das Huschen seiner Mutter stand nahe am Petang. Der Petang ist eine groe
weie Kirche; sie ist dicht umdrngt von einer Menge kleiner grauer Huschen, in
denen lauter Christen wohnen. So sieht sie aus wie ein stolzer weier Vogel,
unter dessen schneeigem Gefieder kleine graue Vogelbabies Schutz suchen.
    Dieser Anblick begeisterte einmal einen Missionar zu einer schwungvollen
Rede, in der er den Chinesen sagte: Die Kirche ist gleich einem schnen weien
Schwan, Ihr alle seid noch hliche braune Kcken, aber beharrt nur im rechten
Glauben, dann werdet Ihr auch einmal schwanengleich zum Himmel fliegen. Zwecks
Heidenbekehrung war diesem Missionar die Gabe beredter Bildersprache verliehen.
Auf Logik kommt es dabei weniger an. - Mit Logik ist auch noch nie jemand
bekehrt worden. Das sind Gefhlssachen. Manchmal auch Geldsachen.
    Der Petang war fr Tschun und seine Verwandten und all die Christen rund
herum eine Gefhlssache. Er war in ihrem Leben das Schne. - Sie htten darber
nicht zu reden vermocht, denn es war ja auch nicht der kleinste Professor der
Aesthetik unter ihnen. Aber die ganze Woche freuten sie sich auf den
Sonntagmorgen. Da zogen sie sich ihre besten Kleider an und gingen in die groe
weie Kirche. Und die Frauen nahmen ihre kleinsten Kinder mit und blieben dort
so lange wie nur irgend mglich, bis zum letzten Orgelton. Im Innern der Kirche
war es zuerst etwas dmmerig. Tschun kam die Decke der Kirche so weit und hoch
vor, als reiche sie hinauf in den Himmel, und oben waren ja auch eine Menge
goldener Sterne, ganz wie nachts am wirklichen Himmel, nur da der schwarz war,
und hier standen die goldenen Sterne auf einem blitzblauen Grunde. Es war aber
gewi am schnsten so, denn den ganzen Petang und alles darinnen hatte sich ja
der gute Bischof mit dem weien Bart ausgedacht und dann geschaffen. Der
Bischof, meinte Tschun, mute darum sicher ein naher Verwandter des lieben
Gottes sein. Tschun fand den Altar mit den Lichtern und bunten Papierblumen
wunderschn, und die Priester trugen so herrliche Kleider; an hohen Festtagen
schienen sie von Gold und Silber zu flimmern; Tschun konnte sich gar nicht so
viele Kupfermnzen zusammendenken, wie ein solches Kleid kosten mute. - Im
Petang gab es eine Menge Priester. Manche von ihnen waren von fernher ber das
Wasser gekommen aus fremden Lndern. Klein-Tschun verstand nicht recht, was das
heie; erst allmhlich begriff er es und schlo, da es wohl eine Folge des
beklagenswerten Fremdseins sei, da auf diesen Priestern der Zopf und die
chinesische Tracht nie so ganz richtig aussahen. Es gab aber auch ganz echte
Chinesen unter den Priestern. Klein-Tschun dachte, es msse herrlich sein, wie
sie zu werden und alle Tage im Petang mitten in den Weihrauchwolken zu stehen.
Er vertraute diesen Wunsch seiner Mutter an, aber die antwortete, Priester
drften nicht heiraten und keine Kinder haben. Das stimmte Tschun sehr
nachdenklich, denn auch der kleinste Chinesenmensch jeder Konfession wei ja,
da man nur auf die Welt kommt, um selbst wieder einen Sohn zu haben, der die
Verehrung der Ahnen fortsetzt. - An der rechten Seite des Hochaltars, etwas
zurck und versteckt, waren Bnke, auf denen die Nonnen des Petang saen. Sie
trugen einfache blaue Kleider und groe weie Hauben. Es war nie der geringste
kleine Fleck auf den Hauben, und Tschun wunderte sich, wie man das wohl anfange,
denn seine eigenen Sachen wurden immer schmutzig, ohne da er wute wie und wo.
- Die Nonnen wohnten in einem eigenen Gebude, das hinter hohen Mauern lag,
jenseits des Petang. Das Gebude war einstckig, aber sehr gro, mit Hfen und
breiten, offenen Sulengngen. Es war alles schneewei gestrichen, und die
Sulen warfen duftige, bluliche Schatten auf die Steinfliesen. In der Mitte des
einen Hofes stand auf hohem Sockel eine Figur der heiligen Jungfrau mit einem
hellblauen Mantel; ringsherum in regelmigen Beeten mit Kacheleinfassungen
blhten dunkelrote Monatsrosen. - Es war eine stille, friedliche Welt fr sich -
ganz anders als das brige Peking. - Es war aber auch eine fleiige Welt, in der
jeder sein reichliches Teil Arbeit hatte. Die Nonnen nahmen eine Menge kleiner
chinesischer Kinder bei sich auf, von den allerrmsten, allerelendesten, die
ohne sie in irgendeinem Winkel, an irgendeinem bitterkalten Wintertage sicher
umgekommen wren. Sie hteten, pflegten und ernhrten diese gelben,
schlitzugigen Geschpfchen, als sei jedes kleine chinesische Menschenleben eine
ganz wichtige Sache. Die greren Kinder unterrichteten sie. Eine Schwester, die
Teresa hie, lehrte die Mdchen, wunderschne Stickereien zu machen,
Priestergewnder und Altardecken; aber auch Wsche, gestickte Kleider,
Tischdecken, sogar Maskenkostme wurden da angefertigt, fr die fremden Damen,
die in Peking wohnen. - Eine Schwester war Apothekerin, und jeden Tag kamen eine
Menge Kranke und Krppel zu ihr, um sich verbinden und Arzneien geben zu lassen.
Schreckliche Geschwre, eiternde Beulen, vernachlssigte Wunden und Leiden aller
Art bekam die Schwester tglich zu sehen, und auf alles schaute sie mit
derselben Gte und lchelnden Milde, als sei ihr das viele Hliche nie
widerlich, sondern nur ein bichen trauriger als alles brige. Tschun wurde auch
einmal von seiner Mutter zu der Schwester Apothekerin gebracht. Gegen der Mutter
Warnung war er nmlich anderen greren Nachbarkindern nachgelaufen, die einen
groen Papierdrachen steigen lassen wollten; dabei hatten sich seine Fe in der
Schnur verwickelt, er war gefallen und mit dem Kopf gegen einen groen, spitzen
Stein geschlagen. Was weiter geschah, erinnerte er sich nicht genau. Er befand
sich pltzlich zu Hause bei seiner Mutter, und bald darauf ging sie mit ihm in
das Kloster, und die Schwester Apothekerin verband ihm den Kopf in einem Zimmer,
wo es merkwrdig roch, und wo hinter Glasscheiben auf Gefchern an der Wand eine
Menge Flaschen, Tpfe, Npfe und groe bunte Glasschalen standen. Tschun konnte
sich nicht erinnern, je frher im Hause der Nonnen gewesen zu sein, aber
vielleicht blieb ihm dies eine Mal nur wegen des Loches im Kopf so deutlich als
erstes Mal im Gedchtnis.
    Er mute noch mehrmals zurckkehren, um den Verband erneuern zu lassen, und
bei diesen Besuchen lernte er das ganze Kloster kennen. Seine Mutter begleitete
ihn jedesmal, obschon der Weg von ihrem Huschen ganz kurz war und er recht gut
htte allein gehen knnen. Aber er erfuhr, da seine Mutter frher, vor vielen
Jahren, als sie noch jung war und unverheiratet, ganz bei den Nonnen gelebt
hatte; er sah dort andere Frauen, die auch in dem Kloster erzogen worden waren
und immer wieder gern auf ein Stndchen hingingen, und die den Schwestern
erzhlten, das Leben sei nie mehr so schn geworden, wie es damals bei ihnen
gewesen. Sie litten alle am Vergangenheitsheimweh, ohne es selbst zu wissen.
Tschun htte das noch gar nicht verstehen knnen, denn seine Welt war noch ganz
Gegenwart.
    Eines Tages, als Tschun wieder mit seiner Mutter nach dem Petang gegangen
war, sah er ein paar grne Snften vor dem Eingangstor stehen. Trger hockten
herum und rauchten aus kleinen Pfeifen, und Reitknechte in bunten seidenen
Rcken fhrten Pferde auf und ab, die in der frischen Herbstluft dampften, wie
Schsseln schnen warmen Reises. Die Pferde trugen kleine Ledersttel auf dem
Rcken, wie Tschun sie damals noch nicht kannte. Die Schwester Apothekerin
erzhlte, einige Herren und Damen von den fremden Gesandtschaften htten den
Bischof besucht und seien nun herbergekommen, um auch die Schule der Nonnen zu
besehen. Als Tschun mit seiner Mutter in die weie Veranda heraustrat, standen
die Fremden gerade da und verabschiedeten sich von der alten Oberin. Die Herren
trugen hohe Stiefel aus gelbem Leder, das wie Spiegel glnzte, und Tschun
wunderte sich sehr darob, denn er dachte, alle Menschen trgen sommers kleine
chinesische Zeugschuhe mit dicken Filzsohlen und winters zum Reiten hohe
Samtstiefel. Tschun war so beschftigt mit den gelben Stiefeln, da er die
fremden Menschen selbst gar nicht sehr beachtete. Nur eine Dame fiel ihm auf,
weil sie sich zu ihm beugte und sein Gesicht streichelte: und obschon es
Sptherbst war, und alle Blten lngst erfroren waren, kam es Tschun vor, als
dufte es pltzlich um ihn nach Blumen; da die freundliche Dame aber statt
glattem, schwarzem Haar krause rtliche Lckchen bis nahe an die Augen hngen
hatte, empfand Tschun als etwas sehr Hliches, und sie tat ihm darum sehr leid.
    Als die Fremden fort waren, erzhlte die Oberin, der eine kleine, ltliche
Herr sei derjenige Gesandte, der den Bischof, die Priester, die Nonnen und den
ganzen Petang beschtze. Tschun konnte das nicht begreifen. Der Bischof, mit dem
goldenen Kleid und der hohen glnzenden Mtze, von dem grauen, unscheinbaren
Mnnchen beschtzt? Wahrscheinlich hatte sich die Oberin geirrt, und es war
gerade umgekehrt.
    Aber Tschun hatte nicht Zeit, sich lange bei den verwickelten Beziehungen
zwischen Kirche und Staat aufzuhalten. Er stand in dem Lebensalter, da jeder Tag
neue, erstaunliche Entdeckungen bringt - der erste Schnee, der im Gedchtnis
weier und glitzernder zurckbleibt als alle spter erlebten Schneeflle, die
langen Karawanen zottig-brauner Kamele, die allherbstlich aus der Mongolei
kommen, und denen er sich doch nicht erinnern konnte je frher in den Straen
ausgewichen zu sein; dann die langausgedehnten Neujahrsfeste, vor deren Beginn
er Verwandte und Nachbarn immerzu von Geld reden hrte und von der
Notwendigkeit, Schulden zu bezahlen; und dann die Festzeit selbst, in der die
Welt auf einmal mit bunten Bildern, Glckssprchen und Laternen angefllt zu
sein schien, wo von einem Haus zum anderen Bretter mit Geschenken getragen
wurden, kstliche Sigkeiten und groe rosa Klatschrosen, oder knstlich
verkrppelte, blhende Pflaumenbumchen, die rote Visitenkarte des Gebers auf
all den Herrlichkeiten obenauf liegend; eine Zeit, in der Feuerwerk abgebrannt
und die ganzen Nchte hindurch geschossen wurde, whrend tagsber geputzte Leute
durch die Straen gingen und Besuche austauschten, bei denen man sich ber
zahllosen Tassen Tee und unter vielen Verbeugungen nach gegenseitigem Befinden
erkundigte und sich Gutes wnschte. Es gab unendlich viel zu sehen fr Tschun,
der sich so gern drauen herumtrieb; aber in der ganzen festlichen Welt
erschienen ihm als begnstigtste Wesen ein paar Nachbarskinder, die fr einige
Kupfermnzen Knallerbsen gekauft hatten und damit in der Strae um sich warfen.
Ob der Knallerbsen, und besonders, weil diese Kinder schon in die Schule gingen,
erschienen sie Tschun als in der menschlichen Hierarchie weit ber ihm stehend.
Bald aber war er ihnen zu ebensolcher Hhe nachgewachsen, und als er sechs Jahre
alt war, begann auch er eine vom Petang abhngige Schule zu besuchen. Er war
stolz darauf, denn aberglubische Ehrfurcht vor den Wissenschaften war ihm, wie
jedem Chinesen, angeboren. Alle Morgen, nachdem zu Hause von der ganzen Familie
der Frhtee und die beim vorberziehenden Straenhndler gekauften Kuchen
verzehrt worden waren, wobei Tschun als Jngster, wie sich's schickt, zuletzt an
die Reihe kam, wanderte er nun brav durch die schmutzigen Straen zur Schule,
ohne sich durch die Lockungen all dessen, was es unterwegs zu begaffen gab,
verleiten zu lassen. Der Weg zur Gelehrsamkeit ist lang, hatte Tschun sagen
hren, da durfte man nicht gleich bei den ersten Schritten sumen.
    In dem Schulzimmer kauerte Tschun mit den kleinsten Schlern auf dem Kang,
whrend die greren auf Bnken an Tischen saen. Chinesische Lehrer, die selbst
von den fremden Priestern ausgebildet worden waren, unterrichteten die Knaben im
Lesen und Schreiben der, ach so schwierigen, chinesischen Schriftzge, vor allem
aber im Katechismus und der biblischen Geschichte. Den Methoden des chinesischen
klassischen Unterrichts sich weise anpassend, bestanden die Aufgaben auch hier
hauptschlich nur im mechanischen Auswendiglernen. Dabei ging es aber sehr
lebhaft her, denn all die Kinder lernten gleichzeitig und mit mglichst laut
erhobener Stimme ihr Pensum und berhrten sich gegenseitig, ehe sie dem Lehrer
aufsagten; gegen den verwirrenden Lrm, der hierdurch auf der langen Strae zur
Gelehrsamkeit herrschte, waren Lehrer und Schler gleich unempfindlich.
    Am besten gefielen Tschun die Stunden in der biblischen Geschichte. Die
Patriarchen erschienen ihm bald wie alte Bekannte, chinesischen Familienchefs
gleichend, waren sie Hohepriester und Herrscher zugleich. Abraham, den Isaak
schlachtend, war Tschun ein gelufiger Begriff, denn Vter waren ja nun mal
allgewaltige Wesen, Herren ber Tod und Leben, auch in China - besonders in
China. Und ebenso erschien es ihm nichts gar zu Absonderliches, da sich Brder
fanden, die einen der Ihren, den jungen Joseph, wie ein kleines, lstig
gewordenes Haustier verkauften. Denn wenn zwar das Christentum seiner eigenen
Familie Kinderttung oder Verkauf ausschlo, so war es doch eben nur ein
Christentum weniger Jahre. Dahinter aber lagen die Jahrtausende chinesischer
Vergangenheit mit all ihren aufgespeicherten Anschauungen und Sitten. Und das
hatte ja Tschun hufig erwhnen hren, da bei den stets wiederkehrenden
Hungersnten noch heute alljhrlich Tausende von Kindern in dem einen oder
anderen Teil Chinas ausgesetzt, verkauft oder gar von den Ihrigen gettet
wurden. - Wenn Isaak statt eines Sohnes eine Tochter gewesen wre, so htte
Tschun den Vorgang freilich fr noch viel begreiflicher gefunden, und dann wre
der Tientschu auch wohl schwerlich dem Abraham noch im letzten Augenblick
hindernd in den Arm gefallen, denn das wei ja ein jeder, da kleine Mdchen
minderwertige Geschpfe sind, um deren Rettung sich sicher kein Himmelsherr
sonderlich bemhen wrde, und da Vter sie als Besitz, an dem Geld verloren
wird bezeichnen, da sie ihnen ja zur Heirat eine Aussteuer geben mssen, die
dann samt ihrer Arbeitskraft an die Familie des Ehemannes verloren geht.
    Im Petang dachte man ber solche Dinge freilich anders. Unter den kleinen
Waisenmdchen, die dort von den Nonnen aufgezogen und unterwiesen wurden, gab es
manche, die verlassen und hungernd von Missionaren in Ueberschwemmungsgebieten
aufgefunden und dann gerettet worden waren. Gerettet an Krper und Seele, denn
auer der leiblichen Nahrung hatte man ihnen vor allem gleich die Taufe
gespendet. - Ja, was taten diese fremden Menschen nicht alles, um solch armes
Seelchen aus dem groen Meere des Verderbens herauszufischen und fr ein seliges
Jenseits zu gewinnen! um den Himmel zu bevlkern, wie sie es nannten!
Allmhlich erfuhr Tschun mehr darber. Es sollte Nonnen geben, die ihnen vllig
fremde Pest- und Cholerakranke pflegten, andere, die es sich sogar zur Aufgabe
gestellt hatten, die doch unrettbar verlorenen Ausstzigen aus ihren
jmmerlichen Schlupfwinkeln hervorzuholen und diesen Allerelendesten und
Allereinsamsten, deren schwrende Krper wie morsches Zeug auseinander fielen,
in besonderen Anstalten wenigstens das Lebensende zu erleichtern. Von einem
Priester hrte Tschun erzhlen, der in einer fernen chinesischen Stadt lebte, wo
ein besonders bser Mandarin die ihm unbequemen Leute, falls sie zu arm waren,
um sich durch Lsegeld freizukaufen, ins Hungergefngnis werfen lie. Alle
Morgen ging der Priester zu dieser Sttte des Grauens. Sobald die Gefangenen ihn
drauen an der stark vergitterten Tr erblickten, durch die allein Licht und
Luft in ihr niederes, finsteres Gela drang, krochen und wankten sie zu ihm
heran. Halb nackte, skeletthafte Gestalten, alle an eine Kette angeschlossen.
Und durch das Gitter, in den von verpesteter Fulnis angefllten Raum hinein,
beim unheimlichen Sthnen der vor Hunger Verschmachtenden und dem Rcheln der
Sterbenden sprach ihnen der Priester von einem lichten Jenseits, von
Auferstehung und Leben. Durch das Gitter auch taufte er sie, und da gab es
keinen dieser in Finsternis und dem Schatten des Todes Sitzenden, der nicht
allzugern einen Glauben angenommen htte, der ihm fr die hier erduldeten Qualen
eine die Ewigkeit whrende Seligkeit im Himmel verhie.
    Es dnkte Tschun sehr seltsam, da die fremden Mnner und Frauen, die doch
ruhig daheim htten bleiben knnen, ber das groe Meer gefahren waren, um sich
hier gerade solche Aufgaben zu suchen. Und wenn sie denn schon durchaus Armen
und Kranken helfen wollten, was dem Chinesentum in Tschun durchaus nicht als ein
unabweisbares angeborenes Bedrfnis begreiflich erschien, so frug er sich, warum
sie sich nicht lieber zu Hause so bettigten? Vielleicht gar, weil es dort keine
so Arme und Kranke gab? Das war ein ganz neuer Gedanke, und er erffnete Tschun
merkwrdige Ausblicke. Sehr wunderliche Vorstellungen begann er sich von der
fernen, unbekannten Welt zu machen, aus der die fremden Priester und Nonnen
stammten. Es zog ihn immer mehr zu diesen Lndern hin, wo der wahre liebe Gott
seine eigentliche Heimat hatte, und wo die Menschen offenbar so viel, viel
besser waren.
    Nachdem Tschun die ntige Zeit mit der Erlernung von Katechismus und der
biblischen Geschichte verbracht hatte, ward er samt seinen Mitschlern zur
ersten Kommunion im Petang zugelassen. Auf der einen Seite des Altars unter dem
blauen Sternenhimmel knieten die Knaben mit frisch rasierter Stirn und
wohlgeflochtenem Zopf, der ihnen glatt am Rcken herabhing. Auf der anderen
Seite knieten die von den Nonnen gefhrten kleinen Mdchen in ihren buntesten,
schnsten Kleidern. Und sie alle empfanden sich an dem Morgen als sehr wichtige
junge Wesen, sowohl wegen ihrer Zerknirschung ob der vorher bei der Beichte
eingestandenen Snden, als weil ja der ganze Gottesdienst samt dem Gesang und
Orgelspiel ihnen und ihrem Eintritt in die Gemeinde zu Ehren abgehalten wurde.
    Tschun begriff immerhin so viel von der Feier, da er von nun an, aus
eigenem freien Willen, zu dem wahren lieben Gott gehre und sich hten msse, an
gar manchem, was zum Leben der groen Mehrzahl der Chinesen gehrt,
teilzunehmen. Ja, das Christentum errichtete doch eine Art Scheidewand. Man war
eigentlich kein so ganz echter Chinese mehr. Wenigstens meinten das die anderen,
wenn sie sagten: Ihr gehrt zu den Fremden, lat Euch von denen beschtzen.
Die Priester, und an ihrer Spitze der mchtige Herr Bischof, traten ja auch
wirklich bei allen Gelegenheiten fr ihre Gemeindemitglieder ein und suchten sie
davor zu bewahren, von den Mandarinen ihres Glaubens halber ganz besonders
bervorteilt und ausgebeutet zu werden. Die Hauptschtzerin aber blieb doch
immer die Madonna, und ihr mute man dafr treu bleiben. Das sagte auch der Herr
Bischof, als die Kinder nach der Kommunion die Kirche verlassen hatten, und er
im sonnigen Hof, wo groe Fliederbsche blhten, noch eine besondere Ansprache
an sie richtete. Dabei schenkte er jedem ein Bild der Madonna, deren Statue im
Garten der Nonnen zwischen roten Rosenbeeten steht, und sprach: Es knnen noch
schlimme Zeiten fr uns alle kommen, denn die Madonna und wir, ihre Diener,
haben starke Widersacher, drum mssen wir wachen und beten, da uns die Stunde
nicht unvorbereitet finde, wo vielleicht auch an uns der Ruf ergeht, fr unseren
Glauben alles einzusetzen. Und Tschun dachte, in der frommen Erregung der
Stunde, da es schn sein msse, fr die Madonna zu kmpfen und zu sterben, wie
er vernommen, da so manche Heilige und Mrtyrer es getan.
    Zu Hause heftete er dann das Bild an die Wand, wie die echten Chinesen es
mit dem Bildnis Pussas, der Gttin des Kindersegens, tun. Dabei ging es ihm
pltzlich durch den Sinn, da zwischen den beiden der Unterschied eigentlich gar
nicht so gro sei, denn auch Pussa wurde stets mit einem Kinde dargestellt.
Etwas Aehnlichkeit bestand auch zwischen Thin lao yeh, dem chinesischen
Himmelsgrovater, und Tientschu, dem wirklichen christlichen Gottvater.
Vielleicht waren die alle untereinander doch ein bichen verwandt? Dann mochten
die chinesischen wohl die minderwertigeren sein, wie sie in allen Familien
vorkommen.
    Nach einigen Tagen religiser Exaltation, wo der Himmel so viel nher und
wichtiger schien als die Dinge dieser Erde, lenkten sich die Gedanken indessen
bald wieder mit praktischer Nchternheit auf das diesseitige Alltagsleben. Denn
es galt nunmehr, Tschuns knftigen Beruf zu bestimmen. Darber aber hegte er
selbst seit langem schon einen geheimen Wunsch.
    Tschun besa nmlich einen Onkel, der in einer der fremden Gesandtschaften
angestellt war und ihm oftmals von dort erzhlt hatte. Es klang alles so
geheimnisvoll und lockend, und Tschun ri die kleinen Schlitzugelchen so weit
auf als es ging, wenn Onkel Kuang yin von all den kostbaren auslndischen Dingen
sprach, die die Huser der Fremden fllten, von den Oefen, die winters in allen
Zimmern geheizt wurden, von den vielen Lampen, die abends brannten. Am
merkwrdigsten erschien ihm die Beschreibung der groen Mahlzeiten, bei denen
Herren und Damen zusammenkmen und die Damen Kleider trgen, aus denen ihre
nackten Arme und Schultern herausschauten. Also angetan, sprngen sie nachher
wie wild zusammen durch das Zimmer; das daure bis tief in die Nacht hinein, beim
Klang einer seltsam unverstndlichen fremden Musik. Aber aus all den Erzhlungen
klang eines immer wieder deutlich heraus, da nmlich die Fremden alle
schrecklich reich sein muten. Ganze Vermgen stiegen als Rauch durch die
Schornsteine in die Lfte. Es schien kaum glaublich, da man so mutwillig
verschwenden knne. Wieviel verstndiger waren da doch die Chinesen, die winters
einen wattierten Rock ber den anderen ziehen, sich die Hnde am Kohlenbecken
wrmen, auf dem Wasser zum Tee gekocht wird, und nachts auf dem Kang nahe
aneinanderrcken.
    Ja, diese Fremden in dem Gesandtschaftsviertel muten nach des Onkels
Erzhlungen ganz rtselhafte Wesen sein! Es hie, da sie Dinge knnten, die
beinahe wie Hexerei klangen, und daneben waren sie doch offenbar erstaunlich
dumm und unbeholfen! Die wenigsten von ihnen verstanden auch nur die einfachsten
chinesischen Worte, und von keiner Sache, meinte Kuang yin, wten sie den
richtigen Preis und lieen sich betrgen, da man sich fr sie ob ihrer Torheit
schmte.
    Tschun htte diese fremde Welt gar zu gern auch gesehen, und er sagte darum
seiner Mutter, da er, wie Kuang yin, Diener in einer der Gesandtschaften werden
mchte. Aber da kam er schlecht an. Die einzigen guten Fremden sind die
Priester und Nonnen des Petang, antwortete sie ihm, die hat uns der liebe Gott
gesandt, aber die anderen sind sicher alle schlecht, und ihre Frauen wissen
offenbar nichts von Zucht und guter Sitte. Da gehrst Du nicht hin.
    Die Mutter hatte einen alten Vetter, Yang hung, der Uhrmacher und Hndler
chinesischen Schmuckes war, zu dem wollte sie Tschun in die Lehre geben. Es ward
in der Verwandtschaft viel darber hin und hergeredet, denn da Tschuns Vater
lange schon tot war, fand man dies eine passende Gelegenheit, der Witwe gute
Ratschlge zu geben. Mit echt chinesischer Geringschtzung der Zeit wurden ber
etlichen Schalen Tee und zwischen ein paar Zgen aus den kleinen Pfeifen endlose
Gesprche gefhrt. Denn sprechen kostet nichts und ist daher eine Freude, die
sich auch der rmste Chinese mit oder ohne Veranlassung gern gestattet.
    Kuang yin, der immer schne seidene Kleider trug und statt der Pfeifchen
lieber Zigaretten rauchte, htte Tschun gern zu einer Anstellung in einer
Gesandtschaft verholfen, denn er hielt nicht viel vom Uhrmacherberuf. Er ging so
weit, zu behaupten, das Importieren der einzelnen Uhrenteile aus Europa und
nachherige Zusammensetzen durch die chinesischen Uhrmacher wrde bald keinen
Profit mehr abwerfen, denn die fertigen europischen Uhren wrden alljhrlich zu
immer niedrigeren Preisen in den fremden Lndern ausgeboten. Reparaturen wrden
schlielich die einzigen Arbeiten sein, die brig blieben. Ja, meinte Kuang
yin, wenn wir die einzelnen Uhrenteilchen hier in China selbst fabrizierten
mittels Maschinen und Dampf, wie die Fremden es bei sich zu Hause machen, dann
knnten wir sie sicherlich unterbieten, denn die fremden Arbeiter sollen
verwhnte, anspruchsvolle Leute sein, die sich nie mit kleinem Gewinn begngen -
das hat mir der alte Wey erzhlt, der ja in Europa gewesen ist.
    Die anderen schttelten die Kpfe. Kuang yin war doch einer der Ihrigen, den
sie von klein auf kannten, aber er schien ihnen manchmal recht absonderlich mit
seinen neuen Ideen - doch was kann man von einem erwarten, den sein Broterwerb
zwingt, tagaus tagein mit den unheimlichen Auslndern zusammen zu sein. Nur der
fortschrittlich gesonnene Vetter Wang pao hielt es mit ihm und meinte: Wenn
diese Fremden wirklich so viel mehr wissen als wir, sollte man es ihnen auf
allen Gebieten ablernen. Gewi, stimmte Kuang yin eifrig bei, so wie es die
Japaner gemacht haben. Die sollen uns ja mit ihren neuen Waffen vor einigen
Jahren sogar sehr geschlagen haben - wenigstens erzhlt man es so in den
Gesandtschaften - und da die Japaner uns viel Land fortgenommen haben wrden,
wenn uns die Fremden beim Friedensschlu damals nicht geholfen htten.
    Ein unglubiges Gemurmel entstand. Der Japanische Krieg und seine Ergebnisse
waren durch die Regierung stets als eine Strafexpedition gegen die zwerghaften
Inselrebellen dargestellt worden und der Bevlkerung nie recht zum Bewutsein
gekommen.
    Am besten wre es schon, man verjagte sie samt und sonders wieder,
murmelte der ob seiner Fremdenfeindschaft bekannte greise Groonkel Lin te i.
Gar so schwer knnte es doch nicht sein, denn es sind ihrer ja nicht viele.
    Trotz aller Ehrfurcht, die ich der Weisheit Eurer verehrungswrdigen Jahre
schulde, Lin Lao yeh, erwiderte Kuang yin, mchte ich doch bemerken, da das
nicht so leicht sein wrde. Auch sagt Wey, in Europa sei jeder Mann Soldat, da
knnten immer neue hergeschickt werden.
    Sei doch nicht zu sicher, da die Fremden fr ewig hier sind, Kuang yin,
sagte mit hmischer Miene der Vetter Sin schen, den allerhand dunkle
Handelsgeschfte bis tief nach Schantung gefhrt hatten und der Kuang yin ob
seiner sicheren Einnahmen und seines behaglichen Lebens in der Gesandtschaft
eigentlich beneidete, gerade Ihr hier in Peking wit am wenigsten, was im Lande
vorgeht. Weitgereiste Leute wie ich hren mehr davon. Und wenn es auch richtig
ist, da uns die fremden Teufel damals beim Friedensschlu gegen die Inselzwerge
geholfen haben, so hat nachher doch jeder von ihnen ein Stck unseres Leibes fr
sich begehrt. Darob herrscht allerwrts wachsende Erbitterung. Wer wei, was wir
noch erleben werden!
    Zu solch fernabschweifenden Errterungen hchster politischer Probleme
fhrte die belanglose Frage, welchen Beruf eines der Millionen chinesischer
Menschenstubchen ergreifen solle!
    Dies Menschenstubchen selbst wurde dabei von niemand um seine Meinung
befragt, und Tschun wute, da das so in der Ordnung sei, aber es rgerte ihn
doch im stillen, denn er mute wohl von irgendwoher ein Krnchen
Unabhngigkeitsgefhl geerbt haben, das geeignet sein mochte, ihn noch in
Konflikte mit dem Althergebrachten zu fhren. Zum erstenmal entstanden allerhand
verworrene Gedanken in ihm, fr die er keine Worte gewut htte, und die
vielleicht mit dem Recht auf Selbstbestimmung zu tun hatten, das sich
gelegentlich in Einzelnen und in Vlkern ganz unerwartet regt - wenn das, auf
einen der Millionen kleiner Chinesenjungen angewandt, nicht gar so lcherlich
groklingende Worte wren.
    Immer wieder dachte Tschun, wie herrlich es doch gewesen wre, mit Kuang yin
in der Gesandtschaft leben zu drfen. Denn alles, was er von den Verwandten ber
die Fremden gehrt, auch das, was diese als Grund zur Geringschtzung gegen sie
anfhrten, hatte seinen Wunsch, sie kennen zu lernen, nur noch erhht. Es muten
doch fabelhafte Wesen voll geheimer Macht sein, da sie es vermochten, sich, ein
Huflein nur, im Riesenreich China zu halten, wo ihnen offenbar niemand
wohlgesonnen war. Und nicht nur sich zu halten, sondern gelegentlich sogar als
Schtzer Chinas aufzutreten - als Schtzer freilich, die nachher reichen Lohn
fr ihre Hilfe einzutreiben wuten. Aber Tschun fand, da man ihnen dies
letztere doch eigentlich nicht verargen knne, denn wo wre der Mensch, so dumm,
Dienste umsonst zu leisten? - Eher sollte man fragen: was taten denn indessen
die chinesischen Soldaten, die an der hohen Stadtmauer das Bogenschieen ben,
und die anderen, die doch so groe Flinten haben, da immer zwei Mann an einer
schleppen muten? Und die Kriegsdschunken, denen am Bug riesige Augen aufgemalt
sind, damit sie die Ruber an den Ksten ersphen knnen? Was taten die vielen,
vielen Mandarine, die so gelehrt waren und die hchsten Examen in der
klassischen Weisheit bestanden hatten? Was taten der gromchtige Himmelssohn
und die sagenhafte Kaiserin, die hinter den purpurnen Mauern der verbotenen
Stadt unter goldenen Dchern wohnten? Waren sie etwa alle alt und schwach im
Vergleich zu diesen neuen starken Menschen?
    Ja, wie er mimutig also nachsann, war Tschun zum erstenmal, und ohne es
selbst zu wissen, dem Geist der Nrgelei an der eigenen Regierung wohl
bedenklich nahe gekommen. Und, wie so oft in diesen Fllen, hatte das Scheitern
eines kleinen persnlichen Wunsches den ersten Anla zu solcher Gedankenrichtung
gegeben.
    Doch kurz ehe Tschun in das Haus seines neuen Lehrmeisters, des alten
Vetters Yang hung bersiedelte, kam der Onkel Kuang yin eines Morgens zu Tschuns
Mutter und bat, sie mge doch erlauben, da Tschun gleich mit ihm komme, in der
Gesandtschaft, wo er diene, sei abends ein groes Fest, und dazu brauche die
Frau seines Herrn einen Jungen von Tschuns Alter und Gre.
    Was kann denn die fremde Taitai mit meinem Kinde wollen? fragte die Mutter
sehr mitrauisch.
    Es ist heute etwas ganz Besonderes, antwortete Kuang yin wichtig, eine
Vorstellung hnlich wie ein Theater, nur da die Menschen sich dabei gar nicht
bewegen drfen, sondern regungslos dastehen und nicht sprechen, sie nennen das
lebende Bilder.
    Da ist sicher eine Hexerei dabei, unterbrach ihn die Mutter, und nachher
kann Tschun sich womglich gar nicht mehr rhren.
    Aber nein doch! entgegnete Kuang yin berlegen. Ich habe seit Tagen schon
die Proben dazu gesehen, da ist nichts von Hexerei dabei, sie knnen nachher
alle schwatzen und springen wie zuvor.
    Aber wenn schon alles ausprobiert ist, warum brauchen sie nun pltzlich
noch mein Kind?
    Es ist fr ein Bild, wo die Taitai selbst steht, antwortete Kuang yin, da
sollte der kleine Sohn eines der anderen fremden Gesandten dabei sein, aber er
ist krank geworden. Die Taitai hat befohlen, ich solle mit grter Eile einen
chinesischen Jungen als Ersatz schaffen, und ich habe es versprochen. Ihr wollt
doch nicht, da ich vor ihr mein Gesicht verliere, indem Ihr mich hindert, mein
Versprechen zu halten?
    Ich hab' aber doch so Angst, da es fr Tschun schlimme Folgen haben
knnte, sagte die Mutter noch immer eigensinnig und voll bsester Ahnungen, und
als schwersten Einwand setzte sie hinzu: Was glaubt Ihr wohl, da die guten
Nonnen im Petang zu solchen Dingen sagen wrden?
    Nun, da kann ich Euch beruhigen, fiel Kuang yin rasch ein, gerade die
Nonnen haben ja das Kleid der Taitai fr das Fest gestickt.
    Er fhlte, da er nun gewonnen hatte, und nachdem Tee getrunken und geraucht
worden war, wobei Kuang yin die anbefohlene grte Eile ganz vergessen zu
haben schien, gab Tschuns Mutter wirklich ihre Einwilligung.
    Ich bin nur ein wertloses Bndel, sagte sie zu Kuang yin, Ihr dagegen
seid der Bruder von Tschuns seligem Vater und mt wissen, ob dies seinem Geist
genehm ist.
    Als sich dann Kuang yin empfahl und Tschun zum Abschied sich vor der Mutter
niederwarf und den Boden mit der Stirn berhrte, stellte sie noch die Bedingung,
da er am nchsten Tage ganz bestimmt heimkehren msse.
    So trabte denn nun Tschun neben dem Onkel durch die Straen, mit klopfendem
Herzen und kaum an sein Glck zu glauben wagend, da er nun wirklich all das
sehen solle, was ihn so lang schon geheimnisvoll anlockte. Unterwegs frug er den
Onkel, ob er vor der Taitai Kowtow zu machen habe. Doch Kuang yin antwortete:
Es gengt vllig, wenn Du bei der ersten Begrung Dich verneigst und den Boden
scheinbar mit der Hand berhrst. Hflichkeit wie wir kennen ja all diese Fremden
gar nicht - das wirst Du bald merken - warum also an sie verschwenden, was sie
doch nicht verstehen. Ein paar von ihnen wissen ein bichen mehr, das sind ihre
Gelehrten, die bersetzen fr sie und schreiben ihnen ihre chinesischen Briefe.
    Die Gesandtschaft war von einer hohen Mauer umgeben, und nachdem der
Pfrtner auf Kuang yins Pochen die kleinere der Eingangstren geffnet hatte,
fand Tschun, da es drinnen eigentlich recht chinesisch ausshe. Sie schritten
durch eine groe offene Eingangshalle, deren geschweiftes, mit Himmelshunden
besetztes Dach auf bemaltem Geblk und hohen roten Sulen ruhte und an
buddhistische Tempel erinnerte. Nur auffallend gepflegt war alles, und in den
Wegen des Gartens lag nicht der geringste Unrat. Ganz wie im Petang. Sauberkeit
war also offenbar eine Eigenschaft der Europer.
    Doch da kam ihnen schon vom Hause her ein anderer Diener entgegen, der
ebensolch schne seidene Kleider trug wie der Onkel.
    Die Taitai ist mal wieder schrecklich ungeduldig, sagte er, und frgt
bestndig, ob Ihr noch immer nicht mit Eurem Neffen da wrt. Ich sollte sogar
schon gehen nach einem anderen Knaben zu suchen, aber ich habe es
hinausgeschoben, denn ich wollte doch nicht, da Ihr Euer Gesicht verlrt.
    Wie die Kinder sind sie doch alle, murmelte Kuang yin, wenn sie etwas
wollen, strecken sie die Hnde aus und schreien, um es rascher zu bekommen.
    Durch ein Vorzimmer und andere Rume gingen sie nun, und Tschun glaubte in
einem chinesischen Kuriosittenladen zu sein, so viel Bronzetiere,
Cloisonn-Vasen, Lackksten und Nephritschalen standen da allerwrts herum.
Daneben freilich gab es vergoldete Mbel, riesige Spiegel, Teppiche,
Kronleuchter und Bilder, die nicht gerollt wurden, sondern in breiten Rahmen
hingen. Lauter Dinge, die Tschun noch nie gesehen hatte. Er war doch sehr
verwundert ber alles, aber er zeigte uerlich nichts von seiner Erregung,
sondern bewahrte vlligen Gleichmut, wie es sich fr den Abkmmling einer
uralten Rasse ziemt, die das Erstaunen der Neulinge auf Erden seit Jahrtausenden
nicht mehr kennt.
    Nun traten sie in den groen Saal, wo das Fest stattfinden sollte. Die
Taitai, flsterte Kuang yin, und Tschun machte, wie der Onkel, einen kleinen
Knix und streifte mit der Hand den Boden. Die Taitai hatte leider auch das
seltsame Haar, dem die Fremden ihren Namen der rothaarigen Teufel verdanken,
aber im brigen gefiel sie Tschun eigentlich sehr gut. Sie sah ihn so freundlich
an, nur schade, da ihre Augen statt dunkel so merkwrdig blau waren, und sie
gab Tschun auch gleich ein groes Stck Kuchen. Sie selbst a aber sicher sehr
wenig, denn um den Magen herum war sie schrecklich dnn und trug einen festen
Ledergrtel. Tschun, der bisher nur Chinesinnen und Mandschufrauen in dicken,
abstehenden Jacken und weiten Gewndern gesehen hatte, fand es sehr merkwrdig,
da das Kleid der Taitai so eng wie eine zweite Haut auf ihr lag. Es mute sehr
unbequem sein! Die Taitai sprach furchtbar rasch in ihrer fremden Sprache mit
Kuang yin, der zu Tschuns groer Bewunderung es offenbar alles verstand und
ebenso antwortete. Dann kam ein fremder Herr, der Chinesisch konnte. Der redete
Tschun an und erklrte der Taitai, sein ganzer Name heie Tschun fung, was
Frhlingswind bedeute. Das schien der Taitai ganz besondere Freude zu machen,
denn sie lachte ganz laut. Und Tschun dachte: Was ist dabei nur so komisch?
    Der Tag verging nur allzu rasch mit allerhand Vorbereitungen. Tschun mute
einen merkwrdigen Anzug anprobieren, den er in dem Bild tragen sollte; er sa
ihm nicht ganz richtig, und eine alte fremde Dienerin der Taitai, die man Madame
Angle nannte, nderte ihn auf ihm. Sie kniete dabei vor Tschun auf dem Boden,
tat eine Anzahl Stecknadeln in den Mund, als wolle sie sie verschlucken, nahm
sie dann aber eine nach der anderen wieder heraus und steckte damit den Anzug
zurecht. Es war sehr unheimlich. Die Taitai stand dabei und trieb zur Eile an.
Als Tschun dann fertig war, nahm ihn die Taitai bei der Hand und lief mit ihm in
das Zimmer ihres Mannes, des Ta-jens. Tschun begriff aus den Gesten der Taitai,
da der Ta-jen ihn und seinen Anzug bewundern sollte, doch der sa vertieft in
groe Zeitungen da und wehrte nur mit der Hand ab, als seien Tschun und die
Taitai lstige Mcken. Tschun fand das ganz in der Ordnung, denn wie sollte so
ein gromchtiger Herr, dem die Massen kostbarer Dinge in dem Hause gehrten,
Gedanken fr einen kleinen chinesischen Jungen haben. Aber fr die Taitai tat es
ihm leid, denn sie sah darauf ganz verstimmt aus. Und Tschun dachte: sie htte
nicht so hereinlaufen sollen, whrend der Ta-jen arbeitete, lehrt doch
Konfuzius, da die tugendhafte Frau vor dem Mann sein soll gleich einer
schchternen Maus. - Das ganze Fest schien pltzlich der Taitai keinen Spa mehr
zu machen; als sei sie schrecklich mde, warf sie sich im Salon der Lnge lang
auf eines der weichen, bettartigen Mbel, die Tschun frher nie gesehen hatte,
und rauchte eine Zigarette nach der anderen, und wie Madame Angle hereinkam und
etwas frug, gab sie keine Antwort, sondern machte nun ihrerseits eine Gebrde,
als wolle sie eine lstige Mcke abwehren. Madame Angle verschwand auch ganz
rasch, und Tschun sah, wie sie erschreckt die Augenbrauen und die Schultern in
die Hhe zog.
    Dann kam aber Kuang yin und meldete etwas, und nun war die Taitai wieder
ganz verndert, sprang auf, warf die Zigarette weg und zog sich die Lckchen vor
einem der groen Spiegel zurecht. Da ging auch schon wieder die Tr auf, und ein
junger Herr kam herein, und der tat etwas, was Tschun ganz rtselhaft fand: er
drckte seine Lippen auf die Hand der Taitai! Dann mute der Herr Tschun in dem
schnen Anzug betrachten, und dabei benahm er sich ganz anders wie vorhin der
Ta-jen, klopfte Tschun auf die Schulter und sagte ein ber das andere Mal:
Tinchau, tinchau! Aber Tschun war nicht recht sicher, ob er ihn wirklich so
sehr hbsch fnde, oder ob er nur der Taitai damit Freude machen wolle. Der
junge Herr sollte auch mit in dem Bilde stehen, und sie probierten es nun alle
drei zusammen, und Kuang yin wurde dazu gerufen, um Tschun zu erklren, wie er
stehen msse, denn offenbar war das einzige Chinesisch, was der fremde Herr
konnte, sein Tinchau, tinchau!
    Von der Ankunft der Gste in ihren grnen Snften und dem Anfang des Festes
sah Tschun nichts, denn er mute hinter dem Vorhang bei all denen bleiben, die
in den Bildern stehen sollten. Aber auch das war sehr schn, denn niemand gab
acht auf ihn, da alle viel zu sehr mit sich selbst beschftigt waren, und so
konnte er denn die fremden Herren und Damen ganz genau betrachten. Die Taitai
gefiel ihm von allen am besten, und bei dem Bild, in dem sie stand, wurde
nachher auch am meisten geklatscht und gerufen, so da sie noch einmal stehen
mute.
    Als die Bilder vorber waren, gingen alle Darsteller auch in den groen
Saal, und Tschun mute dabei immer hinter der Taitai stehen bleiben, wie auf dem
Bilde, und ihre lange Schleppe tragen. - Dann wurde getanzt, wie Kuang yin es
beschrieben hatte. Da mute Tschun die Schleppe loslassen, und die Taitai tanzte
immerzu mit dem fremden jungen Herrn, der mit auf dem Bilde gestanden hatte.
Tschun fand, da die beiden eigentlich hbsch ausshen; die Taitai in dem Kleid,
das die Nonnen gestickt haben sollten, und der junge Herr in dem weien
Atlaskostm und den langen weien Strmpfen. Aber einem anderen der fremden
Herren gefiel es offenbar gar nicht, der schaute den beiden ganz bse nach,
Tschun konnte es deutlich sehen; und als dann die Taitai mit dem weien
Atlasherrn in die Glasveranda ging, wo nur ein paar chinesische Tempel-Laternen
zwischen Palmen brannten und es ganz stark nach allerhand Blumen duftete, da
ging der bse Herr ihnen nach. Die Taitai kam dann mit ihm von dort zurck und
nun tanzten sie zusammen, aber Tschun fand, da es lange nicht so hbsch aussah
wie vorhin mit dem weien Herrn - der bse Herr war ja auch lange nicht so schn
angezogen, er hatte einen schwarzen Rock an, der vorne kurz war und hinten in
zwei Schwnzen auslief. Die flogen, wenn er tanzte. Es sah zum Lachen aus. Aber
die Taitai lachte nicht, sie machte wieder das schrecklich mde Gesicht. - Aber
diesmal war nicht der Ta-jen dran schuld gewesen. Der sa den ganzen Abend in
einem Seitenzimmer mit drei anderen Herren an einem kleinen Tisch. Der Tisch war
mit grnem Tuch bezogen, zwei brennende Lichter standen darauf. Die Herren
hielten steife Papierstckchen in der Hand, auf denen Figuren gemalt waren. Die
legten sie einer nach dem anderen schweigend auf den Tisch und dann nahm einer
sie auf. - Es sah sehr feierlich aus. Vielleicht war es eine Zeremonie zu Ehren
einer Gottheit?
    Und dann waren all die vielen Gste fortgegangen.
    Tschun fand, da die Verabschiedungen der Fremden recht kurz und formlos
waren. Von den dreitausend Regeln, die doch bekanntlich fr das hfliche
Benehmen gelten, wuten sie offenbar wenig. Es gab da keine langen Verbeugungen
noch Danksagungen fr die groen Ausgaben, die das Fest den Gastgebern
verursacht - was sich doch schickt, wie man wei. Nur ein rasches Handschtteln.
Das war alles! Bequem mochte das freilich sein, und da sie von dem vielen Tanzen
sicher mde sein muten, kamen sie so schneller nach Hause. -
    Die Taitai sagte, Tschun solle am nchsten Morgen frh gleich zu ihr kommen.
Dann ging sie mit Madame Angle in ihr Schlafzimmer. Der Ta-jen war schon in
seinem, das am anderen Ende des Hauses lag.
    Die Diener lschten die Lichter und Lampen in den vielen Zimmern aus, auch
die Laternen in der Veranda, wo die Taitai mit dem hbschen weien Herrn
gestanden hatte. - Das ganze Haus lag wie tot da. Nur in den weitlufigen
Dienstbotenquartieren auf der anderen Seite des Hofes ging das Leben noch lange
weiter.
    Tschun hatte den Rest der Nacht in Kuang yins Zimmer verbracht, aber zum
erstenmal in seinem Leben nur wenig geschlafen. Er mute immer an all das
denken, was er gesehen. Das ganze bisherige Leben hatte nicht so viel enthalten
wie diese wenigen Stunden.
    Als Tschun am nchsten Morgen aufgestanden war und herausging, stand die
Taitai schon auf den Stufen vor dem Gesandtschaftshaus. Sie trug ein seltsam
enges Tuchkleid, hielt eine Peitsche in der Hand und wollte eben ausreiten. Ein
Mafu in Reitstiefeln, seidenem Kleid und Sommerhut hielt ihr Pferd. Ein paar
Herren waren auch dabei. Der eine konnte Chinesisch und er sagte zu Tschun, die
Taitai habe beschlossen, ihn als kleinen Boy ganz zu behalten, er knne gleich
dableiben, und der Schneider solle kommen und ihm seidene Kleider machen, wie
den anderen Dienern. Tschun fhlte, wie er ganz hei wurde vor lauter Freude.
Aber wie er eben danken wollte, kam Kuang yin hinzu und antwortete dem Herrn,
da Tschuns Mutter krank sei und ihn nur fr den einen Abend habe entbehren
knnen. Tschun begriff sofort, da dies nur die wohlerzogene Form sei, mit der
eine der dreitausend Regeln des hflichen Benehmens vorschreibt, jede Ablehnung
zu verhllen.
    Die Taitai aber nahm es ganz wrtlich, schien sehr gerhrt und sagte,
niemand verstnde besser als sie, da eine kranke Mutter solch kleinen Sohn
Frhlingswind brauche. Aber sie lie Tschun sagen, sobald die Mutter wieder
gesund geworden, solle er zu ihr zurckkommen und ihr besonderer kleiner Diener
werden; Madame Angle mute ihr zwei Dollar bringen, die gab sie Tschun. Und
dann tat sie wieder etwas ganz Entsetzliches; sie stellte einen Fu in die Hand
des fremden Herrn und der hob sie so auf das Pferd. Tschun glaubte zuerst, nicht
recht gesehen zu haben, denn die Fe einer fremden Frau darf man doch nie
betrachten oder gar anfassen. Die Priester im Petang wissen das auch, deshalb
salben sie den Frauen in China auch nicht die Fe bei der letzten Oelung. -
Tschun war so verblfft ber die Dreistigkeit des fremden Herrn, da er ganz
starr dastand und kaum bemerkte, da die Herrschaften fortritten, der dicke Mafu
auf seinem zottigen mongolischen Pony voran, um ihnen im Gewhl der Straen den
Weg zu bahnen.
    Dann aber wurde Tschun aus seinem Sinnen ber die seltsamen
Sittlichkeitsbegriffe der Fremden durch Kuang yin aufgeschreckt. Nun lauf
schnell nach Haus, sagte er, und bring' Deiner Mutter den einen Dollar; den
andern wollen wir wechseln, und Du gibst mir die Hlfte, dafr da ich Dir zu
diesem Geschft verholfen habe. Da trat aber auch schon der Trhter herbei,
der gesehen hatte, wie die Taitai Tschun das Geld gegeben hatte, und sagte: Ich
habe gestern die Tr geffnet fr Tschuns ersten Eintritt in dies Haus, wo er so
reichen Gewinn gefunden. Das verdient sicherlich einen Lohn.
    Darber lie sich ja auch wirklich nicht streiten, und so mute Tschun auch
noch mit ihm teilen.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Welt der Fremden, die, einer geheimnisvollen
kleinen Insel gleich, inmitten des ungeheuren Ozeans gelben Menschentums liegt,
kam Tschun in das Haus Yang hungs. - Das war ein weitlufiges, niedriges
Gebude, dessen verschiedene Zimmer auf zwei hintereinander liegende Hfe
mndeten. Es wimmelte von groen und kleinen Menschen, und gleichwie der
mongolische Nordwind winters rastlos durch die Straen weht, so ging hier durch
alle Rume unaufhrlich ein Murmeln, Sprechen und Diskutieren; oftmals aber
erhob sich das stndige Stimmengewirr zu schrferen Tnen, zu rgerlichen
Drohungen, Schreien und keifenden Auseinandersetzungen. Dann war es, als
schwelle ein gleichmiges Windesrauschen pltzlich an zu verderbenbringenden
Ben und wtenden Strmen.
    Der alte Yang hung und seine alte Frau waren nmlich, als sie noch jung
gewesen, des hchsten aller Segen, einer zahlreichen Nachkommenschaft,
teilhaftig geworden! Einige der Shne hatten im Laufe der Jahre Schwiegertchter
ins Haus gebracht, die dann ihrerseits weitere kleine Chinesenmenschen in die
Welt setzten. Und das alles bedrohte und balgte sich untereinander, und ohne den
Kampf ums Dasein theoretisch zu kennen, fhrte ihn ein jeder praktisch fr sich
durch. - Die schlimmsten Zeiten aber waren, wenn auch noch die Tchter mit ihren
Kindern zu Besuch kamen. Sie waren zwar alle nach auswrts verheiratet und
gehrten nun zu den Familien ihrer Schwiegereltern, aber die Besuche bei der
eigenen Mutter, die nach Neujahr und zu anderen Festzeiten blich sind, bilden
ja nicht nur die einzigen Freuden im Leben chinesischer Frauen, sondern
verleihen ihnen auch ein gewisses Ansehen den Verwandten des Mannes gegenber.
Keine der Tchter Yang hungs und seiner alten Frau htte darauf verzichtet! -
Sie kamen und blieben, mochten Brder und Schwgerinnen noch so scheel
dreinblicken oder bei lnger sich hinziehenden Besuchen gar deutlich erklren,
da Berechtigteren die Pltze weggenommen wrden. Und sie kamen und blieben
nicht etwa allein, sondern beladen mit mglichst all ihren Kindern; sie brachten
auch allerhand Nhereien und sonstige Arbeiten mit, die sie whrend des Besuches
bei der eigenen Mutter fr ihre neue Familie ausfhren sollten. Und wenn sie
endlich wieder abzogen, so lieen sie sich von der Mutter Ewaren zustecken, als
Mitbringsel fr die Schwiegereltern, wodurch sie sich einen freundlichen Empfang
sicherten. - Das erbitterte dann die Shne und deren Frauen, die sich samt ihren
Sprlingen benachteiligt vorkamen.
    So herrschten, wie in allen Welten, auch in der kleinen Welt von Yang hungs
Hause Interessengegenstze, die zu Spaltungen und wechselnden
Parteigruppierungen fhrten. Und inmitten der sich Befehdenden und wieder
Vershnenden stand Tschun als scheinbar Unbeteiligter, in Wahrheit aber als von
allen Ausgenutzter, der doch bei keinem Anhalt fand. -
    Als Lehrling hatte er mit auf den Markt zu gehen, den Laden zu reinigen,
Rechnungen in die Huser sumiger Schuldner zu tragen und allmhlich dem Meister
die schwere Kunst abzulauschen, wie man dem noch schwankenden Kufer die Ware
anpreist und ihn, nach langem Feilschen, den eigenen Preisforderungen willfhrig
stimmt. Aber neben diesen und manchen anderen beruflichen Obliegenheiten wurde
Tschun nicht nur von jedem im Hause zu irgendeiner anderen Arbeit gerufen,
sondern sie alle beschimpften ihn, wenn sie sich eigentlich gegenseitig meinten.
- Und immer war da eine der vielen jungen Mtter der Familie, die ihm einen
Sugling in die Arme legte oder ein anderes kleines Krabbelwesen zur Htung an
die Hand gab, whrend er noch auerdem einige grere Kinder, die frei
herumspielten, beaufsichtigen und durch seine bloe imponierende Gegenwart in
Schranken halten sollte. Gelang das nicht, und es entstand zwischen den lieben
Kleinen eine Balgerei, der beinahe die keimenden Zpfchen zum Opfer fielen, so
flogen die bei chinesischen Mttern gebruchlichen Beschwichtigungsformeln ich
werde Dich umbringen, ich werde Dich in siedendes Wasser werfen, nicht wie sonst
gegen die Kinder, sondern gegen den mit Verantwortung und Suglingen belasteten
Tschun. Und wenn der kleine Kuo wey und die kleine Ying-ying von ihren
Streifzgen durch die benachbarten Straen und Pltze, statt mit allerhand
seltsamem Brennmaterial, das jedes chinesische Kind fr den Herd zu sammeln
versteht, mit Rissen in den Kleidern heimkehrten, so wurde sicher irgendein
Zusammenhang zwischen Tschun und diesen bedauerlichen Vorkommnissen entdeckt,
wie es ja klar war, da nur er daran Schuld trug, da die kleine Schan tai in
kindlichem Mutwillen die alten Zeitungsfetzen zerrissen hatte, die doch
sorgfltig aufbewahrt werden sollten, um die Lcher in den Laternen auszukleben.
Auch htte natrlich Tschun den Enkel Tschao-So davor warnen sollen, den Boden
des Kochtopfes so lange mit einem Stein zu bearbeiten, bis ein Loch entstand, da
doch jeder wei, da zur rascheren Erhitzung des Inhalts und Vermeidung unntzer
Vergeudung von Brennmaterial die Bden der Kochtpfe sparsamer Familien in China
mglichst dnn gestaltet werden. - Am rgsten hatte es aber auf Tschun die
jngste, noch kinderlose Schwiegertochter des alten Yang hung abgesehen. Mei
hoa, der bisher jede, den lteren Schwiegertchtern nicht zusagende Arbeit
aufgebrdet worden war, hatte nun endlich jemand gefunden, der auf der sozialen
Rangleiter noch weit unter ihr stand, und dem sie ihrerseits mit schriller
Stimme befehlen konnte.
    Verweise erhielt Tschun von allen Seiten und vielleicht nicht immer mit
Unrecht, denn seine Gedanken irrten von den jeweilig anbefohlenen
Beschftigungen nur allzu leicht ab und wanderten unaufhaltsam zurck in die
Welt der Taitai. Ja, diesem chinesischen Menschenkind geschah das Seltsame, da
er eine Art Heimweh nach dem ihm doch ganz Fremden empfand.
    Am liebsten war Tschun noch im eigentlichen Verkaufsladen, der vorne nach
der Strae zu lag. Da sa der alte Yang hung und bastelte an den Uhren, die ihm
zum Reparieren gebracht wurden, und wenn er mit der groen runden Hornbrille
dabei auch wie eine bse Eule aussehen mochte, so wute Tschun doch bald, da er
eigentlich ein gutmtiger alter Mann war, der sich vielleicht im stillen oft
selbst verwunderte ob all der streitbaren Menschen, die ihren Ursprung auf ihn
zurckfhrten.
    Auer dem Uhrengeschft betrieb Yang hung noch einen Handel mit allerhand
chinesischem Schmuck. In Glasksten lagen Filigranfutterale fr die langen
Fingerngel, die das Abzeichen vornehmen, arbeitslosen Lebens sind, Haarnadeln,
die mit Fledermusen und sonstigen Glcksemblemen in Gold oder Silber verziert
werden, die runden Kristall- oder Bernsteinkugeln, die unablssig zwischen den
Fingern hin und her gedreht werden sollen, um die Gicht fernzuhalten. Die
verschiedensten metallenen Kleiderknpfe gab es und andere aus Nephrit fr die
Sommerjacken, whrend die fr Trauergewnder bestimmten aus weiem Stein sein
mssen. Grtelschnallen fr Mnner und Armbnder fr Frauen sah Tschun, und
kleine Schnupftabakflschchen aus Porzellan oder Glas, mit feinen, unter der
Glasur gemalten Bildchen. Seine kostbarsten Stcke aber stellte Yang hung nicht
aus; die lagen in blaue Baumwollfetzen gewickelt in einem alten Schrank, dessen
geschnitzte Tren Drachen wiesen, die sich um den Sonnenball wanden. Groe Ringe
aus grnstem Nephrit, die am Daumen getragen werden, verwahrte er da, und
Mandarinenketten, die immer 108 Kugeln aus Bernstein, Granat oder Nephrit zhlen
mssen.
    Diese Schtze bekamen die gewhnlichen Kunden gar nicht zu sehen, sie wurden
nur den bevorzugten gezeigt, den hochgeehrten, die man in ein hinteres Zimmer
fhrt, wo, als Begleitung jedes Geschfts, Tee, bisweilen auch die Opiumpfeife
dargeboten wird. Manche der alt angestammten Kunden brachten ihre Pfeife gleich
mit und trugen den Opium in Kstchen am Grtel. Whrend sie, auf dem Kang
liegend, in dem hinteren Zimmer Opium rauchten, und von der Wand herab das Bild
Li Ma-tos, des Schutzgeistes der Uhrmacher und Wirte, ber ihr seliges
Hindmmern in den duftenden Nebeln wachte, verlie sie Yang hung mit diskreten
Schritten. Erst wenn er annehmen konnte, da die Wolken des Traumrausches sich
gelichtet, kehrte er wieder, um nun allmhlich den Handel zu bereden, denn Eile
beim Geschft zu zeigen, widerspricht den Regeln hflichen Benehmens. Bei
solchen Gelegenheiten servierte Tschun mit artiger Gebrde den Tee oder er
kochte die Opiumpille ber der Flamme und fllte den Kopf der Pfeife.
    Dabei erhaschte er manch leises Wort ber Gerchte, die durchs Land liefen,
von geheimen Bewegungen und widerstreitenden Einflssen, die allerwrts,
besonders aber um die Allmchtigen unter den goldenen Palastdchern miteinander
rangen; von allerhand die Sitten der Fremden nachahmenden Neuerungen hrte er,
die aber, kaum eingefhrt, auch schon wieder gefhrdet schienen.
    Besucher, die von diesen Dingen flsterten, sah Tschun gern einkehren, denn
ihre Worte bauten ja Brcken zu jener Welt, in die es ihn gar so mchtig
zurckzog.
    Es kamen aber auch Kunden, die der alte Yang hung in ein nahes Restaurant
fhrte und dort mit warmem Reiswein, Pekinger Ente, Taubeneiern, Fischflossen
und Bambuskeimen traktierte, denn durch solch rechtzeitigen tiefen Griff in die
Tasche erwirbt sich der weise Kaufmann Freunde, die zu haben immer gut ist, da
man bei ihnen dann gelegentlich selbst wieder Geld zu niederen Zinsen borgen
kann. Besonders wertvoll aber erscheinen sie in Zeiten, wo im Lande von
bevorstehenden Umwlzungen geraunt wird.
    Viele Stunden verbrachte Yang hung auch ber der verwickelten chinesischen
Buchfhrung seines Geschfts. Und abends ordnete und zhlte er die an Schnren
aufgereihten, durchlochten Kupfermnzen, die im Laufe des Tages von Kufern
gezahlt worden waren. Das dauerte bisweilen bis tief in die Nacht, und dabei
mute Tschun helfen und mit seinen scharfen, jungen Augen suchen, ob sich
zwischen diese gewhnlichen Csch vielleicht eine seltene Mnze verirrt habe;
die wurde dann vom Strang abgezogen und anderwrts an Liebhaber verkauft.
    Am arbeitsreichsten aber waren die Tage, wo Yang hung zu den Jahrmrkten
zog, die allmonatlich in den groen Vorhfen mancher Tempel Pekings abgehalten
werden.
    Bisher hatte Tschun bei diesen Gelegenheiten im Laden zurckbleiben mssen,
aber nun sollte er den Meister zum ersten Male begleiten. Bei frhestem
Morgengrauen wurden die Waren sorgfltig eingepackt. Yang hungs kostbarste
Stcke waren dabei, denn er rechnete auf reiche mongolische Kundschaft, die die
Tempelmrkte gern besucht. - Dann brach man im zweirdrigen blauen
Maultierkarren auf. Yang hung sa drinnen mit seinen Kasten, Ballen und Bndeln.
Die zerbrechlichsten Gegenstnde hielt er ngstlich fest, wenn die mit eisernen
Ngeln beschlagenen Rder gegen groe Steine anprallten oder in besonders tiefe
Lcher und unheimlich grnliche Pftzen der chaotischen Straen gerieten und der
Karren dann abwechselnd in die Hhe oder tief herabgeschleudert wurde. Tschun
sa drauen auf der Deichsel neben dem Kutscher; er lie vergngt die Fe
baumeln und freute sich, endlich mal ins Freie zu kommen und den ihn peinigenden
Frauen und Kindern in Yang hungs groem Haushalt zu entgehen.
    In den Straen, die noch voll blulicher Schatten lagen, begann eben des
Tages Leben sich zu regen. Die Rufe der ersten Hausierer ertnten, und bei
diesem Klang erschienen an den Haustren die noch halb verschlafenen Gesichter
von Frhaufstehern, die bei den Vorberziehenden einkaufen wollten. Andere
dagegen warfen aus den Tren allerhand Unrat in die Straen, diese ewig
geduldigen offenen Kloaken Pekings. In die Huser selbst und ihre verschiedenen
Hfe konnte Tschun dabei jedoch nie blicken, denn hinter der in der ueren
Mauer angebrachten Tr erhob sich inwendig immer ein Stck freistehender
Quermauer, gleich einem groen Wandschirm, bestimmt, den bsen Geistern den
Eintritt zu wehren. Auer den Kaufenden und Verkaufenden waren aber auch schon
jene da, die vom Zufall leben, die Scharen von Bettlern aller Art. Aus den
rmsten aller Quartiere, wo fr die kleinste Kupfermnze nchtlicher
Unterschlupf gewhrt wird, waren sie hervorgekrochen, unheimliche Gestalten, die
unter verfilzten Haaren aus stieren Augen glotzten. Beulen und Wunden bedeckten
sie und bekleidet schienen sie hauptschlich mit Schmutz, der die Reste
einstmaliger Lumpen an ihnen festhielt. So kauerten sie und krochen sie in den
Straen und whlten in den Unrathaufen, ob sich da etwas fnde, das, von
Reicheren weggeworfen, ihnen noch zur Nahrung dienen knne. Die mit besonders
eklen Leiden Behafteten aber stellten sich gern vor ffentlichen Garkchen und
anderen Lden auf, hoffend, da die Besitzer, um ihren Kunden diesen Anblick zu
ersparen, sich mit einer Kupfermnze von solcher Nachbarschaft loskaufen wrden.
    Doch auch Erfreulicheres erblickte Tschun bei dieser Morgenfahrt. Er fuhr
unter hohen, bunt bemalten Gedenkbogen, die die Straen berspannen und treuen
Witwen oder verdienstvollen Staatsmnnern, denen im Leben wahrscheinlich unrecht
geschah, zu posthumer Ehr' und Andenken errichtet werden. Er sah hinter braunem
Gemuer die hochragenden grnen Kacheldcher groer Palste in der Frhsonne
schimmern, er sah Teiche, aus deren stiller Flche die jungen zusammengerollten
Lotosbltter sich erhoben; er kreuzte weiter leere Pltze, die verloren inmitten
der berfllten Stadt lagen, wo unter alten Bumen Schafe weideten und
verfallende Pagoden dem Nichtmehrsein entgegentrumten.
    Und endlich hielten sie vor dem Eingangstor des Tempels. Da war ein Gewhl
von Maultierwagen und knarrenden Schubkarren, von groen Hndlern und kleinen
Hausierern, die ihre Waren ausluden und in das Tor hereindrngten. Alle schrien
und schimpften dabei durcheinander in vlliger Unempfindlichkeit gegen Lrm.
Yang hung und Tschun hatten Mhe durchzukommen, und man mute die Augen weit
offen halten, denn in der sich schiebenden, quetschenden Menschenmenge hatten
die Taschendiebe leichtes Spiel. Drinnen im weiten Vorhof standen uralte Bume,
und zwei riesige steinerne Ungeheuer bewachten den Eingang zum eigentlichen
Tempel. Die fr die Jahrmarktstage ausgerumten Mnchszellen und die vor ihnen
durch die weitausladenden Dcher gebildeten Veranden dienten als Verkaufsbuden.
Jeder Hndler hatte da seinen eigenen gemieteten Platz. Nun galt es, die Waren
auszupacken und verlockend zur Schau zu stellen. Denn schon strmten
Jahrmarktsbesucher in Scharen herein. Der ganze weite Vorhof war bald angefllt
mit einem Gewoge blau gekleideter Menschheit. Ewarenhndler schoben sich
hindurch, von Kufern und Verkufern Gewinn erhoffend, und Mnner, die an
Bambusstben kleine Kfige trugen, in denen gefangene Zikaden zirpten. Und noch
andere Tiere wurden zum Verkauf angeboten: chinesische Hunde mit schwarzem, bis
zur Erde herabhngendem Haar und seidenweiche, braune mit plattgedrckten
schwarzen Nasen und hervorquellenden Glotzaugen.
    Auch ein Wunderdoktor schrie dicht neben Yang hung seine Arzneien aus und
war bald von Patienten umlagert. Tschun aber blickte mit Geringschtzung auf ihn
und seine Arzneien, denn so viel hatte er doch von seinen Besuchen bei den
Nonnen im Petang gelernt, da heies Wasser, ber Kupfermnzen aus der
Regierungszeit des Kaisers Tao Kwang gegossen, keine wirksame Arznei gegen
Augenentzndung bildet und Pflaster aus Hundehaaren keine Wunden zu heilen
vermgen. Seltsam aber war, da der Wunderdoktor seine Mittel anpries, indem er
ausdrcklich hervorhob, sie seien nicht etwa wie die der fremden Teufel-Doktoren
aus den Augen chinesischer Kinder bereitet, die dazu von jenen gestohlen und
umgebracht wrden. Tschun wurde ganz rgerlich, als er aus all dem Lrmen diese
Worte heraushrte, deren alte Beschuldigung immer wieder in Zeiten besonderen
Fremdenhasses laut wird. Wie konnte man nur so dumm sein, so etwas zu glauben!
dachte Tschun entrstet, und wie durfte man solche Dinge behaupten und
weiterverbreiten? Er wre am liebsten hingelaufen, den Mann ob seiner
einfltigen Lge zur Rede zu stellen. Aber der Wunderdoktor war lngst schon von
einer Menschenwelle davongetragen, und nun standen Mongolen vor Yang hungs
kleiner Warenausstellung. Auch eine Frau war dabei in altrotem golddurchwirkten
Kleid und mit seltsamem Silberschmuck auf Kopf und Hals. Ganz anders wie die
Chinesen sahen sie aus, hatten von Wind und Wetter gebrunte, breite, vergngte
Vollmondsgesichter und zeigten offenkundig die Absicht, sich noch einen frohen
Tag zu machen, ehe sie die lange Rckreise zu den weiten Ebenen und schwarzen
Zelten der fernen Heimat antraten. Manche von ihnen boten Filz zum Tausch an fr
die gewhnlichen Uhren und billigen Schmuckstcke, die sie begehrten. Der
Huptling aber, zu dessen Gefolge sie offenbar gehrten, hielt sich nicht mit
solchen Kleinigkeiten auf, sondern ging gleich mit Yang hung in eine der
Mnchszellen, wo dieser seine kostbareren Stcke aufgestapelt hatte.
    Whrend der Meister mit dem vornehmen Kunden fort war, hatte Tschun alle
Mhe, den kleinen Warenstand zu hten und gegen das Stoen und Schieben der
immer dichter werdenden Menge zu verteidigen. Und dabei fhlte er sich sehr
stolz, da Yang hung ihm so viel Vertrauen bewies. Wie er aber so eifrig
Ausschau hielt, da niemand ihm im Gedrnge etwas entwnde, wurden seine
Schlitzaugen auf einmal ganz gro, und er fhlte, wie sein Herz heftig zu
klopfen begann. Denn er hatte ja pltzlich, dort vom Eingangstor herkommend,
eine Gruppe Europer entdeckt, und zwischen ihnen die Taitai und den hbschen
weien Herrn! Er freute sich so sehr, die Taitai wiederzusehen, da er gleich zu
ihr hinlaufen wollte, aber dann besann er sich, er mute doch Yang hungs Sachen
hten. Und Tschun war nicht ein Junge, der einen ihm anvertrauten Posten
verlassen htte! Nein, das ging nicht! Er hielt doch etwas auf sich! Aber
vielleicht kme die Taitai in seiner Richtung! Er sphte eifrig nach den
Fremden. Jetzt waren sie verschwunden hinter einem Wall von Menschen. Nun
tauchten sie ein Stckchen weiter wieder auf. Und sie nherten sich wirklich
seinem Platze. Aber whrend er noch so nach ihnen hinstarrte, kam ihm ein neuer,
ganz anderer Gedanke. Was sollte er ihnen denn sagen, wenn sie ihn erblickten?
Wie sein Hiersein erklren, da Kuang yin doch behauptet hatte, er msse zur
kranken Mutter? Und pltzlich begann er sich zu schmen. Nicht nur der eigenen
augenblicklichen Lebenslage, die der Taitai, wenn sie ihn gewahrte, die Lge
entdecken mute, unter der er von ihr fortgegangen, sondern auch sich zu schmen
ob seiner ganzen Welt, ob all der Menschen da rings um ihr her, von denen er
wute, da sie stahlen und bervorteilten, soviel sie konnten, da sie keiften
wie Yang hungs Angehrige, da sie dumm waren und Bessere verleumdeten, wie
vorhin der Wunderdoktor - und zu denen er doch selbst gehrte! - Ja, jetzt
wnschte er nur noch, da die Taitai ihn hier nicht entdecken mge!
    Als die Fremden ihm schon ganz nahe waren, und Tschun sich zusammenduckte,
damit sie ihn nicht shen, blieben sie aber vor einem Verkufer stehen, der
ihnen Hunde zeigte. Verstohlen hinlugend sah Tschun, wie der hbsche weie Herr
den kleinsten der Hunde kaufte. Und der Taitai schien das Hndchen sehr zu
gefallen mit seinem plattgedrckten Nschen, denn sie nahm es auf den Arm, als
sei es ein Kind, und streichelte sein Fell und sah dabei den hbschen weien
Herrn aus ihren seltsam hellen Augen ganz komisch an. Dann aber, als Tschun
schon dachte, da ein Zusammentreffen unvermeidlich sei, bogen die Fremden
pltzlich ab und gingen nun zu den Buden der groen Schmuckhndler, wo dicke
weie Perlen fr die Mandarinenkappen, rosa Chrysolithketten und kostbare
Kristall- und Nephritschnitzereien fr viele tausend Tael verkauft werden.
    Und nun war Tschun doch wieder sehr traurig, da die Taitai ihn nicht
gesehen hatte. Der kleine Hund wrde es sicher bei ihr gut haben.
    Zwei Tage dauerte der Jahrmarkt, dann wurde eingepackt, und abends spt fuhr
Yang hung nach Haus mit Tschun. Gleich bei Morgengrauen am Tag nach ihrer
Heimkehr wurden die Mnzstrnge, die Yang hung auf dem Markt eingenommen hatte,
noch einmal geprft. Es waren ihrer viele, denn er hatte gut verkauft. Der alte
Yang hung zhlte im noch dmmrigen Licht die aufgereihten Mnzen, und dann mute
Tschun die Strnge nach etwaigen selteneren Stcken durchsuchen.
    Wie sie so arbeiteten, ward Yung von seiner alten Frau gerufen; sie wollte
mit ihm ber die Schwiegertochter Mei hoa reden, die sich an diesem Morgen auf
Besuch zu ihrer Mutter begeben sollte, und die besondere Ansprche auf Ewaren
erhob, die sie als Geschenk nach Hause mitbringen wollte. Nun war Tschun allein
mit all dem vielen Geld. Am Boden hockend, suchte er eifrig weiter nach seltenen
Mnzen. Und er war so vertieft in seine Arbeit, da er kaum hrte, wie hinter
ihm die Tr aufging. Er dachte, es sei der Meister. Erst nach einigen
Augenblicken schreckte er auf durch Mei hoas schrille Stimme. In ihrem besten
Staat angetan stand sie da, mit einem kirschroten runden Schminkfleck auf der
unteren Lippe und rosa getnchten Wangen. Es hatte wohl einen argen Strau ob
der Ewaren mit der alten Schwiegermutter und den anderen Schwiegertchtern
gegeben, denn es fiel Tschun auf, da Mei hoas Augen seltsam funkelten, wie sie
auf die vielen Mnzstrnge vor ihm niederblickte.
    Hol' mein Bndel aus dem hinteren Hof, befahl sie heftig, und bringe es
ans Tor. Der Karren mu bald kommen.
    Sie sah so wild und bse aus, da Tschun sofort aufsprang und davonlief, das
Bndel zu holen. Erregte Stimmen klangen aus den Familienrumen, in die Yang
hung geholt worden war. Tschun beeilte sich, aus dem Bereich des Haders zu
entkommen und legte das Bndel am Hoftor nieder. Mei hoa stand bereits wartend
da, in sichtlicher Ungeduld nach dem sumenden Karrenfhrer aussphend. Froh,
dem Unwetter entgangen zu sein, schlpfte Tschun in den Laden, hockte sich
nieder und nahm die jh unterbrochene Arbeit wieder auf.
    Bald kam dann Yang hung zurck. Aber auch er sah jetzt bse und erregt aus,
wie so oft, wenn er im Schoe seiner Familie geweilt. Und sobald er den Kang
berblickt, auf dem das Geld lag, rief er rgerlich: Da fehlt ja ein Strang!
    Tschun sprang auf, um zu suchen. Aber der Strang blieb verschwunden. Und
Yang hung wurde immer bser. Pltzlich packte er Tschun, blitzte ihn durch die
groe Hornbrille mit funkelnden Augen an und schrie dabei heftig: Was hast Du
mit dem Strang angefangen! Du mut ihn auf Dir haben! Du Dieb, Du!
    Dabei schttelte er Tschun hin und her, ob die Mnzen vielleicht aus seinen
Kleidern fallen mchten.
    Vom Lrm angelockt, fand sich alsbald die ganze Familie ein und schrie nun
ihrerseits mit, und auch die Kleinen Kuo wey, Tschao-So und Ying-ying und all
die brigen Kinder stimmten, ohne recht zu wissen, um was es sich handelte, in
den Ruf ein: Dieb! Dieb! Dieb! Am Zopfe wurde Tschun in den Hof gezerrt und
einer der Shne Yang hungs schlug auf seinen Rcken ein und brllte dazu: So
gesteh' doch, wo Du den Strang hin versteckt hast!
    Alle andern bertnend, erschallte aber nun pltzlich die schrille Stimme
Mei hoas, die whrend des ganzen Auftritts, noch immer auf den Karren wartend,
am Hoftor gestanden hatte: Tschun ist ja vorhin in den hinteren Hof gelaufen,
kreischte sie, ich hab's gesehen! Sicher hat er das Geld dort versteckt! Da
mt Ihr suchen!
    Nun lieen sie Tschun los und liefen alle auf dieser neuen Fhrte. Mei hoa
als Anfhrerin voran. Nur die Kleinen Kuo wey, Tschao-So und Ying-ying konnten
den Groen nicht so schnell nach und blieben im vorderen Hof zurck,
unschlssig, was nun zu beginnen. Doch da fielen ihre Blicke auf Mei hoas am
Boden liegendes Bndel, und nun nherten sie sich ihm und begannen verstohlen an
den Knoten der blauen Baumwollhlle zu zupfen.
    Tschun hatte zuerst wie verstrt dagestanden. Es war alles so rasch ber ihn
hereingebrochen, da er es kaum begriffen hatte. Doch jetzt, wie die Stimmen der
Suchenden im hinteren Hof verhallten, kam er zum Bewutsein dessen, was
geschehen. Und eine ungeheure Emprung stieg in ihm auf. Das wollte er nicht
dulden, sich so vllig ungerecht beschimpfen und zchtigen lassen! Sein kleines
gelbes Gesicht wurde ganz seltsam grnwei bei der Erinnerung und er begann
heftig zu zittern. Und pltzlich stand es fest vor ihm: er konnte, er wollte
nicht bei diesen schlechten Leuten bleiben. Doch wohin? frug er sich. Etwa zur
Mutter? Aber er verwarf den Gedanken alsbald - die hatte ihn ja gerade
hierhergetan. Nein, er wollte ganz fort, ganz heraus, zu gerechteren Menschen,
die nicht jemand Dieb schimpften, ehe es von ihm bewiesen. Die Nonnen und
Priester htten das nie getan, auch die Taitai nicht! Und die Taitai - ja, die
hatte ihm doch damals gesagt, da er zurckkehren solle, und da sie ihn dann
behalten wrde. Dahin konnte er - ja, dahin wollte er! Zu den Fremden. Zu
besseren Menschen.
    Doch nun galt es seinen Vorsatz rasch auszufhren, denn die andern muten ja
bald aus dem hinteren Hof zurckkehren, und wer wei, was sie dann noch in ihrer
Wut taten. Leise schlich Tschun an Kuo wey, Tschao-So und Ying-ying vorbei,
denen es eben gelungen war, den ersten Knoten an dem Bndel zu lsen; mit einem
Satz war er dann aus dem Tor heraus, und nun rannte er in eiligstem Lauf und
ohne je zurckzuschauen durch die Straen, in der Richtung nach dem
Gesandtschaftsviertel.
    Und so tat Tschun zum erstenmal, was grere vor ihm getan und nachher
vielleicht bereut haben: er nahm sein Leben in die eigenen kleinen gelben Hnde,
um es nach persnlichem Ermessen zu gestalten. Denn auch Tschun besa die weit
verbreitete Illusion, zu glauben, da er wisse, was ihm gut sei.
    Das hat schon zu mancher Enttuschung gefhrt.
    Nach einem langen, eilig zurckgelegten Weg blieb Tschun endlich stehen, um
Atem zu schpfen. Er befand sich schon im Fremdenviertel, auf der Brcke, die
mit hoher Wlbung den Kanal berspannt. Nur einzelne Pftzen standen zu dieser
Jahreszeit unten zwischen den Steinen; sie lagen da wie blaue Lichtflecken, als
hielten sie ein Stckchen Himmel in sich gefangen. Rechts, dicht neben der
Brcke, erhob sich die hohe, finstere Mauer, die die Tataren- von der
Chinesenstadt trennt. Links vor sich sah Tschun hinab auf das graue Gewirr
niederer, chinesischer Huschen, mit ihren zahllosen, ganz gleichen, leicht
geschweiften Dchern. Zwischen ihnen zerstreut und eingeklemmt lagen die fremden
Gesandtschaften, jede durch Mauerwerk umfriedet, jede eine kleine Welt fr sich,
mit ihrem eigenen, aus der Ferne gebrachten, treu bewahrten Sondercharakter.
Jede die Hterin bestimmter Traditionen, die Vertreterin besonderer Interessen
auf fernstem fremdartigsten Boden. Die Gebude waren halb versteckt zwischen den
vielen Bumen, die sich mit dem ersten hellen Grn bedeckten; man ahnte sie,
mehr als man sie sah, aber gleichsam als Symbol stolz gepflegter Eigenart
flatterte ber jedem der weiten Gehfte an hohem Mast eine andere, verschiedene
Fahne, deren Farbenzusammenstellung Tschun noch fremd war. Es mute wohl ein
Festtag sein.
    Die Luft flimmerte voll hellen Sonnenscheins; die Farben lsten sich im
Lichte auf; die Umrisse verschwammen, von diamantenem Staub umhllt. Wie aus
einzelnen Punkten und Flecken zartester Farbentne war das Bild zusammengesetzt:
silbriges Grau der Gebude, durchleuchtetes Rosa an einigen fernen Mauern,
darber goldgelbe Kacheldcher, wie lange Lichtstreifen wirkend, hellstes junges
Grn der Bume und zarteste bluliche Schatten, beinah aufgehoben durch
Reflexglanz und allgemeines, berallhin spielendes Sonnenlicht. Nirgends
Dunkelheiten. Ueberall zitterndes, glitzerndes, flimmerndes Leuchten. Eine der
unvergelichen Stunden des kurzen chinesischen Frhlings, der, einem Traume
gleich, den sturmdurchbrausten Winter von dem glhendheien Sommer trennt.
    In dem ganzen lichten Bild erhob sich nur die hohe Stadtmauer finster und
druend, von violettem Schatten bedeckt.
    Von jenseits dieser Mauer, aus der Chinesenstadt her, kam jetzt hoch oben im
lichtdurchflossenen Himmelsblau ein Flug grauer Vgel gezogen; sie glitten mit
weit ausgestreckten Flgeln durch den sonnendurchtrnkten Frhlingsther; sie
sangen nicht, und doch klangen unendlich wehmtige, langgezogene Tne von ihnen
zur Erde herab. Sie erinnerten an das Sthnen von Aeolsharfen, und dieses Klagen
und Seufzen, das von den doch stumm schwebenden Vgeln durch all den leuchtenden
Frhlingsschein herabtnte, hatte etwas Bengstigendes, gleich spukhaften
Stimmen aus ewig unerklrlichen Welten.
    Einen Augenblick schaute Tschun hinauf zu den hoch ber ihm ziehenden
Vgeln, wie man sich unwillkrlich bei einem Gerusch umsieht, aber er achtete
nicht weiter auf sie, denn ihm waren es alltgliche Klnge; wei doch jedes
Pekinger Kind, da den zahmen Tauben unter die Schwungfedern leichte
Bambuspfeifchen angebunden werden, durch die dann hoch oben in den Lften der
Wind zieht, seltsame, langgezogene Tne ihnen entlockend, die Raubvgel
erschrecken und verscheuchen sollen. Uralte Sitte ist es, und an vielen Tagen
hatte Tschun dies klagende Klingen der kleinen Windpfeifen vernommen, die die
Taubenschwrme durch die Luft tragen.
    Und gerade, weil diese Klnge so vertraut und alltglich tnten, ahnte
Tschun in seinem nach Neuem strebenden Sinne nicht, da das an jenem Morgen die
Stimmen waren, mit denen das uralte China der Vorvter sein abschweifendes Kind
von der Schwelle einer fremden Welt zurck zum Althergebrachten zu locken
suchte! - Tschun sah nur auf die bunten, unbekannten Fahnen, die sich ber den
Gesandtschaften im leichten Frhlingswinde blhten, als ob sie ihm winkten.
Schwcher wurden die langen, seufzenden Tne, hher stiegen die Tauben. - -
Tschun aber schritt die gewlbte Brcke herab und dann an der Mauer entlang zu
dem Tore, das hier, von der Rckseite aus, in die ihm bekannte Gesandtschaft
fhrte.
    Unbemerkt kam er an den Pferdestllen und den vielen Nebengebuden vorbei
und wollte sich nun gerade durch die breite Allee schleichen, auf deren anderer
Seite das Gesandtenhaus stand, in dem Kuang yin diente. Aber vor dem Hause
gewahrte er eine Gruppe Menschen. Die Taitai, deren Schleppe er getragen, stand
mit einigen anderen Damen und Herren auf den Stufen, die zur Allee herabfhrten;
sie schienen in eifriger Verhandlung mit einer ganzen Schar chinesischer
Kuriosittenverkufer, die ihre blauen Bndel vor ihnen aufgemacht hatten und
nun gestickte Decken und alte Mandarinenrcke ausbreiteten und
Elfenbeinschnitzereien, Gtzenfiguren und Cloisonn-Vasen anpriesen.
    Tschun war in seiner groen Emprung in die Gesandtschaft gelaufen, ohne
viel nachzudenken, was er eigentlich dort finden wrde. Die vielen Menschen
verblfften ihn, er stand unschlssig da, berlegend, ob er sich nicht bis zu
einem gnstigeren Augenblick unbemerkt zurckziehen sollte. Aber da sprang
schnuppernd und bellend ein kleiner Hund an ihm empor, in dem er gleich
denjenigen erkannte, den der weie Herr auf dem Jahrmarkt gekauft hatte. Aller
Augen richteten sich nun auf ihn.
    Das ist ja mein kleiner Page Frhlingswind! rief die Taitai.
    Einer der Herren, der etwas Chinesisch konnte, holte Tschun heran, und es
begann ein Kreuzverhr, wo er gewesen, wie es seiner Mutter nun ginge, und ob er
jetzt Boy in der Gesandtschaft werden wolle. - Tschun htte der Taitai am
liebsten alles wahrheitsgetreu erzhlt und sie gebeten, ihn nun bei sich zu
behalten, aber vor all den Menschen konnte er doch nicht den Schimpf erwhnen,
der ihm soeben bei Yang hung angetan worden. Whrend er noch nach Worten suchte,
gewahrte er Kuang yin, der von den Dienstbotenquartieren eilig herkam und ihm,
ohne da die Herrschaften es merkten, winkte und allerhand Zeichen machte.
Erschreckt und in pltzlicher Angst vor einer etwaigen erzwungenen Rckkehr
stammelte er, der Mutter ginge es wieder gut, und er sei nur gekommen, dem Onkel
Kuang yin einen Besuch zu machen. Aber davon wollte die Taitai nichts wissen.
Tschun msse dableiben, sagte sie, sie brauche ihn als kleinen Diener, und zwar
sofort. Es war pltzlich, als knne die schne, fremde Dame nicht mehr auskommen
ohne den kleinen chinesischen Jungen. Sie wollte ihn mit dem gleichen Ungestm
haben, wie sie vor einer halben Stunde den kleinen Goldbronzebuddha begehrt
hatte, der jetzt unbeachtet am Boden stand und den der Hndler langsam wieder
einwickelte und in einem seiner Aermel verbarg. Er wute ja ganz genau, da
heute kein Geschft mehr gemacht werden wrde, denn der so zur unrechten Stunde
hereingeschneite Tschun hatte fr den Augenblick alle anderen Kuriositten
verdrngt. Er war das Gtzchen der Stunde. Die Taitai beauftragte Madame Angle,
die auch dastand und die gekauften Seidenstcke zusammenfaltete, fr Tschun zu
sorgen; er solle ein Zimmerchen in den Dienstbotenquartieren erhalten. Die
Taitai wurde fr eine Fremde sogar ganz schlau, denn sie verbot aufs strengste,
Tschun etwa unter dem Vorwand, nach Hause zu mssen, noch einmal fortzulassen,
da er dann festgehalten werden knne. Tschun war das sehr beruhigend. Er fhlte
sich zum ersten Male in seinem Leben gegen die Seinigen von den Fremden
beschtzt.
    Kuang yin verbeugte sich zu alledem nur zustimmend und sagte gar nichts von
einem etwaigen Widerspruch der Mutter. Das schien Tschun sehr seltsam. Doch als
die Taitai und die anderen Herrschaften dann zum Essen gegangen waren, erhielt
er die Erklrung: drben in Kuang yins Zimmer saen nicht nur Yang hung, sondern
auch die Mutter! Und Tschun erfuhr nun, da gleich nach seiner Flucht die
Kleinen Tschao-So, Kuo wey und Ying-ying bei ihrem kindlichen Spiel mit Mei hoas
Bndel den vermiten Mnzenstrang aus diesem hervorgezerrt hatten. Mei hoa hatte
nicht leugnen knnen, und des fr chinesische Augen ganz besonders schweren
Vergehens berfhrt, die Familie des Mannes zugunsten der eigenen bestohlen zu
haben, war sie, statt auf Besuch zu fahren, von der alten Schwiegermutter
gezchtigt worden und lag nun eingesperrt in einer Kammer. In dem Karren aber,
der Mei hoa beutebeladen zu frohem Ausflug fhren sollte, war statt dessen Yang
hung sofort zu Tschuns Mutter gefahren, in der Annahme, da er zu ihr geflchtet
sein wrde; als er ihn da nicht fand, war er zu Kuang yin gefahren und, in
pltzlicher Angst um Tschuns Verbleib, hatte die Mutter sich entschlossen, ihn
zu begleiten, so furchtbar ihr das Unternehmen auch erschien, den Schwager in
einem Haus der Fremden aufzusuchen.
    Als sie Tschun nun wohlbehalten erblickte, wollte sie die Gelegenheit doch
wenigstens erzieherisch ausnutzen und ihn ob der erlittenen Angst am Zopfe
zerren. Doch Kuang yin nahm die Sache in die Hand und wandte sich mit
halbgemachter Entrstung an Yang hung: Es ist wahrlich nicht Euer Verdienst,
da Tschun noch unter uns weilt, sagte er. Denkt der vielen Beispiele von
Leuten, die bei geringerer Verdchtigung, um ihre Unschuld zu beweisen,
Selbstmord begingen. Als Bruder von Tschuns verstorbenem Vater verlange ich eine
Shne. Und Ihr knnt von Glck sagen, da wir doch schlielich zu einer Sippe
gehren, - Fremde wrden Euch ob des Schimpfes sicher vor Gericht bringen.
    Yang hung schien nicht abgeneigt, Tschuns heftigem Vertreter eine Genugtuung
zu gewhren, und er sagte: Nach ihrem abscheulichen Benehmen wren wir ja
eigentlich berechtigt, Mei hoa zu verstoen.
    Das wei ich, unterbrach ihn Kuang yin, und selbst wenn ihr jetzt
Schlimmes bei Euch zustiee und sie die Reise nach den neun Quellen antreten
mte, wrde Euch kein Gericht darob verurteilen, aber was htten wir davon?
    Auerdem, sagte Yang hung bedchtig, mte das sicher dazu fhren, da
Mei hoas Eltern die Rckzahlung ihrer Mitgift verlangen wrden.
    Mei hoa und Tschun knnen aber unmglich zusammen weiter bei Euch bleiben,
erklrte Kuang yin, sie haben gegenseitig zu sehr das Gesicht voreinander
verloren.
    Nein, das ginge freilich nicht, stimmte Yang hung eilig bei, in der
Voraussicht endloser neuer Streitmglichkeiten in seinem strmischen Haushalt.
    Folglich mu ich fr Tschun eine neue Stelle suchen, sagte Kuang yin und
seufzte wie unter groer Sorgenlast, und natrlich werde ich von jedem Meister
gefragt werden, warum er denn nicht mehr bei Euch ist.
    Es war klar, da die Sache vertuscht werden mute. Und schlielich bildete
der Mnzstrang, durch den der ganze Zwischenfall entstanden, den Preis, den Yang
hung dafr zahlen mute, da Tschun sein Unterkommen bei ihm pltzlich verloren
hatte, wogegen sich Kuang yin verpflichtete, da die Umstnde, unter denen dies
geschehen, seinerseits verschwiegen bleiben sollten.
    Erst nachdem Yang hung gegangen, erffnete Kuang yin der Mutter als sein
Verdienst, da er bereits eine Stelle fr Tschun habe, und zwar hier bei der
Taitai. Die Mutter wollte zuerst widersprechen, aber Kuang yin hielt ihr vor,
wie schlecht ihre eigene Auswahl Yang hungs ausgefallen sei, auch da Tschun
dort nur Wohnung und Essen erhalten habe, hier aber gleich mehrere Dollar Gehalt
bekommen solle.
    Da mute sie nachgeben. Nachdem sich Kuang yin fr seine Fhrung der Sache
noch die Hlfte vom Mnzstrang des alten Yang hung ausbedungen hatte.
    So trat denn Tschun in den Dienst der Fremden.

Tschun lernte bald, da es Nachteile hat, in ein Haus als offenkundiger
Gnstling der Herrschaft einzutreten. Die anderen Boys, die auch kleine Brder
oder Shne hatten, rgerten sich, da sie nicht diese rechtzeitig der Taitai
gezeigt, und lieen ihren Groll an Tschun aus. Sie gaben sich das Wort, ihn als
kleinen Prgeljungen zu behandeln. Er debtierte als Diener der Diener. Aber er
hatte einen Rckhalt an Kuang yin, und dank der eigenen Anstelligkeit arbeitete
er sich allmhlich durch die anfngliche Feindschaft hindurch.
    Madame Angle, die jahraus jahrein an der Maschine sa und neue Kleider fr
die Taitai nhte, rief Tschun oft in ihr Zimmer, lie ihn die feine chinesische
Nhseide wickeln oder auch Nhte auftrennen, und whrenddem hielt sie ihm lange
Reden in ihrer eigenen Sprache. Sie hatte Mann, Kinder und Vermgen verloren,
und durch diese wiederholten Schicksalsschlge war in ihr ein Hang zum
Schauerlichen und der Glauben entstanden, da sie alles Schreckliche, das es
berhaupt gibt, erlebt habe. Jedes Traurige, das andere von sich erzhlten,
berbot sie sicher mit den eigenen Erlebnissen. Ihr Mann war nicht vier, sondern
zehn Monate krank gewesen, sie hatte nicht nur Typhus, sondern zugleich
Lungenentzndung gehabt! - Abends, wenn sie ihre Arbeit getan, las sie in
Zeitungen, die aus ihrem Lande kamen, die vermischten Nachrichten; nur langsam,
beinahe buchstabierend, kam sie dabei vorwrts, aber sie schwelgte in den
Beschreibungen von Erdbeben, Brandunglcken, Strmen, Schiffsuntergngen. All
das erzhlte sie weiter an Tschun. Anfnglich verstand er keine Silbe, aber
tglich schnappte er ein paar Worte der fremden Sprache auf, und in erstaunlich
kurzer Zeit konnte er sich ganz leicht mit der alten Franzsin verstndigen. Die
Taitai schenkte ihm ein kleines Lexikon und schrieb ihm Stze auf, die sie ihn
nachher berhrte, und Tschun lernte mit einer Leichtigkeit, die jeden an
europische Kinder gewhnten Lehrer erstaunt htte. Die Taitai war ganz stolz
auf seine Fortschritte, aber die gelehrten fremden Herren der Gesellschaft
erklrten geringschtzig: Junge Asiaten scheinen hufig eine wunderbare
Aufnahmefhigkeit zu besitzen, aber nach einiger Zeit kommen sie an einen toten
Punkt, wo sich die ganze Uebermdung ihrer erschpften Rasse auf sie zu senken
scheint und nichts Neues mehr in das blutleere Gehirn hinein will.
    Tschun sah die Taitai sehr viel, denn sie hatte ihm allerhand kleine
Pflichten bertragen, die ihn hufig in ihr Zimmer fhrten. Vor allem hatte er
fr den neuen kleinen Hund zu sorgen, der Tin chau genannt worden war, wie es
einem Geschenk des hbschen weien Herrn wohl anstand. Tschun mute auch der
Taitai Schreibtisch mit den tausend Nippessachen in Ordnung halten, die Pflanzen
begieen, die Blumenstrue erneuern; er servierte nachmittags den Tee, und als
er erst die fremden Namen gelernt hatte, meldete er die Besuche an. Ging die
Taitai malen, so trug er ihr die Sachen nach und reinigte nachher Pinsel und
Palette; beim Photographieren lernte er rasch, kleine Dienste zu leisten; er
schnitt die Seiten der vielen Bcher und Hefte auf, die jede Post brachte, er
legte die Zeitungen nach Nummern. Und bei alledem fand Tschun Zeit, die Taitai
selbst zu beobachten, denn sie erschien ihm als das Interessanteste in all dem
Merkwrdigen, das er sah. Es war erstaunlich, was sie alles im Laufe des Tages
tat! Frh schon ritt sie mit anderen Fremden aus. Dann schrieb sie, malte,
photographierte, musizierte. Zu allen Mahlzeiten kamen Gste oder sie selbst war
in eine der anderen Gesandtschaften geladen und wurde in der grnen Snfte
hingetragen. Zwischendurch kamen noch viele Besuche - am hufigsten wohl der
weie Herr, doch zuweilen auch der bse aussehende. Und alles, was die Taitai
betrieb, sei es nun, da sie Antiquitten kaufte oder Anordnungen fr Feste
traf, geschah, als ob sie Eile habe und nach etwas suche. Dabei sah sie meist
mde aus. Und Tschun wunderte sich, da jemand, der so viel Geld besa, sich so
unntz abmhte. Einmal frug er die alte Madame Angle, warum die Taitai so
schrecklich viel tte. Die zuckte die Achseln, seufzte und antwortete: Sie will
sich vielleicht zerstreuen, um zu vergessen.
    Was denn? frug Tschun.
    Sie hat, ehe sie hierher kam, ihr einzigstes Shnchen verloren, antwortete
Madame Angle und setzte dann hinzu: Ich habe drei Shne verloren. Aber ich
bekam durch den Tod meiner Kinder immer mehr Arbeit, fr die Taitai dagegen
heit es seitdem nur immer mehr Amsement.
    Tschun, der nun schon gelernt hatte, da das Beobachten zu seinem Beruf
gehrte, bemerkte bald, da die Taitai nur insofern von den anderen Fremden
abstach, als sie tausenderlei Dinge mit gleichem Ungestm betrieb, whrend die
anderen meist nur eine Sache hatten, die sie mit Passion erfllte. Tschun
verstand auch allmhlich, warum die lteren erfahreneren Boys gelegentlich wie
eine unbestreitbare Tatsache erwhnten, da die Fremden doch alle ein bichen
verrckt seien.
    Der Mann der Taitai, der gestrenge Ta-jen, war ganz anders als sie. Er hatte
etwas Kaltes, Feierliches, als habe er nie gelacht und sei nie gerannt. Er war
klein, grau und mager und reckte sich immer, als wolle er lnger scheinen, als
er war. Amtliche Wrde und grner Nephrit bildeten seine speziellen Marotten,
und da die chinesischen Mandarine fr diese beiden Dinge ebenfalls hohe
Wertschtzung und Vorliebe haben, so war er ihnen der verstndlichste,
sympathischste unter den fremden Vertretern. Wenn Besuche zum Ta-jen kamen,
empfing er sie immer in der gleichen geraden, aufrechten Haltung, die eine Hand
auf der Tischkante ruhend, die andere zwischen die Weste und den tadellosen
langen schwarzen Rock geschoben. So glich er dem Bild des Prsidenten seines
Landes, das im groen Speisesaal hing. - Ein Prsident, sagten die Boys, ist
etwas Aehnliches wie ein Kaiser, nur nicht ganz so Nummer Eins. - Der Ta-jen
sprach stets langsam, als berlege er jedes Wort und als gbe es nichts
Unwichtiges auf der Welt. Am langsamsten und gemessensten sprach er mit seiner
Frau. Es war, als trufle er Oel auf erregte Wogen, aber Tschun schien es, da
dieses Verfahren, statt die Taitai zu beruhigen, sie nur rastloser mache.
    Die Boys kannten all die Eigenheiten der verschiedenen Fremden, und sie
hatten ihnen allen Spitznamen gegeben. Sie besprachen den Geiz des einen und die
Heftigkeit des anderen, verglichen, in welchem Haushalt die grten Nebenprofite
unbemerkt gemacht werden konnten, und erzhlten sich untereinander die geheimen
Geschichten gegenwrtiger und frherer Herrschaften, - und Tschun, der frh reif
war, wie jedes orientalische Menschenkind, schnappte es alles begierig auf.
    Aber neben all ihren oft komischen, oft unverstndlichen Eigentmlichkeiten
blieb doch immer das eine, da niemand diesen groen auslndischen Mandarinen
vorwerfen konnte, ihre Stellung zu persnlicher Bereicherung auszunutzen. Darin
schienen sie ganz anders zu sein als die chinesischen Wrdentrger. Wenn die
Ta-jens der verschiedenen fremden Gesandtschaften sich feierlich in grnen
Snften mit Vorreitern ins Tsungli-Yamen tragen lieen und dort die
Reklamationen irgendeines in China beeintrchtigten Landsmannes beinah heftig
vertraten, oder die Erteilung einer der vielen begehrten Konzessionen ungestm
fr ihn forderten, so handelte es sich dabei nie um irgend einen eigenen
Vorteil. Tschun erfuhr, da sie das alles zur Verbreitung hherer Zivilisation
tten. Das war ihm ein ganz neuer Begriff. Wenn nun aber der eine der groen
fremden Herren etwas im Tsungli-Yamen erreicht hatte, rgerte sich sicher einer
der anderen darber, und das freute den ersten. Dann begann sicher gleich der
zweite, nun seinerseits groe Anstrengungen zu machen. Es erinnerte Tschun an
die Wettrennen der Fremden, die weit auerhalb der Mauern Pekings auf einem
groen freien Platz gehalten wurden. Er war mit Kuang yin und den anderen Boys
einmal hinausgefahren, um beim Servieren der groen Mahlzeit zu helfen, die die
fremden Herrschaften drauen einnahmen. Dort waren die jungen Herren in bunten
seidenen Jacken und Mtzen wie wild drauflos geritten und hatten auf ihre
mongolischen Ponies tchtig gehauen, weil jeder der erste sein wollte. Bei dem
einen Rennen war der hbsche Herr, der auch diesmal Wei trug, der erste
gewesen, und der Bse, der wahrscheinlich auch gern den Preis gewonnen htte,
sah darob besonders bse aus. Ja, so hnlich mute es mit dem zivilisatorischen
Wettbewerb der Fremden in China wohl auch sein, nur da dies Rennen nie
aufhrte, weil immer neue erstrebenswerte Ziele winkten. Die meisten Leute, wie
der greise Groonkel Lin te i, fanden freilich, da China den Fremden schon viel
zu viel zugestanden htte. Doch die Ta-jens sagten, da das alles ja gerade zum
Besten Chinas selbst fhren wrde, das sich in einem beklagenswerten Zustand der
Rckstndigkeit befnde. Es sollte ja durch sie Eisenbahnen erhalten, mit denen
man so rasch wie der Wind von einem Ende des Landes zum anderen fahren und
Proviant in diejenigen Provinzen bringen knne, wo gerade die alljhrlichen
Hungersnte herrschten; auch wollten sie in der Erde nach Kohle suchen, mit der
dann auch ganz arme Menschen winters heizen und warm haben knnten; und starke
neue Kriegsschiffe sowie furchtbare Kanonen und Gewehre wollten sie China aus
ihren groen Vorrten daheim verkaufen und von ihren vielen eigenen
Militrmandarinen die besten schicken, um den Chinesen zu zeigen, wie man diese
Waffen gebrauche. Ja, sogar Geld wollten sie China leihen.
    Tschun aber dachte, ich hatte doch recht, diese Fremden sind wahrlich
bessere Menschen: ihre Priester haben uns den wirklichen lieben Gott gebracht,
und diese weltlichen Herren wollen uns nun auch noch all die brigen guten Dinge
bringen. Sicher wird es einmal sehr schn werden. Wenn es nur recht schnell
ginge!
    Und Tschun begann in den Muestunden, die ihm der Dienst bei seiner fremden
Herrschaft lie, dem Zustand seines eigenen Landes nachzuforschen. Er hatte
davon frher wenig gewut, aber er war ja auch nur ein kleiner Junge gewesen.
Jetzt erfuhr er, da es seit einiger Zeit eine ganze Partei von Chinesen gbe,
die auch fanden, da es um China schlecht bestellt sei, und die es ebenfalls
sehr eilig hatten, allerhand Neuerungen einzufhren. - Diese Gedanken hatten
zuerst Leute aus dem fernen Sden Chinas mitgebracht, wo man viel mehr als in
Peking mit den Fremden zusammenkommt. Von denen hatten sie wohl auch den Begriff
des Patriotismus gelernt, ein Wort, das Tschun vorher noch nicht vernommen
hatte, und nun wollten sie als gute Patrioten alles im Lande bessern. Man nannte
sie die Sdpartei. Sie hatten auch schon eine Menge Leute in Peking fr ihre
Ideen gewonnen, auch unter den Literaten und groen Herren, aber im ganzen
standen ihnen die Mandschus doch recht mitrauisch gegenber, denn sie
frchteten, da ihnen, die doch die herrschende Rasse waren, von den schlauen
Sdlndern allerhand Vorrechte weggenommen werden knnten. Die so dachten,
nannte man die Nordpartei. Am deutlichsten zeigte sich der Gegensatz bei den
alljhrlichen groen Staatsexamen, in der klassischen Weisheit, da wollte jede
der beiden Parteien fr die Kompetitoren ihrer Seite die meisten und hchsten
Preise erlangen. Bei den letzten Examen hatten stets die Sdlnder gesiegt, und
ihre Anhngerzahl war dadurch sehr gestiegen. Darob rgerte sich die Nordpartei.
    Ueber all diese Dinge hrte Tschun die chinesischen Lehrer sprechen, die
alltglich in die Gesandtschaft kamen, um den Dolmetschern Stunden zu geben und
ihnen beim Schreiben der Briefe an das Tsungli-Yamen zu helfen, denn diese
Herren waren ja selbst Literaten und interessierten sich infolgedessen sehr fr
alles, was mit den klassischen Examen zu tun hatte. - Sie gingen auch viel in
die Teehuser und kannten alle Gerchte, von denen da gemunkelt wurde. Sie
erzhlten, da bisher der greise Prinz Kung, ein Verwandter des Kaisers,
zwischen beiden Parteien weise vermittelt habe, aber der war nun tot, und
seitdem hatten sich die Gegenstze noch sehr verschrft. Fhrer der Sdpartei
war der Gelehrte Weng tung ho, der frher den jetzt regierenden jungen Kaiser
Kwang Hs im Palast zur glcklichen Erziehung unterrichtet hatte und der
seither viel Einflu auf seinen einstmaligen Schler besitzen sollte. Ihm stand
als Fhrer der Nordpartei der ebenfalls sehr gelehrte Hstung gegenber. Der war
der Lehrer des vorherigen Kaisers Tungtschi gewesen, des Sohnes der alten
Kaiserin-Witwe Tz Hsi, und es hie, da er viel bei dieser gelte. Nach diesen
Freundschaften der beiden Allerhchsten im Lande belegte man die Nrdlichen mit
dem unehrerbietigen Spitznamen Alte-Mutter-Sippe, die Sdlichen dagegen nannte
man Kleine-Knaben-Sippe.
    Tschun hielt es in seinem Herzen mit den kleinen Knaben. Die standen ihm ja
auch nher. Dabei war er erstaunt, zu sehen, da die fremden Gesandten diesen
Strmungen merkwrdig gleichgltig gegenberstanden, obschon die Sdpartei
eigentlich lauter Dinge einfhren wollte, die sie selbst seit Jahren anempfohlen
hatten. Aber es war beinah, als htten die Fremden allmhlich eine Erweckung
Chinas als aussichtslos aufgegeben und sich mit den Zustnden abgefunden, wie
sie nun einmal waren. Mit praktischem Sinn nahmen sie von den zwei ringenden
Gruppen nur insofern Notiz, als sie zu ergrnden suchten, zu welchem ihrer
eigenen Lnder jede der beiden Parteien neige, und wem sie daher den Sieg
wnschen sollten. Die chinesischen Lehrer meinten, da die Nrdlichen es mit
Ruland hielten, dessen Gepflogenheiten und Regierungsmethoden ihnen wohl am
verwandtesten erschienen, whrend die Sdlichen eine Anlehnung an das
fortschrittliche Japan wnschten sowie Einfhrung aller dort angenommenen
Reformen.
    Die Entscheidung ber all das stand bei dem jungen Kaiser. Mehr noch
vielleicht bei seiner Tante, der alten Kaiserin-Witwe Tz Hsi, deren Name die
Mtterliche und Glckverheiende bedeutet. Offiziell freilich kmmerte sie
sich nicht mehr um Staatsgeschfte, sondern hatte die Regentschaft niedergelegt
und dem Kaiser die Regierung bergeben, und seitdem lebte sie, wie sie es selbst
in gelegentlichen Edikten nannte, in der tiefen Abgeschlossenheit ihres
Palastes I ho yan, der dem vom Himmel gesandten Alter Ruhe und Frieden
Spendende. Wunderdinge hrte Tschun von den prunkvollen Theaterauffhrungen und
den Bootfahrten auf dem Kung Ming See, mit denen sie scheinbar ihre Tage
verbrachte. Aber in Wirklichkeit, so wurde gemunkelt, war sie, die des
Herrschens Langgewohnte, der Unttigkeit mde und neidete dem Neffen die Wonne
der Macht. Neidete sie um so heftiger, als sie mehr und mehr in ihm den Gegner
erkannte. Schon in den Tagen seiner Kindheit sollte das begonnen haben, als er
ihr offensichtlich die sanfte Mitregentin Tz Ann vorzog, die dann, wie so
manche derer, die Tz Hsi im Weg gestanden, ebenso pltzlich wie opportun
gestorben war. Tz Hsis Schwester, die Kwang Hss Mutter gewesen, war dann noch
manchmal vermittelnd zwischen beide getreten, aber auch sie hatte den Drachen
zur weiten Reise bestiegen, und seither waren die Fden zerrissen. Und wenn Tz
Hsi einstweilen auch noch nicht mit offenkundiger Feindschaft hervortrat, so
empfand man doch ihre Gegenwart dunkel hinter allen Dingen, und man ahnte, da
sie nicht zaudern wrde, sich in kritischer Stunde das Recht der endgltigen
Beschlsse mit starkem Griffe wieder anzueignen.
    Allmhlich gestaltete sich vor Tschun ihr Bild zu der Vision eines von den
Schauern des Geheimnisvollen umgebenen Wesens, einem Wesen, das noch hoch ber
dem Kaiser thronte. Denn er, der Sohn des Himmels, mute ja, bei den religisen
Zeremonien der hchsten Festtage, sich neunmal vor ihr, der als alter Buddha
Verehrten, anbetend niederwerfen. So konnte es Tschun in der Pekinger Zeitung
beschrieben lesen. - Stckweise, aus begierig aufgeschnappten Worten, stellte er
sich die ganze Geschichte ihrer langen Regentschaft zusammen. Die war voll von
spannendsten Momenten, wo alles von ihrem eisernen Willen, ihrer stets bereiten
Entschlukraft abgehangen hatte. Aller Feinde, aller Schwierigkeiten war sie
stets Herr geworden, oft durch die grausigsten Mittel. Aber dafr verstand sie
es auch, sich Anhnger zu erwerben, denn nie versumte sie, es denen zu lohnen,
die treu zu ihr gestanden. Sie hielt es offenbar mit Konfuzius, der sagt: Wie
sollte man denn Wohltaten lohnen, wenn man das Bse mit Gutem vergelten wollte?
Man soll das Bse mit Gerechtigkeit und nur Wohltaten mit Wohltaten erwidern.
Das aber, was Tz Hsi in Fllen, wo sie sich beeintrchtigt oder gar gefhrdet
dnkte, Gerechtigkeit nannte, war Ausrottung des Gegners auf die schnellste,
sicherste Art. Ein unheimliches Gruseln kroch Tschun am Rcken entlang bei
allem, was er von der Gewaltigen hrte. Er konnte kaum glauben, da solch ein
Wesen wirklich lebe. Es klang alles wie ein schauerliches Mrchen. Und doch
wnschte er sich sehr, sie nur ein einziges Mal zu sehen.
    Inzwischen ward es Sommer. Die Lotosbltter, die an hohen Stielen aus den
Teichen stiegen, hatten sich aufgerollt zu breiten grnen Schirmen, und zwischen
ihnen standen die ersten groen rosa Traumesblten. Aber in den Straen wateten
die Menschen durch futiefen Staub; allerwrts stiegen ekle Gerche auf, die des
Winters Eis gndig verborgen hatte, und ber der ganzen Stadt lagerte eine
schwere Schicht schwlen Dunstes. Da beschlo die Taitai dem schmutzigen Kfig,
wie sie Peking nannte, zu entfliehen und fr die heiesten Wochen einen der
Tempel zu beziehen, die die Gesandtschaften alljhrlich in den nahen Hgeln als
Sommerwohnung zu mieten pflegten. Tschun sollte auch mitkommen.
    Vorher ging er sich von den Verwandten mit vielen Verbeugungen zu
verabschieden. Beim greisen Groonkel Lin te i fand er verschiedene der Vettern
versammelt. Auch sie sprachen von den beiden sich bekmpfenden Parteien. Wang
pao, der fortschrittlich Gesonnene, las gerade mit merklichem Behagen dem halb
blinden Groonkel die in den letzten Tagen erschienenen kaiserlichen Edikte vor.
Kwang Hs sprach darin zum erstenmal ffentlich die Notwendigkeit von Reformen
aus. Er sagte: Schaut auf die Not der Zeit und die Schwche des Reiches. Wie
knnen wir je den Abgrund berschreiten, der die Schwachen von den Starken
scheidet, wenn wir fortfahren wie bisher? Unsere Armee ist undiszipliniert, die
Finanzen sind zerrttet, die Schler unwissend, die Handwerker ungebt. Und
gleichsam um sich im voraus vor Gegenwart und Vergangenheit zu rechtfertigen,
hie es weiter: Auch die tugendreichen Herrscher des fernen Altertums hielten
nicht immer mit starrem Eigensinn fest am Gewohnten, sondern waren bereit, sich
dem Wechsel der Zeiten anzupassen - wie wir ja auch im Sommer Grasleinen und
winters Pelze tragen. Und nach diesen schnen allgemeinen Stzen kam ein ganz
bestimmter Vorschlag: der Kaiser Kwang Hs empfahl nmlich, da Mitglieder des
kaiserlichen Clans, ja sogar Prinzen von Geblt zum Studium nach Europa reisen
mchten!
    Lin te i war bei diesen Worten zuerst wie erstarrt. Alle Grundlagen
bisheriger Weltordnung schienen ihm bei solchem umstrzlerischen Vorschlag zu
wanken. Dann sagte er: Bei aller Ehrfurcht vor Kwang Hs, unserm Vater-Mutter,
aber er sollte doch bedenken, da schon Mencius lehrt: Wir haben wohl gehrt,
da chinesische Weisheit benutzt worden ist, um Barbaren zu erleuchten, nie
jedoch, da China von den Barbaren Licht empfing.
    Wer mag den Sohn des Himmels wohl so beeinflussen? Ist es der gelehrte Weng
tung ho? frug ein Vetter. Da antwortete Sin schen, der Weitgereiste, der immer
alles wute: Nein, der ist es nicht, aber einer, den er empfahl. Ein neuer Mann
aus Kanton, Kang yu wei heit er.
    Natrlich, brummte Lin te i, wieder einer aus dem sdchinesischen
Heuschreckenschwarm, der sich ber uns ergiet. Ich habe gehrt, da es in
Kanton so viel Menschen gibt, da sie auf dem Lande keinen Platz mehr finden und
darum in Bten auf dem Flusse leben mssen. Nun kommen sie zu uns und bringen
gar noch alle ihre neuen Ideen mit.
    Kang yu wei soll schon groen Einflu beim Kaiser gewonnen haben, fuhr Sin
schen wichtig fort, er bringt ihm Uebersetzungen von den Bchern der Fremden
und soll ihm empfohlen haben, einen ihrer Herrscher nachzuahmen, den sie Peter
den Groen nennen.
    An der gttlichen Mutter Tz Hsi htte er doch wahrlich Vorbild genug,
unterbrach ihn Lin te i, aber Wang pao zuckte die Achseln und sagte bedeutsam:
Na, wenn nur die Hlfte von dem wahr ist, was man so gelegentlich ber Tz Hsi
hrt!
    Hte Deine Ohren und Deine Zunge, Vetter Wang pao, erwiderte Sin schen,
denn Tz Hsi erfhrt schlielich alles. Das hab' ich erst jetzt wieder gemerkt.
Ihr wit ja, ich mache manchmal Geschfte mit dem Obereunuchen Li lien ying ...
    Das steigert Dein Ansehen sicher mehr, als es Deinen Beutel fllt,
unterbrach ihn Wang pao, und alle lachten, denn im ganzen Lande war der
allmchtige Li lien ying gefrchtet wegen seiner Erpressungen und der
Privatsteuer, die er von gro und gering erhob.
    Doch Sin schen erzhlte unbeirrt weiter: Da hab' ich denn also ganz
beilufig erfahren, da Li lien ying seine Leute sogar im Palast des Kaisers
hat, und von allem, was sie ihm hinterbringen, erhlt die gttliche Mutter
sofort Nachricht.
    Ob sie da wohl immer die lautere Wahrheit erfhrt? sagte ein anderer
Vetter. Li lien ying frbt alle Nachrichten nach seinem Belieben, und den
Kaiser malt er ihr sicherlich schwarz. Man wei doch, da er seit Jahren Kwang
Hs wenig gewogen ist und ihm Schwierigkeiten bereitet, und ihn zu demtigen
trachtet, wo er nur kann. Er soll ihn ja sogar mit Vorliebe am Eingangstor zu
Tz Hsis Palast warten lassen und von ihm Eintrittsgebhr erheben wie von den
Bittstellern, die sich der gnadenreichen Gegenwart nhern wollen.
    Ja, dieser kleine Schuster hat es wahrlich weit gebracht! sagte Wang pao,
und wieder lachten alle, denn es war der Spitzname, den Li lien ying trug, weil
er in seinem Heimatsdorf als Knabe Lehrling bei einem Flickschuster gewesen war,
ehe er das eintrglichere Gewerbe ergriffen hatte, seine Familie zu verlassen.
    Da er den Kaiser jetzt weniger liebt denn je, ist brigens begreiflich,
sagte Sin schen, er mu natrlich befrchten, da die Reformen seine Macht
brechen werden und am Ende gar sein ehrenwerter Beruf bei Hof berhaupt
abgeschafft werden knnte.
    Das wre ein Segen! rief Wang pao. Und niemand widersprach ihm, nicht
einmal Lin te i, der sich vielleicht entsinnen mochte, da schon Konfuzius ber
die Verderbtheit der Palastwchter klagte und ihrem entnervenden Einflu den
Niedergang der Chou-Dynastie zuschrieb.
    Tschun wre gern lnger verweilt, denn die Vettern erzhlten weiter von Li
lien yings Geldgier und Anmaung, und wie ihm beinah kaiserliche Ehren erwiesen
wrden, wenn er durchs Land reiste, um fr die Gebieterin Tribut einzusammeln,
von dem er dann stets ungeheure Summen in die eigene Schatzkammer abzufhren
wute. Doch es war nun Zeit, da er aufbreche, und so beugte er denn
ehrfurchtsvoll das Knie vor diesen vielwissenden lteren Verwandten.

Die Uebersiedlung der Taitai in die Berge gestaltete sich zu einer Art
Vlkerwanderung. Bei Morgengrauen schon dirigierte Kuang yin den Aufbruch der
Kulis, die in Karren, auf Maultieren und den eigenen Rcken alles das
hinausschaffen muten, was fremde Herrschaften fr einen Landaufenthalt nun
einmal unentbehrlich erachten. Und das war nicht eben wenig. Dann folgten Koch
und Boys, und da kein Bediensteter in China so arm ist, da er nicht einen
rmeren Verwandten htte, der fr ihn gegen kleinstes Entgelt seine rechtmige
Arbeit tte, so waren sie wiederum begleitet von ihren Klienten. Es war ein
ganzer Tro! Vorrte an Konserven und Getrnken muten mitgenommen werden und
auch Krbe voll erregt schnatterndem und gackerndem Geflgel, um nicht auf das
Geringe angewiesen zu sein, was etwa von den die seltene Konjunktur ausnutzenden
Dorfbewohnern drauen gegen phantastische Preise zu haben sein wrde. Im
Maultierkarren fuhr dann Madame Angle samt Tin chau, einer Handnhmaschine und
den tausenderlei Dingen, die der Taitai im letzten Augenblick noch als
unumgnglich notwendig erschienen waren. Spter setzte sich der Ta-jen in
Bewegung, d.h. eigentlich taten das die Kulis, die schwingenden Schritts seine
grne Snfte trugen; er selbst sa feierlich ernst darinnen, wie es einem Mann
in Amt und Wrden zukommt. Den Schlu endlich bildete die Taitai selbst zu
Pferde und begleitet von etlichen jungen Herren, die nun mal wie alles brige zu
den lang gewohnten Lebensrequisiten gehrten und wie diese, solange sie
vorhanden waren, nicht sehr beachtet, sondern als selbstverstndlich hingenommen
wurden, abwesend jedoch nicht leicht zu missen waren.
    Es war eine Erlsung, aus der Stadt der tausend blen Dfte herauszukommen.
Kaum hatte man sich durch das wirre Gewhl von Menschen und Tieren
hindurchgequetscht, das sich in den tiefen Toren der druenden Stadtmauer
staute, so atmete man erleichtert eine reinere Luft. Grn lag die wohlbebaute
Ebene, die vieltausendste Ernte in stets erneuter Geduld auf fettem Boden
tragend und nhrend. Und mochte der Kaiser Kwang Hs es nun mit der Partei des
Nordens oder Sdens halten, sicher schien, da dem Himmel die Opfer seines
kaiserlichen Sohnes in diesem Jahre wohlgefllig gewesen waren, denn er hatte
rechtzeitig den ntigen Regen gesandt, und berall trieb und spro es, und in
den endlosen Hirsefeldern drngten sich dicht die hohen, starken Halme. -
Allerwrts sah man Leute arbeiten, und ihre nackten, gebrunten Oberkrper
glnzten in der Sonne. Krftigeren Baues waren sie als die in der dunstenden
Stadt zusammengepferchten und auch von freundlichharmloserer Gemtsart schienen
sie zu sein, denn statt Schimpfworte riefen sie den Fremden den blichen
chinesischen Tagesgru entgegen: Habt Ihr Reis gegessen?
    Grau lagen die Drfer inmitten der wogenden Felder; viel reinlicher als die
groe Residenzstadt waren sie, und die langen Ranken der Krbisse umspannen
schmckend das Gemuer. Die Schnheit der Ebene aber bildeten die zahllosen
Haine alter Bume, die verstreut in ihr lagen. Sie kennzeichneten stets einen
Begrbnisplatz. Und Tschun dachte bei ihrem Anblick: Wir Chinesen wohnen doch
eigentlich viel schner und gerumiger nach unserem Tode, als solange wir
lebendig sind. Auch wird uns gelehrt, die Rcksicht auf einen Toten stets der
Sorge fr einen Lebenden voranzustellen. Aber vielleicht ist das sehr weise,
denn das Totsein dauert ja so viel lnger.
    Der Tempel der unendlichen Stille, den die Taitai gewhlt, gehrte zu den
vielen, die die frommen Kaiser der Ming-Dynastie und die ihnen folgenden ersten
Tatarenherrscher allerwrts in den waldigen Schluchten der westlichen Berge
errichtet haben. Mit ihren grnen oder goldgelben Kacheldchern und purpurn
getnchten Mauern liegen sie wie bunte Ostereier versteckt zwischen dem hellen
Laub der geschwtzig suselnden Pappeln und dem dunklen Grn der ernsten,
stillen Zedern. Zwei groe steinerne Ungeheuer hteten den Eingang mit einem
jahrhundertalten Grinsen. Dahinter stiegen Terrassen empor, auf denen die
Klosterbauten, die weiten Hallen der verschiedenen Gtter, die Glockenhuser und
der eigentliche Buddhatempel sich erhoben. Gekrnt war das Ganze mit einer
schneeigen Pagode, dem Grabdenkmal eines besonders heiligen Abtes. Von dort oben
pltscherte eine Quelle herab, die auf den verschiedenen Abstufungen zwischen
seltsam geformtem Grottengestein Teiche bildete und den Ankommenden den lang
entbehrten Klang flieenden Wassers zur Begrung entgegensandte.
    Fr die fremden Herrschaften waren Priesterzellen und verschiedene Pavillons
gemietet worden, und diese sonst asketischer Weltabgewandtheit geweihten Rume
hatten die Boys mit flinken Fingern schon ganz verwandelt und zu einem
einzigartigen, halb chinesisch-kuriosen, halb modern-europischen Aufenthaltsort
gestaltet, nicht unwrdig der schnen und so gar nicht asketischen Frau, die
hier nun ihren Einzug hielt. Der Koch hatte sich sein Reich bereits
eingerichtet, wo er auf einem primitiven Backsteinherd und unter dem Schutz
eines Bildes des Kchengottes alle die Gerichte und Saucen herstellen wrde,
deren Rezepte ein vor vielen Jahren von einem Gesandten importierter
franzsischer Koch den Pekinger Kchen als kostbares Vermchtnis hinterlassen
hat. Auch Madame Angle hatte sich in einer Mnchszelle niedergelassen,
Modebilder und Schnittmuster an die Wnde geheftet und die Nhmaschine
aufgestellt, die nun eine recht weltliche Begleitung schnurren wrde zu dem
Knarren der Gebetstrommel und den Gesngen der Priester. Denn, neben all diesen
zuflligen und vorbergehenden, waren da ja auch noch die rechtmigen,
bleibenden Bewohner des Klosters zur unendlichen Stille. Ihr gelehrter Abt
weilte freilich meist in Peking, war aber jetzt fr den Sommer auch wieder
zurckgekehrt, angezogen vielleicht durch die Gegenwart der alten Kaiserin im
nahen Sommerpalast. Die brigen Priester sah man mit geschorenen Huptern und
altem Wachs gleichenden Gesichtern in ihren blauen oder gelbbraunen Gewndern
leise ber die Steinhallen der weiten Hfe gleiten.
    Am Eingang der dmmernden Hallen standen sie bisweilen, traumverloren
lehnend an einer der wuchtigen Lacksulen, die das schwere bemalte Geblk und
die hohen, geschwungenen Dcher tragen. Und hinter ihnen im Dunkel ahnte man die
phantastisch fratzenhaften Gestalten riesiger Gtzen, die Verzerrungen der
Drachen an den geschnitzten Decken, die Ocker-und Rosttne uralter Vergoldungen.
Zu bestimmten Stunden rief die groe bronzene Tempelglocke, die von auen
angeschlagen wird, mit dumpfem Drhnen durch all die vielen Hfe, die Pavillons,
Hallen und Zellen. Dann kamen die Priester in langen Reihen angezogen, den
buddhistischen Rosenkranz zwischen den dnnen, gelben Fingern haltend. Sie
schritten die Stufen zur Terrasse hinauf, wo unter uralten weistmmigen Bumen
Gedenksteine verstorbener Mnche stehen; schritten vorbei an mchtigen bemoosten
Steinschildkrten, die auf ihren Rcken hohe Stelen tragen, mit Inschriften zu
Ehren des kaiserlichen Tempelerbauers. Und weiter hinan glitt der lange Zug der
Priester, verschwindend endlich hinter den hohen Tren aus durchbrochenem
Holzwerk ins Innere des heiligen Tempels. -
    Da schien es zuerst ganz dunkel, aber allmhlich tauchten im Hintergrund
drei Gestalten auf, riesengro und von mattem, wie mit Schleiern bedecktem
Goldglanz. Die drei Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren es,
die seit Jahrhunderten da auf hohen Steinsockeln thronen und mit metallenen
Augen und ewig gleichem Lcheln zuschauen, wie das Heute zum Gestern wird und
immer wieder ein neues Morgen auftaucht. Vor jedem von ihnen standen auf langem
Tische die fnf Altargerte, Ruchergef, Vasen und Leuchter, auch sie von
staubigem Goldton, wie alles in dem groen spukhaften Raume. Und weiter ersphte
man im Dunkel, an den Seitenwnden in stiller Erwartung sitzend, zwei Reihen
feierlicher Figuren von Boddhisattwas, deren neidenswerte Aussicht es ist,
dermaleinst als Buddhas wiedergeboren zu werden. Uralt und traumhaft schien das
alles. Uralt und traumhaft auch die Zeremonien der Priester, ihr eintniges
Singen mit dem begleitenden Taktschlagen auf Holztrommel, Bronzeschelle und
Klingstein, ihr langes Knien auf den gelbseidenen zerschlissenen Betkissen, ihr
lautloses Schreiten auf den ockerfarbenen samtigen Teppichen mit den verblaten
blulichen Drachen. -
    Die Taitai wollte alles bis ins genaueste sehen, auch jene Halle, wo all die
schaudererregenden Strafen und Torturen, ber die die chinesische Hlle so
reichlich verfgt, mit dem Genie des Grlichen dargestellt waren. Tschun mute
sie bei solchen Wanderungen stets begleiten und den Kodak tragen. Auch versuchte
sie durch ihn Gesprche mit den Priestern anzuknpfen, und zu seinem groen
Erstaunen lchelte sie die Geschorenen mit den gelben Wachsgesichtern dabei an,
wie sie es sonst eigentlich nur fr den hbschen weien Herrn tat. Aber die
Bonzen starrten ganz stier und unempfnglich vor sich hin. Da lachte die Taitai
so hell und laut, wie die Buddhas und Boddhisattwas es in ihrer feierlichen
Stille sicherlich nie vorher vernommen. Abends beim Diner aber in dem offenen
Hof, wo die Leuchtkfer schwirrten, deren Vorfahren einst Konfuzius und seinen
Schlern als Lichter gedient haben sollen, erzhlte sie dann den europischen
Herren, diese chinesischen Priester wendeten sich offenbar von ihr ab, weil sie
in ihr eine Versuchung witterten, die sie vom Weg zum Nirwana ablenken knnte,
es seien doch wahrlich Leute von groer Tugend!
    Doch einer der gelehrten fremden Dolmetscher meinte, es sei wohl eher groer
Stumpfsinn.
    Und Tschun gab ihm im stillen recht. Er verachtete diese ganze heidnische
Umgebung, und gleichzeitig war sie ihm unheimlich, und er wunderte sich, wie die
Taitai, die doch aus einem Lande des wirklichen lieben Gottes kam, sich fr all
das so sehr begeistern konnte. Aber er hatte ja berhaupt schon gemerkt, da man
in den Gesandtschaften nicht so viel vom wirklichen lieben Gott hielt wie bei
den Priestern und Nonnen des Petang.
    Besonderes Wohlgefallen fand die Taitai an einer Halle, die Ts schen, dem
Gott des Reichtums, geweiht war. Breit, fett und grinsend sa er da, auf den
quellenden Geldsack gesttzt, und blinzelte schlau und wohlgefllig auf seinen
schwammigen Bauch herab. Diese Halle war, wie alle Rume, wo Gtzen standen,
nicht an die Fremden vermietet worden. Aber gerade das reizte die Taitai. Sie
begann vor Ts schen Blumenstrue aufzustellen und ihm mit vielen Verneigungen
Rucherkerzen zu bringen. Ganz von ungefhr waren dann eines Tages ihre
Staffelei und Klappstuhl in der Halle stehen geblieben und am nchsten Tag
hatten sich ein Tisch und Bchergestell auch dahin verirrt. Teppiche und Sessel
mit weichen bunten Kissen folgten. So ward Ts schens Halle ganz unmerklich zu
der Taitai eigentlichem Wohngemach, und die Bonzen lieen schweigend diese
Umwandlung geschehen, die die Taitai mit soviel ehrfurchtsvollen Gebrden vor
dem fetten Ts schen zu begleiten wute. Die Taitai war sehr stolz auf diese
Ausdehnung ihrer Einflusphre; sie nannte es eine erfolgreiche pntration
pacifique. Dem staunenden Tschun aber erzhlte sie, dem Gott des Reichtums
wrden auch in ihrer fernen Heimat allerwrts Altre errichtet, und unter allen
Gttern zhle keiner so viel Anhnger und Bittsteller wie er. - Und das wollten
nun Christen sein! Frwahr ber alles Verstehen erstaunlich erwiesen sich doch
immer wieder diese Fremden! Sie waren wie Wege, die stets neue, unerwartete
Ausblicke bieten.
    Bei dem Treiben der auslndischen Gste und ihrer zahlreichen Gefolgschaft
war die unendliche Stille geflohen. Nur nachts senkte sie sich wieder auf die
ihr geweihte Sttte hernieder. Da war das Lachen und Sprechen der barbarischen
Westlnder verstummt. Blo die Quelle hrte man vom Berge herabrieseln, und die
zahllosen Nachkommen jener Zikaden, die der Kaiser Chien lung einst aus Jehol
den Mnchen zur Zerstreuung mitgebracht, zirpten dazu in den Bumen ihre
eintnige Weise. Einmal allnchtlich auch drhnte dumpf die bronzene Glocke, die
die Priester zu andchtiger Uebung in den Tempel rief. Lautlos glitten sie im
Dunkel dahin durch die Hallen und Hfe. Man hrte sie nicht. Es war nur ein
Ahnen, da da Schatten im Schatten huschten.
    Die benachbarten Tempel wurden von anderen Gesandtschaften whrend des
Sommers bewohnt, und, wie in der Stadt, so tauschten die Fremden auch hier
Besuche aus, veranstalteten Ausflge, luden sich gegenseitig zu Mahlzeiten ein.
So waren es, trotz aller ueren Unruhe und scheinbarer Abwechselung und wenn
auch in anderer Umgebung sich abspielend, doch immer wieder dieselben, sich
stets gleichbleibenden Lebensformen - und in den Augen der das Stetige,
Unvernderliche wrdigenden Chinesen hatten diese, von den Fremden gerade als
Zerstreuung und Unterbrechung gedachten Veranstaltungen durch ihre hufige
Wiederkehr allmhlich den Charakter althergebrachter ehrwrdiger Riten
angenommen.
    Einen ganzen Nachrichtendienst hatten sich die Fremden zwischen der Stadt
und den westlichen Bergen eingerichtet. Alle Morgen kam ein Kuli, der auf seinem
Maultier Vorrte und die tgliche Post brachte. Auerdem schickten die in Peking
zurckgebliebenen Herren der Gesandtschaft auch noch immer Mafus als besondere
Boten, wenn sie wissenswerte Geschehnisse zu melden hatten. Hei und verstaubt,
mit glnzenden, gelben Gesichtern kamen die auf ihren gedrungenen mongolischen
Ponies im Tempel an, neigten das Knie vor dem Ta-jen, der immer dastand, als
empfange er eine Volkshuldigung, und zogen dann aus dem hohen samtenen
Reitstiefel das sorgfltig in einen Lappen gewickelte Schriftstck.
    Und die Mafus klagten Tschun, da sie in keinem frheren Sommer so oft
htten mit Nachrichten reiten mssen! Offenbar gingen sonderbare Dinge vor! In
Peking erzhle man sich, der Kaiser Kwang Hs sei vllig unter Kang yu weis
Einflu geraten und die Reformpartei, an deren Spitze er jetzt offen stnde,
schritte tglich weiter, aber ebenso nhme auch das Murren der konservativen
Mandschus zu. Ihre Augen richteten sich immer ungeduldiger und erwartungsvoller
auf die alte Kaiserin Tz Hsi.
    Aber die sa ja, scheinbar unbeteiligt, in ihrem Sommerpalast am Fu der
westlichen Berge, und das einzige, was sie bisher getan, war, da sie beim
Kaiser die Ernennung von drei weiteren Mandschus zu Mitgliedern des Groen Rats
durchgesetzt hatte. Yung Lu, Wang wen shao und Kang yi hieen sie. Das sah nach
wenig aus, aber wer die drei kannte, wute, da es eigentlich viel war, denn sie
gehrten zu den erbittertsten Feinden aller Neuerungen und aller Fremden und
waren der Kaiserin vllig ergeben. Mit diesen drei im Groen Rat mochte die
Erhabene sich vor Ueberraschungen wohl einigermaen gesichert fhlen und wissen,
da sie dafr sorgen wrden, da die in den sich jagenden kaiserlichen
Manifesten anbefohlenen Neuerungen mit etwas weniger Ueberstrzung zur
tatschlichen Ausfhrung kmen.
    Eine allgemeine Aufrttelung sonst gleichgltiger Gemter war indessen durch
die Bewegung schon hervorgerufen. Gespannt griff man jetzt nach jeder neuen
Nummer der ehrwrdigen Pekinger Zeitung, diesem ltesten Blatte der Welt, das
sonst nur von heiligen Zeremonien zu berichten hatte, die der Sohn des Himmels
vollzogen, und von posthumen Rangerhhungen, die er verdienstvollen Toten in der
Hierarchie des Jenseits verliehen - denn diese schlfrige Greisin unter den
Journalen, die so gut zum schlafenden China gepat, war pltzlich zu einem
wilden Sensationsblatt geworden, das tglich neue verblffende Ueberraschungen
meldete.
    Auch drauen in den Bergen las man aufmerksam die Pekinger Zeitung. Der
gelehrte Abt las sie und die fremden Dolmetscher und auch Tschun mit den anderen
Boys. Und sie erfuhren: Marineschulen sollten gegrndet werden als Vorstufe zur
Reorganisation der Flotte, und besondere Eisenbahn- und Minenministerien
erffnet werden. Dies letztere rief lauten Widerspruch hervor, denn in der Erde
schlummern ja die Milliarden Toter, die ber die Millionen Lebender herrschen,
die durften doch keinesfalls durch all diese Whlarbeit gestrt werden! Diese
Verordnung mute dann auch wohl irgendwie durch den migenden Einflu von Tz
Hsis drei Vertrauensmnnern etwas dilatorisch behandelt worden sein, denn es
folgte ein neues Dekret, worin der Kaiser ber Verschleppung klagte und eine
schleunigere Durchfhrung seines Reformwerks anbefahl. Denn, sagte er,
Stagnation ist das Zeichen hoffnungsloser Erkrankung.
    Und weiter sprach sich Kwang Hs mibilligend ber die Unwissenheit seiner
Untertanen, wie auch ber das ganze bisherige Unterrichtswesen aus. In allen
Stdten sollten darum sofort Zeitungen erscheinen, die von einer unter Kang yu
weis Leitung gestellten Zentralstelle mit aufklrenden und belehrenden
Nachrichten ber alles Wissenswerte zu versehen seien. Vor allem aber mten
staatliche Schulen allerwrts umgehend erffnet werden, wozu ja manche unntze
Tempel- und Klosterbauten benutzt werden knnten, und durch ein besonderes
Uebersetzungsbureau sollten den Chinesen die nationalkonomischen und
naturwissenschaftlichen Werke der Fremden zugnglich gemacht werden, welche
Fcher geeignet schienen, allmhlich in den Examen den Platz der Klassiker
einzunehmen.
    Mit diesem Erla hatte der den Einflsterungen Kang yu weis blind folgende
Kaiser Gelehrte wie Priester zugleich herausgefordert. Tschun, im Tempel der
unendlichen Stille, merkte das wohl an der allgemein laut werdenden
Mibilligung. Die chinesischen Lehrer der Dolmetscher, die in vielen Jahren
angestrengtester Arbeit mhsam ihre wissenschaftlichen Rangstufen erworben
hatten, sahen sich der Gefahr gegenbergestellt, aller Frchte ihres Fleies
beraubt zu werden. Denn was sollte aus ihnen und den aber Tausenden
ihresgleichen werden, wenn die klassische Gelehrsamkeit nicht mehr den
alleinigen Weg zu Aemtern und Wrden bildete, wenn fortan in den Examen statt
nach den erhabenen Lehren von Konfuzius und Mencius nach den querkpfigen
Doktrinen irgendwelcher obskurer Barbaren, wie Stewart Mill oder Darwin, gefragt
wrde? - Es war nicht auszudenken!
    Die Lehrer wurden ganz aufgebracht, Tschun hrte sie erregt diskutieren, und
obschon diese Herren ihren Broterwerb gerade in den auslndischen
Gesandtschaften fanden, klang doch jetzt auch aus ihren Worten der in jedem
Chinesenherzen schlummernde Fremdenha. Der Ursprung all dieses Uebels war eben
doch schlielich auf die Leute von jenseits der Meere zurckzufhren! -
    Am entrstetsten aber uerten sich die vielen Priester, und der Abt des
Klosters beschlo, sich hinunter zur Sommerresidenz der Kaiserin zu begeben, um
vor der gnadenreichen Gegenwart seine Stimme zu erheben und sie anzuflehen, die
Rechte zu schtzen, die den Tempeln und Klstern vor Jahrhunderten von den
heiligen kaiserlichen Ahnen verliehen worden waren.
    Und er war nicht der einzige, der sich mit solchem Flehen dort einfand. Der
Sommerpalast war zwar von einer hohen Mauer umfriedet, aber es drang doch
mancherlei von dem, was drinnen vorging, ber diese Umwallung hinaus. Und so
erfuhr man denn in den benachbarten Drfern und von da wiederum in den Tempeln,
da sich die Abordnungen mehrten, die tglich aus Peking kamen, um vor Tz Hsi
gegen die von den Kantonesen eingegebenen Willensuerungen ihres pltzlich so
intensiv regierenden kaiserlichen Neffen zu protestieren
    Das Gefolge des Abtes erzhlte bei seiner Rckkehr, da gleichzeitig mit
ihnen die vornehmsten Mandschugroen und die hchsten Beamten des Ministeriums
der heiligen Riten im Sommerpalast eingetroffen seien, um mit lauten Stimmen
Aufhebung der allerneuesten Manifeste Kwang Hss zu verlangen. In ihnen hatte
der Kaiser, wegen Unterschlagung einer an ihn gerichteten reformatorisch
gesinnten Denkschrift, die Spitzen dieser ehrwrdigen Behrde kurzerhand all
ihrer Aemter enthoben. Auerdem aber hatte er, um Geld fr seine Reformen zu
gewinnen, auch die Aufhebung einer Menge eintrglicher Pfrnden verfgt, auf
denen seit Generationen die Mandschus anstrengungslos fett geworden. Tausende
wurden von dieser Maregel getroffen, sogar ein Verwandter der Kaiserin aus dem
Yehonala Clan befand sich darunter.
    Doch Tz Hsi, die Geheimnisvolle, hatte all diesen in sie Drngenden, wie
auch dem Abte, nur vieldeutig geantwortet: Sie mchten sich gedulden. Ihre
eigene Geduld war scheinbar nicht erschpft, denn es hie, da sie gerade jetzt
wieder ein besonders prunkvolles Theaterfest vorbereiten liee. Und doch schien
es unglaublich, da sie all diese Umwlzungen ruhig hinnehmen sollte!
    Gerade um diese Zeit mute der Ta-jen sich auf einen Tag in Geschften nach
Peking zurckbegeben. Aber mit all den dunkeln Umtrieben und Vorgngen im innern
Leben Chinas hatte seine Reise offenbar nichts zu tun, denn Tschun hrte ihn
rgerlich zum ersten Sekretr sagen: Da mu man nun mal wieder seinen
wohlverdienten Landaufenthalt unterbrechen, blo wegen dem ewigen Drngen dieser
unleidlichen Konzessionsjger! - Ja, was sich auch sonst im rtselreichen China
an Wandlungen vorbereiten mochte, das geschftige Treiben der Konzessionsjger
blieb sich immer gleich, und um solch eine von seiner Heimatsregierung besonders
protegierte Gruppe zu vertreten, hatte sich der Ta-jen im Tsungli-Yamen
angemeldet. Na, sagte er beim Abschied, wenigstens will ich die Gelegenheit
benutzen, um bei den Kuriosittenhndlern in Peking mal wieder Umschau zu
halten, ob sie nicht neue Nephritgegenstnde inzwischen erhalten haben!
    Nachdem die Snfte, in der der Ta-jen nach Peking getragen wurde, auf dem
zur Ebene fhrenden Weg verschwunden war, beschlo die zurckbleibende Taitai,
eine Wanderung in die Berge zu unternehmen. Es gab da auf einer der obersten
Hhen ein verfallenes graues Tempelchen, das zu besuchen sie schon lange lockte.
Tschun mute sie, wie immer, begleiten, und Tin chau trottelte nebenher, mit
wohlgebrstetem Seidenhaar, platt gedrcktem Trffelnschen und erstaunt
hervorquellenden Glotzaugen. Wurde aber der Weg dem Hndchen lang, so da ihm
die kleine rosa Zunge aus dem Mulchen hing, so nahm Tschun es auf den Arm und
trug es sorglich weiter.
    Ein schmaler Pfad schlngelte sich den Hgel hinan. An den kahlen
Vorsprngen des Bergrckens, auf die die Sonne brannte, lag er schattenlos; da
standen sprliche wilde Blumen zwischen braun versengtem Gras, und schillernde
Eidechsen wrmten sich regungslos auf den Steinen; aber wo des Weges Windungen
durch die Schluchten fhrten, war es khl und schattig. Denn da hatte sich die
Feuchtigkeit seit vielen tausend Frhlingen bei jeder Schneeschmelze angesammelt
und es waren kleine Haine entstanden. Auch muten diese Pltze offenbar von
frheren Menschen als Sttten kurzer Lebensjahre oder langer Todesruhe bevorzugt
worden sein, denn allerwrts traf man Mauerreste verschwundener Klster und
Spuren von Grbern lngst Vergessener.
    An solch einem lang schon namenlos gewordenen Platze gewahrten die Taitai
und Tschun einen auf einer umgestrzten Steinstele rastenden Knaben. Ein Bndel,
das er an einem Bambusstab ber der Schulter getragen, lag neben ihm. Die
Taitai, die auf ihren Reisen in die Lebensbedingungen mglichst fremdartiger
Menschen ebenso gern eindrang, wie sie unbekannte auslndische Gerichte kostete,
wollte wissen, was er hier mache. Auf Tschuns Frage deutete der Knabe in die
Hhe, wo man nun schon deutlich das graue, ganz verfallene Tempelchen gewahrte,
und antwortete: Ich gehe dort hinauf zum Tempel der tiefen Beschaulichkeit, dem
heiligen Mann Essen bringen. Dafr mu er dann beten, da wir genug Regen
bekommen fr unsere Felder.
    Die Taitai war ganz erstaunt, da irgend jemand in dieser Abgeschiedenheit
leben knne, und der Knabe erzhlte: Winters geht der heilige Mann immer nach
Peking, da knnte ja auch niemand von uns aus dem Dorfe im Schnee hier herauf
kommen, um ihm sein Essen zu bringen. Aber sommers ist er immer da. Er kommt von
sehr weit her. Und dabei machte der Knabe eine Gebrde, die den ganzen Horizont
zu umfassen schien.
    Nun war die Taitai sehr begierig geworden, diesen Einsiedler zu sehen, und
zusammen mit dem Knaben schritten sie den Berg weiter hinan. Wandernd erzhlte
er ihnen, da er Mahan heie und sie schon mehrmals gesehen habe, denn er wohne
in einem dem Tempel der unendlichen Stille nahen Dorfe.
    Der Weg war jetzt steil und steinig geworden, und Tschun hatte Tin chau
lngst auf den Arm genommen. Der Blick htte hier oben immer umfassender werden
mssen, aber die ganze Ebene war verschwommen. Wie ein dichter Schleier lag die
stauberfllte Luft darber.
    Wenn es klar gewesen wre, htten wir wohl sicher in den Sommerpalast
hineinsehen knnen? frug die Taitai.
    Aber der fremde Knabe antwortete:
    O nein, er ist durch einen Gebirgsvorsprung ganz verdeckt, in den darf man
nicht hineinsehen.
    Und es darf auch niemand hineingehen, sagte die Taitai bedauernd.
    Nein, Ihr Fremden natrlich nicht, antwortete der Knabe, aber ich bin
schon ein paarmal dagewesen.
    Dies erstaunte die Taitai sehr, und sie stellte so viele und schnelle
Fragen, da Tschun Mhe hatte, so rasch zu bersetzen. Mahan erzhlte, im
Sommerpalast gbe es oft groe Theaterfeste, und auer der eigentlichen, aus den
Eunuchen der Kaiserin zusammengesetzten Schauspielertruppe wrde auch immer noch
eine ganze Masse Knaben auf der Bhne gebraucht. Die nhme man dazu aus der
Umgegend. Er selbst habe auch schon einige Male so mitgespielt. Die Taitai
wollte natrlich am meisten ber die Kaiserin hren und die Damen ihres
Hofstaates, aber gerade davon wute der Knabe am wenigsten zu sagen; was fr ein
Kostm ihm selbst angezogen worden war, welche Bewegungen er zu machen gehabt
hatte, das war das, was ihm als Wichtigstes im Gedchtnis geblieben war.
    Oh, Tschun, rief die Taitai, wenn Du doch dort gewesen wrst! Ich bin
sicher, Du httest besser aufgepat und knntest mehr erzhlen!
    Doch nun waren sie an dem obersten Berggrat angelangt und vor ihnen lag der
Tempel der tiefen Beschaulichkeit. Uralt und verwittert war er, wie der Fels,
auf dem er stand. Der Berg endete hier in jhem Absturz, und mit den
undurchdringlich dichten Staubschleiern tief unten, die, von hier oben gesehen,
einem Meere glichen, schien das Tempelchen auf der einsamen Bergkuppe, losgelst
von allem, zwischen Himmel und Erde zu schweben.
    Auf dem uersten Felsvorsprung und der Ebene zugewandt gewahrten die
Ankommenden die sitzende Gestalt eines groen hageren Mannes. Etwas unsglich
Verlassenes lag in seiner ganzen Haltung, aber es war nicht nur die durch die
uere Lage bedingte zufllige Einsamkeit, die sich in ihr ausdrckte, sondern
ein Tieferes - Wesentlicheres -, als sei diese krperliche Hlle zeitweilig vom
Leben selbst verlassen und lge nun da als ein gleichgltiges berwundenes Etwas
- wie eine abgetane verschrumpelte Schlangenhaut.
    Der Einsiedler schien die Ankommenden gar nicht bemerkt zu haben. Erst als
sie sich ihm ganz nherten, und der Mahan, ehrfurchtsvoll das Knie beugend, ihn
an der Schulter berhrte, wandte er sich um. Doch auch noch jetzt starrte er sie
zuerst an, als gewahre er sie gar nicht, sondern als schaue er durch sie
hindurch auf etwas, das hinter ihren Erscheinungen lge. Erst allmhlich und
widerstrebend kehrte ein Etwas seines Wesens, das offenbar in weiten Fernen
geschweift, zum Bewutsein der Wirklichkeit zurck. Ueber das erstarrte Gesicht
lief ein Zittern, und es war, als wrden die erloschenen Augen von einer
unsichtbaren Hand wieder entzndet, wie nachts in einem dunklen Haus pltzlich
Lichter an den Fenstern aufleuchten.
    Tschun sah den Einsiedler erstaunt an. Das war kein Mensch wie er, kein
Mandschu oder Chinese, eher glichen seine Zge denen der Fremden, aber auch zu
ihnen konnte er nicht gehren. Dazu war seine Hautfarbe viel zu dunkel. - Die
Taitai aber sagte erstaunt: Das ist ja ein Inder! Frag' ihn doch, wie er
hierher gekommen ist, falls er Chinesisch kann.
    Ja, der Einsiedler konnte Chinesisch. Er erzhlte, da er vor vielen, vielen
Jahren nach Peking gekommen sei, mit einer Sondergesandtschaft aus einem der
Grenzstaaten von jenseits der hchsten Berge - weit, weit fort im Sden. Als
die Gesandtschaft wieder abreiste, war ich krank; man mute mich zurcklassen.
Seitdem bin ich hier geblieben, ich wei nicht, wieviel Sommer und Winter es her
ist.
    Ob er sich nicht in sein eigenes Land zurcksehne?
    Der alte Mann mit dem seltsam vertrumten Ausdruck schttelte den Kopf. Was
ist denn ein Land mehr wie das andere, antwortete er, tuschender Schein sind
sie alle und htten mit uns alle lngst schon erlst im Nichts vergehen drfen,
wenn wir sie und uns durch unseren Willen nicht immer von neuem zum Weiterleben
zwngen. Seht, als Ihr vorhin kamt, da hatte ich eben fr einen Augenblick die
hchste Stufe erreicht und das Nichtsein so sehr gedacht, da whrend einer
kurzen Spanne dies kleine Stckchen Welt erlst versank und ich mit ihm.
    Die Taitai sagte lachend: Damit wrdet Ihr aber vielen Herren, die ich
kenne, einen schlimmen Streich spielen, wenn Ihr gerade das Stck Welt, das man
China nennt, versinken lieet - denn die trachten ja alle danach, sich einen
mglichst groen Anteil davon zu sichern.
    Ja ja, die Gier, die Gier! seufzte der Einfiedler.
    Tschun fand es nun doch ntig, auch von sich aus noch etwas hinzuzusetzen,
um dem sonderbaren Alten zu erlutern, welche Macht sich da in Gestalt der
Taitai vor ihm offenbare, und er sagte: Ihr mt nmlich wissen, da meine
Herrschaften Christen sind, und darum wollen sie China viel Gutes tun.
    Das Christentum ist in der Tat nicht schlecht, antwortete der Einsiedler
sinnend, auch was Konfuzius, Mencius und Lao tse hier einst lehrten, enthlt
manch Beherzigenswertes. Die meisten Religionen wollen ja Gutes, es sind die
wohlgemeinten, wenngleich unbeholfenen Versuche frommer Mnner, den wahren Pfad
zu finden. Aber ihre Nachfolger und Gemeinden sind dann von den ursprnglichen
Lehren weit abgeschweift, so da Christus und Lao tse sich sicher wundern
wrden, wer sich heute alles als ihre Jnger ausgibt. Und bestenfalls sind doch
auch ihre Lehren nur Umwege. Krischna und Buddha wiesen ja lngst schon den
wahren Pfad.
    Mahan, der mittlerweile mit seinem Bndel in der bauflligen Behausung des
Alten verschwunden war, trat nun wieder zu ihnen und sagte: Heiliger Mann, ich
habe Euch diesmal reichlichen Vorrat mitgebracht, denn in den nchsten Tagen
werde ich wohl nicht kommen knnen, ich soll wieder in den Sommerpalast zu den
Theaterfesten.
    Theater! sagte der Einsiedler mit seinem seltsam mitleidigen Lcheln, als
sprche er nur fr sich, ja, das ist auch so ein Ausdruck der Gier. Mit dem
einen Leben begngen sich die Menschen so wenig, da sie sich noch ein zweites
vorspielen lassen. Schein im Schein wollen sie haben. Und dann wandte er sich
mit einem ganz neuen Ton freundlicher Besorgnis an den Knaben: Nun, mein
kleiner Ernhrer, so geh' denn den Weg, den Du noch gehen mut, und vor allem
kehr' mir wohlbehalten von dort zurck, wo Gier um Macht streitet. Mir ist etwas
bang um Dich, denn wenn ich auch hier hause wie ein einsamer Adler, so dringen
doch manche Laute zu mir, und neulich kamen Leute, die erzhlten, es wrde dort,
wo Du hingehst, ein gar schlimmes Stck vorbereitet.
    Zugleich mit dem Knaben trat nun auch die Taitai den Rckweg an. Und whrend
der heilige Mann dort oben in tiefes Trumen ber das Auslschen des Ichs und
damit auch seiner Weltvorstellung zurcksank, war all ihr Denken im Gegenteil
nur darauf gerichtet, wie ihrem Ich das Dasein voll spannender Abwechslung zu
gestalten sei. Denn sie, die sich so gar nicht an der tiefen Beschaulichkeit
gengen lie, sondern am liebsten zehn Leben zugleich gelebt htte, hatte soeben
mit geschftigem Hirn einen ganzen Plan ersonnen, und dessen Ausfhrung wollte
sie sofort einleiten: Tschun msse in den Sommerpalast zur Auffhrung, sie wolle
von ihm darber hren! - Und Tschun, dessen geheimste Wnsche ganz in derselben
Richtung gingen, war nur zu bereit. Der fremde Knabe msse ihn mitnehmen, sagte
die Taitai, und als Verwandten einfhren, der sich auch frs Theaterspiel
anbte.
    Beinahe so erfinderisch wie die Chinesen selbst, konnte doch so eine fremde
Dame sein! dachte Tschun. Aber wie mochte sie das wohl mit dem Gebote der
Wahrhaftigkeit vereinen, das die Fremden den Chinesen gegenber doch so oft
betonten?
    Mahan, der sogleich die Mglichkeit von Gelderwerb witterte, erhob zuerst
Schwierigkeiten gegen den Vorschlag, und damit spekulierte er richtig, denn die
Taitai bot ihm alsbald eine viel hhere Belohnung, als er zu erwarten gewagt.
Schlielich war alles abgemacht: sowie er von dem Palastwchter, der die
Figuranten zu besorgen hatte, erfuhr, an welchem Tag die Auffhrung stattfinden
solle, wrde er ihm von Tschun sprechen und bitten, ihn ebenfalls als Statisten
mitbringen zu drfen.
    Feierlicher denn je kehrte der Ta-jen am nchsten Tage in der grnen Snfte
aus Peking zurck, Wrde, Wichtigkeit und erfolgreiche Amtsttigkeit
ausstrahlend. Und nach wenigen Stunden wuten die Boys und mit ihnen auch Tschun
alle Neuigkeiten, die er mitbrachte. Denn irgendwie erfuhren sie, die auf dicken
Filzsohlen Gehenden, doch immer alles.
    Die Mitglieder des Tsungli-Yamen waren auf die Forderungen des Gesandten mit
berraschender Bereitwilligkeit eingegangen, ganz ohne die gewohnte
Verneinungstaktik anzuwenden, mit der sie sonst jede Verhandlung begannen. Dem
begleitenden Dolmetscher hatten sie den Eindruck gemacht von Leuten, die vor so
gewaltigen Ereignissen zu stehen glauben, da das, was bisher wichtig erschien,
zur Geringfgigkeit zusammenschrumpft. Der Ta-jen war sogar beinah etwas
pikiert, da er seinen Erfolg so leicht errungen hatte. Aber er freute sich
schon im voraus auf die Enttuschung, die ein anderer Ta-jen, der sich um die
gleiche Konzession bemht hatte, empfinden wrde, wenn er diesen Sieg erfuhr.
    Seine glcklich gefhrte Verhandlung hatte der Ta-jen seiner Regierung
bereits von Peking aus telegraphisch gemeldet. Nun sollte noch im Tempel der
unendlichen Stille ein ausfhrlicher Bericht darber verfat werden.
    Und dann ist da noch etwas anderes, ber das wir vielleicht berichten
mten, sagte der Ta-jen zum ersten Sekretr, was Kuang yin deutlich von der
angrenzenden Zelle aus hrte, wo er scheinbar eifrigst die verstaubten Kleider
seines Herrn reinigte. Ich bin nmlich bei dem Bischof im Petang gewesen, um
seine Ansicht ber eine Nephritschale zu hren, die mir angeboten worden ist -
Sie wissen doch, da er der grte Kenner von Nephrit ist - na, und bei dieser
Gelegenheit hat er mir allerhand ber diese chinesische Reformbewegung erzhlt.
Er schien sogar voller Apprehensionen.
    Ach, meinte der Sekretr, diese geistlichen Herren reden sich ja immer
knstlich in ein Interesse fr kleine chinesische Vorkommnisse hinein, weil sie
sich nun mal dazu verurteilt wissen, ihr ganzes Leben in diesem gottverlassenen
Lande zu verbringen. Dadurch nehmen die hiesigen Dinge in ihren Augen eine viel
grere Wichtigkeit an. Ich glaube, wir Diplomaten, die wir gottlob nur
vorbergehend hier sind und vergleichen knnen, sehen das alles im richtigeren
Mastab.
    Gewi, gewi, sagte der Ta-jen, aber es ist am Ende doch sicherer, wir
schreiben ein bichen was darber, damit uns nachher zu Hause nichts vorgeworfen
werden kann, wenn wirklich etwas mehr aus alledem entstehen sollte.
    Der erste Sekretr frug nun, was der Bischof denn eigentlich mitgeteilt
habe, und der Ta-jen antwortete: Oh, er hat mir recht merkwrdige Dinge
erzhlt. Die Kaiserin hat doch, wie schon neulich in der Pekinger Zeitung
stand, die Verbannung des gelehrten alten Weng tung ho aus Peking durchgesetzt.
Als Grund wurde in dem Edikt angegeben, er habe es nicht verstanden, dem Kaiser
die Klassiker gengend zu erklren. In Wahrheit aber ist diese Maregelung auf
den Ha von Tz Hsis groem Gnstling, dem militrischen Befehlshaber Tientsins,
Yung Lu, zurckzufhren. Dieser Ha soll daher stammen, da in einer Zeit, da
Tz Hsi allen Grund hatte, anzunehmen, da Yung Lu sich an ihrer Huld gengen
lasse, Weng tung ho ihr den Beweis erbrachte, da Yung Lu zu einer Hofdame
Beziehungen unterhalte, die in diesem Fall ihren kaiserlichen Augen besonders
unerlaubt erscheinen muten. Yung Lu hat das Weng tung ho nie vergessen, denn er
hat lange unter dem eiferschtigen Groll der Kaiserin zu leiden gehabt. Jetzt
aber, nach vielen Jahren, wo Tz Hsi ihm verziehen, hat er ihre Abneigung gegen
die Reformer benutzt, und so ist es ihm gelungen, sich an Weng tung ho zu
rchen. Seitdem nun aber der doch immerhin sehr migende alte Weng tung ho in
sein Heimatsdorf verschwinden mute, ist der Kaiser, zum Teil wohl aus einem
gewissen Trotz gegen die herrische Tante, dem viel radikaleren Kang yu wei erst
recht verfallen.
    Wie kann er nur an diesen unpraktischen Phantasten glauben! rief der
Sekretr. Nach all den von ihm inspirierten Edikten mu ja dieser Kang yu wei
ein bloer Phrasenheld sein, der abgedroschene Leitartikel liberaler
europischer Bltter hier als groe Geistesneuheiten verzapft.
    Ja, sagte der Gesandte, so schildern ihn auch die dem Bischof
unterstellten Missionare, die ihn frher in Kanton gekannt haben. Auerdem
bezeichnen sie ihn aber auch als einen Ehrgeizigen. Und der Bischof geht sogar
so weit, zu behaupten, da Kang yu wei letzten Endes eine Republik anstrebe.
    Aber das ist ja zum Lachen, Exzellenz, rief der Sekretr, eine
chinesische Republik? Das erlebt keiner von uns!
    Auf alle Flle, sagte der Gesandte, scheint dieser pltzliche
Emporkmmling eine gewisse Menschenkenntnis zu besitzen, denn er hat den Kaiser
in seiner krperlichen Schwchlichkeit und emotionellen Wesensart sofort als
leicht lenksames Werkzeug seiner Plne, was sie nun auch sein mgen,
eingeschtzt, aber in der alten Kaiserin erkennt er ein sehr anderes Temperament
und sieht in ihr seine wirklich gefhrliche Gegnerin. Deshalb soll er auch alles
tun, um den Kaiser gegen seine Tante noch weiter aufzuhetzen. Bisher hat Tz Hsi
die Dinge gehen lassen, weil sie sich nicht persnlich gefhrdet fhlte. Aber
das soll jetzt anders geworden sein. Seit kurzem zirkulieren nmlich
Spottgedichte ber sie, die aus Kanton stammen, und die Kang yu wei dem Kaiser
in die Hnde gespielt hat. Durch diese Aeuerungen, die er dem Kaiser als
Ausdruck der allgemeinen ffentlichen Meinung darstellt, mchte er ihn dazu
bringen, Tz Hsi pltzlich festnehmen zu lassen und der Mglichkeit allen
weiteren Einflusses auf die Regierung zu berauben. Der Bischof sagt,
wahrscheinlich habe Tz Hsi schon jetzt genaue Kunde von all diesen Umtrieben,
denn die junge Kaiserin, die auch eine Nichte Tz Hsis ist, und mit ihrem Gemahl
ja in stndigem Unfrieden lebt, weil sie von ihm zugunsten der Perl-Konkubine
vllig vernachlssigt wird, hinterbringe ihr alles. Sobald aber Tz Hsi wei,
da gegen sie persnlich ein Anschlag im Werke ist, erwartet der Bischof, da
sie vernichtend dazwischen fahren wird.
    Mit was fr Mitteln sollte denn aber der Kaiser die Festnahme Tz Hsis
ausfhren lassen wollen? warf der Sekretr ein. Man sagt doch, im Sommerpalast
sei sie von zahlreichen Wachen umgeben, und das nchste Militr steht ja gerade
unter Befehl dieses Yung Lus. Na, und wenn der heute auch wohl nicht mehr in
zrtlichen Beziehungen zu ihr steht, so wrde er doch wohl in jedem Konflikte
bestimmt zu ihr halten?
    Ja, das habe ich dem Bischof auch eingewendet, antwortete der Gesandte,
ihm ist aber aufgefallen, da der Kaiser in letzterer Zeit einen gewissen Yan
schih kai empfangen hat. Gleich darauf ist dann ein Edikt zur Reorganisation des
Heeres erschienen, und dieser Yan schih kai ist zum Prsidenten der damit
beauftragten Kommission ernannt worden. Der Bischof glaubt nun, da das
derjenige sei, den der Kaiser ausersehen hat, ihm bei dem Anschlag zu dienen. Es
soll ein Gnstling Li hung changs sein, der rasche Karriere gemacht hat. Wissen
Sie etwas von dem Mann?
    Leider nein, Exzellenz, antwortete der Sekretr, es ist ja berhaupt
schon schwer, sich nur all die verwnschten Namen dieser Leute zu merken.
    Ja, ja, sagte der Gesandte, und aussehen tun sie fr unsere Augen auch
alle ziemlich gleich. Na, was nun auch kommen mag, ich denke, China wird China
bleiben, und wir werden hier in gewohnter Weise unsere Geschfte weiter machen.
Und dann setzte er hinzu, indem er dem Sekretr einige Bltter reichte: Hier
sind brigens die kantonesischen Flugbltter, die mir der Bischof mitgegeben
hat, vielleicht kann einer der Dolmetscher sie bersetzen.
    Die Bltter blieben abends auf dem Schreibtisch des Dolmetschers liegen. Da
fand sie dessen Boy. Und teilte den anderen deren Inhalt mit. So erfuhren diese
und auch Tschun, da die groe Kaiserin Tz Hsi, die Mtterliche und
Glckverheiende, noch manch andere Charakterseiten besitze, die nicht so
geeignet schienen, als lobend verliehene Titel hervorgehoben zu werden. Vor
allem wurden ihr ihre malose Geldgier und Verschwendungssucht vorgeworfen. Es
hie:
    Von den Zwergen der Inseln sind wir so leicht geschlagen worden, weil die
Kaiserin durch Li lien ying die fr die Flotte bestimmten Gelder fr sich
verwenden lie. Statt Schiffe zum Schutz unserer Ksten, hat sie den
Sommerpalast fr ihre Vergngungen erbauen lassen. So ist sie schuld an jenen
Niederlagen, denen neue Demtigungen und Einbuen an Macht und Besitz folgten.
Das groe China mute es alles dulden, weil es durch eine Frau wehrlos
geworden.
    Und auch intimere Dinge aus dem privaten Lebenswandel der gttlichen Mutter
bespotteten die Pamphlete. An te hai, der frhere Lieblingspalastwchter, habe
gar nicht die Qualifikationen fr diesen Posten besessen, ihr Geliebter sei er
gewesen, wie spter Yung Lu und so manche andere. In ihren Ausschweifungen wurde
Tz Hsi von den kantonesischen anonymen Dichtern mit der berchtigten Kaiserin
Wu der Tang-Dynastie verglichen, wie auch mit Ta Chi, der nichtswrdigen
Konkubine des Kaisers Chou Hsin, die in ihrem Palast am Teich von Wein hnlich
ungeheure Orgien begangen habe wie heute Tz Hsi in ihrem Sommerpalast. Immer
aber schlossen diese Straenballaden mit einer Warnung an den Kaiser Kwang Hs:
Sollte die Mandschu-Dynastie zugrunde gehen, so wird jene Frau daran schuld
sein, die dem rechtmigen Herrscher nicht gestattet zu regieren.
    
    Tschun las all die Ungeheuerlichkeiten, die der Kaiserin da vorgehalten
wurden, und er verstand auch die obsznen Witze, die die Boys daran knpften,
aber trotzdem kam er zu keinem eigentlichen Bewutsein der Wirklichkeit dieser
Dinge - es war ihm, als sei das alles eben doch nur in Bchern vorgefallen. Er
konnte es sich nicht recht vorstellen.

Aber nun kam Mahan. Es wrden noch viele Knaben als Figuranten fr das
kaiserliche Theater gebraucht. Tschun solle gleich am nchsten Morgen mit ihm in
den Sommerpalast kommen.
    Der Sommerpalast umfate eine ganze Sammlung von Palsten, samt Hallen,
Pagoden, Pavillons und Kiosken. Zerstreut lagen sie in einem ungeheuren
Grundstck, das sich von der Ebene aus noch ber einen ganzen Bergabhang
ausdehnte. Die blutrote Umfassungsmauer mit ihrer goldenen Kachelkrnung wand
sich wie ein seltsames Schlangenungetm in Zickzacklinien um das ganze Gelnde.
Wlder, Grten, Grotten, ein riesiger See mit der felsigen Insel des
Drachenknigs, hochgeschwungene Marmorbrcken ber Lotosteichen, das alles lag
dahinter.
    Den Eingang bildete ein mchtiges berdachtes Mitteltor, das sich nur den
Herrschern ffnete, mit zwei kleineren Tren daneben. - Durch eines dieser
schritten die vielen groen und kleinen Knaben, die sich vorher drauen bei den
Torhterhusern versammelt hatten. Von einem Palastwchter, mit Kristallknopf
und schwarzer Feder, wurden sie in einen groen, mit Steinfliesen belegten Hof
gefhrt. Alte Pinien standen da, und ihre Zweige waren mit kleinen Bambusbauern
behngt, in denen schne Vgel saen. Am Ende dieses Hofes erhob sich eine
zweite blutrote Mauer, durch die ein genau dem ersten gleichendes Tor in einen
weiteren Hof fhrte. - Es lag etwas Beklemmendes in diesen Wiederholungen.
Dieser Hof war voll von Menschen in den offiziellen Gewndern der verschiedenen
Rangstufen, und in den einstckigen Wartehusern auf beiden Seiten sah man durch
die offenen Tren noch viele, viele andere stehen. Es waren zumeist
Mandschu-Mandarine, die auf Audienzen harrten.
    Tschun wre gern verweilt, um sie alle genau zu besehen, aber der
Palastwchter mit dem Kristallknopf und der schwarzen Feder drngte die
Knabenschar durch drei weitere, immer riesigere Hfe.
    Und immer beklommener wurde Tschun dabei. Es war ihm wie in einem Traum, wo
man geht und geht und doch nicht weiter kommt. So gleich blieben sich diese Hfe
mit den blutroten Mauern, diese Tore unter geschweiften gelben oder grnen
Dchern, deren Firstornamente wie groe goldene Flgel wirkten. Ueberall an den
Wegen entlang standen bronzene Reiher und Rehe, die selbst so aussahen, als
seien sie in einen tiefen Zauberschlaf verfallen.
    Aber Tschun hatte doch Zeit zu bemerken, wie wunderbar schn das alles
gehalten war. Kein Unkrauthalm spro zwischen den Steinfliesen, kein Blatt lag
auf den Wegen. Nirgends eine Spur jenes Staubes, der, in Peking und auch in den
Tempeln, unmerklich aber stndig rieselnd, alles mit seinem einfrmigen grauen
Ton bedeckt. Hier standen die Farben frisch und leuchtend in blendender Schrfe
gegen den klaren Himmel. Tschun hatte bisher gedacht, da es nur bei den Fremden
so sauber aussehen knne. Nun empfand er eine Art Stolz, da das doch auch im
eigentlichen China mglich sei.
    Dann kamen sie an einen geschnitzten dreiteiligen Triumphbogen, und dahinter
lag grn schimmernd der riesige See. Tschun dachte, grer kann auch das Meer
nicht sein. Ein Weg mit einer Marmorbalustrade fhrte am Wasser entlang.
Trauerweiden lieen ihre langen biegsamen Zweige tief hinabhngen. Es war
Tschun, als she er ein verwirklichtes chinesisches Gedicht.
    Eilt Euch, sagte der Palastwchter, der alte Buddha fhrt auf dem See und
kann bald zurckkehren. Dort an den Marmorstufen, wo die vielen Menschen warten,
wird die Kaiserin aussteigen und sich in die Audienzhalle tragen lassen. Wir
mssen vorher vorbei sein.
    Aber der Marmorweg dehnte sich endlos aus. Und pltzlich, dicht bei den
Stufen, kam aus einem Nebenarm des Sees, der ganz mit Lotos bedeckt war, der
kaiserliche Nachen angeglitten. Er war schon ganz nahe. Andere Boote folgten.
Sie waren gefllt mit Menschen in buntschillernden gestickten Seidenkleidern.
    Werft Euch nieder, befahl der Palastwchter mit zitternder Stimme. Und
gleich ihm knieten all die Knaben und berhrten den Boden mit der Stirn.
    Es waren seltsame Boote. Wie schwimmende Pagoden aus feingeschnittenem Holz
schienen manche. An den zurckgeschobenen Fenstern der Kajten spielten
rotseidene Vorhnge in der leichten Brise. Man blickte in kleine verschwiegene
Rume, die doch viel zu erzhlen schienen. Aber die Herrscherin selbst hatte fr
diesen Tag einen ganz flachen offenen Nachen gewhlt, ber dessen Rand die hohen
Lotosblten aus dem Wasser noch emporreichten.
    So fuhr sie in einem Meer von Blumen. Sie sa unter einem gestickten
Ehrenschirm, den ein Diener ber sie hielt. Hofdamen, mit wei- und
rosagepuderten Wangen und kirschroten Schminkflecken auf der unteren Lippe,
umstanden sie, und Palastwchter, in kostbaren Trachten und groen Hten,
schoben das Boot mit langen Stben im seichten Wasser vorwrts. Die grnen
Lotosbltter bogen sich dabei auseinander mit einem Klang von rauschender Seide.
Ein geschnitzter Wandschirm, dessen seidene Felder mit Phnixen und
Glckssprchen bestickt waren, stand hinter der Gewaltigen, ein Symbol hchsten
Ranges und zugleich ein Schutz gegen jeden heftigeren Windhauch.
    Die Kaiserin hatte die Knaben am Ufer gewahrt und befahl zu halten.
    Nun wird sie uns sicher alle kpfen lassen, dachte Tschun.
    Aber eine tiefe, etwas rauhe Stimme erschallte ganz freundlich vom Wasser
und fragte: Sind das die Knaben von den Drfern, die heute beim Theaterspiel
auftreten sollen?
    Der Palastwchter berhrte noch einmal den Boden mit der Stirn und
antwortete: Sie sind es, Lao tsu tung, strafe Deinen unwrdigen Knecht, da Du
sie auf Deinem Wege gefunden.
    Doch die Kaiserin sagte ganz behbig gutmtig: Mgen die Kinder sich
immerhin hier etwas umsehen. Es hat ja mit dem Theater noch mehrere Stunden
Zeit. Und dann befahl sie einem anderen Palastwchter: Man soll nicht
vergessen, ihnen zu essen zu bringen.
    Tschun war ganz erstaunt. Er htte nie gedacht, da die Gefrchtete so sein
knne. Jetzt erst wagte er, sie verstohlen anzusehen. Er sollte sich ja auch
alles genau fr die Taitai merken. Ja, das poniengestickte Kleid wrde er ihr
beschreiben knnen, die goldenen Nagelfutterale an den gebrechlich dnnen
Fingern, die Perlenquasten und Nephritembleme an dem breitausladenden
Mandschukopfschmuck; die Kette dicker Perlen, die nicht wie bei der Taitai um
den Hals geschlungen war, sondern an einem Knopf der Jacke hing. - Aber das
Gesicht? Das war viel schwieriger. Es war Tschun, als seien es eigentlich viele
Gesichter. Wie ja auch im Tempel die Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft verschieden waren, und doch ein und derselbe sein sollten. Trotz ihrer
Leutseligkeit hatte sie etwas Bengstigendes. Lag das vielleicht an der
gebogenen Adlernase, die Tschun noch in keinem chinesischen Antlitz gesehen?
    Nun landete die Erhabene an den Stufen, und die Hofdamen, mit den wei-rosa
Puppengesichtern und den kirschroten Flecken auf den Unterlippen, eilten herbei,
so schnell es auf den hohen Mandschusockelschuhen ging, und halfen und sttzten
mit vielen Verbeugungen und verbindlichem Lcheln.
    Ein ganzes Gewhl von Bediensteten hatte hier mit Snften der Ankunft der
Boote geharrt. Die Kaiserin bestieg einen gelben offenen Tragstuhl. Acht
Palastwchter hoben ihn an langen Stben empor. Dabei stand zu jeder Seite ein
hoher Wrdentrger, die Hand auf dem Tragstab ruhend. Hinzwinkernd zu dem auf
der Rechten Stehenden, der allein unter allen den roten Knopf und die
Pfauenfeder trug, flsterte Mahan: Das ist Li lien ying. Und auch dieser
Gefrchtete war fr Tschun eigentlich eine Enttuschung. Er hatte ihn sich gar
furchtbar gedacht. Statt dessen war es ein schner Mann von unendlich hflichen
Manieren, der sich mit wrdiger Anmut vor der Gebieterin verneigte und ihr,
whrend sie sich zurechtrckte, offenbar Belustigendes erzhlte, denn sie lachte
ganz laut.
    Dann begann der ganze Zug sich feierlich in Bewegung zu setzen. Vier
Eunuchen der fnften Rangstufe schritten voran; zwlf der sechsten folgten dem
kaiserlichen Tragstuhl. Dann kamen alte Amahs und junge Dienerinnen. Und sie
alle trugen der Kaiserin die verschiedensten Gegenstnde nach, die sie etwa
bentigen konnte: Kmme, Spiegel, Puderbchsen, gestickte seidene Taschentcher;
schwarze und rote Tinte und gelbes Papier fr eilige Edikte; Zigaretten und die
Wasserpfeife, sowie das mit Teeblttern gestopfte Ruhekissen, und auch das Buch,
drin sich fr jederlei Unternehmen der glckverheiende Tag nachschlagen lt.
    Tschun mute dabei pltzlich an die Taitai denken, die hatte auch immer so
viele Dinge, die sie sich gern nachtragen lie! - Und noch eine andere
Aehnlichkeit entdeckte er: auch die Kaiserin hatte einen Lieblingshund, der
schon auf dem Boot bei ihr gewesen war und nun hinterher lief. Tschun hrte, wie
sie ihn Seeotter rief.
    Den Schlu bildeten die vielen Hofdamen in roten, kleineren Tragsthlen, und
dann kamen noch Mnner nachgekeucht, die einen goldgelben Atlassack trugen, aus
dem Bambusrohre hervorschauten. Tschun begriff nicht, wozu die wohl sein
mochten.
    So zogen sie alle an den noch immer knienden Knaben vorber. Die Kaiserin
hoch ber allen anderen schwebend, wie das schimmernde Idol einer seltsamen
Prozession. Sie nickte den Knaben zu und rief lachend: Macht Eure Sache gut
nachher. Als sie aber dicht an Tschun vorberkam, umwehte ihn ein seltsamer
Duft von Sandelholz, Moschus und unbekannten Blumen. Ein Duft, der
jahrtausendalten Rezepten nachgebildet sein mochte, der Tschun vllig fremd war
und der ihn doch irgendwie an die Taitai erinnerte. Der Duft einer Frau, die
sich pflegt und schmckt und vielleicht am meisten sich selbst Idol ist.
    Dann waren sie fort, all die wunderlichen Gestalten, und Tschun rieb sich
die Augen, als ob er erwache. Fremder und unwirklicher wie irgendwelche
Traumerscheinungen waren sie gewesen - und waren doch das wirkliche China.
    Jetzt erst fielen Tschun die dunklen Dinge ein, die man in Peking flsternd
erzhlte, und die in den Straenballaden Kantons offen besungen wurden. Was
mochte von alledem wahr, was erlogen sein? - Er entsann sich, einmal gehrt zu
haben, da die Kaiserin durch Zauberei jeden nach Belieben zwingen knne, sie zu
lieben oder zu hassen. Er erinnerte sich auch, da Sin schen, der weitgereiste
Vetter, behauptete, es gbe Berge, die scheinbar sicher und ruhig wie andere
Berge dastehen und aus denen doch pltzlich mit Grollen und Beben vernichtende
Lohe hervorbricht.
    Einige der Knaben htten nun gern von der Kaiserin Erlaubnis Gebrauch
gemacht und sich die Grten besehen. Aber der Palastwchter, mit dem
Kristallknopf und der schwarzen Feder, war sichtlich nur zu froh, da alles so
gut abgelaufen; er wollte sich keinen neuen gefahrvollen Begegnungen aussetzen
und drngte die Knaben zum Theater.
    Eine Marmortreppe, an der zwei bronzene Ungeheuer mit rollenden Augen,
drohenden Hrnern und hynenhaftem Lcheln Wache hielten, fhrte zu einer
breiten Veranda empor. Rote Lacksulen trugen die geschnitzte Decke, an der sich
goldene Drachen zwischen azurenen Wolken jagten. Durchsichtige Hornlaternen, auf
denen rote Glckszeichen gemalt waren, schwebten zwischen den Sulen, und lange,
seidene Quasten, mit Nephritperlen, hingen von ihnen herab. Weihrauchbehlter,
bronzene Tiere, Porzellantische und Sitze standen umher. Von der Veranda trat
man durch geschnitzte Tren in die groe kaiserliche Loge, die die ganze Breite
der Bhne einnahm. Zwei kleine Rume schlossen sich an jeder Seite daran.
Dorthin zieht sich die Kaiserin whrend der Vorstellungen manchmal zurck und
speist oder ruht, erklrte der Palastwchter. Nur einen kurzen Blick durfte
Tschun hineinwerfen. Decken und Zwischenwnde waren aus so feingeschnitztem
Holzwerk, da er wirkliche Bambushaine mit Schmetterlingen und Vgeln zu sehen
whnte. Vielleicht sollten diese der Herrscherin sanfte Trume bringen, wenn sie
da ruhte auf dem Kang mit den vielen seidenen Kissen und Decken. Strue von
seltsamen Blumen aus Korallen und Agat, Beryll und blassem Mondstein standen in
glsernen Ksten. Einen geschnitzten Toilettentisch gewahrte Tschun mit
tausenderlei Werkzeugen eines geheimen Kults. Und berall war da dieser seltsam
fremde, durchdringende Wohlgeruch.
    Doch nun muten die Knaben in die Rume hinter der Bhne. Da war ein Gewhl
von Menschen und Dingen! Die seltsamsten Dekorationen standen umher: Wolken,
Drachen und Phnixe, Tiger, Affen und namenlose Ungetme in wilden Verzerrungen.
Alles aus bemalter, vergoldeter Pappe und rckwrts auf leichten Bambusgestellen
ruhend. Die Schauspielertruppe der Kaiserin, die von ihren Palastwchtern.
gebildet wurde, war beim Anziehen. Tschun sah da schwere golddurchwirkte
Gewnder und gestickte Mntel, wie sie sonst nur die Gestalten uralter Bilder
tragen, und seltsame Kopfputze mit mehrere Fu langen Fasanenfedern. - Es war
ein mythologisches Stck, das gegeben werden sollte. Helden des Kriegsgottes, in
goldenen Rstungen, Helmen und schreckenerregenden Masken, probten ihre
Kampfesstellungen, ihre druenden Gebrden mit geschwungenen Hellebarden. Die
Schauspieler, die Damenrollen zu geben hatten, schritten zierlich auf hohen
Sockelschuhen, rafften mit schmalen Fingern die schimmernden Gewnder, neigten
und verbeugten sich voll zimperlicher Grazie, nach den Vorschriften ltester
Hofetikette. Ihre geschminkten Gesichter schienen erstarrt zu einem ewigen
Lcheln, und sie sprachen mit hohen dnnen Stimmen, die von weither zu kommen
schienen. Tschun war ganz verwirrt von allem, was er sah, und dabei empfand er
wieder einen gewissen Stolz: es war doch noch viel schner als die schnsten
Feste der Fremden!
    Auch die Knaben wurden nun geschminkt und angezogen. Die kleineren, zu denen
Mahan gehrte, sollten erst in der Schluapotheose, als Schwarm glckbringender
Fledermuse, zwischen dem Gewlk schwirren. Tschun, weil er schon gro und stark
war, kam in die Schar der Bogenschtzen, die zu Anfang dem Kriegsgott voranzogen
und dann auf der Bhne blieben.
    Es gab ein langes Warten. Die von der Kaiserin befohlene Mahlzeit wurde
gebracht, in Npfchen, die auf groen, gelb gedeckten Brettern standen. Und alle
warfen sich bei diesem Anblick nieder, wie es Brauch ist beim Empfang
kaiserlicher Gnadenspenden. Einmal auch kam Li lien ying, nachzusehen, wie weit
die Vorbereitungen gediehen. Tschun hrte die Eunuchen sagen, wie sehr er sich
doch fr das Theater interessiere. Dann meinte einer von ihnen: Es ist
eigentlich keine Zeit fr frohe Feste. Ein anderer, ganz Junger stimmte bei:
Ja, wer wei, vielleicht werden auch wir in den nchsten Tagen abgesetzt - und
dann war es alles umsonst! Doch ein Aelterer entgegnete bestimmt: Das wird
unser alter Buddha nie zulassen. - Sie sprachen nun leiser, aber Tschun konnte
doch noch manches hren. - Es schien, da der Kaiser am vorhergehenden Tage von
Tz Hsi aus Peking herbeigerufen, einige Stunden bei ihr hier im Sommerpalast
geweilt hatte. Er htte einen heftigen Auftritt zwischen den beiden gegeben, und
die Kaiserin habe die Verhaftung Kang yu weis verlangt, weil er ihrer spotte.
Dann sei der Kaiser nach Peking zurckgekehrt. - Tschun war ganz entsetzt, in
wie unehrerbietigen Ausdrcken diese Bediensteten Tz Hsis untereinander von dem
Himmelssohn sprachen! Kang yu wei aber belegten sie mit dem Namen
Schildkrtenei, dem rgsten chinesischen Schimpfwort. Er habe den Kaiser schon
so verblendet, da dieser in seinem eigenen Palast europische Kleidung trage,
und jetzt empfehle er ihm sogar den Gott der Fremden!
    Tschuns Herz schlug heftig bei diesen Worten. Ach, wenn das doch mglich
wre, da der Kaiser sich dem wirklichen lieben Gott zuwendete! Wie wrden sich
die Priester und Nonnen des Petang freuen. Und wenn dieser Kang yu wei wirklich
etwas so Schnes wollte, dann wrden auch der Ta-jen und der erste Sekretr
sicher ganz anders als bisher ber ihn denken!
    Doch nun kamen Boten: Der kaiserliche Zug nahe durch die Grten.
    Die Schauspieler eilten auf die Bhne, um die Gebieterin bei ihrem Eintritt
in die Loge durch ehrfurchtsvolles Niederknien zu begren. Tschun mit den
Bogenschtzen des Kriegsgottes war auch dabei. Er kam ganz nach vorn zu stehen.
Die beiden Galerien, die an den Lngsseiten der Bhne liefen und fr Gste
bestimmt waren, hatten sich schon gefllt mit allerhand Growrdentrgern in
feierlichen Wappenrcken und Bernsteinketten, und in der kaiserlichen Mittelloge
harrten eine Menge Prinzessinnen, Hofdamen und Palastwchter. Und nun nahte von
der Veranda her die gnadenreiche Gegenwart. Die Kaiserin wurde von zwei Eunuchen
gesttzt, und hinter ihr folgten, wie am Morgen, die vielen Menschen, die ihr
berall die verschiedensten Dinge nachschleppten. Tschun bemerkte sofort, da
sie ein anderes Kleid trug; es war mit unzhligen Schmetterlingen bestickt, und
ber die Schultern hing ihr ein Netzwerk von mehreren tausend groen Perlen, das
in Nephritquasten endete. Tschun mute an die Taitai denken, die auch so oft am
Tage, je nach Beschftigungen und Stunden, die vielen Kleider wechselte, die
Madame Angle nhte. Aber ganz wie die Taitai keineswegs am frohesten aussah,
wenn sie Festgewnder angelegt hatte, schien auch die Kaiserin, trotz Perlen und
Schmetterlingen, jetzt gar nicht mehr so guter Stimmung wie am Lotosteich zu
sein. Sie blickte finster drein; die Nase erschien jetzt noch gebogener, gleich
dem Schnabel eines bsen Raubvogels, und die Lippen waren ganz schmal geworden.
    Und dann geschah etwas ganz Seltsames. Gerade als die Kaiserin sich auf den
geschnitzten Thron niederlassen wollte, stie sie einen schrillen Schrei aus und
wies mit dnnem, spitzem Finger auf das Polster. Da sa, auf dem goldgelben
Atlas, eine dicke schwarze Brummfliege. Vor diesen kleinen Tieren aber empfand
Tz Hsi, die Gewaltige, einen unberwindlichen, schreckhaften Ekel. Und sie
herrschte die ihr zunchst Stehenden heftig an: Wie kann der Fliegenwedler es
wagen, so nachlssig zu sein: Wo ist er?
    Zitternd trat ein mit einem Wedel bewaffneter Palastwchter heran und warf
sich vor der Gebieterin auf den Boden.
    Er ist zu bestrafen, befahl Tz Hsi und wendete sich dabei an Li lien
ying. Sicherlich, antwortete dieser, und seine Augen blickten tckisch, soll
er sofort hingerichtet werden? Oder vielleicht des langsamen Todes sterben?
    Das ist ein bichen viel, antwortete Tz Hsi, nachdem sie sich einen
Augenblick besonnen, er empfange hundert Streiche in die Kniekehlen.
    Und nun erkannte Tschun, was das Amt der Mnner war, die er am Morgen den
gelben Atlassack hatte schleppen sehen. Sie entnahmen ihm Bambusrohre, und damit
erhielt der am Boden Liegende die befohlenen Streiche. Er gab keinen Laut von
sich, und der ganze Hofstaat stand gleichmtig dabei.
    Dann erteilte die Mtterliche, Glckverheiende den Befehl, da das Stck
beginne.
    Die dichten Scharen des Kriegsgottes sollten sich zu Anfang ber die Bhne
entfalten und den Hintergrund bilden fr die Zweikmpfe besonderer Helden. Auch
die Bogenschtzen hatten dabei in seltsam rhythmischem Schritte mit bizarr
verschrnkten Armen vorberzuziehen. Aber Tschun war ganz erstarrt von dem, was
er soeben mit angesehen hatte, er erinnerte sich kaum noch, was er auf der Bhne
zu tun hatte, die andern Knaben muten ihn hin und her schieben. Ja, jetzt
glaubte er es dem Vetter Sin schen gern, da es Berge gibt, die pltzlich
vernichtende Lohe sprhen! Er mute immerwhrend in die Loge starren. Da sa die
Kaiserin auf dem geschnitzten Thronsessel mit dem hohen Wandschirm und zwei
groen Standarten aus Pfauenfedern hinter ihr, unbekmmert, als sei gar nichts
vorgefallen. Wie ein Idol sah sie wieder aus, und jetzt zwar wie ein ganz
vergngtes. Es war, als habe ihr das kleine Vorspiel sogar gut getan und sie von
angesammeltem Unmut befreit. Sie folgte der Vorstellung mit sichtlichem
Vergngen, und dazwischen lachte sie und scherzte mit Li lien ying, der dicht
neben dem Throne stand.
    Und dann kam das Nachspiel.
    Pltzlich ward die groe Tr der kaiserlichen Loge von der Veranda her
heftig aufgestoen, und ein Mann, in hoher Militrmandarinentracht, kam
hereingestrzt. Durch die erstarrten Eunuchen, die puppenhaften Hofdamen bahnte
er sich unaufhaltsam den Weg, strzte bis zum Thron der Kaiserin vor, sank da
auf die Knie, hob die Hnde und rief atemlos: Schutz, Majestt, ich flehe um
den Schutz dieses Heiligtums!
    Die Schauspieler hatten unwillkrlich bei dem Lrm innegehalten. Jetzt war
es lautlos still geworden. Von der Bhne und aus den Seitengalerien starrten
alle Augen auf die Kaiserin. Die war zuerst bei dem unerhrten Auftritt
zusammengefahren, aber den Eindringling erkennend, fate sie sich sofort, und
nun hrte man sie in dem atemlosen Schweigen mit Strenge sagen: Was verlangst
Du den Schutz dieses Heiligtums, in das Du ohne Recht eingedrungen bist, Yung
Lu? Weit Du nicht, da kein Beamter aus der Provinz in die Hauptstadt kommen
darf ohne kaiserlichen Befehl?
    Ich wei es, Gnadenreiche, und bitte um sptere Strafe, antwortete der
Kniende, aber ich konnte nicht warten, ich bringe zu wichtige Kunde.
    Die Kaiserin neigte sich bei diesen Worten vom Throne herab, Li lien ying
war nher herangetreten. Der Kniende sprach indessen weiter, leise und hastig.
Man hrte nur Murmeln. Aber Tschun sah, wie die Kaiserin pltzlich erbleichte.
    Und dann trat Li lien ying vor und rief mit sardonischem Lcheln und lauter
Stimme: Kaiserlicher Befehl: Theater wird heute nicht mehr gespielt!
    Und so stark war die Macht uralter Tradition, da trotz der Erregung, die
alle ergriffen hatte, bei dem Wort kaiserlicher Befehl smtliche Anwesende
ganz automatisch auf die Knie sanken und den Boden mit der Stirn berhrten.
    Die Kaiserin aber hatte sich erhoben. Und so, hoch ber den anderen auf der
obersten Thronstufe stehend, schien sie zu etwas Ungeheuerlichem emporzuwachsen,
zur unerbittlichen Furie grausamer Rache, der all die gebeugten Nacken ein
Piedestal bildeten, aus zitterndem, ihr willenlos untertanem Menschenfleisch.
    Doch schon wurden die Glasfenster zugeschoben, die Loge von Bhne trennten.
Tschun konnte nichts mehr von dem sehen, was im Zuschauerraum nun vor sich gehen
mochte. Von hastenden Menschen wurde er selbst fortgeschoben, weitergedrngt
zwischen all den grinsenden Pappungeheuern. Die Schauspieler redeten wirr
durcheinander mit dnnen, zitternden Stimmen, gestikulierten in ihren
phantastischen Trachten, rissen sich die schreckenerregenden Masken ab und sahen
nun erst recht erschreckend aus in ihrer bleichen Furcht. Denn sie alle, die sie
ja Palastwchter waren und zur Kaiserin gehrten, fhlten sich pltzlich
bedroht. Das unerhrte Eindringen Yung Lus, seine unheilkndenden Worte, das nie
dagewesene Abbrechen der von der Kaiserin ber alles geliebten
Theatervorstellung - all das konnte ja nur etwas Entsetzliches bedeuten -
irgendeine unheimliche Gefahr mute in unmittelbarem Anzug sein - war vielleicht
schon da. Aber was war sie? Wo war sie? Und wie konnte man sich retten? Die
kostbaren Gewnder flogen zu Boden, die schwachen Theaterwaffen wurden
verchtlich beiseite geworfen. Alle zu gleicher Zeit wollten sie hinaus und
fliehen, die gengstigten Menschen, ohne doch deutlich zu wissen, wovor, noch
wohin. Und auch Tschun, der blo dunkel fhlte, da irgendwo irgendetwas
Schauriges vorgehen mute, hatte nur das eine Verlangen, fort, fort aus diesen
Unheilsrumen! Unter all den grausig grotesken Ungetmen mit ihren wilden
Verzerrungen whnte er sich in die chinesische Hlle des Tempels versetzt, und
berall sah er pltzlich riesige schwarze Brummfliegen, aber kein Wedel
vermochte sie zu scheuchen, sie kamen nher, nher! Das Entsetzen kroch Tschun
am Rcken entlang, riesengro. Er mute pltzlich schreien. Und schon
antworteten ihm andere Schreie, als htten sie nur auf ihn gewartet. Die Panik
hatte sie alle ergriffen - diese sonst zu unerschtterlicher Bildhaftigkeit
erstarrten Menschen.
    Und nun liefen sie alle durch den dmmernden Garten dem Ausgangstor zu. Die
Palastwchter voran zeigten den Weg. Jetzt waren die groen Hornlaternen
angezndet und blutrot grinsten ihre riesigen Glckszeichen auf den leuchtenden
Kugeln. Gespenstisch stand die bleiche Marmorbalustrade gegen das dunkle Wasser,
blassen Gesichtern Verstorbener gleich hoben sich die Lotosblten aus der
finsteren Tiefe.
    Nach der Schwle des Theaters gewannen die Gengsteten hier im Freien etwas
Ruhe und Ueberlegung wieder. Tschun und Mahan, die bei der Vorstellung getrennt
gewesen, hatten sich jetzt wiedergefunden. Unter dem Eindruck, da die ganze
uere Welt ja noch genau so geblieben war, wie sie sie vor wenigen Stunden
verlassen, legte sich auch etwas die innere Erregung. Das Rennen wurde
allmhlich zum Gehen.
    So kamen sie zu den drei von blutroten Mauern umgebenen Hfen. Die waren
gefllt mit Menschen, wie auch die Wartehuser an den Seiten. An den uersten
Toren aber, durch das einer der Palastwchter die aus den Drfern stammenden
Knaben entlassen wollte, tnte ihnen der Ruf der Trhter entgegen: Die Tore
sind verschlossen. Der Befehl erging: Niemand darf vor morgen frh den
Sommerpalast verlassen.
    Und nun erst erkannte Tschun im flackernden Schein groer Laternen, die an
Stben aufgestellt waren, da die Gste des Theaterspiels da noch warteten,
umgeben von einer Unzahl eigener Bediensteter. All diese Menschen sahen gespannt
und erwartungsvoll aus. Wenn sie einen Augenblick in das unstete Licht der
Laternen traten, sah man die glatten pergamentenen Antlitze der Jngeren, die
runzligen Schildkrtengesichter der Alten. In den Bambusbauern, an den Zweigen
der alten Zedern, flatterten die Vgel, erschreckt ob des ungewohnten Lichtes.
Manchmal kreischten sie laut auf.
    Die Knaben kauerten sich nieder auf den Stufen eines der Wartehuschen.
Durch die offenen Tren hrte man von drinnen abgerissene Worte heraustnen. Und
auch durch die Hfe ging ein erwartungsvolles Murmeln.
    Dann nach ein paar Stunden erscholl Lrm von jenseits der hohen blutroten
Umfassungsmauer. Das eilige Heranfahren von Karren. Die Rufe von Snftentrgern.
    Die Trhter ffneten sofort eilfertig ein Tor. So waren es also nicht
Feinde, die da nahten? Nein, Helfer, herbeigerufene Bundesgenossen muten es
sein! -
    Ein Aufatmen ging durch die ngstlich Harrenden: es gab also in den Tiefen
des nchtlichen Sommerpalastes einen starken, unbeugsamen Willen, der den Kampf
aufgenommen hatte und dessen Ruf noch als unbestreitbarer Befehl in der
Auenwelt galt!
    Eine Reihe von Palastwchtern hatte sich pltzlich zum Empfang der
Ankommenden am Tor eingefunden. Nun traten diese in den Hof. Mandschufrsten
waren es, hohe Wrdentrger, unter ihnen auch all jene Beamten, die der Kaiser
in den letzten Tagen abgesetzt hatte, und: der gesamte Groe Rat. Und allen
voran die drei Vertrauensmnner der Kaiserin, Y Lu, Wang wen schao und der
furchtbare Kang yi. Von den Eunuchen geleitet, schritten sie eilig durch die
Hfe, tauschten hie und da im Vorbergehen ein leises Wort mit den Harrenden,
verschwanden dann im Dunkel der Grten, wo unter dem hohen Dache der groen
Audienzhalle der zur Tat gewordene Wille wachte.
    Und nun ging wieder ein Raunen und Flstern durch die Hfe, aber nicht mehr
ganz so verzagt klangen jetzt die Stimmen. Sie werden sie bitten, die Regierung
wieder zu bernehmen - sie mu es tun - es kann ja so nicht weitergehen - wir
wren alle verloren - der Herr der zehntausend Jahre ist ja krank - von klein
auf gewesen - er ist behext.
    Tschun hrte es alles undeutlich, die Worte kamen aus der Dunkelheit, von
den Lippen huschender, alsobald zerflieender Schatten. Die alten Zedern
rauschten im Nachtwind. Ein Vogel krchzte. Es war alles schaurig, unheilvoll.
Er rckte dicht an Mahan. So frchteten sie sich wenigstens zusammen. - Tschun
wrde nie, nie mehr schlafen knnen. Er wollte gar nie mehr schlafen. Im Traum
wrden sie ja doppelt furchtbar wiederkehren ... die Ungeheuer ... die
Brummfliegen ... die bse ... bse Habichtsnase ...
    Dann mute er aber doch geschlafen haben. Schwer und bleiern, denn als er
die Augen wieder ffnete, wute er zuerst gar nicht, wo er war. Lange hatte er
geschlafen. Es war schon ganz heller Tag. Aus den Wartehusern traten die
Menschen, die es sich da fr die Nacht irgendwie bequem gemacht hatten. Ihre
Gesichter sahen grnlich und berwacht aus in dem Morgensonnenschein. - An dem
Ausgangstor standen Palastwchter. Tschun bemerkte, da auch ltere, zu den
hheren Rangstufen gehrende, darunter waren. Sie schienen mit gespannten
Gesichtern auf etwas zu warten.
    Und nun hrte man wieder von jenseits der Umfassungsmauer eilige Schritte,
laute Rufe, Pferdegetrappel. Das Tor ward aufgerissen. Eine Snfte kam
hereingeschwungen. Schweigebadet stellten die Trger sie im Hofe nieder. Die
Arme sanken ihnen schlaff herab. Sie muten in hchster Eile mit ihrer Brde
gelaufen sein. Die Palastwchter, die wartend dagestanden, ffneten die Tuchtr
der Snfte. Und nun sah man ihr Li lien ying, den Allmchtigen, entsteigen.
    So hatte er also nicht die Nacht im Sommerpalast verbracht? Dann mute er
gestern, gleich nach dem pltzlichen Abbruch der Theatervorstellung, davongeeilt
sein, denn spter hatte das Tor ja niemand mehr entlassen. Wo war er gewesen?
Und von welchem Geschft kam er jetzt so eilig zurck?
    Auf den Gesichtern all der da zufllig Zurckgehaltenen standen diese
Fragen. Die Palastwchter dagegen schienen genau zu wissen, was das alles zu
bedeuten habe. Sie stubten ihren gefrchteten Chef diensteifrig ab und blickten
dabei mit verstohlener Frage zu ihm auf. Er nickte nur mit bsem, hhnischem
Lcheln und murmelte leise: Es ist geschehen. Da lief ber all diese
wchsernen Gesichter, die noch vor wenig Stunden in bleicher Furcht gezittert,
ein grausam triumphierendes Grinsen.
    Mit dem Ausdruck von einem, der befohlener Arbeit wohlgelungene Ausfhrung
melden darf, schritt dann Li lien ying davon, in der Richtung der kaiserlichen
Privatgemcher, wo jene harrte, die, selbst unsichtbar, die Fden so vieler
Puppen in dieser Nacht gezogen hatte.
    Aber das Bewutsein, einer groen Gefahr entronnen zu sein, machte die
Untergebenen Li lien yings geschwtzig. Als Sieger traten sie jetzt auf, so
wenig sie selbst dazu getan. Tschun vernahm einzelne ihrer Worte, reihte sie an
anderes, das er schon wute, machte sich ein Bild von dem, was geschehen. -
Begann auch zu ahnen, da noch manch weiteres geschehen wrde, denn berall
wurden jetzt eilige Vorbereitungen getroffen, und es hie, da die Kaiserin
sofort nach Peking bersiedeln werde. Sie wrde keine milde Siegerin sein! -
    Und dann endlich kam der Befehl, da alle bisher Zurckgehaltenen den
Sommerpalast nunmehr verlassen drften. So ffneten sich denn die Tore wieder
vor denen, die zu belustigendem Scheinspiel gekommen und so unheimliche
Wirklichkeit gesehen.

Als Tschun am spten Nachmittag im Tempel der unendlichen Stille wieder eintraf,
wartete die Taitai schon ungeduldig. Der Ta-jen, dem sie Tschuns seltsamen
Ausflug nicht vorher mitgeteilt hatte, war sehr ungehalten geworden, als er
inzwischen davon erfahren. An Tschuns langes Ausbleiben hatte er allerhand
dstere Voraussagungen geknpft: Er sei sicher als vermeintlicher Spion einer
fremden Gesandtschaft im Sommerpalast verhaftet worden. Das knne fr den Ta-jen
die fatalsten Folgen haben. Daran aber sei allein die Taitai durch ihre
Neugierde und Unberlegtheit schuld.
    So lief die Taitai denn nun, sobald sie Tschun erblickt hatte, in den Hof
zurck, wo der Ta-jen und die anderen Herren saen, und rief strahlend: Er ist
wieder da! er ist ganz lebendig.
    Nun sollte Tschun erzhlen, aber das einzige, was er anfnglich stammeln
konnte, war: O Ta-jen! helft dem armen Kaiser! er sitzt gefangen auf einer
kleinen Insel in der verbotenen Stadt! und er wollte doch Christ werden! und
europische Kleider tragen! Helft ihm, sonst wird ihn die Kaiserin sicher noch
umbringen lassen.
    Allmhlich erfuhren die Herren von Tschun alles, was er gesehen und gehrt,
und begannen nun ihrerseits zu kombinieren. Und dazwischen flehte Tschun
nochmals: O helft dem Kaiser, rettet ihn!
    Was fr einen Unsinn redet da der Knabe, sagte der Ta-jen und setzte
wrdevoll hinzu: Was da auch geschehen mag, das sind interne chinesische
Angelegenheiten, in die uns keinerlei Einmischung zusteht - aber beobachten
mssen wir sie und darber berichten.
    Und da diese Aufgabe der Diplomatie bei der augenblicklichen Lage offenbar
in Peking leichter als im entlegenen Tempel zu erfllen sein wrde, so ward
beschlossen, gleich am nchsten Tage aus dem Tempel der unendlichen Stille in
die Stadt der tausend Dfte zurckzukehren.
    In Peking erfuhren sie dann allmhlich, was sich in Wirklichkeit zugetragen,
und wovon Tschun nur einzelne Bilder gesehen. Die ganze Stadt war voll von
allerhand unheimlichen Nachrichten. Mandschus, Chinesen, all die Fremden, die
aus den Tempeln und vom Seebad Peitaho zurckgeeilt waren, - niemand sprach von
etwas anderem, als was geschehen, und was doch niemand ganz genau wute. Die
wildesten, sich widersprechendsten Gerchte tauchten pltzlich auf, zerfielen
ebenso rasch, wurden von neuen ersetzt. Und zum erstenmal tauchte auch
vorbergehend unter den Fremden die Besorgnis auf, ob inmitten all dieser
Strmungen und rtselreichen Vorgnge die Sicherheit der Auslnder gewahrt
bleiben wrde.
    Am besten schien mal wieder der alte weibrtige Bischof des Petang ber
alles unterrichtet zu sein. Eigentlich hatte er ja manches sogar vorausgesagt. -
Er kam denn auch gleich zum Ta-jen und erzhlte ihm: Unmittelbar nach seiner
Rckkehr von seinem letzten Besuch bei der Kaiserin im Sommerpalast und noch
ganz erregt von dem Auftritt, den er dort mit ihr gehabt, hatte der Kaiser
zweierlei getan. Anstatt Kang yu wei gefangennehmen zu lassen, wie die gttliche
Mutter es befohlen, hatte er ihm geschrieben, warum er sich noch nicht auf
seinen neugegrndeten Posten eines Inspirators der Zeitungen nach Schanghai
begeben habe. Und Kang yu wei, die versteckte Warnung dieses Ediktes wohl
verstehend, war noch zur selben Stunde aus Peking geflohen. - Nachdem aber der
Kaiser also auf alle Flle fr des Freundes Sicherheit gesorgt, lie er Yan
schi kai zu sich rufen und frug ihn, in der spukhaft dmmernden Audienzhalle und
zum letztenmal auf dem Drachenthrone sitzend, ob er, sein Kaiser, in allem auf
ihn rechnen knne? Yan schi kai hatte geantwortet, der Kaiser knne ber ihn
verfgen, als ob er sein Hund sei. Darauf hatte ihm der Kaiser befohlen, nach
Tientsin zu fahren, Yung Lu dort umgehend hinrichten zu lassen und dann mit
dessen Truppen nach Peking zu kommen, um die Kaiserin Tz Hsi gefangenzunehmen.
Yan schi kai ging scheinbar auf alles ein und reiste umgehend nach Tientsin.
Dort aber begab er sich zu Yung Lu, der sein geschworener Blutsbruder war, und
enthllte ihm den ganzen Anschlag. Dies war der Anla zu Yung Lus unerwartetem
Erscheinen im Sommerpalast gewesen. Er kam in alter Treue Tz Hsi zu warnen, und
sie, die in der Gefahr nie versagte, sondern stets sprungbereit aufschnellte,
hatte, rasch entschlossen, Kwang Hss Stadtpalast noch in der Nacht von Li lien
yings Leuten umstellen und die ihm ergebenen Wchter entfernen lassen. Am
Frhmorgen des nchsten Tages war der ahnungslose Kaiser, dem die Reformatoren
die Rolle eines Peters des Groen zugedacht, von den triumphierenden Anhngern
der Kaiserin gefangengenommen worden. In dem zum Stadtpalast gehrenden Parke,
auf einer kleinen Insel, die man Ozeanterrasse nannte, sa er nun eingekerkert.
Tz Hsi aber, von dem nachts in den Sommerpalast berufenen Groen Rat und den
Mandschufrsten bestrmt, das Reich zu retten, indem sie die Regentschaft wieder
bernhme, hatte, scheinbar widerwillig, ihrem Drngen nachgegeben. Mit dem
grimmen Humor, der sie kennzeichnete, hatte sie sofort ein Edikt im Namen des
Kaisers erscheinen lassen, worin dieser ihr seine grenzenlose Genugtuung darber
aussprach, da sie endlich seine oft vorgebrachte Bitte erflle und ihm die
allzuschwere Brde der Regierung wieder abnhme.
    Nachdem die geistliche Macht der weltlichen also von ihrem Wissen gespendet,
empfand der Ta-jen das Bedrfnis, nun auch seinerseits dem Bischof etwas Neues
mitteilen zu knnen. So erzhlte er ihm, da er einen jungen Boy habe, und zwar
einen einstmaligen Schler der Petang-Mission, der jene Entscheidungsnacht im
Sommerpalast verbracht habe. Darauf begehrte der Bischof Tschun zu sprechen und
lie sich ber alles, was er gesehen hatte, genau berichten. Als Tschun dann
alle Fragen beantwortet hatte, fate er sich ein Herz und sagte: Ach,
hochwrdiger Herr Bischof, ich hrte die Eunuchen im Palast erzhlen, Kang yu
wei habe im geheimen zum Christentum gehalten, und der Kaiser sei auch schon
beinah dem lieben Gott gewonnen gewesen. Wenn Ihr ihn jetzt befreitet, wrde er
sich sicher bekehren, und dann gbe es nie mehr Christenverfolgungen in China.
Es wre doch gar zu traurig, wenn das alles durch die Kaiserin vereitelt wrde.
Knnt Ihr denn gar nichts fr ihn tun?
    Der Bischof zuckte die Achseln: Ich frchte, das ist unmglich, sagte er,
so herrlich es gewesen wre, wenn die Hoffnung, einen christlichen Kaiser
Chinas zu erleben, die schon die Jesuitenpatres im siebzehnten Jahrhundert
hegten, sich jetzt erfllt htte. Aber, setzte er dann nachdenklich hinzu, wer
wei, welche himmlische Fgung doch in all dem liegen mag: dieser Kang yu wei
soll nmlich sehr unter dem Einflu der amerikanischen protestantischen
Missionare gestanden haben.
    Daran hatte Tschun freilich nicht gedacht. Es fiel ihm immer etwas schwer,
zu behalten, da es gar so verschiedenerlei Christentum gibt. -
    Tschun hatte den Kaiser nie gesehen, aber der Herr der zehntausend Jahre tat
ihm schrecklich leid. Er konnte sich jetzt ja besser als manch anderer
vorstellen, wie es einem ergehen mochte, der Tz Hsis Zorn erregt und sich in
ihrer Macht befand! -
    Der Vetter Sin schen, der sich nach den jngsten Ereignissen mehr noch als
sonst seiner Verbindungen zum Haus des Obereunuchen rhmte, erzhlte: Gleich
nach ihrer Uebersiedlung nach Peking hat die gttliche Mutter den gefangenen
Kaiser in der Ozeanterrasse besucht. Nur Li lien ying war dabei. Da hat sie ihm
seinen ganzen Verrat vorgehalten.
    Der war aber auch abscheulich! rief der alte Lin te i. Mit seiner
Verschwrung gegen die gttliche Mutter hat der Kaiser das hchste Gebot des
weisen Konfuzius, die kindliche Ehrerbietung, schwer verletzt.
    Tz Hsi hat ihm denn auch gesagt, da er dafr nun immer da eingesperrt
bleiben solle, erzhlte Sin schen weiter, und sie wrde ihn so streng hten
lassen, da jedes seiner Worte ihr hinterbracht werden wrde.
    Hat denn niemand gewagt, fr ihn einzutreten? frug Tschun.
    Ja, antwortete Sin schen, Chen fai, die Perl-Konkubine, die der Kaiser
immer allen anderen vorgezogen hat, soll Tz Hsi entgegengetreten sein und ihr
gesagt haben, Kwang Hs sei doch der rechtmige Herrscher.
    Die gttliche Mutter steht doch immer ber ihm, dem Neffen und
Adoptivsohn, warf Lin te i wieder ein.
    Na, die Perl-Konkubine ist ja damit auch schlecht genug angekommen, fuhr
Sin schen fort, Tz Hsi hat sie sofort in einen anderen Palast verbannt. Jetzt
darf nur noch die junge Kaiserin zum Kaiser und die hlt ganz zu Tz Hsi.
    Und was ist aus all seinen vielen Dienern geworden? frug Tschun.
    Sin schen lachte. Oh, die sind lngst umgebracht. Jetzt hten ihn Li lien
yings Leute und Yung Lus Soldaten. Aber, sagte er dann mit geheimnisvollem
Zwinkern der kleinen Augen, wer wei, ob sie lange zu hten haben werden. Ich
wrde nicht gar zu viel auf die Lebensdauer des Herrn der zehntausend Jahre
wetten.
    Ja, es gab da viele Leben, auf die nicht hoch zu wetten war! Eine Anzahl der
bekanntesten Reformer, meist Sdchinesen, die den Kaiser umgeben und beraten
hatten, waren, ehe sie, wie der glcklichere Kang yu wei, Zeit zur Flucht
gefunden, in Peking verhaftet worden. Gegen sie schwebte die Untersuchung.
    Inzwischen hatte das lteste Blatt der Welt, die Pekinger Zeitung, viel zu
tun. Diese Greisin mute, wie es sonst nur das Los der Jungen, unberlegt
Vorlauten ist, all das widerrufen, was sie whrend der vorhergehenden Monate
verkndet hatte. Alle Entlassenen wurden wieder mit Ehren eingesetzt,
aufgehobene Privilegien von neuem besttigt. Dagegen muten die mannigfachen
Neuschpfungen, kaum geboren, schon wieder untergehen. Und alle diese, von Tz
Hsi verfaten und mit viel Zitaten aus den Klassikern versehenen Edikte lie sie
im Namen des Kaisers erscheinen. Er erklrte darin, von schlimmen Elementen
betrogen worden zu sein, die, seinen vterlichen Wunsch, des Volkes Wohl zu
heben, mibrauchend, ihm unter dem Deckmantel weiser Reformen revolutionre
Maregeln suggeriert htten.
    Auch unter das Todesurteil, womit, wie vorauszusehen gewesen, der Proze
gegen die gefangenen Hauptfhrer der Reform schlo, setzte Tz Hsi den Namen des
eingekerkerten Kaisers.
    Durch Enthauptung oder Erdrosselung sollten sie sterben. Lin te i und Sin
schen sagten, diese Todesarten seien eine Konzession, die Tz Hsi den immer
weichlicher werdenden neuen Anschauungen mache. Und Tschun glaubte es gern, da
die Gttliche lieber den langsamen Tod verhngt htte, denn bei den Reformern
waren ja viele gegen sie persnlich gerichtete Anklageschriften gefunden worden,
auch solche mit Randbemerkungen von des Kaisers Hand. - Tz Hsi lie diese gegen
ihre geheiligte Person gerichteten Anschlge vorsorglich im Volke verbreiten,
wobei sie auch des Kaisers nicht schonte, um so gegen all diese Frevler an der
Piett Stimmung zu machen. Sie tat dies um so eifriger, als aus dem Sden des
Reiches Stimmen zugunsten der Reformer laut zu werden begannen. Es galt also,
sie rasch aus dieser Welt verschwinden zu lassen.
    Der Platz, wo die Hinrichtungen stattfinden sollten, lag in der
Chinesenstadt, am Eingang des Gemsemarktes. Mit den anderen Boys, die das
Schauspiel nicht missen wollten, lief auch Tschun dorthin. Die Lden lngs der
Straen mit ihren reich geschnitzten, vergoldeten und bemalten Fassaden, hatten,
wie immer bei feierlichen Gelegenheiten, geschlossen werden mssen. Aber auf den
flachen Dchern, zwischen den hochaufragenden Aushngeschildern, mit ihren
riesigen bunten Schriftzgen, hockten dicht gedrngt eine Menge Zuschauer. Blau
gekleidet, mit den gelben Gesichtern und den roten Quasten auf den breiten
Hten, sahen sie da oben am Rande der Dcher wie Reihen seltsamer Vgel aus. Und
dieselbe blaue Menge staute sich auch unten auf den Fusteigen. Aber hier sah
man die Gesichter deutlich, gewahrte die Augen, die, im Gegensatz zu gewohnter
stierer Stumpfheit, bisweilen zwischen den schmalen Liderschlitzen bse
aufblitzten, erkannte die Vorfreude an dem kommenden Grausigen.
    Der Mittelweg der mit Unrat gefllten Straen, in deren tiefen Lchern
namenlose Flssigkeiten unter irisierender Fettschicht standen, wurde von
spalierbildenden Mandschubannerleuten freigehalten. Zwischen unzhligen grellen
Fahnen standen sie. Absonderliche Gestalten, die als Uniform armselige bunte
Jacken ber ihre alltgliche, noch zerfetztere Kleidung gezogen hatten.
Bogenschtzen, nicht kriegstchtiger wie die Theaterscharen, unter denen Tschun
mitgewirkt; Flintentrger, die zu zweien die unfrmige, in blaue Baumwollappen
gewickelte Waffe auf den Schultern schleppten und gelegentlich den Fcher oder
das Pfeifchen aus dem Grtel zogen. Zwischendurch ritten Militrmandarine
niederer Grade auf mageren Pferdchen. Hhere Befehlshaber kamen in blau
bezogenen Maultierkarren angefahren; vornehmste Wrdentrger wurden mit
Ehrerbietung heischendem Geschrei der Vorreiter in Snften zum Richtplatz
getragen.
    Auf dem Platze waren zwei offene Verschlge aus Mattenflechtwerk errichtet.
In dem einen saen im Halbkreis die Beamten, die der Urteilsvollstreckung
beiwohnen sollten. An ihrer Spitze ein Mandarin des Ministeriums der Strafen,
mit rotem Knopfe. In dem anderen harrten die Verurteilten, von Wachen umgeben.
Diese Soldaten waren nicht unfreundlich gegen ihre Gefangenen, sondern schienen
eher geneigt, ihnen die letzten Augenblicke, soweit erlaubt, zu erleichtern.
Tschun sah, wie sie ihnen zu rauchen anboten. Die Gefangenen zeigten sich vllig
ruhig, beinah gleichgltig, als stnde ihnen nichts Sonderliches bevor. Es war
ein ganz junger darunter, und Tschun hrte die Umstehenden sagen, das sei ein
Bruder Kang yu weis, der nun statt seiner hingerichtet werden sollte. Niemand
schien etwas Staunenswertes daran zu finden. Ein Literat in der Menge erzhlte
zum Ueberflu: Kang yu wei habe die Ermordung der Kaiserin angestrebt, und es
sei altes geheiligtes Gesetz, da Familien, in denen ein Knigsmrder vorkme,
ausgerottet werden sollten. Tschun hrte es mit Grauen und er dachte bestimmt,
noch im letzten Augenblick msse ein Wunder geschehen, eine irdische oder
gttliche Macht erscheinen, die das Schreckliche hinderte.
    In der Mitte des freien Platzes war ein Altar errichtet. Auf dem lagen die
Schwerter des Scharfrichters, Stricke und die Winden zum Erdrosseln. Neben dem
Altar hatte man aus einigen Ziegeln einen kleinen Herd erbaut, auf dem in einem
groen Kessel Wasser hei gehalten wurde, um die Schwerter drin zu wrmen. Die
Gehilfen des Scharfrichters kauerten herum, und Tschun hrte sie ber die
verschiedenen Schwerter reden. Sie trugen alle Namen und sollten jedes seine
besondere Wesensart haben. Alle hatten sie schon viel Arbeit getan.
    Endlich kam der Ueberbringer des Todesediktes. Die Gefangenen wurden auf den
Platz gefhrt, um die Verlesung mit anzuhren und, dem Brauch gem, zu
besttigen, da die Strafe gerecht sei. Doch von diesen Verurteilten tat das
keiner! Sie wendeten sich an das gaffende Volk und einer von ihnen erklrte, mit
ruhiger, weithin vernehmlicher Stimme: Mgen wir immerhin gettet werden, wir
sterben fr ein gute Sache. Und wir wissen, da fr einen von uns, der heute
fllt, bald Tausende erstehen werden, die dieselben Ziele wollen und sie trotz
allem schlielich erreichen werden. Ihnen wird es beschieden sein, die Sonne
wieder an ihrem rechtmigen Platz und den usurpatorischen Komet vernichtet zu
sehen.
    Doch die Mandarine traten dazwischen, um weitere Ansprachen zu verhindern.
Die Verurteilten konnten sich nur noch gegenseitig frmlich voreinander
verbeugen, wobei der eine feierlich sagte: Wir werden uns binnen kurzem bei den
gelben Quellen wiedertreffen, und der andere ebenso antwortete: Der Tod ist
nur eine Heimkehr.
    Schon stand der Scharfrichter bereit. Es war ein breiter, schwerer Mann, der
den Mantel abgeworfen und eine blutbefleckte Lederschrze vorgebunden hatte. Er
trug den prokkupierten Ausdruck eines Menschen, der entschlossen ist, schwere
Arbeit mglichst gut zu verrichten. Die Schwerter wurden ihm gebracht, prfend
whlte er eines. -
    Nun ward der erste Verurteilte angefhrt und mute niederknien. Ein Strick
wurde ihm um den Hals geschlungen und daran zog ihm einer der Gehilfen den Kopf
weit vor. Das erhobene Schwert sauste nieder. Aber im selben Augenblick ertnten
laute Schreie, und wie groe indigofarbene Wellen durchbrachen die Volksmengen
das Soldatenspalier und fluteten auf den Platz. - Nun werden sie sie doch noch
retten! dachte Tschun frohlockend. - Aber er tuschte sich. Was er fr
elementare Emprung gehalten, war nur ein pltzlicher Ausbruch wildester Neugier
gewesen. Nicht hindern, nicht retten wollten die Tausende, - nur besser sehen!
In all den unzhligen Augenpaaren stand nichts wie die Gier nach dem Schauspiel,
das zugleich grausigste Wirklichkeit war. - Mhsam schoben die Soldaten die
Vordrngenden zurck. Und das Geschft ging weiter. Im schnellsten Tempo. Schon
lag der zweite Kopf am Boden. Der lange Zopf hing daran wie eine schwarze
Schlange, die das sickernde Blut schlrfen mchte. Dann folgten die
Erdrosselungen. In fliegender Eile wurden die Schlingen um die Hlse der
Knienden geworfen und durch rasendstes Drehen der Winden zugezogen. Die gelben
Gesichter wurden pltzlich dunkelviolettrot, die Augen quollen glotzend aus den
Hhlen. Es war vorber. - - -
    Da lagen die Mnner, die all das gewollt, was ihnen die Europer seit
Jahrzehnten gepredigt hatten. Sie waren dafr gestorben. Keine Hand hatte sich
um sie gerhrt. Tschun konnte es nicht begreifen, da die Fremden das zugelassen
hatten. Aber warum hatten sie nicht eingegriffen? Wollten sie etwa gar nicht das
Beste Chinas, wie sie doch immer zu tun vorgaben? Tschun mochte ihnen das nicht
zutrauen, obgleich sein erster, unbedingter Glaube an die Fremden und ihre
Weisheit freilich schon manche Erschtterung erfahren hatte. - Nein, eigentlich
weise waren sie nicht. Und in diesem Mangel an Weisheit, diesem Nichtwissen von
den inneren Zusammenhngen zwischen den geschehenen Dingen und ihren knftigen
Folgen, lag vielleicht hier, wie so manches anderemal, der letzte Grund ihrer
scheinbar unerklrlichen Handlungsweise. Tschun fhlte an jenem Morgen dunkel,
da eine ganz einzige Gelegenheit unwiederbringlich versumt worden war, und da
sich das irgendwie rchen msse. Eine Ahnung sagte ihm, da die letzten Worte
der Hingerichteten sich erfllen sollten, da all das, wonach diese gestrebt
hatten, schlielich wohl erreicht werden wrde, aber nicht auf friedliche Weise,
wie sie es gewollt, sondern mit Kmpfen und Schrecknissen, unter denen jene
vielleicht mit zu leiden haben wrden, die heute in trger Kurzsichtigkeit das
Reformwerk preisgegeben hatten.
    Aber es waren dies Tage, die niemandem Mue lieen zum Grbeln ber die
Geschehnisse des Gestern, weil ja jedes Heute allzuviel Neues brachte. Dafr
sorgte schon Tz Hsi. Ihrem Rachedurst hatten das Blut der Hingerichteten und
die Trnen so mancher anderen, die verbannt und entehrt worden, offenbar noch
nicht gengt. Ihre Seele hungerte nach hherem Opfer. Und die greise Pekinger
Zeitung, die schon das Kommen und Gehen so vieler Menschengenerationen
berichtet, begann zu melden, da der Kaiser Kwang Hs schwer erkrankt sei. Alle
Chinesen wuten, was das zu bedeuten habe. Und die Barbiere machten bekmmerte
Gesichter, denn nach eines chinesischen Kaisers Tod darf sich ja whrend hundert
Tagen kein Untertan den Vorderschdel rasieren lassen - da sah die
Geschftskonjunktur freilich dster aus!
    Der Himmelssohn lebt der Gnadenreichen viel zu lange, flsterte man in den
Teehusern. Sie hatte ihn ja gerade wegen seiner Schwchlichkeit fr die
Thronfolge ausgesucht. - Sie hat schon einen neuen Kaiser in Aussicht
genommen, ein kleines Kind ist es, dann fhrt sie die Regentschaft wieder auf
viele Jahre.
    Aber fr den armen jungen Kaiser, den doch eigentlich niemand gekannt, weil
er auch schon vor seiner Gefangennahme, strenger noch als von den purpurnen
Mauern der verbotenen Stadt, durch tausend uralte Etikettevorschriften von der
Welt abgeschlossen gewesen war und nur wie ein Phantom hatte regieren drfen -
fr die Rettung dieses Kaisers regten sich jetzt manche Hnde.
    Es ward bekannt, der Taotai von Schanghai habe an Tz Hsi eine Adresse
gesandt, die von Tausenden unterschrieben worden war, und in der die Hoffnung
ausgedrckt wurde, da der Kaiser sich erholen und dann wieder die Regierung
bernehmen mge. Im Sden sprach man deutlicher; ein mchtiger Vizeknig
meldete, da ernste Revolten zu befrchten seien, falls des Kaisers Krankheit
sich etwa verschlimmern sollte. Ja sogar die Fremden rhrten sich. Die
chinesischen Lehrer der Dolmetscher erzhlten, eine Gesandtschaft habe im
Tsungli-Yamen angedeutet, da sie es peinlich empfinden wrde, wenn der von
ihrem Souvern erst krzlich dekorierte Kaiser nun pltzlich verschwinden
sollte. -
    Tz Hsis Antwort auf all das war ein Edikt, das die Absetzung des Taotai von
Schanghai verkndete. Der mchtige Vizeknig des Sdens dagegen war ein zu
unabhngiger Satrap, als da sie wagen mochte, sich in diesem Augenblick mit ihm
zu messen. Da wrde die Zeit vielleicht Rat schaffen. Einstweilen mute sie sich
begngen, ihm einen allgemein ermahnenden Erla zu senden. - Am allerwenigsten
konnte sie naturgem den Fremden anhaben - einstweilen wenigstens, denn auch
darin konnte die Zeit ja Wandel bringen! - Mit den Reformern war sie ja so
leicht fertig geworden - vielleicht wrde sich doch noch einmal der Augenblick
finden, wo sie endgltig auch mit jenen abrechnen konnte, deren Anwesenheit und
Lehren doch den Ursprung alles Uebels bildeten.
    Auffallend war, in wie bertriebener Darstellung der fremden Gesandtschaft
sehr bescheidener Schritt zugunsten des Kaisers zur Kenntnis des groen
Publikums kam. Absichtlich aufreizende Ausstreuungen muten da gewirkt haben.
Man fhrte sie zurck auf den zunehmenden Einflu Kang yis, den schon die bloe
Gegenwart der Auslnder in Peking eine mit ungeduldigem Ha ertragene Demtigung
dnkte. - Die Anmaung der Fremden, ihre Einmischungen in unsere
Angelegenheiten werden immer unertrglicher, sagten Leute vom Schlage des alten
Lin te i, es geht sie doch gar nichts an, wie unsere Herrscher ihre Differenzen
untereinander austragen. Und die konservativen Gelehrtennaturen, denen
berhaupt alles gut schien, was sich mit Beispielen aus der Vergangenheit
belegen lie, sagten: Gegen ein Verschwinden Kwang Hss unter den obwaltenden
Umstnden wrde nichts Erhebliches einzuwenden sein, denn es lieen sich dafr
geschichtliche Przedenzflle anfhren.
    Immerhin erreichten die verschiedenen Frsprecher doch so viel, da eine
Verschlimmerung im Befinden des Kaisers einstweilen ausblieb. Ja, er wurde sogar
gezeigt. Am Tage, da im Mondtempel die alljhrlichen weien Opfer an Perlen,
Seide und Stieren vom Himmelssohn selbst im Namen des ganzen Volkes dargebracht
werden mssen, ward Kwang Hs, bleich und schattenhaft, von seinem
Inselgefngnis aus hingetragen. Ein ungeheures Aufgebot von Palastwchtern und
Soldaten umgab die gelbe kaiserliche Snfte. Fr ein Ehrengeleit konnten sie
gelten und waren doch lauter Kerkermeister.
    Und sogar einige der verhaten Auslnder sollten den Kaiser zu sehen
bekommen. Aus Angst, in ihren reaktionren Maregeln vielleicht zu weit gegangen
zu sein, entschlo sich nmlich die gttliche Mutter, die Frauen der fremden
Gesandten in ihre gnadenreiche Gegenwart zu entbieten. Denn Tz Hsis
leidenschaftlicher Wesensart entsprach das bedchtige Schreiten auf goldener
Mittelstrae nie so recht. Sie gehrte eher zu dem Typus jener Herrscher, die
das Wippesystem bevorzugen und, gotthnlich, daran Gefallen finden, je nach
Belieben erhhen und erniedrigen zu knnen. Da das Gefhl fr richtiges Ma
dabei bisweilen verloren ging, und Aufstiege und Strze mitunter etwas pltzlich
erfolgten, lag in der Natur des schwindelerregenden Spiels.
    Als sich in der Gesandtschaft die Nachricht verbreitete, da die Taitai zur
Audienz bei der Kaiserin geladen sei, empfand Tschun ein hnliches Gruseln wie
damals im Tempel, als er zusehen mute, wie seine Herrin lachend den greulichen
Gtzen Rucherkerzen spendete. Und da er von seiner Pagenzeit her noch gewisse
Privilegien geno, obschon er lngst kein kleiner Junge mehr war, sondern ein
lang und schmal aufgeschossener Boy, so fate er sich ein Herz, ging in das
Zimmer der Taitai und neigte vor ihr das Knie, was die Feierlichkeit der
Gelegenheit bekunden sollte.
    Was gibt es, Tschun? frug die Taitai, die sich gerade von Madame Angle
ihre schnsten Kleider hatte bringen lassen und prfend erwog, welches fr die
Audienz wohl am geeignetsten sein drfte.
    Ich wollte Euch bitten, Taitai, stammelte Tschun, geht nicht zur
Kaiserin! tut das nicht!
    Die Taitai sah ihn starr an. Nicht dabei sein, wo hier endlich mal was
Amsantes passiert! rief sie. Ja, und warum denn?
    Sie ist bse, bse, sagte Tschun. Denkt, was ich von ihr gesehen habe,
und was sie seitdem alles getan hat. Ihr gehrt nicht dahin! Sie ist bse,
bse!
    Die Taitai lachte und antwortete: Wenn man sich danach richten wollte,
knnte man ja beinah so einsam leben wie der alte indische Einsiedler. Nein,
nein, Tschun, ich freu mich unbndig auf diese Audienz! Endlich mal was Neues
und Merkwrdiges in diesem stumpfsinnigen Aufenthalt!
    Und wenn sie Euch was Schlimmes antte? entgegnete Tschun.
    Aber da richtete die Taitai ihre Gestalt, die in der Mitte so merkwrdig
dnn war, ganz hoch auf, warf den Kopf empor, blickte geringschtzig aus den
seltsam hellen Augen und sagte von oben her: Du bist wohl nicht recht klug,
Tschun! Eure Kaiserin wird schon nicht vergessen, was sie den Frauen fremder
Vertreter schuldet. Und dann setzte sie hinzu: Ich glaube berhaupt, Ihr malt
sie ein bichen schwarz. Ihr bloer Wunsch, uns zu empfangen, zeigt ja, da sie
gar nicht so fremdenfeindlich sein kann. -
    So mute denn Tschun mit ansehen, wie an einem bitterkalten Wintermorgen all
die bevorzugten Taitais in einem langen Zug von Snften durch den hartgefrorenen
Schmutz der Straen der Kaiserstadt getragen wurden. Mafus auf zottigen Ponies
bahnten den Weg durch das Gewhl der zerlumpten, vor Klte schlotternden, stier
hinstarrenden Bevlkerung, schafften Platz zwischen den langen Zgen der
aneinander gebundenen mongolischen Kamele, zwangen die Fhrer der schweren,
knarrenden Pekinger Karren vor den Barbarenfrauen auszuweichen. Am
Tschiao-Yan-Tor hielt der Zug. Tschun war bis dahin mitgelaufen, und auch
einige der jungen Herren, die der Taitai als lebende Schatten dienten, waren so
weit neben ihrer Snfte hergeritten. Doch hier muten all die Taitais ihre
eigene Eskorte verlassen und wurden von harrenden Leuten der Kaiserin in Empfang
genommen. Tschun glaubte manche dieser pergamentenen Gesichter, dieser bsen
Schlitzuglein vom Sommerpalast her wiederzuerkennen. Er sah, wie sie mit
hmischem Grinsen die Fremden in die Kaiserstadt geleiteten, er sah, wie das
schwere Tor sich drhnend hinter ihnen schlo.
    Spt am Nachmittag kehrte die Taitai endlich heim, da schon Besorgnisse ber
die ungewhnlich lange Dauer der Audienz laut zu werden begannen und Madame
Angle sich in dstersten Prophezeiungen erging. Und die Taitai konnte gar nicht
rasch genug sprechen, so viel hatte sie den auf sie Wartenden zu erzhlen. Sie
habe sich prachtvoll amsiert, versicherte sie. Chinesische Theaterauffhrungen
hatten im Palast mit groartigen Banketten abgewechselt, die verschiedensten
Hallen, Pavillons und Hfe waren ihr gezeigt worden, smtliche Prinzessinnen und
die junge Kaiserin seien dagewesen, und auch den Kaiser habe sie kennen gelernt,
es sei also offenbar gar nicht wahr, da er so streng gefangengehalten wrde.
Und die alte Kaiserin? Oh, das sei berhaupt eine liebe alte Dame, von grter
Freundlichkeit und ungeniert behaglichem Wesen. Allerhand Geschenke hatte sie
den Damen mitgegeben. Die Taitai zeigte die ihrigen voller Stolz.
    Und Tschun dachte: Nein, weise sind diese Fremden wahrlich nicht. Eher
gleichen sie den kleinen Kindern, die ob eines bunten Spielzeugs alles
vergessen.
    So war die kurze Aera der Reformen mit einem Feste endgltig begraben
worden. Und unter den Fremden ward es bald blich, von Tz Hsis Staatsstreich
und seinen blutigen Folgen als einem kleinen, rasch erledigten kaiserlichen
Familienzwist zu reden, der durch die Unberlegtheiten des krankhaft erregten
Kaisers hervorgerufen worden sei.
    Wer aber, wie der Vetter Sin schen, ins Haus Li lien yings oder zu anderen
Vertrauten Tz Hsis kam, der mochte dort ein Echo des spttischen Kicherns
vernehmen, das die Leichtglubigkeit und Lenksamkeit dieser fremden Teufel der
Gewaltigen entlockten. Die drei kardinalen Regierungstugenden, Wohlwollen zu
simulieren, Niedrige als Gleichstehende zu behandeln und reiche Geschenke
darzubieten, - die der alte Philosoph Chia yi der Han-Dynastie einst zu
erfolgreicher Behandlung der Hunnen empfahl, hatte sie diesen moderneren
Barbaren gegenber angewendet. Und diese alterprobten Lehren fr den Verkehr
mit starken und wilden Vlkerschaften hatten sich auch hier wieder bewhrt: die
Fremden waren dadurch hypnotisch eingeschlfert worden. Doch der
fortschrittliche Vetter Wang pao lie sich nicht so leicht tuschen, er sagte
warnend: Glaubt mir, all die Leutseligkeit, die Tz Hsi jetzt zur Schau trgt,
ist nur Trug, und man sollte ihr am wenigsten trauen, wenn sie freundlich ist.
Mir erscheint sie einer heimtckisch lauernden Spinne gleich; in den dunklen
Tiefen der Palste spinnt sie im Verborgenen an geheimnisvollen Netzen weiter
und bt nach Beispielen aus den Klassikern Vershnlichkeit in Abwartung
geeigneter Gelegenheit zu Feindseligkeiten.
    Und wirklich ward den Sehenden bald bewut, da irgendwelche Ereignisse sich
vorbereiteten. Kommende Dinge lagen in der Luft. Die christlichen Chinesen
fhlten es, die Missionare im Innern sahen die Zeichen und begannen ihren Oberen
davon zu berichten. Aber die Fremden im Pekinger Gesandtschaftsviertel merkten
einstweilen noch nichts. Da hatte alles wieder den altgewohnten Gang angenommen.
Die Vertreter der fremden Mchte wetteiferten untereinander im Bestreben, Chinas
Gunst und Auftrge zu erringen. Jeder arbeitete gegen den anderen. Denn da war
keiner, der nicht etwas gewollt, was der Nachbar ebenfalls wollte. Und alle
wurden sie von ihren Heimatsbehrden in langen weisheitsvollen Erlassen und
kurzen ungeduldigen Depeschen angetrieben, Vorteile zu erringen, oder wenigstens
andere an ihrer Erreichung zu hindern.
    Der Schwarm der Konzessionenjger, den die Ereignisse des Staatsstreichs
einen Augenblick aufgescheucht hatten, war wieder ber Peking niedergegangen,
gleich wie hungrige Vgel in ein berreifes Kornfeld einfallen. Sie bestrmten
die Gesandtschaften, und die Boys hatten bei den Ta-jens immer neue Herren zu
melden, die in ihren verschiedenartigen Bestrebungen untersttzt sein wollten.
Ja, das Wettrennen war wieder in vollem Gange! Und wenn Tschun jetzt im
Arbeitszimmer des Gesandten Soda und Whisky servierte, dann hrte er ihn sicher
mit den Sekretren und Dolmetschern ber Lieferungen und Unternehmungen reden,
ber Geschtze, Minen, Bahnlinien und Anleihen.
    Es waren alles noch dieselben Worte, die Tschun zuerst so verheiungsvoll
aus der Welt der Fremden entgegengeklungen hatten, und die ihm beinahe wie
unfehlbare Beschwrungsformeln gegen alle Uebel erschienen waren - und doch war
da irgend etwas verndert. Lag es an den gepriesenen Dingen und ihren
Befrwortern, lag es an ihm selbst? - Er wute es nicht, fhlte nur, da er
nicht mehr so zuversichtlich wie einst an all das glauben konnte. Aus den Tagen
nach dem Staatsstreich muten seine ersten leisen Zweifel wohl herstammen, oder
von noch frher? Er suchte sich zu erinnern. Und wute schlielich nur noch das
eine: diese fremden Menschen vertraten in Stunden der Gefahr nicht unbedingt
das, was sie doch vorher selbst empfohlen hatten. Da lag die Frage nahe: durfte
man ihnen und ihren Ratschlgen berhaupt so ganz blind vertrauen? Wenn Tschun
jetzt so ber das Wesen der Auslnder nachdachte und Vergleiche anstellte
zwischen ihren Lehren und ihren Handlungen, dann war ihm, als sei er, wie
manchmal im Traum, in eine ganz fremde Stadt geraten, wo er die Straen nicht
kannte und sich angstvoll frug, auf welcher er nun wohl weiterschreiten sollte,
da er doch von keiner wute, wohin sie fhren mochte.
    Whrend nun aber die Herren gewohnter Arbeit also oblagen, erfllten die
Damen ebenso gewohnheitsgem, was sie die gesellschaftlichen Verpflichtungen
nannten. Die htte der oberflchliche Beobachter freilich fr Vergngen halten
knnen, aber Tschun wute es besser, denn er hatte ja oft die Taitais seufzend
erklren hren: das sei erst recht Arbeit. Auf alle Flle aber trugen Ernst
und Spiel den gleichen Charakter des Stereotypen, und ber die Einfrmigkeit von
beidem wurde von den Fremden viel geklagt.
    Neben der Prokkupation um all diese immer wiederkehrenden Aufgaben des
Alltags gab es aber noch etwas, was ihre Gedanken bestndig beschftigte: das
war das Spekulieren, Kombinieren und Diskutieren ber die persnlichen
Karriereaussichten! Von Versetzungsmglichkeiten hrte Tschun die Fremden
oftmals untereinander reden. Sie alle waren schon in vielen Lndern gewesen und
wollten offenbar noch in viele mehr kommen. Und das Hauptziel eines jeden schien
zu sein, an Orte innerhalb Europas versetzt zu werden.
    Aber, grbelte Tschun, was mochten dort die Gesandten wohl fr Geschfte
haben? In Europa waren ja alle Menschen Christen, da wurden also keine
Missionare massakriert und bedurften keines besonderen Schutzes. Und da all
diese verschiedenartigen Fremden sich darin glichen, da sie China gegenber
nicht nur als Verkufer und Unternehmer auftraten, sondern da auch ein jeder
China immer vor den Erzeugnissen aus der Heimat des anderen warnte, so kauften
sie sich untereinander sicherlich nichts ab. All jene Ttigkeit der Gesandten in
Peking, die im Anpreisen eigener Lieferanten bestand, mute also dort wegfallen.
War vielleicht an europischen Posten die Damenarbeit, die Diners und Jours und
Blle die Hauptaufgabe?
    
    Gerade in dieser Zeit hrte Tschun wieder mal besonders viel von
Versetzungsmglichkeiten reden. Es hie, da bald ein sehr schner Posten
irgendwo frei werden sollte, und da der Ta-jen ihn vielleicht erhalten wrde.
Von Madame Angle wute Tschun, da der Ta-jen und die Taitai, die sonst ber
alle Dinge entgegengesetzter Ansicht waren, hier einmal den Wunsch, auf jenen
Posten zu kommen, beide gleich heftig hegten, und da sie auch fnden, sie
htten Ansprche darauf. Aber vor seinen Kollegen tat der Ta-jen doch scheinbar
bescheiden abwehrend: Solche Auszeichnung wrde weit ber seine schwachen
Verdienste gehen, antwortete er feierlich auf eine Frage. Die vielen jungen
Herren, die die Taitai stets umschwirrten, besonders aber der hbsche, weie,
schienen alle ganz geknickt bei der bloen Mglichkeit ihrer Abreise. Trauernd
starrten sie bei dem Jour der Taitai in die Teetassen. Sie aber sagte nur
lachend: Es sei ja noch gar nicht entschieden.
    Ja, mit lauter solch kleinem Tun und Trachten wurden die rasch fliehenden
Stunden des Sonnenscheins gefllt. Und niemand schien zu ahnen, da es
vielleicht die letzten sein wrden. Denn ber all diese, Zeit und Gedanken
gefangennehmenden Dinge war keine rechte Aufmerksamkeit brig geblieben fr die
Anzeichen groer, aus dem Rahmen alles bisher Erlebten heraustretender
Ereignisse. Unbemerkt war das Unwetter aufgestiegen und stand nun schon dunkel
und druend am Himmel. Mit einer kleinen Wolke in Schantung hatte es angefangen.
Jetzt lag ihr Schatten schon weit ber Petschili.
    Seit Monaten schon hatte man ab und zu in den Gesandtschaften Kunde erhalten
von Ueberfllen auf einheimische Christen und Bedrohungen europischer
Missionare, die in Schantung stattgefunden haben sollten. Aber das gehrte ja so
sehr zu den alltglichen Aeuerungen der chinesischen Volksseele, da man es
stillschweigend hingenommen hatte, nur wnschend, da die Ereignisse nicht einen
Umfang annehmen mchten, der Einsprache oder Einschreiten unvermeidlich machte.
    Doch dies Hoffen hatte sich nicht erfllt. Aergere Ausschreitungen waren
gefolgt: groe Plnderungen christlicher Drfer, Metzeleien ihrer Bewohner,
Vertreibung, ja sogar Verwundungen von Missionaren wurden gemeldet. Auf die nun
ntig gewordenen milden Vorstellungen beim Tsungli-Yamen erfolgte die Antwort,
diese von der chinesischen Regierung sehr bedauerten Vorkommnisse seien auf
Ruberbanden zurckzufhren, die sich in letzterer Zeit durch das groe Elend
stark vermehrt htten.
    Und dies klang glaubwrdig genug, denn nie noch waren die von Luft- und
Wassergttern geschaffenen Zustnde dem Volkswohl so ungnstig gewesen! Drre in
den einen Gebieten, Wolkenbrche in den anderen hatten allerwrts die Ernten
vernichtet. Der Gelbe Flu war ausgetreten und hatte, alle Deiche durchbrechend,
weite Lndereien berschwemmt. 160.000 Menschen sollten dort obdachlos sein. Die
grte Hungersnot, die je erlebt worden, herrschte seitdem in ganzen
Landesteilen. Da mochten leicht einmal von den in groen Banden nach Nahrung
Suchenden Uebergriffe begangen werden.
    Mit diesen offiziellen Erklrungen beruhigte man sich.
    Aber nun kamen Nachrichten von den Missionaren im Innern, da es sich bei
den Ausschreitungen doch keineswegs blo um gewhnliches ruberisches Gesindel
handle, das sich zufllig, von der Not getrieben, zusammengerottet habe, sondern
da, neben diesen, andere weit gefhrlichere Scharen bestnden, die
wohlorganisiert seien und einen ausgesprochen fremdenfeindlichen Charakter
trgen. Sie schienen alle zu einer geheimen Sekte zu gehren, die sich I ho
Chan nenne, allerhand seltsame Riten be und die wunderliche Behauptung
aufstelle, durch den Schutz bernatrlicher Mchte unverwundbar zu sein. Das
Schlimmste aber sei, da diejenigen Distriktsmagistrate, die diesen
Geheimbndlern anfnglich energisch entgegengetreten seien, von den oberen
lokalen Behrden dafr Verweise erhalten htten; seitdem lieen sie die
Unruhestifter zum mindesten gewhren, wenn sie sie nicht gar begnstigten. Von
Y Hsien, dem Gouverneur Schantungs, sei allgemein bekannt, da er die ganze
Bewegung untersttze.
    Das Tsungli-Yamen erwiderte auf Vorstellungen der Gesandten,
Geheimgesellschaften seien bekanntlich in China seit altersher aufs strengste
verboten - was eigentlich so viel bedeutete, als da sie von altersher bestanden
hatten -, wenn daher von organisierten Banden die Rede sei, so knne es sich nur
um die autorisierten lokalen Dorfmilizen handeln, die eben jene Ruberbanden
bekmpften. Was schlielich angebliche Ansprche auf bernatrliche Krfte
betrfe, so seien das Kindereien, die von den Missionaren aufgebauscht wrden.
Das Verhalten der Beamten solle in den einzelnen Fllen untersucht werden.
    Wiederum beruhigte man sich, obschon die Meldungen ber Ausdehnung der
Bewegung mit beinahe langweilig werdender Monotonie einliefen. Aber Schantung
schien weit. Auerdem wollte auch keiner der Gesandten als derjenige gelten, der
als erster im Tsungli-Yamen mit scharfen Worten Vorstellungen gemacht. Jeder
hegte die gleiche Scheu, die chinesische Regierung dadurch zu verstimmen und so
ihre vielumworbenen Auftrge und sonstigen Begnstigungen einem schmiegsameren
Rivalen zuzuwenden. Die emsigen Konzessionsjger und Anleihevermittler boten
ihrerseits allen Einflu auf, um jedes energische Vorgehen zu hindern, denn bei
dem fr sie einzig magebenden Zweck, vorteilhafte Geschfte rasch
abzuschlieen, bildeten wenigstens scheinbar ruhige Zustnde ein
Haupterfordernis. Ohne weiterzuschauen und stets nur von der Eifersucht auf den
politischen oder kommerziellen Konkurrenten geleitet, bedachten sie alle nur
immer die Erfordernisse der augenblicklichen Marktlage.
    Wenn Tschun solcherlei Erwgungen gelegentlich von den Herren der
Gesandtschaft errtern hrte, wollte es ihm jetzt, bei zunehmender Reife,
bisweilen scheinen, als handle es sich fr die Fremden in China vielleicht doch
weniger um Kulturaufgaben als um Gelderwerb. Er erinnerte sich der Geschichte
vom goldenen Kalbe in der Bibel. Das sollte ja damals zertrmmert worden sein.
Aber vielleicht hatte die Taitai recht, als sie ihm im Tempel vor Ts schens
Bilde erzhlte, es wren statt des einen goldenen Kalbes in den Lndern jenseits
der Meere dem Gott des Reichtums zahllose Altre errichtet worden.

Inzwischen spielten sich in den Pekinger Kaiserpalsten Ereignisse ab, die von
den europischen Beobachtern kaum bemerkt wurden, den Landeskindern aber voll
unheimlicher Bedeutung erschienen.
    Da nmlich der schattenhafte Kaiser Kwang Hs schon ber fnf Jahre
verheiratet war, ohne da ihm ein Erbe geboren worden, war es, altem Brauch
gem, an der Zeit, nach einem prsumtiven Erben Umschau zu halten und zu seiner
Ernennung zu schreiten. Tz Hsis Wahl fiel auf den vierzehnjhrigen Sohn des
Prinzen Tuan, und sie proklamierte ihn zum Ta a ko, obschon der mchtige
sdliche Vizeknig Liu ku nyi, der auch zur Zeit des Staatsstreichs zugunsten
Kwang Hss seine Stimme erhoben hatte, vor der Wahl gerade dieses Prinzen mit
Entschiedenheit warnte.
    Die eventuelle Thronfolge erschien den Fremden als eine interne
Angelegenheit der Dynastie, die kein sonderliches Interesse verdiene, um so
mehr, als der Kaiser ja noch jung war. Auch kannte niemand unter den Auslndern
den so pltzlich erhhten jugendlichen Prinzen noch seinen Vater. Man wute nur,
da dieser vor einem Menschenalter bei Hof in Ungnade gefallen sei und seitdem
fast ausschlielich in der Mandschurei gelebt habe. Warum Tz Hsi gerade diese
Familie fr die Eventualitt der Thronfolge ausersehen hatte, war mal wieder
eines der vielen chinesischen Rtsel, doch was lag schlielich daran! Aber der
Vetter Sin schen hrte im Hause Li lien yings, da ursprnglich keineswegs blo
die Ernennung eines eventuellen Thronerben, sondern die unmittelbare Abdankung
des Kaisers und seine Ersetzung durch den Sohn des Prinzen Tuan beabsichtigt
gewesen sei. In der geheimen Ratssitzung, wo diese Frage erwogen worden, htte
Tz Hsi erklrt, es gbe Przedenzflle fr solches Verfahren, und sogar der
Titel, den der abgesetzte Kwang Hs spter fhren werde, sei festgesetzt worden.
Die Mandschus wren bereingekommen, da er, mit Anspielung auf seine
reformatorischen Anwandlungen, Hunte-kung - Herzog der irregeleiteten Tugend -
heien solle. - Erst die versteckte Drohung Liu ku nyis, er stnde fr nichts,
was im Sden geschehen wrde, falls der Herr der zehntausend Jahre
widerrechtlich abgesetzt wrde, hatte Tz Hsi veranlat, den fr den
Thronwechsel zuerst bestimmten Termin des kommenden Neujahrsfestes einstweilen
unbestimmt zu verschieben. - So war dem Regiment des schattenhaften Herrschers
die Frist noch einmal verlngert worden, und das nahende Jahr wrde nicht, wie
Tz Hsi gewollt, den Namen eines neuen Kaisers tragen, sondern als
sechsundzwanzigstes der Aera Kwang Hs auf die Geschichte bergehen.
    Aber es hie, nur schwer und grollenden Herzens ertrge Tz Hsi diese
Vereitlung der unmittelbaren Ausfhrung ihrer Absicht. Die sie kannten,
erzhlten flsternd, ihre Wut gegen den Kaiser, der es einst gewagt, gegen ihre
Autoritt vernichtungwollende Plne zu schmieden, sei mit den sinkenden Monden
nicht schwcher, sondern nur immer heftiger geworden; sein beabsichtigtes
Vergehen erschiene ihr noch immer nicht gengend geshnt; das Gefhl
angetasteter Majestt, die Furcht, da ihm vielleicht doch noch einmal Anhnger
erstehen knnten, lieen ihr keine Ruhe. - Wenn Tschun solche Worte vernahm,
malte er sich aus, wie sehr diese furchtbare Hasserin wnschen mute, da der
Kaiser verschwnde und mit ihm auch alles, was ihn beeinflut hatte und was sie
sich selbst feindlich fhlte: alles Fortschrittliche, alles Fremde. - Und zu
solchem Vorhaben wrde ihr sicherlich jede Waffe, jedes Mittel willkommen sein.
    Bisher aber hatte es eben gerade an Waffen gefehlt, und Tz Hsi hatte sich
in ungeduldig ertragenes Abwarten fgen mssen. Doch nun endlich schien der
langersehnte Augenblick gekommen. Scharen nahten, die der Kaiserin Krfte
anboten, mit denen sich jeder Kampf aufnehmen lie! - Wenn sie sich nur als echt
erwiesen? - Einstweilen, so hatte Li lien ying bedauernd geuert, zauderte die
gttliche Mutter ja noch. Aberglauben und Mitrauen mochten in ihr, wie in jedem
chinesischen Gemt, um die Herrschaft kmpfen. - Aber Prinz Tuan hatte ja so
bestimmt gesprochen. Unberwindlich, ja sogar unverwundbar sollten diese
freiwilligen Kmpfer sein! Und wahrlich lockend erschien der Gedanke, sogar
bernatrliche Krfte in den Dienst eigener Rache zu stellen. An der Grenze
Petschilis standen sie jetzt schon, diese geheimnisvollen Gromessermnner. -
Nun, man wrde ja sehen, was sie vermochten, prfen, ob man sich ihnen
anvertrauen drfe.
    So nahte das neue Jahr. Es wurde aber von allen erfahrenen Leuten
vorausgesagt, da es ein ganz schlimmes werden wrde. Und es konnte ja auch gar
nicht anders sein, denn sein achter Monat wrde ein eingeschobener Schaltmonat
sein, und das ist bei Jahren, die wie dieses das zyklische Zeichen Keng
fhren, seit altersher von unheilvollster Vorbedeutung gewesen!
    Als Tschun am Morgen des ersten Tages dieses im voraus so bel beleumundeten
Jahres seine besten Kleider angelegt hatte, begab er sich zuerst mit allen
anderen Boys zum Ta-jen und der Taitai, um vor ihnen mit gebeugtem Knie den Ta
ke u-Gru zu machen. Dabei empfing er, wie all die brigen, den Betrag eines
Monatsgehalts, der das in Peking althergebrachte Neujahrsgeschenk der Herrschaft
bildet. Es war Tschun hchst willkommen, denn er selbst hatte viel Geschenke zu
machen. Sein erster Besuch galt der Mutter, vor der er sich ehrfurchtsvoll
niederwarf. Sie war in den letzten Jahren recht alt und krnklich geworden, aber
sie hatte sich lngst mit Tschuns Stellung bei den Fremden ausgeshnt, denn sein
regelmiger Verdienst war ihr sehr willkommen. Von da ging Tschun weiter zu den
verschiedenen lteren Verwandten.
    In all den Husern sah es festlich aus. Blitzblank waren die Stuben. Bei den
heidnischen Familien der Verwandtschaft hatte man nachts zuvor die alten ruig
gewordenen Bilder der huslichen Schutzgtter unter allerhand
Ehrfurchtsbezeigungen im Herdfeuer verbrannt und dazu gebetet, da sie trotz
aller etwa wahrgenommenen Mngel und Vergehen im Jenseits gnstigen Bericht ber
das Haus erstatten und den Himmelsgrovater, Thiau lao ye, veranlassen mchten,
fr das kommende Jahr wieder recht wirksame Schutzgtter zu senden. Da aber die
Reise ins Jenseits weit ist, waren fr die abziehenden Schutzgtter und ihre
Pferde Proviant sowie Wasser und Heu im Hof vorsorglich aufgestellt worden. Dann
hatte man die neuen Gtzenbilder feierlich aufgehngt und auch an die Haustr
eine Abbildung der Gtterkatze geklebt, welches sagenhafte Untier imstande sein
soll, alle schdlichen Geister und bsen Einflsse zu bannen. Also behtet,
konnte man allenfalls dem noch im Dunkel des Unbekannten liegenden Unheilsjahr
entgegengehen, im Bewutsein, sein Teil an Vorkehrungen mit Weisheit getroffen
zu haben.
    In den Zimmern standen Bretter umher, mit je vier verschiedenen Geschenken,
wie es sich fr eine anstndige Festgabe ziemt. Die groen roten Visitenkarten
der Spender, mit einer Liste der gesandten Dinge, lagen darauf. Auch Tschun
hatte seine Angebinde geschickt: ein paar Lichter, Schweinefleisch, eine Schale
Lotoskerne und ein Paket Nudeln, deren Lnge eine Anspielung auf die Lnge des
Lebens bedeutete, die er den Empfngern wnschte.
    Beim alten Groonkel Lin te i fand er Kuang yin sowie die meisten Verwandten
versammelt. Auch sein einstmaliger Lehrmeister, Yang hung, mit dem er sich aber
lngst wieder vershnt hatte, war darunter. Bei jedem Neueintretenden begannen
die Beglckwnschungen und Verbeugungen von neuem. Die Aelteren begrten sich
untereinander mit dem Ta kong, indem sie nach einer tiefen Verbeugung die Arme
bis zur Hhe der Augenbrauen hoben und dann wieder sinken lieen, wobei wohl
darauf zu achten war, da die Hnde von den Aermeln bedeckt blieben. Tschun
dagegen, als ein Jngerer, warf sich vor Lin te i nieder, mit viermaligem
Kopfbeugen, und begrte so mit Pai nien das Jahr.
    Aber trotz aller Geschenke und Zeremonien wollte keine Feststimmung
aufkommen, und das Gesprch ging immer wieder auf das Thema ber, das alle
beschftigte - und das war, wie schlimm doch die Anzeichen fr dies eben
begonnene Jahr sich anlieen.
    Zu allen schon umlaufenden Gerchten brachte der Vetter Sin schen von einem
Besuch in Li lien yings Hause noch eine unheimliche Kunde: Der bisherige
Gouverneur von Schantung, Y Hsien, ist in Peking eingetroffen, erzhlte er.
Die Kaiserin hat ihn von dort abberufen, weil er die Mrder eines fremden
Teufels zu offenkundig begnstigte und dessen Gesandtschaft hier Einsprache
erhob. Aber sie hat ihn bei seiner Ankunft gleich aufs gndigste empfangen und
ihm ein von ihr selbst gemaltes Glckszeichen geschenkt. Jetzt will sie ihn gar
zum Vizeknig von Schansi ernennen.
    Da sehen freilich alle Beamten, woher der Wind weht, murmelte Kuang yin,
indem er die Asche von seiner Zigarette streifte, und keiner wird mehr den Mut
haben, diesen Mordbrennern entgegenzutreten.
    Aber wer beeinflut denn die gttliche Mutter so, da sie diesen
schrecklichen Leuten ihren Schutz leiht? fragte ein Vetter mit ngstlicher
Stimme.
    Und Sin schen antwortete leise: Oh, da gibt es sehr groe Herren, die der
Bewegung wohlwollen, Li lien ying selbst erwartet Wunderdinge von ihr, und er
rt der gttlichen Mutter, sie gewhren zu lassen.
    Natrlich, von dem konnte man sich's denken! rief der fortschrittlich
gesonnene Wang pao. Aber noch andere stecken dahinter. Kang yi und vor allem
Prinz Tuan sind es, die die Kaiserin aufstacheln. Und sie soll ja ganz unter
Tuans Einflu geraten sein, seit dem Unheilstag, wo sie seinen Sohn zum
Thronerben ernannt hat. Der Vizeknig Liu ku nyi wute wohl, warum er von dieser
Wahl abriet. Tuan hat ja alles, was nicht zum reinsten Mandschublut gehrt, er
ist roh, grausam und von beschrnktem Verstande. Er trgt die Verbitterung in
sich ob seiner frheren langen Ungnade und mchte sich an allem rchen, was
whrend seiner Verbannung entstanden. Er hat nichts in der Zeit gelernt und
hat, was neu ist. Tz Hsi hat er fr die Wahl seines Sohnes zum Ta a ko durch
das Versprechen gewonnen, ihr gegen die Fremden beizustehen, aber sie wird diese
Wahl noch bereuen! Und wir knnen noch was erleben, wenn er ans Regiment kommt!
Und er arbeitet mit allen Mitteln darauf hin, die Gewalt an sich zu reien.
Jetzt liegt er der Kaiserin in den Ohren, sie mge die Gromessermnner als
einen Teil der Armee offiziell anerkennen und ihn selbst zu ihrem Chef ernennen,
dann versprche er ihr, mit den Fremden im ganzen Lande kurzen Proze zu
machen.
    Die Verwandten hrten ihm staunend zu. Wang pao aber, der sich vor Sin schen
auch einmal hoher Beziehungen rhmen wollte, fuhr fort: Ihr knnt mir glauben,
da es so ist. Ich habe es aus der unmittelbaren Umgebung Yung Lus. Der scheint
beinah der einzige zu sein, der klaren Blick bewahrt hat und die Kaiserin davor
warnt, sich nicht auf diesen Schwindel der Gromessermnner einzulassen.
    Wie ist es berhaupt mglich, den Unsinn, den die behaupten, ernst zu
nehmen! meinte Kuang yin geringschtzig.
    Aber da fiel der alte Yang hung ein: Redet nicht so verchtlich! denn es
gibt hchst ehrenwerte, glaubwrdige Leute, die versichern, die Gromessermnner
gebten tatschlich ber unerklrliche Krfte. Und geheimnisvoll flsternd
erzhlte er: Gestern sprach ich meinen alten Geschftsfreund aus Schantung, bei
dem ich Seifensteinfiguren einkaufe. Der hat zugesehen, wie diese Leute vor
ihren Altren bei einbrechender Nacht ihre Uebungen verrichten. Er sagt, sie
werfen sich unzhlige Male nieder und rufen dabei laut die Helden der Vorzeit
an, denn obschon die Gromessermnner ja meist ganz ungelehrte Landleute sind,
kennen sie doch die Namen jener ruhmreichen Mnner aus den Stcken der
herumziehenden Theatertruppen und von den Geschichtenerzhlern. So beschwren
sie Hi nen ti, den Geist des Nordpols, der im Groen Bren wohnt, den Herzog
Tsche u, den sie ihren Ahnherrn nennen, und vor allem den sagenhaften
Nephritkaiser Y Huang. Dadurch hoffen sie zu gleichen Taten wie jene fhig zu
werden, und sie flehen sie an, ihren Leib im Kampf zu schtzen. Auch murmeln sie
allerhand Zauberformeln und verschlucken gelbe Papierstreifen, auf denen geheime
Hexensprche stehen. Danach werden sie von Krmpfen befallen, Schaum steht ihnen
vor dem Munde, und sie wlzten sich am Boden wie Tobschtige. Das ist der
Augenblick, wo die Geister in sie fahren, und von da an sind sie unverwundbar.
Mein Freund war selbst dabei, wie sie sich nachher mit schweren Ziegelsteinen,
ja sogar mit Sbeln geschlagen haben - und kein Blut ist geflossen.
    Na, den Kugeln der Fremden wrde ihre Haut schwerlich standhalten,
murmelte Kuang yin. Doch niemand achtete auf seinen Einwand, so gespannt
lauschten sie alle auf des alten Yang hungs sonderbare Erzhlung. Mit Ausnahme
von Wang pao schienen die heidnischen Zuhrer alle vllig von der Wahrheit
seiner Worte berzeugt, und auf ihre Art glaubten auch die Christen daran, sie
erinnerten sich der Geschichten von den Besessenen in der Bibel und bekreuzigten
sich rasch im Gedanken an diese neuesten Offenbarungen des Teufels.
    Yang hung aber fuhr fort: Wir werden es vielleicht alle bald selbst sehen
knnen, denn sie sollen gar nicht mehr so weit von Peking sein. Sie ziehen in
ungeheuren Horden heran, und Scharen junger Knaben eilen ihnen voran. Aber das
sind eigentlich gar keine wirklichen Knaben, sondern Geister, die diese Gestalt
angenommen haben. Und sie tragen Flaggen mit der Aufschrift: Geister und Fuste
helfen sich.
    Der alte halb blinde Groonkel Lin te i nickte beifllig, und sein runzliges
Gesicht glich dabei der verhuzelten Haut einer zusammengeschrumpften
getrockneten Feige. Mit zitternder Stimme sagte er: Ganz Aehnliches wird in den
Annalen der Han-Dynastie von den gelben Turban-Insurgenten erzhlt, die auch
unter dem besonderen Schutz des sagenhaften Nephritkaisers Y Huang standen, und
seitdem sind immer wieder solche geheime Gesellschaften erstanden. - Vor vielen
Jahren, als ich noch jung war, gab es in Schensi eine Sekte, die genau dieselben
Wunder vollbrachte. Aber damals kam es zu nichts Entscheidendem. - Nun, ich
freue mich, das Kommen dieser wackeren Gromessermnner noch zu erleben! Mchte
es ihnen doch endlich gelingen, die fremden Teufel endgltig zu vertreiben.
Verdient haben sie es reichlich; sie haben Stcke unseres Landes genommen und
machen sich bei uns breit, als seien sie Herren im Hause. Das wre wahrlich ein
groer Tag, wo wir von ihrem Fleische essen und auf ihren Huten schlafen
knnten.
    Niemand widersprach ihm, nicht einmal der bei den Fremden bedienstete Kuang
yin, und Tschun schwieg, wie es seiner Jugend ziemte. Nur Wang pao erwiderte:
Das ist alles ganz gut und schn, aber auf jeden Fall wrden dabei auch viele
von uns selbst mit umkommen, und viel guter chinesischer Besitz ginge zugrunde.
    
    Das mag sein, sagte Lin te i gleichmtig, aber damit mu man sich
abfinden. Der Weise sagt: wenn aus dem Berge Kun Lun Feuer sprht, wird
kostbarer Nephrit mit wertlosem Gestein zugleich vernichtet.

Pltzlich sprach man dann auch in den Gesandtschaften von den nahenden
Gromessermnnern. Man nannte sie Boxer. Niemand wute recht, woher diese
Bezeichnung zuerst gekommen, ob sie von einer frheren Geheimgesellschaft
stamme, die sich Pflaumenbltenfuste nannte, auf gymnastische Uebungen anspiele
oder von dem Faust bedeutenden Schriftzeichen herrhre, das in ihrem
chinesischen Namen vorkam. Aber sie klang komisch. Und die ganze Sekte mit ihrem
Aberglauben der Unverwundbarkeit hatte ja auch etwas sehr Komisches. Einstweilen
lachte man noch ber sie, wenn man auch gleichzeitig vor dem offiziellen China
sehr entrstet tat ber alle Greuel, die diese merkwrdigen Boxer auf ihrem Zuge
verbt haben sollten. Man hrte von Haufen, die dicht vor Peking stnden und
Fahnen trgen, auf denen Schutz dem Kaiserreich, Tod den Fremden zu lesen war,
aber man empfand das weit mehr als eine Frechheit denn als wirkliche Gefahr. An
die Mglichkeit gar einer ernsten Bedrohung in Peking selbst glaubte vorlufig
kein Mensch, und wem solch Gedanke jemals durch den Sinn ging, der verscheuchte
ihn alsobald. Niemand wollte der erste sein, der Angst gehabt. Und die jungen
Herren, die das stndige Gefolge der Taitai bildeten, beteuerten ihr alle
einzeln, halb lachend und doch mit einem gewissen Enthusiasmus, sie knnten sich
gar nichts Schneres denken, als zu ihrem Schutz mit allen Boxern und deren
bernatrlichen Helfern kmpfen zu drfen, und sie sehnten diesen Augenblick
frmlich herbei.
    Aber die Taitai sollte solches Schutzes gar nicht bedrfen, denn der Ta-jen
erhielt ein Telegramm, das ihm nun wirklich seine Versetzung auf den so
begehrten Posten ankndigte und ihm gleichzeitig anbefahl, sich mglichst rasch
an seinen neuen Bestimmungsort zu begeben.
    Sobald die Nachricht bekannt geworden, kamen alle Mitglieder der
Gesandtschaft, dem Ta-jen und der Taitai zu gratulieren, denn es war ja eine
sehr ehrenvolle Ernennung, und auch die anderen Fremden erschienen, ihnen zu der
Auszeichnung Glck zu wnschen. Aber Tschun fand, da manche dabei recht
s-saure Gesichter machten. An der Aufrichtigkeit der Gefhle der jungen Herren
dagegen, besonders aber des hbschen weien, konnte niemand zweifeln. Sie
gebrdeten sich alle ganz untrstlich, und jeder wollte in dieser letzten Zeit
noch mglichst viel mit der Taitai zusammen sein, mit ihr ausreiten oder ihr bei
Kommissionen in den Antiquarlden helfen oder fr sie noch rasch photographische
Aufnahmen machen. Nur der bse Herr, den die Taitai immer weniger beachtet
hatte, stand mrrisch dabei.
    Es ging nun an ein groes Packen. Tischler machten Kisten, in denen die
Mbel verschwanden. Madame Angle faltete mit kummervollem Gesicht Berge von
chinesischen Seiden und Stickereien. Und die Boys wickelten von frh bis spt
all die vielen Porzellane, Bronzen, Elfenbeinund Nephritnippes ein, die der
Ta-jen und die Taitai in Peking gesammelt hatten und zu denen sie in aller Eile
noch immer mehr hinzukauften. Die chinesischen Kuriositten schienen das einzige
zu sein, was sie jetzt noch an China interessierte, mit all ihren Gedanken
lebten sie offenbar schon ganz auf der langen Reise und an dem neuen Posten.
Whrend Tschun sie so von Orten und Dingen reden hrte, die ihm fremder wie der
Mond, weil nie gesehen, waren, empfand er so recht die Kluft, die zwischen
seinesgleichen und diesen Auslndern bestand. Vorbergehende blieben sie doch
immer, und falls ihr Wesen berhaupt Wurzeln besa, so ruhten die in ganz
anderem, unbekanntem Boden. Tschun hatte frher oft sehr heftig den Wunsch
gehegt, die ferne Welt der Fremden selbst zu sehen und das kennen zu lernen, was
diese scheinbar Heimatlosen Heimat nannten. Und jetzt bot sich ihm pltzlich die
Gelegenheit. Die Taitai erklrte, sie wolle ihn gern mitnehmen, und es solle ein
groer Vorrat seidener Anzge fr ihn angefertigt werden, damit sie auf dem
neuen Posten Staat mit ihm machen knne. Ein merkwrdiger Ort mute das sein,
dachte Tschun, wo niemand einen Boy hatte, sondern alle Diener, sogar die
Ofenheizer, weie Menschen sein sollten! Er konnte sich das nicht recht
vorstellen, denn alle Fremden, die er bisher gekannt, waren doch Herren, sogar
die gramvolle Madame Angle blieb immerhin ein hheres Wesen, das keine grobe
Arbeit tat, sondern dazu einer chinesischen Amah bedurfte. - Aber whrend die
Taitai noch mit ihm sprach, schrumpfte sein einstmaliger groer Wunsch immer
mehr zusammen, wurde klein und kleiner, war pltzlich ganz fort. Er htte selbst
nicht recht sagen knnen, wie das zugegangen. Aber die Taitai schien ihm
pltzlich viel fremder als damals, wo er sich zuerst zu ihr geflchtet hatte.
Sie sagte, da sie ihn mitnehmen wolle, da es ihr leid tun wrde, ihn zu
verlieren, doch er empfand, da er nur mitkommen solle wie das Hndchen Tin chau
oder die chinesischen Stoffe und Nippes - als eine Kuriositt, die andere nicht
besaen, eine Staffage, die sich gut ausnehmen wrde auf dem malerischexotischen
Hintergrund, den die Taitai allerwrts fr sich und ihre tausend schillernden
Gewnder zu schaffen liebte. Er kam sich ganz losgelst von der Taitai vor, als
habe er gar nicht die Jahre hier bei ihr gelebt. Er htte unmglich mit ihr und
von allem Gewohnten fortreisen knnen! So machte er der Taitai seine
allertiefste Verbeugung und dankte fr die Gnade, die sie ihm habe erweisen
wollen, die er aber nicht annehmen knne, da seine Mutter in letzterer Zeit sehr
alt und krnklich geworden sei, wo es sich fr einen Sohn nicht zieme, sich
auer Landes zu begeben.
    Ach, das sind Ausflchte, sagte die Taitai rgerlich, wenn Ihr Chinesen
etwas nicht tun wollt, habt Ihr immer kranke Mtter.
    Ueber Tschuns junges Gesicht glitt das uralte, leise berlegene und zugleich
nachsichtige Lcheln seiner Rasse, womit Ostasiaten antworten, wenn Leute
kindlich unerfahrener Vlkerschaften sich einbilden, sehr schlau zu sein und sie
zu durchschauen.
    Die Taitai wei alles, antwortete er ehrerbietig, aber diesmal ist es
doch wirklich so, wie ich sagte.
    Und er sprach die Wahrheit, denn seit Neujahr war die Mutter tatschlich
noch viel hinflliger geworden.
    Whrend der folgenden Tage schien die Gesandtschaft dann ganz leer geworden;
all die vielen Dinge, die den Abreisenden gehrten, waren endlich fertig
verpackt in Kisten und Koffern; nun wurden sie in langen Zgen von Maultierwagen
zur Station gebracht, und von da wrden sie per Bahn nach Tientsin und dann
weiter zu Schiff ber das groe Wasser fahren. Der Ta-jen und die Taitai machten
Abschiedsbesuche, und sie wurden von allen anderen Fremden der Reihe nach noch
einmal zu groen Mahlzeiten eingeladen, denn, ob man sich nun geliebt oder
gehat, Abschiedsfeste gab man jedem Scheidenden. Und whrend ihnen die Boys zum
letzten Male mongolische Wildschweinskpfe und Pekinger Riesenenten servierten,
wurden auf den Ta-jen und die Taitai auch schne Trinksprche ausgebracht, die
voll von Anerkennung, Bedauern ob ihrer Abreise und guten Wnschen waren.
    Auch der alte Bischof kam, um dem Ta-jen und der Taitai Adieu zu sagen. Er
sah sorgenvoll aus, und Tschun hrte ihn beim Tee sagen: Ich kann Sie zu Ihrer
Abreise nur beglckwnschen, denn ich habe die Empfindung, da wir hier in den
rgsten Sturm treiben, den die Fremden je in China erlebt haben.
    Wirklich? Doch nicht etwa wegen dieser Boxer? frug der Ta-jen mit hflich
unterdrcktem Unglauben.
    Ja, sagte der Bischof, ich wei wohl, da es zum guten Ton gehrt, ber
sie zu spotten, aber ich sehe in ihnen eine furchtbare Gefahr.
    In ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit? frug die Taitai lchelnd.
    Nein, natrlich nicht in ihr, antwortete der Bischof, aber weil so blind
an sie geglaubt wird. Dieses aberglubische Zutrauen hat schon die weitesten
Kreise erfat und fanatisiert, und es wird sie, in der Zuversicht auf Gelingen,
zu den wildesten Taten hinreien.
    Aber die Autoritten knnen doch nicht so verblendet sein, das zuzulassen?
entgegnete der Ta-jen. Sie werden sich im entscheidenden Augenblick wirklich
schlimmen Ausschreitungen sicher widersetzen, denn sie mssen sich doch sagen,
da uerstenfalls von den fremden Geschwadern leicht Mannschaften gelandet und
nach Peking gesandt werden knnten.
    Die Autoritten werden im entscheidenden Augenblick vielleicht gar nicht
mehr knnen, wie sie wollen, sagte der Bischof bedchtig. Die Kaiserin soll ja
zwar noch immer schwanken zwischen dem Einflu der wenigen Vernnftigen, wie Liu
ku nyi und Yung Lu einerseits und Prinz Tuan, Kang yi und den zahllosen
sonstigen Boxergenossen andererseits. Ihre persnlichen Wnsche und Sympathien
sind aber unzweifelhaft bei den letzteren. Und dazu kommt noch etwas, das,
meiner Ansicht nach, bei ihr ausschlaggebend sein wird: durch die letzten
Boxerproklamationen, die mir von meinen Missionaren zugegangen sind, geht
nmlich ein Ton der Anklage gegen die Dynastie; sie wird fr das ganze Elend des
Landes und seine korrupten Zustnde, vor allem aber auch fr die
Gebietsabtretungen an auswrtige Mchte verantwortlich gemacht. Es heit darin,
das Kaiserhaus sei dazu wie zu der Einfhrung von Bahnen und sonstigen
Neuerungen, ganz ebenso wie die Mandarine, von den Fremden mit Geld bestochen
worden. Ich fhre diese Ausstreuungen auf den Prinzen Tuan zurck, und sie haben
einen besonderen Zweck. Er will nmlich die in China besonders leichtglubige
ffentliche Meinung dadurch erregen und sie fr Ausfhrung seines eigentlichen
geheimsten Planes vorbereiten - der aber ist, beim ersten gnstigen Vorwand sich
und seinen Sohn ffentlich an Stelle von Tz Hsi und Kwang Hs zu setzen. Sobald
nun die Kaiserin erkennt, welche Gefahren fr sie aus dem Glauben an solche
Anschuldigungen entstehen knnen, wird sie sich offen auf Seite der Boxer
stellen, um sich so zu entlasten und die Wut der wilden Horden von sich ab- und
ausschlielich auf die Fremden zu lenken.
    Andere Besucher kamen, und des Bischofs Ausfhrungen wurden unterbrochen.
Aber sie muten doch einen gewissen Eindruck auf den Ta-jen gemacht haben, denn
spter erzhlte er das Gesprch dem ersten Sekretr, der ihn bis zur Ankunft des
neuen Gesandten vertreten sollte. Vielleicht tten Sie gut, diese Ansichten des
Bischofs nach Hause zu melden, sagte der Ta-jen, der, immer mehr ein Mann des
geschriebenen Wortes wie der Tat, in der Berichterstattung den Hauptzweck des
Dienstes sah und durch seinen glnzenden Aufstieg ja auch von der Richtigkeit
dieser Auffassung berzeugt wurde.
    Ach, Exzellenz, antwortete der Sekretr, es ist ja ganz klar, da der
Bischof nur deshalb so schwarz sieht, weil all die Ausschreitungen sich gegen
die Missionare und die von ihnen beschtzten Konvertiten richten. Das
Christentum ist nun mal in China nicht beliebt, und eigentlich kann man sich
kaum darber wundern, denn die ehrwrdigen Herren mischen sich zu sehr in die
irdischen Angelegenheiten ihrer chinesischen Glubigen und wollen ihnen
allerhand Begnstigungen sichern, um ihnen zu beweisen, da ihre Religion nicht
nur frs Jenseits vorteilhaft ist. Darber kann man ja die chinesischen Behrden
immer wieder klagen hren. Sollte es indessen wirklich schlimmer werden, so kann
man ja mal eine scharfe Note an das Tsungli-Yamen richten.
    Gewi, gewi, Sie haben sicher recht, sagte der Ta-jen, der geglaubt
hatte, aus Gewissenhaftigkeit sprechen zu mssen, in Wirklichkeit aber nur zu
froh war, die Seite des Lebensbuches, auf der das Wort China stand, nun
endgltig umwenden zu drfen.
    Dann kam der Tag der Abreise. Frh schon standen die beiden grnen Snften
bereit, in denen der Ta-jen und die Taitai so oft, sei es zu langwierigen
Verhandlungen ins Tsungli-Yamen, sei es zu mehr oder minder kurzweiligen
Gesellschaften getragen worden waren, und die sie nun zum letztenmal fr den Weg
zur Station besteigen sollten. Frh auch waren alle Trabanten der Taitai zur
Stelle, mit Blumen in den Hnden, Abschiedsschmerz im Herzen und hohen gelben
Stiefeln an den Fen, um der scheidenden Angebeteten reitend das Geleit zur
Eisenbahn zu geben.
    Als die Reisenden nun aus der Haustr auf die zum Garten herabfhrenden
Stufen traten, sah der kleine graue Ta-jen ernster noch aus als sonst, reckte
die unscheinbare Gestalt und blickte sich feierlich um, als erwarte er, da hier
an seinem bisherigen Ttigkeitsfeld, zur Erinnerung an sein Wirken, Lorbeeren
von selbst zu sprieen begnnen. Die Taitai dagegen schien so gleichgltig, als
handle es sich um einen alltglichen Ausgang. So setzten sie sich in die
Snften, auf Kommando hoben die Trger sie empor, und schwingenden Schrittes
ging es hinaus aus dem groen Tor.
    Im selben Augenblick aber ertnten laute, langanhaltende Salven von
Feuerwerk und Schwrmern, vor denen zu fliehen eine der Eigentmlichkeiten
chinesischer bser Geister sein soll, und die daher bei Abreisen stets in
reichlichem Mae abgebrannt werden. Der unmittelbar sichtbare Erfolg war
indessen, da die Ponies der jungen Herren zu scheuen und schlagen begannen, um
dann im Galopp mit ihren Reitern durch die von Gaffern gefllte
Gesandtschaftsstrae zu jagen.
    In Maultierkarren folgten die Boys mit dem Gepck. Tschun sa auf dem Schaft
des Wagens, in dem Madame Angle mit Tin chau fuhr. Die stets Kummervolle schien
beinahe lustig, so froh war sie, Peking zu verlassen.
    Mein armer Tschun, sagte sie, ich glaube, Du hast unrecht getan, nicht
mit uns kommen zu wollen. Heute nacht trumte mir, ganz Peking brenne. Es sah
aus wie Paris whrend der Kommune.
    Whrend sich Madame Angle noch in allerhand dsteren Prophezeiungen erging,
starrte Tschun vor sich hin in die Straen. Gedankenlos zuerst, dann aber mit
pltzlich erwachter Aufmerksamkeit. Denn es wollte ihm scheinen, als sei die
Menge in den Straen anders als sonst. Nicht mit dem gewohnten gleichgltigen
Stumpfsinn schauten die Leute dem Zug der Fremden nach, sondern etwas
ausgesprochen Feindliches lag heute in all den kleinen, tckischen Aeuglein. Und
Gesichter waren darunter zerstreut, die aus anderen Landesteilen stammen muten.
    Am Hatamen herrschte arges Gedrnge. Fuhrwerke und Fugnger hatten sich in
dem tiefen Torweg gestaut. Der Maultierkarren mute halten. Von dem
vorwrtsdrngenden Gewhl wurden zwei wild aussehende Leute dicht
herangeschoben, und Tschun hrte den einen sagen: Da flchten einige der
fremden Teufel, worauf der andere antwortete: Die brigen werden wir rasch
genug ins Jenseits befrdern. Dann wandte sich der erste direkt an Tschun: Du
gehrst wohl auch zu ihnen? Hte Dich, Euch Teufeln zweiten Grades, die Ihr zu
den Fremden haltet, wird's am schlimmsten gehen. Doch nun hatte sich das Knuel
gelst, das Maultier zog an, und es ging weiter auf langer, breiter Strae, an
dem Himmelstempel vorbei, bis hinaus zum Bahnhof.
    Da standen schon wartend viele Freunde der Reisenden. Man sagte sich Adieu
und sprach von Wiedersehen auf anderen Posten. Viel gute Wnsche fr eine glatte
Ueberfahrt wurden laut, und niemand schien zu denken, da vielleicht gerade die
Zurckbleibenden den weitaus schlimmeren Strmen entgegengehen knnten.
    Der hbsche weie Herr streichelte das Hndchen Tin chau zum Abschied. Du
hast es besser als ich, sagte er, indem er es der Taitai in den Waggon
hinaufreichte. Der bse Herr sah dem zu, mrrisch und zugleich schadenfroh, als
dchte er: Sehe ich sie nicht, siehst doch auch Du sie nicht mehr. -
    Dann pfiff die Lokomotive, Hte und Taschentcher wurden geschwenkt, die
Boys beugten zum letztenmal das Knie vor der scheidenden Herrschaft. Der Zug
setzte sich in Bewegung: langsam zuerst. Einige der jungen Herren liefen noch
ein Stckchen am Waggon mit, aber schneller und schneller drehten sich die Rder
und fhrten die Taitai davon; fort aus dem Bereich der hohen finstern Pekinger
Stadtmauern und seiner druenden Trme - hin zu neuen Stdten, wo vieles ganz
anders sein mochte, wo sich aber sicherlich auch wieder junge Herren einstellen
wrden, die gern schnen Frauen auf einem Stckchen Lebensweg das Geleit geben.

Tschun zog nun wieder zu seiner Mutter, denn er und die anderen Boys hatten
vorlufig keine Beschftigung in der Gesandtschaft; nur Kuang yin sollte darin
verbleiben und das Haus hten, in dem die Taitai einst gewohnt. Die brigen
warteten und hofften spter in die Dienste des knftigen Gesandten zu treten.
    Tschun begleitete jetzt manchmal die Mutter, wenn sie in den Petang ging, um
sich bei der Schwester Apothekerin Rat und Arzneien zu holen. Es war nicht mehr
dieselbe, die einst, als Tschun ein ganz kleiner Junge gewesen, das Loch an
seiner Stirn verbunden hatte. Aber eigentlich htte es dieselbe sein knnen, so
gleich war beider Art. Auch sie hatte dieselbe ruhige Gte, den
unerschtterlichen milden Gleichmut gegenber den trbsten Seiten des Lebens.
Und das alles tat Tschun wohl. Es mute wohl den Bedrfnissen seines geheimsten
Wesens entsprechen. Denn irgend etwas in ihm war nicht mehr so recht froh und
zuversichtlich. Es gab da eine wunde Stelle. Er grbelte. Hatte er sich
vielleicht im Weg geirrt, damals als er ihn so selbstentscheidend gewhlt? Es
sollte doch alles schn werden durch die Fremden, die so viel Neues und Gutes
brachten. Und rasch sollte es so werden. Er selbst hatte es so eilig gehabt, zu
dieser neuerstehenden Welt zu gehren. Aber was war denn seitdem anders und
besser geworden? Man konnte jetzt mit der Bahn von Tientsin nach Peking in vier
Stunden fahren, statt wie frher in ebensoviel Tagen im Boot den gewundenen
Peiho hinauf. Das war eigentlich alles - und das machte ein Volk nicht besser,
noch glcklicher. Das einzigste Mal aber, wo wirklich der Versuch gemacht
worden, Reformen einzufhren, da hatten die Fremden das Werk nicht untersttzt,
hatten nur verstndnislos und unttig zugeschaut, wie zerstrt wurde, was doch
sie zuerst gest. Und durch den damaligen leichten Sieg ermutigt, hatten sich
seitdem all die dunklen Mchte zusammengerottet und stiegen jetzt aus
unheimlichen Tiefen auf, um nunmehr auch jene zu vernichten, die sie als
Ursprung alles Uebels ansahen und dafr verantwortlich machten. Und wieder
schauten die Fremden unschlssig zu, obschon es doch so klar war, da die Losung
diesmal gegen sie ganz persnlich gerichtet war, und sie konnten sich nicht
einigen, welche Gegenmaregeln zu ergreifen seien.
    Einzig der weise alte Bischof schien die Dinge zu sehen, wie sie wirklich
waren. Ihm strmten die Nachrichten aus tausend Quellen zu; von den bedrngten
Missionaren im Innern, von den vielen Christen, die aus ihren Stdten und
Drfern vor den Boxern hatten fliehen mssen, und die nun anfingen, scharenweise
nach Peking einzustrmen, um sich ganz selbstverstndlich nach dem Petang zu
wenden und ebenso selbstverstndlich dort aufgenommen zu werden. Sie fllten
schon ganze Abteilungen des weiten umwallten Missionsgrundstcks, arme Leute
zumeist, die nur das Leben gerettet hatten, und, von den Wogen der Verfolger vor
sich hergetrieben, oft nicht einmal wuten, wo ihre nchsten Angehrigen
geblieben sein mochten, in diesem Sturm, der so vernichtend ber ihre kleinen,
kmmerlichen Existenzen hereingebrochen war. Alle brachten sie dieselben
Erzhlungen mit, von der raschen Ausdehnung der Bewegung, von Boxeremissren,
die mit aufreizenden Proklamationen durch das ganze Land zgen, von Edikten, die
die Regierung dagegen erlie, um scheinbar zu Ruhe und Ordnung zu ermahnen, die
aber von niemand beachtet wurden, da jeder wute, da sie nur erfolgten auf
Drngen der fremden Gesandtschaften in Peking und um sie in Sicherheit zu
wiegen, da sie aber gar nicht ernst gemeint seien, da ja die Mandarine selbst
den Boxern Schutz gewhrten; ja sogar von regulren Truppen erzhlten die
Flchtlinge, die angeblich zur Bekmpfung der Aufstndischen ausgesandt,
alsobald selbst zu ihnen bergingen. Alle auch schilderten die Boxer in ihrem
grausamen Wten wie Besessene, die keine Gewalt mehr ber sich anerkennen und
sich vor nichts auf Erden frchten, weil sie sich selbst fr durch berirdische
Macht Gefeite halten. - Verwundungs- und Todesmglichkeiten waren ja eigens fr
sie abgeschafft, und wo alle uersten Folgen aufgehoben schienen, fielen vor
den entfesselten Raub- und Mordinstinkten auch die letzten Hemmungen nieder.
    Wenn Tschun in den Petang kam, unterhielt er sich mit den Geflchteten, und
ein Gruseln berkam ihn bei ihren Schilderungen von den Boxern - hnlich wie vor
Jahren, als er zuerst von der alten Kaiserin hatte erzhlen hren. Dasselbe
Grauen empfand er, das doch zugleich auch eine unheimliche Anziehung enthielt. -
Er streifte jetzt oft in der Stadt umher, in einer seltsamen Stimmung
erwartungsvoller Unruhe. Und dies Gefhl nahenden Weltuntergangs, vor dem noch
irgendetwas zu beginnen nicht recht lohne, schien viele erfat zu haben. Die
Straen waren berfllter denn je; um die offenen Garkchen, in den Teehusern
und Lden, berall wurde debattiert; und alle Menschen hatten etwas Sphendes,
Aufhorchendes, als erwarteten sie stndlich Nachricht von irgendeinem
ungeheuerlichen Geschehen.
    Manchmal aber floh Tschun aus dem bedrckenden Gewhl der heien staubigen
Straen hinauf auf die hohe breite Stadtmauer, wo die seltsamen astronomischen
Bronzeinstrumente standen. Dort oben war es still nach dem Lrmen drunten und
reinere Lfte wehten. In der malosen Drre des Jahres waren aber sogar die
Dornenstruche und Unkruter vertrocknet, die sonst hier zwischen den Fugen der
Steine wuchsen. Ungestrt konnte man da lange Stunden verbringen, um die ganze
weitausgedehnte Stadt herumgehen oder, an die Brstung gelehnt, auf sie
hinabstarren und den Schicksalen nachtrumen, die in tausendjhriger Geschichte,
seit den Zeiten, wo hier einst ein erstes, groes Zeltlager entstand, ber
diesen Erdenfleck hingegangen sind.
    Als Tschun wieder eines Nachmittags um die Stunde des Hahns den steilen
Aufstieg zur Stadtmauer hinangegangen war, erblickte er oben in der Ferne eine
lange, seltsam schlotternde Gestalt, die ihm entgegenschritt. Vertraut kam ihm
die Erscheinung mit dem staubfarbenen Turban schon von weitem vor. Etwas
Weltfremdes, Entrcktes sprach aus der ganzen Haltung, als wandle da einer, dem
alles Sichtbare nur Schein. Nher kommend erkannte Tschun den alten Einsiedler
vom Tempel der tiefen Beschaulichkeit. Mit erstauntem Ruf ber die unerwartete
Begegnung blieb er stehen. Da hielt auch der einsam Wandelnde inne, der offenbar
achtlos vorbergegangen wre, und es war, als kehre sein Geist aus weiter Ferne
zurck. Ei, sagte er wie ein Erwachender, der sich mhsam besinnt, Dich
sollte ich doch kennen? Du erinnerst mich an irgend jemand, den ich frher mal
gesehen haben mu - richtig, einem Knaben gleichst Du etwas, der mich einst vor
Jahren in den Bergen besuchte!
    Ja, sagte Tschun, ich kam einmal zu Euch, als Ihr vor Eurem Tempel sat.
    Ja, ja, nickte der hagere Alte, jetzt entsinne ich mich wieder ganz
genau. Aber ganz gro und erwachsen bist Du inzwischen geworden! Nun, und jene
Fremde, bei der Du damals in Dienst warst, hast Du sie verlassen?
    Nein, heiliger Mann, ich verlie sie nicht, aber sie ist weit fortgereist,
antwortete Tschun traurig.
    Nun, wenn dem so ist und Du es gut mit ihr meinst, so freue Dich dessen fr
sie, sagte der Einsiedler, denn, fuhr er fort und wies dabei mit magerem Arme
hinab auf die Stadt in der Richtung des Gesandtschaftsviertels, ber die
Handvoll Menschen, die dort wohnen, wird bald ein schlimmes Unwetter
niedergehen.
    Das frchte ich auch, sagte Tschun, aber sie sehen es nicht.
    Sie sind blind, wie alle sein mssen, denen das kleine tgliche Tun so
wichtig erscheint, da sie das groe stille Nachdenken darber vergessen, sagte
der Inder. Dchten sie, so mten sie wissen, da die, so aus Gier kommen, frh
oder spt Zorn und Kampf begegnen mssen. Er schwieg eine Weile und starrte ins
Leere, als sei er allem Gegenwrtigen entrckt, so da Tschun ihn nicht
anzureden wagte. Dann setzte er hinzu: Ich kenne die Fremden ja von meiner
fernen Heimat her - dort haben vor langen Jahren ihresgleichen, die auch aus
Gier gekommen und blind geworden, einmal Aehnliches erlebt, wie was diesen hier
jetzt bevorsteht.
    Und wie endete es dort? frug Tschun angstvoll.
    Ach, antwortete der Alte kummervoll, das ist ja gerade das Verhngnis: es
endete gar nicht; es setzte das Rad des Geschehens auf unabsehbare Zeit ins
Rollen. Ganz wie es auch hier sein wird. Und dann, Tschuns bestrzt verwirrten
Ausdruck gewahrend, setzte er mit einer gleichgltigen Gebrde hinzu: Meinst Du
aber etwa nur die augenblicklichen ueren Folgen: nun, damals blieben
schlielich die Fremden Sieger - und so wird es vermutlich auch hier bei diesen
gehen.
    So glaubt Ihr natrlich auch nicht an die Wunder der I ho Chan? sagte
Tschun erfreut ber des Alten trstliche Prophezeiung.
    Ich glaube an viel grere Wunder, antwortete der Einsiedler ernst, und
in meinem Lande knntest Du heilige Mnner sehen, die, in tiefer
Weltabgeschiedenheit, viel schwierigere und rtselhaftere Dinge zu vollbringen
imstande sind - aber zu solchem Tun, wie diese wilden Horden hier vorhaben,
leihen die Ueberirdischen nicht ihre Krfte.
    Wieder versank der Alte in trumendes Sinnen. Doch Tschun, den nach
Tatsachen drstete, frug nach einer Weile: Aber sagt mir, heiliger Mann, wie
kommt es, da Ihr selbst jetzt bei beginnendem Sommer hier in der Stadt seid?
Ich dachte, da wrt Ihr lngst drauen in Eurem Tempel?
    Ich war auch schon hinausgezogen in die Berge, antwortete der Alte, aber
es ist ja niemand mehr dort, der mir mein bichen Nahrung brchte.
    Niemand mehr dort? wiederholte Tschun erstaunt.
    Viele der Mnche und Priester haben die Tempel verlassen, erzhlte der
Inder, sie ziehen mit den Aufrhrern und feuern sie an zu ihren schlimmen Taten
- ach, was sind das fr Zeiten, wo heilige Mnner zu solch verruchten Dingen
aneifern, statt einzig das Versenken in sndlose Beschaulichkeit zu lehren.
    Ja, aber die Dorfleute? und vor allem Mahan?
    Ach siehst Du, die sorgten fr mich in den guten Jahren, wo sie genug Regen
hatten, weil sie sich eingeredet hatten, den schicke ich ihnen aus den Wolken,
die ja so oft mein Tempelchen oben auf der Bergspitze ganz dicht umhllten. Aber
es will ja schon lange gar nicht mehr regnen, und die Drre dies Jahr ist
schlimmer denn je zuvor. Dadurch sind viele Menschen arm geworden, und es gibt
sogar solche, die ihre Kinder um ein paar Kupfermnzen verkaufen. All das Elend
schieben die Leute auf die Gegenwart der Fremden im Lande. Auch gegen mich
richtete sich ihr Zorn und sie begannen zu sagen, wenn meine Gebete so wenig
taugten, da ich die bse Macht der Fremden nicht zu entkrften vermchte, dann
lohne es sich auch nicht, mir noch Essen zu bringen. Da sei es schon besser,
alles den I ho Chan zu geben, die versprchen, die Fremden zu vernichten, und
dann wrde es auch bestimmt wieder regnen. Niemand kam mehr hinauf zu mir und
ich lebte von Wurzeln, die ich ausgrub. Dann hrte ich, Mahan, mein einstmaliger
kleiner Ernhrer, sei fortgezogen mit den Aufrhrern. Schlielich bin ich in die
Stadt gewandert, ich dachte, hier wrde ich eher mal eine mitleidige Seele
finden, die mir etwas gbe. Aber damit ist es sprlich bestellt, und obschon ich
aus Gautamas Land bin, den sie doch hier anzubeten vorgeben, fangen sie an, mich
zu vertreiben und fremden Teufel zu schimpfen.
    Der Einsiedler sah so kmmerlich und verfallen aus, da es Tschun dauerte,
und er sagte: Ich bete zwar nicht zu Gautama, aber solltet Ihr je in die Gegend
der Stadt kommen, wo ich jetzt bei meiner Mutter wohne, so wrde es mich freuen,
wenn Eure ehrwrdigen Fe unsere Schwelle berschreiten wollten und ich Eurem
Alter etwas Nahrung anbieten drfte.
    Er beschrieb dem Alten die Lage seines Huschens. Dann trennten sie sich.
Und whrend im Westen die Sonne mit blutrotem Scheine in den dichten Staubdunst
sank, der ber der endlosen Ebene lagerte, stieg Tschun den Weg von der Mauer
hinab zu der dmmernden Stadt. Unten in den Straen drngten sich die Menschen
um die offenen Garkchen, deren brodelnde Gerichte einen scharfen Geruch von
brenzligem Fett verbreiteten. Herumziehende Verkufer boten ihre Waren mit
weithin hallenden Rufen aus. Tschun aber schob sich eilend durch das Gewhl der
Leute, denn er sollte noch zu Sin schen kommen.
    Als er eintrat, fand er die beiden Aeltesten der Familie, Lin te i und Yang
hung, bei dem Vetter. Sin schen erzhlte ihnen eben sehr erregt: Die Dinge
schreiten mchtig weiter. Die Peking-Paoting-fu-Bahn ist zerstrt, alles dort
soll brennen. Und eine Menge I ho Chan sind schon in der Stadt. Prinz Tuan,
sein Bruder der Herzog Lan und viele andere beherbergen sie in ihren Yamen.
Groe Scharen von ihnen sind aber auch drauen beim Sommerpalast versammelt, wo
die Kaiserin jetzt weilt. General Tung fu hsiang, der dort in der Gegend mit
seinen wilden Kansutruppen steht und den Sommerpalast bewacht, hat sich offen
fr die Bewegung erklrt, heute will er der gttlichen Mutter drauen eine
Vorstellung durch die I ho Chan geben lassen, damit sie sich endlich von der
Wahrheit ihrer Wunder berzeuge. Li lien ying ist auch hinaus, um es zu sehen.
    Oh, wer das auch knnte! riefen die Alten.
    Sin schen antwortete: Zur Kaiserin kann ich Euch freilich keinen Eintritt
verschaffen, aber das gleiche Schauspiel wie sie knntet Ihr haben. Hier in der
Stadt ben die I ho Chan ja auch, und ich habe die Erlaubnis, heute abend zu
einer Vorstellung in eines der Yamen zu kommen und Freunde zum Zuschauen
mitzubringen.
    Und dann wandte er sich an Tschun:
    Dich habe ich eigentlich deswegen rufen lassen, damit Du es siehst und Dich
davon berzeugst, da es mchtigere Geister gibt wie diesen Gott der Fremden,
der nichts Besseres vermochte, als sich kreuzigen zu lassen. Es tte mir leid um
Dich, wenn Du bei dem kommenden Kampf auf seiner Seite stndest, denn er wird
seinen Anhngern nicht gerade viel helfen knnen. -
    Den beiden Alten glnzten die Augen vor Erregung; sie waren sofort bereit,
das wunderbare Schauspiel zu besuchen. Auch Tschun entschlo sich, mitzukommen.
Die unheimliche Anziehung war doch grer als das Grauen. Ein Maultierkarren
wurde herangeholt, und so fuhren sie schnell davon.
    Im Hof des Yamen harrte schon eine groe Menschenmenge, und all diese
Gesichter hatten denselben gespannten Ausdruck. Es waren allerhand hohe Beamte
darunter, und Tschun glaubte, etliche wiederzuerkennen, die er im Sommerpalast
gesehen. Daneben gab es auch manche verwahrlost aussehende Gestalten. Leute,
die, in der Erwartung des Zusammenbruchs aller Dinge, die Arbeit aufgegeben
hatten und dadurch offenbar schon sehr herabgekommen waren. Aus den kleinen
tckischen Augen aller aber glnzte dieselbe tglich befriedigte und tglich
zunehmende Gier nach sich stets steigernden Sensationen.
    Eine erhhte Estrade war in dem weiten Hof errichtet. Ein kleiner Altar
erhob sich in der Mitte. Ruchergefe standen darauf und Gtzenbilder. An
beiden Seiten der Estrade befanden sich die Sitze der besonders bevorzugten
Gste. Die wurden nun hingeleitet. Man stellte rote Laternen auf, denn es fing
an zu dunkeln. Tschun mute pltzlich an die Nacht denken, die er einst im Hof
des Sommerpalastes zugebracht hatte. Es war dieselbe schwle, erwartungsvolle
Stimmung. Nur da damals die Angst vorgeherrscht hatte, whrend heute eine
grausame Gier von all den Menschen ausstrmte. Tschun vernahm abgerissene Stze
aus den Gesprchen der immer zahlreicher werdenden Zuschauer. Es waren
Beschuldigungen gegen die Fremden, Aufforderungen, an ihnen Rache zu nehmen. Und
es wollte ihm dabei scheinen, als schben sich immerwhrend Leute durch die
Menge, deren Aufgabe es war, sie noch aufzuhetzen, Mnner, die nach Bonzen und
Schriftgelehrten aussahen.
    Man htte den fremden Teufeln nie gestatten sollen, sich bei uns
niederzulassen. Sicher nicht, das war ein groer Fehler. Wir waren eben viel
zu nachsichtig gegen sie, und sie haben diese Nachsicht fr Schwche gehalten
und haben sie mibraucht. Und den rgsten Fehler hat der Kaiser Kangschi
begangen, als er ihnen erlaubte, ihre Religion bei uns zu verbreiten. Wir
brauchen sie nicht, diese Barbaren, die die Lehren unserer Weisen nicht kennen
und unsere Sitten miachten. Tglich haben sie uns durch ihr ungeschlachtes
Wesen verletzt, keine Zeremonie beobachten sie. Und dabei bilden sie sich noch
ein, alles besser zu wissen! Aber zaubern, das knnen sie doch! Ja, das
Wetter haben sie behext! Sie sind schuld an allem Uebel, das uns seit langem
befllt. Ja, unsere Gtter zrnen, da wir sie dulden. Wenn wir sie
vertreiben, wird alles wieder gut werden. Und jetzt knnen wir's, jetzt sind
wir strker als sie! Jetzt haben wir die I ho Chan! Ihr Zauber ist mchtiger
als der der Fremden, die sollen sie ins Meer werfen! Oder besser, gleich
verbrennen. Brennen, brennen, das ist am sichersten. Und nicht nur sie, vor
allem auch die Teufel zweiten Grades! Alle, die zu ihnen halten! Alle,
alle! Tten! Tten!
    Doch jetzt ffneten sich die Tore einer groen Halle, die im Hintergrund den
Abschlu des Hofes bildete. Man sah, da es drinnen von Menschen wimmelte.
    Da sind sie! Da kommen die I ho Chan! ging es durch die Menge.
    Was aber zuerst aus der Halle strmte, erschien Tschun nicht sonderlich
bengstigend. Eine Schar halbwchsiger Knaben war es. In rhythmischer Gangweise
schritten sie heran, mit seltsam verschrnkten Armen, knstlich verrenkte
Stellungen einnehmend, die sie wie ausgeschnittene Silhouettenbilder immer im
Profil erscheinen lieen. Und wieder mute Tschun an den Sommerpalast denken und
an die Bewegungen der jugendlichen Bogenschtzen des Kriegsgottes, unter denen
auch er dort im Theater mitgewirkt hatte. Zuerst war es nur ein allgemeiner
Eindruck, eine verschwommene Erinnerung, aber wie die Knaben nun nher
herankamen, um durch die Menge zur Estrade zu gelangen, blieben Tschuns Augen
wie gebannt auf einem von ihnen haften. Ja, er tuschte sich nicht - das war er
wirklich! Der kleine Mahan von damals! Lnger in die Hhe geschossen, magerer
und unkindlicher geworden, aber doch Mahan! Als er ihm ganz nahe gekommen,
versuchte Tschun ihm ein Zeichen zu machen. Aber Mahan erwiderte es nicht, hatte
es wohl gar nicht gesehen. Sah er berhaupt, sahen seine Gefhrten etwas von
dem, was nicht sie selbst war? Tschun beobachtete sie jetzt genauer; bei jedem
Schritt warfen sie die Oberkrper herum, als seien sie von den Hften ganz
losgelst. Das hatte etwas Gewaltsames, Krampfhaftes. Und krampfhaft gezogen
waren auch die Gesichter, mit den ganz stieren Augen, die nichts zu sehen
schienen. Nur die Lippen bewegten sich unablssig in einem bestndigen
eintnigen Murmeln. Auf den Stirnen standen ihnen groe Tropfen. Die Menge, die
jetzt ganz lautlos geworden, starrte ihnen nach.
    Das sind Geister, hrte Tschun dicht neben sich einen derer murmeln, die
sich bestndig durch die Reihen schoben. Sie bahnen den I ho Chan den Weg! Sie
wissen, ohne zu sehen, wo groe Teufel und Teufel zweiten Grades sich verbergen!
Zu ihren Husern werden sie durch tiefste Nacht die I ho Chan fhren! Sie
werden die Stellen bezeichnen, wo die Feuer entzndet werden mssen!
    Blutrot wehte es jetzt ber den Huptern der Menge durch die Luft. Das waren
die I-ho-Chan-Banner mit ihren berchtigten Sprchen. Druend, im tiefsten
Schwarz, standen die riesigen Schriftzeichen gegen das flammende Rot. Und dann
kamen sie selbst, die Unverwundbaren! Ganz wie Tschun es nun schon oft hatte
beschreiben hren, waren sie gekleidet; mit roten Grteln ber losen schwarzen
Jacken und roten Tchern um die Kpfe gewickelt. Und wilde Gesichter blickten
unter diesen feurigen Umrahmungen hervor, und bei manchen war dieser Ausdruck
des Grausigen noch erhht durch dicke Farbenstriche. So erinnerten sie Tschun an
die Bilder phantastischer Raubtiere, mit denen Umfassungsmauern bemalt werden,
um bse Geister durch noch Bseres zu verscheuchen.
    Eine unheimlich gefhrliche Rotte bildeten die schaurigen Gestalten, obschon
sie als Waffen nur groe Messer, Knppel und einige veraltete Bchsen bei sich
fhrten. Unheimlich durch den grausam-stieren Ausdruck ihrer teuflisch
verzerrten Gesichter, gefhrlich durch den dem Irrsinn so nahe verwandten
fanatischen Glauben an sich selbst.
    Dumpfe Gongschlge drhnten, als sie auf der Estrade anlangten.
Rucherkerzen glommen und vermischten schwelend ihren benebelnden Duft mit dem
Geruch von Staub, Fett, Knoblauch und heien Menschenleibern, der ber dem
dichtgefllten Hof, ja ber der ganzen Stadt in beklemmender Dunstschicht
lagerte. Und nun warfen sich die I ho Chan vor dem Altar nieder, dreimal den
Boden mit den rotumwundenen Kpfen berhrend. Dann sprangen sie auf, und man
hrte sie mit rauhen Stimmen ihre Beschwrungsformeln rufen. Tschun horchte
angestrengt; er unterschied einzelne Worte: A Mi T'o Fo, ich lade Dich ein!
Heilige Mutter der drei Genien! Ehrwrdiger Weiser des sdlichen Meeres! Genius
der Pfirsichblten! General Schildkrte, General Schlange, General mit der
diamantenen Krone und Ihr achthundert hchste Geister! Ihr Millionen
Gespenstersoldaten, die Ihr knnt die Hiebe aufhalten und sie knnt versetzen,
kommt herbei in Eile, mein Leben zu schtzen! Macht, da die Wirkung des Zaubers
meinen Leib unversehrt bewahre.
    Sie wollten noch weiter reden, aber in der Menge entstand ein ungeduldiges
Murmeln: Die Proben! Die Proben!
    Nun traten einige der Sektierer dicht an den Rand der Estrade, entblten
die mageren Oberkrper, ergriffen bereitliegende Steine und begannen sich damit
heftig zu schlagen. Doch das gengte den Schaulustigen nicht, man kannte ja auch
die scheinbar wuchtigen, in Wahrheit milden Streiche, die durch Bestechung von
den Henkern zu erlangen sind. Ein Rest von Zweifel regte sich noch. Die
Schieprobe, die Schieprobe! tnte es gierig.
    Da schleppte oben ein Krieger eine der alten Flinten herbei, schttete
Pulver in den Lauf, stampfte Baumwolle hinein, dann lie er alte Ngel und
Stcke Blei folgen. Und mit der so geladenen Bchse fhrte er einen Tanz wilder
Sprnge auf, sie heftig hin und her schwingend, whrend die Entblten laut
schreiend ihre Beschwrungen ausstieen: Eiserne Gtter kommt aus dem eisernen
Tempel, der eisernen Hhle! Gebt eiserne Kleider, eisernen Schutz, da Eisen
meinen Leib nicht zerstren knne. Kommt schnell! schnell! schnell!
    Und wie die oben, brllten nun die Zuschauer unten: Schnell! Schnell!
Schieen! Schieen!
    Sie waren in einen solchen Taumel erwartungsvoller Erregung geraten, da sie
nichts mehr richtig sahen, auch nicht gesehen hatten, da whrend der wilden
Sprnge des Schtzen, bei dem heftigen Schwingen der nach unten gehaltenen
Flinte, die durch keine Baumwolle festgestopften Ngel und Bleistcke wieder aus
dem Lauf herausgefallen waren. Denn der Zauber war sicherlich gut, aber Vorsicht
doch noch besser. Auch Tschun hatte es nicht gesehen. Atemlos starrte er hinauf,
wie der Schtze nun auf einen der von den Geistern Gefeiten zuschritt und die
Flinte auf ein paar Fu Entfernung gegen seinen nackten Leib richtete. Mit
mchtigem Knall ging der Schu los. Rauch erfllte die Bhne. Das Wunder war
geschehen. Unversehrt stand der Geisterschtzling.
    Unten verharrten sie zuerst in starrem Schweigen; dann lief es durch die
Menge wie ein Brausen:
    Es ist wahr!
    Es ist wirklich wahr.
    Durch die Reihen aber schoben sich die Emissre und murmelten:
    Kein Zweifel, sie sind unverwundbar! Niemand vermag ihnen zu widerstehen!
Sie knnen uns von den Fremden befreien, die unser Land stckweise fressen. Sie
werden die Barbaren sicher vernichten! Dann wird der Regen wieder fallen! Und es
kommen gute Zeiten! Ihr werdet alle reich! Und dabei verteilten sie gelbe
Zettel mit seltsamen Zeichen: Das sind starke Zauber! Tragt sie bei Euch! Sie
schtzen!
    Auch Tschun hatte solch einen Talisman erwischt.

Bei frhestem Morgengrauen, zur Stunde des Tigers, lief Tschun am nchsten Tag
in den Petang. Er hatte die Nacht schlaflos verbracht, und die teuflischen
Fratzen, die er abends zuvor gesehen, umtanzten ihn grinsend all die langsam
schleichenden Stunden, durch die Finsternis ins Ungeheuerliche gesteigert. Jetzt
empfand er es als unabweisliche Pflicht, seine kleine Stimme warnend zu erheben,
obschon er sich sagte, da es sein wrde wie leises Suseln gegen des Sturmwinds
Brausen.
    Der alte Bischof lie ihn gleich vor, hrte seinem Bericht aufmerksam zu und
nickte bisweilen zustimmend.
    Deine Erzhlung besttigt, was ich von anderer Seite bereits vernommen,
sagte er zum Schlu. Die Boxer sind die tatschlichen Herren des Landes, und
wenn auch die Kaiserin ihnen jetzt noch wehren wollte, so wrde nur ihre und
Kwang Hss Vernichtung die Folge sein, und Tuans Sohn, der Ta a ko, wrde sofort
zum Kaiser proklamiert. Wie die Chinesen selbst ber die Aussichten denken,
beweist, da einer meiner chinesischen Freunde, der mich bisher oft besuchte,
mich bitten lie, ihn zu entschuldigen, wenn er in nchster Zeit nicht mehr
kme, denn Vernichtung bedrohe alle, die mit Fremden verkehrten. Ein anderer
schrieb mir, es bestnde bei den I ho Chan der Plan, alle Fremden zu
vertreiben, um dann die ihnen abgetretenen chinesischen Gebiete zurckzuerobern.
Er nennt die hchsten Wrdentrger als Fhrer der Bewegung, und an ihrer Spitze
den Prinzen Tuan. Ja sogar unseren Nonnen ist durch eine hochgestellte
heidnische Chinesin, die sich fr ihre Stickereiarbeiten interessiert, die
geheime Warnung zugegangen, sie mchten fliehen, solange es noch Zeit sei, denn
die Niedermetzelung aller Fremden stehe unmittelbar bevor. Und dann setzte der
Bischof hinzu: Bisher ist es mir nicht gelungen, die Gesandtschaften von der
Dringlichkeit der Gefahr zu berzeugen, aber ich will es sofort noch einmal
versuchen. Um diplomatische Noten kann es sich jetzt freilich nicht mehr
handeln, sondern darum, Vorbereitungen fr den Angriff zu treffen, den ich
persnlich fr unausbleiblich halte. Die Gesandten mssen sich entschlieen,
Schutztruppen von den Geschwadern zu verlangen.
    Und endlich mute des Bischofs Stimme oder eigene versptete Einsicht
gewirkt haben. Endlich entschlossen sich die Verblendeten, die bisher des
Daseins Aufgabe nur darin gesehen, die in Europa unter ihren Lndern spielenden
Eiferschteleien auch hier drauen mglichst zu vertreten. Gemeinsame Gefahr
brachte eine, wenn auch nur scheinbare und momentane Verschmelzung der sonst so
entgegengesetzten Interessen. Zwar gab es noch immer solche, die sich nur
widerstrebend dem allgemeinen Vorgehen anschlossen, weil sie im stillen meinten,
gerade ihr Land sei in China so beliebt, da sie persnlich, was auch den
brigen etwa drohen mge, nie etwas zu befrchten haben wrden - whrend andere
wieder ihrer mit einem fernen, unheilvollen Krieg vollauf beschftigten
Regierung gern neue Verwicklungen und internationale Fragen erspart htten, und
daher vielleicht sogar gegen besseres Wissen die Ansicht vertraten, es handle
sich ja nur um vorbergehende Notstandsunruhen, denen einige Tage Regen, mit den
damit verbundenen Ernteaussichten sofort ein Ende bereiten wrden. Aber trotz
alledem erfolgte endlich der lngst schon gebotene Schritt. Und durch die weite
ausgedrrte Ebene, wo die Boxerscharen sengend und metzelnd schwrmten und die
wilden Kansutruppen nach Blut und Beute lechzten, wo in brennenden Kirchen ganze
Kongregationen umkamen, Bahnstationen in Flammen aufgingen, und Scharen
halbnackter Flchtlinge erbarmungslosen Verfolgern zu entkommen suchten, - durch
diese weite Ebene glitt endlich lngs der Telegraphendrhte, von den hohen
finstern Mauern der Stadt her, bis hinaus an die Reede, wo Kriegsschiffe aller
Flaggen lagen, der Ruf, der von ihnen Hilfe fr die dort Bedrohten erbat.
    Und sie kamen, die also Herbeigerufenen. Vierhundert waren es ungefhr.
    Um ihr Eintreffen zu sehen, hatten sich viele an den Bahnhof begeben, an
diesen Bahnhof, von dem vor wenig Wochen die Taitai lchelnd abgereist war. Auch
Tschun war hinausgelaufen.
    Hei und verstaubt kamen die vierhundert an, aber im brigen schienen sie
guter Dinge und froh der pltzlichen Gelegenheit, die sagenhafte Stadt Peking
auch einmal zu sehen. Ohne Gedanken an Qual und Grab, die ihrer hinter den hohen
druenden Mauern vielleicht harren mochten, zogen sie ein durch die tiefen
unheimlichen Tore, schimpften nur in ihren verschiedenen Sprachen ber den
verdammten Staub. Denn bei solcher Gelegenheit, die einer kleinen
internationalen Parade glich, zeigte sich doch ein jeder gern von der besten,
adrettesten Seite! -
    Vierhundert. Gengend vielleicht fr eine nur als Warnung und
Einschchterung gedachte Demonstration gegenber einer Regierung, die, so
weltfremd sie auch sein mochte, doch immerhin einen Begriff haben mute von den
realen Machtvorrten, die hinter diesen gleichsam als Muster Entsandten standen.
Aber was bedeutete, falls es zu wirklichem Kampfe kommen sollte, dies Huflein
gegen die schier unermelichen Horden fanatisierter Wilden, denen all jene
feinen Begriffe von Prestige und Symbolik abgingen, und die in vierhundert eben
immer nur vierhundert sehen wrden? -
    Und Tschun begriff nur zu gut den spttischen Ausdruck in manchen Gesichtern
der dicht gestauten Menge, die dem Einzug der fremden Truppen scheinbar
teilnahmlos zuschaute. Warum hat man noch mehr fremde Teufel hereingelassen?
hrte er im Gedrnge eine Stimme mrrisch fragen, und dann antwortete eine
andere in geringschtzigem Tone: Das ist ja ganz gleichgltig, denn was
vermchte diese Handvoll gegen die I ho Chan, die wie Heuschreckenschwrme
sind! Kein einziger von diesen kommt aus Peking je lebend hinaus!
    Von den vierhundert wurden vierzig dem alten Bischof zum eventuellen Schutz
des Petang gesandt.
    Das groe Missionsgrundstck, mit den vielen weitlufigen Gebuden, war
schon sehr voll. Ein paar tausend Flchtlinge kampierten jetzt da, und immer
noch wuchs ihre Zahl, vermehrt durch solche, die von weither geflohen kamen, wie
auch durch andere, die sich sogar in ihren Husern in Peking selbst nicht mehr
sicher fhlten. Denn private Feindschaft hatte begonnen, zu dem einfachen Mittel
zu greifen, Miliebige als Anhnger der Fremden bei den Boxern zu denunzieren.
Und den Boxern als verdchtig zu erscheinen, gengte, um des Schlimmsten
gewrtig sein zu mssen. Die Boxer geboten ber das Geschick aller anderen und
standen selbst ber jedem Gesetz, wer ihre Kleidung trug, hatte das Recht, zu
rauben, zu brennen und morden.
    Tschun und seine Mutter waren bisher in ihrem Huschen geblieben, obschon es
ihm schien, da die krnkliche alte Frau bei den Nonnen des Petang besser
aufgehoben sein wrde. Aber sie konnte sich nicht entschlieen, das Huschen zu
verlassen, wo sie seit so vielen Jahren gewohnt. Wrde man denn je wiederfinden,
was man aufgab? Nur zu wahrscheinlich erschien es, da jedes von den Besitzern
verlassene Gebude sofort bis zur Unkenntlichkeit ausgeplndert werden wrde,
sei es von den Boxern und Soldaten selbst, sei es von den mit ihnen ziehenden
Arbeitsscheuen und Arbeitslosen, von all dem Gesindel, das in dieser Zeit der
Not und Demoralisation in unheimlichen Mengen auftauchte. -
    Wirklich verliefen die nchsten Tage ohne besondere Zwischenflle, und
diejenigen, die gesagt, da das bloe Erscheinen einiger europischer Soldaten
gengen wrde, um die ganze Bewegung zu ersticken, fhlten sich schon als groe
Chinakenner. Aber die Chinesen wuten es besser. Wuten, da nur der letzte
endgltige Befehl noch fehlte.
    Dann pltzlich ward bekannt, da die Kaiserin aus dem Sommerpalast, wo sie,
wie alljhrlich, die heien Monate verbringen wollte, ganz unerwarteterweise in
die Stadt zurckgekehrt sei. Bedeutete das Krieg, bedeutete es Frieden? Niemand
wute Genaues. Gerchte und Vermutungen schwirrten durcheinander. General Tung
fu hsiang, der einstmalige Rebell und sptere grausame Unterdrcker eines
Aufstandes mohammedanischer Chinesen, hatte mit seinen wilden Truppen die
gttliche Mutter von den Bergen nach Peking eskortiert. War aber sein Einflu
etwa im Steigen, so lie das Schlimmes befrchten, denn seine Roheit und
Blutgier waren allbekannt. Der Bischof, der an dem Morgen gerade im
Gesandtschaftsviertel gewesen, hatte dort lange verweilen mssen, ehe er in den
im ueren Teil der Kaiserstadt gelegenen Petang zurckkehren konnte, da whrend
kaiserlicher Umzge niemand sich auf den Straen blicken lassen durfte. Das Ende
des Trosses hatte er aber noch gesehen, Scharen unheimlich verwegener Gestalten,
Gesellen, die zu allem entschlossen schienen; hatte auch die berchtigten hohen
Fahnen Tung fu hsiangs gesehen, von deren dunkelblauem Samtgrund die groen
feurigroten Zeichen herabkreischten, gleich einer unheilverkndenden
Blutschrift, von Riesenfaust frech hingeschmiert.
    Der Vetter Sin schen hatte bei Li lien ying gehrt, der Ta a ko wrde alle
Tage anmaender; er trete der sonst von allen gefrchteten Herrscherin
neuerdings mit Keckheit entgegen, und den bleichen Kwang Hs beschimpfe er gar
Fremdenschler.
    Sollte die Kaiserin etwa selbst schon eine halb Gefangene in der Hand derer
sein, die sie gerufen und die sie nun nicht mehr zu bannen vermochte? Bei der
geheimnisvollen Abgeschiedenheit, in der der Hof hinter den purpurnen Mauern
lebte, konnten Auenstehende ja nie ermessen, ob die unter den goldenen Dchern
angeblich Herrschenden nicht vielleicht selbst lngst schon Beherrschte waren.
    Der Vetter Wang pao wollte dagegen wissen, die Kaiserin sei sehr erzrnt
ber die Zerstrung der Pao- durch die Boxer. Yung Lu habe ihr diese Nachricht
in den Sommerpalast gebracht und sie noch einmal dringend vor Tuan und allen
Boxern gewarnt. Er werde hierin untersttzt von dem erfahrenen und vorsichtigen
Prinzen Ching, der seit Jahren, als Mitglied des Tsungli-Yamen, die Beziehungen
zu den Auslndern vermittelte, und der von einer spter etwa beweisbaren
Konnivenz der Regierung mit den fremdenfeindlichen Aufrhrern die schlimmsten
Folgen fr Land und Dynastie voraussage. Aus diesen Erwgungen sei die
gnadenreiche Gegenwart in die Stadt zurckgekehrt, und nun wrde sie endlich
Ruhe stiften, die Schuldigen bestrafen und mit den Fremden Frieden schlieen. Es
sei ja nicht anders denkbar. Dieser Mittsommerwahnsinn dauere wahrlich schon
lange genug. Die Vernunft msse doch schlielich siegen.
    Doch es kam anders. Das nchste, was man erfuhr, war die Ernennung des
Prinzen Tuan zum Chef des Tsungli-Yamen. Und wie um zu zeigen, welcher Geist den
Fremden gegenber nunmehr walten solle, wurden die Tribnen des den Auslndern
gehrenden Rennplatzes von den Boxern in Brand gesteckt, wobei sie den
chinesischen Wchter, als Fremdenknecht, in den Flammen rsteten. Beinahe
gleichzeitig sahen sich junge Herren einer Gesandtschaft bei einem Spazierritt
von Bewaffneten angegriffen, vor deren Uebermacht sie sich nur durch eiligste
Flucht und etliche Revolverschsse retten konnten.
    Diese Vorkommnisse rttelten endlich auch jene auf, die bisher fest an dem
Glaubenssatz gehalten, da die Unantastbarkeit fremder Gesandtschaftsmitglieder
ein auch im fernsten Osten geltender Grundbegriff internationalen Verkehrs sei.
Noch mehr wurden sie aus diesem Wahn gerissen, da, als erster der Ihrigen, ein
japanischer Gesandtschafts-Kanzlist, in einem Maultierkarren durch die Straen
fahrend, von Soldaten Tung fu hsiangs ermordet wurde. Tiefste Bestrzung folgte
nun auf hchste Sorglosigkeit, und der erste Gedanke war: Ja, wenn dies alles
wirklich bitterer Ernst ist, dann sind die Gesandtschaftswachen allerdings viel
zu klein! Von allen Ta-jens, so erzhlten die Boys, war in wilder Hast an die
verschiedenen Geschwaderchefs nach Taku gedrahtet worden. Prestige und Symbole
mochten theoretisch von hchstem Werte sein, aber jetzt wollte man doch lieber
Schutztruppen haben, und zwar viele, recht viele! Und rasch, mglichst rasch! -
    Aber die Zeit fr all das war vorber. Die Truppen waren zwar alsobald von
Tientsin aufgebrochen, aber sie langten nicht an. Die Bahn, auf der sie kommen
sollten, war zerstrt. Und auch die telegraphische Verbindung, die bis dahin
noch bestanden, war pltzlich ebenfalls vernichtet. Gerade in diesem Augenblick,
wie auf geheimen Befehl. Und das ganze Land, von den tempelbesten westlichen
Bergen und den druenden Mauern Pekings bis hinab zu den Smpfen Tientsins, war
erfllt von Myriaden fremdenfeindlicher Menschen: von fanatischen Boxerhorden,
mit Schwertern und Hellebarden, von modern bewaffneten regulren Truppen, die,
durch jene mit fortgerissen, ihnen nun blind folgten. Dazu kamen all die durch
die Drre Verarmten, die, verzweifelnd, sich an denen rchen wollten, die ihnen
als Urheber alles Uebels genannt wurden - und schlielich noch Tausende solcher,
die es in allen Lndern gibt, die glauben, da sie nichts zu verlieren haben,
sondern da, was auch kommen mge, fr sie nur Gewinn bringen knne. Keine von
Matrosen eilig improvisierte Hilfskolonne vermochte durch diese Massen rasch
vorzudringen! -
    Statt dessen tnten ununterbrochen hinter den Mauern der groen grauen Stadt
die Gongs und langen Trompeten der Aufrhrer mit schauerlichem Drhnen durch die
Nacht. Unheimliche eherne Stimmen, die die einen zu Mord und Raub, zu Schndung
Lebender und Toter einluden, und den anderen hhnisch zuzurufen schienen, da
jetzt die Stunde gekommen, wo sie mit dem Leben zahlen sollten, fr eigene oder
fremde Schuld und Verblendung. - Bei dem Klang erwachte das Entsetzen, schlpfte
tausendfltig aus allen dunklen Winkeln hervor, kroch, riesengro werdend, die
Rcken empor, umkrallte starke Herzen mit strkerem Griffe, prete sie zusammen,
da der Atem nur noch keuchend ging.
    Auch Tschun hrte die Klnge die ganze Nacht und dachte, da es
Unheimlicheres nicht geben knne, als all die Vorstellungen, die sie
heraufbeschworen.
    Aber dann war, was die nchsten Tage brachten, doch noch ungeheuerlicher als
die Visionen, die die Angst in der Finsternis gemalt.
    Die Ermordung des japanischen Kanzlisten hatte unter den Aufrhrern wilden
Jubel entfesselt. Der Kopf des Unglcklichen wurde, auf eine Pike gespiet, von
den johlenden Horden durch die Straen getragen, whrend sein Herz, aus dem
Leichnam geschnitten, dem General Tung fu hsiang von seinen Soldaten stolz
dargebracht worden war. Er habe sich ber diese erste Trophe im heiligen Krieg
gegen die Fremden sehr gefreut, hatte Sin schen vernommen. - Wer aber, neben
dem Miterleben der wirklichen Geschehnisse, etwa noch Zeit und Sinn fr ihre
offizielle journalistische Darstellung behielt, der konnte in der ehrwrdigen
Pekinger Zeitung lesen, da es nur die zufllige Tat einiger Ruber gewesen,
der dieser Fremde zum Opfer gefallen.
    Doch schon drstete die Menge nach neuem Blut. Und pltzlich loderten die
ersten groen Feuer auf. Allerwrts mehrten sie sich. Allerwrts sprhten
Funkengarben, stiegen glhende Sulen empor. Und so dicht quoll der Rauch, da
der Himmel verschwunden schien in dieser Hlle. Nur wenige Tage und smtliche
Gebude der Fremden, die sich nicht in dem von den Gesandtschaftswachen
besetzten Gebiet befanden, standen in Flammen. Denn hier vor den Boxern da waren
sie alle gleich. Gleich auch die Missionshuser und Kirchen der verschiedenen
Arten von Christentum, in dem Schicksal, das ihnen bereitet wurde. Teuflische
Scharen jagten heran, Sbel und Fackeln schwingend; brllend in wildem Tanz, mit
seltsam rhythmischen Sprngen und Kontorsionen, gossen sie Petroleum kannenweise
auf alles in der langen Drre vertrocknete Holzwerk der Gebude, entzndeten es
unter Anrufung von Geistern und Gttern.
    Aber whrend die protestantischen Missionare mit ihren Familien und Schlern
sich meist rechtzeitig in ihre Gesandtschaften hatten retten knnen, waren die
katholischen Priester und Nonnen mit ihren Konvertiten in den Klstern
geblieben. Dort fanden manche ihr Ende. Den Anfang bildete des heiligen Josephs
Kirche, der Tungtang, wo, ehe es mglich gewesen, ihnen zu Hilfe zu eilen,
Hunderte von chinesischen Christinnen gefoltert starben, whrend der Pater ber
einem Scheiterhaufen gekreuzigt wurde. Dann folgte die entlegene Kirche der
sieben Schmerzen, Sitang benannt. Und gleichzeitig ward auch schon der Nantang
angegriffen. Das war die lteste Kathedrale Pekings. Dort hatte vor ber
zweihundert Jahren der gelehrte Jesuitenpater Adam Schall aus Kln gelebt, so
hochgeschtzt von Schun-tschi, dem ersten Kaiser der gegenwrtigen Dynastie, da
dieser ihn zu seinem Hofastronomen ernannt, ihm allezeit Zutritt zu sich gewhrt
und seine deutschen Ahnen noch im Jenseits mit posthumen chinesischen Ehren
bedacht hatte. Und auch Pater Verbiest, der Verfertiger der Instrumente des
Observatoriums, hatte dann dort unter Kaiser Khang schi gewirkt und diesen
berhmten Herrscher, durch den Gu von Kanonen, die er mit Heiligenbildern
geschmckt, so sehr fr sich eingenommen, da dieser seinen Zobelpelz von den
kaiserlichen Schultern gestreift und ihn dem Priester umgehngt hatte. - Doch
was nutzten die Ehrenbezeigungen, die jene unter frheren Herrschern erfahren!
Der Nantang und seine Bewohner sollten darum von den heutigen Machthabern nicht
weniger leiden! - Unter den Fhrern, die vom Chun tschi-Tor aus den Angriff
leiteten, wollte ja Sin schen, der in dieser Gegend wohnte, Kang yi und den
Herzog Lan erkannt haben. Sie selbst htten die Boxer angeeifert und ihnen
gezeigt, wo die Feuer anzulegen. Rauch und Geruch des verbrennenden Fleisches
der Teufel zweiten Grades seien indessen so widerlich geworden, da sie sich die
Nasen htten zuhalten mssen. Von einem Flgel beim sdlichen Teich der
Kaiserstadt habe whrenddem Tz Hsi mit Li lien ying dem furchtbaren Schauspiel
zugeschaut. Tschun konnte sich die Gewaltige dabei wohl vorstellen!
    Von den nahen Gesandtschaften aus war dann aber ein Hilfezug zum Nantang
unternommen worden, und wenn zwar die Kirche bereits in Trmmern lag und sogar
der alte Kirchhof zerstrt und geschndet worden, so war es doch gelungen, die
Priester, Nonnen und einige der eingeborenen Christen noch zu retten. - Nach
diesen Geschehnissen war vorauszusehen, da die Boxer, die im Sitang ihr Werk
beendet und im Nantang an seiner gnzlichen Vollendung gehindert worden waren,
sich jetzt nach einem neuen Ttigkeitsfeld umschauen wrden. - Zwischen jenen
beiden Kirchen aber lag das Gebiet, wo sich, als letzte noch unversehrte Kirche,
der Petang erhob. Dort herum wohnten auch viele einheimische Christen. - Dies
Viertel sollte das nchste Ziel sein.
    Tschun befand sich mit seiner in den letzten Tagen besonders krnkelnden
Mutter in ihrem Huschen, als er pltzlich ein noch aus der Ferne tnendes, aber
nher und nher kommendes Lrmen vernahm. Ein Brllen, wie von tausend wilden
Tieren war es, und vor ihm her und schon in grerer Nhe ein Kreischen anderer
Stimmen in hchster Angst. - Entsetzt strzte er an die Haustr und sphte
hinaus in die Strae. Da jagten auch schon Fliehende an ihm vorbei; Mnner und
Frauen, die Kinder nach sich zerrten, oder Kleiderbndel und Einrichtungsstcke
keuchend schleppten, alles offenbar in wilder Hast aufgelesen, ohne Ueberlegung,
wie es ihnen eben gerade bei pltzlicher uerster Gefahr in die Hand gekommen
sein mochte. Eine Frau hatte einen kleinen Bambusbauer ergriffen, in dem eine
zahme Zikade sa, ein Mann trug ein Hndchen und lallte, bldsinnig vor Schreck
geworden, unverstndliche Worte vor sich hin. -
    Sie kommen! Sie kommen! schrien die Flchtenden.
    Und das Brllen hinter ihnen klang nun schon nher.
    In diesem Augenblick aber, wo Tschun angstvoll berlegte, was zu tun, stand
pltzlich eine hohe, hagere Gestalt, in weitem Gewand und staubfarbenem Turban,
vor ihm. Es war der Einsiedler vom Tempel der tiefen Beschaulichkeit. Seit der
Begegnung auf der Stadtmauer war er ein paarmal so aufgetaucht, immer
verfallener aussehend, und Tschun hatte ihm dann stets etwas Essen gegeben.
    Dem Himmel sei Dank, ich komme zur Zeit! sagte der Alte atemlos. Sobald
ich hrte, da diese Blutdrstigen sich jetzt hierher wenden wollen, lief ich
auf Nebengassen her, Dich zu warnen. Augenblicklich plndern und sengen sie noch
lngs des Weges, aber sie werden bald hier sein. Du darfst keinen Augenblick mit
Deiner Mutter sumen. Ihr mt Euch zu Euren Priestern in den Petang retten.
Mit diesen Worten war er auch schon mit Tschun im Zimmer der Mutter. Doch diese
strubte sich: Mag Tschun sich allein retten, aber mich lat hier, sthnte
sie, ich bin eine kranke alte Frau, die doch bald sterben wird.
    Dann wollt Ihr also schuld daran sein, da Tschun hier mit Euch umkommt,
denn er wird Euch nie verlassen, das wit Ihr doch, sagte der Einsiedler
beinahe hart.
    Das gab den Ausschlag. Von den beiden halb getragen, verlie die Mutter
endlich ihr Huschen. Eilt Euch! Eilt Euch! schrien Menschen, die in der
Strae an ihnen vorberrasten. Sie kommen! Sie sind dicht hinter uns!
    So schnell es eben ging, schleppten die beiden die kranke Frau weiter. Nicht
mehr entfernt vom Petang waren sie jetzt. Aber da tauchten hinter ihnen die
ersten vereinzelten Boxer auf Sie kamen nher. Im Laufen zurckblickend, erma
der Einsiedler, da der Raum zwischen ihnen und jenen sich verringerte. Sie
wrden bald eingeholt sein. Du mut es mglich machen, Deine Mutter allein in
den Petang zu schaffen, entschied er rasch, ich werde indessen diese Wilden
von Euch zurckzuhalten suchen. Aber eile Dich - ich wei nicht, wie lang es mir
gelingen wird. Tschun versuchte zu widersprechen. Wer wei, ob sie nicht sogar
Euch bedrohen werden. Sei unbesorgt, antwortete der Alte, sie knnen doch
nicht ganz vergessen, da ich ein Jnger Gautamas bin. Und mit einer Kraft, die
niemand in den schlotternden Gliedern vermutet htte, hob er dabei auch schon
die alte Frau Tschun auf den Rcken. Der keuchte mit seiner Last weiter.
    Der Einsiedler selbst aber drehte sich um, und mit hoch erhobenen Armen und
abwehrend ausgestreckten Hnden, schritt er vllig unerschrocken den
schauerlichen Gestalten entgegen.
    Sobald die Boxer die sonderbare Erscheinung gewahrten, die, statt zu
fliehen, auf sie zukam, stutzten sie und blieben stehen. Und dann geschah etwas
Seltsames. In einer Sprache, die sie nie vernommen, begann der Alte auf die
Aufrhrer einzureden. Er sprach von Buddha und seinen Lehren, von der Gier, die
der Anfang aller Schuld und alles Leides ist, von dem Gebot, kein Leben
gewaltsam zu krzen, sondern in Mitleid sich eins zu fhlen mit jeder Kreatur.
Und er sprach vom letzten Ziel und Ende, der Erlsung vom Sein, dem Nirwana, das
durch jede eigenschtige Tat in weitere Fernen entschwindet. Zuerst hatte er nur
mit dem einen Gedanken gesprochen, die Mordlustigen aufzuhalten, um Tschun einen
weiteren Vorsprung zu geben. Aber allmhlich verga er seinen ursprnglichen
Zweck, verga die ganze Wirklichkeit, redete sich selbst in einen Rausch, eine
Verzckung. Jahre waren vergangen, ohne da er den Klang der eigenen
Heimatsprache vernommen. Jetzt stieg mit den langschlummernden Tnen auch das
Bild seines fernen Landes wieder vor ihm auf. Und, hingerissen von der
Erinnerung, und mit einem seligen Lcheln auf den Lippen, schilderte er, in
glhender Vision, die Orte, wo Gautama einst lebend geweilt, die heiligen
Tempel, die ihm seitdem erstanden. Und er sang die Gebete und Lobpreisungen, die
dort Tag und Nacht dem Vollendeten zu Ehren erschallen.
    Ohne ein Wort zu verstehen, aber starr und wie gebannt, lauschten ihm die
Mnner mit den Schwertern und Hellebarden, den Glckszeichen auf der Stirn und
den roten Grteln und Fahnen. Diese, in einem durch erschtternde Kontorsionen
in einer dem Wahnsinn nahen Nervenberreizung Erhaltenen, in wunderlichstem
Aberglauben Befangenen und in einer Welt des Uebernatrlichen Lebenden - sie
whnten, sie shen in dem so pltzlich vor ihnen auftauchenden seltsamen Greise
einen jener Geister, die sie selbst in ihren Uebungen anriefen. Und seine lange,
unverstndliche Rede, begleitet von weiten Gebrden der fleischlosen Arme, mute
sicherlich ein groer unbekannter Zauber sein - strker vielleicht noch als ihre
eigenen Beschwrungsformeln. - - Ehrfurchtsvoller Schauer hatte die Zuhrer der
ersten Reihen ergriffen. Andere stauten sich immer dichter hinter ihnen, konnten
nicht genau sehen noch hren, was da vorne eigentlich vorging, raunten sich nur
leise zu, ein groer Weiser, ein gewaltiger Zauberer, sei da soeben erstanden!
Ein Geist! Lao tse! Oder vielleicht gar Y huang selbst! Der wrde sie nunmehr
fhren!
    Und schon wollten sie sich anbetend vor dem Greis niederwerfen, als
pltzlich einer der Knaben, die ihre Scharen begleiteten, durch die Reihen
vorschob, neugierig, den Wundermann auch zu sehen. Es war Mahan! - Kaum aber
hatte dieser den Alten erblickt, als er mit gellender Stimme zu schreien begann:
Das ist kein guter Zauberer! Der kann keinen Regen schicken. Wir haben ihn
gefttert, und er sandte keinen Tropfen. Er ist ein falscher Zauberer! Er ist
unser Feind! Ich selbst hrte ihn sagen, er knne das ganze Land und uns alle
ins Nichts versinken lassen!
    Ein drohendes Murren ging durch die Menge. Aber noch unschlssig starrten
sie von dem unbekannten Greis auf den eigenen Geisterknaben. Doch immer heftiger
und aufgeregter werdend, fuhr Mahan kreischend fort: Und er spricht mit den
fremden Teufeln! - Ich sah ihn selbst drauen in den Bergen mit einer ihrer
Frauen! - Er ist selbst ein Fremder, ein fremder Teufel! -
    Kaum war das Wort gefallen, so ward es von der ersten Reihe der Boxer
aufgegriffen. Ein fremder Teufel! schrien sie wirr durcheinander, und die
weiter zurckstehenden Hrer drngten vor: Wo? Wo ist er? Ttet ihn! Ttet
ihn!
    Bei diesen Lauten war der Einsiedler verstummt. Als erwache er aus einem
Traum, so stand er da. Starrte in die Wirklichkeit, ohne zu wissen, wo er sich
befand, noch was eigentlich geschehen. Aber das verklrte Lcheln, das seine
Vision heraufbeschworen, lag noch auf seinen runzligen alten Lippen.
    Ttet ihn! Ttet ihn! umbrauste ihn dichter das Brllen.
    Und der erste Schwerthieb sauste durch die Luft. Andere folgten. - Ohne
einen Laut sank der Alte nieder. - Und ber ihn wlzte sich die wilde Horde. Wie
erbost, an einen falschen Zauber geglaubt zu haben, wollte jeder noch einmal
sein Messer, seine Lanze in den armen stillen Krper stoen. - Der lag lngst
leblos am Boden. Wie eine abgeworfene Schlangenhaut, eine berflssig gewordene
Sache. Sie aber schrien noch immer: Ttet ihn! Ttet ihn! -
    Keuchend und mit uerster Anstrengung, den wsten Lrm in den Ohren, hatte
Tschun endlich mit der Mutter auf dem Rcken den Petang erreicht. Wie durch ein
Wunder und als einer der allerletzten, denen es noch gelang, sich dahin zu
retten. Und wie fr die Tausende von anderen Unglcklichen ffnete sich auch
ihnen das Tor.
    Unberhrt sah Tschun an jenem Tage noch einmal die weie Kathedrale, die, in
den Erinnerungen an seine Kindheit, aufragte als hohes lichtes Gebilde.
Unberhrt die schneeigen Spitzbgen, die in Kreuzblumen auslaufenden Wimpergen
ber den Tren, die Krabben, das Mawerk und die mittlere Fensterrose.
Unbefleckt die granitenen Stufen, die zu der Kirche hinan fhrten. Unversehrt
auch noch die zwei, zu beiden Seiten dieser Treppe wie Schildhuschen
vorgeschobenen echt chinesischen Pavillons, die, mit ihren bizarren Formen und
bunten Verzierungen, ihren hochgeschwungenen leuchtenden Kacheldchern, einen
berraschenden Kontrast bildeten zu den so ganz anderen Vorstellungskreisen
entstammenden gotischen Gebuden dahinter. Ja, berraschend wirkten sie, wie
etwas, das eigentlich nicht in diese Welt des Petang hinein gehrte, und waren
doch sehr wichtige, als besonders tatkrftig geltende Schildhuschen, denn sie
bargen ja die von groen Steinschildkrten getragenen Gedenkstelen, mit den
Inschriften, die besagten, da diese im dreizehnten Jahre der glorreichen Aera
Kwang Hss eingeweihte christliche Kirche sich des gndigen Wohlwollens und
mchtigen Schutzes des Kaisers von China erfreue.
    Aber seit den Tagen, da solch schne Gefhle in Stein eingemeielt worden
waren, hatte sich manches verndert. Und der Kaiser Kwang Hs, selbst ein
Gefangener und Unterdrckter geworden, vermochte in diesem, dem
sechsundzwanzigsten Jahre seiner inzwischen weniger glorreich erscheinenden Aera
niemand mehr zu schirmen, noch zu hindern, da versprochener Schutz sich in
heftigste Befehdung wandelte. -
    Am Abend desselben Tages schon erfolgte der erste Angriff der Boxer auf den
Petang.
    Durch die Strae, die auf das Hauptportal mndet, sah man sie in groer
Schar herankommen, Fackeln und Sbel schwingend, und Schreie ausstoend, die an
das Heulen wilder Bestien mahnten. Dann pltzlich hielten sie inne und warfen
sich nieder, ihre Schutzgeister noch einmal anzurufen. Also gestrkt rasten sie
nun heran wie Besessene. Doch da, als sie nur noch ein paar hundert Meter
entfernt waren, erscholl im Innern das Kommando: Feuer! Siebzehn Kugeln mhten
die ersten Reihen der Angreifer nieder. Wie Karten sanken sie um; und wieder
ertnte das Kommando: Feuer! Die zweite Salve krachte, die zweite Mahd fiel
getroffen. Als der Rauch sich verzog, war der Platz von Angriffslustigen
gesubert. Tote lagen am Boden. Verwundete schleppten sich davon. In der Ferne
sah man Flchtende eilen, dicht an den Mauern sich hindrckend.
    Und es war gut, da dieser erste Angriff fr die Belagerten so glcklich
verlief, und ohne da einer von ihnen getroffen worden. Es sthlte sie alle, die
vor so ungeheurer Aufgabe standen. Vor allem beruhigte der Anblick der
Boxerleichen die einheimischen Christen, denen, trotz aller Bekehrung, der
nationale Hang zum Aberglauben doch in verborgenen Winkeln des Herzens stecken
mochte.
    Der Beweis, da die gefrchteten I ho Chan sterblich wie andere seien, war
unwiderleglich erbracht. All ihre Zauber waren unwirksam gegen europische
Kugeln gewesen. Trotz gelber Talismane mit seltsamen Figuren und Sprchen, trotz
den auf ihre Rcke und Flaggen genhten, ineinander verschlungenen zwei Fischen,
dem Symbol des Yang und Ying, lagen die toten Boxer mit ausgebreiteten Armen am
Boden, und die gemalten Glckszeichen auf ihren Stirnen starrten zum Himmel und
hatten ihnen kein Glck gebracht.
    Ja, wren die Angreifer immer nur Boxer geblieben, die als Waffen blo
Schwerter und Lanzen kannten, so htten die Verteidiger, trotz aller Uebermacht,
eine verhltnismig leichte Aufgabe gehabt. - Aber ganz anders gefhrliche
Gegner sollten ihnen erstehen.
    Inzwischen wurden in aller Eile die so dringend notwendigen
Befestigungswerke geschaffen.
    Vor allem war die Abteilung der Nonnen, die durch eine schmale Gasse vom
Hauptkomplex getrennt gewesen, mit diesem durch starke Barrikaden vereinigt
worden. Die Umfassungsmauern hatten Zinnen und Schiescharten erhalten. Alle
Ausgnge waren geschlossen und durch Erdarbeiten gesttzt. Tonnen, Bretter und
Balken bildeten an verschiedenen Stellen Schutzwehren der Beobachtungsposten.
Schanzen waren entstanden, sogar eine aus Ziegeln gebaute, die die
Umfassungsmauer berragte und die ganze Strae beherrschte.
    Alle diese Verteidigungswerke waren von den zwei blutjungen Offizieren, die
die vierzig Soldaten befehligten, geplant und angegeben, aber an ihrer
Ausfhrung arbeiteten die vielen christlichen Flchtlinge, unter Leitung
verschiedener Priester und Seminaristen. Die fanden bald, wozu jeder sich am
besten eigne, und wiesen die Arbeitspltze an. Auch die Frauen und Kinder wurden
angestellt. Sie schleppten Erde und Ziegel herbei. Und durch solch geregelt
Ttigkeit kam doch wieder etwas Ordnungsmiges in das Dasein all dieser aus
jeder vertrauten Lebensbedingung jh gerissenen Menschen. Eine gewisse
Aehnlichkeit wenigstens, ein Zusammenhang war geschaffen zwischen der auer dem
Rahmen alles Denkbaren stehenden Existenz in einem belagerten Kloster und dem
ihnen sonst gewohnten Alltagsleben.
    Ganz besonders aber wurde gleich an der Befestigung des Haupttores
gearbeitet, denn das wrde, wie schon der erste Angriff bewies, sicher am
gefhrdetsten sein. Die Portierlogen zu beiden Seiten waren mit Erde und
Faschinenwerk umgeben und bildeten die Hauptschiestnde. Ein geschtzter
Laufgraben verband sie. Und hinter dieser ersten Verteidigungslinie waren zwei
weitere vorgesehen, mit Kasematten und hohen Erdwllen. - Doch diese zweiten
Reihen, so dachte noch jedermann, wrden schwerlich je gebraucht werden. Denn in
den allernchsten Tagen mute nun doch bestimmt Entsatz aus Tientsin eintreffen!
Man hatte ja durch chinesische Boten, die unter groen Gefahren vorgedrungen
waren, Nachricht erhalten, da eine starke Kolonne von dort nach Peking
aufgebrochen sei; freilich hie es zugleich, da sie unterwegs den Feind in
ungeheuren Mengen angetroffen habe und sich fuweise vorwrtskmpfen msse. Doch
der Glaube an die Uebermacht, die europische Waffen den nahenden Rettern
verleihen muten, war noch unerschttert. Stndlich erwartete man ihr
Erscheinen.
    Von dem Dach der Kathedrale wurde nach ihnen sehnschtig ausgespht. Von
dort aus beobachtete man auch die Bewegungen der Boxer. Ein Pater hielt oben
immer Wacht und gab durch verabredete Trompetensignale den Offizieren unten
Kunde, von welcher Seite Gefahr drohe. Um ausfhrlichere Nachrichten herabsenden
zu knnen, hatten die Patres auch stets ein paar Konvertiten bei sich auf dem
luftigen Auslug. Zu diesen zhlte bald auch Tschun, denn er war dem Bischof ja
wohlbekannt, und man betraute ihn gern mit einem verantwortlicheren Auftrag.
    Von hier oben lie sich ermessen, wie viel vom alten Peking in diesen
wenigen Tagen bereits vernichtet worden, von hier oben auch konnte man gewahren,
wie das Zerstrungswerk weiter schritt. - Und Tschun sah eine ungeheure
Feuersbrunst in der Chinesenstadt hinter dem Tschien men auflodern. Ganze
Straen muten in Flammen stehen. Wer aber sollte da von solcher Verheerung
getroffen werden? Das war ja kein Fremdenviertel. Theater standen dort, groe
Restaurants, viele der schnsten Lden, vor allem die der Goldarbeiter und
Schmuckverkufer. Und pltzlich erinnerte sich Tschun angstvoll, da in jener
Gegend auch der alte Yang hung und der Groonkel Lin te i wohnten. Und wenn auch
gerade diese beiden den Boxern kaum verdchtig sein konnten, so frchtete er
doch fr sie. Immer weiter breitete sich der ungeheure Feuerschein ber den
Himmel. Immer mchtiger sprhten die Funkengarben in die Hhe. Wie eine schwarze
Silhouette stand die Mauer der Tatarenstadt, stand noch der druende
festungsartige Turm des Tschien men gegen den grell leuchtenden Flammenherd.
Aber pltzlich krochen Rauchwolken aus seinen kleinen viereckigen Fenstern, die
in alten glorreichen Tagen tatarischen Bogenschtzen als Schiestnde gedient.
Flammenzungen schlugen aus ihnen hervor, schossen auch schon in ungeheuren
Wirbeln aus dem hohen geschwungenen Dach. Es brannten die schweren Streckbalken
burmesischen Teakholzes, die sechshundert Sommer ausgedrrt. Es brannte der
ganze gewaltige Bau. Hher und hher sprangen die Flammen in rasendem
Hllentanze, wuchsen empor zu einer einzigen, vielhundert Fu hohen lodernden
Sule.
    Und auf dem fernen Dach der weien Kathedrale bekreuzigten sich schaudernd
die Spher.
    Am nchsten Tage war fr den Bischof ein Bote aus dem Gesandtschaftsviertel
angelangt. Der erzhlte dann, die Boxer htten jenseits des Tschien men einen
chinesischen Laden angezndet, als Strafe fr den Besitzer, der mit europischen
Medizinen handelte. Aber weiter, als sie selbst wohl gedacht, hatte der Brand um
sich gegriffen. Alle ihre angstvollen Gebete zum Feuergott ntzten nichts: Das
ganze Viertel lag vernichtet. Ja, das alte Tor selbst, das noch von den
Mingherrschern stammte, und dessen Mitteltr sich nur fr den Kaiser ffnete,
hatte in der ungeheuren Glut Feuer gefangen und war zerstrt. Sie sollen
darber sehr betreten sein, sagte der Bote, weil darin ein schlechtes Omen fr
die Dynastie erblickt wird. Tschun versuchte, etwas ber seine eigenen alten
Verwandten zu erfahren, aber der Bote antwortete nur achselzuckend: Dort ist
alles ein einziger Trmmerhaufen.
    Ja, in dieser ersten Woche bestand noch ein gewisser Verkehr zwischen dem
Petang und den Gesandtschaften. Man hrte ab und zu voneinander, weil es
chinesischen Boten bisweilen noch gelang, sich durchzuschmuggeln, Briefe
fortzutragen und Antworten mitzubringen.
    Ein paar Tage spter suchte der Bischof nach einem Boten. Es war ihm die
Kunde zugegangen, da das Tsungli-Yamen den verschiedenen Ta-jens das Ultimatum
gestellt hatte, Peking mit smtlichen Fremden des Gesandtschaftsviertels binnen
vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Und obschon sicheres Geleit versprochen,
witterte der erfahrene alte Bischof sofort eine Falle. Daher wollte er den
Ta-jens den Rat senden, es lieber auf jeglichen Verteidigungskampf in Peking
selbst ankommen zu lassen. Gleichzeitig wollte er sich aber auch erkundigen, was
denn, im Falle einer solchen Auswanderung, ber die Tausende chinesischer
Christen beschlossen sei, die sich in das Gesandtschaftsviertel geflchtet
hatten.
    Da erbot sich Tschun zu dem gefahrvollen Gang.
    Bei Morgengrauen brach er auf. Kriechend, an den Mauern entlang huschend,
manchmal, beim Nahen unheimlicher Gestalten, hinter Vorsprngen mit bangem
Herzklopfen niederkauernd, kam er nur langsam und mit groen Umwegen vorwrts.
Er konnte es sich auch nicht versagen, die Gelegenheit zu benutzen, um bis zum
Tschien men vorzudringen. Je nher er aber der Sttte der groen Feuersbrunst
kam, desto durchdringender wurde der beklemmende Brandgeruch, der noch ber der
ganzen Gegend lagerte. Und dann stand er auf dem jedem Pekinger Kind so
wohlbekannten Platze. Aber da war alles durch ungeheure Zerstrungsarbeit zu
einem fremden und grlichen Bilde verndert! Der einst so gewaltig hoch
aufragende Trutzturm oben auf der Mauer war nach dem Feuer eingestrzt. Nur ein
breiter, unfrmlicher Rumpf stand noch. Und das Tor unten ghnte schwarz und
verrut. Dahinter lagen, soweit man blickte, nur rauchende Trmmerfelder. Ja, da
konnte man freilich nicht nach einem einzelnen Menschen suchen, der hier
gewohnt, waren doch kaum die Stellen zu bezeichnen, wo die einzelnen Huser
einst gestanden! Es war, als habe Erdbeben dem Feuer geholfen, alle Spuren zu
verwischen. - Und Tschun mute an den gelassenen Ausspruch des Groonkels Lin te
i am Neujahrstag denken: Wenn aus dem Kun-Lun-Berge Feuer sprht, wird
kostbarer Nephrit zugleich mit wertlosem Gestein zugrunde gehen. Er hatte wohl
schwerlich gedacht, wie wahr er prophezeite, noch da seine Worte sich an ihm
selbst erfllen sollten! Und auch der auf gelbes Papier gemalten Beschwrungen
an Yen ti, den Feuergott, gedachte Tschun, die so manche der hier einst
Wohnenden an ihre Huser zu kleben pflegten, weil sie so ganz bestimmt vor
Brnden sichern sollten. Wo war ihre Wirkung geblieben, wo die Menschen, die an
sie geglaubt? - Allerhand Gestalten sah Tschun zwischen den Bergen von Schutt
und verkohlten Ruinen auftauchen. Mit langen Haken stocherten sie in den
Aschehaufen, gruben und scharrten eilig darin herum, verngstete oder auch
tckische Blicke bei jedem Gerusch um sich werfend - einstmalige Besitzer
vielleicht, die retten wollten, wo doch alles verloren, dunkle Existenzen noch
mehr, die irgendeinen glcklichen Fund inmitten des Zusammenbruchs Begterter
erhofften. -
    Tschun htte nun gern nach den beiden alten Verwandten geforscht, doch wo er
fragte, erhielt er nur unwirsche Antworten. Denn es waren dies Zeiten, wo, in
dem allgemeinen Argwohn, keiner zugeben wollte, von dem anderen etwas zu wissen.
Wer vermochte denn auch vorauszusagen, was etwa aus einem unvorsichtigen Worte
entstehen konnte!
    Am Eingang der Gesandtschaftsstrae fand Tschun eine von Soldaten der
fremden Schutztruppen besetzte Barrikade, denn auch hier war ja die Welt zur
Festung geworden. Er wurde von dieser ihm neuen Art Auslnder rauh angeschrien
und mute die Legitimationskarte vorzeigen, die ihm der Bischof mitgegeben
hatte. Erst dann wurde er durchgelassen. So sehr er aber auch die
Zweckmigkeit, ja Notwendigkeit solchen Verfahrens einsah, empfand er doch
zugleich in den geheimsten Tiefen seines Wesens eine Erbitterung darber. Ein
Grollen ob des herrischen Auftretens der Fremden, vor allem aber eine Entrstung
gegen die eigenen Machthaber. Was fr Zustnde hatten sie doch geduldet und
gefrdert, da diese Auslnder sich solche Rechte in der Hauptstadt des Landes
nicht nur anmaen durften, nein, da sie gezwungen waren, sie zu ergreifen, weil
jegliche Ordnung und Sicherheit nur noch von ihnen abhing! Und in der
Erleuchtung einer Sekunde empfand Tschun die ganze ungeheure Erniedrigung seines
Landes.
    Doch nun schritt er weiter in der Gesandtschaftsstrae. Und sogleich wollte
es ihm scheinen, als msse, inmitten all der auergewhnlichen Zustnde, noch
ein ganz besonderes, unheilvolles Geschehnis hinzugekommen sein. Irgend etwas
Entsetzliches lag in der Luft, spiegelte sich auf den Mienen der wenigen, die
ihm da zuerst wie verstrt begegneten. Und dann ward ihm der Grund von irgend
jemand zugeraunt, bang und flsternd, als getraue man sich kaum, das Furchtbare
laut zu erwhnen: Soeben ist die Nachricht gekommen, da einer der Ta-jens
ermordet worden ist! Dann setzte eine andere, schon lautere Stimme hinzu: Er
war auf dem Weg zum Tsungli-Yamen - er wollte dort einen letzten Versuch machen,
zur Vernunft zu berreden - in der Snfte ist er erschossen worden! Und ein
Dritter erzhlte: Sein Vorreiter brachte die Nachricht zurck - Soldaten seiner
Gesandtschaft sind gleich hin - aber sie haben nichts gefunden -, die Leiche,
die Snfte, die Trger, alles schon verschwunden -, und der Boden zerwhlt -, um
die Spuren zu verwischen -, und die weite Strae leer - ganz leer.
    So lief die Kunde weiter. Und nun sah man schon allerwrts Gesichter mit
diesem selben Ausdruck verstrten Entsetzens. - Dann nach der ersten Erstarrung
begann sich jenes Mitleid zu regen, das halb aus persnlicher Apprehension
besteht. Und alsobald hrte man auch schon wieder berall die oft vernommene
angstvolle Frage: Was denn nun etwa zu tun sei? Eine Frage, die seit Monden
durch jedes der vielen unvorhergesehenen Ereignisse von neuem hervorgerufen
wurde, und auf die heute so wenig wie an all den vorhergehenden Tagen der
Unschlssigkeit und Verblendung irgend jemand eine Antwort wute. - Die ganze
Furchtbarkeit der Lage schien allen indessen erst jetzt zum vollen Bewutsein
gekommen zu sein. Anklagen vernahm man und heftige Auseinandersetzungen darber,
wessen besondere Schuld dies alles denn sei - wo es doch die Schuld eines jeden
war, der aus irgendwelchen Interessen geglaubt, ein System ungestraft sttzen zu
drfen, das in einem Prinzen Tuan und dessen Boxerhorden seine hchste Krnung
finden sollte.
    Inmitten der allgemeinen Verwirrung war aber dann wenigstens der Gedanke
einer Auswanderung nach Tientsin endgltig aufgegeben worden, denn was dem
langgedehnten, hilflosen Zug der Abreisenden bevorgestanden htte, war ja nun
durch dieses letzte Vorkommnis klar erwiesen. - Aber in der Gesandtschaftsstrae
herrschte trotzdem bald ein Hin und Her von Menschen, ein bestndiges Schleppen
von allerhand Dingen, Vorrten und Betten, Kleidern und Wsche, wie fr einen
allgemeinen Umzug. Denn pltzlich war beschlossen worden, da smtliche Taitais
und Kinder sofort in diejenige Gesandtschaft bersiedeln sollten, die, als
grte und gesichertste, zur allgemeinen Zufluchtssttte - wenn ntig, zum
letzten Verteidigungsbollwerk - ausersehen worden war. Tschun sah Transporte,
die, inmitten alles Grauens, grotesk wirkten. Und er, der die Fremden kannte und
so manches ber ihre Zu- und Abneigungen wute, frug sich voller Verwunderung:
Wie werden sich all diese Herrschaften, auf ein und demselben kleinen Grundstck
vereinigt, wohl vertragen? - Sie, die nie einig sind, denen die weite Welt nicht
gro genug scheint fr die verschiedenen Ansprche, die sie vertreten, die sich
immer vom politischen Nachbar bedroht, vom geschftlichen Konkurrenten
bervorteilt dnken, deren Migunst und heihungrige Gier so gro sind, da sie
lieber die Welt untergehen lieen, als sie einem anderen zu gnnen.
    Zwischen den aufgeregt gestikulierenden und redenden hin- und hereilenden
Fremden sah Tschun aber auch chinesische Gestalten, die ihm mehr noch zu denken
gaben. Da waren die ihm wohlbekannten Ladenbesitzer des Gesandtschaftsviertels;
bisher waren sie geblieben, hatten die Fremden noch diesen Morgen bedient, mit
einem seltsamen Grinsen, das die ungeheure Nervenspannung hflich verbergen
sollte - aber jetzt schlossen sie ihre Geschfte mit Bewegungen, in denen etwas
Unwiderrufliches lag. Hurtig huschten sie dann davon, sie und viele andere, die
pltzlich aus ihren niederen, grauen Huschen auftauchten. Jeder seinen
kostbarsten Besitz in blauen Bndeln mit sich schleppend, verlieen sie leise
und verstohlen die Strae, das ganze Viertel - muten wohl fhlen, da das Ende
nahe.
    Und auch Tschun selbst war von einem seltsamen Gefhl der Unruhe erfat. Er
htte gehen und immer weiter gehen mgen. Es war, als nahe ihm unabnderlich
eine furchtbare Krankheit, und er wolle noch die letzten Minuten vor langer Haft
auskosten. Eine unabweisliche Ahnung sagte ihm, da er sich zum letzten Male fr
lange, lange Zeit frei bewegte. Eine Last von Verhngnis, von Endgltigkeit
lagerte auf allem. Die Menschen, die Dinge schienen noch zu sein - und waren
doch eigentlich schon nicht mehr. So fremd, so verndert war alles.
    Einen Augenblick noch kehrte Tschun bei Kuang yin ein. Das Haus wollte er
noch einmal sehen, wo die Taitai gewohnt. Ja, die befand sich nun lngst in
Sicherheit auf fremdem Boden, und las, mit Tinchau auf dem Scho, von all den
Schrecken nur in der Zeitung, whrend Madame Angle die Paragraphen von Mord und
Brand abends sicher mit wohligem Schauder nachbuchstabierte. Ja, der hbsche
Herr hatte wahrer gesprochen, als er selbst geahnt, da er dem Hndchen in dem
enteilenden Bahnzug nachgerufen hatte: Du hast es besser als wir, die wir hier
bleiben mssen.
    Aber da - whrend Tschun noch der Vergangenheit nachsann - kam pltzlich
etwas durch die Luft geschwirrt. Pscht! Pscht! machte es, dicht ber seinem
Kopf. Er hatte den seltsamen Laut noch nie vernommen. Aber ganz unwillkrlich
duckte er sich. Machte sich klein und schmal mit hochgezogenen Schultern. Es
waren die ersten Kugeln, die gepfiffen kamen. Die Belagerung der Gesandtschaften
hatte allen Ernstes begonnen! -
    Ohne zu wissen, wie es ihm gelungen, durch alle Fhrnisse hindurchzukommen,
traf Tschun abends wieder im Petang ein. Die Nachrichten, die er brachte, waren
die letzten, die man dort erhielt. Petang und Gesandtschaftsviertel waren von da
an vllig voneinander abgeschnitten. Wenn aber whrend der nchsten acht Wochen
auf dem einen der beiden Punkte der Belagerungslrm einmal etwas nachgelassen
hatte und dann aus der Richtung des anderen das Knattern von Gewehren, das
dumpfe Drhnen von Geschtzen tnte, so sagten sich die einen, da dort bei den
anderen noch gefochten wrde, da also noch Widerstehende vorhanden sein mten.
Und eine wehmtige und doch zugleich die eigene Kampfeskraft strkende Freude
erfllte sie bei dem Gedanken.
    Ja, zu dem Brllen, den Messern und Fackeln der Boxer, womit der Petang
anfnglich angegriffen worden, kam gar bald das Schieen aus modernsten
europischen Waffen. Denn was die Optimisten immer als Unmglichkeit dargestellt
hatten, war nun doch erfolgt - die regulren kaiserlichen Truppen hatten sich
den Aufrhrern offen angeschlossen. Und jene Kanonen und Gewehre, die die
Lieferanten verschiedenster Nationalitten, unter eifriger Befrwortung ihres
jeweiligen Ta-jen, der chinesischen Regierung zum Kauf aufgedrungen hatten, die
richteten nun ihre ganze, von diesen Herren einst so warm angepriesene und
garantierte Zerstrungskraft auf die Gesandtschaften selbst und zugleich auch
auf die Petang-Mission. Es lag ein gewisser grimmer Humor in dieser
Einweihungsarbeit der fremdlndischen Mordinstrumente! - Und Tschun erinnerte
sich, wie er frher den Ta-jen hatte ungeduldig klagen hren, da die Minister
im Tsungli-Yamen gar so halsstarrig und fr solche Waffengeschfte schwer zu
gewinnen seien. Die mochten jetzt schmunzeln, wenn sie, sicher und geborgen, dem
Schieen lauschten und solcher einstmaliger Verhandlungen dabei gedachten!
Sicher auch kicherte Tz Hsi hhnisch, wenn sie vom Kohlenhgel der verbotenen
Stadt aus die weien Wlkchen der Geschosse erblickte, die so hbsch
einschlugen, dort, wo ihre einstmaligen Besucherinnen, die leicht zu
umgarnenden, leicht zu blendenden Barbarenfrauen wohnten!
    Aber es blieb Tschun, wie allen Belagerten, wenig Zeit zu solch
rckblickenden Vergleichen. Denn der Petang wurde immer heftiger und mit allen
Mitteln angegriffen. Auer den Geschossen sausten auch Brandraketen durch die
Luft und fielen zndend auf die Dcher nieder. Tief unten aber in der Erde hrte
man unheimliche Gerusche. Dort whlte und bohrte der Feind, bereitete, selbst
unsichtbar, heimtckischste Verheerung. Da galt es bald zu Lscharbeiten zu
eilen, bald Quergrben aufzuwerfen gegen die vordringenden Minenarbeiten. Oft
signalisierten die Wachthabenden vom Kirchdach herab, da von den
verschiedensten Seiten zugleich Gefahr nahe.
    Gegen die zahlreichen Angreifer aber standen die wenigen geschulten
Verteidiger nur in kleinen Huflein. So verlernten sie das Schlafen, muten auch
immer mehr das Essen verlernen. Denn kleiner und kleiner wurden die Rationen.
Niemand hatte ja je an die Mglichkeit einer so langen Belagerung gedacht, und
der Proviant schwand schnell, tglich an mehr wie dreitausend verteilt.
    Trotz alledem lie es die Besatzung des Petang aber nicht bei der bloen
Abwehr bewenden. So klein sie war, wagte sie doch gelegentlich Ausflle. An
einem Tag war ihr Feuer so wirksam gewesen, da die angreifenden chinesischen
Soldaten sich einen Augenblick zurckziehen muten. Dabei lieen sie eine ihrer
Kanonen unweit des Haupttores stehen. Diesen Augenblick benutzte rasch
entschlossen der fremde Offizier und drang mit ein paar seiner Soldaten aus dem
Petang in die Strae. Von einem Pater gefhrt und immer wieder angeeifert,
folgte eine Schar Konvertiten, unter denen sich Tschun, als einer der ersten,
befand. Sie sollten die verlassene Kanone nehmen und hereinziehen, gedeckt vom
Feuer der fremden Soldaten. - Sobald jedoch die Belagerer diese Absicht
bemerkten, kehrten sie mit Wutgeheul zurck und erffneten nun ihrerseits ein
wildes Feuer. Aber es gelang den europischen Schtzen, sie aufzuhalten, bis die
Kanone in Sicherheit gebracht worden war.
    Bei dem nur wenige Minuten whrenden Ausfall hatte Tschun blo den einen
Gedanken gehabt, sein Bestes zu leisten, um bei der Erbeutung des Geschtzes zu
helfen, und er hatte sich auch wirklich hervorgetan. - Aber spter, als seine
erste triumphierende Aufregung verflogen, kamen ihm andere Gedanken. Er sah, wie
sich die auslndischen Soldaten ber den glcklichen Ausgang des tollkhnen
Wagnisses ausgelassen freuten; er hrte, wie sie sich untereinander
gratulierten. Das waren nun zwar Gefhle, die smtliche Belagerte, ob Europer
oder Chinesen, teilten, und Tschun mit ihnen. Aber trotzdem war da irgendein
bitterer Nachgeschmack. Etwas wie Hohn, da solch ein Handstreich berhaupt
mglich gewesen, hatte er doch aus den Worten der Soldaten herausgehrt. Gegen
keinen anderen Feind htten sie das wagen knnen. Im bloen Versuch lag die
ganze Geringschtzung, die sie fr ihn empfanden. - Und dieser Feind, so sehr er
im Augenblick auch Tschuns Feind sein mochte, blieb eben doch sein Landsmann. Er
fhlte sich in seinem Land, seinem Volk gedemtigt. - Der junge Offizier hatte
ja auch nachher zu seinen Soldaten gesagt: Knnte ich heute nur ber fnfzig,
wie Ihr seid, frei verfgen - ich marschierte sofort auf den Kaiserpalast los!
- - Ja, so schtzte der China ein! - Und wieder empfand Tschun das Grollen gegen
die Fremden, die Entrstung gegen die eigenen Machthaber.
    Aber die Augenblicke, wo triumphierende Siegesfreude ausbrechen konnte,
waren ja berhaupt selten genug. Ernste Sorgen erfllten den Petang mehr und
mehr, oft auch bitterer Kummer.
    Bei den zunehmenden Entbehrungen und der steigenden Hitze, die in schwerem
Dunste auf der Stadt lagerte, zeigten sich allerhand Krankheiten, besonders
unter den vielen Kindern der Flchtlinge. Es gab aber keinen Arzt im Petang! -
Da hatten die Nnnchen viel zu tun. Sie pflegten die Kranken und verbanden die
Verwundeten. Aber trotz all ihrem Mhen verlngerten sich tglich die Reihen der
Grber, die, oft whrend Kugeln pfiffen, rasch ausgeschaufelt, rasch
zugeschttet werden muten. Im Klostergarten, durch dessen geheimnisvollen
Kruterduft und bltenreiche Stille Tschun schon als kleines Kind so manchesmal
neben der Mutter geschritten war, erstreckte sich heute der Friedhof. Und die
schnell entstandenen schmucklosen Grber lagen zu Fen jener Madonnenstatue,
die damals von Beeten roter Rosen umgeben gewesen, und fr die kmpfen und
sterben zu drfen sich Tschun einst am Tage seiner Konfirmation so sehr
gewnscht hatte. Das war in der Wirklichkeit doch viel grausiger, als man damals
so gedacht!
    Auer fr Kranke hatten die Nonnen aber auch fr Gesunde zu sorgen. Die
vielen verngstigten chinesischen Frauen und Kinder zu beruhigen, ihnen immer
wieder Mut zuzusprechen, war vielleicht die schwerste Aufgabe. Von allem, was
sie da leisteten, erfuhr Tschun besonders viel, denn die Mutter war ja unter den
Pflegebefohlenen der Nonnen. Oftmals, wenn die Granaten und Kugeln gerade an dem
Punkt einzuschlagen begannen, wo sie sich eben mit ihren Schtzlingen
niedergelassen hatten, muten sie eilends wieder aufbrechen, um nach einem
weniger gefhrdeten Platze zu suchen. Und whrend sie die Hilflosesten sttzten
und trugen, folgten ihnen die anderen wie eine aufgescheuchte Herde, der die
weien Ordenshauben den Weg wiesen. Mit angstvollen Blicken sah Tschun solche
Umsiedlungen, sprang herbei, half, soviel er konnte.
    Am unheimlichsten von all dem vielen Bedrohlichen war aber das unterirdische
Whlen. Seit Tagen schon hatte es besonders druend geklungen. Aber trotz allem
Suchen und Entgegengraben hatte man die eigentliche Stelle nicht zu finden
vermocht. Dann war alles still geworden.
    Da eines Morgens geschah das Gefrchtete. Die Mine explodierte. Mit
donnerhnlichem Getse hob furchtbare Gewalt den Boden, schleuderte die Erde und
alles, was auf ihr stand, in die Hhe. Steine, ganze Dachteile flogen in die
Luft, als ob es Papierfetzen wren. Und zwischen den leblosen Dingen flogen auch
Menschen, Stcke von Menschenleibern in die Luft. Dann strzte alles in einer
ungeheuren Staubund Schuttwolke krachend zusammen.
    Tschun glaubte es alles vom Dach der Kirche aus gesehen zu haben, aber in
Wirklichkeit hatte er gar nichts gesehen, denn rascher noch als das ganze
Geschehnis war ihm blitzartig der Gedanke durch den Kopf geschossen, da die
Explosion in einem der Frauenquartiere stattfnde - dort gerade, wo er eben, ehe
er zur Wache ging, die Mutter gelassen hatte. - Da raste er auch schon hinab und
durch das Grundstck und langte an, wie er whnte, whrend noch das Unheil
geschah. Und doch war schon nichts mehr zu sehen, was vor wenigen Sekunden noch
dagestanden. Nur ein Berg aufgeworfener Stauberde, aus dem Pfosten und Balken,
Ziegelscherben und Dachfirststcke in wildem Durcheinander hervorragten. Und
zwischen ihnen Gliedmaen, einzelne Fleischfetzen, die eben noch lebende
Menschen gewesen. Dazu ein Wimmern und Sthnen von Verschtteten und, alles
bertnend, das gellende Heulen der Belagerer, die in der allgemeinen Verwirrung
einen Sturm versuchten.
    Aber mit Tschun waren von allen Seiten auch andere herbeigeeilt. Und whrend
die Soldaten den anstrmenden Feind mit mrderischem Feuer zurckzuschrecken
suchten, waren Hunderte von Hnden an der Arbeit, in dem Schutt zu whlen, ihn
abzutragen, um womglich Ueberlebende zu retten. Tschun war als erster dabei,
grub mit den Hnden, fhlte nicht, wie er selbst lngst schon blutete, stand
tief unten zwischen den Trmmern, die nun jeden Augenblick auch ihn zu begraben
drohten, hatte nur den einen Gedanken, die Mutter zu finden, sie zu retten.
    Aber es waren ihrer nur wenige, die noch lebend, ja die berhaupt
wiedergefunden wurden. Drunten in der Erde war ein rotes Chaos.
    Als es Abend geworden, fhrte der alte Bischof Tschun schlielich fort. Da
ist nichts mehr zu tun, sagte er traurig.
    Die Leichname, die unkenntlichen Gliedmaen wurden dann nachts eilig in
einem einzigen groen Grabe eingescharrt. Und Tschun wute nicht, war etwas von
dem dabei, das er, vor wenigen Stunden noch, Mutter genannt, wute nur, da sie
am Morgen lebend gewesen und da am Abend nichts mehr von ihr vorhanden war.
    Da begannen in der Dunkelheit allerhand eingeborene chinesische
Vorstellungen, die das Christentum fr gewhnlich verdrngt hatte, in ihm zu
erwachen. Gedankengnge, die Europern ganz fremd gewesen wren, lieen ihn
jetzt vor allem leiden. Es qulten ihn uralte Aberglauben ber das, was solche
Tote im Jenseits erwartet, deren Krper verstmmelt worden. Er hatte selbst gar
nicht gewut, da er von diesen Dingen wisse, denn unter den Christen galten sie
ja nicht, aber nun waren sie da und verlieen ihn nicht. Und bleiern lagen auch
die Selbstvorwrfe auf ihm, mit denen die heidnischen Chinesen sich stets beim
Tode ihrer Eltern zu belasten pflegen, und die er whnte, in diesem Falle so
ganz besonders zu verdienen. Die Mutter hatte ja gar nicht in den Petang
flchten wollen. Er hatte sie dazu berredet, hatte sie buchstblich
hergeschleppt. Und nun war sie hier umgekommen, so umgekommen. Und fr keine
Feier, keinen Prunk bei ihrer Beerdigung hatte er sorgen knnen, was doch der
Niedrigste tut, wofr jeder Mensch in China spart. Nicht einmal mit Bestimmtheit
wrde er zu sagen vermgen, wo das Grab seiner Mutter eigentlich sei - nie die
Fahne darauf errichten knnen, die ihrem unstet irrenden Geist diese Ruhesttte
zeige. Miachtung, bitterste Not in jenseitigen Welten lag darin fr sie - und
fr ihn demtigende Schmach, der Stempel eines pflichtvergessenen Sohnes. - - Er
krmmte sich in einer Mischung von Wut und Schande.
    Denn ber Tschun hatte zur Stunde jenes uralte Chinesentum wieder Macht
gewonnen, das er gewhnt aus eigener freier Entschlieung von sich tun zu
knnen. Fremder Glaube, fremde Anschauungen, die er innerlich fest erworben zu
haben schien, waren, zeitweilig wenigstens, von ihm abgefallen, weil sie eben
doch nie in sein allerinnerstes Wesen bergegangen waren.
    Er selbst aber wute kaum etwas davon.
    Von da ab glitten die wechselnden Ereignisse der Belagerung traumhaft dumpf,
beinahe unbemerkt an Tschun vorber, und er beachtete kaum, da er whrend des
Kampfes nach der Explosion, als er in den Trmmern grub, selbst einen
Streifschu erhalten hatte. Er empfand eigentlich nur eine zunehmende Mdigkeit,
die ihn gleichgltig machte gegen Gefahr, stumpf gegen die sich mehrenden
grauenvollen Bilder. Er hatte nur noch den einen Wunsch, in tiefen, tiefen
Schlaf zu sinken, einerlei, ob es der Schlaf des Lebens oder des Todes wre.
Aber der Schlaf floh ihn. Mit brennenden Augen, mit schlaffen Gliedern hockte er
da. Halb verhungert. Denn die Vorrte des Petang waren ja beinahe ganz
erschpft. Angstvoll rechnete man: Zwei Tage, einen Tag noch konnten die winzig
gewordenen Rationen verteilt werden. Dann wrde es vorbei sein. Selbst die
Bltter von den Bumen hatten die Chinesen schon gegessen.
    Viele Leben wurden da durch Entbehrung vernichtet. Aber es traten auch neue
ins Dasein. Kinder wurden inmitten dieser Schrecken geboren. Und auch die Mtter
dieser, so zur Unzeit erscheinenden Erdenbewohner litten bitteren Mangel. - Gib
mir nur einen kleinen Napf Hirsebrei, da ich etwas Nahrung kriege und mein Kind
stillen kann, riefen sie dem alten Bischof entgegen, wenn er seine tglichen
Runden machte. Aber auch er vermochte ja nichts fr die also Flehenden.
    In gleichem Mae aber, wie all die Leiden gewachsen, hatte sich der Wunsch
nach dem Erscheinen der Retter gesteigert. Wer noch zu denken vermochte, der
dachte nur noch an sie, die Heiersehnten. Immer wieder hatte man geglaubt, ihr
Schieen aus ganz weiter Ferne zu vernehmen. Manche auch wollten nachts ihre
Scheinwerfer gesehen haben. Aber immer wieder war es Tuschung gewesen. Und an
Stelle ursprnglicher Zuversicht begann nun dumpfes Verzagen die Herzen zu
erfllen.
    Waren sie denn von aller Welt verlassen und vergessen? Oder war die ganze
brige Welt selbst untergegangen? Schlief der fremde Gott, da er die vielen
heien Gebete nicht hrte? Wo blieb die Hilfe, die er seinen Getreuen
verspricht?
    Doch endlich, als das Ende des Petang nur noch eine Frage von Stunden schien
- da kamen die Retter, da waren sie da.
    Die ersten, die von drauen durchdrangen, waren Japaner. Das wurde
anfnglich kaum beachtet. Es waren eben Befreier. Als aber der erste
Erlsungstaumel ein bichen verrauscht war, dachte Tschun darber nach. Ja, die
Inselzwerge, denen China einst Kunst und Wissen gegeben, auf die es stets etwas
gnnerhaft herabgeschaut - die brachten heute Befreiung und Ordnung, die
erschienen als hhere Wesen!
    Bald folgten ihnen dann andere, weie Soldaten, und nachher kamen auch
Herren aus dem Gesandtschaftsviertel. Sie weinten und lachten durcheinander, als
sie sich nun mit dem Bischof und den brigen Priestern begrten. Sie fielen
sich gegenseitig in die Arme. Sie benahmen sich ganz so, wie es nun mal in der
Natur der Fremden liegt - deren Gefhle stets so durchsichtig wie bei Kindern
zutage liegen -, nur da dies eine ganz auergewhnliche Gelegenheit war, wie
sie niemand je erlebt - da waren sie durch Manier und Zeremonie eben noch
ungezgelter als sonst.
    Tschun stand dabei und schaute zu. Wie sie sich freuten! freuten!
    Sie besahen die Befestigungswerke, sie lieen sich beschreiben, wie mhsam
und verzweifelt die oft verteidigt worden, sie besahen die weie Kathedrale, die
ganz durchsiebt von Geschossen war, deren bunte Fensterscheiben in Splitter
lagen, deren Kreuz ber dem Mittelportal herabgesunken war. - Aber das alles
wird rasch repariert und neu errichtet werden, sagten sie. Der Bischof sprach
schon davon, da er bald nach Europa reisen wolle, Geld zu sammeln fr die
zerstrte Mission. Vor allem wird aber doch von der hiesigen Regierung
Schadenersatz verlangt werden, rief einer der fremden Herren, fr alles, was
hier und in den Gesandtschaften zerstrt worden ist. Das will ich meinen,
sagte ein anderer. Jetzt beginnt hier berhaupt eine andere Zeit!
    Ja, die Fremden erwarteten offenbar den Anfang einer guten Zeit fr sich.
Und wie wrde sich diese Zeit wohl fr die Chinesen gestalten? dachte Tschun.
Was wrde fr die Tausende aus den hundert Namen geschehen, die, von allem
beraubt, irgendwo am Wege umgesunken waren? Die Fremden standen bei ihren
Ta-jens in Bcher eingetragen und ihre Besitze waren ausgemessen und
festgestellt. Die wrden Schadenersatz erhalten. Aber die Einheimischen, die
niemand hatten, der sie vertrat, wer wrde sich derer wohl annehmen? - Tschun
fhlte sich pltzlich ganz allein und verlassen, inmitten der Landsleute,
inmitten der fremden Menschen. - Bei der Besichtigung waren die Herren bis zum
Platz der groen Minenexplosion gekommen und dann zu der Grberreihe bei der
Madonnenstatue weitergeschritten. Man sprach von dem einen der beiden tapferen
jungen Offiziere, der noch kurz vor der Befreiung gefallen war und nun da ruhte:
Auch ein Opfer der Schuld anderer! dachte Tschun. - Aber solcher Opfer gab es
noch viele, viele, deren Grber man nicht fand und von denen niemand sprach.
    Das Tor des Petang, das so heftig angegriffen, so unerschrocken verteidigt
worden war, stand nun wieder geffnet. Man konnte ein- und ausgehen, wie man
wollte. Das war etwas so Ungewohntes, da es beinahe wie ein Versto gegen die
rechte Ordnung der Dinge schien. Manche der aus ihren Pekinger Husern in den
Petang Geflchteten frchteten sich auch wirklich davor - nicht so sehr wegen
der Gefahr, bei einer gelegentlichen Schieerei noch getroffen zu werden, die
freilich auch bestand, als weil sie sich scheuten, zu sehen, was whrend der
Belagerung alles geschehen, was jeder einzelne dabei verloren. Kaum einer wrde
ja wiederfinden, was er verlassen.
    Es gab da Anblicke, die die bis vor kurzem Belagerten trotz allem
Grauenvollen, das sie selbst whrend der letzten Wochen erlebt, doch nicht
vermutet htten. In solchen Gassen, durch die Schnellfeuergeschtze fr die
Entsatztruppen den Weg gebahnt, lagen Leichen von Boxern und Mandschutruppen zu
Haufen angetrmt, wie sie in verzweifelter Flucht gerade bereinander
hingestrzt waren. Auf ihren grnlichen Gesichtern lag ein letztes hilfloses
Entsetzen und ihre Krper waren in den weiten blauen Kleidern wie wesenlos
zusammengesunken. Ein beklemmender fauler Geruch entstieg ihnen in der
drckenden Sommerschwle. Aber es gab keinen Menschen, der daran denken konnte,
andere Menschen zu begraben. Nur die Straenhunde strichen witternd um die
Leichen, in immer enger werdenden Kreisen, Straenhunde, die, whrend die
Menschen darbten, seltsam fett geworden waren und nun hynenhaft verstohlen
schielten, mit gekrmmtem Rcken und eingezogenem Schwanze, im Bewutsein, gegen
uraltes Gesetz verstoen und sich am hchsten Lebewesen vergangen zu haben.
    In der unmittelbaren Nhe des Petang war alles verbrannt und zerstrt. Kaum
da in dem allgemeinen Trmmerhaufen zu unterscheiden war, wo Fusteige, wo
Huser gewesen. Weiter aber folgten Straen, wo Gebude noch standen. Aber ber
all diesen Straen lag eine unheimliche Stille; sie waren ganz leer; und diese
Leere, diese Stille wirkten bengstigend nach dem steten Getse, dem Gedrnge
der letzten Wochen. Die Huser waren alle fest verschlossen. Kein Laut drang aus
ihnen. Das ganze Viertel wie ausgestorben. Und doch fhlte man im Vorbergehen,
da da, zwischen Ritzen und Spalten, tckische und verngstete Augen sphten.
    Tschun war mit einigen anderen der krzlich Befreiten hinausgelaufen. Ganz
zwecklos zuerst, wie er selbst dachte. Hchstens etwa, um sich selbst zu
beweisen, da man wirklich und wahrhaftig frei war, da es nicht blo der in den
vergangenen Wochen so oft getrumte Traum der Befreiung war. Durch die Strae,
wo er und die Mutter gewohnt, kam er jetzt mit der kleinen Schar. Hier hatten
die Zerstrer arg gehaust. Von dem Huschen blieben nur ein paar ruige
Mauerreste. Zwischen dem Schutt, der die ganze Sttte bedeckte, erkannte Tschun
eine Scherbe von einem Npfchen, aus dem er als Kind einst gegessen. Das
Stckchen Porzellan fing gerade einen Sonnenstrahl auf und glitzerte lustig
inmitten all der grauen, trostlosen Trmmer. Ach, es war gut, da die Mutter das
nicht sah! - Und in der lautlosen leeren Strae sagte Tschun pltzlich: Ich mu
weie Trauerschuhe haben. Die Worte hallten ganz laut in der Stille, und
whrend er sie sprach, ward sich Tschun bewut, da er diesen einen Zweck ja
seit Tagen mit sich herumgetragen hatte, da er nur deswegen mit den anderen
jetzt hinausgelaufen war: weie Trauerschuhe wenigstens wollte er fr die Mutter
tragen.
    Nun schauten auch die anderen unwillkrlich auf ihre Fe. Sie hatten das
vorher gar nicht beachtet, waren gelaufen wie Tiere, die der Haft entsprungen,
aber nun gewahrten sie es: ihnen allen hingen die chinesischen Zeugschuhe in
Fetzen! Sie trugen sie ja ununterbrochen seit zwei Monaten. Da riefen sie alle:
Wir brauchen auch Schuhe! Wir auch! Wir auch!
    Frher gab es hier in der Seitenstrae einen Schuhladen, sagte Tschun,
wenn er nicht zerstrt ist, knnten wir da kaufen.
    Besitzt denn jemand von uns noch Geld? fragte einer des Hufleins.
    Sie sahen sich verdutzt an.
    Ach was Geld, was kaufen! rief ein anderer, ein groer, starker Bauer,
der, durch irgendwelchen Zufall bei Beginn des Aufstandes in Peking anwesend,
sich auch in den Petang gerettet hatte, wir haben wahrhaftig genug ausgestanden
und eingebt, da wir uns wenigstens ein paar Schuhe nehmen knnen, wo wir sie
finden.
    Er hat recht, riefen die anderen, schnell berzeugt von der neuen Moral,
dies ist eine andere Zeit als sonst!
    Und es war eine andere Zeit.
    Sie bogen in die Seitengasse. Der gesuchte Laden bestand noch. Von weitem
schon sahen sie den groen Stiefel, den er als Aushngeschild fhrte. Aber der
Laden war fest verschlossen. Er mute wohl, wie so viele Huser, verlassen sein,
denn auf all ihr Klopfen erfolgte keine Antwort. Da trat der groe Landmann vor,
stemmte sich gegen die Tr und brllte hinein: Wenn nicht sofort geffnet wird,
brech' ich die Tr auf! - Nun nahten schlrfende Schritte im Innern. Die Tr
ffnete sich spaltenweit. Man sah einen Alten, zitternd und grnwei vor Angst.
Hier ist nichts mehr, ehrenwerte Herren! Hier ist lngst alles ausgeplndert!
versuchte er zu parlamentieren. Aber schon hatte der Bauer die Tr fast ganz
aufgezwngt und den Alten gepackt: Gesteh, wo Du die Schuhe hast, und gib jedem
ein Paar, dann soll Dir weiter nichts geschehen! sagte er, andernfalls suchen
wir selbst - und dann ...! - Die brigen waren inzwischen auch eingedrungen und
verliehen der ausgesprochenen Drohung Nachdruck. Winselnd beschwor der Alte, es
sei sein Untergang, wenn etwas wegkme, die Besitzer wren lngst geflohen,
htten ihn als Hter zurckgelassen, er verlre sein Gesicht, wenn er das Haus
nicht betreue. - Aber schlielich wies er doch mit verstohlener Gebrde aus dem
leeren Laden in einen rckwrts gelegenen Raum. Und da entdeckten sie wirklich,
wohlversteckt, den ganzen Schuhvorrat.
    Jeder bediente sich nun rasch. Tschun hatte weie Trauerschuhe gefunden und
sofort angelegt, hatte sogar eine weie Schnur aufgetrieben, wie sie bei
Trauerfllen in den Zopf geflochten wird. Er fhlte sich hierdurch pltzlich
wohler. Es war doch nun so, wie es sein sollte.
    Der Alte mute nun auch noch Tee bringen. Man hatte ja so lange keinen Tee
mehr getrunken. Und was er an Tabak besa, mute er hergeben.
    Als die Schar dann aus dem Laden wieder heraustrat, glnzte es seltsam
lstern in all den schmalen Augen. Das war aber auch ein gar zu wohliges Gefhl
gewesen, einfach nehmen zu knnen, ohne an Zahlung denken zu brauchen! Und jeder
hatte auch bereits entdeckt, da er noch viele Bedrfnisse habe. An Kleidern,
eigentlich an allem mangelte es ihnen, besonders aber fehlte es ihnen nun schon
so lang an gengendem Essen! Und die Stadt, mit ihren verlassenen Husern, ihren
vergessenen Vorrten, mit all der Habe, die ungenutzt verkam - sie lag da vor
ihnen - wen kmmerte es in der allgemeinen Zerstrung und Verwirrung, wenn sie,
die so viel verloren und ausgestanden hatten, sich dafr jetzt etwas schadlos
hielten? Mancher schlich nun allein davon, wollte wohl geheimen Fhrten folgen.
Die anderen zogen vereint weiter.
    Tschun aber lste sich von ihnen. Er empfand pltzlich einen Ekel, er hatte
genug davon. Er schlug den Weg zum Gesandtschaftsviertel ein.
    Da war alles bis zur Unkenntlichkeit verndert, vernichtet. Geborstene
Mauern, eingestrzte Dcher, Schutt- und Trmmerhaufen. All dieselben trostlosen
Dinge, die Tschun acht Wochen lang im Petang hatte entstehen und schlimmer und
schlimmer werden sehen. Und wie dort, so auch hier, seltsame, improvisierte
Befestigungswerke: Barrikaden, aus dem erbaut, was im Augenblick zur Hand
gewesen; und Berge von Sandscken, zum Teil aus grober Baumwolle, aber auch aus
Vorhngen, Betten, Kleidern, aus allem genht, was die verschiedenen fremden
Taitais gerade besessen. Tschun glaubte einige dieser kostbaren Stoffe, trotz
Staub und Schmutz, wiederzuerkennen. Er erinnerte sich, wie ihn die vielen
unntzen Vorhnge in den Husern der Fremden oft gewundert hatten - die fanden
nun so ihr Ende! Und er entsann sich auch der langen Verhandlungen, die die
Taitais mit den Hndlern um Stickereien und Seidenrollen zu fhren liebten - da
diese teuer erworbenen und dann sorgsam gehteten Stcke so rcksichtslos
zerschnitten worden waren, vergegenwrtigte ihm am allerdeutlichsten, wie
schlimm es auch hier um die Belagerten gestanden haben mute.
    Im Gegensatz aber zu der Petanggegend, wo die Straen jetzt so leer und
lautlos waren, herrschte hier ein merkwrdiges Leben. Ganz anders als sonst
freilich. Chinesen sah man kaum. Aber fremde Soldaten, mehr und mehr Soldaten.
Aller Art, aller Lnder. Tschun war ganz erstaunt ber ihre Verschiedenheit. Sie
waren nicht etwa alle weihutig wie die Ta-jens, sondern es gab auch
langaufgeschossene dunkelfarbige Reiter mit hohem Turban, bei deren Anblick
Tschun pltzlich an den alten Einsiedler denken mute - und daneben magere,
unansehnliche Leute, die von tropischer Sonne gedrrt und gelbgebrannt worden -
aus einem ganz sdlichen Lande sollten sie stammen, das einst China gehrt
hatte, das aber lngst von einem der unersttlichen fremden Vlker geraubt
worden war.
    Am zahlreichsten aber schienen die Inselzwerge zu sein! Sie hielten sich
stramm und reckten sich, besonders wenn ihnen die groen, vierschrtigen Kosaken
begegneten, die Tschun, wegen ihrer wasserblauen Augen und hanfartigen Haare,
unter allen Fremden so besonders abstoend fand. Seine Gefhle den Inselzwergen
gegenber waren weniger klar. Es rgerte ihn ja, da die hier in Peking so
gebieterisch auftreten durften, aber dann empfand er doch auch eine gewisse
Genugtuung, da Leute, die so gelb waren wie die Chinesen selbst, mit den weien
Fremden so selbstbewut verkehrten, da sie von ihnen offenbar als gleichwertig
behandelt wurden. Ja, die Kosaken und die Japaner besah sich Tschun am
genauesten. Die Kosaken, ungeschlacht und wuchtig, erinnerten ihn an die
schweren Kugeln aus Geschtzen des 17. Jahrhunderts, die, neben moderneren
Geschossen, whrend der Belagerung auch bisweilen in den Petang eingeschlagen
waren; bei den Japanern dagegen mute er unwillkrlich an die lange im geheimen
vorbereiteten Minen denken, die, pltzlich explodierend, so unerwartete
Verheerungen anrichteten. Und er berlegte: Zwischen diesen beiden Vlkern
sitzen wir nun auf der Erde, die eine riesige Kugel sein soll und durch das
Weltall kreist. Wer von den zweien mag aber wohl der gefhrlichere fr uns sein?
Dann sann er weiter: Auer diesen zwei gibt es aber noch viele andere auf der
Kugel; die kommen jetzt auch alle nach China gefahren und steigen bei uns ans
Land, und sicher werden sie alle etwas haben wollen und sich damit brsten,
einen Brand gelscht zu haben, dessen erster Funke doch eigentlich von ihnen
stammt. Ach, schade ist's schon, da man nicht all diese rastlosen Leute von der
Kugel hinaus ins Weltall schleudern kann. Dann htten wir hier vielleicht Ruhe.
- Und nachdem dieser Gedanke sich in Tschuns Kopf geformt hatte, war er selbst
ganz erstaunt. So dachten ja die Fremdenfeinde! Und Tschun hatte die Auslnder
doch immer als Freunde angesehen, war ja sogar einst, gegen manchen Widerspruch,
aus seiner altgewohnten in ihre neue Welt gelaufen! Wie war es denn gekommen,
da ihm das alles jetzt so anders schien? - -
    In der von vielen Geschossen getroffenen und durchlcherten Gesandtschaft,
wo er selbst frher der Taitai gedient hatte, fand Tschun den Onkel Kuang yin
wieder. Der hatte die Belagerung gut berstanden, sah nur etwas magerer aus als
sonst und verriet jene Gereiztheit, die Leuten eigen, die whrend lngerer Zeit
nicht gengend haben schlafen knnen. Tschun begrte den Onkel noch etwas
feierlicher als sonst, wie es sich nach lngerer Abwesenheit schickt, whrend
Kuang yin, die weien Trauerschuhe gewahrend, nach dem Grunde frug und dann die
blichen Trauerworte sprach. Von jenem berschwnglichen Jubel, den die fremden
Herren und die Priester beim Wiedersehen gezeigt, war zwischen diesen beiden
Verwandten nichts zu merken. Sie htten ihn aber auch beide vllig unziemlich
gefunden.
    Kuang yins erstes Entzcken, gerettet zu sein, hatte auch offenbar schon
Zeit gehabt, in allerhand neu entstandenen Sorgen zu ersticken.
    Es ist in allem eine solche Verwirrung, brummte er, man wei nicht, wo
das Notwendigste zu bekommen, keinen Markt gibt es mehr, und dabei ist das Haus,
sofern es berhaupt noch steht, voll von Offizieren - statt einem Herrn hat man
jetzt Dutzende - und es kommen noch immer mehr hinzu! Und natrlich knnen sie
sich mit niemand verstndigen. Da soll ich nun Boys besorgen, die fremde
Sprachen verstehen. Fr die Stelle bei dem einen Offizier, der in den nchsten
Tagen erwartet wird und der in einem besonderen Yamen wohnen soll, habe ich
brigens gleich an Dich gedacht.
    Tschun hatte gar keine Lust, in den Dienst dieses unbekannten Auslnders zu
treten. Er konstatierte dies zu seinem eigenen Erstaunen. Frher wrde es ihn
gerade gelockt haben, auch einen fremden Militrmandarinen mal nher kennen zu
lernen. Aber jetzt hatte er eigentlich auf nichts Lust. Htte nur gern
geschlafen und die Vergangenheit der letzten Wochen und mit ihr auch die
Gegenwart ganz aus seinem Bewutsein ausgeschaltet. Aber das wohlwollende
Anerbieten des Onkels auszuschlagen, wre unehrerbietig gewesen, und er htte
auch nicht mal genau gewut, welchen Grund dagegen anzufhren. Es war nur ein
allgemeiner Widerwille, mit all diesen Menschen, mit diesen ganzen Ereignissen
zu tun zu haben. So ging er denn dankend auf den Vorschlag ein.
    Dann erkundigte er sich, ob Kuang yin etwa von den brigen Verwandten gehrt
habe. Doch der wute nur, da Lin te i und Yang hung mit den Seinen seit dem
groen Brande verschwunden waren, und auch von Sin schen und Wang pao hatte er
seit dem Entsatz Pekings noch nichts vernommen.
    Wie mochte es wohl den Groen der Erde gehen, dachte Tschun, whrend so
viele der Kleinen gedarbt hatten oder ganz verschollen waren! Und er frug: Was
haben die Fremden denn mit der Kaiserin getan? Halten sie sie sehr streng
gefangen?
    Kuang yin lachte. Streng gefangen? Bewahre! Sie haben sie ja ganz ungestrt
entweichen lassen!
    Na, meinte Tschun, wenn sie nur unschdlich ist, mag sie meinethalben
leben, wo sie will. Nun werden die Fremden wohl den Kaiser Kwang Hs wieder in
seine Rechte einsetzen?
    Aber nein doch! rief Kuang yin, den hat Tz Hsi auf ihre Flucht ja
mitgenommen!
    Tschun sah ihn unglubig an. Das haben die Fremden zugelassen? Aber er war
doch der einzige, der zu ihnen gehalten hat, der einzige auch, von dem sie
hoffen konnten, da er die Aufgeklrtesten des Landes um sich sammeln wrde, um
Ordnung herzustellen. Es mute ihnen doch alles dran liegen, da er die
Regierung wieder in die Hnde bekme?
    Ach, ich glaube, so weit hat niemand gedacht, sagte Kuang yin. Weit Du,
die fremden Truppen sind ja in unbeschreiblicher Verwirrung hier angekommen.
Offenbar ohne eigentlichen Plan, und ohne da einer dagewesen wre, der allen
htte befehlen knnen. Jeder wollte nur berhaupt als erster ankommen. Wie in
einem Rennen. Was dann hier geschehen solle, wrde sich ja finden. Vielleicht
dachten manche, es gbe eine allgemeine groe Plnderung. Als sie dann wirklich
anlangten, wute keiner, wo der andere war. In der Unordnung haben sogar die
einen auf die anderen geschossen. Einmal war schon begonnen worden, gegen die
verbotene Stadt vorzugehen - dann wre auch vielleicht das ganze Nest wirklich
ausgehoben worden -, aber da kam pltzlich Gegenbefehl. Na und whrend all der
Unschlssigkeit und Uneinigkeit hat eben Tz Hsi, die ja nie viel zaudert, Zeit
gehabt zu entkommen. Einen Tag erst nach dem Einzug der fremden Truppen ist sie
fort.
    Dann kann sie ja aber noch gar nicht weit weg sein, sagte Tschun. Denken
die Ta-jens denn nicht daran, ihr die vielen Soldaten nachzuschicken, um sie
festzuhalten und den Kaiser zurckzubringen?
    Aber Tschun, sagte Kuang yin, hast Du denn die Art der Ta-jens schon
vllig vergessen? Ehe die einen gemeinsamen Entschlu fassen! ... Das kennt man
doch ... in der hchsten eigenen Lebensgefahr allenfalls ... und eigentlich auch
dann kaum.
    Warum tut es dann nicht ein einzelner mit seinen Truppen? fragte Tschun.
    Dazu hat sich einer der fremden Offiziere auch schon erboten, antwortete
Kuang yin. Aber sein Ta-jen soll ihm geantwortet haben, fr diesen Fall bese
er von zu Hause keine Instruktionen, und es sei eine zu arge Verantwortung, so
etwas allein zu unternehmen. - Zu alledem kommt aber, glaube ich, noch etwas
anderes, setzte Kuang yin dann hinzu.
    Tschun sah ihn fragend an. Und Kuang yin fuhr fort:
    Ja, so viel hab ich nmlich schon gemerkt, da zwischen den Ta-jens und
ihren vielen militrischen Rettern keine sonderliche Liebe besteht. Die Ta-jens
sind ja gewi froh, durch sie befreit zu sein, aber es wre ihnen doch sehr
erwnscht, wenn die Truppen nun nicht mehr zu neuen besonderen Dingen noch
notwendig wrden. Sie lieben die Angelegenheiten nicht, die von den Waffenleuten
entschieden werden mssen. Da fhlen sie sich nicht mehr so ganz als die ersten.
- Und sie haben auch gegenseitig viel aneinander auszusetzen. Die Offiziere
denken nmlich offenbar: Das sind schlechte Diplomaten, die von solch einer
Bewegung wie die der Boxer gar nichts voraus gemerkt haben und sich so
berraschen lieen. Und die Ta-jens wiederum denken: Das sind schlechte
Soldaten, die so viel Zeit gebraucht haben, bis sie endlich zu uns durchdrangen
und uns befreiten.
    Da magst Du recht haben, sagte Tschun, unter den Fremden herrscht ja
immer Uneinigkeit. Bisher dachten wir freilich, nur zwischen denen der
verschiedenen einzelnen Lndchen, aber, wie es scheint, sogar zwischen den
verschiedenen Berufen desselben Landes. - Na - um so besser fr uns!
    Freilich, um so besser fr uns, wiederholte Kuang yin, denn all diese
Uneinigkeit wird hoffentlich hindern, da aus ihrem geeinten Zorn gar zu
Schlimmes fr uns entsteht.
    Ja, fiel Tschun ganz eifrig ein, daran denk ich jetzt auch immer, denn es
wre doch furchtbar, wenn der Boxerwahnsinn von den Auslndern als Vorwand
benutzt wrde, uns noch mehr Land zu rauben oder uns durch Syndikate,
Geldanleihen und sogenannte Ratgeber noch schrfer bevormunden zu wollen. Ganz
unertrglich wrde das - denn, weit Du, je mehr man sich's berlegt: denselben
Glauben wie die Auslnder haben wir ja nun mal - und darum mute man whrend der
Belagerung schon des Gesichts halber zu ihnen halten - aber das ist auch das
einzige Gemeinsame. In allem brigen sind sie uns doch ... fremd ... fremd!
    Er hatte nach dem letzten Wort gesucht und offenbar kein ausdrucksvolleres
finden knnen. Nachdem er es aber ausgesprochen, wunderte er sich selbst ber
den Klang, den das Wort hatte. Miachtung, Abneigung lagen ja darin!
    Kuang yin hatte Tschun Unterkunft bis zum Antritt seines neuen Dienstes
angeboten. Einstweilen aber schau Dir die Stadt an - da gibt es jetzt
Gelegenheiten, wie sie so bald nicht wiederkehren, sagte er bedeutungsvoll.
Tschun sagte darauf dem Onkel, er frchte, ihm bei dem neuen Herrn wenig Ehre zu
machen, denn er habe ja nichts von seinen Sachen retten knnen und besitze nur
diesen einen Anzug. In der Lage sind heute viele, antwortete Kuang yin
gleichmtig, und doch wirst Du sie binnen kurzem in Seide und Zobel einhergehen
sehen - ich sagte Dir ja schon: es gibt Gelegenheiten. Und dann setzte er mit
einem schlauen Blinzeln hinzu: Abends, sobald ich fort kann, gehe ich auch.
    Tschun wollte sich nun vor allem nach den Vettern umsehen, die in anderen
Stadtteilen wohnten. Auf dem Weg zu Sin schen begegneten ihm anfnglich noch
viele fremde Soldaten. Manche trieben laut singend Vieh und Schafe vor sich her.
In dieser Stadt, wo alle Lebensmittel verschwunden schienen, hatten sie offenbar
einen glcklichen Fund gemacht. Aber auch andere Fremde sah Tschun: Herren,
meist zu Pferde, die ihm von frher bekannt waren, nur da sie jetzt abgemagert
und wie verwildert aussahen. Sie fhrten Leute mit leeren Karren bei sich. Wozu
mochten sie die wohl gebrauchen?
    Dann wurden die Auslnder seltener. Tschun kam nun in entferntere Straen,
wo Europer und ihre Anhnger nicht wohnten. Hier war whrend der
Boxerherrschaft wenig zerstrt worden. Aber die Bewohner mochten wohl frchten,
da durch den inzwischen eingetretenen Umschwung jetzt die Reihe an sie kommen
knnte: Tschun sah manche mit angstvollen Gesichtern und sphenden Blicken vor
ihren Husern stehen, als ob sie Wache hielten, whrend andere, scheu und eilig,
als frchteten sie, berrascht zu werden, irgend etwas an den Tren zu arbeiten
schienen. Was taten sie da? Bereiteten sie besondere Verschlsse? Erwarteten sie
neue Straenkmpfe? - Tschun konnte es nicht genau sehen, denn sie verschwanden,
sobald sie in der Strae ein fremdes Gesicht gewahrten. - Aber in der nchsten
Seitengasse wohnte ja Sin schen, den wollte er fragen - falls er ihn berhaupt
noch vorfand - es waren ja so manche in dieser Zeit verschollen!
    Doch sobald Tschun um die Ecke bog, sah er auch schon den Vetter vor seiner
Tre stehen. Wie die anderen schien auch er irgend etwas daran zu arbeiten -
und, ganz wie die anderen, wollte auch er verschwinden, sobald er einen Fremden
nahen sah. Doch Tschun rief ihn an, und nachdem ihn Sin schen erkannt hatte, kam
er auf ihn zu und begrte ihn so erfreut, da es Tschun beinahe wunderte. - Und
nun sah Tschun, was Sin schen und all die anderen so eifrig und verstohlen
trieben: sie entfernten von ihren Trpfosten jede Spur der aufgeklebten
feurigroten Papiere, deren schwarze Schriftzeichen die Insassen als treue
Boxeranhnger bezeichneten! Und Tschuns Erstaunen gewahrend, erklrte Sin schen:
Ja, siehst Du, es war die einzige Art, uns und unsere Habe in der Zeit zu
retten. Wir alle hier haben es getan. Aber jetzt gilt es, die Dinger zu
entfernen - sie knnten sonst unser Verderben werden.
    Er hatte Tschun inzwischen in sein Haus gefhrt, und da gewahrte dieser eine
seltsame Werkstatt: billige bunte Stoffe lagen am Boden, und smtliche
Angehrigen Sin schens fabrizierten daraus eifrigst allerhand Fhnchen in den
Landesfarben der verschiedenen fremden Truppen. Die weie japanische Flagge mit
der roten Kugel war am leichtesten zu machen, und sie wurde in groen Mengen
hergestellt. Jetzt sollen diese Fhnchen ber unsere Tren kommen, um uns vor
den Fremden zu sichern, erluterte Sin schen, ich habe bernommen, sie fr die
ganze Strae zu liefern. - Ach, und weit Du, Tschun, setzte er dann eifrig
hinzu, Du verstehst ja eine der Barbarensprachen, da knntest Du etwas fr mich
tun: schreib mir doch auf einen groen Zettel, da ich ein guter Freund aller
Fremden und Christen bin! Den kleb' ich auf den Trpfosten, dann plndern sie
sicher nicht bei mir, wenn sie in unsere Strae kommen.
    Wo denkst Du hin? rief Tschun. Die Fremden plndern doch berhaupt
nicht!
    Lieber Tschun, erwiderte Sin schen bedchtig, Heere der fremden Teufel
sind schon einmal nach Peking gekommen, lang ehe Du geboren warst - damals haben
sie den Sommerpalast ausgeplndert - sie werden auch diesmal wieder plndern.
Und dann setzte er beinahe entschuldigend hinzu: Alle Menschen plndern.
    Tschun mute ihm schlielich den Gefallen tun, ein Papier mit den
gewnschten Worten zu beschreiben. Er wurde dazu in ein rckwrts gelegenes
Zimmer gefhrt. Da lagen allerhand geheimnisvolle Ballen, Stoffe und Pelze,
aufgerollte Teppiche Auch Vasen standen da, die Tschun nicht kannte. Alles in
einem wirren Durcheinander. Sin schen aber erklrte achselzuckend und mit einer
weiten Handbewegung: Was man selbst nicht nimmt, nehmen andere - alle Menschen
plndern.
    Nachdem Tschun das Schriftstck fertig verfat hatte, das Sin schen als
Freund der Fremden beglaubigen sollte, konnte er sich nicht enthalten, ihn zu
fragen: Nun, und Deine eigentlichen gromchtigen Freunde, die sind wohl fort?
    Du meinst den ehrenwerten Li lien ying, sagte Sin schen. Ja, der ist mit
der Kaiserin fort. Leute aus seinem Haushalt sind nachher bei mir gewesen und
haben mir davon erzhlt. Es mu schrecklich gewesen sein, diese Flucht! Frh,
zur Stunde des Tigers, whrend eines schweren Gewitters, sind sie fort, die
Kaiserin, der Kaiser und der Ta a ko. Und denk' Dir, nur drei ganz gewhnliche
Maultierkarren hatten sie - und die gnadenreiche Gegenwart trug ein
Baumwollkleid wie die Landfrauen, und die chinesische statt der mandschurischen
Haartracht, um nicht erkannt zu werden. Im letzten Augenblick hat die
Perl-Konkubine, die ja immer vorlaut war, die Kaiserin beschworen, den Kaiser
nicht mit sich zu nehmen, sondern ihn in Peking zu lassen, damit er den Frieden
mit den Fremden schliee. Na, aber da ist sie bel angekommen! Tz Hsi war in
dem Augenblick wohl berhaupt nicht in der Stimmung, Ratschlge anzunehmen - und
natrlich witterte sie auch gleich, trotz aller Aufregung der Stunde, welche
Plne von Kwang Hss Partei sich hinter diesem Vorschlag bargen - da hat sie
denn, kurz entschlossen, wie sie ja immer war, die Perl-Konkubine wegen
unbefugten Redens durch Li lien yings Leute augenblicklich in einen der tiefen
Brunnen werfen lassen - alles Flehen und Weinen des Kaisers hat nichts genutzt.
- Ja, und dann sind sie davongefahren, durch die Tore der militrischen
Tchtigkeit und des Sieges.
    Wenig geeignete Namen beim Antritt so klglicher Reise, meinte Tschun
gleichmtig.
    Ja, wirklich beklagenswert, sagte Sin schen, da die Kaiserin fliehen mu
in einem Alter, das doch dem niedrigst Geborenen Anspruch auf Ehrerbietung
verleiht!
    Aber bedenk doch, was sie durch ihre Verblendung ber das ganze Land fr
Unglck gebracht hat, entgegnete Tschun. Sie wird nicht am meisten leiden fr
das, was sie angerichtet hat.
    Ach, sagte Sin schen, ihr wird jetzt alles aufgebrdet, aber ich wei
doch von Li lien ying, da es ganz anders zugegangen ist. Whrend dieser letzten
Wochen ist Tz Hsi zwischen Tuan und Yung Lu hin- und hergezerrt worden, immer
schwankend, wer von beiden recht habe. Aber doch hat Tuan sie nie dazu bestimmen
knnen, den endgltigen Befehl zum allgemeinen Angriff aller Truppen zu geben,
und er hat auch nie von Yung Lu die schweren Belagerungsgeschtze erhalten, um
die er getobt und geschrien hat! Sonst stnde es heute anders! Jeder Widerstand
wre umsonst gewesen, und alle fremden Teufel wren vernichtet.
    Vergi nicht, da Du von Deinen neuen Freunden sprichst, sagte Tschun
lachend, na, es freut mich aber, da Du doch wenigstens nicht mehr an die
bernatrlichen Krfte der Boxer zu glauben scheinst.
    Sin schen machte eine wegwerfende Gebrde. Nein, das war natrlich
Kindergeschwtz und ihre Gewalt nicht gewichtiger wie Blumenstaub.
    Als Entgelt fr das Schutzschreiben erhielt Tschun von Sin schen etliche
neue seidene Gewnder. Es war hoher Lohn fr geringe Mhe - aber sie kamen dem
Vetter selbst ja auch nicht teuer zu stehen.
    Kuang yin hatte recht. Diese Zeit bot seltene Gelegenheiten.
    Und weiter ging nun Tschun durch die Stadt.
    Die Straen waren jetzt bei nahender Dmmerung voller geworden. Einzelne
Gestalten mit Scken ber den Schultern tauchten verstohlen auf, huschten eilig
vorbei. Auch ganze Haufen kamen daher gezogen. Leute mit bsen Aeuglein und hart
entschlossenen Zgen, die sich zu irgendeinem schlimmen Tun zusammengerottet
hatten. Manchmal fielen irgendwo vereinzelte Schsse. Schmerzensschreie,
Hilferufe erschallten hier und dort, erstarben rasch erstickt, unbeachtet.
Keiner kmmerte sich um des anderen Not. Jeder hatte eigene Wege und Zwecke.
Rache und Gier waren mit der einbrechenden Dunkelheit aus ihren Schlupfwinkeln
hervorgekrochen, arbeiteten hurtig und sicher hinter den grauen Mauern.
    Planlos irrte Tschun weiter, bald allein, bald von dieser oder jener Gruppe
mitgezogen. Hierhin, dorthin, nur von dem einen Wunsch getrieben, der ihm von
klein auf eigen gewesen: den Wunsch, zu sehen. Und er sah. Sah Spuren der Boxer,
sah neueres Tun derer, die an ihnen Vergeltung bten.
    Er blickte in einen verlassenen Palast, der vllig ausgerumt war, wo nur
noch altertmliche Sttel und Geschirre mit silbernen Beschlgen in einem Winkel
lagen, weil sie den Beutesuchern zum eiligen Fortschaffen offenbar zu schwer
gewesen; er betrat ein verlassenes Yamen, wo unter seinen Fen die Scherben
unschtzbarer, in blinder Wut zertrmmerter Vasen knirschten; er schaute in ein
Haus, dessen Tr, aus den Angeln gerissen, offen ghnte, und prallte entsetzt
zurck vor dem Verwesungsgeruch einer ganzen Reihe modernder Leichen; er schritt
durch Torwege, an deren Mauern Kpfe an langen Zpfen aufgenagelt waren; er
betrat Hfe, in denen Boxeraltre umgestrzt lagen und frisches Blut in dunklen
Pftzen stand; er beugte sich ber unheimlich schwarze Brunnen, an deren Steinen
buntseidene Fetzen hingen, Fetzen von dem Kleide irgendeiner unbekannten Frau
aus den hundert Namen, die da, in Herzensangst vor etwas noch Grauenvollerem als
dem Tode, in die schauerliche Tiefe hinabgesprungen war. Immer neue Sttten
dunkler Tragdien entdeckte er, Orte, wo armselige Leben vernichtet worden
waren, nach denen nie gefragt werden wrde.
    Als Tschun schlielich wieder in die Gesandtschaftsstrae einbog, hatte er
so viel des Schrecklichen gesehen, da er glaubte, gegen alles ganz stumpf
geworden zu sein, und doch bot sich ihm da noch das berraschendste Bild.
    Gleichzeitig mit ihm mndete ein seltsamer Zug in die Strae: Esel und
mongolische Ponies, schwankende Maultierkarren und einrdrige chinesische
Handwagen - alles schwer und hoch bepackt. Chinesische Kulis trieben die Tiere
in der chaotischen Strae vorwrts, und Reiter trieben wiederum die Kulis an.
Diese Reiter aber waren Fremde. Herren, die Tschun zu erkennen glaubte.
Pltzlich rissen die Stricke, die die berschwere Ladung des einen Fuhrwerks
halten sollten, eine Kiste flog krachend auf die Strae, und aus ihren
geborstenen Seiten rollte der Inhalt hervor: lauter kleine Barren feinsten
Syceesilbers! - Ein ungeheures Lrmen entstand, Fluchen und Schimpfen auf
chinesisch und in fremden Sprachen. Manche der Kulis wollten offenbar die
Verwirrung benutzen und mit rasch gefllten Taschen in der zunehmenden
Dunkelheit verschwinden. Aber die Fremden hatten diese Absicht sofort erkannt;
mit vorgehaltenen Revolvern drngten sie die Leute zurck und zwangen sie zum
Auflesen und Wiederaufladen des Silbers. Ohne zu wissen wie, befand sich auch
Tschun pltzlich bei dieser Arbeit, war mit unter die anderen eingereiht. So
hrte er sie brummend reden: Dieser Silberschatz stamme aus dem Palast eines
geflohenen Boxerprinzen. Die Fremden htten sie gedungen, um ihn zu heben. Viel
mehr noch lge dort in der Schatzkammer, man htte gar nicht alles fortschaffen
knnen. Der Rest solle morgen geholt werden.
    Aber wer soll es denn bekommen? fragte Tschun leise.
    Dumme Frage - die selbst doch natrlich!
    Jeder plndert doch fr sich.
    Als das meiste wieder notdrftig verstaut war, hoben die Herren selbst die
letzten Silberbarren von der Strae und warfen sie als Lohn den Leuten zu, die
beim Laden geholfen und die sie eben noch kalten Blutes zu erschieen gedroht
hatten.
    Es war eben eine Zeit sehr wechselnder Mglichkeiten.
    Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung, mit Reitern als Vortrab und
Reitern als Nachhut. - Tschun starrte ihnen nach, wie sie allmhlich in der
Dunkelheit versanken. Und trotz allem, was er an diesem Tage gesehen, erschien
ihm das Schauspiel dieser Fremden, die beutebeladen zwischen den Ruinen des
alten Peking dahinzogen, doch das allerseltsamste. Im Vergleich hierzu versank
alles brige in nebenschliche Geringfgigkeit, denn dieser Anblick stie ja
Begriffe um, die Tschun bis dahin nie in seinen Gedanken angetastet hatte. Die
unbedingte persnliche Integritt der fremden Herren war doch gerade das, worauf
sich alles aufbaute; was man auch sonst von ihnen sagen mochte, diese
Eigenschaft war ihnen nie bestritten worden! Aber wenn sie sie etwa gar nicht
besaen ... Dann waren sie ja auch nicht besser wie die chinesischen Mandarine?
... Tschun versuchte sich einzureden, da er schlecht gesehen, schlecht
verstanden habe. Es war vielleicht doch irgendeine offizielle Zahlung, die die
Fremden in diesen unruhigen Zeitluften selbst begleiteten. Was wuten
schlielich die dummen Kulis in der Strae! Was sie gesagt, das wollte Tschun
nicht glauben. Die Grundsteine seiner bisherigen Ueberzeugungen mten ja sonst
wanken. Und er wute doch, da es Wahrheit gewesen.
    Wider Erwarten traf Tschuns neuer Herr schon am nchsten Tage ein.
Verstaubt, bermdet durch heie eilige Mrsche, rckten seine Soldaten ein.
Alle, die jetzt nach dem Entsatz Pekings noch ankamen - und es waren ihrer viele
Tausende verschiedener Nationalitten -, machten den Eindruck von Leuten, die
sich um eine groe Gelegenheit betrogen dnken. Sie schienen bitter enttuscht
durch den Anblick der Ruinen Pekings. Was sie erwartet hatten, war schwer zu
sagen.
    Es kostete Mhe, fr Tschuns Herrn ein geeignetes Quartier zu finden, denn
die besten Gebude waren von den zuerst Angekommenen gleich besetzt worden. Jene
Soldaten, die man Amerikaner nannte und die aus einem anderen Weltteil kamen,
hatten ihre Zelte im Tempel der Landwirtschaft aufgeschlagen. Es waren Leute,
die auf Tschun den Eindruck machten, als gbe es fr sie keinerlei Zwang auf
Erden, sondern als tue ein jeder von ihnen das, was er gerade trieb, aus
persnlichem freien Willen und Vergngen. So jetzt diesen sogenannten Krieg
gegen die Boxer. Ihnen gegenber, auf der anderen Seite des Platzes, in den
kaiserlichen Absteigerumen des Himmelstempels, hausten englische Offiziere, und
ihre indischen Reiter kampierten in dem groen Park, der den Tempel umgibt. Die
heiligste Sttte Pekings war das, vor der jeder Chinese ehrfurchtsvollen
Schauder empfand, denn hier, auf hoher marmorner Estrade, opferte ja der Kaiser
alljhrlich seiner gttlichen Heimat, dem Himmel, legte vor ihm Rechenschaft
ber sein letztes Regierungsjahr ab und erflehte das Mandat, ein weiteres Jahr
zu herrschen. Frher durfte niemand diesen weihevollen Ort betreten. Jetzt war
er eine Kaserne fremder Barbaren! Auch die Russen und Japaner hatten ihre
gesonderten Gebiete in der Stadt; und die Truppen der verschiedenen anderen
Vlker, die Tschun nicht immer recht voneinander unterscheiden konnte, besaen
ihre getrennten Quartiere.
    Schlielich war fr Tschuns Herrn aber doch auch noch in einem entlegenen
Stadtteil ein altes, weitlufiges Yamen gefunden worden. Und es erwies sich, da
es dasselbe war, wo Tschun vor ein paar Monaten die abendliche Schaustellung der
Boxer mit angesehen hatte. Welch seltsame Wandlung seitdem! Wie siegessicher war
damals in dem berfllten Hofe der Untergang aller fremden Teufel prophezeit
worden! Und jetzt stand das Yamen verlassen. Der Besitzer war vor den Barbaren
geflohen und der Kaiserin nachgeeilt, und jene zogen nun hier als Sieger ein.
    Um das Yamen fr die Fremden bewohnbar zu machen, galt es vor allem, es
auszurumen und all die tausenderlei Dinge wegzuschaffen, die, im Gedanken, da
sie einmal gebraucht werden knnten, von Chinesen nie fortgeworfen werden und
sich in ihren Husern zu ungeahnter Flle ansammeln. Neben wertvollen Stcken
kam da unendlich viel Germpel zutage. Kulis, die Tschun angeworben hatte,
sollten all das wegschaffen. Dazwischen aber mischten sich die Soldaten in diese
Arbeit, lachten ber die seltsame Anhufung von Fetzen und Scherben, trieben
Unfug mit all dem fremdartigen Plunder. Es waren ausgelassene junge Menschen,
die es nicht sonderlich bse meinten, aber Tschun empfand es alles als Hohn. Er
entsann sich des blinkenden Napfscherbens, den er auf dem Trmmerhaufen seines
eigenen einstmaligen Huschens liegen gesehen, und es wrgte ihn etwas in der
Kehle.
    Warum siehst Du so griesgrmig aus? rief ihm einer der Soldaten zu.
    Wrdet Ihr froh aussehen, wenn all das in Eurem Lande geschhe? antwortete
Tschun. Der Soldat und seine Kameraden sahen sich zuerst verdutzt an, und dann
brachen sie in ein schallendes Gelchter aus. Es war aber auch zu komisch! Ihr
Land mit diesem Pekinger Misthaufen zu vergleichen!
    Aber sie betrachteten Tschun von da an als einen ungemtlichen
Spielverderber und setzten nun ihrerseits etwas hinein, ihn mglichst zu necken.
Und es bot sich dazu hufig Gelegenheit, denn Tschuns Amt bestand gerade darin,
fr die vielen Bewohner des Yamens und ihren ganzen Haushalt den Verkehr mit den
Chinesen zu vermitteln. Da gab es immer irgend etwas, was dieser oder jener von
ihm wollte. Und hrte er nicht rasch genug auf die verschiedenen Wnsche, so
zogen sie ihn gelegentlich am Zopf. Besonders gern tat das ein bser Korporal;
er nannte es die Schnur zur Klingel im Kopf in Bewegung setzen. Ja, es waren
rohe Leute, die von Manier und Zeremonien offenbar noch weniger Ahnung hatten
als die Bewohner der Gesandtschaften, die Tschun bisher gekannt hatte. Jene, die
ja angeblich geschickt worden waren, um gute Beziehungen mit China zu pflegen,
hatten etwas von diesem Bestreben doch immerhin auch im Verkehr mit ihren
chinesischen Bediensteten gezeigt - diese neuen Fremden dagegen traten herrisch
auf und erklrten anmaend, da sie gekommen seien, um endlich mal Ordnung und
ein strammes Regiment in diesem verlotterten, korrupten Lande einzufhren.
Tatschlich versuchte auch schon in den ersten Tagen nach dem Entsatz jeder in
seinem Gebiet auf seine Weise zu regieren. Sie pazifizierten die Stadt, wie
sie es nannten, und bildeten sich ein, sie von zweifelhaften Elementen zu
subern - und waren dabei doch so unwissend, da sie eigentlich in jedem
Zopftrger einen alten Boxer sahen. Sogar Tschun riefen sie so. Und er hatte
doch im Petang mitgekmpft und bei der Erbeutung der Kanone geholfen! Es machte
Tschun oft ganz ungeduldig, diese neuen Fremden untereinander voll Ueberhebung
von China reden zu hren; mit Hochmut urteilten sie ber alles, glaubten jede
Sache besser zu wissen und kannten und verstanden doch eigentlich noch gar
nichts, waren ja auch zumeist erst vor wenigen Tagen ans Land gestiegen.
    Und was wurde nicht alles unter diesem strammen Regiment stillschweigend
geduldet! Was taten, die es fhrten, nicht gar selbst! Die Sucht, zu plndern,
lag wie eine Epidemie in der Luft. Die Boxer hatten sie zuerst gebracht. Aber
nun wurden alle, Chinesen und Fremde, davon ergriffen. Jeder zog wie ein
Schatzgrber auf geheimnisvolle Wege aus. In einer der Gesandtschaften wurde
dann all die Beute ffentlich versteigert. Das gab dem ganzen seltsamen Handel
einen ehrbaren, offiziellen Anstrich. Ein unlauteres Gewerbe war dadurch, unter
obrigkeitlicher Kontrolle, systematisiert. Man sprach auch nicht von Beute,
sondern von Funden. Schtze an Pelzen und Seide, an Altertmern aller Art, kamen
da unter den Hammer. Neben diesen mehr privaten gab es aber auch ganz groe
nationale Transaktionen, die schon eher den Charakter staatlicher
Finanzoperationen trugen! Von den Inselzwergen wurde erzhlt, sie htten auf so
enorme Kornvorrte und Silberschtze die Hand gelegt, da damit ihre etwaigen
Ansprche auf Erstattung von Kriegskosten im voraus gedeckt seien.
    Der bse Korporal und seine Soldaten hatten sich auch gleich an dem
allgemeinen Geschft beteiligt. Bald schmckten die merkwrdigsten chinesischen
Gegenstnde ihre Quartiere. Abends verkleideten sie sich mit golddurchwirkten
Mandarinengewndern und sprangen und tanzten wild darin herum. Auch Stcke
fhrten sie auf; sie spielten Die bse Tz Hsi oder Li hung tschang. Denn
das waren ihnen die gelufigsten Namen, und es ging ihren Trgern in diesen
Vorstellungen stets jmmerlich schlecht. Dazu erklangen die leiernden Weisen
europischer Spieldosen, die in allen chinesischen Husern zu finden waren. Und
die vielen Uhren, die ebenfalls einen Gegenstand chinesischer Sammelpassion
bildeten, tickten und schlugen die Stunden - diese sonderbarsten Stunden
Pekinger Geschichte.
    Manchmal drangen die Fremden in Tschun, er solle sie fhren, denn er kenne
gewi gute Gelegenheiten. Aber er wehrte sich gegen solche Zumutungen, und
konnte er sich ihnen gar nicht entziehen, so whlte er absichtlich Straen, von
denen er genau wute, da da andere vorher gewesen und nichts mehr zu holen war.
Solche Enttuschungen erbitterten aber den Korporal und die Soldaten, und ihr
Verkehr mit Tschun ward auf immer unfreundlichere Tne gestimmt.
    Tschun wnschte sich aus alledem oft heraus. Er war, ohne es selbst zu
wissen, berreizt und abgespannt von allen Entbehrungen und Schrecknissen der
Belagerungszeit und htte Ruhe und Vergessen gebraucht. Aber schon Kuang yins
halber, dem sonst vielleicht Unannehmlichkeiten daraus erwachsen wren, mute er
bei diesen neuen Herren aushalten. So diente er ihnen denn, so gut er es
vermochte, und lie sich, des eigenen Ansehens halber, nie etwas zuschulden
kommen; aber er tat es verdrossenen Gemts, und immer grer wurde die
Geringschtzung, mit der er im stillen auf all diese zeitweiligen fremden
Machthaber herabschaute.
    Zu diesen Gefhlen den Fremden gegenber gesellte sich aber auch Emprung
gegen die eigenen Landsleute. Tschun wute oft nicht, welche dieser Empfindungen
strker war. Wrdelos fand er es schon, da sie, wie er es zuerst bei Sin schen
erlebt, mit Fahnen und Zetteln herumliefen, die sie als Anhnger der Fremden
proklamierten; wrdelos, da gar manche, die vor wenigen Tagen noch die
Boxergeister angerufen hatten, sich jetzt christliche Rosenkrnze umhingen und,
sobald sie Auslndern begegneten, auf sich selbst deutend, Katholik, Katholik
schrien. Aber viel schlimmer noch erschien es Tschun, da seine Landsleute,
anstatt ihre Zwistigkeiten untereinander auszutragen, jetzt oft die Auslnder um
Hilfe und Schlichtung anriefen, da einer gegen den anderen Vorteile durch die
fremden Herren zu erlangen suchte.
    Denn so wie vor wenigen Monaten noch private Feindschaft bei den Boxern
Christen und Christenanhnger zu denunzieren liebte, so uerte sich jetzt
manche Rache, indem sie Verhate den fremden Machthabern als Boxer und
Boxerhehler angab. Das war ein einfaches Mittel, sich Unbequemer und Beneideter
zu entledigen. Denn es war bekannt, da in solchen Fllen die Prozesse meist
kurz gefhrt wurden. Dazu war man ja auch in das Land gekommen, um Boxer
auszurotten und Exempel zu statuieren!
    Auch Tschuns neuer Herr erhielt eine Anzeige, da in seiner Nachbarschaft
ein frherer Boxer hause, der bei der Zerstrung und Plnderung von Husern der
Fremden ttig gewesen sei, und der noch jetzt Waffen bei sich verberge und
schlimme Anschlge fhre.
    Der Denunzierte war ein junger Hndler, den ursprnglich Sin schen an Tschun
empfohlen hatte, und dem dann auch, da er vorteilhafte Bedingungen stellte,
bestimmte Vorratslieferungen fr die Truppe von dem Offizier bertragen worden
waren. Da er den Hndler vorgeschlagen hatte, wre es Tschun sehr peinlich
gewesen, wenn er sich als unzuverlssig erwiesen htte, aber Tschun glaubte
vorlufig nicht recht an die Beschuldigung, sondern witterte dahinter die Rache
eines enttuschten Konkurrenten.
    Es ward nun ein Zug nach dem Hause des angeblichen Boxers unternommen. Der
lie die Fremden bereitwilligst ein und zeigte ein ganz unbefangenes Wesen. Als
Tschun ihm im Auftrag seines Herrn erffnete, wessen er beschuldigt wrde,
beschwor er entrstet, das sei alles erlogen. Allein bei der Haussuchung, die
der Korporal und die Soldaten alsobald unternahmen, erwies sich ein Teil der
Beschuldigungen sofort als richtig, denn in rckwrts gelegenen Teilen des
weitlufigen Hauses entdeckten sie wohlverborgen eine Anzahl Kisten, und als sie
diese nun, trotz des Protestes des Hndlers, da sie ihm nicht gehrten, in den
Hof schleppten und aufbrachen, fanden sich darin nicht nur Waffen, sondern auch
allerhand europische Gebrauchsgegenstnde, die offenbar aus den geplnderten
Missions- und Gesandtschaftsgebuden stammen muten. Der Mann beschwor nun
wieder, da dies Kisten seien, die ihm ein Freund zur Aufbewahrung anvertraut
htte, und von deren Inhalt er selbst keine Ahnung gehabt habe. Aber er wurde
nun doch sofort gefesselt in das Yamen des Offiziers abgefhrt.
    Zu seiner Vernehmung war dann einer der gelehrten Herren, die Chinesisch
konnten, aus der Gesandtschaft gebeten worden. Es kam aber nichts dabei zutage.
Der angebliche Boxer blieb ebenso hartnckig bei seinem Leugnen, wie der
herbeigeeilte Anklger bei seiner Beschuldigung; ja, dieser sagte jetzt sogar
aus, er selbst habe den Beklagten bei den Zerstrungen im Fremdenviertel mit
Fackel und Schwert wten sehen. Aufgefordert, den Freund zu bezeichnen, fr den
er vorgab, die Kisten aufbewahrt zu haben, weigerte sich der Hndler, seinen
Namen zu nennen. Alle Indizien sprachen gegen ihn.
    Schlielich wandte sich der Herr, der das Verhr fhrte, an Tschun, den er
von seiner frheren Dienstzeit bei der Taitai her ja kannte, und frug ihn: Da
Du den Mann empfohlen hast, kannst Du ihn doch nicht fr einen Boxer gehalten
haben?
    Sicherlich nicht! antwortete Tschun.
    Nun, und was ist jetzt Deine Ansicht? Glaubst Du, da es einer ist oder
nicht? Ihr wit doch am besten ber einander Bescheid.
    Tschun aber war inzwischen selbst schwankend geworden. Die Anklage, die er
anfnglich fr einen bloen Racheakt gehalten, sah jetzt doch anders aus. So
sagte er nur: Ich wei nicht.
    Aber Du mut doch eine Ansicht haben, fuhr der gelehrte Herr fort, willst
Du sie mir nicht sagen?
    Ich kann darber nicht sprechen, antwortete Tschun.
    Warum denn nicht? drang der Herr in ihn.
    Da antwortete Tschun ganz leise: Weil ich nicht gegen meine Landsleute
aussage.
    Der fremde Herr schaute ihn einen Augenblick ganz verwundert an, dann zuckte
er die Achseln und sagte:
    Euch kennt man doch nie aus!
    Der Hndler wurde erschossen. In einem der Hfe des Yamens stand er vor
einer Mauer. Er war ganz gefat. Der Korporal kommandierte; dann krachten die
Schsse aus den Gewehren der Soldaten. Ganz wie Tschun es bei der Verteidigung
des Petang so oft erlebt. Einige der Kugeln flogen daneben und schlugen in das
Gemuer. Aber die anderen hatten gut getroffen. Der Hndler strzte nieder und
rhrte sich nicht mehr. Zusammengesunken, als sei der Krper in den weiten
Kleidern verschwunden, so lag er da. Auch wieder ganz so, wie Tschun es whrend
der Belagerungswochen bei so vielen chinesischen Leichen gesehen. Aber das eben
noch lebensvolle und jetzt so stille Gesicht wies ein merkwrdig verklrtes
Lcheln auf. Tschun mute pltzlich an den jungen fremden Offizier denken, der
kurz vor dem Entsatz des Petang noch gefallen war und dort zu Fen der
steinernen Madonna begraben ruhte. Ganz so verklrt lchelnd hatte der
ausgesehen, und der alte Bischof hatte gesagt, das komme davon, da er so
glubig gewesen sei und gewut habe, da er fr eine gute Sache sterbe. Sollte
wie jener, so auch dieser angebliche Boxer fr etwas gestorben sein, das des
Sterbens wert gewesen?
    Spter kamen seine Verwandten. Sie baten um Auslieferung der Leiche. Sie
hatten sehr Angst, da sie ihnen von den Fremden am Ende gar vorenthalten wrde.
Drum sprachen sie sehr leise und unterwrfig, wie Leute, die, um die Erfllung
eines Herzenswunsches zu erlangen, bereit sind, etwas mehr oder minder
Erniedrigung mit in den Kauf zu nehmen. Aber so demtig sie auch taten, Tschun
sah doch den unzhmbaren Ha in ihren rasch wieder gesenkten Augen lodern.
    Ihre Bitte ward von dem Herrn gewhrt.
    Tschun half ihnen, die Leiche aufnehmen. Eine Snde, eine Schande ist's,
hrte er sie dabei murmeln. So ein stiller, guter Mensch! Und mit den I ho
Chan hat er nie etwas zu tun gehabt.
    Dann schritten sie mit ihrer Brde durch den Hof. Aber wie sie schon beinahe
am Tor waren, wandten sie unwillkrlich die Kpfe zurck nach den Quartieren der
Fremden - und ganz leise hrte Tschun den einen flstern: Wir werden ihn rchen
- an jenen dort.
    Es war nur ein Hauch, ein Bewegen der Lippen gewesen und hatte doch einen
Klang von Verhngnis. Tschun ward es ganz kalt bei den Worten. Er fhlte, da
sie kein unberlegter Schmerzensausbruch, keine leere Drohung waren, sondern da
ihnen eine bestimmte Absicht zugrunde liegen mute. Er wnschte, er htte die
Worte nicht gehrt. Aber da er sie gehrt hatte, konnte er sie aus seinem
Bewutsein nicht mehr wegwischen. Sie belasteten ihn mit einer Verpflichtung. Er
empfand, da irgendein grausiger Anschlag gegen seinen neuen Herrn und dessen
Leute geplant wurde. Und so wenig er sie liebte, erkannte er doch die Forderung,
sie zu schtzen, wo vielleicht er allein es vermochte, da ja nur er eine Gefahr
fr sie ahnte. Aber welche Gefahr? - Ja, das vor allem galt es zu wissen. Er
mute ergrnden, was jene dort eigentlich im Schilde fhrten.
    Ohne weiteres Besinnen schlich er sich fort und folgte dem Trauerzuge nach.
Da er gleich kam, um vor dem aufgebahrten Toten seine Verbeugung zu machen,
konnte von den Hinterbliebenen ja nur gut aufgenommen werden, und vielleicht
gelang es ihm, irgendetwas zu erfahren, so da er weiteres Unheil verhten
konnte. Freilich htte es sich geziemt, zu solchem Besuch feierliche Kleidung
anzulegen und vor allem das weie Tuch Mao tao bei sich zu tragen, womit die
rote Quaste des Hutes beim Betreten eines Trauerhauses bedeckt wird - aber es
waren ja so ungewhnliche Umstnde - da durften vielleicht doch einmal die
Regeln der Zeremonie umgangen werden!
    Im Trauerhause waren die ntigsten Vorbereitungen fr den Empfang des Toten
getroffen worden, so gut es in diesen Zeiten kriegerischer Verwirrungen eben
ging. Zettel, die den Todesfall meldeten, klebten schon auf den Pfosten des
ueren Eingangstores, und darber hing das Stck Hanfgewebe, das bekundet, da
Kinder um Vater oder Mutter trauern. Im Hofe war, quer vor das Tor, ein weier
Wandschirm aufgestellt, der die Zeichen Pou-wen trug.
    Dem Toten flocht man eine weie Schnur in den Zopf, und dann wurden ihm die
Sterbekleider angelegt, die keine Metallknpfe haben drfen, da sie im Jenseits
zu schwer sein wrden; auch Stiefel mit weichen Sohlen bekam er und den
offiziellen Hut, doch ohne rote Fden. Also angetan, bahrte man ihn in der Mitte
des Hauptgemaches auf, wie es ihm in seinen zwei Eigenschaften als ltester Sohn
und als derzeitiges Haupt der Familie zukam.
    Denn der Vater des Toten war merkwrdigerweise fort. Das erfuhr Tschun
sogleich. Aber niemand erwhnte, wo er eigentlich sei.
    Auer den Verwandten, die die Leiche abgeholt hatten, der Mutter und der
Witwe, waren da noch die nchsten Freunde versammelt, denen die Aufgabe zufllt,
die fremderen Besucher im Namen der Familie zu empfangen und zu dem Toten zu
geleiten. Auch Tschun fhrten sie und reichten ihm die schmale weie Trauerbinde
Tsing-pa. Damit umwickelte er sich vorschriftsmig den Kopf und warf sich
ehrerbietig vor dem Toten nieder.
    Danach mischte sich Tschun in einem Nebenzimmer unter die Verwandten und
brigen Gste. Sie alle sprachen von dem Toten, priesen sein stilles
freundliches Wesen und ergingen sich in heftigen Ausbrchen gegen diese
Barbaren, die ihm, einem Unschuldigen, ein so jhes Ende bereitet. Und er
konnte doch gar nicht anders! rief einer, ich frage Euch alle: er durfte doch
nicht etwa seinen Vater verraten?
    Sicherlich nicht! Er hat recht gehandelt! antworteten sie einstimmig.
    Tschun horchte gespannt auf; er begann die geheimen Zusammenhnge zu ahnen.
    Er hat alles auf sich genommen, um den Vater zu schtzen, begannen die
Freunde wieder, er ist gestorben wie die hchsten Beispiele kindlicher
Ehrerbietung und Treue, die von den Klassikern gepriesen werden.
    Und einer der Verwandten sagte seufzend: Ja, wenn die Kaiserin darum wte,
sie verliehe ihm sicher posthume Ehren!
    Wahrlich, Du hast recht, fiel ein anderer Vetter ein, manch einem ist um
geringeres Verdienst ein Gedenkbogen errichtet worden.
    Nun, wenigstens erhlt er ein Begrbnis, so groartig, wie er selber nie
getrumt, meinte ein Freund.
    Aber das ist nicht genug, murmelte ein Vetter und schaute die anderen
Verwandten bedeutungsvoll an.
    Nun lauschte Tschun noch gespannter, denn jetzt, so hoffte er, wrden sie in
der Erregung doch sicher von ihrem Vorhaben reden. Aber die Vettern nickten sich
nur schweigend zu. Und dann ging das Gesprch auf das Begrbnis ber, lange
Berechnungen seiner mutmalichen Kosten wurden angestellt, und jeder zhlte die
Flle seiner eigenen Bekanntschaft auf, wo Hinterbliebene durch groe
Aufwendungen einem Toten guten Empfang im Jenseits und sich selbst hohes Ansehen
auf Erden erworben hatten.
    Das Thema war unerschpflich. Tschun fhlte, da er jetzt nichts mehr
erfahren wrde. Enttuscht erhob er sich und nahm Abschied.
    Als er dann in dem ueren Hof des Hauses stand, wo noch die von den fremden
Soldaten erbrochenen und geleerten Unheilskisten standen, gewahrte er zwei
kleine Kinder. Die Shnchen des toten Hndlers waren es, um die sich, bei dem
pltzlichen Schicksalsschlag, offenbar niemand sonderlich kmmern konnte. - Sie
hatten ein paar Fetzen weien Trauerstoffes erwischt und sich damit die
drolligen bezopften Kpfchen umwickelt. So ausstaffiert, warfen sie sich mit
ehrfrchtigen Gebrden vor einer der Kisten nieder, als sei es ein Sarg, in dem
ein Toter liegt.
    Tschun schaute ihnen einen Augenblick zu, wie sie sich so ernsthaft
feierlich benahmen, ganz wie sie es von den Groen gesehen. Dann trat er zu
ihnen und sagte: Ihr trauert wohl um den Vater?
    Ja, antwortete das kleinste Kind, die fremden Teufel haben ihn tot
gemacht! nun ist er auch fort!
    Und der grere Knabe fiel erklrend ein: Der Grovater ist nmlich auch
fort, ganz rasch ist er fort, aber der ist nicht tot, der ist zum Prinzen Tuan
geflohen in die Verbannung!
    Aber, erzhlte der Kleinste mit wichtiger Miene, unsere groen Vettern
haben gesagt, sie wrden die fremden Teufel dafr strafen, da sie den Vater tot
gemacht haben. Im Hause, wo sie wohnen, werden die Vettern sie braten.
    Tschun stockte der Atem. Aber er zwang sich, ganz gleichgltig zu fragen:
Und wann wollen die Vettern denn die bsen Fremden braten?
    Nach der Beerdigung, haben sie gesagt, antwortete das Kind. Nachts, wenn
die fremden Teufel alle schlafen, wollen sie hinziehen. Mit vielen Kannen voll
Petroleum werden sie das Holz begieen.
    Und dann, rief der andere Kleine, wird es wieder so ein schnes groes
Feuer geben, wie der Grovater sie mit dem Prinzen Tuan anzndete!
    Und bei den Worten glomm es in den Schlitzuglein der beiden Kinder, als ob
aus ihnen selbst bse Flmmchen hervorzngelten.
    Tschun aber atmete auf. Nach der Beerdigung erst, hatten sie gesagt, dann
hatte er also noch Zeit, zu berlegen. Denn die wrde doch erst in ein paar
Tagen sein. - Er eilte nun davon, sinnend, was zu tun. Diesen Anschlag mute er
verhindern, das stand fest. Aber wie es am besten anzufangen, wute er nicht.
Seinem Herrn alles, was er ermittelt hatte, erzhlen, das wre das einfachste
gewesen. Vielleicht rhrte sogar ihn der Gedanke an diesen Sohn, der die Schuld
des Vaters auf sich genommen hatte und unschuldig in den Tod gegangen war?
Vielleicht begngte er sich, dann die Wachen zu verdoppeln, und ermchtigte
Tschun, das den Verwandten des Hndlers zu sagen, und sie vor unberlegten
leidenschaftlichen Taten zu warnen? - Das wre schn, das wre gromtig. - Ja,
freilich wre es das. - Aber - hatte denn Tschun einen Fremden je gromtig
gesehen? - Und vor allem: wrde ihm sein Herr die ganze Geschichte berhaupt
glauben? - Die Fremden glaubten ja so oft das Erlogenste, Unmglichste, worber
jedes chinesische Kind gelacht htte - aber daneben wiederum wollten sie auch
oftmals recht schlau scheinen und bezweifelten dann gerade solche Dinge, an
denen alles klar und jedes Wort wahr gewesen! - Unberechenbar waren die
Barbaren, und niemand konnte im voraus wissen, wie sie eine Sache auffassen
wrden. - Und Tschun sah ein, da er diesen einfachen, aufrichtigen Weg nicht
riskieren durfte. Denn es konnte leicht sein, da er dadurch die ganze Familie
des Hndlers in noch schwereres Unglck brachte, und Tschun wollte doch nicht
teil daran haben, da etwa neue grausame Strafe ber diese Menschen verhngt
wrde. Sie waren ja unzurechnungsfhig durch Schmerz und Wut. Aber wie sie auch
immer sein mochten, Tschun wollte berhaupt nie, nie Landsleute in die Hand der
Fremden liefern! - Tschun fhlte, wie sein Kopf ganz mde wurde von dem vielen
Denken. Aber er hatte doch niemand, der ihm half, er mute allein damit fertig
werden. Und dann fiel ihm ein: Wie, wenn er nach der Beerdigung zu jenen ging,
sie warnte, ihnen den ganzen bsen Plan auszureden suchte? Wrden sie auf ihn
hren? - Ach, das schien wenig aussichtsvoll. Zu deutlich erinnerte er sich der
festentschlossenen Gesichter mit dem bsen, finsteren Ausdruck! - Die
betrachteten es als eine Frage des persnlichen Ansehens, die ungerechte
Hinrichtung des Vetters nicht ungeshnt auf sich sitzen zu lassen. - Was sollte
Tschun nur tun? Er wollte so gerne fr alle das Beste: Die Fremden, die in seine
Hand gegeben, vor Gefahr bewahren; die Landsleute an schwerem Unrecht hindern.
Und fr sich selbst wollte er etwas Ruhe. Ach ja, Ruhe. Er war ja so sehr, sehr
mde!
    So langte Tschun endlich im Yamen wieder an. Es war spter geworden, als er
gedacht. Einige der Soldaten und der bse Korporal standen ausschauend am Tor.
    Na, riefen sie hhnisch, jetzt wirst Du es aber schn kriegen! Der Herr
hat mehrmals nach Dir gefragt. Er ist sehr aufgebracht, da Du einfach
weglufst, wie es Dir pat.
    Ja, sagte der Korporal, ich soll gleich melden, sobald Du zurck bist,
zum mindesten kriegst Du schweren Arrest.
    Im selben Augenblick kam aber auch schon Tschuns Herr selbst von seinem
Hause her in den Hof. Die Soldaten salutierten und gingen dann in der Richtung
ihrer Quartiere davon. Zgernd, um noch etwas von dem Auftritt zu erhaschen. Der
Korporal trat ein paar Schritte seitwrts.
    So, da bist Du also endlich wieder! rief der Offizier, Tschun gewahrend,
und sein Gesicht ward ganz rot, was soll denn das heien, ohne Urlaub
wegzulaufen! Wo bist Du gewesen?
    Ich war bei den Hinterbliebenen des Hndlers, antwortete Tschun.
    Das ist ja noch schner! brauste der Fremde auf, zuerst empfiehlst Du mir
leichtsinnigerweise, wenn nicht gar absichtlich, solch Boxergesindel, und
nachher lufst Du auch noch selbst in ihr Haus. Was hattest Du denn da zu
suchen?
    Tschun war ratlos, was zu antworten. Bei der Stimmung, in der sein Herr sich
augenblicklich befand, und in Gegenwart des Korporals, konnte er unmglich den
wahren Zweck seines Besuchs nennen. Das htte alles verdorben. Die
verschiedensten Gedanken schossen ihm wirr durch den Kopf. Und dann sagte er,
glcklich, eine Antwort gefunden zu haben: Ich wollte Ihnen mein Beileid
bezeigen.
    Der Offizier sah Tschun zuerst verdutzt an und dann brach er in ein hartes
Lachen aus. Du willst mich wohl zum Narren halten, redest da wie ein groer
Herr von Beileid bezeigen. Nun, ich frag' Dich nochmals: Was wolltest Du dort?
Aber sprich die Wahrheit - sonst ...
    Aber es ist doch die Wahrheit! rief Tschun, jetzt ganz auer sich - denn
es war ja schlielich die Wahrheit, was er da sagte!
    Der Fremde sah ihn scharf an und zuckte die Achseln. Na, sagte er, wenn
Du es durchaus nicht anders willst, werden wir Dir die Flausen mal vertreiben,
- und er winkte den bsen Korporal heran. Der stand stramm, hrte, was der Herr
ihm sagte, und salutierte. Und whrend dann der andere davonging, hatte er
Tschun auch schon ergriffen. Dorthin, marsch! kommandierte er, wies nach den
Soldatenquartieren und gab Tschun einen Futritt, um ihn in die gewnschte
Richtung zu dirigieren. Tschun taumelte ein paar Schritte vorwrts. Heda Ihr
dort, kommt mal her, rief der Korporal einigen Soldaten zu, die da
herumstanden. Dann gab er ihnen ein paar Befehle.
    Und ehe Tschun berhaupt begriffen, was geschehen sollte, hatten ihn zwei
der Leute auch schon gepackt und umgedreht, und whrend sie ihn niederhielten,
hieb ein Dritter auf seinen Rcken. Tschun war so erstarrt, da er den Schmerz
nicht mal fhlte. Er rhrte sich nicht.
    Da sagte der Korporal: Hau man zu, der Kerl mu ein dickes Fell haben, er
muckst ja nicht mal!
    Aber Tschun war noch immer wie gelhmt. Er htte sich gar nicht bewegen
knnen, auch jetzt nicht, wo die Hiebe schrfer fielen.
    Es ist eigentlich eine viel zu milde Strafe fr so 'nen Boxerfreund, sagte
der Korporal. Ohne viel Federlesens htt' man ihn erschieen sollen, wie den
andern Kerl.
    Und wie um dem mglichst nahe zu kommen, wurden die Schlge nun immer
entsetzlicher. Aber Tschun rhrte sich noch immer nicht. Er wre lieber
gestorben, als den Schmerz zu zeigen, den er empfand. Damit wre ja das, was
viel unertrglicher war als der Schmerz, die Schande, zugestanden gewesen. So
bi er die Zhne aufeinander und wiederholte sich innerlich unablssig in
bitterem Trotz: Ihr knnt mir doch nichts anhaben, Ihr knnt nicht, Ihr fremden
Barbaren, Ihr! Und das war seine Rettung: der Hohn, die Verachtung, die da in
ihm erwachten. Und er sagte sich: Wenn mich ein wilder Stier niederstiee, wenn
mich Wlfe zerfleischten, knnte ich mich ihrer ebenso wenig erwehren, und ich
wre darum doch auch nicht erniedrigt. Er suchte und tastete nach etwas, woran
er sich halten knnte, um nicht alle Selbstachtung zu verlieren, da er das
ertragen mute.
    Dann endlich lieen ihn die Soldaten los. Wie ein Bndel Lumpen sank er
zusammen. Blieb regungslos, scheinbar tot, liegen, solange die Soldaten in der
Nhe waren. Nur seine schmalen Augen lebten. Aus dem gelben, seltsam grnwei
gewordenen Gesicht blinzelten sie verstohlen hervor und beobachteten die Fremden
mit einem neuen bsen Ausdruck - angstvoll und tckisch zugleich.
    Sobald aber die Soldaten mit dem Korporal davongegangen waren, kroch Tschun
am Boden entlang zu seinem Schlafwinkel. Ganz merkwrdig tierische Bewegungen
hatte er dabei. Wie eine Schlange, die verstohlen zwischen Laub dahingleitet,
wie eine Krte, die sich platt an den Boden drckt. Etwas von dem Gebaren all
der Geschpfe, die je getreten, geschlagen, verfolgt worden sind, schien, wie
eine unwillkrliche Erinnerung an frhere Daseinsbedingungen, in ihm, dem
Menschen, pltzlich wieder erwacht. Als passe er sich von neuem Zustnden an,
die ihm in fernen frheren Existenzen gewohnt gewesen. Er war ja auch
tatschlich in diesem Augenblick nichts anderes als ein armes, getretenes Tier.
Und ganz wie ein Tier hatte er nur das eine Streben, sich nicht auch noch von
denen begaffen zu lassen, die ihn gepeinigt hatten, sich wenigstens verkriechen
zu drfen. So lag Tschun zusammengekauert in seinem Kmmerchen. Es war ganz
still um ihn her. Das tat wohl. Er mute, vllig erschpft, dann eine ganze
Weile so hingedmmert haben, denn als er einmal aufschaute, bemerkte er, da es
Nacht geworden. Durch das Papierfenster konnte er sehen, da drauen der Mond in
den Hof schien. Er hatte noch gar keinen Gedanken fassen knnen. Es war, als sei
alles ausgewischt. Eine Leere. Doch jetzt die Stille brachte ihn, indem sie ihm
zum Bewutsein kam, dazu, wieder Gedanken zu formen. Und der erste Gedanke war
ein Wunsch: da es doch so still bleiben mchte. Das tat so wohl. Wo so vieles
schmerzte. Aber es wrde ja nicht mehr lange ruhig bleiben. Ein neuer Tag wrde
anbrechen.
    Und nun waren auch die Erinnerungen alle da. Tschun war zum Bewutsein
dessen erwacht, was er erlebt hatte. Schon lag er auch nicht mehr, sondern sa
aufrecht da und starrte in die Finsternis. Was er vor sich sah und anstarrte,
das waren ein paar Worte, die in flammenden Zeichen gegen die dunkle Wand gemalt
zu sein schienen: Hier kann ich nicht bleiben. Und dann hrte er seine eigene
Stimme sagen: Hier will ich nicht bleiben. Es war ganz elementar und
unabweislich. Gerade wie damals, wo er, als Junge, bei der Ungerechtigkeit des
alten Yang hung und der Seinen, dieses selbe zwingende Gebot empfunden hatte.
    Das schien ihm lang, lang her. Damals war er um Schutz zu den Fremden
geflohen. Ja, da mute es freilich lange her sein! Denn heute! ... Und Tschun
lachte voll bitteren Hohnes bei dem Gedanken, da er je, um Schutz und
Gerechtigkeit zu finden, zu den Fremden habe fliehen knnen. Was warf er denn
damals Yang hung und den Seinen vor? Da sie ihn geschlagen und Dieb genannt,
ohne da das von ihnen bewiesen. Ganz dasselbe taten ja aber diese Fremden und
noch viel, viel mehr. Und dabei schauten sie mit Verachtung auf die Chinesen und
nannten sich hhere Wesen!
    Er selbst hatte sie einst auch dafr gehalten. War vertrauend zu ihnen
gekommen, im Glauben, da sie, wie fr ihn, den einzelnen, so auch fr das ganze
Land, nur Wohlwollen und gute Gaben brchten. Welcher Wahn war das gewesen!
Nein! wahrlich, die waren keine hheren Wesen, keine besseren Menschen! Und sie
brachten nichts Gutes und wollten niemand wohl. Sie wollten ja nur mglichst
viel fr sich selbst! Aus Gier waren sie zuerst ber die Meere von ihren fernen
Lndern hergekommen. Und Gier blieb seitdem die treibende Kraft in all ihrem Tun
und Trachten. Irgendeines Gewinnes halber opferten sie ihre Ueberzeugung;
duldeten, da denen unrecht geschah, die doch zu ihnen und ihren angeblichen
Lehren gehalten. Aus Angst, da ja nicht einer einen Sondervorteil erhasche,
hatten sie sich auch nie untereinander verstndigen knnen, selbst da nicht, wo
dringendste Gefhrdung es geboten htte, lieen statt dessen Unheil riesengro
anwachsen, da es ber Tausende hereinbrach und sie selbst beinahe mit
verschlang. Gier hatte sie mit Blindheit geschlagen, so da sie den Ha nicht
heranwachsen sahen, den ihre Uebergriffe, ihr rastloses Wollen geweckt hatten.
Ja, die Gier, die selbstzeugend Migunst, Zorn, Raub und Mord gebiert, die stets
von neuem zu Feindschaft zwischen den einzelnen, zu Krieg zwischen Staaten
fhren mu, - die lag zu Grunde ihres Wesens. Gier, die Weltverderberin, Gier,
der Menschheit Verhngnis.
    Heute erkannte Tschun all das ganz deutlich. Und dabei vergegenwrtigte er
sich pltzlich, da er es eigentlich schon lange geahnt, ja sogar mit Sicherheit
gewut habe -, da er es nur immer wieder zurckgedrngt hatte, weil er es vor
sich selbst nicht zugeben mochte, sondern noch immer wahr haben wollte, da,
nicht ihm allein, nein vor allem dem ganzen Lande, eine neue, schnere Zeit doch
noch durch diese besseren Menschen beschieden sein solle.
    Die Jahre, die er im Fremdenviertel verlebt, zogen noch einmal im Fluge an
ihm vorber, die Jahre, die mit soviel seltsam schnen Erwartungen begonnen, und
die nun heute so endeten - in Ekel und Emprung.
    
    Denn es war zu Ende. Unwiederbringlich. All sein Glaube an die Fremden war
dahin. Nie mehr knnte er von ihnen Gutes erwarten. Nicht fr sich. Nicht fr
sein Land. Sie erschienen ihm jetzt hassenswert. Und er hate sie mit all seinen
Krften. Ja, er schpfte neue Krfte aus diesem groen Hasse. Und nie wrde er
von ihnen hinnehmen, was er schon als Kind von seinen eigenen Landsleuten nicht
ertragen hatte. Nein, keinen Augenblick mehr konnte er bei diesen Menschen
bleiben. Er mute fort. Er wollte fort.
    Und als der Tag zu grauen begann, schlich Tschun aus seiner Kammer. Vorbei
an den Quartieren der noch schlafenden fremden Soldaten. Rckwrts bei den
Pferdestllen wollte er hinaus. Da wrden nun bald die Kulis, die den Mist
fortzuschaffen hatten, von drauen kommen und ihre Arbeit beginnen. So wrde er
unbemerkt entkommen knnen, und wenn ihn einer der Kulis etwa doch gewahren
sollte, wrde der ihn nicht hindern, noch angeben. Das waren ja Landsleute,
Chinesen! -
    Hinter einen Vorsprung der Stallgebude gedrckt, wartete er eine Weile.
Dann knarrten Tren. Schritte erschallten. Leben begann sich in dem weitlufigen
Yamen zu regen. Ein verschlafener Soldat nahte und schlo das Tor fr die schon
drauen wartenden Kulis auf. Tschun ersphte einen gnstigen Augenblick, wo
niemand mehr an der Tr stand. Mit einem Satz war er drauen. Und nun lief er,
trotz schmerzender Glieder, so schnell er konnte, davon, in tdlicher Angst,
verfolgt und etwa gar gewaltsam zurckgefhrt zu werden.
    Erst als eine weite Strecke zwischen ihm und dem Yamen lag, getraute er
sich, seine Schritte allmhlich zu verlangsamen. Und dann hielt er in seinem
Lauf ganz inne.
    Er befand sich jetzt auf der gewlbten Brcke, die den Kanal im
Gesandtschaftsviertel berspannt. Dieselbe Stelle war es, wo er, vor Jahren, als
er von Yang hung zu der Taitai geflohen war, auch gerastet hatte. Aber der
Anblick, der sich ihm heute bot, war sehr anders als damals. Lockend, voller
Versprechungen, war ihm alles erschienen, an jenem fernen, flimmernden
Frhlingsmorgen, wo spielendes Licht alle Dunkelheit lste. - Heute sah er von
hier oben auf Reihen und Reihen verwsteter Huser. Zerlchert, der Dcher
beraubt, standen sie da, und er blickte in ihre ruigen Tiefen, sah ihr
verkohltes Geblk, ihre trostlos ragenden Mauern.
    Die einzige Aehnlichkeit mit dem damaligen Bilde waren die vielen fremden
Fahnen, die auch heute an hohen Masten ber den verstmmelten Gebuden im khlen
Frhwind wehten. Und sie hatten sich noch sehr vermehrt, flatterten heute nicht
nur ber den Gesandtschaften, sondern waren auf den verschiedensten chinesischen
Bauwerken aufgepflanzt, wo immer fremde Truppen einquartiert lagen. In allen
Stadtteilen, ja selbst auf den hchsten Punkten der verbotenen Stadt, zwischen
den herbstlich werdenden Bumen, sah man sie wehen. - Als ob ganz Peking den
Fremden gehre.
    Bei diesem Gedanken verga Tschun die Schmach, die ihm selbst geschehen. Sie
war ja nur ein kleiner Teil der groen Schmach, die auf dem ganzen Lande
lastete, und die durch jede dieser sich blhenden fremden Fahnen
versinnbildlicht wurde. Tschun selbst war es gelungen, sich von seinem fremden
Herrn freizumachen. Er war ihm entronnen. - Aber das Land? Wie wrde das fahren?
- Konnte sich das je wieder befreien? War es nicht unentrinnbar in ein Netz
geraten, dessen Maschen sich fester und fester knpften? - Und selbst wenn die
jetzigen Besatzungen abzgen, wrde der Stempel fremder Herrschaft nicht doch
unvertilgbar zurckbleiben? - Diese unergrndlich schlauen Fremden verstanden es
ja so gut, ein Land in Abhngigkeit zu bringen! Ganz friedlich begann der
Verlauf, mit viel schnen Reden ber Fortschritt und hhere Zivilisation. Wo
bisher Gengen geherrscht, weckten sie zuerst knstlich neue Bedrfnisse, liehen
dann Geld, sie zu befriedigen, regierten schlielich, durch Ratgeber und
Syndikate, kraft dessen, was ihnen geschuldet wurde. Und wo es not tat, wuten
sie Zwischenflle hervorzurufen, immer gerade in dem Augenblick, da sie
irgendwelche besondere Vorrechte erstrebten. Die muten ihnen dann als Shne
zugestanden werden. - Versuchte dann aber lange angesammelter Groll das Netz
gewaltsam zu zerreien, so beschleunigte dies nur das unvermeidliche Geschehen.
Fr eine Weltgefahr, einen Herd ewiger Unruhe, unfhig zu staatlicher
Selbstbestimmung, wurde solch Land erklrt, dessen Unglck es war, begehrt zu
werden. Und Protektorat durch Einen oder allmhliche Zerbrckelung an Viele
stand ihm zur Losung.
    Ja, wie Tschun so auf der hohen, gewlbten Brcke stand und herabblickte auf
die Flaggen, die lauter einzelne Nationen reprsentierten, war ihm pltzlich,
als berschaue er die ganze Welt, diese Riesenkugel, die durch den Weltenraum
kreist. Und er glaubte zu sehen, wie, von allen Seiten, die verschiedenartigsten
Menschen an der Kugel emporkrochen, alle nach einem bestimmten Punkte hin.
Dieser Punkt aber war sein Land, sein China. Eines der letzten Gebiete der Welt,
die noch nicht zerstckelt und aufgeteilt sind. Doch das war es ja gerade, was
jetzt geschehen sollte! Die verschiedenartigen, winzigen Wesen, die auf der
Kugel so eilig herankrochen, die fhrten ja alle groe Messer bei sich, und
damit wollte jeder ein Stck des chinesischen Leibes fr sich abtrennen - die
Gier zu stillen, die in ihren Eingeweiden brannte, und die doch unstillbar war,
die von der Erde in die Luft, von der Welt schlielich zu fernen Sternen greifen
wrde. Weiter, immer weiter!
    Doch da, und whrend Tschun noch also sinnend auf der Brcke stand, kam von
jenseits der hohen Mauer, aus der Chinesenstadt her, ein Schwarm grauer Tauben
gezogen. Mit weit ausgestreckten Flgeln glitten sie dahin durch das khle Licht
des herbstlichen Morgens. Und aus den Bambuspfeifchen, die sie unter den
Schwungfedern trugen, tnten seltsam wehmtige, langgezogene Klnge zur Erde
herab. Wie ein gespenstischer Trauerchor wirkte es. Als klagten dort oben die
Geister eines einstmaligen, stolz in sich abgeschlossenen Chinas um alles, was
seil ihren Tagen ihrem Lande geschehen. - Und heute achtete Tschun auf diese
Tne, heute verstand er ihre Sprache. Ein groes Heimweh erfate ihn nach jenem
China, dem er einst selbst den Rcken gekehrt hatte, und zu dem er in dieser
Stunde so gern zurckgekehrt wre. - Aber das war unmglich, denn jenes China
war ja inzwischen gestorben. Seine Palste standen zwar noch, und in den Lften
zogen noch seine grauen Tauben, aber trotzdem war es fr immer tot. Und so wenig
Tschun je wieder der kleine Junge sein konnte, der hier vor Jahren gestanden, so
wenig konnte die Stadt da vor ihm je wieder zum frheren alten Peking werden. -
- Das alles war unwiederbringlich dahin.
    Und Tschun begriff, da, wenn sein China berhaupt weiter leben und bestehen
sollte, es jetzt erst recht heien mute, weiterzustreben zu jenen Zielen, fr
die es alte Abgeschlossenheit einst aufgegeben. Aber zu diesen Zielen, so wollte
ihm scheinen, muten sich andere Wege finden lassen als die verdchtigen, von
den stets eigenschtigen Fremden gewiesenen. Fortschreiten galt es. Aber
Fortschritt war doch nicht blo ein Importgut, das ausschlielich bei den
Fremden ellenweise gekauft werden konnte? Fortschritt - der mute sich doch
entwickeln lassen - aus eigener Kraft.
    Aber blieb noch Zeit dazu? Hatten in den vielen Regierungs-Yamen des ganzen
Landes, vor allem aber dort drben unter den goldenen Dchern der Kaiserlichen
Palste, weltfremde Machthaber nicht gar zu lange geschlummert? Lag, unter den
Trmmern des alten Chinas, die Mglichkeit eines neuen nicht vielleicht auch
schon begraben? - Wer vermochte es heute schon zu sagen?
    Ein Frsteln, wie kalter Zweifel, berkam Tschun in dem khlen Morgen. Doch
unwillig schttelte er es ab und straffte die Glieder. Seine Krfte wenigstens
sollten jener Mglichkeit gehren. Und wie er, dachten sicherlich viele Junge. -
Die muten sich sammeln zum Werke. -
    Und Tschun nahm seinen Lauf wieder auf. Hin zum kommenden China.
